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        <title>Merck's Warenlexikon für Handel, Industrie und Gewerbe</title>
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            <forname>Klemens</forname>
            <surname>Merck</surname>
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        </author>
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            <idno>895603128</idno>
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        EIGENTUM
•ES
INSTITUTS
FÜR
WELTWIRTSCHAFT
KIEL

BIBLIOTHEK

H&amp;amp;f  sfr
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        MERCK’S
WARENLEXIKON
für  Handel,  Industrie  und  Gewerbe
Beschreibung  der  im  Handel  vorkommenden  Natur-  und  Kunsterzeugnisse ­
  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  chemischtechnischen ­
  und  anderer  Fabrikate,  der  Drogen-  und  Farbwaren,  der
Kolonialwaren,  der  Landesprodukte,  der  Material-  und  Mineralwaren
herausgegeben  von
Prof.  Dr.  A.  Beythien,  und  Ernst  Dreßler,
DirektordeschemischenUntersuchungsamtes  Drogist  und  gerichtlicher  Sachverständiger
der  Stadt  Dresden  für  das  Landgericht  u.  Amtsgericht  Dresden

unter  Mitwirkung  von
Max  Arnold,  Verbandstoff-Fabrik-Chemnitz,  Privatdozent  Dr.  Paul  Bohrisch-Dresden,
Heinrich  Ernemann  A.-G.-Dresden,  Dr.  Hans  Hempel,  Stellvertreter  des  Direktors  am
Städtischen  Untersuchungsamt-Dresden,  Photochemiker  und  Fabrikbesitzer  Richard  Jahr-Dresden,
  Schimmel  &amp;amp;  Co.,  Fabrik  ätherischer  Öle  und  Essenzen-Miltitz  b.Leipzig,  Vereinigte
Fabriken  photographischer  Papiere-Dresden

Sechste,  völlig  neu  bearbeitete  Auflage

1919
G.  A.  GLOECKNER,  Verlag  für  Handelswissenschaft,  LEIPZIG
        <pb n="3" />
        Aus  dem  Vorwort  zur  fünften  Auflage.
*
D er  ungeheure  Aufschwung,  den  die  Naturwissenschaften,  vor  allem  Physik
und  Chemie,  in  unserem  Zeitalter  genommen  haben,  ist  für  alle  Gebiete
menschlicher  Tätigkeit  von  einschneidender  Bedeutung  geworden.  Tagtäglich
werden  neue  wertvolle  Stoffe  aufgefunden,  neue  verwertbare  Bestandteile  in
längst  bekannten  Naturprodukten  entdeckt,  aber  auch  in  wachsendem  Maße
Nachahmungen  und  Verfälschungen  ausgeübt.  Dem  Handwerker  wie  dem
Industriellen,  welcher  Rohstoffe  und  Fabrikate  verarbeitet,  dem  Drogisten  wie
dem  Kaufmann,  welcher  sie  dem  Publikum  zuführt,  ist  daher  die  genaue  Kenntnis ­
  des  Ursprungs  und  der  Eigenschaften  dieser  Produkte  unentbehrlich.  Nicht
nur  geschäftliches  Interesse  und  Konkurrenzfähigkeit,  sondern  zahlreiche  gesetzliche ­
  Vorschriften  über  den  Verkehr  mit  Nahrungs-  und  Genußmitteln,
Farben,  Giften  und  Gebrauchsgegenständen  zwingen  den  Gewerbetreibenden,
sich  über  die  Beschaffenheit  seiner  Waren  zu  unterrichten.  Das  Bedürfnis  nach
einem  Buche,  welches  diese  Kenntnisse  in  gemeinverständlicher  Weise  vermittelt, ­
  ist  daher  fraglos  vorhanden,  und  der  Umstand,  daß  Klemens  Mercks
Warenlexikon  bereits  in  vier  Auflagen  erscheinen  konnte,  beweist,  daß  gerade
dieses  den  Anforderungen  eines  zahlreichen  Leserkreises  gerecht  wurde.  Die
Unterzeichneten  Herausgeber,  welche  beide  seit  Jahren  für  eine  Vermittelung
zwischen  Wissenschaft  und  Praxis  tätig  sind,  haben  gern  der  ehrenvollen  Aufforderung ­
  zur  Neubearbeitung  des  beliebten  Werkes  Folge  geleistet,  obgleich
sie  sich  von  vornherein  der  Schwierigkeit  der  gestellten  Aufgabe  bewußt  waren.
Bedeutet  doch  ein  Zeitraum  von  16  Jahren,  wie  er  seit  dem  Erscheinen  der
letzten  Auflage  verstrichen  ist,  für  ein  auf  naturwissenschaftlich  -  technischer
Grundlage  beruhendes  Buch  eine  nahezu  völlige  Umwälzung  des  Tatsachenmaterials! ­
  Zahlreiche  neue  Erscheinungen  mußten  aufgenommen,  viele  der
älteren  Artikel  von  Grund  aus  neu  bearbeitet  werden.  Trotzdem  haben  die
Herausgeber  im  Hinblick  auf  die  berechtigten  Wünsche  der  alten  Freunde  und
Besitzer  des  Buches  versucht,  den  Charakter  des  Werkes  zu  erhalten,  und
hoffen,  daß  ihnen  dies  im  großen  und  ganzen  gelungen  ist.  Bei  der  Besprechung ­
  zahlreicher  Warengattungen,  besonders  der  Metalle,  Mineralien
und  Edelsteine,  der  Dünge-  und  Futtermittel,  der  Chemikalien,  Farben,
Gifte,  Spinn-  und  Faserstoffe,  Pelz-  und  Textilwaren,  Drogen  und
Nutzhölzer  erschien  es  ausreichend,  die  vorhandenen  Artikel  dem  neueren
Stande  der  Wissenschaft  anzupassen.  Hingegen  waren  die  Abschnitte  über
Nahrungs-  und  Genußmittel  sowie  Gebrauchsgegenstände  gänzlich  neu
zu  verfassen,  da  die  Nahrungsmittelchemie  sich  eigentlich  erst  seit  den  letzten
Jahrzehnten  zu  einer  selbständigen  Wissenschaft  entwickelt  hat,  und  besonders
die  neuere  Gesetzgebung  berücksichtigt  werden  mußte.  Das  gleiche  gilt  von
den  Heil-  und  Geheimmitteln,  wenngleich  hier  bei  der  Fülle  alljährlich  auftauchender ­
  Präparate  eine  gewisse  Zurückhaltung  geboten  erschien.  Bei  allen

■ü

m
        <pb n="4" />
        Vorwort.

III

Waren,  vor  allem  aber  den  Drogen  und  Chemikalien,  berücksichtigten  wir  neben
der  medizinischen  namentlich  auch  die  technische  Verwendung,  da  diese  für
den  Praktiker  naturgemäß  das  größte  Interesse  darbietet.  Neu  aufgenommen
wurden  ferner  einige  von  fachmännischer  Seite  verfaßte  Aufsätze  über  photographische ­
  Bedarfsartikel,  und  schließlich  ist  auch  auf  die  Bearbeitung  der
Zollverhältnisse  nach  den  Bestimmungen  des  neuen  Tarifs  ganz  besondere
Sorgfalt  verwandt  worden.
Im  Hinblick  auf  die  Bestimmung  des  Buches,  einem  größeren  Leserkreise  von
Praktikern  die  schnelle  Auffindung  der  gesuchten  Artikel  zu  ermöglichen,  war
natürlich  die  alphabetische  Anordnung  beizubehalten.  Bezüglich  des  Registers
haben  die  Herausgeber  geglaubt,  die  sehr  zweckmäßige  Einrichtung  des  früheren
beibehalten  und  insbesondere  Verweisungen  in  den  Text  nicht  aufnehmen  zu
sollen.  Die  in  letzterem  nicht  vorhandenen  Bezeichnungen  sind  daher  im  Register
aufzufinden,  vorausgesetzt,  daß  nicht  ihre  Ableitung  ohne  weiteres  auf  einen
Hauptartikel  hinweist.  Selbstredend  ist  Münchner  Bier  unter  Bier,  Phosphorbronze
unter  Bronze  usw.  nachzuschlagen.  In  stilistischer  Hinsicht  erschien  es  zweckmäßig,
bei  der  Besprechung  der  einzelnen  Gegenstände  ein  gewisses  System  innezuhalten.
Es  finden  sich  daher  in  allen  Artikeln  zuerst  Angaben  über  die  Abstammung
und  das  natürliche  Vorkommen,  darauf  über  die  Herstellung,  Eigenschaften  und
Verwendung  der  Waren,  bisweilen  auch  über  etwaige  Verfälschungen  und  deren
Erkennung,  zum  Schluß  folgt  die  Besprechung  der  rechtlichen,  der  Handelsund
  der  Zollverhältnisse.  Chemische  Formeln  sind  grundsätzlich  vermieden,
Temperaturangaben  in  Graden  Celsius  angeführt  worden.
Dresden,  im  September  1908.

Dr.  A.  Beythien.

Ernst  Dreßler.

Vorwort  zur  sechsten  Auflage.
D ie  Neuherausgabe  des  seit  längerer  Zeit  vergriffenen  Warenlexikons  ist  zunächst ­
  durch  die  kriegerischen  Ereignisse  erschwert  und  später  absichtlich
hinausgeschoben  worden,  um  den  Wiedereintritt  geordneter  wirtschaftlicher
Verhältnisse  abzuwarten.  Da  die  in  dieser  Hinsicht  gehegten  Hoffnungen  aber
anscheinend  so  bald  noch  keine  Erfüllung  finden  werden,  andererseits  die
dringenden  Nachfragen  das  Bedürfnis  nach  dem  Wiedererscheinen  des  beliebten
Werkes  beweisen,  haben  die  Verfasser  sich  doch  entschlossen,  den  geäußerten
Wünschen  zu  entsprechen  und  ihre  jahrelangen  Vorarbeiten  zum  Abschluß  zu
bringen.
Ihre  Richtschnur  waren  die  in  dem  Vorwort  zur  5.  Auflage  des  näheren
dargelegten  Grundsätze,  doch  machten  die  Umwälzungen  in  der  Versorgung
Deutschlands  mit  Rohstoffen  und  Nahrungsmitteln  sowie  die  dadurch  bedingte
Veränderung  der  gesetzlichen  Vorschriften  manche  Abweichungen  und  Ergänzungen ­
  erforderlich.  Wehn  hierbei  eine  gewisse  Zurückhaltung  geübt  und
insbesondere  von  der  Aufnahme  zahlreicher  neuer  Erscheinungen  abgesehen
        <pb n="5" />
        Vorwort.

IV
wurde,  so  erklärt  sich  das  einerseits  aus  der  schier  unübersehbaren  Fülle  der
Kriegserfindungen,  vor  allem  aber  aus  der  Überzeugung,  daß  die  übergroße ­
  Mehrzahl  derselben  sehr  bald  der  verdienten  Vergessenheit  anheimfallen
und  den  altbewährten  Waren  wieder  Platz  machen  werden.  Alle  wichtigen
Neuerungen  von  voraussichtlich  bleibendem  Werte,  in  erster  Linie,  um  nur
einige  herauszugreifen,  die  künstliche  Darstellung  von  Stickstoffverbindungen
aus  der  Luft,  von  Schwefelsäure  aus  Gips,  von  Gespinsten,  Geweben  und
Sprengstoffen  aus  Holzzellulose,  die  inländische  Gewinnung  von  Harzen  usw
haben  aber  ebenso  wie  die  brauchbaren  Ersatznahrungsmittel  gebührende  Berücksichtigung ­
  gefunden.
Mit,  Unterstützung  des  alten  Stammes  unserer  in  Wissenschaft  und  Praxis
bewährten  Mitarbeiter,  denen  sich  zu  unserer  großen  Freude  die  Firma
Schimmel  &amp;amp;  Co.  in  Miltitz  bei  Leipzig  anschloß,  sind  nicht  nur  alle  Aufsätze
dem  derzeitigen  Stande  der  Wissenschaft  und  Technik  entsprechend  ergänzt,
sondern  zum  Teil,  wie  besonders  die  Teerfarben  und  einige  Riechstoffe,  völlig
neu  bearbeitet  worden.
Eine  grundsätzliche  Änderung  könnte  darin  erblickt  werden,  daß  bei  den
meisten  chemischen  Verbindungen  die  chemische  Formel,  in  der  Regel  die
Strukturformel,  angeführt  worden  ist.  Wir  haben  damit  aber  nur  einem  von
zahlreichen  Lesern  aus  Chemikerkreisen  geäußerten  Wunsche  entsprochen  und
hoffen,  daß  die  übrigen  Besitzer  des  Buches  an  dieser  Bereicherung  keinen
Anstoß  nehmen  werden.  Abgesehen  hiervon  sind  noch  manche  Vorschläge  zur
Aufnahme  weiterer  Warengattungen  berücksichtigt  worden,  ohne  daß  dadurch
eine  übermäßige  Ausdehnung  des  Umfanges  herbeigeführt  worden  wäre.
Die  sehr  geschätzten  und  wertvollen  Angaben  über  die  Zollverhältnisse
konnten  leider  wegen  der  Unsicherheit  unserer  wirtschaftlichen  Zukunft  in  den
Text  nicht  mit  aufgenommen  werden;  sie  sollen  aber  sobald  als  tunlich  als
besonderer  Anhang  erscheinen.
Alles  in  allem  hoffen  die  Verfasser,  den  Wünschen  ihrer  seitherigen  Leser
aus  den  Kreisen  der  Apotheker,  Chemiker,  Drogisten  und  derjenigen
Gewerbetreibenden,  die  sich  mit  der  Verarbeitung  und  dem  Vertrieb  von
Waren  beruflich  beschäftigen,  nach  Möglichkeit  entsprochen  zu  haben.  Sie
hegen  aber  den  weiteren  Wunsch,  zu  den  alten  Freunden  neue  hinzuzuwerben!
Vor  allem  würden  sie  sich  herzlich  freuen,  wenn  das  Buch  noch  mehr  als  bisher ­
  bei  Richtern,  Rechtsanwälten  und  Verwaltungsbeamten,  die  für
ihre  Entscheidungen  sehr  oft  warenkundlicher  Kenntnisse  bedürfen  sowie  in
die  Haushaltungen  Eingang  fände.  Wohl  keine  Wissenschaft  dürfte  während
des  Krieges  so  sehr  die  Aufmerksamkeit  der  gesamten  Bevölkerung,  in  erster
Linie  der  Hausfrauen,  erregt  haben,  wie  die  Warenkunde;  und  sicher  wird  jeder
einzelne  Deutsche,  ob  Verarbeiter,  Verkäufer  oder  Verbraucher  gut  tun,  bei
den  bevorstehenden  schweren  Zeiten  den  Fragen  der  Rohstoff-  und  Nahrungsmittelbeschaffung ­
  die  sorgsamste  Beachtung  zu  schenken.
Dresden,  im  März  1919.

Prof.  Dr.  A.  Beythien.

Ernst  Dreßler.
        <pb n="6" />
        A.

Abelmoschus  (Moseh.uskörner,  Bisamkörner, ­
  lat.  Semen  abelmoschi,  Grana  moschata,.
frz.  Ambrette,  Graines  de  mrrsc,  engl.  Abelmusk)
heißen  die  Samen  einer  kleinen  krautartigen
Pflanze  aus  der  Familie  der  Malvazeen,  Hibiscusabelmoschus,
  die,  ursprünglich  in  Ostindien
heimisch,  sich  z.  T.  durch  Kultur  in  alle  Tropengegenden ­
  verbreitet  hat.  Die  nierenförmigen
Samen  haben  die  Größe  einer  kleinen  Linse,
sind  außen  braungrau  gestreift,  innen  weiß,  und
besitzen  einen  starken  moschusartigen  Geruch.
Sie  wurden  früher  medizinisch  verwertet,  dienen
aber  jetzt  nur  zur  Herstellung  des  zu  0,20—0,60  0/0
in  ihnen  enthaltenen  ätherischen  Öls,  das  zur
Fabrikation  von  Parfüms  und  zum  Aromatisieren
von  Likören  benutzt  wird.  Das  Öl  besitzt  einen
intensiven  und  anhaltenden  Moschusgeruch,  hat
ein  spez.  Gew.  von  etwa;  0,891  bei  40 0  und  ist
bei  gewöhnlicher  Temperatur  fest.
Abraumsalze  werden  die  über  dem  eigentlichen
Steinsalz  liegenden  fremden  Salze  genannt,  weil
sie  früher  für  wertlos  gehalten  und  abgeräumt
wurden.  Erst  seit  den  sechziger  Jahren  ist  man
der  technischen  Verwertung  dieser  durch  ihren
Kaligehalt  für  Industrie  und  Landwirtschaft
gleich  unentbehrlichen  Salze  näher  getreten.  Die
deutsche  Produktion,  welche  im  Jahre  1861  mit
einer  Förderung  von  2300  Tonnen  begann  und
im  Jahre  1900  rund  3  Millionen  Tonnen  betrug,
stieg  bis  1905  auf  4,88  Millionen,  1910  auf  8,16
Millionen  und  1913  auf  11,6  Millionen  Tonnen.
Von  der  letzten  Zahl  entfielen  3,01  Millionen
Tonnen  auf  die  deutsche  Landwirtschaft  und
1,95  Millionen  auf  das  Ausland.  Da  nur  Deutschland, ­
  das  neben  den  gewaltigen  Vorkommen
in  Staßfurt,  Sondershausen  und  Hannover  noch
die  auf  300  Millionen  Tonnen  reines  Kali  geschätzten ­
  Lager  bei  Mülhausen  im  Elsaß  besitzt
(daher  die  französische  Sehnsucht!),  für  die
Versorgung  der  Welt  in  Betracht  kommt,  denn
alle  fieberhaften  Versuche  der  Amerikaner,  aus
Feldspat,  Pflanzen  usw.  neue  Quellen  zu  erschließen, ­
  sind  ergebnislos  geblieben,  so  steigt
die  Nachfrage  beständig  an,  und  die  inländischen
Verbraucher  haben  daher,  um  einer  vorzeitigen
Erschöpfung  der  deutschen  Lager  vorzubeugen,
ein  Ausfuhrverbot  angeregt.  Im  Hinblick  auf
den  großen  Reichtum  der  vorhandenen  Vorräte
hat  man  jedoch  von  einer  derartigen  Maßnahme
abgesehen.  Zur  Vermeidung  einer  Verschleuderung ­
  dieses  wichtigen  Nationalschatzes  ist  aber
das  „Kalisyndikat“  gegründet  worden,  welches
die  Förderung  und  den  Verkauf  regelt  und
durch  eine  umfassende  Propaganda  die  Vergrößerung ­
  des  Konsums  für  landwirtschaftliche
Zwecke  anstrebt.  Von  ausländischen  Käufern
Mercks  Warenlexikon.

werden  höhere  Preise  gefordert.  Durch  das
Reichskaligesetz  vom  28.  Mai  1910  (gültig  bis
zum  31.  Dezember  1925),  welches  im  wesentlichen ­
  auf  eine  Zwangskartellierung  und  -kontingentierung
  hinausläuft,  hat  das  Syndikat  eine
festere  Form  erhalten.  —  Die  Entstehung  der
A.  erklärt  van’t  Hoff  dadurch,  daß  aus  eintrocknendem
  Meerwasser  zuerst  das  Steinsalz
und  später  mit  zunehmender  Konzentration  die
leichter  löslichen  Verbindungen  des  Kaliums  und
Magnesiums  auskristallisierten.  Zunächst  auf
dem  Steinsalz  liegt  der  Kieserit  (Magnesiumsulfat), ­
  darauf  folgt  die  Region  des  Karnalhts
  (Kalium-Magnesium-Chlorid),  in  welcher
sich  ferner  Kainit  (Kaliumchlorid-Magnesiumsulfat), ­
  Sylvin  ,  (Chlorkalium),  Boräzit  u.  a.
vorfinden.  Die  größte  Bedeutung  hat  der  Karnallit,
  das  sog.  Chlorkalium-Rohsalz  mit
16—17  °/o  Chlorkalium,  als  Ausgangsmaterial  für
die  Herstellung  von  Kalidünger,,  Salpeter,  Pottasche, ­
  Alaun  usw.  Der  Kieserit  dient  zur  Gewinnung ­
  von  Magnesiumsalzen  (Glaubersalz),
der  Borazit  von  Borsäure.  Der  Versand  der  A.
erfolgt  entweder  unverpackt  in  Wagenladungen
oder  in,  Säcken  von  ioo  kg.  Preis  des  Sackes
40  Pf.  Preis  des  Karnallits,  unverpackt  100  kg
i,2oM,;  für  landwirtschaftliche  Zwecke  innerhalb ­
  Deutschland  0,90  M.
Absinth  (Absynth,  Wermutlikör,  frz.  Extrait
  d’absinth,  engl.  Absinthium),  ein  französischer ­
  und  schweizerischer  alkoholreicher  Bitterlikör, ­
  der  aus  Wermutkraut  und  Spiritus,  zuweilen ­
  unter  Zusatz  von  Anis,  Fenchel  und  Koriander, ­
  mit  oder  ohne  Zucker,  hergestellt  wird.
Abziehbilder  (frz.M&amp;lt;itachromotypies,  engl.Pictures
  for  decalcomanie,  Transfer  pictures)  nennt
man  lithographische  Buntdrucke,  welche,  auf
besonders  zubereitetes  Papier  gedruckt,  die
Fähigkeit  besitzen,  bei  vorheriger  Anfeuchtung
vom  Papier  sich  abzulösen,  und  ohne  weiteres
Bindemittel  auf  anderes  Papier  sowie  auf  Holz,
Glas,  Porzellan,  Blechwaren  und  Gewebe  übertragen ­
  werden  können.  A.  sind  in  großer  Mannigfaltigkeit ­
  im  Handel  und  werden  hauptsächlich
in  Leipzig  und  Nürnberg  hergestellt.  Es  ist  darauf ­
  zu  achten,  daß  sie  mit  giftfreien  Farben,
it.  Reichsgesetz,  hergestellt  und  besonders  nicht
mit  Bleiweiß  bestäubt  werden.
Acajougummi  (Anakardiengummi,  Kajugummi,
  frz.  Gomme  d’acajou,  engl.  Acajou
gum),  eine  ihren  Eigenschaften  nach  dem  Gummiarabikum ­
  sehr  nahe  stehende  Gummiart,  wird
auf  Martinique,  Guadeloupe  und  in  Brasilien  von
demselben  Baume  gesammelt,  der  die  okzidentalischen
  Elefantenläuse  (s.  Anakardien),  auch
Acajounüsse  genannt,,  liefert.  Die  tropfenartig
        <pb n="7" />
        Achat

2

Äpfel

ausgezogenen,  gelben  bis  braunrötlichen  Stücke
von  glasigem  Bruche  sind  durchscheinend  und
weicher  als  arabisches  Gummi  und  werden  dem
Senegalgummi  ähnlich  benutzt.
Achat  (frz.  Agate,  engl.  Ajat,  Agate)  ist  ein
aus  verschiedenfarbigen  Varietäten  des  Quarzes
(Chalzedon,  Jaspis,  Amethyst)  schichten-  oder
Streifenförmig  zusammengesetztes  Mineral,  das
nach  der  Form  der  auf  Schliffen  zutage  tretenden ­
  Zeichnungen  als  Wolkenachat,  Bandachat, ­
  Festungsachat  usw.  bezeichnet  wird.
In  der  Nähe  der  wichtigsten  deutschen  Fundorte ­
  Idar  und  Oberstem  hat  sich  eine  blühende
Industrie  entwickelt,  welche  den  A.  zu  Schmucksachen, ­
  .Reibschalen  u.  dgl,  verarbeitet,  neuerdings ­
  aber  wegen  Erschöpfung  der  dortigen
Gruben  auf  die  Einfuhr  von  Rohmaterial  aus
Südamerika  und  Australien  angewiesen  ist.  Die
A.  werden  geschliffen  und  poliert,  bisweilen  auch
gefärbt  und  mit  anderen  Steinen,  besonders
Chalzedon,  Onyx,  Karneol,  Krökydolith  zusammen ­
  verarbeitet.  Gefärbte  A.  werden  besonders
im  Orient  als  Mekkasteine  verkauft.
Äctol  (Milchsaures  Silber,  C 3 H 5 0 8 Ag),  ein
lichtempfindliches  weißes  Kristallpulver,  wird
zur  Desinfektion  von  Wunden  und  Verbandstoffen ­
  (Katgut,  Seide)  benutzt.
Adalin,  Bromdiäthylazethylharnstoff,  C 2 H 3 .
N 2 0 2 .C.ßr(C 2 H ri ) 2 ,  wird  neuerdings  als  Schlafmittel ­
  angewandt.
Adamsäpfel  (Paradiesäpfel,  frz.  Pomme
d’Adam,  engl.  Adams  apple)  nennt  man  eine
besondere  Art  der  Zitronen  von  gelber  bis
grüner  Farbe,  dicker  Schale  und  mehreren  Eindrücken ­
  am  oberen  Ende.  Die  Früchte  werden
von  Italien  aus  in  Kisten  von  190  bis  200  Stück
versandt,  wobei  jede  einzelne  mit  Papier  und
Werg  umwickelt  ist.  Außerdem  liegen  in  gleicher ­
  Zahl  kleine  grüne,  mit  Fäden  umwundene
Zweige  (Chodes)  und  2,5—3  m  lange  Palmenzweige ­
  dabei,  welche  von  den  Juden  zur  Ausschmückung ­
  ihrer  Laubhütten  benutzt  werden.
—  Bisweilen  werden  auch  die  Tomaten  ünd  die
Bananen  (s.  d.)  als  A.  bezeichnet.
Adiowänsamen  (Ajowansamen),  die  graubraunen, ­
  eiförmigen,  fünfriefigen,  behaarten  und
aromatisch  riechenden  Früchte  einer  in  Ostindien
heimischen  Umbellifere,  Ptychotis  Ajowan,
wurden  früher  als  Arzneimittel  verwendet.  Jetzt
destilliert  man  daraus  ein  ätherisches  Öl,  das
Adiowänöl,  welches  zur  Bereitung  von  Thymol ­
  benutzt  wird.
Adhrvitriol  (Salzburger  Vitriol,  Doppelvitriol, ­
  Admonter  Vitriol,  lat.  Cuprum  sulfuricum
  medium,  frz.  Vitriol  double,  engl.  Eaglevitriol), ­
  eine  aus  Eisenvitriol  und  Kupfervitriol ­
  in  verschiedenen  Verhältnissen  zusammenkristallisierte ­
  Mischung,  wird  in  der  Färberei
angewandt.  Je  nach  dem  Kupfergehalte  sind
entweder  1,  2,  3  oder  4  Adlerzeichen  auf  dem
Faßdeckel  eingebrannt.  Den  geringsten  Kupfergehalt ­
  besitzt  die  Marke  i  Adler.  Man  unterscheidet: ­
  Salzburger  A.,  Zweiadler  mit  24D/0
Kupfervitriol,  Admonter  A.  mit'iyo/o,  Admonter ­
  Zweiadler  mit  20  0/0,  Goslar  er  A.  mit  90/0,
Gräfenthaler  A.  mit  29°/o-  Der  A.  wird  gewöhnlich ­
  durch  Oxydation  von  kupferkieshaltigen ­
  Eisenkiesen  dargestellt.

Adonidin  (lat.  Adonidinum,  frz.  Adonidine),
das  wirksame  giftige  Prinzip  von  Adonis  vernalis,
  wird  seit  einigen  Jahren  medizinisch  verwendet. ­
  Es  gehört  zu  den  Glykosiden  und  bildet
färb-  und  geruchlose,  äußerst  bitter  schmeckende
Kriställchen,  die  in  Alkohol  leicht,  in-Äther  und
Wasser  wenig  löslich  sind.  Die  Wirkung  ist  der
Digitalis  ähnlich,  aber  nicht  kumulativ.
Adrenalin,  Suprarenin,  ein  aus  Rinderniere
gewonnenes  Heilmittel,  das  gegen  Blutungen,
Herzstockung  (Kollaps),  bei  Narkosen,  Katarrhen ­
  usw.  verordnet  wird.  Neuerdings  wird
es  als  ein  Derivat  des  Brenzkatechins  (o-Dioxyphenyläthanolmethylamin,
  C 9 H 13 N0 3 )  von  den
Plöchster  Farbwerken  aus  Chlorazetobrenzkatechin
  synthetisch  dargestellt.  Das  grauweiße,  in
Wasser  unlösliche  Pulver  schmilzt  bei  212 0 .  Von
seinen  Verbindungen  finden  das  leicht  lösliche
salzsaure  und  borsaure  Salz  Anwendung.
Adsella,  ein  alkoholfreies,  aus  abgerahmter
Milch  gewonnenes  kohlensäurehaltiges  Getränk.
(Champagner-Milch.)
Adular  (frz.  Opaline,  engl.  Pearl-stone),  eine
besondere  Varietät  des  monoklinen  Feldspates
vom  Härtegrade  6,  wird  als  Halbedelstein  zu
Schmuckgegenständen  verarbeitet  und  führt  im
Handel  je  nach  Färbung  und  größerer  öder  geringerer ­
  Durchsichtigkeit  verschiedene  Namen,
z.  B.  Mondstein,  Sonnenstein,  Fischauge,
Wolfsauge,  Wasseropal.  Der  Sonnenstein
zeigt  einen  rötlichgelben  Schein,  der  schweizerische ­
  Mondstein  einen  bläulichen,  der  zeylonische
  einen  silbernen  Schimmer.  Gute  Exemplare
werden  ziemlich  hoch  bezahlt.
Adurol,  ein  photochemischer  Entwickler,  wird
aus  Hydrochinon  durch  Einführung  von  Brom
gewonnen.  Man  stellt  zweckmäßig  eine  Lösung
A  aus  10  g  Adurol,  Sog  krist.  Natriumsulfit  und
500  g  Wasser  und  eine  Lösung  B  aus  60  g  Pottasche ­
  und  joo  g  Wasser  her,  die'  große  Haltbarkeit ­
  besitzen  und  im  Verhältnis  von  iTeilA
mit  1  Teil  B  und  1  Teil  Wasser  gemischt,  mehrmals ­
  benutzt  werden  können.
Apfel  (frz.  Pommes,  engl.  Apples),  die  Früchte
des  Apfelbaums,  Pirus  malus,  der  in
den  Ländern  der  gemäßigten  Zone,  hauptsächlich ­
  aber  in  Deutschland,  Böhmen,  Mähren,  Ungarn, ­
  Tirol,  Frankreich,  Schweden,  Rußland  und
den  Vereinigten  Staaten  angebaut  wird.  Von  den
mehr  als  1400  Sorten  sind:  Reinetten,  Kalvillen, ­
  Borsdorfer,  Rosmarinäpfel,  Raiiibour-Ä.,
  Stern-Ä.  als  die  wichtigsten  namhaft
zu  machen.  Die  Äpfel  bilden  einen  bedeutenden
Handelsartikel  und  werden  oft  weithin  versandt.
So  gehen  z.  B.  große  Schiffsladungen  von  Ä.
aus  Böhmen  auf  der  Elbe  nach  Norddeutschland ­
  und  weiter.  In  Frankreich  besitzt  Havre
einen  großen  Ausfuhrhandel.  —  Die  feinsten
Sorten  werden  beim  Versand  einzeln  in  Papier
gewickelt  und  in  Kisten  oder  Körbe  gepackt.  In
neuerer  Zeit  gelangen  ungeheure  Mengen  amerikanischerÄ.
  zur  Einfuhr,  mit  denen  unsere  deutschen ­
  Erzeugnisse  hinsichtlich  des  Aussehens
und  Preises  in  keiner  Weise  konkurrieren  können.
Da  die  letzteren  aber  an  Geschmack  und  Aroma
weit  überlegen  sind,  würde  sich  in  der  Züchtung
feiner  Tafeläpfel  für  unseren  heimischen  Obstbau ­
  ein  aussichtsvolles  Feld  darbieten.  Von  den
zahlreichen  aus  Ä.  hergestellten  Erzeugnissen
        <pb n="8" />
        3

Äpfeläther

Ätherische  Öle

sind  Getrocknete  A.  (Ringäpfel),  Apfelkraut
Apfelwein  in  besonderen  Artikeln  behandelt.
Außerdem  wird  auch  mit  oder  ohne  Zucker
eingekochtes  Apfelmus  in  hermetisch  verschlossenen ­
  Büchsen  in  den  Handel  gebracht
das  bisweilen  allerdings  durch  schweflige  Säure
künstlich  gebleicht  ist.  Die  aus  Frankreich  eingeführten ­
  sog.  gedrückten  Ä.  werden  durch
Schälen,  Dünsten  mit  wenig  Wasser,  Zerdrücken
und  Trocknen  oder  Darren  dargestellt.
Apfeläther,  ein  chemisches  Präparat,  das
zu  den  sogenannten  Fruchtäthern  gehört,  besteht ­
  aus  einer  alkoholischen  Lösung  von  Baldrianarayläther
  (Äpfelöl,  Appleoil).  Er  besitzt ­
  einen  angenehmen  Apfelgeruch  und  wird
zur  Bereitung  von  Fruchtbonbons  verwendet.
Apfelsäure  (lat.  Acidum  malicum,  frz.  Acide
malique;  engl.  Malic  acid),  eine  organische
Säure  (Oxybernsteinsäure,  C 4 H^0 5 ),  welche  sich
in  vielen  Pflanzen-  und  Fruchtsäften,  wde  Äpfeln, ­
  Trauben,  Vogelbeeren,  Berberitzen,  Kirschen, ­
  vorfindet  und  besonders  aus  Vogelbeeren
mit  Hilfe  des  Kalksalzes  im  großen  hergestellt
wird,  bildet  den  Hauptbestandteil  dos  Äpfeleisenextraktes ­
  (Extractum  ferri  pomatum),
w-elches  aus  dem  Safte  saurer  Äpfel  unter  Zusatz ­
  von  Eisenfeilspänen,  bereitet  wird  und  im
wesentlichen  aus  äpfelsaurem  Eisen  besteht.  Die
wäßrige  Lösung  des  Extraktes  wird  als  Tinctura
  ferri  pomata  bezeichnet.
Äpfelschnitte  (Äpfelspalten,  Ringäpfel)
sind  durch  Trocknen  haltbar  gemachte  Scheiben ­
  oder  Schnitte  geschälter  Äpfel,  die  in  großen
Mengen  von  Amerika  zu  uns  geschickt  werden.
Die  amerikanischen  Äpfel  verdanken  ihr  schönes
Aussehen  und  ihre  helle  Farbe  z.  T.  der  sorgfältigen ­
  Bearbeitung  mit  Hornmessern  und  der
Anwendung  niedriger  Trocknungstemperaturen,
z.T.  aber  auch  zweifelhaften  Kunstgriffen,  wie
früher  der  Behandlung  mit  Zinksalz'en,  neuerdings ­
  mit  schwefliger  Säure.  Die  Ä.  werden  als
Kompott  verwendet,  in  letzter  Zeit  auch  vielfach
zur  Herstellung  alkoholfreier  Getränke  (Pomril)
benutzt.  Auch  die  Abfälle  (Kerngehäuse,  Schalen) ­
  kommen  als  sog.  Peppings  zur  Einfuhr
und  bilden  ein  nicht  immer  einwandfreies  Ausgangsmaterial ­
  für  die  Fabrikation  von  Gelees,
alkoholfreien  Getränken  u.  dgl.
Asculin  (Polychrom,  Schillerstoff,  lat.
Aesculinum),  ein  zu  den  Glykosiden  gehöriger
Bestandteil  der  Roßkastanienrinde,  bildet  ein
zartes  weißes  Kristallpulver  von  stark  bitterem
Geschmack.  Seine  Lösungen  fluoreszieren  in
Gelb  ,  und  Blau.
Äther  (frz.  Ether,  engl.  Ether),  ein  Sammelname ­
  für  eine  Reihe  organischer  Verbindungen,
welche  aus  zwei  durch  ein  Sauerstoffatom  verbundenen ­
  Radikalen  bestehen.  Im  besonderen
^ersteht  man  hierunter  jedoch  meist  den  Äthyläther, ­
  iC a H 6 ) a O,  (Schwefeläther,  Vifriolna
 phtha,  lat.Aether  sulfuricus,  Naphtha  vitri-°
 ] i).  Zu  seiner  fabrikmäßigen  Darstellung  wer-!r
 en  5  Teile  Weingeist  und  9  Teile  konz.  Schwefelsäure ­
  in  großen  verbleiten  Destillationsblasen
bls  auf  135—.140°  erhitzt  und  darauf  nach  und
nach  weitere  Alkoholmengen  beständig  hinzu-S
 e geben.  Der  übergehende  Rohäther,  welcher
noch  Wasser,  Alkohol  und  Ätherschwefelsäure
enthält,  wird  mit  Kalkmilch  neutralisiert,  mit

Wasser  zur  Entfernung  des  Alkohols  geschüttelt ­
  und  schließlich  durch  Rektifikation  über
Chlorkalzium  rein  erhalten.  Neuerdings  stellt
man  Äther  auch  durch  Behandlung  von  Alkohol
mit  Benzolsulfosäure  oder  durch  Hydrierung  von
Azetylen  zu  Äthylen  und  Überführung  des  letzteren ­
  in  Äthylschwefelsäure  her.  —  Der  reine
Äther  ist  eine  wasserhelle,  leicht  bewegliche
Flüssigkeit  von  eigenartigem,  durchdringendem
Geruch  und  brennendem  Geschmack,  welche
unter  starker  Wärmeentziehung  verdampft  und
bei  34,9°  siedet.  Er  ist  sehr  leicht  entzündlich
und  brennt  mit  leuchtender  Flamme,  seine  Dämpfe
bilden  mit  Luft  explosive  Gemenge.  Mit  Alkohol, ­
  Chloroform,  Schwefelkohlenstoff  sowie
fetten  und  ätherischen  Ölen  ist  Äther  in  jedem
Verhältnis  mischbar,  hingegen  löst  er  sich  nur
in  der  13  fachen  Menge  Wasser,  von  welchem
wiederum  nur  1  Teil  in  35  Teile  Äther  übergeht.
Ä.  ist  ein  vortreffliches  Lösungsmittel  für  zahlreiche ­
  organische  Stoffe,  wie  Fette,  Harze,  Alkaloide, ­
  Paraffin  usw.  Von  anorganischen  Substanzen ­
  löst  er  Brom,  Jod,  Gold-  und  Platinchlorid. ­
  Man  unterscheidet  im  Handel  vier  Sorten. ­
  Am  reinsten  ist  der  Ä.  desD.A.B.  und
der  ebenfalls  medizinisch  angewandte  Ä.  pro
narcosi,  welche  beide  das  spez.  Gew.  0,7.20
haben.  Letzterer  kommt  in  braunen,  vollständig
gefüllten  Glasstöpselflaschen  von  50—250  g  Inhalt ­
  in  den  Handel.  Geringere  Sorten  sind  Ä.
bisrectificatus  vom  spez.  Gew.  0,725  und  Ä.
rectificatus  vom  spez.  Gew.  0,750.  Der  reine
Ä.  muß  folgenden  Anforderungen  entsprechen;
Spez.  Gew.  0,720,  Siedepunkt  35°.  Mit  Ä.  getränktes ­
  Filtrierpapier  soll  nach  dem  Verdunsten ­
  des  Ä.  geruchlos  sein.  Beim  Verdampfen
darf  kein  sauer  reagierender  Rückstand  hinterbleiben, ­
  und  bei  längerem  Stehen  mit  Kaliumhydroxyd ­
  sowie  mit  Kaliumjodid  in  völlig  gefüllter, ­
  geschlossener  Flasche  bei  Lichtabschluß
keine  Gelbfärbung  entstehen.  Verwendung
findet  der  Ä.  in  der  Medizin  als  Anästhetik  um,
ferner  im  Gemisch  mit  Alkohol  als  „H  o  f  f  -
mannstropfen“  bei  Ohnmacht,  Krämpfen,  und
in  Verbindung  mit  fetten  Ölen  zu  Einreibungen.
Die  Technik  benutzt  ihn  bei  der  Fabrikation
von  Tannin,  Milchsäure,  photographischem  Kollodium. ­
  Die  Aufbewahrung  hat  in  sehr  kühlen, ­
  feuersicheren  Räumen,  das  Abfüllen  nur
bei  Tageslicht  zu  geschehen.  Die  Versendung
auf  Eisenbahnen  erfolgt  nur  mit  besonderen
Güterzügen,  sog.  „Feuerzügen“.  Als  Verpackung
sind  Flaschen  zu  wählen,  die  in  starke,  mit
Kleie  oder  Sägemehl  ausgefütterte  Holzkisten  gestellt ­
  werden,  oder  Glasballons  mit  hinreichendem ­
  Verpackungsmaterial  in  Körben  mit  gutschließehdem
  Deckel.
Ätherische  Öle  (flüchtigeÖle,  lat.Oleaaetherea,
  frz.  Essences,  Huiles  volatiles,  engl.  Volatile
oils).  Mit  diesem  Namen  belegt  man  eine  große
Zahl  stark  riechender  flüchtiger  Stoffe  von  ölartigem
  Aussehen,  die  von  den  eigentlichen  oder
fetten  Ölen  sowohl  hinsichtlich  ihrer  Eigenschaften ­
  als  auch  ihrer  chemischen  Zusammensetzung ­
  vollständig  verschieden  sind.  Sie  bilden
auch  unter  sich  keine  bestimmt  ausgeprägte
Gruppe  chemischer  Verbindungen,  sondern  bestehen ­
  meist  aus  natürlichen  Gemischen  verschiedener ­
  Kohlenwasserstoffe  mit  zusammen ­
        <pb n="9" />
        4

Ätherische  Öle

Ätherische  Wasser ­

gesetzten  Äthern,  Aldehyden,  Ketone,  Phenolen,
organischen  Säuren  usw.  Die  im  Handel  vorkommenden ­
  ätherischen  Öle  sind  sämtlich  Produkte ­
  des  Pflanzenreiches  und  werden  aus  verschiedenen ­
  Pflanzenteilen  durch  Destillation  mit
gespannten  Wasserdämpfen  oder  auch  durch  Extrahieren ­
  (s.  Parfümerien)  gewonnen.  Nur  einige,
wie  Zitronenöl,  Pomeranzenöl,  Bergamottö!  erhält
man  dqrch  Auspressen  der  betr.  Fruchtschalen.
Werden  die  ätherischen  Öle  einer  nochmaligen
Destillation  unterworfen,  so  nennt  man  sie  rektifizierte ­
  bzw.  doppelt  rektifizierte  Öle.
Die  Fabrikation  der  ätherischen  Öle  hat  sich
auf  gewisse  Gegenden  konzentriert,  und  besonders ­
  Leipzig  bildet  einen  Hauptfabrikationsund ­
  Handelsplatz.  Italien,  namentlich  Kalabrien
und  Sizilien,  liefert  hauptsächlich  Zitronenöl,
Pomeranzenöl  und  Bergamottöl,  das  südliche
Frankreich  Neroliöl,  Petitgrainöl,  Lavendelöl
und  Thymianöl,  Algier  Geraniumöl,  Bulgarien
und  die  Türkei  Rosenöl,  England  Pfefferminzöl
und  Lavendelöl,  Nordamerika  Pfefferminzöl  und
Wintergrünöl,  Rußland  Anisöl.  Aus  Ostindien
und  China  werden  namentlich  Sternanisöl,  Kassiaöl
  und  Zimtöl  eingeführt,  die  meisten  Gewürzöle ­
  aber  werden,  seitdem  die  zur  Ölgewinnung
bestimmten  Gewürze  zollfrei  eingehen,inDeutschland,
  allerdings  unter  Kontrolle  von  Steuerbeamten, ­
  destilliert,  die  hierbei  zurückbleibenden, ­
  vom  Öle  befreiten  Gewürze  müssen  vernichtet ­
  werden.  —■  Die  gangbarsten  ätherischen
Öle  sind  außer  den  bereits  genannten:  Anis-,
Kümmel-,  Fenchel-,  Angelika-,  Wermut-,  Zedernholz-, ­
  Kalmus-,  Wacholder-,  Bittermandel-,
Senf-,  Sternanis-,  Rosmarin-,  Zitronell-  und  Terpentinöl. ­
  Verwendung  finden  die  ätherischen
Öle  in  der  Medizin  und  Likörfabrikation,  ferner
zur  Herstellung  feiner  Parfümerien,  wie  Eau  de
Cologne  und  anderer  Riechwässer,-  zum  Parfümieren ­
  von  Seifen,  Pomaden,  Haarölen.  Einige
werden  auch  in  der  Konditorei  verwendet,  die
billigen,  wie  Terpentinöl,  in  der  Lackfabrikation. ­
  —  Die  allgemeinen  Eigenschaften  der
ätherischen  Öle  lassen  sich  dahin  zusammenfassen, ­
  daß  sie  sämtlich  einen  starken,  mehr
oder  weniger  angenehmen  Geruch  besitzen,  mit
stark  rußender  Flamme  brennen,  auf  Papier
einen  in  der  Hitze  wieder  verschwindenden  I  ettfleck
  hervorbringen,  in  Wasser  nur  in  sehr  geringer ­
  Menge  löslich  sind,  sich  aber  leicht  in
starkem  Alkohol  und  in  Äther  lösen.  Die  meisten
sind  leichter,  einige  auch  schwerer  als  Wasser.
Sie  besitzen  ein  starkes  Lichtbrechungsvermögen
und  drehen  mit  wenigen  Ausnahmen  die  Ebene
des  polarisierten  Lichtes  nach  rechts  oder  links.
Der  Siedepunkt  der  ätherischen  Öle  ist  sehr  verschieden, ­
  liegt  aber  durchgängig  ziemlich  hoch
(meist  zwischen  160  und  300 0  C),  mit  Wasserdämpfen ­
  verflüchtigen  sie  sich  jedoch  schon  be
viel  niedrigerer  Temperatur.  Wie  ihr  Geruch  be
weist,  sind  sie  auch  schon  bei  gewöhnlicher
Temperatur  etwas  flüchtig.  Einige  erstarren
leicht  zu  kristallinischen  Massen  (z.  B.  Rosenöl, ­
  Anisöl),  während  andere  gar  nicht  fest  werden, ­
  Wieder  andere  Öle  sondern  sich  mit  der
Zeit  und  beim  Stehen  an  kalten  Orten  in  einen
starren,  kristallinischen  Teil,  Stearopten,  und
in  einen  flüssig  bleibenden,  Eläopten.  Einige,
ätherische  Öle  bestehen  fast  ganz  aus  sauerstofffreien ­

  Verbindungen,  die  den  Namen  Terpene
bzw.  Sesquiterpene  führen,  die  meisten  enthalten
aber  als  wesentliche  Bestandteile  sauerstoffhaltige ­
  Verbindungen.  Es  gibt  ferner  auch  schwefelhaltige ­
  ätherische  Öle,  wie  z.  B.  Senföl,
Knoblauohöl.  Seit  mehreren  Jahren  kommen
ätherische  Öle  in  den  Handel,  die  auf  den  Preislisten ­
  als  terpenfreie,  konzentrierte,  extrastarke ­
  oder  nicht  trübende  ätherische  Öle
bezeichnet  werden  und  von  den  Kohlenwasserstoffen ­
  befreit  sind,  so  daß  nur  der  sauerstoffhaltige ­
  Teil  allein  Verwendung  findet.  Solche
ätherischen  Öle  fabrizieren  z.  B.  Schimmel-Miltitz
bei  Leipzig,  Heine-Leipzig,  Haensel-Pirnä.  Die
Bezeichnung  „nicht  trübende“  Öle  bezieht  sich
darauf,  daß  sie  sich  in  verdünntem  Alkohol  klar
und  ohne  Trübung  lösen,  was  bei  den  terpenhaltigen ­
  nicht  der  Fall  ist.  —  Die  Aufbewahrung ­
  der  ätherischen  Öle  muß  in  sehr  gut  verschlossenen, ­
  möglichst  voll  gefüllten  Flaschen  an
einem  dunklen  und  kühlen  Orte  erfolgen.  Durch
Einwirkung  von  Luft  und  Licht  verändern  sie
sich  leicht,  nehmen  einen  fremdartigen  Geruch
an  und  verharzen  schließlich.  Die  Versendung
geschieht  gewöhnlich  in  Glasgefäßen  oder  in
Flaschen  von  Weißblech,  Die  Sizilianer  Öle  kommen ­
  in  kupfernen  Gefäßen  (Ramieren),  die  Öle
aus  China  in  Bleiflaschen  zu  uns.  —  Wegen
ihres  meist  sehr  hohen  Preises  sind  die  ätherischen ­
  Öle  häufig  Verfälschungen  ausgesetzt,
die  nicht  leicht  zu  entdecken  sind,  wenn  hierzu
andere  billigere  ätherische  Öle  genommen  wurden. ­
  Die,  Verfälschung  mit  fetten  Ölen  oder
mit  Alkohol  kommt  hingegen  nicht  mehr  so
häufig  vor,  weil  diese  leichter  nachgewiesen
werden  kann.  Größere  Mengen  von  Alkohol
lassen  sich  durch  Schütteln  gleicher  Volumina
von  ätherischem  Öl  und  Wasser  in  einer  graduierten ­
  Glasröhre  nachweisen,  wobei  das  Volumen
des  Wassers  durch  die  Aufnahme  des  Alkohols
zunimmt,  oder  durch  Destillation.  Die  vielfach
empfohlene  Methode  mit  Fuchsin  paßt  hingegen
nicht  für  alle  Öle,  da  manche,  die  ganz  frei  von
Alkohol  sind,  das  Fuchsin  ebenfalls  lösen  und
sich  dadurch  rot  färben.  Fette  Öle  lassen  sich  in
ätherischen  Ölen  leicht  daran  erkennen,  daß  sie
nicht  flüchtig  sind,  daher  auf  Papier  einen  auch
beim  Erhitzen  nicht  verschwindenden  Fettfleck
verursachen.  Teilweise  verharzte  Öle  hinterlassen
allerdings  auch  einen  bleibenden  Fettfleck,  der
jedoch  meist  nur  an  dem  Rande  durchscheinend
ist  und  beim  Auf  gießen  von  Weingeist  verschwindet, ­
  was  bei  Vorhandensein  von  fettem  Öl
nicht  der  Fall  ist.  Eine  Ausnahme  hiervon  macht
nur  das  Rizinusöl,  welches-  sich'  in  Alkohol  löst.
•Zur  Erkennung  einer  Verfälschung  mit  Terpentinöl ­
  bedient  man  sich  besonderer  Methoden,
auf  die  hier  nicht  näher  eingegangen  werden
kann.
Ätherische  Wässer  (abgezogene  oder  aromatische ­
  Wässer)  erhält  man  als  Nebenprodukt ­
  bei  der  Fabrikation  der  ätherischen  Öle,
indem  sich  ein  Teil  der  letzteren  in  dem  mit
übergehenden  Wasser  löst  und  diesem  den  Geruch ­
  des  Öles  mitteilt.  Die  meisten  dieser  ä.W.
werden  in  Apotheken  verwandt,  einige,  wie  z.  B,
Orangenblütenwasser  und  Rosenwasser,  auch  in
der  Konditorei.  Letztere  werden  von  Nizza,
        <pb n="10" />
        Affenbrotbaumrinde

Äthylamin  5

Grasse  und  Cannes  aus  in  großen  Mengen  ver-  i
sandt.
Athylamin  (Monäthylamin),  eine  stickstoffhaltige, ­
  dem  Ammoniak  ähnliche  organische  Base
(C 2 H 6  .  NH 2 ),  riecht  wie  dieses,  bildet  eine  wasserhelle ­
  Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.  0,696,  siede
schon  bei  18,7°  C  und  ist  in  Wasser  leicht  löslich. ­

Äthylbromid  (B  r  omät  hy  1,  C 2 H 5 Br,  lat.Ae  t  h  er
bromatus,  frz.  Ether  bromhydrique,  engl.Ethyl
bromide)  wird  dargestellt  durch  Abdestillieren
eines  Gemisches  von  Alkohol,  Schwefelsäure
und  Bromkalium  aus  dem  Sandbade  oder  durch
Behandlung  von  Alkohol  mit  Brom  und  rotem
Phosphor  als  eine  farblose,  flüchtige,  ätherisch
riechende  1*  lüssigkeit  vom  spezifischen  Gewicht
l A5°&amp;gt;  welche  bei  38—40 0  siedet  und  mit  schön
grüner  Flamme  brennt.  Ä.  wird  in  der  Tcerfarbenfabrikation
  und  außerdem  in  der  Medizin
zu  Narkosen  benutzt,  für  letztere  Zwecke  jedoch ­
  nur  das  nach  dem  ersten  Verfahren  hergestellte ­
  Präparat,  weil  das  andere  oft  Spuren
von  Phosphor  und  Arsen  enthält.  Zur  Vermeidung ­
  von  Zersetzungen  muß  Ä.  in  kleinen,  gefüllten ­
  Flaschen  kühl  und  dunkel  aufbewahrt
Werden;  auch  erscheint  eine  Warnung  vor  Verwechslung ­
  mit  Äthylenbromid  am  Platze,  da  letzteres ­
  eingeatmet  giftig  wirkt.
Äthylchlorid  (C 2 H 6 C1,  Chloräthyl,  lat.  Aether
  chloratus,  Äethylium  chloratum,  frz.
Ether  chloride,  engl.  Ethyl  Chloride),  eine  leicht
flüchtige  und  entzündliche  farblose  Flüssigkeit
vom  spez.  Gew.  0,92  t  und  vom  Siedepunkte
12,5°,  wird  fabrikmäßig  durch  Erhitzen  von  Alkohol ­
  mit  starker  Salzsäure  unter  Druck,  im
kleinen  durch  Einleiten  von  Salzsäuregas  in
eine  Lösung  von  1  Teil  geschmolzenem  Zinkchlorid ­
  und  2  Teilen  95  o/ 0 igem  Alkohol  dargestcllt.
Man  leitet  die  Dämpfe  durch  Wasser  und  konzentrierte ­
  Schwefelsäure  und  verflüssigt  sie  bei
o°.  —  Ä.  findet  als  örtliches  Antiseptikum  Verwendung. ­

Äthylenbromid  (lat.  Aethylcnum  bromatum,
frz.Bromured’ethylene,  engl.Bromide  of  Ethylen),
C 2 H 4 Br 2 ,  entsteht  beim  Durchleiten  von  Äthylengas ­
  (aus  Alkohol  und  Schwefelsäure)  durch
Brom  als  ein  farbloses,  schweres  Öl  vom  spez.
Gew.  2,170  und  chloroformähnlichem  Geruch
Es  siedet  bei  122  °,  erstarrt  bei  9 0  und  findet  beschränkte ­
  medizinische  Anwendung  gegen  Epilepsie. ­
  Eingeatmet  wirkt  es  giftig  und  darf  daher ­
  nicht  mit  Äthylbromid  verwechselt  werden!
Äthylenchlorid,  (CH 2 C1) 2 ,  (Chloräthylen,
Elaylchiorür,  Elaylchlorid,  Chlorelayl,
Öl  der  holländischen  Chemiker,  lat.  Aethylenum
  chloratum,  Elaylum  chloratum,  Oleum
hollandicum,  frz.  Ether  chlorhydrique,  engl.
Eutch  liquid),  eine  farblose,  dünnflüssige,  ölähnliche ­
  Flüssigkeit  von  süßlichem,  ätherartigem
Gerüche  und  brennendem  Geschmacke,  hat  ein
H&amp;gt;ez.  Gew.  von  1,250,  ist  unlöslich  in  Wasser,
leicht  löslich  in  Alkohol  und  Äther,  siedet  bei
5 Ü  C  und  brennt  mit  grüngesäumter  klamme
unter  Entwicklung  von  stechend  riechendem
&amp;lt; “hlor Wassersto ff gas .  Das  Ä.  wird  durch  Zu-Sai
 nmenbringen  von  Äthylengas  (aus  Spiritus
Un d  Schwefelsäure  zu  bereiten)  mit  Chlorgas
gewonnen  und  entsteht  gewöhnlich  als  Nebenprodukt ­

  bei  der  Chloralbereitung.  Man  benutzte
es  früher  wie  Chloroform  als  Anästhetikum,
jetzt  nur  noch  zu  Einreibungen.
Äthylgrün,  ein  seit  1866  bekannter  Triphenylmethanfarbstoff
  (s.  d.),  der  aus  dem  Chlorzinksalze ­
  des  Bromäthylhexamethylpararosanilinchlorwasserstoffs
  besteht,  kommt  als  moosgrünes
kristallinisches  Pulver  in  deri  Handel.  Vgl.  auch
Methylgrün.
Athylidench'.orid,  CH 3 .CHC1 2  (Chloräthyliden,
  Aidehy  d  enchlorid,  Chloräthylchlorür,
  lat.  Aethylidenum  chloratum,  frz.
Perchlorure  d’ethylidene,  engl.  Perchloride  of
Ethylidene),  eine  brennbare,  farblose,  chloroformartig ­
  riechende  Flüssigkeit  von  süßem,  zugleich ­
  pfefferartigem  Geschmack  und  dem  spez.
Gew.  1,8,  ist  unlöslich  in  Wasser,  aber  löslich  in
Alkohol  und  Äther,  und  siedet  bei  58,5°  C.  Das
Ä.  besitzt  dieselbe  chemische  Elementarzusammensetzung
  wie  das.Äthylenchlorid,  unterscheidet
sich  aber  von  diesem  durch  die  verschiedene
Gruppierung  der  Atome.  Natriummetall  bleibt
in  reinem  Ä.  unverändert,  während  es  in  Äthylenchlorid ­
  unter  Zersetzung  des  letzteren  in  Chlornatrium ­
  verwandelt  wird.  Das  Ä.  wird  zuweilen
als  Anästhetikum  verwendet.  Man  gewinnt  es
als  Nebenprodukt  bei  der  Chloralbereitung  und
trennt  es  von  dem  bei  99°  siedenden  Chloral
und  dem  Äthylchlorid  durch  fraktionierte  Destillation. ­

Äthyljodid,  C 2 H 5 J,  (Jodäthyl,  lat.  Aether  jodatus,
  frz.  Jodure  d’öthyle,  engl.  Ethyl  jodide),
eine  farblose,  ätherisch  riechende  Flüssigkeit
vom  spez.  Gew.  1,946  und  dem  Siedepunkte  72°,
wird  durch  Erwärmen  von  Jod  mit  Alkohol  und
amorphem  Phosphor  dargestellt  und  durch  Schütteln ­
  mit  Wasser  und  nachfolgende  Rektifikation
über  Kalziumchlorid  gereinigt.  Es  muß  in  vollgefüllten, ­
  gut  verschlossenen  Gefäßen  an  dunklen ­
  Orten  aufbewahrt  werden.  Ein  durch  Jodausscheidung ­
  gelb  gewordenes  Ä.  kann  durch
Natriumthiosulfat  wieder  entfärbt  werden,  hingegen ­
  sind  braune  Präparate  zu  verwerfen.  Das
Ä.  findet  in  der  Farbenfabrikation  sowie  zu  medizinischen ­
  Zwecken,  gegen  Rheumatismus,  Syphilis ­
  und  Skrofulöse  Anwendung.
Äthylnitrit,  C 2 H 6 N0 2 ,  (Salpetrigsäureäthylester, ­
  lät.  Aether  nitrosus),  entsteht
beim  Einleiten  von  Salpetrigsäuredämpfen  in
Alkohol  oder  bei  der  Behandlung  von  Kaliumnitrit ­
  mit  verdünntem  Alkohol  und  Schwefelsäure ­
  als  eine  gelbliche,  leicht  bewegliche  Flüssigkeit ­
  vom  Gerüche  faulender  Äpfel,  welche  sich
leicht  in  Alkohol,  wenig  in  Wasser  löst.  Das
spez.  Gew.  beträgt  0,947,  der  Siedepunkt  16 0 .
Ä.  bildet  den  Hauptbestandteil  des  Salpeterätherweingeistes ­
  (s.  d.).
Affenbrotbaumrinde  (Baobabrinde,  lat.  Cortex
  adansoniae,  frz.  Ecorce  d’adansonie,  engl.
Adansonic  bark),  die  Rinde  des  zu  den  Bombazeen,
  gehörigen  Affenbrotbaumes,  Adansonia
  digitata,  aus  den  heißen  GegendenAfrikas,
  bildet  flache,  rinnenförmige  Stücke  aus
leicht  voneinander  trennbaren  Schichten.  Die
äußere  Rinde  (Korkschicht)  ist  rauh,  warzig,
von  grauer  Farbe,  die  innere  Fläche  rotbraun.
Auf  dem  Querschnitt  erscheint  die  Rinde  rot
und  weiß  gestreift.  Der  Geschmack  ist  herb
upd  bitter.  Die  A.  enthält  einen  roten  Färb-
        <pb n="11" />
        Affichenpapier

6

Akaroidharz

Stoff  und  einen  weißen,  kristallinischen  Stoff,
das  Adansonin,  das  früher  als  Fiebermittel
benutzt  wurde.  Der  frische  Saft  der  Zweige
galt  als  Gegengift  gegen  Strophantus.  Das
Mark  der  Früchte  des  Baumes  schmeckt  säuerlich ­
  und  wird  von  den  Eingeborenen  genossen.
Die  getrockneten  und  zerriebenen  Blätter,  Alo
oder  Lalo  genannt,  werden  von  den  Negern
unter  die  meisten  Speisen  gemischt.  Die  von
Angola  ausgeführte  A.  wird  als  Grundstoff  für
die  P^pierfabrikation  verwendet.  In  Mittelafrika
heißt  dieser  Baum;  Vinka,  in  Südafrika:  Mowana,
  in  Abessinien:  Dinna  oder  auch  Talbadie.

Affichenpapier  (frz.  Papier  ä  affiches,  engl.
Placard  paper)  nennt  man  ein  meist  farbiges,
aber  auch  weißes,  dünnes  Papier  von  großem
Format  zum  Druck  von  Anzeigen  und  Bekanntmachungen, ­
  welche  an  Säulen  und  Häusern  angeklebt ­
  werden  sollen.
Agallocheholz  (Adlerholz,  Paradiesholz,
Aloeholz,  frz.  Bois  aigle,  engl.  Satin  wood).
Diesen  Namen  führen  drei  verschiedene  Holzarten, ­
  die  jedoch  in  unserem  Handel  fast  nicht
mehr  Vorkommen.  Alle  drei  zeichnen  sich  durch
einen  starken,  aber  verschiedenen  Geruch  aus,'
weshalb  man  sie  in  Ostindien  als  Räuchermittei
benutzt.  Die  eine  Sorte  ist  dicht,  sehr  schwer
und  von  rötlichbrauner  Farbe,  stammt  von  Excoecaria
  Agallocha  und  wird  auch  Colambacholz
  genannt.  Eine  zweiteSorte,  vonAquilaria
  Agallocha,  ist  dunkelbraun  und  bitter,
und  die  dritte,  die  Aquila  brava  der  Portugiesen, ­
  von  Aquilaria  malaccensis  aus  Sumatra ­
  und  der  Halbinsel  Malakka,  besitzt  eine
schmutzig  gelbe  bis  grünliche  Farbe.
Agalrnatoiith  (Bildstein,  frz.  Pagodite,  engl.
Steatite),  ein  hauptsächlich  in  China  vorkommendes, ­
  leicht  zu  bearbeitendes  Aluminiumsilikat ­
  (Si 4 0,,Al 2 H 2 )  von  grünlich  grauer  bis  gelber ­
  und  fleischroter  Farbe,  wird  zur  Herstellung
von  Bildwerken  benutzt.  Das  Mineral  findet
sich  auch  bei  Nagyag  in  Siebenbürgen.
Agar-Agar  (Agger-Agger)  nennt  man  aus
getrockneten  indischen  und  japanischen  Algen
bestehende  oder  aus  solchen  hergestellte  Drogen, ­
  welche  beim  Kochen  mit  Wasser  eine  in
der  Kälte  fest  werdende  Gelatine  liefern.  Das
sog.  Zeylonmoos  oder  Jaffnaer  Moos  (frz.
Mousse  de  Ceylon,  engl.  Ceylon  Moss)  »von  Fucus
  amylaceus  oder  Gracilaria  lichenoides  bildet
bis  12  cm  lange,  stielrunde  und  mehrfach  geteilte ­
  weiße  Stäbchen.  Agar-Agar  von  Makassar
  und  Java  (Alga,  spinosa,  ostindischesKarragheen)
  besteht  aus  dem  bräunlichgelben ­
  oder  blaßrötlichen  Thallus  von  Eucheuma
  spinosum  und  hat  die  Form  3—4  cm  langer,
2—3  mm  dicker,  stielrunder  Stücke,  die  oft  mit
einem  Salzanflug  bedeckt  sind.  Japanischer
A.  (Vegetabilischer  Fischleing  japanische
Hausenblase,  Phycocolla)  wird  durch  Auskochen ­
  von  Algen  aus  der  Familie  Gelidium
und  nachfolgende  Trocknung  der  erhaltenen
Gallerte  gewonnen  und  kommt  in  Form  leichter
weißlicher  Stäbchen  vom  Aussehen  der  Seele
des  Gänsekiels  oder  vierkantiger  Stücke  oder
dünner  Platten  (Tjen-Tjan)  in  den  Handel:  —
A.-A.  wird  als  Ersatz  der  Gelatine-  zu  Speiseund
  Appreturzwecken  sowie  zur  Herstellung  bakteriologischer ­

  Nährböden  benutzt.  Der  Zusatz
zu  Marmeladen  gilt  als  Verfälschung.  Die  eßbaren ­
  Vogelnester  der  Salanga-Schwalbe  sind
aus  dem  gleichen  Material  hergestellt.
Agarizin,  Bestandteil  des  Lärchenschwamms,
weißes  kristallinisches  Pulver,  welches  als
schweißbeschränkendes  Mittel  Anwendung  findet.
Agathin,  eine  Verbindung  von  Salizylaldehyd
mit  Methylphenylhydrazin,  wird  gegen  Rheumatismus ­
  und  Neuralgie  verordnet.  Vorsichtig,  vor
Licht  geschützt,  aufzubewahren!
Agumamehl  ist  ein  aus  entfetteten  Sojabohnen
hergestelltes  Nährmittel  mit  80/0  Fett  und  460/0
Eiweiß.
Agurin  ist  ein  harntreibendes  Mittel  aus  Theobromin ­
  und  Natriumazetat.
Ahornholz  (frz.Erable,  engl.Maple).  DasHolz
der  verschiedenen  Arten  von  Ahornbäumen
(Acer)  wird  zu  feinen  Tischler-  und  Drechslerarbeiten ­
  verwandt,  teils  geschnitzt,  teils  zu  Furnieren. ­

Ahornzucker  (frz,  Sucre  d’erable,  engl.  Maple-sugar)
  wird  in  Nordamerika  aus  dem  Safte
des  Zuckerahorns  (Acer  saccharinus),  in  dem  er
zu  2—3,J  °/o  enthalten  ist,  gewonnen  und  .ist  mit
Rohrzucker  identisch.  Die  Fabrikation  von  A,-Zucker
  und-Sirup  hat  sich  besonders  in  Kanada
entwickelt,  und  ergibt  jährlich  etwa  15000  t.  Die
in  Deutschland  wachsenden  Arten  wie  der  Spitzahorn ­
  u.  a.  eignen  sich  wegen  ihres  geringen
Zuckergehaltes  von  etwa  1  °/o  nicht  zur  Verarbeitung. ­

Ailanthholz  (Anghikaholz),  das  Holz  des
Götterbaums  (Ailanthos  glandulosa),  der  in
Ostindien  heimisch,  in  Deutschland  akklimatisiert ­
  ist  und  die  seidenliefernde  Raupe  des  Ailanthusspinners
  beherbergt,  ist  sehr  hart,  von
rötlicher,  mit  breiten,  goldgelben,  dunkelroten
und  grünlichen  Adern  durchzogener  Farbe  und
sehr  politurfähig  und  kommt  in  0,5—1  rn  laugen,
etwa  20  cm  dicken  Bohlen  in  den  Handel.
Airol,  Airoform,  Airogen  (Wismut  oxyjoditgallat),
  ein  graugrünes  Pulver  von  der
Formel  C 0 H 2 (OH) 3 CO 2 .  Bi(OH)J,  wird  als  geruchloser ­
  Jodoformersatz  benutzt.
Airys  Präparate,,  Geheimmittel  von  Richter  in
Rudolstadt:  Calming  Pastills,  Tabletten  aus'
Zucker,  Anis,  Lakritzen.  Extern  Embrocation,
  kampferartige  Tinktur  von  Seidelbast-und
KaskarillarimTe.  Pain-Expeller,  Paprikatinktur ­
  mit  Seife,  Ammoniak  und  ätherischen  Ölen.
Pills  for  the  cough,  Pillen  aus  Sternanis  und
Morphin.  Sarsaparillian,  alkoholisches  Extrakt ­
  aus  Sarsaparille,  Chinarinde  und  Jodkalium.
Akaroidharz  (Erdschellack,  lat.Resina  Acaroidis,
  frz.  Gomme  de  Botanybay,  engl.  Botanybay-gum,
  Grass-tree-gum).  Diesen  Namen  führen ­
  zwei  aus  Australien  kommende  Harze.  i.Das
rote  A.  von  Xanthorrhöa  australis,  aus
deren  Stamm  es  ausschwitzt  und  denselben  in
Lagen  von  2—4  cm  Dicke  bedeckt,  besitzt  eine
rote  bis  braunrote  Farbe,  orangefarbigen  Strich
und  lebhaften  Glanz  und  zeigt  auf  dem  Bruche
zahlreiche  Zellgewebsreste.  Der  Geruch  ist
schwach  benzoeartig,  der  Geschmack  unangenehm, ­
  nebenher  an  Zimt  erinnernd,  die  untere
Seite  der  Stücke  grauweiß.  Von  dem  ähnlichen
Drachenblut  läßt  sich  das  rote  A.  leicht  dadurch
unterscheiden,  daß  es  sich  nur  unvollkommen
        <pb n="12" />
        Akazienholz

7

Alabaster

in  Äther  löst.  2.  Das  gelbe  A.  von  Xanthorrhöa
  hastilis  erhält  man  in  länglichrunden,  bis
3  cm  breiten  Stücken  von  tiefbraunroter  Farbe,
die  auf  dem  Bruche  gelb  sind  und  auch  ein
gelbes  Pulver  geben.  Es  ist  ziemlich  hart,  läßt
sich  mit  dem  Fingernagel  nur  schwer  ritzen  und
besitzt  einen  angenehmen  benzoeartigen  Geruch
und  aromatischen,  etwas  süßlichen  Geschmack.
•—  Beide  Sorten  enthalten  außer  verschiedenartigen ­
  Harzsäuren  Zimtsäure,  Benzoesäure  und
ein  ätherisches  Öl.  —  Man  benutzt  sie  zur  Darstellung ­
  gefärbter  Weingeistlacke,  von  Harzseifen ­
  und  zum  Leimen  des  Papiers.  Früher
fertigte.  man  auch  Pikrinsäure  daraus.
Akazienholz  (Acacienholz,  Robinienholz,
frz.  Bois  d  acacie,  engl.  Acaciawood).  Das  Holz
der  in  Nordamerika  heimischen,  bei  uns  jetzt
überall  verbreiteten  Robinia  Pseudacacia  ist
V °a  gelblicher  Farbe,  feinkörnig,  biegsam,  zäh
und  fest,  läßt  sich  gut  polieren  und  leicht  färben ­
  und  widersteht  der  Fäulnis  und  demWurmiraße
  sehr  gut.  Unter  Wasser  hält  es  sich  von
allen  Holzarten  am  besten.  In  Europa  benutzt
man  es  zu  Tischler-  und  Drechslerarbeiten  sowie ­
  namentlich  zu  Radspeichen,  Radkämmen,
Weinpfählen  und  Hammerstielen,  in  Amerika
auch  zum  Schiffsbau  sowie  vof  allem  zu  Schiffsnägeln ­
  (bis  75  cm).
Akkumulatoren  (Accumulatoren),  Apparate, ­
  welche  dazu  dienen,  die  von  einer  galvanischen ­
  Batterie  oder  einer  Dynamomaschine  entwickelte ­
  Elektrizität,  aufzunehmen  und  aufzuspeichern, ­
  um  sie  zu  beliebiger  Zeit  wieder  verwerten ­
  zu  können.  Im  Hinblick  auf  das  hohe
Gewicht  der  meist  aus  Blei  bestehenden  A.,  welches ­
  ihre  Verwendung  für  Kraftwagen  erschwert,
bemühen  sich  verschiedene  Erfinder,  besonders
Edison,  Kompositionen  aus  leichteren  Metallen, ­
  Nickel-  und  Silberperoxyd,  zu  konstruieren; ­
  wie  es  scheint,  bis  jetzt  ohne  endgültigen
Erfolg.
AkoYn,  ein  von  der  Firma  Heyden  hergestelltes ­
  Derivat  des  Guanidins,  Diparanisylphenetylguanidinchlorhydrat,
  welches  als  Anästhetikum
  empfohlen  wird  und  vor  dem  Kokain  gewisse ­
  Vorzüge  haben  soll.
Akonitin  (lat.  Aconitinum,  frz.  und  engl.  Aconitine) ­
  findet  sich  neben  anderen  Alkaloiden,
besonders  in  dem  Kraut  und  den  Knollen  des
Eisenhutes  (A.  napellus),  aus  welchen  es  früher
durch  Extraktion  mit  warmem  Alkohol  unter
Zusatz  von  Schwefelsäure  und  nachherige  Fällung ­
  mit  Alkalien  hergestellt  würde.  Da  hiermit
eine  teilweise  Zersetzung  verbunden  ist,  extrahiert ­
  man  jetzt  in  der  Kälte  und  ersetzt  die
Schwefelsäure  durch  Weinsäure.  Die  im  Handel
vorkommenden  Sorten  bestehen  nicht  aus  dem
feinen  A.,  sondern  aus  einem  Gemisch  mehrerer
Alkaloide.  Das  sog.  Deut  sch  e  A,  von  Aconitum
napellus  enthält  neben  Akonitin  meist  Pikro-Akonitin
  und  Akonin.  Ihm  ähnlich  ist  das  Französische ­
  A.  (A.  gallicum),  während  das  Englische ­
  A.  (A.  anglicum)  von  Aconitum  ferox
hauptsächlich  aus  PseudorA.  besteht.  In  neuerer
Zeit  hat  man  versucht,  die  außerordentlich  verschieden ­
  wirksamen  Präparate  in  anderer,  mehr
vdssenschaftlicher  Weise  einzureihen,  und  unterscheidet ­
  jetzt:  Amorphes  Akonitin,  welches
f^ern  französischen  und  deutschen  A.  entspricht,

Kristallisiertes  A.,  welches  in  Form  schöner
Kristalle  erhalten  wird,  und  das  ebenfalls  kristallisierte ­
  Pseudo-A.  ImHinblick  auf  die  z.T.
recht  geringe  Wirksamkeit  der  amorphen  Sorten
wäre  es  erwünscht,  wenn  nur  noch  kristallisiertes ­
  A.  bzw.  Pseudo-A.  verordnet  würden.  Das
reine  A.  bildet  farblose,  bei  190—198°  schmelzende ­
  Tafeln,  welche  in  Wasser  schwer,  in  Alkohol, ­
  Äther,  Chloroform  und  Benzol  leicht
löslich,  in  Petroläther  unlöslich  sind.  Die  wäßrige ­
  Lösung  zeigt  einen  scharfen,  brennenden
Geschmack,  reagiert  schwach  alkalisch  und  ist
linksdrehend.  Das  A.  wird  von  konz.  Schwefelsäure ­
  und  Salpetersäure  ohne  Färbung  gelöst
und  gibt  mit  den  meisten  allgemeinen  Alkaloidreagenzien ­
  charakteristische  Niederschläge.  Das
Pseudo-A.  unterscheidet  sich  von  ihm  durch
das  Verhalten  gegen  Vanadin-Schwefelsäure,
wobei  eine  violette  Färbung  auftritt.  Das  A.
sowie  die  verschiedenen  Präparate  desselben
sind  äußerst  starke  Gifte.  Sie  finden  innerlich
wie  äußerlich  medizinische  Anwendung  gegen
Gelenkrheumatismus,  Neuralgie  usw.,  und  müssen
unter  den  direkten  Giften  aufbewahrt  werden.
Akopyrin  (Azetopyrin,  Az  et  y  1  salizy  1-saures
  Antipyrin),  ein  weißes,  in  Alkohol
leicht,  in  Wasser  kaum  lösliches  kristallinisches
Pulver,  wird  gegen  Fieber,  Kopfschmerzen  und
Gelenkrheumatismus  verordnet.
Akori,  eine  seltene  blaue  Korallensorte  von
der  afrikanischen  Küste.
Akridinfarbsfoffe.  Unter  diesem  Namen  faßt
man  eine  Anzahl  Farbstoffe  zusammen,  welche
sich  vom  Akridin,  HC(C 6 H^) 2 N,  bzw.  Phenylakridin ­
  (Chrysanilin),  C (i H ? C  .  (C„H 4 ) 2 N,  ableiten.
Phosphin  (Chrysanilin-Nitrat),  aus"  denNebenprodukten
  der  Fuchsinfabrikation  bereitet,  färbt
Seide,  Wolle  und  Baumwolle  goldgelb,  wird
aber  heute  nur  noch  als  sog.  Ledergelb  zum
Färben  von  Leder  benutzt,  Benzoflavin  dient
zum  Gelbfärben  von  Baumwolle,  Akridingelb
von  Seide  und  Baumwolle.
Alabaster  (frz.  Alabätre,  engl.  Alabaster)  nennt
man  die  feinkörnigen,  weißen,  mehr  oder  weniger ­
  durchscheinenden  Arten  des  natürlichen
wasserhaltigen  Schwefelsäuren  Kalkes  (Kalziumsulfates) ­
  oder  Gipses,  die  besonders  zu
Voltera  bei  Florenz  und  bei  Sestri,  unweit  Genua,
weiter  auch  in  Tirol,  Thüringen,  Schlesien,  Württemberg, ­
  im  Amt  Liebenburg  (Prov.  Hannover)
und  Frankreich  (bei  Cluny)  gebrochen  werden.
Da  der  A.  sehr  weich  ist,  läßt  er  sich  in  den
Steinbrüchen  sehr  leicht  ohne  Anwendung  von
Sprengmitteln  gewinnen  und  ebenso  leicht  verarbeiten. ­
  Man  fertigt  daraus  teils  an  den  Fundorten ­
  selbst,  teils  an  anderen  Orten,  so  in  Paris,
Voltera,  Florenz,  Siena,  Gröden  in  Tirol,  Nürnberg, ­
  Niedersachswerfen  (bei  Nordhausen),  am
Harze  usw.  mancherlei  Kunst-  und  Gebrauchsgegenstände, ­
  die  aber  nicht  im  Freien,  sondern
nur  in  geschlossenen  Räumen  aufbewahrt  und
aufgestellt  werden  können,  da  sie  von  der  Witterung ­
  stark  angegriffen  'werden.  Vom  Marmor
unterscheidet  sich  der  A.  leicht  dadurch,  daß
er  beim  Befeuchten  mit  Säuren  kein  Aufbrausen
zeigt.  Die  Abfälle  von  der  Herstellung,  der  Alabästerwaren
  werden  fein  gemahlen  und  als  gebrannter ­
  oder  ungebrannter  A.  als  weißes
Farbmaterial  in  den  Handel  gebracht.
        <pb n="13" />
        Alantwurzel

8

Alaun

Alantwurzel  (Oland,  Ottwurz,  Glockenwurzel, ­
  lat.  Radix  Enulae  seu  Helenii,  frz.  Razine
  d’aunöe,  engl.  Elecampane-root),  stammt
von  einer  in  Mitteleuropa,  namentlich  in  Ungarn ­
  wild  wachsenden  Komposite,  Inula  Helenium,
  welche  inThüringen  und  in  der  Gegend
von  Nürnberg  auch  angebaut  wird.  Die  getrocknete ­
  Wurzel  ist  graubräunlich,  innen  heller
gefärbt,  hart  und  schwer  zu  zerbrechen.  Auf
dem  Bruche  unter  der  Rinde  zeigt  sich  ein
bräunlicher  Ring,  und  im  Holzkörper  erkennt
man  zahlreiche  gelbe  Ölbehälter.  Geruch  und
Geschmack  sind  aromatisch.  Die  charakteristischen ­
  Bestandteile  der  A.  sind:  ein  ätherisches
Öl,  Harz,  Inulin,  Alantolakton  (Helenin,
Alantkampfer)  und  Alan  toi.  Die  Ausbeute ­
  an  ätherischem  Öl,  dem  Alantöl,  beträgt
i—3%.  Die  Alantwurzel  kommt  im  rohen
und  geschälten  Zustande  in  den  Handel  als  Radix ­
  Enulae  cruda,  Radix  Enulae  mundata  und
findet  in  der  Medizin,  hauptsächlich  aber  in  der
Likörfabrikation,  Verwendung.
Alaun  (lat.  Alumen,  frz.  Alun,  engl.  Alum)
wurde  früher  nur  das  kristallisierte  wasserhaltige ­
  schwefelsaure  Doppelsalz  von  Kalium  und
Aluminium  (Kaliumaluminiumsulfat)  genannt.
Neuerdings  bezeichnet  man  so  bisweilen  auch
das  entsprechende  Ammoniumäluminiumsalz,
während  der  Name:  Alaune  für  alle  schwefelsauren ­
  Doppelverbindungen  gleichartiger  chemischer ­
  Konstitution  gilt,  wobei  dann  das  für  Kalium ­
  bzw.  Aluminium  eintretende  Metall  der  Bezeichnung ­
  vorgesetzt  wird,  z.  B.  Chromalaun
für  das  schwefelsaure  Doppelsalz  von  Kalium
und  Chrom.  Sämtliche  Alaune  kristallisieren  im
regulären  System,  meist  in  der  Oktaederform
mit  24  Molekülen  Wasser.  —  Zur  Gewinnung
des  gewöhnlichen  Kalialauns  wird  schwach
gebrannter,  möglichst  eisenfreier  Ton  mit  50  obiger ­
  Schwefelsäure  in  der  Wärme  behandelt,
wobei  sich  unter  Abscheidung  von  Kieselsäure
der  eine  Bestandteil  des  Alauns,  die  schwefelsaure ­
  Tonerde,  bildet,  IJ'fach  dem  Verdünnen
mit  Wasser  und  Entfernen  des  unlöslichen  Rückstandes, ­
  der  Kieselsäure,  wird  Kaliumsulfat  oder
auch  Chlorkalium  hinzugesetzt,  und  das  sich
dabei  als  feines  Pulver  abscheidende  „Alaunmehl“ ­
  durch  Umkristallisieren  aus  heißem
Wasser  gereinigt  und  in  große  Kristalle  verwandelt. ­
  In  gleicher  Weise  kann  man  Beauxit
oder  Kryolith  (s.  d.)  verarbeiten.  —  In  einigen
Gegenden  fabriziert  man  Alaun  auch  aus.Maunschiefer,
  einem  mit  Schwefeleisen  und  Kohle
durchsetzten  Tonschiefer,  der  geröstet  und  dann
ausgelaugt  wird.  Hierbei  liefert  das  Schwefeleisen ­
  die  zur  Bildung  von  Aluminiumsulfat
nötige  Schwefelsäure.  Die  Entfernung  des  Eisens
wird  durch  geeignete  Wahl  der  Konzentration
der  Lösung  bewirkt  und  dann  wie  bei  obigem
Verfahren  das  „Alaunmehl“  erzeugt.  —  Bei
Tolfa  in  Italien  und  bei  Munkacs  in  Ungarn
kommt  schließlichein  „  A1  a  u  n  s  t  e  i  n“  oder  „  A1  u  -
nit“  genanntes  Mineral  vor,  welches  ein  basisches ­
  Kaliumaluminiumsulfat  ist.  Dieses  Material ­
  wird  geröstet  und  mit  heißem  Wasser  ausgelaugt, ­
  wobei  unlösliche  Tonerde  zurückbleibt,
während  sämtliche  Bestandteile  des  Alauns  in
Lösung  gehen  und  sich  beim  Erkalten  in  gewöhnlich ­
  durch  fein  verteiltes  Eisenoxyd  schwach

rötlich  gefärbten  Kristallen  abscheiden.  —  Der
Kalialaun,  K 2 A1 2 (S0 4 ) 4  -f-  24H 2 0,  enthält  45,50/0
Kristallwasser,  bildet  farblose,  durchsichtige,  bisweilen ­
  sehr  große  Kristalle,,  die  sich  erst  bei
längerem  Lagern  an  der  Luft  mit  einem  feinen,
weißen,  undurchsichtigen  Häutchen  von  verwitterter ­
  Substanz  überziehen,  schmeckt  herbe
und  zugleich  süßlich  und  kann  in  größeren  Dosen ­
  schädlich  wirken.  Das  spez.  Gew.  wird  von
Kopp  zu  1,924  angegeben.  Beim  Erwärmen
schmilzt  der  A.  zunächst  in  seinem  Kristallwasser ­
  und  hinterläßt  schließlich  eine  lockere,
weiße,  undurchsichtige  Masse,  die  man  gebranntenA,
  (Alumen  ustum)  nennt.  Seine  Löslichkeit ­
  ist  in  heißem  Wasser  sehr  groß,  in  kaltem ­
  sehr  gering,  so  daß  die  Reindarstellung
verhältnismäßig  leicht  gelingt;  die  Lösung  reagiert ­
  sauer.  Als  häufigste  Kristallform  zeigt  sich
das  Oktaeder,  an  welchem  zuweilen  die  Würfelflächen ­
  abstumpfend  auftreten.  Besonders  ist
dies  bei  dem  früher  seiner  Reinheit  wegen  hochgeschätzten
  römischen  A.  der  Fall,  welcher
deshalb  auch  kubischer  oder  Würfelalaun  genannt ­
  wurde.  Die  Würfelform  läßt  sich  dadurch ­
  erzielen,  daß  man  zu  der  heißen  konzentrierten ­
  Lösung  Pottasche,  Soda  oder  Ammoniak
hinzusetzt,  bis  ein  bleibender  Niederschlag  entsteht, ­
  und  dann  erst  erkalten  läßt.  Solche  Kristalle ­
  heißen  neutraler  oder  abgestumpfter  Alaun
und  sind,  chemisch  betrachtet,  basische  Salze.
—  Der  A..findet  vielfache  Verwendung,  wobei
fast  stets  nur  das  Aluminiumsulfat  in  Wirksamkeit ­
  tritt.  In  der  Papierfabrikation  dient  er  zum
„Leimen“,  in  der  Gerberei  zum  Weißgarmachen ­
  der  Häute,  in  der  Kattundruckerei  und
in  der  Zeugfärberei  zum  Beizen.  Ferner  wird
er  benutzt  zum  Wasserdichtmachen  von  Zeugstoffen, ­
  die  nachher  durch  Ölsäure  gezogen  werden, ­
  zum  Klären  von  Flüssigkeiten  usf.  In  vielen ­
  Fällen  muß  der  A.  vollkommen  frei  von
Eisen  sein,  dessen  Gegenwart  mittels  Blutlaugensalz ­
  (Blaufärbung)  nachgewiesen  wird.
In  der  Färberei  und  Weißgerberei  benutzt  man
jetzt  vielfach  statt  des  A.  die  schwefelsaure  Tonerde ­
  selbst  (siehe  Schwefelsäure),  welche  daher
auch  oft  als  „konzentrierter  Alaun“  bezeichnet
wird.  —  Ammoniakalaun  (Alumen  amoniacale),
  (NH 4 ) 2 A1 2 (S0 4 ) 4 24H 2 0,  wird  entsprechend
dem  Kalialaun  hergest'ellt,  indem  man  Aluminiumsulfat ­
  statt  mit  Kaliumsulfat  mit  Ammoniumsulfat ­
  versetzt.  Er  enthält  49,62  0/0  Kristallwasser,
ist  leichter  in  kaltem  Wasser  löslich  als  der  gewöhnliche ­
  Alaun  und  wird  wie  dieser  verwendet, ­
  Der  Gehalt  an  wasserfreiem  Aluminiumsulfat ­
  beträgt  beim  Kalialaun  10,80/0,  beim  Am-'
moniakalaun  11,9  o/ 0  und  beim  sog.  konzentrierten ­
  Alaun  (s.  o.)  15,40/0.  Ammoniakalaun,  welcher ­
  übrigens  häufig  ein  Gemisch  mit  Kalialaun
ist,  gibt  beim  Behandeln  mit  Ätzkali  den  stechenden ­
  Geruch  nach  Ammoniak  (Salmiakgeist).  —
Natronalaun  wird  nur  selten  benutzt,  da  er
schnell  verwittert,  trübe  wird  und  schließlich  zu
einem  weißen  Pulver  zerfällt.  —  Der  Chromalaun, ­
  K 2 Cr 2 (Sö 4 ) 4  -)-  24  H 2 0  (Alumen  chromicum),
  in  welchem  das  Aluminium  durch  Chrom
ersetzt  ist,  wird  vielfach  als  Abfallprodukt  der
Teerfarbenfabriken,  welche  die  Chromsäure  als
Oxydationsmittel  benutzen,  erhalten  und  in  der
Färberei  und  Gerberei  verwandt.  Er  besteht  aus
        <pb n="14" />
        Aldehyd

Alb  argin  9

bei  auffallendem  Lichte  fast  schwarzen,  bei
durchfallendem  Lichte  dunkelroten  Oktaedern,
die  sich  in  Wasser  mit  violetter  Farbe  lösen.
Albargin,  eine  Verbindung  von  Silbernitrat
mit  Gelatose,  wird  durch  Versetzen  von  dialy  sierter
  Gelatine  mit  Silbernitrat  und  Fällung  mit  Alkohol ­
  als  ein  gelbliches  Pulver  gewonnen.  Anwendung ­
  gegen  Tripper  und  in  der  Wundbehandlung. ­

Albers  Cholerapulver.  Gemisch  von  io  Teilen
Zucker,  5  Teilen  Ammoniumkarbonat  und  1  Teil
Kampfer.
Alberts  Remedy  ist  eine  mit  10  0/0  Jodkalium
versetzte  Kolchikumtinktur.
Albit  (frz.  Albite),  Natronfeldspat  oder  trikliner ­
  Feldspat,  ein  Mineral,  welches  ebenso  wie
Kalifeldspat  in  der  Porzellanfabrikation  Verwendung ­
  findet  und  no/ 0  Natron  enthält,  ist
m ^AlK  ^ ar ' D l os  °der  weiß,  seltener  gefärbt.
Alboferrin,  ein  Eiweißpräparat  mit  0,6  0/0  Eisen
für  Blutarme.
Albokarnit,  ein  borsäure-  und  kochsalzhaltiges
Fleischkonservierungsmittel.  Nach  dem  neuen
Fleischbeschaugesetz  verboten!
Albolith  (Abolith)  nennt  man  ein  aus  Magnesiumoxychlorid
  bestehendes  Präparat,  das
zur  Herstellung  eines  schützenden  Anstrichs  auf
Mauern,  Holz,  Gips-  und  Kalkwände  benutzt
wird.
Albumin  (Eiweiß,  lat,  Albumen,  frz.  Albumine, ­
  engl.  Albumen,  Albumine)  findet  sich  in
vier  verschiedenen  Arten,  als  Eier-,  Serum-,
Milch-  und  Pflanzenalbumin,  von  denen  aber  fast
nur  die  ersten  beiden  im  Handel  Vorkommen.
Das  Eieralbumin  wird  aus  Hühnereiern,  seltener ­
  aus  Gänse-  und  Enteneiern  gewonnen,  indem ­
  man  möglichst  frische  Eier  vom  Dotter
trennt  und  durch  ein  feines  Seidensieb  streicht.
Zur  Abscheidung  der  noch  vorhandenen  Dotierteste ­
  gibt  man  auf  je  100  1  Eiweiß  250  g  Essigsäure ­
  und  250  g  Terpentinöl  unter  Umrühren
hinzu,  überläßt  es  1  —  U/jTag  der  Ruhe,  wobei
das  Terpentinöl  die  Dotterteile  aufnimmt  und
in  die  Höhe  steigt,  und  zieht  nun  vorsichtig  die
darunter  befindliche  klare  Flüssigkeit  ab,  welche
zu  Prima-Albumin  verarbeitet  wird.  Aus  dem
Rückstände  wird  durch  sorgfältiges  Dekantieren
ein  Sekunda-Albumin  erhalten.  Das  Verdampfen ­
  und  Trocknen  des  mit  Ammoniak  abgestumpften ­
  Eiweißes  geschieht  in  flachen  Porzellanschalen, ­
  bei  Temperaturen  unter  35-°,weil
sonst  Gerinnung  eintritt  und  infolgedessen  ein
unlösliches  Produkt  erhalten  wird.  100  Eier
liefern  durchschnittlich  400  g  Eiweiß,  Das  käufliche ­
  A.  stellt  eine  gelbliche,  leicht  zerreibliche,
fast  geruchlose  Masse  dar,  die  schwach  alkalisch ­
  reagiert  und  sich  in  Wasser  trübe  löst.
Das  reine  Eiweiß  des  D.A.B.  soll  nur'schwach
gelblich  gefärbt  sein,  sich  in  20  Teilen  Wasser
lösen  und  neutrale  Reaktion  besitzen.  Ferner
darf  es  kein  Dextrin  oder  Gummi  enthalten  und
nicht  mehr  als  50/p  Asche  hinterlassen.  Von
großer  Wichtigkeit  ist  es,  daß  das  A.  sich  vollständig ­
  in  Wasser  löst,  da  es  in  der  Industrie
nur  in  Lösung  gebraucht  wird.  ,® as  Serumalbumin ­
  oder  Blutalbumin  erhält  man  aus
dem  Blute  geschlachteter  Tiere,  indem  dieses
sofort  in  Zinkwannen  aufgefangen  und  bis  zur
Gerinnung,  d.  h.  der  -Scheidung  in  Blutserum

und  Blutkuchen  im  Schlachtlokal  belassen  wird.
Hierauf  werden  die  Blutkuchen  in  Würfel  geschnitten ­
  und  auf  Metallsieben  von  dem  Serum
getrennt.  Das  freiwillig  abfließende  Serum  ist
fast  ungefärbt  und  liefert  das  beste  Eiweiß.  Geringere ­
  Sorten  erhält  man  durch  Ausziehen  des
zurückbleibenden  Blutkuchens  mit  Wasser.  Die
Lösungen  des  Serumeiweißes  werden  dann
entweder  direkt  (Naturalbumin)  oder  nach
Behandlung  mit  Essigsäure  und  Terpentinöl
(Patentälbumin)  unter  denselben  Vorsichtsmaßregeln ­
  wie  das  Hühnereiweiß  eingetrocknet.
Das  Bluteiweiß  ist  dunkler  gefärbt  als  ersteres
und  oft  sogar  von  brauner  Farbe.  Um  es  zu
entfärben,  filtriert  man  entweder  durch  Kohle
oder  fällt  mit  Bleiessig.  Auch  ist  Behandlung
mit  Wasserstoffsuperoxyd  oder  schwefliger
Säure,  empfohlen  worden.  Zur  Darstellung  von
1  kg  Blutalbumin  ist  das  Blut  von  z 1 /^  Rindern,
17  Kälbern  oder  10  Hammeln  erforderlich.  Die
Wertbestimmung  des  A.  erfolgt  am  besten  durch
Ermittlung  des  Stickstoffgehaltes  und  Multiplikation ­
  mit  6,25.  Verfälscht  wird  das  käufliche
A.  häufig  mit  Gummi,  Dextrin,  Tragant  und
Leim.  Die  Versuche,  A.  aus  Fischrogen  herzustellen, ­
  haben  zu  keinem  günstigen  Resultate
geführt,  da  dieses  Produkt  stark  fetthaltig  ist.
Der  Handelswert  der,  als  Klärmittel  und  in  der
Färberei  benutzten  A.  hängt  von  deren  Löslichkeit ­
  in  Wasser  und  der  Fähigkeit,  beim  Erhitzen
auf  75  0  zu  gerinnen,  ab,  ferner  von  der,  Eigenschaft, ­
  durch  Gerbstoff  gefällt  zu  werden.  Das
Eiereiweiß  und  noch  mehr  das  Serumeiweiß
finden  in  großen  Mengen  technische  Verwertung ­
  zur  Klärung  von  Flüssigkeiten,  namentlich
in  den  Zuckerraffinerien,  zur  Herstellung  photographischer ­
  Papiere,  mit  Kalk  gemischt  als
Kittmittel,  in  der  Kattundruckefei  zum  Befestigen ­
  unlöslicher  Farben  auf  der  Faser,  zum
sogenannten  Animalisieren  in  der  Baumwollfärberei ­
  usw.  In  der  Pharmazie  wird  das  A.  zur
Darstellung  des  Eisenalbumins  (Liquor  ferri  albuminati)
  benutzt.  Das  Milchalbumin  (Lactalbumin)
  ist  in  geringen  Mengen  in  der  Milch
enthalten  und  koaguliert  zwischen  72—84°  C.
Das  Pflanzenalbumin  findet  sich,  wennschon
meist  in  sehr  geringer  Menge,  in  allen  Pflanzensäften ­
  und  entspricht  in  seinen  Eigenschaften ­
  dem  Eieralbumin.
Albuminpapiere  (Photographische  Papiere, ­
  frz.  Papiers  albumineux,  engl.  Albumenized
  papers),  nertnt  man  feine  Papiere,  welche
auf  der  einen  Seite  mit  einem  ganz  gleichmäßigen ­
  glatten  Überzug  von  gereinigtem  Hühnereiweiß ­
  (Eieralbumin)  versehen  und  zur  Aufnahme
photographischer  Bilder  (Positive)  bestimmt  sind.
Sie  werden  mit  Zusätzen  von  Silbersalzen  sensibilisiert, ­
  lichtempfindlich  gemacht,  teils  weiß,
teils  in  verschiedenen  blassen  Farbtönen  von  rosa,
bläulich,  violett  und  grau  hergestellt.  Ferner  wird
zwischen  einfach  und  doppelt  albuminierten
Papieren  unterschieden,  von  denen  letztere  auch
Brillant-A.  heißen.  In  der  Anfertigung  dieser
Papiere  nimmt  Deutschland  unbestritten  die
erste  Stelle  ein,  und  vor  allem  in  Dresden  finden ­
  sich  große  Fabriken.
Aldehyd  (lat.  Aldehydum,  frz.  Aldehyde,  engl.
Aldehyd),  auch  Azetaldehyd,  gewöhnlicher  A.,
von  seinem  Entdecker  Liebig  nach  den  Anfangs ­
        <pb n="15" />
        Aldol

10

Alinit

silben  von  Alkohol  und  dehydrogenatus  (wasserstoffberaubt) ­
  benannt,  findet  sich  im  Runkelrübenspiritus, ­
  im  rohen  Holzgeist  und  im  Vorlauf ­
  des  mit  Holzkohle  entfuselten  Spiritus.
Im  großen  wird  er  dementsprechend  bei  der
Reinigung  von  Rohspiritus  durch  Holzkohle
gewonnen,  wobei  die  in  den  Kohlenporen  kondensierte ­
  Luft  oxydierend  auf  einen  Teil  des
Alkohols  wirkt.  Dieser  bei  der  Destillation  zuerst ­
  übergehende  Teil  wird  besonders  aufgefangen
  (Vorlauf)  und  liefert  bei  der  fraktionierten ­
  Destillation  den  sogenannten  technischen
A.  Den  reinen  Ä.  stellt  man  gewöhnlich  durch
Oxydation  des  Alkohols  mittels  Braunsteins
oder  Kaliumchromats  und  Schwefelsäure  dar.
A.,  CH3.CHO,  ist  eine  farblose,  leicht  bewegliche ­
  Flüssigkeit  von  erstickendem  Geruch, ­
  welche  bei  21 0  C  siedet  und  bei  o°  ein
spez,  Gew.  von  0,8009  besitzt.  Mit  Wasser  und
Alkohol  ist  A.  in  jedem  Verhältnis  mischbar,
nimmt  aus  der  Luft  leicht  Sauerstoff  auf  und
oxydiert  sich  zu  Essigsäure.  Wie  alle  A.  wirkt
er  reduzierend  und  scheidet  aus  ammoniakal.
Silberlösung  einen  Silberspiegel  ab.  Im  Handel
unterscheidet  man  technischen  A.  (venale)  und
chemisch  reinen  A.  (absolutum).  Letzterer  findet ­
  nur  zu  wissenschaftlichen  Zwecken  Verwendung. ­
  In  der  Farbentechnik  wurde  der  A.  früher
zur  Darstellung  des  sog.  Aldehydgrüns  benutzt,
während  er  jetzt  zur  Gewinnung  von  Chinaldin
und  Chinolingelb  dient.
Aldoi,  der  Aldehyd  der  Oxybuttersäure,  C 3 H 6 .
(OH)CHO,  entsteht  bei  Behandlung  von  Azetaldehyd
  mit  kalter  Salzsäure  als  eine  färb-  und
geruchlose,  dickliche  Flüssigkeit,  welche  als
Schlafmittel  Anwendung  findet.
Ale  (spr.  Ehl)  ist  ein  englisches  obergäriges
Nationalbier,  von  welchem  man  zwei  Hauptsorten
unterscheidet,  nämlich  bitteres  A.,  auch  India-Ale
  oder  Pale-Ale  genannt,  welches  vorzugsweise ­
  in  England  konsumiert  wird,  und  mildes
A.  oder  Scottish-Ale,  das  in  Schottland  vorgezogen ­
  wird.  Zum  Export,  namentlich  nach
heißen  Ländern,  eignet  sich  nur  die  erstere,
sehr  stark  gehopfte  Sorte.  Außer  diesen  beiden
Hauptsorten  unterscheidet  man  noch  je  nach
den  Orten,  wo  dasselbe  gebraut  wird,  verschiedene ­
  Untersorten,  so  z.  B.  London-Ale,  Bourton-Ale,
  Leeds-Ale.  Gutes  A.  hat  eine  blaßgelbe ­
  Farbe,  schäumt  stark  und  zeichnet  sich
durch  große  Klarheit  aus.  Nach  einer  Analyse
des  Dresdrier  Untersuchungsamtes  enthielt  Pale-Ale
  von  Bass  &amp;amp;  Co.  5,8  o/ 0  Alkohol,  4,64  0/0  Extrakt, ­
  entsprechend  15,660/0  Stammwürze  und
70,35  %  Vergärungsgrad,  0,29,0/0  Mineralstoffe,
0,170/0  Milchsäure,  0,650/0  Maltose,  0,490/0  Eiweißstoffe, ­
  0,130/0  Glyzerin.  Ingwer-Ale  von
Belfast  istA.,-welches  einenAuszug  von  Ingwerwurzel ­
  enthält.
Ahmanns  Vegetable-Bathing  Prepareds,  ein
aus  30  g  Paprika  und  1  g  Roßkastanie  bestehendes ­
  Geheimmittel,  vor  welchem  der  Rat  zu  Dresden ­
  eine  öffentliche  Warnung  erlassen  hat.
Ahrceholz  ist  das  Holz  einer  in  Chile  wachsenden ­
  Konifere  (Fitzroya  patagonica),
deren  Stämme  oft  eine  sehr  bedeutende  Dicke
erreichen  und  wegen  der  schlechten  Transportverhältnisse ­
  gewöhnlich  im  Walde  selbst  zerschnitten ­
  werden.  Das  meist  ohne  den  weißen,

dünnen  Splint  in  den  Handel  kommende  rote
Kernholz  ist  sehr  dauerhaft,  zieht  und  wirft  sich
nicht  und  läßt  sich  leicht  spalten.  Ausfuhrhafen
für  Alercebretter  ist  Puerto  Mont,  von  wo  sie
nach  Coquimbo,  Valparaiso  und  Peru  gelangen.
In  Chile  wird  auch  das  Harz  dieses  Baumes
(Alerceharz)  zur  Bereitung  von  Lacken  benützt. ­

Aleuritesöl,  das  fette  Öl  der  Candle-  oder
Bankulnüsse,  welche  auf  den  Molukken  gegessen ­
  werden,  wird  in  Japan  und  China  als
Zusatz  zu  Leinöl  und  Firnis  im  großen  hergestellt, ­
  von  den  Eingeborenen  der  Südseeinseln
zu  Leuchtzwecken  benutzt.
Aleuronat  nennt  die  Firma  Hundhausen  ein
gelblich-weißes,  pulverförmiges  Nährpräparat
aus  Weizenkleber,  welches  bei  13—140/0  Stickstoffgehalt ­
  ein  nahezu  reines  Eiweiß  darstellt.
A.  findet  als  Kräftigungsmittel  zur  Erhöhung
des  Stickstoffgehaltes  der  Nahrung  sowie  zur
Herstellung  von  Diabetikerbrot  Anwendung.
Einige  inDresden  hergestellte  Aleuronatbrote
enthielten  18—190/0  Stickstoffsubstanz.
Alfa  (Haifa,  Sparto,  Espartofaser),  ein
Faserstoff,  der  aus  einer  in  Marokko,  Tunis  und
Algier  in  großer  Menge  wachsenden  und  auch
in  Plantagen  kultivierten  Grasart,  Stipa  tenacissima,
  gewonnen  wird  und  dort  einen  bedeutenden ­
  Ausfuhrartikel  bildet.  A.  dient  in  Spanien, ­
  Italien  und  Österreich  zur  Korbflechterei
und  als  Durchzugsstroh  der  Virginiazigarren,
die  grobe  Faser  zu  Seilerarbeiten,  Fischernetzen, ­
  die  feine  gebleichte  Faser,  namentlich
in  England  und  Spanien,  zur  Papierherstellung.
Schon  seit  Jahrhunderten  werden  ferner  aus  den
festen  Fasern  Gebirgsschuhe  (Calzei  spartei)
verfertigt.  Die  Faser,  welche  nicht  aus  dem
Plalme,  sondern  aus  den  zylindrisch  gestalteten
Blättern  gewonnen  wird,  ist  grüngelblich,  glanzlos, ­
  rauh  im  Anfühlen  und  im  Vergleiche  mit
den  gewöhnlichen  Spinnfasern  steif.
Alfenid  (frz.  Alfenide,  engl.  Argentan)  nennt
man  Legierungen  aus  Kupfer,  Zink  und  Nickel,
also  eine  Art  Neusilber.  Die  nickelreicheren  besitzen ­
  eine  sehr  schöne  weiße  Farbe,  die  nickelärmeren ­
  werden  gewöhnlich  galvanisch  versilbert. ­

Algarobilla  (Algarovilla),  Hülsenfrüchte
mehrerer  südamerikanischer  Pflanzen  (Inga  Marthae, ­
  Prosopis  Algarobo,  Caesalpinia  melanocarpa,
  Balsamocarpum  brevifolium  usw.),  deren
kleine  linsenförmige,  schwärzliche  Bohnen  wegen
ihres  hohen  Gerbstoffgehaltes  (bis  zu8oo/ 0 )  zum
Schwarzfärben  und  in  der  Tintenfabrikation
verwandt  werden.  A.  kommt  in  Säcken  von
75  kg  zum  Verkauf.
Algiermetall,  eine  weißglänzende,  ziemlich
leicht  schmelzbare  und  sehr  gußfähige  Legierung ­
  aus  94,5  0/0  Zinn,  5  °/o  Kupfer  und  0,5  0/0
Antimon,  oder  aus  7  Teilen  Zinn  und  1  Teil
Antimon,  wird  zu  Tischglocken,  Klingeln  usw.
verarbeitet.
Algin  (Alginsäure),  eine  eiweißähnliche,  aus
Meeresalgen  stammende  Substanz,  wird  als  Appreturmittel ­
  und  zur  Herstellung  photographischer ­
  Papiere  benutzt.
Alinit,  ein  graues  amorphes  Pulver,  welches
neben  Stärke  und  Aleuron  lebensfähige  Kulturen ­
  des  Bacillus  megatherium  enthält  und  als
        <pb n="16" />
        Alizarinorange

Alizarin  11

Düngemittel  empfohlen  wird.  Die  dem  Mittel
nachgerühmte  Wirkung,  den  atmosphärischen
Stickstoff  zu  binden,  ist  von  anderer  Seite  bestritten ­
  worden.
Alizarin  (Krapprot,  Lizarinsäure,  frz.  und
engl.  Alizarine)  heißt  der  Hauptfarbstoff  der
früher  besonders  in  Frankreich  angebauten
Krappwurzel,  von  deren  orientalischer  Bezeichnung ­
  (Alizart)  sein  Name  abgeleitet  ist.
Das  A.  findet  sich  in  der  Wurzel  nicht  fertig
gebildet  vor,  sondern  in  Form  eines  Glykosides,
der  Ruberythrinsäure,  welche  bei  der  Behandlung ­
  mit  Säuren  öder  durch  freiwillige  Fermentation ­
  in  Zucker  und  den  Farbstoff  zerfällt.
E)as  so  erlangte  Produkt  enthält  neben  A.  noch
einige  verwandte  Substanzen,  wie  Isopurpurin ­
  und  Flavopurpurin  und  wird  als  „grünes ­
  A.  bezeichnet.  Seine  Bedeutung  für  die
Industrie  war  in  dem  Augenblicke  vernichtet,
als  Graebe  und  Liebermann  r868  nachwiesen, ­
  daß  A.  ein  sauerstoffhaltiges  Derivat  des
Anthrazens  sei,  und  ein  Verfahren  zur  künstlichen ­
  Darstellung  entdeckten.  Das  Ausgangsmaterial ­
  der  Fabrikation  ist  das  Anthrachinon,
  welches  aus  .dem  gereinigten  Anthrazen
des  Steinkohlenteers  durch  Oxydation  mit
Chromsäuremischung  gewonnen  und  durch  Erhitzen ­
  mit  rauchender  Schwefelsäure  in  Anthrachinonmonosulfosäure
  übergeführt  wird.  Die
letztere  liefert  bei  mehrtägigem  Schmelzen  mit
Ätznatron  und  etwas  Kaliumchlörat  bei  180  bis
200°  unter  Druck  das  Nätriumsalz  des  Oxyanthrachinons
  (Alizarin),  C(,H,(CO  J 2 C„H 2 (OH) !! ,
welchem  wechselnde  Mengen  des  aus  gleichzeitig ­
  gebildeter  Disulfosäure  entstandenen  Isound
  Flavopurpurins  beigemischt  sind.  Aus  der
Schmelze  wird  durch  Salz-  oder  Schwefelsäure
das  A.  als  .gelber,  flockiger  Niederschlag  ausgefällt. ­
  In  dieser  Form,  d.  h.  als  eine  feuchte,
io-  bis  15  0/0  ige  Paste  gelangt  es  direkt  zum  Verkauf, ­
  weil  es  durch  Trocknen  an  Brauchbarkeit
verliert.  Die  Paste  muß  vor  Frost  geschützt
werden.  Nach  einem  neueren  Verfahren  stellt
man  das  A.  auch,  ohne  erst  die  Sulfosäure  zu
bilden,  durch  direktes  Verschmelzen  des  Anthrachinons
  mit  Ätzkali  unter  Zusatz  von  Oxydationsmitteln ­
  her,  oder  man  gewinnt  es  durch
Elektrolyse  eines  Gemisches  von  Anthrachinon
mit  Ätzkali.  Das  chemisch  reine  A.  ist  ein  verschieden ­
  getöntes  gelbes  Pulver,  welches  aus
Alkohol  in  langen,  glänzend  durchsichtigen  Nadeln ­
  von  dunkelgelber  Farbe  kristallisiert.  Die
Kristalle  verlieren  bei  ioo°  ihr  Kristallwasser,
schmelzen  bei  290 0  und  sublimieren  unzersetzt.
Die  Substanz  ist  fast  unlöslich  in  kaltem,  schwer
löslich  in  heißem  Wasser,  leicht  löslich  in  Alkohol, ­
  Holzgeist,  Äther  und  Eisessig  mit  gelber
Farbe,  in  Alkalien  mit  blauvioletter  Farbe.  Seiner ­
  Konstitution  entsprechend,  verhält  sich  das
A.  wie  eine  schwache  Säure.  Es  liefert  mit
Basen  Salze  (Krapplacke)  und  wirkt  sonach
als  Beizenfarbstoff.  Die  Verbindungen  mit  Kalk
und  Baryt  sind  blau,  mit  Alaun  und  Zinnsalz
rot,  mit  Eisenoxydul  schwarzviolett  und  mit
Chromsalzen  bordeaux  bis  violettbraun.  Die  im
Handel  vorkommenden  Fabrikmarken  enthalten
neben  Alizarin  meist  wechselnde  Mengen  Isopurpurin ­
  und  Flavopurpurin  und  werden  bei
überwiegendem  Gehalt  an  letzterem  Alizarin-Gelbstich,

  gegenüber  dem  aus  reinem  A.  bestehenden ­
  A.-Blaustich  genannt,  außerdem
aber  meist  noch  durch  Buchstabenbezeichnung
unterschieden.  Vorwiegend  aus  Isopurpurin  bestehen ­
  die  Marken;  GD,  SX  undRX;  aus  Flavopurpurin: ­
  Gl,  RG,  SDG  und  X;  Mischungen
beider  sind  RN,  RA  und  RR.  Das  A.  findet  in
Färberei  und  Zeugdruck  ausgedehnte  Anwendung, ­
  und  zwar  für  ersteren  Zweck  besonders
das  isopurpurinhaltige  (daher  Alizarin  für
Färberei),  für  letzteren  mehr  das  flavopurpurinhaltige
  Produkt  (A.  f.  Druckerei).  Es  gehört, ­
  weil  auf  der  Faser  gebunden,  zu  den  beständigsten ­
  und  lichtechtesten  I‘  arbstoffen  und
bildet  vor  allem  die  Grundlage  der  Türkischrotfärberei. ­
  Die  Synthese  des  künstlichen  Alizarins
  ist  das  klassische  Beispiel  für  die  volkswirtschaftlicheBedeutung
  chemischer  Forschung.
Sie  hatte  als  unmittelbare  Folge  die  Vernichtung ­
  der  blühenden  französischen  Krappkultur,
welche  von  Napoleon  III.  vergeblich  durch  gesetzgeberische ­
  Maßnahmen  (Rotfärbung  der  Militärhosen) ­
  zu  bekämpfen  versucht  wurde,  und
hat  dafür  eine  blühende  neue  Industrie  ins  Leben
gerufen.  Während  im  Jahre  1874  in  Europa
1250  t  A.,  davon  in  Deutschland  900  t  fabriziert
wurden,  stellt  Deutschland  zurzeit  allein  zirka
24000  t  her,  wovon  ein  großer  Teil  zur  Ausfuhr
gelangt.  Der  Preis  ist  dementsprechend  von
12  M.  im  Jahre  1873  auf  t  M.  für  1  kg  der
20  o/o^igen  Paste  herabgesunken.
Alizarinblau  (frz.  Bleu  d’alizarine,  engl.  Alizarine ­
  blue),  das  Chinolin  des  Alizarins,  entsteht
beim  Erhitzen  von  Nitroalizarin  (A.  orange)  mit
Glyzerin  und  Schwefelsäure.  Es  kommt  als
20  0/0  ige,  in  Wasser  unlösliche  Paste  oder,  in
Verbindung  mit  Natriumsulfit,  als  ein  wasserlösliches ­
  Pulver  (lösliches  A.  S.)  in  den  Handel
und  dient  zum  Färben  und  Drucken  gebeizter
Wolle  und  Baumwolle.  A.  ist  gegen  Waschmittel
und  die  meisten  Agenden  sehr  echt,  färbt  sich
aber  mit  Alkalien  grünlich  und  mit  Salzsäure
violett.  —  Alizarinblau  GG  ist  ein  Arylaminoxyanthrachinon
  (s.  d.).
Alizarinbordeaux  (Chinalizarin,  Tetraoxyanthrachinon)
  —  [C a H„(OH) 2 j 2 (  CO) 2  —  entsteht ­
  aus  Alizarin  und  rauchender  Schwefelsäure,
als  ein  rotes,  koschenilleähnlich  färbendes  Pulver.
Allzarin-Cyanin  (Pentaoxyanthrachinon),
bronzefarbene  Blättchen,  welche  mit  Tonerde
gebeizte  Stoffe  blau  färben.
Alizaringrün,  ein  Anthrazenfarbstoff  (Tetraoxyanthrachinon),
  färbt  mit  Chrom  gebeizte
Wolle  echt  blaugrün  und  dient  außerdem  zum
Baumwolldruck.  Alizaringrün  S  ist  die  dem
Alizarinblau  entsprechende  Verbindung  a-Nitroalizarin.
  Fälschlich  wird  der  Name  auch  für
Zoerulein  (s.  d.)  angewandt.
Allzarinmarron,  Alizaringranat,  A.  Kardinal ­
  sind  verschiedene,  durch  Reduktion  von
Nitroalizarin  erhaltene  Amidoa  1  iz  ar  ine,  welche
Wolle  je  nach  der  Beize  rot  bzw.  marron  färben.
Allzarinorange  (Nitroalizarin)  wird  dargestellt ­
  durch  Einwirkung  salpetriger  Dämpfe  auf
festes  oder  in  Ligroin  gelöstes  Alizarin  und
nachheriges  Behandeln  mit  Pottasche.  Es  erscheint ­
  im  Handel  als  braungelber  Teig  von
10—20  0/0  Trockensubstanz  oder  in  Form  des
Natriumsalzes  als  Pulver  und  bildet  das  Haupt ­
        <pb n="17" />
        Alizarinrot

12

Alkohol

material  zum  Orangefarben  und  -drucken  von
Wolle  und  Baumwolle.  Mit  Tonerdebeize  entsteht ­
  ein  Orange,  mit  Chrombeize  ein  helles
Braunrot,  mit  Eisenbeize  ein  rotes  Violett.  Mit
Tonerdekalkbeize  wird  ein  besonders  echtes
und  lebhaftes  Orangegelb  erhalten.
Alizarinrot  (A.  Karmin,  Alizarin  S),  das
Natriumsalz  der  Alizarinmonosulfosäure,  z.,  T.
auch  im  Gemisch  mit  Flavopurpurinsulfosäure,
färbt  Wolle  schön  undi  echt  rot.
Allzarinschwarz,  durch  Behandlung  von  Nitroflavöpurpurin
  mit  Glyzerin  und  Schwefelsäure ­
  entstehende  schwarze  Paste,  welche  mit
Chromoxyd  gebeizte  Wolle  schwarz  färbt.  —
Allzarinschwarz  S  leitet  sich  von  Naphtazarin
ab  (s.  Oxychinonfarbstoffe).
Alkalien,  auch  ätzende  A.,  nennt  man  die
Hydroxyde  der  Alkalimetalle:  Kalium,  Natriujn,
Lithium,  Rubidium,  Zaesium.  Auch  das  Ammoniak ­
  wird  nach  seinem  chemischen  Verhalten
zu  ihnen  gerechnet.  Kalk,  Strontian  und  Baryt
bezeichnet  man  demgegenüber  als  alkalische
Erden.
Alkaloide  (frz.  Alcaloides,  engl.  Alkaloids).
Sammelname  für  eine  große  Anzahl  im  Pflanzenreiche ­
  (z.  T.  auch  imTierreiche)  vorhandener
organischer  Stickstoffverbindungen,  welche  basischen ­
  Charakter  besitzen  und  mit  einer  Reihe
sogenannter  Gruppenreagentien:  Phosphormolybdänsäure, ­
  Phosphorwolframsäure,  Kaliumquecksilberjodid,Kaliumwismutjodid,Kaliumkadmium ­
 ­
  Jodjodkalium,  Tannin,  Pikrinsäure,  Platinchlorid, ­
  Goldchlorid,  Quecksilberchlorid  usw.
Niederschläge  liefern,  im  übrigen  aber  den  verschiedensten ­
  chemischen  Gruppen  angehören.
Neben  den  sauerstofffreien  finden  sich  sauerstoffhaltigeA.
  Die  ersteren,  wie  Nikotin  und  Koniin,
sind  flüssig  und  leicht  flüchtig,  die  letzteren  fest
und  oft  gut  kristallisierbar.  Fast  alle  Alkaloide
stellen  starke  Gifte  und  zugleich  wertvolle  Heilmittel ­
  dar.  Zu  ihrer  Trennung  benutzt  man  das
verschiedene  Verhalten  gegen  Lösungsmittel.
Durch  Äther  werden  aus  saurer  Lösung  aufgenommen; ­
  Kantharidin,  Kolchizin,  Digitalin,  Pikrotoxin; ­
  aus  alkalischer:  Nikotin,  Koniin,  Akonitin, ­
  Atropin,  Kokain,  Kodein,  Chinin,  Delphinin, ­
  Emetin,  Narkotin,  Hyoszyamin,  Papaverin,
Physostigmin,  Pilokarpin,  Strychnin,  Bruzin,Veratrin,
  Pikrotoxin,  Thebain;  aus  ammoniakalischer:
  Apomorphin.  In  warmen  Amylalkohol
gehen  über:  Morphin  und  Narzei'n.  Mit  fortschreitender ­
  Kenntnis  der  Konstitution  ist  es
gelungen,  eine  Reihe  von  Alkaloiden  synthetisch
darzustellen.  Nähere  Angaben  darüber  finden
sich  bei  der  Einzelbesprechung  der  wichtigsten
Vertreter.
Alkanna  (Hennah,  rote  Ochsenzunge,
rote  Schlangenwurzel,  lat.  Radix  alcannae,
.Radix  anchusae  tinctoriae,  frz.  Orcanette,  engl.
Orchanet),  nennt  man  die  Wurzel  von  Alcanna
tinctoria,  einer  in  den  Mittelmeerländern  heimischen ­
  Boraginee,  die  namentlich  in  Ungarn
angebaut  wird.  Die  Wurzel  ist  spindelförmig,
wenig  ästig,  um  ihre  Achse  gedreht,  bis  25  cm
lang,  1  —1,5  cm  dick  und  mit  einer  leicht  abblätternden, ­
  dunkelvioletten  bis  braunroten  Rinde
bedeckt,  welche  der  Träger  des  Farbstoffs  ist,
während  der  leicht  zerbrechliche  Holzkörper
auf  dem  Querbruche  nur  gelblichweiß  erscheint,
I

Mit  dem  gleichen  Namen  wird  die  ebenfalls  rotfärbende, ­
  aber  größere  Wurzel  von  Onosma
echinoides  (Lotwurzel)  und  Emodi,  die  in
Frankreich  gebraucht  wird,  sowie  die  Wurzel
von  Lawsonia  inermis  belegt,  die  im  Orient
als  Hennah  zum  Rotfärben  der  Fingernägel
Anwendung  findet.  Deutschland  bezieht  seinen
Bedarf  meist  aus  Ungarn.  Anwendung:  Zum
Rotfärben  von  Haaröl,  Pomade,  Spirituslack.
Alkannin  (Anchusin),  der  rote  Farbstoff  der
Alkanna,  in  welcher  er  ,zu  5—6°/o  enthalten  ist,
wird  durch  Extraktion  der  Wurzel  mit  Benzol
und  Abdcstillieren  des  Lösungsmittels  gewonnen
und  kommt  als  eine  harzartige,  breiförmige
Masse  in  den  Handel.  A.  ist  in  Wasser  unlöslich,; ­
  löst  sich  aber  leicht  in  fetten  und  ätherischen
Ölen  sowie  in  Alkohol  mit  prächtig  roter  Farbe,
die  durch  Alkali  in  Blau  übergeht.  Das  reine
Alkannin  besteht  aus  zwei  verschiedenen  Rotpigmenten, ­
  der  durch  Alkali  grün  werdenden
Anchusasäure  (C 15 H 14 0 2 )  und  der  mit  Alkali
blau  werdenden  Alkannasäure.  Anwendung
wie  Alkanna.
Alkarrazas  (Kühlkrüge,Kühlflaschen)  sind
poröse  Gefäße  aus  schwach  gebranntem,  unglasiertem ­
  Ton,  welche  in  südlichen  Ländern
zum  Kühlhalten  von  Trinkwasser  dienen.  Man
findet  sie  namentlich  inÄgypten,  Spanien,  Westindien ­
  und  Ostindien,  doch  werden  sie  auch  in
Deutschland  und  Frankreich  hergestellt.  Die
kühlende  Wirkung  beruht  darauf,  daß  das  durch
die  Poren  der  Gefäß  wandung  gedrungene  Wasser
an  der  Oberfläche,  besonders  im  Luftzuge,  schnell
verdunstet  und  dadurch  Wärme  bindet.
Alkohol,  Äthylalkohol,  Weingeist,  Spiritus ­
  (frz.  Esprit,  Eau  de  vie,  engl.  Spirit  refined
alcool),  eines  der  wichtigsten  Erzeugnisse  der
Großindustrie,  entsteht  bei  der  Zerlegung  des
Zuckers  durch  Hefe  (Saccharomyces)  und  findet
sich  daher  in  allen  vergorenen  Zuckerlösungen,
aus  denen  er  durch  Destillation  (s.  unter  Branntwein) ­
  abgeschieden  wird.  Das  wichtigste  Ausgangsmaterial ­
  bilden  neben  zuckerhaltigen  Frächten ­
  (Obst,  Rübe,  Topinambur)  und  Abfällen  der
Zuckerindustrie  (Melasse)  stärkehaltige  Rohstoffe ­
  (Getreide,  Kartoffeln),  deren  Stärke  vorher ­
  in  Zucker  umgewandelt  wird.  Die  Versuche,
Holzzellulose  in  Stärke  und  Zucker  überzuführen, ­
  haben  noch  keine  befriedigenden  Ergebnisse ­
  gezeitigt,  hingegen  ist  es  anscheinend  gelungen, ­
  die  Abwässer  der  Zollulosefabriken,  die
sog.  Sulfitlauge,  die  geringe  Mengen  Zucker
enthalten,  zur  Alkoholgewinnung  heranzuziehen.
Bei  einer  Ausbeute  von  1  Vol.  0/0  sollen  aus  der
Sulfitlauge  von  550000  t  Zellstoff  in  Deutschland ­
  200000  hl  Spiritus  gewonnen  werden  können.
Die  Feldmühle  Zellulosenwerke  in  Cosel  haben
bereits  eine  Fabrik  errichtet.  In  der  Schweiz  ist
man  der  Herstellung  von  A.  aus  Kalziumkarbid
(Azetylen)  nähergetreten  und  hofft  auf  eine
Ausbeute  von  8000  t.  —  Der  durch  Destillation
erhaltene  sog.  Rohsprit  wird  von  den  anhaftenden ­
  Verunreinigungen  (Aldehyde,  Fuselöl,
Furfurol)  durch  wiederholte  Rektifikation  in
Kolonnenapparaten  befreit  und  dabei  gleichzeitig ­
  im  Alkoholgehalte  angereichert.  Der  zwischen ­
  dem  Vorlauf  und  dem  Nachlauf  überdestillierende ­
  „Feinsprit“  wird  je  nach  der
Stärke  in  Sekundasprit  (93—940/0),  Prima-
        <pb n="18" />
        Alkohole

13

Aloe

Sprit  (94^-95  °/o),  Feinsprit  (95—97°/o)  und
absoluten  A.  (98V0I.0/0)  unterschieden.  Auch
der  letztere  enthält  noch  geringe  Mengen  von
Wasser,  von  denen  er  nur  durch  Behandlung
mit  gebranntem  Kalk  befreit  werden  kann.  —
Der  wasserfreie  Äthylalkohol,  CjHjOH,  ist
eine  farblose,  leicht  bewegliche  Flüssigkeit  vom
spez,  Gew.  0,79  bei  15°,  die  bei  78  P  siedet  und
mit  farbloser  Flamme  brennt.  Er  mischt  sich
mit  Wasser  in  jedem  Verhältnis  und  ist  ein  ausgezeichnetes ­
  Lösungsmittel  für  Harze,  ätherische
Oie  und  viele  andere  organische  Stoffe.  In  konzentrierter ­
  Form  und  größerer  Menge  wirkt  er
giftig,  in  Verdünnungen  berauschend,  Mikroorganismen ­
  (Hefen,  Bakterien)  tötet  er  ab.  Zum
chemischen  Nachweise  kleiner  A.-Mengen  erwärmt ­
  man  das  Destillat  mit  etwas  Jod  und
Natronlauge,  wobei  der  Geruch  und  gelbe  Kristalle ­
  von  Jodoform  auftreten,  oder  man  prüft,
ob  beim  Erhitzen  mit  konz.  Schwefelsäure  und
Natriumazetat  Geruch  nach  Essigester  entsteht.
Die 1  Stärke  des  Alkohols  wird  aus  dem  spez.
Gew.  mit  Hilfe  von  Alkoholometern  bestimmt
und  am  besten  der  Tabelle  von  Windisch  entnommen. ­
  Die  Angaben  nach  Tralles  sind  veraltet. ­
  —•  A.  findet  in  großem  Maßstabe  Verwendung ­
  als  Leucht-  und  Heizmittel,  zur  Herstellung ­
  von  Essig,  Chloroform,  Äther  und  zahlreichen ­
  Chemikalien,  als  Lösungsmittel  für  Farben, ­
  Harze,  öle  und  als  Branntwein  (s.  d.)  zu
Trinkzwecken.  Die  deutsche.  Erzeugung  belief
sich  im  Jahre  1913  auf  4,5  Millionen  Hektoliter.
—  Die  Stcuerverhältnisse  sind  unter  Branntwein
besprochen.
Alkohole  (frz.  Alcools,  engl.  Spirits),  Sammelname ­
  für  eine  große  Gruppe  organischer  Verbindungen, ­
  welche  mit  dem  Weingeist  in  chemischer ­
  Hinsicht  gewisse  Ähnlichkeit  besitzen
und  sich  wie  dieser  von  Kohlenwasserstoffen
durch  Eintritt  von  Hydroxylgruppen  an  Stelle
von  Wasserstoffatomen  ableiten.  Technisch  wichtige ­
  Alkohole  sind:  Äthylalkohol  (Weingeist),
Methylalkohol  (Holzgeist),  Amylalkohol
(Fuselöl),  Menthol,  Glyzerin.
Alkoholfreie  Getränke  sind  Erzeugnisse  einer
neuen  Industrie,  welche  der  Mäßigkeits-  und
Enthaltsamkeitsbestrebung  ihren  Ursprung  verdanken ­
  und  als  Ersatz  der  geistigen  Getränke
in  steigenden  Mengen  zum  Konsum  gelangen.
Nach  dem  Ausgangsmaterial  unterscheidet  man
sog.  alkoholfreie  Weine  und  Biere,  Getränke
aus  Apfelsaft  oder  anderen  Fruchtsäften,
Brauselimonaden  und,  von  geringerer  Bedeutung, ­
  alkoholfreie  Milchgetränke.  Die
Glieder  der  ersten  Gruppe,  welche  auf  den  Namen ­
  Wein  und  Bier  streng  genommen  keinen
Anspruch  haben,  werden  durch  Sterilisieren  von
Traubensaft  oder  Bierwürze  oder  durch  Entgelten ­
  von  Bier  und  Wein  hergestellt.  Die
Apfelgetränke  bestehen  entweder  aus  dem  Safte
Bischer  Äpfel  oder  aus  Dörrobstextrakten  und
dürfen  im  letzteren  Falle  nicht  als  Apfe!„saft“
bezeichnet  werden.  Brauselimonaden  sind  Mischungen ­
  von  kohlensäurehaltigem  Wasser  mit
natürlichen  Fruchtsäften  oder  auch  mit  künsthch
  gefärbtem  und  aromatisiertem  Zuckernasser.
  Nachdem  in  der  ersten  Zeit  zahllose
geringwertige  Kunstprodukte  unter  hochtrabenden ­
  und  täuschenden  Bezeichnungen  verkauft

worden  waren,  kommen  neuerdings  verschiedene
vortreffliche  Erzeugnisse  aus  natürlichen  Fruchtsäften ­
  in  den  Handel.  Der  Alkoholgehalt  soll
0,5  Vol.  0/0  nicht  übersteigen.
Alkoholometer  (frz.  Alcoolometres,  engl.  Alkoholometers) ­
  sind  Senkwagen  oder  Aräometer
(s.  d.),  die  zur  leichten  Bestimmung  des  Alkoholgehaltes ­
  wäßrig-spirituöser  Flüssigkeiten
(Branntwein)  dienen  und  sofort  Gewichtsprozente ­
  anzeigen.  Bei  zuckerhaltigen  Flüssigkeiten
(Likören,  Fruchtsäften)  muß  der  Alkohol  vorher ­
  abdestilliert  werden.  A.  werden  hauptsächlich ­
  in  Thüringen  (Mellenbach,  Stützerbach,
Manebach)  und  in  Berlin  fabrikmäßig  hergestellt, ­

Allerheiligenholz  ist  die  in  manchen  Gegenden ­
  gebräuchliche  Bezeichnung  für  Bahiarotholz.
Allerleigewürz  nennt  man  eine  in  manchen
Gegenden  gebräuchliche  Mischung  verschiedener ­
  gemahlener  Gewürze,  welche  gewöhnlich
aus  Piment,  Pfeffer  und  Ingwer  besteht.  Häufig
wird  auch  bloß  Piment  dafür  gegeben.
Allermannsharnisch  (Siegwurzel,  lat.  Bulbus ­
  victorialis,  frz.  Racine  de  victoriale,  engl.
Wild  broad  garlic),  ein  veralteter  Artikel  des
Drogenhandels,  besteht  entweder  als  „langer
A.“  aus  den  Zwiebeln  vonAllium  victorialis
oder  als  „runder  A.“  aus  den  Wurzeln  von
Gladiolus  communis.
Alligatorleder  (Krokodilleder),  die  gegerbte
Haut  des  amerikanischen  Krokodils  oder  Alligators ­
  (Kaiman,  Champsa  lucius),  welche  aus
Mexiko  oder  Mittelamerika  nach  Neuyork  und
San  b  ranzisko  auf  den  Markt  kommt,  ist  bräunlichgelb ­
  und  wird  zu  Sätteln,  Taschen  und  Schuhen ­
  verarbeitet.  Für  Stiefel  ist  es  weniger  geeignet, ­
  da  es  wegen  seiner  zu  geringen  Dicke
die  Feuchtigkeit  nicht  genügend  abhält.
Allylverbindungen  enthalten  die  Gruppe  C 3 H 6 ,
welche  sich  in  der  Natur  besonders  im  Senföl
(s.d.)  vorfindet.  Der  Allylalkohol,  C s H 5 .OH,
entsteht  bei  der  Erhitzung  von  Glyzerin  mir
Oxalsäure  auf  260°.
Almandin  (Alabandine,  orientalischer
Granat),  eine  der  schönsten  Granatsorten,  von
rubinroter  Farbe,  s.  Granat.
Aloe  (lat.  Aloe,  frz.  Alöbs,  engl.  Aloe),  ein
wichtiger  Artikel  des  Drogenhandels,  besteht
aus  dem  eingetrockneten  Safte  verschiedener
Arten  der  Aloepflanze.  Nach  der  äußeren  Beschaffenheit ­
  unterscheidet  man  im  Handel  die
beiden  Hauptformen:  Leberaloe  (Aloe  hepatica)
  und  glänzende  Aloe  (Aloe  lucida).
Die  zu  letzterer  gehörigen  Sorten  sind  stark
glänzend  und  auf  der  Bruchfläche  und  in  dünnen
Schichten  durchscheinend,  während  die  Leberaloesorten ­
  matt  led^rfarben  und  undurchsichtig
sind,  da  die  ganze  Masse  mit  mikroskopisch
kleinen  Kristallen  erfüllt  ist.  Sämtliche  Sorten
besitzen  einen  äußerst  bitteren  Geschmack  und
einen  eigentümlichen  Geruch.  Nach  der  Herkunft ­
  unterscheidet  man  folgende  Sorten:  1.S0-kotrin-Aloe
  oder  türkische  A,  (Aloe  socotrina)
  wurde  früher  auf  der  Insel  Sokotra  im
Golf  von  Aden  gewonnen.  Jetzt  kommt  jedoch
keine  A.  mehr  von  dort,  sondern  man  belegt
mit  diesem  Namen  teils  die  bei  Maccula  unweit
Kosseir  an  der  arabischen  Südküste,  teils  die
auf  Zanzibar  gewonnene  A.,  welche  in  großen
        <pb n="19" />
        Aloefarbstoffe

14

Altheewurzel

braunroten,  an  den  Kanten  granatrot  durchscheinenden ­
  und  innen  oft  noch  weichen  Stücken
mit  muschligem,  glasglänzendera  Bruche  in  den
Handel  gelangt.  2.  Kap-Aloe  (Aloe  capensis),
  vom  Kap  der  guten  Hoffnung,  der  Tafelund
  Algoabay,  hat  eine  tief  braune  Farbe  und
ist  außen  grünlich  bestäubt.  3.  Curagao-Aloe
(Aloe  curassaviCa),  von  der  gleichnamigen  Insel, ­
  ist  außen  glänzend  schwarz,  auf  dem  Bruche
dunkelbraun,  undurchsichtig  und  kommt  fast
gar  nicht  in  unseren  Handel.  4.  Die  Barbados-Aloe
  (Aloe  Barbadensis),  welche  in  Westindien
aus  verschiedenen  dort  kultivierten  Aloesorten,
hauptsächlich  aber  aus  Aloe  vulgaris  gewonnen ­
  wird,  gelangt  von  Jamaika  und  Barbados ­
  in  Kisten,  an  Stelle  der  früher  üblichen  Kürbisflaschen, ­
  zu  uns.  Diese  beste  Sorte  der  Lebefaloe
  ist  gewöhnlich  schwarzbraun  und  undurchsichtig, ­
  im  Bruche  uneben,  wenig  wachsglänzend
und  riecht  beim  Anhauchen  safranartig.  —  Als
geringere  Sorten  finden  sich  im  Handel  die
nicht  glänzenden  arabischen,  griechischen
und  B  ombayaloesorten,  welche  als  Übergangsformen ­
  zwischen  glänzender  und  Leberaloe  anzusehen ­
  sind.  Echte  Leberaloe  zeigt  in  dünnen
Splittern  mit  Wasser  befeuchtet  bei  starker  Vergrößerung ­
  hellgelbe  prismatische  Kristalle  von
Aloin  (s.  d.),  die  in  den  glänzenden  Aloesorten
fehlen.  Außerdem  enthält  die  Aloe  noch  Harz
und  eine  Spur  ätherisches  Öl.  —•  A.  wird  zu
medizinischen  Zwecken  als  starkes  Abführmittel,
in  der  Tierheilkunde  innerlich  und  äußerlich  als
Heilmittel  bei  eiternden  Wunden,  in  der  Technik
zur  Herstellung  brauner  Farben  für  die  Färberei
und  als  Holzbeize  angewandt.  Eine  für  medizinische ­
  Zwecke  nicht  brauchbare,  Sand  und
Unreinigkeiten  enthaltende  Sorte,  die  Roßaloe
(Aloe  caballina),  eine  schwarze,  glanzlose  Masse,
wird  aus  Blättern  gewonnen,  denen  der  größte
Teil  des  Saftes  bereits  entzogen  wurde.
Aloefarbstoffe.  Aus  der  Aloe  lassen  sich  verschiedene ­
  Farbstoffe,  wie  Pikrinsäure,  Aloetinsäure
  und  Chrysaminsäure  hersteilen.
Ein  Gemenge  der  letzten  beiden  kommt  als
Echtbraun  in  den  Handel  und  wird  zum  Färben ­
  von  Wolle,  Baumwolle  und  Leder  verwendet.
Diese  beiden  Säuren  haben  auch  die  merkwürdige ­
  Eigenschaft,  an  sich  unechte  Farbstoffe,
wie  z.  B.  Orseille  und  Anilinfarben,  lichtecht  zu
machen,  wozu,  schon  ein  verhältnismäßig  geringer ­
  Zusatz  genügt.
Aloehanf  (Agavehanf,  Sisal,  Tampico,
Pita,  frz.  Chanvre  d’alofes,  engl.  Aloe-hemp),
eine  spinnbare  Faser  aus  den  Blättern  einiger  in
Süd-  und  Mittelamerika  und  Ostindien  heimischer ­
  Arten  der  Agave  americana,  die  auch
bei  uns  in  Gewächshäusern  gezogen  wird.  Die
Pflanze  dient  zunächst  zur  Herstellung  von  Einzäunungen ­
  und  wird  nach  zehnjährigem  Wachstum ­
  des  Saftes  beraubt,  der  ein  berauschendes
Getränk,  die  Pülque  liefert.  Ist  sie  dadurch
zum  Absterben  gebracht,  so  werden  die  Blätter
zwischen  Wälzen  zerquetscht,  die  fleischigen
Teile  herausgewaschen  und  die  Fasern  getrocknet ­
  und  gekämmt.  Der  A.  ist  glänzend  gelblichweiß, ­
  von  großer  Festigkeit  und  geringem  spezifischen ­
  Gewicht.  Er  dient  zur  Herstellung  von
Schiffstauen,  welche  stärker  und  elastischer  als
Hanftaue  sind  und  in  der  nordamerikanischen

Marine  sowie  auf  belgischen  Schiffen  benutzt
werden.  AusBelgien  gelieferte  Breitseile  werden ­
  in  westfälischen  Kohlen-  und  Bergwerken
mit  Erfolg  statt  der  Drahtseile  verwendet.  Außerdem ­
  fertigt  man  aus  den  Fasern  Packtücher,
Kaffeesäcke,  Teppiche,  feinere  und  gefärbte  Seilerwaren. ­
  Künstlich  gekräuselt  dienen  sie  als
Polstermaterial.
Aloin  (lat.  Aloinum),  der  in  der  Aloe  enthaltene ­
  Bitterstoff,  der  je  nach  der  Abstammung  in
Barbaolin,  Nataloin,  Socaloin  und  Kapaloin
  unterschieden  wird,  bildet  sternförmig
gruppierte,  gelbe  .  Kristallnadeln  von  anfangs
süßlichem,  später  intensiv  bitterem  Geschmack.
Es  löst  sich  in  600  Teilen  Wasser,  leicht  in  Alkohol ­
  und  Äther.  Anwendung  :  als  Abführmittel.
Alpaka,  Bezeichnung  für  die  auch  als  Argentan,
  Alfenide,  Neusilber  bekannte  Legierung
von  Kupfer,  Zink  und  Nickel,  besonders  in  versilbertem ­
  Zustande.  Es  dient  zur  Herstellung
von  Beschlägen  an  Schatullen  und  sonstigen
geschmackvollen  Kunsttischlereien  sowie  zu  Eßbestecken. ­

Alpenkräutertee,  verschieden  zusammengesetzte ­
  Gemische  trockener  Drogen  meist  abführender ­
  Wirkung:  WebersA.:  Blüten  vonMalve,
Schafgarbe,  Pfingstrose,  Arnika,  Ringelblume,
Flieder,  Stiefmütterchen,  Blätter  von  Huflattich,
Nuß,  Pfefferminz,  Waldmeister,  Majoran,  Fenchel- ­
  und  Koriandersamen,  Wurzel  von  Althee,
Süßholz,  Hauhechel,  Sassafrasholz  und  20  bis
25  0/0  Sennesblätter.
Alsol  (Aluminium-acetico-tartaricum)  wird
durch  Eindampfen  von  essigsaurer  Tonerdelösung
mit  3—40/0  Weinsäure  dargestellt  und  alsMundund
  Gurgelwasser  sowie  zur  Wundbehandlung
verwendet.
Altheekraut  (Eibisch,  Sammetpappel,  lat.
Herba  althaeae,  frz.  Feuilles  d’althöe,  engl.
Marsh-mallow-leaves),  die  getrockneten  herzförmigen ­
  Blätter  vonAlthaea  officinalis,einer
zu  den  Malvazeen  gehörigen  Pflanze,  sind  sehr
weich,  von  graugrüner  Farbe  und  auf  beiden
Seiten  weichfilzig  behaart.  Scharf  getrocknet
sind  sie  leicht  zerreiblich,  fast  geruchlos,  von
fadem,  schleimigem  Geschmack  und  werden
leicht  von  Würmern  zerfressen.  5  Teile  frische
Blätter  liefern  1  Teil  getrocknete.  Das  A.  findet ­
  als  schleimlösendes  Mittel  Anwendung.
Altheewurzel  (Eibischwurzel,  lat.  Radix  althaeae, ­
  frz.  Racine  d’althee,  engl.  Marsh-mallow-root),
  die'  vor  dem  Trocknen  geschälte
Wurzel  des  zu  den  Malvazeen  gehörenden
Eibischs,  Althaea  officinalis,  bildet  fingerdicke, ­
  bis  zu  20  cm  lange,  etwas  biegsame
Stücke  von  fast  weißer  Farbe,  länglichrundlicher
Oberfläche  und  ebenem,  weißem  Bruch.  Auch
wird  sie  geschnitten  in  Form  kleiner  Würfel
(Radix  althaeae  concisa)  sowie  als  grobes  und
feines  Pulver  verkauft.  Sie  enthält  neben  etwas
Aspäragin  und  Stärke  Pektin  oder  Pflanzenschleim. ­
  4  Teile  frische,  geschälte  Wurzel  liefern ­
  1  Teil  trockene.  Im  Handel  unterscheidet
man  bayrische,  französische  und  belgische
Altheewurzel.  Die  bayrische  ist  weniger  weiß  und
markig  als  die  französische,  wird  aber  hinsichtlich ­
  ihrer  Wirkung  mehr  geschätzt,  die  belgische
kommt  seltener  zu  uns.  Der  Anbau  erfolgt  namentlich ­
  in  der  Gegend  von  Schweinfurt,  Bam ­
        <pb n="20" />
        Aluminit

15

Aluminiumlegierungen

berg  und  Nürnberg.  Um  die  Wurzel  weißer  erscheinen ­
  zu  lassen,  wird  sie  häufig  gekalkt,  doch
erkennt  man  diese  Verfälschung  leicht,  wenn
man  die  Wurzel  mit  verdünnter  Salzsäure  abspült ­
  und  den  Auszug  mittels  Ammoniumoxalats
auf  Kalk  prüft.  Verwendung  findet  A.  als  schleimlösendes, ­
  reizmilderndes  Mittel,
Aluminit,  ein  Mineral,  besteht  aus  natürlicher
schwefelsaurer  Tonerde.
Aluminium  (lat.,  frz.  und  engl.  Aluminium,  in
amerikanischen  Abkürzungen:  Alum,  Alim,
Ali  um,  Alm)  ist  ein  Metall  der  Eisengruppe
(Al)  vom  Atomgewicht  27,  Welches  in  freiem
Zustande  in  der  Natur  nicht  vorkommt,  in  Form
von  Verbindungen  aber  außerordentlich  verbreitet ­
  ist  und  etwa  8»/o  der,  festen  Erdrinde
ausmacht.  Als  Oxyd  findet  es  sich  im  Korund
(Rubin  und  Saphir),  als  Hydroxyd  im  Diaspor,
an  Fluor  gebunden  mit  Fluornatrium  zusammen
als  Kryolith.  Außerdem  bildet  es  in  Verbindung
mit  Kieselsäure  einen  Bestandteil  der  meisten
Massengesteine,  besonders  der  Feldspate  und
ihrer  Zersetzungsprodukte:  Kaolin,  Ton  und
Lehm.  —  Das  A.  wurde  von  Wühler  im  Jahre
1827  beim  Zusammenschmclzen  von  Aluminiumchlorid ­
  mit  metallischem  Kalium  entdeckt  und
von  der  zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  an
durch  Reduktion  von  Aluminium-Natriumchlorid ­
  mit  Natrium  fabrikmäßig  dargestellt.  Der
eigentliche  Aufschwung  der  Aluminiumindustrie
setzt  aber  erst  mit  dem  Jahre  1891  ein,  in  welchem ­
  man  zur  elektrolytischen  Darstellung  überging. ­
  Sie  besteht  im  Grunde  darin,  daß  man
eine  Lösung  von  reiner  Tonerde  (s.  d.)  in  geschmolzenem ­
  Kryolith  im  Gemisch  mit  Flußmitteln ­
  wie  Kochsalz,  Flußspat  oder  Fluoraluminium ­
  der  Einwirkung  eines  elektrischen
Stromes  von  mindestens  4000,  meist  10000  Ampere ­
  aussetzt,  wobei  sich  das  geschmolzene  Metall ­
  an  der  Kathode,  d.  h.'  dem  Boden  des  mit
Kohle  gefütterten  Eisenkastens,  ausscheidet.  An
Stelle  des  Kryoliths  benutzt  man  neuerdings
auch  ein  Gemisch  von  Fluoraluminium  mit
Schwefelnatrium.  An  Stelle  des  zur  Herstellung
der  reinen  Tonerde  früher  ausschließlich  herangezogenen ­
  französischen  Bauxits  (s,  d.)  bedient ­
  man  sich  seit  dem  Kriege  mit  Erfolg  des
gewöhnlichen  Tons.  —  Die  elektrolytische  Darstellung, ­
  welche  .zur  Erlangung  der  erforderlichen ­
  billigen  Energie  an  bestimmte  Orte  mit
ausreichenden  Wasserkräften  (Neuhausen  am
Rheinfall,  Forge,  Niagara)  gebunden  ist,  hat  eine
ungeheure  Vermehrung  der  Produktion  verursacht. ­
  Die  erzeugte  Aluminiummenge  hat  sich
von  13  t  im  Jahre  1885  auf  68200  t  im  Jahre  1913
erhöht,  von  denen  18000  t  auf  Nordamerika  und
12000  t  auf  Deutschland  entfallen.  Die  Einfuhr
nach  Deutschland  im  Jahre  1913  betrug  rund
•5000  t,  davon  6000  t  aus  der  Schweiz.  Gleichzeitig ­
  ist  der  Preis,  der  im  Jahre  1886  100  M.
Pro  1  kg  betrug,  auf  27,60  M.  im  Jahre  1890,
12  M.  im  Jahre  1891  und  1,30—1,60  M.  im  Jahre
•9*3  gesunken.  Verbraucht  wurden  1912  in
Nordamerika  28000  t,  in  Frankreich  6000  t,  in
England  4000  t  und  in  Deutschland,  Österreich
und  Rußland  zusammen  22500  t.  Irankieich
und  die  Schweiz  führen  Aluminium  aus,  wählend ­
  in  Deutschland  die  Einfuhr  überwiegt.
as  A.,  welches  in  der  Regel  etwas  Silizium

und  Eisen  sowie  Spuren  von  Kohlenstoff,  Natrium, ­
  Kupfer,  Stickstoff  und  anderen  Verunreinigungen ­
  enthält,  kann  durch  eine  geeignete  elektrolytische ­
  Behandlung  mit  Hilfe  von  Elektrolyten, ­
  welche  aus  einem  Gemische  von  Fluoriden
des  Aluminiums  und  eines  stärker  positiven  Metalls ­
  bestehen,  rein  dargestellt  werden  und  zeigt
dann  einen  Schmelzpunkt  von  660°.  Das  spez.
Gew.  des  gegossenen  A.  beträgt  2,69,  dasjenige
des  gehärpmerten  2,68,  und  dasjenige  des  A.-Drahtes
  2,70;  also  etwa  1 / s  von  dem  spez.  Gew.
des  Eisens.  In  bezug  auf  die  Härte  steht  es
dem  Kupfer  nach,  übertrifft  aber  Zinn  und  Zink
und  kann  überdies  durch  geringe  Zusätze  anderer
Metalle,  sowie  von  Phosphor,  gehärtet  werden.
Wegen  seiner  großen  Dehnbarkeit  läßt  es  sich
zu  Blech  und  Draht  ausziehen  und  zu  dünnen
Folien  (Blattalurainium)  schlagen.  Das  Aluminium ­
  besitzt  starken  weißen  Glanz  mit  bläulichem ­
  Ton  und  kann  sowohl  poliert  als  auch
mit  Hilfe  von  Chemikalien  oder  des  Sandstrahlgebläses ­
  mattiert  werden.  Das  polierte  Metall
bleibt  an  trockener  Luft  glänzend,  verliert  aber
an  feuchter  Luft,  infolge  oberflächlicher  Oxydation, ­
  an  Aussehen.  Zum  Löten  sjnd  verschiedene
phosphorhaltige  Mischungen  empfohlen  worden, ­
  z.  B.  aus  1  Teil  Aluminium,  29  Teilen  Zinn,
11  Teilen  Zink  und  1  Teil  Phosphor,  die  sich
aber  nicht  besonders  bewährt  haben.  Zum
Schweißen  eignet  sich  am  besten  das  autogene
Verfahren  unter  Verwendung,  von  AlkaliChloridlösung
  zum  Luftabschluß.  —•  Das  A.  dient  zur
Herstellung  mannigfaltiger  Gebrauchsgegenstände, ­
  wenngleich  sich  nicht  alle  Versuche  in
der  Praxis  bewährt  haben.  So  eignet  es  sich
nur  wenig  zur  Herstellung  von  chemischen  Laboratoriumsgerätschaften ­
  und  von  solchen  Kochgeschirren, ­
  in  denen  saure  Speisen  zubereitet
wenjen.  Sehr  brauchbar  ist  es  hingegen  für  Geräte, ­
  in  denen  lediglich  Wasser  oder  Gemüse
gekocht  werden  soll,  ferner  für  Backpfannen
und  Brattiegel  sowie  zum  Transport  von  Öl,  da
es  von  Öl  auch  in  der  Hitze  nicht  angegriffen
wird.  Früchte  mit  natürlicher  Färbung  (Himbeeren, ­
  Kirschen),  welche  beim  Kochen  inZinn-.geschirren
  unansehnlich  werden,  verändern  in
A.  ihre  Farbe  nicht.  Das  Metall  findet  weiter
Verwendung  zu  Schmuckgegenständen,  zu  Instrumenten ­
  verschiedener  Art  (Kanülen,  Fernrohre, ­
  Telegraphen-  und  Telephonapparate),  zum
Ersatz  von  Lithographiesteinen  und  überall  da,
wo  Leichtigkeit  des  Apparates  von  Bedeutung
ist  (Feldflaschen,  Feldkessel,  Teile  von  lenkbaren
Luftschiffen,  Automobilen,  Bote,  welche  über
Land  zu  tragen  sind,  Kisten  und  Kasten).  Im
Verlaufe  des  Krieges  ist  es  auch  in  steigendem
Maße  zur  Herstellung  von  Zündern,  Maschinenteilen, ­
  Apparaten  der  chemischen  Industrie  (Alkohol-, ­
  Harz-,  Fett-,  Konservenindustrie)  verarbeitet ­
  worden.  —  Eine  große  Rolle  spielt  das
A.  endlich  in  der  Flußeisengewinnung,  wo  es
die  Blasenbildung  verhindert,  und  im  Mitosguß.
  Das  zur  Schweißung  benutzte  Gemisch
mit  Eisenoxyd  wird  unter  Thermit  (s.  d.)  besprochen. ­

Aluminiumlegierungen  weisen  gewisse  Vorzüge ­
  vor  dein  reinen  Metall  auf  und  werden
daher  in  wachsender  Zahl  und  Menge  hergestellt. ­
  Aluminiumbronze  auspo—95  0/0  Kupfer
        <pb n="21" />
        Aluminiumverbindung'en

16

Ambra

und  5—io  o/o  Aluminium  dient  zur  Herstellung
von  Maschinenteilen,  Schiffsbeschlägen  und
dergleichen;  eine  kupferarme  A.-Bronze  aus
94—97  o/o  Aluminium  und  3—6  0/0  Kupfer  für
Küchengerätschaften.  Aluminiummessing  aus
58—700/0  Kupfer,  27—40  0/0  Zink  und  0,3—40/0
Aluminium  findet  bei  der  Herstellung  von  feinen
Maschinenteilen  auf  Kriegsschiffen  Verwendung.
Magnalium,  eine  Legierung  mit  Magnesium,
Partinium,  eine  solche  mit  Mg  und  Kupfer
können  das  Kupfer  für  elektrische  Leitungen
ersetzen.  Ziskon  und  Alzen  sind  Legierungen
von  A.  und  Zink,  Zinnalium  und  Zinkalium
enthalten  daneben  noch  Magnesium.  Sie  finden
beim  Automobilbau  Verwendung.  Metallin  und
Sonnenbronze  sind  Kobaltlegierungen,  Drittelsilber ­
  ist  ein  silberhaltiges  Aluminium.
Aluminiumverbindungen.  Von  der  großen  Zahl
seien  nachstehend  nur  einige  dfer  technisch  wichtigsten ­
  Salze  angeführt:  Aluminiumazetat,
basisch  essigsaure  Tonerde,  entsteht  durch  Behandlung ­
  von  frisch  gefällter  Tonerde  mit  Essigsäure ­
  oder  von  schwefelsaurer  Tonerde  mit  Kalzium- ­
  oder  Bleiazetat.  In  Form  ihrer  wäßrigen
Lösung  wird  sie  als  Beize  für  Färberei  und
Druckerei,  zum  Wasserdichtmachen  von  Geweben ­
  und  für  medizinische  Zwecke  angewandt.
Aluminiumchlorid,  A1C1 S ,  (A.  chloratum,
Chloraluminium),  durch  Glühen  von  Tonerde
und  Kohle  im  Chlorstrome  oder  durch  Behandlung ­
  von  gefällter  Tonerde  mit  Salzsäure  erhalten, ­
  dient  in  wäßriger  Lösung  als  Chloralium
  oder  Chloralum  zum  Karbonisierender
'Wolle.  Aluminiumnitrat  (Salpetersaure  Tonerde), ­
  A1(N0 3 ) 8 ,  entsteht  durch  Behandlung  von.
Tonerde  mit  Salpetersäure  und  findet  als  Beize
in  der  Färberei  und  Druckerei  Anwendung.  Aluminiumoxalat ­
  aus  Aluminiumhydroxyd  und
Oxalsäure  ist  ebenfalls  eine  Kattunbeize.  Aluminiumrhodanid
  (A.  rhodanatum)  wird  aus
schwefelsaurer  Tonerde  und  Barium-  oder  Kalziumrhodanid
  dargestellt.  Die  wäßrige  Lösung
kommt  als  Beize  für  Färberei  und  Zeugdruck
in  den  Handel.  Aluminiumsulfat  stellt  man
im  großen  durch  Auflösen  von  Kryolithabfällen
oder  von  Tonerde  in  Schwefelsäure  und  nachfolgende ­
  Kristallisation  her.  Das  Salz  kommt
als  ein  weißes  Pulver  zum  Verkauf  und  wird
als  Ersatz  des  Alauns  in  dfer  Färberei  und
Druckerei,  in  der  Papierfabrikation  sowie  zur
Darstellung  von  essigsaurer  Tonerde  benutzt.
Alumnol  (ß-Naphtoldisulfosaures  Aluminium) ­
  ist  ein  weißliches  Pulver,  welches 1  in
Wasser  leicht,  in  Alkohol  schwer  und  in  Äther
gar  nicht  löslich  ist.  Es  löst  sich  auch  in  Glyzerin ­
  und  findet  als  antiseptisches  und  zusammenziehendes ­
  Mittel  gegen  Tripper,  ferner  in
der  Wundbehandlung,  der  Gynäkologie,  zu  Spülungen, ­
  z.  B.  als  Mundwasser,  und  als  Antiseptikum ­
  medizinische  Anwendung.
Alundum,  aus  Bauxit  hergestellte  geschmolzene ­
  Tonerde,  findet  wegen  ihrer  großen  Härte
als  Schleifmittel  sowie  zur  Herstellung  von
Schmelztiegeln  Anwendung.
Alunit  (Alaunstein,  Alaunspat,  Alaunfels, ­
  frz.  Alumine  sous-sulfat6e  alcaline,  engl.
Alumstone),  ein  aus  Kaliumaluminiumsulfat  bestehendes ­
  Mineral,  welches  zur  Herstellung  des

Alauns  benutzt  wird.  Fundorte;  Tolfa  bei  Civi-  : l
tavecchia,  Pic  de  Sancy  in  Frankreich,  Inseln
Milo  und  Argentiera  im  griechischen  Archipel,  ;
Beregszäsz  und  Parad  in  Ungarn  sowie  im
Quarzsand  bei  Wurzen.
Alveloz,  ein  Balsam  aus  dem  Milchsaft  einer  1
brasilianischen  Euphorbiazee,  der  von  Perhambuko
  als  ein  gelblichweißer  Sirup  in  zylindrischen ­
  Gläschen  von  30—40  g  in  den  Handel
gebracht  wird,  wirkt  hautreizend  und  soll  zur  j
Behandlung  krebsartiger  Geschwüre  angewandt
werden.
Amalgam  (Quickbrei)  nennt  man  jede  Verbindung ­
  eines  Metalls  mit  Quecksilber.  Die  A.  I
bilden  keinen  besonderen  Handelsartikel,  son-  j
dem  werden  für  den  augenblicklichen  Gebrauch
hergestellt,  z.  B.  Zinnamalgam  zum  Spiegel-  j
belag,  Goldamalgam  bei  der  Feuervergol-  ;
düng,  Kupferamalgam  gemischt  mit  Gold  oder  (
Silber  zu  Zahnplomben,  Natriumamalgam  in
chemischen  Laboratorien.
Amarantholz  (Purpurholz,  Luftholz,  Violettholz, ­
  lat.  Lignum  purpurinum,  frz.  Bois
pourpre,  engl.  Purpled  heart),  das  Holz  einer
südamerikanischen  Zäsalpinee,  Copaifera
bracteata,  besitzt  einen  dichten,  schweren  Kern
von  pfirsichblutroter  bis  tiefschwarzer  Farbe,  j
während  der  Splint  heller  ist.  Man  erkennt  es  i
leicht  daran,  daß  es  an  siedendes  Wasser  keinen  1
Farbstoff  abgibt,  zum  Unterschiede  von  Blau-  j
holz,  und  mit  Salmiakgeist  befeuchtet  schmutzig
grün  wird.  Das  A.  landet  in  der  feinen  Kunsttischlerei ­
  Verwendung.
Amazonenstein,  ein  Halbedelstein  vc  1  der
Flärte  6,  wird  zu  Ringsteinen  und  eingelegten
Arbeiten  verwendet.  Er  ist  eine  hellgrün  gefärbte ­
  Abart  des  Orthoklases  (Feldspats)  und
wird  am  Amäzonenstrome  und  im  Ural  ge-  |
funden.
Ambra  (Amber,  Graue  Ambra,  lat.  /  mbra  i
grisea,  frz.  Ambre  gris,  engl.  Amber  gris)  nennt  ’
man  eine  hauptsächlich  von  Surinam,  Madagaskar ­
  und  Java  über  England  und  Holland  in  den
Handel  kommende  Substanz,  welche  in  Stücken
von  90  kg,  auf  dem  Meere  schwimmend,  angetroffen ­
  wird  und  aus  verhärteten  Fäkalien,  nicht
aber,  wie  man  früher  annahm,  aus  Gallen-  und
Darmsteinen  des  Pottwals  (Physeter  macrocephalus)
  besteht.  Sie  bildet  eine  graubraune,
innen  weißlich  marmorierte,  undurchsichtige
Masse  von  moschusartigem  Geruch,  welche  bei'  !
gewöhnlicher  Temperatur  brüchig  ist,  aber  beim
Drücken  mit  den  Händen  weich  wird  und  bei
etwa  100 0  schmilzt.  Das  spez.  Gew.  beträgt  0,91
bis  0,92.  Ihr  Hauptbestandteil  ist  neben  13  0/0
eines  flüchtigen  Öles  (Ambraöl)  und  etwas  Benzoesäure ­
  eine  cholesterinähnliche  Substanz,  das
Ambrafett  oder  Ambrain,  von  der  Formel
C 60 H 48 O 2 .  Als  Zeichen  der  Echtheit  der  wegen
ihres  hohen  Preises  (i  kg  =  4—4500  M.)  oft
verfälschten  Ambra  betrachtet  man  das  Vorhandensein ­
  von  Sepiaschnäbeln  und  Tintenfischresten. ­
  Zur  Aufbewahrung  sind  gut  verschlossene  ■
Blech-  oder  Glasbüchsen  zu  benutzen.  Die  alkoholische ­
  Tinktur  (Ambraessenz,  Ambratinktur) ­
  wird  als  Zusatz  zu  verschiedenen  Parfümerien ­
  benutzt  und  ist  besonders  in  Frankreich ­
  beliebt.  Da  sie  durch  das  Alter  gewinnt,
soll  man  nur  mindestens  ein  Jahr  alte  verwen-
        <pb n="22" />
        Ambroid

17

Amethyst

den.  Durch  Zusatz  von  etwas  Kaliumkarbonat
wird  der  Geruch  verstärkt.
Ambroid  heißt  ein  durch  Zusammenschmelzen ­
  und  Pressen  aus  Bernsteinabfällen  hergestelltes ­
  Ersatzmittel.
Ambroin,  Gemisch  von  85  g  Antifebrin  mit
15  g  Kumarin.  Mit  dem  gleichen  Namen  bezeichnet ­
  man  auch  einen  aus  Kopal  und  Pflanzenfasern, ­
  Asbest  oder  Glimmer  hergestellten
Ersatz  für  Zelluloid  und  Hartgummi.
Ameissnäther,  HCO.O.C 2 H 8 ,  (Ameisensäureäther, ­
  Ameisensäureäthyläther,
ameisensaures  Äthyloxyd,  Ameisenvinester,
  lat.  Aether  formicicus,  frz.  Formiate
d’ethyle  oder  Ether  formique,  engl.  Formiate  of
ethyl),  ist  eine  wasserhelle,  farblose,  sehr  flüchtige ­
  und  leicht  entzündliche  Flüss  gkeit  von  angenehmem, ­
  starkem,  arrakähnlichem  Geruch,
welche  sich  mit  Alkohol  in  jedem  Verhältnisse
mischt,  sich  in  9  Teilen  Wasser  löst  und  bei  54 0  j
siedet.  Das  spez.  Gew.  beträgt  0,918.  Der  A.
des  Handels  ist  in  der  Regel  durch  etwas  Wasser
und  Alkohol  verunreinigt  und  löst  sich  dann,
ohne  etwas  abzuscheiden,  in  jedem  Verhältnis
in  Wasser.  Zur  Darstellung  der  A.  destilliert
man  Stärke  oder  Stärkezucker  mit  Braunstein,
Spiritus  und  Schwefelsäure,  neutralisiert  das  Destillat ­
  mit  Kreide  und  destilliert  nochmals,  wobei ­
  die  zuerst  übergehenden  Anteile  gesondert
aufgefangen  werden.  Chemisch  reinen  A.  erhält
man  durch  Erhitzen  von  gleichen  Teilen  Glyzerin ­
  und  wasserfreier  Oxalsäure  mit  1 / 2  Teil
960/oigem  Alkohol.  Verwendung  findet  der  A.
zur  Darstellung  von  künstlichem  Rum,  Arrak
und  Kognak.
Ameisenamyläther  (Ameisensäurea  myläther,
  Ameisenamylester,  ameisensaures
Amyloxyd,  lat.  Amyloxydum  formicicum,  frz.
Formiate  d’amyle,  engl.  Formiate  of  amyl).
Die  farblose,  sehr  bewegliche  Flüssigkeit  vom
spez.  Gew.  0,878  siedet  bei  123 0  C  und  besitzt
nur  in  sehr  verdünntem  Zustande  einen  angenehmen ­
  Fruchtgeruch,  riecht  hingegen  im  konzentrierten ­
  wanzenartig.  In  Spiritus  ist  der  A.
leicht,  in  Wasser  nur  sehr  wenig  löslich.  Er
wird  aus  Glyzerin,  Oxalsäure  und  Fuselöl  hergestellt ­
  und  bei  der  Bereitung  von  Fruchtäthern
verwendet.
Ameiseneier  (lat.  Ova  formicarum,  frz.  Fourmis
  en  chrysalide,  engl.  Ant-eggs).  Die  unter
diesem  Namen  als  Vogelfutter  in  den  Handel
kommende  Ware  besteht  nicht  aus  den  Eiern,
sondern  den  Puppen  oder  Larven  von  Ameisen,
namentlich  der  roten  Waldameise  (Formica
rufa).  Sie  werden  in  Nadelwäldern  vom  Mai
bis  September  gesammelt  und  durch  schwaches
Erhitzen  gedarrt.  Hauptbezugsorte  sind  Lübeck,
Nürnberg,  Petersburg.
Ameisensäure  (Formylsäure,  lat.  Acidum
formicicum,  frz.  Acide  formique,  engl.  Formic
a cid),  eine  starke  organische  Säure  von  der
Eormel  H.  COOH,  ist  im  Tierreiche  (Ameisen,
Prozessionsraupe)  und  im  Pflanzenreiche  (Brennnesseln, ­
  Tamarix)  ziemlich  verbreitet  und  wurde
früher  meist  in  den  Apotheken  durch  Destillahon
  von  Ameisen  mit  Wasser  oder  verdünntem
Alkohol  dargestellt.  Die  im  letzteren  Falle  erhaltene ­
  verdünnte  alkoholische  A.  führt  den  Na-'hnn
  Ameisenspiritus  (Spiritus  formica-W
  e  r  c  k  3  Warenlexikon.

rum).  Zurzeit  gewinnt  man  die  Säure  meist  auf
künstlichem  Wege.  Nach  dem  ältesten  Verfahren ­
  werden  organische  Stoffe  wie  Stärke,  Zucker,
Weinsäure  mit  Braunstein  und  verdünnter  Schwefelsäure ­
  erhitzt.  Vorteilhafter  ist  die  Darstellung
aus  einem  Gemische  von  krist.  Oxalsäure  und
wasserfreiem  Glyzerin,  aus  welchem  beim  Erhitzen ­
  die  A.  abdestilliert,  oder  durch  Einwirkung ­
  von  Kohlenoxyd  auf  Ätzalkalien.  Nach
dem  letzteren  Verfahren,  welches  die  anderen
voraussichtlich  verdrängen  wird,  entstehen  zunächst ­
  ameisensaure  Salze,  Formiate,  z.B.
Natriumformiat,  aus  welchen  die  A.  durch  Destillation ­
  mit  Schwefelsäure  in  konzentrierter
Form  abgeschieden  wird.  Um  aus  der  nach  den
anderen  Methoden  erhaltenen  verdünnten  Lösung ­
  eine  stärkere  A.  abzuscheiden,  muß  man
sie  zunächst  an  Basen  (Kalk,  Blei)  binden  und
letztere  durch  Schwefelsäure  oder  Schwefelwasserstoff ­
  zerlegen.  —  Die  reine  wasserfreie
A.  (Ameisensäurehydrat)  ist  eine  farblose
Flüssigkeit  von  stechend  saurem  Geruch,  welche
auf  die  Haut  ätzend  und  blasenziehend  wirkt
und  noch  in  großer  Verdünnung  stark  sauer
schmeckt.  Sie  wird  bei  —  1 0  fest,  siedet  bei
ioo°  und  ist  unzersetzt  flüchtig.  Das  spezifische
Gewicht  beträgt  1,226.  Mit  Wasser  und  Alkohol
mischt  sie  sich  in  allen  Verhältnissen.  Zum
Nachweise  der  A.,  insbesondere  zur  Unterscheidung ­
  von  der  ähnlichen  Essigsäure,  erhitzt  man
die  verdünnte  Lösung  mit  etwas  Quecksilberoxyd
oder  mit  Silbernitratlösung,  wobei  sich  unter
Kohlensäureentwicklung  metallisches  Quecksilber ­
  bzw.  ein  Silberspiegel  ausscheidet.  Neben  der
seltener  benutzten  konzentrierten  finden  sich  im
Handel  noch  zwei  verdünntere  Säuren,  eine  vom
spez.  Gew.  1,120  mit  50  0/0  und  eine  vom  spez
Gew.  1,06,  die  sog.  offizmelle  Säure,  mit  25  o/„
A.,  welche  für  die  meisten  Zwecke  ausreichen.
—  Die  A.  ist  ein  wichtiges  Reagens  der  chemischen ­
  Laboratorien  und  dient  außerdem  zur
Herstellung  von  A-Spiritus.
Amenyl,  ein  Derivat  des  Hydrastins  (Methyihydrastimid-Chlorhydrat)
  wird  durch  Behandlung ­
  von  Hydrastin-Jodmethylat  mit  Ammoniak
und  nachfolgendes  Erwärmen  mit  Salzsäure  in
Form  schwach  gelber,  in  warmem  Wasser  löslicher ­
  Nadeln  vom  Schmelzpunkt  227 0  dargestellt. ­
  Es  findet  zur  Behebung  von  Störungen
der  Monatsblutung  medizinische  Anwendung.
Amethyst  (frz.  Amethyste,  engl.  Amethyst)  ist
eine  durch  Spuren  Mangan  oder  Eisen  violett
bis  blau  gefärbte  Abart  des  Bergkristalls  (s.
d.),  welche  bisweilen  auch  haarförmige  Kristalle
von  Strahlstein  oder  Rutil  eingeschlossen  enthält ­
  und  dann  als  Häaramethyst  bezeichnet
wird.  Die  schönsten  und  größten  A.  finden  sich
in  Argentinien,  weitere  Fundorte  sind  Sibirien,
Zeylon,  Ostindien,  Spanien,  Tirol,  Ungarn,  Sachsen ­
  und  Schlesien.  Der  zu  den  Halbedelsteinen
gerechnete  A.  wird  zu  Schmucksteinen  geschliffen, ­
  welche  bei  der  Fassung  zur  Erhöhung  ihrer
Farbe  meist  eine  Unterlage  von  Metallfolie  erhalten. ­
  Zur  Unterscheidung  von  Nachahmungen
aus  Glasflüssen  ist  die  größere  Härte  (7)  ausreichend. ­
  —  Unter  dem  Namen  orientalischer
A.  ist  ein  violetter  Saphir  (s.  d.)  bekannt,  der
höheren  Glanz  und  höhere  Härte  als  Quarz  besitzt. ­
        <pb n="23" />
        Amidol

18

Ammoniakgummi

Amidol,  das  schwefelsaure  oder  salzsaure  Salz
des  Diamidophenols,  wird  als  photographischer
Entwickler  angewandt.
Ammonal  (Phenalgin),  ein  Gemisch  von  Anlif
  ehr  in.  Doppeltkohlensaurem  Natrium  und  Ammonium, ­
  welches  als  Fiebermittel  benutzt  wird.
Neuerdings  ist  auch  ein  aus  95  °/o  Ammoniaksalpeter ­
  und  50/0  Aluminiumpulver  bestehender
Sicherheitssprengstoff  mit  diesem  Namen  belegt
worden.
Ammoniak,  die  bekannteste  Verbindung  des
Stickstoffs  mit  Wasserstoff,  NH S ,  welche  3  Atome
Wasserstoff  (17,6%)  auf  1  Atom  Stickstoff  (82,40/0)
enthält,  findet  sich  als  Fäulnisprodukt  organischer ­
  'Stickstoffverbindungen  spurenweise,  aber
weit  verbreitet  in  der  Atmosphäre,  in  den  oberen
Bodenschichten  und  in  den  Wasserläufen.  Es
entsteht  aus  seinen  Elementen  beim  Durchschlagen ­
  des  elektrischen  Funkens  durch  ein
Gemisch  von  Wasserstoff  und  Stickstoff.  Zur
technischen  Gewinnung  des  A.  ging  man  früher
von  stickstoffhaltigen  organischen  Stoffen,  wie
Kamelmist  oder  fauligem  Urin,  aus,  welche  man
der  trocknen  Destillation  unterwarf.  Heutzutage ­
  wird  die  Hauptmenge  als  Nebenprodukt
der  Gasanstalten  gewonnen  und  sammelt  sich
ip  dem  vorgelegten  Waschwasser  (Gaswasser)
au.  Geringere  Mengen  erhält  man  aus  den
Hochofengasen,  ferner  den  Destillationsprodukten ­
  bei  der  Steinkohlenverkokung,  aus  der  Rübenmelasse ­
  und  Schlempe  sowie  durch  trockne
Destillation  von  Torf,  Moorerde,  Seeschlick
und  andern,  an  organischen  Stoffen  reichen
Schlammassen.  Von  größter  Bedeutung  sind  die
Versuche  zur  direkten  Verwertung  des  atmosphärischen ­
  Stickstoffs,  die  kurz  vor  dem  Kriege
zu  der  glänzenden  Synthese  von  Haber  geführt ­
  haben.  Durch  Erhitzen  von  1  Volum  Stickstoff ­
  und  3  Volum  Wasserstoff  bei  500 0  und
einem  Druck  von  500  Atmosphären  bei  Gegenwart ­
  von  Uransalzen  oder  ähnlichen  Katalysatoren ­
  in  Stahlzylindern  wird  Ammoniak  hergestellt, ­
  und  zwar  in  Mengen  von  Hunderttausenden ­
  von  Tonnen,  die  Deutschland  voraussichtlich ­
  von  der  Einfuhr  des  Chilesalpeters  unabhängig ­
  machen  werden.  Große  Mengen  von
Ammoniak  werden  weiter  nach  dem  Kalkstickstoffverfahren ­
  (s.  d.)  sowie  aus  Nitriden ­
  hergestellt,  die  bei  Behandlung  mit  Wasser
A.  abspalten.  Äluminiumnitrid  entsteht  bei
der  Erhitzung  eines  Tonerdekohlengemisches  in
Stickstoff  auf  1600—1700 0 .  Die  deutsche  Erzeugung ­
  von  Ammoniumsulfat,  die  1913  auf
550000  t  geschätzt  wurde  (Verbrauch  460000  t),
wird  nach  dem  Kriege  eine  beträchtliche  Zunahme ­
  erfahren.  —  Das  reine  A.  ist  ein  farbloses, ­
  höchst  stechend  riechendes  und  zu  Tränen
reizendes  Gas,  welches  bei  einem  Drucke  von
6,5  Atmosphären  bei  10 0  oder  einfach  bei  Abkühlung ­
  auf  —40 0  flüssig  Wird.  Dieses  verflüssigte ­
  A.  kommt  in  verschraubten,  schmiedeeisernen, ­
  zylindrischen  Flaschen  zum  Verkehr
und  dient  zur  Erzeugung  niedriger  Temperaturen ­
  in  Eismaschinen  und  Kühlräumen.  Die
Hauptmenge  des  A.  wird  in  Form  seiner  wäßrigen ­
  Lösung  benutzt.  Wasser  nimmt  das  Ammoniakgas ­
  mit  großer  Begierde  auf  und  verschluckt ­
  bei  20°  das  74ofache,  bei  0°  sogar  das
I  i  sofache  seines  Volums  A.,  doch  findet  hierbei

nicht  allein  eine  mechanische  Lösung,  sondern
gleichzeitig  eine  chemische  Verbindung  statt.
Die  entstehende  Flüssigkeit,  der  Salmiakgeist
(lat.  Liquor  ammonii  caustici,  frz.  Ammoniaque
caustique  oder  liquide,  engl.  Spirit  of  ammoniak
salt)  wird  daher  als  die  Lösung  eines  Hydroxydes, ­
  des  Ammoniumhydroxydes,  NH 4 .  OH,  aufgefaßt, ­
  welche  sich  den  Alkalihydroxyden,  Kali
und  Natron,  in  chemischer  Hinsicht  völlig  identisch ­
  verhält  und  wie  diese  mit  Säuren  Salze
(s.  Ammoniaksalze)  bildet.  Auf  diese  Eigenschaft
deuten  Bezeichnungen  wie  Ätzammoniak,
Ammoniumoxydhydrat  und  kaustischesA.
Zum  Unterschied  von  den  sog.  fixen  Alkalien,
Kali  und  Natron,  wird  es  wohl  auch  flüchtiges ­
  A.  genannt.  Um  aus  dem  Gaswasser,  welches ­
  im  Grunde  genommen  bereits  einen  rohen
Salmiakgeist  darstellt,  reinere  Produkte  zu
gewinnen,  bindet  man  das  A.  an  Säuren,  indem
man  es  z.  B.  mit  Schwefelsäure  eindampft,  setzt
es  später  durch  Erhitzen  mit  den  stärkeren  Basen, ­
  Natron  oder  auch  Kalk  in  Freiheit  und
fängt  es  wieder  in  Wasser,  auf.  Nach  dem  Reinheitsgrade ­
  unterscheidet  man  rohen  Salmiakgeist ­
  (Liquor  ammonii  caustici  crudus),  eine
gelbliche,  brenzlich  riechende  Flüssigkeit  für
technische  Verwendung,  und  reinen  S.  (purissimus)
  für  Arzneizwecke  und  chemische  Laboratorien, ­
  der  farblos  sein  muß  und  nach  dem  Neutralisieren ­
  mit  Säuren  keinen  Geruch  mehr  zeigen ­
  darf.  Der  A.-Gehalt  der  Lösungen  wird
meist  mit  Hilfe  von  Aräometern  bestimmt.  Bei
den  gangbarsten  Handelssorten  entspricht  das
spez.  Gew.  0,960  einem  Gehalte  von  10  0/0  A.,
0,925  einem  solchen  von  20  0/0,  0,940  von  250/0
und  0,890  von  32  0/0.  Die  stärkste  Sorte  wird  nur
für  Kühlmaschinen  benutzt  und  in  Eisentrommeln, ­
  die  anderen  werden  in  Gläsballonen  versandt. ­
  Salmiakgeist  muß  an  kühlen  Orten  und
gut  verschlossen  aufbewahrt  werden,  da  er  sonst
verdunstet  und  überdies  Kohlensäure  anzieht.
A.  findet  in  der  Medizin  innerlich  in  sehr  starker ­
  Verdünnung  (konz,  A.  wirkt  tödlich)  zur
Vermehrung  der  Schweißsekretion  und  der  Expektoration, ­
  äußerlich  als  Reizmittel  zu  Einreibungen ­
  gegen  Insektenstiche  und  als  Riechmittel ­
  (Totenwecker)  Anwendung.  Die  Technik ­
  benutzt  es  in  der  Färberei,  Kattundruckerei,
zur  Bereitung  von  Orseille  und  Aramoniumsaizen.
  Ein  mit  Ammoniakgas  gesättigter  Alkohol.
Alkoholisches  Ammoniak  (lat.  Liquor  ammonii ­
  spirituosus  Dzondii,  frz.  Solution  alcoolique
  d’ammoniaque,  engl.  Spirit  of  Ammonia)
  wird  zu  Einreibungen  verordnet.
Ammoniakgummi  (Ammonisches  Gummi,
Oschakgummi,  Armenisches  Gummi,  lat.
Gummi  ammoniacum,  Resina  aramoniacum,  frz.
Gomme,  Resine  ammonique,  engl.  Ammoniac),
ein  Gummiharz,  besteht  aus  dem  eingetrockneten ­
  Milchsäfte  einer  in  Persien  und  der  Tartarei
wachsenden  Doldenpflanzc,  Dorema  Ammoniacum. ­
  Die  Ware  wird  fast  ausschließlich  über
Bombay  ausgeführt,  wo  man  sie  in  zwei  verschiedene ­
  Qualitäten,  in  A.  in  Körnern  oder
Tränen  (Ammoniacum  in  granis)  und  in  A.  in
größeren  Stücken  (Ammoniacum  in  massis),
sortiert.  Die  Körner  sind  grauweiß,  die  Klumpen ­
  braun,  mit  weißlichen  oder  gelblichen  Stellen, ­
  an  den  Rändern  durchscheinend,  auf  dem
        <pb n="24" />
        Ammoniaksalze

19

Amorces

Bruche  fettglänzend.  A.  besitzt  einen  starken,
nicht  angenehmen  Geruch,  erweicht  in  der  Hand
und  gibt  mit  Wasser  zerrieben  eine  weiße  Emulsion, ­
  welche  sich  auf  Zusatz  von  Natronlauge
zunächst  gelb  und  dann  braun  färbt.  Zur  Unterscheidung ­
  von  den  ähnlichen  Harzen  Gälbanum
und  Asa  foetida  können  folgende  Reaktionen
herangezogen  werden;  Beim  Befeuchten  mit
Atzkali  oder  Chlorkalklösung  wird  A.  gelb,  mit
Natriumhypochlorit  violettrot.  In  konzentrierter
Schwefelsäure  gibt  es  beim  Erwärmen  eine  blutrote ­
  Lösung,  welche  nach  dem  Verdünnen  auf
Zusatz  von  Kalilauge  nicht  fluoresziert.  Beim
Erhitzen  mit  der  dreifachen  Menge  Salzsäure  auf
6o°  darf  sich  die  Flüssigkeit  nicht  fäfben  und
das  Filtrat  darf  nach  dem  Übersättigen  mit  Ammoniak ­
  keine  blaue  Fluoreszenz  zeigen.  Die
wäßrige  Auskochung  wird  auf  Zusatz  von  Eisenchlorid ­
  tiefrot.  Beim  Schmelzen  mit  Kali  entsteht ­
  das  an  der  Fluoreszeinreaktion  leicht  kenntliche ­
  Resorzin  (s.  d.).  —  A.  enthält  neben  60
bis  7oo/ 0  eines  in  alkalischem  Alkohol  löslichen
geschmacklosen  Harzes  von  rötlicher  Farbe  etwa
20 —250/0  Gummi,  1—20/1  eines  schwefelsauren
ätherischen  Öls  und  Spuren  Salizylsäure.  ,  Die
Säurezahl  beträgt  100—200,  die  Verseifungszahl ­
  145.—162,  der  Trockenverlust  bei  100 0  2,5
bis  i2  0/o.  Der  Gehalt  an  Asche  soll  xoo/ 0  nicht
übersteigen.  —  Das  A.  wird  in  Form  von  Emulsionen ­
  gegen  Lungen-  und  Halsleiden  verordnet
und  als  Bestandteil  von  Pflastern  und  Salben
zum  Zerteilen  und  Reifen  von  Geschwüren  angewandt. ­
  Zur  Herstellung  des  hierfür  erforderlichen ­
  Pulvers  muß  das  Harz  vorher  längere
Zeit  über  Kalk  entwässert  oder  durch  Gefrieren
spröde  gemacht  werden.  Es  gelangt  aber  vielfach ­
  schon  als  Pulver  in  den  Handel  und  ist
dann,  vor  Feuchtigkeit  geschützt,  über  Kalk
aufzubewahren.
Ammoniaksalze  (Ammoniumsalze)  nennt
man  die  Verbindungen  des  Ammoniaks  mit
Säuren.  Sie  reagieren,  mit  Ausnahme  des  kohlensauren ­
  A.,  neutral.  Ammoniumazetat
(Essig  sau  res  Ammonium,  lat.  Ammonium
uceticum,  frz.  Acetate  ammonique,  engl.  Ammonium ­
  Acetate)  entsteht  beim  Einleiten  von
Ammoniakgas  in  Essigsäure  als  ein  weißes  Krislallpulver, ­
  welches  in  Form  seiner  wäßrigen
Lösung  als  Liquor  Ammonii  acetici  (frz.
Solution  d’aeetate  ammonique,  engl.  Solution  of
Ammonium  Acetate)  medizinische  Anwendung
findet.  —  Ammoniumbromid  (lat.  Ammonium ­
  bromatum,  frz.  Bromure  ammonique,  engl.
Bromide  of  Ammonium)  wird  durch  Behandlung ­
  von  Ammoniak  mit  Brom  gewonnen  und
dient  zum  Ersatz  des  Bromkaliums  sowie  zur
Herstellung  von  brausendem  Bromsalz.  —
Ammoniumchlorid,  Salmiak  (s.  d.).  —
Ammoniumfluorid  (Fluorammonium,
* at -  Ammonium  fluoratum,  frz.  Fluorure  amnronique,
  engl.  Ammonium  Fluoride)  entsteht
durch  Sublimation  von  Chlorammonium  mit
1'  kiornatrium  als  ein  weißes  Kristallpulver,
-khes  Glas  angreift  und  daher  in  Guttaperchaflaschen ­
  aufbewahrt  werden  muß.  Es
,’udet  Anwendung  zum  Glasätzcn,  zur  Vcr-,'utung
  von  Butter-  und  Milchsäuregärung  in  der
.’.rennerei,  und  in  beschränktem  Maße  für  med'zmischc
  Zwecke.  Ammoniumkarbonat

bildet  als  ir/ 2 fach  saures  Salz  das  sog.  Hirschhornsalz ­
  (lat.  Ammonium  carbonicum,  Sal  Alcali
  volatile,  frz.  Carbohate  ammonique,  engl.
Ammonium  Carbonate)  des  Handels,  das  zu  medizinischen ­
  und  technischen  Zwecken,  u.  a.  als
Backpulver,  benutzt  wird.  Früher  hauptsächlich
durch  trockene  Destillation  tierischer  Reste  gewonnen, ­
  wird  es  jetzt  meist  durch  Sublimation
eines  nicht  ganz  trockenen  Gemisches  von
schwefelsaurem  Ammoniak,  Kreide  und  Kohle
dargestellt.  Es  riecht  stark  nach  Ammoniak.  -
Ammoniumnitrat  (Salpetersaures  Ammon, ­
  Ammoniaksalpeter,  lat.  Ammonium ­
  nitricum,  frz.  Nitrate  ammonique,  engl.
Ammonium  Nitrate),  aus  Ammoniak  und  Salpetersäure, ­
  findet  Anwendung  zur  F  üllung  von
Eismaschinen  als  Bestandteil  von  Kältemischungen, ­
  ferner  zur  Herstellung  von  Lachgas  (Stickoxydul) ­
  und  in  der  Sprengtechnik.  —  Ammoniumpersulfat ­
  (Überschwefelsaures  Ammonium, ­
  lat.  Ammonium  persulfuricum,  frz.
Persulfate  ammonique,  engl.  Ammonium  Persulfate), ­
  das  Ammoniumsalz  der  in  freiem  Zustande ­
  nicht  beständigen  Überschwefelsäure,
entsteht  bei  der  Elektrolyse  einer  gesättigten  Lösung ­
  von  Amproniumsulfat  in  verdünnter  Schwefelsäure ­
  inForm  farbloser  wasserlöslicherEristalle,
die  bei  der  Einwirkung  von  Wasser  Sauerstoff
abgeben.  Das  A.  dient,  wie  das  analoge,  aus  ihm
durch  Umsetzung  erhaltene  Kalium-  und  Natriumpersulfat, ­
  als  kräftiges  Oxydations-  und
Desinfektionsmittel,  —  Ammoniumphosphat
(lat.  Ammonium  phosphoricum,  frz.  Phosphate
ammonique,  engl.  Ammonium  Phosphate)  wird
in  letzter  Zeit  als  ein  konzentriertes,  phosphorsäure- ­
  und  stickstoffhaltiges  Düngemittel
empfohlen.  Außerdem  dient  es  zum  Tränken
der  Dochte  für  Stearinkerzen.  —  Ammoniumsulfat ­
  (lat.  Ammonium  sulfuricum,  frz.  Sulfate ­
  ammonique,  engl.  Ammonium  Sulfate),
durch  Behandlung  von  Gaswasser  mit  Schwefelsäure ­
  erhalten,  ist  das  Ausgangsprodukt  für  die
Herstellung  der  meisten  Ammoniumverbindungen.
  Im  rohen  Zustande  bildet  es  das  wichtigste
Stickstoffdüngcmittei.  1 —  Ammoniumvanadinat
  (lat.  Ammonium  vanadinicum,  frz.  Vanadate
  ammonique,  engl.  Ammonium  Vanadat),
die  Verbindung  der  Vanadinsäure  mit  Ammoniak, ­
  findet  sich  im  Handel  in  zwei  verschiedenen ­
  Modifikationen,  als  weißes  und  gelbes
Salz,  von  denen  das  erstere  beim  Kochen  der
wäßrigen  Lösung  in  die  gelbe  Form  übergeht.
Das  A.  wird  zur  Erzeugung  von  Anilinschwarz
auf  Wolle  sowie  in  Verbindung  mit  Pyrogallussäure
  zur  Herstellung  von  Tinte  verwandt.  Der
Preis,  der  in  der  vorigen  Auflage  noch  mit
140  M.  für  t  kg  als  überaus  hoch  bezeichnet
wurde,  ist  jetzt  auf  29^—30  M.  gesunken.
Ammoniaksoda,  allgemein  gebräuchliche  Bezeichnung ­
  für  diejenige  Soda,  die  nach  dem
Solvayverfahren  dargestellt  wird,  aber  kein  Ammoniak ­
  enthält.  —  Vgl.  Soda.
Amol,  ein  mit  großer  Reklame  angepriesenes
Rheumatismusmittel,  ist  Karmelitergeist..  _
Amorces,  kleine  Zündplättchen  für  Kinderschießwaffen ­
  oder  ,  Zünder  für  Sicherheitslampen, ­
  bestehen  entweder  aus  Knallquecksilber
oder  aus  chlorsaurem  Kali  und  rotem  Phosphor,
die  mit  Gummischleim  gemischt  und'  zwischen
        <pb n="25" />
        Amradgummi

20

Anakardien

■

zwei  Stückchen  Seidenpapier  eingeklebt  sind.
(Transport  siehe  Knallerbsen.)  A.  mit  mehr  als
7,5  g  Sprengmischung  auf  rooo  Plättchen  dürfen ­
  als  Spielwaren  nicht  in  den  Verkehr  gebracht ­
  werden.
Amradgummi,  ein  als  Ersatz  für  Gummiarabikum ­
  neuerdings  viel  verwendetes  indisches
Gummi.
Amygdalin  (lat.  Amygdalinum),  ein  zu  den
Glykosiden  gehöriger  Bitterstoff,  Bestandteil  der
bitteren  Mandeln,  der  Pfirsichkerne  und  einiger
ähnlicher  Samen,  wird  gewöhnlich  aus  den  durch
Pressen  vom  fetten  Öl  befreiten  bitteren  Mandeln ­
  durch  Extraktion  mit  heißem  Alkohol  in
Menge  von  ungefähr  3  o/ 0  hergestellt.  Das  riur
selten  im  Chemikalienhandel  vorkommende  A.
besteht  aus  einer  weißen,  feinkristallinischen,
geruchlosen  Masse  von  bitterem  Geschmack,  die
bei  Gegenwart  von  Wasser  durch  Einwirkung
des  sowohl  in  bitteren,  als  auch  in  süßen  Mandeln ­
  enthaltenen  Emulsins,  eines  Enzyms,  zersetzt ­
  wird  und  hierbei  Zucker,  Bittermandelöl
und  Blausäure  liefert.
Amyläther,  richtiger  Amylester,  nennt  man
Verbindungen  des  Amylalkohols  mit  Säuren,
welche  wiegen  ihres  angenehmen,  Geruches  als
Fruchtäther  Verwendung  finden.  Essigsäureamylester ­
  (Amylazetat,  s.  d.)  riecht  nach  Birnen,
Buttersäure-A.  (s.  d.)  nach  Ananas,  Valeriansäure-A.
  (s.  Baldrian-A.)  nach  Äpfeln.  —  Der
eigentliche  Amyläther  .(Amyloxyd),  (C,H u ) ä O,
der  durch  Erhitzen  von  Amylalkohol  mit  Schwefelsäure ­
  als  eine  birnenartig  riechende :  Flüssigkeit ­
  vom  Siedepunkte  173 0  gewonnen  wird,  findet ­
  als  Lösungs-  und  Extraktionsmittel  für  Fette,
Lacke,  Alkaloide  usw.  technische  Verwendung.
Amylalkohol  (Amyloxydhydrat,  Mylalkohol,
  Pentylalkohol,  lat.  Amyloxydum  hydratum,
  Alkohol  amylicus,  frz.  Alcool  amylique,
engl.  Amylic  alcohol),  ein  Alkohol  von  der  Formel ­
  C 6 H u  .  OH,  bildet  den  Hauptbestandteil  des
Kartoffelfuselöls  und  findet  sich  auch  in
einigen  anderen  Fuselölen.  Dieser  sog.  Gärungs-A.
  bildet  in  reinem  Zustande  eine  farblose, ­
  wasserhelle,  unangenehm  fuselartig  riechende, ­
  zum  Husten  reizende  Flüssigkeit  von
öliger  Konsistenz,  dem  spez.  Gew.  0,815  und
dem  Siedepunkte  131°.  Mit  Wasser  mischt  er
sich  nicht,  löst  sich  aber  leicht  in  Alkohol  sowie ­
  auch  in  Äther  und  ist  brennbar.  Außer  diesem, ­
  dem  Iso-Amylalkohol,  kennt  man  noch
sechs  andere  isomere  A.,  die  aber  nicht  im  Handel ­
  Vorkommen  und  nur  theoretisches  Interesse
haben.  Verwendung  findet  der  A.  fast  nur  zur
Herstellung  der  Amyläther  (s.d.)  und  der  künstlichen ­
  Valeriansäure,  jedoch  wird  hierzu  meist
nicht  der  chemisch  reine  A.,  sondern  das  rektifizierte ­
  Kartoffelfuselöl  benutzt.  Der  A.  wirkt
giftig-Amylazetat
  (lat.  Amylium  aceticum,  frz.  Acetate ­
  amylique,  engl.  Amyl  Acetate),  der  Essigester ­
  des  Gärungsamylalkohols,  C,  H u  .  C 4 H 3 O s ,
ist  eine  farblose,  obstartig  riechende,  zum
Husten  reizende  Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.
0,875  und  einem  S- p -  von  138°.  Es  findet  als
Birnöl,  Pear  oil,  Anwendung  zum  Parfümieren ­
  von  Nahrungsmitteln  und  dient  in  der
Photometrie  zur  Füllung  der  Vergleichslampen
von  bestimmter  Lichtstärke  (s.  Zaponlack).

Amylen  (Pentylen,  Valoren,  lat.  Amylenum),
  ein  Kohlenwasserstoff  von  der  Formel
C 5 H 10 ,  wird  aus  Amylalkohol  durch  Destillation ­
  mit  Chlorzink  dargestellt  und  ist  eine  farblose, ­
  wasserhelle,  bei  39 0  C  siedende  Flüssigkeit ­
  vom  spez.  Gew.  0,650  und  eigentümlichem
betäubenden  Geruch.  Das  A.  wurde  unter  dem
Namen  Pental  eine  Zeitlang  als  Anästheticum
an  Stelle  des  Chloroforms  angewandt,  scheint
jetzt  aber  wegen  seiner  Gefährlichkeit  ganz
außer  Gebrauch  gekommen  zu  sein.
Amylenhydrat  (DimethyläthylkarbinoI,lat
Amylenum  hydratum,  frz.  Hydrate  d’amylfene,
engl.  Amylen  Hydrate).  Dieses  als  Hypnotikum
empfohlene  Präparat  ist  als  ein  tertiärer  Amylalkohol ­
  zu  betrachten,  der  durch  Behandlung
von  Amylen  mit  einer  Mischung  gleicher  Teile
Schwefelsäure  und  Wasser  bei  o°  hergestellt
wird.  Die  farblose,  ölige  Flüssigkeit  vom  spez.
Gew.  0,810  besitzt  einen  durchdringenden  Geruch ­
  nach  Kampfer  und  Pfefferminzöl,  siedet
bei  102®  und  erstarrt  beim  Abkühlen  auf
—12,5°  zu  weißen,  nadeiförmigen  Kristallen,
welche  bei  —12,0°  schmelzen.  Das  A.  muß
ganz  frei  von  jeder  Spur  des  gewöhnlichen
Amylalkohols  sein,  was  man  daran  erkennt,  daß
beim  Behandeln  mit  Kaliumchromat  und  ver-,
dünnter  Schwefelsäure  keine  Grünfärbung  eintritt.
  Mit  Alkohol  ist  A.  in  jedem  Verhältnisse
mischbar,  braucht  aber  vom  Wasser  etwa  12  Teile
zur  Lösung.
Amylnitrit  (lat.  Amylium  nitrosum,  frz.  Nitrite ­
  amylique,  engl.  Amyl  Nitrite),  der  Salpetrigsäureester ­
  des  Amylalkohols,  entsteht  beim
Durchleiten  von  Salpetrigsäuredämpfen  durch
Amylalkohol  als  eine  klare,  gelbliche  Flüssigkeit ­
  von  fruchtartigem  Geruch.  Es  ist  unlöslich
in  Wasser,  mischbar  mit  Alkohol,  Äther,  Chloroform ­
  und  Benzin.  Spez.  Gew.  0,870—0,880;  S.P.
97—99  °.  A.  wird  zum  Einatmen  gegen  Asthma,
Kopfschmerzen,  Epilepsie  verordnet,  darf  aber
nur  mit  Vorsicht  angewandt  werden.
Anämin,  ein  Eisenpepsinsaccharat  der  Firma
P.  Liebe  in  Dresden,  wird  wegen  seines  hohen
Eisengehaltes  von  0,200/0  und  seiner  verdauungs-  j
befördernden  Wirkung  bei  Blutarmut,  Bleichsucht ­
  und  Magenleiden  verordnet.
Anästhol  und  Anästhyl,  Mischungen  von  Methyl- ­
  und  Äthylchlorid,  welche  in  der  Zahnheilkunde ­
  als  Anästhetika  benutzt  werden.
Anakardien  (Elefantenläuse,  Akajounüsse,
  lat.  Anacardia,  frz.  Noix  d’Acajou,  engl.
Castew-nut).  Man  unterscheidet  zwei  Arten  von
A.,  welche  von  verschiedenen,  zur  Familie  der
Anakardiazeen  gehörigen  Bäumen  abstammen ­
  und  als  ostindische  und  westindische  A.
unterschieden  werden.  1.  Die  ost  indischen  A.
oder  Malakkanüsse  (lat.  Anacardia  orientalia)
  von  Semecarpus  anacardium,  haben
eine  herzförmige,  auf  beiden  Seiten  flach  zusammengedrückte ­
  Gestalt,  eine  dunkelbraunschwarze ­
  platte  Schale  und  enthalten  zwischen
dem,  öligen  Kerne  und  der  Schale  einen  ätzend  •
scharfen  Saft,  der  im  frischen  Zustande  farblos,
milchartig  ist,  später  aber  verdickt  und  schwarz
wird.  2.  Die  westindischen  A.  (lat.  Anacardia
occidentalia)  kommen  aus  Westindien  und  Südamerika ­
  und  stammen  von  dem  jetzt  auch  nach
Ostindien  verpflanzten  Baume  Anacardium
        <pb n="26" />
        Anakuhuiteh  olz

21

Angelikaöl

occidentale.  Sie  sind  graubraun  bis  schwarzbraun ­
  und  nierenförmig  und  enthalten  einen
ähnlichen  scharfen  Saft.  Beide  Sorten  unterscheiden ­
  sich  dadurch,  daß  der  Saft  der  westindischen ­
  A.  auf  der  Hand  blasenziehend  wirkt,
derjenige  der  ostindischen  dieselbe  nur  rötet
und  Pusteln  hervorbringt.  Außer  dem  scharfen
Stoffe,  dem  Kardol,  enthalten  die  A.  noch  eine
eigentümliche  Säure,  die  Anakardsäure.  Beide
Arten  von  A.  werden  als  hautreizende  Amulette
getragen,  was  unbedenklich  ist,  solange  die
Schale  nicht  entfernt  wird.  Bei  unvorsichtiger
Anwendung  der  geöffneten  Früchte  dagegen
können  sehr  bösartige,  weitergreifende  Geschwüre ­
  entstehen.
Anakuhuiteholz  (lat.  Lignum  anaeuhuitae,  frz.
Bois  de  Anacuite,  engl.  Ariacuite  wood),  ein
sehr  bald  wieder  der  Vergessenheit  anheimgefallener ­
  Artikel  des  Drogenhandels,  das  Stammholz ­
  eines  mexikanischen  Baumes,  der  Cordia
Boissieri,  sollte  gegen  Lungenschwindsucht
helfen.
Analgen  (Labordin),  ein  weißes,  geschmackloses ­
  Pulver,  welches  sich  in  chemischer  Hinsicht ­
  vom  Oxychinolin  ableitet;  F.P.:2o8°.  Die
in  Wasser  unlösliche,  in  Äther  lösliche  Substanz
wird  gegen  Fieber,  neuralgische  Leiden  und
i  neuerdings  vor  allem  gegen  Malaria  angewandt,
Ananas  (frz.  Ananas,  Pomme  de  pin,  engl.
Pine-apple),  die  bekannte,  wegen  ihres  feinen
Aromas  hochgeschätzte  Frucht  der  im  tropischen
Amerika  heimischen  Bromclia  Ananas,  wird
dort  auch  auf  Feldern  angebaut  und  bei  uns  in
Treibhäusern  vielfach  gezogen.  Von  Westindien
und  Brasilien  aus  wird  A.  sowohl  im  frischen
Zustande  als  auch  in  Scheiben  geschnitten  und
in  Zucker  eingemacht  (in  Brasilien  Macachis
genannt)  nach  Europa  versandt.  Auch  aus  Singapore
  kommt  jetzt  A.  nach  Hamburg.  Der
Verkauf  der  frischen  Früchte  geschieht  allgemein
nach  dem  Gewichte.
Ananasäther  (Ananascssenz),  ein  Kunstaroma, ­
  besteht  aus  einer  Auflösung  verschiedener ­
  zusammengesetzter  Äther  in  Feinsprit  und
wird  in  konzentrierter  Form  auch  Ananasöl
genannt.  Vgl.  Fruchtäther.
Ananasfaser  (Ananashanf,  frz.  Chanvre
d’ananas,  engl.  Ananas  hemp)  wird  sowohl  aus
den  Blättern  der  gewöhnlichen  Ananaspflanze,
als  auch  aus  denen  verschiedener  andrer  Arten
abgesondert  und  je  nach  dem  Grade  ihrer  Feinheit ­
  zu  Seilen,  Tauen  oder  auch  zu  feinen  Geil ­
  weben  verarbeitet.  Zur  Herstellung  der  „Pinas"
genannten  Tücher  werden  auf  den  Philippinen
die  jungen  Sprößlinge,  um  die  Fruchtbildung  zu
verhindern,  im  Schatten  großgezogen.
Anchovis  (K  räuteranchovis)  nennt  man  die
Sprotten  (Breitlinge),  kleine,  den  Sardellen
ähnliche  Fischchen  (Clupea  spratlus)  von  10
;  iS  cm  Länge,  die  ohne  weitere  Vorbereitung
p't  Kopf  und  Eingeweiden  in  eine  viel  Salz,
Pfeffer,  Senfkörner  und  Lorbeerblätter  enthaltende ­
  Brühe  eingelegt  werden.  Die  besten,  sog,
echten  A.  kommen  aus  Christiania.  Sie  unter-‘esen
  manchen  Verfälschungen,  besonders  durch
Heringe,  die  an  dem  größeren  Kopf,  der
r'jtnankeren  Gestalt  und  den  viel  weniger  scharen ­
  Kielschuppen  erkannt  werden.  Die  französischen ­

  A.  sind  Sardellen  (s.  d.).  Anchovy-Paste
  ist  Sardellenbutter.
Anda-Assu,  die  Samen  einer  brasilianischen
Euphorbiazee  (Anda  Gomesii),  kommen  in
neuerer  Zeit  in  den  Drogenhandel  und  dienen
zur  Herstellung  eines  dem  Rizinusöl  ähnlich
wirkenden  fetten  Öls  (Andaöl,  frz.  Huile  de
Anda,  engl.  Oil  of  Anda),  welches  bei  -)-  8°  C
erstarrt  und  ein  spez.  Gew.  von  0,918  sowie
schwachgelbe  Farbe  besitzt.
Andaquieswachs,  die  Ausscheidung  einer  besonderen ­
  Bienenart  aus  dem  Gebiete  des  Orinoko ­
  und  Amazonenstromes,  schmilzt  bei  77°  C.
Andorn  (Gottvergessenkraut,  weißer
Dorant,  Marobelkraut,  Marien  nesselkraut, ­
  lat.  Herba  marrubii  albi,  frz.  Plante
fleurie  de  marrube  blanc,  engl.  Horchound),  die
zu  Beginn  der  Blütezeit  gesammelten  und  getrockneten ­
  oberen  Blätter  und  Blüten  von  Marrubium
  album,  s.  M.  vulgare,  einer  in  ganz
Mitteleuropa  wild  wachsenden  Labiate  mit  hohlem,
fast  vierkantigem  Stengel,  der  mit  grauweißem
Filz  überzogen  ist  und  rundliche,  gegen  den
Blattstiel  hin  verschmälerte,  grob  gekerbte,  runzlige ­
  Blätter  .trägt.  Die  letzteren  sind  oberseits
graugrün  und  weichhaarig,  unten  weißfilzig.  Die
Blüten  sitzen  zu  Quirlen  vereinigt  in  den  Blattwinkeln. ­
  ‘Das  getrocknete  Kraut  hat  einen  nur
schwachen  Geruch,  aber  bitteren  Geschmack
und  wird  medizinisch  verwendet.  Es  enthält
etwas  ätherisches  01  und  einen  Bitterstoff,  das
Marrubiin.  Verwechslungen  mit  den  Blättern ­
  von  Nepeta  Cataria,  den  Ballota-  und  Stachysarten
  können  an  einem  abweichenden  Geruch ­
  und  dem  Fehlen  der  Runzeln  erkannt
werden.
Anemonenkampfer  (P  u  1  s  at  i  11  e  nkampfer),
ein  in  verschiedenen  Arten  der  Gattungen  Anemone ­
  und  Ranunculus  enthaltener,  durch  Dej
  stillation  mit  Wasser  gewinnbarer,  scharfer,  die
I  Augen  zum  Tränen  reizender  Stoff,  welcher  aus
|  weißen  Kristallen  besteht  und  beim  Umkristallisieren ­
  aus  Chloroform  in  das  geruchlose  Anemonin»
  und  die  amorphe  I  soanemonsäure
zerfällt.
Anethol,  p-Methoxypropenylbenzol  (lat.  Anetholum,
  frz.  Anethol),  der  sauerstoffhaltige
Hauptbestandteil  und  Geruchsträger  des  Anis-,
Sternanis-  und  Fenchelöls,  wird  jetzt  im  großen
fabrikmäßig  dargestellt.  Es  bildet  schneeweiße,
nach  Anis  riechende  Kristalle  vom  spez.  Gew.
0,984—0,986  bei  25 0  C,  die  bei  22—23 0  Cschmelzen, ­
  bei  233—234 0  sieden  und  in  Alkohol  und
in  Äther  löslich  sind.
Angelikaöl  (lat.  Oleum  angelicae,  frz.  Essence
d’angdlique,  engl.  Angelica  oil),  ein  schwach
gelb  gefärbtes  ätherisches  öl  von  sehr  starkem
aromatischen  Geruch  und  brennendem  Geschmack, ­
  wird  aus  der  Angclikawurzel  durch
Destillation  mit  Wasserdampf  gewonnen  und
hauptsächlich  zur  Bereitung  aromatischer  Liköre
benutzt.  Auch  aus  dem  Samen  gewinnt  man  ein
Öl  (0,7—1,50/0),  das  jedoch  einen  etwas  andern
Geruch  besitzt.  Das  beste  A.  stammt  aus  den
Angelikawurzeln  des  .sächsischen  Erzgebirges,
dann  folgt  das  aus  Thüringer  Wurzeln  und  das
aus  den  Wurzeln  des  Harzes.  Das  spez.  Gew.
liegt  zwischen  0,853  und  0,918.  Ein  aus  japanischen ­
  Wurzeln  gewonnenes  Öl  besitzt  ein  spez.
        <pb n="27" />
        Angelika  Wurzel

22

Anilin

Gew.  von  0,905—0,908,  scheidet  bei  -f-  io°  C
Kristalle  aus  und  erstarrt  bei  o°  breiartig.  Dieses
Öl  fängt  bei  170 0  an  zu  sieden,  der  Siedepunkt
steigt  aber  beständig,  und  die  zuletzt  übergehenden ­
  Anteile  sind  von  blaugrüner  Farbe.  Der
Geruch  ist  schärfer  als  derjenige  des  deutschen
Öles  und  besitzt  gleichfalls  einen  Anklang  an
Moschus.
Augelikawurzel  (Engelwurzel,  Theriakwurzel,
  Brustwurzel,  lat.  Radix  angelicae,
frz.  Racine  d’angelique,  engl.  Angelica  root),  die
getrocknete  Wurzel  der  in  den  Bergwäldern
Mitteleuropas  wild  wachsenden,  aber  auch  vielfach ­
  angebauten  Doldenpflanze;  Angelica  Archangelica,
  besteht  aus  einem  mit  zahlreichen
dicken  und  langen  Fasern  umgebenen  Wurzelkopf ­
  von  brauner  Farbe  und  stark  aromatischem
Geruch  und  Geschmack.  Die  Wurzelfasern  werden ­
  gewöhnlich  zu  einem  zopfähnlichen  Bündel
zusammengedreht.  Auf  dem  Querschnitt  erkennt
man  in  der  weißlichen  Rinde  zahlreiche,  mit
einem  rötlichgelben  Balsam  gefüllte  kleine  Behälter. ­
  Die  Wurzel  von  angebauten  Pflanzen,
welche  man  im  Frühjahr  oder  im  Herbste  sammelt, ­
  wird  vorgezogen.  Als  beste  Sorte  gilt  die
sächsische  A.  aus  der  Gegend  von  Bockau
bei  Schwarzenberg,  doch  wird  sie  auch  in  Thüringen ­
  und  am  Harz,  namentlich  in  der  Gegend
von  Kölleda,  Jena,  Quedlinburg  und  Gernrode
viel  angebaut.  Verwechslungen  mit  den  Wurzeln ­
  von  Angelica  silvestris  kommen  kaum
noch  vor,  da  man  fast  ausschließlich  angebaute
Ware  kauft.  Auch  ist  der  Geruch  jener  Wurzel  von
dem  der  echten  ganz  verschieden  und  die  Farbe
mehr  grau  als  braun.  A.  wird  sehr  leicht  von
Würmern  zerfressen  und  muß  daher  gut  verschlossen ­
  in  Blechgefäßen  aufbewahrt  werden.
Als  wichtige  Bestandteile  enthält  sie  äther.  Öl,
Harz,  Angelikasäure,  Hydrokarotin  bzw.  Phytosterin, ­
  Baldrian-  und  Essigsäure.  Sie  findet
als  magenstärkendes  Mittel  (Kneipps  Heilmittel)
sowie  in  den  Likörfabriken  zur  Herstellung
von  Chartreuse  u.  a.  ausgedehnte  Anwendung.
In  neuerer  Zeit  kommen  auch  zwei  Arten  von
A.  aus  Japan  in  den  Handel.  Die  eine,  Senkiyn
  genannte,  stammt  von  Angelica  refracta,-die
  andere,  Biyakushi,  von  Angelica ­
  anomala.  Diese  Wurzeln  liefern  jedoch  nur
V lo °/o  ätherisches  Öl  von  abweichendem  Geruch ­
  (s.  Angelikaöl).
Ang-Khak,  ein  roter  Farbstoff,  der  in  China
durch  Aussaat  eines  Pilzes  auf  gekochten  Reis
erzeugt  und  zur  Färbung  von  Nahrungsmitteln
benutzt  wird.
Anglesit  (Vitriolbleierz,  Bleiglaserz,
Bleivitriol,  frz.  Anglesite,  Plomp  Sulfate,  engl.
Lead  vitriol),  ein  aus  Bleisulfat  bestehendes,
sehr  schweres,  kristallinisches  Bleierz  von  weißer, ­
  grauer  oder  gelblicher  Farbe,  wird,  wenn
es  in  größeren  Mengen  gefunden  wird,  auf  Blei
verarbeitet.
Angolaerbsen.  Diesen  Namen  führen  die  Samen ­
  zweier  verschiedener  Pflanzen,  die  jedoch
mit  unseren  Erbsen  nicht  verwandt  sind.  i.  Die
Samen  von  Voandzeia  subterranea,  einer
zu  den  Zäsalpineen  gehörigen,  der  Arachis  (Erdnuß) ­
  sehr  nahe  stehenden  Pflanze,  welche  in
Südamerika  heimisch  ist,  aber  auch  in  anderen
Tropenländern,  so  besonders  in  Südafrika  und

in  Java  (hier  Katjang  manila  genannt),  angebaut
  wird,  sind  sehr  fettreich  und  werden  als  1
Nahrungsmittel  verbraucht.  —  2.  Die  Samen  des
indischen  Bohnenbaums,  Cajanus  indicus,dcr  j
in  Ostindien  heimisch,  vielfach  in  Südamerika
kultiviert  wird,  sind  weniger  schmackhaft  als
unsere  Erbsen.
Angolaflechte  (Roccclla  tinctoria)  dient  |
zur  Herstellung  der  Lackmustinktur,
Angolaholz.  Was  unter  diesem  Namen  zuweilen ­
  aus  Westafrika  in  den  Handel  kommt,
ist  nichts  weiter  als  Camwood,  s.  Kamholz.
Angosturabitter,  ein  Bitterlikör,  der  aus  einem
mit  Zucker  versüßten  alkoholischen  Auszuge
von  Angostura-  und  Chinarinde,  Enzian,  Pomeranzenschalen ­
  und  verschiedenen  Gewürzen  wie
Zimt,  Kardamomen  und  Nelken  besteht.
Angosturarinde  (lat.  Cortex  angosturae  verus,
frz.  Ecorce  d’Angosture,  engl.  Angosturabark),  \
nach  der  gleichnamigen  südamerikanischen  Stadt
benannteRinde  vonGalipea  officinalis,  wird
in  vereinzelten  Fällen  medizinisch  gegen  Dysenterie ­
  sowie  als  Ersatz  der  Chinarinde  angewandt, ­
  ruft  aber  in  großen  Gaben  Übelkeit  und  I
Erbrechen  hervor.  Meist  dient  die  Rinde  zur
Herstellung  des  Angosturabitters.  Zur  Vermeidung ­
  von  Verwechslungen  mit  der  falschen  A.
von  ostindischen  Strychnosarten,  welche  wegen
ihres  Bruzingehaltes  giftig  ist,  dient  die  Tatsache, ­
  daß  die  echte  A.  keinen  Gerbstoff  enthält, ­
  während  die  falsche  A.  gerbsäurehaltig  ist.  ;
Anhydride  nennt  man  durch  Abspaltung  von  j
Wasser  aus  Säuren  entstehende  Verbindungen
(Säureanhydride).  Ohne  weiteren  Zusatz  versteht ­
  man  darunter  in  der  Technik  das  A.  der
Schwefelsäure  (s.  d.).
Anhydrit  (Muriazit,  Würfelspat,  Würfel-  1
gips,  Karstenit),  ein  aus  wasserfreiem  schwefelsauren ­
  Kalk  (Kalziumsulfat)  bestehendes
Mineral,  findet  sich  fast  überall  als  regelmäßiger  j
Begleiter  der  Steinsalzlager.  (Vgl.  Gips.)
Anilin  (Phenylamin,  Amidobenzol,  Ky-  ]
anol,  Benzidam,  lat.  Anilinum,  frz.  und  engl.  I
Aniline)  ist  eines  der  wichtigsten  Erzeugnisse  I
der  chemischen  Großindustrie,  da  es,  obgleich  j
selbst  kein  Farbstoff,  das  Ausgangsmaterial  zahl-  I
reicher  sog.  Anilinfarben  darstellt.  Das  Anilin.  1
eine  stickstoffhaltige  organische  Base,  Amido-  I
benzol,  C 6 H 6 .NH 2 ,  findet  sich  in  geringer  1
Menge  fertig  gebildet  im  Steinkohlenteer,  wird
aber  fabrikmäßig  aus  dem  in  größeren  Mengen  im
Steinkohlenteer  enthaltenen  Kohlenwasserstoff  I
Benzol  dargestellt.  Zu  diesem  Zwecke  behandelt ­
  man  das  Rohbenzol,  welches  neben  Benzol  ;
noch  wechselnde  Mengen  Toluol,  Xylol  undKu-  J
mol  enthält,  mit  Saipeterschwefelsäure,  wäscht
das  entstandene  Nitrobenzol  mit  Lauge  und
Wasser  und  reduziert  es  darauf  mit  Salzsäure.  I
und  Eisen.  Nach  neueren,  anscheinend  noch
nicht  konkurrenzfähigen  Verfahren  bedient  man  |
sich  zur  Reduktion  eines  Gemisches  von  Na-  I
triumsulfid  mit  Schwefel  oder  der  Elektrolyse,  I
oder  leitet  Dämpfe  von  Nitrobenzol  mit  überschüssigem ­
  Wasserstoff  (Wassergas)  über  glühendes ­
  Kupfer,  wobei  ebenfalls  Amidobenzol  j
entsteht.  Aus  dem  hierbei  erhaltenen  salzsauren
Salze  setzt  man  durch  Zusatz  von  Kalk  die  j
Base  in  Freiheit  und  destilliert  sie  im  Wasser-  I
dampfstrom  ab.  Das  nach  dem  einen  oder  an-  j
        <pb n="28" />
        Anilinblau

23

Anilinschwarz

deren  Verfahren  gewonnene  Rohanilin  (Anilinöl), ­
  welches  noch  geringe  Beimengungen  von
Ortho-  und  Paratoluidin  enthält,  ist  eine  rötlichbraune ­
  ölige  Flüssigkeit  von  unangenehmem
Geruch,  welche  sich  mit  Wasser  nicht  mischt,
wohl  aber  etwas  Wasser  aufnimmt  und  zum  geringen ­
  Teile  in  Wasser  übergeht.  In  verdünnter
Salzsäure  muß  sich  Rohanilin,  wenn  es  nicht
mehr  als  Vs  °/°  Verunreinigungen  enthält,  klar
auflösen.  Der  Wassergehalt  soll  i 1 / 3 °/o  nicht
übersteigen.  Nach  dem  Gehalte  an  homologen
Toluidinen,  der  für  die  Herstellung  gewisser
Farben  erwünscht,  ja  notwendig  ist,  unterscheidet ­
  man  im  Handel  verschiedene  Typen  von
Rohanilin:  i.  Anilinöl  für  Rot  vomspez.Gew.
1,024—1,026  mit  10—20  0/0  A.,  25—40  0/0  Paratoluidin
  und  30—400/0  Orthotoluidin.  2.  Anilinöl ­
  für  Safranin,  als  Abfallprodukt  der
Fuchsinfabriken  auch  Echappe  genannt,  hat
das  spez.  Gew.  1,032—1,034  und  enthält  neben
35—500/0  A,,  50—65  0/0  Toluidin.  3.  Anilinöl  für
Blau  ist  möglichst  frei  von  Toluidin.  —  Das
reine  A.  des  Handels,  dessen  Toluidingehalt
nicht  über  1  0/0  beträgt,  ist,  frisch  bereitet,  eine
wasserhellc,  stark  lichtbrechende  Flüssigkeit,
welche  sich  beim  Stehen  an  der  Luft'nach  und
nach  rotbraun  färbt.  Spez.  Gew.  1,0265  bei  15  °,
Siedepunkt  187°.  Es  mischt  sich  mit  Alkohol,
Äther,  Benzol  und  vermag  Schwefel,  Phosphor,
Kampfer,  Fette  und  Farbstoffe  aufzulösen.  Zum
Nachweise  dient  die  mit  Chlorkalk  eintretende
Purpurviolettfärbung  der  wäßrigen  Lösung,  ferner ­
  die  Reaktion  mit  konz.  Schwefelsäure  und
wenig  Kaliumbichromat,  wobei  eipe  blaue,  bald
verschwindende  Färbung  gintritt,  und  schließlich ­
  die  durch  eine  schwefelsaure  Lösung  des
A.  hervorgerufene  intensive  Gelbfärbung  von
Fichtenholz  und  Holundermark.  Von  Salzen
des  A.  kommen  besonders  das  schwefelsaure
und  salzsaure  als  farblose,  kristallisierbare,
wasserlösliche  Verbindungen  im  Handel  ,  vor.
Das  A.  dient  zur  Herstellung  von  Methylanilin,
Diphenylamin,  Fuchsinblau,  Anilinschwarz,  Azet--anilid
  usw.  usw.  Die  Einfuhr  an  Anilinöl  und
Anilinsalzen  in  Deutschland  belief  sich  im  Jahre
19 1 1  nur  auf  20  t,  die  Ausfuhr  auf  mehr  als
7Soot  im  Werte  von  mehr  als  6,5  Millionen  M.
Anilinblau.  Unter  diesem  Namen  sowie  als
gewöhnliches  A.,  Fuchsinblau,  Diphenylaminblau, ­
  Baseblau  (Bleu  de  Lyon,  Bleu
de  Paris,  Feinblau,  Grünstichblau,  Öpalblau,
  Parmablau,  Alkoholblau,  Gentianablau,
  Spiritusblau,  Lichtblau,  Bleu  lu-®ibre,
  Rosanilinblau)  gelangten  früher  blaue
Farbstoffe  in  den  Handel,  welche  durch  Erhitzen
v on  Rosanilino*  mit  Anilin  und  etwas  Benzoesäure ­
  oder  von  Diphenylamin  mit  Oxalsäure  dargestellt ­
  werden  und  in  chemischer  Hinsicht  als
die  salzsauren  Salze  phenylierter  Rosaniline
(nieist  Triphenylrosanilin)  anzusprechen  sind,
■"de  stellen  grünlich  glänzende  Kristallnadeln
nder  dunkelrotbraune  Pulver  dar,  welche  in
(Wasser  unlöslich,  in  Alkohol  hingegen  mit  schön
blauer  Farbe  löslich  sind  und  in  verschiedenen
v  arbtönen,  rot-  und  grünstichig,  geliefert  werden.
Die  ersteren  werden  als  Anilinblau  R,  RR  usw.,
die  letzteren  als  Anilinblau  B,  BB  usw.  bezeichne
 F  Dieses  spritlösliche  A.  ist  ein  ziemlich
Achter,  substantiver  Farbstoff  für  Wolle  und

Seide.  —  N  euerdings  bevorzugt  man  das  w  asserlösliche
  A.,  welches  aus  den  Natriumsalzea
gepaarter  Sulfonsäuren  des  Triphenylrosanilins
besteht  und  aus  dem  spritlöslichen  A.  durch
Behandlung  mit  konzentrierter  Schwefelsäure,
Fällung  mit  Wasser  und  Auflösen  in  Natronlauge ­
  gewonnen  wird.  Je  nach  der  angewandten
Temperatur  und  der  Dauer  der  Einwirkung
können  hierbei  I,  2  oder  3  Moleküle  Schwefelsäure ­
  gebunden  werden.  Das  früher  allein  gebrauchte ­
  wasserlösliche  Anilinblau  enthält
3  Moleküle  Schwefelsäure  und  ist  demnach  das
triphenylrosanilintrisulfosaure  Natrium
Das  2  Moleküle  Schwefelsäure  enthaltende  A.  wird
als  Wasserblau  O  und  6B,  Baumwollblau,
Seideblau,  Bayrisch  blau  DSF  und  DBF
oder  Bleu  marine.  Bleu  soluble  bezeichnet
und  bildet  dunkelblaue,  kupferglänzende  Stücke,
welche  sich  in  Wasser  lösen.  Die  Lösung  dient
nach  dem  Ansäuern,  wobei  kein  Niederschlag
entsteht,  zum  substantiven  Färben  von  Wolle
und  Seide.  Auch  kann  der  Farbstoff  zum  adjektiven ­
  Färben  von  Baumwolle  benutzt  werden. ­
  —  Das  triphenylrosanilinmonosulfosaure
  Natrium  mit  I  Molekül  Schwefelsäure
wird,  wenn  es  aus  Rosanilin  hergestellt  wurde,
als  Alkaliblau  oder  Nichols.ons  Blau,  wenn
es  aus  Diphenylamin  bereitet  wurde,  als  Alkaliblau ­
  D  bezeichnet.  Beide  sind  blaue,  wasserlösliche ­
  Pulver,  mit  denen  man  Wolle  und  Seide
zunächst  im  schwach  alkalischen  Bade  färbt,
um  darauf  die  freie  Sulfosäure  in  schwach
saurem  Bade  auf  der  Faser  abzuscheiden.
Anilinfarben  (frz.  Couleurs  d’aniline,  engl-  Amline
  dyes)  nannte  man  ursprünglich  nur  diejenigen ­
  künstlichen  Farbstoffe,  welche  sich  vom
Anilin  ablciteten,  während  zurzeit  im  gewöhnlichen ­
  Leben  sowie  im  Handel  und  Verkehr  alle
künstlich  hergestellten  organischen  Farbstoffe
mit  dieser  Bezeichnung  belegt  werden.  Näheres
s.  unter  Teerfarben.
An  lingelb.  Diesen  Namen  führen  verschiedene
Teerfarbstoffe.  Das  eigentliche  A.  besteht  entweder ­
  aus  salzsaurem  oder  aus  oxalsaurem
Amidoazobenzol  und  wird  durch  Einwirkung
von  Diamidoazobenzo!  oder  Diazobenzolchlorid
auf  salzsaures  Anilin  dargestellt.  Der  Farbstoff
ist  in  kaltem  Wasser  schwer,  in  heißem  ziemlich
leicht  mit  goldgelber  Farbe  löslich  und  wird
durch  Salzsäure  rot.
Anilingrau.  Unter  diesem  Namen  finden  sich
im  Handel  verschiedene  graue  Farbstoffe,  die
gewöhnlich  nur  als  Nebenprodukte  bei  der  Herstellung ­
  andrer  Anilinfarben,  z.  B.  des  Emeraldins,
  des  Mauveins  u.  a.,  gewonnen  werden.
Aniiinsalz  (frz.  Sei  d’anil.ne,  engl.  Aniline  salt).
Im  Chemikaliengroßhandel  versteht  man  unter
A.  teils  schwefelsaures,  teils  salzsaures
Anilin  (s.  d.),  welche  sowohl  in  Kristall-  als
auch  in  Kuchenform  in  den  Verkehr  gelangen.
Anilinschwarz,  einer  der  echtesten  und  wichtigsten ­
  Farbstoffe  der  Baumwollfarben,  entsteht
bei  der  Oxydation  von  Anilin  mit  chlorsaurem
Kalium  und  etwas  vanadinsaurem  Ammonium
und  wird  auf  der  Faser  selbst  erzeugt,  indem
man  das  Garn  oder  Gewebe  mit  einer  Lösung
des  Anilinsalzes  und  der  Oxydationsmittel  tränkt
Statt  des  Vanadinsalzes  kann  auch  Kaliumbichromat ­
  oder  -persulfat,  und  statt  des  chlor ­
        <pb n="29" />
        Anime

Anthranilsäure

24

sauren  Kaliums  auch  Kaliumchromat,  -perman-  I
ganat,  Bleisuperoxyd  oder  ein  anderes  Oxyda-  1
tionsmittel  genommen  werden.  Der  Farbstoff
selbst,  der  in  allen  bekannten  Lösungsmitteln
anlöslich  ist,  kommt  in  Teigform  in  den  Handel
und  findet  im  Zeugdruck  beschränkte  Anwendung. ­
  Er  ist  gegen  Alkalien  wie  Säuren  nahezu
unveränderlich.
Anime  (Flußharz,  lat.  Resina  anime,  frz.
Anim£,  engl.  Anime),  ein  früher  offizinelles,  jetzt
nicht  mehr  gebräuchliches  Harz  aus  der  Rinde
der  in  Westindien  und  Südamerika  heimischen
Burserazee  Hymenaea  courbaril,  bildet  gelbliche, ­
  leicht  zerreibliche  Stücke  von  schwach
aromatischem  Geruch,  welche  beim  Kauen  weich
werden.  Als  ostindisches  und  afrikanisches  A.
kommt  ein  Harz  unbekannter  Abstammung  in
den  Handel,  welches  eine  rötlichgelbe  Farbe
und  abweichenden  Geruch  besitzt.  A.  wird  zuweilen ­
  mit  dem  Ko  pal  verwechselt,  weil  die
Engländer  den  Kopal  Animi  nennen,  und  findet
zu  Räucherzwecken  sowie  bei  der  Herstellung
von  Lack  und  Siegellack  Anwendung.
Anis  (Anissamen,  Anisfrüchte,  lat.  Fructus
  anisi,  frz.  Anis  vert,  engl.  Anige  früits),  die
Früchte  der  Anispflanze,  Pimpinella  Anisum,
welche  in  ganz  Süd-  und  Mitteleuropa  angebaul
wird,  haben  eine  eiförmige  Gestalt  und  bestehen
aus  den  noch  nicht  getrennten  Teilfrüchtchen
der  Pflanze.  Sie  sind  grünlichgelb  bis  graugrün
und  mit  äußerst  zarten,  kurzen,  angedrückten
Haaren  bedeckt.  An  der  Berührungsstelle  erscheinen ­
  die  beiden  Teilfrüchte  flach,  am  Rücken
gewölbt.  Ihren  starken,  aromatisch  süßlichen
Geruch  und  Geschmack  verdanken  sie  einem
ätherischen  Öle  (s.  Anisöl),  von  dem  je  nach  der
Sorte  2—6  o/o  vorhanden  sind.  In  Deutschland
wird  A.  hauptsächlich  in  der  Gegend  von  Bamberg, ­
  Erfurt,  Gotha  und  Magdeburg  angebaut,
außerdem  liefern  Spanien  und  Malta,  hauptsächlich ­
  aber  Südrußland,,  aus  der  Gegend  von
Charkow,  große  Mengen.  Als  wichtigstes  Verfälschungsmittel ­
  sind  bislang  neben  Sand  und
ähnlich  aussehenden  Früchten  anderer  Umbelliferen
  gedämpfte  und  extrahierte  Anissamen  beobachtet ­
  worden,  während  der  bis  zu  o/o  betragende ­
  Gehalt  der  italienischen  Ware  an
Schierlingsfrüchten  als  eine  zufällige  Verunreinigung ­
  aufzufassen  ist.  Diese  gefährliche
Beimengung  läßt  sich  durch  die  Lupe  sowie
durch  den  beim  Zerreiben  und  Übergießen  mit
Kalilauge  auftretenden  unangenehmen,  betäubenden ­
  Geruch  nachweisen.  Anis  findet  als  Zusatz ­
  bei  verschiedenen  Teespezies  und  Likören
sowie  als  Gewürz  Verwendung.
Anisaldehyd,  Paramethoxybenzaldehyd,  CH a O.
C 6 H 4 .CHO,  eine  farblose,  nach  blühendem
Weißdorn  und  Kumarin  riechende  Flüssigkeit
vom  spez.  Gew.  1,123  und  dem  Siedepunkt  248°
wird  durch  Oxydation  von  Anethol  dargestellt
und  in  der  Parfümerie  angewandt.
Anisöl  (lat.  Oleum  anisi,  frz.  Essence  d’anis,
engl.  Oil  of  anise),  das  ätherische  Öl  des  Anis,
aus  dem  es  durch  Destillation  mit  Wasserdampf
gewonnen  wird,  besitzt  den  eigentümlichen  süßlichen ­
  Anisgeruch  und  -geschmack  in  hohem
Grade,  ist  farblos  bis  gelblich  und  hat  bei  20  °C
ein  spez.  Gew.  von  0,980—0,990.  Anisöl  lenkt  die
Ebene  des  polarisierten  Lichts  schwach  nach

links  ab  («„  bis  —2 0 )  und  löst  sich  in  1,5  bis
3V0I.  900/oigen  Alkohols.  In  der  Kälte  erstarrt
es  zu  einer  schneeweißen,  kristallinischen  Masse,
die  bei  15 0  oder  darüber  zu  schmelzen  beginnt
und  sich  bei  18—20 0  vollständig  verflüssigt.  Das.
Erstarren  wird  bedingt  durch  den  Gehalt  an
Anethol  (s.  d.),  das  etwa  900/0  des  Anisöls  ausmacht. ­
  Ein  weiterer  bemerkenswerter  Bestandteil ­
  ist  das  dem  Anethol  isomere  Methylchavicol
  (Estragol),  das  ebenfalls  anisartig  riecht,,
aber  nicht  den  süßen  Anisgeschmack  besitzt.
Als  Destillationsmaterial  dient  hauptsächlich  der
russische  Anis;  er  wird  teils  in  Rußland  auf  Öl
verarbeitet,  teils  zu  diesem  Zweck  ausgeführt.
Anisöl  ist  mancherlei  Verfälschungen  ausgesetzt,
besonders  häufig  ist  das  Verschneiden  mit
Fenchelöl  oder  Fenchelstcaropten,  von  dem  aber
selbst  kleine  Mengen  sich  durch  die  Rechtsdrehung ­
  verraten.
Anissäure  (Methylparaoxybenzoesäure,.
lat.  Acidum  anisicum,  frz.  Acide  anisique,
engl.  Anisic  Acid)  ist  identisch  mit  der  U  mbellasäure,
  Badian-  und  Dragonsäure
und  entsteht  durch  Oxydation  des  Anisöls  oder
des  in  ihm  enthaltenen  Anethols  mit  Schwefelsäure ­
  und  Kaliumdichromat  in  Form  farbloser
Kristalle,  die  bei  184°  schmelzen  und  bei  275  bis
280°  sieden.  Sie  löst  sich  in  kaltem  Wasser  nur
wenig,  leichter  in  heißem  Wasser  und  sehr  leicht
in  Alkohol  und  Äther.  A.  findet  als  Antiseptikum ­
  und  Antirheumatikum  medizinische  Anwendung ­
  an  Stelle  der  Salizylsäure,  vor  welcher ­
  sie  den  Vorzug  hat,  nicht  ätzend  zu  wirken
und  das  Herz  nicht  zu  schwächen.
Annaline  (Annalith),  Fabrikname  für  feingemahlenen ­
  Gips,  wie  er  als  Füllmaterial  zuweilen ­
  in  der  Papierherstellung  verwandt  wird.
Anthion,  eine  wäßrige  Lösung  von  Kaliumpersulfat, ­
  wird  in  der  Photographie  benutzt,  um
die  letzten,  nicht  mehr  auswaschbaren  Reste
von  Fixiernatron  aus  Platten  und  Papieren  zu
entfernen;
Anfhrachinon  (Oxanthrazen,  Anthrazenuse),
  C 6 H 4 (CO) 2 C 6 H 4 ,  wird  durch  Oxydation
des  Anthrazens  mit  chromsaurem  Kalium  und
Schwefelsäure  dargestellt  und  bildet  gelbe,  prismatische ­
  Kristalle,  welche  unlöslich  in  Wasser
und  wenig  löslich  in  Alkohol,  Äther  und  Benzol
sind.  Mit  kalter  konzentrierter  Schwefelsäure
gibt  A.  eine  gelbe  Lösung,  aus  welcher  es  durch
Wasser  in  weißen  Flocken  gefällt  wird.  Der
Schmelzpunkt  liegt  bei  275 0  C,  doch  fängt  es
schon  vorher  an  zu  sublimieren.  Das  A.  dient
zur  Bereitung  des  künstlichen  Alizarins.
Anthranilsäure,  o-Amidobenz«esäure,.  C c H t .
(NH 2 )COOH,  entsteht  beim  Kochen  von  Indigo
mit  Kalilauge  und  wird  durch  Behandlung  von
Phtalimid  mit  unterchlorigsaurem  Natrium  oder
von  Nitrotoluolsulfosäüre  mit  Alkalilauge  und
nachfolgende  Reduktion  fabrikmäßig  dargestellt. ­
  Als  Ausgangsmaterial  dient  die  als  Nebenprodukt ­
  der  Saccharinherstellung  abfallende  o-Toluolsulfosäure.
  A.  bildet  farblose,  in  Wasser
und  Alkohol  leicht  lösliche  Nadeln  vom  Schmelzpunkt ­
  145°,  und  findet  zur  Herstellung  des  künstlichen ­
  Indigos  praktische  Anwendung.  Ihr  Methylester
  bildet  einen  Bestandteil  des  Neroliöls
und  dient  zur  Herstellung  künstlicher  Parfüms.
        <pb n="30" />
        Anthrarobin

25

Anthrophore

Anthrarobin  (Desoxyalizarin,  lat.  Anthrarobinum),
  die  Leukoverbindung  des  Alizarins,  wird
durch  Behandlung  des  letzteren  mit  Ammoniak
und  Zinkstaub  und  nachfolgende  Fällung  mit
Salzsäure  als  gelblichweißes  Pulver  erhalten,
das  in  Wasser  unlöslich  ist,  sich  aber  in  Alkohol
und  noch  leichter  in  Alkalilauge  löst  und  in  gut
verschlossenen  Gefäßen,  an  trockenen  Orten
aufbewahrt  werden  muß.  Man  benutzt  es  äußerlich ­
  gegen  hartnäckige  Hautkrankheiten  an  Stelle
des  Chrysarobins,  vor  dem  es  den  Vorzug  hat,
keine  Hautentzündungen  zu  erzeugen.  Falls,
wie  meist  üblich,  das  käufliche  Alizarin  (Gelboder ­
  Blaustich)  zur  Darstellung  benutzt  wird,
enthält  das  Präparat  noch  die  Leukoverbindungen ­
  des  Anthra-  und  Flavopurpurins,  die  je- 1
doch  dieselbe  Wirkung  haben  wie  das  A.
Anthrazen  (lat.  Anthracenum,  frz.  Anthracfene,
engl.  Anthraceh),,  ein  im  Steinkohlenteer  enthaltener ­
  Kohlenwasserstoff,  C lt H 10 ,  der  in  großen ­
  Mengen  zur  Herstellung  des  künstlichen
Alizarins  verwendet  wird.  Zur  Gewinnung  des
A.  wird  der  über  270 0  C  übergehende  Teil  des
Steinkohlentecrs  (Green  oil)  gesondert  aufgefangen ­
  und  die  Destillation  bis  gegen  400 0  hin
fortgesetzt.  Beim  Erkalten  des  Destillats  scheidet ­
  sich  das  rohe  A.  als  kristallinische  Masse
1  (Green  grease)  ab  und  wird  durch  Pressen  von
dem  flüssigen  Teile  des  Destillates,  welcher  als
Schmieröl  Benutzung  findet,  getrennt.  Durch
wiederholte  Destillation  und  Behandlung  mit
Ligroin  weiter  gereinigt,  kommt  das  A.  als
hellgelbe  kristallinische  Masse  in  den  Handel.
Sie  ist  für  die  Alizarinfabriken  genügend  rein,'
enthält  60—900/0  reines  A.  und  wird  Rolianthrazen
  genannt;  Ganz  reines  A.bildet  glänzende, ­
  weiße,  blätterige  Kristalle  mit  blauer  Fluoreszenz, ­
  schmilzt  bei  213°  0,  fängt  aber  schon
früher  an,  sich  zu  verflüchtigen.  Bei  ungefähr
560°  sublimiert  die  ganze  Masse  unverändert.
In  Wasser  ist  das  A.  unlöslich,  in  kaltem  Alkohol ­
  wenig,  etwas  mehr  in  kochendem  Alkohol
löslich.  Die  Gehaltsprüfung  und  Wertbestimnaung
  erfolgt  durch  Überführung  des  A.  in  Anthrachinon.
  Die  Zahl  der  Stoffe,  welche  das
r ohe  A.  verunreinigen,  ist  ziemlich  groß.  Vor
allem  finden  sich  Melhylanthrazcn,  Fluor
 en,  Azenaphten,  Diphenyl,  Naphthalin,
khenanthren,  Karbazol,  Akridin,  Fluoranthen,
  Chrysen  und  Chrysogen.  Der  Gehalt ­
  an  A.  im'  Steinkohlenteer  beträgt  1  —  1  Vs 0 / 0 »
v on  dem  jedoch  gewöhnlich  nur  die  Hälfte  gewonnen ­
  wird.  Deutschland  führte  im  Jahre  1896
an  6ooo  t,  im  Jahre  1913  nur  noch  höchstens
■  ooo  t  A.  ein.
Anthrazenblau,  Hexaoxyanthrachinon,  entsteht
oeim  Schmelzen  von  Dinitroanthrachinon  mit
Schwefelsäure,  Borsäure  und  Schwefelsesqui-°
 x yd  als  ein  dunkles,  metallglänzendes  Pulver,
Welches  in  Alkohol  mit  roter,  gelb  fluoreszieren-"®
 r )  in  Natronlauge  mit  blauer,  in  konz.  Schwe-Hsäure
  mit  violettblaucr,  braunrot  fluoreszicr
 ender  Farbe  löslich  ist.  Der  Farbstoff  findet
"Wegen  seines  echten,  tiefblauen  Chromlacks  in
er  Wollfärberei  Anwendung.
Anthrazenbraun.  Dieser  bisweilen  fälschlich
“ y ch  Aliza  rinbraun  genannte  Farbstoff  ist  ein
^tioxyanthrachinon  (Anthragallol)  und  entsteht
61  der  Behandlung  von  Gallussäure  und  Benzoesäure ­

  mit  konz.  Schwefelsäure,  oder  von
Phtalsäure  mit  Zinnsalz  als  ein  braunes,  in  Wasser
unlösliches  F’ulver  vom  Schmelzpunkte  310 0 ,
welches  sich  in  Alkohol,  Äther  und  Eisessig  mit
bräunlichgelber,  in  Natronlauge  mit  grüner,  in
konz.  Schwefelsäure  mit  bräunlichroter  Farbe
löst.  A.  kommt  meist  in  Form  einer  Paste  in
den  Handel;  welche  als  echtester  brauner  Beizenfarbstoff, ­
  zum  Färben  und  Drucken  von  Wolle
und  Baumwolle,  Anwendung  findet.
Anthrazenfarbstoffe.  Unter  diesem  Namen
fassen  Möhlau  und  Bücherer  zu  der  6.  Klasse
der  Teerfarben  eine  große  Zahl  von  Verbindungen ­
  zusammen,  welche  alle  vom  Anthrachinon,
C c H 4 (CO) 2  C g H,|,  abgeleitet  werden  können.  Je
nach  dem  Eintritt  von  Hydroxyl-,  Amino-  oder
anderen  Gruppen  unterscheidet  man  folgende
sechs  Abteilungen:  I.  Oxyanthrachinonfarbstoffe
enthalten  2—6  Hydroxylgruppen  und  zerfallen
demnach  in  Di-,  Tri-  bis  Hexaoxyanthrachinonfarbstoffe.
  Der  wichtigste  Dioxyanthrachinonfarbstoff,
  das  Alizarin  und  die  von  ihm
abgeleiteten  Alizarinfarbstoffe,  sind  in  besonderen ­
  Abschnitten  besprochen.  Ein  weiteres  Glied
dieser  Gruppe,  das  Purpuroxanthin,  bildet
einen  Bestandteil  des  natürlichen  Krapps  (s.  d.).
Von  den  Trioxy  anthrachinonf  a  r  b  s  t  o  f  f  e  n
seien  angeführt  das  Anthragallol,  s.  unter  Anthrazenbraun, ­
  das  Purpurin,  Iso-  und  Flavopurpurin
  (s.  Alizarin);  Ein  Tetra-O.  ist  Alizarinbordeaux
  (s.  d.)  und  das  von  ihm  abgeleitete ­
  Alizaringrün  (s,  d.);  ein  Penta-O.
das  Alizarinzyanin  (s.  d.)  und  sein  Chinolinderivat, ­
  das  Alizarinindigblau,  ein  Plexa-O.
das  Rufigallol  und  sein  Chinon,  das  Anthrazenblau ­
  (s.  d.).  II.  Aminooxyanthrachinonfarbstoffe
  entstehen  bei  der  Einwirkung  von  Ammoniak ­
  auf  Polyoxyanthrachinone.  Zu  ihnen
gehören  Alizarinzy  anin  G,  Alizarinsaphirol
  B,  Alizarinirisol  und  Alizarinviridin.
III.  Arylaminoanthrachinonfarbstoffe  leiten  sich
von  den  Gliedern  der  vorigen  Reihe  ab  durch
Eintritt  verschiedener  Substituenten  wie  Halogen,
Schwefelsäure-,  Salpetrigsäure-Rest.,  indieAmi-|
  nogruppe.  So  ist  das  Alizarinblau  GG  ein
brorniertes  Diarainooxyanthrach'.non,  in  welchem ­
  ein  Wasserstoffatom  der  Aminogruppe
durch  den  Rest  SO ä HC 6 H 3 .  CH 3  ersetzt  ist.
Das  Alizarinzyaningrün  enthält  diesen  Rest
zweimal.  IV.  Dihydroanthrachinonazine  entstehen
bei  der  Kalischmelze  von  Aminoanthrachinon,
wobei  sich  2  Moleküle  der  letzteren  zu  einem
vereinigen.  Als  wichtigster  Vertreter  ist  das  Indanthren ­
  (s.  d.)  von  der  Formel  C 6 H 4 .(CO) 2 .
C 0 H 2 .(NH),  O e H 2 ,(CO) ä .C (i H 4  anzuführen.  V.  Benzantlirenfarbstoffe.
  VI.  Anthrachinonpyridonfarb-Stoffe
  werden  aus  Bromanthrachinon  durch  Einwirkung ­
  von  Methylamin,  nachfolgendes  Azetylieren
  und  Kondensieren  hergestcllt.  Sie  führen ­
  die  Namen  Algolrot,  Algolgrün,  -blau,  -braun
und  dienen  zur  Herstellung  sehr  echter  Färbungen. ­

Anthrazit,  eine  aus  mehr  als  90  0/0  Kohlenstoff
bestehende  Steinkohle,  welche  in  besonderen
Feuerungen  verbrannt,  nicht  aber  zur  Herstellung ­
  von  Gas  und  Koks  benutzt  werden  kann,
Anthrophore,  elastische  Stäbchen  aus  einer
kautschuküberzogenen  Kupferspirale,  welche  von
C,  Stephan-Dresden  hergestellt  werden  und  zur
        <pb n="31" />
        2  ms

Antichlor

26

Antimonbutter

medikamentösen  Behandlung  von  Schleimhäuten
der  Harnröhre,  der  Nase,  des  Uterus  usw.  ausgedehnte ­
  Anwendung  finden.  Die  wirksame
Substanz  wird  im  Gemisch  mit  Gelatine  als  Überzug ­
  auf  den  A.  angebracht.
Antichlor.  Mit  diesem  Namen  belegt  man
solche  Salze,  welche  zur  Entfernung  der  letzten
Anteile  Chlor  dienen,  die  in  den  der  Chlorbleiche ­
  unterworfenen  Geweben  hartnäckig  zurückgehalten ­
  werden  und  deren  Haltbarkeit  beeinträchtigen ­
  können.  Als  A.  benutzt  man  entweder ­
  unterschwefligsaures  Natron  oder
neutrales  schwefligsaures  sowie  auch  saures ­
  schwefligsaures  Natron.  Die  beiden
letztgenannten  Salze  haben  vor  dem  ersteren
den  Vorteil,  daß  sie  bei  der  Zersetzung  durch
Chlor  keinen  Schwefel  äbscheiden,  der  sich
leicht  in  dem  Gewebe  festsetzt,  sind  dagegen
weniger  haltbar  sowie  auch  weniger  ausgiebig.
Neuerdings  hat  man  auch  das  salpetrigsaure
Natron  als  A.  empfohlen,  welches  dem  unterschwefligsauren ­
  Natron  in  seiner  Wirksamkeit
wenig  nachsteht,  ferner  Wasserstoffsuperoxyd
und  Ammoniak.
Anfifex,  ein  Mittel,  welches  angeblich  die  Haltbarkeit ­
  der  Glühstrümpfe  erhöhen  soll,  wirkt
nach  der  Untersuchung  der  Gasanstalt  Bielefeld ­
  im  Gegenteil  ungünstig  auf  die  Haltbarkeit
und  verringert  auch  die  Leuchtkraft.  Auf  Grund
der  chemischen  Analyse,  welche  als  Bestandteil
Silikate  des  Natriums,  Magnesiums,  Kalziums
neben  geringen  Mengen  Blei,  Aluminium  und
Eisen  ergab,  ist  das  Mittel  jedenfalls  als  feingepulvertes ­
  Glas  anzusprechen.
Anfifebrin,  Azctanilid,  Phenylazetamid,
C e H 6 .  NH  .  CO  .  CH 3 ,  ein  weißes  geruchloses  Kristallpulver ­
  (Blättchen)  von  schwach  brennendem
Geschmack,  fast  unlöslich  in  kaltem  Wasser,
leicht  löslich  in  Alkohol,  Äther  und  Chloroform,
schmilzt  bei  113 0 ,  siedet  bei  304 0  und  reagiert
neutral.  Es  wird  dargestellt  durch  Kochen  von
Anilin  mit  Eisessig,  Abdestillieren  und  Umkristallisieren ­
  aus  siedendem  Wasser.  Anwendung
als  Fiebermittel,  Vorsichtig  aufzubewahren!
Antifloral,  ein  gegen  Erkrankung  der  Schleimhäute, ­
  weißen  Fluß  usw.  angepriesenes  Geheimmittei, ­
  besteht  aus  einem  Gemisch  von  Karbolsäure ­
  mit  4 x /2°/o  Wasserstoffsuperoxyd.
Antiformin,  eine  konz.  alkoholische  Lösung
von  Natriumhypochlorit  (s.Eau  dejavelle)  wird
als  bakterienauflösendes  Desinfektionsmittel
empfohlen.
Anlihydropin,  der  in  kristallinischer  P’orm  abgeschiedene ­
  wirksame  Bestandteil  der  Küchenschabe ­
  (Blatta  orientalis),  wird  wie  diese
gegen  Wassersucht  verordnet.
Änlikaustikum,  ein  zur  Entfernung  der  Buchdruckerschwärze ­
  von  den  Lettern  benutztes,
stark  konzentriertes  Natronwasserglas.
Antimerulion.  Gegen  Hausschwamm  benutztes
Präparat  aus  Wasserglas,  Borsäure  und  Kochsalz. ­

Antimon,  Sb  -  119,9  (Spießglanzmetall,
lat.  Stibium,  Antimonium,  frz.  Antimoine,  engl.
Antimony),  findet  sich  in  der  Natur  nur  sehr
selten  als  gediegenes  Metall,  ziemlich  häufig
hingegen,  an  Schwefel  oder  Sauerstoff  gebunden,
in  Form  von  Erzen.  Das  wichtigste  Antimonerz,
der  Grauspießglanz  (Antimonglanz,  Antimonit),

  in  chemischer  Hinsicht  Anlimontrisulfid,
Sb 2 S 3 ,  bildet  strahligkristallinische  Massen  von
starkem,  bläulichgrauem  Metallglanz,  welche
hauptsächlich  von  China,  Australien,  Zeylon  und
Kanada  über  England  in  den  Handel  kommen.
Geringere  Mengen  finden  sich  in  Böhmen,  Kärnten, ­
  Frankreich  und  Spanien  sowie  im  Harz
und  bei  Freiberg  und  Roßwein  im  Erzgebirge.
Das  völlig  arsenfreie  Mineral  von  Liptau  und
Rosenau  in  Ungarn  sowie  von  Schleiz  wird  für
medizinische  Zwecke  benutzt.  Die  reinsten  Vorkommnisse ­
  des  Schwefelantimons  bilden  im  gemahlenen ­
  Zustande  an  sich  einen  Handelsartikel.
Aus  unreinerem  Material  saigert  man  die  leicht
schmelzbare  Verbindung  zunächst  aus  und  läßt
die  abfließende  Erzmasse  in  Schüsseln  zu  brotformigen
  Stücken  erstarren,  die  das  Antimonium ­
  erüdum  oder  Stibium  sulfuratum  der
Drogisten  bilden.  Zur  Gewinnung  des  metallischen ­
  Antimons  wird  das  Mineral  unter  Zusatz
alkalischer  Flußmittel  mit  Eisenabfällen  geschmolzen, ­
  wobei  der  Schwefel  an  das  Eisen
geht  und  das  A.  sich  am  Boden  des  Schmelztiegels ­
  ansammelt.  Noch  vorteilhafter  scheint
eine  neuere  elektrolytische  Methode  zu  sein.
Aus  der  Sauerstoffverbindung  des  A.,  welche
als  Senarmontit  von  Borneo  und  Algier  nach
England  und  Frankreich  verschifft  wird,  erhält
man  das  Metall  durch  Reduktion  mit  Soda  und
Kohle.  Das  nach  einem  oder  dem  anderen  Verfahren ­
  gewonnene  Rohantimon  kommt  als  Regulus ­
  Antimonii  oder  Regulus  schlechthin
in  den  Verkehr  und  wird  zur  Herstellung  von
Letternmetall,  Britannia,  sowie,  mit  Kupfer  legiert,
zu  Achsenlagern  von  Lokomotiven  und  Dampfmaschinen ­
  benutzt.  Für  medizinische  Zwecke
muß  das  A.  noch  weiter  gereinigt  und  von  den
geringen  Beimengungen  von  Arsen,  Eisen  und
Blei  befreit  werden.  —  Das  reine  A.  ist  ein  bläulichweiß ­
  glänzendes,  blättrig-kristallinisches  Metall, ­
  welches  sich  wegen  seiner  Sprödigkeit  pulverisieren ­
  läßt.  Das  Atomgewicht  beträgt  119,9,
das  spez.  Gew.  6,71—6,72.  An  der  Luft  hält  es
sich  unverändert  blank,  schmilzt  bei  430 0  und
verdampft  bei  lebhafter  Rotglut  unter  teilweiser
Oxydation.  Von  Salzsäure  und  Schwefelsäure
wird  A.  nicht  angegriffen,  Salpetersäure  oxydiert ­
  es  zu  weißem  Antimonoxyd,  und  Königswasser ­
  löst  es  glatt  aut.
Anlimonbutter  (lat.  Butyrum  Antimonii,  frz.
Beurre  d’antimoine)  ist  der  Handelsname  des
trocknen  Antimonchlorids  (Antimontrichlorid,
  Stibium  chloratum),  Sb  Cl 3 ,  welches
durch  Auflösen  von  Grauspießglanz  in  Salzsäure,
Verdampfen  und  nachfolgende  Destillation  oder
geradezu  durch  Destillation  von  Antimon  mit
Quecksilberchlorid  in  Form  einer  weißen  kristallinischen, ­
  an  der  Luft  rauchenden  Masse  von
butterähnlicher  Konsistenz  erhalten  wird.  Die  nicht
destillierte  Lösung  des  Antimonglanzes  in  Salzsäure ­
  führt  die  Bezeichnung  flüssige  A.  (flüssige
Spießglanzbutter,  lat.LiquorStibiichlorati
oder  muriatici,  frz.  Chlorure  antimonieux  liquide, ­
  engl.  Solution  of  Antimonious  Chloride)
und  bildet  eine,  gewöhnlich  durch  etwas  Eiseri
gelblich  gefärbte,  ätzende,  giftig  wirkende
Flüssigkeit,  welche  beim  Verdünnen  mit  viel
Wasser  einen  weißen  Niederschlag  von  Ant
  imonoxy  c  hlor  iir  (Algarotpulver)  ab-
        <pb n="32" />
        Antimongelb

27

Apfelsinen

scheidet.  Auf  Zusatz  von  Natriumthiosulfat  zu
flüssiger  A.  entsteht  ein  orangeroter  Niederschlag, ­
  der  beim  Waschen  mit  Sodalauge  rein
weißes  Antimonoxyd  (Stibium  oxy  datum
album,  Antimonium  diaphoreticum  album),  das
Ausgangsmaterial  für  die  Herstellung  des  Brechweinsteins ­
  hinterläßt.  Feste  und  flüssige  A.  dient
zum  Brünieren  der  Gewehrläufe,  zum  Beizen
von  Silber,  als  Ätzmittel  sowie  zur  Herstellung
von  Antimonoxyd,  Antimonzinnober  und  anderer
technischer  und  pharmazeutischer  Antimonpräparate. ­

Anlimongelb,  ein  Gemisch  von  antimonsaurem
Blei  mit  überschüssigem  Bleioxyd,  bildet  eine
wertvolle  Malerfarbe,  welche  den  Vorzug  der
Glühbeständigkeit  besitzt  und  daher  auch  in  der
Porzellanmalerei  benutzt  werden  kann.  Es  wird
dargestellt  durch  Rösten  von  Bleiantimonlegierungen, ­
  ferner  von  pulverisiertem  Antimon  mit
Mennige  und  weinsaurem  Kalium,  von  Bleiweiß
mit  antimonsaurem  Kalium  und  Salmiak  sowie
nach  verschiedenen  anderen  Methoden.  Die  im
Handel  auch  als  Neapelgelb  oder  Neapolitanische ­
  Erde  geführte  Farbe  besitzt  gute
Deckkraft,  ist  aber\gegcn  Schwefelwasserstoff
empfindlich  und  unterliegt  den  für  Bleifarben
(s.  d.)  erlassenen  Vorschriften,
Antimonoxalat  (Oxalsaurcs  Antimonkali,
kleesaures  Antimonoxydkali,  Kaliumantimonoxalat), ­
  ein  Doppelsalz  aus  Kaliumund
  Antimonoxalat,  bildet  kleine,  weiße  Kristallnadeln ­
  und  wird  als,  Ersatz  für  Brechweinstein
in  der  Zeugdruckerei  und  Färberei  verkauft,
kann  diesen  aber  nicht  in  allen  Fällen  ersetzen.
Antimonzinnober,  eine  rote  Farbe,  die  als
Ersatz  für  Zinnober  empfohlen  wird  und  aus
einer  Verbindung  von  Dreifach-Schwefelantinron
  mit  Antimonoxyd  besteht,  entsteht  beim
Vermischen  von  unterschwefligsaurem  Natron
mit  einer  Lösung  von  Antimonbutter  in  der
Siedehitze  als  ein  rotes,  in  Wasser  unlösliches
Pulver,  welches  sich  am  besten  für  Ölanstriche
®ignet.  Als  Wasserfarbe  für  Kalkwände  kann
A.  nicht  benutzt  werden,  da  die  Farbe  hierbei
verändert  wird.  Vom  echten  Zinnober  unterscheidet ­
  er  sich  leicht  beim  Übergießen  mit  Salzsäure, ­
  wobei  er  unter  Entwicklung  von  Schwefelwasserstoff ­
  zerstört  wird,  während  der  echte
Zinnober  unverändert  bleibt.
Antinervin,  eine  von  Dr.  Radlauer  in  den
Plandel  gebrachte  Mischung  von  250/0  Bromatnmonium,
  25%  Salizylsäure  und  500/0  Azetuntlid
  gegen  Fieber,  Neuralgie  usw.
Antinonnin.  Rotbraune  Paste  aus  Seife  und
Glyzerin  mit  etwa  500/0  o-Dinitrokresolkalium,
die  in  Form  ihrer  wäßrigen  Lösung  als  Mittel
Segen  Hausschwamm  zum  Imprägnieren  und
Anstreichen  von  Holz  Verwendung  findet.
,  Antinosin,  das  Natriumsalz  des  Nosophens
' s ;  d.),  ein  blaues,  wasserlösliches  Kristallpulver,
' v trd  bei  der  Wundbehandlung  an  Stelle  des
•^doforms  sowie  bei  Diphtherie  benutzt.
,  Antipyrin,  Phenyldimethylpyrazolon,
&amp;lt;!PL,  1CH 3 ).jN„C 3 HO,  wurde  zuerst  von  Knorr
’  urch  Erhitzen  von  Phenylhydrazin  mit  Azetessigester ­
  und  nachfolgende  Behandlung  des
'j^kfhmsproduktes  mit  Jodmethyl  und  Methyl-■dkohol
  hergestellt.  Es  bildet  farblose,  glänzende
Glichen,  die  bei  113 0  schmelzen,  in  Wasser,

Alkohol  und  Chloroform  leicht,  in  Äther  etwas
schwerer  Isölich  sind.  Durch  Eisenchlorid  wird
in  der  stark  verdünnten  Lösung  eine  tiefrote,
durch  salpetrige  Säure  eine  blaugrüne  Färbung
erzeugt.  Das  A.  gehört  zu  den  wertvollsten  Fiebermitteln ­
  und  wird  auch  gegen  Gelenkrheumatismus ­
  und  Neuralgie  mit  Erfolg  verordnet.  Von
den  Derivaten  des  Antipyrins  wird  die  Verbindung ­
  mit  Salizylsäure,  das  Salipyrin,  wie  das
A.  selbst  angewandt,  während  die  Jodverbindung,
das  Jodopyrin,  die  vereinigte  Wirkung  des  Ä.
und  des  Jods  zeigen  soll.  Weitere  Derivate  s.
unter  Azetopyrin,  Migränin,  Tussol.
Antirheumin  (Antirheumatin,  Fluorrheurnin)
  ist  eine  Fluorphenetol  und  Fluordiphenyl
enthaltende  Vaseline,  die  zu  Einreibungen  gegen
Rheumatismus  und  Influenza  empfohlen  wird.
Antirheumol,  ein  Salizylsäureglyzerinester,
wird  durch  Erhitzen  von  Salizylsäuremethylester
und  Glyzerin  bei  Gegenwart  von  Natriumazetat
dargestellt  und  als  Rheumatismusmittel  angewandt. ­

Anfisepsin  oder  Asepsin,  p-Bromazetanilid,
wird  als  Antipyretikum  empfohlen.
Antiseptin,  ein  aus  Zinksulfat,  Zinkjodid,  Thymol ­
  und  Borsäure  bestehendes  Antiseptikum,
welches  seinerzeit  von  B.  Fischer  sehr  abfällig
beurteilt  worden  ist.
Anytin,  ein  gereinigtes  Ichthyolpräparat,  welches ­
  die  Fähigkeit  besitzt,  mit  gewissen  in  Wasser
schwer  löslichen  Stoffen,  wie  Kampfer,  Eukalyptusöl ­
  und  anderen  ätherischen  Ölen  leicht
lösliche  Mischungen  (Anytole)  zu  bilden.
Aouaraöl  (Tukumöl),  ein  dem  Palmöl  nahestehendes, ­
  zinnoberrotes  Fett  von  der  Tukumpalme
  (Astrocärpium  vulgare),  welches  in
der  Seifenherstellung  Anwendung  findet.
Apatit,  ein  im  wesentlichen  aus  phosphorsaurem ­
  Kalzium  mit  geringen  Mengen  Fluor  oder
Chlor  bestehendes  Mineral,  welches  entweder  in
Form  gut  ausgebildeter  Kristalle  (z.  B.  der  blaßgrüne ­
  Spargelstein),  feinfaseriger  dichter  Abarten ­
  (Phosphorit),  oder  erdiger  Massen
(Osteolith)  auftritt.  Hauptfundorte:  Spanien,
Kanada,  Norwegen,  Rußland  usw.  Nach  der
Aufschließung  mit  Schwefelsäure  liefert  der  gegen
400/0  Phosphorsäure  enthaltende  Ä.  ein  wertvolles
Düngemittel.  (Superphosphat.)
Apsnta,  ein  künstliches  Bitterwasser,  welches
vorwiegend  Sulfate  des  Magnesiums  und  Natriums ­
  (3,9  g  in  1  1)  neben  geringen  Mengen
Gips,  Kochsalz  und  Soda  sowie  Spuren  Eisen
und  Kieselsäure  enthält.
Apfelbaumholz.  Das  sehr  harte,  hellbraune
Holz  nimmt  eine  schöne  Politur  an  und  wird
zur  Herstellung  von  Möbeln  und  kleineren  Gegenständen, ­
  wie  Hobelgestellen,  Werkzeuggriffen
usw.  verwendet.
Apfelsinen  (Orangen,  Pomesinen,  süße
Pomeranzen,  Sinaäpfel,  frz.  Oranges  douces,
  Pommes  de  Chine,  engl.  China  oranges)
sind  die  Früchte  von  Citrus  sinenses,  eines
ursprünglich  in  China  heimischen  Baumes,  dessen
Kultur  sich  jetzt  über  zahlreiche  warme  Länder
verbreitet  hat.  Die  ersten  A.  sollen  im  Jahre
1548  von  China  nach  Lissabon  gebracht  worden
sein,  während  zurzeit  Italien,  Spanien,  Portugal, ­
  die  Azoren,  Westindien,  Kapland,  Kalifornien ­
  als  Haupterzeugungsländer  in  Frage  kom-
        <pb n="33" />
        -  ■

Apfelwein

28

Aprikosenkerne

men.  Die  kugelrunden,  oft  etwas  abgeplatteten
Früchte  sind  von  einer  hellgelben  bis  dunkelrotorangen ­
  Schale  umgeben,  welche  ein  wohlriechendes ­
  ätherisches  Öl,  das  Apfelsinenöl,
enthält.  Darunter  folgt  eine  weiße,  schwammige
Schicht,  die  Pulpa,  aus  welcher  ein  weißer,  kristallisierbarer ­
  Bitterstoff,  das  Hesperidin,  abgeschieden ­
  worden  ist,  und,  schließlich  das  saftige ­
  Fruchtfleisch,  welches  seinen  säuerlichsüßen
Geschmack  einem  Gehalte  an  rund  i  o/ 0  Zitronensäure ­
  und  5—6  o/o  Zucker  verdankt.  Mit  zunehmender ­
  Reife  wächst  der  Zuckergehalt  und
der  süße  Geschmack.  Als  Zeichen  der  Güte  gilt
dünne  Schale  und  hohes  Gewicht,  doch  gibt  es
auch  eine  sehr  geschätzte  kleine  Sorte  mit  gelbroter
  Schale  und  rotem  Fleisch,  die  erst  im
vorigen  Jahrhundert  bei  uns  bekannt  gewordene
Mandarinenorange  oder  Blutapfelsine.
Die  A.  werden  in  Kisten  versandt  und  zur  Herstellung ­
  von  Marmelade  benutzt,  meist  aber  roh
verzehrt.  Als  beste  Sorten  gelten  die  von  Malta,
Genua  und  dem  Gardasee.
Apfelwein  (Apfelwein,  Cider,  frz.  Cidre,
engl.  Cyder),  die  wichtigste  Sorte  Obstwein,
wird  aus  dem  ausgepreßten  Safte  der  Äpfel
durch  Gärung  gewonnen.  Während  aber  bei
der  Traubenweinbereitung  mit  wen : g  Ausnahmen ­
  der  edelste  Wein  da  erzielt  wird,  wo  jede
Sorte  für  sich  gesondert  gekeltert  wird,  ist
bei  der  Bereitung  des  A.  die  Benutzung  verschiedener ­
  Sorten  geradezu  Erfordernis  für  die
Erzielung  eines  guten  Produkts.  Das  Obst  wird
zerrieben  und  der  Troß  genannte  Brei  nach
12—48  Stunden  langem  Stehen  in  bedeckten
Kufen  ausgepreßt,  worauf  die  Gärung  von  selbst
eintritt.  100  kg  Äpfel  geben  70  bis  120  1  Most.
Zur  Ausgleichung  des  Geschmacks  ist  der  Zusatz ­
  geringer  Mengen  Wasser  und  Zucker  zulässig, ­
  hingegen  ist  die  Verwendung  der  in  den
Ausführungsbestimmungen  zu  §  10  des  Weingesetzes ­
  vom  7.  April  1909  aufgeführten  Stoffe,
insbesondere  von  löslichen  Aluminiumsalzen,
Bariumverbindungen,  Borsäure,  Glyzerin,  Salizylsäure, ­
  unrejnem  Stärkezucker,  Teerfarben  usw.
verboten  (s.Wein).  Der  A.  ist  selten  länger  als
sieben  Jahre  haltbar,  wird  aber  gewöhnlich
schon  binnen  Jahresfrist  genossen  und  in  Fässern
versandt.  Einen  besonderen  Ruf  genießt  der
Frankfurtcr  A.  Die  hauptsächlichsten  Erntegebiete ­
  sind  Hessen,  Württemberg,  Baden  und
neuerdings  auch  Sachsen,  im  Auslande  die
Schweiz,  England,  Normandie  und  Pikardie.
Apiol,  der  kristallinische,  kampferartige  Bestandteil ­
  aus  dem  ätherischen  Öl  der  Petersilienfrüchte, ­
  welcher  bei  30 0  schmilzt  und  bei  294 0
unzersetzt  siedet,  ist  in  Wasser  unlöslich,  leicht
löslich  in  Alkohol,  Äther  und  fetten  Ölen,  besitzt
schwachen  Petersiliengeruch  und  findet  therapeutische ­
  Anwendung  gegen  Wechselfieber  als
Ersatz  des  Chinins  und  gegen  Menstruationsbeschwerden. ­

Apollinaris,  das  bekannte  kohlensaure  Mineralwasser ­
  der  Apollinarisquelle  bei  Remagen,  welche
nach  Mitteilungen  des  „Mineralwasserfabrikant''
1901,  Nr.  38  einer  rein  englischen  A.-G.  oder
ihrer  Tochtergesellschaft  gehört.  Das  Wasser,
welches  in  ungeheuren  Mengen,  besonders  nach
England,  versandt  wird,  in  Deutschland  aber,
weil  es  enteisent  und  mit  Kohlensäure  gesättigt

wird,  nicht  als  natürliches  Mineralwasser  bezeichnet ­
  werden  darf,  enthält  in  i  kg  2,676  g
gelöste  Stoffe,  nämlich  1,3521  g  Natriumbikarbonat, ­
  0,3755  g  Kalziumbikajrbonat,  0,5756  g  Magnesiumbikarbonat, ­
  0,0167  ff  Ferrobikarbonat,
0,3765  g  Natriumchlorid,  0,2126  g  Natriumsulfat
und  0,0137  g  Kieselsäure.
Apomorphin  (lat.  Apomorphinum,  frz.  Apomorphine,
  engl.  Apomorphin),  ein  Zersetzungsprodukt ­
  des  Morphins,  entsteht  aus  diesem  durch
Einwirkung  heißer  überschüssiger  Salzsäure
unter  Druck  als  weiße  kristallinische  Masse,
welche  an  der  Luft  bald  grün  wird  und  sich  in
Äther  und  Benzol  mit  roter,  in  Chloroform  mit
violetter  Farbe  löst.  Das  A.  ist  eines  der  heftigsten ­
  Brechmittel  und  äußert  diese  Wirkung
schon  beim  Einspritzen  unter  die  Haut.  Zu
medizinischen  Zwecken  verwendet  man  gewöhnlich ­
  das  Chlorwasserstoffapomorphin
(salzsaures  A.,  lat.  Apomorphinum  muriaticum
  s.  hydrochloricum).
Aprikosen  (Marillen,  Maletten,  frz.  Abricots,
  engl.  Apricots),  die  Steinfrüchte  des  Aprikosenbaums, ­
  Prunus  armcniaca  oder  Armeniaca
  vulgaris,  eines  in,  Armenien,  China  und
Japan  einheimischen  Baumes,  der  -in  Italien,  .
Deutschland,  Österreich,  Frankreich  angebaut
wird,  besitzen  eine  sammetartig  behaarte  Schale
und  eine  meist  kugelförmige  Gestalt  (Muskateller- ­
  und  Mandel-A.),  doch  gibt  es  auch  plattgedrückte ­
  und  eiförmige  Sorten  (Pfirsich-A.).
Von  der  großfrüchtigen,  spätreifenden  echten  A.
unterscheidet  man  die  einseitig  gefurchten,  auf
der  Sonnenseite  geröteten  Früchte  von  gelber
Grundfarbe;  sie  haben  ein  charakteristisches
Aroma  und  enthalten  an  Geschmackstoffen  neben
6—7  0/0  Zucker  etwa  1  0/0  freier  Säure,  welche
sich  in  wechselnder  Menge  aus  Zitronensäure
und  Äpfelsäure  zusammensetzt.  Sie  müssen  zur
Vermeidung  von  Verletzungen  einzeln  gepflückt
(nicht  geschüttelt)  werden  und  dienen,  abgesehen
von  den  frisch  in  den  Handel  kommenden,  zur
Herstellung  von  Marmelade,  Dörrobst  (s.  d.)
und,  besonders  in  England,  auch  von  Aprikosenwein. ­

Aprikosenäther,  ein  in  der  Konfektfabrikation
benutzter  künstlicher  Fruchtäther,  der  aus  einer
alkoholischen  Lösung  von  Chloroform,  Buttersäureäthyl- ­
  und  -amylester  und  einigen  anderen
Riechstoffen  besteht.-Aprikosenkerne
  oder  -steine,  die  Steinkorne
der  A.,  welche  einen  nicht  unwichtigen  Handelsartikel ­
  von  zunehmender  Bedeutung  bilden,  besitzen ­
  eine  eirunde,  seitlich  zusammengedrückte
Gestalt  und  sind  an  einer  Seite  mit  Kante  versehen. ­
  Sie  umschließen  innerhalb  ihrer  harten
Schale  einen  süßen  oder  bitteren  Samenkern,
der  den  Mandeln  ähnlich,  aber  zum  Unterschiede ­
  von  diesen  wesentlich  kleiner,  ungefähr
so  lang  wie  breit  und  flach  herzförmig  ist  und,
nicht  eine  rauhe  (schilferige),  sondern  glatte
Oberfläche  besitzt.  Die  A.  enthalten  etwa  40  bis
50  0/0  eines  fetten  Öls,  die  bitteren  können  auch
zur  Herstellung  eines  dem  Bittermandelöl  ähnlichen ­
  ätherischen  Öles  (durch  Destillation)  benutzt ­
  werden.  In  der  Hauptsache  finden  sie  als
sog.  „Mandelersatz“  in  der  Konditorei  sowie  zur
Verfälschung  von  Marzipan  Verwendung.  Der
Nachweis  gelingt  mit  Hilfe  der  mikroskopischen
        <pb n="34" />
        Aprikosenkemöl

29

Arbutin

Untersuchung,  sowie  gewisser  Reaktionen  des
fetten  Öls.  A.  werden  von  Italien  und  Kleinasien ­
  aus,  teils  mit,  teils  ohne  Schalen  versandt,
von  Damaskus  allein  jährlich  40—50000  Säcke,
-und  kommen  auch  als  Abfallprodukt  der  deutschen ­
  Marmeladefabriken  in  den  Handel.
Aprikosenkernöl,  das  durch  Pressen  aus  den
Samen  der  Aprikosen  gewonnene  fette  Öl  von
hellgelber  Farbe  und  dem  spez.  Gew.  0,921,
steht  in  chemischer  Hinsicht  dem  Mandelöl  (s.
d.)  sehr  nahe,  von  welchem  es  sich  nur  durch
den  niedrigeren  Erstarrungspunkt  und  mehrere
Farbenreaktionen  unterscheidet,  und  wird  daher ­
  zur  Verfälschung  des  letzteren  benutzt.  In
Ostindien  soll  es  unter  dem  Namen  Chooliki-tel
  und  Badani-Kohel  als  Speise-,  ßrennund
  Haaröl  benutzt  werden.
Aplä  (Maloo),  der  Bast  mehrerer  ostindischer
Bäume  der  Gattung  Bauhinia,  namentlich  B.
racemosa,  B.  purpurea,  B.  scandens,  B.
parviflora,  läßt  sich  in  grobe,  mehrere  Zentimeter ­
  lange  Fasern  zerreißen  und  wird  seit
langer  Zeit  zur  Herstellung  von  Seilen,  Tauen,
Fischernetzen  und  größeren  Geweben  benutzt.
Die  tiefroten  Bauhiniafasern  zeichnen  sich
durch  ihre  außerordentliche  Festigkeit  und  Widerstandskraft ­
  gegen  Wasser  aus  und  sind  gleichzeitig ­
  sehr  biegsam.
Aqua  amygdalarum  amararum  (Bittermandelwasser, ­
  frz.  Eau  d’amandes  amöres,  engl.
Bitter  almonds  water),  eine  wäßrig  spirituöse  Lösung ­
  von  Blausäure  und  Bittermandelöl,  welche
durch  Destillation  der  vom  fetten  Öl  befreiten
bitteren  Mandeln  im  Wasserdampfstrome  gewonnen ­
  wird  und  als  Mittel  gegen  Hustenreiz,
Asthma  usw.  ausgezeichnete  Dienste  leistet.
Aracacha  (Arakatscha,  Apios)  nennt  man
die  rübenartigen  Wurzelknollen  der  Umbellifere
Aracacha  esculenta,  welche  im  nördlichen
Teile  Südamerikas  angebaut  werden  und  dort
einen  nicht  unbedeutenden  Handelsartikel  bilden. ­
  Die  Knolle  wird  wie  Kartoffeln  genossen
und  zur  Darstellung  des  Stärkemehls  benutzt.
Aräometer  (Senkwagen,  frz.  Areometrcs,
en gl.  Areometers)  sind  Instrumente,  mit  denen
man  die  Dichte  oder  das  spezifische  Gewicht  von
Flüssigkeiten  ermitteln  kann.  Sie  beruhen  auf
dem  Prinzip,  daß  ein  schwimmender  Körper  in
eine  Flüssigkeit  so  tief  einsinkt,  bis  die  von  ihm,
v erdrängte  Flüssigkeitsmenge  gerade  so  viel
wiegt,  wie  er  selbst.  In  einer  leichteren  Flüssigkeit ­
  muß  daher  ein  schwimmender  Körper  tiefer
emsinken,  als  in  einer  dichteren.  Man  unterscheidet ­
  Gewichtsaräome’ter  und  Volumenc&amp;gt;der
  Skalenaräometer,  von  denen  letztere
für  die  Praxis  allein  in  Betracht  kommen.  Sie
bestehen  aus  oben  und  unten  zugeschmolzencn
daszylindern,  die  am  unteren  Ende  mit  einer
vuecksilber  enthaltenden  Kugel  versehen  sind.
Ie  Gradeinteilung  zeigt  entweder  direkt  das
spezifische  Gewicht  an,  oder  besteht  aus  einer
willkürlichen  Skala  (nach  Baumd,  Cartier,  Beck).
ei  den  besseren  A.  ist  zugleich  ein  Thermo-H'cter
  mit  eingeschmolzen.  Für  die  verschiedenen
Wecke  der  Praxis  sind  besondere  A.,  soÄther-^agen,
  Spirituswagen  oder  Alkoholeeter
  (s.  d.),  Mostwagen,  Milchwagen,
ätcharometer  oder  Würzewagen  kpnstruer
 t  worden.  Fabrikmäßig  werden  die  A.  in

dem  Thüringer  Walde,  z.  B.  in  Stützerbach,  Manebach, ­
  Mellenbach  sowie  in  Berlin  gefertigt.
Aranzini  nennt  man  in  Italien  die  kleinen  bitteren, ­
  unreifen  Pomeranzen,  welche  unzerschnitten
  in  Zucker  eingemacht  und  in  Schachteln
versandt  werden.  Die  gleiche  Bezeichnung  führen ­
  in  kleine  Scheibchen  geschnittene  und  in
Zucker  eingelegte  Apfelsinenschalen,  die  als  eine
Art  Konfekt  in  den  Handel  kommen.  Daß  es
bei  ihrer  Herstellung  nicht  immer  ganz  appetitlich ­
  zugeht,  lehrt  das  Urteil  des  Obersten  Österreichischen ­
  Gerichtshofes  vom  2.  März  1909,  welches ­
  wegen  Verwendung  der  auf  der  Straße
aufgelesenen  Orangenschalen  Verurteilung  aussprach. ­

Arariba  (lat.  Cortex  araribae,  frz.  Ecorce
d’araribe,  engl.  Arariba-bark)  ist  die  rote  Rinde
von  Arariba  rubra,  einem  in  Brasilien  heimischen, ­
  zu  den  Zinchoneen  gehörigen  Baume,
welche  medizinische  Anwendung  findet.  Das
Holz  des  gleichen  Baumes,  Araribaholz  oder
Irisbe  rosa,  welches  anfangs  gelblich  erscheint,
an  der  Luft  aber  allmählich  feuerrot  wird,  benutzt ­
  man  in  der  Kunsttischlerei.
Araroba  (Arraroba,  Bahia-Pulver,  Goa-Pulver,
  Poudre  de  Goa,  Chrysarobinum
crudum),  ein  in  den  Drogenhandel  eingeführtes ­
  Mittel  gegen  Hautflechten,  besteht  aus  dem
pulverförmigen  Sekrete  eines  in  den  brasilianischen ­
  Provinzen  Bahia  und  Sergipe  heimischen
und  dort  Angelina  amargosa  (Andira
araroba  Ap.)  genannten  Baumes,  Zu  seiner
Gewinnung  fällt  man  die  älteren  Stämme,  deren
gelbes  und  sehr  poröses  Holz  von  zahlreichen
Längsfurchen  durchsetzt  ist,  und  kratzt  das
darin  befindliche  gelbe  Pulver,  welches  an  der
Luft  bald  braun  wird,  heraus.  Es  ist  durch
Oxydation  aus  dem  Harze  der  Bäume  entstanden ­
  und  besteht  zu  60—80  0/0  aus  Chrysarobin
(s.  d.),  während  der  Rest  auf  Glykose,  Arabin,
Bitterstoff,  Harz,  Zellulose  und  Mineralbestandteile
  entfällt.  Infolge  der  Gewinnungsweise  ist
die  Araroba  meist  durch  Pflanzen-  und  Mineralstoffe ­
  verunreinigt,  zu  deren  Entfernung  sie  zunächst ­
  gesiebt  und  dann  mit  heißem  Benzol  ausgezogen ­
  wird.  Bei  der  Verarbeitung  ist  aber
wegen  der  heftigen  Einwirkung  auf  die  Schleimhäute ­
  der  Augen  sowie  der  Mund-  und  Nasenhöhle, ­
  Vorsicht  geboten.  A.  wird  nur  äußerlich  in
Form  von  Collodium  chrysarobinatum  oder  von
Salben  gegen  Hautkrankheiten  verordnet.  —
Neben  der  vorstehenden  echten  A.  kommt  auch
das  Rindenpulver  des  gleichen  Baumes  in  den
Handel,  welches  jedoch  eine  weit  geringere
Wirksamkeit  zeigt.
Arbulin  (lat.  Arbütinura,  frz.  Arbutine,  engl.
Arbutin),  ein  in  den  Blättern  der  Bärentraube,
Arbutus  uva  ursi,  enthaltenes  Glykosid,  bildet
geruchlose,  feine  weiße  Kristallnadeln,  die  be;
167—168 0  C  schmelzen  und  sich  bei  höherer
Temperatur  zersetzen.  Es  löst  sich  in  8  Teilen
kaltem  oder  1  Teil  siedendem  Wasser  sowie  in
Alkohol.  Die  wäßrige  Lösung  wird  durch  eine
geringe  Menge  Eisenchlorid  blau,  durch  eine
größere  grün.  Beim  Erhitzen  mit  verdünnter
Schwefelsäure  und  Braunstein  tritt  der  durchdringende ­
  Geruch  nach  Chinon  auf.  Das  A.  wird
gegen  Blasen-  und  Nierenkrankheiten  verordnet.
        <pb n="35" />
        7

Arekanüsse

30

Aronwurzel

II'

Arekanüsse  (Betelnüsse,  lat.  Nuces  s.  Semen ­
  Arecae,  frz.  Noix  d’Arec,  engl.  Arecanut)
sind  die  Früchte  der  Arekapalme  (Areca  Catechu),
  die  in  vielen  Spielarten  in  Ostindien
kultiviert  wird.  Jeder  Baum  liefert  jährlich
200—8oo  Nüsse  von  der  Größe  und  Härte  einer
Muskatnuß,  die  einen  wichtigen  Handelsartikel
des  südlichen  Asiens  bilden  und  von  Zeylon
  und  der  Malabarküste  in  ganzen  Schiffsladungen ­
  nach  anderen  Häfen  Indiens  und  namentlich ­
  nach  China  versandt  werden.  Neben
14—180/0  eines  aus  Laurostearin  und  Myristin
bestehenden  Fettes,  Eiweiß,  etwas  Gerbsäure
und  rotem  Farbstoff  enthalten  sie  mehrere  Basen
(Arekolin,  Arekain),  von  denen  nur  das  dem
Pelletierin  verwandte  Arekolin  giftig  ist.  In  den
Ursprungsländern  werden  die  Nüsse  mit  den
Blättern  des  Betelpfeffers  und  etwas.  Kalk  gekaut; ­
  in  der  Technik  finden  sie  zum  Färbender
Baumwolle  und  zur  Tintenbereitung,  in  der  Medizin ­
  als  Bandwurmmittel,-in  der  Tierheilkunde
als  Laxans  Anwendung.
Argentan  (Neusilber,  Packfong,  Weißkupfer, ­
  frz.  Maillechort,  engl.  German  silver)
nennt  man  eine  weiße,  glänzende  Metallegierung ­
  aus  50—66  Teilen  Kupfer,  20—30  Teilen
Nickel  und  15—20  Teilen  Zink,  welche  um  so
weißer  und  silberähnlicher  erscheint,  je  höher
der  Nickelgehalt  ist.  Das  spezifische  Gewicht  der
sehr  politurfähigen  Legierung  liegt  zwischen  8,4
und  8,7.  Man  verkauft  das  A.  gewöhnlich  in  Form
von  Zainen  oder  Platten,  die  großen  Fabriken
von  Argentanwaren  stellen  sich  jedoch  ihrexr  Bedarf ­
  meist  selber  dar.  Die  verschiedenen  Waren
werden  teils  durch  Guß,  teils  aus  Argcntanblech
  durch  Treiben,  Schmieden  oder  Prägen
auf  kaltem  Wege  hergestellt,  da  die  Legierung
heiße  Schmiedung  nicht  verträgt.  Galvanisch
versilberte  Argentanwaren  kommen  unter  den
Namen  Chinasilber  oder  Perusilber  in  den
Handel.
Arghelblätter  (Argeiblätter),  die  aus  Oberägypten ­
  und  Nubien  über  Alexandrien  in  den
Handel  kommenden  Blätter  einer  Asklepiadazee,
  Cynanchutn  Arghel  Delile  s.  Solenostemma ­
  Arghel  Hayne,  sind  gräulichgrün,
steiflederartig,  beiderseits  dicht  behaart  und  besitzen ­
  einen  widerlich  scharfen  Geschmack  sowie ­
  stark  abführende  Eigenschaften.  Sie  werden
zuweilen  den  Sennesblättern  betrügerischer  weise
beigemengt.
Argonin,  ein  weißes  wasserlösliches  Pulver,
das  bei  Fällung  von  Kaseinnatrium  mit  Silbernitrat ­
  unter  Zusatz  von  Alkohol  entsteht,  wird
als  nichtätzendes  Mittel  gegen  Tripper  benutzt.
Aristol  (Amidolin,  Thymotol,  Thymolum),
  das  hellschokoladenfarbige  Pulver  von
Dithymoldijodid,  dient  als  Jodoformersatz  bei
Hautkrankheiten.
Arnika  (Wohlverleih,  F'allkraut,  Engelskraut, ­
  St.  Luzienkraut,  lat.  Arnica  montana).
Von  dieser  bekannten  Pflanze  (Gattung  der
Kompositen)  der  mitteleuropäischen  Gebirge  fin-'
den  besonders  die  Wurzeln  und  Blüten,  seltener
die  Blätter  medizinische  Anwendung.  —  Die
Arnikawurzel  (lat.  Rhizoma,  fälschlich  Radix
Arnicae,  frz.  Racine  d’Arnica,  engl.  Arnica-root)
besteht  aus  dem  noch  mit  den  Wurzeln  verbundenen ­
  Wurzelstock,  an  dem  man  beim  Einsammeln, ­

  zur  Verhütung  von  Verwechslungen
mit  den  Wurzeln  anderer  Kompositen,  die  untersten ­
  am  Grunde  scheidenartig  verwachsenen
Blätter  stehen  läßt.  Das  etwa  federkieldicke
Rhizom,  welches  nur  an  einer  Seite  mit  zahlreichen, ­
  strohhalmdicken,  blaßbraunen  Nebenwurzeln ­
  besetzt  ist,  zeigt  eine  höckerige  Oberfläche ­
  und  besitzt  einen  unangenehm  aromatischen ­
  Geruch  sowie  scharfen  und  bitteren  Geschmack. ­
  Neben  too/o  Inulin  (keine  Stärke!),
scharfschmeckendem  Harz,  Gummi,  Wachs  und
Gerbstoff  sind  als  wirksame  Bestandteile  der
Bitterstoff  Arnizin  und  etwa  0,5—1  0/0  eines
ätherischen  Öls  vorhanden.  Das  letztere  (Arnikawurzelöi,
  Oleum  Arnicae)  besitzt  einen
rettichartigen  Geruch,  das  spez.  Gew.  0,99
bis  1.00  und  besteht  neben  200/0  Isobuttersäurephlorylester
  (C 4 H 7 0 2 .  C 8 H 9 )  aus  dem  Dimethyläther ­
  des  Thymohydrochinons.  Der  mit
Weingeist  und  Olivenöl  aus  der  Wurzel  hergestellte
  Auszug  wird  als  Arnikahaaröl  gegen
Haarausfall  benutzt.  —  Die  Arnikablätter  (lat.
F'olia  oder  Herba  Arnicae,  frz.  Feuilles  d’Arnica,
engl.  Arnica  leaves)  sind  ziemlich  steif,  fast
lederartig,  länglich  ganzrandig  und  von  schwachem ­
  Gerüche,  aber  scharf  bitterem  Geschmack.
Die  Arnikablüten  (lat.  Flores  Arnicae,  frz.
Fleurs  d’Arnica,  engl.  Arnica  flowers)  zeigen
die  bekannte  F'orm  der  Kompo'sitenblüten.  Der
zweireihige  grüne  Hüllkelch,  der  bisweilen  auch
nebst  dem  Blütenboden  entfernt  wird  (Flores
A.  cum  oder  sine  calycibus),  umschließt  die
zungenförmigen,  dreizähnigen  und  neunnervigen
Rand-  oder  Strahlblüten  sowie  die  röhrenförmigen, ­
  fünfspaltigen  Scheibenblüten,  diebeideeine
ziemlich  beständige  gold-  oder  orangegelbe
Farbe  besitzen.  Die  Blüten  schmecken  scharf
beißend,  aromatisch  und  bitterer  als  Wurzeln
und  Blätter,  ihr  angenehm  aromatischer  Geruch
wird  durch  ein  in  Menge  von  0,04—0,07  o/ 0  vorhandenes ­
  ätherisches  Öl  bedingt,  welches  wegen
seines  Gehaltes  an  Laurin-  und  Palmitinsäure
bei  Zimmertemperatur  butterartig  erstarrt  und
von  dem  Öl  der  Wurzeln  verschieden  ist.  (Spez.
Gew.  0,89—0,91  bei  30°  C.)  Die  Amikablüten,
welche  auch  in  ziemlich  erheblicher  Menge  nach
Amerika  ausgeführt  werden,  bilden  in  F'orm  ihres
alkoholischen  Auszuges  (Arnikatinktur,  lat.
Tinctura  Arnicae,  frz.Teinture  d’arnica,  engl.Tine
ture  of  Arnica),  ferner  eines  Extraktes  (Extractum
  Arnicae),  eines  wäßrigen  Destillates  (Aqua
florum  Arnicae),  eines  Pflasters  usw.  ein  verbreitetes ­
  Volksarzneimittel.
Aromatik,  ein  bekannter  Bitterlikör,  der  nach
Hager  aus  Zitronenschalen  (4  Stück),  Zimt,
bitteren  Orangen  (je  30  g)  und  Nelken  (7  g)
durch  Ausziehen  mit  3  kg  Spiritus,  und  Zusatz
von  4  kg  Rotwein,  2  kg  Zucker  und  t  kg  Wasser
zu  dem  Filtrate  hergcstellt  wird.  Andere  Rezepte ­
  geben  auch  Curagaoschalen  (s.  d.),  Kaskarillrinde,
  Galgant,  Kardamom,  Kubeben,  Enzian, ­
  Zitwerwurzel,  Angelika  an.
Aronwurzel  (Zehrwurzel,  Pfaffenpintwürzel,
  Magenwurzel,  Peterkrautwurzel,
lat.  Rhizoma  seu  Tubcra  Ari,  frz.  Racine  d’Aron,
engl.  Wake-robin),  ein  veralteter  Artikel  des  Drogenhandels, ­
  besteht  aus  dem  mehligen  Wurzelstock ­
  des  in  deutschen  Laubholzwäldern  vorkommenden ­
  gefleckten  Aronstabs,  Anim  ma-
        <pb n="36" />
        Arrak

31

Arsenfarben

culatum.  Die  frische  Wurzel  enthält  einen  sehr
scharfen  Stoff,  der  giftig  wirken  soll  und  dem
Saponin  nahesteht.  In  der  getrockneten  Wurzel
sind  Stärke,  Bassorin  und  fettes  Öl  enthalten.
Die  durch  Kochen  von  ihrem  Bitterstoff  befreite
Wurzel  dient  in  den  Tropen  als  Nahrungsmittel
sowie  zur  Herstellung  von  Stärke  (Portland
Arrowroot).
Arrak  (Arac,  Rack,  eigentlich  Al  Rak,  frz.
Arrac,  engl.  Arac)  ist  ein  zu  den  sog.  Edelbranntweinen
  gerechnetes  alkoholisches  Destillat, ­
  welches  in  Ostindien  entweder  aus  vergorener ­
  Reismaischc  oder  aus  dem  vergorenen
Zuckersäfte  von  Blütenkolben  der  Kokospalme
(Toddy)  oder  auch  wohl  aus  einem  Gemische
beider  unter  Zusatz  von  Melasse  hergestellt  wird.
Als  beste  Sorte  gilt  der  Batavia-  oder  Mandarinenarrak, ­
  der  über  Amsterdam  und  Rotterdam
in  den  Handel  kommt;  an  zweiter  Stelle  folgt
der  Arrak  de  Goa  (Taffia)  und  schließlich  der
Zeylon-A.,  der  angeblich  Zusätze  betäubender
Stoffe,  wie  Hanf,  Datura  usw.  enthält.  Neben
Holland  sind  London  und  Hamburg  als  Haupthandelsplätze
  zu  erwähnen.  Der  Arrak  ist  gleich
nach  der  Destillation  farblos  und  wird,  wenn  er
nach  längerer  Lagerung  gelblich  geworden  sein
sollte,  meist  durch  Behandlung  mit  Knochenkohle ­
  wieder  entfärbt.  Er  besitzt  ein  feines,
eigenartiges  Aroma  und  enthält  neben  geringen,
wechselnden  Mengen  von  organischen  Säuren
und  Estern  etwa  56—60V0I.  %  Alkohol.  Unter
45  Vol.  o/o  sollte  der  Alkoholgehalt  nicht  heruntergehen. ­
  Gemische  von  A.  mit  Spiritus  dürfen ­
  als  Arrakverschnitt  bezeichnet  werden,  wenn
mindestens  t/ 10  des  Alkohols  echtem  A.  entstammt. ­
  Erzeugnisse,  die  andere  Aromastoffe,
wie  Ameisensäureäther  (A.-Essenz)  enthalten,
Slr &amp;gt;d  als  Kunstarrak  zu  kennzeichnen.  Auch  ihr
Alkoholgehalt  sollte  mindestens  45  °/o  betragen.
A.  wird  weniger  zum  direkten  Genuß  als  zur
Herstellung  von  Grog  und  Punschessenzen
•Schwedenpunsch)  benutzt.
Arrowroot  (Araruta,  lat.  Amylum  Marantae,
Hz.  und  engl.  Arrow-root).  Unter  diesem  Nanten
  kommen  verschiedene  Arten  von  Stärkemehl ­
  in  den  Handel,  die  aus  den  knolligen
A'urzelstöcken  tropischer  Pflanzen  dargestellt
werden.  1.  Westindisches  A.  (Maranta-Härke)
  stammt  von  einigen  Marantaarten,  be-’
®° n ders  M.  arundinacea,  welche  nicht  nur  in
w  Ostindien,  sondern  auch  in  Guyana,  Brasilien,
Ltiudicu  und  auf  Rdunion  angebaut  werden.
Aach  der  Herkunft  benennt  man  sie  auch  als
Jamaika-,  Bermudas-,  Natal-,  St.-Vincent-,  bra-■’üianisches
  und  afrikanisches  A.  Die  geschätzeste
  Ware  liefert  St.  Vincent  in  Menge  von
1  Mm,™  v.t  -  r-v J  j  sc h e  s  A.
F  a  r  i  n  a
_  e)  aus  dem  Rhi-£°.®
 c  verschiedener  Kurkuma-Arten  (C.  angustilj
  la ,  leukorrhiza,  rubescens)  führt  nach  den
,  rs prungsorten  auch  die  Bezeichnungen:  Bom-Malabar-,
  Tellicherry-A.,  spielt  aber  für
n scren  Handel  eine  untergeordnete  Rolle,
jj  Queensland-A.  (Cannastärke,  Fecule
» e .  J  oloman,  Tous  les  mois,  Neusüdwalesed
  r V ' 1 ^  aus  den  Knollen  von  Kanna-Arten  (C.
„I  U  ls ,  indica,  achiras,  coccinea)  gewonnen.  Den
0  mchen  Namen  führt  die  Stärke  einer  Zykasart,

1  a  ■  ”  are  liefert  St.  Vincent  in  Mi
Million  Kilogramm.  2.  Ostin  dis
Utkhur-,  Tikor-,  Tik-Mehl,
*k,  Travancore-Stärke)  aus  t

Zamia  spiralis.  4.  Tahiti-A.  (Williams-A.,
Fdcule  de  pia,  Fecule  de.Kabya,  Tavolo)
ist  die  Stärke  von  Tacca  pinnatifida  (Liliaceae),
die  auf  den  meisten  Inseln  des  Großen  Ozeans
angebaut  wird.  5.  Portland-A.  von  Arum  maculatum,
  italicum,  esculentum.  6,  Brasilianisches ­
  A,  Mit  diesem  Namen  bezeichnet  man
die  Stärke  der  süßen  Kartoffel  (Batates  edulis),
hauptsächlich  aber  die  als  Tapioka,  Manihot,
Kassava  oder  Manioc  bekannte  Stärke  von
Manihot  utilissima.  Die  außerordentlich  großen
Knollen  dieser  Euphorbiazee,  welche  in  Südamerika ­
  heimisch  ist,  aber  überall  in  den  Tropen ­
  als  wichtiges  Nahrungsmittel  angebaut  wird,
enthalten  neben  etwas  Blausäure  einen  sehr  giftigen ­
  Stoff  Manihotoxin  und  werden  daher
zur  Entfernung  des  giftigen  Saftes  zunächst  in
Scheiben  geschnitten  und  ausgepreßt.  Der  getrocknete ­
  Rückstand  wird  gemahlen  und  zur
Gewinnung  der  Stärke  geschlämmt.  Die  letztere
kommt  sowohl  in  Pulverform,  als  auch  nach
teilweiser  Verkleisterung  als  eine  Art  Sago  (echte
Tapioka)  in  den  Handel.  7.  Guyana-A.  wird
aus  den  Wurzelknollen  verschiedener  Dioscoreaarten,
  den  sog.  Yamwurzeln,  dargestellt,  doch
belegt  man  auch  die  Stärke  der  Bananenfrüchte
(Musa  paradisiaca)  mit  dem  gleichen  Namen.
—  Im  Handel  werden  die  vorstehenden  Bezeichnungen ­
  der  Arrowrootsorten  vielfach  miteinander ­
  verwechselt,  ohne  daß  darin  eine  Verfälschung ­
  zu  erblicken  wäre.  Hingegen  ist  der  Zusatz ­
  billiger  einheimischer  Stärke  von  Getreide,
Kartoffeln  usw.  unzulässig.  A.  findet  zur  Herstellung ­
  feiner  Backwaren,  zu  Küchenzwecken
und  auch  in  der  Medizin  vielfache  Anwendung.
Die  feineren  Sorten  gelangen  in  Blechdosen  verpackt, ­
  die  geringeren  in  Fässern  von  etwa  100  kg
zum  Verkauf.
Arsen  (As),  ein  metallisches  Element  vom
Atomgewicht  75,  findet  sich  in  gediegenem  Zustande ­
  verhältnismäßig  selten  im  Erzgebirge  und
im  Harz  in  Form  krummschaliger  oder  stalaktitischer ­
  Stücke  von  schwarzgrauer  Farbe  und
mattglänzender  Oberfläche,  welche  als  Scherbenkobalt ­
  (Cobaltum  crystallisatum)  oder
Fliegenstein  bezeichnet  werden.  Verbreiteter
sind  seine  Verbindungen  mit  Schwefel  (s.  Arsenik) ­
  und  mit  anderen  Metallen  und  Schwefel,
wieA  r  senk  ie  s  (Eisen-Arsen-Schwefel,  Fe 3 As 2 S 3 ),
Kobaltglanz  (Kobalt-Arsen-Schwefel),  Kupfernickel
  (Arsennickel  NiAs),  Weißnickelerz ­
  (NiAs 3 )  u.  a.  Zur  Reindarstellung  wird  entweder ­
  der  Scherbenkobalt  oder  häufiger  der
Arsenkies  der  Sublimation  unterworfen,  wobei
man  das  A.  als  ein  stahlgraues  kristallinisches
Pulver  vom  spez.  Gew.  5,72  erhält.  Es  läßt  sich
nur  unter  hohem  Druck  in  der  Glühhitze  schmelzen, ­
  verflüchtigt  sich  aber  beim  Erhitzen  auf
Kohle  vor  dem  Lötrohr  unter  Verbreitung  eines
eigentümlichen  Knoblauchgeruchs  und  verbrennt ­
  an  der  Luft  zu  einem  weißen  Rauch  von
arseniger  Säure.  Das  auch  als  grauer  oder
schwarzer  Arsenik  bezeichnete  A.  findet  in
der  Technik  fast  nur  als  Zusatz  zu  Blei  bei  der
Schrotherstellung  Anwendung.
Arsenfarben  im  Sinne  der  gesetzlichen  Bestimmungen ­
  sind  die  unter  Arsenik  (s.  d.)  angeführten ­
  gelben  und  roten  Schwefelverbindungen ­
  (Realgar,  Auripigment  usw.)  und  die  aus
        <pb n="37" />
        Arsenik

32

Artillerieholz

arsensaurem  Kupfer  bestehenden  grünen  Farben
(s.  Schweinfurter  Grün).
Arsenik  (lat.  Arsenicum,  frz.  und  engl.  Arsenic)
schlechthin  oder  weißer  A.  ist  de  arsenige  Säure.
Außerdem  bezeichnet  man  im  Handel  und  Verkehr ­
  das  metallische  Arsen  (s.  d.)  als  grauen
oder  schwarzen  A.,  die  Schwefelverbindungen
hingegen  als  gelben  oder  roten  A.  Der  weiße
Arsenik,  in  chemischer  Hinsicht  arsenige  Säure
oder  Arsentrioxyd  (As 2 0 3 ),  findet  sich  in  der
Natur  als  Oxydationsprodukt  arsenhaltiger  Erze
in  Form  der  Arsenikblüte'  und  wird«  hüttenmännisch ­
  im  großen  beim  Rösten  von  Arsenerzen ­
  in  Flammenöfen  gewonnen.  Die  hierbei
verflüchtigte  und  in  gemauerten  Kanälen  mit
Kühlkammern  wieder  verdichtete  arsenige  Säure
kommt  entweder  als  weißes  Pulver  (Giftmehl,
Arsenmehl,  Hüttenrauch,  Hüttenmehl,  lat.  Arsenicum ­
  album  pulveratum,  Acidum  arsenicosum,
  frz.  Acide  arsdnieux,  Arsenic  blanc,  engl.
Arsenious  Add,  White  Arsenic)  oder  als  geschmolzene, ­
  farblose,  glasartige,  bald  undurchsichtig ­
  werdende  Masse  (porzellanartige  arsenige
Säure,  Arsenikweißglas)  in  den  Handel.  Zur
weiteren  Reinigung  kann  sie  noch  einer  besonderen ­
  Sublimation  unterworfen  werden.  Die
arsenige  Säure  verwandelt  sich  beim  Erhitzen
auf  2i8°,  ohne  zu  schmelzen,  in  einen  geruchlosen ­
  Dampf,  der  sich  an  kälteren  Teilen  wieder
zu  glänzenden  oktaedrischen  Kristallen  verdichtet. ­
  Beim  Glühen  mit  einem  Kohlesplitter
im  einseitig  geschlossenen  Glasrohr  entsteht  ein
schwarz  glänzender  Spiegel  von  metallischem
Arsen  unter  gleichzeitigem  Auftreten  von  Knoblauchgeruch. ­
  Arsenik  ist  in  kaltem  Wasser  nur
wenig,  in  heißem  Wasser  leichter  löslich  und
wirkt  schon  in  Menge  von  0,005—°&amp;gt;°5  S  giftig, ­
  in  Dosen  von  0,1—0,3  g  tödlich.  (Gegengift: ­
  frisch  gefälltes  Eisenhydroxyd  Antidotum ­
  Arsenici.)  Als  Gift  der  Abteilung  I
darf  A.  nur  von  Apothekern  und  Drogisten
mit  Erlaubnis  zum  Gifthandel  der  Abteilung  1
gegen  Giftschein  an  bekannte  Personen,  und
zwar  als  Mittel  zum  Vertilgen  von  Ungeziefer,
Ratten,  Füchsen  und  Mardern,  nur  mit  einer
in  Wasser  leicht  löslichen  grünen  Farbe  gefärbt,
verkauft  werden.  Arsenik  dient  in  der  chemischen ­
  Industrie  als  Ausgangsmatcrial  zahlreicher ­
  Arsenpräparate  und  findet  in  der  Technik ­
  Anwendung  zur  Herstellung  optischer  Gläser,
von  Schweinfurter  Grün,  zum  Konservieren  von
Tierbälgen,  zur  Behandlung  von  Haaren  in  der
Hutmacherei  und  als  Beize'  in  der  Färberei  und
Druckerei.  Hingegen  ist  er,  wie  auch  die  verwandte ­
  Arsensäure  (As 2 0 6 ,  Ars.enpentoxy  d,
lat.  Acidum  arsenicicum,  frz.  Acide  arsenique,
engl.  Arsenic  Acid)  aus  Anilinfarben-,  besonders
Fuchsinfabriken,  jetzt  vollständig  verdrängt.  —
Der  rote  Arsenik  (Arsenrotglas,  Arsenrubin, ­
  Rubinschwefel,  Realgar,  lat.  Arsenicum ­
  sulfuratum  rubrum,  frz.  Rdalgar,  Sulfure
  rouge  d’arsdnic,  engl.  Realgar),  in  chemischer ­
  Hinsicht  Arsendisulfid  (Arsensulfür,  Z-weifach
  Schwefelarsen,  eine  Verbindung  von  75  Teilen ­
  Arsen  und  32  Teilen  Schwefel  (as&amp;gt; 3 )  findet
sich  in  der  Natur  ziemlich  selten  in  schön  rubinroten ­
  Kristallen  (Andreasberg  a.  H.,  Vesuv,
•St.  Gotthard),  wird  aber  meist  künstlich  durch
Destillation  von  Arsenik  und  Schwefelkies  dargestellt ­

  und  bildet  dann  rubinrote  bis  braunrote,
mehr  oder  weniger  durchscheinende  Stücke  von
muschligem  Bruch  und  siegellackähnlichem  Aussehen. ­
  Während  das  reine  Arsensulfür  ungiftig  |
ist,  wirkt  das  im  Handel  vorkommende  Kunstprodukt ­
  wegen  seines  wechselnden  Gehaltes  an  I
arseniger  Säure  giftig.  Es  findet  Anwendung  in  1
der  Feuerwerkerei  zur  Herstellung  des  indischen  i
Weißfeuers,  ferner  zum  Enthaaren  von  Fellen,  i
in  der  Schrotherstcllung  und  zum  Reduzieren  1
von  Indigo  in  der  Zeugdruckerei.  —  Gelber  1
Arsenik  (Arsengelbglas,  Arsenpigment,
gelbes  Schwefelarsen,  Operment,Rauschgelb, ­
  Auripigment,  lat.  Arsenicum  sulfu-  |
ratum  citrinum  seu  flavum,  frz.  und  engl.
Orpimcnt)  hat  als  Mineral  (Harz)  die  Zusam-  |
mensetzung  des  Arsentrisulfids  (As 2 S 3 )  und  ist  |
ungiftig,  während  die  künstlich  durch  Sublima-  j
tion  von  Arsenik  mit  Schwefel  hergestellte
Verbindung  erhebliche  Mengen,  bis  zu  900/0,
arsenige  Säure  enthält  und  daher  giftig  wirkt.
Das  zitronen-  bis  orangegelbe  Pulver,  welches  j
beim  Erhitzen  dunkler  bis  braunrot  wird,  bildet  j
im  Gemische  mit  Kalk  und  Wasser  das  Enthaarungsmittel ­
  der  Orientalen  (Rhusma)  und
findet  als  Königsgelb,  Chinagelb,  Per-  !
sischgelb,  Spanischgelb  beschränkte  An-  1
Wendung  in  der  Ölmalerei.  Alle  unter  der  Be-  I
Zeichnung  „Arsenikalien“  zusammengefaßten  j
Arsenverbindungen  des  Handels  werden  nur
dann  zum  Eisenbahntransporte  zugclassen,  wenn  j
sie  in  doppelte  Fässer  oder  Kisten  verpackt
sind,  auf  welchen  mit  schwarzer  Ölfarbe  die
Worte  „Arsenik  (Gift)“  in  leserlichen  Buch-  j
staben  angebracht  sind.  Die  Böden  der  Fässer  j
müssen  mit  Einlagereifen,  die  Deckel  der  Kisten
mit  Reifen  oder  eisernen  Bändern  gesichert  wer-  j
den.  Die  inneren  Fässer  oder  Kisten  sind  von  1
starkem,  trocknem  Holze  zu  fertigen  und  inwendig ­
  mit  dichter  Leinwand  oder  ähnlichen
dichten  Geweben  zu  verkleben,  oder  es  werden  I
Eisentrommeln  mit  Holzüberfässern  verwendet,  j
Diese  Vorsichtsmaßregeln  sind  vorgeschrieben,  j
damit  eiqe  Verstaubung  nicht  eintreten  kann.  ;
Arsenjodid  (Arscnjoclür,  Jodarsen,  lat.  Ar-  '
senium  jodatum,  frz.Jodure  d’arsenic,  ertgl.  Ar-  :
senious  jodide)  besteht  aus  roten,  glänzenden,  j
hexagonalen  Kristallen,  welche  von  Alkohol  unverändert, ­
  von  Wasser  unter  Zersetzung  gelöst  j
werden.  Die  sehr  giftige  Substanz  wird,  beson-  I
ders  in  Form  der  Donovanschen  Lösung  j
(Arsenjodid,  Quecksilberbijodid  und  Kalium-  .
jodid),  gegen  Krebs,  in  Form  von  Salben  auch  j
gegen  Lupus,  verordnet.
Arsenwässer,  heilkräftige  Mineralwässer  von  i
Leviko,Roncegno,Kudowa,Baden-Baden,  welche  j|
gelöstes  Arsen  in  Menge  von  3—9  mg  in  1  I
enthalten.
Artillerieholz  nennt  man  die  zur  Herstellung  ,
der  Holzteile  an  Feldkanonen  geeigneten  rohen  !
Holzarten.  Für  Felgen,  Speichen  und  Naben  der  -
Kanonenräder  benutzt  man  das  gewöhnliche  ’
Stellmacherholz,  namentlich  von  Buchen,  Hainbuchen, ­
  Eschen,  Ulmen,  Eichen  und  Ahorn.  Das  ’
Lafettenholz  wird  am  besten  aus  Ulmenholz,
womöglich  von  Ulmus  suberosa,  geschnitten.
Wegen  der  Seltenheit  dieses  Holzes  werden
auch  astfreie  Eichen  und  starke  Rotbuchen  verarbeitet. ­
        <pb n="38" />
        Artischocken

33

Asche

Artischocken  (frz.  Artichauts,  engl.  Artichokes)
  bilden  in  Deutschland  einen  Artikel  des
Delikatessenhandels,  in  Italien,  Griechenland
und  Frankreich  ein  allgemein  gebräuchliches
Gemüse.  Die  A,  des  Handels  sind  die  grünen
Blütenköpfe  einer  distelartigen  Pflanze,  Cynara
scolymus  L.,  welche  aus  Afrika  und  dem  südlichen ­
  Europa  stammt  und  dort,  wie  in  Frankreich ­
  und  England  angebaut  wird.  Man  erntet
die  noch  nicht  ganz  ausgebildeten  Blütenköpfe,
sobald  die  Kelchblätter  beginnen  sich  auszubreiten, ­
  vom  Juli  bis  Oktober.  Von  den  zahlreichen ­
  Sorten  sind  die  besten:  die  große  violette ­
  A.,  die  große  grüne  und  die  A.  von  Laon.
Die  Zubereitung  ist  eine  sehr  verschiedenartige,
doch  wird  nur  der  fleischige  -Blütenboden  nach
Entfernung  der  Schuppen  und  des  Stiels  genossen. ­
  Vor  dem  Kochen  werden  die  A.  eine
Stunde  lang  gewässert.  In  Italien  siedet  man
sie  mit  Öl,  Salz  und  Zitronensaft.  Die  Samen
enthalten  20—22  0/0  eines  gelben,  fetten  Öles,  das
Artischockenöl.
Arvenholz  (Zirbelkiefernholz,  Zirbelföhrenholz), ­
  das  Holz  der  Arve,  Pinus  cembra,
ist  grob  und  wenig  glänzend,  aber  dauerhaft.
Man  erhält  es  aus  den  Alpen  und  verwendet  es
zu  Resonanzböden.
Arzneimittel.  Bei  der  Kriegsverordnung  vom
22.  März  1917  ist  hinsichtlich  der  zu  erteilenden
Handelserlaubnis  mit  Arzneimitteln  im  §  2  folgende ­
  Begriffsbestimmung  aufgestellt;  A.  im
Sinne  dieser  Verordnung  sind  solche  chemische
Stoffe,  Drogen  und  Zubereitungen,  die  zur
Beseitigung,  Linderung  oder  Verhütung  von
Krankheiten  bei  Menschen  oder  Tieren  bestimmt
sind.  Die  Verordnung  bestimmt,  daß  der  Handel ­
  mit  Arzneimitteln  vom  16.  April  1917  ab  nur
solchen  Personen  gestattet  ist,  denen  eine  besondere ­
  Erlaubnis  zum  Betriebe  dieses  Handels
orteilt  wurde.  Diese  Vorschrift  findet  keine
Anwendung  1.  auf  Personen,  die  bereits  vor
dem  1.  August  1914  mit  Arzneimitteln  Handel
getrieben  haben,  der  sich  nicht  auf  die  unmittelbare ­
  Abgabe  an  die  Verbraucher  beschränkt;
2-  auf  Apotheken,  in  denen  Arzneimittel  nur  unmittelbar ­
  an  Verbraucher  abgegeben  werden;
3-  auf  sonstige  Kleinhandelsbetriebe,  in  denen
Arzneimittel  nur  unmittelbar  an  Verbraucher
abgegeben  werden;  4.  auf  Tierärzte,  soweit  sie
ln  Ausübung  ihrer  tierärztlichen  Tätigkeit  Arzneimittel ­
  unmittelbar  an  Verbraucher  abgeben
dürfen.
Asa  foetida  (Teufelsdreck,  Stinkasant,
Gummi  s.  Resina  Asa  foetida,  frz.  Ase  {&amp;amp;-dde,
  engl.  Stinking  Assa)  besteht  aus  dem  eingetrockneten
  Milchsäfte  der  Wurzeln  verschiedener ­
  großer  Umbelliferen  (Doldengewächse)
des  inneren  Asien.  Namentlich  sollen  Scorodostna
  foetidum,  welches  zwischen  demAralse
 . e  und  dem  Persischen  Meerbusen  wächst,  sowie
  auch  Narthex  Asa  foetida  im  westlichen
Afghanistan  und  Turkestan,  nach  andern  aber
auch  Ferula  Asa  foetida  und  andre  Arten  die
A-  liefern.  Die  A.  hat  einen  höchst  unangeneh-?dri
  Geruch,  den  sie  der  Gegenwart  eines  schwee
  baltigen  ätherischen  Öles  (Asantöl  etwa  3  bis
^9,oo/ 0 )  v er cla.nkt.  Die  beste  Sorte  A.  f.  in  granis
ln  lacrymis  (A.  in  Körnern  oder  in  Tränen)
esteht  aus  einzelnen  kleineren,  mehr  oder  we-^fercka
  Warenlexikou.

niger  rundlichen  Stücken,  die  im  frischen  Zustande ­
  eine  weiße  Farbe  haben,  mit  der  Zeit
aber  pfirsichblütrot  und  schließlich  braun  werden. ­
  Die  zweite  Sorte,  A.  f.  in  massis,  besteht
aus  größeren  Stücken,  in  denen  man  innerhalb
einer  gleichmäßigen  Grundmasse  zahlreiche
kleine,  mandelförmige  Stücke  von  der  angegebenen ­
  Beschaffenheit  erkennen  kann.  Im  frischen
Zustande  ist  die  A.  weich,  im  Alter  hart.  Sie
gehört  zu  den  Gummiharzen  und  enthält  außer
dem  bereits  erwähnten  ätherischen  Öle  Harz,
Gummi,  Spuren  Vanillin  undFerulasäure.  Man
benutzt  die  Ware  als  Nervenmittel  sowie  mit
zweifelhaftem  Erfolge  gegen  Eingeweidewürmer.
Asaprol  (Abras  toi),  /i-Naphtolmonosulfosaures
  Kalzium,  ein  farbloses,  in  Wasser  und
Alkohol  lösliches  Pulver,  ist  als  nicht  reizendes,
antiseptisches  Präparat  gegen  Rheumatismus,
Gicht,  Typhus  usw.  empfohlen  worden.
Asbest  (Amiant,  Byssolith,  Federweiß,
Federalaun,  Bergflachs,  lat.  Alumen  plumosum,
  frz.  Asbeste,  engl.  Asbestus,  Amyanth)  nennt
man  die  sehr  feinfaserigen  bis  haarförmigen
Abarten  des  Grammatits  und  Aktinoliths
(Strahlstein),  welche  ihrer  chemischen  Zusammensetzung ­
  nach  mit  der  Hornblende  übereinstimmen, ­
  also  im  wesentlichen  als  Kalk-Magnesia-Silikate
  anzusprechen  sind.  Der
A.  besteht  aus  kürzeren  oder  längeren,  weichen
oder  biegsamen,  weißen,  zuweilen  auch  grünlichen ­
  Fasern,  die  je  länger  um  so  höher  bezahlt ­
  werden.  Man  erhält  ihn  am  schönsten  aus
Tirol,  Nordamerika  (Bostonit),  Italien,  Australien, ­
  der  Schweiz,  Sibirien,  den  Pyrenäen.  1886
wurde  auch  ein  bedeutendes  Lager  im  hessischen ­
  Odenwalde  entdeckt.  A.  findet  ausgedehnte ­
  Verwendung  als  Material  für  Stopfbüchsen, ­
  zum  Dichten  der  Flanschenverbindungen, ­
  zum  Filtrieren  starker  Säuren  (Asbestpapier), ­
  zur  Erzeugung  mittelfeiner  Spitzen
(Como),  Mützen  (Pyrenäen),  Handschuhe  (Sibirien), ­
  zur  Herstellung  unverbrennbarer  Zeuge
und  Theatergeräte,  von  Gerätschaften  für  chemische ­
  Laboratorien  (Asbestteller,  Asbestdrahtnetze) ­
  u.  dgl.  Die  nicht  faserigen  Sorten  dienen
zur  Herstellung  feuerfester  Farben.  Diese  vielseitige ­
  Verwendung  verdankt  der  A.  seiner  Schwerschmelzbarkeit ­
  und  Unverbrennlichkeit,  seiner
Widerstandsfähigkeit  gegen  Säuren  (mit  Ausnahme ­
  der  heißen  Schwefelsäure)  und  Laugen
und  der  Eigenschaft,  wie  ein  Schmiermittel  zu
wirken.  Auch  ist  er  ein  schlechter  Leiter  der
Wärme  und  Elektrizität.  Asbestfabrikate
werden  gefertigt  in  Berlin,  Frankfurt  a.  M.,  Dresden ­
  und  Hannover.
Asche  im  gewöhnlichen  Sprachgebrauche  ist
der  beim  Verbrennen  der  Heizmaterialien  hinterbleibende ­
  Rückstand  (Holzasche,  Kohlenasche), ­
  der  vielfach  noch  wechselnde  Mengen
von  unverbranntem  Kohlenstoff  enthält.  Der
Chemiker  bezeichnet  mit  dem  gleichen  Namen
den  unverbrennlichen  Rückstand  (Mineralstoffe)
aller  organischen  Erzeugnisse  des  Tier-  und
Pflanzenreichs,  dessen  Höhe  bisweilen  e;n  Urteil ­
  über  etwaige  Verfälschung  gewährt.  Die
Angabe  eines  chemischen  Gutachtens,  daß  ein
Pfeffer  5  0/0  Asche  enthält,  bedeutet  also  nicht,
wie  bisweilen  angenommen  wird,  daß  ihm  Holzoder ­
  Kohlenasche  zugesetzit  ist,  sondern  nur,
3
        <pb n="39" />
        Asebu

54

Ati

daß  5  o/o  unverbrennliche  Stoffe  darin  enthalten
sind.  Bezüglich  einiger  technisch  verwertbaren
Aschen  (Knochenasche,  Holzasche)  vgl.  die  entsprechenden ­
  Aufsätze.
Asebu  (Easuiboku)  sind  die  bitter  schmekkenden,
  giftigen  Blätter  der  in  China  und  Japan
heimischen  Andromeda  japonica.  Der  wirksame ­
  Stoff,  das  Asebotoxin,Andrometoxin
oder  Andromedatoxin  gehört  zu  den  Glykosiden. ­

Aseptin.  Unter  diesem  Namen  wird  Borsäure ­
  für  Konservierungszwecke  verkauft.
Doppelaseptin  ist  ein  Gemenge  von  Borsäure
und  Alaun.  Beide  Mittel  sind  zwar  wirksam,
aber  für  Genußmittel  zu  verwerfen,  da  sie  als
gesundheitsschädlich  anzusehen  sind.
Aseplinsäure,  ein  als  Antiseptikum  empfohlenes ­
  Gemisch  von  Salizylsäure,  Borsäure  und
Wasserstoffsuperoxyd.
Aseptol  (Sozolsäure)  nennt  man  die  Lösung
der  Orthophenolsulfonsäure  (i:  3),  welche  an
Stelle  der  Karbolsäure  und  Salizylsäure  als  Antiseptikum ­
  benutzt  wird  und  den  Vorzug  der
Mischbarkeit  mit  Wasser,  Alkohol  und  Glyzerin
besitzt.
Asparagin,Amidobernsteinsäurcamid,  NH 2 CO.
C 2 H 3 (NH 2 )COOH,  eine  farblose,  durchsichtige,
in  Wasser  lösliche,  in  absolutem  Alkohol  unlösliche, ­
  widerlich  schmeckende  Kristallmasse,
findet  sich  in  vielen  Pflanzen,  namentlich  im
Spargel,  der  Altheewurzel,  Zuckerrüben.
Asphalt  (Erdpech,  Judenpech,  Erdharz,
Bergteer,  lat.  Asphalturn,  frz.  Bitume  de  Judöe,
  engl.  Mineral  pitch),  ein  aus  schwarzen  bis
braunschwarzen,  bei  gewöhnlicher  Temperatur
harten  und  spröden,  beim  Erwärmen  weich
werdenden  Stücken  bestehendes  Naturerzeugnis
kommt  in  zwei  Hauptsorten  zum  Verkehr.  Der
teurere  syrische  A.  vom  Toten  Meer  und  aus
der  Gegend  des  Kaspischen  Sees  ist.  rein  schwarz,
glatt  und  glänzend  und  zeigt  deutlich  muscheligen ­
  Bruch,  während  der  amerikanische  A.
von  Trinidad,  Kuba  und  Venezuela  diesen  muscheligen ­
  Bruch  nicht  hat  und  mit  einer  stark  abfärbenden ­
  braunen  Schicht  bedeckt  ist.  Außerdem ­
  findet  sich  noch  A.  gangförmig  oder  in
feiner  Verteilung  als  Bestandteil  des  Asphaltsteins ­
  (s.  d.),  aus  dem  er  mit  Lösungsmitteln
ausgezogen  werden  kann.  Der  von  Mineralstoffen
  befreite  reine  A.,  das  sog.  Bitumen,  besteht ­
  als  ein  Zersetzungsprodukl  organischer
Stoffe  nach  Art  des  Petroleums  in  der  Hauptsache ­
  aus  festen  Kohlenwasserstoffen,  welche
in  Äther  löslich  sind,  zum  geringeren  Teile  auch
aus  sauerstoffhaltigen  Verbindungen  (Asphaltene).
  Der  in  der  Kälte  spröde  und  geruchlose  j
A.  nimmt  unter  gleichzeitigem  Erweichen  bei  I
höherer  Temperatur  einen  charakteristischen  bituminösen ­
  Geruch  an.  Das  spez.  Gew.  liegt
zwischen  0,98  und  1,3,  der  Schmelzpunkt  bei
etwa  ioo°.  Bei  230 0  destilliert  ein  Kohlenwasserstoff, ­
  das  Petroien  (C 10 H,,,)  über,  während
Asphalten  (C 30 H a2 O 3 )  zurückbleibt.  An  der
Luft  angezündet,  verbrennt  A.  mit  leuchtender,
rußender  Flamme.  In  Wasser  ist  er  unlöslich,
in  Alkohol  wenig,  in  Äther  teilweise,  in  Benzin,
Benzol,  Terpentinöl  völlig  löslich.  Das  beste
Lösungsmittel  ist  Chloroform.  Der  A.  findet  ausgedehnte ­
  technische  Anwendung  zur  Herstellung ­

  von  schwarzen  Lacken  und,  allerdings  weniger ­
  geeigneten  Malerfarben,  als  Ätzgrund  von
Kupferstichplatten  und  als  wasserdichter  Überzug ­
  von  Dächern,  Wänden  und  Kellerräumen.
Beim  Straßenbau  bevorzugt  man  hingegen  den
Asphaltstein.  —  Von  den  zahlreichen  Verfälschungsmitteln ­
  sind  in  erster  Linie  die  bei  der
Teerdestillation  hinterbleibenden  Peche  (Holzteerpech, ­
  Steinkohlenteerpech)  anzuführen,  auch
werden  völlige  Kunstasphalte  aus  den  Rückständen ­
  der  Petroleumdestillation  hergestellt.
Die  erstem  lassen  sich  meist  daran  erkennen,
daß  sie  bei  der  Behandlung  mit  Benzol,  in  welchem ­
  Naturasphalt  völlig  löslich  ist,  eine  erhebliche ­
  Menge  von  Kohlenstoff  (bis  zu  200/0  und
mehr)  hinterlassen,  und  beim  Schütteln  mit
960/oigem  Alkohol  eine  stark  gelbe,  bläulich
fluoreszierende  Lösung  geben.  Die  Petroleumasphalte ­
  unterscheiden  sich  häufig  durch  den
geringeren  Schwefelgehalt  von  dem  Naturprodukte, ­
  sind  aber  nicht  immer  mit  Sicherheit
nachweisbar.
Asphaltstein,  ein  mit  etwa  8—12  0/0  Bitumen
getränkter  bituminöser  Kalk,  der  in  der  Schweiz
(Val  de  Travers),  in  Frankreich  (Seyssel)  und
bei  Limmer  in  Hannover  vorkommt,  wird  zur
Herstellung  von  Asphaltstraßen  (Stampfasphalt)
benutzt  und  in  Säcken  in  den  Handel  gebracht,
Aspirin  (lat.  Acidum  acetylosalicylicum,  frz.
Acide  ac6tylsalicylique,  engl.  Acetylsalicylic
Acid),  ein  weißes  Kristallpulver  vom  Schmelzpunkt ­
  135  °,  wird  durch  Erhitzen  von  Essigsäure
mit  Salizylsäure  gewonnen  und  ist  in  chemischer
Hinsicht  Azetylsalizylsäure.  Es  dient  als  Ersatz
der  Salizylsäure  bei  der  Behandlung  von  Gelenkrheumatismus, ­
  Nervenleiden  und  zahlreichen
anderen  Krankheiten.  Der  Name  ist  gesetzlich
geschützt.
Aßmannshäuser,  der  beste  deutsche  Rotwein
aus  dem  Rheingau,  heller  als  die  französischen
Rotweine,  jedoch  von  intensiverer  Färbung  als
die  meisten  roten  Ahrweine  und  von  mildem
Geschmack,  enthält  in  100  ccm  etwa  10  g  Alkohol, ­
  3,5  g  Extrakt  und  0,6  g  Säure.
Asthmamittel.  Zur  Behebung  der  Atemnot
werden  in  erster  Linie  die  Blätter  und  das  Extrakt ­
  von  Stramonium  (s.  Stechapfel)  angewandt, ­
  welche  zwar  nach  Husemann  nicht
direkt  auf  das  Atemzentrum  einwirken,  aber
manchmal  wegen  ihres  günstigen  Einflusses  auf
das  Gehirn  Linderung  herbeiführen.  Sie  gelangen, ­
  vielfach  auch  im  Gemische  mit  Belladonna
(s.  d.),  Bilsenkraut  (s.  d.),  Hanf  (s.  d.)  und  Opium, ­
  entweder  in  Form  voh  Zigarren  und  Zigaretten ­
  (Cigarcttes  antiasthmatiques  d’Espic)  oder
auch  als  Räucherpulver  (Asthmapulver,  Asthmapapier, ­
  Asthmaräucherkerzen),  zur  Anwendung.
Neben  den  vorgenannten  Drogen  sind  noch
Salpeter,  Jodkalium,  Arsensäure,  Chloralhydrat
u.  a.  als  Bestandteile  von  A.  aufgefunden  worden.
Astralöl,  ein  aus  Neuyork  in  den  Handel  kommendes, ­
  sorgfältig  raffiniertes  Petroleum,  ist
völlig  farblos,  wasserhell  und  fast  geruchlos.
Das  spez.  Gew.  beträgt  0,781,  der  Entflammungspunkt ­
  68°.
Ati  (malaiisch),  Galeh  (sudanesisch),  das  rote
feste  Holz  eines  zur  Familie  der  Rubiazeen
gehörigen  Baumes,  Nauclea  grandifolia,  von
        <pb n="40" />
        Atlasstein

35

Austern

der  Insel  Java.  Der  zähe  Wurzelstock  wird  zu
Werkzeugstielen  verwendet.
Atlasstein  (Atlasspat,  Faserkaik,  engl.
Satin-spar),  eine  vereinzelt,  am  meisten  in  England ­
  vorkommende  Abart  des  kohlensauren
Kalkes  von  rein  weißer,  auch  rötlicher  unö
anderer  Färbung,  die  vermöge  ihrer  feinfaserigen ­
  Struktur  auf  den  Schliffflächen  einen  eigentümlichen ­
  atlasähnlichen  Schimmer  zeigt,  wird
zu  Perlen  für  Halsketten  und  andern  Schmucksachen ­
  geschliffen,  die  einen  sehr  schönen  Glanz
und  hübsches  Aussehen  haben,  aber  bei  der
Weichheit  des  Materials  nicht  lange  behalten.
Zuweilen  versteht  man  unter  A.  auch  eine  Art
Fasergips  von  ebenfalls  seideglänzendem  Aussehen, ­
  der  in  Thüringen,  im  Mansfeldischen  und
im  Waadtland  in  schöner  Qualität  gefunden  wird
und  gleiche  Verwendung  wie  der  vorige  findet,
aber  noch  weicher  ist  als  dieser.
Atoxyl,  eine  organische  Arsenverbindung,  p-Amidophenylarsinsäure,
  NH 2 .  C G H 4 .  As  (NaH0 3 ),
wird  durch  Erhitzen  von  arsensaurem  Anilin  mit
überschüssigem  Anilin  auf  200 0  dargestellt  und
als  Mittel  gegen  Schlafkrankheit  und  Syphilis
angewandt.  Auch  bildet  es  das  Ausgangsmaterial
  zur  Gewinnung  des  Salvarsans  (s.  d.).
Atropin,  C 17 H 23 N0 3  (lat.  Atropinum,  frz.  und
ungl,  Atropine),  das  giftige  Prinzip  der  Tollkirsche, ­
  Atropa  Belladonna,  findet  sich
neben  Hyoszyamin  in  allen  Teilen  dieser  Pflanze
sowie  einiger  anderer  Solanazeen  (Stechapfel,.
Bilsenkraut),  hauptsächlich  aber  in  den  Samen,
der  Wurzel  und  den  Blättern.  Nach  neueren
Untersuchungen  soll  in  der  Wurzel  der  Belladonna ­
  nur  Hyoszyamin  Vorkommen  und  das  A.
aus  letzterem  während  der  Bereitung  entstehen.
Uas  A.  gehört  zu  den  stickstoffhaltigen  organischen ­
  Basen  (Alkaloiden)  und  kann  auf  Grund
Ber  Arbeiten  von  Ladenburg,  Willstätter  u.a.
synthetisch  dargestellt  werden.  Es  wird  medizinisch ­
  bei  Augenkrankheiten  verwendet,  da  es
die  Eigentümlichkeit  besitzt,  die  Pupille  des  Auges
stark  zu  erweitern,  darf  aber  seiner  Giftigkeit
liegen  ohne  Rezept  nicht  abgegeben  werden,
utas  A.  erscheint  in  farblosen,  geruchlosen,  seidenartig ­
  glänzenden,  zu  Büscheln  vereinigten
Kristallnadeln.  Außer  dem  reinen  A.  benutzt  man
^ as  schwefelsaure  A.  (Atropinsulfat,  lat.
Atropinum  sulfuricum)  und  das  baldrian-Sa
 Ure  A.  (Atropinvalerianat,  lat.  Atropi-Huin
  valerianicum),  welche  ebenfalls  farblos
u ud  kristallinisch  sind.
Attichbeermus  (lat.  Roob  s,  Succus  Ebuli,  frz.
Marmelade  d’hifeble,  engl.  Dwarfelder  marmell
 de),  cl er  eingedickte  Saft  der  Attichbeeren
t'°m  Zwergholunder  (Sambucus  Ebulus),  war
r .  ler  offizineil,  wird  aber  jetzt  nur  als  Haus-Hittel
  zum  Abführen  benutzt.
Augennichfs  (lat.  Nihilum  album),  ein  veralte-Name
  für  Zinkoxyd  (s.  d.)  in  seiner  An-■
  e ?dung  als  Augenmittel.  Es  dient  oder  diente
Wasser  verteilt  zu  Augenwasser.
^Augenstern  (lat.  Lapis  divinus,  Lapis  ophtalmi-’
 s &amp;gt;  Bz.  Quarts-agate  chatoyant,  engl.  White
PPeras,  Eye-stone).  Hierunter  ist  sowohl  der
sam  6  Vitriol  (Zinkvitriol)  und  der  durch  Zu-«unenschmelzen
  von  Alaun,  Salpeter,  Kupfere
 - ri °l  and  Kampfer  erhaltene  Heiligenstein,
veraltetes  Augenheilmittel,  als  auch  das  Mineral ­

  Chalzedon  und  der  Achat  mit  augenähniiehen
  Zeichnungen  JAgate  ocillee)  zu  verstehen. ­

Augenstüte,  Ätzstifte  aus  Silbernitrat  öder
Zinksulfat  zur  Behandlung  von  Augenkrankheiten. ­

Augenwohl,  wertloses  Geheimmittel,  aus  einer
gelb  gefärbten  Lösung  von  Kochsalz,  Borsäure,
Glyzerin  und  Zucker  in  Wasser  bestehend.
Auramin,  ein  seit  1883  bekannter  gelber  Teerfarbstoff ­
  aus  der  Gruppe  der  Dipheny  Imethanfarbstoffe, ­
  welche  als  Tanninfarbstoffe  anzusprechen ­
  sind,  wird  durch  Einwirkung  von  Salmiak ­
  auf  Tetramethyldiamidobenzophenon  oder
dessen  Chlorverbindung  gebildet,  welches  selbst
bei  Behandlung  von  Dimethylanilin  mit  Chlorkohlenoxydgas ­
  entsteht.  Das  A.  ist  ein  gelbes
kristallinisches,  leicht  in  Wasser  lösliches  Pulver
und  wird  zum  Färben  von  Seide,  Wolle,  Papier
und  gebleichter  Baumwolle  verwandt.  Unter
dem  Namen  Pyoktanninum  findet  es  alsHeilmittel
  (Antiseptikum)  Anwendung.
Auranfia  (Kaisergelb),  die  Ammoniumverbindung ­
  des  Plexanitrodiphenylamins,  ist  ein
früher  viel  benutzter  gelber  Nitrofarbstoff,
[C s H s (N0 2 ),j„N.NH 4 ,  der  aber  neuerdings  wegen ­
  unangenehmer  Hautreize,  wenigstens  für
Gewebe,  nicht  mehr  verwandt  wird.
Aurin  (Pararosolsäure)  ist  ein  Triphenylmethanfarbstoff
  von  der  Formel:  C.(C 6 H40H) 2 .
CgH^.  O,  welcher  beim  Erhitzen  von  Phenol  mit
Ameisensäure  und  Zinkchlorid,  ferner  bei  der
Einwirkung  von  Dioxybenzophenonchlorid  auf
Phenol  und  bei  der  Zersetzung  von  diazotiertem
  Pararosanilin  mit  Wasser  entsteht.  Er  kann
demnach  als  ein  Pararosanilin  angesehen  werden, ­
  in  welchem  der  Imidstickstoff  durch  Sauerstoff, ­
  die  Amidogruppe  durch  Hydroxyl  ersetzt ­
  sind.  Aurin  bildet  in  reinem  Zustande
keinen  Handelsartikel,  kommt  aber  neben  Methylaurin ­
  und  Rosolsäure  im  rohen  Korallin
(s.  d.)  vor,  welches  auch  wohl  technisches  Aurin
genannt  wird.
Austern  (frz.  Huitres,  engl.  Oysters)  sind  die
geschätztesten  Muscheln,  deren  zahlreiche  Arten
in  fast  allen  Meeren,  außer  den  Polargegenden,
Vorkommen.  Die  A.  der  europäischen  Meere
(Ostrea  edulis)  findet  sich  von  der  norwegischen
Küste  bis  zum  Mittelmeer,  aber  nicht  in  der  zu
salzarmen  Ostsee,  die  amerikanische  A.  (O.  virginiana)
  vom  mexikanischen  Golf  bis  zum  Lorenzstrom. ­
  Die  A.,  Zwitter,  bei  denen  Eier  und
Befruchtungskörper  in  demselben  Tiere  nacheinander ­
  entstehen  und  die  1—2  Millionen  Eier
legen  können,  siedeln  sich  am  liebsten  in  stillen
Meeresbuchten  von  höchstens  10  m  Tiefe,  sog.
Austernbänken  oder  -betten  an  und  werden
von  hier  meist  in  halberwachsenem  Zustande  in
besondere  Bassins  (Austernparks)  übertragen, ­
  deren  Wasser  zeitweilig  erneuert  wird.
Zum  Versand  werden  die  A.  in  Fässer,  mit  der
Schale  nach  unten,  so  dicht  aufeinandergelegt,
daß  sie  sich  nicht  öffnen  und  das  eingeschlossene
Wasser  nicht  herauslassep  können.  In  Europa
werden  sie  nur  von  September  bis  Mai  gefischt.
Als  wertvollste  gelten  die  französischen  und
englischen,  danach  die  A.  von  der  Westküste
Schleswigs  und  von  Holland.  Als  Holsteiner
j  A.  bezeichnen  wir  alle  größeren  A.  von  den  non
        <pb n="41" />
        Austerschalen

36

Azetophenon

dischen  Küsten,  als  Natives  die  kleineren  A,
von  England  undOstende,  doch  werden  am  letzteren ­
  Orte  nicht  A.  gezüchtet,  sondern  nur  aus
England  eingeführte  in  Bassins  aufbewahrt.  Die
Holländer  züchten  junge  A.  mittlerer  Größe  in
der  Osterschelde  nach  der  neuen  französischen
Methode.  Fischauster  ist  eine  sehr  große,
außerhalb  der  Austernbänke  gefischte  nordische
Auster,  die  einen  fischigen  Beigeschmack  und
weniger  zartes  Fleisch  hat.  In  Italien  sind  Tarent
und  Venedig,  in  Österreich  Triest  ergiebige  Fangplätze, ­
  während  Schleswig  nur  4—5  Millionen
Stück  jährlich  liefert.  Das  Alter  der  A.,  das
mindestens  3  und  höchstens  5  Jahre  betragen
soll,  erkennt  man  an  der  Zahl  der  blättrigen
Schalenschichten,  die  sich  jährlich  um  eine  vermehrt. ­
  Die  A.  bilden  ein  nahrhaftes  und  diätetisches ­
  Genußmittel,  zeigen  aber  in  seltenen  Fällen, ­
  wahrscheinlich  nach  Aufnahme  fauliger  Nahrung, ­
  giftige  Eigenschaften.  Beim  Genüsse  erscheint ­
  daher  eine  gewisse  Vorsicht  und  besonders ­
  Ausschaltung  aller  toten,  offenstehenden
Exemplare  geboten.  Von  Amerika  (Baltimore)
werden  große  Mengen  ausgeschälter,  in  Blechbüchsen ­
  konservierter  A.  verschickt.
Austerschalen  (lat.  Conchae,  frz.  Ecaille  d’huitre,
  engl.  Oyster-shells)  werden,  nachdem  sie
genügend  gereinigt  sind,  zu  Pulver  gemahlen
und  teils  als  Putzpulver,  teils  unter  dem  Namen
präparierte  A.  (Conchae  praeparatae)  zu
Zahnpulvern  benutzt.  Sie  bestehen  größtenteils
aus  kohlensaurem  Kalk.
Autan  nennen  die  Farbenfabriken  vorm.  Bayer
&amp;amp;  Co.  in  Elberfeld  ein  von  Eichengrün  erfundenes ­
  Mittel  zur  Zimmerdesinfektion,  welches ­
  aus  einem  Gemisch  von  polymerisiertem
Formaldehyd  mit  Bariumsuperoxyd  besteht.
Das  A.,  ein  weißes,  schwach  nach  Formaldehyd
riechendes  Pulver,  entwickelt,  wenn  es  mit  gleichen ­
  Teilen  Wasser  übergossen  wird,  gleichzeitig ­
  Formaldehyd-  und  Wasserdämpfe  und
soll  in  Menge  von  1  kg  zur  Desinfektion  von
25—30  cbm  ausreichen.
Avedyks  Brot.  Auf  Grund  der  Tatsache,  daß
die  wichtigsten  Eiweißstoffe  des  Getreidekorns
hauptsächlich  in  den  äußeren  Randpartien  sitzen
und  von  der  modernen  Hochmüllerei  mit  der
Kleie  entfernt  werden,  hat  man  mehrfach  versucht, ­
  das  ganze  Korn  zur  Brotbereitung  heranzuziehen. ­
  A.  wird  aus  dem  eingeweichten,  zerquetschten ­
  und  dann  zu  Teig  verarbeiteten  Korn
hergestellt.  Die  Ansichten  über  den  Wert  desselben ­
  sind  geteilt,  denn  wenn  auch  der  höhere
Eiweißgehalt  außer  Zweifel  steht,  so  wird  doch
durch  die  Schalen  eine  Reizung  des  Darmes  und
damit  eine  verringerte  Ausnutzung  herbeigeführt.
Aventurin,  ein  gelbbrauner  bis  roter  Quarz,
mit  feinen  Sprüngen  oder  Glimmerschüppchen
durchsetzt,  welche  ein  flimmefndes  Aussehen
hervorrufen,  wird  zu  Schmucksachen  und  anderen ­
  Kunstgegenständen  verarbeitet.
Aventuringlas,  ein  prachtvolles  braungelbes,
goldig  schimmerndes  Glas,  welches  früher  in
Venedig  nach  einem  Geheimverfahren  hergestellt
wurde.  Seitdem  Wöhler  und  Pettenkofer
zeigten,  daß  die  Flimmer  in  dem  durch  Eisenoxydul ­
  grün  gefärbten  Glase  durch  fein  verteilte
Kriställchen  von  metallischem  Kupfer  hervorgerufen ­
  werden,  stellt  man  das  A.  ganz  allgemein ­

  in  der  Weise  her,  daß  man  dem  Glassatze  ■
Kupfer  als  Oxydul  zusetzt.  Die  erhaltenen  Gläser ­
  sind  dem  mineralischen  Aventurin  sehr  ähnlich ­
  und  werden  wie  diese*r  zu  Schmuckgegenständen ­
  verarbeitet.  Das  grüne  A.  von  Pelouze
  erhält  einen  Zusatz  von  Kaliumdichromat,
wodurch  eine  Ausscheidung  glänzender  schwarzbrauner ­
  Kriställchen  in  grüner  Grundmasse  verursacht ­
  wird.  Aventurinlack  nennt  man  einen,
besonders  in  Japan  erzeugten,  schillernden  Lack.
Avizol,  ein  neuerdings  aus  Kopenhagen  eingeführtes ­
  Präparat,  welches  das  Trübewerden
von  Bonbons  aus  geschmolzenem  Zucker  verhindern ­
  soll,  besteht  aus  nichts  als  schwefligsaurem ­
  Natrium.  Da  bei  der  Schmelztemperatur
des  Zuckers  die  schweflige  Säure  nahezu  vollständig ­
  ausgetrieben  wird,  lassen  sich  gesundheitliche ­
  Bedenken  gegen  dieses  Verfahren  nicht
erheben.
Azalin,  ein  Gemisch  von  Zyanin  und  Chinolinrot, ­
  dient  zur  Herstellung  orthochromatischer
Platten.
Azarin,  ein  seit  1883  bekannter  Teerfarbstoff,
das  Ammoniaksalz  der  Dichloramidophenolhydrazobetanaphtolsulfosäure,
  kommt  als  gelber,
nach  schwefliger  Säure  riechender  Teig  in  den
Handel  und  findet  in  der  Baumwollendruckerei
Verwendung.
Azetate,  in  der  Chemie  gebräuchliche  Bezeichnung ­
  für  essigsaure  Salze,  z.  B.  Bleiazetat
für  essigsaures  Blei.
Az:tinb!au,  ein  zur  Gruppe  der  Induline  gehöriger ­
  Teerfarbstoff.
Azeton  (Dimethylketon,  lat.  Acetonum,frz.
Acötone,  engl.  Aceton),  CH s .CO.dJ 3 ,  ein  regelmäßiger ­
  Bestandteil  des  Blutes  und  Harns,
in  welchen  es  aber  nur  bei  krankhaften  Zuständen ­
  (Diabetes,  Azetonurie)  in  größeren  Mengen
auftritt,  entsteht  bei  der  trockenen  Destillation
vieler  organischer  Stoffe,  wie  Zucker,  Zellulose,
Gummi,  Holz,  und  findet  sich  daher  stets  im
rohen  Holzessig  resp.  in  dem  rohen  Holzgeist.
Zur  Trennung  des  A.  von  dem  gleichzeitig  vorhandenen ­
  Methylalkohol  versetzt  man  den  Holz--geist
  mit  Kalziumchlorid,  welches  mit  dem  Methylalkohol ­
  eine  kristallinische  Verbindung  liefert, ­
  und  destilliert  nun  das  A.  ab.  Weitere
Mengen  werden  aus  dem  bei  der  Anilinherstellung ­
  abfallenden  Kalziumazetat  durch  trockene
Destillation  dargestellt.  Die  Gewinnung  des  chemisch ­
  reinen  A.  beruht  auf  der  Eigenschaft,  mit
Natriumbisulfit  eine  kristallierte  Verbindung  einzügehen.
  A.  ist  eine  farblose,  leicht  bewegliche,
neutral  reagierende  Flüssigkeit  von  scharfem
Geruch,  welche  leicht  mit  kaum  rußender  Flamme
verbrennt.  Das  spez.  Gew.  liegt  bei  0,800,  der
Siedepunkt  bei  56°.  Es  mischt  sich  mit  Wasser,
Alkohol,  Äther  und  Chloroform,  löst  Fette  und
Harze,  Kampfer  und  Kautschuk  und  findet  daher ­
  in  den  diese  Stoffe  verarbeitenden  Industrien ­
  vielfache  Anwendung.  In  der  chemischen
Industrie  dient  es  zur  Darstellung  von  Kollodium, ­
  Chloroform,  Jodoform  und  Sulfonal.  Auch
ist  es  ein  Bestandteil  des  Zaponlacks.
Azetophenon,  Hypnon,  Azetophon,  C 6 H 5 .
CO.  CH 3 ,  ein  farbloses  oder  schwach  gelbliches
Öl  von  scharfem  Geschmack  und  eigentümlichem ­
  Geruch,  welches  bei  14 0  zu  Krislallblättern
  erstarrt  und  bei  200 0  siedet,  löst  sich  kaum
        <pb n="42" />
        Azetopyrin

37

Azofarbstoffe

in  Wasser,  leicht  in  Alkohol,  Äther,  Chloroform
und  fetten  Ölen.  Bei  der  Anwendung  als  Schlafmittel ­
  (in  Gelatin&amp;lt;;kapseln)  ist  Vorsicht  geboten. ­
  Vorsichtig  aufzubewahren!
Azetopyrin  (Akopyrin),  eine  Verbindung  von
Antipyrin  mit  Aspirin,  kommt  als  weißes  Kristallpulver ­
  vom  Schmelzpunkte  65°  in  den  Handel ­
  und  wird  als  Ersatz  seiner  Einzelbestandteile ­
  gegen  Fieber  und  Rheumatismus  verordnet.
Azetylen,  ein  gasförmiger  Kohlenwasserstoff
(C.jH,),  entsteht  bei  der  Einwirkung  von  Wasser
auf  Kalziumkarbid  und  findet  in  der  Beleuchtungstechnik ­
  ausgedehnte  Verwendung.  Wegen
der  großen  Explosionsfähigkeit  von  Azetylenluftgemischen ­
  ist  bei  der  Behandlung  der  Apparate ­
  Vorsicht  geboten,  auch  müssen  an  ihnen
Kupferteile  vermieden  werden,  weil  Azetylenkupfer ­
  stark  explosiv  ist.  Zur  Reinigung  des
Azetylens  benutzt  man  ein  Gemisch  von  Chlorkalk ­
  mit  Bleichromat  (Akagin)  oder  mit  Chromsäure ­
  getränkte  Kieselgur  (H  eratol)  oder  Kieselgur ­
  mit  einer  Lösung  von  Kupferchlorür  und
Salzsäure  (Frankolin).
Az  tylzellulose,  Zelluloseazetat,  entsteht
bei  der  Einwirkung  von  Azetylchlorid  und  Zinkazetat
  als  eine  in  Wasser,  Alkohol,  Äther  und
Azeton  unlösliche,  in  Chloroform  und  Eisessig
lösliche  Masse,  deren  Chloroformlösung  beim
Verdunsten  elastische,  durchscheinende  Häutchen ­
  hinterläßt.  Sie  findet  zur  Herstellung  von
Films,  isolierenden  Überzügen  usw.,  neuerdings
auch  von  Geweben  (Zellon),  ausgedehnte  Anwendung. ­

Azinfarbstoffe  sind  Abkömmlinge  des  Orthochinondiimids
  und  durch  das  Vorhandensein
zweier  Stickstoffatome,  entsprechend  der  allgemeinen ­
  Formel:  R.N 2 .R,  gekennzeichnet.  Das
einfachste  Glied  der  Reihe  ist  das  Phenazin,
C G H 4 .N 2 .  C 6 H 4 ,  daneben  kommen  noch  in  Betracht ­
  das  Phenonaphtazin,  C 6 H 4  .  N 2  .  C 10 H 0 ,
das  Dinaphtazin,  Cj 0 H s .  N 2  .  C 10 H 6 ,  usw.  Von
diesen  Endgliedern  lassen  sich  folgende  Farbstoffgruppen ­
  ableiten:  Durch  Eintritt  von  1  oder
2  Aminogruppen  in  das  Phenazin  entstehen
die  Eurhodine  (s.  Neutralrot),  durch  Eintritt ­
  von  Hydroxylgruppen  die  Eurhodole.  Als
Amidoderivate  des  Phenonaphthazins  sind  die
wosinduline  und  die  Isorosinduline  (s.  Induline) ­
  anzusprechen.  Treten  an  den  mittleren
Stickstoff  der  Eurhodine  oder  Eurhodole  noch
Alkylgruppen,  so  entstehen  die  Safranine  (s.
d')  bzw.  Safranoie,  Aposafranine  und  Sa-‘
  taninone.  Wenn  in  die  beiden  Phenylgruppen
des  Phenazins  je  zwei  alkylsubstituierte  Ammo-|
 r )rppen  eintreten  und  gleichzeitig  der  mittlere
Stickstoff  mit  einer  Alkylgruppe  verbunden  ist,
gelangt  man  zu  den  Indulinen  (s.  d.),
'  ^  H )s  C 8 H 5  N 2 .  C 0 H 2 (K.  NH),.
,  Azoblau,  ein  blauschwarzes,  in  Wasser  mit
Holetter  Farbe  lösliches  Pulver,  welches  Baumw°ll
 e  i m  Seifenbade  grauviolett  färbt,  besteht
aus  dem  Natronsalze  der  Ortho-Tolidindisazoa
  Phanaphtolmonosulfosäure.
,■  Azofarbstoffe.  Unter  diesem  Sammelnamen
•p  t  man  eine  außerordentlich  große  Zahl  von
eerfarben  (s.  d.)  zusammen,  welche  sämtlich
&amp;gt;e  sog.  Azogruppe,  d.  h.  zwei  miteinander  dopverbundene
  Stickstoffatome  enthalten.  Durch
er bindung  der  beiden  freibleibenden  Valenzen

mit  organischen  Radikalen  entstehen  ganz  allgemein ­
  gefärbte  Stoffe,  welche  aber  noch  nicht
auf  der  Faser  haften,  vielmehr  ist  es  zur  Erzeugung ­
  eigentlicher  Farbstoffe  erforderlich,  daß
noch  Gruppen  sauren  oder  basischen  Charakters
eintreten.  Die  Farbstoffe,  in  denen  mit  der  Azogruppe ­
  nur  Benzolreste  verbunden  sind,  zeigen
meist  gelbe  bis  braune  Töne,  während  durch
Einführung  der  Naphtalingruppe  oder  anderer
höherer  Radikale  auch  rote,  violette  und  blaue
Farben  entstehen.  —  Die  Darstellung  beruht  im
Grunde  darauf,  daß  man  ein  Amin,  z.  B.  Anilin,
mit  Salzsäure  und  Natriumnitrit  diazotiert  und
die  entstandene  Diazoverbindung  mit  einem  geeigneten ­
  Amin  oder  Phenol  zusammenbringt.
Schon  aus  der  Überfülle  der  verfügbaren  Amine
und  Phenole  ergibt  sich,  daß  eine  ungeheure
Zahl  von  Azofarbstoffen  theoretisch  möglich  ist.
Sie  wird  nahezu  unendlich,  wenn  man  bedenkt,
daß  neben  den  Farbstoffen  mit  einer  Azogruppe
(Monoazofarbstoffe)  auch  solche  mit  zwei  (Disazofarbstoffe) ­
  und  mehr  Azogruppen  (Tris-,
Tetrakis-,  Polyazofarbstoffe)  hergestellt  werden
können.  —  Um  einen  gewissen  Überblick  über
das  große  Gebiet  zu  geben,  sei  nach  Mofa  lau
und  Eucherer  folgende  Einteilung  zugrunde
gelegt.  I.  Die  Monoazofarbstoffe  zerfallen  in
folgende  vier  Unterabteilungen,  a)  Aminoazofarbstoffe
  enthalten  eine  oder  mehrere  mit
der  Azogruppe  verbundene  Aminogruppen  und
entsprechen  sonach  der  allgemeinen  Formel;
R.  N  :  N  .  R 1  .NH 2 .  Als  wichtigste  Glieder  dieser
Reihe  seien  angeführt:  Chrysoidin'  (s.  d.).
Säuregelb  (s.  Echtgelb),  Diphenylaminorange ­
  (s.  Säuregelb),  Methylorange  (s.  d.),
Bismarckbraun  (s.  d.),  Toluylenbraun,  aus
Amidodiazotoluolsulfosäure  und  m-Phenylendiamin,
  Azogelb  (s.  d,),  Metanilgelb  (s.  d.).
b)  Oxyazofarbstoffe  entstehen  durch  Einführung ­
  von  aromatischen  Hydroxylderivaten  in
das  Diazomolekül  und  werden  demnach  durch
die  allgemeine  Formel  R.N:N.Rt.OH  dargestellt. ­
  Zu  ihnen  gehören  u.a.:  Naphtolorange
(s.  Tropaeolin),  Echtrot  (s.  d.),  Ponceau  (s.
d.),  KosehenillescharlachGausDiazobenzolchlorid
  und  re-Naphtolsulfosäure.  c)  Monoazofarbstoffe ­
  aus  Peri-Dioxynaphtalinderivaten
umfassen  eine  Reihe  von  Farbstoffen,  welche
bei  schönem  blaustichigrotem  bis  violettblauem
Tone  und  guter  Lichtechtheit  ein  großes  Egalisierungsvermögen ­
  besitzen  und  zur  Erzeugung
licht-  und  walkechter  Beizenfärbungen  auf  Wolle,
in  der  Regel  mit  Nachchromierung,  dienen.  Sie
werden  durch  Einwirkung  von  Diazokörpern
auf  Dioxynaphtalindisulfosäure,  die  sog.  Chromotropsäure,
  hergestellt.  Das  bekannteste  Glied
der  Reihe  ist  Chromotrpp  2  R.  d)  Oxykarbonsäuremonoazofarbstoffe
  werden  hauptsächlich ­
  zum  Zeugdruck  auf  chromgebeizte  Faser ­
  benutzt.  Zu  ihnen  gehören  Alizaringelb  G
und  R,  welche  aus  diazotiertem  meta-  oder
para-Nitranilin  und  Sal  zylsäure  hergestellt  werden. ­
  II.  Disazofarbstoffe  werden  nach  dem  Ausgangsmaterial ­
  in  drei  Unterabteilungen  zerlegt,
a)  Disazofarbstoffe  aus  Monoazofarbstoffen.
  Zu  ihrer  Herstellung  kombiniert  man
einen  Azofarbstoff  mit  noch  einem  Molekül  einer
Diazoverbindung,  doch  ist  es  meist  nicht  nötig,
den  Monoazofarbstoff  vorher  zu  isolieren.  Wich-
        <pb n="43" />
        Azoorseillin

tige  Farbstoffe  dieser  Reihe  sind:  Naphtolblauschwarz
  aus  Aminonaphtoldisulfosäure
(sog.  H-Säure),  Nitranilin,  Anilin  und  Natriumnitrit, ­
  Resorzinbraun  (s.  d.)  aus  dem  „Resorzingelb“, ­
  d.  h.  dem  Kombinationsprodukt  von
diazotierter  Sulfanilsäure  und  Resorzin,  mit  Diazoxylolchlorid;
  Benzobraun  G  aus  Phenylenbraun
  mit  diazotierter  Sulfanilsäure,  BenzobraunB
  aus  diazotierterNaphthionsäure.  b)  D  isazofarbstoffe
  aus  Diaminen.  Als  Ausgangsmaterial ­
  dieser  Farbstoffe,  welche  besonders ­
  zur  substantiven  Färbung  der  Baumwolle
geeignet  sind,  kommen  in  beschränktem  Maße
auch  Metadiamine,  hauptsächlich  aber  Paradiamine ­
  (Benzidin,  o-Tolidin,  Dianisidin,  Diaminokarbazol
  usw.)  in  Betracht.  Zu  ihrer  Darstellung
wird,  an  Stelle  der  früher  angewandten  Oxydation ­
  von  Monoazofarbstoffen,  in  der  Regel  die
Tetrazoverbindung  der  Diamine  oder  ihrer  Derivate ­
  mit  zwei  Molekülen  derselben  oder  verschiedener ­
  Oxy-  resp.  Amidoverbindungen  verkuppelt. ­
  Als  wichtigste  Farbstoffe  der  Gruppe
sind  anzuführen:  Kongorot  (s.  d.),  Benzopurpurin
  (s.  d.),  Diaminschwarz  R  oderRO
aus  Benzidin  und  y-Aminonaphtolsulfosäure,  ein
schwarzes  Pulver,  das  in  konz.  Schwefelsäure
mit  blauer,  in  heißem  Wasser  mit  violettschwarzer ­
  Farbe  löslich  ist,  Diaminschwarz  B  aus
Äthoxybenzidin  und  der  gleichen  Sulfosäure,
Diaminviolett  N  entsteht  aus  denselben  Stoffen ­
  wie  Diaminschwarz  RO  bei  etwas  anderer
Versuchsanordnung.  Vom  diazotierten  Tolidin
leiten  sich  weiter  ab:  Rosa  zur  in  B  und  G  mit
Methylnaphtylaminsulfosäuren,  Brillantkongo
R  (s.  d.),  Chrysamin  R  (s.  d.),  Kongokorinth ­
  (s.  d.),  Azoblau  (s.  d.).  Vom  Benzidin
leiten  sich  ab:  Chrysamin  G  (s.  d.),  Kongokorinth ­
  (s.  d.),  Toiuylenorange  mit  o-Kresolkarbonsäure
  und  m-Toluylendisulfosäure,  D  iaminscharlach
  mit  je  x  Molekül  Phenol  und
Naphtoldisulfosäure.  Von  der  diazotierten  Diaminostilbendisulfosäure
  sind  abgeleitet:  Brillantgelb ­
  (s.  d.),  Chrysophenin  (s.  d.),  Hessischgelb ­
  (s.  d.),  Hessischpurpur  N  und
B  (s.  d.),  Hessisch  violett  (s.  d.).  Aus  Diamidokarbazol
  entsteht  mit  Salizylsäure  dasKarbazolgelb;
  aus  Diamidodiphenylharnstoff  mit
Salizylsäure  das  Baumwollgelb  B,  mit  Naphthionsäure ­
  das  Salmrot;  aus  Benzidinsulfondisulfosäure
  mit  Phenyls-Naphtylamin  dasSulfonazurin;
  aus  der  Tetrazoverbindung  des  Paradiaminoäthoxydiphenylamins
  mit  Je  l  Molekül
Phenetol  und  Salizylsäure  das  Diamingelb  N.
Vom  Dianisidin  leitet  sich  ab  das  Benzoazurin ­
  G  (s.  d.)  und  das  Heliotrop  (s.  d.),  vom
Diphenetidin  das  Benzoazurin  10B  (s.  d.).
c)  Disazofarbstoffe  aus  Amidoazofarbst
  off  en  dienen  hauptsächlich  zur  Wollenfärberei.
Diejenigen  Glieder,  weiche  Benzolkerne  enthalten, ­
  weisen  lichtere  Töne  (Scharlach)  auf,  während ­
  bei  Eintritt  von  zwei  oder  drei  Naphtalinkernen ­
  violett-  bis  blauschwarze  Farben  entstehen. ­
  Vom  Aminoazobenzol  leiten  sich  ab:
Tuchrot  G  (s.  d.),  Krozein  B  (s.  d.),  Brillantkrozein
  M  (s.  d.),  Ponceau  5R  (s.  d.);
vom  Amidoazotoluol  leiten  sich  ab:  Tuchrot  B
(s.  d.),  Krozein  3B  (s.  d.);  vomAmidoazoxylol
das  Orseillerot  A  (s.  d.),  von  Sulfosäuren  des
Amidoazobenzols  D  opp  elscharlach  (s.  d.)  und

Biebricher  Scharlach  (s.  d,),  von  derAmidoazotoluolsulfosäure
  durch  Kombination  mit  aoder
  ß-Naphtolsulfosäure  das  OrseillinBB  und
Bordeaux  G,  vom  Amidoazoxylol  Orseillerot ­
  A  (s.  d.),  von  der  Diazobenzol-  (bzw.  to-  |
luol-)  sulfosäure  der  Krozeinscharlach  3B  \
und  7  B  (s.  d.),  von  der  Diazobenzoldisulfosäure  j
das  Wollschwarz  (s.  d.),  von  der  Diazonaphtalindisulfosäure
  durch  Kuppelung  mit  c-Naphtylamin
  das  Naphtylaminschwarz  D,  mit
Diphenyl-m-Phenylendiamin  das  Anthrazitschwarz ­
  B.  Aus  Diazonaphtalinazobenzolsulfosäure
  und  ^-Naphtolsulfosäure  entsteht  Echt-  i
violett,  aus  Diazonaphtalindisulfosäure  und
/S-Naphtoldisulfosäure  Naphtolschwarz  B,  :
3  B,  6B  (s.  d.).  Aus  diazotierter  Amidosalizylsäure,
  «-Naphtylamin  und  Naphtolsulfosäure
wird  das  Diamant  schwarz  gewonnen.  III.  Von
Polyazofarbstoffen,  die  ausschließlich  für  die
Baumwollechtfärberei  in  Betracht  kommen,  seien
lediglich  Diamingrün  und  Benzoschwarzblau
  angeführt.  —  Neben  vorstehender  Anordnung ­
  nach  der  chemischen  Zusammensetzung
kann  man  die  Azofarbstoffe  auch  nach  ihrem
Verhalten  zur  Faser  in  folgende  vier  Gruppen
einteilen:  1.  Basische  Azofarbstoffe,  welche  die
gebeizte  Baumwolle  im  kalten  oder  lauwarmen
Bade  färben,  z.  B.  Anilingelb,  Chrysoidin,  Bismarckbraun; ­
  2.  Saure  A.,  welche  Wolle  im
kochenden  sauren  Bade  färben,  Baumwolle  hingegen ­
  ungefärbt  lassen,  z.  B.  Orange  I—IV,
Echtgelb,  Orseille,  Echtrot;  3.  Substantive  A.,
welche  ungeheizte  Baumwolle  zu  färben  vermögen, ­
  meist  auch  Wolle  und  Seide  im  neutralen ­
  oder  schwach  sauren  Bade  färben,  z.  B.
Kongorot;  4.  Beizenfärbende  A.,  z.  B.  Alizaringelb
  R.  Die  Azofarbstoffe  finden  in  der  Technik ­
  ausgedehnte  Anwendung  zum  Färben  tierischer ­
  und  pflanzlicher  Fasern  und  kommen  in
zahllosen  Farbtönen  von  Gelb,  Rot,  Blau,  Violett
und  Schwarz  von  hoher  Licht-  und  Waschechtheit ­
  in  den  Verkehr.  Vor  allem  umfassen  die
Amino-  und  Oxyazofarbstoffe  zahlreiche  Säurefarbstoffe, ­
  von  denen  besonders  die  orangen
und  roten  (Ponceau,  Bordeaux)  als  billige,  wennschon ­
  weniger  echte  Farbstoffe  für  Wollen-  und
Seidenfärberei  benutzt  werden.
Azogelb  (Azoflavin,  Azosäuregelb,  Indiengelb), ­
  seit  1880  bekannter  Azofarbstoff,
ein  ockergelbes,  in  heißem  Wasser  lösliches  Pulver, ­
  ist  ein  Gemenge  von  nitriertem  Diphenylaminorange ­
  mit  Nitrodiphenylaminen.  A.  färbt
Wolle  in  saurem  Bade  gelb.
Azokokzin,  braunes,  in  Wasser  mit  roter  Farbe
lösliches  Pulver,  besteht  aus  dem  Natronsalz  der
Amidoazobenzolazoalphanaphtolmonosulfosäurc
und  wird  in  der  Wollfärberei  benutzt.  —  Eine
andere  Sorte,  Azokokzin  2R,  besteht  aus  dem
Natronsalze  der  Xylidinazoalphanaphtolmonosulfosäure
  und  erscheint  als  rotbraunes  Pulver.
Azolitmin,  der  Farbstoff  des  Lackmus,  aus
welchem  er  durch  Extraktion  mit  Wasser  und
folgende  Behandlung  mit  Alkohol  und  Eisessig
in  reinem  Zustande  gewonnen  wird.  Die  wäßrige ­
  Lösung,  welche  auf  Zusatz  von  Alkalien
blau  und  von  Säuren  rot  wird,  bildet  einen  der
wichtigsten  Indikatoren  in  der  Alkalimetrie.
Azoorseillin,  ein  seit  1883  bekannter  Teerfarbstoff, ­
  der  als  schwarzvioletter  Teig  in  den  Han-
        <pb n="44" />
        Azorubin

39

Bärentraubenblätter

del  kommt,  färbt  Baumwolle  im  Seifenbade
braunrot  und  besteht  aus  dem  Natronsalze  der
Benzidindisazoalphanaphtolmonosulfosäure.
Azorubin.  Von  diesem  Teerfarbstoff  unterscheidet ­
  man  zwei  Arten  als  Azorubin  S  und
2  S,  beides  braune,  in  Wasser  mit  roter  Farbe
lösliche  Pulver,  welche  mit  verschiedenen  Farbtönen ­
  färben.  Ersteres  (s.  Echtrot  C)  ist  das
Natronsalz  der  Naphtionazoalphanaphtolmonosulfosäure,
  letzteres  das  Natronsalz  der  Amidoazobenzolmonosulfosäureazoalphanaphtolmono-


Azoschwarz  (Blauschwarz  B),  ein  Wolle  in
saurem  Bade  blauviolett  färbender  Teerfarbstoff, ­
  kommt  als  blauviolettes,  in  Wasser  lösliches ­
  Pulver  in  den  Handel  und  besteht  aus
dem  Natronsalz  der  Betanaphtylaminsulfosäureazoalphanaphtylaminazobetanaphtoldisulfosäure.

Azoviolett,  ein  schwarzblaues,  in  Wasser  mit
rotvioletter  Farbe  lösliches  Pulver,  färbt  Baumwolle ­

  im  Seifenbade  blauviolett  und  besteht  aus
dem  Natronsalz  der  Dianisidindisazonaphtionsäurealphanaphtolmonosulfosäure.

Azurophenolin,  ein  seit  1886  aus  England  in
den  Handel  kommender  wasserlöslicher  Teerfarbstoff, ­
  eignet  sich  namentlich  zum  Blaufärben
von  Seide.
Azymol,  eine  als  Mundwasser  angepriesene
spirituöse  Lösung  von  Salizylsäure,  Saccharin,
Vanillin  und  Menthol,  welche  mit  Fuchsin  rot
gefärbt  ist.
Azzarolo  (Lazzerolo),  die  im  italienischen
Handel  vorkommenden  Früchte  von  Crataegus ­
  Azarolus,  haben  die  Größe  der  Mispeln,
sind  rot  oder  blaßgelb  gefärbt,  rund  mit  zurückgeschlagenen ­
  Kelchabschnitten,  schmecken
angenehm  säuerlich  und  werden  sowohl  roh  als
auch  eingemacht  genossen.  Das  Holz  des  Baumes ­
  wird  zu  Drechslerarbeiten  verwandt.

B.

Bablah  (frz.  Galle  des  Indes,  engl.  Bablahgall),
  die  Früchte  verschiedener  Akaziaarten,  die
wegen  ihres  hohen  Gerbstoffgehaltes  zum  Gerben ­
  und  Schwarzfärben  benutzt  werden.  Man
unterscheidet:  1.  OstindischeB.  (Babula,  Babool,
  Burbura)  von  Acacia  arabica,  var.
indica.  Die  Handelsware  erscheint  gewöhnlich
in  einzelnen  Gliedern  der  zerbrochenen  platten
Hülsen  mit  dunkelbraunen,  gelb  geränderten
Samenkernen.  Die  Schalen  sind  auf  der  Oberfläche ­
  mit  einem  feinen  kurzhaarigen  Filz  überzogen. ­
  2.  Ägyptische  B,  (Neb-Neb,  Garrat)
v on  Acacia  nilotica.  Die  Hülsen  dieser  Sorte
sind  nicht  behaart,  sondern  völlig  kahl  und
grünbraun,  in  der  Mitte  glänzender  und  dunkler
bis  schwärzlichgrün.  Die  Ware  enthält  meist  nur
einzelne  Hülsenglieder.  Außer  diesen  beiden
Hauptsorten  kommen  zuweilen  auch  noch  einige
andere  in  den  Handel,  so  die  Früchte  von
A-cacia  Adansonii  (Gousses  de  Gonakd)
u nd  von  A.  farnesiana.
Babulgummi  (Gond-Babul),  eine  geringere
Borte  Gummiarabikum  aus  Bengalen,  von  Acacia ­
  arabica.
Baccae,  Beeren.  B.  Alkekengi,  Judenkirschen;
B-  Ebuli,  Attichbeeren;  B.  Jujubae,  Brustbeeren;
B.  Juniperi,  Wacholderbeeren;  B.  Lauri,  Lorbeeren; ­
  B.  Mori,  Maulbeeren;  B.  Myrtillorum,
Heidelbeeren;  B.  Phytolaccae,  Kermesbeeren;
B-  Rhamni  catharticae,  Kreuzbeeren;  B.  Ribium,
Johannisbeeren;  B.  Rubi  Idaei,  Himbeeren;  B.
oarnbuci,  Holunderbeeren  u.  a.  Verschiedene,
®°nst  zu  den  Beeren  gerechnete  Pflanzenbjogen
  stellt  man  übrigens  jetzt  unter  Fructus,
*  r üchte.
Backobst  (frz.  Fruit  ä  cuire,  Fruit  sdche,  engl,
aked  fruit),  das  entweder  an  der  Luft  oder  in
,. e ®°nderen  Backöfen  getrocknete  Obst,  namentjcb
  Äpfel,  Birnen,  Pflaumen  und  Kirschen.  Das
aupterfordernis  zur  Erzielung  einer  guten  Ware
st &amp;gt;  daß  die  Temperatur  beim  Trocknen  nicht
u  hoch  steigt.  Näheres  siehe  unter  Äpfelchnitte,
  Dörrobst,  Obst.

Backpulver  nennt  man  chemische  Präparate,
welche  an  Stelle  der  Hefe  benutzt  werden,  um
wie  diese  ein  Aufgehen  des  Teiges  zu  verursachen. ­
  Ihre  Wirkung  beruht  darauf,  daß  sie
bei  höherer  Temperatur  oder  beim  Feuchtwerden ­
  Kohlensäure  abspalten.  Das  bekannteste
Mittel  ist  das  Hirschhornsalz  (Ammoniumkarbonat), ­
  das  aber  den  Nachteil  hat,  bei  ungenügender ­
  Backhitze  dem  Gebäck  einen  widerlichen ­
  Ammoniakgeruch  zu  verleihen.  Alle  übrigen, ­
  auch  die  mit  großer  Reklame  vertriebenen
B.  des  Handels  sind  Mischungen  von  Alkalibikarbonaten ­
  (doppeltkohlensaures  Natron)  mit
Weinsäure  oder  sauren  Salzen  (Weinstein,  saures
Kalziumphosphat  u.  a.).  Die  B.  müssen  trocken
aufbewahrt  werden  und  erhalten  überdies,  um
eine  vorzeitige  Einwirkung  der  Säuren  und  Basen ­
  aufeinander  zu  verhindern,  vielfach  einen
Zusatz  von  Mehl.  Zusätze  von  Kreide,  Alaun,
Kaliumbisulfat,  die  während  des  Krieges  vielfach ­
  beobachtet  wurden,  sind  zu  verwerfen.
Bael  (lat.  Fructus  belae,  frz.  Baele,  engl.  Bael),
die  apfelgroße,  grünlichgelbe  Frucht  einer  indischen ­
  Aurantiee,  Aegle  Marmelos,  dient
als  adstringierendes  Arzneimittel.
Bärentraubenblätter  (Sandtraube,  Wblfsbeere,
  Sandbeerenkraut,  Mehl-,  Moosoder ­
  Steinbeere,  Busseroie,  lat.  Folia  uvae
ursi,  frz.  Raisin  d'ours,  Feuilles  de  busserole,
engl.  Bearberry-leaves),  die  von  den  jüngeren
Zweigen  gesammelten  Blätter  eines  kleinen,  in
den  Wäldern  Nordeuropas  wachsenden  immergrünen ­
  Strauches,  Arctostaphylos  Uvae
Ursi  (Arbutus  Uvae  ursi),  sind  etwa  20  mm
lang  und  8  mm  breit,  kurzgestielt,  umgekehrt
eiförmig,  lederartig,  ganzrandig,  beiderseits  netzaderig ­
  und  glänzend,  oben  dunkelgrün,  unten
etwas  heller  und  geruchlos  und  besitzen  einen
bitteren  Geschmack.  Die  Ränder  der  Blätter
sind  spärlich  behaart,  nicht  kahl.  Sie  werden  als
harntreibendes  Mittel  vielfach  angewendet  und
enthalten  als  charakteristische  Bestandteile  U  rson
  und  die  Glykoside  Erikolin  und  Arbutin
        <pb n="45" />
        Bärlappsamen

40

Baldrianwurzel

neben  viel  Gerbsäure  sowie  0,01  o/o  ätherisches
öl  {Bärentraubenöl).  Verwechslungen  mit
den  Blättern  der  Preiselbeere  und  denen  von
Vaccinium  uliginosum  sollen  Vorkommen,  sind
aber  nach  der  angegebenen  Beschreibung  leicht
zu  erkennen.
Bärlappsamen  (Hexenmehl,  Freselmehl,
Blitzpulver,  Lykopodium,  lat.  Semen  lycopodii,
  frz.  Lycopode,  Soufre  vegctal,  engl.  Earthmoos-seeds,
  Vegetable  Sulphur)  besteht  aus  den
Sporen  der  Kryptogame  Lycopodium  clavatum,
  die  in  den  Wäldern  des  mittleren  und
nördlichen  Europa  häufig  vorkommt.  Die  meist
aus  Rußland  stammende  Ware  b.ldet  ein  blaß
schwefelgelbes,  zartes,  leicht  bewegliches,  geruch-
  und  geschmackloses  Pulver,  das  auf  dem
Wasser  schwimmt,  ohne  sich  zu  benetzen,  und,
in  eine  Flamme  geblasen,  verpufft.  Der  Fettgehalt ­
  beträgt  500/0.  Verfälschungen  mit  Erbsenmehl, ­
  Stärke  u.  dgl.  lassen  sich  durch  Jodlösung
leicht  nachweisen,  während  ein  Zusatz  von  Schwefel ­
  sich  durch  den  beim  Verbrennen  auftretenden ­
  stechenden  Geruch  offenbart!  Weitere  Verfälschungen ­
  mit  Pollen  von  Pinus  silvestris  und
anderen  Pflanzen  sind  unter  dem  Mikroskop  erkennbar. ­
  Mineralische  Beimengungen  schließlich
sinken  beim  Schütteln  mit  Chloroform  unter,
während  der  B.  auf  diesem  schwimmt.  Verwendung; ­
  als  Kinderstreupulver,  als  Einstreupulver ­
  beim  Metallformenguß  und  in  der  Feuerwerkerei. ­

Bär  Wurzel  (Bärenwurzel,  lat.  Radix  meu,
frz.  Racine  de  müou,  engl.  Harts  root),  die  früher
in  der  Tierheilkunde  v.el  angewandte,  jetzt  wenig ­
  mehr  gebräuchliche  Wurzel  von  Meum
athamanticum,  zeigt  einen  scharfen  gewürzhaften ­
  Geschmack  und  wächst  auf  den  niedrigen ­
  Alpen  Österreichs  und  der  Schweiz,  Das
aus  ihr  durch  Destillation  gewonnene  ätherische
Öl  (Bärwurzelöl)  besitzt  eine  pomeranzengelbe, ­
  mit  der  Zeit  dunkler  werdende  Farbe,
riecht  dem  Liebstocköl  ähnlich  und  hat  ein  spez.
Gew.  von  etwa  1,000.
Baggings  sind  die  groben,  aus  Jute  gewebten ­
  Säcke  für  Zucker,  Mehl,  Getreide,  die
namentlich  in  Schottland  hergestellt  werden.
Eine  zweite  Sorte  derselben  heißt  Sackings,
während  die  feineren  Sorten  Hessians  genannt
werden  (vgl.  Jute).
Balata,  eine  der  Guttapercha  und  dem  Kautschuk ­
  ähnliche  Substanz,  wird  aus  dem  Safte
der  Sapota  Mülleri,  dem  Bullytree  Guayanas, ­
  durch  Eintrocknen  gewonnen.  Ein  Baum
mittlerer  Größe  liefert  beim  Einschneiden  jährlich ­
  0,3—0,5  kg,  beim  Fällen  auf  einmal  3—6  kg
B.  Die  Ware,  die  hauptsächlich  in  der  englischen ­
  Industrie,  weniger  in  Deutschland  Verwendung ­
  findet,  hat  sich  namentlich  zur  Herstellung ­
  von  Treibriemen  gut  bewährt  und  wird
außerdem  für  Schuhsohlen,  Absätze  und  elektrische ­
  Isolatoren,  hingegen  nicht  für  chirurgische ­
  Instrumente  benutzt.  Die  B.  ist  graubraun,
rötlichweiß  bis  bräunlichrot,  lederartig  zähe,
läßt  sich  aber  schneiden,  ist  außerordentlich
biegsam  und  elastischer  als  Guttapercha.  Bei
49 0  C  wird  sie  knetbar  und  schmilzt  bei  149  *&amp;gt;.
Baldrianamyläther  (Baldriansaures  Amyloxyd,
  lat.  Amylium  valerianicum,  frz.  Valdrate
d’amyle,  engl.  Valerianate  of  amyloxyde),  der

Amylester  der  Isovaleriansäure,  C 6 H u .,COO.
C„H U ,  entsteht  bei  der  Destillation  von  baldriansaurem ­
  Natrium  mit  Amylalkohol  und  Schwefelsäure, ­
  oder  von  Amylalkohol  mit  Kaliumbichromat
  und  Schwefelsäure,  als  eine  farblose,
ölige  Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.  0,865  und  dem
S.  P.  188  °,  die  sich  in  Alkohol,  n.cht  aber  in
Wasser  löst  und  nach  ihrem  angenehmen  Apfelgeruch ­
  Apfelöl  (engl.  Apple-oil)  genannt  wird.
Sie  findet  als  Mittel  gegen  Gallensteine  und  als.
künstlicher  Fruchtäther  Verwendung.
Baldrianöl  (lat.  Oleum  Valerianae,  frz.Essence
de  Valöriane,  engl.  Oil  of  Valerian),  das  ätherische ­
  Öl  der  Baldrianwurzel,  welches  gelbgrün
bis  bräunlichgelb  ist,  mit  der  Zeit  aber  dunkelbraun ­
  wird.'  Es  hat  starken  Baldriangeruch,  ein
spez.  Gew.  von  0,92—0,96,  eine  Linksdrehung
von  —8  bis  —13  und  enthält  neben'Baldriansäure ­
  Kamphen,  Pinen,  Terpineol  und  Borneol,
das  als  Ester,  hauptsächlich  Valerianat,  zugegen
ist,  und  findet  medizinische  Anwendung  bei  Epilepsie ­
  und  Hysterie.  Die  deutsche  Wurzel  liefert ­
  0,5—0,9,  die  holländische  etwa  1  &amp;lt;y 0  äther.  B.
Baldriansaures  Chinin  (Chininvalerianat,
lat.  Chininum  valerianicum,  frz.  Valörianate  de
quinine,  engl.  Valerianate  of  quinine)  bildet
farblose,  perlmutterglänzende  Kristallschüppchen
von  schwachem  Geruch  nach  Baldriansäure  und
wird  als  Arzneimittel  viel  benutzt.
Baldriansaures  Morphium  (Morphinvalerianat,
  lat.  Morphinum  valerianicum,  frz.  Valdrianate
  de  morphine,  engl.  Valerianate  of  morphine),
  ein  weißes  kristallinisches  Pulver,  riecht
nach  Baldrian  und  wirkt  giftig.
Baldrianwurzel  (gemeiner  oder  kleiner  Baldrian, ­
  Katzenbaldnan,  Katzenwurzel,  Wundwurz, ­
  lat.  Radix  Valerianae,  frz.  Racine  de
Valdriane,  engl.  Valerian  root)  besteht  aus  dem
getrockneten  graubraunen  Wurzelstock  von
Valeriana  officinalis,  welcher  mit  zahlreichen,
ringsherum  angewachsenen  strohhalmdicken
Wurzelfasern  besetzt  ist.  Die  in  frischem  Zustande ­
  weißliche  Wurzel,  deren  starker  unangenehmer ­
  Geruch  erst  beim  Trocknen  hervortritt, ­
  wird  von  trockenen  Standorten  im  Herbste
gesammelt,  aber  auch  in  manchen  Gegenden
des  Harzes  und  Thüringens,  in  Nordamerika,
Frankreich  und  Holland  angebaut.  Als  beste
Sorte  gilt  die  Harzer  (Radix  Val.  montana
Hercynica),  während  die  Thüringer  (Thuringica
  cultivata)  weniger  geschätzt  wird.  B.  enthält ­
  als  wirksame  Bestandteile  neben  Äpfelsäure, ­
  Essigsäure,  Ameisensäure,  Harz,  Stärke
und  Zucker  etwa  1  0/0  ätherisches  Öl,  Baldriansäure ­
  und  geringe  Mengen  von  Alkaloiden  (Valerianin)
  und  wird  zur  Herstellung  magenstärkender, ­
  krampfstillender  Mittel  (Baldrianöl,  B-Extrakt,
  B.-Tinktur)  benutzt.  Die  Wurzel  muß
rasch  getrocknet  und  in  gut  verschlossenen  Gefäßen ­
  aufbewahrt  werden.  Wurzeln  anderer  Valeriana-Arten,
  welche  besonders  der  wildwachsenden ­
  Droge  bisweilen  beigemischt  werden,
sind  leicht  an  dem  schwächeren  Gerüche  sowie
daran  zu  erkennen,  daß  sie  nur  an  der  unteren
Seite  Wurzelfasern  tragen.  —  Die  früher  als  Radix ­
  Valerianae  majoris  offizineile  Wurzel  von
Valeriana  Phu  wird  jetzt  nicht  mehr  benutzt.
Die  in  Mexiko"  gebräuchliche  Wurzel  von  Valeriana ­
  mexicana,  welche  in  4  cm  dicken  Scheiben
        <pb n="46" />
        Ballhausens  Magentropfen

Bankulnüsse

41

von  gelber  Farbe  in  den  Handel  kommt,  ist  so
reich  an  Valeriansäure,  daß  sie  zu  deren  Gewinnung ­
  geeignet  erscheint.
Ballhausens  Magentropfen,  aromatisierte  und
versüßte  spiii  uöse  Lösung  verschiedener  stark
abführender  Drogen  wie  Aloe,  Rhabarber,  Senna,
Jalapen.
Balsam  (lat.  Baisamum,  frz.  Baume,  engl.
Balm)  nennt  man  dickflüssige  Stoffe  von  harziger ­
  und  öliger  Natur,  welche  teils  freiwillig,
teils  durch  künstliche  Einschnitte  in  die  Rinde
gewisser  Bäume  ausfließen.  Die  meisten  B.  sind
Gemische  von  Harzen  mit  ätherischen  Ölen,  enthalten ­
  aber  auch  häufig  noch  andere  Körper,
namentlich  aromatische  Säuren  (Zimtsäure,  Benzoesäure) ­
  sowie  deren  Äther  und  Aldehyde.  Mit
Ausnahme  des  Terpentins,  den  man  jedoch  gewöhnlich ­
  nicht  zu  den  B.  rechnet,  entstammen
alle  B.  der  warmen  Zone.  Von  den  im  Handel
vorkommenden  B.  sind  in  besonderen  Artikeln
besprochen:  Perubalsam,  Tolubalsam,  Kopaivabalsam,
  Gurjunbalsam,  Storax  und
Kanadabalsam.
Bambco.iüsse  (Bambeonüsse),  die  sehr  harten ­
  Samen  der  Weinpalme,  Raphia  longiflora,
  sind  4,5—6,5  cm  lang,  walzig  eiförmig
und  mit  einer  nur  dünnen  Rinde  bedeckt.  Man
benutzt  sie  zu  Drechslerarbeiten,  wozu  sie  sich
aber  weniger  gut  eignen  als  die  Steinnüsse,
Bambusrohr  (frz.  und  engl.  Bamboo)  entstammt ­
  einer  zu  den  Gräsern  gehörigen  tropischen ­
  Pflanze,  Bambusa  arundinacea,  die
mit  erstaunlicher  Raschheit  baumartig  zur  Höhe
von  20  m  und  darüber  emporwächst.  In  ausgewachsenem ­
  Zustande  ähnelt  ihr  Bau  demjenigen ­

  einer  italienischen  Pappel,  indem  der  80  cm
dick  werdende  gerade  Stamm  etwa  6  m  über
dem  Böden  nach  allen  Seiten  zahlreiche  aufstrebende ­
  Äste  austreibt,  die  mehrfach  wieder
Seitentriebe  aussenden.  Der  ganze  Schaft  ist
hohl  und  in  kurzen  Abständen  durch  Knoten
ungeteilt,  wie  die  bei  uns  gebräuchlichen  Bambusstöcke ­
  und  Schirmstiele,  irrtümlich  wohl  auch
Zuckerrohr  oder  Pfefferrohr  genannt,  ersehen ­
  lassen.  In  Ostindien  und  anderen  Gegenden ­
  Südasiens,  wo  der  Bambus  in  großer  Menge
wächst  und  seines  vielfachen  Nutzens  weg;en
auch  häutig  gepflanzt  wird,  findet  er  die  mannigfaltigste ­
  Verwendung.  Bei  großer  Leichtigkeit,
verbunden  mit  bedeutender  Festigkeit  und  Dauerhaftigkeit, ­
  die  besonders  durch  d  e  stark  kieselhaltige ­
  Rinde  bedingt  wird,  bildet  das  stärkere
,,°lz  ein  ausgezeichnetes  Material  zu  Wasserrohren ­
  und  Gefäßen,  zürn  Häuser-  und  Brükhenbau,
  zu  Masten,  Stangen  und  Leitern.  Dün-?o
 r e  Stämme  dienen  zu  Möbeln  und  anderen
Hausgeräten,  gespalten  zu  Flechtwerk,  Körben,
glatten,  Segeln,  Rollvorhängen,  Regen-  und
Sonnenschirmen,  Hüten  und  Stricken,  ja  selbst
zu  Kunstarbeiten,  wie  Schnitzwerk,  gravierten
und  eingelegten  Arbeiten.  Die  im  Innern  der
täbe  angesammelte  weiße  Ausscheidung  von
Kieselsäure  wird  von  den  Hindus  unter  dem
^yrnen  Tabaschir  als  Arzneimittel  verwandt
le  Chinesen  benutzten  das  B.  außerdem  zur
.Leitung  von  Papier  und  die  jungen  Triebe  als
®, In  spargelähnliches  Gemüse.  Neuerdings  hat
k'ch  auf  Jamaika  ein  Ausfuhrhandel  mit  Baml,
 sfaser  entwickelt,  die  mittels  zerreibender

Maschinen  hergestellt  wird  und  teils  nach  England, ­
  häufiger  aber  nach  Nordamerika  ausgeführt ­
  wird,  jedenfalls  als  Papierstoff.  Die  Samenkörner ­
  des  B.  geben  ein  leidliches  Brot,  jedoch ­
  hat  diese  Verwendung  nur  geringe  Bedeutung, ­
  da  die  Pflanze  erst  mit  25  Jahren,  und
dann  nur  für  einmal  Samen  trägt,  worauf  sie
gleich  abstirbt.  Die  grünen  zarten  Sprossen
werden  in  Indien  mit  Essig  und  scharfem  Gewürz ­
  eingemacht  und  unter  dem  Namen  Achia
oder  Atchia  verkauft.
Bananen  (frz.  Bananes,  engl.  Bananas)  sind
die  Früchte  verschiedener  Arten  der  Gattung
Musa  (Pisang),  namentlich  aber  von  Musa
paradisiaca,  Musa  sapientum  und  Musa
chinensis.  Die  in  den  ganzen  Tropen  verbreiteten ­
  und  auch  angebauten  Pflanzen  gehören  zu
den  ergiebigsten  Nahrungspflanzen,  indem  eine
jede  aus  ihren  stets  neu  aufsprossenden  Stämmen ­
  im  Jahre  durchschnittlich  50—75  kg  Früchte
liefert,  die  an  einem  gemeinschaftlichen  Stiele
(Fruchtkolben)  oft  bis  zu  200  Stück  hängen.
Die  Früchte  bilden  eines  der  wichtigsten  Nährmittel ­
  für  die  Tropengegenden  und  werden
auch  in  großen  Mengen  nach  Europa  eingeführt. ­
  Die  Beförderung  geschieht  mit  Schnelldampfern ­
  aus  Westindien  und  besonders  von
den  Kanarischen  Inseln  in  der  Weise,  daß  die
Fruchtzweige  hängend  oder  in  Körben  versandt ­
  werden.  Die  einzelnen  Früchte  sind
gewöhnlich  1  —  11/ 2  dm  lang,  sichelförmig  gekrümmt, ­
  zeigen  drei  stark  hervortretende  und
drei  schwächere  Kanten  und  haben  eine  gelbe,
braunfleckige  dicke  Schale  und  ein  mehliges,
süßes  Fleisch,  welches  einen  deutlichen  Geruch
und  Geschmack  nach  Essigsäureamylester  besitzt. ­
  Die  getrockneten  Früchte  werden  auch
zur  Herstellung  von  Bananenmehl,  Bananenstärke ­
  (als  Zusatz  zu  Bananenschokolade)  und
einer  Art  Arrowroot  (s.  d.)  benutzt.  —  Bananenfaser ­
  s.  Manilahanf.
Bandwurmmittel.  Nach  Husemann  werden
hierzu  folgende,  in  besonderen  Abschnitten  besprochene ­
  Drogen  benutzt;  Arekanüsse,  Farnwurzel, ­
  Granatrinde,  Kamala,  Kupferoxyd,  Kussoblüten.

Bankulnüsse  (frz.  Noix  debancoul,  engl.  Gandle
nuts)  sind  die  Früchte  des  Kerzenbaums
(Lichtnußbaum,  Kan  dl  enu  ß  b  a  u  m),  eines
großen,  12—15  m  hoch  werdenden  Baumes  aus
der  Familie  der  Euphorbiazeen,  Aleurites
triloba  Forst  (Aleurites  molluccana  Wilid.),
der  auf  den  Südsceinseln  seine  Heimat  hat,  aber
auch  in  Vorder-  und  Hinterindien,  Java,  Reunion ­
  und  Mauritius,  in  Westindien  und  Südamerika ­
  angebaut  wird.  Der  sehr  schnell  wachsende ­
  Baum  trägt  schon  im  zweiten  Jahre  Früchte
und  gedeiht  sowohl  auf  den  Gebirgen  als  auch
in  der  Ebene.  Die  fleischige  Kapselfrucht  ist
rundlich,  etwas  zusammengedrückt,  im  reifen
Zustande  olivenfarbig  und  hat  4  bis  6  cm  im
Durchmesser.  Sie  enthält  gewöhnlich  1—2,  mit
steinharter,  runzliger,  dunkelbrauner  Schale  umgebene ­
  Samen,  welche  12—15  g  wiegen  und
zur  Gewinnung  des  Bankulöles  (etwa  60  0/0,  s.
d.)  dienen.  Auf  den  Südseeinseln  benutzen  die
Eingeborenen  die  B.  schon  seit  langer  Zeit  als
Beleuchtungsmaterial,  indem  sie  d.e  zerstoßenen ­
  Samen  mit  Baumwolle  zu  einem  Teig  ver-
        <pb n="47" />
        Bankulöl

42

Bariumverbindungen

arbeiten,  diesen  in  Stücke  von  Bambusrohr
füllen  und  so  eine  Art  von  Kerzen  gewinnen.
Bankulöl  (K  ukuiöl,  Javaöl,  Aleuritesöl,
frz.  Huile  de  bancoul,  engl.  Kekune-oil,  Candle
nuts-oil),  das  fette  Öl  der  Bankulnüsse  (s.  d.),
ist,  im  kalt  gepreßten  Zustande  klar,  schwach
gelblich  und  von  angenehmem  Geruch  und  Geschmack. ­
  Warm  gepreßt  hat  es  eine  bräunliche
Farbe,  dickflüssige  Beschaffenheit  und  widrigen
Geruch  und  Geschmack  und  wirkt  ähnlich,  dem
Rizinusöl  abführend.  Das  kalt  gepreßte  Öl  hat
ein  spez.  Gew.  von  0,923,  das  warm  gepreßte
ein  solches  von  0,913.  Das  B.  gehört  zu  den
trocknenden  Ölen,  weil  es  bei  einer  Jodzahl  von
184—195  zu  30  0/0  aus  dem  Glyzeride  der  Leinölsäure ­
  besteht,  und  eignet  sich  daher  zur  Bereitung ­
  von  Druckerschwärze  und  Ölfirnis  als
Ersatz  des  Leinöls,  ebenso  auch  zur  Seifenfabrikation. ­
  Man  bezieht  es  von  Guadeloupe,
Martinique,  Tahiti  und  Rüunion,  ein  großer  Teil
wird  auch  aus  eingeführten  Nüssen  in  Hamburg
und  Itzehoe  gewonnen.  Die  Preßrückstände,
Kandlenußkuchen,  sind  sehr  stickstoffreich
und  eignen  sich  daher  zu  Viehfutter,  vorausgesetzt, ­
  daß  das  Öl,  wegen  seiner  abführenden
Eigenschaften,  möglichst  entfernt  worden  ist.
Barbafimaorinde  (lat,  Cortex  barbatimao,  frz.
Ecorce  de  Barbatimao,  engl,  Barbatimao-bark).
Unter  diesem  Namen  erhält  man  verschiedene
gerbstoffhaltige  Rinden  aus  Brasilien,  die  zum
Gerben  sowie  bisweilen  als  adstringierendes  Heilmittel ­
  angewandt  werden.  Am  häufigsten  findet
sich  die  Rinde  von  Pithecolobium  Avaremote ­
  mo,  flache  dunkelviolette  Baststücke,  die
stellenweise  mit  ausgeschwitztem  Gummi  bedeckt ­
  sind.
Barellas  Magenpulver  besteht  im  wesentlichen
aus  Natriumbikarbonat.
Bariumverbindungen.  Das  Barium,  ein  dem
Kalzium  und  Strontium  verwandtes  metallisches
Element  vom  Atomgewicht  Ba  =  137,4  findet
sich  nicht  im  freien  Zustande  in  der  Natur,
weil  es  wie  das  Kalium  Wasser  zersetzt  und
Sauerstoff  aufnimmt,  ist  aber  in  Form  seiner
Verbindungen,  besonders  als  Karbonat  (s.  Witherit)
  und  als  Sulfat  (s.  Schwerspat)  ziemlich
verbreitet.  Es  kann  nach  der  zuerst  von  seinem
Entdecker  Davy  im  Jahre  1808  angewandten
Methode  durch  Elektrolyse  von  Bariumsalzen
oder  durch  Behandlung  derselben  mit  Natrium
hergestellt  werden,  bildet  aber  für  sich  keinen
Handelsartikel.  In  seinen  Verbindungen,  welche
mit  Ausnahme  des  Sulfats  giftig  sind,  wird  das
Ba  daran  erkannt,  daß  es  die  Flamme  des  Bunsenbrenners ­
  grün  färbt  und  eine  Reihe  charakteristischer ­
  Spektrallinien  erzeugt;  in  seinen  Lösungen ­
  ruft  Schwefelsäure  einen  in  Salzsäure
unlöslichen  weißen  Niederschlag  hervor.  Von
den  zahlreichen  Verbindungen,  welche  auch  als
Barytverbindungen  bezeichnet  werden,  seien
nur  folgende  technisch  wichtigeren  angeführt:
Bariumchlorat  (Chlorsaurer  Baryt,  lat.  Baryta
chlorica,  Baryum  chloricum,  frz.  Chlorate  de  baryte,
  engl.  Chlorate  of  barium),  Ba(C10 3 ) 2 -|-H 2 0,
entsteht  bei  der  Einwirkung  von  Chlor  auf  heiße
Bariumhydroxydlösung  oder;  bei  der  Elektrolyse ­
  eines  Gemisches  von  Bariumchlorid  und
-karbonat  mit  Wasser  und  wird  von  dem  beigemengten ­
  Bariumchlorid  durch  Umkristallisieren ­

  getrennt.  Es  bildet  farblose,  in  Wasser  leicht
lösliche  prismatische  Kristalle,  welche  durch
starke  Reibung  oder  Schlag  explodierbar  sind,
und  findet  in  der  Feuerwerkerei  als  Grünfeuer
sowie  in  der  Sprengtechnik  Anwendung.  —  Bariumchlorid ­
  (Chlorbarium,  salzsaurer  Baryt, ­
  Bariumchlorhydrat,  lat.  Baryum  chloratum,
Baryta  chlorata  s.  muriatica  s.  hydrochlorata,
frz.  Hydrochlorate  de  baryte,  engl.  Chloride  of
barium),  kristallisiert  mit  2  Molekülen  Wasser
(BaCl 2  -j-2H 2 0)  in  Form  farbloser,  durchsichtiger ­
  Tafeln  und  löst  sich  leicht  in  Wasser  zu
einer  unangenehm  scharf  schmeckenden  giftigen ­
  Flüssigkeit.  Es  wird  dargestellt  durch  Zusammenschmelzen ­
  von  Schwerspat  mit  Kohle
und  Chlorkalzium  oder  durch  Auflösen  von  Witherit
  in  Salzsäure  und  nachfolgendes  Umkristallisieren. ­
  B.  dient  in  der  chemischen  Analyse
als  Reagens  auf  Schwefelsäure  und  findet  in
der  Technik  ausgedehnte  Anwendung  zur  Reinigung ­
  von  Kesselspeisewasser  und  zur  Herstellung ­
  von  Permanentweiß.  Man  erkennt  es  daran, ­
  daß  die  Lösung  mit  Schwefelsäure  einen
weißen  Niederschlag  von  Ba-Sulfat  und  mit  Silbernitrat ­
  eine  käsigeFällung  von  Chlorsilber  gibt.
—  Bariumchromat  (lat.  Baryum  chromicum,
frz.  Chromate  de  baryte,  engl.  Chromateof  barium)
entsteht  beim  Fällen  von  Barytsalzlösungen  mit
Kaliumchromat  als  ein  schwerer  gelber  Niederschlag, ­
  BaCr0 4 ,  der  eine  wertvolle,  licht-,  luftund
  wasserbeständige  Malerfarbe  (Barytgelb,
Gelbin,  gelber  Ultramarin,  Jaune  de
Steinbuhl)  liefert.  —■  Bariumhydroxyd  (Bariumoxydhydrat, ­
  Ätzbaryt,  Barythydrat,
kaustischer  Baryt,  lat,  Baryta  caustica  s.hydrata,
  frz.  Hydrate  de  baryte,  engl.  Barytic  hydräte),
  Ba(OH) 2 ,  ein  weißes,  in  Wasser  lösliches
Pulver,  welches  aus  heißer  Lösung  mit  8  Molekülen ­
  Wasser  kristallisiert,  wird  entweder  durch
Glühen  von  Schwerspat  mit  Kohle  und  Kochen
der  in  Wasser  gelösten  Schmelze  mit  Zinkoder ­
  Kupferoxyd  oder  durch  Glühen  von  Witherit
  im  Wasserdampfstrome  gewonnen.  Es
wurde  früher  bei  der  Entzuckerung  der  Rübenmelasse ­
  benutzt,  findet  jetzt  aber  nur  noch  als
chemisches  Reagens  Anwendung.  Wegen  seiner
Neigung,  Kohlensäure  anzuziehen,  muß  es  vor
Luft  geschützt  aufbewahrt  werden.  —  Bariumkarbonat ­
  (Kohlensaurer  Baryt,  lat.  Baryum
carbonicum,  frz.  Carbonate  de  baryte,  engl.  Carbonate
  of  barium),  BaC0 3 ,  bildet  in  der  Natur  das
Mineral  Witherit  (s.  d.),  welches  in  Form  derber
Stücke  oder  als  ein  schweres  Pulver  von  weißer
bis  grauer  oder  gelblicher  Farbe  in  den  Handel
kommt.  Auf  chemischem  Wege  wird  es  durch
Glühen  von  Schwerspat  mit  Kohle  und  Behandlung ­
  der  aufgelösten  Schmelze  mit  Kohlensäure
dargestellt.  B.  bildet  das  Ausgangsmaterial  zur
Darstellung  von  Blanc  fixe  und  anderen  Ba-Verbindungen
  und  wird  außerdem  als  Rattengift ­
  benutzt.  Die  Versendung  erfolgt  in  Fässern
von  300  kg.  —  Bariummanganat  (Mangansaurer
  Baryt,  lat.Baryum  manganicum),  BaMn0 4 ,
bildet  das  in  der  Tapetenherstellung  und  als  Anstrichfarbe ­
  benutzte  Mangangrün  oder  Kasseler ­
  Grün  (Rosenstiehls  Grün,  Vertige
de  roses)  und  wird  durch  Glühen  von  Bariumhydroxyd ­
  und  -nitrat  mit  Braunstein  oder  durch
Überleiten  von  Luft  über  ein  erhitztes  Gemisch
        <pb n="48" />
        Barol

43

Basalt

von  Braunstein  und  Ätznatron  und  Fällen  der  in
Wasser  gelösten  Schmelze  mit  Bariumhydroxyd
dargestellt.  —  Bariumnitrat  (Salpetersaurer
Baryt,  Barytsalpeter,  lat.  Baryum  nitricum,
Baryta  nitrica,  frz.  Nitrate  de  baryte,  engl.  Barium ­
  nitrate,  Nitrate  of  baryt)  entsteht  beim  Lösen ­
  von  Witherit  oder  Bariumsulfid  in  Salpetersäure ­
  und  Eindampfen  bis  zur  Kristallisation
oder  beim  Vermischen  heißer  Lösungen  von
Chlorbarium  und  Nätriumnitrat.  Es  bildet  weiße,
glänzende,  in  Wasser  leicht  lösliche  Kristalle  von
der  Formel  Ba(N0 3 ) ä ,  die  beim  Glühen  reines
Bariumoxyd  hinterlassen,  und  findet  in  der  Feuerwerkerei
  als  Grünfeuer  sowie  in  der  Sprengtechnik
als  Ersatz  des  Salpeters  Anwendung.  —  B  ariumplatinzyanür,
  eine  Doppelverbindung  von
Zyanbarium  und  Platinzyanür,  Ba(CN) 2 .Pt(CN) 2
~(-4H 2 0,  entsteht  beim  Einleiten  von  Zyanwasserstoff ­
  in  eine  siedende  Lösung  von  Platinchlorid ­
  und  Chlorbarium.  Die  schönen  Kristalle,
welche  Dichroismus  von  Grün  und  Gelb  mit
violettem  Schimmer  zeigen,  haben  die  Eigenschaft, ­
  unter  der  Einwirkung  von  Röntgen-Strahlen
  aufzuleuchten  und  werden  daher  zum
Nachweise  dieser  und  ähnlicher  Strahlen  (radioaktiver) ­
  benutzt.  —  Bariumsulfat  (s.  Pernranentweiß
  und  Schwmrspat).  —  Bariumsulfid ­
  (Bariumsulfuret,  Schwefelbarium,  lat.
Ba.  sulfuratum,  frz.  Sulfure  de  baryte,  engl.
Sulfuret  of  barium),  BaS,  eine  Verbindung  von
8t,i  o/o  Barium  mit  18,9  °/o  Schwefel,  kommt
meist  nur  in  rohem  Zustande  für  technische
Zwecke  als  eine  poröse,  von  beigemengter  Kohle
mehr  oder  weniger  grau  bis  schwärzlich  gefärbte ­
  Masse  in  den  Handel.  Zu  seiner  Darstellung ­
  formt  man  Schwerspatpulver  mit  Steinkohlenteer ­
  zu  Ziegeln,  brennt  diese  zwischen
Kohlen  in  Schachtöfen  und  dampft  die  durch
Auslaugen  mit  Wasser  erhaltene  Lösung  ein,
Bas  Sulfid  ist  das  Ausgangsmaterial  für  die
meisten  Bariumsalze  und  findet  in  der  forensischen ­
  Analyse,  weil  es  leicht  arsenfrei  zu  erkalten ­
  ist,  Anwendung  zur  Fiersteilung  von  arsenfreiem ­
  Schwefelwasserstoff.  Die  Verwendung
uls  kosmetisches  (Rasier-  oder  Enthaarungs-)
Mittel  ist  nach  dem  Farbengesetz  verboten.  —
Bariumsupe,roxyd  (Ba.-peroxyd,  Ba.-hy-Peroxyd,
  lat.  Barium  hyperoxydatum,  frz.  Hyperoxyde ­
  de  baryte,  engl.  Hyperoxyde  of  bar
 mm),  BaO a ,  entsteht  beim  Erhitzen  von  Bariurnoxyd
  (BaO)  auf  700 0  als  ein  weißes,  in
Wasser  unlösliches  Pulver,  das  aus  der  Luft
Rohlensäure  anzieht  und  mit  verdünnten  Säuren
Wasserstoffsuperoxyd  abspaltet.  Bei  500—600 0
iriht  es  Sauerstoff  ab.  Ba.  findet  in  steigendem
uaße  Anwendung  zur  Herstellung  von  Wasserstoffsuperoxyd ­
  und  flüssigem  Sauerstoff.
Barol,  ein  mit  Kupfervitriol  vermischtes  Tecr-?!'
  Bas  wie  Karbolineum  zum  Imprägnieren  von
H °lz  dient.
t  Barometer  ■  (frz.  Baromötrcs,  engl.  Baromeeis
 )  sind  Instrumente  zur  Messung  des  Lufttucks. ­
  Nach  ihrer  Konstruktion  unterscheidet
jjan  Quecksilber-  und  Aneroid-oder  Holocriquebarometer,
  von  denen  die  ersteren
^vi.eder  m  Gefäß-  und  Heberbarometer  zer-.
  len.  Die  Quecksilberbarometer  bestehen  aus
t ® s mtig  geschlossenen,  mit  Quecksilber  gefülln
  Glasröhren,  bei  denen  nach  dem  Umdrehen

das  Quecksilber  von  der  Luft  getragen  wird,
während  sich  über  seiner  Oberfläche  ein  luftleerer ­
  Raum  befindet.  Bei  den  Gefäßbarometern
taucht  das  offene  Ende  der  Röhre  in  ein  Gefäß
mit  Quecksilber,  während  die  Röhre  beim  Heberbarometer ­
  U-förmig  gebogen  ist.  An  der  oberen
Kuppe  des  Quecksilbers  ist  beim  Gefäßbarometer ­
  eine  Skala  angebracht,  welche  die  Entfernung ­
  der  Kuppe  von  der  Oberfläche  der  Gefäßfüllung ­
  (den  Barometerstand)  in  Millimetern
angibt.  Die  Heberbarometer  tragen  an  jedem
Schenkel  des  U-Rohres  eine  Millimeterskala  mit
Nonius,  deren  Angaben  addiert  den  Luftdruck
ergeben.  Aneroidbarometer  sind  luftleer  gemachte ­
  Metallkapseln,  deren  elastischer  Deckel
durch  die  äußere  Luft  nach  innen  gedrückt  wird
und  dabei  vermittels  einer  Spiralfeder  mit  Hebelübertragung ­
  einen  Zeiger  bewegt.  Auf  einer
Skala  nach  Art  eines  Uhrzifferblattes  kann  der
Luftdruck  direkt  abgelesen  werden.  Beide  Arten
von  Barometern  finden  in  chemischen  und  physikalischen ­
  Laboratorien  für  wissenschaftliche
Zwecke  ausgedehnte  Anwendung.  Im  alltäglichen ­
  Leben  benutzt  man  sie  meist  als  sog.
Wettergläser,  weil  sie  auf  Grund  der  Erfahrung, ­
  daß  bei  hohem  Luftdruck  meist  schönes
Wetter  herrscht,  auch  eine  Skala  für  „Schön
Wetter“,  „Sturm“  usw.  tragen.  Die  sehr  bequem ­
  zu  transportierenden  Aneroidbarometer
dienen  außerdem  zur  Höhenmessung  auf  Bergen, ­
  in  Luftschiffen  usw.,  da  der  Luftdruck  mit
steigender  Höhe  regelmäßig,  sinkt.
Barsch  (Baars,  Baarsch,  Bärse,  Bärschling, ­
  Schrap,  frz.  Perche,  engl.  Perch)  ist  die
Bezeichnung  einer  artenreichen  Familie  von
Raubfischen,  deren  bekanntester  Vertreter,  der
Flußbarsch,  Perca  fluviatilis,  eine  messinggelbe ­
  bis  grünliche,  am  Bauche  weißliche  Farbe
besitzt.  Die  erste  Rückenflosse  ist  bräunlichrotgrau, ­
  die  zweite  grünlichgelb,  die  Brustflossen
sind  gelbrot,  die  Bauch-  und  Afterflosse  mennigoder
  zinnoberrot.  Das  Fleisch  ist  sehr  schmackhaft, ­
  besonders  vom  August  bis  Januar,  die
Laichzeit  dauert  von  März  bis  Juni.  Der  B.  wird
nicht  über  2  kg  schwer  und  ist  am  besten  bei
einer  Länge  von  25—30  cm,  —Der  Seebarsch,
Labrax  Lupus,  welcher  im  Mittelmeer,  dem
Atlantischen  Ozean  und  an  den  Küsten  Englands ­
  vorkommt,  wird  bis  10  kg  schwer  und
ebenfalls  als  Nahrungsmittel  verwendet.
Basalt  (frz.  Basalte,  engl.  Basalt),  eines  der
jüngsten  Eruptivgesteine,  welches  meist  inForm
einzelner  kuppenförmiger  Berge,  zuweilen  aber
auch  in  deckenförmigen  Lagern,  auftritt  und
vielfach  säulenartige  Absonderung  zeigt,  besteht
aus  einem  innigen  Gemenge  von  Augit  (Kalziummagnesiumsilikat ­
  mit  Tonerde  und  Eisen),
Feldspat  (s.  d.)  und  Magneteisen,  welches  in
einer  dichten  schwarzen  Grundmasse  vereinzelt
andere  Mineralien,  namentlich  grünen  Olivin,  in
größeren  Kristallen  eingebettet  enthält.  Da  der
Feldspat  (Plagioklas)  häufig  durch  Nephelin
oder  Leuzit  (Kaliumaluminiumsilikat)  ersetzt
wird,  unterscheidet  man  Plagioklasbasalt,
Nephelinbasalt  und  Leuzitbasält.  Auch
gibt  es  basaltische  Laven,  die  in  einigen  Gegenden ­
  zu  Mühlsteinen  verarbeitet  werden.  Der
eigentliche  Basalt  bildet  wegen  seiner  großen
Flärte  und  Dauerhaftigkeit  ein  vortreffliches
        <pb n="49" />
        Baseler  Blau

44

Baumwolle

Bau-  und  Pflastermaterial  (Schotter  und  Pflastersteine) ­
  und  wird  überdies  als  Zuschlag  beim  Ausschmelzen ­
  von  Eisenerzen  und  bei  der  Herstellung ­
  von  dunklem  Flaschenglas  gebraucht.  Große
Mengen  B.  werden  auf  der  Elbe  von.  Böhmen
nach  Sachsen  und  Preußen  verschifft  sowie
auch  im  Rheinlande  gewonnen.
Baseler  Blau,  ein  zur  Gruppe  der  Safranine
gehöriger  Teerfarbstoff,  bildet  ein  braunes
Kristallpulver,  das  mit  blauvioletter  Farbe  in
Wasser  löslich  ist  und  mit  Tannin  und  Brechweinstein ­
  gebeizte  Baumwolle  blau  färbt.  Es
wird  dargestellt  durch  Einwirkung  von  salzsaurem ­
  Nitrosodimethylanilin  auf  Ditolylnaphtylendiamin
  und  besteht  ausTolyldimethylamidophenotolylimidonaphtazoniumchlorid.

Baseler  Grün  ist  ein  mit  Chromgelb  gemischtes ­
  Schweinfurter  Grün  (s.  d.).
Basilikumkraut  (Basilienkraut,  Königskraut, ­
  lat.  Herba  Basilici,  frz.  Basilic,  engl.
Basil),  die  getrockneten  Blätter  und  Blütenzweige
von  Ocimum  Basilicum,  e'ner  aus  Ostindien
stammenden,  bei  uns  in  Gärten  angebauten
krautartigen  Labiate  von  angenehmem  aromamatischen
  Gerüche,  wird  hauptsächlich  als  Gewürz, ­
  selten  noch  medizinisch  angewandt  und
bildet  auch  einen  Bestandteil  des  Kräuterschnupftabaks. ­
  Es  enthält  im  getrockneten  Zustande
etwa  1,50/0  ätherisches  Öl  und  Gerbsäure.
Bassiafett  (lat.  Oleum  bassiae,  frz.  Beurre  de
Bassia,  engl.  Butter  of  Bassia),  Sammelname
für  verschiedene  Pflanzenfette,  welche  durch
Auspressen  der  Samen  von  Bäumen  der  Gattung
Bassia  (Farn.  Sapotazeen)  in  Indien  und  an
der  Westküste  Afrikas  gewonnen  werden  und
zur  Herstellung  von  Seife  und  Kerzen,  in  den
Ursprungsländern  auch  als  Nahrungsmittel  Verwendung ­
  finden.  Die  wichtigsten  sind:  i.  IIlip^-Fett
  oder  Mahwa-Butter  von  Bassia
longifolia  und  latifolia,  ein  schmalzartiges,  frisch
grünlichgelbes,  später  weißes  Fett  von  intensivem ­
  Geruch.  Der  Schmelzpunkt  des  Fettes
von  Bassia  latifolia  liegt  bei  25—30  °,  von  B.
longifolia  bei42°.  2.  Shea-  oder  Galambutter
von  Bassia  Parkii  oder  B.  butyracea  ist  grauweiß ­
  bis  grünlichweiß,  besitzt  aromatischen  Geruch ­
  und  schmilzt  bei  28—30°.
Bast  (frz.  Liber,  engl.  Bast).  Im  Handel  versteht ­
  man  hierunter  die  innere,  aus  langen  Fasern ­
  bestehende  Rindenschicht  mancher  Bäume
(Baumbast),  welche  den  Splint  bedeckt  und
sich  durch  Abschälen  gewinnen  läßt.  Die  meisten
Arten  von  B.  zeichnen  sich  durch  Zähigkeit,
Biegsamkeit  und  Dauerhaftigkeit  aus.  Der  B.
ist  ein  unentbehrliches  Bindematerial  für  Gärtner ­
  und  Baumzüchter  und  wird  ferner  zu  Matten, ­
  Decken  und  Hüten,  ähnlich  dem  Stroh  sowie ­
  zu  Bändern,  Bastbändern  (librebandes)  für
Zigarren  verarbeitet.  Der  beste  B.  ist  der  Lindenbast ­
  (s.  d.),  weniger  wertvoll  der  von  Pappeln, ­
  Akazien,  Weiden,  Ulmen  und  Erlen.  Besonders ­
  gerühmt  wird  der  Indianabast  oder
Raffiabast  wegen  seiner  Weichheit  und  großen
Haltbarkeit.
Bataten,  die  Wurzelknollen  von  Convolvulus
  batatas,  bilden  das  wichtigste  stärkemehlhaltige ­
  Nahrungsmittel  weiter  Tropengegenden
und  dienen  zur  Herstellung  von  Arrowroot.

Baumöl  (Olivenöl,  lat.  Oleum  olivarum,  frz.
Huile  d'olive,  engl.  Olive-oil)  wird  aus  den
Früchten  des  Ölbaums,  Olea  europaea,  durch
Auspressen  gewonnen.  Das  bei  niederer  Tem-  :
peratur  und  gelindem  Druck  zuerst  abfließende
Öl  heißt  Jungfernöl  (frz.  Huile  vierge,  engl.
Virgin  oil)  und  findet  als  feinstes  Speiseöl  Verwendung. ­
  Die  durch  stärkeres  Pressen  der  erwärmten ­
  Masse  erhaltenen  weiteren  Anteile
(Baumöl,  Nachmühlenöl,  Höilenöl)  dienen  I
zur  Beleuchtung,  zur  Herstellung  von  Seife,
Haaröl,  Salben  und  anderen  technischen  Zwekken.
  Die  Preßrückstände  können  schließlich
noch  mit  Schwefelkohlenstoff  extrahiert  werden
und  liefern  dann  das  Sulfuröl,  oder  ihnen  werden ­
  nach  vorheriger  Gärung  durch  Auskochen
mit  Wasser  die  letzten  Reste  als  sog.  Tournanteöl ­
  entzogen.  Besonders  das  letztere  wird
wegen  seiner  Emulgierbarkeit  mit  Laugen  in  i
großen  Mengen  bei  der  Türkischrotfärberei  be-  j
nutzt.  Das  reine  Speiseöl,  dessen  feinste  Sorten  j
als  Jungfernöl,  Provencer-,  Aixer-  und  |  s
Nizzaöl  bezeichnet  werden,  ist  farblos  bis  hellgelb, ­
  während  die  weniger  feinen,  aus  unreifen  ^
Früchten  gewonnenen  Öle  infolge  eines  Chloro-  ^5
phyllgehaltes  bisweilen  grün  aussehen.  Das  c
Olivenöl  besitzt  einen  milden  und  angenehmen  *
Geschmack.  Sein  spez.  Gew.  beträgt  0,914  bis  !  e
0,920,  die  Refraktion  62,0—62,8.  Bei  n.ederer  i  r
Temperatur  erstarrt  es  zu  einer  weißen  körni-  -
gen  Masse.  In  chemischer  Hinsicht  besteht  Oli-  |  £
venöl  zu  2—250/0  aus  festen  Fetten,  wie  Pal-  j
mitin  und  Stearin,  daneben  enthält  es  etwa
6  0/0  Linolsäure,  während  der  Rest  als  Olein  anzusprechen ­
  ist.  Als  feinstes  aller  Speiseöle  unter-  _  *
liegt  es  in  hohem  Grade  der  Verfälschung  durch  j
minderwertige  andere  Öle,  besonders  Baumwoll-  |
samenöl,  Erdnußöl,  Sesamöl.  Der  Name  Tafelöl, ­
  welcher  früher  im  reellen  Handel  nur  für  i  !
Olivenöl  benutzt  wurde,,  ist  jetzt  auf  zahlreiche  j  ;
andere  Speiseöle  übertragen  worden,  und  Sicher-  ,
heit  für  Erlangung  des  reinen  Erzeugnisses  ist
nur  gegeben,  wenn  man  ausdrücklich  Ol.venöl,  *
Jungfernöl,  Aixer-,  Provencer-  oder  N.zzaöl  verlangt. ­
  Allerdings  ist  auch  im  letzteren  Falle  noch  ;
eine  gewisse  Vorsicht  geboten,  weil  ein  findiger  i
Geschäftsmann  unter  dieser  nur  durch  Einschiebung ­
  eines  i  in  Nizziaöl  veränderten  Bezeichnung
  gewöhnliches  Erdnußöl  vertrieb.  Der  :
Nachweis  der  genannten  Verfälschungen  bietet  ;
übrigens  besondere  Schwierigkeiten  nicht  dar.  j
Die  früher  zur  Ersparung  des  Eingangszolls  all-  |
gemein  übliche  Denaturierung  der  technischen  j
Baumöle  mit  Terpentin  oder  ätherischen  Ölen  i
ist  neuerdings  von  geringerer  Bedeutung,  weil  1
nach  dem  letzten  Zolltarif  vom  25.  Dezember  ;
1902  die  aus  den  Vertragsstaaten  (Italien)  in  ;
Fässern  eingeführten  reinen  B.  zollfrei  sind.  ;
Die  Reinheit  muß  durch  das  Gutachten  eines
von  der  Zollbehörde  vereidigten  Sachverständi-  !
gen  bescheinigt  werden.
Baumwolle  (frz.  Coton,  engl.  Cotton),  einer
der  wichtigsten  Rohstoffe  des  Welthandels,  besteht ­
  aus  den  Samenhaaren  verschiedener  4-rten  i
von  Gossypiurn,  einer  Malvazee,  als  deren  Stamm-  1
land  Ostindien  angesehen  wird,  die  aber  schon  .
frühzeitig  in  China,  und  bereits  vor  Christi  Ge-  '
burt  in  Arabien,  Ägypten  und  am  Persischen  Meer-  j
busen  angebaut  wurde.  Die  Entdecker  Amerikas  ;

n.  o  (u  "  V  '•r  a&amp;gt;.  cr&amp;lt;W  er  n  &amp;amp;  o
        <pb n="50" />
        Baumwolle

45  Baumwollensamenkuchen

fanden  Baumwollzeuge  in  Mexiko  und  Peru  im
i  Gebrauch,  die  Portugiesen  trafen  sie  bei  den
Kaffem  Südafrikas.  Nach  Europa  kamen  die
ersten  Baumwollsioffe  als  Luxusgegenstände  aus
Indien,  bis  später  die  Nordamer.kaner  den  Anbau ­
  im  größten  Maßstabe  übernahmen  und  längere ­
  Zeit  den  Markt  vollständig  beherrschten,
j  Erst  infolge  der  durch  den  amerikanischen  Bürj
  gerkrieg  verursachten  Störungen  wurden  Ost-|
  indien,  Ägypten  und  Brasilien  konkurrenzfähig,
i  aber  auch  jetzt  noch  entfallen  von  der  etwa
75  Millionen  dz  betragenden  Weltproduktion
700/0  auf  die  Vereinigten  Staaten,  hingegen  nur
i8o/ 0  auf  Ostindien,  je  3—40/0  auf  China  und
Ägypten  und  je  2  o/ 0  auf  Mittelasien  und  Südamerika. ­
  Die  geringen  in  Italien,  Spanien  und
Griechenland  gewonnenen  Mengen  sind  für  den
Weltverbrauch  ohne  Bedeutung,  während  die  in
den  deutschen  Kolonien  (Togo,  Ostafrika)  gemachten ­
  Anbauversuche  zu  den  schönsten  Hoffnungen ­
  berechtigten.  Nach  dem  Kriege  werden
sie  voraussichtlich  durch  Pflanzungen  in  der
Türkei  erweitert  werden.  —•  Die  zahlreichen
Arten  der  Baumwollenpflanze  werden  meist  in
kraut-,  Strauch-  und  baumartige  unterschieden, ­
  von  denen  erstere  die  wichtigsten  sind.  Die
krautartige  B.,  G.  herbaceum,  eine  meist
einjährige,  unter  günstigen  Umständen  auch
mehrjährige  Pflanze  von  0,5—1,5  m  Höhe  hat
3—5  lappige  Blätter  und  eine  malvenartige  blaßgelbe ­
  Blüte.  Die  dreieckige,  zugespitzte  Samenkapsel ­
  von  Nußgröße,  die  in  3—5  Fächer  gefeilt ­
  ist,  wird  bei  der  Reife  braun  und  lederartig,
springt  dann  auf  und  läßt  die  Wolle  herausquellen.
  Diese  Art  wird  in  Ostindien,  Kleina
 sien,  Europa  und  Nordamerika  angebaut  und
bisweilen  als  G.  indicum  besonders  aufgeführt.
Zu  den  strauchartigen  Baumwollgewächsen
gehören;  G.  barbadense,  der  langhaarige
Baumwollstrauch  von  Mannshöhe,  der,  in
Westindien  heimisch  und  von  dort  nach  Bourbon ­
  und  Mauritius  verpflanzt,  die  langfaserige
n ,ordamerikanische  B.  liefert;  G.  hirsutum  (zotige ­
  B.),  ein  zweijähriger  oder  ausdauernder
Strauch  mit  apfelgroßen  Kapseln  und  guter,
Se hr  feiner  Faser,  der  in  Franz.-Westindien,  Guyana ­
  und  Nordamerika  angebaut  wird;  G.  vitifoli
  um  in  Westindien,  Brasilien,  Ägypten;  G.
re ligiosum  mit  rötllchgelber  Wolle,  die  zu  dem
ächten  chinesischen  Nanking  verarbeitet  wird.
Der  4—7  m  hohe  Baumwollbaum,  G,  arbo-J.eum,
  findet  sich  in  Ostindien,  Arabien  und
^gypten  und  wird  auch  in  Spanien  und  am
Senegal  angebaut,  ebendort  die  getüpfelte  B.,
Punctatum.  Die  als  G.  barbadense  bezeichnte ­
  Art,  welche  in  Amerika  die  vorzüglichste
,  •  (Sea  Island)  liefert,  gedeiht  in  höchster  Voll-°mmenheit
  nur  auf  dem  schmalen  Küstenstriche
wischen  Georgien  und  Südkarolina.  Die  andere
georgische  B.  mit  kürzerer  Faser  heißt  Upland
oder  Georgia.  —  Die  B.  gedeiht  bereits  auf  getngerem,
  wenn  nur  etwas  sandigem  Boden,
faucht  aber  in  der  Wachstumsperiode  Regen,
eil  sonst  die  Faser  zu  kurz  ausfällt,  und  zur
Y^ lt  des  Aufspringens  der  Kapseln  trockenes
k^ctter,  weil  die  naß  gewordene  Faser  sich
e  au nt  und  verdickt.  Die  aus  gelegten  Samen
Wachsenden  Pflanzen  werden  durch  frühzeiti-°
 es  wiederholtes  Verstutzen  auf  1,5  m  Höhe  erhalten ­

  und  nach  jeder  Ernte  kurz  über  dem
Boden  abgeschnitten.  Mit  den  neuen  Trieben
verfährt  man  in  gleicher  Weise,  doch  wird  nach
zwei  oder  drei  Jahren  eine  neue  Pflanzung  angelegt, ­
  da  der  Ertrag  sich  mit  jeder  Wiederholung ­
  verringert.  Sobald  die  Kapseln  sich  öffnen, ­
  wird  die  B.,  um  ein  Verderben  zu  verhindern, ­
  sofort  gezupft,  früher  mit  der  Hand,
jetzt  mit  Maschinen,  nach  mehrtägigem  Liegen
an  der  Sonne  mit  Hilfe  besonderer  Egreniermaschinen ­
  von  dem  Samen  getrennt  und
schließlich  zu  Ballen  gepreßt.  Die  reife  Faser
bildet  ein  einzelliges,  flaches,  schlauchartiges
Band,  (las  unter  dem  Mikroskop  charakteristische, ­
  korkzieherartige  Windungen  zeigt  und  an
einem  Ende  zugespitzt,  am  anderen  Ende  abgerissen ­
  erscheint.  Unreif  geerntete  Fasern,  die
nicht  hohl  und  nicht  schraubenartig  gedreht
sind  und  keine  Färbung  annehmen  (tote  B.),
verschlechtern  die  Ware.  Im  übrigen  kommen
für  die  Bewertung  besonders  Länge,  Feinheit,
Festigkeit,  Weichheit,  Farbe  und  Glanz  in  Betracht. ­
  Am  geschätztesten  ist  Seidenglanz  und
Farblosigkeit,  danach  kommen  die  bläulichen
und  rötlichen,  zuletzt  die  gelblichen  und  bräunlichen ­
  Sorten.  Wichtig  ist  auch  die  Abwesenheit ­
  von  Knötchen  und  Verunreinigungen.
Nach  der  Länge  der  büschelartig  zu  Stapeln
zusammenliegenden  Fasern  unterscheidet  man
langstapelige  und  kurzstapelige  B.  Die  am
höchsten  geschätzte  langstapelige  B.  mit  30  bis
36  mm  Länge,  aus  der  die  feinsten  Garnnummern ­
  hergestellt  werden,  kommt  fast  nur
aus  Amerika.  —  Die  Handelssorten  werden  nach
der  Herkunft  und  außerdem  nach  Klassen,  in
England  z.  B.  fine,  good,  good  fair,  tniddling
fair,  good  middling,  middling,  low  middling,
good  ordinary;  ordinary,  inferior;  in  Hamburg
als  A,  AB,  B,  BC,  C,  CD,  D,  DE,  E,  EF  bezeichnet. ­
  Als  hauptsächlichste  Sorten  von  den
feinsten  bis  zu  den  geringsten  s  nd  anzuführen:
länge  Georgia  (Sea  Island),  ägyptische  Mako
und  Bourbon,  Pernambuko,  Louis  ana,  Kayenne,
Neuorleans,  kurze  Georgia  (Upland),  Surate,
Bengal  und  Alexandriner.  Die  deutsche  Einfuhr, ­
  meist  über  Bremen  und  Plamburg,  hat  sich
von  1,5  Mill.  dz  im  Jahre  1880  auf  5  Mill.  dz
im  Jahre  1912  gehoben,  davon  rund  4  Mill.  aus
Amerika,  0,3  Mill.  aus  Ägypten  und  0,7  MdI.  aus
Indien.  Abgesehen  von  der  Textilindustrie  dient
B.  zur  Herstellung  von  Verbandwatte,  Kollodium ­
  und  Sprengstoffen  (hierfür  jetzt  durch
Holzzellulose  ersetzt).  Die  Früchte  liefern
Baumwollsamenöl  und  Ölkuchen  (s.d.),  die  Wurzelrinde ­
  (lat.  Cortex  gossypii  Radicis,  frz.
Ecorce  de  Racine  de  Coton,  engl.  Cotton  root
bark),  weißliche,  außen  gelbrote  bandförmige
Stücke,  ein  Fluidextrakt,  das  gegen  Erkrankungen ­
  des  Uterus,  in  Amerika  auch  als  Abortivmittel ­
  Anwendung  findet.
Baumwollensamenkuchen  (lat.  Placenta  Seminis
  Gossypii,  frz.  Tourteaux  de  coton,  engl.  Cotton-Cake), ­
  die  bei  der  Darstellung  des  Baumwollensamenöls ­
  zurückbleibenden  Preßrückstände.
unterscheidet  man  in  solche  von  ungeschälten
und  von  geschälten  Samen  und  benutzt  die
letzteren  als  wertvolles,  an  Eiweiß  und  Phosphaten
reiches  Viehfutter,  während  die  ersteren  wegen
der  anhaftenden  Haare  hierzu  nicht  geeignet  sind
        <pb n="51" />
        Baumwollsamenöl

46

Behenöl

und  daher  meistens  als  Düngemittel  verwandt
werden.  Der  ungeschälte  oder  mollige  B.  ist
dunkelbraun,  die  bessere  Sorte  (ß.  von  Katania)
heller  gefärbt,  als  schlechteste  Sorte  gelten  die
syrischen.  Geschälte  B.  werden  namentlich  von
England  und  den  Vereinigten  Staaten  eingeführt.
Die  B.  dürfen  nicht  dumpfig  riechen,  noch  sauer
reagieren  und  müssen  frei  von  Pilzwucherungen
sein,  wenn  sie  als  Futter  verwandt  werden  sollen.
Die  ungeschälten  B.  kommen  auch  im  gemahlenen
Zustande  in  den  Handel.  (Extraktionsmehl,
Baumwollensamenmehl.)
Baumwollsamenöl  (Kottonöl,  lat.  Oleum
Gossypii,  frz.  Huile  de  coton,  engl.  Cotton-oil),
das  fette  Öl  der  Baumwollsamen,  wird  teils  in
den  Herkunftsländern  der  Baumwolle  selbst  erzeugt, ­
  teils  in  Europa  aus  eingeführten  Samen
gewonnen.  Das  rohe  B.  ist  trübe  und  dunkelbraun ­
  und  kann  nur  als  Schmieröl  benutzt
werden,  das  raffinierte  hat  eine  gelbe  Farbe,
erstarrt  bei  —■  2bis3°C,  hat  ein  spez.  Gew.  von
0,922—0,930  und  wird  teils  als  Brennöl,  teils  bei
der  Herstellung  von  Seife  und  neuerdings  auch  als
Speisefett  (Florida-Öl)  sowie  zum  Verfälschen
teurerer  Öle  verwandt.  Zum  Nachweise  des  B.
erhitzt  man  10  ccm  mit  einer  Mischung  von
Amylalkohol  und  Schwefel  in  Schwefelkohlenstoff, ­
  wobei  B.  eine  rote  Färbung  annimmt.
Bauxit  (Beauxit),  ein  nach  der  Stadt  Les
Beaux  bei  Arles  benanntes  Mineral,  das  in
seinem  Aussehen  dem  Bolus  ähnelt  und  in
seiner  reinsten  Form  aus  wasserhaltiger  Tonerde, ­
  A1 2 0(0H) 4 ,  mit  73,93  °/o  Aluminiumoxyd
besteht,  meist  aber  wechselnde  Mengen  Eisenoxyd ­
  und  freie  Kieselsäure  enthält,  findet  sich
in  Form  rotbrauner  bis  dunkelroter,  bisweilen
auch  weniger  gefärbter  Adern  und  Knollen,  die
meist  im  Tagebau  gewonnen  werden.  Die  ausgedehntesten ­
  Lager  besitzt  Frankreich  (Südfrankreich), ­
  das  jährlich  3—400000  t  gewinnt,  geringere ­
  Mengen  Deutschland  (Vogelsberg),  Österreich ­
  (Steiermark,  Krain  und  Dalmatien).  Neuerdings ­
  sollen  in  Holländisch-Guyana  ausgedehnte
B.-Lager  gefunden  wordensein,  jdie  im  Besitze  nordamerikanischer ­
  Fabriken  Ausbeuten  von  425000  t
liefern.  B.  ist  das  Ausgangsmaterial  für  die
Herstellung  der  meisten  Aluminiumverbindungen
und  des  metallischen  Aluminiums,  und  die  deutsche ­
  Aluminiumindustrie,  welche  vor  dem  Kriege
ganz  auf  die  französischen  Vorkommnisse  angewiesen ­
  war,  schien  durch  die  Abschneidung
der  Zufuhren  stark  bedroht.  Sie  konnte  aber
zunächst  auf  den  sehr  reinen,  besonders  kieselsäurefreien ­
  (weniger  als  1  %  Si0 2 )  Vogelsberger
B.  und  dann  auf  die  etwa  50000  t  betragende
Erzeugung  der  österreichischen  Adriaküste  zurückgreifen, ­
  die  für  10000  t  Metall  ausreichte.
Später  fand  man  ein  Verfahren  zur  Verarbeitung
gewöhnlichen  Tons,  wodurch  Deutschland  vom
Ausland  völlig  unabhängig  wurde.  •—  Weiter
dient  B.  noch  zur  Ausfütterung  der  rotierenden
Siemensöfen  für  Eisen-  und  Stahlbereitung  und
zur  Herstellung  feuerfester  Tiegel.
Baykuruwurzel  (lat.  Radix  baycuru,  frz.  Racine ­
  de  Baycuru,  engl.  Baycuru-root),  die  Wurzel
der  in  Südamerika  heimischen  Plumbaginee
Statice  brasiliensis,  besteht  aus  0,5—2  cm
dicken  knolligen  Stücken,  die  von  einer  schwarzen, ­
  rissig  gewundenen  Rinde  umgeben  sind  und

auf  dem  glänzend  dunkelbraunen  Querschnitt  eine
deutliche  radiale  Anordnung  der  Gefäßbündel
zeigen.  Die  B.  wird  in  Amerika  als  ausgezeichne-  .
tes  Beruhigungsmittel  bei  Menstruationsschmer-  |
zen  empfohlen.  ,
Bayrum  (Spiritus  Myrciae  comp.),  ein  ursprünglich ­
  in  den  wärmeren  Teilen  von  Amerika  allgemein ­
  verbreitetes,  jetzt  auch  in  Europa  viel
benutztes  Waschmittel  für  Kopf,  Hände  und  den
ganzen  Körper,  wird  am  besten  auf  St.  Thomas
und  Jamaika  aus  den  frischen  Beeren  und  Blättern ­
  des  Baybaumes  (Pimenta  acris)  durch
Destillation  mit  feinem  Rum  hergestellt.  Zurzeit ­
  gewinnt  man  es  meist  durch  Vermischen
von  Rum,  Wasser  und  Spiritus  mit  dem  Bayöl
(Bay-Rumöl,  lat.  Oleum  Pimentae  acris,  Oleum
Myrciae,  frz.  Essence  de  Bay,  engl.  Oil  of  Bay),
dem  zu,  etwa  2,5%  in  den  Blättern  von  Pimenta
acris  enthaltenen  ätherischen  Öle,  das  zu  einem
wesentlichen  Teil  aus  Eugenol  besteht,  ein  spez.
Gew.  von  0,965—0,985  besitzt  und  für  sich  einen
Handelsartikel  bildet.
Bdellium  (lat.  Gummi  s.  Resina  Bdellium,  frz,
Rösine  od.  Gomme  bdellium,  engl.  Gum  bdellium), ­
  ein  balsamisch  riechendes  Gummiharz  aus
Senegambien  und  der  afrikanischen  Ostküste,
das  von  Balsamodendron  africanum  abstammt. ­
  Das  B.  wurde  früher  zu  Pflastern  und
als  Räuchermittel  verwendet,  hat  aber  jetzt  nur
noch  insofern  Interesse,  als  es  häufig  in  der
käuflichen  Myrrhe  gefunden  wird,  der  man  es
schon  in  den  Herkunftsländern  zusetzt.  Auch
im  Senegalgummi  will  man  es  gefunden  haben.
Das  afrikanische  B.  erscheint  in  kugeligen
Stücken  oder  zusammengebackenen  Massen  von
grünlichbrauner  Farbe,  besitzt  einen  dem  Ammoniakgummi ­
  ähnlichen  Geruch  und  enthält,
Harz,  Gummi  und  ätherisches  Öl.  Eine  andere 1
Sorte,  das  indische  B.,  welches  von  Scinde  aus
ausgeführt  wird  und  von  Balsamodendron
Muskal  stammt,  besitzt  eine  dunklere  Farbe
als  das  afrikanische  und  riecht  terpentinartig.
Bebeerurinde  (Beberurinde,  Bibirurinde,
Sipeeririnde,  lat.Cortex  Berbeeru,  frz.Ecorce  de
Berbere,  engl.  Berberu-bark),  ein  jetzt  nicht  mehr
gebräuchlicher  Gegenstand  des  Drogenhandels,
stammt  von  Nectandra  Rodiei,  einem  Baume
Guyanas,  der  auch  das  unter  dem  Namen  Greenheart
  bekannte  Schiffsbauholz  liefert,  und  besteht ­
  aus  flachen,  dunkelzimtfarbigen  Stücken
von  bitterem  Geschmack.  Das  in  der  B.  enthaltene ­
  Alkaloid  Bibirin  oder  Bebeerin  ist
nach  neueren  Untersuchungen  identisch  mit  dem
Buxin.
Beet  juice,  ein  durch  Konzentrieren  von  Fleischsaft
  im  Vakuum  erhaltenes  Nährpräparat  amerikanischen ­
  Ursprungs.
Behenöl  (Be.hennußöl,  Beenöl,  lat.  Oleum
Behen,  Oleum  balatinum,  frz.  Huile  de  Ben  ailä,
engl.  Behen-oil),  das  fette  Öl  der  Behennüsse
(Nuces  behen),  der  Samen  eines  auf  Martinique ­
  und  Guadeloupe  wachsenden  sowie  auch  in
Oberägypten  und  Indien  vielfach  angepflanzten
Baumes,  Moringa  pterygosperma  oder  M.
oleifera,  gehört  zu  den  nicht  trocknenden  Ölen,
ist  dickflüssig,  farblos  oder  blaßgelb  und  geruchlos ­
  und  hat  das  spez.  Gew.  0,912.  Es  zeichnet
sich  durch  große  Haltbarkeit  aus  und  wird  vor
allem  nicht  ranzig.  Eine  andere  Sorte  von  Ja-
        <pb n="52" />
        Beifuß

47

Benzin

naaika  trennt  sich  schon  bei  15  0  C  in  einen  festen
und  flüssigen  Teil.  B.  wird  benutzt  zum  Extrahieren ­
  der  wohlriechenden  Stoffe  aus  Blüten,
tum  Einreiben  der  Haut,  zu  Salben  und  Pomaden ­
  und  als  Schmiermittel  für  Präzisionsinstrumente. ­

Beifuß  (Beibiß,  Gänsekraut,  lat.  Herba  arlemisiae
  vulgaris,  frz.  Feuille  d’Armoise,  engl.
Mugwort),  eine  in  ganz  Europa  wildwachsende
sowie  auch  in  Gärten  angebaute  Komposite.  Die
Wurzel  wird  im  Frühjahre  oder  Herbste  gesammelt ­
  und  getrocknet,  nicht  abgewaschen,  sondern ­
  nur  durch  Bürsten  gereinigt,  als  Epilepsiemittel ­
  unter  dem  Namen  Radix  artemisiae
(Beifußwurzel,  frz.  Rhizome  d’Armoise,  engl.
Mugwort-root)  benutzt.  Sie  hat  einen  scharfen
Geschmack  und  unangenehmen  Geruch,  den
sie  einem  ätherischen  Öl  (Beifußöl)  verdankt
(etwa  0.1  °/o).  —  Die  getrockneten  Blütenzweige ­
  finden  nach  Entfernung  der  bitter-,
schmeckenden  Blättchen  als  Gewürz,  namentlich
zu  Gänsebraten,  Verwendung.
Beinholz,  das  Holz  der  gemeinen  Pleckenkirsche
  (Lonicera  Xylostemum)  ist  die  zäheste ­
  aller  mitteleuropäischen  Holzarten  und  insbesondere ­
  gegen  Witterungseinflüsse  sehr  widerstandsfähig. ­
  Es  hat  ein  sehr  feines  Gefüge,  läßt
Sl ch  gut  schneiden  und  drehen,  aber  schwer  spalten ­
  und  dient  als  Drechslerholz  und  zu  Maschinenteilen. ­

Beizen.  Unter  diesem  Namen  faßt  man  eine
Sroße  Zahl  von  Substanzen,  meist  flüssigen,  zusammen, ­
  welche  dazu  dienen,  gewissen  Rohstoffen ­
  oder  gewerblichen  Erzeugnissen  an  der
Oberfläche  eine  bestimmte  Farbe  oder  ein  sonst
Sewünschtes  Aussehen  zu  verleihen.  Von  den
' Vle r  Hauptgruppen:  Holzbeizen,  Lederbeizen,  Metallbeizen ­
  und  Stoff-  oder  Zeugbeizen  sind  die
tttei  ersteren  in  besonderen  Abschnitten  besprochen. ­
  Die  Stoffbeizen  haben  den  Zweck,  solche
Gespinst-  und  Gewebefasern,  die  mit  gewissen
Farbstoffen  keine  echten  Färbungen  liefern,  zur
‘Wfnähme  und  Fixierung  dieser  Farbstoffe  durch
mldung  unlöslicher  Verbindungen  (Lacke)  zu
efähigen.  In  der  Regel  benutzt  man  hierzu
-osungen  von  Metallsalzen,  und  zwar  besonders
es  Chroms,  Aluminiums,  Eisens  und  Zinns,  selciter
  (j es  Kupfers,  Zinks,  Kobalts  usw.  Bei  Baumolle ­
  und  Seide  wird  vor  der  Einwirkung  der
;  tetallbeize  vielfach  eine  Behandlung  mit  Ol  (s.
o ,.  u rkischrotöl),  Tannin  (Seide)  oder  Seife  vor-^ttommen,
  wobei  zunächst  ein  unlöslicher  Me-,l
  miederschlag  und  danach  erst  der  Farblack
e ntsteht.
^Belladonna,  Tollkirsche,  Wolfskirsche,
DP  bekannte,  zu  den  Solanazeen  gehörige  Gift-Hna
 nZ&amp;lt; b  wächst  in  bergigen  Laubwäldern  Süd-.
  "  Mitteleuropas  und  wird  in  vereinzeltemFällen
♦  ^  c “  angebaut.  Obwohl  alle  Teile  der  Pflanze
u  r ,°Pin  enthalten,  finden  doch  nur  die  Blätter
ü  Wurzeln  medizinische  Verwendung.  —1  Die
j  atter  (Tollkirschenkraut,  lat.  Polin  s.
do El  )a  belladonnae,  frz.  Feuilles  de  bcllafan*?
 6,  eng k  Belladonna  leaves)  sind  eirund,  ganzg
  an  der  Basis  verschmälert,  am  Ende  zu-2
 0  Pltzt  und  von  einem  starken  Mittelnerv  duichbarn’
  dei  unter  einem  Winkel  von  etwa  40 0
Seil j  le “aufende  Nerven  nach  dem  Rande  zu  ai  set
 -  Die  Länge  beträgt  s—15,  die  Breite  '4

bis  9  cm.  Die  Blätter  sollen  zur  Blütezeit  gesammelt ­
  und  bei  niederer  Temperatur  rasch  getrocknet ­
  werden,  und  sind  dann  dünn,  fast  durchscheinend ­
  sowie  oben  bräunlich,  unten  bräunlichgrün ­
  gefärbt.  Zur  Unterscheidung  von  den
bisweilen  beigemischten  Blättern  des  Nachtschattens ­
  dienen  neben  der  abweichenden  Form  die
eigenartigen  Haare  und  der  Nachweis  der  vorhandenen ­
  Oxalatkristalle.  —  Die  Wurzel  (lat.
Radix  belladonnae,  frz.  Racine  de  belladonne,
engl.  Belladonna-root)  soll  im  Juli  oder  August
gesammelt  und  ungeschält  getrocknet  werden.
Sie  besteht  aus  verschieden  langen,  zylindrischen
Stücken,  die  meist  etwas  gedreht,  längsrunzelig
und  gelblichgrau  erscheinen,  und  bricht  kurz  und
glatt  unter  Zerstäuben  ab.  Der  Holzkörper  zeigt
auf  dem  Querschnitte  zahlreiche  Poren  und  besitzt ­
  die  gleiche  weißlichgraue  Farbe  der  Rinde,
die  von  ihm  nur  durch  eine  dunklere  Linie  getrennt ­
  ist.  Bisweilen  beigemischte  Wurzeln  von
Althaea  und  Malva  süvestris  unterscheiden  sich
durch  den  faserigen  Bruch,  Klettenwurzel  erkennt
man  daran,  daß  sie  nicht  stäubt  und  wegen  des
Fehlens  von  Stärke  mit  Jod  nicht  blau  wird,
Blätter  und  Wurzeln  enthalten  etwa  0,5%  Atropin ­
  (s.  d.)  und  dessen  Zersetzungsprodukte  Hyoszyamin ­
  und  Belladonnin,  neben  geringen
Mengen  von  Chrysatropasäure,  Cholin,  organischen ­
  Säuren  und  viel  Stärke.  Sie  dürfen  ebenso
wie  das  aus  dem  ganzen  Kraute  hergestellte
Belladonnaextrakt  im  Kleinhandel  nicht  abgegeben ­
  werden.  —  Seit  einiger  Zeit  kommt
eine  japanische  B.  von  Scopolia  japonica  in
den  Handel,  die  zwei  besondere  Alkaloide,  das
Rotoin  und  Skopoleün,  enthält,  aber  ganz
ähnliche  Wirkung  zeigt.
Belmontine  ist  ein  in  England  aus  indischem
Bergteer  abgeschiedener  paraffinartiger  Stoff,
der  als  Kerzenmaterial  Verwendung  findet.
Benediktiner,  gesetzlich  geschützter  Name  eines
feinen  französischen  Likörs.  Zur  Darstellung  von
Nachahmungen  sind  verschiedene  Vorschriften
im  Gebrauch,  von  denen  hier  nach  König  die
folgende  angeführt  sei:  in  die  Destillierblase
werden  45  1  Spiritus  von  96  °/o  und  201  weiches
Wasser  gegeben.  In  den  Extraktionsapparat
kommen  folgende  zerkleinerte  Kräuter;  500g
frische  Zitronenmelisse,  150  g  Alpenbeifuß,  60  g
Kardamomen,  250  g  Ysopspitzen,  100  g  Angelikasamen, ­
  150  g  Angelikawurzeln,  250  g  Pfefferminzkraut, ­
  30  g  Thymiankraut,  30  g  Zeylonzimt,  30  g
Muskatblüte,  30  g-  Nelken,  30  g  Arnikablumen,
250  g  Wohlverleihblumen,  100  g  Bisamkörner.
Nach  der  Destillation  werden  dann  noch  2—io
Tropfen  von  18  verschiedenen  ätherischen  Ölen
(meist  von  Gewürzen)  zugesetzt.
Benzanilid,  Benzoy  lanilid,  C 6 H 6 .NH.CO.
C 6 H 5 ,  entsteht  bei  Einwirkung  von  Benzoylchlorid
  auf  Anilin  als  ein  weißes,  perlmutterartig ­
  glänzendes  Kristallpulver  vom  Schmelzpunkt
163°.  Es  wird  als  Fiebermittel  in  der  Kinder-'
Praxis  benutzt,  da  es  nicht  die  unangenehmen
Nebenwirkungen  des  Antifebrins  zeigt.
Benzin.  Unter  diesem  Namen  vereinigt  die
Technik  eine  Reihe  von  Produkten  verschiedenen
Ursprungs  und  verschiedener  chemischer  Zusammensetzung. ­
  1.  Petroleumbenzin  oder  eigentliches ­
  Benzin  besteht  aus  den  leicht  siedenden
Anteilen  des  Rohpetroleums,  welche  bei  der'
        <pb n="53" />
        Benzoazurin  G

48

Benzoesäure

Destillation  unter  150 0  übergehen.  Dieses  Destillat ­
  (Rohbenzin)  wird  einer  Reinigung  mit  konz.
Schwefelsäure  und  Natronlauge  unterwo.fen  und
darauf  nochmals  destilliert.  Die  zuerst  übergehenden ­
  Leichtöle  vom  Siedepunkte  40—70 0
und  dem  spez.  Gew.  0,640—0,660  nennt  man  Petroleumäther ­
  (Gasolin).  Darauf  folgt  zwischen ­
  70  und  ioo°  (spez.  Gew.  0,660—0,700)  das
eigentliche  Benzin;  zwischen  100—120 0  (spez.
Gew.  0,700—0,720)  das  Ligroin  und  schließlich
bis  150°  (spez.Gew.0,720—0,740)  das  Putzöl.Die
Petroleumbenzine  stellen  farblose,  leicht  brennbare ­
  und  feuergefährliche  Flüssigkeiten  dar,  die
in  chemischer  Hinsicht  aus  Gemischen  von  Kohlenwasserstoffen ­
  der  Methanreihe  bestehen  und
daher  gegen  Reagentien,  namentlich  rauchende
Salpetersäure,  indifferent  sind  (Unterschied  vom
Steinkohlenbenzin).  Sie  finden  als  ausgezeichnete
Lösungsmittel  für  Fette  und  Öle,  Harze  und  Kautschuk ­
  ausgedehnte  Anwendung  in  der  Fettindustrie, ­
  Gummifabriken  und  chemischenWäschereien.
Die  in  letzteren  durch  elektrische  Funken  häufig
entstehenden  Brände  verhindert  man  durch  Zusatz ­
  von  ölsaurer  Magnesia.  2.  Steinkohlenbenzin ­
  findet  sich  in  größerer  Menge  in  dem
Teer  der  Gasfabriken,  besonders  aber  der  Kokereien, ­
  aus  welchem  es  durch  Destillation  abgeschieden ­
  wird.  Die  hierbei  zwischen  70  und
170 0  übergehende  Flüssigkeit  zerlegt  man  in
mehrere  Fraktionen,  von  denen  die  bei  80—115°
siedende  als  Rohbenzol  bezeichnet  wird,  während ­
  die  folgenden  (Auflösungsaaphtha)  das
Steinkohlenbenzin  des  Handels  daistellen.  St.-B.
ist  eine  wasserhelle  Flüssigkeit  wie  das  Petroleumbenzin, ­
  unterscheidet  sich  aber  von  letzterem
durch  seinen  höheren  Siedepunkt,  sein  höheres
spez.  Gew.  (0,900)  und  seine  chemische  Zusammensetzung, ­
  indem  es  nicht  Kohlenwasserstoffe  der
Methanreihe,  sondern  der  Benzolreihe,  besonders
neben  etwas  Benzol  Toluol,  Xylol  und  Kumol
enthält.  Hierauf  beruht  das  Verfahren  zur  Unterscheidung ­
  der  beiden  Benzine,  indem  St.-B.  bei
der  Behandlung  mit  rauchender  Salpetersäure  in
Nitrobenzol  übergeht  und  klar  gelöst  wird.  Auch
vermag  es  im  Gegensatz  zu  Petroleumbenzin
Asphalt,  Steinkohlenpech  und  Pikrinsäure  in
Lösung  überzuführen,  verbrennt  mit  stärker  rußender ­
  Flamme  und  löst  sich  in  qoprozentigem
Alkohol  auf.  Es  dient  in  der  Technik  als  Lösungsmittel ­
  und  als  Ausgangsmaterial  der  Farbenfabrikation. ­
  3.  Braunkohlenbenzin  (Solaröl, ­
  Photogen)  nennt  man  die  niedrig  siedenden ­
  Anteile  des  Braunkohlenteers  vom  spez.  Gew.
0,800—0,820,  welche  zur  Reinigung  von  Paraffin,
ferner  als  Fleckwasser  usw.  Anwendung  finden.
Benzoazurin  Q,  ein  Azofarbstoff,  blauschwarzes, ­
  in  Wasser  lösliches  Pulver,  färbt  Baumwolle
im  Seifenbade  blau  und  besteht  aus  dem  Natronsalze ­
  der  Dianisidindisazoalphanaphtolmonosulfosäure.
  Benzoazurin  ro  B  ist  die  entsprechende
Verbindung  des  Diphenetidins  mit  Naphtylaminsulfosäure.

Benzoe  (Benzoeharz,  lat.  Resina  benzoes,
Asa  dulcis,  frz.  Benjoin,  engl.  Gum  Benjamin),
ein  seit  dem  15.  Jahrhundert  in  Europa  bekannter ­
  Artikel  des  Drogenhandels,  besteht  aus
dem  fest  gewordenen  harzigen  Ausfluß  von  Benzoin ­
  officinale,  Styrax  Benzoin  und  Styrax
  subdenticulata,  mittelhoher  Bäume  aus

der  Familie  der  Styrazeen,  die  ihre  Heimat
in  Hinterindien  und  dem  Malaiischen  Archipel
haben.  Man  gewinnt  das  Harz  durch  Anschneiden ­
  der  Rinde,  und  zwar  geben  junge,  6-  bis
7jährige  Bäume  die  beste  Ware,  während  mit
steigendem  Alter  immer  dunklere  und  weniger
aromatische  Sorten  erhalten  weiden.  —  Nach
Form  und  Herkunft  unterscheidet  man  folgende
Handelssorten;  a)  Siambenzoe,  die-beste  Sorte,
besteht  aus  kleinen,  losen,  tränenförmigen  Stükken
  (B.  in  lacrymis)  von  weißer  bis  gelblicher
oder  rötlicher  Farbe  und  opalartigem  Aussehen.
Das  spez.  Gew.  liegt  zwischen  1,170  und  1,240,
der  Schmelzpunkt  bei  75  °.  Eine  geringere  Abart ­
  dieser  Sorte,  die  Mandelbenzoe  (B.  amygdaloides)
  bildet  unregelmäßige  rötliche  Massen,
in  welchen  zahlreiche  weiße  oder  gelbliche,  oft
mandelförmige  Stücke  verteilt  sind,  b)  Kalkuttabenzoe ­
  (Block-,  Tampangs-Benzoe)
kommt  in  Form  großer  Blöcke  von  rotbrauner
Farbe  mit  zahlreichen  eingelagerten  Mandeln  und
Pflanzenresten  in  den  Handel.  Ihr  spez.  Gew.  be
trägt  1,100—1,120.  c)  Palembang-  oder  Palem-B.
  ist  der  vorigen  ähnlich,  aber  minderwertiger.
Sie  enthält  bis  zu  io°/o  Verunreinigungen  und  hat
ein  spez.  Gew.  von  1,130.  d)  Sumatra-B.  bildet
meist  dunklere  Massen  oder  Blöcke,  e)  Penang-B„
  braune,  poröse,  anscheinend  zusammengeschmolzene ­
  Klumpen.  —  In  chemischer  Hinsicht ­
  besteht  die  Benzoe  aus  einem  Gemische  verschiedener ­
  Plarze  mit  Benzoesäure  oder  Zimtsäure
und  1  bis  1  Vs 0 /»  Vanillin.  Das  Harz  der  Siambenzoe ­
  ist  ein  Gemenge  von  Benzoesäureestern
mit  2  Harzalkoholen,  dem  weißen  Benzoeresinol
(C 16 H 26 G 2 )  und  dem  braunen  Siaresinotannol
(C 12 H u O s ),  während  das  Harz  der  Sumatrabenzoe ­
  neben  etwas  Zimtsäurephenylpropylester
(C, s H )8 0 2 ),  Zimtsäurezimtester  (Styrazin)  und
Zimtsäurebenzoeresinolester  viel  Z  mtsäureresinotannolester
  enthält.  Je  nach  der  Art  der  vorhandenen ­
  freien  Säure  unterscheidet  man  B.,
die  nur  Benzoesäure  (Sorten  a,  b,  c)  und  solche,
die  Benzoe-  und  Zimtsäure  (d  und  e)  enthält.  —■
Zur  Prüfung  auf  Zimtsäure  zerreibt  man  die  B.  I
mit  kaltem  Wasser,  kocht  auf  und  filtriert.  Das
durch  Eindampfen  etwas  konzentrierte  Filtrat
wird  -riedend  heiß  mit  etwas  Kaliumpermanganat ­
  .ersetzt,  worauf  nur  bei  Anwesenheit  von
Zimisäure  Geruch  nach  Bittermandelöl  auftritt.  —-Die
  nur  Benzoesäure  enthaltenden  Sorten  a—c  1
finden  medizinische  Anwendung  als  antiseptisches  I
und  desinfizierendes  Mittel,  während  die  übrigen
auch  in  der  Parfümerie  sowie  zur  Herstellung  I
von  Räuchermitteln,  Schokoladenlack  u.  dgl.  in  \
großen  Mengen  verarbeitet  werden.
Benzoeäther  (Benzoesäureäther,  Benzoe-]
vinester,  benzoesaures  Äthyloxyd,  Ben-|
zoesäureäthyläther,  lat.  Äther  benzoicus,  frz-j
1  Ether  benzoique,  engl.  Benzole  ether),  C 6 H 5  ■
COUC 2 H 5 ,  eine  wasserhelle  farblose,  aromatisch  j
riechende  Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.  1,0517  und
vom  Siedepunkte  213  °,  wird  durch  Einleiten  von
gasförmiger  Salzsäure  in  eine  alkoholische  Lösung
von  Benzoesäure  erhalten  und  zur  Bereitung  (
vor.  Fruchtäthern  sowie  von  Parfüms  (PeaU
d’Espagne)  verwendet.  In  Wasser  ist  der  B-  j
nur  sehr  wenig,  in  Alkohol  leicht  löslich.
Benzoesäure  (Benzoeblumen,  lat.  Acidum
b  mzoicum,  Flores  benzoes,  frz.  Acide  benzoique-  r
        <pb n="54" />
        Benzoin

49

Bergblau

engl.  Benzoic  acid),  eine  in  vielen  Balsamen
und  Harzen,  besonders  in  der  Benzoe  enthaltene
organische  Säure,  welche  in  chemischer  Hinsicht
als  Benzolkarbonsäure,  C 6 H 6 .COOH,  aufzufassen
ist.  Zu  ihrer  Darstellung  wird  zimtsäurefreies
Benzoeharz  entweder  mit  Kalkmilch  ausgekocht
und  die  Lösung  mit  Salzsäure  gefällt,  oder  das
Harz  wird  einfach  der  Sublimation  unterworfen.
Zu  pharmazeutischen  Präparaten  darf  nur  die
sublimierte  Säure  benutzt  werden.  Für  technische
Zwecke  bediente  man  sich  früher  als  Ausgangsmaterial ­
  vielfach  des  Harns  von  Pferden  und
Rindern,  deren  Hippursäure  bei  geeigneter  Behandlung ­
  in  B.  übergeht.  Neuerdings  wird  die
Säure  jedoch  meist  synthetisch  aus  phtalsaurem
Kalzium  oder  Toluol  dargestellt.  Die  B.  kristallisiert ­
  in  schön  glänzenden  Blättchen,  die,  wenn
aus  dem  Harz  gewonnen,  bräunlich  aussehen  und
schwach  aromatisch  riechen,  sonst  färb-  und  geruchlos ­
  sind.  Sie  ist  wenig  in  kaltem,  leichter  in
heißem  Wasser  löslich,  schmilzt  bei  120 0  und
Siedet  bei  250°  unter  Entwicklung  hustenreizender ­
  Dämpfe.  Im  Hinblick  auf  das  Fehlen  charakteristischer ­
  Reaktionen  stellt  man  zum  Nachweise ­
  der  B.  am  zweckmäßigsten  den  charakteristisch ­
  riechenden  Äthylester  dar.  B.  findet  Anwendung ­
  als  Heilmittel,  ferner  zur  Herstellung
v °n  Teerfarben  und  neuerdings  auch,  an  Stelle
der  durch  das  Fleischbeschaugesetz  verbotenen
Stoffe  (Salizylsäure.  Borsäure  usw.),  zur  Konservierung ­
  für  Fleischwaren.  Obschon  sie  nach
neuen  pharmakolog.  Untersuchungen  für  den
menschlichen  Organismus  nicht  oder  doch  nicht
nachweisbar  schädlich  ist,  muß  letztere  Verwendung ­
  als  unerwünscht  bezeichnet  und  zum
mindesten  eine  deutliche  Deklaration  verlangt
Werden.  Von  den  Verbindungen  der  B.  mit  Basen,
Benzoaten,  hat  das  Natriumsalz  hauptsächlichste
Bedeutung.
Benzoin,  Bittermandelölkampf  er,  eine  chemische ­
  Verbindung  von  der  Formel  des  Benzoyl-Phenylkarbinols,
  C 6 H 5 .CH(OH).CO  .C 6 H 5 ,  wird
durch  Behandlung  von  Benzaldehyd  mit  Zyan-Kalium
  dargestellt  und  bildet  farblose,  bei  134 0
schmelzende  Prismen,  welche  als  Antiseptikum
Anwendung  finden.
Benzol,  ein  im  Steinkohlenteer  enthaltener
Kohlenwasserstoff,  C 6 H 6 ,  welcher  sich  neben  To-Uof,
  Xylol  u.  a.  auch  im  Rohbenzol  und  Steinphlenbenzin
  vorfindet  und  daraus  durch  fraktiomrte
  Destillation  gewonnen  wird,  erscheint  in
e metn  Zustande  als  eine  farblose,  stark  lichtre
 chende  Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.  0,884  und
d ^m  Siedepunkte  80,5°.  B.  brennt  mit  leuchtenu
 e K  stark  rußender  Flamme,  mischt  sich  mit  Aloti°i,
  Äther,  Petroläther,  Holzgeist  und  Azeton,
in  r| a ^ er  ' n  Nasser  unlöslich.  Man  ber  utzt  es
j,  der  Industrie  als  Lösungsmittel  für  Fette  und
st  p tsc BuL  un d  als  Ausgangsmaterial  für  die  Dar-Pa
  K  S  ^ es  Anilins  und  zahlreicher  künstlicher
rbst °ffe,  besonders  des  Indigos.  Vielfach  wird

fji  aac h  an  Stelle  des  Benzins  als  Betriebsstoff
Automobile  verwandt.
j  ^nzopurpurin,  drei  Azofarbstoffe,  welche
Werd  ^' e  ^ e ‘ cben  I  B,  4  B  und  6  B  unterschieden
lösbu  ’  kommen  als  braune  oder  rote,  in  Wasser
im  c  e  Pu Her  in  den  Handel,  die  Baumwolle
w  hmdenbade  rot  färben.  B.  1  B  und  B.  6  B
e n  durch  Einwirkung  von  diazotiertem  Toli-Mercks
  Warenlexikon.

din  auf  Alpha-  oder  auf  Betanaphtylaminmonosulfosäure
  erhalten,  während  die  Sorte  4  B  durch
Einwirkung  von  Naphtionsäure  auf  diazotiertes
Tolidin  entsteht.  b-Purpurin  s  B  und  &amp;amp;-Purpurin
  ;B  (Diaminrot)  Werden  ebenfalls  aus
Tolidin  durch  Verkuppelung  mit  anderen  Naphtylaminsulfosäuren
  dargestellt.
Benzosol,  Guajakolbenzoat,  C 6 H 4 (OCH 3 ).
OOC.CgHj,  ein  neues  Medikament,  das  durch
Behandlung  von.Guajakol  mitÄtzkali  undBenzoylchlorid
  als  farbloses  Kristallpulver  vom  Schmelzpunkt ­
  56°  gewonnen  wird.  Es  wird  bei  Phthisikern ­
  und  als  Darmantiseptikum  an  Stelle  von
Guajakol  und  Kresol,  vor  denen  es  den  Vorzug
der  Geschmacklosigkeit  besitzt,  verordnet.
Benzylviolett  (Violett  s  B,  Pariser  Violett
6  B),  ein  in  Wasser  mit  violetter  Farbe  löslicher
Teerfarbstoff,  wird  zum  Färben  von  Seide,  Wolle
und  Baumwolle  benutzt  und  besteht  im  wesentlichen ­
  aus  salzsaurem  Pentamethylbenzylpararosanilin.

Berberin  (lat.  Berberinum,  frz.  Berberine,  engl.
Berberin),  eine  stickstoffhaltige  Base,  C 20 H 19 NOg,
die  man  in  vielen  Pflanzen  aufgefunden  hat,  so  in
allen  Teilen,  namentlich  aber  in  der  Wurzel  des
Sauerdorns  (Berberis  vulgaris),  ferner  in  der
Kolombowurzel  und  dem  Kolomboholz,  der  jamaikanischen ­
  Wurmrinde,  der  Wurzel  von  Hydrastis
canadensis,  bildet  glänzende  gelbe  Kristallnadeln
von  bitterem  Geschmack,  die  in  kaltem  Wasser
nur  sehr  wenig,  in  heißem  leicht  löslich  sind.
Die  Verbindungen  des  B.  mit  Säuren,  die  Berberinsalze, ­
  sind  meistens  ebenfalls  gelb  und
schwer  löslich  und  finden  wie  die  freie  Base  beschränkte ­
  medizinische  Anwendung.
Berberitzen  (Sauerdornbeeren,  lat.  ßaccae
berberidis,  frz.  Bayes  de  vinetier,  Bayes  d’Epinevinette,
  engl.  Bcrber-berries),  die  länglichrunden, ­
  fast  zylindrischen,  scharlachroten  Früchte
des  Berberitzenstrauchs,  Berberis  vulgaris(L.),
sind  reich  an  Äpfelsäure  und  waren  früher  Artikel ­
  des  Drogenhandels.  Man  verwendet  sie  zur
Herstellung  von  Berberitzensirup  und  B.-Mus,  sowie ­
  den  Saft  als  rote  Farbe  in  der  Lederfabrikation. ­

Bergamottöl  (lat.  Oleum  bergamottae,  frz.  Essence
  de  bergamote,  engl.  Oil  of  bergamot),  ein
sehr  wohlriechendes  ätherisches  Öl,  wird  aus  den
Fruchtschalen  der  Bergamotten,  der  Früchte  von
Citrus  Bergamia,  einer  Orangenart,  durch  Auspressen ­
  gewonnen.  Das  bräunlichgelbe  oder  wegen ­
  seiner  Versendung  in  Küpfergefäßen  meist
grünliche  Öl  ist  anfangs  trübe,  klärt  sich  aber
bald  und  enthält  neben  Links-Linalool,  CioHjgO,
und  Rechts-Limonen,  C 10 PI 1G ,  als  wertbestimmenden ­
  Bestandteil  etwa  3S°/o  Linalylazetat,  c 10 h 17 o  .
CHj.CO.  Das  spez.  Gew.  beträgt  0,881—0,886,
die  Rechtsdrehung  im  too-mm-Rohre  -j-  8  bis
+  22 0 .  In  seinem  halben  Volumen  Alkohol
muß  sich  das  Öl  klar  lösen.  Mit  Hi’.fe  dieser
Eigenschaften  und  der  Verseifungszahl  kann
der  Nachweis  von  Verfälschungsmitteln  wie
Terpentinöl,  Olivenöl  und  Zitronenöl  leicht  geführt ­
  werden.  Das  meiste  B.  kommt  aus  Reggio
in  kupfernen  Ramiferen  von  5r—50.  kg  Inhalt.
Bergblau  (frz.  Bleu  de  montagne,  engl.  Mountain-blue)
  besteht  aus  fein  gemahlener  und  geschlämmter ­
  Kupferlasur  (s.  d-)  und  kommt  nur
        <pb n="55" />
        Berggrün

50

Bernsteinlack

noch  selten  in  den  Handel,  weil  man  dem  künstlich ­
  dargestellten,  dem  Bremerblau,  den  Vorzug ­
  gibt.
Berggrün  (Ungarischgrün,  Tirolergrün,
Schiefergrün),  eine  lebhaft  grüne  Maler-  und
Anstrichfarbe  aus  gemahlenem  und  geschlämmten ­
  Malachit,  wird  nur  noch  selten  benutzt,  da
man  künstliche  Farben  von  ähnlicher  Zusammensetzung ­
  vorzieht.  (Vgl.  Braunschweigergrün.)  In
Tirol  sortiert  man  die  Ware  in  Malachitgrün,
Ölgrün  und  Grundfarbe.  Das  B.  gehört  zu
den  kupferhaltigen,  daher  giftigen  Farben.
Bergkristall  (frz.  Cristal  de  röche,  engl.  Rockcrystal).
  Mit  diesem  Namen  pflegt  man  die
reinste,  in  durchsichtigen  Kristallen  des  hexagonalen ­
  Systems  vorkommende  Kieselsäure  zu
belegen.  Sind  die  Kristalle  undurchsichtig,  so
nennt  man  sie  Quarz,  sind  sie  durch  geringe
Beimengungen  anderer  Stoffe  gefärbt,  so  gibt
man  ihnen  besondere  Namen.  So  heißen  die
blauen  und  violetten  Abarten  Amethyst,  die
braunen  Rauchquarz  oder  irrtümlicherweise
Rauchtopas,  die  gelben  Zitrin  und  die  schwarzen ­
  Morion.  Hauptfundorte  schöner  B.  sind  die
schweizerischen  undTiroler  Alpen,  Ungarn,  Zeylon,
Madagaskar,  Brasilien  und  Japan.  Man  schleift
den  B.  zu  mancherlei  Schmuckgegenständen
und  hat  neuerdings  auch  Gewichtssätze  für  feine
mechanische  Wagen  daraus  gefertigt,  wozu  er
sich  wegen'  seiner  Härte  (7  Grade)  und  Unveränderlichkeit ­
  an  der  Luft  vortrefflich  eignet.
Bergpetersilie  (Grundheil,  Hirschwurzelkraut, ­
  lat.  Herba  oreoselini,  frz.  Herbe  de  persil
  de  montagne,  Athamante,  engl.  Athamanta),
das  getrocknete  Kraut  von  Athamanta  Oreosolinum,
  einer  Umbellifere,  wird  in  &amp;lt;Jer  Tierheilkunde ­
  verwandt.
Berlinerblau  (Preußischblau,  Paris  er  blau)
ist  eine  geschätzte  blaue  Farbe,  welche  durch
Fällung  von  Eisenvitriollösung  mit  gelbem  Blutlaugensalz ­
  und  nachherige  Behandlung  des  abfiitrierten,
  hellfarbigen  Niederschlages  mit  Chlorkalk ­
  oder  chlorsaurem  Kalium  gewonnen  wird.
Die  aus  reinem  Ferroferrizyanid  bestehende  Sorte
bezeichnet  man  meist  als  Parisefblau,  während
der  Name  B.  meist  für  Gemische  des  letzteren
mit  Ton,  Gips  oder  Schwerspat  benutzt  wird.
Berlinergrün,  eine  Anstrichfarbe,  wird  als
grünes,  in  Wasser  unlösliches  Pulver  aus  der
Mutterlauge  bei  der  Blutlaugensalzfabrikation  erhalten. ­
  Zuweilen  wird  auch  ein  Gemenge  von
Berlinerblau  mit  Gelb  unter  demselben  Namen
verkauft.
Berlinerrot.  Diesen  Namen  führt  einesteils
der  geglühte  oder  gebrannte  Ocker,  andernteils
eine  geringere  Sorte  von  Florentinerlack  (Rotholzlackfarbe). ­

Bernstein  (Börnstein,  Brennstein,  Agtstein, ­
  Achtstein,  Succinit,  lat.  Succinum-,  Electrum,
  frz.  Succin,  engl.  Amber),  ein  fossiles  Plarz
vorhistorischer  Wälder,  mit  Insekteneinschlüssen, ­
  kommt  besonders  an  der  Seeküste  von  Ostund
  Westpreußen,  namentlich  im  Samland  nördlich ­
  von  Königsberg,  vor,  wo  eine  regelmäßige
Gewinnung  durch  Tauchen  und  Baggern  in  der
Nähe  des  Strandes  oder  durch  Graben  oder  bergmännischen ­
  Betrieb  auf  dem  Lande  (Bergwerk
Palmnicken),  stattfindet.  In  geringeren  Mengen

zeigt  sich  B.  an  den  Küsten  von  Livland,  Kurland, ­
  Mecklenburg,  Holstein  und  Dänemark  sowie ­
  in  Schlesien,  Galizien,  Rumänien,  Sizilien,
Spanien,  Grönland,  Kamtschatka,  Ober-Birma  und
China.  —  Der  B.  zeigt  in  seiner  äußeren  Erscheinung ­
  außerordentliche  Unterschiede.  Neben
durchsichtigen  finden  sich  trübe  und  undurchsichtige, ­
  neben  weißlichgelben  hellgelbe  bis  dunkelgelbe ­
  und  braune  Stücke.  Der  Glanz  ist  glasartig, ­
  die  Größe  und  Gestalt  der  Stücke  sein
wechselnd.  Er  wird  daher  für  den  Handel  nach
Größe,  Farbe  und  Schönheit  in  sehr  viele  Sorten
geteilt.  Der  deutsche  B.,  der  hauptsächlich  den
Markt  beherrscht,  gelangt  teils  verarbeitet,  teils
roh  in  den  Handel.  Der  Haupthandelsplatz  war
seit  langen  Zeiten  Danzig,  wo  auch  viel  verarbeitet ­
  wird,  während  jetzt  Königsberg,  nächstdem
  Memel  und  Stolp,  an  die  Spitze  getreten
sind.  Große  Mengen  gehen  nach  Wien,  Konstantinopel ­
  und  Paris,  wo  sehr  schöne  Schmucksachen ­
  daraus  gefertigt  werden.  Die  Verarbeitung
erfolgt  mittels  Schnitzen  und  Raspeln  sowie  auch,
mit  der  Drehbank.  Man  fertigt  aus  dem  B.  Pfeifen- ­
  und  Zigarrenspitzen,  Broschen  und  verschiedene ­
  andere  Schmuck-  und  Kunstsachen,  wie
Bernsteinperlen  und  Bernsteinkorallen
(Bastardkorallen).  Die  kleinen  Stückchen  und
Abfälle  werden  zur  Bereitung  von  Bernsteinlack
und  Bernsteinsäure  sowie  auch  zum  Räuchern
verwandt.  Auch  benutzt  man  die  Abfälle  zur
Nachahmung  echter  Bernsteinwaren,  indem  man
sie  mit  heißem  Schwefelkohlenstoff  in  eine  plastische ­
  Masse  (Ambroid)  verwandelt  und  dann
in  Formen  preßt.  Man  erkennt  sie  mittels  des
Mikroskops  an  dem  Fehlen  der  zahlreichen  kleinen ­
  Luftbläschen,  die  der  echte  B.  zeigt.  Nicht
selten  werden  auch  Nachahmungen  aus  einem
Gemische  von  Kopal,  Terpentin  und  Kampfer
gefertigt,  die  sich  durch  ihre  leichte  Löslichkeit
in  Äther  und  ihre  leichtere  Schmelzbarkeit  vom
echten  B.  unterscheiden  lassen.'  Echter  B.  hat
ein  spez.  Gew.  von  1,050—1,096,  eine  Klärte  von
2,0—2,5  und  einen  Schmelzpunkt  von  250—300 0 .
Er  ist  in  den  meisten  Lösungsmitteln  mit  Ausnahme ­
  des  Terpentinöls  nahezu  unlöslich  und
kann  mit  Hilfe  dieser  Eigenschaften  von  allen
Fälschungen  unterschieden  werden.  Nachahmungen ­
  aus  Glas  erkennt  man  auch  an  der  Unverbrennlichkeit. ­
  Schwarzer  B.  ist  Gagat.
Bernsteinlack  (Bernsteinfirnis,  frz.  Vernis
au  succin,  Laque  de  l’ambre  jaune,  engl.  Varnish
of  amber,  eine  zum  Anstrich  auf  Holz,  Blech
und  Leder  dienende  Flüssigkeit,  besteht  aus  einer
Auflösung  von  Bernstein  in  Terpentinöl  und  Leinölfirnis. ­
  Zu  ihrer  Darstellung  wird  der  Bernstein
vorher  vorsichtig  geschmolzen,  worauf  er  sich
schon  bei  einer  Temperatur  von  ioo ü  auflöst.
Solcher  geschmolzener  Bernstein  kommt  in
sieben  verschiedenen  Sorten  in  den  Handel,  die
sich  nur  durch  größere  oder  geringere  Flelligkeit
unterscheiden.  Eine  geringwertige,  sehr  dunkle
Sorte  wird  aus  dem  sogenannten  Bernsteinkolophonium', ­
  einem  zur  Gewinnung  von  Bernsteinsäure
  und  Bernsteinöl  sehr  stark  erhitzten
Bernstein,  erhalten.  Die  mit  B.  hergestellten  Anstriche ­
  sind  sehr  dauerhaft,  luft-  und  wetterbeständig ­
  und  besitzen  schönen  Glanz  und  große
Härte.  Sehr  häufig  werden  harte  Kopalsorten  zu
sogenannten  Bernsteinlacken  mitverarbeitet,  da
        <pb n="56" />
        Bernsteinöl

51

Bibergeil

die  Gewinnung  von  Bernstein  immer  mehr  zurückgeht. ­

Bernsteinöl  (Agtsteinöl,  lat.  Oleum  succini,
frz.  Huile  de  succin,  engl.  Ambre-oil),  ein  dunkelbraunes, ­
  grünlich  schimmerndes,  unangenehm
riechendes  ätherisches  Öl,  das  als  Nebenprodukt
bei  der  Bereitung  der  Bernsteinsäure  aus  Bernstein ­
  gewonnen  wird,  findet  als  krampfstiüendes
Mittel  sowie  äußerlich  gegen  Zahnschmerz  Anwendung. ­
  Für  den  gleichen  Zweck  benutzt  man
ein  gereinigtes,  über  Holzkohle  destilliertes  B„
welches  weniger  unangenehm  riecht  und  eine
blaßgelbe  Farbe  besitzt.
Bernsteinsäure  (Succinylsäure,  Dikarbonäthylensäure,
  lat.  Acidum  succinicum,  frz.
Acide  succinique,  engl.  Succinic  acid),  eine  organische ­
  Säure  von  der  Formel  (CH 2 .COOH) 2 ,
findet  sich  fertig  gebildet  im  Bernstein,  einigen
Braunkohlen,  Harzen,  Terpentinölen,  Pflanzenund
  tierischen  Säften.  Sie  entsteht  bei  der  Oxydation ­
  von  Fetten  mit  Salpetersäure,  bei  der
Gärung  und  Fleischfäulnis  und  wird  im  großen
durch  Vergärung  von  äpfelsaurem  Kalzium  aus
Vogelbeersaft  oder  durch  trockne  Destillation
von  Bernstein  dargestellt.  B.  bildet  farblose  Kristalle ­
  von  schwach  saurem  Geschmack,  schmilzt
bei  185°  und  destilliert  bei  235 0  unter  Wasserabspaltung. ­
  Zu  ihrem  chemischen  Nachweise
bedient  man  sich  des  neutralen  Kalzium-  oder
Bariumsalzes,  welche  in  Wasser  und  Alkohol
schwer,  bzw.  unlöslich  sind.  B.  findet  beschränkte
Anwendung  zur  Herstellung  pharmazeutischer
Präparate,  besonders  des  Liquor  Ammonii  succinici,
  sowie  in  der  Chemie  und  Photographie.
Bertramwurzel  (Zahnwurzel,  Speichel-Wurzel,
  lat.  Radix  pyrethri,  frz.  Racine  de  pyr
 ethre,  engl.  Pellitor^).  Unter  diesem  Namen
kommen  im  Drogenhandel  zwei  verschiedene
Wurzeln  vor.  1.  Die  deutsche  B.  (Radii  pytethri
  germanici)  stammt  von  Anacyclus  offic,
 narum  und  wird  vielfach  in  Thüringen  an-Sebaut.
  2.  Die  römische  B.  (Radix  pyrethri  ro-^ni)
  stammt  von  Anacyclus  Pyrethrum,
e mer  in  Arabien,  Syrien  und  Nordafrika  wildwachsenden, ­
  in  Italien  angebauten  Pflanze  aus
, er  Familie  der  Kompositen.  Beide  besitzen
ein en  brennend  scharfen  Geschmack,  sind  aber
ffpruchlos.  Die  deutsche  B.  hat  Längsrunzein,
rJ e  römische  Querrunzeln.  Bei  ersterer  ist  der
'dolzkörper  braun,  bei  letzterer  gelb.  Man  verendet ­
  B.  meist  zu  Zahntinkturen  und  Mundwässern. ­

Beryll,  ein  in  sechsseitigen  Säulen  kristalli-Sle
 rendes,  aus  Kieselsäure,  Tonerde  und  Beryllnrde
  bestehendes  Mineral,  ist  sehr  hart  (Härte
8),  glasglänzend  und  verschieden  gefärbt,
°ch  herrschen  die  grünen  Farbtöne  vor.  Blaß
sru ner  0( j er  f ar bi oser  unc [  durchsichtiger  B.  wird
dler  Beryll  genannt  und  als  Schmuckstein
erwendet.  Alle  undurchsichtigen  B.  nennt  man
Gemeinen  B.,  die  gelblichgrünen  und  bläulich-■Unea
  Spielarten  Aquamarin,  die  lebhaft  grasgrünen.Smaragd ­
  (s.  d.).
L v  Cta!n  (Oxyneurin,  Trimethylglykokoll,
p  ,?i n )  nennt  man  eine  im  Satte  der  Zuckerrübe
Qy-raltene  schwache  organische  Base,  COOH  .
-p  ja-N(CH s )j,OH,  welche  auch  künstlich  aus
^'^ethylamin  und  Chloressigsäure  erhalten  wern
  kann.  Sie  bildet  große,  farblose,  glänzende

Kristalle,  die  jedoch  an  der  Luft  leicht  zerfließen.
Ihre  Verbindung  mit  Salzsäure,  das  B.  hydrochlorid,
  vermag  das  Tetanustoxin  zu  neutralisieren. ­

Betelblätter  (lat.  Folia  betel.,  frz.  Feuilles  de
bdtel,  engl.  Betel  leaves),  die  langgestieltea,  eirund ­
  herzförmigen  Blätter  einer  ostindischen  Pfefferart, ­
  Piper  Betle,  werden  Wegen  ihres  brennend ­
  gewürzhaften  und  bitteren  Geschmacks  in
Ostindien  mit  den  Arekanüssen  (s.  d.)  zusammen
gekaut  und  finden  auch  in  Europa  medizinische
Anwendung.  Sie  enthalten  ein  ätherisches  Öl,
Betelöl,  welches  gelbe  bis  braune  Farbe,  angenehm ­
  teeartigen  Geruch  und  brennenden  Geschmack ­
  besitzt.  Es  hat  das  spez.  Gew.  0,958
bis  1,057,  den  Siedepunkt  255°  und  besteht
aus  einem  dem  Eugenol  ähnlichen  Phenol  sowie ­
  einem  Kohlenwasserstoff.  Das  Öl  wird  in
Indien  gegen  katarrhalische  Erkrankungen  verordnet. ­

Betol  (Naphtalol),  weißes  glänzendes  Kristallpulver ­
  von  Salizylsäure-Naphtylester,  C7H5O3..
C 10 H 7 ,  welches  sich  dem  Salol  analog  verhält
und  wie  dieses  als  Antiseptikum  benutzt  wird.
Beton,  eines  der  wichtigsten  neueren  Baumaterialien, ­
  besteht  aus  einer  Mischung  von
Zement  (s.  d.)  mit  Schotter  und  grobem  Kies.
Betonienkraüt  (Betunienkraut.Zehrkraut,
lat.  Herba  betonicae,  frz.  Feuilles  de  betone,
engl.  Betony  leaves),  das  getrocknete  Kraut  einer
Labiale,  Betonica  officinalis  (L)  mit  roten
Blüten,  eirunden,  gekerbten  und  rauhhaarigen
Blättern  von  aromatischem  Geruch,  wird  als
Volksmittel  benutzt.
Bezetten(Schmink-  oder  Färberläppchen,
frz.  Tournesol  en  drapeaux,  engl.  Tournesol)  nennt
man  mit  Koschenille  oder  Pernambukabkochung
rot  gefärbte  Leinwandstreifen,  die  in  Paketen
von  Y4—1/2  kg  von  Venedig  und  Hamburg  in
den  Handel  kommen  und  als  Schminklappen  verwendet ­
  werden.  Die  eigentlichen  B.  stammen  aus
dem  südlichen  Frankreich  und  sind  mit  dem
Safte  einer  Euphorbiazee,  Croton  tinctorium
  (Krebskraut),  gefärbt.  Durch  besondere
Behandlung  wird  die  Farbe  der  Läppchen  in
Blau  und  dann  in  Purpurrot  übergeführt.  Die
letztere  Farbe  dient  in  Holland  zum  Färben  von
Käse.  Beide  wurden  früher  auch  benutzt,  um
Backwerk,  Liköre,  Gelees  leicht  zu  röten.
Bezoare,  ein  veraltetes,  in  unserem  Handel
kaum  noch  vorkommendes  Medikament,  besteht
aus  den  Darmsteinen  einiger  Wiederkäuer.  Die
teuersten  kommen  aus  Persien  und  heißen  orientalische ­
  oder  echte  B.
Bibergeil  (lat.  Castoreum,  frz.  Castorde,  engl.
Castor  fibre)  nennt  man  getrocknete,  aus  vier
übereinanderliegenden  Häuten  gebildete  Beutel,
die  sich  zu  je  zweien  sowohl  beim  männlichen  als
auch  beim  weiblichen  Biber,  in  der  Nähe  der
Geschlechtsteile  unter  der  Haut  finden  und  eine
im  frischen  Zustande  weiche  und  schmierige,  äusgetrocknet
  harte,  braune  und  zerreibliche  Masse
von  durchdringendem  Geruch  enthalten.  B.  wird
medizinisch  bei  Nervenleiden  sowie  in  der  Parfümerie ­
  verwendet.  Man  unterscheidet  das  B.
der  Alten  Welt,  vom  europäischen  Biber
Gastor  fiber),  und  das  der  Neuen  Welt,  vom
,  nordamerikanischen  Biber  (Castor  ameri-
        <pb n="57" />
        Bickmol

52

Bier

canus),  die  einen  sehr,  bedeutenden  Preisunterschied ­
  zeigen,  denn  während  das  letztere,  gewöhn
lieh  kanadisches  B.  (Castoreum  canadense)  genannt, ­
  bei  uns  etwa  200—400  M.  das  Kilogramm
kostet,  ist  der  Preis  des  europäischen  etwa  1000  M.
für  das  Kilogramm.  Letzteres  führt  allgemein  den
Namen  sibirisches  oder  russisches  B.  (Castoreum ­
  sibiricum  oder  moscoviticum),  da  Deutschland ­
  jetzt  so  gut  wie  nichts  mehr  liefert.  Beide  Sor
ten  unterscheiden  sich  durch  folgende  Merkmale;
Während  die  Beutel  des  sibirischen  B.  oval  und
wenig  zusammengedrückt  erscheinen,  auch  nicht
runzelig  und  zusammengeschrumpft  sind,  besteht
das  kanadische  B t  aus  mehr  bimförmigen,  flachgedrückten ­
  Beuteln'  mit  runzeliger  Haut.  Bei
dem  sibirischen  lassen  sich  im  Gegensatz  zum
kanadischen  B.  die  beiden  äußeren'  Häute  bequem ­
  ablösen,  und  in  der  Mitte  des  Inhalts  ist
eine  Höhlung,  welche  bei  dem  kanadischen  fehlt.
Der  Inhalt  der  sibirischen  Beutel  ist  braun,  niemals ­
  glänzend  oder  harzig,  sondern  fast  erdig,
derjenige  der  kanadischen  Beutel  rotbraun  und
auf  dem  Bruche  harzartig  glänzend.  Auch  ist
der  Geruch  des  letzteren  bedeutend  schwächer.
Bicktnol,  eine  Einreibung  gegen  Lahmheit  der
Pferde,  enthält  Kampfer,  Seife,  Äther,  Arnika
und  Spiritus.
Biebricher  Scharlach  (Imperialscharlach,
Altscharlach,  Echtponceau  B.,  Neurot  L.,
Ponceau  3  RB),  ein  rotbraunes,  in  Wasser  mit
gelbroter  Farbe  lösliches  Pulver,  färbt  Wolle
und  Seide  im  saueren  Bade  rot  und  besteht  aus
dem  Natronsalz  des  Amidoazobenzoldisulfosäureazobetanaphtols.

Bier  ist  ein  durch  alkoholische  Gärung  aus
Malz,  Wasser,  Hopfen  und  Hefe  hergestelltes  Getränk, ­
  welches  sich  noch  in  schwacher  Nachgärung ­
  befindet  und  neben  Alkohol  und  Kohlensäure ­
  einen  nicht  unerheblichen  Gehalt  an  unvergorenen
  Extraktstoffen  aufweist.  Nach  dem
neuen  Brausteuergesetz  vom  15.  Juli  1909  darf
für  untergärige  Biere  nur  aus  Gerste  hergestelltes ­
  Malz  benutzt  werden,  während  für  oBergäriges
  Bier  auch  anderes  Malz  aus  Weizen,
Reis  usw.  sowie  als  Malzsurrogate  Rohrzucker,
Stärkezucker  und  Zuckercouleur  zulässig  sind.
Zur  Herstellung  des  Bieres  wird  geschrotenes
Malz  (s.  d.)  mit  warmem  Wasser  behandelt
(Maischen),  indem  man  es  entweder  nach  dem
in  Deutschland  üblichen  Dekoktionsverfahren
mit  siedendem  Wasser  übergießt  und  die  nach
einiger  Zeit  abgezogene  Lösung  so  oft  zum
Sieden  erhitzt  und  wieder  zusetzt,  bis  die  Temperatur ­
  von  75°  erreicht  ist,  oder  indem  man
nach  der  englischen  Infusionsmethode  die  erforderliche ­
  Menge  Wasser  hinzusetzt  und  die  ganze
Masse  langsam  auf  75 0  erwärmt.  Das  Wasser,
welches  für  die  Güte  des  Bieres  von  größter
Bedeutung  ist,  muß  die  Zusammensetzung  eines
guten  Trinkwassers  haben,  möglichst  bakterienfrei ­
  sein  und  eine  mittlere  Härte  besitzen.  Durch
das  Einmaischen  werden,  die  löslichen  Bestandteile ­
  des  Malzes,  besonders  die  durch  Einwirkung
der  Diastase  gebildeten  Zuckerarten  und  Dextrine ­
  extrahiert.  Die  wäßrige  Lösung  (Würze),
welche  65—82  °/o  der  Malzextraktstoffe  enthält,
wird  nun  von  den  ungelösten  Stoffen  (Trebern)
abgelassen  und  mit  Hopfen  1—1V2,  bei  stärkeren
Bieren  auch  3—4  Stunden  gekocht,  wobei  die

Diastase  abstirbt,  ferner  durch  Abscheidung  trübender ­
  Stoffe  Klärung  eintritt,  und  die  aromatischen ­
  Bestandteile  des  Plopfens  (Hopfenbitter,
Lupulin,  Hopfenöl  und  Harz)  ausgezogen  werden.
Die  letzteren  dienen  zur  Konservierung  und  Erzeugung ­
  des  charakteristischen  Geschmacks.  Die
gehopfte  Würze,  welche  nunmehr  in  wäßriger
Lösung  neben  überwiegenden  Mengen  Maltose
und  Dextrin  noch  geringere  Anteile  von  Rohrzucker ­
  und  Dextrose  sowie  etwas  Gummi,  Eiweiß, ­
  Salz  und  Milchsäure  enthält,  gelangt  nach
schneller  Abkühlung  in  die  Gärbottiche  und  wird
hier  mit  Hefe  versetzt,  welche  den  Zucker  in
Alkohol  und  Kohlensäure  zerlegt.  Je  nach  der
Art  der  zugesetzten  Hefe  unterscheidet  man
obergärige  Biere,  bei  denen  die  Gärung  unter
Aufsteigen  der'Hefe  zwischen  12  und  19 0  schnell
und  stürmisch  verläuft,  und  untergärige  Biere,
die  bei  niederer  Temperatur  und  langsam  entstehen. ­
  Die  ersteren  sind  im  allgemeinen  leichter
und  weniger  haltbar  (Einfachbier,  Weißbier).
Zum  Schluß  überläßt  man  das  B.  noch  einer
langsamen  Nachgärung  auf  Lagerfässern.  Abgesehen ­
  von  der  helleren  oder  dunkleren  Farbe,
welche  bei  untergärigen  Bieren  hauptsächlich
durch  die  Verwendung  stärker  oder  schwächer
gedarrten  Malzes  hervorgerufen  wird,  während
obergärige  B.  auch  mit  Zuckercouleur  gefärbt
werden  dürfen,  unterscheiden  sich  die  einzelnen
Biersorten  in  qualitativer  Hinsicht  gar  nicht.  Sie
alle  enthalten  neben  Wasser,  Alkohol,  Kohlensäure ­
  und  Hopfenstoffen  geringe  unvergorene
Reste  von  Zucker,  Maltose,  Dextrin,  ferner  Eiweißstoffe, ­
  Milchsäure,  Glyzerin  usw.  Um  so
größeren  Schwankungen  unterliegt  dafür  die
quantitative  Zusammensetzung.  Der  Gehalt  an
Kohlensäure  beträgt  0,1—o,2»/o,  der  Alkoholgehalt ­
  1—5%,  der  Eiweißgehalt  0,1—0,75  0/0  usf.
Nachstehende  Analysen  mögen  ein  Urteil  über
die  Beschaffenheit  der  gebräuchlicheren  Biersorten ­
  verschaffen.

Einfach
Alkohol  .  .  1,00—2,00  °/ 0
Extrakt  .  .  2,50—4,00  „
Mineralstoffe  ,  o,io—0,15  „
Milchsäure  .  0,05—0,07  ,,
Maltose  .  .  1,00—1,50  „
Eiweißstoffe  .  0,15—0,20  „
Stammwürze  .  5,00—6,50  „
Vergärungsgrad  35—40

Lagerbier
3.00—  3.50%
4,5°—  8.5°  n
0,15—  0,20  „
0,06  0,12  „
1,00—  1,30  „
0,35—  0,50  „
11,50—13,50  „
54—59

Pilsener
3,20—  3,80  °/ 0
4,5o—  5,50  „
0,15—  0,20  „
0,10—  0,15  „
0,80—  1,00  „
0,35—  0,50  „
11,00—12,00  „
58-62

Alkohol  .  •  .
Extrakt  .  .  .
Mineralstoffe  .
Milchsäure  .  .
Maltose  .  .  .
Eiweißstoffe  .  .
Stammwürze
V  ergärun  gsgrad

Münchner
3.50—  4,00  %
6.50—  7,50  „
0,20—  0,25  „
0,10—  0,15  „
1.50—  2,50  „
0,40—  0,55  „
*3,5°— 1 5&amp;gt;°o  *
5o-53

Kulmbacher
4.50-  5.00  %
7,00—  8,50  „
0,25—  0,28  „
0,15—  0,25  „
1,80—  2,60  „
°,6o—  0,75  „
15.50—  17,00  „
'  55—58

Die  Stammwürze  bietet  ein  Maß  für  die  Menge
des  verarbeiteten  Malzes,  der  Vergärungsgrad
für  den  Gehalt  an  noch  unvergorenen  Bestandteilen ­
  (Zucker).  Neben  den  genannten  Haupttypen ­
  finden  sich  noch  zahlreiche  Spezialitäten
im  Handel,  von  denen  nachstehend  einige  der
wichtigsten  namhaft  gemacht  seien;  Berliner
Weißbier  und  Leipziger  Gose,  obergärige,  aus
Gersten-  und  Weizenmalz  gebraute  Biere,  von
säuerlichem  Geschmack  mit  etwaztyo  Alkohol  und
6°/o  Stammwürze.  Grätzer  Bier,  ein  obergäriges
Bier  aus  schwach  geräuchertem  Weizenmalz  mit
charakteristischem  Rauchgeschmack,  2—2,5  0/0  Al ­
        <pb n="58" />
        Bihul

53

Bindfaden

kohol  und  7—8%  Stammwürze.  Lichtenhainer,
  obergäriges  Bier  mit  2—-2t/a  0/0  Alkohol
und  8—9%  Stammwürze.  Zerbster  Bitterbier
mit  2,5—30/0  Alkohol  und  12—12,5  0/0  .Stammwürze. ­
  Köstritzer  Schwarzbier  mit  3—3,5  °/o
Alkohol  und  12%  Stammwürze.  Mumme,  eine
Braunschweiger  Spezialität  aus  sehr  gehaltreichen,
ungehopften  Malzauszügen,  die  nur  teilweise  vergoren ­
  sind.  Lambic  und  Faro,  belgische  Biere,
stark  sauer  und  bitter  schmeckende  Getränke,
zu  deren  Herstellung  neben  Gerstenmalz  auch
Weizen,  Hafer  und  Buchweizen  benutzt  werden,
und  die  zur  Milderung  des  harten  Geschmacks
Zusätze  von  Sirup  oder  Zucker  erhalten.  Malzextraktbiere, ­
  sehr  extraktreiche,  ganz  schwach
vergorene  Malzauszüge  von  süßem  Geschmack
und  geringem  Alkoholgehalt.  Als  Malzbier
schlechthin  darf  nur  ein  aus  Malz,  Hopfen,  Hefe
und  Wasser  hergestelltes  Bier  bezeichnet  werden.
Wenn  es  aber  unter  Mitverwendung  von  Zucker
bereitet  war,  so  müssen  zur  Herstellung  von  1  hl
Bier  mindestens  15  kg  Malz  verwendet  worden
sein  und  auf  Etiketten.  Plakaten  und  Anweisungen
entsprechende  Hinweise  („mit  Zuckerzusatz“)  angebracht ­
  werden.  Von  den  ziemlich  seltenen
Verfälschungen  des  Bieres  sind  besonders
Zusätze  von  künstlichen  Süßstoffen  (Saccharin),
Salizylsäure  und  anderen  Konservierungsmitteln,
Hopfenersatzmitteln,  Neutralisationsmitteln  (Natriumbikarbonat) ­
  zur  Verdeckung  des  sauren  Ge
Schmacks,  ferner  von  Tropf-  und  Neigenbier
zu  erwähnen.  Sie  können  auf  Grund  der  bestehenden ­
  gesetzlichen  Bestimmungen  unschwer
bekämpft  werden,  ebenso  der  Verkauf  von  saurem, ­
  trübem  und  sonstwie  verdorbenem  Bier.
Her  früher  vielfach  übliche  Zusatz  von  Wasser
zu  fertigem  Weißbier  ist  nach  dem  neuen  Gesetz
verboten.  Die  Produktion  des  Bieres  ist  in
beständigem  Aufschwung  begriffen  und  dürfte
für  die  ganze  Erde  gegen  200  Millionen  hl  betragen, ­
  davon  in  Deutschland  allein  gegen  75
Millionen  hl.  Der  Versand  geschieht  in  Fässern,
neuerdings  auch  in  zunehmendem  Maße  in  Fla-Sc
 hen.  Zum  Verschank  bedient  man  sich  vielfach
üer  flüssigen  Kohlensäure.  In  den  meisten  Staaten ­
  ist  das  Bier  einer  ziemlich  hohen  Steuer
unterworfen,  die  entweder  als  Maischraumsteucr,
w ie  in  Belgien,  oder  als  Malzsteuer  (Deutschland)
erhoben  wird.  Das  alte  deutsche  Brausteuer-Sesetz
  von  1872  setzte  den  Satz  von  4  M.  für
Jeden  Doppelzentner  verbrauchten  Malzes  fest.
t'Uch  dem  neuen  Brausteuergesetz  ist  hingegen
j; u rn  Schutze  der  kleinen  Brauereien  gegenüber
den  Großbetrieben  eine  Staffelung  vorgesehen  in
derWeise,  daß  für  die  ersten  250  dz  14  M.  für  den
T/uppelzentner,  für  die  folgenden  1250  dz  15  M.,
, Ur  die  folgenden  1500  dz  17  M.,  für  weitere
Mgenden  7000  dz  18  M.,  den  Rest  je  20  M.  für
f  dz  erhoben  werden.  Bei  Feststellung  der  Steuer
lst  1  dz  Zucker  gleich  11/2  dz  und  1  dz  Weizenmalz
  gleich  4 /s  dz  Gerstenmalz  zu  rechnen.
Bihul,  der  Bast  einer  indischen  Liliazee,
re wia  oppositifolia,  wird  wie  Lindenbast
Ver vvandt.
Biliner  Sauerbrunnen  enthält  nach  der  Ana-Vse
  von  W.  Gintl  in  1  kg  9,1319  g  gelöste  Salze
st  I  *'6408  g  freie  Kohlensäure.  Die  Salze  be-Läv
  aas  3,7178  g  Natriumbikarbonat,  0,0225  g
uhiumbikarbonat,  0,4085  g  Kalziumbikarbonat,

0,1995  g  Magnesiumbikarbonat,  0,0031  g  Ferribikarbonat,
  0,0001  g  Manganoxydul,  0,3984  g  Natriumchlorid, ­
  0,2419  g  Kaliumsulfat,  0,6668  g  Natriumsulfat, ­
  0,0007  g  Aluminiumphosphat,  0,0623  g
Kieselsäure.
Bilsenkraut  (Totenblumenkraut,  Teufelsauge, ­
  Gichtkraut,  lat.  Herba  hyoscyami,  frz.
Feuilles  de  jusquiame  noire,  engl.  Hyoscyamus
leaves)  besteht  aus  den  von  zweijährigen  Pflanzen
zu  Anfang  der  Blütezeit  gesammelten  und  getrockneten ­
  Blättern  von  Hyoscyamus  niger,
einer  in  ganz  Mitteleuropa  wildwachsenden  und
in  der  Gegend  von  Gernrode,  Quedlinburg  und
Ballenstedt  für  medizinische  Zwecke  auch  angebauten
  Giftpflanze.  Die  großen,  schlaffen,  weichen, ­
  zottigen  Blätter  von  graugrüner  Farbe
sind  buchtig  gezähnt  und  besitzen  einen  widerlich ­
  betäubenden  .  Geruch  und  scharfen,  bitteren
Geschmack.  Sie  müssen  alle  Jahre  erneuert  werden ­
  und  sind  an  dunkeln  und  trockenen  Orten
aufzubewahren.  Als  wirksamen  Bestandteil  enthalten ­
  sie  das  giftige  Alkaloid  Hyoszyamin
und  werden  in  Apotheken  zur  Herstellung  von
Bilsenkrautextrakt  (lat.Ejctractum  hyoscyami,
frz.  Extrait  de  jusquiame,  engl.  Extract  of  Hyoscyamum)
  verwandt,  das  an  das  Publikum  ohne  Rezept ­
  nicht  abgegeben  werden  darf.  —  Bilsenkrautöl ­
  (lat.  Oleum  hyoscyami  coctum,  frz.
Huile  de  jusquiame,  engl.  Heubane-o:l)  wird  hergestellt ­
  durch  Digerieren  von  mit  Weingeist  angefeuchteten ­
  Bilsenkrautblättern  in  Olivenöl  und
nachfolgende  Pressung  und  Filtrierung.  Es  stellt
ein  dunkelgrünes  Öl  dar  und  wird  medizinisch
als  Einreibungsmittel  verwandt.  —  Auch  die  nierenförmigen ­
  Samen  der  Pflanze  (Bilsensamen,  lat.
Semen  hyoscyami,  frz.  Semence  de  jusquiame,
engl.  Pleubane  seeds),  welche  eine  graubräunliche, ­
  netzförmig  gezeichnete  Oberfläche  besitzen,
kommen  im  Drogenhandel  vor.
Bimsstein  (lat.  Lapis  pumicis,  frz.  Pierre-ponce,
engl.  Pumice-stone)  nennt  man  ein  äußerst  poröses ­
  und  daher  leichtes  vulkanisches  Gestein,
das  durch  Erstarrung  von  geschmolzenem,  durch
Dämpfe  und  Gase  schaumig  aufgetriebenem  Obsi-:
dian  entstanden  ist  und  gewöhnlich  weiß  oder
graue  Farbe  besitzt.  Das  Vorkommen  von  B.  ist
an  die  Vulkane  gebunden,  wo  er  sich  teils  in
Form  loser  Auswürflinge,  teils  in  Verbindung
mit  Obsidian-  und  Perlitströmen  findet.  Der
meiste  kommt  von  den  Inseln  Lipari  in  Italien
und  Santorin  in  Griechenland.  Der  B.  wird  teils
in  ganzen  Stücken,  teils  als  Pulver  zum  Schleifen ­
  und  Polieren  oenutzt,  Bimssteinpulver  ferner
zur  Bereitung  der  Bimssteinseife  für  Arbeiter.
Sogenannter  künstlicher  B.  ist  ein  mit  Bindemittel ­
  in  Platten  gepreßtes  Bimssteinpulver.
Binden  zu  Verbandzwecken  werden  aus  verschiedenen ­
  Stoffen,  z.  B.  Kambrik,  Flanell,  Trikotschlauch, ­
  Verbandmull,  Gaze,  Leinen,  Seide,
Gummi  hergestellt  und  kommen  in  verschiedenen
Breiten  und  Längen  fertig  geschnitten  in  den
Handel.
Bindfaden  (Spagat,  lat.  Filamentum,  frz.  Ficelle,
  engl.  String,  Pack  thread),  wird  jetzt  nur
noch  selten  durch  Handarbeit,  sondern  immer
mehr  durch  Maschinenarbeit  hergestellt,  und
zwar  benutzt  man  hierzu  hauptsächlich  Hanf  und
Flachs,  neuerdings  auch  Jute,  in  sehr  verschiedenen ­
  Stärken.  Je  nach  der  Zahl  der  Fäden
        <pb n="59" />
        I
•8/
in
2,8
kai
bo:
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Jo,
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2  Ul
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oh
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ge

—.

mit  Wasser  erhaltene  hellgelbe,  sauer  reagierende
Flüssigkeit  gibt  mit  verdünnter  Eisenchloridlösung
  eine  grüne  Färbung,  zum  Unterschiede
von  der  mit  Wacholderteer  erhaltenen  Lösung,
welche  hierbei  rot  wird.  B.  wird  äußerlich  bei
Hautkrankheiten  und  in  der  Volksmedizin  angewandt. ­
  Der  rektifizierte  B.  (lat.  Oleum  betulinum
  rectificatum,  frz.  Essence  de  goudron  de
Bouleau,  engl.  Oil  of  Birch  Tar),  welcher  die
mit  Wasserdampf  flüchtigen  Bestandteile  enthält,
ist  hellgelb  und  wird  gleichfalls  gegen  Hautkrankheiten, ­
  ferner  als  Einreibung  gegen  Gicht
und  Rheumatismus  und  als  Tierheilraittel  angewandt. ­

Birkenwasser  (Birkenwein,  Birkenmet)  ist
ein  schwach  alkoholisches,  kohlensäurehaltiges
Getränk,  das  namentlich  in  Schweden,  Norwegen,
Kurland  und  Livland  durch  Anzapfen  der  Stämme ­
  im  Frühjahr  und  nachfolgende  Flaschengärung ­
  des  mit  etwas  Zucker  versetzten  Saftes
gewonnen  wird.  —  B.  wird  auch  als  Zusatz  zu
Haarwässern  vielfach  verwendet,  um  den  Haarwuchs ­
  durch  Waschungen  damit  zu  befördern.
Birnbaumholz.  (lat.  Lignum  piri,  frz..Bois  de
poirier,  engl.  Bear  wood),  das  Holz  der  verschiedenen ­
  Abarten  des  Birnbaums,  Pirus
communis,  ist  fein,  sehr  dicht  und  mäßig
hart,  mit  kleinen,  nicht  auffallenden  Spiegeln
und  wenig  hervortretenden  Jahresringen,  die  etwas ­
  wellig  verlaufen.  Das  Mark  erscheint  auf
dem  Querschnitt  rund  und  weiß  und  hat  i—2  mm
im  Durchmesser.  Das  Kernholz  ist  gleichmäßig
bräunlichrot,  zuweilen  etwas  geflammt.  Wegen
seiner  gleichförmigen  Textur  läßt  es  sich  leicht
und  nach  allen  Richtungen  hin,  ohne  auszubröckeln, ­
  schneiden  und  wird  daher  gern  zu
Bildhauerarbeiten  und  Formen  für  den  Zeugund
  Tapetendruck  sowie  von  Tischlern  und
Drechslern  verarbeitet.  Es  schwindet  nur  wenig,
läßt  sich  gut  beizen  und  wird  aus  diesem  Gründe
auch  zur  Nachahmung  von  Ebenholz  viel  benutzt.
Das  Holz  des  wilden  Birnbaums  ist  noch  fester
und  dauerhafter  als  das  des  kultivierten.  Beide
sind  leider  dem  Wurmfraß  sehr  unterworfen.
Birnen  (frz.  Poires,  engl.  Pears).  Die  zum  Kernobst ­
  gehörigen  Früchte  des  Birnbaums,  Pirus
communis,  kommen  teils  frisch,  teils  getrocknet
und  eingemacht  in  den  Handel.  Im  frischen
Zustande  besitzen  sie  im  allgemeinen  eine  geringere ­
  Haltbarkeit  als  die  ihnen  nahe  verwandten ­
  Äpfel  und  werden  daher  auch  nicht
so  weit  verschickt.  —  Man  zählt  über  700  Sorten
und  ordnet  sie  gewöhnlich  in  Sommerbirnen,
Herbstbirnen  und  Winterbirnen  oder  auch
nach  der  Verwendung  in  Mostbirnen,  Kochbirnen, ­
  Tafelbirnen.  Durch  den  geringen
Gehalt  an  Säure  und  den  meist  höheren  Zuckergehalt ­
  unterscheiden  sie  sich  von  den  Äpfeln.
Besonders  beliebte  und  bekanntere  Sorten  sind;
Rettichbirne,  Petersbirne,  Butterbirne  und
Muskatbirne,  von  denen  es  wieder  verschiedene ­
  Spielarten  gibt.  Über  Aufbewahrung,  Versendung, ­
  Trocknen  usw.  siehe  unter  Obst.  Man
verwendet  B.  ferner  als  Zusatz  bei  der  Bereitung
von  Apfelwein  und  von  Obstkraut  (s.  d.).
Birnenäther,  einer  der  gangbarsten  Fruchtäther, ­
  besteht  aus  einer  alkoholischen  Lösung
von  Essigsäureamylester,  der  auch  unter  dem
Namen  Birnenöl  verkauft  wird.

Bindrotting

Birnenäther

unterscheidet  man  zwei-,  drei-  oder  vicrdrähtigen
B.,  nach  der  Farbe  grauen  oder  rohen,  weißen
gebleichten,  einfarbigen  und  zweifarbigen  (z.  B.
grün  und  weiß,  rot  und  weiß).  Die  Knäuel
haben  in  der  Regel  100  oder  200  g  an  Gewicht.
Die  stärksten  Sorten  heißen  Kordel.  Bezüglich
des  im  Kriege  aus  Papier  hergestellten  B.  vgl.
Papiergarn.
Bindrotting  heißt  im  holländischen  Handel
das  weibliche  sogenannte  spanische  Rohr,  das
in  t,8—2,4  m  langen,  einmal  gebogenen  Bündeln
von  too  Stück  in  den  Handel  kommt.  Das
männliche  heißt  Handrotting.  —  Vgl.  Spanischrohr. ­

Biomalz,  ein  mit  großer  Reklame  in  den  Handel ­
  gebrachtes  Nährpräparat  unterscheidet  sich
von  gewöhnlichem  -Malzextrakt,  abgesehen  von
einem  geringen  Zusatze  von  Phosphaten,  lediglich ­
  durch  den  höheren  Wassergehalt  und  enthält ­

  nach  Pendler;
Trockensubstanz  .  .  69,83  °/ 0
Zucker  als  Maltose  .  50,94  „
Stickstoffsubstanz  ,  .  4,54  n
Asche  1,50  „
Phosphorsäure  .  .  .  0,77  „

Kein  Glyzerin  und  Saccharin.

Bidson,  ein  ebenfalls  mit  großer  Reklame  angepriesenes ­
  „Nähr-  und  Kräftigungsmittel“,  ist
nichts  als  ein  Gemisch  von  etwa  30  °/o  Kakao
mit  70  °/o  eines  aufgeschlossenen  Eiweißpräparates, ­
  wahrscheinlich  Kasein.  .  Bei  dem  Preise
von  4,80  M.  für  i  kg  stellt  sich  die  Nährwerteinheit ­
  sehr  hoch,  noch  teurer  als  in  Tropon.
Biozithin,  ein  im  wesentlichen  aus  Magermilchpulver ­
  und  Lezithin  bestehendes  Nährmittel
von  nachstehender  .  Zusammensetzung:  Wasser
7.73  °/o,  Fett  4,740/0,  Stickstoffsubstanz  39,24%,
Asche  7,23  0/0,  Gesamtphosphorsäure  2,27  %,
Lezithinphosphorsäure  0,81  %  (Lezithin  8,8s  %),
Milchzucker  33,890/0.  100  g  kosten  3,20  M.
Birkenholz  (lat.  Lignum  betulae,  frz.  Bois  de
bouleau,  engl.  Birch-wood),  das  Holz  verschiedener ­
  Birkenarten,  besonders  der  gewöhnlichen
Weißbirke  (Betula  alba),  zeichnet  sich  durch
geringe  Härte,  Leichtigkeit  und  Zähigkeit  aus,
trocknet  aber  schwer  aus,  quillt  leicht  auf,  fault
im  Freien  und  unterliegt  dem  Wurmfraß.  Das
im  jungen  Zustande  weiße,  im  älteren  rötliche
Holz,  dessen  sehr  feine  Spiegel  kaum  zu  erkennen ­
  sind,  wird  als  Werkholz,  zu  Wagenteilen
und  Stühlen  und  als  sehr  gutes  Brennholz  benutzt. ­
  Die  Zuckerbirke  (B.  lenta)  liefert  ein
schön  rosenrotes,  in  Nordamerika  verarbeitetes
Nutzholz.  Birkenrinde  von  der  Weißbirke  wird
zum  Gerben  angewandt.
Birkenteer  (Birkenöl,  Litauer  Balsam,  Dagget.
  Doggert,  Dziegiec,  lat.  Oleum  betulinum,
  Oleum  rusci,  frz.  Huile  de  bouleau,  Huile
russe,  engl.  Birch-oil),  eine  braunschwarze,  ziemlich ­
  dickflüssige  Masse  von  eigentümlichem  Gerüche. ­
  wird  in  Rußland  in  großer  Menge  durch
trockene  Destillation  der  Birkenrinde  bereitet
und  bei  der  Herstellung  des  Juchtenleders  angewandt, ­
  welches  hierdurch  seinen  aromatischen
Geruch  erhält.  Sie  enthält  als  wirksame  Bestandteile ­
  eine  Reihe  von  Phenolen  wie  Guajakol,
  Kreosol,  Kresol  und  löst  sich  vollständig
in  Äther,  Chloroform,  Benzol  und  Terpentinöl,
hingegen  nur  teilweise  in  Benzin,  Kalilauge,  Alkohol, ­
  Eisessig  und  Anilin.  Die  beim  Schütteln
        <pb n="60" />
        Birresborner  Quelle

55

Bittersüß

Birresborner  Quelle.  Nach  der  im  Jahre
1875  von  R.  Fresenius  ausgeführten  Analyse  sind
in  1000  g  enthalten:  0,2729  g  Kalziumbikarbonat,
2,8517  g  Natriumbikarbonat,  0,0033  g  Lithiumbikarbonat, ­
  0,0002  g  Barium-  und  Strontiumbikarbonat, ­
  1,0929  g  Magnesiumbikarbonat,  0,0351g
Eisenbikarbonat,  0,0007  g  Manganbikarbonat,
0,3576g  Chlornatrium,  0,0004g  Bromnatrium,  Spur
Jodnatrium,  Spur  Aluminiumphosphat,  0,0002  g
Natriumphosphat,  Spur  borsaures  und  salpetersaures ­
  Natrium,  0,0245  g  Kieselsäure  und  2,3339  g
freie  Kohlensäure.
Bischofessenz  (lat.  Tinctura  Episcopalis),  eine
zur  Bereitung  des  Bischofgetränks  dienende
Flüssigkeit,  welche  aus  einem  alkoholischen  Auszug ­
  frischer  grüner  Pomeranzenschalen  mit  oder
ohne  Zusatz  anderer  Gewürze  ^(Nelken,  Zimt)  besteht ­
  und  nur  mit  Rotwein  und  etwas  Zucker
gemischt  zu  werden  braucht.  Die  B.  wird  gewöhnlich ­
  von  den  Fabriken  ätherischer  Öle  mit
geliefert.
Biskuit  (Biscuit,  Bisquit)  ist  ein  feineres
Gebäck  aus  kleiefreiem  Mehl,  Fett,  Zucker,  Eiern
und  Gewürzen,  welches  durch  Backen  eines  sehr
wasserarmen  und  unvollständig  aufgegangenen
Teiges  hergestellt  wird.  Nach  englischem  Vorbilde ­
  werden  die  ß.  meist  unter  dem  Namen
Kakes,  jetzt  Keks,  in  den  Handel  gebracht,
Während  die  neuerdings  vorgeschlagenen  unschönen ­
  Verdeutschungen:  Knusperchen,  Röstb
  a  ck  usw.  nur  geringen  Anklang  gefunden  haben.
Die  große  Haltbarkeit  dieser  Erzeugnisse  beruht
■auf  dem  geringen  Wassergehalt  von  7—8  °/o.
Bismarckbraun  (Vesuvin,  Phenylenbraun,
Leder-,  Manchester-,  Anilin-,  Zimtbraun,
Canelle),  einAzo-(Amidoazo-)Farbstoff  fürWolle
und  Baumwolle,  wird  aus  Dinitrobenzol  durch
Einwirkung  reduzierender  Substanzen,  z.  ß.  Zink
u nd  Salzsäure,  oder  durch  Einwirkung  von  salpetriger ­
  Säure  auf  Metaphenylendiamin  dargestellt. ­
  Es  ist  ein  braunes,  in  Wasser  lösliches
Pulver,  das  Wolle,  Jute,  Leder  und  Seide  direkt,
Baumwolle  nach  dem  Beizen  mit  Tannin  färbt.
Bismon,  ein  Heilmittel  für  Darmkrankheiten,
das  als  kolloidales  Wismuthydroxyd  anzusprechen ­
  ist.  Ähnlich  wirkende  Mittel  sind:  Bismu-*an
  (Isutan),  ein  Gemisch  von  gerbsaurem
Wismut  mit  Resorzin,  Bismutose,  ein  Wismute
 'Weißpräparat.
.Bister  (Rußbraun,  frz.  Bistreux,  engl.  Bistre),
ottie  braune  Farbe,  besteht  aus  gereinigtem  und
Präpariertem  Glanzruß.  Mineralischer  B.  ist
^anganoxydhydrat.
Bitterklee  (Fieberklee,  Sumpfklee,  lat.
Folia  trifolii  fibrini,  frz.  Feuilles  de  Menyanthe,
*  euilles  de  tröfle  d’eau,  engl.  Buckbean),  die
getrockneten,  langstieligen,  dreiteiligen  Blätter
von  Menyanthes  trifoliata,  einer  bekannten,
■ 2u  den  Gentianeen  gehörigen  Wasserpflanze,
Enthalten  einen  Bitterstoff,  das  Menyanthin,
und  werden  teils  als  Arzneimittel,  teils  bei  der
Bereitung  bitterer  Liköre  verwandt.
Bittermandelöl  (lat.Oleum  amygdalarum  amara
 rum  aethereum,  frz.Essence  d’amandes  ameres,
■?Pgl.  Oil  of  almonds),  das  ätherische  Öl  der
unteren  Mandeln,  in  welchen  es  jedoch  nicht  in
reiem  Zustande,  sondern  in  Form  des  Glykosides
Amygdalin  (s.  d.)  an  Zucker  und  Blausäure
Sekunden  ,  enthalten  ist.  Bei  Gegenwart  von

Wasser  zerfällt  das  letztere  unter  Einwirkung
des  gleichzeitig  in  den  Mandeln  enthaltenen
Fermentes  Emulsin  in  seine  Bestandteile.  Zur
Gewinnung  des  B.  werden  die  zerkleinerten
Mandeln  (oder  Pfirsichkerne)  zunächst  durch
Pressen  vom  fetten  Öl  befreit,  dann,  mit
Wasser  angerührt  und  nach  einiger  Zeit  der
Destillation  im  Wasserdampfstrome  unterworfen.
Das  wäßrige  Destillat,  welches  Spuren  von  B.
und  Blausäure  enthält,  findet  als  Bittermandelwasser ­
  (s.  unter  Aqua  amygdalarum  amararum)
Anwendung,  während  das  zu  Boden  gesunkene
schwere  Öl  rektifiziert  wird.  Auf  künstlichem
Wege  stellt  man  das  B.,  in  chemischer  Hinsicht
Benzaldehyd,  C 6 H 5 .CPIO,  durch  Behandlung
von  Benzoylchlorid  mit  Bleinitrat  im  großen
technisch  dar.  Es  erscheint  als  eine  anfangs
farblose,  später  gelbliche,  stark  lichtbrechende
Flüssigkeit,  ist  schwerer  als  Wasser  (spez.  Gew.
1,050),  siedet  bei  179 0  und  löst  sich  leicht  in
Alkohol,  wenig  in  Wasser.  Da  B.  aus  der  Luft
begierig  Sauerstoff  qnzieht,  muß  es  in  gut  verschlossenen, ­
  gefüllten  Flaschen  und  vor  Licht
geschützt  aufbewahrt  werden.  Es  findet  ausgedehnte ­
  Anwendung  in  der  Medizin,  ferner
zum  Parfümieren  von  Seifen,  kosmetischen  Präparaten, ­
  Likören  und  anderen  Genußmitteln.
Für  letzteren  Zweck  darf  nur  ein  Öl  benutzt
werden,  welchem  die  giftige  Blausäure  durch
entsprechende  Behandlung  (mit  Eisensulfat  und
Kalkwasser)  entzogen  worden  ist.  Als  künstliches ­
  Bittermandelöl  wird  bisweilen  fälschlicherweise ­
  das  Nitrobenzol  (s.  Mirbanöl)  bezeichnet. ­

Bittersalz  (Schwefelsäure  Magnesia,  Magnesiumsulfat, ­
  Engllschsalz,  Epsomersalz,
lat.  Magnesium  sulfuricura,  frz.  Sei  amer,  Sulfate
de  magnesie,  engl.  Bitter  salt),  kristallisiertes
Magnesiumsulfat,  MgS0 4 ,  findet  sich  in  der  Natur ­
  mit  7  Molekülen  (51%  Kristallwasser  als  Epsomit
  in  Spanien,  Sibirien  usw.  und  mit  1  Molekül
Kristallwasser  (13%)  als  Kieserit  in  dem  Staßfurter
  Abraumsalzlager.  Früher  stellte  man  das
B.  durch  Verdampfen  der  natürlichen  Bitterwässer
bis  zur  Kristallisation  dar,  jetzt  erhalten  die
Mineral-  und  Sodawasserfabriken  das  Salz  bei
Entwicklung  der  Kohlensäure  aus  Magnesit  und
Schwefelsäure  als  Nebenprodukt.  Die  Hauptmenge ­
  wird  aber  aus  Kieserit  gewonnen.  Das
B.  erscheint  in  kleinen  nadelförmigen,  durchsichtigen, ­
  in  Masse  weißen  Kristallen  von  bitterlichem ­
  Geschmack,  welche  in  Wasser  leicht  löslich ­
  sind,  und  wird  in  der  Medizin  als  Abführmittel, ­
  ferner  zur  Bereitung  anderer  Magnesiasalze, ­
  zum  Beschweren  baumwollener  Gewebe  usf.
benutzt.
Bittersüß  (Alpranke,  Hirschkraut,  lat.  Stipites
  Dulcamarae,  frz.  Douce-amöre,  engl.  Bitter
sweet).  Von  dieser,  an  den  Flußufern  Mitteleuropas ­
  häufig  vorkommenden  kleinen  strauchartigen ­
  Pflanze,  Solanum  Dulcamara,  werden ­
  die  langen,  federkieldicken,  -eckigen  und
runzligen  Stengel  im  Frühjahre  oder  Herbste  gesammelt ­
  und  getrocknet  in  den  Drogenhandel
gebracht.  Die  Stengel  haben  im  frischen  Zustande ­
  einen  angenehmen,  narkotischen  Geruch,
der  aber  beim  Trocknen  verschwindet,  und  einen
erst  bitteren,  dann  süßen  und  kratzenden  Geschmack. ­
  Als  charakteristische  Bestandteile  fin ­
        <pb n="61" />
        Bitterwässer

Blei

56

den  sich  zwei  Alkaloide,  das  Dulkamarin  und
das  Solanin.  B.  wird  in  der  Medizin  als  Aufguß ­
  innerlich  gegen  Katarrhe,  Asthma,  bei  Rheumatismus ­
  usw.  angewandt.  Verwechslungen  mit
den  Stengeln  von  Clematis  vitalba  sollen  zuweilen
vorgekommen  sein,  jedoch  sind  diese  nicht  runzlig, ­
  sondern  glatt,  holzig  und  sehr  zähe.
Bitterwässer  nennt  man  diejenigen  Mineralwässer, ­
  welche  durch  einen  verhältnismäßig  hohen
Gehalt  von  Magnesiumsulfat  ausgezeichnet  sind,
z.  B.  Friedrichshaller,  Hunyadi  Janos  B.
Blattmetalle  (Folien,  frz.  Mötaux  en  feuilles.
engl.  Leaf-metals)  nennt  man  Metalle  und  Metallegierungen, ­
  die  durch  Walzen,  zum  Teil  auch
durch  nachfolgendes  Schlagen  in  die  Form  sehr
dünner  Bleche  oder  Blätter  gebracht  worden
sind.  Am  meisten  wird  Gold  und  Silber  in  diese
Blattform  gebracht  und  die  Erzeugung  von  echtem ­
  Blattgold  und  Blattsilber  mit  dem  Namen ­
  Goldschlägerei,  dieselbe  Arbeit  auf  unedle ­
  Metalle  ausgedehnt  mit  Metallschlägerei
bezeichnet.  Nächst  dem  Golde  wird  wohl  Zinn
am  meisten  in  Blattform  übergeführt  (vgl.  Stanniol), ­
  dann  Blei,  Kupfer,  Aluminium  und  verschiedene ­
  Legierungen  (unechtes  Blattgold
und  unechtes  Blattsilber).  Das  echte  Blattgold ­
  dient  hauptsächlich  zum  Vergolden  der
Spiegel-  und  Bilderrahmen  sowie  zum  Goldschnitt ­
  und  zum  Bedrucken  der  Büchereinbände.
Die  bei  Herstellung  des  echten  Blattgoldes  entstehenden ­
  Abfälle,  Schawine  oder  Schabine,
bilden  zerrieben  die  echte  Goldbronze.
Blaudsche  Pillen  (lat.  Pilulae  ferri  Blaudii),
0,25  g  schwere,  bisweilen  mit  Silber,  Zucker  oder
Schokolade  überzogene  Pillen  aus  Kaliumkarbonat,
  Ferrosulfat,  etwas  Zucker,  Gummi  und
Glyzerin  mit  0,3  g  Eisen.
Blauholz  (Kampescheholz,  Blutholz,  lat.
Lignum  campechianum,  frz.  Bois  de  campeche,
engl.  Log-wood),  das  wichtigste  aller  Farbhölzer,
stammt  von  Haematoxylon  campechianum,
einem  großen,  zur  Familie  der  Zäsalpineen
gehörigen,  in  Zentralamerika  und  dem  nördlichen ­
  Teile  von  Südamerika  heimischen  Baume,
der  später  auch  in  den  niederländischen  Kolonien ­
  Ostindiens  angebaut  worden  ist.  Die  vom
weißlichen  Splinte  befreiten  großen  Blöcke  haben ­
  außen  eine  dunkelblutrote  bis  braunrote
Farbe,  die  innen'heller,  rötlichbraun  bis  gelblichbraun ­
  erscheint,  an  der  Luft  aber  nachdunkelt.
Das  Holz  ist  hart  und  dicht,  läßt  sich  schwer
spalten,  und  besitzt  einen  schwachen,  entfernt
veilchenähnlichen  Geruch  und  zusammenziehenden ­
  Geschmack.  Man  unterscheidet  das  eigentliche ­
  Kampescheholz  oder  Laguna-Kampesche,
  Jamaikablauholz  und  das  Domingoblauholz, ­
  und  von  letzterem  wieder  mehrere  Sorten, ­
  nämlich  Monte-Cristo-Blauholz,  Fort
Libertö  und  Aux  Cayes.  Martinique-  und
Guadeloupe-B.  sind  nur  geringwertige  Sorten.
Der  das  Färbevermögen  bedingende  Stoff,  das
Hämatoxylin,  bildet  im  reinsten  Zustande  fast
farblose  Kristalle,  die  aber  an  der  Luft  bald
rötlich  werden  und  schließlich  in  den  eigentlichen ­
  Farbstoff,  das  Hämatein,  übergehen.
Weil  dieser  Farbstoff  in  dem  frisch  geraspelten
B.  nur  in  geringer  Menge  entwickelt  ist,  läßt
man  an  der  Luft  fermentieren,  wodurch  es  die
gewünschte  Farbe  erst  erhält  und  einen  eigentümlichen ­

  metallischen  gelblichgrünen  Glanz  annimmt. ­
  In  unfermentiertem  Zustande  findet  B.
bisweilen  medizinische  Verwendung.  Hauptsächlich ­
  wird  es  aber  zur  Herstellung  feiner  Tischlerarbeiten ­
  sowie  in  der  Färberei  und  Tintenfabrikation ­
  benutzt.  Für  letztere  Zwecke  bedient  man
sich  meist  des  Blauholzextrakfes  (lat.  Extractum
  ligni  campechiani,  frz.  Extrait  de  bois  de
campeche,  engl.  Extract  of  Log-wood),  welches
sowohl  in  fester  als  auch  in  flüssiger  Form  (s.
Farbholzextrakt)  einen  wichtigen  Handelsartikel
bildet.  Besonders  geschätzt  sind  die  Sanford-  und
französischen  Sorten.  Das  feste  Extrakt  wird  in
Kisten  von  20—100  kg  aus  Neuyork  eingeführt,,
doch  sind  auch  in  Deutschland  und  Frankreich
Fabriken  entstanden.
Blaupulver,  ein  unreines  Ferrizyankalium,
kommt  als  bläulichgrünes  Pulver  in  den  Handel
und  wird'  zum  Färben  benutzt.  Vgl.  ßlutlaugensalz.

Blausäure  (Zyanwasserstoffsäure,  lat.  Acidum ­
  hydrocyanicum,  Acid.  borussicum,  frz.  Acide
prussique,  engl.  Prussic  acid,  Zootic  acid),  HCN,
wird  in  wäßriger  Lösung  durch  Destillation  von
Zyankalium  oder  Ferrozyankalium  mit  verdünnter ­
  Schwefelsäure  dargestellt.  Wasserfreie  B.
erhält  man  durch  Zersetzen  von  Zyanquecksilber
mit  konz.  Salzsäure  als  eine  farblose,  bei  26°
siedende  Flüssigkeit.  Sie  ist  das  stärkste  aller
bekannten  Gifte,  zersetzt  sjch  aber  leicht  und
kommt  im  Handel  nicht  vor.
Blei  (lat.  Plumbum,  frz.  Plomb,  engl.  Lead).
Dieses  seit  den  ältesten  Zeiten  bekannte  Metall
findet  sich  in  gediegenem  Zustande  nur  sehr
selten  in  der  Natur.  Für  die  technische  Gewinnung ­
  kommen  lediglich  Verbindungen  des
Bleies,  sog.  Bleierze  (frz.  Minerais  de  Plomb,
engl.  Lead  ores)  in  Betracht,  welche  für  sich
einen  Gegenstand  des  Großhandels  bilden  und
als  Ballast  mit  den  Schiffen  befördert  werden.
Das  wichtigste  Bleierz  ist  der  Bleiglanz  oder
Galenit,  der  in  chemischer  Hinsicht  aus  Schwefelblei ­
  (Bleisulfid),  PbS,  mit  86,60/0  Blei
besteht,  oft  aber  auch  bis  zu  0,1  0/0  Silber  und
Spuren  Gold  enthält.  Er  findet  sich  in  Form
harter  und  spröder  Knollen  oder  Einsprengungen
von  ausgezeichneter  hexaedrischer  Spaltbarkeit,
bläulichgrauer  Farbe  und  starkem  Melallglanz
und  wird  als  Glasurerz,  von  seiner  Verwendung
zum  Glasieren  gewöhnlicher  Töpferwaren,  im
Handel  geführt.  Die  bekanntesten  Lager  sind
im  Erzgebirge,  Oberharz,  Oberschlesien  (Tarnowitz),
  Schwarzwald,  Böhmen  (Przibram),  Kärnten
(Bleiberg  und  Raibel),  Spanien  und  England.
Das  nächstwichtige  Bleierz,  das  Weißbleierz
oder  Zerussit,  seiner  Zusammensetzung  nach
kohlensaures  Blei  (Bleikarbonat),  PbCO s ,
mit  77,5  %  Blei  findet  sich  in  Form  nadelförmiger
Kristalle  oder  derber,  körniger  und  dichter,  zuweilen ­
  auch  erdiger  (Bleierde)  Massen  von
weißer  oder  grauer  Farbe  neben  dem  Bleiglanr.
In  Kolorado  bildet  es  mächtige  Lager  eines
weißen,  stark  silberhaltigen  Sandes.  Anglesit
(Bleisulfat)  und  Pyromorphit  (Bleiphosphat) ­
  haben  nur  untergeordnete  Bedeutung.  Die
Gewinnung  des  B.  erfolgt  am  leichtesten  aus’
dem  Weißbleierz,  das  einfach  mit  Kohlenklein
gemengt  geglüht  wird,  wobei  das  metallische
B.  abfließt.  Die  zur  Verarbeitung  von  Bleiglanz
        <pb n="62" />
        Bleichlorid

57

Bleiglätte

benutzten  Methoden  beruhen  teils  darauf,  daß
man  den  Schwefel  durch  Schmelzen  mit  Eisen
abscheidet  (Niederschlagsarbeit),  teils  darauf,
daß  man  an  der  Luft  röstet  und  das  Röstgut
  dann  mit  Kohle  reduziert.  In  allen  Fällen
erhält  man  zunächst  ein  noch  unreines,  kleine
Mengen  fremde  Metalle  enthaltendes  B.,  welches
man  Werkblei,  und,  wenn  es  antimonhaltig
ist,  Hartblei  oder  Abstrichblei  nennt.  Man
benutzt  es  in  Schriftgießereien  und,  wenn  es
arsenhaltig  ist,  zur  Schrotfabrikation.  Das  von
fremden  Metallen  befreite,  reine  B.  wird  raffiniertes ­
  Blei  genannt.  Das  bei  den  Hüttenprozessen ­
  zuerst  abfließende  B.  ist  reiner  als  das
später  erhaltene  und  wird  Jungfernblei  genannt. ­
  Es  kann  in  der  Regel  schon  als  Handelsware ­
  (Kaufblei)  gelten,  wenn  es  nicht  etwa
zuvor  noch  entsilbert  werden  muß.  —  Das  B.
ist  ein  weiches,  bläulichweiß  glänzendes  Metall ­
  vom  Atomgewicht  206,9  und  vom  spez.  Gew.
11,360.  Es  verliert  seinen  Glanz  an  der  Luft
bald  und  bedeckt  sich  mit  einer  dünnen  grauen
Schicht  von  Bleisuboxyd.  Der  Schmelzpunkt
liegt  bei  326°  C.  Bei  heller  Rotglühhitze  beginnt
das  geschmolzene  B.  zu  verdampfen,  und  in  der
Weißglühhitze  verdampft  es  unter  lebhaftem
Sieden  vollständig.  Infolge  dieser  Flüchtigkeit
gehen  in  den  Hüttenwerken  6—7  °/o  der  gesamten ­
  Bleiraenge  als  sogenannter  Bl  ei  rauch
verloren,  wenn  nicht  für  eine  entsprechende
Verdichtung  gesorgt  wird.  Beim  Schmelzen  an
der  Luft  geht  das  B.  infolge  von  Sauerstoffauf-Pahme
  vollständig  in  Bleioxyd  über.  Das  metallische ­
  Blei  kann  auch  kristallinisch  erhalten
Werden  und  gelangt  meist  in  Form  von  Blöcken,
auch  Mulden  genannt,  und  Tafeln  in  den  Handel.
Die  Verwendung  des  B.  ist  sehr  vielseitig.  Man
benutzt  es  zur  Herstellung  von  Gußwaren,  Platten ­
  (für  die  Bleikammern  der  Schwefelsäurefabriken), ­
  Röhren,  verschiedenen  Legierungen
(Letternmetall,  Bleilot),  Draht  (Bleidraht)  und
Bereitung  von  Bleipräparaten  und  bleihaltigen
Darben.  Die  Weltproduktion  betrug  im  Jahre  1913
1190000  t,  davon  entfielen  auf  die  Vereinigten
Staaten  408000  t,  auf  Spanien  203000  t,  auf
Deutschland  181000  t.  Der  Verbrauch  Deutschlands ­
  belief  sich  auf  223500  t.
ßleichlorid,  PbCl 2 ,  (Chlorblei,  lat.  Plumbum
chloratum,  frz.  Chlorure  de  plomb,  engl.  Chlore ­
  of  lead)  findet  sich  in  der  Natur  als  das
Mineral  Hornbleierz  und  wird  technisch  her-Sestellt
  durch  Fällung  von  Bleisalzlösungen  mit
Salzsäure  oder  Kochsalz.  B.  ist  ein  weißes,  in
kaltem  Wasser  schwer  lösliches,  giftiges  Kris
 tallp u iver  und  liefert  beim  Zusammenschmelzen
m ’t  Bleioxyd  gelbe  Farben  (siehe  Bleigelb).
Bleiessig  (lat.  Acetum  plumbi,  Liquor  Plumbi
subacetici,  frz.  Vinaigre  de  saturne,  engl.  Solul0
 P  of  subacetate  of  lead),  die  wäßrige  Lö-Sun
 g  von  basisch  essigsaurem  Bleioxyd
°tter  basischem  Bleiazetat,  wird  erhalten
tturch  Auflösen  von  Bleiglätte  in  einer  wäßrigen
j- Us ung  von  Bleizucker.  B.  findet  in  der  Färer
 ei  sowie  zur  Herstellung  des  medizinisch  und
1  nisch  gebrauchten  Bleiwassers  (lat.  Aqua
Pt'mbi,  frz.  Eau  de  Goulard,  engl.  Goulard
ater)  Verwendung.
Bleifarben.  Die  gesetzlichen  Bestimmungen,
®lchen  der  Verkauf  und  die  Verwendung  von

Giftfarben  (s.  d.)  unterliegt,  erstrecken  sich  auf
folgende  bleihaltige  Malerfarben:  Weiße:  Bleiweiß ­
  (s.  d.),  Weißblei  (s.  Bleisulfat).  Rote  und
orange:  Bleichromat  (s.  Chromrot),  Mennige
(s.  d.).  Gelbe:  Bleioxyd  (s.  Bleigelb),  Antimongelb
  (s.  d.),  Chromgelb  (s.  d.).  Grüne:  Gemische
von  Chromoxyd  mit  Bleichromat  (s.  Chromgrün).
Daneben  sind  für  die  eben  genannten  bleihaltigen ­
  Farben  noch  besondere  Vorschriften
erlassen,  welche  die  Gesundheit  der  Gewerbe-  1
treibenden  und  ihrer  Arbeiter  selbst  gegen  die
außerordentlichen  Gefahren,  die  mit  der  Herstellung ­
  und  Verwendung  dieser  verbreitetsten ­
  und  schönsten  aller  Malerfarben  verbunden
sind,  schützen  sollen.  Nach  der  Bekanntmachung ­
  des  Bundesrats  vom  27.  Juni  1905  ,  müssen
alle  Betriebe,  in  denen  Maler-,  Anstreicher-,
Tüncher-,  Weißbinder-  oder  Lackiererarbeiten
ausgeführt  werden,  besondere  Vorsichtsmaßregeln
treffen,  bez.  deren  auf  das  Reichsgesetzblatt  1905,
S.  555,  verwiesen  sei,.  An  dieser  Stelle  genüge
der  Hinweis,  daß  dieser  Bestimmung  nicht  nur
die  Farbpulver,  sondern  auch  alle  streichfertigen
Ölfarben  sowie  Spachtel-F.  und  Sikkative  unterliegen. ­
  Näheres  s.  Farbenzeitung  1907,  S.  1184.
Bleigelb.  Mit  diesem  Namen  belegt  man  verschiedene ­
  Malerfarben,  welche  entweder  aus  reiner ­
  Bleiglätte  (s.  d.)  oder  aus  Gemischen  von
Bleioxyd  mit  Bleichlorid  bestehen.  Die  letzteren ­
  werden  durch  Schmelzen  von  Bleiglätte
mit  Salmiak  dargestellt  und  kommen  auch  als;
Chemisch-Gelb;  Kasseler-,  Mineral-,  Englisch-, ­
  Montpellier-,  Neu-,  Pariser-,  Patent-, ­
  Turners-,  Veroneser-Gelb  in  den  Handel. ­
  Sie  unterliegen  den  für  Bleifarben  erlassenen
Vorschriften.
Bleiglätte  (Glätte,  Bleioxyd,  lat.  Lithargyrum,
  Plumbum  oxydatum,  frz.  Glette,  Litharge,
engl.  Litharge),  PbO,  eine  Verbindung  von  103
Teilen  Blei  mit  8  Teilen  Sauerstoff,  wird  als
Nebenprodukt  beim  Abtreiben  des  Silbers  mit
Blei  (Bleiarbeit)  erhalten  und  deshalb  häufig
Silberglätte  genannt.  Man  erhält  die  B.  entweder ­
  in  ganzen,  aus  zusammengeschmolzenen
Massen  bestehenden  blätterig-kristallinischen
Stücken  von  rötlichgelber  Farbe  oder  in  Gestalt ­
  loser,  glänzender  Schüppchen,  oder  endlich
in  gemahlenem  Zustande  als  schweres  rötlichgelbes ­
  Pulver  (präparierte  oder  lävigierte
Bleiglätte).  Gewöhnlich  ist  die  B.  mit  kleinen
Mengen  Kupferoxyd,  Eisenoxyd,  zuweilen  auch
mit  Spuren  von  Silber  verunreinigt,  wodurch
sie  in  verschiedenen  Farbtönen  erscheint,  je
nach  Menge  und  Art  dieser  Verunreinigungen.
Eine  weit  reinere  B.  wird  aus  reinem  Blei  dargestellt, ­
  indem  man  dieses  bei  starkem  Luftzutritt
längere  Zeit  bis  zum  schwachen  Glühen  erhitzt
(Goldglätte,Massikot  oder  englischeGlätte).
Bei  längerem  Liegen  an  feuchter  Luft  nimmt
die  B.  etwas  an  Gewicht  zu,  indem  sie  Kohlensäure ­
  und  Feuchtigkeit  anzieht,  die  sich  jedoch
durch  Erhitzen  wieder  entfernen  lassen.  Die  B.
ist  in  Wasser  unlöslich,  muß  sich  aber  in  Salpetersäure ­
  sowie  in  Kalilauge  ohne  Rückstand
auflösen.  Man  benutzt  sie  zur  Herstellung  von
Glasuren  auf  Steinzeug  und  Topfgeschirr,  zur
Bereitung  von  Firnis  und  Bleipflaster,  von  Bleiweiß ­
  und  Bleizucker  sowie  als  Zusatz  zu  manchen ­
  Sorten  von  Glas.  Die  B.  ist  giftig.
        <pb n="63" />
        Bleihyperoxyd

58

Bleizucker

Bleihyperoxyd  (Bleisuperoxyd,Bleisäure,
Bleibioxyd,  Bleiperoxyd,  lat,  Plumbum  hyperoxydatum,
  fr.  Peroxide  de  plomb,  engl.  Peroxide ­
  of  lead),  eine  Verbindung  von  Blei  mit
2  Atomen  Sauerstoff.  Man  bereitet  das  B.  durch
Behandlung  von  Mennige  mit  verdünnter  Salpetersäure, ­
  wobei  salpetersaures  Blei  als  Nebenprodukt ­
  erhalten  wird,  oder  durch  anhaltendes
Erhitzen  löslicher  Bleisalze  mit  einer  Chlorkalklösung. ­
  Es  findet  sich  auch  in  der  Natur  als
Schwerbleierz  oder  Plattnerit.  Das  künstlich
erzeugte  ist  ein  dunkelbraunes,  in  Wasser  unlösliches ­
  Pulver,  das  in  unreiner,  noch  Bleinitrat
enthaltender  Form  zuweilen  in  der  Fabrikation
von  Zündwaren  unter  dem  Namen  oxydierte
Mennige  Anwendung  findet.
Bleinitrat  (Salpetersaures  Blei,  lat.  Plumbum ­
  nitricum,  frz.  Nitrate  de  plomb,  engl.  Nitrate ­
  of  lead),  Pb(N0 3 ) 2 ,  entsteht  beim  Auflösen
von  Blei  oder  Bleiglätte  in  Salpetersäure  in
Form  wasserfreier,  in  Wasser  löslicher  Kristalle,
welche  beim  Glühen  Bleioxyd  hinterlassen.  Das
Salz  dient  zur  Darstellung  .anderer  Bleipräparate,
sowie  phosphorfreier  Zündhölzer  und  als  Beize
in  der  Zeugdruckerei.
Bleipflaster  (lat.  Emplastrum  Lithargyri,  E.
diachylon  simplex,  E,  Plumbi,  frz.  Emplätre
simple,  engl.  Lead  plaster)  wird  bergestellt  durch
Kochen  gleicher  Teile  Olivenöl,  Schweineschmalz
und  mit  1 f 6  Wasser  angeriebener  Bleiglätte  im
Wasserbade.  Die  abgekühlte  Masse,  ein  Gemenge ­
  von  ölsaurem,  palmitinsaurem  und  Stearin
saurem  Blei,  wird  ausgestochen  und  unter  Wasser
zu  Stangen  gerollt.
Bleirohre  (Bleiröhren,  frz.  Tuyaux  pousses,
engl.  Lead  pipes)  werden  gewöhnlich  nur  von
geringem  Durchmesser,  meistenteils  durch  Pressen, ­
  seltener  noch  durch  Ziehen  oder  Gießen
dargestellt  und  zum  Fortleiten  von  Gasen,  Dämpfen ­
  und  Flüssigkeiten  benutzt,  wozu  sie  sich
ihrer  bequemen  Handhabung  wegen  gut  eignen.
Die  Giftigkeit  des  Bleies  gestattet  aber  nur  einen
beschränkten  Gebrauch,  und  insbesondere  müssen ­
  sie  für  Wasserleitungen  mit  einer  aufgewalzten ­
  Zinnschicht  versehen  werden  (Bleiraantelrohre).
  Man  hat  B.  in  wenigstens  so  verschiedenen ­
  Stärken,  dickere  bis  20,  dünnere  bis  30  m
lang,  auch  wird  beim  Verkauf  mit  angegeben,
wieviel  Druck  in  Atmosphären  oder  in  Wassersäulenmetern
  jede  Sorte  aushält.
Bleistifte  (frz.  Crayons  noirs,  Crayons  'de  graphite,
  engl.  Lead  pencils)  bilden  einen  bekannten ­
  Artikel  des  Zeichen-  und  Schreibmaterialienhandels. ­
  Hinsichtlich  der  Herstellung  dieser  Waren
nimmt  Deutschland  schon  seit  längerer  Zeit  den
ersten  Rang  ein,  denn  Frankreich,  Rußland
und  Italien  sind  trotz  hohen  Eingangszolls  noch
weit  hinter  der  deutschen  Fabrikation  zurück,
und  England  erzeugt  fast  gar  keine  B.  mehr,
sondern  versieht  deutsches  Fabrikat  mit  englischen ­
  Marken.  Nur  in  Österreich  und  Nordamerika ­
  hat  sich  eine  bedeutende  Konkurrenz
entwickelt,  und  insbesondere  letzteres  Land  ist
der  deutschen  Bleistiftausfuhr  des  hohen  Eingangszolles
  halber  fast  ganz  verschlossen.  Neuerdings ­
  werden  auch  unter  Verwendung  von  Anilinfarbstoffen
  sogenannte  Tinten-  oder  Kopierbleistifte ­
  hergestellt.  Es  ist  jedoch  darauf

zu  achten,  daß  giftfreie  Farben  verwendet  werden. ­
  Dasselbe  gilt  auch  für  die  Buntstifte.
ßleisulfat  (schwefelsaures  Blei,  lat.  Plumbum ­
  sulfuricum,  frz.  Sulfate  de  plomb,  engl.Sulfate
of  lead),  PbSO^,  entsteht  durch  Fällung  von
Bleisalzlösungen  mit  Schwefelsäure  als  ein  schwerer ­
  weißer  Niederschlag.  In  getrocknetem  Zustande ­
  wird  es  bisweilen  unter  dem  Namen
Weißblei  als  Malerfarbe  benutzt,  leistet  aber
hinsichtlich  der  Deckkraft  nicht  mehr  als  Kreide
oder  Schwerspat.  Sein  Zusatz  zu  Bleiweiß  ist
daher  als  Verfälschung  zu  verurteilen.
Bleiweiß  (lat.  Cerussa,  frz.  Blanc  de  Ceruse,
engl.  White  lead),  die  geschätzteste  weiße  Malerfarbe, ­
  ihrer  chemischenZusammensetzung  nach  ein
basisches  Bleikarbonat,  2PbC0 3 .Pb(0H) 2 ,  wird
nach  verschiedenen  Verfahren  (holländisches,
französisches,  Klagenfurter,  deutsches  oder  Kammerverfahren) ­
  in  der  Weise  hergesteüt,  daß  man
metallisches  Blei  oder  Bleiglätte  mit  Essigsäure
behandelt  und  das  entstehende  basische  Bleiazetat
  der  Einwirkung  von  Kohlensäure  aussetzt.
Von  den  einzelnen  Sorten,  welche  sich  neben
dem  Grade  der  Reinheit  vor  allem  durch  die
Feinheit  der  Pulverisierung  unterscheiden,  wird
das  Kremserweiß  am  höchsten  geschätzt.
Weitere  Handelsbezeichnungen  sind:  D  eck  w  eiß;,
Französisch-,  Genueser-,  Hamburger-,
Holländer-,  Kremmnitzer-,  Perl-,  Schiefer-, ­
  Schnee-,  Silber-,  Tiroler-,  Venezianerweiß. ­
  Wegen  seines  hohen  Preises  ist  das
B.  Verfälschungen  in  hohem  Grade  ausgesetzt.
Zusätze  von  Gips,  Schwerspat,  Kreide,  Ton,  ferner
von  schwefelsaurem  Blei  (Weißblei)  sind  an  der
Tagesordnung,  und  nur  durch  sorgfältige  Untersuchung ­
  kann  der  Käufer  sich  vor  Übervorteilung
schützen.  Der  Nachweis  der  meisten  Verfälschungsmittel ­
  gelingt  durch  Behandlung  mit  Salpetersäure, ­
  in  welchem  B.  sich  auflöst,  während
Schwerspat  und  Bleisulfat  Zurückbleiben.  Die
andern  Zusätze  verraten  sich  durch  ihr  geringeres
spezifisches  Gewicht.  B.  wird  besonders  als  Ölfarbe ­
  im  Gemisch  mit  Leinöl,  Mohnöl  oder  Firnis
angewandt  und  übertrifft  an  Deckkraft  alle  anderen ­
  Farben.  Leider  wird  es  bei  aller  Beständigkeit ­
  gegen  Licht  und  Luft  durch  schwefelwasserstoffhaltige ­
  Gase  geschwärzt  und  darf  daher  in
der  Nähe  von  Aborten,  in  Laboratorien  usw.
nicht  benutzt  werden,  sondern  ist  hier  durch
Zinkweiß  zu  ersetzen.  Der  Hauptnachteil  des
B.  ist  jedoch  seine  hohe  Giftigkeit,  welche  zu
der  Verordnung  des  Bundesrates  (s.  Bleifarbe^)
Anlaß  gegeben  hat.
Bleizucker,  Pb(C 2 H 3 0 2 ) 2 ,  (Bleiazetat,  essigsaures ­
  Blei,  essigsaures  Bleioxyd,  lat.Plumbum ­
  aceticum,  Saccharum  saturni,  frz.  Acetate
de  plomb,  Sei  de  saturne,  engl.  Acetate  of  lead,
Sugar  of  lead),  ein  sehr  giftiges,  durch  Auflösen
von  Bleioxyd  in  Essigsäure  entstehendes  Salz,
bildet  farblose,  durchscheinende  und  glänzende
Kristalle,  welche  bei  Luftzutritt  verwittern  und
sich  mit  einer  Schicht  von  weißem,  pulverförmigen ­
  Bleikarbonat  bedecken.  Der  B.  schmeckt
anfangs  süßlich,  hinterher'  unangenehm  metallisch. ­
  In  destilliertem  Wasser  löst  er  sich,  sobald ­
  er  noch  nicht  verwittert  ist,  klar  auf,  die
trübe  Lösung  des  verwitterten  wird  durch  Zusatz ­
  von  etwas  Essigsäure  klar.  Außer  seiner
medizinischen  Verwendung  wird  der  B.  haupt-
        <pb n="64" />
        Blister

59

Blutegel

sächlich  zur  Bereitung  verschiedener  Farben  und
Bleipräparate  sowie  in  der  Technik  und  Photographie ­
  benutzt.  Die  Versendung  geschieht  in
Fässern.
Blister,  Tierheilmittel  verschiedener  Zusammensetzung, ­
  welche  meist  Kanthariden  und
Euphorbiumharz  enthalten.

Blitzlichtpulver  für  photographische  Aufnahmen ­
  enthalten  sämtlich  als  schnell  entzündliche ­
  Körper  Magnesium-  oder  Aluminiumpulver,
während  als  Sauerstoffüberträger  meist  chlorsaures
  Kali  allein  oder  im  Gemisch  mit  Salpeter,
Kaliumperchlorat,  Kaliumpermanganat,  Bariumsuperoxyd, ­
  Braunstein,  Schwefelantimon  usw.  in
wechselnden  Mengen  Anwendung  finden.  Sehr
wirksame  und  dabei  ungefährliche  Präparate
werden  neuerdings  aus  den  Oxyden  der  seltenen
Erden  hergestellt.  So  besteht  ein  Agfa-Blitzlicht
  aus  53%  Zeronitrat,  39%  Zerosulfat  und
8  «Io  Ammoniumnitrat.

Blumen,  künstliche  (frz.  Fleurs  artificielles,
engl.  Artificial  flowers)  sowie  künstliche  Knospen ­
  und  Blätter  bilden  als  Haar-  und  Hutschmuck
für  Frauen,  zu  Dekorationszwecken  u.dgl.  einen
wichtigen  Handelsartikel.  Zur  Herstellung
der  früher  bevorzugten  Phantasieblumen  wurden ­
  besonders  Vogelfedern,  Chenille,  Stroh  und
Fischbeinplättchen  benutzt.  In  Italien  fertigte
man  wohl  auch  aus  den  Kokonhäutchen  als  Fiori
di  bozzolo  bezeichnete  Bl.  Neuerdings  legt  man
größeren  Wert  auf  möglichst  getreue  Nachahmung ­
  der  natürlichen  Pflanzenteile  um#  verwendet ­
  dazu  vorzugsweise  gewebte  Stoffe  und
Papier,  von  ersteren  namentlich  leinenen  und
baumwollenen  Batist,  Perkal,  Musselin,  ferner
seidenen  Flor,  Taft,  Atlas  und  Samt.  Die
Stoffe  sind  entweder  schon  in  den  erforderlichen
Farben  gefärbt,  oder  man  gibt  den  bereits  fertigen ­

  Blütenteilen  die  Farbe  erst  durch  Bemalen
'sah  dem  Pipsei.  Die  Blätter,  Blütenblätter  und
Kelche  werden  durch  Ausschlagen  mit  scharfschneidigen ­
  stählernen  Ausschlageisen  auf  einer
bleiernen  Unterlage,  in  einzelnen  Fällen  auch
durch  Zurechtschneiden  mit  der  Schere  hergestellt. ­
  Die  Hervorbringung  von  Adern  und
Kippen  in  den  grünen  Blättern  (das  Gaufrieren)
geschieht  durch  Pressen  zwischen  metallenen
Stempeln,  die  Krümmung  und  Wölbung  vc
Blättern  und  Blütenblättern  durch  Bearbeitung
fuit  erwärmten  eisernen  Werkzeugen.  Zur  Anbp.
 r| ügung  der  Stiele  und  Stengel  dient  geglühter
Eisendraht,  der  mit  Seidengewebe  oder  grünem
Papier  umwickelt  wird.  Der  Ursprung  der  Fabrikation ­
  ist  in  Italien  zu  suchen,  von  wo  sie
^ c h  nach  Frankreich  (an  erster  Stelle  Paris)  und
Österreich  (Wien  und  Nordböhmen:  Nixdorf,
bchluckenau,  Hainspach)  ausdehnte.  Die  deutschen ­
  Erzeugnisse,  welche  jetzt  den  Pariser
v °lhg  ebenbürtig  sind,  werden  in  ständig  wachsendem ­
  Umfange  besonders  in  der  Gegend  von
Eebnitz,  Stolpen  und  Pirna,  in  Dresden  und  Potschappel
  sowie  in  Berlin,  Leipzig  und  München
bcrgestellt.  Manche  Fabriken  liefern  nur  einzelne ­
  Blütenteile  und  Blätter.  —  Eine  andere
Ect  künstlicher  Bl.  und  ganzer  Blattpflanzen  für
nketts,  Kränze  und  Zimmerschmuck  wird  in
großer  Naturtreue  aus  bemaltem  Blech  hergestellt. ­


Blumen,natürliche  (frz.  Fleurs,  engl.  Flowers),
frische,  geschnittene  Blumen  (Schnittblumen)
werden  vor  allem  in  Frankreich  auf  den  großartigen ­
  Blumenmärkten  in  Marseille  und  Paris  ,
(vgl.  Parfümerien)  vertrieben,  doch  haben  auch
England,  Italien,  Belgien,  Holland  und  Deutschland ­
  ausgedehnte  Kunstgärtnereien,  in  denen  sie
im  freien  Land  oder,  für  den  Winterbedarf,  in
Gewächshäusern  gezogen  werden.  Deutsche
Großgärtnereien  finden  sich  besonders  in  der
Gegend  von  Berlin,  Hamburg  (tropische  Orchideen), ­
  Dresden,  Eisenach,  Köln,  Frankfurt,  Leipzig, ­
  Quedlinburg  und  Erfurt  (Spezialitäten).  Die
ungeheure  Einfuhr  aus  Italien  und  Südfrankreich ­
  im  Werte  von  Millionen  macht  den  deutschen ­
  Gärtnern  unnötig  Konkurrenz.  —  Als  getrocknete ­
  Blumen  (Immortellen)  kommen
künstlich  gefärbte  Kompositen  (Chrysanthemen, ­
  Gnaphalium),  die  bei  Leipzig  und  Erfurt
angebaut  werden,  in  den  Handel.
Blumennährsalze  zum  Düngen  von  Topfpflanzen ­
  kommen  in  folgender  Zusammensetzung
zum  Plandel:  1.  100  g  Superphosphat,  25  g  Bittersalz, ­
  25  g  Kalisalpeter,  25  g  Kaliumphosphat,
5  g  Eisenphosphat.  2.  40  g  Ammoniumnitrat,
20  g  Ammoniumphosphat,  25  g  Kalisalpeter,  5  g
Ammoniumchlorid,  6  g  Kalziumphosphat,  4  g
Eisenvitriol.  Die  Lösung  von  2  g  dieser  Mischungen ­
  in  1  1  Wasser  dient  zum  Begießen.
Blumenzw'ebeln  (frz.  Oignons  ä  fleurs,  engl.
Flower-bulls).  Die  Zwiebeln  von  Hyazinthen,
Tulpen,  Krokus,  Narzissen,  Gladiolus,  Szilla,
Muskari  u.  a.,  die  wegen  ihrer  schönen  Blüten
im  Zimmer,  Glashaus  oder  im  Freien  gezüchtet
werden,  bilden  einen  wichtigen  Handelsartikel,
der  besonders  von  Holland  (Haarlem)  in  großem
Umfange  vertrieben  wird.  Der  Versand  erfolgt
Ende  August  bis  Anfang  November.
Blut  (lat.  Sanguis,  frz.  Sang,  engl.  Blood).
Das  gesammelte  Blut  der  Schlachttiere  aus  den
Schlachthäusern  größerer  und  mittlerer  Städte
bildet,  soweit  es  nicht  zur  Bereitung  von  Blutwurst, ­
  zum  Anstreichen  von  Wänden  usw.  benu:zt
  wird,  jetzt  im  trockenen  Zustande  einen
Handelsartikel.  Das  B.  wird  entweder  einfach
durch  Verdampfen  zur  Trockene  gebracht  und
die  trockene,  Masse  dann  gemahlen,  oder  man
scheidet  zunächst  das  Eiweiß  (Blutalbumin  s.
Albumin)  ab  und  bringt  das  übrige  zur  Trokkene.
  Das  auf  die  eine  oder  andere  Weise  gewonnene ­
  trockene  B.  wird  im  gemahlenen  Zustande ­
  als  Blut  me  hl  entweder  direkt  an  die
Landwirte  oder  häufiger  an  die  Superphosphatfabriken ­
  als  Düngemittel  verkauft.  Der  Wert
des  Blutmehls  beruht  hauptsächlich  auf  seinem
Stickstoffgehalt,  welcher  im  Mittel  11,8  0/0  beträgt. ­
  Die  Menge  der  Phosphorsäure  ist  gleich
1,20/0.  Das  Biutmehl  des  Handels,  ein  braunes,
feinkörniges  Pulver  von  leimartigem  Geruch,  muß
an  ganz  trockenen  Orten  aufbewahrt  werden,
damit  es  nicht  durch  Anziehung  von  Feuchtigkeit ­
  in  Fäulnis  übergeht,
Blutan,  ein  Mittel  gegen  Bleichsucht  und  Blutarmut, ­
  besteht  aus  einer  mit  Kohlensäure  imprägnierten ­
  Eisenmanganpeptonatlösung.
Blutegel  (lat.  Hirudines,  frz.  Sangsues,  engl.
Seechs,  Blood-suckers),  Ringelwürmer  aus  der
Gattung  der  Kieferegel,  Unterfamilie  der  Hirudinea,
  bilden  die  höchst  organisierte  Klasse  der
        <pb n="65" />
        Blutfeohle

60

Bockshornsamen

Plattwürmer,  die  im  Wasser,  hauptsächlich  in
Teichen  oder  Sümpfen,  leben.  Für  den  medizinischen ­
  Gebrauch  kommen  in  Deutschland  nur
zwei  Arten,  der  deutsche  B.  (Hirudo  seu  Sanguisuga
  medicinalis)  und  der  ungarische  B.  (H.
officinalis)  in  Betracht.  Beide  sind  io—20  cm
lang  und  zeigen  95  deutliche  Ringel,  von  denen
die  vier  vordersten  einen  löffelförmigen  Körper
mit  der  dreistrahligen  Mundöffnung  am  Grunde
bilden.  Dahinter  befinden  sich  drei  große,  halblinsenförmige ­
  Kieferplatten,  die  80—90  feine
Zähnchen  tragen.  Beim  Saugen  mit  der  eine  fest
anhaftende  Scheibe  bildenden  Mundhöhle  verursachen ­
  die  Kiefer  eine  dreischenklige  Wunde,
aus  der  das  Blut  in  die  entferntesten  Teile  de^
Magens  geleitet  wird.  Der  deutsche,  als,.graue
Sorte“  bezeichnete  B.,  der  sich  im  nördlichen
und  mittleren  Europa  findet,  fühlt  sich  rauh  an
und  zeigt  am  Rücken  auf  meist  grünem  Grunde
sechs  rote,  schwarz  gefleckte  Längsbinden,  auf
der  gelbgrünen  Bauchfläche  schwarze  Flecken.
Der  im  südöstlichen  und  südlichen  Europa  heimische ­
  ungarische  B.,  „grüne  Sorte“,  fühlt
sich  glatt  an  und  zeigt  auf  dem  Rücken  sechs
breitere  gelbe,  durch  schwarze  Punkte  oder
Flecke  unterbrochene  Längsbinden,  hingegen
eine  nicht  gefleckte,  schwarz  eingefaßte  Bauchfläche. ­
  —  Die  an  Stelle  der  echten  B.  bisweilen
angebotenen  Pferdeegel,  die  wegen  ihrer
stumpferen  oder  fehlenden  Zähne  unverwendbar ­
  sind,  können  an  dem  Fehlen  der  buntfarbigen ­
  Längsstreifen  leicht  erkannt  werden.  —  Der
in  Nordafrika  vorkommende  Dragoneregel
(Hirudo  interrupta)  findet  in  Frankreich,  England ­
  und  Südamerika,  aber  nicht  in  Deutschland
medizinische  Anwendung.  —  Die  B.  bilden  einen
bedeutenden  Handelsartikel,  obwohl  ihr  Verbrauch ­
  wesentlich  abgenommen  hat,  in  Frankreich ­
  z.  B.  von  100  Millionen  vor  60  Jahren  auf
16  Millionen.  In  Deutschland  beträgt  er  jährlich
etwa  25,  in  England  16  Millionen,  Die  deutsche ­
  Ausfuhr  von  Hamburg  beläuft  sich  um
30  Millionen  Stück  im  Jahre.  —•  Kleine  Mengen
B.  bewahrt  man  am  besten  in  weithalsigen  Glasgefäßen, ­
  die  zu  l /s  mit  zeitweilig  zu  erneuerndem ­
  Flußwasser  gefüllt  und  mit  Leinwand  überbunden
  werden,  größere  Mengen  in  Holzfässern,
die  durch  ein  vielfach  durchlöchertes  Brett  in
zwei  Abteilungen  geschieden  sind,  von  denen  die
eine  nur  Wasser,  die  andere  außerdem  etwas
Lehm  und  Torf  oder  Rasen  enthält.  Die  Versendung ­
  der  B.  erfolgt  meist  in  leinenen  Beuteln, ­
  die,  von  stark  angefeuchtetem  Moose  umgeben, ­
  in  einer  mit  feinen  Löchern  versehenen
Holzkiste  liegen.
Blutkohle,  hergestellt  durch  Glühen  eines  Gemisches ­
  aus  8  Teilen  Blut  und  1  Teil  Pottasche
und  Auskochen  des  gepulverten  Rückstandes
mit  Wasser  und  Salzsäure,  findet  wie  Tierkohle
zum  Klären  von  Flüssigkeiten  Anwendung.
Blutlaugensalz.  1.  Gelbes  Blutlaugensalz
(Einfach  Zyaneisenkalium,  Kaliurrieisenzyanür,
  Ferrozyankalium,  gelbes  blausaures ­
  Kalium,  lat.  Kalium  ferrocyanatum,
Kalium  borussicurn  flavum,  frz.  Ferrocyanate
de  potasse,  engl.  Yellow  prussiate  of  potash)
wurde  früher  ausschließlich  durch  Schmelzen
von  Pottasche  mit  stickstoffhaltigen  tierischen
Abfällen  (Blut,  Horn,  Haut,  Haare,  Leder,  Lumpen, ­

  Fleisch  usw.)  unter  Zusatz  von  Eisen  dargestellt. ­
  Hierbei  entstand  Zyankaliüm  und  Schwefeleisen, ­
  welche  sich  beim  Auslaugen  der  Schmelze
mit  Wasser  zu  Ferrozyankalium  und  Schwefelkalium
  umsetzen.  Neuerdings  dient  die  gebrauchte ­
  Laminsche  Masse  der  Gasfabriken,
welche  Beriinerblau  enthält,  als  Ausgangsmaterial, ­
  indem  durch  Erhitzen  mit  Kalk  zuerst
Ferrozyankalzium  erzeugt  und  letzteres  nach
dem  Auslaugen  mit  Chlorkalium  und  Kaliumkarbonat ­
  in  B.  übergeführt  wird.  Das  Ferrozyankalium ­
  kristallisiert  in  großen,  gelben,  durchscheinenden ­
  Oktaedern,  die  ziemlich  weich  und
zähe  sind  und  sich  daher  schwer  pulvern  lassen.
Es  ist  in  Wasser  löslich,  in  Alkohol  unlöslich
und  entwickelt  mit  verdünnten  Säuren  die  giftige ­
  Blausäure,  während  es  selbst  ungiftig  ist.
Außer  in  .der  Färberei  verwendet  man  das  gelbe
B.  zur  Darstellung  von  Zyanpräparaten,  zum
Härten  von  Eisen  und  in  der  analytischen  Chemie. ­
  Ein  Gehalt  an  Kaliumsulfat  ist  als  Verunreinigung ­
  aufzufassen,  während  eigentliche
Verfälschungen  kaum  Vorkommen.  —  2.  Das
rote  B  1  u  11  au  g  en  s  al  z  (Anderthalbzyaneisenkalium, ­
  Kaliumeisenzyanid,  Fe  rridzyankalium,
  rotes  blausaures  Kali,  Gmelinsches
  Salz,  lat.  Kalium  ferricyanatum,  frz.
Sesquiferrocyanate  de  potasse,  engl.  Sesquiferrocyanate
  of  potash)  bildet  dunkelrubinrote,  glänzende, ­
  durchsichtige  Kristalle,  die  viel  härter
sind  als  diejenigen  des  gelben  B.  Man  bereitet
es  durch  Einleiten  von  Chlorgas  in  eine  verdünnte ­
  Lösung  von  gelbem  B.  und  Kristallisierenlassen ­
  der  Lösung,  ferner  durch  Behandlung
des  trockenen,  gepulverten,  gelben  B.  in  geschlossenen ­
  Kammern  mit  Chlorgas  und  endlich
durch  einfache  Elektrolyse  des  gelben  B.  Es  findet ­
  Anwendung  als  chemisches  Reagens,  in  der
Färberei  und  Technik  sowie  in  Verbindung  mit
Eisenammonzitrat  zur  Herstellung  von  Lichtpausen. ­

Blutstein  (Roter  Glaskopf,  lat.  Lapis  haematites,
  Lapis  sanguineus,  frz.  Hematite,  engl.
Blood-stone,  Red  hematite),  eine  harte  und
dichte,  faserig-kristallinische  Varietät  des  Roteisensteins ­
  (natürliches  Eisenoxyd),  besitzt
eine  stablgraue  Farbe  und  Glanz,  gibt  aber  ein
dunkelrotes  Pulver.  Die  ganzen  Stücke  werden
von  Steinhauern  als  Schreibstift  auf  Stein  verwendet, ­
  das  Pulver  dient  als  Polierrot.
Bockbier  (frz.  Bock),  eine  besonders  stark  eingebraute ­
  Biersorte  mit  etwa  5  o/ 0  Alkohol  und  15
bis  20  0/0  Stammwürze,  welche  im  Frühling
(Märzenbier)  zum  Ausschank  kommt.
Bocksbeutel,  die  beste  Sorte  des  Würzburger
Steinweins,  welche  in  eigentümlich  gestalteten
kurzhalsigen,  stark  bauchigen  Flaschen  versendet ­
  wird.
Bockshornsamen  (Foenugräkum,  Griechisch ­
  er  Heuklee  samen,  Siebeng  e.zeitsamen,
Hornkleesamen,  lat.  Semen  foenugraeci,  frz.
Semence  de  fenugrec,  engl.  Fenugreek),  die
Samen  einer  krautartigen  Leguminose,  Trigonella
  Foenum  graecum,  die  ihre  Heimat
in  Kleinasien  und  dem  südlichen  Europa  hat,  in
manchen  Gegenden  Deutschlands  und'in  Polen
angebaut  wird.  Die  bräunlichgelben,  sehr  harten ­
  Samen  sind  ungleich  vierseitig,  glatt  und
oben  und  unten  abgestutzt.  Sic  enthalten  6°/o
        <pb n="66" />
        Bocoholz

61

Bohröle

fettes  Öl,  ferner  ein  unangenehm  riechendes
ätherisches  Öl,  22  °/o  Aleuron,  Trigonellin  und
andere  Bestandteile.  Man  unterscheidet  hellen
und  dunklen  Samen,  ersterer  ist  teurer.  Die  gepulverten ­
  B.  besitzen  einen  aromatischen,  an
Melilot  erinnernden  Geruch  und  schleimig  bitteren ­
  Geschmack  und  werden  als  Zusatz  zu  Kräuterkäse, ­
  zu  Viehpulvern  und  Umschlägen  nach
Kneipp  usw.  verwendet.
Bocoholz,  ein  feines  Nutzholz  für  die  Kunsttischlerei ­
  von  der  in  Guyana  wachsenden  Bocoa
  provacensis,  besitzt  einen  braunschwarzen ­
  Kern  mit  unregelmäßigen  Konturen.
Bogheadkohle,  eine  bituminöse  Schieferkohle
aus  Schottland,  welche  sich  besonders  zu  Destillationszwecken ­
  eignet.
Bohnen  (lat.  Fabae,  frz.  Fdves,  Haricots,  engl.
Beans).  i.Schmink-Gartenbohne,  Phaseolus,
eine  in  60  Arten  auf  der  ganzen  Erde  verbreitete
Gemüsepflanze,  wird  auch  bei  uns,  besonders  in
den  Gattungen  vielblütige  Schm.,  Ph.  oder
Lipusa  muldflorus  und  gemeine  Schm.,  Stangen- ­
  oder  Vietsbohne,  Ph.  vulgaris,  in  großem
Umfange  angebaut.  Die  erste  Gattung,  zu  der
auch  die  Feuerbohne  (türkische  oder  anatolische
  B.)  gehört,  stammt  aus  Südamerika,  die
letztere  mit  der  Busch-  oder  Zwergbohne
aus  Ostindien.  Als  wichtige  Abarten  der  gemeinen ­
  B.  seien  angeführt:  die  flache  Schwertoder ­
  Speckbohne,  Ph.  compressus,  mit  säbelförmigen, ­
  lang  zugespitzten  Hülsen,  die  Eßbohne
  oder  Salatbohne,  Ph.  gonospermus,
die  Dattelbohne,  Ph.  elongatus,  mit  langges
 chnäbelten  geraden,  Hülsen  und  dattelkernförmigen ­
  Samen,  die  Eierbohne,  Ph.  ellipticus,
  mit  kurzen,  geraden  Hülsen  und  eiförmigen ­
  Samen,  und  die  halbflache  B.,  Ph.  suboornpressus,
  mit  säbelförmigen,  lang  zugespitzte
 n  Hülsen  und  nierenförmigen  Samen.  Alle
yorstehend  genannten  Arten  werden  in  der
Hauptsache  als  grünes  Gemüse,  auch  als  Dörr-Semüse
  oder  mit  Salz  eingemacht  oder  in  Blechbüchsen ­
  konserviert,  verbraucht.  Zur  Gewinnung ­
  der  reifen  Samen,  der  trockenen,  weißen
“°hnen,  dient  besonders  eine  Abart  von  Ph.
ootnpressus,  Ph.  var.  albus.  Die  weißen  B.,
ü' e  in  handelsfähiger  Ware  schön  weiß  und
Slatt,  in  vorjähriger  Ware  hingegen  grau  und
runzlig  erscheinen,  bilden  eines  der  gehaltreichen ­
  Nahrungsmittel,  denn  sie  enthalten  neben
ii j 2 4°/o  Wasser,  1,960/0  Fett,  55,600/0  Stärke  und
3.66  o/ 0  Asche  durchschnittlich  23,66  o/ 0  Stickstoff-Substanz
  (Eiweiß).  Die  Bohnenzucht  wird  in
eutschland  besonders  bei  Erfurt,  noch  ausgedehnter ­
  aber  in  Holland,  Italien,  England  und
rankreich  (Angiens)  betrieben.  —  Außerhalb
_  Uropas  finden  besonders  folgende  Arten  Verödung; ­
  die  Mungobohne,  Ph.  Mungo,  eine
® r  wichtigsten  Nahrungspflanzen  Ostindiens,
.  16  sich  auch  nach  Afrika  und  Südeuropa  verrettet
  hat;  die  Strahlenbohne,  Ph.  radiatus,
le  in  ganz  Ostasien  von  China  bis  Ostindien
'/ e gen  ihrer  nahrhaften  Samen  angebaut  wird:
Jb'fer  wichtig  die  Similibohne,  Ph.  trilobus,
na  die  Muxbohne,  Ph.  Mux,  in  China,  Japan,
p  v a  und  Ostindien.  2.  Puffbohne,  Saubohne,
«debohne,  Faba  vulgaris  (Vicia  faba  oder
^‘garis),  eine  aus  Persien  und  Ägypten  stamc
  nde  Leguminose,  wird  nur  in  einigen  Gegenden ­

  Norddeutschlands  (Hannover)  gärtnerisch
als  Gemüsepflanze,  in  großem  Umfange  aber  in
Deutschland,  Holland  und  England  als  Viehfutter ­
  angebaut.  Der  Anbau  erfolgt  meist  in
Reihenkultur  auf  etwas  bündigem  und  feuchtem
Boden  und  wird  durch  Blattläuse,  Bohnenkäfer
und  Rostpilze  gefährdet.  Die  jungen,  grünen
Samen  bilden  ein  in  Hannover  als  „große  oder
dicke  Bohnen“  sehr  geschätztes  Gemüse,  die
reifen  braunen  Samen  ein  vortreffliches  stickstoffreiches ­
  Viehfutter.  Auch  das  Kraut  wird
im  grünen  Zustande  oder  als  Stroh  verfüttert.
3.  Faselbohne,  Heilbohne,  Dolichos  Lablab,
wird  als  Gemüse-  und  Futterpflanze  in  wärmeren ­
  Klimaten  (Ägypten,  Sudan)  angebaut.  —
‘Die  ihr  verwandte  Art  Dolichos  Soja  s.  unter
Soja.  Als  Bohnenmehl  (lat.  Fabae  albae  pulv.,
frz.  Farine  de  föves,  engl.  Bean-meal)  bildet
das  Pulver  zu  trockenen  Umschlägen  gegen
Rose  usw.  einen  Gegenstand  des  Arzneimittelhandels. ­

Bohnenkraut  (Saturey,  Wurstkraut,Kölle,
Pfefferkraut,  lat,  Herba  saturejae,  frz.  Sariette,
  engl.  Savory),  ein  gewürzhaft  riechendes
und  schmeckendes  Kraut  (Satureja  hortensis),
  wird  vielfach  bei  uns  angebaut  und  sowohl ­
  im  frischen  als  auch  im  getrockneten  Zustande ­
  in  den  Handel  gebracht  und  als  Würze
für  Bohnen,  pikante  Soßen  usw.  verwandt.  .
Bohnermasse,  Bohnerwachs,  nennt  man
Wachsmischungen,  die  dazu  dienen,  Möbeln,
Fußböden,  Linoleumteppichen  usw.  Glanz  zu
geben,  und  zu  diesem  Zwecke  aufgetragen  und
verrieben  werden.  Man  unterscheidet  flüssige
und  feste  B.,  von  denen  die  letzteren  durch  Zusammenschmelzen ­
  von  I  Teil  Wachs  oder  Zeresin ­
  mit  3  Teilen  Terpentinöl  bereitet  werden.
Bei  Zusatz  von  mehr  Terpentinöl  oder  auch
Benzin  erhält  man  eine  flüssigere  B r  Kommt
es  auf  sehr  harte  Wachsüberzüge  an,  so  ersetzt
man  das  Wachs  durch  eine  Mischung  aus  Karnaubawachs
  und  Paraffin,  muß  aber  dann  die
Menge  des  Terpentinöls  ein  wenig  erhöhen.
Flüssige  B.  wird  bereitet,  indem  man  geschmolzenes ­
  Wachs  mit  Pottasche  und  Wasser  teilweise ­
  verseift.  Es  entsteht  dann  gewissermaßen
eine  überfettete  Wachsseife,  die  aber  wegen
ihres  Alkaligehaltes  niemals  dort  angewandt
werden  darf,  wo  ein  Ölfarbenuntergrund  vorhanden ­
  ist,  z.  B.  für  Linoleumteppiche.  Bei  der
flüssigen  B.  kann  das  Bienenwachs  niemals  durch
Paraffin  oder  Zeresin  ersetzt  werden,  da  diese
nicht  verseifbar  sind.
Bohröle,  Bohrfette,  sind  Stoffe,  die  in  wäßriger ­
  Lösung  oder  Emulsion  beim  Bohren,  Fräsen
und  Drehen  zum  Benetzen  der  Werkzeuge  und
Gußstücke  benutzt  werden,  um  einerseits,  das
Gleiten  der  Metallteile  zu  befördern  und  gleichzeitig ­
  zu  kühlen.  Sie  müssen  also  eine  größere
Benetzbarkeit  als  Wasser  zeigen  und  dürfen
weder  das  Metall  angreifen,  noch  feste  Stoffe
ausscheiden.  Am  besten  erfüllten  diesen  Zweck
die  im  Frieden  ausschließlich  benutzten  sog.
wasserlöslichen  Mineralöle,  die  durchAuflösen
  von  Ammoniak-,  Kali-  oder  Natronseifen
von  Ölsäuren,  Fettschwefelsäuren,  Plarzsäuren
und  Naphtensäuren  in  Mineralölen,  häufig  unter
Zusatz  von  Ammoniak,  Benzin  oder  Alkohol
hergestellt  wurden.  Sie  bilden  mit  Wasser  lange
        <pb n="67" />
        Boldoblätter

62

Boraxweinstein

Zeit  haltbare,  milchige  Emulsionen.  Von  den  im
Kriege  eingeführten  ölfreien  Ersatzmitteln  kommen ­
  nach  Marcusson  hauptsächlich  Sulfitlauge ­
  (s.  d.),  Leimlösungen  und  pflanzenschleimhaltige ­
  Flüssigkeiten  in  Betracht
Die  letzteren  werden  durch  Äufkochen  von
Leinsamen,  Salep  oder  Karragheen  (s.  d.)  mit
der  20  fachen  Menge  Wasser  und  Zusatz  von
Alkali  oder  Konservierungsmitteln  hergestellt.
Schließlich  sind  auch  gewöhnliche,  stark  wasserhaltige ­
  Seifen  ohne  Mineralöl  als  B..  angeboten
worden.
Boldoblätter  (Boldu,  lat.  Folia  boldo,  frz.
Feuilles  de  boldo,  engl.  Boldo-leaves),  die  getrockneten, ­
  angenehm  riechenden  Blätter  eines
in  Chile  heimischen  Baumes,  der  von  den  Botanikern ­
  verschieden  benannt  wird  (Boldoa
fragrans,  Peumus  Boldus  Molina,  Ruizia
fragrans).  Die  ovalen,  kurzstieligen,  ganzrandigen,
  ziemlich  dicken  und  lederartigen  Blätter
sind  von  blaßgrüner  bis  aschgrauer  Farbe,  mif
zahlreichen  Öldrüsen  besetzt  und  von  kampferartigem ­
  Geschmack,  enthalten  außer  ätherischem
Öl  ein  Alkaloid,  das  B  oldin,  und  werden  gegen
Gallensteine  und  Leberleiden  verwandt.
Bolus  (Bol,  Sphragit,  frz.  Bol,  Terre  bolaire,
  engl.  Bole).  Man  unterscheidet  im  Handel: ­
  weißen  B.  (lat.  Bolus  alba,  frz.  Bol  blanc,
engl.  China  Clay),  einen  weißen  fetten  Ton,
roten  B.  (lat.  Bolus  rubra,  frz.  Bol  rouge),
einen  eisenoxydhaltigen  Ton,  der  als  billige
Anstrichfarbe  benutzt  wird,  und  den  mehr  rotbraunen ­
  armenischen  B.  (lat.  Bolus  armena,
frz.  Bol  d’armbnie),  der  früher  als  Arzneimittel ­
  diente  und  in  Form  kleiner  Scheibchen
mit  dem  Ursprungsstempel,  daher  auch  Siegelerde ­
  (lat.  Terra  sigillata,  frz.  Terre  sigillde)  genannt, ­
  in  den  Handel  gebracht  wird.
Bonbons  (Zuckerplätzchen,  frz.  und  engl.
Bonbons),  Erzeugnisse  der  Zuckerwarenindustrie, ­
  welche  in  folgende  Gruppen  eingeteilt
werden:  i.  Karamellbonbons  (Karamellen)
bestehen  im  wesentlichen  aus  geschmolzenem,
gefärbtem  und  parfümiertem  Zucker  und  werden ­
  in  der  Weise  hergestellt,  daß  man  den
Zucker  mit  etwas  Wasser  und  Stärkezucker
kocht,  dann  auf  Metallplatten  ausgießt  und  mit
Messern  in  Stücke  schneidet.  Zur  besseren  Zurückhaltung ­
  des  Aromas  werden  sie  mit  Zucker
oder  Stärkepaehl  bepudert  oder  mit  einer  dünnen ­
  Zuckerlösung  überzogen  (kandiert).  Unterarten ­
  sind  der  Gerstenzucker  (gewöhnliche,
geschmolzene,  gefärbte  Zuckermasse  in  Stangenform), ­
  Eibischzucker,  Malzzucker  (mit
Zusätzen  von  Pflanzenextrakten),  Rocks  (mit
Fruchtäthern  und  -säuren),  gefüllte  Karamellen
(mit  einem  Kern  von  Marmelade  oder  Likör).
2.  Fondants  entstehen  aus  bei  niederer  Temperatur ­
  geschmolzenem  Zucker,  haben  daher
weichere  Konsistenz  und  zergehen  leichter  auf
der  Zunge.  3.  Pralinös,  mit  Schokolade  überzogene ­
  Kerne  von  Zucker  und  Stärkesirup.
4,  Dragees,  äußerlich  gefärbte,  mit  Zucker
überzogene  Körnchen  von  Koriander,  Mandeln.
5,  Morsellen,  Pastillen.
Bor,  ein  Element  vom  Atomgewicht  B  =  11,
findet  sich  nicht  frei  in  der  Natur  vor,  kann
aber  durch  Glühen  von  Borsäure  mit  Natrium
oder  Magnesium  unter  einer  schützenden  Kochsalzdecke ­

  oder  durch  Elektrolyse  von  Borax
als  ein  braunes,  schwer  schmelzbares,  leicht
oxydierbares  Pulver  abgeschieden  werden.  Beim
Erhitzen  dieses  amorphen  B.  mit  Aluminium
auf  Nickelschmelzhitze  entsteht,  neben  großen
dunklen  Kristallen  von  Boraluminium,  kristallisiertes ­
  B.,  das  nur  wenig  Kohlenstoff  enthält ­
  und  wegen  seiner  Härte,  Lichtbrechung
und  Widerstandsfähigkeit  als  Bordiamant  bezeichnet ­
  wird.
Boral,  borweinsaures  Aluminium,  ein  weißes,
in  Wasser  lösliches  Kristallpulver,  welches  durch
Auflösen  von  Aluminiumborat  in  10  Teilen  Weinsäurelösung
  (1:  10)  hergestellt  wird  und  als
Antiseptikum  Anwendung  findet.
Borax  (saures  Natriumborat,  Natriumbi-
  oder  -tetraborat,  zweifach  oder  doppeltborsaures ­
  Natron,  lat.  Borax  oder  Natrium ­
  boracicum,  frz.  Borate  de  soude,  engl.  Borate ­
  of  sodium),  Na 2 B 4 0 7 ,  findet  sich  als  sog.
Tinkal  fertig  gebildet  in  Tibet,  Indien,  der  Tartarei, ­
  Zeylon  und  Südamerika  sowie  besonders
in  den  Boraxseen  Kaliforniens,  von  wo  er  als
halbraffinierte  Ware  (konzentrierter  B.)  in
Säcken  und  als  raffinierter  B.  in  Kisten  ausgeführt ­
  wird.  Der  Name  venezianischer  B.  (B.
veneta)  stammt  daher,  daß  der  asiatische  Tinkal ­
  früher  in  Venedig  gereinigt  wurde.  Jetzt
wird  der  meiste  B.  künstlich  durch  Erhitzern
von  Borsäure  mit  Sodalösung  hergestellt,  und
zwar  entweder  als  gewöhnlicher  oder  prismatischer ­
  B.  in  farblosen,  durchsichtigen,  nur
oberflächlich  verwitternden  Kristallen  des  monoklinen ­
  Systems  mit  10  Molekülen  (47,1  o/ 0 )  Kristallwasser ­
  und  als  oktaedrischer  B.  (Rindenoder ­
  Juwelierborax)  in  harten,  klingenden
Platten  aus  fest  zusammenhängenden  oktaedrischen ­
  Kristallen  .mit  5  Mol.  (30,90/0)  Wasser,
die  nicht  verwittern  und  schwerer  schmelzbar
sind.  Beide  Arten  lösen  sich  in  Wasser  mit
alkalischer  Reaktion,  färben  nach  dem  Ansäuern
mit  Salzsäure  Kurkumapapier  nach  dem  Trocknen ­
  braunrot  und  verleihen  der  Alkoholflamme
eine  grüne  Färbung.  Beim  Schmelzen  verlieren
sie  unter  Aufblähen  ihren  Wassergehalt,  so  daß
wasserfreier,  kalzinierter  oder  gebrannter  B.  als
eine  leichte,  glasartige  Masse  (Boraxglas)  hinterbleibt. ­
  B.  findet  ausgedehnte  technische  Anwendung, ­
  zur  Herstellung  von  Glasuren,  Emaille
und  einigen  Glassorten,  als  Flußmittel  bei  der
Reduktion  von  Metalloxyden,  zum  Löten,  zu
medizinischen  Zwecken  als  Antiseptikum,  zu
Wäsche-  und  kosmetischen  Mitteln  und  zur  Vertilgung ­
  von  Ungeziefer.  Zur  Konservierung  von
Nahrungsmitteln  darf  B.  nicht  benutzt  werden.
Borax  Weinstein  (Borsäureweinstein,  löslicher ­
  Weinsteinrahm,  lat.  Tartarus  boraxatus,
  Tartarus  solubilis,  Kalium  tartaricum  boraxatum,
  frz.  Tartrate  borico  potassique,  engl-Borotartrate
  of  potash  and  soda),  ein  amorphes
weißes  Pulver  von  stark  saurer,  Reaktion,  welches ­
  durch  Erwärmen  von  Boraxlösung  mit
Weinstein  hergestellt  wird.  Da  es  zweifelhaft
erscheint,  ob  B.  eine  chemische  Verbindung
oder  ein  Gemisch  ist,  läßt  sich  eine  bestimmte
Formel  nicht  aufstellen.  B.  findet  in  der  Medizin ­
  als  Abführmittel  und  äußerlich  gegen  Hautausschläge ­
  Anwendung  und  vereinigt  die  Wirkungen ­
  des  Borax  und  Weinsteins.
        <pb n="68" />
        Borazit

63

Borsäure

Borazit,  ein  im  Staßfurter  Abraumsalze  (s.  d.)  I
vorkommendes  Doppelsalz  von  Chlormagnesium
und  Magnesiumborat,  dient  zur  Darstellung  von
Borsäure.  Der  kristallisierte  Borazit  hat  die
Zusammensetzung  2Mg 3 B 8 0 15 -|-  MgCl ä .
Bordeaux,  ein  zur  Gruppe  der  Azofarbstoffe
gehöriger  roter  Teerfarbstoff,  der  durch  Einwirkung ­
  von  Betanaphtoldisulfosäure  auf  Diazonaphtylamin
  erhalten  wird,  findet  sich  in
zwei  Arten,  Bordeaux  G  und  R.  Die  erstere
besteht  aus  alphanaphtalinazobetanaphtol-B-disulfosaurem
  Natron,  die  andere
aus  demselben  Salz  der  betreffenden  A-disulfosäure.
  Man  erhält  beide  als  dunkelrote  Pulver,
die  in  Wasser  mit  tiefroter  Farbe,  G  etwas  ins
Gelbliche  ziehend,  R  zum  Violett  neigend,  löslich ­
  sind.  Die  Lösungen  werden  durch  schwächere ­
  Säuren  nicht  verändert.  B.  wird  zum  Färben ­
  von  Wolle,  zuweilen  auch  als  Weinfarbe
benutzt.  Als  Bordeaux  G  wird  auch  ein  Disazofarbstoff ­
  aus  Amidoazotoluolsulfosäure  und
Naphtolsulfosäure  bezeichnet.
Bordeauxweine,  Weine  aus  dem  westlichen
Frankreich,  namentlich  aus  der  Umgegend  von
Bordeaux,  gehören  zu  den  bekanntesten  und  beliebtesten ­
  französischen  roten  Weinen,  während
weiße  weniger  gebaut  werden.  Infolge  der  Verwüstungen ­
  durch  die  Reblaus  ist  die  Produktion
dieser  Weine  sehr  zurückgegangen,  so  daß  man  sie
nur  noch  selten  echt  bekommt,  besonders  seitdem ­
  große  Mengen  griechischen  und  italienischen ­
  Weines  zum  Verschnitt  eingeführt  werden.
Bie  feinsten  roten  Sorten  der  B.  sind:  Latour,
Lafitte,  Larose,  Chäteau  Margaux  und
Chateau  Leoville,  dann  folgen  Rauzan,
Beychevelle,  d’Yssau,  Lascombe,  St.  Julien, ­
  Palmer  Margaux,  Chäteau  Ponjeaux,
Cantenac,  St.Emilion,  St.Estbphe,  Pouilla-c,
  Pontet-Canet,  Medoc,  Listrac  und
andere.  Geringwertigere  heißen  Demimarque-Weine.
  Von  weißem  B.  sind  zu  erwähnen:
Baut-Sauterne,Barsac,Preignac,Serons,
Braves  und  Hautes  Gaiilac.  —  Man  bezieht
meist  auf  dem  Seewege  über  Hamburg  in
Fässern.
Bordelaiser  Brühe,  das  wichtigste  Mittel  zur
Bekämpfung  der  Reblaus,  wird  durch  Veraschung ­
  von  Kupfervitriollösung  mit  gelöschte
 m  Kalk  hergestellt.
Boretsch  (lat.  Herba  boraginis,  frz.  Feuilles
de  borage,  engl.  Borage-leaves),  die  eirunden,
jjauhhaarigen,  grauen  Blätter  von  Borago  ofinalis,
  werden  selten  in  der  Medizin,  haupts
 achlich  in  der  Küche  verwendet.
Borneol  (Borny  lalkohol,  Borneokamper
 ,  Kamphol),  eine  Kampferart,  die  von  dem
duf  Borneo  und  Sumatra  heimischen  Baume
r yobalanops  Camphora,  neuerdings  aber
juch  künstlich  durch  Reduktion  von  Laurineen-«ampfer
  und  aus  Terpentinöl  gewonnen  wird,
1  weiße  Kristalle  von  kampferartigem  Gedch,
  die  bei  203 0  schmelzen,  bei  212 0  sieden
n d  zu  Parfümeriezwecken  Anwendung  finden.
st^? rneo,a . zetat  (Bornylazetat),  der  Riech-°tf
  der  Fichtennadelöle,  kann  künstlich  durch
ehandlung  von  Borneol  mit  Eisessig  dargestellt
lö  r  6tl  a * s  e ' n  farbloses,  in  Alkohol  und  Äther
osüches  Kristallpulver  vom  Schmelzpunkte  29 0 ,

das  zur  Darstellung  von  künstlichem  Fichtennadelöl ­
  benutzt  wird.
Borny  val,  eine  nach  Baldrian  riechende,  wasserhelle ­
  Flüssigkeit,  der  Isovaleriansäureester  des
Borneols,  dient  als  Ersatz  für  Baldrianwurzel
zu  medizinischen  Zwecken.
Borol,  ein  neues  Antiseptikum  und  Konservierungsmittel, ­
  welches  durch  Zusammenschmelzen ­
  von  Borsäure  mit  Natriumbisulfat  erhalten
wird,  farblose,  glasige  Stücke,  welche  sich  in
5  Teilen  Wasser  zu  einer  sauer  schmeckenden
Flüssigkeit  lösen.
Borsäure  (Boraxsäure,  Bortrioxyd,  Sedativsalz, ­
  lat.  Acidum  boricum,  Sal  Sedativum,
frz.  Acide  borique,  engl.  Boracic  acid),  eine
Sauerstoff  säure  des  Bors,  kommt  in  der  Natur
sowohl  in  freiem  Zustande  als  auch  in  der  Form
ihrer  Salze,  jedoch  nur  spärlich  verbreitet,  vor.
In  freiem  Zustande  findet  sie  sich  als  triklines,
meist  in  kleinen  Schüppchen  oder  in  fasriger
Form  auftretendes  Mineral  (Sassolin),  welches
sich  besonders  an  Kraterwänden,  z.  B.  auf  der
Insel  Volcano,  zeigt,  sowie  in  den  Dämpfen
(Suffionen),  welche  aus  natürlichen  Klüften
oder  künstlichen  Bohrlöchern  des  toskanischen
Kalkgebirges  aufsteigen.  Man  gewinnt  sie,  indem ­
  man  die  Dämpfe  in  mit  Wasser  gefüllte
Bassins  leitet  und  die  zunächst  erhaltene,  sehr
unreine  B.  durch  Umkristallisieren  reinigt.  In
der  Form  ihrer  Salze  kommt  die  Borsäure  in
Verbindung  mit  verschiedenen  Basen  vor,  besonders ­
  mit  Natrium  (Borax,  Tinkal),  mitNatrium
  und  Kalk  (Boronatrokalzit)  und  mit
Magnesia  (Borazit,  Staßfurtit).  Aus  Boronatrokalzit ­
  wird  im  großen  durch  Zersetzen  mit
roher  Salpetersäure  unreine  Borsäure  gewonnen.
Chemisch  reine  Borsäure  wird  aus  reinem  Borax
hergestellt.  Die  gewöhnliche  im  Handel  vorkommende ­
  Säure  ist  eine  normale,  dreibasische
Sauerstoffsäure  Ortho-B.,  ,  H 8 B0 3 ,  und  wird
daher  auch  als  Borsäurehydrat  bezeichnet.  Beim
Erhitzen  der  trockenen  Substanz  bildet  sich  zunächst ­
  bei  ioo°  unterWasseraustritt  Metaborsäure, ­
  HBO s ,  dann  bei  140—160 0  Tetra-  oder
Pyroborsäure,  H 2 B 4 0 7 ,  schließlich  bei  Glühhitze ­
  Borsäure-Anhydrid,  B 2 0 3 ,  welches  im
Gegensatz  zu  der  mit  Wasserdämpfen  flüchtigen ­
  Borsäure  beständig  ist.  Die  Borsäure  bildet
kleine,  weiße,  schwach  glänzende,  sich  fettig
anfühlende  Kristallschüppchen  von  schwach  bitterem ­
  Geschmack,  die  sich  in  Wasser  nur  wenig
lösen.  Die  Lösung  reagiert  gegen  Lackmus  und
Phenolphtalein  sauer  und  erzeugt  auf  Kurkumapapier ­
  einen  braunen  Fleck,  der  aber  im  Gegensatz ­
  zu  der  durch  Alkalien  hervorgerufenen  Bräunung ­
  durch  Alkalien  blauschwarz  gefärbt  wird.
Der  Flamme  des  Alkohols,  in  dem  B.  nur  in  kleiner
Menge  löslich  ist,  verleiht  sie  eine  intensiv  grüne
Farbe.  Auf  der  Erscheinung,  daß  eine  gegen  Phenolphtalein ­
  neutralisierte  wäßrige  Lösung  von  B.
nach  Zusatz  von  Glyzerin  wieder  sauer  reagiert,
beruht  eine  einfache  quantitative  Bestimmung.
B.  findet  ausgedehnte  Anwendung  zur  Herstellung ­
  von  Glasuren  und  Emaillen,  zum  Tränken
von  Kerzendochten  sowie  in  der  Pharmazie.
Hingegen  ist  der  früher  von  Amerika  übernommene ­
  Gebrauch  zum  Konservieren  von
Fleisch  und  tierischem  Fett  durch  das  Reichsgesetz ­
  betreffend  Schlachtvieh-  und  Fleisch ­
        <pb n="69" />
        f

Borsten

64

Bouillonwürfelersatz

beschau  verboten,  und  auch  für  die  übrigen
Nahrungsmittel  darf  sie  wegen  ihrer  Schädlichkeit ­
  nicht  benutzt  werden.  Von  Salzen  der  Borsäuren ­
  finden  vor  allem  Verwendung:  Borax
(s.  d.),  borsaures  Manganoxydul  (Manganborat,
  lat-  Manganum  boracicum,  frz.  Borate  de
mangan&amp;amp;se,  engl.  Borate  of  manganese),  ein
weißes,  in  Wasser  unlösliches  Pulver,  das  zur
Herstellung  von  Firnis  benutzt  wird,  und  borsaures ­
  Chromoxyd,  Pannetiers  Grün,  als  eine
unschädliche  grüne  Farbe.
Borsten  (Schweinsborsten,  frz.  Soies  de
porc„  poils,  engl.  Hogs  bristles)  sind  die  steifen
und  elastischen  Haare  des  Schweines,  die  für
viele  technische  Zwecke,  namentlich  die  Bürstenund
  Pinselfabrikation,  höchste  Bedeutung  haben
und,  wenigstens  in  ihrer  besten  Sorte,  den  vom
Rücken  und  Nacken  stammenden  Kammborsten, ­
  durch  kein  anderes  Material  ersetzt  werden ­
  können.  Für  die  Güte  der  Borsten  sind  die
Rasse  der  Tiere  und  das  Klima  des  Ursprungslandes ­
  entscheidend.  Besonders  geschätzt  sind
diejenigen  des  Wildschweins,  danach  die  B.
zahmer  Schweine  aus  den  nördlichen  und  östlichen ­
  Ländern,  während  südlichere  Gegenden
nur  weichere  B.  von  geringerem  Werte  liefern,
Die  stärksten,  längsten  und  spannkräftigsten  B.
kommen  aus  Rußland  und  Polen  sowie  Rumänien. ­
  Auch  die  norddeutsche  und  ungarische
Ware  ist  noch  als  mittelgut  zu  bezeichnen,  hingegen ­
  sind  Frankreich,  Amerika  und  besonders
England,  das  seine  alten  Landschweine  durch
neue,  fast  nackte  Züchtungen  ersetzt  hat,  auf
die  Einfuhr,  z.  T.  über  den  deutschen  Markt,
angewiesen.  Große  Mengen,  wenngleich  weniger ­
  guter  B.  werden  aus  China  und  Ostindien
eingeführt.  Ein  großer  Teil  der  meist  in  gewaltige ­
  Fässer  verpackten  Ware  geht  über  die
Leipziger  Messe.  Wesentlich  für  den  Wert  der
B.  ist  das  sorgfältige  Sortieren,  das  nach  verschiedenen ­
  Gesichtspunkten  erfolgt  und  u.  a.
eine  Trennung  in  zahme  und  wilde,  Winterund
  Sommer-,  lebende  und  tote  Ware,  d.h.
B.  von  geschlachteten  oder  von  gefallenen
Schweinen,  bezweckt.  Von  im  Winter  geschlachteten ­
  Tieren  erzielt  man  kernigere  B.  als  im
Sommer,  kalt  ausgeraufte  sind  besser  als  durch
Abbrühen  oder  Kalkbeize  losgelöste  Haare.  Daneben ­
  verläuft  eine  Trennung  der  einzelnen
Haarsorten,  indem  der  Aufkäufer,  der  vom
Fleischer  den  ganzen  Hautbesatz,  übernimmt,
zunächst  durch  Kämmen  das  Wollhaar  absondert ­
  und  den  Rest  nach  der  Farbe  und  jede
Farbe  für  sich  wieder  in  drei  Sorten  scheidet.
Eine  gründlichere  Reinigung  und  Sortierung  nach
Länge  und  Kürze,  Steifheit  und  Weiche  nimmt
der  Bürstenfabrikant  selbst  vor.  Die  Reinigung
erfolgt  durch  Waschen  mit  heißer  Alaunlösung
oder  Seife,  daran  schließt  sich  meist  eine  Bleichung ­
  durch  Sonnenlicht  oder  schweflige  Säure,
bei  der  besonders  die  russischen  Borsten  schöne
Weiße  und  hohen  Glanz  annehmen,  ohne  an
Elastizität  einzubüßen.  Vielfach  werden  die
weißen  B.  für  manche  Luxuswaren  auch  wohl
gelb  oder  rot  gefärbt,  während  bei  den  mißfarbigen ­
  und  scheckigen  nur  eine  Veredelung
durch  Schwarzfärben  möglich  ist.  Am  teuersten
sind  rein  weiße,  danach  gute  schwarze  B.,  während ­
  rote,  braune  u.  a.  als  melierte  zusammengefaßt ­

  werden.  Mit  dem  Reinigen,  Zurichten
und  Sortieren  befassen  sich  namentlich  in  Breslau, ­
  Frankfurt  a.  O.,  Hamburg,  Nürnberg,  Wien
zahlreiche  Fabriken.  Die  B.  kommen  entweder
nur  oberflächlich  gereinigt  und  sortiert  als  sog.
Rauhborsten,  oder  aber  zugerichtet  als  Schuster-, ­
  Bürstenbinder-,  Pinselbonsten  teils
in  Schachteln,  teils  in  Paketen  in  den  Handel.
—  Die  ebenfalls  als  eine  Art  verwachsener
Borsten  anzusehenden  Stacheln  des  Stachelschweins ­
  (Hystrix  cristata)  werden  als  f^tahlfederhalter
  benutzt.
Botano,  ein  wertloses  Geheimmittel  gegen
Harnsäure,  besteht  aus  getrockneten  Bohnenschalen. ­

Botanybaiholz  (Ochsenfleischholz,  frz.Bois
de  Botanybay,  engl.  Boeuf-wood).  Diesen  Namen ­
  führen  i.  ein  aus  Australien  in  Scheiten
und  Brettern  zu  uns  kommendes;  von  verschiedenenKasuarineen
  abstammendes  Holz;  2.  ein
aus  Ostindien  kommendes,  von  der  Leguminose
  Dalbergia  latifolia  abstammendes,  anfangs ­
  blaues,  später  tiefschwarz  werdendes  Holz
(ostindisches  Rosenholz,  engl.  Black-wood).
Das  letztere  führt  also  den  Namen  B.  mit  Unrecht. ­
  Beide  werden  zu  feinen  Tischler-  und
Drechslerarbeiten  benutzt.  —  Botanybaiharz
s.  Akaroidharz.
Bougies,  kleine  zylindrische  Stäbchen  aus
biegsamem  Material,  welche  mit  einer  Schicht
von  Gelatine  oder  Kakaofett  unter  Zusatz  medikamentöser ­
  Stoffe  überzogen  sind.
Bouillonwürfel  (Fleischbrühwürfel,  Brühwürfel) ­
  sind  in  Würfelform  gebrachte  Mischungen ­
  von  Fleischextrakt  oder  eingedickter  Fleischbrühe, ­
  tierischen  Fetten,  Suppenwürzen,  Gemüseauszügen, ­
  Gewürzen  und  Kochsalz,  welche
beim  Auflösen  in  Wasser  ein  der  Fleischbrühe
ähnliches  Getränk  (Suppe)  geben.  Der  Gehalt
an  Kochsalz  darf  65  0/0  nicht  übersteigen,  der
Gehalt  an  Stickstoff  muß  mindestens  3  o/ 0)  derjenige ­
  an  Fleischextrakt  mindestens  7,5  o/ 0  (mit
o,4S  %  Kreatinin)  betragen.  Die  letztere  Zahl
ist  wegen  des  im  Kriege  herrschenden  Mangels ­
  an  Fleischextrakt  reichlich  niedrig  gewählt
und  nach  Eintritt  normaler  Verhältnisse  auf  10
bis  150/0  zu  erhöhen.  Zusätze  von  Zucker,
Mehl,  Pflanzenfett  gelten  als  Verfälschung,  Das
Normalgewicht  des  Würfels  ist  zu  4  g  festgesetzt ­
  worden.  Bouillonkapseln,  Bouillontafeln ­
  usw.  nannte  man  früher  ähnlich  zusammengesetzte, ­
  aber  anders  geformte  Erzeugnisse, ­
  die  •  jetzt  kaum  noch  in  den  Handel
kommen.
Bouillonwürfelersatz  nennt  man  den  Bouillonwürfeln ­
  ähnliche  Erzeugnisse,  welche  statt  des
Fleischextraktes  (s.  d.)  ein  Ersatzmittel  des  letzteren ­
  enthalten.  Um  den  ungeheuren  Schwindel,
welcher  von  inländischen  und  ausländischen,
besonders  dänischen,  Fabrikanten  mit  angeblichem ­
  B.  betrieben  wurde,  entgegentreten  zu
können,  hat  der  Bundesrat  am  25.  X.  1917  die
Vorschrift  aufgestellt,  daß  der  Kochsalzgehalt
30  0/0  nicht  überschreiten,  der  Gehalt  an  Stickstoff ­
  aber  mindestens  2  0/0  betragen  soll.  Auch
mit  Phantasienamen  belegte  Würfel  müssen  diesen ­
  Anforderungen  entsprechen.  Suppenwürfel ­
  (s.  d.).
        <pb n="70" />
        Bouteillenstein

65

Braunkohle

Bouteillenstein,  eine  dunkelgrüne  Abart  des
Obsidian  vom  Härtegrade  ^ 1 / 2 .  —Zoll:  S.  Achat.
Bovril,  ein  mit  Fleischmehl  vermischtes  Fleisch-&amp;lt;extrakt.

Braga,  das  säuerlich  schmeckende  alkoholische ­
  Nationalgetränk  der  Rumänen  aus  gegorener ­
  Hirse.
Brandol,  Mittel  gegen  Brandwunden,  aus  Pikrinsäure, ­
  Glyzerin  und  Brennesselabkochung.
Brandsalbe,  Blei-  oder  Zinksalbe,  ferner  ein
Gemisch  aus  gleichen  Teilen  Leinöl  und  Kalkwasser ­
  oder  ein  Gemisch  aus  15  Teilen  Bleiessig, ­
  2  Eidottern  und  120  Teilen  Leinöl.
Brandts’  Schweizer  Pillen  enthalten  nach  Angabe ­
  des  Erfinders  1,5  g  Extractum  Selini,  je
1  g  Extr.  Achilleae  mosch.,  Aloes,  Absinthii,
0,5  g  Trifolii,  Gentianae.
Branntwein  (frz.  Eau  de  vie,  engl.  Brandy)
nannte  man  ursprünglich  die  durch  Destillation
von  Wein  erhaltene  geistige  Flüssigkeit  (Kognak), ­
  während  man  heute  hierunter  alle  alkoholreichen, ­
  aus  vergorenen  Maischen  durch  D  estillation
  gewonnenen  Flüssigkeiten  versteht.
Zu  ihrer  Herstellung  können  also  entweder  bereits ­
  vergorene  Flüssigkeiten  (Wein,  Bier)  herangezogen ­
  werden,  aus  welchen  der  Alkohol
abdestilliert  wird,  ferner  zuckerhaltige  Stoffe,
wie  süße  Früchte,  Palmensaft,  Melasse,  welche
vor  der  Destillation  einer  Gärung  unterworfen
Werden  müssen,  und  schließlich  stärkemehlhaltige ­
  Substanzen,  wie  Getreide,  Hülsenfrüchte,
Kartoffeln,  Flechten  usw.  Die  letzteren  werden
zunächst  zur  Verkleisterung  der  Stärke  gedämpft, ­
  darauf  mit  Grünmalz,  oder  in  heißen
Gegenden  besser  durch  Kochen  mit  verdünnten
Säuren  verzuckert  und  schließlich  mit  Hefe  vergoren. ­
  Aus  der  vergorenen  Flüssigkeit  (Maische)
wird  dann  der  Branntwein  durch  Destillation
mittels  indirekten  Wasserdampfes  abgeschieden.
Pie  vervollkommneten  Apparate  der  Jetztzeit
gestatten,  bereits  durch  einmalige  Destillation
e inen  hochgrädigen  Branntwein  von  90—93  0/0
gewinnen,  während  die  völlige  Reinigung  in
besonderen  Fabriken  durch  Rektifikation  erfolgt. ­
  Der  für  technische  Zwecke  bestimmte  B.
ls t  unter  Spiritus  (s.  d.)  behandelt.  Die  Trinkbranntweine ­
  unterscheidet  man  in  der  Regel
)n  folgende,  Gruppen:  1.  Gewöhnliche  Trinkbranntweine
  (Schnaps),  die  meist  lediglich
auf  kaltem  Wege  durch  Mischung  von  Kartoffels
 Phitus,  Wasser  und  sog.  Würze  hergestellt  werden ­
  und  mindestens  25  Vol.  0/0  Alkohol  und
höchstens  0,60/0  Fuselöl  enthalten  sollen;  2.  Kornbranntwein ­
  (Nordhäuser,  Münsterländen,
Breslauer,  Steinhäger,  Fruchtbrannt-'vein.
  Westfälischer,  Whisky,  Korn,
b°ornkaat,  Genever),  die  nach  dem  Brannt-'veinsteuergesetze
  lediglich  durch  Destillation
v°n  Getreide-  (Roggen,  Weizen,  Plafer,  Gerste)
“laische  gewonnen  sein  dürfen  und  nach  Hanuelsgebrauch
  30Vol.  o/ 0  Alkohol  enthalten  müssen;
3-  Bittere,  aus  Alkohol,  Wasser,  Auszügen  bitterer ­
  und  aromatischer  Pflanzenteile  sowie  auch
unter  Zusatz  aromatischer  Destillate,  ätheri-Sc
 " er  öle,  natürlicher  Essenzen  und  Zucker  hergestellte
  B.  mit  mindestens  25  Vol.-°/o  Alkohol;
4-  Liköre;  5.  Obstbranntweine;  6.  Edelranntweine
  (Arrak,  Kognak,  Rum).  Die
r uppen  4—6  sind  in  besonderen  Artikeln  be-Mercks
  Warenlexikon,

sprochen.  Als  Verfälschung  der  Branntweine
kommt  vor  allem  Wasserzusatz,  Verwendung
von  vergälltem  (denaturiertem)  Spiritus  und  Zusatz ­
  von  sog.  Branntweinschärfen  in  Frage.
Den  ersteren  erkennt  man  unmittelbar  oder
nach  der  Destillation  mit  Hilfe  des  Alkoholometers, ­
  die  letzteren  meist  nach  dem  Eindampfen ­
  an  den;  scharfen  Geruch  und  Geschmack ­
  des  Rückstandes.  Besonders  gefährlich ­
  ist  der  Zusatz  des  giftigen  Holzgeistes
(s.  d.)  : —  Steuer;  S.  Anhang  über  das  „Gesetz ­
  über  das  Branntweinmonopol“  vom  26.  Juli
1918.  —  Der  Kleinhandel  mit  Trinkbranntwein ­
  und  der  Ausschank  von  Spirituosen  unterliegt ­
  behördlicher  Genehmigung.
Brauerpech  zum  Auspichen  von  Bierfässern
besteht  gewöhnlich  aus  einer  Mischung  von
schwarzem  Pech  mit  aromatischen  Stoffen  (Benzoe) ­
  oder  von  Harz  mit  Fett.  Das  B.  darf  keinen
unangenehmen  Geschmack  besitzen,  was  man
am  besten  dadurch  ermittelt,  daß  man  etwas  B.
in  Feinsprit  löst,  die  Lösung  in  Wasser  gießt
und  dieses  dann  kostet.
Braunkohle  (frz.  Lignite,  engl.  Peat,  Brown
coal),  diejenige  fossile  Kohle,  welche  während
der  Zeit  der  Braunkohlen-oder  Tertiärformation
zur  Ablagerung  gelangte,  ist  hervorgegangen
aus  Anhäufungen  von  mehr  oder  weniger  verkohlten ­
  Pflanzenmassen,  vorzugsweise  aus  Torfund ­
  Sumpfvegetation.  Sie  tritt  sowohl  in  Form
von  Holz  (Lignit),  Blättern,  Stengeln  usw.,  an
welchen  ihre  Entstehung  aus  Pflanzenteilen
noch  deutlich  zu  erkennen  ist,  als  auch  in  amorphen, ­
  erdigen,  dichten,  schieferigen  und  körnigen
Massen  auf,  welche  alle  Pflanzenstruktur  verloren ­
  haben.  Die  lufttrockene  B.  besteht  aus
65—77  0/0  Kohlenstoff,  4—6  0/0  Wasserstoff,  19
bis  29  0/0  Sauerstoff  und  o—2  °/o  Stickstoff  und
enthält  außerdem  noch  Kalk,  Tonerde,  Kieselsäure, ­
  welche  bei  dem  Verbrennen  als  Asche
übrig  bleiben.  Das  spez.  Gew.  beträgt  0,8—1,5.
Als  bekanntere  Sorten  sind:  Gemeine  B.,
Schieferkohle,  Papierkohle,  Moorkohle,
Pechkohle,  Alpenkohle  und  Glanzkohle
anzuführen.  Die  aus  der  Zersetzung  der  Koniferenhölzer ­
  hervorgegangene  Braunkohle  schließt
nicht  selten  fossiles  Harz  (Retinit,  Pyropissit)
ein,  welches  in  größerer  Menge  auftretend  die
Kohle  („Schweelkohle“)  zur  Darstellung  von
Photogen,  Solaröl,  Paraffin,  Karbolsäure  geeignet ­
  macht.  Andere  Sorten,  welche  Schwefeloder ­
  Eisenkies  in  größerer  Menge  enthalten,
werden  zur  Fabrikation  von  Schwefelsäure,
Eisenvitriol  und  Alaun  verwendet,  so  ipn  nordwestlichen ­
  Böhmen  usw.  Die  erdige  Kohle  wird
entweder  durch  Anmengen  mit  Wasser  durch
Handarbeit  oder  durch  maschinelle  Vorrichtungen ­
  zu  Kohlenziegeln  oder  Braunkohlensteinen ­
  geformt  oder  getrocknet,  pulverisiert
und  bei  höherer  Temperatur  zu  sog.  Briketts
gepreßt  (s.  d.).  Durch  Vergasung  der  Braunkohle, ­
  auch  der  erdigen  Arten,  ist  es  gelungen,
eine  so  hohe  Temperatur  zu  erzeugen,  daß  man
damit  Glas  schmelzen  und  Tonwaren  brennen
kann.  —  Die  bituminösen  Pechkohlen  (Spiegelkohlen) ­
  von  Falkenau  a.  E.,  Neusattel  in  Böhmen, ­
  von  Rötschach-Weitenstein  in  Steiermark
werden  zur  Gewinnung  guten  Leuchtgases  benutzt. ­
  Auch  als  Düngemittel  wird  die  Braun-
        <pb n="71" />
        Braunschweigergrun

66

Brie-Käse

kohle  sowohl  direkt  als  auch  nach  der  Verbrennung ­
  zu  Asche  verwandt.  Die  bedeutendste
Braunkohlengewinnung  findet  sich  im  nordwestlichen ­
  Böhmen,  welches  seine  wertvollen  Kohlen
nicht  nur  nach  allen  Teilen  Österreichs,  sondern ­
  auch  nach  Deutschland  sendet,  selbst  nach
den  Gegenden,  an  welchen  viele  (aber  erdige)
Kohlen  vorhanden  sind.
Braunschweigergrün,  eine  *  hellgrüne,  giftige
Anstrichfarbe  aus  basischem  Kupferkarbonat ­
  (basisch  kohlensaurem  Kupferoxyd),
wird  durch  Fällung  einer  Kupfersalzlösung  mit
kohlensaurem  Natron  erhalten  und  durch  Zusätze ­
  von  Schwerspat  oder  Gips  beliebig  abgetönt. ­
  Unter  demselben  Namen  kommen  auch
Gemenge  von  Schweinfurtergrün  mit  basisch
kohlensaurem  Kupferoxyd  in  den  Handel.
Braunstein  (lat.  Manganum  hyperoxydatum
nativum,frz.Bioxyde  de  manganfese,engl.Brownstone). ­
  Diesen  Namen  führt  in  der  Industrie
und  im  Handel  der  Pyrolusit  oder  das  Weichmanganerz, ­
  welches  in  seinen  reinsten  Abarten ­
  aus  Mangansuperoxyd  (Mn0 2 )  besteht, ­
  gewöhnlich  aber  mit  andern  sauerstoffarmeren ­
  Manganerzen,  namentlich  mit  Manganit
  gemengt  ist.  Ausgiebige  B.-Gruben  finden
sich  namentlich  in  Thüringen  (bei  Ilmenau,
Öhrenstock,  Elgersburg),  in  der  Provinz  Nassau,
in  Spanien,  im  Kaukasus,  Frankreich  und  England. ­
  Man  versendet  den  B.  teils  in  ganzen
Stücken,  teils  in  mehr  oder  weniger  fein  gemahlenem ­
  Zustande  als  ein  schwarzes  Pulver.
Sein  Wert  richtet  sich  nach  seinem  Gehalte  an
Mangansuperoxyd,  der  in  der  Regel  70—75  0/0
nicht  übersteigt,  oft  aber  geringer  ist.  Der  Prozentgehalt ­
  wird  vom  Händler  garantiert.  Guter
B.muß  sich  beim  Erwärmen  mit  Salzsäure,  ohne
Rückstand  zu  hinterlassen,  auflösen.  Verwendung ­
  findet  er  zur  Bereitung  von  Brom,  Jod
und  Chlor,  welches  letztere  wieder  teils  direkt
zum  Bleichen,  teils  zur  Gewinnung  von  Chlorkalk, ­
  chlorsaurem  Kali  usw.  dient.  Ferner  benutzt ­
  man  B.  in  der  Glasfabrikation  zum  Entfärben ­
  des  Glases,  zur  Bereitung  von  Manganstahl
  und  schmiedbarem  Guß,  zu  farbigen  Töpferglasuren ­
  und  zur  Herstellung  verschiedener
Manganverbindungen.  Aus  den  bei  der  Bereitung ­
  von  Chlorgas  in  großer  Menge  abfallenden
manganhaltigen  Laugen  wird  Jetzt  das  Mangan
wieder  für  neue  Operationen  tauglich  gemacht
(Regeneration),  so  daß  nur  die  unvermeidlichen ­
  kleinen  Verluste  durch  natürlichen  B.  ersetzt ­
  werden  müssen.
Brauselimonaden  nennt  man  die  verbreitetste
Gruppe  der  billigeren  kohlensäurehaltigen,  alkoholfreien ­
  Getränke,  für  deren  Beurteilung
nach  den  Beschlüssen  der  freien  Vereinigung
Deutscher  Nahrungsmittelchemiker  folgende
Grundsätze  maßgebend  sind:  A.  1.  Brauselimonaden ­
  mit  dem  Namen  einer  bestimmten
Fruchtart  sind  Mischungen  von  Fruchtsäften  mit
Zucker  und  kohlensäurehaltigem  Wasser.  2.  Die
Bezeichnung  der  Brauselimonaden  muß  den  zu
ihrer  Herstellung  benutzten  Fruchtsäften  entsprechen. ­
  Letztere  müssen  den  an  echte  Fruchtsäfte ­
  zu  stellenden  Anforderungen  genügen.
3.  Eine  Auffärbung  mit  anderen  Fruchtsäften
(Kirschsaft)  sowie  ein  Zusatz  von  organischen
Säuren  ist  nur  zulässig,  wenn  sie  auf  der  Etikette ­

  in  deutlicher  Weise  angegeben  werden.
Mit  dem  Safte  von  Zitronen,  Orangen  oder  anderen ­
  Früchten  der  Gattung  Citrus  hergestellte
B.  dürfen  einen  Zusatz  des  entsprechenden  Schalenaromas ­
  ohne  Deklaration  erhalten.  B.  Unter
künstlichen  Brauselimonaden  versteht  man
Mischungen,  die  neben  oder  ohne  Zusatz  von
natürlichem  Fruchtsaft,  Zucker  und  kohlensäurehaltigem ­
  Wasser  organische  Säuren  oder
Farbstoffe  oder  natürliche  Aromastoffe  enthalten. ­
  In  solcher  Weise  zusammengesetzte  B.  dürfen ­
  nicht  unter  dem  Namen  „Brauselimonade“
allein  gehandelt  werden,  sondern  müssen  die
deutliche  Bezeichnung  „Künstliche  Brauselimonade“ ­
  oder  „Brauselimonade  mit  Himbeer-  usw.
Geschmack“  tragen.  C.  Der  Zusatz  von  Konservierungsmitteln ­
  ist  nur  insoweit  gestattet,
als  ihre  Gesundheitsunschädlichkeit  selbst  bei
dauerndem  Genuß  feststeht.  Der  Zusatz  ist  in
jedem  Falle  nach  Art  und  vorhandener  Menge
deutlich  zu  deklarieren.  D.  Saponinhaltige
Schaumerzeugungsmittel  sind  für  die  unter  A
und  B  genannten  Erzeugnisse  unzulässig.  E.  Das
zu  verwendende  Wasser  muß  den  an  künstliche
Mineralwässer  zu  stellenden  Anforderungen  genügen. ­

Brechweinstein  (Antimonkaliumtartrat,
weinsaures  Antimonoxydkali,  lat.  Tartarus
stibiatus,  Tartarus  emeticus,  Stibiokali  tartaricum,
  Kalium  stibiato-tartaricum,  frz.  Tartre  6metique,
  Tartre  anthnonial,  engl.  Tartar  emetic),
ein  giftiges,  namentlich  brechenerregend  wirkendes ­
  chemisches  Präparat,  wird  durch  Sättigen ­
  von  gereinigtem  Weinstein  mit  Antimonoxyd ­
  erhalten  und  bildet  farblose,  durchsichtige,
glänzende  Kristalle,  die  an  der,  Luft  bald  undurchsichtig ­
  und  weiß  werden.  Der  B.  wird
nicht  nur  medizinisch,  und  zwar  innerlich  und
äußerlich,  sondern  in  weit  größeren  Mengen  als
Beize  für  Anilinfarben  in  der  Färberei  und  Zeugdruckerei ­
  angewandt.  Für  medizinische  Zwecke
muß  er  ganz  arsenfrei  sein.  B.  muß  sich  in  der
tyfachen  Menge  Wasser  klar  auflösen,  ein
Rückstand  rührt  von  beigemengtem  Weinstein
oder  von  weinsaurem  Kalk  her.  Verfälschungen
kommen  vor  mit  Zinkvitriol,  Chlorkalium  usw.
Bremerblau  (künstliches  Bergblau),  eine
giftige,  hellblaue  Anstrichfarbe,  besteht  aus  einem
Gemenge  von  Kupferkarbonat  und  Kupferoxydhydrat. ­
  Eine  etwas  ins  Grünliche  spielende  Abart, ­
  Bremergrün,  wird  durch  Zusammenreiben
mit  Ölfirnis  noch  deutlicher  grün.
Brennesselkraut  (lat.  Herba  urticae,  frz.  Ortie,
engl.  Nettle),  das  getrocknete  Kraut  der  Brennnessel, ­
  Urtica  urens,  wird  als  blutstillendes
Mittel  und  gegen  Hämorrhoiden  angewandt.
Brenzkatechin,  Oxyphensäure,  Orthodioxybenzol,
  C 6 H 4 (OH) 2 ,  findet  sich  in  den  Blättern
des  wilden  Weins  und  im  Kinogummi  sowie
als  Produkt  der  trocknen  Destillation  verschiedener ­
  organischer  Stoffe  im  rohen  Holzessig,
und  wird  durch  Erhitzen  von  Guajakol  mit  Jodwasserstoffsäure ­
  dargestellt.  B.  wird  als  photographischer ­
  Entwickler  verwendet.  Die  weißen
glänzenden  Blättchen  sind  in  Wasser,  Alkohol
und  Äther  leicht  löslich.  Der  Schmelzpunkt  liegt
bei  J04 0 ,  der  Siedepunkt  zwischen  240  und  245  °.
Brie-Käse  (frz.  Fromage  de  Brie),  ein  weicher,
überfetter  französischer  Käse  aus  dem  Departe ­
        <pb n="72" />
        Briketts

67

Brombeeren

ment  Seine  et  Marne,  namentlich  von  Brie  comte
Robert  und  Meaux,  kommt  in  Stanniol  eingewickelt ­
  in  scheibenförmigen  Stücken  in  den
Handel  und  ist  sehr  geschätzt.
Briketts  nennt  man  aus  abgesiebtem  Braunkohlen- ­
  oder  Steinkohlenstaub  durch  Pressen
hergestellte  ziegelförmige  Stücke,  die  sich  wegen
ihrer  regelmäßigen  Form  gut  und  leicht  zusamnaenstellen
  lassen  und  demnach  einen  nur  verhältnismäßig ­
  geringen  Raum  einnehmen;  dabei
geben  sie  ein  sehr  gutes  Brennmaterial  ab,  das
sich  auch  für  Lokomotiven  und  Dampfschiffe
eignet.  Der  sonst  nicht  verwendbare  Braunkohlen- ­
  und  Steinkohlenstaub  läßt  sich  auf  diese
Weise  gut  verwerten.
Brillantgelb.  Diesen  Namen  führen  mehrere
gelbe  Teerfarbstoffe,  so  zwei  verschiedene  Azofarbstoffe ­
  aus  diazotierterDiamidostilbendisulfosäure
  mit  2  Molekülen  Phenol  und  ein  Nitrofarbstoff,
  das  Dinitroalphanaphtolmonosulfosaure
Natron.
Brillantkongo,  3  verschiedene,  durch  die  Buchstaben ­
  G,  R  und  2  R  unterschiedene  Azofarbstoffe, ­
  welche  in  Form  brauner  Pulver  in  den
Handel  kommen  und  beim  Färben  verschiedene
Farbtöne  in  Rot  geben.  B.-R.  entsteht  aus  diazotiertem
  Tolidin  mit  je  einem  Molekül  Naph-'ylamindisulfosäureR
  und  /9-Naphtylamin-/S-Sulfosäure.

Brillantkrozei'n  (Baumwollenscharlach),
e in  hellbraunes,  in  Wasser  mit  kirschroter  Farbe
lösliches  Pulver,  färbt  Wolle  in  sauerem  Bade
r °t  und  besteht  aus  dem  Natronsalze  der
Amidoazobenzolazobetanaphtoldisulfosäure.
Brillantponceau  und
Brillantscharlach,  zwei  Azofarbstoffe,  die  von
öenr  Doppelscharlach  extra  S  (s.  d.)  kaum
verschieden  sind.
,  Britanniametall.  Metallegierungen  von  fast
silberweißer  Farbe,  die  im  wesentlichen  aus
'Hnn  und  etwas  Antimon  bestehen,  häufig  aber
^uch  kleine  Mengen  Zink  und  Kupfer  enthalten.
Man  fertigt  aus  dem  B.,  welches  sich  zu  dünnem
“lech  auswalzen  läßt,  verschiedene  Geschirre,
^anientlich  Teekannen,  Löffel,  Leuchter  usw.,
cll e  bisweilen  auch  galvanisch  versilbert  werden.
Broihahn  (B  reihahn),  ein  in  den  Provinzen
“ a chsen  und  Hannover  gebräuchliches  ober-Sariges
  Weißbier.
Brokatfarben  sind  fein  präparierte  Glimmer-Sc
 hüppchen,  die  zum  Bedrucken  von  Tapeten
J ln d  Buntpapieren  verwendet  werden.  Man  sor-’
 ert  das  natürlich  vorkommende  Mineral  und
Präpariert  es,  wodurch  man  gold-  und  silberfarbene ­
  Sorten  erhält.  Auch  werden  durch  Aufarben
  mittels  Anilinfarben  bunte  B.  hergestellt.
Brom  (Bromine,  lat.  Bromum,  frz.  Bröme,
Jrgl.  Bromine),  ein  chemisches  Element  der
klorgruppe,  das  in  seinen  Eigenschaften  zwi-T
  a 6n  ^ ern  gasförmigen  Chlor  und  dem  festen
steht  und  seltener  als  das  erstere,  aber
^aufjggr  als  das  letztere  auftritt,  findet  sich  in
Natur  nicht  in  freiem  Zustande,  sondern
s - r  jrrForm  von  Verbindungen,  und  zwar  hauptst
 c ^h  mit  Natrium  und  Magnesium  als  Beandteil
  vieler  Salzsolen,  Mineralwässer  und  des
^  eer wassers,  desgleichen  in  den  Staßfurter  und
'“Poldshäller  Abraumsalzlagem  sowie  in  nordme
 nkanischen  Salzlagern.  Die  Abscheidung  des

B.,  die,  ursprünglich  in  Frankreich  und  England
heimisch,  jetzt  nur  noch  in  Deutschland  und
Nordamerika  ausgeübt  wird,  erfolgt  durch  Behandlung ­
  mit  Braunstein  und  Schwefelsäure
oder  auf  elektrolytischem  Wege.  Das  reine  B.
(Br  =  79,92)  ist  eine  schwere,  ätzende  Flüssigkeit ­
  vom  spez.  Gew.  3,19  (o°)  und  fast  schwarzer, ­
  in  dünnen  Schichten  hyazinthroter  Farbe,
die  beständig;  rote  Dämpfe  von  erstickendem
Geruch  ausstößt  und  bei  7,3°  zu  einer  blättrigkristallinischen
  Masse  erstarrt.  Mit  Wasser
mischt  es  sich  nicht,  nimmt  aber  etwas  davon
auf,  und  andererseits  löst  Wasser  etwas  B.  zu
einer  rötlichgelben  Flüssigkeit  (Bromwasser).
Mit  vielen  Elementen  wie  Phosphor,  Schwefel,
Arsen  usw.  verbindet  es  sich,  lebhaft,  z.  T.  unter
Entflammung,  zerstört  auch  organische  Stoffe
(Schleimhäute)  und  wirkt  bereits  in  Verdünnungen ­
  1  :10000  tödlich.  Das  B.  findet  vielfache
Verwendung  in  chemischen  Laboratorien  sowie
zur:Herstellung  von  Bromsalzen,  und  Farbstoffen
(Eosin,  Bromindigo),  zur  Desinfektion  und  bei
der  Goldextraktion.  Zum  Versand  bedient  man
sich  größerer  Glasflaschen,  deren  eingeschliffene
Stöpsel  noch  mit  geschmolzenem  Schellack  und
Tonkitt  umgeben  und  gut  Überbunden  werden.
Die  Flaschen  werden  in  Kieselgur  eingebettet
und  kalt  aufbewahrt.  Die  Gesamtproduktion  im
Jahre  1912  betrug  in  Deutschland  866000  kg,  in
Amerika  323000  kg;  der  Preis  sank  von  90  bis
95  M.  im  Jahre  1865  auf  etwa  2,50  M.  im  Jahre
1912  und  wird  durch  die  sog.  Bromkonvention
geregelt.
Bromalhydrat  (lat.  Bromalum  hydratum,  frz.
Bromal  hydratö,  engl.  Hydrate  of  bromal),  eine
dem  Chloralhydrat  entsprechende  Verbindung,
in  welcher  das  Chlor  durch  Brom  ersetzt  ist,
erscheint  in  nadelförmigen  Kristallen,  welche
sich  leicht  in  Wasser  und  Alkohol  lösen  und
bei  53,5 0  schmelzen.  Geruch  und  Geschmack
sind  dem  des  Chloralhydrats  ähnlich.  Das  B.
wird  zuweilen  medizinisch  verwandt  und  ist
giftig.
Bromalin,  eine  weiße  kristallinische  Substanz
vom  Schmelzpunkt  200  °,  welche  durch  Vereinigung ­
  von  Bromäthyl  mit  Hexamethylentetramin
(s.  d.)  entsteht  und  an  Stelle  von  Bromkalium,
dessen  unangenehme  Nebenwirkungen  es  nicht
zeigt,  bei  Epilepsie  und  Neurasthenie  verordnet
wird.
Brombeeren  (lat.  Fructus  rubi  nigri,  frz.Fruits
de  ronce,  engl.  Black-berry,  Brambles),  die
glänzendschwarzen,  saftreichen,  aromatisch  riechenden ­
  und  süßschmeckenden  Früchte  des  bekannten, ­
  in  Wäldern  und  Hecken  häufigen
Brombeerstrauchs,  Rubus  fruticosus  L.,
finden  bei  uns  nur  beschränkte  Verwertung,
während  sie  in  Nordamerika  in  großen  Mengen
angebaut  und  zur  Bereitung  von  Brombeerwein, ­
  Brombeerlikör  und  Essig  sowie  von
Marmeladen  verwandt  werden.  Von  den  amerikanischen ­
  Sorten  eignet  sich  am  besten  die
Kittatinny-B.  für  den  Anbau  in  Deutschland.  —
Die  fein  behaarten,  dunkelgrünen  Blätter  des
Brombeerstrauchs  werden  getrocknet  als
Herba  s.  Folia  Rubi  fruticosi  (Brombeerblätter, ­
  frz.  Feuilles  de  ronce,  engl.  Bramble-leaves)
  als  Mittel  gegen  Durchfälle  und  Verschleimungen ­
  verlangt.
        <pb n="73" />
        EZS

Bromipin

68

Bronze

Bromipin  entsteht  bei  Einwirkung  von  Chlorbrom ­
  auf.  Sesamöl  als  eine  durch  Geruch  und
Geschmack  von  Fetten  nicht  unterscheidbare
Masse,  welche  aber  io  bzw.  33 1 / s  °/o  Brom
enthält  und  daher  mit  Vorteil  statt  der  Bromalkalien ­
  medizinische  Anwendung  findet.
Bromkampfer  (Monobromkampfer,  lat.
Camphora  monobromata,  frz.  Bromure  de  camphrc,
  engl.  Bromide  of  Camphor)  wird  durch
Einwirkung  von  Brom  auf  Kampfer  gewonnen
und  bildet  lange,  farblose  Kristalle  von  starkem
Kampfergeruch.  B.  wird  in  der  Medizin  zum
innerlichen  Gebrauch  verwendet  und  dient  auch
als  Gegenmittel  bei  Strychninvergiftungen.
Bromoform,  CHBr 3 ,  (Formylbromid,  Tribrommethan,
  lät.  Bromoformium,  frz.  Bromoforme,
  engl.  Bromoform),  eine  dem  Chloroform
ähnliche  schwere,  farblose,  betäubend  gewürzhaft ­
  riechende,  mit  Wasser  nicht  mischbare
Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.  2,19  und  dem  SP.
148°,  wird  zuweilen  medizinisch  gegen  Keuchhusten ­
  verwandt.
Bromokoll,  eine  Verbindung  von  200/0  Brom
und  Tannin  mit  etwa  30  0/0  Leim,  welche  durch
Fällung  einer  Bromtanninlösung  mit  Leim  entsteht, ­
  ist  ein  schwach  gelbliches,  geruch-  und
geschmackloses  Pulver,  das  als  Ersatz  für  Bromalkalien ­
  benutzt  wird.
Bromol,  medizinischer  Name  für  das  durch
Fällung  von  Phenollösung  mit  Brom  entstehende
Tribromphenol,  das  neuerdings  als  Antiseptikum ­
  empfohlen  wird.
Bromwasser,  Auflösung  von  Brom  in  Wasser.
Die  gesättigte  Lösung  enthält  1  g  Brom  in
30  Teilen  Wasser.  Zu  medizinischen  Zwecken
wird  1  Teil  Brom  in  200  Teilen  Wasser  gelöst.
Bromwasserstoff  (Bromwasserstoffsäure,
Hydrobromsäure,  lat,  Acidum  hydrobromicum,
  frz,  Acide  hydrobromique,  engl.  Hydrobromic
  acid),  die  wässerige  Lösung  des  Bromwasserstoffgases ­
  (HBr)  in  Wasser,  eine  farblose, ­
  an  der  Luft  rauchende,  stark  sauere  Flüssigkeit ­
  vom  spez.  Gew.  1,200,  findet  zu  chemischen ­
  und  medizinischen  Zwecken  Verwendung,
Bronil,  ein  mit  10  o/ 0  Schmieröl  getränktes  Gemisch ­
  von  Sand  und  Kreide,  das  als  Kehrmittel
zur  Beseitigung  der  Staubplage  empfohlen
wurde.
Bronze  (frz.  Bronze,  engl.  Hard  brass)  nannte
man  ursprünglich  die  älteste  bekannte  Metalllegierung ­
  aus  Kupfer  und  Zinn,  die  schon  in
vorgeschichtlicher  Zeit  (Bronzezeit)  zur  Herstellung ­
  von  Waffen  und  Gebrauchsgegenständen ­
  benutzt  wurde;  später  wurde  der  Name
auch  auf  Legierungen  aus  Kupfer,  Zinn  und
anderen  Metallen,  besonders  Zink  und  Blei,
übertragen.  Von  der  Zusammensetzung  der  B.
sind  ihre  Eigenschaften,  wie  Farbe,  Härte,  P.oliturfähigkeit,
  Klang,  Dehnbarkeit,  Festigkeit  in
hohem  Grade  abhängig.  Die  Farbe  ist  bei
einem  Zinngehalte  von  x  —ioo/ 0  rot,  rotbraun
bis  rotgelb,  bei  15  0/0  reingelb,  bei  20  o/ 0  gelblichweiß, ­
  geht  dann  durch  Reinweiß  bei  50—650/0
in  Grauweiß  und  bei  noch  größerem  Zinngehalt
in  die  Farbe  des  Zinns  über.  Durch  Zusatz  von
Zink  läßt  sich  der  gelben  B.  ein  schönerer,,
wärmerer  Ton  verleihen,  und  die  neueren  Statuen ­
  enthalten  daher,  auch  des  geringeren  Preises ­
  wegen,  meist  erhebliche  Zinkmengen.  Die

Härte  nimmt  bis  etwa  30  0/0  Zinn  zu,  bei  höheren
Gehalten  wieder  ab.  B.  mit  28—300/0  Zinn  ist
so  hart,  daß  die  Feile  kaum  angreift,  auch
zeigen  diese  harten  Legierungen  bei  dichtem
und  feinkörnigem  Gefüge  große  Politurfähigkeit. ­
  Der  Klang  wird  nicht  nur  durch  Zink
und  Blei,  die  in  gewöhnlichen  Glocken  und
Klingeln  vorhanden  sind,  sondern  auch  durch
in  älteren  Kirchenglocken  angeblich  beobachtetes ­
  Silber  ungünstig  beeinflußt.  B.  läßt  sich  ausgezeichnet ­
  gießen,  bei  geringerem  Zinngehalt
auch  gut  dehnen  und  kalt  mit  dem  Hammer  bearbeiten, ­
  durch  Eintauchen  glühender  Stücke  in
kaltes  Wasser  weicher  und  dehnbarer,  durch
langsames  Abkühlen  härter  und  spröder  machen.
Wegen  der  Vielseitigkeit  ihrer  Eigenschaften
findet  die  B.  zur  Herstellung  der  verschiedenartigsten ­
  Gegenstände,  von  den  schwersten
Glocken  und  Maschinenteilen  bis  zu  den  zierlichsten ­
  Schmucksachen  und  Kunstwerken,  Verwendung, ­
  und  für  jeden  Zweck  kann  die  erstrebte ­
  Wirkung  durch  geeignete  Wahl  des  Mischungsverhältnisses ­
  erreicht  werden.  Als  wichtigste ­
  B.  seien  angeführt:  Glockenmetall
(Glockenspeise)  aus  78—80  o/ 0  Kupfer  und  22.
bis  200/0  Zinn;  K  a  n  o  n  en  m  e  t  al  1,  Geschütz-B.
  aus  90—91  0/0  Kupfer,  10—90/0  Zinn.  Die  ähnlich ­
  zusammengesetzte  Stahl-  oder  Uchatius-  I
B.  (920/0  Cu,  8  0/0  Sn)  hat  durch  hydraulischen
Druck  in  kaltem  Zustande  eine  Erhöhung  der
Elastizität,  klärte  und  Festigkeit  erfahren,  die
sie  dem  Stahl  gleichstellt.  Statuenbronze
zeigt  stark  wechselnde  Zusammensetzung  und
enthält  meist  Zink  und  oft  auch  etwas  Blei;
Spiegelmetall,  eine  weißliche,  harte  und
sehr  politurfähige  B.  für  optische  Spiegel  enthält ­
  viel  Zinn  (28—350/0)  und  häufig  etwas
Nickel.  Münz-B.  für  sog.  Kupfermünzen  be-  1
steht  in  Deutschland,  Frankreich,  England  usw.
aus  950/0  Kupfer,  40/0  Zinn  und  1  o/ 0  Zink,  Ma-  i
schinenbronze  für  Lager,  Kolbenringe,  Ventile, ­
  Hähne,  Pfeifen  aus  80—90  o/ 0  Kupfer,  10  bis
180/0  Zinn  und  meist  etwas  Zink,  Blei  oder  auch
Antimon.  Phosphor-B.  nennt  nian  nach  dem
Vorschläge  von  Montefiori-Levi  und  Künzel
unter  Zusatz  von  etwas  Phosphor  hergestellte
B.,  die  sich  durch  besondere  Elastizität,  Festigkeit, ­
  Härte,  Feinheit  des  Korns,  Dünnflüssigkeit
auszeichnet  und  daher  zu  Geschützen,  Gewehren, ­
  Patronenhülsen  und  stark  beanspruchten
Maschinenteilen  viel  benutzt  wird.  Sie  enthält
zwar  bisweilen,  aber  nicht  immer,  geringe  Mengen ­
  Phosphor,  der  lediglich  als  Reduktionsmittel ­
  dient,  ihm  ähnlich  wirken  Mangan  in
der  sehr  zähen  und  festen  Mangan-B.,  Silicium ­
  in  der  dehnbaren,  zu  Leitungsdrähten
verwendbaren  Silizium-B.,  während  Wolfram-B.
  sehr  zähe,  hämmer-  und  walzbar,  Aluminium-B. ­
  leicht  schmelzbar  ist.  Alle  diese
letzteren  B.  sind  kupferreich  (95—970/0),  während ­
  die  namengebenden  Stoffe  nur  in  geringer
Menge,  vorhanden  sind.  —  Hauptorte  der  B.-Gießerei
  sind  Paris,  Wien,  Berlin,  Frankfurt,  1
Nürnberg,  der  Erzeugung  von  Phosphor-B.  Lüttich, ­
  Iserlohn,  London,  Pittsburg.  —  Besonders
geschätzt  wird  die  Eigenschaft  echter  B.,  sich
unter  dem  Einflüsse  der  Luft  mit  einer  grünen
Oxydschicht,  der  Patina,  zu  überziehen.  Die
Versuche,  diese  Patina,  die  sich  in  der  unreinen
        <pb n="74" />
        Bronzefarben

69

Brot

schwefelhaltigen  Luft  der  Großstädte  jetzt  nur
langsam  oder  gar  nicht  bildet,  durch  Behandlung ­
  mit  wäßrigen  Lösungen  von  Salmiak,  Weinstein, ­
  Kochsalz  und  Kupfernitrat  künstlich  zu
erzeugen,  haben  noch  nicht  zu  befriedigenden
Erfolgen  geführt.
Bronzefarben  (Bronzepulver,  frz.  Bronze
en  poudre,  engl.  Bronze  powder)  nennt  man
metallisch  glänzende  Farbpulver,  welche  teils
aus  fein  geriebenen  Abfällen  der  Metallschlägerei, ­
  teils  aus  gepulverten  und  fein  geschlämmten
Metallegierungen  bestehen  und  durch  vorsichtiges ­
  Erhitzen,  durch  Zusatz  von  wenig  Fett  oder
durch  Mischen  mit  Teerfarben  in  verschiedenen
Tönen  dargestellt  werden.  Die  kostbarsten  sind
selbstverständlich  die  aus  echtem  Gold  und  Silber ­
  bestehenden  B.;  der  echten  Goldbronze  sehr
ähnlich  ist  die  Wolframbronze.  Unter  vegetabilischen ­
  B.  versteht  man  stark  konzentrierte ­
  Farbstoffe  aus  dem  Blau-  und  Rotholz,
die  zum  Bedrucken  von  Buntpapier  und  Luxusleder ­
  dienen  und  nach  dem  Glätten,  Satinieren,
schönen  Metallglanz  annehmen.  Man  verwendet
die  B.  zur  Verzierung  von  Holz,  Gips,  Papiermache, ­
  Tonwaren,  zum  Buntdruck  usw.
Bronzeöl  (Bronzetinktur,  frz.  Huile  de  bronze,
engl.  Bronze-oil)  ist  eine  Auflösung  von  säurefreien ­
  Harzen,  z.  B.  Dammar,  Kopal,  Schellack,
m  französischem  oder  amerikanischem  Terpentinöl, ­
  unter  Zusatz  von  etwas  Firnis  oder,Standöl. ­
  Reagiert  das  B.  sauer,  so  dunkeln  die  damit
verrührten  Bronzefarben  rasch  nach.
Brot  nennt  man  das  aus  dem  Mehl  von  Getreide, ­
  in  zurücktretendem  Maße  auch  von  Leguminosen, ­
  vermittels  des  Backprozesses  hergestellte ­
  Erzeugnis,  welches  das  wichtigste  Nahrungsmittel ­
  des  Kulturmenschen  bildet  .  Als  Vorläufer ­
  unserer  heutigen  Backwaren  haben  wir
die  sog.  ungesäuerten  Brote  der  alten  Germanen
ü nd  gewisser  Naturvölker  Afrikas  sowie  die  von
den  Juden  zum  Passahfeste  verzehrten  Matzen
unzusehen,  die  einfach  durch  Trocknen  eines
a us  Mehl  und  Wasser  bestehenden  Teiges  bereitet ­
  wurden.  Diese  ursprünglichen  Erzeugnisse
leiden  an  dem  Fehler,  daß  sie  die  Stärkekörner
*n  nahezu  unverändertem  Zustande  enthalten
und  überdies  zu  dicht  sind,  als  daß  sie  von
uen  Säften  des  Körpers  leicht  angegriffen  und
verdaut  werden  könnten.  Zur  Erzielung  eines
brauchbaren  Nahrungsmittels  müssen  die  Stärke-Körner
  zuerst  zersprengt  und  chemisch  umge-'vandelt
  werden,  während  gleichzeitig  durch
mckerung  des  Gefüges  die  Einwirkung  der
Ver dauungssäfte  erleichtert  wird.  Beides  geschieht ­
  in  der  Brotbäckerei  durch  Mikroorganismen, ­
  und  zwar  durch  Hefe  (Weißbrotbäckerei),
ml  er  durch  ein  Gemisch  von  Hefe  und  Bakerten,
  wie  es  im  Sauerteig  vorhanden  ist,  oder
endlich  durch  Bakterien  allein,  wie  sie  bei  der
feiwillig  eintretenden  Gärung  des  Schrotbrotes
j'-Ur  Wirkung  gelangen.  Der  Vorgang  der  Brot-Leitung
  besteht  also  darin,  daß  zunächst  ein
etnisch  aus  Mehl,  Wasser  und  etwas  Kochsalz
Zusatz  von  Hefe  oder  Sauerteig  hergestellt
.ml  bei  mittlerer  Temperatur  der  Gärung  übert
  Ssen .wird.  Dadurch  findet  in  erster  Linie  eine
u  ^eise  Umwandlung  der  Stärke  in  Dextrine
.  (  Zucker  statt,  von  denen  der  letztere  unter
e m  Einflüsse  der  Mikroorganismen  in  Alkohol

und  Kohlensäure  zerfällt.  Beim  Erwärmen  dehnen ­
  sich  die  entstandenen  gasförmigen  Körper
aus,  bilden  in  der  durch  ihren  Klebergehalt
elastischen  Masse  mehr  oder  weniger  große
Hohlräume  und  bewirken  somit  ein  Aufgehen
des  Teiges.  Der  folgende  Backprozeß  bei  Temperaturen ­
  von  160—300 0 ,  die  aber  im  Inneren
des  Brotes  xoo 0  nicht  übersteigen,  lockert  den
Teig  noch  weiter,  treibt  die  gebildeten  Gase
und  einen  Teil  der  Feuchtigkeit  aus  und  erhöht
somit  ebenfalls  die  Verdaulichkeit,  Der  Vorschlag, ­
  an  Stelle  der  Hefe,  mit  deren  Verwendung ­
  Stoffverluste  von  2—3  °/o  verbunden  sind,
Backpulver  (s.  d.)  zu  nehmen,  hat  selbst  während ­
  der  Kriegszeit  keinen  Anklang  gefunden,
weil  der  Geschmack  darunter  leidet.  —  Seiner
chemischen  Zusammensetzung  nach  ist
das  Brot  im  wesentlichen  ein  Kohlenhydratnahrungsmittel,
  in  welchem'  Stärke,  Zucker  und
Dextrin,  d.  h.  die  sog.  stickstofffreien  Nährstoffe,
überwiegen.  Daneben  enthält  es  aber  immerhin
ziemlich  beträchtliche  Mengen  Eiweißstoffe,
während  der  Gehalt  an  Fett  zurücktritt.  Mit
Ausnahme  des  selten  vorkommenden  Haferbrotes, ­
  dessen  Fettgehalt  7—8  0/0  beträgt,  enthält ­
  das  Brot  durchschnittlich  40  o/ 0  Wasser,  6  bis
7  0/0  Protein,  0,50/0  Fett,  1,50/0  Mineralstoffe  und
50  0/0  Kohlenhydrate.  —  Seit  Jahren  hat  man  Versuche ­
  zur  Verbesserung  der  jetzt  üblichen  Brotbereitung ­
  unternommen,  welche  sich  vor  allem
auf  eine  Verringerung  der  mit  dem  heutigen
Verfahren  der  Hochmüllerei  verbundenen  Stickstoffverluste ­
  richteten.  Tatsächlich  befinden  sich
ja  die  Eiweißstoffe  des  Getreidekorns  vorwiegend ­
  in  der  äußeren  Schalenzone  und  gehen
mit  der  Kleie  verloren,  und  man  hat  daher  empfohlen, ­
  das  ganze  ungeschälte  oder  teilweise
geschälte  Korn  zur  Brotbereitung  zu  verwerten.
Ob  diese  Erzeugnisse,  zu  denen  von  neueren
Erfindungen  Avedyks  und  Simons  Brot,
ebenso  wie  die  altbekannten  Schrotbrote  und
Pumpernickel  gehören,  nun  allerdings  auch  wirklich ­
  einen  höheren  Nährwert  besitzen,  erscheint
neuerdings  wieder  fraglich,  weil  die  durch  den
höheren  Holzfasergehalt  bedingte  Darmreizung
eine  geringere  Ausnutzung  im  Gefolge  hat.  Auch
das  sog.  Steinmetz-Brot,  bei  welchem  unter
Entfernung  der  Schalen  eine  Anreicherung  des
Klebers  herbeigeführt  wird,  scheint  ebenso  wie
das  Grahambrot,  ein  für  Diabetiker  bestimmtes ­
  Schrotbrot  aus  ungegorenem  Teig,  die  Aleuronatbrote
  (s.  d.)  u.  a.  auf  einen  engeren  Kreis
von  Verbrauchern  beschränkt  geblieben  zu  sein.
—  Als  Verunreinigung  bzw.  Verfälschung
des  Brotes  hat  vor  allem  die  Verarbeitung  von
Mehl  mit  Unkrautsamen,  Brandsporen  und  Mutterkorn ­
  zu  gelten,  ferner  der  Ersatz  von  Roggenoder ­
  Weizen-  durch  geringwertigere  Mehle  von
Kartoffeln  und  Mais,  der  Zusatz  von  Alaun,
Kupfer-  und  Zinksalzen.  Als  Verfälschung  ist
ferner  zu  beurteilen  die  Verwendung  alter  Brotund
  Teigreste,  die  Beimengung  sog.  aus  Paraffin ­
  bestehender  Brotöle  und  die  Einverleibung ­
  ungebührlicher  Wassermengen.  Gegen
letztere  schützen  städtische  Verwaltungen  sich
meist  durch  Festsetzung  eines  Höchst  Wassergehaltes, ­
  die  in  Dresden  zu  45  °/o  getroffen  worden ­
  ist.  Für  die  Kriegsdauer  sind  gewisse  Ausnahmen ­
  von  diesen  Grundsätzen  (Zusatz  von
        <pb n="75" />
        Briinellen

70

Buckskin

Kartoffelmehl  zum  K.-Brot)  vorgeschrieben,
deren  baldige  Aufhebung  anzustreben  ist.
Briinellen  (Prünellen)  sind  Obstkonserven,
welche  aus  geschälten  Zwetschen  durch  starke
Schwefelung  und  nachfolgendes  Trocknen  an
der  Sonne  hergestellt  werden  und  in  Holzkisten
von  1/4—25  kg,  meist  i2 1 / 2  kg,  Inhalt  zum  Versand ­
  gelangen.  Der  Ursprung  der  Fabrikation
ist  in  Frankreich  zu  suchen,  jedoch  kommt  finden ­
  deutschen  Markt  jetzt  fast  nur  noch  das
Görzer  Gebiet,  welches  jährlich  10000  dz  im
Werte  von  1  Million  Kronen  erzeugt,  sowie  die
ständig  ansteigende  beträchtliche  Ausfuhr  Kaliforniens ­
  in  Frage.  Der  Gehalt  an  schwefliger
Säure,  der  zwar  bei  den  Görzer  B.  ziemlich
niedrig  ist,  bei  den  amerikanischen  Erzeugnissen
aber  eine  beträchtliche  Höhe  erreicht,  soll0,1250/0
nicht  übersteigen.
Brussawein,  ein  gelblichgrüner  Wein  aus  der
Gegend  von  Brussa  in  Kleinasien,  ist  den  weißen
Bordeauxweinen  ähnlich,  nur  gerbstoffreicher
und  schwerer  und  bildet  den  besseren  Tischwein
der  Christen  im  Orient.
Brustbeeren  (lat,  Fructus  jujubae,  frz.  Jujube,
engl.  Jujube-berries)  sind  die  Früchte  von  Zizyphus
  vulgaris  und  Z.  lotus.  Erstere  werden ­
  französische,  letztere  italienische  B.  genannt.
Sie  besitzen  eine  rote  Farbe,  schmecken  süß
und  werden  bei  katarrhalischen  Leiden  verwandt, ­

Bruzin  (lat.  Brucinum,  frz.  Brucine,  engl.  Brucin),
  ein  neben  Strychnin  in  den  Krähenaugen
(s.  d.)  und  der  falschen  Angosturarinde  enthaltenes ­
  giftiges  Alkaloid,  welches  beschränkte
medizinische  Anwendung  findet,  besteht  aus
farblosen,  bitter  schmeckenden  Kristallen  und
bildet  mit  den  Säuren  die  Bruzinsalze.
Buccoblätter  (lat,  Folia  bucco,  frz.  Feuilles  de
bucco,  engl.  Buchu-leaves),  ein  Artikel  des  Drogenhandels, ­
  von  dem  zwei  Arten,  runde  und
lange  B.,  beide  aus  Südafrika,  unterschieden
werden.  Die  runden  (Folia  bucco  rotundae)
bilden  die  gewöhnliche  Sorte,  werden  von  mehreren ­
  Arten  Barosma  gesammelt  und  sind
lederartig,  eiförmig,  am  Rande  gekerbt  und
gelblichgrün.  Die  langen  (Folia  bucco  longae)
stammen  von  Empleurum  serratifolium,  E.
ensatum,  und  sind  schmäler  und  länger  als  die
ersteren.  Die  bitter  schmeckenden,  nach  Katzenurin ­
  riechenden  B.  enthalten  0,8—2,5  o/ 0  eines
ätherischen  Öles  sowie  Harz  und  Schleim  und
werden  als  harntreibendes  Mittel  angewandt.
ßuchdruckfarben  sind  Gemische  von  Firnis
mit  Ruß  (Druckerschwärze)  oder  Mineralfarben,
wie  Zinnober,  Ultramarin,  Berlinerblau,  Chromgrün, ­
  Ocker.
Bucheckern  (Buchein,  lat.  Nuces  fagi,  frz.
Fruits  de  htee,  engl.  Beech-nuts),,  die  Früchte
der  Buche,  Fagus  silvatica,  bilden  ein  vortreffliches ­
  Mastfutter  für  Schweine,  sind  aber
andern  Haustieren  schädlich.  Man  sammelt  sie
zur  Aussaat,  zur  Fütterung,  zur  Ölgewinnung
und  zur  Verwendung  als  Kaffee-Ersatz.  Zur
Aussaat  werden  die  B.  durch  den  Handel  verbreitet. ­

Bucheckernöl  (Buchenkernöl,  lat.  Oleum  nucum
  fagi,  frz.  Huile  des  fruits  de  h6tre,  engl.
Beech-oil),  das  zu  etwa  17  0/0  in  den  Früchten
der  Rotbuche,  Fagus  silvatica,  enthaltene  fette

Öl  wird  durch  Pressen  gewonnen  und  ist,  namentlich ­
  wenn  es  kalt  und  aus  geschälten
Früchten  gepreßt  wurde,  ein  vortreffliches
Speiseöl.  Man  gewinnt  es  hauptsächlich  in
Thüringen,  der  Provinz  Hannover  und  in  Frankreich. ­
  Es  ist  gelb,  geruchlos,  hat  ein  spez.
Gew.  von  0,9225  und  erstarrt  bei  —17,5°.
Buchsbaumholz  (Buchsholz,  frz,  Bünit,  engl.
Box-wood)  von  Buxus  sempervirens,  ist  ein
sehr  wertvolles,  hartes,  äußerst  dichtes  und  haltbares ­
  Holz  von  gelblicher  bis  gelber  Farbe.  Das
europäische  B.,  aus  Italien,  Südfrankreich  und
Spanien  sowie  das  etwas  dunklere  westindische
B.  wird  zu  Drechslerarbeiten  und  zur  Verfertigung ­
  musikalischer  Instrumente,  Flöten  und
Oboen  benutzt.  Das  türkische  und  kleinasiatische ­
  sowie  das  aus  Persien  und  dem  Kaukasus
dagegen,  welches  sich  durch  eine  größere
Gleichmäßigkeit  auszeichnet,  wird  für  Holzschnitte ­
  angewandt  und  zu  diesem  Zwecke  in,
der  Hirnfläche  parallele,  Scheiben  geschnitten.
Es  kommt  über  Konstantinopel  und  geht  meist
nach  England,  zum  kleineren  Teile  nach  Triest.
Buchweizen  (Heidekorn,  frz.  Blö  noir,  engl.
Crap,  Darnel,  Buck-wheat),  eine  Polygonazee,
wird  auf  ärmerem,  sandigen  Boden,  hauptsächlich ­
  in  den  Heidegegenden  der  germanisch-sarmatischen
  Tiefebene  und  den  nordischen  Gebirgsländern
  angebaut  und  bildet  hier  vielfach
neben  dem  Hafer  die  einzige  Mehlfrucht.  In
den  Ebenen  Nordwestdeutschlands  und  Hollands
brennt  man  die  Moore  einfach  ab  und  sät  den
B,  in  die  noch  warme  Asche.  Der  Körnerertrag
kann  sehr  reichlich  ausfallen,  ist  aber  meist  unsicher, ­
  besonders  wenn  es  an  befruchtenden  fnsekten
  (Bienen)  fehlt.  Als  Stammpflanzen  unterscheidet ­
  man  Polygonum  fagopyrum  und  P.
tartaricum,  von  denen  die  erstere  den  sog.
gemeinen,  meist  in  Europa  angebauten  Buchweizen ­
  liefert,  während  die  letztere,  der  minderwertige ­
  sibirische  oder  schottische  Buchweizen,
meist  nur  als  Futter-  und  Düngungspflanze  angebaut ­
  wird.  Die  im  gemeinen  B.  bisweilen  als
Verunreinigung  angetroffenen  Samen  der  tatarischen ­
  Art  können  an  ihren  ausgeschweiften
Kanten  bestimmt  werden.  B.  wird  im  geschälten ­
  Zustande  sowohl  als  Grütze  wie  als  Mehl
verwandt.  Das  letztere  besitzt  eine  bräunlichweiße ­
  bis  graue  Farbe,  zeichnet  sich  durch  einen
ziemlich  hohen  Gehalt  an  Protein  und  Fett,
neben  allerdings  ebenfalls  beträchtlichem  Rohfasergehalt ­
  aus  und  dient  zur  Herstellung  von
Suppen,  Pfannkuchen,  Würsten  usw.,  eignet  sich
aber  nicht  besonders  zur  Brotbereitung.  Die
Kleie,  wie  das  Stroh,  bilden  wertvolle  Futtermittel. ­
  Als  Handelsartikel  kommt  dem  B.  nur
untergeordnete  Bedeutung  zu,  weil  er  meist  an
Ort  und  Stelle  verbraucht  wird.
Buckskin,  (v.  d.  Engl,  buck-skin,  wörtlich  Bockfell), ­
  eine  Gattung  viel  fabrizierter  Wollstoffe,
welche  an  Stelle  von  Tuch  hauptsächlich  als
Beinkleider,  in  stärkerer  Herstellung  auch  als
Röcke  (Paletotstoffe)  getragen  werden,  sind  mit
wenig  Ausnahmen  Köpergewebe  und  haben  als
solche  mehr  Elastizität  als  die  Tuche.  Sie  sind
mehr  oder  weniger  gewalkt,  auf  der  rechten
Seite  glatt  geschoren,  ohne  vorher  gerauht  zu
sein,  und  besitzen  infolge  der  stärkeren  Drehung
des  Garnes  nicht  den  Glanz  des  Tuches.  Die
        <pb n="76" />
        Büretten

71

Burgunder

Stoffe  sind  meistens  gestreift,  kariert  oder  sonst
gemustert.  Nach  der  Dicke  unterscheidet  man
Winter-  und  Sommerbuckskin.  Der  erstere
besteht  aus  stärkerem  Wollgarn  (Streichgarn)
und  ist  als  Paletotstoff  oft  ungemustert,  während ­
  zu  der  Sommerware  ein  sehr  dünnes  gezwirntes ­
  Streichgarn  benutzt  wird.  Wohlfeile
Waren  sind  jedoch  vielfach  mit  Baumwoll-  oder
Leinengarn  gemischt,  oder  bisweilen  sogar  ohne
alle  Wollzutat  gefertigt.  England  stellt  besonders ­
  große  Mengen  her,  während  die  französischen ­
  B.  sich  durch  geschmackvolle  Muster  auszeichnen. ­
  Die  besten  in  Deutschland  erzeugten
B.  kommen  als  niederländische  aus  den  Fabrikstädten ­
  der  preußischen  Rheinprovinz,  andere
von  Berlin,  Brandenburg,  Burg,  Spremberg,
Kottbus,  Forst,  Grünberg,  Krimmitschau,  Werdau, ­
  Meerane,  Kirchberg,  Lengenfeld,  Hainichen
und  Heidenheim.  Hauptfabrikationsorte  in  Österreich ­
  sind  Brünn  und  Reichenberg.  Sehr  dünne
und  leichte  B.  heißen  Doeskins  (Rehfell,  v.  d.
Engl,  doe-skin).
Büretten  sind  zum  genauen  Abmessen  von
Flüssigkeiten  bestimmte  Maßgefäße,  die  aus
einem  mit  feiner  Skala  versehenen  Glaszylinder
und  einer  Abflußvorrichtung  bestehen  und  nach
der  Form  der  letzteren  in  Gieß-B.,  Blase-B.,
Glashahn-  und  Quetschhahn-B.  unterschieden
werden.  Zum  Aufstellen  der,  besonders  in  Thüringen ­
  hergestellten  B.  bedient  man  sich  der
B.-Stative  und  -Etageren.
Bürsten  (frz.  Brosses,  Vergeltes,  engl.  Brushes).
Hie  Herstellung  der  B.,  die  früher  ausschließlich ­
  Handarbeit  (Bürstenbinderei)  war,  ist
jetzt  zum  größten  Teil  in  Fabrikbetrieb  mit
Hampfkraft  übergegangen.  Hauptsitze  sind  u.  a.
in  Schönheide  (Erzgebirge)  und  Umgegend
(Rothenkirchen,  Rautenkranz),  weitere  Fabriken
•n  München,  Freiburg  in  Baden,  Donaueschingen,
  Hameln.  Das  Hauptmaterial  zur  Herstellung ­
  liefern  die  Schweinsborsten  von  dem
Rücken  des  Schweines  (vgl.  Borsten).  Nächst
den  Rückenborsten,  die  sich  durch  ihre
Länge  und  Steifheit  neben  großer  Elastizität
nuszeichnen  und  gewöhnlich  zu  Kleiderbürsten ­
  verarbeitet  werden,  verwendet  man  auch
Borsten  von  andern  Körperteilen  des  Schweines,
die  jedoch  weicher  sind  und  zur  Herstellung
der  milden  Samtbürsten  dienen.  Zu  dem
gleichen  Zwecke  benutzt  man  auch  die  Borsten
junger  Schweine  und  Ziegenhaare.  Pferdehaare
verwendet  man  zu  Glanzbürsten  und  Zahnbürsten. ­
  Von  Pflanzenfasern  finden  hauptsächhch
  die  Piassavafaser  (s.  d.)  unddieKokosnu
 ßfaser,  ferner  Reisstroh  und  Reiswur-Zeln
  Verwendung.  Endlich  hat  man  auch  Metallbürsten ­
  oder  Drahtbürsten  aus  Draht
v °n  Eisen,  Stahl,  Messing  oder  Kupfer  für  verschiedene ­
  gewerbliche  Zwecke.  Feine  Stahlbürsten ­
  werden  sogar  als  Plaarbürsten  bebutzt.
  Zur  Fassung  der  Borsten  bei  den  einacheren
  Sorten  dienen  gewöhnliche  harte  Höl-5,
 er &amp;gt;  wie  Buche  oder  Eiche,  in  ihrer  natürlichen
tj  arbung.  In  der  Regel  wird  jedoch,  damit  man
a . le  Einziehdrähte  nicht  sieht,  auf  der  Oberseite
*bbe  Deckplatte  befestigt,  die  aus  mehr  oder
Weniger  feinem  Holze  gefertigt,  lackiert,  pocrt
  oder  mit  Furnier  belegt  wird.  Die  Borsten-Ur
 &amp;gt;del  einer  guten  Kleiderbürste  müssen  dicht

stehen,  nach  dem  Niederdrücken  oder  Umbiegen
sofort  wieder  in  ihre  frühere  Lage  zurückkehren
und  dürfen  weder  zu  hart,  noch  zu  weich  sein.
Nur  die  bereits  erwähnten  Samtbürsten,  welche
sehr  weich  sein  müssen,  machen  hiervon  eine
Ausnahme.  Die  Haarbürsten  sind  meistens
mit  Handgriff  versehen  und  besitzen  eine  der
Wölbung  des  Kopfes  entsprechende  gekrümmte
Form,  obschon  auch  viele  so  verfertigt  sind,
daß  die  Borstenoberfläche  in  der  Mitte  etwas
stärker  hervortritt  als  nach  dem  Rande  hin.  Die
Borsten  dürfen  nicht  zu  weich  sein,  da  sie  sonst
nicht  in  das  Haar  eingreifen,  sondern  sich  nur
umbiegen.  Dasselbe  gilt  von  den  Haut-  und
Nagelbürsten.  Die  Zahnbürsten  müssen  mit
besonderer  Sorgfalt  angefertigt  werden  und
dürfen  nicht  zu  hart  sein.  Die  Fassung  geschieht ­
  in  Knochen  oder  Elfenbein,  nicht  selten
mit  zierlich  geschnitztem  Griff.  Scheuerbürsten ­
  und  Schuhbürsten  sind  hart  und  kurzborstig. ­
  Kratzbürsten  von  Metalldraht  werden ­
  teils  zum  Reinigen  von  Feilen,  teils  zum
Abreiben  von  Metallen  und  beim  Bronzieren
benutzt.
Buffalorubin,  ein  braunes,  in  Wasser  mit  roter
Farbe  lösliches  Pulver,  färbt  Wolle  in  saurem
Bade  rot  und  besteht  aus  dem  Natronsalze  der
Alphanaphtylaminazonaphtoldisulfosäure.
Bullrichs  Salz,  s.  Doppeltkohlensaures  Natron.
Buntpapiere  (Bunte  Papiere,  frz.  Papiers
peints,  Papiers  de  couleur,  engl.  Coloured  papers)
  nennt  man  alle  farbigen,  nicht  weißen
Papiere,  und  zwar  sowohl  solche,  die  in  der
ganzen  Masse  gefärbt  sind,  als  auch  diejenigen,
welche  die  Färbung  nur  auf  einer  Seite  mittels
Anstrichs  erhalten  haben.  Im  ersteren  Falle  verwendet ­
  man  entweder  farbige  Lumpen  (naturfarbige ­
  Papiere),  oder  man  setzt  dem  aus
halbweißen  Hadern  bereiteten  Ganzstoff  Farben
zu  (im  Zeug  gefärbte  Papiere).  In  einigen
Fällen  verfährt  man  auch  so,  daß  man  die
Bogen  ohne  weiteres  durch  eine  Farbstoffbrühe
zieht.  Die  mit  Anstrich  auf  einer  Seite  versehenen
B.  sind  entweder  einfarbig  oder  mehrfarbig
marmoriert  und  gemustert  und  fast  alle  geglättet.
Zu  den  in  der  Masse  gefärbten  B.  gehören  die
Affichenpapiere  und  die  dunkelblauen  B.  für
Schreibhefte.  Die  marmorierten  werden  hauptsächlich ­
  zum  Bekleben  der  Bücherdeckel  und
Papparbeiten  verwendet.  Zur  Aufbewahrung
und  Verpackung  von  Nahrungs-  und  Genußmitteln ­
  bestimmte  Papiere  dürfen  nicht  mit  gesundheitsschädlichen ­
  (s.  d.),  Tapeten  nicht  mit
arsenhaltigen  Farben  hergestellt  werden.
Burgunder,  berühmte  französische  Weine  aus
Ober-  und  Nieder-Burgund,  Maconnais  und
Beaujolais.  In  der  zu  Ober-Burgund  gehörigen
Cöte  d’or  wachsen  die  edelsten  Rotweine,  vor
allem  in  den  Lagen  von  Romande-Conti,  Richebourg
  bei  Vosne,  Bongeot,  Mont-Rochet  bei
Puligny  (auch  weiß),  St.  Georges  bei  Nuits  und
Corton  bei  Aloxe.  Sehr  feine  Sorten  sind  ferner
Volnay,  Pommard,  Beaune,  Chambole,  Savigny,
Meursault  und  Blagny.  Als  gewöhnliche  Tischweine ­
  werden  endlich  verwendet  Gevrey,  Santenay
  und  andere.  Der  Weinbau  in  Nieder-Burgund ­
  ist  zwar  der  Menge  nach  bedeutender,
erreicht  aber  die  Feinheit  der  Hochgewächse
der  Cote  d’or  nicht.  Dennoch  gehören  auch
        <pb n="77" />
        Butter

72

Butter

jene  Weine  zu  den  besten  Sorten  Frankreichs,
so  namentlich  die  Rotweine  von  Dannemoine
(Olivotes,  Montsavoye,  Poinsot),  von  Tonnerre
(Pittoy,  Ferneres,  Preaux,  Chartoux)  und  von
Auxerre  (Grande  c6te,  Clos  de  la  Chainette).  —
Die  Weißweine  Nieder-Burgunds  werden
hauptsächlich  zur  Schaumweinfabrikation  verwendet. ­
  Hierher  gehören  die  Chablis,  Grisdes
von  Epineuil,  Vaumorillon  von  Jaunay  usw.
Das  Maconnais  und  Beaujolais  liefern  vorzugsweise ­
  Rotweine:  Moulin  ä  vent  von  Torins,
Chinas,  Fleury,  Romanhche,  Brouilly,  Villiers.
Leider  sind  die  B.  sehr  schwer  echt  zu  erhalten, ­
  weil  sie  schon  in  Frankreich  stark  verschnitten ­
  und  mit  Sprit  versetzt  werden.
Butter  (frz.  Beurre,  engl.  Butter)  ist  das  erstarrte, ­
  aus  der  Milch  abgeschiedene  Fett,  welchem ­
  infolge  seiner  Herstellung  noch  gewisse
nicht  entfernbare  Mengen  von  Milchbestandteilen, ­
  wie  Wasser,  Kasein,  Milchzucker  und
Mineralstoffe  anhaften,  und  welches  außerdem
in  Norddeutschland  meist  noch  einen  Zusatz  von
Kochsalz  erhält.  Zur  Bereitung  der  B.  wird  der
entweder  freiwillig  aufgestiegene  oder  durch
Zentrifugen  abgeschiedene  Rahm  in  besonderen
Buttermaschinen  (Butterfässer)  durch  Stoßen,
Rühren  oder  Schlagen  so  lange  in  lebhafte  Bewegung ­
  versetzt,  bis  die  mikroskopisch  kleinen
Fetttröpfchen  der  Milch  sich  zu  einer  kompakten, ­
  formbaren  Masse  vereinigt  haben.  Um  auch
beim  Verbuttern  von  Süßrahm,  welches  im  allgemeinen ­
  trotz  etwas  geringerer  Ausbeute  rationeller ­
  ist,  den  charakteristischen  aromatischen
Geschmack  der  Sauerrahmbutter  zu  erzielen,
setzt  man  neuerdings,  besonders  in  Dänemark,
vielfach  Reinkulturen  gewisser  Bakterien  hinzu. ­
  Aus  25—35  1  Milch  wird  etwa  I  kg  B.  erhalten. ­
  Ihrer  chemischen  Zusammensetzung  nach
ist  die  B.  ein  Gemisch  von  Butterfett  mit  ungefähr ­
  13—14  0/0  Wasser,  0,750/0  Kasein,  0,50/0
Milchzucker,  0,12  o/ 0  Milchsäure  und  0,66  °/o  Mineralstoffen. ­
  Höhere  Gehalte  an  Milchbestandteilen ­
  sind  auf  mangelhaftes  Auskneten  oder
auf  betrügerische  Beimengung  zurückzuführen.
Zum  Schutze  des  Publikums  gegen  die  hierdurch ­
  verursachte  Übervorteilung  hat  der  Bundesrat ­
  in  seiner  Verordnung  vom  1.  III.  01  bestimmt, ­
  daß  B.  mindestens  80  0/0  Fett  enthalten
muß,  und  daß  der  Wassergehalt  bei  gesalzener
B.  160/0,  bei  ungesalzener  18  0/0  nicht  übersteigen ­
  darf.  Natürlich  ist  diese  Zahl  nicht  so
zu  verstehen,  daß  man  B.  mit  geringerem  Gehalte ­
  nun  noch  weitere  Wassermengen  einkneten
dürfte,  da  hierin  unter  allen  Umständen  eine
Verfälschung  im  Sinne  des  Nahrungsmittelgesetzes ­
  zu  erblicken  ist.  Von  weiteren  Verfälschungen ­
  kommen  die  in  den  Büchern  erwähnten ­
  Beimengungen  von  Kreide,  Gips,  Mehl
usw.  wohl  kaum  noch  vor,  und  auch  die  vor
Jahren  in  Breslau  aufgefundene  „Butter“,  welche
aus  einem  Kern  von  Kartoffelbrei  mit  dünner
Butterhülle  bestand,  dürfte  ohne  Nachfolger
bleiben.  Aber  Zusätze  von  fremden  '  Fetten,
Schweineschmalz,  Margarine  (s.  d.),  Kokosfett
usw.  werden  noch  immer  beobachtet,  trotzdem
sie  durch  das  Margarinegesetz  vom  15.  VI.  1897
unter  allen  Umständen,  selbst  bei  Deklaration,
verboten  sind.  Zur  Überwachung  der  gesetzlichen ­
  Vorschriften  ist  der  Polizei  das  Recht

eingeräumt  worden,  in  den  Betrieben,  in  denen
Butter  und  ihre  Ersatzmittel  hergestellt,  feilgehalten
  und  verkauft  werden,  Revisionen  vorzunehmen. ­
  Der  Nachweis  von  Butterverfälschungen ­
  kann  zwar  in  exakter  Weise  nur
durch  den  Chemiker  erbracht  werden,  immerhin ­
  ermöglichen  einige  leicht  ausführbare  Vorprüfungen ­
  auch  dem  Händler  und  Käufer  ein
vorläufiges  Urteil  zu  erlangen.  Zur  Erkennung
eines  übermäßigen  Wasserzusatzes  schmilzt  man
Butter  in  einem  dünnwandigen,  graduierten  Gläschen ­
  bei  gelinder  Wärme.  Sie  teilt  sich  dabei,
nach  längerer  Zeit  in  zwei  Schichten.  Obenauf
schwimmt  das  völlig  klare  Fett,  während  sich
unten  das  Wasser  ansammelt,  dessen  Volum,
nicht  mehr  als  t/ 7  ausmachen  darf.  Erscheint
die  obere  Fettschicht  nicht  goldklar,  sondern
trübe,  so  liegt  gleichzeitig  der  Verdacht  auf
Margarinezusatz  vor,  den  man  mit  Hilfe  der
Furfurolreaktion  (s.  Margarine)  weiter  prüft.
Infolge  der  ausgedehnten  amtlichen  Nahrungsmittelkontrolle ­
  sind  die  inländischen  Butterverfälschungen ­
  mehr  und  mehr  zurückgegangen,
und  auch  im  Verkehr  mit  dem  Auslande  machen
sich  Zeichen  von  Besserung  bemerkbar.  Die
holländische  Regierung  hat  zum  Schutze  ihrer
arg  in  Mißkredit  gekommenen  Butterausfuhr
eine  strenge  Überwachung  eingeführt,  und  esist
  dem  deutschen  Großhändler  dringend  zu
raten,  holländische  B.  nur  mit  der  Reichskontrollmarke ­
  zu  kaufen,  da  bei  dieser  allein  Gewähr
für  Reinheit  gegeben  ist.  —  Die  geringe  Haltbarkeit ­
  der  animalischen  Nahrungsmittel  bringt
es  mit  sich,  daß  große  Buttermengen  in  verdorbenem ­
  Zustande  in  den  Verkehr  kommen,,
besonders  aus  Ländern  mit  so  ungenügenden
hygienischen  Einrichtungen  wie  Galizien  und
Sibirien.  Auch  auf  diese  muß  die  Nahrungsmittelkontrolle ­
  ein  wachsames  Auge  haben.
In  gleicher  Hinsicht  wird  die  gute  Beschaffenheit ­
  der  B.  durch  ihre  Eigenschaft  beeinflußt,.
Gerüche  aus  der  Umgebung  begierig  anzuziehen.
Der  sog.  Stallgeruch,  der  Geschmack  nach  Holz,
oder  Faß,  nach  Hering  und  Petroleum  sind
hierauf  zurückzuführen.  Bitterer  Geschmack  kann
auf  der  Verwendung  eisenhaltigen  Kochsalzes
oder  mit  Eisensalzen  imprägnierter  Pergamentumhüllungen ­
  beruhen.  Die  Farbe  der  Butter
hängt  von  der  Art  der  Fütterung  ab.  Während
im  Sommer  bei  Weidegang  ein  tiefgelbes  Fett
erzeugt  wird,  erscheint  sie  bei  Stallfütterung  im
Winter  wesentlich  heller,  ja  bei  reichlicher
Strohfütterung  fast  weiß.  Um  auch  letzterer
Ware  den  Anschein  der  besonders  geschätzten
Grasbutter  zu  geben,  hat  man  zu  dem  Auskunftsmittel ­
  der  künstlichen  Färbung  gegriffen.
Safflor,  Safran,  Kurkuma  und  Orlean  werden
zugesetzt,  und  diese  Unsitte  ist  zurzeit  so  weit
eingebürgert,  daß  mit  gesetzlichen  Mitteln  nicht
wohl  dagegen  eingeschritten  werden  kann.  Butterschmalz, ­
  Schmelzbutter,  Rindsschmalz ­
  nennt  man  das  durch  Ausschmelzen
von  den  Milchbestandteilen  befreite  Butterfett,
welches  in  Süddeutschland  viel  verbraucht  wird.
—  Der  Handel  mit  B.  hat  in  den  letzten  Jahrzehnten ­
  große  Wandlungen  erfahren.  Während
im  Jahre  1875  noch  124000  dz  ausgeführt  und
nur  77000  dz  eingeiführt  wurden,  hat  sich  dieses
Verhältnis  im  Jahre  1898  umgekehrt  (28000  zu
        <pb n="78" />
        Butteräther

73

Cassia  fistula

105000)  gestaltet,  und  noch  jetzt  ist  die  Einfuhr, ­
  besonders  aus  Dänemark,  Holland  und
Rußland  (Sibirien)  in  ständiger  Zunahme  begriffen. ­
  Im  Jahre  1913'  betrug  die  Einfuhr
54000  dz,  die  deutsche  Erzeugung  4  Millionen  dz.
Butferäther  (Buttersäureäther,  buttersaures ­
  Äthyloxyd,  Buttervinester,  lat.
Aether  butyricus,  frz.  Ether  butyrique,  engl.  Butyric
  ether),  in  chemischer  Hinsicht  Buttersäureäthylester, ­
  wird  durch  Erwärmen  von  Buttersäure ­
  mit  Alkohol  und  Schwefelsäure  hergestellt
als  eine  farblose,  aromatisch  riechende  Flüssigkeit ­
  vom  spez.  Gew.  0,898  und  dem  Siedepunkt
i2o°.  In  alkoholischer  Lösung  (1:10)  besitzt  sie
charakteristischen  Ananasgeruch  und  dient  daher ­
  als  Ananasessenz  (Pine-apple-oil)  zur
Darstellung  von  Fruchtäthern  und  künstlichem
Rum.
Buttergelb,  ein  zum  Färben  von  Butter  dienender ­
  Teerfarbstoff,  erscheint  in  gelben  Blättchen, ­
  die  in  Wasser  unlöslich,  in  Fetten  aber
löslich  sind.  Das  B.  gehört  zur  Gruppe  der  Azofarbstoffe ­
  und  besteht  aus  Anilinazodimethylanilin.

Butterine,  eine  der  früheren  Bezeichnungen
für  Kunstbutter,  ist  jetzt  neben  dem  gesetzlich
vorgeschriebenen  Namen  Margarine  nicht
mehr  zulässig.
Buttersäure  (Butylsäure,  lat.  Acidum  butyricum,
  frz.  Acide  buturique,  engl.  Butyric
acid),  eine  organische  Säure  der  Fettsäurereihe
von  der  Formel  C 3 H 7 .COOH,  findet  sich  als
Glyzerid  in  der  Butter,  in  freier  Form  im  Schweiß
und  anderen  tierischen  Sekreten  sowie  in  gewissen ­
  Flüssigkeiten  als  Gärungsprodukt  von
Kohlenhydraten.  Zu  ihrer  Darstellung  versetzt
man  Zucker  (Melasse)  oder  Stärkemehl  bei
Gegenwart  von  Kreide  durch  Zusatz  von  Butfersäurebakterien-
  (fauler  Käse  oder  Reinkultur)
m  Gärung  und  führt  das  entstehende  buttersaure ­
  Kalzium  durch  Behandlung  mit  Schwefelsäure ­
  und  weitere  Reinigung  in  B.  über.  Die  so

erhaltene  normafe  oder  Gärungsbuttersäure, ­
  die  mit  der  in  Butter  enthaltenen  B.
übereinstimmt,  ist  eine  farblose  Flüssigkeit  von
unangenehm  ranzig-stechendem  Geruch  und
stark  saurem  Geschmack.  Bei  —  19°  erstarrt  sie
zu  einer  weißen  Kristallmasse,  siedet  unzersetztbei
  162—164°  und  hat  das  spez.  Gew.  0,963.  In
Wasser  löst  sie  sich  in  allen  Verhältnissen,  scheidet ­
  sich  aber  nach  Zusatz  von  Salzen  als  ölige
Schicht  wieder  ab.  B.  findet  zur  Herstellung,
von  Fruchtäthern  und  als  Ersatz  für  Milchsäure
in  der  Gerberei  Anwendung.  —  Die  isomere
Iso-B.  oder  Dimethylessigsäure,  die  sich  im.
Johannisbrot  vorfindet,  ist  ohne  technische  Bedeutung. ­

Buttersäureamyläther  (Butteramylester,.
butt.ersaures  Amyloxyd,  lat.  Amyloxydum
butyricum,  Amylium  butyrium),  eine  farblose,
wasserhelle  Flüssigkeit  von  angenehmem  Ananasgeruch, ­
  löst  sich  leicht  in  Alkohol,  aber  nicht
in  Wasser,  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,852,  siedet
bei  176°  C  und  wird  zur  Bereitung  von  künstlichen ­
  Fruchtäthern  benutzt.
Butylalkohol,  C 4 H s OH,  kommt  in  vier  isomeren ­
  Formen  vor,  von  denen  nur  der  im  Fuselöl
von  Runkelrüben-  und  Kartoffelsprit  enthaltene
Isobutylalkohol,  eine  fuselig  riechende  Flüssigkeit ­
  vom  spez.  Gew.  0,817  und  dem  SP.  108 0
als  Lösungsmittel  für  Lacke  und  zur  Darstellung
von  Fruchtestern,  praktische  Verwendung  findet..
Butylchlofal  (Krotonchloral,  Krotonchloralhydrat)
  entsteht  bei  Einwirkung  von  Chlor
auf  Aldehyd  in  Form  kleiner,  weißer,  glänzender, ­
  blätteriger  Kristalle  von  eigentümlichem,
entfernt  an  Heidelbeeren  erinnernden  Geruch
und  brennendem  Geschmack.  B.  schmilzt  bei
78°,  ist  völlig  flüchtig  und  löst  sich  schwer  in.
kaltem,  leichter  in  heißem  Wasser.  In  Äther
und  in  Alkohol  ist  es  leicht  löslich.  Das  B,
wurde  eine  Zeitlang  als  Anästhetikum  an  Stelle
des  Chloroforms  benutzt.

c.

Cacholon,  ein  milchweißer,  glasglänzender
■Halbedelstein,  der  zuweilen  als  Ringstein  und
2U  Broschen  benutzt  und  im  letzteren  Falle  en
Cabochon  geschliffen  wird,  galt  früher  als  eine
■J-Jt  Opal  (Kieselsäure),  ist  aber  nach  Nordens
 MÖld,  der  ihn  bei  Bokhara  in  Form  von  Gerieben ­
  fand,  ein  weißer  Nephrit  (Magnesia-Kalksilikat).

Cachou  (die  französische  Schreibweise  für  Kate
 chu)  nennt  man  in  Fäden  gepreßte  Mischungen
Lakritzen  mit  Anisöl  und  Salmiak,  die  als
Hustenmittel  Anwendung  finden.  Im  weiteren
mnne  gebraucht  man  die  Bezeichnung  auch  für
®  ‘ e  möglichen,  aus  aromatischen  Stoffen  her-Sestellten
  und  meist  versilberten  Pillen  gegen
'bien  Mundgeruch.
Cascara  sagrada,  die  spanische  Bezeichnung
b Ur  »heilige  Rinde“,  Amerikanische  Faulau
 mrinde  (lat.  Cortex  cascarae  sagradae,  frz.
d' C .°r  de  cascara  sagrada,  engl.  Sacred  bark),
16  Riqde  von  Rhamnus  Purshiana,  eines  in

Kalifornien  wachsenden  Strauches,  ist  unserer
Faulbaumrinde,  von  Rhamnus  frangula,  sehr  ähnlich, ­
  unterscheidet  sich  aber  von  ihr  durch  den
kurzen  Bruch  der  Außenrinde,  während  derjenige ­
  der  inneren  faserig  ist.  Die  Rinde,  wie
das  daraus  hergestellte  Fluidextrakt,  werden  als
Abführmittel  benutzt.  Zur  Entfernung  des  Übelkeit ­
  hervorrufenden  Bitterstoffs  zieht  man  die
gepulverte  Rinde  mit  gebrannter  Magnesia  und.
Wasser  aus  und  trocknet  sie  wieder.
Cassia  fistula  (Röhrenkassia,  Purgiefkassia,
  frz.  Gasse  fistule,  engl.  Purging  Cassia),.
die  Früchte  des  gleichnamigen  Baumes,  der  im
heißen  Amerika,  in  Ostindien  und  Ägypten  angebaut ­
  wird.  Die  3—6  dm  langen,  3—4  cm
dicken,  walzenförmigen,  bei  der  Reife  schwarzen,
hartholzigen  Schoten  enthalten  glänzendbraune,
sehr  harte  Samenkerne  und  zwischen  ihnen  ein
schwärzliches,  durch  reichen  Zucker-  und  Gerbstoff ­
  süß  und  zusammenziehend  schmeckendeszähes ­
  Mus.  Das  letztere.  Kassienmark  (lat..
        <pb n="79" />
        Cay-cay-Butter

74

Champagner

.Pulpa  cassiae),  wurde  früher  zu  einer  Latwerge
verarbeitet,  die  purgierende  Eigenschaften  hat,
neuerdings  aber  durch  Tamarindenmus  ersetzt
wird.  In  Ostindien  heißt  dieses  Mus  Gulkar,
während  die  frischen  eingemachten  Früchte  dort
Achar  genannt  werden.  Die  C.  findet  auch  Anwendung ­
  zu  Tabaksbeizen.
Cay-cay-Butter  (Irvingiafett,  Dikafett),
ein  Pflanzenfett,  das  in  Kotschinchina  von  den
Eingeborenen  aus  den  Samenkernen  eines  Baumes, ­
  Irvingia  Oliveri,  gewonnen  wird,  dient
;zur  Kerzenherstellung.
Cerise,  ein  kirschroter  Farbstoff,  der  aus  den
Rückständen  der  Fuchsinfabriken  gewonnen  wird.
Chagrin  (aus  dem  morgenländischen  Saghir)
■nennt  man  ein  starkes,  eigentümlich  genarbtes
farbiges  Leder,  das  in  Astrachan  und  Konstantinopel ­
  aus  den  Rückenstücken  von  Pferde-  und
.Eselshäuten  bereitet  wird.  Die  enthaarten,  sorgfältig ­
  entfleischten  Häute  werden  in  einen  Rahmen ­
  gespannt,  angefeuchtet  und  mit  harten,
eckigen  Meldensamen  bestreut,  durch  deren  Eindrücken ­
  Grübchen  und  Unebenheiten  entstehen.
Ch.  dient  im  Orient  zur  Herstellung  von  Messerund ­
  Säbelscheiden  und  Zaumzeug.  Bei  uns  werden ­
  Nachahmungen  hergestellt,  indem  man  weichem ­
  Leder  mit  heißen  gravierten  Kupferplatten
oder  Walzen  eine  ähnliche  KÖrnelung  einpreßt.
In  gleicher  Weise  entsteht  das  zu  Büchereinbän-■den
  benutzte  Chagrinpapier.
Chagualgummi  (Mayulygummi),  ein  aus  Südamerika ­
  kommendes  Gummi  von  noch  nicht
■sichergestellter  Abstammung,  gehört  zu  den  bassorinreichsten
  Gummiarten  und  ist  daher  in
Wasser  nur  wenig  löslich.
Chalzedon  (frz.  Chalcedoine,  engl.  Chalcedong),
ein  dichter  Quarz,  nach  einigen  Mineralogen  ein
Gemenge  von  amorpher  und  kristallinischer  Kieselsäure, ­
  kommt  in  zahlreichen,  durch  ihre  Färbung ­
  verschiedenen  Abarten  vor,  die  besondere
Namen  führen  und  als  Halbedelsteine  und  Material ­
  für  Kameen,  Ringsteine,  Siegelsteine  und
viele  andere  Schmuck-  und  Gebrauchsgegenstände
  zum  Teil  schon  seit  alten  Zeiten  verarbeitet
werden.  Die  bekanntesten  Abarten  sind:  Gewöhnlicher ­
  Ch.,  grau  und  durchscheinend;
Karneol,  dessen  meistgeschätzte  Abart  die
blutrote  ist,  der  aber  auch  braunrot  oder  gelbrot
erscheint;  Chrysopras,  durch  Nickeloxyd  apfelgrün. ­
  und  Plasma,  durch  Eisenoxydul  dunkel-.grün
  gefärbter  Ch.;  Jaspis,  ein  undurchsichtiger,
durch  Eisengehalt  gleichmäßig  gelbbraun,  rot,
grün,  schwarz  usw.  gefärbter  Kiesel,  kommt  in
größeren  Stücken  vor  und  liefert  daher  ein  vortreffliches ­
  Material  zu  Säulen,  architektonischen
Verzierungen,  Tischplatten  und  Vasen,  die  eine
schöne  Politur  annehmen.  In  verschiedenen  Farben ­
  regelmäßig  gestreifter  Ch.  wird  besonders
schön  in  Sibirien  gefunden  und  als  Bandjaspis
bezeichnet.  Schön  gezeichnet  ist  auch  der  ägyptische ­
  Jaspis,  sog.  Nilkiesel.  Fundorte  besserer
Jaspisse  sind  außerdem  in  Sizilien,  Böhmen  und
Tirol,  von  wo  z.B.  der  „Meraner  Jaspis“  in  prachtvollen ­
  Abarten  angeboten  wird.  Andere  mehrfarbige ­
  Ch.  sind:  Heliotrop,  durchscheinend
dunkelgrün,  mit  eingestreuten  undurchsichtigen,
.zinnoberroten  Punkten;  Sardonyx,  rot  mit  weiißen
  Bändern;  Onyx,  mit  weißen  und  schwarzen

oder  dunkelbraunen  Bändern  oder  Schichten;
Chalzedonyx,  abwechselnd  grau  und  weiß  gestreift; ­
  Stephanstein,  weiß  mit  blutroten  Flekken.
  Endlich  finden  sich  auch  Ch.  mit  wolkenartigen ­
  und  moosartigen  Flecken  und  Zeichnungen. ­
  Die  Onyxe  bilden  das  hauptsächliche
Material  zum  Schneiden  von  Kameen,  einer
sehr  alten  Kunst,  die  auch  jetzt  noch  in  Italien
betrieben  wird.  Durch  die  heutige  Glastechnik
können  übrigens  viele  der  erwähnten  Naturerzeugnisse ­
  ganz  gut  nachgeahmt  werden.  Vgl.
auch  Achat,  Amethyst,  Aventurin.
Champagner  (engl.  Champaigne),  im  weiteren
Sinne  des  Wortes  alle  in  der  gleichnamigen
französischen  Landschaft  erzeugten  Weine,  im
engeren  Sinne  jedoch  die  aus  dortigen  Trauben
gefertigten  Schaumweine.  Die  Departements
Ardennes,.  Aube,  Marne  und  Haute  Marne
liefern  auf  nahezu  20  000  ha  durchschnittlich
700000  hl  Wein,  von  denen  180000  auf  Schaumwein ­
  verarbeitet  werden,  während  der  Rest,  meist
im  Lande  selbst,  unverändert  als  Champagne
non  mousseux  zum  Konsum  gelangt.  Von  letzteren ­
  wird  der  Sillery  sec  non  mousseux,  ein
weißer  trockener  Wein  von  eigentümlichem  Aroma, ­
  am  meisten  geschätzt.  Der  beste  Schaumwein, ­
  dessen  berühmteste  Sorten  der  Gegend
von  Rheims  entstammen,  wird  meist  aus  einem
Gemisch  blauer  und  weißer,  sorgfältig  ausgelesener ­
  gesunder  Trauben  in  der  Weise  hergestellt, ­
  daß  man,  ohne  vorher  zu  maischen,
mit  schwachem  Druck  auspreßt  und  den  milden,
farblosen  Most  (Claret)  auf  Gärfässer  bringt.
Im  Frühjahr  wird  der  zur  Erzielung  möglichster
Gleichmäßigkeit  mit  anderen  Sorten  verschnittene
Wein  (Cuvöe),  mit  einem  Zusatz  von  Zucker
(1—2  0/0)  versehen,  in  die  bekannten,  starkwandigen,
  auf  mehrere  Atmosphären  Druck  geprüften
Flaschen  gefüllt  und  in  letzteren  nach  festem
Verschluß  mit  Kork  und  Drahtschlinge  der  Nachgärung ­
  überlassen,  wodurch  der  Wein  sich  mit
Kohlensäure  sättigt.  Nach  beendeter  Gärung
werden  die  Flaschen,  mit  dem  Hals  nach  unten,
schräg  aufgestellt,  so  daß  sich  die  gesamte  Hefe
als  zusammenhängende  Schicht  (Depot)  auf  der
Unterseite  des  Korkes  ansammelt,  dann  zur  Entfernung ­
  der  letzteren  schnell  geöffnet  (Degorgieren),
  mit  einer  konz.  Lösung  von  Zucker  in  Wein
oder  Kognak,  ev.  auch  von  Aromastoffen  (dem
sog.  Likör)  versetzt  und  wieder  verschlossen.
—  Ganz  ähnlich  werden  jetzt  auchi  in  anderen
Ländern  (Deutschland),  z.  T.  zur  Vermeidung  des
hohen  Eingangszolls,  Schaumweine  bereitet,  die
als  Champagner  in  den  Handel  kommen,  während ­
  die  neuerdings  in  den  Verkehr  gelangenden
moussierenden  Getränke,  welche  einfach  durch
Imprägnieren  gewöhnlicher  Weine  mit  Kohlensäure ­
  hergestellt  sind,  als  Nachahmungen  zu
beurteilen  sind.  Als  Kennzeichen  eines  guten
Sch.  betrachtet  man  die  Eigenschaft,  nicht  nur
zu  Anfang  lebhaft  zu  schäumen,  sondern  auch
die  Kohlensäure  lange  festzuhalten  und  nur  allmählich ­
  perlend  entweichen  zu  lassen.  Der  Geschmack ­
  hängt  weniger  von  der  Traubensorte  als
hauptsächlich  von  der  Art  des  Likörs  und  der
Sorgfalt  bei  der  Zubereitung  ab.  Die  Zusammensetzung ­
  der  Schaumweine  unterliegt  großen  Schwankungen, ­
  doch  unterscheidet  man  im  allgemeinen
trockne  Sch.  (Dry  oder  sec)  mit  höchstens  0,05
        <pb n="80" />
        Champignon

75

Chartreuse

bis  2  °/o  Zucker  bei  i,6—4%  Extrakt  und  süße
Sch.  mit  4—17%  Zucker  und  6—20°/o  Extrakt.
Der  Alkoholgehalt  beträgt  7—12  g  in  100  ccm.
Gh.  ist  ein  Wein  im  Sinne  des  Gesetzes  vom
7.  IV.  1909,  dessen  Vorschriften  er  entsprechen
muß.  Ausgenommen  ist  er  nur  von  der  zeitlichen
und  örtlichen  Begrenzung  der  Zuckerung  (§  3).
Nach  §  17  muß  Schaumwein  eine  Bezeichnung
tragen,  die  das  Land  erkennbar  macht,  wo  er  auf
Flaschen  gefüllt  worden  ist,  z.  B.  „Deutscher
Sch.“,  „Französisches  Erzeugnis“,  „in  Deutschland ­
  auf  Flaschen  gefüllt“.  Bei  Ch.,  der  einen
Zusatz  fertiger  Kohlensäure  erhalten  hat,  muß
die  Bezeichnung:  „Mit  Zusatz  von  Kohlensäure“
angebracht  sein.  Dem  Schaumwein  ähnliche  Getränke ­
  müssen  mit  der  Kennzeichnung  des  Ausgangsmaterials, ­
  z.  B.  „Obstschaumwein“,  „Apfelschaumwein“,
  versehen  werden.  Unter  „Sekt“
ist  echter  Schaumwein  zu  verstehen.  Steuer:
S.  Anhang:  „Gesetz  zur  Änderung  des  Schaumweinsteuergesetzes“
  vom  26.  Juli  1918.  —  Die
französische  Erzeugung  beträgt  rund  40  Millionen
Flaschen,  von  denen  24  Millionen  ausgeführt
werden.  Deutschland  führte  im  Jahre  1912  rund
1  Million  Flaschen  ein  und  1,3  Millionen  aus.
Champignon  (Feldblätterschwamm,  Angerling, ­
  Egerling,  Brachpilz,  Wiesenschwamm, ­
  Pferdepilz,  Weidling,  frz.  Champignon, ­
  engl.  Champinion.Mushroom),  eine  der  vorzüglichsten ­
  und  beliebtesten  Pilzsorten,  wächst  in
ganz  Mitteleuropa  auf  Wiesen  und  Brachäckern,  in
Gärten  und  Wäldern,  und  wird  auch  künstlich  gezüchtet. ­
  Er  gehört  zu  der  Gruppe  der  Blätterpilze
(Agaricus),  die  an  der  Unterseite  des  Hutes  als
Sporenlager  nur  Blätter  oder  Lamellen  tragen,
und  kann  daher  von  allen  anderen  Gattungen
leicht  unterschieden  werden.  Auch  im  jugendlichen, ­
  kugelförmigen  Zustande,  in  dem  der  Ch.
eine  gewisse  Ähnlichkeit  mit  dem  Bovist  und
Lycoperdon  zeigt,  sind  Hut  und  Lamellen  auf
dem  Querschnitt  leicht  zu  erkennen.  Für  die
beiden  wichtigsten  Sorten  des  Ch.  gibt  das  vom
Kaiserl.  Gesundheitsamte  herausgegebene  Pilzßierkblatt
  folgende  Kennzeichen:  1.  Feldcham-Pignon
  (Psalliota  oder  Agaricus  campestris).  Hut
at lfangs  kugelig,  später  schirmförmig,  weithin  flacher ­
  werdend,  6—14  cm  breit,  dickfleischig  mit
"'eißer,  auch  bräunlicher  seidenhaariger  Oberhaut,
die  sich  in  Streifen  abziehen  läßt.  Fleisch  weiß,
bei  Verletzungen  rötlich  werdend.  Stiel  6—8  cm
«och,  weiß,  voll,  mit  einem  dickhäutigen,  weißen
Ringe.  Blätter  anfangs  rötlich,  später  braun.
Geruch  fein  anisartig,  Geschmack  nußkernar
 tig.  An  lichten  grasigen  Stellen,  besonders
w °  Pferdedung  liegt.  Frühsommer  bis  Herbst.
?i  Schaf  Champignon  (Ps.  oder  A.  arvensis).
Gut  anfangs  zylindrisch-kegelförmig  mit  ab-Seflachtem
  Scheitel,  später  ausgebreitet,  8—15  cm
breit,  anfangs  etwas  flockig,  dann  kahl.  Oberhaut ­
  weiß,  an  Druckstellen  gelblich,  abziehbar.
'Heisch  weiß  bleibend.  Stiel  weiß,  hohl,  mit
dickem,  straffem  Ringe,  5—18  cm  hoch.  Blätter
anfangs  grauweiß,  bald  rötlich  werdend,  schließet ­
  braun.  Geruch  und  Geschmack  angenehm.
Auf  Wiesen,  in  Gärten,  auch  in  lichten  Wäldern,
gramer  bis  LIerbst.  —  Von  der  Beschreibung
er  zahlreichen  weiteren  Abarten  kann  abgesehen 1
^erden.  —  Dem  Ch.  ist  der  gefährlichste  aller
Giftpilze,  der  Knollenblätterschwamm  (Amanita ­

  phalloides)  überaus  ähnlich.  Das  Pilzmerkblatt ­
  gibt  folgende  Kennzeichen  für  ihn  an:  Hut
6—8  cm  breit,  meist  weiß,  doch  auch,  zwar  in
der  Grundfarbe  weiß,  aber  mit  gelblichem,  grünlichem, ­
  selbst  hellbräunlichem  Schimmer,  in
feuchtem  Zustande  etwas  klebrig.  Die  Oberhaut
ist  meist  mit  einigen  weißlichen  oder  bräunlichen
Fetzen  der  Hülle  besetzt.  Fleisch  weißlich,  von
widerlich  scharfem  Geschmack.  Blätter  weiß.
Stiel  8—10  cm  hoch,  oberhalb  der  Knolle  schlank,
nach  dem  Hute  zu  sich  verjüngend,  weißlich,
anfangs  voll,  später  hohl  werdend,  mit  einem
häutigen,  schlaff  herabhängenden,  weißlichen
oder  gelblichen  Ringe.  Das  knollige  Ende  des
Stiels  ist  mit  der  schlaffen,  häutigen,  weißlichen
Scheide  nur  wenig  verwachsen.  In  Laub-  und
Nadelwäldern,  auf  Waldwiesen,  meist  herdenweise. ­
  Sommer,  Herbst.  Ganz  junge  Pilze  können ­
  ihrem  Äußeren  nach  leicht  mit  jungen  Ch.
verwechselt  werden,  sie  zeigen  aber  beim  Durchschneiden ­
  niemals  rötliche,  sondern  stets  weiße
Blätter.  •—  E.  Herrmann  gibt  für  den  Schafchampignon ­
  und  seinen  Doppelgänger,  den  gelblichweißen ­
  Knollenblätterschwamm  (Amanita
mappa)  folgende  Unterscheidungsmerkmale.  Hut:
Beim  Ch.  Haut  leicht  ablösbar,  ohne  Schleierreste, ­
  beim  Kn.  Haut  nicht  ablösbar,  meist  mit
Schleierresten;  Blätter:  Beim  Ch.  in  der  Jugend
rosa,  bisweilen  weiß,  im  Alter  braunschwarz,  fast
alle  gleich  lang,  am  Stielansatz  breit,  beim  Kn.  stets
weiß,  von  ungleicher  Länge,  an  beiden  Enden
verschmälert;  Stiel:  Beim  Ch.am  Gründe  schwach
verdickt,  brüchig,  dickfleischrig,  ohne  Scheide,
beim  Kn.  unten  mit  dicker  Wulst,  undeutlich  ausgebildeter ­
  Scheide,  zäh  und  biegsam.;  Sporen:  Beim
Ch.braunschwarz,  beim  Kn.weiß  ;  Geruch:  Beim
Ch.  würzig  nach  Anis,  beim  Kn.  geruchlos  oder
nach  rohen  Kartoffeln;  Standort:  Ch.  Wiesen,
Äcker,  Gärten,  Wälder,  Höfe,  Ställe,  Kn.  nur  im
Walde,  vorzugsweise  im  Nädelwalde.  —  Die  Ch.
bilden  nicht  allein  im  frischen,  sondern  auch  im
getrockneten  Zustande,  ferner  in  Essig  eingemacht ­
  und  in  Blechdosen  sterilisiert  einen  wichtigen ­
  Handelsartikel.  Die  Kultur  wird  entweder
in  unterirdischen  Räumen  (Ch.-Keller)  oder  in
Ställen  und  Mistbeeten  betrieben.  Das  aus  den
Sporen  entstandene,  die  Erde  in  Form  feiner
weißer  Fäden  durchsetzende  Myzel  kommt  als
Ch.-Brut  für  sich  in  den  Handel.  Die  größten
Züchtereien  finden  sich  in  der  Umgegend  von
Paria,  deutsche  in  Berlin,  Braunschweig,  Dresden,
Erfurt,  Hannover  und  im  Harz,  namentlich  in
Goslar.  Hinsichtlich  des  Nährwertes  sei  auf  den
Abschnitt  Pilze  verwiesen.
Chandul,  ein  Faserstoff  aus  den  westlichen
Teilen  Ostindiens,  besteht  aus  dem  Baste  von
Lepuranda  succidora  und  wird  namentlich
zur  Herstellung  von  Säcken  und  Matten  verwandt.
Charas,  das  Harz  der  indischen  Hanfpflanze,
wird  dort  und  in  Kaschgar  viel  gesammelt  und
wirkt  betäubend.
Chartreuse,  gesetzlich  geschützter  Name  eines
feinen  französischen  Likörs,  für  dessen  Nachahmung ­
  nach  König  folgendes  Rezept  benutzt
werden  kann:  Man  bringt  in  eine  Destillierblase
auf  ein  verzinntes  kupfernes  Sieb  50  g  Abelmoschuskörner, ­
  30  g  Zeylonzimt,  100  g  Curagaoschalen,
  50  g  Pomeranzenfrüchte,  30  g  Kardamomen, ­
  150  g  Ivakraut,  125  g  Angelikasamen,
        <pb n="81" />
        Chaywurzel

76

Chilesalpeter

ioog  Chinarinde,  je  30  g  Selleriesamen,  Ingwer,
Piment,  Nelken,  10  g  schwarzen  Pfeffer,  250  g
Zitronenmelisse,  je  30  g  weiße  Kalmuswurzel,
Muskatblüte,  Angelikawurzel,  125  g  Ysopspitzen,
25  S  Tonkabohnen,  50  g  Muskatnuß,  125  g  Alpenbeifuß,
  301  Spiritus  von  96%  und  101  weiches
Wasser.  Der  Inhalt  der  Blase  wird  8  Stunden  so
erwärmt,  daß  der  Spiritus  vom  Kühler  in  die
Blase  zurückläuft.  Die  Spritmenge,  welche  noch
mit  200  g  gebrannter  Magnesia  filtriert  wird,  genügt ­
  für  1001  Likör,  die  noch  einen  Zusatz  von
40  kg  Zucker  erhalten.
Chaywurzel  (Chäyaver,  Sayaver),  die  Wurzel ­
  von  Oedenlandia  umbellata,  die  in  Malabar ­
  und  Koromandel  angebaut  und  dort  anstatt
des  Krapps  zum  Rotfärben  benutzt  wird.
Che-Che  ist  der  Name  einer  aus  China  stammenden ­
  schotenartigen  Frucht  von  einem  dort
heimischen,  wahrscheinlich  zu  den  Septimazeen
  gehörigen  Strauch.  Die  Frucht  enthält
einen  intensiv  färbenden  goldgelben  Farbstoff
und  wird  in  China  auch  medizinisch  gegen
Fieber  angewandt.
Cheddar-Käse,  ein  aus  Vollmilch  hergestellfer
amerikanischer  Käse,  der  2—3  Monate  zum  Ausreifen ­
  erfordert  und  im  Mittel  270/0  Protein  und
32  0/0  Fett  enthält.
Chekenblätter  (Chekanblätter,  Chequen,
lat.  Folia  cheken,  frz.  Feuilles  de  cheken,  engl.
Cheken  leaves),  die  Blätter  der  Myrtazee  Eugenia ­
  Cheken,  die  1  0/0  ätherisches  Öl  enthalten, ­
  werden  neuerdings  von  Chile  aus  in  den
Handel  gebracht  und  als  Mittel  gegen  Harnkrankheiten ­
  und  Leberleiden  empfohlen.
Chemikalien  (Chemische  Präparate,  frz.
Produits  chimiques,  engl.  Chemical  products).
Unter  diesem  Namen  faßt  man  die  auf  chemischem ­
  Wege  hergestellten  Stoffe  zusammen,
pflegt  aber  in  der  Kegel  die  Farben,  Sprengstoffe, ­
  Nahrungsmittel  und  einige  andere  Gruppen
nicht  zu  ihnen  zu  rechnen.  Nach  der  Art  der
Verwendung  unterscheidet  man  bisweilen  Ch.
für  Laboratoriumszwecke,  für  medizinische  und  für
technische  Zwecke,  nach  dem  Grade  der  Reinheit
gibt  man  ihnen  die  Bezeichnung  crudum  (roh),
purum  (rein),  purissimum  (sehr  rein)  usw.  Neben
selten  und  in  kleinen  Mengen  gebrauchten  wissenschaftlichen ­
  Reagentien  gehören  zu  ihnen  industrielle ­
  Massenartikel  wie  Soda,  Salpeter,  Pottasche, ­
  Schwefelsäure.  Beim  Großhandel  finden
Beschränkungen  nicht  statt,  hingegen  unterliegt
der  besonders  durch  Drogisten  und  Apotheker
betriebene  Kleinhandel  den  Vorschriften  der  Giftverordnung ­
  und  der  Verordnung  vom  22.  X.  1901
(s.  Anhang),  nach  denen  verschiedene  Ch.  entweder ­
  gar  nicht  oder  nur  unter  besonderen  Vorsichtsmaßregeln ­
  abgegeben  Werden  dürfen.  Vom
Postversand  sind  alle  der  Selbstentzündung
oder  Explosion  unterworfenen  Gegenstände  überhaupt ­
  ausgeschlossen.  Der  Bahntransport  unterliegt ­
  besonderen  Bestimmungen  hinsichtlich  der
Mengen  und  der  Verpackung.  Bedingungsweise
werden  zum  Transport  zugelassen:  Äther,  Chloroform, ­
  Mirbanöl,  Kollodium,  Schwefelkohlenstoff,
Holzgeist,  Alkohol  und  Sprit,  chlorsaures  Kali
und  reine  Pikrinsäure,  Mineralsäuren  aller  Art,
Atzkali-  und  Ätznatronlauge,  ätherische  und  fette
Öle,  Brom,  Photogen,  Benzin,  Teeröl,  Ligroin,
Kamphin,  Pinolin,  Mineralschmieröl,  Salmiakgeist, ­

  Reib-  und  Streichzündhölzer,  Phosphor,
Petroleum  in  rohem  und  gereinigtem  Zustande,
Arsenikalien.  Alle  brennbaren,  leicht  entzündlichen ­
  Ch.  sind  auf  dem  Frachtbriefe  als  „feuergefährlich“ ­
  zu  bezeichnen,  da  diese  mit  besonderen ­
  Zügen  befördert  werden.  Über  die  Verpackungsvorschriften ­
  der  einzelnen  Ch.  s.  die  betreffenden ­
  Artikel,  wie  z.  B.  Arsenik,  Äther,  Phosphor. ­
  Nur  im  allgemeinen  mag  noch  hier  be-  |
merkt  werden,  daß  giftige  Metällpräparate  und
giftige  Metallfarben,  nämlich;  Quecksilbersublimat, ­
  Kalomel,  weißes  und  rotes  Präzipitat,  Zinnober, ­
  Kupfervitriol,Grünspan,  Bleiglätte,  Mennige,
Bleizucker  und  andere  Blei-  und  Kupfersalze,
Bleiweiß  und  andere  Bleifarben,  Zinnasche  und
Antimonasche  nur  in  dichten,  von  festem,  trocke-  i
nein  Holz  gefertigten,  mit  Einlagereifen  bzw.  Umfassungsbändern ­
  versehenen  Fässern  oder  Kisten
zum  Transport  aufgegeben  werden  dürfen.  Die
Umhüllungen  müssen  bei  diesen  Waren  so  beschaffen ­
  sein,  daß  durch  die  beim  Transporte
unvermeidlichen  Erschütterungen  ein  Verstäuben
durch  die  Fugen  der  Gefäße,  Fässer,  Kisten  usw.
nicht  eintritt.
Chenille  (Raupe,  frz.  und  engl.  Chenille)
nennt  man  eine  Art  seidener  oder  wollener,  verschieden ­
  gefärbter,  zartweicher,  leichter  Schnürchen ­
  oder  dicker  Fäden,  die  sich  behaarten  Raupen ­
  ähnlich  durch  nach  allen  Seiten  abstehende
Härchen  kennzeichnen.  Sie  werden  zur  Herstellung ­
  von  Zierbesatz,  von  einer  Art  Spitzen  (Ch.-B
  Ion  den)  und  zum  Sticken  benutzt  und  dienen
auch  in  der  Weberei  von  Schals  und  Tüchern  als
Einschlag.  Ch.  ist  sehr  der  Mode  unterworfen
und  war  eine  Zeitlang  fast  ganz  außer  Gebrauch.
Chesterkäse  heißt  die  bekannte  englische
Käsesorte,  die  in  großer  Menge  zur  Ausfuhr  gelangt ­
  und  am  besten  in  Cheshire  und  Gloucestershire
  gefertigt  wird.  Der  Ch.  ist  ein  Süßmilchkäse,
  der  aus  Morgen-  und  Abendmilch
mittels  Lab  gefertigt  und  mit  Orlean  orangegelb
gefärbt  wird.  Er  braucht  gewöhnlich  6—10  Monate ­
  zur  Reife  und  enthält  im  Mittel  27  0/0
Protein  und  28  °/o  Fett.
Chianti,  einer  der  besten  Rotweine  Italiens
aus  der  Provinz  Siena,  der  in  erheblichen  Mengen
aus  der  San-Gioretto-Traube  und  anderen  bereitet
wird,  hat  neben  seinem  eigentümlichen  Aroma
eine  gewisse  Herbe,  die  als  charakteristisches
Merkmal  aller  Chiantiweine  gilt.  Der  Alkoholgehalt ­
  beträgt  etwa  13%.  Besonders  feine  Sorten
sind  der  Canajolo  und  Montepulciano.
Chiaöl,  ein  fettes  öl  aus  dem  Samen  der  in
Mexiko  wachsenden  Salvia  hispanica,  kommt
nicht  zu  uns  und  wird  schon  nn  Ursprungslande
häufig  mit  Leinöl  verfälscht.
Chica,  ein  nur  selten  zu  uns  gelangender
Pflanzenfarbstoff,  wird  von  den  Indianern  am
Orinoko  in  der  Weise  hergestellt,  daß  sie  die
Blüten  eines  Baumes  (Bignonia  Chica)  mit
Wasser  auskochen,  dann  die  Auskochung  der
Argona-Rinde  zusetzen  und  den  unlöslich  gewordenen ­
  Farbstoff  in  Kupfer  geformt  trocknen.
Er  zeigt  eine  blutrote  Farbe,  samtartiges  Aussehen
und  färbt  Baumwolle  orangerot.
Chikan  Kadia,  eine  indische  Bastfaser,  stammt
von  der  Malvazee  Sida  alba  ab.
Chilesalpeter  (Natronsalpeter,  lat.  Natrium
nitricum,  frz.  Nitrate  de  soude,  engl.  Nitrate  of
        <pb n="82" />
        China

77

Chinarinde

sodium),  in  chemischer  Hinsicht  unreines  Natriumnitrat, ­
  NaNO a ,  findet  sich  in  der  die
Grenze  zwischen  Chile  und  Peru  bildenden  Wüste
Atacama,  die  allem  Anschein  nach  den  Boden
eines  Natronsees  gebildet  hat,  in  Form  von  Ausblühungen, ­
  S—7  cm  dicken  oberflächlichen  Krusten ­
  oder  ausgedehnten  Lagern  von  25—150  cm
Mächtigkeit,  die  mit  einer  50—7$  cm  dicken  sandigen ­
  Tonschicht  bedeckt  sind.  Das  Mineral  wird
an  Ort  und  Stelle  oberflächlich  durch  Umkristallisieren ­
  gereinigt  und  kommt  dann  als  sog.  „Caliete“
  mit  90—93%,  oder  neuerdings  auch  mit
98—99%  Nitrat  in  den  Handel.  Der  Versand
erfolgt  in  100  kg  fassenden  Säcken,  die  leicht
Feuchtigkeit  anziehen  und  daher  trocken  gelagert ­
  werden  müssen.  Zum  Schutz  gegen  Verfälschungen ­
  läßt  sich  der  Käufer  einen  bestimmten ­
  Stickstoffgelialt  von  10—15%  zusichern  und
durch  Analyse  kontrollieren.  Ch.  bildet  eines  der
wichtigsten  Stickstoffdüngemittel  und  das  Ausgangsmaterial ­
  zur  Herstellung  fast  aller  Stickstoffverbindungen, ­
  insbesondere  der  für  die
Sprengstoffherstellung  unentbehrliehen  Salpetersäure ­
  und  des  Kalisalpeters.  Ep  wurde  daher  in
ständig  steigenden  Mengen  von  Chile  ausgeführt,
nach  Deutschland  im  Jahre  1913  allein  750000  t,
und  auf  die  Abschneidung  dieser  Zufuhr  setzte
England  große  Hoffnungen  für  den  Verlauf  des
Krieges,  Es  wurde  aber  enttäuscht  durch  die
von  deutschen  Chemikern  entdeckten  Verfahren
zur  Bindung  des  atmosphärischen  Stickstoffs,  die
unter  Ammoniak,  Kalziumzyanamid  und  Salpeter
näher  besprochen  werden.  Nach  dem  Kriege  wird
Deutschland  voraussichtlich  von  Ch.  völlig  unabhängig ­
  sein  und  vielleicht  sogar  Salpeter  aus-,
führen  können.
China  heißt  in  England  das  Porzellan;  daher
Ch  ina  clay  —  Porzellanton  —  ein  in  England
vorkommender,  blendend  weißer,  voluminöser,
sehr  plastischer,  etwas  fetter  Ton,  der  wegen
seiner  vielseitigen  Brauchbarkeit  nach  andern
Ländern,  auch  nach  Deutschland,  ausgeführt  wird.
Man  braucht  ihn  bei  uns  in  der  Färberei  als
Zusatz  zu  Satinierfarben,  die  dadurch  beim  Reifen ­
  einen  schöneren  Glanz  annehmen,  in  Zeugdruckereien ­
  zur  Farbenverdickung,  hauptsächlich
über  als  Zusatz  zum  Papierzeug,  um  dem  Papier
^ehr  Schwere  und  Körper  zu  geben.
,  China-Alkaloide  (frz.  Alcaloides  de  quinquina)
lst  der  Sammelname  für  alle  in  den  verschiede-Chinarinden
  enthaltenen  Pflanzenbasen,  von
denen  Chinin,  Chinidin,  Zinchonin  und
■^'nchonidin  die  grüßte  Bedeutung  besitzen.
Außer  diesen  kennt  man  noch  eine  ganze  Reihe
v °n  Alkaloiden,  welche  entweder  nur  aus  ein-Ze
 lnen  Arten  von  Chinarinden  erhalten  wurden,
°der  sich  in  den  Mutterlaugen  der  Chininherst
 ellung  ansammeln  oder  aber  als  Umwandlungs-Zeugnisse
  der  natürlichen  Basen  anzusehen
sind.  Als  Vertreter  dieser  Ch.  seien  angeführt;
'Gnchotin  (Hydrozinchonin),  Zinchamidin(Hya
 J°zinchonidin),  Hydrochinidin,  Hydrochi-5,
 ln ._  Kuprein,  Chinamin,  Konchinamin,
jpbairamin,  Arizin,  Parizin,  Kuskonin,
£°nkuskonin,  Apochinin,  Dikonchininund
*" a ytin.  Die  meisten  dieser  Ch.  sind  kristallisierte, ­
  wohlcharakterisierte  Verbindungen  und  wer-Ctv
  'L’  besonders  das  wichtigste  von  allen,  das
hinin,  in  besonderen  Artikeln  behandelt.  Hingegen ­

  ist  das  sog.  Chinioidin  des  Handels,  ein
Abfallprodukt  aus  den  Chininmutterlaugen,  ein
Gemisch  verschiedener  amorpher  Basen  und
wegen  seiner  wechselnden  Zusammensetzung  in
der  Medizin  durch  die  reinen  Chininpräparate
nahezu  völlig  verdrängt.  NeuereVersuche  machen
es  wahrscheinlich,  daß  demnächst  die  synthetische
Darstellung  mehrerer  Ch.  gelingen  wird,  doch
steht  die  Ertragsfähigkeit  derselben  in  Hinblick
auf  den  geringen  Preis  des  Naturerzeugnisses
noch  zu  bezweifeln.
Chinablau,  ein  dem  Wasserblau  (s.  d.)  nahe
verwandter  Teerfarbstoff.
Chinagras  (engl.  Cloth  grass,  China  grass)
nennt  man  die  Bastfaser  von  Boehmeria  nivea,
  einer  in  China  und  Ostindien  heimischen
Nesselart,  die  seit  den  ältesten  Zeiten  in  Asien,
später  auch  in  Europa  zu  Spinnfasern  und  feinen
Geweben  (Nesseltuch)  verarbeitet  wurde,  bis
die  Konkurrenz  der  Baumwolle  sie  in  den  Hintergrund ­
  drängte.  Die  französische  Bezeichnung
Ramie  (Ramd,  Rameh)  soll  nach  einigen  Angaben ­
  für  die  Faser  einer  verwandten  Pflanize,
Boehmeria  tenacissima,  nach  anderen  lediglich ­
  für  verarbeitetes  Ch.  gelten.  Der  Anbau
des  Ch.,  der  sich  über  die  ganze  Erde  zwischen
dem  43.  Grad  nördlicher  und  südlicher  Breite
ausgedehnt  hat  und  besonders  in  Ostasien,  aber
auch  mit  großem  Erfolge  in  Deutsch-Ostafrika
betrieben  wird,  erfolgt  nicht  durch  Samen,  sondern ­
  durch  Stecklinge  oder  Wurzelableger.  Die
austreibenden  geraden,  fast  gar  nicht  verästelten
Schößlinge  werden,  sobald  sie  1—1,2  m  lang
geworden  sind,  jedenfalls  aber  vor  der  Blüte
geschnitten  (4—5  mal  im  Jahre,  bei  7—8  jähriger
Ertragsfähigkeit  der  Pflanzungen)  und  sofort
durch  Abstreifen  von  den  Blättern  und  der  Oberhaut ­
  befreit.  Die  durch  leichtes  Rösten  und
wiederholtes  Waschen  gewonnenen  Fasern  sind
0,5—1,2  m  lang  und  werden  'in  China  vielfach
zu  Fäden  zusammengedreht,  die  zur  Herstellung
von  chinesischem  Grasleinen  dienen.  In  Europa
unterwirft  man  sie  vielfach  noch  zur  Entfernung
der  Zellsubstanz  einer  Behandlung  mit  verdünnten
Säuren  (Bleiche).  Die  gut  vorbereitete  Faser
ist  sehr  zart  und  fein  und  übertrifft  an  Festigkeit
selbst  den  russischen  Hanf  um  das  Doppelte.
Sie  zeigt  hohen,  fast  seidenartigen  Glanz,  läßt
sich  leicht  bleichen  und  wird  dann  blendend
weiß,  während  ungebleichtes  Ch.  durch  Spuren
von  Chlorophyll  schwach  gelb  oder  grünlich
gefärbt  ist.  Zu  uns  kommt  die  Faser  meist  als
kolonisiertes  Ch.  in  einer  der  Baumwolle
ähnlichen  Form.  Die  der  Färbung  entgegenstehenden ­
  Schwierigkeiten  sind  jetzt  anscheinend
überwunden.  Ch.  dient  zur  Anfertigung  von
Posamentierarbeiten  (Fransen,  Schnuren,  Borten),
von  Vorhängen,  Möbelstoffen  nach  Art  baumwollener ­
  Samte,  von  Glühstrümpfen,  Banknoten,
neuerdings  in  steigendem  Maße  auch  zur  Herstellung ­
  von  Geweben  für  Kleidungsgegenstände
(Strümpfe,  Trikot)  usw.  Vgl.  auch  Nessel.
Chinarinde  (Fieberrinde,  lat.  Cortex  chinae,
frz.  Ecorce  de  Quina  ou  de  Quinquina,  engl.
Cinchona  bark).  Die  Chinarinden  stammen  von
verschiedenen  Arten  der  Gattung  Zinchona,
Familie  der  Rubiazeen,  ab,  und  zwar  sowohl
von  wild  wachsenden  als  auch  von  angebauten
Pflanzen.  Ihre  Pleimat  ist  der  zwischen  dem
        <pb n="83" />
        Chinarinde

78

Chinawurzel

io.°  n.  Br.  und  dem  22. 0  s.  Br.  gelegene  Ceja  de
Ja  montana,  d.  h,  Augenbraue  des  Gebirges  genannte ­
  Streifen  der  Kordilleren,  wo  sie  in
Höhen  von  1600—2400  m,  bisweilen  auch  noch
bis  3400  m,  Vorkommen,  während  die  unterste
Grenze  bei  1200  m,  weiter  vom  Äquator  entfernt
bei  800  m  liegt.  Das  Einsammeln  der  Rinden
geschieht  durch  die  Kaskarilleros,  indem  diese
die  Bäume  nach  Entfernung  der  Schlingpflanzen
fällen  und  die  abgelöste  Rinde  zur  Verhinderung
des  Schimmeins  sofort  an  der  Sonne  oder  über
gelindem  Feuer  trocknen.  Hierauf  werden  die
Rinden  in  Bündel  gepackt,  nach  den  Magazinen
der  Hafenplätze  gebracht,  sortiert  und  in  Ballen
vereinigt.  Durch  diesen  Raubbau  sind  die  wertvollen ­
  Zinchoneen  naturgemäß  seltener  geworden, ­
  und  man  ist  zum  planmäßigen  Anbau  übergegangen. ­
  Bolivia  und  Kolumbien  besitzen  seit
30  Jahren  ausgedehnte  Zinchoneen-Pflanzungen,
und  auch  in  Guatemala  und  auf  Jamaika  finden
sich  größere  Kulturen.  Von  größter  Bedeutung
sind  jedoch  die  Anpflanzungen  der  Holländer  auf
Java  und  der  Engländer  in  Ostindien  (Zeylon),
die  hauptsächlich  für  den  Handel  in  Betracht
kommen.  In  Indien  werden  die  Rinden  auf
vier  verschiedene  Methoden  gewonnen:  1.  Messing. ­
  Man  schält  Streifen  der  Rinde  vom  Baum,
läßt  aber  andere  dazwischen  liegende  Streifen
unversehrt  stehen  und  verbindet  die  Wunden
mit  Moos.  2.  Schaven.  Die  Rinde  wird  in
kleinen  Stücken  abgeschabt,  wobei  das  Kambium
geschont  wird.  3.  Uprooting.  Der  ganze  Baum
wird  ausgerodet.  4.  Coppicing.  Der  Baum  wird
gefällt  und  entrindet,  aus  dem  Stumpf  entwickeln
sich  Schößlinge.  —  Die  für  den  direkten  Gebrauch ­
  bestimmten  sog.  Drogistenrinden  kommen
in  Form  langer  Röhren  und  in  Kisten  verpackt
nach  Europa,  während  die  zur  Chininherstellung
dienenden  „Fabrikrinden“  in  Ballen  zusammengestampft ­
  sind.  Alle  Chinarinden  werden  nach
dem  Alkaloidgehalt  gehandelt.  Auf  jedem  Muster ­
  findet  sich  der  Prozentgehalt  an  Chininsulfat ­
  und  Totalalkaloid  verzeichnet.  Die  echten
Chinarinden  zeigen  nach  dem  Schälen  eine  bemerkenswerte ­
  Farbenänderung  und  verändern
ihre  anfangs  helle  Farbe  in  ein  mehr  oder  weniger ­
  ausgeprägtes  Rostbraun.  Sie  bilden  entweder ­
  Platten  (Stammrinden)  oder  Röhren  (Astrinden), ­
  von  denen  letztere  stets  die  dünne
Korkschicht,  darunter  die  Außenrinde  und  schließlich ­
  die  aus  Bast  bestehende  Innenrinde  zeigen.
Die  Stammrinden  sind  entweder  mit  einer  dunklen ­
  Korkschicht  bedeckt  oder  unbedeckt  und
bestehen  dann  nur  aus  der  Außen-  und  Innenrinde ­
  oder  aus  letzterer  allein.  Die  eigentümlich
geformten  kurzen  Bastfasern  ermöglichen  die
Unterscheidung  von  den  sog.  falschen  Ch.,  zu
denen  besonders  die  Ladenb'ergia-,  Kaskarilla-  und
Remigia-Arten  gehören.  Auch  fehlt  letzteren  (mit
Ausnahme  der  Cuprea  und  der  China  von  Para)
Chinin  und  Zinchonin,  und  sie  haben  infolgedessen ­
  nicht  den  stark  bitteren  Geschmack  der
echten  Rinde,  sondern  schmecken  widerlich.  Die
wichtigsten  Bestandteile  der  echten  Chinarinden
sind  die  China-Alkaloide  (s.  d.).  Außerdem  enthalten ­
  sie  Chinasäure,  Chinagerbsäure,  welche
Chinarot  liefert,  und  Chinovagerbsäure.  Die  auf
dem  Gehalt  an  Chinin  und  Zinchonin  beruhende
Grahesche  Reaktion,  durch  welche  man  leicht

echte  Rinden  von  falschen  unterscheiden  kann,
wird  in  der  Weise  ausgeführt,  daß  man  etwas
gepulverte  Substanz  im  Reagensglase  erwärmt,
worauf  sich  bei  echten  R.  ein  roter  Teer  am
oberen  Teile  des  Glases  ansammelt.  An  Handels-  I
Sorten  unterscheidet  man  zwischen  Fabrikrinden, ­
  welche  direkt  in  die  Chininfabriken  wandern, ­
  und  Medizinal-  oder  Drogistenrinden
(Druggist  quills),  die  aus  den  ansehnlichsten
Stücken  der  Droge  bestehen.  Nach  der  Farbe
werden  die  Chinarinden  auch  heute  noch  in  drei
Gruppen  eingeteilt,  in  gelbe,  braune  und  rote
Rinden.  Die  gelben  Chinarinden  (lat.  Cortices
chinae  flavi)  von  hellzimtbrauner  Farbe,  bestehen ­
  vorwiegend  aus  der  Innenrinde  und  haben
grobfaserigen  oder  splitterigen  Bau.  Zu  ihnen
gehört  die  Königs-China  (China  calisaya,
Ch.  regia),  die  früher  am  meisten  geschätzte
Rinde  von  Cinchona  Calisaya,  die  in  vielen
Arzneibüchern  zu  finden  ist  und  entweder  Röhren ­
  mit  spröder,  tiefrissiger,  brauner  Borke,  oder
flache  von  Borke  befreite  Stücke  mit  den  noch
sichtbaren  Borkengruben  darstellt.  Die  braune
oder  graue  Chinarinde  (lat.  Cortices  chinae
fusci,  grisei,  officinales)  findet  sich  in  gänsefederkiel- ­
  bis  fingerstarken,  einfach  oder  doppelt
gerollten  Röhren,  deren  Oberfläche  graubraun
ist,  während  die  Mittel-  und  Innenrinde  braun
gefärbt  erscheint.  Ihre  hauptsächlichsten  Sorten
sind  die  Huanokochina  von  C.  micrantha,  suberosa
  usw.  aus  Peru  und  die  Loxa-  oder  Lojachina
von  C.  uritusinga,  purpurea  usw.  aus  Ekuador.
Während  die  gelben  Chinarinden  vorwiegend
Chinin  enthalten,  sind  die  braunen  Rinden  reich
an  Zinchonin.  Die  roten  Chinarinden  (lat.
Cortices  chinae  rubri)  haben  rotbraun  gefärbte
Mittel-  und  Innenrinde  und  bestehen  entweder
aus  den  flachen  mit  Borke  bedeckten  Stücken
der  Stämme  und  dickeren  Äste  (südamerikanische
R.),  oder  den  röhrenartigen  Rinden  dünnerer
Äste  (Kulturrinden  aus  Java  und  Ostindien).  Die
südamerikanischen  roten  Chinarinden  stehen  infolge ­
  ihres  geringen  Alkaloidgehaltes  (2—3  0/0)
an  Bedeutung  den  roten  Kultur-Chinarinden  (5  bis
8  0/0)  nach.  Von  allen  Ch.  haben  gegenwärtig  für
den  Handel  die  Kultur-Ch.  Ledgeriana  und  die
Ch.  succirubrä  die  größte  Bedeutung.  Letztere
ist  auch  die  vom  deutschen  Arzneibuche  allein
vorgeschriebene  Sorte.  Java  exportiert  weitaus
die  meiste  Ch.,  so  im  Jahre  1905  7699500  kg.  Der
erste  Handelsplatz  für  China  ist  Amsterdam,  der
zweite  London,  der  dritte  Hamburg.  Die  Ch.
dienen  in  der  Hauptsache  zur  Herstellung  des
Chinins  (s.  d.).  In  der  Medizin  finden  sie  Anwendung ­
  als  Dekokt  sowie  zur  Darstellung  verschiedener ­
  pharmazeutischer  Präparate,  wie
Chinaextrakt,  Chinatinktur  und  Chinawein.
Chinasilber,  in  Form  von  Tafelgeschirren,  besteht ­
  aus  Neusilber,  das  auf  galvanischem  Wege
gut  versilbert  ist;  vgl.  Argentan.
Chinawurzel  (Chinaknollen.  Pockenwurzel. ­
  lat.  Rhizoma  chinae,  frz.  Racine  de  squine,
engl.  China  root)  stammt  nicht  von  Chkmbäumen,
sondern  von  einer  in  China  und  Japan  heimischen ­
  Stechwinde,  Smilax  China.  Eine
in  Südamerika  wachsende  Verwandte,  Smilax
pseudochina,  liefert  hellere  und  leichtere
Wurzelknollen,  die  unter  der  asiatischen  Ware
mit  verkommen,  aber  geringer  geschätzt  werden.
        <pb n="84" />
        Chinesischgrün

79

Chinin

Die  echte  Ch.  bildet  fast  faustdicke,  längliche,
knotige  Stücke,  die  außen  braunrot,  innen  blaßrötlich ­
  gefärbt  sind  und  ziemliche  Schwere  haften,
wonach  die  Güte  der  Ware  bemessen  wird.  Der
Geschmack  ist  schleimig,  etwas  bitter  und  kratzend. ­
  Die  Wurzeln  sind  oft  stark  wurmstichig,
die  Löcher  aber  nicht  selten  durch  Einreiben
mit  Ton  u.  dgl.  vertuscht.  Die  Verwendung  der
Droge  ähnlich  der  Sassaparilla  hat  fast  ganz
a ufgehört.
Chinesischgrün  (frz.  Vert  de  chine),  einen
grünen  aus  China  kommenden  Farbstoff,  der  dort
a us  der  Rinde  gewisser  Arten  von  Kreuzdorn
(Rhamnus)  bereitet  werden  soll,  erhält  man  teils
m  kleinen  tafelförmigen  Stücken,  teils  in  der
Form,  wie  er  lufttrocken  aus  den  Filtrierbeuteln
genommen  wird.  Er  gleicht  dann  bald  Orangeschnitten, ­
  bald  einer  getrockneten  Zitrone,  und
zeigt  auf  der  Oberfläche  einen  blaugrünen  Schein,
auf  dem  Bruche  metallischen  Kupferglanz,  jedoch
schwächer  als  bei  Indigo.  Ch.  läßt  sich  leicht
Pulvern,  ist  in  Wasser  löslich  und  behält  auch
bei  künstlichem  Lichte,  ebenso  wie  die  damit
gefärbten  Stoffe,  seine  schöne  grüne  Farbe.
Din  ähnlicher  Farbstoff  ist  das  Lo-kao  (Dukao)
von  Rhamnus  utilis  und  chlorophora,  das  in
Form  dünner  muldenartiger  Scheibchen  aus  China
eingeführt  wurde,  jetzt  aber  nach  dem  Verfahren
v °n  Charvin  in  Lyon  aus  einheimischen  Kreuzdornarten ­
  hergestellt  wird  und  zum  Färben  von
Wolle  und  Seide  dient.
Chinesischrot,  diesen  Namen  führt  teils  der
natürliche,  aber  präparierte  Zinnober,  teils  der
nps  dem  Safflor  dargestellte  rote  Farbstoff,  das
Karthamin.
Chinidin  (lat.  Chinidinum,  frz,  Quinidine,  engl,
vuinidin)  hat  nach  und  nach  eine  ganze  Anzahl ­
  von  Namen  erhalten,  wie:  ß-Chinin,  Konthinin,
  Chinotin,  kristallisiertes  Chinioidin  usf.
infolgedessen  wird  man  sich,  vor  allem  bei
a Jteren  Angaben,  zu  vergewissern,  haben,  wel-Die
  Chinabase  eigentlich  gemeint  ist.  Das  Ch.
(ndet  sich  fast  in  allen  Chinarinden,  die  zur
'“bininherstellung  dienen,  und  wird  gewöhnlich
? us  dem  Chinoidin  dargestellt.  Es  kristallisiert
]e  nach  dem  Lösungsmittel  in  glänzenden  Pris-?j
 e n,  Rhomboedern  oder  Blättchen,  schmeckt
’Rer  und  zeigt  seinen  chemischen  Eigenschaften
nach  fast  das  gleiche  Verhalten  wie  Chinin  (s.  d.).
,  as  schwefelsaure  Ch.  (lat.  Chinidinum  suluricum,
  frz.  Sulfate  de  quinidine,  engl.  Sulfate  of
lUinidin)  ist  in  verschiedene  Arzneibücher  auf-”
 e Homtnen  worden.  Es  wird  wie  das  Chininsulfat
n gewandt,  wirkt  etwas  schwächer,  soll  aber
.  c h  weniger  unangenehme  Nebenwirkungen  bezen.
  Das  schwefelsaure  Ch.  stellt  weiße,  seiden-*
  attzonde  Nadeln  dar,  die  in  100  Teile  kaltem
st  i IO  teilen  siedendem  Wasser  löslich  sind  und
(lat  bitter  schmecken.  Das  gerbsaure  Ch.
cu  Chinidinum  tannicum,  Conchininum  tannim
 ).  ein  weißliches  Pulver,  findet  in  der  Kinder-Sün
 18  und  in  der  Veterinärpraxis  Anwendung.
q  .  ? s  Chinin  (lat.Chinidinum  dulce,  engl.Sweet
din ln 'ne)  ist  mit  Glyzyrrhizin  verbundenes  ChinilirK
  Ul ? d  stelIt  ein  gelbbraunes  Pulver  von  bittersüßem ­
  Geschmack  dar.
d  "inin  (lat.  Chininum,  frz.  Quinine,  engl.  Quinin),
sich  Wlr h saine  Bestandteil  der  Chinarinde,  findet
neben  Zinchonin  und  anderen  Basen  in

Form  von  chinagerbsaurem  und  chinasaurem
Salz.  Der  Gehalt  der  verschiedenen  Rinden  an
Ch.  beträgt  gewöhnlich  2—5  c/o,  doch  ist  in  der
Rinde  der  javanischen  Calisaya  Ledgeriana  ein
Chiningehalt  bis  zu  13  °/o  beobachtet  worden.  Zur
Darstellung  des  Ch.  wird  das  Rindenpulver  mit
Kalkbrei  gemischt  und  mit  erwärmtem  Paraffinöl, ­
  Petroleum  oder  Kohlenwasserstoffen  des.
Steinkohlenteeröls  mehrmals  ausgezogen.  Beim
Schütteln  der  Auszüge  mit  heißer  verdünnter
Schwefelsäure  gehen  die  Chinabasen  in  die  wäßrige ­
  Lösung  über,  aus  der  durch  genaue  Neutralisation ­
  mit  Soda  das  Chininsulfat  ausgefällt  wird..
Durch  Umkristallisieren  aus  heißemWasser  unter
Zusatz  von  Tierkohle  wird  es  von  den  übrigen  in.
der  Mutterlauge  verbleibenden  Alkaloiden  getrennt ­
  und  schließlich  zur  völligen  Reinigung  in.
das  Bisulfat  übergeführt.  Die  freie  Base  kann
durch  Zusatz  von  Ammoniak  abgeschieden  werden. ­
  Das  reine  Chinin  (Chininum  purum)  stellt,
ein  weißes,  kristallinisches,  bitter  schmeckendes
Pulver  dar,  das  infolge  seiner  Schwerlöslichkeit
in  Wasser  medizinisch  fast  gar  nicht  angewandt,
wird.  Am  meisten  Verwendung  finden  das  schwefelsaure ­
  und  das  salzsaure  Salz.  Das  schwefelsaure ­
  Ch.  (lat.  Chininum  sulfuricum,  frz.  Sulfate
de  quinine,  engl.  Sulphate  of  Quinine)  bildet  feine,,
weiße  Kristallnadeln  von  bitterem  Geschmack,,
die  sich  in  800  Teilen  kaltem,  25  Teilen  siedendem ­
  Wasser  sowie  6  Teilen  siedendem  Alkohol
lösen.  Charakteristisch  ist  die  Thalleiochin-•Reaktion:
  s  ccm  der  kalt  gesättigten  Lösung
des.  Sulfates  geben  mit  1  ccm  Chlorwasser  und
5  ccm  Salmiakgeist  eine  smaragdgrüne  Färbung.
Nur  Chinidin  gibt  noch  die  gleiche  Reaktion.
Das  salzsaure  Ch.  (Chininhydrochlorid,  lat.
Chininum  hydrochloricum  seu  muriaticum,  frz.
Chlonhydrate  de  quinine,  engl.  Hydrochlorate  of
Quinine),  weiße,  nadelförmige,  bitter  schmekkende
  Kristalle,  die  sich  in  3  Teilen  Weingeist
und  34  Teilen  Wasser  lösen,  wird  fabrikmäßig
durch  Umsetzung  von  feinem  Chininsulfat  mit.
Bariumchlorid  gewonnen.  Von  den  zahlreichen,
übrigen  im  Handel  yorkommenden  Chininsalzen
sind  die  wichtigsten:  .baldriansaures  Chinin ­
  (lat.  Chininum  valerianicum,  frz.  Valerianate
de  quinine,  engl.  Valerianate  of  Quinine),  bromwasserst ­
  off  saures  Chinin  (lat.  Chininum  hydrobromicum,
  frz.  Bromhydrate  de  quinine,  engl..
Hydrobromate  of  Quinine),  gerbsaures  Chinin ­
  (lat.  Chininum  tannicum,  frz.  Tannate  de
quinine,  engl.  Tannate  of  Quinine),  salizylsaures
Chinin  (lat.  Chininum  salicylicum,  frz.  Salicylate
  de  quinine,  engl.  Salicylate  of  Quinine),
zitronensaures  Chinin  (lat.  Chininum  citricum,
  frz.  Citrate  de  quinine,  engl.  Citrate  of  Quinine), ­
  zitronensaures  Eisenchinin  (lat.  Chininum ­
  ferro-citricum,  frz.  Citrate  de  fer  et  de.
quinine,  engl.  Citrate  of  Iron  and  Quinine).  Seltener ­
  werden  gebraucht:  arsensaures  Chinin,
(lat.  Chininum  arsenicum,  frz.  Arsdniate  de  quinine, ­
  engl.  Arseniate  of  Quinine),  essigsaures-Chinin
  (lat.  Chininum  aceticum,  frz.  Acötate
de  quinine,  engl.  Acetate  of  Quinine),  milchsaures
  Chinin  (lat.  Chininum  lacticum,  frz.
Lactate  de  quinine,  engl.  Lactate  of  Quinine)
und  phosphorsaures  Chinin  (lat.  Chininum’
phosphoricum,  frz.  Phosphate  de  quinine,  engl..
Phosphate  of  Quinine),  Der  Chininverbrauch  ist
        <pb n="85" />
        .

J

—

Chininblumen

80

Chloralun

sehr  groß.  Deutschland  führt  große  Mengen
nach  den  tropischen  Ländern  aus,  im  Jahre  1913
.gegen  2056  Doppelzentner.  Ausgedehnte  Anwendung ­
  findet  das  Ch.  in  der  Medizin  bei  allen
fieberhaften  Zuständen,  vor  allem  jedoch  zur
Bekämpfung  der  Malaria  als  Heilmittel,  wie
Yorbeugungsmittel.
Chininblumeil  (lat.  Flores  Chinae,  frz,  Fleurs
•de  Quinine,  engl.  .Quinin  flowers),  eine  aus
Florida  stammende  Droge,  die  ihren  Namen
von  der  dem  Chinin  ähnlichen  Wirkung  bei
Wechselfieber  erhalten  hat,  ist.  eine  krautartige,
zu  den  Gentianeen  gehörige  Pflanze,  Sabatia
  paniculata.
Chinioidin  (lat.  Chinioidinum,  frz,  und  engl.
Quinoidine),  ein  Nebenerzeugnis  bei  der  Darstellung ­
  des  Chinins,  erscheint  als  braune,  extraktartige,
  in  der  Wärme  erweichende  Masse  von
bitterem  Geschmack,  welche  wenig  in  Wasser,
leicht  in  Alkohol  löslich,  nur  noch  selten  medizinisch ­
  verwendet  wird.  Das  Ch.  enthält  verschiedene ­
  Chinabasen  in  sehr  unreinem  Zustande,
hauptsächlich  aber  das  amorphe  Dikonchinin.
Zuweilen  wird  auch  das  Chinioidintannat
.(gerbsaures  Chinioidin,  lat.  Chinioidinum
tannicum,  frz.  Tannate  .de  quinoidine,  engl.  Quinoidin
  Tannate),  ein  bräunliches,  wenig  in  Wasser
lösliches  Pulver,  verordnet.
Chinois  sind  kleine,  bittere,  überzuckerte  Pomeranzen ­
  von  Citrus  bigarardia  Sinensis,  die  aus
Italien  (Savona)  kommen  und  als  Genußmittel
Verwendung  finden.
Chinolin  (Leukolin),  C 9 H 7 N,  eine  farblose,
durchdringend  riechende  Flüssigkeit  vom  spez,
Gew.  1,095,  welche  bei  239 0  siedet,  sich  wenig
in  Wasser,  leicht  hingegen  in  Alkohol  und
Äther  löst  und  sich  an  der  Luft  dunkel  färbt,
•  entsteht  bei  der  trockenen  Destillation  von  Chinaalkaloiden ­
  mit  Kalk,  kommt  aber  auch  im  Steinkohlenteer
  vor  und  kann  synthetisch  durch  Erhitzen ­
  eines  Gemenges  von  Anilin  und  Nitrobenzol ­
  mit  Glyzerin  und  konz.  Schwefelsäure
dargestellt  werden.  Seiner  Konstitution  nach  ist
das  Ch.  ein  Kondensationsprodukt  von  je  einem
Molekül  Benzol  und  Pyridin,  d.  h,  ein  Benzopyridin
  und  damit  die  Stammsubstanz  der  Chinaalkaloide ­
  und  zahlreicher  künstlicher  Farbstoffe.
Es  findet  in  der  Medizin  besonders  in  Form
seines  weinsauren  Salzes  (Chinolintartrat,  lat.
Chinolinum  tartaricum,  frz.  Tartrate  de  chinoline,
  engl.  Chinoline  Tartrate)  als  Antiseptikum ­
  Anwendung  und  wird  in  der  chemischen
Industrie  zur  Herstellung  der  Chinolinfarbstoffe
benutzt.  Für  letzteren  Zweck  ist  ein  weniger  gut
gereinigtes,  chinaldinhaltiges  Präparat  vorzuziehen.
Chinolinfarbstoffe  nennt  man  eine  Gruppe
von  Teerfarbstoffen,  die  aus  Chinolin  (s.  d.)  her-.gestellt
  werden.  Chinolinblau(Zyanin,  Chinolin ­
  j  odzyanin)  wird  aus  Amylchinolinjodid  durch
Behandlung  mit  Alkalien  in  Form  bronzefarbener
Kristallkörner,  die  in  Wasser  und  Äther  unlöslich
sind,  erhalten  und  hauptsächlich  zum  Färben  von
Seide  sowie,zum  Sensibilisieren  photographischer
Platten  benutzt.  —  Chinolingelb  (Ghinophthalin,
  Chinophthalon)  wird  durch  Einwirkung
von  Phthalsäureanhydrid  auf  chinaldinhaltiges
Chinolin  bei  Gegenwart  von  Chlorzink  als  ein
gelbes  Pulver  erhalten,  das  in  Wasser  unlöslich
ist,  aber  durch  Behandlung  mit  rauchender  Schwefelsäure ­

  in  eine  Sulfosäure  umgewandelt  wird.
Die  Salze  der  letzteren  sind  in  Wasser  löslich
(wasserlösliches  Chinolingelb)  und  färben
Seide  und  Wolle  schön  gelb.  —  Chinolinrot
wird  durch  Einwirkung  von  Benzotrichlorid  auf
chinaldinhaltiges  Chinolin  bei  Gegenwart  von
Chlorzink  erhalten.  Es  färbt  Wolle,  Seide  und
mit  Tannin  vorgebeizte  Baumwolle  schön  rot.
Chinoniminfarbstoffe  (Para-Ch.)  zerfallen  in
die  Gruppen  der  Indamine  (s.  d.)  und  der  Indophenole ­
  (g.  d.),  die  in  der  Färbereitechnik,  abgesehen ­
  vom  Naphtolblau,  nur  beschränkte  Anwendung ­
  finden,  als  Zwischenerzeugnisse  für  die
Darstellung  von  Azinen,  Oxazinen,  Thiazinen.
und  anderen  Farbstoffen  aber  große  Bedeutung
haben.
Chinosol  (Ortho-Oxychinolinsulfat)  .entsteht ­
  bei  Einwirkung  der  Base  und  Säure  als
ein  gelbes  Kristallpulver  vom  FP.  175—177°,
das  in  Form  0,1  g  schwerer  Tabletten  („Deziplättchen“) ­
  zur  Herstellung  desinfizierender  Lösungen ­
  benutzt  wird.  Das  früher  als  Chinosol
bezeichnete  Präparat  aus  Oxychinolin  und  Kaliumpyrosulfat
  war  keine  einheitliche  Verbindung, ­
  sondern  ein  mechanisches  Gemenge.
Chloral  (Trichlorazetaldehyd),  CCl 3 .CHO,
wird  dargestellt  durch  sehr  lang  anhaltendes
Einleiten  von,  Chlor  in  Alkohol,  wobei  anfangs
gekühlt,  später  aber  auf  60 0  erwärmt  wird.  Aus
dem  entstandenen  Gemisch  von  Chloralalkoholat,
Äthylen-  und  Äthylidenchlorid  wird  das  reine
Chloral  mit  konz.  Schwefelsäure  abgeschieden
und  über  kohlensauren  Kalk  rektifiziert.  Es  erscheint ­
  dann  als  eine  schwere,  farblose,  ölige
Flüssigkeit  vom  Siedepunkte  97°  und  einem
spez.  Gew.  von  ,1,502,  die  sich  beim  Aufbewahren
  von  selbst  in  eine  feste  weiße  Masse  (Metachloral)
  umwandelt.  Mit  Alkohol  verbindet  sich
Ch.  zu  Chloralalkoholat,  mit  Wasser  zu  Chloralhydrat.

Chloralhydrat,  CCl 3 .CH(OH) 2  (Trichloräzetaldehydhydrat,
  lat.  Chloralum  hydratum,
frz.  Hydrate  de  chloral,  engl.  Chloralhydrate),
entsteht  beim  Vermischen  äquivalenter  Mengen
Chloral  (100  g)  und  Wasser  (12  g)  und  Umkristallisieren ­
  der  erstarrten  Masse  aus  Chloroform  oder
Benzol.  Man  erhält  es  so  entweder  in  losen,
durchsichtigen  Kristallplatten  oder  in  zusammenhängenden ­
  weißen  Krusten,  die  sieh  spätpr  ebenfalls ­
  in  Plättchen  umwandeln.  Ch.  besitzt  einen
unangenehmen,  süßlich  anhaftenden  Geruch  und
brennenden  Geschmack,  verdampft  schon  bei  gewöhnlicher ­
  Temperatur,  schmilzt  bei  53°  und
siedet  bei  96—98°.  Zur  Prüfung  auf  Reinheit,  besonders ­
  auf  Abwesenheit  des  häufig  beigemengten
Chloralalkoholates,  dienen  folgende  Reaktionen 1
Die  wäßrige  Lösung  darf  Lackmuspapier  nicht
röten  und  beim  Schütteln  mit  dem  zehnfachen
Volum  konz.  Schwefelsäure  innerhalb  einer  Stund«
keine  Bräunung  zeigen.  Auf  Zusatz  von  Jodjodkalium ­
  eintretende  Jodoformbildung  deutet  Alkohol ­
  an.  Ch.  findet  als  schmerzstillendes  und
schlafbringendes  Mittel  ausgedehnte  medizinische
Anwendung.
Chloralun  ist  ein  Desinfektionsmittel  englischen ­
  Ursprungs,  das  aus  einer  etwa  i6°/oigen
wäßrigen  Lösung  von  Chloraluminium  mit  etwas
freier  Salzsäure  besteht,  aber  bei  uns  keinen
Eingang  gefunden  hat.  .
        <pb n="86" />
        Chloressigsäure

81

Chlorsäure

Chloressigsäure.  Durch  Einwirkung  von  Chlor
auf  Essigsäure  entstehen  drei  verschiedene  Ch.,
von  denen  die  Monochloressigsäure  Kristalle
Vom  Schmelzpunkte  62°  und  vom  Siedepunkte
186°  bildet,  während  die  Dichloressigsäure
eine  unter  o°  erstarrende  Flüssigkeit  vom  Siedepunkte ­
  igo°  und  die  Trichloressigsäure  eine
bei  ss°  schmelzende  und  bei  195 0  siedende  kristallinische ­
  Masse  darstellt.  Die  Monochlor  essigsaure
  hat  durch  ihre  Verwendung  zur  Herstellung
des  künstlichen  Indigos  hohe  Bedeutung  erlangt.
Die  Trichloressigsäure  wird  in  der  Medizin  als
starkes  Ätzmittel,  besonders  bei  Nasen-  und
Ohrenleiden,  angewandt.
Chlorjod  (Jodchlorid,  lat.  Jodum  chloratum),
eine  Verbindung  von  Chlor  und  Jod,  JC1 3 ,  wird
als  Antiseptikum  benutzt.
Chlorkalk  (Bl  eichkalk,  Kalziumhypochlor
 it,  lat.  Calcaria  chlorata,  Calcium  hypochlorosutn,
  Calcaria  oxymuriatica,  frz.  Hypochlorite  de
chaux,  Chlorure  de  chaux,  engl.  Chloride  of  lime,
Bleaching  powder)  wird  dargestellt,  indem  man
Chlor  über  flach  ausgebreiteten,  mit  Wasser  zu
Pulver  gelöschten  Kalk  leitet,  bis  kein  Chlor
Wehr  aufgenommen  wird.  Das  erforderliche  Chlor
'vird  neuerdings  vielfach  durch  Elektrolyse  von
Kochsalz  gewonnen.  Ch.  ist  ein  weißes  trocknes
Pulver  von  eigentümlichem,  chlorähnlichem  Ge
r uch,  welches  sich  in  Wasser  nur  teilweise  löst.
Die  Konstitution  steht  noch  nicht  völlig  fest,
Jedoch  ist  wahrscheinlich,  daß  nicht  eine  einheitliche ­
  Verbindung,  sondern  ein  Gemenge  von
Kalziumchlorid,  Kalziumhydroxyck  und  Kalzium-“xychlorid
  vorliegt.  Die  beim  Behandeln  mit
Wasser  entstehende  Lösung  enthält  jedenfalls
Jwben  Kalziumchlorid  auch  Kalziumoxychlorid.
Der  Handelswert  des  Ch.  richtet  sich  nach  seinem ­
  Gehalt  an  wirksamem  Chlor,  d.  h.  der-Jenig
 en  Chlormenge,  welche  durch  verdünnte
bäuren  in  Freiheit  gesetzt  wird.  Guter  Ch.  enthält ­
  33—36%  aktives  Chlor,  während  im  Handel
®ft  Sorten  mit  20%  und  weniger  Vorkommen,
^ußer  durch  den  Prozentgehalt  an  Chlor  drückt
den  Wert  bisweilen  auch  in  französischen
Graden  (nach  Gay-Lussac)  aus,  welche  die  aus
1  kg  Ch.  zu  entwickelnde  Menge  Chlor  in  Litern
atl Seben.  So  sind  2.  B.  63  französische  Grade
20,02  0/0;  ioo°  =  31,780/0;  114 0  =  36,22%
aktives  Chlor.  Der  Ch.  wird  zum  Bleichen  von
Baumwolle,  Leinen  und  Papier,  ferner  zur  Her-Stellung
  von  Chloroform  und  als  DesinfektionstWttel
  in  großer  Menge  verbraucht.  Der  Versand
?T* 0 lgt  in  Fässern  aus  stark  ausgetrocknetem
^olze,  die  trocken,  kühl  und  dunkel  aufbewahrt
erden  müssen.  Aus  der  Luft  zieht  Ch.  sonst
Weht  Feuchtigkeit  und  Kohlensäure  an,  und
Sonnenlichte  zersetzt  er  sich,  bisweilen  unter
*Plosionserscheinungen.
•j,Ghlorkohlenstoff  (Tetrachlorkohlenstoff,
®trachlormethan,  Kohlenstofftetrachlochl
  - lat '  Garboneum  tetrach’.oratum,  frz.  Tetraloride
  de  carbone,  engl.  Carbon  Tetrachlorid),
c jG*4.  kann  als  Methan  aufgefaßt  werden,  in  wele
 W  sämtliche  vierWasserstoffatome  durch  Chlor
c set zt  worden  sind.  Ch.  wird  durch  Einleiten  von
g  , 0r  m  Chloroform  oder  durch  Behandlung  von
et awefe lkohlenstoff  mit  Chlor  bei  Gegenwart  von
farM $  (tmuerdings  Eisen)  dargestellt  als  eine
“tose  schwere  Flüssigkeit  vom  spezifischen
-tt  r  r  c  k  s  Warenlexikou.

Gewicht  1,600,  welche  bei  77°  siedet  und  bei
—  25 0  fest  wird.  Die  nur  schwer  entzündliche
Flüssigkeit  besitzt  ein  hohes  Lösungsvermögen
für  Fette,  Harze  und  Balsame  und  findet  daher
als  Extraktionsmittel  an  Stelle  des  teuren  Chloroforms ­
  und  des  feuergefährlichen  Benzins  in  der
chemischen  Großindustrie  und  Wäschereien  in
steigendem  Maße  Anwendung.  Der  Preis  für
1  kg  beträgt  etwa  1,25  M.
Chlorodont,  eine  Zahnbleichcreme  aus  dem
Laboratorium  „Leo“  in  Dresden,  besteht  nach
C.  Griebel  aus  Bimssteinpulver,  Kalziumkarbonat, ­
  Seife,  Glyzerin  sowie  Kaliumchlorat.
Chloroform  (Formylchlorid,  Trichlormethan,
  lat.  Chloroformium,  frz.  Chloroforme,
engl.  Chloroform)  wird  in  der  Weise  hergestellt,
daß  man  bestimmte  Mengen  von  Alkohol,  Chlorkalk ­
  und  Wasser  bei  gelinder,  58—63'*  nicht
übersteigender  Wärme  mit  Dampf  destilliert.  Das
übergegangene  schwere  Öl  wird  von  der  darauf
schwimmenden  alkoholisch-wäßrigen  Schicht  abgelassen ­
  und  zuerst  mit  Sodalösung,  darauf  mit
Schwefelsäure  und  Wasser  gewaschen.  Eine
andere  Methode  beruht  auf  der  Destillation  von
Roh-Azeton  mit  Chlorkalk  und  Wasser  sowie
neuerdings  auf  der  Elektrolyse  alkoholischer
Kalziumchloridlösung,  Für  medizinische  Zwecke
geeignetes,  besonders  reines  Ch.  erhält  man  durch
Zersetzung  von  Chloral  mit  Ätzkali  oder  durch
Ausfrierenlassen  von  technischem  Ch.  bei  —75°
(Ch.-Pictet).  Ch.,  CHC1 S ,  ist  eine  farblose,  ätherisch ­
  riechende  Flüssigkeit  von  süßlich  brennendem ­
  Geschmack,  welche  bei  63°  siedet,  das  spez.
Gew.  1,500  bei  15°  besitzt  und  sich  nicht  in
Wasser  löst.  Dagegen  mischt  es  sich  mit  Alkohol
und  Äther  und  bildet  ein  ausgezeichnetes  Lösungsmittel ­
  für  fette  und  harzartige  Körper,  Alkaloide, ­
  Kautschuk,  Brom,  Jod,  Phosphor  und
viele  organische  Verbindungen.  Zu  seinem  Nachweis ­
  bedient  man  sich  der  Nitrilreaktion,  indem
beim  Erwärmen  von  Chloroform  mit  Anilin  und
Kalilauge  der  intensive  Geruch  nach  Isonitril
auftritt.  Das  für  medizinische  Verwendung  bestimmte ­
  Ch.  muß  in  erster  Linie  völlig  säurefrei
sein  und  daher  zur  Vermeidung  von  Zersetzungen ­
  im  Dunkeln  aufbewahrt  werden.  Ein  geringer ­
  Alkoholgehalt  von  1%  ist  zur  Erhöhung
der  Haltbarkeit  erlaubt.  Ch.  wird  äußerlich  im
Gemisch  mit  Öl  und  Salben  zu  Einreibungen
gegen  Rheumatismus  verordnet  und  stellt  außerdem ­
  das  wichtigste  Mittel  zur  Erzeugung  von
Narkosen  dar.  Die  Technik  benutzt  es  als  Lösungsmittel. ­

Chlorophyll  (Blattgrün),  der  grüne  Farbstoff
der  Blätter,  in  welchen  es,  gemischt  mit  gelbem
Xanthophyll,  in  Form  kleiner  Körner  an  Eiweiß ­
  gebunden,  vorkommt.  Durch  Extraktion
grüner  Pflanzenteile  (Kohl,  Nesseln)  mit  alkalischem ­
  oder  ammoniakalischem  Alkohol  wird
das  Ch.  in  Form  einer  Lösung  erhalten,  aus  der
man  es  durch  Behandlung  mit  Benzol  in  eine
reinere  Form  überführt,  die  entweder  im  Gemisch
mit  Fetten  (öllösliches  Ch.)  oder  als  Lösung
(sprit-  und  wasserlösliches  Ch.)  zum  Färben  von
Wachs,  Seifen  und  Nahrungsmitteln  in  den
Handel  kommt.
Chlorsäure  (lat.  Acidum  chlorosum,  frz.  Acide
chloreux,  engl.  Chlorous  acid),  HC10 S ,  ist  nicht
in  freiem  Zustande,  sondern  nur  in  Form  ihrer
6
        <pb n="87" />
        Chlorschwefel

82

Chrysamin  R  und  G

Salze  uad  wäßrigen  Lösung  bekannt,  die  durch
Ümsetzung  von  Bariumch’.orat  mit  der  berechneten ­
  Menge  Schwefelsäure  erhalten  wird.  Durch
Eindampfen  im  Vakuum  kann  die  Lösung  bis
zum  spez.  Gew.  1,280  und  einem  Chlorsäuregehalt
  von  40  °/o  konzentriert  werden.  Darüber
hinaus  zerfällt  sie  unter  Abspaltung  von  Sauerstoff ­
  und  Chlor  zu  Überchlorsäure,  HC10 4 .
Die  Ch.  ist  ein  energisches  Oxydationsmittel,
welches  organische  Stoffe,  wie  Papier,  Gewebe
usw.,  unter  Flammenerscheinung  ze,  stört.  Eine
stark  verdünnte  Lösung  dient  nach  einem  patentierten ­
  Verfahren  zum  Karbonisieren  des  baumwollenen ­
  Untergrundes  bei  der  Herstellung  sog.
Luftspitzen.
Chlorschwefel,  S2CL  (Schwef  elchlorür,
einfach  Chlorschwefel,  lat.  Sulfur  monochloratum,
  frz.  Ch’.orure  de  soufre,  engl.  Chloride  of
Su'.phur),  entsteht  beim  Überleiten  von  Chlor  üb  r
geschmolzenen  Schwefel  als  eine  rotgelbe,  übelriechende, ­
  an  der  Luft  rauchende  Flüssigkeit
vom  spez.  Gew.  1,687,  die  bei  138°  siedet,  sich
nicht  mit  Wasser  mischt,  aber  von  letzterem  zersetzt ­
  wird.  Ch.  wird  zum  Vulkanisieren  von
Kautschuk  benutzt,  da  er  große  Mengen  Schwefel
leicht  auflöst.
Chor-Putta,  eine  ostindische  Bastfaser  von
Urtica  heterophylla,  einer  Nesselpflanze  in
Concan  und  Malabar.
Christbaumschmuck  aus  Glas,  Zinnlegierungen ­
  und  anderen  Metallen,  wird  im  Erzgebirge,
im  Thüringer  Wald  und  in  Nürnberg,  besonders
in  der  Heimindustrie  in  großer  Mannigfaltigkeit
hergestellt  und  bildet  einen  wichtigen  Artikel
der  Leipziger  Messe.
Chrom.  Dieses  erst  1797  entdeckte  metallische ­
  Element  (Cr  =  52)  bildet  die  Grundlage
einer  Reihe  für  Technik  und  Handel  nicht  unwichtiger ­
  Präparate,  als  deren  ausschließliches
Ausgangsmaterial  der  Chromeisenstein  (Chro
mit),  ein  Mineral  aus  Chromoxyd  und  Eisenoxydul ­
  mit  wechselnden  Mengen  Magnesia,  Tonerde ­
  usw.  zu  gelten  hat.  Das  metallische  Ch.,
welches  bis  vor  kurzem  nur  im  Laboratorium
durch  Glühen  von  Chromoxyd  mit  Zyankali  und
Tierkohle,  oder  durch  Reduktion  von  Chromoxyd ­
  oder  Bleichromat  mit  Kohle  dargestellt
wurde,  kann  neuerdings  mit  Hilfe  des  Goldschraidtschen
  Thermitverfahrens  (s.  d.)  durch
Behandlung  von  Chromoxyd  mit  Aluminiumpulver ­
  unschwer  in  größerer  Menge  gewonnen
werden  und  hat  dadurch,  besonders  zur  Erzeugung ­
  des  Chromstahls  (s.  Stahl),  größere  Bedeutung ­
  gewonnen.  Es  ist  ein  eisengraues,  sehr
hartes,  sprödes  und  strengflüssiges  Metall  vom
spez.  Gew.  6,9.
Chromgelb  (frz.  Jaune  de  chrome,  Chromate
de  plomb,  engl.  Chrome  yellow,  Chromate  of
lead),  eine  der  schönsten  gelben  Mineralfarben,
die  in  den  verschiedensten  Tönen  vom  Hellgelb
bis  Orange  und  Rot  (Chromorange,  Chromrot) ­
  und  unter  den  verschiedensten  Namen  wie
Neugelb,  Pariser-,  Amerikanisch-,  Gothaer-, ­
  Hamburger-,  Kaiser-,  Kölner-,  Königs-, ­
  Krön-,  Leipziger-,  Post-,  Zitronen-,
Zwickauergelb  in  den  Handel  kommt.  Sie
alle  bestehen  in  chemischer  Hinsicht  aus  chromsaurem ­
  Blei,  PbCr0 4 ,  allein  oder  im  Gemisch  mit
wechselnden  Mengen  Bleioxyd  und  werden  in

der  Weise  hergestellt,  daß  Bleilösungen,  am
besten  von  Bleiazetat  (s.  Bleizucker)  mit  Kaliumchromat ­
  gefällt  werden.  Zur  Erlangung  der  gewünschten ­
  Farbtöne  sind  ganz  besondere  Mischungs-
  und  Mengenverhältnisse  innezuhalten,
denn  je  basischer  die  Farbe,  um  so  mehr  nähert
sich  ihr  Ton  dem  Orange  und  Rot.  Auch  empfiehlt ­
  es  sich,  um  den  Niederschlag  voluminöser,
wolliger  zu  erhalten,  aus  stärkerer  Verdünnung
mit  einem  Überschuß  von  Bleisalz  zu  fällen.  Die
Chromgelbe  werden  teils  zur  Erzielung  besonderer ­
  Töne,  teils  in  betrügerischer  Absicht  mit
minderwertigen  Zusätzen,  wie  Gips,  Kreide,  i
Schwerspat  versetzt  und  sollten  daher  stets  auf
ihre  Reinheit  geprüft  werden.  Sie  lassen  sich
sowohl  als  Öi-  wie  als  Wasserfarbe  verwenden
und  liefern  gut  deckende,  ziemlich  widerstandsfähige ­
  Anstriche.  Nur  auf  frischen  Kalkwänden
können  sie  nicht  angebracht  werden,  ohne  in
Rot  umzuschlagen,  und  werden  durch  Schwefelwasserstoff, ­
  wie  die  übrigen  Bleifarben  (s.  d.),  ge-  !
schwärzt.
Chromgrün  (frz.  Vert  de  chrome,  engl.  Protoxide
  of  chromium).  Unter  diesem  Namen  kommen ­
  sowohl  das  reine  Chromoxyd,  wie  auch
Gemische  von  letzterem  mit  Chromgelb  oder
auch  von  Chromgelb  mit  Berlinerblau  in  den
Handel.  Das  Chromoxyd,  Cr 2 0 3 ,  wird  durch
Glühen  von  Kaliumdichromat  mit  kohlenstoff-  j
haltigen  Substanzen,  wie  Stärke,  Zellulose,  oder
mit  Schwefel  erhalten  und  bildet  eine  sehr  beständige, ­
  gegen  Licht,  Luft  und  Säuren  unveränderliche ­
  Farbe,  die  aber  wegen  ihres  etwas
matten  Aussehens  meist  nur  in  der  Porzellanmalerei ­
  Anwendung  findet.  Wesentlich  schönere
Töne  zeigen  die  als  Guignets  Grün,  Smaragdgrün, ­
  Pelletiers  Grün,  Vert  virginal  bezeichneten
  Farben,  welche  aus  Chrorahydroxyd
bestehen  und  durch  Erhitzen  von  Kaliumdichromat
mit  Borsäure  bis  zur  schwachen  Rotglut  erhalten
werden.  Die  aus  Chromgelb  und  blauen  Farben ­
  gemischten  Grüne  fallen  unter  die  für  Bleifarben ­
  (s.  d.)  erlassene  Verordnung.
Chromsäure  (Chromtrioxyd,  lat.  Acidum
chromicum,  frz.  Acide  chromique,  engl.  Chromic
acid),  die  Sauerstoffverbindung  des  Chroms,
Cr0 3 ,  welche  durch  Behandlung  von  Kaliumdichromat ­
  mit  konz.  Schwefelsäure  hergestellt  I
wird,  erscheint  in  Form  scharlachroter,  bläulich
glänzender“  Kristalle,  die  an  der  Luft  unter
Wasseranziehung  zerfließen  und  sich  in  Wasser
zu  einer  dunkelroten  Flüssigkeit  lösen.  Die  Ch.
zerstört  heftig  organische  Stoffe  und  muß  daher
in  Glasstöpselflaschen  aufbewahrt  werden.  Man
verwendet  sie  als  Ätzmittel  für  Metalle  und  medizinische ­
  Zwecke,  zu  galvanischen  Batterien,  als
Oxydationsmittel  usw.
Chromviolett  nennt  man  zwei  Teerfarbstoffe
(Triphenylmethanderivate),  welche  zum  Bedrucken ­
  von  Baumwolle  mit  Chrombeize  benutzt
werden.  Der  eine  ist  als  aurintrikarbonsaures
Natrium  anzusprechen  und  entsteht  bei  der  Einwirkung ­
  von  Formaldehyd  auf  Salizylsäure  und
Schwefelsäure,  der  andere  wird  durch  Behandlung ­
  von  Tetramethyldiamidobenzhydrol  mit  Sa-  I
lizylsäure  und  folgende  Oxydation  dargestellt.
Auch  Chromchlorid,  CrCl 3 ,  führt  den  Namen
Chromviolett  oder  Chrombronze.
Chrysamin  R  und  G  sind  zwei  Azofarbstoffe
        <pb n="88" />
        Chrysaminsäure

Coquillas

83

(s.  d.),  die  durch  Kuppelung  von  Salizylsäure  mit
diazotiertem  Tolidin  bzw.  Benzidin  entstehen.
Chrysaminsäi.re(Te  trän;  trochrysazin),  eine
aus  Aloe  durch  Erhitzen  mit  Salpetersäure  darstellbare ­
  organische  Säure,  erscheint  in  kleinen,
gelben,  glänzenden  Blättchen  von  bitterem  Geschmack, ­
  die  in  Wasser  nur  wenig  mit  purpurtoter ­
  Farbe  löslich  sind.  Vgl.  ferner  Aloefarbstoffe. ­

Chrysanilin,  eine  stickstoffhaltige  organische
Base,  die  sich  unter  den  bei  der  Fuchsinbereitung
entstehenden  Nebenerzeugnissen  findet  und  eine
der  im  Handel  vorkommenden  Arten  von  Ani
Bngelb  bildet,  ist  ein  gelbes,  in  Wasser  fast
Unlösliches  Pulver,  löst  sich  aber  in  Alkohol  und
Äther.
Chrysarobin  (Chrysarobinum),  ein  Derivat
der  Chrysophansäure  (s.  d.),  findet  sich  in  der
Äraroba  (s.  d.),  aus  welcher  es  durch  Auskochen
mit  Benzol  rein  dargestellt  wird.  Ch.  bildet  ein
Selbes,  geruch-  und  geschmackloses,  mikrokristallinisches ­
  Pulver  vom  spez.  Gew,  0,920,  welches
bei  170—178°  schmilzt  und  in  der  Medizin  zur
äußerlichen  Behandlung  verschiedener  Hautkrankheiten ­
  angewandt  wird.  Es  darf  als  Heilmittel ­
  nur  in  Apotheken  verkauft  werden.
Chrysaurein,  ein  zur  Gruppe  der  Azofarben
gehöriger.  Teerfarbstoff  von  orangegelber  Farbe,
S °U  mit  Orange  II  identisch  sein.
Chrysen,  C 18 H 12 ,  findet  sich  in  den  höchst
siedenden  Teilen  des  Steinkohlenteers  in  Form
"'eißer  Kristalle  vom  Schmelzpunkt  250 0 .
Chryseolin  (Chrysoin,  Tropäolin  R,  Res
 °rzingelb),  ein  zur  Gruppe  der  Azofarben
gehöriger  gelber  Teerfarbstoff,  Dioxyazoben-‘‘olparasulfosaures
  Kali,  wird  durch  Behändhing
  von  Dioxyazobenzol  mit  konzentrierter
Schwefelsäure  oder  auch  von  Paradiazobenzolsulfosäure
  mit  Resorzin  erhalten.  Der  Farbstoff
erscheint  in  orangegelben  Blättchen,  die  in  kalte
 m  Wasser  schwer,  in  heißem  leicht  löslich  sind,
Jmd  färbt  Seide  und  Wolle  schön  gelb  mit  einem
btich  ins  Orange.
Chrysoberyll  (Chrysopal,  frz.  Chrysoberil),
eitl  glasglänzender  Schmuckstein  von  spargelgrüner, ­
  ins  Grünlichweiße  und  Olivengrüne  übergehender ­
  Farbe,  der  zur  Gruppe  der  Spinelle
i" 11  rechnen  ist  und  aus  Tonerde  und  Beryllerde
fi hst  Spuren  von  Eisen  besteht,  findet  sich  als
eschiebe  im  Sande  der  Flüsse  in  Birma,  Bore
 °.  Zey’.on,  Brasilien  und  Sibirien.  Ausgezeichgefärbte
  Stücke  werden  in  Brillantform  ge
j^hliffen  und  gewöhnlich  mit  Goldfolie  unterlegt,
o  schillernden  erhalten  den  kappenförmigen
Schnitt.
s  Chrysoidin  (Diamidoazobenzolchlorwaser
 stoff,  salzsaures  Diamidoazobenzol),  ein
-j. r  Gruppe  der  Azofarbstoffe  gehöriger  gelber
^rfarbstoff,  wird  durch  Einwirkung  von  Metaä
  er &amp;gt;ylendiamin  auf  salzsaures  Diazobenzol
^■■gestellt.  Es  löst  sich  in  Wasser  und  färbt
g  °lle  und  Seide  sowie  mit  Tannin  gebeizte
Di  Urr V' v °lle  goldgelb,  etwas  ins  Orange  ziehend,
steh  “ e ’P e  konzentrierte,  wäßrige  Lösung  get
  beim  Erkalten  zu  einer  blutroten  Gallerte.
g r ,  .  r ysolin,  ein  Teerfarbstoff,  welcher  durch
und  n en  Von  Resorzin  mit  Phthalsäureanhydrid
sjT.  Benzylchlorid  bei  Gegenwart  von  Schwefele
  und  nachfolgendes  Sättigen  mit  Natron

erhalten  wird,  also  die  Natron  Verbindung  des
Benzylfluoreszeins,  kommt  in  Form  eines
rotbraunen  Pulvers  oder  rotbrauner  Stücke  in
den  Handel,  die  nach  Benzylchlorid  riechen  und
mit  Wasser  braune,  grün  fluoreszierende  Lösungen ­
  liefern.  Es  dient  zum  Gelbfärben  von  Seide
und  Wolle,  nicht  von  Baumwolle.
Chrysolith.  Mit  diesem  Namen  werden  zuweilen ­
  die  gelbgrünen  Saphire,  und  als  orientalische ­
  Ch.  die  Chrysoberylle  bezeichnet.  Der
wirkliche  oder  edle  Ch.  ist  Olivin  (s.  d.).
Chrysophansäure  (lat.  Acidum  chrysophanicum,
  frz.  Acide  chrysophanique,  engl.  Chrysophanic
  acid),  eine  in  verschiedenen  Pflanzen  vorkommende ­
  organische  Säure,  wurde  früher,  bevor ­
  man  die  Identität  dieser  Substanzen  kannte,
mit  verschiedenen  Namen:  Rhein,  Rhabarberin, ­
  Rhabarbergelb,  Rumizin,  Lapathin
und  Parietinsäure,  belegt  und  besteht  wie
diese  aus  Dioxymethylanthrachinon,  C u H 5 .
0 2 ;CH 3 )(0H) 2 .  Sie  wird  medizinisch  verwendet
und  zu  diesem  Zwecke  aus  dem  in  der  Araroba
enthaltenen  Chrysarobin  dargestellt,  das  eine
reichlichere  Ausbeute  liefert  als  Rhabarber,  Senna
und  Parmelia  parietina.  Die  Ch.  ist  früher  für
identisch  mit  dem  Chrysarobin  gehalten  und
häufig  mit  ihm  verwechselt  worden.  Es  hat  sich
aber  gezeigt,  daß  die  eigentümliche  Wirkung
auf  die  Haut  nicht  der  Ch.,  sondern  dem  Chrysarobin ­
  zukommt,  aus  dem  sie  durch  Oxydation
entsteht.  Die  Ch.  bildet  ein  fein  kristallinisches,
geruch-  und  geschmackloses  Pulver  von  orangegelber ­
  Farbe,  oder  auch  goldgelbe  Kristallblättchen, ­
  die  kaum  in  Wasser,  leicht  in  heißem
Alkohol,  Äther  und  Benzin  löslich  sind.  Bei  ihrer
Verwendung  muß  man  sich  hüten,  etwas  an  die
Augen  zu  bringen,  weil  dadurch  heftige  Entzündungen ­
  entstehen.
Chrysophenin,  ein  orangegelber  Azofarbstoff,
der  in  kochendem  Wasser  leicht  löslich  ist  und
Baumwolle  im  Seifenbade  gelb  färbt,  besteht  aus
dem  Natronsalze  des  Diamidostilbendisulfosäuredisazodiphenoläthyläthers.

Chrysopras,  ein  durch  Nickeloxydulhydrat
apfelgrün  gefärbter  Chalzedon,  wird  als  Halbedelstein ­
  verwandt.
Chrysorin,  eine  aus  72  Teilen  Kupfer  und
28  Teilen  Zink  bestehende  Messingsorte,  ist  in
der  Hitze  schrhiedbar  und  wird  zu  Luxusartikeln
verwandt.
Cibils  Fleischextrakt  ist  ein  flüssiges  Fleischpräparat ­
  mit  66  tyo  Wasser,  15  °/o  Kochsalz  und
erheblichen  Mengen  Albumosen.
Cold-cream  nennt  man  weiße  Pomaden,  welche
die  Haut  fein  und  geschmeidig  erhalten,  aufgesprungene ­
  Lippen  und  andere  kleine  Wunden
heilen  sollen.  In  der  Grundlage  bestehen  sie
aus  weißem  Wachs  und  Walrat  mit  Verdünnungsmitteln, ­
  wie  Mandelöl,  Schweineschmalz  oder
Lanolin,  die  unter  Umständen  mit  andern  Stoffen
versetzt  oder  parfümiert  werden,  wie  z.  B.  Rosen-,
Mandel-  (mit  Bittermandelöl),  Kampfereis,  Gurkenpomade ­
  (mit  Gurkenessenz),  Glyzerine-cream.
Coquillas  (Lissaboner  Kokosnüsse),  die
harten  Fruchtschalen  einer  brasilianischen  Palme, ­
  Attalea  f  unifera,  welche  denen  der  eigentlichen ­
  Kokosnüsse  in  Gestalt  ähnlich,  aber  weit
kleiner  und  sehr  dick  sind,  dienen  wie  jene  zu
kleinen  Drechsler-  und  Schnitzarbeiten.
        <pb n="89" />
        Comed-Beef

84

Dammaraharz

Corned-Beef,  ursprünglich  aus  Amerika  eingeführtes, ­
  später  auch  in  Deutschland  hergestelltes
Büchsenfleisch,  das  in  den  möglichst  ganz  gefüllten ­
  Büchsen  sterilisiert  wird.  Wegen  der  vielen
gegen  das  amerikanische  Erzeugnis  erhobenen
Bedenken  ist  im  Schlachtvieh-  und  Fleischbeschaugesetz ­
  die  Einfuhr  von  Büchsenfleisch
verboten.
Cottonsuet  ist  ein  aus  Amerika  eingeführtes
Gemisch  von  Baumwollsamenstearin  mit  etwas
Rindertalg.
Cozapulver,  eines  der  zahllosen,  völlig  wertlosen ­
  Mittel  gegen  die  Trunksucht,  besteht  aus
nichts  als  Natriumbikarbonat  mit  etwas  Kalmus
und  Enzian.  Der  Preis  des  von  England  aus
mit  riesiger  Reklame  vertriebenen  Präparates
beträgt  io  M.,  der  Wert  30  Pfg.  (1)
Crabholz  von  Guyana  stammt  von  Xylocarpus
  caraba  und  ist  ein  verhältnismäßig  leichtes,
aber  doch  gutes  Nutzholz,  welches  zu  Masten,
Rahen,  Sparren,  Dielen  und  Türen  verwandt
wird.
Cremes  nennt  man  im  Französischen  Pomaden
und  andere  salben-  oder  rahmähnliche  Gemische,
dann  auch  mit  viel  Zucker  versetzte  und  dadurch
ölartig  dicke  Liköre.
Crin  vegetal  (Crin  d’Afrique,  Vegetal),  ein
aus  den  Blättern  der  Zwergpalme,  Chamaerops
  humilis,  in  Algier  gewonnener  Faserstoff,

wird  zu  Polsterungen  verwendet.  Schwarz  gefärbt ­
  wird  er  den  Roßhaaren  ähnlicher  als
irgend  eine  andere  Substanz.
Cuaba,  ein  feines  Nutzholz  von  der  Insel
Kuba,  kommt  in  zwei  Arten,  Cuaba  amarilla,
von  Amyris  maritima,  und  Cuaba  blanca,  von
A.  sylvatica,  in  den  Handel.
Cura^aoschalen  (lat.  Cortex  fructus  Curagao,
frz.Ecorce  de  Curagao,  engl.  Curacoa  Peel),  die  getrockneten ­
  Fruchtschalen  einer  auf  Curagao  angebauten ­
  Abart  der  Pomeranzen,  sind  dünner  und
bitterer  als  die  gewöhnlichen,  von  braungrünlicher ­
  Farbe  und  haben  dem  bekannten  bitteren
Likör  den  Namen  verliehen.  Neben  diesen  echten ­
  Schalen  werden  auch  grüne  Pomeranzenschalen ­
  überhaupt  als  C.  bezeichnet.
Curry  powder  (Ragoutpulver),  eine  pikant
schmeckende  Mischung  von  Gewürzen,  die  in
Indien  als  Zutat  zu  Speisen  (Curry  heißt  gepfefferter ­
  Reisbrei)  allgemein  gebraucht  wird,
und  deren  Verwendung  sich  von  dort  über  England ­
  nach  dem  Kontinent  verbreitet  hat.  Die
Rezepte  zu  echtem  Ragoutpulver  sind  sehr  verschieden, ­
  doch  mehr  hinsichtlich  der  Menge  als
der  Art  der  Zutaten,  die  in  allen  Vorschriften
ziemlich  dieselben  sind,  nämlich  Kurkuma  und
Koriander,  schwarzer  Pfeffer,  Ingwer,  Zimt,  Muskatblüten, ­
  Gewürznelken,  Kardamom,  Kümmel,
Kayennepfeffer.

D.

Dänisch  Weiß  nennt  man  eine  sehr  fein  ge-  1
schlämmte  Kreide,  die  hauptsächlich  von  den
Inseln  Moen  und  Fünen  in  den  Handel  kommt
und  als  Anstrichfarbe  benutzt  wird.
Därme  (frz.  Boyaux,  engl.  Guts).  Die  D.  gewisser ­
  Säugetiere  finden  eine  ausgedehnte  technische ­
  Verwendung  und  bilden  einen  nicht  unbedeutenden, ­
  oft  weithin  versandten  Handelsartikel. ­
  Namentlich  Rußland,  England,  Ungarn,
Italien,  Dänemark,  Sibirien,  Turkestan  liefern
große  Mengen  D.,  welche  entweder  nach  genügender ­
  Reinigung  getrocknet,  oder  mit  Kochsalz ­
  bestreut  (eingesalzene  D.)  im  feuchten
Zustande  in  Fässer  verpackt  werden.  Die  gesuchteste ­
  Sorte  sind  die  Schafdärme,  und
zwar  besonders  diejenigen  von  jungen  Schafen,
weil  sie  die  besten  Darmsaiten  liefern.  Die
italienischen  Schafdärme  haben  den  höchsten
Wert,  weil  sie  von  schlecht  genährten  und  jung
geschlachteten  Tieren  stammen,  deren  D.  zäher
und  widerstandsfähiger  sind  als  diejenigen  von
gut  genährten.  Außer  zur  Saitenherstellung  werden ­
  die  Schafdärme  auch  in  Wurstfabriken
sehr  viel  verbraucht,  so  daß  es  oft  schwer
hält,  das  genügende  Material  für  die  Saitengewinnung ­
  zu  beschaffen.  Ochsendärme  liefern ­
  die  Goldschlägerhaut  und  die  Häute  für
Salamiwürste.  Schweinsdärme  werden  als
Wursthüllen  benutzt.  Pferdedärme  dienen  zu
Dtehbankschnuren.  Katzendärme  werden  zu
Kalgut  (s.  d.),  einem  Nähmateria!  für  Wunden
usw.,  verarbeitet.
Dahlia,  ein  Teerfarbstoff,  ist  eine  Abart  von
Hofmanns  Violett  (s.  d.).

Daliholz  von  Virola  sebifera,  einem  großen
Baume  Guyanas,  dessen  Früchte  Pflanzentalg
(s.  d.)  liefern,  läßt  sich  sehr  gut  spalten  und  wird
viel  zu  Faßdauben  verwandt.
Dammaraharz  (Katzenaugengummi,  lat.
Resina  dammar,  frz.  Resine  du  dammara,  engl.  i
Dammar).  Diesen  Namen  führen  verschiedene  '
ostindische  Harze,  von  denen  aber  nur  wenige
in  den  europäischen  Plandel  kommen.  Das  gewöhnliche ­
  D.  stammt  von  der  Dammarafichte
(Dammara  orientalis),  einem  großen,  besonders ­
  auf  den  Molukken  und  Sunda-Inseln  häufig
wachsenden  Waldbaum,  der  nahe  am  Boden
dicke  Stammknollen  bildet  und  aus  diesen  das
Harz  ausschwitzt.  Diese  Ware  kommt  hauptsächlich ­
  von  Java,  in  Kisten  von  etwa  100  kg
Inhalt,  in  den  Verkehr.  Eine  ähnliche,  aber  härtere ­
  und  deshalb  geschätztere  Sorte  wird  von
Singapore  aus  verschifft  und  stammt  von  Hopea
splendida  und  micrantha.  Eine  von  Borneo
in  den  Handel  kommende  Sorte,  Dam  mal
daging  oder  Rose  Dammar,  ist  weicher  und
ins  Grünliche  fallend  und  daher  um  die  Hälft 6
billiger  als  die  gewöhnliche  Sorte.  Das  D.  besteht ­
  aus  größeren  und  kleineren,  meist  rundlichen ­
  Stückchen,  die  äußerlich  weiß  bestäubt,
innen  glashell  und  stark  glänzend  sind,  flachmuschelig ­
  brechen,  sich  mit  Ausnahme  der  Singa
pore-Sorte  leicht  zu  Pulver  stoßen  lassen  und
in  der  Wärme  der  Hand  etwas  klebrig  Verden-Es
  erweicht  bei  75°,  schmilzt  bei  200°  zu  einer
dünnen  Flüssigkeit  und  zeigt  ein  spez.  Gew.  von
1,040—1,120.  Die  Masse  ist  entweder  ganz  farblos ­
  oder  gelblich,,  löst  sich  in  Alkohol  und
        <pb n="90" />
        Danziger  Goldwasser

85

Delphinin

Äther  nur  teilweise,  vollständig  aber  in  fetten
und  ätherischen  Ölen.  Die  mit  Terpentinöl,  dem
gewöhnlichen  Lösungsmittel,  erhaltene  Lösung
heißt  Dammarlack.  Obwohl  der  Dammarlack
an  Härte  und  Dauer  dem  Kopallack  nachsteht,
ist  er  doch  in  allen  Fällen  beliebt,  in  denen  es
sich  um  völlige  Farblosigkeit  handelt,  also  besonders ­
  für  weißgestrichenes  Holzwerk.  Natürlich
müssen  für  diesen  Zweck  die  farblosen  reinen
Stücke,  die  auch  zugleich  die  härtesten  sind,  ausgesucht ­
  und  die  farbigen  für  anderen  Verbrauch
turückgestellt  werden.  Hingegen  sind  ganz  weiße,
glanzlose,  auf  dem  Boden  wachsähnliche,  harzig
anzufühlende  Stücke  völlig  zu  beseitigen,  weil
sie  jeden  Lack  verderben.  —  Das  D.  besteht
aus  verschiedenen  harzigen  Stoffen,  von  denen
zurzeit  Dammarolsäure  und  zwei  Dammar-Resene
  isoliert  wurden.  —  Das  australische
Dammaraharz  (Kaurikopal),  das  ebenfalls
von  einer  Dammarafichte,  der  24—36  m  hohen
Dammara  australis  auf  Neuseeland  stammt,
hat  mit  der  ostindischen  Ware  keine  Ähnlichkeit,
sondern  besteht  aus  unregelmäßigen,  oft  kopfgroßen
  Stücken  von  blaßgelber,  bräunlicher  oder
grünlicher  Farbe,  die  in  Weingeist  und  Terpentinöl ­
  unlöslich  sind.  Durch  Schmelzen,  wobei
das  Harz  prasselt  und  weiße  Dämpfe  ausstößt,
wird  es  in  der  Färbung  dunkler  und  dahin  verändert, ­
  daß  es  sich  in  Terpentinöl  und  anderen
ätherischen  Ölen  leicht  löst.  Das  australische
D.  dient  nur  zu  dunkleren  Firnissen.
Danziger  Goldwasser,  ein  stark  süßer,  aromatischer ­
  Likör,  in  welchem  glänzende  Flitterchen
  von  echtem  Blattgold  schwimmen.
Darabschird  wird  in  Persien  der  Tabak  (von
Nicotiana  persica)  genannt,  der  von  Benaru
Pnd  Fars  in  bester  Güte  geliefert  wird.
Dari  (Dara),  die  Samen  einer  hirseartigen  Geheideart,
  Sorghum  tartaricum  (nicht  zu  verwechseln ­
  mit  Dhurrha  oder  Sorghum  vulgare),
a us  Syrien,  Ägypten  und  Südafrika,  wurden  früher
Pur  zur  Futterzwecken,  jetzt  ihres  billigen  Preises
und  hohen  Stärkegehaltes  (ca.  66  °/o)  wegen  vielfach ­
  zur  Branntweinbrennerei  nach  Belgien  und
Holland  (Genever)  eingeführt.  Der  D,  aus  Ägypten ­
  hat  ziemlich  starke,  schwarzbraune,  syrischer,
messen  Körner  auch  kleiner  sind,  weiße,  D.  aus
Zanzibar  mehr  ins  Graue  fallende  Samenhülsen.
Darmsaiten  (frz.  Cordes  de  boyau,  engl.  Cat-8ut
  Strings),  aus  zugerichteten  Tierdärmen  zu-®arnrnengedrehte
  Schnüre,  werden,  wenn  sie  nur
ür  Spinnräder,  Drehbänke  und  zu  anderen  technischen ­
  Zwecken  dienen  sollen,  meistens  von
pudern  und  Fleischern  hergestellt.  Für  die  Sai-®P
  zu  Musikinstrumenten,  besonders  Violinen,
J* ar  in  früheren  Zeiten-  Italien  das  erste  Bezugsa
 n d,  während  jetzt  Deutschland  und  Frankreich
Vle l  mehr  und  fast  ebenso  gute  Ware  liefern.
Datteln  (lat.  Dactyli,  frz.  Dattes,  engl.  Dates)
*nd  die  Früchte,  richtiger  Beeren  der  Dattelalrne
  (Phoenix  dactylifera),  die  in  den  trockenen
andern  zwischen  dem  19.  und  35.  Grad  nördl.
r eite,  besonders  in  Nordafrika  mit  Ägypten,
r abien,  Syrien  und  Persien  gedeiht  und  durch
j®  Kultur  weit,  selbst  in  derWüste,  verbreitet  ist.
j  bis  20  m  hohe  Palme,  die  vom  30.  bis  100.
reiche  Ernte  liefert,  bringt  oft  15—20  Trau-®nbüschel
  hervor,  deren  jeder  mehrere  hundert

Früchte  enthalten  kann.  Bevor  die  D.  im  August
völlig  reif  (teigig)  werden  und  abfallen,  pflückt
man  sie,  benutzt  die  halbreifen  zum  sofortigen
Genuß  und  läßt  die  unreifen  auf  Palmblätte'rn  an
der  Sonne  nachreifen.  Die  besten  zuckerreichsten
Sorten  werden  von  den  Eingeborenen  verzehrt,
derbere  Sorten  dienen  zur  Verproviantierung  der
Karawanen  und  des  europäischen  Handels.  Kennzeichen ­
  frischer  Ware  sind:  glänzende,  runzelfreie
Oberfläche,  gelbrötliche  Farbe,  saftiges  und
gleichsam  speckiges  Fleisch  von  honigsüßem
Geschmack.  Die  Früchte  halten  sich  aber  nicht
lange,  sondern  sind  den  Angriffen  von  Milben
und  anderen  Lebewesen  sehr  ausgesetzt  und
müssen  daher  sorgfältig  und  trocken  aufbewahrt
werden.  Alte  und  daher  minderwertige  Ware  ist
an  der  geschrumpften,  runzligen  Haut,  der  Saftlosigkeit
  und  geringen  Süße  sowie  vor  allem
daran  zu  erkennen,  daß  der  Kern  beim  Schütteln
klappert.  Für  die  Zusammensetzung  gibt  König
folgende  Werte  an:  Wasser  18,51%,  Stickstoffsubstanz ­
  1,89%,  Fett  0,60%,  freie  Säure  1,26%,
Invertzucker  47,16%,  stickstofffreie  Extraktstoffe
24,99%,  Rohfaser  und  Kerne  3,76%,  Asche
1,83%.  Die  Einfuhr  erfolgt  über  Triest,  Venedig,
Marseille  und  London  meist  in  Kisten,  Fässern
oder  Matten  von  etwa  50  kg  Bruttogewicht,  die
feineren  Sorten  mehr  in  Schachteln.  Besonders
beliebt  sind  die  größeren  braunroten  Ägyptischen ­
  (Alexandrinen)  und  die  kleineren
hellgelben  Berberischen  D.  aus  Tunis.  —  Die
auf  den  indischen  Basaren  verkauften  Datteln
von  Phoenix  acaulis,  humilis  und  silvestris  stehen
den  afrikanischen  weit  nach.
Daturin  (lat.  Daturinum),  das  giftige  Alkaloid
des  Stechapfels,  ist  mit  dem  Atropin  (s.  d.)
identisch.
Degras  heißt  eine  von  Lohgerbern  sehr  gesuchte ­
  Lederschmiere,  welche  teils  als  Abfall  bei
der  Sämischgerberei  erhalten,  teils,  weil  diese
Quelle  nicht  ausreichend  ist,  besonders  hergestellt
wird.  Die  Zubereitung  des  Weichleders  beruht
darauf,  daß  die  von  Haaren  und  Narbe  entblößten ­
  Felle  mit  Öl  gewalkt,  darauf  wiederholt  an
die  Luft  gehängt  und  schließlich  in  warmer  Kammer ­
  aufgeschichtet  werden.  Das  Öl  erleidet  hierbei ­
  eine  Oxydation  und  erlangt  damit  die  Fähigkeit, ­
  sich  mit  der  Tierfaser  zu  verbinden  und  ihr
die  lederartige  Beschaffenheit  zu  geben.  Das  überschüssige ­
  Fett  wird  soweit  als  möglich  auf  mechanischem ­
  Wege,  durch  Ausringen  und  Pressen
(Primasorte)  und  schließlich  durch  Auswaschen
der  Felle  in  warmer  Pottaschelösung  entfernt.
Durch  Zersetzung  der  hierbei  entstehenden  Emulsion ­
  (Urläuter,  Weißbrühe)  mit  Schwefelsäure
und  Waschen  der  abgesonderten  Fettsäuren  erhält ­
  man  die  geringere  Sorte  des  echten  D.  Um
dieselbe  Substanz  direkt  und  als  Plaupterzeugnis
herzustellen,  wird  das  Verfahren  des  Sämischgerbens ­
  mit  schlechten  Fellen  so  lange  wiederholt, ­
  bis  sie  in  Fetzen  zerfallen.  Auch  stellt  man
D.  durch  Zusammenschmelzen  von  Vaseline,  Talg
und  Fischtran  künstlich  her.
Delphinin  (lat.  Delphininum,  frz.  Delphinine,
engl.  Delphinin),  die  neben  Staphisagrin  in
den  Stephanskörnern  enthaltene  giftigePflanzenbase,
  ein  weißes,  amorphes,  geruchloses  Pulver ­
  von  unerträglich  bitterem  Geschmack,  wird
nur  selten  medizinisch  verwandt.
        <pb n="91" />
        .

Deltametail,  eine  Legierung  aus  Kupfer  (60  °/o),
Zink  (38%),  Eisen  (1%),  etwas  Mangan  und  Phosphor, ­
  deren  Herstellung  besondere  Kunstgriffe  erfordert, ­
  besitzt  große  Härte  und  Zähigkeit,  kann
gewalzt,  gezogen  und  geschmiedet  Werden,  liefert
feinkörnige  dichte  Güsse  und  ist  im  geschmolzenen
Zustande  dünnflüssig.  Die  Farbe  schwankt  zwischen ­
  der  des  Messings  und  des  Kanonenmetalls,
die  Oberfläche  nimmt  eine  feine  Politur  an.  Das
D.  wird  zur  Anfertigung  von  Schiffsschrauben,
Dampfpumpen,  Kesselarmaturen,  F  euerspritzen
und  Rädern  empfohlen  und  in  Rundstäben  für
Spindeln  und  Schieber,  in  gewalzten  Sechskantstäben ­
  für  Schi'auben  und  Muttern  geliefert.
Demijohns,  starke,  mit  geschälten  Korbweiden
umflochtene  Glasflaschen  von  zylindrischer  oder
Kugelform,  werden  von  1—40  1  Inhalt  geliefert
und  eignen  sich  zum  sicheren  Versand  aller  Arten
von  Flüssigkeiten.
Dermatol  (Basisch  gallussaures  Wismut,
lat.  Bismutum  subgallicum,  frz.  Gallate  basique
de  bismuth,  engl.  Subgallate  of  bismuth)  entsteht
durch  Vermischen  von  Gallussäure  mit  einer
Lösung  von  Wismutnitrat  in  Eisessig  als  ein  gelbes, ­
  geruch-  und  fast  geschmackloses  Pulver,  das
in  Wasser.  Alkohol  und  verd.  Säuren  unlöslich
ist,  von  starken  Säuren  aber  gelöst  wird.  Trotzdem ­
  es  kein  eigentliches  Antiseptikum  ist,  wirkt
es  durch  Beschränkung  der  Sekretion  austrocknend ­
  und  wird  daher  zur  Behandlung  aseptischer
Wunden  benutzt.
Desinfektionsmittel  nennt  man  die  Substanzen, ­
  welche  geeignet  sind,  Mikroorganismen  abzutöten, ­
  oder  wenigstens  in  ihrer  Entwicklung  zu
hemmen.  Die  erste  an  jedes  D.  zu  stellende  Anforderung ­
  ist,  daß  es  schnell  und  sicher  wirkt,  im
übrigen  können  die  Eigenschaften  je  nach  dem
mit  der  Anwendung  verfolgten  Zwecke  wechseln. ­
  So  müssen  die  zur  Desinfektion  größerer
Mengen  Abwässer,  Abortgruben  usw.  bestimmten ­
  Mittel  billig  und  leicht  zu  handhaben  sein.
Zur  Desinfektion  von  Kleidungsstücken  und  Haushaltsgegenständen ­
  sind  solche  Stoffe  ausgeschlossen, ­
  welche  die  Gegenstände  selbst  angreifen,
wie  Chlor,  Säuren  u.  dgl.  Zum  Besprengen  von
Straßenkörpern  dienende  Desinfektionsmittel
müssen  mit  Wasser  Lösungen  oder  beständige
Emulsionen  geben.  Von  bekannteren  .  Stoffen
seien  hier  nur  angeführt:  Chlorwasser,  Sublimat,
Kaliumpermanganat,  '  Karbolsäure,  Chlorkalk,
Eisenchlorid,  Zink-  und  Kupfervitriol,  Thymol,
Salizylsäure,  Arsenik,  Alurainiumchlorid,  Alaun,
Eisenvitriol.  Ihre  besonderen  Eigenschaften  finden ­
  sich  in  den  Spezialartikeln  besprochen.
Dessert-Weine,  solche,  meist  ausländische
Weine,  die  an  Alkohol  bzw.  an  Alkohol  und
Zucker  reich  sind  und  sich  dabei  durch  eine
besondere  Feinheit  des  Geschmacks  auszeichnen,
zerfallen  in  die  eigentlichen  konzentrierten
Süßweine,  wie  Rheinische  Ausbruchweine;  Tokayer,
  Sizilianische  Muskatweine,  Malaga,  griechische ­
  Malvasier,  welche  bei  verhältnismäßig
niedrigem  Alkoholgehalt  viel  Zucker  und  Extrakt
aufweisen,  und  in  die  sog.  Likörweine  mit
hohem  Alkohol-,  aber  niedrigem  Extraktgehalt,
wie  Marsala,  Sherry,  Portwein  und  Madeira.  Die
ersteren  werden  entweder  aus  den  besten  ausgelesencn
  Beeren  oder  aus  überreifen,  teilweise

Dextrin
geschrumpften  Trauben  gekeltert,  deren  überaus
hoher  Zuckergehalt  nur  zum  Teil  vergoren  wird.
Die  anderen  entstehen  nach  den  verschiedensten
Verfahren  durch  Spriten  hinreichend  weit  vergorener, ­
  zumTeil  eingedickter  Moste.  Die  D.  unterliegen ­
  mannigfachen  Verfälschungen  und  werden
sogar  aus  Rosinen,  eingedickten  Moststoffen,  Tamarinden ­
  und  Zucker  völlig  nachgemacht.  Ein
strafrechtliches  Einschreiten  erscheint  jedoch  wenig ­
  aussichtsvoll,  weil  die  genannten  Ersatzstoffe
auch  in  den  Ursprungsländern  benutzt  werden,
und  das  deutsche  Weingesetz  nur  beschränkte
Anwendung  findet.  Immerhin  verlangen  die  deutschen ­
  Nahrungsmittelchemiker,  daß  sie  bei  höherem ­
  Alkoholgehalt  mindestens  6  g  Alkohol  der
eigenen  Gärung  verdanken  und  ohne  Verwendung ­
  von  Zucker  und  Rosinen  hergestellt
worden  sind.  Als  Medizinalweine  dürfen  nur
konzentrierte  Süßweine  bezeichnet  werden,  die
wenigstens  2,6  g  zuckerfreien  Extraktrest  und
0,04  g  P0 4  in  100  ccm  enthalten.
Dewarsche  Kolben,  doppelwandige  Gefäße,
deren  umhüllender  Hohlraum  luftleer  gepumpt
und  deren  Innenseite  zur  Veränderung  der  Wärmestrahlung ­
  mit  Silber  überzogen  ist,  dienen  zür
Aufbewahrung  und  zum  Versand  flüssiger  Luft.
Dextrin  (lat.  Dextrinum,  frz.  und  engl.  Dextrine), ­
  ein  Umwandkmgsprodukt  der  Stärke,
das  die  gleiche  prozentige  Zusammensetzung
wie  diese,  aber  abweichende  chemische  Eigenschaften ­
  besitzt,  wird  in  großen  Mengen  fabrikmäßig ­
  hergestellt  und  kommt  je  nach  dem
Grade  der  Reinheit  unter  verschiedenen  Namen,
wie  Stärkegummi,  Röststärke,  Gommeline,
Leiogomme,  Leiopome,  in  den  Handel.  Die
Umwandlung  der  meist  als  Ausgangsmaterial
benutzten  Kartoffelstärke  wird  entweder  durch
einfaches,  Rösten  bei  200 0 ,  oder  durch  Behandlung ­
  mit  Malzaufguß  (Diastase)  bei  65—75°
oder  endlich  durch  Erwärmen  mit  verdünnten
Säuren  bewirkt.  In  letztem  Falle  läßt  man
die  Säure  so  lange  einwirken,  bis  Jodlösung
keine  Blaufärbung  mehr  hervorruft,  und  neutralisiert ­
  den  Überschuß  mit  kohlensaurem  Kalzium.
Zur  weiteren  Reinigung  wird  das  entstandene
D.  aus  wäßriger  Lösung  mit  Alkohol  gefällt,
und  der  Niederschlag,  nach  dem  Auswaschen
getrocknet.  D.  des  Handels  erscheint  entweder
in  Form  eines  zarten  weißen  bis  gelblichen
Pulvers  oder  in  Form  gelblicher,  durchscheinender ­
  Stücke  nach  Art  des  Gummiarabikums.  Es
unterscheidet  sich  von  der  Stärke  dadurch,  daß
es  sich  in  Wasser  zu  einer  klebrigen  Flüssigkeit
auflöst,  welche  die  Ebene  des  polarisierten  Lichtes ­
  stark  nach  rechts  dreht  und  mit  Alkohol  einen
zähklebrigen  Niederschlag  liefert.  In  chemischer
Hinsicht  ist  das  Handelsdextrin  kein  einheitlicher ­
  Körper,  sondern  ein  Gemisch  verschiedener
Verbindungen,  deren  Eigenschaften  teils  denjenigen ­
  des  Ausgangsmaterials,  der  Stärke,  teils
des  Enderzeugnisses,  d.  i.  der  Stärkezucker  (s.  d.J
nahestehen.  Die  ersteren  färben  Jodlösung  violett,
die  mittleren  braun,  die  letzteren  gar  nicht.  D.  wird
von  Hefe  nicht  vergoren  und  findet  sich  daher  int
Biere,  auch  soll  es  in  manchen  PflanzensäfteO
Vorkommen.  Es  wird  in  der  Industrie  als  Klebemittel, ­
  ferner  als  Appretur,  als  Verdickungsmittel
für  Farben  und  Beizen  in  der  Zeugdruckerei  und
zu  zahlreichen  anderen  Zwecken  benutzt.
        <pb n="92" />
        Diamalt

87

Diamant

Diamalt,  eine  zur  Beschleunigung  des  Backprozesses ­
  angepriesene  Zubereitung  österreichischen ­
  Ursprungs,  besteht  aus  dem  eingedickten
■Extrakt  von  Grünmalz  und  wirkt  durch  seinen
Gehalt  an  Diastase.
Diamant  (Demant,  lat.  Adamas,  frz.  Diamant,
engl.  Diamond),  der  wertvollste  all§r  Edelsteine,
besteht  in  chemischer  Hinsicht  aus  reinem  Kohlenstoff, ­
  welcher  durch  besondere,  nicht  näher  bekannte ­
  Einflüsse  in  Kristallform  übergeführt  worden ­
  ist.  Er  kristallisiert  im  regulären  System,
und  zwar  meist  in  Form  von  Oktaedern,  Würfeln, ­
  Rhombendodekaedern  und  48-Flächnern,
Von  denen  die  letzteren  infolge  ihrer  gekrümmten ­
  Flächen  und  Kanten  meist  Kugelform  zeigen.
Die  meisten  rohen  D.  sind  äußerlich  mit  einer
rauhen  trüben  Rinde  umkleidet  und  verraten
nichts  von  ihrer  Schönheit,  die  erst  durch  das
Schleifen  offenbart  wird.  Die  Härte  übertrifft
diejenige  aller  anderen  Körper  (Härtegrad  10),
so  daß  er  nur  in  seinem  eigenen  Pulver  geschliffen ­
  werden  kann,  doch  ermöglicht  die
leichte  Spaltbarkeit  nach  den  Oktaederflächen
seine  Bearbeitung,  und  seine  Sprödigkeit  die
Herstellung  eines  feinen  Pulvers.  Der  D.  tritt
farblos  oder  in  verschiedenen  Farben  auf,  ist
stark  lichtbrechend  und  glänzend  (Diamantglanz). ­
  Als  reiner  Kohlenstoff  verbrennt  er  im
Sauerstoff  bei  700—800°  unter  Hinterlassung
einer  Spur  Asche.  Hingegen  kann  er  unter
einer  Decke  von  Borsäure  oder  Borax  mit  der
Gasflamme  geglüht  werden,  ohne  Schaden  zu
leiden.  Nachdem  die  am  längsten  bekannten
Fundorte  in  Ostindien  in  Golkonda  und  auf
Borneo  ziemlich  erschöpft  sind,  kommen  für
die  Lieferung  der  Diamanten  fast  nur  noch  Brasilien, ­
  Südafrika  und  Westaustralien  in  Frage.
In  Brasilien,  wo  die  D.  1725  entdeckt  wurden,
finden  sie  sich  bei  Diamantina  in  der  Provinz
Matto  grosso,  in  den  Flußbetten  des  Rio  Diamantino,
  Rio  Ouro,  Rio  Paraguay  sowie  in  den
Provinzen  Minas-Geraes,  Bahia,  Goyaz  und  Cuyaba
  in  Schwemmland,  Sand  und  Gerolle,  ferner
an  sekundärer  Lagerstätte  in  einer  durch  Brauneisen ­
  verkitteten  Quarzbreceie  (Cascalho)  und
eingesprengt  in  dem  eigentümlichen  biegsamen
Sandstein,  dem  Itakolumit,  der  zur  huronischen
Schieferformation  gehört  und  daher  als  das  Muttergestein ­
  des  D.  angesehen  wird,  fn  Südafrika
finden  sich  die  D.  teils  im  Alluvium  der  Talsohlen, ­
  teils  in  einem  durch  Eisenerze  verkittelen
  Kieselkonglomerat,  dem  sog.  Blue  ground,
Welcher  trichterförmige  Einsenkungen  ausfüllt.
Hie  hauptsächlich  in  Transvaal  gefundenen  Kapdiamanten
  sind  in  der  Regel  farblos  und
durchsichtig,  seltener  gefärbt.  Ihnen  ähnlich  sind
die  in  Deutsch-Südwest  gefundenen  D.,  auf
die  unser  Kolonialamt  so  stolz  war.  Gelblich
schimmernde  Stücke  werden  weniger  geschätzt
als  völlig  farblose,  hingegen  stehen  die  sehr  seltnen ­
  blauen  und  grünen  hoch  im  Preise.  D.
Jhit  ungleichmäßiger  Färbung  und  Durchsichtigkeit, ­
  mit  trüben  oder  rostfarbenen  Stellen,  Flelc-"
 e n,  Punkten,  Adern  und  Wolken  sind  zu
Schmucksachen  untauglich  und  bilden  nebst  den
^  kleinen  Stücken  den  Ausschuß,  der  zu
Glaserdiamanten,  Zapfenlagern  für  Uhren  und
■Kompasse  sowie  gepulvert  als  Schleifmittel  verwandt ­
  wird.  Die  Glaserdiamanten  werden
zw eckmäßig  aus  kleinen  Steinen  (Kugelport)

mit  natürlichen  Kanten  hergestellt,  weil  diese
besser  schneiden  als  D.-Splitter.  Hingegen  verwendet ­
  man  zum  Gravieren  auf  Glas,  Metalle
oder  lithographischem  Stein  dreiflächig  zugespitzte
Splitter,  die  in  Griffel  gefaßt  werden.  Für  alle
diese  technischen  Verwendungen,  insbesondere
auch  zur  Herstellung  von  Drehstählen  für  Granit, ­
  Porphyr,  Glas,  Stahl  und  Gußei.en  sowie
von  Kränzen  an  Bohrmaschinen  findet  hauptsächlich ­
  der  durch  amorphen  Kohlenstoff  gefärbte
Schwarze  Diamant  der  Provinz  Bahia  (Carbonates)
  Anwendung.  —  Die  rohen  Diamanten
haben  meist  eine  rauhe,  wenig  durchsichtige
Rinde  von  bleigrauer  oder  grünlicher  Farbe.
Die  letztere  wird  lieber  gesehen,  weil  sie  in  der
Regel  die  reinste  Masse  umschließt.  ^  Die  Beurteilung ­
  roher  Steine  erfordert  große  Erfahrung,
da  neben  der  Reinheit  auch  die  Form,  von  der
die  Größe  des  Abfalls  abhängt,  in  Frage  kommt.
Die  meisten  Steine  verlieren  durch  die  Bearbeitung ­
  Vs—1/2  ihrer  Masse.  Die  durch  Unreinheiten
bewirkten  Fehler  bezeichnen  die  Juweliere  entweder ­
  als  Federn,  Sprisselchen,  schwarze  und
braune  Flecke,  matte  weiße  Tupfen  und  regenartige ­
  Streifen,  Nach  der  Reinheit  unterscheidet
man  drei  Klassen:  D.  vom  reinsten  Wasser,
vollkommen  klare,  färb-  und  fehlerlose,  aber
meist  kleine  Steine,  D.  vom  zweiten  Wasser,
klar,  aber  mit  kleinen  Fehlern,  und  D.  vom  dritten ­
  Wasser.  Steine  von  ungewöhnlicher  Schönheit ­
  heißen  Solitairs,  Paragons  oder  Notipareils.
  —  Die  Preise  richten  sich  nach  der
Größe,  Form  und  Reinheit.  Ein  schön  geschliffener ­
  Brillant  von  I  Karat  hat  einen  Wert  von  etwa
300  M.,  der  bis  zu  &amp;gt;5  Karat  ungefähr  dem  Gewichte ­
  entsprechend,  darüber  hinaus  aber  sprunghaft ­
  ins  Ungemessene  ansteigt.  —  Die  Diamantschleiferei, ­
  durch  welche  erst  die  wertvollen
Eigenschaften  des  D.,  Klarheit,  Glanz  und  Farbenspiel ­
  hervorgebracht  werden,  hatte  früher
ihren  Sitz  ausschließlich  in  Amsterdam  und  Antwerpen, ­
  wird  jetzt  aber  auch  in  Hanau  und
Hamburg  betrieben.  Dem  eigentlichen  Schleifen
geht  das  sog.  Klieven,  d.  h.  ein  Abspalten  größerer ­
  Stücke  mit  Hammer  und  Meißel  nach
Zeichnung  voraus.  Darauf  folgt  das  Beschneiden. ­
  ein  Abreiben  zweier  in  den  Kittstock  eingesetzter ­
  Teile  aus  freier  Hand  und  schließlich
das  eigentliche  .Schleifen,  Hierzu  werden  die
Steine  ebenfalls  in  einen  Halter  eingekittet  und
so  gegen  eine,  rotierende,  mit  Öl  und  Diamantstaub ­
  bestrichene  Fläche  gedrückt.  Die  gangbarsten ­
  Formen  des  Schliffes  sind  die  B  rill  an  tund
  Rosettenform.  Die  erstere,  die  das  Lichtund
  Farbenspiel  des  D.  am  schönsten  entwickelt,
ist  eine  niedere,  beiderseits  abgestumpfte  Doppelpyramide ­
  mit  2  oder  3  Reihen  3-,  4-  oder  5  eckiger
Facetten.  Die  Rosette  besteht  aus  einer  einfachen ­
  Pyramide  mit  runder  oder  ovaler  flacher
Basis.  Nachahmungen  von  D.  wurden  früher
aus  Bergkristall,  in  letzter  Zeit  schöner  aus  stark
lichtbrechendem  Bleiglas  hergestellt,  sind  aber
an  ihrer  geringeren  Härte  leicht  zu  erkennen.
Weitereunterscheidungsmerkmale  bestehen  darin,
daß  ein  auf  den  Diamanten  gebrachter  kleiner
Wassertropfen  seine  Kugelform  behält,  auf  Imitationen ­
  aber  zerläuft,  und  daß  die  Flächen  des
echten  Steins  niemals  so  regelmäßig  geformt
sind,  als  die  Nachahmungen.
        <pb n="93" />
        Diamol

88

Dörrgemüse

Diamol,  DiamidophenolChlorhydrat,  wird  als
photographischer  Entwickler  benutzt.
Diaphanbilder  (Lithophanien)  nannte  man
früher  sehr  verbreitete  Fensterbilder,  Platten  aus
unglasiertem  Porzellan  (Biskuit),  die,  gegen  das
Licht  gehalten,  infolge  des  Vorhandenseins  dünnerer ­
  und  dickerer  Stellen  ein  Bild  durchscheinen ­
  ließen.  Seit  den  Fortschritten  der  Photographie ­
  benutzt  man  besondere  Diapositivplatten ­
  zur  Herstellung.
Diastase,  das  in  zahlreichen  Pflanzenteilen
und  tierischen  Säften  (Speichel)  enthaltene  Ferment, ­
  welches  Stärke  in  Zucker  (Maltose  und
Stärkezucker)  zu  verwandeln'  vermag  und  das
wirksame  Prinzip  des  Malzes  bildet,  wird  durch
Extraktion  von  Malz  mit  verd.  Alkohol  gewonnen
und  kommt  als  hellgelbes  Pulver  in  den  Handel.
Dicköl.  Unter  dieser  Bezeichnung  versteht
man  im  Handel  zum  Teil  verharztes  Terpentinöl.
Man  läßt  zu  seiner  Herstellung  Terpentinöl  in
flachen  Schalen,  der  Einwirkung  der  Luft  ausgesetzt, ­
  verdunsten,  und  benutzt  es  in  der  Glasend ­
  Porzellanmalerei.
Didym,  ein  metallisches  Element  aus  der  Gruppe
der  seltenen  Erden,  Welches  in  einigen  Mineralien ­
  als  Begleiter  des  Zeriums  (s.  d.)  auftritt,  ist
eigentlich  ein  Gemisch  zweier  Elemente,  Neodym
und  Praseodym,  von  denen  das  erstere
grüne,  das  andere  rote  Salze  bildet.  Die  Verbindungen ­
  des  D.,  welche  als  Nebenprodukte
bei  der  Gewinnung  des  Thoriums  entstehen,
besonders  das  Didymchlorid,  finden  als  wirksame ­
  und  billige  Desinfektionsmittel,  das  Neodymnitrat ­
  außerdem  in  der  Glasherstellung
zum  Entfärben  der  Glasmasse,  Anwendung.
Digitalin  (lat.  Digitalinum,  frz.  Digitaline,  engl.
Digitalin).  Der  unter  diesem  Namen  in  den  Handel ­
  kommende  giftige  Bestandteil  des  Fingerhutkräutes
  (s.  d.),  bestand  früher  immer  aus
einem  Gemenge  der  verschiedenen,  in  diesem
Kraut  enthaltenen  charakteristischen  Stoffe,  die
je  nach  der  Darstellungsweise  in  wechselnden
Mengen  vorhanden  waren.  Diese  als  deutsches
Digitalin  (Digitalinum  purum  pulveratum),  Digitaline ­
  crystallisöe  Nativelle  (frz.  D.)  und
Digitaline  amorphe  Homolle  bezeichneten
Alkaloidgemische  haben  jedoch  zurzeit  nur  noch
historisches  Interesse,  seit  die  Einzelbestandteile,
Digitalih  und  Digitoxin,  in  reinem  Zustande
in  den  Handel  gebracht  werden.
Dikafett  (Ad  ika)  ist  ein  aus  den  Samen  der
in  Gabon  wachsenden  Irwirigia  Barteri  gewonnenes ­
  und  seit  einigen  Jahren  in  den  Handel
gebrachtes  Pflanzenfett.  Die  Samen,  welche  auch
zur  Darstellung  einer  schokoladenartigen  Masse
(Dikabrot,  Chocolat  de  Gabon)  verwandt  werden. ­
  enthalten  60—66°/o  eines  der  Kakaobutter
ähnlich  riechenden  festen  Fettes,  das  anfänglich
rein  weiß  ist,  nach  längerem  Liegen  aber  äußerlich ­
  stark  gelb  wird.  Es  schmilzt  bei  40 0  und
eignet  sich  zur  Herstellung  von  Kerzen  und
Seifen.
Dill  (Gurkenkraut,  lat.  H^rba  anethi,  frz.
Aneth,  engl.  Dill),  ein  aromatisches  Doldengewächs, ­
  Anethum  graveolens,  ist  im  südlichen ­
  Europa  heimisch  und  wird  bei  uns  häufig
für  häusliche  Zwecke,  namentlich  zum  Einlegen
der  Gurken  sowie  zu  Gewürztunken,  in  Garten
und  Feld  ausgesät,  an  einigen  Orten  (Nürnberg,

Erfurt,  Sachsen)  auch  zur  Samengewinnung  in
größerem  Maßstabe  gebaut.  —  Durch  Destillation ­
  der  Samen  mit  Wasser  erhält  man  das  anfangs
farblose,  später  hellgelbe  ätherische  Dillöl  (lat.
Oleum  anethi,  frz.  Essence  d’aneth,  engl.  Oil  of  dill),
das  den  Geschmack  und  Geruch  der  Pflanze
konzentriert  #  enthält  und  zum  Parfümieren  von
Seifen  und  in  der  Likörherstellung  gebraucht
wird.  Es  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,895—0,915
und  enthält  neben  Karvon  (s.  d.)  noch  Limonen
und  Phellandren.  —  Dillsamen  (lat.  Fructus
anethi,  frz.  Fruit  d’aneth,  engl.  Dill),  die  4—5  mm
langen,  3  mm  breiten  Spaltfrüchte  von  graubrauner ­
  Farbe  und  aromatischem  Geruch  und
Geschmack,  werden  wie  das  Kraut  als  Küchengewürz ­
  zum  Einlegen  von  Gurken  verwandt.
Dimethylamidoazobenzol,  ein  wenig  gebrauchter ­
  gelber  Teerfarbstoff,  der  als  Indikator
Anwendung  findet.
Dionin,  ein  durch  Einwirkung  von  Äthyljodid
auf  Morphin  dargestelltes  Heilmittel  (salzsaures
Äthylmorphin),  wird  an  Stelle  des  Morphins
gegen  Erkrankung  der  Atmungsorgane,  der  Augen
und  zu  Einspritzungen  verordnet.
Diphenylaminblau,  ein  dunkelblauer,  in  Wasser ­
  unlöslicher  Teerfarbstoff,  wird  durch  Erhitzen
von  salzsaurem  Diphenylamin  (ev.  mit  Tolyldiphenylamin
  gemengt)  mit  Oxalsäure  hergestellt.
Beim  Behandeln  mit  Schwefelsäure  liefert  es
eine  in  Wasser  lösliche  Sulfosäure,  die  in  der
Färberei  Anwendung  findet.
Diptamwurzel  (lat,  Radix  dictamni,  frz.  Racine
de  dictamne,  engl.  Dittany  root),  die  getrocknete,
geruch-  und  geschmacklose  Wurzel  von  Dictamnus
  albus,  wird  in  der  Volksmedizin  angewandt. ­

Ditarinde  (lat.  Cortex  dita,  frz.  Ecorce  de  dita,
engl.  Dita  bark),  die  als  Fiebermittel  empfohlene
Rinde  von  Alstonia  scholaris,  einem  auf  den
Philippinen  heimischen  Baume  aus  der  Familie
der  Apozynazeen,  enthält  neben  etwas  Harz
(Echikautschin)  als  wirksame  Bestandteile  die
stark  giftigen  Alkaloide  Ditain  oder  Ditamin,
Echitenin  und  Echitamin.
Diuretin  nennt  man  das  Doppelsalz  von  Theobromin-Natrium
  mit  salizylsaurem  Natrium,  ein
salzig-alkalisch  schmeckendes,  geruchloses  Pulver, ­
  das  als  harntreibendes  Mittel  verordnet  wird.
Dividivi  (Libidivi,  Gerbschoten),  die  1,5
bis  3  cm  langen,  2—-3  cm  breiten,  S-förmig  gekrümmten, ­
  glänzendbraunen  Hülsenfrüchte
eines  in  Kolumbien  und  auf  den  benachbarten
Inseln  wachsenden  hohen  Strauches,  Caesalpinia
  coriaria,  enthalten  30—500/0  eines  von  dem
der  Galläpfel  verschiedenen  Gerbstoffs,  werden
im  Gemisch  mit  anderen  Materialien  zum  Gerben ­
  gebraucht  und  geben  weiche,  braunrot  gefärbte ­
  Leder.  In  der  Färberei  werden  sie,  wie
Galläpfel,  zum  Schwarzfärben  benutzt.
Dochte  für  Kerzen  oder  Lampen  mit  flüssigen
Brennstoffen  werden  meist  aus  Baumwolle  gewebt, ­
  geflochten,  gedreht  oder  gesponnen,  bisweilen ­
  auch  zur  Erhöhung  der  Verbrennlichkeit
mit  Salpeter  u.  a.  imprägniert.  Daneben  gibt
es  unverbrennbare  D.,  die  aus  Asbest  oder  Glasgespinsten ­
  hergestellt  sind.
Dörrgemüse  wird  in  der  Weise  hergestellt,
daß  man  die  gereinigten  und  zerkleinerten  Pflanzenteile
  zunächst  mit  heißem  Wasser  abbrüht  oder
        <pb n="94" />
        m

Dörrobst

89

Dotter

besser  dämpft  und  darauf  bei  nicht  zu  hoher
Temperatur  trocknet.  In  Haushaltungen  oder
kleinen  Betrieben  bedient  man  sich  hierzu  der
Sonnenwärme  oder  kleiner  Öfen  nach  Art  der
Obstdarren,  in  der  Großindustrie  meist  besonderer ­
  Vakuumapparate,  in  denen  bei  40—50°
Farbe  und  Aroma  besser  erhalten  bleiben.  Künstliche ­
  Grünfärbung  oder  Bleichung  mit  schwefliger ­
  Säure  u.  dgl.  ist  zu  verwerfen.  Als  wichtigste ­
  D.  kommen  Bohnen,  Möhren,  verschiedene
Kohlarten,  Spinat,  Zwiebeln,  Schoten,  neuerdings
auch  Kartoffeln  und  Kohlrüben  in  den  Handel.
Der  bei  letzteren  bisweilen  beobachtete  üble  Geschmack ­
  ist  auf  die  Verwendung  direkter  Feuerungsgase ­
  zurückzuführen.  Richtig  hergestelltes
D,,  dessen  Wassergehalt  von  80—90%  auf  etwa
10—20  0/0  herabgesetzt  worden  ist,  bildet  ein  wertvolles ­
  Nahrungsmittel  von  großer  Haltbarkeit,
muß  aber  trocken  und  sauber  aufbewahrt  werden,
da  es  sonst  leicht  von  Milben  befallen  wird.  Die
Zubereitung  erfolgt  durch  mehrstündiges  Einweichen ­
  und  langsames  Kochen.
Dörrobst  im  allgemeinen  nennt  man  das
durch  Trocknen  haltbar  gemachte  Obst.  Zum
Unterschiede  von  dem  durch  künstliche  Wärme
getrockneten  Backobst  (s.  d.)  gebraucht  man
diese  Bezeichnung  aber  im  Handel  meist  für  gewisse ­
  ausländische  Erzeugnisse,  die  bei  Sonnenwärme ­
  getrocknet  sind,  wie  Görzer  Prünellen,
kalifornische  Aprikosen,  Pfirsiche,  Birnen  und
Äpfel,  und  sich  durch  schönes  Aussehen  vorteilhaft ­
  auszeichnen.  Sehr  oft  ist  dieser  Vorzug
allerdings  nur  ein  scheinbarer  und  auf  Behandlung ­
  mit  bleichenden  Mitteln,  wie  schwefliger
Säure,  früher  auch  wohl  Zinkoxyd,  zurückzuführen. ­

Dolomit,  ein  auch  gesteins-  und  gebirgsbildend
auftretendes  Mineral,  das  aus  einem  isomorphen
Gemisch  von  Kalzium-  und  Magnesiumkarbonat
besteht,  erscheint  in  Form  weißer  oder  schwach
bräunlicher  kristallinischer  Massen  und  kommt
ln  gemahlenem  Zustande  zur  Darstellung  von
Kohlensäure  in  den  Handel.
Doppelscharlach.  Diesen  Namen  führen  verschiedene ­
  rote,  zur  Gruppe  der  Azofarben  gehörige ­
  Teerfarbstoffe,  so  namentlich  das  N^tronsalz
  &amp;lt;j es  Amidoazobenzolmonosulfosäureazobetan
 aphtols  (Echtscharlach),  ein  rotbraunes  Kris
 lallpulver,  das  in  Wasser  mit  roter,  in  konzentrierter ­
  Schwefelsäure  mit  grüner,  beim  Verdünnen ­
  mit  Wasser  durch  Blau  in  Scharlachrot
ubergehender  Farbe  löslich  ist.  Doppelschara
 ch  extra  S,  das  Natronsalz  der  Betanaphtyl-■itninsulfosäureazoalphanaphtolmonosulfosäure,
  ein
braunrotes,  in  Wasser  mit  gelbroter  Farbe  lösuches
  Pulver,  färbt  wie  das  vorige  Wolle  in
Sa urem  Bade  scharlachrot.  Brillantscharlach
und  Brillantponceau  sind  sehr  ähnliche  Farben
 -  Doppelbrillantscharlach  G  (Oranger
 °t  I),  ein  rotbraunes,  in  Wasser  mit  gelbroter,
l?  konzentrierter  Schwefelsäure  mit  fuchsinroter
ar be  lösliches  Pulver,  besteht  aus  dem  Natron-Sa
 * ze  des  Betanaphtylaminsäureazobetanaphtols
und  färbt  Wolle  gelbrot.
,  Pormiol  (Chloralamylalkoholat)  entsteht
Behandlung  von  Chloral  mit  Amylenhydrat
s  ein  farbloses,  nach  Kampfer  riechendes  öl
,, &amp;lt; ? r u  spez.  Gew.  1,250  und  wird  an  Stelle  des
ulorals  als  Schlafmittel  benutzt.

Dornenstein,  die  bei  der  Verdunstung  der
Salzsole  auf  den  Dornen  der  Gradierwerke  in
Salinen  sich  absetzende  feste  Masse  von  gelblichgrauer ­
  Farbe,  besteht  der  Hauptsache  nach  aus
Gips  und  einigen  anderen  Salzen  und  wird  als
Düngemittel  verkauft.
Dorsch  (frz.  Narvage,  engl.  Torsk),  ein  Fisch
aus  der  Familie  der  Gadiden  oder  Schellfische, ­
  Gadus  calarias,  zu  der  außer  dem
eigentlichen  Schellfisch  auch  der  Merlan  und
der  Kabeljau  gehören,  ist  im  Vergleich  zu  den
letzteren  großen  Verwandten  klein,  nur  i/j  m
lang  und  1  —1,5  kg  schwer,  aber  von  zartem
schmackhaften  Fleisch  und  wird  sowohl  frisch,
als  gesalzen  und  getrocknet  gegessen.  Der  Fisch
lebt  häufig  in  der  Ostsee  sowie  an  den  norwegischen ­
  und  irischen  Küsten,  und  wird  namentlich
auf  den  Lofoten  massenhaft  gefangen.  Er  kommt
in  Fässern  eingesalzen  als  Salzdorsch  und,
neuerdings  häufiger  als  früher,  frisch  über  die
norddeutschen  Seehäfen  in  den  Handel,  wird  aber
oft  mit  dem  Kabeljau  (s.  d.)  verwechselt.  Der  Verbrauch ­
  des  frischen  Fisches  ist  jetzt  durch  die
Eisenbahnen  bis  weit  ins  Binnenland  hinein  ermöglicht ­
  und  beständig  im  Zunehmen  begriffen.
Die  Leber  dient  zur  Herstellung  von  Lebertran ­
  (s.  d.).
Dost  (Dostenkraut,  Wohlgemut,  wilder
Majoran,  lat.Herbaoriganivulgaris,  frz.Sommitü
fleurie  d’origan  vulgaire,  engl.  Common  marjoram).
  Diese,  der  Familie  der  Labiaten  ungehörige, ­
  mit  Salbei  und  Majoran  nahe  verwandte
Gattung  umfaßt  verschiedene  Arten  aromatischer
und  offizieller  Kräuter.  Der  gemeine  D.  ist
eine  bei  uns  häufig  auf  sandigen  Anhöhen  wachsende, ­
  30  cm  hohe  Pflanze  mit  vierkantigem,
zottig  behaartem  rötlichen  Stengel,  gegenüberstehenden ­
  eirunden,  buchtig  gezähnten,  an  der
Unterseite  und  am  Rande  weichhaarigen  Blättern
und  rundlichen  Blütenähren  mit  purpurroten
Lippenblüten.  Das  mit  den  Blüten  gesammelte
und  getrocknete  Kraut  der  Pflanze  riecht  sehr
stark,  aber  angenehm  aromatisch  und  schmeckt
gewürzhaft  bitterlich.  Es  dient  zu  Kräuterkissen
und  Kräuterbädern.  Durch  Destillation  mit  Wasser ­
  wird  daraus  der  riechende  Stoff  als  ein  dünnflüssiges, ­
  blaßgeibes,  ätherisches  Öl,  Dostöl  (lat.
Oleum  origani  vulgaris,  frz.  Essence  d’origan,
engl.  Origan  oil),  vom  spez.  Gew.  0,870—0,910
erhalten,  das  zum  Parfümieren  von  Seife  dient.
—  Die  gleiche  Verwendung  finden  Kraut  und  Öl
des  kretischen  Dostes,  auch  Spanischer
Hopfen  genannt  (lat.  Herba  origani  cretici,  frz.
Marjolaine  d’Espagne,  engl.  Spanish  marjoram),
der  in  Griechenland  und  Kleinasien  heimisch
ist  und  von  dort  eingeführt  wird,  hauptsächlich
zur  Gewinnung  des  ätherischen  Öls,  welches  als
spanisches  Hopfenöl  (lat.  Oleum  origani  cretici, ­
  frz.  Essence  de  marjolaine  d’Espagne,  engl.
Spanish  marjoram  oil)  gegen  Zahnweh  dient.
Dieses  Öl'  ist  dickflüssig,  goldgelb  bis  rotbraun,
vom  spez.  Gew.  0,920—0,980  und  enthält  außer
einem  Terpen  als  wichtigsten  Bestandteil  Karvakrol
  und  höhere  Phenole.
Dotter  (Leindotter,  Flachsdotter,  Finkensame,
  Dotterlein,  frz.  Camöline,  engl.
Gold  of  pleasure)  ist  eine  auf  Äckern  unter  Flachs
und  anderen  Saaten  oft  wild  wachsende  einjährige ­
  Kruzifere  (Camelina  sativa),  die,  als
        <pb n="95" />
        irrai

Drachenblut

90

Drogen

Ölpflanze  ziemlich  häufig  angebaut,  sichere  und
ergiebige  Erträge  gibt,  nicht  von  Insekten  leidet
und  Kälte  verträgt  und  daher  zeitig  im  Frühjahr
gesät  werden  kann.  Die  Pflanze  hat  einen  eckigen ­
  rauhen  Stengel,  lange  Trauben  kleiner,  blaßgelber ­
  Blüten  und  bimförmige  Schötchen  mit
länglich  dreieckigen,  rötlichen  Samen.  Nach  der
Ernte  (im  August)  werden  die  Pflanzen  auf
Haufen  getrocknet,  und  dann  die  Samen  ausgedroschen. ­
  Aus  den  letzteren  gewinnt  man  das
Dotteröl,  welches  anfänglich  etwas  bitter
schmeckt,  nach  einiger  Zeit  aber  durch  Abklären
zu  Speiseöl  tauglich  wird.  Es  hat  ein  spez.  Gew.
von  0,9228,  und  wird  im  Gemisch  mit  Rüböl
meist  zu  Leuchtzwecken  und  als  trocknendes  Öl
zu  Firnissen  gebraucht.  Der  Anbau  des  D.  wird
hauptsächlich  in  den  Niederlanden,  aber  auch
in  mehreren  Gegenden  Deutschlands,  Belgiens,
Österreichs  und  der  Türkei  betrieben.
Drachenblut  (lat.  Sanguis  draconis,  Rcsina
draconis,  frz.  Sang  dragon,  engl.  Dragons  blood).
Unter  diesem  Namen  sind  spröde,  geruch-  und
geschmacklose,  dunkel  blutrote,  gepulvert  lebhaft
zinnoberrot  erscheinende  Harze  im  Handel,  von
denen  hauptsächlich  folgende  Sorten  unterschieden ­
  werden;  1.  Echtes  D.  von  Daemonorops
Draco,  aus  Ostindien.  Das  Harz  wird  teils  durch
freiwilliges  Ausfließenlassen,  teils  durch  Anritzen
der  Früchte  gewonnen  und  bildet  braunschwarze,
in  Palmblätter  eingeschlagene  Massen,  die  ein
dunkelrotes  Pulver  geben.  2.  Kanarisches  D.
von  Dracaena  Draco,  ein  dunke.rotes  Harz,
welches  nur  noch  wenig  im  Handel  ist.  3.  Amerikanisches ­
  oder  Cartagena  D.  von  Pterocarpus
  Draco  ähnelt  mehr  dem  Kino.  Außer
dem  D.  in  Blöcken,  Sanguis  draconis  in
massis,  hat  man  noch  eine  feinere  Sorte,  S.  d.
in  bacillis,  ca.  25—30  cm  lange  in  Palmblätter
eingewickelte  Stangen.  Gutes  D.  soll  sich  in  Weingeist ­
  und  Äther  leicht  lösen  und  wird  als  Zusatz
zu  Pflastern  sowie  zum  Färben  von  Lacken  und
Polituren  benutzt.
Drachenquelle  bei  Honnef  enthält  in  1000
Gewichtsteilen:  2,0083g  Natriumkarbonat,  0,2893g
Kalziumbikarbonat,  0,9736  g  Magnesiumbikarbonat, ­
  0,0054  g  Ferrobikarbonat,  1,9516  g  Natriumchlorid, ­
  0,1447  g  Kaliumsulfat,  0,3009  g  Natriumsulfat,
  0,0202  g  Kieselsäure  und  1,8590  g  freie
Kohlensäure.
Dragees  (Zuckerschrot)  bestehen  aus  mit
einer  Zuckerhülle  umgebenen  Mandeln,,  Nußkernen, ­
  Anis-,  Fenchel-,  Koriander-  oder  Kümmelsamen. ­
  Größe  und  Form  sowie  Art  der  übrigen
Zutaten  (ätherische  Öle,  Gewürze,  Fruchtsäfte,
Farbstoffe)  sind  sehr  mannigfaltig.
Drogen  (Droguen,  Dog  eriewaren,  frz.  Drogues,
  engl.  Drugs).  Unter  dem  Namen  D.,  der
von  dem  holländischen  ,,droog“  (engl,  dry,  plattdeutsch ­
  drög,  d.h.  dürr)  abstammen  soll  und  nach
Pöschl  trocken  erscheinende  Waren  aus  demTierund
  Pflanzenreiche  bezeichnet,  faßt  man  j.tzt  alle
diejenigen  Naturprodukte  zusammen,  welche  zu
medizinischen  und  technischen  Zwecken  benutzt
werden  und  Handelsartikel  der  Apotheker  und  Drogisten ­
  bilden.  ImLaufe  derZeit  hat  sich  derBegriff
des  Wortes  D.  erweitert,  so  daß  man  jetzt  nicht
nur  Rohprodukte  dazu  rechnet,  sondern  auch  Zu
Bereitungen  und  Stoffe,  die  zu  anderen  als  medizinischen ­
  Zwecken  dienen.  Die  Händler  mit  D.

führen  in  der  Regel  zugleich  auch  Chemikalien ­
  (s.  d.).  Als  Drogen  im  engeren  Sinne  gelten
namentlich  Teile  von  Pflanzen  und  Rohstoffe  des
Pflanzenreichs,  welche  teils  von  wildwachsend.n,
teils  von  zu  diesem  Zwecke  angebauten  Pflanzen
gesammeltwerden.  DieEinsammlung  muß  zu  einer
Zeit  stattfinden,  zu  welcher  die  letzteren  am  reichsten ­
  an  wirksamen  Bestandteilen  sind,  und  welche
für  die  einzelnen  Pflanzen  verschieden  sind.  Im
allgemeinen  läßt  sich  jedoch  sagen,  daß  Kräuter
kurz  vor  oder  während  der  Blüte,  Blüten  bei  der
Entfaltung,  Früchte  und  Samen  im  völlig  ausgereiften ­
  Zustande,  Wurzeln  während  der  Vegetationsruhe, ­
  Rinden  am  Schlüsse  oder  vor  Beginn
derselben  den  größten  Gehalt  an  wirksamen  Bestandteilen ­
  besitzen.  Von  diesen  Regeln  gibt  es
aber  Ausnahmen.  So  sind  z.  B.  die  Lavendelblüten ­
  und  die  Blüten  des  Gewürznelkenbaumes
im  unaufgeblühten  Zustande  aromatischer  als
im  aufgeblühten,  die  unreifen  Pomeranzenfrüchte
enthalten  mehr  Bitterstoff  als  die  reifen,  die
Schierlingssamen  sind  vor  der  Reife  am  a'kaioid
reichsten.  Auch  das  Alter  der  Pflanzen,  die
Bodenbeschaffenheit  und  das  Klima  sind  von  Einfluß ­
  auf  die  Menge  der  wirksamen  Bestandteile.
So  ist  z.  B.  die  Wurzel  von  Taraxacum  auf  dürftigem ­
  Boden  viel  bitterer  als  auf  fettem,  aromatische ­
  Kräuter  entwickeln  sich  auf  sonnigen  Bergabhängen ­
  viel  duftiger  als  im  Talgrunde,  und
der  aus  seiner  asiatischen  Heimat  nach  Europa
verpflanzte  Hanf  verliert  hier  seine  narkotischen
Eigenschaften  fast  ganz.  Einen  sehr  bedeutenden
Einfluß  übt  auf  manche  Pflanzen  die  Kultur  aus.
So  ist  bekannt,  daß  die  Zichorienwurzel  bei  der
Kultur  ihre  Bitterkeit  verliert,  daß  im  Garten
gezogenes  Aconitum  nur  noch  sehr  schwach
giftig  wirkt,  und  daß  im  Gegenteil  die  Chinabäume ­
  durch  die  Kultur  viel  alkaloidreichere
Rinden  liefern  als  die  wildwachsenden.  Alle  diese
Verhältnisse  sind,  soweit  es  möglich  war,  bei  Besprechung ­
  der  einzelnen  D.  berücksichtigt  worden. ­
  Der  Großhandel  mit  D.  und  Chemikalien
ist  keinen  Beschränkungen  unterworfen,  dagegen
ist  der  Kleinhandel  mit  diesen  Waren  insofern
beschränkt,  als  einige  derselben  von  den  Drogisten ­
  als  Arzneimittel  nicht  verkauft  werden
dürfen,  und  in  den  Apotheken  auch  nur  nach
ärztlicher  Verordnung.  Andere  D.  können  zwar
von  den  Apothekern  auch  ohne  ärztliche  Verordnung ­
  verkauft  werden,  nicht  aber  von  den
Drogisten.  Handelt  es  sich  um  die  Verwendung
von  giftigen  Drogen,  Chemikalien  und  Zubereitungen ­
  zu  einem  erlaubten  gewerblichen,  wirtschaftlichen, ­
  wissenschaftlichen  oderkünstlerischen
Zwecke,  dann  sind  die  von  den  Behörden  zugelassenen ­
  Gifthandlungen  zum  Verkaufe  berechtigt. ­
  Diese  Genehmigung  zum  Gifthandel  wird
auch  Drogisten  erteilt,  die  Apotheker  brauchen
sie  nicht,  müssen  aber  bei  der  Abgabe  solcher
Artikel  im  Handverkaufe  die  gleichen  Vorschriften ­
  beobachten.  Den  Drogisten  ist  gestattet,
eine  Anzahl  Arzneimittel  auch  als  „Heilmittel“
an  das  Publikum  abzugeben.  Siehe  die  als  Anhang ­
  abgedruckte  „Verordnung  betreffend
den  Verkehr  mit  Arzneimitteln“.  Alle  übrigen ­
  zusammengesetzten  und  gemischten  Arzneimittel ­
  dürfen  als  „Heilmittel“  von  Drogisten  und
Kaufleuten  im  Kleinhandel  an  das  Publikum
nicht  abgegeben  werden.  Auch  die  in  dem  Ver ­
        <pb n="96" />
        Drops

91

Dynamit

zeichnis  B  der  Verordnung  vom  22.  X.  1901
aufgeführten  Drogen,  Chemikalien  und  Zubereitungen ­
  dürfen  außerhalb  der  Apotheken  nicht
feilgehalten  und  verkauft  werden.  Da  die  Verordnung ­
  den  Verkehr  mit  „Arzneimitteln"
regelt,  ist  bei  einzelnen  Artikeln,  die  kosmetische
oder  technische  Verwendung  finden  oder  Des-,
infektionsmittel  sind,  beim  Verkaufe  und  der
Signierung  darauf  zu  achten;  z.  B.  Chinarinde,
zur  Herstellung  des  China-Kopfwassers,  Eau  de
Quinine,  Chloroform  zum  Auflösen  von  Kautschuk,
um  Fahrradreifen  usw.  zu  kitten,  Zinkchlorid  zur
Herstellung  des  säurefreien  Lötwassers  usw.
Drops  (Tropfen),  zuerst  in  England  hergestellte ­
  rundliche  Bonbons  oder  Plätzchen,  mit
säuerlichen  Fruchtsäften  oder  künstlichen  Fruchtathern
  gefüllt  (Fruchtbonbons).
Duboisinsulfat  (lat.  Duboisinum  sulfuricum,
frz.  Sulfate  de  duboisine,  engl.  Sulfate  of  duboisine),
  wird  aus  den  Blättern  der  in  Australien
heimischen  strauchartigen  Solanazee,  Duboi-,sia
  myoporoides,  hergestellt.  Es  besteht  je
nach  der  Art  der  benutzten  Blätter  aus  Hyoszyamin- ­
  oder  Skopolaminsulfat  und  enthält
außerdem  bisweilen  Pseudohyoszyamin  und
Hyoszin.  D,  findet  beschränkte  medizinische
Anwendung.
Düngemittel  (frz,  Engrais,  engl.  Manures)
nennt  man  im  weiteren  Sinne  alle  Stoffe,  weiche,
dem  Boden  einverleibt,  das  Wachstum  der  Pflanzen ­
  zu  fördern  vermögen.  Gegenstand  des  Handels ­
  auf  größere  Entfernung  hin  bilden  jedoch
in  der  Regel  nur  die  Fabrikate  oder  durch  besondere ­
  Behandlung  versandfähig  gemachte
Naturprodukte,  die  sog.  Kunstdünger  (frz.
Engrais  artificiels,  engl.  Artificial  manures),  während ­
  der  Stalldünger  und  städtische  Abfallstoffc
(Kloakeninhalt,  Schlachthausabfälle)  die  Kosten
■eines  weiteren,  Transportes  nicht  vertragen,  sondern ­
  in  der  nächsten  Umgebung  verbraucht  werden. ­
  Nach  ihrem  Gehalt  an  Pflanzennährstoffen
unterscheidet  man:  Phosphorsäurehaltige  D.:
Knochenasche,  Thomasmehl,  Superphosphate.
Stickstoffhaltige  D.:  Chilesalpeter,  Ammoniumsalze. ­
  Gemischte  Phosphorsäure-  und
Stickstoff-D.:  Ammoniaksuperphosphat,  Guano,
Knochenmehl,Tierkörpermeh),  Fischdünger  (Fischguario).
  Kalihaltige  D.;  Abraumsalze,  Holzasche. ­
  Kalkhaltige  D.:  Kalk,  Gips.  Mergel.
Gemischte  Kalk  -  Stickstoff  -  D.;  Kalziumzyunamid
  (Kalkstickstoff).  Alle  D.  werden  unter
Garantie  eines  bestimmten  Gehaltes  an  Phos-Phorsäure,
  Kali  oder  Stickstoff  verkauft,  und  es
empfiehlt  sich  stets  für  den  Käufer,  sich  durch
chemische  Analyse  von  der  vertragsmäßigen
Lieferung  zu  überzeugen.  Vgl.  die  Spezialartikel.

Düngesalz.  Mit  diesem  Namen  belegt  man
sowohl  das  zum  Düngen  bestimmte  Kochsalz
oder  gemahlene  Steinsalz,  als  auch  kochsalzhaltige ­
  Abfälle  der  Salinen.  Es  sei  jedoch  be
merkt,  daß  Kochsalz  kein  direktes  Pflanzennährmittel ­
  ist,  sondern  nur  indirekt  durch  chemischeund
  physikalische  Beeinflussung  des  Bodens  wirkt.
Einen  direkten  Düngewert,  der  bei  der  Preis
bestimmung  ausschlaggebend  ist,  besitzen  nur
diejenigen  Salinenabfälle,  die  kleine  Mengen  von
Kali  enthalten.
Dulzin  (Sukrol),  ein  künstlicher  Süßstoff,  der
200mal  so  süß  als  Rohrzucker  ist,  in  chemischer
Hinsicht  Paraphenetolkarbamid,  wird  durch  Umwandlung ­
  des  zyansauren  Paraamidophenetols
oder  durch  Einwirkung  von  Kohlenoxychlorid
auf  Paraphenetidin  und  nachfolgende  Behandlung
mit  Ammoniak  fabrikmäßig  dargestellt  als  ein
weißes,  in  Wasser  leicht  lösliches  Kristallpulver
vom  Schmelzpunkt  173 0 .  Es  wird  als  Süßstoff  für
Diabetiker  benutzt,  unterliegt  aber  denselben  Beschränkungen ­
  wie  Saccharin  (s.  d.),  insbesondere
ist  die  Einfuhr  verboten.
Duratol,  ein  photographischer  Entwickler,  der
meist  neben  Hydrochinon  angewandt  wird,  besteht ­
  aus  Benzylparaamidophenolbromhydrat.
Dynamit  (frz.  und  engl.  Dynamite),  der  bekannteste ­
  und  wichtigste  Sprengstoff  für  Bergund
  Eisenbahnbau,  besteht  aus  einer  Mischung
von  Nitroglyzerin  (s.  d.)  mit  Infusorienerde  (Kiesel
gur)  im  Verhältnis  von  75:23  —  24,5,  der  meist
noch  etwas  Soda  hinzugesetzt  wird,  um  das  Auftreten ­
  freiör  Säure  zu  verhindern.  Die  formbare
Masse  wird  in  Hülsen  aus  Pergamentpapier  ein
gedrückt  und  dann  als  Dynamitpatronen  in
den  Handel  gebracht.  An  Steile  der  Kieselerde
werden  neuerdings  auch  andere  indifferente  Mittel, ­
  wie  Sägespäne,  Zellulose,  zum  Aufsaugen  des
Nitroglyzerins  benutzt,  und  die  Gemische  zur  Milderung ­
  der  Wirkung  mit  verschiedenen  Stoffen,
wie  Schwarzpulver,  Salpeter,  Kaliumchlorat,
Schwefel,  versetzt.  Von  den  häufiger  angewandten ­
  Sprengmitteln  dieser  Gruppe  seien  angeführt:
Lithof  racteur,  Dualin,  Karbodynamit,
Karbonit,  Vigorit.  Das  D.  hat  bei  außerordentlicher ­
  Sprengkraft  vor  vielen  anderen  Mitteln ­
  den  Vorzug,  daß  es  verhältnismäßig  gefahrlos ­
  zu  handhaben  ist  und  im  Gegensatz  zu  Nitroglyzerin ­
  nicht  durch  Stoß  allein  oder  durch
Verbrennen,  sondern  nur  durch  plötzliche  Entzündung ­
  in  geschlossener  Patrone  explodiert.
Trotzdem  ist  die  Aufbewahrung  und  der
Transport  zur  Vermeidung  unvorhergesehener
Unglücksfällc  besonderen  Sicherheitsmaßregeln
unterworfen.
        <pb n="97" />
        Eau  de  Cologne  92  Echtblau
E.

Eau  de  Cologne  (Kölnisches  Wasser),  ein
sehr  gebräuchliches  und  beliebtes  Parfüm,  welches
von  dem  Hause  oder  vielmehr  von  den  vielen
Häusern  Farina  in  Köln  meist  unter  der  Firma
„Johann  Maria  Farina“  als  „echt“  in  den  Handel
gebracht  wird,  besteht  aus  einer  Auflösung  verschiedener ­
  ätherischer  Öle,  besonders  von  Pomeranzen, ­
  Bergamotten,  Zitronen,  Limetten,  Neroli,
Rosmarin  und  Lavendel  in  feinstem  Sprit.  Neben
der  Beschaffenheit  der  benutzten  Öle  ist  auch  das
geheim  gehaltene  Mischungsverhältnis  von  Einfluß ­
  auf  die  Güte  des  Erzeugnisses,  doch  finden
sich  zahlreiche  Nachahmungen  im  Handel,  die
dem  echten  Kölnischen  Wasser  nahekommen.
Eau  de  Javelle  (Javellesche  Lauge),  eine
wäßrige  Lösung  von  unterchlorigsaurem  Kalium,
Kaliumhypochlorit,  KCIO,  und  Chlorkalium,
wird  gewöhnlich  durch  Vermischen  von  Chlorkalklösung ­
  mit  einer  Lösung  von  Pottasche  und
Abfiltrieren  des  Niederschlages  dargestellt.  Zurzeit ­
  kommt  unter  diesem  Namen  vielfach  auch
die  durch  Elektrolyse  von  Kochsalz  gewonnene
Natriumverbindung  in  den  Handel,  welche  ursprünglich ­
  als  Eau  de  Jmbarraque  oder
Liquor  Natrü  hypochtorosi  (Chlorsoda)
bezeichnet  wurde.  Beide  finden  Anwendung  in
der  chemischen  Bleicherei  und  zum  Entfernen
von  Tintenflecken.
Eau  de  Quinine,  Bezeichnung  für  verschiedene
Haarwässer,  welche  meist  aus  aromatisiertem
Spiritus  mit  Zusatz  schäumender  Mittel  (Seifenspiritus, ­
  Saponin),  Chinatinktur  und  Perubalsam,
oft  auch  ohne  die  letzteren  beiden  Stoffe  hergestellt ­
  werden.
Ebenholz  (frz.  Bois  d’ebhne,  engl.  Ebony).
Unter  diesem  Namen  kommt  eine  größere  Anzahl ­
  fremder  dunkelfarbiger  Holzarten  im  Handel
vor,  doch  versteht  man  darunter  gewöhnlich  ein
dichtes,  schweres  und  schwer  zu  bearbeitendes,
in  Wasser  untersinkendes  Holz  von  schwarzer
Farbe,  das  als  ein  geschätztes  Material  für  die
Kunsttischlerei,  zu  Drechslerwaren,  Blasinstrumenten, ­
  Klaviertasten  usw.  gilt  und  von  verschiedenen ­
  Bäumen  Indiens,  der  ostindischen  Inseln
und  Afrikas  gewonnen  wird.  Das  von  Zeylon  und
Madagaskar  eingeführte  schwärzeste  Holz  stammt
von  Diospyrus  Ebenaster,  das  von  Bombay
und  Sumatra  liefert  D.  Melanoxylon,  das  von
der  afrikanischen  Westküste  D.  Ebenum.  Das
nicht  sehr  starke  Holz  besteht  nur  aus  dem'
Kern  des  Stammes,  während  der  weißliche  und
weiße  Splint  vorher  abgeschlagen  wird  und  nur
zuweilen  noch  in  kleinen  Resten  anhängt.  Es
gibt  jedoch  eine  schwarz  und  weiß  gestreifte  oder
marmorierte  Sorte  aus  Ostindien  und  der  Insel
Bourbon  von  D.  montana,  an  welcher  auch
der  Splint  hart  und  brauchbar  ist.  Ein  bräunlichgrünes ­
  Holz,  welches  so  fest  wie  das  schwarze
ist  und  vielfach  zu  eingelegten  Arbeiten  gebraucht
wird,  kommt  aus  Ostindien  von  Aspalathus
Ebenus.  Was  sonst  als  rotes,  grünes,  braunes,
blaues  und  gelbes  E.  aufgeführt  wird,  hat  wenig
Bedeutung.
Ebereschenbeeren  (Vogelbeeren,  lat,  Fructus
  sorbi,  frz.  Fruits  de  sorbier  domestique,  engl.

Sorbe  berries)  sind  die  im  Herbste  reifenden
Früchte  der  Eberesche,  eines  in  Europa  und
Nordasien  überall  heimischen  Baumes  mit  gefiederten ­
  Blättern.  Die  in  Doldenrispen  stehenden, ­
  erbsengroßen  und  scharlachroten  Früchte
dienen  im  frischen  Zustande  zur  Herstellung  des
Ebereschensaftes,  Ebereschenmuses  (lat.
Succus  seu  Roob  Sorborum,  frz.  Suc  de  Fruits  de
sorbier  domestique,  engl.  Rob  of  Sorbe  berries),
der  in  der  Volksmedizin  verwandt  wird.  Getrocknet ­
  werden  die  Früchte  als  Vogelfutter
benutzt.
Eberraute  (Stabkraut,  lat.  Herba  abrotani,
frz.  Feuilles  d’aurore  male,  engl.  Abrotane  leaves),
eine  im  Süden  Europas  heimische,  bei  uns  oft
in  Gärten  anzutreffende  Beifußart,  Artemisia
Abrotanum,  von  durchdringend  aromatischem
Geruch  und  brennend  bitterem  aromatischem  Geschmack, ­
  enthält  ätherisches  Öl,  Harz  und  Gerbstoff. ­
  Die  Blätter  sind  haarförmig,  gefiedert  und
weißlichgrün,  die  Blüten  klein  und  gelb.  Die
belaubten  Zweige  und  blühenden  Spitzen  werden
medizinisch  als  magenstärkende  Mittel  verwandt.
Eberwurzel  (Eberdistel,  lat.  Radix  carlinae,
frz.  Racine  de  carline,  engl.  Carline  root),  die
etwa  2  cm  lange,  bis  3  cm  dicke,  oben  einfache,
unten  ästige  Wurzel  von  Carlina  acauiis,
einem  ausdauernden,  besonders  auf  kahlen
Kalkbergen  wachsenden,  auffallenden  Gewächs
aus  der  Familie  der  Korbblütler,  das  einen
flach  am  Boden  liegenden  Kranz  zerschlitzter
stachliger  Blätter  und  eine  einzige  ohne  Stengel
aufsitzende  große  Blume  mit  blauvioletten  Einzelblütchen ­
  hat.  Die  Blütendecke  bildet  einen
weißen  vielstrahligen  Stern.  Die  getrocknete
Wurzel  ist  tief  gerunzelt,  außen  dunkelbraun,
innen  heller,  die  Rinde  "zeigt  auf  dem  Durchschnitt ­
  große,  braunrote  Harzbehälter.  Der  Geruch ­
  ist  unangenehm  aromatisch,  der  Geschmack
harzig,  scharf  und  bitter.  Die  E.  enthält  ätherisches ­
  Öl  und  Harz  und  ist  als  tierärztliches
Mitte!  offizinell.  Verwechslungen  mit  der  Wurzel
von  Carlina  vulgaris  sind  leicht  zu  erkennen,
da  letztere  fast  geruchlos  ist.
Ebonit  (Hartgummi,  hornisierter  Kautschuk) ­
  ist  der  auf  Ebenholz  (engl.  Ebony)  anspielende ­
  Fabrikname  schwarzer  oder  schwarzbrauner,
  glänzender,  etwas  elastischer  Massen,
die  sich  auf  heißem  Wege  zu  vielerlei  Gebrauchsgegenständen, ­
  namentlich  solchen,  die  man  sonst
aus  Horn  herzustellen  pflegt,  formen  lassen.  Die
Grundmasse  bildet  vulkanisierter  gehärteter  Kautschuk, ­
  dem  verschiedene  Füllmittel  (Bleiweiß,
Kreide,  Zinkweiß,  Ton,  Kienruß)  einverleibt  werden. ­
  E.  dient  zur  Herstellung  von  Kamm-waren,
Knöpfen,  elektrischen  Isolatoren,  Schmuckgegenständen ­
  (künstlichem  Jetschmuck).
Echtblau.  Diesen  Namen  führen  mehrere  in
der  Färberei  viel  gebrauchte  blaue  Teerfarbstoffe.
1.  Echtblau  R  spritlöslich,  das  nach  drei  verschiedenen ­
  Methoden  erhalten  werden  kann:
durch  Erhitzen  von  Nitrobenzol  mit  salzsaurem
Anilin,  freiem  Anilin  und  Eisen  oder  Kupfer  auf
180 0 ,  ferner  durch  Erhitzen  von  Amidoazobenzol
mit  salzsaurem  Anilin  und  endlich  durch  Erhitzen
        <pb n="98" />
        Echtbraun

93

Edelsteine

von  Nitrophenol  mit  salzsaurem  Anilin  und
freiem  Anilin.  Die  auf  die  eine  oder  andere
Weise  erhaltenen  Farbstoffe  kommen  unter  den
Namen:  Druckblau,  Azetinblau,  Azodiphenylblau,
  Indigen  D,  F,  Indulin  spritlöslich ­
  und  Nigrosin  spritlöslich  in  den
Handel.'  Da  sie  in  Wasser  unlöslich  sind,  werden
sie  nicht  zum  Färben,  sondern  nur  in  der  Zeugdruckerei ­
  sowie  (mit  Chrysoidin  usw.)  gemischt
zur  Herstellung  schwarzer  Spritlacke  und  Firnisse
benutzt.  Durch  Behandlung  mit  konzentrierter
Schwefelsäure  gehen  diese  spritlöslichen,  in  Wasser ­
  aber  unlöslichen  blauen  Farbstoffe  (Induline)
in  wasserlösliche  Farben  über  (Sulfosäuren),  deren
Natronsalze  sich  dann  unter  den  Namen  Echtblau ­
  R,  Echtblau  B,  Nigrosin  wasserlöslich,
Indulin  3  B,  Indulin  6B  im  Handel  finden.
Sie  lösen  sich  je  nach  Art  ihrer  Darstellung  in
Wasser  mit  blauer,  blauvioletter  oder  grünlichblauer ­
  Farbe  und  dienen  zum  Färben  von  Wolle.
2.  Ein  Farbstoff  von  anderer  Zusammensetzung
kommt  jrnter  dem  Namen  Echtblau  für  Baumwolle ­
  (Meldolas  Blau,  Neublau,  Naphtylenblau,,
  Naphtolviolett,  Baumwollblau)
in  zwei  Arten  R  und  2  B,  welche  zur  Indigblaufärbung
  mit  Tannin  und  Brechweinstein  gebeizter
Baumwolle  dienen,  in  den  Handel.  Sie  werden
durch  Einwirkung  von  salzsaurem  Nitrosodimethylanilin
  auf  Betanaphtol  erhalten  und  bestehen  daher
aus  dem  Chlorid  des  Dimethylphenylammoniumbetanaphtoxazins.
  Diese  Farben  sind  dunkelviolette, ­
  bronzeglänzende  Pulver  (s.  Oxazinfarben).
3.  Auch  ein  Gemisch  von  Methylviolett  mit  Malachitgrün ­
  oder  Methylenblau  wird  als  Echtblau
oder  Indigoblau  bezeichnet.
Echtbraun,  mehrere  zur  Gruppe  der  Azofarben
gehörige  Teerfarbstoffe,  dunkelbraune,  in  Wasser
lösliche  Pulver,  deren  Lösung  mit  Salzsäure
entweder  einen  braunen  oder  einen  violetten
Niederschlag  gibt,  färben  Wolle  im  sauren
Bade  braun  bis  braunrot.  —  Echtbraun  3B  ist
das  Natronsalz  des  Betanaphtylaminsulfosäureazoalphanaphtols,
  also  dem  Doppelbrillantscharlach
G  nahe  verwandt.
Echtgelb,  verschiedene  gelbe  Azofarbstoffe,
die  durch  Einwirkung  von  rauchender  Schwefelsäure ­
  auf  salzsaures  Amidoazobenzol  oder  auf
salzsaures  Amidoazotoluol  und  Sättigen  mit  Soda
dargestellt  werden.  Echtgelb  G  (SäuregelbG,
Solidgelb,  Echtgelb  extra,  Jaune  acide)
ls t  ein  gelbes,  in  Wasser  lösliches  Pulver  und
besteht  aus  einem  Gemenge  von  Amidoazobenzol-5jono-
  und  Amidoazobenzoldisulfosaurem  Natron.
Echtgelb  R  (Gelb  W),  das  Natronsalz  der
Arnidoazobenzoltoluoldisulfosäure,  ist  ein  braun-Selbes,
  in  Wasser  mit  gelber  Farbe  lösliches  Pul-Ver
 ,  dessen  Lösung  durch  Zusatz  von  Salzsäure
fuchsinrot  wird  und  Wolle  in  saurem  Bade  rötlichgelb
  färbt.
,  Echtgrün,  ein  Triphenylmethanfarbstoff,  der
£  Form  eines  dunkeiblaugrünen,  wasserlöslichen
■Kristallpulvers'  in  den  Handel  kommt  und  als
das  Natriumsalz  der  Tetramethyldibenzylpseudor
 psanilinsulfosäure  anzusprechen  ist.  Die  wäßdge
  Lösung  färbt  Wolle  im  sauren  Bade  grün
Pod  wird  auf  Zusatz  von  Salzsäure  gelb.  —
Häufig  wird  auch  Malachitgrün  E.  genannt.
Echtrot.  Diesen  Namen  führen  verschiedene,
2Ur  Gruppe  der  Azofarben  gehörige  Teerfarbstoffe, ­

  welche  durch  die  beigefügten  Buchstaben
A,  B,  C,  D  und  E  unterschieden  werden.  EchtrotA
  oder  Rokzellin  entsteht  aus  diazotierter
Naphtionsäure  und  ß-Naphtol  als  ein  braunrotes
Pulver,  das  sich  in  konzentrierter  Schwefelsäure
mit  blauer  Farbe  löst.  Die  heiß  bereitete  wäßrige ­
  Lösung  scheidet  auf  Zusatz  von  Salzsäure  die
freie  Sulfosäure  in  braunen  Nadeln  ab.  Echtrot ­
  B  oder  Bordeaux  B  aus  diazotiertem  o-Napbtylamin
  mit  ß-Naphtoldisulfosäure  (s.  Bordeaux). ­
  Echtrot  C  ist  Azorubin  (s.  d.).  Echtrot
  D  (Amaranth,  Bordeaux  S)  aus  diazotierter ­
  Naphtionsäure  und  ß-Naphtoldisulfosäure.,
Echtrot  E  aus  diazotierter  Naphtionsäure  und
ßß  Naphtolsulfosäure.  Alle  diese  Farbstoffe  sind
in  Wasser  lösliche,  braunrote  bis  braune  Pulver,
die  Wolle  in  saurem  Bade  rot  färben.
Eckerdoppen  (Ackerdoppen,  Valonen),  die
auf  der  Krim  und  den  Jonischen  Inseln  vorkommenden ­
  Fruchtbecher  von  Quercus  Valonea,
enthalten  30—40  °/o  Gerbstoff  und  werden  in  der
Technik  verwandt.
Edelsteine  (frz.  Pierreries,  engl.  Precious  stones).
Die  E.,  deren  einzelne  Vertreter  unter  ihren
besonderen  Namen  beschrieben  werden,  sind
Mineralien,  die  sich  durch  ihren  Glanz,  ihre
Härte,  Unveränderlichkeit,  Kristallform,  schöne
Farbe  oder  auch  Farblosigkeit  und  meistens  auch
Durchsichtigkeit  auszeichnen.  Je  ausgeprägter
sich  einzelne  dieser  Eigenschaften  an  einem  Stein
finden,  desto  höher  steht  er  im  Werte.  Die  bedeutenden ­
  Unterschiede  in  der  Wertberechnung
.  haben  von  jeher  zwei  Klassen  annehmen  lassen,
wirkliche  Edelsteine  (Juwelen)  und  Halbedelsteine. ­
  Bei  den  ersten  finden  sich  die
höchsten  Härtegrade.  Sie  sind  fast  immer  klein
und  selten,  was  natürlich  zur  Wertsteigerung
beiträgt.  Die  Halbedelsteine  sind  meist  weniger
hart,  öfter  nur  durchscheinend,  weniger  selten
und  kommen  vielfach  in  größeren  Stücken  vor.
Edelsteine  ersten  Ranges  sind;  Diamant,
Rubin,  Saphir,  Chrysoberyll,  Spinell  und  Smaragd; ­
  zweiten  Ranges:  Zirkon,  Beryll,  Topas,
Turmalin,  Granat  (Pyrop),  edler  Opal.  Eine
Übergangsklasse  zu  den  Halbedelsteinen  bilden
Cordierit  (Dichroit),  Vesuvian,  Chrysolith,  Axinit,
Zyanit,  Staurolith,  Andalusit,  Pistazit,  Türkis.  Die
Halbedelsteine  bestehen  zu  einem  großen  Teil
aus  Kieselsäure  mit  mehr  oder  weniger  fremden
Beimengungen.  Hierher  gehören:  Bergkristall,
Amethyst,  Prasem,  Avanturin,  Katzenauge,  Rosenquarz, ­
  Chalzedon,  Achat  mit  Onyx,  Karneol,  Pias
ma,  Heliotrop,  Jaspis,  Chrysopras  und  die  Abarten ­
  des  Opals.  Von  kieselsauren  Salzen  kommen ­
  als  Halbedelsteine  in  Frage:  edler  Feldspat
(Adular),  Malachit,  Obsidian,  Lasurstein  und  einige
andere  Mineralien  von  geringerer  Bedeutung.  —
Alle  Schmucksteine  werden  geschliffen  und  poliert,
wodurch  ihr  Wert  gesteigert  oder  eigentlich  erst
bedingt  wird.  Das  Schleifen  geschieht  im  all
gemeinen  in  der  beim  Diamant  angegebenen
Weise,  doch  fällt  das  bei  diesem  übliche  Spalten
fort,  weil  alle  übrigen  weniger  harten  E.  sich
ohne  viel  Mühe  auf  der  Schleifscheibe  mittels
Diamantstaubs  und  zum  Teil  selbst  mit  Schmirgel
in  die  gewünschte  Form  bringen  lassen..  Die  sehr
rasch  umlaufende,  horizontal  liegende  Schleifscheibe ­
  besteht  für  Diamanten  aus  Eisen  oder  ungehärtetem ­
  Stahl,  für  die  übrigen  aus  Kupfer
        <pb n="99" />
        Edinol

94

Eier

oder  Blei.  Nahe  am  Rande  wird  das  mit  Öi  gemischte ­
  Schleifmittel  aufgestrichen  und  der  in
einen  Halter  gefaßte  Stein  unter  dem  entsprechenden ­
  Winkel  aufgedrückt.  Der  Schliff  ist  meistens
facettiert  wie  bei  den  Brillanten.  Für  gewisse
Steine  jedoch,  die  einen  eigentümlichen  Lichtschimmer ­
  haben,  wie  der  Opal,  oder  für  solche,
die  undurchsichtig  sind,  wie  Türkis,  wendet  man
den  muscheligen  Schnitt  (en  cabochon)  an,  bei
•Welchem  die  Oberfläche  des  Steines  nur  eine
runde  Wölbung  bekommt.  Das  Gewicht  der  E.
wird  nach  dem  internationalen  Karat  =  0,2055  g
bestimmt.  Neben  den  echten  E,  finden  sich  vielfache ­
  Nachahmungen  im  Handel,  die  meist
nichts  anderes  sind  als  farbige  Gläser,  deren
Basis  ein  Glassatz  von  sehr  reinen  Materialien,
Quarz  oder  Bergkristall  mit  Soda  oder  Natron
unter  Zusatz  von  Borax,  Mennige  und  Bleioxyd  ist.
Im  ungefärbten  Zustande  bildet  solches  Glas  den
Straß  (nach  dem  Erfinder,  der  Similidiamanten,
dem  österreichischen  Journalisten  Strasse  r  be
nannt),  das  Material  ( zur  Darstellung  künstlicher
Brillanten.  Die  Färbung  erzeugt  man  durch
kleine  Mengen  von  Metalloxyden,  z.  B.  Rubine
durch  Zusatz  eines  Goldpräparates  oder  von
Kupferoxydul.  Kupferoxyd  gibt  grüne  oder  blaue
Flüsse,  Chromoxyd  färbt  grün,  Kobalt  blau,  Uran
gelb,  Nickel  rötlichbraün,  Manganerz,  Eisenoxyd,
Chlorsilber  liefern  andere  Färbungen.  Das  beste
Mittel  zur  Erkennung  der  Kunstprodukte  beruht
auf  ihrer  geringen  Härte,  welche  oft  schon  mit
Hilfe  einer  guten  Feile  nachgewiesen  werden
kann.  Die  E.  haben  fast  alle  einen  Härtegrad
über  6,  Diamanten  einen  solchen  von  10,  Korund
(Saphir  und  Rubin)  9,  Topas  8,  Quarz  7,  Feldspat ­
  6.  Bei  vielen  E.  dient  die  Doppelbrechung
als  Erkennungsmittel,  und  bei  anderen,  welche
je  nach  der  Lage  eine  verschiedene  Farbe  zeigen
(Dichroismus),  benutzt  man  die  dichroskopische
  Lupe  zur  Feststellung  der  Echtheit.  Ein
weiteres  Merkmal  bietet  die  Ermittlung  des  spez.
Gewichts,  die  entweder  mit  Hilfe  des  Pyknometers ­
  oder  der  aräometrischen  Wage  ausgeführt
wird.  Sog.  Doubletten,  welche  nur  im  oberen
Teile  aus  E.  bestehen,  während  der  untere,  aus
Glas  oder  Bergkristall  bestehende,  angekittet
ist,  erkennt  man  durch  längeres  Einlegen  in
heißes  Wasser,  worauf  der  Kitt  erweicht  und  die
beiden  Hälften  auseinanderfallen.  —  Die  zahlreichen ­
  Versuche,  echte  Edelsteine  auf  chemischem ­
  Wege  herzustellen,  haben  in  neuerer  Zeit
beim  Saphyr,  Smaragd  und  Rubin  (Rubis  reconstituö)
  zu  schönen  Erfolgen  geführt.  Hingegen ­
  hat  man  künstliche  Diamanten  nur  in
mikroskopisch  kleinen  Splittern  erhalten.
Edinol,  Handelsname  für  das  als  photographischer ­
  Entwickler  benutzte  Amidosaligenin  (Amidooxybenzylalkohol).

Ehrenpreis  (Grundheil,  lat.  Herba  veronicae,
frz.  Veronique,  engl.  Veronica),  eine  in  trockenen
Wäldern  und  auf  Wiesen  vorkommende  ausdauernde ­
  Pflanze,  Veronica  officinalis,  aus
der  Familie  der  Rachenblütlergewächse,  mit
zottigen,  kriechenden,  mit  den  Spitzen  fast  fußhoch ­
  aufsteigenden  Stengeln,  kurz  gestielten,
entgegengesetz.en  Blättern  und  kleinem  hellblauen
Blüten  in  vielblütigen.  Ähren.  Das  bitterlich  herb
und  etwas  balsamisch  schmeckende  Kraut  wird
im  Sommer  mit  den  Blüten  gesammelt.  Aufgüsse

davon  werden  innerlich  als  Brusttee  gebraucht,
das  frische  Kraut  dient  zur  Bereitung  von  Kräutersäften. ­

Eibenbaumblätter  (Taxusblätter,  lat.  Folia
taxi  baccati,  frz.  Feuilles  d'if,  engl.  Yew  leaves),
die  getrockneten  Blätter  oder  einjährigen  Zweigspitzen ­
  (Summitates)  des  Eibenbaums  oder
Taxus  (T.  baccata),  eines  in  Gärten  und  Parksoft
  vorkommenden  Baumes,  finden  beschränkte
offizineile  Verwendung  zu  Bädern  und  Umschlägen. ­
  Sie  sind  giftig  und  enthalten  einen  bitteren
basischen  Stoff,  das  Taxin.  Das  harte,  rote,  sehr
dichte  und  politurfähige  Holz  wird  von  Tischlern
und  Drechslern  benutzt.
Eicheln  (lat.  Glandes  quercus,  frz.Glands,  engl.
Acorns),  die  ausgehülsten,  getrockneten  Früchte
unserer  Eichen,  enthalten  reichliche  Mengen
Stärke,  die  beim  Rösten  zum  Teil  in  Dextrin
verwandelt  wird,  ferner  Gerbstoff,  bittere  Substanzen, ­
  Zucker,  stickstoffreine  Extraktstoffe  und
etwas  fettes  Öl,  wozu  noch  die  beim  Rösten  entstandenen ­
  brenzlichen  Stoffe  hinzukommen.  Sie
bilden  sowohl  roh,  als  auch  schwach  geröstet,
ganz  und  gepulvert,  einen  Handelsartikel  zur
Fiersteilung  des  sog.  Eichelkaffees  (lat.  Glandes ­
  quercus  tostae  pulveratae,  frz.  Caf£  de  gland,
engl.  Roasted  acorn  seed),  der  als  Kaffee-Ersatz,
bei  schwächlichen  skrofulösen  Kindern,  namentlich ­
  wenn  sie  an  Diarrhöen  leiden,  auch  als  Nahrungsmittel ­
  benutzt  wird.  Ein  Gemisch  von
Eichelmehl  mit  Kakao  kommt  als  Eichelkakao
in  den  Handel.
Eichenholz  (frz.  Bois  de  chtine,  engl.  Wood  of
oak),  unter  den  einheimischen  Hölzern  das  wichtigste ­
  Nutzholz,  stammt  von  zwei  Arten  von
Eichen,  der  Steineiche  oder  Wintereiche
(Quercus  sessiliflora)  mit  fast  stiellosen,  sitzenden ­
  Früchten,  und  der  Stieleiche  oder  Sommereiche ­
  (Quercus  pedunculata)  mit  langgestielten ­
  Eicheln.  Die  erstere  liebt  die  Berge,
während  die  zweite  gewöhnlich  in  feuchten  Flußniederungen ­
  vorkommt.  Das  Holz  beider  Arten
ist  sehr  hart  und  zähe,  schwer,  von  hellgelblichbrauner ­
  Farbe,  leicht  kenntlich  an  seinen  großen ­
  Poren  und  Spiegeln  und  sehr  widerstandsfähig ­
  gegen  Nässe  und  Fäulnis.  Die  Verwendung
des  E.  als  Möbel-  und  Bauholz,  namentlich  für
Wasserbauten,  zum  Schiffsbau  und  zu  Fässern
für  Spiritus,  Wein  und  Bier  ist  bekannt.  Es
wird  auch  in  großen  Mengen  aus  Ungarn  und
Serbien  eingeführt.
Eichenmistel  (lat.  Viscum  quercinum,  frz.  Gui,
engl.  Misletoe)  ist  eine  Schmarotzerpflanze,  die
auf  verschiedenen  Laub-  und  Nadelhölzern  wuchert. ­
  Die  Äste  und  lederartigen  gelbgrünen
Blätter  werden  in  der  Volksmedizin,  die  Beeren
zur  Herstellung  von  Vogel-  und  Fliegenleim  benutzt. ­

Eichenrinde  (lat.  Cortex  quercus,  frz.  Ecorce
de  diene,  engl.  Oak  bark)  wird  für  medizinische
Zwecke  von  jungen  Zweigen  und  Stämmchen
genommen  und  als  zusammenziehendes  Mittel
in  Pulverform  und  Abkochung  innerlich  und
äußerlich  zu  Bädern  bei  Menschen  und  Vieh
angewandt.  Als  gerbendes  Mittel  ist  sie  unter
dem  Worte  Lohe  besprochen.
Eier  (lat.  Ova,  frz.  Oeufs,  engl.  Eggs).  Als
Handelsartikel  kommen  Eier  verschiedener  Tiere
in  Betracht.  Von  den  E.  der  Vögel  spielen  die
        <pb n="100" />
        Eiergräupchen

95

Eisen

wichtigste  Rolle  die  Hühnereier  (s.  d.)-  Geringere ­
  Bedeutung  haben  die  Gänseeier  und
Enteneier,  da  sie  zwar  groß,  aber  weniger
schmackhaft  sind.  Dagegen  bilden  die  Kibitzei
  er  und  die  Möweneier  einen  nicht  unwichtigen ­
  Artikel  des  Feinkosthandels.  Straußenei ­
  er,  die  größten  aller  bekannten  E.,  kommen
zuweilen  als  Merkwürdigkeit  nach  Europa.  Im
nördlichen  Teile  Südametikas  spielt  der  Handel
mit  Schildkröteneiern  und  dem  daraus  gewonnenen ­
  Öl  eine  große  Rolle  (s.  Schildkröten),
während  die  E.  mancher  Fische  als  Kaviar  (s.  d.)
in  den  Handel  kommen.  Von  den  E.  der  Insekten ­
  bilden  nur  die  Seidenraupeneier  oder
Grains  einen  Handelsartikel.  Die  sog.  Ameiseneier ­
  (s.  d.)  des  Handels  sind  keine  Eier,
sondern  Larven.
Eiergräupchen,  kleine  runde  Graupen  aus
Nudelteig,  Erzeugnisse  'der  Nudelfabriken,  werden ­
  zur  Bereitung  von  Suppen  verwandt  (s.  Teigwaren). ­

Eierkognak,  eine  gewürzte  Zubereitung  aus
Kognak,  frischem  Eigelb  und  Zucker  mit  mindestens ­
  18  Vol.  o/o  Alkohol  und  in  der  Regel
nicht  unter  240  g  Eigelb  im  Liter.  Eierlikör,
ein  gleich  zusammengesetztes  Erzeugnis,  das  aber
an  Stelle  von  Kognak  anderen  Alkohol  enthalten
darf.  Zusätze  anderer  Stoffe,  insbesondere  von
Farbstoffen,  Verdickungsmitteln  (Tragant,  Mehl
usw.),  Ersatzmitteln  für  Eigelb  und  Zucker,  konserviertes ­
  Eigelb,  gelten  als  unzulässig.
Eieröl  (lat.  Oleum  ovorum,  frz.  Huile  d’oeufs,
engl.  Eggs  oil),  das  aus  dem  hart  gekochten
Götter  der  Hühnereier  durch  Auspressen  oder
Extraktion  mit  Petroläther  erhaltene  Öl,  ist  von
dicklicher  Beschaffenheit,  gelber  Farbe  und  mildem ­
  Geschmack.  Es  enthält  neben  den  Glyzeriden
  verschiedener  Fettsäuren  als  charakteristische ­
  Bestandteile  Cholesterin  und  den  Eifarbstoff
Eutein.  E.  wird  in  der  Sämischgerberei  benutzt
u nd  fand  früher  beschränkte  medizinische  Anwendung. ­

Eigelb,  der  innere,  auch  Dotter  genannte  Teil
des  Vogeleis,  stellt  ein  äußerst  kompliziertes
Gemisch  der  verschiedensten  Stoffe  dar.  Es.  entölt ­
  neben  etwa  52%  Wasser,  16%  Vitellin,  l,S°/o
Nuklein,  20—23%  Fette  (Palmitin,  Stearin,  Olein),
°.4°/o  Cholesterin,  t,2°/o  Glyzerinphosphorsäure,
7.2  0/0  Lezithin,  0,3%  Zerebrin,  0,5%  Farbstoff
(Lutein)  und  1  —1,5  °/o  Salze.  Zum  Nachweise
des  Eigelbs  in  Nahrungsmitteln  (Eiernudeln,
Eierkognak)  dient  das  Cholesterin,  Lutein  und
besonders  die  Bestimmung  der  alkohollöslichen
Ehosphorsäure  nach  Juckenack.  Neuerdings
winl  Eigelb  in  großen  Mengen  als  Abfallprodukt
der  Albuminfabrikation  gewonnen  und,  durch
Trocknen  oder  Zusatz  von  Kochsalz,  Borsäure,
Fluornatrium  konserviert,  in  den  Handel  gemacht. ­
  Zur  Herstellung  von  Nahrungsmitteln
sind  die  mit  unzulässigen  Konservierungsmitteln
'ersetzten  Präparate  nicht  zu  verwenden.
.  Eigonpräparate  werden  nach  einem  patenherten
  Verfahren  von  der  chemischen  Fabrik
Kcifenberg  durch  Einwirkung  von  Jod  und
r °m  auf  Eiweiß  dargestellt  und  als  Ersatz  der
rlrour-  und  Jodalkalien  medizinisch  angewandt.
Eikonogen,  ein  photographischer  Entwickler,
esteht  aus  dem  Natriumsalz  der  Amidobetana
 Phtolbetamonosulfosäure.

Einkorn  (Blick,  Dinkelkorn,  Eimen,  Flikken,
  Feinkorn,  St.  Peterskorn,  Schwabenzungen, ­
  Spelz-  und  deutscher  Reis,  frz.
Petit  öpeautre,  engl.  Spelt),  eine  ein-  und  zweijährige, ­
  nur  auf  geringem  Boden  in  Gebirgsgegenden ­
  der  Schweiz,  in  Süddeutschland  und
Österreich  gebaute  Weizenart,  Triticum  mono'coccum,
  liefert  ein  gelbliches  Mehl,-Suppengries ­
  und  Graupen  und  ein  wertvolles  Futter
für  Geflügel,  Pferde  und  Rindvieh,  im  Stroh
aber  nur  Streumaterial.,  Das  E.  ist  ziemlich  anspruchslos ­
  und  gibt  25—40  hl  unenthülste  und
10—16  hl  enthülste  Frucht.  Der  Verbrauch  ist
meist  ein  lokaler.
Eis  (frz.  Glace,  engl.  Ice)  wird  zur  Kühlhaltung ­
  von  Speisen  und  Getränken,  ferner  in
Krankenhäusern,  Bierbrauereien,  Brennereien  und
Paraffinfabriken  in  größter  Menge  verbraucht
und  bildet  einen  besonderen  Handelsartikel.  Während ­
  zur  technischen  Verwendung  das  natürliche
Eis  der  Flüsse,  Teiche  und  Seen  hinreichend
rein  ist,  kann  es  wegen  seines  oft  hohen  Bakteriengehaltes ­
  zur  Herstellung  von  Nahrungsmitteln ­
  nicht  benutzt  werden.  Vielmehr  wird  das
hierfür  erforderliche  E.  auf  künstlichem.  Wege
meist  aus  destilliertem  Wasser  bereitet,  und  zwar
mit  Hilfe  besonderer  Eismaschinen,  deren  Wirkung ­
  auf  der  schnellen  Verdunstung  verflüssigter ­
  Gase,  Ammoniak,  Kohlensäure,  schweflige
Säure  beruht.
Eisen  (lat.  Ferrum,  frz.  Fer,  engl.  Iron,  Fe  =  s6)
ist  seit  Jahrhunderten  für  den  Menschen  das
wichtigste,  wenn  auch  nicht  teuerste  der  Metalle.
„Werde  zu  Eisen,  wenn  ich  dich  beachten  soll,"
sagt  Robinson  zu  dem  auf  seiner  einsamen  Insel
gefundenen  Goldklumpen.  Man  hat  die  Urzeit
der  Menschheit  in  drei  Epochen  einteilen  wollen;
Steinzeit,  Bronzezeit,  Eisenzeit,  und  den  Beginn
der  letzten  Periode,  wenigstens  für  Südeuropa,
etwa  in  das  10.  Jahrhundert  vor  Christi  Geburt
angesetzt.  Das  älteste  bisher  gefundene  Stück
Eisen,  das  der  Engländer  Hill  in  einer  Fuge  der
Cheops-Pyramide  1837  entdeckte,  ein  Bruchstück
eines  größeren  Werkzeuges,  soll  jedoch  ein  Alter
von  fast  5000  Jahren  besitzen,  aus  den  Gesängen
der  Rigveda  geht  ferner  hervor,  daß  die  Arier
schon  zur  Zeit,  da  sie  noch  das  Pandschab  bewohnten, ­
  Waffen  („Donnerkeil“  und  Speer)  aus
Eisen  führten,  und  bei  den  meisten  asiatischen
Völkerschaften  ist  die  Kenntnis  des  Eisens  bis  in
die  frühesten  Zeiten  erwiesen,  so  daß  der  obigen
Geschichtseinteilung  jedenfalls  keine  allgemeine
Bedeutung  für  alle  Völkerschaften  zukommt.  In
der  Natur  findet  sich  gediegenes  Eisen  nur
äußerst  selten  und  spärlich  vor,  so  z.  B.  in  kleinen ­
  Körnern  im  Platinsande  Südsibiriens,  ebenfalls ­
  in  kleinen  Körnern  eingesprengt  in  einzelnen
Basalten  {Bärenstein  im  Erzgebirge,  Island,  Grönland) ­
  und  in  etwas  zusammenhängenderen  Massen
in  Kanada.  Ferner  ist  hier  und  da  ein  einzelner
Klumpen  gefunden  worden.  Außerdem  aber  kommen ­
  noch  über  die  ganze  Erde  zerstreut  Einzelfunde ­
  kosmischen  Ursprungs  (Meteoreisen)  vor,
die  stets  durch  einen  Gehalt  an  Nickel,  auch  wohl
an  Chrom  und  Kobalt  charakterisiert  sind.  -—
Verbindungen  des  Eisens  sind  äußerst  häufig  und
zum  Teil  zu  gewaltigen  Massen  aufgehäuft.  So
besteht  der  sich  870  m  über  der  Talsohle  erhebende ­
  Erzberg  bei  Eisenerz  in  Steiermark
        <pb n="101" />
        Eisen

96

Eisen

fast  ganz  aus  Eisenspat.  Fast  nirgends  fehlt
Eisen  völlig.  Nahezu  alle  Tiere,  Pflanzen  und
Mineralien  enthalten  Eisen,  wenn  manchmal  auch
in  recht  geringer  Menge.  Unter  „Eisenerz“
versteht  man  nur  diejenigen  mineralischen  Vorkommnisse ­
  von  Eisenverbindungen,  die  bei  der
Eisenerzeugung  eine  Rolle  spielen,  nur  von  ihnen
seien  hier  die  wichtigsten  angeführt.  In  erster
Linie  treten  die  Sauerstoffverbindungen  des  Eisens
hervor.  Magneteisenstein,  ein  Eisenoxydoxydul, ­
  findet  sich  ziemlich  rein  in  Schweden  und
liefert  das  beste  Eisen  (Schwedisches  Eisen).
Hämatit,  Eisenoxyd,  kommt  als  Eisenglanz
und  als  Roteisenstein  vor.  Hauptfundort  für
ersteren  ist  Schweden,  Lappland  und  die  Insel
Elba,  während  der  Roteisenstein  mit  den  Abarten
roter  Glaskopf  und  —  bei  höherem  Gehalt  an
Ton  —  toniger  Roteisenstein  sich  in  Deutschland, ­
  Frankreich  und  England  vorfindet.  Brauneisenstein ­
  ist  Eisenhydroxyd,  Bohnerz  ein
toniger  Brauneisenstein  vom  Harz,  Süddeutschland, ­
  der  Schweiz  und  Südfrankreich.  Raseneisenerz ­
  besteht  ebenfalls  aus  Eisenhydroxyd,
enthält  jedoch  Manganoxyd,  Phosphorsäure,  Kieselsäure ­
  und  organische  Reste.  Es  entsteht  noch
jetzt  an  moorigen  Stellen  aus  Pflanzenresten,
und  das  aus  ihm  hergestellte  Eisen  ist  infolge
des  Phosphorgehaltes  „kaltbrüchig“.  —  Zu
diesen  wertvollen  Sauerstoffverbindungen  tritt  als
wichtigstes  Eisensälz  das  kohlensaure  Eisenoxydul ­
  in  den  Mineralien  Eisenspat  und  Sphärosiderit.
  Hierher  gehört  auch  der  tonige  Eisenstein ­
  und  der  Kohleneisenstein,  welche,  für
England  die  wichtigsten  Erze  bilden  und  fast
900/0  seiner  gesamten  Eisenerzeugung  ergeben.
Die  Schwefelverbindungen  des  Eisens  werden
nicht  direkt  zur  Eisengewinnung  verwandt,  sondern ­
  dienen  zunächst  der  Schwefelsäurerzeugung,
und  erst  die  dabei  erhaltenen  Abbrände  werden
auf  Eisen  verarbeitet.  Im  Laufe  der  Jahrhunderte
ist  die  Eisengewinnung  so  verbessert  worden,  daß
viele  früher  als  wertlos  angesehene  Vorkommen
jetzt  zu  den  Eisenerzen  zu  rechnen  sind.  Der
Weltkrieg  hat  für  Deutschland  diesen  Vorgang  in
ungeahnter  Weise  beschleunigt.  —■  Das  Ziel  der
Eisenherstellung  bleibt  fast  immer  ein  mehr  oder
weniger  kohlenstoffhaltiges  Eisen,  da  das  reine
Metall  für  die  Technik  ohne  Wert  ist  und  nur  in
der  Galvanoplastik  etwas  stärkere  Verwendung
findet.  Chemisch  reines  Eisen  entsteht,
wenn  man  reines  Eisenoxyd  oder  oxalsaures  Eisen
mittels  Wasserstoffs  bei  dunkler  Rotglut  reduziert,
als  ein  schwarzes  Pulver,  das  bei  starkem  Erhitzen
an  der  Luft  unter  lebhafter  Feuererscheinung  verbrennt ­
  („pyrophosphorisches  Eisen“);  findet
die  Reduktion  bei  höherer  Temperatur  statt,  so
wird  das  E.  in  kompaktem  Zustande  gewonnen,
ebenso  wenn  man  Schmiedeeisen  mit  Eisenoxyd
im  Gebläse  glüht.  Bei  diesem  Prozesse  wird
der  geringe  Kohlenstoffgehalt  des  Schmiedeeisens
dazu  verwandt,  aus  dem  Eisenoxyd  etwas  E.  zu
bilden,  das  dann  zu  dem  jetzt  vom  Kohlenstoff
befreiten  Schmiedeeisen  hinzutritt.  Schließlich
kann  auch  durch  elektrische  Zersetzung  einer
mit  Salmiak  gesättigten  Eisenvitripllösung  reines
Eisen  gewonnen  werden.  Es  ist  in  kompaktem
Zustande  fast  silberweiß,  sehr  geschmeidig  und
politurfähig  und  bei  beginnender  Weißglut
schweißbar,  wird  aber  bei  steigender  Temperatur

wieder  spröde  und  schmilzt  erst  im  heftigsten
Gebläsefeuer  (bei  1529 0  C).  Während  des  Erhitzens
  des  festen  Eisens  und  ebenso  beim  Erkalten ­
  weist  die  Temperaturbewegung  drei  Halte
punkte  —  bei  768,  907,  1401  bzw.  1401,  898,
768°  C  —  auf,  die  als  Umwandlungstempe
raturen  des  Eisens  angesehen  werden  (a-,  ß-,  y-,
^Modifikation).  Der  bei  der  ß-y-  bzw.  y-ß-Umwandlung
  stattfindende  Temperaturunterschied
(907—898°)  wird  Hystaresis  genannt.  Vom  Magneten ­
  wird  die  «-Modifikation  angezogen  und
durch  Umleiten  eines  elektrischen  Stromes  selbst
zu  einem  Magneten,  verliert  diese  Eigenschaft
aber  mit  dem  Aufhören  des  Stromes.  Reines  E.
rostet  nicht  in  trockener  Luft  und  in  luftfreiem
Wasser,  wohl  aber,  wenn  Luft  und  Feuchtigkeit
vereint  darauf  einwirken,  besonders  wenn  überdies ­
  Säuren,  wie  Kohlensäure,  zugegen  sind.  Die
dem  reinen  E.  innewohnenden  Eigenschaften
werden  durch  den  mehr  oder  weniger  großen
Gehalt  des  technischen  E.  an  Kohlenstoff  modifiziert. ­
  Man  unterschied  bis  zum  Jahre  1876
hauptsächlich  nach  dem  Kohlenstoffgehalte  folgende ­
  Gruppen  von  Eisensorten:  E.  von  0,1  bis
0,4,  höchstens  0,6%  Kohlenstoff  wurde  und  wird
noch  heute  als  Schmiedeeisen  (frz.  Fer,  engl.
Soft  iron)  bezeichnet.  Es  soll  sich  rotglühend
leicht  mit  dem  Hammer  bearbeiten,  weißglühend
schweißen  lassen  und  glühend  in  kaltes  Wasser
getaucht  keine  Veränderung  der  ursprünglichen
Weichheit  zeigen.  Auch  nahm  man  früher  an,
daß  frischer  Bruch  ein  sehniges  oder  hakiges
Gefüge  zu  zeigen  habe,  und  daß  das  E.  in  größeren ­
  Massen  sich  nicht  schmelzen  ließe.  E.  mit
0,4  oder  0,6—2  °/o  Kohlenstoff  hieß  Stahl  (frz.
Acier,  engl.  Steel).  Er  soll  sich  schmieden,
schweißen,  schmelzen  und  härten  lassen.  (Die
Schweißbarkeit  nimmt  mit  wachsendem  Kohlenstoffgehalte ­
  ab,  die  Schmelzbarkeit  zu.)  Als
Hauptmerkmal  für  Stahl  gilt  die  Härtbarkeit.
Glühender  Stahl  in  Wasser  getaucht  nimmt  bedeutend ­
  an  Härte  zu,  im  Zusammenhang  mit
einer  mehr  oder  weniger  vollständigen  Unterdrückung ­
  der  Modifikationsumwandlungen.  Der
Bruch  soll  immer  ein  feinkörniges  Gefüge  haben
und  möglichst  gleichmäßig  sein.  E.  mit  2—5  °/o
Kohlenstoff  hieß  und  heißt  noch  Roheisen
(frz.  Fer  fonte,  engl.  Pig  iron),  läßt  sich  nicht
schmieden  und  schweißen,  schmilzt  aber  leicht,
—  Wenn  gelegentlich  der  Weltausstellung  in
Philadelphia  1876  beschlossen  wurde,  von  dieser
älteren  Einteilung  abzugehen,  so  lag  dies  einerseits ­
  daran,  daß  einige  der  genannten  Merkmale
des  Schmiedeeisens,  Unschmelzbarkeit  und  sehniger ­
  oder  hakiger  Bruch,  nicht  mehr  für  alles
Eisen  mit  niedrigem  Kohlenstoffgehalte  zutrafen,
und  andererseits  die  angegebenen  Grenzzahlen
für  Kohlenstoff  auch  sonst  oft  infolge  des  Einflusses ­
  gewisser  Zusätze  zum  Teil  stark  verwischt
wurden.  Schmiedeeisen  wird  jetzt  im  großen  in
flüssigem  Zustande  erhalten,  und  der  Bruch
dieses  Erzeugnisses  erscheint  stahlartig  und  feinkörnig, ­
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.  Die  vorstehend  angeführte  Einteilung  ist  leider
n icht  mehr  allseitig  anerkannt,  vielmehr  finden
® Ic h,  besonders  im  Auslande,  seltener  in  Deutschland, ­
  noch  andere  Bezeichnungen  im  Gebrauch.
00  bezeichnete  der  Name  Schweißeisen  früher
n . Ur  Schweißschmiedeeisen  und  ebenso  Flußbett ­
  nur  Flußschmiedeeisen,  nicht  auch  die  entsprechenden ­
  Stahlsorten.  Schlimmer  ist,  daß  zu-"[
 e ilen  alles  Flußeisen,  also  auch  Flußschmiede-®'sen,
  als  Stahl  bezeichnet  wird,  in  welchem  Falle
-n®  Flußschmiedeeisen  als  weicher  von  dem  Fluß-5^
 a hl  als  dem  harten  Stahl  unterschieden  wird,
.etnentsprechend  wird  zuweilen  alles  Schweiß-?'
 se n,  auch  der  Schweißstahl,  als  Eisen  schlecht-*n
  bezeichnet.  Natürlich  geht  dabei  der  Bes
  K  •  ^ er  Härtbarkeit,  der  sonst  für  die  Unterscheidung ­
  von  Stahl  und  Eisen  ausschlaggebend
b  vollständig  verloren.  —  Das  E.  des  Altertums
Cercles  Warcalexikon.

war  Schmiedeeisen  oder  auch  Stahl,  Gußeisen
dürfte  nur  in  China  bekannt  gewesen  sein,  dort
allerdings  schon  um  700  vor  Christi  Geburt,
denn  eine  gegossene  eiserne  Pagode  jener  Zeit
ist  gut  verbürgt.  Das  E.  des  Altertums  war  ein
auch  nach  unseren  heutigen  Begriffen  gutes  und
wurde  durch  „Renn“-Arbeit  in  einem  einmaligen, ­
  recht  einfachen  Prozesse  direkt  aus  dem
Erze  gewonnen.  Die  Reduktion  der  Eisenerze
wurde  entweder  im  Herde  vorgenommen,  und
hieß  dann  Luppenfrischerei,  oder  in  Öfen,  die
nach  den  in  ihnen  enthaltenen  Eisenklumpen
(„Stücken"  oder  „Wolf“  genannt)  Stücköfen  oder
Wolföfen  heißen.  —  Zur  Luppenfrischerei
wurden  die  von  Eisenplatten  oder  Mauerwerk
umgebenen  Herde  mit  Kohlenklein  und  leicht
schmelzbaren  Erzen  ausgekleidet,  dann  mit  glühenden ­
  Kohlen  gefüllt  und  das  Erz  aufgegeben.
Dem  Herde  gegenüber  wurde  ein  Gebläse  aufgestellt, ­
  das  anfangs  nur  einen  schwachen  Wind
durch  glühende  Holzkohlen  trieb  und  dadurch
Kohlenoxyd  erzeugte,  das  reduzierend  auf  das
Erz  einwirkte.  Nach  und  nach  wurde  der  zu  verarbeitende ­
  Rest  an  Erz  und  Kohle  hinzugegeben,
das  Gebläse  allmählich  verstärkt  und  die  Masse
näher  herangerückt,  bis  sich  die  „Luppe“  gebildet ­
  hatte,  die  dann  durch  Aushämmern  am  Feuer
ausgeschmiedet  wurde.  In  der  Luppenfrischerei
konnten  nur  sehr  eisenreiche,  leicht  schmelzbare
Erze  verwandt  werden.  Der  Stückofen,  der
primitive  Vorläufer  unserer  Hochöfen,  bestand
aus  einem  an  der  oberen  Öffnung,  der  Gicht,
sich  etwas  verjüngenden  Schacht  von  2—5  m
Höhe  und  etwa  0,8—i,s  m  größter  Weite.  Der
Prozeß  verlief  in  derselben  Weise  wie  bei  der
Luppenfrischerei,  nur  konnten  hier  größere  Mengen ­
  verarbeitet  und  dementsprechend  Klumpen
von  s—8  Zentner  Gewicht  erhalten  werden,  während ­
  man  bei  der  Luppenfrischerei  nur  ein  bis
höchstens  drei  Zentner  erhielt.  In  früheren  Zeiten
ließ  man  den  Ofen  nach  jeder  Schmelze  erkalten,
später  wurde  der  Betrieb  allmählich  immer  länger
fortgesetzt  und  ging  hierdurch  und  durch  die
starke  Vergrößerung  seiner  Höhe  und  seines  Umfanges ­
  in  den  Hochofenprozeß  über,  bei  dem
nun  aber  wesentlich  andere  technische  und  theoretische ­
  Momente  mitspielen.  —  Der  Hochofen,
früher  meist  Hohofen  genannt,  ist  ein  dicker
runder  Turm  von  recht  verschiedenen  Dimensionen, ­
  z.  B.  20  m  Höhe  und  6  m  größter  Breite.
Der  innere  Hohlraum  ist  etwas  unterhalb  der
Mitte  am  weitesten  und  unten,  dicht  oberhalb  des
Herdes,  stark  verjüngt.  An  dieser  Stelle  findet
der  Eintritt  des  vorgewärmten  Gebläsewindes
statt.  Der  Hochofen  wird  in  Betrieb  gesetzt,  indem ­
  man  ihn  durch  ein  kleines  Feuer  allmählich
vorwärmt,  dann  Koks  aufgibt  und  darüber  in
regelmäßigen  Lagen  Erz,  Zuschlag  und  Brennmaterial ­
  schichtet.  Der  Zuschlag  ist  nach  der
Natur  des  Erzes  und  der  begleitenden  Gangarten
verschieden  und  bezweckt  die  Bildung  einer
Schlacke,  die  das  entstehende  Eisen  vor  Oxyda
tion  schützt  und  gleichzeitig  ein  Verschlacken
durch  Bildung  eisenreicher  Silikate  verhindert.
Besonders  geeignet  als  Schlacke  ist  ein  Kalktonerdesilikat, ­
  zu  dessen  Bildung  man  bei  überschüssiger ­
  Kieselsäure  Kalk,  bei  überschüssigem
Kalk  Ton  oder  ein  anderes  kieselsäurereiches
Material  hinzufügt.  Ist  der  Ofen  gefüllt,  so  wird

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        Eisen

98

Eisen

der  Gebläsewind  angestellt.  Durch  ihn  verbrennt
zunächst  das  zu  unterst  aufgeschichtete  Brennmaterial ­
  unter  Bildung  von  Kohlendioxyd,  das  in
der  darüber  liegenden  Schicht  von  glühendem
Koks  zu  Kohlenoxyd  reduziert  wird.  Letzteres
reduziert  seinerseits  das  ins  Glühen  geratene
Eisenerz  zu  schwammigem  E.,  indem  es  selbst
wieder  zu  Kohlendioxyd  wird,  um  dann  durch  die
nächste  Schicht  Kohlen  von  neuem  regeneriert  zu
werden.  Dieser  Prozeß  setzt  sich,  so  lange  fort,
bis  schließlich  das  Gas  (Gichtgas),  ein  Gemisch ­
  von  Stickstoff,  Kohlendioxyd  und  Kohlenmonoxyd, ­
  den  Ofen  verläßt.  Es  wird  aufgefangen
und  infolge  seines  Gehaltes  an  Monoxyd  zum  Vorwärmen ­
  des  Gebläsewindes  in  steinernen  Winderhitzern, ­
  Cowper,  benutzt.  In  dem  Ofen  kann
man  verschiedene,  allerdings  nicht  scharf  voneinander ­
  getrennte  Zonen  beobachten.  Die  sog.
Reduktionszone,  in  der  die  Reduktion  des  Eisenerzes ­
  zu  E.  stattfindet,  liegt  je  nach  der  Natur  des
Eisenerzes  tiefer  oder  höher,  die  Temperatur  in
ihr  beträgt  600—900 0 .  Je  poröser  die  Erze,  jo
höher  die  Temperatur  und  je  reicher  das  auf  das
Erz  einwirkende  Gasgemenge  an  Kohlenoxyd  ist,
um  so  schneller  geht  die  Reduktion  vor  sich.  Da
das  Material  allmählich  zusammensintert,  so  sinkt
das  reduzierte  E.  mit  der  gebildeten  Schlacke
tiefer  in  den  Ofen  hinab  und  kommt  dabei  in
Zonen  immer  höherer  Temperatur.  Bei  etwa
1000 0  nimmt  das  schwammartig  fein  verteilte  E.
Kohlenstoff  auf,  sättigt  sich  bei  etwa  1400 0  damit,
schmilzt  schließlich  in  der  untersten  Zone  vollständig ­
  und  sammelt  sich  als  flüssige  Masse  auf
dem  Herde  an.  Die  obenauf  schwimmende
Schlacke  läßt  man  durch  eine  Spalte  über  die
sog.  Schläckentrift  abfließen,  welche  durch  die
Schlackenleiste,  eine  gußeiserne  Platte,  gegen
die  Stichöffnung  abgeschlossen  ist.  Die  letztere
dient  dazu,  in  geeigneten  Zeiträumen,  drei-  bis
viermal  am  Tage,  E.  abfließen  zu  lassen.  Nur
selten  wird  das.  E.  deg  Hochofens  sogleich  in  die
Form  gegossen,  in  der  es  Verwendung  finden  soll
(Hochofenguß).  In  der  Regel  fließt  es  zunächst
in  flache  eiserne  oder  aus  Sand  hergestellte
Formen.  Die  erstarrten  Blöcke  führen  die  Bezeichnung ­
  Flossen  oder  Gänze,  die  ersteren
sind  muldenförmig,  die  anderen  1—1,3  m  lange,
armstarke  Barren.  Durch  Öffnungen  der  Gicht
wird  immer  neues  Erz,  Brennmaterial  und  Zuschlag ­
  in  den  Ofen  gegeben  und  dadurch  der
Betrieb  des  Ofens  ununterbrochen  im  Gang  erhalten, ­
  meist  t—4  Jahre,  aber  auch  weit  länger,
bis  irgendeine  größere  Reparatur  oder  politische
oder  wirtschaftliche  Verhältnisse  ein  ( ,Ausblasen“
nötig  machen.  Die  Wirkungsweise  der  seit  etwa
der  Jahrhundertwende  eingeführten  elektrischen
Hochöfen  beruht  auf  verwandten  Grundlagen.  -
Das  Produkt  des  Hochofens  ist  infolge  der  bei
1000—1400°  erfolgenden  Kohlenstoffaufnahme
stets  Roheisen,  wovon  man  hauptsächlich  zwei
Arten  zu  unterscheiden  hat,  das  graue  Roheisen, ­
  welches  entweder  zur  Stahlbereitung  (saurer
Bessemerprozeß,  s.  u.)  oder  zum  Guß  benutzt  wird,
und  das  weiße  Roheisen,  das  sich  nicht  zum
Guß  eignet.  Soweit  die  Herstellung  des  erstgenannten ­
  für  den  Guß  angestrebt  wird,  führt
der  Hochofenprozeß  also  direkt  zum  Ziele,  während ­
  das  meist  zur  Fierstellung  von  Schmiedeeisen ­
  und  Stahl  dienende  weiße  Roheisen  noch  verschiedene, ­

  recht  langwierige  Prozesse  durchmachen
muß.  Neben  dem  Kohlenstoff  sind  nämlich  noch
eine  Reihe  anderer,  schädlicher  Beimengungen
vorhanden.  In  der  Reduktionszone  ist  das  E.  nur
geneigt,  Schwefel  aufzunehmen,  in  der  Kohlungszone ­
  aber  ward  die  etwa  vorhandene  Phosphorsäure ­
  reduziert  und  Phosphor  vom  E.  aufgenommen, ­
  und  in  der  Schmelzzone  schließlich  gehen
Silizium,  Mangan,  Aluminium  und  andere  Metalle
in  das  E.  über.  Diese  Verunreinigungen  spielen
bei  dem  grauen  zum  Guß  benutzten  Roheisen
keine  so  wesentliche  Rolle  wie  bei  dem  zur  Herstellung ­
  von  Schmiedeeisen  und  Stahl  bestimmten
Roheisen,  denn  Schmiedeeisen  und  Stahl  können
schon  durch  einen  recht  geringen  Gehalt  an
bestimmten  Stoffen  minderwertig  oder  gar  unbrauchbar ­
  werden.  Es  ist  daher  hier  nötig,  kurz
auf  die  Wirkungen  der  wichtigsten  dieser  Verunreinigungen ­
  einzugehen.  Phosphor  macht  das
Eisen  dünnflüssiger  und  leichter  schmelzbar.  Ein
mäßiger  Phosphorgehalt  ist  daher  für  graues
Roheisen  direkt  nützlich,  Schmiedeeisen  aber
wird  durch  einen  recht  geringen  Gehalt  an  Phosphor ­
  kaltbrüchig.  Schwefe!  (schon  0,04  °/o)  und
Kupfer  (o,s  °/o)  machen  Schmiedeeisen  rotbrüchig
(d.  h.  das  Schmiedeeisen  bricht  leicht  bei  Rotglut). ­
  Silizium  befördert  im  Roheisen  die  Abscheidung ­
  von  graphitartigem  Kohlenstoff,  so
daß  siliziumreiches  Eisen  stets  als  graues  Roheisen ­
  auftritt,  und  drückt  ferner  den  Gesamtkohlenstoffgehalt ­
  herab.  —  Schmiedeeisen  wird
durch  Siliziumgehalt  „faulbrüchig“.  Mangan  wirkt
im  Eisen  fast  umgekehrt  wie  Silizium  und  verhindert ­
  die  graphitartigen  Abscheidungen.  Roheisen ­
  mit  hohem  Mangangehalt  gehört  daher  stets
zum  weißen  Roheisen.  Eingesprengte  kohlenstoffreichere ­
  Teile  sowie  eingesprengte  Schlacke  bewirken ­
  „Rohbrüchigkeit“.  Zinn  macht  schon  in
wenigen  Zehntelprozenten  das  Eisen  gänzlich  unbrauchbar. ­
  Die  Art  und  die  Menge  der  im  Roheisen ­
  sich  findenden  Verunreinigungen  ist  natürlich ­
  abhängig  von  dem  Ausgangsmateria),  d.  h.
von  dem  Brennmaterial,  dem  Eisenerz  und  dem
Zuschlag.  Das  reinste  Brennmaterial  ist  Holzkohle, ­
  und  diese  wurde  auch  bis  ins  18.  Jahrhundert ­
  hinein  allein  benutzt.  Später  zwang  der
wachsende  Verbrauch,  zu  Koks  überzugehen,
doch  kann  auch  gereinigte  Steinkohle  in  manchen
Fällen  benutzt  werden.  Holzkohle  findet  nur
noch  in  waldreichen  Gegenden,  wie  in  Schweden
und  Norwegen,  Anwendung,  oder  an  solchen
Orten,  an  denen  ein  besonders  reines  Eisenerz
zur  Verfügung  steht.  Der  Name  Holzkohleneisen ­
  dient  daher  einer  Ware  als  sehr  gute  Empfehlung. ­
  Alle  Versuche,  den  in  Deutschland  so
reichlich  vorhandenen  Torf  zu  verwerten,  haben
bisher  einen  sichtbaren  Erfolg  nicht  gehabt.  —
Bei  den  Eisenerzen  kommt  es  hauptsächlich  auf
den  Gehalt  an  Phosphor  an,  der  in  das  Roheisen
übergeht  und  das  Schmiedeeisen  oder  den  Stahl
unbrauchbar  machen  würde.  Gerade  in  Deutschland ­
  liegen  nun  meist  phosphorreiche  Erze  vor,
die  es  lange  Zeit  erschwerten,  den  englischen
Bessemerbirnenprozeß  (s,  u.)  bei  uns  einzuführen.
Trotz  aller  Bemühungen  ist  es  auch  jetzt  noch
nicht  gelungen,  Roheisen  mit  einem  Phosphorgehalt ­
  zwischen  0,1  und  1,5  °/o  im  Birnenprozeß
zu  verwerten.  Von  Bedeutung  für  die  Erzeugung
eines  für  den  basischen  Bessemerprozeß  (s.  u.)  ge-
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        Eisen

99

Eisen

eigneten  Roheisens  ist  ferner  ein  hinreichender
Mangangehalt.  Wo  dieser  fehlt,  muß  man  die
Zuflucht  zu  Manganerzen  nehmen,  die  aber  allmählich ­
  knapp  zu  werden  anfangen.  Schließlich
ist  noch  die  Art  des  Zuschlages  von  den  beglei-,
  tenden  Gesteinsarten  abhängig,  d—  Die  meisten
Eisenerze  werden  im  natürlichen  Zustande  verjj
  schmolzen,  doch  ist  es  bei  Spateisenstein  vorzuziehen, ­
  denselben  erst  zu  rösten,  um  die  Kohlensäure ­
  z(i  verjagen  und  auch  einen  etwa  vorhande-'
  nen  Schwefelgehalt  zu  vermindern.  Auch  sind
vielfach  Versuche  gemacht  worden,  solche  Vorkommen ­
  von  Eisenerzen,  welche  wie  im  Rothegenden ­
  nur  12—i3°/o  Eisen  enthalten  und
deshalb  zur  direkten  Verhüttung  im  Hochofen  zu
eisenarm  sind,  durch  geeignete  Mittel  (magneti-!
  sehe  Aufbereitung,  Waschverfahren)  in  Gangart
und  Eisenerz  zu  trennen,  doch  bietet  die  technische
Durchführung  manche  Schwierigkeiten.  Die  Zusammensetzung ­
  des  weißen  Roheisens  wird  in
|  der  Regel  von  Ausschlag  sein  für  die  Wahl  des
Prozesses,  durch  welchen  daraus  Schmiedeeisen
oder  Stahl  erzeugt  werden  soll.  Die  Umwandlung
|  in  Schweißschmiedeeisen  erfolgt  entweder
im  Herd  oder  im  Puddelofen  (Herdfrischen  bzw.
Puddelfrischen  oder  Puddeln).  Bei  dem  Herdfrischen ­
  wird  das  Roheisen  mit  Holzkohlen-  oder
Holzfeuer  unter  scharfem  Gebläsewind  nieder-Seschmolzen,
  wobei  ein  Teil  des  Eisens  sich
oxydiert  und  der  Kohlenstoff  nach  und  nach
verbrennt  und  schließlich  ein  Klumpen  (Luppe)
Schmiedeeisen  von  teigartiger  Beschaffenheit  entgeht, ­
  den  rhan  sofort  unter  Hämmern  zur  Verrichtung ­
  und  Entfernung  der  Schlacke  zu  Stangen ­
  oder  Schienen  ausschmiedet.  Das  durch
I  Herdfrischen  erzeugte  E.  ist  hart,  körnig,  zähe
l| nd  dicht,  letzteres  namentlich,  weil  es  mit  wenig
Schlacke  in  Berührung  kam.  Es  erfordert  aber
e m.  sehr  reines  Roheisen,  weil  bei  dem  Prozeß
Namentlich  Phosphor  und  Schwefel  nur  zu  ganz
geringen  Teilen  ausscheiden.  Auch  kann  man
durch  Herdfrischen  nur  kleine  Eisenmengen  ge-"onnen,
  und  die  Herstellungskosten  fallen  des
teuren  Brennmaterials  wegen  ebenfalls  hoch  aus.
J vus  diesen  Gründen  ist  an  den  meisten  Orten
s chon  seit  langer  Zeit  das  Puddeln  oder  Fl  ammenfrisclven
  betrieben  worden,  wobei  die  Verwendung ­
  '  geringwertiger  Brennmaterialien  und
dje  Erzeugung  größerer  Massen  E.,  allerdings
d'cht  von  gleicher  Güte,  möglich  ist.  Das  Rohren, ­
  das,  wenn  nötig,  zuvor  gefeint  ist,  wird  in
e metn  mit  flacher  muldenförmiger  Vertiefung
Vßfsehenen  Offen  eingeschmolzen  und  mit  viel
cisenoxydoxydulhaltiger  Schlacke  bedeckt.  Der
Sauerstoff  der  letzteren  verbrennt  den  Kohlens
 toff  rj es  Roheisens,  doch  ist  beständiges  Umr
 ahren  der  geschmolzenen  Masse  mittels  mechadischer
  Rührvorrichtungen  (Puddelmaschinen)
öf  r  beweglicher  Herde  (mechanische  Puddcl-„
 te n)  notwendig.  Statt  der  früher  benutzten
„feinkohlen  wendet  man  jetzt  Leuchtgas  oder
le mens'  Regenerativgas  an,  in  Amerika  auch
etroleum  oder  selbst  das  Gas  aus  den  Petroeumqueiiejj
  '  Das  E.  ballt  sich  allmählich  zu
einen  Brocken  und  Körnern  zusammen,  die
an  durch  Rollen  und  Walzen  zu  größeren  Lup-^ert
  von  schwammartigem  Aussehen  vereinigt,
|A r auf  so f ort  un t er  besonderen  Maschinen  oder
afnpfhämmern  zur  Entfernung  der  reichlich

vorhandenen  Schlacke  verdichtet  und  unter  Walzen ­
  zu  Rohschienen  ausreckt.  Die  erpuddelten
Rohschienen  sind  nie  so  dicht  und  ganz  und
schlackenfrei  als  die  durch  Herdfrischen  gewonnenen, ­
  sondern  geben  erst  durch  wiederholtes ­
  Zusammenschweißen,  Überschmieden  oder
Auswalzen  ein  brauchbares  Schmiedeeisen.  —
Soll  graues-I  Roheisen  mit  einem  Siliziumgehalte
von  über  3  ’/o  zum  Puddeln  Verwendung  finden,
so  muß  dasselbe  vorher  in  den  „Feinherden“
oder  im  Flammofen  gefeint  werden.  In  beiden
Fällen  kommt  auf  die  Herdsohle  Koks,  darauf
das  Roheisen,  und  darauf  wird  dann  Gebläseluft
geleitet.  Die  Verunreinigungen,  vor  allem  Silizium ­
  und  Mangan.  teilweise  auch  Schwefel,
werden  dadurch  entfernt,  und  es  entsteht  „gefeintes“ ­
  oder  „geläutertes“  E.  Das  Puddeln
hat  gegenwärtig  nicht  mehr  die  Bedeutung  wie
vor  40  oder  50  Jahren,  da  durch  neuere  Verfahren
Flußschmiedeeisen  und  Flußstahl  in  großen  Massen ­
  billig  hergestellt  werden,  doch  liefert  Deutschland ­
  auch  heute  noch  ein  anerkannt  gutes
Puddeleisen.  Die  Umwandlung  des  Gußeisens  in
Flußschmiedeeisen  erfolgt  in  ähnlicher  Weise
wie  die  Herstellung  des  Flußstahles  und  wird
dort  erwähnt  werden.  Stahl  kann  außer  auf  dem
anfangs  geschilderten  Wege  der  direkten  Herstellung ­
  aus  dem  Erze  entweder  aus  Roheisen
durch  Entkohlung  oder  aus  Schmiedeeisen  durch
Kohlung  hergestellt  werden.  Die  Erzeugung  aus
Roheisen  erfolgt  entweder  durch  Frischen  auf
dem  Herde  oder  im  Puddelofen,  wie  bei  Schweißeisen ­
  beschrieben,  oder  dadurch,  daß  atmosphärische ­
  Luft  in  zahlreichen  Strahlen  durch  geschmolzenes ­
  E.  hindurchgetrieben  wird  (Bessemern),
oder  endlich  dadurch,  daß  man  in  flüssiges  Roheisen ­
  Bestandteile  einträgt,  welche  eine  Entkohlung ­
  herbeiführen.  —  Das  Herdfrischen  des
Stahles,  das  namentlich  noch  in  Steiermark,
Karaten,  Siegen  und  in  Schweden  in  Gebrauch
ist.  setzt  gutes,  reines  Roheisen  und  billige  Holzkohlen ­
  voraus.  Es  liefert  einen  ganz  vorzüglichen
Stahl,  der  auf  die  weiter  unten  anzugebenden
Methoden  raffiniert  werden  muß,  um  ein  möglichst ­
  gleichförmiges  Gefüge  zu  erhalten.  Der
durch  Herdfrischen  oder  Puddeln  gewonnene
Stahl  ist  also  Schweißstahl.  Für  die  Herstellung
großer  Massen  Stahl  hat  das  Bessemern  die
größte  Bedeutung.  Stark  mangan-  und  siliziumhaltiges ­
  Roheisen  wird  in  einem  Kupolofen
hitzig  niedcrgeschmolzen,  wobei  es  bereits  eine
Raffinierung  erfährt,  und  dann  in  ein  birnenförmiges ­
  Gefäß  (Konverter)  eingelassen,  dessen
Boden  mit  zahlreichen  feinen  Windkanälen  versehen ­
  ist.  Die  Birne  muß  vorgewärmt  sein,
damit  keine  zu  starke  Abkühlung  des  flüssigen
Eisens  erfolgt.  Ein  kräftiges  Gebläse  treibt  Luft
durch  die  flüssige  Masse,  wobei  durch  Verbrennen
des  Kohlenstoffs,  Siliziums  usw.  eine  so  hohe
Temperatur  entsteht,  daß  selbst  E.  von  ganz
geringem  Kohlenstoffgehalt  noch  flüssig  bleibt.
Bei  der  englischen  Bessemermethode  wird
das  Roheisen  fast  ganz  entkohlt  und  durch
Zusatz  von  flüssigem  weißen  Roheisen  (Spiegeleisen) ­
  nach  Beendigung  des  Blasens  in  Stahl  verwandelt. ­
  Der  Zusatz  des  Spiegeleisens,  eines  bis
20  %  Mangan  enthaltenden  Roheisens,  hat  überdies ­
  den  Zweck,  den  am  Ende  des  Prozesses  in
dem  Eisen  gelösten  Sauerstoff  zu  entfernen.  Soll
        <pb n="105" />
        Eisen

100

Eisen

ein  besonders  kohlenstoffarmer  schmiedbarer  Stahl
hergestellt  werden,  so  wird  statt  des  Spiegeleisens ­
  Ferromangan,  ein  über  20%  Mangan
haltendes  Roheisen,  verwandt.  Bei  der  schwedischen ­
  Methode  treibt  man  die  Entkohlung
nur  so  weit,  daß  direkt  Stahl  entsteht.  Das
jetzt  fast  allgemein  benutzte  englische  Verfahren
ist  zwar  meist  etwas  teurer,  gewährt,  aber  einen
weit  sicherem  Erfolg.  —  In  dem  Bessemerverfahren ­
  war  eine  Methode  gegeben,  aus  Roheisen  mit
höchstens  0,1  °/o  Phosphor  schnell  große  Mengen
von  brauchbarem  Stahl  und  Schmiedeeisen  zu
gewinnen,  bei  höherem  Phosphorgehalte  muß
das  Verfahren  von  Sydney  Gilchrist  Thomas
angewandt  werden,  nach  dem  noch  Roheisen  mit
1,5—3  0/0  Phosphor  in  der  Bessemerbirne  brauchbaren ­
  Stahl  liefert.  Der  Konverter  des  eigentlichen ­
  Bessemerprozesses  besteht  aus  Eisen,  das
mit  einer  feuerfesten,  aus  Quarz  und  Ton  hergestellten ­
  Masse  ausgefüttert  ist.  Thomas  verwendet ­
  nun  statt  dieses  „sauren“  Futters  ein
solches  aus  basischem  Material,  das  er  durch
starkes  Glühen  von  Dolomit  oder  Magnesit  und
Vermengen  des  erhaltenen  Erzeugnisses  mit  einem
Bindemittel  (Wasserglas-Steinkohienteer,  g.wann.
Die  sich  erst  am  Schlüsse  des  Oxydationsprozesses
bildende  Phosphorsäure  wird  dadurch  gebunden
und  dem  Eisen  entzogen,  die  erzeugte,  leicht  lösliche ­
  Phosphorsäure  enthaltende  Schlacke  aber
als  gutes  Düngemittel  an  die  Landwirte  verkauft
(Thomasschlacke).  —  Dieses  Verfahren  ist  gerade ­
  für  die  deutsche  Eisenindustrie  von  größter
Bedeutung,  da  viele  deutsche  Roheisen  Phosphor
enthalten  und  bei  dem  ursprünglichen  Bessemerverfahren ­
  nur  Stahl  geringerer  Güte  liefern.
Weder  für  den  sauren,  noch  für  den  basischen
Birnenprozeß  eignen  sich  Roheisen  mit  mittlerem
Phosphorgehalt.  Für  den  basischen  Prozeß  tritt
noch  die  Forderung  hinzu,  daß  das  Eisen  manganhaltig
  und  möglichst  frei  von  Silizium  (höchstens
o,s  0/0  I)  sei,  während  beim  sauren  Prozeß  siliziumhaltiges ­
  graues  Roheisen  bevorzugt  wird.  —  Die
Bildung  von  Stahl  durch  Zusammenschweißen
von  Roheisen  mit  sauerstoffabgebenden  Körpern
hat  ebenfalls  zu  einer  Reihe  von  Verfahren  Anlaß ­
  gegeben.  Der  sog.  Erz-  oder  Uchatiusstahl
  wird  durch  Zusammenschmelzen  von  Roheisen ­
  mit  Eisenerz  in  Tiegeln  hergestellt.  Nach
dem  ähnlichen  Siemensprozeß  schmilzt  man
in  einem  besonderen,  mit  vorgewärmtem  Luft-Gasgemisch
  arbeitenden  Flammofen  Roheisen,
setzt  dann  reine  Eisenerze  (Roteisenerz  mit  wenig
Gangart)  zu  und  bringt  durch  Rühren  eine  vollkommene ­
  Mischung  der  Flüssigkeit  zustande
Beim  Martinprozeß  wird  der  Siemenssche
Flammofen  dazu  benutzt,  Roheisen  mit  Schmiedeeisen ­
  zusammenzuschmSlzen,  und  zwar  soll  dabei
hauptsächlich  Schrott,  d.  h.  unbrauchbar  gewordene ­
  Schmiedeeisengegenstände,  wie  alte
Eisenbahnschienen,  altes  Bergbauwerkzeug  usf.,
Verwendung  finden.  Die  Erfahrung  hat  aber
gelehrt,  daß  auf  diese  Weise  nicht  ohne  weiteres ­
  ein  guter  Stahl  vom  berechneten  mittleren
Kohlenstoffgehalte  erzeugt  werden  kann,  sondern ­
  daß  die  Unreinheiten  des  Roheisens  (Silizium, ­
  Mangan,  Phosphor)  erst  durch  Oxydation
entfernt  werden  müssen.  Diese  Oxydation  geschieht ­
  zwar  teilweise  durch  den  Rost  des  Schrottes ­
  und  den  überschüssigen  Sauerstoff  der  Flammen, ­

  muß  aber  meist  durch  Zusatz  von  Oxyden  I
(Erz  oder  Hammerschlag)  vervollständigt  werden.
Dadurch  werden  die  beiden  letztgenannten  Verfahren ­
  zu  dem  Siemens-Martin-Prozeß  vereinigt. ­
  Das  reine  Siemensverfahren  wird  hauptsächlich ­
  dort  angewandt,  wo  reine  Eisenerze
leicht  zu  haben  sind,  Während  Schrott  fehlt,  die
Regel  ist  aber  die  kombinierte  Methode.  —  Der
Martin-  und  der  Bessemerprozeß  unterscheiden
sich  wesentlich  dadurch,  daß  letzterer  ohne  Wärmezuführung ­
  ausgeführt  wird,  während  ersterer  im
Gegenteil  recht  erhebliche  Mengen  gasförmigen
Brennstoffs  erfordert,  dafür  besitzt  ersterer  aber  1
einige  andere  Vorteile.  Im  Martinprozeß  kann
alles  das  Roheisen  Verwendung  Enden,  das
weder  für  den  sauren  noch  für  den  basischen
Birnenprozeß  geeignet  ist.  Der  Flammofen  gestattet ­
  weiter,  jederzeit  Proben  zu  entnehmen  und
durch  Feststellung  des  Phosphor-  und  Schwefelgehaltes ­
  den  Betrieb  zu  regeln.  Schließlich  ist  I
die  gute  Verwertung  des  an  sich  geringwertigen
Schrottes  zu  nennen.  Von  größtem  Vorteile  würde
allerdings  die  Gestaltung  des  Prozesses  zu  einem
dauernden  sein,  wozu  bereits  erfolgversprechende  I
Versuche  gemacht  worden  sind.  Nach  Bertrand  I
und  Thiel  soll  das  Roheisen  im  Flammofen  nur
teilweise  durch  Erzzuschlag  von  seinen  Verunreinigungen ­
  befreit  werden,  die  volle  Reinigung ­
  und  Fertigstellung  des  Erzeugnisses  aber  in  I
Feinöfen  (s.  o.)  geschehen.  Beim  Talbot-  sowie  I
Häntkeprozeß  soll  von  Zeit  zu  Zeit  ein  Teil
des  flüssigen  Eisens  abgegossen  und  sogleich  |
neues  Material  in  den  Ofen  eingesetzt  werden.  Das  |
Zusammenschmelzen  von  Roheisen  mit  Schmiedeeisen ­
  zur  Erzeugung  von  Stahl  ist  für  das  erst-  I
genannte  Material  ein  Entkohlungs-,  für  das  letz-  I
tere  ein  Kohlungsverfahren.  Um  1900  gelang  I
die  Erfindung  wirtschaftlich  arbeitender  elektrischer
  Öfen  zur  Überführung  von  Roheisen  in  Stahl,  I
und  zwar  auf  drei  mehr  oder  weniger  voneinander  I
abweichenden  G,rund’agen.  Stassano  erhitzt  I
durch  die  Strahlung  eines  oberhalb  des  Eisenbades
übergehenden  Lichtbogens,  Heroult  führt  den  I
Lichtbogen  durch  das  Eisenbad  selbst;  Kjellin
aber  erzeugt  einen  Induktionsstrom  in  dem  in
einer  Rinne  befindlichem  Bade.  Als  Abarten
des  PIeroultschen  Verfahrens  sind 1  zu  nennen
das  von  Girod,  von  Chaplet,  von  Keller  und
das  von  Nathusius.  Letzteres  unterscheidet  sich  I
insofern  wesentlicher  von  den  übrigen,  als  die
Bodenelektroden  durch  eine  Magnesitmasse  voneinander ­
  getrennt  sind,  die  bei  hoher  Temperatur
genügend  leitend  wird,  um  eine  Bodenerwärmung
hervorzubringen.  —  Eine  Verbesserung  des  Kjel-  I
linofens  ist  der  Röchling  -  Rodenhausersche,
  welcher  zwei  oder  drei  der  ersteren  zu
einem  Herde  vereinigt  und  damit  ein  wesentlich
bequemeres  Arbeiten  gestattet.  —  Der  große
Vorteil  des  Elektroofens  gegenüber  dem  Martin-Siemens-Ofen
  liegt  in  4 er  Vermeidung  von
Heizgasen,  die  bei  der  letzteren  besonders  bei  der
Desoxydation  und  der  Kohlung  sowie  während
des  Abstechens  einer  Charge  oxydierend  und  damit ­
  schädlich  wirken.  Der  elektrische  Ofen
eignet  sich  also  zur  Herstellung  besonders  guten  |
Stahles,  während  er  für  die  Herstellung  geringerer ­
  Ware  der  hohen  Heizkosten  wegen  wenig  I
geeignet  erscheint,  —  Stahldarstellung  aus
Schweißeisen.  Dieses  Verfahren  liefert  einen  I
        <pb n="106" />
        Eisen

101

Eisen

sehr  guten  Stahl,  weil  das  beste  Schweißeisen
verwendet  wird  und  während  des  ganzen  Prozesses ­
  bei  gehöriger  Vorsicht  keine  Gelegenheit
findet,  Verunreinigungen  aufzunehmen.  Schweißschmiedeeisenstäbe
  werden  in  feuerfeste  Kästen
mit  Buchenholzkohle  verpackt  und  unter  Luftabschluß ­
  einer  starken  (zuweilen  bis  14  Tage)
andauernden  Glühung  unterworfen.  Der  Kohlenstoff ­
  aus  der  Verpackung  dringt  allmählich  in
•das  Schmiedeeisen  ein,  und  es  entsteht  der
Brenn-  oder  Zementstahl.  Die  rohen  Zementstahlstangen ­
  sind  nicht  verwendbar,  da  sie  mit
zahlreichen  Rissen  und  Blasen  bedeckt  sind,  und
außen  und  innen  verschiedenen  Kohlenstoffgehalt
zeigen.  Die  zur  Verdichtung  und  gleichmäßigen
Verteilung  des  Kohlenstoffes  erforderliche  Raffinierung ­
  geschieht  wie  bei  allen  in  ungeschmolzenem ­
  Zustande  erhaltenen  Stahlsorten  (auch  dem
Herd-  und  Puddelstahle)  entweder  durch  das
Garben  oder  durch  Einschmelzen.  Zum  Garben ­
  schweißt  man  eine  Anzahl  zu  einem  Bündel
(Garbe)  vereinigter  Rohstahlstangen  unter  dem
Hammer  zusammen,  streckt  sie  zu  Stäben  aus
und  schneidet  diese  in  Stücke  von  gleicher
Länge,  mit  we  chen  der  Prozeß  wiederholt  wird.
Das  Gärben  ist  also  ein  intensives  Durchkneten
des  Stahles,  wodurch  die  Teile  von  verschiedenem ­
  Kohlenstoffgehalt  miteinander  in  Berührung
kommen  und  ausgleichend  aufeinander  wirken.
Weit  vollkommener  wird  dieses  Ziel  erreicht,
wenn  man  die  Rohstablstangen  in  Tiegeln  unter
Luftabschluß  einschmilzt.  Hierdurch  erhält  man
den  eigentlichen  Guß  stahl,  welcher  nach  der
neueren  Klassifikation  als  Zementflußstahl  bezeichnet ­
  werden  muß,  während  der  durch  Gärben
raffinierte  Zementstahl  als  Zementschweißstahl ­
  zu  bezeichnen  ist.  Der  Gußstahl  bildet  die
geschätzteste  Stahlsorte,  welche  überall  da  verwendet ­
  wird,  wo  ganz  besondere  Zähigkeit  und
Festigkeit  oder  scharfe,  lang  stehende  Schneide,
oder  endlich  größte  Politur  wünschenswert  ist.
Leider  gestaltet  sich  die  Herstellung  größerer
Stücke  aus  Gußstahl  ziemlich  schwierig  und  teuer,
da  die  von  zwei  Mann  getragenen  Tiegel  nur
2 S—30  kg  Stahl  fassen,  und  zur  Herstellung  von
viele  Zentner  schweren  Blöcken  zu  Geschützen,
Walzen  usw.  Hunderte,  ja  zuweilen  mehr  als
tausend  Tiegel  in  einer  Folge  bis  zur  Vollendung
des  Gusses  zu  leeren  sind.  Dies  ohne  Störung  zu
bewerkstelligen,  ist  eine  der  staunenswertesten
ll nd  unübertroffenen  Leistungen  unserer  bedeutenden ­
  deutschen  Stahlwerke  (Krupp,  Bochum
"sw.).  Die  neuzeitlichen  Verfahren  zur  Gewinnung
schmiedbaren  Eisens  lassen  sich  mit  P.  Goetens
  und  K.  Quasebart  in  folgende  Übersicht
bringen:
Wiudfrischverfahren  im  sauren  im  basischen  Ofen
Siemens-Martin  verfahren  „  „
wlektroverfahren  „  „
Tiegelverfahren.
Vorteile  und  Nachteile  eines  jeden  Verfahrens
sind  in  obigem  meist  kurz  aufgeführt,  im  allkenteinen
  führen  die  billiger  arbeitenden  Verfahren ­
  auch  zu  einer  weniger  wertvollen  Ware,
Man  ist  daher  vielfach  zu  einer  Kombination  zweier
°fen  übergegangen.  —  Am  Schlüsse  dieser  Skizzier
 üng  der  wichtigsten  Darstellungsarten  des  lechntschen
  Eisens  sei  erneut  darauf  hingewiesen,
naß  schon  das  Altertum  gutes  Schmiedeeisen

und  guten  Stahl  besaß  und  diesen  durch  die
Rennarbeit  direkt  aus  dem  Erze  herstellte.  Daß
die  alte  Rennarbeit  heute  nicht  konkurrieren
kann,  liegt  an  dem  verschwenderischen  Verbrauch ­
  an  bestem  Rohmaterial  (beste  Erze  und
Holzkohle)  und  an  Menschenkraft.  Die  Frage,  ob
die  Herstellung  von  Schmiedeeisen  und  Stahl
durch  Umgestaltung  der  Rennarbeit  im  modernen ­
  Sinne  wieder  wird  leistungsfähig  gemacht
werden  können,  erfährt  recht  verschiedene  Beurteilung. ­
  In  einem  hier  mehrfach  benutzten  Bericht ­
  über  die  Fortschritte  des  Eisenhüttenwesens
von  Wedding  wird  sie  rundweg  verneint,  während ­
  Carl  Otto  für  Länder  mit  jüngerer  Mineralkohle ­
  die  Rückkehr  zum  alten  Verfahren  voraussagt. ­
  —  Beschreibung  der  Eisensorten.  —
Selbstredend  können  an  dieser  Stelle  nicht  alle
im  Handel  vorkommenden  Eisensorten,  die  je
nach  der  Art  der  Herstellung  oder  der  Verwendung ­
  verschiedene  Namen  führen,  verzeichnet
werden.  Vielmehr  sei  hier  nur  eine  Charakteristik ­
  der  Hauptsorten  gegeben.  Roheisen,
leicht  schmelzbar  und  nicht  schmiedbar,  wird
nach  seiner  Farbe  in  graues  und  weißes  Roheisen
eingeteilt.  Chemisch  unterscheiden  sich  beide
Sorten  dadurch,  daß  bei  der  erstgenannten  der
Kohlenstoff  zumeist  graphitartig  abgeschieden,
bei  der  anderen  aber  chemisch  gebunden  ist.  —
Graues  Roheisen.  Da  Silizium  die  graphitartige ­
  Abscheidung  befördert,  so  wird  mit  zunehmendem ­
  Siliziumgehalt  die  Färbung  immer
dunkler.  Lichtgraueisen  enthält  0,5  °/p,  Graueisen ­
  bis  3%,  Schwarzeisen  bis  5°/o  Silizium.
E.  mit  höherem  Gehalte  wird  Ferrosilizium
genannt.  Graues  Roheisen  erscheint  stets  mehr
oder  weniger  grobkörnig  oder  auch  bei  dunkleren
Sorten  kleinblätterig  oder  schuppig,  aber  nie
faserig  oder  strahlig.  Es  ist  weich  und  läßt  sich
mit  den  gewöhnlichen  Schneidewerkzeugen  leicht
bearbeiten.  —  Weißes  Roheisen.  Da  Mangan
die  graphitartige  Abscheidung  des  Kohlenstoffs
hemmt,  so  ist  alles  stärker  manganhaltige  Roheisen ­
  hell.  Bei  der  bereits  hervorgehobenen
Bedeutung  des  Mangans  für  die  Herstellung  von
Schmiedeeisen  und  Stahl  ist  die  Einteilung  des
weißen  Roheisens  nach  dem  Mangangehalte  gerechtfertigt: ­
  Weißkorn  hat  bis  1,5%,  Weißstrahl ­
  bis  4,5  °/o,  Spiegeleisen  bis  200/0,
Ferromangan  über  20%.  Der  Bruch  zeigt
feinkörniges,  strahliges  oder  großblättriges  Gefüge, ­
  letzteres  besonders  bei  dem  Spiegeleisen,
das  den  Namen  von  den  großen  spiegelnden  Flächen ­
  erhalten  hat.  Das  weiße  Roheisen  ist  in
jedem  Falle  bedeutend  härter  als  das  graue,  einzelne ­
  Sorten  lassen  sich  mit  der  Feile  gar  nicht
mehr  bearbeiten.  Das  graue  Roheisen  kommt
immer  in  Form  von  Gänzen,  das  weiße  auch  als
Flossen  oder  als  Masseln  in  den  Handel.  -—
Halbiertes  Roheisen  heißt  ein  Gemenge  von
grauem  und  weißem  Roheisen.  Man  bezeichnet
dasselbe  als  schwach  halbiert,  wenn  das  graue,
als  stark  halbiert,  wenn  das  weiße  vorwaltet.  —
Zu  Gußwaren  wird  meist  das  graue  Roheisen
benutzt,  denn  das  weiße  erstarrt  beim  Erkalten
mit  stumpfen  Ecken  und  konkaver  Oberfläche,
während  das  dünnflüssigere  graue  die  Formen
mit  großer  Genauigkeit  ausfüllt  und  ebene  Flächen ­
  als  solche  wiedergibt.  —  Welche  von  beiden
Eisensorten  im  Hochofen  entsteht,  ist  abhängig
        <pb n="107" />
        Eisen

102

Eisen

vom  Silizium-  und  Mangangehalt,  aber  auch,
wenigstens  zum  Teil,  von  der  Temperatur  des
Hochofens  und  von  der  Art  der  Abkühlung.  Silizium- ­
  und  manganarmes  Roheisen  läßt  sich  in
beiden  Formen  gewinnen,  da  sich  bei  rascher
Abkühlung  die  weiße  Sorte  bildet,  während  bei
langsamer  Abkühlung  die  Kohle  Zeit  findet,  sich
graphitartig  auszuscheiden.  Schmilzt  man  siliziumreicheres ­
  Roheisen,  so  bildet  sich  lediglich
eine  Kruste  von  glashartem  weißen  Roheisen,
die,  bei  guter  Ausführung,  allmählich  strahlig  in
das  die  Form  a'usfüllende  graue  Roheisen  übergeht. ­
  Diese  Eigentümlichkeit  hat  zuerst  das
Grusonwerk  zu  Buckau  technisch  zum  „Hartguß“ ­
  (Schalenguß,  Kapselguß)  angewandt,  indem ­
  es  das  geschmolzene  Roheisen  in  metallene
Formen  goß,  welche  das  Eisen  außen  schnell
erstarren  lassen.  Auf  diese  Art  werden  Walzen,
Reifen  für  Eisenbahnräder,  Schienenkreuzungen,
Geschosse  für  Artillerie  usf.  hergestellt.  Bei  solchen ­
  Waren,  die  nur  zum  Teil  mit  harter  Oberfläche ­
  versehen  sein  sollen,  z.  B.  Walzen,  an  denen
die  Zapfen  bearbeitbar  bleiben  müssen.,  wird  die
Form  entsprechend  aus  Metall  und  anderem
Material  (z.  B.  Lehm)  zusammengesetzt.  —  An
dieser  Stelle  sei  auch  die  Umwandlung  gußeiserner ­
  Waren  in  schmiedeeiserne  durch  Glühen
mit  oxydierenden  Stoffen  erwähnt,  wobei  die
Oxydation,  von  den  Berührungsflächen  ausgehend,
nach  und  nach  ins  Innere  der  Metallstücke  und
bis  zur  fast  vollständigen  Entkohlung  vorschreitet.
Als  Ausgangsmaterial  benutzt  man  weißes  Roheisen, ­
  dessen  Silizium-  wie  auch  Mangangehalt
o,6  %  nicht  überschreitet  und  dessen  Kohlenstoffgehalt ­
  etwa  3—3,5  o/o  betragen  darf,  als  Oxydationsmittel ­
  meist  gepulverten  Roteisenstein  (Glühfrischen). ­
  Schmiedbares  Gußeisen  kann  nur  dann
mit  Schmiedeeisen  konkurrieren,  wenn  die  Kosten
der  Formgebung  für  das  Schmiedeeisen  im  Verhältnis ­
  zu  seinem  Gewicht  einigermaßen  hoch
sein  würden,  so  einerseits  für  komplizierte  Formen. ­
  anderseits  für  kleinere  Stücke  von  geringer
Dicke  (Schloßteile,  Gewehr-  und  Nähmaschinenteile. ­
  Schlüssel,  Kettenglieder  und  zahlreiche
kleine  Maschinenteile).  Manche  dieser  Massenartikel ­
  erfahren  keine  weitere  Behandlung,  viele
nur  durch  Schleifen  und  Polieren,  wobei  sie  infolge ­
  der  feinkörnigen  Struktur  eine  bessere
Politur  als  das  Schmiedeeisen  annehmen.  Eine
Abart  dieses  Verfahrens  ist  der  Temperguß
(im  engeren  Sinne),  bei  dem  Roheisen  mit  Stahlabfällen ­
  zusammengeschmolzen,  und  das  sich  dabei ­
  bildende  W'eiße  Roheisen  in  Formen  gegossen
wird.  —  Schweißschmiedeeisen,  im  gewöhnlichen ­
  Verkehr  meist  Stabeisen  oder  Schmiedeeisen ­
  genannt,  ist  das  Erzeugnis  des  Frisch-  und
Puddelprozesses.  Die  gewonnenen  Luppen  erhalten ­
  unter  dem  Hammer  oder  Walzen  Stabform ­
  und  führen  nun  die  Bezeichnung  Rohschienen, ­
  die  als  Halbfabrikat  auch  im  Handel
Vorkommen.  Sie  werden  durch  ein-  oder  mehrmaliges ­
  Umschweißen  und  Ausrecken  unter  dem
Hammer  oder  Walzen  raffiniert  und  liefern  das
Stabeisen.  Gutes  Schweißschmiedeeisen  soll
auf  dem  frischen  Bruch  bei  weißer  Farbe  schwachen ­
  und  bei  lichtgrauer  Farbe  starken  Glänz
und  ferner  hakiges  oder  sehniges  Gefüge  zeigen.
Die  einzige  Ausnahme  macht  das  Feinkorneisen, ­
  ein  hochkohliges,  stahlartiges  Schweißeisen ­

  mit  feinkörnigem,  nie  sehnigem  Bruch  und
größerer  Härte  als  gewöhnliches  Schweißeisen,
welches  sich  auch  schwach  härten  läßt.  Das
Feinkorneisen  wird  seiner  großen  Widerstandsfähigkeit ­
  wegen  sehr  geschätzt  (Köpfe  von  Eisenbahnschienen ­
  usw.).  Namentlich  dient  es  auch
zur  Plerstcllung  des  Zemcntstahles  in  Steiermark
und  England,  von  denen  letzteres  aus  Schweden
Da.nemoraeisen  in  großen  Massen  bezieht.  Das
gewöhnliche  Schmiedeeisen  ist  weich  und  ziemlich
dehnbar,  so  daß  man  es  kalt  überschmieden  und
zu  Draht  ziehen  kann.  Dabei  nimmt  es  allerdings ­
  an  Härte  und  Dichtigkeit  zu  und  an  Dehnbarkeit ­
  ab.  Bei  fortgesetzter  Bearbeitung  wird  es
sogar  brüchig,  kann  aber  durch  Ausglühen  sofort ­
  wieder  in  den  natürlichen  Zustand  übergeführt ­
  werden.  In  rotglühendem  Zustande  läßt
sich  Schweißeisen  vorzüglich  schmieden,  im  weißglühenden
  schweißen  und  infolge  des  teigartigen
Zustandes  selbst  in  komplizierte  Formen  pressen
(Herstellung  von  Eisenbahnwagenrädern,  Kolben,
Kurbeln,  Schraubenschlüsseln  usw.  durch  Preßschmieden).
  Die  guten  Eigenschaften  des  Schweißeisens ­
  werden  häufig  durch  fremde  Beimengungen
stark  beeinträchtigt.  Verbranntes  und  überhitztes, ­
  d.  h.  durch  wiederholtes  starkes  Glühen ­
  mürbe  gewordenes  E.,  das  ein  blättrig-schuppiges ­
  Gefüge  und  starken  Glanz  zeigt,  läßt  sich
durch  Glühen  unter  Luftabschluß  wieder  gebrauchsfähig ­
  machen.  —  Qualitätsprüfung
des  Stabeisens:  Einen  recht  guten,  wenn  auch
nicht  untrüglichen  Anhalt  gibt  das  Aussehen  des
Bruches.  Außerdem  läßt  schon  das  äußere  Aussehen ­
  einen  Schluß  zu.  Gutes  Stabeisen  muß
reine  glatte  Oberfläche  und  scharfe  Kanten
zeigen  und  darf  weder  Kanten-,  Quer-  noch
Längsrisse  besitzen.  Große  Glätte,  Glanz  und
blauschwarze  Farbe  der  Oberfläche  zeigen  auf
nassem  Amboß  überschmiedete  Stäbe,  die  infolge ­
  dieser  Bearbeitung  etwas  spröde  sind.
Leicht  auszuführen  sind  auch  folgende  Proben:
Man  wirft  den  Stab  aus  großer  Höhe  auf  eine
harte  Unterlage  (Wurfprobe),  oder  läßt  auf
den  frei  an  den  Enden  aufliegenden  Stab  ein
Gewicht  fallen  (Schlagprobe).  Bricht  der  Stab
hierbei  nicht,  so  ist  das  Eisen  nicht  kaltbrüchig.
Man  spannt  den  Stab  in  einen  kräftigen  Schraub
stock  ein,  faßt  das  herausragende  Ende  mit
einem  langen  Hebel,  so  daß  zwischen  diesem
und  dem  Amboßmau!  etwa  io  cm  Stab  freibleiben, ­
  und  biegt  dieses  Stück  zunächst  um  go°
nach  der  einen,  dann  umi8o°  nach  der  anderen  Seite
und  nun  so  fort  bis  zum  Bruch.  Hartes  E.
knistert  und  zittert  dabei  und  bricht  bald;  weiches ­
  läßt  sich  geräuschlos  der  Biegprobe  unterwerfen ­
  und  hält  bei  gutem  Material  wohl  12—-15,
ja  zuweilen  noch  mehr  Biegungen  aus.  Ganz
schlechtes  Material  bricht  bei  dem  ersten  Zurückbiegen. ­
  Dicke  Stäbe  brechen  früher  als
dünne  aus  gleichem  Material.  Der  Bruch  erscheint ­
  nach  der  Biegprobe  in  der  Regel  sehnig
und  mehr  oder  weniger  verquetscht  und  verrieben, ­
  während  ein  reiner  Bruch  nur  dadurch
erhalten  wird,  daß  man  die  Stange  vorher  einhaut ­
  oder  einfeilt  und  dann  kurz  abbiegt.  Endlich ­
  ist  noch  die  Schmiede-  oder  heiße  Probe
zu  erwähnen,  wodurch  man  Aufschluß  darüber
erhält,  ob  das  E.  rotbrüchig  ist.  Der  Stab  wird
rotglühend  flach  ausgeschmiedet,  scharf  um ­
        <pb n="108" />
        Eisen

103

Eisen

gebogen,  gedreht  oder  besser  gelocht  und  darf
dabei  keine  Risse  erhalten.  —  Handelssorten
des  Schweißschmiedeeisens.  Unter  Stabeisen ­
  versteht  man  in  der  Regel  nur  die  Sorten
mit  flach  rechteckigem  (Flacheisen),  mit  quadratischem ­
  (Quadrat-  oder  Vierkanteisen)
und  kreisrundem  Querschnitt  (Ründeisen).
Bandeisen  ist  Flacheisen  mit  im  Verhältnis  zur
Dicke  großer  Breite;  Nageleisen  (zur  Nagelherstellung) ­
  kleines  Vierkanteisen;  Knoppereisen, ­
  geschmiedetes  Vierkanteisen,  welches
deutlich  die  Eindrücke  der  Hammer-  und  Amboßbahn ­
  zeigt;  Muttereisen  mit  sechs-  oder
achtkantigem  Querschnitt.  Alle  anderen  Eisensorten ­
  werden  als  Fassoneisen  bezeichnet,  z.  B.
Winkeleisen  1_,  T-Eisen  T.  Doppel-T-Eisen  X,
C-Eisen  J_,  L-Eisen,  Kreuzeisen  -j-,  Fenster-,  Geländereisen ­
  usw.;  dann  die  Eisenbahnschienen
in  den  verschiedensten  Profilen.  Die  erstgenannten ­
  Fassoneisen  finden  ausgedehnte  Verwendung
im  Maschinen-,  Schiff-  und  Brückenbau;  neuerdings ­
  auch  das  I-Eisen  mehr  beim  Hochbau
zu  Trägem  an  Stelle  hölzerner  Unterzüge  und
steinerner  Wölbungen.  Das  Fassoneisen  wird
ausschließlich,  das  Stabeisen  zum  weitaus  größten ­
  Teile  durch  Walzen  hergestellt,  und  zwar
die  schweren  Sorten  im  Grobwalzwerk,  die  feineren ­
  im  Feineisen-  und  Schnellwalzwerk.  —•  Im
Kleinhandel  wird  das  Stab-  und  Fassoneisen  in
Stangen  oder  Bunden  nach  Gewicht,  im  Großhandel ­
  hundertkilogrammweise  oder  die  Tonne  zu
1000  kg  verkauft.  —  Schweißstahl  ist  das  Erzeugnis ­
  des  Frisch-  und  Puddelprozesses  und  der
durch  Garben  raffinierte  Zementstahl.  Guter  Frisch
und  Puddelstahl  muß  auf  dem  Bruche  feinkörnig
und  matt  erscheinen,-  gut  schweißbar  sein  und
beim  Härten  große  Härte  und  Sprödigkeit  annehmen. ­
  Der  rohe  Stahl  kommt  unter  dem’
Namen  Rohstahl  oder  Motk  in’geschmiedeten
quadratischen  Stangen  in  den  Handel,  die  nach
dem  Aussehen  des  Bruches  sortiert  werden.  Um
das  Brechen  zu  erleichtern,  wirft  man  die  Stäbe
noch  glühend  in  Wasser,  wodurch  der  Stahl
glashart  wird  und  Querrisse  annimmt,  die  Wasser
eindringen  lassen.  Die  Bruchfläche  überzieht
sich  infolgedessen  mit  farbigen,  konzentrischen
Bingen  (Rosen  und  Rosenstahl),  die  als  Merkmal ­
  für  harten,  gefrischten  und  noch  nicht  raffinierten ­
  Stahl  gelten.  Auch  bei  Puddel-  und
Brischstahl  treten  Faulbruch,  Kaltbruch  usw.
a uf,  doch  mit  Ausnahme  des  Rohbruches  recht
selten.  Das  häufigere  Auftreten  des  letzteren  beri,
 ht  auf  der  Pierstellung  im  Herd-  und  Puddel-°fen,
  wobei  die  Entkohlung,  nur  schwer  völlig
Sieichmäßig  bewirkt  werden  kann  und  der  Stahl
leicht  noch  sehr  hochkohlige,  dem  Roheisen
nahestehende  Teile  enthält.  Die  Qualitätsbestimnmng
  ist  bei  Stahl  viel  schwieriger  als  bei
Schmiedeeisen.  Schlag-  und  Biegprobe  sind  nur
bei  den  weichsten  Marken  anwendbar;  der  Bruch
•nßt  keinen  sicheren  Schluß  auf  die  natürliche
Karte,  die  Härtefähigkeit  und  das  Verhalten  im
neuer  zu  (leichtes  oder  schweres  Verbrennen)  und
nur  ausgedehntere  Versuche  über  Verarbeitungsjnhigkeit,
  Härtefähigkeit  und  Festigkeitsversuche
können  eine  sichere  Qualitätsbestimmung  herbeiöhren.
  Der  gegärbte  Zementstahl  eignet  sich
®^mer  verhältnismäßig  großen  Weichheit  und
Geschmeidigkeit  wegen  vorzüglich  zu  Sensen.

Sicheln,  Säbel-  und  Degenklingen  usw.  (Steiermärker ­
  Sensen  usw.).  Ungegärbter  Stahl  kann
nur  zu  ganz  ordinären  Gegenständen  verwendet
werden,  da  er  zu  porös  ist.  —  Flußeisen  entsteht ­
  durch  den  Bessemerprozeß  ohne  oder  mit
Zuhilfenahme  des  Thomas-Gilchristschen  Entphosphorungsverfahrens ­
  und  kommt  als  rohe  gegossene, ­
  stumpf  pyramidale  Blöcke  (Ingots),  als
Stab-  oder  Fassqneisen  oder  als  Blech  in  den
Handel.  Die  Ingots  zeigen  blätterigen  oder  stark
grobkörnigen  Bruch,  die  daraus  durch  Schmieden ­
  oder  Walzen  erzeugten  Sorten  ein  sehr  gleich
mäßiges  feinkörniges  Gefüge  mit  mattem  Glanz
und  etwas  lichterer  Farbe  als  Stahl.  »Gutes
Flußeisen  ist  sehr  zähe  und  fest,  die  Zerreißfestigkeit ­
  liegt  um  25—500/0  höher  als  bei  gutem
Schweißeisen,  auch  läßt  es  sich  sehr  gut  schmier
den  und  schweißen,  aber  nicht  härten.  Früher
ging  das  Flußschmiedeeisen  unter  der  Bezeichnung ­
  Bessemerstahl,  und  nur  die  angefügte  Nummer ­
  ließ  erkennen,  daß  man  es  mit  einem  weit
entkohlten  und  deshalb  nicht  mehr  härtbaren
Erzeugnisse  des  Bessemerprozesses  zu  tun  hatte.
—  Flußstahl.  Hierher  gehören  der  Bessemerstahl, ­
  der  Martinstahl  und  der  Gußstahl  oder
Tiegelgußstahl.  Roher  Flußstahl  in  Form  von
Ingots  ist  selten  Handelsartikel.  Er  wird  durch
Schmieden  oder  Walzen  verdichtet  und  in  die
Handelsformen  gebracht.  Der  in  großen  Massen
zu  erzielende  Bessemerstahl,  worunter  alle  härtbaren ­
  Erzeugnisse  des  Bessemerprozesses  zu  verstehen ­
  sind,  und  Martinstahl  werden  hauptsächlich ­
  zu  Eisenbahnschienen,  Trägern,  Achsen,
zu  Blech-  und  Panzerplatten,  in  den  härteren
Marken  auch  zu  einfachen  ■  Werkzeugen,  der
Marlinstahl  auch  vorwiegend  zu  Fassonguß  verai
  beitet.  Bessemerstahl  ist  schwerer  schweißbar
als  andere  Stahlsorten  mit  gleichem  Kohlenstoffgehalt, ­
  was  wohl  in  dem  Vorhandensein  eines
größeren  Gehaltes  an  Verunreinigungen  begründet ­
  sein  mag.  Der  Tiegelgußstahl  steht  in
der  Qualität  bedeutend  höher  als  die  genannten
Sorten.  Sein  Bruch  ist  weit  feinkörniger,  von
dunklerer  Farbe  und  mattem  samtartigen  Glanz.
Durch  mehrmaliges  Umschmelzen  erhält  er  größere ­
  Güte.  Auch  hat  man  versucht,  durch  besondere ­
  Zusätze  von  Mangan,  Wolfram,  Nickel,
Silber,  Platin  die  Qualität  zu  erhöhen  oder  für
besondere  Zwecke  bestimmte  Eigenschaften  zu
erzielen.  —  Mushet-  oder  Wolframstahl  ist
sehr  dicht  und  gleichförmig  und  von  so  großer
natürlicher  Härte,  daß  ein  Härten  nicht  nötig  ist.
Silberstahl  enthält  nach  den  Untersuchungsresultaten ­
  kein  Silber,  sondern  ist  nur  eine  Gußstahlsorte ­
  vorzüglicher  Qualität.  Der  Gußstahl
findet  Verwendung  zu  allen  besseren  und  den
feinsten  Werkzeugen,  chirurgischen  Instrumenten,
zu  Geschützen,  Walzen.  Zur  Qualitätsbestimmung
dient  das  Aussehen  des  Bruches  in  Verbindung
mit  Schmiede-  und  Härteproben.  Gußstahl  läßt
sich  mit  Schweißeisen  zusammenschweißen,  doch
wachsen  die  Schwierigkeiten  mit  zunehmendem
Kohlenstoffgehalt.  Hochkohliger  Gußstahl  wird
häufig  als  unschweißbar  bezeichnet.  —  Von  besonderen ­
  Stahlsorten  seien  noch  erwähnt:  Wootz,
eine  aus  Indien  stammende,  angeblich  durch  Zusammenschmelzen ­
  von  Schmiedeeisen  und  Kohlen
entstandene  Sorte,  die  große  Härte  annimmt  und
vorzüglich  zu  feinen  .Schneidwaren  geeignet  ist.
        <pb n="109" />
        Eisenazetat

104

Eisenhut

Damaststahl,  Damaszenerstahl,  eine  nach
der  Stadt  Damaskus  bezeichnete,  in  der  Regel
'durch  Zusammenschweißen  von  Schmiedeeisen
und  Stahl  entstehende  Stahlsorte,  zeichnet  sich
durch  ungemeine  Zähigkeit  aus  und  läßt  auf  geätzten ­
  Flächen  die  nebeneinander  liegenden  Stahlund
  Schmiedeeisenteile  deutlich  in  bestimmten
Zeichnungen  hervortreten.  Er  findet  Verwendung
zu  Degen-,  Säbel-,  Dolchklingen  und  Gewehrläufen. ­
  Vielfach  wird  die  Zeichnung  lediglich
durch  Atzen  von  Stahl  hervorgebracht.  Der
ungeheure  Bedarf  der  deutschen  Eisenindustrie
muß  zu  einem  Drittel  aus  ausländischen  Erzen
gedeckt  werden,  besonders  aus  Französisch-Lothringen
  (Briey,  Nancy,  Longwy).  Die  unserer  seitherigen ­
  Grenze  benachbarten  französischen  Vorkommnisse ­
  schätzt  man  auf  ötooo  ha  mit  3  Milliarden ­
  Tonnen  Eisen.  Deutsch-Lothringen  umfaßt ­
  43000  ha  Eisenerzfelder  mit  1,8  Milliarden
Tonnen  Eisen.  Neuerdings  sollen  in  Ooer.ranken
  100000  ha  Erzlager  mit  1,7  Milliarden  Tonnen ­
  gefunden  worden  sein.
Eisenazetat  (Essigsaures  Eisen,  Ferriazetat,
  lat.  Ferrum  aceticum,  frz.  Acetate  de  fer,
engl.  Acetate  of  iron)  wird  in  reinem  Zustande
durch  Auflösen  von  Eisenhydroxyd  in  Essigsäure ­
  dargestellt  und  kommt  in  Form  seiner
wäßrigen  Lösung  als  dunkelbraunrote  Flüssigkeit, ­
  Liquor  ferri  acetici  (frz.  Solution  d’actitäte
  Ferrique,  enjfl.  Solution  of  Ferric  acetate),
in  den  Handel.  Ein  technisches  Präparat,  das
sog.  holzessigsaure  oder  holzsaure  Eisen
(Eisenbeize,  Eisenbrühe,  Schwarzbeize,
lat.  Ferrum  pyrolignosum)  findet  als  Beize  in  der
Färberei  und  Druckerei  Anwendung.  Etwaige
Zusätze  von  Eisenvitriol  erkennt  man  an  dem
Auftreten  eines  Niederschlages  mit  Bariumchlorid. ­

Eisen  Chlorid  (Eise  ns  esquichlorid,  Anderthalbchloreisen, ­
  Eisenperchlorid,  Ferrichlorid,
  lat.  Ferrum  sesquichloratum,  frz.  Perchlorure
  de  fer,  engl.  Sesquichloride  of  iron).  Die
wasserfreie  Verbindung  FeCl a  erhält  ‘man  in  Form
grünlich-schwarzer,  metallisch  glänzender  Kristallblättchen, ­
  die  bei  durchfallendem  Lichte  granatrot ­
  erscheinen,  auf  trockenem  Wege  durch  Sublimation, ­
  daher  die  Bezeichnung  Eisenblumen
oder  Eisensublimat  (lat.  Ferrum  sesquichloratum ­
  sublimatum,  Flores  martis).  Aus  der  Luft
ziehen  die  Kristalle  Feuchtigkeit  an  und  zerfließen ­
  zu  edner  dunkelbraunen  Flüssigkeit,  dem
sog.  Eisenöl  (lat.  Oleum  martis,  Liquor  stypticus
  Lofi).  Im  Handel  findet  sich  hauptsächlich
eine  konzentrierte  wäßrige  Eisench'.oridlösung
(lat.  Liquor  ferri  sesquichlorati,  frz.  Solution
de  perchlorure  de  fer,  engl.  Solution  of  Ferric
Chloride),  eine  dickflüssige,  dunkelbraune  Flüs
sigkect  vom  spez.  Gew.  1,480—1,484,  die  beim
Verdünnen  mit  Wasser  eine  gelbe  Farbe  annimmt. ­
  Außerdem  führt  man  ein  kristallisiertes
wasserhaltiges  E.,  das  zum  Unterschiede  von
dem  sublimierten  wasserfreien  E.  Ferrum  sesquichloratum ­
  cristallisatum  genannt  wird.  Verwendung ­
  finden  die  genannten  Salze  in  der  Medizin ­
  als  blutstillende  Mittel,  ferner  in  der
Chemie,  in  der  Technik,  z.  B.  als  iBeize  und  als
Desinfektionsmittel.
Eisenchlorür,  FeCl 2  (Eisenmonochlorid,
Einfachchloreisen,  Ferrochlorid,  lat.  Ferrum ­

  chloratum,  frz.  Chlorure  de  fer,  engl.  Chloride ­
  of  iron),  bildet  im  wasserfreien  Zustande
weiße  Kristalle,  findet  sich  aber  im  Handel  gewöhnlich ­
  nur  wasserhaltig  in  durchsichtigen,  bläulichweißen ­
  Kristallen,  d.e  ihrer  Zerf.ießlichkeit
wegen  in  gut  verschlossenen  Gefäßen  aufbewahrt
werden  müssen.  Eine  Lösung  des  E.  in  Wasser
wird  Liquor  ferri  chlorati  genannt.
Eisenchromat  (chromsaures  Eisen),  Fe 2 .
(CrOJä,  entsteht  beim  Vermischen  von  Eisenchloridlösung ­
  mit  Kaliumdichromat  als  ein  gelbes
Pulver,  das  in  der  Malerei  (Sideringelb)  Anwendung ­
  findet  und  wegen  seines  Verhaltens  in
der  Hitze  in  der  Porzellanmalerei  zu  braunen
Tönen  benutzt  wird.
Eisenholz  (frz.  Bois  de  fer,  engl.  Iron-wood).
Diesen  Namen  führen  im  Handel  verschiedene,
durch  ungewöhnliche  Härte  sich  auszeichnende
Hölzer.  Fast  jedes  heiße  Land  hat  seine  besonderen ­
  Arten  solcher  hartholzigen  Bäume,  die
zu  den  Klusiazeen,  Laurazeen,  Rubiazeen  und
Sapotazeen  gehören.  Der  von  der  Botanik  als
„echter“  oder  „wahrer“  bezeichnete  Eisenholzbaum ­
  (Metrosideros  vera)  stammt  von  den
Molukken.  Die  im  Handel  vorkommenden  Hölzer
sind  gewöhnlich  dunkelfarbig,  so  schwer,  daß  sie
im  Wasser  sinken,  und  so  hart,  daß  sie  sich  nur
mit  den  besten  Instrumenten  bearbeiten  lassen.
Vorheriges  Einlegen  in  heißes  Wasser  macht  sie
jedoch  gefügiger.  Sie  dienen  zu  verschiedenen
kleinen  Handwerkszeugen,  zu  Walzen  und
Drechslerwaren  und  werden  von  Ostindien,
Kotschinchina,  Java,  Sumatra,  Madagaskar,  Südund
  Westafrika,  Mittel-  und  Südamerika  und
Australien  eingeführt.
Eisenhut  (Sturmhut,  lat.  Aconitum).  Von
dieser  zu  den  Ranunkulazeen  gehörigen  Giftpflanze, ­
  Aconitum  Napellus,  gibt  es  viele
verschiedene  Arten,  die  man  gewöhnlich  in  gelbund
  blaublühende  gruppiert.  Nur  von  den  letzteren ­
  werden  die  Blätter  und  die  Knollen  medizinisch ­
  verwendet.  Die  Eisenhutblätter,  auch
Eisenhutkraut  (lat.  Herba  aconiti,  frz.  Herbe
d’aconit,  engl.  Leaves  of  aconite)  genannt,  werden ­
  kurz  vor  oder  während  der  Blüte,  womöglich
von  wildwachsenden  Pflanzen,  gesammelt  und
getrocknet.  Sie  sind  handförmig  in  fünf  Lappen
(die  oberen  Blätter  nur  in  drei)  geteilt,  welche
wiederum  eine  Teilung  in  je  drei  Lappen  zeigen.
Die  obere  Seite  der  Blätter  ist  lebhaft  grün  und
glänzend,  die  untere  matt  und  heller,  der  Geruch
nur  sehr  schwach,  der  Geschmack  scharf  und
brennend.  Sie  sind  sehr  giftig  und  enthalten
als  charakteristische  Bestandteile  Akonitin  s.d.),
Napellin  und  Akonitsäure.  —  Die  rübenförmigen ­
  Akonitknollen  (Mönchswurz,  Fuchswurz, ­
  Teufelswurz,  lat.  Tubera  aconiti,  frz.
Racine  d’aconit,  engl.  Aconite  root)  sind  s  cm
lang  und  bis  zu  2,5  cm  dick,  ziemlich  glatt,  nur
wenig  gefurcht  und  innen  weißgrau.  Auf  dem
Querschnitte  zeigen  sie  eine  starke,  dunkelpunktierte ­
  Rinde  und  zwischen  dieser  und  dem  Holzkörper ­
  bei  den  Knollen  von  Aconitum  Napellus
eine  in  5—8  spitzige  Strahlen  und  spitze  Buchten
auslaufende  sternförmige  Linie.  Bei  anderen
Akonitümarten  sind  diese  Strahlen  und  Buchten
mehr  stumpf  und  abgerundeter.  Die  von  den
Wurzelfasern  bei  der  Einsammlung  befreiten
Knollen  sind  geruchlos,  haben  aber  einen  bitteren
        <pb n="110" />
        Eisenjodür

105

Eisenvitriol

und  scharfen  Geschmack  und  werden  ihres  großen ­
  Akonitingehaltes  wegen  gewöhnlich  zur  Darstellung ­
  dieses  giftigen  Alkaloids  sowie  von
Extractum  und  Tinktura  aconiti  benutzt.  In
neuerer  Zeit  sind  auch  japanische  Akonitknollen
unter  dem  Namen  Tsaou-woo  in  den  Handel
gekommen,  die  außer  Akonitin  noch  ein  anderes
Alkaloid,  das,  Japakonitin,  enthalten.
Eisenjodür  (Ferrojodid,  Jodeisen,  lat.  Ferrum ­
  jodatum,  frz.  Jodure  de  fer,  engl.  Iron  jodide)
  wird  durch  Glühen  von  Eisenfeile  mit
überschüssigem  Jod  und  nachfolgendes  Umkri
stallisieren  der  Schmelze  aus  Wasser  in  Form
blaßgrünlicher  Kristallkrusten  von  der  Formel
Fe) 2 -}-H 2 0  erhalten.  Das  wasserfreie  Salz  bildet ­
  ein  weißes  Pulver,  das  an  der  Luft  leicht
Feuchtigkeit  anzieht  und  dabei  grün  und  braun
wird.  Das  Salz  ist,  wie  seine  wäßrige  Lösung
(Liquor  ferri  jodati),  leicht  zersetzlich  und
wird  daher  zur  Erhöhung  der  Haltbarkeit  oft
mit  Rohrzucker,  Milchzucker  oder  Zuckersirup
versetzt.  Die  dann  erhaltenen  Präparate,  Ferrum ­
  jodatum  und  Sirupus  ferri  jodati,  finden ­
  in  gleicher  Weise  wie  die  wäßrige  Lösung
zur  Erzielung  vereinigter  Eisen-  und  Jodwirkung
medizinische  Anwendung.
Eisenmennige,  natürliches,  feingemahlenes
Eisenoxyd  (Blutstein),  oder  auch  unreines  Eisenoxyd ­
  mit  etwa  30%  Beimengungen,  wird  anstatt
der  gewöhnlichen  Mennige  zum  Anstreichen  von
Eisenkonstruktionen  benutzt.
E  senoxyd,  Eisensesquioxyd,  Fe 2 0 3 (lat.Ferrum ­
  oxydatum,  frz.  Oxyde  de  fer,  engl.  Oxyd
of  iron),  wird  gewöhnlich  als  Nebenprodukt  bei
der  Bereitung  des  Nordhäuser  Vitriolö  s  aus
Eisenvitriol  erhalten  und  auch  unter  den  Namen
Englischrot,  Polierrot,  Kolkothar,  Caput
mortuum,  Totenkopf  in  den  Handel  gebracht.
In  der  Natur  kommt  es  als  Blutstein,  Hämatit. ­
  Glaskopf  (lat.  Lapis  häematitis,  frz.  Hematile,
  engl.  Haematile)  oder  Roteisenstein
vor,  die  ebenfalls  einen  Handelsartikel  bilden,
^lan  benutzt  sowohl  dieses  natürliche  als  auch
das  künstliche  E.  als  Poliermittel  für  Glas,  Stahl
and  Goldwaren,  für  letztere  jedoch  am  liebsten
e, n  durch  Glühen  von  oxalsaurem  Eisenoxydul
mhaltenes,  sehr  zartes  E.  Ein  aus  gefälltem
Eisenhydroxyd  hergestelltes  E.  wurde  früher
a ' s  Crocus  martis  aperitivus  oder  Ferrum
°xydatum  fuscuin  medizinisch  verordnet,  wäh-’
 k e nd  das  jetzige  Ferrum  oxyd.  fuscum,  ein
otaunes  unlösliches  Pulver,  aus  Eisenoxydhydrat,
  Eisenhydroxyd  {'at.  Ferrum  hydri
cu m,  frz.  Oxyde  ferrique  hydratö,  engl.  Hydrated
Poroxyde  of  iron)  besteht.  Eine  in  Wasser  löshohe
  Modifikation  desselben,  das  dialysierte  E
dat.  Ferrum  oxydatum  dialysatum),  eine  dunkel
Pjaungelbe  Flüssigkeit  von  nur  sehr  schwachem
Eisengeschmack,  wird  als  leicht  assimilierbares
Eisenpräparat  medizinisch  verwandt.  Eisenocker, ­
  Eisensaccharat  (lat.  Ferrum  oxydatum ­
  saccharatum  solubile,  frz.  Oxyde  ferrique
?ucre  soluble,  engl.  Saccharated  peroxyde  of
Eon),  besteht  aus  Zucker  und  Eisenoxydhydrat.
Eis  Ferrum  oxydulatum  nigrum  oder  Äthi-?Ps
  martialis  (Eisenmoor)  wurde  früher  auch
-'senoxyduloxyd,  ein  feines,  schwarzes  Pul-Ver
 .  medizinisch  benutzt.

Eisenpulver.  In  der  Medizin  wie  im  chemischen ­
  Laboratorium  finden  zwei  Arten  des  fein
verteilten  metallischen  Eisens  Verwendung.
1.  Feingepulvertes  Schmiedeeisen  (lat.
Ferrum  puiveratum,  F.  limatum  seu  Limatura
ferri,  frz.  Fer  pulverist;,  engl.  Iron  powdered)
ist  ein  äußerst  feines,  schweres,  graues  Pulver
von  metallischem  Glanz,  das  in  gut  verschlossenen ­
  Flaschen  aufbewahrt  werden  muß.  Es  soll
frei  von  Rost  sein,  sich  in  verdünnter  Salzsäure
vollständig  lösen  und  dabei  nur  Wasserstoffgas,
nicht  aber  Schwefelwasserstoffgas  entwickeln.
Spuren  des  letzteren  Gases  fehlen  jedoch  fast
nie.  Das  Präparat  wird,  besonders  in  Tirol,
durch  Zerstoßen  des  Schmiedeeisens  und  Reiben
unter  Druck  hergestellt.  2.  Durch  Wasserstoffgas
reduziertes  Eisen  (lat.  Ferrum  hydrogenio  reductum,
  F.  reductum,  frz,  Fer  röduit  par  l’hydrogöne,
  engl.  Reducfed  iron)  ist  ein  graues,  glanzloses ­
  Pulver,  das  aus  reinem  Eisenoxyd  hergestellt ­
  wird,  Falls  man  zur  Gewinnung  des
Eisenoxydes  Eisensulfat  benutzt,  enthält  das
Endprodukt  gewöhnlich  noch  Schwefel.  Frei
von  Schwefel  läßt  es  sich  nur  gewinnen,  wenn
Eisenchlorid  als  Ausgangsmaterial  diente.  Das
reduzierte  Eisen  enthält  in  der  Regel  noch  Eisenoxyduloxyd, ­
  das  bei  höherem  Gehalte  eine
schwarze  Färbung  hervorruft,  und  soll  sich  in
Bromwasser  vollständig  lösen.  Für  medizinische
Zwecke  müssen  die  E.  frei  von  Schwefel  sein,
weil  sie  sonst  im  Magen  Schwefelwasserstoffgas
entwickeln.  Das  Ferrum  reductum  ist  ein  gut
verdauliches  Eisenpräparat.  Im  Laboratorium
dient  E.  als  starkes  Reduktionsmittel.
Eisensalmiak  (Ammoniumeisenchlorid,  lat.
Ammonium  chloratum  ferratum,  frz.  Muriate  de
fer  ammoniacal,  engl.  Ammoniachloride  of  iron),
ein  morgenrotfarbiges,  in  Wasser  leicht  lösliches
Kristallpulver,  besteht  aus  Eisenchlorid  und  Salmiak ­
  und  wird  gegen  Bleichsucht,  Rhachitis  und
Epilepsie  medizinisch  angewandt.
Eisehschwärze,  eine  zum  Schwarzfärben  benutzte ­
  Mischung  von  Eisenvitriol  und  Blauholzextrakt ­
  mit  Galläpfeln.  Bisweilen  wird  auch  eine
aus  holzessigsaurem  Eisen  bestehende  Beize  so
genannt.
Eisenschwarz  nennt  man  ein  als  Ofenschwärze
benutztes  Graphitpulver.
Eisensulfid  (Schwefeleisen,  lat.  Ferrum  sulfuratum,
  frz.  Sulfure  de  fer,  engl.  Sulfuret  of
iron).  Eisen  und  Schwefel  lassen  sich  zu  verschiedenen ­
  chemischen  Verbindungen  vereinen,
von  denen  einige  als  Mineralien  in  der  Natur
fertig  gebildet  Vorkommen.  Im  Handel  findet
man  von  den  künstlich  darstellbaren  nur  das
Einfachschwefeleisen,  Fe 2 S  (Eisenmonosulfid, ­
  Ferrosulfid),  das  durch  Erhitzen  von
3  Teilen  Eisenfeile  mit  2  Teilen  Schwefel  im
bedeckten  Tiegel  als  eine  dunkelbronzefarbene
bis  grauschwarze,  schwach  metallglänzende  Masse
erhalten  wird  und  zur  Darstellung  von  Schwefelwasserstoff ­
  in  großen  Mengen  Anwendung  findet.
Zweifach-Schwefeleisen,  vgl.  Schwefelkies.
Eisenvitriol  (Schwefelsaures  Eisenoxydul, ­
  Eisenoxydulsulfat,  Ferrosulfat,  Grüner ­
  Vitriol,  lat.  Ferrum  sulfuricum,  Vitriolum
martis,  frz.  Sulfate  ferreux,  Vitriol  vert,  engl.  Vitriol ­
  of  iron,  Green  vitrioI,  Ferrous  sulphate)
findet  sich  fertig  gebildet  in  der  Natur  nur  dort,
        <pb n="111" />
        Eisenzucker

106

Elemiharz

wo  Schwefeleisen  der  Verwitterung  unterlag.
Außerdem  erhält  man  es  als  Nebenprodukt  bei
der  Alaunsiederei,  als  Rückstand  bei  der  Darstellung ­
  von  Schwefelwasserstoff  aus  Schwefeleisen ­
  und  Schwefelsäure,  beim  Abbeizen  von
Eisenblech  und  Eisendraht  mit  verdünnter  Schwefelsäure ­
  und  bei  der  Gewinnung  von  Zementkupfer. ­
  Die  Hauptmenge  wird  auf  Vitriolwerken
aus  Schwefeleisen  (Schwefelkiesen)  dargestellt,
indem  man  diese  nach  vorgängiger  Röstung  oder
auch  direkt  auf  sog.  Auslaugebühnen  der  Einwirkung ­
  der  Luft  unter  Feuchthalten  längere  Zeit
aussetzt,  darauf  von  Zeit  zu  Zeit  durch  Übergießen ­
  mit  Wasser  auslaugt,  die  Lösungen  eindampft ­
  und  noch  heiß  in  die  Kristallisiergefäße
bringt.  Der  so  erhaltene  rohe  E.  des  Handels  ist
gewöhnlich  mehr  oder  weniger  verunreinigt  durch
schwefelsaures  Zink,  Kupfer  und  Mangan  sowie
durch  Bittersalz,  Gips  und  schwefelsaures  Eisenoxyd ­
  (Ferrisulfat),  das  bei  größerer  Menge
das  Nässen  des  Salzes  verursacht,  kann  aber  für
manche  Zwecke  direkt  benutzt  werden.  Das
Salz  bildet  blaßgrünliche  Kristalle  (Grüner  Vitriol) ­
  von  der  Formel  FeSQ 4  -(-  7H 2 0,  verliert
aber  an  der  Luft  Kristallwasser  und  sein  glasiges
Aussehen  und  wird  krümlich,  weißlich,  zum  Teil
rostfarben  und  durch  Aufnahme  von  Sauerstoff
in  Wasser  teilweise  unlöslich,  indem  sich  basisch
schwefelsaures  Eisenoxyd  bildet.  Durch  völliges
Austreiben  des  Kristallwassers  bei  mäßiger  Hitze
erhält  man  den  weiß  gebrannten  Vitriol.  Der
nicht  selten  vorhandene  Kupfergehalt  des  Salzes
verrät  sich  beim  Eintauchen  von  blankem  Eisen
in  die  wäßrige  Lösung,  wobei  das  Kupfer  einen
feinen  metallischen  Niederschlag  auf  dem  Eisen
bildet.  Hiervon  dürfte  sich  die  vielfach  gebräuchliche ­
  Bezeichnung  Kupferwasser  ableifen.
Kupferreichere  Salze,  welche  infolge  absichtlicher
Mischung  oder  der  Herstellung  aus  unreinen
Eisenlaugen  so  viel  Kupfer  enthalten,  daß  sie
mehr  oder  weniger  blau  statt  grün  aussehen
(Salzburger  oder  Admonter,  Bayreuther,  Gräfenthaler
  usw.  Doppelvitriol),  werden  mit  dem  Namen
Adlervitriol  bezeichnet  (s.  d.)  und  besonders  in
den  Färbereien  und  Zeugdruckereien  verbraucht.
Auch  der  gewöhnliche  E.  findet  ausgedehnte
Anwendung  zum  Schwarzfärben  und  zur  Erzeugung ­
  brauner  Töne  und  Nankingfarben.  Außerdem ­
  dient  das  sehr  billige  Salz  zur  Desinfektion
von  Abortgruben,  zur  Herstellung  von  Berlinerblau, ­
  als  Lederschwärze,  zur  Bereitung  der  Indigküpe
  der  Färber,  der  rauchenden  Schwefelsäure
und  zu  manchen  anderen  Zwecken.  —  Reines;
aus  Säure  und  Eisen  bereitetes  Salz  (Ferrum  sulfuricum
  purum)  wird  in  der  Chemie  als  reduzierendes ­
  Mittel,  in  der  Medizin  und  ferner  in
der  Photographie  als  Entwickler  gebraucht.  —
Roher  E.  kommt  in  Fässern  -von  einem  oder
mehreren  Zentnern,  teils  in  sog.  Trauben,  d.  h.
Kristalldrusen,  die  sich  um  ein  Holzstäbchen  angesetzt ­
  haben,  teils  in  Tafeln,  die  von  Wänden
und  Boden  der  Kristallisationsgefäße  abgeschlagen ­
  sind,  in  den  Handel.
Eisenzucker  (lat.  Ferrum  oxydatum  saccharatum)
  wird  dargestellt  durch  Fällung  von
Eisenchloridlösung  mit  Soda  und  Behandlung
des  Niederschlages  mit  Zucker,  als  ein  rötliches,
in  Wasser  lösliches  Pulver,  von  süßlichem,  metallischem ­
  Geschmack.  Es  wird  als  eines  der  beliebtesten ­
  Eisenpräparate  viel  verordnet.

Ekrasit,  das  als  Sprengmittel  benutzte  Ammoniumsalz
  des  Trinitrokresols.
Elaterium,  ein  pharmazeutisches  Präparat  aus
der  Esels-  oder  Springgurke  (Momordica
Elaterium),  einem  zu  den  kürbisartigen  Pflanzen ­
  gehörigen,  im  südlichen  Europa  wachsenden,
auch  bei  uns  in  Gärten  fortkommenden  einjährigen ­
  Gewächs  mit  4—5  cm  langen,  weichstache
ligen  Gurkenfrüchten,  die  bei  erreichter  Vollreife ­
  vom  Stiel  abfallen  und  dabei  ihren  Inhalt  an
Saft  und  Samen  umherspritzen  lassen.  Der  Saft
enthält  reichliche  Mengen  einer  sehr  bitteren
kristallisierbaren  Substanz,  Elaterin,  die  mit
dem  bitteren  Stoff  der  Koloquinten  identisch
sein  soll  und  die  gleiche  drastische,  heftig  purgierende ­
  und  brechenerregende  Wirkung  wie  jene
ausübt.  Man  unterscheidet  weißes  und  schwarzes ­
  E.  Das  erstere  ist  der  von  nicht  völlig  reifen
Früchten  gewonnene,  filtrierte  und  einfach  an  der
Luft  eingedunstete  Saft,  während  die  dunklere,
minder  heftig  wirkende  Sorte  aus  dem  Safte
reifer  Früchte  bereitet  wird.
Elemiharz  (Ölbaumharz,  lat.  Resina  elcmi.
frz.  Rösine  ölömi,  engl.  Gum  elemi).  Unter  diesem ­
  Namen  sind  verschiedene  Harze  von  Burserazeen
  im  Handel,  die  sich  alle  darin  ähneln,
daß  sie  weiche  und  klebrige  Konsistenz  besitzen,
in  kaltem  Alkohol  teilweise,  in  heißem  bis  auf
Unreinigkeiten  löslich  sind  und  einen  dillähnlichen
Geruch  sowie  gelbiichweiße  bis  grünlichgelbe
Farbe  besitzen.  Man  unterscheidet  vor  allem
amerikanisches  oder  westindisches  und  orientalisches ­
  oder  ostindisches  E.  Zu  den  ersteren  gehört ­
  das  Brasilianische  (Rio-)  E.  von  Protium
  heptaphyIlum,  eine  anfangs  blaßgelbliehe,
  weiche  und  klebrige,  dem  Fichtenharz
ähnliche  Masse,  die  später  härter  und  graugelb
wird  und  auf  dem  Bruche  matt,  wachsartig  erscheint; ­
  ferner  das  Mexikanische  E.  von  Amyris
  elemifera,  ein  hartes  graugelbes  Harz,  das
an  der  Luft  milchweiß,  fast  mehlig  wird;  Westindisches ­
  (Yukatan-)  E.  von  Amyris  Plumieri,
  hellgelbe  harte  Stücke  von  bestäubter
Oberfläche,  aber  glänzendem  Bruch;  Guyana  E.
m  Icica  viridiflora  und  Mauritius  E.,
ein  weiches  Harz  von  Colophonia  Mauritiana.
  Zu  den  orientalischen  Sorten  zählt  das
sog.  Ostindische  E.,  ein  hartes,  von  Canarium
  stammendes  Harz,  das  in  Form  rundlicher,
handgroßer  Kuchen,  von  Schilf  oder  Palmblättern
umhüllt,  zum  Verkauf  gelangt;  das  Bengalische ­
  E.  von  Amyris  Agallocha  und  vor
allem  das  Manila  oder  Philippinische  E.
Diese  wichtigste  Handelssorte  wird  durch  Ein :
ritzen  der  Stämme  von  -Canarium  commune
gewonnen  und  stellt  eine  anfangs  terpentinähnliche, ­
  zähe  Masse  von  gelblichweißer  Farbe  dar,
die  vielfach  Pflanzen-  und  Kohlenteilchen  umschließt ­
  und  mit  der  Zeit  fester  und  dunkler  gelblich ­
  bis  braun  wird.  Neuerdings  kommen  auch
E.-Sorten  aus  A,frika  (Kamerun)  und  Neu-Guinea
  zur  Einfuhr.  E.  enthält  neben  wechselnden ­
  Mengen  (20—30%)  ätherisches  Öl  (Elemiöl)
etwa  30  0/0  eines  kristallisierten  Terpenalkohols,
Amyrin,  welcher  dem  Cholesterin  nahe  steht,
ferner  eine  kristallisierbare  Säure.  Elemisäure,
  Bryodin,  Bitterstoffe  und  amorphe
Harze  (Resene).  Das  Bryodin  zeigt  die  charakte
ristische  Reaktion,  durch  trocknes  Salzsäuregas
erst  rot,  dann  blau  und  grün  zu  werden.  E-
        <pb n="112" />
        Elemiöl

107

Emulgen

kommt  je  nach  der  Herkunft  in  Form  runder
Kuchen  oder  gegossener  Stangen  oder  kistenweise ­
  in  losen  Stücken  zum  Verkauf.  Es  unterhegt ­
  mannigfachen  Verfälschungen  und  soll  sogar
aus  parfümiertem  Fichtenharz  ganz  ich  nachgemacht ­
  werden.  Das  E.  dient  in  der  Pharmazie
zur  Bereitung  von  Salben  und  Pflastern,  in  der
Hutmacherei  zum  Steifen  und  wird  zur  Herstellung ­
  von  Spiritusfirnissen,  die  nicht  ganz
farblos  zu  sein  brauchen,  an  Stelle  des  Terpentinöls ­
  verwandt,  da  es  Glanz  und  Geschmeidigkeit
gibt,  ohne  wie  jenes  Risse  zu  erzeugen  oder  den
Firnis  klebrig  zu  machen.
Elemiöl  (lat.  Oleum  elemi,  frz.Essence  d’dlemi,
eng).  Elemi  oil),  das  durch  Destillation  zu  20
bis  30  »/o  aus  dem  Manila-Elemi  dargestellte  äthe
rische  Öl,  ist  farblos  bis  gelblich,  leicht  in
Alkohol  löslich  und  besitzt  deutlichen  Geruch
nach  Phellandren.  Das  spez.  Gew.  liegt  bei
0,870—0,914,  die  Drehung  beträgt  zwischen  —j—35
und  —)—  53  °.  Von  den  Einzelbestandteilen  sind  bis
jetzt  Phellandren,  Dipenten  und  einige
Polyterpene  sowie  ein  Körper  alkoholischer
Natur  und  ein  mit  dem  Namen  Elemizin  belegter
Phenoläther  isoliert  worden.
Elfenbein  (lat.  Ebur,  frz.  Ivoire,  engl.  Ivory).
Diese  seit  dem  frühesten  Altertum  geschätzte
und  zu  Kunstwerken  und  Geräten  verarbeitete
Masse  besteht  aus  den  Stoßzähnen  des  afrikanischen ­
  und  indischen  Elefanten,  und  zwar  vorzugsweise ­
  des  männlichen  Tieres,  obwohl  auch
das  weibliche,  aber  nur  in  Afrika,  ein  paar
kleinere  nutzbare  Zähne  ansetzt.  Daneben  bilden
auch  die  Backenzähne  einen,  wennschon  untergeordneten ­
  Handelsartikel.  Das  weiße  E.  kommt
aus  Afrika  (Hauptausfuhrplatz  Zanzibar;,  das  die
größten,  leider  oft  rissigen  Zähne  von  großer
Härte  und  gedrungenem  Korn  liefert,  während
die  gekrümmten  asiatischen  Zähne  von  Sumatra,
Siam,  Kotschinchina  und  dem  osfindischen  Festkinde ­
  wegen  ihrer  Zähigkeit  geschätzt  werden.
Der  Hauptmarkt  in  Europa  war  bislang  London,
doch  machen  nhuerdings  Hamburg  und  Antwerpen ­
  (Auktionen  der  Kongoware)  erhebliche
Konkurrenz.  Die  Zähne  werden  nach  der  Größe
sortiert  und  bewertet,  außerdem  richtet  sich
der  Preis  danach,  ob  sie  schwach  oder  stark
Sekrümmt,  rissig,  frisch  oder  alt  sind  und  ob  die
Höhlung  sich  von  der  Wurzel  weit  in  das  Innere
®(streckt.  Mit  zunehmendem  Alter  füllt  sich
die  Höhlung  immer  mehr  mit  Zahnmasse  an.
völlig  ausgewachsene  afrikanische  Zähne  sind
'S—18  dm  lang  und  bis  50  kg  schwer.  Stücke
Von  20—-24  dm  Länge  und  75—85  kg  Gewicht
kommen  selten  vor.  Die  asiatischen  Zähne  werden ­
  nicht  über  9—12  dm  lang  und  25—30  kg
schwer.  Das  E.  hat  eine  gelbliche  Färbung,  die
rn 't  der  Zeit  gesättigter  wird,  durch  Bleichen  zwar
jufgehellt  werden  kann,  aber  meist  wieder  nachdunkelt. ­
  Infolge  einer  eigentümlichen  maschigen
mruktur  lassen  Querschnitte  eine  rautenförmige
JW'chnung  erkennen.  In  chemischer  Hinsicht
® e sfeht  es  wie  die  Knochen  aus  phosphorsaurem
u nd  etwas  kohlensaurem  Kalk  neben  Knorpel-Substanz.
  Es  wird  von  Drechslern,  Kammachern,
manofOrtefabrikanten  und  Schnitzern  zur  Hers
 tellung  zahlreicher  Gebrauchs-  und  Kunstgegen-®lande
  verarbeitet.  Besonders  in  Nürnberg  und
■mirth,  in  Gaislingen  bei  Ulm,  im  bayrischen

Hochlande,  in  Wien,  bei  Dieppe,  in  China  und
Japan  steht  die  Elfenbeinschnitzerei  in  hoher
Blüte.  Auch  die  Abfälle  finden  mannigfache
Verwendung.  Geraspeltes  E.  wird  von  Nürnberg ­
  als  Streusand  in  den  Handel  gebracht,  fein
gemahlenes  als  Füllmasse  für  Zelluloidwaren
,s.  d.),  namentlich  künstliche  Billardbälle  benutzt.
—  Durch  Glühen  unter  Luftabschluß  erhält  man
das  Beinschwarz  (lat.  Ebur  ustum  nigrum,  frz.
Noir  d’os,  engl.  Ivory-Black),  doch  ist  die
Bezeichnung  gebranntes  E.  später  auch  auf
Schwarz  aus  allen  Knochen,  Hirschhorn  übertragen ­
  worden.  —  Weißes  gebranntes  E,  das
beim  Glühen  in  offenen  Gefäßen  entsteht,  dient
zum  Putzen  feiner  Metalle,  zur  Herstellung  von
Beinglas  usw.  ■—  Als  künstliches  E.  sind
zahlreiche  Kunsterzeugnisse  in  den  Handel  gekommen, ­
  die  zwar  Farbe  und  Aussehen  der
natürlichen  Masse  mehr  oder  weniger  gut  tiachahmen,
  sonst  aber  wenig  von  deren  Eigenschaften,
am  wenigsten  ihre  Elastizität  besitzen.  Meist
bestehen  sie  aus  Gemischen  von  Eiweiß,  Gelatine,
Guttapercha  mit  Zusatz  mineralischer  Substanzen.
Das  beste  Ersatzmittel  für  E.  ist  das  Zelluloid.
—  Von  andern  Tierarten  liefert  noch  das  ausgestorbene ­
  Mammut  Zähne,  welche  dem  E.
völlig  gleichartig  sind  und  in,  Sibirien,  besonders
auf  der  Insel  Liakon,  seit  Jahrhunderten  in  ungeheuren ­
  Mengen  gewonnen  werden.  Auch  die
spannenlangen  Vorder-  und  Eckzähnc  des  Nilpferds ­
  (Hippopotamus  amphibius),  welche
noch  feiner  und  härter  als  das  E.  sind  und  nicht
gelb  werden,  finden  an  seiner  Stelle  vielfach  Anwendung. ­
  Da  sie  bis  weit  hinein  hohl  sind,  kön
nen  sie  zwar  nur  zur  Herstellung  kleinerer
Gegenstände  benutzt  werden,  liefern  aber  gutes
Material  für  künstliche  Gebisse.  Walroßzähne
  besitzen  eine  sehr  feste  und  feine  Struktur
und  finden  als  Stockgriffe  Verwendung,  Hingegen ­
  ist  der  Stoßzahn  des  Narwals  weniger
fest  und  schön  als  E.  und  daher  nur  zu  geringeren
Drechslerarbeiten  zu  verwenden.
Email  nennt  man  die  Glasur,  mit  welcher
metallene  Gebrauchsgegenstände,  besonders  aus
Eisenblech,  überzogen  werden,  um  sis  gegen  die
Einwirkung  von  Säuren  widerstandsfähig  zu
machen  und  vor  dem  Rosten  zu  schützen.  Zur
Herstellung  der  E.  dient  ein  Glasfluß  aus  Feldspat, ­
  Quarz,  Soda  und  Ton,  dem  zur  Erhöhung
der  Leichtflüssigkeit  meist  Borax,  zur  Erzielung ­
  der  Undurchsichtigkeit  Zinnoxyd,  Antimon 1
oxyd,  Arsenik  oder  Kalziumphosphat  zugesetzt
wird.  Das  früher  aus  Bequemlichkeit  vielfach
benutzte  Bleioxyd  ist  neuerdings  meist  verlassen
worden,  weil  nach  dem  Reichsgesetz  vom  25.  Juni
1887  Eß-,  Trink-  und  Kochgeschirre  bei  t/sstündigem
  Kochen  mit  4prozentigem  Essig  kein  Blei
abgeben  dürfen.  Aber  auch  arsen-  und  antimonhaltige
  Glasuren  müssen  vom  gesundheitlichen
Standpunkte  als  bedenklich  bezeichnet  werden.
Emetin  (lat.  Emctinum,  frz,  Emötine,  engl.
Emetine),  das  wirksame,  brechenerregende  Alkaloid ­
  der  Brechwurzel  oder  Ipecacuanh-a,
besitzt  einen  schwach  bitteren  Geschmack,
schmilzt  bei  68°  und  ist  in  Alkohol,  Äther,
Chloroform  leicht,  in  Wasser  schwer  löslich.
Emulgen,  ein  zur  Erzeugung  haltbarer  ölemulsion
  angepriesener  Schleim,  besteht  aus  einer
        <pb n="113" />
        Enameline

108

Epichlorhydrin

3H0MSI

ät

wäßrig-alkoholischen  Lösung  von  Glyzerin,  Tragant, ­
  Gummiarabikum  und  Kleber.
Enameline,  eine  mit  übertriebener  Anpreisung
in  den  Handel  gebrachte  amerikanische
Ofenglanzpaste,  besteht  aus  67  Teilen  reinem
Graphit,  3  Teilen  Öl  und  30  Teilen  Wasser.
Energin,  ein  neues  stickstoffhaltiges  Nährpräparat ­
  aus  Reis,  das  92  °/o  wasserunlösliches
Protein  enthält  und  in  seinerWirkung  demTropon
(s.  d.)  an  die  Seite  zu  stellen  sein  dürfte.
Engelsüßwurzel  (lat.  Rhizoma  polypodii,  frz.
Racine  de  polypode,  engl.  Polypody  root)  ist  der
anfangs  süßlich,  hinterher  scharf  und  bitter
schmeckende  offizinelle  Wurzejstock  des  einheimischen ­
  Tüpfelfarns  (Polypodium  vulgare), ­
  einer  schattenliebenden,  in  Wäldern,  an
Felsen,  Baumwurzeln,  Gräben  und  Schluchten
wachsenden  Pflanze.  Der  weit  kriechende,  zahlreiche ­
  Würzelchen  treibende  Wurzelstock  von
6—7  mm  Dicke  zeigt  eine  außen  rotbraune  bis
schwärzliche,  innen  grünlich  gelbe  Farbe  und
ist  durch  Überreste  der  abfallenden  Blattstiele
schuppig  bis  knotig  verdickt.  ,E.  wird  im  Frühjahr ­
  gesammelt  und  zuweilen  noch  medizinisch
verwandt.
Englisch  Leder  ist  ein  ursprünglich  englisches,
doch  später  auch  in  Deutschland  hergestelltes
dichtes  und  festes  geköpertes  und  weiß  gebleichtes
Baumwollzeug  von  hartem  Kettengarn  und  feinerem ­
  Einschlag,  der  wechselweise  3-Kettenfäden
bedeckt.  Der  schwach  atlasglänzende  Stoff,  der
auch  wohl  Satin  oder  Satinet  genannt  wird,
kommt  in  verschiedenen  Breiten  und  Sorten,
meist  weiß,  doch  auch  gefärbt  in  den  Handel
und  wird  zu  Beinkleidern,  .Westen,  Schnürleibern,
Schuhen  usw.  verarbeitet.
Entwickler.  Unter  diesem  Namen  kommen
ihrer  Herkunft  nach  ganz  verschiedene  Chemikalien ­
  in  den  Handel,  welche  dazu  dienen,  in
der  Photographie  das  Bild  hervorzurufen.  Ihre
Wirkung  beruht  darauf,  daß  durch  die  Belichtung ­
  in  den  Bromsilberteilen  der  photographischen ­
  Platte  eine  Veränderung  vor  sich  gegangen ­
  ist,  aber  erst  durch  Eindringen  der  betreffenden ­
  Entwicklersubstanz  sichtbar  wird.  Rein
chemisch  besteht  dieser  Vorgang  darin,  daß
durch  den  Entwickler  das  belichtete  Silbersalz
zu  metallischem  Silber  reduziert  wird.  Als  Entwickler ­
  sind  z.  B.  zu  nennen:  Adurol,  Amidol,
Brenzkatechin,  Duratol,  Edinol,  Eikonogen,  Glyzin, ­
  Hydrochinon,  Imogen,  Kaliumlerrooxalat,
Metol,  Ortol,  Pyrogallol,  Rodinal  und  andere.
Enzianwurzel  (lat.  Radix  gentianae,  frz.  Racine ­
  de  gentiane,  engl.  Gentian  root)  stammt  von
verschiedenen  Arten  der  Gattung  Gentiana,  die
im  Drogenhandel  hauptsächlich  vorkommende
rcte  E.  von  der  gelbblühenden  Art,  G.  lutea,
die  in  Alpen-  und  Voralpengegenden  wächst  und
in  großen  Mengen,  besonders  von  den  Pyrenäen
aus  versandt  wird,  doch  werden  ihr  vielfach  die
ähnlichen  und  als  gleichwertig  angesehenen  Wurzeln ­
  von  G.  purpurea,  pannonica  und  punctata ­
  beigemischt.  Die  bis  zu  24  cm  lange,  im
frischen  Zustande  fleischige,  getrocknet  aber
schwammig-porös,  runzlig  und  längsfaltig  erscheinende ­
  E.  ist  außen  braun,  im  Inneren  gelbbräunlich ­
  mit  dunkleren  Markstrahlen  und  Gefäßbündeln ­
  und  kommt  oft  der  Länge  nach  gespalten ­
  in  den  Handel.  Der  Geschmack  ist  zunächst ­

  süßlich,  dann  intensiv  und  anhaltend
bitter,  der  Geruch  stark  aromatisch.  An  wirksamen ­
  Stoffen  enthält  sie  neben  der  geschmacklosen ­
  Gentianasäure  (Gentisin)  das  bitterschmeckende ­
  Glykosid  Gentiopikrin,  C 2 oH 3 n0 12 .
Stärke  ist  nicht  zugegen,  wegen  des  beträchtlichen ­
  Zuckergehaltes  wird  der  wäßrige  Auszug
durch  Vergärung  und  Destillation  zur  Herstellung
des  Enzianbranntweins  benutzt.  Die  trockne
Droge  findet  als  Pulver  sowie  in  Form  von  Extrakten ­
  und  Tinkturen  als  magenstärkendes  Hausmittel ­
  zur  Bereitung  bitterer  Liköre  vielfache
Anwendung.  Die  sog.  weiße  E.  der  Tierärzte
stammt  von  einer  einheimischen  Doldenpflanze,
dem  Laserkraut,  Laserpitium  latifolium,
und  sie  hat  sonach  ihren  Namen  zu  Unrecht.
Eosin  (Morgenrotfarbe).  Unter  diesem  Namen ­
  vereinigt  man  eine  große  Reihe  prachtvoller ­
  Teerfarbstoffe,  die  sämtlich  als  Halogenoder ­
  Nitroderivate  des  Fluoreszei'ns  (s;  d.)  aufzufassen ­
  sind.  Von  den  ersteren  wird  das  durch
Bromierung  von  Fluoreszein  erhaltene  Natriumoder ­
  Ammoniumsalz  des  Tetrabromfluoreszeins ­
  als  Eosin  schlechthin,  Eosin  B,  E.  wasserlöslich ­
  bezeichnet.  Es  erscheint  im  Handel  als
ein  braunrotes,  mit  Wasser  rote,  grün  fluoreszierende ­
  Lösungen  bildendes  Pulver  und  dient  besonders ­
  zum  Färben  von  Papier  und  Lack.  Eine
besonders  reine,  kristallisierte  Modifikation  wird
als  Eosin  A  in  der  Seidenfärberei  benutzt.
Durch  Bromierung  von  Fluoreszein  in  heißer
alkoholischer  Lösung  entsteht  das  Äthyltetrabromfluoreszein, ­
  auch  Spriteosin  oder  Primrose
  (s.  d.)  genannt,  ein  in  Wasser  schwer,  in
Soproz.  Alkohol  leicht  lösliches  Pulver  für  Seidenfärberei. ­
  Führt  man  an  Stelle  von  Brom  Jod
ein,  so  erhält  man  Tetrajodfluoreszein,
dessen  Natriumsalz  unter  dem  Namen  Erythrosin, ­
  Eosin  J,  Jodeosin,  Pyrosin,  Pritnrose
  soluble  als  wasserlöslicher  Farbstoff  für
Papier,  Baumwolle  und  Seide  benutzt  wird.  Das
entsprechende  Dijodfluoreszein  führt  die  Handelsbezeichnung ­
  Erythrosin  G,  Diamanthine
G,  Pyrosin  J.  Phloxine  (s.  d.)  und  Zyanosine
  sind  Bromchlorderivate,  Rose  bengale  N
und  B  (s.  d.)  Jodchlorderivate  des  Fluoreszeins.
Zyklamin  ist  ein  schwefelhaltiges  Tetrabromdichlorfluoreszein.
  Von  den  Eosinen,  welche
zugleich  Brom  und  Nitrogruppen  enthalten,  ist
das  durch  Bromieren  von  Dinitrofluoreszein  erhaltene ­
  EosinB.N.  (Eosinscharlach,  Safrosin,
  Daphnin)  am  bekanntesten.  In  technischer
Hinsicht  unterscheidet  man  die  E.  meist  in  E-Gelbstich
  (E.  jaunätre)  und  E.  Blausticb
(bleuätre).  Die  wäßrige  Lösung  der  ersteren,
der  Bromfluoreszeine,  zeigt  im  durchfallenden
Lichte  eine  prächtige  Rosafarbe,  im  auffallenden,
je  nach  der  Konzentration  ein  reines  Gelb  bis
Gelbgrün.  Die  letzteren,  die  Jodeosine  besitzen ­
  nur  geringe  oder  keine  Fluoreszenz.  Efindet
  zum  Färben  von  Papier  und  Geweben  ausgedehnte ­
  Anwendung.
Epichlorhydrin  entsteht  beim  Erhitzen  von
Dichlorhydrin  mit  Ätznatron  als  eine  farblose,
nach  Chloroform  riechende  Flüssigkeit  vom  spez-Gew.
  1,200  und  dem  Siedepunkte  117 0 .  Es  wird
wegen  seiner  geringen  Feuergefährlichkeit  in
neuerer  Zeit  als  Lösungsmittel  für  Fette  und
Harze  viel  benutzt.
        <pb n="114" />
        Epidermin  109  Erdwachs

Epidermin  nennt  man  eine  Brandsalbe  aus  I
Vaseline  und  Lanolin  mit  Fluorpseudokumol  und
Difluordiphenyl.  Den  gleichen  Namen  führt  auch
eine  dünnflüssige  Salbengrundlage  aus  Wasser,
Wachs,  Glyzerin  und  Gummiarabikum.
Epikarin,  ein  ausgezeichnetes  Mittel  gegen
Hautkrankheiten  und  Parasiten  von  der  Zusammensetzung ­
  der  Oxynaphtolorthooxytoluylsäure,
  wird  von  der  Elberfelder  Farbenfabrik
in  Form  eines  gelblichen,  in  Wasser  schwer,  in
Alkohol  und  Äther  leicht  löslichen  Pulvers  in  den
Handel  gebracht.  Es  hat  den  Vorzug,  für  größere
Tiere  völlig  unschädlich  zu  sein.
Erbsen  (frz,  Pois,  engl.  Peas),  die  wichtigste
Gattung  der  Hülsenfrüchte,  sind  die  reifen  Sarnen ­
  der  Saaterbse  (Pisum  sativum)  und
ihrer  zahlreichen  Spielarten.  Sie  werden  in
Deutschland,  Holland,  Dänemark,  Ungarn  und
England  vielfach  angebaut  und  bilden  einen
"wichtigen  Handelsartikel.  Als  besondere  Handelssorten ­
  sind  die  schmackhafte  Ariche-E.  aus
den  Mittelmeerländern  und  die  graue  E.  (Pisum ­
  quadratum),  auch  Kapuziner'-E.  genannt, ­
  anzuführen.  Die  E.,  die  je  nach  der  Güte
meist  in  Koch-  und  Futterware  unterschieden
werden,  bilden  das  wertvollste  stickstoffhaltige
Nahrungsmittel  des  Pflanzenreichs.  Ihr  Gehalt
an  Stickstoffsubstanz  schwankt  zwischen  18  und
29%,  und  nur  der  hohe  Gehalt  an  Holzfaser
steht  der  vollen  Ausnutzung  der  Nährstoffe  im
Wege.  Zur  Erhöhung  der  Verdaulichkeit  werden
sie  daher  meist  von  der  Schale  befreit  und  als
geschälte  Erbsen  oder  auch  als  Erbsmehl  in
den  Verkehr  gebracht.  Leider  hat  sich  in  letzter
Zeit  der  Mißbrauch  eingebürgert,  die  Erbsen  zur
Erzielung  eines  schöneren  Aussehens  mit  Specksteinpulver ­
  zu  polieren  und  mit  Teerfarben  künstlich ­
  zu  färben.  —  Die  unreifen  Samen  werden
m  getrocknetem  Zustande  als  Astrachaner  E,
pder  Russische  Schoten  (s.  Dörrgemüse)  oder
m  Büchsen  eingekocht  (s.  Gemüsekonserven)  in
den  Handel  gebracht.
Erbswurst,  ein  Verproviantierungsmittel  für
Heer  und  Marine,  welches  besonders  in  dem
Kriege  von  1870  berühmt  wurde,  besteht  aus
einer  Mischung  von  Erbsenmehl,  Rindsfett,  Speck,
Salz,  Pfeffer  und  Zwiebeln,  die  in  künstliche
Därme  aus  Pergamentpapier  gefüllt  wird  und
beim  Kochen  mit  Wasser  sofort  eine  gebrauchsfertige ­
  Suppe  liefert.
Erde,  gelbe,  durch  einen  Gehalt  von  Eisenoxydhydrat ­
  gelb  gefärbter  Ton,  dient  als  geringe
Anstrichfarbe  und  wird  aus  Sachsen,  Böhmen,
Bayern  usw.  bezogen.
Erde,  grüne  (Veroneser  E„  Steingrün,
Veronesergrün,  Seladonit),  ein  Verwitterungsprodukt ­
  des  Augits,  we'ches  seine  Farbe
dem  kieselsauren  Eisenoxydulhydrat  zu  verdanken
Sc heint,  kommt  roh  und  geschlämmt  in  lauchand
  olivengrünen  Stücken  in  den  Handel  und  ist
etne  giftfreie  Wasser-,  Öl-  und  Kalkfarbe.  Als
beste  Sorte  gilt  die  spangrüne  E.  aus  der  Gegend
von  Verona,  während  die  in  Tirol,  Böhmen,
Sachsen  usw.  vorkommende  gewöhnlich  matter
Von  Farbe  erscheint.  Grüne  Erde  ist  neuerdings
durch  die  viel  feurigeren  Kalkgrüne  ziemlich
^drängt  worden.
.  Erdmandeln  nennt  man  eßbare  Gebilde  einer
111  Südeuropa  und  Nordafrika  wild  wachsenden

und  in  ziemlicher  Ausdehnung  im  Süden,  auch
Deutschlands,  angebauten  Art  von  Riedgras,
Cyperus  esculentus.  Die  ausdauernde  fußhohe ­
  Pflanze  treibt  Wurzelausläufer,  an  deren
Enden  sich  gegen  30  mehlige  Knollen  von
Haselnußgröße  entwickeln,  die  süß  und  nußartig
schmecken  und  gekocht  und  gebraten  wie  auch
roh  gegessen  werden  können.  Die  Knollen  enthalten ­
  neben  Stärke  gegen  16%  eines  goldgelben
wohlschmeckenden  Öls  und  kommen  teils  als
Ölfrucht,  teils  geröstet  und  gemahlen  als  Erd
mandelkaffce  in  den  Handel,
Erdnüsse  (Erdeicheln,  Erdpistazien,
Madrasnüsse,  Mandobi,  Arachisnüsse,
Aschantinüsse,  lat.  Nuces  arachidis,  frz.  Noix
de  terre,  engl.  Earth  nuts)  nennt  man  die  Samenkerne ­
  der  zu  den  Hülsenfrüchtlern  gehörigen
Arachis  hypogaea,  die,  in  Brasilien  oder
Peru  heimisch,  in  den  meisten  wärmeren  Ländern
und  jetzt  auch  im  südlichen  Europa  vielfach  angebaut ­
  wird.  Die  Pflanze  entwickelt  aus  ihren
gelben  Blüten  21/2—3  cm  lange,  walzenförmige
Schoten,  die  an  langen  Stielen  hängen  und  die
Eigentümlichkeit  haben,  in  der  Erde  auszureifen,
indem  sich  die  Blütenstiele  gleich  nach  dem
Verblühen  in  die  Erde  senken.  Die  Hülse  enthält ­
  ein  oder  zwei  ölreiche,  bohnenartig  schmekkende
  Samenkörner,  die  geröstet  oder  sonst  zubereitet ­
  als  Speise  dienen.  Die  E.  enthalten
neben  erheblichen  Mengen  (bis  zu  40%)  Eiweiß
40—so°/o  eines  fetten  Öles,  des  Erdnuß-,
Arachis-  oder  Arachidöls  (lat.  Oleum  arachidis, ­
  frz.  Huile  d’arachide,  engl.  Earth  nuts  oil),
das  in  ständig  wachsender  Menge  eingeführt  wird.
Das  zuerst  bei  kalter  Pressung  ablaufende  Öl
findet  als  Speiseöl  Anwendung,  die  bei  höherer
Temperatur  erhaltenen  Mengen  dienen  zur  Herstellung ­
  von  Seife.  Das  E.  wurde  früher  meist
zum  Verfälschen  von  Olivenöl  benutzt,  kommt
aber  neuerdings  aus  unseren  Kolonien  auch
unter  seinem  eigenen  Namen  als  „Deutsches
Erdnußöl“  in  den  Handel.  Es  unterscheidet
sich  von  den  bekannteren  Ölen  durch  seinen
hohen  Gehalt  an  Arachinsäure,  welcher  seinen
chemischen  Nachweis  ermöglicht.
Erdrauch  (lat.  Herba  fumariae,  frz.  Fumeterre,
engl.  Fumitory).  Dieses  einjährige,  graugrüne,
zart  verästelte,  im  frischen  Zustande  stark  und
widrig  riechende,  nach  dem  Trocknen  geruchlose, ­
  aber  salzig  schmeckende  Unkraut,  Fumaria
  officinalis,  hatte  früher,  im  blühenden
Zustande  gesammelt,  sowohl  frisch  als  trocken,
eine  gewise  pharmazeutische  Bedeutung.  Es  enthält ­
  neben  einer  besonderen  Säure,  der  Fumarsäure, ­
  das  Alkaloid  Fumarin  und  dient  in  frischem ­
  Zustande  zur  Bereitung  von  Kräutersäften.
Erdwachs  (Ozokerit,  Belmontin,  lat.  Gera
mineralis,  frz.  Cörösine,  engl.  Mineral  wax)  nennt
man  fossile  wachs-  und  harzartige  Massen,  die
in  einzelnen  Klumpen  in  Torf-  oder  Braunkohlenlagern, ­
  stellenweise  auch  tiefer  in  der  Erde  auf
Klüften  in  der  Nähe  von  Steinkohlenlagern  und
in  Petroleum  führenden  Erd-  und  Gesteinschichten ­
  auftreten.  In  größerer  Menge  findet  sich  E.
hauptsächlich  in  den  galizischen  Petroleumdistrikten ­
  am  Nordabhange  der  Karpathen,  in  Rumänien, ­
  bei  Baku  am  Kaspischen  Meere  und  in
Nordamerika.  In  Galizien,  wo  der  Stoff  eine
wichtige  Handelsware  bildet,  kommt  er  in  zent-
        <pb n="115" />
        nerschweren  Klumpen  oder  auch  in  ausgedehnten,
zwischen  dem  Petroleum  führenden  Tonschiefer
lagernden  Schichten  vor  und  wird  an  den
Innenwänden  der  Ölschächte  oft  bandartig  herausgequetscht. ­
  Das  aus  festen  Kohlenwasserstoffen ­
  bestehende  E.  ist  im  rohen  Zustande
etwas  weicher  als  Bienenwachs  und  von  orangegelber
  bis  gelblichgrüner  Farbe  und  wird  in  Blöcken,
wie  sie  sich  beim  Gießen  in  Kübel  oder  Kästen
formen,  versandt.  Nach  der  Behandlung  mit
Schwefelsäure  erscheint  es  wesentlich  heller  bis
ganz  weiß  und  wird  dann  als  Zeresin  bezeichnet. ­
  —  Das  Paraffinutn  solidum  (frz.  Paraffine ­
  solide,  engl.  Hard  Paraffin)  des  Deutschen
Arzneibuches,  ein  mehrfach  durch  Schwefelsäure
gereinigtes  und  über  Tierkohle  filtriertes  E.,
hat  ein  spez.  Gew.  von  0,920—0,940,  schmilzt  bei
74—8o°  und  dient  als  Salbengrundlage,  hauptsächlich ­
  zur  Herstellung'  der  Paraffinsalbe.  —
Die  anderen.  Erdwachssotten  finden  in  der  Industrie ­
  und  Technik  zur  Herstellung  von  Kerzen,
Bohnerwachs,  Blätterwachs,  Lederfett,  Saalwachs
usw.  mannigfache  Verwendung.  Die  bei  der
Reinigung  des  rohen  Erdwachses  gewonnenen
flüssigen  Bestandteile  kommen  unter  dem  Namen
Paraffinöl  (s.  d.)  in  den  Handel.
Erikaholz,  Bruyereholz,  das  ziegelrote  und
schön  gemaserte  Wurzelholz  der  in  Südeuropa
heimischen  Erica  arborea,  läßt  sich  leicht
polieren  und  wird  daher  gern  zu  Drechslerarbeiten ­
  (Pfeifenköpfen)  und  in  der  Kunsttischlerei ­
  verwandt.
Erlenholz  (Ellernholz)  findet  sich  in  zwei
Arten,  und  zwar  in  Deutsch'and  fast  ausschließlich ­
  als  Schwarzerle  (Else,  lat.  Ainus  glutinosa,
  frz.  l’Aune  commune,  engl.  Sticky  aldertree),
  während  in  den  nördlichen  Gegenden
Ostpreußens  und  in  den  russischen  Ostseeprovinzen ­
  auch  die  nordische  Weißerle  oder
graue  Erle  (Ainus  incana)  vorkommt.  Frisches ­
  E.  wird  an  der  Luft  schnell  orangerot,
beim  Trocknen  aber  wieder  heller.  Das  Holz
der  Schwarzerle  ist  immer  etwas  mehr  gefärbt
als  das  der  Weißerle,  letzteres  auch  etwas
dichter.  Nächst  dem  Eichenholz  besitzt  das  E.'
die  größte  Widerstandsfähigkeit  gegen  die  Einwirkung ­
  der  Feuchtigkeit.  Schön  gemaserte
Stücke  werden  als  Tischlerholz  geschätzt.  —
Die  Erlenrinde  (lat.  Cortex  alni,  frz.  Ecorce
d'aune,  engl.  Alder  bark)  dient  bisweilen  zum
Gerben.
Erythrin  (Erythrinsäure),  eine  in,  verschiedenen ­
  Flechten  vorkommende  organische  Säure,
zerfällt  beim  Kochen  mit  Wasser  in  Orsellinsäure
  und  Erythrit  und  ist  daher  als  Orsellinsäure-Erythritester
  anzusprechen.  E.  ist  in  Form
seiner  Zersetzungsprodukte  in  der  Orseille  enthalten. ­

Eschenholz,  das  Holz  der  gemeinen  Esche,
Fraxinus  excelsior  (frz,  Fröne,  engl.  Ash),  besitzt ­
  von  allen  Holzarten  die  größte  Zähigkeit
und  Elastizität,  bekommt,  nicht  leicht  Risse,  steht
im  Trocknen  gut  und  hält  sich  auch  im  Wasser,
dagegen  nicht  in  der  Erde.  Es  ist  dicht,  hart,
hellfarbig  und  wird  vorzugsweise  von  Tischlern,
Wagnern  usw.  benutzt.  Vorzüglich  eignet  es
sich  zu  Rudern,  Reckstangen,  Deichseln  u.  dgl.
Esdragon  (Dragunkraut,  Dragoneil,  lat.
Herba  dracunculi,  frz.  l’Estragon,  engl.  Tarragon),

  eine  Art  Beifuß  von  Artemisia  Dtacunculus,
  der  in  Sibirien  und  Südeuropa  wild
wächst  und  bei  uns  in  Gärten,  mitunter  auch  als
Handelspflanze  (um  Altenburg,  Nürnberg,  Erfurt)
im  größeren  Maßstabe  angebaut  wird.  Man  verkauft ­
  E.  frisch  und  getrocknet  und  benutzt  ihn
als  Würze  zu  Speisen  sowie  zur  Herstellung
eines  aromatischen  Essigs  (Es  dragoness  ig),
der  in  den  Senffabriken  zur  Bereitung  einer  Senfsorte ­
  (ä  l’Estragpn)  dient.  —  Auch  Esdragonöl
(lat.  Oleum  dracunculi)  ist  im  Handel.
Espartogras  ist  ein  in  den  Steppen  der  westlichen ­
  Mittelmeerländer  häufig  wachsendes  Gras,
Stipa  tenacissima  sowie  Lygeum  spartum,
dessen  binsenartige,  zähe,  biegsame  Blätter,  von
40—70  cm  Länge,  der  Breite  nach  zusammengerollt ­
  und  zu  Korbflechtereien  benutzt  werden.
Große  Mengen  werden  auch  zu  Papier  verarbeitet, ­
  da  E.  eine  sehr  reine  Zellulose  gibt.
Essig  (lat.  Acetum,  frz.  Vinaigre,  engl.  Vinegar)
  ist  die  am  längsten  bekannte  Säure,  die
überall  da  entsteht,  wo  alkoholhaltige  Flüssigkeiten, ­
  Wein,  Bier  und  vergorene  Obstsäfte  längere ­
  Zeit  der  Einwirkung  der  Luft  ausgesetzt
sind.  Das  älteste  Verfahren  der  Essigbereitung
besteht  denn  auch  darin,  daß  man  schwach  alkoholische ­
  Flüssigkeiten  bei  geeigneten  Temperaturen ­
  von  20—35°  sich  selbst  überläßt,  wobei
sie  sauren  Geschmack  und  saure  Reaktion  annehmen. ­
  Die  Ursache  der  hierbei  stattfindenden
Oxydation  des  Äthylalkohols  zu  Essigsäure  ist  in
der  Einwirkung  von  Mikroorganismen  zu  suchen,
die  aus  der  Luft  in  das  Essiggut  hineingelangen
und  sich  vermehren.  Schneller  noch  tritt  dieser
Prozeß  ein,  wenn  man  von  vornherein  etwas  alten
Essig  oder  etwas  von  der  auf  ihm  schwimmenden
Kahmhaut  hinzusetzt,  da  diese  beträchtliche  Mengen ­
  Essigbakterien  enthalten.  Gegenwärtig  arbeitet ­
  man  hauptsächlich  nach  der  Methode  der
Schnellessigfabrikation.  Die  aüf  etwa  6  bis
io°/o  Alkohol  verdünnten  vergorenen  Flüssigkeiten, ­
  Wein,  Bier  und  vor  allem  Kartoffelspiritus, ­
  werden  mit  20%  fertigem  Essig  vermischt, ­
  auf  26—27 0  erwärmt  und.  als  sog.  Essigg.ut
  den  Essigbildnern  zugeführt.  Die  letzteren ­
  sind  konische  Bottiche  aus  Eichenholz  von
2—3  m  Höhe  und  1—i,s  m  Durchmesser,  die
oben  und  unten  je  einen  Siebboden  haben  und
zwischen  beiden  mit  spiralig  gerollten  Buchenspänen ­
  angefüllt  sind.  Infolge  einer  vorherigen
Imprägnierung  mit  Essig  haben  diese  Späne  sich
mit  einer  Bakterienschicht  von  Micrococcus
aceti,  der  sog.  Essigmutter,  überzogen,  welche
nun  den  langsam  heruntersickernden  Alkohol  mit
großer  Energie  zu  Essigsäure,  oxydiert.  Wichtig
ist  die  Innehaltung  der  richtigen  Temperatur,
die  in  den  Essigstuben  etwa  15—20°,  im  Innern
der  Bildner  30—35°  betragen  soll.  Die  zweite
Vorbedingung  für  das  Gelingen  des  Prozesses  ist
die  Anwesenheit  hinreichender  Luftmengen,  da
sonst  Aldehyd  entsteht.  Es  sind  daher  im  oberen
Siebboden  Luftkanäle  und  in  den  Seitenwänden
unterhalb  des  zweiten  Siebbodens  Locher  angebracht, ­
  die  eine  Regulierung  des  Luftstroms
ermöglichen.  Zu  stark  darf  der  letztere  auch  nicht
sein,  da  sonst  Verluste  an  Alkohol  eintreten.
Die  sich  im  unteren  Teile  des  Essigbildners  ansammelnde ­
  saure  Flüssigkeit  wird  nun  von  neuem
auf  einen  anderen  Bildner  gebracht,  bis  aller  Al ­
        <pb n="116" />
        Essigäther

111

Essigsäure

kohol  in  Essigsäure  übergegangen  ist.  Mit  zehn
Bildnern  können  täglich  etwa  7501  Essig  erzeugt
werden.  Weinessig  wird  meist  nach  dem
alten,  sog.  langsamen  oder  Orleansverfahren
  hergestellt,  weil  das  Aroma  bei  der
Schnellessigfabrikation  zu  sehr  leidet,  ln  den
Weinbau  treibenden  Ländern,  besonders  Frankreich, ­
  setzt  man  zu  dem  in  offenen  Fässern  befindlichen ­
  Essig  kleine  Portionen  Wein  hinzu,
wartet  8—14  Tage,  bis  der  Wein  in  Essig  übergegangen ­
  ist,  und  fährt  so  fort,  bis  das  ganze  Faß
gefüllt  ist.  Mit  dem  Übergange  der  Weinessigfabrikation ­
  nach  Deutschland  verringerte  sich  der
Weingehalt  allmählich  immer  mehr,  bis  schließlich ­
  selbst  gewöhnlicher  Spiritusessig  als  Wein-E.
  in  den  Handel  kam.  Zur  Verhinderung  der
hiermit  verbundenen  Übervorteilung  des  Publikums ­
  ist  von  verschiedenen  Behörden,  u.  a.  dem
Sächsischen  Ministerium  des  Innern  verordnet
Worden,  daß  Weinessig  aus  einer  mindestens
20  0/0  Wein  enthaltenden  Maische  hergestelllt  sein
muß.  Reiner  Weinessig  soll  seinen  Säuregehalt ­
  hingegen  lediglich  dem  Weine  verdanken.
Diese  Forderungen  sind  von  den  reellen  Fabrikanten ­
  durchaus  anerkannt  worden,  Bier-  und
Obstessige  sind  von  untergeordneter  Bedeutung,
hingegen  nimmt  der  Verbrauch  der  aus  Holzessig
gewonnenen  Erzeugnisse  (s.  Essigsäure)  beständig ­
  größeren  Umfang  an.  Der  nach  dem  einen
oder  dem  anderen  Verfahren  dargestellte  E.  enthält ­
  die  charakteristischen  Bestandteile  seines
Ausgangsmaterials  (z.  B.  Wein),  die  ihm  besondere ­
  Eigenschaften  verleihen.  Hingegen  versteht
man  unter  Essig  schlechthin  oder  unter  Speiseessig ­
  lediglich  eine  verdünnte  Essigsäure,  gleichgültig, ­
  ob  sie  auf  dem  Wege  der  Gärung  oder  der
Destillation  gewonnen  wurde.  Den  von  den  Fabrikanten ­
  des  Gärungsessigs  aufgestellten  Forder
 ungen  nach  einer  Beschränkung  des  Verkehrs
mit  Essigessenz  kann  nur  insofern  zugestimmt
Werden,  als  für  derartige  konzentrierte  Essigsäure
die  Aufschrift  „Vorsicht,  nicht  unverdünnt  kosten“ ­
  verlangt  werden  muß.  Im  übrigen  soll
Bpeiseessig  im  allgemeinen  3,5o/o,  keinesfalls  unter
3%  Essigsäure  enthalten  und  klar  sein.  Durch
Essigälchen  oder  Pilzwucherungen  getrübter  Essig
'st  zu  beanstanden.  Giftige  Metalle,  scharf  schmekkende-Stoffe,
  Holzteerbestandteile,  freie  Mineralsauren
  und  Konservierungsmittel  dürfen  nicht  zu-Sogen
  sein.  Nach  der  Verordnung  des  Sächsi
s chen  Ministeriums  des  Innern  soll  Weinessig
5 %  Essigsäure  enthalten,  eine  etwaige  Färbung
a "ßer  durch  Rotwein  ist  zu  deklarieren.
.  Essigäther  (Essigester,  Essig  •  Naphtha,
'^thylazetat,  lat.  Aether  aceticus,  frz.  Ether  acdf'lue,
  engl.  Acetic  ether),  in  chemischer  Hinsicht
dor  Äthylester  der  Essigsäure,  CH 3 .COOC 2 H5,
Endet  sich  in  geringer  Menge  in  einigen  französischen ­
  Weinen  sowie  dem  daraus  gewonnenen
Eognak  und  Weinessig.  Zur  künstlichen  Darst
 ellung  destilliert  man  Essigsäure  oder  frisch
Entwässertes  Natriumazetat  mit  Schwefelsäure
u "d  Alkohol,  schüttelt  das  Destillat  mit  gesätbgter
  Kochsalzlösung  und  etwas  Natriumkarbonat.
r ?ktiffziert  und  trocknet  es  schließlich  mit  Kali
 mmchlorid.  Der  E.  ist  eine  farblose,  leicht
Entzündliche,  neutrale  Flüssigkeit  von  angenehm
^frischendem  Geruch.  Das  spez.  Gew.  liegt  bei
0, °99,  der  Siedepunkt  bei  72,8°.  Schüttelt  man

E.  mit  dem  gleichen  Vol.  Wasser,  so  nimmt  sowohl ­
  das  letztere  von  dem  Ester,  wie  auch  der
Ester  von  dem  Wasser  auf.  Bei  der  Berührung
mit  Luft  nimmt  der  E.  saure  Reaktion  an,  indem
er  allmählich  in  Alkohol  und  Essigsäure  gespalten ­
  wird.  Im  Handel  unterscheidet  man
mehrere  Sorten.  Die  stärkste  und  reinste,  die
meist  nur  für  medizinische  Zwecke  benutzt  wird,
ist  der  absolute  E.  (Aether  aceticus  absolutus)
mit  dem  spez.  Gew.  0,900—0,904.  Die  zweite
Sorte  vom  spezj  Gew.  0,890  nennt  man  doppelt
destillierten  E.(bisrectificatus)  und  die  schwächste ­
  vom  spez.  Gew.  0,875  Aether  aceticus
rectificatus.  Für  die  Prüfung  ist  die  Bestimmung ­
  des  spez.  Gew.  von  geringer  Bedeutung,
und  es  empfiehlt  sich  daher,  das  Wasseraufnahmevermögen ­
  zu  ermitteln,  weil  hierdurch  ein
Zusatz  von  Wasser  oder  Alkohol  leicht  erkannt
wird.  Das  Deutsche  Arzneibuch  schreibt  vor,
daß  ein  Raumteil  Wasser  nach  kräftigem  Schütteln ­
  mit  einem  Raumteil  E.  bei  15 0  höchstens  um
den  zehnten  Teil  zunehmen  soll.  Beim  Verdunsten ­
  auf  Filtrierpapier  darf  E.  keinen  Geruch
nach  fremden  Äthern  (Butteräther,  Amylazetat)
hinterlassen.  Der  E.  wird  in  der  Medizin  als  anregendes ­
  Mittel  bei  Ohnmacht  und  Magenkrampf,
äußerlich  zum  Einreiben  bei  Rheumatismus  und
als  Riechmittel  angewandt.  Die  Industrie  benutzt
ihn  als  Zusatz  zu  Fruchtessenzen,  Essig  u.  dgl.
Zur  Aufbewahrung  sind  wohlverschlossene,  völlig
gefüllte  und  nicht  zu  große  Flaschen  zu  verwenden, ­
  zum  Versand  Blechflaschen  oder  Glasballone. ­

Essigsäure  (lat.  Acidum  aceticum,  frz.  Acide
acdtique,  engl.  Acetic  acid)  kommt  in  der  Natur
teils  frei,  teils  an  Salze  gebunden,  im  Safte  vieler
Pflanzen,  im  Schweiß  und  in  der  Muskelflüssigkeit ­
  vor  und  bildet  außerdem  das  saure  Prinzip
des  Essigs  (s.  d.).  Zu  ihrer  Darstellung  bedient
man  sich,  abgesehen  von  den  Methoden  der
Essiggärung,  des  Natriumazetats,  weiches  durch
Sättigung  von  Holzessig  (s.  d.)  mit  Soda  gewonnen ­
  und  zur  Entwässerung  bei  300 0  geschmolzen ­
  worden  ist.  Nach  dem  Erstarren
wird  das  nunmehr  völlig  wasserfreie  Azetat  mit
arsenfreier  Schwefelsäure  vom  spez.  Gew.  1,842
in  tubulierter  Retorte  der  Destillation  unterworfen, ­
  wobei  zuerst  eine  etwas  wasser-  und  chlorhaltige ­
  Säure  übergeht.  Sobald  die  reine  E.
kommt,  wird  die  Vorlage  gewechselt  und  das
Destillat  so  lange  aufgefangen,  bis  zum  Schluß
bei  höherer  Temperatur  schweflige  Säure  auftritt.
Auch  durch  Elektrolyse  wäßriger  Natriumazetatlösungen
  mit  eisernen  Elektroden  wird  neuerdings ­
  E.  in  großem  Maßstabe  dargestellt.  —  Die
reine  konz.  E.,  gewöhnlich  Eisessig  (lat.
Acidum  aceticum  glaciale,  frz.  Vinaigre  glacial,
engl.  Glacial  acetic  acid)  genannt,  ist  eine  klare,
farblose,  stechend  sauer  riechende  und  stark
ätzende  Flüssigkeit  von  der  Formel  CH 3 .  COOH,
die  bei  16 0  zu  farblosen  rhombischen  Tafeln  erstarrt ­
  und  bei  118 0  unter  Entwicklung  leicht
entzündlicher  Dämpfe  siedet.  Das  spez.  Gew.
beträgt  1,0553.  Mit  Wasser,  Glyzerin,  Alkohol
und  Äther  ist  Eisessig  in  jedem  Verhältnis  mischbar. ­
  Beim  Verdünnen  mit  Wasser  steigt  das
spez.  Gew.  zunächst  infolge  einer  Hydratbildung
und  fällt  dann  wieder,  so  daß  eine  Saute  mit
43  0/0  E.  dasselbe  spez.  Gew.  besitzt,  wie  der
        <pb n="117" />
        ’

Eubiose

112

Euphorbium

reine  Eisessig.  Die  Bestimmung  des  spez.  Gew.
bietet  sonach  keinen  sicheren  Anhalt  für  die
Säuremenge.  Die  E.  des  D.  A.  B.  und  des  Han
dels  ist  meist  nur  96—99prozentig.  Um  sie  völlig
wasserfrei  zu  erhalten,  setzt  man  sie  einer  Temperatur ­
  von  o°  aus,  dreht  die  Flasche  um  und  läßt
bei  o—4 0  mehrere  Stunden  lang  abtropfen.  Eine
mindestens  pgprozentige  E.  löst  reines  Zitronenöl
klar  auf.  —  Neben  dem  Eisessig  findet  sich  im
Handel  noch  eine  reine  verdünnte  E.  mit  35  bis
50  %  Säuregehalt  sowie  die  3oproz.  des  Arzneibuches. ­
  Reine  E.  muß  beim  Erwärmen  völlig
flüchtig  sein,  darf  kein  Arsen,  Blei,  Kupfer  und
Zink,  sowie  Salzsäure,  Schwefelsäure,  schweflige
Säure  und  Ameisensäure  enthalten  und  muß  vor
allem  auch  frei  sein  von  Azeton  und  empyrheumatischen
  Stoffen.  Außer  der  chemisch  reinen
E.  (Acidum  aceticum  purissimum),  welcher  auch
die  Arzneibuchware  entspricht,  fährt  man  noch
gereinigte  E.  (purum)  und  rohe  oder  technische ­
  E.  (crudpm).  Die  reine  konz.  E.  findet
zu  pharmazeutischen  Zwecken  nur  selten  Verwendung, ­
  ist  aber  unentbehrlich  als  Lösungsmittel
und  zur  Darstellung  wissenschaftlicher  Präparate.
Die  verdünnte  E.  dient  als  Ausgangsmaterial  der
essigsauren  Salze.  Wenn  im  Handverkaufe  E,  zu
Arzneizwecken  verlangt  wird,  ist  die  verdünnte
Säure  abzugeben.  Die  Aufbewahrung  erfolgt  in
kühlen  Räumen,  der  Versand  in  Glasballonen,
die  beim  Eisessig  mit  Glasstopfen  versehen  sein
müssen.
Eubiose,  ein  durch  Kohlensäure  an  Stelle  von
Glyzerin  haltbar  gemachtes  Nährpräparat  aus
Blut,  welches  dem  Hämatogen  ähnlich  ist.
Eudont,  eine  gegen  Zahnschmerz  angepriesene
Dresdner  Spezialität,  besteht  aus  zwei  Fläschchen, ­
  von  denen  das  erste  eine  alkoholische
Lösung  von  Nelkenöl,  KarApfer  und  Chloroform,
das  andere  ein  Gemisch  von  Jodtinktur,  Glyzerin ­
  und  Opiumtinktur  enthält.  Der  Verkauf  des
Mittels  für  Heilzwecke  ist  den  Apotheken  Vorbehalten. ­

Eugenol  (lat.  Eugenolum),  der  wichtigste  Bestandteil ­
  des  Nelkenöls  (s,  d.),  welches  bis  über
90%  E.  enthält,  ist  in  chemischer  Hinsicht  als
Phenol  aufzufassen,  in  welches  eine  Oxymethylund
  eine  Allylgruppe  eingetreten  sind,  und  steht
in  naher  Beziehung  zum  Vanillin,  in  das  es
durch  einfache  Oxydation  übergeführt  werden
kann.  Zur  Darstellung  des  E.  wird  das  Nelkenöl
mit  Natronlauge  geschüttelt,  die  Lösung  mit  Salzsäure ­
  zersetzt,  und  das  reine  E.  im  Kohlensäurestrome ­
  abdestilliert.  Es  erscheint  im  frischen
Zustande  als  eine  schwach  gelbliche,  stark  lichtbrechende ­
  Flüssigkeit  vom  Geruch  und  Geschmack ­
  des  Nelkenöls,  die  sich  am  Lichte  allmählich ­
  braun  färbt,  und  ist  in  Wasser  unlöslich,
leicht  löslich  hingegen  in  Alkohol,  Äther,  Chloroform, ­
  Eisessig  und  Kalilauge.  Das  spez.  Gew.
liegt  bei  i  —1,074  (iS 0 ),  der  Siedepunkt  bei  252 0 .
Die  alkoholische  Lösung  wird  durch  verdünntes
Eisenchlorid  blau,  durch  konzentriertes  grün
gefärbt.  E.  wird  in  Form  des  Nelkenöls  als
lokales  Anästhetikum  bei  Zahnschmerzen,  ferner
zu  Einreibungen  und  innerlich  gegen  Magenleiden ­
  verordnet.  Der  Technik  dient  es  als
Material  zur  Vanillin-  (s.  d.)  Synthese,  derWissenschaft
  zur  Aufhellung  mikroskopischer  Präparate. ­
  Von  den  Verbindungen  des  E.  findet  das

Benzoat,  das  E.  azetamid  und  das  E.  karbinolnatrium
  medizinische  Anwendung.
Eukalyptusblätter  (lat.  Folia  eucalypti,  frz.
Feuilles  d’eucalypte,  engl.  Eucalyptus  leaves)
sind  die  Blätter  des  stattlichen  Fieberbaumes,
Gum  tree  (Eucalyptus  globulus),  der,  ursprünglich ­
  in  Australien  heimisch,  wegen  seines  raschen
Wachstums  in  Algier  und  Italien  zur  Trockenlegung ­
  sumpfiger  Fiebergegenden  angepflanzt
wird.  Die  bis  20  cm  langen,  sichelförmigen  oder
eiförmig  zugespitzten,  lederigen  Blätter,  die  früher
irrtümlich  als  Fiebermittel  angesehen  wurden,
dienen  zur  Darstellung  ihres  ätherischen  Öls,  des
Eukalyptusöls  (s.  d.).
Eukalyptusöl  (lat.  Oleum  eucalypti,  frz.Essence
d’eucalypte,  engl.  Eucalyptus  oil),  das  ätherische
Öl  einiger  Eukalyptusarten,  namentlich  von  Eucalyptus ­
  Globulus,  wird  durch  Dampf  destillation
  gewonnen  und  durch  nachherige  Rektifikation ­
  über  Kalk  oder  Natronlauge  von  hustenreizenden ­
  Beimengungen  befreit.  Es  bildet  eine
dünne,  farblose,  blaßgrünliche  oder  blaßgelbe
Flüssigkeit  von  aromatischem,  schwach  an  Kampfer ­
  erinnerndem  Geruch,  geringer  Rechtsdrehung
und  einem  spez.  Gew.  von  0,910—0,930.  Reines
E.  besteht  zu  60—80%  aus  Eukalyptol,  welches ­
  mit  Zineol  (s.  d.)  identisch  ist,  und  enthält
daneben  noch  geringe  Mengen  Rechts-Pinen
sowie  möglicherweise  etwas  Kamphen  und  Fenchen.
  In  dem  Rohöle  finden  sich  die  zum  Husten
reizenden  Aldehyde  der  Buttersäure,  Kapronsäure
und  Baldriansäure.  Eine  andere  Sorte  von  Eucalyptus ­
  amygdalina  unterscheidet  sich  von
der  vorstehenden  durch  ihre  Linksdrehung,  die
auf  einem  Gehalt  an  Pheliandren  beruht.  E.
wird  technisch  als  Lösungsmittel  für  Plarze  zur
Herstellung  von  Lacken  empfohlen  und  bildet
das  Ausgangsmaterial  zur  Darstellung  des  Eukalyptols
  {s.  Zineol),  welches  in  der  Medizin  zum
Einatmen  gegen  Influenza  und  äußerlich  zu
Salben  und  Einreibungen  benutzt  wird.
Eukasin,  ein  neues,  wasserlösliches  Kräftigungsmittel ­
  für  Rekonvaleszenten,  wird  durch  Behandlung ­
  von  trockenem  Kasein  mit  Ammoniakgas
dargestellt  und  besteht  demnach  aus  Kaseinammonium. ­

Euphorbium  fEuphorbiumharz,  lat.  Resina
seu  Gummi  euphorbium,  frz.  Euphorbe,  engl-Gum
  euphorbium),  ein  Gummiharz,  besteht  aus
dem  eingetrockneten  Milchsaft  einiger  Wolfsmilchgewächse ­
  heißer  Länder,  besonders  Euphorbia
  resinifera,  Nordafrikas  und  der  kanarischen ­
  Inseln,  wo  sie  in  trockenen,  sandigen
Gegenden  wild  wachsen.  Der  freiwillig  oder
aus  künstlichen  Einschnitten  austretende  Saft
bleibt,  größtenteils  von  den  Stacheln  gehalten,
hängen  und  trocknet  zu  innen  meist  hohlen,  unregelmäßig ­
  rundlichen  Tränen  von  Erbsen-  bis
Haselnußgröße  ein,  die  entweder  noch  darinsteckende ­
  Stacheln  öder  von  ihnen  verursachte
Löcher  zeigen  und  Reste  von  Holz,  Früchten
und  Blütenständen  umschließen.  Zur  Entfernung
der  Verunreinigungen  werden  die  äußerlich  bestäubten, ­
  gelb  bis  braungelblichen  und  sprödenKörner
  unter  besonderer  Vorsicht  gepulvert,  weil
der  Staub  Augen  und  Luftwege  stark  reizt.  Die
geruchlose;  aber  äußerst  scharf  und  brennend
schmeckende  Droge  ist  in  Eisessig  völlig,  in
Alkohol  und  Alkoholäther  nur  teilweise  löslich,
        <pb n="118" />
        Eurit

113

Färberginster

während  Wasser  nur  etwa  18%  Gummi  aufnimmt. ­
  Der  Hauptbestandteil  ist  das  giftige
Harz,  das  stark  abführend  wirkt.  Die  Droge
wird  jedoch  nicht  mehr  zu  diesem  Zwecke,  sondern ­
  nur  noch  äußerlich  als  blasenziehendes
Mittel  in  Form  von  Pflaster,  Salbe  oder  Tinktur,
in  der  Technik  auch  als  sehr  festhaftender  Anstrich ­
  auf  Metallen  benutzt.
Eurit  ist  ein  feldspatähnliches  Gestein,  das  in
mächtigen  Lagern  bei  Nivelles  in  Belgien  auftritt.
  Mit  Kaolinversatz  gebrannt,  liefert  es  außerordentlich ­
  feste  und  marmorähnliche  Massen,
die  von  Salzsäure  und  Frost  nicht  angegriffen
werden.  Die  Druckfestigkeit  weißer  E.-FIiesen
von  3  cm  Höhe  beträgt  1252,2  kg  für  1  qcm.
Trotz  seiner  hervorragenden  Eigenschaft  ist  E.
so  billig,  daß  er  als  Feldspatersatz  dienen
kann.
Explosionssichere  Gefäße  nennt  man  zur
Aufbewahrung  leicht  entzündlicher  Flüssigkeiten,
wie  Äther  und  Benzin,  bestimmte  Gefäße,  bei
denen  durch  gewisse  Vorrichtungen,  besonders
■an  den  Einifüll-  oder  Ablaßöffntmgen  angebrachte ­
  engmaschige  Siebe,  verhindert  wird,  daß
eine  Entflammung  auf  den  Inhalt  übergreift.
Wichtig  ist,  daß  die  Siebe  stets  sauber  gehalten
werden.  —  Explosionssichere  Lampen
(Davysche  Sicherheitslampen)  beruhen  auf
dem  ähnlichen  Prinzip,  daß  die  Flamme  durch
ein  engmaschiges  Sieb  abgeschlossen  ist,  das  den
Zutritt  explosiver  Gase  verhindert.  Durch  Reinhalten ­
  der  Siebe  von  Schmutz  und  Ruß  ist  auch
hier  dafür  zu  sorgen,  daß  kein  Glühen  des
Drahtnetzes  eintritt.  Das  Anzünden  derartiger
Lampen  geschieht  automatisch  mit  Zündplättchen, ­
  oder  besser  durch  Elektrizität,  ein  Öffnen
in  der  Nähe  explodierbarer  Stoffe  ist  natürlich
tu  vermeiden.  In  Kohlengruben,  in  denen  schlagende ­
  Wetter  Vorkommen,  werden  daher  die
Lampen  hermetisch  verschlossen,  um  eine  Öff
nung  von  unberufener  Hand  zu  verhindern.  —
Explosionssichere  Gefäße  werden  in  Salzkotten,

Schwelm  und  Berlin,  explosionssichere  Lampen
von  Friemann  &amp;amp;  Wolf  in  Zwickau  i.  S.  an
gefertigt.  In  neuerer  Zeit  kommen  auch  elektrische ­
  Akkumulatorenlampen  in  den  Handel.
Extrakt  (Auszug,  Dicksaft,  lat  Extractum,
frz.  Extrait,  engl.  Extract)  nennt  man  im  allgemeinen ­
  mehr  oder  weniger  eingedickte,  durch
Pressung  oder  durch  geeignete  Lösungsmittel
hergestellte  Auszüge  aus  Pflanzen  oder  Pflanzenteilen, ­
  zuweilen  auch  aus  tierischen  Substanzen
(z.  B.  Fleischextrakt).  Sie  enthalten  die  wirkenden ­
  und  brauchbaren  Stoffe  der  betreffenden
Vegetabilien,  also  auch  deren  Geruch  und  Ge
schmack  in  konzentrierter  Form  und  erhöhter
Wirksamkeit,  sind  leichter  transportabel  und  in
vielen  Fällen  auch  haltbarer  als  die  Rohstoffe.
Nach  ihrer  Verwendung  unterscheidet  man  me
dizinische  oder  pharmazeutische  E.  und
Farbholzextrakte,  und  rechnet  zu  letzteren
gewöhnlich  auch  die  Gerbstoffextrakte,  da
sie,  aus  gerbsäurehaltigen  Pflanzenteilen  bereitet,
nicht  nur  zum  Gerben,  sondern  auch  zum  Färben
benutzt  werden.  Nach  der  Art  des  Lösungsmittels
gibt  es  wäßrige,  weingeistige  und  ätherische ­
  E.  Die  Extraktion  der  Arzneipflanzen,
welche  früher  Sache  der  Apotheker  war,  wird
jetzt  in  großer  Ausdehnung  von  besonderen  Fabriken ­
  besorgt.  Das  Eindampfen  der  erhaltenen
Lösungen  geschieht  entweder  im  Dampfbade,
an  der  Luft  oder  in  Vakuumappiaraten.  In  letz
terem  Falle  werden  sie  vor  dem  Eindampfen
häufig  pasteurisiert.  Ein  E.  soll  sich  eigentlich
in  demselben  Lösungsmittel,  mit  welchem  es  bereitet ­
  wurde,  vollständig  wieder  auflösen.  Daß
dies  picht  immer  der  Fall  ist,  liegt  daran,  daß
Luft  oder  die  zur  Eindickung  gebrauchte  Wärme
leicht  umändernd  auf  die  einzelnen  Stoffe  wirken. ­
  Für  medizinisch  zu  verwendende  E.  sind
Apparäte  aus  Holz  und'Metall,  mit  vereinzelten
Ausnahmen  auch  von  Zinn  und  blankem  Kupfer
zu  vermeiden,  solche  aus  Porzellan,  Steingüt
oder  Glas  dagegen  in  der  Regel  zu  verwenden.

Fachinger  Mineralwasser,  ein  alkalischer  Säuer-Lng
  aus  Fachingen  im  Lahntale,  enthält  nach
der  im  Jahre  1866  von  R.  Fresenius  ausgeführ-•en
  Analyse  in  1000  Gewichtsteilen:  3,5786  g
Natriumbikarbonat,  0,0072  g  Lithiumbikarbonat,
°: OOI 9  g  Ammoniumbikarbonat,  0,6253  g  Kal-2l
 Urnbikarbonat,  0,0003  g  Bariumbikarbonat,
0,0040  g  Strontiumbikarbonat,  0,5770  g  Magäesiumbikarbonat,
  0,0052  g  Ferrobikarbonat,
O ,oo88  g  Manganbikarbonat,  0,0397  g  Kaliutnehlorid,
  0,6311g  Natriumchlorid,  0,0020  g  Na-JHumbromid,
  Spur  Natriumjodid,  0,0479  g  Ka-Lumsulfat,
  Spur  Aluminiumphosphat,  0,0004  g
Nutriumborat,  0,0009  g  Natriumnitrat,  0,0255  g
Kieselsäure  und  1,7802  g  freie  Kohlensäure.
Fackeln  werden  teils  aus  Holz  allein,  teils  aus
11111  Werg  umwickeltem  und  mit  Pech  oder
Jpdcren  leicht  brennbaren  Stoffen  überzogenem
Holz  hergestellt  und  zu  Leuchtzwecken  und
Entzügen  benutzt.  Außerdem  stellt  man  auch
”  achsfackeln  in  ähnlicherWeise  wie  dieWachs-Nercks
  Warenlexikon,

kerzen  dar.  Magnesiumfackeln  s.  unter
Flammen,  bengalische.
Färberginsfer  (gelbe  Scharte,  lat.  Herba
genistae,  frz.Genet  des  teinturiers,  engl.Broom),
ein  einheimischer,  auf  Wiesen  und  in  Wäldern
häufig  wachsender  kleiner  Halbstrauch  (Genista
  tinctoria),  wurde  früher  in  der  Volksmedizin ­
  gegen  Wassersucht  angewandt.  Das
Kraut  enthält  einen  gelben  Farbstoff,  der  zum
Wollfärben  gebraucht  wird.  Früher  wurde  auch
das  Schüttgelb  aus  dem  Ginster  durch  Ausziehen ­
  des  Farbstoffs  und  Zusatz  von  Kreide
und  Alaun  hergestellt,  doch  belegt  man  mit
diesem  Namen  jetzt  meist  das  billige  Chromgelb. ­
  —  Ginsterblumen  (lat.  Flores  genistae
scopariae,  Flores  spartii  scopariae,  frz.  Geriet  ä
balais,  engl.  Broom  tops),  die  von  dem  in
Mitteleuropa  heimischen  Besenginster  (Spartium
  scopariumj  abstammenden  Blüten,  werden ­
  medizinisch  als  purgierendes  und  harntreibendes ­
  Mittel  angewandt.  Sie  enthalten  ein
s
        <pb n="119" />
        Fango

114

F  amkrautwurzel

sehr  giftiges  Alkaloid,  das  Sparteinum,  das
medizinisch  bei  Herzaffektionea  an  Stelle  von
Digitalin  zur  Verwendung  kommt,  und  zwar
meist  in  Form  des  schwefelsauren  Salzes,  Sparteinum ­
  sulfuricum.
Fango,  der  zu  Badem  benutzte  Schlamm
heißer  italienischer  Quellen,  bildet  neuerdings
einen  Handelsartikel.
Farben,  giftige.  Der  Verkauf  und  die  Verwendung ­
  giftiger  Farben  unterliegt  gewissen
gesetzlichen  Bestimmungen,  welche  den  Schutz
der  Gewerbetreibenden  und  Verbraucher  gegen
Gesundheitsschädigungen  bezwecken.  Für  den
Verkauf  sind  die  am  29.  XI.  1894  vom  Bundesrate ­
  erlassenen  „Vorschriften  betreffend
den  Handel  mit  Giften“  maßgebend.  Nach
diesen  ist  zum  Handel  mit  Giften  die  polizeiliche ­
  Erlaubnis  erforderlich.  Siehe  die  als  An-i
hang  abgedruckte  „Verordnung  betreffend'
den  Handel  mit  Giften“.  —  Die  Handels- 1
bezeichnungen  der  einzelnen  Farben,  welche
unter  diese  Bestimmung  fallen,  sind  in  besonderen ­
  Artikeln,  z,  B.  Arsenfarben,  Bleifarben ­
  usw.  angeführt.  Das  Reichsgesetz
vom  5.  Juli  1887  betr.  die  Verwendung;
gesundheitsschädlicher  Farben  bei  der  Herstellung ­
  von  Nahrungsmitteln,  Genußmitteln
und  Gebrauchsgegenständen  verbietet  d  e  Verwendung ­
  aller  dort  in  §  1  verzeichneten  Farben, ­
  auch  der  von  Abt.3  der  Giftverordnung
ausgenommenen,  zur  Herstellung  von  Nahrungsmitteln. ­
  Dasselbe  Verbot  gilt  für  die  zur  Aufbewahrung ­
  und  Verpackung  von  Nahrungsmitteln ­
  bestimmten  Gefäße  und  Umhüllungen,
aber  hier  mit  der  Einschränkung,  daß  die
von  Abt.  3  der  Giftverordnung  nachgelassenen
Ausnahmen  Schwerspat,  Chromoxyd,  Kupfer,
Zink  und  Zinn  als  Metallfarben,  Schwefelzinn,
Zinnoxyd,  ferner  Barytlackfarben  ohne  Bariumkarbonat, ­
  Zinnober,  benu:zt  werden  dürfen.
Hinsichtlich  der  weiteren,  auf  kosmetische  Mittel, ­
  Spielwaren,  Tuschfarben  und  Tapeten  bezüglichen ­
  Bestimmungen  wird  auf  die  Sonderartikel
  verwiesen.  Die  Vorschriften  zur  Verhütung ­
  von  Bleierkrankungen  (27.  VI.  05)
sind  unter  Bleifarben  (s.  d.)  besprochen.
Farbhölzer  (frz.  Bois  de  teinture,  engl.  Dyewoods),
  diejenigen  Holzarten,  welche  einen  zum
Färben  brauchbaren  Farbstoff  enthalten,  bilden
einen  wichtigen  Gegenstand  des  Drogen-  und
Färb  warenhandeis  und  werden,  mit  Ausnahme
des  Fisetholzes,  sämtlich  von  außereuropäischen
Ländern  eingeführt.  Die  Verladung  geschieht
lose  in  Blöcken,  die  Zerkleinerung  in  besonderen ­
  Farbholzmühlen  oder  Farbho’zraspeleien,
wie  sie  in  Hamburg,  Berlin,  Leipzig  usw.  zu
finden  sind.  Nach  der  Art  der  Zerkleinerung
unterscheidet  man  imHandel;  Späne,Locken,
Nadeln  und  Pulver  oder  gemahlenes  Farb^
holz.  Späne  und  genudeltes  Holz  sind  am  gebräuchlichsten. ­
  Die  zerkleinerten  Hölzer  werden
vor  dem  Verkaufe  gewöhnlich  noch  der  Fermentation ­
  unterworfen  und  danach  in  fermentiertes ­
  und  nichtfermentiertes  Farbholz
unterschieden.  Dieses  Fermentieren  besteht
darin,  daß  man  die  zerkleinerten  F.  in  dunklen,
aber  luftigen  Räumen  aufschüttet  und  unter
häufigem  Benetzen  mit  Wasser  und  zeitweiligem
.Umschaufeln  mehrere  Wochen  lang  liegen  läßt.

Hierdurch  bekommen  sie  ein  lebhafteres  Aussehen, ­
  indem  sich  der  Farbstoff,  der  anfangs
nur  in  geringer  Menge  fertig  gebildet  ist,  aus
den  Chromogenen  entwickelt.  Die  wichtigsten
F.  sind  unter  ihren  Namen  in  besonderen  Artikeln: ­
  Blauholz,  Gelbholz,  Rotholz,  Sandelholz ­
  und  Fustik  besprochen.  Trotz  der
großen  Verbreitung,  welche  die  Teerfarben  gefunden ­
  haben,  hat  die  Einfuhr  von  F.  in  Deutschland ­
  nicht  abgenommen.
Farbholzextrakte  wurden  früher  ausschließlich ­
  durch  Auskochen  der  geraspelten  und  fermentierten ­
  Farbhölzer  mit  Wasser  und  nachfolgendes ­
  Eindampfen  erhalten.  In  neuester  Zeit
werden  sie  jedoch  vielfach  in  vorteilhafterer
Weise  durch  das  Elutionsverfahren,  ähnl.ch  wie
der  Rübensaft  in  Zuckerfabriken,  dargestellt.  Je
nachdem  man  das  Eindampfen  bis  zur  Trokkene
  oder  nur  bis  zur  Sirupsdicke  fortsetzt,  erhält ­
  man  trockene  oder  flüssige  F.  Dieersteren
  sind  harte,  glänzende,  fast  schwarz  erscheinende ­
  Massen  mit  muscheligem  Bruche  und
lösen  sich  nur  dann  vollständ  g  in  Wasser,  wenn
sie  im  Vakuum  eingedampft  wurden,  während
die  an  der  Luft  eingedampften  immer  einen
nicht  unbedeutenden.  Rückstand  hinterlasseh.
Die  flüssigen  F.  haben  gewöhnlich  eine  Dichte
von  20—28°  B6.  Die  gebräuchlichsten  F.  sind:
Blauholzextrakt,  Rotholzextrakt  und  Gelbholzextrakt. ­
  Verfälschungen  mit  Eiligeren  Extrakten, ­
  mit  Sirup  u.  dgl.,  kommen  zuweilen  vor.
Farblacke  nannte  man  ursprünglich  schön  rot
gefärbte  Verbindungen  von  pflanzl  eben  Farbstoffen, ­
  besonders  Koschenille,  Rotholz,  Krapp,
mit  Tonerde,  Kalk  und  Magnesia,  z.  B.:  Krapplack, ­
  Wienerlack,  Münchnerlack,  Florentinerlack ­
  u.  a.,  die  in  der  feineren  Wassermalerei ­
  und  als  Druckfarben  mannigfache  Verwendung ­
  fanden.  Neuerdings  ist  der  1  Name
auch  auf  die  aus  Teerfarben  mit  Metallsalzen
von  Barium,  Kalzium,  Strontium,  Magnesium,
Aluminium,  Blei  erzeugten  Niederschläge  ausgedehnt ­
  worden.
Farnkraulwurzel  (Johanniswurzel,  Wurrnfarn,
  lat.  Rhizoma  filicis,  frz.  Racine  de  fougüre
  male,  engl.  Root  of  male  fern),  der  Wurzelstock ­
  des  gewöhnlichen  Wurmfarns,  Aspidium
  filix  mas,  wird  seit  alten  Zeiten  als
Bandwurmmittel  gebraucht.  Der  gegen  Ende  des
Sommers  zu  grabende,  horizontal  oder  schräg
in  der  Erde  Legende  Wurzelstock  von  etwa
3  dm  Länge  und  2,5—4,5  cm  Dicke  zeigt  im
frischen  Zustande  eine  braune,  innen  grasgrüne ­
  Farbe  und  eine  schwammig-korkige  Beschaffenheit. ­
  Unter  der  Rinde  ist  er  mit  ziegeidachartig
  sich  deckenden,  zahnartigen  Resten
von  Blattstielen  und  mit  braunen  Spreuschuppen
besetzt,  zwischen  denen  zahlreiche  schwärzliche
Wurzelfasern  hervortreten.  Auf  dem  Querschnitte ­
  zeigt  sich  ein  Kreis  von  8—10  großen,
gelblichen  Gefäßbündeln.  Die  unangenehm  aromatisch ­
  riechende  und  anfangs  herb  süßlich,
später  zusammenziehend  und  kratzend  schmekkende
  Droge  enthält  neben  5—6°/o  fettem  und
0,04%  ätherischem  öl  gegen  11  o/ 0  Zucker,  etwa*
Stärke  und  Wachs,  Filixsäure  und  Filixgerbsäure
  und  als  wirksamen  Stoff  Harz.  Man  bewahrt ­
  die  ungeschälten  Wurzelstöcke  gut  verschlossen ­
  in  Blechbüchsen  auf,  aber  nicht  übel".
        <pb n="120" />
        Fasern

115

Federn

ein  Jahr,  und  verwendet  sie  gepulvert  oder  in
form  des  ätherischen  Extraktes  (iat.  Extrachtm
  filicis  aethereum,  frz.  Extrait  de  fougfere,
®ngl.  Extract  of  male  fern).
Fasern.  Als  Ersatz  für  die  fehlende  Einfuhr
v on  Fasermaterial  für  Gespinste  und  Gewebe
hat  man  während  des  Krieges  in  erster  Linie
an  die  Steigerung  des  Hanf-  und  Flachsbaues ­
  (s.  d.)  gedacht,  daneben  aber  Versuche
°ht  zahlreichen  anderen  einheimischen  Stoffen
gemacht.  Als  Stopf-  und  Polstermäterial
Wurden  die  Samenhaare  der  Distel  und  des
Weidenröschens  sowie  zerstoßene  Tannen-Oadeln
  (Waldwolle),  für  Stricke,  Gespinste ­
  u.  dgl.  die  Fasern  von  Rohrkolben
fl'ypha),  Riedgras  (Carex),  Schilf  (Calamagrostis),
  Sonnenblume,  Lupine,  Melilotus,  Hopfenranken, ­
  Ginster  (Kosmosfaser),  Torf,  Stroh
(s.  Stranfa),  Nessel  (s.  d.),  Weidenbast  (s.
d),  Zellulose  (s.  Papiergarn)  vorgeschlagen.
Nur  die  drei  letzteren  haben  praktische  Bedeutung ­
  erlangt.
Faulbaumrinde  (lat.  Cortex  frangulae,  frz.
Ecorce  de  bourdaine,  engl.  Black  aldertree)
heißt  die  Rinde  der  jüngeren  Äste  vom  Kreuzdorn ­
  oder  Pulverholz  (Rhamnus  Frangula),
Einern  in  Wäldern  und  Ufergebüsch  Europas,
Mittelasiens  und  Nordafrikas  häufig  verkommenden ­
  Strauche  mit  rundlichen,  gespitzten,
ganzrandigen  Blättern,  kleinen  weißen  Blüten
und  anfangs  roten,  dann  schwarzen  erbsengroßen ­
  Beeren.  Die  dünne,  schwach  glänzende,
lt n  trockenen  Zustande  gerollte  Rinde  ist  außen
dunkel-  oder  braungrau,  mit  vielen  weißlichen,
länglichen  Korkwärzchen  besetzt,  innen  grüngplblich
  bis  rötlichbraun.  Sie  schmeckt  scharf
bitter  und  schleimig  und  enthält  neben  ätherischem ­
  Öl  ein  früher  als  Frangulasäure  oder
Frangulin  bezeichnetes  Glykosid,  das  bei  der
Hydrolyse  in  ein  Emodin  übergeht.  F.  wird  als
^bführmittel  gebraucht,  aber  erst  nach  längerem
lagern,  da  die  frisch  getrocknete  Rinde  Erbrechen
Leibschmerzen  hervorruft.  Das  Holz  findet
bei  der  Schießpulverbereitung  Verwendung.
Federn  (frz.  Plumes,  engl.  Feathers,  Pens)
^ er schiedener  Vögel  bilden  als  Bettfedern  und
bchmuckfedern  einen  wichtigen  Handelsart
 *kel.  Die  Bettfedern  (frz.  Plumes  ä  lit,
* n gl.  Bed  feathers)  stammen  hauptsächlich  von
ber  Hausgans  (Gänsefedern),  zum  kleineren
i e d  von  Schwänen,  während  die  Federn  von
"raten  und  Hühnern  meistens  weggeworfen  weroder
  nur  als  ganz  geringes  Stopfmaterial
?' e nen.  Die  vorzüglichste  Art  der  Bettfedern
"den  die  Eiderdaunen  (Daunen  oder  Du-1
  u,  frz.  Duvets,  Edrcdons,  engl,  Eiderdown),
, er  weiche  Flaum  eines  nordischen  Seevogels,
er  Eiderente  oder  Eidergans  (Somateria
“Jollissima),  der  aus  den  Brutnestern  gesammelt ­
  wird  und  beim  Weibchen  graubräunlich,
l 1  Hem  weniger  geschätzten  Flaum  des  Mannens ­
  rein  wc.ß  ist.  Die  meisten  Federn  werden
^  den  kleinen,  rings  um  Island  hegenden  unewolmten
  Inseln,  weitere  Mengen  an  den  nor-^.cgischen
  Küsten  gesammelt.  Als  beste  gelten
le  Grönländer.  Die  Daunen  kommen  über  Koecnhagen,
  Hamburg  und  Lübeck  entweder  roh
2  er  schon  gereinigt  in  den  Handel,  und
War  meist  in  fest  zusanunengebällten  Klumpen

von  i'/a— 2  hg  Schwere,  die  sich  beim  Erwärmen ­
  ungeheuer  ausdehnen.  Bei  der  geringen
Menge,  die  zur  Füllung  nötig  ist,  und  besonders
in  Betracht  ihrer  langjährigen  Dauer,  ist  der
Aufwand  für  Daunen  im  Vergleich  zu  gewöhnlichen ­
  Federn  gar  nicht  so  übermäßig  hoch.
Man  rechnet  die  Daunen  von  12  Nestern  auf
'/a  kg.  Eine  noch  seltenere  und  teurere  Art
stammt  von  der  Königs-Eiderente  (Somateria ­
  spectabilis),  die  mehr  an  den  nördlichen
Küsten  Asiens  und  Amerikas  lebt.  Spitzbergen,
Nowaja  Semlja  usw.  sind  die  Bezugsquellen  der
über  Rußland  kommenden  Ware.  Nächst  den
Eiderdaunen  liefern  die  Gänsefedern  das  gebräuchlichste ­
  Material  zum  Füllen  von  Betten.
Sie  kommen  aus  dem  nördlichen  Deutschland,
aus  Rußland,  Polen,  Böhmen,  Galizien  und  Ungarn ­
  in  fest  gefüllten  Säcken,  Fässern  oder
Kisten  über  Frankfurt  a.  O.,  Berlin,  Breslau,
Leipzig  usw.  in  den  Handel  und  werden  gewöhnlich ­
  erst  in  zweiter  Hand  gewaschen,  ge-'
schlissen  (d.  h.  vom  Kiel  befreit)  und  in  mehrere
(drei)  Nummern  sortiert.  Die  besten  F.  erhält
man  durch  wiederholtes  Rupfen  lebender
Gänse,  wobei  immer  die  lose  sitzenden  abgenomrnen
  werden,  da  diese  als  lebendiges  oder
Sommergut  bezeichnten  allein  völlig  reif,
elastisch  und  haltbar  sind.  Weniger  wertvoll  ist
das  von  geschlachteten  Tieren  genommene  tote
oder  Wintergut.  Am  schlechtesten  sind  die
F.  von  krepierten  Tieren,  auch  haben  Nahrung
und  Lebensart  großen  Einfluß  auf  die  Güte  der
F.  Bei  freiem  Naturleben,  auf  Weide  und  reinen
Gewässern  wird  das  Federkleid  am  vollkommensten, ­
  während  Stall-  oder  gar  Mastgänse
nichts  Gutes  erzeugen.  Den  Federhändlcrn  wirft
man  vor,  daß  sie  nicht  selten  Schlechtes  zu
Gutem  mischen  und  das  Gewicht  der  Ware
durch  beigemengten  Kalk,  Gips  usw.,  oder
feuchte  Lagerung  (auf  mehr  als  10  0/0  Wasser)
erhöhen.  —  Zu  Schmuck-  oder  Putzfedern
geeignetes  Material  kann  im  allgemeinen  nur
als  Jagdbeute  aus  weiter  Entfernung  eingeführt
werden,  doch  werden  auch  die  größeren  Schwanzfedern ­
  des  Hofgeflügels,  namentlich  der  Hähne
und  Truthähne,  zu  Federbüschen  und  zur  Nachahmung ­
  ausländischer  F.  benutzt.  Die  wichtigsten ­
  aller  Putzfedern  sind  die  Flügel-  und
Schwanzfedern  der  .Strauße,  die  früher  ausschließlich ­
  vonj  wild  lebenden  Tieren  auf  dem
Wege  der  Jagd  gewonnen  wurden  und  aus
Arabien  über  Ägypten,  aus  Nordafrika  über
die  Handelsplätze  der  Nord-  und  Westküste,
aus  Südafrika  durch  England  in  den  Handel
gelangten.  Alle  das  Mittelmeer  berührende  Ware
sammelte  sich  in  Livorno  oder  Marseille,  um
von  hier  aus  sortiert  weiter  versandt  zu  werden. ­
  Von  der  Gewohnheit  der  berittenen  Jäger
(Beduinen),,  dem  erlegten  Tiere  zunächst  die
Federn  erster  Sorte  auszuziehen  und  darauf  den
abgezogenen  umgekehrten  Balg  als  Behälter  für
alle  Federn  zu  benutzen,  erklärt  sich  die  Form
der  Stücke,  in  denen  sie  von  den  Aufkäufern
geliefert  werden.  Neuerdings  gewinnt  man  die
Straußenfedern  fast  ausschließlich  auf  besonderen ­
  Musterfarmen,  in  Kapland  (Colesberg),  Kalifornien, ­
  Neuseeland  und  Australien,  in  denen
die  Tiere  entweder  in  halber  Freiheit  leben  oder
regelrecht  gezüchtet  und  gefüttert  werden.  Allein
        <pb n="121" />
        F  ederpelzwerk

116

Feigen

aus  Südafrika  werden  von  etwa  i  Million  Strauße
für  mehr  als  25  Millionen  Mark  Federn  ausgeführt. ­
  Die  nach  etwa  6  Monaten  völlig  ausgewachsenen ­
  Federn,  die  nicht  mehr  gerupft,  sondern ­
  geschnitten  werden,  zerfallen  in  wertvollste
weiße  oder  schwarzweiße  Flügelfede^n  oder
Hauptfedern  (arab.  Anathi),  von  denen  je
vier  in  jedem  Flügel  sitzen,  ferner  in  die  kleinen
(zehn)  Schwanzfedern  und  die  zarten  Flügeldeckfedern. ­
  Von  den  getöteten  Tieren
wird  auch  der  Flaum  zur  Herstellung  von  Filzhüten ­
  oder  Geweben  benutzt.  Die  einzelnen
Sorten  teilt  man  nach  der  Güte  und  Länge  in
mehrere  Unterabteilungen,  von  denen  die  besten
bis  zu  50  und  60  cm  lang  werden.  Die  zunächst
in  Kisten  nach  London  ausgeführten  und  dann
sortierten  und  gebündelten  Rohfedern  werden
vor  dem  Zurichten  mit  Seife  gewaschen  und  in
heißes  Wasser,  worin  feine  Kreide  zerteilt  ist,
eingelegt,  darauf  zur  Verbesserung  der  Farbe
vielfach  geschwefelt,  mit  Indigo  schwach  gebläut ­
  oder  mit  Wasserstoffsuperoxyd  gebleicht.
Die  grauen  Federn  des  weiblichen  Straußes
werden  meist  schwarz  gefärbt,  während  von
Natur  weiße  F,  diese  Färbung  nicht  annehmen.
Zum  Schluß  folgt  das  Frisieren,  d.  h.  die  Wiederherstellung ­
  der  natürlichen  Kräuselung  durch
Behandlung  der  Bärte  mit  stumpfen  Messern,
Kunstfedern  sind  aus  mehreren  Stücken  zusammengenäht, ­
  Pleureusen  sind  solche
Straußenfedern,  deren  Bärte  durch  Handknüpfung ­
  künstlich  verlängert  sind.  —  Der  südamerikanische
  Strauß  (Rhea  americana)  liefert ­
  nur  einige  graue  und  braune  Schmuckfedern, ­
  die  in  der  Form  von  den  echten  abweichen ­
  und  mehr  den  Marabufedern  ähneln.
Die  letzteren  sind  eigentlich  die  Schwanzdeckfedern ­
  des  mittelafrikanischen  Riesenstörches
(Leptotilos  crumenifer),  die  äußerst  leicht  und
zart,  in  Weiß  oder  Grau,  Vorkommen  und  besonders ­
  in  Weiß  geschätzt  werden,  doch  stammen ­
  die  meisten  von  dem  als  Adjutant  hezeichneten
  indischen  Marabu.  Auch  werden  sie  vielfach ­
  aus  den  Schwanzfedern  des  Storches,  Pfaus
und  Truthahns  nachgeahmt  (falsche  Marabus),
Weitere  Schmuckfedern  stammen  von  Papageien, ­
  Paradiesvögeln,  Edelfasanen,
Raubvögeln,  auch  wird  der  ganze  Balg  von
Kolibris  benutzt.  Vor  allem  liefern  schließlich ­
  verschiedene  Reiherarten  in  den  langen,
schmalen,  fein  gebauten  Federn  vom  Kopf  und
Nacken  wertvolles  Material  für  Damenschmuck
und  Federbüsche.  Von  einheimischen  Reihern
sind  besonders  Fischreiher,  Purpurreiher
und  Silberreiher  namhaft  zu  machen.
Federpelzwerk.  Von  einigen  Vögeln,  besonders ­
  Wasser  vögeln,  finden  die  Bälge  oder  vielmehr ­
  die  Bauch-,  Hals-  und  Bruststücke  dieselbe ­
  Verwendung  wie  Pelztierfelle,  indem  sie
samt  dem  Gefieder  in  der  Kürschnerei  zugerichtet ­
  und  zur  Verzierung  von  Damenhüten
und  Kleidern  benutzt  werden.  Man  verfährt
hierzu  nach  zwei  Arten,  indem  man  entweder
die  durch  Farbe  und  Schönheit  ausgezeichneten
Teile  eines  Vogelkleides  unverändert  läßt,  oder
indem  man  das  obere  Federkleid  entfernt,  um
die  flaumige  Unterschicht  zur  Geltung  zu  bringen. ­
  Zu  der  ersten  Art  gehören  die  bunten
Bälge  des  Eisvogels,  männlicher  Wildenten

mit  farbigem  und  metallglänzendem  Kopf  und
Halsgefieder,  die  schwarzen,  beiderseits  mit
einem  glänzendgelben  Streifen  gesäumten  Kehlstücke ­
  des  großen  Pinguins,  die  glänzendweißen, ­
  ins  Perlgraue  fallenden  Bauchpelze  des
großen  Haubentauchers,  die  unter  dem.  Na*
men  Grebenfelle  im  Handel  sind  und  am
schönsten  von  den  Schweizer  Seen,  ferner  aus
Bayern,  Holland  und  der  Türkei  kommen.  Die
andere  Art,  die  flaumig  weichen  Vogelpelze  im
engeren  Sinne,  stammen,  sofern  sie  weiß  sind,
von  zahmen  und  wilden  Schwänen  und  von
vorzüglichen  Exemplaren  der  Hausgans.  Die
Hegung  der  Schwäne  und  Gänse  zum  Zweck
der  Pelzgewinnung  wird  hauptsächlich  von  den
Holländern  und  Franzosen  betrieben,  die  sich
auch  einer  besonders  sorgfältigen  und  schönen
Zurichtung  befleißigen.
Feigen  (lat.  Caricae,  frz.  Figues,  engl.  Figs)-Der
  seit  uralten  Zeiten  in  den  Mittelmeerlän*
dem  angebaute  Feigenbaum  (Ficus  Carica).
der  in  den  Tropen  gegen  hundert  Verwandte  hat)
erreicht  nur  eine  mäßige  Höhe  und  wirft  alljährlich ­
  das  Laub  ab.  Aus  den  in  den  Blattwinkeln
  versteckten  Blüten  entwickeln  sich  die
sog.  Früchte,  die  aus  dem  fleischig  gewordenen
Blütenboden  bestehen  und  daher  als  Scheinfrüchte ­
  zu  gelten  haben.  Sie  sind  im  Jugendzustande ­
  grün  und  mit  einem  scharf  schmekkenden
  Milchsäfte  erfüllt,  werden  aber  später
bräunlich-violett,  saftig  und  süß.  Die  reifen  Ferreichen
  eine  Länge  von  7  cm  bei  4 l / 2  ern
Dicke  und  enthalten  im  Innern  die  zahlreichen
kleinen  gelben  Früchte,  fälschlich  Samen  ge*
nannt.  Obwohl  der  Baum  beständig  einzeln®
Früchte  trägt,  unterscheidet  man  doch  zwei
Haupttriebe,  zu  denen  man  die  aus  vorjährigen
Trieben  entsprossenen,  im  Juni  reifenden
Sommerfeigen  und  die  allein  zum  Trocknen
und  Versand  geeigneten  Herbstfeigen  erntet-Die
  letzteren  werden  an  luftigen,  schattigen
Orten  so  ausgebreitet,  daß  sie  sich  nicht  berühren, ­
  und  alle  zwei  Tage  gewendet,  bis  sie
trocken  sind.  Neuerdings  wird  auch  Ofen*
trocknung  angewandt.  Als  Folge  dieser  Behandlung ­
  zeigt  sich  meist  ein  melilartiger  Überzug ­
  von  auskristallisiertem  Fruchtzucker,  bö
alter  Ware  statt  dessen  wohl  auch  ein  Beschlag
von  Schimmel  und  Milben.  Auch  sollen  italienische ­
  F.  bisweilen  mit  Kastanienmehl  bestäubt
werden,  wodurch  ihnen  aber  neben  Feuchtigkeit ­
  auch  Zucker  entzogen  wird.  Die  frische 11
Feigen  enthalten  bis  790/0  Wasser,  die  getrockneten ­
  neben  etwa  28  0/0  Wasser  3—4  o/ 0  Eiweiß»
1—20/0  Fett  und  gegen  50—60,  ja  700/0  Zucker-Ais
  wertvollste  gelten  die  besonders  großen  und
süßen  Smyrna-F.,  die,  in  ihrer  natürlichen  Fort 11
belassen,  in  runde,  mit  Lorbeerblättern  aufgelegte ­
  Schachteln  (Trommeln)  verpackt  sind-Die
  kleinen  griechischen  F.,  die  dickschalig^
und  haltbarer,  aber  weniger  süß  sind,  komme 0
als  Kranzfeigen,  meist  zu  hundert  auf  Bast'
schnüre  gereiht  und  plattgedrückt  in  den  Handel; ­
  italienische  werden  in  Körbe  eingeleg!
(Korbfeigen),  Triester  F.  (aus  Istrien  und
Dalmatien),  die  sehr  süß  und  klein,  aber  nie»
haltbar  sind,  in  Fässer,  Tiroler  F.  in  Lorbeef'
und  Rosmarinblätter  verpackt.  Spanische  }'
gehen  meist  nach  England.  Die  zu  uns  et 0 '
        <pb n="122" />
        Feldkümmel

117

Fenchelöl

geführten  F.  werden,  abgesehen  von  unbedeutender ­
  medizinischer  Verwendung,  als  Dessertfrucht ­
  und  zur  Herstellung  eines  Kaffee-Ersatzmittels, ­
  des  sog.  Feigenkaffees,  benutzt.  Sie
halten  sich  nur.  etwa  ein  Jahr,  unterliegen  dem
Schimmel,  den  Milben  und  dem  Insektenfraß
and  gehen  überdies  leicht  in  Gärung  über.
Feldkümmel  (Quendel,  wilder  Thymian,
Leldquendel,  Feldthymian,,  lat.  Herba  ser-Pylli,
  frz.  Serpolet,  engl.  Mother  of  thyme),  die
a n  trockenen  Anhöhen,  Wald-  und  Feldrändern
'häufig  wachsende,  kleine  strauchartige  Pflanze
(Thymus  Serpyllum)  mit  halb  kriechendem,
rötlichem,  vierkantigem,  schwach  behaartem
Stengel,  ovalen  Blättchen  und  quirlständigen
rosenroten  Lippenblüten,  besitzt  einen  angenehm
aromatischen  Geruch  und  bitterlich  zusammenziehenden ­
  Geschmack  und  wird  im  Sommer
gesammelt  und  getrocknet.  Das  unter  gutem
Verschluß  aufzubewahrende  Kraut  dient  zu
Kräuterkissen  und  in  Form  von  Abkochungen
zu  stärkenden  Bädern  und  zu  Tees.  Durch  Destillation ­
  mit  Wasser  erhält  man  etwa  0,15  bis
°,6  P/o  eines  farblosen  bis  goldgelben  ätherischen
Öles,  Oleum  Serpylli,  den  konzentrierten  Riechstoff ­
  des  Krautes.
•  Feldspat  (frz.  Feldspathe,  engl.  Feldspar),  ein
sehr  verbreitetes  Mineral,  das  sowohl  einen
regelmäßigen  Bestandteil  wichtiger  Massengesteine: ­
  Granit,  Syenit,  Porphyr,  Gneiß,  Trachyt
  bildet,  als  auch  selbständig  in  größeren
Lagern  auftritt,  besteht  im  wesentlichen  aus
Alkali-  oder  Kalktonerdesilikat.  Die  verschiedenen ­
  Arten  der  Feldspate  unterscheidet  man
nach  der  Kristallform  in  zwei  Gruppen,  die  monoklinen ­
  und  triklinen  F.  und  rechnet  zu
den  ersteren  den  Kalifcldspat  oder  Orthoklas, ­
  zu  den  letzteren  den  Natronfeldspat
°der  Albit  und  den  Kalkfeldspat  oder  Anorthit ­
  sowie  die  isomorphen  Mischungen  beider,
d'e  Natronkalkfeldspate.  Alle  triklinen  F.  werden ­
  als  PI  agioklase  bezeichnet.  Von  den  Aburten ­
  des  Orthoklases  wird  die  am  reinsten
kristallisierende,  der  Adular,  weicher  in  Form
"asserheller,  häufiger  gefärbter  Massen  auftr
 Ut,  als  Schmuckstein  verwandt.  Er  zeigt  Glasglanz,
  auf  Spaltflächen  Perlmutterglanz,  bisweilen ­
  auch  in  geschliffenem  Zustande  einen
't'gentümlichen,  in  Farben  spielenden  Licht-Sc
 himmer  und  kommt  unter  verschiedenen  Na-Uten:
  Mondstein,  Sonnenstein,  Fischauge
“der  Wasseropal  in  den  Handel.  Dem  Orthoklas ­
  verwandt  ist  ein  trikliner  F.  (Mikroklin),
. cr  grüne  Amazonen  stein  aus  Sibirien,  der
,?  Katharinenburg  verarbeitet  wird.  Die  grüne
, ar be  beruht  nicht,  wie  man  früher  annahm,  auf
e &amp;gt;Uem  Kupfergehalt  und  geht  beim  Glühen  ver-,°**
 e n.  Eine  prachtvolle  Abart  des  Natronkalk-Jldspates,
  der  Labradorit  (Labrador),  der
‘(JK  den  Spaltflächen  sehr  schöne  Irisfarben
UMau,  Grün,  Kupferrot)  zeigt  und  auf  der  Pauls-Itl!



se l  sowie  der  benachbarten  Labradorküste

großen  Massen  gewonnen  wird

dient  zur
er stellung  von  Schmucksteinen,  Tischplatten
dgl.  Die  weniger  schön  kristallisierenden
Dchten  F.  finden  ausgedehnte  Anwendung  zur
,  erstellung  des  .  Porzellans,,  ferner  von  leicht
HU!—  -■■•••

Au

Ss igen  Glasuren  und  von  Emails.  Auch  als
s gangsmaterial  der  Porzellanerde,  des  Kaolins ­

  (s.  d.),  welcher  ein  natürliches  Verwitlerungsprödukt
  des  Feldspats  ist,  beansprucht  er
ebenfalls  die  größte  Beachtung.  F.  wird  in
großen  Mengen-  von  Finnland  und  Schweden,
ja  selbst  aus  Grönland  für  Porzellanfabrikatiöü
eingeführt.
Felle,  dieHäute  verschiedener  Säugetiere,  z.  B.
der  Bären,  Fischotter,  Katzen,  Marder,  Ziegeri,
haben  insofern  für  den  Drogenhandel  ein  gewisses ­
  Interesse,  als  die  Haare  das  Material  für
Pinsel  und  Bürsten  geben.  Katzenfelle  werden
auch  vielfach  gegen  Rheumatismus  verwendet,
indem  man  die  schmerzenden  Stellen  damit
bedeckt.
Fenchel  (lat.  Fructus  foeniculi,  frz.  Fruits  de
fenouil,  engl.  Fennel  fruit),  eine  bekannte  würzhafte ­
  Doldenpflanze,  Foeniculum  officD
nale,  wächst  in  Südeuröpa  wild  und  wird  bei
uns  vielfach  in  Gemüsegärten,  zum  Teil  auch  im
großen  als  Feldfrucht  angebaut.  Namentlich  in
Thüringen,  Württemberg,  Böhmen,  Mähren,  Galizien ­
  und  Polen  finden  sich  ausgedehnte  Fenchelfelder. ­
  Die  Wurzel  treibt  im  zweiten  Jahre,
oder  auch  wohl  noch  öfter  wieder,  so  daß  nicht
jedes  Jahr  gesät  zu  werden  braucht.  Die  ganze
Pflanze  enthält  medizinisch  verwertbare  Stoffe,
doch  werden  Kraut  und  Wurzel  mehr  nebensächlich, ­
  als  Hausmittel,  gebraucht,  während  als
Handelsware  allein  die  gehaltreicheren  Teile,
die  Früchte,  in  Frage  kommen.  Die  länglichen,
gerippten  und  zwischen  den  Rippen  mit  je  einer
dunklen  Ölstrieme  versehenen  Früchte,  deren
Größe  und  Färbung  wechselt,  enthalten  als  charakteristischen ­
  Bestandteil  das  Fenchelöl  (s.  d.)
oder  vielmehr  das  im  letzteren  enthaltene
An  et  hol.  Die  Haupthandelssorte  bildet  der
sogenannte  sächsische  Fenchel,  der  in  der
Gegend  von  Lützen  und  Weißenfels  in  großer
Menge  gebaut  wird  und  dessen  größere,  lebhafter
grüne  Körner  Kammfenchel  genannt  werden.
Nächst  diesem  spielen  der  Thüringer,  der
mährische  und  galizische  F.  die  Hauptrolle.
Außerdem  findet  sich  im  Drogenhandel  noch
der  sog.  römische  oder  italienische  F.,  der
viel  größer  im  Kern,  schön  grünlich  und  weit
aromatischer,  von  einer  anderen  Art,  Foeniculum ­
  dulce,  stammt,  die  nur  einjährig  ist
und  in  Südeuropa  gebaut  wird.  Seit  einiger
Zeit  kommt  auch  ostindischer  F.  in  den  Handel, ­
  der  jedoch  noch  weniger  gut  ist  als  der
ebenfalls  zuweilen  angebotene  levantinische'.
F.  in  Pulverform  dient  zur  Herstellung  von  Abkochungen ­
  und  Aufgüssen,  die-  als  offizineile
Arznei-  und  Hausmittel  Anwendung  finden:
Ganzer  F.  dient  mehr  als  bloßes  Gewürz.
Fenchelöl  (lat.  Oleum  foeniculi,  frz.  Essence
de  fenouil,  engl.  Fennel-oil),  das  durch  Wasserdampfdestillation ­
  gewonnene  ätherische  Öl,  stellt
eine  farblose  oder  gelbliche,  nach  Fenchel
riechende  Flüssigkeit  dar,  welche  ein  spez.  Gew.
von  0,965—0,977  und  eine  Drehung  von  -j-12
bis  —)—  24 0  besitzt.  Es  löst  sich  in  0,5-—1  Vol.
900/oigen  und  in  6—8  Vol.  8o&amp;lt;y 0 igen  Alkohols:
In  der  Kälte  erstarrt  es  zu  einer  kristallinischen
Masse,  die  je  nach  der  Güte  des  Öls  erst  bei
-(-5 0  oder  höherer  Temperatur  wieder  geschmolzen ­
  ist.  Das  Erstarren  hängt  mit  dem
Gehalt  an  Anethol  zusammen,  von  dem  gute
öle  etwa  50—6oo/ 0  enthalten.  Je  höher  die

ieapjaiwiiiiBrirr
        <pb n="123" />
        Feroniaemmmi

118

Fette

Schmelztemperatur,  desto  anetholreicher  ist  das
Öl.  Von  weiteren  Bestandteilen  sind  zu  nennen
das  bitter  schmeckende,  mit  Kampfer  isomere
Fenchon,  feiner  R  e  c  h  t  s-P  inen,  Kamphen,
  Phellandren  und  Dipenten,  Sächsischer ­
  Fenchel  liefert  4,4  bis  S,S  %,  galizischer
4—6  0/0,  mährischer  4  0/0  und  rumänischer  4  6  0/0
öl.  Eine  geringwertige  Sorte,  das  Fenchelspreuöl,
  erhält  man  aus  Fenchelspreu.  F.
wird  in  der  Likörfabrikation  und  Nahrungsmittelindustrie, ­
  als  Geschmackskorrigens  und  in  der
Seifenfabrikation  als  Parfüm  verwandt.
Fcroniagummi  (ostindisches  Gummi),  eine
aus  Ostindien  kommende  und  dort  sowie  in
England  viel  gebrauchte  Gummisorte  von  der
zu  den  Aurantieen  gehörenden  Feron'a  elephantum,
  unterscheidet  sich  vom  gewöhnlichen
arabischen  Gummi  durch  die  Größe  der  natürlichen ­
  Stücke,  die  bis  zu  7  cm  Durchmesser
haben,  und  durch  lebhaften  Glasglanz,  doch
findet  man  auch  einzelne  trübe,  wenig  glänzende ­
  Stücke  darunter.  Obschon  F.  ebenso  wie
das  arabische  Gummi  aus  Arabin  besteht,  so  ist
doch  seine  Lösung  rechtsdrehend,  während  diejenige ­
  des  arabischen  Gummis  die  Ebene  des
polarisierten  Lichtes  nach  links  dreht,
Ferozepore,  eine  der  verschiedenen,  im  ostindischen ­
  Handel  vorkommenden,  nach  der
gleichnamigen  S.adt  benannten  Rapssorten,  wird
ebenso  wie  die  übrigen  Sorten,  z.  B.  Kalkutta,
Dhera  Ropa,  schwarze  und  weiße  Gingellysaat,
  in  bedeutenden  Mengen  nach  England
versandt  und  dort  zur  Ölgewinnung  benutzt.
Ferratin,  ein  durch  Behandlung  von  Hühnereiweiß ­
  mit  weinsaurem  Kaliumeissn  dargestelltes ­
  Eisenpräparat,  findet  bei  Bleichsucht  und
Blutarmut  Anwendung.  Seine  Lösung  in  Glyzerin ­
  und  Alkohol  führt  den  Namen  Ferratose.

Ferromangan  (Manganeisen),  ein  sehr  manganreiches
  Roheisen,  wird  in  großen  Mengen
zum  Bessemern  als  Ersatz  für  Spiegeleisen  dargestellt, ­
  indem  man  den  geringen  Mangangehalt
des  Roheisens  durch  Zusatz  von  Manganerzen
beim  Ausschmelzen  vermehrt.  Hierbei  muß  man
einen  sehr  basischen,  d.  h.  kalkreichen  Zuschlag
an  wenden,  weil  sonst  der  größte  Te  1  des  Mangans
  in  d  e  Schlacke  geht,  indem  sich  Manganoxydulsilikat
  bildet,  das  durch  die  Kohle  nicht
mehr  reduziert  wird.  Der  stärker  basische  Kalk
verhindert  aber  das  Eintreten  des  Manganoxyduls
  in  die  Schlacke.  Das  F.,  das  bis  zu  80  P/o
Mangan  und  6%  Kohlenstoff  enthält,  besitzt
ebenso  wie  der  daraus  bereitete  Manganstahl
eine  sehr  bedeutende,  Härte.
Ferrum  ist  das  in  der  Pharmazie  gebräuchliche ­
  Wort  für  Eisen,  auf  Preislisten  der  Drogisten ­
  findet  man  folgende  bekannteren  Eisenpräparate: ­
  F.  aceticum,  Eisenazetat  (trocken
und  in  Lösung);  F.  bromatum  und  jodatum,
Eisenbromid  und  -jodid;  F,  carbonicum,  koh r
lensaures  Eisenoxydul;  F.  chloratum,  Eisenchlorür;
  F.  sesquichloratum,  Eisenchlorid;  F.
citricum,  zitronsaures  Eisenoxyd;  F.  hydricum
oder  oxyda'.um  hydratum,  Eisenoxydhydrat;  F.
lacticum,  milchsaures  Eisenoxydul;  F.  malicum,
äpfelsaures  Eisen;  F.  phosphoricum  oxydulatum,
phosphorsaures  Eisenoxydul;  F.  sulfuratum,
Schwefcleisen;  F.  sulfuricum  oxydulatum,  schwefelsaures ­

  Eisenoxydul,  Eisenvitriol;  F.  tannicum,
  gerbsaures  Eisenoxyd;  F.  tartaricum,  weinsaures
  Eisenoxyd;  F.  valerianicum,  baldriansaures
  Eisenoxyd  u.  a.  m.
Fersan,  ein  phosphor-  und  eisenhaltiges  Eiweißpräparat,
  das  aus  defibriniertem  Rinderblut ­
  mit  Salzsäure  dargestellt  wird  und  in  Form
eines  rotbraunen  Pulvers  als  Nähr-  und  Kräftigungsmittel ­
  Anwendung  findet.
Fette  sind  in  rein  chemischer  Hinsicht  Verbindungen ­
  des  Glyzerins  mit  Fettsäuren  (Glyzerinester),
  und  zwar  hauptsächlich  mit  drei
Molekülen  von  Fettsäuren  (Triglyzeride).  An
ihrem  Aufbau  beteiligen  sich  sowohl  gesättigte
Fettsäuren  der  Stearinsäurereihe  (Stearin,  Palmitin, ­
  Butyrin),  als  auch  ungesättigte  Säurender
Ölsäure-  (Olein),  der  Linolsäure-'und  verwandter
Reihen.  Die  natürlichen  Fette  bestehen  aus  gemischten ­
  Glyzeriden  verschiedener  Fettsäuren,
neben  denen  meist  noch  geringe  Mengen  anderer ­
  Stoffe:  Cholesterin,  Phytosterin,  Lezithin,
zugegen  sind.  Sie  finden  sich  sowohl  im  Tierreiche ­
  (Milch,  Körperfett)  als  im  Pflanzenreiche,
besonders  den  Früchten  und  Samen,  und  werden
für  Ernährungszwecke  und  technische  Verwendung ­
  durch  Ausschmelzen,  Auspressen  oder
Extraktion  mit  Lösungsmitteln  (Äther,  Benzin,
Chlorkohlenstoff)  im  großen  Maßsabe  hergestellt. ­
  Allen  Fetten  gemeinsam  ist  die  Eigenschaft, ­
  daß  sie  auf  Papier  einen  durchscheinenden, ­
  beim  Erhitzen  nicht  verschwindenden  Fleck
erzeugen,,  daß  sie  in  geringster  Spur  die  Rotation ­
  eines  auf  Wasser  geworfenen  Kampfer-Stückchens
  verhindern  und  auf  VVjisser  schwimmen. ­
  Sie  lösen  sich  leicht  in  Äther,  Benzol,
Benzin,  Chloroform  und  Schwefelkohlenstoff,
hingegen  nicht  in  Wasser  und,  mit  wenigen
Ausnahmen,  nur  sehr  schwer  in  Alkohol.  Beim
Erhitzen  sind  sie  nicht  unverändert  flüchtig,
sondern  zersetzen  sich  bei  etwa  300 0  unter  Entwicklung ­
  stechend  riechender,  zu  Tränen  reizen
der  Dämpfe  von  Akrolein.  Durch  Behandlung
mit  starken  Alkalien  werden  sie  in  Glyzerin  und
fettsaure  Salze  (Seife)  gespalten,  die  gleiche
Trennung  (Verseifung)  erfolgt  auch  bei  Einwirkung ­
  von  konzentr.erten  Säuren  oder  Druckerhitzung
  mit  Wasser.  Die  äußerlichen  Unterschiede ­
  der  natürlichen  Fette  werden  durch  die
Art  der  in  ihnen  enthaltenen  Fettsäure  bedingt
Im  allgemeinen  sind  die  an  gesättigten  Fettsäuren ­
  reichen  Fette  von  fester  Konsistenz,  und
zwar  um  so  härter,  je  mehr  die  hochmolekularen
Säuren  (Stearin-,  Palmitinsäure)  vorherrschen-Daraus
  erklärt  sich  z.  B.,  daß  die  an  Buttersäure
  reiche  Butter  und  das  viel  Kaprin-  und
Laurinsäure  enthaltende  Kokosfett  weicher,
streichfähiger  ist  als  der  aus  Stearin  und  Palmitin ­
  bestehende  Talg.  Umgekehrt  sind  die  an
ungesättigten  Fettsäuren  (Ölsäure,  Linolsäure)
reichen  Fette  weicher  und  oft  flüssig.  Die  b eI
Zimmertemperatur  flüssigen  Fette  werden  in
der  Regel  als  Öle  (s.d.),  oder  bei  Abstammung
von  Seetieren  als  Trane  (s.  d.)  bezeichnet.  Be&amp;gt;
höherer  Temperatur  gehen  alle  Fette  in  den
flüssigen  Zustand  über.  Zum  chemischen  Nachweise ­
  fremder  Beimengungen  bestimmt  man
in  erster  Linie  die  Menge  des  zur  völligen  Späh
tung  erforderlichen  Alkalis  (mgKOH  für  1  8
Fett),  die  sog.  Verseifungszahl.  Diese  Zab»
        <pb n="124" />
        Fettstifte

119

Fichtenharz

liegt  für  die  meisten  Fette  bei  180—200,  für
Butter  bei  220—230,  für  Kokosfett  bei  250  und
ermöglicht  sonach  einen  Zusatz  von  Paraffin,
Zeresin  usw.,  sog.  „unverseifbaren  Stoffen“,  zu
erkennen.  Weitere  Aufschlüsse  auch  für  die  Unterscheidung ­
  der  einzelnen  Fette  untereinander
gewahren  die  Refraktion,  die  Jodzahl,  die
Hehnerzahl  (unlösliche  Fettsäuren),  die  Reiehert-Meissl-Zahl
  (flüchtige  Fettsäuren)  sowie ­
  besondere  Reaktionen,  die  in  besonderen
Aufsätzen  über  die  einzelnen  Fette  besprochen
Werden.  Abgesehen  von  der  technischen  Verwertung ­
  zur  Herstellung  von  Seife,  Schmiermitteln, ­
  Glyzerin  usw.  finden  die  Fette  als  eines
der  wichtigsten  menschlichen  Nahrungsmittel,
dessen  Nährwert  von  9,3  Kalorien  denjenigen
der  Stärke  und  Zuckerarten  um  das  Doppelte
übertrifft,  ausgedehnte  Anwendung.  Der  Fettverbrauch ­
  belief  sich  im  Jahre  1907  für  Kopf
und  Jahr  in  Deutschland  auf  24,  kg,  von  denen
etwa  4 / 6  im  Inlande  erzeugt  wurden  (Butter,
Talg,  Schmalz),  während  der  Rest  ausländischer
Einfuhr  (Olivenöl,  Kokosfett,  Erdnußöl)  entstammte. ­
  Die  Versuche,  den  durch  die  Abschneidung ­
  der  Zufuhren  bedingten  Ausfall
durch  Erschließung  neuer  inländischer  Fett-Duellen
  (Knochen,  Obstkerne,  Getreidekeime,
Eetthefe,  Abwasserfett)  zu  beheben,  waren  nur
von  geringem  Erfolge.  Große  Bedeutung  gewann ­
  die  sog.  Fetthärtung,  die  auf  einer  Behandlung ­
  mit  Wasserstoff  bei  Gegenwart  von
fein  verteiltem  Nickel  beruht  und  die  Überführung ­
  geringwertiger  flüssiger  Öle  und  Trane
&amp;gt;n  wertvollere  feste  Fette  der  Stearinsäurereihe,
sog.  gehärtete  Öle,  ermöglicht.
Fettstifte  zum  Schreiben  auf  Glas  und  Porzellan ­
  bestehen  aus  einer  gefärbten  Mischung
von  Walrat,  Talg  und  Wachs  mit  Mennige  und
Atzkali.
Feuerlöschmittel.  Die  zahllosen  zur  schnellen
Unterdrückung  von  kleineren  Bränden  empfohlenen ­
  F.  lassen  sich  nach  der  Art  ihrer  Wirkung ­
  im  allgemeinen  in  zwei  Gruppen  einteilen. ­
  Die  zu  der  ersten  gehörenden  Feuerloschdosen
  oder  Löschpatronen  sind  mit
einer  Mischung'  von  Salpeter,  Schwefel  und
Kohle  gefüllt,  die  beim  Gebrauche  schweflige
Saure  entwickelt  und  dadurch  das  Feuer  erstickt. ­
  Auf  dem  gleichen  Gedanken  beruhen
nie  aus  Natriurnbikarbonat  bestehenden  Mittel
{Blitzfackel,  Rapidfackel,  Theofackel,
Jgnex,  Clou,  Protektor,  Total),  die  Kohlensäure ­
  abspalten.  Die  Glieder  der  zweiten
Gruppe,  die  sog.  Feuerlöschpulver  oder
'granaten,  sind  ausnahmslos  Salzmischungen,
nie  in  wäßriger  Lösung  angewandt  werden.
Beim  Verdampfen  des  Wassers  bleiben  die
feuerbeständigen  Verbindungen  des  Kalziums,
der  Tonerde  und  der  Kieselsäure,  wie  Alaun,
c Morkalzium,  Wasserglas,  als  fester  Überzug  zurück, ­
  der  den  Luftzutritt  und  sons  t  das  Weiter-Btennen
  verhindert.  Die  gleichzeitig  meist  vorhandenen ­
  flüchtigen  Salze  der  Alkalien,  wie
Kochsalz,  Chlorammonium,  Pottasche,  Glauber-Sa
 te,  verdampfen  bei  der  hohen  Temperatur,
verbrauchen  dabei  mehr  Wärme  als  reines
vvasser  und  kühlen  infolgedessen  die  Brand-°“jekte
  stark  ab.  Solche  Salzmischungen  werden ­
  meist  für  kleine  Hand-  oder  Zimmerapparate, ­

  (sog.  Extinkteure)  angewandt,  in
denen  durch  automatische  Einwirkung  von  Salzsäure ­
  auf  Karbonate  Kohlensäuredruck  entwickelt ­
  und  dadurch  die  Lösung  herausgespritzt
wird.  Aus  der  großen  Zahl  der  hierhin  gehörenden ­
  Apparate  seien  nur  Minimax,  Rapid,
Perkeo  angeführt,  von  denen  der  letztere  noch
einen  schaumbildenden  Zusatz  (Saponin)  enthält. ­
  Die  Wirkung  aller  dieser  Mittel  wird  von
ihren  Erfindern  meist  stark  übertrieben  und  ist
jedenfalls  für  größere  Brände  recht  gering  einzuschätzen. ­

Feuerschwamm  und  Wundschwamm  stammen ­
  von  dem  auf  Bäumen  (Birken,  Eichen  und
fluchen)  wachsenden  Löcherpilz,  Polyporus
seu  Fomes  fomentarius,  der  eine  Länge  von
50  cm  und  eine  Dicke  von  10  cm  erreicht  und
eine  flache,  nach  oben  gewölbte  Form  zeigt.
Man  sammelt  den  Pilz  im  Herbst,  schält  ihn
und  schneidet  ihn  in  Scheiben,  die  durch  Einweichen ­
  und  Klopfen  mit  hölzernen  Hämmern
weich  gemacht  werden.  Die  weichsten  und
dicksten  Stücke  verwendet  man  unter  dem
Namen  Wund  schwamm  (Blutschwamm,  lat.
Boletus  seu  Fungus  chirurgorum,  frz.  Agaric  de
chöne,  engl.  Sourgeons  Agaric)  als  blutstillendes ­
  Mittel  bei  kleinen  Wunden.  —  Der  Feuerschwamm ­
  (Zunder,  lat.  Boletus  seu  Fungus
igniarius,  frz.  Agaric  de  ebene  preparü,  Aniadou,
  engl.  German  tinder)  wird,  damit  er  besser
brennt,  mit  Salpeterlösung  getränkt  und  dann
getrocknet.  Mit  dem  Namen  Ulmer  Feuerschwamm ­
  bezeichnet  man  eine  Handelssorte,
die  mit  Schießpulver  präpariert  ist.  —  Bei  Verwendung ­
  von  Wundschwamm  ist  darauf  zu
achten,  daß  nicht  etwa  salpeterhaltiger  Feuerschwamm ­
  unterläuft,  da  sonst  leicht  Blutvergiftungen ­
  usw.  entstehen  können.
Fibrin  nennt  man  den  Eiweißkörper,  der  sich
beim  Schlagen  des  Blutes  in  Form  von  Fasern
ausscheidet.
Fichtenharz  (Gemeines  Harz,  lat.  Resina
pini,  frz.  Galipot,  engl.  Ordinary  resin)  wird
aus  dem  Stamme  verschiedener  Nadelhölzer
(Pinus-  und  Abiesarten)  Deutschlands,  Rußlands, ­
  der  Schweiz  und  der  Vereinigten  Staaten
sowie  aus  dem  Stamm  der  Meerstrandsfichte
im  südlichen  Frankreich  (Galipot)  gewonnen,
indem  man  entweder  das  aus  zufälligen  Verletzungen ­
  ausgetretene  Scharrharz,  oder  aus
künstlich  erzeugten  Wunden  und  Bohrlöchern
nach  dem  Grandei-  oder  Becherverfahren  zutage ­
  geförderte  Produkt  sammelt,  oder  schließlich ­
  nach  neuerem  Verfahren  das  Holz  und  die
Wurzeln  mit  Benzol  extrahiert.  Hierbei  geben
Kiefern  ein  terpentinölhaltiges,  Fichten  ein  davon
völlig  freies  Harz.  Das  gemeine  Harz  (Resina ­
  communis)  besitzt  die  Form  unregelmäßiger, ­
  anfangs  klebriger,  später  spröder  Stücke,
welche  von  weißlicher,  gelber  oder  rötlicher
Farbe  und  meist  stark  verunreinigt  sind.  Das
französische  F.  besteht  aus  weißgelblichen
Krusten  mit  Terpentingeruch,  das  amerikanische ­
  F.  aus  gelben  bis  braunen  Stücken.
Durch  Schmelzen  un  er  Wasserzusatz  und  nachheriges
  Kolleren  erhält  man  das  weiße  Harz
(Weißes  Pech,  Resina  alba,  Pix  alba)  als  eine
trübe,  undurchsichtige  Masse,  während  bei  längerem ­
  Schmelzen  das  gelbe  Harz  (Gelbes
        <pb n="125" />
        Fichtenholz

120

Filz

Pech,  Resina  oder  Pix  flava),  ein  durchsichtiges,
sprödes  Harz  von  muscheligem  Bruch  entsteht.
Das  echte  Burgunderharz  (Resina  burgundia)
kommt  aus  Frankreich  in  spröden,  schmutziggelben ­
  Stücken  in  den  Handel.  F.  findet  vielseitige ­
  Verwendung  zur  Herstellung  von  Seifen, ­
  Pflastern,  Kitten,  Kolophonium  und  Pechen
(s.  d.),  zum  Leimen  von  Papier  und  zum  Pichen
von  Fässern.
Fichtenholz  (frz.  Bois  de  pin,  engl.  Pincwood),
  das  Holz  der  Fichte  oder  Rottanne
(Picea  vulgaris),  gehört  zu  den  weichen  Hölzern ­
  und  ist  weniger  leicht  spaltbar,  aber  fester,
dauerhafter  und  namentlich  im  Witterungswechsel ­
  haltbarer  als  Tannenholz.  Es  wird  als
vorzügliches  Bau-  und  Tischlerholz  sowie  als
Brennholz  verwendet.  Die  Fichtenrinde  benutzt ­
  man  wegen  ihres  Gerbsäuregehaltes  in
manchen  Gegenden  als  Gerberrinde.
Fichfennadelextrakt  (Kiefernnadelextrakt,
lat.  Extractum  pini  silvestris,  frz.  Extrait  de  pin,
engl.  Extract  of  pine)  wird  durch  Auskochen
der  Fichtensprossen  und  -nadeln  als  ein  braunschwarzes,
  aromatisch  riechendes  Extrakt  gewonnen, ­
  das  zu  Fichtennadelbädern  bei  Gicht
und  Rheumatismus  Anwendung  findet.  Auf  ein
Vollbad  rechnet  man  150—500  Gramm.
Fichtennadelöl  (Waldwollöl,  lat.  Oleum  pini
silvestris  seu  abietis,  frz.  Essence  d’aiguilles  de
pin,  engl.  Pine  oil)  wird  wie  das  analoge  Kiefern- ­
  und  Tannennadelöl  durch  Wasserdampfdestillation ­
  von  Fichten-  oder  Kiefernnadeln ­
  in  Form  einer  farblosen  oder  hellgrünlichen ­
  Flüssigkeit  von  aromatischem  Koniferengeruch ­
  gewonnen,  die  neben  Pinen,  Phellandren,
  Dipenten  und  K  ad  inen  als  bemerkenswerten ­
  Bestandteil  Bornylazetat  (8  bis
1  o  0/0)  enthält.  F.  ist  kein  eigentlicher  Handelsartikel, ­
  an  seiner  Stelle  wird  meist  Edeltannenzapfenöl ­
  abgegeben,  das  hauptsächlich  aus  Limonen ­
  besteht.  Aus  Rußland  kommt  das  sog.
sibirische  F.,  das  aus  den  Nadeln  und  jungen
Zweigspitzen  der  sibirischen  Edeltanne,-  Abies
sibirica,  gewonnen  wird.  Es  ist  durch  einen
hohen  Gehalt  an  Bornylazetat  (30—400/0)  ausgezeichnet. ­

Fichtensamenöl,  das  in  den  Fichtensamen  zu
25—30  0/0  enthaltene  fette  Öl  kann  nach  v.  T  ubeuf
  zur  menschlichen  Ernährung  benutzt  werden, ­
  da  ihm  bei  dem  Fehlen  von  Terpentinblasen ­
  in  der  Samenschale  kein  Harzgeschmack
anhaftet.  Das  durch  kalte  Pressung  gewonnene
goldgelbe  öl  von  haselnußähnlichem  Geschmack
hat  eine  Verseifungszahl  von  19t  und  eine  Jodzahl ­
  von  173.  Der  Preis  von  9  M.  für  1  1  öl
läßt  die  Herstellung  nur  im  Kriege  lohnend  erscheinen. ­

Filizin  wird  durch  Fällung  von  Farnkraulextrakt ­
  mit  Barytwasser  und  nachfolgende  Zersetzung ­
  mit  Salzsäure  dargestellt.  Sein  wichtigster ­
  Bestandteil  ist  die  Filixsäure,  welche
durch  Behandlung  mit  Azeton  in  kristallisiertem
Zustande  erhalten  werden  kann,  aber  nur  in
amorpher  Form  als  wirksames  Wurmmittel  angewandt ­
  wird.
Filmaron  wird  aus  Farnkrautexlrakt  dargestellt ­
  und  im  Gemisch  mit  Rizinusöl  als  Bandwurmmittel ­
  verordnet.

Films  sind  mit  Bromsilbergelatine-Emulsion
übergossene  Zelluloidblätter,  die  an  Stelle  der
Glasplatten  in  der  Photographie  benutzt  werden. ­
  Sie  haben  vor  letzteren  den  Vorzug  der
Leichtigkeit,  die  ihre  Mitnahme  auf  Reisen  vorteilhaft ­
  erscheinen  läßt,  geben  aber  weniger,
scharfe  Bilder  und  sind  bei  der  Aufnahme  und
Entwicklung  weniger  gut  zu  handhaben.  F.
kommen  in  Paketen  als  Film  Packs  und  in
Rollenstreifen  für  6—tz  Aufnahmen  in  den
Handel.  Für  kinematographische  Bilder  werden
endlose  Spulen  benutzt.
Filz  (frz.  Feutre,  engl.  Feit)  ist  ein  durch
mechanische  Bearbeitung  von  Tierhaaren,  ohne
Spinnen  und  Weben,  hergestellter  fest  zusammenhängender ­
  Stoff,  dessen  Entstehung  darauf
beruht,  daß  die  Haare  im  Gegensätze  zu  den
Pflanzenfasern  nicht  einfache  glatte  Röhrchen
sind,  sondern  unter  dem  Mikroskope  eine  rauhfr
Oberfläche,  seien  es  tannenzapfenartig  geordnete ­
  Schuppen  wie  bei  der  Schafwolle,  oder
feine,  nach  vorn  gerichtete  Spitzen  wie  beim
Biberhaar  zeigen.  Beim  Drücken,  Reiben  und
Walken  haften  die  Flaare  an  diesen  Unebenheiten ­
  fest  zusammen,  sie  „verfilzen“,  eine  Eigenschaft, ­
  die  Schafwolle  und  Vigogne  schon  von
Natur  besitzen,  andere  Haare  nach  der  Behandlung ­
  mit  saurer  Beize  von  Quecksilbernitrat,
wodurch  sie  rauh  und  gekräuselt  werden,  annehmen. ­
  Die  wichtigste  Verwendung  findet  der
Filz  in  der  Hutfabrikation,  die  früher  ausschließlich ­
  Handarbeit,  jetzt  mehr  und  mehr  zum
Großbetriebe  mit  Maschinen  wird.  Als  Ausgangsmaterial ­
  der  jetzt  außer  Mode  gekommenen
  zylinderförmigen  Kastor  hüte  dienten  früher ­
  ausschließlich  Biberhaare,  die  auch  jetzt
noch  neben  den  Haaren  von  Bisamratten,  Fischottern, ­
  Vigogne  und  sog.  Affenhaar  (Nutria)
für  feinere  Waren  entweder  zur  Bildung  einer
feineren  Außenschicht  (Plattierung)  oder  im  Gemische ­
  mit  billigeren  Haaren  verarbeitet  werden. ­
  Das  gebräuchlichste  Material  der  Massenfabrikation ­
  bilden  Hasenhaare,  daneben  solche
von  Kaninchen,  gröbere  oder  feinere  Schafoder ­
  Lamrnwolle,  Ziegen-  und  Kamelhaar.  Besonders ­
  letzteres  wird  in  Frankreich  zu  gewöhnlichen ­
  Hüten  viel  verbraucht.  Hasenhaare
geben  feinere  Hüte  als  Kaninchenhaare.  Alle
Haare  werden  zunächst  sorgfältig  sortiert,  da
schon  bei  der  gleichen  Tierart  Rückenhaare
höher  geschätzt  werden  als  solche  von  Brust
oder  Bauch,  und  darauf  durch  Schlagen  mit
Stäben  auf  geflochtenen  Horden  gelockert,  von
Staub,  Verunreinigungen  und  Stichelhaaren  befreit. ­
  Größere  Fabriken  bedienen  sich  hier  besonderer, ­
  aus  Krempel-  und  Blaswerk  bestehender ­
  Maschinen,  bei  denen  die  in  der  Krempel
ganz  fein  zerzupften  Haarmassen  von  dem  Gebläse ­
  in  einem  geschlossenen  Kanal  fortgeführt
und  so  nach  ihrer  Schwere  sortiert  werden.
Auch  für  die  sehr  wichtige  Mischung  der  verschiedenen ­
  Haarsorten  sind  besondere  maschinelle ­
  Vorrichtungen  (Krempeltrommeln)  geschaffen ­
  worden.  Die  innig  gemischte  Haarmasse ­
  wird  dann  bei  Handarbeit  dem  sog-Fachen
  unterworfen,  d.  h.  die  für  einen  Hut
erforderliche  abgewogene  Menge  wird  auf  einer
Horde  mit  einem  besonderen  Werkzeuge  bearbeitet,
  das  aus  einem  2  m  langen  Holzbogen
        <pb n="126" />
        Fingerhutblätter  121  Fische

mit  eingespannter  Darmsaite  besteht.  Indem
der  Arbeiter  die  Bogensaite  durch  ein  Schlagholz ­
  in  dauernde  Schwingungen  versetzt,  treibt
er  die  Haare  empor,  die  sich  dadurch  zu  einer
äußerst,  lockeren  Schicht  übere  nanderiegen.
Diese  sog.  Fache,  die  aus  den  Maschinen  bereits ­
  fertig  als  ein  lockeres  Band  herauskommt,
wird  in  zwei  lose,  dreieckige  Lagen,  wie  sie  für
den  gewünschten  Hut  erforderlich  sind,  zusammengelegt ­
  und  dann  durch  vielfaches  schien
bendes  Drücken,  Kneten  und  Rollen  unter  gleichzeitiger ­
  Anwendung  von  Wärme  und  Feuchtigkeit ­
  verfilzt,  bis  sie  zu  einem  sog.  Stumpen,
einer  kegelförmigen  Mütze,  vereinigt  werden
können.  Die  letztere  erhält  durch  Überziehen
über  hölzerne  oder  eiserne  Formen  in  kräftigen,
mit  Dampf  geheizten  hydraulischen.  Pressen  die
endgültige  Form,  die  nach  dem  Trocknen  bestehen ­
  bleibt.  Zum  Schluß  folgt  dann  das  Steifen, ­
  das  in  einem  Tränken  mit  Leim  oder
Schellack  besteht,  das  Einfassen  und  Füttern.
In  ähnlicher  Weise  werden  gröbere  Filze  für
Schuhe,  Stiefel,  Socken,  Filtrierbeutel  hergestellt, ­
  doch  bedient  man  sich  hierzu  neuerdings
meist  größerer  Filz  tafeln,  die  in  besonderen
Maschinen  erzeugt  werden.  Zu  ihrer  Herstellung ­
  wird  in  der  Regel  auf  der  Krempelmaschine
eine  Watte  erzeugt  und  diese  in  mehrfachen
Lagen  auf  einer  Walkmaschine  verfilzt.  Die
zum  Teil  aus  farbiger  Wolle  gefertigten  oder
nachher  gefärbten,  bedruckten  und  appretierten
Tafeln  dienen  zur  Herstellung  von  Regenmänteln,
Teppichen,  Decken  oder  Futterstoffen,  größere
Tafeln  von  gröberem  Gefüge,  die  mit  Teer  oder
Asphalt  getränkt  sind,  zur  Dachbedeckung
(Dachfilz),  andere  grobe  Filze  auch  beim
Schiffsbau  als  Unterfütterung  für  den  Kupferbeschlag ­
  oder  zur  Ummantelung  von  Dampfzylindern ­
  und  Dampfrohren  als  Wärmeschutz,
Eine  besonders  feine  Sorte  bildet  der  Hammerfilz
  für  Klaviere,  der  in  besonderen  Fabriken
aus  feinster  Merinowolle  hergestellt  und  schneeweiß ­
  gebleicht  wird  und  in  die  Unterabteilungen: ­
  Hammerfilz  erster  und  zweiter  Sorte  sowie ­
  Dämpferfilz,  roter  und  grüner  Unterfilz,  zerfällt. ­
  Durch  Tränken  von  feinem  Filz  mit  Firnis
und  Lackieren  hergestellter  Lackierfilz  dient
zu  Mützenschirmen  u.  dgl.
Fingerhutblätter  (lat.  Folia  digitalis,  frz.  Feuilfes
  de  digitale,  engl.  Digitalis  leaves)  sind  die
Blätter  einer  über  ganz  Mitteleuropa  verbreiteten, ­
  in  Bergwäldern  auf  kalkhaltigem  Boden
wachsenden,  stark  giftigen,  aber  medizinisch
benutzten  Pflanze,  Digitalis  purpurea,  die
uicht  selten  auch  in  Gärten  als  Zierpflanze  gehalten ­
  wird.  Medizinisch  verwendbar  sind  nur
die  von  der  zweijährigen  wilden  Pflanze  währ
 end  der  Blütezeit  gesammelten  und  getrockneten ­
  Blätter,  die  sich  auch  durch  die  stärkere
Behaarung  und  andere  Kennzeichen  von  denen
der  kultivierten  unterscheiden  lassen.  Die  eiförmigen, ­
  runzligen,  unten  weißfilzigen,  doppelt
gekerbten  Blätter  werden  nach  obenhin  kleiner
und  ansitzend,  während  sie  nach  untenhin  breit
gestielt  sind.  Die  roten  Blüten  sind  schief
glockenförmig  und  stehen  in  einer  einseitigen
weihe  an  dem  aufrechten  Blütenstengel.  Die
Pflanze  hat  frisch  gerieben  einen  widerlichen
Geruch  und  bitter  scharfen  Geschmack.  Wirksame ­

  Bestandteile  der  Folia  digitalis  sind  Digitalin, ­
  Digitoxin  u.  a.  Glykoside,  alles  starke
Gifte,  die  medizinisch,  namentlich  bei  Herz-:
erkrankungen,  verwendet  werden.  Präparate
aus  F.  sind;  Extractum  und  Tinctura  digitalis ­
  sowie  das  Digitalin  (s.  d,).
Firnis  (Ölfirnis,  lat.  Vemisium,  Vernix  Lini,
frz.  Vernis,  engl.  Varnish).  Mit  diesem  Namen
belegt  man  ölige  Flüssigkeiten,  die,  in  dünner
Schicht  auf  andere  Körper  übertragen,  zu  har-,
ten,  glänzenden,  in  Wasser  unlöslichen  Überzügen ­
  austrocknen  und  so  zum  Schutze  gegen
die  Einwirkung  von  Luft  und  Feuchtigkeit;
dienen.  Als  Ausgangsmaterial  dienen  trock-j
nende  Öle  (s.  d.),  und  zwar  für  die  technische
Ware  in  erster  Linie  Leinöl,  während  Nuß-,
Hanf-  und  Mohnöle  seltener,  mehr  bei  der
Kunstmalerei,  benutzt  werden.  Die  trocknenden
Öle  erhärten  zwar  ohne  weitere  Behandlung
durch  Sauerstoffaufnahme  aus  der  Luft,  da
dieser  Vorgang  aber  für  die  Praxis  zu  langsam;
verläuft,  so  verwandelt  man  sie  durch  anhaltendes ­
  Kochen  mit  etwas  Bleiglätte,  Mangansuperoxyd,
  Manganohydroxyd  oder  Manganoborat
in  Ölfirnis,  oder  man  stellt  letzteren  .  wohl
auch  auf  kaltem,  Wege  durch  Vermischen  von.
Leinöl  mit  Sikkativen  (s.  d.)  her.  Die  besonders ­
  geschätzten  gekochten  Firnisse,  die  an  der
Erniedrigung  der  Jodzahl  und  des  Glyzeringehalts ­
  zu  erkennen  sind,  werden  meist  als  ge-,
kochter  und  doppelt  gekochter  F.  unterschieden,
während  die  mit  Mangan  oder  Bleiglätte  hergestellten ­
  als  Mangan-F.  und  Glätte-F.  bezeichnet ­
  werden.  Mischungen  von  F.  mit  Harzen,
die  sog.  Lackfirnisse,  sind  im  Abschnitt  Lack,
näher  beschrieben.  Die  Güte  eines  F.  richtet,
sich  nach  seiner  Trockenfähigkeit  (höchstens,
12—24  Stunden)  und  der  Härte  des  trockenen
Überzuges.  Zusätze  von  Mineral-  oder  Harzöl,,
Wollfettolein  und  anderen  nicht  trocknenden
Ölen,  die  klebrige  Überzüge  bedingen,  sind  als,
Verfälschung  zu  beurteilen.  Leinölfirnis  wird  in
großen  Mengen  hergestellt  und  teils  für  sich,
teils  mit  Farbstoffen  angerührt  als  teigförmige
Ölfarbe  verkauft.
Firnisersalz.  Unter  dieser  Bezeichnung  werden ­
  Mischungen  von  Tranfirnis  mit  Leinölfirnis,
sowie  von  harzsauren  Salzen  des  Mangans,,
Bleis  oder  Kalks  mit  Mineralölen  und  Schwer-,
benzin  angeboten.  Auch  sind  Lösungen  von,
Tinoxyn  in  Benzol  mit  Kolophonium  und  Mischungen ­
  von  Kumaronharz  (s.  d.)  mit  Stearin-;
pech  und  Solventnaphtha  in  den  Handel  gelangt;:
Sie  können  für  manche  Zwecke  als  Notbehelf
dienen,  geben  aber  meist  klebrige  Überzüge.  ,
Firniskitt  wird  meist  fabrikmäßig  hergestellt,
indem  man  ein  Gemisch  von  Firnis  und  Kreide,
durch  Walzen  gehen  läßt.  Er  dient  zum  Verkitten ­
  von  Fensterscheiben,  zum  Auskitten  von
Holz  usw.
Fische  (frz.  Poisson,  engl.  Fish)  bilden  eines
der  wertvollsten  stickstoffhaltigen  Nahrungsmittel, ­
  welches  an  Nährwert  dem  Fleische  der
Säugetiere  völlig  gleichkommt,  aber  leider  in
Deutschland  noch  nicht  genügend  gewürdigt
wird.  Für  den  Massenverbrauch  kommen  lediglich ­
  die  Seefische  in  Betracht,  die  seit  dem  Aufblühen ­
  der  deutschen  Hochseefischerei  und  der
Erleichterung  der  Eisenbahnbeförderung  durch
        <pb n="127" />
        Fischbein

1?2

Fischhaut

Einstellung  besonderer  Eiswagen  auch  dem
Binnenlande  in  steigenden  Mengen  zugeführt
werden.  Lebende  Binnenlandfische  werden  mittels ­
  Fuhrwerk  in  Fischfässern  befördert,  die  bei
5501  Inhalt  mit  2—2'/,  Ztr.  Karpfen,  2Ztr.  Hecht,
U/2  Ztr.  Zander  oder  25—30  St.  Streichkarpfen
besetzt  werden.  Das  Faß  wird  halb  oder  für
Zander  und  Barsche  ganz  gefüllt,  da  die  Stachelflossen ­
  der  Tiere  sonst  Verletzungen  verursachen ­
  können.  Für  weite  Entfernungen  muß
bei  warmer  Witterung  durch  Zusatz  von  Eis
und  Einblasen  von  Luft  unterwegs  für  Abkühlung ­
  und  Lüftung  gesorgt  werden.  Im
kleinen  kann  man  wertvolle  Fische  auch  in
ausgehöhltem  Brot,  in  befeuchtetem  Moos  oder
in  frischem  Klee  versenden.  Sie  halten  sich  auf
diese  Weise  mehrere  Tage  lang.  Im  Handel
unterscheidet  man:  See-,  Fluß-,  Bach-  und
Teichfische.  Die  letzteren  müssen  vor  dem
Gebrauch  längere  Zeit  in  reinem  Wasser  aufbewahrt ­
  werden,  um  den  Schlammgeschmack
zu  verlieren.  Bei  frisch  getöteten  Fischen  sind
die  Kiemen  rot,  die  Augen  durchsichtig  und
prall  hervortretend,  und  das  Fleisch  ist  derb
und  elastisch,  so  daß  Fingereindrücke  bald  verschwinden. ­
  Der  Geruch  an  den  geöffneten  Kiemen ­
  muß  frisch  sein,  während  zu  alte  Fische
widerlich  riechen.  Bei  nicht  mehr  frischenFischen
ist  die  Hornhaut  trübe  und  undurchsichtig,  das
Auge  eingefallen,  die  Umgebung  desselben  gerötet, ­
  die  Kiemen  sind  blaß,  geiblich  oder  schmutzig ­
  grau,  das  Fleisch  ist  welk,  und  Fingereindrücke
  verschwinden  nur  langsam  wieder.
Verdorbene  Fische  wirken  giftig,  da  sich  in
ihnen  ptomainartige  Alkaloide  bi.den.  Zur  Vortäuschung ­
  einer  frischen  Beschaffenheit  werden ­
  die  Kiemen  bisweilen  künstlich  rot  gefärbt.
Als  eingesalzene  und  marinierte  Fische,
ferner  auf  dem  Roste  gebraten,  mit  Öl  bestrichen, ­
  in  Essig,  Salz,  Gewürze,  Kräuter  und
Lorbeerblätter  eingelegt,  oder  frisch,  mit  Salz
vermischt,  eingepackt,  werden  besonders  Lachs,
Thunfisch,  Stör,  Aal,  Sardellen,  Heringe  und
Bricken  in  den  Handel  gebracht.  Getrocknet,
eingesalzen  und  gedörrt,  finden  Stockfisch,  Platteise ­
  und  Dorsch,  geräuchert  besonders  Aale
und  Heringe  Verwendung.  Wertvollere  Fische
kommen  in  Büchsen  in  den  Handel.  Die  wichtigsten ­
  Fische  sind  nach  Bedeutung,  Fang,  Aufbewahrung ­
  und  Verwertung  besonders  beschrieben ­
  worden.  Der  Gesamtverbrauch  Deutschlands ­
  an  frischen  und  zubereiteten  Fischen  wurde
für  1912  auf  rund  580000  t  geschätzt,  von  denen
361000  t  (meist  Seefische)  aus  dem  Auslande
stammten.
Fischbein  (Walfischbarten,  frz.  Baieine,
engl.  Whale  bone)  wird  besonders  von  den  im
nördlichen  Eismeer  vorkommenden  Walen,  dem
gemeinen  Walfisch  (Balaena  mysticetus)  und
dem  Finnfisch  (Balaenoptera),  in  geringerer  Güte
auch  von  dem  Südwal  (B.  australis)  gewonnen.
Große  Tiere  liefern  2000—2500  kg,  kleinere  etwa
750  kg  F.  Die  Barten  bilden  lange,  sensenartige
Platten,  die  im  Oberkiefer  eingereiht  sind  und
sich  in  Vertiefungen  des  Unterkieferseinsenken.
Ihre  Farbe  ist  beim  eigentlichen  Wal  am  Grunde
grünlichgrau,  nach  obenhin  fast  schwarz,  beim
Finnfisch  gleichmäßig  schwarz,  die  Größe  entspricht ­
  derjenigen  des  Tieres  und  läßt  einen

Schluß  auf  die  letztere  zu.  Von  den  etwa  600
bis  700  Barten  werden  nur  die  mittleren  und
größten,  von  denen  die  in  der  Mitte  des  Rachens
stehenden  eine  Länge  von  t’/a—4  In  bei  20  bis
50  cm  Dicke  erreichen,  verwertet,  indem  man
sie  in  den  Fischbeinreißereien  nach  dem  Abputzen ­
  der  faserigen  Bärte  zersägt,  die  in  heißem
Wasser  eingeweichten  Stücke  alsdann  im,Schraubstock
  mit  einem  zweigriffigen  Bogenmesser
spleißt  und  schließlich  glatt  schabt.  Man  läßt
die  Stücke  so  lang  als  möglich,  da  hierdurch
ihr  Wert  in  hohem  Maße  bedingt  wird.  Durch
Erwärmen  mit  Wasserdämpfen  oder  heißem
Sande  läßt  sich  F.  wie  Horn  erweichen  und
dann  durch  Pressen  zu  Dosen,  Stockknöpfen
u.  dgl.  verarbeiten,  die  mit  Filz  und  einem  aus
Kalk  oder  feinem  Bimsstein  bestehenden  Pulver ­
  geschliffen  und  poliert  werden.  Hauptsächlichste ­
  Verwendung  findet  F.  zu  Korsett-  und
Schirmstangen,  Stöcken,  Reitpeitschen,  Korbund
  Kammwaren.  Die  feinen  Schabspäne  werden ­
  wie  Roßhaar  zum  Polstern  benutzt.  —  Als
Ersatz  für  das  seltener  und  teurer  werdende  F.
kommt  hauptsächlich  Zelluloid  sowie  mit  Kautschuklösung ­
  getränktes  S.uhlrohr  (Walossin)
in  Frage.  —  Weißes  Fischbein  nennt  man
auch  die  Sepia  (s.  d.).
Fischguano  (Fischmehl,  frz.  Guano  de  poissons,
  engl.  Fish  manure),  ein  künstliches  Düngemittel, ­
  dem  eigentlich  der  Name  Guano  nicht
zukommt,  da  es  nicht  aus  Exkrementen,  sondern ­
  aus  den  getrockneten  und  zerkleinerten
Abfällen  der  Stockfische,  Heringe  und  Tranbereitung
  besteht,  wird  in  steigendem  Maße
besonders  aus  Norwegen  nach  Deutschland
eingeführt.  Eine  besondere,  aus  dem  zerkleinerten ­
  und  getrockneten  Fleisch  der  Haifische ­
  bestehende  Art  kommt  unter  dem  Namen
Haifischguano  in  den  Handel.  Die  Zubereitung ­
  des  F.  erfolgt  in  der  Weise,  daß  man  die
Fischmasse  in  Zylindern  mit  heißen  Wasserdämpfen ­
  behandelt,  dann  Wasser  und  Tran  ablaufen ­
  läßt  und  abpreßt,  die  Masse  auf  Maschinen ­
  klein  reibt,  trocknet  und  auf  Mühlen
zerkleinert.  Die  norwegische  Plandelsware  erscheint ­
  als  ein  gröbliches,  aus  Krümeln  und
Schüppchen  bestehendes,  gelblichweißes  Pulver
mit  starkem  Fischgeruch,  das  mit  8—10  0/0  Stickstoff ­
  und  12—14  0/0  Phosphorsäure  garantiert
wird.
Fischhaut  (frz.  Peau  de  polsson,  engl.  Fish’s
skin).  Die  Häute  einiger  Haifische,  u.  a.  des
Riesenhais,  Meerengels,  Dornhais  und  des  getigerten ­
  Hais,  bei  denen  die  Schuppen  die
Form  zerriebener  oder  feiner  Stacheln  angenommen ­
  haben,  finden  als  eine  Art  Schleifmittel ­
  technische  Verwendung.  Sie  werden
gleich  nach  dem  Abziehen  auf  Bretter  oder
Rahmen  gespannt,  langsam  getrocknet  und  zu
Tafeln  geschnitten,  wobei  man  die  Flossen,
welche  durch  ihren  feineren  Stachelbesatz  zü
feineren  Schleifereien  besonders  geeignet  sind,
an  ihrem  Platze  läßt.  Die  meisten  derartigen
Stücke  kommen  vom  Mittelländischen  Meer,
während  die  Stachelfische  der  nördlichen  Meere
keine  so  brauchbare  Ware  liefern.  Die  Fischhaut ­
  wurde  früher  von  Tischlern,  Drechslern,
Lackierern  sowie  einigen  Metallarbeitern  zum
Abreiben  von  Flächen  benutzt,  ist  aber  neuer-
        <pb n="128" />
        Fischleim

123

Flachs

dings  mehr  durch  Glaspapier,  Flintpapier,
Schmirgelpapier  und  S  c  h  m  i  r  ge  11  e  i  n  e  n
verdrängt  worden.  Außerdem  dienen  d  e  Häute
dazu,  durch  Aufpressen  englisches  Sattellcder
zu  sog.  Fisch.hautchagrin  umzuwandeln,  das
zum  Überziehen  von  Koffern,  Futteralen,  Kästchen ­
  u.  dgl.  benutzt  wird.
Fischleim,  Syndetikon,  nennt  man  dickflüssige, ­
  gelbe  bis  gelbbraune  Klebstoffe,  die  in
Norwegen,  Rußland  und  anderen  Ländern  aus
Fischabfällen,  z.  B.  Eingeweiden  und  Schwimmblasen ­
  durch  Auskochen  gewonnen  werden.  F.
stellt  einen  guten,  zähen,  flüssigen  Leim  dar,
der  vielfach  auch  künstlich,  z.  B.  aus  Zuckerkalklösung, ­
  nachgeahmt  wird.
Fisetholz  (Fustikholz,  ungarisches  Gelbholz, ­
  Zantegelbholz,  junger  Fustik,  lat.
Lignum  fusticum,  frz.  Fustet,  engl.  Fustic).  Der
bei  uns  in  Anlagen  häufige  Perückenbaum,
eine  im  südlichen  Europa  heimische  und  auch
hier  und  da  kultivierte  Sumachart  (Rhus  cotinus),
  enthält  in  seinem  Holz  einen  gelben
Farbstoff,  der  durch  Alkalien  rot  gefärbt  wird.
Das  grau-  odür  grüngelbliche  Holz,  von  dem
der  weiße  Splint  abgelöst  ist,  kommt  teils  in
Form  dicker  Knüppel,  te  1s  schon  in  Späne  geschnitten ­
  aus  Ungarn,  lüyrien,  Tirol  und  Italien
in  den  Handel,  wird  jedoch,  weil  die  Farbe  nicht
sehr  echt  ist,  nur  noch  selten  zum  Gelbfärben,
häufiger  aber  zur  Herstellung  gemischter  Farben ­
  verwendet.
Fixa'.ive,  Lösungen  von  farblosen  Harzen  wie
Schellack,  Dammar  oder  von  Kautschuk  in  verschiedenen ­
  Lösungsmitte’n  (Äther-Alkohol,  Benzin, ­
  Chloroform),  bisweilen  auch  unter  Zusatz
von  etwas  Wasserglas,  werden  auf  Kohle-,
Blei-  und  Kreidezeichnungen  zerstäubt,  um
diese  gegen  Verwischen  zu  schützen.
Flachs  (Lein,  frz.  Lin,  engl.  Flax),  eine  der
geschätztesten  Gewebefase  n,  wird  aus  den  Stengeln ­
  der  Leinpflanze  (Linum  usitatissimum)
gewonnen,  die,  ursprünglich  in  wärmeren  Gegenden ­
  heimisch  und  dort  bisweilen  noch  wildwachsend ­
  gefunden,  seit  uralten  Zeiten  auf  der
ganzen  Erde  angebaut  wird  und  sich  auch  an
kältere  Klimate  gewöhnt  hat.  Neben  den  Hauptanbaugebieten ­
  in  Europa  (Flandern,  russische
Ostseeprovinzen,  Irland,  Deutschland)  liefern
auch  Ägypten,  Algier,  Ostindien,  Nordamerika,
Brasilien  und  Aus.ralien  ziemlich  erhebliche  Erträge. ­
  Von  den  zahlreichen  Kulturformen  sind
besonders  folgende  namhaft  zu  machen:  a)  Der
Schließ-  oder  Drieschlein  (L.  usit.  var.  vulgare, ­
  auch  L.  sativum  genannt)  mit  kleinen,  gesch'ossen
  bleibenden  Kapseln,  deren  dunklere
Samen  nur  durch  Ausdreschen  zu  gewinnen
sind,  höherem  Stengel  und  m  nder  weicher  und
weißer,  aber  sehr  haltbarer  Faser,  die  sich  besonders ­
  zu  groben  Geweben  eignet;  b)  der
Kl  ang-  oder  Springlein  (L.  usit.  var.  crepitans,
  auch  L.  humile),  dessen  niedrigere  und
ästigere  Stengel  den  feinsten  F.  liefern,  mit
größeren,  elastisch  aufspringenden  Kapseln,  aus
denen  die  helleren  Samen,  beim  Ausbreiten  auf
Planen  an  der  Sonne  von  selbst  herausspringen.
Beide  Arten  kommen  als  Früh-  und  Spätlein
* or ;  c)  Zweijähriger  oder  Winterflachs  (L.
bienne  und  L.  africanum),  seltener  angebaut;
u)  Weißblühender  oder  sizilianischer

Lein  mit  sehr  schweren  Samen  und  e)  Königs-,
lein  (L.  usit.  var.  regale)  mit  sehr  festem  Bast
und  kleinen  blassen  Samen.  Der  Anbau  des
Leins  erfordert  auch  unter  günstigen  klimatischen ­
  Verhältnissen  schon  von  der  Ackerbestellung ­
  an  die  sorgfältigste  Pflege.  Die  Menge  des
Saatgutes,  dessen  Keimfähigkeit  durch  gelindes
Erwärmen  auf  30°  erhöht  werden  kann,  beträgt
in  den  Ostseeprovinzen  von  1,34  hl  an,  in  Deutschland ­
  durchschnittlich  2,0  hl  auf  den  Hektar  für
Samengewinnung  und  3—4  hl  für  die  Fasergewinnung. ­
  Für  letzteren  Zweck  ist  zur  Erzielung ­
  feiner  Fasern  möglichst  dichtes  Säen  erforderlich, ­
  und  man  legt  daher  in  Holland  und
Belgien  vielfach  ein  aus  Schnüren  gebildetes
Gitter,  in  anderen  Gegenden  sperriges  Reisig
über  die  Felder,  damit  die  hindurchwachsenden
Pflanzen  eine  Stütze  zur  Geradehaltung  und
gegen  das  Lagern  finden.  Öfterer  Samenwechsel ­
  ist  zweckmäßig  und  zur  Erzielung  besseren
Flachses  sogar  notwendig.  Auch  müssen  die
Felder  vom  Unkraut  sorgfältig  gereinigt  werden. ­
  Das  Ziehen  oder  Raufen  des  zur  Samenzucht ­
  angebauten  F.  erfolgt,  sobald  die  Kapseln
sich  zu  bräunen  beginnen,  bei  den  zur  Fasergewinnung ­
  bestimmten  Pflanzen  aber  noch  im
grünen  Zustande,  wenn  die  unteren  Blättchen
abfallen.  Die  Wahl  des  richtigen  Zeitpunktes  ist
wichtig,  da  zu  frühes  Ziehen  zwar  feine,  aber
haltlose  Fasern  gibt,  während  die  überreife  Faser
starr  und  brüchig  geworden  ist.  Die  gerauften
Stengel  werden  gewöhnlich  in  mäßige  Bündel
gebunden  und  auf  dem  Felde  aufgestellt,  bis  sie
völlig  lufttrocken  sind,  und  dann  durch  Riffeln,
d.  h.  Durchziehen  durch  eine  Reihe  aufrecht
stehender  eiserner  Zinken,  von  den  Samenkapseln
befreit.  Zur  Trennung  der  nutzbaren  Bastfasern
von  der  äußeren  Rinde  und  dein  inneren  holzigen ­
  Kern,  mit  denen  sie  durch  einen  Pflanzenleim ­
  fest  verbunden  sind,  wird  das  Stroh  entweder ­
  sogleich  oder  im  nächsten  Jahre  einem
Fäulnis-  oder  Verwesungsprozeß,  der  sog.  Röste,
unterworfen.  Die  gewöhnlichste  Art  des  Röstens
oder  Rottens  ist  die  Wasserröste,  wozu  am
besten  fließendes,  jedenfalls  weiches  Wasser  benutzt ­
  wird.  Im  gewöhnlichen  ländlichen  Betriebe ­
  legt  man  die  Flachsbündel  in  seichte  Gewässer, ­
  Flüsse,  Bäche,  Teiche  und  hält  sie  durch
Steine  unter  der  Oberfläche.  Große  Anlagen,
namentlich  in  Belgien  und  Holland,  bedienen
sich  gemauerter  Gruben,  in  welche  die  Bündel
eingestellt  und  unter  Wasser  gesetzt  werden,
das  nach  Erfordern  gewechselt  wird.  Die  Röste,
in  deren  Verlaufe  bei  gleichzeitiger  Braunfärbung ­
  des  Wassers  und  der  Stengel  reichliche
Mengen  stinkender  Gase  entstehen,  muß  sorgfältig ­
  überwacht  werden,  da  sonst  leicht  Überröstung ­
  eintritt.  Sie  wird  (nach  8—12  Tagen)
beendet  und  die  Stengelmasse  getrocknet,  sobald ­
  die  Faser  sich  leicht  ablöst  und  der  holzige
Teil  beim  Biegen  wie  Glas  springt.  Bei  der
gleichfalls  noch  viel  geübten  Tauröste  werden
die  Halme  einfach  auf  einem  Stoppelfelde,  damit ­
  sie  nicht  unmittelbar  den  Erdboden  berühren, ­
  ausgebreitet  und  unter  öfterem  Wenden
den  Einflüssen  der  Witterung  ausgesetzt,  wenn
die  Witterung  zu  trocken  ist,  auch  mehrmals
begossen.  Hier  unterliegt  die  Pflanzenmassc
einer  mehr  trockenen,  geruchloseren  Verwesung;
        <pb n="129" />
        Flachs

124

Flammen

auch  kann  eine  Überröstung  nicht  so  leicht  eintreten,
  aber  der  Prozeß  dauert  immer  mehrere
Wochen  und  verläuft  weniger  gleichmäßig.  Bisweilen ­
  verbindet  man  beide  Verfahren,  indem
man  erst  die  Wasserröste  anwendet  und  dann
bei  annähernder  Gare  mit  der  Tauröste  schließt.
Weit  bequemer,  zuverlässiger  und  rascher  führen ­
  die  neueren  Methoden  zum  Ziele,  bei  denen
die  Auflockerung  durch  warmes  Wasser  oder
durch  Dampf  erfolgt.  Die  geröstete  Masse  wird
dann,  am  besten  in  der  heißen  Sonne,  oder  sonst
in  Trockenstuben  bei  gelinder  Wärme,  gut  ausgetrocknet, ­
  da  höhere  Temperatur,  z.  B.  die  des
Backofens,  die  Haltbarkeit  der  Faser  schädigt.
Das  nachfolgende  Brechen,  wobei  die  Stengelmasse ­
  zerbröckelt  wird  -und  stückweise  abfällt,
geschieht  am  unzweckmäßigsten  auf  der  bekannten ­
  Flachsbreche,  besser  durch  Schlagen
der  Stengel  auf  der  Tenne  mit  dem  sog.  Bockhammer, ­
  einem  gestielten  Klotz,  der  auf  der
Schlagfläche  riffelartig  geschnitten  ist,  in  den
mit  Maschinen  arbeitenden  .  Flachsbereitungsanstalten ­
  durch  geriffelte  Walzenpaare.  Das
Schwingen  bezweckt  weiter  das  Abschlagen ­
  der  noch  anhängenden  Stengelbruchstücke,
deren  letzte  Reste  sowie  die  Schalenteilchen
schließlich  durch  das  Hecheln  entfernt  werden.
Hierbei  sondern  sich  auch  die  zu  kurzen  Fasern
als  Hede  oder  Werg  ab,  während  die  längeren,
die  häufig  noch  zu  mehreren  bandförmig  Zusammenhängen, ­
  aus  dieser  Verbindung  gelöst
und  vereinzelt  werden.  Je  länger  das  noch  vielfach ­
  mit  der  Hand,  in  Fabriken  durch  besondere ­
  Maschinen  ausgeführte  Hecheln  fortgesetzt
wird,  um  so  feinerer  F.,  aber  natürlich  auch  um
so  mehr  Abfall  an  Werg  wird  erhalten.  Durchschnittlich ­
  geben  too  kg  lufttrockene  Flachsstengel ­
  9—io  kg  Reinflachs,  12—15  kg  Werg
und  75—80  kg  Abfall.  Das  Werg  kann  ebenfalls ­
  zu  Garn  versponnen  werden,  nachdem  es
gleich  der  Baumwolle  gekratzt  oder  kardiert
worden  ist.  Der  Wert  des  Flachses  steigt  mit
seiner  Länge,  und  gute  Ware  darf  daher  nicht
viel  Fasern  enthalten,  die  nur  300  mm  lang  sind.
Die  bessere  Haltbarkeit  des  Flachses  im  Vergleich ­
  mit  Baumwolle  geht  schon  aus  der  mikroskopischen ­
  Betrachtung  der  Faser  hervor,  die
nur  eine  sehr  feine  Höhlung,  also  eine  stärkere
Wandung  zeigt  und  sich  infolgedessen  rund  erhält,
während  die  Baumwollfaser  infolge  ihres  größeren ­
  Lumens  beim  Trocknen  zu  einem  flachen
Bande  zusammenfällt.  Die  mikroskopische  Prüfung ­
  eines  Leinengewebes  gibt  sicheren  Aufschluß ­
  über  Anwesenheit  von  Baumwolle.  Feiner
F.  muß  rein  ausgehechelt,  seidenartig  glänzend,
hell,  weiß  oder  grüngelblich,  gelblichgrau  oder
stahlgrau  sein  und  sich  mim,  weich  und  glatt
anfühlen.  Die  Länge  der  Faser  wechselt  von
0,2—1,4  m,  die  Breite  von  0,045—0,620  mm.
Die  Marktware  soll  frei  von  Oberhaut-,  Parenchym- ­
  und  Holzgewebe  sein,  durch  Jod  und
Schwefelsäure  sich  blau  färben,  durch  Kupferoxydammoniak ­
  blau  gefärbt  und  dann  gelöst
werden,  auf  Zusatz  von  schwefelsaurer  Anilinlösung ­
  farblos  bleiben  und  nicht  mehr  als  5,7
bis  7,20/0  Wasser  enthalten.  Da  der  Wassergehalt ­
  in  feuchten  Räumen  bis  23  o/ 0  steigen  kann,
muß  F.  an  kühlen  Orten  in  Fässern  oder  Kisten
und  nicht  stark  geschichtet  aufbewahrt  werden,

bei  zu  trockner  Luft  wird  er  ,brüchig  und  spröde,
bei  feuchter  erhitzt  ersieh  zu  sehr,  bis  zur  Selbstentzündung. ­
  Gute  Marktware  soll  längere  Ze.it
gelagert  haben,  sich  „zu  Seide  liegen“,  da-sie
dadurch  geschmeidiger  wird.  Als  vorzüglichste
Sorte  gilt  der  lichtblaue,  sehr  zarte  Irländer;
der  nur  in  England  verbraucht  wird,  als  zweite
der  holländische  und  belgische  (flandrische) ­
  und  der  von  der  Pikardie,  der  lang;
glänzend,  braun,  weiß  oder  blond  gehechelt,
den  teuersten  und  feinsten  sog.  Rame  liefert.
Dritte  Sorten  sind  die  langen  und  guten  russischen ­
  F.,  die  nach  Berkowitz  zehnpudweise  verkauft ­
  werden.  Im  allgemeinen  unterscheidet  man
sechs  Hauptsorten  mit  Untersorten:  Kronenflachs, ­
  Wrackflachs,  D  r  eiban  df  1  achis;
Livländer  (ungehechelt),  Dreibandwrackflachs
  oder  Flachsheede  und  Rig-aer,  mit
zahlreichen  Untersorten.  Unter  den  flachsbauen-i
den  Ländern  steht  Rußland  hinsichtlich  der
Größe  der  Erzeugung  und  Ausfuhr  so  sehr
obenan,  daß  es  die  Preise-  des  Weltmarktes  bestimmt. ­
  Als  weitere  Ausfuhrländer  kommen  nur
noch  Polen,  die  preußischen  Ostseeprovinzeh
und  Italien  in  Betracht,  während  die  übrigen
Länder  kaum  den  eigenen,  Bedarf  decken  können
und  oft  noch  einführeh  müssen.  Das  gilt  wie
von  England  und  Frankreich  namentlich  von
Deutschland,  wo  der  Anbau  leider  von  Jahr  zu
Jahr  zurückgeht.  Während  des  Krieges  hat  man
die  bebaute  Fläche  von  10000  ha  wieder  auf
20000  ha  gesteigert  und  hofft  ,30000zu  erreichen.
Flachs,  neuseeländischer  (Kurati,  frz.  Lin
de  laNouvelle-Zülande,  engl.  New-Zeeland-flax).
Die  1—2,5  m  langen,  schmalen,  lederartigen
Blätter  der  auf  Neuseeland  heimischen  Flachslilie,
  Phormium  tenax,  enthalten  zahlreiche
lange,  gerade  und  zähe  Fasern,  die  sich  im
frischen  Zustande  leicht  abziehen  lassen  und
dann  von  den  Eingeborenen  nach  oberflächlichem ­
  Abschaben  mit  scharfen  Steinen  oder
Muscheln  zu  Matten,  gröberen  Geweben,  Seilen
und  Netzen  verarbeitet  werden.  Zur  Gewinnung
größerer  Ausfuhrmengen  unterwirft  man  die
zwischen  Walzen  gebrochenen  oder  gequetschten ­
  Fasern  einer  Wasserröste  und  behandelt  sie
dann  weiter  wie  Flachs  (Trocknen,  Schwingen,,
Hecheln).  Von  anderen  Ländern,  in  denen  Phormium ­
  vorkommt,  Mauritius,  Java,  Natal,  Neusüdwales ­
  und  Viktoria,  betreiben  nur  die  beiden
letzteren  einen  planmäßigen  Anbau  und  eine
geringe  Ausfuhr  über  Melbourne.  Hingegen  sind
Kulturversuche  in  Irland,  Schottland,  Belgien,
Italien,  Spanien  und  Algier,  höchstens  mit  Ausnahme ­
  des  letzteren,  ohne  Erfolg  geblieben.  Die
rohe  Faser  ist  weißlich  oder  gelblich,  wenig  verholzt, ­
  in  den  besten  Sorten  etwa  so  fein  wie
europäischer  Hanf,  aber  immer  bedeutend  härter, ­
  steifer  und  rauher,  und  wird  zu  Bindfaden,
Seilen  und  groben  Geweben  wie  Segeltuch  und
Sackleinwand  verarbeitet.  Die  Erzeugnisse  sind
sehr  fest  und  gegen  atmosphärische  Einflüsse
widerstandsfähig.  ,,
Flammen,  bengalische,  sind  Mischungen  aus
chlorsaurem  Kalium,  Schellack,  Schwefel  und
anderen  Stoffen,  denen  man  zur  Färbung  der
Flammen  Strontium-,  Barium-  und  andere  Salze
zusetzt.  Die  Mischung  ist,  namentlich  wenn
Schwefel  zugesetzt  wird,  sehr  vorsichtig  vor ­
        <pb n="130" />
        Flanell

125

Fleisch

zunehmen,  am  sichersten,  indem  man  jeden  Be-’
standteil  für  sich  völlig  austrocknet  und  pulvert.
Auch  verwende  man  nur  gewaschenen  Schwefel,
da  sonst  leicht  Selbstentzündung  eintreten  kann.
Zur  Hervorbringung  besonders  schöner  Wirkungen ­
  wird  vielfach  fein,  gepulvertes  Magnesiummetall ­
  hinzugesetzt.  Den  meist  zu  derartigen  F.
benutzten  Schellacksatz  stellt  man  in  der  Weise
her,  daß  man  Schellack  vorsichtig  schmilzt,  pulvert, ­
  mit  vier  Teilen  gut  ausgetrocknetem,  erwärmtem ­
  Barium-  oder  Strontiumnitrat  oder
anderen  Chemikalien  vermischt  und  nach  dem
Erkalten  noch  2  0/0  fein  gepulvertes  Magnesiummetall ­
  hinzusetzt.  —  Zur  Herstellung  von  Magnesiumfackeln ­
  füllt  man  diese  Mischung  in  dünne
Zinkblechhülsen.  Bengalische  F.  unterliegen  besonderen ­
  Bestimmungen  beim  Transport  durch
Bahn  oder  Post.
Flanell  (frz.  Flanelle,  engl.  Flanell),  ein  viel
gebrauchtes,  unter  verschiedenen  Feinheitsgraden ­
  vorkommendes  Wollzeug,  das  entweder
leinwandartig  gewebt  oder  geköpert,  nur  wenig
gewalkt,  auf  der  rechten  Seite  einmal  gerauht
und  entweder  gar  nicht  oder  nur  einmal  geschoren ­
  ist.  Die  Kette  ist  in  der  Regel  Kammgarn, ­
  mitunter  auch  Baumwollgarn,  während
der  Einschuß  immer  Streichgarn  ist.  Bei  einigen
bunt  gestreiften  Sorten  ist  die  Kette  Leinengarn
und'  der  Einschuß  Wolle.  Man  unterscheidet;
eigentlichen  oder  Futterflanell,  1,15  m  breit,
tuchartig  gewebt,  aus  Kamm-  und  Streichgarn;
Gesundheitsflanell,  zu  Unterzeug  und  Hemden, ­
  mit  Köpergewebe,  die  beste  Flanellsorte,
schon  mehr  tuchartig  gewalkt  und  gerauht,  und
frisierten  F.,  bei  dem  die  langen  Haare  in
Knötchen  zusammengedreht  sind.  Buntgestreifte ­
  F.,  mit  quer  über  das.  Stück  gehender
Streifung,  bilden  eine  althergebrachte,  noch  immer
viel  zu  Unterröcken  für  die  ländliche  Bevölkerung ­
  gebrauchte  Ware.  —  Boy  (frz.  Boi,  engl.
Baize),  ein  grober,  lockerer,  tuchartiger  F.  aus
geringer  Wolle,  nach  dem  Weben  bloß  ausgewaschen, ­
  selten  etwas  gewalkt,  dann  gerauht,
gespannt  und  heiß  gepreßt,  kommt  glatt  und
frisiert,  weiß,  schwarz  und  bunt  vor.  —  F.  verschiedener ­
  Sorten  werden  in  manchen  Gegenden
Deutschlands,  namentlich  in  Sachsen,  Thüringen,
Westfalen,  Preußen,  Hessen,  Böhmen,  Mähren
usw.  hergestellt.
Flaschenkapseln  zum  Verschließen  von  Flaschen ­
  an  Stelle  des  sonst  gebräuchlichen  Flaschenlacks ­
  und  anderer  Verschlußmittel  werden
aus  Zinn-  und  Bleilegierungen  hergestellt  und
in  weißem,  poliertem  Zustande  oder  auch  gefärbt ­
  in  den  Handel  gebracht.  Das  Verschließen
erfolgt  am  besten  durch  sogenannte  Kapselma^chinen.

Flatulinpillen  vonDr.Roos  bestehen  aus  einer
aromatisierten  Mischung  von  Natriumbikarbonat,
Magnesiumkarbonat  und  Rhabarber  und  werden
  gegen  Verdauungsstörungen  angepriesen.
Flavanilin,  ein  durch  Erhitzen  von  Azetanilid
mit  Chlorzink  erhaltener  gelber  Teerfarbstoff,
kommt  nicht  mehr  in  den  Handel.
Flavaurin  (Neugelb),  ein  seit  1883  bekannter ­
  Teerfarbstoff,  besteht  aus  dem  Ämmoniaksalze
  der  Dinitrophenolparasulfosäure  und  bildet
e 'n  gelbrotes  Pulver,  das  sich  beim  Erhitzen

ohne  Verpuffung  aufbläht,  in  Wasser  mit  gelber
Farbe  löslich  ist  und  Wolle  und  Seide  gelb  färbt.
Flavin  (Flavine).  Unter  diesem  Namen
kommt  der  Farbstoff  der  Querzitronrinde  teils
als  feines,  dunkelbraunes  Pulver,  teils  in  Teigform ­
  (Flavineteig)  .in  den  Handel.  Das  F.wird
durch  Auskochen  der  Querzitronrinde  mit  Wasser
und  Soda  und  nachheriges  Übersättigen  mit  verdünnter ­
  Schwefelsäure  erhalten.  6’/ 2  kg  sollen
100  kg  Querzitronrinde  entsprechen.
Fledermausguano  nennt  man  die  getrockneten
Exkremente  derjenigen  Fledermäuse,  die  namentlich ­
  auf  der  Insel  Sardinien  in  großer  Anzahl
gesellig  in  Höhlen  wohnen.  Der  F.  bildet  ein
stickstoffreiches,  gröbliches,  braunes,  meist  zu
größeren  oder  kleineren  Klumpen  zusammen 1
gebackenes  Pulver,  das  nur  in  geringer  Menge
in  den  Handel  kommt.
Fleisch  (frz.  Viande,  engl.  Flesh,  Meat),  neben
der  Milch,  dem  Käse  und  den  Hülsenfrüchten
die  wichtigste  Eiweißquelle  und  eines  der  wichtigsten ­
  Nahrungsmittel  überhaupt,  bildet  in  frischem ­
  Zustande  wie  in  Form  mannigfacher  Zubereitungen ­
  einen  wichtigen  Gegenstand  des
Groß-  und  Kleinhandels,  dessen  Bedeutung  beständig ­
  zunimmt.  Im  Sinne  des  Fleischbeschaugesetzes ­
  sind  als  „Fleisch“  alle  zur  menschlichen ­
  Nahrung  geeigneten  Teile  von  warmblütigen ­
  Tieren,  also  auch  Fette,  anzusehen.  In
der  landläufigen  Ausdrucksweise  und  im  Handel
versteht  man  hingegen  unter  Fleisch  lediglich
das  Muskelgewebe  warmblütiger  Tiere,  insbesondere ­
  der  gewöhnlichen  Schlachttiere,  dem
im  weiteren  Sinne  auch  dasjenige  anderer  Tiere
wie  Pferde,  Wild,  Geflügel  zugerechnet  wird.
Da  diese  in  besonderen  Abschnitten  behandelt
werden,  kommt  hier  nur  das  Fleisch  im  engeren
Sinne  in  Betracht.  Es  setzt  sich  aus  den  Muskeloder ­
  Fleischfasern  zusammen,  hohlen,  meist
quergestreiften,  bisweilen  auch  glatten  Röhren,
die  mit  Fleischsaft  gefüllt  und  von  Bindegewebe
umgeben  sind  und  entweder  weiß,  wie  beim
Brustfleisch  der  Hühner,  oder  infolge  der  Anwesenheit ­
  von  Hämoglobin,  dem  auch  im
Blute  enthaltenen  Farbstoff,  rot  erscheinen.  Zwischen ­
  den  einzelnen  Muskelfasern,  oder  den
durch  Vereinigung  mehrerer  Fasern  gebildeten
Muskelbündeln,  ist  je  nach  dem  Ernährungszustände ­
  des  Tieres  mehr  oder  weniger  Fett
abgelagert.  In  chemischer  Hinsicht  enthält  das
F.  neben  Fett  und  dem  beim  Kochen  mit  Wasser
in  Leim  übergehenden  Bindegewebe  vor  allem
Wasser,  Mineralstoffe  und  eine  Reihe  stickstoffhaltiger ­
  Substanzen.  Die  letzteren  gehören  z.T.
zu  den  Eiweißstoffen,  z.T,zu  den  sog.Fleischbasen. ­
  Von  den  etwa  200/0  ausmachenden  Stickstoffverbindungen ­
  gehen  bei  Behandlung  mit
kaltem  Wasser  ungefähr  4,5%  in  Lösung,  nämlich ­
  Albumin  und  Fleischbasen.  Der  unlösliche
Rest  besteht  aus  dem  Myosin  und  dem  Bindegewebe. ­
  Von  den  in  kaltem  Wasser  löslichen
Stoffen  endlich  wird  etwa  die  Hälfte,  das  Albumin, ­
  durch  Kochen  ausgeschieden,  während
die  andere  Plälfte  (Fleischbasen)  in  Lösung
bleibt.  Die  letzteren  setzen  sich  hauptsächlich
aus  Kreatin  neben  geringen  Mengen  Kreatinin, ­
  Sarkin  und  Xanthin  zusammen.  Die
Mineralstoffe  sind  charakterisiert  durch  einen
,  hohen  Gehalt  an  Phosphorsäure  und  Kali  bei
        <pb n="131" />
        Fleisch

126

Fliegenpapier

zurücktretendem  Natron.  Zahlen  für  die  mittlere
Zusammensetzung  des  F.  lassen  sich  im  Hinblick ­
  auf  den  schwankenden  Fettgehalt  nicht
geben.  Die  folgenden  Werte  mögen  daher  nur
als  ungefährer  Anhalt  dienen:  Rindfleisch,
mittelfett:  730/0  Wasser,  21  0/0  Stickstoffsubstanz, ­
  50/0  Fett,  1  0/0  Mineralstoffe.  —  Das  F.:
bildet  im  frischen  Zustande  eins  der  wertvollsten ­
  Nahrungsmittel,  und  der  Handel  mit
ihm  unterliegt  daher  einer  besonders  sorgfältigen ­
  Überwachung.  Durch  das  Gesetz  betr.  die
Schlachtvieh-  und  Fleischbeschau  vom  3.  Juni
1900  ist  der  Verkehr  mit  F.  bis  ins  kleinste  geregelt ­
  und  besonders  zum  Schutze  der  Bevölkerung ­
  gegen  das  F.  krepierter,  vergifteter,  kranker ­
  Tiere,  Parasiten  wie  Trichinen  und  Finnen
eine  amtliche  Untersuchung  vorgeschrieben.  Die
Einfuhr  von  frischem  F.  ist  nur  in  ganzen  Tierkörpern ­
  oder  bei  Rindvieh  und  Schweinen  in  Hälften ­
  gestattet,  wenn  Brust-  und  Bauchfell,  Lunge,
Herz,  Nieren  und  gegebenenfalls  Euter  noch
in  natürlichem  Zusammenhänge  vorhanden  sind.
Die  Verwendung  von  Borsäure,  Formaldehyd,
Alkali-  und  Erdalkalihydroxyden  und  -karbonaten,
  schwefliger  Säure,  Fluorwasserstoffsäure,
Salizylsäure  und  chlorsauren  Salzen  sowie  von
Farbstoffen  ist  verboten.  Von  Verfälschungen
des  frischen  Fleisches  ist  nur  die  bisweilen  geübte ­
  künstliche  Färbung  des  gehackten  Rindfleisches ­
  zu  erwähnen,  durch  welche  diesem
längere  Zeit  der  täuschende  Anschein  einer
frischen  Beschaffenheit  verliehen  werden  soll.
Tatsächlich  läßt  sich  das  F.  wirklich  frisch  nur
auf  eine  Weise  erhalten,  indem  man  es  in  Eiskellern ­
  stark  abkühlt  und  hierdurch  eine  Entwicklung ­
  der  Mikroorganismen  und  somit  Fäulnis ­
  verhindert.  —  Im  übrigen  muß  man,  um  das
Verderben  des  F.  zu  verhindern,  Konservierungsverfahren ­
  anwenden.  Die  ältesten  und  verbreitetsten ­
  sind  das  Pökeln  und  das  Räuchern.  Zu
dem  ersteren  wird  das  F.  mit  Kochsalz  unter
Zusatz  von  etwas  Salpeter  eingerieben  oder
dicht  bestreut.  Das  Salz  dringt  tief  in  das  Innere
ein,  während  Fleischsaft  austritt.  Mit  dem  Pökeln
ist  alsö  ein  Gewichtsverlust  und  eine  Abnahme
des  Nährstoffgehaltes  verbunden,  noch  mehr
mit  dem  Einlegen  in  Salzlake.  Das  Pökelfleisch
zeigt  eine  sehr  gute  Haltbarkeit,  besitzt  aber
einen  eigenartigen,  für  längere  Zeit  unerträglichen ­
  Geschmack  und  ruft  bei  ausschließlichem
Genüsse  den  Skorbut  hervor.  Das  Räuchern
des  F.  beruht  darauf,  daß  durch  die  erhöhte
Wärme  einte  Austrocknung  stattfindet  und  daß
mehrere  Bestandteile  des  Holzrauches,  wie  Holzessig, ­
  Phenole  und  Kreosot  direkte  Bakteriengifte ­
  sind.  Ein  ungenügender  Ersatz  dieses  Konservierungsverfahrens ­
  ist  die  sog.  Schnellräucherung, ­
  bei  welcher  man  das  mit  Holzessig  bestrichene ­
  F.  an  der  Luft  trocknen  läßt.  Durch
einfaches  Trocknen  des  in  Streifen  geschnittenen ­
  F.  an  der  Sonne  oder  am  Feuer  wird  besonders ­
  in  Südamerika  das  sog,  Charque  und
ein  Fleischpulver  P  e  in  m  i  k  a  n  hergestellt.  Schließlich ­
  ist  noch  das  Überziehen  von  F.  mit  Fett,
Zucker,  Gummi  und  anderen,  die  Luft  abschließenden ­
  Substanzen  sowie  das  Sterilisieren
in  Blechbüchsen  nach  dem  Verfahren  von  Appert
  zu  erwähnen.  Derartiges  Büchsenfleisch,
welches  für  die  Armeeversorgung  eine  große

tBedeutung  hat,  wird  in  vorzüglicher  Beschaffenheit ­
  von  Naumann  in  Dresden  dargestellt.  Die
zu  den  Flcischkonserven  gehörende  Wurst  ist
in  einem  besonderen  Artikel  besprochen.  —  Die
für  die  Einfuhr  frischen  F.  geltenden  gesetzlichen ­
  Bestimmungen  sind  bereits  angeführt
worden.  Die  Einfuhr  von  F.  in  luftdicht  verschlossenen ­
  Büchsen,  von  Würsten  und  sonstigen
Gemengen  aus  zerkleinertem  F.  ist  verboten.
Fhischextrakt  ist  im  Grunde  nichts  anderes,
als  eine  eingedickte  Fleischbrühe.  Es  wurde
nach  dem  von  Justus  v.  Liebig  vorgeschriebenen ­
  Verfahren  zuerst  in  Fray  Bentos  in  Uruguay ­
  hergestellt,  um  hier  den  ungeheuren  Reichtum ­
  der  südamerikanischen  Ebenen  an  Rindern,
die  bis  dahin  nur  wegen  ihrer  Häute  geschlachtet
worden  waren,  besser  auszunutzen.  Die  Herstellung ­
  besteht,  von  Einzelheiten  abgesehen,
darin,  daß  man  das  reine,  von  Fett,  Sehnen  und
Häuten  befreite  Fleisch  fein  hackt,  darauf  mit
der  gleichen  Menge  kaltem  Wasser  ansetzt  und
schließlich  bis  auf  75—8o°  erhitzt.  Hierbeigehen
hauptsächlich  die  Fleischbasen,  die  Salze  und
das  Albumin  in  Lösung,  das  letztere  gerinnt
aber  beim  Kochen  und  wird  abfiltriert.  Die
durch  Eindampfen  im  Vakuum  bis  zur  Extraktkonsistenz ­
  erhaltene  Substanz  ist  also  im  •wesentlichen ­
  als  ein  Gemenge  der  Fleischbasen,
Kreatin,  Kreatinin,  Sarkin,  Xanthin,  Karnin  und
Karnosin  mit  Jnosinsäure,  Fleischm.lchsäure  und
Mineralstoffen  anzusprechen.  Der  Gehalt  an
Wasser  beträgt  ungefähr  18  0/0,  der  Aschengehalt
21  0/0,  der  Rest  besteht  aus  Stickstoffverbindungen.
  Bei  dem  völligen  Fehlen  von  Fett  und  Eiweiß ­
  ist  der  Nährwert  des  F.  nahezu  gleich  Null
zu  setzen.  Es  übt  aber  eine  außerordentlich  anregende ­
  Wirkung  auf  den  Organismus  aus  und
ist  daher  als  ein  Genußmittel  von  hervorragender ­
  Bedeutung  anzusprechen.  Die  übrigen  in
den  Handel  gebrachten  F.  von  Kemmerich
und  Buschenthal  zeigen  keine  wesentlichen
Verschiedenheiten.  Der  sog.  flüssige  Fleischextrakt ­
  von  Cibil  enthält  65—660/0  Wasser
und  erhebliche  Mengen  Kochsalz.  Verfälschungen ­
  von  F.  sind  nicht  beobachtet  worden.  F.
dient  zur  Herstellung  von  Fleischbrühe  (Bouillontafeln) ­
  und  als  Zusatz  zu  Speisen  sowie  als
Anregungs-  und  Kräftigungsmittel.  Die  zahlreichen ­
  während  des  Krieges  aufgetauchten  Ersatzmittel ­
  sind  zum  größten  Teile  durch  Behandlung ­
  (Hydrolyse)  von  eiweißhaltigen  Rohstoffen ­
  mit  Salzsäure  und  folgende  Neutralisationen ­
  mit  Natriumkarbonat  hergestellt  worden
und  enthalten  daher  neben  erheblichen  Mengen
Kochsalz  als  charakteristische  Bestandteile  Abbauprodukte ­
  des  Eiweißes,  besonders  Aminosäuren, ­
  die  ihnen  einen  fleischextraktähnlichen
Geschmack  verleihen.  Als  Ausgangsmaterialieh
kommen  besonders  Hefe,  Knochen,  Magermilch ­
  oder  Molken  in  Betracht.
FIDgenpapier  (lat.  Charta  muscarum,  frz.  Papier ­
  1  ue-mouches,  engl.  Fly-Paper),  Unter  dieser ­
  Bezeichnung  kommen  Löschpapiere  in  den
Handel,  die  mit  verschiedenen  Stoffen  getränkt
sind  und  nach  erfolgter  Anfeuchtung  den  Fliegen
tödlich  werden.  Das  mit  Kalium  arsenicicum
unter  Zusatz  von  Quassienhoizabkochung  getränkte ­
  giftige  F.  darf  nur  von  Apothekern  und
denjenigen  Drogisten.  verkauft  werden,  welche
        <pb n="132" />
        Flittergold  127  Fluorwässerstoffsäure

die  Genehmigung  zum  Verkauf  von  Giften  der
Abt.  I  haben,  doch  muß  bei  .der  Abgabe  ein
Giftschein  ausgestellt  werden.  Außerdem  stellt
man  noch  ein  giftfreies  F.  dar,  welches  lediglich ­
  mit  einer  Abkochung  von  Quassienholz,
Fliegenholz,  getränkt  ist,  und  schließlich  kommt
als  Füegenpapier  auch  noch  mit  Fliegenleim  bestrichenes ­
  Schreibpapier  in  den  Handel.
Flittergold  (Rauschgold,  Knittergold),  zur
Verzierung  von  Christbäumen  und  sonstigem
billigen  Ausputz,  besteht  aus  Messing,  das  zwischen ­
  Leder  zu  der  Stärke  dünnen  Papiers  ausgehämmert ­
  und  in  Tafeltt  von  verschiedenen
Größen  und  Stärken  paketweise  in  den  Handel
gebracht  wird.  Der  Hauptherstellungsort  ist  von
alten  Zeiten  her  Nürnberg.
Flohsamen  (lat.  Semen  psyllii,  frz.  Graines  de
psillium,  Semence  aux  Puces,  engl.  Flea  seed),
ein  wenig  bedeutender  Artikel  des  Drogenhandels, ­
  besteht  aus  den  glänzend  dunkelbraunen,
fast  wie  Flöhe  aussehenden  Samen  einer  einjährigen, ­
  an  sandigen  Meeresküsten  wachsenden
Wegerichart,  Plantago  Psyllium,  und  wird
aus  Frankreich,  Persien  und  Ostindien  zu  uns
eingeführt.  Der  in  Südfrankreich  durch  Anbau
gewonnene  Samen  soll  von  einer  verwandten
Art,  PI.  cynops,  der  im  deutschen  Handel  seltener ­
  unzutreffende  Samen  aus  Ostdeutschland,
Österreich  und  der  Schweiz  von  PI.  arenaria
stammen.  F.  enthält  als  wichtigsten  Bestandteil
15%  Schleim,  der  beim  Ausziehen  mit  siedendem ­
  Wasser  die  200  fache  Menge  in  eine  Gallerte ­
  von  der  Festigkeit  des  Eiweißes  verwandelt. ­
  Der  grünliche  Schleim  ähnelt  in  seiner
Beschaffenheit  dem  arabischen  Gummi  und  findet ­
  als  einhüliendes  Mittel  beschränkte  medizinische ­
  Verwendung,  wird  aber  hauptsächlich
in  der  Technik,  in  der  Kattundruckerei  und  Färberei, ­
  zum  Appretieren  seidener  Zeuge,  zum
Glänzen  von  Leder,  Steifen  von  Wäsche,  Hüten
usw.  benutzt.
Flores,  Blüten,  bilden  einen  wichtigen  Artikel ­
  in  den  Drogenkatalogen,  hauptsächlich  Flores ­
  arnicae,  Arnika-;  Fl.  aurantiorum,  Orangeblüten; ­
  Fl.  cassiae,  Zimtblüten;  Fl.  chamomillae,
Kamillenblüten;  Fl.  rhoeados,  Klatschroscnblüten;
  Fl.  rosarum,  Rosenblätter;  Fl.  sambuci,
Holunder-;  Fl.  tiliae,  Lindenblüten;  Fl.  verbasci,
Königskerzenblüten  usw.  Auch  einige  Chemikalien ­
  führten  nach  dem  Sprachgebrauche  der
Hten  Chemie  die  Bezeichnung  Flores  und  werden ­
  zuweilen  auch  jetzt  noch  so  genannt,  z.  B.
Fl-  benzoes,  Benzoeblumcn  oder  Benzoesäure;
Fl-salis  ammoniaci,  Salmiak;  Fl.  sulfuris,  Schwe-’elblumen;
  Fl.  zinci,  Zinkblumen  oder  Zink-°Xyd.

Florizin,  ein  gelbbraunes,  dickflüssiges  Öl,  das
durch  Erhitzen  von  Rizinusöl  auf  300 0  herge-®lellt
  wird,  hat  die  Eigenschaft,  sich  mit  Mineralöl ­
  zu  mischen  und  findet  daher  wegen  seiner
Kältebeständigkeit  und  hohen  Konsistenz  zur
Herstellung  von  Schmiermitteln  Anwendung.
Florizithin-Tabletten  Dr.  Lücks  gegen  sexuelle ­
  Nervosität  sollen  nach  dem  Erfinder  Muir-•jzithin
  (s.  d.)  enthalten,  bestehen  aber  nach
“ e ythien  aus  Kakao,  Zimt,  Süßholz,  Lezithin
und  Yohimbe-Rinde.
Fluate  (Kesslersche  Fluate),  Salze  der
Kieseifluorwasserstoffsäure,  die  in  wäßriger  Lösung ­

  zum  Anstrich  von  Wasserbassins  aus  Kalk
oder  Zement  dienen  und  sehr  widerstandsfähige
Überzüge  liefern.
Flundern  (Fluken,  frz.  Flcz,  Flets,  engl.
Flounders)  bilden  die  wichtigste  Gruppe  der
Plattfische  oder  Schollen,  die  sich  alle  durch
eine  scheiben.örmig  plattgedrückte  verschobene
Körperbildung,  verzogenes  Maul  und  auf  eine
Seite  herübergerücktes  Augenpaar  auszeichnen.
In  der  Nordsee  sollen  mindestens  16,  in  der
Ostsee  13  Arten  solcher  Plattfische  leben,  deren
Unterscheidung  und  wissenschaftliche  wie  Volksnamen ­
  ziemlich  schwankend  und  unklar  sind.
Die  besseren  F.  sind  bekannt  als  Steinbutten,
Meeräschen,  Platteisen  und  kommen  frisch
in  Eispackung  auf  unsere  Märkte.  Die  geräuchert ­
  in  den  Handel  gebrachten  Flundern
(Platessa  flesus)  sind  die  einzigen  der  Art,
die  auch  in  die  Flüsse  hinaufgehen,
Fluoreszein,  die  Muttersubstanz  für  eine  große
Zahl  prächtiger  Teerfarbstoffe,  wird  durch
Erhitzen  von  zwei  Teilen  Phtalsäureanhydrid
mit  sieben  Teilen  Resorzin  und  Umkristallisieren
der  Schmelze  aus  Alkohol  als  ein  feinkristallinisches,
  dunkelrotes  Pulver  erhalten,  das  in  Wasser
unlöslich,  mit  Alkohol  und  Äther  gelbrote,  grün
fluoreszierende  Lösungen  liefert.  Am  stärksten
zeigt  sich  die  Fluoreszenz  bei  alkalischen  Flüssigkeiten, ­
  deren  Färbevermögen  so  intensiv  ist,
daß  man  sie  mit  Erfolg  zum  Nachweise  des
unterirdischen  Zusammenhanges  von  Stromläufen ­
  (Donau)  benutzt  hat.  Das  F,  findet  in
Form  seines  Natriumsalzes  als  Uranin  (s.  d.)
und  seiner  Benzylverbindung  als  Chrysolin
(s.  d.)  zum  direkten  Färben  ungeheizter  Wolle
und  Seide  beschränkte  Anwendung.  Seine
außerordentliche  Bedeutung  für  die  Industrie
beruht  aber  in  dem  Umstande,  daß  es  das  Ausgangsmaterial ­
  für  die  Fabrikation  des  Eosins
bildet.
Fluorwasserstoffsäure  (Flußsäure,  lat.  Acidum ­
  hydrofluoricum,  frz.  Acide  fluorhydrique,
engl.  Fluoric  acid),  die  Verbindung  der  gasförmigen ­
  Elemente  Fluor  und  Wasserstoff,  HF,  wird
durch  Erhitzen  von  Flußspat  mit  konzentrierter
Schwefelsäure  in  Platin-  oder  Bleiretorten  dargestellt ­
  und  in  etwas  Wasser  enthaltenden  Bleioder ­
  Guttaperchavorlagen  aufgefangen.  Durch
nochmaliges  Destillieren  mit  Schwefelsäure  und
Einleiten  der  Dämpfe  in  eine  Bleivorlage,  in
der  eine  etwas  Wasser  enthaltende  Platinschale
steht,  erhält  man  die  Säure  chemisch  rein.  Sie
bildet  in  wasserfreiem  Zustande  eine  bei  19,5°
siedende,  leicht  bewegliche,  an  der  Luft  stark
rauchende  Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.  0,988,  die
auf  der  Haut  Ätzwirkungen,  Blasen  und  schwer
heilende  Geschwüre  hervorruft  und  eingeatmet
tödlich  wirkt.  Auch  die  konzentrierten  wäßrigen
Lösungen  besitzen  die  gleichen  gefährlichen
Eigenschaften,  die  größte  Vorsicht  beim  Arbeiten ­
  mit  F.  geboten  erscheinen  lassen.  Die
Säure  wirkt  auf  die  meisten  organischen  und
anorganischen  Stoffe  mit  größter  Heftigkeit  ein,
löst  selbst  Kieselsäure  und  alle  Silikate  und  kann
daher  nicht  in  Glasgefäßen,  sondern  nur  in
Flaschen  aus  Platin,  Kautschuk  oder  Guttapercha
aufbewahrt  werden.  Wegen  ihrer  Eigenschaft,
Silikate  zu  zerlegen,  wird  die  F.  in  großem
Maße  zum  Ätzen  von  Glas  technisch  verwertet.
        <pb n="133" />
        Flußspat

128

Formaldehyd

wozu  man  entweder  die  flüssige  Säure  oder
einen  Brei  aus  Flußspat  und  Schwefelsäure  auf
die  zu  ätzende  Fläche  aufträgt  oder  letztere  den
Dämpfen  der  Säure  aussetzt.  Soweit  die  Glasgegenstände ­
  nicht  durch  einen  Deckfirnis  oder
Paraffinüberzug  geschützt  sind,  zeigen  sie  infolge ­
  der  Ausscheidung  von  Salzen  der  Kieselfluorwasserstoffsäure ­
  mattgeätzte  Stellen  (Zeichnungen, ­
  Inschriften,  Thermometerskalen).  Im
Laboratorium  benutzt  man  die  F.  zur  Aufschließung ­
  der  Silikate,  wobei  die  gesamte
Kieselsäure  als  Siliziumfluorid  ausgetrieben  wird,
während  die  Basen,  hauptsächlich  die  Alkalien,
Zurückbleiben.  —  Beim  Einleiten  des  Siliziumfluorids, ­
  SiF 4 ,  in  Wasser  entsteht  unter  Abscheidung ­
  gallertartiger  Kieselsäure  eine  Lösung
von  Kieselfluorwasserstoffsäure  (s.  d,),
H 2 SiF 6 ,  die  in  der  Zeugdruckerei  als  Ätzbeize
an  Stelle  von  Weinsäure  und  beim  Weißsieden
(Verzinnen)  von  Messingwaren,  wie  Stecknadeln,
Kleiderhaken  usw.  als  Ersatz  für  Weinsäure  benutzt ­
  wird.
Flußspat  (Fluorit,  frz.  Spath-fluor,  engl;
Fluor-spar),  ein  meist  auf  Erzgängen  und  in
Drusenräumen  vorkommendes,  aus  Fluorkalzium ­
  bestehendes  Mineral,  findet  sich  teils  dicht
Und  derb,  in  weißen  oder  grauen  Massen,  teils
in  oft  ziemlich  großen  Kristallwürfeln,  die  durchsichtig ­
  wie  Glas,  farblos,  oder  verschieden  gefärbt ­
  sein  können  und  im  auffallenden  Lichte
oft  eine  andere  Farbe  als  im  durchfallenden
Lichte  zeigen  (Fluoreszenz).  Die  blauen  und
violetten  Flußspate  werden  bisweilen  als  Halbedelsteine, ­
  die  weniger  schönen  zur  Darstellung
von  Flußsäure  sowie  als  Flußmittel  beim
Ausschmelzen  von  Metallen  aus  ihren  Erzen  benutzt. ­
  Von  der  Eigenschaft,  sehr  leicht  schmelzbare ­
  Schlacken  zu  liefern,  leiten  sich  die  Namen
'des  Minerals  ab.  Es  stammt  hauptsächlich  aus
dem  Erzgebirge  und  dem  Harze,  England  und
Norwegen.  —  Zu  vergl,  Edelsteine.
Folia  ist  die  lateinische,  im  Drogenhandel  gebräuchliche ­
  Benennung  für  Blätter,  die,  mit  Ausnahme ­
  der  Kirschlorbeerblätter,  nur  im  getrockneten ­
  Zustande  in  den  Handel  kommen.
Die  wichtigsten  sind:  Folia  aconiti,  Eisenhutblätter; ­
  F.  althäeae,  Eibischblätter;  F.  boldo,
Boldoblätter;  F.  bucco,  Buccoblätter;  F.  coca,
Kokablätter;  F.  digitalis,  Fingerhutblätter;  F.
farfarae,  Huflattichblätter;  F.  hyoscyami,  Bilsenkrautblätter; ­
  F.  lauri,  Lorbeerblätter;  F.  laurocerasi,
  Kirschlorbeerblätter;  F.  nicotianae,  Tabakblätter; ­
  F.  salviae,  Salbeiblätter;  F.  toxicodendri,
  Giftsumachblätter;  F.  uvae  ursi,  Bärentraubenblätter ­
  usw.
Foral,  ein  Enthaarungsmittel,  besteht  aus  einem
Gemisch  von  je  150/0  Strontiumsulfid,  Strontiumsulfat ­
  und  Kalziumkarbonat  mit  45  0/0  Weizenstärke ­
  und  geringen  Mengen  Soda  und  Zinkoxyd. ­
  Der  Anwendung  des  durch  seinen  Gehalt ­
  an  Schwefelstrontium  wirksamen  Präparates ­
  steht  der  unangenehme  Geruch  nach
Schwefelwasserstoff  entgegen.
Force,  ein  als  Universalnahrung  auf  den  Markt
geworfenes  amerikanisches  Reklameprodukt,
besaß  das  Aussehen  von  Haferflocken  und  die
Zusammensetzung  und  den  Geschmack  altbackenen ­
  Zwiebacks.  Größere  Verbreitung  scheint
es  nicht  gefunden  zu  haben.

Forelle  (frz.  Truites,  engl.  Trouts).  Die  Forellen ­
  sind  dem  Lachs  (s.  d.)  nahe  verwandte
Knochenfische  aus  der  Familie  der  Salmonidae,
  die  sich  durch  schöne  Färbungen  und
ein  vorzüglich  schmeckendes  nahrhaftes  Fleisch
auszeichnen.  Die  Anordnung  der  Flossen  stimmt
mit  derjenigen  des  Lachses  völlig  überein,  doch
ist  der  Körper  weniger  schlank,  sondern  eher
etwas  plump  und  gedrungen  gebaut.  Von  den
zahlreichen  Arten  seien  angeführt:  1.  Die  Bachforelle ­
  (Salmo  fario)  lebt  am  liebsten  in  klaren ­
  Gebirgswässern  und  Waldbächen  von  niedriger, ­
  nicht  sehr  wechselnder  Temperatur,
kommt  aber  auch  in  größeren  Flüssen  vor  und
kann  sogar  in  Teichen  künstlich  gezüchtet  werden. ­
  Je  nach  der  Färbe  des  Gewässers  wechselt
das  Aussehen  der  Fische  zwischen  silberglänzend ­
  (in  hellen  Bächen)  und  braunschwarz  (in
Waldbächen  mit  moorigem  Grunde).  Der  ganze
Körper,  auch  die  Flossen,  sind  mit  augenförmigen ­
  schwarzen  und  roten  Tüpfeln  verziert.  Die
F.,  die  in  größeren  Flüssen  bis  zu  1  m  lang
werden  kann,  in  kleinen  Bächen  aber  meist  nur
20  cm  erreicht  und  unter  18  cm  überhaupt  nicht
gefangen  werden  soll,  wird  als  Delikatesse  geschätzt ­
  und  meist  hoch  bezahlt.  Die  beständig
an  Ausdehnung  gewinnende  künstliche  Züchtung ­
  in  Teichen  oder  durch  Aussetzen  künstlich
befruchteter  Eier  in  Bäche  muß  aber  mit  der
Zeit  ein  Sinken  der  Preise  bewirken.  Von  Feinschmeckern ­
  wird  das  derbe  Fleisch  der  Wildforellen ­
  demjenigen  der  gezüchteten  vorgezogen.
Die  Versendung  erfolgt  lebend  oder  geschlachtet
zwischen  grüne  Blätter  verpackt.  2.  Die  Rotforelle, ­
  auch  Saibling,  Ritter,  Salbing,
Röteli,  Schwarzrötel  genannt  (Salmo  salvelinus)
  ist  ein  aus  Amerika  eingeführter  Bewohner ­
  der  schottischen,  skandinavischen  und
schweizerischen  Seen,  der  bis  zu  5  kg  schwer
wird,  im  übrigen  aber  der  vorigen  ähnelt.  Als
Kennzeichen  dient  ein  weißer  Saum  am  vorderen ­
  Rande  der  Brust-,  Bauch-  und  Afterflosse.
3.  Die  Regenbogenforelle  (Salmo  irideus)  ist
durch  einen  rötlichen  Streifen  gekennzeichnet,
der  längs  der  Seitenlinie  vom  Kopfe  bis  zum
Schwänze  verläuft.  Sie  wird  wie  die  vorgenannten ­
  wegen  ihres  vortrefflichen  Fleisches  geschätzt, ­
  ist  aber  weniger  empfindlich  und  noch
leichter  zu  züchten  als  diese.  See-  und  Meerforelle
  sind  unter  „Lachs“  besprochen  worden
Foulards  (Fulas,  frz,  und  engl.  Foulards)
nannte  man  ursprünglich  ostindische,  buntgedruckte ­
  seidene  Hals-  und  Taschentücher.  Jetzt
bezeichnet  der  Name  Kleiderstoffe  aus  ungezwirnter
  Rohseide  mit  florettseidenem  Schuß
oder  auch  ganz  Seide  gewebt,  die  in  verschiedenen ­
  Druckmustern,  aber  auch  streifig,
kariert,  einfarbig  in  französischen,  englischen
und  deutschen  Seidenfabriken  hergestellt  werden-Formaldehyd
  (Ameisenaldehyd),  ein  von
A.  W.  Flofmann  im  Jahre  1867  entdecktes,
stechend  riechendes  Gas,  FI.  CHO,  hat  in  Form
seiner  wäßrigen  Lösung  als  Formalin  (Formel,
Methylaldehyd,  lat.  Formaldehydum  solutum.
frz.  Formaline,  Forrnaldühyde,  engl.  Formaldehyd) ­
  große  technische  Bedeutung  erlangt
Zur  Darstellung  im  großen  wird  ein  trockener
Luftstrom  durch  Methylalkohol  von  50  o/ 0  gesaugt, ­
  und  das  Gemenge  von  Methylalkohol-
        <pb n="134" />
        Formamintpastillen

129

Fruchtessenzen

-dampf  und  Luft  über  glühende  Kupferspiralen
geleitet.  Das  in  abgekühlten  Vorlagen  gesammelte ­
  Destillat  besteht  aus  einer  wäßrigen,  30  bis
4oo/ 0 igen  Formaldehydlösung,  die  durch  Destillation ­
  von  dem  in  geringer  Menge  mit  über-.gegangenen
  Methylalkohol  befreit  wird  und  eine
farblose,  stechend  riechende  Flüssigkeit  vom
spez.  Gew.  1,079—1,081  bildet.  F.  reduziert
-ammoniakalische  Silbernitratlösung  unter  Bildung ­
  eines  Spiegels,  hinterläßt  beim  Verdampfen ­
  eine  weiße  Masse,  Paraformaldehyd
(CH 2 0)n,  die  beim  Austrocknen  in  Trioxymethylen,
  (CPI 2 0) 3 ,  übergeht  und  bei  Einwirkung ­
  von  Ammoniak  Hexamethylentetramin ­
  (Urotropin)  (s.  d.)  bildet.  Reines
Formalin  soll  beim  Erhitzen  vollständig  flüchtig
sein  und  darf  weder  Metalle,  Chloride  und  Sulfate, ­
  noch  größere  Mengen  von  Ameisensäure
(höchstens  0,250/0)  enthalten.  Es  ist  ein  starkes
Protoplasmagift  und  wirkt  infolgedessen  höchst
desinfizierend  und  konservierend.  In  der  Medizin ­
  findet  F.  als  Antiseptikum  in  1 j% 0 -—10/oiger
Lösung  Anwendung.  Seiner  Anwendung  zur
Haltbarmachung  von  Nahrungsmitteln  stehen
die  gesetzlichen  Vorschriften  entgegen,  hingegen
wird  es  in  der  Technik  schon  länge  zur  Konservierung ­
  von  Rohstoffen  (der  Gerbereien,  Abdeckereien ­
  usw.)  sowie  von  organischen  Lösungen ­
  (Gummi,  Leim,  Stärkelösungen)  benutzt.
Auch  findet  F.  Verwendung  in  der  Elektrotechnik, ­
  Gummiwarenindustrie,  Photographie,
Lederfabrikation  (zum  Härten  der  Häute),  Glasindustrie ­
  usf.  Die  Landwirtschaft  benötigt  ihn
zur  Bekämpfung  der  Getreidekrankheiten  sowie ­
  der  Maul-  und  Klauenseuche  der  Tiere.  Im
Gärungsgewerbc  dient  er  zum  Reinigen  von
Kellereien.  Weiter  wird  F.  benutzt  zum  Härten
anatomischer  Präparate  und  zum  Einbalsamiefen ­
  von  Leichen,  Bekannt  ist  auch  seine  Anwendung ­
  als  Mittel  gegen  zu  reichliche  Schweißabsonderung ­
  und  zur  Raumdesinfektion.  Vor
anderen  Desinfektionsmitteln  hat  er  den  Vorzug,
daß  er  sich  als  Gas  im  ganzen  Raum  gleichmäßig ­
  verteilt  und  Zimmer  samt  Inhalt  des-’nfiziert,
  ohne  auf  Gegenstände  schädigend  einzuwirken ­
  und  unangenehmen  Geruch  zu  hinter-(
 a ssen.  Die  Aufbewahrung  des  Formalins  hat
ln  gut  verschlossenen  Gefäßen,  vor  Licht  geschützt ­
  und  in  Räumen  mittlerer  Temperatur  zu
erfolgen.  Wegen  der  heftigen  Einwirkung  auf
fLe  Schleimhäute  ist  beim  Riechen  an  F-Lösungen ­
  Vorsicht  zu  beobachten.
Formamintpastillen  mit  je  0,01  g  Formal-~
  chyd,  der  aber  infolge  einer  eigenartigen
Ackeren  Bindung  weder  geschmacklich  noch
re 'zend  hervortritt,  bilden  ein  vortreffliches,
uueh  vorbeugend  wirkendes  Mittel  gegen  Schnupfen ­
  und  Katarrhe,
Forman,  ein  Desinfektionsmittel  der  Lingner-^erke
  in  Dresden,  wird  durch  Einleilen  von
^alzsäuregas  in  ein  Gemisch  von  Menthol  und
torrnaldehyd  hergestellt  und  ist  demnach  als
'-hlormethylmenthyläthcr,  C^H^O  .  O  .  CI-I 2 ,  an-^sprechen.
  Die  farblose  Flüssigkeit  dient  zur
Herstellung  von  Pastillen  und  Formanwatte,
aie  gegen  Schnupfen  und  Katarrhe  angewandt
Werden.
Formpuder  für  Metallgießerei  besteht  entv
 eder  aus  Lykopodium  oder  aus  Kalkpulver,
Mercks  Warenlexikon.

das  bisweilen  noch  mit  Mineralöl  oder  Paraffin
imprägniert  und  mit  Kalk  vermischt  ist.
Franzbranntwein  (lat.  Spiritus  Vini  Gallici,
frz.  Esprit  de  Vin,  engl.  Wirte  spirit),  in  der
ursprünglichen  Bedeutung  des  Wortes  ein
durch  Destillation  billiger  Weine  oder  Weinrückstände ­
  erhaltener  Branntwein,  bildet  eine
gelblichbraune  Flüssigkeit  von  aromatischem
Geruch  und  Geschmack  mit  einem  Alkoholgehalt ­
  von  etwa  40—50  Gewichtsprozenten.  Kr
wird  jetzt  vielfach  künstlich  durch  Mischen  von
Kognakessenz  mit  Spiritus,  zuweilen  auch  unter
Zusatz  von  Kochsalz  hergestellt  und  zu  Einreibungen ­
  und  gegen  Haarausfall  angewandt.
Frauenhaar  (lat.  Herba  capillorum  veneris,
frz.  Capillaire  de  Montpellier,  engl.  Maiden-Hair)
  heißt  seiner  glänzend  schwarzbraunen,
haarförmigen  Stiele  wegen  ein  im  südlichen
Europa  und  Süddeutschland  an  Felsen  und
feuchten  Mauern  wachsendes  feingefiedertes
Farnkraut,  Adiantum  Capillus  Veneris,
das  früher  als  ein  wichtiges  Arzneimittel  galt
Das  Kraut  hat  einen  süßlichen  und  zusammenziehend ­
  bitterlichen  Geschmack  und  dient  als
Brusttee,  besonders  aber  zur  Bereitung  des
früher  offizineilen  Sirupus  Capillorum  veneris, ­
  der  in  Frankreich  unter  dem  Namen
Sirop  capillaire  als  Zusatz  zu  Zuckerwasser  sehr
beliebt  ist,  aber  gewöhnlich  nachgemacht  wird.
Fruchtäther  (frz.  Ethers  de  fruits,  engl.  Fruit
essences)  nennt  man  eine  Reihe  flüchtiger  chemischer ­
  Verbindungen,  welche  den  Geruch  verschiedener ­
  Obstsorten  mehr  oder  weniger  täuschend ­
  wiedergeben  und  in  chemischer  Hinsicht
als  zusammengesetzte  Ester  organischer  Säuren
mit  Alkoholen  anzusprechen  sind.  Sie  werden
durch  Destillation  der  entsprechenden  Säuren
und  Alkohole  unter  Zusatz  von  konz.  Schwefelsäure ­
  in  besonderen  Fabriken  dargestellt  und
für  sich  allein  oder  als  Gemische  in  denVerkehr
gebracht.  Die  bekanntesten  sind  die  Amylester
  der  Essigsäure,  Valeriansäure,  Buttersäure
und  Ameisensäure,  ferner  die  Äthylester  der
Essigsäure,  Buttersäure,  Valeriansäure,  Ameisensäure, ­
  Benzoesäure,  Önanthsäure  sowie  in  geringerem ­
  Maße  die  Menthylester  der  Essigsäure
und  Salizylsäure.  Von  den  gangbarsten  Gemischen ­
  seien  erwähnt  der  Ananasäther  (Buttersäureäthyl-
  und  -amylester),  Äpfeläther
(Essigester  und  Valeriansäureamylester),  Aprikosenäther ­
  (Buttersäure-  und  Valeriansäureäthylester), ­
  Birnenäther  (Essigsäureäthyl-  und
-amylester),  Himbeeräther  usf.  Bisweilen  sollen
sie  auch  Zusätze  von  Salpeteräther,  Amylalkohol ­
  und  Chloroform  erhalten,  die  aber  aus
gesundheitlichen  Rücksichten  zu  verwerfen  sind.
Die  F.  finden  ausgedehnte  Anwendung  zur  Fabrikation ­
  von  Likören,  Konditoreiwaren,  Fruchteis, ­
  Fruchtgelees  und  Brauselimonaden,  werden ­
  aber  bei  letzteren  neuerdings  meist  durch
die  sog.  Fruchtessenzen  (s.  d.)  ersetzt.
Fruchtessenzen  sind  alkoholische  Auflösungen
der  natürlichen  Riechstoffe  aromatischer  Pfianzenteile,
  die  entweder  durch  Extraktion  oder
durch  Destillation  mit  Spiritus  gewonnen  werden. ­
  Sie  dienen  als  Ersatz  der  Fruchtäther,  besonders ­
  bei  der  Herstellung  künstlicher  Brauselimonaden. ­


9
        <pb n="135" />
        “——

L

m

Fruchtsäfte

130

Futtermittel

Fruchtsäfte  (frz.  Jus  de  fruits,  engl.  Fruit
Juices)  nennt  man  die  in  den  Zellen  der  Früchte
enthaltenen  Flüssigkeiten,  die  durch  Auspressen
der  frischen  Früchte,  bisweilen  nach  vorhergehender ­
  Gärung,  gewonnen  werden.  Sie  führen  auch
die  Bezeichnung  Muttersaft,  während  die  beim
nochmaligen  Auspressen  der  mit  Wasser  angerührten ­
  Rückstände  ablaufen.de  verdünnte  Lösung
als  Nachpresse  bezeichnet  wird.  Mischungen
von  Muttersaft  und  Nachpresse  sind  in  deutlicher ­
  Weise  zu  kennzeichnen.  Die  F.  enthalten
die  löslichen  Bestandteile  der  Früchte,  denen  sie
entstammen;  Zucker,  organische  Säuren,  Aroma-,
Färb-  und  Mineralstoffe  sowie  in  zurücktretender ­
  Menge  Pektin  und  Eiweiß.  Im  Hinblick  auf
ihre  geringe  Haltbarkeit  werden  sie  entweder,
wie  der  Zitronensaft,  sterilisiert  oder  mit  Zucker
versetzt  und  als  sog.  Fruchtsirupe,  fälschlich
bisweilen  ebenfalls  F.  genannt,  in  den  Verkehr
,  gebracht.  Die  F.  sind  manchen  Verfälschungen
durch  Zusatz  von  Nachpresse,  Teerfarbe,  Konservierungsmitteln ­
  und  Stärkesirup  ausgesetzt,
ja  es  kommen  sogar  völlige  Kunstprodukte  aus
künstlich  gefärbtem  und  parfümiertem  Zuckersirup ­
  in  den  Handel.  Nähere  Angaben  hierüber
finden  sich  in  den  besonderen  Artikeln  über  ihre
wichtigsten  Vertreter:  Himbeersaft,  Kirschsaft ­
  und  Zitronensaft.  Der  Brombeersaft
besitzt  nur  geringe  Bedeutung.  Der  Erdbeersaft ­
  wird  meist  nur  als  Sirup  hergestellt,  indem ­
  man  die  unzerkleinerten  Beeren  mit  Zucker
vermischt  und  die  Masse  nach  der  freiwillig  eintretenden ­
  Verflüssigung  auspreßt.
Fruil,  ein  alkoholfreies  Getränk,  das  durch
Imprägnieren  von  Dörrobstauszügen  mit  Kohlensäure ­
  hergestellt  wird.  '
Fuchsin  (Anilinrot,  frz.  Rouge  d’aniline,
engl.  Aniline  red),  einer  der  wichtigsten  Teerfarbstoffe ­
  der  Triphenylmethanreihe,  wird  im
großen  aus  dem  rohen  Anilinöl  (s.  d.),  dem  sog.
Rotöl,  dargestellt,  indem  man  dasselbe  teilweise
mit  Salzsäure  neutralisiert,  mit  Nitrobenzol  und
-toluol  sowie  etwas  Eüenpu  ver  vermischt  und
auf  190°  erhitzt.  Die  metallisch  glänzende
Schmelze  wird  mit  siedendem  Wasser  behandelt
und  die  erhaltene  Lösung  des  F,  mit  Kochsalz
ausgefällt.  Nach  neueren  Verfahren  wird  F.  auch
durch  Behandlung  von  Anilin  mit  Formaldehyd
oder  auf  elektrolytischem  Wege  hergestellt,  hingegen ­
  ist  das  früher  übliche  Verfahren  der
Oxydation  mit  Arsensäure  jetzt  nahezu  völlig
aufgegeben.  F.,  in  chemischer  Hinsicht  ein  Gemisch ­
  von  salzsaurem  Rosanilin  und  Pararosanilin, ­
  bildet,  aus  Wasser  umkristallisiert,  dunkelgrüne, ­
  metallisch  glänzende  Kristalle,  welche
sich  in  Alkohol,  Amylalkohol  und  Wasser  mit
roter  Farbe  lösen.  In  Äther  unlöslich,  wird  es
durch  Alkalien  sowie  Reduktionsmittel  entfärbt.
F.,  welches  früher  auch  als  Magentarot,  Solferinorot,
  Rubin,  Tirolin  usw.  verkauft
wurde,  dient  zum  Färben  von  Geweben,  Leder,
Nahrungsmitteln,  und  muß  für  letzteren  Zweck
völlig  arsenfrei  sein.  Auch  bildet  es  das  Ausgangsmaterial ­
  für  die  Darstellung  von  Anilinblau.
  Neben  dem  salzsauren  Rosanilin  findet
sich  auch  das  in  gleicher  Weise  hergestellte
essigsaure  (Rosein)  und  salpetersaure  Salz
(Azalein)  im  Llandel.  Durch  Behandlung  des
F.  mit  rauchender  Schwefelsäure  entsteht  die

Sulfosäure,  das  sog.  Säurefuchsin  (Fuchsin ­
  S,  Acid  Magenta,  Säurerubin,  Rubin ­
  S),  welches  den  Vorzug  hat,  auch  im  sauren
Bade  Wolle  und  Seide  zu  färben,  aber  weniger
ausgiebig  und  lichtecht  ist.
Fukcl,  mit  Sesamöl  aus  Algen  hergestellter,
angeblich  jodhaltiger  Auszug,  der  an  Stelle  von
Lebertran  angepriesen  wird,  aber  keinerlei  Vorzüge ­
  vor  letzterem  aufweist.
Furfurol,  eine  farblose  Flüssigkeit  von  charakteristischem ­
  Geruch,  welche  durch  Destillation ­
  von  Kleie  mit  Säuren  gewonnen  wird  und
sich  auch  in  verschiedenen  alkoholischen  Destillaten, ­
  wie  Kognak,  Rum  usw.,  vorfindet,  hat
neuerdings  eine  gewisse  Bedeutung  für  den
Nachweis  von  Margarine  (s.  d.)  erlangt,  weil  es
mit  Sesamöl  und  rauchender  Salzsäure  eine  intensiv ­
  rote  Farbe  annimmt.
Fuselöl,  Amylalkohol,  Amyloxydhydrat
(lat.  Alcohol  amylicus,  frz.  AIcool  amylique,  engl.
Fusel  oil).  Bei  der  Gärung  zuckerhaltiger  Flüssigkeiten ­
  entstehen  neben  Alkohol  immer  auch  kleine
Mengen  von  Nebenprodukten,  die,  obschon  weniger ­
  flüchtig  als  der  Alkohol,  doch  bei  der
Destillation  mit  übergehen  und  dem  Spiritus  entweder ­
  gern  gesehene  oder  mißliebige  Eigenschaften, ­
  je  nachdem  sie  einen  guten  oder  schlechten ­
  Geruch  und  Geschmack  haben,  verleihen.  Je
nach  den  Stoffen,  aus  denen  Branntwein  destilliert
wird,  besitzen  die  F.  verschiedene  Zusammensetzung, ­
  und  darum  hat  auch  von  den  verschiedenen ­
  Branntweinarten  —  Rum,  Kognak,
Korn-,  fcartoffelbranntwein  usw.  -—  eine  jede
ihren  besonderen  charakteristischen  Geruch.  Am
widrigsten  ist  das  Fuselöl  des  Kartoffelschnapses,
das  hauptsächlich  unreinen  Amylalkohol  darstellt,
  weniger  unangenehm  das  Getreidefuselöl,
da  es  neben  Amylalkohol  noch  Propylalkohol
enthält.  Der  Weinbranntwein  oder  Kognak  hat
ein  noch  feineres  F.  aus  Önanthäther  und  anderen
fein  riechenden  flüssigen  S,offen.  In  Deutschland, ­
  wo  der  Spiritus  fast  lediglich  aus  Kartoffeln ­
  gebrannt  wird,  gewinnt  man  nur  das  der
gärenden  Kartoffelmaische  entstammende  Fuselöl,
  während  Getreidefuselöl  zur  Aromatisierung
von  Kartoffelschnaps  meist  aus  englischen  und
schottischen  Brennereien  bezogen  wird.  Bei  der
gewaltigen  Menge  von  Kartoffelsprit,  die  Deutschland
  erzeugt,  fallen  ganz  beträchtliche  Massen
des  unerwünschten  Fusels  ab.  Beim  Raffinieren
des  Rohspiritus  bleibt  das  F.  zum  größten  Teil
in  den  Rcktifikationsapparaten  zurück,  schwimmt
als  ölige  Schicht  auf  den  wässerigen  Rückständen ­
  und  wird  abgeschöpft,  bevor  man  diese
weglaufen  läßt.  Vgl.  „Amylalkohol“.
Fußbodenöle  nennt  man  die  zur  Bekämpfung
der  Staubplage  angepriesenen  Präparate,  welche
auf  die  Dielen  aufgetragen  werden  sollen  und
meist  aus  gewöhnlichen  Schmierölen  (Rückständen ­
  der  Petroleumdestillation),  bisweilen
unter  Zusatz  geringer  Mengen  Leinöl,  bestehen-Nachdem
  die  Zusammensetzung  dieser  Mittel
öffentlich  bekannt  gegeben  worden  ist,  sind
die  anfangs  unverhältpismäßig  hohen  Preise  beträchtlich ­
  zurückgegangen.
Futtermittel  nennt  man  die  zur  Ernährung  des
Nutzviehes  geeigneten  und  gebrauchten  Stoffe,
wie  sie  zum  Teil  von  der  Landwirtschaft  selbst
gewonnen,  zum  Teil  als  Abfälle  gewisser  In ­
        <pb n="136" />
        Futtermittel

131

Galläpfel

dustrien  in  den  Handel  gebracht  werden.  Zu
den  ersteren  gehören  besonders  das  Grünfutter ­
  (Gras,  Klee,  Kohlblätter),  das  Rauhfutter ­
  (Heu,  Stroh),  das  Wurzelfutter  (Kartoffeln, ­
  Rüben)  und  das  Körnerfutter  (Getreide, ­
  Hülsenfrüchte),  zu  denen  meist  noch  die
Müllereiabfälle,  wie  Kleie  und  Futtermehle,  hinzugerechnet
  werden.  Zu  den  letzteren  gehören
die  Rückstände  der  Ölfabrikation,  die  Ölkuchen
von  Baumwollsamen,  Erdnüssen,  Sesam,  Kokos,
Palmkemcn,  Lein,  Raps,  Sonnenblumen,  Mohn
und  Hanf,  ferner  Abfälle  der  Stärkefabrikation
(Pülpe),  der  Zuckerfabrikation  (Rübenschnitzel, ­
  Zuckerschnitzel,  Melasse,  der  Gärungsindustrie ­
  (Malzkeime,  Biertreber,
Brennereitreber)  und  in  geringerem  Umfange

auch  tierische  Abfälle  wie  Tierkörpermehl,
Fischfuttermehl,  Blutmehl.  Abgesehen  von
dem  zsllulosereichen  Rauhfutter  und  den  stickstoffannen
  Abfällen  der  Stärkefabr.kation  faßt
man  die  trockenen  Stoffe  wohl  auch  unter  der
Bezeichnung  konzentrierte  oder  Kraft  f  utt  ermittel
  zusammen.  Der  Nährwert  wird  durch
den  Gehalt  an  Protein,  Fett  und  Kohlenhydraten
bedingt  und  beim  Verkauf  in  der  Regel  durch
eine  beigefügte  Analyse  gewährleistet.  Die  Futtermittel, ­
  besonders  die  Kraftfuttefmittel,  bilden
einen  wichtigen  Gegenstand  des  Handels.  Der
Einfuhrüberschuß  belief  sich  im  Jahre  1912  auf
4,4  Millionen  Tonnen.  Einzelne  wichtigere  Futtermittel ­
  sind  in  besonderen  Abschnitten  behandelt. ­


G.

Gänsefett.  Dieses  sehr  weiche,  blaßgelbliche
und  durchscheinende  Fett  besitzt  ein  spez.  Gew.
von  0,927,  schmilzt  bei  32-—34 0  und  erstarrt  bei
18—2o°.  Es  findet  als  feineres  Speisefett  Anwendung, ­
  wird  aber  vielfach  mit  Schweineschmalz ­
  vermischt.
Gagat  (Jet,  schwarzer  Bernstein)  nennt
man  eine  in  Südfrankreich  und  Asturien  verkommende ­
  besondere  Art  fast  schwarzer,  dichter
Braunkohle  mit  muschligem  Bruche,  die  sich
gut  bearbeiten  läßt  und  eine  hübsche  Politur  annimmt. ­
  Man  fertigt  daraus  mancherlei  Schmuckgegenstände, ­
  ersetzt  es  jetzt  aber  vielfach  durch
schwarzes  Glas  oder  Ebonit  (Hartgummi).
Galalith  wird  durch  Behandlung  von  getrocknetem ­
  Kasein  mit  Formaldehyd,  teilweise  auch
unter  Zusatz  von  Farbstoffen,  hergesteilt  und
korrynt  als  durchscheinende  oder  auch  marmor
 'erte  elastische  Masse  in  den  Handel,  die  als  Ersatz ­
  für  Horn,  Knochen,  Zelluloid  ausgedehnte
Anwendung  findet.  Es  läßt  sich  wie  die  genannten ­
  Stoffe  leicht  bearbeiten,  zeigt  gegen
Feuchtigkeit  und  andere  Einflüsse  ziemliche
Widerstandsfähigkeit  und  soll  besonders  für
Kämme,  Knöpfe  und  Klaviertasten  sehr  geeignet
sein.
Galbanharz  (Mutterharz,  lat.  Gummi  seu
Kesina  galbanum,  frz.  Gomme,  Resine  galban,
er &amp;gt;gl.  Gum  galban),  der  eingetrocknete  Milchsaft
gewisser  Ferulaarten,  z.  B.  von  Ferula  galnaniflua,
  F.  rubricaulis,  Ferula  erubesc
 ens,  verbreiteter  Doldenpflanzen  Persiens  und
der  Gegend  östlich  vom  Aralsee,  kommt  über
die  levantischen  Hafenplätze  aus  Syrien,  Persien,
Arabien,  zum  Teil  auch  aus  Ostindien  und  über
Kußland  in  den  Handel.  Es  bildet,  wie  die
leisten  ähnlichen  Drogen,  zwei  Sorten,  in  Träten ­
  oder  Körnern  und  in  Massen  oder  Kuchen,
er stere  in  helleren,  weißen  oder  gelblichen,
durchscheinenden,  wachsglänzenden,  erbsen-  bis
dußgroßen  Körnern,  letztere  in  dunkleren,  bräunliehen
  oder  grünlichen,  von  hellen  Körnern
durchsetzten  Klumpen.  Die  Substanz  ist  ziemhch
  weich  und  klebrig,  nur  in  der  Kälte  pulverifjerbar
  un d  enthält  etwa  6o°/o  in  Weingeist
^sliches  Harz,  20%  Gummi  und  10—22  %  athensches
  öl  (Galbanöl,  Oleum  galbani),  von

dem  es  seinen  durchdringenden  aromatischen
Geruch  hat.  Der  Geschmack  ist  bitterlich,  aber
nicht  scharf.  Durch  Destillation  mit  Wasser,
wird  das  öl  als  eine  gelbliche,  an  der  Luft  sich
bräunende  und  verdickende  Flüssigkeit  erhalten,
die  stärker  als  das  Harz  riecht  und  bitter  und
kampferartig  schmeckt.  Das  gereinigte  und  gepulverte ­
  Harz  wird  in  der  Medizin  äußerlich
als  erweichendes  Mittel  bei  Geschwüren  und  Ge
schwülsten  angewandt  und  bildet  den  Haupt
bestandteil  des  Mutterpflasters,  technisch  dient
es  als  Zusatz  zu  Kitten.
Galgantwurzel  (lat.  Rhizoma  galangae,  frz.
Rhizome  de  galange,  engl..  Galangal-root),  ein
nicht  unbedeutender  Gegenstand  des  Drogenhandels. ­
  besteht  aus  dem  getrockneten  Wurzelstock ­
  einer  zu  den  Ingwergewächsen  gehörenden ­
  chinesischen  Pflanze,  Alpinia  officinarum.
Die  Droge  bildet  fingerdicke,  bis  10  cm  lange,
in  der  Mitte  gebogene  Stücke,  die  außen  rotbraun, ­
  innen  zimtfarbig  aussehen  und  auf  dem
Querschnitt  kleine  dunkle  ölzellen  zeigen.  Der
Geruch  ist  namentlich  bei  der  gepulverten  Ware
stark  und  eigentümlich  gewürzhaft,  ebenso  der
Geschmack,  der  beim  Kauen  in  lange  anhaltendes ­
  Brennen  übergeht.  Als  Träger  des  Aromas
finden  sich  0,5—10/0  ätherisches  Öl,  das  Galgantöl ­
  (lat.  Oieum  galangae,  frz.  Essence  de
galanga,  engl.  Galangal-oil),  außerdem  sind  noch
Alpinin,  Galangin  und  Kämpferid  sowie
harzartige  Substanzen  zugegen.  G.  wird  medizinisch ­
  als  Magenmittel,  ferner  als  Zusatz  zu  Elixieren ­
  und  Tinkturen,  Likören  und  Essigen  gebraucht. ­
  Es  gibt  kleine  und  große  Galgantwurzeln,
  die  aber  nur  durch.  Auslesen  gesondert
sind  und  nicht  von  verschiedenen  Gewächsen
stammen.
Galläpfel  (Gallen,  lat.  Gallae,  frz.  Galles,
Noix  de  galles,  engl.  Gall-nuts).  Dieser  technisch
außerordentlich  wichtige  Handelsartikel  besteht
aus  den  Auswüchsen,  die  von  Gallwespen,  be
sonders  an  Eichen,  hervorgerufen  werden,  indem
das  weibliche  Insekt  mit  seinem  Legestachel
die  jungen  Blattknospen,  Zweige,  Blätter  oder
Früchte  anbohrt  und  seine  Eier  einschiebt.
Durch  die  Verwundung  entsteht  ein  krankhafter
Säftezufluß  und  dadurch  eine  Anschwellung,  die
        <pb n="137" />
        Galläpfel

132

Galloflavin

fortwächst  und  im  Innern  saftig  bleibt,  bis  sich
schließlich  das  Tier  als  vollkommenes  Insekt
oder  als  Made  heraus  frißt.  Die  Gallen  müssen
möglichst  vor  dem  Zeitpunkte  des  Auskriechens,
solange  sie  noch  schwer,  grün  oder  schwarzblau
erscheinen,  gesammelt  werden,  weil  sie  dann  am
reichsten  an  Gerbsäure  sind,  während  die  vom
Tiere  verlassenen,  also  angelöcherten  G.,  die
heller,  schwammig  und  leichter  erscheinen,  geringen ­
  Wert  haben.  Der  Gerbstoffgehalt,  der
den  Wert  der  Gallen  ausmacht,  unterliegt  außerordentlichen ­
  Schwankungen,  welche  vom  Klima,
Von  der  Art  der  Eichen  und  der  Tierart  abhängen.
  Die  besten  orientalischen  Gallen,
können  60—65%  Gerbsäure  enthalten,  und  aus
diesem  Grunde  wurden  in  Europa  früher  immer
G.  aus  dem  Orient  (Kleinasien,  Syrien)  verbraucht. ­
  Weniger  Bedeutung  haben  die  G.  des
südlichen  .Europas,  —  diejenigen  der  nördlichen
Gegenden  kommen  höchstens  für  örtlichen  Gebrauch ­
  in  Betracht.  Seit  Mitte  des  vorigen
Jahrhunderts  sind  die  Preise  durch  Einführung
billigerer  chinesischer  und  japanischer  G.
wesentlich  erniedrigt  worden.  Im  allgemeinen
unterscheidet  man  drei  natürliche  Gruppen  von
Gallen:  levantische  (türkische,  orientalische),
europäische  und  chinesisch  -  japanische.
1.  Die  ersteren,  die  wieder  mehrere  Sorten  bilden
und  von  der  Gallwespe,  Cynips  tinctoria,
auf  der  stets  strauchförmig  bleibenden  Galleiche, ­
  Quercus  infectoria,  hervorgerufen
werden,  kommen  von  Kleinasien,  Syrien,  Mesopotamien ­
  über  Smyrna  und  Konstantinopel  in
den  Handel.  Sie  haben  stets  eine  rundliche
Form,  die  Größe  einer  Erbse  bis  zu  2  V2  cm
Durchmesser  und  unterscheiden  sich  von  den
übrigen  Arten  leicht  durch  die  höckerige,  stachlige ­
  Beschaffenheit  der  Oberfläche.  Wie  bei  allen
Sorten  unterscheidet  man  dunkel-  und  hellfarbige, ­
  die  entweder  noch  in  Mischung,  wie  sie  die
Natur  liefert  (in  sortis),  oder  durch  Auslesen
gesondert  (elegiert)  versandt  werden.  Von  den
jährlich  zweimal  gesammelten  G.  gelten  die
Jerli  genannten  der  ersten  Ernte  als  die  besten.
Die  gangbarste  Sorte  ist  die  mittelgroße,  sehr
höckerige  von  Aleppo  (Gallae  Halepenses).
Noch  größer,  sehr  reich  an  Tannin  und  durch
eine  feine  Bestäubung  kenntlich,  sind  die  G.  von
Mossul  am  Tigris,  die  in  Mesopotamien  gesammelt ­
  und  gewöhnlich  über  Bombay  nach  London
gebracht  werden,  während  die.  schwammigen  Tripolitaner
  und  die  syrischen  oder  Smyrnaer
G.  weniger  geschätzt  werden.  2.  Europäische
Gallen  sind  sämtlich  von  geringerer  Güte  als  die
vorigen,  leichter,  hellfarbiger  und  öfter  gefleckt,
verschieden  und  unregelmäßig  gestaltet,  glatt
oder  runzlig,  hingegen  nie  stachlig  oder  höckerig.
Unter  den  Eichbäumen,  denen  sie  entstammen,
spielt  die  Cerris-  oder  Burgundereiche  die  Hauptrolle. ­
  Als  verschiedene  Sorten  werden  gewöhnlich ­
  aufgeführt:  Morea-G.,  zyprische,  istrianer,
  ungarische,  italienische  und  französische ­
  G..  doch  geht  ihre  an  sich  geringe
Bedeutimg  um  so  mehr  zurück,  als  gute  Ware
jetzt  reichlich  aus  Asien  an  den  Markt  gebracht
wird.  3.  Die  chinesischen  und  japanischen
Gallen  werden  nicht  von  Gallwespen  auf  Eichen,
sondern  von  Blattläusen  (Aphis  Chinensis)
auf  den  Blättern  einer  Sumachart  (Rhus)  hervorgebracht. ­

  Die  dünnwandigen  Blasen  mit  geräumiger ­
  innerer  Höhlung,  die  im  Handel  teils
zerbrochen,  teils  noch  vollständig  erscheinen,
zeigen  keulenförmige  Gestalt,  hier  und  da  vorspringende ­
  stumpfeckige  Ausbuchtungen  und
eine  Länge  von  2—10  cm.  Die  sehr  leichten
Hülsen  sind  knorplig,  spröde,  auf  dem  Bruche,
harzglänzend  und  enthalten  bis  zu  70%  Gerbstoff.
—  Bei  uns  seltener  vorkommende  Sorten  sind
Guli-i-pista,  welche  aus  Persien  auf  den  in
dischen  Markt  gelangt,  sowie  Kakdasinghi  und
Padwus.  —  Die  G.  finden  ihre  hauptsächlichste
Verwendung  in  der  Färberei,  zum  Schwarz-,
Braun-  und  Graufärben  von  Wolle,  Leder,
Rauchwaren  usw.,  ferner  zur  Tintenbereitung  und
zur  Herstellung  der  Gerb-,  Gallus-  und  Pyrogallussäuren.
  Wie  bei  der  Tinte  beruht  auch  bei
der  Färberei  die  Wirkung  der  G.  darauf,  daß  ihr
Gerbstoff  mit  Eisensalzen  schwarze  Niederschläge
von,  gerbsaurem  Eisen  bildet,  während  bei  vielen
anderen  Gerbstoffen  abweichend,  z.  B.  schmutzig
grünbraun  gefärbte  Niederschläge  entstehen.
Zum  Gerben  benutzt  man  die  G.  nur  bei  gewissen
dünnen  feineren  Ledern,  Saffian  u.  dgl.,  mit  Ausnahme ­
  der  chinesischen  Gallen,  welche  hierfür
untauglich  erklärt  werden,
Gallein  (Anthrazen-  oder  Alizarinvioleti;,
ein  violetter  Phthaleinfarbstoff  (s.  d.),  wird  durch
Erhitzen  von  Phthalsäureanhydrid  mit  Gallus
säure  oder  Pyrogallol  erhalten  und  ist  demnach
ein  Pyrogallolphthalein.  Man  erhält  es  entweder
als  violetten  Teig  (en  päte),  oder  als  dunkelgrünes
metaliglänzendes  Kristallpulver,  das  in  kaltem
Wasser  wenig,  in  heißem  leichter  mit  Scharlach
roter  Farbe  löslich  ist  und  gebeizte  Wolle  violett
färbt.  Vor  allem  findet  es  als  Chromlack  in  der
Färberei  von  Wolle,  Seide  oder  Baumwolle  aus
gedehnte  Anwendung.  Die  Sulfosäure  des  G.
bildet  das  Zoerulein  (s.  d.).
Gallozyanin  (Solidviolett,  Violet  solide),
ein  blauer  Oxazinfarbstoff,  wird  durch  Einwirkung
von  salzsaurem  Nitrosodimethylanilin  auf  Gal
lussäure  oder  auf  Tannin  erhalten  und  kommt
gewöhnlich  als  grünlichgrauer  Teig  in  den  Han
del,  der  beim  Austrocknen  ein  bronzefarbenes
Pulver  bildet.  In  Wasser  ist  es  unlöslich,  in
Alkohol  mit  blauvioletter  Farbe,  in  konzentrierter
Schwefelsäure  mit  kornblumenblauer  Farbe  lös
lieh,  die  beim  Verdünnen  mit  Wasser  in  Rot
übergeht.  Der  Farbstoff  wird  in  Verbindung  mit
Chrombeize  in  der  Zeugdruckerei  zur  Herstellung ­
  von  Blau  violett  auf  Wolle  und  Baumwolle ­
  benutzt.  Prune  ist  der  Methylester  des
G.;  Delphinblau  nennt  man  die  Sulfosäure  der
Verbindung,  welche  bei  Behandlung  des  G.  mit
Anilin  entsteht;  Gallaminblau  und  Gallusblau ­
  (Tanninindigo)  sind  Analoge  des  G.,  wel
che  aus  Gallaminsäure  bzw.  Gallanilid  hergestelh
werden.
Gallollavin,  ein  in  Wasser  unlöslicher,  in
Alkohol  nur  sehr  wenig  löslicher.Farbstoff,  der
durch  vorsichtige  Oxydation  von  Gallussäure  in
wäßriger  oder  alkoholischer,  alkalischer  Lösung
erhalten  wird  und  als  grünlichgelber  Teig  in
den  Handel  kommt,  gibt  mit  Chrombeizen  auf
Baumwolle  gedruckt  einen  grünlichgelben  Lack
und  färbt  Wolle,  mit  Chromsalzen  gebeizt,  seifenecht ­
  hellgelb.
        <pb n="138" />
        Gallussäure  133  Geilnauer  Quelle

Gallussäure  (lat.  Acidum  gallicum,  frz.  Acide
gallique,  engl.  Gallic  acid)  findet  sich  im  Tee,
Divi-Divi  und  zahlreichen  Pflanzen  als  ein  Zersetzungsprodukt ­
  und  ständiger  Begleiter  der
Gerbsäure,  aus  der  sie  durch  einfache  Abspaltung
von  Kohlensäure  entsteht.  Zu  ihrer  Darstellung
wird  ein  Galläpfelauszug,  eine  Tanninlösung  oder
auch  ein  Brei  von  Galläpfelpulver  und  Wasser
unter  öfterem  Umrühren  der  Einwirkung  der
Luft  und  sich  ansiedelnder  Schimmelpilze  überlassen, ­
  bis  eine  herausgenommene  Probe  mit
Leimwasser  keinen  Niederschlag  mehr  erzeugt,
die  heiß  abfiltrierte  Lösung  mit  Kohlenpulver
eingedampft  und  der  Rückstand  mit  Alkohol
extrahiert.  Ein  anderes  Verfahren  beruht  auf  der
Umwandlung  von  Tannin  oder  Gerbsäure  durch
Kochen  mit  verdünnter  Schwefelsäure  oder  Kalilauge. ­
  Synthetisch  kann  sie  durch  Behandlung
von  Dijodsalizylsäure  mit  Kalilauge  gewonnen
werden.  Die  G,  bildet  in  reinem  Zustande  feine
weiße  Nadeln,  die  anfangs  schwach  sauer,  später
zusammenziehend  schmecken  und  in  kaltem  Wasser ­
  und  Äther  schwer,  in  heißem  Wasser  und
Alkohol  leicht  löslich  sind.  Die  wäßrige  Lösung
wird  zum  Unterschied  von  Gerbsäure  durch  Leim
oder  Eiweiß  nicht  gefällt,  durch  Eisenchlorid
aber  dunkelblau-violett  gefärbt.  Mit  wenig  Kalilauge ­
  entsteht  eine  Grünfärbung,  die  auf  Säurezusatz ­
  in  Purpurrot  umschlägt.  Beim  Erhitzen
auf  2oo°  geht  die  G.,  in  chemischer  Hinsicht
Trioxybenzoesäure,  C 6 H 2 (OH) 3 COOH,unter
Abspaltung  von  Kohlensäure  in  Pyrogallol  über,
zu  dessen  Darstellung  sie  benutzt  wird.  Ihrer
wichtigsten  Eigenschaft,  dem  Reduktionsvermögen ­
  gegen  Metallsalze,  verdankt  sie  ihre  vielfache ­
  Anwendung  in  der  Photographie.
Gamander  (Bathengel,  lat.  Herba  chamaedryos,
  frz.  Plante  fleurie  de  germandröe,  engl.
Germander)',  ein  nur  noch  selten  vorkommender
Artikel  des  Drogenhandels,  besteht  aus  dem  getrockneten, ­
  aromatisch  riechenden  und  bitter
schmeckenden  Kraute  einer  in  Süddeutschland
und  der  Schweiz  wachsenden  Labiale,  Teucrium
  Chamaedrys,  das  in  der  Volksmedizin
als  blutreinigender  Tee  verwandt  wird.
Garantol,  ein  Eikonservierungsmittel,  besteht
lediglich  aus  gelöschtem  Kalk.
Garneelen  (Granaten,  Garnaten,  frz.  Crevettes,
  engl.  Shrimps)  sind  kleine  Krabben  oder
Krebschen,  von  denen  allein  in  den  europäischen
Meeren  über  90  Arten  verkommen.  Die  gewöhnlichste ­
  derselben:  Crangon  vulgaris,  ein  seitlich ­
  zusammengedrücktes,  fleischfarbiges  und  völlig ­
  durchscheinendes  Tier,  lebt  im  seichten
Küstenwasser  rings  um  England,  an  der  französischen ­
  und  Nordseeküste  in  unerschöpflicher
Menge  und  wird  fast  das  ganze  Jahr  hindurch
täglich  lastenweise  aus  dem  Meere  geschöpft,
ohne  daß  sich  eine  Abnahme  zeigt.  Die  gefangenen ­
  Tiere  werden  sogleich  nach  dem  Landen
in  Salzwasser  abgekocht  und  vertragen  dann
fi inen  Versand  ins  Binnenland,  müssen  aber
schnell  verbraucht  werden.  Die  in  letzter  Zeit
■n  Büchsen  konservierten  Krabben  wurden  meist
durch  Zusatz  von  Borsäure  haltbar  gemacht,
doch  ist  die  Zulässigkeit  dieses  Verfahrens  von
den  medizinischen  Sachverständigen  mehrfach
Gestritten  worden.  Die  unverkäuflichen  G.  werden ­

  auch  zu  Dünger  verarbeitet,  geröstet  und  gepulvert ­
  (Granatguano).
Gaultheriaöl  (Wintergrünöl,  lat.  Oleum
gaultheriae,  frz.  Essence  de  Gaultheria,  engl.
Oil  of  Wintergreen),  ein  aus  Nordamerika  zu
uns  kommendes  ätherisches  Öl,  wurde  früher
ausschließlich  aus  der  zu  den  Heidearten  gehörigen ­
  immergrünen  Kriechpflanze  Gaultheria
procumbens,  die  besonders  im  Staate  Neulersey
  angebaut  wird,  in  Menge  von  etwa  0,7%
gewonnen.  In  gereinigtem  Zustande  ist  es  fast
•farblos,  gewöhnlich  aber  gelb  oder  rötlich  gefärbt, ­
  schwerer  als  Wasser,  1,180—1,193,  und
von  durchdringendem  Geruch  und  würzigem  Geschmack. ­
  Ein  mit  diesem  nahezu  identisches
öl  wird  aus  der  Rinde  einer  nordamerikanischen
Birke,  Betula  lenta,  gewonnen.  Das  in  gereinigtem ­
  Zustande  farblose,  meist  aber  gelb
oder  grünlich  gefärbte  Öl  vom  spez.  Gew.  1,17
und  durchdringend  aromatischem  Geruch  und
Geschmack  besteht  zum  größten  Teil  aus  Salizylsäuremethylester, ­
  welcher  auch  künstlich
aus  Salizylsäure  und  Holzgeist  hergestellt  wird.
Es  findet  bei  uns  Anwendung  zum  Parfümieren
von  Seifen  sowie  in  der  Medizin  gegen  Rheuma^
tismus,  und  ist  in  dunklen  Flaschen  vor  Licht
geschützt  aufzubewahren.
Geheimmittel.  Der  Verkehr  mit  G.,  d.  h.  zur
Heilung  oder  Verhütung  menschlicher  oder  tierischer ­
  Krankheiten  bestimmter  Präparate  von
geheim  gehaltener  Zusammensetzung  ist  im  Interesse ­
  der  Volks  Wohlfahrt  gewissen  Einschränkungen ­
  unterworfen.  Nach  der  Verordnung  des
Bundesrates  müssen  die  Gefäße  und  Umhüllungen ­
  der  besonders  namhaft  gemachten  G.  eine
Aufschrift  mit  dem  Namen  des  Mittels,  des  Verfertigers ­
  und  des  Verkäufers  sowie  dem  Abgabepreise ­
  tragen,  hingegen  dürfen  Anpreisungen  auf
diesen  Umhüllungen  nicht  angebracht  oder  beim
Verkaufe  des  Mittels  verabfolgt  werden.  Die
öffentliche  Anpreisung  der  Mittel  ist  verboten.
Bezüglich  der  weiteren,  für  Apotheker  geltenden
Bestimmungen  sowie  der  Namen  der  betreffenden ­
  Mittel  selbst  muß  auf  die  Verordnung
verwiesen  werden.  Am  14.  Juli  1903  hat  das
Sächsische  Ministerium  des  Innern  weiter  die
Ankündigung  aller  Mittel  zur  Verhütung,  Linderung ­
  oder  Heilung  von  Menschen-  oder  Tierkrankheiten ­
  verboten,  wenn  den  Mitteln  über
ihren  wahren  Wert  hinausgehende  Wirkungen
beigelegt  werden,  oder  das  Publikum  durch  die
Art  ihrer  Anpreisung  irregeführt  oder  belästigt
wird,  oder  wenn  die  Mittel  Gesundheitsstörungen
hervorzurufen  vermögen.
Geilnauer  Quelle  von  Geilnau  a.  d.  Lahn  in
Nassau  besitzt  nach  der  Analyse  von  R.  Fresenius ­
  (1857)  folgende  Zusammensetzung  für  1000
Gewichtsteile;  1,0602  g  Natriumbikarbonat,  Spur
Lithiumbikarbonat,  0,0013  g  Ammoniumbikarbonat, ­
  0,4905  g  Kalziumbikarbonat,  0,0002  g  Barium
bikarbonat,  Spur  Strontiumbikarbonat,  0,3631  g
Magnesiumbikarbonat,  0,0383  g  Ferrokarbonat,
0,0046  g  Manganoxydulbikarbonat,  0,0362  g  Natriumchlorid, ­
  0,0176  g  Kaliumsulfat,  0,0085  g
Natriumsulfat,  Spur  Aluminiumphosphat,  0,0004  g
Natriumphosphat,  Spuren  Natriumborat  und  Nitrat. ­
  9,0247  g  Kieselsäure  und  2,7866  g  freie
Kohlensäure.
        <pb n="139" />
        Gelatine

154

Gelbholz

Gelatine  (lat.  Gelatiaa,  frz.  Gelatine,  engl.
Glue).  Diesen  Namen  führt  der  reinste,  farblose
und  durchsichtige  Leim,  der  mit  besonderer  Sorgfalt ­
  aus  Kälberknochen,  bisweilen  auch,  wennschon ­
  in  geringerer  Güte,  aus  Hautabfällen  hergestellt ­
  wird.  Zur  Darstellung  der  G.  kocht  man
frische,  völlig  gereinigte  Kalbsknochen  im  Vakuum ­
  mittels  Dampf  aus,  läßt  die  zuerst  erhaltene
fetthaltige  Lösung  ablaufen,  die  später  entstehende,
völlig  fettfreie  Flüssigkeit  aber  in  nicht  zu  hoher
Konzentration  bei  erhöhter  Temperatur  stehen,
wobei  sich  alle  Verunreinigungen  zu  Boden  setzen. ­
  Die  geklärte  Lösung  wird  noch  warm  auf
polierte  Schiefer-  oder  Marmorplatten  gegossen,
die  erstarrte  Masse  in  die  Größe  der  verkäuflichen ­
  Täfelchen  zerschnitten  und  auf  Netzrahmen
gelegt,  an  der  Luft  und  schließ  .ich  in  Trockenstuben ­
  getrocknet.  Die  so  erhaltene,  völlig  geruch-
  und  geschmacklose  G.  kommt  in  Form
ziemlich  heller  und  durchsichtiger,  länglicher,
sehr  dünner  und  biegsamer,  aber  doch  zerbrechlicher ­
  Blätter,  die  meist  noch  die  Eindrücke
vom  Bindfadengeflccht  der  Trockenhorden  zeigen, ­
  in  den  Handel,  bisweilen  aber  auch  in  großen ­
  Tafeln  ohne  derartige  Eindrücke,  wie  sie
zum  Überdecken  von  Gegenständen  in  Schau
fenstern  dienen.  —  In  anderer  Weise  wird  die
nur  für  technische  Zwecke  bestimmte  G.  hergestellt, ­
  zu  der  die  verschiedensten  Knochen,
Drehspäne,  Hufe  u.  dgl.  Verwendung  finden.
Man  legt  die  Rohstoffe  nach  dem  Waschen  und
Zerkleinern  so  lange  in  verdünnte  Salzsäure,
bis  älle  mineralischen  Bestandteile  aufgelöst
sind  und  der  reine  Knorpel  übrig  bleibt,  hängt
sie  dann,  um  die  noch  anhaftende  Säure  möglichst ­
  zu  entfernen,  in  Säcken  in  fließendes
Wasser,  oder  behandelt  sie  mit  Kalkmilch  und
wäscht  mit  reinem  Wasser  nach.  Die  aus  den
Knorpeln  erhaltene  G.  zeigt  eine  gelbe  Farbe
und  wird  daher  meist  mit  schwefliger  Säure
gebleicht,  bisweilen  auch  für  den  Gebrauch  in
der  Küche  mit  Teerfarben  oder  Karminrot  gefärbt. ­
  Die  G.  besteht  zum  Unterschiede  von
Leim  (Glutin)  in  der  Hauptsache  aus  Glutose  und
besitzt  daher  nur  eine  geringe  Klebkraft,  aber
großes  Geliervermögen,  wegen  dessen  sie  mannigfache ­
  Verwendung  zu  Ernährungs-  und  technischen ­
  Zwecken  findet.  In  reinster  Form  ohne
Leimgeschmack  und  schweflige  Säure  dient  sie
zur  Herstellung  von  Gelees  in  Küche  und  Konditorei, ­
  von  Kapseln  für  schlecht  schmeckende
Arzneien  und  als  sog.  Weinschöne  (Colle  gelatine),
  die  braun  sein  kann,  zum  Klären  trüber
Werne.  Die  Technik  benutzt  G.  zum  Übergießen ­
  von  Bildern  und  zur  Herstellung  photographischer ­
  Papiere  und  Platten,  die  Wissenschaft ­
  als  bakteriologische  Nährböden.
Gelbbeeren  (Avignonbeeren,  frz.  Grains
d’Avtgnon,  Grains  de  Perse,  engl.  Yellow  berries,
Persian  berries)  nennt  man  die  unreif  gepflückten ­
  und  getrockneten  Früchte  mehrerer  Kreuzdornarten, ­
  die,  meist  in  südlichen  Ländern
heimisch,  einen  nutzbaren  Farbstoff  enthalten.
Am  geschätztesten  sind  die  großen,  grünlich
gelben  persischen  G.  von  Rhamnus  oleo-Sdes,
  doch  finden  sich  im  Handel  auch  kleine
runzlige  und  dunkelfarbige  französische  G.
(Avignonbeeren)  von  Rh.  mfectoria,  ungarische ­
  G.  von  Rh.  tinctoria  und  saxatilis  sowie ­

  die  geringwertige  sog.  deutsche  Ware  vom
gemeinen  Kreuzdorn,  Rh.  cathartica.  Die  G.
enthalten  das  Glykosid  Xanthorhamnin,  das
unter  Zersetzung  einen  gelben  Farbstoff,  Rhamnetin, ­
  abspaltet,  und  werden  daher  in  Form
ihrer  wäßrigen  Abkochung  in  der  Färberei  und
Druckerei  verwandt.  Mit  Zinn-  und  Tonerde-  I
beizen  liefern  sie  schöne,  wenngleich  nicht  be-  I
sonders  haltbare  gelbe  und  grüne,  mit  Eisenbeize
schwarzbraune  Färbungen.  Die  billigeren  Sorten ­
  dienen  mit  Zusatz  von  Alaunlösung  zur  Herstellung ­
  von  Schüttgelb.  Die  neuerdings  ein
geführten  chinesischen  G.  bestehen  aus  den
Blütenknospen  von  Sophora  japonica  und
enthalten  einen  Farbstoff,  der  mit  demjenigen
der  Querzitror.rinde  übereinstimmt.  Nach  anderen ­
  Angaben  sollen  auch  die  krozinhaltigen
Früchte  van  Gardenia  grandiflora  als  chinesische ­
  "G.  bezeichnet  werden.
Gelbholz  (lat.  Lignum  flavum,  L : gnum  citrinum,
  frz.  Bois  jaune,  engl.  Fustic-wood).  Das
echte"  Gelbholz,  gelbes  Brasilienholz,  auch  Fu
stik,  und  zwar  alter  Fustik,  zum  Unterschiede
vom  neuen  Fustik  oder  Fisetholz  (s.  d.)  ge
nannt,  stammt  von  dem  westindischen  und  süd
amerikanischen  Färbermaulbeerbaum,  Morus ­
  tinctoria,  und  ist  eins  der  vielgebrauchte-  |
sten  Farbhölzer.  Es  erscheint  im  Handel  teils
in  ganzen  scheitlangen  Stammabschnitten,  teils
zu  Scheiten  zerspalten,  oder  auch  im  Kleinver
kehr  geraspelt.  Das  Stammholz  ist  von  Rinde  !
und  Splint  befreit,  da  diese  keine  färbenden
Bestandteile  enthalten,  während  die  Holzmasse  1
auf  frischem  Schnitt  hell  zitronengelb  mit  vielen
orangegelben  Adern  durchzogen  erscheint.  Von
den  verschiedenen  Sorten  dieses  Holzes  gilt  das
schwerste  und  am  lebhaftesten  gefärbte  als  das
beste,  vor  allem  das  Kubaholz,  das  aber  nicht
nur  von  Kuba,  sondern  auch  von  den  übrigen
Antillen  kommt.  Weniger  gehaltreich  sind  Tus
pan,  Tampico,  Carmen,  Tabasco  und  Domingo. ­
  Der  Farbstoff  besteht  aus  einem  Gemisch ­
  von  Makiurin  (Moringerbsäure)  mit
Morinsäure  (an  Kalk  gebunden),  welche  in
heißem  Wasser  nicht  löslich  ist.  Das  FIolz  läßt
-sich  daher  durch  Wasser  nicht  erschöpfen,
sondern  gibt  nach  völliger  Extraktion  mitWasser
auf  Zusatz  von  Kalkmilch  noch  eine  stark
gelb  färbende  Lösung.  Der  Farbstoff  bräunt  sich
in  den  Brühen  durch  Einwirkung  der  Luft,  so
daß  diese  rasch  verbraucht  werden  müssen.  Sie
verleihen  alaungebeizten  oder  auch  schon  ungeheizten ­
  Zeugen  eine  haltbare  gelbe  Färbung,
die  den  Einwirkungen  von  Säuren  besser  als
jedes  andere  Gelb  widersteht,  doch  nicht  sehr
schön  ist.  Das  Holz  dient  daher  auch  seltener
für  sich  allein  zum  Gelbfärben,  sondern  wird
meist  in  Verbindung  mit  anderen  Stoffen  zur
Herstellung  von  Mischfarben,  so  mit  Indigo  zu
Sächsischgrün,  ferner  zu  hell  und  dunkler  braunen ­
  und  olivgrünen  Farbtönen  und  zu  Schwarz
auf  Wolle,  Seide,  Baumwolle  in  der  Färberei
und  Kattundruckerei  benutzt.  Neben  dem  Holze
kommt  auch  Gelbholzextrakt  in  den  Handel,
das  wie  Blauholzextrakt  bereitet  wird,  aber  nicht
so  spröde  und  glasartig  ist  und  eine  dunkel
schmutziggelbe  Farbe  hat.  Für  die  Zwecke  der
Zeugdruckerei  endlich  wird  aus  der  wäßrigen
Abkochung  des  G.  durch  Zusatz  von  Alaun  und
        <pb n="140" />
        Gelees

135

Geraniumöl

Ammoniak  ein  Farblack  (Gelbholzlack,  Kubalack)
  hergestellt,  der  als  olivgrüner  Teig  in  den
Handel  kommt.  Dichtes  hochfarbiges  Gelbholz
dient  auch  als  Material  in  der  Kunsttischlerei.
Gelees  (Fruchtgelees)  bestehen  wie  die  Fruchtsirupe ­
  aus  dem  mit  Rohrzucker  versetzten  Preßsaft
  frischer  Früchte,  doch  wird  bei  ihnen  das
Einkochen  so  weit  fortgesetzt,  bis  sie  nach  dem
Abkühlen  gallertartig  erstarren.  In  neuerer  Zeit
werden  auch  solche  Früchte,  die  keine  gelatinierenden ­
  Stoffe  enthalten,  unter  Zuhilfenahme'
von  Agar,  Gelatine  u.  dgl.  auf  Gelees  verarbeitet,
jedoch  sind  dann  die  abnormen  Zusätze  zu  deklarieren. ­
  Bezüglich  der  übrigen  Verfälschungen
gilt  das  unter  Fruchtsäften  bzw.  Himbeersaft
Angeführte.
Gelsemiumwurzel  (lat.  Radix  gelsemii,  frz.
Racine  de  Gelsemium,  engl.  Gelseinium  root),
die  getrocknete  Wurzel  der  im  südlichen  Teile
der  Vereinigten  Staaten  heimischen  Loganiazee
  Gelsemium  sempervirens,  kommt  in
Form  zylindrischer  bis  3  cm  dicker  Stücke  in
den  Händel,  deren  faserige  Rinde  mit  einer
geibbräunlichen  Korkschicht  bedeckt  ist,  während ­
  der  feste  weiße  Holzzylinder  auf  dem  Querschnitte ­
  grob  porös  und  strahlig  erscheint;  Die
Rinde  enthält  eine  eigentümliche  Säure,  die
Gelseminsäure,  und  zwei  giftige  Alkaloide,
das  Gelsemin  und  Gelseminin.  G.  findet
als  Abkochung,  Tinktur  oder  Fluidextrakt  medizinische ­
  Verwendung  z.  B.  gegen  Keuchhusten.
Auf  d#i  chinesischen  Markt  kommt  unter  dem
Namen  H  umeng-tsao  ,  eine  ähnliche  giftige
Wurzel,  die  von  Gelsemium  elegans  abstammen ­
  soll.
Gemüsedauerwaren  (Gemüsekonserven).
Als  Gemüse  schlechthin  bezeichnet  man  im  allgemeinen, ­
  abgesehen  von  dem  sächsischen  Gebrauche, ­
  auch  Teigvvaren,  Grütze,  Reis  u.  dgl.  als
Trockengemüse  zu  benennen,  frische  Pflanzenteile, ­
  in  erster  Linie  Blätter  (Kohl,  Spinat),  Blüten
(Blumenkohl),  junge  Schößlinge  (Spargel),  unreife ­
  Früchte  von  Leguminosen  (Erbsen,  Bohnen,
Schotengemüse)  und  Wurzeln  (Rüben,  Möhren, ­
  Schwarzwurzeln)  und  unterscheidet  meist
die  letzteren,  das  Wurzelgemüse,  von  dem
sog.  grünen  Gemüse.  Meist  rechnet  man  auch
Gurken  und  Pilze  zu  ihnen.  Die  frischen  Gemüse,
deren  einzelne  Vertreter  in  besonderen  Abschnitten ­
  besprochen  sind,  bilden  wegen  ihres  Wohlgeschmackes ­
  und  ihres  Mineralstoffgehaltes  wertvolle ­
  Bestandteile  der  menschlichen  Nahrung,
sind  aber  wegen  ihres  hohen,  86—96%  betragenden ­
  Wassergehaltes  arm  an  Nährstoffen  und  wenig
haltbar.  Zur  Erhöhung  der  Haltbarkeit  führt
man  sie  durch  Trocknen,  Sterilisieren  oder  einen
Gärungsvorgang  in  Dauerwaren  über,  von  denen
das  Dörrgemüse  an  anderer  Stelle  abgehandeJt
  ist.  Zur  Herstellung  der  zweiten  wichtigsten
Gruppe,  der  Büchsenkonserven,  werden  die
gereinigten  Pflanzenteile  in  der  Regel  zunächst
•mt  Wasser  oder  Salzwasser  vorgekocht,  oder
besser  gedämpft  (blanchiert),  womit  vielfach
e in-e  Bleichung  durch  schweflige  Säure  oder
Sulfite  oder  eine  Grünfärbung  durch  Teerfarbstoffe ­
  oder  Kupfersalze  (Reverdissage)  verbunden ­
  ist,  und  darauf  in  Gläsern  oder  Metallbüchsen
  bis  zur  Abtötung  aller  Keime  erhitzt.
Hie  schließlich  zugelöteten  Büchsen  werden  in

der  Regel  aus  verzinntem  Eisenblech  (Weiß
blech)  hergestellt  und  sind  im  Innern  zum
Schutze  mit  einem  Lacküberzuge  (Vernierung)
versehen.  Bezüglich  der  gesetzlichen  Vorschriften
für  die  Dosen  sei  auf  „Konserven“  verwiesen.
Die  Büchsenkonserven  werden  von  zahlreichen
deutschen  Fabriken  in  ausgezeichneter  Beschaffen
heit  von  jahrelanger,  ja  praktisch  unbegrenzter
Haltbarkeit  hergestellt.  Infolge  mangelhafter
Sterilisation  eingetretenes  Verderben  offenbart
sich  meist  durch  Auftreibung  (Bombage)  der
Büchsen  und  das  Auftreten  übler  Gerüche.  Als
unzulässig  gilt-  der  Zusatz  chemischer  Konservie
rungsmittel  (Salizylsäure),  hingegen  wird  ein  ge
ringer  Gehalt  an  schwefliger  Säure  (bis  0,1250/0)
und,  aus  Rücksicht  auf  die  ausländische  Konkurrenz, ­
  an  Kupfer  (bis  0,01  °/o)  geduldet.  Es  sind
aber  Bestrebungen  der  Fabrikanten  bemeikbar,
die  Kupferung,  die  nach  dem  Farbengesetz  ver
boten  ist,  aufzugeben.  Von  den  durch  Milch
säuregärung  haltbar  gemachten  Gemüsen  (Salz
höhnen,  Sauerkraut)  ist  Sauerkraut  besonders
besprochen  worden.
Genever,  ein  feiner,  aus  Getreide  bereiteter,
ursprünglich  holländischer  Branntwein,  besitzt
einen  schwachen  Geschmack  nach  Wacholderbeeren, ­
  die  man  bei  der  Destillation  in  geringer
Menge  zusetzt.
Genteies  Grün  wird  durch  Fällen  von  Kupfer
vitriol  mit  einer  neutralisierten  Lösung  von  Zinn
in  Königswasser  dargestellt.  Es  ist  in  chemi
scher  Hinsicht  zinnsaures  Kupfer  und  findet
als  schöne  grüne  Farbe  Anwendung,  unterliegt
aber  trotz  der  angeblichen  Ungiftigkeit  den  für
kupferhaltige  Farben  (s.  d.)  erlassenen  Vorschriften. ­

Geraniumöl  (lat.  Oleum  geranii,  frz.  Essence
de  göranium,  engl.  Geranium-oil).  Unter  diesem
Namen  finden  sich  verschiedene  ätherische  Öle
im  Handel,  die  rosenähnlichen  Geruch  besitzen
und  durch  Destillation  von  verschiedehen  Geranium- ­
  oder  Pelargoniumarten  in  einer  Ausbeute ­
  von  1—2  °/o  hergestellt  werden.  Als  Herstellungsgebiete ­
  sind  zu  nennen:  R6union,  Algier,
Frankreich  und  Spanien.  Die  G.  verschiedener
Herkunft  sind  hellgelbe  bis  bräunliche  und  grünliche ­
  Flüssigkeiten,  deren  spez.  Gew.  bei  o,88S  bis
0,907  liegt.  Sie  lösen  sich  in  dem  dreifachenVolum
70  0/0  igem  Alkohol  und  drehen  die  Ebene  des
polarisierten  Lichtes  nach  links  («,,  =  —  6,5  bis
—  16).  Ihr  wichtigster  Bestandteil  ist  das  Gera
niol  (C 1( )H 18 0),  neben  welchem  noch  ein  zweiter ­
  Terpenalkohol,  Zitronellol,  C l0 H 19 .OH,  auf
tritt.  G.  dient  zum  Parfümieren,  ferner  zur  Ver
fälschung  des  Rosenöls  und  wird  selbst  viel
fach  durch  fette  Öle,  Kokosfett,  Terpentinöl  und
dergleichen  verfälscht.  Das  indische  Gera
niumöl  oder  Palmarosaöl,  manchmal  auch
türkisches  G.  genannt,  wird  in  Indien  aus
einer  Grasart,  Palmarosagras,  Cymbopogon
Martini,  gewonnen  und  kommt  in  niedrigen,
kupfernen  Ramieren  von  75  kg  Inhalt  in  den
Handel.  Es  ist  noch  reicher  an  Geraniol,  75  bis
95  %,  als  Geraniumöl,  enthält  aber  kein  Zitro
nellol.  Seine  Verwendung  in  der  Parfümerie
ist  gleichfalls  sehr  ausgedehnt,  auch  wird  es
viel  zum  Verfälschen  des  Rosenöls  und  des
eigentlichen  Geraniumöls  benutzt.
        <pb n="141" />
        Gerbematerialien

136

Getah-Lahoe

Gerbematerialien  nennt  man  eine  Reihe
pflanzlicher  Stoffe,  die  wegen  ihres  Gehaltes
an  Gerbsäure  (Tannin)  die  tierische  Haut  in
Leder  umwandeln.  Das  älteste  und  wichtigste
Mittel  ist  die  Eichenrinde  mit  s—18%  Gerbstoff, ­
  neben  welcher  die  Rinde  von  Fichten
und  anderen  Koniferen  mit  einem  Tanningehalt
  von  5—io°/o  mehr  oder  weniger  zurücktritt. ­
  In  Rußland  findet  Weidenrinde  zur
Herstellung  des  Juchtenleders  Anwendung,  Neuerdings ­
  haben  einige  ausländische  G.  wegen  ihres
hoben  Tanningehaltes  auch  für  den  inländischen
Markt  große  Bedeutung  gewonnen,  so  die  Rinde
australischer  Akazien  und  Mimosen  mit  25  bis
30%  Tannin,  das  Quebrachoholz  (25—30 0 /o),
die  als  Sumach  bezeichneten  Blätter  von  Rhus
cotinus  und  coriaria  (10—30°/o),  die  Fruchtbecher ­
  asiatischer  Eicheln  (Valonea  mit  20  bis
40%  Tannin),  die  Schoten  einiger  Leguminosen;
Myrobalanen  (20—4o°/o),  Divi-Divi  (35  bis
45  0/0)  und  vor  allem  die  sehr  gerbstoffreichen
Drogen,  wie:  Gallen,  Katcchu,  Kino,  Garnbir.
  Zur  Verringerung  der  Beförderungskosten
werden  die  genannten  Stoffe  vielfach  auch  in
Extraktform,  als  Gerbextrakte,  in  den  Verkehr ­
  gebracht.
Gerbsäure  (Gerbstoff).  Mit  diesem  Namen
belegt  man  in  der  Chemie  eine  Anzahl  schwach
saurer  Pflanzenstoffe,  die  alle  darin  übereinstimmen, ­
  daß  sie  mit  Eisenoxydsalzen  dunkel
schwarzblaue  oder  dunkelgrüne  Färbungen  geben
und  durch  Leimlösung  gefällt  werden.  Im  Handel ­
  findet  sich  jedoch  bis  jetzt  nur  eine  dieser
G.,  die  Galläpfelgerbsäure,  Tannin  (lat.
Acidum  tannicum,  frz.  Acide  tannique,  engl.Tannic
  acid).  Sie  ist  auch  stets  gemeint,  wenn  man
das  Wort  G.  ohne  nähere  Bezeichnung  gebraucht, ­
  denn  die  «übrigen  G.,  wie  z.  B.  Eichenrindengerbsäure, ­
  Kaffeegerbsäure,  Ratanhia-  und
Chinagerbsäure,  Katechugerbsäure  usw.,  bilden
keine  Handelsartikel.  Zur  Herstellung  der  G.
benutzt  man  fast  ausschließlich  die  chinesischen
Galläpfel,  die  im  gemahlenen  Zustande  mit  einem
Gemisch  von  Alkohol  und  Äther  extrahiert  werden. ­
  Nach  dem  Abdestillieren  des  Ätheralkohols
bleibt  die  G.  als  eine  feste,  spröde  Masse  zurück,
die  gepulvert  wird  und  die  gewöhnliche  Handelsware ­
  für  technische  Zwecke  (lat.  Acidum  tannicum ­
  technicum)  bildet.  Sie  ist  ein  amorphes,
bräunlichgelbes  Pulver  von  eigentümlichem  Geruch, ­
  während  für  medizinische  Zwecke  ein
reineres,  geruchloses  Präparat  von  hellgelblicher
Farbe  benutzt  wird.  Außerdem  hat  man  noch
unter  dem  Namen  Acidum  tannicum  levissimum
eine  äußerst  leichte,  lockere,  glänzende,  .  fast
weiße  Sorte,  die  durch  Verdampfen  der-  Gerbsäurelösung ­
  im  Vakuumapparate  dargestellt  wird.
Sie  unterscheidet  sich  hinsichtlich  der  Reinheit
nicht  von  der  anderen  Sorte,  sondern  ist  nur
schaumig  aufgetrieben.  Eine  gute  G.  muß  sich
in  destilliertem  Wasser  leicht  und  klar  auflösen.
Beim  Erhitzen  schmilzt  sie  und  zersetzt  sich
zwischen  210  und  215°  C  in  Pyrogallussäure,
Kohlensäure  und  Melangallussäure.  Ihre  Zusammensetzung ­
  entspricht  der  Formel  C U H 10 Q 9 ,
doch  ist  die  frühere  Ansicht,  daß  sie  als  das
Anhydrid  der  Gallussäure  (Digallussäure)  anzusprechen ­
  sei,  durch  neuere  Forschungen  widerlegt. ­
  Auch  enthält  sie  keinen  Zucker  und  kann

daher  nicht  wie  viele  andere  Gerbsäuren  oder
Gerbstoffe,  die  nach  Kunz-Krause  besser  als
Tannoide  bezeichnet  werden,  zu  den  Glykosiden
gerechnet  werden.  Verwendung  findet  sie  als
Beize  beim  Färben  von  Baumwolle  mit  Anilin
färben,  zum  Schönen  des  Weins  bei  gleichzeitiger
Anwendung  von  Hausenblase,  in  der  Photographie ­
  und  zu  medizinischen  Zwecken.
Gerste  (lat.  Hordeum,  frz.  Orge,  engl.  Barley)..
Diese  wichtige  Getreideart  ist  eine  Pflanze  der
gemäßigten  Zone  und  findet  sich  in  allen  Erdteilen ­
  von  der  Grenze  der  Tropen  bis  zum  70.
Grad  nördl.  Breite.  Sie  ist  ziemlich  anspruchslos, ­
  kommt  selbst  im  Himalaya  und  in  Peru  bis
zu  Höhen  von  2800  m  fort  und  reift  überall
da,  wo  ein  kurzer  aber  warmer  Sommer  ihren
Anbau  ermöglicht.  Am  besten  gedeiht  sie  auf  sandigem ­
  Lehmboden  mittleren  Kaikgehaltes,  der  sich,
im  Zustande  guter,  aber  nicht  frischer  Düngung
befindet.  Die  einzelnen  Arten  der  G.  unterscheidet ­
  man  in  vielzeilige,  vierzeilige  und  zweizeilige
und  rechnet  zu  den  ersteren  die  sog.  sechszeilige ­
  (Hordeum  hexastichum),  die  nur  in
wärmeren  Lagen  als  Sommer-  und  Winterfrucht
gebaut  wird,  und  die  gemeine  G.  (H.  vul
gare),  die  weniger  zur  Malzbereitung,  als  zur
Ernährung,  dient  und  nördlich  der  Rebenltetie
vorkommt.  Die  zweizeilige  oder  kleine  G.
(H.  distichum)  liefert  hauptsächlich  das  Malz,
und  gedeiht  nur  als  Sommerfrucht  von  der  ge
mäßigten  bis  zur  warmen  Zone.  Die  Vegetations
dauer  der  vierzeiligen  G.  umfaßt  63—98,  diejenige ­
  der  zweizeiligen  100—159,  und  diejenigeder
  Wintergerste  280—322  Tage.  In  ihrer  chemischen ­
  Zusammensetzung  und  dem  Bau  der  Stärkekörner ­
  ähnelt  die  G.  dem  Weizen  und  enthält
im  Mittel  i3°/o  Wasser,  to°/o  Protein,  2  °/o  Fett,
4,5  0/0  Rohfaser,  h,s  °/o  Asche  und  68  °/o  Kohlenhydrate. ­
  Je  nach  dem  Gehalt  an  Stickstoffsubstanz ­
  wird  sie  von  den  einzelnen  Industrien,
verschieden  bewertet,  indem  der  Brauer  die
stickstoffarme,  mehlige  G.  (s.  Malz),  der  Brenner
eine  glasige,  Stickstoff  reiche  bevorzugt,  weil  letztere ­
  mehr  Diastase  liefert.  Ein  einfaches  Mittel
zur  Unterscheidung  bietet  die  Bestimmung  des
Hektoliter-  oder  1000-Körner-Gewichtes  und  die-Untersuchung
  auf  Glasigkeit  mittels  des  Fannotoms.
  G.  wird  hauptsächlich  als  Malz  in  der
Brauerei  und  Brennerei  verwandt.  Zur  menschlichen ­
  Ernährung  dient  sie  meist  in  Form  von.
Graupen  oder  Grütze,  seltener  als  Mehl  zum  Brotbacken ­
  sowie  als  Kaffee-Ersatz  (s.  d.).  In  Nordafrika ­
  und  Arabien  wird  sie  auch  als  Futter  für
Pferde,  bei  uns  nur  für  Geflügel  benutzt.
Qerstenzucker  (Malzzucker,  lat.  Saccharum
  maltis)  nannte  man  früher  die  durch  Ein
kochen  eines  mit  Zucker  versetzten  Auszuges
aus  Gerste  oder  Malz  erhaltene  feste  Masse.  Zurzeit ­
  wird  meist  eine  gewöhnliche  Zuckerlösung,
eingekocht  und  auf  glatte,  geölte  Platten  gegossen, ­
  darauf  in  Streifen  geschnitten,  schraubig.
gedreht  und  auf  Blechen  getrocknet.
Gesundheitsgeschirre  (Sanitätsgeschirre)
nennt  man  diejenigen  Topfgeschirre,  die  keine
Bleiglasur,  sondern  irgendeine  andere  giftfreie
Glasur  besitzen.
Getah-Lahoe  (Sumatrawachs),  ein  vegetabilisches ­
  Wachs,  das  auf  der  Insel  Sumatra  aus
dem  Milchsäfte  von  Ficus  ceriflua  (Jungh.)-
        <pb n="142" />
        Getee

137

Gewürznelken

gewonnen  und  dort,  wie  auch  in  Java,  gleich
dem  Bienenwachse  benutzt  wird,  ist  eine  harte,
graue  Masse  vom  spez.  Gew.  0,963  und  dem
Schmelzpunkt  61 0  C,  die  sich  vollständig  in  kochendem ­
  Weingeist  und  in  Äther  löst.
Getee  (Getel,  engl.  Jetee  fibre),  die  Bastfaser
von  Marsdenia  tenacissima,  einer  in  Ostindien ­
  wachsenden  Pflanze,  wird  in  ihrer  Heimat ­
  wegen  ihrer  Festigkeit  und  ihres  seidenartigen ­
  Glanzes  viel  verarbeitet.
Getreide  (Zerealien,  Halmfrüchte,  frz.
Blö,  Grains,  engl.  Corn,  Grain).  —  Unter  G.
versteht  man  im  engeren  Sinne  die  Samen  von
Weizen,  Roggen  und  Gerste,  im  weiteren  Sinne
auch  noch  Mais,  Hafer,  Reis,  Buchweizen  und
Hirse.  Das  Getreide  des  Handels  ist  niemals
völlig  rein,  sondern  enthält  immer  gewisse  Verunreinigungen, ­
  wie  Körner  anderer  Getreidearten, ­
  Brandpilzsporen  („spitzbrandiger  Weizen“),
Mutterkorn  (s.  d.),  Unkrautsamen  (Taumellolch,
Kornrade  usw.),  tierische  Parasiten  (Kornwurm,
Weizenälchen),  Erde,  Steine  Draht,  Nägel,  Stroh,
Sackbänder  usw.  Der  absichtliche  Zusatz  derartiger ­
  Fremdstoffe  („Besatz“)  ist  selbstredend
unzulässig,  aber  auch  der  Gehalt  an  zufälligen
Verunreinigungen  soll  eine  bestimmte  Höhe  von
1—2V2°/o  nicht  überschreite^.  Für  Getreide,  das
zur  unmittelbaren  Vermahlung  bestimmt  ist,  sog.
Mahlgut,  ist  der  Gehalt  an  Besatz  vom  Österr.
Lebensmittelbuch  zu  höchstens  0,5  °/o  (davon
höchstens  0,2  °/o  Mutterkorn)  festgesetzt,  auch
darf  es  nicht  in  starkem  Maße  durch  Brandsporen ­
  verunreinigt  sein.  Verboten  ist  weiter  das
Besprengen  des  Getreides  mit  Wasser  und  der  Zusatz ­
  von  Hintergerste  und  Haferhülsen.  Unzulässig ­
  erscheint  die  Beförderung  in  verunreinigten, ­
  feuchten,  übelriechenden  Wagen  oder
Schiffsräumen,  oder  die  Lagerung  in  ungeeigneten ­
  Magazinen,  in  denen  es  verderben  kann.
Für  die  Beurteilung  sind  besonders  von  Wichtigkeit: ­
  Farbe,  Glanz  und  Größe  der  Körner,  der
Griff,  der  Geruch,  das  Hektolitergewicht,  das
^oo-Körncr-Gewicht,  die  Glasigkeit  (bei  Weizen
und  Gerste),  die  Keimfähigkeit,  der  Gehalt  an
Besatz,  Wasser,  Spelzen,  Rohprotein  (bei  Gerste).
Her  Handel  mit  G.  bildet  den  wichtigsten  Zweig
des  Binnen-  wie  des  Welt-,  des  Klein-  wie  des
Großhandels,  und  zwar  sowohl  hinsichtlich  der
Größe  des  Umsatzes,  als  auch  seiner  Bedeutung
Jur  das  Volkswohl.  Er  dient  dem  Massenverbrauch ­
  für  arm  und  reich  in  allen  Klimaten
u nd  Weltteilen  und  verdient  die  abseitigste  Förderung, ­
  weil  die  Ernten  an  einzelnen  Orten  in
hohem  Grade  durch  die  Witterung  beeinflußt
Werden,  während  die  verbesserten  Beförderungsv
 erhältnisse  durch  Eisenbaimen  und  Schiffahrt
lttl  großen  und  ganzen  Schwankungen  über  oder
unter  die  Mittelpreise  verhindern.  Nur  bei  noch
unentwickeltem  Verkehr,  wie  z.  B.  in  Rußland,
°der  im  Innern  von  Asien  und  Afrika,  gibt  es
uueh  jetzt  noch  Hungersnöte  an  einzelnen  Stellen ­
  und  weite  Strecken  mit  herrenlos  wachsendetn
  Getreide  oder  unverwertbarer  Massenanhäutu
 ng  zu  gleicher  Zeit.  In  Mittel-  und  Westeuropa
kommen  Notpreise  nur  noch  örtlich  vor,  wenn
*tn  Winter  die  Unzulänglichkeit  der  Ernte  sich
zeigt,  wohin  die  Zufuhr  nicht  zur  Ausgleichung ­
  gerichtet  werden  kann.  Die  jetzigen  Einkehlungen ­
  haben  dem  Getreidehandel  eine  große

Festigkeit  gegeben.  Die  großen  Saat-  und  Getreidemärkte ­
  (Wien,  Leipzig,  London,  Amsterdam ­
  usw.),  die  vor  der  Ernte  abgehalten  werden,
dienen  dem  Zwecke,  über  den  Jahresertrag  in
den  einzelnen  Ländern  Klarheit  zu  verschaffen,
um  hiernach  Ab-  und  Zufuhr  regeln  zu  können.
Sie  bilden  gewissermaßen  eine  internationale
Versicherung  gegen  Notpreise  (zu  hohe  oder  zu
niedrige)  und  bewirken  im  großen  und  ganzen
die  Erhaltung  eines  angemessenen  Durchschnittssatzes ­
  (bezeichnet  mit  loo),  bei  welchem  sich  sowohl ­
  die  Landwirte  als  die  Verbraucher  am
wohlsten  befinden.  Der  Massenverbrauch  an  G.
ist  dadurch  bedingt,  daß  es  das  Hauptnahrungsmittel ­
  der  Menschen  bildet  sowie  als  Futtermittel ­
  für  die  Haustiere  und  als  Rohstoff  zur
Gewinnung  technischer  Erzeugnisse  dient.  Als
wichtigste,  aus  Getreide  hergestellte  Nahrungsund ­
  Genußmittel  sind  Bier  (Gerste,  Weizen),
Branntwein  (Gerste,  Roggen,  Mais),  Stärke  (Weizen. ­
  Mais)  namhaft  zu  machen.  Getreide  ausführende ­
  Länder  sind  besonders  Rußland,  die  Vereinigten ­
  Staaten,  Ostindien,  Rumänien,  Ägypten,.
Südamerika  und  Australien.  Gleichgewicht  im
Verbrauch  und  Erzeugung  zeigen  Österreich-Ungarn
  (früher  starke  Mehrausfuhr)  und  Frank
reich  (früher  Mehreinfuhr).  Der  steten  Einfuhr
bedürfen  Großbritannien  und  Irland,  Spanien,
Italien,  Belgien,  die  Niederlande,  Portugal,  Finnland, ­
  die  Schweiz,  Griechenland,  Norwegen  und
in  geringem  Grade  auch  Deutschland,  welches
bis  etwa  1870  noch  Mehrausfuhr  besaß,  bei  einer
Erzeugung  von  rund  30  Millionen  Tonnen.  —  Sehr
wichtig  für  den  Handel  mit  G.  ist  die  sorgfältige
Aufbewahrung,  die  im  Süden  in  Silos  (Gruben
in  der  Erde),  im  Norden  in  besonderen  Getreide
türmen  mit  Bewegungsvorrichtungen,  auf  Spei
ehern  (Kornböden)  oder  in  Zylindern  geschieht.
Gewürze  (frz.  Epi.cös,  engl.  Spiee)  ist  der  Sam
melname  für  eine  große  Zähl  pflanzlicher  Drogen
(Samenkörner,  Knospen,  Rinden,  Wurzeln,  Blätter ­
  und  Kräuter),  die  wegen  ihres  hohen  Gehaltes
an  ätherischen  Ölen,  stark  aromatischen  Geruchs
und  feinen  Geschmacks  in  der  Küche,  in  der
Bäckerei,  zur  Herstellung  von  Likören  und
Zuckerwaren,  in  Apotheken,  Drogenhändlungen
usw.  Verwendung  finden.  Der  Handel  mit  den
meist  aus  den  Tropen  stammenden  G.  war  ursprünglich ­
  Monopol  der  Holländer,  die  noch
jetzt  einen  bedeutenden  Umsatz  in  G.  haben.
Soweit  .von  Bedeutung,  finden  sie  ihre  Beapre
chung  unter  den  besonderen  Namen.
Gewürznelken  (Nelken,  Näglein,  lat.  Ca
ryophylli,  frz.  Girofies,  engl.  Cloves).  Dieses
beliebte  Gewürz  .besteht  aus  den  noch  nicht
völlig  entfalteten,  getrockneten  Blüten  des  Nelkenbaumes ­
  (Caryophyllus  ,  aromaticus,
Eugenia  caryophyllata),  .eines  schönen
immergrünen  Baumes  aus  der  Familie  der  Myttazeen,
  der  in  seiner  Belaubung  dem  Lorbeer ­
  ähnelt  und  im  Schmucke  seiner  Blütenbüschel ­
  mit  ihren  fleischigen,  roten  Kelchen
und  weißen  Köpfchen  einen  prächtigen  Anblick
gewährt.  Die  Pflanze  ist  auf  den  Molukken
heimisch  und  wird  auf  Amboina,  ferner  in  großem ­
  Maßstabe  auf  Zanzibar  und  Pemba  sowie
in  geringeren  Mengen  in  den  westindischen  französischen ­
  Kolonien  angebaut.  Als  beste  Sorte
gelten  die  ostindischen,  auch  Amboina-,
        <pb n="143" />
        Gewiirzöl

138

Gips

Molukken-  oder  englische  Compagnie-N.
genannt;  dann  folgen  die  dunkleren  Zanzibarund
  Madagaskar-N.,  und  schließlich  die  ganz
minderwertigen  amerikanischen  Antillen-,
Kayenne-  oder  Bourbon-N.  Die  Blüten  werden ­
  noch  im  Knospenzustande  gepflückt,  auf
Matten  über  schwachem  Feuer  etwas  geräuchert,
wobei  sie  ihre  braune  Farbe  annehraen,  an  der
Sonne  völlig  getrocknet  und  von  den  Stielen
befreit.  Der  Wert  der  N.  hängt  von  ihrem
Gehalt  an  ätherischem  Öl  (s,  Nelkenöl)  ab,  der
t6—20%  beträgt.  Daneben  enthalten  sie  noch
9°/o  Fett,  6°/o  Protein,  9,S°/o  Rohfaser,  7,5  °/o
Asche  und  45  °/o  Extraktstoffe.  Marktfähige
Ware  muß  schwer  und  voll,  ohne  Schrumpfung
und  holzige  Trockne,  vielmehr  biegsam  und
weich  sein  und  vor  allem  das  Köpfchen  noch
haben,  weil  dieses  zur  Erhaltung  de,s  Öles  dient.
Beim  Drücken  mit  dem  Nagel  muß  reichlich  Öl
zutage  treten.  Die  G.  unterliegen  zahlreichen
Verfälschungen,  von  denen  die  Beimengung  extrahierter ­
  Ware  oder  von  Stielen  am  häufigsten
ist.  Die  erstere  erkennt  man  daran,  daß  sie  beim
Drücken  kein  Öl  austreten  läßt  und  im  Wasser
in  horizontaler  Lage  schwimmt,  während  vollwertige ­
  G.  in  Wasser  untersinken  oder  sich  doch
senkrecht  stellen.  Der  Gehalt  an  ätherischem
Öl  soll  mindestens  io%,  der  Gehalt  an  Stielen
höchstens  10%  betragen.  Die  gebräuchlichste
Verfälschung  der  gemahlenen  G,,  Mehl  und
Zwieback,  erkennt  man  leicht  mit  Hilfe  des
Mikroskops,  weil  G,  keine  Stärke  enthalten.  Eine
einfache  Vorprüfung  besteht  in  dem  Verstäuben
des  Pulvers  auf  Eisenchloridlösung,  wobei  alle
echten  Teilchen  sich  blau  färben.  Die  zur  Verfälschung ­
  benutzten  Blüten  stiele  (Nelkenstiele, ­
  Nelkenstengel,  Fusti)  enthalten  s  bis
6°/o  eines  dem  Nelkenöle  ähnlichen,  aber  weniger ­
  angenehm  riechenden  ätherischen  Öles  und
bilden  einen  zur  Bereitung  von  Parfüm  und  Li
kören  benutzten  Handelsartikel,  ebenso  die  reifen
Früchte  des  Nelkenbaumes,  die  Mutternelken
(lat.  Anthophylli,  frz.  Fruits  de  girofle,  engl.
Mother  Cloves),  welche  zu  Teegemischen  und
Augenwässern  beschränkte  Anwendung  finden.
Gewürzöl,  ein  Gemisch  verschiedener  ätherischer ­
  Öle  (Zitronen-,  Zimt-,  Kardamomen-,  Mazisöl
usw.),  das  von  Drogisten  als  Zusatz  zu  Backwaren
verkauft  wird.
Gießhübler  Sauerbrunnen  von  Gießhübl-Puchstein
  in  Böhmen.  Die  obere,  sog.  Künig-Otto-Quelje,
  und  die  untere  Quelle  haben  für  1000
Gewichtsteile  folgende  Zusammensetzung:  Bikarbonate ­
  des  Natriums:  1,1928  bzw.  1,0768g,
Kahums  0,1086  (0,0860)  g,  Lithiums  0,0104
(0,0006)  g,  Kalziums  0,3438  '0,0222)  g,  Strontiums
0,0029  g  (—),  Magnesiums  0,2134  (0,1341)  g,  Eisen
oxyduls  0,0036  ;o,cc&amp;gt;75)g,  Manganoxyduls  0,0014
(0,0009)  g;  Chlorkalium  0,0304  to,0216)  g;  Kaliumsulfat
  0,0339  (0,0291)  g;  Tonerde  0,0029  (0,0027)  g.
Kieselsäure  0,0594  (0,0450)  g;  organische  Stoffe
0,0010  (0.0018)  g  und  freie  Kohlensäure  2,3739
(1,8507)  g.
Giftlattich  (lat.  Herba  lactucae  virosae,  frz.
Herbe  de  laitue  vireuse,  engl.  Wild  Lettuce),
eine  zweijährige,  besonders  im  südlichen  und
südwestlichen  (Europa  heimische,  zum  medizinischen ­
  Gebrauche  dienende  Komposite,  Lactuca
  virosa,  enthält  einen  brennend  scharfen

und  bitteren  Milchsaft,  der  teils  in  Form  eines
weingeistigen  Extrakts  (lat.  Extractum  Lactucae
virosae,  frz.  Extrait  de  laitue  vireuse,  engl-Extract
  of  Lettuce)  aus  den  frischen  Blättern
und  Blüten,  teils  als  sog.  Lactucarium  (frz.
Lactucarium,  engl.  Lettuce  Opium)  angewandt
wird.  Das  letztere  ist  der  an  tler  Luft  erhärtete ­
  Saft,  der  durch  Einschnitte  in  den  Stengel
ausgeflossen  ist,  eine  bräunliche  Masse  von  kratzend-bitterem
  Geschmack  und  opiumähniiehem
narkotischen  Geruch.  Außer  diesem  Extrakt,
das  in  Deutschland  und  England  auf  dieselbe
Weise  gewonnen  wird,  benutzt  man  besonders  in
Österreich  und  Frankreich  den  gewöhnlichen
Gartensalat  (Lactuca  sativa)  zur  Darstellung
von  Lactucarium,  das  ebenso,  aber  viel  schwächer
wirkt  als  das  vorige.
Gin  nennt  man  verschiedene,  in  England  gebräuchliche ­
  Sorten  von  Getreidebranntwein,  der
mit  Gewürzen  destilliert  wird.
Gingslly  ist  eine  Art  ostindischer  Raps,  der
dort  in  bedeutender  Menge  angebaut  und  sowohl
im  Lande  selbst  verbraucht,  als  auch  für  die
Zwecke  der  Ölgewinnung  nach  England  ausgeführt ­
  wird.  Haupthandelsplätze  für  den  als
weißen  und  schwarzen  unterschiedenen  G.  sind
Kalkutta  und  Curachee.
Ginsengwurzel  (Kraftwurzel,  lat.Radix  ninsi
s.  Ginseng,  frz.  Racine  de  ginseng,  engl.  Ginseng-root),
  eine  von  den  Chinesen  als  Stärkungsoder ­
  Reizmittel  hochgeschätzte  Droge,  stammt
von  Panax  quinquefolius,  einer  Pflanze,  die
bei  uns  in  Gärten  und  Anlagen  als  Blattpflanze
nicht  selten  vorkommt.  In  unserem  Arzneischatz ­
  hat  sich  die  Droge  keine  Stelle  erringen
können.
Gips  (Sparkalk,  lat.  Gypsum,  Calcium  sulfuricum
  ustum,  frz.  Gypse,  Blätre,  engl.  Gypsum),
ein  aus  wasserhaltigem,  schwefelsaurem  Kalk
Kalziumsulfat),  CaS0 4 ,  bestehendes  Mineral,  findet ­
  sich  in  verschiedenen  Abarten,  teils  dicht
und  derb  als  festanstehendes  Gestein,  teils  in
faserigen  Aggregaten  (Fasergips)  oder  als  lokl-.ere
  schuppige  Masse  (Schaumgips),  oder  endlich ­
  in  mehr  oder  weniger  großen  Kristallen  als
Gipsspat,  Fraueneis  oder  Marienglas  (lat.
Glacies  Mariae,  frz.  Verre  fossile,  engl.  Moon
Stone).  Auch  der  Alabaster  ist  seiner  che
mischen  Zusammensetzung  nach  wasserhaltiges
Kalziumsulfat.  Der  G.  ist  weicher  als  der  Kalkstein ­
  und  läßt  sich  daher  leicht  gewinnen.  Das
meist  weiße,  seltener  farbige  Mineral  löst  sich
in  ungefähr  400  Teilen  Wasser,  verliert  beim  Erwärmen ­
  über  100 0  Wasser  und  ist  bei  170°  voll
kommen  wasserfrei.  Auf  der  Eigenschaft  dieses
sog.  gebrannten  G.,  beim  Anrühren  mit  einer
bestimmten  Menge  Wasser  unter  chemischer
Bindung  desselben  wieder  zu  erhärten,  beruht
seine  Anwendung  zur  Herstellung  von  Abgüssen.
Zu  letzterem  Zwecke  wird  er  in  feingemahlenen'
Zustande  in  den  Handel  gebracht.  Zu  stark  ge
brannter,  d.  h.  bis  auf  220 0  erhitzter  G.  verliert
die  Eigenschaft,  Wasser  zu  binden  und  damit  zu
erhärten,  und  wird  dann  als  totgebrannt  be
zeichnet.  Wasserfreier  G.  findet  sich  auch
schon  in  der  Natur  als  fest  anstehendes  Gestein
und  heißt  mineralogisch  Anhydrit.  Der  gemahlene ­
  natürliche  G.  wird  zuweilen  unter  dem
Namen  Annalith  oder  Terra  alba  als  Füll ­
        <pb n="144" />
        Girofle

139

Glas

snasse  für  Papier  oder  zur  Herstellung  weißer
Glanzpapiere  verwandt.  Den  gebrannten  G.  benutzt ­
  man  zu  Gipsgußarbeiten,  namentlich:  Gipsfiguren, ­
  Stukkaturarbeiten,  Gipshoblformen,  ferner ­
  zu  chirurgischen  Zwecken  {Gipsverband),  zu
Estrich,  zum  Stereotypieren  usw.;  den  totgebrannten ­
  zu  gewissen  Glasurmassen.
Giroflö  (Methylenviolett),  ein  Safraninfarbstoff, ­
  wird  durch  Einwirkung  von  salzsaurem
Nitrosodimethylanilin  auf  ein  Gemenge  von  salzsaurem
  Metaxylidin  und  Paraxylidin  erhalten.
Das  braune,  in  Wasser  mit  roter  Farbe  lösliche
Pulver  wird  im  Kattundruck  zum  Tönen  von
Alizarinviolettdruckfarben  benutzt  und  färbt  gebeizte ­
  Baumwolle  rotviolett.
Glas  (lat.  Vitrum,  frz.  Verre,  engl.  Glass)  ist  ein
amorphes  Gemenge  verschiedener  Silikate,  besonders ­
  des  Kalzium-,  Kalium-  und  Natrium-  sowie
des  Bleisilikats.  Vom  chemischen  Standpunkte
aus  unterscheidet  man  zwischen  Kalium  Kalzium
glas,  Natrium-Kalziumglas.  Kalium-Bleiglas  und
Aluminium-Kalzium-Alkaliglas.  Das  Kalium-Kalziumglas ­
  liefert  das  böhmische  Glas,  das
vollständig  farblos  ist  und  sich  durch  Schwerschmelzbarkeit ­
  sowie  durch  Härte  und  Widerstandsfähigkeit ­
  auszeichnet.  Das  Natrium-Kalziumglas ­
  ist  bläulich,  leichter  schmelzbar,  aber
härter  ;ils  das  vorige  und  wird  als  französisches ­
  Glas  bezeichnet.  Aus  ihm  werden  die
gewöhnlichen  Trinkgefäße,  das  Fensterglas,  die
chemischen  Glasgeräte  sowie  das  zu  optischen
Zwecken  benutzte  Crownglas  bereitet.  Das
Kalium-Bleiglas,  zu  dem  das  Flintglas  und  der
Strass  gehören,  zeichnet  sich  durch  hohes  spez,
Gew.  und  starke  Lichtbrechung  aus.  Das  .  Alußv.nium-Kalzium-Alkaliglns
  endlichbezeichnetman,
da  es  meistens  zur  Herstellung  von  Flaschen
dient,  als  Bouteiüenglas.  Es  enthält  fast  stets
Elsensilikate  und  ist  deshalb  gelblich  oder  grünlich ­
  gefärbt.  —  Als  Rohmaterialien  zur  Glashereltung
  dienen  hauptsächlich  Kieselsäure,
Kalk,  Natron,  Kali  und  Blei.  Die  Kieselsäure
"drd  in  Form  von  Sand,  Feuerstein  oder  Quarzstücken ­
  verwandt,  der  Kalk  entweder  als  Kalkspat. ­
  Marmor  und  Kreide  (weißes  G.)  oder  von
Mergel  und  Kalkaschen  ^grünes  G.),  das  Natron
"i  Gestalt  von  Glaubersalz  oder  Soda,  das  Kali
als  gereinigte  oder  robe  Pottasche,  und  das  Blei
als  Mennige  oder  Glätte.  Die  färbende  Eigenschaft ­
  verschiedener  Metalloxyde,  wie  Eisenoxyd,
Kobaltoxyd,  Kupferoxyd,  wird  bei  der  Erzeugung
farbiger  Gläser  verwertet.  Um  aus  gewöhnlichem ­
  G.,  das  infolge  seines  Eisengehaltes  fast
'trimer  grünlich  oder  gelblich  erscheint,  weißes
G.  zu  gewinnen,  entfärbt  man  es  durch  Mangan-Superoxyd
  oder  durch  Mennige,  arsenige  Säure,
Selen  und  Salpeter.  Ein  wichtiges  Material  zur
Glasbereitung  bietet  schließlich  auch  der  aus
Glasscherben  der  verschiedensten  Herkunft  begehende ­
  Glasbruch.  Zur  Herstellung  des  G.
"drd  der  Satz,  die  je  nach  der  Glassorte  zusammengestellte ­
  Mischung,  gemahlen  und  in
feuerfesten  Tiegeln  (Glasbäfen)  in  Schmelzöfen
fGlasöfen)  geschmolzen.  Die  sich  dabei  auf  der
Dberfläche  ansammclnde  Glasgalle,  die  aus
dünnflüssigen,  durch  die  Kieselsäure  nicht  ge
Mtcdenen  Salzen  besteht  und  nebst  den  Blasen,
Knoten,  Steinen  und  Streifen  die  sog.  Fehler
“ es  G.  bildet,  muß  entfernt  werden.  Infolge

ihrer  Zähigkeit  eignet  sich  die  flüssige  Masse
nicht  zum  eigentlichen  Gießen  in  Formen,  vielmehr ­
  ist  alles  sog.  gegossene  G.  in  Formen
gepreßt,  und  selbst  die  Spiegeltafeln  verdanken
hre  Flächen  nicht  ausschließlich  dem  Guß,  sondern ­
  nebenbei  der  Preßwalze.  Die  meisten  Glaswaren ­
  werden  daher  geblasen,  und  zwar  nicht
nur  die  eigentlichen  Hohlglaswären,  sondern
auch  das  Fensterglas  und  die  Gläser  zu  den  billigeren ­
  Spiegeln.  Durch  geschicktes  Hantieren  mit
der  aufgeblasenen  Masse,  Schwenken,  Drehen,
Rollen.  Stauchen  und  mit  Anwendung  sehr  einfacher ­
  Werkzeuge,  wie  Blaserohr  (Pfeife),  Stäben, ­
  Scheren  und  Stangen  formt  der  Glasarbeiter,
indem  er,  so  oft  als  nötig,  die  erstarrende  Masse
am  Feuer.wieder  erweicht,  aus  einem  Klumpen
Glasmasse  die  verschiedensten  Gegenstände.
Durch  mechanische,  mit  Preßluft  arbeitende  Vorrichtungen ­
  nach  Sie  wert  u.  a.  ist  die  Handarbeit
vielfach  erleichtert  und  zum  Teil  verdrängt  worden. ­
  Flaschenblaseinaschinen  nach  Owens  u.  a.
stellen  Gegenstände  aus  Hohlglas  in  ungeheurer
Menge  völlig  automatisch  her.  Das  Fensteroder ­
  Tafelglas  wird  entweder  als  Mondglas
oder  als  Walzenglas  hergestellt.  Ersteres  erhält ­
  man  durch  Blasen  einer  großen,  hohlen  Kugel, ­
  die  durch  Abziehen  von  der  Pfeife  geöffnet
und  nun  so  lange  in  Drehung  versetzt  wird,  bis
sie  sicli  in  eine  Scheibe  von  1,5  m  Durchmesser
umgewandelt  hat.  Nach  dem  Erkalten  wird  sie
in  mondförmige  Stücke  zerschnitten,  während
das  ,  Mittelstück  (Ochsenauge)  zu  Butzenscheiben
Verwendung  findet.  Zur  Gewinnung  des  Walzenglases ­
  wird  vor  der  Pfeife  ein  größerer  Zylinder
geblasen  und  dieser  nach  dem  Durchschneiden
auf  einer  im  Streckofen  befindlichen  Platte  mittels ­
  besonderer  Polierhölzer  geglättet.  Das
Spiegelglas  entsteht  meist  durch  Gießen  und
Walzen  sowie  durch  nachheriges  Schleifen  und
Polieren.  Die  gewölbten  oder  parabolischen
Fensterscheiben  erhält  man  aus  ebenen  Tafeln
dadurch,  daß  man  sie  auf  gewölbten  gußeisernen
Platten  im  Glühofen  erweichen  läßt,  bis  sie  sich
auf  der  Unterlage  überall  angelegt  haben.  In
ähnlicher  Weise  werden  die  Uhrgläser  aus  dem
Rohen  gebildet.  Das  sog.  Musselin-  oder  Jalousieglas, ­
  das  durch  weiße  Verzierung  teilweise ­
  undurchsichtig  gemacht  ist,  wird  entweder
durch  Ätzen  mit  Flußsäure  oder  durch  Einbrennen
eines  aus  Knochenasche  und  leicht  flüssigem  G.
bestehenden  Musters  hergestellt.  Gegossenes,
Voh  gelassenes  Tafelglas  wird  gegenwärtig  vielfach ­
  zu  Bedachungszwecken  für  Lichthöfe,  Eisenbahnhallen
  und  Gewächshäuser,  starkes  Tafelglas, ­
  meistens  das  sog.  rheinische  Doppelglas,
zu  photographischen  Platten  benutzt.  Die  ge
staltenreichste  Gruppe  der  Glaswaren  bildet  das
Hohlglas,  das  alle  gefäßartigen  Glaskörper,
Zylinder,  Flaschen  usw.  umfaßt  und  in  Grünhohlglas, ­
  ordinäres  Weißglas  und  Kristallglas ­
  unterschieden  wird.  Das  Haupterzeugnis ­
  bilden  Flaschen,  von  den  rein  weißen
Medizinflaschen  bis  zu  den  dunkelgrünen  Bierund
  Champagnerflaschen  und  den  mächtigen,
zur  Aufnahme  von  Säuren,  Petroleum,  Ölen  usw.
bestimmten  Ballonen.  ,  Alle  diese  Hohlkörper
werden  geblasen,  sei  es  aus  freier  Hand  oder
mit  Benutzung  von  Hohlformen,  in  deren  Innern
das  Auf  blasen  der  Glasmasse  erfolgt.  Die  An-
        <pb n="145" />
        Glas

140

Glaubersalz

Wendung  der  letzteren  ist  besonders  dann  geboten, ­
  wenn  die  Gefäße  eine  andere  als  runde
Form  haben,  oder  an  der  Oberfläche  irgendwie
gemodelt  oder  wie  geschliffen  aussehen  sollen.
Derartig  durch  Formen  verzierte  Hoh'g'äser  pflegt
man  gepreßte  zu  nennen,  wiewohl  diese  Bezeichnung ­
  eigentlich  nur  solchen  Waren  zukommt, ­
  welche  wie  Teller,  Salzfässer  usw.  wirklich ­
  durch  Einpressen  von  glühender  Glasmasse
zwischen  die  zwei.  Teile  einer  Metallform  hergestellt
  sind.  Zur  Färbung  der  Gläser  werden
dem  Glasflüsse  verschiedene  Metalloxyde  hinzugesetzt. ­
  Kupferoxyd  färbt  smaragdgrün,  Manganoxyd
  violett,  Kobaltoxyd  blau,  Kupferoxyd  und
Gold  rot.  Zinnoxyd  macht  die  Glasmasse  weiß
und  undurchsichtig  (Emailglas)  und  gibt,  in
Verbindung  mit  Farben,  matte  farbige  Gläser.
Die  bunten  Glasfenster  sind  meist  durch  Überfangen ­
  erzeugt,  ;d.  h.  man  plattiert  eine  weiße
Glasschicht  mit  einer  dünnen,  farbigen,  was
dieselbe  Wirkung  hervorruft,  als  sei  die  Masse
durch  und  durch  gefärbt.  Geschliffene  Hohlglaswaren ­
  werden  durch  Schleifen  auf  umlaufenden ­
  Scheiben  aus  Eisen,  Sandstein  und  Holz
hergestellt,  wobei  noch  Sand  und  Schmirgel  als
Schleifmittel  Verwendung  finden,  vielfach  auch
mit  dem  Sandgebläse  oder  der  Sandblasmaschine
bearbeitet.  Glasröhren  erhält  man  durch
schnelles  und  gleichmäßiges  Ausziehen  einer
Glasblase  nach  zwei  Richtungen  hin,  Glasperlen ­
  entweder  durch  Zerschneiden  von  Glasröhren ­
  und  Abschleifen  der  Kanten,  oder  durch
direktes  Blasen  an  der  Lampe,  facettierte
Perlen  auch  durch  Pressen  der  Glasmasse  in
zangenartigen  Formen.  Das  englische  Kristall- ­
  oder  Flintglas,  ein  bleihaltiges  G.,  das
aus  sehr  reinen  Materialien  besteht  und  zu  optischen ­
  Gläsern  und  Linsen  dient,  wird  in  kleinen
Tiegeln  dargestellt  und  nach  dem  Zerschlagen
der  letzteren  durch  Schleifen  weiter  zugerichtet.
Straß  ist  ein  sehr  bleireiches  G.,  aus  welchem
künstliche  Edelsteine  und  Similidiamanten  hergestellt ­
  werden;  der  künstliche  Aventurin,  ein
mit  glänzenden  Flittern  durchsetztes  Glas.  Durch
gewisse  Zusätze  werden  neuerdings  Glassorten
von  ganz  besonderen  Eigenschaften  erzeugt.  Mit
geringen  Borsäuremengen  hergestelltes,  sog.  Euphosglas,
  ist  für  ultraviolette  Strahlen  undurchlässig ­
  und  daher  für  Brillen  empfohlen  worden.
Durch  Verwendung  von  Barium  an  Stelle  des
Bleies  und  von  Borsäure  an  Stelle  der  Kieselsäure ­
  erhält  man  die  sehr  widerstandsfähigen
Baryt-  und  Boratgläser.  Erhebliche  Zusätze
von  Magnesia  (9%)  und  Zinkoxyd  (6  °/o)  zu  gewöhnlichem ­
  Bleiglas  erhöhen  die  Elastizität  und
liefern  das  besonders  für  Bergmannslampen  benutzte ­
  unzerbrechliche  Glas,  das  plötzliche
Abkühlung  von  100  auf  15 0  durch  Eintauchen  in
Wasser  verträgt.  Noch  überlegen  ist  ihm  das
Schottsche  Borosilikat-Verbundglas  für
Wasserstandsrühren  an  Dampfkesseln,  das  bei
2,s  mm  Stärke  einen  Druck  von  300  Atm.  aushält
und  bei  230 0  mit  kaltem  Wasser  abgeschreckt
werden  kann.  Die  Eigenschaften  des  G.  sind  je
nach  der  Zusammensetzung  verschiedene.  Das
spez.  Gew.  beträgt  bei  Alkalikalkgläsern  2,400
bis  2,600,  bei  Alkalibleigläsern  3—4.  Die  Härte
steigt  mit  zunehmendem  Kieselsäuregehalt,  Gegen
Säuren  besitzt  Glas  eine  große  Widerstandsfähigkeit, ­

  während  Alkalien  es  mehr  oder  weniger
angreifen.  Beachtenswert  ist  das  Verhalten  des
G.  gegen  verschiedene  Temperaturen,  Bei  der
Herstellung  schnell  abgekühltes  G.  zerspringt
sehr  leicht,  während  bei  zu  langsamer  Abkühlung
eine  Entglasung  stattfindet  und  die  Masse  porzellanartig ­
  wird.  Werden  bis  fast  zum  Erweichen
erhitzte  Glasgegenstände  in  ein  warmes  Fettoder ­
  Paraffinbad  eingetaucht,  erhält  man  das
sich  durch  große  Härte  und  Dehnbarkeit  auszeichnende ­
  PI  artglas.  Das  Lichtbrechungsvermögen ­
  ist  bei  rasch  gekühltem  G.  doppelt  so
groß  als  bei  langsam  gekühltem,  Glas  ist  ein
schlechter  Leiter  der  Wärme  und  Elektrizität  und
zeigt  ein  eigentümliches  Verhalten  gegen  direktes ­
  Sonnenlicht,  indem  fast  alle  Glasarten  durch
dieses  verschiedenartig  gefärbt  werden.  Fabriken ­
  für  grünes  und  ordinäres  weißes  Hohl-  und
Fensterglas  sind  jetzt  überall  verbreitet,  da  sie
nicht  mehr  ausschließlich  auf  Waldgegenden
angewiesen  sind,  sondern  allgemein  mit  Steinund
  Braunkohlen  arbeiten.  Am  meisten  findet
die  Holzfeuerung  noch  in  Böhmen  statt,  das
nächst  Venedig  der  älteste  Sitz  der  Glasmacherei
ist  und  dessen  Industrie  lange  Zeit  die  erste  war.
Zurzeit  haben  wir  auch  in  Deutschland  zahlreiche
hervorragende  Glasfabriken,  insbesondere  die
Thüringer  (Jena)  Gläser  sind  in  der  ganzen  Welt
berühmt.  ..
Glaspapier  nennt  man  das  beka'nnte,  durch
Ankleben  von  Flintstein-  oder  Glaspulver  unter
Anwendung  von  Leim  auf  Papier  hergestellte
Schleifpapier,  das  zum  Abschleifen  von  Holz,
Leder  u.  a.  benutzt  wird.  Zum  Abschleifen  von
Metall  nimmt  man  an  Stelle  von  Glas  und  Flintstein ­
  Schmirgel  in  Form  von  Schmirgelpapier
und  -leinen.  Alle  vorstehenden  Sorten  werden,
je  nach  der  Körnung  des  Grundstoffes,  in  verschiedenen ­
  Feinheitsgraden  hergcstellt.
Glaswolle.  Unter  diesem  Namen  kommt  ein
außerordentlich  lockeres  und  leichtes,  im  Äußeren ­
  der  gereinigten  Baumwolle  ähnliches  Material ­
  in  den  Handel,  das  aus  äußerst  feinen
Glasfäden  besteht  und  zum  Filtrieren  von  starken
Säuren,  Laugen,  Silberbädern  usw.  benutzt  wird,
G.  wird  in  verschiedenen  Feinheitsnummern,
von  Nr.  o  bis  Nr.  3,  im  Preise  von  150—160  Mfür
  1  kg  in  der  Weise  hergestellt,  daß  man  von
einem  fortwährend  im  Glühen  erhaltenen  Glasstabe ­
  das  dünn  ausgezogene  Ende  auf  die  Peripherie ­
  eines  sich  schnell  umdrehenden  großen
Rades  wirft.  Der  aufgehaspelte  Faden  zerbricht
beim  Abnehmen  vom  Rade  in  einzelne  Stücke,
die  sich  lockenartig  zusammenrollen.
Glaubersalz  (Natriumsulfat,  schwefeL
saures  Natrium,  lat.  Natrium  sulfuricum,  frz.
Sulfate  de  soude,  engl.  Sulphate  of  sodium,
Sodium  sulphate).  Das  Salz  hat  seinen  Namen
von  dem  Arzt  und  Alchimisten  Glauber,  der  es
1658  als  ein  besonderes  Salz  erkannte  und  als
Glaubersches  Wundersalz  (Sal  mirabile  Glauberi)
in  die  Chemie  einführte.  Der  Stoff  kommt  in
zweierlei  Zuständen  vor,  als  kristallisiertes
Salz,  die  gewöhnliche  käufliche  Form,  das  eigentliehe
  G.,  in  großen  farblosen,  schief  rhombischen, ­
  längsgestreiften  Säulen,  und  als  wasserfreies ­
  Salz.  Das  erstere,  Na 2 S0 4 -f-ioH 2 0,  enthält ­
  in  100  Teilen  19,36  Natron,  24,8t  Schwefelsäure ­
  und  25,83  Kristallisationswasser,  das  li;tz-
        <pb n="146" />
        Glidin

141

Glühlampen

tere  besteht  aus  43,82  Natron  und  56,18  Säure.
Beim  Liegen  an  trockener  warmer  Luft  verwittert
■das  kristallisierte  Salz,  indem  sich  die  Kristalle
durch  allmähliches  Verdunsten  des  Wassers  mit
einer  weißen  Schicht  bedecken  und  endlich  in
eine  pulverförmige,  nahezu  wasserfreie  Masse
verwandeln.  In  der  Hitze  schmilzt  das  Salz  anfänglich ­
  in  seinem  eigenen  Wasser,  bis  dieses
verjagt  ist  und  das  wasserfreie  Salz  zurückbleibt.
Das  schwefelsaure  Natron  ist  in  der  Natur
weit  verbreitet.  Es  findet  sich  aufgelöst  im
Meerwasser,  in  den  Salzsolen  und  verschiedenen
anderen  Mineralquellen  (Karlsbad.  Friedrichshall, ­
  Püllna  usw.),  als  Ausblühung  am  Erdboden,
namentlich  in  Steppen  in  der  Nähe  von  Seen,
in  Rußland,  Ungarn  usw.  Fertig  gebildet  als
festes  Mineral  in  Begleitung  von  Gips,  Ton,
Steinsalz  wird  das  G.  ebenfalls  nicht  selten
angetroffen,  z,  B.  in  der  Baseler  Gegend  nesterweise ­
  in  Gips,  in  Oberösterreich  als  Adern  in
Salzstöcken,  in  großen  Lagern  in  mehreren
Gegenden  Spaniens  mit  Gips  und  Ton.  Auch
der  Pfannenstein  der  Salzsiedereien  besteht  hauptsächlich ­
  aus  Gips  und  G.,  und  außerdem  entsteht ­
  es  als  Nebenerzeugnis  bei  der  Bereitung
von  Jod  und  Brom  aus  Meerpflanzenasche.  Größere ­
  Mengen  des  Salzes  werden  bei  verschiedenen ­
  chemisch-technischen  Prozessen,  namentlich ­
  bei  Darstellung  von  Salpetersäure,  aus  Chilesalpeter ­
  gewonnen.  Der  hierbei  erhaltene  Rückstand ­
  enthält  jedoch  stets  mehr  Schwefelsäure
■als  das,  G.,  da  man  einen  Überschuß  der  letzteren ­
  anwendet,  und  ist  daher  gewöhnlich  als
■anderthalbschwefelsaures  Natron,  zuweilen ­
  auch  als  doppeltschwefelsaures  Natron,
Natriumbisulfat  (lat.  Natrium  bisulfuricum,
frz,  Bisulfate  de  soude,  engl.  Bisidfate  of  sodium),
  anzusprechen.  Er  wird  unter  dem  Namen
Weinsteinsurrogat  von  den  Färbern  als
Beize  benutzt.  —  Die  größten  Mengen  von  G.
wurden  bisher  bei  der  Herstellung  von  Soda
aus-  Kochsalz,  bei  welcher  letzteres  zunächst
in  G.  verwandelt  Wird,  gewonnen.  Diese  Ware,
aus  wasserfreiem  G.  bestehend,  wird  in  Fabrik
und  Handel  gewöhnlich  als  Sulfat  bezeichnet.
Aus  diesem  Sulfat  läßt  sich  durch  Auflösen  in
heißem  Wasser  und  Kristallisieren  leicht  das  gewöhnliche ­
  G.  herstellen.  Für  manche  Zwecke
braucht  man  es  aber  wie  es  ist,  ohne  Wassergehalt, ­
  namentlich  zur  Glasbereitung,  wenn  auch
nur  für  ordinäre  Gläser.  Das  G.  dient  außerdem
Ms  Reagens  in  der  Chemie,  technisch  bei  Bereitung ­
  des  Ultramarins,  als  Bestandteil  von
Kältemischungen  usw.,  medizinisch  als  Abführmittel. ­
  Es  muß  für  diesen  Zweck  durch  mehrmaliges ­
  Umkristallisieren  gereinigt  und  von  fremden ­
  Stoffen,  wie  Metallsalzen,  Gips,  Bittersalz,
Kochsalz,  befreit  sein.  Wird  die  Kristallisation
e 'ner  Glaubersalzlösung  durch  Umrühren  gestört,
So  fällt  es  in  kleinen  nadelförmigen  Kristallen
211  Boden.
Glidin  ist  ein  Nährpräparat  der  Firma  Dr.
Klopfer  in  Leubnitz  bei  Dresden,  das  im  wesenthchen
  aus  Weizenkleber  besteht  und  daneben
n °ch  Lezithin  enthalten  soll.
Glimmer  (frz.  Verre  de  Muscovic,  Mica,  engl.
Glist),  ein  weit  verbreitetes  Mineral,  bildet  einen
Wesentlichen  Gemengteil  mehrerer  Massengesteine,
besonders  des  Granits,  Gneißes  und  Glimmerschiefers, ­

  in  welchen  es  in  Form  kleiner  Schüppchen ­
  vorhanden  ist.  Seltener  findet  sich  der
Gl.  auf  Gängen  im  Granit  in  großen  Blättern
und  Platten,  die  eine  technische  Verwendung
gestatten.  Seiner  chemischen  Zusammensetzung
nach  ist  er  ein  Doppelsilikat  von  Tonerde  mit
Alkalien  oder  Magnesia  und  enthält  als  unwesent
liehe  Beimengungenbisweilen  etwas  Mangan,  Eisen
und  Kalk.  Die  wichtigste  Art,  der  Kaliglim
mer  oder  Muskovit,  besitzt  meist  eine  helle  Färbung ­
  und  läßt  sich  in  außerordentlich  dünne
Blätter  spalten,  die  völlig  durchsichtig  sind  und
an  Stelle  von  Glas  benutzt  werden.  Vor  letzterem
hat  er  den  Vorzug  der  größeren  Elastizität  und
Biegsamkeit  sowie  der  größeren  Widerstands
fähigkeit  gegen  Hitze  und  dient  daher  zur  Her
Stellung  von  Scheiben  in  Maschinenwerkstätten,
Kriegsschiffen,  Schmelz-  und  Dauerbrandöfen,
ferner  von  Schutzbrillen  für  Arbeiter  gegen
Einfliegen  von  Metall-,  Stein-  und  Glassplitter,
strahlende  Hitze  usf.  Die  kleineren  Bruchstücke
werden  zur  Verzierung  von  Spielwaren,  Galan
teriewaren  und  Buntpapier  benutzt.  Das  metall
glänzende  Aussehen  hat  oft  die  Hoffnung  auf
Goldfunde  erweckt  und  dem  Gl.  den  Namen
Katzengold  eingetragen.  Hauptfundorte  sind
Ural.  Nordamerika,  Ostindien  und  China.  Auch
in  den  deutsch-afrikanischen  Kolonien  scheinen
einige  abbauwürdige  Lager  zu  sein.  Der  meist
schwarze  Magnesiaglimmer  (Biotit)  .  findet
sich  besonders  in  den  jüngeren  Eruptivgestei
nen:  Porphyren  und  Trachyten.  Der  rosenrote
Lithionglimmer  oder  Lepidolith  von  Penig
in  Sa.  bildet  das  wichtigste  Ausgangsmaterial
für  Lithiumpräparate.
Globe-Öl  (Vulkanöl,  Phönixöl),  ein  aus
westvirginisc.hem  Rohpetroleum  hergestelltes
Schmieröl  vom  spez.  Gew.  0,885,  ist  säurefrei,
kältebeständig  und  verharzt  nic.ht.  Auch  setzt  es
nach  wochenlangem  Stillstand  der  Maschinen
keine  trockenen  Massen  ab.
Glühlampen  für  elektrisches  Licht  nennt  man
diejenigen  Beleuchtungskörper,  in  welchen  dünne
Fäden  von  leitendem  (Metalle)  oder  nichtleiten
dem  (Kohle,  Metalloxyde)  Material  durch  den
elektrischen  Strom  zum  Glühen  gebracht  wer
den,  und  welche,  falls  die  als  Widerstand  ein
geschaltete  Substanz  verbrennlich  ist,  natürlich
luftleer  gemacht  oder  mit  einem  .indifferenten
Gase  gefüllt  sein  müssen.  Am  verbreitetsten  und
bekanntesten  unter  den  Lampen  der  letzten  Kate
gorie  ist  die  Kohlenfadenlampe.  Von  den
neuerdings  in  großer  Zahl  konstruierten  G.
kommt  besonders  die  Osmiumlampe  in  Be
tracht,  bei  der  ein  aus  Osmiummetall  und  gewissen ­
  Zusätzen  hergestellter  Faden  in  Weißglut
versetzt  wird.  Die  O.,  die  ein  überaus  helles,  rein
weißes  Licht  liefert,  hat  den  Vorzug  geringen
Stromverbrauchs  und  geringer  Empfindlichkeit
gegen  Spannungsschwankungen.  Ihr  höherer
Preis  wird  durch*  die  lange  Brenndauer  aus
geglichen.  Die  Tantallampe  enthält  äußerst
feine  Fäden  von  metallischem  Tantal.  Sie  ver
braucht  nur  halb  soviel  Strom  wie  die  Kohlen
fadenlampe  und  hat  eine  Brenndauer  von  über
1000  Stunden.  Die  Zirkon-  und  Osramlampen
enthalten  Fäden  von  Zirkon,  bzw.  einer  Legierung
aus  Osmium  und  Wolfram.  Die  Nernstlampe
mit  offener  lufthaltiger  Birne  beruht  auf  der
        <pb n="147" />
        Glühstifte

142

Glyzerin

Beobachtung,  daß  gewisse,  bei  gewöhnlicher
Temperatur  nicht  leitende  Substanzen  bei  höheren ­
  Temperaturen  den  elektrischen  Strom
leiten.  Sie  enthält  als  Glühkörper  ein  Stäbchen
aus  Magnesia,  welches  durch  eine  automatisch
wirkende  Heizvorrichtung  vorgewärmt  und  dann
erst  durch  den  elektrischen  Strom  zum  Glühen
gebracht  wird.  Der  Stromverbrauch  ähnelt  demjenigen ­
  der  Tantallampe.  Dem  hohen  Preise
steht  der  geringere  Stromverbrauch  und  die
längere  Brenndauer  entgegen.  Als,  Nachteil  der
N.  ist  zu  erwähnen,  daß  sie  nur  für  größere
Lichtstärken  hergestellt  wird.
Glühstifte  für  Taschenwärmeöfchen,  wie  sie
vielfach  ins  Feld  gesandt  wurden,  bestehen  aus
einem  Gemische  von  Lindenholzkohlenpulver  mit
einem  Klebemittel  (Tragant,  Stärke)  und  etwas
Salpeter,  das  in  Form  zylindrischer  Stäbe  gebracht ­
  und  dann  getrocknet  wird.  Sorgfältiges
Mischen  ist  wesentlich,  da  die  Stifte  sonst  schief
brennen  oder  vorzeitig  erlöschen.
Glühstrümpfe  für  Gasglühlicht  (Auerlicht),
Spiritus-  und  Petroleumglühlicht  werden  in  der
Weise  hergestellt,  daß  man  ein  feines  Baumwollengewebe ­
  mit  einer  Lösung  von  Salzen  der
seltenen  Erden,  meist  Thoriumnitrat  mit  i°/o
Zernitrat,  tränkt  und  darauf  die  Faser  durch
Glühen  zerstört.  Das  in  Form  des  Gewebes
hinterbleibende  Gerüst  von  Metalloxyden  wird,
um  ein  Zerbröckeln  beim  Versand  zu  verhindern, ­
  mit  Lösungen  elastischer  Substanzen,  wie
Guttapercha  oder  Kollodium,  getränkt,  die  dann
beim  Gebrauch  schnell  abbrennen.  Die  Anwendung ­
  der  G.  hat  eine  erhebliche  Gasersparnis ­
  zur  Folge,  ihre  Brenndauer  beträgt  gegen
Soo  Brennstunden.
Glutol,  ein  gelbweißliches,  in  Wasser  unlösliches ­
  Pulver,  wird  durch  Behandlung  von  Gelatine ­
  mit  Formaldehyd  dargestellt  und  findet
als  antiseptisches,  blutstillendes  Wund.treupulver
Anwendung.  Mit  ihm  identisch  ist  das  ebenfalls
als  Formaldehydgelatine  anzusprechende  Glutoform.

Glykoformal  nennt  Lingner  die  zur  Füllung
seines  Desinfektionsapparates  bestimmte  Mischung ­
  von  io  Teilen  Glyzerin,  15  Teilen  Wasser
und  75  Teilen  Formaldehyd.
Glykolsäure  (Oxy  essigsäure),  eine  organische ­
  Säure  von  der  Formel  CH 2 (OH).COOH,
ist  als  eine  Essigsäure  aufzufassen,  in  der  ein
WasserstoffatomderMethylgruppedurchHydroxyl
ersetzt  ist.  Die  Säure,  die  in  den  Woüwaschwässern,
  in  unreifen  Weintrauben,  in  den  Blättern ­
  des  wilden  Weins  und  im  Rübensaft  vorkommt, ­
  wurde  früher  nur  als  chemisches  Präparat ­
  durch  Erhitzen  von  Monochloressigsäure
mit  Wasser,  Kaliumkarbonatlösung  oder  Kalziumkarbonat ­
  hergestellt,  hat  aber  neuerdings
größere  praktische  'Bedeutung  erlangt,  seitdem  es
gelungen  ist,  sie  in  großen  Mengen  aus  Oxalsäure ­
  durch  Reduktion  mit  Zink  und  Schwefelsäure ­
  oder  durch  Elektrolyse  zu  gewinnen.  Die
G.  bildet  bei  80 0  schmelzende  Kristalle,  die  sich
in  Wasser,  Alkohol  und  Äther  lösen.  Die  wäßrige, ­
  rein  sauer  schmeckende  Lösung  ist  während
des  Krieges  als  Ersatz  organischer  Pflanzensäuren
für  gewisse  Zwecke  der  Nahrungsmittelindustrie,
u.a.  zur  Herstellung  von  Kunsthonig,  empfohlen
worden,  wird  unter  normalen  Verhältnissen  aber

hierfür  viel  zu  teuer  sein,  da  1  kg  über  100  M.
kostet.
Glykosal,  ein  neues  Heilmittel,  wird  durch
Erhitzen  von  Glyzerin  mit  Salizylsäure  und  Mineralsäuren ­
  hergesteilt  als  ein  weißes  Kristall- 1
pulver  vom  Schmelzpunkt  76°,  das  sich  leicht  in
heißem  Wasser  und  Alkohol,  schwierig  in  Chloroform ­
  und  Äther  löst.  Es  ist  der  Salizylsäureester
des  Glyzerins  und  findet  an  Stelle  der  Salizylsäure ­
  medizinische  Anwendung.
Glykoside  (Glukoside)  nennt  man  eine  besonders ­
  im  Pflanzenreiche  weit  verbreitete
Gruppe  organischer  Verbindungen,  die  beim
Kochen  mit  Säuren  oder  durch  Fermente  in
eine  Zuckerart  und  andere  mit  dem  Zucker  esterartig
  verbundene  Körper  zerfallen.  Nach  der
Art  des  Zuckers,  zu  dem  hier  auch  Phlorogluzin.
Mannit  und  ähnliche  Kohlenhydrate  gerechnet
werden,  unterscheidet  man  folgende  Gruppen;
1.  Eigentliche  Glykoside,  deren  Spaltungsprodukt ­
  Glykose  ist,  z.  B.  Arbutin,  Daphnin,  Helleborin, ­
  Jalapin,  Salizin;  2.  Phlorogluzide  (Spaltungsprodukt ­
  Phlorogluzin),  z.  B.  Makiurin,.
Phloretin;  3.  Phloroglykoside,  die  zuerst
Glykose,  bei  längerer  Einwirkung  der  Säure
auch  Phlorogluz  n  abscheiden,  z.  B.  Phloridzin,
Robinin;  4.  Gummide  (Spaltungsprodukt
Gummi),  z.  B.Karminsäure;  5.  Mannide  (Spaltungsprodukt ­
  Mannit),  z.  B.  Chinovin;  ö.Stickstoff
  haltige  G.,  z.  B.  Amygdaiin,  Solanin.  Verschiedene ­
  technisch  wichtige  G.  sind  unter  ihrem
besonderen  Namen  näher  besprochen  worden.
Glyzerin  (Glyzerylalkohol,  GlyzeryT
oxydhydrat,  Ölsüß,  Scheelesches  Süß,  lat.
Glyccrinum,  frz.  Glycerine,  engl.  Glycerin),  ein
dreiatomiger  Alkohol  von  der  Formel  C^HsJOHjj,
findet  sich  nicht  im  freien  Zustande  in  der  Natur,
sondern  als  Ester  verschiedener  Fett-  und  Ölsäuren, ­
  mit  denen  es  die  natürlichen  Fette  des
Pflanzen-  oder  Tierreiches  bildet.  In  geringer
Menge  entsteht  es  bei  der  geistigen  Gärung
zuckerhaltiger  Flüssigkeiten  und  ist  daher  ein
regelmäßiger  Bestandteil  des  Weines  und  Bieres.
Zu  seiner  technischen  Darstellung  bedient  man
sich  in  normalen  Zeitverhältnissen  ausschließlich
der  natürlichen  Fette,  die  durch  Ätzalkalien  bzw
Bleioxyd  sowie  auch  durch  gespannte  Wasserdämpfe ­
  in  Gl.  und  Fettsäuren  zerlegt  werden.
Es  wird  sonach  im  Großbetrieb  stets  als  Neben
Produkt  bei  der  Seifenfabrikation  aus  der  sog.
Unterlauge,  .oder  bei  der  Herstellung  der  Steaiin
kerzen  gewonnen.  Bei  der  letzteren  findet  die  Zerlegung ­
  der  Fette  sowohl  durch  Kalkmilch  als  auch
durch  Schwefelsäure  statt.  Die  beste  Ausbeute
gibt  aber  die  Verseifung  durch  überhitzte  Wasser
dämpfe.  Talg  oder  Palmöl  werden  in  Destillier
blasen  mittels  überhitzter  Wasserdämpfe  auf  etwa
300 0  erhitzt,  wobei  die  Spaltungsprodukte,  Glyzerin ­
  und  Fettsäuren,  mit  den  Wasserdämpfen
übergehen.  Nach  dem  Erkalten  wird  das  GL
aus  der  von  der  erstarrten  Fettsäure  abgelassenen
Flüssigkeit  durch  Eindampfen  gewonnen.  Da»
auf  die  eine  oder  andere  Weise  erhaltene  Rohglyzerin
  stellt  eine  mehr  oder  minder  sirupöse,
gelb  bis  braun  gefärbte  Flüssigkeit  dar,  die
unter  anderem  noch  Fett,  Fettsäuren  und  anorganische ­
  Salze  enthält.  Es  kommt  in  großen  Mengen ­
  aus  Holland,  Frankreich  und  Rußland  zur
Einfuhr  utid  wird  verschiedenen  Reinigung*
        <pb n="148" />
        Glyzerin

143

Gold

waschen  unterworfen.  Das  sog.  raffinierte  oder
gereinigte  Gl.  erhält  man,  indem  man  die  irn
Rohglyzerin  vorhandenen  Verunreinigungen  auf
chemischem  Wege  möglichst  entfernt,  hierauf
die  Flüssigkeit  mittels  Knochenkohle  entfärbt
und  schließlich  im  Vakuum  konzentriert.  Zur
Darstellung  des  destillierten  oder  reinen  Gl.
wird  das  konzentrierte  Rohglyzerin  zunächst  bei
loo—iio°  mit  Wasserdämpfen  erhitzt,  dann  bei
i8o°  der  Destillation  unterworfen  und  schl  eßlich
in  einem  System  von  Kondensatoren  verdichtet.
Das  kristallisierte  Gl.  endlich,  das  reinste  Erzeugnis ­
  des  Handels,  wird  durch  Kristallisation
des  destillierten  Gl.  bei  o°  gewonnen.  Das  reine
Gl.  (Glycerinum  bisdestillatum  purum  D.A.B.)
hat  ein  spez.  Gew.  von  1,225—1,235  und  enthält
etwa  15%  Wasser,  während  das  reinste  GL
vom  spez.  Gew.  1.269  wasserfrei  ist.  Es  stellt
einen  färb-  und  geruchlosen  dickf.üssigen  Sirup
dar,  der  mit  Wasser  und  Alkohol  in  allen  Verhältnissen ­
  mischbar  ist,  sich  aber  in  Äther,
Chloroform  und  Benzin  nicht  löst.  Mit  Wasserdämpfen, ­
  besonders  mit  überhitzten,  ist  Gl.
flüchtig,  ohne  daß  eine  Zersetzung  stattfindet.
Diese  tritt  aber  ein,  wenn  es  an  der  Luft  erhitzt
wird,  indem  sich  Akrolein,  C 2 H 3 .CHO.  ein  ste
chend  riechendes,  die  Augen  und  Nase  heftig  angreifendes ­
  Gas  bildet.  Bei  gewöhnlicher  Tempera
tur  ist  Gl.  nicht  brennbar,  dagegen  lassen  sich  die
aus  heißem  Gl.  entwickelten  Dämpfe  mit  nicht
leuchtender  Flamme  entzünden.  Für  viele  anorganische ­
  und  organische  Stoffe  ist  Gl.  ein
ausgezeichnetes  Lösungsmittel,  auch  besitzt  es  die
Eigenschaft,  begierig  Feuchtigkeit  aufzunelunen
und  reizt  infolgedessen  in  konzentriertem  Zustande ­
  die  Flaut.  Ein  gutes  reines  Gl.  muß  farblos, ­
  klar  und  neutral  sein,  darf  weder  Arsen
noch  Kupfer  und  Blei  enthalten  und  soll  auch
frei  sein  von  Sulfaten,  Choriden  und  Zucker.
Besonders  ist  auf  die  Abwesenheit  von  Akrolein
und  niederen  Fettsäuren  zu  prüfen.  5  ccm  Gl.,
niit  5  ccm  Ammoniak  und  5  Tropfen  Silbernitratlösung ­
  gemischt,  dürfen  innerhalb  15  Minuten ­
  nicht  dunkel  gefärbt  werden  (Akrolein).
1  ccm  Gl.  soll,  mit  verdünnter  Schwefelsäure  er
wärmt,  keinen  ranzigen  Geruch  entwickeln  (Buttersäure, ­
  Kapronsäure).'  Für  Toiletteseifen  wird
kalkfreies  Gl.  verlangt,  das  in  wäßriger  Losung
mit  oxalsaurem  Ammonium  keine  weiße  Trübung ­
  geben  darf.  Hinsichtlich  der  Konzentrabonsgrade
  führt  man  im  Handel  Gl.  von  16—30°.
Arri  gangbarsten  sind  die  Sorten  von  24  und  28°.
Gl.  findet  eine  außerordentlich  mannigfache  Verwendung. ­
  Die  größten  Mengen  werden  zum  Füllen
der  Gasuhren  und  zur  Herstellung  von  Nitroglyzerin ­
  und  Dynamit  verbraucht.  Weniger  reine
Sorten  benutzt  man  zur  Anfertigung  der  Buchäruckerwalzen,
  die  aus  Gl.  und  Leim  bestehen,
fn  der  Gerberei  dient  es  zum  Geschmeidigmachen
des  Leders,  ferner  in  der  Musselinweberei,  Zeugdruckerei ­
  und  Appreturanstalten  zur  Behandlung
der  Garne.  Auch  zu  medizinischen  Zwecken
■  Wird  Gl.  vielfach  benutzt,  namentlich  äußerlich
bJtn  Einreiben  aufgesprungener  Hände  und  als
^usatz  zu  Toiletteseifen,  schließlich  bildet  es
'f as  Ausgangsmaterial  zur  Bereitung  von  künstbchem
  Senföl  und  von  Ameisensäure  mittels
Oxalsäure.  Der  früher  beliebte  Zusatz  zu  Wein
,s *  zurzeit  durch  Reichsgesetz  verboten.  Wegen

seiner  Neigung,  aus  der  Luft  Wasser  anzuziehen,
muß  Gl.  in  gut  verschlossenen  Gefäßen  auf
bewahrt  werden.  Der  Versand  geschieht  in
Fässern  aus  Holz  oder  Eisenblech,  besser  in  Glasoder ­
  Blechballonen.  Während  des  Krieges  ging
die  im  Frieden  auf  11300  t  geschätzte  deutsche
Erzeugung  ebenso  wie  die  Einfuhr  stark  zurück,
während  der  Bedarf  für  die  Munitionserzeugung
ins  Ungeheure  anwuchs.  Die  fehlenden  Mengen
wurden  unschwer  beschafft,  und  zwar  nicht,  wie
die  beschränkte  französische  Presse  annahm,
aus  Leichenfett,  sondern  aus  Zucker  durch  einen
mit  Hilfe  besonderer  Mikroorganismen  eingeleiteten ­
  Gärungsprozeß.
Glyzerinersatz.  Der  durch  die  Kriegslage
hervorgerufene  Mangel  an  Glyzerin  gab  Anlaß
zu  zahlreichen  Vorschlägen,  diesen  für  manche
Industriezweige  wertvollen  Stoff  durch  andere
Mittel  zu  ersetzen.  So  empfahl  Grünebaum,  als
Heizfiüssigkeit  für  die  F’e.dküchen  statt  des  Gly
zerins  Paraffin  zu  verwenden,  für  Druckwalzen
wurde  ein  konzentrierter  Invertzuckersirup  vorgeschlagen ­
  und  besonders  zahlreiche  Erzeugnisse
wurden  für  pharmazeutische  Zwecke  in  den  Handel ­
  gebracht.  Sie  bestehen  entweder  1.  aus
Schleimlösungen  (Algen-,,  Quittenschleim),  2.  aus
Leimlösungen,  3.  Zuckerlösungen,  4.  Salzlösun
gen  oder  5.  aus  Mischungen.  *  Zu  Gruppe  1  ge-  t
hören  u.  a.  die  als  Algin,  Lempellin,  Gly
zerit,  Glyzerinol  bezeichneten  Mittel,  zu.
Gruppe  2  Novoglyzerin,  zu  Gruppe  3  Mollphorus.
  Von  Salzlösungen  kommen  besonders
die  aus  einer  konzentrierten  Auflösung  von  65  bis
68%  milchsaurem  Kalium  bestehenden  Mittel
P  er  kagl  y  ze  r  in  und  Perglyzerin  in  Betracht,
während  Kalzium-  oder  Magnesiumchlorid  das
Glyzerin  höchstens  als  Kühlflüssigkeit  für  Eismaschinen, ­
  nicht  aber  in  der  Pharmazie  ersetzen
können.  Glyzerinon  ist  ein  Gemisch  von  milchsaurem
  Kalium,  Kalziumchlorid  und  Pflanzenschleim. ­
  Abgesehen  von  dem  nur  in  geringer
Menge  erhältlichen  Glykol  (Tego-Glykol)
scheint  sich  das  milchsaure  Kalium  am  besten
bewährt  zu  haben.
Glyzin,  Paraoxyphenylamidoessigsäure,  wird
als  photographischer  Entwickler  benutzt.
Gofelgummi,  eine  Art  Kautschuk,  wird  in  Ost
indien  aus  dem  eingetrockneten  Milchsäfte  der
Calatropis  gigantea  gewonnen  und  wie  ge
wohnlicher  Kautschuk  verwandt.
Gold  dat.  Aurum,  frz.  Or,  engl.  Gold),  das
schönste  und  bekannteste  der  Edelmetalle,
kommt  infolge  seiner  geringen  Verwandtschaft
zu  Sauerstoff  und  Schwefel  in  der  Natur  fast  nur
gediegen  vor,  jedoch  meist  nicht  chemisch  rein,
sondern  mit  kleinen  Mengen  Silber,  bisweilen
auch  Kupfer  und  Eisen  vermengt.  Das  kalifornische ­
  G.  ist  etwas  iridiumhaltig  und  zeigt
infolgedessen  einen  schwach  grünlichen  Schimmer, ­
  oder  es  ist  auch  oft  mit  erheblichen  Men
gen,  bis  zu  fast  gleichen  Teilen  Silber,  legiert.
Ein  mehr  als  20%  Silber  enthaltenes  G.,  wie
es  zu  Schlangenberg  im  Altai  auftritt,  wird  als
Elektrum  bezeichnet.  Palladiumhaltiges  G.
nennen  die  Bergleute  faules  G.j  die  Mineralogen
Porpezit.  Die  wichtigsten  Goldländer  sind  Kali
fornien  und  Australien,  während  die  früher  sehr
ertragreichen  russischen  Goldwäschereien  am
Ural  und  im  östlichen  Sibirien,  in  denen  das  G,
        <pb n="149" />
        Gold

Goldchlorid

144

sich  neben  den  Platinmetallen  im  Sande  findet,
nicht  mehr  viel  abwerfen.  Untergeordnete  Bedeutung ­
  nur  haben  Kanada,  Neuseeland  und
Brasilien,  das  früher  an  der  Spitze  der  Erzeugung
stand.  Hingegen  liefert  Afrika,  wie  schon  im
Altertum,  auch  jetzt  noch  erhebliche  Goldmengen. ­
  Sehr  wichtige  Funde  sind  neuerdings
im  Flußgebiete  des  Yukon  in  Alaska  (Klondyke)
  gemacht  worden.  Europa,  das  im  Schwemmsande ­
  einiger  Flüsse  sehr  geringe  Goldmengen
führt,  kommt  für  die  Gewinnung  nicht  in  Betracht. ­
  Das  metallische  Gold  wird  nur  selten,
wie  in  Australien,  in  größeren  Stücken  gefunden
und  ist  dann  meist  von  hoher  Reinheit  bis  zu
99  V2  %  Feingehalt.  Meist  findet  es  sich  in
feinster,  oft  mikroskopisch  feiner  Verteilung  in
Felsarten  wie  Quarz,  Gneiß,  Glimmer-  und  Talkschiefer ­
  als  sog.  Berggold  eingesprengt,  oder
auf  sekundärer  Lagerstätte  als  sog.  Seifengold ­
  oder  Waschgold  im  Schwemmsande  der
Flüsse.  Das  sog.  Berggold  tritt  bisweilen  als
Freigold  auch  in  Form  größerer  Schüppchen,
Blätter  und  Bleche,  oder  haar-  oder  moosartig,
oder  endlich  kristallisiert  in  Würfeln  und  Oktaedern ­
  auf.  Seltener  zeigt  es  sich  schlackenförmig, ­
  wie  geflossen  oder  getropft,  oder  in  größeren ­
  Massen  als  Ausfüllung  von  Klüften  und
Rissen.  In  sehr  geringen  Mengen,  die  aber  doch
bisweilen  eine  Verarbeitung  lohnend  erscheinen
lassen,  findet  das  Gold  sich  in  manchen  Schwefelkiesen, ­
  die  dann  Gold  kiese  genannt  werden,
ferner  in  Kupfer-  und  Arsenikkies,  Zinkblende,
Grauspießglanzerz  und  Bleierzen.  In  Siebenbürgen ­
  tritt  es  mit  Tellur  verbunden  als  sog.
Schrifterz  auf.  Auch  waren  früher  die  russischen ­
  Kupfermünzen  so  goldhaltig,  daß  sie  im
Auslande  auf  Gold,  verarbeitet  wurden.  —  Die
Gewinnung  des  Goldes  erfolgt  am  einfachsten
aus  den  Schwemmsanden  (Seifen),  indem  man
diese  durch  Schlämmen  anreichert  und  dann  mit
Quecksilber  auszieht.  Goldführende  Gesteine  werden, ­
  wenn  sie  schwefelhaltig  sind,  zunächst  geröstet ­
  und  dann  zerkleinert,  oder  sonst  direkt  gepocht ­
  und  gemahlen.  Aus  dem  Pulver  zieht  man
das  Gold  durch  Amalgamation  oder  durch  Behandlung ­
  mit  Chlor  oder  endlich  mit  .Hilfe  von
Zyankalium  aus.  Letzteres  Verfahren  ist  auch  auf
ungeröstete  Kiese  direkt  anwendbar.  Aus  dem
Goldamalgam  wird  dann  aus  eisernen  Retorten
einfach  das  Quecksilber  abdestilliert.  Aus  der
beim  Chlorierungsprozeß  erhaltenen  Lösung  von
Chlorgold  fällt  man  das  Gold  mit  Eisenvitriol
und  aus  der  beim  Zyanidverfahren  von  Mac
Arthur  und  Forrest  entstehenden  Goldkaliumzyanidlösung ­
  mit  Zink  oder  nach  dem  neueren
W,  Siemensschen  Verfahren  mit  Hilfe  des  elektrischen ­
  Stromes  aus.  Aus  Blei-  und  Kupfererzen ­
  endlich,  wenn  sie  neben  Silber  etwas  Gold
enthalten,  stellt  man  zunächst  in  üblicher  Weise
das  Silber  dar,  welches  das  gesamte  Gold  festhält
und  von  diesem  durch  die  Scheidungsarbeit  getrennt ­
  wird.  Alles  hüttenmännisch  aus  anderen
Erzen  gewonnene  Gold  enthält  meist  etwas  Antimon, ­
  Zinn,  Blei  usw.,  von  denen  es  befreit  werden ­
  muß,  da  schon  0,05  0/0  dieser  unedlen  Metalle
die  Dehnbarkeit  stark  beeinträchtigen.  Man
schmilzt  es  daher  mit  Borax  und  Salpeter,  wobei ­
  die  Verunreinigungen  in  die  Schlacke  gehen.
Nur  das  Silber  bleibt  zurück  und  wird  in  besonderen ­

  Scheide-  oder  Affinieranstalten,  die
auch  alte  Silbermünzen  upd  Geräte  verarbeiten,
abgetrennt.  Die  Affination  erfolgte  früher  durch
Behandlung  mit  Salpetersäure,  in  welcher  das
Gold  unlöslich  ist.  Jetzt  schmilzt,  man  die  Gold-Silber-Legierung,
  verwandelt  sie  durch  Eingießen
in  kaltes  Wasser  in  Körnerform  und  erhitzt  dann
mit  konz.  Schwefelsäure,  wobei  das  Gold  als
braunes  Pulver  zurückbleibt.  In  neuerer  Zeit
trennt  man  Silber  und  Gold  auch  durch  Einleiten
von  Chlor  in  die  geschmolzene  Legierung  oder
durch  Elektrolyse.  —  Das  Gold  ist  ein  stark
glänzendes,  äußerst  geschmeidiges  und  dehnbares
Metall,  das  in  der  Härte  zwischen  dem  Blei  und
dem  Silber  steht.  Das  spez.  Gew.  des  gegossenen
Metalls  beträgt  19,250,  des  gehämmerten  19,550,
das  Atomgewicht  Au  =  197,2.  Das  Gold  schmilzt
bei  ungefähr  to6o°  zu  einer  meergrün  leuchtenden ­
  Flüssigkeit  und  zieht  sich  beim  Erstarren
stark  zusammen.  An  der  Luft  ist  es  völlig  un
veränderlich  und  wird  auch  von  Säuren,  mit
Ausnahme  des  Königswassers,  nicht  gelöst.  Aus
der  mit  Königswasser  erhaltenen  Lösung  schla
gen  Eisenvitriol  oder  ,  Oxalsäure  das  Gold  als
ein  feines  braunes  Pulver  nieder,  das  durch  Reiben ­
  mit  dem  Polierstahl  Metallglanz  annimmt.
Mit  Quecksilber  vereinigt  es  sich  leicht  zu  Goldamalgam. ­
  Ganz  reines  Gold  wird  meist  nur
zur  Pierstellung  der  feinsten  Sorte  Blattgold
genommen,  da  es  sich  zu  den  feinsten,  grün
durchscheinenden  Folien  auswalzen  oder  schlagen ­
  läßt.  Im  allgemeinen  benutzt  man  es  aber
wegen  seiner  Weichheit  und  leichten  Abnutzbar
keit  in  Form  von  Legierungen  mit  Silber  oder
Kupfer.  Durch  einen  Zusatz  von  Kupfer  erhält
man  die  sog.  rote,  durch  einen  Zusatz  von  Silber
die  weiße  und  durch  einen  Zusatz  beider  Metalle
die  gemischte  Karatierung,  Eine  wenig  ge
brauchte  Legierung  mit  Eisen  heißt  Graugold.
Im  Handel  erscheinen  diese  Legierungen  meist
in  gegossenen  Zainen  oder  Barren  verschiedener
Größe,  oft  von  der  Form  der  Siegellackstangen.
Der  wirkliche  Feingehalt  jedes  Barrens  ist  durch
einen  Wardein  ermittelt  und  durch  Stempelung
beglaubigt.  Als  Münzeinheit  diente  früher  ein
halbes  Pfundgewicht,  die  Mark,  die  in  24  Karat
zu  je  24  Grän  eingeteilt  war.  Ein  rakarätiges
Gold  war  demnach  eine  Legierung  von  14  Teilen
Gold  und  10  Teilen  Zusatz.  Jetzt  wird  der  Fein
gehalt  nur  noch  nach  Tausendteilen  angegeben,
d.  h.  wieviel  Teile  Gold  in  1000  Teilen  enthalten
sind.  Der  Feingehalt  der  meisten  Goldmünzen,
insbesondere  auch  der  deutschen,  beträgt  900
Tausendstel.  Das  Gold  ist  in  erster  Linie  Münzenmetall. ­
  Außerdem  dient  es  zur  Piersteilung
von  Schmuckgegenständen,  in  Form  von  Blatt
gold  für  Galanterie-  und  Buchbinderarbeiten,
ferner  zu  galvanischen  Vergoldungen,  zur  Ver
zierung  von  Glas-  und  Porzellanwaren  und  ah
Chlorgold  für  photographische  Zwecke.  Zur  Feuer
Vergoldung  bedient  man  sich  des  Amalgams,  zin
galvanischen  Vergoldung  einer  Zyangold-Zyankaliumlösun^,
  welche  durch  Vermischung  von
Goldchlorid  mit  Zyankalium  entsteht.  Der  Preis
des  Goltjes  beträgt  zurzeit  etwa  2700  M.
Goldchlorid  (Chlorgold,  lat.  Aurum  chloratum, ­
  frz.  Perchlorure  d’or,  engl,  Chloride  of
gold),  AuC! 4 ,  entsteht  bei  Behandlung  von  Gold
mit  Königswasser  als  eine  braune  hygroskopische
        <pb n="150" />
        Goldlacke

145

Granat

Masse,  die  in  Wasser,  Alkohol  und  Äther  löslich
ist.  Mit  Natriumchlorid  vereinigt  es  sich  zu
einem  kristallisierenden  Doppelsalze  Natriumgol
  dchlorid.  Beide  Salze  werden  in  der  Medizin, ­
  ferner  in  der  Photographie,  zur  Malerei  aui
Glas  und  Porzellan,  zur  galvanischen  Vergoldung
und  zum  Färben  von  Glasflüssen  benutzt.
Goldlacke  (Goldfirnisse),  hellfarbige  Lacke,
die  durch  einen  löslichen  gelben  Farbstoff
(Gummigutt,  Orle|n,  Drachenblut)  gefärbt  sind,
dienen  zum  Lackieren  von  Gegenständen  aus
Tombak  und  Messing,  auch  von  abgeschliffenem
Holz,  besonders  aber  bei  der  Piersteilung  unechter ­
  Goldleisten,  deren  Belegung  von  Blattsilber ­
  der  aufgesetzte  gelbe  ,  Lack  das  Aussehen ­
  von  Gold  verleiht.  Auch  auf  wirkliches
Blattgold  werden  diese  Lacke  aufgetragen,  um
der  Vergoldung  mehr  Dauer,  Glanz  und  Feuer
zu  geben.
Goldpurpur  (Cassius  Purpur),  die  berühmte,
zum  Rotfärben  des  Goldrubinglases  benutzte
Farbe,  wird  durch  Vermischen  einer  durch  Eisenchlorid ­
  teilweise  oxydierten  Zinnchlorürlösung
mit  Goldchlorid  dargestellt  als  ein  mehr  oder
weniger  rotes  Pulver  mit  einem  Goldgehalt  von
20—75  o/o.  In  chemischer  Hinsicht  ist  es  nach
treueren  Forschungen  als  ein  Gemenge  von  feinverteiltem ­
  (kolloidalem)  Gold  mit  Zinndioxyd
amusehen.
Gomutifaser,  die  von  einer  auf  allen  Sunda-Inseln
  wachsenden  Palme,  Arenga  saccharifera,
  abstammende  pferdehaarähnliche  Faser
wird  zu  Tauwerk,  zum  Kalfatern  der  Schiffe
Usw.  verwandt.
Qonorol,  ein  Mittel  gegen  Tripper,  besteht
aus  Santalol,  dem  Hauptbestandteil  des  Sandelholzöles. ­

Gorgonzola,  ein  italienischer,  auch  Stracchinp
  genannter  Fettkäse,  der  wie  der  Roquefort
von  Schimmelwucherungen  durchsetzt  ist  und  in
großen  runden  Laiben  in  den  Handel  kommt,
wird  meist  mit  einem  Gemisch  von  Schwerspat
mit  Talg  oder  Schweinefett  umhüllt  und  äußerlich ­
  wohl  auch  mit  Eisenoxyd  gefärbt.  Infolge
des  Widerspruchs  der  ausländischen  Abnehmer
gegen  diese  bis  zu  27  °/o  betragende  Beschwer
 ung  hat  die  italienische  Regierung  zunächst  den
Ersatz  des  Schwerspats  durch  Talk  oder  Ton,
später  aber  die  Fortlassung  des  Überzuges  überhaupt ­
  empfohlen.
Gose,  ein  helles,  schäumendes,  in  echter  Form
2 ugleich  ober-  und  untergäriges  Bier  von  süßsäuerlichem ­
  Geschmack,  wurde  ursprünglich  in
Goslar  am  Harz  gebraut,  während  es  jetzt  auf
dem  Rittergute  Döllnitz  bei  Halle  hergestellt,  in
Eeipzig-Gohlis  und  anderen  Orten,  allerdings
meist  nur  als  obergäriges  Bier,  nachgeahmt  wird,
Gbschon  die  Vorschrift  zur  Herstellung  geheim-Sehalten
  wird,  so  scheint  es  doch  keinem  Zweifel
2U  unterliegen,  daß  die  G.  aus  Weizen,  möglicherweise ­
  auch  etwas  Hafer  und  aus  Gerstenmalz  gehraut ­
  wird.  Auch  enthält  sie  etwas  Kochsalz
und  Weinsäure.  Für  weiteren  Versand  in  Fässern
'st  die  G.  nicht  geeignet.  Auf  Flaschen  gefüllt
(Stöpselgose)  läßt  sie  sich  aber  ziemlich  gut
v .®rsenden.  Die  echte  Döllnitzer  G.  wird  in  Leipund
  Umgegend  in  eigentümlich  gestalteten,
Se hr  langhalsigen,  nicht  verkorkten  Flaschen
■ä-ufbewahrt,  wobei  sich  der  größte  Teil  der
■’I  e  1  ck  s  Warenlexikon.

Hefe  am  Boden,  der  kleinere  oben  im  Halse  absetzt. ­

Gottesgnadenkraut  (Purgierkraut,  wilder
Aurin,  lat.  Herba  gratiolae,  frz.  Gratiole,  engl.
Hedge-Hyssop),  eine  auf  feuchten  Wiesen  vorkommende ­
  ausdauernde  Skrophulariazee  mit
gegenständigen,  sitzenden,  lanzettförmigen,  etwas
eingesägten  Blättern  und  einzeln  in  den  Blattwinkeln ­
  stehenden  Blüten  mit  weißer  oder  fleischroter ­
  Blumenkrone  und  gelblicher  Röhre,  ist
geruchlos,  hat  aber  einen  scharfen,  widrigen,
zusammenziehenden  Geschmack.  Das  mit  der
Blüte  gesammelte  und  getrocknete  Kraut  enthält
zwei  abführende  Glykoside,  Gratiosolin  und
Gratioljn,  und  wird  als  Abführmittel  sowie
bei  Wassersucht  angewandt.
Gottliebs  Hautfunktionsöl,  ein  verbreitetes
Kurpfuschermittel,  ist  gewöhnliches 1  Olivenöl.
Goudron,  ein  Ersatzstoff  für  Asphalt,  wird  entweder ­
  aus  den  Destillationsprodukten  des  Braunkohlenteers ­
  oder  durch  Zusammenschmelzen  von
Asphalt  mit  natürlichen  zähen  Naphthas  orten  (Berg
teer)  dargestellt  und  an  Stelle  des  reinen  Asphalts
zur  Straßenbedeckung  und  ähnlichen  Zwecken
benutzt.
Granat  (frz.  Grdnat,  engl.  Garnet),  ein  in  zahl
reichen  Abarten  vorkommendes,  zu  den  wasserfreien ­
  Doppelsilikaten  gehöriges  Mineral,  kristal
lisiert  im  tesseralen  Systeme,  am  häufigsten  in
Kombinationen  mit  vorherrschendem  Rhombendodekaeder. ­
  Je  nach  der  Art  der  Basen,  mit
denen  die  Kieselsäure  verbunden  ist,  pflegt  man
zwei  Gruppen  zu  unterscheiden,  nämlich  Ton
granaten  und  Eisengranaten,  von  denen  die
ersteren  Tonerde-,  die  letzteren  Eisensilikate  enthalten. ­
  Von  den  Tongranaten  unterscheidet  man
wieder:  Eisenoxydultongranaten,  Kalkton
granaten  und  die  selteneren  Mangantongranaten,
  während  die  Eisenoxydgranaten  meist
Kalk-Eisengranaten  sind.  Einige  G.  enthalten ­
  auch  etwas  Magnesia  und  Chromoxyd.  Im
Handel  versteht  män  unter  G.  gewöhnlich  nur
die  feurig  dunkelroten  Sorten,  die  am  häufigsten ­
  als  Schmucksteine  geschliffen  werden,  doch
verarbeitet  man  auch  andersfarbige,  grüne,  gelbe,
braune  und  schwarze  sowie  farblose  G.  zu
Schmucksachen.  Die  roten  G.  werden  zuweilen
auch  Karfunkel  genannt.  In  Deutschland  verwendet ­
  man  vorzugsweise  böhmische  G..  die
auch  Pyropen  heißen,  jedoch  von  den  ostindischen ­
  und  grönländischen  an  Reinheit  und,  schöner ­
  Färbung  übertroffen  werden.  Sie  finden  sich
gewöhnlich  auf  zweiter  Lagerstätte,  in  Schwemmund
  Schuttland,  im  Sande  von  Flüssen  und
Bächen,  besonders  am  Fuße  des  böhmischen
Mittelgebirges  bei  Podsedlitz,  Trziblitz,  Maronitz
und  in  der  Gegend  von  Gitschin,  wo  schon  seit
alten  Zeiten  reiche  Erträge,  besonders  an  kleinen
Steinen,  gewonnen  werden.  Die  G.  werden  an
mehreren  Orten  Böhmens  in  besonderen  Schleife
reien  facettiert  und,  soweit  sie  nicht  sofort  ge
faßt  werden,  gebohrt,  damit  sie  auf  Schnüre
gereiht  und  so  in  den  Handel  gebracht  werden
können.  Außerdem  werden  in  Böhmen  auch  auswärts ­
  gesammelte  G.,  namentlich  Tiroler  aus  dem
Zillertal,  verarbeitet.  Das  Anschleifen  der  Flächen ­
  geschieht  meist  nur  auf  das  Ungefähr  hin,
doch  werden  große  und  schöne  Stücke,  wie  sie
in  Böhmen  und  überhaupt  selten  sind,  hach  den
IO
        <pb n="151" />
        Granatbaum

146

Graphit

Regeln  der  Kunst  im  Brillant-,  Rosetten-  oder
Cabochonschnitt  behandelt  und  können  bei  völliger ­
  Reinheit  sehr  ansehnliche  Edelsteinpreise  erreichen. ­
  Die  böhmischen  G.  sind  meistens  dunkel- ­
  bis  blutrot,  ausländische,  aus  Kleinasien,
Hinterindien,  Zeylon,  Grünland,  die  man  gewöhnlich ­
  mit  dem  Namen  Almandin  oder  orientalischer ­
  Granat  belegt,  kirsch-,  karmih-,
bräunlichrot,  auch  violett.  Rötlichgelbe  Steine,
die  besonders  schön  und  teilweise  in  größeren
Stücken  auf  Zeylon,  in  Graubünden  und  am  St.
Gotthard  gefunden  werden,  heißen  Hessonit
oder  Kaneelstein  (Zimtstein),  während  man
unter  Vermeil  im  Handel  manchmal  die  hochroten ­
  bis  pomeranzengelben  Steine  versteht.
Ganz  schwarze  heißen  Melanite  und  dienen  bisweilen ­
  zu  Trauerschmuck.  Grüne  Abarten  werden ­
  als  Grossulare  (Stachelbeerstein)  bezeichnet. ­
  Der  G.  wird  jetzt  wieder  häufiger  als  vor
einigen  Jahrzehnten,  namentlich  in  Form  von
Broschen,  Ketten  und  Armbändern  verarbeitet,
und  namentlich  Böhmen  liefert  viele,  zum  Teil
sehr  geschmackvoll  gefertigte  Waren.  Übrigens
wird  der  G.  durch  farbige  Glasflüsse  täuschend
nachgeahmt.
Granatbaum  (lat.  Punica  granatum),  ein  kleiner ­
  Baum  oder  Strauch,  wächst  überall  in  Südeuropa ­
  und  Nordafrika,  teils  angebaut,  teils
verwildert  und  dient  bei  uns  wegen  der  schön
hochroten  Blüten  als  Ziergewächs.  Die  großen,
fast  bis  zu  0,5  kg  schweren  Früchte,  die  äußerlich
riesigen,  schön  gelbrot  gefärbten  Äpfeln  gleichen
und  auch  Granatäpfel  genannt  werden,  sind  von
einer  ziemlich  dicken  und  pergamentartigen
Schale  umgeben,  deren  Gewicht  ungefähr  V12
der  Gesamtmasse  beträgt.  Die  völlig  geruchlose,
aber  sehr  gerbstoffreiche  Schale  dient  in  Südeuropa ­
  häufig  zum  Schwarzfärben.  Das  Innere
der  Früchte  wird  durch  dünne  Scheidewände  in
zahlreiche  Abteilungen  zerlegt,  die  mit  einer  Unzahl ­
  kleiner  Fruchtkörper  ungefüllt,  sind.  Die
letzteren  ähneln  in  ihrer  Form  den.  eckigen
Maiskörnern,  sind  aber  klar  durchsichtig,  schön
granatrot  gefärbt  und  überaus  saftreich.  Der
außerordentlich  süße  Saft,  dessen  nicht  flüchtiges ­
  Aroma  an  Erdbeere  und  etwas  an  Pfirsiche
erinnert,  enthält  12—140/0  Zucker,  aber  nur  0,6
bis  0,7  0/0  Säure  und  wird  nach  Entfernung  der
Schale  ausgepreßt  und  mit  der  gleichen  Menge
Zucker  zu  dem  sog.  Grenadinesirup  (s.  d.)  verkocht. ­
  —  Die  Granatäpfelblüten  (lat.  Flores
granati,  frz.  Fleur  de  grenadier,  engl.  Granataflowers),
  die  von.  gefüllten  Exemplaren  genommen ­
  werden,  sind  auch  getrocknet  noch  lebhaft
rot  gefärbt  und  werden  im  Aufguß  als  Gürgelwasser
  und  gegen  Durchfall  verwandt.  ,  —  Die
Wurzelrinde  (lat.  Cortex  radicis  granatorum,
frz.  Ecorce  de  racine  de  grenadier,  engl.  Pome
granate  root  bark)  ist  im  Gegensatz  zu  dem  wirkungslosen ­
  Wurzelholze  ein  bekanntes  ßandwurmmittel
  und  enthält  neben  erheblichen  Mengen ­
  Gerbsäure  0,5—i«/o  Alkaloide,  namentlich
Pelletierin  und  einige  Derivate  desselben.  Sie
schmeckt  beim  Kauen  herb  und  bitter  und  färbt
den  Speichel  gelb,  solange  sie  nicht  zu  alt  und
dadurch  unwirksam  geworden  ist.  Gewöhnliche
Ware  besteht  ganz  oder  größtenteils  aus  rührigen ­
  Stücken,  die  nicht  von  Wurzein,  sondern
von  Ästen  genommen  sind  und  als  weniger  wirksam ­

  gelten.  Wegen  echter  Wurzelrinde  hat  man
sich  daher  an  eine  sichere  Quelle  zu  wenden
und  bezieht  sie  meist  aus  Italien  und  Griechenland. ­

Granatbraun  (frz.  Grenat  soluble),  ein  ziemlich ­
  veralteter  Farbstoff,  wird  durch  Einwirkung
von  Zyankalium  auf  Trinitrokresylsäure  erhalten
und  besteht  aus  dem  Kali-  oder  Ammoniaksalz
der  Kresylpurpursäure;  das  dunkelrotbraune,  in
kochendem  Wasser  mit  braunroter  Farbe  lösliche ­
  Pulver  wird  nur  noch  sähen  zum  Färben
von  Wolle,  Seide  und  Baumwolle  benutzt,
Granit,  ein  weit  verbreitetes  Eruptivgestein,
besteht  aus  einem  Gemenge  von  Quarz,  Glimmer
und  Feldspat  mit  bald  gröberem,  bald  feinerem
Korn  und  ziemlich  gleichmäßiger  Verteilung  der
Gemengteile.  Er  ist  in  der  Regel  sehr  hart,
nimmt  dann  eine  schöne  dauerhafte  Politur  an
und  wird  daher  trotz  der  schwierigen  Bearbeitbarkeit ­
  häufig  von  Handwerkern  und  Künstlern
verwandt.  Im  frisch  gebrochenen  Zustande  ist  er
etwas  leichter  zu  behandeln.  Auch  läßt  man  zum
Behauen  bestimmte  Steine  gern  unter  Wasser
liegen.  Das  Gestein  widersteht  um  so  besser
der  mechanischen  Abnutzung  und  der  Verwitterung, ­
  je  mehr  in  ihm  der  fast  unverwüstliche
Quarz  vorherrscht,  während  feldspatreicher  G.
leichter  verwittert.  Außer  der  gewöhnlicheren
Verwendung  als  Baumaterial  zu  Gründungen,
Stufen  und  Schwellen,  Belag  der  Bürgersteige
und  Pflaster  dienen  Vorkommnisse  von  gefälliger
Zeichnung  und  Färbung  von  alters  her  auch  zu
feineren,  mit  Politur  versehenen  Arbeiten,  wie
Säulen  und  Sockeln,  Grab-  und  anderen  Denkmälern, ­
  zu  verzierten  Simsen  und  anderen  Verzierungen. ­

Grape  nuts,  ein  Nährmittel  amerikanischen
Ursprungs,  besteht  aus  einem  zerkleinerten,  doppelt ­
  gebackenen  Backwerk  aus  Mehl  und  Wasser,
nach  Art  der  Keks  oder  Biskuits.
Graphit  (Reißblei.  Wasserblei,  Pottlot,
lat.  Plumbago,  Graphites,  frz.  Graphite,  engl-Blacklead).
  Diese  durch  ihre  vortrefflichen
Eigenschaften  ausgezeichnete,  wegen  ihrer  mannigfachen ­
  Verwendung  wichtige,  in  Form  von
Bleistiften  unentbehrliche  mineralische  Substanz
besteht  wie  der  Diamant  aus  kristallinischem
Kohlenstoff,  allerdings  von  anderer  Kristallform,
und  bildet  teils  aus  sechsseitigen  Kristallen  zusammengesetzte ­
  Tafeln,  meistens  aber  kugelförmige ­
  Massen  von  schuppig  blättriger,  oder
auch  mehr  körniger  Struktur,  grauschwarzer
Farbe  und  starkem  Glanz.  Der  G.  findet  sich
teils  lager-,  teils  nesterweise  als  Ausfüllung  von
Höhlungen  und  Gängen  in  Gneis-,  Ton-  und
Glimmerschiefer,  und  muß  bei  dein  nicht  zahlreichen ­
  Vorkommen  seiner  Fundorte  zum  Teil
aus  weiter  Ferne  herangeholt  werden.  Er  enthält
gewöhnlich  mehr  oder  weniger  fremde  Bestandteile, ­
  besonders  Eisenoxyd,  Ton  und  Kalk  beigemengt. ­
  Sehr  rein  ist  der  seit  der  Mitte  des
vorigen  Jahrhunderts  bekannte  G.  von  Zeylon
mit  fast  99  0/0  Kohlenstoff  und  kleinen  Resten  von
Kalk-  und  Tonerde,  während  die  berühmten  englischen ­
  Gruben  von  Barrowdale  in  Cumberiand,
die  lange  Zeit  den  Engländern  den  Ruf  als  Lieferanten ­
  der  besten  Bleistifte  gaben,  nahezu  erschöpft ­
  sind  und  nur  noch  geringes  Material  mit
54°/o  Kohlenstoff,  8  °/o  Eisen  und  360/0  Ton  und
        <pb n="152" />
        Graphit

147

Graupen

Kalk  geben.  Neuerdings  hat  sich  sehr  guter  G.
in  Südsibirien,  dessen  gesamter  Ertrag  an  die
Fabersche.  Uleistiftfabrik  in  Nürnberg  abgeliefert
wird  sowie  auch  an  den  Ufern  des  Jenissei  gefunden. ­
  Auch  Spanien,  Ostindien  und  Kanada
liefern  guten  G.  ln  Deutschland  findet  sich  G.
besonders  in  der  Passauer  Gegend  in  Bayern
bei  den  Orten  Pfaffenreuth  und  Leuzenberg
sowie  bei  Wunsiedel.  Österreich  hat  in  Niederösterreich, ­
  Böhmen,  Mähren,  Steiermark  und
Kärnten  ergiebige  Lager.  Die  beste  Sorte
findet  sich  im  südlichen  Böhmen  im  Budweiser
Kreis.  In  Preußisch-Schlesien  sind  zwei  Gruben, ­
  eine  kleine  bei  Sakrau  und  eine  bei  Jauer,
mit  mächtigem  Lager  eines  guten,  besonders  zu
Schmelztiegeln  tauglichen  Graphits.  1878  hat
man  auch  auf  Neuseeland  (Provinz  Wellington)
große  Lager  von  vortrefflichem  G.  entdeckt.  Der
rohe  Graphit  ist  in  der  Regel  durch  mineralische
Beimengungen  mehr  oder  weniger  verunreinigt
und  muß  daher  durch  Schlämmen,  durch  Behandlung ­
  mit  heißer  Salpetersäure  und  Schwefelsäure ­
  oder  auch,  bei  Anwesenheit  von  Kieselsäure,
mit  Fluorwasserstoffsäure  von  ihnen  befreit  werden. ­
  Nahezu  chemisch  reinen  Graphit  erhält  man
auf  künstlichem  Wege  nach  dem  Verfahren
von  Acheson  durch  Erhitzung  von  Kohle  oder
Anthrazit  im  elektrischen  Ofen  oder  auch  durch
Überleiten  von  Kohlenoxyd  und  Kohlensäure
über  glühendes  Karbid.  —  Die  hauptsächlichste
Verwendung  findet  der  G.  zur  Herstellung  der
Bleistifte  (s.  d.).  Außerdem  dient  er  in  Verbindung ­
  mit  feuerfestem  Ton  zur  Herstellung  von
Schmelztiegeln,  im  Gemisch  mit  Fett  sowie  in  Form
nebeneinandergesetzter  Stifte  (Karbonstifte)  als
Schmiere  für  Achsenlager,  ferner  zu  Anstrichen,
Kitten,  zum  Überziehen  von  eisernen  Öfen  und
in  der  Galvanoplastik  zum  Leitendmachen  von
niclumetallischen  Niederschlagformen.  —  Der
G.  ist  unschmelzbar  und,  trotzdem  er  reinen
Kohlenstoff  darstellt,  sehr  schwer  verbrennlich.
Ein  Gemisch  von  G.  und  feuerfestem  Ton  gibt
eine  Schmelztiegehnasse,  die  besser  ist  als  der
Ton  allein  öder  vermischt  mit  Sand,  weil  der  G.
dem  Schwinden  und  Reißen  im  Feuer  entgegenwirkt
  und  der  Masse  Beständigkeit  gegen  sehr
hohe  Temperaturen  und  gegen  raschen  Tempefaturwechsel
  verleiht.  Graphittiegel  werden
daher  von  Gold-  und  Silberarbeitern,  in  Münzwerkstätten ­
  U7id  sonst  in  der  Metallindustrie  viel
gebraucht.  Sie  dienen  besonders  auch  zum  Schmelzen ­
  des  Gußstahls  und  haben  noch  die  angenehme
Eigenschaft,  daß  sie  sich  wegen  ihrer  glatten
Innenfläche  rein  ausgießen  lassen.  Die  Passauer
  Tiegel  werden  schon  seit  länger  als  hundert ­
  Jahren  zu  Hafnerzell  bei  Passau  aus  dem
dortigen  unreinen,  stark  kiesel-,  ton-  und  eisenhaltigen ­
  G.  unter  Zusatz  von  etwa  der  Hälfte
feinem  Ton  gefertigt.  In  neuerer  Zeit  verwendet
man  auch-Zeyloner  G.  Die  Gefäße  werden  aus
dem  steifen  Teig  gepreßt,  aber  nicht  gebrannt,
sondern  nur  lufttrocken  gemacht,  und  sind  teils
konisch,  teils  dreieckig  geformt  sowie  von  dehr
verschiedenen  Größen,  österreichische  Graphitdegel
  kommen  von  Ybbs  an  der  Donau  und  aus
Böhmen  in  den  Handel.  Zum  Nachweise  der
zahlreichen  Verfälschungen  durch  Anthrazit,
Stein-  oder  Braunkohle,  Holzkohle  oder  Ruß
kocht  man  mit  konz.  Salpetersäure,  wobei  keine

braunrote  Färbung  auftreten  darf.  Zusätze  von
Mineralstoffen  erkennt  man  bei  der  Veraschung.
Grassamen  (Grassaa  t),  ein  bedeutender  Gegen
stand  des  Groß-  und  Kleinhandels,  wird  von  den
Landwirten  bei  zeitweisem  Umbruch  der  Wiesen
zur  Neueinsaat,  besonders  beim  Kunstwiesenbau,
gebraucht.  Auch  bedarf  die  Landschaftsgärtnerei
zu  der  Herstellung  von  Zierrasen  alljährlich
großer  Mengen  von  G.,  so  daß  für  diesen  ein  beträchtliches ­
  Absatzgebiet  gesichert  ist.  Die  Zucht
von  G.  geschieht  in  besonderen  Handelsgärtnereien, ­
  z.  B.  in  Hessen,  Bayern  und  Thüringen,
doch  wird  auch  auf  Wiesen  und  in  Wäldern  G.
gesammelt,  besonders  in  der  Gegend  von  Darmstadt, ­
  wo  ganze  Gemeinden  dadurch  ihren  Unterhalt ­
  finden.  Seitens  der  großen  Handelsgärtner
erfolgt  die  Zucht  der  Gräser  zur  Samengewinnung
mit  besonderer  Sorgfalt  im  Einzelbau  auf  oft
großen  Flächen,  so  daß  bei  ihnen  der  Bezug
reiner,  unverfälschter  Waren  und  bestimmter
Sorten  sicher  ist.  Die  G.  sind  nicht  leicht  zu
unterscheiden,  da  viele  Sorten  ziemlich  ähnlich
sind  und  von  den  zur  Aussaat  beliebten  Samen
verwandte  Abarten  von  geringerem  Werte  Vorkommen. ­
  Man  hat  deshalb  neuerdings  besondere ­
  Samenkontrollstationen  eingerichtet,  und
auch  der  Kaufmann  wird  gut  tun,  sich  ihrer  Hilfe
zu  bedienen,  wenn  er  G.  einer  bestimmten  Sorte
von  kleinen  Händlern  oder  Privatsammlern  eintauscht. ­
  Für  den  Handel  mit  von  Handelsgärtnern ­
  gekauften  Samen  ist  zu  bemerken,  daß  die
Gemische  nach  Boden  und  Meereshöhe  verschieden ­
  sein  müssen,  da  einzelne  G.  besser  in
der  Ebene,  andere  in  der  Höhe,  die  einen  auf
bündigen,  die  anderen  auf  leichten  Böden  usw.
gedeihen.  Die  Landwirte  ziehen  sich  zum  Peil
den  G.  selbst,  und  sehr  viele  ergänzen  den
Wiesenbestand  durch  natürlichen  Samenausfall.
Außer  den  in  Deutschland  gezogenen  Sorten  werden ­
  aus  England  und  Italien  bedeutende  Mengen
eingeführt.
Graupen  (frz.  Froment  mon-dd,  engl.  Pearlbarley)
  bestehen  aus  dem  von  der  Schale  und
den  Spitzen  befreiten  Inhalte  von  Getreidekörnern,
  und  zwar  so,  daß  entweder  ein  einzelnes
Korn  nur  eine  Graupe  liefert,  oder  daß  der  Kern
erst  in  mehrere  Stückchen  zerbrochen  und  diese
zu  feineren  G.  gerundet  worden  sind.  Am  verbreitetsten ­
  sind  die  Gerstengraupen,  die  in  einigen ­
  Gegenden  auch  Koch-  oder  Rollgerste
genannt  werden,  ln  geringerem  Maße  werden
auch  Weizenarten  auf  G.  verarbeitet.  Das  Graupenmachen ­
  ist  eine  deutsche  Erfindung  des  17.
Jahrhunderts  und  wird  sich  zuerst  auf  die  gröbste
Sorte,  enthülste  ganze  Gerstenkörner,  beschränkt
haben.  Das  Enthülsen  geschieht  auf  einem  besonderen ­
  Mühlwerk,  dem  Graupengange,  der
nur  einen  einzelnen  Stein  in  seiner  Ummantelung
(der  Zarge)  laufen  hat.  Dieser  Stein  ist  aber
nicht  mit  einer  breiten  Fläche,  sondern  mit
runder  Bahn  gearbeitet  und  hier  gerauht.  Die
den  Stein  in  nahem  Abstande  umgebende  Zarge
ist  an  ihrer  Innenseite  mit  Blech  belegt,  das  ganz
wie  ein  Reibeisen  scharf  durchlöchert  ist.  Es  ist
sonach  ein  von  zwei  rauhen  Flächen  begrenzter
ringförmiger  Spalt  vorhanden,  in  den  das  einfließende, ­
  auf  die  Mitte  des  etwas  gewölbten
Steins  fallende  Getreide  gerät  und  durch  den  heftigen ­
  Lauf  des  Steins  so  herumgerissen  und  ge ­
        <pb n="153" />
        Grenada

148

Grünspan

scheuert  wird,  daß  es  bald  seine  Spitzen  und
Schalen  verliert.  Das  Mahlgut  gelangt  durch  ein
Loch  in  der  Zarge  auf  Siebe,  durch  welche  es
in  Graupen,  Mehl  und  Kleie  geschieden  wird.
Für  die  kleineren  Nummern  (Gräupchen  oder
Perlgraupen)  wird  das  Getreide  vorher  gebrochen, ­
  und  zwar  jetzt  meistens  zwischen  scharf
geriffelten  Metallwalzen.  Die  hier  sich  ergebenden, ­
  zum  Teil  schon  enthülsten  Stückchen
werden  dann  auf  entsprechend  ferneren  Graupengängen ­
  gerundet  und  geschliffen,  und  die
verschiedenen  Größen  auf  Siebwerken  sortiert.
Das  Schwefeln  und  Talkumieren,  wodurch  der.
unansehnlichen  G.  aus  bläulicher  russischer.
Gerste  das  Aussehen  deutscher  Ware  verliehen
wird,  ist  als  unzulässig  anzusehen.
Grenade  (Grenadine),  ein  rotbrauner  Farbstoff ­
  aus  den  unreinen  Rückständen  der  Anilinrotherstellung, ­
  wird  als  billiges  Farbmaterial  für
gemischte  Farben  auf  Wolle,  Baumwolle,  Seide
und  Leder  benutzt,  ist  aber  zuweilen  arsenhaltig.
G.  und  Grenat  scheinen  identisch  zu  sein.
Grenadillholz,  ein  rotes  Tischlerholz  unbestimmter ­
  Abstammung  aus  Westindien,  wird  auch
rotes  Ebenholz  genannt.
Grenadine,  ein  meist  künstlich  gefärbter,  mit
Hilfe  von  Granatäpfelsaft  und  der  gleichen
Menge  Zucker  sowie  unter  Zusatz  von  etwa  2  °/o
Zitronensäure  hergestellter  Sirup,  welcher  in  Italien ­
  und  anderen  südlichen  Ländern  zur  Bereitung ­
  von  Limonaden  Verwendung  findet,  wird
aus  Frankreich  eingeführt.
Grenadine.  Mit  diesem  Namen,  bezeichnet  man
eine  feste  Seide,  die  zu  Spitzen,  Posamentierartikeln ­
  und  ähnlichen  Waren  verwendet  wird,
und  außerdem  gewisse  halbseidene,  gazeartige
Stoffe.
Grieß  (frz.  Gruau,  engl.  Grit),  ein  Mittelding
zwischen  den  feinsten  Graupen  und  Mehl,  besteht
aus  kleinen  Bruchstückchen  des  Getreidekorns,
die  beim  weiteren  Vermahlen  Mehl  liefern  würden. ­
  Weizengrieß,  die  häufigste,  in  Küche  und
feiner  Bäckerei  viel  verbrauchte  Ware,  entsteht
bei  der  heutigen  Art  des  Mahlens  immer,  auchwenn
  es  auf  Mehl  abgesehen  ist,  beim  ersten
Durchgänge  des  Getreides  durch  die  Steine,  weil
man  hiermit  zunächst  nur  die  Körner  zu  entschälen
  beabsichtigt.  Erst  später  wird  das  Mahlgut ­
  in  Schalen,  Mehl  und  Grieß  gesondert,  und
letzterer  allein  zu  feinem  Mehl  (Grießmehl)  weiter ­
  vermahlen.  Soll  der  Grieß  als  Haupterzeugnis
dargestellt  werden,  so  ist  nur  der  Mahlgang  so
zu  stellen,  daß  davon  möglichst  viel,  neben  wenig
Mehl,  entsteht.  Nach  der  Entfernung  von  Mehl
und  Hülsen  wird  der  G.  auf  Siebwerken  in  verschiedene ­
  F  einheitsnummern  sortiert.  M  a  i  s  g  r  i  e  ß,
der  in  den  Mais  bauenden  Ländern  massenhaft
erzeugt  und  verbraucht  sowie  in  andere  Länder
ausgeführt  wird,  ist  von  schöner  gelber  Farbe
und  bildet  in  Italien  den  Stoff  zu  der  volkstümlichen ­
  Polenta.  'Reisgrieß  wird  aus  fein  geschrotenem
  Reis  hergestellt.
Grindelia  robusta,  eine  bis  9  dm  hoch  werdende ­
  kalifornische  Komposite,  einer  kleinen
Sonnenblume  ähnlich,  aber  mit  einem  klebrigen,
harzigen  Überzüge  bed'eckt,  soll  gegen  Hautkrankheiten, ­
  Asthma  und  Fieber  benutzt  werden.
Man  verwendet  hierzu  das  Kraut  im  blühenden

Zustande  (lat.  Herba  grindeliae,  frz.  Herbe  de
grindelie,  engl.  Grindelia).
Grude,  der  bei  der  Braunkohlenschwelerei
zurückbleifaende  Koks,  brennt  langsam  und  ruhig,
gibt  aber  eine  intensive  Hitze.  Er  ist  eines  der
billigsten  Heizmaterialien  und  wird  in  besonders
konstruierten  Öfen  (Grudeöfen)  gebrannt.  Man
bezieht  ihn  aus  der  Gegend  von  Halle  und
Weißenfels.
Grünkern  ist  rheinischer,  im  Zustande  der  beendigten ­
  Milchreife  geernteter  Spelz  oder  Dinkel, ­
  der  als  Material  zu  vorzüglichen  Kraftsuppen ­
  in  den  Handel  kommt.  Die  Ähren  werden
im  Backofen  künstlich  getrocknet,  die  Körner
auf  besonderen  Mühlen  geschält.
Grünspan  (Spanischgrün,  Spangrün,  lat.
Aerugo,  frz.  Verdet,  engl.  Verdigris).  Diesen
Namen  führen  zwei  Verbindungen  des  Kupfers
mit  Essigsäure,  nämlich  das  neutrale  Kupferazetat
  (s.  d.),  das  als  kristallisierter  oder  destillierter ­
  G.  bezeichnet  wird,  und  das  basische
Kupferazetat,  der  gewöhnliche  oder  gemeine
G.  Die  Erzeugung  des  letzteren  ist  seit  lange  in
den  Weinbaugegenden  Südfrankreichs  heimisch
und  wird  als  Nebenbeschäftigung  der  Winzer,
vön  denen  fast  jeder  seinen  eigenen  Grünspankellef
  hat,  betrieben.  Die  meist  in  den  Händen
der  Frauen  liegende  Arbeit  bestellt  darin,  daß
Streifen  von  Kupferblech  mit  gärenden,  Essigsäure ­
  entwickelnden  Weintrestern  in  Berührung
gebracht  werden,  und  ähnelt  somit  der  alten
Methode  der  Bleiweißherstellung.  Der  entstehende ­
  G„  der  je  nach  dem  Feuchtigkeitsgehalte
in  steinharten,  gewöhnlichen  halbharten  und
feuchten  (bis  zu  so  °/o  Wasser)  unterschieden
wird,  kommt  in  viereckigen  Broten  von  4—S  kg
Gewicht  oder  in  etwas  kleineren  Kugeln  oder
auch  pulverisiert  in  den  Handel  und  wird  als
Kugelgrünspan  (Aerugo  in  globulis)  bezeichnet, ­
  Die  meist  hellblaue,  wenig  grünliche  Masse,
die  wie  mit  fremden  weißen  Teilchen  1  durchknetet ­
  erscheint  und  oft  durch  Treber  verunreinigt, ­
  bisweilen  auch  durch  Gips,  Kreide,
Schwerspat  verfälscht  ist,  besteht  in  der
Hauptsache  aus  dem  basischen  Kupferazetat;
Cu(C 2 H;)0 2 )2  .  CuO  -j-  6H 2 0,  neben  geringen  Mengen ­
  eines  noch  basischeren  Salzes.  Sie  führt
auch  den  Namen  blauer  oder  französischer
G.  —  Eine  mehr  fabrikmäßige  und  rationellere
Methode  besteht  darin,  daß  man  abwechselnd
Kupferplatten  und  mit  Essig  getränkte  Flanellstücke ­
  aufeinanderschichtet.  Die  so  erhaltene
rein  grüne  Ware  (grüner  oder  schwedischer
G.)  besteht  aus  reinem  basischen  Kupferazetat.
—  Der  G.  bildet  eine  zähe,  schwer  pulverisierbare
  Masse,  die  sich  sowohl  in  Essig  und  Mineralsäuren ­
  wie  in  Ammoniak  ohne  erheblichen.
Rückstand  lösen  muß.  Er  findet  beschränkte
medizinische  Anwendung  in  Form  von  Salben
sowie  in  der  Tierheilkunde  als  Ätzmittel.  Auch
dient  er  als  geringwertige,  wenig  deckende  Anstrichfarbe ­
  und  als  Ausgangsmaterial  zur  Herstellung ­
  anderer  Kupferverbindungen.  —  Die
Handelsverhältnisse  haben  sich  zurzeit  so  gestaltet, ­
  daß  die  billigere  und  völlig  gleichwertige
deutsche  Erzeugung  die  Einfuhr  aus  Frankreich
entbehrlich  gemacht  hat.  —-  Zu  Unrecht  wird
bisweilen  auch  der  auf  Kupfergegenständen  an
der  Luft  entstehende  grüne  Überzug  (Patina),
        <pb n="154" />
        Grütze

149

Guano

der  aus  basisch  kohlensaurem  Kupfer  besteht,
als  G.  bezeichnet.
Grütze  (frz.  Gruau,  engl.  Groat),  ein  Erzeugnis
aus  Gerste,  ,  Hafer  oder  Buchweizen,  in  südlicheren ­
  Ländern  auch  von  Hirse,  besteht  aus
Stückchen  von  Körnern,  die  der  Größe  nach
zwischen  Graupen  und  GrLß  einzureihen  sind
und  durch  grobes  Schroten  erhalten  werden.
Guaco  (Huacoblätter,  lat.  Folia  guaco,  frz.
Feuilles  de  guaco,  engl.  Guaco  leaves)  besteht
aus  den  Blättern  und  Stengeln  einer  Pflanze
Kolumbiens,  Micania  guaco,  die  in  ihrem
Vaterlande  gegen  Schlangenbiß,  bei  uns  als
Mittel  gegen  Cholera  und  Wasserscheu,  benutzt
wird.  Unter  demselben  Namen  sind  zuweilen
auch  die  Stengel  von  Aristolochia  cymbifera
in  den  Handel  gekommen.
Guajakharz  und  -holz.  Der  Guajakbaum
(Guajacum  officinale),  ein  zur  Familie  der
den  Rutazepn  nahe  verwandten  Zygophyllazeen
  gehöriger  Baum  von  den  westindischen
Inseln,  liefert  sowohl  ein  wertvolles  Nutzholz
wie  ein  medizinisch  wichtiges  Harz.  Das  Holz
des  Stammes  und  der  Äste  enthält  in  zahlreichen
feinen  Kanälen  reichliche  Mengen  (etwa  20  bis
25  0/0)  von  Harz,  das  am  lebenden  Baume  zum
Teil  freiwillig  ausquillt.  Das  Stammholz,  das  in
großen,  mehrere  Zentner  schweren  Blöcken  als
Pockholz,  Franzosenholz,  Heiligen  holz
(lat.  Lignum  guajaci  s.  sanctum,  frz.  Bois  de
gayac,  engl.  Guaiacum  wood)  in  den  Handel
kommt,  erreicht  eine  Dicke  bis  zu  3  dm  und  ist
eines  der  schwersten,  härtesten  und  dichtesten
Hölzer,  das  im  WasSer  untersinkt  und  wegen
des  unregelmäßigen  Verlaufs  der  P'asern  nur
schwie.ig  gespalten  werden  kann.  Nach  Entfernung ­
  des  schmalen  weißen  oder  hellbräunlichen
Splintes  erkennt  man  auf  dem  harzglänzenden
Querschnitt  des  dunkelgrünlich  braunen  oder
schwarzbraunen,  zuweilen  gelblichen  schwarzgestreiften ­
  Holzes  mit  der  Lupe  die  gefüllten  Harzgänge. ­
  Beim  Erwärmen  und  Anzünden  verbreitet
das  Holz  einen  angenehmen  benzoeartigein  Geruch.
Es  wird  häufig  zu  Gegenständen,  dis  eine  große
Festigkeit  haben  sollen,  besonders  zu  Kegelkugeln
Zapfenlagern  für  Maschinen,  Hämmern,  Werkzeugstielen, ­
  Preßwalzen  psw.  verarbeitet.  —  Die
bei  der  Bearbeitung  abfallenden  Späne  kommen
mit  zu  dem  geraspelten  Guajakholz,  das  als
Lignum  guajaci  einen  Artikel  des  Drogenhandels ­
  bildet  und  teils  für  sich,  häufiger  mit
anderen  Hölzern  vermischt  unter  der  Bezeichnung ­
  Holztee  (Species  lignorum)  als  Blutreinigungsmittel ­
  benutzt  wird.  —  Das  Guajakharz
(lat.  Resina  guajaci,  frz.  Rösine  de  gayac,  engl.
Guaiacum  resin)  kommt  in  zwei  Sorten  zum
'Verkehr,  von  denen  das  selbst  ausgtflossene  in
Tropfen  oder  Tränen  oder  in  kleinen,  rundlichen ­
  Stückchen  (in  lacrymis)  die  wertvollere
ist.  Das  geringwertigere  G.  in  Massen  (in  massis)
  wird  gewonnen,  indem  man  die  gefällten
Stämme  durchbohrt  und  ihren  Harzgehalt  durch
1"  euer  zum  Ausfließen  bringt,  Späne  und  Astholz ­
  dagegen  mit  Wasser  auskocht.  Diese  Sorte
ze jgt  im  Inneren  viele  kleine  Hohlräume  und  ist
m 't  Splittern  und  Rindenstückchen  vermengt.
Das  Harz  ist  braungelb  oder  grünlich,  vom  spez.
Gew.  1,230—1,240,  sehr  hart  und  spröde,  die
beste  Sorte  auf  dem  Bruche  glasglänzend  und

von  bitterscharfem,  kratzendem  Geschmack.  Es
löst  sich  in  Äther,  gogrädigem  Weingeist,  Chloroform, ­
  Kreosot,  Nelkenöl  vollständig,  in  anderen
ätherischen  und  fetten  Ölen  gar  nicht  oder  nur
teilweise.  Erhitzt  oder  auf  Kohlen  geworfen,
gibt  es  einen  der  Benzoe  ähnlichen  Geruch.  Das
gepulverte  Harz  und  dessen  frisch  bereitete  weihgeistige ­
  Lösung  besitzen  die  Eigenschaft,  unter
dem  Einflüsse  der  Luft  oder  anderer  oxydierender ­
  Stoffe,  gewisser  Metallsalze  und  organischer
Stoffe  eine  erst  grüne,  dann  prachtvoll  blaue
Färbung  anzunehmen,  die  durch  reduzierende
Mittel  wieder  aufgehoben  werden.  Die  Ursache
der  Färbung  ist  eine  amorphe,  etwa  70  0/0  des
Harzes  ausmachende  Säure,  die  Guajakonsäure.
  Außerdem  sind  noch  10%  kristallisierbare
  Guajakharzsäure  vorhanden.  Offizineil
wird  das  Harz  teils  als  Tinktur,  teils  in  Emulsion ­
  innerlich  gebraucht.  Das  meiste  Guajakharz
kommt  von  Jamaika  über  England  in  den
Plandel.
Guajakol,  der  Methyläther  des  Brenzkatechins,
C g H 4  .  OCH 3  .  OH,  entsteht  bei  der  trockenen
Destillation  von  Guajakharz  und  wird  fabrikmäßig ­
  aus  dem  Buchenholzteerkreosot,  welches
davon  60—90  %  enthält,  hergestellt.  Es  erscheint
im  Handel  meist  als  eine  farblose,  stark  lichtbrechende
  Flüssigkeit  von  angenehm  aromatischem ­
  Geruch,  bildet  aber  im  reinsten  Zustande
rhombische,  bei  31 0  schmelzende  Kristalle,  von
denen  die  Firma  Heyden-Radebeul  auf  der  Naturforscherversammlung ­
  in  Dresden  1907  prachtvolle
Exemplare  ausgestellt  hatte.  Das  spez.  Gew.
liegt  bei  1,117  US 0 ),  der  Siedepunkt  bei  200  bis
202 0 .  G.  ist  in  Wasser  schwer,  in  Äther  und
Alkohol  leicht  löslich  und  gibt  in  alkoholischer
Lösung  mit  sehr  wenig  Eisenchlorid  eine  blaue
Färbung,  die  auf  weiteren  Zusatz  von  Eisenchlorid ­
  grün  wird.  Das  reine  G.  wie  das  Guajakolkarbonat
  werden  an  Stelle  des  Kreosots
gegen  Tuberkulose  verordnet.  Die  übrigen  zahlreichen ­
  Derivate,  wie  Guajakolibenzoat,  Guajakolsalizylat
  usw.  vereinigen  die  Wirkung
ihrer  einzelnen  Bestandteile.
Guano  nennt  man  eine  Reihe  natürlicher
Düngemittel,  welche  der  Hauptsache  nach  aus
den  seit  Jahrtausenden  angesammelten  Exkrementen ­
  von  Seevögeln  bestehen  und  in  zahlreichen, ­
  sowohl  nach  Aussehen  wie  chemischer
Zusammensetzung  verschiedenen  Sorten  zum
Verkehr  gelangen.  Die  Verschiedenheiten  werden ­
  teils  durch  das  Alter  der  Ablagerungen,
teils  das  Klima  des  Fundortes  bedingt,  ln  regenarmen ­
  Gegenden  bleiben  dem  Guano  alle  wasserlöslichen ­
  Bestandteile  erhalten,  die  an  anderen
Orten  durch  den  Regen  ausgewaschen  und  fortgeschwemmt ­
  werden,  so  daß  hier  nur  die  unlöslichen ­
  Mineralstoffe,  namentlich  Kalkphosphate,
Zurückbleiben.  Nach  ihrer  Zusammensetzung
unterscheidet  man  stickstoffreiche  und,  stickstoffarme ­
  Sorten  und  betrachtet  als  wichtigsten  Vertreter ­
  der  ersteren  den  Peruguano.  Dieser
kommt  seit  der  Erschöpfung  der  reichsten  und
wertvollsten,  Lager  auf  den  Chinchasinseln  Angamos
  und  Guanapö  hai.p.sächlich  von  den  peruanischen ­
  Inseln  Pabillon  de  Pica,  Huanillos  und
Punta  de  Lobos,  doch  sollen  auch  minderwertige ­
  Vorkommnisse  von  Bolivia  und  Chile  als
Peru-G.  in  den  Handel  gelangen.  Der  echte
        <pb n="155" />
        Guarana

150

Gummiarabikum

Peru-G.  ist  eine  lehmgelbe  oder  bräunliche,  teils
erdig-krümliche,  teils  klumpige  Masse,  die  wegen
ihres  durchdringenden  Ammoniakgeruches  fast
nur  von  Chinesen  abgegraben  und  verarbeitet
wird.  Die  Anglo-kontinentalen  (vorm.  Ohlendorffschen)
  Guanowerke  in  Hamburg,  London,
Antwerpen,  Emmerich  und  M,  H.  Salomonsohn
in  Rotterdam  und  Düsseldorf  bringen  ihn  in
gemahlenem  Zustande  in  den  Handel.  An  wertbestimmenden ­
  Stoffen  enthält  er  4  bzw.  7  °/o
Stickstoff  und  20  bzw.  14%  Phosphorsäure.  Zur
Erleichterung  der  Assimilierbarkeit  wird  der
Peru-G.  jetzt  meist  mit  Schwefelsäure  behandelt
und  als  aufgeschlossener  Peru-G.  verkauft.
Von  anderen  stickstoffhaltigen,  aber  geringwertigeren ­
  Sorten  sind  noch  der  Ischaboe-G.  von
Südwestafrika  sowie  der  ägyptische  und  patagonische
  G.  zu  erwähnen.  Unter  den  stickstoffarmen, ­
  dafür  aber  phosphorsäurereicheren  Sorten ­
  spielt  der  Baker-G.  von  der  Bakerinsel  im
Stillen  Ozean,  eine  erdige,  lehmfarbige,  geruchlose ­
  Masse,  die  Hauptrolle.  Daneben  wird  der
Saldanhabay-,  Jarvis-,  Bolivia-  und  Sombrero-G.
  gehandelt.  Alle  diese  bis  40%  Phosphofsäure
  enthaltenden  Guanos  werden  meist  in
aufgeschlossenem  Zustande,  als  Superphosphate,
verbraucht.  Zum  Schutz  gegen  die  häufigen
Verfälschungen  empfiehlt  es  sich,  die  Garantie  an
Stickstoff  und  Phosphorsäure  durch  eine  Analyse ­
  kontrollieren  zu  lassen.  Zum  Schutz  gegen
Wasseranziehung  muß  der  Peruguano  trocken
gelagert  werden.  Fischguano,  Walfisch-G.,
Granat-G.  führen  ihren  Namen  zu  Unrecht,
da  sie  nicht  aus  Vogelexkrementen  bestehen.
Guarana  (lat.  Pasta  guarana,  frz.  Guarana,
engl.  Guarana  paste),  eine  aus  Brasilien  eingeführte ­
  Paste,  die  von  den  Eingeborenen  am
Amazonenstrome  aus  den  Samen  von  Paullinia
sorbiiis,  einem  zu  den  Sapindazeen  gehörigen ­
  Baume,  bereitet  wird,  gelangt  teils  zum
Verkauf  und  wird  teils  im  Ursprungslande  selbst
verbraucht.  Die  gerösteten,  gestoßenen  und  mit
etwas  Wasser  zu  einem  Teige  gekneteten  Samen
werden  in  längliche  oder  spindelförmig  gerollte
Kuchen  geformt,  an  der  Sonne  oder  im  Rauche
der  Hütten  getrocknet  und  bilden  eine  harte,  rotbraune, ­
  etwas  fettglänzende,  mit  helleren  Samenbruchstückchen ­
  durchsetzte  Masse.  Geringeren ­
  Sorten  soll  Maniokmehl  beigemischt  sein.
Die  bis  zu  s  °/o  Koffein  enthaltende  Masse  quillt
im  Wasser  auf,  riecht  eigentümlich,  altem  sauren
Brote  ähnlich,  schmeckt  adstringierend  und  gelinde ­
  bitter  und  wird  von  den  Indianern  als  anregendes ­
  Heilmittel  benutzt.  Offizineil  findet
sie  gegen  Migräne  Anwendung.
Quaviroba,  die  süßen  Beeren  der  im  tropischen ­
  Amerika  heimischen  Abbevillea-Arten,
strauchartiger  Gewächse  aus  der  Familie  der
Myrtazeen,  bilden  im  Ursprungslande  ein  beliebtes ­
  Obst.
Guignets  Grün,  eine  in  Wasser  unlösliche,
schön  grüne  Maler-  und  Anstrichfarbe  aus
wasserhaltigem  bcrsaurem  Chromoxyd,  wird  als
Ersatz  für  das  giftige  Schweinfurtergrün  empfohlen. ­

Guineagrün,  ein  dunkelgrünes,  glanzloses,  in
Wasser  und  in  Alkohol  lösliches  Pulver,  das
Seide  und  Wolle  im  sauren  Bade  grün  färbt,

besteht  aus  dem  Natronsalze  der  Diäthyldibenzyldiamidotriphenylkarbinoldisulfosäure.

Guineapfeffer  nennt  man  hauptsächlich  den
Kayennepfeffer  und  gewisse  Formen  des  spa
nischen  Pfeffers,  bisweilen  auch  Paradieskörner
oder  Kardamomen.  Ursprünglich  hießen  so  die
brennend  scharfen  Samen  einer  in  Afrika  hei
mischen  Habzelia,  die  vor  dem  eigentlichen
Pfeffer  in  Europa  gebräuchlich  waren  und  nach
denen  ein  Teil  der  afrikanischen  Westküste  den
Namen  Pfefferküste  erhalten  hat.
Gummiarabikum,  Mimosengummi  (lat.  G.
arabicum  seu  mimosae,  frz.  Gorame  arabique,
engl.  Arabic  gum),  das  seit  dem  Altertum  be
kannte  Klebmittel,  kam  niemals  aus  Arabien,
sondern  aus  Afrika,  wo  es  von  verschiedenen
Akazien,  besonders  Acacia  Verek,  A.  arabica  und
gummifera  gewonnen  wird.  Während  der  Som
mermonate  bis  zum  Beginn  der  Regenzeit  im
Oktober  füllen  sich  die  Hölzer  mit  dem  Gummisafte, ­
  der  in  der  folgenden  Zeit  der  heißen
Winde  durch  Rindenrisse  ausfließt  und  erhärtet.
Mit  der  'Häufigkeit  der  Winde  steigt  die  Aus
beute.  Das  für  pharmazeutische  Zwecke  besonders ­
  geeignete  Kordofan  Sudangummi,  das
in  Form  grünlichweißer,  stark  rissiger  und  leicht
zerbröckelnder  kugeliger  Stücke  in  den  Handel
gelangt,  stammt  aus  der  Gegend  des  weißen  Nils
und  des  Atbara.  Während  der  Abschneidung
des  Sudans  vom  Handelsverkehr  fand  das  in
Kadariff,  der  Umgegend  von  Kassala,  gesammelte
Gezirehgummi,  weniger  kugelige,  mehr  bläu
lichweiße  Stücke,  über  Massaua  vielfach  Eingang.
Als  Ersatzmittel  dienen  ostindische  Sorten,  Mogadore-G.
  (aus  Marokko)  und  besonders  Senegalgummi, ­
  das  an  den  Ufern  des  Senegal  am
Rande  der  Sahara  von  Eingeborenen  gesammelt
und  auf  französischen  Schiffen  nach  Bordeaux
und  Marseille  gebracht  wird.  Die  kugel-  bis
walzenförmigen  Stücke  mit  rauher,  von  netz
förmigen  Rißlinien  durchzogener  Oberfläche  zeigen ­
  glänzenden  Bruch,  blaßgelbliche  bis  dunkel
braune  Farbe  und  säuerlichen  Geschmack  und
lösen  sich  in  kaltem  Wasser  langsam  unter
Hinterlassung  eines  Rückstandes.  Wegen  seiner
hygroskopischen  Eigenschaft  eignet  das  Senegal-G.
  sich  nicht  zum  Pulvern,  da  es  hierbei  leicht
zusammenballt;  seine  Anwendbarkeit  ist  überhaupt ­
  begrenzter  als  die  des  eigentlichen  G.  und
beschränkt  sich  auf  wenige  technische  Zwecke.
Alle  Sorten  von  G.  und  seinen  Ersatzmitteln,
deren  schwer  zu  unterscheidende  Bezeichnungen
von  den  Erzeugungsländern  oder  Ausfuhrhäfen
entnommen  sind,  kommen  immer  „in  sortis",  d.  h.
aus  großen  und  kleinen,  hellen  und  dunklen
Stücken  gemengt  in  den  Handel  und  werden  erst
vom  Drogisten  durch  Auslesen  (G.  electum)  oder
Sieben  geschieden.  Die  beste  Sorte,  G.  albissimum,
  besteht  aus  den  ganz  farblosen  und  weißen
Stücken,  während  die  zweite  Sorte,  G.  electum,
die  noch  ausgelesenen  besseren,  aber  doch
schwach  gelblich  oder  rötlich  gefärbten  Stücke
enthält.  Bisweilen  werden  auch  gefärbte  Stücke
durch  Bleichen  mit  schwefliger  Säure,  nachfolgendem ­
  Neutralisieren  mit  Bariumkarbonat
und  Filtrieren  über  frisch  gefällte  Tonerde  in
G.  albisstmum  verwandelt.  Gepulvert  in  den
Handel  kommendes  G.  ist  oft  stark  verunreinigt,
,—  In  chemischer  Hinsicht  besteht  das  Gummi ­
        <pb n="156" />
        Gummigutt

151

Guttapercha

arabikum  vorwiegend  aus  Arabin,  einer  Verbindung ­
  der  Arabinsäure  mit  Kalk  oder  Magnesia, ­
  und  unterscheidet  sich  dadurch  vom  Kirschgummi, ­
  welches  Metarabinsäure  (Zerasin),
und  dem  Tragant,  welcher  Basso  rin  enthält.
Seine  Verwendung  ist  ungemein  vielseitig.  Das
nicht  zu  pharmazeutischen  Zwecken  benutzte
sog.  Fabrikgummi  dient  zur  Verdickung  der
Farben,  in  Kattun-  und  Seidenfabriken  zum
Appretieren,  ferner  als  Zusatz  zu  Schreibtinten
und  als  Kleb-  und  Bindemittel  zu  Briefmarken,
Etiketten,  Tusch-  und  Wasserfarben,  Zündholzmassen ­
  üsw.  Besonders  im  Steindruck  ist  es  unentbehrlich. ­
  In  der  Medizin  dienen  die  besten
Sorten  zur  Darstellung  von  Hustenzucker,
Gummischleim  und  -sirup,  und  als  Bindemittel
für  Pillen.
Qummigutt  (Gutti,  lat.  Gummi  s.  Resina
gutt,  frz.  Gomme  gutte,  engl.  Gamboge).  Dieser
zu  den  Gummiharzen  gehörige  Stoff  ist  ein  eingetrockneter ­
  Baumsaft  von  verschiedenen,  nicht
sicher  bekannten  Arten  der  Gattung  Garcinia,
die  in  Hinterindien,  Mysore,  auf  Zeylon  und
Borneo  wachsen.  Die  in  Europa  käufliche  Handelsware ­
  kommt  aus  Siam,  meist  über  Singapore
  und  Kanton  in  zwei  Sorten  nach  London,
nämlich  als  Röhrengutti  und  Kuchengutti.
Das  erstere  bildet  2V2—■4V2  cm  dicke  und  bis
4V2  dm  lange  volle  oder  auch  hohle  Zylinder
und  hat  seine  Form  von  Bambusrohren,  in  welchen ­
  der  vom  Baume  abgezapfte  Saft  aufgefangen ­
  wird.  Diese  Stücke  sind  auf  der  Oberfläche ­
  gewöhnlich  striemig,  da  sich  die  Innenseite ­
  des  Bambus  an  ihnen  abgeformt  hat,  und
mit  einem  grünlichgelben  Staube  bedeckt.  Auf
dem  Bruch  erscheinen  sie  porenlos,  großmuschehg
  und  matt  glänzend  orangegelb,  gepulvert
°der  mit  Wasser  verrieben  hingegen  rein  gelb.
Die  Ware  in  Kuchen  oder  Klumpen,  die  oft  über
1  kg  schwere  Stücke  bildet,  ist  von  geringerer
Güte,  äußerlich  meist  ziemlich  dunkelbraungelb
und  von  rauhem,  nicht  glänzendem  Bruch  mit
v ie!en  Poren.  Das  Gelb  des  Pulvers  ist  nicht
so  rein,  mehr  ins  Bräunliche  fallend,  die  Masse
durch  Sand,  Holzstückchen  u.  dgl.  verunreinigt
und  oft  durch  Stärkemehl  verfälscht.  G.  enthält
neben  70—80  °/o  gelben  Harzes  20—30  °/o  Gummi
Und  ist  daher  weder  in  Weingeist  noch  in
Wasser  allein  völlig  löslich.  Der  erstere  löst
nur  das  harzige  Gelb  und  hinterläßt  das  Gummi,
'während  Wasser  umgekehrt  wirkt.  Es  gibt  daher
keine  wirkliche  Lösung  dieses  Stoffes  in  Wasser,
s °ndern  nur,  wenn  beide  miteinander  verrieben
Werden,  ein  emulsionsartiges  Gemisch  von
Gummilösung  mit  fein  verteiltem  Gelbharz.  Es
Wird  in  der  Medizin  als  Abführmittel,  weiter  als
Aquarellfarbe  und  zur  Herstellung  bunter  Pafäere
  usw.  gebraucht,  in  weichem  Falle  dann
^äs  Gummi  das  Bindemittel  abgibt.  Die  wein-Geistige
  Lösung  dient  zum  Gelbfärben  von
Backen  (Goldfirnis).
Gurjunbalsatn  (Ostindischer-,  Capivibal-*
 a rn,  lat.  Baisamum  gurjunae,  Baisamum  capivi,
fff  Baume  de  Copahu  d’Inde,  engl.  Wood-oil).
dieser  dem  "Kopaivabalsam  ähnliche  Harzsaft
^ammt  von  Verschiedenen  Bäumen  der  Gattung
G'pterocarpus,  besonders  von  D.  turbinatus,
a *atus  und  incanus  und  kommt  sowohl  vom
kindischen  Festlande  wie  auch  von  den  Inseln

zum  Verkehr.  Er  bildet  eine  dickflüssige,  bei  auffallendem ­
  Lichte  grünlichgrau  fluoreszierende,
bei  durchfallendem  Lichte  rötlichbraun  durch
sichtige  Masse  von  kopaivabalsamähnlichem
Geruch,  die  in  Chloroform,  Petroläther,  Schwefelkohlenstoff, ­
  Azeton,  Alkohol  größtenteils  löslich
ist.  Das  spez.  Gew.  bei  15°  beträgt  0,950—0,970.
Als  Hauptbestandteile  sind  60—75°/o  eines  stark
linksdrehenden  ätherischen  Öles,  weiter  Harz
und  ein  Bitterstoff  isoliert  worden.  G.  wird
medizinisch  innerlich  und  äußerlich  gegen  Hautausschläge, ­
  technisch  zur  Herstellung  von  Firnissen, ­
  als  Fußbodenöl  und  zur  Verfälschung  des
Kopaivabalsams  benutzt.  Der  Name  Wood-oil
(Holzöl)  kann  zu  Verwechslungen  führen,  da
mit  diesem  auch  andere  Stoffe,  so  das  Aleurites
Öl.  das  fette  Sandelholzöl  und  der  Hardwickia
Balsam  von  Plardwickia  pinnata  belegt  wird.
Zur  Unterscheidung  des  G.  von  Härdwickiaund
  Kopaivabalsam  soll  man  nach  Flückiger  oder
Hanbury  folgendermaßen  verfahren:  Ein  Trop
fen  Balsam  wird  mit  19  Tropfen  Schwefelkohlen
stoff  gemischt,  und  darauf  ein  Tropfen  einer
Mischung  gleicher  Teile  konz.  Schwefelsäure
und  Salpetersäure  hinzugegeben.  Hierdurch  wird
Kopaivabalsam  unter  Abscheidung  eines  kristalli
nischen  Niederschlages  rotbraun,.  G.  purpurroi.
dann  violett,  während  Hardwickia-Balsam  un
Verändert  bleibt.
Gurken  (frz.  Concombre,  engl.  Cucumber),  die
Früchte  von  Cucumis  sativus,  einer  einjährigen ­
  Pflanze  mit  rankendem  Stengel,  werden
in  Deutschland  besonders  in  der  Naumburger  Ge
gend,  in  Lübbenau  im  Spreewalde  und  bei  Lieg
nitz.  in  Mähren  bei  Znaim  in  großem  Umfange
als  Erzeugnis  des  Feld-  und  Gartenbaues,  für
den  Frühbedarf  auch  in  Gewächshäusern  ge
zogen.  Die  Gurke  verlangt  Wärme  und  Sonnen
schein,  versagt  aber  bei  Nässe,  Kälte  und  stürmischer ­
  Witterung,  besonders  in  der  Zeit  der
ersten  Entwicklung.  Für  den  Großhandel  kom
men  nur  die  Herbstgurken  in  Betracht,  die  in
mannigfacher  Weise  eingemacht  werden.  Zu
sauren  oder  Salzgurken,  die  einer  Milchsäure
gärung  unterworfen  Werden,  eignen  sich  nur
mittelgroße,  nicht  zu  reife,  noch  etwas  harte,
fleckenlose  Exemplare,  zu  Senfgurken  die
größten  und  reifsten,  schon  etwas  gelb  gewordenen ­
  G.,  die  von  Schale  und  Samen  befreit
werden,  zu  Pfeffergurken  nimmt  man  hoch
stens  fingerlange,  unreife  Stücke,  zu  Zucker-G.
grüne,  mittelgroße,  feste  Ware.  Zum  Schutze
gegen  leicht  eintretende  Fäulnis  müssen  die  G.
in  vollgefüllten  Fässern  unter  einer  dichten
Schicht  von  B’ättern  und  Gewürzen  (Esdragon,
Pfefferkraut,  Dill)  aufbewahrt  werden.  Die  Salzlake ­
  oder  der  Essig  ist  von  Zeit  zu  Zeit  zu  erneuern, ­
  der  Lagerraum  soll  kühl,  luftig  und  frei
von  üblen  Gerüchen  sein.  Saure  und  Pfeffergurken ­
  werden  vielfach  mit  Kupfer  gegrünt.
Guttapercha  (lat.  Gutta  percha,  G.  gettonia,
frz.  und  engl.  Guttapercha),  gleich  dem  chemisch
verwandten,  physikalisch  aber  wesentlich  verschie
denen  Kautschuk,  der  eingetrocknete  Milchsaft
tropischer  Bäume,  stammt  von  mehreren  Sapotazeen,
  früher  hauptsächlich  von  Palaquium
Gutta  Burck  (Dichopsis,  Isonandra  Gutta\  jetzt
mehr  von  Palaquium  oblongifolium  und  bor
neense,  Payena  Leerii  Benth.  et  Hook,  Payena
        <pb n="157" />
        152

Guttapercha

Guttapercha

Treubii  u.  a.,  die  in  ganz  Ostindien  auf  Festland
und  Inseln  (Borneo,  Sumatra,  Java)  weit  verbreitet ­
  sind.  Nachdem  früher  durch  einen  wahren ­
  Raubbau,  bei  dem  Hunderttausende  von
Bäumen  einfach  umgeschlagen  wurden,  Palaquium
  Gutta  vollständig  ausgerottet  worden  war,
ist  man  zu  einem  rationelleren  Verfahren,  vielfach ­
  auch  zu  Neuanpflanzungen  übergegangen
und  zapft  die  Bäume  jetzt  meist  durch  Einschnitte ­
  und  Wegnahme  eines  Stückes  der  Rinde
an.  Der  ausfließende  und  in  Gefäßen  aufgefan
gene  Saft,  der  eine  gewisse  Ähnlichkeit  mit  Kuhmilch ­
  hat,  gerinnt  alsbald  und  scheidet,  besonders ­
  nach  Zusatz  von  Salz,  eine  klumpige  Masse
ab.  die  mit  den  Händen  zusammengeknetet  und
dann  dem  Trocknen  überlassen  wird.  Die  Rohware ­
  bildet  viereckige,  rötlichbraune,  innen  hei
lere  Blöcke  von  10—20  kg  Gewicht  und  poröser
Struktur,  die  sich  nur  schwer  zerteilen  lassen
und  zahlreiche  Verunreinigungen  von  Rinde,
Holzstückchen,  Blättern,  Erde  und  Steinchen  umschließen. ­
  Zur  Herstellung  der  gereinigten  G.
wird  sie  durch  Schneid-  oder  Reißwalzen  unter
ständigem  Zufluß  von  Wasser  in  dünne  Späne
zerteilt,  darauf  durch  Verrühren  mit  viel  Wasser
von  den  untersinkenden  Verunreinigungen  befreit ­
  und  schließlich  mit  heißem  Wasser  gewaschen, ­
  mit  Walzwerken  gepreßt  und  geknetet,
zu  dünnen  Blättern  oder  Fäden  ausgezogen  und
in  die  verkaufsfertigen  Platten,  Blätter,  Röhren
und  Schnüre  ausgewalzt.  Bisweilen  erfolgt  auch
eine  Behandlung  mit  heißen  Alkalien,  die  aber
sorgfältig  zu  entfernen  sind,  wie  überhaupt  die
häufige  Wiederholung  und  gründliche  Durchführung ­
  aller  Reinigungsarbeiten  von  größter
Bedeutung  ist.  Die  so  vorgerichtete  G.  zeigt
eine  gelbrötliche  oder  gclblichweiße  Farbe,  ein
marmoriertes  Aussehen  und  geschichtete  Struktur. ­
  Je  länger  die  mechanische  Bearbeitung
durch  Kneten  und  Walzen,  besonders  bei  trockener ­
  Wärme  fortgesetzt  wurde,  um  so  mehr  verliert ­
  sich  das  faserige  Gefüge  und  wird  bei
gleichzeitiger  Duhkelfärbung  homogener.  Bei  gewöhnlicher ­
  Temperatur  lederartig,  biegsam,  wenig
elastisch  und  leicht  schneidbar,  erweicht  G.
bei  6o°  so  weit,  daß  sie  sich  kneten  und  in  jede
Form  bringen  läßt,  und  wird  in  siedendem
Wasser  sogar  klebrig  und  fadenziehend,  nimmt
aber  nach  dem  Erkalten  ihre  frühere  Beschaffenheit ­
  wieder  an.  Bei  150°  tritt  unter  Entweichen
eines  flüchtigen  Öles  Zersetzung  ein.  Das  spez.
Gew.  beträgt  0,96—0,99,  In  chemischer  Hipsicht ­
  besteht  sie  aus  einem  Kohlenwasserstoff
Gutta  von  der  Formel  (C 10 Hi 6 )n  und  verschiedenen ­
  harzartigen  Oxydationsprodukten  desselben, ­
  Alban  (nach  Tschirch  in  Sphärit-,  Kristall-, ­

  Isosphärit-AIban  und  Albanan  unterschieden) ­
  sowie  einen  gelben  Farbstoff  Fluavil
(C 10 Hi 6 O)n.  Daneben  finden  sich  Gerbstoffe,
Zucker  und  Salze,  aber  kein  ätherisches  Öl.
Gute  Lösungsmittel  sind  Chloroform,  Schwefelkohlenstoff, ­
  Tetrachlorkohlenstoff  und  Benzin,
hingegen  wird  durch  Alkohol  mir  eine  wachsartige ­
  Substanz  ausgezogen,  Wasser,  Alkalien ­
  und  die  meisten  Säuren,  selbst  Flußsäure,
sind  ohne  Einwirkung.  Nur  stärkste  Salpetersäure ­
  und  Schwefelsäure  zerstören  G.  Durch
Auflösung  in  20  Teilen  Benzol  und  Fällung  mit
dem  doppelten  Volum  Alkohol  erhält  man  die
rein  weiße  G.  depurata  alba,  die  zur  Ausfüllung ­
  hohler  Zähne  und  Anfertigung  künstlicher ­
  Gebisse  dient  und  in  Ferm  dünner  Stengelchen
  unter  Wasser  aufbewahrt  wird.  Durch  Erwärmen ­
  mit  Schwefel  läßt  sich  G.  ganz  wie
Kautschuk  vulkanisieren  und  verliert  dadurch
die  Eigenschaft,  bei  höherer  Temperatur  zu  erweichen ­
  und  von  den  vorgenannten  Lösungsmitteln ­
  aufgelöst  zu  werden.  Auch  können  der
G.  durch  Zusammenkneten  Farbstoffe  und  Füllmittel ­
  einverleibt  werden.  Von  den  zahlreichen
Verwendungen  spielt  die  ümkleidung  elektrischer ­
  Kabel,  besonders  unterseeischer,  die
größte  Rolle,  weil  G.  wegen  ihrer  Undurchdringlichkeit ­
  für  Wasser  und  Elektrizität  geradezu
unersetzbar  ist.  In  chemischen  Laboratorien
und  photographischen  Werkstätten  werden  Wannen, ­
  Flaschen  für  Flußsäure,  Röhren  und  andere ­
  Gefäße  zur  Aufbewahrung  ätzender  Flüssigkeiten ­
  viel  benutzt.  Als  Nichtleiter  der  Elektrizität, ­
  aber  durch  Reibung  selbst  elektrisch  werdender ­
  Körper  dient  G.  zur  Plerstellung  elektrischer ­
  Apparate,  z.  B.  a'.s  Ersatz  der  Harzkuchen
an  Elektrophoren.  —  Guttaperchalösungen
nimmt  man  zum  Ankleben  von  Schuhsohlen.  —
Guttapercha  in  dünn  ausgewalzten  Blättern,
Guttaperchapapier  (lat.  Percha  lamellata)  dient
zum  Einwickeln  vor  Feuchtigkeit  zu  schützender
Waren  (photographischer  P  atten  und  Papiere),
zur  Herstellung  von  Kitten  für  Lederriemen  oder
zum  Kitten  von  Leder  auf  Holz  oder  Metall,
zum  Schienen  bei  Arm-  und  Beinbrüchen  und
zum  Verbinden  bei  Prießnitzumschlägen.  Auch
stellt  man  aus  G.  Matrizen  für  galvanoplastische ­
  Niederschläge  her,  indem  man  sie  auf
den  zu  formenden  Gegenstand  im  erwärmten
Zustande  aufpreßt.  —  Traumatizin,  eine  Lösung ­
  von  weißer  G,  in  Chloroform,  wird  wie
Kollodium  gegen  Schnittwunden  angewandt.  Da
G.  bei  längerem  Lagern,  namentlich  in  def
Kälte,  durch  Oxydation  leicht  brüchig  wird,  zerbröckelt ­
  und  zerfällt,  muß  sie  bei  Zimmertemperatur ­
  unter  Luftabschluß  verwahrt  werden.
        <pb n="158" />
        Haare

155

Haifisch

H.

Haare  (frz.  Cheveux,  engl.  Hair)  verschiedener ­
  Tierarten,  wie  Biber,  Hasen,  Kaninchen,
Roß,  Ziegen  usw.  werden  namentlich  in  Pinselund
  Bürstenfabriken  vielfach  verwendet.  .Roßhaare ­
  dienen  auch  zur  Herstellung  von  Polstermaterial ­
  und  Gespinstwaren.
Haarfärbemittel-  Die  früher  benutzten  H.  enthielten ­
  neben  organischen  Verbindungen  meist
Blei-  und  Kupfersalze.  Seitdem  aber  durch  das
Farbengesetz  vom  5.  VII,  1887  (s.  Farben)  die
Verwendung  giftiger  Metalle  zur  Herstellung
kosmetischer  Präparate  verboten  ist,  kommen
vorwiegend  ammoniakalische  Silberlösungen  für
sich  oder  in  Verbindung  mit  Pyrogallol  zum
Verkehr.  Diese  Mittel  sind  nicht  zu  beanstanden. ­
  Hingegen  ist  vor  dem  Gebrauch  einiger
neuerer  H.,  wie  Phoenix,  Teinture  africaine,
Eau  de  Raffah,  Kronen-Nußextrakt-Haarfarbe,
Nutin,  ausdrücklich  zu  warnen,  weil  diese  das
giftige  Paraphenylendiamin  enthalten  und  in
verschiedenen  deutschen  Bundesstaaten  durch
Verordnungen,  in  der  Schweiz  durch  Gesetz,
verboten  sind.
Haargewebe  (Haartuch,  frz.  Tissus  de  crin,
engl.  Hair  scating).  Aus  Haaren  wqrden  im  Gemisch ­
  mit  anderen  Fasern  verschiedenartige
Stoffe  für  Decken,  Teppiche,  wasserdichte  Mäntel ­
  usw.  hergestellt.  Die  sog.  Haardecken,
Haarziechen,  aus  den  kürzeren  Haaren  von
Pferden  und  Rindern,  dienen  zur  Herstellung
von  Packtüch,  einfachen  Teppichen,  Pferde-und
Schiffsdecken,  Preßtüchern  zum  Ölschlagen  und
Regenmänteln.  Aus  den  langen  Haaren  der
Pferdeschweife  werden  die  Roßhaarstoffe,
die  besonders  als  Siebböden  vielfache  Anwendung ­
  finden,  hergestellt.  Die  verschiedenen  Nummern ­
  der  letzteren  führen  besondere  Namen,  wie
Pfefferböden,  Safranböden,  Pulver-,  Müllerböden
und  dienen  zum  Absieben  von  Mehl,  Grieß,  Gips,
Schießpulver,  feinen  Gewürzen,  Drogen  und
Vegetabilicn.  Für  andere  Zwecke  sind  die  Roßhaargewebe ­
  gewöhnlich  gemischte  Stoffe  (Haartuch) ­
  mit  baumwollener  Kette  und  Einschuß
von  Haaren  und  finden  in  Verbindung  mit  Stroh
oder  Manilahanf  als  Einlage  in  Halsbinden,  als
bauschende  Unterfutter,  zu  Mützen,  Beuteltuch
und  Damenhüten  Verwendung.
Haarstrangwurzel  (lat.  Radix  peucedani,  frz.
Racine  de  peucedane,  engl.  Peucedanum  root),
die  unangenehm  riechende  Wurzel  von  Peucedanum ­
  officinale,  wird  in  der  Tierheilkunde
gegen  Schafräude  benutzt.
Haarwuchsmittel.  Neben  vielen  unschädlichen,
Wennschon  wertlosen  Präparaten  werden  eine
Reihe  bedenklicher  Zubereitungen  vertrieben,
welche  Pilokarpin,  Veratrin  oder  Kantharidin
enthalten  und  z.  T.  bösartige  Hautentzündungen ­
  hervorgerufen  haben.  Besonders  sind
solche  nach  dem  Gebrauche  von  Craven-Bur-Highs
  H.  beobachtet  worden.
Haematogcn,  ein  Nähr-  und  Kräftigungsmittel
a us  defibriniertem  Blut,  das  zur  Verbesserung
des  Geschmacks  und  zur  Erhöhung  der  Haltbarkeit ­
  einen  Zusatz  von  Glyzerin  erhält.

Hafer  (lat.  Avena,  frz.  Avoine,  engl.  Oats),
eine  der  wichtigsten  Getreidearten,  gedeiht  in
den  nördlichen  Gegenden  Europas,  Asiens  und
Amerikas,  besonders  in  Schottland,  an  den
Küsten  der  Nord-  und  Ostsee  und  auf  höheren
Gebirgen  Mitteleuropas  und  wird  in  zahlreichen
Arten  angebaut.  Die  meisten  derselben  gehören
botanisch  zu  dem  gemeinen  oder  Rispenhafer, ­
  Avena  sativa,  oder,  wie  der  Türkische, ­
  Kamm-  oder  Fahnenhafer  zu  A,
orientalis,  während  der  kurze  H.  oder  Sperlingsschnabel, ­
  A.  brevis,  nur  selten  angebaut ­
  wird  und  meist  wild  wächst.  H.  wird  im
Norden  nur  als  Sommerfrucht,  in  südlicheren
Gegenden  auch  als  Winterfrucht  gebaut  und
geht  bis  zu  einer  nördlichen  Breite  von  67°  und
in  der  Schweiz  bis  zu  Höhen  von  1700  m.  Er
ist  die  anspruchsloseste  Getreideart,  liefert  selbst
auf  schlechtem  Boden  noch  einen  Ertrag  und
hat  eine  Reifezeit  von  110—150  Tagen.  Als
mittlere  Ernte  rechnet  man  auf  den  Hektar  25
bis  32  hl  Körner,  im  Gewicht  von  3i : —50  kg  für
1  hl,  und  10—35  Ztr.  Stroh.  Der  PI.  unterscheidet ­
  sich  von  den  übrigen  Getreidearten  durch
einen  ziemlich  hohen  Fettgehalt,  welcher  bis  zu
10  0/0  steigt,  und  enthält  im  Mittel  etwa  12  0/0
Wasser,  10  0/0  Protein,  50/0  Fett,  ioo/ 0  Rohfaser,
3  0/0  Salze  und  60  o/ 0  Kohlenhydrate.  Die  Körner
bilden  das  Hauptfutter  für  Pferde,  in  zurücktretendem ­
  Maße  auch  für  Geflügel  und  Rindvieh. ­
  Das  Mehl  wird,  vielfach  zur  Herstellung
von  Kindermehlen  (Nestle,  Kufeke),  Haferkakao ­
  und  ähnlichen  Zubereitungen,  seltener
zur  Brotbereitung  benutzt.  —  Die  Hafergrütze
(Quaker  oats,  lat.  Avena  excorticata,  frz.
Gruau  d’avoine,  engl.  Oats  groats),  das  Hauptnahrungsmittel ­
  der  Schotten,  dient  zur  Herstellung ­
  von  Brei  und  Suppen  in  geröstetem  Zu-,
stände,  in  England  zur  Bereitung  eines  kühlenden ­
  Getränkes  und  zu  medizinischen  Zwecken.
Die  deutsche  Produktion  betrug  ihn  Jahre  1912
rund  9  Millionen  Tonnen,  der  Einfuhrüberschuß
602000  t.
Hagibutten  (Hainbutten,  lat.  Fructus  cynosbati,
  frz.  Fruit  du  rosier  sauvage,  engl.  Hips)
sind  die  reifen,  roten,  getrockneten  Früchte  der
Hundsrose,  Rosa  canina,  die,  von  den  zahlreichen ­
  Samenkörnchen  befreit,  in  der  Küche
zu  Tunken  und  Suppen  sowie  medizinisch  gebraucht ­
  werden.  —  Die  Samen  (lat.  Semen
cynosbati,  frz.  Semences  de  fruit  du  rosier  sauvage, ­
  engl.  Wild-dogrose-seeds)  werden  medizinisch ­
  als  harntreibendes  Mittel  sowie  als
Kaffee-  und  Tee-Ersatz  benutzt.
Haifisch.  Von  den  zahlreichen  Arten  des  H.:
Hundshai  (Scyllium  canicula),  Katzenhai
(Scyllium  catulus),  Blauhai  (Carcharias
glaucus)  u.  a.  wird  hauptsächlich  die  rauhe
Haut  (s.  Fischhaut)  als  Poliermittel  benutzt.
Die  Rückenflossen  (Haifischflossen)  gelten
den  Chinesen  als  Delikatesse  und  werden  von
ihnen,  ebenso  wie  das  in  Streifen  geschnittene
und  eingesalzene  Fleisch,  als  Nahrungsmittel
verwertet.  Der  aus  der  Leber  gewonnene  Hai-
        <pb n="159" />
        Hai-Thao

Hanf

l.*&amp;gt;4

fischtran  dient  zur  Verfälschung  des  Lebertrans ­
  (s.  d,).  Das  Fleisch  wird  als  Viehfutter
sowie  zur  Herstellung  von  Düngemitteln  (Haifischguano) ­
  benutzt.
Hai-Thao,  eine  aus  Kotschinchina  stammende
getrocknete  Meeresalge,  die  als  Appreturmittel
für  Baumwollengetf'ebe  benutzt  wird,  kommt  in
Form  grober,  glatter  Fasern  von  30  cm  Länge
in  den  Handel.  Die  Masse  löst  sich  in  kochendem ­
  Wasser  zu  einer  schleimigen  Flüssigkeit,
die  zur  Erzeugung  eines  geschmeidigen  und
dabei  kernigen  Griffs,  jedoch  nur  für  feine  Gewebe, ­
  benutzt  wird.  Für  steife  und  schwere
Appretur  ist  sie  nicht  geeignet.
Halwa  (Halva),  ein  Backwerk  aus  Honig
öder  Zucker,  Sesamöl  und  Mehl  oder  Grieß,
wird  in  großen  Mengen  von  der  Türkei  ausgeführt. ­

Hamamelis.  Von  dein  in  Nordamerika  heimischen ­
  Strauche,  Hamamelis  virginiana  L.,
kommen  die  Blätter  und  die  Rinde  in  den  Handel. ­
  —  Die  Hamamelisblätter  (lat.  Folia  hamamelidis,
  frz.  Feuilles  de  hamamelis,  engl.  Hamamelis ­
  leaves)  haben  eine  herzförmige  oder
abgerundete  Gestalt,  eine  Länge  von  10—15  cm
und  einen  herben  Geschmack  und  enthalten  bis
etwa  250/0  Extraktstoffe.  —  Die  Hamamelisrinde
  (lat,  Cortex  hamamelidis,  frz.  Ecorce  de
hamamelis,  engl.  Hamamelis  bark)  bildet  rötlichbraune, ­
  oft  noch  mit  einer  silbergrauen
Korkschicht  bedeckte  röhren-  oder  bandförmige
Stücke  von  faseriger  Struktur  und  zusammenziehendem ­
  Geschmack.  Als  wichtigste  Bestandteile ­
  sind  Fett,  Gerbstoff,  Glykose  und  Extraktstoffe ­
  vorhanden.  —  Blätter  wie  Rinde  werden
gegen  Ruhr,  Diarrhöe,  innerliche  Blutungen  usw.
angewandt.  Aus  den  Blättern  wird  außerdem
ein  Fluidextrakt  (lat.  Extractum  Hamamelidis ­
  fluidum),  aus  der  Rinde  durch  Destillation
das  in  England  und  Amerika  gegen  Blutungen
vielfach  benutzte  Hazalium  hergestellt.
Hamburger  Masse,  eine  zum  Anstrich  von
Akkumulatorenlagern  benutzte  Lösung  von
60  Teilen  Äsphaltbitumen  in  40  Teilen  Schwefelkohlenstoff, ­
  ist  wegen  ihrer  großen  Feuergefährlichkeit ­
  mit  großer  Vorsicht  zu  handhaben.
Hanf  (frz.  Chanvre,  engl.  Hemp).  Die  besonders ­
  durch  ihre  Faser,  in  zweiter  Linie  ihren
Ölgehalt  überaus  wertvolle  Hanfpflanze,  Cannabis ­
  sativa,  gedeiht  unter  den  verschiedensten ­
  Breitegraden  und  Bodenverhältnissen  und
wird  daher  sowohl  auf  den  Ebenen  Persiens,
Indiens  und  Arabiens,  wie  in  ganz  Afrika,  Amerika ­
  und  Europa  bis  nach  Archangelsk  hinauf
angebaut.  Die  Pflanze  ist  wie  der  nahe  verwandte ­
  Hopfen  und  die  Nessel  zweihäusig  und
kommt  somit  sowohl  in  einer  männlichen,
schwächer  entwickelten  (Hanfhahn,  Sommerhanf, ­
  fälschlich  Femmel),  wie  auch  in  einer
kräftigeren,  weiblichen  Torrn  vor.  Hauptsächlich ­
  die  letztere  findet  technische  Verwendung.
Die  Art  des  Anbaus  und  der  Ernte  richtet  sich
danach,  ob  die  Faser-  oder  Ölgewinnung  die
Hauptsache  ist.  Im  ersteren  Falle  sät  man  sehr
dicht  und  zieht  noch  vor  der  Reife  im  zarteren
Zustande,  während  man  im  letzteren  Falle  die
Samen  erst  reifen  läßt.  Zur  Gewinnung  der
Faser  werden  die  Pflanzen  wie  Flachs  auf  dem
Felde  oder  in  Wasser  geröstet,  gebrochen,  darauf ­

  meist  unter  Stampfen  oder  in  Kollergängen
bearbeitet  (Boken)  und  schließlich  geschwungen
und  gehechelt.  Die  feineren  Fasern  bilden  den
Spinn-  oder  Brechhanf,  die  stärker  verholzten ­
  den  Seilerhanf.  Die  durch  Boken  und  Ausschütteln ­
  von  Schäbe  möglichst  befreite  Ware,
wie  sie  meist  in  den  Handel  kommt,  wird  als
Reinhanf,  oder  wenn  die  Bastschicht  völlig
abgezogen  ist,  als  Schleiß-  oder  Pellhanf
bezeichnet.  Die  Hanffaser  erreicht  bei  einer
Dicke  von  0,02  mm  eine  Länge  von  über  2  m
und  besitzt  ein  ziemlich  breites  Lumen  sowie
Längsstreifen  und  Quetschungen,  an  denen  sie
unter  dem  Mikroskope  leicht  erkannt  wird.  Mit
Jod  und  Schwefelsäure  färbt  sie  sich  blau  und
quillt  in  Kupferoxydammoniak  stark  auf.  Der
H.  wird  nach  Länge,  Feinheitsgrad,  Farbe  und
Reinheit  in  viele  Handelssorten:  ganz-,  halb-,
mittelreinen,  Ausschuß-,  kurzen  und  langen,
Strähn-,  Spinn-  und  Schusterhanf  unterschieden.
Auch  das  Werg  ist  Handelsware  und  dient  zum
Kalfatern.  Am  höchsten  schätzt  man  der  Farbe
nach  den  silber-  oder  perlgrauen,  danach  den
grünlichen  oder  gelblichen,  während  der  braune
H.  für  überröstet  gehalten  wird.  Dumpfig  riechende ­
  Ware  ist  verdorben.  H.  bildet  die  wichtigste ­
  Faser  für  Seile,  Taue  und'grobe,  aber  sehr
feste  Gewebe  und  wird  besonders  für  Fischerei
(Netze)  und  Schiffahrt  in  ungeheuren  Mengen
verbraucht.  Die  Verarbeitung  zu  Garn,  Zwirn
und  Bindfaden  erfolgt  wie  beim  Flachs.  Auch
Papier  wird  aus  H.  hergestellt,  jedoch  besteht
das  sog.  Hanfpapier  der  Geldscheine  jetzt
meist  aus  Flachs.  Als  wichtigste  Ausfuhrländer
kommen  vor  allem  Rußland  und  Italien,  neuerdings ­
  auch  Nordamerika  und  Neuseeland  in  Betracht. ­
  Für  den  deutschen  Bedarf  liefert  aber
auch  das  Rheinland  eine  vorzügliche  Spinnfaser.
Während  des  Krieges  hat  man  den  Anbau,  der
von  21000  ha  im  Jahre  1870  auf  3500  ha  (1905)
gesunken  war,  besonders  auf  Moorboden  erheblich ­
  gesteigert  und  berechnet,  daß  Deutschland ­
  bei  Anbau  von  50000  ha  die  Juteeinfuhr
entbehren  könne.  —  Die  Hanfsamen  (lat.
Semen  cannabis,  Fructus  Cannabis,  frz.  Graines
de  chanvre,  engl.  Hemp  seed)  werden  zum  Teil
zur  Aussaat,  zum  Teil  zur  Ölgewinnung  benutzt.
Der  für  erstere  bestimmte  sog.  Säehanf  soll
von  bester  Beschaffenheit  und  nicht  älter  als
ein  Jahr  sein,  weil  bei  dem  hohen  Ölgehalt
sonst  leicht  ein  die  Keimkraft  schwächendes
Ranzigwerden  eintritt.  Alle  zur  Saat  ungeeigneten ­
  Körner  bilden  die  2.  Sorte,  die  Schlagsaat, ­
  die  wie  andere  Ölfrüchte  ausgepreßt  wird.
—  Das  Hanföl  (lat.  Oleum  cannabis,  frz.  Huile
de  chanvre,  engl.  Hemp  oil),  das  in  größter
Menge  aus  Rußland  kommt,  besitzt  eine  grünliche ­
  oder  bräunlichgelbe  Farbe,  milden  und
faden  Geschmack  und  starken  Hanfgeruch.  Es
hat  ein  spez.  Gew.  von  0,927  und  erstarrt  erst
bei  -—27  °.  Es  eignet  sich  nicht  zu  Speisezwecken, ­
  kann  aber  im  raffinierten  Zustande  als
Brennöl  benutzt  werden.  Am  meisten  benutzt
man  es  zur  Herstellung  von  Schmierseife  sowie ­
  als  trocknendes  Öl  zur  Bereitung  geringer
Firnissorten.  —  Die  Hanfpreßkuchen  dienen
als  Futter  für  Pferde  und  Schafe.  Außer  zur
Ölgewinnung  finden  die  Samen  in  geröstetem
Zustande  sowie  als  Suppe  zur  menschlichen
        <pb n="160" />
        Harlemer  Balsam

Harzöl

155

Ernährung,  ferner  als  Vogelfutter  und,  medizinisch, ­
  zu  Emulsionen  Verwendung.  —  Das
Kraut,  Herba  oder  Summitates  cannabis,
auch  indischer  H.  genannt,  bildet  den  Rohstoff ­
  zur  Darstellung  narkotischer  Präparate,
Jedoch  eignen  sich  hierzu  nur  die  tropischen,
besonders  indischen  Sorten,  die  bisweilen  auch
als  eine  besondere  Art,  Cannabis  indica,  angesehen ­
  werden.  Von  den  drei  Handelssorten
bildet  die  Ganja  oder  Gunja  */ 2  kg  wiegende
Bündel,  die  aus  20—30  verästelten,  entblätterten
Stengelspitzen  der  weiblichen  Pflanze  bestehen
und  einen  stark  narkotischen  Geruch  sowie
harzig  bitteren  Geschmack  besitzen.  Die  zweite
Sorte:  Bhang,  Guaza  oder  Siddhi,  die  in  der
Kegel  zu  uns  kommt,  besteht  aus  einem  Gemisch ­
  stengelloser  Blütenstände  mit  Blättern
und  Früchten  und  erscheint  meist  in  Form  dicht
mit  Harz  verklebter  Knäuel.  Sie  ist  harzärmer
und  von  schwächerem  Geruch.  Die  dritte  Sorte:
Ch  aras  oder  Churus  endlich  verbleibt  in  Indien, ­
  Als  wirksame  Bestandteile  der  Droge  hat
man  ein  bei  40 0  schmelzendes  Harz(Kannabin),
ferner  ätherisches  Öl  und  ein  Alkaloid  (Kannabinin)
  isoliert.  Der  a'koholische  Auszug  und
die  Tinktur  finden  medizinische  Anwendung  als
Schlafmittel.  —  Der  indische  Hanfextrakt  (lat
Extractum  cannabis  indicae,  frz.  Extrait  de
chanvre  Indien,  engl.  Extract  of  Indian  hemp)
wird  aus  dem  zerkleinerten  Kraute  durch  Ausziehen ­
  mit  Weingeist  gewonnen  und  als  Zusatz
zu  verschiedenen  Hühneraugenmitteln  benutzt.
Eie  Hauptmengc  dient  aber  zur  Herstellung  von
Haschisch,  d.  s.  verschieden  zusammengesetzte
Zubereitungen,  die  geraucht  oder  getrunken
Werden  und  dabei  wie  Opium  einen  eigentümlichen ­
  Zustand  der  Berauschung,  bei  fortgesetzter ­
  Anwendung  aber  schwere  Störungen  verursachen. ­

Harlemer  Balsam  oder  öl  (Holländischer
°der  Silber  balsam,  Silber-  oder  Ti  11  ytropfen,
  lat.  O.eura  tereblnthinae  sul.'uratum,
Hz.  Baume  de  soufre  thdrübinthme,  Huile
d’Haarlem,  engl.  Harlem  balsam),  ein  Produkt
der  trockenen  Destillation  von  Aloe,  Weihmuch, ­
  Myrrhen  und  Olivenöl,  oder  ein  Gemisch
v °n  geschwefeltem  Leinöl  mit  Terpentinöl,  wird
als  Hausmittel  benutzt.
Harmalasamen  sind  die  Samen  einer  zur  Familie ­
  der  Butazeen  gehörigen  Steppenpflanze,
Beganum  Harmala  (L.),  die  im  südlichen
Kußland,  in  der  Türkei,  Persien  und  am  Kaspischen ­
  Meere  wild  wächst,  zuweilen  auch  anßebaut
  wird.  Sämtliche  Teile  der  Pflanze  haben
einen  starken  und  angenehmen  Geruch  und
etwas  brennenden  Geschmack;  die  in  einer
Kugdig  dreifurchigen  Kapsel  liegenden  Samen,
me  im  Orient  als  Gewürz  benutzt  werden,  sind
dreiseitig,  an  einer  Seite  gewölbt  und  enthalten
Ueben  einem  roten  Farbstoff,  dem  Harmala-Jot,
  zwei  Alkaloide,  das  Harmalin  und  das
Karmin,  farblose,  kristalliniscne  Körper  von
®tark  bitterem  Geschmack.  Die  Samen  sollen  in
uer  Türkei  nach  dem  Rösten  und  Behandeln  mit
Schwefelsäure  zum  Rotfärben  benutzt  werden.
Harnsäure  (lat.  Acidum  uricum,  frz.  Acide
Ur *que,  engl.  Uric  acid),  eine  stickstoffhaltige
Organische  Säure,  CjH^N^Os,  war  eine  Zeitlang
,v°r  cl ern  Aufkommen  der  Anilinfarben)  ein

ziemlich  gesuchter  Handelsartikel,  den  man  zur
Bereitung  des  Murexids  benutzte.  Zu  ihrer  Darstellung ­
  bediente  man  sich,  da  der  Menschenharn ­
  zu  geringe  Mengen  enthält,  der  Schlangenexkremente, ­
  späten  des  Peruguano.  100  kg  Guano
geben  etwa  7  kg  Säure  in  Form  eines  bräunlichgelblichen ­
  Pulvers,  welches  durch  weitere  Reinigung ­
  in  schneeweißen  Kristallen  erhalten  wird.
Hartspirilus  ist  durch  Auflösen  von  Seife,  am
besten  reinem  stearinsauren  Natrium,  oder  von
Zelluloseazetat  in  feste  Form  übergeführter
Spiritus,  der  zur  Beheizung  von  Spirituskochern
besonders  im  Kriege  viel  benutzt  wurde.
Harz  (lat.  Resina,  frz.  Resine,  engl.  Resin).
Unter  diesem  Namen  faßt  man  in  der  Wissenschaft ­
  zahlreiche  pflanzliche  Ausscheidungsprodukte ­
  zusammen,  die  in  der  Hauptsache  aus
stickstofffreien  Verbindungen  von  Kohlenstoff,
Wasserstoff  und  Sauerstoff  (Harzsäuren,  Ester)’
bestehen  und  in  Wasser  unlöslich,  in  Alkohol,
Äther,  Schwefelkohlenstoff  hingegen  in  der  Regel
löslich  sind.  Als  besondere  Unterabteilungen
werden  von  ihnen  die  Gummiharze  (Gummigutti,
  Asa  foetida,  Ammoniakgummi,
Galbanum,  Myrrhe,  Weihrauch),  das  sind
Gemische  von  Harzstoffen  mit  Gummi,  und  die
Balsame  (Terpentin,  Kopaiva-,  Gurjun-,
Mekka-,  Peru-,  Tolubalsam,  Storax),  Lösungen ­
  von  Harzstoffen  in  ätherischen  ölen,
unterschieden.  Zu  den  eigentlichen  Harzen
gehören  u.  a.  Schellack,  Kopal,  Mastix,
Benzoe,  Drachenblut,  Dammat,  Elemi,
Sandarak,  Guajak-  und  Akaroidharz  sowie ­
  vor  allem  das  Fichtenharz.  Die  einzelnen
Harze,  Gummiharze  und  Balsame  sind  unter
ihrem  besonderen  Namen  besprochen  worden.
Harztrsatz  (Kunstharz)  wird  durch  Erhitzen
von  Formaldehyd  mit  Phenolen  (oder  Kresolen)
und  einer  Kontaktsubstanz  (Alkalien,  Säuren,
Gerbextrakt,  Kasein)  als  eine  harzartige  Masse'
dargestellt,  die  in  Alkohol  oder  Azeton  löslich
ist,  sich,  wenn  auch  unvollkommen,  mit  Fußbodenölen ­
  mischt  oder  mit  Universalfarben  verreiben ­
  läßt  und  glänzende,  durchscheinende,
rasch  trocknende  Anstriche  gibt.  Ein  derartiges
Erzeugnis  der  Bakelit-Gesellschaft  wird  als  Bakelit, ­
  im  Gemisch  mit  Kumaronharz  (s.  d.)  als
Albertole  bezeichnet.  —  Ein  anderer  H.  der
Chemischen  Fabrik  Nördlinger  entsteht  durch
Behandlung  von  HolzteerÖl  mit  Schwefelsäure,
ein  weiterer  von  Bartling  und  Haege  durch  Erhitzen ­
  von  Lignit  mit  Kali  und  Soda.  —  Schließlich ­
  ist  auch  eingedickte  Sulfitlauge  als  Harzersatz ­
  benutzt  worden.
Harzkitte,  aus  Harzrückständen,  meist  unter
Zusatz  von  Kautschuk  oder  Guttapercha,  durch
Auflösen  in  Schwefelkohlenstoff,  hergestellt,
dienen  zum  Verkitten  solcher  Gegenstände,  bei
denen  besondere  Haltbarkeit  gewünscht  wird.
Harzöl  (Harzgeist).  Das  bei  der  Destillation
von  Leuchtgas  aus  Fichtenharz  in  Menge  von
20—250/0  erhaltene  rohe  H.  dient  zur  Herstellung ­
  einiger  technisch  wichtiger  Stoffe.  Der  bei
120—130 0  übergehende  Harzgeist  (Pinolin)
kann  als  Beleuchtungsmittel  sowie  als  Ersatz
für  Terpentinöl  gebraucht  werden,  nachdem
er  vorher  durch  Schütteln  mit  Natronlauge  entsäuert ­
  und  mit  Dampf  destilliert  worden  ist.
Durch  weitere  Destillation  des  Rohöls  bis  zu
        <pb n="161" />
        Haselwurz

156

Hausenblase

280°  wird  ein  bräunlichgrünes  dickeres  Öl  (fixes
Öl  oder  Patentöl)  hergestellt,  das,  mit  Schmierseife ­
  gemischt,  als  Patentwagenf  ett,  englische
Wagenschmiere  sowie  unter  der  unzutreffenden ­
  Bezeichnung  Paraffinfett  in  den  Handel
kommt.
Haselwurz  (lat.  Rhizoma  asari,  frz.  Racine
d’asari,  engl.  Cabaric  root),  eine  nicht  unwichtige ­
  Ware  des  Drogenhandels,  stammt  von
Asarum  europaeum  (Nierenkraut,  Hasenkraut), ­
  einer  in  Bergwäldern  unter  Gebüsch,
besonders  Haselsträuchern,  wachsenden  Pflanze
mit  niedrigen  Stengeln,  glockigen,  braunroten
Blütenkelchen  und  langgestielten  nierenförmigen ­
  Blättern.  Der  dünne,  kriechende,  graubraune ­
  Wurzelstöck  ist  hin  und  her  gebogen,
knotig  gegliedert,  längsrunzelig  und  mit  Faserwurzeln ­
  besetzt.  Er  hat  einen  eigentümlichen
kampferartigen  Geruch,  schmeckt  beim  Kauen
brennend  pfefferartig  und  bewirkt  im  frischen
Zustande  Erbrechen.  H.  enthält  neben  ätherischem ­
  Öl  einen  kampferähnlichen  Stoff,  das
Asaron,  und  wird  in  Pulverform  als  Schnupfenmittel ­
  sowie  in  der  Tierheilkunde  verwandt.
Hauhechelwurzel  (Haudornwurzel,  Harnkrautwurzel, ­
  lat.  Radix  ononidis,  frz.  Racine
de  bugrane,  engl.  Restharrow  root),  die  mehrere
Fuß  lange  und  fingerdicke,  holzigzähe  Wurzel
der  dornigen  Hauhechel,  Ohonis  spinosa,
eines  niedrigen,  an  Wegrändern  und  sonst  auf
unbebauten  Flächen  häufig  wachsenden  Strauches ­
  mit  blaßroten  Schmetterlingsblüten,  kommt
in  Form  ästiger,  außen  dunkelbrauner,  auf  dem
Querschnitt  weißlichstrahliger  Stücke,  die  meist
der  Länge  nach  gespalten  sind,  in  den  Handel.
Der  Geschmack  ist  süßlich  bitterlich,  beim  Kauen
zusammenziehend  und  etwas  brennend.  H.  enthält ­
  als  charakteristische  Bestandteile  die  Glykoside ­
  Ononin,  Ononidin  und  das  wachsartige ­
  Onozerin  und  wird  als  harntreibendes
Mittel  sowie  als  Zusatz  zu  Blutreinigungstees
verwandt.
Hausenblase  (Fischleim,  lat.  Colla  piscium,
Ichthyocolla,  frz.  Colle  de  poisson,  engl.  Isingla'ss)
  besteht  aus  der  getrockneten  inneren
Haut  der  Schwimmblase  verschiedener  großer
Fischarten  vom  Geschlecht  der  Störe  und  Hausen, ­
  besonders  des  eigentlichen  Störs,  Acipenser
  sturio,  und  des  Hausens,  A.  huso
sowie  einiger  kleiner  Verwandter,  des  Osseter,
A.  Güldenstaedtii,  desSterlet,  A.ruthcnus,
und  des  Sewruga  (Scherg).  Es  sind  also
meist  dieselben  Tiere,  die  im  Handel  auch  den
Kaviar  liefern  und  in  dem  Aufsatz  Stör  näher
besprochen  worden  sind.  Die  meiste  H.  kommt
aus  Rußland  über  Petersburg.  Außer  dieser
russischen  „echten“  Ware  erscheint  aber  noch
manche  andere  aus  den  verschiedensten  Weltgegenden, ­
  besonders  amerikanische  von  der
Hudsonsbai,  brasilianische  und  ostindische,  die
bisweilen  auch  wohl  der  echten  in  betrügerischer ­
  Absicht  beigemischt  wird.  An  den  Küsten
Norddeutschlands,  Englands  und  Nordamerikas
verarbeitet  man  hauptsächlich  den  Kabeljau,  daneben ­
  noch  Lachse,  Welse  und  Seehechte.  Die
nicht  russischen  Sorten  sind  alle  von  geringerer
Güte,  meist  dunkler,  gelblich  bis  bräunlich  gefärbt ­
  und  mit  widrigem  Fischgeruch  und  -geschmack
  behaftet  und  hinterlassen  beim  Kochen

mit  Wasser  weit  mehr  unlöslichen  Rückstand
als  die  echte.  Die  russische  H.  unterscheide 1
man  in:  Astrachaner,  uralische  und  sibirische. ­
  Die  beste  Ware  besteht  aus  harten,
schwer  zu  biegenden  Blättern  mit  runzliger
Oberfläche,  die  bei  auffallendem  Lichte  mit
prachtvoll  blauer  Farbe  schillert,  während  die
geringeren  Sorten  dieses  Irisieren  wenig  oder
gar  nicht  zeigen.  Die  gangbarsten  Marken  der
russischen  H.  sind:  Saliansky,  Beluga  und
Samovy  oder  Samova,  nächst  diesen  Assetowa
  und  Prernislowoi.  Ihre  Zubereitung  erfolgt ­
  in  höchst  einfacher  Weise,  Die  frischen
oder,  wenn  getrocknet,  in  Wasser  wieder  aufgequellten
  Blasen  werden  der  Länge  nach  aufgeschnitten,
  durch  sorgfältiges  Waschen  gereinigt ­
  und  von  der  äußeren  unbrauchbaren
Muskelhaut  befreit.  Die  innere  weiße  Haut,  in
eine  der  gangbaren  Formen  gebracht  (gebrakt),
  wird  dann  vollends  getrocknet.  Früher
gab  es  im  Handel  auch  unaufgeschnittene,  nur
äußerlich  gereinigte  Blasen  sowie  solche,  di®
geöffnet  und  zu  einem  Kuchen  zusammengeklappt ­
  waren.  Diese  Stücke  mußten  aber  vor
dem  ;  Gebrauch  erst  lange  gewässert,  geklopft
und  auseinandergelegt  resp.  gereinigt  werden-Dasselbe
  gilt  von  der  in  Fadenform  geschnittenen, ­
  oder  in  Ringel-  oder  Lyraform  (Ringelhausenblase)
  aufgerollten  und  gebogenen
VVare,  die  noch  hin  und  wieder  vorkommt.  Zur
Herstellung  der  Blätter  werden  die  noch  feuchten ­
  gereinigten  Stücke  stark  ausgereckt,  mit
Nägeln  über  Bretter  gespannt  und  so  in  der
Sonne  fertig  getrocknet,  während  man  die
dünnen  Fäden  durch  Zerschneiden  der  Blätter
auf  Maschinen  mit  stählernen  Schneidescheiben
erhält.  Neuerdings  wird  oft  die  rohe  H.  nach
Petersburg  geschafft  und  dort  erst  gebrakt  und
mit  schwefliger  Säure  gebleicht,  wodurch  sie
aber  an  Wert  verliert.  Besser  ist  die  an  der
Wolga  übliche  Schneebleiche,  bei  der  man  die
Blasen  der  im  Winter  unter  dem  Eise  gefangenen ­
  Tiere  bis  zu  der  Verarbeitung  im  Schnee
eingräbt.  Die  Beluga,  also  die  eigentliche
große,  dicke  und  rauhe  Blätter  von  wenige!
reiner  Farbe,  ist  die  billigere  Sorte,  aber  in
allen  Fällen,  in  denen  nicht  auf  schönes  Äußere
gesehen  wird,  sehr  gut  brauchbar.  Sterletblase
  ist  nicht  größer  als  ein  Handteller.  Samowy,
  eine  in  dünnen  weißen  Blättern  in  de»
Handel  kommende  Ware,  die  den  übrigen  Sorten
an  Güte  sehr  nachsteht,  stammt  vom  Wels-Die
  H.  ist  in  kaltem  Wasser  nicht  löslich,  sondern ­
  quillt  nur  stark  darin  auf.  Beim  Erhitze 0
löst  sie  sich  aber  in  Wasser  wie  auch  in  verdünntem ­
  Spi  Lus,  unter  Hinterlassung  geringer
Mengten  faseriger  Reste  zu  einer  klebrigen
Flüssigkeit,  die  nach  dem  Abkühlen  schon  be&amp;gt;
einem  Gehalte  von  4  0/0  zu  einer  Gallerte  g 6 "
steht.  Hierauf  beruht  ihre  Vielseitige  Verwendung ­
  in  der  Küche  und  Konditorei  zur  Herstellung ­
  von  Gelees  und  Süßspeisen.  Als  Klebstoff
dient  sie  in  Form  von  Mundleim  und  durchsichtigen ­
  farbigen  Oblaten,  auf  Taft  gestrichen
als  H.-Pflaster,  sog.  englisches  Pflaster,
ferner  zu  Kitten,  besonders  in  weingeistiger  Lösung ­
  und  mit  Harzen  verbunden,  als  sog.  Diarnantkitt,
  als  Bindemittel  für  Farben  und  bei
Anfertigung  der  künstlichen  Perlen  aus  Gla s

und
liefe
zeic
geh
Ap F
c-eu
Ver
Blei
Zus
geh
io  ]
12-pac


kor
He:
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Vo
        <pb n="162" />
        Häute

157

Häute

und  Fischschuppen.  Als  durchsichtiger  Körper
liefert  sie  Leim-  oder  Glaspapier,  das  zu  Durchzeichnungen ­
  und  zum  Bedrucken  mit  Bildern
gebraucht  wird.  Als  Glanzstoff  wird  sie  zum
Appretieren  von  seidenen  und  anderen  feinen
Zeugen  und  Bändern  benutzt.  Den  stärksten
Verbrauch  aber  hat  sie  als  Klärmittel  für  trübe
Biere'  und  Weine,  denen  sie  im  aufgequellten
Zustande  beigemischt  wird.  Die  russische  Ware
gelangt  in  den  Handel  entweder  in  Ballen  von
Jo  Pud  (i  Pud  =  16,38  kg)  oder  in  Fässern  von
12—14  Pud,  in  denen  sie,  in  grobe  Säcke  verpackt, ­
  enthalten  ist.  Als  sog.  künstliche  H.
kommen  Erzeugnisse  in  den  Verkehr,  zu  deren
Herstellung  nicht  nur  die  Blase,  sondern  auch
Haut,  Magen  und  Därme  großer  Fische  zu  einer
Gallerte  verkocht  und  dann  zu  dünnen  Blättern
getrocknet  werden.  Sie  bilden  ein  geringwertiges ­
  Material  für  Fischleim.
Häute  (frz.  Peaux  brutes,  Cuirs  en  poil,  engl.
Hides)  nennt  man  die  äußeren  Umkleidungen
tierischer  Köfper,  und  zwar  im  Handel  hauptsächlich ­
  diejenigen  aller  größeren  Tiere,  währ
 end  die  kleinerer  Tiere  Felle  genannt  werden.
So  sagt  man  Riiiderhaut,  Roßhaut,  Eselshaut,
dagegen  Kalbfell,  Hasenfell  und  Ziegenfell.
Auch  werden  sämtliche  Rauchwaren  als  Felle
bezeichnet.  Unter  Häuten  versteht  man  nur
die  rohe,  unbearbeitete  Ware,  die  fast  ausschließlich ­
  zum  Gerben  bestimmt  ist.  Gegerbt
beißen  sie  Leder.  Die  wichtigsten  im  Handel
v orkommenden  Häute  sind  Rinder-,  Roß-  und
Büffelhäute.  Mit  Ausnahme  der  kleineren  und
schwächeren  ostindischen  und  ähnlicher  Sorten
Werden  Ochsen-  und  Kuhhäute  überseeischer
Abkunft,  die  von  Herden  stammen  und  großenteils ­
  mit  Brandzeichen  versehen  sind/meist  zu
Sohlenleder,  die  von  europäischem,  im  Stall
a ufgewachsenem  Vieh  aber  auch  zu  Riemen-JJJJd
  Sattlerleder  gegerbt.  Während  die  Häute
v on  europäischem  Vieh  meist  von  den  Schlachtern ­
  direkt  in  die  Hände  der  Gerber  übergehen,
bilden  die  überseeischen  Häute  (Wildhäute)
einen  bedeutenden  Handelsartikel,  der  von  allen
Weltteilen  nach  Europa  und  den  Vereinigten
Staaten  eingeführt  wird.  Die  Wildhäute  kommen
a nf  dreierlei  Art  zum  Versand:  1.  trocken.
Hie  Trocknung  gelingt  gut  bei  scharfer  Luft,
fahrend  bei  wechselndem  Tau,  Regen  und
Sonnenschein  nur  mit  größter  Sorgfalt  Beschädigungen, ­
  besonders  durch  Sonnenbrand,
^ctmieden  werden  können.  Trockne  Häute  sind
bei  langer  Beförderungsdauer,  namentlich  aus
beißen  Gegenden,  in  hohem  Grade  durch  Wurmttaß
  gefährdet.  2.  trocken  gesalzen,  d.  h.
a ach  dem  Schlachten  auf  der  Fleischseite  mit
balz  (teilweise  auch  Salpeter)  eingerieben  und
bann  an  der  Luft  getrocknet.  Diese  hauptsächf
 c h  in  Brasilien,  Madagaskar  und  Mauritius  üb-‘che
  Behandlung  erhöht  das  Gewicht  nahezu
Un J  die  Hälfte,  aber  die  Ware  erhält  sich  gut,
JbJd  nur  etwa  vorherrschender  Salpeter  bewirkt

bi;

steilen  Erhitzung  oder  Fäulnis.  3.  grün  gegj

  2 en,  naß  gesalzen  oder  in  Kissen  gesalzen
e i® rart 'g c  H,  werden  zwischen  Salzschichten
^mge  Tage  aufgestapelt,  bis  das  Blut

und

asser  abgelaufen  ist,  dann  mit  einigen  Kilog
  atnm  Salz,  das  auf  beiden  Seiten  anhängen
ei bt,  in  ein  Bündel  zusammengefaltet  und  eingeschnürt. ­

  Solche  Häute  behalten  jahrelang  ihre
Frische  und  Geschmeidigkeit  und  sind  für  Sohlleder ­
  ganz  besonders  geeignet.  Das  Gewicht
einer  grün  gesalzenen  Haut  beträgt  fast  das
Doppelte  einer  trockenen,  der  Wert  ist  jedoch
ein  relativ  höherer  wegen  ihrer  Frische  und  der
Gewißheit,  daß  sie  gut  erhalten  ist.  Die  trotzdem ­
  bisweilen  vorkommenden  Beschädigungen,
wie  Schnitte,  Löcher,  wunde  Haarseite  und
dergl.  sind  ohne  weiteres  erkennbar.  Dieser
Art  des  Salzens  bedient  man  sich  meist  in  den
La-Plata-Staaten  und  anderen  Teilen  Südamerikas, ­
  aber  auch  in  Australien  und  am  Kap  der
guten  Hoffnung.  —  Von  den  Exportplätzen
roher  Wildhäute  nimmt  Buenos  Aires  den  ersten
Rang  ein,  dann  folgen  Montevideo  und  Rio
Grande,  die  Erzeugnisse  von  nahezu  gleicher
Güte  liefern,  ferner  Rio  de  Janeiro-,  Bahia,  Pernambuko,
  Ceara,  Valparaiso,  Lima,  Para,  Callao,
Marakaibo,  Kapstadt,  Sidney  und  Melbourne.  Bisweilen ­
  werden  aber  auch,  meist  durch  Futtermangel ­
  oder  Seuchen  veranlaßt,  Massenschlachtungen ­
  in  solchen  Ländern  .vorgenommen,  deren
Ausfuhr  sonst  nicht  belangreich  ist,  so  z.  B.  in
den  60er  Jahren  in  Marokko,  später  in  Tunis
und  Algier,  neuerdings  in  China  und  Arabien.
Nordamerika  ist  hingegen,  wegen  seiner  rasch
entwickelten  Lederindustrie,  zu  einem  Einfuhrlande ­
  geworden,  so  daß  es  jetzt  auf  die  Preise
in  Europa  einen  maßgebenden  Einfluß  ausübt.
Roß  häute  oder  Pferdehäute  f  nden  nur
zu  Schuh-  oder  Stiefeloberleder  Verwendung.
Sie  gelangen  neben  den  beträchtlichen  Erträgnissen ­
  europäischer  Abdeckereien  und  Roßschlächtereien ­
  hauptsächlich  aus  den  La-Plata-Staaten,
  in  geringeren  Mengen  auch  aus  Australien, ­
  Rußland  und  Nordamerika  zur  Einfuhr.
Büffelhäute,  die  hauptsächlich  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  von  Nordamerika,  seltener  in
England  und  Deutschland,  wie  die  Ochsen-  und
Kuhhäute,  zu  Sohlenleder  gegerbt  Werden,  sind
billiger,  aber  auch  dicker  und  schwerer,  von
lockerem  Gefüge  und  überhaupt  geringerer  Güte
als  die  Rinderhäute.  —  Ostindische  Häute
(Kips  —  von  Kip,  eine  kleine  Rindhaut)  sind
von  den  besprochenen  Wildhäuten  wesentlich
verschieden.  Sie  werden,  weil  schwächer  und
geschmeidiger,  fast  nur  zu  Oberleder  gegerbt,
ersetzen  sowohl  das  schwache  Kuhleder  wie
das  starke  Kalbleder  und  sind  auch  bei  guter
Gerbung  von  eher  noch  größerer  Dauerhaftigkeit. ­
  Marktstiefel  und  Schuhe  werden  meist  aus
Kips  gefertigt.  Die  ostindischen  Häute  entstammen, ­
  der  religiösen  Vorschrift,  kein  Tier  zu
töten,  entsprechend,  meist  von  gefallenem  Vieh
und  kommen  nach  äußerlicher  Behandlung  mit
Salz,  Kalk  oder  Kot  über  Kalkutta,  Bombay,
Madras,  Kurrachee  und  Kochin  in  den  Handel.
Die  hauptsächlichsten  Sorten,  die  in  Kalkutta
zur  Verschiffung  gelangen,  sind:  Northwestern,
Dacca,  Hoogly,  Kalkutta,.  Durbangah,  Patna,
Burdwan,  Cuttae,  Ganjam,  Gopaulpore  und
Bimlipatam.  Neuerdings  werden  viele  der  besten
H.,  besonders  Delhi-  undLucknow-  und  anderer
Northwestern-Sorten  zum  Schutze  gegen  Vv'urmfraß
  mit  Arseniklösung  zugerichtet,  doch  ist
dieses  Verfahren  ziemlich  kostspielig,  ohne  hinreichende ­
  Gewähr  zu  bieten.  Eselshäute  aus
Italien,  Frankreich  und  Spanien  werden  zu
        <pb n="163" />
        Hecht

158

Hefe

Leder  für  Trommeln,  zu  Chagrin,  hauptsächlich
aber  zu  Pergament  verarbeitet.  Außerdem  kommen ­
  noch  Kamel-,  Gnu-,  Walroß-,  Quagga-,
Alligatorhäute  und  sonstige  Merkwürdigkeiten ­
  in  den  Handel,  doch  selten  in  größeren
Mengen.  Während  für  La-Plata-Häute  die
Hauptmärkte  in  Antwerpen,  Havre,  Liverpool
und  Hamburg  sind,  hat  für  ostindische  Kips
London  bei  weitem  den  größten  Markt.  Von
anderen  europäischen  Häfen  wären  noch  Marseille, ­
  Bordeaux,  ■  Genua,  Triest,  Amsterdam
und  Bremen  als  bedeutende  Häutemärkte  zu  erwähnen. ­
  Im  deutschen  Binnenlande  ist  der
Hauptverkehr  besonders  in  Köln,  Dresden,  Leipzig, ­
  Berlin,  Frankfurt  a.  M.  Alle  PI.  werden
nach  Gewicht  gehandelt,  nur  trockene  Rößhäute
stückweise.
Hecht  (frz.  Brochet,  engl.  Pike).  Der  gewöhnliche ­
  H.,  Esox  lucius,  ist  ein  Raubfisch,
der  in  allen  süßen  Wässern  Europas  lebt,  seines
wohlschmeckenden  Fleisches  wegen  überall  geschätzt ­
  wird  und  eine  Länge  von  U/jin  und  ein
Gewicht  von  25  kg,  ja  in  schottischen  und  irischen
Seen  bisweilen  von  35  kg  erreicht.  Er  wird  meist
frisch  verzehrt;  eingesalzen  oder  in  Essig  eingelegt, ­
  kommt  er  nur  aus  wenigen  Gegenden  in
den  Handel,  in  denen  er  besonders  häufig  ist,  so
von  der  unteren  Oder  und  Havel  und  von  der
Donau.  An  den  Ostseeküsten,  z.  B.  in  Livland,
wird  der  H.  öfter  an  der  Luft  getrocknet  und
so  in  den  Verkehr  gebracht.  Aus  dem  Rogen
wird  eine  Art  minderwertiger  Kaviar  bereitet.
Hederichöl  (frz.Huile  de  raveneile,  engl.  Coild
radish  oil),  das  aus  den  kleinen  Samen  des
Hedrichs  (Ackersenf,  Ackerkohl,  Ackerrettich), ­
  Raphanus  raphanistfum,  gepreßte
fette  Öl  ist  klar,  dunkelolivengrün,  vom  spez.  Gew.
0,915—0,917  und  im  übrigen  dem  Rüböl  ähnlich.
Es  kommt  aus  Ungarn,  wo  die  Pflanze  im
großen  angebaut  wird,  da  der  Rübsen  dort  keine
guten  Ernten  mehr  gab.  Hedrich  gilt  als  Unkraut ­
  und  wird  bei  uns  meist  im  Getreide  ungern ­
  gesehen,  ausgerottet,  oder  durch  Aufsprengen ­
  von  Eisenvitriollösungen  am  Emporkommen ­
  gehindert.  Das  H.  findet  beschränkte  Verwendung ­
  zur  Herstellung  von  Seifen.
Hedonal  ist  ein  neues  unschädliches  Schlafmittel, ­
  das  in  chemischer  Hinsicht  als  Methylpropylkarb.nolkarbaminsäurees.er
  (Methylpropylkarbinolmethan)
  anzusprechen  ist  und  in  Tablettenform ­
  in  den  Handel  kommt.
Hefe  (Bärme,  Gest,  frz.  Levure,  engl.  Yeast)
besteht  aus  den  mikroskopisch  kleinen  Zellen
von  Sproßpilzen  der  Gattung  Saccharomyces, ­
  welche  die  Fähigkeit  besitzen,  durch  ihren
Lebensprozeß  zuckerhaltige  Flüssigkeiten  in
Gärung  zu  versetzen,  d.  h.  den  Zucker  in  Alkohol ­
  und  Kohlensäure  zu  zerlegen.  Da  fast
jeder  der  zahlreichen  Zuckerarten  ein  besonderer ­
  Hefenpilz  entspricht  und  auch  die  Natur
der  Nährlösung  für  die  Entwicklung  der  Zellen
von  Bedeutung  ist,  so  gibt  es  eine  außerordentlich ­
  große  Zahl  von  Hefesorten.  Dieselben ­
  lassen  sich  in  drei  große  Gruppen  einordnen:
  die  Bierhefe,  Weinhefe  und  Branntweinhefe. ­
  —  Die  Bierhefe  wird  von  den  Brauereien ­
  in  großem  Maßstabe  dazu  benutzt,  die
aus  dem  verzuckerten  Malze  hergestellte  Würze
zu  vergären.  Sie  besteht  aus  den  Pilzen  der

Gattung  Saccharomyces  cerevisiae  und  zerfällt ­
  in  zwei  Unterabteilungen,  die  sog.  Oberund ­
  Unterliefe,  von  denen  die  erstere  bei  höherer
Temperatur  von  12—15°  eine  stürmische,  schnell
verlaufende  Gärung  erregt,  während  die  Unterliefe ­
  bei  4—io°  und  weit  langsamer  wirkt.  Die
Bezeichnung  rührt  daher,  daß  die  Oberhefe  sich
auf  der  vergorenen  Flüssigkeit  als  schaumige
Decke  ansammelt,  die  Unterhefe  aber  zu  Boden
sinkt.  Die  Bierhefe  bildet  im  allgemeinen  keinen
Handelsartikel,  weil  jede  Brauerei  ihren  Bedarf
aus  der  bei  der  Gäryng  üppig  wachsenden  und
sich  vermehrenden  Hefe  selbst  deckt.  Nur  weil
die  fortwährend  in  derselben  Brauerei  erzeugte
Hefe  allmählich  unwirksam  wird  (degeneriert),
hat  sich  der  Brauch  herausgebildet,  daß  die
Brauereien  ihre  Hefe  von  Zeit  zu  Zeit  austauschen.
  Erst  seitdem  durch  Hansen  nachgewiesen ­
  wurde,  daß  die  Bierhefe  kein  einheitlicher
Stoff  ist,  sondern  ein  Gemisch  der  verschiedensten ­
  Rassen  enthält,  von  denen  jede  besondere
Eigenschaften  beshzt,  werden  von  bakteriologischen ­
  Instituten  Reinzucnthefen,  aus  einer
einzigen  Rasse  bestehend,  an  die  Brauereien
verkauft.  —  Das  von  der  Bierhefe  Gesagte  gilt
auch  von  der  Weinhefe,  die  früher  überhaupt
nicht  dem  Moste  zugesetzt  wurde,  weil  sie  auf
den  Beeren  bereits  in  genügender  Menge  vorhanden ­
  ist.  Auch  hier  sind  neuerdings  mit  Reinzuchthefen, ­
  die  Weine  von  bestimmtem  Bukett
und  Gepräge  liefern,  gute  Erfolge  erzielt  worden. ­
  —  Als  Handelsprodukt  kommt  allein  die
Preßhefe  oder  Kunsthefe  in  Betracht.  Sie
dient  dazu,  Branntweinmaischen  in  Gärung  zu
versetzen,  und  entsteht  als  Nebenprodukt  in  den
Brennereien,  wird  aber  jetzt  von  besonderen
Fabriken  in  großem  Maßstabe  dargestellt.  Zu
diesem  Zwecke  wird  nach  dem  neueren  Luftverfahren ­
  mit  Malz  verzuckerte  Getreidemaische
mit  obergäriger  Mutterhefe  aufgestellt,  darauf
ein  Luftstrom  eingeleitet,  worauf  die  H.  lebhaft
wächst.  Nach  beendeter  Gärung  wird  die  H.  in
Filterpressen  gepreßt  und  bildet  dann  eine
lichtgelbe,  etwas  krümlige  Masse  von  angenehmem ­
  obstartigen  Geruch,  die  aber  nicht  lange
haltbar  ist,  sondern  unter  Annahme  eines  dumpfigen ­
  Geruchs  verdirbt.  Sie  enthält  50—-75  °/»
Wasser  und  13—22  0/0  Protein.  Der  früher  übliche ­
  Zusatz  von  Kartoffelmehl  ist  durch  das
Lüftungsverfahren  überflüssig  geworden  und
daher  ebenso  wie  die  Beimengung  von  Gips,
Kreide  und  Bierhefe  als  Verfälschung  zu  verurteilen ­
  und  gesetzlich  verboten.  Den  Zusatz
von  Stärkemehl  erkennt  man  beim  Verreiben
mit  Jodlösung,  wobei  die  Pilzzellen  ungefärbt
bleiben,  während  die  Stärkekörner  sich  als  blaue
Schicht  absetzen.  '  Die  H.  findet  ausgedehnte
Anwendung  in  der  Bäckerei  zur  Lockerung  des
Brotes  sowie  in  der  Medizin  gegen  Furunkeln,
Diabetes  und  verschiedene  andere  Krankheiten-In
  geringerem  Maße  hat  man  sie  neuerding 5
zur  Herstellung  von  Hefenextrakten  (Siris,
Sitogen,  Wuk)  herangezogen,  brauner  Suppenwürzen ­
  von  fle.schextraktähnlichem  Geschmack,
welche  durch  Einkochen  der  H.  oder  durch  freiwillige ­
  Verflüssigung  nach  Zusatz  von  Salzsäure
hergestellt  werden.  —  Trockenhefe,  ein  durch
Eintrpcknen  von  Hefe  hergestelltes  hellbraunes
Pulver  mit  etwa  500/0  Stickstoffsubstanz,  wird
        <pb n="164" />
        Heidelbeeren

159

Herba

als  einwandfreies  Futter-  und  Nahrungsmittel
in  den  Handel  gebracht.  Die  dazu  erforderlichen
großen  Hefemengen  züchtet  man  durch  Aussaat
besonderer  Heferassen  auf  eine  Nährlösung  aus
Zucker  (Melasse)  und  Ammoniumsulfat,  wobei
durch  starke  Lüftung  eine  Bildung  von  Kohlensäure ­
  und  Alkohol  verhindert  wird.
Heidelbeeren  (Blaubeeren,  Bickbeeren,
Schwarzbeeren,  lat.  BaCcae  myrtillorum,
Fructus  myrtilli,  frz.  Baies  de  myrtille,  engl.
Bil-berries),  die  Früchte  des  in  höher  gelegenen
Wäldern  häu.ig  wachsenden  kleinen  Strauches
Vaccinium  Myrtillus,  bilden  nicht  nur  im
frischen  Zustande  den  Gegenstand  eines  nicht
unbedeutenden  Handels,  sondern  sind  auch  getrocknet ­
  Gegenstand  des  Drogenhandels.  Die
Beere  enthält  neben  Zucker  und  Gummi  einen
purpurroten  Farbstoff,  Äpfelsäure  und  Zitronensäure ­
  und  schmeckt  angenehm  süßsäuerlich  und
etwas  zusammenziehend.  Getrocknet  ist  sie
schwarz,  runzlig  und  in  der  Form  kleinen  Rosinen ­
  ähnlich,  im  übrigen  aber  an  Gehalt  und
Wirkung  unverändert.  Die  getrockneten  Beeren
bilden  in  Abkochung  ein  Volksheilmittel  gegen
Diarrhöen,  als  welches  sie  in  Frankreich,  Rußland, ­
  Rumänien  und  der  Levante  sogar  für  den
Armeebedarf  benutzt  und  aus  Deutschland  bezogen ­
  werden.  Namentlich  das  Erzgebirge,
Fichtelgebirge,  der  Thüringer  Wald  und  der  Harz
liefern  jährlich  bedeutende  Mengen  H.,  die  in
großen  Körben  versandt  werden.  Auch  der  ausgepreßte ­
  Saft  der  H.  (FI  eidelbeersaft)  ist  ein
Handelsartikel  und  wird  in  Frankreich  zum
Nachfärben  blaßroter  Weine,  zum  Färben  von
Likören,  nachgemachtem  Burgunderessig  und
dergleichen  viel  benu.zt.  In  Deutschland  ist  die
Verwendung  zum  Färben  des  Weines  gesetzlich
verboten.  Der  vergorene  Most  kommt  als  Heidelbeerwein
  in  den  Flandel,  der  als  billiger
Natur  wein  vielfach  gegen  Bleichsucht  und  Blutarmut ­
  benutzt  wird.  •—  Das  Heidelbeerkraut
(lat.  Herba  myrtiili,  frz.Feuilles  de  myrtilli,  engl.
B.Iberries  leaves)  findet  in  der  Naturheilmethode
Anwendung.
Hekto^raphenmasse,  eine  aus  Wasser,  Glyzerin ­
  und  Geiarine  oder  Leim  bestehende  Gallerte,
wird  hergestellt,  indem  man  den  Leim  oder  die
Gelatine  in  der  vorgeschriebenen  Menge  Wasser
löst  und  darauf  das  Glyzerin  hinzusetzt.  Auf
3oo  g  Leim  nimmt  man  500  g  Wasser  und  noog
Glyzerin,  auf  100  g  Gelatine  300  g  Wasser  und
7oo  g  Glyzerin.
Hektographentinte  besteht  aus  konz.  Auflösungen ­
  von  Teerfarbstoffen  in  Alkohol  mit
Zusätzen  von  Glyzerin  oder  Gummiarabikum,
z -  B.  ig  Methylviolett,  1  g  Alkohol  und  8  g
Nasser,  oder  1  g  Methylviolett,  2  g  Nigrosin,
6  g  Alkohol,  0,5  g  Gummi  und  3  g  Glyzerin.
Hehnin,  C 16 H 20 O 2 ,  ein  in  der  Alantwurzel
e nthaltener  kristallinischer  Stoff  von  bitterem
Geschmack,  der  sich  wenig  in  Wasser,  leicht  in
Alkohol  und  in  Äther  löst,  wird  medizinisch  als
Mittel  gegen  Keuchhusten  verwandt.
Hehnit,  ein  auf  der  Grube  Helena  in  Ropa
Sefundener  fossiler  Kautschuk.
Heliosöl,  ein  Nebenprodukt  der  Paraffindarsiellung
  aus  Braunkohlenteer,  besteht  aus  hochs
 *edenden  Kohlenwasserstoffen  (230—300 0  C),

hat  ein  spez.  Gew.  von  0,847  und  wird  zum
Brennen  in  Lampen  benutzt.
Heliotrop  (Sonnenwendstein)  ist  ein  zum
Quarz  gehöriger  Halbedelstein  von  dunkel-,
seladon-  oder  lauchgrüner  Färbung  mit  eingqstreuten
  zinnoberroten  undurchsichtigen  Punkten. ­
  Je  zahlreicher  und  gleichmäßiger  dieselben
sich  in  der  grünen  Grundmasse  finden,  und  je
durchsichtiger  die  letztere  ist,  desto  höher  wird
der  Stein  geschätzt.  Man  findet  ihn  in  Tirol,
Schottland,  Siebenbürgen,  der  Bucharei,  China,
Sibirien  und  Ostindien  und  benutzt  ihn  zuRingund
  Broschensteinen,  im  Orient  auch  zu  größeren ­
  Gegenständen,  wie  Dolchgriffen,  kleinen
Gefäßen  u.  dgl.
Heliotrop,  ein  zur  Gruppe  der  Azofarben  gehöriger ­
  Teerfarbstoff,  ein  braunes,  in  Wasser
mit  roter  Farbe  lösliches  Pulver,  das  Baumwolle
im  Seifenbade  rotviolett  färbt,  besteht  aus  dem
Natronsalze  der  Dianisidindisazodimethylbetanaphtylaminsulfosäure.

Heliotropessenz  (Extrait  de  Heliotrope),  ein
feines,  aus  dem  südlichen  Frankreich  zu  uns
kommendes  Parfüm,  wird  aus  den  Blüten  von
Heliotropium  peruvianum  durch  Mazeration ­
  mit  Fett  und  Behandlung  des  Fettes  mit
feinem  Weingeist  erhalten.  Ebenso  wird  durch
Mazeration  der  Blüten  in  Öl  das  zum  Parfümieren ­
  von  Haarölen  dienende  Heliotropöl
gewonnen.  Die  H.  ist  selten  echt,  hingegen  oft
aus  Vanillon  mit  Zusatz  anderer  Parfüms  bereitet. ­

Helminthochorton,  Wurmtang  (lat.  Muscus
s.  Alga  Helminthochorton,  frz.  Mousse  de  Corse,
engl.  Corsican  Moss),  eine  aus  dem  Mittelmeer
stammende  Alge  von  frisch  purpurroter,  getrocknet ­
  gelbbrauner  Farbe,  die  als  wichtigste
Bestandteile  Gallerte,  Jod,  Brom  und  Kalk  enthält, ­
  wird  noch  manchmal  gegen  Würmer  im
Handverkauf  verlangt.
Hetnlockrinde,  die  Rinde  der  in  Kanada  weitverbreiteten ­
  Schierlingstanne  oder  Hemlocktanne,
  Abies  oder  Pinus  canadensis,
je  nach  ihrem  Alter  grau  oder  grauweiß,  gewöhnlich ­
  mit  Flechten  bedeckt,  wird  im  Juni
gesammelt  und  vor  ihrer  Verwendung  von  der
Oberhaut  befreit.  Man  benutzt  sie  in  Kanada
und  den  Vereinigten  Staaten  anstatt  der  Eichenrinde ­
  zum  Gerben.  Das  damit  erhaltene  rote
Leder,  Hemlockleder,  wird  schon  seit  Jahren
in  großer  Menge  in  Deutschland  eingeführt.  Der
zur  Sirupdicke  eingedampfte  wäßrige  Auszug,
Hemlockextrakt  (amerik.  Lohextrakt),
dient  in  Amerika,  neuerdings  auch  in  Europa,
ebenfalls  zum  Gerben,  wird  aber  nach  einem
englischen  Patent  auch  statt  des  Sumachs  zum
Färben  und  Drucken  von  Baumwolle,  namentlich ­
  mit  Zinnsalz  als  Grundierbeize,  benutzt.
Herba  ist  die  in  der  Drogenkunde  gebräuchliche ­
  lateinische  Bezeichnung  für  Kraut.  Zahlreiche ­
  offizinelle  Kräuter  sind  wichtige  Waren
des  Drogenhandels  und  werden  sowohl  eingeführt ­
  als  auch  besonders  nach  Nordamerika
in  großen  Mengen  ausgeführt.  Gangbarere  Kräuter ­
  sind:  H.  abrotani,  Eberrautenkraut,  H.  absinthii,
  Wermut,  H.  aconiti,  Eisenhutkraut,  H.
althaeae,  Eibisch,  H.  antirrhim  s.  linariae,  gelbes
Löwenmaul,  H.  anthos  s.  rorismarini.  Rosmarinkraut, ­
  H.  aristolochiae,  Osterluzei,  H.  arte-
        <pb n="165" />
        Herbstzeitlosensamen

160

Hermelinfelle

misiae,  Beifuß,  H.  asperulae  odoratae,  Waldmeister, ­
  H.  basiüci,  Basilikum-  oder  Königskraut, ­
  H.  capilli  veneris,  Frauenhaarfarn,  H.
cardui  benedicti,  Kardobenediktenkraut,  H.  centaurii
  minoris,  Tausendgüldenkraut,  H.  chelidonii
  majoris,  Schöllkraut,  H.  conii  maculati,
Schierling,  H.  cochleariae,  Löffelkraut,  H.daturae
  stramonii.  Stechapfelkraut,  H.  digitalis  purpureae,
  roter  Fingerhut,  H.  farfarae,  Huflattich, ­
  H.  fumariae,  Erdrauchkraut,  H.  gale-■opsidis,
  Hanfnesselkraut,  H.  gratiolae,  Gottesgnadenkraut, ­
  H.  hyoscyami,  Bilsenkraut,  H.
hyssopi,  'Ysop,  H.  Jaceae  s.  violae  tricoloris,
Stiefmütterchenkraut,  H.  lactucae  virosae,  Giftlattich, ­
  H.  ivae,  Ivakraut,  H.  lobeliae  inflatae,
indianischer  Tabak,  H.  majoranae,  Majorankraut, ­
  H.  mari  veri,  Katzenkraut,  H.  marrubii,
Andornkraut,  H.  melissae,  Melissbnkraut,  H
meliloti,  Steinklee,  H.  menthae  crispae,  Krauseminze, ­
  H.  menthae  piperitae,  Pfefferminze,  H.
menyanthis  s.  trifolii  fibrini,  Fieberklee,  H.
nicotianae,  Tabakblätter,  ,H.  origani,  Dosten,  H.
origani  cretici,  kretischer  Dosten,  H.  polygalae
amarae,  bitteres  Kreuzblumenkraut,  H.  pulegii,
Poleikraut,  H.  pulsatillae,  Küchenschellenkraut,
H.  rutae,  Raute,  H.  sabinae,  Sadebaumkraut,  H.
salviae,  Salbeikraut,  H.  serpylli,  Quendel,  H.
spilanthis  oleraceae,  Parakresse,  H.  tanaceti,
Rainfarnkraut,  H.  thymi  vulgaris,  Thymian,  H.
trifolii,  Bitterklee,  H.  veronicae,  Ehrenpreis,
und  andere.
Herbstzeitlosensamen  (Zeitlosensamen,  lat.
Semen  colchici,  frz.  Semence  de  colchique,  engl.
Colchicum  seed),  die  Samen  von  Colchicum
autumnale,  dem  giftigen  Zwiebelgewächs,  das
auf  feuchten  Wiesen  häufig  vorkommt,  im  Herbst
seine  blaßroten,  röhrigen  Blüten  treibt  und  erst
im  folgenden  Jahre  die  Blätter  nebst  Samenkapseln ­
  nachsendet,  bilden  dunkelbraune,  innen
weißliche,  sehr  harte,  zähe  und  schwierig  zu  zerkleinernde ­
  Körner  von  sehr  bitterem,  ekelerregendem ­
  Geschmack  und  starker  Giftwirkung.
—  Die  Zwiebeln  (lat.  Bulbus  colchici,  frz.Bulbe
de  colchique,'  engl.  Colchicum  root)  sind  gleichfalls, ­
  aber  schwächer  giftig.  —  Das  der  P.lanze
eigentümliche,  stark  gif.ige  Alkaloid  Kolchizin
bildet  färb-  und  geruchlose  Kristallnadeln.  Die
Samen  und  Z-vyiebein,  nament.ich  die  ersteren.
werden  gegen  Gicht  und  Rheumatismus,  als
weinige  Flüssigkeit,  z.  B.  in  Form  der  bekannten
französischen  Spezialität:  Liquor  antigoutteux  du
Dr.  Laville,  angewandt.
Hering  (Häring,  frz.  Hareng,  engl.  Herring).
Dieser^  für  die  Massenernährung,  besonders  der
minderbemittelten  Bevölkerungskreise  außerordentlich ­
  wichtige  Fisch,  Clupea  harengus,
der  in  lebendem  Zustande  ein  schönes  Farbenspiel ­
  mit  grünblauem  Rücken  und  silberweißen
Seiten  besitzt,  kommt  zur  Laichzeit  in  ungeheuren
Mengen  in  die  seichten  Küstengewässer  und
wird  hier  gefangen.  Die  zuerst  eintreffenden
Züge  bestehen  größtenteils  aus  Matjes-  oder
Fettheringen,  d.  s.  solchen,  denen  Rogen  und
Milch  noch  ganz  oder  fast  ganz  fehlen,  während
Vollheringe  mit  Milch  (Sperma)  und  Rogen
(Eier)  anfangs  erst  vereinzelt  darunter  sind,  bis
sie  schließlich  die  Hauptmenge  bilden.  Nach
vollbrachtem  Laichgeschäft  sind  sie  zu  Hohl
heringen,  Ihlen  oder  Schotten  (vom  engl.

shotten  =  entlaicht)  geworden,  die  nur  geringen
Wert  haben,  Wäiirend  früher  die  Holländer  das
Monopol  ,für  den  Heringsfang  besaßen,  kommen
jetzt  die  größten  Mengen  von  Schottland  aus
in  den  Verkehr.  Daneben  liefern  noch  Norwegen, ­
  Irland,  Holland  und  die  aufblühende
deutsche  Hochseefischerei  nennenswerte  Beträge. ­
  —  Der  H.  bildet  als  sog.  grüner,  d.  h,
frisch  aus  dem  Wasser  kommender  Fisch  ein
wertvolles  Nahrungsmittel.  Hauptsächlich  wird
er  aber  schon  seit  Jahrhunderten  gesalzen  und
geräuchert  in  den  Handel  gebracht.  Die  gesalzenen ­
  H.  kommen  ia  Tonnen  verschiedener
Größe  mit  je  403—1200  Stück  in  den  Verkehr
und  werden  in  dieser  ersten  Verpackung,  in
der  sie  unsortiert  und  noch  mit  Hohlheringen
vermischt  sind,  as  Seepack  bezeichnet.  Nach
der  Beseitigung  des  Ausschusses  um-  und  vollgepackt ­
  und  mit  amtlichem  Stempel  versehen,
führen  sie  die  Bezeichnung  Brandhering  (Full
brand).  Zur  guten  Aufbewahrung  der  Fische
ist  erforderlich,  daß  die  Fässer  dicht  sind,  und
im  Winter  frostfrei,  im  Sommer  aber  in  kühlen
Kellern  aufbewahrt  werden.  Neuer  H.  zeigt  auf
dem  Durchschnitt  weißes  Fleisch,  das  mit  zunehmendem ­
  Alter  rötlich  wird.  Nur  im  ersten
Jahre  gilt  die  Ware  als  frisch,  während  sie  im
zweiten  Jahre  nur  noch  zu  niedrigen  Preisen  verkauft ­
  werden  kann.  Der  Nährwert  des  H.  ist  bei
einem  Gehalte  von  15,44%  Eiweiß  und  7,6J  %
Fett  in  frischem  und  von  18,90%  Eiweiß  und
16,90%  Fett  in  gesalzenem  Zustand  überaus  hoch,
so  daß  er  eine  der  bi.ligsten  Stickstoffquellen
bildet.  —  Eine  besondere  Art  von  H.  (Clupea
caspica)  zieht  aus  dem  Kaspischen  Meere  alljährlich ­
  die  Wolga  hinauf  und  wird  hier  gefangen, ­
  elngesalzea  oder  zu  Tran  verarbeitet.  —
Bücklinge  oder  Pöklinge  sind  H„  die,  ausgeweidet, ­
  einen  Tag  lang  in  Salzwasser  gelegt,
dann  an  den  Köpfen  auf  Stäbe  gereiht  und
24  Stunden  lang  einetn  stark  rauchenden  Feuer
ausgesetzt  werden.  Von  der  Art  der  Verpackung
in  Stroh  führt  die  holländische  Ware  die  Bezeichnung ­
  Strohbückling,  während  die  englische ­
  als  Rot  bering  bezeichnet  wird.  Für
Deutschland  sind  Kiel,  Flensburg,  Eckernförde
und  Kappein  als  wichtigste  Räucherungsorte  zu
nennen.  —  Matjesheringe,  die  a's  frische  Ware
nicht  mehr  verkäuflich  sind,  werden,  mit  Essig
und  Gewürzen  eingemacht,  a’s  nordische  Gewürzheringe ­
  in  den  Handel  gebracht.  Alte
Salzheringe  werden  biswei  en  gewässert  und  in
geräucherte  H.  verwandelt.  Eine  Unsitte  der
neuesten  Zeit  besteht  darin,  geräucherte  H.  mit
einer  braunen  Farbe  (Zuckercouleur)  anzustreichen.
  Der  Verbrauch  Deutschlands  an  gesalzenen ­
  Heringen  betrug  1912  etwa  233000  t,  an
frischen  Heringen  und  verwandten  Fischen
131000  t,  insgesamt  364000  t.  Davon  wurden
309000  t  vom  Ausiande  eingeführt.
Hermelinfelle.  Das  He-melin,  eine  Wieselart, ­
  Mustela  erminea,  die  an  Größe  das  Eichhörnchen ­
  etwas  übertrifft,  kommt  auch  in  gemäßigten ­
  Ländern  vor,  ist  aber  hier  ohne  besonderen ­
  Wert,  weil  es  im  Winter  wie  im  Sommer ­
  dasselbe  braune  Kleid  trägt.  Im  hohen
Norden  wird  es  hingegen  während  des  Winters ­
  bis  auf  die  schwarz  bleibende  Spitze  des
kleinen  Schweifes  schneeweiß,  und  nur  diese
        <pb n="166" />
        Heroin

161

Himbeeren

weißen  Winterpelze  bilden  die  Handelsware.  Je
nördlicher  die  Tiere  wohnen,  um  so  dunkler
ist  im  Sommer  ihr  Braun  und  desto  reiner  im
Winter  ihr  Weiß.  Nach  der  Weiße,  sowie  der
Länge  und  Feinheit  des  Haares  richtet  sich  der
Preis,  doch  sieht  man  auch  auf  die  Festigkeit
der  Haut.  In  allen  diesen  Eigenschaften  haben
die  sibirischen  Felle  den  Vorrang.  Als  beste
Ware  gilt  diejenige  von  Barabinsk  und  Ischni,
danach  die  aus  Jenissei  und  Irkutsk,  während
die  H.  aus  dem  europäischen  Rußland  erst  an
zweiter  Stelle  stehen.  Von  anderen  Orten  kommen ­
  gar  keine  Hermelinfelle  in  den  Verkehr,
auch  nicht  aus  Norwegen,  obschon  das  Tier
dort  so  wenig  wie  in  anderen  Schneeregionen
fehlt.  Der  Fang  der  Hermeline  geschieht  in
Fallen  und  liefert  ein  beträchtliches  Gesamtergebnis, ­
  denn  außer  den  Mengen,  die  in  Rußland ­
  selbst  verbraucht  und  direkt  nach  China
und  den  türkischen  Provinzen  abgesetzt  werden,
bewegen  sich  immer  noch  160000  Stück  alljährlich ­
  über  den  Weltmarkt  von  Leipzig,  Nachahmungen ­
  werden  aus  dem  Fell  des  kleinen
Wiesels  (Schnee  wie  sei)  und  des  Kaninchens
(Laschitz)  hergestellt.
Heroin,  ein  weißes  Kristallpulver  von  schwach
bitterem  Geschmack,  wird  durch  Erhitzen  von
Morphin  mit  Azetylchlorid  dargestellt  und  ist  als
Diazetylmorphin  anzusprechen.  Es  ist  in  Wasser
und  kaltem  Alkohol  nahezu  unlöslich,  löst  sich
aber  leicht  in  siedendem  Alkohol,  Chloroform,
Benzol  ,  und  wird  durch  Säuren  in  leicht  lösliche ­
  Salze  übergeführt.  Der  Schmelzpunkt
liegt  bei  173 0 .  In  Form  des  salzsauren  Salzes
wird  H.  an  Stelle  von  Morphin  gegen  Atmungsbeschwerden,
  katarrhalische  Beschwerden
u.  dgl.  verordnet.
Hessischgelb,  ein  zu  den  Azofarbstoffen  ge
höriger  Teerfarbstoff,  bildet  ein  orangegelbes,
m  Wasser  mit  braungelber  Farbe  lösliches  Pulver. ­
  Die  wäßrige  Lösung  gibt  mit  Salzsäure
einen  schwarzen  Niederschlag.  In  der  durch
konz.  Schwefelsäure  erhaltenen  violetten  Lösung
entsteht  beim  Verdünnen  mit  Wasser  ebenfalls
ein  schwarzer  Niederschlag.  Der  Farbstoff  entsteht ­
  aus  dlazotierter  Diamidostilbendisulfosäure
mit  zwei  Molekülen  Salizylsäure  und  dient  zum
Gelbfärben.
Hessischpurpur  N  und  B,  dem  vorigen  analoge
r ote  Farbstoffe,  zu  deren  Herstellung  statt  der
Salizylsäure  Naphtylamin  bzw.  Naphtylaminsulfosäure
  genommen  wird.
Hessischviolett  wird  in  gleicher  Weise  gewonnen ­
  unter  Ersatz  der  Salizylsäure  durch  je
®in  Molekül  a-Naphtylsäure  und  ß-Naphtol.
Heu  (frz.  Foin,  engl.  Hay),  das  in  der  Hauptsache ­
  durch  Trocknen  von  Wiesengräs  und
Klee  (Kleeheu),  seltener  aus  anderen  Schmetterlingsblütlern ­
  (Esparsette,  Luzerne)  und  Baumlaub
(Laub  heu)  hergestellte  bekannte  Futtermittel
bildet  schon  jetzt  den  Gegenstand  eines  bedeutenden ­
  Handels  nach  den  Großstädten,  der  sich
besonders  längs  der  schiffbaren  Flüsse,  Kanäle
mid  Küsten  hinzieht,  ausnahmsweise  aber  auch
Eisenbahnen  benutzt.  Auf  dem  Seewege
v 'md  selbst  von  Amerika  H.  nach  Europa  eingeführt. ­
  Da  1  cbm  loses  H.  60—68  kg,  r  cbm
fest  getretenes  H.  70—75  kg,  1  cbm  Preßheu
a ber  bis  400  kg  wiegt,  empfiehlt  es  sich,  für
Mcrcks  Warenlexikon.

weiteren  Transport  immer  die  Heupresse  anzuwenden. ­
  Der  Wert  des  Heues  hängt  in  erster
Linie-  von  der  Art  der  Pflanzen  ab  und  ist  bei
Kleeheu  mit  durchschnittlich  13%  Protein,  15  °/o
Rohfett,  6%  stickstofffreien  Extraktstoffen  und
250/0  Rohfaser  höher  als  bei  Wiesenheu  (10%,
1  °/o,  40%,  26  °/o).  Außerdem  ist  die  Art  der
Einbringung  (Regen)  und  Aufbewahrung  von
größter  Bedeutung.  Dumpfiger  Geruch  deutet
auf  Zersetzung  (Schimmelbildung)  und  mahnt  zur
Vorsicht  bei  der  Fütterung.  Die  deutsche  Erzen
gung  betrug  im  Jahre  1913  rund  42  Millionen,
1914  sogar  46  Millionen  Tonnen  im  Werte  von
1V2—2  Milliarden  M.  Sichere  Abnehmer  sind
die  Abmelkwirtschaften  der  Großstädte,  da  eine
Kuh  von  600  kg  jährlich  40—45  dz  gebraucht,
während  man  auf  ein  Pferd  15—25  dz  rechnet.
Heureka,  eine  2o°/oige  Natronlauge  zum  Rei
nigen  von  Bierleitungen,  wird  zum  Preise  von
2,50  M.  (!)  für  3 /t  1  verkauft.
Hexamethylentetramin  (Aminoform),  N 4 .
(CH S ) 6 ,  entsteht  bei  Behandlung  von  Form
aldehyd  mit  Ammoniak  als  eine  weiße  Kristall
masse,  die  in  Wasser,  Chloroform  und  Alkohol
löslich,  in  Äther  aber  unlöslich  ist  und  einen,
süßlich-salzigen  Geschmack  besitzt.  Durch  Säuren ­
  sowie  schon  beim  gelinden  Erwärmen  der
wäßrigen  Lösung  wird  Formaldehyd  abgespaltcn.
Auf  dieser  Eigenschaft  beruht  die  medizinische
Verwendung  des  H.  zur  innerlichen  Desinfek
dion  als  Harnantiseptikum  (Urotropin),  harnsäurelösendes ­
  Mittel  usw.  Die  bisweilen  versuchte ­
  Anwendung  zur  Fleischkonservierung  ist
aus  dem  gleichen  Grunde  wie  die  von  Formaldehyd
  nach  dem  Fleischbeschaugesetz  verboten.
Hickoryholz  (Flickeryholz).  Das  Holz  ver
schiedener  Arten  der  Gattung  Carya,  die  in
Nordamerika  Vorkommen  und  zu  den  Walnußgewächsen ­
  gehören.  Am  häufigsten  trifft  man
das  Holz  von  Carya  alba,  das  auch  in  großer
Menge  eingeführt  und  in  der  Kunsttischlerei
verarbeitet  wird.  Es  ist  weniger  fein  und  glänzend ­
  als  das  gewöhnliche  Nußbaumholz,  aber
hart  und  schwer,  zäh  und  dauerhaft.  —-  Die  an
genehm  schmeckenden  Früchte  desselben  Baumes, ­
  die  unter  dem  Namen  Hickorynüsse  oder
Vexiernüsse  (weil  der  Kern  sehr  schwer  herauszubekommen ­
  ist)  bekannt  sind,  dienen  zur
Ölbereitung.  Andere  Arten  sind  Carya  olivaeformis
  und  Carya  porcina.
HienfongesSenz  ist  ein  mit  Chlorophyll  grün
gefärbter  spirituöser  Auszug  von  Lorbeerblättern
und  -früchten,  Krauseminze,  Pfefferminzöl  und
verschiedenen  anderen  ätherischen  Ölen.  H.
wird  auch  durch  Destillation  hergestellt  und  in
der  Volksmedizin  gebraucht.
Himbeeren  (lat.  Baccae  rubi  idaei,  frz.  Fram
boises,  engl.  Rasp-berries),  die  Früchte  des  zu
den  Rosenblütlern  gehörigen  Himbeerstrauches, ­
  Rubus  Idaeus,  der  in  ganz  Europa  und
Asien  in  trockenen  Wäldern  und  Gebüschen,  wild
wächst,  außerdem  aber  auch  in  Gärten  angepflanzt
wird,  finden  zur  Herstellung  von  Himbeersaft
(s.  d.),  Himbeertinktur,  Essenz,  Marmelade
(s.  d.)  ausgedehnte  Anwendung.  Besonders,  die
wegen  ihres;  stärkeren  Aromas  bevorzugten  Waldhimbeeren ­
  bilden  einen  wichtigen,  Handelsartikel
und  kommen  aus  dem  Erzgebirge,  Riesengebirge
I  I
        <pb n="167" />
        faJS*

Himbeersaft

162  Hirschhorn

und  Thüringer  Wald  in  großen  Mengen  zum
Verkauf.
Himbeersaft  (lat.  Succus  rubi  idaei,  frz.  Suc
de  framboise,  engl.  Suc  of  Rasp-berries).  Dieser
wertvollste  Fruchtsaft  wird  in  der  Weise  hergestellt, ­
  daß  man  die  frischen  Beeren  zerdrückt
und  unter  öfterem  Durchrühren  in  bedeckten
Steintöpfen  der  Gärung  überläßt.  Zur  Erleichterung ­
  der  letzteren  ist  ein  kleiner  Zuckerzusatz  vorteilhaft. ­
  Die  nicht  zu  niedrigen  Töpfe  werden  an
dunklen,,  kühlen  Orten  bei  15—20 0  aufbewahrt,
bis  ein  Teil  der  abfiltrierten  Flüssigkeit  sich  mit
V2V0I.  Alkohol  ohne  Trübung  mischen  läßt.  Dann
preßt  man  aus,  läßt  den  Saft  noch  einige  Zeit  bei
niederer  Temperatur  stehen  und  filtriert  ihn  durch
Fließpapier,  indem  man  zuerst  den  Bodensatz  und
darauf  die  Flüssigkeit  auf  das  Filter  bringt.
Bei  schwer  klar  werdenden  Säften  ist  der  Zusatz
von  Talkum  sowie  die  Verwendung  von  Spitzbeuteln ­
  empfohlen  worden.  Um  eine  Beeinträchtigung ­
  der  Farbe  und  des  Geschmacks  zu  verhüten, ­
  muß  man  bei  allen  Arbeiten  die  Verwendung ­
  von  Eisen-  oder  Zinngeräten  vermeiden.
Zur  Herstellung  des  Himbeersirups  (lat.  Sirupus
  rubi  idaei,  frz.  Sirop  de  framboise,  engl.  Sirup
of  Rasp-berries),  der  vom  Publikum  bisweilen  auch
fälschlich  Himbeersaft  genannt  wird,  kocht  man
das  Filtrat  mit  ungeblautem,  möglichst  kalkfreiem
Zucker,  meist  im  Verhältnis  von  7:13,  ein.  Gegenstand ­
  des  Kleinhandels  bildet  nur  der  Himbeersirup,
  während  der  ungezuckerte  H.,  auch  Rohsaft ­
  genannt,  höchstens  von  der  Industrie  gekauft
wird.  Um  ihn  für  deren  Zwecke  haltbar  zu  machen,
versetzt  man  ihn  mit  Alkohol  bis  zu  1  s  °/o  oder
mit  Benzoesäure.  Das  früher  viel  benutzte  Konservierungsmittel ­
  Salizylsäure  ist,  wie  die  neuerdings ­
  aufgekommene  Flußsäure,  aus  gesundheitlichen ­
  Rücksichten  zu  verwerfen.  Der  Himbeersaft ­
  bzw.  -sirup  gehörte  bis  vor  kurzem  zu  den
am  meisten  verfälschten  Genußmitteln.  Zusätze
von  Wasser  oder  Nachpresse  (s.  Fruchtsäfte),
Essenzen,  Säuren,  Stärkesirup  und  Teerfarben
waren  gang  und  gäbe,  ja  es  kamen  sogar  völlig
nachgemachte  Kunsterzeugnisse,  sog.  Brauselimonadensirupe, ­
  in  den  Handel,  die  keine
Spur  Fruchtsaft  enthielten,  sondern  aus  künstlich
gefärbten  Lösungen  von  Säuren  und  Aromastoffen ­
  bestanden.  Dank  der  scharfen  Kontrolle
der  letzten  Jahre  unter  Beihilfe  der  reellen  Hersteller ­
  sind  die  Verfälschungen  jetzt  nahezu  völlig
verschwunden.  Etwaige  fremde  Zusätze  werden
auf  der  Etikette  gekennzeichnet,  und  die  nachgemachten ­
  Erzeugnisse  deutlich  als  Kunsthimbeersaft ­
  oder  -sirup  in  den  Verkehr  gebracht.
H.  findet  mannigfache  Verwendung  zum  Aromatisieren ­
  von  Likören,  Konfitüren,  Bonbons,  Eis,
zur  Herstellung  von  Limonaden  mit  und  ohne
Kohlensäure.  Für  die  letzteren,  die  sog.  Brauselimonaden, ­
  wird  der  H.  bisweilen  zur  Erzielung
einer  dunkleren  Farbe  mit  Kirschsaft  aufgefärbt,
jedoch  muß  dieser  Zusatz  angegeben  werden.
Ein  .Alkaligehalt  des  Wassers  verschlechtert  die
Farbe  und  ist  daher  zu  vermeiden.
Hingra  nennt  man  eine  von  Südpersien  und
Afghanistan  in  den  Handel  kommende  Sorte  von
Asa  foetida.
Hippursäure  (Pferdeharnsäure,  lat.  Acidum
hippuricum,  frz.  Acide  hippurique,  engl.  Hippuric
  acid),  eine  stickstoffhaltige,  organische

Säure,  findet  sich  in  größerer  Menge  im  Ham
der  Pferde  und  Rinder,  aus  dem  sie  durch  Eindampfen ­
  und  Umkristallisieren  in  Form  schnee
weißer  spießiger  Kristalle  vom  Schmelzpunkt  187°
gewonnen  wird.  Sie  kann  auch  synthetisch  dargestellt ­
  werden  und  ist  ihrer  chemischen  Zusammensetzung ­
  nach  als  eine  Paarung  von  Amidoessigsäure
  (Glykokoll)  und  Benzoesäure  Benzoylglykokoll,
  C G H r ,.CONH.CH 2 COOH,  zu  betrachten. ­
  Durch  Kochen  mit  einer  verdünnten
Säure  wird  die  Trennung  bewerkstelligt  und  die
Benzoesäure  abgeschieden.
Hirschbrunst  (Hirschtrüffel,  lat.  Boletus
cervinus,  frz.  Bolet  de  cerf,  engl.  Stinkhorn),  botanisch ­
  Elaphomyces  graHulatus,  ein  veralteter ­
  Artikel  des  Drogenhandels,  ist  ein  Pilz,
der  unterirdisch  in  Nadelwäldern,  auf  Wiesen
und  Angern  wächst  und  die  Größe  und  Form
einer  welschen  Nuß,  besitzt.  Im  frischen  Zustande ­
  hat  er  einen  starken  widerlichen  Geruch,
der  das  Wild  anlockt,  und  soll  besonders  von
Hirschen  in  der  Brunstzeit,  doch  auch  von  Hasen
und  Schweinen  aufgesucht  und  gefressen  werden.
Die  Landleute  kaufen  den  getrockneten  Pilz,
um  ihn  den  Rindern  als  Sprungmittel  einzugeben.
Hirschhorn  (Hirschgeweihe,  lat.  Cornu
cervi,  frz.  Corn  de  cerf,  engl.  Hartshorn).  Das
im  gewöhnlichen  Leben  vielfach  als  Horn  bezeichnete
  Geweih  oder  Gehörn  des  männlichen
Hirsches  ist  keine  eigentliche  Hornsubstanz,  sondern ­
  besteht  bei  allen  hirschartigen,  alljährlich
das  Geweih  ablegenden  Tieren  aus  Knochenmasse, ­
  aus  der  sich  die  organischen  Bestandteile
durch  Kochen  in  Form  von  Leim  ausziehen
lassen,  während  Knochenerde  (phosphorsaurer
Kalk)  übrig  bleibt.  Es  ist  dementsprechend  nicht
wie  die  Hörner  des  Rindes  zum  Teil  hohl,  sondern ­
  durchaus  voll  und  wird  auch  nicht  wie  Horn
(s.  d.)  beim  Erwärmen  biegsam.  Man  verarbeitet
das  H.  zu  Messer-,  Gabel-  und  Hirschfängergriffen ­
  sowie  zu  verschiedenen  anderen  Drechslerarbeiten, ­
  und  zwar  immer  so,  daß  die  schöne  gerauhte ­
  oder  genarbte  Außenseite  erhalten  bleibt.
Auch  wird  es  ziemlich  gut  in  gepreßtem  Holz
nachgeahmt.  Die  schaufeligen  .  Geweihe  des
Damhirsches  haben  geringen  Wert.  Ähnliche
Verwendung  wie  H.,  besonders  zu  Pfeifen  und
anderen  Drechslerarbeiten,  finden  die  Rehgeweihe, ­
  von  denen  besonders  die  wulstigen
wie  mit  Perlen  besetzten  unteren  Endstücke  (Rehkronen) ­
  geschätzt  und  unzerteilt  benutzt  werden.
Schöne  Stücke  von  Hirsch-  und  Rehgehörnen
erreichen  bei  Jägern  und  Sammlern  zum  Ausschmücken ­
  von  Sälen  und  Zimmern  bisweilen
hohe  Preise.  Als  Ausfuhrland  für  Hirschgeweihe
kommen  besonders  Tirol,  Ungarn  und  Mittelamerika ­
  in  Betracht.  —  In  der  Annahme,  daß
dem  H.  besondere  Kräfte  innewohnten,  stellte
man  früher  eine  Anzahl  pharmazeutischer  Präparate ­
  daraus  her,  die  zum  Teil  unter  den  alten
Namen  noch  fortbestehen,  jetzt  aber,  wo  man
weiß,  daß  diese  Substanz  nichts  Besonderes  voraus ­
  hat,  aus  anderen  Knochenmassen  erhalten
werden.  Durch  längeres  Kochen  bereitete  man
aus  geraspeltem  H.  (lat.  Cornu  cervi  raspatum,
frz.  Corne  de  cerf  toumöe  blanche,  engl.  Deer
Stalks)  eine  Gallerte,  die  mit  Zucker  u.  dgl.  an
Kranke  verabreicht  und  auch  zum  Klären  von
Getränken  benutzt  wurde.  Die  Erzeugnisse  der
        <pb n="168" />
        163

Holz

Hirschtalg

trockenen  Destillation  kommen  als  Hirschhornöl, ­
  Hirschhornsalz  in  den  Handel.  Jetzt
ist  Hirschhornsalz  kohlensaures  Ammoniak.
S,  Näheres  bei  den  betreffenden  Aufsätzen.
Hirschtalg  (lat.  Sebum  cervinutn,  frz.  Suif,
engl.  Tallow).  Unter  diesem  ,  Namen  wurde
früher  das  Fett  der  Hirsche  geführt,  das  jetzt
meist  durch  Rinds-  oder  Schöpsentalg  ersetzt
wird.
Hirse  (lat.  Semen  mylii,  frz.  Mil,  Millet,  engl.
Millet)  nennt  man  die  Samen  mehrerer  Getreidearten
  der  Gattung  Panicum,  besonders  P.miliaceum(Gemeine
  oderRispenhirse),P.italicum
(Setaria  italica,  Kolbenhirse,  Fennich),  Setaria
  germanica  (Deutsche  Kolben-  oder
Borstenhirse,  Mohär)  und  P.  sanguinale
(Bluthirse),  die  aus  Indien  stammen,  jetzt  aber
in  Mitteleuropa,  auch  Deutschland,  angebaut  werden ­
  und  auf  trockenem,  gut  gedüngtem  Boden,
in  warmer  Lage  (Weinklima)  hohe  Erträge  von
•5—30  hl  zu  60—70  kg  auf  den  Hektar  geben.
Die  Hirsekörner  sind  von  ihren  Spelzen  fest  umhüllt ­
  und  besitzen  in  diesem  Zustande  eine  gelbe,
weißlichgelbe,  graue,  schwärzliche  oder,  rote
Farbe,  erscheinen  aber  nach  Entfernung  der
25  °/o  ausmachenden  Spelzen  hellgelb.  Die  ungeschälten ­
  Körner  enthalten  im  Durchschnitt
12%  Wasser,  12%  Protein,  3  °/o  Fett,  10  0/0
Rohfaser,  3  °/o  Mineralstoffe  und  60  °/o  Kohlenhydrate. ­
  Durch  das  Schälen  wird  der  Gehalt
an  Rohfaser  um  i—2  0/0  erniedrigt.  Die  H.  wird
in  enthülstem  Zustande  in  Form  von  Grieß  oder
Grütze  (Hirsebrei  mit  Milch),  seltener  als  Mehl
und  Brot  zu  Nahrungszwecken  verwandt  und
dient  außerdem  zur  Branntweindarstellung.  Besonders ­
  im  Kaukasus  wird  aus  Hirse  ein  beliebter
Schnaps,  Ar  an,  hergesteilt.  Auch  die  nicht  destillierte, ­
  sondern  nur  filtrierte  Maische  bildet
nach  kurzer  Gärung  unter  dem  Namen  Kwas,
nach  längerer  Zeit  als  Braga  oder  Busa  ein  verbreitetes ­
  Getränk.  Das  Stroh,  dessen  Ertrag
to—20  dz  für  den  Hektar  beträgt,  wird  als  Viehfutter ­
  geschätzt.  Die  Hauptbezugsländer  fürH.sind
Ungarn  und  die  Balkanstaaten.  Die  Kaffern-°der
  Mohrenhirse  (Sorgho,  Dhurra,  Sirk,
Honiggras,  Milomais,  die  von  Sorghum  oder
Andropogon  abstammt,  bildet  in  Nordamerika,
Afrika  und  China  ein  wichtiges  Nahrungsmittel,
"■urd  aber  bei  uns  nur  zu  Brennereizwecken  benutzt.

Hirtentäschelkraut  (lat.  Herba  bursae  pasto-(is,
  frz.  Paneti&amp;amp;re,  engl.  Shepherd’s  purse),  ein
jetzt  nur  noch  selten  vorkommender  Artikel  des
Hrogenhandels,  von  Capsella  bursae  pasto-Hs,
  schmeckt  im  frischen  Zustande  scharf  und
Jurd  nach  Pfarrer  Kneipp  als  Mittel  gegen
“lasenleiden  benutzt.
Hoang-Nan,  die  von  Tonkin  aus  in  den  Handel ­
  gekommene,  bitter  schmeckende,  schwärzhchgraue
  Rinde  einer  zur  Gattung  Strychnos
gehörigen  Kletterpflanze,  enthält  Bruzin  und
“trychnin  und  ist  demnach  giftig.
Hofmanns  Violett  (Jodviolett),  der  beatmte, ­
  von  A.W.Hofmann  1863  entdeckte  Teerfarbstoff, ­
  kommt  in  mehreren  verschiedenen
Arten  in  den  Handel,  die  durch  Behandlung  von
*uchsin  oder  Rosanilin  mit  Jodmethyl,  Chlormethyl
Juur  Bromäthyl  entstehen  und  demnach  als
“klze  des  Trimethyl-  und  Triäthylrosanilins  anzusprechen ­

  sind.  Die  meist  in  blaustichiges
Violett  (Dahlia)  und  rotstichiges  Violett
(Primula,  Rotviolett  s  R  extra)  unterschiedenen ­
  Farben  bilden  dunkelgrün  glänzende,  kristallinische ­
  Pulver  oder  auch  Stücke,  die  sich  mit
Ausnahme  der  Jodverbindungen  in  Wasser  lösen,
Wolle  und  Seide  direkt,  Baumwolle  nur  nach
vorangegangenem  Beizen  färben.  Durch  das  ähnliche ­
  und  billigere  Methylviolett  (s.  d.)  ist  es  vielfach ­
  verdrängt  worden.
Holländer  Käse  wird  hauptsächlich  in  zwei
Sorten  ausgeführt,  nämlich  als  Edamer-  und  als
Gouda-K.,  von  denen  der  ersterc  aus  den  nördlichen ­
  Provinzen,  meist  in  Form  1V2—2V2  kg
schwerer  Kugeln  mit  roter  Außenfärbung,  der
letztere  aus  Südholland,  in  Form  runder  abgeplatteter ­
  Laibe,  in  den  Handel  kommt.  Sie  sind
typische  Fettkäse  mit  mindestens  40  °/o  Fett  in
der  Trockensubstanz  und  werden  wegen  ihres
ausgezeichneten  Geschmacks  hochgeschätzt.  Untergeordnete ­
  Bedeutung  hat  der  aus  Magermilch
hergesteüte,  mit  Gewürznelken  (Kruit)  durchsetzte ­
  Lederkäse  (Kruit-K.),  der  meist  im  Lande
und  den  Grenzgebieten  verbraucht  wird.
Holunder  (Hollunder,  Flieder,  Schibikken,
  Queweckcn),  von  Sambucus  nigra,  der
bekannte,  in  ganz  Europa  und  dem  nördlichen
Asien  einheimische  Baum,  liefert  in  seinen  Blüten ­
  und  Früchten  wertvolle  Heil-  und  Hausmittel,
die  wegen  ihrer  schweißtreibenden  Wirkung'vielfach
  Anwendung  finden.  Die  bei  Sonnenschein
gesammelten  und  gut  getrockneten  Blüten  (lat.
Flores  sambuci,  frz.  Fleurs  de  sureau,  engl.  Eider
flowers)  verdanken  ihren  angenehmen  Geruch
einem  ätherischen  Öl,  das  für  sich  in  den  Handel
kommt,  und  bilden  selbst  einen  ständigem  Artikel
des  Drogenhandels.  Die  dunkelvioletten  Beeren
(lat.  Fructus  sambuci,  frz.  Fruits  de  sureau,  engl.
Eider  berries)  dienen  zur  Herstellung  des  zu
einem  Mus  eingedickten  Holundersafts  (lat.
Extractum  sambuci  seu  Succus  seu  Roob  sambuci, ­
  frz.  Roh  de  sureau,  engl.  Roob  of  elder).
Holunderholz,  das  Holz  von  älteren  Stämmen
des  Sambucus  nigra,  wird  wegen  seiner  Festigkeit ­
  von  Tischlern  und  Drechslern  sehr  gesucht
und  namentlich  gern  zu  langen  hölzernen  Stricknadeln ­
  verarbeitet.
Holundennark,  das  außerordentlich  leichte,
ziemlich  "weiße  Mark  der  jungen  Holunderstämme,
wird  zur  Anfertigung  kleiner  Figuren  und  Spielwerke ­
  sowie  zur  Herstellung  kleiner  Kügelchen
für  elektrische  Versuche  benutzt.
Holz  (lat.  Lignum,  frz.  Bois,  engl.  Wood)  nennt
man  im  allgemeinen  Sprachgebrauche  den  von
der  Rinde  umschlossenen  harten  Teil  der  Stämme,'Äste ­
  und  Wurzein  von  Bäumen  und  Sträuchern
  aus  der  Gruppe  der  Dikotyledonen  (Laubholz) ­
  und  Koniferen  (Nadelholz).  Zwischen  ihm
und  der  Rinde  befindet  sich  ein  Ring  lebender
ZeIlen'(Kambiumring.),die  eineHälfte  ihrerNeubildungen
  der  Rinde,  die  andere  dem  Holzkörper  zufügen ­
  und  so  das  Dickenwachstum  verursachen.
In  den  gemäßigten  Zonen  mit  Winterruhe  unterscheiden ­
  sich  die  neu  angesetzten  Schichten  durch
ihre  Färbung  und  gewähren  als  Jahresringe  einen
Anhalt  für  das  Alter,  während  in  den  Tropen
mit  ständigem  Wachstum  ein  gleichmäßiges  Gefüge ­
  entsteht.  Das  Holz,  von  dessen  Innerem
Markstrahlen  bis  zur  Rinde  verlaufen,  ist  aus
        <pb n="169" />
        Holz

164

Holz

Gefäßen  (Tüpfelgefäßen)  und  Tracheiden  aufgebaut ­
  und  enthält  daneben  noch  Parenchym  in
wechselnder  Menge.  Oft  unterscheidet  man  einen
helleren  äußeren,  noch  lebensfähigen  Teil,  den
Splint,  von  dem  darunter  liegenden  dunkleren
Reif  holz  und  dem  inneren  dunkleren  Kernholz, ­
  es  gibt  aber  auch  Bäume,  die  nur  aus
Splintholz  (Weißbuche,  Birke,  Zitterpappel,  Ahorn)
oder  nur  aus  Reifholz  (Birnbaum,  Weißdorn,
Linde,  Fichte,  Tanne)  bestehen.  In  chemischer
Hinsicht  setzt  sich  die  Trockensubstanz  des  Holzes ­
  aus  etwa  i  o/o  Mineralstoffen,  94—95  %  mit
Lignin  (Xylogen)  inkrustierter  Zellulose  und  4  bis
S°/c  anderen  organischen  Stoffen  (Eiweiß,  Färbund
  Gerbstoff,  Harz,  ätherische  Öle)  zusammen.
Der  Wassergehalt  des  frisch  geschlagenen  Holzes
beträgt  etwa  42—57%,  derjenige  des  lufttrockenen ­
  10—20  0/0.  Von  der  Verschiedenartigkeit  der
Zusammensetzung  und  des  Aufbaues  aus  Gefäßen ­
  und  Markstrahlen  hängt  die  Art  der  Verwendung ­
  ab,  die  für  die  einzelnen  Hölzer  in
besonderen  Aufsätzen  besprochen  ist,  Im  allgemeinen ­
  teilt  man  das  Holz  in  die  beiden  Hauptgruppen ­
  Brennholz  und  Nutzholz,  von  denen
das  letztere  wiederum  in  Bau-  oder  Zimmerholz,
Schreiner-,  Drechsler-,  Wagner-,  Böttcher-  und  Maschinenholz ­
  zerfällt.  Je  nach  dem  gedrungeneren
oder  loseren  Aufbau  und  der  davon  abhängenden
Festigkeit  und  Schwere  unterscheidet  man  weiter
harte,  halbharte  und  weiche  Hölzer  und
spricht  schließlich  noch  von  Farbhölzern  und
medizinischen  oder  Arzneihölzern.  Die  Ausnutzung ­
  der  Wälder  erfolgt  jetzt  weit  umsichtiger
als  in  früheren  Zeiten,  und  die  Förster  wählen
aus  den  geschlagenen  Ernten  so  viel  Nutzhölzer
als  möglich  heraus,  während  der  Rest  Brennholz
liefert.  Das  wertvollste  Nutzholz  unter  den  einheimischen ­
  Bäumen  gibt  die  Eiche.  Ihr  Stammholz ­
  (Langholz)  wird  je  nach  Stärke  und
Länge,  nach  Geradwüchsigkeit  im  Äußeren  und
im  Inneren,  d.  h.  danach,  ob  der  Verlauf  der
Fasern  ein  gestreckter  oder  gewundener  ist,
ferner  nach  Gesundheit  und  Fehlerhaftigkeit  in
eine  größere  Anzahl  von  Klassen  eingereiht
und  damit  zu  Schiffbauholz,  Schiffsplanken  und
Bohlen,  Mühlwellen,  Bauholz  oder  Böttcherholz
bestimmt.  Bei  den  stärkeren  Nadelholzstämmen
ist  außer  Länge,  Geradwüchsigkeit  und  Gesundheit ­
  noch  der  Durchmesser  des  oberen  Stammendes ­
  (der  Zopfdurchmesser)  für  den  Wert  mit
entscheidend,  denn  wenn  dieser  zu  schwach  ist,
kann  nicht  die  ganze  angegebene  Länge  ausgenutzt ­
  werden.  Die  besten  Sorten  mit  einer
Länge  von  über  21  m  und  einem  Zopfdurchmesser
  über  s  dm  liefern  Mastbäume,  Segelstangen ­
  und  die  größten  Baustämme,  kleinere
Sorten  Dachsparren  und  schwächere  Balken,
Brunnenröhren  usw.  Besonders  gerade  und
schlichte  Stammpartien  werden  auf  Sägemühlen
zu  Bohlen  und  Riegeln,  Brettern  und  Latten  zerschnitten ­
  oder  für  Siebwaren,  Resonanzböden
und  anderes  Instrumentenholz  gespalten.  Zum
Kleinnutzholz  gehören  das  Stangenholz  für  Wagner, ­
  Hopfenstangen,  Pfähle,  Reifenholz  u.  dgl.
An  Stelle  der  früher  für  Bahnbauten  ausschließlich ­
  benutzten  Eichenholzschwellen,  die  eine
Lebensdauer  von  sieben  Jahren  hatten,  verwendet ­
  man  seit  Erfindung  geeigneter  Imprägnierungsverfahren ­
  meist  andere  Holzarten.

Große  Mengen  von  H.  werden  jetzt  auch  in
den  Holzschleifereien  verbraucht  und  zu  Holz
Stoff  und  Zellulose  für  Papier  sowie  zu  Holzwolle ­
  verarbeitet.  Das  H.  erscheint  im  Handel
teils  in  rohen  Stämmen,  als  Ganzholz,  teils
zersägt  und  gespalten,  als  Spaltholz  und  endlich, ­
  auf  Sägcmühlen  noch  weiter  zum  Gebrauch
vorbereitet,  als  Schnittholz.  Die  gefällten  und
entästeten  Stämme,  welche  das  Ganzholz  bi  den,
sind  zum  Verkauf  entweder  rund  und  roh  be
lassen,  oder  verloren  vierkantig  behauen,  was
nicht  allein  des  leichteren  Austrocknens  halber,
sondern  auch  wegen  der  billigeren  und  bequemeren ­
  Beförderung  geschieht  sowie  namentlich ­
  beim  Flößholz  oft  geschält.  Die  nach  Holland
geflößten  Eichen,  sog.  Holländer,  sind  alle  schon
beschlagen  bzw.  vorgerichtet.  Zum  Ganz-  oder
Rundholz  'gehört  weiter  das  Stangenholz  und
das  Krummholz,  das  in  seiner  natürlichen
Krümmung  zu  Schiffen,  Booten,  Schlitten  und
Radkränzen  Verwendung  findet.  Spaltholz  entsteht ­
  durch  Längsteilung  der  gesägten  Blöcke
mit  der  Axt  und  durch  Keile.  Die  nicht  besser
benutzbaren  Stücke  bilden  das  zum  Brennen  bestimmte ­
  Scheitholz,  die  übrigen  Teile  Nutzholz
für  Böttcher,  Wagner,  Drechsler,  ferner  zu  Span
für  Siebe  und  Schachteln,  und  zu  dem  wichtigen
und  große  Holzmassen  beanspruchenden  Artikel
Zündhölzchen.  Da  beim  Spalten  die  Längsfasern
des  Holzes  nicht  zerschnitten  werden,  sondern
sich  ihrem  wirklichen  Verlaufe  nach  trennen,  hat
dieses  Holz  vor  dem  geschnittenen  den  Vorzug ­
  größerer  Widerstandskraft  und  Zähigkeit.
Schnittholz  liefern  die  Sagemühlen,  die  häufig ­
  in  den  Wäldern  selbst  arbeiten,  wo  sich
irgend  eine  Wasserkraft  darbietet,  sonst  aber
Dampfkraft  oder  Elektrizität  benutzen.  Hier  werden ­
  die  Stämme  entweder  nur  der  Länge  nach
einmal  geteilt  (Llalbholz)  oder  vierkantig  gesägt
und  dann  in  schwächerevierkantige  Prismen  (Riegel, ­
  Pfosten)  oder  in  Bohlen,  Bretter  und  Latten
geschnitten.  Der  Holzhandel  gewinnt  von  Jahr  zu
Jahr  an  Bedeutung  und  sucht  immer  entlegenere
Gegenden  auf,  die  nur,  wenp  irgend  möglich,
einen  Wassertransport  zulassen  müssen.  Hauptcinfuhrland
  ist  England,  das  von  Rußland,  Norwegen, ­
  Schweden,  Preußen  und  Nordamerika
sowie  namentlich  aus  Kanada  große  Holzmassen
bezieht.  Kanada,  Neuschottland  und  die  nördlichen
der  Vereinigten  Staaten,  Ohio,  Michigan,  Pennsylvanien
  führen  s—6  Holzarten,  namentlich
Weymouthskiefer  (Pinus  Strobus),  eine  weiße  und
eine  rote  Eiche  sowie  schwarzen  Walnußbaurn
in  Form  von  fohem  Bauholz  und  Brettern  aus,
die  nicht  nur  in  England,  sondern  auch  in
Westindien,  ja  neuerdings  sogar  in  Italien  und
den  österreichischen  Küstenorten  ihren  Absatz
finden.  —  Schweden  und  Norwegen  haben
ebenfalls  beträchtliche  Holzausfuhr.  Ihre  Waldungen ­
  bestehen  im  Norden  nur  aus  Nadelholz.
Tannen  und  Fichten,  abgesehen  von  der  überall
wachsenden  Birke,  die  für  den  Llandel  von  geringer ­
  Bedeutung  ist.  Tannene  und  fichtene  Masten ­
  und  anderes  Schiffsholz,  Balken,  Bohlen,
Bretter  und  Latten  gelangen  daher  hauptsächlich
zur  Ausfuhr.  Auch  Rußland  hat  verhältnismäßig ­
  viel,  wenn  auch  sehr  ungleichmäßig  verteilte ­
  Waldungen.  Die  Ströme,  Flüsse  und  Seen
des  Landes  in  Verbindung  mit  den  im.  Winter
        <pb n="170" />
        Holz

165

Holz

vorhandenen  Schlittenwegen  gestatten  ein  Heranbringen ­
  des  Holzes,  aus  weiten  Fernen,  und  es
kommt  vor,  daß  Holztransporte  bis  zu  den  Häfen
zwei  Jahre  unterwegs  sind.  Der  russische  Ausfuhrhandel ­
  geht  über  Petersburg,  Archangelsk,
Wyborg,  Pernau,  Narwa  und  besonders  Riga,  weitaus ­
  dem  bedeutendsten  russischen  Holzhandelsplatz, ­
  wo  auch  eine  starke  Ausfuhr  von  Eichenholz ­
  in  Stämmen,  Blöcken,  Planken  und  Faßholz ­
  aus  den  Laubwäldern  des  südlichen  Rußlands, ­
  besonders  der  Gouvernements  Kasan  und
Pensa  besteht.  Die  hauptsächlichsten  preußischen ­
  Ostseeplätze  für  die  Holzausfuhr  sind
Memel  und  Danzig,  an  zweiter  Stelle  auch
Königsberg,  Elbing  und  Stettin.  Sie  versenden
sowohl  das  eigene  H.  der  zum  Teil  sehr  waldreichen ­
  preußischen  Ostseeprovinzen,  als  auch
die  bedeutenden  Zufuhren  aus  dem  benachbarten
Rußland  und  Polen.  Neben  dem  Seetransport
spielt  auch  die  Zufuhr  und  Abfuhr  auf  den
Flüssen  (Oder,  Netze,  Warthe)  und  Kanälen  eine
große  Rolle,  so  daß  z.  B.  polnisches  Bauholz
von  Halle  zu  beziehen  ist,  bis  wohin  es  auf
Wasserwegen  gebracht  wurde.  —  Die  Oder
führt  den  nicht  mehr  großen  Überschuß  der
oberschlesischen  Wälder  in  großen  Langholzflößen, ­
  die  meist  mit  Flaufen  von  kleinem  Werkholz ­
  und  Eichenholzblöcken  beladen  sind,  ins
Niederland  und  bis  Stettin.  In  gleicher  Weise
trägt  die  Elbe  die  Hölzer  aus  der  Sächsischen
Schweiz  und  aus  Böhmen  abwärts,  empfängt
von  der  Saale  aus  Thüringen  (in  Naumburg
und  Kamburg  finden  Holzmessen  statt),  vom
Harz  und  rechts  aus  den  Gebieten  der  Spree
und  Havel  weitere  Beiträge  und  schafft  nach
Hamburg,  was  nicht  unterwegs,  z.  B.  an  dem
Knoten-  und  Holzhandelspunkt  Riesa,  schon  an
Eisenbahnen  für  den  Landesbedarf  abgegeben
wird.  Das  sächsische  Vogtland  hat  keine
Wasserstraße  für  Langholz,  sondern  schafft  alles
mit  der  Eisenbahn  abwärts,  nachdem  selbst  die
Scheitflößen  auf  der-Elster  eingestellt  sind  und
auch  das  Brennholz  der  Eisenbahn  überwiesen
worden  ist.  Das  Erzgebirge  und  Vogtland
verarbeiten  übrigens  ebenso  wie  die  Thüringer
Waldleute  einen  bedeutenden  Teil  ihres  Holzzuwachses ­
  selbst  und  führen  ihn  in  Form  der
mannigfaltigsten  Holzwaren,  als  Kisten  und
Kasten,  Schachteln,  Rahmen  für  Schiefertafeln,
Spielwaren,  Zündholzstäbchen  u.  a.  aus.  Weiterhin ­
  bildet  die  Weser  mit  der  Werra,  Fulda,
Ocker  und  Aller  eine  belebte  Flandelsstraße
für  die  Holzabfuhr  Thüringens  und  Braunschweigs
  nach  Bremen,  in  viel  größerem  Maßstabe ­
  aber-der  Rhein,  der  mit  seinen  Zuflüssen
&amp;gt;n  eine  beträchtliche  Zahl  holzreicher  Gebiete
hineingreift.  Baden,  Württemberg  und  Bayern
besitzen  viele  und  schöne  Laub-  und  Nadelwälder, ­
  wie  den  Schwarzwald,  Spessart,  die
bedeutenden  Waldungen  des  Fichtelgebirges
utid  Böhmerwaldes,  welche  letztere  ihren  Abzug ­
  nach  der  Donau  nehmen,  während  die
Hauptmasse  durch  den  Main  und  Neckar  in
den  Rhein  geschafft  wird.  Das  badische
Murgtal,  das  durch  den  Murgfluß  mit  dem
Rhein  in  Verbindung  steht  und  sich  durch  seinen
Reichtum  schöner  Hölzer  auszeichnet,  liefert
e benfalls  seinen  Beitrag,  wie  auch  von  der  anderen ­
  Seite  durch  Saar  und  Mosel  schöne  Hölzer ­

  auf  die  große  Wasserstraße  gelangen.
Mannheim  bildet  den  Hauptstapelplatz  für  die
zusammenkommenden  Hölzer,  ein  anderer  ist
Kastell  bei  Mainz.  Hier  werden  aus  den  kleineren ­
  Flößen  die  großen  sog.  Holländerflöße
zusammengebaut,  die  alljährlich  den  Rhein  hinunter ­
  nach  Holland  fahren,  und  nach  denen  die
stärksten  und  schönsten  Stämme  von  Fichten,
Tannen  und  Eichen  geradezu  Holländerholz
genannt  werden.  Die  großen  Holländerflöße  bestehen ­
  aus  mehreren  Tausend  aneinander  befestigter ­
  und  9—ii  dm  hoch  übereinander  gepackter ­
  Großbäume,  haben  einen  Hauptteil,  das
Steifstück  von  150—240  m  Länge,  einige  voraufgehende
  Nebenflöße  und  verschiedene  Seitenanhänge. ­
  Mehrere  hundert  Ruderer  und  andere
Dienstleute  bemannen  ein  solches  Floß,  das  mit
Wohnungen,  Küche  und  Viehställen  versehen  ist
und  Bretter,  Latten  und  'Böttcherholz  als  Oblast
trägt.  Der  Hauptstapel-  und  Zerlegeplatz  für
diese  schwimmenden  Inseln  ist  Dordrecht.  In
neuerer  Zeit  sind  diese  Holztransporte  seltener
geworden,  da  die  Fichten-  und  Tannenstämme,
wenn  sie  nicht  eine  außergewöhnliche  Größe
besitzen,  von  Schweden  und  Norwegen  wohlfeiler
geliefert  werden.  Ohne  Nadelholz  kann  aber  das
stets  gesuchte  und  teure  Eichenholz  nicht  verfloßt ­
  werden.  —  Die  Donau  nimmt  die  Holztransporte ­
  auf,  die  ihr  aus  Bayern,  namentlich
von  den  Hauptstapelplätzen  Deggendorf,  Regensburg ­
  und  Kehlheim  auf  Isar,  Iller  und  Inn  zugeführt ­
  werden  und  meist  nur  bis  Wien  gehen.
Aus  dem  südlichen  Ungarn,  aus  Slavonien,
Rumänien  und  Galizien  wird  Fichtenholz
in  großen  Massen  zu  Resonanzböden  sowie  namentlich ­
  Faßholz  (Stabholz)  mit  der  Bahn  nach
Deutschland,  Italien  und  Frankreich  gebracht.
Österreich  selbst  ist  in  allen  Teilen,  mit  Ausnahme ­
  von  Dalmatien  und  Istrien,  reich  an  Waldungen, ­
  ja  es  kommt  vor  (in  den  Alpen,  Karpathen, ­
  Siebenbürgen),  daß  das  H.  wegen  Unzulänglichkeit ­
  oder  Mangel  an  Abzugsstraßen  gar
nicht  zu  verwerten,  ist.  —  Die  wichtigsten
Plätze  für  den  deutschen  Holzhandel  sind  Danzig,
Memel,  Stettin,  Königsberg,  die  Hansestädte
(besonders  für  nordische  und  überseeische  Hölzer) ­
  und  die  Orte  an  den  flößbaren  Strömen:
Rhein,  Donau,  Elbe,  Weser,  Weichsel  mit  Nebenflüssen ­
  sowie  neuerdings  auch  Eisenbahnstationen ­
  in  der  Nähe  größerer  Waldungen  oder  an
den  Linien  nach  Österreich  und  Polen.  Für  die
Holzarten  des  Handels  gibt  es  zahlreiche  örtliche
Bezeichnungen  und  Gebräuche  in  bezug  auf  Abnahme ­
  im  Walde,  Beförderung  aus  dem  Walde
sowie  Lagerung  und  Verfrachtung,  besonders
beim  Verflößen.  Die  Flöße  werden  zuerst  im
Kleinen  zusammengefügt  und  dann  mit  zunehmendem ­
  Fahrwasser  und  wachsender  Strombreite
zu  größeren  Flößen  vereinigt.  Auf  nicht  flößbaren ­
  Flüssen  werden  die  einzelnen  Flolzstücke
ins  Wasser  geworfen  und  von  selbst  weiter  befördert, ­
  bisweilen  auch  durch  Stauvorrichtungen
nach  Bedarf  festgehalten.  Derart  geschwemmtes
H.  erleidet  durch  das  Liegen  im  Wasser  eine
gewisse  Wertminderung  und  wird  auf  den  Floßhöfen ­
  entsprechend  billiger  verkauft.  Die  für
manche  Zwecke  erforderlichen,  möglichst  langen
und  ganz  reinen  Dielen  kommen  jetzt  fast  nur
noch  aus  Schweden  und  Norwegen,  zum  ge ­
        <pb n="171" />
        Holzbeizen

166

Holzkohle

ringeren  Teil  aus  dem  Schwarzwald.  —  Ist  man
genötigt,  H.  im  Freien  liegen  zu  lassen,  so  wählt
man  hierzu  am  besten  ein  freiliegendes  Grundstück, ­
  welches  nicht  von  hohen  Häusern  umgeben ­
  ist,  um  der  Luft  und  den  Sonnenstrahlen  Zu
tritt  zu  gestatten.  Auch  schützt  man  es  am  besten
durch  Überdachung  gegen  Regen  und  Schnee,
doch  so,  daß’  die  Luft  seitlich  hindurchziehen
kann.  Für  manche  Zwecke  ist  es  nötig,  das  H.
von  seinen  Saftbestandteilen  zu  befreien,  was
durch  Auslaugen  oder  Ausdämpfen  geschieht.
Für  andere  Verwendungen,  z.  B.  zu  Wasserbauten, ­
  Telegraphenstangen,  Eisenbahnschwellen,  ■
wird  das  H.  konserviert,  indem  man  es  mit
Kupfervitriollösung,  Chlorzinklösung,  Sublimatlösung, ­
  Karbolsäure,  Karbolineum  usw.  imprägniert.
Holzbeizen  sind  Lösungen  von  Farbstoffen
oder  Chemikalien,  welche  dazu  dienen,  dem  Holze
eine  andere,  meist  dunklere  Färbung  zu  verleihen
und  auf  diese  Weise  geringwertigen  Hölzern  das
Aussehen  teurerer  zu  geben.  Sie  bilden  unter
dem  Namen  H.  für  Nachahmung  von  Ebenholz,
Nußbaum,  Jakaranda,  Mahagoni  u.  a.  eine  wichtige ­
  Handelsware.  Neben  einfachen  Anilinfarben ­
  benutzt  man  auch  getrennte  Lösungen
von  Metallsalzen  und  Farbstoffen,  die  haltbare
Niederschläge  (Lacke)  ergeben,  z.  B.  Blauholz  mit
Kaiiumdichromat,  Alizarin  mit  Metallsalzen,  Gerbstoff ­
  mit  Eisenlösung,  oder  endlich  auch  einfache
Chemikalien,  wie  Kaliumpermanganat  für  Braun,
Vanadinsäure  für  Schwarz.
Holzessig  (Holzsäure,  lat.  Acetum  pyro
lignosum,  frz.  Acide  ligneux,  Vinaigre  de  bois,
engl.  Pyroligneous  acid).  Zur  besseren  Ausnutzung ­
  des  Holzes  ersetzt  man  die  Meilervörkohlung
  mehr  und  mehr  durch  ein  Verfahren  der
Trockendestillation,  wobei  neben  20—30°/»  Kohle
reichliche  Mengen  Leuchtgas  entstehen,  die  wieder ­
  zur  Heizung  der  Retortenöfen  dienen.  Das
hierbei  erhaltene  flüssige  Destillat  trennt  sich
beim  Stehen  von  selbst  in  zwei  Schichten,  eine
untere,  den  Holzteer,  und  eine  obere,  den
rohen  Holzessig,  die  beide  Handelswaren  bilden. ­
  Der  rohe  H.,  eine  braune,  saure,  unangenehm ­
  teerig  und  rauchig  riechende  und
schmeckende  Flüssigkeit,  besteht  neben  Wasser
aus  Essigsäure,  Holzgeist,  Azeton  und  kleinen
Mengen  von  Phenolen  (Guajakol),  die  hier  nur  die
Rolle  von  Verunreinigungen  spielen.  Die  Menge
der  einzelnen  Bestandteile  ist,  je  nach  den  Holzarten, ­
  der  Destillationseinrichtung  und  der  mehr
oder  weniger  guten  Leitung  der  Feuerung  verschieden. ­
  Die  meiste  Essigsäure  enthält  das
Destillat  von  Buchen-  und  Birkenholz.  Im  allgemeinen ­
  wechselt  der  Gehalt  zwischen  5  und  9%
Essigsäure.^  —  Der  rohe  H.  dient  für  sich  als
fäulniswidriges  Mittel,  zur  Konservierung  von
Holz  und  zum  Bestreichen  von  Fleischwaren
(kalte  Räucherung),  ferner  für  Färberei-  und
Druckereizwecke,  zur  Darstellung  des  zu  gewissen
Farben  erforderlichen  holzessigsauren  Eisens  (vgl.
Essigsäure)  und  zur  Erzeugung  reiner  Essigsäure
(s.  d.).  Durch  Umdestillieren  des  rohen  H.  in  der
Weise,  daß  nur  drei  Viertel  vom  Ganzen  abgezogen ­
  werden,  erhält  man  den  gereinigten
oder  rektifizierten  PL,  der  in  der  Medizin  und
als  Desinfektionsmittel  verordnet  wird.
Holzgeist  (Methylalkohol,  Methyloxydhydrat, ­
  Karbinol,  lat.  Alkohol  methylicus,

frz.  Esprit  hydroxylique,  Alcool  methylique,  engl.
Pyroligneous  spirit,  Wood  naphta,  Methylated
spirit)  ist  ein  Bestandteil  des  Holzessigs  (s.  d.),  aus
welchem  er  durch  wiederholte  fraktionierte  Destillation ­
  und  weitere  Reinigung  fabrikmäßig  gewonnen ­
  wird.  Der  für  gewöhnlich  im  Handel
vorkommende  PL  ist  stets  noch  etwas  wasserhaltig, ­
  und  die  geringeren  Sorten  enthalten
auch  noch  andere  flüchtige  Beimengungen,  die
jedoch  für  manche  seiner  Verwendungen  nicht
störend  sind.  Man  verkauft  ihn  wie  den  Spiritus ­
  nach  Prozenten  Tralles,  gewöhnlich  95  bis
98  0/0.  —  Der  H.,  CH, 3 .  OH,  ist  eine  dem  gewöhnlichen ­
  Alkohol  (Äthylalkohol,  Weingeistj  ähnliche
farblose,  brennbare,  sehr  flüchtige  Flüssigkeit
von  eigentümlichem  geistigen  Geruch  und  brennendem ­
  Geschmack,  die  sich  mit  Wasser,  Weingeist, ­
  Äther,  Fetten  und  ätherischen  Ölen  in
allen  Verhältnissen  mischt.  Er  siedet  bei  65°  und
verbrennt  mit  bläulicher,  nicht  leuchtender  Flamme. ­
  Zum  Unterschiede  von  Äthylalkohol  wird  die
Flamme  durch  Zusatz  von  Borax  grün  gefärbt,
während  freie  Borsäure  auch  der  Weingeistflamme ­
  eine  grüne  Farbe  verleiht.  Das  spez.
Gew.  beträgt  0,797.  Die  Hauptverwendung  findet
der  H.  jetzt  zur  Darstellung  von  Jodmothyl
(Methyljodür),  des  Äusgangsstcffes  verschiede
ner  Anilinfarben.  In  England  benutzt  man  ihn,
wegen  der  hohen  Spiritussteuer,  ganz  allgemein
anstatt  des  Spiritus  zum  Brennen  und  zur  Bereitung ­
  von  Lacken,  ferner  wie  auch  in  Deutschland ­
  zum  Denaturieren  von  Spiritus.  Die  vorübergehend ­
  zur  Umgehung  der  Spiritussteuer
früher  beobachtete  Einführung  als  Trinkbranntwein
  ist  wegen  der  hohen  Giftigkeit  (Erblindungsgefahr),
  schon  8  g  kühnen  tödlich  wPken,
verboten.  Das  Branntweinmonopolgesetz  vom
26.  Juli  1918  verbietet  nicht  nur  die  Verwendung
von  Methylalkohol  zu  Nahrangs-  und  Genußmitteln, ­
  sondern  auch  für  Heil-,  Vorbeugungsund ­
  Kräftigungsmittel,  Riechmi.tel  und  Mittel  zur
Reinigung,  Pflege  oder  Färbung  der  Haut,  des
Haares,  der  Nägel  oder  der  Mundhöhle.  Unter
methylalkoholhaltigc  Flüssigkeiten  fallen  z.  B.
Spritol  und  Spritogen.
Holzkohle  (lat.  Carbo  ligni,  frz.  Charbon  de
bois,  engl.  Char  coal).  Dieser  wichtige  und  viel
benutzte  Stoff  besteht  aus  dem  größten  Teile
des  im  Plolze  vorhandenen  Kohlenstoffes  nebst
den  Aschenbestandteilen  des  Holzes,  und  entsteht ­
  bei  der  unvollständigen  Verbrennung  des
Holzes  in  Meilern  oder  Retorten.  In  letzteren  ist
die  Ausbeute  natürlich  größer,  da  bei  den  Meilern ­
  ein  Teil  des  Holzes  für  die  Unterhaltung
des  Brandes  geopfert  werden  muß,  dafür  bedürfen ­
  aber  die  Destillationsgefäße  einer  mehrstündigen ­
  äußeren  Feuerung.  Die  Destillation
ergibt  höchstenfalls  etwa  27  °/o  Kohle  vom  Gewicht ­
  des  lufttrockenen  und  28—32  °/o  des  vorher
stark  ausgetrockneten  Holzes,  die  Meilerverkohlung, ­
  wenn  sie  sorgfältig  geführt  wird,  etwa  20
bis  23%.  Die  Kohlenbrennerei,  die  viel  Umsicht
erfordert,  erfolgt  im  allgemeinen  derart,  daß  eine
aus  Scheiten  aufgebaute  Plolzpyramide  überall,
bis  auf  eine  Öffnung  an  der  Spitze,  mit  einem
Mantel  von  Rasen  und  Erde  umgeben  und  von
der  Mitte  heraus  angezündet  wird.  Die  nötige
Luft  findet  ihren  Eingang  durch  Löcher,  die  zu
unterst  ringsum  in  den  Mantel  gestoßen  sind,  der
        <pb n="172" />
        Holzwolle

Holzkohle  167

Brand  beginnt  von  oben  und  pflanzt  sich  im
Innern  allmählich  seit-  und  abwärts  fort.  Zur
rechten  Zeit  wird  die  obere  Öffnung  zugeschlagen, ­
  und  dafür  von  Zeit  zu  Zeit  durch  Einstoßen
neuer  Löcher  auf  halber  Höhe  Luft  geschafft.
Der  Brand  geht  somit  immer  dam  Luftstrome
entgegen,  die  brennbaren  Gase,  dis  sich  aus
dem  Holze  entwickeln,  dienen  zugleich  zu  dessen
Verkohlung,  herausb.echende  Hammen  werden
immer  sogleich  unterdrückt.  Der  fertig  gebrannte ­
  Haufen  wird  nicht  der  freiwilligen  Abkühlung ­
  überlassen,  da  die  Kohlenmasse  dabei
noch  zu  sehr  schwinden  würde,  sondern  hier  und
da  aufgebrochen,  wobei  man  die  mit  Haken
herausgezogenen  glimmenden  Stücke  mit  Wasser
oder  Sand  ablöscht.  Im  übrigen  sind  die  Vorgänge ­
  bei  der  Verkohlung  in  Meilern  und  Retorten ­
  die  nämlichen,  nur  daß  im  letzteren  Falle
die  brennbaren  'Gase  wegen  Luftmangel  unverbrannt ­
  bleiben  und  zu  anderweiter  Verwendung
abgeleitet  werden.  Beim  Anfeuern  entweicht
zunächst,  wenn  die  Hitze  erst  wenig  über  den
Siedepunkt  gestiegen  ist,  Wasserdampf.  Beim
Steigen  der  Hitze  beginnt  die  Zersetzung  des
Holzes,  Wasserstoff  und  Sauerstoff  werden  ausgetrieben ­
  und  verbinden  sich  ebenfalls  zu  Wasser.
Auch  der  Kohlenstoff,  obwohl  beständiger  als
jene  beiden  anderen  Elemente,  wird  zum  Teil
in  die  Zersetzung  mit  hineingerissen  und  liefert
eine  große  Anzahl  gasförmiger  und  dampfförmiger ­
  Verbindungen,  von  denen  die  letzteren
durch  Abkühlung  zu  Teer  und  Holzessig  verdichtet ­
  werden  können.  Auf  diese  Weise  gehen
bei  der  Destillation  von  den  etwa  40  0/0  Kohlenstoff ­
  des  Holzes  13  °/o  in  den  flüchtigen  Stoffen
fort.  Die  H.  hat  vor  dem  Holze  in  wirtschaftlicher ­
  Hinsicht  bedeutende  Vorzüge,  einesteils
durch  die  große  Leichtigkeit  und  Beförderungs
müglichkeit  im  Vergleich  zu  dem  viermal  schwereren ­
  Holz  und  dann  hauptsächlich  dadurch,
daß  sie  im  kleinsten  Raume  die  größte  Heizkraft ­
  einschließt  und  das  reinste  Feuer  ohne
Rauch  und  fast  ohne  Flamme  liefert.  Die  harten
Hölzer  geben  auch  härtere  Kohlen  mit  größerer
Heizkraft,  mit  Ausnahme  der  Eiche,  deren  Kohle
wenig  taugt.  Die  Kohlen  der  Weichhölzer  sind
leichter  brennbar  und  werden  in  größerer  Menge
dargestellt,  während  zur  Destillation  nur  harte
Hölzer  benutzt  werden,  weil  sie  die  höchste
Ausbeute  an  Holzessig  geben.  Die  H.  werden
hauptsächlich  als  Brennstoff,  als  Reduktionsmittel
bei  der  Metallgewinnung  und  als  absorbierendes ­
  Mittel  angewandt,  in  geringeren  Mengen
zur  Herstellung  von  Schießpulver,  als  Schleifpulver, ­
  zu  Zeichenkohle  usw.  In  erster  Beziehung ­
  werden  sie  besonders  von  Metallarbeitern,
Schmieden  und  Schlossern  benutzt,  und  wenn
diese  sich  neuerdings  auch  oft  mit  Steinkohlen
behelfen,  so  kann  doch  bei  Verarbeitung  des
Stahls  die  FI.  nicht  entbehrt  werden.  Zu  hüttenmännischen ­
  Zwecken,  zum  Ausschmelzen  des
Eisens,  Zinks,  Zinns  und  Bleies  aus  den  Erzen
war  H.  früher  das  einzige  Mittel,  während  jetzt,
namentlich  bei  Eisenhochöfen,  meistens  Koks
benutzt  werden  muß.  Die  leichtflüssigen  Metalle ­
  werden  schon  reduziert,  wenn  ihre  Oxyde
mit  Kohlenpulver  gemischt  und  in  Tiegeln  geglüht ­
  werden,  und  in  ganz  analoger  Weise  wird
der  Phosphor  (s.  d.)  aus  seinem  Oxyde,  der

Phosphorsäure,  durch  Kohle  abgeschieden.  —
Die  Kohle  zeigt,  wenn  sie  beim  Verkohlen  ungestört ­
  bleibt,  noch  völlig  die  Gestalt  und  Struktur ­
  des  Holzes,  nur  ist  sie  kleiner  und  in  so
hohem  .Grade  porös,  einem  höchst  feinen
Schwamm  vergleichbar  geworden,  daß  sie  große
Mengen  von  Gasen  zu  verschlucken  und  aus
Flüssigkeiten  fremde  Stoffe  auszuscheiden  vermag. ­
  Auf  dieser  absorbierenden  Eigenschaft  beruht ­
  die  vielseitige  technische  Verwendung  der
gepulverter  H.  als  Desinfektionsmittel,  um  Miasmen ­
  und  Fauigerüche  inWohnräumen  und  Kloaken ­
  zu  beseitigen,  zum  Reinigen  von  Wasser,
welches  organische  Zersetzungsprodukte,  Metallsalze ­
  usw.  enthält,  und  zum  Entfärben  von  Flüssigkeiten, ­
  sofern  die  Färbung  von  besonderen,
abscheidbaren  Bestandteilen  herrührt.  Die  absorbierende ­
  Kraft  der  II.  wird  im  allgemeinen
durch  die  d6r  Tier  ko  hie  (st  d.)  überlroffen,  doch
eignet  sie  sich  für  manche  Verwendungen,  so
namentlich  zum  Entfuseln  des  Spiritus,  besser,
wobei  man  entweder  die  Spiritusdämpfe  durch
einen  Behälter  mit  grob  gepulverter  Kohle  streichen ­
  oder  den  ablaufenden  Sprit  durch  Kohlenpulver ­
  durchsickern  läßt.  Alle  Kohle,  die  zu
Zwecken  der  Absorption  dienen  soll,  muß  entweder ­
  frisch  gebrannt  oder  gleich  im  frischen
Zustande  luftdicht  verpackt  worden  sein,  da  sie
sich  in  freier  Luft  mit  Gasen  und  Riechstoffen
sättigen  und  dann  unwirksam  sein  würde.  Man
kann  aber  einer  unwirksam  gewordenen  Kohle
die  absorbierende  Eigenschaft  im  vollen  Maße
durch  Ausgiühen  wieder  verleihen.  Zu  allen
derartigen  Zwecken  dient  Weichholzkohle,  da  sie
die  stärkste  Porosität  und  Absorptionskraft  hat.
Am  kräftigsten  wirkt  die  Kohle  von  Pappelholz,
dann  folgt  die  von  Lindenholz  und  hierauf  die
von  Nadelhölzern.
Holzstaub  (Holzmehl,  engl.  Flocks)  wird  in
der  Weise  hergestcllt,  daß  man  sehr  dünne
Hobelspäne  weicher  Hölzer  mit  Scifenwasser,
besser  Natronlauge,  kocht,  mit  Wasser  sorgfältig
auswäscht,  darauf  sehr  fein  vermahlt  und  beliebig ­
  färbt.  Er  dient  zur  Bereitung  der  Samt
tapeten  und  wird  mit  einem  geruchlosen,'"'Insekten ­
  verscheuchenden  Klebstoff  auf  dem  Päpier
befestigt.  Vor  dem  früher  benutzten  Wollslaub
hat  er  den  Vorzug,  um  5o°/o  leichter  und  10  0/0
billiger  zu  sein.  Ein  besonders  zubereitetes  Holz :
mehl  dient  in  der  Bäckerei  bisweilen  unter  dlem
Namen  Streumehl  (s.d.)  zum  Bestreuen  der
Unterseite  von  Broten.
Holzteeröl  (lat.  Oleum  picis,  frz.  Huile  de
goudron  .vögötale,  engl.  Tar  oil)  wird  durch  Destillation ­
  des  Holzteers  gewonnen  und  ist  frisch
destilliert  ziemlich  farblos,  nimmt  aber  bei  länge
rem  Lagern  eine  gelbe  bis  rotbraune  Farbe  an.
Es  besteht  aus  Kohlenwasserstoffen  wie  Benzol,
Toluol  und  Phenolen,  hat  ein  spez.  Gew.  von
etwa  0,970  und  kann  durch  fraktionierte  Destillation ­
  in  Schwer-  und  Leichtöl  geschieden  werden.
Das  Holzkreosot  (s.d.  bei  Kreosot)  wird  namentlich ­
  aus  Buchenholzteer  gewonnen.  Ber.w'zt
wird  H.  in  der  Volksmedizin  bei  Hautkrankheiten. ­
  in  der  Tierheilkunde  bei  Räude.
Holzwolle  (Holzfaden,  Holzfaser,  Wol
lin,  lat.  Lana  ligui,  frz.  Charpie  de  bois,  engl.
Wood  wol),  eine  aus  weichem  Holz  gefertigte
Fasermasse,  kommt  in  zwei  Sorten  in  den
        <pb n="173" />
        Holzzeug

168

Honig

Handel,  solche,  die  zu  der  sogenannten  Holzweberei ­
  oder  zur  Herstellung  von  Holztuch  benutzt ­
  wird,  und  solche,  die  wie  Werg  aussieht
und  aus  regellos  durcheinander  gewirrten  Fasern
besteht.  Die  Herstellung  erfolgt  aus  Kiefernoder ­
  Fichtenholz  mittels  besonderer  Maschinen
in  der  Weise,  daß  die  auf  dem  Schlitten  der
Maschine  dem  Holz  zunächst  befindlichen  verstellbaren ­
  Ritzmesser  das  zu  verarbeitende  Material ­
  der  Länge  nach  in  einzelne  Fasern  von  der
gewünschten  Breite  (i—4  mm)  zerschneiden,  welche ­
  dann  durch  das  nachfolgende  Spannmesser
in  der  ganzen  Breite  abgetrennt  werden  und  als
Holzwolle  unter  die  Maschine  fallen.  Zur  Verringerung ­
  des  Volums  preßt  man  sie  dann  zu
Würfeln  von  80  cm  Kantenlänge  zusammen.  Die
H.  wird  als  vorzügliches  Packmaterial  und,  ihrer
großen  Elastizität  wegen,  als  Polsterungsmaterial
  benutzt.  Auch  als  Streumaterial  für  Stallun
gen  hat  man  sie  empfohlen,  und  schließlich
verwendet  man  sie  allein  oder  in  Verbindung
mit  Watte  zu  billigen  Verbänden,  zu  Damenbinden ­
  usw.
Holzzeug  (Holzstoff,  Holzschliff,  frz.  Matifere
  de  bois,  engl.  Wood  pulp),  das  wichtige
Material  der  Papierfabriken,  wird  mit  Hilfe
besonderer,  von  Wasser  ständig  benetzter  Schleifsteine ­
  aus  dem  von  Rinde  und  Aststellen  befreiten, ­
  vielfach  vorher  noch  gedämpften  Holze
hergestellt,  darauf  durch  Pressen  oder  Zentrifugen ­
  zum  Teil  entwässert,  vielfach  durch  Chlor
gebleicht  und  getrocknet.  Zur  Vermeidung  der
durch  Kleinlebewesen  oder  Gerbstoffe  bisweilen
verursachten  Flecke  und  .Verfärbungen  muß  feines, ­
  eisenfreies  Wasser  und  gesundes,  zweckmäßig ­
  vorher  sterilisiertes  Holz  genommen  werden. ­

Homatropin  (Oxytoluyltropein),  ein  zusammengesetzter ­
  Äther  des  Tropins  (Spaltungsprodukt ­
  des  Atropins),  wird  durch  wiederholles  Eindampfen ­
  der  Lösung  von  Tropin  und  Mandelsäure ­
  mit  verdünnter  Salzsäure  in  Form  durchsichtiger ­
  Pulver  erhalten.  Es  wirkt  wie  Atropin,
aber  weniger  andauernd  auf  die  Pupille  erweiternd ­
  ein  und  wird  in  der  Augenheilkunde  angewandt. ­

Honig  (lat.  Mel,  frz.  Miel,,engl.  Honey)  ist  der
von  der  Arbeitsbiene,  Apis  mellifica,  aus  Blüten ­
  aufgesaugte  und  in  ihrem  Honigmagen  verarbeitete ­
  Saft,  der  in  den  Waben  (Wachszellen)
zur  Ernährung  der  jungen  Brut  sowie  als  Wintervorrat ­
  wieder  abgeschieden  wird.  Er  besitzt
frisch  ausgelassen  das  Aussehen  eines  klaren,
zähklebrigen  Sirups,  trübt  sich  aber  allmählich
durch  Ausscheidung  von  Traubenzucker  und
erstarrt  schließlich  zu  einer  mehr  oder  weniger
festen  kristallinischen  Masse.  Je  nach  der  Art
der  Blüten,  aus  denen  der  Honig  gesammelt
wird,  und  die  für  sein  Aroma  bestimmend  sind,
unterscheidet  man  Anis-,  Akazien-,  Heide-,  Klee-,
Linden-,  Raps-  usw.  Honig.  Eine  Abart  bildet
der  von  den  Pollen  der  Nadelhölzer  gesammelte
sog.  Koniferenhonig,  welcher  dunkler  gefärbt ­
  ist,  einen  eigenartigen,  terpentinähnlichen
Geruch  und  weniger  süßen  Geschmack  besitzt.
Er  gilt  als  minderwertig,  ebenso  wie  der  überseeische ­
  sog.  Havanna-,  Kalifornische,
Chile-,  Valparaiso-PL,  welcher  infolge  seiner
Abstammung  von  duftlosen  tropischen  Blüten

fast  gar  kein  Aroma  besitzt.  In  seltenen  Fällen
sind  auch  giftige  Honige  beobachtet  worden,
die  von  einigen  giftigen  Rhododendronarten  gesammelt ­
  werden,  für  unsere  Verhältnisse  aber
keine  Bedeutung  haben.  Der  H.  wird  entweder
in  unverändertem  Zustande  mit  den  Waben  als
sog.  Scheiben-H.  in  den  Handel  gebracht,
oder  von  den  Waben  getrennt  als  ausgelassener ­
  H.  Im  letzteren  Falle  unterscheidet  man  je
nach  der  Art  der  Gewinnung  Leck-H.  (durch
freiwilliges  Austropfen)  und  Schleuder-H.(durch
Zentrifugieren),  ferner  Preß-H.  (kalt  gepreßt),
Seim-H.  (bei  gelinder  Wärme  gepreßt)  und
Land-H.  (durch  Schmelzen  der  Waben).  Die
beiden  ersten,  als  die  reinsten  Sorten,  werden
auch  Jungfernhonig  genannt.  Stampfhonig
(Roh-,  Rauh-  oder  Werkhonig)  wi  d  durch  Einstampfen ­
  derWaben  mit  allen  darin  befindlichen
Verunreinigungen  gewonnen  und  gilt  nicht  als
eigentlicher  Honig.  In  chemischer  Hinsicht  ist
der  H.  im  wesentlichen  eine  wäßrige  Auflösung
ungefähr  gleicher  Teile  Glykose  und  Fruktose,
neben  welchen  noch  geringe  Mengen  Rohrzucker,
Dextrin,  Stickstoffsubstanzen,  Mineralstoffe,  Ameisensäure. ­
  Aromastoffe,  Wachs  und  Pollen  Vorkommen. ­
  Im  Mittel  enthält  er  20%  Wasser,  22
bis  44  0/0  Glykose,  32—49  °/o  Fruktose,  0,8—2,7  °/o
Stickstoffsubstanz  und  0,1—0,2  °/o  Ameisensäure.
Von  den  zahlreichen  Verfälschungen  sind  Zusätze ­
  billigerer  Zuckerarten,  wie  Rohrzucker,
Invertzucker  und  Stärkesirup  am  verbreitetsten,
aber  es  kommen  auch  völlige  Nachahmungen  in
den  Verkehr,  die  ohne  oder  mit  geringen  Spuren
H.  aus  künstlich  gelbgefärbtem  und  parfümiertem ­
  Zuckersirup  hergestellt  und  mit  Blütenstaub
und  Wachsteilchen  garniert  sind.  Die  früher  für
diese  Erzeugnisse  beliebte  Bezeichnung  „Tafelhonig“, ­
  „Präparierter  Honig“  ist  durch  die
Rechtsprechung  für  unzulässig  erklärt  worden,
und  derartige  Proben  dürfen  daher  nur  in  Büchsen ­
  mit  der  deutlichen  Inschri.t  „Kunsthonig“
in  den  Verkehr  gebracht  werden.  Ebenso  wie
der  direkte  Zusatz  fremder  Zuckerarten,  widerspricht ­
  auch  das  indirekte  Verfahren,  die  Zuckerfütterung, ­
  dem  Nahrungsmittelgesetz.  Nach  Ansicht ­
  der  reellen  Imkerkreise  ist  die  Verfütterung
von  Zucker  an  die  Bienen  nur  in  Notfällen,  d.  h.
zur  Überwinterung  u.  dgl.,  nicht  aber  zur  Erzeugung ­
  von  H.  gestattet.  Auch  durch  künstliche
Zuckerfütterung  gewonnener  H.  ist  als  verfälscht
zu  beurteilen,  wenn  er  nicht  ausdrücklich  als
Zuckerfütterungshonig  bezeichnet  wird.  Der
H.  bildet  ein  wertvolles  Nahrungs-  und  Genußmittel, ­
  das  in  steigenden  Mengen  von  den  deutschen ­
  Bienenzüchtern  in  den  Handel  gebracht
wird.  Nach  der  Viehzählung  vom  Jahre  1912  gab
es  im  Deutschen  Reiche  über  2600000  Bienenstöcke, ­
  die  15235  t  H.  lieferten,  und  für  die  Zunahme ­
  der  Erzeugung  spricht  am  besten  die  Tatsache, ­
  daß  der  Einfuhrüberschuß  von  32000  dz
im  Jahre  1890  auf  2000  t  sank.  Es  ist  zu  wünschen, ­
  daß  diese  zwar  mühsame,  aber  lohnende
Beschäftigung  sich  weiter  ausdehnt.  Neben  der
Verwendung  zum  direkten  Genuß  wird  H.  auch
zur  Herstellung  verschiedener  Präparate:  Gereinigter ­
  Plonig  (lat.  Mel  depura  um.  frz.  Mel
depurö,  engl.  Clarified  Honey)  der  Pharmazie,
Rosenhonig  (mit  Rosenextrakt),  Salizyl-H-,
Borax-PL  (mit  Borax  und  Glyzerin),  ferner
        <pb n="174" />
        Hopfen

169

Hom

/

von  alkoholischen  Getränken  wie  Honigmet  und
Honigwein  benutzt.
Hopfen  (frz.  Houb'lon,  engl.  Hop)  nennt  man
die  unbefruchteten  Dolden  (Fruchtstände,.Hopfentapfen, ­
  Trolle)  von  Kumulus  lupulus,  die  im
allgemeinen  von  angebauten,  in  den  Donauländern ­
  aber  auch  von  wild  wachsenden  Pflanzen
gewonnen  werden.  Die  allein  benutzten  weiblichen ­
  Blutenstände  der  zweihäusigen  Pflanze
bilden  zapfenartige  Kätzchen  mit  gelbgrünen
Blüten,  die  zu  vier  in  den  Achseln  zweizeilig
gestellter  Nebenblätter  angeordnet  sind  und  am
Grunde  von  je  einem  Blättchen  umgeben  werden.
Der  H.  erfordert  einen  sorgfältigen  Anbau,
Schutz  gegen  rauhe  Winde  und  eine  vor  starken
Nebeln  geschützte  Höhenlage.  Gegenden  mit
schroffem  Temperaturwechsel  sind  auszuschließen. ­
  Der  Hauptanbau  liegt  in  Europa  vom  45.  bis
50. 0  n.  Br.,  d.  h.  zwischen  dem  südlichen  Schweden ­
  und  Südungarn.  Die  Pflanzung  geschieht  in
Löchern  von  1,3—1,8  m  Entfernung  und  gleichem ­
  Reihenabstand,  so  daß  auf  den  Hektar
etwa  3200—5800  entfallen.  Die  Behandlung  ist
wegen  der  erforderlichen  Menschenarbeit  kostspielig, ­
  der  Ertrag  wegen  zahlreicher  Schädlinge; ­
  Kupferbrand  oder  Fuchs,  Mehltau  oder
Fraß,  Wurzelfäule,  Vergilbung,  Blattläuse,  Schnellkäferlarven, ­
  Hopfenwurzel;  pinner,  Erdllöhe  usw.
unsicher.  Wesentlich  beeinflußt  wird  die  Güte
durch  die  Art  des  Trocknens,  die  zur  Erhaltung
der  schönen  grünen  Farbe  und  des  Hopfenmehles
  rasch  und  sicher  ohne  häufige  Berührung
erfolgen  soll.  Meist  bevorzugt  man  das  Trocknen
auf  Horden  oder  das  Wenden  mit  Reiserbesen
und  stopft  oder  tritt  die  genügend  getrocknete
Masse  in  große  Ziechen  (Säcke),  die,  mit  dem
Namen  des  Züchters  und  Ortes  versehen,  zum
Versand  kommen.  Besonders  feine  Sorten,  wie
Saazer,  Spalter  usw.,  werden  von  der  Behörde
gestempelt,  doch  sind  diese  Zeichen  kein  sicheres
Merkmal  der  Echtheit,  weil  die  leeren  Säcke  von
Händlern  aufgekauft  werden.  Man  unterscheidet
den  besseren  aber  anspruchsvolleren  Frühhopfen, ­
  den  ertragreicheren  Spät-H.  und  den  dauerhaften ­
  Knoblauchs-H.  Als  beste  Sorten  gelten ­
  der  böhmische  von  Saaz,  Auscha,  Dauba,
der  bayrische  von  Spalt,  Hersbruck  und  der
badische  von  Schwetzingen,  doch  kommen  auch
aus  Württemberg,  Franken,  Elsaß  (Hagenau,
Bisch  weder),  Belgien,  England,  Frankreich,  Nordamerika, ­
  Australien,  Ostindien  (Himalaya)  gute
H.  zum  Verkauf.  Guter  H.soll  grünlichgelb,  nicht
tot  oder  braun  aussehen,  sich  klebrig  anfühlen,
stark  aromatisch  riechen,  besonders  beim  Zerreiben ­
  zahlreiche  gelbe  Drüsen  erkennen  lassen,
irn  Bruch  des  Mittelstengelchens  weißlich  erscheinen ­
  und  beim  Zerbrechen  einen  deutlich
sichtbaren  Strich  auf  der  Handfläche  machen.
Der  wirksamste  Bestandteil,  das  aus  den  Drüsen
Bestehende  Lupulin  (H.-Mehl,  FI.-Staub),  das
sich  in  Mengen  von  10—16%  vorfindet,  ist  keine
chemische  Verbindung,  sondern  ein  Gemisch  verschiedener ­
  Stoffe,  von  denen  ein  mit  Wasserdämpfen ­
  flüchtiges  Öl,  Hopfenöl,  ferner  Hopfenbittersäure ­
  (10%)  und  H.-Harz  (500/0)
die  wichtigsten  sind.  Außerdem  ist  noch  Gerbsäure ­
  sowie  möglicherweise  ein  Alkaloid  vorhanden. ­
  Alle  diese  für  die  Bierbrauerei  wertvollen
Stoffe  sind  wenig  haltbar,  schon  nach  Jahresfrist

wird  der  H.  äußerlich  rotbraun  und  verliert  an
Aroma  und  Hopfenmehl.  Man  sucht  ihn  daher
durch  Pressen  und  Schwefeln  zu  konservieren,
verleiht  durch  letzteres  allerdings  bisweilen  auch
minderwertiger  Ware  den  Anschein  besserer  Beschaffenheit. ­
  Die  durch  Auslaugung  mit  Wasser
hergestellten  sog.  Hopfenextrakte  haben  in
Deutschland  keinen  Anklang  gefunden.  Die
getrockneten  Hopfenranken  werden  neuerdings
als  Tabakersatz,  die  Hopfenfasern  zu  Gespinsten ­
  und  Geweben  benutzt.
Hopfenöl  (lat.  Oleum  lupuli  aethereum,  frz.
Essence  de  houblon,  engl.  Hops-oil),  das  ätherische, ­
  aromatisch  riechende  Öl  des  Hopfens,
wird  durch  Destillation  mit  Wasserdampf  aus  den
Flopfenzapfen  in  Menge  von  durchschnittlich
0,8  %  erhalten.  Das  dünnflüssige,  hellgelbe  bis
rotbraune  Öl  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,855—0,899.
verharzt  leicht,  wird  dann  dickflüssig  und  nimmt
einen  Geruch  nach  Baldriansäure  an.
Horn  (lat.  Cornu,  frz.  Corne,  engl.  Horn)
nennt  man  die  Stirnaufsätze  der  Wiederkäuer,
von  denen  die  des  Rindergeschlechts  nach  Menge
und  Bedeutung  so  überwiegen,  daß  der  allgemeine ­
  Ausdruck  Hörner  im  Handel  sich  fast  nur
auf  diese  bezieht.  Die  Hornsubstanz  (Keratin),
die  sich  auch  in  zahlreichen  anderen  tierischen
Gebilden:  Oberhaut,  Haaren,  Borsten,  Federn,
Stacheln,  Hufen,  Klauen,  Nägeln,  Schnäbeln,  im
Schildpatt  und  Fischbein  vorfindet,  ist  den  Eiweißstoffen ­
  verwandt  und  enthält  neben  Stickstoff ­
  bis  zu  5  %  Schwefel.  Die  0,3  %  (Schildpatt)
bis  zu  3  %  (Büffelhorn)  betragende  Asche  ist
reich  an  Kalziumphosphat,  bei  den  Federn  auch
an  Kieselsäure.  Von  den  Knochen  und  Geweihen
(s.  Hirschhorn)  unterscheidet  sie  sich  dadurch,
daß  sie  in  siedendem  Wasser  nicht  zu  Leim  zu
verkochen  ist,  sondern  nur  erweicht  und  nachher
ihre  volle  Härte  wieder  annimmt.  Der  Bau  der
Hörner  hat  eine  entfernte  Ähnlichkeit  mit  dem
des  Holzes,  indem  sich  auf  dem  Durchschnitt
förmliche  Jahresringe  zeigen,  die  mit  zunehmendem ­
  Alter  undeutlicher  werden  und  dadurch  die
Erkennung  des  weniger  wertvollen  jungen  H.  ermöglichen. ­
  Außerdem  ist  die  Hornmasse  von
Markkanälen  durchzogen,  die  in  den  äußeren
Teilen  des  H.  immer  zahlreicher  sind,  als  im
Innern.  Sie  besitzt  leidliche  Härte,  ist  etwas  biegsam ­
  und  elastisch,  mehr  oder  weniger  durchscheinend, ­
  von  weißer  und  gelblichgrauer  bis
schwarzer  Farbe  und  erweicht  in  der  Hitze  so
weit,  daß  man  sie  nicht  nur  leicht  biegen  und
pressen,  sondern  selbst  löten  oder  schweißen
kann.  Wegen  dieser  Eigenschaften  eignet  sich
das  Florn  zu  einer  Reihe  technischer  Verwendungen, ­
  die  sich  ziemlich  scharf  in  zwei  Gruppen ­
  sondern,  je  nachdem  dabei  der  volle  oder
der  hohle  Teil  der  Flörner  in  Arbeit  genommen
wird.  Die  oberen  vollen  Enden,  die  am  wert
vollsten  sind  und  häufig  schon  abgeschnitten  als
Hornspitzen  in  den  Handel  kommen,  werden ­
  von  Horndrechslem  benutzt,  während  Hohlstücke ­
  (Hornschroten)  dem  Kammacher  zufallen. ­
  Bei  Verarbeitung  der  ersteren  zu  Stockgriffen, ­
  Spitzen  für  Raucher  u.  dgl.  bedient  man
sich  der  Drehbank,  Messer,  Feilen  und  unter
Umständen  des  Biegens  in  der  Hitze.  Die  Hohl
stücke  werden  hingegen  durch  Einweichen,  Erhitzen ­
  und  Pressen  in  Plattenform  gebracht  und
        <pb n="175" />
        Hornblende

170

Hühnereier

für  gewisse  Zwecke  durch  eine  besondere  Behandlung ­
  mit  Öl  durchscheinend  gemacht.  Sch  ieß
lieh  wird  die  Hornmasse  auch  verschiedentlich
gefärbt  und  gebeizt  und  namentlich  durch  Erzeugung ­
  einer  gefleckten  Färbung  zu,  Schildkrot
gestempelt.  —  Hufe  lassen  sich  wie  Horn  verarbeiten ­
  und  werden  besonders  in  Knopffabriken
durch  Kochen  erweicht,  in  Scheiben  geschnitten
und  durch  Pressen  geformt.  —  Hornspäne  und
andere  Abfälle  dienen  zur  Darstellung  von  Tierkohle, ­
  Blutlaugensalz  u.  dgl.  sowie  zum  Verstählen
  von  Eisen  und  als  Düngemittel.  Unter
Umständen  werden  sie  aber  auch  durch  heiße
Pressung  noch  zu  Dosen,  Knöpfen  u.  dgl.  verarbeitet. ­
  —  Die  Ochsenhörner,  die  in  Deutschland ­
  selbst  in  großer  Menge  gewonnen  werden,
bilden  eine  geringere  Ware,  von  der  nur  die
Spitzen  zu  Hornarbeiten  verwertet  werden,  hin
gegen  kommen  sehr  viele  und  gute  H.  von  den
Ebenen  Südamerikas  über  Buenos  Aires,  Rio
de  Janeiro  usw.  in  den  Handel,  und  auch  Irland,
Rußland,  die  Schweiz,  Spanien  und  Portugal  liefern ­
  verschiedene  Arten  brauchbarer  H.  Das
Ochsenhorn  zeigt  eine  glatte  Oberfläche  und
wechselnd  graue,  bräunliche  oder  weiße  Farbe.
Besonders  hell  sind  die  fast  bis  zur  Spitze
hohlen  irischen  H.,  die  bei  der  Bearbeitung  sehr
durchsichtig  und  daher  für  Plattenarbeit  geschätzt ­
  werden.  —  Kuhhörner  haben  meist  geringeren ­
  Wert.  —  Die  besonders  großen  amerika
nischen  Bisonhörner,  die  immer  seltener  werden, ­
  sind  von  der  Spi.ze  zu  einem  Drittel  schwarz,
im  übrigen  weiß  gefärbt,  besitzen  ei.ie  sehr  feste
durchscheinende  Masse  und  nehmen  eine  schöne
Beize  an.  —  Büffelhörner,  die  in  besonders
schönen  Stücken  aus  Kleinasien  und  Indien,
aber  auch  aus  Ungarn,  der  Walachei,  Italien
und  Spanien  kommen,  haben  eine  gedrückte,
fast  dreikantige  Form  und  eine  dunkelbraune
oder  schwärzliche  Farbe.  Wegen  ihrer  festeren,
feineren  Masse  und  ihrer  großen  Politurfähigkeit
  werden  sie  höher  als  Ochsenhorn  geschätzt.
—  Ziegen-  und  Widderhörner  finden  ebenfalls ­
  Verwendung,  besonders  als  Laternenhorn,
—  Die  hübschen  schwarzen  hakenförmigen  Gemshörner
  sind  beliebt  für  Stockkrücken,  zu  Spitzen, ­
  Stiefelhaken  u.  dgl.  —  Die  Hörner  vom  Gnu
und  anderen  Antilopen,  vom  Rhinozeros,  Remitier ­
  usw.  haben  für  unseren  Markt  keine  Bedeutung. ­

Hornblende,  ein  außerordentlich  weit  verbreitetes ­
  Mineral,  das  einen  regelmäßigen  Gemengteil ­
  zahlreicher  Massengesteine  (Syenit,  Tra
chyt  usw.)  sowie  von  Gneis  und  Hornblendeschiefer ­
  ausmacht,  auch  selbst  gesteinsbildend
als  Hornblendefels  auftritt,  besteht  im  wesentlichen ­
  aus  einem  Kalzium-Magnesiumsilikat,
welches  gewöhnlich  Eisen  und  Tonerde  enthält.
Von  den  vielen  Arten  der  H.;  Grammatit,
Aktinolith  (Strahlstein)  usw.,  findet  besonders ­
  der  Asbest  (s.  d.)  technische  Anwendung.
Hubertus-Sprudel  in  Hönningen  enthältnach
der  Analyse  von  R.  und  H.  Fresenius  (1899)  in
1000  Gewichtsteilen:  Bikarbonate  des  Natriums
2,3129  g,  Lithiums  0,0074  g,  Ammöniums  o.cotög,
Kalziums  0,7912  g,  Bariums  0,0003  g,  Strontiums ­
  0,0051  g,  Magnesiums  1,2088  g,  Eisenoxyduls ­
  0,0211  g,  Manganoxyduis  0,0007  g,  Natriumchlorid ­
  1,3731g,  Natriumbromid  o,ooi6g,  Natriumjodid ­

  Spur,  Sulfate  des  Kaliums  0,1377  g,
Natriums  0,2045  g,  arsensaures  Natrium  0,0015  g.
Natriumphosphat  0,0009  g.  Natriumnitrat  0,0115  g.
Natriumborat  0,0010  g,  Kieselsäure  0,0179  g,  freie
Kohlensäure  0,8707  g.
Huflattich  (lat.  Folia  farfarae,  Herba  farfarae,
frz.  Feuilles  de  tussilage,  engl.  Cohsfoot  leaves)-Die
  getrockneten  Blätter  der  ausdauernden,  in
ganz  Europa  auf  tonigem,  aber  kalkhaltigem  Boden ­
  wachsenden  Komposite  Tussilago  farfara
  mit  niedrigem,  weißfilzigem  Stengel  und
gelber  vor  den  Blättern  erscheinender  Blüte  besitzen ­
  eine  rundlich  herzförmige  Gestalt,  eine
schwach  glänzende  grüne  Oberseite  und  weißfilzige
  Unterseite.  Wegen  ihres  bitter  zusammenziehenden, ­
  schleimigen  Geschmacks  bilden  sie
einen  Bestandteil  des  Brusttees.  Auch  die  Huflattichblüten ­
  (lat.  Flores  farfarae,  frz.  Fleurs
de  tussilage,  engl.  Coltsfoot  flowers)  werden
als  Tee  benutzt.  Die  verwandte  Pflanze  Tussilago ­
  Petasites,  großer  Huflattich,  Pestwurz,
mit  bedeutend  größeren,  nierenförmigen  Blättern
und  purpurfarbigen  Blüten  dient  bisweilen  zum
Verfälschen.
Hühnereier  (lat.  Ova  gaüinacea,  frz.  Oeufs  de
poule,  engl.  Pullet  eggs),  die  als  Nahrungsmittel
in  erster  Linie  in  Betracht  kommende  Sorte
Vogeleier,  haben  ein  mittleres  Gewicht  von  53  g
(mit  Schwankungen  von  30—72  g),  von  denen
6  g  auf  die  Schale,  31  g  auf  das  Eiweiß  und  16g
auf  den  Dotter  entfallen.  Die  Schale  besteht
aus  ziemlich  reinem  Kalziumkarbonat  mit  geringen ­
  Beimengungen  von  Phosphorsäure  und  Magnesia. ­
  Das  Eiweiß  enthält  neben  viel  Wasser
85  c/o)  fast  nur  Albumin.  Hingegen  bildet  der
Dotter  ein  Gemisch  der  verschiedenartigsten
Verbindungen,  aus  denen  sich  der  Organismus
des  jungen  Tieres  aufbaut.-  Die  etwa  i6°/o  ausmachende
  Stickstoffsubs'.anz  s  tzt  sich  der  Hauptmenge
  nach  aus  einer  besonderen  Eiweißart,  Vitellin, ­
  zusammen,  neben  der  nur  geringe  Anteile ­
  Albumin  und  Nuklein  auftreten.  Daneben
finden  sich  die  wichtigen  Stoffe  Lezithin  (Protagon), ­
  Zerebrin  und  Glyzerinphosphor
säure,  die  auch  im  Gehirn  Vorkommen,  und
schließlich  enthält  das  Eigelb  noch  ein  charakteristisches ­
  Fett,  ferner  Cholesterin  und  Farbstoff ­
  (Lutein).  Der  Gesamtnährstoffgehalt  eines,
Eies  beträgt  rund  6°/o  Sti  :kstoffsubstanz  und  6  °/o
Fett.  Er  ist  also  ziemlich  beträchtlich,  aber
keineswegs  so  hoch,  daß  die  oft  gehörte  Ansicht, ­
  „ein  Ei  ist  soviel  wert  wie  V2  Pfd.  Fleisch”
richtig  wäre.  Vielmehr  entspricht  der  Nährstoffgehalt ­
  eines  Eies  nur  demjenigen  von  Vs
Fleisch.  Ebenso  unbegründet  ist  die  Behauptung, ­
  daß  rohe  Eier  leichter  verdaulich  seien
als  gekochte.  Tatsächlich  werden  letztere,  genügende ­
  Zerkauung  vorausgesetzt,  ebenso  leicht
und  vollständig  resorbiert.  Das  Haupterfordernis
für  die  Gebrauchsfähigkeit  der  Eier  ist  ihre  unverdorbene ­
  Beschaffenheit,  d.  h.  sie  dürfen  weder
angebrütet,  noch  sich  im  Zustande  sonstiger
Zersetzung  (Fäulnis)  befinden.  Zur  Prüfung  der
Eier  bedient  man  sich  des  Eierspiegels,  dessen
Anwendung  auf  der  Tatsache  beruht,  daß  frische
Eier  in  der  Mitte  durchscheinend  sind  und  ai»
breiten  Ende  noch  keinen  Hohlraum  besitzen.
Ferner  senkt  man  die  Eier  in  to°/oige  Kochsalzlösung, ­
  in  der  alte  Eier  schwimmen,  oder
        <pb n="176" />
        Hülsenfrüchte  171  Hydrangin

11  man  schüttelt  sie,  um  das  Vorhandensein  eines
Hohlraumes  zu  konstatieren.  Ganz  sichere  Ergebnisse ­
  liefert  keines  dieser  Verfahren,  und  es
■  ist  daher  sehr  zu  begrüßen,  daß  neuerdings  sog.
Trinkeier  (Tageseier)  mit  dem  Datumsstempel ­
  auf  den  Markt  kommen.  Die  zahlreichen,
zur  Verhütung  des  Verderbens  vorgeschlagenen
Verfahren  bezwecken  meist  den  Abschluß  von
Luft  und  Mikroorganismen.  Ais  bewährteste
sind  das  Einlegen  in  Kalkwasser,  Wasserglaslösung, ­
  Überziehen  mit  Paraffin  und  die  trockne
Aufbewahrung  in  Stroh,  Häcksel  usw.  an  kühlen
Orten  zu  bezeichnen,  während  vor  allen  Geheimmitteln ­
  unbekannter  Zusammensetzung  zu  warnen
ist.  Derartig  konservierte  Eier  sind  für  den
Massenbedarf  noch  gut  brauchbar,  können  aber
auf  die  Bezeichnung  „Frische  Eier“  oder  „Eier“
schlechthin  natürlich  keinen  Anspruch  erheben,
sondern  müssen  in  entsprechender  Weise  gekennzeichnet ­
  sein.  Die  sog.  Kalkeier  insbesondere
haben  den  Nachteil,  daß  die  Schale  beim  Ko-[
  chen  platzt,  daß  sich  das  Weiße  oft  nicht  zu
Schaum  schlagen  und  nicht  vom  Dotter  trennen
läßt.  Neben  den  konservierten  ganzen  Eiern
finden  sich  neuerdings  viele  Zubereitungen,  die
aus  konserviertem  Eigelb  bestehen.  Das  letztere
fällt  bei  der  Herstellung  des  Albumins  in  großen
Massen  ab  und  wird  durch  Zusatz  antiseptischer
Stoffe,  Kochsalz,  Borsäure  usw.  vor  dem  Verderben ­
  geschützt.  Die  Ansichten  über  die  Zulässigkeit ­
  dieser  Behandlung  sind  noch  geteilt,
jedenfalls  sollten  derartige  Erzeugnisse  aber  deut
lieh  gekennzeichnet  und  zweifellos  giftige  Stoffe
wie  Fluornatrium  oder  Methylalkohol  vermieden
werden.  Gänzlich  einwandfrei  sind  die  durch
Trocknen  im  Vakuum  hergestellten  Eipulver,
während  die  Nahrungsmittelkontrolle  die  mit
Hilfe  von  gelb  gefärbtem  Mehl  hergesteliten  Nachahmungen ­
  :  Ovon,  Ovumin  usw.  aus  dem  Handel
verdrängt  hat.  Auch  die  Bezeichnung  Eiersatz
darf  nicht  für  gelb  gefärbtes  Mehl,  sondern  nur
für  Eiweißstoffe  anderen  Ursprungs;  Kasein,
Kleber  u.  dgl.  benutzt  werden.  Zum  Nachweis
von  Eigelb  in  Nahrungsmitteln  (Teigwaren,  Eierkognak) ­
  prüft  man  auf  das  Vorhandensein  von
ätherlöslichem  Eifarbstoff  (Lutem',  welcher  durch
salpetrige  Säure  entfärbt  wird,  ferner  von  Cholesterin ­
  und  ermittelt  nach  Juckenack  die  Menge
der  alkohollöslichen  Phosphorsäure.  Der  Verbrauch ­
  an  Eiern  ist  in  ständiger  Zunahme  begriffen. ­
  Die  inländische  Erzeugung  von  rund
[  ,  73  Millionen  Hühnern  wurde  für  1912  auf
Mehr  als  fünf  Milliarden  Stück  im  Gewicht  von
2 57ooot  geschätzt.  Die  Einfuhr  nach  Deutschland
beträgt  gegen  171000  t,  welchen  nur  2000  t  Ausfuhr
■  entgegenstehen.  Als  Haupterzeugungsländer  kom
I  ttren  Frankreich,  Italien,  neuerdings  vor  allem
a uch  Galizien  und  China  in  Frage.  Die  Ware  aus
letzteren  beiden  Ländern  ist  allerdings  bisweilen
von  zweifelhaftem  Genußwert.  Außer  zur  menschlichen ­
  Nahrung  finden  die  Eier  ausgedehnte
technische  Anwendung,  das  Albumin  in  der  photographischen ­
  Industrie,  Eigelb  und  Eieröl  in  der
hämisch,  und  Glacöledergerberei  und  zu  medizitt'schen
  Zwecken.
Hülsenfrüchte,  Erbsen,  Linsen  und  Bohnen,
s md  in  besonderen  Aufsätzen  behandelt.
Huingansamen,  die  schwärzlichen  Früchte
einer  in  Chile  heimischen  Therebinthinazee,

Duvana  dependens,  haben  die  Größe  und  den
Geruch  der  Wacholderbeeren  und  werden  medizinisch ­
  verwandt.
Humiriholz  ist  das  Holz  eines  zur  Familie
der  Humiriazeen  gehörigen  amerikanischen
Baumes.  Humiria  balsamifera.  Das  H.  von
Guyana  nennen  die  Franzosen  „bois  rouge“,  das
von  Jamaika  „bois  ä  flambeau“.  Es  hat  eine  bedeutende ­
  Dichte,  ist  vollkommen  homogen,  von
gleichmäßig  rotbrauner,  dem  Mahagoni  ähn
lieber  Farbe  und  besitzt  lebhaften  Glanz  und
leichte  Spaltbarkeit.  Aus  der  Rinde  gewinnt  man
durch  Einschnitte  einen  ziemlich  dicken,  nach
Storax  riechenden  Balsam  von  roter  Farbe,  welcher ­
  Houmiri  oder  Touri  genannt  wird  und  in
den  Ursprungsländern  medizinische  Verwendung
findet.
Hummer  (frz.  Homard,  engl.  Lobster),  die  großen, ­
  dem  Flußkrebs  verwandten,  aber  bis  zu
50  cm  lang  und  armdick  werdenden  Seek;ebse,
Astacus  marinus,  Homarus  vulgaris,  leben
au  fast  allen  europäischen  und  nordamerikanischen
  Küsten.  Sie  sind  braun  marmoriert  oder
stahlblau,  röten  sich  beim  Kochen  und  haben
ein  wohlschmeckendes,  aber  für  viele  schwer
verdauliches  Fleisch.  In  England,  dem  Hauptverbrauchslande, ­
  werden  die  Helgoländer  H.
am  meisten  geschätzt;  als  Normalgröße  ist  hier
eine  Länge  von  25  cm  vorgeschrieben.  Die  H.
kommen  sowohl  in  lebendem  Zustande,  wie  auch
gekocht  und  in  Büchsen  eingelegt  in  den  Handel.
Hundekuchen  werden  aus  Leguminosen-,  Hafer- ­
  oder  Maismehl  und  kleinen  Fleischstückchen
fabrikmäßig  hergestellt  und  in  Form  sehr  harter
viereckiger  Platten  von  2  cm  Dicke  und  10  cm
Kanterliänge  als  Futter  für  Hunde  in  den  Verkehr ­
  gebracht.
Hundszungenwurzel  (lat.  Radix  cynoglossi,
frz.  Racine  de  cynoglösse,  engl.  Cynoglosse  root),
eine  veraltete  Ware  des  Drogenhandels,  stammt
von  einer  in  ganz  Deutschland  an  Wegen  und
Rainen  wild  wachsenden  Pflanze,  Cynoglossum
officinale.  Sie  bildet  lange,  ästige,  außen
schwarze,  innen  weiße  Stücke  von  unangenehmem
Geruch  und  wird  in  der  Volksmedizin  verwandt.
Hunyady-Janos  ist  ein  bekanntes  ungarisches
Bitterwasser  mit  19,66  °/o  Glaubersalz  und  19,49%
Bittersalz.  Ähnliche  Zusammensetzung  zeigen  H.
Laszlo  und  H.-Mathias.
Huonfichtenholz  (engl.  Huon  pine,  Huron
pine),  ein  schönes  feinfaseriges,  gelbes  Holz  von
der  aus  Vandiemensland  und  Viktoria  stammenden ­
  Konifere  Dacrydium  Franklini,  wird  in
der  Kunsttischlerei  benutzt.
Hyalith  ist  eine  Abart  des  Opals  (s.  d.).  Mit
demselben  Namen  wird  auch  ein  schwarzer  Glas-,
fluß  zur  Aufbewahrung  lichtempfindlicher  Chemikalien ­
  bezeichnet.
Hyazinth  nennt  man  die  feurigroten,  schön
durchsichtigenAbartendesZirkons  (s.d.).  Orien
talischer  H.  werden  unrichtigerweise  Saphire
genannt,  die  eine  morgenrote,  ins  Weiße  oder
Gelbe  sich  ziehende  Färbung  haben.
Hydrangin,  der  zu  den  Glykosiden  gehörige
wirksame  Bestandteil  einer  in  den  Vereinigten
Staaten  unter  dem  Namen  Seven-bark  gebräuchlichen ­
  Droge  (gegen  Harnblasenstein),  deren
Stammpflanze  Hydrangea  arborescens  ist,
erscheint  in  farblosen  Kristallnadeln,  die  bet
        <pb n="177" />
        ■

h

h

Hydrastiswurzel

172

Ichthyol

235 0  C  schmelzen  und  sich  ohne  Zersetzung
sublimieren  lassen.  Die  alkalische  Lösung  fluoresziert ­
  blau,  ähnlich  dem  Äskulin,  von  dem  sich
das  H.  aber  durch  seine  Leichtlöslichkeit  in  Äther
und  Unlöslichkeit  in  Salzsäure  unterscheidet.
Auch  wird  es  durch  Quecksilberchlorid,  Silberund ­
  Bleinitrat  nicht  gefällt.
Hydrastiswurzel  (kanadische  Gelbwurzel,
Goldsiegelwurzel,  lat.  Rhizoma  hydrastis,  frz.
Rhizome  d  hydrastis,  engl.  Yellow  root,  Hydrastis
rhizome),  die  Wurzel  des  Kanadischen  Wasserkrautes, ­
  Hydrastis  canadensis,  einer  zu  den
Ranunkulazeen  gehö.igen  Pflanze  Nordamerikas, ­
  die  von  Kanada  bis  Karolma  auf  feuchten
Plätzen  wächst,  besteht  aus  einem  höckerigen  oder
gedrehten,  gleichsam  aus  fleischigen,  gelben
Knollen  zusammengesetzten  Wurzelstocke,  andern
sich  zahlreiche  gelbe  Fasern  befinden.  Sie  bildet
in  Nordamerika  sowie  jetzt  auch  in  Europa  ein
beliebtes  Arzneimittel,  aus  dem  man  auch  ein
Fluidextrakt  (lat.  Extractum  hydrastis  fluidum,
frz.  Extrait  fluide  d'hydrastis,  engl.  Fluid  extract
of  hydrastis)  als  Mittel  gegen  Wechselfieber,
Krebs  und  Frauenleiden  herstellt.  Der  wirksame
Bestandteil  der  H.  ist  ein  Alkaloid,  das  Hydrastin,
  neben  dem  auch  Berberin  aufgefunden
wurde.  Verfälschungen  mit  anderen  Wurzeln,
z.  B.  Radix  serpentariae,  kommen  häufig  vor.
Hydrazetin  (Azetylphenylhydrazin)  ■  entsteht ­
  beim  Kochen  von  Phenylhydrazin  mit  Eisessig ­
  als  ein  weißes,  geruch-  und  geschmackloses
Kristallpulver  vom  Schmelzpunkt  128°.  Die  Verwendung ­
  als  Fiebermittel  ist  wegen  der  unangenehmen ­
  Nebenwirkungen  wieder  aufgegeben
worden.
Hydrinsäure,  eine  von  Grüner  in  Feuerbach
vertriebenes  Konservierungsmittel  für  Obsterzeugnisse,
  besteht  aus  einem  Gemisch  gleicher  Teile
Benzoesäure  und  Meta-Kreotinsäure  (Meta-Methylsalizylsäure). ­

Hydrochinon,  Paradioxybenzol,  C 6 H 4 (OH) 2 ,
entsteht  bei  der  Behandlung  von  Chinon  mit
schwefliger  Säure,  bei  der  trockenen  Destillation
von  Chinasäure  und  bei  der  Oxydation  des  Anilins ­
  mit  chromsaurem  Kali  und  Schwefelsäure.
Die  letztere  Reaktion  dient  zur  fabrikmäßigen
Darstellung.  —•  H.  bildet  farblose,  bei  169°
schmelzende,  in  Wasser,  Alkohol  und  Äther
leicht  lösliche,  in  kaltem  Benzol  schwer  lösliche
Kristalle,  deren  wäßrige  Lösung  an  der  Luft
braun  wird.  Es  findet  beschränkte  medizinische ­

  Anwendung  a's  Antiseptikum  und  Fiebermittel, ­
  wird  aber  in  der  Technik,  besonders
als  photographischer  Entwickler,  viel  gebraucht.
Hydroxylamin,  eine  nur  aus  Wasserstoff,
Stickstoff  und  Sauerstoff  bestehende  starke  Base,
NHjOH,  welche  dem  Ammoniak  ähnlich  ist
und  sich  wie  dieses  mit  Säuren  verbindet,  bildet
farblose  zerfließliche  Kristalle,  die  bei  33 0  schmelzen, ­
  bei  58°  im  Vakuum  sieden  und  sich  bei
höherer  Temperatur,  oft  explosionsartig  zersetzen.
H.  ist  in  Wasser  leicht,  in  Äther  und  Chloroform
kaum  löslich  und  wirkt  stark  reduzierend.  In
Form  seines  salzsauren  Salzes  (Hydroxylaminhydrochlorid) ­
  wird  es  als  photographischer
Entwickler  und  in  der  Medizin  als  Ersatz  des
Chrysarobins  benutzt.
Hygrin,  eine  in  den  Kokablättern  neben  Kokain ­
  enthaltene,  organische,  stickstoffhaltige  Substanz, ­
  besteht  nach  neueren  Untersuchungen  aus
einem  Gemenge  verschiedener  Basen.
Hyoszin  (lat.  Hyoscinum),  ein  dem  Atropin
und  Hyoszyamin  isomeres  Alkaloid  aus  dem
Bilsenkraut,  der  Wurzel  von  Scopolia  japonica
und  den  Duboisiablättern,  ist  nur  als  eine  sirupartige ­
  Masse  bekannt,  bildet  aber  kristallisierbare
Salze,  von  denen  das  Jodwasserstoffhyoszin
in  der  Augenheilkunde  an  Stelle  von  Atropin  Anwendung ­
  findet.  Nach  neueren  Untersuchungen
ist  H.  wahrscheinlich  mit  Skopolamin  identisch. ­

Hyoszyamin  (lat.  Hyoscyaminum),  das  in  den
Samen  und  Blättern  des  Bilsenkrautes  (s.  d.)
neben  Hyoszin  enthaltene,  sehr  giftig  wirkende
Alkaloid,  hat  eine  ähnliche,  die  Pupille  erweiternde ­
  Wirkung,  wie  Atropin.  Das  früher  nur
in  amorphem  Zustande  bekannte  H.  kann  jetzt
auch  kristallinisch  erhalten  werden,  und  zwar
durch  Verdampfen  seiner  Lösung  in  Chloroform
(rhombische  Tafeln)  oder  in  Benzol  (nadelförmige
Kristalle)  oder  durch  vorsichtiges  Erhitzen,  wobei ­
  weiße,  seideglänzende  Nadeln  vom  Schmelzpunkt ­
  108,5 0  entstehen.  Mit  Säuren  bildet  das
H.  gut  kristallisierbare  Salze  (Hyoszyaminsalze), ­
  von  denen  namentlich  das  schwefelsaure ­
  H.  medizinisch  verwandt  wird.
Hypnal,  Chloralantipyrin,  entsteht  beim
Zusammenreiben  von  Antipyrin  mit  Chloralhydrat
  als  ein  in  Wasser  leicht  lösliches  Kristallpulver ­
  vom  Schmelzpunkt  67—68°.  Es  wird
an  Stelle  des  Chloralhydrates  verordnet,  ohne
vor  diesem  besondere  Vorzüge  zu  besitzen.

I.

Ichthynat  ist  ein  dem  Ichthyol  ganz  ähnlich
zusammengesetztes  Erzeugnis  der  chemischen
Fabrik  von  H  ey  den-Radebeul  und  wird  in  gleicher ­
  Weise  wie  Ichthyol  angewandt.
Ichthyol  nennt  man  ein  schwefelhaltiges  organisches ­
  Präparat,  welches  aus  dem  viele  Fischreste ­
  enthaltenden  bituminösen  Schiefer  (Stinkstein) ­
  von  Seefeld  in  Tirol  durch  trockene  Destillation ­
  gewonnen  wird.  Das  hierbei  übergehende
I.-Rohöl,  ein  bräunlich  gelbes,  grünlich  fluoreszierendes ­
  öl  vom  spez.  Gew.  0,865,  enthält  geringe ­

  Mengen  Chinolin.  Pyridin  und  organische
Säuren  und  besteht  der  Hauptmenge  nach  aus
schwefelhaltigen  Kohlenwasserstoffen  der  Paraffin- ­
  und  Äthylenreihe.  Durch  Behandlung  nah
Schwefelsäure  wird  es  in  die  wasserlösliche
Sulfosäure  übergeführt,  die,  hauptsächlich  nach
der  Neutralisation  mit  Ammoniak,  als  Ichthyolsulfosaures
  Ammonium  therapeutische  Anwendung ­
  findet.  Die  zahlreichen  I.-Präparate
werden  äußerlich  gegen  Hautkrankheiten,  Rheumatismus, ­
  Brandwunden,  innerlich  vor  allem
        <pb n="178" />
        Ignatiusbohnen

173

Indigo

gegen  Lungentuberkulose  verordnet.  Wegen  der
Unterschiebung  minderwertiger  Ersatzmittel  ist
Vorsicht  beim  Ankauf  geboten.
Ignatiusbohnen  (lat.  Fabae  St.  Ignatii,  frz.
Pöves  de  Saint-Ignace,  engl.  St.  Ignatius  beans),
die  Samen  eines  auf  den  Philippinen  wachsenden ­
  Baumes  Strychnos  Ignatii  oder  Ignatia
amara,  welcher  dem  Krähenaugenbaum  (s.  d.)
nahe  verwandt  ist  und  mit  diesem  die  Bitterkeit
seiner  Teile  und  die  besondere  Giftigkeit  der
Samenkörner  teilt,  enthalten  Strychnin  und  Bruzin, ­
  und  zwar  in  größerer  Menge  als  die  Krähenaugeh.
  Die  Bohnen,  die  ihren  Namen  daher
erhalten  haben,  daß  sie  zuerst  von  den  Jesuiten
medizinisch  angewandt  wurden,  sind  sehr  verschieden ­
  gestaltet,  i—2  cm  lang,  meist  stumpf
dreikantig,  eiförmig,  an  den  Seiten  teils  konkav,
teils  konvex,  fein  gerunzelt  oder  glatt  und  stellenweise ­
  bräunlich  behaart.  Die  Farbe  ist  verschieden, ­
  grau  oder  bräunlich,  die  Substanz
hornartig.  Die  geruchlosen,  aber  äußerst  bitter
und  ekelhaft  schmeckenden  Samen  dienen  zur
Bereitung  von  Strychnin.
Ilovit,  ein  zum  Reinigen  von  Bierleitungsröhren ­
  angepriesenes  Präparat,  besteht  aus  gewöhnlichem ­
  rohen  Ätznatron.
Imogensulfit  ist  der  Handelsname  für  ein  Gemisch ­
  photographischer  Entwickler  mit  der  erforderlichen ­
  Menge  Natriumsulfit.
Indamine,  Farbstoffe  der  Chinoniminreihe  von
der  allgemeinen  Formel  NH  .C 6 H 4 N  X 6 H4.NH 2 ,
entstehen,  wenn  Paradiamine  oder  Paraamidophenole
  bei  Anwesenheit  von  Monaminen  oder  Phenolen ­
  in  saurer  Lösung  oxydiert  werden,  während  in
alkalischer  Lösung  die  verwandten  Indophenole
gebildet  werden.  Die  L,  deren  einfachster  Vertreter ­
  das  Phenylenblau  (aus  Anilin  und  Para-Phenylendiamin)
  ist,  bilden  grüne  bis  blaue
Salze  und  sind  durch  große  Sodabeständigkeit
ausgezeichnet,  werden  aber  von  Säuren  leicht
zerstört  und  finden  daher  als  Beizenfarbstoffe  für
Baumwolle  nur  beschränkte  Anwendung.
Indanthren,  ein  blauer  Anthrazenfarbstoff,
wird  durch  Schmelzen  von  Betaamidoanthrachinon
  mit  Kali  bei  200—300 0  hergestellt,  als
ein  blaues,  in  Wasser  und  Alkalien  unlösliches,
aber  in  alkalischer  Hydrosulfitlösung  lösliches
Pulver  und  dient  zum  Färben  von  Baumwolle.
Indigo  (lat.  Indicum,  frz.  und  engl.  Indigo),
der  wichtigste  und  echteste  blaue  Farbstoff,  ist
schon  seit  dem  frühesten  Altertum  in  Ostindien
bekannt  und  bereits  zur  Zeit  der  alten  Römer
•uach  Europa  gebracht  worden,  wo  er  vielfach
als  ein  Mineral,  indischer  Stein,  angesehen
Wurde.  Tatsächlich  ist  er  ein  Erzeugnis  des
Pflanzenreichs  und  findet  sich  als  ein  Glykosid
den  Blättern  verschiedener  Papilionazeen,
'de  Indigofera  tinctoria,  I.  pseudotincf
 oria,  I.  a.nil,  I.  disperma,  I.  argentea  und
h  emargfnata.  Einige  weitere  Pflanzen,  aus
denen  früher  ebenfalls  geringe  Mengen  I.  gewonnen ­
  wurden,  wie  der  auch  in  Deutschland
“©gebaute  Waid,  ferner  der  Färberknöterich
(Polygonum  tinctorium  und  chinense)  u.  a.  kommen ­
  technisch  nicht  mehr  in  Betracht.  Die  Indigopflapze
  wird  in  Süd-  und  Mittelamerika,  in
Ägypten,  Arabien  und  am  Senegal,  vor  allem
aber  in  Ostindien  in  großem  Maßstabe  angebaut
u -ud  nach  der  Ernte  gleich  an  Ort  und  Stelle

weiter  verarbeitet.  Der  Farbstoff  ist  in  den
Blättern  nicht  fertig  gebildet,  sondern  in  Form
eines  Glykosides,  Indikan,  vorhanden,  aus  dem
er  durch  eine  Gärung  in  Freiheit  gesetzt  werden ­
  muß.  Zu  dem  Zwecke  pa.ckt  man  die  Pflanzen ­
  in  große  Bottiche  oder  Zisternen,  beschwert
sie  mit  Steinen  und  setzt  sie  völlig  unter  Wasser,
worauf  unter  Entwicklung  von  Kohlensäure,  Methan ­
  und  anderen  Gasen  die  Zersetzung  vor  sich
geht.  Die  klar  abgezogene,  goldgelbe  bis  gelb
grünliche  Flüssigkeit  wird  nun  durch  Räder  oder
Schaufeln  kräftig  geschlagen,  bis  die  Berührung
mit  der  Luft  das  farblose  Jndikan  in  Indigo
blau  umgewandelt  hat.  Der  zu  Boden  gesunkene
blaue  Schlamm  wird  nach  dem  Ablassen  der
Flüssigkeit  mit  kaltem  und  heißem  Wasser  gewaschen, ­
  darauf  in  Zeugbeuteln  oder  Filterpressen ­
  teilweise  entwässert  und  schließlich,  in
Würfel  zerschnitten,  im  Schatten  getrocknet.  Aus
800  kg  Pflanzen  erhält  man  1  kg  Indigo  mit
50—60  °/o  Indigotin,  Die  Handelsware  bildet
geruch-  und  geschmacklose  Stücke  von  tiefblauer
Farbe,  die  beim  Reiben  einen  kupferroten,  metallglänzenden ­
  Strich  zeigen  und  sich  in  Wasser
ohne  Hinterlassung  eines  erdigen  Bodensatzes
völlig  zerteilen.  Guter  I.  soll  nicht  mehr  als  7°/o
Feuchtigkeit  und  7—9%  Mineralstoffe  enthalten,
auf  Wasser  schwimmen  und  beim  Erhitzen  unter
Entwicklung  purpurroter  Dämpfe  sublimieren.
Er  ist  unlöslich  in  Wasser.  Alkohol,  Äther,  fetten
Ölen,  verdünnten  Säuren  und  Alkalien,  wird  aber
durch  Chlor  entfärbt,  durch  verdünnte  Salpeter
säure  in  Isatin,  durch  konzentrierte  in  Pikrinsäure
übergeführt  und  von  konzentrierter  Schwefelsäure, ­
  Eisessig  und  Anilin  gelöst.  Der  natürliche ­
  I.  ist  ein  Gemisch  mehrerer  Verbindungen,
von  denen  das  zu  20—80  °/o,  im  Mittel  40—50%,
vorhandene  Indigotin  (Indigoblau)  den
eigentlichen  Farbstoff  bildet.  Daneben  finden
sich:  das  durch  Äther  und  Alkohol  extrahierbare
Indigrot,  das  in  Alkalien  lösliche  Indigbraun
und  der  in  Wasser,  Alkohol,  Säuren  und  Alkalien ­
  lösliche  Indigleim.  Der  I.  unterliegt  zahlreichen ­
  Verfälschungen  mit  Stärke,  Holzmehl,
Berlinerblau  usf.,  die  nach  den  üblichen  Methoden ­
  nachgewiesen  werden.  Das  sicherste  Mittel
zur  Wertbestimmung  ist  die  Ermittlung  des  Ge
haltes  an  Indigotin.  —  Das  Färben  mit  I.  er
folgt  in  der  Weise,  daß  man  den  Farbstoff
mit  Hilfe  reduzierender  Mittel,  wie  Eisenvitriol
und  Ätzkalk,  Zihkstaub  und  Kalkmilch  oder  mit
schwefligsauren  Salzen  in  das  alkalilösliche  Indigweiß
  überführt,  und  in  die  erhaltene  Lösung,
die  sog.  Küpe  (Vitriol-,  Zink-,  Sulfitküpe),  die  zu
färbenden  Stoffe  eintaucht.  Durch  fäulnisfähige
organische  Zusätze,  wie  Urin,  Kleie,  Waid  her
gestellte  Lösungen  von  Indigweiß  nennt  man
Gärungsküpe  (Urinküpe).  Nach  etwa  zweistün
digem  Aufenthalte  in  einer  der  genannten  Lösungen, ­
  und  zwar  Wolle  in  der  Gärungsküpe,  die
anderen  Gewebe  auch  in  den  übrigen  Küpen,
wird  der  Stoff  herausgenommen  und  der  Luft
ausgesetzt,  wobei  er  sich  unter  Bildung  des  fest
auf  der  Faser  haftenden  Indigotins  erst  grün,
dann  blau  färbt.  Mit  Indigo  behandelte  Stoffe
erkennt  man  daran,  daß  sie  von  Chlor  und
Salpetersäure  entfärbt  werden,  gegen  Alkali  aber
unempfindlich  sind.  Von  den  übrigen  Methoden
der  Indigofärberei  ist  vor  allem  die  Anwendung
        <pb n="179" />
        Indigo

174

Ingwer

der  Indigkompositionen  oder  Indig-Solution
  zu  erwähnen.  Zu  ihrer  Herstellung  löst
man  I.  in  konz.  Schwefelsäure  und  erwärmt  die
Lösung  mit  Flockwolle,  wobei  letztere  das  Indigotin ­
  an  sich  zieht.  Der,  mit  Wasser  gewaschenen
Wolle  wird  der  Farbstoff  mit  Alkalien  entzogen,
und  die  sog.  abgezogene  Komposition  oder
Sächsischblau  zum  Färben  von  Wolle  und
Seide,  nicht  von  Baumwolle,  benutzt.  -—  In  ähnlicher ­
  Weise  verwendet  man  das  rein  dargestellte
indigschwefelsaure  Natrium,  auch  Indigokarmin, ­
  blauer  Karmin,  löslicher  I.  genannt, ­
  das  in  Form  einer  teigartigen  Paste  sowie
als  leicht  in  heißem  Wasser  lösliches  Pulver  in
den,  Handel  kommt  und  außer  in  der  Färberei
auch  als  Malerfarbe,  Tinte,  Waschblau  usw.  benutzt ­
  wird,  ln  letzter  Zeit  ist  es  Möhlau  gelungen, ­
  durch  Erwärmen  von  I.  mit  'Natronlauge
und  Natriumhydrosulfit  unter  Zusatz  von  etwas
hydrolysiertem  Eiweiß  (Protalbinsäure)  zu  der
abgekühlten  Lösung  und  Oxydation  mit  Wasserstoffsuperoxyd ­
  einen  kolloidalen  I.  zu  erzeugen, ­
  der  mit  Wasser  eine  homogene  Flüssigkeit
liefert  und  wie  I.  zum  Färben  benutzt  werden
kann.  Eine  ungeheure  Umwälzung  in  der  Indigofärberei ­
  und  dem  Handel  mit  dem  natürlichen
Farbstoff  hat  die  künstliche  Darstellung  des
Indigotins  hervorgerufen,  welche  zuerst  von  A.v.
Baeyer  nach  zwanzigjähriger  zielbewußter  Arbeit
erkämpft  worden  ist  und  nach  den  Forschungen
anderer  Autoren  eine  gewinnbringende  technische
Verwertung  gestattet.  Nach  dem  verbreitetsten
Verfahren  von  Heumann  wird  Naphthalin  zu
Phtalsäure  oxydiert,  letztere  über  das  Phtalimid
(C 6 H 4 .(CO) 2 .NH)  in  Anthranilsäure  (NH 2 .C 6 H 4 .
COOH)  und  dann  durch  Kondensation  mit  Chloressigsäure ­
  in  Phenylglyzin-o-Karbonsäure  (COOH.
C 6 H 4 .  NH  .  CH 2  .  COOH)  übergeführt.  Durch
Schmelzen  mit  Kali  erhält  man  Indoxylsäure,
die  durch  Oxydation  mit  der  Luft  Indigo  ([C 6 H 4 .
(CO)(NH).C] 2 )  liefert.  Zu  einer  weiteren  aussichtsreichen ­
  Synthese  geht  man  vom  Anilin  aus,
das  bei  Einwirkung  van  Chloressigsäure  in  Phenylglyzin ­
  (C c Ii 5  .  NH  .  CH 2 .  COOH)  übergeht,
und  schmilzt  letzteres  mit  Natron  oder  mit
Natriumalkoholat,  oder  am  besten'Natriumamid,
ln  von  Jahr  zu  Jahr  steigendem  Maße  wird
jetzt  von  deutschen  Fabriken  künstlicher  I.
in  den  Handel  gebracht,  reiner  und  schöner
als  der  natürliche,  und  vor  allem  billiger!
Die  Folge  war  ein  alsbaldiger  Preissturz  auf
dem  Weltmärkte.  Der  natürliche  I.  vermochte
nicht  mehr  zu  konkurrieren,  und  an  die  Stelle
der  seitherigen  Einfuhr  nach  Deutschland  trat
eine  bedeutende  Ausfuhr.  Während  Deutschland
noch  bis  1895  alljährlich  2  Mil!.  Kilogramm  I.
im  Werte,  von  21  Mill.  M.  aus  Indien  bezog,
konnte  es  1898  bereits  für  7V2  Mill.  M.  ausführen, ­
  und  der  Wert  der  Ausfuhr  stieg  in  den
folgenden  Jahren  1900  auf  9,4  Mill.  M.,  1902  auf
18.5  Mill.  M.,  1903  auf  20.7  Mill.  M.,  1904  aüf
31,7  Mill.  M.,  190S  auf  25,7  Mill.  M..  1906  auf
31.6  Mill.  M.  und  1910  auf  43  Mill:  M.  Der  Wert
der  Einfuhr  sank  in  der  gleichen  Zeit  von  8,3
Mill.  M.  im  Jahre  1898  auf  4,1;  3,7;  1,8;  1,4;
1,2-—0,8  Mill.  M.  und  dürfte  zurzeit  gleich  Null
geworden  sein.  Als  Hauptabnehmer  deutschen
Indigos  kommen  Japan  mit  7  Mill,  China  mit  s,
die  Vereinigten  Staaten  mit  41/2,  Rußland  mit  3

und  Österreich  mit  2,7  Mill.  M.  in  Betracht.  Ja
selbst  England  führte  für  2,6  Mill.  M.  deutschen  L
ein,  trotzdem  es  andererseits  zur  Unterstützung
der  indischen  Kulturen  für  Marinetuche  die
Färbung  mit  natürlichem  I.  ausdrücklich  vorschrieb. ­
  Diese  Maßregel  hat  gegenüber  dem  ungeheuren ­
  Preisrückgang  von.  830  M.  für  die  Tonne
im  Jahre  1898  auf  250  M.  im  Jahre  1906  keine
Wirkung  gehabt.  Die  Ausfuhr  Indiens  ist  von
44  Mill.  im  Jahre  1896  auf  18,5,  10,7,  8,3  und
auf  5,8  Mill.  M.  im  Jahre  1906  gefallen.’  Zahlreiche ­
  Pflanzer  haben  den  Kampf  mit  dem  künstlichen ­
  I.  auf  gegeben  und  sich  dem  Anbau  anderer ­
  Gewächse:  Baumwolle,  Flachs,  Kautschuk
zugewandt.
Indophenole  und  Indoaniline,  O.C 6 H 4 .
N  .  C 6 H 4  .  OH,  entstehen  in  analoger  Weise  wie
die  Indamine  (s.d.),  aber  nur  in  alkalischer  Lösung,
und  kommen  als  blaue,  in  Wasser  unlösliche,  in
Alkohol  lösliche  Pulver  in  den  Handel.  Sie
können,  ähnlich  wie  Indigo,  reduziert  und  als
Küpenfarbstoffe  zum  Färben  und  Drucken  benutzt ­
  werden.  Praktische  Anwendung  findet  nur
das  Naphtolblau,  O.C 1( )H G .N  .C 6 H 4 .N  .(CH 3 ) 2 ,
das  durch  gemeinsame  Oxydation  von  Amidomethylanilin
  und  a-Naphtol  dargestellt  wird.
Induline  sind  Abkömmlinge  des  Chinonimids
und,  als  eine  Gruppe  der  Azinfarbstoffe,  den
Safraninen  nahe  verwandt.  Sie  werden  durch
Schmelzen  von  Anilin  mit  Amidoazobenzol  dargestellt ­
  und  bilden  blaugraue  oder  schwarzblaue
Pulver,  die  in  Wasser  unlöslich  sind,  sich  aber  in
Alkohol  mit  blauer  Farbe  lösen.  Ersetzt  man  die
Azoverbindungen  durch  Nitroderivate  (Nitrobenzol, ­
  Nitrophenol),,  so  entstehen  die  Nigrosine.
Beide  Klassen  von  Verbindungen  liefern  in  Färberei ­
  und  Zeugdruck  außerordentlich  echte  Färbungen ­
  (s.  Edelblau).
Infusorienerde  (Kieselgur,  lat.  Terra  infusoria,
  frz.  Terre  infusoire,  engl.  Infusoria  earth)
besteht  aus  den  Kieselpanzern  von  kleinen  Lebe-,
wesen  der  Vorzeit,  Diatomeen  und  Infusorien
und  wird  in  den  Becken  früherer  Teiche  und
Seen  gefunden.  Besonders  mächtige  Lager  sind
in  der  Lüneburger  Heide  und  bei  Bilin  in  Böhmen ­
  vorhanden.  Die  in  chemischer  Hinsicht  aus
Kieselsäure  bestehende  I.  findet  vielfache  Verwendung ­
  zur  Herstellung  des  Wasserglases  und
Dynamits,  zur  Verpackung  von  stark  ätzenden
Stoffen,  wie  Brom  oder  rauchender  Salpetersäure, ­
  als  Füllung  bei  Kasseschränken  usw.  Die
Verwendung  für  jene  Zwecke  beruht  auf  dem
starken  Aufsaugevermögen,  bei  Kasseschränken
und  als  Umhüllungsmasse  für  Dampfrohre  auf
dem  schlechten  Wärmeieitungsvermögbn.
Ingwer  (Ingber,  lat.  Rhizoma  zingiberis,  frz.
Gingembre,  engl.  Ginger)  besteht  aus  dem  Wurzel-Stocke
  von  Zingiber  officinale,  einer  tropischen ­
  Pflanze  aus  der  Familie  der  Gewürzlilien ­
  (Szitamineen),  der  auch  Zitwerwurzel,
Kardamom  und  Kurkuma  angehören.  Die  in
Südasien  heimische  Pflanze  ist  durch  die  Spanier
nach  Amerika  verpflanzt  worden  und  wird  auch
in  Sierra  Leone  angebaut.  Ihre  Fortpflanzung
soll  nicht  durch  Samen,  sondern  durch  Wurzelteilung ­
  erfolgen.  Auf  der  Oberseite  des  Rhizoms
entspringen  die  schilfartigen  Blätter,  deren  Narben ­
  an  der  Droge  noch  sichtbar  sind,  während
die  Verzweigungen  an  der  Unterseite  entstehen.
        <pb n="180" />
        Ingweröl

175

Ipekakuanhawurzel

Nur  die  letzteren  ästigen  Seitenknoüen  werden
gesammelt.  Es  sind  abgeplattet-rundliche,  mehr
oder  minder  gebogene,  meist  durch  Abschnürungen ­
  in  Glieder  geteilte  Stücke.  Je  nach  der  Art
der  Gewinnung  unterscheidet  man  den  sog.
weißen  oder  schwarzen  I.  Der  erstere  stellt
die  gewaschene,  geschälte  und  an  der  Luft  oder
Sonne  getrocknete  Ware  von  gelblichweißer
Farbe  und  faserig-mehligem  Bruch  dar.  Bei  dem
letzteren  wird  die  Wurzel  erst  gebrüht,  wodurch
die  Stärke  verkleistert,  hornartig  wird,  und  eine
dunklere  Farbe  entsteht.  Der  I.  enthält  neben
reichlichen  Mengen  (45  °/o)  charakteristisch  geformter ­
  Stärkekörner  ein  scharf  schmeckendes
Harz  und  ein  aromatisches  ätherisches  Öl,  welche
den  Gewürzwert  bedingen.  Von  den  zahlreichen
Handelssorten  hat  der  Bengalische  I.,  der  die
Eigenschaft  des  weißen  und  des  schwarzen  I.  vereinigt ­
  und  nur  auf  den  Seiten  geschält  ist,  die
größte  Bedeutung.  Der  Köchin-,  Zeylon-  und
Malabar-I.  bildet  kleinere,  rundliche,  bis  5  cm
lange,  geschälte  und  oft  gekalkte  Stücke,  während ­
  der  chinesische  großstückig,  dicht,  hart
und  ungeschält  ist  und  daher  runzelig,  graubraun
und  auf  dem  Bruche  glänzend  und  bleigrau  erscheint. ­
  Der  afrikanische  I.  von  Sierra  Leone
besteht  aus  ungeschälten  oder  halbgeschälten,
nieist  aber  gekalkten  und  gebleichten  Stücken,
und  der  sehr  beliebte,  stets  geschälte  Jamaika-I.
verdankt  seine  helle  Färbung  meist  einem  Kalküberzug ­
  oder  einer  intensiven  Bleichung  mit
Chlor  oder  Natriumsulfit,  die  zwar  Insekten  abhalten
  soll,  aber  jedenfalls  die  Güte  der  Ware
verringert.  Die  anderen  Sorten  aus  Barbados
und  Brasilien  haben  nur  geringe  Bedeutung.  Der
I.  wird  in  ganzem  Zustande  Häufig  durch  Extrak-Hon,
  in  Pulverform  durch  mineralische  Beschwetüngsmittel
  verfälscht.  Als  Höchstgehalt  an  Miueralstoffen
  hat  8°/o,  an  Sand  3  °/o  zu  gelten.  Die
Menge  des  Wasserextraktes  beträgt  t2°/o.  Der
Ingwer  findet  vielfache  Anwendung  als  Gewürz
w ie  zur  Herstellung  von  Likören  und  Extrakten
und  wird  auch,  in  frischem  Zustande  in  Seewasser
Seweicht  und  dann  in  Zuckersirup  eingelegt,  als
eingemachter  I.  verkauft.

Ingweröl  (lat.  Oleum  zingiberis,  frz.  Essence
He  gingembre,  engl.  Ginger-oil),  das  aus  dem
Ingwer  durch  Destillation  mit  Wasserdampf  gewonnene ­
  grüngelbe  äth  rische  Öl  ist  ziemlich  dickflüssig, ­
  schmeckt  unä  riecht  sehr  aromatisch  nach
Jngwer  und  hat  ein  spez.  Gew.  von  o  877—0,886.
Es  enthält  Phellandren  und  Rechts-Kamphen  und

, ® t  linksdrehend.  (a,,

■25—45  °.)  I.  wird  bei

Her  Bereitung  zusammengesetzter  aromatischer
Eiköre  mit  verwandt.
Insektenpulver,  das  bekannte  Mittel  gegen
Meines  Ungeziefer,  besteht  aus  den  getrockneten
Und  gepulverten  Blüten  verschiedener,  unseren
Kamillen  verwandter  Pyrethrum-  oder  Chrysanthemum-Arten, ­
  die  früher  meist  aus  dem
, r ient  kamen,  jetzt  aber  auch  aus  Dalmatien
eui geführt  werden.  Von  den  beiden  wichtig-(t&amp;gt;
 en  Handelssorten  stammt  das  persische  I.
'J  ulvis  florum  pyrethri  rosei)  von  dem  im  süd-°
 s Hichen  Kaukasus  heimischen,  in  Südrußland
® u ch  angebaufen  Chrysanthemum  roseum
“nd  Chr.  Marschailii,  Syn.  Pyrethrum  carne
 nnr  oder  P.  roseum  ab,  deren  aus  braun
Veränderten  Schuppen  zusammengesetzter  kreiselförmiger ­

  Hüllkelch  blaßrötliShe,  getrocknet  violette ­
  Strahlenblüten  und  gelbliche  Scheibenblüten ­
  umschließt.  Das  Montenegriner  oder  Dalmatiner ­
  I.  (Pulvis  florum  chrysanthemi)  wird
aus  den  Blüten  von  Chrysanthemum  oder
Pyrethrum  cinnerariaefolium  hergestellt,
die  einen  halbkugeligen  Hüllkelch  mit  gelblichbraunen
  Schuppen,  gelblichweiße  Randblüten
und  sehr  kleine,  gelbe  Scheibenblüten  zeigen.
Eine  dritte  als  Buhach  bezeichnete  amerikanische ­
  Sorte  stammt  ebenfalls  von  nach  Kalifornien
verpflanztem  Chrysanthemum  cinnerariaefolium.
In  gepulvertem  Zustande  besitzen  alle  Sorten  eine
gelblichbraune  bis  gelblichgrüne  Farbe  und  einen
eigentümlichen,  nicht  sehr  starken  Geruch.  Da
dieser  sich  aber  mit  der  Zeit  verliert,  muß  die
Ware  gut  verschlossen  aufbewahrt  werden,  ohne
auch  hierdurch  immer  wirksam  erhalten  zu  bleiben. ­
  Als  wirksame  Bestandteile  betrachtet  man
hauptsächlich  die  am  Grunde  der  Scheibenblüten ­
  sitzenden  Harzdrüsen,  aus  denen  Pyrethroxinsäure,
  ein  Alkaloid  Chrysanthemin
und  ein  stickstofffreier  Körper  Pyrethrosin
isoliert  worden  sein  sollen.  Fujitani  fand  einen
neutralen  stickstofffreien  Ester,  das  Pyrethran,
das  sich  bei  der  Verseifung  und  beim  Liegen  zu
Pyrethrol  (Co^H^OH)  zersetzt.  Die  Unterscheidung ­
  der  gepulverten  Sorten,  von  denen  jetzt
die  Dalmatiner,  und  zwar  besonders  von  wilden,
noch  nicht  aufgeblühten  Blüten  am  höchsten  geschätzt ­
  wird,  ist  nicht  immer  möglich.  Das  beste
Mittel  zur  Erprobung  der  Wirksamkeit  besteht
darin,  daß  man  das  Pulver  mit  lebenden  Wanzen
und  Ameisen  zusammenbringt.  Noch  energischer
wirkt  Ausräuchern  mit  dem  auf  glühende  Kohlen
geworfenem  Pulver  oder  Einreiben  mit  der  alkoholischen ­
  Tinktur,  die  selbst  in  zehnfacher
Verdünnung  gegen  Moskitos  schützt  und  in  konzentrierter ­
  Form  gegen  Krätze  hilft.  Als  Verfälschungsmittel ­
  sind  häufig  Blüten  von  Chrysanthemum ­
  leucanthemum,  Kamillen  usw.  beobachtet ­
  worden.
Inulin  (Alantstärke,  Dahlin,  Alantin,  lat.
Inulinum),  ein  dem  S  ärkemehl  ähnliches  Kohlenhydrat, ­
  findet  sich  in  verschiedenen  Pfianzenwurzeln,
  namentlich  in  der  Alantwurzel,  Zichorie,
Löwenzahnwurzel  und  den  Knollen  der  Georginen ­
  als  ein  weißes,  geruchloses,  in  Wasser  lösliches ­
  Pulver,  das  durch  Jod  nicht  blau  gefärbt
wird,  in  Alkohol  und  Äther  ganz  unlöslich  ist  und
beim  Erwärmen  mit  verdünnter  Salzsäure  Linksfruchtzucker, ­
  Fruktose,  gibt.  Das  I.  wird  medizinisch ­
  verwandt.
Invertzucker  nennt  man  die  Mischung  gleicher
Teile  Glykose  und  Fruktose,  welche,  bei  der
Hydrolyse  von  Rohrzucker  entsteht.  Er  wird
durch  Behandlung  des  letzteren  mit  verdünnten
Säuren  (Salzsäure,  Schwefelsäure),  neuerdings
auch  mit  Kohlensäure,  dargestellt,  und  bildet
einen  rein  süß  schmeckenden,  linksdrehenden
Sirup,  der  als  Ersatz  des  Rohrzuckers  bei  der
Herstellung  von  Kunsthonig,  Marmeladen  und
anderen  Obstkonserven  benutzt  wird.
Ipekakuanhawurzel  (Brechwurzel,  lat.  Radix ­
  ipecacuanhae,  frz.  Racine  d'Ipöca,  engl.  Ipecacuanha
  root)  wird  besonders  von  Brasilien  aus
versandt,  neuerdings  aber  auch  in  Ostindien  angebaut, ­
  während  eine  aus  Neu-Granada  (Kartagena)
  stammende  Sorte  nicht  in  Aufnahme  ge ­
        <pb n="181" />
        Iridium

176

Ivakraut

kommen  ist.  Sie  stammt  von  einem  in  den  feuchten ­
  Urwäldern  der  Provinz  Matto  grosso  wachsenden ­
  Strauche,  Cephaelis  Ipecacuanha,
Psychotria  Ip.,  Uragoga  Ip.  aus  der  Familie
der  Rubiazeen  und  besteht  aus  den  strohhalmstarken, ­
  hin  und  her  gebogenen  Wurzeln,  die  aus
dem  horizontalen  Rhizome  nach  unten  austreiben.
Die  grauen,  bisweilen  auch  braunen,  schwarzen
und  weißen  Stücke  besitzen  über  einem  sehr
dünnen,  zähen  und  weißen  Holzkörper  eine  dicke,
hornartige  Rinde,  die  durch  engstehende  wulstartige
Anschwellungen  wie  geringelt  erscheint.  Diese
Wulste  sind  das  Kennzeichen  der  echten  Arzneibuchware. ­
  I.  hat  einen  stark  bitteren,  kratzenden  und
ekelerregenden  Geschmack,  welcher  der  Anwesenheit ­
  eines  ätherischen  Öles  zugeschrieben  wird.  Der
wirksame  Stoff  ist  das  stark  giftige  Alkaloid
Emetin,  welches  in  Menge  von  etwa  r,5  °/o  vorhandenist. ­
  Daneben  enthält  die  Droge  noch  zwei
andere  Alkaloide,  Zephaelin  und  Psychotrin
sowie  eine  eigentümliche  glykosidische  Säure,
Ipekakuanhasäure.  Das  zur  medizinischen
Verwendung  bestimmte  Pulver  darf  nur  aus  der
Rinde  bereitet  werden  und  muß  2  °/o  Alkaloide
enthalten.  I.  wird  sowohl  in  Form  dieses  Pulvers,
als  auch  in  Form  von  Aufgüssen,  Extrakten  und
Tinkturen  benutzt  und  wirkt  in  kleinen  Dosen  erregend ­
  auf  das  Nervensystem,  in  größeren  brechenerregend.

Iridium,  ein  dem  Platin  verwandtes  Schwermetall. ­
  Ir  =193,  findet  sich  teils  gediegen,  teils
als  natürliche  Omnium-Iridium-Legierung  im
Platinerz  und  Platinsand  und  hinterbleibt  bei  der
Behandlung  des  letzteren  mit  Königswasser  als
ein  unlösliches  schwarzes  Pulver.  Es  ist  nur  bei
Weißglut  hämmerbar  und  zeigt  dann  eine  silberweiß ­
  glänzende  Farbe  sowie  das  spez.  Gew.
22,5.  Das  I.  ist  sonach  das  schwerste  aller  Metalle. ­
  Es  wird  selbst  durch  Königswasser  nicht
gelöst,  kann  aber  durch  Glühen  mit  Ätzkali
und  chlorsaurem  Kalium  aufgeschlossen  werden
und  geht  hierbei  in  ein  Kaliumsalz  über,  aus
welchem  die  übrigen  Verbindungen  hergestellt
werden  können.  Von  der  Eigenschaft  dieser
Salze,  die  verschiedensten  Färbungen  anzunehmen, ­
  ist  der  Name  des  Elements  abgeleitet.
Das  I.  wird  technisch  hauptsächlich  in  Form
seiner  Legierung  mit  70—75  0/0  Platin  zur  Flerstellung
  chemischer  Geräte  (Tiegel)  benutzt,  welche
sehr  widerstandsfähig  sind  und  selbst  der  Einwirkung ­
  von  Königswasser  widerstehen.  Die
gleiche  Legierung  dient  zur  Anfertigung  von
Spitzen  für  goldene  Schreibfedern  und  von  Elektroden, ­
  das  reine  Metall  als  Faden  in  Glühlampen. ­
  Die  schwarzen  Oxyde  finden  in  der  Porzellanmalerei ­
  als  schwarze  und  graue  Farben
Anwendung.
Irnol,  ein  Konservierungsmittel  für  Fleischwaren, ­
  besteht  aus  einer  wäßrigen  Lösung  von
Rohrzucker,  Salpeter  und  essigsaurer  Tonerde.
Isatin  (lat.  Isatinum,  frz.  und  engl.  Isatine),
C 6 H 4 (N  .  CO)  .  C  .  OH,  ein  Oxydationsprodukt  von
Indigblau  mit  Salpetersäure,  bildet  gelbrote,  in
heißem  Wasser  und  Alkohol  lösliche  Prismen
und  wird  jetzt  auf  künstlichem  Wege  fabrikmäßig ­
  dargestellt,  indem  man  Orthonitrophenylpropriolsäure
  mit  Alkalilauge  kocht.
Isatingelb,  ein  1886  in  den  Handel  gekommener ­
  Teerfarbstoff,  wird  durch  Einwirkung

von  Phenylhydrazinparasulfosäure  auf  Isatin  und
Sättigen  mit  Natron  dargestellt  als  orangegelbes,
in  Wasser  lösliches  Pulver,  das  Wolle  und  Seide
in  sauerem  Bade  grünlichgelb  färbt.
Isländisches  Moos  (lat.  Lichen  islandicus,  frz.
Lichen  d’Islande,  engl.  Iceland  moss)  nennt  man
eine  Flechte,  Cetraria  islandica,  die  in  der
gemäßigten  und  kalten  Zone  vorkommt,  sich  in
der  ersteren  aber  nur  auf  Bergen,  in  Wäldern,
wie  auf  kahlen  Stellen,  im  Norden  hingegen  auch
auf  dem  Flachlande  ansiedelt,  und  zwar  stets
auf  dem  Erdboden  selbst.  Sie  wächst  mit  ihrem
Lager  aufrecht  und  bildet  oft  dichte,  große  Flächen ­
  überziehende  Rasen  von  3—9  cm  Höhe.
Das  Lager  ist  lederartig  im  frischen,  mehr
hornartig  und  zerbrechlich  im  trockenen  Zu
stände,  vielfach  in  ungleiche,  verbogene  Lappen
geteilt,  auf  der  Oberseite  im  Leben  dunkel
olivengrün,  getrocknet  braun  gefärbt,  die  Unter
seite  grauweiß,  der  Grund  blutrot  gefärbt  oder
gesprenkelt.  Die  Ränder  der  unfruchtbaren  Lappen ­
  sind  schwarz  gezähnelt.  Die  Pflanze  besitzt
einen  schleimigen  und  bitteren  Geschmack,  welcher ­
  durch  einen  in  Alkalien  mit  gelber  Farbe
löslichen  Bitterstoff,  Zetrarin  oder  Zetrarsäure,
  ungefähr  2  °/o,  verursacht  wird.  Ferner
ist  außer  dem  hauptsächlichsten  Bestandteile,
dem  Lichenin  oder  der  Flechtenstärke  (70%),
ungefähr  l°/o  kristallisierbare  Lichesterinsäure
  vorhanden.  Die  Flechte  wird  gegen  Katarrhe, ­
  Blutspucken  usw.,  sowohl  in  Abkochungen,
wie  auch  als  Gallerte,  in  Pulvern  und  als  Bes.andtcil
  von  Schokolade  angewandt.  In  Schweden
und  anderen  Nordländern  benutzt  man  sie  als
Ausgangsmaterial  für  Branntweinbrennerei,  in
Notfällen  auch  als  Zusatz,  zu  Brot.  —  I.  bildet
eine  regelmäßige  Ware  des  Drogenhandels
auch  im  großen,  ist  roh,  gelesen  und  geschnitten
zu  kaufen  und  wird  für  den  Versand  gewöhnlich
mit  hydraulischen  Pressen  50-kiloweise  zu  möglichst ­
  kleinen  Ballen  zusammengepreßt.
Isoform  (Parajodosöanisol)  entsteht  bei  der
Oxydation  von  Parajodanisol  und  wird  im  Gemisch ­
  mit  phosphorsäurem  Kalzium  als  ein  weißes, ­
  nach  Anis  riechendes  Kristallpulver  (Iso
formpulver)  in  den  Handel  gebracht.  Es  ist
in  Wasser  löslich,  in  Alkohol  und  Äther  un
löslich  und  wird  an  Stelle  von  Jodoform  als
Darmantiseptikum  verordnet.
Itikiburi  (engl.  Cork  wood),  ein  sehr  leichtes,
in  Englisch-Guyana  häufig  vorkommendes  Holzstammt ­
  von  Drepanocarpus  lunatus.'  Die  frische ­
  Rinde  dient  zum  Färben  des  Rums.
Itikirriburra-Balliholz,  ein  in  Guyana  vorkommendes ­
  hartes  Holz  unbekannter  Abstammung, ­
  ist  im  Kern  dunkelbraun  und  tigerartig
gefleckt  und  eignet  sich  für  die  Kunsttischlerei.
Itrol  (zitronensaures  Silber)  wird  als  Antiseptikum ­
  und  in  der  Augenheilkunde  verwandt.
Ivakraut  (lat.  Herba  ivae  moschatae,  frz.  und
engl.  Iva),  das  getrocknete  Kraut  einer  nur  in
den  höchsten  Alpengegenden  wachsenden  kleinen ­
  aromatischen  Pflanze  aus  der  Familie  der
Kompositen,  Achilleä  moschafa,  besitzt
kahle,  kämmig-fiederteilige  Blätter  mit  lineahsch
ganzrandig  punktierten  Zipfeln  und  weiße  Blüten. ­
  Die  ganze  Pflanze  schmeckt  bitter  und
1  riecht  angenehm  gewürzhaft.  Man  benutzt  sie
        <pb n="182" />
        Ivaöl

177

Japanlack

als  Zusatz  zu  dem  sogenannten  Schweizertee  und
fertigt  daraus  einen  beliebten  bitteren  Likör,
Ivabitter  oder  Ivalikör.  Das  Kraut  enthält
die  Bitterstoffe  Ivain,  Achillein  und  Mos  chatin ­
  sowie  0,4  o/o  eines  ätherischen  Öles,  Ivaöl.
Ivaöl  (lat.  Oleum  ivae.  frz.  Essence  d’Iva,  engl.

J
Jaborandi  (lat.  Folia  jaborandi,  frz.  Feuilles  de
jaborandi,  engl.  Jaborandi  leaves)  nennt  man
die  Blätter  verschiedener  Rutazeen:  Pilocarpus
  pinnatifolius,  P.  Jaborandi,  P.  microphyllus,
  die  aus  Brasilien,  besonders  über
Pernambuko  eingeführt  werden.  Die  Droge  enthält ­
  neben  einem  ätherischen  Öl  mehrere  Alkaloide: ­
  Pilokarpin  (s.d.),  Isopilokarpin,  Pilokarpidin
  und  wirkt  schweißtreibend,  wird  aber
jetzt  meist  durch  das  rein  dargestellte  Pilokarpin ­
  ersetzt.
Jakarandaholz  (Zuckertannenholz,  Polisander,
  P’olyxanderholz),  eine  dichte  und
schwere,  namentlich  zu  Furnieren  wie  auch
Drechslerarbeiten  viel  gebrauchte  amerikanische
Holzart,  stammt  hauptsächlich  von  der  Bignoniazee
  Jacaranda  Brasiliens,  wahrscheinlich
aber  auch  noch  von  verschiedenen  anderen  Bäumen. ­
  Das  rotbraune  oder  schwärzliche,  von
helleren  und  dunkleren  roten  Adern  durchzogene
und  sehr  politurfähige  Holz  kommt  aus  den
trockenen  Wäldern  des  inneren  Brasilien,  teils  in
Stämmen  oder  Blöcken,  von  denen  der  weiße,
ziemlich  dicke  Splint  abgehauen  ist,  teils  in
Scheiten  und  zu  Bohlen  geschnitten  in  den  Handel. ­
  Je  nach  Färbung  und  Zeichnung  unterscheidet ­
  man  gegen  zehn  verschiedene  Sorten,  von
denen  diejenigen,  welche  neben  vielen  Schattenpartien ­
  auch  schöne  lichte  Stellen  zeigen,  am
höchsten  geschätzt  werden.  Das  beste  J.  wird
über  Rio  de  Janeiro,  eine  zweite  Sorte  über  Bahia
ausgeführt,  während  ein  helleres  ostindisches
Vorkommen  als  geringwertiger  gilt.
Jalapenwurzel  (Purgierwurzel,  lat.  Radix
seu  Tubera  jalapae,  frz.  Racine  de  jalap,  engl.
Jalap  root)  nennt  man  die  Wurzel  eines  in  den
ostmexikanischen  Kordilleren  wild  wachsenden,
wie'  auch  angebauten  Windengewächses  Exogonium
  purga  Bentham  (Ipomoea  purga
Hayne),  die  gleich  nach  dem  Sammeln  über
freiem  Feuer  oder  in  heißer  Asche  getrocknet  wird.
Die  knollig  verdickten  Wurzeln  haben  eine  kugelige
oder  hinten-  bis  spindelförmige  Gestalt,  eine  runzelig-höckerige ­
  Oberfläche  von  brauner  bis  schwarzhrauner
  Farbe,  widerlich  bitteren,  kratzenden
Geschmack  und  von  der  Art  des  Trocknens  oft
etwas  räucherigen  Geruch.  Die  Bruchfläche  ist
gleichmäßig  hornartig,  im  Innern  mehlig,  der
Querschnitt  zeigt  unregelmäßig  konzentrische,
von  Harzgängen  gebildete  Kreise.  Neben  Stärke,
Zucker  (20  o/o),  Gummi  und  Mineralstoffen  (5  bis
6%)  ist  als  wirksamer  Bestandteil  ein  Harz  (s.
späjifer)  vorhanden.  Die  echte  J.  von  Verakruz,  die
kugelige  oder  eiförmige  Stücke  von  der  Größe
einer  Haselnuß  bis  zu  der  einer  kleinen  Faust
bildet,  enthält  bis  zu  17%  Harz.  Weniger  wert
v°H  sind  die  J.  von  Jamaika  und  den  Ncil-Mercks
  Warenlexikon.

Iva  oil),  das  durch  Destillation  der  frisch  getrockneten ­
  blühenden  Pflanze  mit  Wasserdampf
erhaltene  bläulichgrüne,  pfefferminzartig  schmek
kende  ätherische  Öl  vom  spez.  Gew.  0,928—0,959
siedet  bei  170—260°.  Der  Hauptteil,  das  sauer
stoffhaltige  Ivaöl,  geht  bei  170—210 0  über.

gherrys.  Als  Mindestgehalt  für  offizinelle  Ware
verlangt  das  D.  A.  B.  9  0/0.  Als  sog.  falsche
Jalapen  kommen  die  Wurzeln  verwandter  Ipomoeaarten
  in  den  Handel,  so  die  mehr  längliche
Tampikowurzel  von  Ipomoeä  simulans,  die
unregelmäßig  gekrümmte,  ästig  faserige  Ori
zabawurzel  von  Ipomoea  orizabensis,  die  auch
Jalapenstengel  (Stipites  jalapae,  Radix  orizabae)
  genannt  wird,  die  Turpethwurzel  von
J.  turpethum  und  die  bis  kopfgroße  brasilianische
  J.  von  Ipomoea  operculata.  Das  Harz  der
letzteren  ist  dem  Jalapenharz  ähnlich,  während
dasjenige  der  drei  anderen  sich  in  Äther  löst.
Außer  den  falschen  J.  werden  bisweilen  Paranüsse, ­
  Kartoffeln  und  mit  Alkohol  extrahierte
J.  beigemischt,  die  am  Fehlen  des  schwarzen
Ifarzes  in  den  Querrunzeln  zu  erkennen  sind.
Der  Hauptausfuhrhafefi  ist  Verakruz,  der  früher
mehrere  hunderttausend  Kilogramm  betragende
Verbrauch  in  Deutschland  ist  aber  stark  zurück
gegangen.  J.  dient  in  Pulverform  stark  abführend ­
  und  muß  trocken  und  vor  Licht  geschützt
aufbewahrt  werden.  —  Das  Jalapenharz  (lat.
Resina  Jalapae,  frz.  Rösine  de  jalap,  engl.  Jälaji
resin)  wird  aus  den  zerkleinerten  Knollen  mit
starkem  Alkohol  ausgezogen,  der  nach  dem
Eindampfen  hinterbleibende  harzige  Rückstand
mit  Wasser  gewaschen,  darauf  geschmolzen  und
in  Stangen  oder  Zöpfe  von  graubrauner  Oberfläche ­
  und  hellbraunem  glänzenden  Bruch  geformt.
Das  spröde  und  leicht  zerreibliche  Harz  besteht  im
wesentlichen  aus  dem  amorphen,  in  Wasser  und
Äther  unlöslichen  Konvolvulin,  das  bei  145°
schmilzt  und  mit  Alkalien  die  glykosidische  Ko  n  -
volvulinsäure  liefert.  Es  ist  selbst  in  Äther
unlöslich  und  wirkt  doppelt  so  stark  abführend
als  die  Knollen.  Als  Verfälschungsmittel  sind
Orizabin,  Kolophonium,  Guajakharz,  Aloe  u.  a.
beobachtet  worden.
Japanlack  (Urushi),  der  Rohstoff  für  die  berühmten ­
  japanischen  Lackarbeiten  (s.  lackierte
Waren)  besteht  aus  dem  gereinigten  Milchsäfte
des  giftigen  Lackbaumes  oder  Firnissumachs,
Rhus  vernicifera,  der  in  hervorragender  Beschaffenheit ­
  aus  den  Gegenden  Yoshino  und
Aidzu  geliefert  wird.  Der  unter  dem  Einflüsse
eines  Enzyms  (Lakkase)  zu  einer  zähen,  süßlich
riechenden  Masse  eingetrocknete  Milchsaft  hat
ein  spez.  Gew.  von  1,0020—1,0369  und  enthält
neben  10—34°/o  Wasser,  1,7—3,5  »/o  Stickstoffsubstanz ­
  und  3,0—6,5  °/o  Gummi  ungefähr  60  bis
85  °/o  einer  Verbindung  von  der  Formel  C^HjgOo,
die  von  einigen  als  eine  Säure  (U  rushinsäure.t,
von  Tschirch  als  ein  Harz  (Urushin),  von  Mi
yama  als  ein  Phenol  (Urushiol)  angesehen
wird.  Außerdem  sind  noch  geringe  Mengen  einer
flüchtigen  Säure  zugegen,  die  als  Ursache  der
12
        <pb n="183" />
        Japanwachs

178

Jod

sog.  Lackkrankheit  gilt,  eines  eigentümlichen
Hautausschlages,  der  die  Arbeiter  bei  unvorsichsichtigem
  Hantieren  mit  dem  feuchten  Lack
befällt.
Japanwachs  (lat.  Cera  japonica,  frz.  Cire  de
Japon,  engl.  Japan  wax),  richtiger  Japantalg
genannt,  findet  sich  in  den  Früchten  einiger
japanischer  und  kalifornischer  Sumacharten,
namentlich  Rhus  succedanea,  und  wird  in
Form  harter,  viereckiger  Tafeln  von  hellgelber
bis  grünlicher  Farbe  und  muscheligem  Bruch
in  den  Handel  gebracht.  In  chemischer  Hinsicht ­
  besteht  J.  aus  den  Glyzeriden  verschiedener
Fettsäuren,  besonders  Palmitin-  und  Japansäure,
enthält  auch  freie  Palmitinsäure,  hingegen  keine
Stearinsäure,  und  ist  also  kein  eigentliches  Wachs,
sondern  ein  Fett.  Es  dient  als  Ersatz  des  Bienenwachses ­
  zur  Herstellung  von  Kerzen  und  zur
Verfälschung  von  Wachs.
Japonika,  im  Drogenhandel  sehr  gebräuchlicher ­
  Ausdruck  für  Katechu,  Abkürzung  von
Terra  japonica.
Jarrahholz,  das  von  einer  australischen  Eukalyptusart ­
  stammende  Holz,  findet  zu  Pflasterungszwecken ­
  und  für  Eisenbahnschwellen  vielfache ­
  Anwendung,  kann  hingegen  als  Ersatz  des
Mahagoniholzes,  von  dem  es  auch  äußerlich  verschieden ­
  ist,  in  der  feinen  Möbeltischlerei  nicht
mit  Vorteil  benutzt  werden.  Es  ist  deshalb  neuerdings ­
  von  der  Zollbehandlung  als  Mahagoniholz
ausgeschlossen  und  unter  die  allgemeine  Gruppe
der  Nutzhölzer  eingereiht  worden.
Jasminöl  (lat.  Oleum  jasmini,  frz.  Essence
de  jasmin,  engl.  Jasmin  oil,  Jessamin  oil)
stammt  von  den  frischen  Blüten  des  wegen
seines  Wohlgeruches  seit  über  150  Jahren  in
Südfrankreich  angebauten  Jasminura  grandi-Horum.
  Die  gewerbsmäßige  Gewinnung  erfolgt
weder  durch  Destillation  mit  Wasserdampf,  noch
durch  Digerieren  mit  Öl  oder  Fett,  sondern  entweder ­
  durch  Ausziehen  mit  Petroläther,  wobei  die
„Essences  concrötes“  erhalten  werden,  oder
noch  besser  durch  Enfleurage.  Man  benutzt  dazu
Holzrahmen  (sog.  Chässis)  von  etwa  S  cm  Höhe
und  50  cm  im  Quadrat,  die  in  ihrer  Mitte  eine
Glasplatte  tragen.  Letztere  wird  beiderseits  mit
einer  dünnen  Fettschicht  bestrichen,  dann  bestreut ­
  man  die  eine  dieser  Fettschichten  mit
Blüten  und  stellt  die  Rahmen  übereinander,  so
daß  sich  die  Blüten  in  einer  Art  Kammer  befinden. ­
  Das  über  und  unter  den  Blüten  befindliche
Fett  nimmt  die  Duftstoffe  auf.  Nach  je  24  Stunden ­
  werden  die  Blüten  so  oft  durch  neue  ersetzt, ­
  bis  sich  das  Fett  mit  dem  Duftstoffe  gesättigt ­
  hat,  was  hach  etwa  30  maliger  Erneuerung
der  Blüten  der  Fall  ist.  Das  so  behandelte
Fett  kommt  als  Jäsminpomade  in  den  Handel.
Um  aus  der  Essence  concröte  oder  der  Pomade
das  Öl  zu  gewinnen,  zieht  man  sie  mit  starkem
Alkohol  aus,  trennt  den  Alkohol  vom  Ungelösten ­
  und  kühlt  ihn  längere  Zeit  unter  o°
ab,  bis  jegliche  Ausscheidung  aufgehört  hat;
hierauf  wird  filtriert  und  das  öl  durch  Zusatz
einer  Kochsalzlösung  abgeschieden.  Die  Ausbeute ­
  an  Öl  ist  sehr  gering  und  beträgt  bei  der
Enfleurage  etwa  0,18  °/o,  bei  der  Extraktion  mit
Petroläther  sogar  nur  0,02—0,08  °/o.  Als  Haupterzeugungsgebiet ­
  kommt  Südfrankreich  in  Betracht. ­
  Das  Öl  als  solches  bildet  keine  Handelsware. ­

  Es  besteht  im  wesentlichen  aus  Benzylazetat,
  neben  welchem  geringere  Mengen  Benzylalkohol, ­
  Linalylazetat,  Linalool,  Indol,  Anthranilsäuremethylester
  und  ein  Keton,  Jasmon,  vorhanden ­
  sind.  Ein  durch  Zusammenmischen  der
genannten,  synthetisch  darstellbaren  Verbindungen ­
  erhaltenes  Erzeugnis  wird  von  Schimmel
&amp;amp;  Co.  als  künstliches  J.  in  den  Handel  gebracht ­
  und  findet  wie  das  natürliche  in  der  Parfümerie ­
  ausgedehnte  Anwendung.
Jaspis  (frz.  Jaspe,  engl.  Jasper)  besteht  aus
dichtem,  mikrokristallinischem  Quarz  (Kieselsäure), ­
  der  durch  beigemengte  Eisenverbindungen ­
  verschiedenartig,  meist  rot,  braun  oder  gelb
gefärbt  ist,  und  teils  einfarbig,  teils  mehrfarbig,
marmoriert  oder  gestreift  (Bandjaspis)  in  undurchsichtigen, ­
  schwach  glänzenden  Stücken  von
muscheligem  Bruch  vorkommt.  Bekannte  Arten
sind  der  grüne  Jaspis-vom  Ural,  der  in  großen
Blöcken  gewonnen  wird,  der  schöne  rote  ägyptische ­
  oder  Kugeljaspis  aus  Oberägypten  und
aus  Kandern  in  Baden,  der  Bandjaspis  vom
Altai,  aus  Spanien  und  Ungarn,  während  das  bei
Gnandstein  und  Kohren  in  Sachsen  vorkommende,
im  Volksmunde  auch  Bandjaspis  genannte  Gestein ­
  als  ein  sog.  Tonstein  oder  Porphyrtuff
anzusehen  ist.  Man  fertigt  aus  J.  Tischplatten,
Siegelsteine,  Dosen,  Vasen  u.  dg!.,  namentlich  in
den  Polieranstalten  zu  Kalyvau  (Gouvernement
Tomsk)  und  Jekatermenburg  (Gouvernement
Perm).  Auch  in  Idar  an  der  Mosel  und  Waldkirch
  in  Baden  wird  J.  verarbeitet.
Javol,  ein  mit  großer  Reklame  angepriesenes
Haarwasser,  enthält  der  Hauptsache  nach  eine
mit  Zitronenöl  parfümierte  Lösung  von  Kaliumkarbonat ­
  und  fetten  Ölen,  nach  einigen  Angaben
auch  noch  Borax.
Jervin,  eine  neben  Veratrin  in  der  weißen
Nieswurz  enthaltene  stark  giftige  Pflanzenbase,
bildet  weiße  durchsichtige  Kristalle.
Jeteefaser  (Ragemahl,  engl.  Jetee  fibre),  die
Bastfaser  der  in  Ostindien  heimischen  Asklepiadee
  Marodeniä  tenacissima,  wird  im  Ursprungslande ­
  schon  seit  langer  Zeit  zu  Seilerwaren ­
  verarbeitet  und  soll  fast  die  doppelte
Festigkeit  und  Tragkraft  der  Jute  besitzen.
Jod  (lat.  Jodum,  frz.  Jode,  engl.  Jodine),  ein
Element  der  Halogengruppe,  J  =  126198,  wurde
im  Jahre  1811  vonCourtois  entdeckt,  darauf  von
Davy  und  Gay-Lussac  näher  untersucht  und
von  letzterem  nach  der  Farbe  seines  Dampfes
als  J.  (vom  griechischen  iodes,  veilchenblau)
bezeichnet.  Es  findet  sich  in  kleiner  Menge  sehr
veibreitet  in  der  Natur,  jedoch  nicht  frei,  sondern
stets  an  Metalle,  hauptsächlich  Natrium,  Kalzium,
Magnesium  gebunden,  u.  a.  in  vielen  Solquellen
und  besonders  im  Meerwasser.  Aus  diesem  geht
es  in  die  Meerespflanzen,  besonders  die  Tange,
ferner  in  Schwämme  und  Fische  über  und  bildet
daher  einen  ständigen  Bestandteil  des  Lebertrans. ­
  Schließlich  findet  es  sich  im  Chilesalpeter, ­
  in  Steinsalzlagern,  in  manchen  Phosphoriten ­
  und  Dolomiten  und  als  seltenes  Mineral
in  Verbindung  mit  Blei,  Quecksilber,  Silber
und  Zink.  —■  Die  Darstellung  des  J.  erfolgfe
früher  nur  aus  der  Asche  von  Meerespflanzen
(namentlich  Fucus-  und  Laminariaarten),  während
gegenwärtig  die  Mutterlaugen  des  Chilesalpeters
die  größten  Mengen  liefern.  Die  durch  Stürme
        <pb n="184" />
        Jod

179

Jodgrün

vom  Meeresboden  losgerissenen  Tange  und  Algen ­
  werden  an  den  Westküsten  von  Irland  und
Schottland,  Frankreich  (Normandie),  Spanien  und
Japan  getrocknet  und  in  Gruben  verbrannt,
wobei  man  eine  sehr  salzhaltige  geschmolzene
Asche  in  Klumpen  erhält,  die  in  Frankreich
Varek,  in  Spanien  Barilla  und  in  England
Kelp  heißt  und  besonders  bei  Verwendung  von
Laminarien,  weniger  von  Fucusarten  ziemlich
reich  an  Jod  ist.  24—30000  kg  trockener
Tange  liefern  etwa  Jtooo  kg  Asche  mit  5—10  0/0
Jod.  Neuerdings  zieht  man  es  zur  Vermeidung
von  Jodverlusten  vor,  die  Seepflanzen  nicht  einzuäschern, ­
  sondern  nur  zu  verkohlen.  Die  Asche
bzw.  der  verkohlte  Rückstand  wird  mit  Wasser
ausgezogen  und  die  gewonnene  Lauge,  die  außer
Soda  noch  Schwefelsäure  und  unterschwefligsaure ­
  Salze  sowie  Chlor-,  Brom-,  Jod-  und
Schwefelverbindungen  des  Kaliums  und  Natriums
enthält,  durch  wiederholtes  Eindampfen  und
Erkaltenlassen  l  von  den  schwerlöslichen  Salzen
befreit,  während  die  leichtlöslichen  Brom-  und
Jodverbindungen  in  der  Mutterlauge  verbleiben.
Nach  der  Neutralisation  mit  Schwefelsäure  läßt
man  die  Sulfate  auskristallisieren  und  destilliert
die  schließlich  erhaltene  jodnatriumhaltige  Lauge
in  eisernen,  halbkugelfönmigen  Kesseln  mit  Braunstein ­
  und  Schwefelsäure.  Die  sich  entwickelnden ­
  Joddämpfe  gelangen  in  eine  Reihe  miteinander ­
  verbundener  Glasgefäße,  in  denen  sich  das
J.  in  kleinen  Kristallen  ansetzt.  Das  auf  diese
Art  erhaltene  Rohjod  wird  englisches  Jod  genannt. ­
  In  den  französischen  Fabriken  bewirkt
man  die  Abscheidung  des  Rohjods  aus  der
Mutterlauge  durch  vorsichtiges  Einleiten  von
Chlorgas,  wobei  das  Chlor  die  Jod  Verbindungen
in  Chlornatrium  überführt,  während  das  J.  als
schwarzer  pulveriger  Niederschlag  ausfällt.  Bei
Verarbeitung  der  Mutterlaugen  des  Chilesalpeters
reduziert  man  das  in  ihm  enthaltene  jodsaure
Natrium  mit  schwefliger  Säure  oder  mit  Natriumsulfat ­
  zu  Jodnatrium,  wandelt  letzteres  durch
Behandlung  mit  Kupfer  und  Eisenvitriol  in
Kupferjodür  um  upd  destilliert  nach  Zusatz  von
Braunstein  und  Schwefelsäure  das  freie  J.  ab.
Das  nach  der  einen  oder  anderen  Methode  dargestellte ­
  Rohjod  ist  zwar  Handelsware,  aber  noch
nicht  zu  medizinischen  Zwecken  verwendbar,
sondern  wird  durch  Trocknen  und  Sublimation
in  eine  reinere,  das  sog.  resublimierte  J.  übergeführt. ­
  Chemisch  rein  erhält  man  das  J.,  wenn
man  das  resublimierte  J.  mit  dem  zehnten  Teil
seines  Gewichts  Jodkalium  zerreibt,  um  etwa
anhängendes  Brom  und  Chlor  zu  binden,  und
nun  sehr  vörsichtig  sublimiert.  Die  gewonnenen
Kristalle  werden  zur  Entfernung  der  letzten
Spuren  von  Wasser  und  Jodwasserstoff  über  Ätzkalk ­
  aufbewahrt.  Das  Rohjod  stellt  ein  dunkles,
feucht  aussehendes,  grob  kristallinisches  Pulver
dar.  Das  resublimierte,  wie  das  chemisch  reine
7-  ist  ein  trockener,  blätterig  kristallinischer  Körper, ­
  sebwarzgrau  und  von  metallischem  Glanze.
-Es  hat  ein  spez.  Gew.  von  4,950,  verflüchtigt
sich  schon  bei  gewöhnlicher  Temperatur  und
entwickelt  dabei  einen  starken,  die  Schleimhäute
geizenden  Geruch,  der  dem  des  Chlors  etwas
ähnelt.  Der  Geschmack  ist  scharf  und  herb.  Auf
den  Organismus  wirkt  das  J.,  eingenommen  oder
e 'ngeatmet,  giftig.  Es  schmilzt  bei  115 0  C  und

kommt  bei  180°  C  ins  Sieden.  Die  Dämpfe
haben  eine  prachtvoll  violettblaue  Färbung
und  legen  sich  an  kälteren  Körpern  wieder  zu
Kristallen  an.  Organische  Substanzen,  wie  Haut
und  Papier,  werden  von  J.  braungelb,  Stärkelösungen ­
  und  -körner  blau  gefärbt.  J.  löst  sich
in  annähernd  5000  Teilen  Wasser  mit  bräunlichgelber, ­
  in  10  Teilen  Weingeist  mit  brauner  Farbe.
Die  Jodtinktur  des  D.  A.  B.  ist  eine  Lösung  von
einem  Teil  J.  in  zehn  Teilen  90  °/o  igem  Weingeist.
In  Äther  und  verschiedenen  Salzlösungen  ist  das  J.
mit  brauner,  in  Chloroform  und  Schwefelkohlenstoff ­
  mit  violetter  Farbe  löslich.  Eine  Lösung
von  Jodkalium  nimmt  eine  beträchtliche  Menge
von  J.  auf,  und  zwar  um  so  mehr,  je  größer
der  Jodkaliumgehalt  der  Lösung  ist.  Beim  Zusammenhängen ­
  von  J.  mit  Ammoniak  ist  größte
Vorsicht  geboten,  da  unter  Umständen  Bildung
des  explosiven  Jodstickstoffs  erfolgt.  In  seinem
chemischen  Verhalten  zeigt  J.  die  größte  Ähnlichkeit ­
  mit  Chlor  und  Brom.  Die  Verbindungen
mit  Metallen  werden  als  Jodüre  oder  Jodide
bezeichnet,  je  nach  der  Menge  des  darin  gebundenen ­
  J.  Das  resublimierte  J.  des  D.  A.  B.
soll  sich  beim  Erhitzen  ohne  Rückstand  verflüchtigen, ­
  in  zehn  Teilen  90%  igem  Weingeist
vollständig  lösen,  kein  Zyanjod  oder  Chlorjod
und  nicht  mehr  als  i°/o  Feuchtigkeit  enthalten.
Das  J.  gelangt  in  den  Handel  entweder  als  englisches ­
  J.  (Jodum  anglicum)  oder  als  resublimiertes
  J.  (Jodum  resublimatum).  Aus  Südamerika
wird  es  auch  als  Jodkupfer  nach  Europa  eingeführt. ­
  Die  Gesamtausfuhr  aus  Südamerika
beläuft  sich  auf  etwa  500000  kg  jährlich.  Dazu
kommen  noch  rund  100000  kg  japanisches  Jod
aus  Seepflanzen,  von  dem  Vs  ausgeführt  wird.
Die  Einfuhr  nach  Europa  beträgt  ungefähr
300  dz.  Die  Preise  1  des  J.  sind  sehr  bedeutenden ­
  Schwankungen  unterworfen  und  werden  von
Zeit  zu  Zeit  durch  die  Rohjodkonvention  festgesetzt, ­
  bisweilen  auch  zur  Lahmlegung  von
„Outsiders“,  besonders  japanischer,  stark  erniedrigt. ­
  Die  Preisberechnung  erfolgt  bei  uns  nach
Kilogramm,  in  England  dagegen,  selbst  im  Großhandel, ­
  nach  der  Unze,  bei  dem  amerikanischen
Jod  nach  spanischen  Pfunden  bzw.  Zentnern.  —  Die
hauptsächlichste  Verwendung  finden  J.  und  seine
Verbindungen  in  der  Pharmazie,  Photographie
und  Teerfarbenherstellung.  In  der  Photographie
benutzt  man  verschiedene  Jodpräparate  zur  Erzeugung ­
  von  lichtempfindlichem  Jodsilber  (neben
Bromsilber)  auf  photographischen  Papieren  und
Glasplatten.  Medizinisch  wird  es  als  Tinktur
oder  Salbe  äußerlich  gegen  Kropf,  Hautübel,
Frostballen,  zur  Zerteilung  von  Geschwüren  usw.
angewandt.  Auch  das  bekannte  Kropfmittel,  gebrannter ­
  Badeschwamm,  wirkt  nur  durch  seinen
Jodgehalt.  Von  den  Jodverbindungen  werden
besonders  Kaliumjodid  (s.  d.)  und  Jodoform  (s.  d.)
medizinisch  verwandt.  Die  in  chemischen  Laboratorien ­
  hergestellten  zahllosen  organischen  Jodverbindungen ­
  haben  nur  wissenschaftliches  Interesse. ­
  Die  Aufbewahrung  des  J,  geschieht  in
Flaschen  mit  eingeriebenem  Glasstöpsel,  und
zürar  an  einem  kühlen  Orte.
Jodgrün  (Nachtgrün,  Metternichsgrün,
Vert  lumiöre)  wird  durch  Erhitzung  von  Chlormethyl ­
  oder  Jodmethyl  mit  essigsaurem  Rosanilin
und  Methylalkohol  im  Autoklaven  auf  ioo°  er ­
        <pb n="185" />
        Jodipin  180  Johannisbrot

halten  und  besteht  aus  dem  Chlorzinkdoppelsalze
  des  Chlormethylhexamethylrosanilinchlorhydrates,
  J.  bildet  prächtig  metallglänzende,
hellgrüne  Kristalle,  die  sich  in  Alkohol  mit  blaugrüner ­
  Farbe  lösen.  Neuerdings  wird  es  durch
die  entsprechende  Verbindung  des  Pararosanilins
(s.  Methylgrün)  verdrängt.
Jodipin  nennt  die  Firma  Merck  ein  jodiertes
Sesamöl,  das  durch  Behandlung  von  Sesamöl  mit
Chlorjod  dargestellt  wird  und  in  zwei  Stärken,
mit  io  und  25  °/o  Jod,  in  den  Handel  kommt.
(S,  auch  Bromipin.)  Die  Jodipine  bilden  hellgelbe ­
  ölige  Flüssigkeiten,  die  an  Stelle  des  Kaliumjodids ­
  medizinische  Anwendung  finden.
Jodoform  (Formyljodid,  Methylentrijodid,
  Trijodmethan,  lat,  Jodoformium,  frz.
Jodoforme,  engl.  Jodoform),  eine  dem  Chloroform
ganz  analoge  Verbindung,  CHJ S ,  in  welcher
das  Chlor  durch  Jod  ersetzt  ist,  wird  durch  Einträgen ­
  von  Jod  in  eine  erwärmte  Lösung  von
Natriumkarbonat  oder  Ätznatron  und  Alkohol,
oder  durch  Elektrolyse  einer  Lösung  von  Jodkalium
  und  Natriumkarbonat  in  Wasser  und  Alkohol ­
  dargestellt,  soll  aber  in  Frankreich  auch
durch  direkte  Behandlung  von  Seetangasche  mit
Ätznatron,  Azeton  und  unterchlorigsaurem  Natrium ­
  gewonnen  werden,  J.  bildet  schwefelgelbe,
perlglänzende  Kristallschuppen  von  eigentümlich
betäubendem,  safranähnlichem  Geruch,  der  durch
Zusatz  von  Menthol,  Kampfer,  Terpentinöl,  Pfef
ferminzöl  und  anderen  ätherischen  Ölen  zum  Teil
verdeckt  wird.  Es  löst  sich  leicht  in  Alkohol  und
Äther,  aber  nicht  in  Wasser,  schmilzt  bei  119 0 ,
ist  mit  Wqsserdämpfen  flüchtig  und  unter  teilweiser ­
  Zersetzung  sublimierbar.  Im  Handel  findet ­
  sich  groß  und  klein  kristallisiertes  sowie
staubförmig  geschlämmtes  J.  (J.  praeparatum).
Das  J.  muß  in  gut  verschlossenen  Gefäßen  vor
Licht  geschützt  aufbewahrt  werden  und  findet  in
der  Medizin  als  Antiseptikum,  sowohl  innerlich
als  äußerlich,  vielfache  Anwendung.
Jodol  (Tetrajödpyrrol),  ein  neueres  Antiseptikum, ­
  welches  vor  dem  Jodoform  bei  gleicher
Wirksamkeit  den  Vorzug  der  Geruchlosigkeit
und  Ungiftigkeit  besitzt,  entsteht  bei  der  Behandlung ­
  alkalischer  Pyrrollösung  mit  Jodkalium
als  ein  hellgelbes,  fein  kristallinisches  Pulver,
das  sich  in  Alkohol,  aber  nicht  in  Wasser  löst.
J.  ist  völlig  geruch-  und  geschmacklos  und  dient
als  Ersatz  des  Jodoforms  und  Jodkaliums.  Es
muß  vor  Licht  geschützt  aufbewahrt  werden.
Jodopyrin  (Jbdantipyrin)  wird  durch  Behandlung ­
  von  Antipyrin  mit  Chlorjod  als  ein
farbloses,  in  kaltem  Wasser  und  Alkohol  unlösliches, ­
  in  heißem  Wasser  lösliches  Kristallpulver
vom  Schmelzpunkt  160 0  dargestellt  und  an  Stelle
des  Antipyrins  gegen  Fieber  und  Kopfschmerzen
verordnet.
Jodschwefel  (Schwefeljodid,  lat.  Sulfur  jodatum, ­
  frz.  Jodure  de  soufre,  engl.  Sulphur  jodide),
  eine  durch  Zusammenschmelzen  von  Jod
und  Schwefel  zu  erhaltende  schwarze  Masse,
wird  bisweilen  medizinisch  gegen  Hautkrankheiten ­
  verwandt.
Jodstärke  (lat.  Amylum  jodatum,  frz.  Amidon
iode,  engl.  Starch  Jode),  ein  dunkelblaues,  aus
Stärkemehl  und  Jod  bestehendes  Pulver,  muß
in  Apotheken  vorrätig  gehalten  werden.

Jodwasserstoff  (Jodwasserstoffsäure,  W  as
serstoffjodid,  lat.  Acidum  hydrojodicum,  frz,
Acide  hydrojodique,  engl.  Hydrojodic  acid),  HJ,
die  der  Salzsäure  analoge  Verbindung,  bildet  in
wäßriger  Lösung  eine  farblose  Flüssigkeit,  die
an  der  Luft  bald  gelblich  wird  und  dann  nach
freiem  Jod  riecht.
Jodylin,  ein  neuer  ungiftiger,  nicht  reizender
Jodoformersatz,  wird  durch  Behandlung  von  jod
salizylsaurem  Natrium  mit  Wismutsalzen  in  essigsaurer ­
  Lösung  dargestellt  und  ist  daher  als  ein
jodsalizylsaures  Wismut  anzüsprechen.  Es  löst
sich  weder  in  Alkohol  noch  in  Wasser  und  besitzt ­
  den  Vorzug,  sich  unzersetzt  sterilisieren
zu  lassen.
Jodzinkstärkelösung  wird  durch  Kochen  von
Stärke  mit  Zinkchlorid  und  Zusatz  von  Jodzinklösung ­
  dargestellt.  Die  weißlich  opalisierende
Lösung  dient  zum  Nachweis  von  salpetriger
Säure,  von  Chlor  und  Brom  und  als  Indikator
bei  der  Jodometrie.
Johannisbeeren  (lat.  Baccae  ribium,  frz.  Groseilles,
  engl.  Currants)  stammen  von  den  ver
schiedenen  Spielarten  des  ,  Johannisbeerstrauches, ­
  Ribes  rubrum,  dessen  Anbau
über  ganz  Europa  und  Nordamerika  verbreitet
ist.  Die  frischen  J.  finden  als  Tafelobst  und,  in
der  Konditorei  allgemeine  Verwendung  und  dienen ­
  ferner  zur  Bereitung  von  Marmelade,  von
Johannisbeersirup  und  von  Johannisbeer
wein.  Eine  besondere  Abart  ist  die  in  Europa
und  Asien  verbreitete  schwarze  Johannis
beere,  Ribes  nigrum,  deren  Früchte  eine  ganz
schwarze  Farbe  und  ebenso  wie  die  Blätter  einen
eigentümlichen  wanzenartigen  Geruch  haben.  In
geringer  Menge  den  roten  Beeren  zugesetzt,  er
zeugen  sie  bei  der  Gärung  ein  kräftiges  Aroma.
Für  den  Drogenhandel  kommt  hauptsächlich  der
Johannisbeersirup  (lat.  Sirupus  ribium  rubrum ­
  et  nigrum,  frz.  Sirop  de  .groseille,  engl.
Sirup  of  currants)  in  Betracht,  der,  namentlich
von  schwarzen  Beeren,  ein  beliebtes  Mittel  bei
Katarrhen,  speziell  zur  Linderung  des  Keuchhustens, ­
  bildet.
Johannisberger,  einer  der  edelsten,  durch
Kraft  und  Bukett  gleich  ausgezeichneten  weißen
Rheinweine  vom  Johannisberg  gegenüber  Bingen.
Man  unterscheidet  Schloß  Johannisberger,
gebaut  auf  etwa  16  Hektaren  des  Schloßberges
und  d§n  Weinbergen  der  fürstlich  Metternichschen
  Domäne,  vor  allem  aber  die  Auslese  desselben, ­
  Johannisberger  Kabinett,  von  welchem ­
  die  Flasche  an  Ort  und  Stelle  im  Frieden
selten  unter  20  M.  abgegeben  wurde.  Die  Weine
von  den  umliegenden  Weinbergbesitzern  kommen
unter  dem  Namen  Dorf  Johannisberger  in
den  Handel  und  sind,  je  nach  der  Behandlung,
verschieden  geschätzt,  aber  ebenfalls  recht  wert
voll.
Johannisbrot  (Bockshorn,  Karoben,  lat.
Siliqua  dulcis,  Fructus  ceratoniae,  frz.  Caroubes,
engl.  Johnsbread)  nennt  man  die  schotenartigen
Früchte  eines  in  allen  Mittelmeerländern  angepflanzten, ­
  zu  den  Papilionazeen  gehörenden
Baumes  (Ceratonia  siliqua),  der  aus  seinem
oft  krumm  wachsenden  Stamme  zahlreiche  Äste
und  rote  Zweige  treibt.  Die  gefiederten  Blätter
bestehen  aus  2—3  Paar  lederartiger,  dem  Buchsbaum ­
  ähnlicher  Blättchen,  Die  traubenartig  an ­
        <pb n="186" />
        Johanniskraut

181

Jujuben

geordneten  Blüten  haben  einen  fünfspaltigen
rofen  Kelch,  aber  keine  Blumenkrone.  Die  nicht
aufspringenden  Schoten  reifen  im  Juli  und  August, ­
  werden  jedoch  noch  unreif,  von  einem
Baume  bis  zu  so  kg,  gesammelt  und  dann  auf
sonnigen  Plätzen  zum  Trocknen  ausgelegt,  wobei ­
  sie  zugleich  nachreifen  und  eine  Gärung
durchmachon.  Infolge  der  letzteren  bilden  sich
reichliche  Mengen,  bis  zu  50%,  Fruchtzucker.
Daneben  sind  etwas  Fett,  Gerbsäure  und  Buttersäure,
  die  ihnen  einen  besonderen  Geruch  nach
ranziger  Butter  erteilt,  vorhanden.  J.hält  sich  nicht
lange  und  verliert  teils  durch  Einschrumpfen,
teils  durch  Milbenfraß  an  Wert.  Von  den  verschiedenen ­
  Sorten  werden  die  levantinischen  Karoben
  aus  Kleinasien  und  Zypern  am  höchsten
geschätzt,  dann  folgen  die  italienischen,  unter
denen  die  Puglieser  die  besten  sind,  und  schließlich ­
  Sizilien,  Malta,  Dalmatien,  Kreta  und  Spanien. ­
  Die  Ware  kommt  teils  über  Triest  in  Fässern, ­
  teils  geht  sie  zu  Schiffe  und  oft  als  Ballast
nach  den  westlichen  und  nördlichen  Ländern.
In  den  Erzeugungsländern  bildet  sie  eine  allgemeine ­
  Volksspeise,  während  die  geringeren
Sorten  als  Viehfutter  dienen.  Auch  stellt  man
daraus  den  Zucker  in  Sirupform  her  und  benutzt ­
  sie  hier  und  da  zum  Branntweinbrennern
Schließlich  dienen  die  Früchte  zur  Herstellung
von  Tabakbeizen  und  als  Gärungserreger  bei  Bereitung ­
  der  Buttersäure  aus  Stärkezucker,  die
gebrannten  Samenkerne  endlich  als  Kaffee-Ersatz. ­
  Die  stärksten  auswärtigen  Abnehmer  sind
die  Engländer,  welche  die  Frucht  bei  der  geringen ­
  Seefracht  als  ein  billiges  Mastfutter  verwenden ­
  können.  —  Das  Holz  des  Johannisbrotbaums ­
  (Siliquaholz)  ist  ein  ausgezeichnetes  Material ­
  für  feine  Tischlerarbeiten,  wird  aber  nur
an  Ort  und  Stelle  verarbeitet,
Johanniskraut  (lat.  Herba  hyperici,  frz.  Fleurs
de  hyperice,  engl.  Hypericon  flowers),  ein  unwichtiger ­
  Gegenstand  des  Drogenhandels,  besteht  aus
der  getrockneten,  gelb  blühenden  Pflanze  Plypericum
  perforatum,  die  in  allen  Gebirgen
Deutschlands  angetroffen  wird.  Sie  ist  sehr  leicht
daran  zu  erkennen,  daß  ihre  Blätter,  gegen  das
Licht  gehalten,  siebförmig  durchlöchert  erscheinen, ­
  und  wird  als  Wundmittel,  gegen  Blutungen
usw.,  angewandt.
Jonon  ist  der  prachtvolle  künstliche  Riechstoff, ­
  der  nach  dem  Verfahren  seines  Erfinders
Tiemann  durch  tagelanges  Schütteln  gleicher
Teile  Zitral  und  Azeton  mit  Barytlauge  und  nachfolgende ­
  Behandlung  mit  verdünnter  Schwefelsäure ­
  und  Glyzerin  dargestellt  wird.  Das  fast
farblose,  mit  Wasserdampf  flüchtige  Öl  vom  spez.
Gewicht  0,935—0,940  destilliert  bei  10  mm  Druck
zwischen  126  und  128°  über,  besitzt  prachtvollen
Veilchengeruch,  der  aber  erst  in  sehr  starker
Verdünnung  wahrnehmbar  ist,  und  dient  in
Form  seiner  alkoholischen  Lösung  zu  Parfümeriezwecken. ­

Juchten  (Juften,  frz.  Roussi,  Cuir  de  roussi,
c ngl.  Moscowy  leather),  eine  geschätzte  russische ­
  Ledersorte,  die  sich  durch  ihren  eigentümhchen
  Geruch  auszeichnet,  wird  in  den  feinsten ­
  Sorten  aus  den  Häuten  der  Kälber  und
jungen  Kühe,  die  noch  nicht  gekalbt  haben,
&amp;gt;n  den  geringeren  Sorten  aus  Häuten  von  zwei-Ws
  dreijährigen  Rindern  oder  auch  aus  Roßhäuten ­

  hergestellt.  Das  Reinigen  und  Enthaaren
der  Häute  wird  wie  bei  anderem  Leder  ausgeführt, ­
  das  Schwellen  mittels  eines  Breies  von
gesäuertem  Hafermehl  oder  Gerstenschrot,  in
einigen  Gegenden  auch  mit  Hundekot,  das  Gerben ­
  mit  einer  meist  aus  Weiden-,  Fichten-  oder
Birkenrinde  bestehenden  Lohe.  Die  gegerbten
und  gewaschenen  Häute  werden  sortiert,  und
die  besten  als  weißes  J.  verwandt,  während  die
übrigen  schwarz  (schwarzes  J.)  oder  mit  Sandelholz ­
  rot  gefärbt  werden  (rotes  J.).  Durch
Einreiben  mit  einer  Mischung  von  Seehundstran
und  Birkenrindenteer  erhält  es  den  eigentümlichen, ­
  bei  uns  beliebten  Geruch.  Im  übrigen
wird  es  wie  anderes  Leder  weiter  bearbeitet,  gekrispelt,
  grob  und  fejn  genarbt  usw.  Für  den
Handel  ist  zu  beachten,  daß  die  nach  Gewicht
verkauften  J.  tüchtig  mit  Salz  beschwert  und
mit  Talg  und  Tran  eingefettet  sind,  während
dies  bei  den  nach  Stück  verkauften  nicht  der
Fall  ist.
Juchtenrot,  ein  Teerfarbstoff,  besteht  aus
unreinem,  Phosphine  enthaltendem  Fuchsin.
Juckpulver.  Die  Samenhülse  der  in  Ost-  und
Westindien  heimischen  Juckfasel,  Mucuna
pruriens  (Dolichos  pruriens),  die  im  Drogenhandel ­
  als  Siliqua  hirsuta  bezeichnet  wird,
ist  auf  ihrer  Oberfläche  ganz  mit  feinen  rotbraunen, ­
  glänzenden  Haaren  überzogen,  welche
auf  der  Haut  ein  unerträgliches  Jucken  verursachen. ­
  Sie  wurde  früher  in  Pulverform  bei  Lähmungen ­
  und  als  hautreizendes  Mittel  angewandt,
dient  aber  heute  nur  noch  zur  Verübung  von
Unfug.
Judenholz  (Judenbaumholz,  Cercisholz),
das  grüne,  schwarzgeaderte  Holz  eines  in  den
Mittelmeerländern  wachsenden  Baumes,  Cercis
siliquastrum,  dient  zu  Tischlerarbeiten  und
Furnieren.  Cercis  oanadensis  in  Kanada  liefert ­
  ebenfalls  ein  vortreffliches  Nutzholz.
Judenkirschen  (lat.Baccae  alkekengi,  frz.Baies
d’alkekenge,  engl.  Alkekengi  berries),  die  Früchte
von  Physalis  alkekengi,  einer  in  verschiedenen ­
  Gegenden  Deutschlands  wachsenden  Solanazee,
  können,  nach  Entfernung  des  bitter
schmeckenden  Kelches  genossen  werden  und
dienen  zur  Herstellung  eines  harntreibenden
Aufgusses.  Eine  in  Südamerika  wachsende  Art,
Physalis  peruviana,  liefert  sehr  wohlschmekkende
  Früchte  (Ananaskirschen).
Jujuben,  eine  Obstart,  die  ihres  schleim-  und
zuckerreichen  Fleisches  sowie  ihres  Wohlgeschmackes ­
  wegen  gern  roh  genossen,  aber
auch  getrocknet  und  eingemacht  wird,  kommt
in  verschiedenen  Arten  vor;  1.  Gewöhnliche  J.,
die  dunkelscharlachroten,  jiflaumenähnlichen
Früchte  eines  in  den  Mittelmeerländern  wachsenden ­
  Strauches,  Zizyphus  vulgaris  aus  der  Familie ­
  der  Rhamnazeen,  umschließen  einen
dattelkernartigen  Steinkern  und  werden  getrocknet ­
  unter  dem  Nämen  Brustbeeren  (lat.  Fructus
  jujubae,  frz.  Jujubes,  engl.  Jujub)  als  Zusatz
zu  Brusttee  und  bei  Katarrhen  verwandt.  2.  Afrikanische ­
  J.  von  der  nordafrikanischen  Küste
stammen  von  Zizyphus  lotus,  sind  kleiner
und  weniger  süß  und  kommen  als  italienische  J.
in  den  Handel.  Die  Kerne  dienen  geröstet  als
Kaffee-Ersatz.  3.  Indische  J.  von  Zizyphus
Jujuba,  die  nicht  in  den  europäischen  Handel
        <pb n="187" />
        Jute

182

Kabeljau

kommen,  haben  einen  apfelähnlichen  Geschmack
und  werden  mehr  eingemacht  als  roh  genossen.
Die  Rinde  dieser  Art  findet  ähnlich  der  Quassia,
die  Blätter  gegen  Fieber  und  Geschlechtskrankheiten ­
  Anwendung.
Jute  (Judhanf,  Dschut,  Pahthanf,  frz.Jute,
engl.  Jute)  ist  die  Bastfaser  verschiedener  in
Indien  und  auf  den  Sundainseln  heimischen
und  seit  langer  Zeit  angebauten  Corchorusarten,
  besonders  Corchörus  capsularis  und
Corchorus  olitorius,  die  zu  den  Tiliazeen
gehören,  aber  im  Gegensatz  zu  unseren  Linden
einjährige  Sträucher  oder  Kräuter  sind  und  selbst
als  Gemüse  genossen  werden.  Der  Anbau  der  J.
ist  sehr  einfach.  Im  April  oder  Mai  erfolgt
die  Aussaat,  3—3 x /2  Monate  später  während  der
Blüte,  sobald  sie  eine  Hohe  von  3—4  m  und
einen  Durchmesser  von  12—15  mm  erlangt  haben,
das  Schneiden  der  Stengel,  die  von  Blättern  und
Nebenzweigen  befreit  und  in  Bündeln  wie  Fla.chfe
geröstet  werden.  Nach  wenigen  Tagen  läßt  sich
■der  Bast  als  Ganzes  abziehen  und  bildet  dann,  an
■der  Sonne  getrocknet,  die  fertige  Handelsware.  Die
Risten  und  die  Fasern  haben  eine  Länge  von  abis
2,75  m,  ja  sogar  von  4—4,25  m  und  zeigen  bei
den  besten  Jutesorten  helle,  weißgelbe  bis  silbergraue ­
  Farbe,  die  an  den  Spitzen  und  den  übrigen
Teilen  der  Risten  nicht  wesentlich  verschieden
sein  darf.  Die  Fasern  sind  weich,  von  seidenartigem ­
  Glanz,  besitzen  aber  geringere  Festigkeit
als  Hanf  und  Flachs.  Unter  dem  Mikroskop
lösen  sie  sich  in  ein  Bündel  aus  vielen  Elementar-'fasern
  auf,  die  meist  feiner  sind  als  die  Elementarfasern ­
  des  Flachses,  jedoch  gelingt  eine'  Zerlegung ­
  auf  mechanischem  Wege,  z.  B.  durch
Hecheln,  nicht,  sondern  nur  durch  Behandlung
mit  Laugen.  —  Die  schlechteren  Sorten  der  J.
zeigen  gelbe  bis  bräunliche  Farbe  und  schwächeren ­
  Glanz.  Feinheit,  Weichheit  und  Reinheit
sind  geringer,  die  Wurzelenden  härter  und  meist
weit  dunkler.  Auch  besitzen  diese  Sorten  die
Eigenschaft  nachzudunkeln  in  viel  höherem  Grade
als  die  weißen.  J.  läßt  sich  schwer  ganz  weiß
bleichen,  dagegen  leicht  so  weit,  daß  das  Färben
vorgenommen  werden  kann.  Gefärbte  Jutegarne
haben  beinahe  das  Aussehen  von  Wollgarnen.
Unter  Wasser  hält  sich  J.  sehr  gut  und  wird
daher  vielfach  zur  Umwicklung  von  Telegraphenkabeln ­
  benutzt.  Wechselnder  Aufenthalt  in  Luft
und  Wasser  soll  jedoch  eine  rasche  Vermoderung
herbeiführen.  —  Als  Erkennungsmittel  für  J.  in

Leinen-  und  Hanfgeweben  kann  schwefelsaures.
Anilin  benutzt  werden,  welches  die  verholzten
Jutefasern  dunkelgelb  färbt,  Flachs-  und  Hanffasern
  aber  unverändert  läßt.  —  J.  wird  in  der
selben  Weise  wie  Flachs  verarbeitet.  Aus  den
Risten  bester  Herkunft  schneidet  oder  reißt  man
die  Mittelstücke  von  etwa  760  mm  Länge  heraus
und  verspinnt  sie  genau  so  wie  Langflachs..
Besonders  in  England,  Belgien  und  Frankreich
ist  dieses  Verfahren  für  Garne  von  Nr.  16■—20
(ausnahmsweise  auch  Nr.  22)  in  Gebrauch  und
liefert  gehecheltes  Garn  oder  Jute-Linen-Garn..
In  Deutschland  und  Österreich  zerreißt  man  die
Risten  auf  Karden  und  verspinnt  die  so  erhaltenen ­
  kürzeren  Fasern  wie  Hede,  wodurch  jedoch
nur  Garne  unter  Nr.  14  erhalten  werden.  Der
Verarbeitung  in  der  Spinnerei  geht  immer  ein
Einweichen  (Batschen)  voraus,  wozu  die  Risten
in  großen  kistenartigen  Fächern'  übereinander
gelegt  und  schichtenweise  mit  Wasser  und  Robbentran ­
  oder  Mineralöl  besprengt  werden.  Davon
rührt  auch  der  den  rohen  Jutegeweben  meist
anhaftende  Geruch  her.  —  In  Indien  ist  die  J.
schon  lange  zur  Herstellung  von  Seilerwaren  und
gröberen  Geweben  für  Packtücher  und  Säcke
(Gunnycloth,  Gunnisäcke)  benutzt  worden.
In  Europa  fertigt  man  aus  den  Gespinsten  ebenfalls ­
  in  erster  Linie  billige  Verpackungsmateriale,
Packtücher,  Säcke  für  Getreide,  Mehl,  Zucker
usw.;  ferner  Segeltuch,  Zwillich  und  Drillich  und
schließlich  auch  Teppiche,  Läufer,  Tischdecken
und  Vorhänge.  Alle  diese  Waren  sind  bei  gefälligem ­
  Aussehen  sehr  billig,  fasern  aber  fortwährend, ­
  dunkeln  nach  und  sind  feuergefährlich,
denn  J.  brennt  leicht,  und  das  Feuer  läßt  sich
nur  schwer  ersticken.  Von  weiteren  Erzeugnissen
seien  noch  Bindfaden.  Gurte,  Zünder,  Lampen
dochte  sowie  Jutesamt,  der  als  Möbelstoff,
für  Vorhänge  usw.  Verwendung  findet,  erwähnt.
Rohe  J.  ist  ein  sehr  geschätztes  Verbandmaterial, ­
  und  aus  den  Abfällen  und  Hadern  läßt  sich
recht  gut  Papier  geringerer  Güte  herstellen,
-—  Die  Juteindustrie  hat  sich  innerhalb-  weniger
Jahrzehnte  zu  großer  Bedeutung  emporgearbeitet.
Während  des  Krimkrieges  griffen  die  englischen
und  schottischen  Spinnereien  aus &amp;gt;  Mangel  an
russischem  Hanf  und  Flachs  zur  J.  Die  Baum
wollennot  während  des  amerikanischen  Krieges
trat  dann  weiter  fördernd  hinzu,  und  jetzt  werden
bereits  gegen  1000000  t  in  Europa  und  Indien
verarbeitet.

K.

Kabeljau  (frz.  Cabillaud,  engl.  Cod),  der  größte
Fisch  in  der  Familie  der  Schellfische,  Gadus
  morrhua,  von  1—-d/j  'm  Länge,  oberhalb
graubraun  und  gelblich  gefleckt,  unten  rötlichweiß, ­
  mit  drei  Rücken-  und  zwei  Bauchflosscn,
findet  sich  in  allen  nördlichen  Meeren  und  kommt
in  den  verschiedensten  Zubereitungsformen  in
den  Handel.  Einfach  an  der  Luft  getrocknet,
bildet  er  den  Stockfisch.  Wird  er  sofort  zerlegt
und  eingesalzen,  so  heißt  er  Laberdan,  erst  gesalzen ­
  und  dann  zum  Trocknen  dar  Sonne  oder
Luft  ausgesetzt,  wird  er  zum  Klippfisch  Der

Stockfisch  wird,  wenn  ganz  aufgeschnitten  und
breit  gelegt,  als  Breitfisch,  bloß  ausgenommen
und  sonst  ganz  gelassen  als  Rundfisch  be
zeichnet.  Der  gesalzene  Fisch  heißt  in  Norwegen ­
  Salzdorsch.  —  Der  K.  ist  einer  der
wertvollsten  Fische  und  wird  in  allen  Teilen  aus
genutzt.  Das  Fleisch  bildet  ein  gehaltreiches  Nahrungsmittel, ­
  die  Zungen  gelten  als  Leckerbissen,
die  Leber  dient  zur  Herstellung  von  Lebertran
(s.  d,),  die  Blasen  geben  Fischleim,  Köpfe  und
Eingeweide  werden  getrocknet  oder  gekocht  als
Viehfutter,  und  die  ausgeschnittenen  Rückgrat ­
        <pb n="188" />
        Kabinettweine

183

Käse

stücke  in  holzärmen  Gegenden  zur  Feuerung  benutzt. ­
  Trotzdem  gab  es  namentlich  auf  den  Lofoten ­
  immer  noch  Unmassen  von  Abfällen,  die
der  Verwesung  überlassen  blieben,  seit  einer
Reihe  von  Jahren  jedoch  zu  Fischguano  (s.  d.)
verarbeitet  werden.  Der  Rogen  endlich  wurde
alljährlich  in  bedeutenden  Mengen  nach  Frankreich ­
  eingeführt,  um  hier  als  Köder  beim  Fangen ­
  von  Anchovis  und  Sardellen  zu  dienen,  hat
sich  aber  während  des  Krieges  zum  Range  eines
menschlichen  Nahrungsmittels  erhoben.
Kabinettweine  nennt  man  die  edelsten  Sorten
der  Rheinweine,  z.  B.  Johannisberger  K,,  Steinberger ­
  K.,  die  vor  dem  Kriege  mit  24—25,  ja
35  M.  die  Flasche  und  mit  20—30  000  M.  das
Stückfaß  bezahlt  wurden.
Kadeöl  (Wachold  er  teer,  lat.  Oleum  cadinum,
  Ol.  juniperi  empyreumaticum,  s.  oxycedri,
frz.  Huile  de  cade,  engl.  Oil  of  cade),  ein  durch
trockene  Destillation  des  Holzes  von  Juniperus
oxycedrus,  einer  Wacholderart  (Spanische  Zeder), ­
  1  in  der  Provence  hergestelltes  brenzlich
riechendes  Öl  von  anfangs  gelblicher,  später
brauner  Farbe,  wird  in  der  Tierarzneikunde  und
zuweilen  noch  äußerlich  verwandt.
Kadmium  (lat.,  frz.,  engl.  Cadmium),  ein  zinnbis
  silberweißes  Metall  vom  Atomgewicht  Cd
—  112,4,  findet  sich  in  der  Natur,  abgesehen  von
dem  seltenen  Mineral  Greenockit  (K.-Sulfid),
nur  in  Gesellschaft  des  Zinks,  in  dessen  Erzen  es
in  Menge  von  1—5  °/o  vorkommt,  und  bei  dessen
Gewinnung  es  meist  als  Nebenprodukt  erhalten
wird.  Bei  der  trockenen  Destillation  des  Zinks
geht  zuerst  das  leichter  flüchtige  K.  über  und
sammelt  sich  in  Form  seines  Oxydes  in  dem  sog.
Zinkofenrauch  und  dem  Flugstaube  der  Zinkhütten
an,  aus  dem  man  es  unter  Zuschlag  von  Kohlenklein ­
  abdestilliert.  Das  in  den  Vorlagen  befindliche ­
  Metallpulver  wird  in  Kohletiegeln  unter
einer  Talgschicht  geschmolzen  und,  in  Stängelchen
  von  etwa  80  g  gegossen,  in  den  Flandel  gebracht. ­
  Zur  Entfernung  von  meist  beigemengtem
Zink,  das  eine  größere  Sprödigkeit  verleiht,
folgt  bisweilen  noch  eine  Reinigung  auf  nassem
Wege.  Das  K.,  das  dem  Zink  in  seinem  chemischen ­
  Verhalten  ähnelt  und  beim  Biegen  den
sog.  Zinnschrei  zeigt,  überzieht  sich  an  der  Luft
mit  einer  dünnen  Oxydschicht  und  wird  von
Säuren  nur  schwierig  gelöst.  Aus  der  sauren  Lösung ­
  fällt  Schwefelwasserstoff  unlösliches  gelbes
Sulfid.  Beim  Erhitzen  an  der  Luft  verbrennt  es
mit  roter  Flamme  zu  braunem  Oxyd.  Das  hämmerbare, ­
  ziemlich  harte  Metall,  das  sich  zu  Draht
ausziehen  und  zu  Blech  walzen  läßt,  hat  ein  spez.
Gew.  von  8,6  und  einen  Schmelzpunkt  von  321 0 .
Bei  778—780°  siedet  es  und  gibt  einen  gelben
Dampf,  der,  eingeatmet,  gesundheitsschädlich  wirkt.
Seine  wichtigste  Eigenschaft  ist  die  Bildung  überaus ­
  leicht  schmelzbarer  Legierungen  mit  Zinn,
Blei  und  Wismut,  die  mannigfache  technische
Anwendung  finden.  Das  sog.  Woodsche  Metall ­
  (12,s  %  Kadmium  und  Zinn,  250/0  Blei,  50  o/ 0
Wismut),  das  schon  bei  70  °  ,  wie  Siegellack  schmilzt,
dient  zur  Herstellung  von  Matrizen  für  Galvanoplastik, ­
  von  Schnellet  und  Metallkitten,  eine  Legierung ­
  mit  Quecksilber  zur  Ausfüllung  hohler
Zähne.  Legierungen  mit  Gold,  Silber  und  Kupfer
werden  von  Juwelieren  und  Goldschmieden  benutzt.
Das  reine  Metall  findet  bei  der  Herstellung  von

Glühlampen  (Kadmiumlampen)  und  von  Normalelementen ­
  Verwendung.  Von  den  Verbindungen
bildet  das  Schwefelkadmium  (Kadmiumgelb.
Brillantgelb,  Jaune  brillant)  eine  ausgezeichnete ­
  Künstlerfarbe,  während  das  Sulfat  Bromid
und  Jodid  in  der  Photographie  Anwendung  finden.
Die  Erzeugung  der  oberschlesischen  Zinkhütten
stieg  von  100  kg  im  Jahre  1852  auf  43000  kg  im
Jahre  1912,  der  Preis  sank  von  16  M.  auf  s  M.  für
I  kg.  Geringere  Mengen  werden  in  Belgien,
Frankreich  und  Amerika  erzeugt.
Käse  (frz.  Fromage,  engl.  Cheese).  Dieses  wertvolle, ­
  seit  den  ältesten  Zeiten  bekannte  Nahrungsmittel, ­
  wird  im  Prinzipe  noch  heute,  wie  einst  von
den  Völkern  des  Altertums,  in  der  Weise  hergestellt, ­
  daß  man  die  Stickstoffsubstanz  (Kasein,
Käsestoff)  der  Milch  in  fester  Form  abscheidet
und  einem  durch  Mikroorganismen  (Bakterien,
Pilze)  verursachten  Reifungsprozesse  unterwirft.
Die  Abscheidung  des  Kaseins  erfolgt  beim  Sauerwerden ­
  der  Milch  freiwillig,  aus  süßer  Milch
hingegen  durch  Zusatz  eines  Auszuges  aus  Kälbermagen ­
  (Lab).  Je  nach  der  Art  der  benutzter
Milch,  ob  Voll-  oder  Magermilch,  und  des  Dicklegungsverfahrens, ­
  ob  durch  freiwillige  Säuerung
oder  durch  Lab,  unterscheidet  man  Süßmilchund
  Sauermilch-,  Fett-  und  Magerkäse.  Bei  der
Bereitung  der  Süßmilchkäse  mit  Lab  umschließt ­
  das  geronnene  Kasein  auch  noch  das
ganze  Fett  nebst  einem  Teile  des  Milchzuckers
und  außerdem  die  Gesamtmenge  des  phosphorsauren ­
  Kalks.  Bei  den  Sauermilchkäsen,
welche  übrigens,  vom  Harzkäse  abgesehen,  nur
geringe  Bedeutung  für  den  Handel  haben,  bleiben ­
  die  Phosphate  zum  Teil  in  Lösung.  In
beiden  Fällen  wird  der  Niederschlag  von  der
Flüssigkeit,  den  Molken,  getrennt,  nach  Zusatz
von  etwas  Kochsalz  gepreßt,  und  die  feste  bröcklige ­
  Masse,  der  Quark,  der  auch  für  sich  in  den
Handel  kommt,  in  besondere  Formen  gebracht
und  der  Reifung  überlassen.  Im  Verlaufe  dieses
Prozesses,  mit  welchem  neben  Gewichtsverlusten
verschiedene  chemische  Umwandlungen  verbunden ­
  sind,  treten  vor  allem  als  Zersetzungsprodukte ­
  der  Stickstoffsubstanz  Amide,  Ammoniak
und  Amidosäuren,  wie  Leuzin  oder  Tyrosin,  auf.
Der  Käsestoff  nimmt  ein  speckiges  Aussehen  an
und  verwandelt  sich  in  Parakasein,  eine  in
So—60  °/o  igem  Alkohol  unlösliche  Modifikation
des  frischen  Kaseins.  Gleichzeitig  ändert  sich
auch  die  Zusammensetzung  des  Fettes  durch  Abspaltung ­
  freier  und  flüchtiger  Fettsäuren,  vor
allem  von  Buttersäure,  Valerian-  und  Kapronsäure,
welche,  zum  Teil  in  Verbindung  mit  Ammoniak
und  Amiden,  neben  anderen  Riechstoffen  den
charakteristischen  Geruch  des  Käses  hervorrufen.
Die  bei  einigen  Sorten,  besonders  dem  Schweizerkäse, ­
  beobachtete  Lochbildung  beruht  auf
einer  Zerlegung  des  Milchzuckers,  nach  einigen
Autoren  auch  des  Kaseins,  zu  gasförmiger  Koh
lensäure,  welche  die  noch  weiche  Masse  aufbläht. ­
  Nach  dem  Fettgehalte  unterscheidet  man:
1.  Rahmkäse  (Sahne-,  Creme-,  vollfette  K.),  die
aus  Rahm  oder  einem  Gemisch  von  Rahm  mit
Vollmilch  hergestellt  werden  und  mindestens
So°/o  Fett  in  der  Trockenmasse  enthalten.  Zu
ihnen  gehören:  Gervais,  Imperial,  Stilton  (s.  d.).
2.  Fettkäse  aus  unabgerahmter  Vollmilch,  die
wenigstens  40  o/o,  Fett  in  der  Trockenmasse  ent ­
        <pb n="189" />
        Käse

184

Kaffee

halten  sollen:  Emmentaler  oder  Schweizerkäse
(s.  d.),  Holländer  (Gouda-,  Edamer-K.,  s.  d.),  Tilsiter-, ­
  Wilstermarsch-,  Chester-  (s.  d.),  Liptauer-(s.d.),
  Steppen-,  Münster-,  Schachtel-,  Weißlacker-,
Bier-,  Brioler-,  Woriener-,  Romadour-(s.d.),  Roquefort-(s.d.), ­
  Gorgonzola-(s.d.),  Brie-(s.d.),  Camembert-, ­
  Neufchäteller-,  Elbinger-  oder  Werder-Niederungskäse.
  Den  an  Fettkäse  zu  stellenden
Anforderungen  müssen  auch  alle  Käse  mit  Phan
tasienamen  (wie  z.  B.  Dessert-,  Delikateß-,  Appetit-, ­
  Frühstücks-,  Tafel-,  Portions-,  Kronen-,  Schloß-,
Kloster-,  Alpen-,  Gebirgs-,  Kaiser-,  Bismarck-,
Zeppelin-  usw.  Käse)  entsprechen.  3.  Halbfette
Käse,  aus  teilweise  entrahmter  Milch,  mit  wenigstens ­
  20  °/o  Fett  in  der  Trockenmasse:  Limburger- ­
  (s.  d.),  Parmesan-  (s.  d.)  und  Joghurtkäse.
4.  Magerkäse,  aus  abgerahmter  Milch,  zu
denen  von  Sauermilchkäsen:  Mainzer  ,  Harzer-,
Thüringer-,  Hand-,  Faust-,  Stangen-,  Spitz-,
Korb-,  Goldleisten-,  Quargel  ,  Klatsch-,  Schicht-,
Haus-,  Land-,  Kuh  ,  Topf-,  Koch-,  Quarg  ,  Hopfen:, ­
  Ziegen-,  Kräuter-  s.d,',  Nieheimer-,  Kümmelkäse, ­
  von  Weichkäsen;  Backstein  und  Quadratkäse, ­
  von  Hartkäsen:  Holsteiner-,  Leder-  und
Graukäse  gehören.  Außer  den  unter  I  und  2
angeführten  Feilstufen  untersch  iJet  man  wohl
auch  dreivicrtelfetten  K.  mit  mindestens  30%
und  viertelfettea  K.  mit  mindestens  10»/o
Fett  in  der  I  ecke  uu.a-ise.  Als  Ziegen  oder
Schaf  K.  bezeichnen.'.  K.  rnn-sen  aus  der  Mi.eh
der  betreffenden  Tiere  hergestellt  sein.  AlleT
Käse,  zu.  dessen  Herstellung  fremdes,  d.  h.  nicht
der  Milch  entstammendes  Fett  benutzt  worden
ist,  muß  als  Margar  1  ae-K.  bezeichnet  werden
und  einen  Zusatz  von  Sesamöl  (s.  Margarine)  erhalten. ­
  Er  scheint  übrigens  wenig  Anklang  gefunden ­
  zu  haben  und  wird  im  Handel  kaum  noch
angetroffen.  —  Im  Hinblick  auf  seine  leichte
Verdaulichkeit  und  seinen  hohen  Nährstoffgehalt
gehört  der  Käse  zu  den  wertvollsten  Nahrungs-,
mittein,  und  die  Magerkäse  vor  allem  sind  als  die.
preiswürdigste  Stickstoffnahrung  zu  bezeichnen.
In  ihnen  erhält  man  für  dasselbe  Geld  dreimal
soviel  Nährstoffe  wie  im  Fleische,  ein  Beweis,
daß  sie  vor  allem  geeignet  sind,  den  offenkundigen ­
  Stickstoffmangel  in  der  Nahrung  der  unbemittelten ­
  Kreise  auszugleichen.  Eigentliche
Verfälschungen  des  K.  durch  Margarine,  Mehl,
Gips  und  Kreide,  von  denen  die  Lehrbücher  berichten, ­
  gehören  zu  den  größten  Seltenheiten,
und  auch  die  früher  beobachtete  ekelhafte  Behandlung ­
  mit  Urin  dürfte  zurzeit  kaum  noch  Vorkommen. ­
  Um  so  häufiger  sind  dafür  gewisse  sog.
Käsefehler,  welche  auf  unrichtiger  Flerstellung
beruhen  und  sich  in  dem  Auftreten  bitteren  Geschmacks, ­
  blauer,  grüner,  roter  und  schwarzer
Verfärbungen  äußern.  Sie  sind  meist  auf  die
Tätigkeit  unerwünschter  Bakterien  zurückzufüh
ren  und  Grund  zur  Entfernung  solcher,  zum  mindesten ­
  unappetitlicher  Erzeugnisse  aus  dem  Handel. ­
  In  neuerer  Zeit  ist  auch  mit  Erfolg  gegen
die  Unterschiebung  von  Magerkäse  an  Stelle  der
fetten  Schweizer  und  Holländer  Käse  eingeschritten ­
  worden.  Bei  der  Beurteilung  der  K.  auf
Verdorbenheit  ist  wegen  der  Vorliebe  mancher ­
  Leute  für  überreife,  zerfließende  und  stark
riechende  Erzeugnisse  eine  gewisse  Zurückhaltung ­
  geboten.  Immerhin  sollten  aus  Rücksicht
auf  das  Vorkommen  von  Käsegift  allzu  stark  zersetzte ­

  K.  und  aus  Gründen  der  Appetitlichkeit
madenhaltige  Käse  vom  Verkehr  ausgeschlossen
werden.
Kaffee  (frz.  Cafe,  engl.  Coffee)  ist  der  von
Fruchtschale  vollständig  und  der  Samenschale
(Silberhaut)  größtenteils  befreite  Same  verschiedener ­
  Pflanzen  der  zu  den  Rubiazeen  gehörigen
Gattung  Coffea.  Von  den  50—60  Arten,  die
im  tropischen  Afrika  und  Asien  verkommen,
beansprucht  der  arabische  Kaffeebaum,  Coffea ­
  arabica,  die  höchste  Beachtung.  Der  etwa
6  m  hohe  Baum  mit  lederartigen  kurzgestielten
Blättern  und  weißen  jasrninartigen  Blüten  trägt
kirschenähnliche  Früchte,  die  anfangs  grün,  dann
rot  und  zuletzt  violett  erscheinen  und  in  einem
süßen  Fruchtfleisch  zwei  ovale  Samen  mit  an
beiden  Seiten  eingeschlagenen  Längsrin.nen  enthalten. ­
  Zuweilen  wird  nur  ein  Same  ausgebildet, ­
  der  dann  völlig  rund  ist  und  den  sog.  Perlkaffee ­
  bildet.  Die  Heimat  des  arabischen  K.  ist
Afrika,  von  wo  er  nach  Arabien  verpflanzt  wurde
und  sich  später  durch  Kultur  über  die  meisten
Tropenländer  verbreitete.  Coffea  lihcrica,
der  Liberiakaffeebaum  Westafrikas,  hat
größere  Blüten  und  kugelige,  viel  größere
Früchte  als  der  vorige.  Da  et  auch  außerhalb ­
  der  Tropen  gedeiht,  wurde  er  vielfach  zur
Kultur  empfohlen,  hat  sich  aber  infolge  des
hohen  Hüllengewichts  und  der  ein  volles  Jahr
dauernden  Reifezeit  nicht  bewährt.  Coffea
stcnophylla.  mit  eirunden  Früchten,  aus  Sierra
Leone,  ferner  C.  laurina.  C.  Za.ngueha.riae
und  C.  microcarpa  werden  m  Oslafrika  als
Genußmittel  verwandt,  kommen  aber  für  Europa
nicht  in  Betracht.  Der  K.  wird  hauptsä.  blich  in
Gebirgsgegenden  bis  950  111  Höhe  angebaut,  und
zwar  besonders  da,  wo  es  nicht  an  Feuchtigkeit
und  Schatten  fehlt.  Hauptanbauländer  sind  Brasilien, ­
  Westindien,  Mittelamerika,  Sumatra,  Java,
Zeylon,  Ostindien,  Arabien  und  einzelne  Teile
von  Afrika,  Auch  bringen  die  deutschen  Kolonien
brauchbaren  K.  (Usambara)  in  den  Handel.
Man  besetzt  die  Kaffeeplantagen  meist  mit  Pflänzlingen ­
  aus  Samenzucht,  mit  Überschutz  durch
Bäume  und  verpflanzt  die  Setzlinge  von  60—90cm
Höhe  auf  2—2,5  m  Abstand.  Die  Kronen  werden
gestutzt,  und  die  Bäumchen  bis  zu  2  m  hoch  gehalten. ­
  Sie  tragen  vom  3.—20.  Jahre  mit  zunehmender ­
  Verbesserung  der  Ernte.  Die  Gewinnung
der  Samen  (Bohnen)  erfolgt*  entweder  nach  dem
sog.  trockenen  Verfahren  durch  Austrocknen  der
Früchte,  Zerquetschen  und  Entfernung  der  Hülsen ­
  durch  Schwingen  oder  nach  dem  neuen,
sog.  nassen,  westindischen  oder  brasilianischen
Verfahren,  indem  man  die  in  Wasser  erweichten
Früchte  mittels  einer  Maschine,  des  Despolpador,
  derart  zerquetscht,  daß  die  Samen  von
dem  Fleische  getrennt  werden.  Nach  Waschen  in
Rührwerken  wird  die  Samenschale  durch  eine
Descador  genannte  Maschine  entfernt.  Man  erzielt ­
  je  nach  Boden,  Klima  und  Pflege  0,5  (Java)
bis  3  kg  (Arabien)  von  einem  Baume.  Der  rohe
Kaffee  ist  ungenießbar  und  dient  nur  zur  Darstellung ­
  des  Koffeins.  Zum  Genußmittel  wird  er  erst
durch  das  Rösten,  bei  welchem  das  Gewicht  der
Bohnen  unter  gleichzeitiger  Volumvergrößerung
um  etwa  20  °/o  abnimmt.  Um  zu  große  Verluste
an  flüchtigen  Stoffen  zu  vermeiden,  röstet  man  in
geschlossenen.  Zylindern,  und  zwar  beim  Groß ­
        <pb n="190" />
        Kaffee

185

Kaffee-Ersatzstoffe

betriebe  entweder  in  Dampfzylindern  (Dampfkaffee)
  oder  neuerdings  vielfach  mit  elektrischer ­
  Heizung.  Für  den  Haushalt  ist  es  am
besten,  nicht  zu  große  Mengen  auf  einmal  zu
brennen,  da  längeres  Aufbewahren  den  Wert  verringert. ­
  Das  Brennen  darf  nur  unter  langsamem
Drehen  der  Trommel,  bei  gleichmäßigem  Feuer
und  nur  so  lange  erfolgen,  bis  die  Bohnen  anfangen ­
  zu  knallen  und  sich  hell  kastanienbraun
färben,  nicht  aber  bis  zum  Schwitzen  und  Fettigwerden.
  Der  Gebrauch,  etwas  Butter  mit  in  die
Trommel  zu  tun,  damit  die  Bohnen  ein  glänzendes ­
  Aussehen  bekommen  und  die  Schmutzschicht
besser  loslassen,  ist  nicht  zu  empfehlen  und  bei
vorherigem  Waschen  überflüssig.  Heißes  Wasser
entzieht  dem  stark  gerösteten  K.  mehr  lösliche
Bestandteile  als  dem  schwach  gerösteten,  der
erstere  ist  aber  bitterer  und  weniger  aromatisch.
Zur  Aufbewahrung  sind  verschlossene  Büchsen
zu  verwenden.  Die  Kaffeebereitung  geschieht
durch  Kochen  der  gemahlenen,  gerösteten  Bohnen ­
  mit  Wasser,  oder  durch  Aufgießen  von  siedendem ­
  Wasser  und  Filtration  mittels  Kaffeesacks
  oder  Kaffeesiebs  (Arndtscher  Kaffeetrichter).
  Das  erstere  Verfahren  gibt  bessere  Ausnutzung ­
  der  löslichen  Stoffe,  aber  auf  Kosten  des
Geschure  ks,  da  das  Vrotna  zum  Teil  verloren
geht.  Der  K.  gehört  zu  den  aikaloidhahigru
Gumißmilteln.  erregt  aas  Gefäß-  und  .Nervensystem, ­
  beschleunigt  den  Pul-  /euci  Wä'inegefüh,
  verringert  die.  Zahl  u  r  Vermöge  ;i:nö
regt  die  geistigen  Fähig'-"-lieh  iiu-i  Gedanken
an.  Gleich  •  big  vcfsehet  cht  er  den  Schlaf,  vormehrt
  die  Harnabsimderunfe  und  steigert  die  Arbeitsleistung. ­
  Sein  wi  Irrigster  Bestandteil  ist
das  Koffein  /-•.  &amp;lt;1.  .  von  welchem  dt"  rohe  K.
etwa  i,2o/o  enthält.  W-eiier  sind  vorhanden  te :l /o
Brotein,  12,30/0  Fett,  8,5  %  Zucker,  32,80/0  stick
stofffreie  Extraktstoffe  (darunlcr  3—6%  Kaffeegerbsäure), ­
  18,20/0  Holzfaser,  n,2°/o  Wasser  und
3,8  °/o  Asche.  Durch  das  Rösten  entstehen  aromatische ­
  Stoffe  unbekannter  Art,  während  der
Zucker  größtenteils  in  Karamel  übergeht,  das
Koff  ein  aber  nahezu  unverändert  bleibt.  Der  K.
unterliegt  in  ganzem  wie  in  gemafilcncm  Zustande ­
  zahlreichen  Verfälschungen.  Zwar  hat
die  Unterschiebung  völlig  nachgemachter  Bohnen ­
  aus  Ton,  Steinnuß  oder  Mehltoig  ziemlich
aufgehört,  seitdem  der  sog.  Gassensche  Kunstkaffee ­
  durch  Bundesratsbeschluß  verboten  wurde,
aber  sehr  häufig  wird  der  rohe  K.  noch  mit
Berlinerblau,  Indigo,  Talk,  Kurkuma,  Chromgelb
oder  Ocker  künstlich  gefärbt,  um  schlechter
oder  mißfarbiger  Ware  ein  schöneres  Aussehen
*u  verleihen.  Mit  dem  Rösten  sind  weiter  zahlreiche ­
  Kunstgriffe  verbunden,  die  entweder  das
Gewicht  erhöhen  oder  ein  schöneres  Aussehen
kervorrufen  sollen,  wie  Zusätze  von  Zwiebeln,
Kakao  oder  Alkalien.  Das  sog.  Glasieren  wird
((Urzeit  meist  als  zulässig  angesehen,  falls  dabei
Zucker  oder  Schellack  in  nicht  zu  großer  Menge
(höchstens  7  bzw.  0,5  Teile  auf  100  Teile  Rohkaffee) ­
  benutzt  werden  und  die  Bezeichnung  „mit
Sebranntem  Zucker  oder  Schellack  überzogen“
angebracht  wird.  Hingegen  ist  die  Verwendung
anderer  Überzugsstoffe  wie  Tannin,  Paraffin  oder
Glyzerin  sowie  die  Verdeckung  minderwertiger
Beschaffenheit  durch  Überzugsstoffe  zu  verwerfen.
Unzulässig  ist  auch  die  Behandlung  mit  Soda.

Pottasche,  Kalk,  Zuckerkalk  und  Ammonsalzen.
Der  Wassergehalt  soll  12%  bei  Rohkaffee,  50/0
bei  geröstetem  K.  nicht  übersteigen.  Ganz  oder
teilweise  des  Koffeins  beraubter  K.  muß  entsprechend ­
  gekennzeichnet  sein,  und  zwar  als
„koffeinarm“,  wenn  er  höchstens  0,2°/o,  als  koffeinfrei, ­
  wenn  er  höchstens  0,8  0/0  Koffein  enthält. ­
  Zusätze  fremder  Stoffe  auch  zu  als  „Kaffeemischung"
  bezeichneten  Proben  haben  als  Verfälschung ­
  zu  gelten.  Ihr  Nachweis  erfolgt  mit
Hilfe  der  chemisch-mikroskopischen  Analyse.  —■
Nach  ihrer  Herkunft  unterscheidet  man  zahlreiche ­
  Kaffeesorten,  deren  Form,  Farbe,  Reinheit ­
  und  Aroma  die  mannigfaltigsten  Abweichungen ­
  zeigt.  Als  wertvollste  gilt,  der  aus  eirunden ­
  grünlichen  Bohnen  bestehende  arabische ­
  oder  Mokka-K„  welcher  kaum  zu  uns  gelangt ­
  und  im  europäischen  Handel  vielfach  durch
untergeschobene  Java-  und  Zeylon-K.  ersetzt  wird.
Der  Güte  nach  folgen  dann  die  niederländisch-indischen ­
  Sorten,  von  denen  der  glänzende ­
  weißliche  bis  hochgelbe  oder  gelblichbräunliche
  Java  am  höchsten  geschätzt  wird.  Geringere ­
  Javas  sind  bräunlich  oder  bräunlichgrün,
oder,  wie  der  Samarang,  gelbbraun  und  großbohnig, ­
  oft  mit  schwarzen  untermengt.  Von  Zelebcs
  stammt  der  gelbe  bis  hlaßgrünliche,  großbohnige, ­
  vorzügliche  Menado  und  der  ähnlich
aussehende,  aber  minderwertige  Makassar.  Als
geringste  ostindische  Sorte  gilt  der  Sumatra
mit  großen  dunkelgelben  und  braunen  Bohnen,
der  meist  hach  China  geht.  Die  Philippinen  liefern ­
  den  Manila.  Sehr  wertvoll  ist  der  Planlat
  io  n-Zeyl  011  mit  kleinen,  schmalen,  blaugrünen
  Bohnen,  während  die  längeren,  gelbgrünen ­
  Natives  von  Zeylon  weniger  geschätzt
werden.  Das  indische  Festland  liefert  die  ziemlich ­
  breiten,  grünlichen  und  an  der  Innenfläche
konkaven  Neilgherrys,  ferner  Mysöre  und
Madras,  die  Insel  Bourbon  die  ungleichmäßige
Sorte  Reunion  und  DeutschostafrikadenUsambara.
  Von  den  westindischen  Kaffeesorten  gelten
Kuba  und  Portoriko  als  die  besten,  dann  folgenjamaika
  und  S.Domingo,  und  vom  mittelamerikanischen
  Festlande  Mexiko,  Kostarika,
Guatemala  und  Nikaragua.  Aus  Südamerika
sind  zu  erwähnen  Surinam,  eine  vorzügliche
Sorte  mit  kleinen  grünlichen  Bohnen,  und  die
zahllosen  brasilianischen  Sorten,  von  denen  Rio,
Santos,  Bahia  und  Kampinas  die  bekanntesten ­
  sind.  Nicht  als  Kaffeesorten,  sondern  als  Ersatzmittel ­
  sind  aufzufassen  der  Sultan-  oder
Sakka-K.  (Cafe  ä  la  Sultane),  der  aus  dem  gerösteten ­
  Fruchtfleische,  und  der  Cafe  moude
(Krischet),  der  aus  den  gerösteten  Schalen  besteht. ­
  Zum  Versand  gelangt  der  K.  als  Gut,
Mittel,  Ordinär  und  Triage  (d.  s.  zerbrochene,
mißfarbige  Bohnen):  Brack-K.,  marinierter
oder  havarierter  K.  ist  durch  Seewasser  verdorben. ­
  Die  Gesamterzeugung  an  K.  wird
jetzt  für  den  Handel  auf  mindestens  1V2  Milliarden ­
  Kilogramm  veranschlagt.  Davon  liefert  Brasilien ­
  etwa  i,i  Milliarden,  das  übrige  Amerika
300,  Asien  und  Afrika  10—15  Millionen.  Der
Kaffeeverbrauch  ist  in  beständiger  Zunahme  begriffen ­
  und  beträgt  in  Deutschland  mehr  als
200  Millionen  Kilogramm.
Kaffee-Ersatzstoffe  nennt  man  Zubereitun
gen,  die  durch  Rösten  von  Pflanzenteilen,  auch
        <pb n="191" />
        Kaffee-Ersatzstoffe

186  Kaiserbrunnen  in  Aachen

unter  Zusatz  anderer  Stoffe,  hergestellt  werden,
mit  heißem  Wasser  ein  kaffeeähnliches  Getränk
liefern  und  dazu  bestimmt  sind,  als  Ersatz  des
Kaffees  zu  dienen.  Da  sie  mit  Ausnahme  des
aus  getrockneten  Kaffeschalen  bestehenden  Sakka-
  oder  Sultankaffees  und  der  gerösteten
Kaffeeblätter,  die  aber  nicht  in  den  hiesigen  Verkehr ­
  gelangen,  frei  von  Koffein  sind,  erscheint
die  Bezeichnung  K.  weniger  treffend  als  das  früher
übliche,  jetzt  verpönte  Fremdwort  Kaffeesurrogat. ­
  Als  Rohstoffe,  die  z.  T.  in  besonderen  Abschnitten ­
  besprochen  sind,  kommen  hauptsächlich
folgende  in  Betracht:  i.  Zuckerhaltige  Wurzeln
(Zichorie,  Rübe,  Möhre);  2.  zuckerreiche
Früchte  (Feigen,  Johannisbrot);  3.  stärkereiche
Früchte  und  Samen  (Gerste,  Roggen,  Eicheln);
4.  gemälztes  Getreide  (Gersten-,  Roggenmalz);
5.  fettreiche  Früchte  (Erdnüsse,  Sojabohnen);
6.  Zuckerarten;  7.  als  vor  oder  nach  dem  Rösten
gemachte  Zusätze:  zucker-,  gerbstoff-  und  koffeinhaltige ­
  Pflanzenauszüge,  Kolanüsse,  Speisefette ­
  und  -öle,  Kochsalz,  Alkalikarbonate  und
Wasser.  Die  K.  gelangen  sowohl  gemahlen  wie
ungemahlen  in  den  Verkehr,  Getreide-  und  Malzkaffee ­
  meist  unzerkleinert,  Zichorien-  und  Feigenkaffe ­
  als  Pulver  oder  knetbare  Masse,  alle  K.
auch  wohl  in  bestimmte  Formen  (Würfel)  gepreßt.
Die  Zusammensetzung  hängt  von  der  Art  der
benutzten  Ausgangsmaterialien  ab,  ebenso  der
Geruch  und  Geschmack  des  Aufgusses,  der  demjenigen ­
  des  gerösteten  Kaffees  mehr  oder  weniger
nahe  kommt.  Zur  Vermeidung  von  Irreführungen
müssen  alle  diese  Erzeugnisse  in  deutlicher  Weise
als  Ersatzstoffe  gekennzeichnet  werden.  Ihre
Bezeichnung  darf  das  Wort  Kaffee  nur  in  den
Wortverbindungen;  Zichorienkaffee,  Feigenkaffee, ­
  Gersten-,  Roggen-,  Korn-,Weizen-, ­
  Malz-,  Eichelkaffee  sowie  Kaffee-Ersatz, ­
  Kaffeezusatz,  Kaffeegewürz  enthalten,  hingegen ­
  sind  andere  Wortbildungen  wie;  Deutscher ­
  Kaffee  (Kichererbse),  Frankkaffee  (Zichorie), ­
  Kneippkaffee  (Gerste  oder  Malz),  Berings
  Kraftkaffee  (Lupine),  Saladinkaffee
(Mais),  Gesundheitskaffee  (Weizen,  Zichorie,
Kakaoschalen),  Kronenkaffee  (rote  Rüben,Roggen, ­
  Zichorie),  Ungarischer  Kaffee  (Lupinen,
Zichorie,  Kaffee),  Hensels  Hämatin-Kaffee  (Zichorie) ­
  unzulässig.  Auch  Mischungen  mit  echtem
Kaffee  dürfen  nicht  als  Kaffeemischung,  sondern
nur  als  Kaffee-Ersatzmischung  bezeichnet
werden.  Im  übrigen  ist  zu  fordern,  daß  zur  Herstellung ­
  unverdorbene,  genügend  gereinigte  Rohstoffe ­
  Verwendung  finden,  daß  insbesondere  der
Aschengehalt  bei  Feigenkaffee  7%  mit  1  °/o  Sand,
bei  anderen  K.  8  0/0  mit  2,5  %  Sand  nicht  übersteigt ­
  Ausgelaugte  Zuckerrübenschnitzel,  Kaffeesatz, ­
  Olivenkerne,  Steinnußabfälle,  Farbstoffe  und
andere  wertlose  Stoffe,  Mineralöle,  Glyzerin,
Rückstände  von  der  Melasseentzuckerung  sollen
überhaupt  nicht  benutzt  werden.  Als  Überzugs-(Glasierungs-)mittel
  dürfen  nur  Zuckeraften  oder
Schellack  benutzt  werden.  Der  höchstzulässige
Wassergehalt  beträgt  bei  Zichorienkaffee  30  0/0,
bei  Feigenkaffee  20%,  bei  Getreide-  und  Malzkaffee ­
  10  0/0.  Die  nach  bestimmten  Rohstoffen
benannten  K.  müssen  auch  ausschließlich  aus
diesen  bestehen.  Insbesondere  darf  K.  aus  ungekeimtem
  (gemälztem)  Getreide  nicht  als  Malzkaffee ­
  bezeichnet  werden.  Verschimmelte,  sauer

gewordene  oder  durch  Käfer,  Milben  u.  dgl.  verunreinigte ­
  K.  sind  als  verdorben  zu  beurteilen-Diese
  während  des  Krieges  recht  vernachlässigten ­
  Grundsätze  werden  nach  Friedensschluß  wi e '
der  in  ihre  Rechte  treten.  Für  die  Untersuchung
der  K.  spielt  das  Mikroskop  die  ausschlaggebende ­
  Rolle.  Ein  ganz  brauchbares  Mittel
zur  vorläufigen  Unterscheidung  des  echten  gemahlenen ­
  Kaffees  von  den  K.  besteht  darin,  daß/
man  das  Pulver  auf  Wasser  schüttet,  wobei
Kaffee  oben  schwimmt,  während  die  Ersatzstoffe  1
nach  unten  sinken  und  das  Wasser  braun  färben.  I
Der  Wert  det  in  Deutschland  verbrauchten  Er-  1
satzstoffe  wird  auf  30  Millionen  M.  jährlich  ge-1
schätzt.
Kaffee-Extrakte  (Kaffee-Essenz)  sind  ein-  j
gedickte  wäßrige  Auszüge  aus  gebrannten  Kaffee-  I
höhnen,  allenfalls  unter  Zusatz  geringer  Mengen  I
Zucker  und  Milch,  doch  müssen  letztere  gekenn-  I
zeichnet  werden.
Kainit,  neben  Karnallit  der  wichtigste  Be-  J
standteil  der  Abraumsalze  von  Staßfurt  und  r
Kalusz,  besteht  aus  einem  wasserhaltigen  Dop-  I
pelsalze  von  schwefelsaurer  .Magnesia  und  Chlor-  J
kalium,  MgS0 4  -(-  KC1 2  yf-  3H ä O.  Er  wird  zur  I
Bereitung  von  Chlorkalium  benutzt,  wobei  als  1
Nebenprodukte  noch  schwefelsaures  Kalium,  Mag-  J
nesia  und  Bittersalz  erhalten  werden.
Kainkawurzel  (brasilianische  Schlangen-  I
wurzel,  lat.  Radix  caincae,  frz.  Racine  de  caince,  j|
engl.  Cainca-root),  die  holzigen  Wurzeln  einiger  I
Arten  der  im  tropischen  Amerika  heimischen,  J
zu  den  Rubiazeen  gehörigen  Gattung  Chio-  !
cocca.  Die  westindische  Schlangenwurzel  j
stammt  von  Ch.  racemosa,  die  brasilianische  von  |
Ch.  anguifuga,  densifolia  und  scandens.  J
Die  1—2  cm  dicke,  stark  verästelte  und  hin  und  I
her  gebogene  Wurzel,  an  der  oft  noch  Stamm-  I
Stückchen  sitzen,  ist  von  einer  außen  graubrau-  |
nen,  runzelig-geringeltem,  innen  dunkelbraunen  ||
und  harzigen  Rinde  umgeben.  Das  harte  Holz  1
erscheint  blaßbräunüch.  Beim  Kauen  entwik-  j
kelt  sich  ein  schwach  aromatischer  kaffeeartiger  |
Geruch  und  ein  bitterlich  kratzender  Geschmack,  j
der  durch  eine  der  Wurzel  eigentümliche,  in  1
farblosen  seideglänzenden  Nadeln  kristallisie-  I
rende,  Säure,  die  Kainkasäure  (auch  Kainzin  i
und  Kainkabitter  genannt),  verursacht  wird.  I
Die  Wurzel  wurde  früher  mehr  als  jetzt  als  |
kräftig  purgierendes  und  harntreibendes  Mittel,
auch  gegen  Wassersucht,  angewandt.
Kairin  (salzsaures  Äthylhydroxychino-  |
lin,  lat.  Kairinum,  frz.  Cairine,  engl.  Kairin)  1
wurde  im  Jahre  1882  von  O.  Fischer  synthetisch  j
dargestellt,  indem  er  Chinolin  mit  Schwefelsäure
erwärmte,  das  entstehende  Oxychinolin  der  Na-  1
tronschmelze  unterwarf,  reduzierte  und  schließlich ­
  mit  Äthyljodid  behandelte.  K.,  ein  in  Wasser  |
und  Alkohol  lösliches  farbloses  Kristallpulver,
erregte  seinerzeit  als  erstes  künstliches  Ersatzmittel
  des  Chinins  das  lebhafteste  Interesse,  ist  j
aber  jetzt  wegen  seiner  gefährlichen  Nebenwir-  f
kungen.  auf  Herz  und  Nervensystem  völlig  auf-  i
gegeben  worden.
Kaiserbrunnen  ln  Aachen,  eine  alkalischmuriatische
  Schwefelthermet  von  55 0  C,  besitzt
folgende  Zusammensetzung  für  1000  Gewichtsteile: ­
  Bikarbonate  des  Natriums  0,9244g,  Li-  j
thiums  0,0004  g,  Kalziums  0,2197  g,  Strontiums
        <pb n="192" />
        Kajabokah

187

Kakao

0,0003  S,  Magnesiums  0,0684  g.  Eisenoxyduls
o.ooiog;  Chloride  des  Natriums  2,6381  g;  Natriumbromid ­
  0,0031  g,  Natriumjodid  0,0006  g;
Sulfate  des  Kaliums  0,1542  g,  Natriums  0,2830  g,
Natriumsulfid  0,0130  g;  Kieselsäure  0,0662  g,  Organische ­
  Stoffe  0.0146  g.
Kajabokah  (Kiaboocah,  Amboinaholz),  eip
von  Singapore  kommendes  Nutzholz,  anscheinend
der  Auswuchs  irgend,  eines  großen  Baumes  (vermutlich ­
  von  Pterospermum  indicum),  ist  ziemlich
hart,  kleinmaserig,  orange  bis  rotbraun,  und
wird  in  China  und  Indien  viel  zu  Kunsttischlereiarbeiten ­
  verwendet.
Kajalithwaren,  aus  Magnesiazement  gefertigte
Waren,  namentlich  Tischplatten,  Fußbodenplatten ­
  usw.,  die  in  den  verschiedensten  Farben  hergestellt
  werden.
Kajeputöl  (lat.  Oleum  cäjeputi,  frz.  Essence
de  cajeput,  engl.  Oil  of  cajeput),  ein  dünnflüssiges, ­
  durch  Kupfer  grün  bis  grünblau  gefärbtes,
klares,  ätherisches  Öl  von  starkem  Geruch  nach
Kampfer  und  Rosmarinöl  und  ähnlichem,  anfangs ­
  brennendem,  dann :  kühlendem  Geschmack,
gelangt  in  Wein-  oder  Bierflaschen  gefüllt  und
in  Kisten  verpackt,  zu  uns.  Es  ist  ein  Destillat
aus  den  Blättern  und  Zweigspitzen  des,'  ostindischen ­
  Strauches  Melaleuca  leucadendron
und  noch  einer  oder  mehrerer  Melaleuca-Arten
  und  wird  für  medizinischen'  Gebrauch
gewöhnlich  rektifiziert,  wodurch  man  es  farblos ­
  erhält.  Im  Handel  findet  sich  auch  verfälschtes ­
  und  völlig  nachgemachtes  öl,  das  aus
Rosmarinöl,  Terpentinöl  und  Kampfer  zusammengesetzt ­
  und  grün  gefärbt  wird.  Reines  K.  besteht ­
  neben  wenig  Terpen  hauptsächlich  aus
Zineol  (Eukalyptol)  und  außerdem  Terpineol,
hat  ein  spez.  Gew.  von  0,919—0,930,  dreht
schwach  links,  bis  —  3 0  40',  und  muß  sich  in
der  gleichen  Menge  80  0/0  igem  Weingeist  klar
lösen.  Das  öl  dient,  äußerlich  zu  Einreibungen
gegen  nervöses  Kopfweh,  Spulwürmer,  Koliken,
auf  Baumwolle  eingeführt  gegen  Zahnschmerz
und  Ohrenleiden,  und  wurde  früher  gegen
Cholera  äußerlich  und  innerlich  angewandt.
Auch  eignet  es  sich  gut  zur  Vertreibung  von
Motten  und  überhaupt  zur  Verhütung  von  In
sektenfraß.
Kakao  (Cacao,  lat.  Semen  seu  Fabae  cacao,
frz.  Cacao,  engl.  Cocoa,  Cacao)  nennt  man  die
Samen  des  prachtvollen,  zu  der  Familie  der
Büttneriazeen  gehörenden  Baumes  Theobroma ­
  cacao,  der  im  tropischen  Amerika  vom
23. 0  n.  Br.  bis  zum  20. 0  südl.  Br.  heimisch  ist,
■aber  auch  in  anderen  Ländern  vielfach  angebaut
wird.  Er  findet  sich  hauptsächlich  auf  den  westindischen ­
  Inseln,  in  Venezuela,  Kolumbia,  Ekuador, ­
  Peru  und  Nordbrasilien,  außerdem  auf  den
Philippinen,  den  Sundainseln,  Zeylon,  Bourbon,
San  Thomd  und  den  Kanaren  und  neuerdings  auch
m  den  deutschen  Kolonien  (Kamerun).  Die  von
Linnd  aufgestellte  botanische  Bezeichnung  Theobroma ­
  bedeutet  Götterspeise.  Der  Baum,  der
ltl t  Schmucke  seiner  dichten  Belaubung,  seiner
r ?ten  Blütenbäschei  und  goldgelben  Früchte
einen  prachtvollen  Anblick  '  gewährt,  erreicht
eine  Höhe  von  12  m.  Er  beginnt  im  5.  bis
b-  Jahre  an  zu  tragen,  gibt  im  12.  Jahre  die
höchsten  Erträge  und  bleibt  30  Jahre  lang  nutzbar, ­
  indem  er  das  ganze  Jahr  Blüten  und  Früchte

trägt.  Die  im  Verlaufe  von  S—6  Monaten  reifen
den  Früchte  von  der  Gestalt  einer  20  cm  langen
und  10  cm  dicken  Gurke  enthalten  in  einem
wohlschmeckenden,  rötlichen  Fleische  25—40'Samen. ­
  Die  letzteren  werden  aus  den  aufgeschnittenen ­
  Früchten  herausgestoßen,  durch  Reiben  und
Sieben  von  dem  anhängenden  Fruchtmus  möglichst ­
  befreit  und  an  der  Sonne  getrocknet  (ungerotteter
  K.).  Ein  feineres  Erzeugnis,  der  sog.
gerottete  K.  wird  erzielt,  wenn  man  die  Samen
zuerst  in  losen,  mit  Laub  bedeckten  Llaufen  oder
in  Erdgruben  einer  Selbsterhitzung  überläßt,
wobei  sie  ihre  Keimfähigkeit  und  einen  Teil  ihrer
Bitterkeit,  sowie  den  krautartigen,  herben  Geschmack ­
  verlieren  und  eine  dunklere,  bräunliche
Farbe  annehmen.  Die  gerotteten  Bohnen,  die
meist  an  ihrem  erdigen  Überzüge  kenntlich  sind,
werden  zur  Verarbeitung  auf  menschliche  Nahrungsmittel ­
  einer  sorgfältigen  Reinigung  durch
Sieben  und  Auslesen  unterworfen,  darauf  geröstet ­
  und  schließlich  in  besonderen  Maschinen
durch  Brechen  von  den,  Schalen  befreit.  In
dieser  Form,  in  welcher  sie  das  Ausgangsmaterial ­
  für  Kakaopulver  und  Schokolade  bilden,
bestehen  sie  nur  aus  den  reinen  Kotyledonen  des
Samens.  Diese  sog.  Kerne  enthalten  in  chemischer ­
  Hinsicht  neben  den  allen  Samen  gemeinsamen ­
  Bestandteilen:  Eiweiß,  Stärke,  Holzfaser ­
  und  .Salzen  gewisse  charakteristische  Stoffe,
die  für  die  Verwendung  von  größter  Bedeutung
sind,  nämlich  das  dem  Koffein  verwandte  Alkaloid ­
  Theobromin  (s;  d.),  ferner  einen  eigentümlichen ­
  Farbstoff,  das  Kakaorot,  welches
erst  beim  Rotten  durch  Oxydation  entsteht,  und
schließlich  beträchtliche  Mengen  eines  besonderen ­
  Fettes,  der  sog.  Kakaobutter  (s.  d.).  Im
Mittel  enthält  K.:  4—8°/o  Wasser,  i4°/o  Protein,
50%  Fett,  10  0/0  Stärke,  14%  stickstofffreie  Extraktstoffe, ­
  je  4  0/0  Rohfaser  und  Asche  und  0,5  »/o
Theobromin.  Unter  den  sog..  Extraktstoffen  finden ­
  sich  Zucker,  Gerbstoff  und  Phlobaphen
(Rindenfarbstoff),  während  die  Asche  erhebliche
Mengen  Kaliumphosphat  enthält.  Von  den  zahlreichen ­
  Handelssorten  werden  die  feinsten
Sorten,  der  mexikanische  Sokonusko  und  Esmeraldas ­
  aus  Ekuador,  meist  im  Ursprungslande ­
  verbraucht,  während  die  Kakaos  aus  Venezuela ­
  als  Karakas  und  Puerto  Cabello  in
großen  Mengen  nach  Europa  ausgeführt  und
hier  zu  den  feinsten  Schokoladen  verarbeitet
werden.  Aus  Ekuador  gelangen  in  den  europäischen ­
  Handel  die  Guayaquil-K.  (Ariba,  Machala,
  Balao),  die  besonders  in  Deutschland  verbraucht ­
  werden.  Holländisch-Guyana  führt  den
Surinam-K.  ans,  der  in  zwei  Sorten,  einer  feineren, ­
  durch  Plantagenkultur  gewonnenen  und
einer  geringwertigen,  ranzig-bitterschmeckenden
von  wild  wachsenden  Bäumen  in  den  Verkehr,
hauptsächlich  nach  Holland,  gelangt.  Britisch-Guyana
  liefert  die  weniger  wichtigen  Berbice
und  Essequibo,  Französisch-Guyana  den  geringwertigen ­
  Kayenne-K.  und  Kolumbia  den
Marakaibo  und  Angostura.  Von  brasilianischen ­
  Marken  seien  die  bitteren  Maranon  und
Para-K.  sowie  der  früher  häufig  ungerottete
Bahia,  das  Haupterzeugnis  Brasiliens,  erwähnt.
Die  westindischen  Inseln  liefern  den  Kuba-,
Haiti-  oder  Port  au  Prince-,  Trinidad-,  St
Domingo-  und  Märtinique-K.  Das  wichtigste
        <pb n="193" />
        Kakao

188

Kaktusholz

asiatische  Vorkommen  ist  der  feine  Zeylon-K.,
der  nahezu  vollständig  nach  London  gelangt,  und
der  nach  Amsterdam  eingeführte  Java-K.  Aus
Afrika  kommt  neuerdings  der  Kamerun-K.  in
den  deutschen  Handel.  —  Zur  Verarbeitung
der  Kakaobohnen  auf  menschliche  Genußmittel
werden  meist  mehrere  Sorten  vermischt  und
dann  in  sog.  Kakaomühlen  bis  zur  äußersten
Feinheit  zerrieben.  Das  wegen  seines  hohen
Fettgehaltes  flüssige,  homogene  Gemisch  erstarrt
beim  Abkühlen  zu  der  sog.  Kakaomasse,
welche  den  Ausgangsstoff  für  die  verschiedenen
K.-Erzeugnisse  darstellt.  Durch  teilweises  Abpressen ­
  des  Fettes  in  hydraulischen  Pressen  bei
erhöhter  Temperatur  erhält  man  das  Kakaopulver, ­
  das  häufig  noch  mit  Wasserdampf,  Pottasche, ­
  Soda,  kohlensaurer  Magnesia  oder  Ammoniak ­
  behandelt  wird  und  dabei  den  aufgeschlossenen ­
  K.  liefert.  Die  für  letzteren  vielfach ­
  benutzte  Bezeichnung  löslicher  K.  ist  unrichtig, ­
  da  dieses  Erzeugnis  lediglich  die  Eigenschaft ­
  besitzt,  sich  in  Wasser  längere  Zeit  schwebend ­
  zu  erhalten,  ohne  einen  Bodensatz  zu  bilden. ­
  Zurzeit  wird  das  Aufschließen  meist  mit
den  Kernen  vor  dem  Pulverisieren  und  Entfetten
vorgenommen.  Als  bestes  Verfahren  empfiehlt
Zippercr  die  Behandlung  mit  Ammoniak,  da
dieses  flüchtig  ist,  während  mit  den  fixen  Alkalien ­
  dem  IC  fremde  Bestandteile  einverleibt  werden. ­
  Voraussetzung  ist  allerdings  die  völlige  Vertagung ­
  des  Ammoniaks,  da  sonst  übelriechende
Erzeugnisse  entstehen.:  Gemische  gleicher  Teile
K.  und  Hafermehl  kommen  als  Hafer-K,  in  den
Handel.  Zur  Herstellung  von  Schokolade  ver
setzt  man  die  fetthaltige,  noch  flüssige  Kakaomasse
  mit  der  gleichen  bis  anderthalbfachen
Menge  Zucker  und  vermischt  sie  mit  besonderen
Wajzen  auf  das  sorgfältigste.  Unter  Umständen
werden  auch  größere  Mengen  Zucker,  ferner
Kakaobutter  und  Gewürze  (Vanille,  Zimt,  Nelken,
Muskat,  Perubalsam)  hinzugesetzt.  Eine  durch
Zusatz  von  sehr  viel  Fett  leicht  schmelzbare
Schokolade,  die  zum  Überziehen  von  Zuckerkernen ­
  (Pralinös)  oder  Zuckerplatten  (Cremeschokolade) ­
  dienen,  nennt  man  Kuvertüre.  Die
mit  Hilfe  von  Milch  oder  Sahne  zubereitete
Milch  Schokolade  aus  der  Schweiz  wird  jetzt
auch  in  Deutschland  in  großen  Mengen  hergestellt. ­
  Im  Hinblick  auf  ihren  hohen  Preis
unterliegen  alle  Kakaowaren  mannigfachen  Verfälschungen. ­
  In  erster  Linie  sind  Zusätze  von
Mehl  und  Stärke,  von  Mineralstoffen  (Eisenoxyd,
Ocker,  Bolus),  Teerfarbstoffen  und  Sandelholz
und  den  wertlosen  gemahlenen  Kakaoschalen  zu
erwähnen.  Außerdem  wird  bisweilen  zu  viel  von
der  Kakaobutter  abgepreßt  und  durch  billigere
Fette  (Sesamöl,  Talg,  Kokosfett)  ersetzt,  und
schließlich  kann  durch  Beimischung  übermäßiger ­
  Zuckermengen  Verfälschung  erfolgen.  Nach
den  Beschlüssen  des  Verbandes  Deutscher  Schokoladenfabrikanten, ­
  welche  mit  großem  Nachdruck ­
  für  die  Reinhaltung  ihrer  Industrie  eintreten,
  dürfen  fremde  fette,  Schalen  und  sog.
Fettsparer  (Tragant,  Gelatine,  Dextrin)  überhaupt
nicht  benutzt  werden.  Der  Zuckergehalt  soll
70  o/o  nicht  übersteigen  und  ein  etwaiger  Mehlzusatz ­
  deutlich  gekennzeichnet  werden.  Der
Kakaoverbrauch  Deutschlands  betrug  im  Jahre
1912  etwa  52000  t,  von  denen  rund  7000  t  aus

Portugiesisch-Westafrika  und  1000  t  aus  Kamerun ­
  eingeführt  wurden.  Der  Rest  stammte  aus
Südamerika.  1913  betrug  die  Erzeugung  der
deutschen  Kolonien  bereits  6564  t,  Kamerun
5265  t,  Samoa  890  t,  Togo  335  t,  Neu-Guinea
741  t)  und  bis  1930  wäre  sie  ohne  den  Krieg
auf  13—15000  t  gestiegen.  Dabei  sind  in  Kamerun ­
  von  loooooha  geeigneten  Bodens  erst
13000  ha  erschlossen  und  auch  auf  Samoa  sind
Hunderte  von  Quadratkilometern  anbaufähiger
Boden  vorhanden,
Kakaobutter  (lat.  Oleum  seu  ßutyrum  cacao,
frz.  Beurre  de  cacao,  engl,  oil  of  Theobrome),
das  Fett  der  Kakaosamen,  in  denen  es  bis  zu
55°/o  enthalten  ist,  wird  durch  Auspressen  der
Kakaomasse  gewonnen  und  bildet  gelblichweiße,
ziemlich  harte  Stücke  von  feinem  Kakaoaroma.
Es  löst-  sich  in  siedendem  Alkohol,  Äther  und
Chloroform,  aber  zum  Unterschiede  von  Kokosfett ­
  nicht  in  90°/oigem  Alkohol.  Durch  seinen
Schmelzpunkt  von  30—35 0  und  die  Jodzahl  36
ist  es  hinreichend  charakterisiert.  K.  wird  in
letzter  Zeit  häufig  verfälscht,  besonders  durch
Sesamöl,  Talg  und  Kokosfett,  die  nach  dem  üblichen ­
  Gange  der  Fettanalyse  nachgewiesW  werden ­
  können.  Ja,  der  gesteigerte  Verbrauch  an
K.  zur  Herstellung  der  überfetteten,  leicht  schmelzenden ­
  Schokoladen  und  die  damit  verbundene
Preissteigerung  hat  sogar  zum  Erscheinen  völliger ­
  Nachahmungen  geführt,  welche  als  Kakaoline
  (Kokosfett)  und  Nukoinc  (Palmkorn-  und
Kokosfett)  ganz  offen  angepriesen  werden.
K.  findet  außer  in  der  Schoköladenfabrikation
und  der  Medizin  zur  Herstellung  kosmetischer
Zubereitungen  (Salben,  Pomaden,  Seifen)  Verwendung. ­

Kakaopflaumen  (Ikakopflaumen,  Goldfrücht ­
  c,  Goldeicheln),  die  gelblich-  oder  rötlichweißen ­
  Früchte  eines  südamerikanischen
Strauches,  Chrysobalanus  Icaco,  werden  roh
gegessen,  aber  auch,  in  Zucker  eingemacht,  nach
Spanien,  Portugal  usw.  versandt,
Kakaotee  werden  bisweilen  die  beim  Brechen
der  Kakaobohnen  abfallenden,  etwas  kandierten ­
  Samenschalen  der  Kakaobohne  genannt.  Sie
sollen  zur  Herstellung  eines  Aufgusses  dienen,
stellen  aber  ein  Genußmittel  höchst  zweifelhaften
Wertes  dar  und  scheinen  mehr  und  mehr  aus
dem  .Handel  zu  verschwinden.  Zurzeit  dürften
sie  hauptsächlich  zur  Verfälschung  von  Kakaowaren ­
  Verwendung  finden,  und  es  wäre  daher
zu  wünschen,  daß  die  reellen  Fabriken  sie  als
Feuerungsmaterial  benutzten.
Kakaralliholz,  ein  schweres,  hartes  Holz,  mit
festem,  dichtem  Kern  von  Lecythis  ollaria
in  Englisch-Guyana,  ist  ein  vortreffliches  Bauholz, ­
  namentlich  zu  Wasserbauten  und  zum
Schiffsbau,  da  es  dem  Meerwasser  sehr  gut
widersteht.
Kaktusholz,  das  Holz  des  gemeinen  Kaktus,
Opuntia  vulgaris,  besteht  aus  zahlreichen
dünnen  Lagen  oder  Blättern,  deren  Gefäßbündel
zu  einem  weitmaschigen  Netze  vereinigt  sind.
Diese  Blätter  werden  aus  Algier  nach  Frankreich
eingeführt  und  dort  unter  dem  Namen  Bois  de
den  teile  zu  feinen  Arbeiten,  z.  B.  zum  Auslegeu
von  Kästchen,  Visitenkartenhaltern  u.  dgl.  verarbeitet. ­
  Man  kann  das  K.  mit  Chlorkalk  blei ­
        <pb n="194" />
        .

Kakur

189

Kali

eben,  beliebig  färben  und,  nachdem  es  in  Wasser
gelegen,  auch  biegen.
Kakur  (Kakaobohnen),  die  gelben  Früchte
der  in  Südwestafrika  wachsenden  Kukurbitazee
Cucumis  myriocarpus,  ähneln  einer  großen
Stachelbeere;  die  zahlreichen  eiförmigen,  fast
weißen  Samen  werden  von  den  Kaffem  als  Purgier ­
  und  Brechmittel  benutzt.
Kalabarbohnen  (Gottesurteilbohne,  lat
Semen  calabaris,  frz.  Feve  dir  Calabar,  engl.
Ordeal  bean),  die  Samen  eines  an  der  Kalabarküste
  in  Westafrika  heimischen,  strauchartigen
Hülsengewächses  Physostigma  venenosum,
  sind  von  nierenförmiger  Gestalt,  dunkelhis.
  «chwarzbrauncr  Farbe  und  mit  einer  harten
braunen  Schale  umgeben.  Die  etwa  4  g  schweren, ­
  völlig  gcruch-  und  geschmacklosen  Bohnen
enthalten  zwei  stark  giftige  Alkaloide:  Physostigmin ­
  und  Kalabrin  und  werden  daher
in  Afrika  zu  Ordalien  (Gottesurteilen)  benutzt.
Das  rein  dargestellte  Physostigmin,  wie  das
alkoholische  Extrakt  der  K.  haben  die  Eigenschaft, ­
  die  Pupille  zu  verengern,  und  finden  daher
in  der  Augenheilkunde  zur  Aufhebung  der  Atro
Pinwirkung  Anwendung,  indem  man  mit  Kalabarextrakt
  getränkte  Scheibchen  von  Gelatine  oder
Papier  in  das  Auge  einführt.  Als  fremde  Beiniengungen
  sind  bisweilen  die  Samen  von  Mucuna
  cylindrosperma  und  M.  urens,  der  sog.
wilden  K.,  oder  Kalmusse  beobachtet  worden. ­
  Da  die  K.  in  Pulverform  an  Wirksamkeit
Verlieren  sollen,  werden  sie  nur  in  ganzem  Zustande ­
  aufbewahrt.
Kalain,  Calin,  Legierung  von  Blei,  Zinn  und
wenig  Kupfer,  welche  die  Chinesen  in  Form  von
Dlattmetall  zum  Auslegcn  der  Teekisten  benutzen.
Kala-Kurwali,  ein  dem  Mahagoni  ähnliches
°stindisches  Holz  von  Hymenodiction  ex-’telsum,
  einer  Rubiazee,  eignet  sich  für  die
feine  Möbeltischlerei.
Kalfroom,  ein  aus  Holland  eingeführtes  Prä-Parat,
  das  angeblich  der  Magermilch  zugesetzt
Werden  soll,  um  sie  für  die  Kälberernährung
brauchbar  zu  machen,  tatsächlich  aber  zur  Milch-Hlschung
  bestimmt  zu  sein  scheint,  stellt  nach
"omer  eine  gelbe  Flüssigkeit  von  dicklicher
Konsistenz  dar  und  enthält  neben  5,290/0  Wasser
?&amp;gt; 2 4  %,  Mineralstoffe,  4,56%  Kasein,  45,470/0
"aunuvollsamenöl  und  31,940/0  Rohrzucker.  K.
8&amp;gt;bt  beim  Anrühren  mit  Wasser  eine  milchähndche
  Emulsion.
Kali  (Kali  umoxyd).  Das  Wort  Kali  oder  mit
}9 r gesetztem  arabischem  Artikel  Alkali  ist  araö
 'sch  und  bedeutet  Pflanzenlaugensalz,  denn
Sc hon  die  Araber  des  8.  Jahrhunderts  wußten,
a . a ß  sich  aus  Pflanzenasche  mit  Wasser  Salz  ausdehen
  sowie  durch  gebrannten  Kalk  ätzend
Aachen  läßt.  Daß  zweierlei  solcher  Salze,  K.
Un d  Natron,  vorhanden,  wurde  erst  viel  später
® r kannt.  Jetzt  versteht  man  unter  K.  nur  die
"auerstoffverbindung  des  Kaliummetalls  (s.  Kaf
 ' Urn ).  das  Kaliumoxyd,  K 2 G,  eine  weißgraue,
^este,  spröde  Masse,  bezeichnet  im  Handel  aber
deist  die  Verbindung  des  K.  mit  Wasser,  das
■mlihydrat(Kaliumhydroxyd,Ätzkali,  kau-"
^Dsches  Kali,  Kaliumoxydhydrat,  lat.  Ka
u ‘d  hydricum,  Kalium  causticum,  Lapis  causti-Us
 ’  Dz.  Hydrate  de  potassiura,  Potassc  caustique,
n H'l.  Potassium  Hydroxide,  Potassium  hydrate),

mit  dem  gleichen  Namen.  Das  Kaliumhydroxyd
wurde  längere  Zeit  als  Element  betrachtet,  bis
Davy  1807  nachwies,  daß  cs  ein  zusammengesetzter ­
  Körper  sei.  In  den  Handel  kommt
das  Ätzkali  in  verschiedener  Form  entweder  fest
als  weißes  Pulver  (Kalium  causticum  siccum,  Ka
Hum  hydricum  siccum),  als  weiße,  harte  Stücke
(Kalium  causticum  fusum  in  frustulis)  und  als
runde  Stengelchen  (Kalium  hydricum  seu  causticum ­
  in  baculis)  oder  in  Lösung  als  Kalilauge,
Ätzkalilauge  (lat.  Liquor  kali  caustici,  frz.
Solution  d’hydrate  potasse,  Solution  de  potasse
caustique',  engl.  Solution  of  potash).  Letztere
wurde  früher  durch  Auslaugen  von  Holzasche
mit  Wasser  und  Zusatz  von  gebranntem  Kalk  erhalten. ­
  Jetzt  stellt  man  sie  durch  Kochen  von
wäßriger  Pottaschelösung  mit  gelöschtem  Kalk
in  einem  blanken  eisernen  Kessel  dar.  Die  Umsetzung ­
  in  Ätzkali  und  kohlensauren  Kalk  gilt  als
beendet,  wenn  eine  filtrierte  Probe  der  Flüssigkeit ­
  beim  Eintropfen  in  Salzsäure  kein  Aufbrausen ­
  mehr  bewirkt.  Die  Lauge  wird  nach  dem
Absitzen  des  Kalkes  klar  abgezogen  und  in  einem
blanken  eisernen  oder  silbernen  Kessel  bis  zur
gewünschten  Konzentration  eingedampft.  Die
Kalilauge  des  D.A.B.  (Liquor  kali  caustici  purus)
hat  das  spez.  Gew.  1,140  und  enthält  15%
Ätzkali.  Die  Kalilauge  des  Handels  (Liquor
kali  caustici  venalis)  ist  unreiner,  aber  gewöhn
lieh  hochprozentiger.  Der  Gehalt  wird  mittels
des  Aräometers  nach  Graden  Beaumü  bestimmt
Dip  Kalilauge  ist  eine  äußerst  scharfe,  sich
schlüpfrig  anfühlende,  farblose  oder  gelbliche
Flüssigkeit,  die  stark  alkalisch  reagiert  und  die
Haut  bei  längerer  Einwirkung  zerstört.  Das
Kalium  causticum  siccum  erhält  man  durch
Eindampfen  der  Kalilauge  unter  Umrühren,  bis
ein  herausgenommener  Tropfen  auf  kaltem  Porzellan ­
  erstarrt,  und  darauf  folgendes  Weiterrühren
der  vom  Feuer  genommenen  Lauge  bis.zum  Erstarren. ­
  Man  gewinnt  hierbei  ein  grobes  Pulver,
das  etwa  20%  Wasser  enthält.  Das  Kalium
causticum  fusum  wird  erhalten,  wenn  man  das
Eindampfen  der  Kalilauge  so  weit  fortsetzt,
bis  der  Inhalt  des  Kessels  ölartig  ruhig  schmilzt.
Alsdann  wird  die  wasserfreie,  heiße  Masse  entweder ­
  in  eiserne,  innen  versilberte  Formen  gegossen ­
  und  so  das  Kalium  causticum  in  baculis
bzw.  der  Lapis  causticus  chirurgorum  (Ätzstift)
gewonnen,  oder  man  gießt  dieselbe  auf  Metallbleche ­
  aus  und  bricht  sie  nach  dem  Erkalten  in
Stücke  (Kalium  causticum  fusum  in  frustulis).
Das  auf  die  eine  oder  andere  Weise  erhaltene
feste  Ätzkali  bringt  man  sofort  nach  dem  Erstarren ­
  in  trockene,  warme  Gefäße  und  verschließt ­
  sie  sorgfältig,  da  es  an  der  Luft  begierig
Wasser  und  Kohlensäure  anzieht  und  allmählich
zerfließt.  Eine  besonders  reine  Sorte  für  analytische ­
  Zwecke  erhält  man  durch  Behandeln  des
geschmolzenen  Ätzkalis  mit  starkem  Alkohol,  wobei ­
  die  Verunreinigungen  -—  Kaliumsilikat,  Pott
asche,  Chlorkalium,  Eisenhydroxyd  —  in  die
untere  wäßrige  Schicht  gehen.  Die  alkoholische
Lösung  wird  abgezogen,  der  Alkohol  abdestilliert
und  der  Rückstand  in  einer  Silberschale  zum
ruhigen  Schmelzen  erhitzt.  Ein  noch  reineres
Atzkali,  das  Kalium  causticum  purissimum,
wird  aus  Ätzbaryt  und  schwefelsaurem  Kalium
gewonnen,  Ätzkali  und  Kalilauge  finden  mannig
        <pb n="195" />
        Kalifig

190

Kaliumchlorid

fache  Verwendung,  letztere  hauptsächlich  in  der
Technik  zur  Darstellung  der  Schmierseifen,  der
Oxalsäure,  zum  Büken  leinener  und  baumwollener ­
  Gespinste  usw.,  ersteres  als  Ätzmittel  und  in
der  analytischen  Chemie.
Kalifig,  ein  Abführmittel  amerikanischen  Ursprungs ­
  aus  drei  Teilen  kalifornischem  Feigensirup ­
  und  einem  Teil  Sennesextrakt.
Kalikos  (frz.  Calkot,  engl.  Calico),  nach  französischem ­
  Sprachgebrauch  auch  Indiennes  genannt, ­
  sind  bunt  gedruckte  Kattune  feinerer  Art.
Beide  Namen  erinnern  an  Indien  (Kalkutta),
das  Stammland  dieser  Waren,  von  wo  sie  früher
als  hochgeschätzte  Luxuswaren  nach  Europa
kamen,  während  sie  jetzt  einen  Hauptartikel  der
europäischen  Baumwollenfabrikation  bilden  und
in  ungeheuren  Massen  sowohl  nach  Indien  selbst,
als  auch  nach  anderen  Ländern  ausgeführt  werden ­
  (s.  Kattun).  Eine  besonders  feste  Sorte  von
gefärbtem  K.  wird  zu  Büchereinbänden  benutzt.
Kalinüsse  (wilde  Kalabarbohnen),  die  Samen ­
  der  im  tropischen  Amerika  heimischen  Papüionazee
  Mucuna  urens,  kommen  seit  1879
bisweilen  auf  den  europäischen  Markt.  Sie  sind
den  Kalabarbohnen  sehr  ähnliche  und  giftige
rotbraune  Bohnen,  runzelig,  annähernd  scheibenförmig ­
  und  auf  der  Kante  von  einer  5  mm  breiten, ­
  um  Y4,  des  Umfanges  reichenden  Narbe
umgeben.
Kalium  (frz.  und  engl.  Potassium),  das  metallische ­
  Element  des  Ätzkalis,  findet  sich  in
der  Natur  nicht  in  freiem  Zustande,  bildet  aber
in  Form  des  Silikates  einen  regelmäßigen  Bestandteil ­
  weit  verbreiteter  Mineralien  (Feldspat,
Glimmer).  Außerdem  gehen  Kaliumverbindungen
als  Verwitterungsprodukte  der  Gesteine  in  den
Ackerboden  und  das  Meerwasser  über,  und  insbesondere ­
  sind  die  reichen  Kalilager  von  Staßfurt ­
  und  Kalusz  als  Reste  eingedunsteter  Meere
aufzufassen.  Das  metallische  K.  wird  durch
Glühen  von  kohlensaurem  K.  mit  Kohle  erhalten,
wobei  der  Kohlenstoff  dem  Salze  den  Sauerstoff
entzieht  und  (das  Metall  in  Dampfform  übergeht.
Man  leitet  dieDämpfe  in  eine  gekühlte  Vorlage  und
fängt  das  verdichtete  Metall  in  Steinöl  auf.  Neuerdings ­
  stellt  man  das  Metall  hauptsächlich  aus  dem
Hydroxyde  durch  Reduktion  mit  metallischem
Magnesium  oder  mit  Hilfe  der  Elektrolyse  dar.  Das
K.  ist  bei  Zimmertemperatur  so  weich,  daß  es  sich
mit  dem  Messer  schneiden  läßt.  Das  spez.  Gew.  beträgt ­
  0,870,  das  Atomgewicht  39,450.  Es  schmilzt
bei  62°  ,und  geht  bei  670°  in  einen  grünlichen
Dampf  über.  Frisch  angeschnitten,  besitzt  das
Metall  einen  bläulichweißen  Glanz,  den  es  aber
an  der  Luft  durch  die  sofort  beginnende  Oxydation ­
  bald  verliert,  indem  sich  die  Oberfläche
mit  einer  Schicht  von  Kaliumoxyd  und  -hydroxyd
überzieht.  Sobald  ein  Stückchen  K.  auf  Wasser
geworfen  wird,  tritt  eine  äußerst  heftige  Reaktion ­
  ein.  Das  Metall  entzieht  dem  Wasser  seinen
Sauerstoff  und  verwandelt  sich  in  das  Hydroxyd,
während  der  Wasserstoff  in  Freiheit  gesetzt
wird.  Infolge  der  dabei  freiwerdenden  Hitze
schmilzt  das  K.  zu  einer  heißen  Kugel,  welche
auf  der  Wasserfläche  hin  und  her  rennt,  und  der
Wasserstoff  entzündet  jäich  unter  Explosionserscheinungen ­
  mit  violetter  Flamme.  —  Das  K.
findet  nur  in  chemischen  Laboratorien  beschränkte ­
  Anwendung,  .wird  aber  meist  durch

das  billigere  Natrium  ersetzt.  Seine  wichtigsten
Salze  und  Verbindungen  sind  in  besonderen  Aufsätzen ­
  besprochen.
Kaliumazetat  (essigsaures  Kalium,  lat.
Kali  aceticum,  Kalium  aceticum,  frz.  Acötate  de
potasse,  engl.  Potassium  acetate)  wird  durch  Auflösen ­
  von  Kaliumkarbonat  'in  einem  geringen
Überschuß  von  Essigsäure  und  Eindampfen  zur
Trockne  dargestellt  und  entsteht  auch  als  Nebenprodukt ­
  der  Bleiweißfabrikation.  Es  bildet
weiße  blättrige  Kristallmassen,  die  an  feuchter
Luft  leicht  zerfließen  und  daher  in  gut  verschlossenen ­
  Flaschen  pufbewahrf  werden  müssen.
K.  ist  ein  schon  seit  alter  Zeit  unter  dem  Namen
Terra  foliata  tartari  bekanntes  Arzneimittel
und  wird  auch  jetzt  noch  als  Diuretikum  verordnet. ­

Kaliumbromid  (Bromkalium,  lat.  Kalium
bromatum,  frz.  Bromure  de  potasse,  engl.  Potassium ­
  bromide),  KBr,  wird  in  gleicher  Weise
wie  Jodkalium  dargestellt  und  bildet  weiße,  luftbeständige
  Würfel,  die  sich  in  zwei  Teilen  Wasser,
aber  erst  in  200  Teilen  Alkohol  lösen.  K.  findet
in  der  Medizin  und  Photographie  ausgedehnte
Anwendung.
Kaliumchlorat  (chlorsaures  Kalium,  lat.
Kalium  chloricum,  Kali  oxymuriaticum,  frz.  Chlorate
  de  potasse,  engl,  Chlorate  of  potassium),
KCIO3,  wird  durch  Einleiten  von  Chlor  in  eine
erwärmte  Mischung  von  Kalkmilch  und  Kaliumchlorid, ­
  neuerdings  auch  durch  Elektrolyse  von
Chlorkalium,  dargestellt.  In  reinem  Zustande  erscheint ­
  es  als  ein  aus  farblosen,  glänzenden
Kristallblättchen  bestehendes  Salz,  das  in  Wasser
löslich  ist,  beim  Erhitzen  schmilzt  und  unter
Sauerstoffabgabe  in  Chlorkalium  übergeht.  Mit
leicht  entzündlichen  Körpern  gemengt,  verpufft
K.  beim  Erhitzen  oder  durch  Schlag  und  muß
daher  sehr  vorsichtig  behandelt  und  gesondert
auf  bewahrt  werden.  Für  den  Transport  bestehen
besondere  Vorschriften,  u.  a.,  daß  es  in  dichten,,
mit  Papier  ausgeklebten  Behältern  verpackt  und
mit  dem  Vermerk  feuergefährlich  versehen  wird.
Das  K.  wird  in  der  Feuerwerkerei,  ferner  zur
Fabrikation  phosphorfreier  Zündhölzer,  zur  Darstellung ­
  von  Sauerstoff,  in.  der  Färberei  zur  Erzeugung ­
  von  Anilinschwarz  auf  Garnen  und
Geweben  benutzt  .und  dient  in  der  Medizin  als
antiseptisches  Mund-  und  Gurgelwasser.
Kaliumchlorid  (Chlorkalium,  lat.  Kalium
chloratum,  Kali  xnuriaticum,  frz.  Chloride  de
potasse,  engl.  Chloride  of  potassium),  KCl,
findet  sich  in  der  Natur  in  reinem  Zustande  als
Sylvin,  mit  Magnesiumchlorid  und  Wasser  verbunden ­
  äls  Karnallit  in  den  Staßfurter  Abraumsalzen ­
  und  in  geringeren  Mengen  im  Meerwasser. ­
  Das  Hauptmaterial  für  seine  Darstellung
bieten  die  Abraumsalze,  aus  denen  es  durch  Behandlung ­
  mit  heißem  Wasser  abgeschieden  wird.
K.  erscheint  in  kleinen,  würfelförmigen,  farblosen
Kristallen,  die  etwas  schärfer  als  Kochsalz  schmekken,
  sich  in  Wasser  leicht  lösen  und  beim  Erwärmen ­
  verknistern.  Vom  Natriumchlorid  kann  man
es  leicht  dadurch  unterscheiden,  daß  es  die  Flamme
nicht  gelb,  sondern  violett  färbt,  ferner  mit  saurem
weinsauren  Natrium  einen  weißen  und  mit  Platinchlorid
  einen  gelben  kristallinischen  Niederschlag
liefert.  K.  wird  in  der  Medizin  bisweilen  als
Fiebermittel  verordnet,  in  ungeheuren  Mengen
        <pb n="196" />
        Kaliumchromate

191

Kaliumphosphat

aber  von  der  chemischen  Großindustrie  zur  Herstellung ­
  von  Pottasche,  Kalisalpeter,  Alaun  und
anderen  Kaliumverbindungen  sowie  als  Düngemittel ­
  benutzt.  Die  deutschen  Lager  versorgen
die  ganze  Erde  mit  Kalisalzen,  und  man  hat,  um
einer  Erschöpfung  der  Vorräte  vorzubeugen,  ber
 eits  mehrfach  ein  Ausfuhrverbot  in  Vorschlag
gebracht.
Kaliumchromate.  Man  unterscheidet  zwei,  als
gelbes  und  rotes  bezeichnete,  K„  welche  beide
technische  Anwendung  finden,  t.  Gelbes  Kaliumchromat ­
  (gelbes  chromsaures  Kali,
Kaliummonochromat,  lat.  Kalium  chromicum
ilavum,  frz.  Chromate  de  potasse  neutre,  engl.
Chromate  of  potassium  yellow),  KoCrO^,  wird
aus  dem  roten  Salz  dargestellt,  indem  man  Lösungen ­
  des  letzteren  solange  mit  Pottasche  versetzt, ­
  als  noch  Aufbrausen  stattfindet,  und  dann
eindampft.  K.  bildet  zitronengelbe,  giftige  Kristalle, ­
  die  leichter  in  Wasser  löslich  sind  als  das
tote  Salz,  und  findet  in  der  chemischen  Analyse,
'U  der  Färberei  und  Tintenfabrikation  (Chromhlauholztinte)
  Verwendung,  wird  aber  für  technische ­
  Zwecke  meist  durch  die  billigere  und
tthromsäurereichere  Natriumverbindung  ersetzt.
2 -  Rotes  chromsaures  Kali  (Kaliumdichromat, ­
  lat.  Kalium  chromicum  rubrum,  Kalium  bichromicum,
  frz.  Bichromate  de  potasse,  engl,
hichromate  of  potassium),  K 2 Cr 2 0 7 ,  wird  durch
Schmelzen  von  gemahlenem  Chromeisenstein  mit
Pottasche  und  Salpeter,  oder  mit  Kalk  und  Pott
Usche  dargestellt.  Die  beim  Auslaugen  der
Schmelze  mit  Wasser  erhaltene  Lösung  liefert
Jtach  dem  Eindampfen  mit  berechneter  Menge
Schwefelsäure  das  rote  Salz.  Es  erscheint  in
formschöner  Kristalle,  die  mit  Wasser  eine  rote,
Metallisch  schmeckende,  sehr  giftige  Lösung
Sehen.  K.  wird  in  der  Färberei  und  Photolitho-^taphie,
  ferner  als  Oxydationsmittel  in  der  Teer-‘arbenindustrie
  (Alizarin),  in  der  Tintenfabrikatl
 °n,  der  Chromgerberei  und  zu  zahlreichen  anderen ­
  Zwecken  verwandt.
Kaliumjodid  (Jodkalium,  lat.  Kalium  jodahnn,
  frz.  Jodure  de  potasse,  engl.  Potassium
)0 dide),  KJ,  das  am  häufigsten  gebrauchte  Jod-Mäparat,
  findet  sich  bereits  fertig  gebildet  in  der
'‘■sehe  der  Meerespflahzen,  wird  aber  fabrikmäßig ­
  aus  Jod  hergestellt.  Zu  diesem  Zwecke
°St  man  entweder  Jod  in  heißer  Kalilauge  oder
fhan  zersetzt  Eisenjodürjodid  mit  Kaliumkarbonat
J?  der  Wärme.  Außerdem  wird  auch  das  aus
'1 er  Mutterlauge  des  Chilesalpeters  abgeschiehene
  Kupfferjodür  zur  Darstellung  von  Jodkalium
Ver wandt.  Das  K.  kristallisiert  in  durchscheihenden
  oder  porzcllanartig  weißen  Würfeln  von
■  a *rig  bitterem  Geschmack,  löst  sich  reichlich
, n  Wasser,  weniger  in  Alkohol  und  wird  an  der
huft  leicht  feucht  und  durch  Jodabscheidung
jfeiblich.  Da  es  sich  auch  am  Lichte  zersetzt,
es  vor  Luft  und  Licht  geschützt  aufbewahrt
,  er den.  Auf  der  Eigenschaft,  reichliche  Mengen
L**  zu  lösen,  beruht  die  Verwendung  in  der
^rnischen  Analyse.  Außerdem  wird  es  in  der
odizi n  gegen  Skrofulöse  und  Syphilis,  Kropf-Drüsenleiden,
  ferner  in  der  Photographie
o  zur  Darstellung  anderer  Jodpräparate  be-“utzt,

^aliumnitrat  (Salpetrigsaures  Kalium,  lat.

tn  nitrosum,  frz.  Nitrite  de  potasse,  engl.

Potassium  nitrous),  KN0 2 ,  entsteht  beim  Glühen
von  Kalisalpeter  mit  metallischem  Kupfer  oder
beim  Erhitzen  mit  ameisensaurem  Kalium  in
Form  färb-  und  geruchloser,  an  feuchter  Luft
zerfließlicher  Kristalle,  die  mit  Weinsäure  in  der
Kälte  braunrote  Dämpfe  von  Stickdioxyd  entwickeln. ­
  Es  kommt  auch  geschmolzen,  in  dünne
Stangen  gegossen,  in  den  Handel  und  findet  zur
Darstellung  von  Teerfarben'sowie  in  der  chemischen ­
  Analyse  Verwendung.
Kaliumperchlorat  (überchlorsaures  K.,  lat.
Kalium  perchloricum,  frz.  Perchlorate  de  potasse,
engl.Potassiumperchlorate),.KCIO4,entsteht  durch
Erhitzen  von  Kaliumchlorat,  bis  die  zuerst  dünnflüssige ­
  Schmelze  wieder  zähe  und  fest  geworden
ist.  Zur  Trennung  des  Gemisches  von  Kaliumperchlorat
  und  Kaliumchlorid  löst  man  in  heißem
Wasser,  worauf  das  Perchlorat  beim  Erkalten
in  Form  farbloser  Prismen  auskristallisiert.  K.
löst  sich  leicht  in  heißem,  schwer  in  kaltem
Wasser,  gar  nicht  in  Alkohol  und  zerfällt  beim
Erhitzen  auf  400 0  in  Chlorkalium  und  Sauerstoff.
Es  findet  in  der  Medizin  gegen  Malaria  und
perniziöses  Fieber,  in  der  Technik  als  Sprengmittel, ­
  zu  photographischen  Zwecken  und  zur
Herstellung  von  Feuerwerkskörpern  Verwendung.
Kaliumperkarbonat  (lat.  Kalium  percarbonicum,
  frz.  Percarbonate  de  potasse,  engl.  Potassium
  percarbonate),  K 2 C 2 O s ,  wird  durch
Elektrolyse  gesättigter  wäßriger  Kaliumkarbonatlösungen ­
  bei  —  to°  erhalten,  als  ein  in
wasserfreiem  Zustande  farbloses,,  in  wasserhaltigem ­
  Zustande  blaues  Salz,  das  beim  Erwärmen
unter  Abspaltung  von  Sauerstoff  zerfällt  und  mit
verdünnten  Säuren  Wasserstoffsuperoxyd  liefert.
K.  dient  zur  Darstellung  von  Sauerstoff,  ferner
als  Ersatz  des  Wasserstoffsuperoxyds  zum  Bleichen ­
  und  zu  photographischen  Zwecken.
Kaliumpermanganat  (übermangansaures
Kalium,  lat.  Kalium  permanganicum,  frz.  Permanganate ­
  de  potasse,  engl.  Potasse  permanganas).
  Beim  Schmelzen  von  Mangansuperoxyd
(s.  Braunstein)  Oder  anderen  Manganverbindungen
  mit  Ätzkali  und  salpetersaurem  oder  chlorsaurem
  Kalium  entsteht  eine  grüne  Masse,  die
aus  Kaliummanganat  (Mangansaures  Kali),
K 2 Mn0 4 ,  besteht  Und  als  Desinfektionsmittel
beschränkte  Anwendung  findet.  Leitet  man  in
die  heiße  wäßrige  Lösung  des  letzteren  Kohlensäure ­
  oder  Chlor,  oder  unterwirft  sie  der  Elektrolyse, ­
  so  schlägt  die  Farbe  von  grün  nach
purpurrot  um  (daher  der  Name  Chamäleonlösung), ­
  und  es  entsteht  das  Permanganat,
KMn0 4 ,  das  nach  der  Filtration  durch  Schießbaumwolle ­
  oder  Asbest  eingedampft  und  umkristallisiert ­
  wird.  Die  schwarzroten,  metallisch
glänzenden  Kristalle  lösen  sich  in  Wasser  mit
prächtig  dunkelroter  Farbe,  Durch  konzentrierte
Schwefelsäure  und  Salpetersäure  werden  sie  unter
Abgabe  von  Sauerstoff,  durch  konzentrierte  Salzsäure ­
  unter  Chlorentwicklung  zersetzt.  Wegen
seines  starken  Oxydationsvermögens  findet  das
Salz  als  Desinfektionsmittel  in  der  Medizin  Anwendung. ­
  Außerdem  dient  es  als  Bleichmittel
in  der  chemischen  Wäscherei,  als 1  Holzbeize,
zur  Darstellung  von  Sauerstoff  und  als  wichtiges
Reagens  in  der  chemischen  Analyse,
Kaliumphosphat  (Phosphorsaures  Kalium,
lat.  Kalium  phosphoricum,  frz.  Phosphate  de  po ­
        <pb n="197" />
        Kaliumrhodanid

192

Kalk

tasse,  engl.  Potassium  phosphate).  Von  den  drei,
denKalziumphosphaten(s.d.)  entsprechenden  Phosphaten ­
  des  Kaliums  entsteht  das  Trikaliumphosphat,
  K 3 P0 4 ,  durch  Erhitzen  von  Phosphorsäure ­
  mit  überschüssigem  Kaliumkarbonat
bis  zum  Glühen  in  Form  wasserlöslicher  Kristalle, ­
  das  Dikaliumphosphat,  K 3 HP0 4 ,  durch
Sättigung  von  Phosphorsäure  mit  Kaliumkarbonat
und  das  Monokaliumphosphat,  KH 3 P0 4 ,durch
genaue  Neutralisation  von  Kaliumkarbonat  mit
Phosphorsäure  bis  zur  schwach  sauren  Reaktion.
Nur  das  letztere  Salz,  ein  weißes  Kristallpulver,
hat  eine  gewisse  technische  Bedeutung.  Es  wird
medizinisch  und  als  Blumendünger  verwandt.
Kaliumrhodanid  (Rhodankalium,  Kaliumsulfozyanid.
  lat.  Kalium  rhodanatum,  frz.  Rho
danate  de  potasse,  engl.Potassium  sulphocyanide),
KSCN,  entsteht  beim  Schmelzen  von  gelben!
Blutlaugensalz  mit  Pottasche  und  Schwefel  und
dient  in  der  Analyse  als  wichtiges  Reagens  auf
Eisenoxydsalze,  mit  denen  es  eine  blutrote  Färbung ­
  liefert  sowie  als  Zusatz  zu  photographischen ­
  Bädern.
Kaliumsulfat  (schwefelsaures  Kalium,  lat.
Kalium  sulfuncum,  Arcanum  duplicatum,  Tartarus ­
  vitriolatus,  frz.  Sulfate  de  potasse,  engl.  Sulphate
  of  potash),  K 2 S0 4 ,  erhält  man  zuweilen  als
Nebenprodukt  aus  den  Mutterlaugen  der  Pottaschefabrikation, ­
  sowie  bei  der  Verarbeitung  von
Kelp  und  Varek  auf  Jod.  Die'  größten  Mengen
wurden  jedoch  aus  dem  Kainit  und  Polyhalit
der  Staßfurter  Abraumsalze  gewonnen,  indem
man  zunächst  das  Magnesiumchlorid  durch  Lösen
in  Wasser  entfernte  und  das  hinterbleibende
Kaliummagnesiumsulfat  mit  Chlorkalium  behandelte. ­
  Neuerdings  ist  diese  Herstellungsart  in
Staßfurt  aufgegeben  worden,  während  sie  in
Kalusz  weiter  betrieben  wird.  In  Deutschland
bedient  man  sich  jetzt  mehr  des  Schoenits,  den
man  mit  Kaliumchlorid  und  Eisenoxyd  schmilzt
und  aus  der  Schmelze  das  K.  mit  Wasser  aus
laugt.  K.  erscheint  im  reinen  Zustande  in  farblosen, ­
  harten  Kristallen  von  bitterlich  salzigem
Geschmack,  die  sich  in  io  Teilen  kaltem  und
4  Teilen  heißem  Wasser  lösen,  in  Alkohol  aber
■unlöslich  sind.  Es  findet  in  der  Medizin  bisweilen ­
  Anwendung  als  Abführmittel,  Die  Technik ­
  verwendet  das  Salz  in  großen  Mengen  zur
Fabrikation  von  Alaun,  Glas  und  Pottasche,  die
Landwirtschaft  als  Düngemittel.
Kaliumzyanid  (Zyankalium,  Zyankali,
Blausaures  Kali,  lat.  Kalium  cyanatum,  frz.
Cyamire  de  potasse,  engl.  Cyanide  of  potassium),
das  Kaliumsalz  der  Zyanwasserstoffsäure,  KCN,
(s.  Blausäure),  wird  in  großem  Maßstabe  durch
Schmelzen  von  gelbem  Blutlaugensalz  (s.  d.)  mit
Pottasche  dargestellt.  Nach  neuerem  Verfahren
erhält  man  es  auch  durch  Überleiten  von  Ammoniak ­
  über  ein  glühendes  Gemisch  von  Pottasche
und  Kohle.  Das  K.  wird  in  Platten  gegossen  und
erscheint  dann  als  eine  harte,  weiße,  porzellan
artige  Masse,  die  bereits  durch  die  Kohlensäure
und  Feuchtigkeit  der  Luft  unter  Auftreten  von
Blausäuregeruch  zerlegt  wird  und  daher  unter
gutem  Verschluß  aufbewahrt  werden  muß.  Trotz
seiner  außerordentlichen  Giftigkeit  findet  das
K.  ausgedehnte  Anwendung,  weil  es  das  unentbehrliche ­
  Lösungsmittel  für  alle  metallverarbeitenden ­
  Industrien  darstellt.  Es  dient  zur  Herstellung ­

  der  Bäder  für  galvanische  Vergoldung.
Versilberung,  Verkupferung  usw.,  wird  ferner  zum
Löten,  zum  Härten  von  Stahl,  in  der  Phologra
phie,  zur  Entfernung  von  Silberflecken  und  vor
allem  in  Südafrika  in  ungeheuren  Mengen  zur
Extraktion  des  Goldes  aus  den  Mineralien  verbraucht. ­

Kalk  (lat.  Calcaria,  frz,  Chaux,  engl.  Lime)-Unter
  dem  Namen  Kalk  versteht  man  in  der
Chemie  die  Sauerstoffverbindung  des  Kalziunimetalls,
  das  Kalziumoxyd,  wie  es,  allerdings
gewöhnlich  in  unreiner  Form,  als  gebrannter
K.  in  den  Handel  gebracht  wird.  Im  gewöhn
liehen  Leben  bezeichnet  man  aber  als  K.  auch
den  ungebrannten  K.,  das  Kalziumkarbonat, ­
  welches  sich  in  der  Natur  in  reinster  Form
als  Kalkspat  und  weißer  Marmor,  mehr  oder
weniger  verunreinigt  als  Kreide,  Kalkstein,  Kalk
tuff  und  Kalksinter,  vorfindet.  —  Die  festeren
dieser  Gesteine  werden  als  Bausteine  benutzt,
während  der  aus  Mineralwässern  abgeschiedene
Kalktuff,  Tuff-  oder  Grotten  stein,  c ; ne
eigentümliche  poröse  Masse  von  röhrig  blasiger
Struktur  und  blumenkohiartiger  Oberfläche,  zur
Ausschmückung  von  Grotten,  Aquarien,  zu  Beeteinfassungen ­
  und  künstlichen  Felspartien  Anwendung ­
  findet  und  zu  diesem  Zwecke  meist
aus  Thüringen  (Gegend  von  Weimar)  bezogen
wird.  —  Der  gewöhnliche  Kalkstein  dient  in
seinen  verschiedenen  Vorkommnissen  (Urkalk
stein,  Muschel-,  Jura-,  Pläner-  und  Süßwasserkalk)
  zur  Herstellung  des  gebrannten  oder
Ätzkalks  (Kalziumoxyd,  Calcaria  usta),  CaO,  indem ­
  man  ihn  glüht  und  dadurch  die  Kohlensäure
austreibt.  Das  Brennen  der  Kalksteine  erfolgt
in  gemauerten  Öfen,  und  zwar  nach  alter  Art  mit
unterbrochenem  Betriebe  in  der  Weise,  daß  man
den  Ofen  mit  Steinen  und  Brennmaterial  vollschichtet, ­
  nach  dem  Abbrennen  und  Erkalten
leert  und  von  neuem  beschickt.  Neuere  vor
besserte  Öfen  mit  seitlicher  Feuerung  gestatten
einen  kontinuierlichen  Betrieb,  indem  man  uriten
den  gebrannten  K.  herauszieht  und  oben  beständig ­
  neue  Steine  nachstürzt.  Wichtig  ist  die
Innehaltung  der  richtigen  Temperatur.  Bei  zu
großer  Hitze  findet,  besonders  wenn  durch  Ton.
Kieselsäure  oder  Alkalien  verunreinigter  Kalkstein ­
  benutzt  wird,  eine  teilweise  Schmelzung  und
Verglasung  statt,  und  man  erhält  sog.  tot
gebrannten  K.,  der  heim  Löschen  unlösliche
Stücke  hinterläßt.  Bei  zu  niedrigen  Tempera
turen  entsteht  ungarer  K.,  der  noch  Kohlen
säure  enthält.  Der  gebrannte  Kalk  wird  für
weitere  Versendung  in  Fässer  geschlagen,  für
die  Bahnbeförderung  auch  vielfach  in  besondere,
mit  Deckel  verschlossene  Loris  (Kalktransportwagen) ­
  verpackt.  Er  hält  sich  an  der  Luft  nicht
lange  unverändert,  da  er  Wasser  und  Kohlen
säure  anzieht  und  dabei  allmählich  ohne  merk
liehe  Erwärmung  in  den  Zustand  eines  mürben,
trockenen  Pulvers  übergeht.  Dieser  mild  gewor
dene,  sog.  zerfallene  K.  ist  für  gewisse  Zwecke,
namentlich  als  Düngemittel,  sehr  gut  brauchbar,
eignet  sich  aber  nicht  zur  Herstellung  eines  g l,t
bindenden  Mörtels.  Der  gebrannte  Kalk  findet
vielfache  Verwendung  in  der  Soda-,  Glas-  und
Zementfabrikation,  als  Zuschlag  beim  Ausschmelzen ­
  der  Eisenerze,  als  Äustrocknungsmittel
und  zur  Herstellung  feuerfester  Tiegel.  —  E in
        <pb n="198" />
        Kalkblau

193

Kalvillen

besonders  reiner,  zarter  und  sandfreier  K,,  der
vor  allem  keine  Tonerde  und  Magnesia  enthalten
darf,  bildet  unter  dem  Namen  Wiener  K.  ein
vortreffliches  Schleif-  und  Poliermittel  für  Metalle. ­
  Er  wird  in  verlöteten  Büchsen  versandt
und  muß  stets  gut  verschlossen  aufbewahrt  werden, ­
  da  er  an  der  Luft  seine  Brauchbarkeit  einbüßt.
  Man  entnimmt  den  Büchsen  daher  immer
nur  so  viel,  als  sofort  verbraucht  werden  soll,
und  verreibt  die  Stückchen  rasch  mit  öl  für
Messing  oder  mit  Spiritus  für  Stahl  und  Eisen.
—  Beim  Übergießen  mit  Wasser  absorbiert  der
K.  das  letztere,  bläht  sich  auf  und  geht  unter
bedeutender  Wärmeentwicklung  in  gelöschten
K.(Kalkhydrat,  Kalziumhydroxyd),Ca(OH) 2 ,
über.  Bei  Verwendung  von  nicht  mehr  Wasser,
als  chemisch  gebunden  werden  kann,  entsteht  e.n
lockeres  Pulver.  Für  die  Zwecke  der  Praxis
setzt  man  aber  so  viel  Wasser  hinzu,  daß  eine
mäßig  dicke  Flüssigkeit  (Kalkbrei,  Kalkmilch) ­
  entsteht,  die  man  in  eine  Grube  einfließen
  läßt.  Hier  gesteht  die  Masse,  wird
speckig  und  nimmt  allmählich  an  Güte  zu,  indem
sich  kleine  Teilchen  nachträglich  noch  löschen
und  aufschließen.  Je  reiner  ein  K.  ist,  desto
mehr  Wasser  vermag  er  aufzunehmen,  so  daß
nach  dem  Löschen  eine  2V2—3  fache  Menge  erhalten ­
  werden  kann.  Derartiger  K.  wird  als
„fetter  K.“  bezeichnet,  während  ein  mit  fremden ­
  Stoffen  verunreinigter  K.,  der  sich  träge
löscht  upd  geringe  Schwellung  annimmt,  „mager“ ­
  heißt.  Nur  der  fette  K.  kann  im  Gemenge
mit  Sand  als  Luftmörtel  benutzt  werden,  wäh
rend  der  magere  Kalk  unter  Umständen,  d.  h.
wenn  er  mindestens  8—ro°/o  Ton  enthält,  zur
Herstellung  von  Wassermörtel  (s.  Zement)  geeignet ­
  sein  kann.  Außer  zu  baulichen  Zwecken
dient  der  gelöschte  Kalk  zum  Reinigen  des
Leuchtgases  und  zum  Raffinieren  des  Zuckers,
zur  Darstellung  des  Chlorkalks  und  des  chlorsauren ­
  Kalis,  in  der  Seifen-  und  Stearinfabrikation, ­
  in  der  Gerberei  als  Enthaarungsmittel,  zum
Neutralisieren  schwefelsäurehaltiger  Flüssigkeiten
und  zur  Herstellung  von  Wein-,  Zitronen-  und
Essigsäure.  —  Der  Ätjikalk  löst  sich  in  der  700-fachen
  Menge  Wasser  zu  einer  klaren  Lösung,
dem  Kalkwassser  (lat.  Aqua  calcariae,  frz.  Eau
de  chaux,  engl.  Lime  water)  des  Arzneibuches,
welches  deutlich  nach  Kalk  schmeckt,  sich  an  der
Luft  mit  einem  feinen  Häutchen  von  kohlensaurem ­
  Kalk  überzieht  und  medizinische  Anwendung
findet.
Kalkblau  (Neuwiederblau),  eine  in  viereckigen ­
  Stücken  oder  Täfelchen  verkaufte  Tüncherfarbe, ­
  besteht  wie  das  Bremerblau  aus
Kupferoxydhydrat,  enthält  daneben  aber  noch
Gips  und  wird  durch  Zusatz  von  Kalkmilch  zu
Kupfervitriollösung  und  etwas  Salmiak  hergestellt.
Kalkierleinwand(Calquierleinwand,  Pausleinwand) ­
  nennt  man  ein  feines  Baumwo'Uengewebe,
  das  auf  einer  Seite  gleichmäßig  mit
Stärkekleister  überzogen  und  dann  auf  dem  Kalander ­
  getrocknet  und  geglättet  ist.  K.  dient  zum
Eurchzeichnen  von  Baurissen,  Plänen  und  Ma-'
  schineazeichnungen.
Kalkierpapier  (Calquierpapier,  Kopierpapier, ­
  Pauspapier),  ein  dünnes,  sehr  durchscheinendes, ­
  ziemlich  weiches,  ab  r  doch  haltbares
^apie r  aus  rein  gehecheltem  Flachs,  das  gewöhn-Horcks
  Warealexikon.

lieh  noch  mit  Paraffin,  Wachs  u.  dgl.  getränkt
ist,  wird  zu  demselben  Zweck  wie  die  Kalkierleinwand
  benutzt.
Kalmin.  Unter  diesem  Namen  sind  verschiedene ­
  Mittel  gegen  Asthma  und  Keuchhusten  im
Handel,  von  denen  dasjenige  der  chemischen
Fabrik  Ladenburg  aus  Antipyrin  und  Heroin
bestehen  soll,  während  ein  im  Dresdner  Untersuchungsämt
  analysiertes  Präparat  sich  als  gewöhnliches ­
  Pyridin  erwies.
Kalmuswurzel  (lat.  Rhizoma  calami,  frz.  Rhi
zome  d’aeore  vrai,  engl.  Sweet  flag  root),  der
Wurzelstock  von  Acorus  calamus,  einer  ausdauernden, ­
  zu  den  Arazeen  gehörenden  Pflanze,
die  in  Teichen,  Wassergräben,  an  See-  und  Flußrändern ­
  häufig  verkommt  und  im  Herbste  ge
sammelt  wird.  Die  reichsten  Erträge  erhält
man  in  trockenen  Jahrgängen,  auch  enthalten
die  Wurzeln  solcher  Pflanzen,  die  zeitweise  trok
ken  stehen,  mehr  Aroma  als  die  fortwährend  im
Wasser  wachsenden.  Der  aromatische  Geruch
und  Geschmack,  der  nach  dem  Trocknen  noch
stärker  hervortritt,  beruht  auf  der  Anwesenheit
eines  ätherischen  Öles  (1,5—3,5  tyo)  und  eines
scharf  und  bitter  schmeckenden  Harzes.  Außerdem ­
  findet  sich  in  der  Wurzel  noch  Cholin  und
ein  eigentümlicher  stickstofffreier  Stoff:  Ako
rin,  welcher  durch  verdünnte  Säuren  in  eine
Harzsäure  und  ätherisches  Öl  gespalten  wird.
K.  kommt  in  etwa  30  cm  langen,  platt  gedrückten
Stücken,  auf  deren  Ober-  und  Unterseite  die
Blattansätze  zu  erkennen  sind,  in  den  Handel.
Die  Farbe  ist  außen  gelbbraun,  im  Querschnitt
rötlich-  bis  weißlichgelb.  Die  Stücke  sind  entweder ­
  geschält  oder  ungeschält.  Die  geschälte
Wurzel  (lat.  Rhizoma  calami  mundata),  die  offizinelle
  des  deutschen  Arzneibuches,  bildet
weiße,  der  Länge  nach  gespaltene  Stücke,  während ­
  die  ungeschälte  K.  (lat.  Rhizoma  calami
cruda)  gespalten  und  ungespalten  in  Men  Handel ­
  kommt.  K.  dient  medizinisch  als  magenstärkendes ­
  Mittel,  zu  Zahnpulvern  und  Mundwässern, ­
  die  rohe  K.  zur  Bereitung  von  Bädern
und  in  der  Tierarznei.  Der  bei  der  Schälung
erhaltene  Abfall  kann  noch  zum  Abdestillieren
des  Öles  benutzt  werden.  —  Das  Kalmusöl  (lat.
Oleum  calami,  frz.  Essence  d’aeore,  engl.  Oil  of
sweet  flag)  ist  gelb  bis  braungelb,  das  spez.  Gew.
0,959-—0,970.  Man  benutzt  es  in  der  Likörfabrikation. ­
  —  Der  kandierte,  d.  h.  überzuckerte
K.,  geschält  und  dann  mit  Zuckerlösung  gekocht,
ist  als  magenstärkendes  Mittel  bei  manchen  beliebt, ­
  ebenso  der  würzhafte  Kalmuslikör.
Kalomelol  nennt  die  Firma  v.  Heyden  ein
kolloidales  Quecksilberpräparat,  das  75—80%
Quecksilberchlorür  neben  Eiweiß  enthält  und
durch  Dialyse  einer  wäßrigen  Lösung  von  Mer
kuronitrat,  Kochsalz  und  Eiweiß  und  nachherige
  Fällung  mit  Alkohol  dargestellt  wird.
Das  weißgraue,  geruch-  und  geschmacklose  Pulver ­
  gibt  mit  Wasser,  Alkohol  und  Äther  sowie
mit  Blutserum,  Salz-  und  Eiweißlösungen  milchähnliche, ­
  kolloidale  Lösungen  und  dient  als  Ersatz ­
  des  Kalomeis  bei  Geschlechtskrankheiten.
Kalvillen,  gewisse  Apfelsorten,  die  durch  stark
hervortretetide  Rippen  charakterisiert  sind  und
eine  meist  sich  etwas  fettig  anfühlende  Schale
und  lockeres  aromatisches  Fleisch  besitzen.  Man
unterscheidet  rote,  gestreifte  rote  und  ge-13
        <pb n="199" />
        Kalzine

194

Kalziumplumbat

streifte  gelbe  Herbstkalvillen  und  Gravensteiner ­
  K.
Kalzine  (Calcine).  Unter  diesem  Namen  verkauft ­
  man  eine  gelbbraune,  pulverige  Masse,
die  durch  Oxydation  eines  Gemisches  von  Blei
und  Zinn  beim  Schmelzen  an  der  Luft  hergestellt
wird  und  demnach  aus  Bleioxyd  und  Zinnoxyd
besteht.  Man  verwendet  sie  in  Verbindung  mit
eisenfreiem  Formsand  und  Kochsalz  zur  Herstellung ­
  des  weißen  Emails  auf  Ofenkacheln.
Kalziumazetat  (essigsaures  Kalzium,
essigsaurer  Kalk,  lat.  Calcaria  acetica,  Calcium ­
  aceticum,  frz.  Acötate  de  chaux,  engl.  Calcium ­
  acetate)  wird  in  großen  Mengen  fabrikmäßig ­
  hergestellt  durch  Sättigen  des  rohen  Holzessigs ­
  mit  kohlensaurem  Kalk  oder  Ätzkalk  und
weitere  Reinigung  des  beim  Eindampfen  hinterbleibenden ­
  Rückstandes  (Holzkalk)  durch  Erhitzen ­
  und  Umkristallisieren.  K.  bildet  das
Ausgangsmaterial  zur  Darstellung  der  Essigsäure
sowie  ihrer  Ester  und  Salze.
Kalziumbisulflt  (doppelt  oder  sau  rer  schwefligsaurer ­
  Kalk,  lat.  Calcium  bisulfurosum,  frz.
Bisulfite  de  chaux,  engl.  Bisulfite  of  lime),
Ca(HSO s ) 2 ,  entsteht  beim  Einleiten  von  schwefliger ­
  Säure  in  Kalkmilch  und  findet  als  Bleichmittel ­
  in  der  Zelluloseherstellung  und  Photographie ­
  sowie  als  Antiseptikum  in  der  Gärungsindustrie ­
  Anwendung.
Kalziumchlorid  (Chlorkalzium,  lat.  Calcium
chloratum,  frz.  Chloride  de  chaux,  Chlorure  de
calcium,  engl.  Chloride  of  calcium),  CaCl 2 ,  kommt
natürlich  vor  als  Bestandteil  vieler  Mineralquellen, ­
  des  Meerwassers  und  der  Abraumsalze,
wird  als  wenig  wertvolles  Nebenprodukt  zahlreicher ­
  Industrien,  so  der  Ammoniaksodaherstellung, ­
  erhalten  und  in  reinem  Zustande  durch
Auflösen  von  Kalziumkarbonat  in  Salzsäure  dargestellt. ­
  Beim  Eindampfen  der  Lösung  kristalli
siert  das  K.  mit  sechs  Molekülen  Wasser  aus.
Die  großen  Kristalle  geben  beim  Erhitzen  auf
höhere  Temperatur  ihr  Wasser  ab,  bis  eine  bei
8oo°  schmelzende  Masse  hinterbleibt,  die  zu
porösen  Stücken  erstarrt.  Das  kristallisierte  K.
löst  sich  in  Wasser  unter  erheblichem  Wärmeverbrauch ­
  und  wird  daher  zur  Erzeugung  von
Kältemischungen  benutzt.  Das  geschmolzene  Salz
zieht  begierig  Feuchtigkeit  aus  der  Luft  an  und
dient  in  der  chemischen  Analyse  und  Technik
als  Trockenmittel.
Kalziumhypochlorit  (unterchlorigsaures
Kalzium)  entsteht  bei  der  Einwirkung  von
Wasser  auf  Chlorkalk  (s.  d.).
Kalziumkarbid  nennt  man  die  Verbindung  von
Kalzium  mit  Kohlenstoff,  CaC 2 ,  welche  durch
Erhitzen  von  Ätzkalk  mit  Kohlenpulver  im  elektrischen ­
  Ofen  bei  den  höchsten  erreichbaren
Temperaturen  gewonnen  wird.  Es  ist  eine  schwarz
graue,  sehr  harte,  kristallinische  Substanz  vom
spez.  Gew.  2,22,  die  als  Reduktionsmittel  bei
Hüttenprozessen,  vor  allem  aber  zur  Erzeugung
von  Azetylengas,  C 2 H 2 ,  große  Bedeutung  besitzt. ­
  Durch  Glühen  mit  Stickstoff  geht  K.  in
das  Kalziumzyanamid  (s.  d.)  über.  Die  Gesamterzeugung ­
  betrug  im  Jahre  1911  etwa  250000  t,
davon  entfielen  auf  Deutschland  300001  bei  einer
Einfuhr  von  60  000  t.
Kalziumkarbonat  (kohlensaurer  Kalk,  lat.
Calcium  carbonicum,  frz.  Carbonate  de  calcium,

engl,  Carbonate  of  lime),  CaCO a ,  findet  sich  in
der  Natur  in  großen  Massen  als  Kalkstein,  Marmor ­
  (s.  d.)  und  Kreide  (s.  d.),  ferner  in  den  Eierschalen, ­
  Korallenstöcken  usw.,  und  wird  künstlich
durch  Fällung  Von  Kalziumlösungen  mit  Kohlensäure ­
  oder  Alkalikarbonaten  dargestellt.  K.  löst
sich  schwer  in  reinem,  leichter  in  kohlensäurehaltigem ­
  Wasser  und  findet  sich  daher  in  den
meisten  natürlichen  Wässern.  Mit  verdünnten
Säuren  braust  es  unter  Entweichen  von  Kohlensäure ­
  auf  und  gibt  letztere  auch  bei  heftigem
Glühen  ab  unter  Hinterlassung  von  Kalziumoxyd,
das  aus  der  Luft  begierig  Kohlensäure  anzieht
und  mit  Wasser  unter  Wärmeentwicklung  Kalziumhydroxyd ­
  liefert.  K.  findet  vielfache  Anwendung ­
  zur  Herstellung  von  Kohlensäure,  Ätzkalk ­
  usw.,  in  gefälltem  Zdstande  auch  zu  Zahnund
  Magenpulvern.
Kalziumphosphat  (phosphorsaures  Kalzium, ­
  phosphorsaurer  Kalk,  lat.  Calcium
phosphoricum,  frz.  Phosphate  de  chaux,  engl.
Phosphate  of  lime)  findet  sich  im  Handel  in
drei  Modifikationen:  1.  Trikalziumphosphat
(dreibasischer  oder  tertiärer  phosphorsaurer  Kalk,
basisches  K.,  lat.  Calcium  phosphoricum  basicum)
  wird  durch  Behandlung  von  weiß  gebrannter
Knochenasche,  die  zu  8o°/o  aus  K.  besteht,  mit
Salzsäure  und  Fällung  der  Lösung  mit  Ammoniak
in  der  Wärme,  oder  durch  Fällung  von  dreibasischem ­
  Natriumphosphat  mit  Kalziumchlorid  erhalten. ­
  Das  weiße  amorphe,  geruch-  und  geschmacklose ­
  Pulver,  Ca 3 (P0 4 ) 2 ,  ist  in  Wasser
unlöslich,  in  Salz-  und  Salpetersäure  leicht  löslich
und  wird  bei  Rachitis  und  anderen  Knochenerkrankungen ­
  verordnet.  2.  Dikalziumphosphat
  (zweibasischer  oder  sekundärer  phosphorsaurer ­
  Kalk,  neutrales  oder  gewöhnliches  K.,
lat.  Calcium  phosphoricum  neutrale)  entsteht
durch  Fällung  neutraler  oder  schwach  essigsaurer
Kalziumchloridlösung  mit  Dinatriumphosphat  und
gelindes  Trocknen  des  Niederschlages  als  ein
weißes  Kristallpulver,  CaHPQ 4 ,  das,  in  Wasser
nahezu  unlöslich,  in  Essigsäure  und  Mineralsäuren ­
  leicht  löslich  ist.  Es  ist  das  pharmazeutisch ­
  wichtigste  Salz  der  Phosphorsäure  und
dient  zur  Behandlung  aller  Knochenkrankheiten
sowie  von  Diarrhöen  und  Skrofulöse.  3.  Monokalziumphosphat ­
  (einbasischer  oder  primärer
phosphorsaurer  Kalk,  saures  K.,  lat.  Calcium
phosphoricum  acidum)  wird  fabrikmäßig  durch
Auflösen  von  Knochenasche  in  konz.  Schwefelsäure ­
  als  ein  kristallinisches  Salz  von  der  Formel
CaH 4 (P0 4 ) 2  erhalten  und  bildet  den  Hauptbestandteil ­
  der  Superphosphate  (s.  d.).  Neuerdings ­
  wird  es  auch  als  Ersatz  der  Weinsäure  für
Backpulver  benutzt.
Kalziumplumbat  (bleisaures  Kalzium),,Ca 2 .
Pb0 4 ,  entsteht  beim  Glühen  von  Bleioxyd  mit
Kalziumkarbonat  auf  mittlere  Rotglut  als  ein
schweres  gelbrotes,  in  Wasser  unlösliches  Pulver. ­
  Beim  Überleiten  von  Kohlensäure  bei  Rotglut ­
  gibt  es  Sauerstoff  ab,  nimmt  beim  folgenden ­
  Glühen  im  Luftstrom  neuen  Sauerstoff  auf
und  kann  somit  zur  Erzeugung  von  Sauerstoff
in  ununterbrochenem  Betriebe  benutzt  werden.
Außerdem  findet  es  zur  Herstellung  giftfreier
Zündhölzer,  welche  sich  ohne  besonders  präparierte ­
  Reibflächen  entzünden  lassen,  Anwendung. ­
        <pb n="200" />
        Kalziumsulfat

195

Kamillenöl

Kalziumsulfat  (schwefelsaures  Kalzium,
lat.  Calcium  sulfuricum,  frz.  Sulfate  de  chaux,
engl.  Sulfate  of  lime),  CaS04,  findet  sich  in  der
Natur  in  Form  zweier  Mineralien;  Anhydrit  und
Gips  (s.  d.).  Künstlich  wird  es  dargestellt  durch
Fällung  von  Kalziumchloridlösungen  mit  Natriumsulfat ­
  als  ein  zartes  weißes  Kristallpulver,
das  sich  schwer  in  Wasser,  leicht  in  Salzsäure
löst.  K.  kristallisiert  mit  zwei  Molekülen  Wasser,
verliert  einen  Teil  des  Wassers  beim  Erhitzen
auf  105 0 ,  den  Rest  bei  170 0  und  bildet  dann
als  sog.  gebrannter  Gips  eine  beim  Anrühren
mitWasser  formbare,  steinhart  erstarrende  Masse.
Über  200 0  erhitztes  K.  verliert  diese  Eigenschaft, ­
  deren  Bedeutung  beim  Gips  näher  besprochen ­
  ist.
Kalziumsulfhydrat  (Kalziumhydrosulfid,
lat.  Calcium  hydrosulfuratum,  frz.  Hydrosulfure
de  chaux,  engl.  Hydrosulfuret  of  calcium),  Ca(SH) 2 ,
besteht  aus  einer  Lösung  von  Schwefelwasserstoff-Schwefelkalziurn
  in  Wasser  und  läßt  sich
ohne  Zersetzung  nicht  zur  Trockne  bringen.
Die  durch  Einleiten  von  Schwefelwasserstoff  in
Kalkmilch  entstehende  Lösung  reagiert  schwach
alkalisch,  wirkt  schwach  ätzend  und  dient  zum
Entfernen  der  Haare  von  Fellen  oder  lebender
Haut  (Massa  depilatoria  Martin).
Kalziumsulfid  (Schwefelkalzium,  Kalkschwefelleber, ­
  lat.  Calcium  sülfuratum,  Calcaria
  sulfurata,  Hepar  sulfuris  calcareum,  frz.
Sulfure  de  calcium,  engl.  Sulfuret  of  calcium)
wird  durch  Glühen  eines  Gemenges  von  frisch
gebranntem  Kalk  mit  Schwefel  oder  von  Gips
mit  Kohle  erhalten  als  ein  gelblich-  oder  grauweißes ­
  Pulver,  das  befeuchtet  nach  Schwefelwasserstoff ­
  riecht.  Es  muß  in  gut  verschlossenen
Glasflaschen  aufbewahrt  werden  und  wird  wie  die
gewöhnliche  Schwefelleber  zu  Bädern  benutzt.
Kalziumzyanamid  (Kalkstickstoff),  die  von
Frank  durch  Überleiten  von  atmosphärischem
Stickstoff  über  glühendes  Kalziumkarbid  erhaltene ­
  Verbindung  von  Kalzium,  Kohlenstoff  und
Stickstoff,  CaN 2 C,  welche  zum  ersten  Male  eine
direkte  Verwertung  des  Luftstickstoffs  ermöglicht. ­
  K.  gibt  bei  Zutritt  von  Wasser  Ammoniak
ab  und  kann  daher  direkt  als  Düngemittel  angewandt ­
  oder  auch  auf  andere  Stickstoff-  bzw.
Zyanverbindungen  weiter  verarbeitet  werden.  Die
deutsche  Erzeugung,  die  im  Jahre  1913  auf
30  000  t  (Weltproduktion  260000  t)  geschätzt
"finde,  sollte  nach  Annahme  des  englischen  Stadst ­
  im  Jahre  1916  über  600000  t  betragen.
Kamala,  ein  ostindischer  Pflanzenstoff,  der  in
seiner  Heimat  und  in  England  unter  dem  Namen
^Vurrus  als  Farbmaterial  Anwendung  findet
Und  bei  uns  als  ausgezeichnetes  Mittel  gegen
Bandwurm,  Spul-  und  Madenwürmer  geschätzt,
"nd  hinsichtlich  der  Wirksamkeit  den  abessini-Sc
 hen  Kussoblüten  (s.  d.)  gleichgestellt  wird,
stammt  von  einem  kleinen  ostindischen  Baume,
Bottlera  tinctoria  (Mallotus  philippinens
 &amp;gt;s)  und  bildet  den  drüsigen  Überzug  der  Früchte,
, er  durch  Abbürsten  gewonnen  wird.  Das  leichte,
ZI egelrote,  mit  den  feinen  Sternhaaren  der  Frucht
untermischte  Pulver  phne  besonderen  Geschmack
u .nd  Geruch  läßt  nach  dem  Aufquellen  die  häubgenDrüsen
  erkennen,  in  deren  Inneren  zahlreiche
rotem  Farbstoff  gefüllte  Schläuche  liegen.
Uer  wegen  seiner  Leichtigkeit  nur  schwierig

benetzbare  Körper  färbt  Wasser  schwach  gelblich, ­
  liefert  dagegen  mit  Äther  und  Alkohol  gelbe
Auszüge,  die  durch  Alkalien  in  Purpurrot  umgefärbt ­
  werden.  K.  enthält  zwei  kristallisierbare
Harze  (Rot  tierin,  Kamalin)  und  verpufft  gleich
dem  Bärlappsamen,  wenn  es  durch  eine  Flamme
geblasen  wird.  Für  medizinische  Verwendung
soll  das  Pulver  möglichst  von  den  Härchen  und
etwa  beigemengtem  Sand,  mit  dem  es  sehr  häufig
verfälscht  wird,  befreit  werden.
Kambrik  nannte  man  ursprünglich  locker  gewebte ­
  dünne  Batistleinwand,  die  eigentlich  Cambrai
  hieß,  weil  sie  in  der  gleichnamigen  französischen ­
  Stadt  am  besten  verfertigt  wurde.  Die
leinene  Ware  wurde  jedoch  durch  Nachahmungen ­
  in  Baumwolle  in  den  Hintergrund  gedrängt,
die  zuerst  in  England  und  Schottland,  später  auch
in  Deutschland,  der  Schweiz  und  Frankreich,  sowohl ­
  glatt  als  kariert,  gestreift  und  gemustert,
bunt  gedruckt  und  gestickt  hergestellt  wurden  und
bei  größerer  Wohlfeilheit  feiner  und  schöner
von  Aussehen  als  die  leinenen  Waren  sind.  Der
mittelfeine  K.  heißt  auch  Baumwolltaft.
Kamholz  (Angolaholz,  engl.Cam-wood),  eine
dem  Sandelholz  ähnliche,  von  Baphia  nitida
abstammende  Sorte  Rotholz  erhält  man  aus
Sierra  Leone  und  Berbice  in  viereckigen  Blökken,
  die  frisch  gespalten  fast  farblos  sind,  an
der  Luft  aber  bald  dunkelrot  werden.  Eine  andere, ­
  unter  dem  Namen  Cam-wood  gehende
Sorte  stammt  von  einer  Thespesiaart  und  wird
auch  Gabonholz  genannt.
Kamillen.  Man  unterscheidet  im  Drogenhandel ­
  folgende  zwei  Arten:  1.  Feldkamillen
(Hermelchen,  deutsche  ,K-,  lat.  Flores  chamomillae
  vulgaris,  frz.  Fleurs  de  Camomille
vulgaire,  ou  d’Allemagne,  engl.  German  chamomile),
  die  getrockneten  Blütenköpfchen  der  auf
Feldern  und  unbebauten  Plätzen  vorkommenden
Matricaria  chamomilla,  leicht  kenntlich  an
ihrem  starken,  aromatischen  Geruch  sowie  an
dem  kegelförmigen,  nackten,  innen  hohlen
Fruchtboden  und  den  nach  abwärts  gerichteten
weißen  Randblütchen.  2.  Römische  K.  (edle
K.,  lat.  Flores  chamomillae  romanae,  frz.
Fleurs  de  Camomille  romaine,  engl.  Flowers
ohamomile  belgian),  die  getrockneten  Blütenköpfchen ­
  einer  gefüllten  Abart  von  Anthemis
nobilis,  die  in  Südeuropa  heimisch,  aber  in  Belgien, ­
  Thüringen  und  Sachsen  auf  Feldern  stark
angebaut  wird.  Die  Blütenköpfchen  sind  größer
und  haben  einen  anderen  Geruch  als  die  der
gemeinen  K.,  auch  fehlen  die  gelben  Scheibenblüten.
  Der  Blütenboden  ist  gewölbt,  jedoch
nicht  hohl,  und  mit  Spreublättchen  besetzt.  —
Beide  Sorten  enthalten  als  wirksame  Bestandteile ­
  ätherisches  Öl  und  einen  Bitterstoff  und
werden  medizinisch  verwandt.
Kamillenöl,  das  ätherische  Öl  der  Kamillen,
findet  sich  in  mehreren  Sorten  im  Handel:  i.Deutsches
  K.  (lat.  Oleum  chamomillae  aethereum
seu  coeruleum,  frz.  Essence  de  camomille,  engl.
Oil  of  german  chamomile),  eine  dickflüssige,
dunkelblaue,  bei  längerer  Aufbewahrung  braun
werdende  Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.  0,922  bis
0.956,  die  bei  o°  erstarrt,  hat  wegen  geringer
Ausbeute  (0,3  °/o)  einen  sehr  hohen  Preis.  —
2.  Oleum  chamomillae  citratum,  zitronenhaltiges ­
  Kamillenöl,  wird  durch  Destillation
        <pb n="201" />
        Kammersäure

196

Kampfer

von  Zitronenöl  mit  Kamillen,  gewonnen.  —  3.  Rö-  |
misches  K.'  (lat.  Oleum  chamomillae  romanae,
frz.  Essence  de  camomille  romaine,  engl.  Oil  of
belgian.  chamomile),  eine  ebenfalls  blaue,  zuweilen ­
  auch  grünliche,  im  Alter  bräunlich  werdende, ­
  aber  leicht  bewegliche  Flüssigkeit,  wird
in  Menge  bis  zu  I  °/o  gewonnen.  Alle  drei  Öle
werden  medizinisch,  das  römische  auch  als  Zusatz
bei  der  Bereitung  gewisser  aromatischer  Liköre
benutzt,
Kammersäure,  die  rohe  englische  Schwefelsäure, ­
  wie  sie  aus  den  Bietkammern  kommt,  enthält ­
  etwa  so°/o  Schwefelsäure  und  dient  zur  Herstellung ­
  von  Superphosphaten  und  einigen  chemischen ­
  Präparaten.
Kammfett,  ursprünglich  das  aus  dem  Oberhalse ­
  (Kamm)  der  Pferde  auf  Abdeckereien  ausgeschmolzene ­
  Fett,  wird  heutzutage  in  besonderen ­
  Anstalten  durch  Dämpfen  der  gevierteilten
Pferdekadaver  in  geschlossenen  Zylindern  gewonnen. ­
  Das  hierbei  als  oberste  Schicht  erhaltene ­
  helle  und  geruchlose  Fett,  das  in  der
Kälte  butterartig  wird,  findet  als  Maschinenschmiere, ­
  zum  Einfetten  der  Wolle  sowie  zur
Darstellung  einer  ganz  weichen  Kaliseife  für  die
Tuchfabrikation  Verwendung.
Kampfer  (Kampher,  lat.  Camphora,  frz.
Camphre  du  Jäpon,  engl.  Camphor)  ist  der  Hauptbestandteil ­
  des  Kampferöls,  das  sich  in  dem
Stamm  sowie  auch  den  Zweigen  und  Blättern  des
Kampferbaumes  (Laurus  camphora  L.  oder
Cinnamomum  camphora  Nees  et  Ebcrm.),  einer
besonders  in  China,  Japan  und  auf  der  Insel  Formosa ­
  verbreiteten  Laurinee  vorfindet.  —  Zur
Gewinnung  unterwirft  man  die  Kampferholzspäne
(ships)  einer  ziemlich  einfachen  Destillation  mit
Wasser,  schöpft  das  auf  dem  Destillate  schwimmende ­
  Gemisch  von  festem  K.  und  Kampferöl
ab  und  filtriert  es  durch  Stroh,  wobei  der  feste
Anteil,  der  Rohkampfer,  zurückbleibt.  Er  wird
aus  Formosa  in  50—60  kg  enthaltenden,  mit
dicken  Bleifolien  ausgeschlagenen  Kisten,  aus
Japan  in  sog.  Tubbs,  d.  h.  mit  geflochtenen
Matten  umkleideten  Holzbottichen  von  etwa  80kg
Inhalt  eingeführti  kommt  aber  auch  in  Bambus  |
verpackt  als  Röhren-K.  in  den  Handel.  Zur  Beseitigung ­
  beigemengter  Fremdstoffe  muß  der
Rohkampfer  einer  Reinigung  unterworfen  werden, ­
  die  früher  nur  in  Europa  und  Amerika  vorgenommen ­
  wurde,  jetzt  aber  zum  großen  Teil
in  Japan  erfolgt.  Die  Raffination  in  Europa  (z.  B.
Hamburg)  geschieht  in  der  Weise,  daß  der  Rohkampfer ­
  mit  Kohle,  Kalk  oder  Eisenfeile  gemischt ­
  und  in  Glaskolben  (Bombolas)  rasch  auf
120—190 0  C  erwärmt  wird,  um  das  Wasser  auszutreiben. ­
  Hierauf  wird  die  Temperatur  24  Stunden ­
  lang  auf  204 0  gehalten  und  nach  beendeter
Sublimation  das  Glas  durch  Absprengen  entfernt. ­
  Man  erhält  so  oben  konvexe,  unten  konkave, ­
  in  der  Mitte  mit  einem  Loch  versehene
Brote  von  3—5  kg  Gewicht.  In  Amerika  wird
der  Rohkampfer  aus  eisernen  Retorten  sublimiert
und  das  erhaltene  feine  Pulver  in  Scheiben  gepreßt. ­
  In  Japan  bedient  man  sich  zur  Sublimation ­
  zum  Teil  irdener  Gefäße,  in  Kobe  auf  Nippon ­
  ,  nach  dem  Beyerschen  Verfahren  eigenartiger ­
  Stahlretorten,  —-  Der  raffinierte  K.
stellt  weiße,  durchscheinende  Massen  dar  von
eigenartigem  Geruch  und  brennend  bitterem.

hinterher  kühlendem  Geschmack.  In  Wasser  ist
er  nur  sehr  wenig  löslich  (1:  1200),  verleiht  aber
trotzdem  der  Lösung  einen  ausgesprochenen  Geruch ­
  und  Geschmack  nach  K  Von  den  gebrauch
liebsten  anderen  Lösungsmitteln:  Alkohol,  Äther,
Chloroform,  fetten  und  ätherischen  Ölen  wird
er  leicht  aufgenommen.  Beim  Zerreiben  im
Mörser  backt  er  zusammen,  läßt  sich  aber  nach
dem  Befeuchten  mit  Alkohol  oder  Äther  unter
Vermeidung  starken  Druckes  pulverisieren.  K.
verbrennt  mit  heller,  rußender  Flamme,  schmilzt
bei  175°  und  piedet  bei  204 0 ,  verdampft  aber
schon  bei  gewöhnlicher  Temperatur  merklich.
Infolgedessen  geraten  Kampferstückchen,  auf
Wasser  geworfen,  in  eine  lebhafte  rotierende
Bewegung,  die  jedoch  nach  Zusatz  von  etwas
Fett  oder  öl  aufhört.  Verfälscht  wird  der
K.  ab  und  zu  mit  Pflanzenfetten,  Paraffin  und
auch  dem  sog.  Kunstkampfer  (Pinenhydrochlorid).
  Erstere  würden  beim  Erwärmen  des  K.  in
einer  Porzellanschale  Zurückbleiben,  letzterer  läßt
sich  durch  das  in  ihm  enthaltene  Chlor  nachweisen.
  —  9 / 10  des  gesamten  K.  werden  auf  Formosa ­
  gewonnen,  von  wo  1912  über  4  Millionen
Kilogramm,  nach  Deutschland  allein  1,1  Million
Kilogramm,  ausgeführt  wurden.  Die  Preise  sind
je  nach  der  politischen  Lage  außerordentlichen
Schwankungen  unterworfen.  1898  kosteten  100  kg
raffinierter  K.  249  M.,  1903  bereits  430  M..  1906
sogar  1000  M.,  bis  1913  ein  Sturz  aut  350  M.  eintrat. ­
  Zur  Vermeidung  dieser  Schwankungen  sind
in  Indien,  Kalifornien  und  Deutsch-Ostafrika  Kulturen ­
  angelegt  worden,  doch  hat  der  Plantagen
kampfer  auf  den  Welthandel  noch  keinen  Einfluß ­
  ausgeübt.  —  Die  Verwendung  des  K.  ist
eine  sehr  mannigfache.  Pharmazeutisch  wird  er
teils  äußerlich,  hauptsächlich  in  Form  des  Kampferspiritus, ­
  teils  innerlich  als  Erregungsmittel
in  Pulverform  oder  subkutan  in  Form  von
Kampferöl  (ein  Teil  K.  in  neun  Teilen  Olivenöl
gelöst)  angewandt.  Technisch  benutzt  man  ihn
als  Mottenmittel  sowie  in  großen  Mengen  zur
Herstellung  von  Zelluloid  und  rauchschwachem
Schießpulver.  Die  Aufbewahrung  hat  wegen
|  seiner  Flüchtigkeit  und  seines  durchdringenden
Geruches  in  gut  verschließbaren  Gefäßen  aus
Glas  oder  Blech  an  einem  kühlen  Ort  zu  erfolgen. ­
  —  Neuerdings  wird  der  K.  auch  in
größerem  Maßstabe  künstlich  gewonnen,  wobei
das  Terpentinöl  als  Ausgangsmaterial  dient.  Durch
Einwirkung  von  Salzsäuredampf  führt  man  zunächst ­
  das  Pinen  (C 10 H  le )  des  Terpentinöls  in
sein  kristallinisches  Chlorhydrat  über,  wandelt
dieses  nach  verschiedenen  Verfahren,  z.  B.  durch
Einträgen  in  eine  Schmelze  von  Phenol  und  Kali
in  das  isomere  Kamphen  um  und  oxydiert  letzteres
zu  Kampfer  (C 10 Hi e O).  Der  künstliche  oder
synthetische  K.  kommt  in  Pulverform,  Perlform ­
  oderTafeln  in  den  Handel  und  unterscheidet
sich  von  dem  natürlichen  nur  durch  seine  optische ­
  Inaktivität  und  sein  Verhalten  gegen  Vanillinsalzsäure. ­
  Der  plötzliche  Preissturz  ließ
die  synthetische  Darstellung  in  Europa  nicht
lohnend  erscheinen,  die  daher  in  Frankreich
durch  einen  Einfuhrzoll  von  4—6  Fr.  für  100  kg
geschützt  werden  sollte  und  in  Deutschland  erst
während  des  Krieges  hohe  Bedeutung  gewann.  —'
Außer  dem  gewöhnlichen  K.  gibt  es  noch  zwei
andere  natürliche  Kampferarten,  den  Borneo-
        <pb n="202" />
        Kampferöl

197

Kaninchenhaar

kampfer  and  den  Ngaikampfer.  Ersterer,
auch  Sumatra-K.  genannt,  findet  sich  als  kristallinische ­
  bräunliche  Masse  in  Höhlungen  und
Rissen  der  älteren  Stämme  von  Dryobalanops
aromatica,  eines  zu  der  Familie  der  Dipterokarpazeen
  gehörigen  Baumes,  der  auf  Sumatra
und  Borneo  vorkommt,  aber  sehr  selten  geworden ­
  ist.  der  Borneokampfer  wird  in  seiner
Heimat  zu  religiösen  Zeremonien  gebraucht  und
gelangt  nur  als  seltenes  und  kostbares  Sammiungsprodukt
  nach  Europa.  Sein  Geruch  ist  zugleich ­
  kampfer-  und  pfefferartig,  an  Ambra
erinnernd.  Künstlichen  Borneokampfer,  Borneol
(s.  d.),  erhält  man  durch  Reduktion  des  Japankampfers. ­
  Der  Ngai-  oder  Blumea-K.  stammt
von  der  in  Indien  und  China  heimischen  Komposite ­
  Blumea  balsamifera  und  wird  ausschließlich ­
  in  den  Ursprungsländern,  zu  Tusche  und
medizinisch  verwandt.
Kampferöl,  japanisches  oder  natürliches
(lat.  Oleum  camphorae),  nicht  zu  verwechseln
mit  dem  Kampferöl-  der  Arzneibücher  (Oleum
camphoratum),  wird  bei  der  Gewinnung  des
Japankampfers  erhalten  und  wurde  früher  an
Ort  und  Stelle  meist  als  Leuchtmaterial  verbraucht. ­
  Jetzt  gelangt  dieses  sog.  Kampferrohöl,
eine  gelbliche  bis  bräunliche  stark  nach  Kampfer
riechende  Flüssigkeit,  entweder  als  solches  in  den
Handel  oder  wird  in  Japan  selbst  durch  fraktionierte ­
  Destillation  in  Kampfer,  Kampferweißül  und
Kampferrotöl  getrennt.  Letzteres  besteht  in  der
Hauptsache  aus  Safrol,  während  das  Kampferweißöl ­
  fast  ganz  aus  Terpenen  besteht  und  inf  olge
seiner  Ähnlichkeit  mit  Terpentinöl  häufig  an
dessen  Stelle  Verwendung  findet.  Das  nach  Europa ­
  -gelangende  Kampferöl  wird  besonders  auf
Kampfer  und  Safrol  verarbeitet,  wobei  als  Nebenerzeugnisse ­
  leichtes  Kampferöl,  schweres  Kampferöl ­
  und  blaues  Kampferöl  erhalten  werden.  Das
leichte  Kampferöl  enthält  hauptsächlich  Terpene
und  dient  als  Ersatz  des  Terpentinöls  in  der
Lackfabrikation  sowie  zum  Parfümieren  gewöhnlicher ­
  Seife.  Das  schwere  Kampferöl,  welches ­
  besonders  Safrol,  Eugenol,  Zineol  und
Terpineol  enthält,  wird  ebenfalls  zum  Parfümieren ­
  von  Seifen  und  als  Schmiermittel  benutzt, ­
  und  das  blaue  K.  schließlich,  das  aus
Sesquiterpenalkoholen  besteht,  findet  als  Bindemittel ­
  für  gewöhnliche  Seifenparfüms  Verwendung. ­

Kamptulikon,  eine  in  England  aus  gepulverten ­
  Abfällen  der  Korkschneiderei  mit  geringen
Mengen  von  Kautschuk  hergestellte  Masse,  ist
durch  das  ähnliche,  aber  billigere  Linoleum
(s.  d.)  verdrängt.
Kanadabalsam  (lat.  Terebinthina  canadensis,
Ralsamum  canadense,  frz.Baume  de  canada,  engl.
Canada  turpentine,  Balsam  of  canada),  aine  dickflüssige, ­
  zähklebrige,  durchsichtige  und  fast  farblose ­
  Flüssigkeit  von  terpentinartigem  Gerüche,
'st  das  Plarz  von  Abies  balsamea,  der  Balsamtanne ­
  Kanadas.  Es  wird  in  Amerika  medizinisch, ­
  bei  uns  zur  Einhüllung  mikroskopischer
Präparate  und  in  der  Porzellanmalerei  gebraucht
' s -  Terpentin).
Kanadol,  derjenige  Teil  des  Rohpetroleums,
Welcher  bei  etwa  6o°C  siedet  und  ein  zwischen
°&amp;gt;6so  und  0,700  liegendes  spez.  Gew.  hat,  besteht

aus  einem  Gemenge  mehrerer  Kohlenwasserstoffe ­
  der  Äthanreihe.
Kanariennüsse  werden  die  walnußartigen
Früchte  des  über  Neuguinea  verbreiteten  Baumes
Canarium  polyphyllum  genannt,  welche  sich  wegen
ihres  Fettgehaltes  von  68  °/o  und  des  hohen
Proteingehaltes  von  6i°/o  der  Preßrückstände
zur  technischen  Verwertung  eignen.  Das  Fett
hat  folgende  Kennzahlen:  Erstarrungspunkt  19
bis  2o°,  Schmelzpunkt  30 0 ,  V.  Z.  200,2,  Jodzahl
59.7.  R-  M.  Z.  4,4.
Kanariensamen  (Kanariensaat,  Kanarienhirse,
  Glanz,  lat.  Semen  canarienSe,  frz.  Semences
  de  Canarie,  engl.  Canary  seedt,  die  Samen
des  kanarischen  Glanzgrases  (Phalaris  canariensis),
  das  auf  den  Kanarischen  Inseln
heimisch  ist,  aber  auch  in  Südeuropa  wild  wächst
und  kultiviert  wird,  sind  von  strohgelber  Farbe
und  länglicher,  beiderseits  zugespitzter  Form.
In  Deutschland  wird  die  Frucht  im  Thüringischen, ­
  namentlich  in  der  Erfurter  Gegend,  angebaut ­
  und  nur  als  -  Vogelfutter  verwertet.  In
der  Technik  benutzt  man  den  aus  K.-Mehl  bereiteten ­
  Kleister  zum  Schlichten  feiner  Baumwollwaren,
  wozu  er  besser  als  Weizenmehl  geeignet ­
  sein  soll.
Kanarienwein  (Kanariensekt)  nennt  man
die  Weine  von  den  südkanarischen  Inseln  Kanada, ­
  Teneriffa,  Palma,  Lanzerote,  Fuerterentura,
Gömera  und  Ferro,  die  bei  hohem  Alkoholgehalt
süßen  würzigen  Geschmack  besitzen,
Kanarin  (Canarin,  Persulfozyangelb),  ein
in  Wasser  und  Alkohol  unlösliches,  orangegelbes
Pulver.  Pseudoschwefelzyan,  das  durch  Behandlung ­
  von  Rhodankalium  mit  Chlor  oder  Salpetersäure ­
  erhalten  wird,  findet  im  Zeugdruck
Anwendung.
Kanaster  (vom  spanischen  Canasta,  der  Korb)
wird  meist  jeder  gute  Varinastabak  genannt,
obgleich  die  Bezeichnung  eigentlich  nur  der
feinsten  Sorte,  die  in  Körben  versandt  wird,  zukommt. ­
  Die  aus  amerikanischem  Rohr  geflochtenen ­
  Körbe  werden  unter  dem  Namen  Kanasterkörbe ­
  häufig  auch  für  Zucker  und  andere
Waren  benutzt.
Kandagang,  eine  ostindische  Bastfaser,  von
Hibiscus  eriocarpus.
Kanevas  nennt  man  verschiedene  Arten  von
leinenen,  halbleinenen  und  baumwollenen  Geweben. ­
  Leinener  K.  oder  Kanevasleinen  ist
entweder  starkes  Hemdenleinen  oder  gewöhnliche ­
  und  mit  starkem  Glanze  appretierte  Futterleinwand. ­
  Ebenso  bezeichnet  man  weiß  gestreiften
Vorhangzwillich  und  andere  dichte  Baumwollstoffe ­
  mit  Streifen,  Rippen  und  kleinen  Mustern
sowie  endlich  die  offenen  gegitterten  Gewebe,
welche  zu  Fliegenfenstern,  leichtem  K'eiderfutter
und  als  Stickereigrund  (Stramin)  benutzt  werden.
Kaninchenhaar,  ein  wichtiger  Stoff  für  die
Hutmacherei,  wird  entweder  von  den  Fellein
abgeschoren  oder  abgebeizt.  Hauptsächlich  dieser ­
  Haare  wegen  züchtet  man  die  weißen  an  gorischen
  Kaninchen  oder  Seidenhasen,  von
denen  jeder  300—250  g  reine  Haare  im  Jahr
liefern  kann.  Die  Haare  werden  den  Tieren
im  Sommer  monatlich,  im  Winter  nur  einmal
ausgekämmt  oder  gerupft  und  bilden  ein  außerordentlich ­
  weiches,  federndes  und  wärmendes
Material,  das  entweder  für  sich  oder  im  Gemisch
        <pb n="203" />
        Kanister

198

Kapern

mit  Wolle  oder  Baumwolle  kartätscht,  verwebt
und  versponnen  wird.
Kanister  sind  Blechflaschen  oder  -dosen  zur
Versendung  von  ölen  u.  dgl.
Kannabintannat  (gerbsaures  Kannabin,
lat.  Cannabinum  tannicum),  ein  aus  dem  indischen ­
  Hanf,  nach  Entfernung  des  giftig  wirkenden ­
  ätherischen  Öls,  durch  Fällung  des  wäßrigen ­
  Auszugs  mit  Gerbsäure  dargestelltes  Präparat, ­
  ist  ein  bräunlichgraues,  geruchloses  Pulver
von  zusammenziehendem  Geschmack.  Es  löst
sich  nicht  in  Wasser,  wohl  aber  in  angesäuertem
Weingeist  völlig  auf  und  darf  beim  Glühen  auf
Platinblech  keinen  bemerkenswerten  Rückstand
hinterlassen.  Beim  Vermischen  mit  Natronlauge
wird  die  Base,  das  nach  Koniin  riechende  Kannabin, ­
  in  Freiheit  gesetzt.  K.  wird  als  schlafbringendes ­
  Mittel  anstatt  Opium  verwendet.
Kanthariden  (Spanische  Fliegen,  Blasenkäfer, ­
  Pflasterkäfer,  lat.  Cantharides,  frz.
Cantharides,  engl.  Spanish  flies)  nennt  man  die,
getrockneten  Körper  der  schlanken,  metallisch
grün  glänzenden  Blasenkäfer  (Lyttavesicatoria),
  die  2—2,5  cm  lang  werden  und  in  ganz
Süd-  und  Mitteleuropa,  in  Deutschland  aber  nur
strichweise  als  verirrte  Schwärme  Vorkommen.
Sie  werden  namentlich  aus  Südrußland,  Rumänien, ­
  Ungarn,  Österreich  in  den  Verkehr  gebracht ­
  und  bilden  auf  den  Messen  zu  Pultawa
und  Nischnij-Nowgorod  einen  Hauptartikel.  Die
Tiere  bevorzugen  als  Futterbaum  die  Esche,
gehen  aber  auch  auf  Rainweiden,  Holunder,
Geisblatt,  die  sie  in  großer  Menge  bedecken,
und  können  an  ihrem  starken  Gerüche  früher
wahrgenommen  als  gesehen  werden.  Man  sammelt ­
  sie  in  den  Monaten  Juni  bis  August,  indem
man  die  Käfer  frühmorgens  auf  untergebreitete
Tücher  abschüttelt,  in  Glasflaschen  füllt  und
durch  Einbringen  von  etwas  Äther,  Benzin  oder
Essig  u.  dgl.  tötet.  Sie  werden  dann  an  der
Sonne  oder  bei  gelinder  Wärme  bis  zur  Pulverisierbarkeit
  getrocknet  und  in  gut  verschlossenen
Flaschen  oder  Büchsen  aufbewahrt.  Als  charakteristische ­
  Bestandteile  enthalten  sie  neben
einem  Riechstoffe  das  blasenziehende  Kantharidin ­
  (s.  d.)  und  werden  zur  Herstellung  von  Zugpflastern ­
  (Spanischfliegenpflaster,  Emplastrum
  cantharidum  s.  vesicatorium  undDrouottsch-es
  Pflaster)  sowie  zu  Tinkturen  (Tinctura
cantharidum)  benutzt.  —-  Außer  den  gewöhnlichen ­
  K.  'gibt  es  noch  zahlreiche  ähnliche
Käfer,  die  ebenfalls  blasenziehend  wirken  und
in  manchen  &amp;gt;  Ländern  medizinisch  verwandt  werden, ­
  wie  die  persischen  K.,  Mylabris  colligata
und  maculata,  die  blauen  oder  violetten  ostindischen ­
  K.,  Lytta  Gigas,  und  in  Nordamerika
sehr  häufig  Epicanta  vittata  und  cinerea.  Bei
uns  werden  zur  Bereitung  von  Kantharidin  sehr
häufig  die  chinesischen  K.,  Mylabris  Cichorii,
benutzt.  Sie  haben  braune,  nicht  metallglänzende
Flügeldecken  mit  schwarzen  und  gelben  Querstreifen. ­
  —  Alle  Kantharidenarten  sind  dem
Wurmfraß  sehr  unterworfen  und  schimmeln
leicht.
Kantharidin  (Kantharidinsäure,  Kantharidinkampfer, ­
  lat.  Cantharidinum,  frz,  und
engl.  Cantharidine),  C 10 H 12 O 4 ,  der  blasenziehende
Stoff  der  Kanthariden  (s.  d.),-  bildet  kleine,  farblose ­
  und  geruchlose  Kristalle,  die  bei  218°  C

schmelzen  und  unzersetzt  sublimieren.  Als  Anhydrid ­
  einer  Säure  wird  es  auch  Kantharidinsäure ­
  (Acidum  cantharidinicum)  oder  richtiger ­
  Kantharidinsäureanhydrid  genannt.  Zu
seiner  Darstellung  werden  gepulverte  chinesische
Kanthariden  mit  einem  Gemisch  von  Schwefelsäure ­
  und  Essigäther  digeriert,  darauf  mit  Bariumkarbonat ­
  versetzt  und  mit  Eskigäther  extrahiert. ­
  Das  aus  der  Lösung  auskristallisierende
K.  wird  zur  Entfernung  des  Fettes  mit  Petroläther ­
  gewaschen  und  aus  Alkohol  umkristallisiert. ­
  K.  wie  kantharidinsaures  Kalium
finden  immer  mehr  als  Ersatz  der  Kanthariden
Anwendung.  Insbesondere  wird  das  Spanische
Fliegenpflaster,  Drouottsches  Pflaster,
durch  Auflösen  von  K.  und  Aufstreichen  auf
Seidenstoff  hergestellt.
Kantill^n  (Cantillen,  frz.  Bouillon,  Cannetille,
  engl.  Bullion,  Purl)  sind  Erzeugnisse  der
Gold-  und  Silberdrahtspinnerei',  die  hauptsächlich
zu  militärischen  Abzeichen,  wie  Epauletten,  Portepees, ­
  Tressen,  Quasten  u.  dgl.  verwandt  werden. ­
  Der  hierzu  dienende  Gold-  und  Silberdraht ­
  ist  entweder  von  kreisrundem  Querschnitt
oder  breitgewalzt,  bandartig  und  heißt  dann
Lahn.  Reiner  Golddraht  wird  nur  selten  und
dann  auch  nur  in  den  feinsten  Nummern  angewandt, ­
  während  in  der  Regel  vergoldeter  Silber
draht,  dessen  Goldgehalt  in  einigen  Staaten  gesetzlich ­
  vorgeschrieben  ist,  zur  Verarbeitung  gelangt. ­
  Sehr  viele  Gold-  und  Silberfäden  werden ­
  auch  durch  Überspinnen  von  Seidenfäden
mit  Gold-  oder  Silberdraht  hergestellt  und  zu
Tressen,  Borten,  Schnüren  usw.  sowie  zur  Herstellung ­
  von  Gold-  und  Silbergeweben  (Draps
d’or  und  Draps  d’argent),  Stickereien  u.  dgl.  be
nutzt.  Schließlich  gibt  es  noch  aus  unechtem
Gold-  und  Silberdraht  hengestellte  Fäden.  Durch
schraubenförmiges  Aufrollen  des  Drahtes  auf
einen  massiven,  stählernen  Zylinder  von  der
Dicke  einer  feinen  Stricknadel  bis  zu  der  eines
starken  Bleistifts,  erhält  man  biegsame,  hohle
Zylinder,  die  eigentlichen  K,
Kaolin'  (China  Clay)  ist'ein  feiner,  eisenfreier,
weißer  Ton,  der  noch  untersetzte  Feldspatteilchen ­
  enthält  und  zur  Porzellanbereitung  dient
(Porzellanerde,  Porzellanton).  Lager  von
Kaolin  finden  sich  bei  Meißen,  Aue,  Schneeberg,
Halle,  Passau,  Limoges  usw.,  von  wo  der  K.
oft  weithin  versandt  wird.
Kapern  (frz.  Capres,  engl.  Capers)  nennt  man
die  Blütenknospen  von  Capparis  spinosa,  die
an  sonnigen,  felsigen  Stellen  der  Mittelmeerküsten ­
  wild  wächst  und  bisweilen,  besonders  in
Südfränkreich,  auch  angepflanzt  wird.  Der  dornige, ­
  rankende  Strauch  von  1  !/ 2 —-2  m  Höhe
trägt  vierblättrige,  blaßrötliche,  den  wilden  Rosen ­
  ähnliche  Blüten  und  fleischige  Schotenfrüchte.
  Die  Knospen  werden  gesammelt,  wenn
sie  Pfefferkorn-  bis  Erbsengroße  erreicht  haben
und  noch  ganz  geschlossen  sind.  Sobald  sie
durch  Ausbreiten  im  Schatten  etwas  abgewelkt
sind,  werden  sie  in  Fässern  mit  gesalzenem
Essig  überschüttet  und  an  die  Saleurs  verkauft,
welche  das  Einlegen  geschäftsmäßig  betreiben.
Diese  behandeln  die  K.  entweder  mit  starkem
Essig  oder  trockenem  Salz,  am  häufigsten  m
der  ersten  Weise,  da  die  Essigkapern  schmackhafter ­
  und  beliebter  sind,  während  die  Salz-K.
        <pb n="204" />
        Kapok

199

Karbolsäure

sich  länger  gut  erhalten.  Vor  dem  Einmachen
werden  die  K.  durch  Sieben  in  verschiedene
Sorten  geteilt,  von  denen  die  wertvollste  (Non*
pareilles)  die  jüngsten,  also  kleinsten,  Knospen
enthält.  Darauf  folgen  nach  der  Größe  Surfines
oder  Capucines,  die  gewöhnlich  noch  die  Stiele
haben,  Capottes,  Fines  und  Mi-fines  (halbfeine),
endlich  ordinäre  oder  Communes,  die  dicksten,
die  5—6mal  schwerer  sind  als  die  Nonpareilles.
Die  feinen  Sorten  heißen  in  Deutschland  auch
Kapuziner  und  Kapotkapern.  Gute  K.
müssen  klein,  hart,  rund  und  noch  gut  geschlossen, ­
  nicht  schon  teilweise  geöffnet  oder  zerdrückt ­
  sein.  Alte  und  verdorbene  sind  schwärzlich, ­
  weich  und  geschmacklos.  Die  Farbe  ist
dunkelolivengrün  mit  kleinen  rötlichen  Fleckchen ­
  an  der  Spitze,  während  eine  auffallend
grüne  Farbe  eine  Färbung  mit  Kupfer  vermuten
läßt.  —-  An  Stelle  der  K.  werden  zuweilen
Knospen  von  Caltha  palustris  und  von  Spartium
scoparium  angetroffen,  die  aber  bei  aufmerksamer ­
  Betrachtung,  namentlich  nach  dem  Öffnen, ­
  leicht  zu  erkennen  sind.  Auch  die  schotenförmigen ­
  Früchte  des  K.-Strauches  werden  in
Frankreich  eingelegt,  unter  dem  Namen  Cornichons ­
  de  Caprier  in  den  Handel  gebracht
und  wie  Essiggurken  genossen.
Kapok  nennt  man  die  Samen  der  Wo  11-bäume
  Bombax  malabaricum  D.  C.  undEriodendron
  aufractuosum  D.  C.,  die  zu  den  Malvazeen
  gehören  und  in  südtropischen  Gegenden,
besonders  in  Para,  Ost-  und  Westindien,  Südafrika ­
  und  Südamerika  zu  Hause  sind.  Kapok
dient  als  ausgezeichnetes  Polstermaterial,  s.  Pflanzendaunen. ­

Kapseln.  Unter  diesem  Namen  faßt  man  verschiedene ­
  Erzeugnisse  zusammen:  I.  K.  aus
Gelatine  oder  Mehl  zur  Umhüllung  von  Arzneimitteln, ­
  um  das  Einnehmen  zu  erleichtern,
z.  B.  Kopaivabalsam-K.,  Rizinusöl-K.,  Brausepulver-K.
  usw.  —  2.  K.  aus  Zinn  oder  Zinnlegierungen, ­
  die  zum  Verschließen  von  Flaschen
dienen.  —  3.  K.  aus  Ton  oder  ähnlicher  Masse,
die  teils  zum  Versenden,  teils  in  der  Chemie
und  Industrie  Verwendung  finden.
Kaptol,  ein  Kondensationsprodukt  von  Chloral
und  Gerbsäure,  graubraunes,  in  Wasser  und
Alkohol  lösliches  Pulver,  das  als  Mittel  gegen
Schuppenbildung  der  Kopfhaut  angepriesen  wird.
Karakuru  (Carajuru,  Crujuru),  der  Farbstoff ­
  der  Chica  (s.  d.),  ist  ein  rotes,  in  Wasser
unlösliches,  in  Alkohol  und  Alkalien  lösliches
Pulver,  das  von  Salpetersäure  zu  Anissäure  oxydiert ­
  wird.  K.  färbt  Baumwolle  braunrot  mit
v iolettem  Schein.
Karannaharz,  ein  dem  Elemi  nahestehendes
Harz,  stammt  von  Bursera  acuminata  aus
^Vestindien.
Karapaöl  (Craböl,  Karapafett,  Andiroba-°l),
  ein  brasilianisches  Pflanzenfett  von  butterurtiger ­
  Konsistenz  und  bitterem  Geschmack,  wird
durch  Pressen  der  Samenkerne  von  Carapa
Suyanensis  erhalten.  Es  ist  gelblich  und  schmilzt
schon  bei  io°  C.  Durch  Pressen  soll  man  jedoch
au ch  ein  Produkt  erhalten,  welches  erst  bei
4o—50°  C  schmilzt.  Man  benutzt  das  K.  im  Ur-^Prungslande
  als  Insektenschutzmittel,  in  Engar
 &amp;gt;d  und  Frankreich  zur  Fabrikation  von  Seifen.

Karboformal,  ein  aus  Karbolsäure  und  Formaldehyd ­
  bestehendes  Desinfektionsmittel.
Karboformal-Qlühblocks,  Kohlenbriketts,  die
eine  mit  Paraformaldehyd  gefüllte  Höhlung  haben
und  beim  Glühen  Dämpfe  von  Formaldehyd,  in
den  zu  desinfizierenden  Räumen  verbreiten.
Karbolineum.  Unter  diesem  Namen  kommen
schwarzbraune  Flüssigkeiten  in  den  Handel,  die
zum  Anstreichen  von  Holz  dienen,  um  Fäulnis
abzuhalten.  Sie  bestehen  meist  aus  schweren
Kohlenwasserstoffen,  Anthrazenölen,  die  als  Abfallprodukt ­
  bei  der  fraktionierten  Destillation
des  Steinkohlenteers  gewonnen  werden  und
durch  Abkühlen  von  den  festen  Bestandteilen
Anthrazen,  Phenanthren,  Karbazol  befreit  sind,
aber  Phenol  enthalten.  Das  spez.  Gew.  liegt  bei
1,08—1,10,  der  Siedepunkt  bei  380—350 0 .  Die
älteste  Sorte  K.  Avenarium  war  mit  Chlor  behandelt, ­
  andere  enthalten  wohl  auch  Zinkchlorid; ­
  Zusätze  anderer  Stoffe,  insbesondere
Wasser  und  Lauge,  sind  als  Verfälschung  zu  beurteilen. ­

Karbolsäure  (Phenol,  Phenylsäure,  Steinkohlenkreosot, ­
  lat.  Acidum  carbolicum,  Acidum ­
  phenylicum,  frz.  Acide  carbolique,  engl.
Carbolic  acid,  Phenol)  bildet  neben  höheren
Phenolen  (Kresolen)  den  Hauptbestandteil  der
zwischen  160  und  200°  überdestillierenden  Anteile ­
  des  schweren  Steinkohlenteeröls,  des  sog.
Kreosotöls,  aus  dem  sie  durch  Behandlung
mit  Natronlauge  und  nachfolgende  Zersetzung
der  von  den  übrigen  Teerbestandteilen  abgelassenen ­
  alkalischen  Flüssigkeit  mit  Schwefelsäure ­
  gewonnen  wird.  Durch  fraktionierte  Destillation ­
  des  abgeschiedenen  öligen  Produktes
erhält  man  die  rohe  K.  (Acidum  carbolicum
crudum),  die  zur  weiteren  Reinigung  mit  Chromsäure, ­
  Schwefelsäure,  Bleioxyd  usw.  behandelt
wird.  Zur  völligen  Entfernung  der  Kresole,  des
Naphthalins  und  anderer  Verunreinigungen  löst
man  die  K.  in  Wasser,  salzt  aus,  läßt  kristallisieren ­
  und  rektifiziert  schließlich  die  abgepreßten ­
  Kristalle  bei  182—183°.  Das  so  erhaltene
Erzeugnis  ward  als  chemisch  reine  K.  (Acidum ­
  carbolicum  purum  redestillatum)  bezeichnet. ­
  Auf  synthetischem  Wege  kann  K.  durch
Schmelzen  von  benzolmonosulfosaurem  Kalium
mit  Ätzkali  und  Zerlegung  des  entstandenen
Phenolkaliums  mit  Säuren  dargestellt  werden.
Die  reine  K.,  C 6 H 6  .  OPI,  bildet  farblose,  eigenartig ­
  riechende  Kristalle,  die  bei  42 0  schmelzen
und  bei  182—183°  sieden.  Sie  löst  sich  in
15  Teilen  Wasser  von  15°,  ferner  in  Alkohol,
Äther,  fetten  Ölen  und  Glyzerin,  und  liefert  beim
Schmelze^  mit  100/0  Wasser  die  sog.  verflüssigte ­
  K.  (Acidum  carbolicum  liquefactum
des  Arzneibuches).  In  chemischer  Plinsicht  ist
die  K.  keine  eigentliche  Säure,  sondern  ein  Phenol, ­
  d.  h.  ein  Benzol,  in  welchem  ein  Wasserstoffatom ­
  durch  Plydroxyl  ersetzt  worden  ist.
In  physiologischer  Beziehung  wirkt  sie  als  ein
starkes  Gift,  ätzt  die  Epidermis  und  Schleimhäute, ­
  bringt  Eiweiß  zum  Gerinnen  und  tötet
pflanzliche  und  tierische  Organismen.  Bei  der
Prüfung  der  K.  hat  man  besonders  auf  Farblosigkeit ­
  und  Abwesenheit  unangenehmen  Geruchs ­
  zu  achten.  Auch  ist  der  Schmelzpunkt
und  die  Wasserlöslichkeit  von  Bedeutung,  da
beide  durch  einen  Gehalt  an  Kresol  erniedrigt
        <pb n="205" />
        Karborundum

Kardobenediktenkraut

200

werden.  —  In  den  Preislisten  der  Drogisten
finden  sich  folgende  Sorten:  Acidum  carbolicum
crystall.  (Schmelzpunkt  35—37  °);  A.  c.  cryst.
(Schmelzpunkt  40—41  °,  Phenolum  absolutum);
A.  c.  purum  redestillatum  (Schmelzpunkt  40  bis
42 0 ,  D.A.B.);  A.  c.  syntheticum  (40—42 0 );  A.c.
liquefactum  und  A.  c.  crudum  95/1000/0,  50/600/0,
25/300/0.  Die  K.  findet  ausgedehnte  Verwendung
als  Antiseptikum,  und  zwar  in  3  prozent.  wäßriger ­
  Lösung  (Karbolwasser,  Aqua  carbolisata)
  als  Verbandwasser;  in  5prozent.Lösung
zur  Desinfektion  der  Hände  und  Instrumente.
Die  Technik  benutzt  die  rohe  K.  zur  Konservierung ­
  von  Holz  und  zum  Desinfizieren  von  Ställen, ­
  die  reine  K.  bei  der  Fabrikation  der  Darmsaiten ­
  und  des  Leims,  zur  Darstellung  der  Salizylsäure, ­
  Pikrinsäure  und  zahlreicher  Farbstoffe.
Die  Aufbewahrung  erfolgt  in  Flaschen  vor  Licht
geschützt,  der  Versand  der  rohen  K.  in  Fässern,
der  reinen  Verbindung  in  Blechkanistern  oder
dunklen  Glasstöpselflaschen.
Karborundum,  Siliziumkarbid,  entsteht
beim  Glühen  von  Kohle,  Sand  und  Kochsalz  im
elektrischen  Widerstandsofen  als  ein  diamantglänzendes ­
  Kristallpulver,  das  wegen  seiner
außerordentlichen  Härte  als  Ersatz  des  Schmirgels ­
  und  des  Diamantstaubes  zum  Schleifen  von
Diamanten  benutzt  wird.  Mit  Bindemitteln  läßt
es  sich  zu  Rädchen  und  Stiften  formen,  die  als
Ersatz  von  Glaserdiamanten  und  Schmirgelrädchen ­
  dienen.
Kardamomen  (lat.  Fructus  cardamomi,  frz.
Cardamome,  engl.  Cardamora  seeds)  sind  die
Früchte  resp.  Samen  einer  ausdauernden  krautartigen ­
  Zingiberazee,  Elettaria  cardamomum
  minor,  die  in  den  Bergwäldern  der  südlichen ­
  Malabärküste  heimisch  ist,  aber  auch  kultiviert ­
  und  verwildert  in  Zeylon,  Vorder-  und
Hinterindien,  Westafrika  und  Madagaskar  vorkommt, ­
  Die  hellbräunlichen  oder,  in  gebleichtem
Zustande,  gelblichweißen,  dreiseitig  abgerundeten, ­
  dicht  längsstreifigen  Kapseln  von  8—20  mm
Länge  enthalten  9—18  unregelmäßig  vierkantige, ­
  quer  gerunzelte,  graurötliche  oder  rötlichbraune, ­
  etwa  3  mm  fange  Samen,  die  allein  zur
Verwendung  gelangen.  Daß  nur  die  Früchte
offizineil  sind,  erklärt  sich  daraus,  daß  sie  leichter ­
  von  geringwertigen  Sorten  unterschieden
werden  können.  Neben  diesen  echten,  auch
kleine  oder  Malabar-K.  genannten,  werden
auch  die  Früchte  einiger  verwandter  Pflanzen
als  K.  bezeichnet.  Lange  oder  wilde  Zeylon-K.,
  von  der  in  Zeylon  und  Koromandel  kultivierten ­
  Elettaria  major,  haben  größere,  3  bis
4  cm  lange,  bis  1  cm  breite,  etwas  gebogene
und  stark  längsfurchige  Kapseln  von  bräunlichgrauer ­
  Farbe.  Die  kleinen,  weit  härteren  Samen
liegen  zu  zwei  Reihen  in  jedem  der  drei  Fächer
und  haben  einen  scharfen,  wenig  angenehmen
Geschmack.  Runde  oder  Siam-K.  (lat.  Cardamomum
  rotundum,  frz.  Amome  en  grappe,
engl.  Camphor  seeds),  vonAmomurn  cardamomum,
  in  Südchina,  Hinterindien,  Sumatra,
Java  und  Zeylon  kultiviert,  enthalten  in  blaßbraunen, ­
  8—15  mm  langen,  nicht  gestreiften  Kapseln ­
  violettbraune  Samen  von  scharfem,  kampferartigem ­
  Geschmack.  Geringere  Bedeutung  haben
wilde  oder  Bastard-K.  von  Amomum  xanthioides
  aus  Südchina  und  Hinterindien

mit  stachligen,  rotbraunen  Früchten,  Java-K-(Nepal-K.)
  von  Am.  maximum  mit  3—4  cm
langen,  bis  2  cm  breiten,  dunklen  Früchten  und
dunkelbraunen,  angenehm  schmeckenden  Samen; ­
  Chinesische  runde  K.  von  Am.  globosum
  mit  kugligovalen,  gebuckelten,  bis  4  cm
langen  Früchten  und  schwach  aromatischen  Samen ­
  sowie  die  afrikanischen  Sorten  Kovarima-K.
  oder  Abessinische  K.,  von  Am.  clusii,
feigengroße  Früchte  von  graubrauner  Farbe,
Kamerun-K.,  von  Am.  angustifolium,
und  Guinea-K,,  Guineapfeffer,  s.  d.,  Meleguetapfeffer
  (s.Paradieskörner).  Für  den  europäischen ­
  Handel  kommen  nur  die  beiden  ersten
Sorten,  in  untergeordnetem  Maße  neuerdings
auch  die  Kamerun-K.'in  Betracht.  Die  K.  werden ­
  hauptsächlich  als  Gewürz  für  Speisen  und
Backwerk  (Nürnberger  Lebkuchen),  in  Pulverform ­
  und  als  Zusatz  zu  Tinkturen  auch  medizinisch ­
  gebraucht.  Ihre  reizende,  magenstärkende, ­
  in  größeren  Mengen  auch  erhitzende
Wirkung  beruht  auf  dem  Gehalte  an  ätherischem
Öl  (4—80/0).  Daneben  sind  noch  io«/o  fettes  öl,
Harz  und  stark  manganhaltige  Mineralstoffe
vorhanden.
Kardamomenöl  (lat.  Oleum  cardamomi,  frz.
Essence  de  cardamome,  engl.  Cardamom  oil),  das
durch  Destillation  mit  Dampf  gewonnene  ätherische ­
  Öl  der  Zeylon-Malabar-Kardamomen,  ist
dünnflüssig,  blaßgelb,  vom  spez.  Gew.  0,923  bis
0,944  und  sehr  aromatischem  Geruch.  Es  wird
in  der  Likörfabrikation  verwandt.
Karden  (Weberkarden,  Kardendisteln,
Tuchkarden,  frz.  Chardons  ä  carder,  engl-Teasels),
  die  getrockneten  stacheligen  Blütenköpfe ­
  von  Dipsacus  fullonum,  einer  im  südlichen ­
  Europa  heimischen,  in  Deutschland  und
England  aber  auch  angebauten  Pflanze,  werden
in  der  Tuchfabrikation  zum  Rauhen  und  Auflockern ­
  des  gewalkten  Tuches  verwandt.  Die
K.  haben  ungefähr  die  Größe  und  Gestalt  eines
Plühnereies  und  sind  ganz  mit  harten,  in  gekrümmte ­
  Borsten  übergehenden  Spreublättchen
besetzt,  auf  deren  richtige  Beschaffenheit  beim
Einkauf  Rücksicht  zu  nehmen  ist.  Sie  müssen
nämlich  weich,  biegsam,  elastisch  und  fein  sein,
dabei  aber  so  viel  Festigkeit  besitzen,  daß  sie
beim  Gebrauch  nicht  abbrechen  oder  die  Wolle
abreißen.  Alte  K.  zieht  man  den  frischen  vor.
Die  besten  K.  stammen  aus  der  Gegend  von
Avignon,  Rouen,  Sedan,  italienische  hauptsächlich ­
  aus  Bologna.  Von  den  englischen  werden
die  aus  der  Grafschaft  Essex,  von  den  deutschen ­
  die  aus  der  Gegend  von  Magdeburg,
Halle,  Erfurt,  Bamberg  usw.  bevorzugt.  Die  Kwerden
  zu  je  25  Stück  an  den  Stengeln  zusammengebunden ­
  und  dann  in  Packen  von
1000  Stück  oder  auch  in  leichte  Fässer  gepackt
in  den  Handel  gebracht.
Kardin,  ein  neues  Arzneimittel  aus  dem  Herzfleische
  des  Rindes,  welches  als  Herztonikum  verordnet ­
  wird.
Kardobenediktenkraut  (Bitterdistel,  Bernhardinerkraut.
  Kratzkraut,  lat.  Herba  cardui
  benedicti,  frz.  Chardon  bdnit,  engl.  Blessed
thistle),  das  getrocknete  Kraut  von  Cnicus
bencdictus,  einer  Distelart,  die  im  Orient  und
Südeuropa  wild  wächst  und.  bei  uns  angebaut
wird.  Die  Pflanze,  welche  eine  Höhe  bis  zu
        <pb n="206" />
        Kardol

201

Karragheen

i  m  erreicht  und  am  besten  in  magerem,  sandigem ­
  Boden  auf  sonnigem  Standorte  gedeiht,
hat  bis  x / 4  m  lange,  8  cm  breite  Blätter,  die  auf
beiden  Seiten  zottig  behaart  und  am  Rande
dornig  gezähnt  sind.  Das  Kraut  wird  geschnitten, ­
  bevor  die  gelben,  mit  großen  stacheligen
Kelchen  umgebenen  Blüten  sich  öffnen,  und  im
Schatten  getrocknet.  Es  enthält  neben  einem
Bitterstoff,  Knizin  oder  Zentaurin,  und  ätherischem ­
  Öl  viel  Salpeter  und  andere  Salze.  —  K.
wird  hauptsächlich  zur  Darstellung  bitterer  Liköre, ­
  als  magenstärkendes  Mittel  und  in  Form
seines  Extraktes  medizinisch  benutzt,
Kardol  (lat.  Cardolum,  frz.  Cardol  vesicair,
engl.  Cardol  vesicant),  der  in  den  Anakardien
(s.  d.)  enthaltene  äußerst  scharfe  Stoff  ist  eine
schwach  und  angenehm  riechende,  rötlichgelbe,
ölige  Flüssigkeit,  die  wegen  ihrer  unberechenbaren ­
  Wirkung  nur  selten,  und  stets  nur  äußerlich ­
  angewandt  wird.  Man  unterscheidet  Cardolum ­
  vesicans,  aus  westindischen  Anakardien,
welches  blasenziehend  wirkt,  und  Cardolum
pruriens,  aus  den  ostindischen  Anakardien,  welches ­
  auf  der  Haut  Pusteln  erzeugt.
Karlsbader  Salz  (lat.  Sal  thermarum  Carolinarum), ­
  das  durch  Abdampfen  des  Karlsbader
Mineralwassers  erhaltene  Salz,  wird  für  medizinische ­
  Zwecke  zu  einem  ziemlich  hohen  Preise
(ungefähr  13  M.  das  Kilo)  in  den  Handel  gebracht. ­
  Dieses  hohen  Preises  wegen  hat  man
als  Ersatz  ein  künstliches  K.  hergestellt,  das
aus  den  nicht  flüchtigen  Bestandteilen  des  Karlsbader ­
  Mineralwassers,  aus  schwefelsaurem  Natrium, ­
  Natriumbikarbonat  und  Kochsalz,  in  demselben ­
  Mischungsverhältnisse  besteht,  dieselbe
medizinische  Wirkung  wie  das  echte  Salz  ausübt ­
  und  nur  30—50  Pf.  das  Kilo  kostet.
Karmelitergeist,  Spiritus  melissae  comp,
des  D.  A.B.,  wird  durch  Destillation  von  Weingeist ­
  über  Melisse  und  mehrere  andere  gewürzhafte ­
  Kräuter,  Samen  und  Rinden  als  eine
klare  und  farblose  Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.
0,90—0,9  t  hergestellt  und  hat  seinen  Namen
vom  Karmeliterkloster  in  Nürnberg.
Karmin,  der  prachtvolle  rote  Farbstoff,  der
aus  der  Koschenille  (s.  d.)  durch  Ausziehen
mit  Wasser  und  nachherige  Fällung  mit  verdünnten ­
  Säuren,  meist  unter  Zusatz  von  Eiweiß,
Gelatine  und  Alaun  hergestellt  wird,  kommt
entweder  als  ein  feurigrotes  Pulver  oder  in  unregelmäßigen ­
  Bruchstücken  in  den  Handel.
Die  beliebteste  Marke  (Nakarat-K.)  wird  in
viereckigen  Pappkästen  von  */ 2 —1  kg  Inhalt
und  verschiedenen  Qualitätsnummern  verkauft.
K.  ist  unlöslich  in  Wasser,  löst  sich  aber  in  Ammoniak ­
  und  soll  nicht  mehr  als  9  o/ 0  Asche  hinterlassen. ­
  Durch  Fällung  alkalischer  Karminlösungen ­
  mit  Alaun  und  Zinnsalz  erhält  man  die
sog.  Karminlacke,  die  ebenso  wie  Gemische
mit  Ton,  Kreide  usw.  unter  besonderen  Namen,
wie  Pariserrot,  Florentiner,  Wiener,
Münchener  Lack  in  den  Handel  kommen.  K.
wird  als  feine  Malerfarbe  sowie  zum  Färben
von  Tapeten,  Konditorwaren  und  arideren  Nahrungsmitteln ­
  benutzt.
Karminsurrogat.  Unter  diesem  Namen  kommt
eine  Mischung  von  Anilinrot  (Fuchsin)  mit  Safransürrogat
  (Binitrokresolkalium)  in  den  Handel, ­
  die  früher  zum  Färben  von  Likören  und

Konditoreiwaren  verwendet  wurde,  nach  dem
neuen  Farbengesetz  aber  für  Nahrungsmittel
verboten  ist.
Karnallit,  das  nach  dem  Mineralogen  Carnall
benannte,  in  den  Abraumsalzen  (s.  d.)  vorkommende ­
  Kalium-Magnesiumchlorid  (KCl-f-MgCl
 2 -f-6H 2 0)  mit  27  °/o  Kaliumchlorid,  34°/o
Magnesiumchlorid  und  39%  Wasser,  bildet  das
Hauptrohmaterial  der  Staßfurter  Kaliindustrie.
Karnaubawachs  (lat.  Gera  carnaubae,  frz.  Cire
de  carnauba,  engl.  Carnauba  wax),  ein  dem
Bienenwachs  ähnliches  Produkt  pflanzlichen  Ursprungs, ­
  scheidet  sich  an  der  Oberfläche  der
Blätter  von  Copernicia  (oder  Corypha)  cerifera,
  der  in  Nordbrasilien  wachsenden  Wachspalme, ­
  aus  und  bildet  schmutzig  grünliche  oder
gelbliche  Stücke,  die  im  Aussehen  gekochtem
Terpentin  ähneln.  K.  ist  hart  und  spröde,  von
schwachem  meerschaumähnlichen  Glanz,  schmilzt
bei  83—91  0  und  löst  sich  in  Äther  sowie  heißem
Alkohol  und  Terpentinöl.  Das  spez.  Gew.  beträgt
0,990—1,000.  K.  besteht  im  wesentlichen  aus
Zerotinsäure-Myrizylester,  neben  geringen  Mengen
freier  Zerotinsäure  und  Myrizylalkohol.  Seine
Säurezahl  ist  4,5,  die  Ätherzahl  75,  die  Verseifungszahl ­
  85—95°.  Es  erhöht  in  Gemischen  mit  Fetten
wesentlich  den  Schmelzpunkt  und  wird  daher  in
großen  Mengen  zur  Pierstellung  von  Kerzen,
Wachsfirnissen  und  Bohnerwachs  benutzt.  Einen
Zusatz  von  K.  zu  Bienenwachs  erkennt  man
an  der  Erniedrigung  der  Säurezahl,  der  Erhöhung ­
  des  spez.  Gew.  und  des  Schmelzpunktes ­
  und  an  d^m  Fehlen  der  Palmitinsäure.
Karneol  (frz.  Cornaline,  engl.  Cornelian),  ein
als  Ringstein  zur  Verwendung  kommender  lebhaft ­
  roter,  durchscheinender  Chalzedon.  Schleifereien ­
  befinden  sich  in  Idar.
Karobablätter  (lat.  Folia  carobae,  frz.  Feuilles
Carobe,  engl.  Carobe  leaves),  die  getrockneten
Blätter  einiger  Bignpniazeen,  u.  a.  Jacaranda
procera,  welche  neben  Harzen  und  aromatischen
Stoffen  ein  Alkaloid:  Karobin,  enthalten.  Die
länglich  eiförmigen  Blätter  mit  stärk  hervortretenden, ­
  schräg  laufenden  Seitennerven  und
sternförmigen  Drüsenhaaren  werden  von  den  Eingeborenen ­
  gegen  Syphilis  und  Hautausschläge
angewandt  und  neuerdings  auch  nach  Europa
eingeführt.
Karotten  (Stangentabak)  nennt  man  fest
zusammengearbeitete,  etwa  1 / 3  m  lange,  nach
beiden  Enden  hin  verjüngte  Rollen  von  gebeizten ­
  Tabakblättern,  die  mit  starkem  Bindfaden
umwickelt  sind  und  zur  Bereitung  von  Schnupftabak ­
  verwendet  werden.  Die  mittels  einfacher
Maschinen  zusammengewickelten  sog.  Puppen
erhalten  eine  Hülle  von  Leinwand,  die  vor  dem
Verkaufe  wieder  entfernt  wird.  Vor  der  Verarbeitung ­
  läßt  man  die  K.  3—4  Jahre  liegen,  bis
sie  infolge  des  festen  Zusammenschnürens  und
der  vorhandenen  Beize  nach  und  nach  fast
speckartig  erscheinen.
Karragheen  (Irländisch  Moos,  Perlmoos,.
Knorpeltang,  lat.  Carrageen,  Lichen  irlandicus,
frz.  Mousse  d’Irlande,  engl.  Irish  Moss),  in  den
Drogenhandlungen  auch  als  Fucus  crispus
bezeichnet,  stammt  von  verschiedenen  Meeresalgen, ­
  Sphaerococcus  crispus,  Chondrus
crispus  und  Gigartina  mammillosa,  die  an
den  Küsten  der  Nordsee  und  des  Atlantischen
        <pb n="207" />
        Karthamin

202

Kasein

Ozeans  sowohl  in  Europa  als  auch  in  Nordamerika ­
  gefunden  werden.  Die  Algen  sind
hornartig  durchscheinende  gelappte  oder  geschlitzte ­
  Gebilde,  welche  im  frischen  Zustande
schwarz-  bis  graurot  aussehen,  durch  öfteres
Befeuchten  und  Trocknen  an  der  Sonne  aber
gebleicht  werden.  Als  Hauptbestandteile  finden
sich  neben  8—io0/ 0  Stickstoffsubstanz  und  o,6o/ 0
Fett  etwa  65—70  0/0  stickstofffreier  Extraktstoffe, ­
  vorwiegend  Schleim,  geringe  Mengen
von  Brom  und  Jod  sowie  Farbstoff.  Die  Menge
der  an  Sulfaten  reichen  Asche  beträgt  etwa  150/0.
Durch  Kochen  wird  K.  fast  ganz  in  Schleim
aufgelöst  und  in  Form  einer  stets  frisch  bereiteten ­
  Gallerte  nach  Zusatz  von  Zucker  als
lösendes,  reizlinderndes  Mittel  medizinisch  verwandt. ­
  In  der  Technik  benutzt  man  den  Schleim
als  Weberschlichte,  zum  Appretieren  von  Zeugen, ­
  zum  Klären  von  Bier  und  als  farbenaufnehmenden
  Grund  bei  Marmorpapieren.
Während  des  Krieges  wurde  es  auch  als  Salatölersatz ­
  (s.d.)  in  den  Handel  gebracht.  K.  wird
gewöhnlich  erst  in  den  Drogenhandlungen  gereinigt, ­
  sortiert,  geschnitten  und  gepulvert.  Der
Versand  geschieht  in  stark  gepreßten  Ballen
von  50  kg  Gewicht.
Karthamin  (Karthaminsäure,  Safflor-,
Chinesischrot),  C 14 H l0 O,,  der  rote  Farbstoff
des  Safflors  (s.  d.),  aus  welchem  er,  nach  der
Entfernung  des  gelben  Farbstoffs  mit  Wasser,
durch  Sodalösung  ausgezogen  und  mit  Säuren
wieder  gefällt  wird,  kam  früher  nur  auf  Tassen
oder  Teller  gestrichen  (Rouge  en  assiettes)
oder  flüssig  (Rouge  ä  la  goutte)  in  den  Handel, ­
  wird  ,  aber  neuerdings  auch  als  braunrotes
Pulver  (Rouge  vügdtal)  oder  in  Form  metallisch ­
  glänzender  Blättchen  geliefert.  Die  früher ­
  viel  zum  Rotfärben  von  Geweben  benutzte
Masse  ist  jetzt  durch  die  Teerfarben  meist  verdrängt ­
  und  findet  nur  noch  bei  der  Verfertigung
von  Schminken  (Fard  de  chine)  Anwendung.
Kartoffeln  (Erdäpfel,  frz.  Pommes  de  terre,
engl.  Potatbes)  sind  die  an  unterirdischen  Stengeln ­
  (nicht  Wurzeln)  wachsenden  Knollen  von
Solanum  tuberosum,  die  im  Jahre  1560  aus
ihrer  südamerikanischen  Heimat  (Peru,  Chile)
nach  Europa  eingeführt  und  hier  seit  Ende  des
t8.  Jahrhunderts  in  steigendem  Maße  angebaut
wurden.  Die  K.  ist  äußerst  anspruchslos  und
gedeiht  auf  jedem  Boden,  am  besten  jedoch  auf
leichtem  Sand-  bis  Lehmboden,  der  für  Getreidebau ­
  nicht  mehr  verwertbar  ist.  Sie  findet  sich
in  Europa  von  den  nördlichen  Mittelmeerländern
bis  zum  70 0  n.  Br,  und  wächst  in  Deutschland
als  Frühkartoffel  70—90,  als  Spätkartoffel
140—180  Tage.  Die  Vermehrung  geschieht  meist
durch  Knollen,  seltener  zu  Zuchtzwecken  durch
Samen.  Die  K.  liefert  im  allgemeinen  sehr  hohe
Erträge  von  12—19000  kg  auf  den  Hektar,  hat
aber  unter  manchen  pflanzlichen  und  tierischen
Schädlingen,  von  denen  der  jetzt  ausgerottete
Koloradokäfer  besondere  Berühmtheit  erlangte, ­
  zu  leiden.  Nach  ihrer  chemischen  Zusammensetzung ­
  ist  sie  ein  ausgesprochen  stärkehaltiges ­
  Produkt  und  enthält  neben  750/0  Wasser
und  18—200/0  S.ärke  nur  2  0/0  Stickstoffsubstanz,
je  1  o/ 0  Asche  und  Rohfaser  und  Spuren  Fett.  Ihr
Wert  hängt  von  dem  Gehalt  an  Stärke,  bzw.
indirekt  von  ihrem  Wassergehalt  ab,  welcher

nach  Boden,  Klima  und  Sorte  beträchtlichen
Schwankungen  unterliegt  und  bis  zu  88  °/o  ansteigen
  kann.  Mit  länger  dauernder  Aufbewahrung ­
  sind  verschiedene  chemische  und  physiologische ­
  Veränderungen  verbunden.  In  erster
Linie  zeigt  sich  ein  Rückgang  der  Stärke,  und
mit  der  im  Frühjahr,  besonders  bei  höherer
Temperatur  eintretenden  Keimung  bildet  sich
das  giftige  Solanin.  Zur  möglichsten  Einschränkung ­
  dieser  Umlagerungen  müssen  die  K.  trokken,
  luftig  und  kühl  aufbewahrt  werden.  Im
großen  bedient  man  sich  hierzu  meist  besonderer
Erdgruben  (Mieten),  für  den  Haushalt  hat  sich
die  Bedeckung  mit  feiner  Asche  zur  Verhinderung ­
  der  Keimung  und  Fäulnis  als  vorteilhaft
erwiesen.  Der  süße  Geschmack,  welchen  gefrorene ­
  K.  annehmen,  läßt  sich  wieder  beseitigen, ­
  wenn  man  die  K.  vor  dem  Gebrauch
mehrere  Tage  in  der  warmen  Küche  äufbewahrt.
Die  K.  bilden  in  manchen  Gegenden  das  wichtigste ­
  Nahrungsmittel  der  ärmeren  Bevölkerung
und  finden  außerdem  technische  Verwendung
als  Futtermittel,  in  der  Brennerei  und  Stärkefabrikation. ­
  Zur  Verringerung  der  hohenTransportkosten
  hat  man  neuerdings  mit  Erfolg  versucht, ­
  die  K.  durch  Trocknen  ihres  Wassers  zu
berauben,  und  bringt  die  so  erhaltenen  Trokken-
  oder  Dörrkartoffeln,  Kartoffelflocken,
Kartoffelwalzmehl,  Kartoffelgrieß  usw.  zu  Futter- ­
  und  Ernährungszwecken  in  den  Handel.
Die  deutsche  Erzeugung  beläuft  sich  in  normalen ­
  Jahren  auf  40—50  Millionen  Tonnen.
Karumbaniba,  die  unter  der  Erdoberfläche  horizontal ­
  verlaufenden  Wurzeln  einer  in  ganz  Brasilien ­
  vorkommenden  Palme,  Desmoncus  po-,
lyacanthus,  werden  dort  zur  Herstellung  von
Spazierstöcken  benutzt,  indem  man  sie  nach  der
Reinigung  durch  gelindes  Erwärmen  streckt  und
gerade  zieht  und  dann  poliert.  Die  zerkleinerten
Wurzeln  werden  auch  als  blutreinigender  Tee
angewandt.
Karvon  (Karvol),  ein  hydroaromatisches
Keton  von  der  Formel  Ci 0 H u O,  welches  zu
50—60  0/0  im  Kümmelöl  (s.  d.),  und  in  beinahe ­
  gleicher  Menge  im  Dillöl  enthalten  ist
und  neuerdings  auch  synthetisch  dargestellt
werden  kann,  wird  aus  dem  über  200 0  siedenden ­
  Anteil  des  Kümmelöls  gewonnen  als  eine
farblose,  nach  Kümmel  riechende  Flüssigkeit  vom
spez.  Gew.0,963—0,966,  dem  Siedepunkt  230 0  und
der  Drehung  +57  bis  -j-6o°3o'.  ln  Krauseminzöl ­
  ist  zu  durchschnittlich  500/0  die  linksdrehende
Modifikation  des  Karvons  enthalten.  Zur  Reindarstellung ­
  bedient  man  sich  der  Eigenschaft
des  K.,  mit  Schwefelwasserstoff  eine  kristallisierte ­
  Verbindung  zu  geben,  oder  man  scheidet
es  aus  dem  Öl  mit  neutralem  Natriumsulfit  ab,
womit  K.  eine  in  Wasser  lösliche  Verbindung
bildet.  Der  nicht  in  Reaktion  getretene  Anteil
wird  durch  Ausäthern  entfernt  und  das  K.  dann
mit  Natronlauge  in  Freiheit  gesetzt  und  mit
Wasserdampf  übergetrieben.
Kasein  (Casein,  Käsestoff)  ist  die  hauptsächlichste ­
  Stickstoffsubstanz  der  Säugetiermilch,
in  der  es  in  Menge  von  2—5  0/0  vorkommt.  Zur
fabrikmäßigen  Darstellung  wird  abgerahmte,
stark  verdünnte  Kuhmilch  mit  Essigsäure  versetzt, ­
  der  entstehende  Niederschlag  abfiltriert,
nach  dem  Waschen  mit  Wasser  in  Ammoniak
        <pb n="208" />
        Kaskarille

203

Katechu

oder  Soda  gelöst,  nochmals  mit  Essigsäure  gefällt ­
  und  nach  mehrfacher  Wiederholung  dieser
Arbeit  durch  Alkohol  und  Äther  vom  Fett  befreit ­
  und  im  Vakuum  getrocknet.  Es  stellt
dann  ein  weißes,  in  Wasser  nahezu  unlösliches
Pulver  dar,  welches  etwa  15  0/0  Stickstoff  enthält
und  durch  Einwirkung  von  Ammoniak,  Alkalien
und  Kalk  in  lösliche  Salze  übergeführt  wird.
K %  findet  in  der  Nahrungsmittelindustrie  und
Technik  ausgedehnte  Anwendung.  Von  den
neuerdings  als  Kräftigungsmittel  und  zur  Krankenernährung ­
  in  großer  Zahl  angepriesenen
Nährpräparaten  besteht  Sanatogen  aus
einem  mit  Glyzerinphosphorsäure  löslich  gemachten ­
  K.,  Nutrose  ist  lösliches  Kaseinnatrium,  Eukasin
  lösliches  Kaseinammonium.  Die  Technik
benutzt  K.  in  Verbindung  mit  Kalk  als  Käsekalk, ­
  Quarkleim,  Caseogomme  als  Klebemittel, ­
  zur  Herstellung  von  Kitten  und  Kaseinfarben ­
  und  in  der  Färberei  zum  Animalisieren.
  Durch  letzteres  nimmt  Baumwolle  und
Leinen  die  Eigenschaft  an,  sich  Farbstoffen
gegenüber  wie  Wolle  und  Seide  zu  verhalten.
Kaseinnatrium  dient  als  Anmache-  und  Befestigungsmittel ­
  von  pulverförmigen,  unlöslichen  Farben, ­
  besonders  Ultramarin.
Kaskarille  (Cascarillenrinde,  Crotonrinde,
  graue  Fieberrinde,  lat.  Cortex  cascarillae,
  frz.  Ecorce  de  Cascarille,  engl.  Cascarille
bark)  stammt  von  verschiedenen  kleinen,  baumartigen ­
  Wolfsmilchgewächsen  der  Gattung  Croton,
  z.  B.  C.  Eluteria,  die  im  tropischen  Amerika
heimisch  sind.  Die  trockene  Rinde  bildet  meistens ­
  gerollte,  kurze,  auch  rinnenförmige  Stückchen, ­
  die  außen  grauweiß  oder  aschgrau,  innen
rotbraun  gefärbt  und  beiderseits  mit  zahlreichen
feinen,  sich  kreuzenden  Rissen  versehen  sind
und  auf  dem  Bruche  hornartig,  auf  scharfem
Querschnitt  harzglänzend  erscheinen.  Sie  enthält ­
  ätherisches  Öl,  einen  kristallinischen  Bitterstoff ­
  Kaskarillin,  Gerbstoff,  harzige  und
gummiartige  Bestandteile  und  hat  einen  brennend ­
  würzhaften  bitteren  Geschmack  sowie  aromatischen ­
  Geruch,  der  beim  Aufwerfen  der
Rinde  auf  glühende  Kohlen  moschusartig  wird.
Das  abdestillierte  ätherische  Öl,  das  Kaskarillöl,
  riecht  und  schmeckt  wie  die  Rinde.  K.
findet  als  Tonikum  sowie  als  Zusatz  zu  Zahnpulver ­
  beschränkte  medizinische  Anwendung.
Häufiger  benutzt  man  sie  als  Räucherpulver,
zu  aromatischen  Likören  und  zu  Tabaksbeizen.
Kastanien  (Maronen,  frz.  Chätaignes  Marrons, ­
  engl.  Chestnuts)  sind  die  süßlich  mehligen,
sehr  nahrhaften  Früchte  des  edlen  oder  echten
Kastanienbaumes  (Castanea  vesca),  eines
Verwandten  unserer  Rotbuche,  der  aus  dem
wärmeren  Asien  stammt,  aber  seit  alten  Zeiten  in
Südeuropa  heimisch  ist.  Die  Früchte  stecken  zu
einer  oder  zweien,  seltener  zu  dreien  in  einer  mit
spitzen  Dornen  besetzten  Becherhülle,  die  später
y ierklappig  auseinandergellt  und  den  Inhalt  ausfallen
  läßt,  werden  aber  schon  früher  gesammelt
oder  mit  Stangen  abgeschlagen,  von  den  Hüllen
durch  Dreschen  getrennt  und  in  der  Sonne  getrocknet, ­
  auch  zuweilen  zur  Zerstörung  der
Keimkraft  vorher  abgebrüht.  Sie  enthalten  etwa
3oo/ 0  Wasser,  8—90/0  Stickstoffsubstanz,  2  0/0
Fett,  30  0/0  Stärke.  23  0/0  stickstofffreie  Extrakt-Stoffe,
  je  3  o/ 0  Holzfaser  und  Asche.  Wälderartige ­

  Kastanienpflanzungen  finden  sich  in
mehreren  Gegenden  Italiens,  Spaniens,  Portugals
und  in  Südfrankreich,  namentlich  in  der  Provence ­
  und  Languedoc,  von  wo  die  größten  und
besten,  sog.  Maronen,  in  den  Handel  kommen.
Kleinere  K.  werden  diesseit  der  Alpen  im  südwestlichen ­
  Deutschland,  in  der  Schweiz,  Tirol,
am  Rhein,  Ungarn  gezogen.  Sie  sind  einseitig
abgeplattet,  da  sie  immer  nur  zu  zweien  in
einem  Becher  stecken.  In  Mitteldeutschland
wächst  der  Baum  zwar  auch  noch,  bleibt  aber
häufig  ertraglos.  Die,  Früchte  werden  in  der
mannigfachsten  Zubereitung  genossen,  bei  uns
nur  als  gelegentliche  Zuspeise,  während  sie  in
südlicheren  Gegenden  die  Bedeutung  eines  wirklichen ­
  Volksnahrungsmittels  haben,  auch  eine
vortreffliche  Viehmast  abgeben.  Bei  der  Aufbewahrung ­
  der  K.  ist  Vorsicht  nötig,  da  sie
leicht  von  Schimmel  und  Würmern  angegangen
werden  und  im  Frühjahr,  wenn  sie  nicht  kühl
und  trocken  gehalten  werden,  leicht  keimen
und  dadurch  gänzlich  verderben.
Kastanienextrakt,  1.  Kastanienblätterextrakt ­
  (lat.  Extractum  foliorum  castaneae
vescae,  frz.  Extrait  de  chätaignes,  engl.  Extract
of  chestnuts),  der  eingedickte  wäßrige  Auszug
aus  den  Blättern  der  Edelkastanie,  wird  als
Mittel  gegen  Keuchhusten  empfohlen  und  ist  in
die  amerikanische  Pharmakopoe  aufgenommen
worden.  2.  Kastanienholzextrakt,  ein  durch
Auskochen  des  Kastanienholzes  mit  Wasser
und  Verdampfen  bis  zur  Sirupsdicke  erhaltenes
Erzeugnis,  wird  teils  mit  Eisensalzen  zum
Schwarzfärben,  teils  zur  Ausfällung  pektin-  und
stickstoffhaltiger  Stoffe  aus  Rübenmelasse  benutzt, ­
  die  nach  vorhergehender  Gärung  zur
Pottaschebereitung  bestimmt  ist.  Häufig  dient
K.-Holzextrakt  auch  zur  Verfälschung  von  Blauholzextrakt. ­

Kastanienholz,  das  gelblichbraune,,  dunkelschattierte ­
  Holz  der  echten  Kastanie,  ist  dem
Eichenholz  etwas  ähnlich,  aber  oft  rissig.  Es
schwindet  und  quillt  nicht,  nimmt  eine  schöne
Politur  an  und  wird  als  wertvolles  Nutzholz
verwendet.  Besonders  gut  eignet  es  sich  zu
Faßstäben  für  Weinfässer,  die  von  Italien  nach
Frankreich  und  England  ausgeführt  werden.  In
Oberitalien  wird  viel  K.  als  Schlag-  oder  Unterholz ­
  gezogen,  da  das  hierbei  erhaltene  Stangenholz ­
  sehr  geeignet  zu  Hopfenanlagen  und  Weinpfählen ­
  ist.
Kastorine,  verschiedene  ganz  wollene,  gemischte ­
  oder  ganz  baumwollene  'weichhaarige
Gewebe,  welche  der  Klasse  der  Biber,  Plüsche, ­
  Velpel  angehören.  Auch  ungeschnittener
Seidenplüsch  ist  darunter  verstanden  worden.
Katechu  (Catechu,  Cachou,  lat.  Terra  catechu
  seu  japonica,  frz.  Cachou  ouTerre  dejapon,
engl.  Cutch,  Black  catechu)  besteht  aus  dem
eingetrockneten,  wäßrigen  Extrakt  verschiedener, ­
  besonders  zu  den  Akazien  gehöriger
Bäume  und  Sträucher  Ostindiens  und  wird  je
nach  der  Abstammung  in  Akazienkatechu
oder  Mimosenkatechu  und  Palmenkatechu
unterschieden.  Vom  Akazienkatechu  kommen
zwei  Hauptarten  in  den  europäischen  Handel;
1.  Cutch,  braunes  K.  oder  Bombay-K,  durch
Auskochen  des  Holzes  der  Acacia  Catechu
und  A.  Suma  gewonnen,  bildet  große  Kuchen,
        <pb n="209" />
        Katechupräparat

204

Katzenfelle

im  Einzelverkauf  unregelmäßige  Stücke  mit
rauher,  erdiger,  brauner  Oberfläche  und  braunem ­
  Bruch  und  ist  gewöhnlich  mit  anklebenden
und  eingebackenen  Blättern  und  Spänen  durchsetzt. ­
  Besondere  Sorten  sind:  a)  das  bengalische ­
  K.,  fast  quadratische  Stücke,  die
außen  erdig  rauh,  schmutzig  graubraun  erscheinen ­
  und  auf  dem  Bruche  dunklere  und
hellere  Streifung  oder  Marmorierung  zeigen;
b)  das  höher  geschätzte,  braune  Pegu-K.,  das
in  Körben  und  Ballen  aus  Ranguhn  und  Pegu
in  Hinterindien  kommt.  2.  Gambir-  oder  gelbes ­
  K,,  Gutta  Gambir,  unrichtigerweise  auch
Terra  japonica  (japanische  Erde)  genannt,
wird  besonders  auf  Java,  Sumatra  und  Pulo-Penang
  aus  den  jungen  Ästen  und  Blättern  des
zu  den  Zinchonazeen  gehörenden  Strauches
Nauclea  Gambir  oder  Uncaria  G.  gewonnen
und  erscheint  teils  in  würfelförmigen,  dunkelbraunen ­
  oder  schwarzrötlichen,  innen  etwas  hellfarbigeren ­
  Stücken  als  Singapur-Gambir,  teils
als  mehr  gelbbraune,  innen  gleichfalls  hellere
Würfel  (Rhiogambir).  Beide  sind  porös  und
schwimmen  leicht  auf  Wasser,  während  die
früher  genannten  Sorten  untersinken.  —  Das
Palmen-K.,  das  in  Indien  durch  Auskochen
der  Arekanüsse  gewonnen  wird  und  für  uns
keine  Handelsware  bildet,  benutzt  man  in  Südasien ­
  ähnlich  wie  Gambir  als  einen  Zusatz  beim
Kauen  der  Betelblätter.  —  Die  eigentlichen
Katechusorten  schmecken  zusammenziehend  süßlich, ­
  Gambir  außerdem  auch  bitter.  Sie  lösen
sich  nur  teilweise  in  kaltem  Wasser,  sollen  dagegen ­
  in  heißem  völlig  löslich  sein  und  sind  um
so  mehr  verunreinigt,  je  mehr  Bodensatz  sie
dabei  hinterlassen.  Geringere  Sorten  haben
meistens  Zusätze  von  Stärkemehl,  das  durch  die
Jodprobe  leicht  zu  finden  ist.  ,  Auch  wird  als
Neu-K.  eine  völlige,  durch  Auskochen  von  Nadelhölzern ­
  gewonnene  Nachahmung  in  denPIandel
  gebracht.  Der  Wert  des  K.  beruht  auf  seinem
Gehalt  an  Katechusäure  oder  Katechin  und
an  Katechugerbsäure,  doch  dient  die  Droge
zum  Gerben  nur  in  untergeordnetem  Maße,
findet  hingegen  außer  zu  einigen  medizinischen
und  hygienischen  Zwecken,  z.  B.  als  Zusatz  zu
Zahnwässern  und  als  adstringierendes  Mittel,
ausgedehnte  Anwendung  in  der  Färberei  und
im  Zeugdruck.  Es  liefert  in  Verbindung  mit
Chrom-  und  Kupfersalzen  und  anderen  Zusätzen
schöne  braune,  auch  gemischte  Farben  und  echt
Schwarz.
Katechupräparat  (Präpariertes  Katechu)
wird  aus  Gambirkatechu  bereitet,  indem  man
es  im  Dampfbade  schmilzt  und  eine  kleine
Menge  Kaliumdichromat,  bisweilen  auch  Alaunlösung ­
  und  Salmiakgeist,  zusetzt.  K.  findet  in
der  Färberei  Anwendung.
Katgut.  Unter  diesem  Namen  kommt  ein  Nähmaterial ­
  für  Wundbehandlung  in  den  Handel,
das  meist  aus  getrockneten,  gespaltenen  und  gereinigten ­
  Katzendärmen  besteht..  K.  wird  in  verschiedenen ­
  Stärken  verwandt  und  auf  Spulen  gewickelt ­
  in  einer  20°/oigen  öligen  Karbolsäurelösung ­
  aufbewahrt.
Kathablätter,  die  für  medizinische  Zwecke  von
Arabien  über  Aden  eingeführten  Blätter  von
Cat  ha  edulis,  sind  eiförmig,  stumpf  gezähnt,
unbehaart,  oben  dunkelgrün,  unten  hellbläulichgrün ­

  und  enthalten  ein  dem  Koffein  ähnliches
Alkaloid.
Kathartinsäure  (Cathartinsäure,  lat.  Acidum ­
  cathaftinicum,  frz.  Acide  cathartinique,
engl.  Cathartic  acid),  der  abführend  wirkende
Stoff  der  Sennesblätter  und  derKreuzdornbeere
  (Fructus  rhamni  catharticae),  wird  gewöhnlich ­
  als  schwarzbraune,  amorphe  Masse
erhalten,  die  aus  einem  in  Chrysophansäure  und
Emodin  zerfallenden  Glykoside  besteht.  Sie
wird  nur  selten  medizinisch  verwendet.
Kattun,  ein  baumwollener,  nach  Leinwandart
glatt  und  ziemlich  dicht  gewebter  Stoff,  kommt
entweder  gefärbt  oder  bedruckt  in  den  Handel.
Den  Hauptartikel  bilden  die  gedruckten  K.,  die
meist  in  England  und  Deutschland  mit  gravierten ­
  Kupferzylindern  hergestellt  werden.  Bekanntere ­
  Sorten  sind:  Schirting,  Nessel  aus
Garn  Nr.  20—60  dicht  gewebt,  Bettkattun  mit
farbigen  Streifen  im  Einschlag,  Nanking,  ein
dichter,  fester  K.  von  bräunlicher  Naturfarbe
(echter  Nanking)  oder  braun  gefärbt,  Kambrik ­
  oder  feiner  Hemdenkattun,  Dowlas  oder
Heradentuch.
Katzenauge  (Schillerquarz)  nennt  man  eine
Abart  gefärbten  Quarzes,  welcher  durch  Einschlüsse ­
  dicht  gedrängter  paralleler  Asbestfasern
einen  seidenartigen,  wie  eine  Pupille  geformten
Lichtschein  erhält.  Besonders  schön  tritt  letzterer ­
  auf,  wenn  das  Mineral  kappenförmig  (en
cabochon)  geschliffen  ist  und  in  gewissen  Richtungen ­
  gegen  das  Licht  gehalten  wird.  Der
Stein  ist  durchscheinend,  verschieden  gelb,  grünlich, ­
  grau,  braun  oder  rötlich  gefärbt  und  kommt
am  schönsten  auf  der  Malabarküste  und  auf
Zeylon  vor.  Er  findet  sich  aber  auch  im  Fichtelgebirge ­
  und  an  anderen  Orten  in  Deutschland
und  wird  zu  Ring-  und  Nadelsteinen  geschliffen. ­
  Der  braune,  mit  weißlichem  Scheine  wird
am  meisten  geschätzt.
Katzenfelle  (fr'z.  Peaux  de  chat,  engl.  Cats
skins).  Sowohl  die  Felle  von  wilden  als  zahmen
Katzen  werden  im  Handel  geführt,  und  namentlich ­
  die  der  letzteren  bilden  ein  viel  verwendetes
beliebtes  Pelzwerk.  Bei  ihrer  Sortierung  entscheidet ­
  in  erster  Linie  die  Farbe,  nach  welcher
man  schwarze,  graue,  bunte,  rote  und  weiße
unterscheidet,  und  zwar  werden  die  schwarzen
am  teuersten  bezahlt.  Die  Schönheit  des  Felles
richtet  sich  bei  der  zahmen  Katze  weniger  nach
dem  Klima  als  nach  dem  Grade  der  Pflege  und
Reinlichkeit.  Auch  müssen  die  Tiere  bereits
im  ersten  Lebensalter  im  Winter  geschlachtet
werden,  weil  zu  alte  Tiere  schlechte  Pelze  geben,
und  es  ist  daher  erforderlich,  daß  man  die
Katzen  gleich  mit  Rücksicht  auf  das  Fell  züchtet. ­
  Vor  allem  geschieht  dies  in  Holland,  das
die  schönsten  schwarzen  Felle  in  den  Handel
bringt.  Die  Tiere  werden  dort  in  Schuppen  eingesperrt ­
  gehalten  und  nur  mit  Fischen  gefüttert. ­
  Daneben  liefern  auch  die  Schweiz,
Salzburg,  Steiermark,  ferner  Norddeutschland
und  Rußland  schöne  schwarze  Felle.  Nicht  selten ­
  werden  die  Tiere  kastriert,  damit  sie  größer
und  haarreicher  werden.  Deutschland,  Italien
und  die  Dönaufürstentümer  verbrauchen  hauptsächlich ­
  schwarze,  Schlesien  und  Galizien  graue,
die  Türkei  weiße  und  rote  Felle.  Gute  schwarze
K.  gehen  auch  nach  England  und  Amerika.
        <pb n="210" />
        Katzenkraut

205

Kautschuk

Die  wilde  Katze  ist  in  Deutschland  fast  ausgerottet ­
  und  findet  sich  hauptsächlich  in  den
Wäldern  Rußlands  und  Asiens,  in  Polen,  Ungarn ­
  und  der  Türkei.  Sie  gleicht  in  vieler  Beziehung ­
  den  zahmen  grauen  Zyperkatzen,  ist
aber  wenigstens  um  ein  Drittel  größer,  das
Haar  fast  noch  einmal  so  lang  und  feiner.  Der
gelblichgraue  Schwanz  hat  regelmäßige  schwarze
Ringel  und  ein  schwarzes  Endstück.  Diese
Katzen  geben  ein  weiches,  doch  wenig  haltbares ­
  Pelzwerk,  das  braun  gefärbt  und  hauptsächlich ­
  in  Ungarn  und  der  Türkei  verbraucht
wird.  Katzenfelle  werden  vielfach  gegen  Rheumatismus ­
  und  Gicht  verwandt,  indem  man  die
schmerzhaften  Stellen  damit  bedeckt.
Katzenkraut  (Amberkraut,  lat.  Herba  mari
veri,  frz.  Teucrium,  engl.  Cat  thyme)  besteht
aus  dem  Kraute  von  Teucrium  marum,  welches ­
  einen  durchdringenden,  kampferartigen  Geruch ­
  besitzt  und  auch  im  getrockneten  Zustande ­
  bitter,  brennend,  würzhaft  und  scharf,
dann  kühlend  schmeckt.  Katzen,  Marder,  Füchse
und  anderes  Raubzeug  werden  von  dem  Geruch
angezogen  und  zerstören  die  Pflanze.  K.  wird
zu  Kräuterumschlägen  und  als  Zusatz  zu  Schnupftabaken ­
  angewandt.
Kauris,  die  kleinen,  bei  uns  als  Otter-  oder
Schlangenköpfchen  zum  Besatz  von  Pferdegeschirren ­
  sowie  zu  Muschelarbeiten  benutzten
Gehäuse  einer  Meerschnecke,  Cypraea  raoneta,
  stammen  aus  den  indischen  Meeren,  namentlich ­
  dem  Koralleharchipel^  der  Malediven
und  dienen  seit  den  ältesten  Zeiten  in  Asien
und  Afrika  als  Münze.  In  Bengalen  entsprechen
etwa  1540  Stück  dem  Werte  eines  Franks,  in
Siam  sogar  erst  2400,  während  an  der  Westküste' ­
  von  Afrika  schon  122  Stück  dem  Wert
eines  Franks  gleichkommen.
Kautschuk,  Feder  harz,  Ledergummi,
Rohgummi  (lat.  Gummi  elasticum,  Resina
elastica;  frz.  Rdsine  elastique,  Caoutchouc,  engl.
India  rubber),  ein  überaus  wichtiger  Gegenstand
des  Welthandels  von  ständig  wachsender  Bedeutung, ­
  findet  sich  in  dem  Milchsäfte  verschiedener ­
  Pflanzen,  besonders  aus  den  Familien
der  Wolfsmilchgewächse  oder  Euphorbiazeen ­
  (Hevea,  Manihot),  der  Hundsgiftgewächse ­
  oder  Apocynazeen  (Landolphia,
Hancornia,  Kickxia),  der  Maulbeergewächse
oder  Morazeen  (Ficus,  Castilloa)  und  der
Riesenblumengewächse  oder  Loranthazeen
(Struthantus,  Phiturasa).  Für  die  technische
Gewinnung  kommen  nur  tropische  Vertreter
dieser  Familien  in  Betracht,  da  der  Kautschukgehalt ­
  unserer  einheimischen  Wolfsmilchgewächse ­
  (0,5—2,50/0)  zu  gering  ist.  In  Europa
wurde  der  K.  zuerst  durch  einen  Bericht  des
französischen  Gelehrten  Condamine  bekannt,
der  1736—1745  in  Brasilien  und  Peru  weilte,  wo
die  Eingeborenen  den  Stoff  zur  Herstellung  von
Fackeln,  Stöpseln  für  Kürbisflaschen,  Beuteln
und  anderen  kleinen  Gebrauchsgegenständen
benutzten.  Schon  1790  wurden  in  Paris  vereinzelt ­
  chirurgische  Binden,  wasserdichte  Überzüge ­
  und  Röhren  für  chemische  Zwecke  daraus
hergestellt.  1820  gelang  es  Stadler  in  Wien
zum  ersten  Male,  den  K.  zu  Fäden  auszuziehen.
Später  erschienen  die  ersten  plumpen  Gummischuhe ­
  und  Regenröcke  (Mackintosh)  im

Handel,  die  jedoch  zunächst  wenig  Anklang
fanden.  Erst  nach  der  Erfindung  des  später  zu
besprechenden  Vulkanisierungs  Verfahrens  errang ­
  der  K.  seine  jetzige  Stellung  als  eines  unentbehrlichen ­
  Hilfsmittels  zahlreicher  wichtiger
Industriezweige.  —  Die  Gewinnung  des  K.  erfolgt ­
  in  den  einzelnen  Ursprungsländern  auf
verschiedene  Weise.  Die  im  Überschwemmungsgebiete ­
  des  Amazonas  vorkommenden  Bäume
(Hevea  brasiliensis),  von  denen  die  weitaus
beste  Sorte,  der  Para-K,  stammt,  werden
während  der  trockenen  Jahreszeit,  die  den  dicksten ­
  Saft  liefert,  in  2  m  Höhe  mit  schiefen,  nach
oben  laufenden  Einschnitten  versehen.  Unter
jeden  dieser  Einschnitte,  die  zusammen  einen
horizontalen  Ring  um  den  Stamm  bilden,  hängt
man  einen  Becher,  der  nach  24  Stunden  abgenommen ­
  wird.  20  cm  unterhalb  des  ersten
Kreises  wird  ein  zweiter  Ring  von  Einschnitten
angelegt,  hierauf  ein  dritter  usw,  bis  der  Boden ­
  erreicht  ist.  Der  angesammelte  Milchsaft
wird  becherweise  auf  Holz-  oder  Tonformen
gegossen  und  über  freiem  Feuer  getrocknet  und
geräuchert.  Auf  die  erste  Schicht  folgt  eine
zweite,  nach  abermaliger  Trocknung  eine  dritte
und  so  fort,  bis  die  gewünschte  Dicke  (2  bis
12  cm)  erreicht  ist.  Die  von  dem  FIolz-  oder
Tonkern  abgezogene  Kautschukmasse  behält
die  Form  des  letzteren  bei  und  wird  vielfach  als
Flaschenkautschuk  bezeichnet.  Man  kann
nach  diesem  Verfahren  aber  auch  einfache
Platten  darstellen.  Das  durch  freiwillige  Eintrocknung ­
  des  Milchsaftes  in  Kästen  oder  Gruben ­
  erhaltene  Erzeugnis  wird  als  Gummispeck
oder  Speckgummi  bezeichnet.  Die  Ausfuhr
des  im  brasilianischen  Handel  als  Feingummi
(Para-fine)  bezeichneten  Para-K.  erfolgt  über
den  Hafenplatz  Para.  Zur  Gewinnung  des
Ceara-  und  Amazonas-K.  wird  unterhalb  der
Einschnitte  um  den  sorgfältig  gereinigten  Stamm
eine  Rinne  aus  Lehm  angebracht,  von  der  aus
der  Milchsaft  in  Kürbisflaschen  (Kalebassen)
fließt.  Die  weitere  Verarbeitung  ähnelt  derjenigen ­
  des  Para-K.  Die  am  Stamme  hängen  gebliebenen ­
  Anteile,  die  durch  Holz-  und  Rindenstücke ­
  verunreinigt  sind,  kommen  in  Form
kugelrunder  Ballen,  sog.  Negerköpfe  (Niggers)
als  Saramby-K.  in  den  Handel.  .Geräucherter
Ceara-K.  wird  Manie  ob  a  genannt.  Cartagena-, ­
  Ule-  oder  Castilloa-K.  stammt  von
mittelamerikanischen  Castilloa-Arten.  Den  aus
einem  langen  senkrechten  Einschnitt  mit  kürzeren ­
  seitlichen  Einschnitten  ausfließenden  Milchsaft ­
  (U16)  vermischt  man  mit  dem  wäßrigen
Auszuge  einer  Schlingpflanze  (Ipomoea  bona),
knetet  die  ausgeschiedene  weiche  Masse  und
formt  sie  zu  kleinen  Kuchen  oder  größeren
Blöcken.  Mangabeira-K.,  von  Hancornia  speciosa,
  bildet  ziemlich  feuchte  rosafarbige  Stücke,
die  infolge  eines  Alaunzusatzes  zur  Milch  meist
alaunhaltig  sind  und  geringeren  Wert  haben.
Ostindischer  K.  wird  aus  dem  Milchsäfte  von
Ficus  elastica  und  Urceola  elastica  gewonnen,
indem  man  ihn  an  der  Luft  gerinnen  läßt  und
die  nach  oben  steigende  Kautschukmasse  knetet
und  an  der  Sonne  trocknet.  Der  in  regellosen
Brocken  und  Klumpen  sowie  in  dicken  Platten
vorkommende  K.  zeigt  infolgedessen  eine  hellere,
lichtbraune  oder  weißgraue  Farbe,  auch  ist  er
        <pb n="211" />
        Kautschuk

206

Kautschuk

meist  verunreinigt  und  von  geringerer  Festigkeit ­
  und  Elastizität  als  die  Parasorte.  Er  kommt
selten  nach  Deutschland  und  wird  meist  nach
England  und  Amerika  ausgeführt.  Steigende  Bedeutung ­
  gewinnt  neuerdings  der  afrikanische
K.,  der  besonders  in  Portugiesisch-  und  Deutsch-Ostafrika,
  Sierra  Leone,  Madagaskar  und  im
Kongostaate  von  verschiedenen  Landolphia-  und
Kickxia-Arten  gewonnen  wird.  Mehr  und  mehr
geht  man  auch  zur  Anlegung  von  Kulturen
über,  wodurch  besonders  in  Zeylon  die  Herstellungskosten ­
  wesentlich  verringert  worden
sind.  —  Die  Gesamtmenge  des  auf  der  Erde
gewonnenen  Kautschuks  wurde  1862  zu  4000  t
angegeben,  1903  belief  sie  sich  auf  63500  t,  wovon ­
  fast  die  Hälfte  auf  Brasilien  entfiel,  und
1910  auf  76000  t.  Infolge  der  Anlegung  zahlreicher ­
  Kulturen,  die  Anfang  1911  bereits
400000  ha  umfaßten,  stieg  die  Erzeugung  im
Jahre  1915  auf  mehr  als  100000t  und  wurde  für
1916  auf  130—150000  t  geschätzt.  Die  deutschen
Kolonien,  deren  Pflanzungen  eine  schöne  Entwicklung ­
  zeigten,  lieferten  vor  dem  Kriege  bereits ­
  gegen  3000  t.  —  Der  K.,  der  sich  neben
Eiweiß,  Harz,  Zucker  und  Mineralstöffen  in
Form  einer  wäßrigen  Emulsion  in  dem  Milchsäfte ­
  (Latex)  vorfindet,  ist  ein  zu  den  Polyterpenen ­
  gerechneter  Kohlenwasserstoff  von  der
empirischen  Formel  C 10 H 16 ,  aber  sehr  hohem
Molekül.  Er  bildet  den  Hauptbestandteil  des
Rohkautschuks,  neben  dem  kleinere  oder  größere
Mengen  von  Eiweiß,  Harzen  und  anderen  Verunreinigungen ­
  (im  Para-K.  nur  1—40/0,  in  minderwertigen ­
  Sorten  bis  zu  400/0)  Vorkommen.
Je  nach  der  Sorte  zeigt  der  Rohkautschuk  eine
rötliche,  bräunlichgelbe  bis  schwarze  Farbe,
einen  eigentümlichen  Geruch  und  eine  hohe
Elastizität.  Das  spez.  Gew.  liegt  bei  0,92  bis
0,96.  Bei  niedrigen  Temperaturen  hart  und
spröde,  wird  der  K.  bei  120 0  klebrig  und  schmilzt
bei  180 0  zu  einer  Schrhiere,  die  erst  nach  jahrelanger ­
  Lagerung  wieder  fest  wird.  Bei  200  bis
300 0  geht  er  in  ein  dunkelbraunes  Öl  über,  das
als  Schutzmittel  gegen  Rost  dient,  und  verbrennt
bei  noch  stärkerem  Erhitzen  an  der  Luft  mit
rußender  Flamme  und  unangenehmem  Geruch.
Die  eigentliche  Kautschuksubstanz  ist  in  Wasser,
Alkohol  und  Azeton  unlöslich,  doch  entziehen
die  beiden  letzteren  dem  Rohkautschuk  die
Harze.  Von  den  übrigen  Lösungsmitteln,  die
den  K.  entweder  in  eine  wirkliche  Lösung  oder
doch  durch  Erweichung  und  Quellung  in  eine
homogene  Flüssigkeit  überführen,  sind  Äther,
Benzin,  Benzol,  Chloroform,  Schwefelkohlenstoff, ­
  Terpentinöl  und  Tetrachlorkohlenstoff  von
größter  technischer  Bedeutung.  Ein  ausgezeichnetes ­
  Lösungsmittel  ifet  auch  das  durch  trockne
Destillation  von  K.  gewonnene  Kautschuköi
(Kautschukin).  Gegen  chemische  Reagenfien
ist  K.  ziemlich  beständig,  er  wird  aber  von  konzentrierter ­
  Schwefelsäure  und  Salpetersäure  zerstört, ­
  durch  starke  Laugen  in  eine  klebrige  Modifikation ­
  umgewandelt  und  auch  durch  Tangere
Einwirkung  von  Luft  und  Licht  (Ozon)  verdorben. ­
  Mit  salpetriger  Säure  entstehen  Nitrosite,
  die  ebenso  wie  die  Additionsprodukte  mit
schwefliger  Säure  und  Halogenen  (Tetrabromid)
zur  quantitativen  Bestimmung  benutzt  werden.
—  Zur  technischen  Verwendung  wird  der

Rohkautschuk  zunächst  einem  Reinigungsverfahren ­
  unterworfen,  indem  man  ihn  in  siedendem
Wasser  erweicht,  darauf  mit  ständig  naßgehaltenen ­
  Schneidemaschinen  in  100—200  g
schwere  Brocken  zerteilt  und  letztere  sorgfältig
mit  Hilfe  von  Riffelwalzen  wäscht..  Die  schließlich ­
  erhaltenen  dünnen  Lappen,  sog.  „Felle“,
werden  sorgfältig  bei  50—6o°  getrocknet.  Der
bei  dieser  Reinigung  eintretende  Gewichtsverlust ­
  („Waschverlust“),  der  bei  bestem  Para-K.
gegen  10  o/ 0  ausmacht,  im  allgemeinen  aber  20  0/0
beträgt,  kann  bei  geringeren  Sorten  bis  zu  50  o/ ft
ansteigen.  Die  reinen  Felle  werden  entweder
für  sich  allein  in  Walzwerken  und  nachfolgendem ­
  hohen  Druck  in  Blöcke  gepreßt  und  in
Platten  zerschnitten  (Patentgummi),  oder
durch  Verkneten  des  erweichten  K.  mit  Schwefel,
Ton,  Zinkoxyd,  Talk,  Glätte,  Schwefelantimon,
Kienruß  usw.  in  eine  sog.  gemischte  Masse
übergeführt,  die  dann  durch  Pressung  ebenfalls
Platten  liefert.  Aus  den  Platten  von  Patentgummi
oder  gemischter  Masse  werden  die  meisten  Gebrauchsgegenstände ­
  hergestellt,  indem  man  sie
zunächst  in  die  gewünschte  Form  (Scheiben
für  Spielwaren,  Klappen  usw.)  zurechtschneidet
und  dann  die  Vereinigung  der  Ränder  durch
Aneinanderpressen,  bisweilen  unter  Verwendung
von  Kautschuklösung  als  Klebemittel  herbeiführt.
Aus  Patentgummi  entstehen  so  z.  B.  Milchsauger, ­
  Gummischläuche.  Gemischte  Platten
werden  ebenfalls  zunächst  zerschnitten  und  dann
in  Formen  hohem  Druck  ausgesetzt,  wobei  bisweilen, ­
  wenn  die  Gegenstände  hohl  und  prall
bleiben  sollen  (Gummibälle)  etwas  kohlensaures ­
  Ammonium  hineingebracht  wird.  Für
Gummischuhe,  Mäntel  von  Fahrradreifen,  wasserund
  luftdichte  Stoffe  wird  der  Einlagestoff  entweder ­
  durch  Aufwalzen  der  Kautschukmasse
oder  Aufstreichen  einer  Kautschuklösung  mit
dem  gewünschten  Überzüge  versehen.  Gummischuhe ­
  werden  auch  durch  Eintauchen  der  mit
abgepaßten  Futterstoffen  belegten  Formen  in
Kautschuklösungen,  darauffolgendes  Belegen
mit  zurecht  geschnittenen  Kautschukplatten  und
anschließende  Vulkanisation  hergestellt.  Gummischläuche ­
  erhält  man  entweder  durch  schraubenförmiges ­
  Aufwickeln  der  Kautschukstreifen
auf  eine  eiserne  Achse  und  nachfolgendes  Verkleben ­
  der  Ränder  oder  auch  Ausspritzen  der
erweichten  Masse  aus  einem  mit  Kern  versehenen ­
  Mundstück.  Elastische  Gewebe  werden
aus  langen,  mit  Maschinen  zurechtgeschnittenen
vierkantigen  Fäden,  die  mit  Baumwolle  oder
Seide  umsponnen  und  dann  gestreckt  sind,  hergestellt. ­
  Der  so  erhaltene  gereinigte  Kautschuk ­
  findet  wie  auch  der  Rohkautschuk  nur
beschränkte  Verwendung  als  Radiergummi  sowie ­
  zur  Herstellung  von  Heftpflastern  und
Kautschuklösungen  für  Klebezwecke.  Für  die
meisten  Verwendungen  muß  er  erst  der  Vulkanisation ­
  unterworfen  werden.  Dieses  hauptsächlich ­
  von  Goodyear  erfundene  Verfahren
besteht  in  der  Einverleibung  von  Schwefel  bei
höherer  oder  von  Schwefelchlorür  bei  gewöhnlicher ­
  Temperatur  und  verleiht  dem  K.  mehrere
für  seinen  Gebrauch  höchst  günstige  Eigenschaften. ­
  Im  Gegensatz  zum  gewöhnlichen  K.
wird  der  vulkanisierte  weder  bei  niederen  Temperaturen ­
  spröde,  noch  bei  höheren  klebrig.
        <pb n="212" />
        Kautschuk

207

Kayennepfeffer

sondern  behält  seine  volle  Elastizität.  Seine
Porosität  und  seine  Löslichkeit  ist  wesentlich
geringer  geworden;  Terpentinöl,  Benzin,  Äther
und  Chloroform  lösen  ihn  kaum,  sondern  quellen
ihn  nur  bis  zum  zehnfachen  Volumen,  während
fette  Öle  ihn  in  eine  plastische,  an  der  Luft
sich  oxydierende  Masse  verwandeln.  Die  frischen
Schnittflächen  des  vulkanisierten  K.  haften  beim
Aneinanderdrücken  nicht  zusammen.  Nach  dem
Verfahren  der  heißen  Vulkanisation  wird
der  gereinigte  K.  mit  wechselnden  Mengen
(3—15  0/0)  Schwefelblumen  zusammengewalzt
und  geknetet  und  dann  mehrere  Stunden  lang
in  großen  eisernen  Kesseln  bei  115—136°  und
3—s  Atmosphären  Druck  mit  Wasserdampf  behandelt. ­
  In  gleicher  Weise  können  die  aus  gemischter ­
  Masse  geformten  Gebrauchsgegenstände ­
  vulkanisiert  werden.  Matten,  Treibriemen ­
  und  Preßplatten  bringt  man  meist  in
Pressen,  deren  hohle  Platten  durch  Dampf  erhitzt ­
  werden.  Die  besonders  für  Patentgummi
geeignete  kalte  Vulkanisation  nach  Parkes ­
  besteht  einfach  im  Eintauchen  der  geformten ­
  Gegenstände  in  eine  Lösung  von  Schwefel
in  Schwefelkohlenstoff  oder  Chlorschwefel  für
einige  Minuten  und  nachfolgende  Trocknung.
An  Stelle  des  Schwefels  wird  vielfach  auch
Schwefelquecksilber  (Zinnober)  und  Schwefelantimon ­
  zur  heißen  Vulkanisation  benutzt.  Die
so  erhaltenen  Gegenstände  haben  im  Gegensatz
zu  dem  grauen  vulkanisierten  K.  eine  rote
Farbe.  Schwarze  Töne  entstehen  durch  Beimischung ­
  von  Kiemuß,  helle  durch  Zinkweiß,
Baryt  u.  dgl.  Die  Herstellung  der  Hartgummi- ­
  oder  Ebonitwaren  (s.  d.)  erfolgt
nach  den  gleichen  Grundsätzen,  doch  unter  Zusatz ­
  höherer  Schwefelmengen  (bis  500/0)  unc l
Anwendung  höherer  Temperaturen.  —  Künstlicher ­
  (synthetischer)  K.  kann  in  ausgezeichneter ­
  Beschaffenheit  nach  verschiedenen  Verfahren, ­
  die  meist  auf  den  Arbeiten  von  Har  ries
beruhen,  hergestellt  werden.  Als  Ausgangsmaterial ­
  dient  entweder  Isopren  (C 5 Hg),  das
aus  Terpentinöl,  Lävulinaldehyd  oder  Lävulinsäure ­
  (aus  Stärke,  Zucker,  Zellulose),  Azeton,
hydrierten  Benzolen  und  Phenolen,  Amylalkohol
und  neuerdings  Petroleum  gewonnen  wird,  oder
das  Butadien  (C 4 H 6 ),  von  dem  sich  Isopren
lediglich  durch  Eintritt  einer  Methylgruppe
unterscheidet.  Beide  Kohlenwasserstoffe  polymerisieren ­
  sich  unter  Einwirkung  von  Salzsäure
und  Wärme.  Bei  dem  ungeheuren  Preissturz
des  natürlichen  K.  hat  sich  das  synthetische
Erzeugnis  bislang  noch  als  zu  teuer  herausgestellt. ­
  —  Um  so  größere  Bedeutung  hat  dafür
die  Wiederverarbeitung  von  abgenutzten  Kautschukwaren ­
  (Schuhen,  Schläuchen,  Radreifen)
und  vulkanisierten  Abfällen  zu  sog.  Regene-*
raten  gewonnen.  Zwar  ist  eine  Ent  Vulkanisierung ­
  noch  nicht  gelungen,  aber  durch  mechanische ­
  Zerkleinerung  und  Behandlung  mit  Alkalien, ­
  Säuren,  organischen  Lösungsmitteln
werden  die  mineralischen  Beimengungen  und
die  Gewebeeinlagen  entfernt,  so  daß  die  hinter-Weibende
  Kautschuksubstanz  wieder  unter  Zusatz ­
  von  neuem  K.  verarbeitet  werden  kann.  —
Als  Ersatzmittel  für  K.  kommen  in  erster
Linie  die  sog.  Faktis  in  Betracht,  die  durch
Erhitzen  von  Leinöl  mit  Schwefel  (brauner  F.)

oder  durch  Behandlung  mit  Chlorschwefel
(weißer  F.)  erhalten  werden.  Außerdem  sind
für  bestimmte  Zwecke  Gemische  von  Vogelleim ­
  mit  Soda  (für  Pflaster),  Lösungen  von
Zelluloseestern  mit  weichmachenden  organischen ­
  Substanzen  (für  chirurgischeFlandschuhe),
mit  Formaldehyd  gehärtete  Leimmasse  (Sonjatin-Schläuche)
  empfohlen  worden.  Hartgummiersatz ­
  Zellon  ist  eine  Art  Zelluloid,
Futuran  ein  Erzeugnis  aus  Phenol  und  Formaldehyd. ­
  —  Verfälschungen  des  K.  durch
übermäßigen  Zusatz  von  Mineralstoffen  lassen
sich  mit  Hilfe  der  Aschenanalyse,  Zusätze  von
Leim  und  Eiweißstoffen  durch  die  Stickstoffbestimmung, ­
  Beimischungen  von  Faktis  nicht
immer  mit  Sicherheit  nachweisen.
Kaviar  (Caviar,  frz.  Caviar,  engl.  Caviare)
besteht  aus  den  ungesalzenen  oder  auch  mehr
oder  weniger  (mit  4—60/0  Kochsalz)  gesalzenen,
aus  den  Eierstöcken  befreiten  Eiern  (Rogen)
großer  Störarten,  namentlich  des  eigentlichen
Störs  (Acipenser  sturio),  des  Hausens  (A.
huso)  und  einiger  kleinerer  Verwandten,  und
wird  entweder  direkt  als  körniger  K.  oder
auch  in  gepreßtem  Zustande  in  den  Handel
gebracht.  Der  beste  K.,  der  aus  Rußland
(Astrachan,  Malossol)  stammt,  ist  besonders
großkörnig,  von  heller  Farbe  und  mild  gesalzen. ­
  Der  sog.  deutsche  oder  Elb-K.  und
der  amerikanischeK.setzt  sich  aus  weit  kleineren ­
  Körnern  zusammen,  besitzt  eine  dunklere
Farbe,  scharfen  salzigen  Geschmack  und  wird
weniger  geschätzt.  K.  ist  sehr  reich  an  Nährstoffen ­
  und  enthält  neben  14  0/0  Fett  nicht  weniger ­
  als  30  0/0  Eiweiß,  kommt  aber  wegen
seines  hohen  Preises  nur  als  Luxusspeise  und
Genußmittel  in  Betracht.  Guter  K.  darf  weder
sauer  oder  ranzig  riechen,  noch  schimmlig  sein,
die  einzelnen  Körner  müssen  prall  und  rund,
nicht  eingeschrumpft,  zerflossen  oder  schmierig
erscheinen,  Zusätze  von  Sago,  Öl,  Farbe  und
den  Eiern  anderer  Fische  haben  als  Verfälschung ­
  zu  gelten.
Kawawurzel  (Avawurzel,  lat.  Radix  kavae,
frz.  Racine  de  kava,  engl.  Kava  root),  die  getrocknete ­
  Wurzel  der  auf  den  Inseln  der  Südsee ­
  wachsenden  Piperazee,  Piper  methysticum,
  besteht  aus  dicken,  knotigen,  mit  langen,
sehr  verästelten  Wurzelfasern  besetzten  Stücken
von  250—500  g  Gewicht,  die  außen  graubraun,
innen  von  grauweißer  Farbe  und  lockerem,
schwammigem  Gefüge  sind.  Der  Geruch  ist
schwach  pfefferartig,  der  Geschmack  bitter  und
zusammenziehend.  N  eben  einem  Harzgemisch,
dem  eigentlich  wirksamen  Bestandteil,  enthält  die
Droge  zwei  indifferente  kristallinische  Körper,
Methystizin  (Piperinylessigsäuremethylester)
und  Yangonin.  K.  wird  als  schweißtreibendes
Mittel,  der  aus  der  Wurzel  hergestellte  Fluid-Extrakt
  als  Arzneimittel  angewandt  Und  auch
gegen  Geschlechtskrankheiten  empfohlen.
Kayennepfeffer  (Guinea-Pfeffer,  Chillies,
lat.  Piper  cayennense,  frz.  foivre  de  cayenne,
engl.  Cayenne  pepper)  nennt  man  die  schotenähnlichen
  Früchte  (Beeren)  von  Capsicum  baccatum,
  eines  zu  den  Solaneen  gehörenden
Strauches  des  tropischen  Amerika.  K.  ähnelt
außerordentlich  dem  Paprika  (s.  d.),  von  dem  er
sich  nur  durch  die  geringere  Größe  der  Beeren
        <pb n="213" />
        Kayota

208

Kerzen

(i—2  cm  lang,  4—5  mm  dick)  und  die  mehr
gelbrötliche  Farbe  unterscheidet.  Infolge  seines
Gehaltes  an  Kapsaizin  besitzt  er  einen  brennend ­
  scharfen  Geschmack  und  wird  als  Gewürz,
besonders  zu  Essigfrüchten,  in  großen  Mengen
verbraucht.  Außerdem  aber  wird  er  mit  Mehl
zu  einem  Teige  angerührt,  gebacken,  gemahlen
und  als  sog.  „amerikanischer  K.“  (Papperpot)
  in  den  Verkehr  gebracht.
Kayota,  eine  aus  Mexiko  eingeführte,  gerbstoffreiche ­
  Rinde  unbekannter  Abstammung,  wahrscheinlich ­
  aber  von  einer  Malpighia,  welche
zum  Gerben  verschiedener  Lederarten  benutzt
wird  und  letzteren  eine  rötliche  Farbe  verleiht.
Die  auch  in  gemahlenem  Zustande  eingeführte
Rinde,  welche  23—27  °/o  Tannin  enthält,  soll  als
Gerbmaterial  dem  Quebracho  vorzuziehen  sein,
in  der  Färberei  zum  Schwarzfärben  mit  Eisensalzen ­
  dem  Sumach  ähnlich  wirken  und  namentlich ­
  der  Seide  die  Geschmeidigkeit  nicht  nehmen.
Kazaza,  ein  aus  Zuckerrohrsaft  oder  aus  Melasse ­
  bereitetes  geistiges  Getränk,  das  fh  der  brasilianischen ­
  Provinz  Maranhao  viel  genössen  wird
und  sich  vom  Rum  durch  seine  Farblosigkeit  und
geringeren  Alkoholgehalt  unterscheidet.
Kefir  (Kephyr)  ist  ein  alkoholisches  Getränk, ­
  das  schon  seit  alten  Zeiten  im  Kaukasus
durch  eine  eigentümliche  Gärung  aus  Stutenmilch ­
  hergestellt  wird.  Zur  Erregung  der  Gärung ­
  dienen  Anhäufungen  gewisser  Hefen-  und
Spaltpilze,  die  als  Kefirkörner  in  den  Handel
kommen  und  auch  bei  uns  zur  Gewinnung
eines  gleichartigen  Erzeugnisses  aus  Kuhmilch ­
  benutzt  werden.  Nach  Mercks  Jahresbericht ­
  gibt  man  in  eine  Selterwasserflasche
von  375  ccm  Inhalt  5—-io  Kefirkörner,  übergießt ­
  diese  abends,  mit  100  ccm  frischem  Wasser
und  läßt  über  Nacht  stehen.  Morgens  um  acht
Uhr  gießt  man  das  Wasser  möglichst  vollständig ­
  ab,  füllt  die  Flasche  zu  3 / 4  mit  unabgekochter
  Milch  und  läßt  tagsüber  bei  8  bis
20°  C  gut  verkorkt  unter  zeitweiligem  Umschütteln ­
  liegen.  Am  Abend  nach  dem  Abseihen ­
  des  Ferments  kann  der  Kefir  schon  getrunken ­
  werden.  Im  Verlaufe  dör  Gärung  geht
ein  Teil  des  Milchzuckers  in  Milchsäure  und
-ein  Teil  des  Kaseins  in  lösliche  Hemialbumosen,
  Azidalbumosen  und  Peptone  über,  während ­
  gleichzeitig  Alkohol  und  Kohlensäure  entstehen. ­
  Das  fertige  schäumende  Getränk  enthält ­
  nach  König:  88,86  0/0  Wasser,  2,800/0
Kasein,  0,38  o/ 0  •  Albumin,  0,25  %  Azidalbumin,
0,180/0  Hemialbumosen,  0,030/0  Pepton,  2,760/0
Fett,  2,520/0  Milchzucker,  0,980/0  Milchsäure,
0,84  %  Alkohol  und  0,65  0/0  Asche.  K.  wird  als
diätetisches  Mittel  bei  Magen-  und  Lungenieiden
  und  Schwächezuständen  angewandt.
Kehrsalz  (Fegsalz),  das  in  der  Salzsiederei
beim  Beladen  der  Trocken  Vorrichtungen  und
beim  Abtragen  des  getrockneten  Salzes  abfallende ­
  Salz,  welches  vom  Fußboden  zusammengekehrt ­
  wird  und  daher  verunreinigt
ist,  kann  nur  als  Viehsalz  Verwendung  finden.
Keramische  Waren.  Diese  Bezeichnung,  vom
griechischen  Worte  Keramos,  der  Ton,  abstammend, ­
  umfaßt  alle  aus  Ton  und  Tonmischungen ­
  hergestellten  Waren,  wie  Terrakotta, ­
  Töpferwaren,  Siderolith,  Steingut, ­

  Fayence,  Majolika,  Steinzeug  und
Porzellan.
Kermek,  die  Wurzeln  von  Statice  coriaria
und  St.  limonium,  werden  in  Rußland  als
Gerbmaterial  verwendet.
Kermes.  Mit  diesem  Namen  belegt  man  drei
verschiedene  Farbstoffe;  I.  Tierischer  Kermes ­
  (Kermesbeeren  oder  -körner,  Scharlachbeeren, ­
  Purpurkörner,  Alkermes,  lat.
Grana  kermes,  frz.  Grains  d’öcarlate,  engl.  Scarlet
berries)  besteht  aus  den  getrockneten  trächtigen
Weibchen  einer  Schildlaus  (Coccus  ilicis).
die  auf  den  Zweigen  der  in  Südeuropa  und
im  Orient  häufiger  wachsenden,  strauchartigen
Scharlacheiche  (Quercus  coccifera)  lebt.
Das  Weibchen  schwillt  nach  der  Befruchtung
kugelförmig  an,  strotzt  von  Eiern  und  rotem
Farbstoff  und  wird  in  diesem  Zustande  gesammelt.
Die  durch  Besprengungen  mit  Essig  getöteten  und
an  der  Luft  getrockneten  Tiere  bilden  glatte  oder
etwas  runzelige,  dunkelro.braune,  zum  Teil  auch
violette,  den  Korinthen  ähnliche  Körner,  welche
denselben  Farbstoff  wie  Koschenille  enthalten
und  im  Orient  noch  heute  als  Färbematerial
dienen.  2.  Die  pflanzlichen  Kermesbeeren,
die  früher  zum  Färben  von  Rotwein  benutzt
wurden,  jetzt  jedoch  ihrer  abführenden  Wirkung ­
  wegen  verboten  sind,  bestehen  aus  den
Früchten  eines  von  Virginien  nach  dem  südlichen ­
  Europa  verpflanzten  und  dort  verwilderten, ­
  schon  in  Österreich  häufig  vorkommenden,
ausdauernden  Gewächses,  Phytolacca  decandra.
  3.  Mineralischer  K.  ist  ein  altes,  unter
dem  Namen  Karthäuserpulver  bekanntes
und  zuweilen  noch  jetzt  medizinisch  gebrauchtes
Antimonpräparat,  das  durch  Kochen  von  schwarzem ­
  Schwefelantimon  mit  Pottaschelösung  erhalten ­
  wird.  Beim  Kochen  der  filtrierten  Lösung
fällt  der  K.  als  ein  feines,  leichtes,  rotbraunes
Pulver,  das  aus  Schwefelantimon  und  Antimonoxyd ­
  in  wechselnden  Verhältnissen  besteht.
Kerzen  (Lichte  frz.  Bougies,  engl.  Candles)
werden  nach  dem  Ausgangsmaterial  meist  in
Talg-,  Stearin-,  Wachs-,  Walrat-,  Paraffin- ­
  und  Zeresin-K.  unterschieden.  Zu
ihrer  Herstellung  bediente  man  sich  früher
hauptsächlich  der  Methode  des  Ziehens,  bei  |
der  zahlreiche,  an  einem  Stabe  hängende  Dochte
so  oft  in  das  geschmolzene  Material  eingetaucht ­
  wurden,  bis  die  verlangte  Dicke  erreicht
war.  Heutzutage  kommt  fast  nur  noch  das  Gießen
in  Betracht.  Eine  Reihe  schwach  konischer  Formen ­
  aus  Blei-Zinn-Legierungen  werden  mit  dem
verjüngten  Ende  nach  unten  in  die  Löcher  des
Gußtisches  eingehängt,  dann  mit  je  einem  Docht
und  Trichter  versehen  und  mit  der  geschmolzenen ­
  Masse  vollgegossen.  Die  Temperatur  ist
für  jede  Sorte  besonders  zu  wählen.  Während
z.  B.  der,  heute  übrigens  kaum  noch  benutzte.
Talg  eben  ein  Häutchen  bilden  soll  und  bet
kühler  Temperatur  gegossen  wird,  ist  das  Paraffin ­
  möglichst  dünnflüssig  in  die  vorgewärmte ­
  Form  zu  gießen  und  dann  schnell  abzukühlen. ­
  Die  Stearin-,  richtiger  Stearinsäure-K.
  werden  zur  Vermeidung  des  unbe-  |
liebten  großkristallinischen  Gefüges  meist  aus
einem  Gemisch  von  Stearin  und  etwas  Wachs
oder  Paraffin,  das  man  unter  Umrühren  bis
zum  Dickflüssigwerden  abkühlen  läßt,  hergc-
        <pb n="214" />
        Kessambi

209

Kindermehle

stellt.  Die  dicken  Wachskerzen  für  kirchliche ­
  Zwecke  endlich  werden  auch  durch  Ausrollen ­
  des  erweichten  Wachses  um  einen  Docht
erhalten.  Von  größter  Bedeutung  für  gutes
Brennen  der  K.  ist  die  Beschaffenheit  der
Dochte,  welche  bei  den  neueren  Erzeugnissen
zur  Vermeidung  des  Kriimmens  aus  3  Strähnen
geflochten  werden  und  zur  Erleichterung  des
Verbrennens  mit  besonderen  Beizen  aus  chlorsaurem ­
  Kalium,  Salpeter,  Wismutnitrat,  ferner
Borsäure,  Ammoniumsulfat  oder  -phosphat  imprägniert ­
  sind.  Als  gute  und  preiswürdigste  K.
haben  zurzeit  die  Paraffin-,  danach  die  Kompositions-K.
  aus  Stearin  und  Paraffin  als  beste
reine  Stearin-K.  zu  gelten.
Kessambi,  das  Holz  der  in  Indien  wachsenden ­
  Sapindazee  Schleichera  trijuga,  liefert
ein  festes  Arbeitsholz.
Kessowurzel,  die  Wurzel  einer  japanischen
Baldrianart,  Valeriana  officinalis  L.  var.
angustifolia,  liefert  bei  der  Destillation  das
ätherische  Kessoöl,  welches  dem  gewöhnlichen ­
  Baldrianöl  sehr  ähnlich  ist,  aber  ein
höheres  spez.  Gew.  von  0,960—1,004  besitzt.
Kesu-dan  (Palas-phul)  nennt  man  die  in
Indien  zum  Gelbfärben  dienenden  Blüten  von
Butea  frondosa.
Ketgeeöl  (Uttur  Khetkee),  ein  sehr  wohlriechendes ­
  ätherisches  Öl  aus  Rajopootana  in
Ostindien,  wird  aus  einer  gelbblühenden
Fand  an  e  gewonnen.  Die  weißblühende
Pandane,  Pandanus  odoratissimus,  liefert
durch  Destillation  ihrer  Blüten  ebenfalls  ein
sehr  wohlriechendes  Öl  (Uttur  khera),  das
zu  Parfümeriezwecken  Verwendung  findet.
Khaboungycayi,  die  giftigen  Samen  des  in
Birma  wachsenden  Baumes  Strychnos  potatorum,
  enthalten  Strychnin.
Kiefernholz  (Föhrenholz),  das  Holz  verschiedener ­
  Arten  der  Gattung  Pinus.  1.  Das
gemeine  Kiefernholz,  von  Pinus  si  1  -
vestris,  besitzt  eine  gelblichweiße  Farbe  mit
braunrotem,  verschwindend  kleinem  Mark,  zahlreichen ­
  Holzporen  und  regelmäßigem,  engmaschigem ­
  Holzgewebe.  Es  ist  leicht,  sehr  harzreich ­
  und  läßt  sich  unter  allen  Nadelhölzern
am  wenigsten  gerade  spalten.  Gegen  Witterungseinflüsse ­
  zeigt  es  große  Widerstandskraft
und  wird  zu  Grubenbauten  in  Bergwerken,
Brunnenröhren,  Balken  und  namentlich  zu
Fensterrahmen  benutzt.  2.  Schwarzföhrenholz, ­
  von  der  österreichischen  Kiefer,
Pinus  laricio  var.  austriaca,  unterscheidet
sich  von  dem  vorigen  nicht  wesentlich.  3.  Arvenholz, ­
  Zirbelkiefernholz,  das  dichte,  rötliche ­
  und  wohlriechende  Holz  von  Pinus  cembra,
  kommt  nur  aus  den  Alpen  und  wird  viel
als  Schnittholz  verwendet.  4.  Knieholz,
Krummholz,  Zwergkiefernholz,  von  der
nur  im  Hochgebirge  vorkommenden  Krummholzkiefer, ­
  Pinus  pumilio,  mit  auf  der  Erde
liegendem,  hin  und  her  gebogenem  Stamm  und
Ästen,  ist  sehr  dicht  und  fest,  rotbraun  mit
weißem  Splint  und  wird  vielfach  zu  Holzschnitzereien ­
  verwandt.
Kieselfluorwasserstoffsäure  (lat.  Acidum  hydro-silicio-fluoricum,
  frz.  Acide  hydrofluorsilicique,
  engl.  Silico  hydrofluoric  acid),  eine  Verbindung ­
  von  der  Formel  H 2 SiF 6 ,  entsteht  in
Mercks  Warenlexikon.

wäßriger  Lösung  durch  Erhitzen  von  Quarz  und
Flußspat  mit  konzentrierter  Schwefelsäure  und
Einleiten  des  gasförmigen  Fluorsiliziums  SiF, t  in
Wasser.  Die  stark  saure  Flüssigkeit,  die  sich
beim  Eindampfen  zersetzt,  muß  in  Guttaperchaflaschen ­
  aufbewahrt  werden,  da  sie  Glas  angreift. ­
  K.  dient  zur  Konservierung  von  Holz,
zum  Härten  von  porösen  Baumaterialien  und
Mauerwerk  und  ist  giftig.
Kieselsäure  (Kieselerde,  lat.  Acidum  silicicum,
  frz.  Acide  silique,  engl.  Siliciosus  acid),
die  Verbindung  des  Elementes  Silizium  mit
Sauerstoff,  Si0 2 ,  findet  sich  in  der  Natur  in
reinem  Zustande  und  in  Form  von  Verbindungen ­
  als  der  verbreitetste  Bestandteil  der
Erdrinde  vor.  Aus  reiner  kristallisierter  K.  besteht ­
  der  Quarz  in  seinen  zahlreichen  Spielarten ­
  als  Bergkristall,  Amethyst,  Quarzit,  Sand
und  Kies;  aus  amorpher  K.  der  Feuerstein,
Opal  und  Achat.  Von  den  wichtigsten  Mineralien ­
  sind  der  Feldspat,  die  Hornblende,  der
Ton  und  Glimmer  als  Verbindungen  der  K,,
als  Silikate,  anzusprechen.  Außerdem  ist  K.
ein  regelmäßiger  Bestandteil  pflanzlicher  Organismen, ­
  besonders  der  Gräser  und  Schachtelhalme, ­
  und  findet  sich  als  Panzer  niederer  Infusorien ­
  und  Diatomeen,  die  in  ungeheuren
Mengen  die  Lager  von  Kieselgur,  Infusorienerde, ­
  zusammensetzen.  Die  K.  ist  in  den
meisten  Säuren  mit  Ausnahme  der  Flußsäure
und  in  verdünnten  Alkalien  unlöslich  und  verhält ­
  sich  bei  gewöhnlicher  Temperatur  ziemlich ­
  indifferent.  Bei  höheren  Temperaturen
zeigt  sie  die  Eigenschaften  einer  Säure,  treibt
beim  Schmelzen  mit  Pottasche  Kohlensäure  aus
und  bildet  kieselsaure  Salze.  In  Form  des
Quarzes  und  der  Silikate  Glas  und  Wasserglas ­
  ist  .sie  für  die  Technik  von  größter  Bedeutung. ­

Kieserit,  ein  aus  natürlicher,  schwefelsaurer
Magnesia  (MgS0 4 -(-H 2 0)  bestehendes  Mineral,
kommt  auf  Salzstöcken  vor  und  bildet  namentlich ­
  im  Abraumsalze  des  Staßfurter  Steinsalzwerkes ­
  Bänke  bis  zu  30  cm  Stärke.
Kihoe,  das  sehr  harte  Holz  der  in  Indien
wachsenden  Aritera  littoralis,  wird  im  Ursprungslande ­
  zur  Herstellung  von  Werkzeugen
benutzt.
Kindermehle  nennt  man  als  Ersatz  für  Muttermilch ­
  bestimmte  Nährpräparate,  die  aus  Getreidemehl ­
  (besonders  Weizen  und  Hafer)  hergestellt ­
  werden  und  die  Bestandteile  des  letzteren ­
  in  leicht  löslicher  Form  enthalten.  Die
Aufschließung  erfolgt  entweder  durch  trockene
Hitze  oder  durch  Dämpfen,  ferner  durch  Behandlung ­
  mit  verdünnten  Säuren  oder  Diastase
und  hat  den  Erfolg,  daß  die  Stärke  in  Dextin
und  das  Eiweiß  in  Albumosen  übergeht.  Die
entstehenden  Erzeugnisse  werden  für  sich  allein
oder  nach  Zusatz  von  Fett,  Eiweiß  und  Salzen
getrocknet  oder  gebacken  und  in  ein  feines
Mehl  verwandelt.  Von  den  bekannteren  Waren
sind  die  K.  von  Knorr,  Hohenlohe  und
Kufeke  nur  aus  Mehl  hergestellt,  während
Nestles  K.  und  Theinhardts  lösliche
Kindernahrung  gleichzeitig  Milch  und  Zucker
enthalten.  Die  Ansichten  über  den  Wert  der  K.
sind  sehr  geteilt,  doch  steht  soviel  fest,  daß  sie
die  Milch  nicht  völlig  ersetzen,  sondern  höchst ­
        <pb n="215" />
        Kino

210

Kirschstiele

stens  neben  ihr  benutzt  werden  können.  Unter
allen  Umständen  muß  verlangt  werden,  daß  die
K.  völlig  aufgeschlossen  sind,  da  der  kindliche
Organismus  rohe  Stärke  nicht  assimiliert.  Zweckmäßig ­
  erfolgt  die  Verabreichung  daher  nur  bei
älteren  Kindern  und  bei  Verdauungsstörungen,
bei  denen  Kufekes  K.  verstopfend,  Mellins
und  Theinhardts  Nahrung  hingegen  schwach
abführend  wirken.
Kino  (Kinogummi,  lat.  Gummi  kino,  frz.
Gomme  kino,  engl.  Kino  gum)  besteht  aus  dem
eingetrockneten  Extrakte  oder  natürlichen  Ausflüssen ­
  verschiedener  Bäume,  namentlich  aus
der  Familie  der  P  ap  iliona  z  e  en,  und  bildet
dem  Katechu  ähnliche  rote  Massen  von  stark
zusammenziehendem  Geschmack,  Unter  den
verschiedenen  Handelssorten  hat  das  malabarische ­
  oder  Amboinakino  von  Pterocarpus
Marsupium  die  größte  Bedeutung.  Es  bildet
kleine  eckige,  leicht  zerbrechliche  Bruchstücke
von  glänzend  schwarzer  Farbe,  die  in  dünnen
Splittern  rot  durchscheinen.  Das  Pulver  ist
dunkelrot  und  löst  sich  nur  teilweise  in  Wasser,
aber  vollständig  in  Alkohol  und  Alkalien.  Das
afrikanische  K.  aus  dem  Senegalgebiete,  das
früher  die  Hauptrolle  spielte,  kommt  jetzt  nicht
mehr  in  den  Handel,  wohl  aber  asiatisches
(Butea-  oder  bengalisches)  K.  von  Butea
frondosa,  westindisches  oder  Jamaikakino
von  Coccoloba  uvifera  und  neuholländisches ­
  oder  Eukalyptuskino  von  verschiedenen ­
  Eukalyptusarten.  Der  wichtigste  Bestandteil ­
  aller  Kinosorten  ist  ein  bis  zu  75  °/o  vorhandener ­
  Gerbstoff,  Kinogerbsäure,  aus  der
beim  Erwärmen  der  rote  Farbstoff,  Kinorot,
entsteht.  K.  findet  in  der  Pharmazie  sowie  zur
Herstellung  von  Zahntinkturen  und  Zahnpulvern
nur  noch  beschränkte  Verwendung,  wird  aber
in  steigendem  Maße  zum  Gerben  und  Färben
benutzt.
Kipari,  das  Holz  eines  in  Indien  und  auf  Java
wachsenden  Baumes,  Lepisanthes  montana,
wird  als  Nutzholz  verwendet,
Kirschbaumholz,  das  Holz  des  Kirschbaumes, ­
  Prunus  Cerasus,  ist  gelblichrot  bis  rotbraun, ­
  bei  manchen  Arten  grünbraun,  gestreift
und  geflammt,  sehr  fest,  ziemlich  hart  und
feinfaserig  und  hat  ziemlich  ansehnliche  Spiegel.
Es  läßt  sich  leicht  bearbeiten  und  durch  Beizen
dem  Mahagoniholze  ähnlich  machen.  Das  Holz
alter  Bäume  ist  ein  vortreffliches  Tischlerholz,
hat  jedoch  die  unangenehme  Eigenschaft,  mit
der  Zeit  blasser  zu  werden,  welchem  Übelstande
man  aber  durch  Behandlung  mit  Kalkwasser
begegnen  kann.
Kirschen  (lat.  Fructus  cerasi,  frz.  Cerises,
engl.  Cherrys),  die  bekannten  Steinfrüchte
der  verschiedenen  Abarten  des  Kirschbaumes, ­
  bilden  einen  wichtigen  Gegenstand  des
Obsthandels,  der  im  frischen  Zustande  allerdings ­
  von  geringer  Haltbarkeit  ist.  Man  unterscheidet ­
  Süßkirschen  und  Sauerkirschen
und  rechnet  zu  den  ersteren  die  Herzkirschen,
Knorpelkirschen  und  Amaranthenkirschen,  zu
den  halbsüßen  oder  süßsaueren  die  Glaskirschen, ­
  Ammern,  Amarellen  und  Süßweichsein,  zu
den  Sauerkirschen  die  Sauerweichsein,  Nonnenkirschen, ­
  Kirchheimer  Kirschen  u.  a.  Außer
im  frischen  Zustande  bilden  die  K.  auch  in  zubereiteter ­

  Form,  so  namentlich  als  getrocknete ­
  oder  Darrkirsehen,  ferner  in  Essig  oder
in  Zucker  eingemacht  einen  wichtigen  Handelsartikel. ­

Kirschgummi  (lat.  Gummi  cerasi,  frz.  Gomme
de  c6rise,  engl.  Cherry  gum),  das  aus  der  Rinde
der  Kirschbäume  freiwillig  ausfließende,  an  der
Luft  erhärtende  Gummi  zeigt  meist  eine  dunkelbraune ­
  bis  rote  Farbe,  eine  ziemlich  weiche
Beschaffenheit  und  widerlichen  Geschmack.  Das
in  Wasser  nur  zurri  Teil  lösliche  Gummi  wird
in  der  Industrie  vielfach  an  Stelle  des  arabischen ­
  Gummis,  dem  es  ähnlich  ist,  benutzt.
Kirschkernöl,  das  in  den  Kernen  enthaltene
fette  Öl,  ist  hellgelb,  geruchlos  und  von  mildem
und  angenehmem  Geschmack.  Das  spez.  Gew.
liegt  bei  0,9184,  der  Gefrierpunkt  bei  —22  °.
Kirschlorbeerblätter  (lat.  Folia  laurocerasi,.
frz.  Feuilles  de  laurier-cerise,  engl.  Cherry
laurel  leaves).  Die  lederartigen,  glänzenden,
oben  dunkelgrünen,  unten  helleren  Blätter  von
Prunus  laurocerasus,  eines  in  Persien  und
Kleinasien  heimischen,  in  Südeuropa  kultivierten ­
  Strauches,  werden  bis  13  cm  lang  und
4Y2  cm  breit  und  sind  an  den  zurückgebogener..
Rändern  entfernt  sägezähnig.  Sie  werden,  noch
frisch,  zerstampft,  mit  Wasser  übergossen  und
nach  einigem  Stehen  der  Destillation  mit  Wasserdampf ­
  unterworfen.  Das  in  Menge  von  0,05  0/0
erhaltene  Kirschlorbeeröl  (lat.  Oleum  laurocerasi, ­
  frz.  Essence  de  laurier-cerise,  engl.  Cherry
laurel  oil)  hat  ein  spez.  Gew.  von  1,050—1,066,.
einen  charakteristischen  Geruch  und  löst  sich  in
jedem  Verhältnis  in  Alkohol.  Es  ist  dem  Bittermandelöl ­
  außerordentlich  ähnlich  und  enthält  wie
dieses  Benzaldehyd,  Blausäure  undBenzaldehydzyanhydrin,
  jedoch  entstammen  diese  Bestandteile ­
  hier  einem  anderen  Glykoside,  dem  Prulaurasin,
  das  durch  Emulsion  in  Blausäure,  Glukose ­
  und  Benzaldehyd  zerlegt  wird.  Der  Gehalt
an  Blausäure  beträgt  bis  zu  40/0.  Das  bei  der
Destillation  erhaltene  aromatischeWasser  wird  als
Kirschlorbeerwasser  (lat.  Aqua  laurocerasi,
frz.  Eau  distil!6e  de  laurier-cerise,  engl.  Cherry
laurel  leaves  water)  in  den  Handel  gebracht.
K.-BJätter  und  -Wasser  finden  in  der  Medizin
sowie  nach  der  Entfernung  der  Blausäure  zur
Herstellung  von  Likören  Anwendung.
Kirschsaft  (lat.  Succus  cerasorum,  frz.  Suc
de  cerises,  engl.  Cherry  juice),  der,  wie  unter
Himbeersaft  beschrieben,  ausgepreßte,  geklärte
und  der  Haltbarkeit  wegen  gewöhnlich  mit
etwas  Spiritus  versetzte  Saft  von  Kirschen,  namentlich ­
  Sauerkirschen,  dient  teils  zur  Bereitung ­
  von  Likör  und  Sirup,  teils  zum  Färben
anderer  Liköre  und  Obstweine.
Kirschsirup  (lat.  Sirupus  cerasorum,  frz.  Siropde
  cerises,  engl.  Cherry  sirup)  wird  durch  Einkochen ­
  des  Kirschsaftes  mit  Zucker  erhalten
und  findet  vielfache  Verwendung  in  der  Likörfabrikation, ­
  zu  Fruchteis  und  Limonaden  sowie ­
  in  Apotheken  als  geschmackverbesserndes
Mittel.
Kirschstiele  (lat.  Pedunculi  seu  Stipites  cerasorum, ­
  frz.  Queues  de  cerises,  engl.  Cherry
stalks),  die  getrockneten  Stiele  der  Sauerkirschen, ­
  werden  bisweilen  als  Aufguß  gegen,
Blasenleiden  angewandt.
        <pb n="216" />
        Kirschwasser

211

Kleesamen

Kirschwasser  (Kirschgeist,  Kirschbranntwein), ­
  ein  in  der  Schvyeiz  und  Süddeutschland ­
  sehr  beliebter,  farbloser,  wasserheller
Branntwein  von  schwach  bittermandelölartigem
Geruch  und  Geschmack,  wird  aus  schwarzen,
zuweilen  auch  roten,  weichen  Kirschen  bereitet,
indem  man  die  zerstampften  Früchte  einer
12—15  Tage  lang  dauernden  Gärung  überläßt
und  die  gegorene  Masse  entweder  in  kupfernen
Blasen  über  freiem  Feuer,  oder  in  größeren
Fabriken  mit  Dampf  destilliert.  Zur  Erhöhung
des  Bittermandelgeschmacks  werden  häufig  gemahlene ­
  Kirschkerne  bis  zu  1 / 6  der  Masse  vor
der  Gärung  zugesetzt.  50  kg  Kirschen  liefern
5—7  1  Kirschwasser  von  etwa  500/0  Alkoholgehalt. ­
  Durch  längeres  Lagern  wird  das  K.
feiner  und  milder  und  verliert  den  anfangs  etwas
herben  Geschmack.  Zusätze  von  anderen  Rohstoffen, ­
  insbesondere  von  Spiritus,  haben  als
Verfälschung  zu  gelten;  der  Alkoholgehalt  soll
mindestens  45  Vol.  0/0  betragen.  Verschnitte  mit
Branntwein  anderer  Art  dürfen  als  Kirschwasserverschnitt ­
  nur  dann  bezeichnet  werden,
wenn  mindestens  Vxo  des  .  Alkohols  echtem
Kirschgeist  entstammt  und  der  Charakter  als
letzterer  noch  erkennbar  ist.
Kitelor  (malaiisch)  ist  das  sehr  dauerhafte
faserige  Holz  der  in  Indien  wachsenden  Polygalazee
  Xanthophyllum  vitellinum.
Kitool  (malaiisch,  engl.  Black  fiber)  heißt  die
Blatthüllenfaser  der  in  Indien  und  auf  Zeylon
wachsenden  Brennpalme  Caryota  urens.
Kitte.  In  der  Hauptsache  versteht  man  darunter ­
  Firnis-  oder  Glaserkitte,  die  aus
Schlämmkreide  und  Firnis  hergestellt  werden.
Daneben  gibt  es  aber  noch  eine  große  Anzahl
anderer  Arten  Kitte,  z.  B.  Porzellankitt,  Mastixkitt, ­
  Schellackkitt,  Wachskitt  usw.,  auf  die  bei
Besprechung  der  Urstoffe  hingewiesen  worden ­
  ist.
Klärspäne,  zum  Klären  von  trübem  Bier,
werden  aus  Haselnußholz  meist  in  Fabriken
mit  Dampfbetrieb  hergestellt  und  in  Kisten  oder
Säcken  versandt.
Klatschrosen  (Klapperrosen,  lat.  Flores  papaveris
  rhoeados,  frz.  Fleurs  de  coquelicot,
engl.  Red  poppy  flowers),  die  getrockneten
Blumenblätter  des  roten  Feldmohns  (Papaver
  rhoeas),  bilden  einen  regelmäßigen  Artikel ­
  des  Drogenhandels.  Die  frisch  gepflückten
Blätter  werden  zum  Trocknen  sehr  dünn  an
der  Luft  ausgebreitet,  dann  noch  in  der  Ofenwärme ­
  nachgetrocknet  und  wegen  ihrer  Geneigtheit, ­
  Feuchtigkeit  anzuziehen,  sorgfältig
verpackt.  Die  trockene  Ware  wiegt  etwa  ein
Zehntel  der  frischen  Blätter  und  besitzt  violettrote ­
  Farbe.  K.  haben  einen  schleimig-bitteren
Geschmack  und  enthalten  ein  Alkaloid,  das
Rhoeadin,  welches  auch  im  Opium  vorkommt ­
  Sowie  einen  dunkelroten  Farbstoff,  die
Rhoeadinsäure.  Sie  werden  in  Abkochung
medizinisch  und  zum  Färben  von  Likören  und
anderen  Hausmitteln  angewandt.
Klauenfett  (Klauenöl,  lat.  Axungia  pedum
tauri,  frz.  Huile  de  pieds,  engl.  Foot  oil)  wird
durch  Auskochen  der  Klauen  von  Rindern,
Hammeln,  Pferden  und  Schweinen  mit  Wasser
und  Filtration  der  oben  schwimmenden  Schicht
erhalten.  Es  ist  ein  weißliches  bis  hellgelbes.

geruchloses  Öl  von  dickflüssiger  Konsistenz,
wird  nicht  ranzig  und'  findet  daher  als  Schmiermittel ­
  für  feinere  Instrumente,  besonders  Uhren,
vielfache  Anwendung.
Kleber  (Gluten,  Mehlleim,  Collor,  Tritizin),
  der  stickstoffhaltige  und  sehr  nahrhafte
Bestandteil  des  Getreidemehls,  wird  namentlich
aus  dem  Weizenmehl  bei  der  Fabrikation  von
Stärke  (s.  d.)  als  Rückstand  erhalten  und  bildet ­
  im  nassen  Zustande  eine  fadenziehende,
elastische  und  graugelbliche,  nach  dem  Trocknen ­
  eine  hornähnliche  Masse.  Er  wurde  früher
meist  als  Klebemittel  (Schusterpapp)  benutzt,
kann  aber  auch  frisch  unter  Teig  zu  Backwerk,
Klößen  und  dgl.  gearbeitet  werden  und  kommt
neuerdings  auch  als  feines  Pulver  (s.  Glidin)  in
den  Handel.  K.  ist  keine  einheitliche  chemische
Verbindung,  sondern  ein  Gemisch  aus  vier  verschiedenen ­
  stickstoffhaltigen  Substanzen:  Glutenkasein, ­
  Glutenfibrin,  Gliadin  und
Muzedin.
Kleesamen  (Kleesaat,  frz.  Graine  de  trefle,
engl.  Cloverseed),  im  engeren  Sinne  nur  die  Samen ­
  der  als  Kulturpflanzen  allgemein  gebräuchlichen ­
  Arten  von  Klee  (Trifolium),  im  weiteren ­
  auch  noch  die  der  verwandten  Futterpflanzen ­
  Steinklee  (Melilotus),  Luzerne,
Schneckenklee  oder  Monatsklee  (Medicago)
  und  Esparsette  (Hedysarum).  Der
Kleebau  wird  in  den  Mittelmeerländern  seit  uralten
Zeiten  und  in  Nordfrankreich  und  den  Niederlanden ­
  seit  dem  15.Jahrhundert  betrieben,  ist  aber
in  Deutschland  und  weiter  östlich  erst  seit  etwa
100Jahren  allgemeiner  gebräuchlich  g'eworden.
Seitdem  finden  sich  die  guten  Kleearten  wildwachsend ­
  auf  allen  Wiesen  und  Weiden,  so  daß
man  diese  in  kleeleere,  kleehaltige  und  kleereiche
trennt.  Der  Klee  und  seine  verwandten.  Arten
werden  entweder  in  Reinsaat  oder  mit  Grasgemenge ­
  f—  Kleegrassaat  (vgl.  Grassamen)
auf  den  Feldern  angebaut  oder  auch  auf  Wiesen
und  Weiden  für  Herstellung  von  Grasnarben
ausgesät.  Sie  verlangen  vor  allem  kalkhaltigen,
warm  trockenen  Boden,  reichliche  Düngung  mit
Kali  und  Phosphorsäure  und  während  des
Wachstums  guten  Wechsel  zwischen  Regen  und
Sonnenschein.  Der  Klee  darf  nicht  oft  auf  gleicher ­
  Fläche  wiederkehren  (Kleemüdigkeit)  und
gedeiht  nicht  alle  Jahre  gleich  gut,  vor  allem  da
nicht,  wo  es  an  befruchtenden  Insekten  (Bienen,
Wespen)  fehlt.  Die  Mehrzahl  der  Landwirte  gibt
sich  mit  der  Samengewinnung  nicht  ab,  so  daß
der  K.  ein  wichtiger  Handelsartikel  ist.  Man  bezieht ­
  ihn  am  liebsten  aus  südlicheren  Ländern,
besonders  aus  Frankreich,  welches  großartigen
Handel  damit  treibt.  Weitere  Bezugsländer  sind;
Holland  und  Belgien,  Italien,  Schlesien,  Böhmen,
Bayern,  Baden,  Württemberg,  Thüringen,  die
Rheinlande  und  die  Reichslande,  Haupthandelsplätze: ­
  Berlin,  Leipzig,  Halle,  Erfurt,  Bamberg,
Liegnitz,  Königsberg,  Mainz,  Hamburg,  Prag
und  Wien.  Der  Handel  an  den  Produktenbörsen
ist  Gegenstand  von  Zeit-  und  Differenzgeschäften, ­
  wie  beim  Getreide.  Wegen  des  großen  Verbrauchs ­
  an  K.  und  seines  hohen  Preises  ist  der
K.  Verfälschungen  durch  minderwertige  Sorten
in  hohem  Grade  ausgesetzt.  Auch  wird  er  häufig
durch  die  gefährliche  Kleeseide  verunreinigt.  Es
ist  daher  unbedingt  erforderlich,  nur  gegen  Ga-
        <pb n="217" />
        Kleesamen

212

Klettenwurzel

rantie  zu  kaufen  und  an  einer  Samenkontrollstation ­
  untersuchen  zu  lassen.  —  Von  den
150  Arten  Trifolium  kommen  für  den  Anbau
hauptsächlich  folgende  in  Betracht:  1.  Rotklee
(Wiesen-,  Kopf-,  Saatklee),  T,  pratense,  in  den
Handelssorten:  Brabanter,  Holländer  oder  Bordeaux, ­
  gelblicher,  langer,  grüner  oder  Steirischer,
Normannischer  und  Bretagner.  Die  Samen  sind
rundlich,  winkelig,  oft  beilförmig,  glänzendgelbrot ­
  bis  violett  und  iV 2 —2V1  mm  breit.  —■  2.  Inkarnatklee, ­
  T.  incarnatum.  Die  Samen  sind
eiförmig,  regelmäßig  gewölbt,  rötlichgelb  bis
rotbraun  und  graugrünrot,  mit  schwarzbraunen
Schwielen  und  dicht  anliegenden  Würzelchen
versehen  und  2—2,5  mm  breit.  Die  wichtigsten
Handelssorten  sind:  dunkelgraugrüner  (früher
und  später,  oder  Vilmorins  später  rotblühender),
weißer  (mit  weißem  Samen  früh  und  spät,
letzterer  auch  als  Noisetts  später  weißer  I.  bekannt) ­
  und  fleischroter.  —  3.  Weißklee,  kriechender ­
  K.  (Bienen-,  Honig-,  holländischer,
Schafklee),  T.  repens,  mit  weiß,  weißgelb  und
gelb  gefärbten  Blüten  und  hellgelben  bis  nraunroten,
  oft  grünlichen  Samen  von  1  —1,25  mm
Durchmesser.  —  4.Niederliegender  K.  (Goldklee, ­
  kleiner  Honig-,  gelber  Feld-,  Hopfenklee
und  Hopfenluzerne),  T.  procumbens,  die  nur  in
England  angebaute  Sorte  mit  stark  glänzenden,
länglichovalen,  sattgelben  Samen  und  angeschmiegten ­
  Würzelchen.  —  5.  Bastardklee
(schwedischer  oder  Honigklee),  T.  hybridum,
aus  Schweden,  „Alsike  kloefver“  mit  größeren,
hell-  oder  dunkelolivengrünen  oder  schmutzig
rotbraun  marmorierten  und,  wenn  unreif,  gelbgrünen ­
  Samen.  Von  den  Luzernearten  sind
zu  nennen:  1.  Die  gemeine  L.  (Ewiger-,  Monats-, ­
  Spargel-,  Schneckenklee,  burgundisches
Heu),  Medicago  sativa,  mit  gelbbraunen,  länglichen, ­
  fast  bohnenförmigen,  etwas  zusammengekniffenen, ­
  matten,  eckigen  oder  schraubenförmigen, ­
  auf  dem  Rücken  oft  gekielten  Samen,
anliegenden  Würzelchen  und  einem  Durchmesser
von  2,5—5  mm.  —  2.  Die  schwedische  (deutsche) ­
  oder  gelbe  L.  (Sichel-,  Ackerklee,  gelber
Steinklee),  M.  falcata,  mit  nierenförmigen,  rötlichgelben ­
  und  ziemlich  kleinen  Samen.  —•
3.  Sandluzerne  (bunte  wechselfarbige),  M.
media,  mit  2  mm  dicken,  gelbbraunen  und  dunkelbraunen ­
  Samen.  —  4.  Hopfenluzerne
(Hopfenklee,  gelber  Klee,  Hopfenschneckenklee),
M.  lupulina,  mit  nierenförmigen,  gelben,  glatten
Samen  und  abstehender  Spitze  des  Würzelchens.
  —  Der  Steinklee  (Honigklee,  Riesenklee), ­
  Melilotus,  dessen  Samen  oft  unter  andere
Kleearten  gemengt  ist,  wird  in  folgende  Sorten
unterschieden:  Gebräuchlicher  Steinklee,
Käseklee  (Mottenkraut,  Pferdeklee  usw.),  M.
officinalis,  mit  gelb  bis  braunen,  x  s / 4 —2  mm
breiten  Samen.  Weißer  Steinklee  (Pferdeklee), ­
  M.  leucanthus,  und  Blauer  St.  (Schabziegerklee, ­
  Mottenkraut),  M.  coerulea.  —  Die
Esparsette  kommt,  ebenfalls  in  mehreren  Sorten, ­
  mit  den  schwer  abtrennbaren  Plülsen  in  den
Handel.  Der  reine  Samen  ist  3—4  mm  lang,
2  mm  breit,  nierenförmig,  hellgrün  bis  dunkelgrünbraun, ­
  wenn  heller,  noch  unreif,  wenn  dunkler, ­
  nicht  mehr  keimfähig.  Dauer  der  Keimkraft
4  Jahre,  bestes  Saatgut  2  jährig.  —  Von  den
zahlreichen  beobachteten  Verfälschungen

seien  besonders  folgende  angeführt:  Gelbklee
kommt  unter  Rotklee  und  Luzerne,  Bibernelle
unter  Esparsette,  ägyptischer  K.  unter  Inkarnatklee, ­
  Weißklee  unter  Bastardklee,  gewöhnliche
Luzerne,  Hopfenklee  und  Melilotus  unter  der
teureren  Sandluzerne,  Gelbklee  und  Hopfenklee
unter  gewöhnlicher  Luzerne  vor.  Alter  Samen
wird  durch  Beizen  gefirnißt,  Unkraut,  um  die
Mischung  nicht  zu  verraten,  durch  Abkochen
und  Rösten  der  Keimkraft  beraubt.  Einen  besonderen ­
  Handelsartikel  bildet  das  bekannte
Verfälschungsmittel,  der  sog.  Kleekies,  sorgsam ­
  ausgesuchte,  in  der  Farbe  den  Sämereien
ähnliche  oder  künstlich  gefärbte  Quarzkörnchen,
gefärbt  mit  Kienrußöl  und  Leinölfirnis  für  Rotklee, ­
  mit  Chromlack  für  gelben  Samen  von
Weißklee,  Gelbklee  und  Luzerne,  grün  durch
Chromlaok  und  Berlinerblau  für  Schwedischen
und  für  Rotklee  usw.  Gute  Sämereien  sollen
schwer,  voll  und  glänzend  sein,  keine  verschrumpften
  Körner  enthalten  und  sich  mit  dem
Fingernagel  nicht  zerdrücken  lassen,  da  sie  sonst
für  gefeuchtet  zu  halten  sind.  Die  Prüfung  der
Keimfähigkeit  geschieht  wie  bei  anderem  Samen
durch  Aufquellen  und  Feuchthalten  bei  gelinder
Wärme  in  wollenen  Lappen  oder  Erde  oder
mittels  besonderer  Apparate,  Kleeprüfer  usw.
Kleie  (frz.  Son,  engl.  Bran)  nennt  man  die
beim  Mahlen  des  Getreides  abfallenden  Hüllenoder ­
  Schalenteile  der  Körner,  welche  je  nach
Art  des  Mahlverfahrens  eine  verschiedene  Zusammensetzung ­
  zeigen.  Die  auf  den  alten  deutschen ­
  Mahlgängen  gewonnene  K.  enthält  stets
noch  viel  von  den  härteren,  kleberreichen  Stärkezellen ­
  der  äußeren  Schichten  des  Kornes  und
gilt  daher  mit  Recht  für  ein  wertvolles  Kraftfuttermittel. ­
  Seit  Einführung  der  neuen  Mahlverfahren ­
  hat  sich  die  Mehlausbeute  aber  ständig ­
  vergrößert,  und  dementsprechend  die  Güte
der  K.  verschlechtert.  Besteht  sie  nur  noch  aus
den  Hülsen  des  Kornes  ohne  allen  Stärke-  und
Klebergehalt,  so  hat  sie  selbstverständlich  keinen
Futterwert  mehr  und  sollte  nur  noch  als  Einstreu ­
  oder  als  Verpackungsmaterial  benutzt  werden. ­
  Man  unterscheidet  hauptsächlich  Weizenkleie, ­
  Roggenkleie  und  Gerstenkleie,  letztere ­
  von  der  Graupenfabrikation  herstammend.
Alle  K.  muß  von  guter  Beschaffenheit  sein  und
darf  nicht  durch  fehlerhafte  Lagerung  einen
dumpfen  Geruch  angenommen  haben  oder  feucht
und  schimmlig  geworden  sein.  Als  Verfälschung
sind  Zusätze  von  Reishülsen,  Erbsenschalen,
Holzsägemehl,  Sand  und  Ton  beobachtet  worden. ­
  Behufs  leichterer  Versendung  und  größerer
Haltbarkeit  hat  man  jetzt  angefangen,  die  K.
mittels  hydraulischer  Pressen  in  Kuchenform
zusammenzupressen.
Klettenwurzel  (Bardana-W.,  lat.  Radix  bardanae,
  frz.  Racine  de  bardane,  engl.  Burdock
root),  die  daumendicke  Hauptwurzel  unserer
Kletten  (Lappa  major  und  L.  tomentosa),  ’
bildet  gespalten  und  getrocknet  einen  Gegenstand ­
  des  Drogenhandels  und  wird  als  schweißtreibendes ­
  und  haarwuchsbeförderndes  Mittel
angewandt.  Sie  enthält,  außer  Schleim,  Inulin,
etwas  Gerbstoff,  Bitterstoff  und  Zucker  und  hat
einen  herben,  süßlich  bitteren  Geschmack.  —■
Das  Klettenwurzelöl,  der  mit  feinem  Olivenöl ­
  hergestellte  und  dann  beliebig,  möglichst
        <pb n="218" />
        Knallerbsen

213

Knochenmehl

schwach,  parfümierte  Auszug  der  K,,  ist  ein
ständiger  Artikel  der  Kosmetik  geworden.
Knallerbsen,  kleine,  mit  etwas  Knallsilber
oder  Knallquecksilber  gefüllte  Feuerwerkskörper,
sind  zür  Versendung  auf  der  Eisenbahn  nur
bedingt  zugelassen.  Sie  müssen  sorgfältig  in
Sägemehl  verpackt  sein,  und  auf  dem  Frachtbriefe ­
  ist  die  von  einem  vereidigten  Chemiker
unterschriebene  Bescheinigung  anzubringen,
welche  die  Ungefährlichkeit  verbürgt.
Knallquecksilber  und  Knallsilber  sind  die
äußerst  explosiblen  Salze  der  Knallsäure,  die
zur  Füllung  der  Knallerbsen  Verwendung  finden. ­
  Sie  entstehen  bei  der  Auflösung  von
metallischem  Quecksilber  oder  Silber  mit  konzentrierter ­
  Salpetersäure  und  nachfolgendem
Alkoholzusatz  als  weiße  Kristailpulver,  die  aber
nicht  getrocknet  werden  können,  sondern  unter
Wasser  aufzubewahren  sind.  Eine  abweichende
Zusammensetzung  besitzt  das  Knallsilber
Berthollets,  das  durch  Behandlung  von  Silberoxyd ­
  mit  Ammoniak  hergestellt  wird  und  in
trocknem  Zustande  schon  bei  Berührung  mit
einer  Federfahne  explodiert.
Kneipps  Mittel.  Unter  dieser  Bezeichnung
kommen  verschiedene  Mittel,  meist  pflanzlicher
Herkunft,  z.  B.  Kräuter,  Wurzeln,  Öle  usw.  in
den  Handel,  die  nach  Vofschriften  des  verstorbenen ­
  Wörrishofener  Pfarrers  Kneipp  aus  zahlreichen, ­
  z.  T.  schon  veralteten  Vegetabilien  hergestellt ­
  werden.
Knoblauch  (lat.  Radix  seu  bulbus  allii,  frz.
Ail  commun,  engl.  Garlic),  die  Zwiebel  von
Allium  sativum,  einer  im  südlichen  Europa
einheimischen  Pflanze,  welche  in  Deutschland
vielfach  angebaut  wird,  hat  einen  eigentümlichen, ­
  sehr  starken,  unangenehmen  Geruch  und
einen  scharfen,  etwas  süßlichen  Geschmack.
Man  verwendet  sie  in  geringerer  Menge  als  Zusatz ­
  zu  manchen  Speisen,  namentlich  auch  bei
der  Bereitung  der  Salamiwurst,  medizinisch  als
Klistier  gegen  Madenwürmer.  K.  muß  gut  abgetrocknet ­
  werden,  damit  er  sich  im  Winter
hält.
Knoblauchöl  (lat.  Oleum  allii  aethereum,  frz.
Essence  d’ail,  engl.  Oil  of  garlic),  das  ätherische ­
  Öl  des  Knoblauchs,  wird  durch  Destillation ­
  mit  Wasserdampf  als  dunkelbraungelbe
Flüssigkeit  erhalten,  welche  durch  Rektifikation
hellgelb  wird.  Es  hat  ein  spez.  Gew.  um  1,050,
besitzt  einen  starken,  die  Augen  zum  Tränen
reizenden  Geruch  und  besteht  atis  einem  Gemisch ­
  von  Polysulfiden,  u.  a.  Allylpropyldisulfid.
Knochen  (lat.  Ossa,  frz.  Os,  engl.  Bones)  finden ­
  sowohl  zur  Herstellung  von  Gebrauchsgegenständen ­
  durch  Drechsler,  Schnitzer,  Knopfmacher ­
  (Beinarbeiter),  als  auch  von  chemischen ­
  Präparaten  vielfache  Anwendung.  Zu
ersterem  Zwecke  werden  die  festen  Röhrenknochen ­
  größerer  Tiere,  wie  Rinder,  Pferde
und  Hirsche,  zur  Entfernung  des  Fettes  mit
Wasser  ausgekocht,  dann  an  den  Enden  abgesägt, ­
  an  der  Sonne  oder  in  Pottaschelösung
gebleicht  und  schließlich  in  Stücken  von  50  bis
60  cm  Länge  und  etwa  4  kg  Gewicht  in  den
Handel  gebracht.  Außerdem  werden  noch
Gänseflügelknochen  und  zu  langen  Filetnadeln ­
  auch  Giraffenknochen  verarbeitet.
Alle  sonst  nicht  verwertbaren  Knochen  und  Abfälle ­

  werden  auf  die  in  den  folgenden  Abschnitten ­
  besprochenen  Handelswaren  usw.  verarbeitet. ­
  Sie  enthalten  neben  rund  50  */ 0  Wasser
im  Durchschnitt  etwa  16  0/0  Fett,  22  0/0  mineralische ­
  und  12  0/0  einer  stickstoffhaltigen  leimgebenden ­
  Substanz  (Ossein  und  Kollagen).
Knochenasche,  weißes  Spodium,  auch
weißgebranntes  Elfenbein  genannt,  entsteht, ­
  wenn  Knochen  im  offenen  Feuer  völlig
verbrannt  werden.  Sie  dienen  dabei  selbst  als
Heizmaterial,  und  nach  Zerstörung  der  organischen ­
  Bestandteile  hinterbleiben  die  MineraF
Stoffe  in  Form  harter,  aber  poröser  weißer
Stückchen.  Die  pulverisierte  K.,  ein  Gemisch
von  durchschnittlich  80—850/0  Trikalziumphosphat,
  io—12  0/0  Kalziumkarbonat  und  geringen
Mengen  Magnesiumkarbonat  und  Kalziumfluorid, ­
  findet  vielfache  Anwendung  als  Düngemittel, ­
  Putzpulver  und  Poliermittel  sowie  zur
Herstellung  von  Phosphor,  Phosphorsäure,
Superphosphaten,  Milchglas  und  Glasuren.
Knochenkohle  (Tierkohle,  Beinschwarz,
Spodium,  gebranntes  Elfenbein,  lat.  Carbo
ossium,  frz.  Noir  d’os,  engl.  Bone  black)  hinterbleibt ­
  beim  Glühen  entfetteter  Knochen  unter
Luftabschluß  in  eisernen  oder  tönernen  Retorten,
während  gleichzeitig  gasförmige  und  flüssige
Zersetzungsprodukte,  wie  Kohlenwasserstoffe,
Ammoniumkarbonat,  Pyridin-  und  Chinolinbasen
sowie  Pyrrol  übergehen  und  als  Knochenteer,
Franzosenöl,  Tieröl,  Dippelsches  Stinköl ­
  (s.  unter  Teer)  kondensiert  werden.  Der
aus  den  Retorten  herausgenommene  Rückstand, ­
  welcher  bei  Innehaltung  der  richtigen
Temperatur  ein  mattes  Schwarz  zeigt,  enthält
neben  rund  900/0  Mineralstoffen  10  0/0  Kohlenstoff ­
  in  feinster  Verteilung.  Er  wird  gröblich
zerkleinert  und  nach  der  Korngröße  sortiert.
Das  abgesiebte  Pulver  findet  zur  Herstellung
von  Wichse  und  schwarzer  Farbe  sowie  von
Polierpulver  für  Silberarbeiter  Anwendung.  Die
gekörnte,  gut  gebrannte  K.  hat  infolge  ihrer
großen  Porosität  in  noch  höherem  Maße  als
Holzkohle  die  Eigenschaft,  zahlreiche  organische ­
  Stoffe,  besonders  färbende  Bestandteile,
Bitterstoffe,  Kalk-  und  andere  Salze  aus  Flüssigkeiten ­
  abzuscheiden  und  bildet  daher  ein  unentbehrliches ­
  Hilfsmittel  bei  Reinigungs-  und
Klärungsprozessen,  besonders  in  Zuckerfabriken
(s.  d.),  Glyzerin-  und  Paraffinfabriken.
Knochenmehl.  Die  Knochen  bilden  wegen
ihres  hohen  Gehaltes  an  Stickstoff  und  Phosphorsäure ­
  ein  vielbenutztes  Düngemittel  und
werden  zu  diesem  Zwecke  in  verschiedener
Weise'verarbeitet.  Durch  einfaches  Zerstampfen
der  Knochen  in  Stampfmühlen  erhält  man  das
rohe  K.,  das  aber  wegen  der  ungenügenden
Zerkleinerung  und  des  hohen  Fettgehaltes  nur
eine  äußerst  langsame  Wirkung  äußert.  In
neuerer  Zeit  wird  daher  ausschließlich  ge-,
dämpftes  K.  hergestellt.  Die  gereinigten  und
gröblich  zerbrochenen  Knochen  werden  zunächst ­
  durch  Extraktion  mit  Benzin  oder  durch
Kochen  mit  Wasser  entfettet  und  darauf  in  geschlossenen ­
  Behältern  mit  Wasserdampf  behandelt ­
  (gedämpft).  Hierbei  geht  ein  Teil  der
zu  Leim  verwandelten  Knorpelsubstanz  in  das
Wasser  über,  welches  abgelassen  wird  und  zur
Gewinnung  des  Knochenleims  dient.  Die  nach
        <pb n="219" />
        Knochenöl

214

Kobaltfarben

dem  Dämpfen  und  darauf  folgendem  Trocknen
nunmehr  sehr  spröden  Knochen  werden  zu
einem  feinen  Pulver  vermahlen,  welches  20  bis
250/0  Phosphorsäure  und  3—50/0  Stickstoff,  aber
nicht  mehr  als  6o/ 0  Fett  enthalten  soll.  Es  findet
sowohl  als  Düngemittel  wie  als  Futterzusatz
Anwendung  und  dient  außerdem  zur  Herstellung
von  Superphosphat  (s.  d.).  Durch  völlige  Entleimung ­
  und  den  Zusatz  von  Mineralphosphaten
wird  der  Düngewert  bisweilen  sehr  verringert,
Es  empfiehlt  sich  daher,  stets  eine  Kontrollanalyse
  ausführen  zu  lassen.
Knochenöl  (Knochenfett).,  Von  dem  bei  der
Gewinnung  des  Knochenmehles  abfallenden  Fett
ist  das  durch  Auskochen  frischer  Knochen  erhaltene ­
  Sudfett  das  wertvollere.  Es  bildet  eine
schwach  bräunlich  gefärbte  und  fast  geruchlose
Masse,  während  das  mit  Benzin  extrahierte  sog.
Extraktionsfett  dunkelbraun  und  außerordentlich ­
  übelriechend  ist.  Zur  Entfärbung  und  Beseitigung ­
  des  üblen  Geruchs  behandelt  man  das
Fett  mit  Oxydationsmitteln  (Chromsäure)  und
verwendet  das  gereinigte  Produkt  zur  Herstellung ­
  von  Seifen.  Das  durch  Ausfrieren  und
Abpressen  von  den  festen  Anteilen  befreite
flüssige  K.  ist  außerordentlich  kältebeständig
und  dient  als  Schmiermittel  für  feine  Instrumente. ­

Knoppern  (frz.  Galles  ä  I’epine,  engl.  Gallnuts)
  nennt  man  die  durch  eine  Ga  11  wespe
(Cynips,  calicis)  zwischen  Fruchtknoten  und
Bechern  gewisser  Eichen  hervorgerufenen
Gallen,  die  besonders  aus  Ungarn,  Dalmatien,
der  Bukowina  und  Slawonien  in  den  Handel
kommen.  Es  sind  unregelmäßige,  stark  gefurchte, ­
  eckige  und  stachlige  Gebilde,  die  meist
die  verkümmerte  Eichel  noch  umschließen  und
braun  oder  gelb  gefärbt  erscheinen.  Die  Einsammlung ­
  erfolgt  im  September  und  Oktober,
wenn  die  K.  von  den  Bäumen  fallen,  und  gibt
bei  günstiger,  d.  h.  warmer  und  trockner  Witterung ­
  bis  zu  125  kg  von  einem  einzigen  Baum.
Die  K.  enthalten  bis  zu  45  o/ 0  Gerbstoff  und
finden  sowohl  in  gemahlenem  Zustande  als  K.-Mehl,
  wie  in  Form  von  K.-Extrakt  zum
Gerben,  besonders  von  Sohlleder,  und  zum
Färben  als  Ersatz  für  Galläpfel  Anwendung.
Kobalt  (lat.  Cobaltum,  frz.  und  engl.  Cobalt),
ein  dem  Nickel  nahe  verwandtes  Metall,  Co=5g,
kommt  in  elementarem  Zustande  auf  der  Erde
nicht  vor,  sondern  nur  in  Form  wenig  verbreiteter ­
  Mineralien:  Speiskobalt,  Smaltin
(Arsenkobalt),  Kobaltglanz  (Schwefelarsenkobalt) ­
  und  Kobaltblüte,  ein  aus  dem  vorigen
entstandenes  arsensaures  K.  Zur  Entfernung
des  Arsens  und  Schwefels  werden  die  Erze  zunächst ­
  geröstet,  darauf  mit  Soda  und  Salpeter
geschmolzen  oder  mit  Königswasser  behandelt,
und  die  schließlich  in  schwefelsaure  Lösung
übergeführten  Metalle  nach  bekannten  Verfahren
vom  Eisen,  Blei,  Wismut  und  Kupfer  befreit.
Die  schwierige  Trennung  von  dem  neben  K.
allein  zurückbleibenden  Nickel  erfolgt  durch
fraktionierte  Fällung  mit  Soda  und  Chlorkalk,
wobei  Kobaltoxyd  zuerst  ausfällt,  oder  durch
Abscheidung  als  Kobaltkaliumnitrit  mit  salpetrigsaurem ­
  Kalium.  Häufiger  noch  bedient  man
sich  des  trockenen  Verfahrens.  Das  reine  Metall
wird  dprch  Reduktion  der  Oxyde  im  Wasserstoffstrom ­

  oder  mit  Kohle  in  Form  eines  grauen
Pulvers  oder  glänzender  Blättchen  erhalten  und
liefert,  bei  1050—1250 0  geschmolzen,  harte
Stücke,  welche  schöne  Politur  und  silberweißen,
an  der  Luft  beständigen  Glanz  annehmen.  K.
besitzt  das  spez.  Gew.  8,500,  ist  stark  magnetisch ­
  und  von  hoher  Dehnbarkeit  und  Festigkeit. ­
  Die  durch  direktes  Schmelzen  gewonnenen
Stücke  sind  wegen  ihres  Kohlenstoffgehaltes
brüchig  und  können  weder  gehämmert  noch
gewalzt  werden.  Nach  Zusammenschmelzen  mit
1 / 10  0 /°  Magnesium,  aber  lassen  sie  sich  in  der
Hitze  schmieden  und  dehnen.  Von  den  zwei
Reihen  von  Verbindungen  des  K.  besitzen  nur
die  Oxydulsalze  (s.  Kobaltchlorür)  wegen  ihres
Farbenspiels  gewisses  Interesse.  Das  metallische
K.  findet  beschränkte  Verwendung  zur  Herstellung ­
  von  Draht  und  Blech  sowie  von  luftbeständigen ­
  galvanischen  Überzügen  auf  Obstmessern, ­
  Klischees  usf.  Die  außerordentliche
technische  Bedeutung,  der  Kobalterze  beruht  auf
ihrer  Verarbeitung  zu  Farbstoffen.
Kobaltchlorür  (Chlorkobalt,  lat.  Cobaltum
chloratum,  frz.  Chloride  de  cobalt,  engl.  Chloride ­
  of  cobalt),  kleine  rote  Kristallnadeln  von
der  Formel  CoC1 2 -|-6H 2 0,  welche  beim  Erwärmen ­
  durch  Wasserverlust  blau  werden  und  zur
Verfertigung  vori  sympathetischer  ■  Tinte  Anwendung ­
  finden.
Kobaltfarben.  Um  1550  soll  die  Entdeckung
gemacht  worden  sein,  daß  die  bis  dahin  für
wertlos  gehaltenen  Kobalterze  Glasflüsse  schön
blau  färbten,  und  dadurch  zur  Begründung  der
Kobaltindustrie  Sachsens  und  Böhmens  geführt
haben,  jedoch  sind  auch  aus  dem  Altertum
stammende  blaue  Gläser  als  mit  Kobalt  gefärbt
erfunden  worden.  Zur  Darstellung  des  wichtigsten ­
  Erzeugnisses,  der  Smalte,  wird  fein  gemahlener ­
  Quarz  mit  Pottasche  und  geröstetem
Kobalterz  geschmolzen,  der  entstehende,  schön
blaue  Fluß  von  der  am  Boden  abgesonderten
Schlacke,  der  sog.  Nickel-  oder  Kobaltspeise,
abgelassen  und  noch  flüssig  in  .  kaltes  Wasser
gegossen.  Die  durch  das  Abschrecken  mürbe
gewordene  Masse  wird  auf  Stampf-  oder  Walz-I
  werken  gröblich  zerkleinert,  zwischen  granitenen ­
  Mühlwalzen  sehr  fein  gemahlen  und  der
blaue  Schlamm  in  vieles  Wasser  eingerührt.
Die  zuerst  niederfallenden  gröbsten  Teilchen
bilden  das  Streublau,  in  einem  zweiten  Bottich
setzt  sich  die  tiefste  Tönung  des  Blaus,  die
„Farbe“  oder  Couleur  ab,  in  einem  folgenden
der  Eschel,  und  zum  Schluß,  der  Sumpfeschel,
  der  entweder  als  hellstes  und  geringstes
Blau  verkauft  oder,  wie  meist  auch  das  Streublau, ­
  einer  späteren  Schmelze  wieder  zugesetzt
wird.  Bisweilen  kommt  das  letztere  auch  als
blauer  Streusand  in  den  Handel.  Das  schöne
Blau  der  Smalte  besitzt  eine  Dauerhaftigkeit
wie  wenige  andere  Farben  und  übertrifft  auch
den  künstlichen  Ultramarin  an  Widerstandsfähigkeit ­
  gegen  Säuren  und  Hitze.  Sie  wird  zur
Fresko-  und  Zimmermalerei  und  zu  Außenanstrichen ­
  benutzt.  Als  Einbrennfarbe  für  feinere ­
  Arbeiten  auf  Glas  und  Porzellan  wird  sie
hingegen  durch  die  reineren  Oxyde,  für  Töpfefglasuren
  und  Steingutmalereien  aber  durch  den
Zaffer  oder  Saflor  ersetzt.  Der  letztere  ist  das
unmittelbare  Erzeugnis  der  H  ütten,  welches  in  Form
        <pb n="220" />
        Kochsalz

215

Kochsalz

.grauschwarzer  Pulver  durch  einfaches  Abrösten
von  Kobalterzen  erhalten  wird  und  erst  im  Glasfluß ­
  schöne  blaue  Töne  liefert.  Kobaltultramarin ­
  (Thenards  Blau,  Kobaltblau,  Leydener ­
  Blau)  entsteht,  wenn  man  mit  einer
Kobaltsalzlösung  getränkten  weißen  Ton  trocknet ­
  und  glüht,  oder  schöner,  indem  man  eine
Mischung  von  Alaun  und  schwefelsaurem  Kobaltoxydul ­
  zur  Trockne  eindampft  und  6—8
Stunden  auf  heller  Rotglut  erhält.  Die  Farbe
hat  den  Fehler  aller  Kobaltfarben,  bei  Lampenlicht ­
  violett  zu  erscheinen,  und  wird,  durch  den
Ultramarin  allmählich  verdrängt.  Coeruleum
(Coelin)  besteht  aus  Kobaltoxydul  und  Zinnoxyd. ­
  Kobaltgrün  (Zinkgrün,  Rinnmanns
Grün)  entsteht,  wenn  ein  Brei  von  frisch  gefälltem ­
  Kobaltoxydul  und  Zinkoxyd  getrocknet
und  geglüht  wird.  Die  Farbe  erscheint  bei
größerem  Kobaltgehalte  dunkel-,  bei  geringerem ­
  grasgrün  und  findet  für  Tapeten  und
Zimmermalerei  Anwendung,  während  sie  im
Glasfluß  nichts  als  Blau  erzeugt.  Kobaltgelb
endlich  ist  ein  schönes  goldgelbes  Kristallpulver, ­
  welches  beim  Einleiten  von  Salpetrigsäuredämpfen ­
  in  eine  Lösung  von  Kalisalpeter
und  salpetersaurem  Kobalt  entsteht  und  für  Ölund
  Aquarellmalerei  benutzt  wird.  Im  Glasfluß
erscheint  es  ebenfalls  blau.
Kochsalz  (Salz,  Chlornatrium,  lat.  Natrium
chloratum,  Sal  culinare,  frz’.  Sei  commun,  engl.
Kitchen  salt)  ist  auf  der  Erde  in  ungeheuren
Mengen  verbreitet.  Es  findet  sich  in  gelöstem
Zustande  im  Wasser  der  Meere  und  zahlreicher
Binnenseen  (Kaspisches  Meer,Totes  Meer,  großer
Salzsee  in  Utah),  bildet  in  fester  Form  gewaltige ­
  Steinsalzlager  als  Reste  verdunsteter  Seen
und  Meeresteile  und  wird  aus  ihnen  durch  unterirdische ­
  Wässer  gelöst  als  Salzquellen  zutage
gefördert.  Alle  drei  Vorkommnisse  werden  zur
Salzgewinnung  benutzt  und  liefern  die  als  Seesalz,
  Steinsalz  und  Quellsalz  bezeichneten,
nach  Aussehen  und  Reinheit  verschiedenen
Sorten.  Zur  Gewinnung  des  Seesalzes  überläßt ­
  man  das  Wasser,  besonders  in  den  wärmeren ­
  Gegenden  (Mittelmeerküsten),  vielfach  der
freiwilligen  Verdunstung,  indem  man  es  in  sog.
Meersalinen  oder  Salzgärten,  gartenbeetartig ­
  angeordneten  flachen  Becken,  den  Sonnenstrahlen ­
  aussetzt,  oder  man  konzentriert  es  auch
durch  Gefrierenlassen.  In  beiden  Fällen  scheiden ­
  sich  zuerst  die  schwer  löslichen  Karbonate
des  Kalks  und  der  Magnesia  sowie  der  Gips
aus.  Darauf  kristallisiert  das  Kochsalz  und  zum
Schluß  bleiben  die  leichter  löslichen  Chloride
des  Kalziums,  Magnesiums,  Strontiums  sowie
Chlor-,  Brom-  und  Jodkalium  in  der  Mutterlauge ­
  zurück.  Das  Meerwasser  enthält  wechselnde ­
  Mengen,  0,7—3,8  0/0,  Mineralstoffe,  von
denen  0,5—3,  im  Mittel  2,5  o/o  als  Kochsalz  anzusprechen ­
  sind.  Das  Steinsalz  wird  entweder,
wie  in  Wieliczka,  Bochnia,  Kardona  in  Spanien
1  (hier  im  Tagebau)  direkt  bergmännisch  gewonnen, ­
  oder  man  führt  es,  wie  in  Hallein
wnd  Berchtesgaden,  durch  Zuleitung  von  Wasser
in  eine  konzentrierte  Lösung  über,  die  Üeraus-.gepumpt
  und  weiter  verarbeitet  wird.  Zur  Entfernung ­
  des  Gipses  und  der  Magnesiumsalze
fällt  man  zunächst  mit  genau  bemessenen  Mengen ­
  Kalkmilch,  zieht  die  klare  Lösung  von

dem  Niederschlage  ab  und  konzentriert  sie
durch  Eindampfen  in  offenen  Pfannen  oder  im
Vakuum.  Die  natürlichen  Salzquellen
(Solen)  werden  erst  bei  einem  Gehalte  von
4  0/0  Kochsalz  ausgebeutet,  sind  aber  auch  dann
noch  zu  schwach,  um  direkt  versotten  zu
werden.  Man  leitet  sie  daher  zur  teilweisen
Entfernung  des  Wassers  auf  Gradierhäuser,
aus  Reisig  und  Dornen  aufgebaute,  bis  zu  15m
hohe  Wände,  und  läßt  nun  die  rohe  Sole  allmählich ­
  in  feiner  regenartiger  Verteilung  hindurchträufeln; ­
  Sie  verliert  dabei  nach  zweioder
  dreimaligem  Durchgang  soviel  Wässer,
daß  ihre  Konzentration  bis  auf  20  0/0  ansteigt.
Gleichzeitig  reinigt  sie  sich  von  einem  beträchtlichen ­
  Teil  ihrer  mineralischen  Beimengungen,
besonders  dem  Gips,  der  die  Dornen  in  dichter
Schicht  als  sog.  Dornenstein  überzieht  und
nach  dem  Brennen  direkt  ,  als  Düngemittel  benutzt ­
  werden  kann.  Von  den  Gradierwerken
gelangt  die  Sole  in  die  Pfannen,  in  denen  sie
bis  zur  Kristallisation  eingedarnpft  wird.  Hierbei ­
  scheidet  sich  der  Rest  des  Gipses  als  sog.
Pfannenstein,  fest  am  Boden  anhaftend,  aus,
während  die  fast  reinen  Kochsalzkristalle  ausgekrückt
  und,  solange,  sie  noch  weiß  erscheinen,
auf  eine  gleich  über  der,  Pfanne  befindliche
Traufe  zum  Trocknen  geworfen  werden.  Von
da  kommt  das  Salz  auf  Horden  in  die  Trockenkammern. ­
  Die  nach  den  verschiedenen  Verfahren ­
  gewonnenen  Kochsalzsorten  bestehen
alle  der  Hauptmasse  nach  aus  Natriumchlorid
(s.  d.),  enthalten  daneben  aber  noch  mehr  oderweniger
  fremde  Beimengungen,  welche  ihren
Gebrauchswert  beeinflussen.  —  In  dem,  meist
zu  Bädern  benutzten,  rohen  Meersalz  (Sal
marinum,  Boysalz)  finden  sich  nach  L.  Schneider ­
  1,710/0  Kalziumsulfat,  0,110/0  Magnesiurasulfat,
  0,190/0  Magnesiumchlorid  und  o,u«/ 0
Eisenoxyd  und  Tonerde;  aber  auch  das  gewöhnliche ­
  Kochsalz  (Sal  Commune)  der  Salinen
enthält  meist  1—30/0  Verunreinigungen,  von
denen  besonders  ein  Gehalt  an  Magnesiumchlorid ­
  dauerndes  Feuchtbleiben  bedingt.  Hingegen ­
  besteht  das  Steinsalz  aus  nahezu
chemisch  reinem  Chlornatrium.  Für  die  wichtigste ­
  Verwendung  des  K.  zu  Konservierungsund ­
  Speisezwecken  wird  in  erster  Linie  das
See-  oder  Quellsalz  benutzt,  weil  das  Steinsalz
wegen  seiner  größeren  Härte  meist  zu  langsam ­
  wirkt.  Hingegen  findet  das  letztere  vielfache ­
  Anwendung  in  der  chemischen  Großindustrie, ­
  zur  Fabrikation  von  Glas  und  Soda,
zum  Aussalzen  von  Seifen,  in  der  Töpferei  zur
Herstellung  von  Glasuren,  in  der  Weißgerberei
und  Farbenfabrikation,  zum  Einsalzen  von
Häuten,  zur  Bereitung  von  Kunsteis,  als  Viehund
  Düngesalz.  Von  allem  für  Speisezwecke
bestimmten  K.  wird  eine  Steuer  von  12  M.  für
100  kg  erhoben,  während  das  zu  technischen
Zwecken  dienende  sog.  Gewerbesalz  nur  mit
0,20  M.  belastet  ist,  vorausgesetzt,  daß  es  durch
eine  Vergällung  (Denaturierung)  zum  menschlichen ­
  Genuß  untauglich  gemacht  wird.  Als
Vergällungsmittel  kommen  nach  dem  Zollgesetz
in  Frage  je  1 / i °/o  Wermut-  oder  Holzkohlenpulver ­
  und  Eisenoxyd  für  Viehsalz,  1  °/o  Kienruß ­
  für  Düngesalz,  ferner  V* 0 / 0  Petroleum,
10/0  Seifenpulver,  x  0/0  Schwefelsäure  oder  4  o/ 0
        <pb n="221" />
        Kockeiskörner

216

Kognak

Eisenvitriol.  Die  Vergällung  kann  jedoch  unterbleiben, ­
  wenn  das  Salz  unter  steueramtlicher
Aufsicht  verwandt  wird.  Zum  Bezug  von  vergälltem ­
  Salz  ist  die  Beschaffung  eines  Berechtigungsscheins ­
  durch  die  Steuerbehörde  erforderlich. ­
  Dieser  wird  aber  für  Betriebe,  die
menschliche  Nahrungs-  und  Genußmittel  herstellen,
  wie  Tabak-  und  Mineralwasserfabriken,
nicht  erteilt.  Der  Verbrauch  an  K.  betrug  1910
auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  im  Deutschen
Reiche  24,8  kg,  entsprechend  einer  Gesamtmenge ­
  von  1600000  t.  Davon  wurden  mehr  als
Vs,  nämlich  1100000  t  =  16  kg  auf  den  Kopf,
steuerfrei  gelassen  und  nur  500000  t  =  8  kg  auf
den  Kopf  versteuert.  Diese  Menge  hat  in  den
letzten  10  Jahren  nur  sehr  wenig,  um  61000  t,
d.  h.  im  Verhältnisse  der  Volksvermehrung  zugenommen. ­
  Hingegen  ist  der  Verbrauch  an  steuerfreiem ­
  Salz  für  Soda,  Glaubersalz,  Chlorkalium,
chemische  und  Farbenfabriken,  zur  Viehfütterung, ­
  Düngung,  Lederindustrie  fast  auf  das
Doppelte  gestiegen.  Der  Ertrag  der  Salzsteuer
betrug  57,3  Milk  M.  =  93  Pf.  auf  den  Kopf.  Die
inländische  Erzeugung  ist  so  groß,  daß  dadurch
der  gesamte  Bedarf  gedeckt  wird  und  außerdem ­
  noch  4000001  für  die  Ausfuhr  übrig  bleiben.
Kockeiskörner  (Fisch  kör  ne  r,  Läuse  kör  ner,
Tollkörner,  lat.  Fructus  cocculi,  frz.  Coque
de  Levant,  engl.  Cockles)  nennt  man  die  Früchte
eines  in  Ostindien,  besonders  auf  Malabar  und
den  Inseln  Java,  Sumatra,  Zeylon,  als  Kletterpflanze ­
  wachsenden  Strauches  Menispermum
cocculus  oder  Anamirta  coccculus  (Wight
et  Arm),  an  dem  sie  zu  mehreren  Hunderten  in
eine  Traube  vereint  wachsen.  Die  etwa  erbsengroßen, ­
  schwach  nierenförmigen  Früchte  sind
frisch  purpurrot  und  fleischig,  getrocknet  schwärzlichbraun, ­
  runzelig,  und  enthalten  in  der  unter
der  Oberhaut  liegenden  hellbräunlichen,  holzigen, ­
  zerbrechlichen  Schale  einen  einzelnen  halbrunden, ­
  auf  dem  Querschnitt  halbmondförmigen
Samen,  der  den  Hohlraum  nur  teilweise  ausfüllt. ­
  Neben  50%  fettem  Öl  findet  sich  in  den
Kernen  das  stark  giftige  Pikrotoxin,  während
das  nicht  giftige  Fruchtgehäuse  lediglich  Menispermin
  und  Paramenispermin  enthält.
Die  Samen  und  noch  mehr  das  isolierte  Gift
bewirken,  innerlich  genommen,  Ohnmacht,  Zittern, ­
  Schwindel  und  Konvulsionen.  Die  Körner
werden  zur  Vertilgung  von  Ungeziefer,  namentlich ­
  in  Form  von  Läusepulver  und  Salben,  angewandt ­
  und  haben  daher  den  Namen  Läusekörner
  erhalten.  Außerdem  werden  sie  gegen
Krätze  verordnet,  doch  ist  hierbei  Vorsicht  zu
beobachten,  da  bei  offenen  Wunden  leicht  Vergiftung ­
  eintreten  kann.  Die  Verwendung  zur  Betäubung ­
  von  Fischen  ist  strafbar.
Kodein  ist  einer  der  wirksamen  Bestandteile
des  Opiums  (s.  d.),  der  jedoch  medizinisch  nur
höchst  selten  verwandt  wird.  Etwas  häufiger
benutzt  man  jetzt  das  salzsaure  K.  (lat.  Codeinum ­
  hydrochloricum,  Codeinum  muriaticum,  frz.
Hydrochlorate  de  codeine,  engl.  Hydrochlorate
of  codein),  das  wie  die  freie  Base  farblose  Kristalle ­
  bildet.
Königsblau  nennt  man  sowohl  die  beste  Kobaltfarbe, ­
  das  Eschel,  wie  auch  eine  Sorte
Berlinerblau  und  verschiedene  mit  Orseille

und  Karmin  auf  Geweben  erzeugte  und  hierauf
mit  Indigoblau  geküpte  Farben.
Königsgelb  ist  eine  Handelsbezeichnung  für
Chromgelb,  Bleiglätte,  Kasseler  Gelb  (s.  Bleifarben) ­
  und  Auripigment.
Königskerzen  (Wollblumen,  lat  Flores  verbasci,
  frz.  Fleurs  de  molöne,  engl.  Mullein  flowers).
  Die  vorsichtig  getrockneten  Blüten  verschiedener ­
  Verbascumarten  (V.Thapsus  und
V.  phlomoides)  werden  teils  von  wild  wachsenden, ­
  teils  von  angebauten  Pflanzen  bei  uns  gesammelt, ­
  kommen  aber  zum  größten  Teile,  wohl
zu  drei  Viertel  der  gesamten  Handelsware,  aus
Ungarn.  Man  pflückt  die  Blüten  bei  gutem
Wetter  ohne  die  Kelche,  trocknet  sie  rasch  an
der  Sonne  und  verwahrt  sie  luftdicht,  recht  fest
verpackt,  da  sie  sonst  leicht  wieder  Feuchtigkeit ­
  anziehen  und  mißfarbig  werden.  Sie  sind
nur  verkäuflich,  wenn  sie  ihre  gelbe  Farbe  gut
erhalten  haben.  Die  frischen  Blüten  zeigen  einen
fein  aromatischen  Geruch,  der'  beim  Trocknen
verloren  gebt.  Sie  enthalten  hauptsächlich  Schleim,
Gummi  und  Zucker,  (die  sich  beim  Kauen  verraten, ­
  und  dienen  als  Zusatz  zu  Brusttee.
Königswasser  (lat.  Aqua  regis,  frz.Eau  regale,
engl.  Nitromuriatic  acid)  heißt  die  Mischung  von
Salzsäure  und  Salpetersäure  (Salpetersalzsäure),
die  allein  imstande  ist,  Gold  und  Platin  zu  lösen...
Koffein  (Coffein,  Tein,  Guaranin,  lat.
Coffeinum,  frz.  Ca£6ine,  engl.  Caffeine),  die  stickstoffhaltige ­
  Base  des  Kaffees,  C 8 H 10 N4O 2 -)-H 2 O,
findet  sich  nicht  nur  in  den  Samen  (1—2  °/o)  und
Blättern  des  Kaffeebaumes,  sondern  auch  im  Tee
(1—4  0/0),  im  Paraguaytee  (0,50/0),  den  Kolanüssen
(2  °/o)  und  der  Guarana  (5—6%).  Man  stellt  es
gewöhnlich  aus  dem  abgesiebten  Teestaub  durch
Extraktion  mit  heißem  Wasser,  Behandlung  des
Auszuges  mit  Bleiglätte  zur  Entfernung  des  Gerbstoffs ­
  und  Zusatz  von  Kaliumkarbonat  und  Alkohol ­
  her.  Neuerdings  wird  K,  auch  in  großen
Mengen  bei  der  Herstellung  des  Koffeinfreiein
(Hag-)  Kaffee  als  Nebenprodukt  erhalten.
Nachdem  erkannt  worden  ist,  daß  K.  als  ein
Trimethylxanthin  oder  Methyltheobromin
anzusprechen  ist,  kann  es  auch  auf  künstlichem
Wege  durch  Methylieren  von  Theobromin  oder
Xanthin,  oder  nach  dem  Verfahren  von,  Emil
Fischer  durch  völlige  Synthese  aus  Malonsäure
und  aus  Barbitursäure  erhalten  werden.  Das
durch  Umkristallisieren  gereinigte  K.  bildet  blendend ­
  weiße,  seidenglänzende,  leichte  und  sehr
lockere  Kristallaggregate  von  bitterem  Geschmack,
verliert  bei  ioo°  Kristallwasser,  sublimiert  bei
180 0  und  schmilzt  bei  230,5  °.  Es  ist  in  siedendem
Wasser  und  Chloroform  leicht,  in  Alkohol,  Äther,
Schwefelkohlenstoff,  Benzol  und  Petroläther  schwer
löslich  und  gibt  mit  Gerbsäure  einen  Niederschlag, ­
  der  im  Überschüsse  des  Fällungsmittels
löslich  ist.  Es  findet  in  der  Medizin  als  Erregungsmittel ­
  vielfache  Anwendung  und  wird
außerdem,  besonders  in  Form  seiner  Salze,  z.  B.
des  zitronensauren  K.  (Coffeinum  citricum),
gegen  Kopfschmerz  und  Migräne  verordnet.
Kognak  (Cognac)  ist  der  durch  Destillation
von  Wein  hergestellte  Edelbranntwein,  der,  als
eine  Unterabteilung  des  Franzbranntweins,
ursprünglich  nach  der  gleichnamigen  Stadt  im
Departement  Niedercharente  benannt  wurde  und
I  noch  jetzt  in  ihrer  Umgebung  in  besonderer
        <pb n="222" />
        Kohlensäure

217

Koipufelle

Güte  als  „Fine  Champagne“  hergestellt  wird.
Weniger  wertvolle,  als  „Eau  de  vie“,  „Petit
Champagne“,  „Armagnac“  bezeichnete  Sorten
stammen  aus  den  Departements  AngouKme,
Chäteauneuf,  Languedoc.  Auch  in  Ungarn,  Spanien ­
  und  Portugal  sowie  neuerdings  vor  allem
in  Deutschland  wird  viel  K.  destilliert.  Das
frische  Weindestillat  ist  eine  völlig  farblose
Flüssigkeit  von  meist  so—6o°/o  Alkoholgehalt,
welche  erst  im  Verlaufe  der  Lagerung  auf  eichenen ­
  Fässern  ihre  gelbe  Farbe  und  die  prächtige
Blume  annimmt.  Neben  verschwindenden  Spuren
von  Furfurol  finden  sich  geringe  Mengen  Fuselöl, ­
  flüchtige  Säuren,  Aldehyde  und  Ester,  deren
Gehalte  aber  zu  großen  Schwankungen  unterliegen, ­
  als  daß  darauf  eine  sichere  Beurteilung
gegründet  werden  könnte.  Im  Laufe  der  Zeit
hatte  sich  der  Begriff  des  K.  nun  außerordentlich ­
  verschoben.  An  Stelle  des  reinen  Weindestillates
  tauchten  Mischungen  mit  Kartoffelbranntwein ­
  (sog.  Weinsprit)  in  immer  größerer
Menge  auf.  Ja,  es  wurden  ganz  offen  als  Kbgnahes ­
  senz  Auflösungen  von  echtem  oder  künstlichem ­
  Weinbeeröl  (s.  d.)  zur  Darstellung  von  K.
auf  kaltem  Wege,  d.  h.  durch  einfaches  Vermischen ­
  mit  Feinsprit,  angepriesen.  Zur  Bekämpfung ­
  der  hierdurch  hervorgerufenen  Mißstände
wurden  in  §  18  des  Weingesetzes  vom  7.  IV.  1909
folgende  Vorschriften  erlassen;  „1.  Trinkbranntwein,
  dessen  Alkohol  nicht  ausschließlich  aus
Wein  gewonnen  ist,  darf  im  geschäftlichen  Verkehr ­
  nicht  als  Kognak  bezeichnet  werden.
2.  Trinkbranntwein,  der  neben  Kognak  Alkohol
anderer  Art  enthält,  darf  als  Kognakverschnitt
bezeichnet  werden,  wenn  mindestens  V10  d es
Alkohols  aus  Wein  gewonnen  ist.  3.  Kognak
und  Kognakverschnitte  müssen  in  100  Raumteilen ­
  mindestens  38  Raumteile  Alkohol  enthalten. ­
  4.  Trinkbranntwein,  der  in  Flaschen  oder
ähnlichen  Gefäßen  unter  der  Bezeichnung  Kognak
gewerbsmäßig  verkauft  oder  feilgehalten  wird,
muß  zugleich  eine  Bezeichnung  tragen,  welche
das  Land  erkennbar  macht,  wo  er  für  'den  Verbrauch ­
  fertiggestellt  worden  ist.  Die  näheren
Vorschriften  trifft  der  Bundesrat.  5.  Die  vom
Bundesrate  vorgeschriebenen  Bezeichnungen  sind
auch  in  die  Preislisten  und  Weinkarten  sowie  in
die  sonstigen  im  geschäftlichen  Verkehr  üblichen
Angebote  mit  aufzunehmen.  Die  in  §  10,  16  des
Weingesetzes  verbotenen  Stoffe  (s.  Wein)  dürfen
auch  zur  Herstellung  von  Kognak  nicht  benutzt
'Verden.“  —  Gemische  von  Kognak  mit  Spiritus
dürfen  nur  als  Kognakverschnitt  in  den  Handel ­
  gebracht  werden.  Künstliche  Färbung  mit
Teerfarbstoffen  ist  unzulässig.  Die  Bezeichnung
Kunstkognak  oder  Fassonkognak  wird  von  der
neueren  Rechtsprechung  durchweg  verworfen.
Kohlensäure  (Kohlensäureanhydrid,  Kohlendioxyd, ­
  lat.  Acidum  carbohicum,  frz.  Acide
carbonique,  engl.  Carbonic  acid)  bildet  zwar
nicht  im  gasförmigen  Zustande,  wohl  aber  als
komprimierte,  sog.  flüssige  K.  einen  wichtigen ­
  Handelsartikel.  Sie  gehört  zu  den  verbreitetsten ­
  Stoffen  der  Erdoberfläche.  Als  regelmäßiges ­
  Erzeugnis  der  Verbrennung  organischer
"toffe  sowie  der  tierischen  und  pflanzlichen  Atmung ­
  findet  sie  sich  beständig  in  der  Atmosphäre ­
  in  Menge  von  etwa  0,039  °/o.  Ferner  wird
S1 e  von  den  tätigen  Vulkanen  ausgestoßen,  entströmt ­

  aus  Erdrissen  und  Spalten  und  gelangt,  in
Wasser  gelöst,  in  Form  von  Säuerlingen  zutage.
Ihre  Verbindungen  mit  Basen,  die  Karbonate,
wie  Kalkstein,  Marmor,  Kreide,  Dolomit  und
Magnesit,  sind  verbreitete  Mineralien,  die  sogar
gesteins-  und  gebirgsbildend  auftreten.  Zur  Darstellung ­
  der  K.  zersetzt  man  Karbonate  (Marmor,
Magnesit)  entweder  mit  verdünnten  Säuren  oder
durch  Glühen,  oder  gewinnt  sie  durch  Verbrennung ­
  von  Koks.  Die  reine  K.,  C0 2 ,  ist  ein
färb-  und  geruchloses  Gas  von  deutlich  saurem
Geschmack.  Sie  vermag  weder  selbst  zu  brennen, ­
  noch  die  Verbrennung  zu  unterhalten,  löscht
vielmehr  brennende  Körper  aus  und  führt,  eingeatmet,
  Erstickung  herbei.  Sie  dient  in  den
Zuckerfabriken,  in  denen  sie  beim  Glühen  des
Kalksteins  als  Nebenprodukt  entsteht,  zum  Saturieren, ­
  ferner  zur  Darstellung  von  Ammoniaksoda ­
  und  von  Bleiweiß.  Auf  ihrer  hohen  Löslichkeit ­
  in  Wasser  (1  Vol.  Wasser  nimmt  bei  o°
1,8  Vol.  K-  auf)  beruht  ihre  Verwendung  zur  Herstellung ­
  kohlensaurer  Getränke.  Zu  letzterem
Zwecke  führt  man  sie  jedoch  zunächst  in  dqn
flüssigen  Zustand  über.  Das  nach  den  angegebenen ­
  Verfahren  dargestellte  pder  auch  natürlich
vorkommende  K.-Gas  wird  durch  Überführung
in  Bikarbonat  oder  Waschen  mit  Kaliumpermanganat ­
  gereinigt,  getrocknet  und  in  Zylindern
aus  Schmiedeeisen  oder  Stahl  bei  so—60  Atmosphären ­
  komprimiert.  Die  schmiedeeisernen  Flaschen ­
  haben  9  mm  dicke  Seitenwände  und  15  mm
dicken  Boden  und  sind  auf  einen  Überdruck  von
250  Atmosphären  geprüft.  Sie  enthalten  8,  10,.
20  oder  30  kg  K.  zum  Preise  von  je  25—30  Pfg.
und  werden  den  Abnehmern  leihweise  überlassen.
Die  flüssige  K.  ist  eine  wasserhelle,  bewegliche
Flüssigkeit,  welche  bei  —78,2°  siedet  und  sich
bei  schneller  Verdunstung  in  eine  lockere  schneeähnliche ­
  Masse,  die  feste  K.,  verwandelt.  Die
flüssige  K.  findet  äußerst  mannigfaltige  Verwendung. ­
  Sie  dient  in  den  Gastwirtschaften  zum
Bierausschank,  ferner  zur  Herstellung  von  kohlensaurem ­
  Wasser,  beim  Gießen  von  Gußstahl  und
anderen  Metallen  zur  Erzielung  dichter,  blasenfreier ­
  Gußstücke,  zum  Betriebe  von  Feuerspritzen
und  als  Feuerlöschmittel.  Krupp  in  Essen  benutzt
sie  außerdem  bei  Wiederherstellung  von  beschädigten ­
  Kanonen  zum  Loslösen  der  konischen
Mantelrohre  von  dem  zylindrischen  Kernrohre.
Der  Versand  der  flüssigen  K.,  der  früher  auf
Feuerzüge  beschränkt  war,  ist  jetzt  auf  allen
Eisenbahnzügen  gestattet,  aber  an  folgende  Bedingungen ­
  geknüpft:  Die  Behälter  müssen  aus
Schweißeisen,  Flußeisen  pder  Gußstahl  hergestellt
und  amtlich  auf  einen  Druck  von  250  Atmosphären ­
  geprüft  sein.  Ein  amtlicher  Vermerk
auf  den  Flaschen  muß  darauf  hinweisen,  daß
diese  Prüfung,  und  zwar  innerhalb  der  letzten
drei  Jahre,  erfolgt  ist.  Zum  Schutze  der  Ventile ­
  müssen  Kappen  aufgeschraubt  sein,  die  mit
einem  Kranze  zur  Verhinderung  des  Rollens  versehen ­
  sind.
Koipufelle  (Nutria).  Das  Koipu,  eine  biberartige, ­
  große  Seeratte,  lebt  in  großer  Menge
in  den  südamerikanischen,  La-Platastaaten.  Sein
Fell,  das  ohne  den  wertlosen  Schwanz  4V2  dm
oder  mehr  in  der  Länge  mißt,  wird  teils  zu
Pelzwerk,  teils  bei  der  Herstellung  von  Hüten
verwandt,  wöbei  das  meist  braunrote  Oberhaar
        <pb n="223" />
        Kokablätter

218

Kokosöl

entfernt  wird.  Das  Unterhaar  hat  bräunliche,
aschgraue  oder  graugelbUche  Färbung  und  kommt
an  Feinheit  demjenigen  des  Bibers  nahe.  Gerupft ­
  und  gegerbt  liefern  die  Felle  ein  sehr  hübsches ­
  Pelzwerk.  Zum  größeren  Teile  wird  das
Unterhaar  jedoch  abgeschoren  und  als  Zutat
zu  feinen  Hüten  verarbeitet.  Die  kr  England  gebräuchliche ­
  Bezeichnung  Affenfelle  ist  falsch,
ebenso  der  Name  Nutria,  welcher  der  Fischotter ­
  zukommt.
Kokablätter  (Cocablätter,  lat,  Folia  cocae,
frz.  Feuilles  de  coca,  engl.  Coca  leaves)  stammen
von  einem  baumartigen  Strauche,  Erythroxylon
  Coca,  der  auf  den  östlichen  Abhängen  der
Anden  wild  wächst,  in  großem  Maßstabe  aber
auch  wie  Wein  angebaut  wird.  Der  Strauch  gibt
jährlich  drei,  bei  reichlichem  Begießen  sogar
vier  Ernten  von  Blättern,  welche  den  Blättern
von  Sauerkirschen  in  Gestalt  und  Größe  ähneln
und  an  der  Sonne  getrocknet  werden.  Sie  riechen ­
  wie  gutes  Heu,  besitzen  einen  teeähnlichen, ­
  schwach  bitter-aromatischen  Geschmack
und  bewirken  beim  Kauen  starke  Speichelabsonderung. ­
  Ihre  Haltbarkeit  ist  gering,  da  sie  bei
Einwirkung  von  Feuchtigkeit  rasch  dumpfig  und
unbrauchbar  werden.  Sie  müssen  daher  in  gut
schließenden  Blechkisten  oder  gepulvert  in  gelben
Flaschen  mit  Glasstöpsel  aufbewahrt  werden.
Die  wichtigsten  Handelssorten  sind:  Bolivia,
Huanuko,  Huanta,  Cuczko,  Truxillo  und  Limaoder ­
  Peru-K.,  doch  kommen  neuerdings  auch  K.
aus  Zeylon,  Java  und  Kamerun  in  den  Handel.
Als  kennzeichnende  Bestandteile  enthalten  sie
die  Alkaloide:  Kokain,  Zinnamylkokain,  Kokamin,
  Isokokamin,  Benzoylpseudotropein.
  Benzoylekgonin  und  Hygrin,  ferner
Methylsalizylat,  Glykoside  und  Gerbsäure.
Der  Alkaloidgehalt  unterliegt  ziemlich  großen
Schwankungen  und  beträgt  im  Mittel  0,7%.
Die  K.  werden  von  den  Indianerstämmen  Perus
mit  Asche  oder  Kalk  gekaut,  wodurch  eine  Erregung ­
  des  Nervensystems  und  Stillung  des
Hungers,  bei  unmäßigem  Genuß  aber  ebenso
schädliche  Wirkungen  wie  durch  Alkohol  und
Opium  hervorgerufen  werden.  Die  K.  dienen  zur
Darstellung  des  Alkaloides  und  des  Kokaweins.
Kokain  (Cocain,  lat.  Cocainum,  frz.  Cocaine,
engl.Cocaina),  das  wichtigste  Alkaloid  der  Kokablätter, ­
  wird  durch  Benzin-  oder  Petrolätherextraktion ­
  der  mit  Sodalösung  befeuchteten  Blätter ­
  und  nachherige  Ausschüttelung  mit  verd.
Schwefelsäure,  Fällung  mit  Soda  und  Umkristallisieren ­
  aus  Alkohol  rein  dargestellt.  Es
bildet  färb-  und  geruchlose  Prismen,  die  bei
98°  schmelzen,  in  Alkohol.  Äther  und  den  meisten ­
  anderen  organischen  Lösungsmitteln  leicht,
in  Wasser  hingegen  nur  wenig  löslich  sind.  Beim
Erhitzen  mit  Salzsäure  spaltet  sich  das  K.  in
Ekgonin,  Methylalkohol  und  Benzoesäure  und
ist  daher  als  Methyl  benzoylekgonin  anzusprechen. ­
  Aus  den  genannten  Bestandteilen  läßt
sich  chemisch  reines  K.  synthetisch  darstellen,
das  nicht  die  unangenehmen  Nebenwirkungen
des  natürlichen  Alkaloides  zeigt.  Das  K.  wirkt
äußerlich  örtlich  anästhesierend  und  findet  daher
ebenso  wie  das  salzsaure  Salz,  Kokainhydrochlorid, ­
  ausgedehnte  medizinische  Anwendung
in  der  Chirurgie,  Zahnheilkunde  und  Augenheilkunde, ­
  da  die  Bepinselung  von  Schleimhäuten

mit  K.  völlige  Unempfindlichkeit  hervorruft  und
schmerzlose  Operationen  ermöglicht.  Zurzeit  wird
das  rohe  K.  meist  schon  in  Peru  dargestellt,  aber
erst  in  Europa  weiter  verarbeitet.
Koka-Koka,  eine  aus  Peru  stammende,  der
Ratanhia  ähnliche  Wurzel  von  bitterem  und  zusammenziehendem ­
  Geschmack,  wird  dort  als  Abkochung ­
  gegen  Leberleiden  und  zum  Rotfärben
benutzt.  Die  Kokablätter  (s.  d.)  stammen  von
einer  anderen  Pflanze.
Kokos.  Die  Früchte  der  in  fast  allen  Tropenländern ­
  an  Küsten  und  auf  Inseln  wild  wachsenden ­
  und  angepflanzten  Kokospalme  (Cocos
nucifera)  bilden  sowohl  in  ganzem  Zustande,
wie  in  ihren  einzelnen  Teilen  überaus  wich
tige  Handelswaren.  Die  Kokosnüsse  sind
bis  zu  kopfgroße  Steinfrüchte,  die  unter  einer
4—6  cm  dicken  Faserhülle  das  von  einer  harten
Steinschale  umgebene  weiße  und  mit  einer  milchartigen ­
  Flüssigkeit  angefüllte  Endosperm  (Kokoskern) ­
  enthalten.  Die  Faserhülle  besteht  aus
längslaüfenden,  dicht  zusammenhängenden  Fasern, ­
  welche  zugerichtet  als  Kokosfaser  (Coir)
bezeichnet  werden.  Zu  ihrer  Gewinnung  wird  die
Außenschicht  (Roya)  völlig  reifer  Früchte  von
Cocos  nucifera  var.  rutila  und  cupuliformis
  mehrere  Wochen  in  Wasser  gelegt  und  dann
mit  Klopfern  oder  zwischen  geriffelten  Walzen
bearbeitet,  wodurch  sich  die  Fasern  vereinzeln
und  in  verschiedene  Stärken  sortiert  werden
können.  Sie  besitzen  dann  eine  bräunliche  Färbung, ­
  eine  Länge  von  15—33  cm  und  eine  Dicke
von  0,05—0,30  mm.  Die  Kokosfaser  findet  vielseitige ­
  Verwendung  als  Polstermaterial,  zur  Herstellung ­
  von  geflochtenen  Teppichen,  gleichartig
gewebt  zu  Fußdecken,  Unterlagen  und  Abtretern,
zu  Bürsten  und  Pinseln,  gesponnen  zu  Seilerwaren, ­
  selbst  Schiffstauen  und  neuerdings  zu
Maschinentreibbändern.  Die  harte  Kernschale,
Kokosnußschale,  mit  welchem  Namen  übrigens ­
  häufig  auch  die  Schale  der  brasilianischen ­
  Palme  Attalea  funifera  (coquilla)  belegt ­
  wird,  dient  zu  kleinen  Drechsler-  und  Schnitzarbeiten. ­
  Das  Endosperm  endlich,  der  Kokoskern, ­
  findet  in  frischem  Zustande  als  Nahrungsmittel ­
  beschränkte  Anwendung,  wird  aber  zur
technischen  Verwertung,  besonders  zur  Gewinnung ­
  des  Fettes,  unter  dem  NamenKopra  in,  ungeheuren ­
  Mengen  verarbeitet.  Die  Kopra  (Co
prah,  Kopra,  Copperah)  enthält  nach  König
5,81  %  Wasser,  8,88  °/o  '  Stickstoffsubstanz,  67,0  %
Fett,  12,44%  stickstofffreie  Extraktstoffe,  4,06%
Rohfaser  und  1,81%  Asche,  Die  nach  dem  Auspressen ­
  des  Kokosöles  (s.  d.)  hinterbleibenden
Rückstände,  die  etwa  20%  Stickstoffsubstanz
enthalten,  bilden  als  Kokos-  oder  Koprakuchen
  ein  wertvolles  Futtermittel.
Kokosöl  (Kokosfett,  Kokosbutter,  lat
Oleum  cocos,  frz.  Huile  ou  Beurre  de  cocos,  engl
Cocoa  nut  oil,  Cochin  oil),  das  fette  öl  der
Kokoskerne,  wird  entweder  schon  im  Ursprungslande
  oder  in  Europa  aus  der,  nach  hier  eingeführten ­
  Kopra  ausgepreßt.  Die  Haupterzeugungsländer
  sind  Vorder-  und  Hinterindien  und
Zeylon,  nach  welchen  die  besten  Sorten  den
Namen  Kochin-Kopra,  die  minder  wertvoll 611
den  Namen  Zeylon-  und  indische  Kopra
führen.  Außerdem  kommt  K.  aus  Zanzibar  und
Westindien  und  neuerdings  aus  unseren  Südsee-
        <pb n="224" />
        Kokosstricke

210

Kolkothar

kolonien  (Samoa).  Zur  Gewinnung  des  Fettes  verfahren ­
  die  Eingeborenen  in  der  Weise,  daß  sie
die  Kerne  einfach  in  Wasser  kochen  und  das
oben  schwimmende  Öl  abschöpfen,  oder  auch,
daß  sie,  wie  auf  Zeylon,  die  getrocknete  Kopra
zwischen  heißen  Metallplatten  auspressen.  In
Europa  wird  das  Fett  nach  wirtschaftlicheren
*  Verfahren  durch  hydraulische  Pressen  oder  Lösungsmittel ­
  abgeschieden.  Das  reine  K.  ist  weiß,
von  charakteristischem,  nicht  unangenehmem  Geruch ­
  und  Geschmack,  wird  aber  leicht  ranzig,
und  löst  sich  in  Äther  und  siedendem  Alkohol.
Das  spez.  Gew.  bei  i8°  beträgt  0,925.  Es  schmilzt
bereits  bei  22  °,  hat  aber  trotzdem  eine  ziemlich
harte  Beschaffenheit.  Seiner  chemischen  Zut
  sammensetzung  nach  ist  das  K.  ein  Gemisch  von
Triglyzeriden  der  Palmitinsäure,  Kapron-,  Kaprin-,
  Kapryl-,  Laurin-  und  Myristinsäure,  von
denen  besonders  die  letzteren  seine  charakteristischen ­
  Eigenschaften,  die  hohe  Verseifungszahl ­
  von  240—250  und  die  hohe  Reichert-Meißlsche
  Zahl  von  7—9  bedingen.  Wegen
seines  leichten  Ranzigwerdens  fand  das  K.  früher
fast  nur  zur  Herstellung  gefüllter  Seifen  (s.  d.)
auf  dem  Wege  der  kalten  Verseifung  Anwendung.
Seitdem  man  aber  später  gelernt  hat,  es  von  den
übel  riechenden  Beimengungen  zu  befreien,  findet ­
  es  in  steigendem  Maße  als  Speisefett  Eingang. ­
  Die  zur  Reinigung  des  K.  benutzten,
zum  Teil  geheim  gehaltenen  Verfahren  beruhen
auf  der  Entfernung  der  freien  Fettsäuren  durch
Magnesia  oder  Alkalien  und  nachfolgendes  Auswaschen ­
  mit  siedendem  Wasser,  ferner  zur  Beseitigung ­
  gewisser  Riechstoffe  auf  einer  Behandlung ­
  mit  überhitztem  Wasserdampf,  Kohlensäure
oder  Alkohol.  Das  auf  diese  Weise  völlig  gereinigte, ­
  rein  weiße  und  unbegrenzt  haltbare
Fett  ist  für  alle  küchenmäßigen  Zwecke  ausgezeichnet ­
  verwendbar.  Nur  hat  sich  leider
der  Übelstand  herausgebildet,  daß  es  meist  nicht
mit  seinem  richtigen  Namen,  sondern  unter
allen  möglichen  Phantasiebezeichnungen  wie
Palmin,  Vegetalin,  Kunerol,  Laureol,
Myr  holin,  Nukolin  und  zahlreichen  anderen
in  den  Handel  kommt,  die  zum  Teil  wie  Nußbutter ­
  u.  a.  zu  einer  Täuschung  der  Verbraucher
geeignet  sind.  Auch  macht  sich  immer  mehr  das
Bestreben  geltend,  aus  K.  durch  besondere  Bearbeitung, ­
  Emulgieren  mit  Wasser,  künstliche
Gelbfärbung  u.  dgl.  schmalz-  oder  butterähnliche ­
  Erzeugnisse  herzustellen,  welche  dann  nach
der  neueren  Rechtsprechung  den  für  Kunstspeisefett ­
  oder  Margarine  erlassenen  Vorschriften
unterliegen.  Neben  der  direkten  Verwendung  als
Speisefett  dient  K.  auch  als  Zusatz  zu  Margarine,
zur  Verfälschung  von  Butter  und  Schweineschmalz
und  zur  Herstellung  von  Ersatzstoffen  für  Kakaobutter ­
  (s.  d.).
Kokosstricke  (Kokosfaserstricke)  aus  Ko-I
  kosfaser  werden  von  Hinterindien  (Kochin)  in
drei  Stärken  eingeführt.  Die  stärksten,  von
de m  Umfang  eines  kleinen  Fingers,  dienen  zum
Garbenbinden  anstatt  der  Strohseile  und  haben
v 9 r  diesen  den  Vorzug,  daß  sie  weder  der  Fauln
 ' s ,  noch  den  Angriffen  der  Mäuse  ausgesetzt
und  überdies  billiger  sind.  50  kg  oder  etwa
Sooo  m  kosten  27  M„  schwächere  24  M.  Die
schwächste  Sorte  (50  kg  —  10000  m  für  34  M.)
"drd  in  Gärtnereien  und  Baumschulen  verwandt.

Kokumbutter  (Kokumöl,  Goabutter,  frz.
Beurre  de  cocum,  engl.  Cocum  fat),  das  aus  den
Samen  von  Garcinia  indica  gewonnene  talg
artige,  etwas  brüchige  Fett  von  weißlicher  bis
blaßgelblicher  Farbe,  riecht  frisch  der  Kakaobutter ­
  ähnlich,  wird  aber  leicht  ranzig.  Es
schmilzt  bei  42—45°,  erstarrt  bei  32 0  und  besteht
aus  Oleodistearin.  K.  dient  zur  Seifenfabrikation ­
  sowie  zur  Verfälschung  von  Sheabutter.
Kokzin,  ein  schön  roter  Teerfarbstoff,  soll  aus
einer  Mischung  von  Bromnitrofluoreszein  (einem
Resorzinfarbstoff,  s.  d.)  mit  Aurantia  bestehen.
Kokzinin,  ein  dunkelroter  wasserlöslicher  Azofarbstoff ­
  aus  Aminokresolmethyläther  und  ß-Naphtoldisulfosäure
  zum  Färben  von  Wolle.
Kolanüsse  (Colanüsse,  Gurunüsse,  lat.
Nuces  colae,  frz.  Noix  de  cola,  engl.  Cola  nuts),
die  Samen  eines  in  : Westafrika,  besonders  auch
Deutsch-Kamerun  heimischen  Baumes  Sterculia
acuminata,  sind,  zu  je  fünf  in  dem  saftigen
Fruchtfleische  eingebettet  und  besitzen  eine  runze
lige,  rotbraune,  bisweilen  schwarz  gefleckte  Schale.
Die  3—5  cm  langen  und  2—3  cm  breiten  Samen
sind  innen  'hellbraun,  besitzen  einen  bitter  aromatischen ­
  Geschmack  und  enthalten  nach  König
9,220/0  Protein,  1,35%  Fett,  2,75%  Gerbstoff,
2,7s  %  Zucker,  43,830/0  Stärke,  15,060/0  Extraktstoffe, ­
  7,85  °/o  Rohfaser,  3,05  °/o  Asche.  Als  charakteristische ­
  Bestandteile  finden  sich  0,05  °/o
Theobromin,  2,16  °/o  Koffein  und  ein  Glykosid
(Kolanin),  das  unter  der  Einwirkung  eines
Fermentes,  schon  beim  Trocknen,  in  Koffein,
Theobromin  und  Gerbstoff  sowie  ein  Spaltungsprodukt ­
  des  letzteren,  das  Kolarot,  zerfällt.
K.  werden  im  Ursprungslande  als  nervenerregen
des  Genußmittel  zur  Vertreibung  von  Hunger
und  Ermüdung  verzehrt  und  neuerdings  in  Europa ­
  als  Zusatz  zu  Schokoladen  und  Likören
vielfach  verwandt.  Verschiedene  Arten  sog.  falscher ­
  Kola  von  Heritiera  littoralis,  Garcinia
Kola  u.  a.  unterscheiden  sich  von  der  echten
durch  die  geringere  Größe  der  Stärkekörner,  die
mehr  kreisrunde  und  abgeplattete  Form  der
Samen  und  das  gänzliche  Fehlen  des  Koffeins.
Kolchizin  (lat.  Colchicinum,  frz.  Colchicine),
der  giftige  Stoff  der  Herbstzeitlose,  Colchicum ­
  autumnale,  gehört  zu  Men  Alkaloiden
und  wird  gewöhnlich  aus  dem  Samen  der  Pflanze
dargestellt.  Das  bisher  nur  als  gelblichweißes
Pulver  von  sehr  bitterem  Geschmack  erhaltene
Gift  löst  sich  leicht  in  Wasser,  Weingeist  und
Chloroform,  schmilzt  bei  143—147 0  und  erstarrt
beim  Erkalten  zu  einer  glasartigen  Masse.  Leicht
zu  erkennen  ist  das  K.  daran,  daß  seine  salpetersaure
  Lösung  durch  sehr  vorsichtiges  Hinzufügen ­
  einiger  Tropfen  Schwefelsäure  eine  vorübergehende ­
  violette  Färbung  annimmt.  Es  wird
in  kleinen  Mengen  medizinisch  verwandt.
Kolkothar  (Totenkopf,  Englischrot,  Preußisch-, ­
  Pariser-,  Polierrot,  lat.  Caput  mortuum,
  frz.  Oxyde  de  fer  anhydre,  engl.  Colcothar).
Unter  diesen  Namen  versteht  man  verschiedene,
braunrot  bis  violett  gefärbte  Pulver  aus  mehr
oder  weniger  reinem  Eisenoxyd,  die  geschlämmt
und  abgerieben  teils  zu  Anstrichen,  teils  als  Poliermittel ­
  benutzt  werden.  Der  eigentliche  K.  (Ca
put  mortuum)  wurde  früher  als  Rückstand  aus
dem  Eisenvitriol  bei  Bereitung  der  Nordhäuser
|  Schwefelsäure  erhalten,  wird  aber  jetzt  billiger
        <pb n="225" />
        Kollodium

220

Kolumbowurzel

und  schöner  durch  Glühen  von  Vitriolschlamm,
dem  rotgelben  Absatz,  der  sich  beim  Eindampfen
von  Eisenvitriollösungen  bildet,  dargestellt.  Das
feinste  Polierrot  erhält  man  durch  Glühen  von
oxalsaurem  Eisenoxyd.
Kollodium  (Collodium)  nennt  man  die  Auflösung ­
  von  K.-Wolle  (Dinitrozellulose)  in
Äther-Alkohol.  Die  Kollodiumwolle  (Kolloxylin) ­
  wird  in  ähnlicher  Weise  wie  die  Schießbaumwolle ­
  (Pyroxylin)  hergestellt,  .doch  läßt
man  die  entfettete  Baumwolle  nur  so  lange  in
dem  Nitrierungsgemisch  von  Salpeter-  und  Schwefelsäure ­
  liegen,  bis  sie  sich  eben  in  Äther-Alkohol
löst,  da  bei  längerer  Einwirkung  die  Trinitrozellulose
  (Pyroxylin)  entsteht.  Die  Kollodiumwolle ­
  wird  dann  mit  Wasser  von  den  Säuren  befreit ­
  und  getrocknet  und  darauf  sofort  in  Alkohol-Äther ­
  gelöst.  Das  K.  ist  eine  dickliche,
wasserhelle  oder  schwach  gelbliche  Flüssigkeit,
die  beim  Verdunsten  an  der  Luft  ein  dünnes,  in
Wasser  unlösliches,  durchsichtiges  und  fest  anhaftendes ­
  Häutchen  hinterläßt.  Auf  dieser  Eigenschaft ­
  beruht  seine  Verwendung  in  der  Medizin
zur  Bedeckung  von  Schnittwunden,  Hautabschürfungen ­
  und  flachen  Geschwüren,  für  welche
Zwecke  man  ihm  aber  meist  einen  geringen  Zusatz ­
  von  Terpentinöl  oder  Rizinusöl  gibt,  da
das  dann  entstehende  Häutchen  weit  elastischer
ist  (Collodium  elasticum).  Auch  wird  K.  im
Gemisch  mit  Medikamenten  wie  Quecksilbersublimat ­
  oder  Kantharidentinktur  als  ätzendes
oder  blasenziehendes  K.  angewandt.  Die
Technik  benutzt  es  zur  Herstellung  kleiner  Luftballone ­
  und  künstlicher  Blumen  sowie  für  photographische ­
  Zwecke.
Kolonialwaren.  Mit  diesem  Sammelnamen
bezeichnet  man  die  große  Klasse  der  Genußmittel ­
  und  Gewürze,  z.  B.  Kaffee,  Tee,  Kakao,
Pfeffer,  Zimt  usw.  Die  Besprechung  erfolgt  bei
den  einzelnen  Gegenständen.
Kolophonium  (Colophonium,  Geigenharz,
frz.  Colophone,  engl,  Colophony),  das  gereinigte,
von  ätherischem  Öl  (Terpentinöl)  und  Wasser  befreite ­
  Harz  von  Fichten  und  anderen  Nadelhölzern, ­
  hinterbleibt  bei  dem  völligen  Abtreiben ­
  des  Terpentinöls  aus  dem  Terpentin
durch  Destillation  mit  oder  ohne  Wasserdampf.
Der  Rückstand  wird  in  offenen  Kesseln  unter
beständigem  Umrühren  so  lange  geschmolzen,
bis  alles  Wasser  verdampft  ist,  dann  der  Ruhe
überlassen,  und  das  klare  Harz  vom  Bodensatz
abgeschöpft.  Das  meist  bräunlichgelbe  bis  gelbbraune, ­
  bei  den  französischen  Sorten  auch  hellgelbe ­
  Harz  ist  spröde  und  von  glänzendem
Bruch,  erweicht  bei  70 0 ,  schmilzt  bei  etwa  loo°
und  verbrennt  mit  rußender  Flamme.  Das  spez.
Gew.  beträgt  1,070.  K.  ist  in  Wasser  unlöslich,
in  Petroläther  teilweise,  in  fast  allen  übrigen
organischen  Lösungsmitteln  aber  völlig  löslich.
Seine  Hauptbestandteile  sind  Harzsäuren,  besonders ­
  Abietinsäure  oder  bei  französischem  Plarz
Pimarsäure.  Bei  der  trockenen  Destillation
entstehen  neben  Essigsäure  und  Pinolin,  welches ­
  unter  dem  Namen  Harzessenz  als  Terpentinölersatz ­
  benutzt  wird,  besonders  Harzöle,
die  als  Schmiermittel  dienen,  und  Pech.  K.
findet  vielfach  Anwendung  zur  Darstellung  von
Seife  (s.  d.)  und  Sprengstoffen,  zum  Leimen  von
Papier  (s.  d.),  zum  Pichen  der  Fässer,  zum  Löten,

zur  Herstellung  von  Siegellack,  Firnissen  und
Pflastern.  Neuerdings  werden  aus  K.  durch
Kochen  mit  Blei-  oder  Manganoxyden  auch
schnell  trocknende  Resinate  (Sikkative)  hergestellt. ­
  Die  etwa  100000  t  betragende  amerikanische ­
  Einfuhr,  von  der  80  000  t  im  Lande  verbraucht ­
  wurden,  hoffen  unsere  Forstleute  durch
bessere  Ausnutzung  unserer  Nadelwälder  (9V2  Millionen ­
  LIektar),  Einführung  des  Flaschen-  oder
Becherverfahrens,  Extraktion  des  Holzes  mit
Äthylentrichlorid  völlig  ersetzen  zu  können.
Koloquinten  (lat.  Fructus  colocynthidis,  frz.
Coloquintes,  engl.  Colocynth  apples),  die  getrockneten ­
  und  meist  geschälten  Früchte  der  Koloquintengurke ­
  (Cucumis  Colocynthis),  einer
einjährigen,  zur  Gurken-  und  Kürbisfamilie
gehörigen  Pflanze,  die  in  Syrien,  Arabien,  Ägypten, ­
  Zypern  und  Spanien  wild  wächst,  auch  zum
Teil  angebaut  wird,  besitzen  die  Größe  einer
Apfelsine  und  sind  mit  einer  gelblichen  oder
bräunlichen  pergamentartigen  Schale  bedeckt.
Geschält  und  getrocknet  erscheinen  sie  ganz
weiß  oder  gelblich  und  auffallend  leicht,  da  die
trockene  Fleischmasse  eine  dem  Holundermark
ähnliche  Struktur  hat.  Die  im  Inneren  mit  zahlreichen ­
  gurkenkernähnlichen  Samen  angefüllten
Früchte  finden  sich  im  Handel  sowohl  in  ganzer
unversehrter  Form,  als  stark  zusammengedrückt
und  mit  Bruchstücken  gemengt.  Die  Droge  ist
ausgezeichnet  durch  ihren  Gehalt  an  dem  bitter
schmeckenden  Glykoside  Kolozynthin,  das  sich
mit  anderen  Stoffen  durch  Wasser  oder  Alkohol
ausziehen  läßt  und  die  heftig  purgierende,  in  größeren ­
  Gaben  stark  giftige  Wirkung  bedingt.
Wegen  ihrer  Giftigkeit  werden  die  K.  kaum
noch  als  Purgiermittel  benutzt,  bilden  aber  in
Form  von  Abkochungen  oder  als  Zusatz  zu
Tünche  und  Tapetenkleister  ein  geschätztes  Mittel
zur  Bekämpfung  von  Wanzen  in  Bettstellen  und
Wandbekleidungen.  Man  unterscheidet  im  Handel ­
  ägyptische  Ware  als  die  beste,  mit  den  größten, ­
  wenig  Samen  enthaltenden  Früchten,  ferner
syrische  und  Zyprische,  die  kleiner,  schwerer  und
vielsamiger  sind.  Zur  Erleichterung  des  Pulverisierens
  werden  die  von  den  unwirksamen  Samen
befreiten  Früchte  mit  Tragantschleim  vermengt,
wieder  getrocknet  und  dann  zerstoßen.  Neuerdings ­
  benutzt  man  aber  meist  das  alkoholische
Extrakt.
Kolumbowurzel  (Ruhrwurzel,  Calumbawurzel,
  lat.  Radix  Columbo,  frz.  Racine  de  Colombo, ­
  engl.  Calumba  root)  ist  die  rübenförmige
Wurzel  eines  rankenden  Gewächses,  Menispermum
  palmatum  (Jatrorrhiza  palmata),  das  in
den  Wäldern  der  Ostküste  Südafrikas  wild  wächst
und  in  Ostindien,  auf  Isle  de  France,  den  Seycheb
len-  und  Maskareneninseln  auch  angebaut  wird.
Die  Ware  kommt  meistens  in  Querscheiben  geschnitten ­
  in  den  Handel,  die  2V2—3V2  cm  Durchmesser ­
  und  3—9  mm  Dicke  haben  und  durch
das  Trocknen  doppelt  konkav  geworden  sowie
eingeschrumpft  sind.  Das  Innere  der  Wurzel  ist
sehr  mehlig,  ihr  Geschmack  schleimig  und  stark
bitter,  dabei  aromatisch  und  etwas  scharf.  Die
Droge  ist  ein  gesuchter  Handelsartikel  geworden,
der  als  Mittel  gegen  Ruhr  und  Diarrhöen  ge'
schätzt  wird.  Es  kommen  daher  auch  Beimengungen ­
  anderer  Pflanzenwurzeln  vor,  die
aber,  bei  Kenntnis  der  echten,  leicht  aufzufinden
        <pb n="226" />
        Kondurangorinde

221

Kopal

sind.  Die  K.  ja  Form  von  Abkochungen  und
Extrakt  enthält  als  kennzeichnende  Bestandteile
einen,  kristallisierbaren,  indifferenten  Bitterstoff,
das  Kol  um  bin  (aus  einem  Kilo  Wurzel  bis
zu  4  g),  und  eine  eigentümliche  Säure,  die  Kolumbosäure,
  jedoch  entgegen  den  früheren
Angaben  kein  Berber  in.
Kondurangorinde  (lat.  Cortex  condurango,
frz.  Ecorce  de  Condurango,  engl.  Condurango
bark),  ein  seit  1871  medizinisch  als  magenstärkendes ­
  Mittel  benutzter  Artikel  des  Drogenhandels,
kommt  aus  dem  nördlichen  Teile  Südamerikas,
besonders  Ekuador,  von  Gonolobus  Cundurango
  Triana.  Die  Rinde  bildet  etwa  1  dm  lange,
meist  verbogene,  harte,  rinnenförmige  Stücke
oder  'auch  Röhren  von  bräunlicher  bis  grauer,
mit  bräunlichen  Korkschuppen  bedeckter  Oberfläche ­
  und  weißlicher  Innenfläche.  Der  Geruch
ist  nur  schwach,  d er  Geschmack  bitterlich  kratzend. ­
  Die  beste  Ware  kommt  von  Mataperro
(Mataperrorinde).
Kongokorinth  B  und  G  sind  zwei  Azofarbstoffe, ­
  welche  durch  Behandlung  von  diazotiertem
  Tolidin  bzw.  Benzidin  mit  je  einem  Molekül
Naphthionsäure  und  Naphtolsulfosäure  entstehen.
Kongorot,  ein  Teerfarbstoff  aus  der  Gruppe
der  Azofarbstoffe,  wird  durch  Vereinigung  von
Benzidin  und  Naphtionsäure  erhalten  und  gibt
mit  Wasser  und  Alkohol  rote  Lösungen,  die  durch
Zusatz  von  Säuren  blau  werden.  Baumwolle,  in
der  wäßrigen  Lösung  mit  oder  ohne  geringen
Seifenzusatz  gekocht,  färbt  sich  waschecht  rot.
Koniferin  (lat.Conif  erinum),  eine  zur  Gruppe
der  Glykoside  gehörige  chemische  Verbindung,
wird  aus  dem  Kambialsafte  der  Nadelbäume
gewonnen,  indem  man  diesen  zur  Gerinnung  der
Eiweißstoffe  kocht  und  das  Filtrat  eindarapft.
Die  durch  Umkristallisieren  und  Behandlung  mit
Tierkohle  rein  weiß  erhaltene  Masse  wird  durch
Oxydationsmittel  in  Vanillin  übergeführt.
Koniin  (Coniin,  Cicutin,  lat.  Coniinum,  frz.
Coniine,  engl.  Coniin),  das  sehr  giftige  Alkaloid ­
  des  Schierlings  (s.  d.),  gehört  zu  den  sauerstofffreien ­
  organischen  Basen,  C 8 H 17 N,  und  wird
hauptsächlich  aus  den  Früchten  des  Schierlings
gewonnen.  Es  ist  eine  ölige,  farblose  Flüssigkeit
von  starkem,  unangenehmem  Geruch,  die  schon
bei  gewöhnlicher  Temperatur  verdampft.  Das
spez,  Gew.  beträgt  0,850—0,860.  K.  wird  zuweilen ­
  medizinisch  verwandt  ,und  muß  in  möglichst ­
  voll  gefüllten  Gläsern  im  Dunkeln  aufbewahrt ­
  werden,  da  es  durch  Licht  und  Luft
leicht  verändert  und  braun  wird,
Konserven  nennt  man  durch  Trocknen,  Erhitzung ­
  oder  Zusatz  keimtötender  Stoffe  haltbar
gemachte  Nahrungsmittel.  Sie  finden  sich  zum
Teil  unter  Fleisch-,  Fisch-  und  Gemüsekonserven,
Dörrobst  und  Dörrgemüse  näher  besprochen.
Die  zu  ihrer  Aufbewahrung  dienenden  Behälter,
Konservenbüchsen,  müssen  den  Vorschriften
des  Gesetzes  betr.  den  Verkehr  mit  blei-  und
zinkhaltigen  Gegenständen  vom  25.  Juni  1887  entsprechen, ­
  d.  h.  sie  dürfen  nicht:  I.  ganz  oder
teilweise  aus  Blei  oder  einer  in  100  Gewichtsteilen ­
  mehr  als  10  Gewichtsteile  Blei  enthaltenden ­
  Metallegierung  hergestellt,  2.  an  der  Innenseite ­
  mit  einer  in  100  Gewichtsteilen  mehr  als
1  Gewichtsteil  Blei  enthaltenden  Metallegierung ­

  verzinnt  oder  mit  einer  in  100  Gewichtsteilen ­
  mehr  als  10  Gewichtsteile  Blei  enthaltenden
Metallegierung  gelötet,  3.  mit  Email,  oder  Glasur
versehen  sein,  welche  bei  halbstündigem  Kochen
mit  40/oiger  Essigsäure  Blei  an  letztere  abgeben.
Kontrajervawurzel  (lat.  Radix  contrajervae,
frz.Racine  de  contrajerve,  engl.Contrajerva  root),
die  Wurzel  der  in  Südamerika  einheimischen
Dorstenia  Contrajerva,  ist  knotig,  runzelig,
bräunlichrot,  schmeckt  scharf  und  bitter  und  besitzt ­
  einen  schwachen,  gewürzhaften  Geruch.
Konydrin  (Konhydrin),  eine  neben  dem  Koniin ­
  im  Schierling  enthaltene  organische  Base,
bildet  farblose  blättrige  Kristalle,  die  bei  120 0
schmelzen.
Kopaivabalsam  (lat.  Baisamum  copaivae,  frz.
Baume  de  copahu,  engl.  Balsam  of  copaiva)
stammt  von  verschiedenen  Arten  der  Gattung
Kopaifera,  hauptsächlich  C.  officinalis,  C.
coriacea  und  C.  guyanensis,  die  ihre  Heimat
in  Südamerika  und  Westindien  haben.  Die
südamerikanischen  Sorten  sind  die  besseren
und  allein  zu  medizinischen  Zwecken,  d.  h.  hauptsächlich ­
  für  Geschlechtskrankheiten,  verwendbar, ­
  während  der  westindische  K.,  eine  dicke,
trübe,  terpentinartig  riechende  Flüssigkeit,  nur
zu  technischen  Zwecken,  namentlich  in  der  Lack-  ■
herstellung  und  Porzellanmalerei,  benutzt  werden ­
  kann.  Guter  K.  muß  vollkommen  klar,  hellgelb ­
  bis  goldgelb  und  ziemlich  dickflüssig  sein
und  einen  eigentümlichen  aromatischen  Geruch
und  kratzend  bitteren  Geschmack  haben.  Als  besondere ­
  Sorten  der  südamerikanischen  Ware
sind  Para-  oder  Maranhaobalsam,  Marakaibo-
  oder  Venezuelabalsam  und  als  Unterart ­
  des  letzteren  Angosturabalsam  zu  erwähnen. ­
  Die  Parasorte  ist  etwas  heller  gelb  und
dünnflüssiger  als  die  Marakaibosorte.,  K.  unterliegt ­
  zahlreichen  Verfälschungen,  namentlich  mit
fetten  Ölen,  Harzen,  Terpentin  und  Gurjunbalsam.
  Reiner  Balsam  soll,  auf  Glas  aufgestrichen,
hart  auftrocknen,  während  bei  Gegenwart  von  Öl
die  Masse  klebrig  bleibt.  Gurjunbalsam  erkennt
man  durch  Schütteln  mit  der  vierfachen  Menge
Benzol,  wobei  reiner  K.  eine  klare  Lösung  liefert, ­
  während  G.-B.  diese  trübe  erscheinen  läßt.
Das  D.  A.  B.  schreibt  ein  spez.  Gew.  von  0,980
bis  0,990  vor  und  fordert  eine  klare  Lösung  in
Chloroform,  Petroleumbenzin,  Amylalkohol  und
absolutem  Alkohol,  allenfalls  mit  einem  opalisierenden ­
  Scheine.  K.  enthält  als  wesentliche
Bestandteile  eine  harzartige  Säure,  die  Kopaivasäure,
  und  ein  ätherisches  öl.  Die  erstere,  ein
schneeweißes,  kristallinisches  Pulver,  wird  gewöhnlich ­
  aus  dem  Gurjunbalsam  gewonnen,
der  davon  mehr  enthält  als  der  K.  —  Das
Kopaiva  öl  (lat.  Oleum  balsami  copaivae,
frz.  Essence  de  bäume  de  copahu,  engl.  Oil  of
copaiba),  durch  Destillation  des  K.  mit  Wasserdampf ­
  gewonnen,  wird  häufig  zur  Verfälschung
anderer  ätherischer  öle  benutzt.
Kopal  (Copal,  frz.  und  engl.  Copal)  ist  der
Gesamtname  einer  Gruppe  von  Harzen,  die  in
äußerem  Aussehen  und  Farbe,  in  Härte  und
in  ihrem  Verhalten  zu  Lösungsmitteln  manche
Unterschiede  zeigen.  Hinsichtlich  der  Abstammung ­
  herrscht  noch  Unsicherheit,  jedoch  ,  ist  gewiß, ­
  daß  der  K.  nur  zu  einem  Teil,  und  zwar  in
geringerer  Güte,  von  lebenden  Bäumen  gesam ­
        <pb n="227" />
        Kopal

222

Korallen

melt  wird,  zum  andern  aber  fossil  vorkommt,
also  gegraben,  gelegentlich  auch  fortgeschwemmt
im  Sande  von  Flüssen  gefunden  wird.  Bei  seinem ­
  Aufenthalt  in  der  Erde  hat  das  Harz  Veränderungen, ­
  ähnlich  dem  Bernstein,  erlitten,
namentlich  ist  es  härter,  schwerer  löslich  und
schwerer  schmelzbar  geworden.  Die  fossilen
Stücke  bilden  die  sog.  harten  Sorten,  die  allein
in  der  Firnisbereitung  einen  Vorzugswert  haben,
während  die  leicht  löslichen  und  weichen  in  eine
Gruppe  mit  anderen  wohlfeileren  Harzen  fallen.
Das  Ursprungsland  der  besten  Ware  ist  Afrika,
besonders  dessen  östliche  Küste  und  das  naheliegende ­
  Zanzibar,  das  sowohl  selbst  K.  erzeugt,
als  der  hauptsächliche  Verschiffungsplatz  für  jene
Gegenden  ist.  Aber  auch  an  der  ganzen  westafrikanischen
  Küste  vom  8.°  n.  Br.  bis  14. 0  s.  Br.
werden  in  etwa  3  m  Tiefe  Kopalsorten  (Sierra
Leone,  Akra,  Benin,  Kakun,  Loango,  Kongo,
Angola,  Benguela  und  Kamerun)  gefunden,  die
zwar  im  allgemeinen  weicher  als  die  aus  dem
Osten  stammenden  sind,  ihnen  aber  in  einzelnen ­
  Fällen  an  Güte  ziemlich  nahe  kommen.  Die
Kopale  zeigen  alle  möglichen  Farben,  von  fast
weiß  bis  gelblich,  von  rötlich  bis  ziemlich  dunkelbraun, ­
  meist  sind  sie  mehr  oder  weniger  durchsichtig, ­
  oft  mit  Rindenresten  bedeckt,  die  besten
Sorten  geschält  und  gesäubert.  —  Von  Handelssorten ­
  sind  zu  erwähnen:  Echte  Kopale:  1.  Ostafrikanische ­
  Kopale:  Zanzibar  -  Kopal,
fälschlicherweise  auch  Bombay-  oder  ostindischer
K.  genannt,  bildet  meist  flache,  gelbliche  bis
gelbbraune  Stücke,  deren  Oberfläche  der  Gänsehaut ­
  ähnelt,  daher  auch  der  Name  Gänsekopal.
Reinigt  man  die  Stücke  nach  dem  Ausgraben
äußerlich  und  behandelt  sie  dann  mit  Ätzlauge,
so  kommt  die  mit  Pusteln  versehene  Fläche,
Gänsehaut,  zum  Vorschein,  die  als  ein  Zeichen
der  Güte  angesehen  wird.  Mozambique-  und
Madagaska  r-K.  ähneln  dem  Zanzibar-K.,  sind
aber  oft  von  Fremdkörpern  durchsetzt.  2.  Westafrikanische
  Kopale:  Sierra-Leone  -K.
kommt  in  kleinen,  dunklen,  unreinen  Stücken
in  den  Handel,  die  an  Güte  dem  Zanzibar-K.  fast
gleich  sind,  Kiesel-K.  in  runden,  walnußgroßen
Stücken.  Kongo-,  Angola-,  Benguela-K.  bilden ­
  unregelmäßige,  flache  und  runde  Stücke,
die  außen  meist  mit  dunkler  Kruste  versehen, ­
  innen  aber  glashell  und  rein  sind.  Unechte ­
  oder  weiche  K.,  also  nichtfossile  Harze:
1.  Kauri-K.,  ein  halbfossiles  Harz,  von  der
Kaurifichte,  Dammara  australis,  wird  auf  Neuseeland ­
  und  Neukaledonien  an  Stellen  gegraben,
wo  früher  Dammarwälder  gestanden  haben.  Es
bildet  verschieden  große,  glashelle  bis  gelbbraune ­
  Stücke.  2.  Manila-K.,  fälschlich  auch
westindischer  K.  genannt,  kommt  aus  Ostindien
in  den  Handel  und  bildet  sehr  verschieden  große,
weißlichgelbe  bis  braune  Stücke,  die  beim  Zerreiben ­
  einen  dillähnlichen  Geruch  zeigen.  —•  Die
echten  K.  lösen  sich  in  den  gewöhnlichen  Lösungsmitteln ­
  nicht  unmittelbar,  sondern  erst,  nachdem ­
  sie  bei  300—350°  geschmolzen  oder  in
Pulverform  monatelang  der  Luft  und  dem  Tageslicht ­
  ausgesetzt  worden  sind.  Manila-K.  löst
sich  in  Alkohol  bis  zu  go°/o,  unter  Hinterlassung
eines  zähen,  schmierigen  Rückstandes.  Zur  Herstellung ­
  von  Schleif-,  Wagen-  oder  Fußboden-,
überhaupt  feinen  Lacken  sind  nur  die  echten  K.

zu  verwenden,  während  Kauri-  und  Manila-K.
u.  a.  zu  Möbellacken  gebraucht  werden.
Kopalchirinde  (lat.  Cortex  copalchi,  frz.
Ecorce  de  Copalchi,  engl.  Copalchi  bark).  ist
die  Rin'de  eines  im  nördlichen  Südamerika,  Westindien ­
  und  Mexiko  heimischen  Strauches  aus  der
Familie  der  Euphorbiazeen,  Croton  niveus,.
(Jacquin),  die  zuweilen  mit  der  Kaskarillrinde
verwechselt  wird,  von  der  sie  sich  durch  feineren,
aber  weniger  kräftigen  Geschmack  und  Geruch
unterscheidet.  Auch  sind  die  Stücke  der  K.  viel
stärker,  oft  mehrere  Zentimeter  lang  und  mit
fein  rissigem  Korke  bedeckt.
Koprolithen  (Kotsteine)  nennt  man  bräun
liehe,  zapfenartige  Steine  von  etwa  Pflaumengröße ­
  oder  größere  Klumpen,  die  als  versteinerte
Exkremente  vorzeitlicher  Tiere  erkannt  sind  und
wegen  ihres  Gehaltes  an  phosphorsaurem  Kalk
als  Düngemittel  verwandt  werden.  Sie  finden
sich  besonders  im  Süden  und  Westen  Englands,
in  den  Grafschaften  York,  Suffolk  und  Cambridge, ­
  an  günstigen  Stellen  in  etwa  20  cm  dicken
Schichten,  wo  sie  nach  Art  der  Bernsteingräberei
abgebaut,  darauf  gewaschen,  gemahlen,  und  auf
Superphosphat  (s.  d.)  verarbeitet  werden.  In
Deutschland  kennt  man  vereinzelte  Lagerstätten,
z.  B.  bei  Degerloch  in  der  Nähe  von  Stuttgart.
Korallen  (Corallen,  frz.  Coraux,  engl.  Corals).
  Unter  den  zahlreichen,  kalkige  Gehäuse
bauenden  Polypen  hat  die  Edel-  oder  Blutkoralle ­
  (I  sis  nobilis  oder  Corallium  rubrum,
frz.  Corail)  wegen  ihrer  zur  Herstellung  von
Schmuckwaren  geeigneten  Beschaffenheit  einen
besonderen  Wert.  Die  Heimat  der  K.  ist  das
Mittelländische  Meer,  wo  sie  sich  an  den  Festlands- ­
  und  Inselküsten  auf  Felsengrund  und  Vorsprüngen ­
  steiler  felsiger  Küsten  meist  in  beträchtlicher ­
  Tiefe  des  Meeres  ansiedeln.  Der  Polypenstock, ­
  d.  h.  der  mineralische  Träger  zahlreicher
einzelner  Schleimtierchen,  wächst  durch  die  nach
innen  gerichtete  Ausscheidung  von  Kalkmasse  zu
einem  gedrungenen  Bäumchen  mit  Ästen  aus,  das
nur  38—40  cm  hoch  und  bis  zu  2V2  cm  stark  wird.
Die  Masse  der  K.  besteht  aus  kohlensaurem  Kalk
nebst  etwas  kohlensaurer  Magnesia  und  Eisenoxyd., ­
  Der  rote  /Farbstoff  ist  hauptsächlich  organischer ­
  Natur,  Im  lebenden  Zustande  ist  dieses
feste  Gerüst  mit  einem  roten,  häutigen,  aus  Kalk
und  tierischer  Masse  bestehenden  Überzug  umgeben, ­
  in  welchen  die  Einzeltierchen  eingebettet
sind.  Die  aus  den  Tierleibern  selbst  'aufgebaute
Scheide,  die  ein  weißer,  milchiger  Nahrungssaft
durchzieht,  bröckelt  aber  außerhalb  des  Wassers
nach  dem  Abtrocknen  leicht  und  wird  meist
sofort  nach  dem  Einsammeln  durch  Abreiben
und  Waschen  entfernt.  Die  meisten  und  besten
K.  finden  sich  an  der  afrikanischen  Küste  zwischen ­
  Algier  und  Tunis,  außerdem  bei  den  Balearen, ­
  an  den  Küsten  von  Spanien,  (Frankreich,
Korsika,  Sardinien,  Sizilien  und  Neapel.  Die  Örtlichkeiten ­
  des  Vorkommens  sind  meist  schon  seit
langen  Zeiten  bekannt  und  werden  zur  Sicherung
eines  regelmäßigen  Ertrages  immer  erst  nach
zehn  Jahren  von  neuem  abgeerntet.  Zum  Heraufholen ­
  bediente  man  sich  früher  einfacher
Schleppnetze,  jetzt  aber  meist  der  Taucher.  Die
rohe  Ware  zerfällt  in  folgende  Sorten:  tote  oder
faule  K.,  mit  mineralischem  und  animalischem
Niederschlag  überzogen,  im  Werte  von  s—20  fr-
        <pb n="228" />
        Korallenholz

223

Kork

I  für  das  Kilogramm,  schwarze  K.,  durch  Lagern
I  in  Schlamm  geschwärzt,  im  Werte  von  12—15  Fr.;
die  gewöhnliche,  lebend  gefangene  Ware,  in
;  Kisten,  45—70  Fr.;  ausgewählte,  besonders  dicke
und  rosenrote  Stücke  400—500  Fr.  und  endlich
I  sehr  seltene  weiße  K.  Man  überarbeitet  zull ­
  nächst  die  rohen  Stücke  aus  dem  Groben  mit
Raspeln  und  Feilen  und  schleift  sie  dann  auf
Schleifscheiben  mit  immer  feinerem  Schmirgel.
Aus  den  hinreichend  großen  Stücken  werden
1  Stockknöpfe,  Messerhefte  u.  dgl.,  aus  den  klei-I
  neren  Schmucksachen  verschiedener  Art,  wie
runde,  ovale,  bimförmige  und  unregelmäßige
[  Perlen  zu  Halsbändern  und  Rosenkränzen,  Knöpfe,
I  Einsätze  von  Nadeln  und  Broschen  hergestellt.
Die  Farben  wechseln  vorn  tiefsten  Blutrot  und
i|  schönen  Zinnoberrot  bis  zum  Blaßrosa.  Früher
waren  die  dunkelsten  Farben  die  beliebtesten,
]  später  hat  sich  der  Geschmack  hierin  geändert.
|  In  Europa  hat  die  Vorliebe  für  K.  ziemlich  ab-;
  genommen,  obschon  ab  und  zu  versucht  wird,
dieselbe  durch  schöne  Schmuckwaren,  wie  sie
sich  z.  B.  auf  den  Leipziger  Messen  zeigen,  wieder ­
  emporzubringen.  Einen  ständigen  und  von
:  der  Mode  nicht  beeinflußten  Absatz  finden  die
Waren  hingegen  in  Japan,  China,  Arabien  und
dem  Orient  überhaupt.  Bei  den  Orientalen  ist
die  Vorliebe  für  Korallenschmuck  so  lebhaft,
daß  man  denselben  überall  an  Kleidern,  Waffen, ­
  Pferdegeschirren,  Gerätschaften  und  selbst
an  den  Wänden  vornehmer  Wohnungen  anbringt. ­
  Außerdem  gehen  K,  nach  Rußland,
Amerika  und,  als  Ersatz  der  Münzen,  in  Form
von  Perlenschnüren,  zu  Neger-  und  anderen  wilden ­
  Stämmen.
Korallenholz  (frz.  Corail  vegetal),  das  harte,
|  schönfarbige  Holz  von  Adenanthera  pavonina,
  einem  auf  Madagaskar  und  Röunion  hei-;
  mischen  Baume  aus  der  Familie  der  Papiliona-[
  zeen,  wird  in  der  Kunsttischlerei  verwandt.
Korallin  (Corallin),  ein  zu  den  Teerfarben
■  gehörender,  kräftig  roter  Farbstoff,  entsteht  bei
gleichzeitiger  Einwirkung  von  «Oxalsäure  und
Schwefelsäure  auf  rohes,  kresolhaltiges  Phenol.
Das  erste  Produkt  der  Einwirkung,  das  sog.
gelbe  K.,  wird  durch  Erhitzen  mit  Ammoniak
auf  140—150°  in  das  rote  K.  (Paeonin)  übergeführt, ­
  dunkelbraunrote  Stücke  mit  schwachem,
metallischem  Glanz.  Sie  lösen  sich  in  Alkohol
mit  orangegelber  Farbe,  welche  durch  Säuren
}  m  Gelb,  durch  Alkalien  in  ein  prächtiges  Rot
übergeht.  Das  K.  enthält  mehrere,  untereinander ­
  sehr  ähnliche  Farbstoffe,  von  denen  einer
isomer  mit  der  aus  Rosanilin  darstellbaren  Ros
 olsäure  (s.  d.)  ist  und  Pararosolsäure  oder
Aurin  (s.  d.)  heißt,  während  ein  anderer  Methylaurin
  genannt  wird.  Neben  diesen  finden
s ich  Leukorosolsäure  und  Pseudorosols
 äure,  eine  violette  und  eine  in  granatroten  Kristallen ­
  kristallisierbare  Masse.  K.  wird  teils  in
üer  Zeugfärberei  und  -druckerei,  teils  zur  Herstellung ­
  von  bunten  Papieren  benutzt.
Korduan  ist  ein  feines,  sehr  geschmeidiges,
„  ^ er schieden  gefärbtes,  kleinnarbiges  Leder  aus
“°ck-  und  Ziegenfellen,  von  dem  die  stärkeren
Porten  zu  feinen  Schuhmacherarbeiten,  d;e  dün-"eren.
  zu  Buchbinder-  und  Galanteriearbeiten  diesen. ­
  Der  Name  stammt  von  Kordova  in  Spanien,
''m  es  von  den  Mauren  zuerst  hergestellt  worden

ist.  K.  ist  dem  Saffian  oder  Maroquin  sehr
ähnlich,  aber  zum  Unterschiede  von  diesen  nur
gekrispelt,  hingegen  nicht  geglänzt.  Auch  das
auf  der  Fleischseite  schwarz  gefärbte  zarte  Bauchleder ­
  wurde  früher  K.  genannt.
Koriander  (lat.  Fructus  coriandri,  frz.  Semence
  de  coriandre,  engl.  Coriander  seed)
nennt  man  die  würzhaften  Früchte  der  in  Südeuropa ­
  heimischen,  in  Deutschland,  besonders
in  Thüringen  und  Franken  sowie  auch  in  Frankreich ­
  in  Gärten  und  Feldern  angebauten  einjährigen ­
  Doldenpflanze  Coriandrum  sativum.
Wegen  des  leichten  Ausfallens  der  Früchte  muß
die  am  Morgen  geschnittene  oder  geraufte  Pflanze
schon  am  Nachmittag  ausgeklopft  werden.  Die.
Früchte  sind  rundlich,  oben  zugespitzt,  von  der
Größe  eines  kleinen  Pfefferkornes,  der  Länge
naCh  gerieft,  von  sehr  geringer  Schwere  und
trocken  von  gelbbräunlicher  Farbe.  Vorherrschendes ­
  Dunkelgelb  gilt  als  ein  Zeichen  der
Güte.  Frisch  riechen  die  Früchte  unangenehm
wanzenartig  und  betäubend,  daher  der  Name
Schwindelkörner.  Getrocknet  riechen  und
schmecken  sie  hingegen  angenehm  aromatisch
und  haben  eine  erwärmende,  Blähung  treibende
Wirkung,  wie  Anis  und  Kümmel.  Sie  werden
daher  in  beschränktem  Maße  zu  medizinischen
Zwecken,  hauptsächlich  aber  zum  Würzen  von
Backwerk  und  zur  Herstellung  von  Likören  und
Konditorwaren  (überzogener  oder  kandierter  K.)
benutzt.  Das  durch  Destillation  mit  Wasser  gewonnene ­
  blaßgelbe,  ätherische  Öl  der  Früchte,
das  Korianderöl  (lat.  Oleum  coriandri,  frz.
Essence  de  coriandre,  engl.  Oil  of  coriander)  hat
ein  spez.  Gew.  von  0,870—0,885  bei  15  0  C,  ist
rechtsdrehend  und  wird  zur  Herstellung  von  Likören ­
  und  zum  Parfümieren  von  Kräuterseifen
benutzt.
Kork  (Pantoffelholz,  lat.  Suber,  frz.  Liöge,
engl.  Cork)  nennt  man  das  eigentümliche  -.  Gewebe, ­
  das  in  der  Rinde  vieler  Gewächsq'' 1  mit
zunehmendem  Alter  an  die  Stelle  der  Epidermis
tritt  und  durch  vielfach  wiederholte  Querteilung
der  unter  der  Oberfläche  liegenden  Zellen  entsteht. ­
  Es  setzt  sich  aus  lückenlos  aneinander-  ‘
gefügten  Zellen  von  meist  rechtwinkliger  Form
zusammen,  die  mit  Luft  gefüllt  sind,  und  deren
Wandungen  von  einem  Umwandlungsprodukt
der  Zellulose,  dem  für  Wasser  und  Gase  schwer
durchlässigen  Korkstoff  (Suberin)  gebildet  werden. ­
  Der  letztere  enthält  neben  Fetten  besonders ­
  einen  wachsartigen  Körper,  das  Korkwachs
oder  Cerin,  In  technisch  verwertbarer  Menge
findet  sich  der  K.  nur  bei  der  Korkeiche,
deren  Rinde  schon  im  Altertum  zu  denselben
Zwecken  benutzt  wurde  wie  heute.  Diese  in  den
westlichen  Mittelmeerländern  heimische  Eiche
kommt  in  zwei  Arten,  Quercus  suber  und  Q.
occidentalis,  vor,  von  denen  die  erstere  den
besseren  Kork  liefert.  Der  immergrüne  Baum
wächst  auf  trockenen  Anhöhen  in  lichtem  Stand
und  bildet  kleinere  oder  größere  Wälder,  besonders ­
  in  Spanien,  Portugal,  Algier  und  Tunis.
Auch  in  den  bergigen  Teilen  Südfrankreichs,  und
auf  Korsika  findet  sich  die  Korkeiche.  Die  in
Mittelitalien  und  der  Provence  vorkommende  Abart, ­
  Quercus  Pseudo-Suber,  liefert  nur  K.
geringerer  Güte.  Sobald  die  Bäume  bei  einem
Alter  von  15—20  Jahren  20—30  cm  dick  gewor ­
        <pb n="229" />
        Kork

224

Kork

den  sind,  wird  zunächst  die  obere  harte  Schicht,
der,sog.  männliche  Kork  (Liöge  male),  in  der
Weise  entfernt,  daß  die  noch  teilungsfähige,  korkbildende ­
  Schicht  (Mutterkork)  erhalten  bleibt.
Sie  bildet  eine  neue  Lage  von  elastischem  weiblichen ­
  K.  (Lihge  femelle),  die  nach  Verlauf
von  etwa  zehn  Jahren  abgeschält  werden  kann.
Sie  ist  zwar  weniger  rissig  als  der  männliche  K.,
gibt  aber  noch  keine  besonders  gute  Korkmasse.
Eine  brauchbare  Handelsware  wird  vielmehr  erst
bei  der  dritten  Schälung  erhalten,  und  von  da
an  verfeinert  sich  die  Güte  beständig,  bis  der
Baum  ein  Alter  von  100—150  Jahren  erreicht
hat.  Die  losgelösten,  mehr  oder  weniger  gebogenen, ­
  S—20  cm  dicken  Korkplatten  werden
nach  oberflächlichem  Abputzen  in  heißem  odei
kaltem  Wasser  erweicht,  darauf  durch  Beschweren
mit  Steinen  flach  gedrückt  und  an  der  Luft  getrocknet. ­
  In  manchen  Gegenden  Spaniens  zieht
man  die  Korkschwarten  auch  wohl  durch  Flamraenfeuer,
  wodurch  die  Masse  innerlich  gebräunt  und
äußerlich  angesengt  wird.  Hiermit  soll  durch
Schließung  der  Poren  und  Abhaltung  vonWurmfraß
  eine  Verbesserung  verbunden  sein,  doch
wird  dadurch  bisweilen  auch  eine  schlechte  Beschaffenheit ­
  verdeckt.  —  Der  K.,  der  um  so
höher  geschätzt  wird,  je  feiner  und  gleichmäßiger ­
  er  ist  und  je  weniger  Risse  und  Hohlräume ­
  er  zeigt,  enthält  neben  75  %  Suberin  etwa
4—S  °/o  Wasser,  0,3—0,5  %  einer  manganreichen
Asche  und  geringe  Mengen  von  Stickstoffsubstanz, ­
  Cerin,  Gerbsäure,  Phlorogluzin  usw.  Sein
spez.  Gew.  beträgt  0,12—0,15.  —  Von  den  zahlreichen ­
  Handelssorten  wird  der  helle,  weiche
andalusische  und  der  härtere,  rötliche  katatonische ­
  K.  besonders  geschätzt.  An  zweiter'Stelle
sind  die  französischen  und  die  sehr  großen  Erträge ­
  Algiers  (5  Mill.Kilogramm  jährlich,  allein  in
der  Provinz  Constantine  400000  ha  bebaut)  zu  nennen, ­
  während  die  Zufuhren  aus  Korsika,  Italien,
Sizilien  und  die  sehr  minderwertigen  Sorten  aus
Istrien  und  Dalmatien  nicht  als  Flaschenkorke,
sondern  nur  als  Fischerkorke  (Schwimmkorke)
benutzt  werden  können.  —■  Die  Hauptverwendung ­
  findet  der  K.  zu  Korkstopfen  (Stöpseln,
Pfropfen,  lat.  Subera,  frz.  Bouchons,  engl.Corks),
die  früher  aus  den  Ursprungsländern,  besonders
Spanien,  fertig  geschnitten  zu  uns  kamen,  jetzt
aber  in  steigendem  Maße  aus  eingeführten  Platten ­
  in  England,  Frankreich  (Bordeaux)  und
Deutschland  geschnitten  werden.  Hauptort  der
deutschen  Korkschneiderei  ist  Delmenhorst  in
Oldenburg,  daneben  gibt  es  in  Bremen,  Sachsen
(Raschau  bei  Schwarzenberg),  Thüringen  und
Wien  bedeutende  Fabriken.  Das  Schneiden  erfolgt ­
  entweder,  wie  bei  der  feineren  Ware,  mit
der  Hand,  oder  bei  Massenware  mit  iMaschinen.
Beim  Schneiden  mit  der  Hand,  das  teuerere,  aber
wegen  Vermeidung  schadhafter  Stellen  auch
bessere  Ware  liefert  und  vielfach  (bei  Delmenhorst) ­
  als  Heimarbeit  betrieben  wird,  zerlegt
man  die,  wenn  nötig,  in  Wasser  eingeweichten
und  äußerlich  „abgeborkten“  Platten,  indem  man
sie  über  das  festgeklemmte  Messer  hinwegzieht,
in  Streifen  und  letztere  in  Würfel.  Mulmige  und
sonst  fehlerhafte  Stellen  werden  ausgeschnitten,
auch  muß  darauf  geachtet  werden,  daß  die  mit
lockerem  Parenchym  und  Steinzellen  (Lentizellen) ­
  erfüllten  dunklen  Streifen,  den  Stopfen

quer  durchsetzen.  Nur  bei  den  großen  Spunden,  1
bei  denen  dies  nicht  möglich  ist,  verlaufen  diese  I
Streifen  senkrecht.  Das  Rundschneiden  der  Würfel ­
  endlich  erfolgt  in  ähnlicher  Weise,  wie  man  ;
einen  Apfel  schält  und  erfordert  große  Geschick-  j
lichkeit  des  Arbeiters,  der  stündlich  bis  zu  150
Stopfen  fertigstellen  kann.  Alle  mit  der  Hand  1
geschnittenen  Korke  sind  daran  zu  erkennen,  daß
ihr  Querschnitt  nicht  kreisrund,  sondern  schwach
kantig  ist.  Von  den  zahlreichen  Korkschneide-  |
maschinen,  die  das  Fünffache  der  Handarbeit
leisten,  besteht  diejenige  des  Franzosen  Moreau  j
aus  stählernen  Röhren  nach  Art  der  Kork-  |
bohrer,  diejenige  von  Bothius  in  Stockholm
und  von  Köhler  in  Kopenhagen  aus  Abschälmaschinen, ­
  Stückschneidemaschinen,  Rundschneidemaschinen., ­
  Schleifmaschinen,  Sortier-  ■
und  Zählapparaten.  Die  Maschinenkorke  sind  in
der  Regel  kreisrund,  werden  aber  zur  Vortäuschung ­
  der  besseren  Handschnittkorke  bisweilen  '
auch  kantig  geschliffen  und  zur  Verschließung  ]
der  Poren  mit  Korkstaub  eingerieben.  Neben
den  früher  bevorzugten  konischen  („spitzen“),  |
finden  neuerdings  mehr  und  mehr  die  besser  1
schließenden  zylindrischen  („geraden“)  Kor-  j
ken,  besonders  als  „Champagnerkorke“,  Eingang..  1
Als  gebräuchlichste  Handelssorten  sind  anzufüh-  ]
ren:  Spunde  (für  Fässer  und  Glasballone),  |
Stöpsel  (Weinkorke)  und  Medizinstöpsel  oder  j
Mixturkorke  in  etwa  zehn  Nummern.  Als  i
Zeichen  besonderer  Güte  gilt  die  helle  Farbe,  S
hohe  Elastizität  sowie  das  Fehlen  von  Löchern
und  Wurmfraß.  Zu  ihrer  Prüfung  empfiehlt
der  Verband  deutscher  Korkindustrieller  die  in
Wasser  gelegten  Stopfen  einige  Stunden  einem
Druck  von  4—5  Atmosphären  auszusetzen,  wobei  j
nur  die  guten  K.  weiß,  fest  und  glatt  bleiben,
während  die  schlechten  Veränderungen  erleiden.  j
Um  die  Korken  geschmeidig  zu  machen,'wer-  ;
den  sie  entweder  in  kaltem  Wasser  eingeweicht,  1
oder  längere  Zeit  in  feuchter  Luft  auf  150 0  erhitzt, ­
  oder  auch  wohl  mit  wäßrigen  Invertzucker-  j
lösungen  getränkt.  Zur  Erhöhung  der  Ela-  {
stizität  ist  Blefchung  mit  Oxalsäure  oder  Chlor-  1
kalk  und  Schwefelsäure  oder  Kaliumpermanganat
und  Natriumbisulfit  empfohlen  worden.  Durch
Kochen  in  Harzen  und  Ölen  oder  durch  Eintauchen ­
  in  Leimlösung  mit  Zusatz  von  etwas
Tannin  oder  Kaliumdichromat  werden  die  K.
wasserdicht,  durch  Einbringen  in  eine  Lösung
von  Gelatine  und  Glyzerin  und  nachheriges
Überziehen  mit  Paraffin  säurefest.  Die  Wiederverwendung ­
  von  Altkorken  setzt  eine  sorgfältige ­
  Behandlung  mit  Chemikalien  voraus  und
ist  aus  hygienischen  Gründen  durch  die  sächs.
Ministerialverordnung  vom  12.  VIII.  1909  gewissen ­
  Einschränkungen  unterworfen.  —  Neben
den  Stopfen  findet  der  Kork  in  dünnen  Platten
Anwendung  zu  Einlegesohlen,  zu  Korkpapier  für
Zigarettenmundstücke  und  Fluteinlagen,  zu  Atnboßunterlagen,
  zur  Herstellung  profilierter  Gebilde ­
  und  ganzer  Fässer.  Weniger  gute  Stücke
dienen  zur  Herstellung  von  Schwimmern  für
Fischernetze,  Ankerbojen,  Schwimmgürteln  und
Rettungsbooten.  Die  beim  Schneiden  erhaltenen
Korkabfälle,  deren  Menge  bis  zu  65%  des
Rohstoffes  ausmachen,  werden  gemahlen  und
als  Packmaterial,  als  Isoliermittel,  zum  Stopfen
von  Kissen  und  Matratzen  sowie  zur  Herstellung
        <pb n="230" />
        Korkersatz

225

Krähenaugen

von  Korkkohle  (Spanisch  Schwarz)  für
Druckerschwärze  benutzt.  Einen  großen  Aufschwung ­
  hat  neuerdings  die  Erzeugung  von
Linoleum  (s.  d.),  von  Korkstein  und  anderen
Fußbodenbelägen  genommen.  Sie  bestehen  in
der  Regel  aus  Mischungen  von  geröstetem  Korkmehl ­
  mit  Kalk,  Ton,  Gips  oder  Zement,  bisweilen ­
  auch  unter  Zusatz  organischer  Bindemittel ­
  wie  Pech,  Teer,  Asphalt  u.  dgl.  Kamptulikon
  (Kdrtizin)  ist  ein  zu  Platten  gewalztes
Gemisch  von  Korkmehl  mit  Kautschuk,  Guttapercha ­
  oder  eingedicktem  Leinöl.  —•  Die  Gesamteinfuhr ­
  an  Korkholz  nach  Deutschland  betrug
1912  mehr  als  206  000  dz  im  Werte  von  über
10  Millionen  M.,  die  Einfuhr  an  Korkstopfen
und  -waren  18  000  dz  (5  Mill.  M.),  die  Ausfuhr
60  000  dz  (4,8  Mill.  M.).
Kerkersatz  oder  Kunstkork  wird  aus  Korkmehl ­
  unter  Zusatz  von  Bindemitteln  wie  Nitrozellulose, ­
  Kasein,  _  Eiweiß,  Kollodium,  Viskose,
Glyzerin,  Mineralöl,  Kalk  und  Borsäure  hergestellt; ­
  doch  scheint  nur  der  Suberit,  ein  Erzeugnis ­
  aus  Korkmehl,  Nitroglyzerin  und  Rizinusöl, ­
  praktische  Bedeutung  erlangt  zu  haben.
Als  ziemlich  brauchbar  soll  sich  auch  das  durch
Einwirkung  von  Azetylen  auf  Kupfer-  oder  Nickeloxyd ­
  hergestellte  Kupren  erwiesen  haben,  das
wahrscheinlich  aus  kupferhaltigeji  Kohlenwasserstoffen ­
  besteht.  Für  gewisse  Zwecke,  z.  B.  die
Herstellung  von  Linoleum,  hat  man  auch  die
Verwendung  von  Holz-  oder  Rindenmehl,  Holunder- ­
  oder  Sonnenblumenmark  und  pulverisierten
Baumschwämmen  empfohlen.  Als  Ersatz  für  Korkstopfen ­
  können  sie  nicht  in  Betracht  kommen.
Kornit  ist  ein  aus  gepulverten  Hornabfällen
durch  Pressen  hergestelltes  Ersatzmittel  für  Horn.
Kornutin,  das  rein  dargestellte  Alkaloid  des
Mutterkorns  (s.  d.),  ein  braungelbes,  in  Wasser
schwer  lösliches  Pulver,  wird  an  Stelle  des
Mutterkorns  verordnet.
Koromandelholz  (Calamanderholz),  ein  dem
Ebenholz  ähnliches  Nutzholz  von  der  Insel  Zeylon,
  stammt  von  Diospyros  hirsuta.
Kcrund,  ein  aus  reiner  Tonerde  bestehendes
Mineral,  bildet  in  durchsichtigen  und  gut  kristallisierbaren
  Stücken  schöne  Schmucksteine,  die  an
Wert  dem  Diamant  nahekommen.  (S.  Rubin
und  Saphir.)  Die  unrein  gefärbten,  undurchsichtigen ­
  oder  derben  Arten.,  besonders  der
gemeine  Korund,  der  Diamantspat  und  der
Schmirgel  (s.  d.),  finden  wegen  ihrer  hohen
Härte  als  Schleifpulver  Verwendung.
Koschenille  (Cochenille,  lat.  Coccionella,
frz.  Cochenille,  engl.  Cochineal)  besteht  aus
den  getrockneten  Weibchen  der  Nopalschildlaus ­
  (Coccus  cacti),  die  ihre  Nahrung  von
verschiedenen  Kakteen  bezieht  und  in  Mexiko,
Mittelamerika  u.  a.  O.  in  besonderen  Anpflanzungen ­
  gezüchtet  wird.  Sobald  die  Weibchen  befruchtet ­
  und  dadurch  bis  zu  Erbsengroße  angeschwollen ­
  sind,  werden  sie  auf  untergelegte
Tücher  oder  Schüsseln  abgestrichen,  durch
feuchte  oder  trockene  Hitze  getötet  und  getrocknet. ­
  Der  purpurrote  Saft  der  lebenden  Tiere
besteht  aus  ^iner  farblosen  Flüssigkeit,  in  welcher ­
  der  Farbstoff  in  Gestalt  winziger  Körnchen
schwimmt.  Da  die  Generationszeit  nur  sechs
Wochen  dauert,  kann  man  bis  zu  fünf  Ernten
Aachen,  beschränkt  sich  aber  meist  auf  drei,  in
Merck*  Warenlexikon.

Spanien,  Algier  und  Teneriffa  auf  zwei  Ernten,
Je  nach  der  Art  der.  Gewinnung  erhält  man  verschiedene ­
  Sorten:  eine  silbergraue  mit  der  natürlichen ­
  Rückenbestäubung  (Silberkoschenille),
wenn  die  Tiere  durch  Dämpfe  getötet  und  an  der
Sonne  getrocknet  wurden;  eine  dunkelbraunrote ­
  bis  schwarze,  wenn  man  die  Tiere  in
heißes  Wasser  tauchte  und  bei  künstlicherWärme
im  Ofen  trocknete.  Eine  geringwertigere  Sorte
aus  kleinen,  wilden  Schildläusen  wird  als  Waldkoschenille ­
  (Granilla)  bezeichnet.  Öie  beste
Kultursorte,  Zaccatilla,  stammt  aus  Honduras
(schwarze  Honduras),  dann  folgen  die  mexikanische ­
  (Verakruz),  die  graue  Honduras  und
graue  Mexiko.  Zum  Schluß  folgt  Teneriffa
mit  guter  grauer  und  schwarzer  Ware  sowie  die
ähnliche  spanische  und  geringe  javanische  Sorte.
Auch  der  beim  Sieben  abfallende  Koschenillestaub ­
  hat  noch  einen  geringen  Handelswert.  Als
Verfälschung  sind  Zusätze  mineralischer,  mit  Klebstoffen ­
  an  den  Tieren  befestigter  Beschwerungsmittel ­
  bis  zu  50  %  beobachtet  worden.  Der  wertbestimmende ­
  Farbstoff  ist  der  Karmin  (s.  d.).
Kosmetische  Mittel.  Unter  dieser  Bezeichnung ­
  versteht  man  die  große  Anzahl  von  Mitteln,
die  zur  Reinigung,  Pflege  oder  Färbung  der
Haut,  des  Haares  oder  der  Mundhöhle  benutzt
werden.  Zu  ihrer  Herstellung  ist  die  Verwendung ­
  gesundheitsschädlicher  Farben  (s,  d.)  verboten. ­
  Zugelassen  sind:  Schwefelsaures  Barium
(Schwerspat,  blanc  fixe),  Schwefelkadmium,
Chromoxyd,  Zinnober,  Zinkoxyd,  Zinnoxyd,  Schwe
fclzink,  Kupfer,  Zinn,  Zink  in  Form  von  Puder.
Die  Besprechung  ist  bei  den  einzelnen  Gegenständen ­
  erfolgt.
Kosmin,  ein  mit  großer  Reklame  in  den  Verkehr ­
  gebrachtes  Mundwasser,  besteht  aus  Spiritus, ­
  Pfefferminzöl,  Formalin  und  etwas  roter
Farbe,  ist  aber  frei  von  Salizylsäure  und  Mineralstoffen. ­

Kotorinde  (lat.  Cortex  coto,  frz.  Ecorce  de
coto,  engl.  Coto  bark),  eine  seit  1873  im  Drogenhandel ­
  vorkommende  Baumrinde  der  Laurazee
Drimys  granatensis,  kommt  aus  Bolivia  und  wird
als  ausgezeichnetes  Mittel  gegen  Diarrhöe  angewandt. ­
  Die  0,2—0,3  m  langen,  auch  kürzeren,
flachen  oder  kaum  gewölbten  Stücke  von  verschiedener ­
  Dicke  besitzen  eine  rötlichzimtbraune ­
  Farbe,  sehr  aromatischen,  an  Kardamomen ­
  und  Kajeput  erinnernden  Geruch  und
aromatischen,  zugleich  beißenden  und  schwach
bitteren  Geschmack.  Als  wirksame  Bestandteile
sind  neben  ätherischem  Öl  die  Alkaloide  Kotoin,
Dikotoin  und  Phenylkumalin  zugegen.  Eine  ganz
ähnlich  wirkende  Rinde  von  abweichendem  Aussehen ­
  aus  Para  in  Brasilien  (Cortex  Paracoto)  enthält ­
  die  Alkaloide  Parakotoin,  Leukotin,  Oxyleukotin,
  Hydrokotoin,  Methylprotokotoin  und  Piperonylsäure.

Krähenaugen  (Brechnüsse,  lat.  Nuces  vomi
cae  seu  Semen  strychni,  frz.  Noix  vomique,  engl.
Nux  vomica,  Seeds  of  strychnos),  die  Samen  des
ostindischen  Krähenaugenbaumes,  Strychnos
  nux  vomica,  bilden  glatte,  am  Rande  etwas
verdickte  und  abgerundete  Scheiben  von  gelb
Hellgrauer  Farbe,  die  auf  der  einen  Seite  mit
einer  kleinen  Erhabenheit,  auf  der  anderen  mit
einer  kleinen  Vertiefung  versehen  und  mit  außerordentlich ­
  zarten,  angedrückten  Haaren  besetzt
15
        <pb n="231" />
        Kräuter

226

Krauseminze

sind.  Das  Innere  ist  grauweiß,  hornartig,  sehr
zähe  und  schwer  zu  pulvern.  Von  den  drei
Handelssorten  Bombay-,  Köchin-  und  Madras-K.
zeigt  die  Bombaysorte  die  seidenartige  Beschaffenheit ­
  der  Oberfläche  am  deutlichsten,  Madras  am
wenigsten.  Die  intensiv  bitter  schmeckenden  K.
enthalten  die  Alkaloide  Strychnin,  Bruzin  und
das  noch  nicht  genügend  untersuchte  Igasurin.
Im  Kleinhandel  .dürfen  sie  nicht  verkauft  werden.
Kräuter  (lat.Herbae)  nennt  man  in  der  Drogenkunde ­
  ein-  oder  zweijährige  w.ld  wachsende,  durch
Kundige  gesammelte  Gewürz-  oder  Arzneipflanzen ­
  von  .niedrigem  Wachstum  oder  auch  in  Gärtnereien ­
  gezogene  Küchen-  und  Garten-,  Farbund
  Futterpflanzen.  In  den  Handel  kommen  besonders ­
  die  Küchen-,  Gewürz-  und  Arzneikräuter.
Das  Sammeln  der  wild  wachsenden  Kräuter  erfordert ­
  genaue  Kenntnisse,  vor  allem  die  sorgsame ­
  Scheidung  der  giftigen  von  den  nicht  giftigen, ­
  da  der  Handel  scharfer  Kontrolle  unterliegt.
Die  Sammler  bringen  die  Ware  direkt  an  die
Großhandlungen  oder  Apotheker  und  Drogisten,
während  die  Gärtner  auf  Bestellung  und  nach
Verzeichnissen  mit  Preisangaben  liefern.  Zur
Aufbewahrung  dienen  in  luftigen  Räumen  aufgestellte ­
  Säcke,  leichte  Fässer  oder  Kisten,  da
sich  im  feuchten  Raume  Schimmel  bildet,  welcher ­
  die  Waren  wertlos  macht.  Die  Thüringer
Lande  und  die  Gebirgsgegenden  sind  die  besten
Bezugsquellen.  Besonders  die  Umgebungen  von
Erfurt  und  Gotha  zeichnen  sich  durch  ausgedehnten ­
  Kräuteranbau  und  -handel  aus.
Kräuterkäse  (grüner  Käse)  ist  ein  fettarmer,
aus  gereiftem  Zieger  unter  Zusatz  reichlicher
Mengen  von  gepulvertem  Steinklee  (Melüotus),  sog.
Käsepülver,  hergestellter  Käse,  der  entweder
in  Kegelform  als  Reibkäse  (Glarner  Schabzieger)
oder  in  ziegelförmigen,  mit  dem  Messer  noch
schneidbaren  Stücken  (bayrisches  und  württembergisches
  Allgäu)  in  den  Handel  kommt.  Er
enthält  neben  37—47%  Wasser  6,6—20%  Fett
und  34—46%  Stickstoffsubstanzen,  die  zum  Teil
in  lösliche  Form  (Amide)  übergegangen  sind.
Der  während  des  Krieges  beobachtete  Versuch, ­
  zur  Umgehung  der  Höchstpreise  gewöhnlichen, ­
  mit  etwas  Kümmel  und  Paprika  gewürzten
Quark  als  K.  zu  vertreiben,  ist  von  den  Dresdner
Gerichten  als  unzulässig  bezeichnet  worden.
Krappwurzel  (Färberröte,  lat.  Radix  rubiae
tinctorum,  frz.  Garance,  engl.  Madder),  die  gepulverte ­
  Wurzel  der  Rubiazee  Rubia  tinctorum, ­
  war  bis  vor  wenigen  Jahrzehnten  neben
dem  Indigo  der  wichtigste  Pflanzenfarbstoff  und
schon  im  Altertum  bei  Griechen,  Römern  und
Orientalen  im  Gebrauch,  hat  aber  seit  der  Entdeckung ­
  des  künstlichen  Alizarins  (s.  d.)  immer
mehr  an  Bedeutung  verloren.  Die  unserem  Waldmeister ­
  verwandte  Pflanze  ist  im  Orient  heimisch, ­
  wurde  aber  später  in  Europa,  besonders
in  Frankreich,  in  großem  Maßstabe  angebaut,
bis  der  Aufschwung  der  Alizarinindustrie  den
Anbau  unlohnend  machte.  Die  Pflanze  treibt
ziemlich  lange  Wurzeln,  die  mühsam  gegraben
und  dann  nach  Entfernung  der  anhängenden
Erde  erst  an  der  Luft  und  schließlich  in  Trockenstuben ­
  soweit  getrocknet  werden,  daß  sie  beim
Biegen  kurz  durchbrechen.  In  Form  ganzer
Wurzeln  kommt  nur  der  ohne  künstliche  Wärme
getrocknete  orientalische  K.  (Lizari,  Alizari)

in  den  Handel,  während  die  abendländische
Ware  entweder  zu  einem  groben  Pulver  vermahlen ­
  wird  oder  einer  weiteren  Verarbeitung
zu  verschiedenen  Farbstoffen  unterliegt.  Dieknotigen,
  mit  feinen  Haaren  besetzten  Wurzeln;
sind  von  einer  braunroten,  längsrunzeligen  Oberhaut ­
  mit  leicht  ablösbarer  Korkschicht  umgeben.
Darunter  liegt  die  eigentliche  dunkelbraune  Rinde,
die  einen  bitteren,  rötlichgelben  bis  roten  Holzkern ­
  einschließt  und  neben  letzterem  den  Sitz
des  Farbstoffs,  der  Ruberythrinsäure,  bildet..
Zur  Herstellung  der  besten  Handelssorten  wird
daher  die  Oberhaut  mit  den  Saugwurzeln  durch
Dreschen  möglichst  entfernt  und  der  gereinigte
Rückstand  durch  Mühlsteine  oder  Stampfwerke
pulverisiert.  Diese  Ware  führt  den  Namen  beraubter ­
  K.,  im  Gegensatz  zu  dem  minderwertigen, ­
  mit  Oberhaut  und  Wurzelfasern  vermahlenen
  unberaubten  K.  Der  bei  Gewinnung  des.
ersteren  erhaltene  Abfall  wird  ebenfalls  pulverisiert ­
  und  liefert  den  Mullkrapp  (Mull,,
Körte,  Krappklein),  ein  braunes  Pulver,  das.
nur  zum  Braun-  und  Schwarzfärben  dient.  Zu
Färbereizwecken  wird  das  Krappulver  nur
selten  frisch  verbraucht,  sondern  meist  vorher
2—3  Jahre  in  Fässern,  fest  eingestampft,  aufbewahrt, ­
  wobei  sich  durch  eine  Gärung  das;
Färbevermögen  entwickelt.  Bei  noch  längerer
Aufbewahrung  nimmt  letzteres  wieder  ab  und
verschwindet  schließlich  vollständig.  Das  Färben ­
  mit  K.  erfolgt  in  gleicher  Weise  wie  mit
seinem  rein  dargestellten  Farbstoff,  dem  Alizarin,
  von  dem  es  sich  nur  durch  den  Gehalt  an.
Purpur  in  unterscheidet.  Man  hat  aber  zur  Erleichterung ­
  der  Färbung  eine  Reihe  von  Zubereitungen ­
  hergestellt,  welche  durch  Entfernung ­
  verunreinigender  Beimengungen  und  Umwandlung ­
  der  Ruberythrinsäure  reinere  und
intensivere  Töne  ergeben.  Garanzin  oder
Krappkohle  entsteht  bei  der  Behandlung  von.
K.  mit  heißer  konzentrierter  Schwefelsäure,  wobei ­
  die  meisten  organischen  Stoffe,  mit  Ausnahme ­
  des  Alizarins,  zerstört  werden  und  der
reine  Farbstoff  zurückbleibt.  Durch  ähnliche
Verarbeitung  teilweise  ausgebrauchter  Krappreste ­
  erhält  man  das  Garanceux,  durch  eine
Vergärung  des  mit  warmem  Wasser  angerührten ­
  K.  die  sog.  Krappblumen.
Kraterschlangen  (Choleramännchen)  nennt
man  einen  als  Kinderspielzeug  oder  „Scherzartikel“ ­
  verkauften  Gegenstand,  der  wegen  seiner
bedenklichen  Eigenschaften  mehrfach  die  Gerichte ­
  beschäftigt  hat.  Das  Spielzeug  besteht
aus  Tonfiguren  in  Form  von  Menschen  oder
Tieren,  in  deren  Leibesöffnungen  Patronen  aus
Rhodanquecksilber  eingeführt  werden,  die  sich
beim  Anzünden  wurstartig  aufblähen  (Pharaoschlangen).
  Da  hierbei  giftige  Dämpfe  von
Quecksilber,  schwefliger  Säure  und  Blausäure
entstehen,  ist  der  Verkauf  nach  §  12  des  Nahrungsmittelgesetzes ­
  strafbar.
Krauseminze  (lat.  Folia  seu  Plerba  menthae
crispae,  frz.  Feuille,  Herbe  de  menthe  cröpue,
engl.  Curled  mint  leaves),  das  bekannte,  zu  den
Lippenblütlern  gehörige  aromatische  Kraut,
das  in  Gärten  vorkommt  und  vielfach  auf  Feh
dem  angebaut  wird,  ist  durch  Züchtung  aus
wilden  Minzen,  entweder  der  Bachminzc
(Mentha  aquatica),  oder  der  Waldminze  (M--
        <pb n="232" />
        Krebsaugen

227

Kreide

silvestris)  entstanden.  Der  Anbau  der  K.  geschieht ­
  in  Deutschland  besonders  in  Thüringen
und  im  Harz,  ferner  in  Ungarn  und  Amerika.
Die  für  den  offizinellen  Gebrauch  bestimmten
Blätter  werden  vor  der  Blüte  gesammelt  und
getrocknet  in  den  Handel  gebracht.  Sie  dienen
zur  Herstellung  von  Aufgüssen,  die  innerlich  als
erwärmendes  magenstärkendes  Mittel,  äußerlich
zu  Bädern  und  Umschlägen  Verwendung  finden.
Außerdem  bereitet  man  aus  ihnen  ein  destilliertes ­
  K.-Wasser  (lat.  Aqua  menthae  crispae,
frz.  Eaü  de  menthe  cröpue,  engl.  Curled  mint
water),  den  Krauseminzgeist,  und  ein  ätherisches ­
  Öl,  welches  der  riechende  und  schmeckende
Bestandteil  der  Pflanze  ist.  Das  Krauseminzöl
(lat.  Oleum  menthae  crispae,  frz.  Essence  de
menthe  cröpue,  engl.  Oil  of  spearmint)  wird
durch  Destillation  .mit  Wasser  abgetrieben.  Es
hat  eine  .gelbliche  oder  grünliche  Farbe  und
dünnflüssige  Konsistenz,  .wird  aber  mit  der  Zeit
bräunlich  und  dick.  Geruch  und  Geschmack  des
Öls  sind  schwächer  als  bei  dem  Pfefferminzöl
und  auch  .von  diesem  verschieden,  aber  lieblich.
Das  rektifizierte  Krauseminzöl  hat  bei  15 0  C  ein
spez.  Gew.  von  0,92p—0,940  und  enthält  neben
Terpenen  (Limonen  und  Pinen)  erhebliche  Mengen ­
  linksdrehendes  Karvon.  Es  wird  zu  Parfümerien ­
  und  Likören  sowie  medizinisch  benutzt.
Krebsaugen  {Krebssteine,  lat.  Lapis  cancrorum,
  frz.  Oeil  d’öcrevisse,  engl.  Crabs  eye)  nennt
man  die  steinigen,  weißen  oder  gelblichen  Körperchen, ­
  die  sich  zwischen  den  Magenhäuten
des  Flußkrebses  bilden  und  bei  der  Häutung
ausgeworfen  werden.  Sie  sind  linsengroß  oder
größer,  auf  einer  Seite  konvex,  auf  der  anderen
konkav  wie  ein  Näpfchen  und  bestehen  aus
kohlensaurem  und  phosphorsaurem  Kalk  nebst
Gallerte,  die  beim  Auflösen  der  Sternchen  in
Salzsäure  zurückbleibt  und  die  ursprüngliche
Form  beibehält.  Man  bezieht  sie  aus  Südrußland ­
  und  Galizien  und  führt  sie  in  Apotheken
und  Drogenhandlungen  als  Volksmittel,  um  Staub
oder  andere  Körner,  die  in  die  Augen  geraten
sind,  aus  diesen  zu  entfernen.
Krebsbutter,  ein  gelblichrotes  Fett,  wird  in
Delikatessenhandlungen  in  l /i-  Vs  und  V4'D° sen
verkauft  und  als  Zusatz  zu  Suppen  und  Speisen
verwandt.  Zur  Bereitung  von  K.  werden  grob
zerstoßene  rote  Krebsschalen  kurze  Zeit  mit
Butter  gelinde  gekocht,  wobei  letztere  Farbe,
Geruch  und  Geschmack  der  Krebsschalen  annimmt. ­
  Früher  häufiger  beobachtete  Verfälschungen ­
  aus  Margarine  und  Teerfarben  sind
durch  die  Nahrungsmittelkontrolle  aus  dem  Handel ­
  verdrängt  worden.
Krebse  (Flußkrebse,  frz.  Ecrevisses,  engl,
Grabs)  sind  nicht  nur  ein  Gegenstand  des  örtlichen, ­
  Handels,  sondern  werden  oft  weithin  versandt; ­
  gerade  die  besten  und  größten  bei  uns
v °rkommenden  K.,  die  Spreekrebse,  gehen  in
Menge  nach  Frankreich.  Die  Schonzeit  der  K.,
deren  wissenschaftlicher  Name  Astacus  fluv
  i  a  t  il  i  s  ist,  reicht  in  den  meisten  deutschen
Ländern  vom  1.  November  bis  31.  Mai  des  nächsten ­
  Jahres.  Während  dieser  Zeit  dürfen  sie
weder  gefangen  noch  feilgeboten  werden.  Mit
Eiern  versehene  weibliche  K.  dürfen  auch  außerhalb ­
  dieser  Zeit  nicht  verkauft  werden,  sondern
müssen,  wenn  sie  gefangen  wurden,  sofort  wieder

ins  Wasser  gesetzt  werden.  Durch  eine  in  vielen
Gegenden  Deutschlands  seit  einigen  Jahren  plötzlich ­
  aufgetauchte  Krankheit,  die  Krebspest,  haben
viele  Krebszüchter  großen  Schaden  erlitten.  Eingemachte ­
  Krebsschwänze  sind  ein  Artikel  des
Delikatessenhandels.  Die  Verwendung  von  Borsäure ­
  zu  ihrer  Konservierung  ist  in  letzter  Zeit
mehrfach  beanstandet  worden  und  sollte  unter
allen  Umständen  gekennzeichnet  werden.  Über
Seekrebse  s.  Hummer.
Krefeider  Sprudel  besitzt  nach  der  Analyse
von  R.  Fresenius  und  Plintz  vom  Jahre  1896
folgende  Zusammensetzung  für  1000  Gewichtsteile ­
  :  0,0023  g  Kalziumbikarbonat,  0,4527  g  Magnesiumbikarbonat, ­
  0,0113  g  Ferrobikarbonat,
o,ooot  g  Manganbikarbonat,  0,0954  g  Chlorkalium,
6,8492  g  Chlornatrium,  0,0049  g  Chlorli.hium,
0,0125  g  Chlorammonium,  0,0075  g  Chlorbarium,
0,0061  g  Chlorstrontium,  0,2859  S  Chlorkalzium,
0,0069  g  Bromnatrium,  0,0003  g  Jodnatrium,
0,0003  g  Natriumphosphat,  0,0127  g  Natriumborat,
0,0029  g  Natriumnitrat,  0,0099  g  Kieselsäure  und
0,0148  g  freie  Kohlensäure.
Kreide  (lat.  Creta,  frz.  Craie,  engl.  Chalk)  besteht ­
  in  chemischer  Hinsicht  aus  einem  durch
Ton  und  Kieselsäure  mehr  oder  weniger  verunreinigten ­
  kohlensauren  Kalk,  CaCOs,  und
ähnelt  insofern  einem  weichen  erdigen  Kalkstein,
von  dem  sie  sich  aber  dadurch  unterscheidet,
daß  sie  als  Ablagerung  alter  Meere  aus  '  den
Kalkgehäusen  mikroskopischer  Weichtiere  (Polythalamien,
  Foraminiferen)  und  den  Kieselpanzern ­
  von  Infusorien  und  Algen  zusammengesetzt ­
  wird.  Sie  bildet  oft  mächtige  Lager  und
ganze  Plöhenzüge,  und  vor  allem  die  Küsten
Englands,  Dänemarks  und  Norddeutschlands
(Insel  Rügen)  bestehen  zum  großen  Teil  aus
diesem  Mineral.  Auch  Frankreich  hat  große
Lager  in  der  Champagne,  bei  Rouen,  Paris  sowie
an  der  Nordküste.  Für  den  deutschen  Bedarf
dient  besonders  die  über  Stettin  kommende  K.
von  Rügen,  die  teils  in  Stücken,  wie  sie  bricht,
teils  pulverförmig  im  geschlämmten  Zustande
(Schlämmkreide)  in  den  Handel  gelangt.  Als
Schreibkreide  werden  meist  aus  Schlämmkreide
geformte  zylindrische  oder  vierkantige  Stifte,
gewöhnlich  mit  papiernem  Überzüge,  benutzt.
Der  Verbrauch  von  K.,  besonders  geschlämmter,
ist  sehr  bedeutend  und  mannigfaltig.  Man  verwendet ­
  sie  für  sich  allein,  wie  im  Gemisch  mit
anderen  Farbstoffen  zu  Anstrichen,  und  zwar
meist  als  Leimfarbe;  ferner  dient  sie  als  sog.
Leim-  oder  Kreidegrund  zur  Unterlage  von  Vergoldungen ­
  und  Lackfarbenanstrichen,  zu  Kitten,
Kreidepapier,  als  Grundmasse  zu  Schüttgelb  usw.
Auch  in  der  chemischen  Großindustrie  wird  K.
gebraucht,  besonders  bei  der  Glasbereitung,  in
den  Färbereien  und  zur  Entwicklung  von  Kohlensäure. ­
  Feine,  mehrmals  geschlämmte  K.  dient
zum  Putzen  von  Silbergeschirr.  —  Bologneser
K.  ist  eine  sehr  leichte  und  feine  Masse,  die
in  Stücken  von  der  Form  und  Größe  von  Backsteinen ­
  versandt  wird,  ähnlich  die  Champagner-K.
  —  Außerdem  führen  im  Handel  noch  einige
andere,  nicht  aus  kohlensaurem  Kalk  bestehende
Minerale  den  Namen  K.  Die  zur  Entfernung  von
Flecken  dienende  sog.  spanische  (venezianische, ­
  Briangoner)  K.  ist  eine  Art  Speckstein
(s.  d.),  gelbe  und  rote  K.  nennt  man  zuweilen
        <pb n="233" />
        Kreolin

228

Kreuzbeeren

den  gelben  Ocker  und  den  Rötel.  Schwarze
K.  (frz.  Crayon  noir)  ist  eine  feinmassige,  durch
Kohlenstoff  schwarz  gefärbte  Art  Tonschiefer,
der  in  der  Mineralogie  den  Namen  Zeichenschiefer ­
  führt  und  auf  dem  Längsbruch  schiefrig, ­
  im  Querbruche  feinerdig  und  bald  gräulich,
bald  bläulichschwarz  erscheint.  Sie  findet  sich
unter  anderem  bei  Ludwigsstadt  im  Fichtelgebirge, ­
  um  Nürnberg,  Osnabrück,  in  Frankreich, ­
  Spanien,  am  schönsten  in  Italien.  Aus
den  besseren  Stücken  werden  mit  Spalthammer
und  feinen  Sägen  die  zum  Zeichnen  dienenden
Stängelchen  geformt,  die  von  den  Künstlern  am
höchsten  geschätzt  werden,  aber  zur  Vermeidung ­
  des  Hartwerdens  an  einem  feuchten  Orte
aufbewahrt  werden  müssen.  Zu  den  gewöhnlichen ­
  Stiften  wird  das  Mineral  gepulvert,  geschlämmt ­
  und  mit  Gummiwasser  zu  einem  Teig
angemacht.  Die  hieraus  geformten  runden  oder
vierkantigen,  nach  dem  Trocknen  lackierten
Stifte  (Pariser  Stifte)  färben  wegen  des  Bindemittels ­
  nicht  so  gut  ab.
Kreolin  nennt  man  eine  dunkelbraune,  dickflüssige, ­
  ölige,  der  Karbolsäure  ähnlich  riechende
Flüssigkeit,  die  wie  jene  als  Desinfektionsmittel
Verwendung  findet,  aber  weniger  reizend  auf  die
Haut  wirkt.  Sie  besteht  als  ein  Nebenerzeugnis
der  Karbolsäureherstellung  aus  den  in  Natronlauge ­
  schwer  löslichen  höheren  Phenolen  und
Phenoläthern  des  Teers  sowie  aus  kleineren
Mengen  Pyridinbasen  und  Naphthalin  und  erhält ­
  meist  einen  Zusatz  von  Seife,  um  eine
bessere  Verteilung  in  Wasser  zu  ermöglichen.
Der  Name  ist  der  Firma  Pearson  geschützt.
Kreosol  (Creosol),  nicht  zu  verwechseln  mit
Kresol  (s.  d.),  ein  im  Buchenholzteer  enthaltener
Phenoläther,  C 6 H 3 (CH3)(OCH3)OH,  bildet  eine
farblose,  stark  riechende  Flüssigkeit  vom  Siedepunkt ­
  220°  C.
Kreosot  (lat.  Kreosotum,  frz.  Cröosote,  engl.
Creosote)  ist  eine  aus  dem  Holzteer,  namentlich ­
  dem  Buchenholzteer,  durch  fraktionierte
Destillation  gewonnene  Flüssigkeit  von  starkem,
der  Karbolsäure  ähnlichem  Gerüche  und  brennend ­
  scharfem  Geschmack.  Das  im  frischen  Zustande ­
  farblose,  durch  Einwirkung  von  Licht
und  Luft  bald  gelblich  und  rötlichbraun  werdende ­
  Öl,  das  bei  200—220 0  übergeht,  besteht
der  Hauptmasse  nach  aus  Güajakol  und  Kreosol, ­
  neben  welchen  in  kleinerer  Menge  Kresol,
Methylkresol,  Xylenol  u.  a.  Vorkommen.  Unter
dem  Namen  Kreosotöl  oder  Steinkohlenkreosot ­
  kommt  das  rohe,  schwere  Steinkohlenteeröl ­
  in  den  Handel,  welches  zur  Darstellung
von  Karbolsäure  und  Kresol  sowie  zum  Konservieren ­
  des  Holzes  benutzt  wird.  Außerdem
wird  K.,  besonders  das  Buchenteerkreosot,
als  ausgezeichnetes  Mittel,  z.  B.  gegen  tuberkulöse ­
  Krankheiten,  medizinisch  angewandt.
Kreosotal  (kohlensaures  Kreosot,  lat.
Kreosotum  carbonicum,  frz.  Carbonate  de  creosote,
  engl.  Sodium  Creosote)  entsteht  durch  Einwirkung ­
  von  Chlorkohlenoxyd  auf  Kreosotnatrium
als  ein  gelbes  öl,  das  nur  sehr  wenig  nach
Kreosot  riecht  und  schmeckt,  außerdem  nicht
ätzt  und  daher  mit  Vorteil  als  Ersatz  des  Kreosots ­
  in  der  Medizin  benutzt  wird.
Kresol  (Cresol,  Kresylsäure,  Kresylalkohol),
  eine  dem  Phenol  sehr  ähnliche  und  nahestehende ­

  Verbindung,  C 6 H 4 (CH 3 )OH,  ist  einer  der
HauptbestandteiledesBuchenholzteerkreosots  und
findet  sich  auch  im  Braunkohlen-  und  Steinkohlenteer ­
  neben  Phenol,  von  dem  es  nur  durch  wiederholte ­
  sorgfältige  fraktionierte  Destillation  getrennt ­
  werden  kann  (vgl.  Karbolsäure).  Die
Handelsware,  eine  frisch  bereitet  farblose,  ölige
Flüssigkeit  von  starkem  Kreosotgeruche,  die
an  Licht  und  Luft  bald  braun  wird,  besteht  in
der  Regel  aus  drei  isomeren  Kresolen,  von  denen  das
Orthokresol  bei  188°,  das  Parakresol  bei
19g 0  und  das  Metakresol  bei  201 0  siedet.  Alle
drei  sind  in  reinem  Wasser  unlöslich,  in  ammoniakhaltigem ­
  aber  löslich.  Man  verwendet  das
reine  K.  zur  Darstellung  von  Safransurrogat
(s.  d.),  von  Kresotinsäure  und  Viktoriaorange, ­
  phenolhaltiges  K.  dagegen  zur  Herstellung ­
  von  Korallin  (s.  d.)  und  einigen  anderen
Farben.  Wegen  seiner  das  Phenol  übertreffenden ­
  bakterientötenden  Wirkung  dient  es  zur
Herstellung  von  Desinfektionsmitteln,  wie  Kresolseifen,
  Saprol,  Solveol,  Lysol,  Sanatol.
Kresolrot  (Cresolrot),  ein  zur  Gruppe  der
Azofarben  gehöriger,  seit  1878  im  Handel  vorkommender ­
  Farbstoff,  färbt  Wolle  im  sauren
Bade  rot.
Kresotinsäure  (Parakresotinsäure,  Cresotylsäure,
  lat.  Acidum  cresotinicum,  frz.  Acide
cresotinique,  engl.  Cresotinic  acid),  die  Methylverbindung ­
  der  Salizylsäure,  wird  in  gleicher
Weise  wie  diese  gewonnen,  indem  man  statt  des
Phenolnatriums  das  Kresolnatrium  mit  trockener
Kohlensäure  behandelt.  Sie  ähnelt  in  Aussehen
und  Reaktionen  der  Salizy  lsäure,  ist  aber  schwerer
in  Wasser  löslich  als  'diese,  schmilzt  bei  151°  und
erstarrt  wieder  bei  144°.  Wegen  ihrer  geringen
Nebenwirkungen  wendet  man  sie  an  Stelle  der
Salizylsäure  an.
Kreuzbeeren  (lat.  Baccae  rhamni  catharticae
seu  spinae  cervinae,  frz.  Baies  de  nerprun,  engl.
Buckthorn  berries),  die  Früchte  des  bei  uns  in
Wäldern,  Gebüschen,  Hecken  und  an  Wiesenrändern ­
  wild  wachsenden  Wegdorns  (Kreuzdorn, ­
  Purgierkreuzdorn,  Rhamnus  cathartica),
  besitzen  bei  der  Reife  im  September  und
Oktober  eine  schwarze  Farbe  und  enthalten  nebst
vier  harten  Samenkernen  ein  violettgrünes,  bitter
und  widrig  schmeckendes  Fleisch,  das  abführend
wirkt.  Sie  finden  meist  in  Form  des  Kreuzdornbeerensirups ­
  (lat.  Sirupus  rhamni  catharticae ­
  seu  spinae  cervinae,  frz.  Sirop  de  nerprun,
engl.  Sirup  of  buckthorn),  der  zum  Abführen  in
kleinen  Gaben  genossen  wird,  medizinisch  Anwendung. ­
  —  Im  unreifen,  grünen  Zustande
dienen  die  Beeren  zur  Herstellung  von  Saftoder
  Blasengrün,  das  als  Wasserfarbe  von
Malern  und  Zuckerbäckern  sowie  zum  Färben
von  Papier,  Leder  usw.  benutzt  wird,  jetzt  aber  nur
noch  selten  in  den  Handel  kommt.  Die  Beeren
werden  zu  diesem  Zwecke  zerstoßen,  eine  Woche
lang  der  Gärung  überlassen,  dann  ausgepreßt,
und  der  Saft  unter  Zusatz  von  etwas  Pottasche
oder  Alaun  zur  Honigdicke  eingedunstet.  Hierauf ­
  füllt  man  die  noch  warme  Masse  in  Schweinsblasen ­
  oder  starke  Rindsdärme  und  läßt  sie  anfangs ­
  an  Luft  und  Sonne,  dann  in  künstlicher
Wärme  oder  durch  Hängen  in  einen  Rauchfang
vollends  austrocknen.  Zur  Erzielung  rein  grüner
i  Töne  setzt  man  etwas  Indigolösung,  bisweilen
        <pb n="234" />
        Kreuzblumenkraut

229

Kubeben

auch  arabisches  Gummi  zu.  Das  getrocknete
Saftgrün,  eine  schwarzgrüne,  im  Bruche  glänzende ­
  und  an  den  Kanten  grün  durchscheinende
Masse,  darf 1  weder  feucht  noch  sandig  sein  und
muß  sich  in  Wasser  fast  vollständig  auf  lösen.
—  Die  getrockneten  unreifen  Beeren  können  .zu
den  Gelbbeeren  gezählt  werden,  haben  aber
wenig  Farbstoff  und  werden  meist  durch  die
Früchte  fremder  Rhamnusarten  ersetzt  (s.  Gelbbeeren), ­

Kreuzblumenkraut  (lat.  Herba  polygalae  ama
rae,  frz.  Herbe  de  Polygala  amöre,  engl.  Milkwort)
  besteht  aus  den  getrockneten  Zweigen,
Blättern  und  Wurzeln  einer  kleinen,  fingerhohen,
im  mittleren  und  nördlichen  Europa  wild  wachsenden ­
  ausdauernden  Pflanze  (Polygala  amara),
die  wegen  ihres  Bitterstoffs  medizinische  Anwendung ­
  findet.  Aus  einer  Rosette  von  verkehrt
eiförmigen,  Jederartigen  Wurzelblättern  erheben
sich  mehrere  mit  kleineren  Blättchen  besetzte
Stengel,  die  in  Trauben  die  lippenförmigen,
kornblumen-  oder  hellblauen,  auch  purpurroten,
seltener  weißen  Blütchen  tragen.  In  der  Blütezeit, ­
  Mai  und  Juni,  wird  die  ganze  Pflanze  samt
der  fadendünnen  Wurzel  gesammelt  und  getrocknet. ­
  Sie  wächst  sowohl  auf  Bergen  in
trockenen  Laubwäldern,  als  auf  nassen  Wiesen,
aber  nur  das  Gewächs  von  ersterer  Herkunft
besitzt  den  stark  bitteren  wirksamen  Stoff  und  ist
allein  brauchbar,  weshalb  die  Ware  beim  Einkauf ­
  stets  zu  kosten  ist.  An  dem  Mangel  des
bitteren  Geschmacks  ist  auch  die  beim  Sammeln ­
  wohl  mit  unterlaufende  gemeine  K.  zu
erkennen.  Verwendet  wird  das  Kraut  als  magenstärkendes ­
  Mittel  und  bei  Katarrhen.
Kristallponceau,  ein  in  der  Färberei  benutzter
Teerfarbstoff,  erscheint  in  schönen  braunroten
goldglänzenden  Kristallen,  die  in  Wasser  mit
roter  Farbe  löslich  sind,  und  besteht  aus  dem
Natronsalze  der  Alphanaphtylaminazobetanaphtoldisulfosäure.

Kristallviolett  (Violett  6B,),  ein  in  Wasser
mit  violetter  Farbe  löslicher  Teerfarbstoff,  besteht ­
  aus  der  Chlorwasserstoffverbindung  des
Hexamethylpararosanilins.  Das  metallisch  grünglänzende,
  Kristalle  bildende  K.  dient  zum  Färben ­
  von  Seide,  Wolle  und  Baumwolle.
Krokydoüth  (Tigeraugenstein),  ein  in  plattenförmigen ­
  Stücken  vorkommendes  Mineral  von
graublauer  bis  schwärzlichblauer  Farbe,  ist  ein
Natronelsenoxydulsilikat  und  wird  seit  1882  in
den  Achatschleifereien  zu  Idar  und  Oberstem  als
Schmuckstein  verarbeitet.  Man  findet  ihn  bei
Golling  im  Salzkammergut,  bei  Stavärn  in  Norwegen, ­
  in  Grönland  und  im  Kaplande.
Krotonöl  (Crotonöl,  lat.  Oleum  crotonis,  frz.
Huile  de  croton  Tiglium,  engl.  Croton  oil),  das
fette  Öl  der  bohnengroßen  Samen  mehrerer  ostmdischer,
  baumförmiger  Wolfsmilcharten,  be
1  sonders  Croton  Tiglium  und  Eluteria  (Gra-Oatill-
  oder  Purgierkörner),  kommt  entweder
direkt  von  Zeylon,  Madras,.  Bombay  und  Java,
oder  auf  dem  Umwege  über  England  in  den
Handel.  Das  direkt  eingeführte  Öl  besitzt,  weil
jus  gerösteten  Körnern  heiß  gepreßt,  eine  dunkle
Bernsteinfarbe,  während  in  Deutschland  und
England  durch  kalte  Pressung  ein  helleres  Er-2
 eugnis  erhalten  wird.  K.,  ein  fettes,  dem  Ri-■nnusöl
  an  Konsistenz  ähnliches,  aber  bald  dicker

werdendes  Öl  von  unangenehmem  Geruch  und
anfangs  mildem,  später  brennend  scharfem  Geschmack, ­
  ist  in  dem  doppelten  Volum  absoluten
Alkohols  völlig,  in  90  °/o  igem  Alkohol  nur  teilweise ­
  löslich  und  durch  sein  hohes  spez.  Gew.
0,940—0,960  von  den  übrigen  Fetten  unterschieden. ­
  In  chemischer  Hinsicht  enthält  es
neben  bekannten  Fettsäuren  auch  Tiglinsäure
und  als  wirksame  Bestandteile  Krotonol  und
Harz.  Es  wirkt  auf  Schleim-  und  Oberhaut
ätzend  und  Geschwüre  erregend,  innerlich  als
heftiges  Abführmittel,  in  größeren  Dosen  aber
Erbrechen  erregend  und  giftig.  Zur  mt  dizm  sehen
Verwendung  gelangt  daher  fast  nur  eine  Verdünnung ­
  mit  anderen  Ölen.  K.  wie  auch  die
Samen  und  alle  Abfälle  sind  mit  äußerster
Vorsicht  zu  handhaben,  unter  den  stark  wirkenden
Mitteln  aufzubewahren  und  nur  auf  ärztliche
Verordnung  abzugeben.
Krozein  B  und  3B,  rote  Azofarbstoffe,  die
zum  Färben  von  Wolle  dienen.  Der  erstere
ist  das  Natriumsalz  der  Amidoazobenzolazonaphtoldisulfosäure,
  der  letztere  das  gleiche  Salz
der  entsprechenden  Toluol  Verbindung.
KrozeTnorange  (Brillantorange,  Ponceau
4  GB),  ein  Azofarbstoff  aus  Diazobenzolchlorid
und  ß-Nap'hitol-s  sulfosäure,  der  Wolle  in  saurem
Bade  lichtecht  orange  färbt.
Krozeinscharlach  3B  und  7B,  verschiedene
rote  Teerfarbstoffe,  die  in  der  Weise  hergestellt
werden,  daß  man  Amidoazobenzolmonosulfosäure
oder  die  entsprechenden  Toluidinverbindungen  diazotiert
  und  die  Diazoverbindung  mit  einer  Lösung ­
  von  Naphtolsulfosäure  in  Ammoniak  behandelt. ­
  Krozeinscharlach  3  B  ist  mit  Ponceau
4  Rß  identisch.  Sie  dienen  zum  Färben  vonWolle
im  sauren  Bade  und  von  mit  Anilin  gebeizter
Baumwolle.
Kryolith  (Eisstein,  frz.  Kryolithe,  engl.  Kryolite),
  ein  technisch  außerordentlich  wertvolles  Mineral ­
  von  Arksudfjord  an  der  Südküste  Grönlands,
besteht  aus  eis-  oder  porzellanähnlichen  weißen
Massen  von  blättrig-kristallinischem  Gefüge  und
ist  in  chemischer  Hinsicht  als  eine  Doppelverbindung ­
  von  Fluornatrium-Fluoraluminium,
aNaF.AlFj,  anzusprechen.  Beim  Glühen  oder
Kochen  mit  Kalk  entsteht  neben  unlöslichem
Fluorkalzium  Natriumaluminat,  welches  das  Ausgangsmaterial ­
  zur  Herstellung  von  Tonerde  und
Natriumverbindungen  liefert.  Kocht  man  nämlich ­
  die  Lösung  des  Natriumaluminates  mit  neuen
Kryolithmengen,  so  fällt  reine  Tonerde  aus,  und
Fluornatrium  geht  in  Lösung,  um  dann  durch
Kochen  mit  Kalk  neben  dem  wertlosen  Fluorkalzium ­
  Ätznatron  zu  geben.  Leitet  man  andererseits ­
  in  die  Natriumaluminatlösung  Kohlensäure  ein,
so  erhält  man  in  Lösung  direkt  Soda,  neben  ungelöster ­
  reiner  Tonerde.  Die  letztere  dient  zur
Darstellung/von  Alaun  und  met.  Aluminium.
Ohne  weitere  Vorbereitung  findet  der  K.  in  der
Seifenfabrikation  Anwendung,  die  eine  aus
heißer  Kryolithlösung  und  Kalk  hergestellte
Lauge  direkt  mit  Fetten  versiedet  sowie  auch
zur  Herstellung  von  Milchglas  'und  Email.
Kubeben  (Kubebenpf  eff  er,  Schwanzpf  effer,
  Schwindelkörner,  lat.  Cubebae,  Fructus
cubebae  seu  Piper  caudatum,  frz.  Cubdbes,  engl.
Cubebs)  .  sind  die  nicht  völlig  reifen  Früchte
einer  besonderen  Pfefferart,  Piper  Cubeba,  die.
        <pb n="235" />
        .

wSHi

-

Kümmel

230

Kümmelöl

als  ein  rankender  Strauch  in  Ostindien  und  auf
einigen  zugehörigen  Inseln  wächst  und  namentlich ­
  auf  Java  im  großen  angebaut  wird.  Sie
bilden  schwärzlichgraue,  dem  eigentlichen  Pfeffer
an  Größe  ähnliche  Körner,  die  jedoch  nicht  so
dunkel  gefärbt  und  netzartig  gerunzelt  sind.
Von  ihrem  gedrehten,  nicht  leicht  abzubrechenden ­
  Stiel,  der  etwas  länger  als  die  Frucht  ist,
haben  sie  den  Beinamen  geschwänzter  Pfeffer ­
  erhalten.  Die  Frucht  wird  vor  der  völligen
Reife  gesammelt  und  gewöhnlich  gepulvert  in
den  Handel  gebracht.  Das  rotbraune  Pulver
riecht  stark  und  eigentümlich  gewürzhaft.  Der
Geschmack  ist  ebenso  und  dabei  pfefferartig
brennend,  widerlich  und  lange  anhaltend.  Als
wesentliche  Bestandteile  enthält  es  harzartige
Kubebensäure,  Kubebin  und  ein  hellgrünes
oder  blaugrünes,  seltener  farbloses  ätherisches  Öl
(io—i8°/o),  das  Kubebenöl  (lat.  Oleum  Cubebarum)
  vom  spez.  Gew.  0,915—0,930  bei  15°  C.  Die
K.  finden  als  Pulver  und  Extrakt  medizinische  Anwendung ­
  gegen  Tripper,  haben  aber  unangenehme
Nebenwirkung  auf  das  Verdauungssystem  und
rufen  in  stärkeren  Dosen  Vergiftungserscheinungen ­
  hervor.  Bisweilen  werden  an  ihrer  Stelle
ähnlich  aussehende  Früchte  anderer  Pflanzen,
z.  B.  Kreuzdornbeeren  u.  a.  verkauft.  Vor  allem
tauchten  auf  dem  englischen  Markte  vor  einigen
Jahren  falsche  K.  auf,  die  aus  China  und  Kotschinchina
  stammten  und  nur  daran  zu  erkennen
waren,  daß  sie  sich  leicht  in  ihre  beiden  öligen
Samenlappen  zerteilen  ließen.  Sie  sollen  von
Daphnidium  Cubebae  herrühren.  Alle  diese
untergeschobenen  Erzeugnisse  sind  frei  von  Kubebin ­
  und  unterscheiden  sich  von  den  echten
dadurch,  daß  sie  sich  nicht,  wie  letztere,  mit
konz.  Schwefelsäure  rot  färben.

Kümmel  (Garbe,  lat.  Fructus  s.  Semen  carvi,
frz.  Semences  de  carvi,  engl.  Caraway  seed),
besteht  aus  den  auseinandergefallenen  Teilfrüchtchen ­
  der  zu  den  Umbelliferen  gehörenden
Kümmelpflanze,  die  zwar  auf  allen  Wiesen  und
Triften  zu  finden  ist,  aber  zur  Deckung  des
großen  Bedarfs  auch  vielfach  angebaut  wird.
Die  Pflanze  verlangt  einen  guten  tiefgründigen
Boden,  in  den  sie  mit  starker  Pfahlwurzel  hinabgeht, ­
  und  verbleibt  zwei  Jahre  im  Felde.  Die
Samen  werden  entweder  zeitig  im  Frühjahr  oder
besser  schon  im  Herbste  vorher  in  Beete  gesät
und  die  Pflanzen  reihenweise  in  den  Acker
versetzt,  der  dann  bis  zur  Ernte  im  nächsten
Sommer  wiederholt  behackt  und  gereinigt  werden ­
  muß.  Da  der  Samen  sehr  ungleich  reift  und
leicht  ausfällt,  zieht  man  die  Pflanzen,  wenn
die  Körner  der  obersten  Zweige  reif  sind,  behutsam ­
  aus  und  klopft  sie  über  Tüchern  ab,
wobei  die  schwersten  Samen  erhalten  werden.
Dann  werden  die  Pflanzen  gebündelt,  zum  Nachtrocknen ­
  aufgestellt  und  ausgedroschen.  Der
Anbau  wird  besonders  in  Holland  und  einigen
Gegenden  Deutschlands,  namentlich  bei  Halle,
Lützen,  Erfurt,  Hamburg  und  Nürnberg  betrieben. ­
  Auch  Rußland,  Schweden  und  Norwegen
liefern  K.,  jedoch  in  geringerer,  kleinkörniger
Ware,  die  über  Stettin  und  Lübeck  eingeführt
wird.  ’  Die  baltische  und  nach  ihr  die  holländische ­
  gilt  als  die  beste  und  teuerste.  Auch  wird
der  angebaute  K.,  weil  größer,  ölreichex  und
wohlschmeckender,  vor  dem  wilden  bevorzugt.  —

Die  etwa  s  mm  langen,  sichelförmigen  Teilfrüchte ­
  zeigen  fünf  hervortretende  hellere  Rippen
und  dazwischen  dunkler  braune  Teilchen  mit  je
einem  Ölstriemen.  Außerdem  treten  auf  dem
fünfeckigen  Querschnitt  noch  zwei  Ölstriemen
an  der  Innenfläche  hervor.  Die  trockenen  Früchte
zeigen  einen  aromatischen  Geruch  und  starken,
scharfen,  gewürzigen  Geschmack.  —  Als  wertbestimmender ­
  Bestandteil  sind  etwa  3—7%  (nicht
unter  3  °/o)  ätherisches  öl  und  daneben  etwa
12%  fettes  Öl,  3  0/0  Zucker,  20  °/o  Stickstoffsubstanz, ­
  4,5  °/o  Stärke.  16,5  °/o  stickstofffreie  Extraktstoffe, ­
  20°/o  Rohfaser,  14—15%  Wasser  und
5—6  0/0  Asche  vorhanden.  Der  Gehalt  an  Asche
soll  7—8  °/o,  an  Sand  2  °/o  nicht  übersteigen.  —
K.  wird  als  Volksmittel  gegen  Blähungen  und
Magenkrampf,  in  der  Medizin  zur  Geschmacksverbesserung, ­
  in  der  Küche  als  Gewürz  für
Backwerk  und  Speisen  benutzt.  In  der  Likörfabrikation ­
  ist  er  durch  das  Kümmelöl  mehr  und
mehr  verdrängt  worden.  Als  Verfälschung
kommt,  abgesehen  von  vereinzelt  beobachteten
fremden  Umbelliferenfrüchten,  fast  nur  die  Beimischung ­
  extrahierter  Samen  in  Betracht,  die
an  ihrer  dunkleren,  fast  schwarzen  Farbe  und
ihrer  Geschmacklosigkeit  leicht  zu  erkennen  sind,
auch  meist  zerquetscht  erscheinen.
Kümmellikör  (Kümmelschnaps,  Kümmel)
wird  fast  nur  auf  kaltem  Wege  aus  Kümmelöl
oder  aus  Karvol,  Feinsprit,  weißem  Zuckersirup
und  Wasser,  selten  noch  direkt  aus  Kümmelsamen ­
  durch  Destillation  bereitet.  Man  unterscheidet ­
  einfachen  und  Doppelkümmel,  von  denen
der  letztere  stärker  und  süßer  ist  und  auch  mehr
Kümmelöl  enthält.  Durch  Zusatz  anderer  ätherischer ­
  Öle  oder  Pflanzenauszüge  werden  Liköre
von  etwas  abweichendem  Geruch  und  Geschmack
hergestellt,  die  im  Handel  besondere  Namen,  wie
z.  B.  Berliner  Getreidekümmel,  Münsterländer
Kümmel  usw.  führen.
Kümmelöl  (lat.  Oleum  carvi,  frz.  Essence  de
carvi,  engl.  Caraway  oil),  das  ätherische  Öl  der
Kümmelfrüchte,  bildet,  frisch  bereitet,  eine
wasserhelle  Flüssigkeit  von  starkem  Kümmelgeruch ­
  und  -geschmack.  Das  spez.  Gew.  schwankt
zwischen  0,905—0,918,  die  Drehung  beträgt  -(-  70
bis  -|-8o 0 .  Seiner  chemischen  Zusammensetzung
nach  ist  das  K.  in  der  Hauptsache  ein  Gemenge
eines  Kohlenwasserstoffs,  Karven  (Rechtslimonen), ­
  mit  einem  sauerstoffhaltigen  Bestandteil
Karvon  (Karvol).  Beide  lassen  sich  durch  fraktionierte ­
  Destillation  trennen,  wobei  das  Karven
zuerst,  das  schwerer  flüchtige  Karvon  später  übergeht. ­
  Das  letztere  bildet  einen  besonderenHandelsartikel
  und  wird  unter  dem  Namen  leichtlösliches ­
  K.  zu  höherem  Preise  verkauft.  Da  Karvon
sich  in  einer  Mischung  von  gleichen  Teilen
9S°/oigem  Alkohol  und  destilliertem  Wasser  klar
und  ohne  Trübung  .auflöst,  bleiben  die  mit  ihm
bereiteten  Liköre  völlig  klar,  während  mit  gewöhnlichem ­
  K.  hergestellte  .trübe  werden  und
filtriert  werden  müssen.  Es  ist  v  daher  ratsam,
stets  nur  die  feinsten  Sorten  K.  zu  verwenden.
Außer  zu  diesem  Zwecke  benutzt  man  das  K.
auch  noch  medizinisch  gegen  Magenkrampf,
äußerlich  zu  Einreibungen  sowie  mit  anderen
Ölen  gemengt  zum  Parfümieren  von  Seifen.  In
einigen  Gegenden,  namentlich  in  Thüringen,
wird  auch  aus  dem  wild  wachsenden  Kümmel
        <pb n="236" />
        mamm

Kürbis

231

Kunstwolle

Öl  destilliert  und  .unter  dem  Namen  Wiesenkümmelöl ­
  verkauft  sowie  aus  dem  bei  der
Ernte  des  Kümmels  entstehenden  Abfall  eine
sehr  geringwertige  Sorte,  das  Kümmelspreuöl
(zum  Parfümieren  von  Seife),  hergestellt.  Das
K.  ist  sehr  häufig  Verfälschungen  unterworfen.
Außer  der  Beimengung  der  schon  genannten
geringwertigen  Öle  finden  sich  Zusätze  von  Alkohol, ­
  Tannenzapfenöl,  Fichtennadelöl  und  rektifiziertem ­
  Terpentinöl.  Reines  ,K.  muß  sich  in
seinem  gleichen  Gewichte  Alkohol  von  90  Volumprozent ­
  klar  lösen,  zwischen  175  und  23o 0 C  überdestillieren ­
  und  eine  Rechtsdrehung  von  70—80 0
zeigen.  Es  ist  in  sehr  gut  verschlossenen,  möglichst ­
  voll  gefüllten  Flaschen  aufzubewahren,
da  es  sehr  leicht  verharzt,  gelb  wird  und  dann
an  Geruch  und  Wert  verliert.
Kürbis  (lat.  Fructus  Cucurbitae,  frz.  Citrouille,
Courge,  engl.  Gourd),  die  Frucht  der  zu  den
Kukurbitazeen  gehörigen  Pflanze  Cucurbita
pepo,  enthält  nach  König  neben  90,3%  Wasser
noch  i,09 0 /o  Stickstoffsubstanz,  o,n°/o  Fett,  i,t2°/o
Zucker,  1,09  °/o  Extraktstoffe,  0,75%  Rohfaser
und  0,45  0/0  Asche.  Im  Hinblick  auf  den  hohen
Wassergehalt  hat  er  für  die  menschliche  Ernährung
  nur  geringe  Bedeutung  und  wird  lediglich ­
  als  Kompott  und  Marmelade,  meist  aber  als
Viehfutter  verwandt.  Auch  die  von  Muchel  vorgeschlagene ­
  Verwendung  zur  Herstellung  von
Spiritus  scheint  keine  Bedeutung  erlangt  zu
haben.
Kürbiskerne  (Kürbissamen,  lat.  Semen  Cucurbitae, ­
  frz.  Semences  de  citrouille,  engl.  Gourds
seeds)  enthalten  30—4o°/o  eines  fetten  Öles  (Kürbis ­
  kernöl),  das  zu  den  langsam  trocknenden
Ölen  gehört,  bei  —  15°  erstarrt  und  in  frischem
Zustande  als  Speiseöl  benutzt  wird.  Die  gemahlenen ­
  Kerne  finden  als  Bandwurmmittel  Anwendung, ­
  büßen  aber  bei  der  Aufbewahrung  ihre
Wirksamkeit  ein.
Kumarin  (lat.  Cumarinum,  frz.  Coumarine,
engl.  Cumarin)  ist  der  Stoff,  welcher  dem  Waldmeister, ­
  den  Tonkabohnen,  dem  Steinklee
den  angenehmen  Geruch  erteilt.  Zu  seiner  Gewinnung ­
  extrahiert  man  am  besten  die  Tonkabohnen,
  auf  deren  Oberfläche  er  sich  sehr  häufig
auskristallisiert  findet,  mit  Alkohol,  stellt  es
neuerdings  aber  auch  künstlich  dar  durch
Einwirkung  von  Essigsäureanhydrid  auf  Salizylaldehydnatrium,
  Eingießen  in  Wasser  und  Destillation ­
  des  abgeschiedenen  Öles.  Das  IC,  C 9 H 6 0 2 ,
bildet  angenehm  riechende,  farblose  Kristallnadeln,
  welche  bei  67°  schmelzen  und  bei  291 0
sieden.  Es  wird  mit  Vanillin  zusammen  zu
Cremes  und  Pralinen  verwendet,  ferner  in  alkoholischer ­
  Lösung  zur  Verstärkung  des  Geruches
des  Weichselholzes  und  als  Parfüm  für  Toilettenseifen ­
  angewandt.
Kumaronharz  nennt  man  harzartige  Stoffe,
die  bei  der  Wäsche  des  Schwerbenzols  mit
Schwefelsäure  entstehen,  ursprünglich  als  lästige
Schmiere  (bis  1906)  einfach  verfeuert,  dann  zur
Herstellung  von  Feueranzündern  benutzt  wurden ­
  und  später  im  Kriege  eine  ungeheure  Bedeutung ­
  als  Harzersatz  gewonnen  haben.  In
chemischer  Hinsicht  sind  sie  Mischungen  von
Kondensationsverbindungen  des  Indens  (C 18 H 16 )
u nd  des  Kumarons  (CjeHijOj),  zwei  im  Steinfcohlenteer
  enthaltenen  Flüssigkeiten  vom  Siedepunkt ­

  181 0  und  dem  spez.  Gew.  1,008,  enthalten
weder  Säuren  noch  verseifbare  Stoffe  und  nehmen
in  dünner  Schicht  Sauerstoff  aus  der  Luft  auf
(verharzen).  K.  kommen  sowohl  in  öligem  bis
teerartigem  Zustande  als  Firnisersatz,  wie  in  fester
Form  für  Lack  und  Sikkativ  in  den  Handel.  Die
letzteren  werden  nach  dem  Erweichungspunkt  in
springhart  (über  50  °),  hart  (40—50  °),  mittelhart
(30—40 0 ),  weich  (unter  30 0 )  unterschieden.  Obwohl ­
  die  K.  die  Eigenschaften  der  Naturharze
nur  in  beschränktem  Umfange  zeigen  und  insbesondere ­
  über  den  Erweichungspunkt  von  65°
(Kolophon  ioo°)  nicht  hinauskommen,  haben  sie
doch  zum  Leimen  von  Papier  sowie  gemischt
mit  trocknenden  Ölen  in  der  Lackindustrie  wertvolle ­
  Dienste  geleistet.  Die  Höhe  der  Erzeugung
soll  600000  t  im  Jahre  betragen.
Kumidinrot  (Kumidinponceau,  Ponceau
3  R),  ein  zur  Grupps  der  Azofarben  gehöriger
Teerfarbstoff,  ein  dunkelrotes,  in  Wasser  mit
kirschroter  Farbe  lösliches  Pulver,  welches  Wolle
in  saurem  Bade  rot  färbt  und  aus  dem  Natrpnsalze
  der  Kumidinazobetanaphtoldisulfosäure  besteht. ­
  Ponceau  4  R  unterscheidet  sich  von  dieser
Farbe  nur  dadurch,  daß  zur  Herstellung  anstatt
des  gewöhnlichen  rohen  chemisch  reines  kristallinisches ­
  Kumidin  verwandt  wird.
Kumys  (Kumis,  Milchwein)  ist  ein  alkoholhaltiges ­
  Getränk,  welches  aus  gegorener  Stutenmilch ­
  besteht  und  ursprünglich  in  der  Tartarei,
später  im  südlichen  Rußland  dargestellt  wurde.
Jetzt  bereitet  man  es  auch  in  Deutschland  aus
Kuhmilch  und  verwendet  es  medizinisch.  Siehe
Kefir.
Kundaöl  (Croupee-Öl,  nicht  zu  verwechseln
mit  Kraböl  und  Karapaöl,  s.  d.)  ist  ein  aus  den
Samen  der  Carapa  Touloncouma  durch  Auskochen ­
  mit  Wasser  bereitetes  Pflanzenfett,  das
von  Sierra  Leone  und  Assim  in  den  Handel
kommt.
Kunstspeisefett  nennt  man  alle  dem  Schweineschmalz ­
  ähnlichen  Zubereitungen,  deren  Fett
gehalt  nicht  ausschließlich  aus  Schweineschmalz
besteht,  also  Mischungen  von  tierischen  Fetten
mit  Baumwollsamenöl,  Kokosfett  u.  dgl.,  aber
auch  tierische  Fette,  vor  allem  solche,  die  durch
besondere  Verfahren  streichfähig  gemacht  worden
sind.  Sie  unterliegen  den  Vorschriften  des  Margarineges.etzes
  und  dürfen  nur  unter  der  deutlichen ­
  Bezeichnung  Kunstspeisefett  in  den  Verkehr ­
  gebracht  werden.  Beimischungen  von  Wasser,
Mehl  und  wertlosen  Stoffen  haben  als  Verfälschung ­
  zu  gelten.
Kunstwolle  (frz.Laine  artificielle,  engl.Shoddy
and  Mungo)  wird  aus  den  früher  als  beinahe
wertlos  erachteten  Lumpen  hergestellt  und  in
besonderen  Fabriken  verarbeitet.  Man  unterscheidet ­
  hauptsächlich  zwei  Sorten  von  Lumpenwolle, ­
  Mungo  und  Shoddy.  Die  erstere  stammt
von  gewalkten  Wollstoffen,  Tuchen  u.  dgl.  und
ist  kurzhaarig,  weil  das  Zerfasern  dieser  Stoffe
eine  gewaltsame  Bearbeitung  erfordert.  Zu  der
anderen  dienen  gestrickte,  gewirkte  und  gehäkelte
Lumpehzeuge,  die  sich  leichter  lösen  und  einen
längeren  Faserstoff  ergeben.  Die  Vorarbeit  besteht ­
  in  einem  gründlichen  Auslesen  unter  Entfernung ­
  aller  nicht  wollenen  Teile.  Danach  folgt
bei  baumwollehaltigea  Geweben  eine  Behandlung
mit  heißen  Salzsäuredämpfen  in  geschlossenen

l
        <pb n="237" />
        Kupfer

232

Kupfer

Räumen,  wodurch  die  Baumwolle  zerstört  wird
(Karbonisieren),  und  schließlich  das  Waschen
und  Reinigen  auf  der  Putzmaschine,  das  Sortieren ­
  nach  den  verschiedenen  Farben  usf.  Die
Verarbeitung  der  maschinenfertigen  Lumpen  geschieht ­
  auf  einem  sog.  Wolf,  von  welchem  aus
der  Mungo  direkt  in  Ballen  verpackt  und  an  die
Wollspinner  versandt  wird,  während  der  Shoddy
noch  unter  Einölung  mit  Baumwollöl  eine  Bearbeitung ­
  auf  einer  Reißkrempel  erhält,  welche
die  Fasern  geradestreckt  und  zu  einer  losen
Watte  vereinigt.  In  manchen  Fällen  werden
die  Lumpen  nicht  trocken,  sondern  naß  oder
selbst  unter  Wasser  bearbeitet,  so  daß  also  die
zerreißende  Maschinerie  in  einem  Wasserkasten
steht.  Neue  Lumpen  {Schneiderabfälle)  werden
für  sich  verarbeitet  und  geben  die  beste  Sorte
Mungo.  Gewöhnlich  stellt  man  aus  einer  besonderen ­
  Auslese  noch  eine  dritte  Sorte  unter  dem
Namen  Extrakt  her.  In  den  Spinnereien  werden ­
  dann  diese  Stoffe  im  Gemisch  mit  mehr
oder  weniger  neuer  Wolle  versponnen,  lange
Shoddys  aus  Strumpfjumpen  sogar  allein,  und
die  Garne  zu  allen  Geweben  verwandt,  zu  welchen ­
  Streichgarne  gebraucht  werden.
Kupfer  (lat.Cuprum,  frz.Cuivre,  engl.Copper),
das  einzige  rote  Metall,  steht  seiner  technischen
Bedeutung  nach  gleich  hinter  dem  Eisen,  dem
es  in  der  Vielseitigkeit  seiner  Anwendung  sogar
noch  überlegen  ist.  Die  Bekanntschaft  mit
dem  Kupfer  und  seiner  wichtigsten  Legierung,
der  Bronze,  reicht  in  früheste  Zeiten  zurück  und
ist  wahrscheinlich  älter  als  diejenige  mit  dem
schwerer  zu  gewinnenden  und  zu  behandelnden
Eisen.  Die  Bezeichnung  Cuprum,  aus  welcher
das  deutsche  Kupfer  entstanden  ist,  leitet  sich
von  der  Insel  Zypern  oder  Kypros  (Aes  cyprium)
ab,  von  wo  die  alten  Ägypter  und  Griechen  ihr
K.  holten.  Das  K.  kommt  in  der  Natur  teils
gediegen,  teils  in  Form  verschiedener  Erze  vor.
Gediegen  K.,  das  auf  Gängen  und  Klüften,  zuweilen ­
  kristallinisch,  häufiger  in  Platten,  Blechen,
verästelt  oder  moosförmig,  auftritt,  findet  sich
nur  an  zwei  Orten  der  Erde  in  größeren  Massen,
nämlich  am  Ural  und  tiefer  in  Sibirien,  im  Kirgisenlande ­
  und  in  Nordamerika  am  Oberen  See.
An  letzterem  Fundorte  sind  bisweilen  Stücke
von  1000—3500  kg  zutage  gefördert  worden.  Von
den  Erzen  kommen  hauptsächlich  folgende  in
Betracht;  Rotkupfererz  oder  Kuprit  aus
Australien  besteht  aus  nahezu  reinem  Kupferoxydul ­
  (s.  d.).  Ziegelerz  ist  ein  rotes  erdiges  Gemenge ­
  von  Rotkupfererz  und  Brauneisenstein.
Malachit  und  Kupferlasur  (s.  d.)  bestehen
aus  wasserhaltigem  Kupferkarbonat.  Alle  vorgenannten ­
  Erze  können  auf  die  einfachste  Weise
durch  Schmelzen  mit  Kohle,  Kalk  usw.  zu  Metall ­
  reduziert  werden.  Ihre  Menge  ist  jedoch  im
Verhältnis  zu  derjenigen  der  Schwefelverbindungen ­
  unbedeutend.  Kupferglanz  (Graukupfererz, ­
  Kupferglaserz,  Redruthit,  Chalkosin), ­
  nahezu  reines  Schwefelkupfer,  Cu 2 S,
enthält  etwa  80%  Metall.  Kupferkies  (Chalkopyrit)
  ist  ein  Gemisch  von  Schwefeleisen  und
Schwefelkupfer  mit  35  °/o  K.,  Buntkupfererz
(Bornit),  ebenfalls  ein  Gemisch  von  Schwefel
eisen  und  Schwefelkupfer  mit  560/0  K.  Aus
Chile  kommen  große  Mengen  eines  Kupfersandes
mit  60—8o°/o  Metall  unter  dem  Namen  Kupferbarilla

  auf  den  Markt,  und  außerdem  wird  im
Mansfeldischen  und  in  Kurhessen  ein  toniger
und  kalkiger,  durch  Kohle  geschwärzter  Schiefer
(Kupferschiefer)  verhüttet,  der  in  feiner  Verteilung ­
  geschwefelte  Kupfererze  neben  etwas
Silber  und  Zink  sowie  Spuren  von  Nickel  und
Kobalt  enthält.  Die  Verarbeitung  der  Kupferschiefer, ­
  wie  der  schwefelhaltigen  Erze,  beginnt
mit  einem  wiederholten  Rösten  und  Schmelzen
unter  Zusatz  schlackenbildender  Zuschläge.  Hierdurch ­
  wird  der  Schwefelgehalt  so  weit  erniedrigt,
wie  der  Bindung  als  Kupfersulfür  entspricht.
Das  erhaltene  Zwischenprodukt,  der  sog.  Stein
(Rohstein,  Dünnstein,  Konzentrationsstein) ­
  wird  dann  durch  Schmelzen  mit  Kohle
in  Schwarzkupfer  übergeführt,  das  noch  alle
fremden  Metalle  der  Erze  enthält.  Zur  völligen
Entfernung  des  Schwefels  ist  ein  gewisser  Gehalt ­
  an  Eisen  erforderlich,  der  unter  Umständen
durch  absichtlichen  Zusatz  erhöht  wird.  Das
Schwarzkupfer  kann  neben  kleinen  Mengen
Schwefel,  Eisen,  Blei,  Antimon,  Arsen,  Wismut.
Zink  und  Nickel  im  günstigen  Falle  auch  etwas
Silber  enthalten,  das  unter  Umständen  durch
Aussaigern  (s.  Silber)  gewonnen  wird.  Das
rohe  Schwärzkupfer  ist  unverkäuflich  und  muß
durch  Glühen  in  einem  Flammenofen  in  Gar-K.
  übergeführt  werden.  Hierbei  werden  die
flüchtigen  Metalle  (Arsen,  Antimon,  Zink)  in
Dampfform  verjagt,  die  anderen  zu  abfließenden
Schlacken  oxydiert,  während  das  K.  der  Oxydation ­
  am  längsten  widersteht.  Das  geschmolzene
K.  wird  nun  gerissen,  d.  h.  mit  Wasser  besprengt, ­
  und  die  durch  Abkühlung  an  der  Oberfläche ­
  entstehende  feste  Scheibe  sofort  mit
Haken  fortgezogen.  Durch  abwechselndes  Bespritzen ­
  und  Fortziehen,  bis  der  Ofen  erschöpft
ist,  erhält  man  das  Rosettenkupfer.  Auch
dieses  ist  trotz  seines  schönen  roten  Aussehens
noch  nicht  völlig  rein  und  kann  nicht  technisch
verarbeitet  werden,  da  ihm  die  Hämmerbarkeit
fehlt.  Zur  Beseitigung  dieses  Übelstandes,  welcher ­
  auf  einem  geringen  Gehalte  an  Kupferoxydul ­
  beruht,  folgt  das  in  einem  nochmaligen
Umschmelzen  mit  Kohle  bestehende  Hammergarmachen. ­
  Das  so  geläuterte  K.  wird  sogleich
zu  prismatischen  Blöcken  von  30—90  cm  Länge
ausgegossen,  welche  Hartstücke  heißen  und
in  der  Regel  mit  der  Marke  des  betreffenden
Hüttenwerkes  gestempelt  sind.  Auf  den  Kupferhämmern, ­
  die  aber  jetzt  größtenteils  Walzwerke
sind,  werden  die  Blöcke  zu  Platten,  Blechen
und  Schalen  verarbeitet.  —  Neben  diesen  alten
Kupferhüttenprozessen  hat  sich  neuerdings  in
zunehmendem  Maße  ein  nasses  Verfahren  eingebürgert, ­
  das  auf  der  Behandlung  der  Erze  mit
Säuren,  Eisenchlorid  oder  Ferrisulfat  beruht.
Aus  den  erhaltenen  Lösungen  von  Kupfersalzeo
wird  durch  Zusatz  von  Eisen  oder  auf  elektrischem ­
  Wege  .das  metallische  K.  als  sog.  Zementkupfer ­
  abgeschieden.  Schließlich  wird  die
Elektrolyse  auch  zur  direkten  Gewinnung  des
K.  aus  seinen  Erzen  sowie  zur  Raffination  des
Schwarzkupfers  verwandt.  —  In  Europa  wird  von
den  meisten  Staaten  mehr  oder  weniger  K.  gewonnen. ­
  Deutschland  (Mansfeld)  erzeugte  im
Jahre  1913  gegen  41000  t  Kupfer,  dem  aber  ein
Verbrauch  von  260000  t  gegenüberstand.  Es  war
daher  auf  die  Einfuhr  von  Kupferkiesen  (Chile
        <pb n="238" />
        Kupferazetat

233

Kupferoxyd

und  Bolivia)  wie  von  metallischem  K,,  besonders
aus  den  Vereinigten  Staaten,  angewiesen.  Letztere ­
  erzeugten  590000  t,  bei  einem  Verbrauch  von
3500001,  und  haben  die  Gewinnung  während
des  Krieges  ungeheuer  gesteigert.  Reiche  Lager
finden  sich  in  Paraguay  und  Japan.  —  Das  K.
besitzt  als  einziges  von  allen  Metallen  eine  schöne
rote  Farbe  und  erscheint  in  dünnen  Blättchen
im  durchfallenden  Lichte  grün.  Sein  spez.  Gew.
beträgt  8,900,  sein  Atomgewicht  63,3.  Es  schmilzt
bei  Gelbg.ühhitze,  gegen  1080 0 ,  eignet  sich  aber
nicht  zum  Gießen,  abgesehen  von  ganz  einfachen
Stücken,  da  es  die  Formen  nur  unvollständig
auszufüllen  vermag  und  demnach  keine  scharfen
Formen  liefert.  K.  ist  härter  als  Gold  und  Silber
und  fast  ebenso  dehnbar  wie  diese,  läßt  sich
daher  zu  den  feinsten  Blättchen  ausschlagen  und
zu  den  dünnsten  Drähten  ausziehen.  Kalt  gehämmert ­
  und  getrieben  wird  es  hart  und  federnd,
nimmt  aber  immer  wieder  seine  ursprüngliche
Weichheit  an,  wenn  es  geglüht  und  in  Wasser
abgelöscht  wird.  Die  hohe  Leitfähigkeit  für
den  elektrischen  Strom  macht  es  für  telegraphische ­
  Anlagen  geeignet.  Das  Metall  nimmt
schöne  Politur  an,  die  in  trockener  Luft  ziemlich ­
  beständig  ist,  an  feuchter  Luft  aber  bald
matter  wird,  weil  sich  zunächst  eine  Schicht  von
nichtglänzendem  roten  Kupferoxydul,  später  ein
Überzug  von  basisch  kohlensaurem  K.  (Grünspan) ­
  bildet.  Beim  Glühen  an  der  Luft  geht
es  in  schwarzes  Kupferoxyd  über.  Von  verdünnter ­
  Salzsäure  und  Schwefelsäure  wird  K,  nur
wenig  angegriffen,  hingegen  von  verdünnter
Salpetersäure  unter  Entwicklung  von  Stickoxyd ­
  und  von  heißer  konzentrierter  Schwefelsäure ­
  unter  Entwicklung  von  schwefliger  Säure
gelöst.  Auch  Ammoniak  löst  metallisches  K.
auf.  —  Das  K.  findet  außerordentlich  mannigfaltige ­
  und  ausgedehnte  technische  Verwendung.
Das  Rosetten-  und  Blockkupfer  des  Handels
dient  zum  Wiedereinschmelzen,  zur  Darstellung
des  Messings,  der  Bronzen,  des  Rotgusses
oder  Tombaks,  des  Argentans  (s.  d.  Artikel)
und  anderer  Legierungen,  der  Platten  und  Bleche
zu  den  Arbeiten  der  Kupferschmiede,  von  Drähten ­
  zu  Drahtwaren,  Stiften  und  Nägeln  sowie
hauptsächlich  zu  elektrischen  Leitungen.  Als
Metallgeld  findet  sich  K.  nicht  nur  in  den
Kupfermünzen,  sondern  auch  als  regelmäßiger
Bestandteil  in  den  Gold-  und  Silbermünzen.
Auch  werden  alle  goldenen  und  silbernen  Gerätschaften ­
  mit  einem  gewissen  Gehalte  an  'Kupfer
legiert.  Große  Mengen  von  K.  werden  für  den
Schiffsbau  in  Form  von  Bolzen  und  Nägeln  verbraucht, ­
  weil  Elsen  in  Verbindung  mit  Holz  einer
raschen  Zerstörung  unterliegt.  Zur  Abhaltung
von  Schaltieren  und  Sefegewächsen  wird  der
Schiffsrumpf  mit  Kupferblech  beschlagen  und
dadurch  für  die  Dauer  von  5—6  Jahren  widerstandsfähig ­
  gemacht.
Kupferazetat  (essigsaures  Kupfer,  lat.  Cu-Prum
  aceticum,  frz.  Acötate  de  culvre,  engl.Copper
&amp;lt;cetate)  entsteht  bei  der  Behandlung  von  Grün-'Pan
  mit  Essigsäure  oder  von  Kupfervitriol  mit
ßleizucker  in  F  orm  dunkelgrüner,  leicht  verbitternder ­
  Kristalle,  die  sich  leicht  in  Wasser
u nd,  nach  Zusatz  von  Essigsäure,  auch  in  Alkohol ­
  lösen.  Beim  Erhitzen  'auf  100 0  gibt  K.  sein
eines  Molekül  Kristallwasser  ab  und  verwandelt

sich  bei  240—260°  unter  Entweichen  von  Essigsäure ­
  in  das  basische  Salz  (Grünspan).  Das
neutrale  K.,  das  auch  als  kristallisierter  Grünspan
(Aerugo  cristallisata)  bezeichnet  w(rd,  findet  in
der  Medizin  beschränkte  Anwendung  gegen  Hautkrankheiten, ­
  Bleichsucht,  Tripper  und  Augenleiden, ­
  in  der  Technik  als  Beize  für  Färberei
und  Druckerei.
Kupterchlorid  (Cuprichlorid,  Chlorkup
fer,  lat.  Cuprum  bichloratum,  frz.  Bichloiate  de
culvre,  engl.  Copper  bichlorate)  entsteht  beim
Auflösen  von  Kupferoxyd  oder  Kupferkarbonat
in  Salzsäure,  oder  von  met.  Kupfer  in  Königswasser ­
  als  ein  hellgrünes  Kristallpulver,  CuCl 2 ,
welches  mit  zwei  Molekülen  Wasser  kristallisiert
und  in  wasserfreiem  Zustande  47  °/o  Kupfer
heben  53  °/o  Chlor  enthält.  Das  sehr  hygroskopische, ­
  in  Wasser  und  Alkohol  lösliche  Salz
findet  als  billigste  Kupferverbindung  in  der
Färberei  und  Druckerei  Anwendung.  In  verdünnter ­
  Lösung  dient  es  zur  (Soldprobe,  indem  es
unechte  Goldsachen  schwarz  färbt,  in  trockenem ­
  Zustande  zur  Erzeugung  blauer  Flammen
in  der  Feuerwerkerei  und  zur  Darstellung  vOn
Chlor.  Die  mit  Alkohol  und  Chloroform  hergestellte
  Lösung  wurde  früher  als  Räuchermittel
bei  Cholera  und  Viehseuchen  benutzt.  Beim
Erhitzen  oder  bei  der  Reduktion  mit  metallischem ­
  Kupfer  gebt  K.  in  das  Kupferchlorür
(Cuprum  chloratum  album)  über,  ein  weißes,  in
Wasser  und  Alkohol  unlösliches  Pulver,  CuCl,
welches  64%  Kupfer  und  36%  Chlor  enthält  und
in  der  Gasanalyse  benutzt  wird.
Kupferkarbonat  (k’ohlensaures  Kupfer,  lat,
Cuprum  carbonicum,  frz.  Carbonate  de  culvre,
engl.  Copper  carbonate)  findet  sich  in  Verbindung ­
  mit  Kupferhydroxyd,  also  in  Form  des
basischen  Salzes,  in  der  Natur  als  Malachit  und
Kupferlasur  und  wird  künstlich  durch  Fällung
warmer  Kupfervitriollösung  mit  Soda  dargestellt.
Die  grün  oder  blau  gefärbten  K.  sind  unlöslich
in  Wasser  und  Alkohol,  lösen  sich  aber  in  verdünnten ­
  Säuren  und  Ammoniak  und  finden  als
Ersatz  des  Kupfervitriols  gegen  Phosphorvergiftung
  sowie  als  Malerfarben  (Braunschweigergrün, ­
  Bremergrün,  Bremerblau)  Anwendung. ­

Kupferlasur,  Azurit,  ein  aus  basischem  Kupferkarbonat, ­
  2CuC0 3  -j-  Cu(OH) 2 ,  bestehendes
Mineral  von  verschiedenen  Kupferlagerstätten,
wird  zur  Herstellung  von  Kupfer  und  Kupfervitriol ­
  sowie  als  blaue  Farbe  (s.  Bergblau)  benutzt. ­

Kupfernitrat  (salpetersaures  Kupfer,  Kupfersalpeter, ­
  Cuprinitrat,  lat.  Cuprum  nitri
cum,  frz.  Nitrate  de  cuivre,  engl.  Nitrate  of  copper), ­
  Cu(N0 3 )2,  wird  durch  Auflösen  von  Kupfer
oder  Kupferoxyd  in  Salpetersäure  erhalten  und
bildet  dunkelblaue,  durchsichtige  Kristalle,  welche
an  der  Luft  zerfließen  und  sich  in  Wasser  und
Alkohol  lösen.  Es  wird  zur  Herstellung  von  Farben ­
  und  Feuerwerk,  ferner  als  Beize  in  der
Kattundruckerei  und  Färberei,  zur  Darstellung
von  Kupferoxyd  und  in  der  Medizin  benutzt.
Kupferoxyd  (Cuprioxyd,  lat.  Cuprum  oxydatum, ­
  frz.  Oxyde  de  cuivre,  engl.  Copper  oxide),
CuO,  findet  sich  als  natürliches  Mineral  (Schwarzkupfererz) ­
  und  wird  fabrikmäßig  durch  Glühen
von  Kupferdraht  im  Sauerstoffstrom  oder  von
        <pb n="239" />
        Kurkuma

Kupferoxydul  234

kohlensaurem  oder  salpetersaurem  Kupfer  an  der
Luft  dargestellt.  Je  nach  dem  Ausgangsstoff
erhält  man  es  in  Form  eines  schwarzen  Pulvers
oder  körniger  oder  drahtförmiger  Stücke.  Es  ist
in  Wasser  unlöslich,  gibt  aber  mit  Säuren  die
Lösungen  der  entsprechenden  blauen  oder  grünen ­
  Salze,  aus  denen  durch  Kalilauge  ein  hellblauer ­
  Niederschlag  von  Kupferhydroxyd
(Kupferoxydhydrat),  Cu(OH) 2 ,  ausgefällt  wird.
Das  letztere  löst  sich  in  Ammoniak  zu  einer  tiefblauen ­
  Flüssigkeit  von  Kupferoxydammoniak
(Cuprum  oxydatum  ammoniatum),  das  wegen
seiner  Fähigkeit,  Pflanzenfaser  aufzulösen,  zur
Prüfung  von  Garnen  und  Geweben  benutzt  wird.
Das  K.  selbst  dient  zum  Grünfärben  von  Glasflüssen, ­
  als  Oxydationsmittel  in  der  organischen
Analyse  und  in  der  Medizin  als  Mittel  gegen
Bandwürmer.
Kupferoxydul  (Cwprooxyd,  lat.  Cuprum  oxydulatum,
  frz.  Protoxyde  de  cuivre,  engl.  Copper
protoxide),  die  zweite  Verbindungsform  des  Kupfers ­
  mit  Sauerstoff,  Cu 2 0  (11,2%  Sauerstoff,
88,8  0/0  Kupfer),  wird  sowohl  beim  Glühen  von
Kupferoxyd  mit  metallischem  Kupfer  unter  Luftabschluß, ­
  als  auch  durch  Reduktion  alkalischer
Kupfersalzlösungen  mit  Trauben-  oder  Invertzucker ­
  erhalten.  Es  bildet  ein  rotes  Pulver,  das
zur  Herstellung  des  Rubinglases  benutzt  wird.
In  der  Natur  findet  sich  K.  als  Rotkupfererz.
Kupfervitriol  (blauer  Vitriol,  blauer  Galitzenstein,
  zyprischer  Vitriol,  Kupfersulfat, ­
  Cuprisulfat,  schwefelsaures  Kupfer,
lat.  Cuprum  sulfuricum,  frz.  Sulfate  de  cuivre,
engl.  Blue  vitriol,  Copper  sulfat)  findet  sich  fertig
gebildet  in  den  Grubenwässern  der  Kupferbergwerke, ­
  aus  denen  es  dort,  wo  die  Brennmateria
lien  billig  sind,  durch  bloßes  Eindampfen  gewonnen ­
  werden  kann.  Das  direkte  Auflösen  von
metallischem  Kupfer  in  heißer  konzentrierter
Schwefelsäure  lohnt  sich  nur,  wenn  die  entstehende ­
  schweflige  Säure  wieder  verwertet  werden ­
  kann,  also  in  Schwefelsäurefabriken,  hingegen ­
  wird  Kupferhammerschlag  (Kupferoxyd),
welcher  sich  leicht  in  schwächerer  Säure  auflöst, ­
  ganz  allgemein  auf  K.  verarbeitet.  Die
Kupferhütten  gewinnen  das  Salz  meist  durch
Auslaugen  der  sog.  Kupfersteine  und  gerösteten
Schwefelerze,  wobei  aus  den  Lösungen  zunächst
reines,  später  eisenhaltiges  Kupfersulfat  auskristallisiert, ­
  das  aber  als  Adlervitriol  (s.  d.)  für
manche  Zwecke  der  Färberei  gebraucht  werden
kann.  Das  reinste  Salz  kommt  aus  den  Affinieroder ­
  Scheideanstalten,  in  denen  alte  Gold-  und
Silbermünzen  durch  Behandlung  mit  heißer  konzentrierter ­
  Schwefelsäure  zunächst  vom  Golde
und  darauf  durch  Einhängen  von  Kupferplatten
in  die  Lösung  vom  Silber  befreit  werden.  —
Der  K.,  der  in  chemischer  Hinsicht  aus  schwefelsaurem ­
  Kupfer  mit  fünf  Molekülen  Kristallwasser
besteht,  CuS0 4  -j-  sH 2 0,  bildet  schöne,  große,
dunkelblaue  Kristalle,  welche  an  der  Luft  allmählich ­
  verwittern  und  sich  in  Wasser  zu  einer
sauer  reagierenden,  ekelhaft  metallisch  schmeckenden ­
  Flüssigkeit  auflösen.  In  Alkohol  ist  K.  hingegen ­
  nicht  löslich.  Beim  Erhitzen  auf  200 0  verwandelt ­
  sich  das  Salz  unter  Verlust  seines
Wassers  in  ein  weißes  Pulver,  den  gebrannten
oder  kalzinierten  K.,  welcher  zur  Entwässerung ­
  organischer  Flüssigkeiten  (Alkohol)  und

in  der  Analyse  zum  Nachweis  geringer  Wasser
mengen  benutzt  wird.  Der  K.,  findet  trotz  seiner
Giftigkeit  medizinische  Anwendung  als  Brechmittel ­
  (bei  Phosphorvergiftungen)  sowie  zum
Ätzen  und  als  Augenmittel.  Die  Technik  gebraucht ­
  ihn  in  ungeheuren  Mengen  in  der  Galvanoplastik, ­
  in  der  Färberei  und  im  Kattundruck,
zur  Darstellung  grüner  Farben,  als  Ausgangsmateriäl
  für  andere  Kupferpräparate,  zur  Konser
vierung  von  Eisenbahnschwellen,  zum  Beizen  von
Saatgetreide  und  zu  vielen  anderen  Zwecken.
Kuprearinde  (lat.  Cortex  chinae  cuprea,  Cortex
cupreae,  frz.  Ecorce  de  Cuprea,  engl.  Cuprea
bark),  die  Rinde  eines  in  Südamerika  wachsenden,
den  Zinchoneen  nahe  verwandten  Baumes,  Remijia
  pedunculata  (Triana),  weicht  in  ihrem
anatomischen  Bau  von  demjenigen  der  Zinchonarinden
  stark  ab,  insbesondere  fehlen  ihr  die
auffallend  dicken  Bastfasern  der  echten  Chinarinden. ­
  Sie  enthält  etwa  2  0/0  Chinin,  eine  besondere ­
  Gerbsäure  und  einige  besondere  Alkaloide,
aber  kein  Zinchonidin,  und  wird  ihres  billigeren
Preises  wegen  seit  1880  zur  Herstellung  von
Chinin  benutzt.
Kurare  (Urari,  Wurali),  das  von  Eingeborenen ­
  Südamerikas  aus  den  Rinden  verschiedener
Strychnosarten  bereitete  Pfeilgift,  kam  früher
nur  als  Seltenheit  nach  Europa,  bildet  jetzt
aber  einen  regelmäßigen  Gegenstand  des  Drogenhandels. ­
  Die  extraktartige,  schwarzbröcklige,  sehr
bitter  schmeckende  Masse,  die  sowohl  aus  Brasilien ­
  als  auch  aus  Peru  in  irdenen  Töpfen  eingeführt ­
  wird,  dient  bei  physiologischen  Tierversuchen ­
  dazu,  die  Glieder  der  Tiere  zu  lähmen,
ohne  die  übrigen  Funktionen  zu  stören.  Auch
findet  sie  bisweilen  in  der  Medizin  als  Mittel
gegen  Starrkrampf  Anwendung,  wird  hierfür
aber  neuerdings  meist  durch  das  rein  abgeschiedene ­
  Alkaloid  Kurarin  ersetzt.
Kurkuma  (Gelbwurz,  lat.  Rhizoma  curcumae,
frz.  Racine  de  curcuma,  engl.  Turmeric),  der
Wurzelstock  der  zu  den  Szitamineen  (Gewürzlilien) ­
  gehörenden  Pflanze  Curcuma  Ion
ga,  die  im  östlichen  Asien  einheimisch  ist  und  in
Ostindien,  China,  Japan,  wahrscheinlich  nebst
einigen  verwandten  Arten  kultiviert  wird  und
auch  nach  Röunion  und  Westindien  verpflanzt
wurde.  Die  sog.  runde  und  lange  K.  kommen
von  derselben  Pflanze,  indem  erstere  die  verdickten ­
  Internodien,  letztere  die  unverdickten
Rhizome  bildet.  Verschiedenheiten  in  den  Eigenschaften ­
  bestehen  zwischen  beiden  nicht.  Im
Handel  unterscheidet  man  die  Ware  nach  ihren
Erzeugungsländern,  und  hiernach  zeigt  sie  aller
dings  wesentliche  Unterschiede.  Die  beste  und
teuerste  Sorte  ist  die  chinesische,  die  meist  in
Stücken  wie  ein  kleiner  Finger,  äußerlich  goldgelb, ­
  innen  orange  oder  rotgelb  wie  Gummigutt,
gepulvert  feurig  hochgelb  erscheint.  Die  gangbarsten, ­
  unter  sich  weniger  verschiedenen  Sorten
sind  die  Bengalische,  Java-  und  Madras-K.,  die
öfter  kurze  und  lange  Stücke  gemischt  enthalten. ­
  Sie  erscheinen  außen  graugelb  oder
schmutzig  weißstaubig,  auf  dem  Querschnitt
wachsglänzend,  blaßgelb  bis  bräunlich,  in  verdorbenem ­
  Zustande  fast  schwarz,  und  liefern
nicht  ein  so  schönes  Pulver  wie  die  chinesische,
die  deshalb  vorzugsweise  als  Farbstoff  benutzt
wird.  Der  Geruch  der  K.  ist  dem  des  Ingwers
        <pb n="240" />
        ■

Kurkumein

235

Labradorstein

ähnlich,  aber  schwächer,  der  Geschmack  bitter
gewürzhaft.  Beim  Kauen  färbt  sie  den  Speichel
stark  gelb.  Als  kennzeichnenden  Bestandteil  enthält ­
  die  Wenzel  neben  3—5,5%  eines  schwach  nach
Kurkuma  riechenden  ätherischen  Öls  (Kurkumaöl) ­
  etwa  0,3%  eines  gelben  Farbstoffes  (Kurkumin), ­
  der  in  wachsgelben  Prismen  kristallisiert  und
bei  165°  schmilzt.  Er  wird  wegen  seiner  harzigen ­
  Beschaffenheit  nicht  von  Wasser,  hingegen
leicht  von  Weingeist,  ätherischen  Ölen  und  Alkalien ­
  gelöst,  von  letzteren  aber  dabei  in  Braunrot
umgewandelt.  Medizinisch  wird  die  K.  jetzt
nicht  mehr  gebraucht,  findet  aber  zum  Färben
von  Buntpapier,  Kuchen  und  anderem  Gebäck,
Butter,  Käse,,  Ölen,  Firnissen  und  Salben  beschränkte ­
  Anwendung.  Mit  K.  gelb  gefärbtes
Papier  (Kurkumapapier)  dient  in  der  Chemie
als  Reagens  auf  Alkalien,  von  denen  es  in  Braunrot ­
  umgefärbt  wird,  ferner  von  Borsäure,  mit  der
es  in  salzsaurer  Lösung  eine  Rotfärbung  liefert,
und  von  Titan  und  Zirkon.  In  Indien  und  England ­
  wird  K.  gepulvert  auch  als  Gewürz  vielfach ­
  verwandt,  und  ist  zum  Würzen  von  Reis
unter  dem  Namen  Curryptriver  bekannt,
Kurkumein  (Orange  N.,  jaune  N.),  ein  gelbroter, ­
  in  Wasser  löslicher  Azofarbstoff,  färbt
Wolle  in  saurem  Bad  orange  und  besteht  aus
dem  Nätronsalze  des  Paratoluidinorthosulfosäureazodiphenylamins.
  Bisweilen  belegt  man  auch
das  Zitronin  (s.  d.)  mit  dem  Namen  K.
Kurkumin  nennt  man  neben  dem  gelben
Farbstoff  der  Kurkuma  einen  Teerfarbstoff
von  gänzlich  abweichender  Zusammensetzung  (s.
Sonnengelb).
Kuro-moji-Öl,  das  aus  dem  wohlriechenden
Holze  des  japanischen  Baumes  Lindera  sericea
  gewonnene  ätherische  Öl,  hat  ein  spez.  Gew.
um  0,90  und  einen  angenehmen  Geruch  nach
Linaloeöl,  der  besonders  in  der  zwischen  200
und  220 0  siedenden  Fraktion  hervortritt.
Kussin  (Koussin,  Kossin,  lat.  Kosinum),  das
neuerdings  rein  dargestellte  wirksame  Prinzip  der
Kussoblüten,  das  aber  keine  einheitliche  Verbindung ­
  zu  sein  scheint,  wird  als  ein  geruchund
  geschmackloses,  mikrokristallinisches,  gelbliches ­
  Pulver  erhalten,  das  sauer  reagiert  und
sich  auch  mit  Basen  verbindet.  Es  löst  sich  in
Wasser  beinahe  gar  nicht,  schwer  in  Alkohol,

ist  aber  in  Äther,  Benzin  und  Chloroform  leicht
löslich.  Durch  Eisenchlorid  wird  seine  Lösung
tief  rot  gefärbt.  Bei  142 0  C  schmilzt  K.  unter
Verbreitung  eines  butterähnlichen  Geruchs,  um
sich  bei  stärkerer  Erhitzung  zu  zersetzen,
Kussoblüten  (Kousso,  Kosso,  lat.  Flores
koso,  frz.  Fleurs  de  cousso,  engl.  Kousso),  die
getrockneten  Blüten  eines  im  Hochlande  von
Abessinien  wachsenden  hohen  Baumes  aus  der
Familie  der  Rosazeen,  Hagenia  abyssinica
Willdenow,  Brayera  anthelmintica,  sind
als  ein  wirksames  Mittel  gegen  Bandwurm  und
andere  Eingeweidewürmer  bekannt  geworden.
Die  Ware  kommt  mit  Karawanen  den  Nil  herab
und  über  Ägypten  und  Triest  oder  Marseille  zu
uns,  ist  aber  immer  selten  und  teuer  und  muß
oft  durch  die  übrigens  ebenso  kräftige  Kamala
ersetzt  werden.  Von  den  fußlangen,  sehr  verästelten ­
  und  sperrigen  Rispen  des  Baumes  werden ­
  nur  die  weiblichen  Blüten  benutzt,  die  sich
durch  ihren  abweichenden  Bau  und  die  rötlich
gefärbten  Kelchblätter  von  den  männlichen  unterscheiden. ­
  Die  rote  Farbe  gilt  als  Zeichen  der
Echtheit  und  Frische  und  geht  bei  lange  gelagerter, ­
  als  wertlos  angesehener  Ware  in  Braun
über.  Man  erhält  K.  entweder  in  den  ganzen
getrockneten  Rispen,  die  zu  5  dm  langen,  5—7  cm
dicken  Wickeln  gedreht  und  gebunden  sind,
oder  in  einzelnen  abgestreiften,  mit  Stielbruchstücken ­
  untermischten  Blüten.  Die  Droge  hat
einen  schwachen  eigentümlichen  Geruch  und
schmeckt  beim  Kauen  anfangs  schwach,  später
stark  bitter  und  kratzend.  Sie  enthält  etwa  10%
Harz,  etwas  Gerbsäure,  ätherisches  Öl  und  Kussin ­
  oder  Kosotoxin,  welches  man  als  den
Träger  der  wurmtötenden  Kraft  betrachtet.  Auch
gegen  die  Drehkrankheit  der  Schafe  soll  der
Stoff  vorzügliche  Dienste  leisten.  —  K,  sind  in
Deutschland  dem  freien  Verkehr  entzogen.
Kuteragummi  (Kutiragummi),  eine  im  Aus
sehen  dem  Tragant  ähnliche  ostindische  Gummiart, ­
  enthält  wie  dieser  Bassorin.
Kydiabast,  der  Bast  von  Kydia  calycina.
einem  ,im  westlichen  Indien  wachsenden  Baume,
besteht  aus  festen,  bis  zu  1,3  m  langen  Fasern
von  außen  gelblichem,  innen  kreideartigem  Aussehen, ­
  die  ein  vorzügliches  Ersatzmittel  für
Lindenbast  sind,  sich  aber  nicht  zum  Verspinnen
eignen.

L.

Lab  nennt  man  das  zur  Dicklegung  der  Milch
in  den  Käsereien  benützte  Enzym  des  Kälbermagens. ­
  Es  wurde  ursprünglich  durch  Behandlung ­
  des  vierten  Kälbermagens  (Labmagen)  mit
Kochsalzlösung  hergestellt  (Natur-  oder  Käselab), ­
  wird  aber  neuerdings  meist  in  Form  der
Labessenz  (Labextrakt)  angewandt,  einer
mit  Hilfe  von  Kochsalz  und  Borsäure  oder
Alkohol  aus  vorsichtig  getrocknetem  Kälbermagen ­
  gewonnenen  Flüssigkeit.  Labpulver
besteht  aus  getrockneter  und  entfetteter,  zerkleinerter ­
  Magenschleimhaut.
Labradorstein  (Labrador,  Labradorit,

polychromatischer  Feldspat),  ein  aus
Kieselsäure,  Tonerde,  Kalk  und  geringen  Mengen ­
  Natron  bestehendes  Mineral  der  Feldspatgruppe, ­
  hat  seinen  Namen  von  der  Labradorküste ­
  Nordamerikas  (Paulsinsel),  wo  es  als  Geschiebe, ­
  wie  eingewachsen  in  besonderer  Schönheit ­
  gefunden  wird.  Das  weißlich,  grau  bis
schwärzlich  gefärbte  Mineral  zeigt  ein  schönes
pfaufederartiges  Farbenspiel  in  blauen,  grünen,
messinggelben,  roten  und  braunen  Tönen.  Seine
Härte  ist  =  5,  das  spez.  Gew.  2,680—2,740.
L.  wird  zu  Ring-  und  Nadelsteinen,  Dosen,
Vasen,  Tischplatten  und  Ornamenten  verarbeitet,
        <pb n="241" />
        Lachs

236

Lacke

aber  meist  ganz  flach  oder  wenig  gewölbt  geschliffen, ­
  da  fassettierter  Schliff  das  schöne
Farbenspiel  aufhebt.
Lachs  (Salm,  frz.  Saumon,  engl.  Salmon),
ein  zu  der  Ordnung  der  Knochenfische,  Familie ­
  der  Salmoniden,  gehörender  Raubfisch
(Salmo  salar),  findet  sich  in  allen  nördlichen
Meeren,  auch  in  der  Nord-  und  Ostsee,  fehlt
aber  bereits  im  Mittelrneer.  Der  schlank  gebaute, ­
  mit  kleinen  Schuppen  bedeckte  Leib
zeigt  je  nach  Alter  und  Geschlecht  stark  wechselnde ­
  Färbung.  Das  große  Maul  des  verhältnismäßig ­
  kleinen  Kopfes  ist  im  Unterkiefer  mit
einer  Reihe,  im  Oberkiefer  mit  zwei  Reihen
starker  Zähne  besetzt.  Die  Rückenflosse  zeigt
3—4  Stachel-  und  9—11  weiche  Strahlen,  die
Brustflosse  14  Strahlen  (davon  nur  die  erste
hart),  die  Bauchflosse  8  weiche  und  1  harte,
die  Afterflosse  3  harte  und  7—8  weiche,  die
Schwanzflosse  19  weiche  Strahlen.  Der  L.  ist
ein  Meeresbewohner,  geht  aber,  wenn  er  etwa
1  m  lang  geworden  ist,  zum  Laichen  die  Flüsse,
in  Deutschland  besonders  Rhein,  Elbe  und
Weser  hinauf,  überspringt  Stromschnellen  und
kleinere  Wasserfälle  und  wird  während  dieser
Aufwärtswanderung  mit  Angel  und  Netz  gefangen. ­
  Der  ins  Meer  zurückkehrende  Fisch  ist,
da  er  in  den  Flüssen  keine  Nahrung  zu  sich
nimmt,  abgemagert  und  wenig  wertvoll,  Als
Mindestgröße  fangbarer  Lachse  ist  in  Deutschland ­
  J / 2  m  vorgeschrieben,  während  Fische  von
1V2  m  und  12—15  kg  Gewicht  die  beste  Handelsware ­
  bilden,  doch  kommen  auch  20  kg
schwere,  vereinzelt  noch  schwerere  Exemplare
vor.  Seitdem  der  Ertrag  der  deutschen  Fischerei
stark  zurückgegangen  ist,  werden  die  L.  hauptsächlich ­
  von  Schottland,  Norwegen  und  Nordamerika ­
  (Alaska)  in  den  Handel  gebracht.  —
Der  L.  ist  einer  der  wohlschmeckendsten  und
nährstoff-,  besonders  fettreichsten  Fische  mit
640/0  Wasser,  21—220/0  Eiweiß,  13—140/0  Fett
und  1  0/0  Mineralstoffen  und  wird  sowohl  frisch
wie  eingesalzen,  geräuchert  und  mariniert  genossen. ­
  Gesalzen  und  geräucherter  L.  enthält ­
  51  0/0  Wasser,  240/0  Eiweiß,  13%  Fett  und
120/0  Mineralstoffe  (10  0/0  Salz).  Zum  Marinieren ­
  werden  die  ausgeweideten,  in  Stücke  zerschnittenen ­
  Tiere  gekocht,  darauf  mit  Gewürzen
in  Fässer  gepackt  und  diese  mit  Essig-Salz-Lake
  aufgefüllt  und  zugeschlagen.  Besonders
geschätzt  ist  die  marinierte  Ware  von  Elbing.
Außerdem  bringen  Danzig,  Thora,  Bremen,
Frankfurt  a.  O.  Lachs  in  den  Handel.  Wichtige ­
  Ausfuhrorte  sind  Berwick  und  Perth  in
Schottland,  Bergen  in  Norwegen  und  Neufundland. ­
  —  Von  den  hauptsächlichsten  Verwandten
des  L.  kommt  der  Huchen  (Salmo  hucho),
der  bis  2  m  lang  und  50  kg  schwer  wird,  im
Schwarzen  Meere  vor.  Er  steigt  in  die  Donau
mit  ihren  Nebenflüssen  und  wird  daher  Donaulachs ­
  genannt.  —  Die  Seeforelle,  Grundoder ­
  Lachsforelle,  Rheinanke,  Illanke
(Salmo  lacustris)  bevölkert  hauptsächlich  die
Landseen,  besonders  der  Schweiz  und  wird  bis
zu  20  kg  schwer.  Eine  Abart,  die  Meerforelle
(Salmo  trutta)  verbringt  einen  Teil  ihres  Lebens ­
  im  Meere.  —  Die  eigentliche  Forelle  ist
in  einem  besonderen  Aufsatze  besprochen
worden.

Lacke  (lat.  Lacca,  frz.  Laques  oder  Vernis,
engl.  Lac  oder  Varnish).  Mit  diesem  Namen  belegt ­
  man,  abgesehen  von  einigen  natürlichen
Harzen  wie  Stocklack  oder  Schellack  (s,  d.),
dem  Japanlack  (s.  d.)  und  einigen  Lackfarben
(s.  d.),  sowohl  Auflösungen  von  Harzen  in
leicht  flüchtigen  Flüssigkeiten,  die  sog.  flüchtigen ­
  oder  mageren  Lacke,  als  auch
Mischungen  der  letzteren  mit  fetten  Ölen,  Harzölen ­
  oder  Firnis,  die  sog.  Lackfirnisse,
fetten  oder  Öllacke.  Im  gewöhnlichen  Leben
werden  die  Begriffe  Lack  und  Firnis  häufig
verwechselt  oder  als  völlig  gleichbedeutend  gebraucht, ­
  so  daß  vielfach  nur  mit  Firnis  oder
Ölfarbe  gestrichene  Gegenstände  als  lackierte  in
den  Handel  kommen.  Charakteristisch  für  einen
wahren  Lack  ist  aber  immer  sein  Gehalt  an
Harz.  Als  Harze  kommen  besonders  Bernstein,
Dammar,  Kopal,  Kolophonium  sowie  neuerdings ­
  Kunstharze  (s.  Harz),  als  Lösungsmittel
Äther,  Alkohol,  Amylalkohol,  Amylazetat,  Azeton, ­
  Benzin,  Benzol,  Kampferöl,  Rosmarinöl,
Terpentinöl  in  Betracht.  Beim  Überstreichen
def  Gegenstände  verflüchtigt  sich  das  Lösungsmittel ­
  und  das  Harz  bleibt  als  dünner  durchsichtiger ­
  oder  bei  Zusatz  von  Körperfarben
undurchsichtiger  Überzug  zurück.  Die  fetten
Lackfirnisse  bestehen'  aus  Firnis  (Leinöl-,
Holzöl-  oder  anderem  Firnis)  und  Harzen  in
Terpentinöl.  Zu  ihrer  Herstellung  wird  der
entsprechend  in  etwa  nußgroße  Stücke  zerbrochene ­
  Kopal  (oder  auch  Bernstein)  in  Kesseln
mit  Kondensationsvorrichtung  vorsichtig  bei
etwa  300—350°  geschmolzen,  wobei  das  Kopalöl
überdestilliert,  und  darauf  das  auf  200 0  erwärmte ­
  Leinöl  (Firnis)  nach  und  nach  hinzugegeben, ­
  bis  bei  andauerndem  Erhitzen  auf
320 0  eine  völlig  gleichmäßige  Mischung  entstanden ­
  ist.  Nach  dem  Abkühlen  gibt  man
Terpentinöl,  unter  Umständen  auch  Sikkative
(s.  d.)  hinzu  und  unterwirft  das  fertige  Erzeugnis ­
  in  der  Regel  noch  einer  Filtration.  Bei
Verwendung  von  Kolophonium  statt  der  fossilen
Harze  kann  ein  einfacheres  Verfahren  angewandt
werden.  Die  fetten  Lackfirnisse  liefern  von  allen
Lacken  die  haltbarsten  Überzüge,  brauchen  aber
lange  Zeit  zum  Trocknen  (meist  in  geheizten
Räumen)  und  werden,  oft  in  Verbindung  mit
Farben,  für  Lederzeug,  Blechwaren  und  andere
der  Abnutzung  ausgesetzte  Gegenstände  angewandt. ­
  Als  Unterabteilung  gehören  zu  ihnen
noch  die  sog.  Kautschuklacke,  die  einen  Zusatz ­
  von  Kautschuk  oder  Guttapercha  in  Benzin
gelöst  erhalten  und  sich  durch  große  Geschmeidigkeit, ­
  bei  allerdings  vermindertem  Glanz,  auszeichnen. ­
  Matt  lacke  erhalten  außerdem  einen
Zusatz  von  Wachs.  —  Spiritus-  oder  Weingeistlacke ­
  werden  in  der  Regel  gebraucht,
wenn  die  gestrichenen  Gegenstände  ihre  natürliche ­
  Farbe  behalten  sollen,  und  daher  für
diesen  Fall  aus  besonders  hellen  Harzen  bereitet, ­
  während  für  andere  Zwecke  auch  dunklere ­
  Harze,  Bernstein,  Schellack,  Kolophonium,
benutzt  werden  können.  Bisweilen  erhalten  sie
auch  einen  Zusatz  alkohollöslicher  Farben,  wie
Teerfarben  oder  Drachenblut  (Goldlack).
Kleinere  Mengen  der  weicheren  Harze  kann
man  durch  Schütteln  der  pulverisierten  Masse
mit  starkem  Weingeist  schon  in  der  Kälte,
        <pb n="242" />
        Lackester

237

Lackfarben

leichter  in  der  Sonne  oder  bei  mäßiger  Wärme
lösen  und  durch  Filtration  von  den  Verunreinigungen ­
  trennen.  Bei  der  Darstellung  im  großen
bedient  man  sich  geschlossener  Destillierblasen
oder  des  sog.  Deplazierungsverfahrens.
indem  man  das  Harz  in  ein  Sieb  schüttet  und
dieses  so  weit  in  ein  mit  Weingeist  gefülltes
Faß  hängt,  daß  es  gerade  noch  von  der
Flüssigkeit  bespült  wird.  Die  Lösung  des  Harzes
sinkt  dann  beständig  nach  unten  und  kann
nach  entsprechendem  Absetzen  aus  einem  etwas
oberhalb  des  Bodens  angebrachten  Hahn  ohne
Filtration  klar  abgezogen  werden.  Als  Ausgangsmaterial ­
  für  Spirituslack  kommen  sämtliche ­
  Harze  in  Betracht.  Die  spröderen,  wie  Sandarak
  und  Mastix,  geben  sehr  glänzende,  aber
wenig  haltbare  Überzüge  und  werden  daher
meist  i  durch  Zusatz  von  etwas  venezianischem
Terpentin  oder  weicherem  Harz,  z.  B.  Elemi,
verbessert.  —  TerpentinöHacke  unterscheiden ­
  sich  von  den  vorigen  nur  dadurch,  daß
an  Stelle  von  Spiritus  Terpentinöl  oder  andere
ätherische  Öle  (Rosmarinöl)  als  Lösungsmittel
benutzt  werden.  Sie  trocknen  etwas  langsamer,
sind  aber  haltbarer  und  weniger  spröde,  weil
ein  Teil  des  Lösungsmittels  von  dem  eintrocknenden ­
  Harzüberzug  festgehalten  wird.  Das
Terpentinöl  löst  manche  Harze  schon  in  der
Kälte.  Andere,  wie  Bernstein  und  Kopal,  werden ­
  erst  in  der  Wärme  geschmolzen  und  dann
mit  dem  Lösungsmittel  verdünnt.  Die  billigsten
Terpentinöllacke  werden  aus  Kolophonium,
bessere  Sorten  aus  Sandarak  oder  Dammara,
die  besten  Fußboden-,  Wagen-  und  Schleiflacke ­
  aus  Bernstein  oder  echtem  Kopal  hergestellt. ­
  Geschmolzener  und  dann  mit  Terpentinöl ­
  gemischter  Asphalt  gibt  den  schwarzen
Asphalt-  oder  Eisenlack,  der  durch  Zusatz
von  heißem  Leinölfirnis  dauerhafter  wird.  Als
allgemeine  Regel  für  die  Verwendung  der  flüchtigen ­
  Lacke  gilt,  daß  sich  die  Terpentinöl-L.
besonders  zum  Aufsetzen  auf  Ölanstriche,  die
Weingeist-L,  zum  Aufsetzen  auf  Wasser-  und
Leimfarben  eignen.  An  Stelle  des  Terpentinöls
werden  vielfach  auch  andere  Lösungsmittel,  wie
Benzin,  Schwefelkohlenstoff,  Holzgeist,  Chloroform, ­
  Kampferöl,  Eukalyptusöl,  an  Stelle  der
genannten  Harze  die  neueren  Harzersatzmittel
(s.  d.)  benutzt.  —  Als  Kennzeichen  eines  guten
Lackes  gilt,  daß  er  nach  dem  Aufstreichen
schnell  trocknet  und  einen  nicht  klebrigen
stark  glänzenden  Überzug  hinterläßt,  der  mit
der  Zeit  weder  Risse  noch  Sprünge  bekommt.
Bei  sorgfältiger  Aufbewahrung  in  verschlossenen ­
  Gefäßen  gewinnen  die  Lacke  durch  das
Alter  an  Güte.  Die  feinsten  Wagenlacke,  von
denen  der  höchste  Grad  von  Dauerhaftigkeit
und  Schönheit  verlangt  wurde,  kamen  früher
aus  England,  werden  aber  jetzt  von  den  Fabriken ­
  in  Dresden,  Berlin,  Mainz,  Offenbach  und
Wien  mindestens  ebensogut  erzeugt.
Lackester  (Esterlacke)  nennt  man  eine  heue
Art  von  Anstrichlacken,  bei  denen  an  Stelle  der
Harze  die  durch  Vereinigung  von  Lfarzen  mit
Alkoholen  unter  Wasseraustritt  entstehenden
Harzsäureester  als  Grundstoff  dienen.  Sic
sollen  weit  ergiebiger  als  Kopallacke  sein,  so
daß  zwei  Teile  L.  ungefähr  so  viel  Fläche
decken,  als  drei  Teile  Kopallack,  und  überdies

Anstriche  von  großer  Widerstandsfähigkeit
gegen  Luft  und  Feuchtigkeit  liefern.
Lackfarben  (Farblacke)  sind  Verbindungen
von  organischen  Farbstoffen  mit  anorganischen
Oxyden  oder  Salzen.  Die  zahlreichen,  zum
Teil  sehr  schönen,  in  Hölzern  und  anderen
Pflanzenteilen  enthaltenen  Farbstoffe  bilden,  soweit ­
  sie  in  Wasser  löslich  sind,  nur  Farbenbrühen. ­
  Um  sie  in  die  Form  einer  Körperfarbe
zu  bringen,  muß  man  sie  an  eine  feste  Grundlage ­
  binden  und  bedient  sich  hierzu  der  Eigenschaft ­
  mancher  Metalloxyde  und  alkalischen
Erden,  mit  den  Pflanzenfarbstoffen  unlösliche
Niederschläge  zu  bilden.  Wird  z.  B.  zu  einer
Alaunlösung  die  Lösung  eines  ätzenden  oder
kohlensauren  Alkalis  gebracht,  so  fällt  die  Tonerde ­
  des  Alauns  als  weiße  Gallerte  aus;  ist  aber
die  Alaunlösung  vorher  mit  einer  Farbenbrühe
gemischt  worden,  so  reißt  die  Tonerde  den
Farbstoff  so  vollständig  an  sich,  daß  die  überstehende ­
  Flüssigkeit  farblos  erscheint.  In  gleicher ­
  Weise  wirkt  das'  Zinnoxydul,  welches  aus
einer  Lösung  von  Zinnchlorür  (Zinnsolution)
ausgefällt  wird.  Die  Lackfarbe  fällt  dabei  noch
feuriger  aus,  aber  wegen  seiner  Kostspieligkeit ­
  kann  das  Zinnsalz  nur  zu  feinerer  Ware
benutzt  werden,  während  es  für  gewöhnlich  im
Gemisch  mit  Alaun  Anwendung  findet.  Beide
Salze  bilden  auch  die  gewöhnlichsten  Beizen
der  Färberei,  bei  welcher  der  Farblack  auf  der
Faser  erzeugt  wird.  Nicht  alle  Farbstoffe  vertragen ­
  die  gleiche  Behandlung.  Einige  lassen
sich  mit  kalter  oder  heißer  Alaunlösung  äusziehen
  und  dann  mit  der  alkalischen  Lauge
fällen.  Bei  anderen  muß  diese  das  Lösungsmittel ­
  abgeben  und  der  Alaun  zuletzt  hinzugesetzt ­
  werden.  Unter  Umständen  ist  es  auch
geboten,  die  Tonerde  für  sich  auszufällen  und
rein  zu  waschen  und  sie  dann  erst  mit  der
Farbenbrühe  unter  Erwärmung  zusammenzubringen. ­
  Die  als  farbiger  Schlamm  erhaltenen
Lacke  werden  schließlich  mit  Wasser  rein  ausgewaschen ­
  und  entweder  noch  feucht  als  Teig
(en  päte)  für  Kattun-  und  Wolldruck,  Tapeten
und  Buntpapier  verkauft,  oder  getrocknet  und
in  Brocken  oder  zu  Täfelchen  geformt  in  den
Handel  gebracht.  Um  die  Farben  in  möglichster ­
  Schönheit  herzustellen,  sind  verschiedene ­
  Vorsichtsmaßregeln  zu  beobachten,  die
zum  Teil  als  Fabrikgeheimnisse  bewahrt  werden.
Von  den  L.  sind  die  roten  und  gelben  am
gebräuchlichsten.  Der  feinste  rote  L.  ist  der
Karminlack  aus  der  Koschenille  und  den  Abgängen ­
  von  der  Karminbereitung  (vgl.  Koschenille). ­
  Weiter  sehr  beliebt  und  außerordentlich
dauerhaft  sind  auch  die  Krapplacke  (vgl.
Krapp),  die  in  einer  großen  Farbenfolge  von
Dunkelrot  bis  zart  Rosa  dargestellt  und  durch
Zusatz  von  mehr  oder  weniger  feinem  Bleiweiß
in  verschiedenen  helleren  Tönen  abgestuft  werden. ­
  Außerdem  erhält  man  aus  Pernambukholz
und  Lack  dye,  dem  Farbstoff  des  Gummilacks,
schöne  rote  L.  Die  roten  Lacke  aus  Karmin
und  Farbhölzern  sowie  Mischungen  derselben
mit  anderen  Stoffen  führen  verschiedene  Handelsnamen: ­
  Pariser,  Wiener,  Venezianer,
Florentiner  Lack,  Kugel  lack  usw.  Ein
schöner  violetter  Lack  ist  der  Orseillelack.
Zu  gelben  Lacken  dienen  Abkochungen  von
        <pb n="243" />
        Lackierte  Waren

238

Lämmerfelle

Gelbholz,  Kreuzbeeren,  Waid,  Querzitron  und
anderen  gelben  Pf.anzenfarbstoffen.  Die  billigsten ­
  derartigen  Gelbfarben  gehen  unter  dem
Namen  Schüttgelb.  Sie  erhalten,  wenn  sie
wirklich  durch  Niederschlag  mit  Tonerde  gebildet ­
  sind,  doch  noch  starke  Zusätze  von
Kreide,  sind  aber  oft  nur  durch  Übergießen
von  Kreide  oder  Kalk  mit  einer  Gelbbrühe  hergestellt. ­
  Im  letzteren  Falle  haftet  die  Farbe
nur  durch  mechanische  Aufsaugung  an  dem
Grundstoff,  so  daß  der  Begriff  einer  Lackfarbe
ganz  verloren  geht.  Grüne  Lacke  sind  in  der
Regel  bloße  Mischungen  von  blauen,  aus  Indigkarmin
  bestehenden,  und  gelben  Niederschlägen,
doch  erhält  man  einen  natürlichen  grünen  Lack
aus  Kaffeebohnen,  die  mit  einer  verdünnten
Lösung  von  Kupfervitriol  extrahiert  werden.
Durch  vorsichtiges  Versetzen  des  Auszuges  mit
Ätznatron  wird  ein  Niederschlag  erhalten,  der,
mit  Essig  besprengt  und  der  Luft  ausgesetzt,
an  Schönheit  der  Farbe  noch  gewinnt.  Dieser
Farbstoff  ist  also  eigentlich  nur  ein  mit  dem
Kaffeefarbstoff  (Viridinsäure)  geschöntes  Kupferoxydhydrat, ­
  dessen  eigentlicher  Platz  unter  den
Kupferfarben  sein  würde.  Jetzt  werden  auch
viele  solcher  L.  mit  Teerfarbstoffen  hergestellt.
Lackierte  Waren  lassen  sich  unterscheiden  in
solche  aus  Blech,  Holz,  Papiermasse  und  Leder,
und  zwar  sind  es  hauptsächlich  diejenigen  der
ersten  Klasse,  die  jetzt  im  Handel  unter  dem
Namen  Lackierwaren  verstanden  werden.  Die
Lackierkunst  stammt  aus  Ostasien,  wo  sie  namentlich ­
  von  den  Japanern,  daneben  auch  den
Chinesen  ausgeübt  wird.  Seit  dem  16.  Jahrhundert ­
  brachten  die  Holländer,  die  früher  den
Handel  mit  Japan  in  Händen  hatten,  die  japanischen ­
  Lackwaren  außerordentlich  in  Aufnahme, ­
  und  die  größte,  im  japanischen  Palais
zu  Dresden  befindliche  Sammlung  gewährt  ein
Urteil  über  die  Schönheit  und  Mannigfaltigkeit
dieser  Erzeugnisse.  In  Europa  verlegten  sich
zuerst  die  Engländer,  danach  Franzosen  und
Deutsche  auf  die  Herstellung  lackierter  Waren,
doch  mußte  diese  Industrie  bei  mangelhafter
Kenntnis  der  von  den  Japanern  angewandten
Stoffe  und  Zubereitungsarten  ganz  von  vorn
neu  begründet  werden.  Nur  allmählich  gelang
es,  die  Schönheit  der  japanischen  Lackarbeiten
zu  erreichen,  aber  ihre  Haltbarkeit  ließ  sich
nicht  nachahmen.  Gibt  es  doch  lackierte  hölzerne ­
  Tassen,  Teller,  Teebrettchen  usw.,  auf
welchen  siedendes  Wasser  keine  Spur  zurückläßt. ­
  Allerdings  sind  in  den  letzten  Jahren  auch
viele  L.  von  schlechter  Beschaffenheit  aus  Japan
eingeführt  worden.  Lackierte  Waren  aus  Holz
und  Papiermasse,  die  das  wichtigste  Erzeugnis
der  Japaner  und  Chinesen  bilden,  gelangen
außerdem  nur  von  den  Russen,  wenngleich  nicht
in  gleicher  Güte,  in  den  Handel.  Auf  Waren
aus  Eisen-  oder  anderem  Blech  lassen  sich
Lacke  von  geeigneter  Beschaffenheit,  besonders
unter  Zuhilfenahme  von  Asphalt,  einer  stärkeren
Hitze  aussetzen,  und  durch  solches  Aufbrennen
in  einem  Heizofen  entstehen  viel  dauerhaftere
Überzüge.  Aus  diesem  Grunde  hat  auch  die
Herstellung  feinerer  lackierter  Blechwaren  für
den  Massenverbrauch  einen  weit  größeren  Umfang ­
  und  höhere  Bedeutung  gewonnen,  als  die
von  Holz  und  Papiermasse.  Von  besonderer

Wichtigkeit  ist  die  Güte  des  Lackes  (s.  Japanlack) ­
  und  die  Art  des  Auftragens,  ln  Japan
erfolgt  das  Bemalen,  um  dem  Staub,  der  die
Glätte  schädigt,  zu  entgehen,  auf  Kähnen  mitten
im  Wasser  oder  in  feuchten  Arbeitsstuben.
Unterstützt  durch  den  Formenreichtum,  den  das
Prägen  und  Drücken  schaffen  kann,  und
durch  die  Freiheit  der  Maltechnik,  welche  alle
Verzierungen  durchzuführen  gestattet,  leistet
dieser  Industriezweig  jetzt  ganz  Hervorragendes, ­
  und  seine  Erzeugnisse  sind  nicht  allein
Luxusgegenstände,  sondern  ebensowohl  in  den
gewöhnlichen  Hauswirtschaften  zu  finden.  Die
deutschen  Waren  sind  bei  sauberer  Ausführung
so  billig,  daß  sie  schon  längst  einen  bedeutenden ­
  Ausfuhrartikel  bilden.
Lackmoid  (Resorzinblau),  ein  in  der  Maßanalyse ­
  viel  benutzter  Indikator,  entsteht  beim
Erhitzen  von  Resorzin  mit  salpetrigsaurem  Natron ­
  in  Form  dunkelblau  violetter,  glänzender
Körnchen,  deren  wäßrige  blauviolette  Lösung
durch  Salzsäure  rot  wird.  In  Alkohol  löst  sich
der  Farbstoff  mit  blauer  Farbe  und  dunkelgrüner ­
  Fluoreszenz.
Lackmus  (lat.  Lacca  musica,  frz.  Tournesol,
engl.  Litmus),  ein  verschiedenen  Arten  von
Flechten,  z.  B.  Roccella  tinctoria,  Lecanora
  tartarea  u.  a.,  entstammender  blauer
Farbstoff,  wird  in  folgender  Weise  hergestellt;
Die  zu  Pulver  gemahlenen  Flechten  werden  in
Kübeln  mit  Pottasche,  Kalk  und  einem  ammoniakhaltigen ­
  Stoffe,  früher  faulem  Urin,  zu
einem  weichen  Teige  gemischt,  den  man  der
Gärung  überläßt,  und  darauf  etwa  vier  Wochen,
lang  durch  Zusatz  neuer  Ammoniakmengen  in
weichem  Zustande  erhalten.  Sobald  die  anfangs
purpurrote  Masse  blau  geworden  ist,  reibt  man
sie  durch  Haarsiebe,  mischt  mit  Kreidepulver
oder  Gips  und  formt  sie  zu  kleinen  Würfeln,
die  man  im  Schatten  trocknet.  L.  enthält  eine
Reihe  verschiedener  Farbstoffe,  von  denen  das
Azolithmin  der  wichtigste  ist.  Es  färbt  sich
mit  Säuren  rot,  mit  Alkalien  blau,  und  wird
ebenso  wie  der  mit  verdünntem  Alkohol  hergestellte ­
  Auszug,  die  Lackmustinktur  und
das  Lackmuspapier,  als  Indikator  benutzt.
Die  Tinktur  muß  im  Dunkeln  und  in  nur  mit
Watte  lose  verschlossenen  Flaschen  aufbewahrt
werden.
Lactarin,  ein  aus  getrocknetem  und  gepulvertem ­
  Kasein  bestehendes  Farbenverdickungsmittel ­
  in  Zeugdruckereien,  wird  für  den  Gebrauch ­
  mit  verdünntem  Salmiakgeist  zu  einer
gummischleimartigen  Masse  gelöst.
Ladanum  (lat.  Gummi  ladanum,  frz.  und  engl.
Ladanum),  nicht  zu  verwechseln  mit  Laudanum
  (s.  Opium),  ist  eine  harzige,  grüne  Ausschwitzung, ­
  die  an  den  Blättern  und  Zweigspitzen ­
  mehrerer  zur  Gattung  Cistus  gehöriger
Strauchgewächse  auftritt  und  abgeschabt  wird.
Die  angenehm  storaxartig  riechende  Masse
diente  früher  zu  Parfümerien,  Räucherungen
und  als  Zusatz  zu  Pflastern,  ist  aber  jetzt  ganz
außer  Gebrauch  gekommen.
Lämmerlelle.  Die  Felle  junger  Schafe  kommen
in  zwei  Formen,  nämlich  mit  oder  ohne  Wolle,
in  den  Handel  und  werden  in  letzter  Form  zu
Leder,  namentlich  Handschuhleder,  in  ersterer
zu  Pelzwerk  verarbeitet.  Als  wichtigste  Arten
        <pb n="244" />
        Lärchenholz

239

Lanolin

des  Schafes,  die  zur  Fellgewinnung  dienen,  sind
das  spanische  Merinoschaf,  das  Bauernschaf ­
  und  das  in  Asien,  Südrußland  und  Ägypten
gehaltene  breitschwänzige  Schaf,  das  die
schönsten  L.  liefert,  zu  nennen.  Von  einer  Abart
des  letzteren,  dem  bucharischen  Schaf,  stammen ­
  die  Astrachan-  und  die  persischen  Felle,
von  dem  langschwänzigen  Schaf  die  ukrainischen ­
  Felle.  Der  Farbe  nach  werden  von  allen
Sorten  die  schwarzen  Felle  bevorzugt,  die  am
schönsten  aus  Persien  (Agneaux  de  Tatarie
oder  de  Perse),  danach  der  Krim  (Krimmer)
und  der  Ukraine  zur  Ausfuhr  gelangen.  Die
Astrachaner  L.  haben  ziemlich  langes,  glänzend
schwarzes  Haar,  während  dasjenige  der  übrigen
Sorten  meist  feine  Ringel,  oft  von  außerordentlicher ­
  Zartheit,  bildet.  Die  Kräuselung  wird  auf
künstliche  Weise  hervorgerufen,  indem  die  Kirgisen, ­
  Kalmücken  und  Tataren  die  neugeborenen
Lämmer  sogleich  in  grobe  Leinwand  einnähen,
diese  täglich  mehrmals  mit  warmem  Wasser
benetzen  und  mit  den  Händen  in  gewissen
Richtungen  streichen.  Nach  etwa  4  Wochen
wird  das  Tier  untersucht  und,  falls  die  Kräuselung ­
  alsdann  noch  nicht  genügend  vorgeschritten
sein  sollte,  noch  weiter  in  gleicher  Weise  behandelt. ­
  Die  feinsten  aus  Rußland  kommenden
L,  werden  bei  uns  als  Persianer,  in  Rußland
selbst  als  Karakul  bezeichnet,  während  man
in  Deutschland  unter  Karakul  gewöhnlich  die
kleineren  tatarischen  Lammfelichen,  auch  Treibei ­
  genannt,  versteht.  Die  geringeren  russischen
L.  führen  den  Namen  Schmaschen.  Die
kostbarsten  Stücke  werden  für  den  russischen
Inlandsbedarf  zurückbehalten,  die  gewöhnliche
Ware  kommt  aus  Ungarn,  der  Türkei  u.  a.  O,
und  ist  oft  gefärbt.
Lärchenholz  (Lerchenholz)  von  L  a  r  i  x
europaea,  erscheint  im  Splinte  weiß,  sonst  rötlich, ­
  braunrötlich  oder  rotgelb,  bei  alten  Stämmen
zuweilen  dunkel  geflammt.  Es  ist  sehr  harzreich, ­
  wenig  dem  Werfen  und  nicht  dem  Wurmfraß ­
  unterworfen  und  daher  ein  ausgezeichnetes, ­
  sehr  dauerhaftes  Bauholz  für  Land-  und
Wasserbauten,  Mastbäume  und  Eisenbahnschwellen, ­
  während  die  jungen  Stämme  als
Hopfen-  und  Telegraphenstangen  benutzt  werden. ­
  Als  Brennholz  steht  es  im  Werte  zwischen
Kiefer  und  Fichte.
Läusekörner  (Stephanskörner,  lat.  Semen
staphisagriae,  frz.  Semence  de  staphisaigre,
engl.  Stavesacre  seeds),  die  graubraunen,  runzligen ­
  Samen  einer  Art  Rittersporn  (Delphinium
  staphisagriae),  der  im  südlichen  Europa
wild  wächst  und  bei  uns  zuweilen  in  Blumengärten ­
  vorkommt,  zeigen  eine  flache,  dreieckige,
zuweilen  viereckige  Gestalt  und  besitzen  einen
unangenehmen  Geruch  sowie  sehr  bitteren  und
scharfen  Geschmack.  Sie  werden  wie  die  Sabadillsamen ­
  zur  Vertilgung  von  Kopfungeziefer
gebraucht  und  finden  medizinisch  in  der  Homöopathie ­
  und  zur  Darstellung  von  Delphinin
(s.  d.)  Verwendung.
Lahn  (frz.  Lame,  engl.  Finsel)  besteht  aus
flach  gewalztem,  echten  und  unechten  Gold-  und
Silberdraht  und  wird  zu  Spitzen  und  Borten,
Bändern  (aus  Lahn  und  Seide),  Stoffen  für
Maskerade  und  Theateranzüge  und  zahlreichen
underen  Schmucksachen  verarbeitet.

Laktukariutn  (Tridace,  lat.  und  frz.  Lactucarium,
  engl.  Lettuce  opium)  ist  der  durch  Einschnitte ­
  ausgetretene  und  eingetrocknete  Milchsaft ­
  verschiedener  Arten  der  Gattung  Lac  tu  ca
(vgl.  Giftlattich).  Den  wirksamen  Stoff  bildet
ein  indifferenter  Bitterstoff,  das  Laktuzin,
welches  in  weißen,  perlglänzenden  Kristallschuppen ­
  erscheint.  Außerdem  finden  sich  noch
Laktuzerin,  Laktukasäure,  Kautschuk  u.
a.  L.  findet  bisweilen  als  unsicheres  Schlafmittel ­
  Verwendung.
Lama  nennt  man  flanellähnliche  Stoffe  aus
Streichwolle,  die  meist  schlicht  gewebt,  doch
zuweilen  auch  geköpert  und  gemustert  sind
und  eine  schwache  Haardecke  haben,  durch
welche  das  Gewebe  sichtbar  ist.  Sie  sind  einfarbig ­
  oder  bunt,  gestreift,  kariert  oder  geflammt
  und  dienen  als  Futter  für  Winterkleider,
zu  Mänteln  usw.  Mitunter  gibt  man  den  Namen
auch  besseren  Stoffen,  die  gewöhnlich  Napolitäine
  heißen.
Lambik,  ein  belgisches,  durch  Selbstgärung
erzeugtes,  säuerlich  schmeckendes  Bier,  enthält
nach  König  3,66  Extrakt,  5,02  Alkohol,  0,43
Protein,  0,56  Maltose,  1,68  Gummi  und  Dextrin,
0,89  Milchsäure  und  0,20  Kohlensäure.
Lametta,  die  zur  Schmückung  von  Weihnachtsbäumen ­
  benutzten  gold-  und  silberähnlichen ­
  Metallfäden,  deren  Herstellung  trotz  des
billigen  Preises  eine  ziemlich  umständliche  ist,
werden  nach  Gewicht  gehandelt  und  besonders,
in  Nürnberg,  Thüringen,  im  Erzgebirge  usw.  zu
Christbaumschmuck  verarbeitet.
Laminariastiele  (gefingerter  Seetang,  lat.
Laminaria  digitata,  frz.  und  engl.  Laminaria)
bestehen  aus  den  getrockneten  fingerdicken
oder  stärkeren,  am  oberen  Ende  wie  Finger
geteilten  Ästen.  mehrerer  an  den  Küsten  der
Nordsee  wachsender  Tange"  (Laminaria
Cloustonii,  L.  stenophylla).  Vermöge  ihrer
Eigenschaft,  in  der  Nässe  beträchtlich  aufzuquellen, ­
  bilden  sie  ein  wichtiges  Hilfsmittel  der
Chirurgen  zur  Erweiterung  von  Wunden  und
Fisteln,  wozu  früher  der  sog.  Preßschwamm
gebraucht  wurde.  Die  für  diese  Zwecke  daraus
hergestellten  Bougies  und  Quellkegel  sind  fertig
im  Handel.
Lairitzsches  Waldwollöl  ist  ein  gegen  Rheumatismus ­
  angepriesenes  Destillat  aus  Koniferenwolle. ­

Lanolin  (gereinigtes  Wollfett,  lat.  Lanolinum,
  Adeps  lanae,  frz.  Lanoline,  engl.  Lanolin).
Das  schon  im  Altertum  als  Oesypus  medizinisch ­
  benutzte  Wollfett  geriet  später  in  Vergessenheit ­
  und  wurde  erst  1885  wieder  von
Liebreich  als  gereinigtes  Wollfett  in  den  Arzneischatz ­
  eingeführt.  Das  rohe  Wollfett  findet
sich  im  Wollschweiß  der  Schafe  und  geht  beim
Waschen  der  Wolle  in  das  Waschwasser  der
„Wollwäschereien“  sowie  in  das  durch  Zusatz
von  Säuren  daraus  abgeschiedene  Wollwaschfett
  über.  Zur  Trennung  des  Wollfettes  von
den  freien  oder  gebundenen  Fettsäuren  verwandelt ­
  man  die  letzteren  in  unlösliche  Kalkseifen
und  zentrifugiert  darauf  das  Wollwaschwasser
oder  das  mit  Wasser  emulgierte  Wollwaschfett.
worauf  man  das  abgeschiedene  Rohlanolin  durch
Zusammenschmelzen  mit  Marmorkalk,  völliges
Befreien  von  Wasser,  mehrfaches  Umschmelzen
        <pb n="245" />
        Lanthan

240

Laurelnußöl

und  schließlich  durch  Extrahieren  mit  Azeton
in  reines  Wollfett  überführt.  Das  so  erhaltene
wasserfreie  Wollfett  (lat.  Adeps  lanae
anhydricus)  des  D.  A.  B.,  eine  hellgelbe,
salbenartige  Masse  von  schwachem,  eigentümlichem ­
  Geruch,  ist  in  Wasser  unlöslich,  aber  imstande, ­
  die  2—3  fache  Menge  Wasser  aufzunehmen, ­
  ohne  die  salbenartige  Beschaffenheit
zu  verlieren,  und  schmilzt  bei  40 0  C.  Von  der
tierischen  Haut  wird  es  resorbiert  und  zeigt
wenig  Neigung  zum  Ranzigwerden.  Reines
Wollfett  darf  nur  einen  s.ehr  geringen  Aschenrückstand ­
  hinterlassen  und  nur  eine  Spur  freier
Säure,  hingegen  keine  Alkalien,  Chloride  und
Glyzerin  enthalten.  In  chemischer  Hinsicht  ist
es  als  ein  Gemisch  von  Cholesterin-  und  Isocholeseterin-Fettsäureester
  aufzufassen.  Als
Identitätsreaktion  dient  daher  der,  Cholesterinnachweis. ­
  Löst  man  1  g  Wollfett  in  50  g  Chloroform ­
  und  schichtet  die  Lösung  über  Schwefelsäure, ­
  so  entsteht  an  der  Berührungsstelle  eine
Zone  von  feurig-braunroter  Färbung.  Ein  besonders ­
  gut  gereinigtes  Wollfett  wird  als  Alapurin
  in  den  Verkehr  gebracht.  Während  das
wasserfreie  Wollfett  nur  im  Großhandel,  in
den  Apotheken  und  Drogenhandlungen  zur  Herstellung ­
  von  Salben  Verwendung  findet,  ist  das
wasserhaltige  Wollfett,  schlechtweg  Lanolin
genannt,  ein  Gegenstand  des  Kleinhandels.  Das
wasserhaltige  Wollfett  (Adeps  lanae  cum
aqua  des  D.A.B.),  eine  Mischung  von  75  Teilen
Wollfett  und  25  Teilen  Wasser,  stellt  eine  gelblichweiße, ­
  salbenartige  Masse  dar,  die  sich
beim  Erwärmen  im  Wasserbade  in  eine  wäßrige
und  eine  auf  dieser  schwimmende  ölige  Schicht
trennt,  und  soll  nach  dem  Trocknen  bei  100 0
nicht  mehr  als  260/0  an  Gewicht  verlieren.  Um
das  wasserhaltige  Wollfett  recht  geschmeidig  zu
machen,  setzt  man  ihm  öfters  noch  Olivenöl  zu.
Die  Wollfettsalbe  des  D.A.B.  enthält  20  0/0
Olivenöl.  Für  kosmetische  Zwecke  werden  dem
Lanolin  vielfach  ätherische  Öle,  Vanillin  u.  dgl.
zugesetzt.
Lanthan,  ein  Element  aus  der  Reihe  der  seltenen ­
  Metalle  vom  Atomgewicht  La  =  138,
findet  sich  als  Begleiter  des  Zers  und  Didyms
im  Zerit,  Monazit,  Orthit  und  Gadolinit  und
wird  in  beschränktem  Maße  bei  der  Herstellung
von  Glühstrümpfen  benutzt.
Laserpitin,  C 15 H 22 O it ,  ein  Bitterstoff  aus  der
Wurzel  von  Laserpitium  latifolium  (s.  Enzianwurzel, ­
  weiße),  welche  1,5  °/o  L.  enthält,
bildet  große,  glänzende,  farblose,  prismatische
Kristalle,  die  unlöslich  in  Wasser,  löslich  in
Äther  und  Benzol,  bei  118 0  schmelzen.  Das  L.
wird  durch  Kochen  mit  Kalilauge  in  Angelikasäure ­
  und  Laserol  gespalten.
Lastings  sind  Wollatlasse,  d.  h.  nach  Atlasart ­
  dichtgewebte  Zeuge  aus  hartem  Kammgarn, ­
  die  meist  nur  in  Schwarz  und  anderen
dunklen  Farben  Vorkommen  und  als  Möbelstoffe, ­
  zu  Schuhen,  Halsbinden,  Westen-  und
Kleiderstoffen  Verwendung  finden,  'Häufig  ist
der  Stoff  ein  gemischter,  mit  Kette  von  Baumwollzwirn,
  und  heißt  dann  bisweilen  l’aramatta.

Lasurstein,  Lasurit  (Lapis  lazuli),  ein
schön  himmelblaues,  undurchsichtiges,  schon  im
Altertum  als  Schmuckstein  geschätztes  und  häufig ­

  zu  Gemmen  geschnittenes  Mineral  aus  Sibirien, ­
  der  Tatarei,  der  kleinen  Bucharei,  China
und  den  chilenischen  Anden,  findet  sich  hauptsächlich ­
  klumpenweise  in  Kalkfels  in  Begleitung
von  Schwefelkies,  aber  immer  nur  vereinzelt
und  meist  in  kleineren  Massen.  Hingegen  sind
große  reine  Stücke  selten,  weil  er  meist  von
weißen  Adern  durchzogen  ist  und  Schwefelkies
in  kleinen,  messingglänzenden  Teilchen  eingesprengt ­
  enthält.  Der  Stein  nimmt  eine  schöne
Politur  an,  verliert  sie  indes  infolge  seiner  geringen ­
  Härte  (5,5)  leicht  wieder.  Seine  Verwendung ­
  zu  Schmuckwaren,  besonders  in  Frankreich ­
  und  Italien,  ist  dem  Modewechsel  stark
unterworfen.  Größere  Stücke  werden  zu  Dosen,
Urnen,  Schmuck  usw.  verwendet.  Namentlich
in  Rußland  bestehen  berühmte  Schleifereien,
denen  die  schönen  Bauverzierungen  am  Winterpalast ­
  und  der  Isaakskirche  zu  Petersburg  entstammen. ­
  Früher  hatte  der  Stein  selbst  in  kleinen ­
  Brocken  und  Abfällen  einen  hohen  Wert,
denn  er  diente  zur  Darstellung  der  schönsten
und  teuersten  blauen  Malerfarbe,  des  Ultramarins ­
  (s.  d.),  das  jetzt  auf  künstlichem  Wege
erzeugt  wird.  In  chemischer  Hinsicht  besteht
er  lediglich  aus  Kiesel-  und  Tonerde,  Kalk,
Natron,  Schwefel  und  wird  durch  Säuren  unter
Zerstörung  der  blauen  Farbe  und  Hinterlassung
von  Kieselgallerte  gelöst.  Lasur  ist  unter  Kupferlasur ­
  besprochen.
Lafschenkiefernöl  (Latschenöl,  Krummholzöl, ­
  lat.  Oleum  Pini  pumilionis,  frz.  Essence
de  pin  de  montagne,  engl.  Oil  of  pine  montane), ­
  das  ätherische  Öl  der  Krummholz^
kiefer  (Pinus  Pumilio)  wird  hauptsächlich  in
den  österreichischen  Alpenländern,-  besonders  in
Tirol,  im  südlichen  Niederösterreich  und  an  der
nördlichen  Grenze  Steiermarks  sowie  in  der
Tatra  und  in  der  Nähe  des  Grünen  Sees  gewonnen. ­
  Es  ist  linksdrehend,  hat  ein  spez.  Gew
von  0,860—0,875  und  wird  zu  Einreibungen  und
zum  Inhalieren  benutzt.
Latwerge  (lat.  Electuarium)  nennt  man  eine,
früher  mehr  als  jetzt  gebräuchliche  Arzneiform,
in  welcher  bittere  oder  sonst  übelschmeckende,
gepulverte  Arzneikörper  mit  Honig  oder  gezuckertem ­
  Fruchtmus  gemischt  sind,  um  sie  für
den  Geschmack  angenehmer  zu  machen.  Am
gebräuchlichsten  sind  noch  die  abführende
Senna-  und  Tamarindenlatwerge,  die
bittere  Magenlatwerge,  welche  durch  einen
Zusatz  von  Opium  zum  Theriak  wird,  und
eine  oder  die  andere  Zahnlatwerge.
Laurelnußöl.  Unter  diesem  Namen  kommt
aus  Ostindien  ein  fettes  öl  in  den  Handel,  das
aus  den  Samen  eines  im  Aussehen  dem  Lorbeer ­
  ähnlichen  Baumes  (Calophyllum  inophyllum)
  gewonnen  wird.  Der  Baum,  der  auch
das  ostindische  Takamahak  liefert,  kommt
besonders  häufig  an  der  Westküste  von  Travancore
  vor  und  wird  von  den  Engländern
Alexandrian  laurel,  von  den  Hindus  Sultan
champa  und  von  den  Malayen  Punnai  genannt. ­
  Die  Frucht  ist  im  frischen  Zustande
grünlichgelb,  trocken  braun  bis  schwarz  und
enthält  zwei  dicht  zusammenhängende,  halbkugelige ­
  Samenlappen  mit  etwa  68  o/ 0  eines
fetten  Öles,  das  zum  Brennen  in  Lampen  und
zur  Darstellung  von  Seife  Verwendung  findet-
        <pb n="246" />
        Lauths’  Violett

241

Lebertran

Das  grünlichgelbe  Öl  schmeckt  aromatisch
bitter,  erstarrt  bei  i6°  C  und  hat  ein  spez.  Gew.
von  0,930.  Bei  der  Elaidinprobe  wird  es  nach
2t/ 2  Stunden  fest  und  erscheint  nach  24  Stunden
als  butterähnliche,  zitronengelbe  Masse.  —  Den
Namen  Laurel  oder  Thihue  führt  auch  ein  in
Chile  heimischer  Baum  (Laurelia  aromatica
seu  Pavonia  sempervirens),  dessen  Blätter,
■ebenso  wie  die  nach  Muskat  riechenden  Nüsse,
als  Küchengewürz  Verwendung  finden.  Die  medizinisch ­
  benutzte  Rinde  ist  außen  weißgrau,
gewöhnlich  mit  Flechten  bedeckt,  innen  hingegen ­
  graubraun  und  besitzt  einen  an  Sassafras
erinnernden,  aromatischen  Geruch  und  Geschmack. ­

Lauths’  Violett  (Thionin),  ein  seit  1876  im
Handel  vorkommender  Thiazinfarbstoff,  wird
durch  Oxydation  von  Paraphenylendiamin  mit
Eisenchlorid  in  saurer  schwefelwasserstoffhaltiger ­
  Lösung  dargestellt  und  besteht  aus  der
Chlorwasserstoffverbindung  des  Imidamidothiodiphenylimids.
  Seine  Zusammensetzung  entspricht ­
  der  Formel  NH  .C c H 4 (NS)C 6 H 4 .  NH 2 .
Das  schwarzgrüne,  metallisch  glänzende  Pulver
ist  in  kochendem  Wasser  mit  violetter  Farbe
löslich.  Konzentrierte  Schwefelsäure  gibt  eine
gelbgrüne  Lösung,  die  beim  Verdünnen  mit
Wasser  erst  blau,  dann  violett  wird.  In  der
Praxis  wird  der  Farbstoff  nicht  mehr  benutzt.
Lava  nennt  man  alle  Gesteinsmassen,  die  in
feurigflüssiger  Beschaffenheit  von  Vulkanen
ausgestoßen  und  dann  erstarrt  sind.  Je  nach
der  Art  ihrer  Entstehung  zeigen  sie  wechselnde
Zusammensetzung  und  Eigenschaften.  Neben
sehr  kieselsäurereichen  (sauren)  finden  sich
stärker  basische,  neben  sehr  dichten  und  harten
blasige  und  weiche  Laven.  Die  widerstandsfähigeren ­
  eignen  sich  gut  zu  Bau-  und  Pflastersteinen, ­
  zu  Mühlsteinen,  Trögen  und  anderen
Steinhauerarbeiten,  während  die  politurfähigen,
schön  gefärbten  Stücke,  vielfach  zu  kleinen  Gebrauchsgegenständen ­
  und  Schmuckwaren,  wie
Vasen,  Dosen,  Tischplatten,  Siegelsteinen  verarbeitet ­
  werden.  Die  sog.  Lavagasbrenner
sind  nicht  aus  L.,  sondern  aus  Speckstein  hergestellt. ­

LavendelblUten  (Lavendel,  lat.  Flores  lavandulae,
  frz.  Fleurs  de  lavande,  engl.  Lavender
flowers)  sind  die  vor  dem  völligen  Aufblühen
gesammelten  und  getrockneten  Blüten  von  Lavandula
  officinalis  (vera  oder  spica),  einer
im  wärmeren  Europa  heimischen  Labiale,  die  im
südlichen  Frankreich  und  in  England  in  großen
Mengen  angebaut  wird.  Da  die  Blüten  beim
Trocknen  sehr  zusammenschrumpfen  und  ihre
schöne  Farbe  verlieren,  so  zeigt  die  scheinbar
nur  aus  den  Kelchen  und  Blütenstielen  bestehende ­
  Droge  ein  gräulichblaues  Aussehen.
Wegen  ihres  durch  das  ätherische  Lavendelöl
(s.  d.)  bedingten  stark  und  angenehm  aromatischen ­
  Geruchs  finden  die  L.  für  den  Hausgebrauch ­
  teils  als  wohlriechendes,  teils  als
stärkendes  oder  linderndes  Mittel  in  Form  von
Waschungen,  Bähungen,  Bädern,  oder  trocken
111  Kräuterkissen  ausgedehnte  Verwendung.
Lavendelöl  (lat.  Oleum  lavandulae,  frz.  Essence
  de  lavande,  engl.  Oil  of  lavender),  das
ätherische  Öl  des  Lavendels,  wird  durch
Wasserdampfdestillation  der  frischen  Lavendel-Mercks
  Warenlexikon.

blüten  gewonnen.  Die  Hauptmenge,  des  L.
kommt  aus  Südfrankreich.  Das  französische  Öl
ist  eine  farblose  oder  schwach  gelbe  bis  grünlichgelbe ­
  Flüssigkeit  vom  Geruch  und  Geschmack ­
  der  Blüten,  Das  spez.  Gew.  liegt  bei
0,882—0,896,  die  Drehung  beträgt  — ; 3  bis  ■—9 0 .
Es  enthält  als  wichtigsten  Bestandteil  Linalylazetat
  (30—40  o/ 0  und  darüber),  daneben
Linalool,  Geraniol,  Nerol,  Borneol,
Valeraldehyd,  Amylalkohol,  Äthylamylketon,
  Furfurol,  Kumarin,  Karyophyilen
sowie  Spuren  Pinen  und  Zineol.  Der  Wert
des  Öls  geht  im  allgemeinen  Hand  in  Hand
mit  dem  Gehalt  an  Linalylazetat.  L.  findet  zu
Parfümeriezwecken  und,  als  Auflösungsmittel
für  feine  Firnisse  zum  Aufträgen  von  Einbrennfarbcn
  (Glanzgold)  für  Porzellan  vielfache  Anwendung. ­
  Das  besonders  in  England  sehr
geschätzte  englische  oder  Mitcham-Lavendelöl
unterscheidet  sich  vom  französischen  durch  den
zineolartigen  Nebengeruch  und  den  niedrigen
Linalylazetatgehalt,  der  nur  5—io»/o  beträgt;
von  Bestandteilen  wurden  darin  noch  Limonen,
Linalool  und  Zineol  nachgewiesen.  Es  hat  ein
spez.  Gew.  von  0,881—0,904  und  eine  Drehung
von  —1  bis  —io°.  —  Eine  geringwertige  Sorte,
das  S  pik  öl  (lat.  Oleum  spicae,  frz.  Essence
d’aspic,  engl.  Oil  of  spike)  von  Lavandula
latifolia,  welches  einen  kampferartigen  Nebengeruch ­
  besitzt  und  als  billiger  Ersatz  für  L.
dient,  enthält  Rechts-Kamphen,  Zineol,
L  inks-L  inalool,  Rechts-Kampfer  und
Rechts-Borneol.  Es  dreht  gewöhnlich  rechts
(bis  —|—  7°),  nur  ganz  ausnahmsweise  links  (bis.
; —2°)  und  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,905—0,918.
Spiköl  wurde  früher  fast  ausschließlich  in  Südfrankreich ­
  gewonnen,  neuerdings  kommen  aber
auch  bedeutende  Mengen  aus  Spanien,  wo  es
fälschlicherweise  auch  den  Namen  spanisches
Lavendelöl  führt.  Bei  letzterem  liegt  das  spez.
Gew.  zwischen  0,904  und  0,922,  die  Drehung
zwischen  —5  und  —(—  16 0 .
Laxan,  Laxanin,  Laxatol,  Laxen,  Laxin  sind
Bezeichnungen  für  verschiedene  Abführmittel,
die  als  wirksamen  Bestandteil  Phenolphtalein
enthalten.
Lebertran  (lat.  Oleum  jecoris  aselli,  Oleum
morrhuae,  frz.  Huile  de  foie  de  morue,  engl.
Cod-liver-oil)  nennt  man  alle  diejenigen  feineren ­
  Transorten,  die  aus  den  Lebern  verschiedener ­
  Schellfischarten,  wie  Gadus
morrhua  (Kabeljau),  Gadus  callarias
(Dorsch),  Gadus  aeglefinus  (Schellfisch)
usw.  bereitet  und  namentlich  zu  medizinischen
Zwecken  benutzt  werden.  Die  Gewinnung  des
L.  wird  in  großem  Maßstabe  auf  den  Lofoten,
in  Bergen,  in  Norwegen  sowie  in  Neufundland
und  Newhaven  in  Schottland  betrieben.  Vom
norwegischen  L.,  der  für  Deutschland  hauptsächlich ­
  in  Betracht  kommt,  unterscheidet  man  nach
der  Bereitungsweise  zwei  Arten,  den  Bauerntran
  oder  Privatindustrietran,  auch  naturcllerTran
  genannt,  und  denFabrik  trän  oder
Dampftran.  Ersterer  wurde  ursprünglich  allein
medizinisch  benutzt,  während  jetzt  zu  medizinischen ­
  Zwecken  fast  nur  noch  der  Dampftran
verwendet  wird.  Die  Gewinnung  des  Bauerntrans
  geschieht  derart,  daß  die  ungereinigten
Lebern  mit  den  Gallenblasen  in  Fässer  gebracht
l6
        <pb n="247" />
        Lebertran

242

Leder

-werden,  und  nach  längerer  Zeit  das  freiwillig
ausfließende  Fett  abgezapft  wird.  Dieses  bildet
die  beste  Sorte  des  naturellen  L.,  den  blanken
oder  gelben  L.  (Oleum  jecoris  aselli  flavum  s.
citrinum).  Die  später  nach  Eintritt  einer  fauligen ­
  Gärung  austretenden  Anteile  sehen  dunkler ­
  aus  und  werden  als  braun  blanker  oder
gelbbrauner  L.  (Oleum  jecoris  fuscum)  bezeichnet. ­
  Durch  Auskochen  der  Rückstände  mit
Wasser  erhält  man  dann  eine  dritte  Sorte  L.
von  dunkelbrauner  Farbe.  Der  aus  frischen
Lebern  gewonnene  Fabrik-  oder  Dampftran
schmeckt  und  riecht  besser  als  der  Bauerntran.
Die  unmittelbar  nach  dem  Fange  aus  den
Fischen  genommenen  Lebern  werden  gewaschen,
von  der  Gallenblase  befreit,  zerkleinert  und
darauf  in  doppelwandige,  durch  Wasserdampf
erhitzte  Kessel  gebracht.  Der  ausfließende  Tran,
der  am  vorzüglichsten  ist,  wenn  die  Erwärmung
50 0  nicht  überschreitet,  sieht  blaßgelb  aus  und
wird  weißer  L.  (Oleum  jecoris  aselli  album
vapore  paratum)  genannt.  Durch  stufenweises
höheres  Erhitzen  und  Abpressen  erhält  man
noch  mehrere  dunkler  gefärbte  Sorten.  —  Der
reine  Medizinallebertran  stellt  ein  eigentümlich
riechendes  und  schmeckendes,  hellgelbes  Öl
vom  spez.  Gew.  0,920—0,930  dar.  Die  Verseifungszahl ­
  schwankt  zwischen  183  bis  186,  die
Jodzahl  zwischen  148  und  180,  die  Refraktion
(25  °)  zwischen  75  und  85.  Der  L.  gehört  zu
den  trocknenden  Ölen.  Unmittelbar  nach  der
Darstellung  ist  er  von  neutraler  Beschaffenheit,
enthält  aber  nach  längerer  Zeit  kleinere  oder
größere  Mengen  freier  Fettsäuren.  Die  Säurezahl ­
  beträgt  bei  Dampfmedizinal-L.  0,7—1,4,  bei
hellem  natürlichen  Medizinal-L.  8,2—12,6,  bei
blankem  L.  11,9—15,9  und  bei  braunblankem
19,2—36,8.  Guter  L.  darf  mit  Weingeist  befeuchtetes ­
  blaues  Lackmuspapier  jedenfalls  nur
schwach  röten.  Ferner  soll  er  vollständig  klar
und  durchsichtig  sein  und  nur  einen  sehr
schwachen  Fischgeruch  besitzen.  Der  L.  besteht ­
  in  der  Hauptsache  aus  Glyzeriden  der
Ölsäure  (70  0/0)  und  der  Palmitinsäure  (250/0),
neben  denen  geringe  Mengen  Stearinsäure  und
Glyzeride  niederer  Fettsäuren  vorhanden  sind.
Ferner  finden  sich  in  dem  L.  0,5—1,3%  Cholesterin, ­
  0,003  °/o  Jod,  weiter  Brom,  Chlor,
Schwefel,  Eisen  in  organischer  Bindung,  mehrere ­
  flüchtige  Basen,  wie  Trimethylamin,  Amylamin,
  zwei  fürL.  charakteristische  Basen  Asellin
und  Morrhuin  und  endlich  mehrere  Säuren,
Asellinsäure,  Morrhuinsäure,  Jekoleinsäure.
  —  Der  wichtigste  Stapelplatz  für  die
deutsche  Versorgung  ist  Bergen  in  Norwegen.
Zu  einem  Hektoliter  L.  'gehören  in  guten  Jahren ­
  250—400  Lebern,  in  schlechten  aber  bis
1000  Stück.  Der  zu  den  besten  Medizinaltranen
zählende  Dampflebertran  von  H.  Meyer  in
Christiania  kommt  in  plombierten  Blechtrommeln
mit  hölzernen  Überfässern  oder  in  kleinen
Flaschen  in  den  Handel,  ebenso  der  blanko
Bauerntran  von  de  Jongh.  Andere  Sorten,  wie
der  Neufundländer,  Labrador-  und  Japanische  L,
haben  für  Europa  nur  geringe  Bedeutung.  Auch
ein  bisweilen  ebenfalls  als  „weißer  L.“  in  den
Handel  gebrachter  L.,  der  durch  Behandlung
mit  Knochenkohle  und  einigen  Prozent  Natronlauge ­
  entfärbt  worden  ist,  spielt  nur  eine

untergeordnete  Rolle.  Die  zum  medizinischen
Gebrauch  dienenden  Lebertransorten  werden
häufig  durch  andere  Tranarten  (Robbentran, ­
  Haifischtran),  Rüböl,  Vaselinöl  usw.
verfälscht.  Ein  Zusatz  von  Rüböl  offenbart
sich  durch  die  Elaidinprobe,  ein  solcher  von
Vaselin  durch  die  Erniedrigung  der  Venseifungszahl.
  Auch  gewährt  die  Kälteprobe  ein
brauchbares  Urteil,  indem  reiner  L.  bei  —2°
noch  klar  bleibt,  während  andere  Trane  und
Öle  feste  Ausscheidungen  liefern.  Von  weiteren
Identitätsreaktionen  seien  folgende  angeführt;
Pettenköfers  Schwefelsäureprobe.  Läßt
man  zu  1—2  g  L.  in  einem  weißen  Schälchen
einige  Tropfen  konzentrierter  Schwefelsäure
langsam  hinzufließen,  so  entsteht  an  der  Berührungsstelle ­
  eine  braunrote,  mit  violetter  Zone
umgebene  Färbung,  die  beim  Mischen  in  Rotbraun ­
  umschlägt.  Kremeis  Salpetersäureprobe. ­
  Verreibt  man  10  Tropfen  L.  auf  einem
Uhrglase  mit  1—2  Tropfen  rauchender  Salpetersäure, ­
  so  wird  Dorschlebertran  feurigrosa,  nach
einigen  Minuten  zitronengelb,  Haifischtran  und
japanischer  Tran  färben  sich  blau,  dann  braun
und  erst  nach  2—3  Stunden  gelb,  Robbentran
nimmt  nach  längerer  Zeit  eine  braune  Farbe
an.  Liebermanns  Cholesterinreaktion  nach
Vogt.  Die  abgekühlte  Mischung  von  20  Tropfen
Chloroform,  40  Tropfen  Essigsäureanhydrid  und
3  Tropfen  Schwefelsäure  gibt  beim  Schütteln
mit  3  Tropfen  L.  eine  intensiv  blaue  Färbung,
die  rasch  verschwindet  und  nach  20—40  Sekunden ­
  in  Olivgrün  übergeht.  Specktrane  liefern
andere,  meist  rotbraune  Färbungen.  Weitere
Reaktionen  werden  mit  dem  Unverseifbaren
angestellt.  Von  quantitativen  Methoden  zum
Nachweis  der  Specktrane  sind  die  Bestimmung
der  Hexabromide  (35—500/0)  und  der  stark
ungesättigten  Fettsäuren  nach  Bull  die  wichtigsten. ­
  Zusätze  pflanzlicher  Öle  erkennt  man
an  ihrem  Phytosteringehalte.  Der  weiße  L.
wird  in  der  Medizin  als  Nähr-  und  Heilmittel
angewandt.  DerHeilwert  beruht  jedoch  nicht  auf
seinem  Gehalt  an  Jod,  wie  früher  angenommen
wurde,  sondern  auf  seiner  anerkannt  leichten
Verdaulichkeit.  Infolge  des  Widerwillens  vieler
Kranker  gegen  das  Einnehmen  wird  L.  neuerdings
oft  als  Emulsion  verordnet,  und  zwar  früher  fast
allgemein  die  unter  dem  Namen  Scotts  Emulsion ­
  eingeführte  Lebertran-Emulsion,  doch
stellen  auch  viele  deutsche  Fabriken  gute
gleichwertige  Erzeugnisse  her.  —  Die  braunen
Lebertransorten  werden  zur  Bereitung  von
Schmierseife,  als  Stiefelschmiere  und  in  der
Sämischgerberei  benutzt.  Die  Aufbewahrung
erfolgt  in  nicht  zu  großen,  aber  vollständig  gefüllten ­
  Gefäßen  an  einem  kühlen  Ort.  In  Originalfässern ­
  bezogener  L.  muß  erst  einige  Wochen
lagern,  ehe  er  abgezogen  wird.  Zur  Versendung ­
  gelangt  der  L.  in  Fässern,  Blechtonnen
und  in  Flaschen.
Leder  (frz.  Cuir,  engl.  Leather).  Diesen  Namen
führen  die  durch  das  Gerben  in  ihren  Eigenschaften ­
  vorteilhaft  veränderten  und  haltbar
gemachten  tierischen  Häute.  Die  letzteren ­
  sind  bekanntlich  im  frischen,  noch  feuchte;! ­
  Zustande  weich  und  geschmeidig,  nehmen ­
  aber  beim  Austrocknen  eine  harte,  hornartige, ­
  wenig  biegsame  Beschaffenheit  an,  wäh ­
        <pb n="248" />
        Leder

243

Leder

rend  sie,  feucht  gehalten,  bald  in  Fäulnis  übergehen. ­
  Durch  das  Gerben  erlangt  jedoch  die
tierische  Haut  Eigenschaften,  die  sie  zu  den
verschiedenstenZwecken  verwenden  läßt,  große
Festigkeit  neben  Biegsamkeit,  Geschmeidigkeit
und  Elastizität  und  vor  allem  bedeutende  Dauerhaftigkeit ­
  und  Widerstandsfähigkeit  gegen  den
Einfluß  der  Feuchtigkeit.  Je  nach  dem  Verfahren, ­
  das  man  beim  Gerben  anwendet,  unterscheidet ­
  man  verschiedene  Ledersorten,  die  gewöhnlich ­
  in  drei  Gruppen:  lohgares,  weißgares
  (oder  alaungares)  und  sämischgares
L.  eingeteilt  werden.  Hieran  reihen  sich  noch  die
neuerdings  in  Aufnahme  gekommenen  metallgaren ­
  L.,  wie  chromgares,  eisengares  und  auf
andere  Weise  erhaltenes  L.  Trotz  der  Verschiedenheit ­
  der  bei  diesen  Gerbprozessen  in
Anwendung  kommenden  Stoffe  und  Verfahren
beruht  die  Erzeugung  aller  Ledersorten  nach
den  Untersuchungen  von  Knapp  doch  im  wesentlichen ­
  nur  auf  physikalischen  Gesetzen,  denn
nach  Knapp  ist  L.  nichts  anderes  als  Haut,
innerhalb  welcher  man  durch  irgend  ein  Mittel
das  Zusammenkleben  der  Fasern  beim  Trocknen ­
  verhindert  hat.  Man  erreicht  dies  durch  die
Einwirkung  der  zum  Gerben  dienenden  Stoffe
auf  die  das  Bindegewebe  bildenden  Fasern  der
inneren  Hautschicht  (des  Coriums),  wobei  diese
Stoffe  sich  auf  den  Fasern  des  Bindegewebes,
niederschlagen,  sie  einhüllen  und  so  das  Zusammenkleben ­
  beim  Trocknen  verhüten.  —  Dem
eigentlichen  Gerbprozesse  müssen  einige  vorbereitende ­
  Arbeiten  vorangehen,  die  zunächst
in  einem  Einweichen  oder  Wässern  der
Häute  und  dann  in  der  Bloßlegung  der  eigentlichen, ­
  allein  zur  Lederbereitung  geeigneten
Lederhaut  (Corium)  bestehen.  Durch  sie  soll
sowohl  das  auf  der  inneren  oder  Fleischseite
der  Häute  befindliche  Unterhautzeilengewebe
(die  Fetthaut)  als  auch  die  Epidermis  oder
Oberhaut  mit  den  Haaren  entfernt  werden.  Die
dann  zum  Vorschein  kommende,  kleine  Vertiefungen ­
  zeigende  obere  Seite  der  Haut  heißt
die  Narbenseite.  Die  Reinigung  der  Fleischseite ­
  geschieht  mittels  des  Schabeisens  auf  dem
Schabebaum,  wodurch  außer  dem  Unterzellgewebe ­
  auch  noch  anhängende  Fleischteilchen,
Nerven,  Blutgefäße  usw.  entfernt  werden.  Hierauf
folgt  die  Entfernung  der  Haare  auf  der  anderen
Seite  (das  Abhaaren  oder  Enthaaren),  die
a ber  nicht  durch  einfaches  Abschaben  gelingt.
Hie  Haare  sitzen  zwar  nicht  in  der  inneren
Schicht  der  Haut,  dem  Corium,  sondern  in  der
äußeren  Epidermoidalschicht,  sind  aber  in  Vertiefungen ­
  oder  Einstülpungen  dieser  letzteren
Haut  befestigt,  die  tief  in  das  Corium  hinabre
 'chen.  Wollte  man  also  die  Haare  einfach
glatt  abrasieren,  so  würden  die  Haarwurzeln
"hit  den  unteren  Teilen  sitzen  bleiben  und  dadurch ­
  den  Wert  des  Leders  verringern.  Es  ist
daher  unbedingt  nötig,  die  ganze  Oberhaut
(Epidermoidalschicht)  mit  den  Haaren  zu  entfernen, ­
  Das  Abhaaren  erfolgt  entweder  durch
das  Schwitzen  oder  durch  das  Kalken,  oder
endlich  durch  Anwendung  ätzender  Enthaarungsmittel ­
  (Rhusma).  Das  in  Deutschland
r e *  der  Sohllederbereitung  hauptsächlich  geruchliche ­
  Schwitzen  besteht  darin,  daß  man
d'e  Häute  in  Kufen  einsalzt  oder  in  Kammern

aufgehängt  der  Einwirkung  von  kaltem  oder
warmem  Wasser  (Dampf)  aussetzt.  Nach  dem
hierdurch  eingeleiteten  oberflächlichen  Fäulnisprozeß, ­
  durch  welchen  die  Oberhaut  aufgelockert ­
  wird,  kann  sie  samt  den  Haaren  durch
das  Schabeisen  auf  dem  Schabebock  entfernt
werden  (Abpälen).  Das  Kalken  (Äschern)
wird  besonders  bei  dünneren  Häuten  angewandt,
indem  man  die  Häute  einige  Tage  lang  in
schwache  Kalkmilch  legt  und  hierdurch  namentlich ­
  auch  vorhandenes  Fett  verseift.  Dickere
Häute  müssen  drei  bis  vier  Wochen  in  den
Kalkgruben  liegen,  ehe  sie  in  die  Lohe  gebracht ­
  werden,  doch  ist  diese  Behandlung  bei
ihnen  weniger  gebräuchlich,  weil  der  Kalk  sich
nur  schwierig  wieder  entfernen  läßt  und  auch
das  L.  etwas  spröde  und  hart  macht.  Das  Abschaben ­
  (Abpälen)  der  Oberhaut  geschieht  nach
dem  Kalken  ebenso  wie  nach  dem  Schwitzen.
Die  dritte  Art  der  Abhaarung  durch  Anwendung ­
  ätzender  Enthaarungsmittel  verwendet  man
gewöhnlich  nur  bei  den  Fellen  kleinerer  Tiere,
die  weder  das  Schwitzen  noch  das  Kalken  vertragen. ­
  Als  Enthaarungsmittel  dienen  hierbei
entweder  Operment  (ein  arsenige  Säure  enthaltendes ­
  Schwefelarsen)  mit  Kalk,  oder  Kalziumsulfhydrat.
  Anstatt  des  letzteren  gebraucht
man  häufig  auch  den  Gaskalk  (d.  h.  den  Kalk,
der  zum  Reinigen  des  Leuchtgases  gedient  hat),
und  zwar  selbst  bei  größeren  Fellen.  Die  Häute
oder  Felle  werden  mit  einem  der  genannten
Stoffe  überstrichen,  worauf  die  Haare  nach
kurzer  Zeit  so  weit  erweichen,  daß  sie  sich
leicht  mit  einem  Schabemesser  entfernen  lassen.
Die  nun  folgende  Behandlung,  das  Schwellen
oder  Treiben,  hat  den  Zweck,  das  Fasergewebe ­
  der  Lederhautschicht  aufzulockern,  damit ­
  das  Gerbmaterial  in  dieselbe  eindringen
kann  sowie  auch  etwa  vorhandenen  Kalk  zu
entfernen.  Man  erreicht  dies  durch  Einlegen
der  Häute  in  die  Schwellbeize,  eine  in  saure
Gärung  übergegangene  Mischung  von  Wasser
mit  Weizenkleie  oder  Gerstenschrot.  Hierbei
werden  Gase  entwickelt,  welche  die  Häute  bei
ihrem  Entweichen  auflockern,  ferner  Milchsäure,
Propionsäure,  Buttersäure  und  Valeriansäure,
welche  in  die  Häute  eindringen  und  die  dort
abgelagerten  und  in  kohlensauren  Kalk  umgewandelten ­
  Kalkteilchen  auflösen.  In  ähnlicher
Weise  wie  die  Kleienbeize  wirken  Honig-  und
Zuckerbeizen,  denen  man  zur  Entfernung  der
Hauptmenge  des  Kalkes  vielfach  eine  Behandlung ­
  mit  Säuren  oder  sauren  Gerbbrühen  vorausgehen ­
  läßt.  In  manchen  Gegenden  werden
für  gewisse  Lederarten  auch  Exkremente  von
Hunden  und  Tauben  zum  Schwellen  verwendet
(Bakterieneinwirkung).  Hingegen  ist  für  dünnere
Häute,  wie  z.  B.  Kalbfelle,  ein  Schwellen  nicht
erforderlich.  Die  soweit  vorbereiteten  Häute,
nun  Blößen  genannt,  werden  hierauf  der
eigentlichen  Gerbung  unterworfen,  welche  je
nach  der  zu  erzielenden  Ledersorte  in  verschiedener ­
  Weise  erfolgt.  Die  Lohgerberei  oder
Rotgerberei,  hauptsächlich  für  Rinds-,  Büffelund
  Roßhäute  sowie  Kalb-  und  Schaffelle,  besteht ­
  darin,  daß  man  die  Häute  mit  pflanzlichen ­
  Gerbmaterialien  behandelt,  deren  Gerbsäure ­
  sich  an  die  Fasern  des  Coriums  anlagert.
Als  Gerb  material  benutzte  man  früher  am
        <pb n="249" />
        Leder

244

Leder

häufigsten  Eichenrinde  (Lohe)  und  nächst  dieser
Fichtenrinde,  während  heutzutage  vielfach  die
ausländischen  Gerbmaterialien  (s.  d.):  Gambir,
Algarobilla,  Knoppern,  Valonen,  Myrobalanen,
Hemlockrinde  und  Quebracho,  Dividivi  u,  a.
bevorzugt  werden.  Das  sorgfältig  zerkleinerte
Gerbmaterial  wird  entweder  direkt  mit  den
Häuten  zusammengebracht,  wie  z.  B.  bei  der
Bereitung  von  Sohlleder,  oder  man  legt  die
Häute  in  einen  aus  dem  Gerbmateriale  bereiteten ­
  wäßrigen  Auszug  (Gerben  in  Lohbrühe).
Bei  dem  ersteren  Verfahren  werden  die  Häute,
die  Fleischseite  nach  unten,  in  mit  Zement  ausgekleideten ­
  gemauerten  Gruben  oder  in  den
Boden  versenkten  wasserdichten  Eichenholzkasten ­
  (Versetzgruben,  Lohgruben)  abwechselnd ­
  mit  Lohe  übereinandergeschichtet  (Einsetzen ­
  in  Gruben)  und  darauf,  mit  Wasser
bedeckt,  acht  bis  zehn  Wochen  sich  selbst
überlassen.  Auf  diesen  „ersten  Satz“  folgt  der
3—4  Monate  dauernde  zweite  Satz,  bei  dem
die  Häute  mit  der  Narbenseite  nach  unten
in  einer  anderen  Grube  mit  frischer  Lohe  zusammengebracht ­
  werden,  und  zwar  so,  daß  diejenigen, ­
  welche  zuerst  oben  gelegen  haben,
nunmehr  zu  unterst  kommen.  Ein  vier  bis  fünf
Monate  dauernder  dritter  Satz  wird  mit  weniger ­
  Lohe  gemacht.  Bei  sehr  starken  Häuten
genügt  aber  auch  dies  noch  nicht,  vielmehr
muß  hier  dieselbe  Behandlung  noch  ein-  bis
zweimal  wiederholt  werden.  Die  Gerbung  des
L.  ist  vollendet,  wenn  beim  Durchschneiden  die
Schnittfläche  kaffeebraun  aussieht,  und  wenn  in
der  Mitte  derselben  kein  weißer  durchscheinender ­
  Streifen  mehr  bemerkbar  ist.  Die  zur  vollständigen ­
  Durchgerbung  nötige  Menge  von
Lohe  wird  auf  das  vier-  bis  sechsfache  Gewicht
der  trocknen  Haut  angegeben,  die  Haut  selbst
gewinnt  bei  ihrer  Umwandlung  in  L.  etwa  ein
Drittel  des  Gewichts.  Bei  dem  Gerben  mit  Lohbrühe ­
  wendet  man  zuerst  nur  eine  sehr
schwache  Lösung  an,  damit  nicht  durch  oberflächliche ­
  Durchgerbung  das  Eindringen  des
Gerbstoffes  in  das  Innere  erschwert  wird.  Erst
nach  und  nach  bringt  man  die  Häute  in  stärkere ­
  und  zuletzt  in  ganz  konzentrierte  Lohbrühe, ­
  in  der  sie  durch  besondere  Vorrichtungen ­
  (rotierende  Trommeln  und  Fässer)  in
Bewegung  gehalten  werden.  Man  nennt  dieses
Verfahren  auch  Schnellgerberei,  da  hierzu
nur  sieben  bis  acht,  und  selbst  bei  schwereren
Häuten  nicht  mehr  als  elf  bis  dreizehn  Wochen
nötig  sind.  Eine  weitere  Beschleunigung,  allerdings ­
  auf  Kosten  der  Güte,  hat  man  noch  dadurch ­
  zu  erreichen  gesucht,  daß  man  das  Eindringen ­
  der  Lohbrühe  mittels  Druckes  oder  auch
mit  Hilfe  des  luftleeren  Raumes  bewerkstelligte.
Alle  lohgaren  L.  haben  stets  eine  mehr  oder
weniger  gelbbraune  bis  rötlichbraune  Farbe,  das
Hemlockleder  sieht  sogar  mehr  rot  als  braun
aus.  Weiße  L.  erhält  man  nach  dem  Verfahren
der  Weißgerberei,  bei  dem  man  die  zugerichteten ­
  Blößen  mehrere  Male  durch  eine  lauwarme ­
  Alaunbriihe  zieht,  sie  dann  einen  Tag
lang  zusammengefaltet  liegen  läßt  und  schließlich ­
  zum  Trocknen  aufhängt.  Die  Alaunbrühe
wird  durch  Auflösen  von  Alaun  und  Kochsalz  in
Wasser  dargestellt  und  enthält  dementsprechend
Chloraluminium.  An  Stelle  des  Alauns  kann  man

auch  schwefelsaure  oder  .essigsaure  Tönerde
benutzen  und  in  letzterem  Falle  das  Kochsalz
fortlassen.  Bei  Herstellung  der  besseren  Sorten
weißgaren  Leders  setzt  man  dem  Kochsalzalaunbade ­
  Weizenmehl  und  Eigelb  zu  (Gerben  in
der  Nahrung)  und  läßt  die  Häute  in  dieser
Mischling  einen  Tag  lang  liegen.  Sie  erhalten
hierdurch  nach  dem  Trocknen  einen  höheren
Grad  von  Geschmeidigkeit.  Weißgar  gegerbt
werden  zumeist  Rindshäute  für  Sattlerzwecke,
Schaffelle  zu  Schuhfutter  und  Häute  für  Glacehandschuhe. ­
  Gerade  für  letztere  benutzt  man
neben  Alaun  auch  Eidotter.  Die  dritte  Art  der
Gerberei,  die  Sämischgerberei,  wird  hauptsächlich ­
  zur  Herstellung  von  sogenanntem  Wildleder ­
  in  Anwendung  gebracht,  zu  welchem  besonders ­
  Hirsch-,  Reh-,  Renntier-  und  Elen-,  bisweilen ­
  auch  Schaf-  und  Ziegenfelle  verarbeitet
werden.  Da  solches  L.  im  Wasser  seine  Gerbung ­
  und  seine  Eigentümlichkeiten  nicht  verliert, ­
  nennt  man  es  auch  Waschleder.  Die
zugerichteten  Blößen  werden  zunächst  gewalkt,
gut  ausgewunden  und  mit  Tran  oder  einem
anderen  Fette  eingerieben,  darauf  zusammengerollt ­
  und  abermals  gewalkt.  Dieses  Einfetten
und  Walken  wird  so  oft  wiederholt,  bis  die
Felle  die  nötige  Menge  von  Fett  und  Öl  aufgenommen ­
  haben.  Schließlich  unterwirft  man
sie  noch  einer  Art  Gärung  und  entfernt  das
oberflächlich  anhängende,  durch  die  Gärung
teilweise  veränderte  Fett  mittels  einer  Pottaschelösung. ­
  Bei  der  Zurichtung  der  dickeren
Felle  für  die  Sämischgerberei  wird  die  Narbe
meistens  mit  abgestoßen,  so  daß  der  Unterschied ­
  zwischen  Narben-  und  Fleischseite  wegfällt. ­
  Derartiges  L.  erlangt  demzufolge  eine
wollige  Beschaffenheit  und  große  Weichheit.
Die  beschriebenen  Gerbverfahren  kommen  in
zahlreichen  verschiedenen  Abänderungen  zur
Anwendung,  wodurch  besondere  Sorten  von  L.
entstehen,  wie  z.  B.  Saffian,  Juchten,  ungarisches ­
  Weißleder  usw.  Von  dem  metallgaren
L.  scheint  sich  am  meisten  das  Chromleder
eingebürgert  zu  haben,  welches  vollständig
wasserfest,  sehr  geschmeidig,  dauerhaft  und
billiger  als  lohgares  L.  ist.  Man  erhält  es  entweder ­
  nach  dem  Einbad  verfahren  mit  Hilfe
einer  basischen  Chromoxydsalzlösung  (Chromalaun
  und  Soda  oder  Kaliumdichromat  und
Schwefelsäure  mit  einem  Reduktionsmittel)  oder
nach  dem  Zweibadverfahren,  bei  dem  die
Häute  zunächst  in  ein  Bad  von  Kaliumdichromat ­
  und  Schwfefelsäure  und  darauf  in  eine
Lösung  von  Natriumthiosulfat  und  Salzsäure
kommen.  Von  neuen  Methoden  sei  noch  die
Formaldehydgerbung  und  die  Behandlung
mit  einer  Lösung  von  sulfiertem  Naphtolpech
erwähnt.  —  Bevor  das  fertig  gegerbte  L.  io
den  Handel  gebracht  wird,  muß  es  je  nach
dem  Zweck,  zu  dem  es  bestimmt  ist,  noch  verschiedenartig ­
  zugerichtet  werden.  —  Sohlleder
wird  meist  in  Bürden  von  fünf  oder  sechs
Häuten  gepackt  und  so  von  den  bedeutendsten
Erzeugungsplätzen  Malmedy,  Trier,  Luxemburg;
Siegen,  Eschwege,  Berlin  und  Hannover  in  de 11
Handel  gebracht.  Doch  wird  es  auch  von  verschiedenen ­
  Herstellern  zunächst  geklopft  odef
gewalzt  und  dann  in  Rollen  gepackt.  Das  ebenfalls ­
  zu  Sohlen  verarbeitete,  glatt  gestoßen«
        <pb n="250" />
        Leder

245

Legierungen

Vdcheleder  wird  hauptsächlich  in  Frankreich
und  Belgien,  am  Rhein  und  in  Thüringen  erzeugt ­
  und  kommt  in  Rollen  zu  fünf  bis  acht
Häuten  zum  Verkauf.  —  In  der  Erzeugung  von
schwarzem  und  braunem  Blankleder,  welches
die  Sattler  verwenden,  haben  Mülheim  a.  R.,
Pößneck  in  Thüringen  und  Weißenfels  besonderen ­
  Ruf;  Mülheim  auch  in  Wagenverdeckledern. ­
  Zur  Herstellung  dieser  Ledersorten ­
  werden  die  Häute  gespalten,  so  daß  aus
einer  Haut  zwei  werden.  Der  Narbenteil,  der
schwächer,  biegsamer  und  größer  ist,  dient  zur
Verdeckhaut,  der  Unterspalt  hingegen  meist  zu
Brandrohleder  und  ähnlichen  Zwecken.  Auch
Fahlleder,  welche  das  beste  Material  für
Arbeiterstiefeloberleder  bilden  und  in
Thüringen,  Bayern  und  Sachsen  erzeugt  werden,
spaltet  man  bisweilen.  Alle  diese  Sorten,  mit
Ausnahme  der  Sohlleder,  welche  vorzugsweise
von  Wildhäuten  gefertigt  werden,  stammen  von
gewöhnlichem  Stallvieh,  Kühen,  Ochsen  und
Büffeln.  Von  größter  Bedeutung  für  die  Gewinnung ­
  von  Oberleder  ist  die  ostindische  Kipshaut, ­
  die  in  großen  Mengen  in  ganz  Deutschland, ­
  am  meisten  in  Thüringen  und  Sachsen,
England,  Italien  und  Spanien  gegerbt  wird,  und
im  allgemeinen  schwächer  als  die  Rindshaut,
hingegen  stärker  als  das  Kalbfell  ist.  In  der
Herstellung  von  braunem  Kalbleder  zeichnet
sich  Frankreich  aus,  in  Deutschland  das  Elsaß,
die  Rheinprovinz  und  namentlich  Gera.  Lackleder, ­
  Wichsleder  sowie  überhaupt  die  feineren ­
  Kalbleder  werden  besonders  am  Rhein,
namentlich  in  Worms  und  Mainz,  hergestellt.
Schafleder  werden  in  großen  Mengen  in
Kirchhain  in  der  Niederlausitz  und  Umgegend
gefertigt,  und  zwar  teils  in  Alaun,  teils  in  Lohe
gegerbt  als  gewöhnliches  Schuhfutterleder;
Saffiane,  d.  h.  gefärbte  und  besonders  zubereitete ­
  Ziegen-  und  Schafleder  in  Mainz
und  anderen  rheinischen  Städten;  sog.  Bockleder, ­
  wozu  das  Material  gegerbt  aus  Madras
und  Bombay  kommt,  in  Kirn  an  der  Nahe  und
Wien.  —  Roßleder,  das  in  früherer  Zeit  fast
ausschließlich  zu  Wagenverdecken  oder  zu  geringeren ­
  Sattlerarbeiten  verwendet  wurde  und
keinen  hohen  Wert  hatte,  findet  seit  einigen
Jahrzehnten  eine  erheblich  bessere  Verwendung
zu  Oberleder,  und  zwar  das  Schild  (d.  i.  dasjenige ­
  Stück,  welches  einen  sogenannten  Spiegel ­
  hat)  zu  Stiefelvorderteilen,  der  Rest  zu
Hinterteilen  und  Schuhleder.  Zu  erwähnen  ist
ferner  noch  das  aus  Mexiko  und  Mittelamerika
stammende  Alligatorleder  von  bräunlichgelber
Farbe  mit  vertiefter  Musterung,  welches  zu
feinen  Lederarbeiten  verarbeitet  wird,  und  das
Känguru  bieder  aus  Australien,  das,  dünn  und
geschmeidig,  dem  Regen  besser  widersteht  und
•'lebt  so  leicht  bricht  als  Kalbleder.  Auch  aus
d er  Haut  des  Katzenhais  (s.  Fischhaut)  macht
'han  ein  weiches  und  sehr  geschmeidiges  hellgraues ­
  L.  —  Beim  Einkauf  von  L.  hat  man  sich
hüten,  daß  man  nicht  beschwertes  L.  erkält, ­
  welches  vor  der  Fettung  mit  einer  Lösung
v °n  Bittersalz  oder  von  Chlorbarium  imprägniert ­
  worden  ist.  Die  deutsche  Ledererzeugung
katte  es  im  Jahre  1908  auf  eine  Ausfuhr  von
a st  169  Millionen  M.  gebracht,  ist  aber  hinsichtlich ­

  der  erforderlichen  Häute  stark  vom
Ausland  abhängig.
Lederersatzmittel  (Kunstleder)  sind  Kunsterzeugnisse, ­
  die  wenigstens  in  gewissen  Fäll,  n
Ersatz  für  das  Leder  bieten  und,  was  die
Widerstandsfähigkeit  gegen  das  Wasser  und
die  Witterung  anlangt,  dieses  zum  Teil  noch
übertreffen.  Sie  bestehen  meist  aus  mit  Kautschuk, ­
  Guttapercha,  Leinölfirnis,  Asphalt  und
anderen  Stoffen  imprägnierten  Geweben,  denen
man  durch  gravierte  Walzen  mittels  Aufpressens
einer  künstlichen  Narbe  das  Aussehen  von  Leder
gegeben  hat.  Hierher  gehören  z.  B.  das  sog.
Ledertuch  oder  Krokettledertuch  und  verschiedene ­
  ähnliche,  als  vegetabilisches  Leder
empfohlene  Erzeugnisse  aus  Jute,  Baumwolle
oder  Leinen,  die  mit  den  genannten  Stoffen  imprägniert ­
  und  überstrichen  sind.  Auch  hat  man
schon  mehrfach  versucht,  aus  Lederabfällen  ein
künstliches  Leder  wieder  herzustellen.  Das
neuerdings  vielgenannte  Pegamoid  besteht  aus
einer  zelluloidähnlichen  Masse  aus  nitrierter
Baumwolle.
Lederholz,  die  starken,  lederartigen  Bastfasern ­
  der  Schößlinge  von  Dirca  palustris,
einer  zu  den  Seidelbastgewächsen  (Daphnoideen)
  gehörigen  Pflanze  des  südlicheren
Nordamerika,  sind  1—1,5  m  lang  und  werden
zur  Anfertigung  von  Stricken  und  Matten  verwendet. ­

Legierungen  nennt  man  alle  Verbindungen
zweier  oder  mehrerer  Metalle,  für  die  im  gewöhnlichen ­
  Leben  oft  der  Ausdruck  Komposition ­
  gebraucht  wird,  während  quecksilberhaltige ­
  Legierungen  die  besondere  Bezeichnung
Amalgame  führen.  Die  Darstellung  von  Legierungen ­
  erfolgt  in  der  Regel  durch  einfaches
ZuSammenschmelzen  der  Bestandteile,  in  einzelnen ­
  Fällen  auch  in  der  Weise,  daß  man  das
eine  Metall  in  Dampfform  an  das  andere  treten
läßt.  Nach  dem  letzteren  Verfahren,  durch  welches ­
  jedoch  nur  eine  unvollkommene,  oberflächliche ­
  L.  entsteht,  wurde  früher  viel  Messing  dargestellt, ­
  indem  man  Zinkdämpfe  auf  Kupfer  einwirken ­
  ließ.  In  gleicher  Weise  wurde  das  giftige ­
  Weißkupfer  dadurch  erhalten,  daß  man
Kupfer  den  Dämpfen  von  Arsenik  aussetzte.  —
Die  L.  verhalten  sich  physikalisch  ganz  wie  einfache ­
  Metalle,  zeigen  aber  oft  Eigenschaften,
die  sich  aus  denen  der  Einzelmetalle  nicht  Vorhersagen ­
  lassen.  Dies  gilt  sowohl  hinsichtlich
der  Farbe,  als  der  Härte,  Dehnbarkeit,  Sprödigkeit, ­
  des  spezifischen  Gewichts  und  des
Schmelzpunktes.  Insbesondere  ist  der  letztere
häufig  niedriger,  als  die  durchschnittliche  Berechnung ­
  aus  den  Schmelzpunkten  der  Einzelbestandteile ­
  ergibt.  Es  unterliegt  keinem  Zweifel, ­
  daß  auch  die  Metalle  wie  die  anderen  Elemente ­
  sich  nach  festen  Verhältnissen  miteinander ­
  verbinden,  und  daß  zwischen  zwei  Metallen ­
  mehrere  solcher  Verbindungen  in  verschiedenen ­
  Mengenverhältnissen  möglich  sind.
Die  Praxis  aber  kann  ihre  Zusammensetzungen
nur  nach  Erfahrungsregeln  herstellen  und  wählt
die  Bestandteile  und  ihre  Mengen  so,  daß  ein
bestimmter  Zweck  mit  den  geringsten  Kosten
erreicht  wird.  Ihre  Erzeugnisse  sind  demnach ­
  als  Gemische  aus  wirklichen  Legierungen ­
  und  möglicherweise  überschüssigem
        <pb n="251" />
        Leguminosen

246

Leim

Metall  anzusehen.  Sie  werden  nur  durch
gutes  Rühren  gleichmäßig,  entmischen  sich
aber  wieder,  wenn  den  geschmolzenen  Massen
durch  langes  Stehen  im  flüssigen  Zustande
Zeit  gelassen  wird,  sich  nach  dem  Gesetze ­
  der  Schwere  zu  trennen.  Die  schwerste
Verbindung  wird  dann  die  tiefste  Stelle  einnehmen, ­
  und  ein  so  entstandenes  Gußstück  in
der  Regel  zu  unterst  einen  höheren  Grad  von
Dichte  und  Härte  zeigen  als  in  den  oberen
Teilen.  Da  die  für  die  Praxis  hauptsächlich  in
Betracht  kommenden  L.  bereits  bei  den  einzelnen ­
  Metallen  oder  unter  ihren  eigenen  Namen
(Argentan,  Bronze,  Messing)  aufgeführt  sind,
so  genügt  es,  hier  eine  allgemeine  Übersicht
über  die  wichtigsten  Vertreter  zu  geben.  Es
entstehen  aus  Kupfer  und  Zinn:  Glockenund
  Kanonenmetall,  echte  oder  antike  Bronze.
Kupfer  und  Zink:  Messing,  Tombak  und  sonstige ­
  goldähnliche  Mischungen.  Kupfer  und
Aluminium:  Aluminiumbronze.  Kupfer,  Zinn
und  Zink:  Hoch-  und  rotgelbe  Statuenbronze,
Mannheimer  Gold.  Kupfer,  Zink  undNickel;
Unechtes  Blattsilber.  Zinn  und  Blei:  Schneilot,
Zinngießermetall,  Orgelpfeifenmetall.  Zinn  und
Antimon:  Britanniametall.  Blei  und  Antimon: ­
  Schriftgießermetall  und  Hartblei.  Blei
und  Arsenik:  Jagdschrot.  Zink  und  Silber:
Dopplers  Spiegelmetall.  Silber  und  Gold;
Grünes,  gelbes  und  Emailliergold.  Zinn,  Blei
und  Wismut:  Leichtflüssige  Metallgemische
(Roses,  Newtons  Metall),  namentlich  zur  Herstellung ­
  von  Zeugdruckformen  und  zu  Matrizen
für  die  Galvanoplastik.  Durch  Einführung  von
etwas  Kadmium  läßt  sich  der  Schmelzpunkt
noch  stark,  bis  auf  66°  C,  herabsetzen,  so  daß
die  Verflüssigung  schon  in  heißem  Wasser  erfolgt, ­
  während  die  erkaltete  L.  immer  noch  ein
ziemlich  festes  Metall  bildet  (Woods  Metall).  —
Kupfer  endlich  mit  Gold  oder  Silber  verschmolzen ­
  gibt  diejenigen  L.,  welche  anfänglich
allein  diesen  Namen  trugen  und  sich  noch  jetzt
in  jeder  Silber-  und  Goldmünze  und  in  allen
goldenen  und  silbernen  Gebrauchswaren  vorfinden. ­

Leguminosen  nennt  man  im  Handel  die  Samen
der  Hülsenfrüchte,  besonders  Bohnen,  Erbsen
und  Linsen,  die  wegen  ihres  hohen  Stickstoffgehalts ­
  die  wertvollsten  Nahrungsmittel  des
Pflanzenreiches  darstellen  und  zu  Leguminosenmehl, ­
  Kaffee-Ersatz  und  zahlreichen  diätetischen
und  Nährmitteln  verarbeitet  werden.
Leim  (lat.  Gluten,  frz.  Colle,  engl.  Glue).
Eine  Reihe  tierischer  Stoffe,  wie  Knochen,
Knorpel,  Häute  und  Bindegewebe,  besitzen  die
Eigenschaft,  obgleich  selbst  in  kaltem  und
heißem  Wasser  unlöslich,  durch  anhaltendes
Kochen  mit  Wasser  unter  Verlust  ihrer  Form
in  eine  klebende  Lösung,  die  beim  Erkalten
gallertartig  erstarrt,  überzugehen,  und  werden
daher  als  leimgebende  bezeichnet.  Die  Leimsiederei ­
  verwendet  demnach  als  Ausgangsstoff
die  Abfälle  von  Fleischereien,  Gerbereien  und
Abdeckereien,  wie  Hautabschnitzel,  Flechsen,
Gedärme,  Kalbs-  und  Hammelfüße,  Ohrlappen,
und  benutzt  auch  die  Felle  von  Hasen  und
Kaninchen,  denen  das  Haar  für  die  Hutmacherei
abgeschoren  ist,  ferner  havarierte  Häute,  Abfälle ­
  von  Pergament,  Weiß-  und  Handschuhleder ­

  als  Leimgut.  Nach  der  chemischen  Zusammensetzung ­
  unterscheidet  man  das  Kollagen,
  welches  die  eigentliche  Leimsubstanz,  das
Glutin  (Haut-  oder  Knochenleim)  liefert,  und
das  Chondrogen,  aus  welchem  das  Chondrin
(Knorpelleim)  gewonnen  wird.  Das  letztere
kommt  wegen  seiner  geringeren  Bindekraft  weniger ­
  in  Betracht.  Um  eine  Fäulnis  der  leicht
zersetzlichen  tierischen  Stoffe  zu  verhindern,
werden  sie  entweder  mit  Karbolsäure  behandelt,
oder  getrocknet  oder  in  Kalkmilch  eingelegt.
Das  letztere  Verfahren  hat  gleichzeitig  den  Vorteil, ­
  daß  es  das  Fett  und  andere  lösliche  Stoffe
entfernt,  macht  aber  eine  spätere  Wässerung
erforderlich,  weil  der  Kalk  für  die  Bildung  und
Beschaffenheit  des  Leims  verderblich  ist.  Aus
dem  gleichen  Grunde  werden  Knochen  vor  ihrer
Verarbeitung  meist  so  lange  mit  verdünnter  Salzsäure ­
  mazeriert,  bis  nur  die  organische  Substanz ­
  zurückbleibt.  Nach  erfolgter  Wässerung
breitet  man  die  Masse  in  dünner  Schicht  aus,
um  die  noch  vorhandenen  Kalkspuren  in  unlöslichen ­
  köhlensauren  Kalk  überzuführen,  oder
man  behandelt  sie  zur  Bleichung  auch  wohl  mit
schwefliger  Säure.  Zum  Versieden  des  Leimgutes ­
  bediente  man  sich  früher  meist  mit  Siebboden ­
  versehener  Kessel  auf  offenem  Feuer,  ist
aber  jetzt  dazu  übergegangen,  das  in  geschlossenen ­
  Zylindern  auf  etagenförmigen  Sieben  angebrachte ­
  Leimgut  mit  Dampf  zu  extrahieren.
Die  unten  angesammelte  Leimlösung  wird  in
bestimmten  Zeiträumen  abgezapft  und,  vielfach
in  Vakuumapparaten,  eingedampft.  Das  zuerst
erhaltene  Erzeugnis,  welches  am  kürzesten  erhitzt ­
  worden  ist,  gibt  die  hellste  und  beste
Sorte.  Die  folgenden  zeigen  nach  und  nach
immer  dunklere  Färbungen  und  geringere  Klebkraft. ­
  Die  eingedampfte  und  durch  Stehen  geklärte ­
  Lösung  wird  dann  filtriert,  wenn  nötig
durch  Einleiten  von  schwefliger  Säure  noch
etwas  gebleicht  und  in  hölzernen  oder  metallenen ­
  Formen  dem  Gerinnen  überlassep.  Zum
Zerschneiden  der  Gallerte  bedient  man  sich  gespannter ­
  Messingdrähte  und  bringt  die  erhaltenen ­
  Tafeln  auf  Rahmen  mit  weitem  Drahtoder ­
  Bindfadengeflecht'  in  die  Trockenräume.
Nach  dem  Trocknen,  welches  sehr  vorsichtig  in
einströmender  warmer  Luft  von  allmählich  steigender ­
  Temperatur  erfolgen  muß,  taucht  man
die  Tafeln  zur  Erzeugung  des  Glanzes  einen
Augenblick  in  heißes  Wasser  und  trocknet  nochmals ­
  schnell  zu  Ende.  —  Als  Nebenerzeugnisse ­
  gewinnt  man  Knochenfett,  präzipitiertes
Kalziumphosphat  und  entleimtes  Knochenmehl.
—  Eine  besondere  Abart,  der  Fischleim,  wird
in  den  Donaufürstentümern  u.  a.  O.  aus  der
Haut,  den  Blasen  und  Gedärmen  von  Knorpelfischen ­
  durch  anhaltendes  Kochen  mit  Wasser
hergestellt  und  in  Form  zusammengerollter
dünner  Blättchen  vom  Aussehen  der  Hausenblase ­
  in  den  Handel  gebracht.  Die  Flausenblase
selbst  ist  kein  eigentlicher  Leim,  sondern  die
getrocknete  innere  Haut  der  Schwimmblase,
also  unverändertes  Kollagen.  —  Die  Farbe  des
L.  wechselt  von  hellgelb  bis  dunkelbraun,  und
ebenso  ist  der  Grad  der  Durchsichtigkeit  großen
Schwankungen  unterworfen.  Im  allgemeinen
wird  heller  und  klarer  L.  höher  bewertet  und
für  gewisse  Zwecke  ausschließlich  benutzt.  Je'
        <pb n="252" />
        Leim

247

Leinengarn

doch  hängt  die  Klebkraft  keineswegs  immer
von  diesen  Eigenschaften  ab,  vielmehr  ist  der
durch  Kalziumphosphat  fast  immer  milchig  getrübte ­
  Knochenleim  zum  Kleben  von  Holz  vortrefflich ­
  geeignet.  —  In  kaltem  Wasser  quillt
L.  unter  Aufnahme  der  io—zofachen  Menge
seines  eigenen  Gewichtes  an  Wasser  auf  und
wird  um  so  höher  geschätzt,  je  größer  diese
Wasseraufnahme  in  24  Stunden  ist.  Weiter  verlangt ­
  man  von  ihm,  daß  er  glänzend,  hart  und
spröde  und  an  der  Luft  trocken  sei,  beim  Biegen
kurz  abbreche  und  einen  glasartigen  Bruch
gebe.  Der  Wassergehalt  soll  150/0,  der  Aschengehalt ­
  1—5  o/q  nicht  übersteigen,  da  bereits  Zusätze ­
  von  2—3  0/0  Mineralstoffen  die  Klebkraft
verringern.  In  kaltem  Wasser  darf  guter  L.
selbst  nach  48  Stunden  nicht  völlig  zerflossen
sein,  muß  aber  mit  heißem  Wasser  eine  völlig
neutrale  Lösung  geben.  Das  zuverlässigste  Urteil
über  die  Güte  des  L.  bietet  die  Ermittelung  der
Klebkraft,  indem  man  unter  Innehaltung  bestimmter ­
  Vorschriften  Holzstücke  aneinander  leimt  und
das  zum  Zerreißen  erforderliche  Gewicht  bestimmt. ­
  —•  In  chemischer  Hinsicht  besteht  gewöhnlicher ­
  L.  der  Hauptsache  nach  aus  Glutin,
neben  welchem  in  geringer  Menge  Peptone,
Farbstoffe  und  Mineralstoffe  zugegen  sind.  Das
Glutin  gehört  zu  den  Albuminoiden  und  unterscheidet ­
  sich  von  den  Eiweißkörpern  sowie  dem
Chondrin  dadurch,  daß  es  durch  verdünnte  Säuren,
auch  Essigsäure,  leicht  gelöst  wird  und  nicht
mit  Ferrozyankalium,  Alaun,  Eisenvitriol  und
Bleizucker  Niederschläge  liefert.  Durch  Gerbsäure ­
  wird  Glutin  aus  wäßriger  Lösung  gefällt.
Beim  Kochen  mit  verdünnten  Säuren  oder
Laugen  gibt  es  zum  Unterschiede  vom  Chondrin ­
  Glykokoll  (Leimzucker).  •—  Von  den
zahlreichen  nach  Städten  gebildeten  Flandelsbezeichnungen
  (Kölner,  Breslauer,  Nördlingcr,
Reutlinger,  Kahlaer,  Mühlhäuser  L.)  sind  die
meisten  außer  Gebrauch  gekommen,  mit  Ausnahme ­
  des  Kölner  L.,  unter  welchem  man  eine
besonders  helle,  durchscheinende  Sorte  versteht,
Russischer  L.,  eine  mit  weißer  Mineralfarbe
{Bleisulfat,  Bleiweiß,  Zinkweiß,  Kreide)  vermischte ­
  gewöhnliche  Leimmasse,  welche  auch
als  weißer  L.  bezeichnet  wird,  hat  keinerlei
Vorzüge,  sondern  höchstens  verminderte  Klebkraft. ­
  An  Stelle  der  alten  Ursprungsnamen  bedient ­
  man  sich  neuerdings  mehr  der  Bezeichnungen: ­
  hell,  fein,  mittelfein,  mittel.  —  Der  L.
findet  als  allgemeines  Klebemittel  ausgedehnte
Verwendung.  Hellere  Sorten  dienen  zu
Weberschlichte,  zur  kalten  Vergoldung,  zu  Leimfarben, ­
  in  der  I-Iutmachcrei  zum  Appretieren
von  Strohhüten,  zur  Papierleimung,  zur  Herstellung ­
  von  Heklographenmasse,  zum  Ausfällen
des  Gerbstoffs  aus  Farbholzabkochungen,  dunklere ­
  als  Tischler-  und  Buchbinder-L.  —  Von
besondern  L.-Präparaten  seien  noch  folgende
erwähnt:  Elastischer  Leim  für  die  Schwärztvalzen
  der  Buchdrucker  und  für  Formen  der
Galvanoplastik  und  Gipsgießerei  besteht  aus
gleichen  Teilen  L.  und  Glyzerin.  —  Flüssiger
L.  wird  durch  Zusatz  von  Säuren,  hauptsächlich
Salpetersäure,  Essigsäure,  Salzsäure  zu  konzentrierter ­
  Leimlösung  dargestellt.  Besonders  bewährt ­
  haben  sich  folgende  Vorschriften:  100  L.,
&amp;lt;00  Wasser,  6—12  rohe  Salpetersäure,  oder  40  L.,

40  Essig,  10  Spiritus  und  5  Alaun.  Bei  aller
Handlichkeit  findet  der  flüssige  L.  doch  nm
beschränkte  Anwendung,  weil  durch  die  Säure
die  Klebkraft  leidet  und  Farben  angegriffen
werden.  Die  im  Handel  befindlichen  Erzeuge
nisse  enthalten  übrigens  oft  gar  keinen  Leim,
sondern  bestehen  aus  Lösungen  von  Gummiarabikum ­
  mit  ein  paar  Prozent  Aluminiumsulfat. ­
  —  Mundleim,  der  in  Täfelchen  zum
Verkauf  kommt  und  nur  mit  dem  Speichel  benetzt ­
  zu  werden  braucht,  entsteht  durch  Auflösen ­
  von  2  Teilen  L.  oder  Gelatine  und  1  Teil
Zucker  in  3  Teilen  Wasser  und  Eindampfen  auf
4  Teile.  —  Chromleim  endlich  erhält  man
durch  Mischen  einer  konzentrierten  Lösung  von
1  Teil  Kaliumdichromat  mit  der  erwärmten  Lösung ­
  von  5  Teilen  L.  in  45  Wasser.  Er  dient
zum  Kitten  von  Glas,  zum  Leimen  von  Pergamentpapier ­
  und  zum  Wasserdichtmachen  von
Kofferüberzügen,  indem  er,  dem  Sonnenlichte
ausgesetzt,  mit  dem  L.  eine  unlösliche  Chromoxydverbindung ­
  liefert.  Wegen  seiner  Lichtcmpfindlichkeit
  spielt  er  ebenfalls  beim  Pigmentund
  Lichtdruck  und  der  Photogalvanographie
eine  Rolle.
Leinengarn.  Der  aus  der  Faser  des  Flachses
(s.  d.)  gesponnene  Faden  wird  Flachsgarn,
häufiger  Leinengarn  genannt,  während  die
daraus  gefertigten  Gewebe  stets  als  Leinen  bezeichnet ­
  werden.  Das  Garn  wurde  früher  lediglich ­
  als  Handgarn  auf  dem  Spinnrade  oder  zum
Teil  noch  mit  der  Spindel  gesponnen  und  in
Deutschland  in  solchem  Umfange  erzeugt,  daß
große  Mengen  als  Faden  und  als  Gewebe  ausgeführt ­
  werden,  konnten.  Durch  den  später  eingetretenen ­
  Wettbewerb  der  Maschinenspinnerei
haben  sich  die  Verhältnisse  aber  sehr  geändert,
so  daß  jetzt  weit  mehr  Maschinen-  als  Handgarn ­
  erzeugt  wird,  und  die  Handspinnerei  auf
dem  Rade  nur  noch  in  gewissen  Gegenden  bei
sehr  armen  Familien  zu  finden  ist.  Die  Verspinnung ­
  des  Flachses  auf  Maschinen,  welche
erst  seit  etwa  50  Jahren  nach  dem  Vorbilde
Englands  und  meist  mit  englischen  Maschinen
Eingang  gefunden  hat,  bietet  bei  der  Länge  und
härteren  ungekräuselten  Beschaffenheit  der
Flachsfascr  weit  mehr  Schwierigkeiten  als  die
Verarbeitung  der  Baumwolle.  Die  durch  das
Hecheln  gereinigten,  von  kurzen  Fasern  befreiten, ­
  verfeinerten  und  geordneten  Risten  gelangen ­
  auf  das  endlose  Zuführtuch  der  Andege,
um  in  Bänder  von  100—150  cm  Breite  verwandelt ­
  zu  werden.  Diese  Bänder  werden  auf  einer
Reihe  von  Streckwalzen  immer  mehr  ausgezogen ­
  und  abwechselnd  wieder  dupliert  und
gelangen  dann  auf  die  Vorspinnmaschine,  ein
Streckwerk  mit  Spindeln,  welch  letztere  der
Lunte  durch  eine  leichte  Drehung  mehr  Zusammenhalt ­
  geben.  Zum  Schluß  gibt  die  Feinspinnmaschine ­
  dem  lockeren  Faden  den  letzten
Auszug  und  die  verlangte  Drehung  und  windet
ihn  schließlich  auf  Holzspulen.  Die  Feinspinnmaschinen ­
  für  Flachs  unterscheiden  sich  in
Trocken-  und  Naßspinnmaschinen.  Die
ersteren  liefern  einen  gröberen,  rauhen  und
unansehnlichen  Faden,  der  nur  zu  gröberen
Geweben  verwendet  werden  kann,  während  die
letzteren  einen  viel  feineren,  gleichmäßigeren
und  glatten  Faden  ergeben.  Das  Werg  oder
        <pb n="253" />
        Leinengarn

248

Leinengewebe

die  Hede,  d.  i.  die  beim  Hecheln  ausgekämmte
wirre  Fasermasse,  unterliegt  zunächst  einer  Bearbeitung ­
  in  Krempeln,  und  zwar  einer  Vorund
  Feinkrempel,  wie  bei  der  Baumwolle,
welche  die  Masse  entwirren,  reinigen,  die  Fasern
möglichst  parallel  legen  und  zu  einem  Bande
vereinigen.  Die  Bänder  werden  dann  wie  vorhin ­
  weiter  behandelt,  liefern  aber  gröberes,  sog.
Towgarn.  —  Für  die  Bemessung  und  Bezeichnung ­
  der  Maschinengarne  ist  in  den  meisten
Spinnereien  des  Kontinents  das  englische  Muster
eingeführt,  nach  dem  die  Weife  2 1 /»  Yards
(gleich  2,286  m)  Umfang  hat.  120  Umläufe
machen  also  300  Yards  oder  1  Gebind,  io  Gebinde ­
  1  Strähne  und  20  Strähnen  1  Bündel  englisch. ­
  6  Bündef  bei  feineren  und  3  bei  den
gröberen  Nummern  bilden  1  Paket.  Die  Zahl
der  Gebinde,  welche  auf  1  engl.  Pfund  gehen,
ergibt  die  Garnnummer.  Es  hält  sonach  i  Pfund
Garn  von  Nr.  30  einen  Faden  von  9000  Yards
Länge,  Nr.  70  21000  Yards  usw.  Bei  Handgarn
gelten  Ellen-  und  Schocke  auch  heute  noch  an
manchen  Orten.  Es  steht  zu  hoffen,  daß  der
Krieg  die  schon  lange  angestrebte  Einführung
des  metrischen  Systems  beschleunigen  wird.  —
Zwischen  Maschinen-  und  Handgespinst  bestehen ­
  wesentliche  Unterschiede.  Jede  der  beiden ­
  Arten  hat  ihre  besonderen  Vorzüge  und
Mängel,  welche  für  die  Verwendung  maßgebend
sind.  Das  Maschinengarn  ist  immer  gleichmäßig
voll  und  gerundet,  das  Handgarn  dagegen  häufig ­
  stellenweise  dünner  oder  dicker,  kantig  und
nicht  frei  von  Knötchen.  Dafür  ist  es  weit  glatter
als  jenes,  das  durch  hervorstehende  feine  Härchen ­
  rauh  und  wollig  erscheint.  Aus  diesem
Grunde  ist  das  fadengleiche  Maschinengarn
überall  eingeführt,  wo  auf  diese  Eigenschaft
etwas  ankommt,  wie  bei  Zwirn,  glatten  Bändern, ­
  Leinen.  Die  Gewebe  daraus  entbehren
aber  des  eigentümlichen  Leinenglanzes,  erscheinen ­
  nach  der  Bleiche  rauh  und  reiben  sich  beim
Tragen  noch  wolliger  auf.  Sie  unterliegen  daher
auch  schneller  der  Abnutzung,  tragen  sich  weniger ­
  angenehm  und  schmutzen  leichter.  Wo  also
der  Leinenglanz,  der  sog.  Spiegel,  zur  Geltung
kommen  soll,  wie  bei  Damast,  ist  das  Handgarn ­
  nicht  zu  verdrängen.  Es  kann  sich  überhaupt ­
  um  so  eher  gegen  die  Maschine  behaupten, ­
  je  besser  gesponnen  wird,  denn  gutes
Handgarn  von  gleichem  Faden  ist  stets  dem
besten  Maschinpngarn  vorzuziehen.  Man  hat
daher  auch  schon  längst  in  den  Spinnereigegenden ­
  durch  Spinnschulen  die  Geschicklichkeit  der
Arbeiterinnen  zu  heben  und  sie  namentlich  auf
die  feineren  Nummern  hinzuführen  gesucht.  Die
Lage  der  Spinner  ist  infolgedessen  nicht  mehr
so  trostlos  als  zu  den  Zeiten,  in  denen  die
mechanischen  Spinnereien  Englands  zuerst  ihre
Massenware  auf  den  Markt  brachten.  —  Die
Leinengarne  werden  je  nach  ihrer  Bestimmung,
ob  zum  Verweben  oder  zu  Zwirn,  schon
beim  Spinnen  verschieden  fest  gedreht.  Das
Kettengarn  erhält  stärkere  Drehung  als  das
mehr  lockere  Schußgarn,  und  auch  das  zu
Zwirn  bestimmte  wird  weniger  fest  gesponnen.
Leinenzwirn  entsteht  durch  Zusammendrehen
von  2,  3  oder  4  einzelnen  Garnfäden  zu  einem
Ganzen,  und  zwar  geschieht  diese  Drehung  entgegengesetzt ­
  derjenigen,  unter  vtelcher  das  Garn

entstand.  Je  nach  der  Anzahl  der  Fäden,  die
ihn  zusammensetzen,  heißt  er  zwei-,  drei-  und
vierdrähtig  usw.  Im  übrigen  werden  die  zahlreichen ­
  Sorten  und  Nummern  gewöhnlich  nach
dem  Gebrauch,  für  den  sie  bestimmt  sind,  also
als  Näh-,  Strick-,  Spitzen-,  Litzenzwirn
benannt  ,  Die  Ware  kommt  teils  gebleicht,  teils
ungebleicht  in  den  Handel.  Der  Nähzwirn  wird
häufig  gefärbt  und  appretiert,  damit  er  beim
Nähen  nicht  rauh  wird.
Leinengewebe.  Die  eigentliche  Leinwand
(frz.  Toile,  engl.  Linen)  besitzt  die  für  glatte
Gewebe  charakteristische  Bindung.  Die  Kette
ist  in  zwei  gleiche  Abteilungen  geordnet,  welche
die  Fäden  1,  3,  5,  bzw.  2,  4,  6  enthalten  und
beim  Weben  abwechselnd  nach  oben  und  unten
gezogen  werden,  so  daß  nur  zwei  Tritte  am
Webstuhl  nötig  sind.  Nach  dem  Material  unterscheidet ­
  man  Flachsleinwand  oder  reine
Leinwand,  Hanfleinen  (nur  gröbere  Sorten),
Wergleinwand  und  gemischte  Gewebe.  Letztere ­
  zerfallen  wieder  in  halbflächsene  mit
Flachsgarnkette  und  Schuß  von  Werkgarn,  und
halbbaumwollene,  bei  welcher  Flachs-  und
Baumwollgarn  Kette  und  Schuß  oder  auch
Schuß  und  Kette  bilden.  Diese  letzteren  Gemische
geben  stets  eine  untergeordnete,  obwohl  häufig:
gut  aussehende  Ware,  die  auch  wohl  irische
Leinwand  genannt  wird.  Das  gröbste  leiriwändartige
  Gewebe  ist  das  Segeltuch,  meist  aus
Hanfgarn,  dann  folgen  Zelt-,  Pack-  und
Sackleinen.  Das  zu  Leibwäsche  bestimmte
Gewebe  erscheint  in  sehr  verschiedenen  Graden
der  Stärke  und  Feinheit.  Zu  den  stärkeren  gehört ­
  gewöhnlich  die  Hausleinwand,  zu  welcher ­
  das  Garn  in  ländlichen  Wirtschaften  selbst
gesponnen  wird.  Die  fabrikmäßig  erzeugte  Kaufleinwand
  besteht  durchweg  aus  Maschinengarn, ­
  da  in  Fabriken  nur  selten  Handstühle  aufgestellt ­
  sind.  Immerhin  geschieht  das  Weben
noch  vielfach  auf  den  gewöhnlichen  Handwebstühlen, ­
  da  einerseits  Handgespinst  wegen  seiner
Ungleichheit  für  den  Maschinenstuhl  gar  nicht
in  Frage  kommt,  andererseits  Maschinengarn,,
selbst  das  trocken  gesponnene,  oft  nicht  geschmeidig ­
  genug  und  daher  leicht  dem  Umschlingen ­
  und  Reißen  ünterworfen  ist,  so  daß  nicht  mit
der  erforderlichen  Raschheit  gearbeitet  werden
kann.  Meist  werden  die  Garne  im  ungebleichten
Zustande  verwebt,  nur  die  schlesische  und  böhmische ­
  Weißgarnleinwand  (Creas)  und  das  westfälische ­
  Löwentlinnen  bestehen  aus  gebleichtem
Garn,  Die  Rohgarne  kocht  man  vor  dem  Spulen
in  Soda-  oder  Pottaschelauge,  wodurch  sie  geschmeidiger ­
  werden.  Diejenigen  Gewebe  von
Rohgarnen,  welche  ungebleicht  bleiben  sollen,
sind  vom  Webstuhl  weg  fertig  und  werden  nur
in  Stückpakete  gerollt  und  gebunden.  Alle  übrigen ­
  erhalten  Appretur,  welche  in  Bleichen,  Stärken, ­
  Kalandern  und  zuweilen  auch  Glänzen  besteht. ­
  Gebleicht  wird  entweder  durch  Rasenbleiche ­
  oder  rascher  unter  Anwendung  von  Chlor
(Schnellbleiche).  Die  Rasenbleiche  dient  einer
Ware  zur  Empfehlung,  da  Chlor,  wenn  es  nicht
sehr  behutsam  angewandt  wird,  die  Haltbarkeit
der  Faser  leicht  herabmindern  kann.  Das  Bleichen ­
  bezweckt  die  Löslichmachung  und  Entfernung ­
  der  anhaftenden  dunkelfarbigen  Stoffe
und  besteht  in  abwechselnder  Behandlung  durch
        <pb n="254" />
        Laugenbäder,  Einseifen,  Walken  und  Aussetzen
an  die  Luft,  unter  Begießung  oder  zum  Teil
auch  ohne  solche.  Die  böhmische  Naturbleiche
dauert  80  bis  90  Tage,  und  das  Rohleinen  verliert ­
  dabei  20—30  0/0  seines  ursprünglichen  Gewichts. ­
  Durch  konzentriertere  und  heißere
Laugen,  sowie  namentlich  durch  Hinzunehmen
von  Chlorbädern  läßt  sich  der  Bleichprozeß  bis
auf  6  Tage  abkürzen.  Das  Stärken  der  Leinenwaren ­
  besteht  darin,  daß  ein  dünner,  mit
weißem  Wachs  oder  Paraffin  und  etwas  Unschlitt
  gekochter,  mit  Ultramarin  angebläuter
Stärkekleister  auf  dem  Gewebe  eingetrocknet
wird.  LIierdurch  wird  die  Dichte,  Schwere
und  der  Griff  des  Stoffes  künstlich  vermehrt. ­
  Das  Glätten  der  gestärkten  Leinwand
geschieht  durch  Mangeln  oder  Kalandern,
entweder  so,  daß  das  Zeug  auf  glatte  Rundhölzer ­
  gewickelt  und  wie  alle  Wäsche  gerollt
wird,  oder  so,  daß  man  es  einfach  oder  doppelt
durch  eine  Reihe  von  2,  3  oder  mehr  geheizten
und  stark  aufeinandergepreßten  Walzen  gehen
läßt.  Häufig  wirken  metallene  mit  Papierwalzen
zusammen,  welche  eine  sehr  milde  Glättung  erzeugen; ­
  zuw r eilen  wird  der  Stoff  auch  zugleich
auf  dem  Kalander  geglänzt,  indem  eine  glatte
Walze  darauf  wirkt,  welche  sich  viel  i'ascher
dreht,  als  das  Zeug  fortschreitet.  Die  alte  Glättmaschine, ­
  wie  sie  noch  für  die  sogenannte
Glanzleinwand  gebraucht  wird,  hat  als  Hauptwerkzeug ­
  ein  poliertes  rundes  Stück  von  Achat,
Feuerstein  oder  Glas,  das  am  unteren  Ende
einer  federnden  Stange  sitzt  und  damit  auf  dem
Zeuge  hin  und  her  geführt  wird.  Die  appretierte ­
  Leinwand  wird  stückweise  gelegt  oder
gerollt,  gepreßt  und  gebunden.  Die  vielen
Sortennamen  sind  zum  Teil  nur  für  den  auswärtigen ­
  Absatz  bestimmt,  und  zahlreiche  beliebt ­
  gewordene  Lokalerzeugnisse  werden  nicht
selten  in  anderen  Gegenden  nachgemacht  und
mit  dem  Ursprungsnamen  ausgestattet,  so  daß
z.  B,  irländische  L.  auf  dem  Kontinent,  Osnabrücker
  in  England,  Bielefelder  und  holländische ­
  in  Böhmen  und  Schlesien  hergestellt
werden.  Die  feinen  irischen  Hemdenleinen,  die
besonders  in  Südamerika  und  den  englischen
Kolonien  Absatz  finden,  sind  eine  Nachahmung
der  holländischen  und  Bielefelder  Leinwand.
Andere  Stoffe  aus  Leinengarn,  die  unter  ihren
Namen  besonders  aufgeführt  werden,  sind  Damast, ­
  Drell,  Batist,  Linon  und  Gazon.
Auch  Leinenplüsch,  der  sich  durch  außerordentliche ­
  Haltbarkeit  und  einen  schimmernden
Lüster  auszeichnet,  wird  in  großen  Mengen
dargestellt.  Zur  Unterscheidung  des  L.  von
Baumwolle  bedient  man  sich  meist  der  Schwefelsäureprobe. ­
  Das  Gewebe  wird  durch  sorgfältiges ­
  Waschen  von  der  Appretur  befreit,  getrocknet, ­
  t—2  Minuten  in  englische  Schwefelsäure ­
  getaucht  und  dann  mit  Wasser  oder  einer
Sodalösung  unter  Nachspülen  mit  Wasser  ausgewaschen, ­
  Die  zu  einer  gallertartigen  Masse
aufgelöste  Baumwolle  verschwindet  bei  richtig ­
  gewählter  Behandlung  in  der  Schwefelsäure,
Während  die  Leinenfäden  unberührt  bleiben  und
gezählt  werden  können.  Das  sicherste  Urteil
gewährt  jedoch  das  Mikroskop.  Die  Leinfaser
lst  zylindrisch  mit  sehr  enger  innerer  Höhlung
t&amp;gt;nd  zeigt  in  bestimmten  Entfernungen  knotenartige ­

  Anschwellung  wie  ein  Strohhalm,  bei
starker  Vergrößerung  Längsstreifung,  die  Baumwolle ­
  dagegen  ist  bandartig  plattgedrückt  mit
verdickten  Seitenrändern  und  vielfach  schraubenartig ­
  um  sich  selbst  gedreht.  Zur  Bestimmung
der  Feinheit  des  Gewebes  dient  der  Fadenzähler, ­
  eine  Lupe  besonderer  Einrichtung,,
welche  auf  das  Gewebe  gesetzt  wird.
Leinöl  (lat.  Oleum  lini,  frz.  Huile  de  lin,
engl.  Linseed-oil),  das  fette  trocknende  öl  aus
den  Leinsamen  (s.  d.)  ist  wie  diese  selbst  ein
wichtiger  Handelsartikel.  Die  zur  Ölgewinnung
bestimmten  Körner,  der  sog.  Schlaglein,
stammen  hauptsächlich  von  den  zur  Fasergewinnung ­
  gebauten  Pflanzen,  haben  also,  da
diese  immer  vor  völliger  Reife  gezogen  werden,,
nicht  den  vollen  Ölgehalt,  wie  die  zur  Aussaat
gezogenen  reifen  Körner,  der  Saatlein,  von
welcher  höherwertigen  Sorte  nur  das  zu  alt
gewordene  oder  sonst  verdorbene  Gut  noch
dem  Schlaglein  zufällt.  Die  Gewinnung  des  Öls
geschieht  mit  den  gewöhnlichen  Mitteln  der
älteren  oder  neueren  Ölmüllerei  und  besteht
hauptsächlich  im  Zerkleinern  der  Samen  auf
Stampf-  oder  Walzwerken,  oder  zwischen  Mühlsteinen, ­
  und  Auspressen  des  so  erhaltenen  Pulvers ­
  in  Säcken  mittels  Keil-,  Schrauben-  oder
hydraulischen  Pressen.  In  der  Regel  wird  warm
gepreßt,  indem  man  das  Mahlgut  über  Feuer
oder  mit  Dampf  auf  Platten  bis  gegen  90 0  0
erhitzt,  dabei  fleißig  wendet  und  dann  gleich  in
die  Presse  gibt.  In  der  Hitze  gerinnt  das  Sameneiweiß ­
  und  das  Wasser  verdampft,  das  Öl  läuft
daher  dünnflüssiger  und  reiner  und  zugleich  in
größerer  Menge  ab,  als  wenn  keine  Hitze  angewandt ­
  würde.  Die  Ausbeute  beträgt  25  bis
27  0/0,  während  bei  dem  in  einigen  Gegenden,
besonders  Rußland,  Polen,  Sachsen,  bevorzugten ­
  Kaltpressen  nur  20—22  0/0  Öl  gewonnen
werden.  Das  Verfahren  der  Extraktion  wird
bei  Leinsamen  nur  selten  angewandt.  Reines
kalt  gepreßtes  L.  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,930  bis
0,940  und  erstarrt  bei  —16 0 .  Die  häufigste  und
wichtigste  Verwendung  des  Öles  ist  die  zu  Firnissen ­
  (s.  d.),  zu  denen  aber  nur  altes  Öl,  das
bei  ein-  bis  zweijährigem  Lagern  den  größten
Teil  seiner  schleimigen  Bestandteile  ausgeschieden ­
  hat,  benutzt  werden  soll.  Als  Verfälschungsmittel ­
  hat  man  Rüb-,  Senf-,  Hanf-,  Baumwollsamenöl,
  Fischtran,  Mineralöl,  Harzöl,  Ölsäure
(Olein),  Fettsäuren  aus  Wollfett,  Aleuritesöl
usw.  beobachtet.  Ihr  Nachweis  ist  meist  nur
auf  chemischem  Wege  möglich,  jedoch  liefert
oft  schon  ein  Probesieden  auf  Firnis  wertvollen
Aufschluß.  Eine  Reinigung  von  schleimigen
Teilen  wird  durch  Schütteln  mit  heißem  Wasser,
heißer  Kochsalzlösung,  Eisenvitriol,  Vermischen
mit  Schnee,  Durchfrierenlassen  und  Wiederaultauen ­
  bewirkt,  während  längeres  Aussetzen  an
Licht  und  Sonne  das  öl  heller  macht.  —  Minder
wichtige  Anwendungen  des  L.  sind  noch  die  Bereitung ­
  von  Schmierseife,  Buchdruckerschwärze
und  Arzneimitteln,  wie  Schwefelbalsam  und
Brandsalbe.  Frisch  geschlagenes  Leinöl  bildet
in  einigen  Gegmden  Deutschlands,  besonders
der  Mark  Brandenburg,  ein  geschätztes  Speiseöl. ­
  Zu  Leuchtzwecken  ist  es,  als  stark  rußend,
nicht  zu  gebrauchen.  —  Die  Preßrückstände
bilden  als  Leinc-lkuchen  ein  wertvolles  Vieh ­
        <pb n="255" />
        Leinsamen

250

Levikowasser

futter  und  dienen  getrocknet  und  wieder  gepulvert ­
  als  Leinkuchenmehl  (lat.  Farina  seu
Placenta  lioi,  frz.  Gäteau  de  lin,  engl.  Linseed  cake)
auch  zu  erweichenden  Umschlägen.
Leinsamen  (Leinsaat,  lat.  Semen  lini,  frz.
Semence  de  lin,  engl.  Linseed),  die  Samen  der
Leinpflanze  (s.  Flachs),  die  einen  wichtigen
Gegenstand  des  Großhandels  bilden,  sind  von
ovaler,  an  einem  Ende  zugespitzter,  an  der
Spitze  gekrümmter  Form,  4—6  mm  lang  und
etwa  5  mg  schwer.  Die  glatte  glänzendbraune
Schale  enthält  grünliche  Kotyledonen  von  süßlich-schleimigem ­
  Geschmack  und  ein  derbwandiges
  Endosperm,  die  keine  Stärke,  aber
neben  erheblichen,  bis  zu  40  o/ 0  betragenden
Mengen  Fett  (s.  Leinöl)  etwa  250/0  Protein,
5—8  0/0  Asche  und  viel  schleimgebende  Stoffe
enthalten.  Guter  Samen  muß  in  der  Hand  leicht
gleiten,  in  Wasser  untersinken  und  frei  von
üblen  Gerüchen  und  Unkrautsamen  sein.  Nach
schlechter  Ernte  wird  er  dunkel,  glanzlos,
schmutzig  und  verliert  an  Keimkraft.  1  hl  wiegt
67—68  kg.  Für  den  Flachsbau  besonders  geeignete ­
  Sorten  sind  der  sehr  reine  und  grobkörnige ­
  Zeeländer,  der  stärkeren  Flachs  liefert, ­
  ferner  Königsberger,  Memeler,  Etschtaler,
Axemer,  weiß  blühender  russischer,  weiß  blühender ­
  amerikanischer  und  gemengter  weiß  blühender. ­
  Seltener  angebaut  werden  der  ewige  L.
(L.  perenne),  der  ausdauernde  sibirische  L.  mit
grober,  harter,  schwer  zu  trennender  Faser,  der
schmalblättrige  L.  (L.  angustifolium  Fluch)  mit
guter  Faser  in  Südeuropa  und  Australien,  der
österreichische  L.  (L.  austriacum)  und  der  Seelein, ­
  Meerstrandslein  (L.  maritimum).  Der  aus
Rußland  in  Tonnen  eingeführte  Tonnenlein
(Rigaer,  Pernauer,  Libauer,  Niedauer  L.),  der
meist  stark  mit  Leindotter  verunreinigt  ist,  wird
am  meisten  zur  Saraenzucht  benutzt.  Die  erste
daraus  gezogene  Saat,  der  Kronen-  oder  Rosenlein, ­
  gibt  4—5  Jahre  gute  Ernten  und  wird  solange ­
  als  „Saatlein“,  nach  dieser  Zeit  aber
zur  Ölgewinnung  als  „Schlaglein“  verwertet.
Die  hierbei  abfallenden  Leinkuchen  bilden  ein
wertvolles  Futtermittel.  In  der  Medizin  dienen
sie,  wie  auch  die  Samen  selbst,  zur  Herstellung
schleimiger  Aufgüsse.
Lemongrasöl  (Limongrasöl,  Grasöl,  Idrisöl,
  Nardenöl,  lat.  Oleum  Lemongras,  frz.
Essence  de  Lemongrass,  engl.  Lemongrass  oil),
ein  aus  Ostindien  und  Kotschinchina  kommendes ­
  ätherisches  öl,  wird  durch  Destillation  einer
Grasart,  Cymbopogon  flexuosus  Stapf
(Andropogon  Nardus  var.  flexuosus  Hack),
gewonnen.  Die  gelblich  bis  bräunlich  gefärbte
Flüss:gkeit  von  angenehmem,  zitronenartigem
Geruch  löst  sich  in  2—3  Teilen  700/oigen  Alkohols ­
  und  besitzt  das  spez.  Gew.  0,899—0,905.
Das  L.  besteht  zu  durchschnittlich  70—80  °/o
aus  Zitral  und  enthält  außerdem  etwas  Methy
  Iheptenon,  D  ezy  1  ald  eh  y  d,  Geraniol ­
  und  wahrscheinlich  Linalool.  Eine
schwer  lösliche  Sorte,  das  sog.  westindische
Lemongrasöl,  stammt  von  Cymbopogon  citratus
  Stapf  (Andropogon  citratus;  D.  C.).  Dieses
Öl  gibt  mit  700/oigem  Alkohol  keine  klare
Lösung  und  auch  bei  Verwendung  von  stärkerem ­
  Alkohol  wird  die  Lösung  auf  weiteren
Zusatz  meist  trübe.  Spez.  Gt  w.  0,870—0,912,

Zitralgehalt  etwa  50—80  0/0.  —  L.  wird  zum
Parfümieren  von  Seifen  benutzt.
Lerchenschwamm  (Lärchenschwamm,  lat.
Agaricus  albus,  Boletus  laricis,  frz.  und  engl.
Agaric)  ist  der  Fruchtträger  eines  Löcherpilzes, ­
  Polyporus  officinalis,  der  sich  an
dem  Stamme  einiger  ausländischer  Larixarten, ­
  namentlich  von  Larix  decidua,  var.
rosica,  und  zwar  nur  an  kranken,  innen
in  Fäulnis  übergegangenen  Stämmen  findet.
Man  sammelt  die  Stücke  meist  im  Spätherbst
oder  Winter,  schält,  um  die  äußere,  mehr  holzige ­
  Schale  zu  entfernen,  klopft  und  trocknet
sie.  Die  Ware  erscheint  in  verschieden  gestalteten ­
  und  ungleich  großen,  an  der  Oberfläche ­
  konvexen  Stücken,  die  innen  feinporig,
weißlichgelb  und  zäh  erscheinen  und  leicht
einen  Husten  und  Niesen  erregenden  Staub  abgeben. ­
  Der  Geschmack  ist  anfangs  süßlich,  dann
scharf  und  anhaltend  bitter,  der  Geruch  schwach
dumpfig.  Als  wirksamer  Bestandteil  findet  sich
eine  Resino  1säure,  die  Agarizinsäure
(s.  d.),  daneben  Pilzzellulose  und  verschiedene
Säuren.  Der  L.  ist  ein  stark  drastisch  wirkendes ­
  Mittel  und  darf  daher  im  Kleinhandel  zu
Fleilzwecken  nicht  verkauft  werden,  wird  aber
vielfach  als  Zusatz  bei  der  Bereitung  bitterer
Liköre  verwendet.  Man  bezieht  die  Ware  hauptsächlich ­
  aus  dem  nördlichen  Rußland  von
Archangelsk  über  Hamburg,  ferner  aus  Ungarn,
der  Schweiz  und  Tirol.  Je  heller  und  leichter
die  Ware  ist,  für  desto  besser  gilt  sie.
Lessive  Phenix,  ein  marktschreierisch  angepriesenes ­
  Waschmittel,  enthält  neben  50  0/0  Natriumkarbonat ­
  und  34%  Wasser  nur  6°/o  Seife
und  50/0  Wasserglas.  Es  ist  an  Wirksamkeit
gewöhnlicher  Soda  gleichwertig,  aber  natürlich
weit  teurer  als  diese.
Letfernholz.  Mit  diesem  Namen  bezeichnet
man  im  Handel  verschiedene  Hölzer,  so  das  in
der  Feintischlerei  hochgeschätzte  und  zur  Herstellung ­
  von  Violin-  und  Spannbogen  verwendete ­
  Holz  von  Machaerium  Schomburghii.
eines  in  Guyana  heimischen,  zu  den  Papilionazeen
  gehörigen  Baumes,  ferner  das  Holz  der
zur  Familie  der  Euphorbiazeen  gehörigen
Amanoa  guyanensis,  ebenfalls  aus  Guyana,
und  endlich  das  Holz  der  zu  den  Artokarpeen
gehörigen,  in  Südamerika  heimischen  Piratinera
  guyanensis.
Letternmetafl  (Schriftmetall),  diejenigen
Legierungen,  welche  zur  Herstellung  der  Schriften ­
  oder  Lettern  für  die  Buchdruckereien  dienen,
werden  aus  Blei  und  Antimon  in  verschiedenen
Verhältnissen,  je  nach  Größe  der  Schrift  gegossen. ­
  Früher  war  auch  ein  Zusatz  von  Zinn
gebräuchlich.
Leuchtfarben,  die  nach  der  Belichtung  durch
die  Sonne  im  Dunkeln  leuchten,  bestehen  aus
den  Sulfiden  der  Erdalkalien,  die  durch  Glühen
der  Karbonate  mit  Kohle  erhalten  werden.  Zur
Erhöhung  der  Wirksamkeit  erhalten  sie  meist
geringe  Zusätze  seltener  Alkalien  (Lithium,
Rubidium)  oder  von  Thallium,  Wismut  u.  dgl.
Levikowasser,  ein  aus  Südtirol  stammendes
Quellwasser,  das  sich  durch  starken  Arsengehalt ­
  von  0,008  g  in  1  1  sowie  durch  Kupferund
  Eisensulfat  auszeichnet,  wird  zu  Trink-  und
Badekuren  benutzt.
        <pb n="256" />
        Lezithin

251

Limettenöl

Lezithin  ist  ein  für  den  Lebensprozeß  außerordentlich ­
  wichtiger  Stoff,  der  sich  im  Gehirn
und  dem  Eigelb  in  besonders  reichlicher  Menge,
aber  auch  im  Blut,  den  Nerven  und  Pflanzensamen ­
  vorfindet.  Es  bildet  eine  wachsähnliche,
kristallinische  Masse,  ist  in  Alkohol  und  Äther
leicht  löslich  und  quillt  mit  Wasser  zu  einer
opalisierenden  Flüssigkeit  auf,  aus  welcher  es
durch  Salze  wieder  gefällt  werden  kann.  In
chemischer  Hinsicht  ist  L.  als  eine  esterartige
Verbindung  von  Cholin  und  Glyzerinphosphorsäure ­
  anzusprechen,  in  welcher  zwei
Hydroxylgruppen  durch  Palmitin-,  Stearin-  oder
Ölsäure  vertreten  sind.  Zum  Nachweise  und  zur
quantitativen  Bestimmung  des  L.  bedient  man
sich  der  Ermittlung  der  alkohollöslichen
Phosphorsäure  nach  Juckenack.  L.  wird
neuerdings  als  Zusatz  zahlreicher  diätetischer
Präparate  in  den  Verkehr  gebracht,  die  aber
z.  T.  nur  zweifelhafte  Bedeutung  besitzen.
Liatrisblälter  (Vanilleblätter,  lat.  Folia
liatris,  frz.  Feuilles  de  liatris,  engl.  Liatris  leaves),
von  Liatris  odoratissima,  einer  nordamerikanischen ­
  Komposite,  enthalten  eine  nicht  unbedeutende ­
  Menge  Kumarin,  1,50/0,  und  werden
als  Ersatz  der  Tonkabohnen  bei  der  Herstellung
von  Schnupftabak  verwandt.
Lichtgrün.  Diesen  Namen  führt  teils  das
Methylgrün  (s.  d.),  teils  ein  anderer  Teerfarbstoff, ­
  der  aus  dem  Natronsalze  der  Diäthyh
dibenzyldiamidotriphenylkarbiinoltrisulfosäure  besteht ­
  und  als  Lichtgrün  S,  Lichtgrün  SF,
Säuregrün,  Säuregrün  SOF  in  den  Handel
kommt.  Der  Farbstoff  bildet  ein  dunkelgrünes,
nicht  glänzendes  Pulver,  welches  in  Wasser  und
in  Alkohol  löslich  ist  und  Seide  und  Wolle  im
saueren  Bade  grün  färbt.
Lichtpauspapier,  mit  rotem  Blutlaugensalz  imprägniertes ­
  Papier  zur  Herstellung  weißer  Abzüge ­
  (Kopien)  auf  blauem  Grunde.
Liebersche  Kräuter  (Hanfnesselkraut,
Blankenheimer  Tee,  lat.  Herba  galeopsidis
grandiflorae,  frz.  Herbe  de  galdopside,  engl.
Galeopsis).  Unter  diesem  Namen  kommt  das
zur  Blütezeit  gesammelte  Kraut  von  Galeopsis
Lad  an  um  im  geschnittenen  Zustande  in  den
Handel.  Die  Pflanze  gehört  zur  Familie  der
Labiaten,  ist  in  Mittel-  und  Westeuropa  heimisch ­
  und  bildet  ein.  beliebtes  Mittel  gegen
Lungenleiden.
Liebsföckelwurzel  (lat.  Radix  levistici,  frz.
Racine  de  livöche,  engl.  Lovage  röot),  die
Wurzel  einer  ausdauernden  Doldenpflanze,
Ligusticum  levist  ic  um  seu  Levisticum
officinale,  die  in  Süddeutschland,  Italien,  der
Schweiz  und  Frankreich  in  Berggegenden  wild
wächst  und  bei  uns  angebaut  wird.  Alle  Teile
der  Pflanze  haben  einen  eigentümlichen  aromatischen ­
  Geruch  und  brennend  scharfen  Geschmack, ­
  doch  werden  Jetzt  nicht  mehr  wie
früher  Kraut,  Samen  und  Wurzeln,  sondern  nur
noch  die  letzteren  medizinisch  benutzt.  Man
gräbt  die  starke,  spindelförmige,  öfter  mehrköpfige ­
  Hauptwurzel,  die  sich  gegen  die  Spitze
in  einige  einfache  Zweige  teilt,  im  Frühjahr  von
2—4jährigen  Pflanzen,  spaltet  die  dicken  Wurzelteile ­
  bei  der  Ernte  der  Länge  nach  und  hängt
die  Stücke  an  Fäden  gereiht  zum  Trocknen  auf.
Die  getrockneten  Wurzeln  haben  ein  weiches,

schwammiges  Gefüge  mit  festerem  Kern  und
sind  äußerlich  gelbbraun,  innerlich  hellgelblich
gefärbt.  Die  dicke  Rinde  ist  höckerig,  querrunzelig
  und  längsrissig  und  zeigt  zahlreiche
orangegelbe  Balsambehälter,  die  beim  Drücken
ihren  aromatischen  Inhalt  austreten  lassen.  Die
Droge,  die  außer  Zucker  balsamisches  Harz
und  ätherisches  öl  als  Träger  des  Geruches  und
Geschmackes  enthält,  dient  in  Form  von.  Abkochungen ­
  als  harntreibendes  Mittel  und  hauptsächlich ­
  zur  Bereitung  aromatischer  Liköre.
Zum  Schutz  gegen  Wurmfraß  muß  sie  gut  verschlossen ­
  aufbewahrt  werden.  Die  bisweilen
beigemengte  Angelikawurzel  ist  daran  zu  erkennen, ­
  daß  sie  im  Gegensatz  zu  L.  einen  strahligen
  Querschnitt  zeigt.
Lignum,  Holz.  Im  Drogenhandel  führt  man
folgende  Holzarten  unter  ihrer  lateinischen  Benennung: ­
  L.  campechianum,  s.  Blauholz;  L.
citrinum,  s.  Gelbholz;  L.  guajaci  seu  L.  sanctum,
  Franzosen-  oder  Pockholz,  s'.  unter  Guajak;
  L.  juniperi,  s.  Wacholder;  L.  quassia,
Quassienholz  (s.  d.);  L.  rhodii,  s.  Rosenholz; ­
  L.  santalinum,  s.  Sandelholz;  L.  Sassafras, ­
  s.  unter  Sassafras;  L,  suberinum,  s.
Kork  u.  a.
Liköre  (Liqueure,  frz.  und  engl.  Liqueures)
nennt  man  gesüßte  und  gewürzte  Branntweine,
als  deren  Grundlage  ein  feiner  fuselfreier  Spiritus ­
  (Feinsprit)  dient,  während  der  Zucker  in
Form  eines  farblosen  Sirups  zugesetzt  wird.
Zum  Aromatisieren  benutzt  man  bei  den  feineren ­
  Sorten,  wie  Benediktiner,  Chartreuse  (s.  d.)
usw.,  Destillate  und  Auszüge  aromatischer
Pflanzenteile,  bei  den  gewöhnlicheren  meist
ätherische  Öle  und  Essenzen.  Auch  werden  die
mit  Phantasienamen  belegten  oft  mit  künstlichen ­
  oder  natürlichen  Farbstoffen  gefärbt,  und
zwar  rot  mit  Koschenilletinktur,  grün  mit
Chlorophyll,  Gemischen  von  Safran-  und  Indigotinktur ­
  oder  Teerfarbstoffen.  Der  Alkoholgehalt
soll  mindestens  20V01.0/0  betragen.  Fruchtsaftliköre ­
  (Himbeer-,  Kirsch-,  Ebereschen- ­
  usw.  L.)  dürfen  ihre  Farbe  nur  dem
Gehalte  an  natürlichem  Fruchtsaft  verdanken
und  nicht  weniger  als  20V0I.  °/o  Alkohol  enthalten. ­
  Cherry-Brandy  ist  im  wesentlichen
eine  Zubereitung  aus  Kirschwasser  (s.  d.)  oder
Kirschwasserverschnitt  und  Kirschsirup  mit  mindestens ­
  27  Vol.  0/0  Alkohol.  Sehr  stark  versüßte,
dickflüssige  L.  werden  als  Cremes  oder  Huiles
(Vanille-creme,  Huile  de  rose),  gleichzeitig  mit
Obstsäften  versetzte  als  Ratafia  (s.  d.j  bezeichnet. ­
  Weniger  starke  heißen  Doppelliköre
und  die  einfachen  Aquavite.  Eierkognak
(s.  d.)
Limburger  Käse  (Belgischer  Backsteinkäse) ­
  wird  in  der  belgischen  Provinz  Limburg,
und  zwar  hauptsächlich  in  der  Umgegend  von
Hervd  in  Form  quadratischer  Stücke  von  12  bis
13  cm  Kantenlänge,  6—8  cm  Höhe  und  0,75  bis
1  kg  Gewicht  hergestellt.  Er  gehört  zu  den
halbfetten  Käsen  mit  mindestens  20  0/0  Fett  in
der  Trockensubstanz  (s.  Käse)  und  wird  in  bezug ­
  auf  Dicklegen,  Salzen  und  Reifen  ähnlich
wie  Edamer  behandelt.  Der  Versand  erfolgt
meist  in  Kisten  zu  12—100  Stück.
Limettenöl  (Limonöl,  lat.  Oleum  limettae,
frz.  Essence  de  limette,  engl.  Oil  of  limetta),
        <pb n="257" />
        Limonade

252

Liniment

das  aus  den  Fruchtschalen  von  Limettaarten
  gepreßte  ätherische  Öl,  wird  -nach  der
Herkunft  in  zwei  Sorten  geschieden:  Westindisches ­
  L.  von  Citrus  medica  var,  acida  besitzt ­
  goldgelbe  Farbe,  ein  spez.  Gew.  von  0,878
bis  0,901  und  eine  Drehung  von  -(-32  bis  +38°.
Sein  wichtigster  Bestandteil  ist  Zitral,  das  zu
etwa  6—g  0/0  vorhanden  ist.  Italienisches
L.  von  Citrus  limetta  (Risso)  ist  bräunlichgelb ­
  und  enthält  erhebliche  Mengen  Limonen,
C 1( yH 16 ,  neben  Linalool  und  Linalylazetat.  Das
spez.  Gew.  beträgt  0,872,  die  Drehung  —58  °.
Das  L,  wird  zu  Parfümeriezwecken  verwandt,
im  Kleinhandel  aber  meist  durch  Zitronenöl
ersetzt.
Limonade.  Der  von  Limone  (Zitrone)  abgeleitete ­
  Name  bezeichnet  Mischungen  von  Fruchtsaft, ­
  Zucker  und  Wasser.  Mit  Kohlensäure  hergestellte ­
  L.,  die  allein  einen  Gegenstand  des
Handels  bildet,  ist  unter  Brauselimonade  besprochen. ­

Linaloeholz  (Linalue,  Linanue),  das  Holz
verschiedener  Burserazeen,  wie  Bursera
aloexylon,  Delpechiana  Poiss.,  ferner  von
Elaphrium  graveolens,  nach  anderen  von
Amyris  Linaloe,  ist  sehr  reich  an  ätherischem
Öl  und  besitzt  deshalb  einen  starken,  sehr
angenehmen  Geruch.  Das  in  frischem  Zustande ­
  gelblichweiße,  nach  mehrjähriger  Lagerung ­
  hellbräunlich  und  geruchlos  werdende
Holz  wächst  in  den  heißen  Tälern  der  westlichen ­
  mexikanischen  Kordilleren,  namentlich
in  der  Gegend  von  Misteca  bei  Matamoros.
Eine  andere  Sorte  von  Linaloeholz  kommt
neuerdings  auch  aus  Kayenne,  wo  es  gleichfalls ­
  zur  Destillation  von  Linaloeöl  benutzt
wird.  Dieses  Holz  stammt  aber  nicht  von
einer  Burserazce,  sondern  wahrscheinlich  von
der  zu  den  Laurazeen  gehörigen  Ocotea  caudata
  ab.
Linaloeöl  (Lignaloeöl,  lat.  Oleum  linaloes,
frz.  Essence  de  bois  de  Linaloö,  engl.  Oil  of
Linaloes  wood),  das  ätherische  Öl  desLinaloeholzes,
  wird  durch  Wasserdampfdestillation
aus  letzterem  gewonnen.  Mexikanisches  Holz
liefert  bis  zu  2,5  0/0  eines  wasserhellen  oder
schwach  gelblichen  Öles,  das  sich  in  zwei
Teilen  700/oigem  Alkohol  auflöst  und  ein  spez,
Gew.  von  0,875—0,891  und  eine  Drehung  von
—  3  bis  —  14 0  zeigt.  Vereinzelt  kommt  auch
rechtsdrehendes  Öl  (bis  etwa  +8°)  in  den
Handel.  Kayenne-Linaloeöl,  das  in  einer  Ausbeute ­
  von  0,6—1,60/0  erhalten  wird,  ist  von
gleicher  Farbe  und  Löslichkeit  wie  das  mexikanische ­
  Öl,  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,870  bis
0,880  und  eine  Drehung  von  —10  bis  —19 0 .
Das  L.  besteht  im  wesentlichen  aus  Linalool,
C 10 H lg O,  dem  Ausgangsmaterial  für  Maiglöckchenparfüm,
  zu  dessen  Herstellung  es  Verwendung ­
  findet.  Daneben  sind  noch  Terpineol  sowie ­
  geringe  Mengen  von  Methylheptenon  und
Geraniol  vorhanden.
Lindenbast  (frz.  Tille,  engl.  Bast  of  linden
tree)  dient  zur  Herstellung  von  geflochtenen
Matten,  die  hauptsächlich  von  Rußland  in  sehr
großer  Menge  geliefert  werden  und  zum  Verpacken ­
  von  Kaufmannsgütern  besonders  gesucht
sind  sowie  zur  Anfertigung  von  Körben  und

Decken.  Der  Bast  wird  in  der  Saftzeit  geschält
und  ähnlich  wie  Flachs  behandelt.
Lindenblüten  (lat.  Flores  tiliae,  frz.  Fleurs  de
tilleul,  engl.  Linden  flowers).  Die  duftigen
Blüten  unserer  Linden,  Tilia  ulmifolia  s.
parvifolia,  T.  platyphyllos  s.  grandifolia,
bilden  getrocknet,  aber  dann  fast  geruchlos,
einen  Gegenstand  des  großen  und  kleinen  Kräuterhandels. ­
  Man  sammelt  die  Blütenstände  teils
mit,  teils  ohne  die  Brakteen  (cum  seu  sine
bracteis),  das  sind  die  mit  dem  gemeinsamen
Blütenstiel  bis  zur  Hälfte  verwachsenen,  hellgelblichgrünen, ­
  trocken  erscheinenden  Deckblätter ­
  und  verwendet  sie  als  schweißtreibendes
Mittel  und  zu  Bädern.  Zur  Abscheidung  des
Aromas  destilliert  man  die  L.  im  frischen  Zustande ­
  mit  Wasser,  welches  die  geringe  Menge
ätherisches-  Öl  (0,040/0)  aufnimmt  und  so  das
Lindenblütenwasser  (lat.  Aqua  tiliae,  frz.
Eau  distillöe  de  tilleul,  engl.  Linden  flowers
water)  bildet.  Nach  mehrfacher  Destillation  desselben ­
  Wassers  über  neue  Mengen  von  Blüten
unter  Zusatz  von  Salz  sammeln  sich  beim
Stehen  des  Destillates  Öltröpfchen  auf  der  Oberfläche ­
  an,  welche  mit  Äther  ausgeschüttelt
werden.  Das  in  den  Blüten  nur  etwa  zu  0,040/0
enthaltene  Lindenblütenöl  ist  farblos,  leichter
als  Wasser  und  von  starkem  Geruch.
Lindenholz  (lat.  Lignum  tiliae,  frz.  Bois  de
tilleul,  engl.  Linden  wood),  das  Holz  der  verschiedenen ­
  Lindenbäume,  stammt  am  häufigsten ­
  von  der  kleinblättrigen  oder  Winterlinde,Tilia ­
  parvifolia,  die  über  ganz  Europa
verbreitet  ist  und  namentlich  in  Rußland  sowie ­
  im  gemäßigten  Asien  große  Wälder  bildet,
während  die  großblättrige  oder  Sommerlinde ­
  (Tilia  grandifolia)  einen  viel  beschränkteren ­
  Verbreitungsbezirk  hat  und  hauptsächlich ­
  in  Süddeutschland  und  Österreich  angetroffen ­
  wird.  Das  L.  ist  weiß,  etwas  ins
Graue  und  Rötliche  spielend,  sehr  weich  und
leicht,  aber  doch  auch  zähe,  dicht  und  von  sehr
gleichmäßigem  Gefüge.  Es  besitzt  wenig  hervortretende ­
  Jahresringe,  spaltet  leicht,  aber  nicht
eben,  läßt  sich  nach  verschiedenen  Richtungen
hin  leicht  bearbeiten,  ohne  auszubröckeln,  und
eignet  sich  daher  vorzüglich  zu  Bildhauerarbeiten. ­
  L.  nimmt,  wenn  auch  schwierig,  eine
schöne  Politur  an  und  steht  im  Trocknen  sehr
gut,  geht  aber  bei  Feuchtigkeit  bald  zugrunde
und  ist  dem  Wurmfraße  sehr  ausgesetzt.  Es
wird  auch  zu  Zeichenbrettern,  als  Modellierholz, ­
  von  Instrumentenmachern,  Drechslern  und
Tischlern  viel  benutzt.  Das  Holz  der  Winterlinde ­
  ist  etwas  dunkler,  zäher  und  härter  als
das  der  Sommerlinde.  Die  aus  L.  bereitete
Holzkohle  (lat.  Carbo  tiliae,  frz.  Charbon
de  tilleul,  engl.  Lindenwood  charcoal),  wird
als  Zahnpulver  benutzt.
Liniment  (Linimentum)  nennt  man  äußerlich ­
  anzuwendende  Heilmittel  von  schwerflüssiger ­
  bis  halbfester  Beschaffenheit,  die  wirksame
Stoffe  wie  Alkaloide,  Ammoniak,  Kampfer,
Kapsikum,  Schwefel  usw.  im  Gemisch  mit  Salben ­
  und  teilweise  verseiften  Fetten  enthalten.
Besonders  bekannt  sind  flüchtiges  L.  (Linimentum ­
  ammoniatum)  aus  Olivenöl,  Mohnöl
oder  Sesamöl  mit  Ammoniak;  Kampfer-L.
        <pb n="258" />
        Linoleum

253

Lobelienkraut

(Linimentum  camphoratum)  aus  Ammoniak  und
Kampferöl  sowie  Opodeldoc  (s.  d.).
Linoleum  nennt  man  einen  Stoff,  der  aus
Korkmehl  und  Leinölfirnis  in  Rollen  von  verschiedener ­
  Breite  sowie  in  verschiedenartigen
Mustern  und  Farben  hergestellt  wird  und  einen
sehr  dauerhaften  und  zweckmäßigen  Fußbodenbelag ­
  bildet.  Die  sog.  Linoleumtapete  („Linkrusta“) ­
  enthält  als  Füllmittel  statt  des  Korks
Papiermasse.  Hauptsitz  der  Linoleumindustrie
ist  Delmenhorst.  ^
Linon  (frz.  Linon,  engl.  Lawn),  Schleierleinwand, ­
  ist  ein  feines  weißes,  leichtes  und
locker  gewebtes  Leinenzeug,  welches  die
Mitte  zwischen  Batist  und  Schleier  hält  und
auch  mitunter  Batistlinon  genannt  wird.  Man
stellt  es  gleich  den  Batisten  in  Frankreich,
Belgien,  Bielefeld,  Böhmen  und  Schlesien  dar.
Wie  die  meisten  Leinenstoffe  in  Baumwolle
nachgemacht  werden,  gibt  es  natürlich  auch
baumwollene  Linons  und  Batistlinons.  Die  Stoffe
werden  sowohl  glatt  als  gestreift,  gegittert  und
geblümt  gearbeitet  und  für  leichte  Kleider,
Hüte,  Häubchen  u.  dgl.  benutzt.
Linsen  (lat.  Semen  ervi,  frz.  Lentilles,  engl.
Lentils)  sind  die  Samen  der  gemeinen  Ackeroder ­
  Saatlinse,  Ervum  lens,  die  bereits  im
Altertum  und  Mittelalter  qls  Nahrungsmittel
geschätzt  wurden,  seit  dem  Anbau  der  Kartoffel ­
  in  Deutschland  aber  an  Bedeutung  verloren ­
  haben,  während  sie  in  Frankreich  auch
jetzt  noch  viel  verbraucht  werden.  Die  einjährige, ­
  nur  bis  0,3  m  hohe  Pflanze  ist  ziemlich
anspruchsvoll,  verlangt  fleißiges  Jäten  und  gibt
nur  unsichere  Erträge.  Sie  trägt  in  hohlen,  fast
rautenförmigen  Hülsen  je  zwei  platte  zusammengedrückte ­
  Samen  von  gelber,  weißer,
brauner  oder  schwarzer  Farbe,  welche  den
übrigen  Hülsenfrüchten,  Bohnen  und  Erbsen,  an
Nährwert  gleichkommen  und  wie  diese  35—260/0
Stickstoffsubstanz  enthalten.  Die  L.  werden
meist  zu  Suppen  und  als  Gemüse,  im  Orient
auch  zur  Herstellung  von  Brot  verwandt.  Medizinisch ­
  werden  sie  bei  Geschwüren  und  Drüsenleiden ­
  als  Umschlag  benutzt.
Liptauer  Käse,  ein  aus  Schafmilch  mit  Labzusatz ­
  hergestellter  ungarischer  Fettkäse,  der
bis  zu  500/0,  aber  nicht  unter  400/0  Fett  in  der
Trockenmasse  enthält,  wird  bisweilen  auch  mit
Butter  und  Paprika  gemischt  als  sog.  garnierter ­
  L.  in  Stanniolpackung  in  den  Handel  gebracht. ­

Liquor  (deutsch:  Flüssigkeit)  ist  ein  Sammelname ­
  für  zahlreiche,  meist  aus  wäßrigen  Lösungen ­
  bestehende  chemische  oder  pharmazeutische
Zubereitungen,  z.  B.  L.  ammonii  acetici,  essigsaure ­
  Ammoniakflüssigkeit;  L.  ammonii  caustici,
Salmiakgeist;  L.  ammonii  sulfurati,  Schwefelammonium; ­
  L,  anodynus  mineralis  Hoffmanni,
Hoffmannsche  schmerzstillende  Tropfen,  Schwefelätherweingeist; ­
  L.  cupri  perchlorati,  Chlorkupferspiritus; ­
  L.  ferri  acetici,  flüssiges  essigsaures ­
  Eisenoxyd;  L.  ferri  chlorati,  Eisenchlorürlösung;
  L.  kali  acetici,  Kaliumazetatlösung;
L.  kali  carbonici,  Pottaschenlauge;  L.  kali  caustici, ­
  Ätzkalilauge;  L.  natri  caustici,  Ätznatronlauge ­
  usw.
Lithium  (Li  =  7,o3),  ein  dem  Kalium  und  Natrium ­
  sehr  ähnliches  Metall,  findet  sich  in  der

Natur  sehr  verbreitet,  aber  stets  in  geringer
Menge,  so  im  Meer-  und  Flußwasser,  in  Pflanzenaschen ­
  und  namentlich  in  vielen  Mineralquellen, ­
  deren  Heilwirkung  man  ihrem  Gehalt
an  diesem  Elemente  zuschreibt.  Als  Ausgangsmaterial ­
  zur  Darstellung  des  L.  und  seiner
Verbindungen  dient  besonders  der  Lithionglimmer ­
  (L  e  p  i  do  1  i  t  h),  ein  A!uminium-Lithium-Silikat,
  welches  sich  in  Sachsen  bei  Altenberg ­
  und  Penig,  ferner  in  Cornwall  und  in
Mähren  bei  Rozena  vorfindet.  Das  metallische
L.,  das  leichteste  aller  Metalle,  vom  spez.  Gew.
0,594,  ist  in  seinem  chemischen  Verhalten  den
übrigen  Alkalimetallen  ganz  analog  und  findet
seines  hohen  Preises  wegen  keine  technische
Anwendung.  Hingegen  besitzen  seine  Verbindungen, ­
  die  an  der  intensiven  Rotfärbung  der
Bunsenflamme  und  mit  Hilfe  des  Spektralapparates ­
  in  den  kleinsten  Spuren  erkannt  werden
können,  große  Bedeutung  als  Mittel  gegen  Erkrankung ­
  der  Harnorgane,  Abscheidung  von
Harnsäure  und  Gicht.  Die  wichtigsten  Salze
sind  das  kohlensaure  L.  (L.  carbonicum)  und
benzoesaure  L.  (L.  benzoicum)  sowie  für
photographische  Zwecke  das  Brom-  und  Jodlithium. ­
  Außerdem  findet  sich  das  essigsaure,
schwefelsaure,  zitronensaure  und  Salizylsäure  L.
im  Handel.
Lithographische  Steine  nennt  man  eine  besondere ­
  Art  eines  in  Platten  brechenden  Kalksteines ­
  von  dichtem  und  sehr  feinem  Korn,
welcher  wenig  verbreitet  ist  und  nur  in  den
Brüchen  von  Solenhofen  und  Pappenheim  in
den  bayrischen  Donaugegenden  gefunden  wird.
Sie  sind  das  unentbehrliche  Material  für  den
Steindruck  und  werden  nach  ihrer  Güte  in  mehrere ­
  Sorten  unterschieden.  Die  feinste  bilden
die  blaugrauen  Steine,  welche  als  die  härtesten
und  feinkörnigsten  ausschließlich  zu  gravierten ­
  Arbeiten  benutzt  werden,  während  die
gelben  für  Feder-  und  Kreidemanier  Verwendung ­
  finden.  Graue  wie  gelbe  Sorten  zerfallen
wieder  in  Prima-  und  Sekundaware,  von  denen
die  letztere  mit  stärkeren  Flecken  und  Adern
durchsetzt  ist.  Die  Platten'  werden  auf  einer
und  auf  zwei  Seiten  geschliffen  geliefert  una
zeigen  dann  vollständig  glatte  und  mattglänzende ­
  Flächen.  Große  dünnere  Platten  werden
vielfach  auf  Unterplatten  aufgekittet,  starke
Steine  vermittels  Dampfsägen  in  dünnere  von
7—10  cm  Dicke  zerteilt.
Lithopone,  eine  aus  Bariumsulfat  und  to  bis
150/0  Zinksulfid  bestehende  weiße  Malerfarbe,
wird  in  der  Weise  hergestellt  ,daß  man  ein  Gemisch ­
  von  Chlorbarium  und  Schwefelbarium  in
wäßriger  Lösung  teilweise  mit  Schwefelsäure
und  den  Rest  mit  Zinkvitriol  fällt,  oder  daß
man  Schwefelzink  mit  Bariumsulfat  mischt.  L.
besitzt  ungefähr  die  Deckkraft  des  Blanc  fixe.
Lobelienkraut  (Indianischer  Tabak,  lat.
Herba  lobeliae,  frz.  Lob61ie  enflüe,  engl.  Indian
tabacco),  eine  aus  Nordamerika  stammende
Droge,  besteht  aus  der  getrockneten  und  zerschnittenen ­
  einjährigen  Pflanze  Lobelia  inflata,
  die  im  blühenden  Zustande  gesammelt,
getrocknet  und  in  Kuchenform  oder  viereckige
Pakete  gepreßt  wird.  Die  Pflanze  riecht  tabakähnlich, ­
  schmeckt  widrig  und  stechend  scharf
und  enthält  als  eigentümlichen  Bestandteil  das
        <pb n="259" />
        Löffelkraut

254

Lorbeeren

•  1

Alkaloid  Lobelin,  ein  narkotisch  wirkendes
Gift,  ferner  Inflatin  und  Lobelakrin.  Das
Pulver  oder  die  Tinktur  daraus  wirkt  in  kleinen
Gaben  fördernd  auf  die  Sekretionswege,  in
größeren  Erbrechen  erregend.  Man  benutzt  sie
als  Brech-  und  schweißtreibendes  Mittel  sowie
gegen  Asthma.
Löffelkraut  (Skorbutkraut,  lat.  Herba
cochleariae  officinalis,  frz.  Herbe  de  cochldarie,
engl.  Scurvy  grass).  Diese  als  Wunderheilmittel
für  skorbutkranke  Schiffer  altberühmte  Pflanze
wächst  von  den  Küsten  der  Nord-  und  Ostsee
an  nordwärts  bis  zu  den  Grenzen  des'  Pflanzenwachstums ­
  und  findet  sich  unter  anderen  noch
auf  der  ganzen  Westküste  von  Grönland,  besonders ­
  üppig  auf  Plätzen,  die  durch  Seevögel
gedüngt  wurden.  Daneben  kommt  sie  aber
auch  bei  uns  im  Binnenlande,  namentlich  an
salzigen  Seen  und  Salinen,  vor  und  läßt  sich  in
feuchtem  Boden  auch  aus  Samen  ziehen.  Die
zu  den  Kruziferen  gehörende  und  dem  Meerrettich ­
  nahe  verwandte  Pflanze  ist  zweijährig
und  bringt  erst  im  zweiten  Jahre  ihre  weißen
Blütendolden  und  kleinen  Samenschötchen  hervor. ­
  Die  Wurzelblätter  sind  rundlich  und  langstielig, ­
  von  der  Form  eines  Löffels,  während
die  höher  stehenden  Blätter  dem  Stengel  ansitzen
  und  sehr  kurze  Stiele  haben.  Gerieben
hat  das  frische  Kraut  einen  beißend  scharfen
Geruch  und  einen  salzig  bitteren,  kressenartigen
Geschmack,  welcher  auf  seinem  Gehalte  an
ätherischem  Öl  beruht.  —  Zur  Destillation
des  Löffelkrautspiritus  (lat.  Spiritus  cochleariae, ­
  frz.  Esprit  de  cochlearie,  engl.  Sprit  of
Scurvy  grass)  darf  nur  trockenes  Kraut  unter
Zusatz  von  weißem  Senfpulver  verwandt  werden. ­
  Das  Destillat  enthält  den  wirksamen  Bestandteil ­
  in  Form  eines  flüchtigen  schwefelhaltigen ­
  Öls,  das  im  Safte  der  Pflanze  noch
nicht  fertig  gebildet  ist.  Der  Spiritus  dient  wie
das  frische  Kraut  gegen  skorbutartige  Leiden
sowie  äußerlich  zu  reizenden  Einreibungen.
Löffelkrautöl  (lat.  Oleum  cochleariae,  frz.
Essence  de  cochlearia,  engl.  Oil  of  spoonwort),
  das  durch  Destillation  von  Löffelkraut
und  weißem  Senf  mit  Wasserdampf  gewonnene
ätherische  Öl  des  Löffelkrautes,  ist  farblos
bis  gelblich  und  zeigt  den  stechend  scharfen  Geruch ­
  und  Geschmack  des  frischen  Krautes.  Es
hat  ein  spez.  Gew.  von  0,933—0,950,  siedet  bei
156—t6o°  und  ist  seiner  chemischen  Natur  nach
als  das  Isosulfozyanat  des  sekundären  Butylalkohols
  anzusprechen.  Das  auf  künstlichem
Wege  bereitete  und  zur  Herstellung  von  Löffelkrautspiritus ­
  in  den  Handel  gebrachte  L.  besteht ­
  aus  Isobutylsenföl.
Löwenzahnwurzel  (lat.  Radix  taraxaci,  frz.
Racine  de  pissenlit,  Racine  de  dent  de  Lion,  engl.
Taraxacum  root,  Dandelion),  die  spindelförmige
Wurzel  der  bekannten,  fast  überall  wild  wachsenden ­
  Komposite  Leontodon  taraxacum,
zeigt  unter  einer  schwärzlichen  Oberhaut  einen
weißlichen  Holzkörper  und  schmeckt  schwach
salzig  und  süß  bitterlich.  Von  wichtigen  Inhaltsstoffen ­
  wurden  durch  Power  und  Browning ­
  neben  geringen  Mengen  eines  Enzyms  und
eines  ätherischen  Öls  im  Wasser  löslichen  Extrakte, ­
  Lävulose,  Cholin,  Parahydroxyphenylessigsäure
  und  3:4  Dihydroxyzimtsäure,  aus

dem  unlöslichen  Teile  zwei  neue  Alkohole:  Taraxasterol
  und  Homotaraxasterol  isoliert.  L.
wird,  ebenso  wie  das  daraus  gewonnene  Extrakt ­
  (lat.  Extraktum  taraxaci,  frz.  Extrait  de
pissenlit,  engl.  Extract  of  Taraxacum),  medizinisch ­
  zu  Kräutersäften  und  Frühlingskuren
verwandt,  dient  aber  hauptsächlich  zur  Herstellung ­
  von  Kaffee-Ersatzmitteln.
Lohe  (Gerberrinde)  nennt  man  im  allgemeinen ­
  alle  zu  einem  groben  Pulver  gemahlenen ­
  Baumrinden,  welche  wegen  eines  hohen
Gerbstoffgehaltes  zum  Gerben  benutzt  werden.
Im  besonderen  versteht  man  darunter  aber  die
früher  fast  allein  in  Betracht  kommende
Eichenrinde,  die  in  besonderen  Schäl  Waldungen ­
  gewonnen  wird.  Das  Holz  wird  hier
alle  12—15  Jahre  von  den  Stöcken  geschlagen
und  liefert  die  sog.  Spiegel-  oder  Glanzrinde ­
  mit  160/0  Gerbstoff,  während  die  Rinde
alter  Bäume  nur  4—6  0/0  Gerbstoff  enthält.  Als
ein  wichtiger  Fortschritt  dieser  guten  Nutzen
abwerfenden  Anlagen  ist  es  zu  bezeichnen,  daß
die  Buscheichen  jetzt  bereits  im  Winter  geschlagen ­
  werden,  da  die  Rinden  dann  reicher  an
Gerbstoff  sind  und  eine  Störung  des  Wachstums ­
  vermieden  wird.  Das  Schälen  bietet  nach
der  Behandlung  in  einem  Dampfapparat  keine
Schwierigkeit  mehr.  Von  anderen  Rinden  kommen ­
  hauptsächlich  die  Fichtenrinde,  die
Tannenrinde  sowie  in  Nordamerika  die  Rinde
der  Hemlocktanne  in  Betracht.  Weidenrinde ­
  dient  zum  Gerben  des  weichen  (dänischen)
Handschuhleders,  ein  Gemisch  von  Birkenund
  Erlenrinde  zur  Darstellung  des  Juchtens.
Die  Rinden  anderer  Bäume:  Lärche,  Pappel,
Buche,  Nußbaum,  Ulme  und  Kastanie  haben
wegen  ihres  geringen  Gerbstoffgehaltes  weniger ­
  Bedeutung,  um  so  größere  Wichtigkeit
kommt  verschiedenen  ausländischen  Gerbmaterialien ­
  (s.  d.)  zu,  welche  in  von  Jahr  zu  Jahr
steigenden  Mengen  eingeführt  werden.
Lorbeerblätter  (lat.  Folia  lauri,  frz.  Feuilles
de  laurier,  engl.  Laurel  leaves),  die  Blätter  des
edlen  Lorbeerbaumes  (Laurus  nobilis),
der  im  Orient  heimisch  ist,  sich  aber  in  Südeuropa ­
  häufig  angepflanzt  und  verwildert  vorfindet ­
  und  männliche  und  weibliche  Blüten  auf
verschiedenen  Stämmen  trägt.  Die  dunkelgrünen ­
  ganzrandigen  und  lederartigen  Blätter
von  glänzender  Oberfläche  und  matter  Unterseite ­
  besitzen  einen  aromatischen  Geruch  und
gewürzhaft  bitteren  Geschmack  und  bilden
eines  der  bekanntesten  Gewürze  zum  Küchengebrauch, ­
  zum  Marinieren  von  Fischen,  wie
zum  Aromatisieren  von  Essigen  und  Likören
und  werden  in  Italien  auch  zum  Einpacken  von
Südfrüchten  und  Lakritzen  benutzt.
Lorbeerblätteröl  (lat.  Oleum  foliorum  lauri
aethereum,  frz.  Essence  de  feuilles  de  laurier,
engl.  Oil  of  Laurel  leaves),  das  kajeputölartig
riechende  Öl  der  Lorbeerblätter,  hat  ein  spez.
Gew.  von  0,915—0,932,  eine  Drehung  von
—  15  bis  —  19°  und  fängt  bei  158°  an  zu  sieden.
Hauptbestandteile  des  Öls  sind  Pinen,  Zineol
(etwa  500/0),  Linalool,  Geraniol,  Eugenol  und
Methyleugenol;  die  höchstsiedenden  Anteile
sind  noch  nicht  festgestellt.
Lorbeeren  (lat.  Baccae  seu  Fructus  lauri,  frz.
Fruits  de  laurier,  engl.  Laurel  berries),  die  ge ­
        <pb n="260" />
        Lorbeeröl

255

Lupinensamen

trockneten  Früchte  des  Lorbeerbaumes,
haben  im  frischen  Zustande  eine  dunkelblaue
Schale,  die  aber  beim  Trocknen  graubraun  und
runzelig  wird.  Die  trocknen  Früchte  besitzen
eine  dünne,  hautartig  eingetrocknete,  zerbrechliche, ­
  pergamentartige  Samenhülle  und  einen
bräunlichen,  viel  Öl  haltenden  Kern.  Ihr  Geruch ­
  ist  eigentümlich,  nicht  angenehm  gewürzhaft, ­
  der  Geschmack  bitter  aromatisch  und
fettig.  Die  L.  werden  nur  noch  selten,  hauptsächlich ­
  zur  Vieharznei,  zu  Räucherwerk  und
äußerlich  gegen  Krätze  benutzt.  Glanz  und
Schwere  sind  Zeichen  der  Güte  und  Frische  der
Ware,  die  gut  geschützt  und  trocken  aufzubewahren ­
  ist,  da  sie  leicht  von  Insekten  angegangen ­
  und  dadurch  unbrauchbar  wird.  In
Italien  und  Griechenland  dienen  die  frischen  L.
zur  Bereitung  des  Lorbeeröls.
Lorbeeröl  (Loröl,  Lorbeerfett,  lat.  Oleum
Lauri  expressum,  frz.  Huile  de  fruits  de  laurier,
engl.  Laurel  oil)  wird  teils  durch  Auspressen,
teils  durch  .  Auskochen  der  frischen  Früchte
des  Lorbeerbaumes  in  Menge  von  etwa  15%
erhalten.  Es  hat  eine  schöne  grüne  Farbe,  bei
gewöhnlicher  Temperatur  eine  schmalzartige
Konsistenz,  körnige  Beschaffenheit  und  stark
würzhaften  Geruch,  der  von  dem  Gehalt  an
ätherischem  Öl  herrührt.  Das  L,  muß  sich  in
Äther  vollständig  und  klar  lösen,  während  8ogrädiger
  Weingeist  nur  das  ätherische  Öl  und  den
grün  färbenden  Stoff  (Chlorophyll)  auszieht,  die
Fette  aber  ungelöst  läßt.  Das  01,  das  meist
vom  Gardasee  und  aus  Griechenland  kommt,
dient  in  der  Medizin  zu  stärkenden  Einreibungen, ­
  bildet  daneben  aber  auch  ein  sehr
wirksames  Mittel  zur  Abhaltung  von  Fliegen,
denen  der  Geruch  unerträglich  ist,  und  wird
daher  in  wärmeren  Ländern  von  den  Fleischern
zum  Bestreichen  ihrer  Läden,  an  Fenstern  und
Türen  benutzt.  Das  L.  besteht  aus  den  Glyzeriden
  der  Laurinsäure  und  Myristinsäure  sowie ­
  aus  Chlorophyll  und  ätherischem  Öl.  —  Das
ätherische  öl  der  Lorbeerfrüchte  (lat.
Oleum  Lauri  aethereum,  frz.  Essence  de  fruits
de  laurier,  engl.  Laurel  volatil  oil),  welche  davon ­
  1  0/0  enthalten,  wird  durch  Destillation  der
zerkleinerten  Früchte  mit  Wasser  erhalten  als
eine  leichte  hellgelbe  Flüssigkeit  vom  spez,
Gew.  0,914—0,935  und  starkem  Geruch,  die
nur  wenig  gebraucht  wird.  Es  enthält  hauptsächlich ­
  Zineol  neben  wenig  Pinen.
Lovakrin  ist  ein  mit  großer  Reklame  angepriesenes ­
  Kosmetikum,  das  angeblich  aus  einem
mit  Jasmin,  Arnika  und  Salbei  parfümierten
Gemisch  von  Tannin,  Eigelb,  Kognak  und  Naphtol
  besteht.
Luffa  (Luffah,  Loofah)  besteht  aus  dem
netzartigen  Fasergewebe  der  Früchte  von
Luffa  aegyptiaca  oder  Momordica  Luffa,
einer  in  Ägypten  und  Arabien  heimischen  und
dort  auch  angebauten  Kukurbitazee.  Die
ziemlich  großen,  gurkenähnlichen  Früchte  werden ­
  nach  der  Reife  aufgeschnitten,  von  den
Samen  befreit  und  der  faulenden  Gärung  Übertassen, ­
  wodurch  das  Fruchtfleisch  und  das  zartere ­
  Zellgewebe  zerstört  wird,  während  das  die
L.  des  Handels  bildende  schwach  gelbliche  B  aser-Sewebe
  zurückbleibt  und  nach  dem  Waschen
Sehleicht  und  getrocknet  wird.  Die  schon  von

den  alten  Ägyptern  als  Waschschwamm  benutzte
und  jetzt  vielfach  nach  Deutschland  für  denselben ­
  Zweck  eingeführte  L.  ist  im  trockenen
Zustande  hart,  wird  aber,  in  Wasser  getaucht,
weich  und  geschmeidig.  Außerdem  wird  sie  zur
Herstellung  von  Schweißblättern,  Sattelunterlagedecken, ­
  Einlegesohlen  usw.  verarbeitet,  von
denen  besonders  letztere  sich  sehr  gut  bewähren. ­

Lungan.  Mit  diesem  Namen  belegt  man  in
China  sowohl  die  getrockneten  gelblich-  oder
bräunlichgrauen,  kirschengroßen  Früchte  von
Nephelium  longanum,  eines  10—12  m  hohen
Baumes  aus  der  Familie  der  Sapindazeen,
als  auch  das  aus  diesen  Früchten  hergestellte
wohlschmeckende  Mus.  Noch  wertvoller  ist  das
Mark  einer  verwandten  Art,  Neph  elium  Litchi
(Litchibaum),  welche  ebenfalls  in  China  heimisch ­
  ist,  außerdem  aber  in  Ostindien  häufig
angebaut  wird.  Die  Früchte  dieses  Baumes,
Leitschies  oder  Litchis  genannt,  enthalten
ovale  braune  Samen,  umhüllt  von  einem  durchscheinenden, ­
  matt  himmelblauen,  saftigen  Marke,
welches  äußerst  wohlschmeckend,  ähnlich  dem
Geschmack  der  Muskateller  Weintraube  ist.  Die
Früchte  werden  auch  getrocknet  in  den  Handel
gebracht.  Schließlich  findet  sich  auf  Malakka
ünd  den  Sundainseln  Nephelium  Cappaceum
(Ramputan),  ein  kleiner  Baum,  der  ebenfalls
wohlschmeckende  Früchte  liefert.
Lungenkraut  (lat.  Herba  pulmonariae  maculatae,
  frz.  F'euilles  de  pulraonaire,  engl.  Pulmonary ­
  leaves)  besteht  aus  den  getrockneten
Blättern  der  in  Wäldern  wachsenden  Pulmonaria
  officinalis  und  wird  als  Volksmittel  bei
Lungenleiden  verwandt.
Lungenmoos  (lat.  Herba  pulmonariae  arboreae
seu  Lichen  pulmonariae,  frz.  Lichen  pulmonaire,
engl.  Pulmonary  moss)  nennt  man  die  an  Bäumen ­
  wachsende,  lederartige  Flechte  Sticta
pulmonacea,  die  als  Volksmittel  zu  Tee  Verwendung ­
  findet.
Lupiiunsamen  (Wolfsbohne,  Feigbohne),
die  Samen  verschiedener  Arten  der  Leguminose
  Lupinus  (L.  albus,  L.  Ternis,  L.  hirsutus,
  L.  luteus),  bilden  die  stickstoffreichsten
Pflanzenteile  und  werden  daher  zu  Futterzwecken ­
  und  zur  Verbesserung  des  Bodens  vielfach ­
  angebaut.  Die  Lupine  hat  in  hohem  Maße
die  Eigenschaft,  den  atmosphärischen  Stickstoff
zu  assimilieren,  und  gedeiht  infolgedessen  nicht
nur  ohne  nennenswerte  Düngung,  sondern  vermag ­
  sogar,  untergepflügt,  als  sog.  Gründüngung,
die  geringeren  Bodenarten  zu  verbessern.  Das
frische  Kraut  gewisser  Arten  dient  als  Grünfutter, ­
  während  die  Samen  wegen  ihres  hohen
Gehaltes  an  Bitterstoffen  eine  vorherige  Behandlung ­
  erforderlich  machen.  Neben  beträchtlichen ­
  (bis  zu  42  0/0)  Mengen  Protein  enthalten
die  letzteren  die  Alkaloide  Lupinin,  Lupinidin
  (identisch  mit  Spartein)  und  Lupanin  (insgesamt ­
  1—2  0/0),  welche  den  bitteren  Geschmack
bedingen  und  vor  der  Verwendung  zu  Futterund
  Nahrungszwecken  zu  entfernen  sind.  Dieses
Entbittern  soll  in  Griechenland  durch  Einhängen ­
  in  Meerwasser  erreicht  werden,  während ­
  man  sich  bei  uns  des  Dörrens  und  Auslaugens ­
  bedient.  Es  gelingt  auf  diese  Weise
aber  nie  vollständig,  so  daß  die  Tiere  nur  all ­
        <pb n="261" />
        Lutecienne

256

Magdalarot

mählich  und  mit  Vorsicht  an  Lupinenfutter  gewöhnt ­
  werden  können.  In  der  Nahrungsmittelindustrie ­
  finden  L.  beschränkte  Anwendung  als
Kaffee-Ersatzmittel  (s.  d.),  nachdem  man  im
Kriege  aber  gelernt  hat,  durch  Gärung  und  Behandlung ­
  mit  Säuren  den  bitteren  Geschmack
völlig  zu  beseitigen,  auch  als  Suppenmehl
u.  dgl.
Lutßdenne  (Rouge  frangais),  ein  roter
Teerfarbstoff,  besteht  aus  einer  Mischung
von  Orange  I  mit  Echtrot  A.  Auch  wird  Eosin
BN  so  genannt.
Luteolin.  Diesen  Namen  führen  zwei  Stoffe:
1.  der  in  kleinen,  glänzenden,  gelben  Nadeln
kristallisierende  gelbe  Farbstoff  des  Wau
(s.  d.),  welcher  im  Handel  nicht  vorkommt;
2.  ein  Teerfarbstoff,  der  Wolle  in  sauerem
Bade  orangerot  färbt,  ein  orangegelbes,  in
Wasser  schwer  lösliches  Pulver,  welches  aus
dem  Natronsalze  des  Metaxylidinsulfosäureazodiphenylamins
  besteht.
Luzienholz  nennt  man  sowohl  das  wohlriechende ­
  Holz  des  Mahalebkirschbaumes,
von  dem  die  sog.  Weichselrohre  kommen

Madeira  gehört  zu  den  Dessertweinen,  und
zwar  den  sog.  trockenen  Dessertweinen  (Likörweinen), ­
  welche  zwar  süß  schmecken,  aber
neben  hohem  Alkoholgehalt  doch  verhältnismäßig ­
  niedrigen  Extraktgehalt  besitzen.  Er
stammt  von  der  Insel  Madeira  und  den  Kanarischen ­
  Inseln  und  wird  aus  Malvasier-  und
Vidognatrauben  in  der  Weise  hergestellt,
daß  man  den  Most  gleich  nach  dem  Auspressen
mit  Spiritus  vermischt  und  dann  vergären  läßt.
Nach  Beendigung  der  Gärung  folgt  ein  nochmaliger ­
  Alkoholzusatz  und  darauf  eine  s—6jährige
  Lagerung,  welche  zu  seinem  völligen  Ausbau
erforderlich  ist.  Der  M.  hat  eine  bräunlichgelbe ­
  Farbe  und  kräftiges  Aroma.  Sein  Gehalt
an  Alkohol  beträgt  durchschnittlich  14,43  g  in
100  ccm,  sein  Gehalt  an  Extrakt  5,23  g,  an  Zucker
2,9s  g-  Neben  dem  stark  süßen  Malvasier  oder
Malmsey,  dessen  feinste  Marken  für  den  portugiesischen ­
  Hof  geliefert  wurden,  bildet  der
herbere  Dry-Madeira  die  eigentliche  Handelsware. ­
  Der  M.  unterliegt  mannigfachen  Verfälschungen ­
  und  wird  selbst  vollständig  nachgemacht. ­

Madia  (Madin,  Ölmadin,  frz.  Le  madia  cultivö,
  engl.  Cultvated  madia),  eine  zu  den  Kompositen ­
  gehörige  Ölpflanze  aus  Chile,  Madia
sativa,  wurde  eine  Zeitlang  in  größerem  Umfange ­
  angebaut.  Die  Pflanze  hat  eine  tiefgehende
Wurzel  und  verlangt  deshalb  tiefgründigen  Boden,
gedeiht  aber  auch  in  leichteren  Gründen  und  ist
in  den  Anforderungen  an  Düngung  und  Pflege
ziemlich  genügsam.  Als  Nachteile  des  Anbaues
sind  zu  erwähnen  die  ungleiche  Reifung  (noTage),
hohe  Erntekosten,  der  unangenehme  Geruch  der
Pflanze  und  ihre  drüsig  klebrige  Behaarung,
welche  die  Samenernte  erschwert.  Die  kleinen,
dem  Kümmel  ähnlichen  Samen  mit  ein  oder
zwei  stark  hervortretenden  Nerven  geben  35  0/0

(s.  d.),  als  auch  das  weiße  bis  gelbliche  Holz
der  Traubenkirsche  (Prunus  Padus),  das  zu
Tischler-  oder  Drechslerarbeiten  benutzt  wird.
Noch  geschätzter  ist  das  Holz  des  amerikanischen ­
  immergrünen  Traubenkirschbaumes ­
  von  Karolina,  das  in  der  Färbung  dem
Mahagoniholz  gleicht.  Es  dient  als  sog.  falsches
Mahagoni  zur  Herstellung  von  Möbeln,  die  mit
der  Zeit  ein  immer  schöneres  Aussehen  erhalten. ­

Lyddit,  der  in  England  zur  Füllung  von  Granaten ­
  benutzte  Sprengstoff,  besteht  aus  gepreßter ­
  Pikrinsäure  (s.  d.).
Lysol,  das  viel  genannte  Desinfektionsmittel,
'eine  dunkelbraune  klare  Flüssigkeit,  welche  sich
in  Wasser,  Alkohol  und  Benzin  löst,  besteht  aus
einem  Gemisch  gleicher  Teile  Rohkresol  und
Leinölschmierseife.  L.  besitzt  ebenso  wie  die
analog  zusammengesetzten  Präparate  Barvarol,
  Bazillol  eine  ausgezeichnete  desinfizierende ­
  Wirkung.  Wegen  des  häufigen  Mißbrauchs ­
  zu  Vergiftungen  sind  Lysol,  Kreolin
und  ähnliche  Kreosolverbindungen  im  Kleinverkehr ­
  der  Giftverordnung  unterstellt  worden.

Öl.  Als  Plandelsware  kommt  Madiasamen
selten  und  nur  örtlich  vor.
Madiaöl  (frz.  Huile  de  Madi,  engl.  Madi  oil),
das  fette  Öl  der  Madiasamen,  besitzt  eine  gelbe
Farbe,  einen  milden,  an  Nußöl  erinnernden  Geschmack ­
  und  eine  dickliche  Konsistenz,  wird  aber
nach  dem  Raffinieren  mit  Schwefelsäure  dünnflüssig. ­
  Das  spez.  Gew.  beträgt  0,926—0,930,  die
Verseifungszahl  122—123,  die  Jodzahl  1,8.  Das
Öl  kann  als  Speiseöl  Verwendung  finden,  dient
aber  hauptsächlich  zum  Brennen  und  zur  Seifenfabrikation. ­

Mafuratalg  (Maffuratalg,  frz.  Suif  de  ma
fura,  engl.  Mafura  tallow),  ein  Pflanzenfett,
welches'  in  Mozambique  aus  den  Samen  der
Mafureira  oleifera  gewonnen  wird,  ist  von
gelblicher  Farbe,  Kakaobutter  ähnlichem  Geruch ­
  und  schmilzt  bei  42 0  C.  Es  löst  sich  nur
wenig  in  kochendem  Alkohol,  dagegen  leicht  .in
Äther  und  besteht  aus  den  Triglyzeriden  der  Ölsäure
  und  Palmitinsäure.  M.  wird  wie  Kokosnußöl ­
  verwendet  und  eignet  sich  wegen  des
hohen  Schmelzpunktes  seiner  Fettsäuren  von  52 0
besonders  gut  zur  Herstellung  von  Kerien.
Magdalarot  (Naphthalinrot,  Naphthalin
rosa,  Sudanrot,  Rosanaphtylamin),  ein  zur
Gruppe  der  Safranine  gehöriger  Teerfarbstoff,
entsteht  durch  Erhitzen  von  Alphaamidoazonaphthalin
  mit  salzsaurem  Alphanaphtylamin  unter
Abspaltung  von  Ammoniak  und  besteht  daher
aus  der  Chlorwasserstoffverbindung  des  Diamidonaphtylnaphthazoniums.
  Es  erscheint  teils  als
dunkelbraunes  Pulver,  teils  in  grünschillernden
Kristallnadeln,  ist  in  heißem  Wasser  löslich  und
zeigt  in  alkoholischer  Lösung  eine  sehr  schöne
gelbrote  Fluoreszenz.  Das  M.  wird  nur  in  der
Seidenfärberei  und  auch  hier  nur  für  zarte  Töne
angewandt,  da  es  auf  Seide  ein  violettstichiges
Rosa  mit  prachtvoller  Fluoreszenz  erzeugt.
        <pb n="262" />
        Magnesia

Magnesiumkarbonat

257

Magnesia  (Talkerde,  Bittererde,  Magnesiumoxyd), ­
  die  Sauerstoffverbindung  des  in  der
Natur  nicht  gediegen  verkommender!  leichten
Metalls  Magnesium  (s.  d.),  MgO,  findet  sich  unverbunden ­
  nur  sehr  selten  in  der  Natur,  näm'.ich
als  Periklas  und  in  Verbindung  mit  Wasser
{Magnesiahydrat,  Magnesiumhydroxyd)  als
Bruzit.  Sie  entsteht  beim  Verbrennen  von
Magnesium  an  der  Luft  und  beim  Glühen  der
meisten  Magnesiumsalze,  wie  des  Karbonats,  Nitrats ­
  und  auch  des  Sulfats.  Die  reine  M.  wird
gewöhnlich  durch  Glühen  der  kohlensauren
Magnesia  (s.  d.),  und  zwar  sowohl  der  künstlich ­
  dargestellten  M.  alba  als  auch  des  natürlichen ­
  Magnesits  dargestellt.  Im  ersteren  Falle
erhält  man  ein  weißes,  äußerst  lockeres  und
leichtes  Pulver,  das  geruchlos  und  geschmacklos ­
  ist,  sich  in  Wasser  nur  spurenweise  löst  und
nur  im  elektrischen  Ofen  schmilzt.  Dieses  Erzeugnis ­
  führt  im  Handel  den  Namen  gebrannte
M.  (lat.  Magnesia  usta,  frz.  Magnösie  calcinöe,
engl.  Magnesia  levis)  und  findet  ebenso  wie  das
Magnesiahydrat  (Magnesiumhydroxyd,  lat.
Magnesium  hydricum)  in  der  Pharmazie  als
Gegengift  bei  Arsenikvergiftung  und  als  gelindes
Abführmittel  Anwendung.  Man  muß  es  in  gut
verschlossenen  Gefäßen  aufbewahren.  Die  durch
Glühen  des  Magnesits  erhaltene,  weniger  lockere
M.  wird  in  der  Technik  zur  Herstellung  von
Magnesiazement  (s.  d.)  und  als  Mittel  zur  Vermeidung ­
  des  Kesselsteins  benutzt.
Magnesiamixtur,  ein  zum  Nachweis  und  zur
Bestimmung  der  Phosphorsäure  viel  benutztes
Reagens,  besteht  aus  einer  Lösung  von  11  g  Magnesiumchlorid ­
  und  14  g  Ammoniumchlorid  in
130  g  Wasser,  der  70  g  Salmiakgeist  zugesetzt
worden  sind.
Magnesiazement.  Mit  diesem  Namen  belegt
man  eine  Masse,  die  durch  Zusammenpressen
von  gebranntem  Magnesit  mit  einer  konzentrierten ­
  Lösung  von  Chlormagnesium  (30 0  B.)  dargestellt
  wird,  nach  kurzer  Zeit  eine  feste,  harte
Beschaffenheit  annimmt  und  schon  nach  24  Stunden ­
  die  höchste  Festigkeit  erreicht.  Der  Magnesit
darf  für  diesen  Zweck  nicht  bei  zu  hoher  Temperatur ­
  gebrannt  sein.  Die  Erhärtung  beruht  auf
der  Bildung  von  Magnesiumoxychlorid,  ähnlich ­
  wie  bei  der  Sorelschen  Masse,  welche ­
  aus  Zinkoxychlorid  besteht.  Aus  M.  werden,
meist  unter  Zusatz  von  Füllmaterial  und  Farbstoffen, ­
  verschiedene  Gebrauchsgegenstände,  wie
Tischplatten,  Fußbodenplatten  u.  dgl.  hergestellt
und  unter  dem  Namen  Kajalithwaren  (s.  d.)  in
den  Handel  gebracht.  Auch  hat  man  daraus
Mühlsteine  zum  Entschälen  des  Getreides  sowie,
mit  Schmirgelpulver  gemengt,  Schleifscheiben
verfertigt.  Die  aus  M.  hergestellten  Gegenstände
sollen  eine  Druckfestigkeit  von  500—1510  kg  für
den,  Quadratzentimeter  besitzen.
Magnesit  (Bitterspat,  Magnesitspat,Talkspat), ­
  ein  aus  Magnesiurakarbonat  bestehendes
Mineral,  bildet  dichte,  derbe,  oft  nierenförmige
Massen  von  kryptokristallinischer  Struktur  und
erscheint  gewöhnlich  schneeweiß,  seltener  ge-*mbt.
  Er  ist  unschmelzbar,  verliert  aber  beim
Glühen  seine  Kohlensäure.  Seine  Härte  beträgt
4~4*/a,  sein  spez.  Gew.  2,9—3,1.  Die  Hauptmger
  von  abbauwürdigem  M.  finden  sich  bei
•t  rankenstein  und  Baumgarten  in  Schlesien,  bei
Mercks  Warenlexikon.

Hrubschitz  in  Mähren  und  Kraubat  in  Steiermark, ­
  bei  Baidissero  in  Oberitalien,  ferner  in
Pennsylvanien,  Griechenland,  Kleinasien  und  Ostindien. ­
  Seine  Hauptverwendung  findet  der  M.,
der  in  ganzen  Stücken  wie  auch  gemahlen  in
den  Handel  kommt,  zur  Entwicklung  von  Kohlensäure ­
  für  die  Herstellung  von  kohlensaurem
Wasser.  Außerdem  dient  er  zur  Herstellung
von  feuerfesten  Tiegeln,  zur  Ausfütterung  von
Flußeisenöfen  usw.
Magnesium,  das  in  der  Magnesia  (s.  d.)  und
ihren  Verbindungen  enthaltene  metallische  Element, ­
  kann  durch  Glühen  eines  Gemisches  von
entwässertem  Magnesiumchlorid  und  Flußspat
mit  Natrium  gewonnen  werden,  wird  aber  zurzeit
fabrikmäßig  nur  durch  Elektrolyse  von  Magnesiumchlorid ­
  oder  von  Karnallit  hergestellt.  Das
M.  ist  silberweiß,  glänzend  und  hart,  läßt  sich
aber  in  der  Hitze  hämmern,  zu  Blech  auswalzen
und  zu  Band  oder  Draht  ziehen.  Das  spez.  Gew.
beträgt  1,743.  Bei  beginnender  Rotglut,  gegen,
8oo°,  schmilzt  es,  verwandelt  sich  bei  Weißglut
(etwauoo 0 )  in  Dampfform  und  verbrennt  unter
intensiver  Lichtentwicldung  zu  einem  weißen
Pulver  von  Magnesiumoxyd,  ln  trockener  Luft
ist  das  Metall  unveränderlich,  überzieht  sich  aber
in  feuchter  Atmosphäre  mit  einer  weißen  Oxydschicht ­
  und  zersetzt  siedendes  Wasser  unter
Wasserstoffentwicklung.  Von  Säuren  wird  es
rasch  gelöst.  Magnesiumband  und  Magnesiumpulver ­
  (Blitzlicht)  finden  Anwendung  bei
photographischen  Aufnahmen  in  dunklen  Räumen,
ferner  als  Reduktionsmittel  in  chemischen  Laboratorien, ­
  als  Magnesiumfackeln  in  der  Feuerwerkerei ­
  und  zur  Herstellung  der  Legierung
Magnalium  (s.  Aluminium).
Magnesiumbenzoat  (benzoesaure  Magnesia, ­
  Magnesium  benzoicum)  wird  durch  Einträgen ­
  von  Magnesia  usta  in  eine  Lösung  von
Benzoesäure  dargestellt  als  ein  weißes  kristallinisches ­
  Pulver,  das  beschränkte  medizinische
Anwendung  findet.
Magnesiumchlorid  (Chlormagnesium,  lat.
Magnesium  chloratum,  Magnesia  muriatica,  frz.
Chloride  de  magnösium,  engl.  Chloride  of  magnesium)
  bildet  einen  Bestandteil  mehrerer  natürlich ­
  vorkommender  Abraumsalze.  So  findet  es
sich  im  Gemisch  mit  Kaliumchlorid  als  Karnallit, ­
  mit  Magnesium-  und  Kaliumsulfat  als
Kainit  und  mit  Magnesiumborat  als  Borazit.
M.  wird  meist  als  Nebenprodukt  der  Staßfurter
Kaligewinnung  erhalten  und  bildet  in  reinem
Zustande  weiße  Kristalle  mit  sechs  Molekülen
Kristallwasser  von  der  Formel  MgCl 2  +  6H 2 0.
Es  dient  zur  Darstellung  von  Magnesiazement,
zum  Imprägnieren  von  Holz,  zur  Desinfektion
von  Aborten  (Süvernsche  Masse)  und  in  beschränktem ­
  Maße  zu  medizinischen  Zwecken.
Magnesiumkarbonat  {kohlensaure  Magnesia, ­
  lat.  Magnesium  carbonicum,  frz.  Hydrocarbonate
  de  magnösie,  engl.  Light  cärbonate  of
magnesia),  MgCOg,  findet  sich  in  reinem  Zustande ­
  als  Magnesit  sowie  in  eihgen  verwandten
Mineralien  vor.  Die  offizineile  Magnesia  alba,
ein  Gemisch  von  M.  mit  Magnesiumhydroxyd  und
Wasser,  wird  aus  dem  Bikarbonat  dargestellt
und  findet  als  Magenpulver  gegen  Sodbrennen,
und  zu  Zahnpulver  Anwendung.

17
        <pb n="263" />
        Magnesiumlaktat

258

Mais

Magnesiumlaktat  (milchsaure  Magnesia,
Magnesium  lacticum)  entsteht  beim  Neutralisieren ­
  von  Magnesiumkarbonat  mit  Milchsäure
als  ein  weißes,  mit  drei  Molekülen  kristallisierendes ­
  Salz,  das  als  gelindes  Abführmittel  Verwendung ­
  findet.
Magnesiumoleat  (ölsaures  Magnesium,
Magnesiaseife)  wird  durch  Verseifen  von  Olein
•mit  Magnesia  usta  oder,  älba  erhalten  und  dient
in  chemischen  Wäschereien  zur  Verhinderung
elektrischer,  Funkenbildung  ira  Benzin.
Magnesiumsulfat  (schwefelsaures  Magnesium, ­
  lat.  Magnesium  sulfuricum,  frz.  Sulfate
de  magnesie,  engl.  Bitter  salt),  MgS0 4 ,  wird  aus
verschiedenen  Bitterwässern  sowie  vor  allem  aus
dem  Kieserit  der  Abraumsalze  dargestellt  und
kristallisiert  mit  sieben  Molekülen  Wasser  als
Bittersalz  (s.  d.).
Magnesiumsuperoxyd(M  agn  es  i  umperoxyd)
wird  durch  Behandlung  von  Magnesiumsalzlösungen ­
  mit  Natrium-  oder  Bariumsuperoxyd  als  ein
leichtes  weißes  Pulver  dargestellt.  Die  meisten
im  Handel  befindlichen  Erzeugnisse,  wie  Novozon,
  Hopogan,  Magnesiumperhydrol  sind
jedoch  Mischungen  von  erheblichen  Mengen  Magnesiumoxyd ­
  und  -karbonat  mit  etwas  M.  Entgegen ­
  der  vielfach  marktschreierischen  Anpreisung ­
  zu  sog.  Sauerstoffkuren  wird  das  M.  von
den  meisten  Ärzten  als  therapeutisch  unwirksam
angesehen.
Mahagoniholz  (Mahoniholz,  frz.  Bois  d'acajou,
  engl.  Mahogany)  nennt  man  eine  Reihe
wertvoller  Nutzhölzer,  die  von  verschiedenen
Pflanzen  abstammen.  Als  echter  Mahagonibaum ­
  hat  jedoch  nur  die  in  Mittelamerika  und
Westindien  wachsende  Swietenia  mahagoni
aus  der  Familie  der  Zedreleen  zu  gelten,  deren
Holz  je  nach  Klima  und  Standort  große  Unterschiede ­
  aufweist.  Auf  den  Inseln  bleibt  der
Baum  zwar  wesentlich  kleiner,  hat  aber  schöneres
Holz,  welches  meist  als  sog.  spanisches-  in
Blöcken  von  45—S°  cm  Querschnitt  und  3  m
Länge  in  den  Handel  kommt,  während  das  vom
Festlande,  besonders  aus  Honduras  stammende,
möglicherweise  von  Swietenia  multijuga,
dicker  und  bis  4  m  lang  ist.  Das  feinste  und
dichteste  Holz  liefern  die  Bäume  aus  hohen
trockenen  und  felsigen  Lagen,  doch  wird  auch
das  schwammige,  grobfaserige  Holz  des  feuchten
Tieflandes  als  Blindholz  und  Unterfurnier  ver
arbeitet.  Das  echte  M.  von  guten  Standorten
ist  dicht,  hart  und  schwer,  im  Trocknen  wie
unter  Wasser  sehr  dauerhaft  und  gegen  Würmer ­
  unangreifbar.  Es  schwindet  sehr  unbedeutend, ­
  ist  dem  Verwerfen  und  Reißen  weniger
unterworfen  als  irgendein  anderes  Nutzholz  und
nimmt  eine  schöne  Politur  an.  Die  Farbe
ist  an  neuem  Holze  gewöhnlich  heller,  rotgelb
bis  heilbräunlich,  dunkelt  aber  allmählich  bis
ins  Kastanienbraune,  nach.  Auch  zeigt  sich  meist
eine  schöne  Zeichnung  mit  abwechselnden,  ver
schieden  gefärbten  Adern,  Streifen,  Wellen,
Flammen,  feinen  Jahresringen,  seidenartig  glänzenden ­
  Markstrahlen  und  als  feine  Ringe  erscheinenden ­
  Poren.  Außer  den  erwähnten  Blökken
  kommt  das  Holz  auch  in  Form  von  Planken ­
  in  den  Handel,  und  schließlich  gewinnt
man  noch  aus  den  ästigen  Stammteilen,  und
Auswüchsen  schönes  Maserholz  und  das  sog.

Pyramidehholz,  bei  welchem  die  Flammen
sich  nach  entgegengesetzten  Richtungen  verbreh
ten.  —  Von  anderen  als  M.  bezeichneten  Hölzern,
wird  das  afrikanische,  auch  Madeira-M.  oder
Kailzedraholz  genannte,  zu  Möbelfurnieren,;
feinen  Kasten  für  Mikroskope,  Gewichtssätze:
u.  dgl.  viel  verbraucht..  Es  stammt  von  Kaya)
senegalensis  und  ist  dem  echten  Holze  noch
am  ähnlichsten,  jedoch  ,  härter  als  dieses.  Von
ostindischen  Zedreleen  wird  das  sog.  Atlasholz ­
  mit  schönem  Seidenglanze  gewonnen,  und
von  Eukalyptusarten  das  dichte,  rote,  veilchenartig ­
  riechende  neuholländische  M.  Weißes:
M.  ist  das  Anakardienholz.
Mahwafrüchte  (Mahwablüten),  die  fettreichen ­
  Früchte  von  verschiedenen  Bäumen
aus  der  Familie  der  Sapofazeen,  z.  B.  Bassia
longifolia,  B.  latifolia,  die  auf  den  Inselnl
des  Indischen  Archipels  heimisch  sind,  werden
zur  Herstellung  der  Bassiafette  (s.  d.)  benutzt-Mais
  (Kukuruz,  türkischer  Weiten,,
Welschkorn,  frz.  Mais,  engl.  Indian  corn),  eine’
der  wichtigsten  Getreidepflanzen,  Zea  Mays,
hat  sich  von  Amerika  aus  in  alle  Weltteile  verbreitet ­
  und  wird  sowohl  als  Grünfutter,  wie  auch
als  Körnerpflanze  angebaut,  als  letztere  allerdings ­
  nur  im  Weinklima  südlich  vom  54.°  n.  Br.
In  Deutschland  findet  sich  Körnermais  südlich
der  Mainlinie,  am  Rhein  und  im  Südwesten,  ln
allen  Donauländern  von  Ungarn  bis  zum  Schwarzen ­
  Meer  und  in  den  Mittelmeerstaaten  bildet  er
die  vorherrschende  Getreidepflanze.  Er  wird  in
starker  Düngung  gebaut,  in  Reihen  gesät  und
muß  fleißig  behackt  werden.  Mais  verlangt  warmen, ­
  lockeren  Boden  und,  bis  zur  handhohen 1
Entwicklung,  viel  Feuchtigkeit,  verträgt  aber
keinen  Frost  oder  Nässe  und  nasse  Kälte.  Der
Ertrag  ist  20—3ofach,  ja  im  Heimatlande  bis
toofach!  Die  zu  den  Gräsern  gehörige  Pflanze:
ist  zweiblütig  und  hat  viele  lange  und  breite
Blätter.  Die  weiblichen  Blüten  bilden  die  Mais-;
kolben,  in  denen  die  Körner  zu  6—20  Reihen
dichtgedrängt  um  die  Spindel  angeordnet  sind,
und  die  nach  außen  von  zahlreichen  Deckblättern ­
  umschlossen  werden.  Die  Körner  sind  verschieden ­
  groß,  gelb,  weiß,  rot,  orange,  braun,
schwarzbraun,  violett  oder  grünlich,  streifig  oder
gleichförmig  gefärbt  und  3—4  Jahre  lang  keim-l
fähig.  Zur  Gewinnung  der  Samen  werden  die
Kolben  künstlich  getrocknet  und  in  besonderen
Maschinen  enthülst.  Die  dabei  abfallenden  Deckblätter ­
  bilden  Polstermaterial  und  guten  Papierstoff, ­
  die  Kolben  Brennmaterial,  die  Nebentriebe
Futter.  Von  den  zahlreichen  Handelssorten,  unter
denen  bei  uns  nur  die  niedrigen  bis  mittelhohen
zur  Reife  kommen,  seien  erwähnt:  Spelzmais,
Perlmais,  Cuzkomais,  Spitzmais,  Zuckermais,
Pferdezahnmais,  italienischer  Cinquantino  oder-Fünfmonatmais,
  Pignoletto,  Badischer,  Oberlän--der,
  Kroatischer,  Pfälzer  und  Mailänder  Mais.
Die  Samen  enthalten  ungefähr  130/0  Wasser,
9—11%  Protein,  4—8°/o  Fett,  H/2—2  %  Mineralstoffe, ­
  2—4  0/0,  Rohfaser  und  68%  stickstofffreie’
Extraktstoffe.  Sie  finden  ausgedehnte  Verwendung ­
  für  die  menschliche  Ernährung  zur  Her-;
•Stellung  von  Puddings,  Polenta,  Suppen,  Klo-Ben,
  Küchen  und  Brot  sowie  in  der  Technik
zur  Herstellung  von  Stärke  (Maizena,  Mondamin), ­
  Branntwein,  Bier,  Kaffee-Ersatzmitteln
        <pb n="264" />
        Maisöl

259

Makrele

und  Zücker.  Als  Grünpflanze  dient  Mais,  ebenso
wie  die  unreifen  Kolben,  zum  Viehfutter.  Der
zur  menschlichen  Ernährung  bestimmte  Mais  erfordert ­
  bei  der  Ernte  und  Lagerung  sorgfältige
Behandlung,  da  das  fettreiche  Maismehl  leicht
ranzig  wird  und  der  Genuß  von  feucht  geerntetem ­
  und  verschimmeltem  Mais  die  als  Pellagra
bekannte  Krankheit  hervorruft.
Maisöl  (lat.  Oleum  maydis,  frz.  Huile  de  mais,
engl.  Maize  oil),  das  in  den  Keimen  der  Maiskörner ­
  enthaltene  fette  Öl,  scheidet  sich  beim
Eintnaischen  und  der  Gärung  des  Maises  behufs
Spiritusgewinnung  ab,  kann  aber  auch  durch
Auspressen  oder  Extraktion  der  zerkleinerten
Samen  gewonnen  werden.  Das  blaß-  bis  bräunlichgelbe ­
  Öl  ist  etwas  dickflüssiger  als  Olivenöl
und  von  mildem  Geschmack  und  schwachem  Geruch. ­
  Sein  spez.  Gew.  schwankt  zwischen  0,921
und  0,924,  die  Verseifungszahl  zwischen  188,1
und  192,7,  die  Jodzahl  zwischen  111,2—125,0.
Das  zu  den  nicht  trocknenden  ölen  gehörende
M.  wird  in  Nordamerika  in  großer  Menge  dargestellt ­
  und  als  Schmieröl  und  zur  Seifenbereitung ­
  benutzt.
Maispapier  wird  teils  aus  dem  Maisstroh
(Maisstengeln),  teils  aus  den  Maislieschen,
den  die  Kolben  umhüllenden  Blattscheiden,  bereitet. ­
  Besonders  die  letzteren  sind  hierzu  geeignet, ­
  doch  liefert  auch  das  Maisstroh  einen  sehr
brauchbaren  Rohstoff,  aus  welchem  man  Papier
in  allen  Graden  der  Feinheit  darstellen  kann.
Dasselbe  soll  fester  sein  als  Hadernpapier,  selbst
an  die  schärfsten  Stahlfedern  kein  Fäserchen
abgeben  und  auch  nicht  die  Sprödigkeit  anderer
Strohpapiere  besitzen.
Maiwürmer  (Ölkäfer)  sind  Blasenkäfer  aus
der  Familie  der  Meloiden,  die  in  etwa  70  Arten
über  Europa,  Asien,  Afrika,  Amerika  weit  verbreitet ­
  sind,  und  von  denen  besonders  der
bunte  M.  (Meloe  variegatus  L.)  und  der
blaue  M.  (M.  proscarabaeus  L.)  Verwendung
finden.  Die  etwa  2  cm  langen  Käfer  besitzen
in  den  Gelenken  der  Beine  eine  ölige,  gelbe
Flüssigkeit,  die  sie  beim  Berühren  von  sich
geben  und  welche  wegen  ihres  Gehaltes  an  Kantharidin ­
  blasenziehend  wirkt.  Von  den  Kanthat'iden
  unterscheiden  sich  die  M.  namentlich
durch  das  Fehlen  oder  die  unvollständige  Ausbildung ­
  der  Flügel,  wodurch  sie  mehr  auf  den
Aufenthalt  in  der  Erde  angewiesen  sind.  In  Kotig ­
  aufgesetzt,  werden  sie  als  Volksmedizin  gegen
Hundswut  angewandt.
Majolika  nennt  man  eine  besondere  Art
Steingut  (s.  d.),  die  über  dem  meist  eisenhaltigen,
daher  durch  den  Brand  gelblich  oder  rötlich
"[erdenden  Ton  die  Malerei  auf  einer  undurchsichtigen ­
  weißen  Zinnglasur  trägt.  Der  Name
?tammt  Von  der  Insel  M a J or ka,  wo  die  Pisaner
12.  Jahrhundert  die  in  die  Kirchenwände
Htigesetzten  Schüsselchen  (baccioli)  sahen  und
ua ch  Italien  mitnahmen.  Lucca  della  Robbia
'var  der  erste,  der  das  Metall  der  Glasur  ernannte. ­
  Die  anderen,  welche  dieselbe  Wirkung
211  erzielen  suchten,  pflegten  auf  dem  eisenhaltigen ­
  Ton  eine  Auflage  von  Pfeifenton,  der  sich
w eiß  brennt  (Engobe)  und  darüber  die  Malerei
a nzubringen,  die  durch  eine  durchsichtige.  Bleiglasur
  gedeckt  wurde.  Diese  Waren  nannte
tüan.  Mezza-Majoliken.  In  neuerer  Zeit  wird

die  Bezeichnung  auch  für  manche  Ersatzstücke
gebraucht,  so  daß  sie  jetzt  fast  jegliche  leichtgebrannte ­
  bunte  Tonware  umfaßt.  Als  bekannteste ­
  Gattung  erscheinen  die  Znaimer  Majoliken, ­
  die  von  Alois  Klanimerth  durch  die
ganze  Welt  verbreitet  wurden,  die  Heimberger
oder  Schweizer  Majoliken,  die  Professor
Keller-Leuzinger  zum  erstenmal  auf  der  Pariser
Weltausstellung  verführte*  die  italienischen
Bauernmajoliken,  die  nebst  den  besseren
Erzeugnissen  von  Ginori  in  Docoia  und  Castellani
  in  Rom  sich  am  meisten  an  die  alten  Majoliken ­
  in  Technik  und  Aussehen  anlehnten.  Jetzt
hat  man  auch  viele  Fabriken  in  Deutschland
(badischer  und  württembergischer  Schwarzwald)
und  Österreich,  die  sich  mit  der  Herstellung  von
Majolikagegenständen  der  verschiedensten  Art,
wie  Zimmeröfen,  Kaminen,  Vasen,  Figuren  üsw.
beschäftigen.  Die  Verpackung  geschieht  in  gereinigtem ­
  Heu  oder  Stroh  in  Kisten  öder  Holzkörben, ­
  bei  billigen  Waren  direkt  in  den  Wagen
oder  auf  das  Schiff.  Feinere  Waren  werden  auch
wohl  in  Papier  oder  Seidenpapier  gewickelt,  kostbarste ­
  Proben  selbst  in  Watte  und  stückweise  in
Pappschachteln  verpackt  (s.  auch  Fayence).
Majoran  (Meiran,  Wurstkraut,  lat.  Herba
majoranae,  frz.  Marjolaine,  engl.  Marjoram)
nennt  man  die  von  den  Stengeln  abgestreiften
Blätter  und  Blütenstände  von  Majorana  hortensis
  oder  Origanum  majorana,  einer  einjährigen, ­
  in  Griechenland  und  dem  Orient  heimischen ­
  Lab  iate.  Das  in  der  Blüte  gesammelte  und
getrocknete,  stark  aromatisch  riechende  und
schmeckende  Kraut,  das  in  günstigen  Jahrein
bis  dreimal  geschnitten  werden  kann,  bildet  ein
beliebtes  Gewürz  für  Küche  und  Fleischerei
1  (Wurstkraut)  und  wird  außerdem  zu  Kräuterkissen, ­
  Bädern  und  Umschlägen,  zu  Kräuterschnupftabak ­
  und  zur  Herstellung  von  Majoranbutter
  benutzt.  Durch  Destillation  des
frisch  getrockneten  Krautes  mit  Wasser  werden
0.7—3.5  %  eines  gelblichen,  dünnflüssigen,  ätherischen ­
  Öls,  Majoranöl  (lat.  Oleum  majoranae, ­
  frz.  Essence  de  marjolaine,  engl.  Marjoram
oil),  erhalten,  dessen  spez.  Gew.  0,890—0,910  und
dessen  Drehung  +'2  bis  +19  beträgt.  Es
muß  gut  verschlossen  und  vor  dem  Tageslicht
geschützt  werden,  da  es  unter  dem  Einfluß  von
Luft  und  Licht  schnell  verharzt,  säuert  und  sich
bräunt.  M.  dient  namentlich  zur  Parfümierung
von  Seifen  und  .als  Zusatz  zu  aromatischen  Likören. ­

Makassaröl,  eine  bei  gewöhnlicher  Temperatur ­
  weiche,  gelblichweiße  Masse,  die  jedoch
sehr  leicht  schmilzt  und  dann  ein  fast  klares  Öl
gibt,  riecht  schwach  nach  Bittermandelöl  und
enthält  etwa  0,05  0/0  Blausäure.  Es  wird  in  Ostindien ­
  aus  den  Samen  einer  Sapindazee,
Schleichera  trijuga,  durch  Pressen  erhalten
und  als  haarwuchsbeförderndes  Mittel  empfohlen. ­
  Vielfach  wird  aber  unter  diesem  Namen
ein  durch  Alkannin  gefärbtes  und  verschieden
parfümiertes  Mandel-  oder  Olivenöl  abgegeben.
Makrele,  ein  schön  gestalteter  und  gefärbter
Seefisch,  Scomber  scomber,  von  50—60  cm
Länge  und  1  —  1  i/a  kg  Gewicht,  erscheint  oberhalb ­
  stahlblau,  ins  Goldgrüne  schimmernd,  mit
schwarzen  Querbändern  und  an  den  Seiten  silberweiß. ­
  Das  Fleisch  ist  frisch  sehr  wohlschmek-
        <pb n="265" />
        Makronen

260

Maltonweine

kend  und  wird  außerdem  durch  Salzen  und  Räuchern ­
  konserviert.
Makronen  nennt  man  ein  scheibenförmiges
oder  flach  halbkugelförmiges  Gebäck,  welches
aus  süßen  und  bitteren  Mandeln,  Eiweiß  und
Zucker  bereitet  wird  und  gewöhnlich  auch  noch
Gewürze  als  Zutat  erhält.  —  Die  in  den  Handel
gebrachten  Kaisermakronen  sind  aus  Kokoskernen ­
  statt  aus  Mandeln  hergestellt  worden
und  dürfen  nicht  als  M.  schlechthin  bezeichnet
werden.
Malabartalg  (Vateriafett,  Pineytalg)  wird
durch  Auskochen  der  gerösteten  und  gemahlenen
Samen  von  Vateria  indica  {Butterbohne)
mit  Wasser  erhalten.  Es  ist  ein  frisch  grünlichgelbes, ­
  geschmack-  und  geruchloses  Fett  von
talgähnlicher  Konsistenz  und  wird  sowohl  zu
Speisezwecken  als  auch  zur  Kerzenfabrikation
verwandt.
Malachit  (Atlaserz,  frz.  und  engl,  Malachite),
ein  grünes  Kupfererz,  welches  g  eich  der  blauen
Kupferlasur  ein  kohlensaures  Kupferoxydhydrat
i^t,  nur  einen  höheren  Kupferoxydgehalt  von
7'i,t9°/o  neben  19,94%  Kohlensäure  und  8,16%
Wasser  aufweist,  findet  sich  in  Form  schöner
Kristalle  sowie  blättriger,  fasriger,  dichter  und
erdiger  Massen  an  den  meisten  Kupfererzlagerstätten, ­
  besonders  in  Thüringen,  Kärnten,'  Cornwall, ­
  Ungarn  und  im  Ural.  Alle  Vorkommnisse
sind  gute,  leicht  zu  verhüttende  Kupfererze,  doch
werden  die  besonders  schön  gefärbten,  faserigen
Stücke,  welche  infolge  ihrer  Zusammensetzung
aus  feinen  Kristallnadeln  seidenartigen  Glanz
zeigen,  meist  zu  Gebrauchsgegenständen  und
Schmucksachen  verarbeitet.  Der  Malachit  besitzt ­
  eine  geringe  Härte  (3,5),  zeichnet  sich  aber
durch  seine  schöne  Färbung,  seinen  Glanz  und
seine  Politurfähigkeit  aus.  Die  größten  und
schönsten  Stücke  finden  sich  im  Ural,  besonders
in  den  fürstlich  Demidoffschen  Besitzungen  und
werden  zur  Herstellung  von  Tischplatten,  Säulen,
Vasen,  Leuchtern  und  Bauornamenten  benutzt.
Kleinere  Stücke,  die  zu  Dosen,  Ringsteinen  und
Broschen  verarbeitet  werden  können,  kommen
auch  in  Tirol  und  anderen  Orten  vor.  Man  sortiert ­
  die  Ware  nach  der  Farbe  in  foncde,  ordina-ire,
  claire  und  pale  und  schätzt  die  dunklere
am  geringsten.
Malachitgrün,  ein  seit  1878  bekannter  Teerfarbstoff ­
  der  Triphenylmethanreihe  (Tetramethyldiaminotriphenylkarbinol),
  kommt  in  vielen ­
  verschiedenen  Farbtönen  von  bläulichgrün
bis  gelblichgrün  in  den  Handel,  je  nachdem  die,
in  dem  Farbstoff  enthaltene  Base  als  Oxalat,  als
Pikrat  oder  als  Eisenchlorid-  oder  Zinkchloriddoppelsalz ­
  vorhanden  ist.  Die  verschiedenen
Handelsbezeichnungen:  Bittermandelölgrün,
Viktoriagrün,  Neugrün,  Solidgrün,  Echtgrün, ­
  Benzalgrün,  Benzoylgrün,  Kristallgrün, ­
  Vert  Diamant,  beziehen  sich  zum  Teil
auf  dieselbe  Farbe.  Die  Darstellung  erfolgt
durch  Einwirkung  von  Benzaldehyd  auf  Dimethylanilin ­
  und  Oxydation  des  hierbei  entstehenden ­
  Tetramethyldiamidotriphenylmethans  mit
Bleisuperoxyd  in  salzsaurer  Lösung,  worauf  man
das  Oxalat  in  Form  grüner,  metallisch  glänzender ­
  Blättchen,  das  Chlorzinksalz,  in  messinggelben ­
  prismatischen  Kristallen  erhält.  Alle  diese
Farben  sind,  mit  ,  Ausnahme  des  Pikrats,  in

Wasser  löslich,  das  Pikrat  ist  aber  in  Alkohol
löslich  und  wird  unter  dem  besonderen  Namen
M.  spritlöslich  verkauft.  Das  M.  findet  ausgedehnte ­
  Anwendung  in  der  Färberei  und  färbt
Seide,  Wolle,  Jute  und  Leder  direkt,  Baumwolle
nach  vorhergegangenem  Beizen  mit  Tannin  und
Brechweinstein  grün.  Die  Farben  sind  ziemlich
echt  gegen  Seifen  und  Säuren.  Auch  zum  Färben ­
  von  Affichenpapier  und  zur  Herstellung  von
Buntpapieren  kann  M.  benutzt  werden.
Malaga,  ein  zu  den  eigentlichen  Süßweinen
mit  mehr  als  18  %  Zucker  gehörender  Dessertwein, ­
  stammt  aus  der  spanischen  Provinz  Malaga
und  wird  meist  als  Weißwein  aus  der  Pedro-Ximenez-Traube
  nach  den  verschiedensten
Verfahren  hergestellt.  Die  Grundlage  der  meisten ­
  Erzeugnisse  bildet  der  Vino  maestro,
ein  im  -Zustande  beginnender  Gärung  durch  Zusatz ­
  von  15%  Alkohol  stumm  gemachter  Most
und  der  Vino  Tierno,  der  durch  Auspressen
von  Trockenbeeren  mit  t/s  Wasser  gewonnen
wird.  Sie  erhalten  meist  Zusätze  von  Aropa,
d.  i.  in  flachen  Pfannen  auf  Vs  seines  Volums
eingekochter  süßer  Most,  oder  von  Color,  der
noch  weiter  zur  Sirupsdicke  eingedampften  Aropa.
Beide  sollen  außerdem  vielfach  mit  Auszügen
von  Feigen,  Johannisbrot  und  Zuckersirup  vermischt ­
  werden.  Durch  entsprechende  Vereinigung ­
  der  genannten  Stoffe  entstehen  die  verschiedenen ­
  Malagaweine,  von  denen  zu  uns  die
dunkelbraun  gefärbten,  viel  Color  enthaltenden,
Sorten  gelangen.  Als  mittlere  Zusammensetzung
gibt  König  an:  12,6g  Alkohol,  22,09g  Extrakt,
,18,32  g  Zucker,  0,51g  Gesamtsäure,  0,55  g  Glyzerin ­
  und  0,42  g  Mineralstoffe,  jedoch  schwankt
die  Zusammensetzung  sehr,  und  neben  dem
zuckerreichen  Dulce  delcolor  gibt  es  sehr
herbe,  als  Vino  seco  bezeichnete  Sorten.  Die
aus  den  höher  gelegenen  Gegenden  stammenden
Mountains  Weine  gehen  meist  nach  England.
Rote  M.  sind  ziemlich  selten  und  meist  als
Alikante  anzusprechen.
Malamborinde  (lat.  Cortex  Malambo,  frz.
Ecorce  de  malambo,  engl.  Malambo  bärk),  die
Rinde  von  Croton  Malambo,  einer  baumartigen ­
  Euphorbiazee  Venezuelas  und  Neu-Gra
nadas,  besteht  aus  rinnenförmigen  Stücken,  die
mit  einem  leicht  ablösbaren,  weißgelbllchen  Kork
bedeckt  sind.  Darunter  liegt  eine  gelbbraune
Mittelrinde,  während  die  Innenfläche  glatt  und
blaß  zimtfarben,  der  Bruch  körnig,  faserig  erscheint. ­
  Geruch  ünd  Geschmack  erinnern  an
Mazis.  Die  Rinde  wird  in  Südamerika  als
Fiebermittel  medizinisch  verwandt.
Malariapastillen  enthalten  1  g  salzsaures  Chinin ­
  und  0,002  g  arsensaures  Natrium.
Malarin,  ein  schwach  nach  Jasmin  riechendes
hellgelbes  Kristallpulver  vom  Schmelzpunkt  88°,
wird  durch  Erhitzen  gleicher  Teile  Azetophenon
und  Paraphenetidin  dargestellt  und  ist  daher  als
Azetophenonphenetidid,  C 6 H 5  .  C(CH ;i ):  N  .
C 6 H 4 OC 2 H s ,  anzusprechen.  Die  in  Wasser  unlösliche, ­
  in  Alkohol  und  Äther  lösliche  Verbindung ­
  wird  neuerdings  als  Fiebermittel  empfohlen.
Maltonweine  nennt  man  eine  Reihe  weinähnlieber,
  Getränke,  welche  nach  einem  von  Dr.
Sauer  in  Hamburg  erfundenen  Verfahren  aus
Malzwürze  hergestellt  werden.  Die  letztere  wird
zunächst  durch  Zusatz  von.  Milchsäurebazillen
        <pb n="266" />
        Maltose

261

Manchester

bei  50 0  einer  Säuerung  überlassen,  bis  der  Milchsäuregehalt ­
  o,6—o,8  °/o  beträgt,  dann  auf  75°  erhitzt ­
  und  nach  dem  Abkühlen  mit  reingezüchteten
  Weinhefen  in  Gärung  versetzt.  Hierbei
nimmt  die  Flüssigkeit  einen  ausgesprochenen
Weingeschmack  und  das  der  verarbeiteten  Hefe
entsprechende  Aroma  an.  Die  hauptsächlichsten,
als  Malton-Sherry,  Malton-Portwein  und
Malton-T  okay  er  bezeichneten  Erzeugnisse
sind,  abgesehen  von  dem  Ersatz  der  Weinsäure
durch  Milchsäure,  den  entsprechenden  Traubenweinen ­
  sehr  ähnlich  zusammengesetzt.  Ihr  Geschmack ­
  ist,  mit  Ausnahme  des  an  Bierwürze  erinnernden ­
  Malton-Tokayers,  rein  weinartig,  ihr
Preis  allerdings  verhältnismäßig  hoch.  Gegen  die
Art  der  Bezeichnung  werden  seit  Erlaß  des  neuen
Weingesetzes  von  einigen  Sachverständigen,  u.  a.
Kulisch,  Bedenken  erhoben.  Als  „Malzwein“
sind  sie  nicht  zu  beanstanden.
Maltose  ist  eine  dem  Rohrzucker  nahestehende
Zuckerart,  C 12 H 22  O u  -j-  H 2 D,  also  eine  Biose,
welche  bei  der  Einwirkung  von  Diastase  auf
Stärke,  d.  h.  bei  der  Bierbrauerei  und  Branntweinbrennerei ­
  entsteht  und  auch  als  Zwischenprodukt ­
  bei  der  Behandlung  von  Stärke  mit
Säuren  gebildet  wird.  Ihre  spez.  Drehung  beträgt ­
  137 0 .  Bei  der  Hydrolyse  mit  verdünnten
Säuren  liefert  sie  zwei  Moleküle  Glykose,  reduziert ­
  Fehlingsche  Lösung  und  gibt  mit  Phenylhydrazin ­
  ein  bei  206°  schmelzendes  Osazon.  M.
bildet  den  im  Bier  und  Malzextrakt  (s.  d.)  enthaltenen ­
  Zucker  und  wird  neuerdings  in  Form
harter  feiner  Nadeln  im  großen  dargestellt.
Malvenblätter  und  -blüten  (lat.  Herba  s.
Folia  malvae,  frz.  Feuilles  de  mauve,  engl.  Mallow
  leaves;  lat.'  Flores  malvae,  frz.  Fleurs  de
mauve,  engl.  Mallow  flowers).  I.  Die  getrockneten ­
  Blätter  und  Blüten  der  bei  uns  häufig
an  Zäunen,  Mauern,  auf  Schutthaufen  u.  dgl.
wachsenden  Arten  wilder  Malven  oder  Käsepappeln, ­
  Malva  silvestris  und  M.  rotundifolia
  aus  der  Gattung  der  Malvazeen.  Die
Blüten  der  ersteren  sind  rosa  oder  blaurot  gefärbt, ­
  mit  dunklerem  Geäder  durchzogen  und
beim  Trocknen  blau  werdend,  die  der  anderen,
kleineren,  rötlich  bis  weiß  und  violett  geadert.
Als  Handelsware  gehen  diese  Blüten  unter
dem  Namen  Flores  malvae  vulgaris  s.  silvestris. ­
  Die  Blätter  des  Malvenkrautes
(Herba  s.  Folia  malvae)  sind  kurzgestielt,  herzförmig, ­
  kreisrund,  stumpf  fünflappig,  gekerbt
und  weich  behaart.  Blätter  und  Blüten  werden
threr  Schleimbestandteile  wegen  zu  Teemischun-Sen
  und  im  Aufguß  bei  katarrhalischen  Leiden ­
  verwandt.  —  Von  größerer  Bedeutung
sind  2.  die  Blüten  der  Gartenmalve,  Eibisch
Pflanze  oder  Stockrose,  Althaea  rosea,
des  bekannten,  oft  mehr  als  mannshohen,  Ziergewächses, ­
  die  als  Flores  malvae  arboreae
c um  calycibus  oder  sine  calycibus  (mit  oder
°hne  Kelch)  in  den  Handel  kommen.  Die  großen ­
  Blumen  zeigen  verschiedene  Färbungen  von
r °sa,  weiß,  gelb,  purpur-  bis  dunkelbraunrot
oder  schwarzpurpur,  doch  wird  nur  die  letztere
Spielart,  die  schwarze  Malve,  benutzt  und
wegen  des  Farbstoffs  ihrer  Blüten  angebaut.  Mit
Abkochungen  der  entkelchten  Blüteri  lassen  sich
unter  Anwendung  von  Beizen  auf  Zeuge  hübsche,
aber  nicht  dauerhafte  Farben  in  violetten  und

anderen  Tönen  herstellen.  Auch  findet  die  weinrote ­
  Lösung,  die  mit  Alkalien  grün  wird,  zum
Färben  von  Wein,  .  Likören  und  Essig  ausgedehnte ­
  Anwendung.  Die  Blüten  der  Malven
mit  Kelchen  dienen  offizinell,  ihres  Gerbstoffgehalts ­
  halber,  als  schleimiges  und  zusammenziehendes ­
  Mittel  zu  Gurgelwasser,  erweichenden
Umschlägen,  Brusttee  u.  dgl.
Malz  (lat.  Maltum,  frz.  Malte  oder  Germöe.
engl.  Malt)  nennt  man  das  bis  zu  einer  gewissen
Entwicklung  gekeimte  Getreide,  besonders  Gerste.
Zu  seiner  Darstellung  wird  die  gereinigte  Gerste
zunächst  im  Quellstock  mit  Wasser  von  10  bis
12°  eingeweicht,  wobei  sie  etwa  so°/o  Wasser  aufnimmt, ­
  nach  mehrmaliger  Erneuerung  des  Wassers ­
  schließlich  auf  der  Malztenne  30—50  cm
hoch  aufgeschichtet  und  zur  Begünstigung  des
Luftzutritts  von  Zeit  zu  Zeit  umgeschaufelt.  Die
Körner  beginnen  zu  keimen,  und  unter  dem
Einfluß  der  entstehenden  Diastase  geht  die
Stärke  in  Dextrin  und  Maltose  über.  Sobald  der
Blattkeim  %—3/4  der  Kornlänge  erreicht  hat,
wird  der  Prozeß  unterbrochen  und  das  Grünmalz,
  das  40—50  0/0  Wasser  enthält,  auf  dem
Schwelkboden  bei  mittlerer  Temperatur  getrocknet. ­
  Das  entstehende  Luftmalz  enthält
noch  12  0/0  Wasser,  während  bei  allmählicher
Temperatursteigerung  auf  ioo°  das  Darrmalz
entsteht.  Noch  höheres  Erhitzen  auf  170—200 0
in  Rösttrommeln  liefert  das  Karamel  enthaltene
Farbmalz.  Gutes  Malz,  das  früher  von  den
Brauereien  selbst  hergestellt  wurde,  jetzt  aber  in
besonderen  Fabriken  erzeugt  wird,  soll  aus  ganzen, ­
  vollen,  runden  und  glatten  Körnern  bestehen, ­
  eine  dünne  Schale  und  angenehmen  aro :
malischen  Geruch  und  Geschmack  besitzen,  leicht
zerreiblich  sein  und  keine  gasigen  Körner  enthalten. ­
  Malz  bildet  das  Ausgangsmaterial  der
Bierbrauerei  und  dient  außerdem  zur  Herstellung
von  Kaffee-Ersatz  und  diätetischen  Mitteln.
Malzextrakt  wird  aus  wäßrigen  Malzauszügen
durch  Eindampfen  im  Vakuum  als  dunkelbrauner
Sirup,  oder  neuerdings  auch  in  fester  Form,  als
Pulver,  hergestellt  und  für  sich  allein  oder  in
Verbindung  mit  arzneilichen  Zusätzen  als  Nährund ­
  Kräftigungsmittel  verordnet.  Als  besonders
hervorragend  gelten  der  Malzextrakt  von  J.  Paul
Liebe,  Dr.  Athenstaedt  und  das  sog.  Maltyl
von  Gehe  &amp;amp;  Co.  A.-G.  in  Dresden.
Mammeyäpfel,  die  Früchte  eines  in  Westindien ­
  heimischen,  aber  auch  in  anderen  Troplengegenden
  angebauten,  Baumes  aus  der  Familie
der  Klusiazeen,  Mammea  americana.  haben
eine  gelbe  Farbe  und  einen  Durchmesser  bis  zu
20  cm  und  besitzen  ein  süßes,  gewürzhaft  schmekkendes
  Fleisch.  Man  genießt  sie  sowohl  roh  als
auch  in  Zucker  eingemacht.  Durch  Gärung  wird
aus  ihnen  ein  weinartiges  Getränk  (Mammeywein)
  und  durch  Destillation  der  wohlriechenden ­
  Blüten  mit  Weingeist  ein  beliebter  Likör,
das  Kreolenwasser  (Eau  de  creoles),  gewonnen.
Manchester  (frz.  Manchester,  Velours  color,
engl.  Furtion),  samtartige  Zeuge  aus  Baumwollgarn, ­
  die  als  Nachahmungen  des  eigentlichen
seidenen  Samts  (s.  d.)  wie  dieser  glatt  und  als
Köper  gewebt  sind,  haben  ihren  Namen  von  der
englischen  Stadt  Manchester,  wo  sie  zuerst  hergestellt ­
  wurden,  und  wo  noch  jetzt,  in  Stadt  und
Umgegend,  der  ,  Hauptsitz  der  M.-Weberei  ist.
        <pb n="267" />
        Mandarinen

262

Mandelöl,  fettes

In  England  heißen  derartige  Stoffe  meist  Velvets, ­
  Velverets  und  Velveteens,  Namen,  die
auch  bei  uns  üblich  geworden  sind  und  die  alte
Benennung  etwas  verdrängt  haben.  Samtmanchester
  nennt  man  die  schwersten  und  feinsten
Stoffe,  welche  den  echten  Samt  am  besten  nachahmen. ­
  Die  gangbarste  Farbe  ist  Schwarz,  doch
gibt  es  auch  anders  gefärbte  sowie  bedruckte
Sorten.  Ungerissene  Gewebe  dieser  Art,  bei
denen  die  Schlingen  des  Polfadens  nicht  aufgeschnitten
  sind,  und  die  also  keine  haarige
Oberfläche  haben,  bilden  eine  andere  Gattung
und  heißen  Satin,  Satinet  usw.  Die  unechten
Samte  werden  jetzt  in  Frankreich  und  Deutschland ­
  ebenfalls  hergestellt.
Mandarinen,  die  Früchte  von  Citrus  myrtifolia
  und  C.  chinensis,  sind  kleine  Pomeranzen, ­
  die  einen  angenehmen  süßen  Geschmack
haben.  Der  Baum  wächst  in  Italien,  Spanien,
Algier  und  China.  Mandarinenöl,  das  aus  den
Fruchtschalen  dieser  Früchte,  gewonnene  ätherische ­
  Öl,  riecht  dem  Pomeranzenöl  ähnlich.
Mandelkleie  (lat.  Farina  s.  Furfur  s.  Placenta
amygdalarum  amararum,  frz.  Son  d’amandes,
engl.  Eran  of  almonds)  nennt  man  die  nach  dem
Auspressen  des  fetten  Öles  bzw.  bei  der  Destillation ­
  des  bitteren  Mandelöls  und  bitteren ­
  Mandelwassers  verbleibenden  Rückstände, ­
  die  als  kosmetisches  Mittel,  zum  Waschen
gegen  Hautunreinlichkeiten,  zuweilen,  unter  Zusatz ­
  von  Sand,  als  Sandmandelkleie  Verwendung ­
  finden.  Einige  im  Handel  befindliche  Sorten ­
  sind  außerdem  noch  mit  zerkleinerter  Seife
vermischt.
Mandeln  (lat.  Amygdalae,  frz.  Amandes,  engl.
Almonds).  Der  Mandelbaum,  Amygdalus
communis,  welcher  s—To  m  hoch  wird  und  im
Freien  nur  bei  Weinklima  und  geschützt  gegen
rauhe  Nord-  und  Ostwinde  gezogen  werden  kann,
findet  sich  in  Asien,  in  den  Mittelmeerländern,
in  Deutschland  südlich  des  Mains,  besonders
aber  im  Rheintal,  an  der  Bergstraße  und  in  der
Pfalz.  Die  schön  rötlichen  Blüten  erscheinen
im  ersten  Frühling,  die  Reifezeit  ist  im  August
und  September.  Die  Zwerg-  oder  Strauchmandel, ­
  Amygdalus  nana,  eine  Zierpflanze,
die  noch  bis  Livland  gedeiht,  trägt  ungenießbare
Früchte,  die  jedoch  in  Rußland  an  Stelle  der
bitterer!  Mandeln  benutzt  werden.  —  Die  Mandel
ist  eine  Steinfrucht  und  enthält  in  einer  hart
fleischigen,  aufspringenden  Fruchtschale  die  von
der  Steinschale  umhüllten  Samen.  Eine  Abart
mit  besonders  leicht  zerbrechlicher  Schale  wird
als  Krach-  oder  Knackmandel,  A.  fragilis,
bezeichnet.  Die  Mandeln  kommen  sowohl  mit
süßen  als  mit  bitteren  Samen  vor,  ohne  daß  man
diesen  Unterschied  an  dem  Aussehen  der  Bäume
oder  der  Früchte  zu  erkennen  vermöchte.  -—  Die
süßen  M.  (A.  dulces)  enthalten  45—55  °/o  fettes
Öl,  20—25  °/o  Stickstoffsubstanz  (Konglutin  und
Emulsin),  13%  stickstofffreie  Extraktstoffe  (Zukker
  und  Gummi)  und  3—s  %  Mineralstoffe.  Sie
besitzen  einen  süßen,  schleimigen  und  angenehm
öligen  Geschmack,  der  am  feinsten  nach  der  Entfernung ­
  der  gelbbraunen,  sehr  gerbstoffreichen
Haut  hervortritt.  —  Die  bitteren  M.  (A.  amarae)
  unterscheiden  sich  von  den  süßen  M.  bei
sonst  übereinstimmender  Zusammensetzung  durch
ihren  Gehalt  an  Amygdalin  (2,5—4%),  einem

Glykoside,  das  beim  Zerreiben  mit  Wasser  unter
der  Einwirkung  des  ebenfalls  in  den  Mandeln
enthaltenen  Enzyms  (Emulsin)  in  Blausäure,
Bittermandelöl  und  Zucker  zerfällt.  Wegen  der
entstehenden  Blausäure  sind  bittere  Mandeln,  in
größeren  Mengen  genossen,  gesundheitsschädlich
und  für  kleinere  Tiere,  z.  B.  Papageien,  sogar
tödlich.  —  Als  Verfälschung  der  M.  sind  Zusätze ­
  der  Kerne  von  Amygdalus  nana  sowie  von
Pfirsichen  und  Aprikosen  beobachtet  worden.
Die  süßen  Mandeln  werden  als  Dessertfrucht,  zu
Backwerk  und  Konditoreiwaren,  zur  Pierstellung
von  Marzipan,  Mandelöl  (s.  d.)  und  Mandelmilch
verwendet.  Die  bitteren  M.  dienen  ebenfalls  zur
Gewinnung  des  fetten  Öles,  ferner  des  Bittermandelöls, ­
  des  'Bittermandelwassers  und  des
Amygdalins,  Der  nach  dem  Auspressen  des  fetten
Öles  bzw.  dem  Abdestillieren  des  ätherischen
bitteren  Mandelöles  und  Wassers  verbleibende
Rückstand  gibt  die  Mandelkleie  (s.  d.).  —  Die
besten  Handelssorten  der  Mandeln  kommen  aus
Malaga,  danach  aus  Majorka,  Alikante  und  Valenzia
  in  Spanien.  Krachmandeln  stammen  aus
Malaga,  Frankreich  liefert  süße  und  bittere  Provencer-M.
  von  kürzerer,  dickerer  Form  tjnd
mittlerer  Güte  (Ambrosiamandeln,  Abalan);
ferner  Comtatsche  M.  in  eirunden  Körben,  M.
von  Languedoc,  Molarissen  und  Mollisse  oder
Sottole  (frz.  amandes  aux  dames,  a.  en  coques,
a.  en  coquilles,  a.  ä  craquum).  Italien  führt  über
Lari,  Palermo  und  Messina  die  drei  Sorten:  Bischellia
  (Prima),  Andrea  (Sekunda)  und  Bari  aus,
ferner  von  Sizilien:  Avola  (la),  Masculi  (Ila),
Palma  et  Girgenti  (die  geringsten).  Die  berberischen
  Barbanisse  werden  wenig  geschätzt.
Neuerdings  kommen  auch  aus  Mogador  M.  in
den  Handel.  Gute  M.  sollen  rein,  unversehrt,
nicht  angefressen  und  mit  hellgelber  glatter  Haut
ohne  Runzeln  bedeckt  sein.  Sie  dürfen  keine  zerbrochenen ­
  oder  geborstenen  Stücke  enthalten
und  keinen  ranzigen  Geschmack  besitzen.  Fehlerhaft ­
  sind  M.  mit  weißer  oder  schwärzlicher  Haut,
geborstene,  zähe  oder  durch  Erhitzung  verdorbene
M.  —  Als  Mandelersatz  werden  Aprikosen-  und
Pfirsichkerne,  Erdnüsse  u.dgl.  bezeichnet  (s.  Marzipan). ­

Mandelöl,  fettes  (lat.  Oleum  amygdalarum
dulce  expressum,  frz.  Huile  d’amandes,  engl.  Almonds ­
  oil)  wird  in  der  Weise  gewonnen,  daß
man  die  zerriebenen  süßen  M.  bei  mittlerer,  nicht
über  30 0  steigender  Temperatur  auspreßt  und
nach  mehrtägigem  Stehen  in  trockene  braune
Flaschen  abfüllt.  Geringere  Mengen  erhält  man
auch  durch  vorheriges  Auspressen  der  zur  Destillation ­
  des  Bittermandelwassers  bestimmten  bitteren ­
  Mandeln.  Die  Ausbeute  beträgt  aus  bitteren
Mandeln  bis  zu  36%,  aus  süßen  bis  so  0/0  Öl.
Das  M.  ist  völlig  klar,  blaßgelblich,  dünnflüssig
und  von  mildem,  reinem  Geschmack.  Es  trocknet
nicht  an  der  Luft,  besitzt  das  spez.  Gew.  0,917
bis  0,920,  die  Verseifungszahl  196  und  die  Jodzahl ­
  85—96  und  ist  in  60  T.  absolutem  Alkohol
löslich.  Bei  -—  t6°  wird  es  weiß  getrübt  und  erstarrt ­
  bei  —  20°.  Zum  Nachweis  der  zahlreichen
Verfälschungen  mit  Aprikosenkern-,  Pfirsichkern- ­
  und  anderem  fetten  Öl  kann  u.  a.  die  Elaidinprobe
  (s.  Öle)  herangezogen  werden,  welche  bei
reinem  M.  nach  10—12  Stunden  eine  völlig  weiße
und  feste  Schicht,  bei  den  meisten  anderen  ölen
        <pb n="268" />
        263

Mangostanen

Mangan

■hingegen  rötliche  bis  bräunliche  Färbungen  liefert. ­
  Zusätze  von  Aprikosen-  und  Pfirsichkernöl
erkennt  man  daran,  daß  beim  Schütteln  gleicher
Teile  Öl,  Salpetersäure  (1,40)  und  gesättigter  Resorzinlösung ­
  in  Benzol  eine  purpurviolette  Färbung ­
  auftritt  (Belliers  Reaktion).  Nimmt  man
statt  Resorzin  eine  i°/oige  ätherische  Phlorogluzinlösung, ­
  so  färbt  sich  das  Öl  kirschrot  (Kreis).
M.  wird  in  der  Medizin  zur  Herstellung  vonEmuIsionen,
  Salben,  Einreibungen  und  kosmetischen
Mitteln  benutzt.
Mangan  (Manganesium),  ein  Metall  der
Eisengruppe,  Mn  =  55,  kommt  nur  in  einigen
Meteöreisen  in  freiem  Zustande  vor,  ist  aber  in
Form  seiner  Verbindungen  außerordentlich  verbreitet. ­
  Es  findet  sich  vor  allem  im  Braunstein
und  anderen  Manganerzen  und  bildet  einen  normalen ­
  Bestandteil  des  pflanzlichen  und  tierischen
Organismus.  Zur  Darstellung  des  M.  wird  entweder ­
  Braunstein  mit  Kohle,  oder  Fluormangan
mit  Natrium  reduziert,  oder  man  zerlegt  Manganchlorürlösung
  durch  Elektrolyse.  Das  wichtigste
Verfahren  dürfte  zurzeit  die  Reduktion  von  Manganoxydul
  mit  Aluminiumpulver  nach  der  Goldschmidtschen
  Aluminothermie  sein.  Das
Metall  besitzt  einen  weißgrauen,  ins  Rötliche
spielenden  Glanz,  ist  politurfähig,  sehr  spröde
und  so  hart,  daß  es  Glas  und  Stahl  ritzt.  Sein
spez.  Gew.  liegt  zwischen  7,2  und  8,  sein  Schmelzpunkt ­
  bei  etwa  1300 0 .  Beim  Erhitzen  an  der  Luft
läuft  es  mit  ähnlichen  Farben  wie  der  Stahl  an,
hält  sich  aber  bei  gewöhnlicher  Temperatur
ziemlich  lange  blank.  An  feuchter  Luft  oxydiert
es  sich  und  wird  durch  Säuren  gelöst.  Im  Gegensatz ­
  zum  Eisen  wird  es  vom  Magneten  nicht  angezogen. ­
  In  Form  seiner  Legierungen  besitzt
das  M.  ungeheure  technische  Bedeutung.  Im
größten  Maßstabe  wird  besonders  ein  sehr  manganreiches
  Roheisen  (Ferromangan)  mit  7o°/o
M.  hergestellt,  das  zur  Fabrikation  harter  Stahlsorten, ­
  Manganstahl,  benutzt  wird.  Mit  Kupfer
und  Zink  bildet  M.  eine  ganze  Reihe  von  Manganbronzen,
  welche  sich  zu  Blech  auswalzen
und  zu  Draht  ziehen  lassen.  Manganin  ist  eine
zu  elektrischen  Widerständen  benutzte  Legierung
^on  84  T.  Kupfer,  12  T.  Mangan  und  4  T.  Nickel.
Abhängigkeit  der  deutschen  Industrie  von
uen  ausländischen,  besonders  den  nordamerikani-Sc
 hen  Manganlieferanten,  machte  sich  im  Kriege
empfindlich  fühlbar.  Man  hat  aber  jm  Waldeck-?
 c hen  bei  der  Eisenbahnstation  Eimelrod  sowie
’n  Belgisch-Luxemburg  größere  Mengen  hochprozentiger ­
  Manganerze  entdeckt.  Auch  sind  die
bei  der  Verhüttung  des  SLgerländer  Eisensteins
e ntfalienden  manganreichen  Hochofenschlacken
but  Erfolg  aufgearbeitet  worden,  und  schließlich
bat  auch  der  Abwasserschlamm  crenothrixhaltiger
Wasserleitungen  Verwendung  gefunden.  Im
frieden  wird  Deutschland  auf  das  Kaukasusvorhornmen
  zurückgreifen,  das  370/0  derWcltprodukbon
  liefert.  Daneben  rechnen  die  Amerikaner
bamit,  daß  an  Stelle  des  Manganstahls  Siliziüm-■^mniinium-
  und  Kalzium-Silizium-Stahl  her-Sestelit
  werden  wird.

Manganazetat  (Essigsaures  Manganoxym
 u L  lat.;  Manganum  aceticupi,  fr?-  Acetate  de
|v a bgancse,  engl.  Acetate  of  manganese),  Mn(G 2 .
2)2,  entsteht  beim  Auflösen  von  Manganoxyu
 *  QderMangankarbonat  in  Essigsäure  oder  durch

Fällung  von  Manga'nosulfat  mit  Kalziumazetat
oder  Bleizucker  als  ein  rötliches,  in  Wasser  und
Alkohol  lösliches  Kristallpulver.  Man  benutzt  es
in  der  Färberei  und  Druckerei  zur  Herstellung
brauner  Farben,  indem  man  die  damit  getränkten ­
  oder  bedruckten  Zeuge  durch  eine  Lösung
von  Chlorkalk  zieht,  wobei  sich  Manganoxyd
hydrat  auf  der  Faser  niederschlägt.
Manganborat  (borsaures  Manganoxydul,
lat.  Manganum  boracicum,  frz.  Borate  de  manganese, ­
  engl,  Borate  of  manganese),  MnB 4 (D 7 ,
wird  durch  Einwirkung  .  von  Boraxlösung  auf
Manganoxydulsalze  dargestellt  und  liefert  ebenso
wie  das  harzsaure,  ölsaure  und  oxalsaure
M.  vortreffliche  Sikkative.
Manganbraun  (Manganbister)  nennt  man
eine  Farbe,  welche  durch  Erhitzen  von  Mangankarbonat
  oder  durch  Fällung  von  Manganchlorürlösung
  mit  Natronlösung  dargestellt  wird.  Der
zuerst  ausfallende  weiße  Niederschlag  nimmt  an
der  Luft  durch  Sauerstoffaufnahme  bald  eine
braune  Farbe  an.
Manganchloriir  (lat.  Manganum  chloratum,
frz.  Chlorure  de  manganöse,  engl.  Chloride  öf
manganese),  MnCl 2 ,  entsteht  bei  der  Behandlung
von  Braunstein  mit  Salzsäure  und  findet  sich
demnach  in  den  Mutterlaugen  der  Chlorkalkbereitung. ­
  Es  ist  ein  hellrötliches  Kristallpulver, ­
  welches  als  Beize  in  der  Färberei,  als
Ausgangsmaterial  für  die  übrigen,  Manganyerbindungen
  und  in  der  Medizin  gegen  Bleichsucht
und  Ausschlag,  als  Mund-  und  Gurgelwasser
benutzt  wird.
Mangankarbonat  (kohlensaures  Manganoxydul, ­
  lat.  Manganum  carbonicum,  frz.  Car
bonate  de  manganese,  engl.  Carbonate  of  manganese) ­
  findet  sich  fertig  gebildet  in  der  Natur
meist  in  isomorpher  Mischung  mit  Eisen-  oder
Magnesiumkarbonat  als  Manganspat  und  kann
außerdem  als  Nebenprodukt  bei  den  Gasanstalten ­
  erhalten  werden,  wenn  man  das  Gaswasser
mit  den  Abfalllaugen  der  Chlorkalkdarstellung
vermischt.  In  reinstem  Zustande  entsteht  es
durch  Fällung  von  Mangansulfatlösung  mit  Soda
und  Trocknen  des  Niederschlages  bei  gelinder
Wärme  als  ein  hellfleischfarbenes,  in  Wasser
unlösliches  Pulver  von  der  Formel  MnCO a .  M.
findet  in  der  Medizin  gegen  Bleichsucht  und
Blutarmut  sowie  zur  plerstellung  anderer  Manganpräparate
  Anwendung.  Die  wichtigsten  der-,
selben  sind  zitronensaures,  milchsauies  und
salizyIsaures  M.  sowie  Verbindungen  mit  Eiweiß, ­
  Pepton,  Zucker  u.  dgl,
Mangansulfat  (schwefelsaures  Manganoxydul, ­
  M.-Vitriol,  lat.  Manganum  sulfuricum,
  frz.  Sulfate  de  manganese,  engl.  Sulfate  of
manganese)  wird  durch  Auflösen  von  M.-Karbonat ­
  mit  verdünnter  Schwefelsäure  und  durch
Erhitzen  von  Braunstein  mit  konz.  Schwefelsäure ­
  oder  Eisenvitriol  dargestellt  als  ein  mit
vier  Molekülen  Wasser  kristallisierendes  Salz  von
der  Formel  MnSÖ 4  -)-  4H 2 0.  Seine  Verwendung
ist  derjenigen  des  Chlorürs  analog.
Mangostanen  (Mangofrüchte,  Mango
pflaumen)  sind  die  Früchte  eines  in  Hinterindien ­
  und  auf  den  Inseln  des  Indischen  Ar
chipeis  heimischen  und  vielfach  angebauten  Bau
mes,  Garcinia  Mangostana  s.  Mangifera
indica.  Sie  haben  die  Größe  eines  Gänseeis,
        <pb n="269" />
        Mangostin'

264

Mannit

i

eine  orangegejbe  Farbe  und  einen  aromatischen
Geruch  und  Geschmack  und  bilden  eine  wertvolle ­
  Obstart  der  Tropen,  haben  aber  bei  uns
wegen  ihres  schwachen  Terpentingeschmacks  bis
jetzt  nur  wenig  Anklang  gefunden.  Die  Früchte
der  zahlreichen  Spie.aneu  des  Baumes  werden
im  Ursprungslande  zur  Herstellung  von  Alkohol
und  von  einem  weinartigen  Getränk  benutzt.
Die  Samen  und  die  Fruchtschale  müssen  hierzu
entfernt  werden,  weil  sie  infolge  etnes  Gehaltes
an  Mangostin  (s.  d.)  bitter  schmecken.  Die
Rinde  läßt  freiwillig  ein  gelbes  Harz,  das
Mangostanharz,  austreten  und  wird  in  Indien
als  Heilmittel  gegen  Dysenterie  benutzt.
Mangostin,  der  Bitterstoff  der  Mangostanen,
  wird  durch  Extraktion  der  zerk  enterten ­
  Fruchtschalen  mit  heißem  Alkohol  gewonnen
und  bildet  gelbe,  bei  173 0  schmelzende  Kristallblättchen. ­

Manilahanf  (Abaca,  frz.  Chanvre  de  manille,
engl.  Siam  hemp)  besteht  aus  den  Fasern  der
scheidenartigen  Blattstiele  mehrerer  Arten  Pisang
  oder  Banane  (Musa),  besonders  des  sog.
Affenpisang,  der  deshalb  auch  in  der  Botanik
als  Musa  textilis  (Gewebepisang)  aufgefühtt
wird.  Die  Pflanze  ist  auf  mehreren  indischen
Inseln,  namentlich  auf  den  Philippinen  und  Mo
lukken,  heimisch  und  wird  auf  Luzon  und  einigen
anderen  Inseln  der  ersteren  Gruppe  im  großen
angebaut.  Die  abgehauenen  Stämme  weiden
nach  Entfernung  der  Blätter  frisch  geschabt,
bis  die  Fasern  Zurückbleiben,  und  letztere  gleich
in  zwei  Sorten  geschieden,  nämlich  stärkere  von
den  äußeren  Teilen  des  Stammes,  die  zu  Tauwerk
dienen,  und  schwächere  aus  den  inneren  Schichten, ­
  die  zu  feineren  Arbeiten  bestimmt  sind.
Aus  letzteren  fertigen  die  Eingeborenen  Kleiderstoffe. ­
  Die  Faser  hat  den  Vorzug  außerordentlicher ­
  Zähigkeit,  Dauer  und  Leichtigkeit  und
übertrifft  in  dieser  Hinsicht  selbst  Hanf  bei
weitem.  Manilataue  und  -seile  kommen  daher
im  Seewesen  immer  mehr  in  Aufnahme,  und  ihre
Ausfuhr  ist  im  beständigen  Wachsen  begriffen.
Die  Fasern  sind  etwa  2  m  lang,  teils  weiß,
teils  bräunlichgelb,  öfter  noch  zu  schmalen  Baststreifen ­
  vereinigt  und  daher  noch  klar  zu  hecheln.
Die  weißen,  zu  feineren  Arbeiten  tauglichen
Fasern  bilden  immer  nur  Vs—Vs  der  Masse,  das
übrige  ist  Material  für  den  Seiler.  Aus  den
•besten  und  glänzendsten  Fasern  fertigt  man
Klingelzüge,  Gürtel,  Arbeitsbeutel  und  andere
geflochtene  Gegenstände,  Schnüre  u.  dgl.
Manna  (lat.  Manna,  frz.  Mannö,  engl.  Manna)
nennt  man  den  an  der  Luft  getrockneten  Saft
der  Mannaesche  (Fraxinus  Ornus),  eines
Baumes,  der  6—9  m  Höhe  erreicht  und  in  ganz
Südeuropa  vorkommt,  aber  als  Wildbaum  zur
Mannagewinnung  nicht  tauglich  ist.  Vielmehr
liefern  nur  einige  Spielarten  Manna,  und  es  gibt
sonach  keine  Mannawälder,  sondern  nur  Pflanzungen. ­
  Am  ausgedehntesten  finden  sich  die  letzteren ­
  in  einigen  Gegenden  Siziliens  und  auf  der
Ostseite  von  Kalabrien,  ferner  im  ehemaligen
Toskana,  in  Dalmatien  und  auf  mehreren  griechischen ­
  Inseln.  Der  Baum  läßt  seinen  Zuckersaft ­
  aus  dem  Stamme  teils  freiwillig,  teils  durch
künstliche  Einschnitte  tropfenweise  austreten.
Man  beginnt  mit  der  Gewinnung  in  der  trockenen ­
  Jahreszeit,  gewöhnlich  Anfang  Juli,  indem

man  die  Schnitte  zuerst  nahe  am  Boden  macht
und  dann  allmählich  weiter  nach  oben  vorrückt.
In  den  Spalt  befestigt  man  einen  Strohhalm  oder
ein  Blatt,  worauf  der  Saft  eintrocknet  oder  auf
Blätter  abtropft,  die  am  Fuße  des  Baumes  in
einer  dazu  gemachten  Grube  ausgebreitet  sind.
Die  aus  dem  unteren  Stammteil  oder  von  älteren
Bäumen  erhaltene  Masse  ist  von  geringerer
Güte  als  die  von  den  oberen  Teilen  und  von
jungen  Bäumen.  Zu  einer  guten  Ernte  gehört
anhaltend  trockenes,  helles  Wetter,  denn  Nebel
und  Regen  machen  die  M.  unbrauchbar,  und  es
genügt  ein  Tag  starken  Regens,  um  die  ganze
Ernte  zu  vereiteln.  Die  Ware  best  ht,  abgesehen
von  der  im  Handel  selten  vorkommenden  M.
in  Tränen  (M.  in  lacrymis',  aus  zwei  äußerlich
verschiedenen  Sorten,  Röhrenmanna  (M.  canellata)
  und  gemeine  M.  (M.  gerace  seu  in  sortis, ­
  häufig  auch  M.  calabrina  genannt,  obschon
sie  meistenteils  aus  Sizilien  kommt).  Die  Röhrenmanna ­
  besteht  aus  langen  flachen  oder
rinnenförmigen,  dünnen  Stückchen  von  weißgelblicher ­
  Farbe,  welche  mürbe,  brüchig,  ziemlich ­
  trocken  und  etwas  durchscheinend  sind
und  einen  rein  süßen,  schleimigen  Geschmack
haben.  Sie  ist  die  von  jungen  Bäumen  und  aus
den  höheren  Stammteilen  gesammelte  Ware,
welche  bei  günstigem  Wetter  rasch  auf  Blättern
und  Zweigen  eingetrocknet  ist,  wird  von  diesen
abgenommen  und  nachgetrocknet.  Die  gemeine
M.,  die  von  alten  Stämmen  und  in  der  Erdnähe ­
  gewonnen  und  auch  von  Luftfeuchtigkeit
beeinflußt  ist,  besteht  aus  braunen,  ziemlich
feuchten,  helleren  und  härteren  Klümpchen,  die
von  einer  dunkleren,  schmierigen  Masse  zusammengehalten ­
  werden  und  häufig  Rindenstückchen ­
  umschließen.  —  Die  wichtigsten  Bestandteile ­
  der  M.  sind  Mannit,  Glukose  und
Schleim.  Die  Röhrenmanna  schmeckt  angenehm
süßlich,  “während  die  gemeine  M.  etwas  kratzend
und  bitter  schmeckt,  beide  wirken  abführend.
—  Mit  dem  Namen  Manna  belegt  man  auch
noch  verschiedene  andere  getrocknete  Säfte,  die
keine  Handelswaren  sind  und  nur  zum  Teil
Mannit,  zum  Teil  auch  andere  Zuckerarten  enthalten, ­
  z.  B.  Brianc,oner  M„  von  einer  Art
Lärche  (Larix  decidua),  spanische  M.  von  Cistus
ladanifera,  persische  von  Hedysarum  Alhagi
und  australische  von  Eucalyptus  mannifera.
Mannagrütze  (Schwaden,  Schwadengrütze). ­
  Diesen  Namen  tünren  d.e  Samen  einer
Grasart,  Glyceria  flüitans  (Mannaschwingel, ­
  Flutgras,  Grashirse,  H  orischengras),.
welche  in  der  Gegend  von  Königsberg,  Danzig
und  Elbing  ähnlich  wie  Hirse  zubereitet  und
genossen  werden.  Das  Gras  wird  nicht  angebaut,
sondern  wächst  in  den  feuchten  Niederungen
massenhaft  wild.  Die  durch  Ausschütteln  auf
untergelegten  Tüchern  gesammelten  Samen  sind
noch  kleiner  als  Hirse  und  haben,  nach  Entfernung ­
  der  braunen  Hülsen,  eine  hellgelbe,  der
Hirse  ähnliche  Farbe.
Mannit  (Mannazucker)  ist  eine  im  Pflanzenreiche ­
  sehr  verbreitete  zuckerähnliche  Verbindung, ­
  die  jedoch  in  größerer  Menge  nur  in  der
Manna  vorkommt  (in  den  besten  Sorten  bis  ztf
go°/o)  und  aus  ihr  durch  Auskochen  mit  Alkohol ­
  und  nachfolgende  Kristallisation  dargestellt  |
wird.  Er  erscheint  dann  in  weißen,  geruchlosen  \
        <pb n="270" />
        Mannozitin

265

Margarine

Kristallen  von  süßem  Geschmack,  die  sich  leicht
in  siedendem  Wasser  und  Alkohol  sowie  in
6V2  Teilen  kaltem  Wasser,  aber  nicht  in  Äther
lösen.  In  chemischer  Hinsicht  ist  M.  ein  sechsatomiger
  Alkohol  mit  gerader  Kohlenstoffkette
C 6 H u O s  und  geht  nach  vorherigem  Schmelzen
bei  166 0 ,  bei  weiterem  Erhitzen  auf  200 0  in  sein
Anhydrid  Mannitan,  C 6 H 12 0 6 ,  über.  Er  ist
nicht  gärungsfähig.  M.  kann  auch  künstlich  hergestellt ­
  werden  und  findet  als  Abführmittel  und
als  Zuckerersatz  für  Diabetiker  Anwendung.
Mannozitin  nennt  man  eine  Mischung  von
Wollfett  mit  Kampferöl,  welche  als  Rostschutzmittel ­
  Verwendung  findet.
Maräne  (nicht  zu  verwechseln  mit  der
Muräne),  ein  zu  der  Familie  der  Lachse  gehöriger ­
  Fisch,  von  dem  man  mehrere  Arten
unterscheidet.  Die  gewöhnliche  oder  große
M.  (Madue-M.,  Coregonus  Maraena)  lebt
in  sehr  tiefen  Landseen,  namentlich  im  Bodensee ­
  und  einigen  norddeutschen  Seen  und  wird
auch  in  den  großen  Süßwasserseen  Nordamerikas ­
  mit  gutem  Erfolge  künstlich  gezogen.  Der
Fisch,  der  nur  zur  Laichzeit  aus  der  Tiefe  in
seichte  Stellen  kommt,  hat  ein  sehr  schmackhaftes, ­
  wennschon  wenig  haltbares  Fleisch  und
wird  sowohl  frisch  wie  gesalzen  und  geräuchert
in  den  Handel  gebracht.  Die  M.  wird  bis  i  m
lang  und  soll  unter  40  cm  Länge  nicht  verkauft
werden.—  Die  kleine  M.  (Coregonus  albula),
■ein  außerordentlich  schmackhafter  Fisch,  lebt
wie  die  große  M.  nur  in  den  Tiefen  der  Seen,
namentlich  in  denen  Mecklenburgs,  Pommerns,
Ostpreußens  und  Polens  und  soll  nicht  unter
15  cm  Länge  verkauft  werden.  Andere  weniger
bekannte  Arten  sind:  die  Bodenrenke  (Stündling,
  Coregonus  fera),  der  Kilch  (Kirchfisch,
  Kröpfling,  Coregonus  hiemalis)  und
die  Rheinanke  (Schnäpel,  Coregonus  oxyrhynchus).

Maraschino  heißt  ein  feiner  dalmatinischer
Likör,  zu  dessen  Herstellung  die  an  verschiedenen ­
  Orten  Dalmatiens  angebauten  Marasken,
eine  besondere  Art  saurer  Kirschen  (Prunus  mahaleb),
  dienen.  Die  Früchte  werden  zu  einem
genau  einzuhaltenden  Zeitpunkte  der  Halbreife
gepflückt,  durch  schnellsegelnde  Boote  nach
Zara.  dem  Hauptsitz  der  Verarbeitung,  gebracht
und  sofort  entkernt,  da  für  den  eigentlichen  M.
nur  das  Fruchtfleisch  benutzt  wird.  Unter  Mitbenutzung ­
  der  Kerne  erhält  man  eine  andere,
weniger  bekannte  Sorte,  den  Rosoglio  di  ossa
di  Marasche.  Das  Fruchtfleisch  wird  einer
mehrtägigen  Gärung  in  Bottichen  überlassen,
die  erhaltene  Flüssigkeit  mit  einer  gewissen
Menge  zerstampfter,  sauberer  Blätter  vom  Maraskenbaume
  gemischt,  welche  zur  Aromatisierung ­
  des  Getränks  nötig  sein  sollen,  dann  mit
10  o/o  Traubenwein  versetzt,  und  der  Rosoglio  abdestilliert. ­
  Das  Destillat  wird  mit  feinem  Zucker
gesüßt,  durch  Baumwolle  filtriert  und  in  die  mit
Schilfgeflecht  umgebenen  Fläschchen  gefüllt,  in
denen  es  im  Handel  erscheint.  Alle  Einzelheiten
der  Darstellung  werden  als  Geschäftsgeheimnisse
sorgfältig  gehütet.  Die  berühmteste  Fabrik  ist
die  von  Drioli,  doch  werden  auch  die  Erzeugnisse
von  Galigarich  und  Luxardo  sowie  einige  österreichische ­
  als  vortreffliche  anerkannt.

Marderfelle.  Die  Felle  der  Marder,  von
denen  besonders  die  in  ganz  Europa  und  Asien
lebenden  Edel-  oder  Baummarder  (Mustela
martes)  und  die  Stein-  oder  Hausmarder  (M.
foina)  für  den  Handel  in  Betracht  kommen,  gehören ­
  gleich  denen  des  nahe  verwandten  Zobels
dem  edleren  Pelzwerk  an.  Wie  alle  Pelztiere
zeigen  auch  die  Marder  einen  der  Jahreszeit  entsprechenden ­
  Haarwechsel  und  ihr  Pelz  hat  daher
nur  im  Winter  vollen  Wert.  Das  Fell  des
Edelmarders  zeigt  ein  helleres  oder  dunkleres ­
  Braun  und  wird  um  so  höher  geschätzt,
je  dunkler  es  aussieht,  weil  es  dadurch  dem
Zobel  ähnlicher  wird.  Die  Kehle  ist  dottergelb,
die  Farbe  der  Beine  und  des  Schwanzes  schwärzlich. ­
  Die  Länge  ohne  den  24  cm  langen  Schwanz
beträgt  43  cm.  Die  schönsten  Edelmarder  liefert
Norwegen,  die  nächstbesten  Schottland  und  danach ­
  kommen  die  Schweiz,  bayrische  Hochebene,,
Tatarei,  Rußland,  Türkei  und  Ungarn.  Dunkle
Pelze  werden  oft  ohne  weiteres,  hellere  nach
entsprechender  Auffärbung  als  Zobel  verkauft.
Die  viel  häufigeren  Steinmarderfelle,  die
gewöhnlich  in  Bündeln  von  40  Stück  auf  den
Markt  kommen,  haben  eine  hellere  rötlkhbraune
Färbung  mit  aschgrauem  Flaumhaar,  weißer
Kehle,  kastanienbraunem  Kopf.  Die  Länge  des
Körpers,,  und  Schwanzes  ist  etwas  geringer,  das
Haar  gröber  als  beim  vorigen.  Die  schönsten
und  größten  Steinmarder  kommen  aus  Ungarn
und  der  Türkei,  doch  bringen  auch  Rußland
(Polen)  und  Deutschland  große  Mengen  in  den
Handel.  Wie  die  Edelmarder,  werden  auch
Steinmarderfelle  zu  Zobel  vorgerichlet;  auch
kommen  sie  bisweilen  ohne  Schwanz  und  Beine,
die  für  sich  verwertet  werden,  zum  Verkauf.  Die
Marderfelle  liefern  ein  warmes,  leichtes  und  angenehmes ­
  Pelzwerk,  das  besonders  von  den
Russen  geschätzt  wird.  Von  verwandten  Pelztieren ­
  sind  noch  der  amerikanische  Zobel
(s.  d.)  und  der  tatarische  oder  sibirische
Feuermarder  (M.  sibirica)  anzuführen.  Die
gelbrötlichen,  unterseits  helleren  Felle  werden
unter  dem  Namen  Kalinken,  Kalinsky,  Kulonki
oder  Kulor  gehandelt.
Margarine  ist  das  bekannteste  Butterersatzmittel, ­
  welches  auf  Anregung  Napoleons  III.
von  Möge-Mouriös  erfunden  wurde,  um  für
die  französische  Marine  ein  haltbares,  nicht  ranzig ­
  werdendes  Speisefett  zu  schaffen.  Es  wurde
ursprünglich  in  der  Weise  hergestellt,  daß  man
durch  Auspressen  von  den  schwerer  schmelzbaren ­
  Anteilen  befreiten  Rindertalg,  sog.  Oleomargarin,
  mit  Milch  und  Wasser  zu  einer
milchähnlichen  Emulsion  vermischte  und  letztere
dann  genau  wie  bei  der  Butterbereitung  weiter
verarbeitete.  In  neuerer  Zeit  wird  an  Stelle  des
reinen  Oleomargarins  meist  ein  Gemisch  des
letzteren  mit  den  verschiedensten  anderen  Fetten:
Schweineschmalz,  Kokosfett,  Baumwollsämenöl,
Erdnußöl  und  Sesamöl  in  wechselnden  Mengenverhältnissen ­
  als  Ausgangsstoff  benutzt  und,  wie
die  meiste  Butter  auch,  künstlich  gelb  gefärbt.
Von  größter  Bedeutung  für  die  Margarinefabrikation ­
  ist  das  Verfahren  der  Fetthärtung,  das  die
Umwandlung  der  flüssigen  Öle  und  selbst  der
Trane  in  feste  genußfähige  Speis.fette  ermöglicht. ­
  Um  ihren  Erzeugnissen  die  übrigen  Eigenschaften ­
  der  Naturbutter  zu  verleihen,  welche
        <pb n="271" />
        Margarine

266

Marmeladen

sich  bekanntlich  beim  Erhitzen  bräunt  und  nicht
spritzt,  haben  die  Fabriken  mannigfache  Zusätze,
wie  Zucker,  Eigelb  oder  Lezithin,  versucht,  über
deren  Wirksamkeit  ein  abschließendes  Urteil
noch  nicht  gefällt  werden  kann.  Ein  Erzeugnis,
bei  dessen  Herstellung  die  Kuhmilch  durch
Mandelmilch  ersetzt  ist,  kommt  unter  dem  Namen
„Sana“  in  den  Verkehr.  Die  in  normaler  Weise
bereitete  M.  stellt  zweifellos  ein  völlig  einwandfreies, ­
  billiges  Volksnahrungsmittel  dar.  Die
mehrfach  aufgestellte  Behauptung  von  der  Ver- :
wendung  verdorbener  Ausgangsmaterialien  hat
sich  meist  als  unbegründet  herausgestellt,  und
auch  in  bezug  auf  die  Verdaulichkeit  ist  sie  der
Butter  völlig  gleichwertig.  Die  in  einem  Falle
beobachtete  Verarbeitung  des  giftigen,  aus  Hydnokarpusarten
  gewonnenen  Marattifettes  {Kardamonfett, ­
  Chaulmograsöl  u.  a.)  ist  durch  Verurteilung ­
  des  Fabrikanten  (Backa-Prozeß)  alsbald
unterbunden  worden.  —  Wenn  trotzdem  der
Verkehr  mit  Butter  und  Margarine  durch  ein  be-:
sonderes  Gesetz  geregelt  wurde,  so  war  hierfür;
hauptsächlich  das  Verlangen  der  Landwirtschaft
nach  einem  Schutze  ihrer  Naturbutter  maßgebend, ­
  da  die  Margarine  zur  Verfälschung  der
letzteren  außerordentlich  geeignet  ist  und  in
Gemischen  nur  schwer  nachgewiesen  werden
kann.  —  Das  Gesetz  vom  15.  VII.  1897,  das  sog.
Margarinegesetz,  bestimmt  zunächst,  daß  die
Verkaufsräume,  die  Gefäße  und  Umhüllungen
durch  die  Inschrift  „Margarine“,  letztere  außerdem ­
  durch  einen  bandförmigen  roten  Streifen
gekennzeichnet  werden  müssen.  Im  Einzelverkauf ­
  darf  M.  nur  in  Umhüllungen  mit  der  gleichen ­
  Inschrift  und  bei  regelmäßig  geformten
Stücken  nur  in  Würfelform  abgegeben  werden.
Die  Vermischung  von  Butter  mit  M.  oder  anderen ­
  Fetten  ist  verboten.  Weitere  Vorschriften
regeln  die  Trennung  der  Verkaufsräume  und
übertragen  der  Polizei  das  Recht  der  Revision.
Der  Nachweis  der  M.  in  Gemischen  mit  Butter
wird  durch  die  Bestimmung  erleichtert,  daß  alle
M.  einen  Zusatz  von  10  0/0  Sesamöl  erhalten
muß,  d.  h.  eines  Fettes,  welches  noch  in  kleinster ­
  Menge  durch  eine  einfache  Farbe,nreaktion,
die  bei  Behandlung  mit  Furfurol  und  Salzsäure
auf  tretende  Rotfärbung,  erkannt  werden  kann.
■—  Es,  ist  anzuerkennen,  daß  die  M.  im,  allgemeinen ­
  den  gesetzlichen  Vorschriften  entspricht.  Zu
tadeln  ist  nur  das  mehrfach  hervprgetretene  Streben ­
  einiger  Fabrikanten,  sich  durch  Einverleibung
ungebührlicher  Wassermengen  einen,  unberechtigten ­
  Vorteil  zu  verschaffen.  Nach  König
enthält  die  M.  im  Durchschnitt:  9,97%.  Wasser,
87,59%  Fett,  2,15  0/0  Kochsalz  und  geringe  ,  Mengen ­
  Kasein  und  Milchzucker.  Ihr  Wassergehalt
ist  stets  geringer  als  derjenige  der  Butter  gewesen, ­
  und  da  für  letztere  durch  Bundesrats-Verordnung
  eine  Höchstgrenze  .  von  16%  vorgeschrieben ­
  worden  ist,  muß  die  gleiche  Forderung ­
  zum.  mindesten  für  M.  aufgestellt  werden.
Erzeugnisse  mit  mehr  als  20%  Wasser,  wie,  sie
bisweilen  im  Handel  aufgetaucht  sind,  müssen
unter  allen  Umständen  auf  Grund  des  Nahrungsmittelgesetzes ­
  ,(s.  d.)  beanstandet  werden,  auch  ist
für  die  Kriegsdauer  ein  höherer  Wassergehalt
ausdrücklich  verboten  worden  Wünschenswert
zur  Fernhaltung  verdorbener  M.  ist  es,  daß  der
von  einigen  Fabriken  eingeführte  Gebrauch  des

Datumsstempels  auf  den  Originalpackungen  allgemeine ­
  Anwendung  findet.  —  Die  später  eingeführten ­
  butterähnlichen  Zubereitungen,  welche
lediglich  aus  künstlich  gelb  gefärbtem  Kokosfett ­
  bestehen,  sind  als  M.  aufzufassep  und  unterliegen ­
  den  für  letztere  erlassenen  gesetzlichen  Bestimmungen. ­

Margosaöl  (Nimöl),  das  fette  Öl  aus  den
Fruchtkernen  von  Azadirachta  indica,
einem  zur  Familie  der  Meliazeen  gehörigen,  in
Ostindien  einheimischen  Baume,  hat  ein  spez.
Gew.  von  0,915,  wird  bei  -)-  to°  trübe  und  erstarrt ­
  bei  -j-7 0  zu  einer  festen  Masse,  ohne
jedoch  seine  Durchsichtigkeit  zu  verlieren.  Es
hat  in  dicken  Schichten  bei  durchfallendem
Lichte  eine  grünliche  Farbe,  schmeckt  sehr
bitter  und  riecht  stark  knoblauchartig,  verliert
den  bitteren  Geschmack  und  den  Geruch  aber
beim  Schütteln  mit  absolutem  Alkohol.  Das  M.
wird  in  Indien  medizinisch  verwandt.  —  Die
Rinde  desselben  Baumes,  die  Margosgrinde,
die  in  den  Vereinigten  Staaten  als'  Cortcx  inärgosä
  offizinell  ist,  enthält  einen  Bitterstoff  und
wird  als  Wurmmittel  verwandt.  :
Mariendistelsamen  (lat.  Semen  cardui  mariae,
frz.  Semences :  de  chardon,  engl.  Blessed  seeds),
die  glatten,  graubräunlichen  und  fein  schwärzlich
gestreiften  Früchte  der  Frauendistel  oder
Mariendistel,  Sylibum  marianum,  einer  in
Südeuropa  wild  wachsenden,  bei  uns  zuweilen  in
Gärten  angebauten  Komposite,  schmecken  bitter
und  herbe.  Sie  wurden  früher  medizinisch  verwandt, ­
  sind  aber  jetzt  nur  noch  selten  im,Drogenhandel ­
  anzutreffen.
Marineblau  ist  der  Handelsname  für  ein  Gemisch ­
  von  Methylviolett  und  Methylenblau.
Marmeladen  (Konfitüren,  Jams)  nennt  man
Erzeugnisse,  welche  durch  Einkochen  .frischer
Früchte  mit  Rohrzucker  bis  zur  breiartigen  Konsistenz ­
  oder  durch  kaltes  Vermischen  des  zerkleinerten ­
  (passierten)  Fruchtmarks  mit  Zucker  hergestellt ­
  werden  und  je  nach  der  Art  d  ir  benutzten ­
  Fruchtsorte  die  Bezeichnung:  Himbeer-M.,
Erdbeer-M.,  Johannisbeer-M.,  Orangen-M.
u.  a.  führen.  Bestimmte  Vorschriften  über  die
Menge  der  einzelnen  Bestandteile,  besonders  die
PlöhedesZuckerzusatzes,  lassen  sich  nicht  machen,
da  diese  nach  dem  Säure-  und  Pektingehalt  der
Früchte  verschieden  gewählt  werden.  Jedoch
kann  man  im  allgemeinen  annehmen,  daß  ungefähr ­
  gleiche  Teile  Frucht  und  Zucker  zur
Verwendung  gelangen.  Die  Herstellung  der
M.  wurde  ursprünglich  besonders  in  England
betrieben,  hat  aber  auch  in  Deutschland  großen
Umfang  angenommen,  und  ihre  weitere  Ausdehnung ­
  ist  im  volkswirtschaftlichen  Interesse,
besonders  zur  Hebung  des  deutschen  Obstbaues
dringend  erwünscht.  Leider  haben  sich  im
Laufe  der  Zeit  vielfache  Verfälschungen  herausgebildet. ­
  Zusätze  von  Konservierungsmitteln,
organischen  Säuren,  künstlichen  Aromastoffen,
Agar-Agar  und  Gelatine,  fremden  Farbstoffen
und  Stärkesirup  sind  angetrofien  worden.  Vielfach ­
  werden  wertvollere  Früchte  durch  minder
wertvolle,  besonders  Äpfel,  ersetzt;  andere  Hersteller ­
  setzen  die  Preßrückstände  von  der  Fruchtsaftfabrikation, ­
  oft  nach  völligem  Auslaugen  mit
Wasser  hinzu,  ja  es  sind  völlige  Kunsterzeug*
nisse  im  Handel  yorgefunden,  die  nahezu  gänz*
        <pb n="272" />
        Marmor

267

Marmor

lieh  aus  künstlich  rot  gefärbtem  Stärkesirup
bestanden,  und  die  nur  durch  einige  hineingerührte ­
  Fruchtkerne  ein  marmeladenähnliches
Aussehen  erhalten  hatten.  Mit  der  Einführung
einer  geordneten  Nahrungsmittelkontrolle  sind
die  gröbsten  Übelstände  inzwischen  beseitigt
worden.  Zusätze  von  Stärkesirup,  Teerfarbstoffen
u.  dgl.  werden  den  Käufern  auf  Etiketten  bekannt ­
  gegeben,  und  eine  weitere  Besserung  der
bestehenden  Zustände  kann  von  dem  gemeinsamen ­
  Zusammenwirken  der  reellen  Fabrikanten
und  der  Nahrungsmittelchemiker  erwartet  werden. ­
  Nach  den  von  ihnen  getroffenen  Vereinbarungen ­
  lassen  sich  folgende  allgemeine  Grundsätze ­
  für  die  Beurteilung  aufstellen:  Als  ohne
jede  Einschränkung,  auch  unter  Deklaration  unzulässige ­
  Zusätze,  gelten  alle  wertlosen  Stoffe,
insbesondere  durch  Wasser  ausgelaugte  oder  der
Destillation  unterworfen  gewesene  Preßrückstände,
  z.  B.  gewaschene  Himbeerkerne,  Preßrückstände ­
  von  der  Nachpresse,  Rückstände  von
der  Pomrilfabrikation.  Eine  Ausnahme  bilden
Preßrückstände  von  Saueräpfeln,  die,  wenn  sie
mit  nicht  mehr  als  so  °/o  Wasser  gekocht  waren,
unter  Deklaration  benutzt  werden  dürfen.  Sie
sind  aber  auch  dann,  ebenso  wie  andere  Preßund
  Obstrückstände,  nur  für  solche  M.  zulässig,
die  nicht  unter  dem  Namen  einer  bestimmten
Fruchtart  in  den  Verkehr  gelangen.  Für  die
letzteren,  z.  B.  Himbeermarmelade,  sind  auch
alle  Gelierungsmittel,  wie  Agar,  Gelatine,  untersagt. ­
  Alle  hiernach  nicht  ohne  weiteres  ausgeschlossenen ­
  Stoffe  außer  frischer  Frucht  und
Zucker  müssen  gekennzeichnet  werden,  insbesondere ­
  Dörrobst,  Preßrückstände,  Agar,  Gelatine ­
  für  M.  ohne  den  Namen  einer  bestimmten
Fruchtart,  sog.  gemischte  M.  Die  Deklaration
„mit  Preßrückstän.cfen“  deckt  aber  nur  Zusätze
bis  zu  25  0/0,  bei  höheren.  Mengen  ist  die  Bezeichnung ­
  „Kunstmarmelade“  zu  wählen.  Zusatz ­
  von  Stärkesirup  ist  zu  kennzeichnen  als  „mit
-Stärkesirup“  bei  Mengen  unter  25  °/o;  als  „mit
mehr  als  25  °/o  Stärkesirup“  bei  Mengen  bis  zu
So  °/o.  Wenn  der  Gehalt  an  Stärkesirup  oder  an
anderen  fremden  Stoffen  50%  übersteigt,  muß
die  Ware  als  „Kunstmarmelade“  bezeichnet  werden. ­
  Künstliche  Färbung  ist  durch  das  Wort
„gefärbt“  zu  deklarieren!  Bezüglich  weiterer
Einzelheiten,  besonders  auch  der  Deklaration,  sei
auf  das  Handbuch  der  Nahrungsmitteluntersuchung
von  Beythien,  Hartwich  und  Klimmer  verwiesen. ­
  Es  ist  anzunehmen,  daß  die  im  Kriege
eingeführten  Notmarmeladen  aus  Rüben  und
Kartoffeln  mit  dem  Friedensschlüsse  wieder  verschwinden ­
  und  den  vortrefflichen  Erzeugnissen
der  deutschen  Industrie  Platz  machen  werden.
Ein  Bedarf  für  ausländische  Erzeugnisse  liegt
nicht  vor.
Marmor  (frz.  Marbre,  engl.  Marble)  nennt
man  alle  kristallinischen  Kalke,  die  sich  durch
feines  Gefüge,  hohe  Politurfähigkeit  und  schöne
Eärbung  oder  Zeichnung  auszeichnen  und  infolgedessen ­
  zu  Bildhauerarbeiten  geeignet  sind.
Ihrer  chemischen  Zusammensetzung  nach  bestehen ­
  sie  alle  aus  mehr  oder  weniger  reinem
Kalziumkarbonat,  ihrer  geologischen  Entstehung
n ach  gehören  sie  zum  Teil  den  ältesten  Massen-Sesteinen
  wie  Gneis  und  Glimmerschi,  fer  an
(Urkalk),  während  sie  zum  Teil  aus  kalkigen

Sedimenten  hervorgegangen  und  durch  späteren
Druck  kristallinisch  geworden  sind.  Nach  dem
äußeren  Ansehen  unterscheidet  man  in  der  Regel
den  eigentlichen  Marmor,  den  Breccienmarmor
und  den  Muschelmarmor.  —  Der.  eigentliche
M.,  der  aus  einer  gleichmäßigen  feinkörnigen
Masse  besteht  und  rein  weiß  oder  einfarbig  erscheint, ­
  liefert  das  Material  für  die  Bildhauerkunst ­
  (Statuen-M.)  und  wird  daher  besonders
geschätzt.  Rein  weißer  Statuenmarmor  findet
sich  nur  in  Italien  hei  Massa,  Karrara  und  Seravezza,
  wo  er  in  800—900  Brüchen  gewonnen
wird.  Als  beste  Sorte,  des  sog.  karrarischen
Marmors,  gilt  der  Statuario  di  Falcovaja
(Saccharides).  Von  griechischen  Fundorten
liefert  die  Insel  Paros  den  berühmten  gelblichweißen, ­
  wachsartig  glänzenden  parischcn  M.,
das  Pentelikongebirge  den  rein  weißen  pentelischen
  M.,  die  Insel  Tinos  geringere  weiße,
schwarze  und  gestreifte  Sorten,  die  nach  der
Türkei  ausgeführt  werden.  Sehr  schöner  weißer
M.  kommt  neuerdings  aus  Tirol  (Laaser  und
Sterzinger  M.),  hingegen  sind  die  deutschen
Vorkommnisse  des  Erzgebirges,  Fichtelgebirges,
Harzes  ,  und  Odenwalds’nicht  zu  Bildhauerarbeiten ­
  verwendbar.  Die  farbigen  Marmorsorten
finden  sich  an  zahlreichen  Orten,  namentlich
Italiens,  doch  werden  gerade  hier  manche  Gesteine ­
  zu  unrecht  als  M.  bezeichnet.  Der  Beiname ­
  antico  besagt,  daß  eine  Gesteinsart  un
bekannter  Herkunft,  vielfach  aus  schon  im
Altertum  erschöpften  Brüchen,  vorliegt,  die  jetzt
nur  noch  aus  altrömischen  Ruinen  entnommen
werden  kann.  Bisweilen  ist  es  allerdings  gelungen, ­
  einzelne  natürliche  Lagerstätten  solcher
anticos  wieder  aufzufinden,  so  namentlich  die
Maina  in  Griechenland,  die  bereits  den  Künstlern ­
  .des  Altertums  die  prachtvoll  grünen  und
roten,  schwarz  geaderten  M.-Arten  geliefert
hat.  Nach  den  Hauptfarben,  unterscheidet  man
schwarzen,  grünen,  gelben  und  roten  M.  Schwarzer, ­
  durch  Kohlenteilchen  gefärbter  M.  (nero)
findet  sich  bei  Bergamo  (Paragon,  Lukullan),
  ferner  im  belgischen  Kohlenkalk  bei  Lüttich, ­
  und  mit  gelben  Adern  bei  Karrara  neben
weißem.  Grüner  M.  kommt  im  Genuesischen
vor,  hingegen  ist  der  in  Griechenland  wieder  aufgefundene ­
  verde  antico  eine  Breccie  von  schwarzgrünem
  Serpentin  mit  weißem  Kalkstein  als
Bindemittel.  Einfarbig  gelber  M.  wie  der  florentinische
  Marmo  giallo  und  der  fast  dottergelbe ­
  numidische  giallo  antico  ist  selten.  Roter
M.  (rosso)  wird  bei  Verona,  Lugezzana  und  Nar
bonne  gebrochen.  Der  rosso  antico  aus  Ägypten
und  Griechenland  zeigt  in  braunroter  Grund :
masse  weiße  Adern  und  schwarze  Punkte.  Dunkelblauen ­
  oder  blaugräuen  M.  mit  weißen
Adern  (Bardiglio)  liefern  einige  Brüche  bei
Karrara.  Graue  Sorten,  finden  sich  häufig  in
Schlesien  und  Schweden.  Als  Cipollino  (Zwiebelmarmor) ­
  bezeichnet  man  eine  Abart  des  pentelischen,
  die  auf  weißem  Grunde  grüne  Ringe,
gleich  den  Durchschnitten  von  Zwiebeln  zeigt.
—  Breccienmarmor  besteht  aus  verschieden
großen,  mehr  oder  minder  eckigen  Bruchstücken,
die  in  eine  Kalkmasse  eingebettet  und  durch
sie  zu  einem  Ganzen  verkittet  sind.  Zu  ihnen  gehört ­
  der  Florentiner  oder  Klosterneuburger  Ruinenmarmor, ­
  der  an  Schliffflächen  auf  hellem
        <pb n="273" />
        Marron

268

Marzipan

Grunde  dunkle  Zeichnungen  gleich  zerfallenen
Bauten  zeigt,  ferner  der  Brocatello  mit  sehr
kleinen  Bruchstücken,  die  Breccia  Paonazza  mit
weißen  Flecken  in  schwarzer  Grundmasse,  die
violett  und  weiße  violetta  antica  u.  a.  —  Die
dritte  Art,  der  zusammengesetzte  Marmor,
hat  sedimentären  Ursprung  und  zeigt  infolgedessen ­
  nicht  nur  Flecken  und  Adern,  die  durch
fremde  Mineralien  (Chlorit,  Serpentin)  hervor
gerufen  werden,  sondern  auch  zahlreiche  Einschlüsse ­
  organischer  Reste,  wie  Muscheln,  Schnekken,
  Kopffüßler,  die  im  Schliff  oft  schön  hervortreten. ­
  Der  bekannteste  dieser  sog.  Muschelmarmore
  ist  der  Lumachell-M.  von  Bleiberg
in  Kärnten,  der  wegen  der  Anwesenheit  von
Ammonitenschalen  im  schönsten  Regenbogen
glanze  schimmert.  Andere  Vorkommnisse  linden
sich  in  Italien,  Belgien  (St.-Annen-M.),  Thüringen, ­
  bei  Altdorf  in  Bayern,  bei  Ischl  usw.  Die
Breccien-  und  zusammengesetzten  Marmore  werden ­
  in  der  Regel  nur  als  Ornamentsteine  (Architekturmarmor) ­
  benutzt.  —  Außer  den  vorgenannten ­
  gibt  es  noch  eine  große  Reihe  anderer
Marmorlagerstätten,  vor  allem  Portugal,  mit  feinem ­
  weißen  und  schwarzen  M.,  Savoyen  mit
grauem  M.,  Sardinien,  Korsika  und  Algier,  wo  in
wieder  aufgefundenen  alten  Römerbrüchen  rein
weißer,  rötlicher,  gelber  und  schön  schwarzer,
weiß  geaderter  M.  gefunden  wird.  Auch  Spanien
ist  reich  an  schönem  M.,  der  aber  noch  wenig
abgebaut  wird.  Frankreich  hat  farbige  Marmorsorten ­
  in  den  Pyrenäen  und  Vogesen,  Belgien,
eines  der  an  M.  reichsten  Länder,  besonders  in
der  Gegend  von  Narnur  und  Gent,  schönen
schwarzen  M.  Deutscher  M.,  der  meist  in
grauen  und  braunen  Tönen  sowie  schwarz  und
weiß  gemustert,  selten  in  lebhaften  Farben  vorkommt, ­
  wird  vor  allem  zu  Grabsteinen,  Platten
und  ähnlichen  Bildhauerarbeiten  benutzt.  Aus
Thüringen  kommen  die  Kinderspielkugeln
(Schusser,  Märbein,  Murmeln,  Knippei)  in  großen ­
  Mengen  in  den  Handel.  Blankenburg  am
Harz,  Habelschwerdt  in  Schlesien,  Bayreuth  in
Bayern,  Böhmen,  Salzburg  (rötlicher  M.  vom
Untersberg),  Recklinghausen,  Nassau  sind  als
weitere  Fundorte  zu  nennen.  —  Die  feinsten
Marmorsorten  werden  zu  den  Arbeiten  der  Bildhauerkunst, ­
  kleinere  Stücke  zu  kunstgewerblichen
Gebrauchsgegenständen  wie  Urnen,  Uhren  und
dergleichen,  die  übrigen  M.  zu  architektonischen
Verzierungen,  Säulen,  Tischplatten,  Wandbekleidungen ­
  verarbeitet,  doch  nimmt  man  zu  letzteren
Zwecken  vielfach  nur  in  dünne  Tafeln  zersägte
Furniere.  Die  Färbung  wird  oft  durch  künstliche ­
  Mittel,  Behandlung  mit  Silbernitratlösung
(dunkelrot),  Goldlösung  (purpur),  Grünspan  'grün),
Drachenblut,  Gummigutti  aufgebessert.  Sonst
nicht  verwendbare  Stücke  wandern  in  den  Kalkofen. ­

Marron  (Kastanienbraun,  Chatin)  nennt
man  verschiedene  braune  bis  braunrote  Teerfarbstoffe, ­
  welche  bei  der  Darstellung  des
Fuchsins  als  Nebenprodukte  gewonnen  werden.
Marron  NI  ist  ein  phosphorhaltiges  Fuchsin
(s.  d.),  Marron  S  ein  unreines  Säurefuchsin.
Marsala,  der  bekannteste  und  beliebteste  der
süßen  Likörweine  Sizi  iens,  ist  stark  und  feurig,
dem  Madeira  etwas  ähnlich,  aber  süßer.  Die
Farbe  ist  dunkelgelb,  doch  gibt  es  auch  roten  M.

Der  Alkoholgehalt  beträgt  n,6g,  der  Extraktgehalt ­
  6,4  g,  der  Zuckergehalt  3,3  g.
Martiusgelb,  ein  im  Jahre  1864  von  Martins
entdeckter  Nitrofarbstoff,  besteht  aus  dem  Natrium- ­
  oder  Kalksalze  des  2,4-Dinitroalphanaphtols,
  C 10 H 5 (NO 2 ) 2 OH,  das  durch  Einwirkung ­
  von  Salpetersäure  auf  a-Naphtoldisulfosäure
oder  Nitrosonaphtolsulfosäure  dargestellt  wird.
Der  auch  als  Naphtolgelb,  Naphtalingelb,
Manchestergelb,  Naphtylamingelb,  Chanahlgelb,
  Jaune  d’or  bezeichnete  Farbstoff
erscheint  als  orangegelbes  Pulver  oder  in'Form
gelbroter  Kristalle  und  ist.  in  Wasser,  Alkohol
und  Spritlacken  löslich.  M.  färbt  Wolle  und
Seide  ohne  Beizen  gelb  in  den  verschiedensten ­
  Tönen  und  ist  außerordentlich  ergiebig,  so
daß  1  kg  des  Farbstoffs  für  200  kg  Wolle  ausreicht. ­
  Die  früher  geübte  Benutzung  des  M.
zur  Färbung  von  Nahrungsmitteln  (Nudeln)  ist
unzulässig,  weil  der  Farbstoff  giftig  ist.
Marunken  nennt  man  sowohl  eine  Art  kleiner
gelber  Aprikosen,  wie  auch  große  gelbe  Eierpflaumen, ­
  die  entweder  frisch  oder  auch  getrocknet ­
  und  in  Zucker  eingemacht  in  den  Handel ­
  kommen.
Marzipan  (frz.  Massepain,  engl.  Marchpain)  ist
ein  seit  uralten  Zeiten  bekanntes  Erzeugnis  der
Zuckerbäcker  oder  Konditoreien,  dessen  Name
sich  von  dem  lateinischen  „marci  panis“  (Markusbrot) ­
  ableiten  soll,  wennschon  nicht  feststeht,
ob  er  dem  Heiligen  Markus  oder  einem  sagenhaften ­
  Klosterkoch,  dem  angeblichen  Erfinder
des  M.  zu  Ehren  gewählt  wurde.  Zuerst  findet
sich  die  Bezeichnung  in  den  Lübeckischen  Zunftrollen ­
  um  1530.  Als  Ausgangsmaterialien  haben
jederzeit  nur  Mandeln  und  Zucker  gedient,  und
zwar  erfolgt  die  Herstellung,  die  von  den  Apotheken ­
  an  die  Zuckerbäcker  und  von  diesen  auch
an  einige  Großbetriebe  übergegangen  ist,  in  der
Weise,  daß  die  gebrühten  und  geschälten  süßen
Mandeln  fein  zerrieben  und  mit  dem  Staubzucker
vermischt  werden,  worauf  kurzes  Erhitzen  (Rösten) ­
  in  offenen  Kesseln  die  Bildung  einer  gleichmäßigen ­
  formbaren  Masse  bewirkt.  Bei  der
neuerdings  von  Oetker  in  Altona  eingeführtem
Verarbeitung  der  billigeren  bitteren  Mandeln
wird  zunächst  durch  längere  Einwirkung  von
Wasser  und  dem  in  den  Mandeln  enthaltenen,
■  Emulsin  eine  Spaltung  des  bitter  schmeckenden
Amygdalins  in  Bittermandelöl  und  Blausäure  bewirkt, ­
  die  dann  bei  dem  anschließenden  Röstprozeß ­
  in  flüchtiger  Form  entweichen.  'Das  nach
dem  einen  oder  anderen  Verfahren  erhaltene
Rohmarzipan  (Marzipanmasse),  das  normalerweise ­
  aus  2 /s  Mandeln  und  Vs  Zucker  bestehen ­
  und  nicht  mehr  als  17%  Wässer  enthalten
soll,  bildet  das  Ausgangsmaterial  für  die  Bereitung ­
  des  angewirkten  M-  und  der  geformten ­
  M.-Waren  (Tiere,  Früchte,  Figuren,
Torten),  die,  abgesehen  von  Aromastolfen  wie
Orangenblüten-  und  Roseonwasser,  lediglich  einen
Zusatz  von  höchstens  der  doppelten  Menge
Zucker  und,  zur  Vermeidung  des  Rissigwerdens,
von  geringen  Mengen  Stärkesirup  (bis  zu  3,5  0 jo)
erhalten.  Zusätze  von  mehr  Stärkesirup  sowie
von  Mehl  und  den  Samen  anderer  Früchte  (Aprikosen-, ­
  Pfirsich-,  Pflaumenkerne,  Pistazien,  Erdnüsse ­
  u.  dgl.)  sind  als  Verfälschung  anzusehen.
Gänzlich  aus  derartigen  Mandelersatzstoffeh
        <pb n="274" />
        Marzolano

269

Masut

hergestelltes  M.  hat  als  nachgemacht  zu  gelten  I
und  darf  nur  als  Marzipanersatz  bezeichnet  I
werden.  Surrogate  der  Kriegsindustrie,  die  überhaupt ­
  keine  Samen  enthielten,  sondern  aus
Stärkekleister,  Zucker  und  Parfüm  bestanden,
sind  auch  als  Marzipanersatz  beanstandet  worden. ­
  Besonders  berühmt  sind  die  Marzipane  von
Lübeck  (hier  die  Fabrik  von  Niederegger  seit
1809)  und  Königsberg.  Die  größte  Fabrik  für
Rohmarzipan  ist  1870  von  Oetker  in  Altona-Bahrenfeld
  errichtet  worden.
Marzolano,  das  feinste  zu  Geflechten  verwendete ­
  Stroh,  welches  hauptsächlich  in  den
Strohhutfabriken  zu  Florenz  in  ungespaltenem
Zustande  verarbeitet  wird,  stammt  von  einer  besonderen ­
  Art  Sommerweizen,  Grano  marzuolo,
  die  im  März  ausgesät  wird.
Massoyöl,  das  gelbe  und  ziemlich  dünnflüssige ­
  ätherische  Öl  der  Massoyrinde  (s.  d.),
von  Cinnamomum  xanthoneuron,  besitzt
einen  aromatischen,  an  Nelken  und  Opopanaxöl
erinnernden  Geruch  und  scharf  brennenden  Geschmack, ­
  ein  spez.  Gew.  von  etwa  1,05  und  deutliche ­
  Rechtsdrehung.  Den  Hauptbestandteil  bildet ­
  Eugenol  (70—80  °/o)  neben  Safrol  und  etwa
60/0  eines  Pinen  enthaltenden  Terpengemisches,
das  eine  Zeitlang  Massoyen  genannt  wurde.
Massoyrinde  (lat.  Cortex  massoy,  frz.  Ecorce
de  massoy,  engl.  Massoy  bark).  Unter  diesem
Namen  findet  man  im  Drogenhandel  drei  verschiedene ­
  Rinden  von  Bäumen  aus  der  Familie
der-  Laurineen.  1.  Die  Rinde  von  Cinnatnomum
  xanthoneuron,  in  Neu-Guinea,  ist
außen  von  einer  dunkleren,  unebenen,  aus  gestreiften ­
  Zellen  bestehenden  Schicht  bedeckt.
Darunter  folgt  eine  körnige  Schicht  mit  weißen,
der  Außenschicht  annähernd  parallel,  aber  unregelmäßig ­
  unterbrochen  verlaufenden  Gefäßbündeln ­
  und  schließlich  eine  dunklere  Lage,
welche  r/s  der  Rinde  ausmacht  und  zahlreiche
dünne  Markstrah'.en  zeigt.  Dieser  Teil  ist  der
«Reichste  und  aromatischste  und  besitzt  einen
stechenden,  beim  Kauen  an  Zeylonzimt  und
Raute  erinnernden  Geschmack.  2.  Die  Rinde  von
Cinnamomum  Kiamis  (Nees),  von  den  Malaien ­
  auf  Java,  Sumatra  und  Borneo  Kayu
töanis  sab  rang  genannt,  kommt  in  dicken
Bündeln,  ähnlich  der  Kassia,  in  den  Handel  und
bildet  große,  flache,  sehr  harte  und  fast  kornartige ­
  Stücke,  die  außen  aschgrau  mit  helleren
Flecken,  innen  auf  der  Bastfläche  aber  glatt
Un d  dunkelbraun  erscheinen.  Der  Geruch  ist
schwach  aromatisch,  der  Geschmack  widerlich
Sewürzhaft,  nicht  bitter.  3.  Die  Rinde  von
Bassafras  Goesianum,  in  Neu-Guinea,  bildet ­
  nur  dünne  Stücke  mit  sehr  schwach  entwickelter ­
  Mittelschicht,  die  außen  rissig,  nach
ln nen  deutlich  gestreift,  auf  dem  Querschnitt
s chr  blaß  erscheinen.  Der  Bruch  ist  kurzkörnig,
Wicht  splitterig,  der  Geruch  dem  der  ersten  Sorte
a hnlich,  dar  Geschmack  etwas  bitter  und  stechend.
Mastix  (lat.  Resina  seu  Gummi  mastiche,  frz.
^?d  engl.  Mastic)  ist  das  aromatische  Harz  der
Mastixpistazie  (Pistacia  Lentiscus),  eines  zu
S, e . n  Terebinthazeen  gehörigen  immergrünen
paumchens,  das,  im  Orient  und  an  der  nordafrikapschen
  Küste  heimisch,  besonders  auf  Chios  in
ein»  breitblättrigen  Art  (Pistacia  Lentiscus  var.
Chia)  kultiviert  wird.  Zur  Gewinnung  des

1  Harzes  macht  man  im  Mai  Rindeneinschnitte,
!  aus  denen  der  M.  als  zähflüssige,  an  der  Luft
erhärtende  Masse  austritt,  die  im  August  gesammelt ­
  wird.  Durch  Auslesen  werden  drei  Sorten  hergestellt, ­
  deren  feinste  als  Haremharz  nur  an  den
türkischen  Hof,  hingegen  nicht  in  den  Handel
gelangt.  Der  M.  besteht  aus  rundlichen,  erbsengroßen ­
  Körnern,  von  gelblichweißer  bis  hellgelber ­
  Farbe  und  glasglänzendem  Bruch,  die
ziemlich  hart  sind,  aber  beim  Kauen  eine  weiche
wachsartige  Masse  bilden,  zum  Unterschied  von
dem  sonst  ähnlichen  Sandarak,  der  hierbei
sandig  zerbröckelt.  Die  hellsten  und  reinstem.
Körner  (Tränen)  bilden  ausgelesen  den  elegierten ­
  M.,  die  dunkleren,  durch  Sand  umd
Erde  verunreinigten  den  M.  in  sortis.  Das
balsamisch  riechende  und  schmeckende  und  besonders ­
  beim  Verbrennen  stark  aromatische  Dämpfe
entwickelnde  Harz  löst  sich  völlig  in  Äther,  fetten
Ölen  und  heißem  Alkohol,  in  kaltem  Alkohol
nur  zu  90%.  Sein  spez.  Gew.  liegt  zwischen
1,070—1,074,  es  erweicht  bei  ioo°  und,  schmilzt
bei  105—120 0 .  Man  benutzt  M.  zum  Kauen,
um  den  Atem  wohlriechend  zu  machen  und  das
Zahnfleisch  zu  stärken,  weiter  als  Zusatz  zu
Konfitüren,  Räucherpulvern,  Pflastern  und  Zahm
füllungen.  Das  sog.  Zahnwachs  ist  eine  zusammengeschmolzene ­
  Mischung  von  M.  und
Wachs,  Zahnkitt,  der  auf  Watte  geträufelt  in
die  Zahnhöhlung  gedrückt  wird,  eine  dickliche
■  Lösung  von  M.  und  Sandarak  in  Weingeist.
Eine  als  Mastisol  bezeichnete  Lösung  von
M.  in  Benzol  findet  als  nichtreizendes  Verbandmittel ­
  Anwendung.  In  der  Technik  wird  M.  zur
Herstellung  von  Firnissen  und  Kitten  benutzt,
für  sich  allein  gibt  er  farblose,  harte,  rasch  trocknende ­
  Überzüge,  die  ihn  als  ßilderlack  und  Negativlack
  für  Photographien  geeignet  erscheinen
lassen,  im  Gemisch  mit  anderen  Harzen  (Schellack)
:  erhöht  er  den  Glanz  und  die  Trockenfähigkeit.
,  Durch  Mischung  von  M.  mit  Hausenblase  entsteht ­
  ein  vortrefflicher  Kitt  für  Glas,  Porzellan
und  zur  Fassung  von  Edelsteinen.  Geringere
Sorten  werden  zu  dunklerem  Firnis  und  feinem
Siegellack  verarbeitet.  Der  echte  oder  orientalische ­
  M.  kommt  von  den  Hauptmärkten
Konstantinopel  und  Smyrna  über  Triest  und
Marseille  zu  uns.  —-  Bombay-  oder  ostindischer ­
  M.,  dem  Weihrauch  ähnliche  gelbe  bis
bräunliche  Stücke  oder  Tränen  mit  helleren  Einschlüssen, ­
  stammt  von  Pistacia  Khinjuk  und  P.
cabulica  in  Afghanistan  und  Beludschistatn  und
wird  über  Bombay  nach  London  ausgeführt.
Mastixöl,  das  durch  Destillation  in  Menge
von  etwa  2%  aus  Mastix  erhaltene  ätherische
öl,  hat  angenehmen  Geruch,  ein  spez  Gew.  von
0,857—0,903,  eine  Drehung  von  -f-  22  bis  -{-  34
einen  Siedepunkt  von  155  bis  etwa  160 0  und
besteht  hauptsächlich  aus  Pinen.
Mastixzemente  (Mastixdächer)  haben  mit
Mastix  nichts  zu  tun,  sondern  sind  Gemische  von
Sand,  Kalksteinpulver  und  etwas  Bleiglätte,  die
mit  altem  Leinöl  aufgekocht  und  heiß  verbraucht
werden.  Der  Name  erklärt  sich  daraus,  daß  M.
in  England  und  Frankreich  allgemein  Kitt  und
Zement  bedeutet.
Masut  nennt  man  die  bei  der  Petroleumdestillation ­
  zurückbleibenden  Mineralöle,  die  in
        <pb n="275" />
        Mate

270

Meeräsche

großen  Massen  zurri  Heizen  von  Dampfkesseln,
besonders  bei  Schiffsmaschinen,  benutzt  werden.
Mate  (Paraguay-Tee)  ist  eine  koffeinhaltige
Droge,  die  in  Form  des  wäßrigen  Aufgusses
von  den  Südamerikanern  a'.s  anregendes  Mittel
genossen  wird.  Er  besteht  aus  den  Blättern
mehrerer  in  Brasilien,  Argentinien,  Paraguay  und
Uruguay  heimischer  und  angebauter  Ilexarten,
besonders  Ilex  paraguayensis,  die  meist  8  bis
io  cm,  selten  unter  s  oder  über  15  cm  lang
sind,  am  Rande  kerbig  gesägt  und  eiförmig  erscheinen ­
  und  eine  kräftige  Mittelrippe,  aber
schwache  Behaarung  besitzen.  Die  abgehauenen
Zweige  werden  schnell  durch  eine  rauchlose
Flamme  gezogen,  darauf  zu  Bündeln  vereinigt
und  über  schwachem  Feuer  getrocknet.  Die  gerösteten ­
  Blätter  werden  schließlich  pulverisiert
oder  gemahlen.  Sie  enthalten  dann  neben  den
bekannten  Pflanzenstoffen  0,8—2  °/o  Koffein,  ferner ­
  etwas  Harz,  Zitronensäure  und  Cholin.  M.
hat  für  den  europäischen  Handel  wenig  Bedeutung, ­
  wird  aber  in  Südamerika  unter  dem  spanischen ­
  Namen  Yerba  (Kraut)  in  großen  Mengen
verbraucht.  Als  Verfälschungsmittel  sind  die
pulverisierten  Früchte  sowie,  die  Blätter  verwandter ­
  Arten  aufgefunden  worden.
Matikoblätter  (lat.  Folia  matico,  frz.  Feuilles
de  matico,  engl.  Matico  leaves).  Unter  diesem
Namen  kommt  eine  Droge  im  Handel  vor,  die
aus  den  zusammengepreßten  Blättern,  Stengelund ­
  Blütenresten  einer  in  Peru  wachsenden  Piperazee,
  Piper  angustif  ol  i  u  m  var.  cordulatum
  und  ossanum,  sowie  einiger  verwandter
Arten  besteht.  Die  Blätter  sind  lanzettförmig,
mit  stark  hervortretender  Mittelrippe,  beiderseits
runzelig  netzartig  wie  Salbeiblälter  und  auf  der
Unterseite  weißfilzig.  Sie  riechen  beim  Zerreiben
scharf  gewürzhaft  und  ischmecken  schwach  pfefferartig
  und  etwas  bitter.  Das  neuere  Mittel,  dessen,
Wirkungen  amerikanische  Ärzte  zuerst  erkannten,
wurde  in  Europa  besonders  durch  die  vielfach
angepriesenen  Geheimmittel  des (  Apothekers  Grimault
  in  Paris,  Matiko-Injektaon  und  -Sirup,
bekannter  und  findet  ziemlich  ausgedehnte
Anwendung.  Es  wirkt  vornehmlich  auf  die
Schleimhäute  und  wird  gegen  Schleimflüsse,
z.  B.  Tripper,  in  Form  von  Einspritzungen,  sowie
  gegen  Lungenbluten  und  Verdauungsstörungen ­
  angewandt.  Die  Blätter  enthalten  unter  anderem ­
  ein  ätherisches  Öl  und  ein  bitteres  Weichharz, ­
  denen  die  Wirkung  zugeschrieben  wird.  —
Das  Matikoöl,  das  für  sich  in  Gelatinekapseln
verordnet  wird,  eine  gelbbraune  Flüssigkeit  von
brennend  gewürzhaftem  Geschmack,  hat  ein  spez.
Gew.  von  0,940^1,135  und  enthält  Asaron.
Malta,  vom  italienischen  matto  =  schlecht,
nennt  man  zur  Verfälschung  gemahlener  Gewürze ­
  bestimmte  Pulver,  die  aus  wertlosen  pflanzlichen ­
  Abfallstoffen,  wie  Kleie,  Hirse,  Olivenkernen
  hergestellt  und  durch  geeignete  Mischung
und  Färbung  bestimmten  Gewürzen  (Pfeffer,
Zimt,  Ingwer)  täuschend  ähnlich  gemacht  werden.
Der  Handel  mit  diesem  Schwindelmittel  wurde
früher  in  großem  Umfange  betrieben,  ist  aber
durch  die  Einführung  der  Nahrungsmittelkontrolle ­
  unterbunden.
Maulbeerblätter.  Der  für  die  Seidenzucht
wichtige  Maulbeerbaum  oder  Molberbaum
(Morus  Tourni)  mit  den  Sorten:  weißer  (Morus ­

  alba),  schwarzer  (Morus  nigra),  roter*
(Morus  rubra)  und  indischer  oder  chinesischer ­
  Maulbeerbaum  (Morus  indica),  der
aus  dem  Orient  stammt  und  in  Südeuropa  wie
auch  Süddeutschland  häufig  angepflanzt  wird*
liefert  in  seinem  Laub  die  Nahrung  der  Seidenraupen. ­
  Das  Laub,  das  weder  naß  sein,  noch
vom  Frost  gelitten  haben  darf,  wird  in  Ländern
mit  ausgedehnter  Seidenzucht  von  den  Züchtern
i  gleich  am  Baum  des  Gutsbesitzers  gepachtet,
während  es  in  Deutschland  wegen  der  geringen
Zahl  der  Züchter  als  Handelsware  kaum  in
Frage  kommt.  Man  kann  auf  1  ha  bis  zu  6400
Bäume  ziehen;  und  rechnet  mit  einer  Ausbeute
von  100  kg  von  1000  einjährigen  und  1800  kg
von  1000  sechsjährigen  Stämmchen.
Maulbeeren  (lat.  Baccae  seu  fructus  mori,  frz.
Fruits  de  mürier,  engl.  Mul,  berries),  die  braunschwarzen, ­
  brombeerähnlichen  Sammelfrüchte  des
schwarzen  Maulbeerbaumes,  einer  Morazee,  Morus ­
  nigra  L.,  werden  sowohl  frisch  als  saftiges
süßsäuerliches  Obst  genossen,  als  auch  zur  Bereitung ­
  eines  Sirups  oder  Muses,  das  medizinisch ­
  z.  B.  bei  Halsleiden  und  ähnlich  dem  Himbeersirup
  Verwendung  findet,  benutzt.  Die  kleineren ­
  weiß  oder  rot  aussehenden  Früchte  des
weißen  Maulbeerbaumes  sind  wegen  ihres  süßsäuerlichen
  Geschmackes  hierzu  nicht  geeignet.
Mauvein  (Mauve,  Malvenfarbe,  Phena-■min,
  Rosein,  Lydin,  Perkins  Purpur,  Anidein,
  Anilinpurpur,  Indisin,  Rosolan,  Ty--ralin,
  Violin)  ist  einer  der  ältesten  bekannten
1  Anilinfarbstoffe,  der  1856  von  Perkin  ent-!
  deckt  wurde.  Er  wird  durch  Behandlung  einer,
verdünnten  Lösung  von  schwefelsaurem  toluidinhaltigem
  Anilin  mit  Chlorkalk  oder  mit  Chrom-;
  säure  hergestellt  und  als  rotvioletter  Teig,  der
nur  in  kochendem  Wasser  etwas  löslich  ist,  in
den  Handel  gebracht.
Mavrodaphne,  einer  der  feinsten  griechischen
Weine  von  der  Insel  Patras,  in  Farbe  und  Güte
dem  besten  Portwein  gleich,  wird  teils  in  Fässern, ­
  teils  in  griechischen  Originalflaschen  von
'  0,7  1  Inhalt  versandt.  Er  verliert,  wie  die  meisten
:  griechischen  Weine,  beim  Lagern  in  kalten
Kellern  an  Glanz  und  Klarheit,  erlangt  aber  seine
ursprüngliche  Beschaffenheit  wieder,  wenn  er
warm  gelagert  wird.  Man  bewahrt  ihn  daher
am,  besten  in  aufrechtstehenden  Flaschen,  in
-ebenerdigen,  frostfreien  Räumen,
Medizinalweine  nennt  man  diejenigen  Weine,
welche  von  Ärzten  zur  Stärkung  Kranker  oder
Genesender  verordnet  werden  und  zur  Bereitung
verschiedener  Arznei-  und  Stärkungsmittel  Verwendung ­
  finden.  Alle  M.  müssen  rein  und  unverfälscht ­
  sowie  von  guter  Beschaffenheit  sein
und  den  gesetzlichen  Anforderungen  entsprechen.
An  Xeres  und  andere  Süßweine,  z.  B.  Madeira,
Marsala,  Gold-Marsala,  Gelben  Portwein  sowie
die  Trockenweine  Ungarns,  Siziliens,  Griechenlands ­
  und  des  Kaplands  stellt  das  D.  A.  ß.  außerdem ­
  die  Forderung,  daß  sie  in  100  ccm  nicht
weniger  als  11g  und  nicht  mehr  als  16  g  Alkohol ­
  sowie  höchstens  8  g  Extrakt  enthalten  sollen.
Von  einem  Medizinal-Ungarwein  wird  außerdem
verlangt,  daß  er  natursüß  ist,  also  keinen  Zuckerzusatz ­
  erhalten  hat.
Meeräsche  (Mugil),  ein  zu  den  Stachelflossern
  gehörender  Fisch,  bildet  zahlreiche
        <pb n="276" />
        Meerrettich

271

Meerzwiebel

Arten  und  Formen,  von  denen  die  gemeine  M.
(Mugil  chelo)  die  bekannteste  ist.  Der  bis  45  cm
lang  werdende  Fisch  von  heringsähnlicher  Form,
silberglänzenden  Schuppen  und  dunkleren  Längsstreifen ­
  findet  sich  im  ganzen  Atlantischen  Ozean
mit  Nord-  und  Ostsee  und  Mittelrneer  und  wird
als  vortrefflicher  Speisefisch  geschätzt.
Meerrettich  (Mährrettig,  Grän,  Gren.Kren
(lat.  Radix  armoraciae,  frz.  Racine  d’armoise,
engl.  Börse  radish  root)  ist  die  Wurzel  yon
Cochlearia  armoracia,  eines  beliebten,  zu  den
Kreuzblütlern  gehörenden  Küchengewächses,
das  u.  a.  bei  Rastatt,  Bamberg,  Erlangen,  Würzburg, ­
  Ulm  und  Jena,  besonders  aber  im  Spreewalde
angebaut  wird.  Im  Herbste  wird  die  Ware  von
den  Spreewalddürfetn  nach  Lübbenau  gebracht
und  dort  von  Aufkäufern  aus  Bayern,  Böhmen
usw.  abgenommen.  Die  langen  walzenförmigen
Wui'zeln  besitzen  einen,  besonders  in  frisch  geriebenem ­
  Zustande  hervortretenden  scharfen  Geruch ­
  und  Geschmack,  der  durch  einen  Gehalt
Von  etwa  0,0s  °/o  Allyl-  oder  Butylseihföl  hervorgerufen
  wird,  aber  beim  Kochen  und  Trocknen
verloren  geht.  Besonders  geschätzt  wird  eine
aromatisch  riechende,  weder  zu  scharfe  noch  zu
milde  Ware.  Die  besten,  fein  und  etwas  süßlich
schmeckenden  dicken  Wurzeln  haben  eine  glatte
gelblichweiße,  die  beizend  scharfen  dünnen  Wurzln ­
  eine  mehr  bläuliche,  rissige  und  mit  vielen
Einschnitten  versehene  Schale.  M.  wird  im
Keller  in  Sandeinschlag  aufbewahrt  und  findet
ausgedehnte  Anwendung  als  Küchengewürz,  hingegen ­
  nur  noch  beschränkte  medizinische  Verwendung. ­


Meerschaum  (frz.  Ecume  de  mer,  engl.  Turkish
  tobacco-pipe-clay,  Sea  fram),  ein  seiner
chemischen  Zusammensetzung  nach  dem  Speckstein, ­
  Talk  und  Serpentin  nahestehendes  Mineral
wepioHth),  (j ag  aus  wasserhaltigem  Magnesiums
 ‘likat,  H 4 Mg 2 Si 3 O 10 ,  besteht,  findet  sich  in  Form
leiblich-  oder  grauweißer,  feinerdiger,  derber
Massen  oder  Knollen,  die  sich  fettig  anfühlen,  an
der  Zunge  haften  und  vom  Fingernagel  geritzt
Werden.  Die  Härte  beträgt  2,  das  spez.  Gew.  im
■ischen  Zustande  2—2,5,  doch  schwimmen  trokkcne
  Stücke  wegen  ihrer  feinporigen  Beschaffen-?
 eit  auf  dem  Wasser.  Die  wichtigsten  Lager
mden  sich  bei  Eskischehr  in  Kleinasien.,  von
0  aus  die  Rohware  durch  türkische  Unterehtner
  in  Form  von  Klumpen,  sog.  Klötzen  oder
le ren.förmigen,  an  den  Kanten  abgerundeten
Mcken  nach  Konstantinopel,  Triest  und  Pest
er sandt  wird.  Daneben  liefern  noch  Gruben
l| f  Samos,  Euböa  und  Negroponte,  in  der  Krim
nd  j n  p or t U gal,  bei  Vallecas  unweit  Madrid,  bei
.  r ubschitz,  Neudorf  und  Oslowan  in  Mähren
, ie erschaum,  der  aber  dem  türkischen  an  Güte
UnH  Ste ht.  Hauptstapelplätze  sind  Wien,  Leipzig
h  Ruhla.  Die  Kisten  enthalten  60—200  Stücke,
u  e  bereits  von  der  äußeren  Kruste  befreit
oberflächlich  geglättet  sind  und  von  dein
;  eenschaumschneidern  sorgfältig  geprüft  und
j  rt, ert  werden  müssen.  Den  Hauptanhalt  bietet
,j e s  s Pczifische  Gewicht,  da  guter  M.  anfangs  auf
u®  Wasser  schwimmt  und  nach  einiger  Zeit
auf ers * n kt,  während  andauerndes  Schwimmen
Von  H  Snrße  Porosität  und  das  Vorhandensein
p-  Hohlräumen,  sofortiges  Untersinken  aber  auf
Schlüsse  fremder  Mineralien  hindeutet.  Immerhin ­

  bleibt  der  Ankauf  der  Blöcke  für  den  Meerschaumverarbeiter ­
  eine  unsichere  Sache,  da  sich
!  beim  Verarbeiten  noch  mancher  Ausschuß  ergibt. ­
  Kleine,  weniger  in  die  Augen  fallende
Fehler,  wie  Pünktchen,  Adern,  Wolken,  sind  stets
vorhanden  und  lassen  sich  fast  an  jedem  fertigen
Stück  auffinden,  ja,  werden  sogar  als  Zeichen  der
'  Echtheit  angesehen,  da  künstlich  hergestellte
Massen  derartige  Naturfehler  nicht  haben.  Die
Verarbeitung  erfolgt  in  der  Weise,  daß  man  den
M.,  zunächst  in  Wasser  legt,  wodurch  er  weich
wird  und  sich  mit  dem  Messer  schneiden  oder
auf  der  Drehbank  bearbeiten  läßt.  Die  fertig
I  geformten  Stücke  werden  dann  getrocknet,  eine
;  Zeitlang  in  geschmolzenen  Nierentalg  getaucht;
und  nach  dem  Herausnehmen  und  Erkalten  ab-|
  geschabt  und  mit  erweichtem  Schachtelhalm
oder  Tripel  poliert.  Bisweilen  taucht  man  sie
auch  noch  in  geschmolzenes  Wachs  und  reibt
i  mit  Flanell  ab.  Die  bei  der  Verarbeitung  entstehenden ­
  Abfälle  finden  zur  Herstellung  der
!  sog.  Massa  (Masseköpfe)  oder  unechter  Meerschaumwaren ­
  Verwertung.  Sie  werden  zu  diesem
I  Zwecke  fein,  gemahlen,  mit  Wasser  geschlämmt
jurid  gekocht  und  darauf  mit,  etwas  Pfeifenton
i  vermischt.  Der  in  Kasten  gegossene  Brei  trock-|
  net  unter  starkem  Schwinden  zu  Ejlöcken  („Guß“),
|  die  durch  künstliche  Wärme  noch  weiter,  aber
1  nicht  völlig  ausgetrocknet  und  dann  wie  M.
I  verarbeitet  werden.  Für  noch  geringere  Waren
wird  der  Teig  in  Formen  gegossen  und  gebrannt.
|Zur  Unterscheidung  des  echten  M.  von  Nach-(ahmungen,
  dient  die  Strichprobe  mit  einer  Goldjoder
  Silbermünze,  wobei  nur  der  unechte  einen
|grauen  Sprich,  wie  mit  Bleistift,  annimmt.  M.
I  bildet  hauptsächlich  das  Ausgangsmaterial  für
|  Zigarrenspitzen  und  Pfeifenköpfe,  daneben  auch
|für  Figuren  und  andere  kleine  Kunstgegehstände.
|  Hauptsitze  der  Industrie  sind  Wien,  Budapest,
Ruhla  (bei  Eisenach),  Lemgo,  Nürnberg,  Essen,
I  Paris,  Turin  und  Genua.
|  Meerzwiebel  (lat.  Radix  seu  Bulbus  scillae,
'frz.  Bulbe  de  scille,  engl.  Squill)  besteht  aus  den
(zerschnittenen  und  getrockneten.  Zwiebeln  eines
|zu  den  lilienartigen  Pflanzen  gehörigen  Zwiebelgewächses ­
  (Urginea  maritima),  das  massenhaft ­
  auf  den  sandigen  Küsten  des  Mittelländitschen
  Meeres  wächst^  und  dessen  eirunde,  bis  zu
\2  kg  schwere,  aus  dicken,  saftigen  Schuppen  zusammengesetzte ­
  und  außen  mit  trockenen  braujnen
  Häuten  umgebene  Zwiebel  zu  medizinischem
I  Gebrauch  dient.  Die  nicht  selten  in  Töpfen  als
(Zierpflanzen  gezogenen  blaublühenden  Szillen  ge-:
(hören  anderen  Arten  an,  die  Urginea  maritima
(hat  einen  Schopf  mit  weißlichen  Blüten.  Im
(Handel  findet  sich  die  Droge  frisch  und  getrocknet, ­
  in  die  einzelnen  Dickschuppen  zerlegt.
•Frische  Zwiebeln,  die  über  Triest  in  den  Verkehr
'kommen,  lassen  sidi  im  Keller  in  Sand  konservieren, ­
  sind  aber  nicht  lange  haltbar.  Die  zerschnittene ­
  Wurzel  riecht  und  schmeckt  scharf
und  bitter  und  besteht  aus  gebogenen,  hornartig
(durchscheinenden  Stücken.  Als  wirksame  Stoffe
(enthält  die  M.  Szillipikrin,  Szillitoxin,  SziJ-(lin
  und  Szillain,  welche  sämtlich  giftig  wirken.
(Aus  getrockneter  M.  werden  wäßrige  und  alkoholische ­
  Extrakte  hergestellt.  Durch  Mazerieren
mit  Essig  erhält  man  den  Meerzwiebelessig
'(lat.  Acetum  scillae,  frz.  Vinaigre  de  scille,  engl.
        <pb n="277" />
        Mehl

272

Meisterwurzel

Vinager  of  squill),  durch  Versetzen  des  letzteren
mit  Honig  und  Eindicken  den  Meerzwiebel-.sauerhonig
  (lat.  Oxymel  scillae,  frz.  Oxymel
de  scille,  engl.  Oxymel  of  squill),  die  beide  medizinisch ­
  als  Brechmittel,  zur  Steigerung  der
Herztätigkeit  und  als  harntreibendes  Mittel  verordnet ­
  werden.  In  großen  Mengen  findet  M.
auch  zur  Vertilgung  von  Ratten  und  Mäusen ­
  Anwendung,  wozu  sie  sich  ■  besonders  in
frischem  Zustande  mit  Fett  geschmort,  oder
mit  Mehl  zu  einem  Teig  angemengt  und  gebacken ­
  eignet.  Getrocknete  M.  ist  wegen  ihrer
Giftigkeit  in  Deutschland  dem  freien  Verkehr
entzogen.  Die  Tinkturen  und  Extrakte  dürfen
auch  von  den  Apotheken  nur  auf  ärztliche  Verordnung ­
  abgegeben  werden.
Mehl  (Getreidemehl,  lat.  Farina,  frz.  Farine,
engl.  Flour).  Wie  alle  pflanzlichen  Nahrungsmittel, ­
  deren  Stärkekörner  im  rohen  Zustande
so  gut  wie  unverdaulich  sind,  müssen  auch  die
Getreidesamen  vor  ihrer  Verwendung  zu  Ernährungszwecken ­
  möglichst  weit  zerkleinert  und
von  der  unverdaulichen  Zellulose  befreit  werden.
Zur  Erreichung  beider  Ziele  bedient  man  sich
der  verschiedenen  Mahlverfahren,  welche  auf
der  Erkenntnis  beruhen,  daß  die  unverdauliche
äußere  Schale  zähe  ist  und  länger  ihren  Zusammenhang ­
  behält  als  der  spröde,  leicht  zu
einem  Pulver  zerreibliche  Mehlkörper  und  daher
durch  Sieben  entfernt  werden  kann.  Dem  eigentlichen ­
  Mahlen  geht  eine  sorgfältige  Reinigung
des  Getreides  von  fremden  Verunreinigungen
(Stroh,  Staub,  Unkrautsamen)  durch  mehrfache
Anwendung  von  Sieben,  Saugmaschinen  (Aspiratoren) ­
  und  Unkrautauslesemaschinen  (Trieuren)
vorauf,  und  erst  dann  folgt  die  weitere  Zerkleinerung ­
  im  Wege  der  Flachmüllerei  oder
der  Hochmüllerei.  Bei  der  ersteren,  welche
meist  im  Kleinbetriebe  für  die  weicheren  inländischen ­
  Weizen-  und  Roggensorten  angewandt
wird,  gelangt  das  Getreide  zwischen  möglichst
nahe  gerückte  Mühlsteine  oder  Walzen,  zwischen
denen  es  durch  eine  Mahlung  zerkleinert  wird.
Bei  der  Hochmüllerei,  einer  neuzeitlichen  Großindustrie, ­
  passiert  das  Korn  zunächst  weiter  gestellte ­
  Walzen,  um  dann  nach  und  nach  ein
System  immer  enger  gestellter  Walzen  zu  durchlaufen, ­
  und  wird  so  in  eine  Reihe  von  Mahlprodukten ­
  verschiedener  Feinheit:  Grieß,  Mehl
und  Dunst  zerlegt.  Die  allerfeinsten  Auszugsmehle ­
  sind  nahezu  frei  von  Schalenbestandteilen
(Kleie).  Neben  die  ursprünglichen  Mühlen  mit
Steinen  und  mit  Walzen  sind  neuerdings  die  sog.
Desintegratoren  oder  Dismembratoren  ge
treten,  eiserne,  mit  aufrecht  stehenden  Zähnen
besetzte  Scheiben,  welche  sich  mit  großer  Umdrehungszahl ­
  in  entgegengesetzter  Richtung  bewegen. ­
  Von  den  verschiedenen  Getreidemehlen
haben  Roggen-  und  Weizenmehl  für  die  menschliche ­
  Ernährung  die  größte  Bedeutung.  Sie  sind
ziemlich  gleich  zusammengesetzt  und  enthalten
ungefähr  12—13  0/0  ,Feuchtigkeit,  10—u°/o  Stickstoffsubstanz, ­
  I—2°/o  Fett,  73—74%  Stärke,
0,3—1,40/0  Holzfaser  und  0,5—i«/o  Asche.  Doch
unterliegt  der  Gehalt  an  den  einzelnen  Bestandteilen ­
  großen  ■  Schwankungen,  und  besonders  die
südrussischen  Hartweizen  (Taganrok)  sind  durch
ihren  hohen  Eiweißgehalt  ausgezeichnet.  Die  zu
Kindernährmitteln  viel  benutzten  Hafermehle  zeigen ­

  einen  hohen  Fettgehalt  von,  6—7°/o.  Für
die  Beurteilung  des  Mehles  nach  der  äußeren
Betrachtung  ist  besonders  die  Farbe  von  Bedeutung, ­
  weil  sie  einen  Rückschluß  auf  den
Gehalt  an  dunkleren  Kleienbestandteilen  zuläßt.
Zur  besseren  Erkennung  feinerer  Unterschiede
ist  die  Beobachtung  angefeuchteter  Muster  nach
dem  Verfahren  Pekars  (Pekarisieren)  sehr
geeignet.  Von  weiteren  Kennzeichen  ist  die  sog.
Griffigkeit  zu  erwähnen,  welche  dem  Fachmann ­
  wertvollen  Anhalt  für  die  Art  der  Mahlung
liefert.  Entscheidende  Bedeutung  kommt  aber
der  Menge  und  Art  des  Klebers  zu,  welche
nach  besonderen  Verfahren  ermittelt  werden
sowie  dem  unter  Verwendung  wechselnder  Wassermengen ­
  angestellten  praktischen  Backversuch.
Ungeeignet  oder  minder  tauglich  für  die  Zwecke
der  Bäckerei  ist  M.  aus  feucht  gewordenem,
gekeimtem,  sog.  ausgewachsenem  Getreide,  ferner ­
  mit  Parasiten  wie  Milben,  Mehlwürmern
und  Schimmelpilzen  durchsetztes  Mehl,  Bei  Anwesenheit ­
  gewisser  Mikroorganismen  (Bacillus
mesentericus)  liefert  das  M.  fadenziehendes  Brot,
und  es  ist  daher  zur  Fernhaltung  aller  Keime
dringend  erforderlich,  das  M.  luftig,  trocken  und
sauber  aufzubewahren.  Besonders  in  Kolonialwarenhandlungen ­
  sollten  die  Behälter  vor  dem
Einschütten  neuer  Vorräte  sorgfältig  von  alten
Resten  gereinigt  und  mit  neuem  Papier  ausgeschlagen ­
  werden.  Als  Verunreinigungen
sind  bisweilen  Unkrautsamen,  besonders  der
giftigen  Kornrade  und  des  Taumellolchs,  ferner
Brandsporen  und  Mutterkorn  aufgefunden  worden, ­
  während  eigentliche  Verfälschungen  durch
Kreide,  Gips,  Schwerspat  und  Tonerde  zu  den
größten  Seltenheiten  gehören.  Ihr  Nachweis  gelingt ­
  unschwer  mit  Hilfe  der  chemischen  Analyse, ­
  kann  aber  auch  schon  vom  Gewerbetreibenden ­
  geführt  werden,  indem  er  das  M.  in  Chloroform ­
  schüttet.  M.  bleibt  darin  schwimmend
oder  suspendiert,  während  mineralische  Beimengungen ­
  sofort  zu  Boden  sinken.  Zusätze  von
geringwertigen  zu  teureren  Mehlsorten,  wie  Maisoder ­
  Leguminosen-  zu  Weizenmehl,  werden  auf
mikroskopischem  Wege  erkannt.
Meißner  Weine.  Die  an  der  Elbe  zwischen
Meißen,  Dresden  und  Pirna  gebauten  sächsischen
Weine  sind  in  ihren  weißen  Sorten  leichte,
etwas  säuerliche,  aber  angenehm  schmeckende
Tischweine,  während  die  roten,  mehr  körperhaltigen,
  zum  Verschneiden  kleiner  Medocs  zuin
Versand  kommen.  Die  Rotweine  der  besten  |
Lagen,  besonders  vom  Ratsvveinberge  und  dem
Meißen  gegenüber  am  anderen  Elbufer  liegenden ­
  kleinen  Spargebirge  (Sparweine),  werden
von  Kennern  dem  Burgunder  gleich  geschätzt-Meisterwurzel
  (lat.  Rhizoma  imperatoriae,  frz-  1
Rhizome  d’impdratoire,  engl.  Master  wort)  ist
der  getrocknete  Wurzelstock  von  Peucedanum
  Ostruthium,  einer  ausdauerndenDoldenpflanze,
  die,  in  den  höheren  Gebirgen  Deutschlands ­
  und  in  den  Voralpen  heimisch,  in  Gärten
gezogen  wird  und  auch  verwildert  vorkommt-Der
  ohne  die  langen  fadenförmigen  Fasern
fingerdicke,  etwas  plattgedrückte,  geringe^®
Wurzelstock  zeigt  eine  längsrunzelige,  warzig  j
höckerige  Oberfläche  von  graubrauner  Färb®
und  einen  gelblichweißen,  mit  großen  braunen
Harzpunkten  versehenen,  Querschnitt.  Geruch
        <pb n="278" />
        Mekkabalsam

273

Melonen

und  Geschmack  sind  ähnlich  wie  bei  der  Angelikawurzel, ­
  aromatisch,  beißend  gewürzhaft.  Die
im  Herbst  von  zwei-  bis  dreijährigen  ausschließlich ­
  wild  wachsenden  Pflanzen  zu  sammelnden
Wurzeln  werden  aus  der  Schweiz,  dem  Riesengebirge ­
  sowie  einigen  anderen  Orten  in  den
Handel  gebracht  und  zur  Herstellung  von  Tierheilmitteln ­
  sowie  von  bittern  Likören  benutzt.
Die  M.  enthält  0,2—1,40/0  ätherisches  Öl,  Imperatorin, ­
  Ostruthin  u.  a.  Bitterstoffe.  Sie  ist  dem
Insektenfraß  sehr  unterworfen  und  muß  daher  in
gut  verschlossenen  Gefäßen  und  an  trockenen
Orten  aufbewahrt  werden.
Mekkabalsam  (Opobalsam,  lat.  Baisamum
de  mecca,  frz.  Baume  de  mecque,  engl.  Balsam
of  mecca),  ein  Balsamharz,  wird  in  dem  arabischen ­
  Küstengebiete  von  einem  Baume,  Balsamodendron
  gileadense,  gewonnen,  aus
dessen  Stamm  es  teils  freiwillig,  teils  durch
künstliche  Einschnitte  ausfließt.  Er  bildet  eine
braunrötliche,  trübe  Masse  von  der  Konsistenz
des  venezianischen  Terpentins  und  an  Rosmarin
und  Zitronen  erinnerndem  Geruch  und  wird  für
Parfümzwecke  sowie  im  Orient  medizinisch  benutzt. ­

Melado.  Unter  diesem  Namen  kommt  von
Westindien  ein  stark  eingedickter  Zuckerrohrsaft ­
  in  den  Handel,  der  unterwegs  größtenteils
kristallinisch  erstarrt  und  in  europäischen  Raffinerien ­
  gereinigt  und  auf  Hutzucker  verarbeitet
wird.
Melasse  nannte  man  ursprünglich  den  braunen, ­
  sirupartigen  Rückstand  von  der  Herstellung
des  Zuckers  aus  Zuckerrohr.  In  neuerer  Zeit
versteht  man  fast  nur  noch  die  Endsirupe  der
Rübenzuckerfabriken  darunter,  die  zwar  noch  erhebliche ­
  Mengen  Zucker  enthalten,  deren  gleichzeitig ­
  hoher  Salzgehalt  aber  die  Abscheidung
des  Zuckers  durch  einfache  Kristallisation  verhindert. ­
  Die  verschiedenen,  zur  Gewinnung  des
Zuckers  vorgeschlagenen  Verfahren,  welche  teils
auf  der  Auslaugung  (Diffusion  oder  Osmose),
teils  auf  der  Darstellung  von  Kalk-,  Strontian-°der
  Barytsaccharat  beruhen,  scheinen  zurzeit
kaum  noch  praktische  Bedeutung  zu  haben.
Vielmehr  wird  die  meiste  M.  jetzt,  besonders
Ir n  Gemisch  mit  Torf,  Häcksel  oder  Rübenschnitzeln, ­
  als  Viehfutter  oder  zur  Branntweinbrennerei ­
  benutzt.
Melilotenkraut  (lat.  Herba  meliloti,  frz.  Somteitd
  fleurie  de  mölilot,  engl.  Melilot)  stammt
dem  wohlriechenden  gelben  Steinklee
Welilotus  off  icinalis),  einer  zweijährigen
Pflanze  mit  kleeartigen  Blättern  und  gelben
Schmetterlingsblüten,  die  sich  mehr  oder  weniger ­
  häufig,  überall  an  Wegen,  Rainen  und  auf
tepekenen  Wiesen  vorfindet.  Der  Geruch  der
Rischen  Pflanze,  die  blühend  eingesammelt  wird,
ls f  schwach  honigartig.  Beim  Trocknen  aber
Ritt  ein  starker,  angenehmer  Geruch  auf,  welc
 “er  auf  der  Anwesenheit  von  an  Melilotsäure
gebundenem  Kumarin  beruht.  Das  Kraut  dient
gepulvert  zu  erweichenden  Umschlägen  und  zur
htarsteiiung  des  Melilotenpflasters,  ferner  in
größeren  Mengen  zur  Parfümierung  von  Schnupfabak,
  an  Stelle  der  Tonkabohnen.  Eine  besondere ­
  Art,  Melilotus  coeruleus,  wird  in
aer  Schweiz  zur  Bereitung  des  Kräuterkäses
Ve rwandt.
-^t  e  r  c  ks  Warenlexikon.

Melissenkraut  (lat.  Herba  seu  Folia  melissae,
frz.  Feuilles  de  mdlisse,  engl.  Balm  leaves).  Die
Melisse  (Melissa  officinalis),  eine  ausdauernde
Labiate,  die  in  den  Gebirgen  des  mittleren  und
südlichen  Europa  wild  wächst,  zeigt  oberseits
dunkel-,  unten  hellgrüne,  mit  einzelnen  steifen
Haaren  besetzte,  eirunde,  langgestielte,  gekerbte
Blätter  und  weiße  Lippenblüten.  Das  Kraut  wird
kurz  vor  der  Blüte  geschnitten,  im  Schatten  rasch
getrocknet  und  unter  gutem  Verschluß  aufbewahrt. ­
  Man  benutzt  es  im  Haushalt  bisweilen
zur  Darstellung  eines  wohlschmeckenden  Tees,
offizinell  als  aromatisches  und  nervenstärkendes
Mittel.  Die  bei  uns  in  Gärten,  für  Handelszwecke ­
  in  Thüringen  auch  auf  Feldern  gezogene
Zitronenmelisse  ist  lediglich  eine  botanische
Spielart  (var.  citrata),  die  sich  durch  starken
zitronenähnlichen  Geruch  auszeichnet.  —  Die  offizinelle
  Pflanze  enthält  bis  zu  etwa  0,1  °/o  ätheri
sches  Öl  (Melissenöl,  lat.  Oleum  melissae,
frz.  Essence  de  mdlisse,  engl.  Balm  oil),
das  bei  schwacher  Destillation  mit  Wasser  gelöst ­
  bleibt  (Melissenwasser,  lat.  Aqua  melissae, ­
  frz.  Eau  distillde  de  mdlisse,  engl.  Balm
water),  bei  wiederholtem  Destillieren  über  mehrere ­
  Posten  Kraut  aber  frei  auf  dem  Wasser
schwimmend  erhalten  wird.  Das  Öl  ist  von
starkem  Aroma,  findet  aber  seines  hohen  Preises
wegen  in  der  Parfümerie  keine  Anwendung.
Das  Melissenöl  des  Flandels  ist  kein  reines
Destillat  der  Melisse,  sondern  entweder  ein  über
Melissenkraut  destilliertes  Zitronenöl  oder  Zitronellöl
  oder  aber  nur  ein  fraktioniertes  Zitronellöl.
  Durch  Destillation  des  Krautes  nebst
anderen  würzhaften  Stoffen  mit  Weingeist  wird
der  Melissengeist  oder  Karmelitergeist  dargestellt, ­
  der  sowohl  als  Parfüm  wie  zu  medizinischem ­
  Gebrauch  dient.
Melonen  (Arbuse,  frz.  und  engl.  Melon)  sind
die  Früchte  einer  zu  den  Gurkengewächsen
(Kukurbitazeen)  gehörenden  Pflanze,  Cucumis ­
  me  Io,  die  in  Asien  und  Afrika  heimisch  ist
und  noch  jetzt  wild  wachsend  angetroffen  wird,
ihren  eigentlichen  Wohlgeschmack  aber  erst  in
angebautem  Zustande  erlangt.  Ihr  Name  leitet
sich  von  der  griechischen  Insel  Melos,  dem
jetzigen  Milo  ab.  Die  M.  war  schon  den  alten
Phöniziern  bekannt,  wurde  von  den  Arabern
nach  Spanien  eingeführt  und  wird  jetzt  in  allen
Mittelmeerländern,  besonders  Italien  sowie  auch
in  Ungarn  angebaut,  während  die  Früchte  bei
uns  wegen  ihres  hohen  Wärmebedarfs  nur  in
Treibhauskultur  gedeihen.  Die  M.  kommen  in
zahlreichen,  durch  Form,  Größe,  Farbe  und
Zeichnung  der  Oberfläche  unterschiedenen  Spielarten ­
  in  den  Verkehr.  Es  gibt  rot-,  gelb-,  grünund
  weißfleischige,  glatte,  gerippte  oder  mit
Netzgeflecht  überzogene,  klein-  und  großfrüchtige
  Sorten.  Die  besten  italienischen  M.,  nach
dem  päpstlichen  Schlosse  Cantalupo  in  der  Mark
Ankona  auch  Kantalupen,  sonst  Zatte,  genannt, ­
  sind  j^lattgedrückt  und  runzelig  und  besitzen ­
  ein  orangerotes  oder  grünliches,  sehr
zuckerreiches  und  aromatisches  Fleisch.  Von
anderen  Sorten  sind  zu  nennen  die  ungarische
Theißperle,  die  Turkestan-M.,  die  Zuckerund ­
  Malteser-M.,  die  außerordentlich  aromatische ­
  Ananas-M.  von  Athen,  die  grünfleischige
türkische  M.,  die  griechische  Königs-M.  und
18
        <pb n="279" />
        Mengkorn

274

Merino

die  grüne  Sarepta-M.  Bei  uns  werden  besonders ­
  die  mittelgroßen,  grünlichen,  gepreßten
Früchte  geschätzt.  —  Einer  anderen  Art,  Citrullus
  vulgaris  (Cucumis  citrullus),  gehört
die  sog.  Wassermelone  (frz.  Melon  d’eau,
engl.  Water  melon)  an,  deren  Fleisch  nur  im
Innern  rot,  süß  und  saftig  ist  und  zum  Unterschiede ­
  von  der  echten  M.  schwarze  oder  rötliche
Samen  umschließt.  Die  M.  enthält  neben  91,5  °/c
Wasser  0,84%  Protein,  0,13  °/o  Fett,  3,450/0
Zucker,  2,900/0  stickstofffreie  Extraktstoffe,  0,660/0
Rohfaser  und  0,52  °/o  Asche.  Sie  bildet  eine
außerordentlich  beliebte  Frucht,  die  teils,  wie
in  Italien  die  Wassermelone,  geradezu  als  Volksnahrungsmittel. ­
  Verwendung  findet,  teils  bei  uns
nach  Zusatz  von  Zucker,  oder  in  Ungarn  mit
Paprika  als  Delikatesse  geschätzt  wird.
Mengkorn  (Mengfrucht)  ist  ein  Gemenge
verschiedener  Getreidearten,  meistens  Roggen
und  Weizen,  die  absichtlich  untereinander  gebaut
werden.  Der  Anbau  von  zusammen  wachsenden
Getreidearten  oder  Hülsenfrüchten  ist,  sicherer
und  darum  der  Ertrag  etwas  höher,  das  Gemenge ­
  aber  nicht  so  gut  wie  die  Einzelfrüchte
verkäuflich  und  der  Preis  daher  etwas  geringer.
M.  kommt  nur  im  Ortshandel  vor  und  ist  nicht
zu  verwechseln  mit  den  Gemischen  aus  mehreren
Sorten  gleicher  Frucht,  wie  sie  besonders  im  Großhandel ­
  der  Ostseeländer  gebräuchlich  sind.  —
Das  Mengfutter,  von  welchem  in  der  Landwirtschaft ­
  viel  Gebrauch  gemacht  wird,  setzt  man  aus
verschiedenen  Sämereien,  besonders  aus  Wicken
und  Hafer  oder  aus  Gräsern  und  Kleesämereien
zusammen.
Menstruationsmittel  zur  Beseitigung  von  Blutstockung ­
  bei  Frauen  sind  meist  wertlose  Geheimmittel, ­
  die  entweder  aus  gepulverter  römischer ­
  Kamille  oder  aus  Destillaten  harmloser
Drogen  bestehen,  z.  B.  Uterosan,  Cito  usw.
Mennige  (Bleimennige,  Bleizinnober,
Bleirot,  rotes  Bleioxyd,  Saturnzinnober,
lat.Minium,  Plumbum  oxydatum  rubrum,  frz.  Mine,
Rouge  de  saturne,  engl.  Red  lead)  wird  dargestellt
durch  wiederholtes  Erhitzen  (Brennen)  von  feingemahlener ­
  Bleiglätte  auf  450 0  bei  Luftzutritt,
bis  das  gelbe  Bleioxyd  in  ein  lebhaft  rotes
Pulver  übergegangen  ist.  Nicht  zu  verwechseln ­
  mit  Eisenmennige  (s.  d.)  I  Eine  besonders
feine  und  feurige  Sorte,  die  Orange-M.  (Pariser-M.,
  frz.  Mine  orange,  engl.  Saturnine  red)
entsteht  durch  Erhitzen  von  Bleiweiß  oder  kohlensaurem ­
  Blei.  M.  ist  ein  schweres  rotes,  in
Wasser  unlösliches  Pulver  und  besteht  in  chemischer ­
  Hinsicht  aus  einem  Gemenge  von  Bleioxyd ­
  und  Bleisuperoxyd,  welches  auch  wohl
als  ein  Salz  der  hypothetischen  Orthobieisäure,
Pb 3 0 4 ,  aufgefaßt  wird  und  90,7  °/o  Blei  neben
9,3  °/o  Sauerstoff  enthält.  Beim  Übergießen  mit
Salpetersäure  färbt  sich  die  M.  unter  Abscheidung ­
  von  Bleisuperoxyd  und  gleichzeitiger  Bildung ­
  von  löslichem  Bleinitrat  braun,  hingegen
wird  sie  durch  Salpetersäure  unter  Zusatz  von
Zucker  oder  Oxalsäure  völlig  gelöst.  Die  M.  wird
als  Malerfarbe  in  öl  und  auf  Kalk  benutzt,  ist
jedoch  hierzu  wegen  ihrer  geringen  Haltbarkeit
nicht  zu  empfehlen.  Wichtiger  ist  ihre  Verwendung ­
  in  Firnis  als  rostschützender  Anstrich  zum
Grundieren  von  Eisen,  ferner  mit  Bleiweiß  und
Firnis,  zusammengeknetet  als  Kitt  für  Flanschen

an  Dampfleitungsröhren  und  kupfernen  Destillationsapparaten ­
  sowie  zur  Herstellung  feiner  Bleigläser ­
  (Kristallglas,  optische  Gläser)  und  Glasuren. ­
  M.  ist  giftig  und  unterliegt  somit  den
Vorschriften  für  Gifte  und  für  Bleifarben  (s.  d.).
Menthol  (Menthakampfer,  lat.  Mentholum)
bildet  den  wichtigsten  Bestandteil  des  Pfefferminzöls, ­
  aus  dem  es  sich  bei  starker  Abkühlung ­
  in  langen  prismatischen  Kristallen  abscheidet. ­
  Zur  Darstellung  benutzt  man  vorwiegend ­
  das  japanische  Pfefferminzöl  sowie
das  von  Japan  eingeführte  Roh-M.,  welches  nur
aus  Petroläther  oder  Alkohol  umkristallisiert  zu
werden  braucht.  Die  Pfefferminzöle  werden  vorher ­
  durch  fraktionierte  Destillation  von  den
beigemengten  Terpenen  befreit.  Das  M.  besitzt
den  Geruch  und  Geschmack  des  Pfefferminzöls,
schmilzt  um  43 0  herum  und  ist  linksdrehend.
Es  siedet  bei  211—212 0  unzersetzt,  läßt  sich
aber  schon  bei  niederer  Temperatur  sublimieren.
In  chemischer  Hinsicht  ist  es  ein  gesättigter
sekundärer  Alkohol,  C 10 H 19 OH,  dessen  entsprechendes ­
  Keton,  das  Ment  hon,  den  zweiten
Hauptbestandteil  des  Pfefferminzöls  bildet.  Auf
dieser  Kenntnis  beruht  ein  neues  Verfahren
zur  Gewinnung  des  gesamten  im  Pfefferminzöl
enthaltenen  M.  Behandelt  man  nämlich  die
von  der  Kristallisation  des  M.  zurückbleibenden
Mutterlaugen,  deren  Bestandteile,  6o°/o  Menthon
und  40%  Menthol,  sich  weder  durch  Kristallisation, ­
  noch  wegen  der  naheliegenden  Siedepunkte ­
  (Mehthon  206°)  durch  fraktionierte  Destillation ­
  trennen  lassen,  mit  Hydroxylamin,  so
geht  das  Menthon  in  Oximidomenthon  über,
das  als  ein  basischer  Körper  durch  verdünnte
Schwefelsäure  in  Lösung  gebracht  und  so  von
dem  rein  zurückbleibenden  M.  getrennt  werden ­
  kann.  Das  Menthon  gibt  bei  der  Behandlung ­
  mit  Natrium  in  alkoholischer  Lösung
ebenfalls  M.,  so  daß  nahezu  das  ganze  Pfefferminzöl ­
  in  M.  übergeführt  wird.  —  Reines  M.
muß  völlig  trocken  und  ohne  Rückstand  sublimierbar
  sein.  Eine  Auflösung  in  1  ccm  Eisessig
muß  mit  drei  Tropfen  Schwefelsäure  und  einem
Tropfen  Salpetersäure  farblos  bleiben,  während
eine  schmutzig  blaugrüne  Färbung  Thymol  anzeigt. ­
  M.  findet  im  Gemisch  mit  Milchzucker
ausgedehnteAnwendung  als  Schnupfpulver  (Mentholinpulver),
  ferner  als  M.-Lanolin  gegen
Frostbeulen  und  als  M.-Vaseline  gegen  Rheumatismus ­
  und  in  Form  von  Stiften  gegen  Migräne ­
  (Migränestifte).  In  reinem  Zustande
dient  es  zum  Inhalieren  bei  Asthma  sowie  innerlich ­
  gegen  Rheumatismus,  Durchfälle,  Erbrechen.
Merino  (engl.  Merino,  Marrino)  heißen  leichte
geköperte  Zeuge  aus  Kammwolle  mit  dreifädigem,
  auch  vierfädigem,  auf  beiden  Seiten  gleichem ­
  Körper.  Sie  kommen  in  allen  Farben  und
gemustert  vor  und  waren  eine  Zeitlang  zu
Frauenkleidern  und  Umschlagetüchern  sehr  beliebt. ­
  Die  durch  Sengen,  Scheren  und  heißes
Pressen  mit  Glanz  appretierten  Stoffe  kamen
ursprünglich  aus  England  und  wurden  dann
auch  in  Deutschland  und  Frankreich  hergestellt.
Gegenwärtig  ist  die  Ware  meist  durch  die  in
Deutschland  zuerst  gefertigten  Thibets  (vollere
und  weichere  Stoffe  ohne  glänzende  Appretur)
verdrängt  worden;  Eine  wohlfeilere  hierher  gehörige ­
  Ware,  ein  halbwollener,  dreifädig  ge ­
        <pb n="280" />
        Merkolintschurz

275

Metanilgelb

köperter  M.  mit  baumwollener  Kette  und  Kammgarneinschlag, ­
  führt  die  Bezeichnung  Paramatta.

Merkolintschurz  ist  ein  mit  Quecksilbersalbe
imprägniertes  Gewebe,  welches  gegen  venerische
Krankheiten  auf  der  Brust  getragen  wird.
Mesotan,  eine  klare,  ölartige  Flüssigkeit  von
aromatischem  Geruch  und  dem  spez.  Gew.  1,200,
besteht  aus  dem  Salizylsäuremethoxymethylester
05114(011)000  .  CH 2  .  OCHj,  und  wird  durch
Behandlung  von  Chlormethyläther  mit  Natriumsalizylat
  hergestellt.  Es  ist  in  Wasser  wenig,
in  Alkohol,  Äther,  Benzol  und  fetten  Ölen
leicht  löslich.  Im  Gemisch  mit  Olivenöl  dient
es  an  Stelle  von  Gaultheriaöl  zum  Bepinseln  der
Haut  bei  Rheumatismus,  hat  aber  wegen  der
leichten  Abspaltung  von  Formaldehyd  oft  unangenehm ­
  reizende  Nebenwirkungen.  Zur  Vermeidung ­
  von  Zersetzungen  muß  M.  vor  Licht
und  besonders  vor  Feuchtigkeit  gut  geschützt
aufbewahrt  werden.
Messing  (frz.  Lacton,  engl.  Yellow  brass,  Brass)
ist  die  gebräuchlichste  Legierung  der  beiden
Metalle  Kupfer  und  Zink,  die  sich  zwar  in
jedem  beliebigen  Verhältnisse  zusammenschmelzen ­
  lassen,  aber  erst  bei  einem  Überschüsse  des
Kupfers  brauchbare  Legierungen  ergeben.  Im
Gegensätze  zu  dem  Tombak  (s.  d.),  das  weniger
als  18  0/0  Zink  enthält,  faßt  man  unter  dem
Namen  Messing  alle  .Kupfer-Zink-Legierungen
mit  mehr  als  18.%  Zink  zusammen.  Die  verschiedenen ­
  Handelssorten  des  Messings  (Gelbguß)
enthalten  überaus  wechselnde  Mengen  der  beiden ­
  Metalle,  doch  liegt  der  Gehalt  an  Zink  in
der  Regel  zwischen  20  und  40  0/0,  meist  sogar
zwischen  24  und  3Ö°/o.  Nur  die  zu  Möbelbeschlägen ­
  benutzten  Legierungen  sind  bisweilen
zinkreicher.  Die  physikalischen  und  technischen
Eigenschaften  der  Messingsorten  hängen  von
ihrem  Gehalt  an  Kupfer  und  Zink  ab.  Mit  steigendem ­
  Kupfergehalte  wird  die  Legierung  weicher ­
  und  dehnbarer.  Mit  steigendem  Zinkgehalte
erhöhen  sich  Härte  und  Schmelzbarkeit,  während ­
  das  spezifische  Gewicht,  die  Geschmeidigkeit ­
  und  Hämmerbarkeit  sinken.  Auch  die
Earbe  wird  von  der  Zusammensetzung  gesteigert.
Die  Regel,  daß  eine  Kupfer-Zink-Legierung  um
s 9  röter  aussieht,  je  höher  der  Kupfergehalt,
gilt  aber  nur  bei  mehr  als  70  0/0  Kupfer.  Hingegen ­
  ist  eine  Legierung  aus  gleichen  Teilen
beider  Metalle  röter  als  eine  solche  aus  80  °/o
Kupfer  und  20 0 /o  Zink.  Zur  Darstellung  des  M.
w urde  früher  Galmei  mit  zerkleinertem  Kupfer
Ut M  Kohlenstaub  direkt  zusammengeschmolzen,
fahrend  man  heutzutage  stets  von  den  reinen
Metallen  ausgeht.  Die  letzteren  werden  zunächst
Itl  kleineren  Tiegeln  im  Gemisch  mit  Kohlenklein
Un d  mit  Kohlenstaub  überschichtet  zum  Schmel-V
 n ,  erhitzt,  dann  wird  der  Inhalt  aller  Tiegel  vere
 'nigt,  gerührt  und  abgeschäumt  und  in  Mulden
begossen.  Die  erstarrte,  noch  heiß  zerschlagene
Masse  liefert  das  Rohmaterial  für  Gelbgieße-V
 le n.  das  sog.  Stückmessing.  Zur  Herstellung
es  von  Pumpen-  und  Spritzenfabrikanten,  Gravuren ­
  und  Gürtlern  benutzten  Tafelmessings,
''urd  (jj e  geschmolzene  Legierung  zwischen  zwei
sroße,  rnit  Lehm  und  Kuhmist  überzogene  Grabplatten ­
  gegossen.  Die  6—20  mm  dicken  Platten
MI1 d  zunächst  raüh  und  durch  Oxyd  geschwärzt

und  werden  daher  durch  Beizen,  Schaben,  Hobeln ­
  oder  durch  Glätten  zwischen  stählernen
Walzen  weiter  vorgerichtet.  Durch  mehrmaliges
Strecken  der  Platten  entsteht  das  Messingblech ­
  und  aus  letzterem  das  Drahtband,  welches ­
  die  Drahtzieher  verarbeiten.  M.  wird  häufiger ­
  als  Kupfer  und  Zink  allein  verarbeitet,
weil  es  die  guten  Eigenschaften  beider  Metalle
vereinigt  und  doch  billiger  als  Kupfer  ist.  Es
übertrifft  das  Kupfer  an  Härte  und  Widerstandsfähigkeit ­
  gegen  Atmosphärilien  und  besitzt  eine
schönere  Farbe  und  große  Politurfähigkeit,  Wie
Kupfer  ist  M.  in  der  Kälte  sehr  dehn-  und
hämmerbar,  läßt  sich  mit  Leichtigkeit  strecken,
treiben,  zu  dem  dünnsten  Blech  auswalzen  und
zu  feinstem  Draht  ausziehen.  Wegen  seiner
Dünnflüssigkeit  füllt  es  die  Formen  gut  aus  und
gibt  dichte  Güsse.  —  Als  besondere  Arten  des
Messings  sind  zu  erwähnen:  Prinzmetall  mit
67—75  0/0  Kupfer  und  25—33°/o  Zink,  C  ui  vrepoli,
  Glanzmessing  für  Möbelbeschläge  u.  dgl.,
Chrysorin  aus  60  °/o  Kupfer  und  4o°/o  Zink,
Platine,  eine  weiße  Legierung  aus  43  °/o  Kupfer
und  570/0  Zink.  Durch  geringe  Zusätze  anderer
Metalle  erhält  man:  Yellow  metall  aus  6o°/o
Kupfer,  40%  Zink  und  2  °/o  Eisen,  Deltametall
(s.d.),  Duranametall  mit  650/0  Kupfer,  290/0  Zink,
1,5%  Eisen,  1,50/0  Aluminium,  2°/o  Zinn  und
Antimon,  Aluminiummessing  mit  8  °/o  Aluminium. ­
  Die  ebenfalls  hierher  gehörenden  Leoninischen ­
  Waren  aus  vergoldetem  Draht  und
Lahn,  die  Tressen,  Kantillen  und  Quasten  werden ­
  nach  dem  Verfahren  der  Zementation  in
der  Weise  hergestellt,  daß  man  die  kupfernen
Drähte  und  Bleche  in  feuerfesten,  luftdicht  verschlossenen ­
  Kasten  zugleich  mit  Zink  erhitzt.
Das,  Zink  verdampft  und  verbindet  sich  mit
dem  Kupfer  auf  der  Oberfläche  der  Gegenstände ­
  zu  Messing.
Metallbeizen  sind  Lösungen  von  Säuren  und
Salzen  oder  Gemischen  beider,  welche  dazu
dienen,  die  Oberfläche  metallener  Gegenstände
zu  reinigen,  zu  mattieren  oder  dunkler  zu  färben.
Zum  Reinigen  und  Blankmachen  (Abbrennen)
benutzt  man  für  Kupfer  und  seine  Legierungen
meist  ein  Gemisch  von  Schwefelsäure  und  Salpetersäure, ­
  für  Zink  und  Eisen  verdünnte  Schwefelsäure ­
  allein.  Eine  mattierte  und  gemusterte
Oberfläche  entsteht  bei  Anwendung  von  Salpeterschwefelsäure ­
  mit  einem  Zusatz  von  Zinkvitriol ­
  und  Kochsalz  oder  Salmiak.  Die  Dunkelfärbung ­
  (das  Brünieren)  wird  bei  Kupfer  durch
Behandlung  mit  einer  wäßrigen  Lösung  von
Kupferazetat,  Salmiak  und  verdünnter  Salpetersäure, ­
  bei  Eisen  (Gewehrläufe)  durch  eine  Ätzung
mit  Salpetersäure  und  nachfolgende  Behandlung ­
  mit  Silbernitratlösung  erzielt.
Metanilgelb  (Orange  MN,  Tropaeolin  G.
Viktoriagelb),  ein  seit  1882  bekannter  Azofarbstoff, ­
  findet  sich  in  verschiedenen  Arten
im  Handel.  Das  eigentliche  M.,  ein  braungelbes, ­
  in  Wasser  mit  orangegelber  Farbe  lösliches ­
  Pulver,  besteht  aus  dem  Natronsalze  des
Metaamidobenzolsulfosäureazodiphenylamins,  C 18 ,
H u N 3 S0 3 Na,  und  färbt  Wolle  im  sauren  Bade
orangegelb.  Die  Sulfosäure  des  M.  führt  die
Bezeichnung  Metanilgelb  S.  Metanilorange ­
  I  wird  durch  Einwirkung  von  Meta-
        <pb n="281" />
        Methylal

276

Milch

diazobenzolsulfosäure  auf  Alphanaphtol,  Metanilorange ­
  II  auf  Betanaphtol  erhalten.
Methylal,  der  Methylendimethyläther,  CH 2 .
(O.CH 3 ) 2 ,  eine  hei  42 0  siedende  Flüssigkeit,
findet  als  Schlafmittel  und  Anästhetikum  medizinische ­
  Anwendung;
Methylblau,  ein  dem  Anilinblau  verwandter,
1862  entdeckter  Teerfarbstoff,  entsteht  durch
Einwirkung  von  Anilin  auf  Pararosanilin,  Sulfurieren
  des  gebildeten  Triphenylrosanilins  und
Sättigen  mit  Soda  und  ist  daher  das  Natronsalz
der  Triphenylpararosanilintrisulfosäure.  Man  erhält ­
  es  als  dunkelblaues,  in  Wasser  lösliches
Pulver,  das  gebeizte  Baumwolle  blau  färbt.
Methylenblau,  Äthylenblau,  Phenylenblau
  (Bleu  de  Poteaux),  ein  seit  1876  bekannter ­
  Thiazinfarbstoff,  wird  erhalten,  wenn
man  eine  salzsaure  Lösung  von  Nitrosodimethylanilin
  mit  Schwefelwasserstoff  reduziert,  die  entstehende ­
  Verbindung  mit  Eisenchlorid  behandelt
und  schließlich  durch  Zusatz  von  Chlorzinklösung
und  Kochsalz  den  Farbstoff  als  Chlorzinkverbindung
  ausfällt.  Zurzeit  stellt  man  den  Farbstoff
ausschließlich  nach  dem  sog.  Thiosulfatverfahren
  her,  indem  man  Paraamidodimethylanilin
bei  Gegenwart  von  unterschwefligsaurem  Natrium ­
  oxydiert,  die  entstandene  Thiosulfonsäure
durch  Behandlung  mit  Chromat  und  Dimethylanilin ­
  in  das  entsprechende  Indamin  überführt
und  letzteres  mit  Chlorzinklösung  kocht.  Das
Endprodukt,  das  Leukomethylenblau,  gibt  dann
bei  der  Oxydation  mit  Eisenchlorid  den  Farbstoff, ­
  ein  vierfach  alkyliertes  Lauthsches  Violett ­
  (s.  d.)  von  der  Formel  (CH 3 ) 2  .  N  .  C 6 H 3  .
(NSC1)C 6 H 3 N  .  (CH 3 ) 2 .  Man  erhält  das  M.  entweder ­
  als  dunkelblaues  Pulver  oder  in  kupferartig ­
  glänzenden  Nadeln,  die  in  Wasser  löslich
sind.  Der  Farbstoff  eignet  sich  zum  Blaufärben
von  Seide  und  mit  Tannin  gebeizter  Baumwolle
und  findet  auch  beschränkte  medizinische  Anwendung. ­
  —  Als  Abkömmlinge  des  M.  sind  anzuführen: ­
  Methylengrün,  ein  Nitroprodukt,
Thiokarmin,  ein  aus  Methylbenzylanilinsulfosäure
  dargestellter,  Neumethylenblau  N,  ein
vom  Nitrosomethyltoluidin  ausgehender  Methylenblaufarbstoff. ­

Methylgrün  (Lichtgrün,  Parisergrün,
Grünpulver,  Vert  ötincelle,  Vert  lumifere),
ein  seit  1871  bekannter  Triphenylmethanfarbstoff,
  besteht  aus  der  Zinkchloridverbindung ­
  des  Chlormethylhexamethylpararosanilinchlorwasserstoffs
  und  wird  durch  Behandlung
von  Methylviolett  mit  einer  Lösung  von  Chlormethyl ­
  in  Amylalkohol  und  nachherigen  Zusatz
von  Chlorzink  dargestellt.  Man  erhält  das  M.  in
grünen  Kristallen,  die  sich  in  Wasser  leicht  mit
blaugrüner  Farbe  lösen  und  zum  Färben  von
Seide  und  Baumwolle  benutzt  werden.  Wendet
man  bei  der  Darstellung  anstatt  Chlormethyl
Bromäthyl  an,  so  erhält  man  eine  andere  Sorte
M.,  die  in  chemischer  Hinsicht  als  Äthylgrün
anzusprechen  ist.
Methylorange  (Dimethylorange,  Dimethylanilinorange, ­
  Helianthin,  Tropaeolin
  D),  ein  Azofarbstoff  (s.  d.),  der  1875  entdeckt ­
  wurde  und  aus  dem  Natronsalze  des  Sulfanilsäureazodimethylanilins,
  C U H U N S  .  SO a Na,  besteht, ­
  bildet  ein  ockergelbes,  in  Wasser  lösliches

Pulver  und  wird  gewöhnlich  auch  als  Orangelll
bezeichnet.  Vgl.  Orange.
Methylviolett  (Methylanilinviolett,  Pa
riser  Violett,  frz.Violet  de  Paris,  Violet  direct),
ein  schon  seit  1861  bekannter  Teerfarbstoff
der  Triphenylmethanreihe,  besteht  gewöhnlich
aus  einem  Gemenge  von  Salzen  zweier  Basen,
nämlich  des  Pentamethyl-  und  des  Hexamethylrosanilins.
  Man  erhält  den.  Farbstoff  durch  Oxydation ­
  von  Dimethylanilin  mit  Kupfernitrat  und
Kochsalz  und  Entfernen  des  Kupfers  durch
Schwefelleber.  An  Stelle  des  Kupfernitrats  kann
auch  Kupfersulfat  und  chlorsaures  Kali  angewandt ­
  werden.  Um  mehr  rötliche  Farbtöne
zu  erzielen,  nimmt  man  ein  Gemenge  von  Dimethylanilin ­
  und  Methylanilin.  Durch  Aus
kochen  des  Reaktionsproduktes  mit  Salzsäure
erhält  man  die  Chlorwasserstoffverbindung  der
Basen,  welche  mit  Kochsalz  ausgefällt  wird.  Das
M.  kommt  in  metallisch  grünglänzenden  Stücken
oder  auch  als  Pulver,  selten  kristallisiert,  in  den
Handel.  Es  gibt  mit  Wasser  eine  violette  Lösung, ­
  welche  durch  Zusatz  von  Salzsäure  grün
wird.  Die  verschiedenen  Arten  des  M.  werden
zum  Färben  von  Wolle,  Seide  und  Baumwolle
benutzt.  Unter  der  Bezeichnung  Methylviolett ­
  5  B  und  6B  kommen  andere  Farbstoffe  in
den  Handel,  welche  durch  Einwirkung  von  Ben
zylchlorid  auf  Rosanilin  erhalten  werden;  siehe
Benzyl  violett.  Das  reine  Hexamethyl-p-Rosanilin
  wird  als  Kristallviolett  bezeichnet.
Metol,  das  salz-  oder  schwefelsaure  Salz  des
Monomethylparamidometakresols,  ist  in  verschiedenen ­
  Haarfärbemitteln,  wie  Aurin,  aufgefunden ­
  worden,  soll  aber  unter  Umständen  Hautentzündungen ­
  hervorrufen.  Für  photographische
Zwecke  findet  es,  besonders  in  Verbindung  mit
Hydrochinon,  als  Entwickler  Anwendung.
Migränin  ist  der  den  Höchster  Farbwerken
geschützte  Name  für  ein  Gemisch  von  ungefähr
91  Teilen  Antipyrin,  8  Teilen  Koffein  und  0,5  0/0
Zitronensäure,  das  als  Mittel  gegen  Kopfschmerzen ­
  und  Migräne  vielfach  Anwendung  findet,
seit  1906  aber  von  den  Apotheken  nur  auf  ärztliche ­
  Verordnung  abgegeben  werden  darf.
Mikrobin,  ein  neues  Konservierungsmittel  für
Obsterzeugnisse,  besteht  aus  parachlorbenzoesaurem ­
  Natrium,  C 6 H 4 C1  .  COONa.
Milch  (lat.  Lac,  frz.  Lait,  engl.  Milk)  ist  die
von  den  Milchdrüsen  der  Säugetiere  abgeschiedene ­
  und  für  die  Ernährung  der  Nachkommen
im  Jugendzustande  bestimmte  Flüssigkeit.  Zum
Begriff  der  Handelsmilch,  als  welche  in
erster  Linie  und  nahezu  ausschließlich  die  Kuhmilch ­
  in  Frage  kommt,  gehört  weiter,  daß  sie
durch  vollständiges  Ausmelken  gewonnen  worden ­
  ist  und  erst  einige  Zeit  nach  dem  Abkalben
in  den  Verkehr  gebracht  wird.  Die  in  den  ersten
Tagen  nach  dem  Kalben  abgesonderte  Flüssigkeit ­
  (Kolostrum,  Kolostralmilch,  Biestmilch) ­
  darf  hingegen  nicht  verkauft  werden.
Die  Milch  stellt  eine  undurchsichtige,  weiße  bis
gelbe  Flüssigkeit  dar,  von  amphoterer  Reaktion
und  angenehm  süßlichem  Geschmack  und  besteht ­
  aus  einer  Emulsion  von  mikroskopisch
kleinen  Fettkügelchen  in  -  einer  weißen,  dünnschleimigen,
  wäßrigen  Lösung,  dem  sog.  Milchplasma. ­
  Bei  längerem  Stehen  steigen  die  suspendierten ­
  Fettröpfchen  an  die  Oberfläche  und
        <pb n="282" />
        Milch

277

Milch

bilden  hier  eine  zusammenhängende  Schicht,
den  Rahm  oder  die  Sahne.  Beim  Kochen  gerinnt ­
  die  Milch  nicht,  sondern  scheidet  lediglich ­
  an  ihrer  Oberfläche  ein  hauptsächlich  aus
Kasein  bestehendes  Häutchen  ab.  Sie  gerinnt
hingegen  beim  Sauerwerden  und  nach  Zusatz
von  Lab.  In  chemischer  ,  Hinsicht  ist  die  M.
ein  außerordentlich  kompliziertes  Gemisch  der
verschiedensten  Stoffe,  von  denen  neben  Wasser,
geringen  Mengen  gelöster  Gase,  wie  Kohlensäure, ­
  Stickstoff  und  Sauerstoff,  ferner  Zitronensäure, ­
  Lezithin,  Cholesterin,  Harnstoff  und  Kreatin, ­
  besonders  Fett,  Eiweißstoffe  (Kasein  und
Albumin),  Milchzucker  und  Salze  (Phosphate)
anzuführen  sind.  Der  mittlere  Gehalt  für  die
Tagesmilch  größerer  Kuhherden  in  Deutschland
beträgt  nach  Fleischmann:  87,750/0  Wasser,
3,400/0  Fett,  3,50%  Protein,  4,600/0  Milchzucker
und  0,7s  °/o  Mineralstoffe.  Jedoch  unterliegt  die
Zusammensetzung  beträchtlichen  Schwankungen,
welche  durch  die  Rasse  und  die  Fütterung  der
Tiere,  durch  die  Laktationsperiode.  Alter,  Geschlechtsleben ­
  und  allgemeine  Haltung,  Zeit  und
Art  des  Melkens  und  zahlreiche  andere  Umstände ­
  bedingt  werden.  Im  allgemeinen  läßt  sich
sagen,  daß  die  Höhenschläge  eine  gehaltreichere,
besonders  fettreichere  M.  liefern  als  die  Niederungsrassen, ­
  daß  Fütterung  mit  wasserreichen
Futtermitteln  (Schlempe,  Rübenschnitzel)  die
Menge  auf  Kosten  des  Nährstoffgehaltes  erhöht, ­
  daß  Störungen  des  Allgemeinbefindens  und
mangelhafte  Viehhaltung  die  Beschaffenheit  ungünstig ­
  beeinflußt,  und  daß  der  Fettgehalt  um
so  geringer  wird,  je  längere  Zeit  seit  dem  letzten
Melken  verstrichen  ist.  Unter  normalen  Verhältnissen ­
  wird  man  für  die  Milch  einzelner  Kühe
folgende  Schwankungen  anmehmen  können:  Wasser ­
  86,0—89,50/0,  Fett  2,5—4,5  0/0,  Trockensubstanz ­
  10,3—14,5  0/0,  fettfreie  Trockensubstanz  7,8
bis  10,5  %.  Die  M.  ist  eines  der  wichtigsten
Nahrungsmittel,  welches  in  steigenden  Mengen
in  den  Handel  gelangt.  Der  Jahresverbrauch  der
Stadt  Dresden  z.  B.  beträgt  gegen  60  Millionen
Liter,  derjenige  des  Deutschen  Reiches  6—7  Milliarden ­
  Liter,  und  zahllose  Gewerbetreibende
sind  nicht  nur  mit  ihrer  Gewinnung,  sondern
auch  ihrem  Vertriebe  beschäftigt.  Ihre  Hauptbedeutung ­
  liegt  darin,  daß  sie  mit  der  leider  abnehmenden ­
  Fähigkeit  oder  Neigung  der  Frauen,
ihre  Kinder  selbst  zu  stillen,  mehr  und  mehr
zu  der  ausschließlichen  Nahrung  der  Säuglinge
wird,  welche  gegen  ungünstige  Einflüsse  natürlich ­
  besonders  empfindlich  sind.  Es  liegt  daher
auf  der  Hand,  daß  die  für  die  Gesundheit  der
Bevölkerung  verantwortlichen  Behörden  diesem
Gegenstände  ihre  Aufmerksamkeit  gewidmet  und
besondere  Vorschriften  über  den  Verkehr  mit
Milch  aufgestellt  haben.  In  erster  Linie  ist  natürlich ­
  die  völlige  Fernhaltung  der  M.  kranker
Biere,  insbesondere  solcher  Tiere,  welche  an
Tuberkulose,  Maul-  und  Klauenseuche,  Euterentzündungen, ­
  Darmerkrankungen  leiden,  zu  fordern, ­
  Nicht  minder  selbstverständlich  erscheint
es,  daß  M.  aus  Ortschaften,  in  denen  Typhus-,
Cholera-,  Diphtherie-  und  andere  Epidemien
herrschen,  ausgeschlossen  wird,  und  daß  Personen ­
  mit  ekelerregenden  oder  ansteckenden
Krankheiten  sich  auch  mit  dem  Vertriebe  von
M.  nicht  befassen  dürfen.  Die  wichtigste  Maßnahme ­

  zur  Beseitigung  gesundheitlich,  bedenklicher ­
  Milch  besteht  in  einer  Erhöhung  der
Reinlichkeit  der  Milchgewinnung,  der  Fernhaltung ­
  von  Schmutz,  besonders  Kuhkot,  welcher
nicht  nur  Träger  pathogener  Keime  ist,  sondern
auch  das  Verderben  der  Milch  durch  Säuerung
beschleunigt.  Trotz  aller  hierauf  gerichteten
Bestrebungen  der  Hygieniker  läßt  die  Gewinnung ­
  zurzeit  noch  viel  zu  wünschen  übrig,
und  es  ist  daher  notwendig,  unter  den  jetzigen
Verhältnissen  nicht  zu  umgehen,  durch  eine
nachträgliche  Behandlung  schädliche  Einflüsse
zu  beseitigen.  Völlig  zu  verwerfen  ist  allerdings
der  Zusatz  von  Konservierungsmitteln  wie
Borsäure,  Salizylsäure,  Formaldehyd,  Wasserstoffsuperoxyd, ­
  erwünscht  hingegen  starke  Abkühlung ­
  zur  Hemmung  des  Bakterienwachstums
oder  Erhitzung  zur  Abtötung  schädlicher  Keime.
Die  so  erhaltene  pasteurisierte  M.  bildet  zwar
nur  einen  Notbehelf,  aber  einen  zurzeit  unentbehrlichen ­
  Notbehelf  für  frische  M.  Homogenisierte ­
  M.  ist  Milch,  die  unter  hohem  Druck
durch  feine  Achatdüsen  hindurchgepreßt  wurde,
und  infolge  Zertrümmerung  der  Fettröpfchen
nicht  mehr  aufrahmt.  Als  Kur-,  Kinder-  oder
Säuglingsmilch  dürfen  in  den  meisten  Städten
nur  Erzeugnisse  verkauft  werden,  die  von  tierärztlich ­
  untersuchten,  gesunden  und  mit  einwandfreiem ­
  Futter  ernährten  Kühen  stammen.
Der  allgemeinen  Einführung  dieser  Erzeugnisse
steht  leider  ihr  hoher  Preis  entgegen.  Von  den
Verfälschungen  der  M.  spielt  der  Wasserzusatz ­
  die  wichtigste  Rolle.  Er  ist  im  Hinblick
auf  die  häufige  Verseuchung  der  ländlichen
Brunnen  gesundheitlich  höchst  bedenklich  und
selbstredend  nach  den  Bestimmungen  des  Nahrungsmittelgesetzes ­
  verboten.  Starke  Wässerung
offenbart  sich  dem  Kenner  durch  die  bläuliche
Farbe  des  Gemisches,  geringerer  Zusatz  durch
die  Erniedrigung  des  spez.  Gew.  Das  letztere
beträgt  bei  normaler  Milch  im  allgemeinen  nicht
unter  1,029  und  kann  auch  von  Händlern  und
Konsumenten  mit  Hilfe  eines  Aräometers,  der
sog.  Milchwage,  leicht  bestimmt  werden.
Schwieriger  gelingt  bei  den  Schwankungen  des
Fettgehaltes  der  Nachweis  einer  Abrahmung.
Auch  haben  die  Produzenten  es  durchaus  in  der
Hand,  durch  Einstellung  besonderer  Viehrassen
und  Verabreichung  billigen,  wasserreicheren  Futters ­
  große  Mengen  gehaltarmer  Milch  zu  erzeugen, ­
  und  es  ist  daher  zum  Schutze  der  Bevölkerung ­
  gegen  Übervorteilung  unbedingt  notwendig, ­
  daß  von  der  zum  Verkehr  kommenden
Milch  ein  gewisser  Mindestjettgehalt  gefordert
wird.  Die  Grenze  ist  von  den  einzelnen  Behörden ­
  nach  örtlichen  Verhältnissen  verschieden
auf  2,7—3,00/0  festgesetzt  worden.  Die  Überwachung ­
  des  Milchhandels  bildet  einen  wesentlichen ­
  Teil  der  allgemeinen  Nahrungsmittelkontrolle, ­
  welche  durch  fortwährende  Untersuchung
zahlreicher  Milchproben  dem  Uberhandnehmen
der  Verfälschungen  zu  begegnen  sucht.  Neben
der  unveränderten  M.,  der  sog.  Vollmilch,  bildet ­
  die  durch  Abschöpfen  oder  Zentrifugieren
ihres  Fettes  ganz  oder  teilweise  beraubte  Magermilch ­
  eine  wichtige  Handelsware.  Sie  enthält, ­
  abgesehen  vom  Fett,  noch  die  sämtlichen
Nährstoffe  der  M.  und  ist  wegen  ihres  niedrigen
Preises  zu  einem  Volksnahrungsmittel  wie  ge ­
        <pb n="283" />
        Milchsäure

278

Milchzucker

schaffen.  Dasselbe  gilt  von  der  beim  Butterungsprozeß ­
  abfallenden  Buttermilch,  während
die  nach  dem  Ausfällen  des  Kaseins  hinterbleibendc
  klare  Flüssigkeit,  die  Molken,  nur
als  diätetisches  Mittel  in  Frage  kommt.  Auch
die  Sahne  oder  der  Rahm,  das  Ausgangsmaterial ­
  der  Butterbereitung,  wird  für  sich  in  den
Handel  gebracht.  Sie  stellt  nahezu  reines  Butterfett ­
  im  Gemenge  mit  etwas  M.  dar  und  wird
nach  ihrem  Fettgehalte  bewertet.  Als  ein  VerfälSchungsmittel
  für  .  Sahne  und  die  besonders
fettreiche  Schlagsahne  ist  der  Zuckerkalk
anzusehen,  welcher  den  sauren  Geschmack  verdorbener ­
  Sahne  verdeckt  und  einen  höheren
Fettgehalt  vortäuscht.  Um  den  Versand  der
leicht  zersetzlichen  Milch  auf  größere  Entfernungen, ­
  in  milcharme  Gegenden,  besonders  in
den  Tropen,  zu  ermöglichen,  führt  man  sie  in
eine  haltbare  Form,  die  Milchkonserven  über.
Kondensierte  M.  ist  unter  Zusatz  von  Rohrzucker, ­
  oder  für  sich  allein,  bis  zur  dicklichen
Beschaffenheit  eingedampfte  Milch.  Trockenmilch ­
  oder  Milchpulver  erhält  man,  indem
man  die  M.  im  Vakuum  auf  rotierenden  Walzen
in  dünner  Schicht  eintrocknet  und  die  entstehende ­
  Kruste  abschabt,  oder  neuerdings,  indem ­
  man  die  Milch  in  Form  eines  Sprühnebels
in  einen  erhitzten  Raum  einbläst.  Die  Trockenmilch ­
  liefert,  mit  warmem  Wasser  angerührt,
eine  milchähnliche  Emulsion.  Der  Handel  mit
M.  wird  meist  von  Kleingewerbetreibenden  ausgeübt, ­
  die  aber  in  neuerer  Zeit  erfreulicherweise
vielfach  zur  Gründung  von  Genossenschaftsmolkereien ­
  übergehen.
Milchsäure  (Oxypropionsäure,  lat'.  Acidum
lacticum,  frz.  Acide  lactique,  engl.  Lactic  acid),
C 2 H 4 (OH)  .COOH,  eine  starke  organische  Säure,
tritt  in  vier  Modifikationen  auf,  nämlich  als
Gärungs-M.,  Para-  oder  Fleisch-M.,  Links-M.
  und  als  Äthylen-M.  oder  Hydrakrylsäure.
  Nur  die  drei  ersteren,  welche  als  Äthyliden-M-
  zusammengefaßt  werden,  kommen  in
der  Natur  vor,  während  die  letztere  stets  künstlich ­
  dargestellt  wird.  Die  drei  Äthyliden-M.  sind
isomer,  d.  h.  sie  haben  dieselbe  prozentische  Zusammensetzung ­
  und  chemische  Konstitution  und
unterscheiden  sich  lediglich  durch  ihre  physikalischen ­
  Eigenschaften.  Die  Para-  oder  Fleisch-M.
  findet  sich  in  den  Organen  und  Säften  des
tierischen  Körpers,  den  Muskeln,  dem  Magensafte, ­
  dem  Blute,  und  kann  aus  dem  Fleischextrakte
  dargestellt  werden.  Sie  dreht  die  Ebene
des  polarisierten  Lichtes  nach  rechts  und  wird
daher  auch  Rechts-M.  genannt.  Die  Links-M.
  entsteht  bei  einigen  Gärungsarten  sowie
bei  der  Zerlegung  der  gleich  zu  besprechenden
Gärungs-M.  und  ist  linksdrehend.  Praktische
Bedeutung  besitzt  nur  die  sog.  gewöhnliche
oder  Gärungs-M.,  die  in  der  Natur  bei  zahlreichen ­
  Fäulnis-  und  GärungsVorgängen  durch
die  Einwirkung  der  verschiedensten  Mikroorganismen ­
  auf  Kohlenhydrate  gebildet  wird.  Am
reichlichsten  entsteht  sie  bei  der  durch  das
Milchsäureferment,  Bacillus  aqidi  lactici,  hervorgerufenen ­
  Milchsäuregärung  und  bildet  daher
einen  regelmäßigen  Bestandteil  der  sauren  Milch,
des  Sauerkrauts  und  der  sauren  Gurken,  deren
angenehmen  Geschmack  sie  bedingt.  Auch  findet
  sie  sich  im  Wein,  sauer  gewordenem  Kleister

und  der  Lohbrühe.  Zu  ihrer  fabrikmäßigen  Darstellung ­
  invertiert  man  eine  Rohrzuckerlösung
mit  Hilfe  von  Weinsäure  und  setzt  dann  eine
Anschwemmung  von  altem  Käse  in  saurer  Milch
sowie  etwas  Zinkoxyd  hinzu.  Die  anfangs  dünnflüssige ­
  Masse  verwandelt  sich  unter  dem  Einflüsse ­
  der  Bakterien  in  einen  dicken  Kristallbrei
von  milchsaurem  Zink,  welcher  durch  Umkristallisieren ­
  gereinigt  und  durch  Einleiten  von  Schwefelwasserstoff ­
  in  Schwefelzink  und  freie  M.  zerlegt ­
  wird.  Zur  Entfernung  gleichzeitig  gebildeten
Mannits  löst  man  sie  in  Äther,  destilliert  den
letzteren  ab  und  dampft  die  M.  bis  zu  einem
spez.  Gew.  von  1,240  ein.  Völlig  wasserfrei  wird
sie  nur  durch  Destillation  im  Vakuum.  —  Die
reine,  wasserfreie  M.  bildet  farblose  Kristalle,
welche  bei  18 0  schmelzen  und  begierig  Feuchtigkeit ­
  anziehen.  In  den  Handel  kommt  meist  die
sog.  offizinelle  M.  mit  75%  Säure  und  25%
Wasser,  ein  färb-  und  geruchloser,  stark  saurer
Sirup,  der  aus  der  Luft  Wasser  anzieht  und  sich
mit  Wasser  und  Alkohol  in  jedem  Verhältnis
mischt.  Sie  ist  auch  löslich  in  Äther,  hingegen
unlöslich  in  Benzin,  Chloroform  und  Schwefelkohlenstoff. ­
  Der  Sirup  hat  das  spez.  Gew.
i,220  und  ist  optisch  inaktiv.  Die  M.  wird
in  der  Medizin  als  Ätzmittel  und  zu  Inhalationen ­
  gegen  Nasen-  und,  Rachenleiden  benutzt. ­
  Auch  dient  sie  zürn  Auflösen  diphtheri
tischer  Membranen  und  zur  Entfernung  von
Zahnstein,  Warzen  und  Hühneraugen  sowie  zur
Darstellung  der  milchsauren  Salze.  In  der  Form
von  saurer  Milch,  Sauerkraut  und  sauren  Gurken ­
  ist  sie  von  ausgezeichneter  diätetischer  Wirkung, ­
  und  neuerdings  wird  sie  auch  zur  Herstellung ­
  alkoholfreier  Getränke  (Tempril)  herangezogen. ­
  Besonders  im  Kriege  hat  sie  als  Ersatz
der  Wein-  und  Zitronensäure  für  Limonaden
wertvolle  Dienste  geleistet.
Milchsäure  Salze  (Laktate)  werden  durch
Auflösen  der  entsprechenden  Basen  oder  ihrer
Karbonate  in  Milchsäure  und  nachfolgende  Kri
stallisation  dargestellt.  Sie  finden  zum  Teil,  wie
das  milchsaure  Magnesium,  milchsaure  Eisen,
milchsaure  Natron,  Zink  und  Morphin  medizi
nische  Anwendung.  Nähere  Angaben  finden  sich
unter  den  betreffenden  Basen  angeführt.
Milchzucker  (Laktose,  lat.  Saccharum  lac
tis,  frz.  Sucre  de  lait,  engl.  Sugar  of  milk),  ist
eine  eigentümliche,  vom  Rohrzucker  verschie
dene  Zuckerart,  die  sich  in  Menge  von  3—6°/o
in  der  Milch  aller  Säugetiere  vorfindet  und  nach
der  Gerinnung  der  letzteren  durch  Lab  in  den
Molken  verbleibt.  Zu  ihrer  Gewinnung  werden
die  Molken  durch  Aufkochen  und  Filtrieren 1  gereinigt, ­
  und  die  Filtrate  im  Vakuum  eingedampft,
worauf  der  M.  auskristallisiert.  Durch  mehr
faches  Umkristallisieren,  zweckmäßig  unter  Zusatz ­
  von  schwefelsaurer  Tonerde  oder  Kreide,
erhält  man  ihn  in  reinem  Zustande.  Er  bildet
dann  entweder  große  rhombische,  hemiedrische
Prismen,  die  auf  Fäden  oder  Stäbchen  auskristal
lisiert  sind,  oder  ein  feines  Pulver,  das  wegen
der  Härte  der  Kriställchen  zwischen  den  Zähnen
knirscht.  Da  M.  ziemlich  schwer  löslich  ist  und
6  Teile  kaltes  oder  2Vs  Teile  heißes  Wasser  zur
Lösung,  erfordert,  ist  der  Geschmack  nur  schwach
süß.  In  Äther,  Alkohol  und  Chloroform  ist  er
unlöslich.  Die  spez.  Drehung  beträgt  bei  20 0
        <pb n="284" />
        Minargent

279

Mineralwässer

-j-  52,53°,  doch  zeigt  der  M.  in  hohem  Grade
die  Eigenschaft  der  Birotation,  indem  die  Drehung
gleich  nach  der  Lösung  'wesentlich  größer  ist  und
erst  nach  24  Stunden  oder  nach  dem  Aufkochen
die  normale  Höhe  erreicht.  In  chemischer  Hinsicht ­
  ist  der  M.  als  eine  Biose,  nämlich  als  eine
Verbindung  von  Galaktose  und  Dextrose  anzusprechen. ­
  Beim  Erhitzen  mit  verdünnten  Säuren
zerfällt  er  in  seine  Einzelbestandteile,  reduziert ­
  aber  Fehlingsche  Lösung  auch  für  sich
allein.  Mit  Hefe  vergärt  M.  nicht,  geht  aber  mit
dem  Bacillus  acidi  lactici  leicht  in  Milchsäuregärung ­
  und  mit  den  Kumys-  und  Kefirfermenten ­
  in  alkoholische  Gärung  über.  Zur  Quantitativen ­
  Bestimmung  bedient  man  sich  der  Reduktion ­
  Fehlingscher  Lösung  und  der  Polarisation. ­
  Der  M.  findet  in  der  Pharmazie  vielfache ­
  Anwendung  zur  Herstellung  von  Medikamenten, ­
  seine  Hauptbedeutung  liegt  aber  in
dem  Verbrauche  zur  Versüßung  der  Säuglingsmilch. ­
  Zu  letzterem  Zwecke  muß  er  natürlich
möglichst  rein  und  frei  von  Milchbestandteilen,
Dextrin  oder  Rohrzucker  sein.  Zur  Prüfung  auf
Reinheit  behandelt  man  15  g  M.  eine  halbe
Stunde  lang  mit  50  ccm  verdünntem  Weingeist,
in  welchem  er  unlöslich  ist,  und  versetzt  das
Filtrat  mit  absolutem  Alkohol.  Eine  hierbei
auftretende  Trübung  deutet  auf  Rohrzucker  oder
Dextrin  hin.  Zur  schnellen  Vorprüfung  .auf
Rohrzucker,  das  Hauptverfälschungsmittel,  verstäubt ­
  man  die  feingepulverte  Masse  auf  konz.
Schwefelsäure,  wobei  M.  fünf  Minuten  lang  unverändert ­
  bleibt,  Rohrzucker  aber  schwarz  gefärbt ­
  wird.  Weiteren  Aufschluß  gewährt  das.
Erhitzen  mit  wasserfreier  Oxalsäure  im  Wasserbade, ­
  wobei  schon  5  %  Rohrzucker  enthaltende
Mischungen  nach  fünf  Minuten  völlig  schwarz
werden,  ferner  das  Verhalten  gegen  Resorzin,
Sesamöl  und  Ammoniummolybdat.
Minargent  (Halbsilber),  eine  in  Frankreich
aufgekommene  Art  Neusilber,  die  dem  Silber
in  Hämmerbarkeit,  Farbe  und  Glanz  sehr  nahe
kommt,  aber  länger  glänzend  bleibt,  enthält  auf
looTeile  Kupfer  70  Teile  Nickel,  5  Teile  Wolfram
oder  Antimon  und  1  Teil  Aluminium,
Mindjak  Tangkawang,  ein  Pflanzenfett,  das
durch  Auskochen  der  Samen  eines  auf  Borneo
wachsenden  Baumes,  Diploknema  sebifera,
gewonnen  und  von  Bandjermassing  aus  in  den
Handel  gebracht  wird,  ist  zur  Seifenfabrikation
geeignet.
Mineralgrün  nennt  man  verschiedene  kupferoder
  kupfer-  und  arsenikhaltige  Grünfarben  (s.
Berggrün,  Kupferfarben,  Schweinfurtergrün).
  Als  giftfreie  Mineralgrüne  werden
die  Kobalt-Zinkgrüne  bezeichnet,  obgleich  sie
Wegen  ihres  Zinkgehaltes  auch  nicht  ganz  unschädlich ­
  sind.  Grüner  Ultramarin  ist  dagegen ­
  ein  unschädliches  M.
Mineralöle.  Unter  diesem  Namen  versteht
nran  sowohl  die  in  der  Erde  natürlich  vorkommenden ­
  Flüssigkeiten,  Erd-  oder  Steinöl,  Petroleum, ­
  Naphtha,  als  im  weiteren  Sinne
auch  die  durch  Destillation  von  Stein-  und
Braunkohlen,  Bergteer  und  bitum.  Schiefer  gewonnenen ­
  öligen  und  flüchtigen  Gemenge  von
Kohlenwasserstoffen  (künstliche  M.).  In  der
Industrie  werden  jetzt  hauptsächlich  die  als
Schmiermittel  benutzten  höher  siedenden  Rückstände ­

  der  Petroleumdestillation  als  M.  bezeichnet. ­
  Das  weitere  siehe  bei  Petroleum  und
Photogen.
Mineralsäuren,  im  allgemeinen  gleichbedeutend ­
  mit  anorganischen  Säuren,  d.h.solchen,
die  nicht  aus  dem  Pflanzen-  oder  Tierreiche,
sondern  aus  der  unorganischen  Natur  stammen.
Im  Eisenbahnverkehr  und  in  der  Industrie  umfaßt ­
  dieser  Begriff  nur  die  Schwefel-,  Salz-  und
Salpetersäure,  für  die  als  stark  saure  und  zerstörende ­
  Flüssigkeiten  besondere  Vorschriften
hinsichtlich  der  Verpackung  bestehen  (s.  diese
Säuren).
Mineralwässer  (lat.Aquae  minerales,  frz.  Eaux
mipörales  oder  auch  Eaux  schlechthin,  engl.
Mineral  waters)  nennt  man  solche  zu  Trink-  oder
Badekuren  benutzte  heilkräftige  Quellwässer,  die
sich  entweder  durch  einen  hohen  Gehalt  an
gelösten  festen  oder  gasförmigen  Bestandteilen
auszeichnen  oder  gewisse  seltener  vorkommende
Stoffe  enthalten,  oder  deren  Temperatur  höher
liegt  als  die  mittlere  Temperatur  ihrer  Umgebung. ­
  Von  den  letzteren,  den  sog.  Akrothermen,
  abgesehen,  unterscheidet  man  im  allgemeinen ­
  folgende  Gruppen;  r.  Säuerlinge
enthalten  als  wesentlichen  Bestandteil  nur  freie
Kohlensäure,  welche  ihnen  den  angenehm  säuerlich ­
  prickelnden  Geruch  verleiht,  und  bisweilen
geringe  Mengen  von  Kalk  und  Magnesia  in
Form  der  Bikarbonate.  Von  bekannteren  M.
gehören  hierhin:  das  Marienbader,  Reinerzer
und  Wildunger  Wasser.  2.  Eisen-  oder  Stahlwässer ­
  sind  meist  reich  an  Kohlensäure,  in
welcher  etwas  kohlensaures  Eisenoxydul  gelöst
ist,  und  werden  daher  auch  als  Eisensäuerlinge ­
  bezeichnet,  wie  das  Wasser  einiger  Quellen
in  Liebenstein,  Schwalbach,  Pyrmont  und  Kudowa.
  Oder  sie  enthalten  das  Eisen  in  Form
des  Sulfates  (Vitriolquellen).  Eine  besondere ­
  Stellung  nehmen  die  arsenhaltigen
Vitriolwässer  von  Leviko  und  Roncegno  ein.
3.  Sch  wefel  wässer  zeigen  einen  deutlichen
Geruch  nach  Schwefelwasserstoff,  obgleich  dieses ­
  Gas  oft  nur  in  geringer  Menge  vorhanden
ist.  Daneben  enthalten  sie  meist  Kohlensäure
und  Salze.  Berühmte  Schwefelquellen  sind  in
Nenndorf,  Lenk.  Teplitz.  4.  Alkalische  Wässer
schmecken  infolge  ihres  Gehaltes  au  kohlensaurem ­
  Natron  meist  schwach  laugenhaft  und
sind  je  nach  ihrem  Gehalte  an  anderen  Salzen
in  mannigfache  Unterabteilungen  getrennt.  Vertreter ­
  der  alkalischen  Wässer  finden  sich  in
Fachingen,  Passug  bei  Chur,  Vichy,  Bilin,  Gießhübel, ­
  Selters,  Elster  und  Karlsbad.  5.  Salzwässer
  oder  Solen  enthalten  vorwiegend  Kochsalz ­
  und  6.  Bitterwässer  schwefelsaure  Magnesia. ­
  Als  Mindestgehalt  an  gelösten  festen
Stoffen  ist  1  g,  an  freier  Kohlensäure  0,25  g  in
1  kg  zu  fordern.  Für  die  seltener  vorkommenden
Stoffe  hat  Grünhut  folgende  Mindestwerte  vorgeschlagen: ­
  Lithium,  Jod,  metaarsenige  Säure,
(HAsQ 2 ),  Gesamtschwefel  je  1  mg;  Arsensäure
(HAsQ 4 )  1,3  mg,  Fluor  2  mg,  Barium,  Brom,
Metaborsäure  (HBG 2 )  je  5  mg,  Strontium,  Eisen
je  10  mg,  Radiumemanation  3,5  Macheeinheiten,
—  Als  „rein  natürliches  M.“  darf  nur
solches  bezeichnet  werden,  das  keiner  willkürlichen ­
  Veränderung  unterzogen  wurde.  Zusatz
von  Kohlensäure  und  Enteisenung  muß  deutlich
        <pb n="285" />
        Mineralwässer

280

Mispeln

gekennzeichnet  werden.  Jede  andere  Veränderung ­
  stempelt  das  Wasser  zum  künstlichen  Mineralwasser. ­
  —  Die  meisten  Mineralwässer,  abgesehen ­
  von  den  heißen,  werden  in  wohlverschlossenen ­
  steinernen  oder  gläsernen  Flaschen
in  den  Handel  gebracht.  Die  Füllung  unmittelbar ­
  aus  den  Quellen  erfordert  große  Aufmerksamkeit ­
  und  Sorgfalt,  damit  von  den  Gasen
möglichst  wenig  verloren  geht  und  Staub  und
andere  Verunreinigungen,  durch  welche  der  Flascheninhalt ­
  in  der  Regel  bald  verdirbt,  ferngehalten ­
  werden.  Besonders  die  Eisenwässer
sind  sehr  empfindlich  und  sondern  unter  dem
Einflüsse  der  Luft  meist  einen  schlammförmigen
Bodensatz  von  braunem  Eisenoxyd  ab.  Sie  werden ­
  daher  vor  der  Einwirkung  des  Sauerstoffs
dadurch  geschützt,  daß  man  die  Flaschen  vollständig ­
  bis  unter  den  Kork  füllt.  Da  auch  so
ein  Verderben  der  M.  nicht  gänzlich  ausgeschlossen ­
  ist,  so  erhält  jeder  Stöpsel  auf  der
Unterseite  ein  Zeichen  eingebrannt,  an  welchem
die  liefernde  Firma  das  Alter  der  Füllung  erkennen ­
  kann.  —  Die  Nachbildung  der  natürlichen ­
  M.  auf  Grund  einer  sorgfältigen  chemischen ­
  Analyse  bietet  nicht  die  geringste  Schwierigkeit, ­
  und  es  liegt  auf  der  Hand,  daß  ein
künstliches  M.,  das  einem  natürlichen  chemisch ­
  analog  ist,  auch  die  gleiche  therapeutische
Wirkung  äusüben  muß.  Das  Märchen  von  dem
Brunnen  ge  iste,  der  die  geheimnisvolle  Wirkung ­
  der  natürlichen  Quellen  erklären  sollte,  ist
endgültig  äufgegeben  worden,  doch  scheint  es
neuerdings  in  Form  der  Radioaktivität  wieder
aufzutauchen.  Als  künstliche  M.  bezeichnet
man  in  erster  Linie  möglichst  getreue  Nachbildungen ­
  natürlicher  Heilquellen,  wie  sie  zuerst
Dr.  Struve  in  Dresden  herstellte.  Sie  müssen
also  sämtliche  Stoffe  des  Naturproduktes  enthalten: ­
  das  Selterswasser  neben  der  Kohlensäure, ­
  dem  Kochsalz  und  kohlensauren  Natron
noch  kleine  Mengen  von  Kaliumsulfat,  Chlorkalium, ­
  Kalziumkarbonat,  Strontian,  Baryt,  Lithion,
  Magnesia,  Eisen  und  Kieselsäure;  die  abführenden ­
  Wässer  Glaubersalz  oder  Bittersalz
und  Chlormagnesium,  andere  wieder  Brom,  Jod,
Zaesium,  Rubidium,  Mangan  und  Arsen.  Daneben ­
  gibt  es  aber  auch  künstliche  M.,  die
nur  die  wichtigsten  Bestandteile  der  natürlichen
Vorbilder  enthalten,  und  endlich  die  reinen
kohlensauren  Wässer,  die  hauptsächlich  als  Erfrischungsmittel ­
  getrunken  werden.  Zwischen
den  letzten  beiden  Gruppen  finden  sich  zahlreiche ­
  Übergangsglieder,  die,  wie  besonders  das
künstliche  Selterswasser,  sowohl  zu  Heilzwecken
wie  zur  Stillung  des  Durstes  dienen.  Die  Herstellung ­
  künstlicher  M.  hat  zurzeit  großen  Umfang ­
  angenommen  und  besteht  im  Grunde  meist
einfach  darin,  daß  man  Wasser  mit  Kohlensäure
unter  Druck  sättigt.  Die  Kohlensäure  (s.  d.),  die
in  flüssiger  Form  von  den  Fabriken  gebrauchsfertig ­
  geliefert  wird,  kommt  in  dem  Mischkessel
oder  neuerdings  in  besonderen  Rieselapparaten
mit  dem  Wasser  zusammen.  Das  letztere  nimmt
die  Kohlensäure  auf  und  wird  sofort  auf  Flaschen ­
  gefüllt.  Zur  Vermeidung  von  Gesundheitsschädigungen ­
  sind  an  die  Mischapparate  und  an
das  Wasser  verschiedene  Anforderungen  zu  stellen.
Die  Apparate  insbesondere  müssen  den  Vorschriften ­
  des  Gesetzes  vom  25.  Juni  1887  entsprechen. ­

  Sie  dürfen  nicht  mit  einer  mehr  als
10  °/o  Blei  enthaltenden  Legierung  gelötet  oder
mit  einer  mehr  als  1  °/o  Blei  enthaltenden  Legierung ­
  .verzinnt  sein.  Kupfergefäße  müssen  gut
verzinnt  werden.  Das  Wasser  soll  am  besten
destilliertes,  zum  mindesten  aber  ein  reines  gutes
Trinkwasser  sein.
Mirabellen  sind  rötlichbraune  oder  rein  gelbe
runde  Pflaumen  von  sehr  gutem  Geschmack
und  feinem  Aroma,  die  in  Frankreich  und  den
Rheingegenden  gezogen  und  nicht  nur  frisch,
sondern  auch  getrocknet  sowie  mit  Zucker  eingemacht ­
  in  den  Handel  gebracht  werden.
Mirbanöl  (lat.  Oleum  mirbani,  frz.  Essence
de  mirban,  engl.  Oil  of  mirbane),  eine  stark
nach  bitteren  Mandeln  riechende  Flüssigkeit,
wird  vielfach  noch  als  künstliches  Bittermandelöl ­
  bezeichnet.  Diese  Bezeichnung  ist
aber  falsch,  weil  das  echte  Bittermandelöl,  das
ebenfalls  synthetisch  dargestellt  werden  kann,
aus  Benzaldehyd  besteht,  während  M.  als  Nitrobenzol ­
  anzusprechen  ist.  Es  wird  in  der  Weise
dargestellt,  daß  man  Benzol  in  einem  dünnen
Strahle  in  rote  rauchende  Salpetersäure  oder
beim  fabrikmäßigen  Betrieb  in  ein  Gemisch
von  konzentrierter  Salpetersäure  und  Schwefelsäure ­
  einfließen  läßt  und  die  Flüssigkeit  unter
gleichzeitiger  Abkühlung  umrührt.  Im  ersteren
Falle  verdünnt  man  mit  Wasser,  worauf  das
Nitrobenzol  zu  Boden  sinkt;  im  letzteren  Falle
schwimmt  es  auf  der  Schwefelsäure,  wird  von
letzterer  getrennt  und  durch  Waschen  mit  verdünnter ­
  Sodalösung  oder  verdünntem  Ammoniak ­
  und  durch  Behandlung  mit  Wasserdampf
gereinigt.  Das  reine  Nitrobenzol,  auch  Nitrobenzin
  oder  Nitrobenzid  genannt,  C e H s .N0 2 ,
bildet  eine  farblose,  stark  lichtbrechende  Flüssigkeit ­
  vom  spez.  Gew.  1,209,  die  sich  leicht  in
Alkohol,  Äther  und  Benzol,  nicht  aber  in  Wasser
löst,  bei  205°  siedet  und  giftig  ist.  Es  findet
in  der  Parfümerie  an  Stelle  des  Bittermandelöls,
ferner  zur  Darstellung  von  Anilin  und  Anilinfarben ­
  sowie  zahlreicher  organischer  Präparate
ausgedehnte  Anwendung.  Zum  Parfümieren  gewöhnlicher ­
  Seifen  sowie  für  die  Zwecke  der
Teerfarbenfabrikation  geht  man  meist  nicht  vom
reinen,  sondern  von  einem  toluolhaltigen  Benzol
aus  und  erhält  dann  ein  Gemisch  von  Nitrobenzol ­
  und  Nitrotoluol,  das  sich  durch  seinen
Siedepunkt  von  200—240 0  und  sein  spez.  Gew.
von  1,180  von  dem  reinen  M.'  unterscheidet.
Für  die  Darstellung  des  gewöhnlichen  Anilinrots
  oder  Fuchsins  ist  der  Toluolgehalt  sogar
unbedingt  notwendig.  —  Verfälschungen  des
M.  mit  Alkohol  erkennt  man  durch  Schütteln
mit  Wasser  und  Untersuchung  der  wäßrigen
Lösung  mit  Schwefelsäure  und  Kaliumdichromat. ­
  —  Der  Nachweis  des  Nitrobenzols  selbst,
besonders  in  Nahrungsmitteln  (Marzipan),  denen
es  seiner  Giftigkeit  wegen  selbstredend  nicht
zugesetzt  werden  darf,  gelingt  durch  Überführung ­
  in  Anilin  mit  Eisen  und  Schwefelsäure  und
Ausschüttelung  mit  Äther.  Das  beim  Eindunsten
hinterbleibende  Anilin  gibt  mit  Chlorkalk  eine
purpurviolette  Färbung.  M.  wird  in  Blechflaschen ­
  oder  Glasballonen  verschickt  und  muß
vor  Licht  geschützt  aufbewahrt  werden.
Mispeln  (Aschpein),  die  Scheinfrüchte
des  gemeinen  oder  deutschen  Mispelstrauches
        <pb n="286" />
        Mistel

281

Mohair

(Espelbaum,  Hespelstrauch,  Mispeltute,  Mespilus
  germanica  L.),  eine  selten  angebaute
Obstart,  die  erst  im  teigigen  Zustand  (nach  Frost
oder  durch  Lagern  auf  Stroh)  ihren  eigenartigen
Geschmack  entwickeln,  werden  frisch,  gekocht
und  eingemacht  genossen  und  auch  zu  Branntwein ­
  und  Most  verarbeitet.  Auch  liefert  der
Baum  ein  geschätztes  Nutzholz.  Man  baut  mehrere ­
  Sorten:  deutsche,  halbwilde  mit  kleinen
Früchten,  großfrüchtige  italienische  und  holländische ­
  frühzeitige,  ferner  Birnmispeln,  großblütige
  M.  und  M.  ohne  Steine.  Als  welsche
Mispeln  (Lazzeroli,  Azaroli)  werden  die
ähnlichen  Früchte  des  Azarol-Weißdorns  Mespilus
  Azarolus  in  den  Handel  gebracht.
Mistel  ist  die  volkstümliche  Bezeichnung  zweier
schmarotzender  Loranthazeen,  nämlich  Loranthus
  europaeus  oder  Viscum  quercinum
(Eichen-  oder  Riemenmistel)  und  Viscum
album  (Leimmistel,  frz.  Gui,  engl.  Mistletoe),
die  gabelästige  Zweige  und  immergrüne  ledrige
Blätter  besitzen.  Die  Zweige  der  Riemenmistel
(Stipites  visci)  wurden  früher  gegen  Epilepsie
angewandt,  sind  aber  jetzt  außer  Gebrauch.  Dafür
hat  die  Verwendung  der  Leimmistel  neuerdings  sehr
an  Bedeutung  gewonnen,  indem  man  aus  ihrer
Rinde  und  den  weißen  Beeren,  durch  Auskochen
mit  Wasser  einen  Vogel-  oder  Fliegenleim  herstellt,
  der  früher  ausschließlich  von  Japan  aus
eingeführt  wurde.  Dieser  Leim  enthält  als  wirksamen ­
  Bestandteil  das  kautschukähnliche  Viszin
  und  ist  so  zähe,  daß  er  nur  im  Gemisch  mit
Öl  und  Harz  zur  Füllung  von  Fliegenfängern
benutzt  werden  kann.  —  Eine  aus  Viszin  mit,
Ölen,  Harzen  und  Wachs  hergestellte  Salbengrundlage ­
  wurde  unter  dem  Namen  Viscolan
in  den  Handel  gebracht.
Mitin,  eine  aus  Wollfett  und  Milch  hergestellte
Emulsion  mit  einem  Feuchtigkeitsgehalte  von
etwa  50  %,  findet  neuerdings  zur  Herstellung
von  medizinischen  und  kosmetischen  Salben
Anwendung.
Mitisgrün  (Wienergrün,  Neugrün),  eine
schöne  grüne  Farbe  für  öl-  und  Wassermalerei,
&amp;gt;st  wie  das  gleichartig  zusammengesetzte  Schweinfurtergrün
  arsenik-  und  kupferhaltig  und  daher
stark  giftig.
Mixed  Pickles  (auch  bloß  Pickles)  nennt
tcan  ein  als  scharfe  Zuspeise  benutztes  Gemenge
•tus  verschiedenen  Früchten  und  Gemüseteilen,
me  mit  spanischem  Pfeffer  und  anderen  Gew
 ürzen  in  starken  Essig  eingelegt  sind.  Als  Zutaten ­
  dienen  besonders  kleine  Gurken  und  Zwiebeln, ­
  grüne  Bohnen,  junge  Maiskolben,  Blumen-"°hl,u.
  dgl.  Zur  Erlangung  einer  intensiv  grünen
Earbe  werden  sie  meist  mit  .Kupfersalzen  geerbt, ­
  die  nach  dem  Farbengesetz  vom  5.  Juli
•887  zwar  verboten  sind,  in  geringer  Menge
aber  geduldet  werden.
Möhren  (Mohrrüben),  dieWurzeln  vonDau-Cu
 s  carota,  einer  zu  den  Doldengewächsen
gehörenden  Pflanze;  werden  in  folgende  Sorten
unterschieden:  Gemeine  M.  oder  Karotte
)Esels-,  Garten-,  Gelbmöhre,  gelbe  Rübe,  Mörle,
Maure,  Müre,  Mürfen,  Vogelnest,  frz.  Carotte
commune,  engl.  Common  carrot);  weiße,  grün-Kopfige
  bis  4  kg  schwere  Riesenmöhren;
laßgelbe,  bes.  flandrische  M.;  lange  rote
rote  lange  grünköpfige  (Altringham,

Saalfelder,  Frankfurter,  Braunschweiger)  M.  und
französische  (holländische,  Hornsche,  Duwicker)
  Treibkarotte.  Die  Aussaat  erfolgt  frühzeitig ­
  in  gutes  Ackerfeld,  Gartenland  oder  Treibbeete, ­
  und  zwar  rechnet  man  für  den  Hektar
S—7  kg  Saatgut,  das  in  1  kg  etwa  250000  Samen
enthält.  Hauptsaatzuchtgut  wird  in  Erfurt,  Quedlinburg, ­
  Braunschweig,  Wolfenbüttel,  Prag  und
Frankreich  mit  einem  Ertrage  von  1  kg  Samen
aus  too  kg  Samenwurzeln  erzeugt.  Als  frisches
Gemüse  benutzt  man  die  jungen,  dünnen  und
zarten  M.,  zur  Überwinterung  gut  ausgewachsene,
dicke  und  lange  Wurzeln,  die  im  Keller  in  Spitzhaufen ­
  aufgeschichtet  oder  in  Sand  gebettet
werden.  Die  M.  dienen  außer  zur  menschlichen
Ernährung  noch  zur  Fütterung  (besonders  für
Pferde),  zur  Bereitung  von  Möhrensaft,  Möhrenessig, ­
  Möhrenbranntwein,  Kaffee-Ersatz  (Möhrenkaffee), ­
  Bonbons  und  Kuchen  sowie  zum
Färben  der  Butter.  Sie  enthalten  bis  2  °/o  Zucker,
ferner  Karotin  und  Cholesterin.
Möhrenöl.  Sowohl  die  Samen  als  auch  die
Wurzeln  der  Möhre  liefern  bei  der  Wasserdampfdestillation ­
  ein  ätherisches  öl.  Das  Möhrensamenöl,
  richtiger  Möhrenfruchtöl,  das  in  Menge
von  0,8—i,6°/o  in  den  Früchten  enthalten  ist,  hat
eine  rein  wasserhelle  bis  gelbe  Farbe,  eine  Linksdrehung ­
  von  —11  bis  —37 0  und  ein  spez.  Gew.
von  0,870—0,944  bei  15 0 .  In  absolutem  Alkohol.
Äther  und  Benzol  ist  es  leicht  löslich.  Die  schwach
saure  Reaktion  beruht  auf  der  Gegenwart  von
freier  Palmitin-  und  Isobuttersäure.  Der  Gehalt
an  Estern  betrug  bei  einem  Öl  7—9%.  Als
Terpene  wurden  d-Pinen  und  1-Limonen  nachgewiesen. ­
  Durch  Fraktionieren  im  luftverdünnten ­
  Raum  konnte  aus  den  höhersiedenden  Anteilen ­
  ein  bisher  unbekannter  Körper  Daucol,
C 15 H 26 0 2 ,  abgeschieden  werden.  Das  ätherische
Öl  der  Wurzel  hat  den  angenehmen  eigenartigen
Geruch  der  Möhre  und  das  spez.  Gew.  0,886.
Verwandt  wird  M.  als  Speisezusatz  und  in  der
Likörfabrikation.
Mönchsrhabarber  (Pseudorhabarber,  lat.
Radix  rhei  monachorum,  frz.  Racine  de  patience,
engl.  Rumex  root),  die  dunkelbraune  widerlich
riechende  Wurzel  des  Alpenampfers,  Rumex
alpinus,  wurde  früher  in  Gebirgsgegenden  für
den  Handel  angebaut  und  in  der  Tierheilkunde
angewandt,  ist  aber  jetzt  ganz  außer  Gebrauch
gekommen.
Mogdadkaffee  nennt  man  ,  die  Samen  einer
akazienartigen  Pflanze,  Cassia  occidentalis,
  die  auf  Hawai  (Sandwiohinseln),  Tahiti,  den
Samoainseln  und  in  dem  südlichen  Teil  der  Vereinigten ­
  Staaten  wild  wächst  und  auf  Tongataba
angebaut  wird.  Die  kleinen  Samen,  die  sehr
hart  sind  und  eine  grünlichgraue  Farbe  zeigen,
wirken  roh  abführend,  werden  aber  von  den  Eingeborenen ­
  als  Kaffee-Ersatz  benutzt,  trotzdem
sie  kein  Koffein  enthalten;  Sie  heißen  in  Indien
Kasondi,  in  Bombay  speziell  Kibal,  in  Martinique ­
  Negrokaffee,  am  Senegal  Benta  Mar6,
in  Angola  Fedegoza,  in  Brasilien  Gaja  Marioba,
  in  Birma  Kalan,
Mohair  ist  die  englische  Bezeichnung  für
Angorawolle,  aber  auch  die  ganz  oder
teilweise  aus  Angorawolle  gewebten  Stoffe  führen ­
  häufig  den  Namen  Mohairs,  obschon  ein
wesentlicher  Unterschied  zwischen  ihnen  und
        <pb n="287" />
        Mohn

282

Molken

den  Kamelotts  nicht  besteht.  Das  Mohairgarn
wird  auch  sehr  häufig  als  Schußgarn  verwebt
und  gibt  in  Verbindung  mit  Kammgarn,  Baumwolle, ­
  Alpaka  und  Seide  eine  große  Zahl  verschiedener ­
  Stoffe,  die  hauptsächlich  in  England
(Bradford,  Manchester)  hergestellt  werden.  Außerdem ­
  befinden  sich  Fabriken  in  Frankreich,  besonders ­
  in  Roubaix  und  Lille,  in  Deutschland
in  Chemnitz  und  Umgegend,  Schlesien,  Berlin,
Gera  und  Weida,  in  Österreich  im  Reichenberger
Bezirk.  —  Mohärspitzen  sind  schwarze  Wollspitzen. ­

Mohn  (Mohnsame,  Mohnsaat,  lat.  Semen
papaveris,  frz.  Semence  de  pavot,  engl.  Poppy
seeds)  nennt  man  die  kleinen  Samen  der  Mohnpflanze, ­
  Papaver  somniferum,  die  in  verschiedenen, ­
  hauptsächlich  nach  Farbe  der  Blüten
und  Samen  unterschiedenen  Sorten  angebaut
wird.  In  praktischer  Hinsicht  unterscheidet  man
oft  Schließ-,  Kopf-  oder  Dreschmohn,  dessen
Kapseln  geschlossen  bleiben,  und  Schüttei-  oder
Schüttmohn,  bei  dem  sich  zur  Reifezeit  die
Löcher  unter  der  Kapsel  öffnen  und  den  Samen
ausfallen  lassen,  i  hl  Mohn  wiegt  58  kg.  Der
Saatbedarf  beträgt  4—8  kg  für  den  Hektar,  die
Anbaufläche  in  Deutschland  nur  etwa  6500  ha,
der  Ertrag  13—20,  meist  aber  nicht  viel  über
16  hl,  nebst  20—28  Zentner  Stroh,  welches  sich
nur  zum  Verbrennen  eignet  und  von  Bäckern
gern  gekauft  wird.  Der  M.  gedeiht  am  besten  in
leichten  und  mittleren  Bodenarten.  Er  leidet
von  Krankheiten  nur  wenig  (Schimmelpilze),
um  so  mehr  aber  durch  Vögel  (Krähen,  Meisen,
Spechte),  Mäuse,  die  Maden  des  Weißfleckrüßlers ­
  und  des  Mohnwurzelrüßlers,  Engerlinge,
Schnecken,  verschiedene  Blattläuse,  Kohleulen
und  Mohngellenfnücken  sowie  durch  Wind,
Regen  bei  der  Ernte  und  nasse  Kälte.  Der
Mohn  wird  im  August  und  September  geerntet,
in  Bündel  gebunden,  zur  Trockne  in  Puppen
aufgestellt,  darauf  sofort  in  Kufen  oder  auf
Tüchern  ausgeschüttelt  oder  erst  später  gedroschen. ­
  Bei  feuchtem  Wetter  wächst  er  leicht
aus  und  läßt  viel  Samen  ausfallen,  weshalb
manche  bereits  auf  dem  Felde  die  Köpfe  abschneiden. ­
  Nach  der  Farbe  des  M.  unterscheidet
man  folgende  beide  Hauptsorten:  Der  weiße
M.  blüht  weiß,  hat  weißlichen  Samen  und
ist  zum  pharmazeutischen  Gebrauch  vorgeschrieben. ­
  Der  schwarze  M.  blüht  rosa  und  hat
schwärzliche  oder  blaugraue  Samen.  Verwendet
werden  die  Mohnsamen  außer  zur  Gewinnung
des  Mohnöls  (s.  d.),  auch  zu  Emulsionen,  als
Vogelfutter  und  in  Bäckereien  zum  Aufstreuen
auf  Gebäck.  —  Die  unreifen  Mohnköpfe  (lat.
Capita  papaveris  seu  Fructus  papaveris  immaturi,
frz.  TStes  de  pavots,  engl.  Poppy  heads)  enthalten ­
  verschiedene  narkotische  Alkaloide  utM
werden  zur  Herstellung  des  Opiums  (s.  d.)  und
des  Mohnsirups  benutzt.  Auch  als  Beruhigungsmittel ­
  für  Kinder  werden  Mohnköpfe  in  der
Volksmedizin  oftmals  verlangt.  Ihrer  schädlichen ­
  Wirkungen  halber  sind  sie  aber  dem
freien  Verkehr  entzogen.
Mohnöl  (lat.  Oleum  papaveris,  frz.  Huile  de
pavot,  Huile  blanche,  engl.  Poppy  oil,  Poppy
seed  oil),  das  fette  Öl  der  Mohnsamen,
wird  durch  kalte  Pressung  in  Menge  von  etwa
40%,  durch  warme  Pressung  in  einer  Ausbeute

bis  zu  60  0/0  gewonnen,  als  ein  blaßgelbes  dünnflüssiges ­
  öl  von  angenehmem  Geruch  und  Geschmack. ­
  Es  gehört  zu  den  trocknenden  Ölen,
erstarrt  bei  —  18  bis  —  20 0  und  löst  sich
leicht  in  Äther  und  heißem  Alkohol  sowie  in
30  Teilen  kalten  Alkohols.  Das  spez.  Gew.  beträgt ­
  0,920—0,935,  die  Jodzahl  130—140.  Zur
Herstellung  des  gebleichten  M.  setzt  man  das
Öl  mit  Salzwasser  der  Einwirkung  des  Sonnenlichtes ­
  aus.  Das  M.  bildet  ein  beliebtes  Speiseöl
und  dient  außerdem  zur  Herstellung  von  Seifen, ­
  medizinischen  Emulsionen  und  in  der  Malerei. ­
  Es  muß  in  gut  verschlossenen,  vollen
Flaschen  kühl  aufbewahrt  werden.
Moirös  (gewässerte  Zeuge)  nennt  man  verschiedene ­
  Gewebe  aus  Seide  oder  Wolle,  die
über  ihre  ganze  Fläche,  oder,  wenn  sie  eingbwebte
  Figuren  haben,  auf  dem  dazwischenliegenden ­
  Grunde  eine  sog.  Wässerung,  einen
wellenartigen  Schimmer,  zeigen,  der  nicht  durch
die  Weberei  bewirkt,  sondern  erst  nachträglich
durch  Pressen  hervorgebracht  wird.  Zum  Moirieren
  läßt  man  in  der  Regel  zwei  Stücke
Zeug,  mit  den  rechten  Seiten  aufeinandergelegt,
noch  feucht  zwischen  zwei  heißen,  scharf  pressenden ­
  und  glättenden  Walzen  langsam  hindurch
gehen.  Bei  Stoffen  mit  Damastfiguren  wird  aber
nur  ein  Stück,  zusammen  mit  einem  Drucktuch
auf  einmal  durchgeführt,  wobei  lediglich  der
härtere  Grund  das  Moirö  annimmt,  während
die  atlasartigen  Figuren  wegen  ihrer  größeren
Weichheit  unverändert  bleiben.  Die  zum  Moirieren
  bestimmten  Zeuge  haben  in  ihrer  Kette
immer  viel  stärkere  Fäden  als  im  Schuß,  und
die  letzteren,  die  in  den  beiden  aufeinandergepreßten ­
  Stücken  nicht  vollkommen  parallel
liegen,  sondern  sich  vielfach  unter  sehr  spitzen
Winkeln  kreuzen,  sind  die  eigentliche  Ursache
der  Erscheinung.  An  den  Übergangsstellen  ist
die  Zeugdicke  am  größten.  Hier  entsteht  also
der  stärkste  Druck,  wodurch  sich  die  Spiegel
bilden.  Durch  verschiedene  Mittel  kann  man
das  Aussehen  der  Wässerung  abändern,  Läßt
man  z.  B.  das  Zeug  vor  dem  Eintritt  in  die
Walzen  über  die  Kante  einer  oder  zweier  Schie
nen  schleifen,  die  wellenförmig  angeschnitten
sind  und  in  entgegengesetzter  Richtung  hin  und
her  bewegt  werden,  so  ergeben  sich  verschiedene
Spannungen  und  Richtungen  der  Fäden,  und
somit  andere  Wirkungen,  als  beim  glatten  Einlauf ­
  des  Stoffes.  Man  unterscheidet  hiernach
namentlich  Moirö  antique  mit  Musterung,
die  sich  über  größere  Flächen  verbreitet,  und
Moird  frangais  mit  streifenförmiger  Musterung. ­
  Die  besonders  in  England,  Holland,
Italien  und  Frankreich,  später  aber  auch  in
Wien,  Annaberg,  Krefeld,  Chemnitz  hergestellten
M.  werden  zu  Möbelbezügen,  Damenkleidern,
Bändern  u,  dgl.  benutzt.
Moleskin  ist  die  in  England  gebräuchliche
Bezeichnung  für  feine  Westenstoffe,  die  auf
baumwollenem  Grunde  Muster  aus  feinster  Wolle
haben.  Vielfach  versteht  man  darunter  auch
einen  feinen,  dichten,  gerauhten  und  geschorenen ­
  Barchent,
Molken  (Wedicke,  Schotten,  Sinte,  Käsemilch) ­
  nennt  man  den  Rückstand  bei  der  Herstellung ­
  von  Käse  aus  Milch  oder  Magermilch,
welcher  der  Hauptsache  nach  aus  Wasser  und
        <pb n="288" />
        Moll

285

Morcheln

4-Milchzucker
  besteht  und  daneben  geringe  Mengen ­
  löslicher  Eiweißstoffe  enthält.  Man  verwendet ­
  die  M.  zur  Darstellung  von  Milchzucker
und  Molkenpastillen,  zum  Kurgebrauch  und  zum
Verfüttern.  Das  durch  Auf  kochen  daraus  abgeschiedene ­
  Molkeneiweiß  dient  zur  Bereitung ­
  von  Zigerkäse.
Moll  (frz.  Molleton,  engl.  Molton,  Multon):
Darunter  versteht  man  ein  weiches  langhaariges
Gewebe  aus  guter  Mittelwolle,  das  entweder
leinwand-  oder  köperartig  gewebt,  auf  beiden
oder  nur  einer  Seite  gerauht  und  mit  einem
Schnitt  geschoren  ist.  In  der  Dichtheit  und
Walke  steht  das  Zeug  zwischen  Flanell  und
Fries,  indem  es  lockerer  als  dieser  und  dichter
als  jener  ist.  M.  wird  wie  Flanell  zu  warmhaltenden ­
  Unterkleidern  verwandt.  Die  Farbe  ist
meist  weiß,  zuweilen  auch  grau,  blau,  rot  und
grün.  Doppelte  M.  haben  auf  jeder  Seite  eine
besondere  Färbung.  —  Neuerdings  wird  häufig
auch  baumwollener  M,  hergestellt  und  besonders ­
  zu  Unterröcken  für  Frauen  viel  verbraucht. ­
  Er  bildet  eine  Art  dicken  baumwollenen
Barchent,  der  auf  beiden  Seiten  stark  gerauht
ist  und  dadurch  eine  langhaarige  weiche  Oberfläche ­
  erhalten  hat.
Mollplaste  sind  Mischungen  aus  borsäurehaltigem ­
  Leim  mit  Pflastermasse  und  medizinisch
wirksamen  Stoffen,  die  von  Helfenberg  in  den
Handel  gebracht  werden.
Molybdän,  ein  ziemlich  seltenes  Schwermetall, ­
  Mo  =  96,  findet  sich  in  der  Natur  nicht
in  freiem  Zustande,  sondern  nur  in  Form  wenig
verbreiteter  Mineralien,  besonders  des  Molybdänglanzes ­
  (Schwefel-M.)  und  des  Gelbbleierzes ­
  oder  Wulfenits  (molybdänsaures  Blei).
Das  Metall  entsteht  beim  Glühen  der  Oxyde
°der  Chloride  im  Wasserstoffstrom,  hat  aber
keine  technische  Bedeutung  und  wird  daher  im
großen  nicht  dargestellt.  Für  die  Praxis  kommen
lediglich  die  Molybdänsäure  und  ihr  Ammo-Utumsalz
  in  Betracht.  —  Die  Molybdänsäure,
MoOg,  wird  durch  Erhitzen  von  Molybdänglanz
a n  der  Luft  erhalten  und  bildet  ein  weißes,  geruchloses, ­
  in  Wasser  schwer  lösliches  Kristall-Pulver,
  das  sich  in  Ammoniak  löst  und  mit  ihm
uas  Ammoniummolybdat  (molybdänsaures
Vrnmonium),  (NH 4 ) 2 Mo0 4 ,  ein  weißes,  inWas-Ser
  lösliches,  kristallisiertes  Salz  liefert.  Die
richtigste  Eigenschaft  der  Molybdänsäure  ist  die
Bildung  eines  gelben  Niederschlages  mit  Phos-Pnorsäure,
  die  zur  quantitativen  Bestimmung  der
..uosphorsäure  benutzt  wird  und  einen  erhebuchen
  Verbrauch  des  Ammoniummolybdats  zur
ro'ge  hat.  Außerdem  dient  das  Salz  neuerdings
?rr  Herstellung  feuersicherer  Gewebe  und  zu
Pesinfektionszwecken  sowie  zum  Blaufärben  von
‘Opferglasuren.
Monazitsand,  ein  in  Südamerika,  Australien
Un d  im  Ural  vorkommendes  monazithaltiges  Gemenge ­
  verschiedener  Mineralien,  bildet  das  Aus-^ungsmaterial
  zur  Gewinnung  der  für  Glühstrümpfe
  erforderlichen  seltenen  Erden.  Er  ent-‘
 lalt  neben  50—60%  Oxyden  der  Zer-  und  Yt-‘mrngruppe
  2 V°  Thoroxyd,  welches  durch  Zerotzung
  mit  konzentrierter  Schwefelsäure  und
“ouhenge  Fällung  mit  Oxalsäure  erhalten  wird.
Monesia  (lat.  Monesia,  Extractum  monesiae,
1  Extrait  de  Monesie,  engl.  Extract  of  Monesia), ­

  ein  wäßriges  Extrakt  der  aus  Brasilien ­
  stammenden  und  dort  Buranham  genannten ­
  Monesiarinde,  Cortex  monesia,  wurde
einige  Jahre  lang  medizinisch  als  adstringierendes
Mittel  verwandt,  ist  aber  jetzt  außer  Gebrauch
gekommen.  M.  bildet  eine  feste,  spröde,  braune
Masse  von  zusammenziehendem  Geschmack,  die
neben  Gerbsäure,  Gallussäure  und  Glyzyrrhizin
einige  Bitterstoffe:  Monesin  und  Hivurahein
enthält.
Montanin  ist  ein  neueres  Anstrichmittel,  das
in  Eiskellern,  Brauereien  und  Brennereien  zum
Schutze  feuchter  Wände  gegen  Schimmelwucherung ­
  (Hausschwamm)  aufgetragen  wird  und  aus
einer  30  0/0  igen  Auflösung  von  Kieselfluorwasserstoffsäure ­
  in  Wasser  besteht.
Montanwachs  nennt  man  einen  dem  Zeresin
ähnlichen  Stoff,  der  durch  Extraktion  von  Braunkohle ­
  mit  Benzin  gewonnen  und  durch  nachfolgende ­
  Destillation  mit  überhitztem  Wasserdampf ­
  weiter  gereinigt  wird.  Es  schmilzt  bei
80 0  und  dient  als  guter  Ersatz  des  Zeresins  und
Paraffins  zur  Herstellung  von  Kerzen.
Morcheln  (frz.  Morilles,  engl.  Morils)  sind
außerordentlich  geschätzte  Pilze  der  Gattung
Morchella,  die  zahlreiche  Arten  bildet.  Die
größte  Bedeutung  besitzt  die  echte  Speisemorchel ­
  (M.  esculenta)  mit  rundlich-eiförmigem, ­
  gelbbraunem  bis  dunkelbraunem  Hut
und  hohlem,  daumendickem  Stiel  von  weißer
bis  schmutzig  fleischrötlicher  Farbe.  Charakteristisch ­
  für  diesen  Pilz,  der  im  April  und  Mai,
seltener  im  Herbste,  auf  schwerem,  sandig-lehmigem ­
  Boden  in  Wäldern  und  Gebüschen,  auf
Bergwiesen  und  Feldern  vorkommt,  ist  die
eigentümliche  Zeichnung  der  Hutoberfläche,  die
durch  zahlreiche  Rippen  oder  Leisten  in  netzförmige, ­
  vertiefte  Felder  abgeteilt  ist.  Der
Speisemorchel  durchaus  ähnlich  sind  die  Käppchen-M.
  (M.  mitra),  die  Glocken-M.  (M.  patula)
  und  die  Spitz-M.  (M.  conica)  mit  spitzem,
kegelförmigem  Hut  und  etwas  länglicher  gestreckten ­
  Feldern.  Die  gewöhnlich  im  Handel
als  M.  bezeichnete  Pilzart  führt  diesen  Namen
mit  Unrecht.  Es  ist  vielmehr  die  eine  besondere
Gattung,  Helvella,  bildende  Lorchel,  auch
Früh-,  Stein-  oder  Speiselorchel  genannt,  die  auf
dickem,  weißem  bis  violettem  Stiel  den  dunkelbraunen, ­
  unregelmäßig  faltigen  und  runzeligen,
aber  nicht  in  Felder  geteilten  Hut  trägt.
Nach  dem  Aufweichen  in  Wasser  und  dem  Ausbreiten ­
  des  Hutes  bietet  die  Erkennung  der  cha
rakteristischen  Felder  und  damit  die  Unterscheidung ­
  der  Lorchel  von  der  echten  M.  auch
im  getrockneten  Zustande  keine  Schwierigkeit
dar,  und  das  ist  insofern  von  großer  Bedeutung,
als  die  Lorchel  zweifellos  giftig  ist.  Sie
enthält  einen  äußerst  giftigen  Stoff,  die  Helvellasäure,
  die  blutkörperlösend  wirkt  und
heftige  Verdauungsbeschwerden,  Störungen  der
Nierentätigkeit,  ja  selbst  den  Tod  herbeizuführen
vermag.  Allerdings  unterliegt  der  Grad  der
Giftigkeit  je  nach  dem  Standorte  und  den  Jahrgängen ­
  großen  Schwankungen,  aber  man  sollte
trotzdem  nie  unterlassen,  die  Lorchel  vor  dem
Genuß  zu  entgiften.  Es  gelingt  dies,  da  die
Helvellasäure  in  heißem  Wasser  löslich  ist,
durch  mehrfaches  Abkochen  und  Auspressen  der
frischen  Lorcheln,  auch  starkes  Salzen  scheint
        <pb n="289" />
        Morisons  Pillen

284

Moschus

entgiftend  zu  wirken.  Die  Brühe  muß  fortgegossen ­
  werden.  Bei  gut  getrockneten  Lorcheln ­
  ist  diese  Maßregel  weniger  von  Bedeutung,
da  das  Gift  durch  mindestens  vierwöchentliches
Trocknen  zerstört  wird.
Morisons  Pillen.  Die  mit  I  bezeichneten
Pillen  erwiesen  sich  bei  einer  im  Dresdner  Untersuchungsamt ­
  ausgeführten  Prüfung  als  ein  Gemisch ­
  von  Tubera  jalapae  und  Radix  althaeae
mit  Aloe,  Jalapenharz  und  Gummigutti.  Probe  II
bestand  im  wesentlichen  aus  Sennesblättern  und
Aloe,  war  hingegen  frei  von  Kolchizin  und  Koloquinten. ­

Morphium  (Morphin,  lat.  Morphium,  Morphinum,
  frz.  und  engl.  Morphine),  das  wichtigste
der  im  Opium  enthaltenen  Alkaloide,  wird
fabrikmäßig  aus  dem  Opium  dargestellt,  welches
davon  io—11  o/o  enthält.  Nach  dem  älteren  Verfahren ­
  zieht  man  Opium  mit  heißem  Wasser
unter  Zusatz  von  etwas  Salzsäure  aus,  kocht  die
eingedampfte  Lösung  mit  Kalkmilch,  filtriert  und
kocht  von  neuem  mit  Ammoniumchlorid,  bis  kein
Ammoniak  mehr  entweicht.  Das  ausgeschiedene
M.  wird  in  das  salzsaure  Salz  übergeführt,  letzteres ­
  umkristallisiert,  mit  Ammoniak  zerlegt  und
die  freie  Base  aus  Alkohol  umkristallisiert.
E.  Merck  extrahiert  das  Opium  mit  kaltem
Wasser,  fällt  das  M.  mit  Soda,  reinigt  es  durch
Waschen  mit  verdünntem  Weingeist  und  löst  es
in  Essigsäure.  Die  Lösung  wird  zur  Entfärbung
mit  Tierkohle  gekocht,  mit  Ammoniak  gefällt,
und  das  freie  M.  aus  Alkohol  umkristallisiert.
Nach  dem  dritten  Verfahren  von  Robertson-Gregory
  wird  der  mit  heißem  Wasser  erhaltene
Opiumauszug  mit  Marmorpulver  eingedampft,
darauf  mit  Kalziumchlorid  gekocht  und  filtriert.
Die  sich  aus  dem  Filtrate  beim  Eindampfen
ausscheidenden  Kristalle  werden  abgesaugt,  das
M.  mit  Ammoniak  gefällt  und  weiter  gereinigt.
—  Reines  M.  besteht  aus  färb-  und  geruchlosen,
stark  bitter  schmeckenden  Kristallen,  die  bei
iio°  wasserfrei  werden  und  bei  230 0  schmelzen.
Es  ist  in  Wasser  und  den  meisten  organischen
Flüssigkeiten  sehr  schwer  löslich,  wird.  aber
leicht  von  wäßrigen  Alkalien  aufgenommen.
Zur  Isolierung  in  forensischen  Fällen  schüttelt
man  die  ammoniakalische  Lösung  mit  heißem
Amylalkohol  aus.  Abgesehen  'von  den  allgemeinen ­
  Alkaloidreaktionen  zeigt  das  M.  folgende
charakteristische  Eigenschaften:  Aus  Jodsäure
macht  es  Jod  frei,  das  beim  Schütteln  mit
Chloroform  mit  violetter  Farbe  in  Lösung  geht.
In  konzentrierter  Salpetersäure  löst  es  sich  mit
blutroter,  später  gelb  werdender  Farbe.  Mit  konzentrierter ­
  Schwefelsäure  übergossen,  nimmt  es
in  einer  Formaldehydatmosphäre  eine  violette
Farbe  an.  —  Das  reine  M.  wird  wegen  seiner
geringen  Löslichkeit  nur  selten  therapeutisch
verwandt,  sondern  zu  diesem  Zwecke  meist  in
Salze  übergeführt.  Die  größte  Bedeutung  haben:
das  salzsaure  M.  (Morphinum  hydrochloricum
  seu  muriaticum),  das  essigsaure  M.
(Morphinum  aceticum)  und  das  Schwefelsaure
  M.  (M.  sulfuricum),  gut  kristallisierende
Salze,  die  in  Form  ihrer  wäßrigen  Lösung  als
schmerzstillende  und  schlafbringende  Mittel  innerlich ­
  und  in  Form  von  Injektionen  angewandt
werden.  Neben  ihnen  finden  sich  noch  weinsaures, ­
  milchsaures,  valeriansaures  M.  und  andere

Salze  im  Handel.  Sämtliche  Morphinsalze  sind
starke  Gifte  und  dürfen  in  Apotheken  nur  gegen
ärztliche  Verordnung  abgegeben  werden.
Morsellen  sind  Zuckerwaren,  die  ursprünglich
nur  in  Apotheken  bereitet,  später  aber  auch  von
Konditoren  in  den  Handel  gebracht  wurden.  Sie
bilden  länglich-viereckige,  tafelförmige  Stücke
von  verschiedenem  Aussehen  und  bestehen  aus
Zucker,  den  man  nur  bis  zur  Flugprobe  gekocht ­
  und  mit  verschiedenen  Gewürzen,  ätherischen ­
  ölen  usw.  aromatisiert  hat.  Es  gibt
daher  sehr  viele  Sorten,  mit  Ingwer-,  Vanille-,
Ananas-  und  Himbeergeschmack  sowie  solche,
die  in  der  Zuckermasse  zerschnittene  Mandeln,
Pistazien,  Nüsse  u.  dgl.  enthalten.  Die  Ware
wird  kiloweise,  oder  in  feine  Kästchen  von  100
bis  500  g  Gewicht  verpackt,  verkauft.
Moschus  (Bisam,  frz.  Muse,  engl.  Musk)  ist
ein  Sekret  des  männlichen  Moschustieres,
Moschus  moschiferus  L.,  eines  den  .Hirschen ­
  verwandten,  ungehörnten,  zierlichen  Tieres, ­
  das  in  den  Hochgebirgen  des  östlichen
Asiens,  im  Himalaya,  in  Tibet,  Tonkin,  Sibirien
und  der  Tatarei  in  einer  Höhe  von  1000—2000  m
lebt  und  auf  dem  Bauche,  zwischen  Nabel  und
Rute,  einen  drüsigen,  als  Moschusbeutel  bezeichneten ­
  Behälter  trägt.  Den  nur  selten  in
Rudeln,  meist  vereinzelt  vorkommenden  Tieren
werden  sofort  nach  dem  Fang  in  Schlingen  oder
der  Erlegung  auf  der  Jagd  die  Beutel  nebst
der  zugehörigen  Bauchhaut  ausgeschnitten  und
an  der  Luft  oder  auf  heißen  Kaminen  getrocknet. ­
  Der  bis  6  cm  lange,'  3  cm  breite,  4—5  cm
hohe  Beutel  ist  auf  der  dem  Bauche  zugewandten
Seite  flach  und  kahl,  auf  der  nach  außen  gekehrten ­
  Seite  gewölbt  und  mit  dicken,  steifen
Haaren  besetzt.  Die  konvexe  Seite  besitzt  zwei
Öffnungen,  die  Beutelöffnung  und  ein  durch  die
Muskelhaut  verlaufendes  Loch  für  die  Rute.
Innerhalb  der  aus  mehreren  Häuten,  einer  äußeren ­
  muskulösen  und  einer  inneren  dünnen  bestehenden ­
  Wandung  befindet  sich  der  M.,  der
im  frischen  Zustande  teigig  und  rötlichbraun  ist,
später  aber  trocken  und  krümlig  wird.  Der  noch
in  den  Beuteln  eingeschiossene  M.  gelangt  unter
der  Bezeichnung  Moschus  in  vesicis,  der  aus
den  Beuteln  herausgenommene  als  Moschus  ex
vesicis  in  den  Verkehr.  Für  den  Handel
kommen  besonders  zwei  Sorten  von  Moschus:
tonkinesischer  und  kabardinischer  M.  in
Betracht.  Der  Tonkin-M.,  tibetanische  M.,
chinesische  M.,  die  beste,  allein  offizineile
Sorte,  stammt  aus  Tonkin  und  der  chinesischen
Provinz  Szechuan  und  wird  über  Kanton  nach
England  und  Deutschland  ausgeführt.  Die  Originalpackung ­
  erfolgt  in  länglich  viereckigen
Kästchen,  sog.  Catties,  von  etwa  20  cm  Länge
und  9—ti  cm  Breite  und  Flöhe,  die  innen  mit
Bleifolie  ausgelegt,  außen  mit  Papier  oder  Seide
umhüllt  sind  und  je  25  in  zartes  bedrucktes  oder
bemaltes  Papier  eingewickelte  Beutel  enthalten.
Die  Kästchen  werden  in  mit  Zink  ausgeschlagenen
  Holzkisten  verpackt  und  gelangen  so  nach
Europa.  Die  zwei  kleine  Öffnungen  tragenden
Beutel  sind  stumpfkantig,  rundlich  oder  länglich, ­
  auf  der  Haarseite  stark  gewölbt,  auf  der
Hautseite  flach,  3—4,5  cm  dick,  bis  3  cm  hoch
und  15—45  g  schwer.  Die  Haare  der  konvexen
Seite  sind  glatt  anliegend,  gegen  die  Mitte  ge ­
        <pb n="290" />
        Moschus

285

Moschus

richtet  und  am  Rande  abgeschoren.  Der  beim
Aufschneiden  des  Beutels  gewonnene  M.  zeigt
im  getrockneten  Zustande  eine  schwarzbraune
oder  dunkelrötlichbraune  Farbe  und  bildet  eine
lockere,  krümlige  Masse,  die  zum  Teil  aus
Körnchen  und-Klümpchen  von  der  Größe  eines
Stecknadelkopfes  bis  einer  Erbse  besteht.  Der
Geschmack  ist  bitter,  der  Geruch  stark  und  sehr
charakteristisch.  Unter  dem  Mikroskop  lassen
sich  braune  und  weiße  Körnchen  von  unregelmäßiger ­
  Form,  Öltröpfchen,  Epithelien  und
Haare  erkennen.  Auf  Papier  gibt  der  trockne
Tonkin-M.  einen  braunen  Strich.  Die  hauptsächlich ­
  über  Kanton  und  Schanghai  erfolgende
Ausfuhr  betrug  in  den  letzten  Friedensjahren
etwa  900—1200  Catties  zu  1I/2  Pfund,  der  Preis
gegen  260  M.  für  100  g  M.  in  vesicis  und  320  M.
für  M.  ex  vesicis.  Die  feinste  Sorte  Tonkin-M.
wird  als  „pile  I  all  Mueskins“  bezeichnet  und
besteht  aus  gut  beschnittenen,  ausgesuchten  Beuteln, ­
  von  denen  die  äußere  Haut  zu  zwei  Dritteln
abgezogen  worden  ist.  Andere  Sorten  sind
pile  I,  pile  II  und  pile  III.  —  Der  kabardinische ­
  M.  (russische,  sibirische  M.)  ist
die  am  meisten  gehandelte  Moschussorte,  die  aus
dem  südlichen  Sibirien  stammt  und  über  Petersburg ­
  zum  Teil  nach  China,  zum  Teil  nach  England. ­
  Deutschland  usw.  ausgeführt  wird.  Die
jährliche  Sendung  nach  dem  Westen  beträgt
etwa  10—12000  Beutel  (250  kg).  Die  Verpakkung
  erfolgt  in  verlöteten  Blechkisten  von  2  bis
6  kg  Inhalt,  die  wieder  in  Holzkisten  eingesetzt
sind.  Die  Beutel  sind  größer,  länglichoval  oder
birnenförmig,  sehr  platt  und  auf  der  unteren
unbehaarten  Seite  schmutzig  gelbbraun  und  gerunzelt. ­
  Die  auf  der  Oberseite  gewöhnlich  kurz
geschnittenen  Haare  sehen  silberfarben  oder
bräunlich  aus.  Der  Moschus  bildet  eine  knetbare, ­
  nicht  körnige  Masse  von  hellbrauner  Farbe
und  erzeugt  auf  Papier  einen  hellbraunen
Strich.  Der  russische  M.  riecht  etwas  urinös,  an
Pferdeschweiß  erinnernd  und  wird  nicht  in  Apotheken, ­
  sondern  nur  zu  Parfümeriezwecken  benutzt. ­
  Der  Preis  beträgt  nur  Vs—-Va  von  demjenigen ­
  des  Tonkin-M.  —  Von  weniger  wichtigen ­
  Moschussorten  sind  zu  erwähnen  der  Yünnan-M.,
  der  Taupi-M.  und  der  Assam-M.
Her  Yünnan-M.,  nach  der  gleichnamigen  chinesischen ­
  Provinz  benannt,  der  meist  in  China
selbst  verbraucht  und  höchstens  in  geringer
Stenge  nach  Japan  ausgeführt  wird,  besteht  aus
fast  kugelrunden  dickhäutigen  Beuteln  von  glattfi
 r,  unbehaarter  Oberfläche.  Der  Inhalt  ist
gelblichbraun  mit  einem  Stich  ins  Rötliche  und
v °n  sehr  feinem  Geruch.  Der  ebenfalls  aus
China  stammende  Taupi-M.,  der  in  zwei  Sorten
(Tonkin-Taupi  und  Yünnan-Taupi)  in  3—4  cm
breiten  Beuteln  ohne  äußere  und  Muskelhaut
v °rkommt,  gilt  als  sehr  fein,  wird  aber  fast  noch
tttehr  als  der  Tonkin-M.  verfälscht.  Der  Assamoder
  bengalische  M.  hat  ziemlich  große
, e utel,  die  dem  chinesischen  M.  sehr  ähnlich
®tnd,  aber  oft  kugelige  oder  abgestumpft  kegelförmige ­
  Gestalt  besitzen.  —  Die  Moschusbeutel
Enthalten  im  Durchschnitt  50%  ihres  Gewichtes
"loschus.  Sie  werden  entleert,  indem  man  sie
einen  Bogen  glattes  Papier  legt,  die  unehaarte
  Seite  durch  einen  kreisförmigen  Schnitt
1,111  einem  scharfen  Messer  abtrennt  und  den

Inhalt  herauskratzt.  Dann  sucht  man  die  Hautteilchen ­
  und  Haare  mit  einer  Pinzette  heraus
und  bringt  den  M.  sofort  in  kleine  Gläser,
die  man  sehr  gut  verschließt.  Ist  der  M.  noch
feucht,  so  trocknet  man  ihn  im  Exsikkator  über
Schwefelsäure  oder  Chlorkalzium.  —  Die  entleerten ­
  Moschusbeutel  bilden  eine  Handels
wäre  für  sich  und  werden  von  den  Parfümeuren
zur  Bereitung  einer  geringeren  Sorte  von  Moschustinktur ­
  gekauft;  das  Stück  kostet  ungefähr
1  M.  —  Auch  den  aus  den  Beuteln  entnommenen, ­
  sog.  „ausgemachten“  M.  (Moschus  ex
vesicis)  kann  man  übrigens  direkt  im  Handel
bekommen,  und  zwar  sowohl  in  Klümpchen  als
auch  in  Pulverform.  Er  kommt  in  der  Regel  von
in  Europa  geöffneten  Beuteln,,  wird  aber  bisweilen ­
  auch  aus  China  und  Asien  in  Metallbüchsen ­
  eingeführt.  —  Der  M.  enthält  außer
verschiedenen  unwesentlichen  Bestandteilen  als
wichtigsten  den  Riechstoff,  dessen  Konstitution
noch  nicht  völlig  aufgeklärt  ist.  Doch  gelang  es
1906  der  Firma  Schimmel  &amp;amp;  Co.,  aus  dem  M.
ein  dickes,  farbloses  Öl,  das  Muskon,  zu  isolieren, ­
  ein  Keton  von  der  Formel  C 16 H 2S 0  bzvv.
C 16 H 30 O,  das  der  alleinige  Träger  des  Moschusgeruchs ­
  ist.  Es  siedet  unter  einem  Druck  von
752  m  bei  327—330 0 ,  hat  ein  spez.  Gew.  von
0,927  und  eine  spez.  Drehung  von  —  10.
Völlig  ausgetrockneter  M.  ist  fast  ohne  Geruch,
nimmt  aber  angefeuchtet  denselben  allmählich
in  dem  früheren  Grade  wieder  an.  Auch  geht
der  Geruch  verloren,  wenn  man  M.  mit  gewissen
Sulfaten  oder  Goldschwefel,  Schwefelmilch,  Kampfer, ­
  Chinin,  Senföl,  Mutterkorn  usw.,  vermischt,
wird  aber  beim  Anfeuchten  des  Gemisches  mit
Salmiakgeist  wieder  hergestellt.  Tierkohle  absorbiert ­
  den  Riechstoff  des  M.  vollständig.  Destilliert ­
  man  M.  unter  Wasserzusatz,  so  enthält
das  Destillat  stets  Ammoniak,  dessen  Menge
nach  Hager  aber  15%  nicht  überschreiten  darf.
Neben  10—14  %  Wasser  sind  6—8%  Asche  vorhanden, ­
  im  übrigen  besteht  M.  aus  für  seine
Wirkung  wertlosen  Stickstoffsubstanzen,  Harzen,
Wachs.  Cholesterin  und  organischen  Säuren.  Kaltes ­
  Wasser  löst  bis  zu  */*,  kochendes  bis  zu  */ s
auf,  900/oiger  Weingeist  10—12  0/0,  Benzin,
Chloroform  und  Terpentinöl  nur  wenig.  Die
wäßrige  Lösung  des  Tonkin-M.  wird  durch
Sublimat  nur  getrübt,  während  der  kabardinische
M.  damit  eine  Fällung  gibt.  —  Infolge  seines
hohen  Preises  ist  der  M.,  besonders  der  Tonkin-M.,
  vielen  Verfälschungen  unterworfen.  —
Als  Verfälschungsmittel  dienen,  bei  den  Moschusbeuteln ­
  hauptsächlich  Bleischrot,  Zinnober,
Lehm,  Glas,  Sand,  Asphalt,  Katechu,  Guano,
Stärkemehl,  Blut,  zerriebenes  Holz  usw.  sowie
nachgebildete  Beutel,  bei  dem  „ausgemachten“
M.  namentlich  getrocknetes  Blut  und  getrocknete ­
  Galle.  Besonders  die  Chinesen  verstehen
es  ausgezeichnet,  durch  Verfälschungskünste  die
Käufer  zu  übervorteilen.  Der  sog.  Wampoo-M.
  ist  zum  Beispiel  ein  aus  Häuten  des  Moschustieres ­
  künstlich  zusammengenähter  Beutel,
der  mit  getrocknetem  Blut,  Salmiak  und  etwas
M.  gefüllt  ist.  Auch  die  kabardinischen  Moschusbeutel ­
  werden  häufig  den  chinesischen  Beuteln ­
  im  Äußeren  täuschend  ähnlich  gemacht
und  ihnen  untergeschoben.  In  vielen  Fällen
entnimmt  man  dem  Moschusbeutel  durch  eine
        <pb n="291" />
        Mottenpapier

286

Musalina

künstliche  Öffnung  einen  Teil  des  M.  und  näht
ihn  in  täuschender  Weise  wieder  zusammen.
Auch  mit  Spiritus  ausgezogene  Beutel  kommen
vor.  Im  allgemeinen  deuten  sehr  pralle  Ausfüllung ­
  und  unebenes  Aussehen  auf  Verfälschung. ­
  Ebenso  sind  Beutel,  die  sich  sehr
weich  und  feucht  anfühlen  oder  stark  ammoniakalisch
  riechen,  als  verfälscht  oder  minderwertig ­
  zu  betrachten.  Beimischung  von  getrocknetem ­
  Blut  erkennt  man  an  dem  stinkenden  Geruch, ­
  der  sich  beim  Anfeuchten  mit  Wasser
nach  'einiger  Zeit  entwickelt.  Auch  die  Bestimmung ­
  der  Asche,  die  Löslichkeitsverhältnisse
und  die  mikroskopische  Prüfung  geben  wichtige
Anhaltspunkte  für  die  Reinheit  eines  Moschuspulvers. ­
  —  In  der  Parfümerie  spielt  der  M.
eine  ziemlich  große  Rolle,  wird  aber  kaum  für
sich  allein  verwandt,  sondern  in  kleinen  Mengen
anderen  Parfümen  und  Toiletteseifen  zugesetzt,
so  daß  der  Moschusgeruch  nicht  gesondert
hervortritt,  sondern  im  Gesamtgeruch  aufgeht.
Medizinisch  wurde  er  früher  zur  Anregung  des
Nervensystems,  Beschleunigung  des  Pulses  und
Beförderung  der  Schweißabsonderung  verordnet,
ist  aber  jetzt  im  D.  A.  B.  gestrichen.  Im  Handverkauf ­
  wird  häufig  Moschuspulver  als  Riechmittel ­
  usw.  verlangt.  Für  diesen  Zweck  hält  man
eine  Mischung  aus  einem  Teil  M.  und  neun
Teilen  getrocknetem  Hirschblut  vorrätig.  Die
Moschustinktur  (Tinctura  moschi)  wird  außer
in  den  Apotheken  auch  in  größeren  Mengen  zu
Parfümeriezwecken  benutzt.  —  Die  Moschusbeutel ­
  bewahrt  man  wegen  ihres  starken  Geruches ­
  am  besten  in  trockenen  Blasen  eingebunden ­
  auf,  das  Moschuspulver  in  dicht  schließenden ­
  Stöpselgläsern,  die  in  einen  Blechkasten
gestellt  werden.  —  Künstlicher  Moschus  ist
die  Handelsbezeichnung  für  das  von  Baut  entdeckte ­
  Trinitrobutyltoluol,  das  einen  starken  Moschusgeruch ­
  besitzt.  Es  wird  durch  Erhitzen
eines  Gemisches  von  Toluol  und  Butylchlorid
mit  Aluminiumchlorid  und  nachfolgendes  Kochen ­
  des  entstandenen  Butyltoluols  mit  Salpetersäure ­
  und  rauchender  Schwefelsäure  dargestellt
und  bildet  gelbliche,  bei  96—97 0  schmelzende
Nadeln.  Das  Präparat,  das  bisweilen  mit
Azetanilid  gemischt  in  den  Handel  kommt,
dient  zu  Parfümeriezwecken,  vermag  aber
den  echten  M.  für  feinere  Parfüms  nicht
zu  ersetzen.  Außer  Trinitrobutyltoluol  werden
noch  eine  Reihe  ähnlicher  Produkte  hergestellt, ­
  wie  beispielsweise  Trinitrobutylxylol,
Trinitrobutyläthylbenzol,  Dinitrobutylxylylzyamd,
Dinitrobutylxylylaldehyd,  Dinitroazetobutyltoluol,
Dinitroazetobutylxylol  u.a.m.  Charakteristisch  für
alle  diese  Verbindungen  ist  die  tertiäre  Butylgruppe.
  Zeitweilig  ist  künstlicher  M.  auch
durch  Verreiben  von  Bernsteinöl  mit  rauchender
Salpetersäure  und  nachfolgendes  Waschen  mit
Pottasche  hergestellt  worden.
Mottenpapier  (Naphthalinpapier)  ist  mit
einer  Mischung  von  Naphthalin,  Karbolsäure  und
Wachs  getränktes  Papier,  das  zur  Abhaltung  von
Motten  zwischen  Kleidungsstücke  und  Wäsche
gelegt  wird.
Muirazithin,  ein  von  Noris  Zahn  &amp;amp;  Co.  in
den  Handel  gebrachtes  Mittel  gegen  sexuelle
Nervosität,  enthält  als  wirksame  Bestandteile
Lezithin  und  das  Extrakt  aus  der  Wurzelrinde

von  Liriosma  ovata,  einer  in  ihrer  Heimat
Brasilien  „Muira  puama“  genannten  Olakazee.
Das  Extrakt,  welches  neben  Gerbstoff,  ätherischem ­
  öl  und  Zucker  ein  Alkaloid  enthält,  wird
mit  Lezithin  und  Süßholzpulver  zu  Pillen  geformt. ­
  M.  ist  dem  freien  Verkehr  entzogen  und
darf  nach  der  Berliner  Verordnung  von  30.  VI.
1887  und  der  Entscheidung  des  Kammergerichts
vom  29.  X,  1908  nicht  öffentlich  angepriesen
werden.
Mundwässer  (Zahnwässer,  lat.  Aqua  dentifrica,
  frz.  Eau  dentifrice,  engl.  Tooth  water)
nennt  man  zur  Reinigung  und  Pflege  der  Mundhöhle ­
  und  der  Zähne  bestimmte  Flüssigkeiten,
die  meist  aus  alkalischen  Lösungen  von  Desinfektionsmitteln ­
  und  Riechstoffen  bestehen.  Zu
ihrer  Herstellung  verwendet  man  Katechu-,
Myrrhen-  und  Ratanhiatinktur  mit  Borsäure,  Salizylsäure ­
  und  Thymollösungen,  die  mit  aromatischen ­
  Stoffen  und  ätherischen  Ölen  versetzt
sind.  Von  den  zahlreichen  Spezialitäten,  deren
Zusammensetzung  Geheimnis  der  Fabrikanten
ist,  sind  Odol,  Kosmin  u.  a.  in  besonderen  Aufsätzen ­
  besprochen.
Mule-Twist  (Mulegarn)  ist  das  weichere,
besonders  als  Einschuß  dienende  Baumwollgarn, ­
  das  auf  der  Mulemaschine  (Halb-  oder
Ganzselfaktor)  fein  gesponnen  wurde  (vgl.Baumwollgarn). ­

MuH  ist  ein  klarer,  feiner,  weißer  und  weicher
Musselin  zu  Frauenkleidern,  Kragen,  Vorhemden
u.  dgl.,  der  auch  als  Verband-  und  Bindenstoff
Verwendung  findet.  Er  stammt  ursprünglich  aus
Ostindien,  wird  aber  gegenwärtig  in  Europa
vielfach  erzeugt.  Die  bisweilen  gleichfalls  benutzte ­
  Bezeichnung  Moll  (s.  d.)  kommt  eigentlich
einem  feineren  Molton  zu.
Muräne  (Muraal),  ein  aalähnlicher  Fisch,
Gymnothorax  muraena,  der  zuweilen  bis
6  kg  und  darüber  schwer  wird,  lebt  im  Mittelländischen ­
  Meere,  vereinzelt  auch  im  Atlantischen ­
  Ozean.  Die  Grundfarbe  des  Vorderleibes
ist  lebhaft  gelb,  die  des  hinteren  geht  ins
Bräunliche  über,  der  Rücken  zeigt  braune  Flekken,
  die  durch  dunklere  Binden  umschlossen
und  voneinander  abgegrenzt  werden.  Das  Fleisch
gilt  als  höchst  schmackhaft  und  wurde  schon  von
den  Alten  hochgeschätzt.  Lukullus  soll  seine
M.  mit  Sklavenfleisch  gefüttert  haben.
Murexid  (purpursau  res  Ammoniak,  Rouge
de  Naples).  Dieser  nach  Murex,  die  Purpurschnecke, ­
  benannte  Farbstoff  hat  eine
Zeitlang  das  hohe  Interesse  der  technischen  und
Modewelt  erregt,  ist  aber  jetzt  durch  die  Anilinfarben ­
  völlig  verdrängt.  Als  Ausgangsmaterial
zu  seiner  Herstellung  dient  die  Harnsäure
(s.  d,),  die  am  bequemsten  aus  Peruguano  abgeschieden ­
  wird.  Harnsäure  liefert  mit  verdünnter ­
  Salpetersäure  Alloxan,  dessen  heiße  Lösung
mit  kohlensaurem  Ammoniak  gefällt  wird,  ln
den  Handel  kam  der  Farbstoff  teils  in  Teig-,
teils  in  Pulverform,  oder  als  braune,  grünschillernde ­
  Kriställchen.  Die  mit  M.  auf  Zeugen
erzielten  Farben  sind  zwar  schön,  aber  sehr
unbeständig.
Musalina,  ein  zur  Erzielung  größerer  Bindigkeit ­
  der  Wurstfüllung  angepriesenes  Mittel,  besteht ­
  aus  technisch  reinem  Eiweiß.  Im  Hinblick
auf  den  unkontrollierbaren  Ursprung  derartiger
        <pb n="292" />
        Muschelgold

287

Muskatblüte

Stickstoffverbindungen  ist  den  Fleischern  von
der  Verwendung  des  Mittels  dringend  abzuraten,
da  die  Beimischung  solcher,  dem  Normalbegriff
der  Wurst  fremder  Stoffe  als  Verfälschung  angesehen ­
  wird.
Muschelgold  (Malergold,  echte  Goldbronze, ­
  frz.  Or  en  coquille,  engl.  Shell  gold)
nennt,  man  fein  verteiltes,  staubförmiges  Gold,
das  zu  Buntdrucken  und  in  der  Malerei  Verwendung ­
  findet  und  gewöhnlich,  ,  mit  Gummischleim ­
  oder  Honigwasser  angerieben,  in  kleine
Flußmuschelschalen  gefüllt,  verkauft  wird.  Man
erhält  das  M.  meistens  durch  Zerreiben  der
Abfälle  der  Goldschlägerei,  seltener  durch  Reduktion ­
  einer  Chlorgoldlösung  mit  Chlorantimon. ­
  Ebenso  wird  durch  Zerreiben  von  Blattsilberabfällen ­
  Muschelsilber  dargestellt.  Als
unechtes  M.  oder  Musivgold  bezeichnet  man
die  verschiedenen  Arten  von  Bronzen.
Muscheln.  Von  diesen  zu  den  Weichtieren
gehörigen  kopflosen,  mit  einer  zweiklappigen
Schale  versehenen  Tieren  bilden  mehrere  Arten
ein  wertvolles  Nahrungsmittel,  so  die  Austern
(s.  d.),  die  Miesmuscheln  und  die  eßbare
Herzmuschel.  Von  anderen,  nicht  eßbaren
Muscheln  werden  vielfach  die  Schalen  in  den
Handel  gebracht,  und  namentlich  die  Perlmutterschalen ­
  (s.  d.)  bilden  eine  nicht  unbedeutende ­
  Handelsware.  —  Die  Mies-  oder
Pfahlrauschei  (Mytilus  edulis)  ist  gewöhnlich ­
  gemeint,  wenn  man  im  Handel  von  Muscheln ­
  ohne  nähere  Bezeichnung  spricht.  Man
findet  sie  in  fast  allen  Meeren  Europas,  namentlich ­
  in  der  Nordsee  und  Ostsee  auf  Sandbänken.
In  einigen  Gegenden  werden  sie  gezüchtet,  indem
man  verzweigte  Holzstämme  (Muschelbäume)  in
den  Meeresboden  versenkt,  so  daß  sie  ganz
vom  Wasser  bedeckt  sind.  An  diese  Stämme
und  Zweige  setzen  sich  die  Miesmuscheln  an.
Biese  Zucht  wird  z.  B.  in  der  Kieler  Bucht,
ferner  bei  Esuandes  in  Frankreich  (schon  seit
(fern  13.  Jahrhundert),  im  Meerbusen  von  Tarent,
bei  Venedig  usw.  betrieben.  Man  versendet  die
Miesmuscheln  auch,  mit,  Essig  übergossen,  in
Bläser  eingesetzt.  M.  aus  unreinen  Gewässern
s md  zuweilen  giftig.  Das  im  Kriege  zur  Her-Stellung
  von  Brotaufstrich,  Würsten  und  Sülzen
V'elbenutzte  Fleisch  hat  nach  unserer  Analyse
mlgende  Zusammensetzung:  Wasser  82,2  °/o,  Stickst
 offsubstanz  n,2°/o,  Fett  1,2  °/o,  Kohlenhydrate
4 ’ 0 %,  Salze  1,40/0.  —  Von  der  Herzmuschel
Werden  zwei  Arten  genossen,  die  große  oder
stachelige,  Card  ium  echinatum,  namentlich
a n  der  englischen  Küste  und  im  ganzen  Nordsee-Sebiete,
  und  die  kleinere,  Cardium  edule,
ebendaselbst  und  auch  in  der  Ostsee.  Über
Muschelwaren  siehe  Perlmutter.
Musivgold  (unechtes  Malergold)  besteht
aus  einer  Verbindung  von  64,9  °/o  Zinn  und
3 ?’t°/o  Schwefel,  Doppelschwefelzinn.  Zur  Verenigung ­
  der  beiden  Elemente  gibt  es  verschieene
  Verfahren,  die  mehr  oder  weniger  schöne
Zeugnisse  liefern.  Man  stellt  z.  ß.  ein  AmalqP
  aus  vier  Teilen  Zinn  und  zwei  Teilen
Quecksilber  her  und  erhitzt  es  nach  dem  Veraschen ­
  mit  2V2  Teilen  Schwefel  und  zwei
m'en  Salmiak  im  Sandbade  anfänglich  schwäv^ß.,
  später  stärker.  Salmiak  und  Quecksilber
flüchtigen  sich,  und  das  M.  sammelt  sich  am

Boden  und  an  den  Wandungen  der  Retorte  in
Form  schön  goldglänzender,  der  echten  Goldbronze ­
  sehr  ähnlicher  Flitter  an.  Es  wird  sowohl ­
  in  trockener  Form  zum  Bronzieren,  als
auch  zu  Siegellack,  in  Gummi  abgerieben
oder  in  Firnis  zum  Malen  goldähnlicher  Verzierungen ­
  verwandt.  —  Das  Musivsilber,  das
in  ähnlicher  Weise  zu  falschen  Versilberungen
dient,  ist  ein  Amalgam  von  Zinn,  Wismut  und
Quecksilber.  Drei  Teile  Zinn  werden  mit  drei
Teilen  Wismut  und  Quecksilber  zusammengeschmolzen. ­
  Die  Legierung  wird  gepulvert  und
mit  1V2  Teilen  Quecksilber  verrieben,  bis  das
Ganze  zu  einem  silberfarbigen  Pulver  verbunden
ist,  das  mit  Eiweiß,  Gummilösung  oder  Firnis
zum  Drucken,  Malen  und  Schreiben  benutzt
wird.  Man  bezieht  beide  Waren  von  Nürnberg,
Fürth,  Augsburg  und  München.
Muskarin.  Diesen  Namen  führen  zwei  ganz
verschiedene  chemische  Verbindungen.  I.  Ein
seit  1885  bekannter  Oxazinfarbstoff,  der  durch
Einwirkung  von  salzsaurem  Nitrosodimethylanilin
auf  Alphadioxynaphthalin  erhalten  wird  und
als  braunviolettes,  in  heißem  Wasser  lösliches
Pulver  in  den  Handel  kommt.  Das  M.  färbt
mit  Brechweinstein  und  Tannin  gebeizte  Baumwolle ­
  blau.  2.  Das  giftige  Alkaloid  des  Fliegenpilzes ­
  (Agaricus  muscaricus),  C 6 PI 16 N0 3 ,
das  auch  synthetisch  dargestellt  werden  kann
und  in  Form  seines  schwefelsauren  Salzes  beschränkte ­
  Anwendung  in  der  Augenheilkunde
gefunden  hat.
Muskatblüte  (Mazis,  Folie,  Forlie,  lat.
und  frz.  Macis,  engl.  Mace)  nennt  man  den
Samenmantel  (Arillus)  des  echten  Muskatnußbaumes ­
  (Myristica  fragrans,  frz.  Muscadier,
  Musquö,  engl.  Nutmeg,  Musky),  eines
10—-15  m  hohen  Baumes,  der  auf  den  Bandainseln ­
  heimisch  ist  und  in  den  meisten  tropischen
Gegenden  Asiens  und  Südamerikas  angebaut
wird.  Die  Bäume  tragen  vom  9.  bis  in  das
80.  Jahr  hinein  Früchte,  von  denen  in  der  Zeit
der  Vollkraft  bis  2000  Stück  das  Jahr  geerntet
werden.  Die  Früchte  enthalten  in  einer  fleischigen, ­
  später  lederartig  werdenden  Hülle  je  einen
Samen,  der  von  einem  zerschlitzten  Samenmantel
umgeben  ist.  Der  letztere,  im  frischen  Zustande
ein  fleischiges,  karminrotes  Häutchen,  wird  nach
der  Beseitigung  der  Fruchtschale  abgezogen  und
an  der  Luft  getrocknet  und  bildet  dann  eine
hornartige  zerbrechliche  Masse  von  orangegelber,
Farbe  und  feurig  gewürzhaftem  Geruch  und  Geschmack, ­
  Als  Unterabteilungen  unterscheidet
man  je  nach  der  Art  der  Gewinnung  bisweilen
Klimmfolie  von  gepflückten,  Rangfoiie  von
abgefallenen  und  Gruis-  oder  Stoff-Foiie  von
halbreifen,  minderwertigen  Früchten.  Die  M.
enthält  nach  König;  9,65%  Wasser,  5,30  °/o
Stickstoffsubstanz,  6,66  %  ätherisches  Öl,  24,63  °/o
Fett,  44,81%  stickstofffreie  Extraktstoffe,  6,31%
Rohfaser  und  2,64%  Asche.  Der  Gehalt  an  ätherischem ­
  öl  soll  nach  den  „Vereinbarungen“
mindestens  4,50%  betragen,  der  Aschengehalt
3  %  und  der  Sandgehalt  o,s  %  nicht  übersteigen.
Das  Gewürz  ist  Verfälschungen  durch  Zwieback,
Mehl,  Kurkuma,  Olivenkerne  und  andere  Abfälle
in  hohem  Grade  ausgesetzt,  deren  Nachweis  mit
Hilfe  des  Mikroskops  unschwer  gelingt.  Besonders ­
  aber  hatte  sich  vor  mehreren  Jahren
        <pb n="293" />
        Muskatnüsse

288

Mutterkorn

die  Beimengung  der  sog.  B  ombay-Mazis,  des
Samenmantels  einer  wild  wachsenden  Art  (Myristica
  malabarica),  eingebürgert,  die  ohne
jeden  Würzwert  ist.  Sie  unterscheidet  sich  durch
einen  höheren,  bis  zu  35  °/o  steigenden  Fettgehalt
und  durch  einen  in  besonderen  Kugelzellen  abgelagerten ­
  dunkelgelben  Farbstoff,  der  mit  Alkalien ­
  rot  wird.  Zum  Nachweise  dieses  Verfälschungsmittels ­
  kocht  man  den  alkoholischen
Auszug  mit  Kaliumchromatlösung,  wobei  Bornbay-M.
  ockerfarbig  bis  braun  wird,  echte  M.
hingegen  unverändert  bleibt.  Mit  Ammoniak
wird  der  Auszug  aus  echter  M.  rosa,  aus  Bombay-M.
  tief  orange  bis  gelbrot.  Weitere  Anhaltspunkte ­
  bietet  die  Kapillaranalyse  und  die
Bestimmung  des  Petrolätherauszugs.  Den  Bemühungen ­
  der  Nahrungsmittelkontrolle  ist  es
gelungen,  die  Verfälschungen  der  M.  zu  beseitigen, ­
  und  die  Fabrikanten  haben  sogar  beschlossen, ­
  Bombay-M.  auch  unter  Kennzeichnung  nicht
mehr  zu  verwenden.  —  Eine  geringere,  aber
immerhin  noch  brauchbare  M.-Sorte  von  der
auf  Neu-Guinea  heimischen  Myristica  argentea
  wird  als  Papua-M.  in  den  Handel  gebracht.
Muskatnüsse  (lat.  Nuces  moschatae,  frz.  Noix
de  muscadier,  engl.  Nutmeg)  sind  die  Samen  des
Muskatnußbaumes,  Myristica  fragrans
und  der  Myristica  argentea.  Die  letzteren
führen  meist  die  Bezeichnung  Papua-  oder
lange  M.  und  sind  geringwertiger.  Zu  ihrer
Gewinnung  werden  die  Samen  nach  Entfernung
des  Fruchtfleisches  und  des  Arillus  über  Feuer
scharf  getrocknet,  bis  sie  beim  Schütteln  klappern. ­
  Darauf  werden  die  Steinschalen  mit  hölzernen ­
  Hämmern  zerschlagen,  und  die  Kerne
zum  Schutze  gegen  Insektenfraß  in  Kalkmilch
gelegt  und  dann  getrocknet.  Die  M.,  welche
nur  selten  gepulvert  in  den  Handel  kommen,
sind  durch  ihren  hohen  Gehalt  an  Fett  (34%)
und  an  ätherischem  Öl  (8—1S  °/o)  ausgezeichnet.
Sie  sollen  nicht  mehr  als  3,5  °/o  Asche  und
0,5  0/0  Sand  hinterlassen.  Verfälschungen  durch
äußerliche  Verschönerung  wurmstichiger,  verdorbener ­
  Waren  sind  bisweilen  vorgekommen,
auch  hat  man  aus  Mehlteig  und  Ton  hergestellte
völlige  Nachahmungen  im  Handel  angetroffen.
Sie  sind  leicht  daran  zu  erkennen,  daß  sie  beim
Einweichen  in  Wasser  zerfallen.  Die  M.  finden
beschränkte  medizinische,  hingegen  ausgedehnte
küchenmäßige  Verwendung  und  müssen  zum
Schutze  gegen  Verschimmeln  trocken  aufbewahrt
werden.
Muskatöl.  Aus  den  Nüssen  wird  sowohl
ätherisches  wie  fettes  öd  gewonnen.  —  Das
ätherische  M.  (Oleum  nucis  moschatae  aethereum,
  frz.  Essence  de  muscade,  engl.  Oil  of
nutmeg)  erhält  man  durch  Wasserdampfdestillation ­
  von  Mazis  oder  gepulverten  Nüssen  als  eine
farblose,  dünne  Flüssigkeit,  die  sich  bei  längerer ­
  Aufbewahrung  durch  Oxydation  verdickt.
Sie  ist  rechtsdrehend,  hat  ein  spez.  Gew.  von
0,865—0,930  und  löst  sich  in  0,5-—3  Volum
go°/oigem  Alkohol.  Das  M.  enthält  neben  Terpenen, ­
  wie  Rechts-  und  Linkspinen,  Kamphen
und  Dipenten,  eine  ganze  Anzahl  Sauerstoffverbindungen, ­
  von  denen  Linalool,  Terpinenol-4,
Borneol,  Terpineol,  Geraniol,  Safrol,  Myristizin
und  Myristinsäure  genannt  seien.  Der  als  Myristikol
  bezeichnete  Alkohol  besteht  aus  einem

Gemenge  von  Terpineol,  Borneol  und  Terpinenol-4. ­
  —  Das  fette  Öl  (Muskatbutter,  Muskatbalsam, ­
  lat.  Oleum  nucistae,  frz.  Beurre  de
muscade,  engl.  Butter  of  nutmeg)  wird  durch
Auspressen  der  pulverisierten  Nüsse  zwischen
heißen  Platten  gewonnen.  Es  enthält  neben
4°/o  ätherischem  Öl  52%  flüssiges  und  440/0
festes  Fett,  welches  im  wesentlichen  aus  Myristin
  besteht.  Das  spez.  Gew.  beträgt  0,990  bis
1,000,  der  Schmelzpunkt  38,5-—  51,0°,  die  Jodzahl
40—50.  Das  gelbe,  talgartige  Fett  löst  sich  zu
etwa  55  0/0  in  kaltem  Alkohol,  völlig  in  siedendem ­
  Alkohol,  Äther  und  Chloroform.  M.  findet
als  Grundlage  für  Pflaster  und  Salben  medizinische ­
  Anwendung  und  muß  in  der  gewöhnlichen ­
  Handelsform,  mit  Stanniol  umhüllten  Rie
geln,  in  verschlossenen  Gefäßen  kühl  aufbewahrt
werden.
Musseline  (frz.  Musseline,  engl.  Muslin)  ist
eine  Gattung  feiner,  locker  gewebter,  halb  durchsichtiger ­
  Gewebe  aus  den  höchsten  Nummern
von  Baumwoll-  oder  Wollengarn  (Baumwollmusseline
  und  Wollmusseline),  die  ursprüng
lieh  aus  Ostindien  und  dem  Orient  eingeführt,
seit  langer  Zeit  auch  in  England,  Frankreich,
Deutschland  und  der  Schweiz  ebenso  schön  und
gut  und  durch  ihren  Fabrikbetrieb  bedeutend
billiger  hergestellt  werden.  Die  Ware  kommt
in  den  verschiedensten  Formen,  glatt,  gestreift,
durchbrochen,  geblümt  und  gedruckt  in  den
Handel  und  dient  auch  als  Grund  von  Weiß
Stickereien.  Die  Musselinweberei  und  die  Ausfuhr ­
  ihrer  Erzeugnisse  nach  dem  Orient  wurde
in  der  Schweiz  und  Deutschland  .(Vogtland)
schon  lange  vor  Einführung  der  Spinnmaschine
betrieben.  Mit  der  Ausbildung  der  Maschinenspinnerei ­
  ging  die  Garnerzeugung  jedoch  vollständig ­
  auf  diese  über,  während  die  Weberei
nach  wie  vor  dem  Handstuhle  verblieb.  Sie
wurde  früher  in  Kellerräumen  betrieben,  da
die  Arbeit  in  trockener  Luft  nicht  gut  gelingt,
kann  aber  nach  Behandlung  des  Garnes  mit
Glyzerin  überall  ausgeführt  werden.  Die  Maschine ­
  hat  auch  die  alte  ostindische  Industrie
soweit  beeinflußt,  daß  die  dortigen  Weber  jetzt
englische  Garne  verarbeiten,  wenngleich  die
Herstellung  aus  Handgespinst  in  beschränktem
Maße  fortdauert.  Als  Beweis  für  die  große
Zartheit  und  Feinheit  der  indischen  Musseline
wird  angeführt,  daß  man  ein  ganzes  Kleid  durch
einen  Fingerring  ziehen  könne,  oder  daß  15  bis
20  m  Turbanmusselin  nur  150  g  wiegen.  Dabei
sollen  sie  aber  auch  in  der  Güte,  besonders
in  Halt-  und  Waschbarkeit  die  europäischen
Stoffe  übertreffen.  Als  besondere  Arten  der
Musseline  sind  zu  erwähnen:  Musselinets  mit
eingewebten,  weiß  oder  bunt  gemusterten  Streifen;
Mull,  ein  ganz  weicher,  weißer  Musselin;  Vapeur, ­
  ein  sehr  lockerer  und  feiner,  und  Zephyr, ­
  der  allerfeinste  Musselin  aus  den  höchsten ­
  Garnnummern.
Mutterkorn  (Kriebelkorn.  lat.  Secale  cornutum,
  frz.  Ergot,  Seigle  ergotd,  engl.  Black
grain  of  corn,  Blighied  corn)  besteht  aus
dem  Dauermyzelium  oder  Sklerotium  eines
Pilzes,  Claviceps  purpurea,  der  auf  den
Ähren  vieler  Gräser,  namentlich  des  Roggens,
seltener  auf  Weizen  und  Gerste,  schmarotzt,  für
den  medizinischen  Gebrauch  aber  nur  von
        <pb n="294" />
        Mutterkümmel

289

Myrrhe

Roggen  gesammelt  werden  soll.  Es  bildet  30
bis  35  mm  lange,  bis  6  mm  dicke,  etwas  bogenförmig ­
  gekrümmte,  stumpf  dreikantige  Körnchen, ­
  die  auf  jeder  Seite  mit  einer  Längsfurche
versehen  sind.  Die  Farbe  ist  außen  violettschwarz, ­
  innen  weißlich,  die  Konsistenz  frisch
weich  und  zähe,  nach  dem  Trocknen  hart  und
spröde.  In  Masse  zeigt  M.  einen  eigentümlich
dumpfigen  Geruch,  der  nach  dem  Pulvern  noch
stärker  hervortritt.  Als  wirksamen  Bestandteil
enthält  das  M.  ein  Alkaloid:  Ergotinin  in
Menge  von  höchstens  0,27  0/0,  während  alle
übrigen  angeblich  isolierten  Alkaloide,  wie  Kornutin
  u.  a.  als  Zersetzungsprodukte  des  Ergotinins ­
  äufzufassen  sind.  Daneben  finden  sich
noch  verschiedene  giftige  Verbindungen,  wie
die  Sphazelinsäure  oder  das  Ergotin,  die
Ergotinsäure  und  die  Farbstoffe  Skiererythrin ­
  (rot)  und  Skleroxanthin  (gelb).  Das
M.  ist  ein  außerordentlich  heftiges  Gift,  das  als
Bestandteil  des  Brotmehles  die  sog.  Kriebelkrankheit ­
  (Lähmung  der  Glieder)  hervorruft.
Wegen  seiner  wehenbefördernden  Eigenschaft
findet  es  in  der  Geburtshilfe  medizinische  Anwendung. ­
  Die  Einsammlung  soll  kurz  vor  der
Fruchtreife,,  also  auf  dem  Acker,  erfolgen.  Die
ausgelesenen  guten  Stücke  werden  bei  niedriger
Temperatur  getrocknet  und  in  gut  schließenden
gelben  Gläsern,  aber  nicht  länger  als  ein  Jahr
aufbewahrt.  In  gepulvertem  Zustande  ist  es  nicht
Faltbar,  da  das  Fett  ranzig  wird.  M.  und  seine
Zubereitungen  (Extrakte)  dürfen  nur  von  Apotheken ­
  und  auch  hier  nur  gegen  ärztliche  Verordnung ­
  verkauft  werden.
Mutterkümmel  (römischer  Kümmel,  lat,
Fructus  cumini,  frz.  Cumine,  engl.  Cumin  seed)
besteht  aus  den  Früchten  einer  im  Orient  heiarischen,
  in  Südeuropa  angebauten,  einjährigen
Doldenpflanze,  Cuminum  Cyminum.  Die
taeist  paarweise  zusammenhängenden,  blaßgelbhchen
  oder  bräunlichen  Früchte  sind  doppelt  so
a ng  als  gewöhnlicher  Kümmel  und  mit  mehren, ­
  der  Länge  nach  laufenden,  vorspringenden
Rippen  besetzt,  die  einen  Besatz  von  kurzen  Borg
 ten  tragen.  Der  Geruch  und  Geschmack  ist
s tark,  aber  nicht  angenehm  würzhaft.  Als  wichtigste ­
  Bestandteile  sind  fettes  und  ätherisches  Öl
oostimmt  worden.  Eine  technische  Verwendung
2u  Kümmelkäse  findet  der  M.  nur  in  Holland,
s onst  dient  er  als  ein  äußerliches,  zerteilend
tyttkendes  aromatisches  Volksmittel  sowie  innerlc
 h  bei  Kolik  in  der  Tierheilkunde.
Mutterkümmelöl  (K  uminöl,  römischKümm
 ,elöl,  lat.  Oleum  cumini,  frz.  Essence  de  cutOto,
  engl.  Oil  of  cumin  seed),  das  ätherische
Di  des  Mutterkümmels,  besitzt  den  eigentüm-'ohen
  Geruch  der  Früchte  in  hohem  Grade,  wird
a °er  nur  wenig  benutzt.  Das  in  frischem  Zustande ­
  fast  farblose,  später  gelbe  bis  bräunliche
.  (spez.  Gew.  0,893—0,930)  besteht  aus  Ku-•hinol
  (dem  Aldehyd  des  Kuminalkohols),  dem
Kohlenwasserstoff  Zymol  und  Terpenen.
i  Mutterlaugensalz.  Unter  diesem  Namen  komen
  verschiedene  Salzmassen  in  den  Handel,
durch  Verdampfen  der  Mutterlauge  gewisser
r  ln eralwässer  erhalten  werden.  Beim  Verdamp-(j
 6 * 1  der  letzteren  scheiden  sich  zunächst  die  aus
/  Bikarbonaten  stammenden  Monokarbonate
’nfachkohlensaure  Salze)  des  Kalkes,  der  Mag-^tercks
  Warenlexikon.

nesia  und  des  Eisenoxyduls,  dann  die  übrigen
schwer  löslichen  und  die  leicht  kristallisierbaren
Salze  aus,  während  die  schwer  kristallisierbaren,
leicht  löslichen  Salze  in  der  Mutterlauge  gelöst
bleiben  und  durch  Verdampfen  in  fester  Form,
erhalten  werden.  Sie  müssen  an  trockenen
Orten  aufbewahrt  werden,  da  sie  leicht  Feuchtig
keit  anziehen,  und  dienen  als  Zusatz  zu  Bädern.
Die  bekanntesten  sind  das  Nauheimer  und  das
stark  bromhaltige  Kreuznacher  M.
Myrobalanen  (lat.  Myrobalani,  frz.  und  engl.
Myrobalane)  sind  die  harten  zt/s—3V2  cm  langen,
im  trockenen  Zustande  sehr  runzeligen  Steinfrüchte ­
  Verschiedener  ostindischer  Sträucher
oder  Bäume  der  Gattung  Terminalia.  Die
größte  Bedeutung  besitzen  die  kleinen  Madras-M.
  von  Terminalia  chebula  und  die  großen
Bombay-M.  Von  T.  citrina,  während  die  sog.
grauen  M.  von  Phyllantus  emblica  und  die
runden  M.  von  Terminalia  bellerica  weniger ­
  wichtig  sind.  Die  M.  enthalten  erhebliche
Mengen  (32—45  0/0)  eines  der  Algarobilla  iden
tischen  Gerbstoffs  und  werden  daher  für  die
Zwecke  der  Gerberei,  Tintenherstellung  und
zum  'Schwarzfärben  in  steigendem  Maße  nach
England  eingeführt.  Da  die  große  Härte  das
Pulverisieren  ohne  Maschinen  sehr  erschwert,
kommen  die  M.  vielfach  schon  gepulvert  zum
Verkauf.  Die  frühere  Verwendung  als  drastisches ­
  Purgiermittel  ist  jetzt  völlig  aufgegeben.
Myrrhe  (Myrrhengummi,  Myrrhenharz,
lat.  Myrrha  seu  Gummi-Resina  myrrha,  frz,
Myrrhe,  engl.  Myrrh)  ist  das  freiwillig  ausschwitzende ­
  aromatische  Gummiharz  verschiedener
Sträucher  oder  Bäume  aus  der  Familie  der
Burserazeen,  besonders  von  Commiphora
abyssinica  und  C.  Schimpefi,  die  im  süd
liehen  Arabien  und  an  der  Westküste  des
Roten  Meeres  heimisch  sind.  Der  austretende
Milchsaft  ist  anfänglich  ölig  und  gelblichweiß',
wird  dann  butterartig  und  erhärtet  schließlich
zu  gelblichen  bis  rötlichbraunen  rundlichen  oder
unregelmäßigen  Stücken  von  Erbsen-  bis  Faustgroße. ­
  Die  etwas  durchscheinende  Masse  von
rauher  und  unebener,  meist  etwas  bestäubter
Oberfläche  und  wachsähnlichem  Bruche  besitzt
einen  eigentümlichen  aromatischen  Geruch  und
bitter  kratzenden  Geschmack,  bläht  sich  beim
Erhitzen  auf,  ohne  zu  schmelzen,  und  verbrennt
mit  leuchtender  rußender  Flamme  unter  Verbreitung ­
  eines  starken  Wohlgeruches.  Sie  besteht ­
  aus  einem  Gemenge  von  Gummi  und  Harz
und  löst  sich  daher  weder  in  Wasser  noch  in
Weingeist  völlig.  Der  letztere  entzieht  ihr  'etwa
20—30  0/0  und  bildet  damit  eine  rötlichgelbe
klare  Tinktur.  Der  charakteristische  Geruch  und
Geschmack  beruht  auf  der  Anwesenheit  eines
ätherischen  Öls  (2—10%),  das  durch  Wasserdampfdestillation ­
  gewonnen  wird  und  für  sich
eine  Handelsware  bildet.  Das  Myrrhenöl  ist
ziemlich  dickflüssig  und  von  gelber,  grünlicher
oder  bräunlicher  Farbe,  besitzt  schwach  saure
Reaktion,  ein  spez.  Gew.  von  0,988—1,024  und
eine  Drehung  von  —31  bis  •—93 0 .  —  Die  Myrrhe
kam  früher  direkt  von  Arabien  nach  Europa,  daher
die  Bezeichnung  türkische  M..  wird  aber  jetzt
meist  auf  dem  Umwege  über  Bombay  nach  England ­
  eingeführt.  V  on  den  beiden  Handelssorten  darf
nur  die  aus  den  reinsten,  hellfarbigsten  („hoch-J9
        <pb n="295" />
        Myrtenöl

290

Nährmittel

blonden“)  und  größten  Stücken  bestehende  M.
electa  zu  pharmazeutischen  Zwecken  benutzt
werden,  während  die  dunklen  und  verunreinigten,
wenig  wohlriechenden  Stücke  der  M.  in  sortis
technische  Verwendung  finden.  Namentlich  die
letztere  ist  häufig  durch  Bdelliumharz,  Kirschgummi ­
  und  Rückstände  der  Öldestillation  verfälscht. ­
  Der  Nachweis  der  fremden  Beimengungen ­
  gelingt  mit  Hilfe  der  Bonastreschen
Reaktion,  indem  der  ätherische  Auszug  der
echten  M.  mit  Bromdampf  eine  violette  Färbung ­
  liefert.  —  Die  M.  wurde  im  Altertum  zu
Salbölen  und  zur  Einbalsamierung  der  Leichen
benutzt.  Gegenwärtig  dient  sie  zu  Parfümerien,  Raucher- ­
  und  Zahnpulvern,  medizinisch  in  Form  von
Pulver,  Tinktur  (lat.  Tinctura  myrrhae,  frz.
Teinture  de  myrrhe,  engl.  Tincture  of  myrrh)
und  Extrakt  (lat.  Extractum  myrrhae,  frz.
Extrait  de  myrrhe,  engl.  Extract  of  myrrh)
innerlich  wie  äußerlich  als  ein  stärkendes,  fäulniswidriges ­
  und  anregendes  Mittel  gegen  Blutungen, ­
  Schleimflüsse,  schlecht  heilende  Wunden,
Mund-  und  Zahnleiden.
Myrtenöl  (lat.  Oleum  myrti,  frz.  Essence  de
myrte,  engl.  Myrtle  oil),  das  ätherische  öl

des  bei  uns  als  Topfpflanze  beliebten,  in  Südeuropa ­
  einheimischen  Myrtenstrauches  (Myrtus
  communis),  wird  für  Parfümeriezwecke
und  zur  Plerstellung  des  Myrtols  (der  von  160
bis  i8o°  siedenden  Fraktion  des  M.),  das  bei
Erkrankungen  der  Atmungsorgane  medizinische
Anwendung  findet,  benutzt.  Es  hat  ein  spez.
Gew.  von  0,890—0,925,  eine  Drehung  von  -f-  8
bis  —{—  28 0  und  enthält  u.  a.  Pinen,  Zineol  und
Dipenten.
Myrtenwachs  (Myrikawachs,  lat.  Gera  myricae,
  frz.  Cire  de  myrica,  engl.  Myrtle  wax)
ist,  ähnlich  dem  Japanwachs,  kein  eigentliches
Wachs,  sondern  ein  Fett,  und  wird  aus  den
Gagel-  oder  Wachsbeeren,  den  erbsengroßen
braun  bis  schwarz  gesprenkelten  Früchten  des
Wachsbaumes,  Myrica  cerifera,  durch  Auskochen ­
  mit  Wasser  in  Menge  von  ■  10—30  %  gewonnen. ­
  Das  graugrünliche,  aromatisch  riechende
Wachs  (Fett)  hat  einen  Schmelzpunkt  von  47 0
und  besteht  aus  Palmitin,  Palmitinsäure,  Myristin
  und  Laurin.  Seine  Verseifungszahl  liegt
bei  etwa  210,  also  ziemlich  hoch,  ähnlich  dem
Japanwachs.  Verwendet  wird  M.  als  Ersatz  des
Bienenwachses  in  der  Kerzenfabrikation.

N.

Nachtblau,  ein  seit  1883  bekannter  Teerfarbstoff, ­
  besteht  aus  der  Chlorwasserstoffverbindung ­
  des  Tolyltetramethyltriamidoalphanaphtyldiphenylkarbinols.
  Das  bronzeglänzende,
in  Wasser  mit  blauvioletter  Farbe  lösliche  Pulver ­
  wird  zum  Blaufärben  gebeizter  Baumwolle
verwandt.
Nachtlichte  sind  die  bekannten  kleinen
Schwimmlichte,  die,  auf  Brennöl  (Rüböl)  aufgesetzt,-eine ­
  kleine  helle  Flamme  geben.  Bei
ihrem  Gebrauch  ist  namentlich  zu  beachten,
daß  gut  raffiniertes  öl  zur  Verwendung  kommt,
da  sie  sonst  leicht  unangenehm  rußen.  Die  bedeutendste ­
  Fabrik  hierin  ist  G.  A.  Glafey  in
Nürnberg.  Eine  andere  Sorte  N.  sind  die  kleinen, ­
  aus  Stearinmasse  hergestellten  Kerzen.
Nadal,  eines  der  neuen,  zur  Konservierung
von  Hackfleisch  empfohlenen  Präparate,  besteht
aus  freier  Benzoesäure  und  Natriumbenzoat.
Nährmittel  (Nährpräparate).  Unter  diesen
Bezeichnungen  werden  seit  einiger  Zeit  Erzeugnisse ­
  der  chemischen  Industrie  in  den  Plandel
gebracht,  welche  die  Nährstoffe  entweder  in
aufgeschlossener  und  daher  leichtfer  resorbierbarer ­
  Form  oder  in  erhöhter  Konzentration  enthalten. ­
  Obwohl  in  diesem  Sinne  auch  die  in
einem  besonderen  Abschnitt  besprochenen  Kindermehle ­
  als  Nährmittel  anzusprechen  sind,  rechnet ­
  man  im  allgemeinen  nur  solche  Erzeugnisse
zu  ihnen,  welche  im  wesentlichen  aus  stickstoffhaltigen ­
  Substanzen  (Eiweiß,  Pepton)  bestehen.
Die  löslichen  Proteinnährmittel  sindhauptsächlich
  als  Heilmittel  oder  diätetische  Präparate ­
  zu  beurteilen.  Mit  ihrer  Darreichung  bezweckt ­
  der  Arzt,  Kranken  mit  geschwächtem
Verdauungsapparat  die  Ernährung  zu  erleichtern. ­
  Ihre  Herstellung  besteht  demnach  in  einer
Art  künstlicher  Verdauung,  d.  h.  isolierte  Eiweißstoffe ­

  werden  mit  Hilfe  von  Chemikalien
oder  durch  Pepsin  und  andere  Enzyme  in  eine
lösliche  Modifikation  übergeführt.  Als  Ausgangsmaterial ­
  für  Erzeugnisse  der  ersten  Art
dient  vielfach  das  Kasein,  welches  mit  Natronlauge, ­
  Glyzerinphosphorsäure,  Ammoniak,  Soda
lösliche  Verbindungen  liefert  (s.  Eukasin,  Galaktogen,
  Nutrose,  Sanatogen).  Auch  Blut  wird
durch  Behandlung  mit  Chemikalien  vielfach  in
,  lösliche,  besonders  eisenhaltige  Nährpräparate
übergeführt  (Fersan,  Hämoglobin,  Sicco).  Durch
gleichzeitige  Einwirkung  von  überhitztem  Wasserdampf ­
  und  von  Chemikalien  sollen  Tori!,  Somatose, ­
  Sanose,  Kemmerichs  Fleischpepton  und
verschiedene  Fleischsäfte,  von  denen  die  wichtigsten ­
  in  besonderen  Aufsätzen  besprochen  sind,
hergestellt  werden.  Die  mit  Hilfe  von  Enzymen
hergestellten  Nährmittel  zeigen  je  nach  der  Art
der  benutzten  Enzyme  wesentliche  Unterschiede-Pepsin-Peptone
  werden  durch  Einwirkung
von  Pepsin  und  Salzsäure  auf  Fleisch  hergestellt,
  und  zwar  verwendet  man  am  besten
ausgekochtes  Fleisch,  weil  die  Fleischbasen  ungünstige ­
  Wirkungen  ausüben  sollen.  Die  Peptone ­
  sind  wegen  ihres  bitteren  Geschmack 5
in  neuerer  Zeit  vielfach  aufgegeben  worden-Pankreas-Peptone
  entstehen  durch  Einwirkung ­
  von  Pankreatin  in  alkalischer  Lösung  auf
Stickstoffsubstanzen,  werden  aber  ebenfalls  nu r
wenig  verordnet.  Schließlich  kann  man  auch
gewisse  pflanzliche  Enzyme  (besonders  Papayotin)
  zur  Plerstellung  löslicher  Abbauprodukte ­
  des  Eiweißes  verwenden.  Die  angeführten
Erzeugnisse  sind  z.  T.  außerordentlich  teuer,
können  aber  nicht  hiernach  und  ihrem  Nährwert, ­
  sondern  lediglich  nach  ihrer  medizinischen
Wirksamkeit  beurteilt  werden.  Ganz  ander 5
steht  es  mit  der  zweiten  Gruppe,  den  unlös-
        <pb n="296" />
        Nährsalze

291

Nahrungsmittel

liehen  Proteinnährmitteln,  welche  das  Eiweiß ­
  in  unveränderter  Form,  nur  in  isoliertem
Zustande,  enthalten.  Sie  werden  aus  billigen
pflanzlichen  und  tierischen  Stoffen,  Weizenkleber, ­
  Abfällen  der  Fleischereien  u.  dgl.  durch
Entfetten  und  durch  Bleichen,  sei  es  mit  Wasserstoffsuperoxyd ­
  oder  auf  andere  Weise  hergestellt ­
  und  sollen  z.  T.  dazu  dienen,  den  Eiweißmangel ­
  in  der  Nahrung  der  ärmeren  Bevölkerungskreise ­
  auszugleichen.  Daß  sie  hierfür ­
  meist  zu  teuer  sind,  ist  in  einigen  der  besonderen ­
  Aufsätze  über  Plasmon,  Roborin,  Soson,
  Tropon  näher  ausgeführt  worden.
Nährsalze.  Die  von  einigen  Ärzten  vertretene
Anschauung,  daß  der  menschliche  Organismus
ganz  allgemein  an  einem  Mineralstoffmangel
leide,  hat  zur  Entstehung  sog.  Nährsalze  getührt,
  welche  den  Menschen,  ganz  gleichgültig,
ob  sie  gesund  oder  krank  sind,  zum  Kauf  angeboten
  werden.  Am  bekanntesten  sind  die
Lahmannschen  Pflanzennährsalze,  welche
aus  Extrakten  von  Vegetabilien  (Obst,  Ge-'nüsen)
  bestehen  sollen  und  sonach  die  Mineral-Stoffe
  in  organischer  Bindung  an  Äpfelsäure,
Weinsäure  oder  Zitronensäure  enthalten.  Im
Gegensatz  zu  diesen,  welche  immerhin  auf  einer,
wenn  auch  bestrittenen,  wissenschaftliche#  Anschauung ­
  beruhen,  stellen  die  meisten  übrigen
Nährsalze  willkürlich  zusamraengeworfene  Mischungen ­
  von  Mineralstoffen  ohne  jede  wissenschaftliche ­
  Grundlage  dar.  Insbesondere  bestehen ­
  die  zahlreichen  Präparate  des  sog.  Physiologen ­
  Julius  Hensel  zum  Teil  bis  zur  Hälfte
aus  Kochsalz  und  enthalten  vielfach  sogar  gewöhnliche ­
  Infusorienerde  (Kieselgur).  Ohne  die
Bedeutung  der  Mineralstoffe  für  die  Ernährung
lr gendwie  zu  verkennen,  wird  man  doch  im
^Ifgemeinen  die  Zufuhr  von  Nährsalzen  als
zwecklos  bezeichnen  können.  Eine  sachgemäß
Zusammengesetzte  Nahrung  enthält  hinreichende
Mineralstoffmengen  für  den  gesunden  Organismus, ­
  und  für  den  Kranken  muß  der  Arzt  von
vall  zu  Fall  das  passende  Mittel  auswählen.
Naftalan  (Nafalan)  besteht  aus  einer  Lösung
von  3—40/0  Seife  in  gewissen  Rückständen  der
e troleumdestilIation  und  bildet  eine  dunkel-Sefarbte
  salbenartige  Masse,  die  erhebliche
fangen  Wasser  aufzunehmen  vermag  und  gegen
er brennungen  und  Hautkrankheiten  Verwen-1
  u Ug  findet.
j,  Nahrungsmittel  nennt  der  Chemiker  die  zur
-öiährung  des  menschlichen  Körpers  geeigzusammengesetzten
  Stoffe,  wie  Fleisch,
‘mich,  Brot,  Gemüse,  während  er  ihre  einzeli
 e u  Bestandteile  als  Nährstoffe  bezeichnet.
, as  Nahrungsmittel  Fleisch  besteht  z.  B.  aus
en  Nährstoffen  Wasser,  Eiweiß  und  Fett  ;  die
^  *ch  aus  Wasser,  Kasein,  Fett  und  Milch-•Ucker
  usf.  Das  alltägliche  Leben  und  die
cclüsprechung  macht  diesen  Unterschied  im
gemeinen  nicht,  sondern  betrachtet  als  NahjJUgsmittel
  alle  Stoffe,  welche  —  sei  es  in
,  ster  oder  flüssiger  Gestalt  —  der  Ernährung
er s  menschlichen  Körpers  dienen.  In  diesem
g^Weifgftgjj  si nne  w ürden  also  auch  Butterfett,
Stoff  ’  ^ ucker &amp;gt;  welche  der  Chemiker  als  Nährr(1
  * e  bezeichnet,  Nahrungsmittel  sein.  Die  Nahik
 r  können  nach  ihrem  Ursprung  und
er  Zusammensetzung  in  verschiedene  Gruppen

eingeteilt  werden.  Nach  dem  ersten  Gesichtspunkt ­
  unterscheidet  man  animalische  (dem
Tierreiche  entstammende)  und  vegetabilische
N.,  von  denen  die  ersteren,  als  meist  leichter
verdaulich,  höher  bewertet  werden.  Für  die
Zusammensetzung  kommen  hauptsächlich  drei
Gruppen  von  Bestandteilen  in  Betracht;  Stick-'
stoffhaltige  oder  Proteinstoffe  (Eiweißverbindungen),F ­
  ette  und  Kohlenhydrate  (Stärke
und  Zucker),  von  denen  die  ersteren,  wertvollsten,
als  fleisch-  und  blutbildende  oder  plastische,
die  letzteren  als  kraft-  und  wärmebildende,  oder
Respirationsmittel  bezeichnet  werden.  Von
den  animalischen  N.  ist  die  Milch,  welche  Eiweiß, ­
  Fett  und  Zucker  enthält,  als  ein  Universalnahrungsmittel ­
  anzusehen.  Fleisch,  Käse,  Eier
sind  hauptsächlich  Protein-N.;  Butter,  Talg,
Schweineschmalz  fetthaltige  Nahrungsmittel.  Die
vegetabilischen  N.  zeichnen  sich  demgegenüber
durch  ihren  Gehalt  an  Köhlenhydraten,  aus.
Kartoffeln  bestehen  fast  nur  aus  Stärke,  Brot
und  Hülsenfrüchte  enthalten  daneben  noch  erhebliche ­
  Mengen  Stickstoffsubstanzen.  Als  fetthaltige ­
  Vegetabilien  sind  Oliven,  Erdnüsse,
Sesam  u.  a.  zu  erwähnen.  Außer  den  N.  nimmt
der  Mensch  noch  eine  große  Zahl  anderer  Stoffe
zu  sich,  welche  zwar  nicht  direkt  den  Zwecken
der  Ernährung,  d.  h.  dem  Stoffersatz  und  -ansatz
  sowie  der  Wärme-  und  Krafterzeugung
dienen,  welche  aber  doch  zu  seinem  Wohlbefinden ­
  unentbehrlich  sind:  die  Genußmittel.  Zu
ihnen  gehören  die  Gewürze,  die  alkoholischen
Getränke  (Wein,  Bier,  Branntwein)  und  die
narkotischen  Genußmittel  (Kaffee,  Tee,  Tabak,
Mat4).  Auf  der  Grenze  zwischen  Nahrungsund ­
  Genußmitteln  stehen  zahlreiche  Stoffe,
welche  zwar  einen  gewissen,  wenn  auch  geringen ­
  Gehalt  an  Nährstoffen  aufweisen,  hauptsächlich ­
  aber  wegen  ihres  Gehaltes  an  diätetisch ­
  wirkenden,  anregenden  Bestandteilen  genossen ­
  werden,  wie  Fruchtsäfte,  Obst,  Kakao
und  gewisse  Gemüse.  —  Im  Hinblick  auf  die
außerordentliche  volkswirtschaftliche  Bedeutung
einer  einwandfreien  Ernährung  ist  der  Verkehr
mit  Nahrungs-  und  Genußmitteln  gesetzlich  geregelt ­
  worden.  Die  für  Wein,  Butter  u.  a.  erlassenen ­
  Sondergesetze  sind  in  besonderen  Kapiteln ­
  besprochen  worden.  Es  seien  daher  hier
nur  einige  Mitteilungen  über  das  allgemeine
Gesetz  betr.  den  Verkehr  mit  Nahrungsmitteln,
Genußmitteln  und  Gebrauchsgegenständen  vom
14.  Mai  1879  angefügt.  Nach  §  10  dieses  Gesetzes ­
  ist  es  verboten,  Nahrungs-  und  Genußmittel ­
  zum  Zwecke  der  Täuschung  im  Handel
und  Verkehr  nachzumachen  oder  zu  verfälschen
sowie  verdorbene,  verfälschte  oder  nachgemachte
Nahrungsmittel  untef  Verschweigung  dieses  Umstandes ­
  zu  verkaufen  oder  unter  einer  zur  Täuschung ­
  geeigneten  Bezeichnuttg  feilzuhalten.  Als
verfälscht  haben  Nahrungsmittel  ‘zu  gelten,
welche  durch  Zusatz  wertloser  Stoffe  oder  durch
Entnahme  wertvoller  Bestandteile  verschlechtert
worden  sind,  oder  welchen  der  täuschende  Anschein ­
  einer  besseren  Beschaffenheit  verliehen
worden  ist.  Ein  Zusatz  von  Wasser  zu  Milch
oder  Bier  ist  also  ebensowohl  eine  Verfälschung,
als  die  Abrahmung  von  Milch  oder  das  Auslesen
der  besten  Teile  einer  Rohdroge  (Pfeffer)  in
der  Absicht,  den  Rückstand  als  normalen  Pfeffer
        <pb n="297" />
        ,1  .  JL

Nalizin

292

Naphthol

i

zu  verkaufen.  Eine  Verfälschung  liegt  aber
auch  vor,  wenn  man  Wassernudeln  durch  Zusatz ­
  von  gelber  Farbe  den  Anschein  von  Eiernudeln, ­
  blassem  Himbeersirup  durch  Rotfärbung
das  Aussehen  bester  Ware,  blauer  Milch  durch
Mehlzusatz  den  Anschein  höheren  Fettgehaltes
verleiht.  Nachgemacht  sind  die  Erzeugnisse,
welche  auf  künstlichem  Wege  nachgebildet  sind,
nur  den  Schein,  aber  nicht  das  Wesen  und  den
Gehalt  der  echten  Ware  haben,  also  z.  B.
Zitronensaft,  der  aus  Zitronensäure,  Essenzen,
Zucker  und  gelber  Farbe  hergestellt  worden  ist.
Verfälschte  und  nachgemachte  Nahrungsmittel
dürfen  nur  dann  in  den  Verkehr  gebracht
werden,  wenn  ihre  Bezeichnung  jeden  Käufer
über  diesen  Tatbestand  aufklärt.  Dasselbe  gilt
vom  Verkaufe  verdorbener  Waren,  die  infolge
einer  Verunreinigung  oder  der  Tätigkeit  von
Mikroorganismen  in  teilweise  Zersetzung  übergegangen ­
  sind,  also  ranziger  Butter,  saurem
Bier,  madigem  Käse,  Falls  aber  die  Zersetzung
so  weit  vorgeschritten  ist,  daß  die  Nahrungsmittel ­
  gesundheitsschädlich  zu  wirken  vermögen,
wie  z.  B.  faules  Fleisch,  oder  falls  sie  direkte
Gifte  enthalten,  ist  der  Verkauf  nach  §  12  auch
unter  Kennzeichnung  verboten.  Zur  Überwachung
der  gesetzlichen  Bestimmungen  ist  der  Polizei
das  Recht  eingeräumt  worden,  während  der
üblichen  Geschäftsstunden  in  die  Verkaufsräume
einzutreten  und  hier  nach  ihrer  Wahl  gegen
Bezahlung  Proben  zum  Zweck  der  amtlichen
Untersuchung  zu  entnehmen.  Nähere  Angaben
über  die  bei  einzelnen  Nahrungsmitteln  beobachteten ­
  Verfälschungen  finden  sich  in  den  betr.
Abschnitten.
Nalizin,  eine  Mischung  von  Nitroglyzerin,,
Thymol,  Formaldehyd,  Karbolsäure,  Kochsalz,
Kokain  und  verd.  Spiritus,  findet  in  der  Zahnheilkunde ­
  als  lokales  Anästhetikum  Anwendung.
Nanking  (frz.  Nanquin),  ein  chinesischer  Stoff,
ist  ein  leinenartiges  Baumwollgewebe  von
stärkerem  Glanz  als  Kattun,  das  früher  zu
Sommerkleidern  sehr  beliebt  war  und  wegen
der  Echtheit  seiner  gelbrötlichen  Farbe,  die  sich
durch  Waschen  sogar  noch  verschönerte,  geschätzt ­
  wurde.  Das  Nankinggelb  ist  an  sich  eine
Naturfarbe,  da  die  Stammpflanze,  Gossypium
religiosum,  gelbe  Wolle  trägt,  doch  wird  auch
die  naturgelbe  Faser  noch  nachgefärbt,  weil  die
ursprüngliche  Farbe  zu  grell  ist.  Die  in  China
durch  künstliche  Gelbfärbung  weißer  Baumwollzeuge
  hergestellten  N.  zeigen  geringe  Echtheit. ­
  Spätere  Nachahmungen  der  Ware  in
Europa,  die  besonders  in  Sachsen  und  Böhmen
durch  Färbung  weißer  Stoffe  mit  Eisenchloridlösung ­
  hergestellt  wurden,  zeigten  meist  Abweichungen ­
  im  Farbenton,  an  denen  sie  leicht
zu  erkennen  waren  sowie  geringe  Farbechtheit
und  Haltbarkeit.  Schließlich  wurde  der  Name
N.  auch  auf  anders  gefärbte  graue,  grüne  und
blaue  Stoffe,  die  sowohl  gestreift,  geflammt,
gemustert  als  auch  meliert  waren,  übertragen.
Zurzeit  hat  der  Bezug  der  chinesischen  Ware
so  gut  wie  aufgehört,  und  auch  an  Stelle  der
europäischen  Erzeugnisse  sind  schönere  Stoffe
mit  anderen  Namen  getreten..
Naphtha  ist  eine  alte  Bezeichnung  für  verschiedene ­
  Ätherarten,  also  Schwefelnaphtha
(N.  vjlrioli)  für  Äther  oder  Schwefeläther,

Essignaphtha  (N.  aceti)  für  Essigäther.
Außerdem  wird  sie  für  die  hellste  Sorte  Petroleum ­
  und  die  zuerst  übergehenden,  leicht  entzündlichen ­
  Petroleumdestillate  benutzt.  —  Solvent-Naphtha
  ist  Schwerbenzol  (siehe
Benzol).
Naphthalin  (Naphthylhy  drür,  Steinkohlenkampfer, ­
  frz.  und  engl.  Naphthaline)  J
ist  ein  fester  Kohlenwasserstoff,  C 10 H 8 ,  der
sich  bei  der  trockenen  Destillation  verschiedener
organischer  Körper  bildet  und  daher  vor  allem
im  Steinkohlenteer  enthalten  ist.  Hauptsächlich ­
  findet  es  sich  in  den  bei  180—230 0  übergehenden ­
  Anteilen  des  schweren  Teeröls,  aus
denen  es  sich  beim  Abkühlen  als  eine  butterartige ­
  kristallinische  Masse  ausscheidet.  Zur
Reindarstellung  werden  die  Kristalle  abgepreßt,
darauf  mit  Natronlauge,  weiter  mit  Schwefelsäure ­
  unter  Zusatz  von  etwas  Braunstein  behandelt, ­
  mit  Wasser  gewaschen  und  schließlich
sublimiert.  Das  reine  N.  bildet  glänzendweiße
tafelförmige  Kristalle  von  starkem  betäubenden
Geruch.  Es  schmilzt  bei  79  °,  siedet  bei  217  I
bis  218°  und  hat  ein  spez.  Gew.  von  1,152.
Weingeist,  Äther,  Schwefelkohlenstoff,  äthe-  I
rische  und  fette  Öle  lösen  N.  auf,  hingegen  ist  I
es  in^Wasser  unlöslich.  N.  kann  mit  Wasser-  I
dampl  leicht  überdestilliert  werden,  verflüchtigt  I
sich  aber  auch  schon  bei  gewöhnlicher  Tempe-  I
ratur  und  muß  daher  in  gut  verschlossenen  I
Glas-  oder  Blechgefäßen  aufbewahrt  werden.  —  I
N.  findet  ausgedehnte  medizinische  Anwendung
gegen  Krätze  und  Hautkrankheiten,  sowie  innerlich ­
  bei  Erkrankung  der  Atmungsorgane  und
gegen  Spulwürmer.  Für  die  Technik  bildet  es  i
das  unentbehrliche  Ausgangsmaterial  zur  Dar-  j
Stellung  der  Phtalsäure,  welche  wiederum  zur  I
Darstellung  der  Benzoesäure  und  der  prächtigen ­
  Resorzinfarben  (Fluoreszein,  Eosin)  dient,  I
ferner  der  Naphthalinfarben:  Bordeaux,  Pon-  1
ceau,  Orange,  Naphthalingelb  und  zahlreicher
organischer  Verbindungen,  Naphthol,  Naphthylamin
  usw.  Auf  seiner  Giftigkeit  für  niedere  Tiere  I
beruht  die  Anwendung  als  Mottenpulver,  zum  I
Konservieren  von  Herbarien  und  Insektensamro-  I
lungen.  Wegen  seines  hohen  Kohlenstoffgehalts
benutzt  man  es  zum  Karburieren  des  Leucht-  j
gases.
Naphthensäuren,  der  Hexahydrobenzoesäure  I
CgH^.COOH  isomere  organische  Säuren,  die  I
sich  im  russischen  Petroleum  vorfinden,  werden
in  Form  ihrer  Natriumsalze  als  Seifenersatz  I
empfohlen.
Naphthol.  Diesen  Namen  führen  zwei  orga-  j
nische  Verbindungen  von  gleicher  empirischer
Zusammensetzung,  C 10 H 7 OH,  aber  verschiedenen ­
  Eigenschaften,  welche  durch  die  Bezeichnung ­
  a  und  ß  unterschieden  werden.  Da 5  |
Alphanaphthol  besteht  aus  farblosen  Kristall'
nadeln  von  kreosotähnlichern  Gerüche,  die  b el  |
94 0  C.  schmelzen,  in  kaltem  Wasser  beinahe
unlöslich  sind  und  sich  in  heißem  Wasser,
nur  wenig,  dagegen  leicht  in  Alkohol  und  111
Äther  lösen.  Betanaphthol  bildet  kleine,  färb'
lose,  glänzende,  nahezu  geruchlose  Kristall'
blättchen,  die  erst  bei  122 0  C  schmelzen.  Beide
Naphthole  stehen  zu  dem  Naphthalin  in  ein  eh 1  j
ähnlichen  Verhältnisse,  wie  das  Phenol  (Karboj'
säure)  zu  dem  Benzol,  und  sind  als  alkohol'  |
        <pb n="298" />
        Naphtholgelb

293

Natrium

artige  Körper  der’Naphthalinreihe  anzusprechen.
Sie  werden  durch  Behandlung  der  Naphthalinsulfosäure
  (erhalten  durch  Einwirkung  von
Schwefelsäure  auf  Naphthalin)  mit  schmelzendem ­
  Ätzkali  gewonnen  und  dienen  zur  Herstellung ­
  verschiedener  Naphthalinfarben.  DasBetanaphthol
  findet  neuerdings  auch  medizinische
Verwendung  als  Antiseptikum,  während  die
Alphaverbindung  ein  wichtiges  Reagens  auf
Zucker  ist.
Naphtholgelb.  Diesen  Namen  führen  zwei
verschiedene  Teerfarbstoffe,  einesteils  das
Martiusgelb  (s.  d.),  andernteils  das  Natronoder ­
  Kalisalz  der  aus  diesem  dargestellten
Sulfosäure  (Naphtholgelb  S).  Das  letztere
ist  bekannter  unter  dem  Namen  Säuregelb.
Naphfholgrün,  ein  seit  1883  bekannter  Teerfarbstoff, ­
  besteht  aus  dem  Eisenoxydulnatronsalze ­
  der  Nitrosobetanaphtholmonosulfosäure.
Es  bildet  ein  dunkelgrünes,  in  Wasser  lösliches
Pulver,  das  beim  Erhitzen  auf  Platinblech  einen
Rückstand  von  Schwefeleisen  hinterläßt,  und
wird  zuweilen  zum  Färben  von  Wolle  benutzt.
Naphtholschwarz,  ein  blauschwarzes,  in  Wasser
tnit  violetter  Farbe  lösliches  Pulver,  das  Wolle
&amp;gt;n  sauerem  Bade  blauschwarz  färbt,  besteht
aus  dem  Natronsalze  der  Amidoazonaphthalindisulfosäureazobetanaphtholdisulfosäure,
  enthält
aber  stets  etwas  Naphtholgrün  beigemengt.
Naphthorubin,  ein  zur  Gruppe  der  Azofarben
gehöriger  Teerfarbstoff,  bildet  ein  braunes,
] n  Wasser  mit  fuchsinroter  Farbe  lösliches  Pulver ­
  und  wird  zum  Rotfärben  von  Wolle  verwendet. ­
  Es  besteht  aus  dem  Natronsalze  der
Älphanaphthylaminazoalphanaphtholdisulfosäure.
Naphthylamin  (Naphthalidin),  eine  stickstoffhaltige, ­
  zu  den  Monaminen  gehörige
organische  Base,  C 10 H 7  .  NH 2 ,  die  als  Aus-Sangsmaterial
  zur  Bereitung  verschiedener
Naphthalinfarben  große  technische  Bedeutung
hat,  wird  in  ähnlicher  Weise  aus  dem  Naphtalin ­
  dargestellt,  wie  das  Phenylamin  (Anilin)
a «s  dem  Benzol,  indem  man  zunächst  Nitronaphthalin ­
  bildet  und  dieses  durch  eine
Wasserstoff  entwickelnde  Mischung  reduziert.
*-*as  N.  bildet  feine  weiße  Kristallnadeln  von
anangenehmem  Geruch,  die  bei5o°C  schmel-?
 e n  und  bei  300 0  C  unverändert  sieden.  In
Wasser  ist  das  N.  beinahe  unlöslich,  löslich  da-Spgen
  in  Alkohol  und  in  Äther.  Mit  Säuren
bildet  es  die  Naphthylaminsalze,  die  leicht
büd  gut  kristallisierbar  sind,  eine  weiße  Farbe
haben,  aber  an  der  Luft  leicht  rot  werden.
.Narasfrucht  ist  die  Frucht  der  zu  den  Kukurbitazeen ­
  gehörenden  Naraspflanze  Acantosicyos
  horrida  Welw.,  die  in  Südwest-|*ika
  in  1—i x / 2  m.  hohenHecken  oder  kugligen
bträuchem  dieDünen  der  Walfischbai  bedeckt.
; J ie  armdicke,  bis  zu  25  m  lange  Wurzel  haftet
te st  im  Sande,  idie  dornigengrünenRanken  tragen
^kümmerte,  bald  abfallende  Blättchen.  Die
k Uglige,  bis  zu  1,5  kg  schwere  Frucht,  die  sich
die  Apfelsinen  in  10  Längsschnitte  zerlegen
aß L  ist  in  unreifem  Zustande  gallenbitter,  bes
 «zt  aber  zur  Zeit  der  Reife  ein  gelbliches,
^ückerreiches,  sehr  wohlschmeckendes  Fleisch
atJ d  bildet  die  Hauptnahrung  der  Baihotten-°hen.
  Die  sehr  genügsame  Pflanze  würde  sich

bei  geregeltem  Plantagenbetrieb  zur  industriellen
Verwertung  eignen.
Narkotin  (Opian,  Derosnesches  Salz,  lat.
Narcotinum,  frz.  und  engl.  Narcotine),  eines  der
zahlreichen,  im  Opium  enthaltenen  Alkaloide,
das  medizinisch  nur  selten  angewandt  wird,  besteht ­
  aus  farblosen,  geruch-  und  geschmacklosen, ­
  perlglänzenden  Kristallnadeln,  die  in  kaltem ­
  Wasser  fast  unlöslich,  in  kochendem  wenig,
reichlicher  in  Alkohol  löslich  sind.  Das  N.  wirkt
weniger  giftig  als  die  übrigen  Opiumbasen.
Narze'fn  (lat.  Narceinum,  frz.  und  engl.  Narceine),
  ein  in  dem  Opium  und  den  reifen
Kapseln  des  blausamigen  Mohns  enthaltenes
giftiges  Alkaloid,  wird  vielfach  medizinisch  verordnet, ­
  da  es  eine  stärkere  schlafbringende  und
schmerzstillende  Wirkung  als  das  Morphium
hat,  ohne  die  unangenehmen  Nebenwirkungen
des  letzteren  zu  besitzen.  Man  erhält  es  als
leichte,  voluminöse  Masse,  die  aus  farblosen,
seideglänzenden,  nadelförmigen  Kristallen  besteht. ­
  Es  ist  geruchlos  und  von  bitterem  Geschmack, ­
  löst  sich  schwer  in  kaltem,  leicht  in
siedendem  Wasser  und  schmilzt  bei  160  bis
165°  C  unter  beginnender  Zersetzung.  Außer
dem  reinen  N.  hat  man  im  Chemikalienhandel
noch  schwefelsaures  N.  (Narzeinsulfat,
lat,  Narceinum  sulfuricum)  und  salzsaures  N.
(Narzeinchlorhydrat,  N  arzeänchlorwasserstoff,
  lat.  Narceinum  hydrochloricum).
Natrium  (Sodium)  ist  ein  metallisches  Element, ­
  Na  =  23,  welches  wie  das  nahe  verwandte
Kalium  nicht  in  freiem  Zustande  in  der  Natur
vorkommt,  in  Form  seiner  Verbindungen  aber
außerordentlich  verbreitet  ist.  In  Gemeinschaft
mit  Kieselsäure  und  Tonerde  bildet  es  einen
Bestandteil  vieler  Mineralien  und  kristallisierter
Gesteine  (Natronfeldspat).  An  Chlor  gebunden
findet  es  sich  in  ungeheuren  Mengen  als  Kochsalz, ­
  an  Salpetersäure  gebunden  als  Chilesalpeter, ­
  an  Schwefelsäure  gebunden  als  Glaubersalz. ­
  Die  Darstellung  des  metallischen  N.  erfolg^ ­
  in  analoger  Weise  wie  diejenige  des
Kaliüms.  Soda  (Natriumkarbonat)  wird  mit
Kreide  und  Steinkohle  in  eisernen  Rohren  zur
Weißglut  erhitzt,  wobei  das  Metall  in  Dampfform ­
  übergeht  und  sich  in  der  Vorlage  unter
Steinöl  verdichtet.  Bei  weit  niedrigerer  Temperatur ­
  verläuft  der  Prozeß,  wenn  man  das  N,-Karbonat
  durch  das  Hydroxyd  ersetzt.  An
Stelle  der  Kohle  hat  man  mit  Erfolg  verschiedene ­
  andere  Reduktionsmittel  wie  Eisenkarbid
oder  Kalziumkarbid  angewandt,  auch  kann  man
das  N.  direkt  aus  einem  Gemisch  von  Fluornatrium ­
  mit  Kalziumkarbid  oder  Aluminium  abdestillieren. ­
  Zurzeit  dürfte  das  meiste  N.  durch
Elektrolyse  von  N.-Hydroxyd  gewonnen  werden.
Das  N.  ist  silberweiß,  weicher  als  Wachs  und
daher  bei  gewöhnlicher  Temperatur  knet-  und
schneidbar.  An  feuchter,  nicht  an  trockner  Luft
bedeckt  es  sich  unter  Aufnahme  von  Wasserstoff ­
  und  Sauerstoff  mit  einer  weißlichen  Kruste
von  N.-Hydroxyd.  Das  Metall  schwimmt  auf
Wasser,  indem  es  unter  Entwicklung  von  Wasserstoff ­
  in  Hydroxyd  übergeht.  Die  Reaktionswärme ­
  ist  aber  nicht  so  hoch  wie  beim  Kalium
und  reicht  nicht  zur  Entzündung  des  Wasserstoffs ­
  aus.  Das  N.  wie  seine  Verbindungen
verleihen  der  nichtleuchtenden  Flamme  des
        <pb n="299" />
        Natriumazetat

294

N  atriumhy  droxyd

Bunsenbrenners  eine  gelbe  Farbe  und  erzeugen
im  Spektrum  bei  der  Linie  D  eine  gelbe  Bande.
N.  wurde  früher  in  großer  Menge  zur  Darstellung ­
  des  metallischen  Magnesiums  und  Aluminiums ­
  benutzt,  jedoch  hat  der  Verbrauch  für
diesen  Zweck  in  letzter  Zeit  sehr  nachgelassen,
seitdem  das  Aluminium  meist  auf  dem  Wege
der  Elektrolyse  gewonnen  wird.  Um  so  größere
Bedeutung  hat  es  hingegen  für  die  chemische
Analyse  und  wird  daher  von  den  Laboratorien
viel  verbraucht.  In  Verbindung  mit  Quecksilber
als  Natriumamalgam  dient  es  zur  Extraktion ­
  des  Goldes  aus  dem  pulverisierten  Gestein
sowie  zum  Vergolden  und  Versilbern  von  Metallen. ­

Natriumazetat  (essigsaures  Natron  oder
Natrium,  lat.  Natrium  aceticum,  frz.  Acetate
de  soude,  engl.  Sodium  acetate)  wird  wie  das
entsprechende  Kalziumsalz  aus  rohem  Holzessig
durch  Neutralisieren  mit  kohlensaurem  Natron
oder  durch  Umsetzung  des  essigsauren  Kalziums ­
  mit  Natriumsulfat,  Eindampfen  der  Lösung ­
  zur  Trockne  und  schwaches  Glühen  des
Rückstandes  dargestellt.  Es  bildet  große  Stücke
von  blättrig-kristallinischem  Bruch,  die  infolge
eines  geringen  Kohlenstoffgehaltes  grau  erscheinen ­
  und  zu  denselben  Zwecken  wie  das
Kalziumazetat  benutzt  werden.  Durch  Umkristallisieren ­
  dieses  rohen  Salzes  erhält  man
ein  halb  gereinigtes  weißes,  Rot  salz  genannt,
weil  es  in  der  Rotfärberei  Anwendung  findet.
Chemisch  reines  N.,  CH 3  .  C00Na-(-3H 2 0,
entsteht  bei  Verwendung  reiner  Essigsäure  in
Form  kleiner  nadelförmiger  Kristalle,  die  sich
leicht  in  Wasser  lösen  und  als  analytisches
Reagens  sowie  als  Mittel  gegen  Magen-  und
Darmleiden  und  als  Bestandteil  der  Tonbäder
in  der  Photographie  verwandt  werden.  Eine
besonders  interessante  Verwendung  des  rohen
kristallisierten  N.  beruht  noch  auf  der  Eigenschaft ­
  des  in  seinem  Kristallwasser  geschmolzenen ­
  Salzes,  viermal  soviel  Wärme  aufzuspeichern ­
  und  allmählich  wieder  abzugeben,  wie
ein  gleiches  Volum  Wasser.  Man  hat  vorgeschlagen, ­
  diese  Eigenschaft  zur  Heizung  von
Straßenbahnwagen  zu  verwerten.
Natriumbikarbonat  (doppeltkohlensaures
Natron,  lat.  Natrium  bicarbonicum,  frz.  Bicarbonate
  de  soude,  engl.  Sodii  bicarbonas),
NaHCOj,  findet  sich  gelöst  in  dem  Wasser
zahlreicher  alkalischer  Säuerlinge  und  entsteht
in  ungeheuren  Mengen  als  Zwischenprodukt
beim  Solvayschen  Ammoniaksodaprozeß.  Dieses ­
  Natrium  bicarbonicum  venale  seu
technipum  kann  aber  wegen  seines  Gehalts
an  Ammonium-  und  Natriumkarbonat  nur
für  technische  Zwecke  benutzt  werden.  Die
Darstellung  des  reinen  N.  erfolgt  in  der  Weise,
daß  man  Soda  in  konzentrierter  wäßriger  Lösung ­
  mit  Kohlensäure  sättigt,  worauf  das
schwerer  lösliche  Bikarbonat  auskristallisiert.
Oder  man  behandelt  Soda  mit  Kohlensäure  und
Wasserdampf  bei  So»,  wäscht  das  Salz  nach
der  Entferr^tmg  der  Mutterlauge  und  trocknet
es  bei  gelinder  Wärme  im  Kohlensäurestrom.
Das  N.  erscheint  im  Handel  in  Form  kleiner
farbloser  Kristalle  oder  weißer  kristallinischer
Krusten  vom  spez.  Gew.  2,220.  Es  besitzt  einen
sehr  schwach  alkalischen  Geschmack  und  löst

sich  in  12—13  Teilen  kaltem  Wasser,  aber  nicht
in  Alkohol.  Das  Salz  enthält  52,40/0  Kohlensäure, ­
  die  aber  schon  bei  gewöhnlicher  Temperatur ­
  teilweise  entweicht.  Beim  Erhitzen  auf
350—400 0  C  hinterbleibt  Natriummonokarbonat
(Soda).  Zur  Vermeidung  von  Zersetzungen
muß  es  daher  vor  feuchter  Luft  geschützt  und
kühl  aufbewahrt  werden.  Das  reine  N.  dient
in  der  Pharmazie  zur  Herstellung  von  Magen-  ]
pulvern  gegen  Säure  sowie  von  Mund-  und
Gurgelwässern,  zu  Inhalatiorien  bei  Erkrankungen ­
  der  Atmungsorgane,  gegen  Harnsäure,
Gicht  und  Rheumatismus,  als  Bestandteil  des
Brausepulvers,  zur  Herstellung  von  Backpulver
usw.  Das  technische  Salz  findet  Anwendung
zum  Entschälen  der  Seide  und  zum  Waschen
der  Wolle.
Natriumchlorat  (chlorsaures  Natrium,  lat.
Natrium  chloricum,  frz.  Chlorate  de  soude,  engl.
Sodium  chlorate),  NaC10 s ,  wird  durch  Behandlung ­
  von  Kaliumchlorat  mit  saurem  weinsauren
Natron  oder  neuerdings  durch  Elektrolyse  hergestellt ­
  als  eine  dem  Kaliumchlorat  ganz  ana-  1
löge  und  wie  dieses  verwertbare  Verbindung
Natriumchlorid  (Chlornatrium,  frz.  Natrium
chloratum,  Natrium  muriaticum,  frz.  Chlorure  |
de  sodium  purifiö,  engl,  Chloride  of  sodium),
das  chemisch  reine  Kochsalz  (s.  d.),  kristallisiert
in  Würfeln  und  findet  in  der  analytischen  Che-  I
mie  beschränkte  Anwendung.
Natriumchromat  und  Natriumdichromat,
Na 2 Cr0 4  und  Na 2 Cr 2 0 7 ,  verhalten  sich  den  entsprechenden ­
  Kaliumverbindungen  ganz  analog  j
und  finden  in  der  Technik  als  billigerer  Ersatz  ,i
des  Kaliumchromates  (s.  ü.)  Anwendung.
Natriumhydroxyd  (Natronhydrat,  Ätznatron, ­
  lat.  Natrium  hydricum,  Natrium  causticum,
  frz.  Soude  caustique,  engl.  Sodium
hydroxide),  NaOH,  ist,  seinem  Aussehen  und  •
chemischen  Verhalten  nach,  dem  Kaliumhydro-  j
xyd  ganz  analog  und  wird  nach  demselben
Verfahren  wie  dieses  dargestellt,  indem  man
statt  von  der  Pottasche,  von  der  Soda  und  den
anderen  entsprechenden  Natrium  Verbindungen  j
ausgeht.  In  reinster  Form  entsteht  es  bei  der
Einwirkung  von  metallischem  Natrium  auf
Wasser  oder  beim  Kochen  von  Sodalösung  mit
Ätzkalk.  Für  den  Großbetrieb  bedient  man  sich
des  Leblanc-Sodaprozesses,  nach  welchem
Natriumsulfat  und  Kalkstein  mit  Kohle  geglüht
wird.  Zum  Unterschiede  von  der  Sodafabrikation ­
  verwendet  man  hier  aber  einen  größeren
Überschuß  an  Kohle  und  laugt  mit  mehr  und
wärmerem  Wasser  von  50 0  aus.  Das  entstandene ­
  N.  wird  von  der  Soda  und  den  anderen
Beimengungen  durch  fraktioniertes  Eindampfen
befreit  und  durch  Glühen  mit  etwas  Salpeter
entfärbt.  Oder  man  läßt  Eisenoxyd  bei  hoher
Temperatur  auf  Soda  einwirken,  wobei  die
Kohlensäure  ausgetrieben  wird.  Hierbei  entstehen ­
  keinerlei  Nebenprodukte,  und  das  durch
Auslaugen  vom  N.  befreite  Eisenoxyd  kan»
ebenso  wie  die  entweichende  Kohlensäure  sofort ­
  wieder  benutzt  werden.  Von  den  neueren
Verfahren  scheint  die  Elektrolyse  des  Kochsalzes ­
  die  größte  Bedeutung  zu  haben.  Das  Nist
  eine  weiße,  in  der  Hitze  schmelzbare
Masse,  die  aus  der  Luft  begierig  Wasser  und
Kohlensäure  anzieht  und  sich  in  Wasser  unter
        <pb n="300" />
        Natriumhydrosulfit

295

Natriumsulfit

starker  Erwärmung  leicht  löst,  aber  auch  in
Alkohol  löslich  ist.  Es  kommt  in  harten  Stücken,
in  Stengeln  oder  in  Pulverform  in  verschiedener ­
  Reinheit  in  den  Handel  und  muß  in  gut
verschlossenen  Gefäßen  aufbewahrt  werden.
Auch  die  wäßrige  Lösung,  die  Natronlauge
oder  Ätznatronlauge  (lat.  Liquor  natri  caustici,
  frz.  Soude  caustique  liquide,  engl.  Solution ­
  of  sodium  hydroxide)  bildet  eine  Handelsware. ­
  Die  farblose  ätzende  Flüssigkeit  besitzt
stark  alkalische  Reaktion,  macht  die  Haut
schlüpfrig  und  wird  nach  dem  spez.  Gew.
(Graden  Baumö)  verkauft.  —  N.  wird  hauptsächlich ­
  in  der  Seifensiederei,  ferner  bei  der
Herstellung  von  Farbstoffen,  Salizylsäure  und
anderen  Chemikalien,  zum  Raffinieren  von
Petroleum  und  zur  Darstellung  von  Wasserglas
in  ungeheuren  Mengen  verbraucht.  Es  hat  vor
dem  Kali  den  Vorzug  des  geringeren  Preises
qnd  übt  wegen  seines  niedrigeren  Äquivalentgewichts ­
  eine  energischere  Wirkung  aus.  Für'
gewisse  Zwecke,  z.  B.  zur  Herstellung  von
Schmierseife,  kann  es  jedoch  das  Kali  nicht  ersetzen. ­

Natriumhydrosulfit  (Hydrosulfit)  wird  durch
Behandlung  von  saurem  schwefligsaurem  Natrium ­
  mit  Zinkstaub  und  schwefliger  Säure  in
form  farbloser  Prismen  von  der  Formel
Na 2 S 2 Oj-f-2H 2 0  erhalten  und  findet  in  der
Färberei  und  Druckerei,  besonders  zur  Reduktion ­
  von  Indigo,  mannigfache  Anwendung.
Natriumjodid  (Jodnatrium,  lat.  Natrium
jodatum,  frz.  Jodure  de;  sodium,  engl.  Sodium
jodide),  NaJ,  wird  wie  die  entsprechende  Kaliumv
 erbindung  hergestellt  und  verhält  sich  dieser
ganz  analog.  Es  ist  in  Wasser  noch  leichter
löslich  als  das  Kaliumjodid,  löst  sich  auch  leicht
•n  Alkohol  und  zerfließt  an  der  Luft.  N.  findet
medizinische  Anwendung  wie  das  Kaliumjodid,
ze igt  aber  nicht  die  unangenehme  Herzwirkung
des  letzteren.
Natriumperborat  (Natriumhyperborat,
überborsaures  Natrium,  .Perborax,  lat.
Natrium  perboricum,  frz.  Perborate  de  soude,
etl gl.  Perborate  of  soda)  entsteht  beim  Einlagen ­
  eines  Gemisches  von  248  g  Borsäure  und
g  Natriumsuperoxyd  in  2  kg  kaltes  Wasser
Jü  Form  farbloser  Kristalle  von  der  Formel
Na 2 B 4 O s  -f-  ioH 2 0,  die  bei  So 0  getrocknet  werden ­
  können.  Wird  die  Lösung  des  Perborates
°der  das  Gemisch  von  Borsäure  Und  Natriumsu
 peroxyd  hingegen  mit  soviel  Schwefelsäure
°der  Salzsäure  versetzt,  wie  der  Hälfte  des  vorhandenen ­
  Natriumsuperoxyds  entspricht,  so
"tistallisiert  eine  Verbindung  mit  vier  Molekülen
Jasser  aus,  das  Natriummetaperborat,
j  5^F) 3 -)-4H 2 0.  Das  N.  spaltet  in  wäßriger
Fqsung  sowohl  bei  gewöhnlicher  Temperatur
auch  beim  Erhitzen,  besonders  aber  auf
Zusatz  von  Säuren  aktiven  Sauerstoff  ab  und
ymhält  sich  dann  wie  Wasserstoffsuperoxyd.
h- s  wird  wegen  seiner  antiseptischen  Eigenschaften ­
  bei  der  Wundbehandlung  und  neuerd
 lri gs  auch  zur  Herstellung  bleichender  Waschmittel ­
  (Peroborin,  Persil)  benutzt.
,,  Natriumperkarbonat  (überkohlensaures
jatrium,  lat.Natrium  percarbonicum),NajCO^,
htsteht  bei  der  Behandlung  von  Soda  mit
nsserstoffsuperoxyd  oder  von  Natriumsuperoxyd ­

  mit  Kohlensäure.  Wegen  seines  Gehaltes
an  freiem  Sauerstoff  wirkt  es  bleichend.
Natriumpersulfat  (überschwefelsaures
Natrium,  lat.  Natrium  persulfuricum)  entsteht
bei  der  Elektrolyse  von  Natriumsulfat  und
Schwefelsäure  als  ein  weißes  wasserlösliches
Kristallpulver,  Na 2 S 2 O g ,  das  in  saurer  Lösung
leicht  freien  Sauerstoff  abspaltet  und  daher  als
Desinfektions-  und  Bleichmittel  Anwendung
findet.
Natriumphosphat  (phosphorsaures  Natrium, ­
  Perlsalz,  lat.  Natrium  phosphoricum,
frz.  Phosphate  de  soude,  engl.  Phosphate  of
soda).  Von  den  verschiedenen  Verbindungen
der  Phosphorsäure  mit  Natrium,  welche  den
entsprechenden  Kaliumsalzen  ganz  analog  sind,
hat  nur  das  sekundäre,  auch  gewöhnliche
genannte  N.  eine  praktische  Bedeutung.  Es  entsteht ­
  beim  Einträgen  von  Natriumkarbonat  in
erwärmte  Phosphorsäure  bis  zur  schwach  alkalischen ­
  Reaktion,  oder  durch  Umsetzung  von
Kalziumphosphat  mit  Natriumsulfat  und  nachfolgenden ­
  Zusatz  von  Natriumkarbonat.  Fabrikmäßig ­
  wird  es  durch  Behandlung  von  Knochenasche ­
  mit  Schwefelsäure  und  Umwandlung  des
Kalziumphosphates  mit  Soda  hergestellt,  oder
indem  man  Phosphorite  in  Salzsäure  löst,  die
Phosphate  mit  Kalk  fällt  und  dann  mit  Natronlauge ­
  kocht.  N.  bildet  große  farblose,  klare,
aber  leicht  verwitternde  Kristalle  von  der  Formel
Na 2 HP04-(-I2H 2 0,  die  in  Wasser  leicht  löslich
sind  und  alkalisch  reagieren.  Es  wird  als  Beize
in  der  Zeugdruckerei  und  Färberei,  ferner  zur
Herstellung  von  Glasuren  und  als  Lötmittel  benutzt. ­
  Das  chemisch  reine,  namentlich  von
Arsen,  Schwefelsäure  und  Chlor  freie  Salz  findet ­
  medizinische  Anwendung  als  mildes  Abführmittel. ­
  Für  ersteren'  Zweck  muß  es  völlig
rein  sein  und  namentlich  auf  Verunreinigungen
durch  Arsen,  Schwefelsäure  und  Chlor  geprüft
werden.
Natriumsulfit  (schwefligsaures  Natrium,
lat.  Natrium  sulfurosum,  frz.  Sulfite  de  soude,
engl.  Sulfite  of  soda).  Wie  mit  Kalk,  bildet  die
schweflige  Säure  auch  mit  Natron  zwei  Verbindungen. ­
  Das  neutrale  oder  einfach  saure
N.  entsteht,  wenn  man  eine  Sodalösung  mit
schwefliger  Säure  sättigt  und  darauf  die  gleiche
Menge  Sodalösung  hinzugibt,  oder  wenn  man
schweflige  Säure  über  angefeuchtete  Kristallsoda ­
  leitet  und  das  entstehende  saure  Salz  mit
Soda  neutralisiert.  Nach  einem  neueren  Verfahren ­
  wird  es  auch  technisch  durch  Behandlung ­
  gerösteter  Zinkerze  mit  schwefliger  Säure
und  folgende  Umsetzung  mit  Kochsalz  dargestellt. ­
  Das  Salz  kristallisiert  mit  7  Molekülen
Wasser,  Na 2 SO s  -j-  7H 2 G,  verwittert  aber  leicht
und  ist  in  Wasser  mit  alkalischer  Reaktion  löslich. ­
  Es  dient  in  der  Technik  als  Antichlor,
in  der  Photographie,  sowie  als  Desinfektions- ­
  und  Konservierungsmittel,  ist  aber
zum  Konservieren  von  Fleisch  verboten.  —  Das
saure  N.  (Natriumbisulfit,  lat.  Natrium  bisulfurosum,
  frz.  Bisulfite  de  soude,  engl.  Bisulfite
  of  soda)  wird  beim  Sättigen  von  Sodalösung ­
  oder  von  Kristallsoda  mit  Schwefligsäuregas ­
  erhaltet!  in  Form  undurchsichtiger
Kristalle,  NaHS0 3 ,  die  stark  nach  schwefliger
Säure  riechen  und  in  Wasser  und  900/oigem
        <pb n="301" />
        Alkohol  löslich  sind.  Es  wird  medizinisch  gegen
Diphtherie  und  Hautkrankheiten  angewandt.
Die  Technik  benutzt  es,  besonders  auch  in  wäßriger ­
  Lösung  (Leukogen,  Sulfitlauge),  als
Antiseptikum,  als  Konservierungs-  und  Bleichmittel ­
  sowie  zu  photographischen  Zwecken,
Natriumsuperoxyd  (Natriumperoxyd,  lat.
Natrium  superoxydatum,  frz.  Peroxide  de  soude,
engl.  Peroxide  of  soda),  Na 2 0 2 ,  wird  durch  Erhitzen ­
  von  metallischem  Natrium  in  einem
Strome  trockener  Luft  oder  durch  Glühen  von
Magnesiumoxyd  mit  Natriumnitrat  als  ein  feines
hellgelbes  Pulver  hergestellt.  Es  gibt  mit  Wasser
eine  alkalisch  reagierende  Lösung,  die  sich  wie
freies  Wasserstoffsuperoxyd  verhält  und  stark
bleichend  wirkt.  Das  N.  ist  ein  außerordentlich
energisch  wirkendes  Aufschließungsmittel  für
organische  und  anorganische  Körper  und  findet
daher  in  der  Analyse  vielfache  Anwendung,  muß
aber  wegen  der  bisweilen  auftretenden  Explosionen ­
  mit  Vorsicht  benutzt  werden.  Wegen
seiner  stark  bleichenden  Eigenschaften  diente
es  zur  Herstellung  verschiedener  Waschmittel
(Ding  an  sich,  Mach’s  allein),  deren  Anwendung ­
  aber  zu  Beschädigungen  der  Wäsche
führen  kann,  und  die  daher  schon  wieder  zum
großen  Teil  aus  dem  Handel  verschwunden
sind  (s.  Waschmittel).
N  atriumthiosulf  at  (unterschwefligsaures
Natrium,  Natriumhyposulfit,  Natriumdithionat,
  lat.  Natrium  thiosulfuricum,  hyposulfurosum,
  subsulfurosum,  frz.  Hyposulfite  de
soude,  engl.  Hyposulfite  of  soda)  entsteht  beim
Einleiten  von  schwefliger  Säure  in  ein  Gemisch
von  Sodalösung  und  Schwefelblumen  oder  in
eine  siedende  Auflösung  von  Schwefel  in  Natronlauge. ­
  Die  fabrikmäßige  Darstellung  beruht
auf  der  Verarbeitung  der  Rückstände  der  Sodafabriken, ­
  aus  denen  die  Soda  ausgelaugt  worden ­
  ist.  Man  breitet  sie  einige  Tage  an  der
Luft  aus,  wobei  die  darin  enthaltene  Kalkschwefelleber ­
  in  unterschwefligsaures  Kalzium
übergeht,  zieht  letzteres  mit  Wasser  aus  und
versetzt  die  eingedampfte  Lösung  mit  Natriumsulfat. ­
  Das  ausgeschiedene  N.,  Na 2 S 2 0 3 ,  bildet
wasserhelle,  dem  Glaubersalz  ähnlich  aussehende ­
  und  schmeckende  Kristalle,  welche
5  Moleküle  Kristallwasser  enthalten  und  in
Wasser  leicht  löslich  sind.  Reines  Salz  hält  sich
an  der  Luft  trocken,  während  unreines  feucht
wird.  Auf  Zusatz  von  stärkeren  Säuren  entwickelt ­
  die  Lösung  schweflige  Säure  unter  milchiger ­
  Trübung  durch  Schwefel.  N.  dient  als
Antichlor,  ferner  zur  Darstellung  von  Tonerdebeizen ­
  für  den  Zeugdruck,  zur  Extraktion
des  Silbers  aus  den  mit  Kochsalz  gerösteten
Erzen,  zur  Auflösung  von  Zyangold  und  -silber
bei  galvanischer  Vergoldung  und  Versilberung,
als  photographisches  Fixiermittel,  zur  Fabrikation ­
  von  Antimonzinnober,  Aldehydgrün  und  als
Bleichmittel.
Natronkalk  (lat.  Natrium  hydricum  e  calce)
nennt  man  ein  Gemisch  von  Natrium-  und  Kalziumhydroxyd, ­
  das  durch  Glühen  eines  Gemisches ­
  von  Ätznatron  mit  gelöschtem  Kalk  dargestellt ­
  wird.  Die  gepulverte  oder  grob  gekörnte ­
  Masse  zieht  aus  der  Luft  begierig
Wasser  und  Kohlensäure  an  und  muß  daher  in
gut  verschlossenen  Gefäßen  aufbewahrt  werden.

Sie  findet  in  der  chemischen  Analyse  zur  Bestimmung ­
  des  Stickstoffs  und  zur  Absorption
der  Kohlensäure  ausgedehnte  Anwendung.
Neapelgelb,  eine  schöne  und  beständige  helloder ­
  hochgelbe  Mineralfarbe,  die  für  die  Ölund
  Schmelzmalerei  benutzt  wird,  besteht  aus
antimonsaurem  Bleioxyd  und  wird  durch
vorsichtiges  Schmelzen  von  Brechweinstein  mit
Bleinitrat  und  Kochsalz  und  Entfernung  der  löslichen ­
  Salze  mit  Wasser,  oder  durch  Vermischen ­
  der  Lösungen  von  antimonsaurem  Kalk
mit  Bleinitrat  und  nachfolgendes  Glühen  dargestcllt.

Negativlacke  dienen  dazu,  die  photographischen ­
  Platten  vor  Verletzungen  zu  schützen.
Man  unterscheidet  N.,  die  warm  aufgetragen
werden  müssen,  da  sie  sonst  milchigen  Schleier
abgeben,  und  kalt  aufzutragende  N.  Zu  ersteren
  gehören  die  spirituösen  Auflösungen  von
Schellack,  Sandarak,  oft  unter  Zusatz  von  etwas
Rizinusöl.  Zu  letzteren  rechnet  man  die  sogenannten ­
  Zaponlacke  (s.  d.).  Das  Lackieren
hat  in  jedem  Falle  vor  dem  Abschwächen  oder
Verstärken  der  Platten  zu  geschehen.
Nekfarinen  (frz.  Nectarines)  nennt  man  diejenigen ­
  Pfirsichsorten,  die  eine  glatte  Oberhaut ­
  (ohne  Behaarung)  und  ein  vom  Stein  leicht
lösbares  Fleisch  besitzen.  Glatte  Früchte  mit
vom  Stein  schwer  löslichem  Fleisch  heißen
Brugnolen  oder  Brugnons.  Vergl.  ferner
Pfirsiche.
Nelkenöl  (lat.  Oleum  caryophyllorum,  frz.
Essence  de  girofle,  engl.  Oil  of  cloves),  das
ätherische  Öl  der  Gewürznelken,  wird  durch
Destillation  mit  Wasserdämpfen  gewonnen  als
ein  in  frischem  Zustande  farbloses  bis  hellgelbes, ­
  mit  der  Zeit  aber  braun  werdendes  Öl
von  brennend  scharfem  Geschmack  und  feinem
Nelkengeruch.  Es  ist  schwerer  als  Wasser,  vom
spez.  Gew.  1,043—1,070,  siedet  bei  250—260 9
und  dreht  die  Ebene  des  polarisierten  Lichtes
schwach  links.  In  1—2  Teilen  70  0/0  igem  Alkohol
muß  gutes  N.  sich  klar  lösen  und  beim  Schütteln
mit  konzentrierter  Kalilauge  eine  kristallinische
Masse  von  Eugenolkalium  liefern.  In  der  alkoholischen ­
  Lösung  erzeugt  Eisenchlorid  eine
blaue  Färbung.  Das  Nelkenöl  besteht  zu  78  bis
900/0  und  darüber  aus  dem  Phenol  Eugenol,
von  weiteren  Bestandteilen  seien  genannt  Azeteugenol,
  das  Sesquiterpen  Karyophyllen,  Mcthylamylketon,
  Salizylsäuremethylester,  Benzoesäuremethylester ­
  upd  Vanillin.  Eine  Beimischung
des  minderwertigen  Nelkenstielöls  erkennt
man  an  dem  weniger  feinen  Geruch.  N.  dient
als  Zusatz  zu  Parfüm,  Arzneimitteln  und  Likören ­
  sowie  neuerdings  in  großen  Mengen  zur
Darstellung  des  synthetischen  Vanillins.
Nelkenwurzel  (lat.  Radix  caryophyllatae,  frz-Racine
  de  caryophylle,  engl.  Avens  root),  ein
wichtiger  Gegenstand  des  Drogenhandels,  besteht ­
  aus  dem  ausdauernden  Wurzelstock  von
Geum  urbanum,  einer  durch  ganz  Deutschland ­
  an  Zäunen,  in  Gebüschen  und  lichten  Wäldern ­
  wachsenden  gelbblühenden  Rosazee.  Der
am  unteren  Ende  abgestorbene  Wurzelstock  ist
höckerig,  mit  schwarzbraunen  Schuppen  bedeckt ­
  und  ringsum  mit  fadenförmigen  Nebenwurzeln
  besetzt.  Die  innen  braunrote,  dünne
Rinde  umgibt  ein  gelblichweißes  Holz  mit  blau ­
        <pb n="302" />
        Nelkenzimt

297

Neunaugen

rötlichem  Mark.  Die  frische  Wurzel  riecht
schwach  nach  Gewürznelken,  verliert  den  Geruch ­
  indes  beim  Trocknen  und  schmeckt  bitter
und  zusammenziehend.  Als  wichtigste  Bestandteile ­
  sind  Gerbstoff,  ätherisches  Öl  und  Stärke
nachgewiesen  worden.  Verwendung  findet  die
N.  bei  Durchfällen  und  äußerlich  als  blutstillendes ­
  Mittel.
Nelkenzimt  (lat.  Cortex  cassiae  caryophyllatae,
  frz.  Canelle,  engl.  Kaneel)  nennt  man  die
Stammrinde  von  Dicypellium  caryophyllatum,
  einem  in  Brasilien  und  Westindien  wachsenden, ­
  zur  Familie  der  Laurineen  gehörigen
Baume.  Die  Ware  bildet  zusammengerollte
Röhren,  die  der  Hauptsache  nach  aus  der  glatten
rotbraunen  Bastschicht  bestehen  und  nur  teilweise ­
  noch  mit  Außenrinde  bedeckt  sind.  Der
Geruch  und  Geschmack  erinnert  zugleich  an
Zimt  und  an  Nelken.  Man  verwendet  die
Rinde  bei  der  Bereitung  aromatischer  Liköre.
Früher  wurde  sie  auch  als  Heilmittel  gebraucht.
Ihr  Pulver  dient  außerdem  zur  Verfälschung
der  Gewürznelken.
Nerolin  ist  der  Handelsname  für  /J-Naphtholmethyläther,
  C 10 H 7 .O.CH 3 ,  und  ß-Naphtholäthyläther,
  C 10 H 7 OC 2 H 6 ,  die  beide  durch  mehrstündiges ­
  Erhitzen  von  /J-Naphthol  mit  dem  betreffenden ­
  Alkohol  und  konz.  Schwefelsäure  gewonnen ­
  werden  und  dem  Orangenblütenöl  ähnlich ­
  riechen.
Nessel.  Die  Fasern  verschiedener  Nesselarten
werden  zur  Herstellung  von  Spinnfasern  in
feinen  Geweben  (Nesseltuch)  benutzt,  so  besonders ­
  von  Boehmeria  (s.  Chinagras,  Ramie)  in
China,  von  Urtica  nivea  und  japonica  in
Japan,  von  U.  postulata  in  Nordamerika,
Mexiko,  Kuba,  Brasilien  und  Australien.  Auch
Frankreich  hat  den  Anbau  von  U.  nivea  in
Südfrankreich  und  Algier  gefördert.  In  Deutschland ­
  war  die  Verwendung  der  früher  viel  benutzten ­
  Faser  vonU.  dioica,  der  gewöhnlichen
großen  Brennessel,  infolge  der  Einfuhr  von
Baumwolle  in  den  Hintergrund  getreten,  bis  die
Abschneidung  der  überseeischen  Zufuhr  im
Kriege  sie  der  Vergessenheit  entriß.  Nachdem
0-  Richter  ein  brauchbares  Verfahren  zur  Abscheidung ­
  der  Faser  durch  Aufschließung  mit
Alkali  und  nachfolgende  Behandlung  mit  Walze
 n  und  Waschen  erfunden  hatte,  setzte  eine
lebhafte  Sammeltätigkeit  und  auch  planmäßiger
Anbau  ein,  der  für  mehrere  Fabriken,  u.  a,  in
Zschopau,  ausreichendes  Material  lieferte.  Die
gewonnene  Faser,  die  in  Menge  von  to  kg
aus  ioo  kg  frischer  Nesselstengel  gewonnen
wird,  zeigt  eine  spezifische  Festigkeit  von  51,5
(Baumwolle  37,6)  und  einen  wollartigen  Charakter, ­
  der  sie  als  Zusatz  zu  Wolle  für  Trikota
 gen,  Möbelplüsch  und  Garne  („Solidonia“)
geeignet  erscheinen  läßt.  Zu  einer  völligen  Verdrängung ­
  der  Baumwolle  wird  ihre  Menge  allerdings ­
  nicht  ausreichen,  da  der  höchstmögliche
Anbau  auf  1—1,2  Millionen  Dz.  geschätzt  wird.
Nesselblüten  (Taubnekselblüten,  lat.  Flores
laniii  albi,  s.  urticae  mortuae,  frz.  Fleurs  ortie
rn°rte,  engl.  Nettle  flowers)  nennt  man  die
BJunienkronen  der  zu  den  Labiaten  gehörigen
Taubnessel  Lamium  album.  Die  Blüten
werden  ohne  den  Kelch  gesammelt  und  finden
as  blutreinigendes  Mittel  Verwendung,

Neublau  (Waschblau).  Das  eigentliche  N.
zum  Blauen  der  Wäsche  besteht  aus  Stärke,
die  mit  Indigkarmin  gefärbt  und  in  kleine
Täfelchen  geformt  ist.  An  seiner  Stelle  wird
fast  nur  noch  künstlicher  Ultramarin  angewandt, ­
  der  mit  heißem  Wasser  angerührt  und
dem  Blauwasser  zugesetzt  wird.  Er  ist  hierzu
auch  ganz  geeignet,  während  Berlinerblau,  das
ebenfalls  bisweilen  mit  Stärke  oder  Kreide  gemischt ­
  als  N.  verkauft  wird,  ein  starkes  Vergilben ­
  der  Zeuge  bewirkt.  Berlinerblau  ist
leicht  daran  erkennbar,  daß  es  beim  Kochen  mit
Sodalösung  seine  Farbe  verliert  und  braun  wird.
Den  Namen  Neublau  führt  auch  ein  Teerfarbstoff, ­
  der  mit  Echtblau  (s.  d.)  identisch ­
  ist.
Neugelb  nennt  man  verschiedene  gelbe  Teerfarbstoffe, ­
  nämlich  das  Säuregelb  D  und
das  gewöhnliche  Säuregelb  (Neugelb  L),
ferner  auch  das  Zitronin  und  Kurkumein
(s.  d.)  und  das  Flavaurin  (s.  d.).
Neukokzin.  Diesen  Namen  führen  zwei  Azofarbstoffe. ­
  Der  eine,  auch  Koschenillerot ­
  A  und  Brillantponceau  (nicht  zu  verwechseln ­
  mit  einem  anderen  ebenso  genannten
Farbstoff,  s.  Brillantponceau)  genannte,  besteht
aus  dem  Natronsalze  der  Naphthionsäureazobetanaphtholdisulfosäure
  und  erscheint  im  Handel ­
  als  scharlachrotes,  in  Wasser  leicht  lösliches ­
  Pulver.  Der  andere,  auch  Neukokzin  R,
Kristallponceau  6  R  genannt,  besteht  aus
dem  Natronsalze  der  Alphanaphthylaminazobetanaphtholdisulfosäure
  und  bildet  schöne
braunrote  Kristalle  mit  Goldglanz,  die  sich  in
Wasser  mit  ponceauroter  Farbe  lösen.  Beide
Farbstoffe  färben  Wolle  im  sauren  Bade  rot.
Neunaugen  (Bricken,  Pricken,  Felsensauger, ­
  frz.  Lamproies,  engl.  Lambreys),  die
bekannten  Vertreter  der  Rundmäuler,  aalartiger ­
  Tiere,  die  bisweilen  zu  den  Fischen  gerechnet, ­
  bisweilen  aber  auch  von  ihnen  getrennt
werden  und  durch  den  Saugmund  charakterisiert ­
  sind,  haben  ihren  sonderbaren  Namen  daher, ­
  daß  man  die  sieben  Kiemenlöcher,  die  auf
jeder  Seite  liegen,  für  Augen  ansah  und  sich
noch  dazu  um  zwei  verzählte.  Von  den  zwei
Arten:  Flußbricke  (Petromyzon  fluviatilis)
  und  große  Seebricke  oder  Lamprete
(Petromyzon  marinus),  kann  die  erstere,  die
gewöhnlich  kaum  fingerdick  und  höchstens
3  dm  lang  ist,  bei  gehöriger  Schonung  an  9  dm
lang  werden.  Die  oben  olivengrünen,  am  Bauche
silberweißen  Fische  haben  ein  sehr  zähes  Leben
und  lassen  sich  daher  auch,  mit  Schnee  verpackt, ­
  lebendig  weit  versenden.  Sie  leben  besonders ­
  in  den  Flüssen  Norddeutschlands,  der
baltischen  Ostseeprovinzen  und  Englands,  halten ­
  sich  im  Sommer  in  der  Tiefe  auf,  steigen
aber  im  Winter  in  die  Höhe  und  werden  dann
in  der  Weise  gefangen,  daß  man  Löcher  in
das  Eis  haut  und  Birkenreisig  hineinsteckt,  an
das  sie  sich  oft  in  Menge  ansaugen.  Die  Tiere
werden  ausgenommen,  schwach  geröstet  oder
gebraten,  mit  Essig,  Gewürzen  und  Lorbeerblättern ­
  eingelegt  und  in  den  bekannten  Fäßchen
  von  den  preußischen  Ostseestädten  sowie ­
  von  Bremen  und  Lüneburg  in  den  Handel
gebracht.  —  Die  Lamprete  (P.  marinus),  die
in  fast  allen  europäischen  Meeren  lebt,  über
        <pb n="303" />
        Neutralblau

298

Nickelverbindungen

9  dm  lang  und  armdick  wird,  ist  grünlich,  gelb
und  braun  marmoriert  und  mit  zwei  Rückenflossen ­
  versehen.  Sie  hat  ein  besonders  weißes,
fettes  und  festes  Fleisch  und  gilt  als  Delikatesse. ­
  Im  Frühjahr  geht  der  Fisch  in  den
.  Flüssen  und  Nebenflüssen  aufwärts  und  wird
dabei  gefangen,  am  häufigsten  in  England  und
der  Bretagne.  In  geringerer  Zahl  kommt  er
nach  Deutschland  in  die  Stromgebiete  der  Elbe,
Weser  und  des  Rheins  und  gelangt  dann  in  der
Regel  frisch  zum  Verbrauch.  Sonst  ist  seine
Zubereitung  wie  die  der  Flußbricken.
Neutralblau,  ein  seit  1882  im  Handel  vorkommender ­
  Teerfarbstoff,  wird  durch  Einwirkung ­
  von  salzsaurem  Nitrosodimethylanilin
  auf  Phenylnaphthylamin  erhalten  und  ist
Phenyldimethylparaamidonaphthazoniumchlorid.
Man  erhält  das  N.  als  braunes,  glanzloses,  in
Wasser  und  Alkohol  mit  violetter  Farbe  lösliches ­
  Pulver.
Neutralrot,  ein  Teerfarbstoff  der  Azinreihe,
besteht  aus  der  Ghlorwasserstoffverbindung  des
Dimethyldiamidotoluphenazins  und  wird  durch
Kochen  gleicher  Moleküle  Nitrodimethylanilinchlorhydrat
  und  m-Toluylendiamin  unter  Luftzutritt ­
  hergestellt.  Das  dunkelschwarzgrüne  Pulver ­
  löst  sich  in  Wasser  mit  roter,  in  konzentrierter ­
  Schwefelsäure  mit  grüner  Farbe,  welche
beim  Verdünnen  mit  Wasser  durch  Bläu  in  Rot
übergeht.  N.  färbt  gebeizte  Baumwolle  rotviolett. ­

Neutralviolett,  ein  dem  Neutralrot  ganz  ähnlicher, ­
  wie  dieses  1879  entdeckter  Farbstoff,  besteht ­
  aus  der,  Chlorwasserstoffverbindung  des
Dimethyldiamidophenazins,  (CH 8 ) 2 N  .  C 6 H 8  .  N 2  .
C G H a .NH 2 .  Das  zum  Niesen,  reizende  grünlichschwarze ­
  Pulver  löst  sich  in  Wasser  mit  violettroter ­
  Farbe  und  färbt  gebeizte  Baumwolle  rotviolett. ­

Nickel,  ein  dem  Kobalt  nahe  verwandtes  und
meist  in  seiner  Gesellschaft  vorkommendes  Metall ­
  der  Eisengruppe,  Ni  =  55,  findet  sich  in  der
Natur  nicht  in  gediegenem  Zustande,  sondern
nur  in  Form  von  Verbindungen.  Am  verbreitetsten ­
  sind  Verbindungen  mit  Schwefel  und  Arsen.
Das  für  Deutschland  wichtigste  Erz  ist  der
Kupfernickel  oder  Nickolit,  der  von  den
Bergleuten  seines  Aussehens  wegen  für  ein
reiches  Kupfererz  gehalten  und  aus  Ärger  über
die  getäuschte  Erwartung  mit  dem  Schimpfnamen ­
  belegt  wurde.  Er  ist  ein  mit  etwas
Arsenkobalt,  Eisen,  Antimon  und  Schwefel  verunreinigtes ­
  Arsen-Nickel.  Von  anderen  Erzen
sind  zu  erwähnen  der  Nickelglanz  oder
Arsennickelglanz  (Nickel,  Arsen,  Schwefel),
Nickelspießglanz  (Nickel,  Antimon,  Schwefel), ­
  Nickelkies,  Nickelblende  (Schwefel-N.)
  und  vor  allem  der  Garnierit,  ein  völlig
Schwefel-  und  arsenfreies  Nickel-Magnesium-Silikat,
  das  neuerdings  in  großen  Massen  von
Neukaledonien  nach  Frankreich  eingeführt  wird,
Die  Gewinnung  des  N.  geht  vielfach  Hand  in
Hand  mit  der  Herstellung  des  Kobaltblaus,  und
insbesondere  in  Sachsen  bedient  man  sich  der
beim  Smaltebrennen  abfallenden  Kobalt-  oder
Nickelspeise,  eines  früher  als  unbrauchbar
weggeworfenen  Abfallstoffes,  der  etwa  50  o/ 0  N.
enthält.  Diese  Halden  oder  sonstige  Arsen-Nickel-Erze
  werden  geröstet  und  mit  Zuschlägen

geschmolzen,  wobei  das  Eisen  in  die  Schlacke
geht.  Die  zurückbleibende  Nickel-Kobalt-Speise
wird  zur  Entfernung  des  Kobalts  mit  Sand  geglüht, ­
  darauf  mit  Soda  und  Salpeter  totgeröstet,
und  das  Nickeloxydul  mit  Kohle  reduziert.
Wesentlich  einfacher  ist  die  Verarbeitung  des
Garnierits,  der  arsen-  und  schwefelfrei  ist  und
direkt  mit  Kohle  und  Zuschlag  geschmolzen
werden  kann.  Die  meist  umständlicheren  Verfahren ­
  auf  nassem  Wege  beruhen  auf  der  Auslaugung ­
  der  totgerösteten  Erze  mit  Salz-  oder
Schwefelsäure,  Fällung  des  Arsens  durch  Einleiten ­
  von  Schwefelwasserstoff  und  des  Eisens
durch  Kalzium-  oder  Natriumkarbonat.  Eine
große  Zukunft  scheint  endlich  das  Verfahren
von  Mond  zu  haben,  nach  welchem  die  gerösteten ­
  Erze  mit  Kohlenoxyd  auf  80 0  erhitzt
werden.  Dabei  geht  das  N.  in  Form  einer  Verbindung ­
  mit  Kohlenoxyd  (Nickelkarbonyl)
gasförmig  über,  das  sich  beim  Abkühlen  in
Vorlagen  abscheidet.  Das  N.  ist  in  reinem  Zustande ­
  fast  silberweiß,  läßt  sich  leichter  als
Eisen  schmelzen  und  hat  gegossen  ein  spez.
Gew.  von  8,3,  gehämmert  ein  solches  von  8,9.
Es  ist  bei  Rotglut  hämmer-  und  streckbar,  läßt
sich  schweißen,  in  dünne  Bleche  walzen  und
zu  dünnen  Drähten  ausziehen  und  zeigt  poliert
einen  schönen,  dauerhaften  Glanz.  Im  Handel
erscheint  das  N.  meist  in  Form  kleiner  Würfel
von  1  cm  Seitenlänge  (Würfelnickel),  die  vielfach ­
  noch  Kupfer  und  Eisen  enthalten,  oder
als  gepreßter  Nickelschwamm,  als  granuliertes ­
  N,,  in  gerissenen  Scheiben  wie  Kupfer
und  in  Form  von  Barren  oder  Mulden.  Das
reine  Nickel  dient  zur  galvanischen  Vernicklung ­
  von  Eisen,  Stahl,  Messing  und  Zink,  oder
zum  Plattieren  oder  zur  Plerstellung  von  ganz
aus  Nickel  bestehenden  Geräten.  Die  letzteren
sind  ebenso  wie  die  vernickelten  außerordentlich ­
  haltbar,  da  sie  nicht  nur  gegen  Luft  und
Wasser,  sondern  auch  gegen  Schwefelwasserstoff ­
  und  verdünnte  Säuren  große  Widerstandsfähigkeit ­
  zeigen.  Die  größte  Bedeutung  hat  das
N.  in  Form  seiner  Legierungen:  Ncusilber,
Argentan,  Alpaka,  Alfenide  und  Packfong,  die
aus  Kupfer,  Nickel  und  Zink  bestehen  und  in
versilbertem  Zustande  als  Chinasilber  oder
Christofle  bezeichnet  werden.  Legierungen  von
Kupfer  und  N.  allein  finden  als  Scheidemünzen
in  vielen  Staaten  Anwendung.  Die  deutschen
5-  und  10-Pfennig-Stücke  enthalten  75%  Kupfer
und  250/0  Nickel;  ebenso  die  belgischen  und
amerikanischen  Münzen.  Der  mit  Hilfe  von
etwas  N.  hcrgestellte  Nickelstahl  dient  wegen
seiner  außerordentlichen  Härte  und  Zähigkeit
zur  Herstellung  von  Panzerplatten  und  Kugellagern. ­
  Die  Salze  des  N.  sind  giftig,  s.
N  ickelverbindungen.
Nickelverbindungen.  Von  Nickel  Verbindungen ­
  kommen  für  den  Handel  hauptsächlich
folgende  in  Betracht:  1.  Nickelammoniumsulfat ­
  (schwefelsaures  Nickeloxydulammoniak, ­
  lat.  Niccolum  sulfuricum  ammoniatum,  frz.
Sulfate  d’ammoniaque  de  nickel,  engl.  Sulfate  of
ammonia  of  nickel)  wird  dargestellt  durch  Auflösung ­
  von  Nickelkarbonat  in  verdünnter  Schwefelsäure ­
  und  Vermischen  mit  einer  verdünnten
Lösung  von  Ammoniumsulfat.  Das  ausfallende
grüne  Kristallsalz,  Ni/NH^SOJ,,  ist  in  kaltem
        <pb n="304" />
        Nieder  selters

299

Nigeröl

Wasser  schwer,  dagegen  leicht  in  heißem  Wasser
löslich  und  dient,  wie  das  Nickelsulfat,  zu  galvanischen ­
  Vernickelungen.  2.  Nickelazetat
Ni(CH 3 .COO) 2  (essigsaures  Nickel,  lat.Niccolum
  aceticum,  frz.  Acötate  de  nickel,  engl.
Acetate  of  nickel)  wird  durch  Auflösen  von
Nickeloxydul  in  Essigsäure  hergestellt  und  bildet ­
  apfelgrüne,  an  der  Luft  verwitternde  Kristalle, ­
  die  in  kaltem  Wasser  löslich,  in  Alkohol
unlöslich  sind.  3.  Nickelbromür,  NiBr 2  (lat.
Niöcolum  bromatum,  frz.  Bromure  de  nickel,
engl.  Bromure  of  nickel),  wird  durch  Auflösen
anderer  Nickelsalze  in  verdünnter  Bromwasserstoffsäure ­
  gewonnen  und  bildet  grüne  hygroskopische ­
  Kristalle,  die  bei  Zutritt  von  warmer
Luft  ,  in  ein  gelbes  Salzpulver  übergehen.  Nickelbromür ­
  wird  medizinisch  gegen  Epilepsie  und
als  Beruhigungsinittel  angewandt.  4.  Nickelchlorür,NiCl
 2  (Chlornickpl.Nickelchlorid,
lat.Niccolum  chloratum,  frz.  Chlorure  de  nickel,
engl.  Chloride  of  nickel),  wird  durch  Auflösen
von  Nickel  in  Königswasser  dargestellt.  Das
in  gelbgrünlichen  Kristallschuppen  bzw.  in  sechsseitigen ­
  Säulen  sublimierende  Salz  ist  leicht  löslich ­
  in  Wasser  und  Weingeist  und  wird  als  chemisches ­
  Reagens  benutzt.  5.  Nickelkarbonat
(kohlensaures  Nickeloxydul,  lat.  Niccolum
carbonicum,  frz,  Carbonate  de  nickel,  engl.  Carbonate
  of  nickel),  NiC0 3 .  Zur  Darstellung  löst
man  reines  Nickelmetall  in  reiner  Salpetersäure,
dampft  die  Lösung  bis  zur  Trockne  ein,  löst
den  Rückstand  nach  vorheriger  Erhitzung  in
destilliertem  Wasser  auf  und  fällt  mit  reiner
Natriumkarbonatlösung.  Das  Salz  bildet  ein
apfelgrünes  Pulver,  das  in  verdünnten  Säuren
unter  Aufbrausen  löslich  ist  und  zur  Darstellung
anderer  Nickelverbindungen  dient.  6.  Nickeloxydul, ­
  NiO  (lat.  Niccolum  oxydulatum,  frz.
Oxyde  de  nickel,  engl.  Oxide  of  nickel),  findet
sich  in  der  Natur  als  Bunsenit  in  grünen,
durchsichtigen  Oktaedern  und  wird  auch  künstlich ­
  durch  starkes  Glühen  des  .kohlensauren  oder
salpetersauren  Nickels  als  ein  apfelgrünes,  in
Wasser  unlösliches,  in  Säuren  leicht  löslich  es’Pulver ­
  dargestellt.  Es  dient  zur  Darstellung  anderer
Nickelsalze  sowie  als  analytisches  Reagens.
7-  Nickelsulfat  (schwefelsaures  Nickel,
Nickelvitriol,  lat.  Niccolum  sulfuricum,  frz.  Sulfate ­
  de  nickel,  engl.  Sulfate  of  nickel)  wird  dargestellt ­
  durch  Auflösen  von  Nickel  in  Schwefelsäure ­
  unter  Zusatz  von  etwas  Salpetersäure,
•Heist  aber  durch  Auflösen  von  Nickeloxydul
oder  -karbonat  in  verdünnter  Schwefelsäure.  Es
kristallisiert  in  harten  smaragdgrünen  Kristallen
v on  der  Formel  NiS0 4 -j~7H 2 O,  die  leicht  verbittern, ­
  bei  Erwärmung  eine  blaugrüne  Färbung
a nnehmen  und  leicht  löslich  in  Wasser,  dagegen
unlöslich  in  Alkohol  sind.  N.  ist  das  wichtigste
Nickelsalz,  das  hauptsächlich  zur  galvanischen
'  ernickelung  Verwandt  wird.
Niederseifers.  Dieser  muriatische  Säuerling,
das  gewöhnliche  Selterswasser  des  Handels,
besitzt  nach  R.  Fresenius  (1863)  folgende  Zusammensetzung: ­
  jooo  Gewichtsteile  enthalten:
■Bikarbonate  des  Natriums  1,2366g,  Lithiums
0,0050  g,  Ammoniums  0,0068  g,  Kalziums  0,4438  g,
Bariums  0,0002  g,  Strontiums  0,0028  g,  Magne-Sl
 urns  0,3081  g,  Eisenoxyduls  0,0042  g,  Mangan-°xy
  duls  0,0007  g;  C  h  1  o  r  i  d  e  des  Kaliums  0,0176  g,

Natriums  2,3346  g,  Bromnatrium  0,0009  g&amp;gt;  Jodnatrium ­
  Spur,  schwefelsaures  Kalium  0,0463  g,
Aluminiumphosphat  0,0004  g,  Natriumphosphat
0,0002  g,  Natriumborat  Spur,  Natriumnitrat
0,0061  g,  Kieselsäure  0,0212  g  und  2,2354  g  freie
Kohlensäure.
Nieswurz.  Diesen  Namen  führen  im  Drogenhandel ­
  verschiedene  Wurzeln,  die  man  als
schwarze,  weiße  und  grüne  Nieswurz  zu
unterscheiden  pflegt.  Von  diesen  ist  in  das
Deutsche  Arzneibuch  nur  noch  die  weiße  aufgenommen, ­
  während  die  früher  offizinell  gewesene ­
  schwarze  und  grüne  gestrichen  sind.
Die  schwarzeN.  (lat.  Rhizoma  hellebori  nigri,
frz.  Ellöbore  noir,  engl.  Christmas  root)  stammt
von  einer  zu  den  Ranunkulazeen  gehörigen
krautartigen  Pflanze,  Helleborus  niger,  die
auf  den  Apenninen,  Pyrenäen  und  einem  Teil
der  Alpen  \yächst&amp;lt;  Die  außen  schwarzbraune,
innen  weiße  Wurzel  ist  rundum  mit  strohhalmdicken, ­
  helleren  Wurzelästen  besetzt.  Ihr  Pulver
erregt  heftiges  Niesen  und  wirkt  giftig.  —  Die
grüne  Nieswurz  (lat.  Rhizoma  hellebori  viridis, ­
  frz.Ellöbore  vert,  engl.  Green  hellebore  root)
von  Helleborus  viridis,  mit  grünlichen
Blüten,  ist  der  schwarzen  ähnlich,  aber  noch
dunkler  gefärbt  und  schärfer.  Sie  ist  geringelt,
bis  2,5  cm  dick  und  mehrere  Zentimeter  lang
und  zeigt  auf  dem  Querschnitte  einen  kreuzförmigen ­
  Holzkörper.  Man  sammelt  beide  Wurzeln ­
  zur  Verhütung  von  Verwechslungen  mit
den  grundständigen  Blättern.  —  Die  weiße
N.  (lat.  Rhizoma  veratri  s.  hellebori  albi,  frz.
Racine  d’ellöbore  blanc,  engl.  White  hellebore
root)  ist  der  Wurzelstock  von  Veratrum  album,
  einer  zu  den  Kolchizeen  gehörenden ­
  9—12  dm  hohen  Pflanze  mit  grünlichweißen ­
  oder  grünen  Blüten,  welche  im  Volksmunde ­
  weißer  Germer  genannt  wird  und  auf
hohen  Gebirgen  (Riesengebirge,  1  Karpathen,
Alpen)  wächst.  Der  Wurzelstock  ist  konisch  geformt, ­
  7—10  cm  lang,  oben  bis  3!^  cm  im
Durchmesser,  öfter  mehrköpfig,  außen  aschgrau, ­
  im  Durchschnitt  weißlich  und  zeigt  eine
braune  geschlängelte  Linie  zwischen  Kern  und
Rinde.  Er  treibt  eine  Menge  dünner  Fasern  aus,
die  man  vor  dem  Trocknen  al^schneidet,  und
zeigt  daher  helle  Schnittnarben.  Der  Geschmack
der  Wurzel  ist  brennend  scharf  und  bitter,  ihr
Staub  erregt  heftiges,  anhaltendes  Niesen,  und
das  Pulvern  muß  unter  besonderen  Vorsichtsmaßregeln ­
  geschehen.  Innerlich  wirkt  N.  Erbrechen ­
  erregend  und  stark  giftig.  Das  Pulver
wird  besonders  in  der  Tierheilkunde  äußerlich
gegen  Räude  und  andere  Hautübel  verwendet
und  bildet  einen  Bestandteil  des  Schneeberger
Schnupftabaks  und  ähnlicher  Niespulver.  Als
wirksame  Bestandteile  enthält  die  weiße  N.
zwei  Alkaloide,  das  Veratrin  (s.  d.)  und  das
Jervin,  von  denen  das  erstere  auch  medizinische ­
  Verwendung  findet,  die  schwarze  N.  ein
scharfes  Glykosid,  das  Helleborein,  und  die
grüne  außer  diesem  auch  noch  ein  anderes  Glykosid, ­
  das  Helleborin.
Nigeröl  (frz.  Huile  de  Niger,  engl.  Nigerseed
  oil),  das  in  Menge  von  etwa  360/0  aus  den
Samen  der  in  Ostindien  und  Abessinien  angebauten ­
  Komposite  Ginzatia  oleifera  gewonnene ­
  fette  öl,  hat  eine  gelbe  Farbe  und
        <pb n="305" />
        Nijmoholz

300

Nitronaphthalin

nußartigen  Geschmack  und  gehört  zu  den
schwächer  trocknenden  Ölen.  Das  spez.  Gew.
beträgt  bei  15 0  0,925—0,927,  die  Verseifungszahi
  189—192,  die  Jodzahl  127—134.  Das  auch
nach  Europa  eingeführteöl  eignet  sich  zu  Speiseund
  Beleuchtungszwecken  und  zur  Seifenfabrikation.
  —■  Auch  Baumwollsamenöl  (s.  d.)  wird
als  N.  bezeichnet.
Nijmoholz  (Njimoholz)  wird  aus  den  Hinterländern ­
  von  Kamerun  teils  in  Form  spärlich
mit  Rinde  bedeckter  Scheiben,  teils  in  gleichmäßig ­
  berindeten  Wurzelabschnitten  eingeführt,
die  beide  im  Innern  eine  schöne  gelbe  Farbe
sowie  bisweilen  rötliche  Flecken  zeigen  und
einen  gelben  alkoholischen  Auszug  mit  lebhaft
grüner  Fluoreszenz  liefern.  Das  Holz  besitzt
einen  eigentümlichen  Moschusgeruch  und  stammt
wahrscheinlich  von  demselben  Baume,  welcher
die  Donndackerinde  liefert.
Nikotin  (lat.  Nicotinum,  frz.  und  engl.  Nicotine), ­
  das  in  dem  Tabak  enthaltene,  sehr  giftige ­
  Alkaloid,  Ci 0 H u N 2 ,  ist  frisch,  bereitet  eine
farblose,  ölige  Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.  1,012,
wird  aber  durch  Einwirkung  von  Luft  und  Licht
sehr  bald  gelblich  und  schließlich  braun.  Es
besitzt  einen  unangenehmen,  betäubenden  Tabaksgeruch, ­
  der  heftige  Kopfschmerzen  verursacht. ­
  Ein  Tropfen  genügt,  um  eine  Taube,
die  doppelte  Menge,  um  einen  Hund  zu  töten.
Das  N.  ist  sowohl  in  Wasser,  als  auch  in  Alkohol ­
  und  in  Äther  leicht  löslich  und  muß  in  gut
verschlossenen,  vollgefüllten  Fläschchen  an  dunklen ­
  Orten  aufbewahrt  werden.  Neuerdings  wird
vorgeschlagen,  das  weinsaure  N.  (lat.  Nicotinum ­
  bitartaricum)  anstatt  des  reinen  N.  medizinisch ­
  zu  verwenden,  da  dieses  Salz  leicht
kristallisiert  und  sehr  haltbar  ist.  Vgl.  ferner
Tabak.
Nilblau,  ein  seit  1888  bekannter  Oxazinfarbstoff,
  besteht  aus  dem  Sulfat  des  Diaethylamidophenoamidonaphtoxazoniums
  und
wird  aus  Nitrosodimethylmetaamidophenol  und
a-Naphthylamin  hergestellt,  während  bei  Mitwirkung ­
  von  benzyliertem  Naphthylamin  das
Nilblau  BB  entsteht.  Der  Farbstoff  bildet  ein
grünes,  bronzeglänzendes  Kristallpulver,  das  in
warmem  Wasser,  Alkohol  und  Pyridin  leicht
mit  blauer  Farbe  löslich  ist.  In  konzentrierter
Schwefelsäure  löst  er  sich  mit  orangeroter
Farbe,  die  beim  Verdünnen  mit  Wasser  durch
Grün  in  Blau  übergeht.  Das  N.  eignet  sich  zum
Färben  von  Seide  und  Wolle  ohne  Beize.
Baumwolle  wird  nach  dem  Beizen  mit  Tannin
und  Brechweinstein  blau  gefärbt.
Niobeöl  (frz.  Essence  de  Niobe,  engl.  Niobe
oil),  eine  wohlriechende  ölige  Flüssigkeit  für
Parfümeriezwecke,  besteht  aus  Benzoesäuremethylester. ­

Nitragin,  ein  Mittel,  die  Stickstoffassimilation
von  Ackererde  zu  erhöhen,  besteht  aus  einer
Anschwemmung  von  Knöllchenbakterien.
Nitrate  (Ableitung  von  nitrum,  Salpeter)  ist
der  Name  für  die  salpetersauren  Salze,
z.  B.  Kaliumnitrat,  salpetersaures  Kali,  gewöhnlicher ­
  Salpeter.  Nitrite  sind  dagegen  salpetrigsaure ­
  Salze.
Nitrolarbstoffe  nennt  man  diejenigen  Teerfarbstoffe ­
  (s.  d.),  die  durch  Eintritt  der  Nitrogruppe,
  N0 2 ,  in  aromatische  Amine  oder  Phenole ­

  entstehen.  Zu  ihrer  Darstellung  nitriert
man  entweder  direkt  die  entsprechenden  Amine
und  Phenole,  oder  man  führt  sie  zunächst  in
die  Sulfosäure  über  und  behandelt  diese  mit
Salpetersäure.  Die  Gruppe  umfaßt  nur  gelbe
saure  Farbstoffe,  die  Wolle  und  Seide  grünstichig ­
  bis  orangegelb  färben,  Baumwolle  hingegen ­
  nicht.  Beim  Erhitzen  verpuffen  sie,  in
konzentrierter  Schwefelsäure  lösen  sie  sich  tait
gelber  Farbe.  Von  den  wichtigsten  Gliedern  der
Gruppe  sind  Aurantia,  Pikrinsäure  und
Naphtolgelb  in  besonderen  Aufsätzen  behandelt. ­

Nitroglyzerin  (Glonoin,  Sprengöl,  Trinitroglyzerin,
  Nitroleum,  Salpetersäuretriglyzerid, ­
  Salpetersäureglyzerinester,
Glyzerintrinitrat,  frz.  Nitroglyc6rine,  engl.
Nitroglycerin).  Nachdem  durch  die  Erfindung
der  ‘Schießbaumwolle  die  Aufmerksamkeit  der
Chemiker  auf  die  Sprengwirkung  der  Nitrokörper,
  richtiger  der  Salpetersäureester,  gelenkt ­
  worden  war,  ging  man  dazu  über,  auch
die  analoge  Verbindung  des  Glyzerins  darzustellen. ­
  Die  Herstellung  gelang  gleichzeitig  in
Europa  und  in  Amerika,  wo  man  dem  Präparate ­
  den  Namen  Glonoin  beilegte.  Im  großen
wurde  das  N.  jedoch  erst  seit  1864  von  dem
Schweden  Nobel  gewonnen,  der  es  unter  dem
Namen  Sprengöl  in  die  Praxis  einführte.  Die
Herstellung  erfolgt  im  Prinzip  in  der  Weise,  daß
man  in  ein  kaltes  Gemisch  von  konzentrierter
Salpetersäure  und  Schwefelsäure  in  langsamem
Strahle  möglichst  reines  Glyzerin  unter  Umrühren ­
  einfließen  läßt  und  gleichzeitig'  durch
beständige  Kühlung  die  Temperatur  unter  30 0
hält.  Das  sich  oben  ansammelnde  Reaktionsgemisch ­
  wird  abgehoben,  mit  Wasser  und
Sodalösung  gewaschen  und  durch  Filz  oder
Kochsalz  filtriert.  Sorgfältige  Entfernung  aller
Säurespuren  ist  unbedingt  erforderlich,  weil
hiervon  die  Haltbarkeit  abhängt.  Das  reine  N„
C 3 H 5 (0N02)3,  bildet  eine  farblose  bis  blaßgelbliche ­
  ölige  Flüssigkeit,  die  schwerer  als  Wasser
ist  und  sich  in  diesem  nicht  löst,  hingegen
in  Alkohol,  Äther  und  Benzol  leicht  löslich
ist.  Das  spez.  Gew.  beträgt  1,600.  Das  N.
ist  sehr  giftig,  und  schon  seine  Dämpfe  verursachen ­
  anhaltende  Kopfschmerzen.  Es  erstarrt ­
  bei  etwa  -(-8°  zu  langen  Kristallnadeln
(Gefrorenes  N.),  welche  bei  -f-11 0  schmelzen.
Beim  Erhitzen  auf  257 0  sowie  durch  Schlag
tritt  heftige  Explosion  ein.  Auf  letzterer  beruht
seine  Verwendung  als  Sprengmittel,  Die  Sprengwirkung ­
  übertrifft  diejenige  des  gewöhnlichen
schwarzen  Sprengpulvers  um  das  10—13  fache,
denn  die  im  Augenblick  der  Explosion  entstehenden ­
  Gase  nehmen  den'io4oofachen  Raum
des  Öles  ein.  Die  mit  dem  Gebrauch  und  Verladen ­
  verbundenen  Gefahren  veranlaßten,  daß
das  reine  N.  vom  Versand  ausgeschlossen
wurde,  und  zurzeit  nur  noch  im  Gemisch  mit
porösen  festen  Stoffen,  Kieselgur,  Sägemehl  als
sog.  Dynamit  zhr  Anwendung  gelangt.
Nitron,  Diphenylendiiminodihydrotriazol,  gibt
eine  unlösliche  Verbindung  mit  Salpetersäure
und  wird  zum  Nachweis  und  zur  Bestimmung
der  letzteren  benutzt.
Nitronaphthalin,  eine  zur  Bereitung  gewisser
Farben  dienende  Nitroverbindung,  Cj 0 H 7 .NO 2 ,
        <pb n="306" />
        Nitrophosphate

301

Nüsse

wird  durch  Behandlung  vonNaphthalin  mit  einer
Mischung  von  Salpetersäure  und  Schwefelsäure
gewonnen  und  bildet  gelbe  prismatische  Kristalle,
die  unlöslich  in  Wasser,  aber  in  Alkohol,  Äther
und  Schwefelkohlenstoff  leicht  löslich  sind.  Das
N.  schmilzt  bei  6i°,  der  Siedepunkt  liegt  bei
304 0  C.
Nitrophosphate,  die  aus  Knochenmehl,  Guano
oder;  Phosphorit  mit  Salpetersäure  (anstatt  der
Schwefelsäure)  bereiteten  Superphosphate,  kommen ­
  nur  selten  im  Handel  vor,  weil  sie,  obgleich ­
  als  Düngemittel  sehr  wirksam,  zu  teuer
sind  und  an  der  Luft  rasch  feucht  werden.
Nitroprussidnatrium  (Nitroferridzyannatrium,
  lat.  Natrium  nitroprussicum,  frz.
Nitroprussiate  de  soude,  engl.  Nitroprussiate  of
soda),  das  empfindlichste  Reagens  auf  in  Wasser
lösliche  Sulfide,  wird  dargestellt,  indem  man
gelbes  Blutlaugensalz  mit  verdünnter  Salpetersäure ­
  unter  Erwärmen  mischt  und  die  saure
Flüssigkeit  mit  kohlensaurem  Natrium  sättigt,
filtriert  und  zur  Kristallisation  verdampft.  Beim
Umkristallisieren  aus  Alkohol  wird  das  Salz  in
rubinroten  Kristallen  erhalten,  die  dem  roten
Blutlaugensalz  ähnlich  sind.  Alkalisulfidlösungen ­
  färben  sich  auf  Zusatz  des  Reagens  sofort ­
  purpurrot  bis  blau,  während  mit  Schwefelwasserstoff ­
  keine  Färbung  entsteht.  Aus  dem
N.  wird  durch  Fällung  mit  Kupfervitriol  das
Nitroprussidkupf  er  (lat.  Cuprum  nitroprussicum) ­
  erhalten,  ein  nach  dem  Trocknen  graugrünes ­
  Pulver,  das  zur  Prüfung  ätherischer  Öle
auf  Fälschung  mit  Terpentinöl  oder  anderen
sauerstofffreien  Ölen  dient.  Beim  Erhitzen  in
sauerstoffhaltigen  Ölen  färbt  sich  das  Pulver
schwarz  oder  schwarzgrau,  und  das  Öl  nimmt
andere,  dunklere  Färbung  an,  während  mit  Terpentinöl ­
  oder  anderen  sauerstofffreien  Ölen  keine
Veränderung  eintritt.
Nitrosophenolfarbstof  f  e  (C  h  i  n  o  n  o  x  i  rn  f  a  r  b  -
Stoffe)  enthalten  die  Atomgruppe  NO  .  OH
und  entstehen  durch,  Einwirkung  von  salpetriger ­
  Säure  auf  Phenole  wie  Resorzin,  Naphtol
  u.  a.  Die  sauren,  meist  grünen  Farbstoffe
der  Gruppe  dienen  zur  Beizenfärbung  und
geben  mit  Eisenhydroxyd  grüne,  mit  Chromhydroxyd ­
  braune  Lacke  von  hoher  Licht-  und
Waschechtheit,  Als  wichtigste  Glieder  der  Reihe
seien  angeführt:  Solidgrün  (Dinitroresorzin),
Naphtholgrün  B  (Eisensalz  des  nitrosonaphtolsulfosauren
  Natriums),  Gambin  R  u.  V  oder
Elsässergrün  J  (Nitrosonaphtol),  Dioxin
(Nitrosodioxynaphtalin).
Nitrotoluol,  ein  für  die  Teertarbenfabrikation
unentbehrliches  chemisches  Präparat,  C7H7NO2,
bildet  drei  isomere  Modifikationen,  Ortho-,
Meta-  und  Paranitrotoluol.  —  Ersteres  ist
eine  gelbe  P'lüssigkeit  von  bittermandelölähnlichem
  Geruch,  einem  spez.  Gew.  von  1,163  und
dem  Siedepunkt  218,5 0  C.  ln  der  Kälte  wird
nicht  fest.  —  Das  Metanitrotoluol  erstarrt  in
der  Kälte,  schmilzt  dann  wieder  bei  16°  C  und
siedet  bei  230,5°  C.  —  Das  Paranitrotoluol  bildet ­
  bei  gewöhnlicher  Temperatur  weiße  glänzende ­
  Kristalle,  die  einen  mehr  an  Anis  als  an
Bittermandelöl  erinnernden  Geruch  besitzen.  Sie
schmelzen  bei  54°  und  sieden  bei  237 0  C.  —
Außerdem  gibt  es  noch  mehrere  Binitrotoluole

  oder  Dinitrotoluole  und  Trinitrotoluole.

Nitrum  (lat.)  bedeutet  Salpeter,  N.  cubicum
  Chilesalpeter,  N.  flammans  salpetersaures
Ammoniak,  N.  prismaticum  gewöhnlicher  Salpeter, ­
  N.  tabulatum  geschmolzener  Salpeter  in
Plätzchenform.
Nörzfelle  (Minks).  Der  Nörz  oder  Nerz,
die  sog.  Sumpfotter  (Mustela  lutreola),  ein
dem  Marder  ähnliches  Raubtier,  lebt  im  nördlichen ­
  Europa,  Asien  und  Amerika  und  kommt
auch  in  Norddeutschland  vereinzelt  vor.  Das
etwa  50,  mit  dem  Schwänze  64  cm  lange  Tier
hat  ein  glänzend  kastanienbraunes  Oberhaar,
das  nicht  so  lang  als  beim  Zobel  wird,  und
darunter  einen  graubraunen  Flaum.  Kehle  und
Brust  sind  bei  dem  russischen  und  asiatischen
N.  fast  immer  weiß,  während  die  amerikanischen ­
  nur  an  der  Lippe  weiße  Auszeichnung
besitzen.  Nörz  ist  ein  beliebtes  Pelzwerk,  welches ­
  im  allgemeinen  zwischen  Zobel  und  Edelmarder ­
  eingereiht  wird.  Die  Handelsware
stammt  aus  Rußland  und  Nordamerika,  wo
besonders  die  Ostküste,  Neuengland  und  Maine
die  feinsten  und  dunkelsten  Felle  liefern.
Nopalin,  ein  schöner  roter  Farbstoff  für  Seide
und  Wolle,  besteht  aus  einer  Mischung  von
Binitronaphthol  mit  Bibromnitrofluoreszein.
Nosophen  (Jodophen),  ein  als  Jodoformersatz ­
  empfohlenes  Antiseptikum,  entsteht  bei
der  Behandlung  von  alkalischer  Phenolphtaleinlösung
  mit  Jodjodkalium  als  ein  gelbes  geruchund
  geschmackloses  Pulver,  das  in  Wasser  und
Säuren  unlöslich  ist,  von  Äther  und  Chloroform
aber  leicht  aufgenommen  wird.  N.  ist  in  chemischer ­
  Hinsicht  Tetrajodphenolphtalein.
Novaspirin  wird  durch  Einwirkung  von  Phos^-phorpentachlorid
  auf  Anhydromethylenzitronensäure
  und  nachfolgende  Veresterung  des  Reaktionsproduktes ­
  mit  Salizylsäure  dargestellt  und
ist  demnach  der  Disalizylsäureester  der  Anhydromethylenzitronensäure.
  Das  in  Wasser  gar
nicht,  in  Alkohol  und  Äther  leicht  lösliche  weiße
Pulver  vom  Schmelzpunkt  151°  wird  anstatt  des
Aspirins  angewandt,  dessen  unangenehme  Nebenwirkungen ­
  ihm  fehlen.
Novokain  ist  ein  färb-  und  geruchloses  Kristallpulver, ­
  das  sich  in  Wasser  und  Alkohol  lölt
und  für  sich  oder  mit  Suprarenin  als  wenig
giftiger  Kokainersatz  für  lokale  Anästhesie  benutzt ­
  wird.  N.  ist  das  salzsaure  Salz  des
Paraamidodiäthylaminoäthanols.
Nüsse  (lat.  Nuces,  frz.  Noix,  engl.  Nuts).
Unter,  dem  Namen  Nüsse  ohne  nähere  Bezeichnung ­
  begreift  man  im  Handel  gewöhnlich ­
  nur  die  Walnüsse  oder  welschen
Nüsse  und  die  Has-elnüsse.  —  Der  stattliche
Walnußbaum  (Juglans  regia)  stammt  aus
Persien,  wanderte  schon  im  Altertum  nach  dem
Westen  aus  und  wird  gegenwärtig  im  südlichen ­
  und  mittleren  Europa  häufig  angebaut.
Die  Römer  nannten  die  Nuß  Juglans,  Jupiters
Eichel.  In  Deutschland  finden  sich  die  Nußbäume ­
  in  den  nördlichen  Gegenden  nur  vereinzelt ­
  und  bringen  auch  nicht  immer  reife
Früchte  hervor,  hingegen  sind  sie  angepflanzt
im  Süden  und  Südwesten,  in  den  Rheingegenden, ­
  in  Franken,  Mähren,  Tirol,  der  Schweiz,
|  m  vielen  Departements  von  Frankreich  und
        <pb n="307" />
        N  ußbaumholz

302

Oblaten

Belgien  ziemlich  häufig.  Durch  lange  Kultur
sind  verschiedene  Abarten  entstanden,  so  die
Steinnuß,  mit  dicker  harter  Schale,  aus  welcher ­
  der  Kern  schwer  herauszubringen  ist,  daher ­
  auch  Grübelnuß  genannt,  die  Pferdenuß, ­
  von  mehr  als  doppelter  Größe,  mit  weniger ­
  wohlschmeckendem  Kern,  die  leicht  zerdrückbare ­
  dünnschalige  Nuß,  die  Johannisnuß, ­
  deren  Träger  erst  um  Johannis  ausschlägt, ­
  und  die  Blutnuß,  mit  teilweise  blutrotem ­
  Kern.  Die  lufttrockenen  Kerne  haben
einen  beträchtlichen  Nährwert,  da  sie  neben
16—17  0/0  Eiweiß,  13  0/0  stickstofffreien  Extraktstoffen ­
  und  2  0/0  Asche  mehr  als  580/0  Fett  enthalten. ­
  —  Außer  der  Verwendung  zum  Rohessen ­
  und  in  der  Konditorei  werden  sie  daher
zum  Auspressen  des  Öls  (s.  Nußöl),  und  die
Preßrückstände  als  Viehfutter  benutzt.  —  Die
unreifen,  grünen,  noch  weichen  Walnüsse  werden ­
  mit  der  Außenschale  mit  Zucker  und  Gewürzen ­
  zu  einer  herbsüßen  Konfitüre  eingelegt ­
  und  dienen  auch,  mit  Gewürzen  und  Franzbranntwein ­
  angesetzt,  zur  Darstellung  eines
wohlschmeckenden  Likörs.  Die  grünen  Schalen
der  reifen  Walnüsse,  die  beim  Trocknen  braun
werden,  benutzt  man  zum  Braunfärben  und  zu
Holzbeizen.  Die  grünen  Schalen,  die  unreifen
ganzen  Früchte  und  die  Blätter  finden  Verwendung ­
  zu  Abkochungen  und  Extrakten.  —
Die  in  ganz  Europa  wild  wachsenden  Haselnüsse, ­
  von  Corylus  avellana  sowie  die  mehr
im  Süden  heimischen  und  bei  uns  gezogenen
Lamberts-,  d.  h.  langbärtigen  N.,  von  Corylus ­
  tubulosa,  haben  ähnliche  Zusammensetzung ­
  wie  die  Walnuß.  Die  Lambertsnuß
wird  in  Italien  und  a.  a.  O.  kultiviert  und  wächst
wild  in  der  Krim.  Aus  der  neapolitanischen
Provinz  Terra  di  Lavora,  dem  alten  Kampanien, ­
  stammt  eine  besonders  große  Sorte,  die
nach  der  Stadt  Avella  Avellanen  genannt
wird,  und  auch  aus  der  Türkei  kommt  eine
besondere  Art,  Corylus  colurna,  mit  großen,
sehr  harten  und  fast  kugelrunden  Früchten.
Nußbaumholz  (Walnußbaü  mholz,  frz.  Bois
de  noyer,  engl.  Wood  of  nut-tree),  das  Holz
von  Juglans  regia  (vgl.  Nüsse),  bildet  ein
sehr  beliebtes  und  wertvolles  Nutzholz  für  die
Möbeltischlerei.  Es  ist  dunkelbraun,  oft  schwärzlich ­
  geadert  und  besitzt  sehr  charakteristische
lange  Poren,  die  jedoch  nicht  so  groß  sind,  wie
die  des  Eichenholzes.  Das  sehr  feste  und  dauerhafte ­
  Holz  nimmt  eine  sehr  schöne  Politur  an
und  wird  zu  Bildschnitzereien  und  Drechslerarbeiten, ­
  Gewehrschäften  und  Furnieren  verwandt. ­
  Auch  die  Knorren,  Wurzelstöcke  und

Auswüchse  sind  wegen  ihrer  schönen  Maserung ­
  sehr  gesucht.  Man  unterscheidet  im  Handel
italienisches,  schweizerisches,  rheinisches ­
  und  böhmisches  N.  Das  Holz  junger
Bäumchen  ist  noch  weiß,  aber  sehr  zäh  und
biegsam  und  wird  daher  zu  Peitschenstielen
verarbeitet.  Als  nordamerikanisches  N.  wird
meist  das  Hickoryholz  bezeichnet,  jedoch
kommt  unter  gleichem  Namen  auch  das  Holz
einer  anderen  Nußbaumart,  Juglans  nigra,  zu.
uns,  das  im  Bau  dem  europäischen  ähnlich  und
von  gleichmäßig  brauner  Farbe  ist.
Nußblätter  (Walnußblätter,  lat.  Folia  juglandis,
  frz.  Feuilles  de  noyer,  engl.  Walnut-tree
leaves),  die  ganzrandigen,  eiförmigen  Blätter
von  Juglans  regia,  besitzen  einen  aromatischen ­
  Geruch  und  bitterlich  herben  Geschmack
und  .werden  vielfach  zu  Bädern  sowie  innerlich ­
  als  bluterzeugendes  Mittel  benutzt.  Als.
hauptsächliche  Bestandteile  enthalten  sie  ätherische ­
  Öle,  Gerbstoff  und  Juglon.
Nußöl,  das  fette  Öl  der  Walnüsse,  Wal-,
nußöl  (Welschnußöl,  lat.  Oleum  juglandis,
frz.  Huile  de  noix,  engl.  Nut-oil),  ist  im  frischen
Zustande  und  kalt  gepreßt  fast  farblos  und  von
feinem,  angenehmem  Geschmack,  während  das
warm  gepreßte  Öl  stark  grünlichgelb  gefärbt  ist
und  einen  scharfen  Geruch  und  Geschmack
zeigt.  Das  spez.  Gew.  bei  15°  beträgt  0,925,
die  Verseifungszahl  190—196,  die  Jodzahl  142.
Der  Erstarrungspunkt  liegt  erst  bei  —27,5°.
Das  N.  gehört  zu  den  trocknenden  Ölen,  trocknet ­
  besser  als  Leinöl  und  wird  daher  gern  in
der  feinen  Ölmalerei  angewandt.  Neuerdings
werden  auch  in  Ostindien  unter  dem  Namen
Akrot-ki-tel  große  Mengen  Walnußöl  gewonnen. ­
  Das  kalt  gepreßte  gibt  ein  gutes
Tafelöl.
Nutrol  (Nural),  ein  sog.  „künstlich  verdautes
stärkemehlhaltiges  Nahrungsmittel",  besteht  im
wesentlichen  aus  einem  mit  etwas  Salzsäure
und  Bromelin  versetzten  Stärkesirup  und  scheint
wegen  der  ungünstigen  Beurteilung  aus  dem
Handel  verschwunden  zu  sein.
Nutrose,  ein  lösliches  Protein-Nährmittel ­
  der  Farbwerke  vorm.  Meister,  Lucius
&amp;amp;  Brüning,  wird  durch  Behandlung  von  trockenem ­
  Kasein  mit  Ätznatron  und  Alkohol  dargestellt. ­
  Das  weiße,  geruch-  und  geschmacklose ­
  Pulver  ist  nahezu  reines  wasserlösliches
Kaseinnatrium  und  enthält  nach  König
10,070/0  Wasser,  82,81  0/0  Stickstoffsubstanz  (davon ­
  78,67  0/0  löslich),  0,400/0  Fett,  3,040/0  stickstofffreie ­
  Extraktstoffe  und  3,68  °/o  Asche.

Oblaten  (frz.  Oublies,  Hosties,  engl.  Wafer)
sind  dünne  blattartige  Scheiben,  die  aus  einem
Weizenmehlteige  zwischen  eisernen  Platten  oder
in  Formen  gebacken  werden.  Größere  Tafeln,
die  den  Konditoren  als  Unterlage  zu  Lebkuchen
und  anderem  Gebäck  dienen,  heißen  Tafeloblaten. ­
  Kirchenoblaten  oder  Hostien
werden  in  figurierten  Formen  gebacken,  Briefoder ­

  Siegeloblaten  durch  runde  Stecheisen
aus  den  ganzen  Blättern  ausgestochen,  doch
sind  die  letzteren  seit  Einführung  der  gummierten ­
  Briefumschläge  fast  ganz  außer  Gebrauch
gekommen.  —  Eine  größere  Bedeutung  haben
die  Einnehmeoblaten,  die  aus  zwei  am
Rande  verbundenen,  in  der  Mitte  vertieften,
scheibenförmigen  O.  bestehen  und  zur  Um ­
        <pb n="308" />
        Obsidian

303

Obst

hüllung  iibelschmeckender  Arzneimittel  dienen.
—  Die  in  neuerer  Zeit  aufgekommenen  durchsichtigen ­
  farbigen  O.  bestehen  aus  Blättern
von  gefärbter  Gelatine,  die  auf  blanke  Metalltafeln ­
  flüssig  ausgegossen  und  eingetrocknet  ist.
Obsidian  (Lavaglas,  isländischer  Achat)
ist  ein  Mineral  vulkanischen  Ursprungs,  eine
glasartige  Lava  oder  vielmehr  natürliches
vulkanisches  Glas,  das  durch  Eisenoxydoxydulsilikat ­
  schwarz  gefärbt  erscheint  und  in
seinem  gewöhnlichen  Vorkommen  ganz  das
Aussehen  von  Flaschenglas  besitzt.  O.  ist  braungelb, ­
  rauchbraun,  grau,  dunkelgrün  oder  ganz
schwarz  gefärbt,  glasglänzend,  in  verschiedenen
Graden  durchsichtig  oder  durchscheinend,  und
zeigt  muscheligen  Bruch.  Die  Härte  beträgt
5—sVa 0 .  Das  Mineral  läßt  sich  wegen  seiner
Sprödigkeit  nur  schwierig  bearbeiten,  nimmt
aber  schöne  Politur  an  und  wird  in  seinen  ganz
schwarzen  Sorten  zu  Trauerschmuck,  Dosen,
Knöpfen,  Messerheften,  Spiegeln  für  Polarisationsinstrumente ­
  usw.  verarbeitet.  Eine  Abart,
der  schillernde  O.,  wirft  einen  grüngelben
Lichtschein  und  wird  zuweilen,  in  Kappenform
geschliffen,  als  Ringstein  verwandt.
Obst  (frz.  Fruits,  Fruitage,  engl.  Fruits).
Unter  diesem  Namen  faßt  man  eine  große  Zahl
von  Früchten  und  Scheinfrüchten  zusammen,
die  wegen  ihres  saftigen  Fleisches  und  ihres
Gehalts  an  Zucker,  organischen  Säuren  und
Aromastoffen  sowohl  roh  als  auch  in  verschiedenen ­
  Zubereitungsformen  genossen  werden.
Das  O.  wird,  abgesehen  von  gewissen  im
Walde  wild  wachsenden  Beerenfrüchten,  meist
in  Gartenkultur  oder  in  besonderen  Anlagen
gezüchtet,  und  diese  Kultur  ist  uralt.  Schon  die
alten  Syrer  und  Phönizier  verstanden  sich  auf
die  Veredelung  und  trieben  Obstbau,  der  von
den  Griechen  und  Römern  vervollkommnet  und
von  Mönchen  zur  Zeit  Karls  des  Großen  bei
uns  eingeführt  wurde.  Leider  wird  die  Ernte
durch  harte  Winter,  Spätfröste,  Nässe  zur  Zeit
der  Blüte,  naßkalte  Sommer,  Hagelschlag,  tierische ­
  und  pflanzliche  Schädlinge  oft  in  Frage
gestellt.  Aber  im  Durchschnitt  ist  der  Ertrag
bei  Geschick  und  Fleiß,  guter  Pflege  und  Auswahl ­
  passender  Sorten  doch  sehr  groß,  und
besonders  in  Deutschland  bemühen  sich  daher
2 ahlreiche  Vereine  und  Lehranstalten  um  die
Ausdehnung  des  Obstbaus.  Gerade  unser  ge-■häßigtes
  Klima  ist  zur  Züchtung  feiner  Tafel-°bstsorten
  außerordentlich  geeignet,  während
die  Früchte  in  den  Tropen  an  Geschmack  verlieren. ­
  Selbst  das  in  großen  Mengen  zu  uns
Angeführte  amerikanische  O.  steht  unseren  Sorten ­
  an  Güte  weit  nach.  Die  vorzüglichsten
Lagen  befinden  sich  zwischen  dem  Anbaugebiet
  des  Weins  und  Ölbaums,  utid  zwar  ver-i
langen  sie  im  Norden  mehr  Sonne  und  Schutz
Segen  rauhe  Winde,  im  Süden  mehr  Beschattung. ­
  Alle  Obstbäume  erfordern  Tiefgründigkeit. ­
  Lockeres,  steiniges  Geröll,  besonders
v °n  Kalkstein,  ist  noch  besser  als  schwerer
oniger  oder  torfig-humoser  Boden.  Gute  Pflege,
re ichliche  Düngung,  sorgfältiger  Schnitt  sodie
  Wahl  der  richtigen,  dem  Klima  und
“Oden  angemessenen  Sorten  sind  Hauptbedingungeu
  für  einen  reichen  Ertrag.  Besondere
Sorgfalt  muß  der  Ernte  und  Aufbewahrung  des

O.  gewidmet  werden.  Nur  das  bei  Sonnenschein ­
  vorsichtig  gepflückte  O.  hält  sich  längere ­
  Zeit,  wenn  es  vor  jedem  Druck  bewahrt
wird.  Man  hebt  es  in  luftigen  frostfreien
Kellern  oder  besonderen  Obstkammern,  am
besten  auf  strohbedeckten  Lattengerüsten  auf.
Die  einzelnen  Stücke  (Äpfel,  Birnen)  dürfen
sich  nicht  berühren  und  müssen  häufig  nachgesehen ­
  werden.  Fleckige  Früchte  sind  sofort
zu  entfernen.  Kirschen  lassen  sich  nicht  lange
frisch  aufbewahren,  Pflaumen  nur  für  einige
Monate,  wenn  man  sie  mit  den  Stielen  fest  in
Steintöpfe  packt,  Weintrauben,  indem  man
sie  paarweise  zusammengebunden  frei  aufhängt.
Das  O.  muß  nach  vollendeter  Reife  geerntet,
aber  vor  dem  Erfrieren  geschützt,  werden,  da
gefrorenes  O.  seinen  Geschmack  verliert  und
leicht  fault.  —  In  botanischer  Hinsicht  bezeichnet ­
  man  als  O.  sowohl  ganze  Früchte  oder
Fruchtstände  als  auch  Teile  derselben,  ferner
fleischige  Fruchtschalen,  Samen,  Blütenböden,
Blütenblätter,  Deckblätter  und  ganze  Blütenstände ­
  und  unterscheidet  demnach  je  nach  der
einen  oder  anderen  Abstammung:  Kern-,
Stein-,  Beeren-  und  Schal-O.,  bisweilen
auch  noch  die  U  nterabteilungen:  k  a  p  s  e  1  -
artige,  Kelch-,  Kürbis-  und  Schotenfrüchte.
  Zum  Kernobst,  welches  von  einer
mit  dem  Kelche  gekrönten  Scheinfrucht  gebildet ­
  wird,  gehören  Äpfel,  Birnen,  Quitten,
Mispeln  und  Hagebutten,  zum  Steinobst
(echte  Steinfrüchte)  Pfirsiche,  Nektarinen,  Aprikosen, ­
  Kirschen  und  Pflaumen  aller  Art,  wie
Mirabellen,  Reineklauden,  Zwetschen  sowie  aus
wärmeren  Klimaten  Tahitiäpfel,  Mangopflaumen, ­
  Datteln  und  Oliven.  Zum  Beerenobst
rechnet  man  die  echten  Beeren:  Weintrauben,
Johannis-,  Stachel-  und  Moosbeeren,  bei  denen
das  fleischige  Fruchtgewebe  (Perikarpium)  die
Beere  bildet,  ferner  die  nur  beerenähnlichen,
zusammengesetzten  Früchte  der  Himbeeren,
Maulbeeren,  Brombeeren  und  die  Scheinfrüchte
der  Erdbeeren  und  Feigen.  Das  Schalenobst,
dessen  Schalen  ungenießbar  sind,  und  von  dem
nur  die  Samen,  genossen  werden,  umfaßt  die
Nüsse,  Kastanien  und  Mandeln.  Als  kapselartige ­
  Früchte  sind  Bananen,  Affenbrotbaumfrucht ­
  und  die  bei  uns  mehr  zu  den  Gemüsen
gerechneten  Melonen,  Wassermelonen  und  Gurken ­
  zu  nennen.  Einen  großen  Teil  der  genannten ­
  Früchte,  besonders  Apfelsinen,  Zitronen  und
Feigen,  pflegt  man  im  Handel  auch  als  Südfrüchte ­
  zu  bezeichnen,  —  Wirtschaftlich  spricht
man  von  Früh-,  Spät-,  Sommer-  und  Winter-,
Garten-  und  wildem  O.,  ferner  von  Tafel-,  Wirtschafts- ­
  und  Mostobst.  —  Die  hervorragende
Bedeutung  des  O.  für  die  menschliche  Ernährung ­
  beruht  weniger  auf  seinem  Gehalt  an
Nährstoffen,  als  vielmehr  auf  der  günstigen
diätetischen  Wirkung  auf  die  Verdauung  und
das  allgemeine  Wohlbefinden.  Abgesehen  von
dem  Schalenobst  sind  die  Früchte  durchweg
sehr  wasserreich.  Neben  70—900/0  Wasser  enthalten ­
  sie  außer  geringen  Mengen  Zellulose
vor  allem  Zucker,  Pektinstoffe,  etwas  Eiweiß,
Gummi  und  Schleim.  Von  ausschlaggebender
Bedeutung  für  den  Genußwert  ist  aber  der  Gehalt ­
  an  freien  und  gebundenen  organischen
Säuren  (Äpfelsäure,  Weinsäure,  Zitronensäure),.
        <pb n="309" />
        1

■bs^h

Obstkraut  304  Öle,  fette

an  Mineralsalzen  und  Aromastoffen.  Das  O.
wird  sowohl  frisch  wie  gekocht  genossen  und
für  längere  Aufbewahrung  in  verschiedener
Weise  durch  Trocknen  (Dörrobst)  oder  Einkochen ­
  mit  Zucker  zubereitet,  sowie  zu  Fruchtsäften, ­
  Gelees  und  Marmeladen  verarbeitet.
Obstkraut  (Apfel-,  Birnenkraut)  nennt
man  die  durch  Eindicken  von  Obstsäften  (besonders ­
  Kernobst)  ohne  Zückerzusatz  bis  zur
Sirupkonsistenz  gewonnenen  Erzeugnisse,  die
besonders  im  Rheinlande  in  großen  Mengen
hergestellt  werden.  Die  Verarbeitung  von  Abfällen ­
  der  amerikanischen  Ringäpfelindustrie
(Kerngehäuse,  Schalen)  sowie  der  Zusatz  von
Zucker  und  Stärkesirup  hat  als  Verfälschung
zu  gelten  und  muß  deutlich  gekennzeichnet
werden.  Die  Bezeichnung  des  O.  als  Gelee  ist
nicht  zulässig.
Obstwein  und  Beerenwein  nennt  man  alkoholische, ­
  weinähnliche  Getränke,  welche  statt
aus  Trauben  aus  dem  Safte  von  Obst-  und
Beerenfrüchten  gewonnen  werden.  Zu  ihrer
Herstellung  werden  die  zerquetschten  oder  gemahlenen ­
  Früchte  ausgepreßt  und  dann  für  sich
oder  nach  Zusatz  von  Zuckerwasser  der  Gärung
überlassen.  Direkt  verwendbar  ist  der  Apfelmost, ­
  während  der  Birnenmost  meist  infolge
seines  geringen  Säuregehaltes  ein  fade-schmeckendes
  Getränk  liefert  und  daher  meist  mit  Apfelmost ­
  verschnitten  wird.  Im  Gegensatz  zu  ihm
enthalten  die  Beerenfrüchte  meist  zuviel  Säure
und  zu  wenig  Zucker  und  müssen  daher  einen
Zusatz  von  Wasser,  und  Zucker  erhalten.  Die
Gärung  läßt  man  entweder  freiwillig  oder  mit
Weinhefe,  am  besten  bei  15—20 0 ,  verlaufen  und
füllt  nach  beendeter  Hauptgärung  und  dem  Absatz ­
  der  Hefe,  auf  geschwefelte  Fässer  ab,  damit ­
  hier  noch  eine  Nachgärung  erfolgt.  Zur
völligen  Klärung,  die  übrigens  meist  von  selbst
eintritt,  kann  noch  eine  Schönung  mit  Milch
oder  Hausenblase  erfolgen.  Die  trinkfertigen
O.  sind  meist  alkoholarm,  besitzen  aber  sonst
die  Zusammensetzung  der  Traubenweine,  abgesehen ­
  von  dem  Vorwiegen  der  Äpfel-  und
Zitronensäure  an  Stelle  der  Weinsäure.  Von
den  O.  spielt  der  Apfelwein,  der  besonders  in
der  Frankfurter  Gegend,  aber  auch  am  Rhein,
in  Franken,  Thüringen,  Sachsen  und  der  Schweiz
erzeugt  wird,  die  Hauptrolle.  Unter  den  Beerenweinen ­
  sind  Heidelbeer-,  Johannisbeerund
  Stachelbeerwein  die  wichtigsten.  Die  O.
finden  als  angenehme,  alkoholarme  Getränke
vielfach  Anwendung.  Zu  beachten  ist,  daß  sie
den  für  weinähnliche  Getränke  erlassenen  Bestimmungen ­
  des  Weingesetzes  unterliegen  (s.
Wein)  und  daher  u.  a.  weder  Teerfarben  oder
Salizylsäure  noch  Stärkesirup  enthalten  dürfen.
Ocker  (Ocher,  frz.  Ocre,  engl.  Ochre)  nennt
man  lockere,  abfärbende  tonige  Erden,  die
durch  mehr  oder  weniger  Eisenoxyd  verschieden ­
  gefärbt  sind,  und  von  hellgelb,  bräunlichgelb,
  zuweilen  hoch-  oder  goldgelb  bis  zu  gedämpftem ­
  Rot  wechselnde  Farben  zeigen.  Derartige ­
  Mineralien,  die  aus  verwitterten  eisenhaltigen ­
  Gesteinen  hervorgegangen  sind,  werden
an  vielen  Orten  und  oft  in  großer  Anhäufung,
namentlich  in  der  Nähe  von  Eisenlagern,  gefunden ­
  und  teils  im  natürlichen  Zustande,  teils
geschlämmt  und  präpariert  in  den  Handel  gebracht. ­

  Die  O.  bilden  wohlfeile  Farbkörper,  die
sich  zu  Außenanstrichen  sowohl  als  Öl-  wie  als
Leimfarbe  verwenden  lassen.  Zur  Ölfarbe  soll
man  kalkhaltige,  gutdeckende  Sorten  nehmen,
während  die  tonerdereichen  sich  mehr  für  die
Wassermalerei  eignen.  Man  unterscheidet  gewöhnlich; ­
  Gelb  (Gelberde),  Gold-,  Orangeund
  Ölocker,  und  als  teuersten  den  hochgelben
Satinocker  (Satinober),  zu  dem  auch  die  französischen ­
  Sorten  gehören.  Die  natürlichen  hellen
O.  lassen  sich  durch  stärkeres  oder  gelinderes
Glühen  in  dunklere  Farbentöne  von  Rot  und
Braunrot  überführen  und  heißen  dann  gebrannter ­
  O.,  kommen  auch  wohl  unter  besonderen ­
  Namen,  wie  Hausrot,  Berlinerrot,
Nürnbergerrot,  Preußischrot  in  den  Handel.
Zu  ihnen  rechnet  man  Ln  der  Regel  auch  das
Eisenrot  oder  den  Kolkothar  (s.  d.).  Der
feinste  gebrannte  O.  ist  die  Sienaerde,  die
auch  zur  Kunstmalerei  dient.  Zwischen  rotem
Bolus  und  O.  besteht  kein  wesentlicher  Unterschied, ­
  nur  sind  die  letzteren  mehr  erdig  locker,
da  ihr  Ton  nicht  so  fett,  sondern  durch  Kalk
mergelig  ist.
Ochsengalle  (Rindsgalle,  lat.  Fel  tauri,  frz.
Fiel  de  boeuf,  engl.  Ox  gall),  der  Inhalt  der
Gallenblase  von  Rindern,  findet  im  gereinigten ­
  Zustande  mehrfache  technische  wie  medizinische ­
  Verwendung.  Die  Reinigung  der
rohen  Gallenflüssigkeit  erfolgt  durch  Erhitzen
bis  zum  Aufkochen  und  Abfiltrieren  von  den
geronnenen  Teilen.  Sie  hat  dann  noch  eine
grünliche  Farbe,  kann  aber  mit  Knochenkohle
und  anderen  Klärmitteln  entfärbt  werden.  Die
Galle  ist  ein  sehr  kompliziert  zusammengesetztes ­
  Gemisch  und  enthält,  neben  den  Natronverbindungen ­
  der  Glykocholsäure  und  Taurocholsäure,
  Cholesterin,  Cholin  (Neurin),  Lezithin, ­
  Taurin  und  Farbstoffe.  Sie  wird  vielfach
für  sich  wie  als  Bestandteil  von  Seife  (Fleckseife) ­
  zur  Entfernung  von  Flecken  aus  Stoffen,
die  durch  weniger  milde  Mittel  leiden  würden,
gebraucht.  Bei  der  Miniaturmalerei  auf  Elfenbein ­
  bewirkt  sie  das  Anhaften  der  Farben  und
bei  der  Herstellung  von  Marmorpapier  (türkischer ­
  Marmor)  sowie  geaderter  Bücherschnitte
die  Entstehung  aderförmiger  Gebilde.  —  Medizinisch ­
  wird  gereinigte  Galle  gegen  Magen-,
Leber-  und  Milzleiden  verordnet.  Sie  wird  in
den  Apotheken  eingedickt  (lat.  Fel  tauri  inspissatum,
  frz.  Extrait  de  fiel  de  boeuf,  engl.
Purified  ox  gall),  als  eine  zähe  pechärtige
dunkle  Masse,  wie  auch  als  ein  trockenes  gelbliches ­
  Pulver,  erhalten  durch  Ausziehen  der
Galle  mit  Weingeist,  Entfärben  mit  Knochenkohle ­
  und  Abdunsten  des  Lösungsmittels,  vorrätig ­
  gehalten.  Die  letztere  Form  bildet  das
gallensaure  Natron  (lat.  Natrium  choleinicum).

Odol,  das  mit  großer  Reklame  vertriebene
Mundwasser  (s.  d.)  der  Lingner-Werke,  besteht
aus  einer  wäßrigalkoholischen  Auflösung  von
Pfefferminzöl,  Saccharin,  Salizylsäure  und  Salizylsäureestern ­
  des  Menthols  und  wahrscheinlich
des  Kresols.
Öle,  fette  (lat.  Oleum,  frz.  Huile,  engl,  Oil)-Zum
  Unterschiede  von  den  in  besonderen  Aufsätzen ­
  besprochenen  ätherischen  Ölen  und
Mineralölen  sind  die  fetten  Ö.  (lat.  Olea
        <pb n="310" />
        Ölbaumholz

305

Okubawachs

pinguia,  frz.  Huües,  engl.  Qils),  die  hauptsächlich ­
  dem  Pflanzenreiche,  seltener  dem
Tierreiche  (Trane)  entstammen,  echte  Fette
(s.  d.),  d.  h.  Glyzeride  von  Fettsäuren,  und  nehmen ­
  nur  insofern  eine  gewisse  Sonderstellung
ein,  als  sie  bei  gewöhnlicher  Temperatur  flüssig
sind.  Ebenso  wie  sie  selbst  aber  beim  Abkühlen
erstarren,  gehen  die  festen  F  ette  beim  Erwärmen ­
  in  den  flüssigen  Aggregatszustand  über.
In  chemischer  Hinsicht  teilt  man  sie  meist  in
trocknende  und  nichttrocknende  Ö.  ein.
Die  ersteren,  welche,  in  dünner  Schicht  der  Luft
ausgesetzt,  trocken  und  hart  werden,  bestehen
hauptsächlich  aus  Glyzeriden  der  Linol-  und
Linolensäure  und  werden  zur  Flerstellung  von
Firnissen  benutzt.  Zu  ihnen  gehören  das  Lein-,
Hanf-,  Mohn-  und  Nußöl.  Die  nichttrocknenden
  Öle,  welche  durch  den  Einfluß  der  Luft
zwar  verdickt  werden,  aber  schmierig  bleiben,
bestehen  vorwiegend  aus  Olein  und  geben  zum
Unterschiede  von  den  vorigen  die  Elaidinreaktion.
  Die  meisten  Pflanzenöle  finden  sich  in
den  Samen,  seltener,  wie  Oliven-  und  Palmöl,
im  Fruchtfleisch.  Zu  ihrer  Gewinnung  werden
die  Samen  bei  gewöhnlicher  oder  erhöhter
Temperatur  geschlagen  oder  gepreßt,  neuerdings ­
  auch  vielfach  mit  Schwefelkohlenstoff,
Benzin  oder  Tetrachlorkohlenstoff  extrahiert.
Meist  wird  erst  kalt  gepreßt,  wobei  ein  reineres,
helleres  und  wohlschmeckenderes  Öl  abläuft,
und  der  Rest  von  geringwertigerem  Öl  durch
heißes  Pressen  gewonnen.  Gewisse  Früchte  und
Samen  mit  dückflüssigen  ö.  (Pflanzenbutter),
ferner  tierische  Stoffe  (Klauenfett,  Knochenfett,, ­
  Tran)  werden  mit  Wasser  ausgekocht.
Alle  frisch  gepreßten  Ö.  enthalten  trübende
Schleimteile  und  werden  erst  nach  längerem
Lagern  klar,  während  die  extrahierten  Fette
gleich  klar  sind.  Die  einzelnen  Öle  werden  unter
&amp;gt;hrem  Namen  besprochen.
Ölbaumholz  (Olivenholz),  das  Holz  des  Öihaums,
  Olea  europaea,  ein  sehr  dichtes
und  festes,  fast  strukturlos  erscheinendes  Nutzholz, ­
  besitzt  eine  gelbliche  Farbe,  erscheint  im
Kern  braun  gewässert  und  geflammt  und  ist
dem  Wurmstich  und  der  Fäulnis  nicht  unterworfen. ­
  Es  nimmt  eine  sehr  schöne  Politur  an
Und  ist  daher  für  die  Drechslerei  und  Kunstdschlerei
  sehr  gesucht.
Ölersatz  (Salatölersatz).  Unter  diesen  und
ähnlichen  Bezeichnungen  kamen  während  des
Krieges  erbärmliche  Schwindelwaren  in  den
Handel,  die  aus  gelb  gefärbten  schleimigen  Lösungen ­
  von  Gelatine,  Stärkekleister,  Karragheen
bestanden.
Ölfarben.  Zum  Verarbeiten  fertige  Ölfarben
Werden  sowohl  für  Künstler  als  auch  zu  gewöhnlichen ­
  Firnis-  und  Lackanstrichen  auf  Holz
Und  Metall  in  den  Handel  gebracht.  Die  feinen
L-  finden  sich  zuweilen  noch  in  Tierblase  zu
kleinen  Beuteln  eingebunden,  die  beim  Gebrauch
Udt  einer  Nadel  angestochen  werden  und  durch
uas  kleine  Loch  für  den  jeweiligen  Bedarf  Ö.
austreten  lassen.  Zweckmäßiger  aber  sind  kleine
^usatnmendrückbare  Hülsen  von  Zinnfolie,  sog.
(Huntuben,  aus  deren  Halsöffnung  die  Farbe
hinausgedrückt  wird  und  die  beim  Nichtgebrauch
Urch  ein  Schraubendeckelchen  geschlossen
Werden.  —  Für  Anstreicher  sind  alle  gebräuch-Aercks
  Warenlexikon.

liehen  Erd-  und  Mineralfarben  in  Öl  oder  Firnis
vorrätig.  Sie  werden  auf  Maschinen  zur  Konsistenz ­
  eines  steifen  Breies  zusammengerieben
und  in  hölzernen  Fäßchen,  die  nach  oben  enger
zulaufen,  mit  etwas  Wasser  bedeckt,  verkauft.
Ölkuchen,  die  Preßrückstände  von  der  Ölgewinnung ­
  aus  Ölsaaten,  haben  für  die  Landwirtschaft ­
  als  Futtermittel  außerordentliche  Bedeutung, ­
  da  sie  neben  erheblichen  Mengen  Fett
meist  hohe  Gehalte  an  Stickstoffsubstanzen  und
an  Kohlenhydraten  aufweisen.  Ihr  Wert  hängt
neben  dem  Nährstoffgehalt  von  der  Verdaulichkeit ­
  und  der  Abwesenheit  schädlicher  Bestandteile ­
  ab  und  sollte  bei  jeder  Lieferung
durch  eine  Analyse  kontrolliert  werden.  Als
wichtigste  Ö.  des  Handels  sind  zu  nennen:
Baumwollsamenkuchen,  aus  ungeschälten  und
geschälten  Samen,  Bucheckernkuchen,  Candlenutskuchen,
  Kokoskuchen,  Erdnußkuchen,  Hanfkuchen, ­
  Kürbiskernölkuchen,  Leindotterkuchen,
Leinkuchen,  entöltes  Leinmehl,  Madiakuchen,
Maiskeimölkuchen,  Mandelölkuchen,  Mohnkuchen, ­
  Olivenkernkuchen,  Palmkernmehl  entölt, ­
  Palmölkuchen,  Rapskuchen,  Rapsmehl  entölt, ­
  Sesamkuchen,  Sonnenblumcnkuchen,  Walnußkuchen. ­

Olsäure  (Oleinsäure,  Elainsäure,  lat.  Acidum ­
  oleinicum,  frz.  Acide  oleinique,  engl.  Oleic
acid),  eine  in  den  meisten  tierischen  und  pflanzlichen ­
  Fetten  und  nichttrocknenden  Ölen  als
Triglyzerid  enthaltene  organische  Säure,  wird
in  großer  Menge  bei  der  Herstellung  der
Stearinkerzen  als  Nebenprodukt  erhalten  und
in  noch  unreinem  Zustande  unter  dem  unrichtigen ­
  Namen  Olein  oder  Elain  für  die
Zwecke  der  Seifenfabrikation  und  als  Putzmittel ­
  für  Metalle  in  den  Handel  gebracht.  Die
vollständig  gereinigte  Ö.  ist  eine  färb-  und  geruchlose ­
  ölige  Flüssigkeit  von  der  Formel
C 18 H m 0 2 ,  die  bei  -j-4 0  zu  einer  weißen  kristallinischen ­
  Masse  erstarrt  und  erst  bei  14 0  wieder
schmilzt.  In  Wasser  ist  sie  fast  unlöslich,  löst
sich  hingegen  in  Alkohol  und  kristallisiert  aus
dieser  Lösung  in  langen  Nadeln.  Für  sich  ist
die  Ö.  nicht  flüchtig,  geht  aber  mit  stark  erhitzten ­
  Wasserdämpfen  über.  Die  rohe  Ö.  wird
in  Fässern  versandt.
Öltuch  ist  ein  mit  Ölfirnis  oder  Harzlösungen
getränktes,  wasserdichtes  Leinen-  oder  Baumwollengewebe, ­
  das  als  Verpackungsmaterial  benutzt ­
  wird.
Ofener  Bitterwasser,  sehr  konzentrierte  natürliche ­
  Auflösungen  von  Natrium-  und  Magnesiumsulfat, ­
  von  denen  das  Hunyady-Janos  B.,
Ai;pad-B.  und  Mattonis  B.  besondere  Verbreitung ­
  gefunden  haben.
Okubawachs,  eine  Art  Pflahzenwachs,  das
im  deutschen  Handel  nur  selten  anzutreffen  ist,
wird  aus  den  Früchten  verschiedener  atn  Amazonenstrome ­
  wachsender  Bäume  der  Gattung
Myristica,  namentlich  von  Myristica  Ocuba
sowie  von  M.  sebifera  und  M.  officinalis
gewonnen.  Die  Früchte  liefern  ungefähr^  18  o;»
Wachs,  das  sich  beim  Auskochen  mit  Wasser
an  der  Oberfläche  ansammelt.  O.  ist  weicher  als
Bienenwachs,  in  kaltem  Alkohol  unlöslich,  völlig
löslich  in  siedendem  Alkohol  und  in  Äther.  Es
schmilzt  bei  36,5°  und  hat  ein  spez.  Gew.  von
20
        <pb n="311" />
        Oleum

306

Opal

0,918.  In  Brasilien  wird  das  O.  zur  Kerzenbereitung ­
  verwandt.
Oleum,  die  auf  den  Preislisten  der  Drogisten
sich  findende  lateinische  Benennung  für  Öl
irgendwelcher  Art,  fettes  oder  ätherisches.
Im  Volksmunde  versteht  man  darunter  Vitriolöl ­
  oder  Schwefelsäure,  O.  vitrioli  (s.
Schwefelsäure),  so  daß  gerade  das  die  Hauptsache ­
  angebende  Beiwort  abhanden  gekommen
ist.  Von  den  vielen  Ölen  sind  die  gebräuchlicheren ­
  nachstehend  aufgeführt;  O.  absynthii,
Wermutöl;  O.  amygdalarum  amarum,  Bittermandelöl; ­
  O.  a.  dulce,  süßes  Mandelöl;  O.
anethi,  Dillöl;  O.  anisi  steüati,  Sternanisöl;  O,
anthos,  Rosmarinöl;  O.  aurantii  corticis,  Pomeranzenschalenöl; ­
  O.  calami,  Kalmusöl;  O.  carvi,
Kümmelöl;  O.  caryophyllorum,  Gewürznelkenöl; ­
  O.  cerae,  Wachsöl;  O.  chamomillae,  Kamillenöl; ­
  O.  cinnamomi,  Zimtöl;  O.  citri,  Zitronenöl; ­
  O.  foeniculi,  Fenchelöl;  O.  humuli,
Hopfenöl;  O.  lini,  Leinöl;  O.  jecoris  aselli,
Lebertran;  O.  juniperi,  Wacholderöl;  O.  laurinum,
  Lorbeeröl;  O.  laurocerasi,  Kirschlorbeeröl; ­
  O.  levistici,  Liebstöckelöl;  _0.  ligni  cedri,
Zedernholzöl;  O.  ligni  rhodii,  Rosenholzöl;  O.
macidis,  Muskatblütenöl;  O.  menthae  crispae,
Krauseminzöl;  O.  m.  piperitae,  Pfefferminzöl;
O.  neroli  seu  naphae,  Orangenblütenöl;  O.  nucistae,
  Muskatnußöl;  O.  nucum  cocos,  Kokosnußöl; ­
  O.  juglandis,  Walnußöl;  O.  origani,
Dostenöl;  O.  papaveris,  Mohnöl;  O.  petrae,
Steinöl,  Petroleum;  O.  petroselini,  Petersilienöl; ­
  O.  philosophorum,  Philosophenöl,  Ziegelöl;
O.  pini,  Kienöl;  O.  pini  foliorum,  Fichtennadelöl; ­
  O.  rutae,  Rautenöl;  O.  serpylli,  Quendelöl; ­
  O.  sinapis,  Senföl;  O.  succini,  Bernsteinöl;
O.  tanaceti,  Rainfarnöl;  O.  terebinthinae,  Terpentinöl; ­
  O.  thymi,  Thymianöl;  O.  valerianae,
Baldrianöl;  O.  vitis  viniferae,  Weinbeeröl.
Oliven  sind  die  Steinfrüchte  ,des  Ölbaumes
oder  Olivenbaume«,  Olea  europaea  L.,  der
in  den  Mittelmeerländern,  in  Kleinasien  und
Afrika,  von  der  Küste  bis  zu  750  m,  überall  wo
anhaltende  Fröste  fehlen,  meist  auf  Bergabhängen, ­
  in  Gärten  und  auf  Feldern,  in  ganzen
Wäldchen  angebaut  wird.  Die  reifen  Früchte
dienen  zur  Ölgewinnung,  unreif  werden  sie,  in
Essig  eingemacht,  auch  in  Deutschland  in  der
Küche  verbraucht.  Die  O.  sind  länglich  oder
rund,  je  nach  der  Sorte  dunkel-  bis  schwarzgrün, ­
  violett,  weißlich,  rötlich  oder  bläu,  und
haben  grünlichweißes  Fleisch.  Über  Olivenöl
s.  Baumöl.  Vgl.  Obst.
Olivetten  nennt  man  sowohl  die  länglichrunden, ­
  olivenförmigen  Korallen,  die  zum  Rundschleifen ­
  ungeeignet  sind,  als  auch  Glasperlen
von  ähnlicher  Gestalt.
Olivin  (Peridot),  ein  pistazien-  bis  olivenoder
  gelbgrüner  Halbedelstein,  der  durchsichtig
und  in  hohem  Grade  glasglänzend  ist,  besteht
aus  kieselsaurer  Magnesia,  Mg 2 Si0 4 ,  in  der
meist  ein  Teil  der  Magnesia  durch  Eisenoxydul ­
  ersetzt  ist.  Die  in  Böhmen  und  am  Rhein
in  Basalt  und  Lava  eingewachsenen  Steine  sind
fast  wertlos.  Der  sog.  edle  O.,  gewöhnlich
Chrysolith  genannt,  der  am  schönsten  als
Geschiebe  im  Orient,  Oberägypten,  Ostindien,
Zeylon  und  Brasilien  vorkommt,  wird  als  Rosette ­
  oder  Tafelstein  geschnitten  und  erhält  eine

Goldfolie  oder  eine  grün  gefärbte  Kupferfolie
zur  Unterlage.  Die  Härte  des  Steines  ist  gering, ­
  so  daß  sich  die  Politur  wie  auch  die  Ecken
und  Kanten  bald  abnutzen.  Er  gehört  daher
zu  den  geringeren  Schmucksteinen.
Ombrös  (ombrierte  Zeuge)  sind  Wollstoffe ­
  mit  farbigen  Streifen,  deren  Ränder  verwaschen ­
  erscheinen.  Zwischen  je  zwei  farbigen
Streifen,  die  in  der  Mitte  am  dunkelsten  sind,
liegt  ein  hellerer,  dessen  Farbe  vom  Dunkeln
in  das  Hellere  allmählich  übergeht.  Zur  Erzeugung ­
  dieser  Wirkung  dient  ein  Satz  von
Scheiben,  die  auf  einer  Welle  sitzen,  auf  dem
Umfange  mit  wollenem  Zeug  überzogen  sind
und  unten  in  einen  Farbkessel  tauchen.  Der
Wollstoff  wird  mehrmals  über  die  sich  drehenden ­
  Scheiben  hinweggezogen  und  nimmt  von
denselben  Farbe  an,  während  die  Zwischenräume ­
  nicht  getroffen  werden,  sondern  sich  nur
durch  Absaugung  von  beiden  Seiten  her,  also
in  der  Mitte  des  Zwischenraums  am  wenigsten
oder  gar  nicht  färben.  Wolkige  oder  marmorartige ­
  O.  werden  dadurch  hervorgebracht,  daß
man  bereits  das  Garn  beim  Färben  ombriert,
indem  man  es  an  verschiedenen  Stellen  mit
Fäden  umbindet  und  hierdurch  die  Farbe  abhält. ­

Onyx  nennt  man  diejenigen  platteriförmig
ausgebildeten  Abänderungen  des  Chalzedons
(s.  d.),  die  in  verschiedenen  Farben  streifig  erscheinen, ­
  indem  weiße  Lagen  oder  Schichten
mit  schwarzen,  dunkelbraunen  oder  grauen  abwechseln. ­
  Auf  dem  Querbruche  erscheint  daher ­
  der  O.  gestreift,  während  eine  abgerichtete
Platte  auf  den  zwei  Breitseiten  einfarbig  ist.
Es  kommt  auch  vor,  daß  in  dem  Stein  durch
Eintritt  einer  weiteren  rosaroten  Platte  dreierlei ­
  verschiedenfarbige  Schichten  abwechseln.
In  solchem  Falle  heißt  er  Sardonyx.  Beide
Abarten  wurden  schon  von  den  alten  Griechen
und  Römern  zu  den  kunstvollsten  Steinschneidereien, ­
  den  sog.  Kameen,  benutzt,  die  weiße
erhabene  Figuren  auf  dunklem  Grunde  tragen.
Die  Kunst  des  Kameenschneidens  wird  in  Italien
auch  heute  noch  ausgeübt.
Opal  (Schillerstein),  ein  aus  amorpher
wasserhaltiger  Kieselsäure  bestehendes  Mineral,
das  sich  meist  derb  und  eingesprengt  in  Form
mannigfacher  Bruchstücke  und  in  nierenförmigen, ­
  traubigen  und  stalaktitischen  Gebilden-vorfindet, ­
  bildet  trotz  seiner  geringen  Härte,  welche
derjenigen  des  Quarzes  nachsteht,  in  seinen
besseren  Abarten  einen  geschätzten  Edelstein.
Sein  Wert  beruht  auf  dem  eigenartigen  schönen
Farbenspiel,  das  je  nach  der  Richtung,  in  der
man  ihn  betrachtet,  von  grün,  rot  und  blau
nach  gelb  wechselt.  Je  nachdem  die  Farben  in
Streifen  oder  Flecken  auftreten,  unterscheidet
man  Flecken-  oder  Flimmeropal  und
schätzt  diejenigen  Stücke  am  höchsten,  bei
denen  das  Rot  und  Grün  vorherrscht.  Die  wertvollste ­
  Sorte  ist  der  edle  O.,  der  sich  in  Mexiko,
in  schleifwürdiger  Ware  aber  hauptsächlich  bet
Czernowitza  in  Ungarn  vorfindet.  Er  wurde  hier
schon  im  Altertum  aus'  trachytischen  Tuffen
gewonnen,  nach  Konstantinopel  geschafft  und
von  dort  als  orientalischer  O.  -wieder  ausgeführt.
  Größere  Stücke  ohne  Risse  mit  schönem ­
  Farbenspiel  sind  sehr  selten  und  kostbar-
        <pb n="312" />
        Opium

307

Opium

Man  benutzt  den  edlen  Opal  zu  Ringsteinen,
Ohrgehängen  und  anderen  Schmucksachen,
schleift  ihn  meist  halbkugelig  (en  cabochon)
ohne  Facetten  und  umgibt  ihn  zur  Verdeckung
seines  geringen  Glanzes  oft  auf  schwarzer
Unterlage  mit  Diamanten.  An  warmen  Tagen
entwickelt  er  sein  Farbenspiel  am  schönsten.
Der  umgebende  graugelbe  Trachyt  mit  kleinen
eingesprengten  Opalpunkten  und  -adern  dient
als  Opalmutter  zur  Herstellung  von  Dosen.
Feueropal,  eine  stark  glänzende,  feuriggelbe
bis  hyazinthrote  Abart  mit  schönem  Schiller,
findet  sich  ziemlich  selten  in  Ungarn,  Nordamerika ­
  und  auf  den  Färöern.  Gemeiner  O.
von  Freiberg,  Schneeberg  und  Eibenstock  in
Sachsen,  ferner  aus  Schlesien,  Ungarn  und  Island ­
  besitzt  verschiedene  Färbungen  von  weiß,
gelb,  grün,  rot  und  braun  sowie  Glas-  bis
Wachsglanz,  ermangelt  aber  des  Farbenspiels.
Hydrophan,  Weltauge,  von  Augustusburg  in
Sachsen,  ist  gemeiner  oder  ursprünglich  edler
O,,  der  seinen  Wassergehalt  verloren  hat  und
daher  glanzlos  und  undurchscheinend  ist.  Befeuchtet ­
  nimmt  er  zwar  die  •  Eigenschaften  des
edlen  O.  wieder  an,  jedoch  nur  vorübergehend,
und  hat  daher  als  Schmuckstein  nur  geringen
Wert,  wird  aber  nach  Ostindien  als  Amulettstein
versandt.  Halbopale  nfennt  man  die  derben,
weniger  schön  gefärbten  Massen.  Zu  ihnen  gehört ­
  auch  der  Holzopal,  der  als  versteinertes
Holz  noch  deutlich  das  Gefüge  des  letzteren
zeigt  und  wegen  seiner  großen  Politurfähigkeit
zu  Schmucksachen  verarbeitet  wird.  Kascholong
  (Perlmutteropal,  Kalmuckenachat)
ist  ein  O.  mit  Perlmutterglanz  aus  der  Bucharei;
Opaljaspis  ein  Zwischenglied  zwischen  Opal
und  Jaspis,  das  nach  seinem  hohen  Eisengehalt
auch  Eisenopal  genannt  wird.
Opium  (Land  an  um,  Mekonium,  frz.  und  engl.
Opium),  ein  wichtiger  Gegenstand  des  Drogenhandels, ­
  besteht  aus  dem  an  der  Luft  freiwillig
eingetrockneten  Milchsäfte  des  Schlafmohns,
Papaver  somniferum  L.,  der  durch  Kultur
aus  dem  am  Mittelmeere  heimischen  Papaver
setigerum  entstanden  ist.  Der  Anbau  des  Mohns
wird  seit  den  ältesten  Zeiten  betrieben,  da  seine
heilkräftige  Wirkung  schon  im  griechischen
Altertum  bekannt  war.  Seine  ungeheure  Ausdehnung ­
  erreichte  er  aber  erst,  seitdem  das
Opium  als  verderbliches  Berauschungsmittel  bei
den  mohammedanischen  Völkern  in  Aufnahme
harn  und  schließlich  von  England  in  dem  berüchtigten ­
  Opiumkriege  auch  China  aufgezwungen ­
  wurde.  Die  Gewinnung  des  O.  ist
bislang  nur  in  Asien  mit  Erfolg  betrieben  worden, ­
  denn  wenn  auch  die  in  Asien  und  Europa
gezogene  Mohnpflanze  gleich  dem  Hanf  in
botanischer  Hinsicht  keine  Unterschiede  auf-Keist,
  so  gelangt  sie  doch  in  dem  wärmeren
Klinta  zu  kräftigerer  Entwicklung,  die  allein  den
Anbau  lohnend  erscheinen  läßt.  In  Europa,  besonders ­
  in  Frankreich  und  Deutschland  (Berlin,
Württemberg),  hat  man  zwar  eine  Zeitlang
brauchbares  O.  mit  15—  20  0/0  Morphin  gewonnen, ­
  die  Versuche  aber  wegen  der  teuren
Arbeitskräfte  und  der  geringeren  Ausbeute  wieder ­
  eingestellt.  Auch  unter  günstigeren  Klimaten
lst  die  Opiumkultur  ein  gewagtes  Geschäft,  da
d'e  empfindliche  Pflanze  leicht  durch  Insekten,

unzeitigen  Regen  oder  Wind  leidet  und  außerordentlich ­
  schwankende  Erträge  liefert.  Zur
Gewinnung  des  O.,  die  im  Grunde  überall  auf
die  gleiche  Weise  erfolgt,  wird  die  Mohnkapsel,
sobald  ihre  Farbe  nach  dem  Abfallen  der  Blütenblätter ­
  von  graublau  in  gelb  übergeht,  mit
einem  mehrklingigen  Messer  geritzt,  so  daß  die
Schale  nicht  durchschnitten  wird.  Der  über
Nacht  austretende  und  verdickte  Milchsaft  wird
am  nächsten  Morgen  abgenommen,  durch  Kneten
zu  Kuchen,  Kegeln  oder  Stangen  geformt  und
mit  Mohnblättern  umwickelt.  Von  den  verschiedenen ­
  Handelssorten  seien  folgende  angeführt:
1.  Das  kleinasiatische,  türkische,  levantinische
  oder  Smyrna-O.,  die  in  Europa  fast
ausschließlich  in  Betracht  kommende  und  zum
offizineilen  Gebrauche  allein  zulässige  Sorte,  gelangt ­
  hauptsächlich  aus  den  nördlichen  Bezirken
Karahissar,  Sahib  und  Geiwa  (Gudvd)  nach
Konstantinopel,  während  ein  kleinerer  Teil  aus
den  südlichen  Gebieten  Uschak,  Isbarta  und
Buldur  nach  Smyrna  geschafft  wird.  Das  kleinasiatische ­
  O.  bildet  meist  runde,  300—700  g
schwere  Kuchen,  die,  noch  feucht  in  Mohnblätter
eingeschlagen,  zur  Verhütung  des  Zusammenklebens ­
  mit  den  Samen  und  Blüten  einer
Ampferart  bestreut  sind  und  zu  ungefähr  70  bis
80  kg  in  mit  Blech  ausgeschlagene  Kisten
verpackt  .werden.  Nach  der  Herkunft  unterscheidet ­
  man:  Balorkesar,  große,  weiche
Brote  mit  hohem  Morphingehalt;  Gudvd,  kleine
Brote,  als  Apothekerware;  Karahissar,  die  besonders ­
  von  Holland  bezogene  Sorte;  Malatia,
größere  Brote  mit  geringerem  Morphingehalt.
Von  dem  in  den  einzelnen  Jahren  zwischen
600000  und  900000  kg  schwankenden  Ernteertrage ­
  wird  die  Hälfte  über  Indien  nach  China
geschafft,  ein  weiterer  Teil  findet  in  den  türkischen ­
  Ländern  als  Berauschungsmittel  Verwendung ­
  und  der  Rest  dient  medizinischen
Zwecken.  —  Das  dem  türkischen  O.  vielfach
zugerechnete  ägyptische  und  mazedonische
ist  von  geringer  Güte  und  hat  nur  örtliche
Bedeutung.  —  2.  Das  persische  O.  wird  von
Papaver  somniferum  var.  album  in  ähnlicher
Weise  wie  das  kleinasiatische,  aber  durch  senkrechtes ­
  Anritzen  der  Kapseln  gewonnen,  darauf
in  kupfernen  Pfannen  eingedampft  und  in  dünner
Schicht  auf  Brettern  an  der  Luft  getrocknet.
Das  fertige  O.,  das  für  die  Ausfuhr  nach  China
noch  mit  10  0/0  Öl  versetzt  wird,  erhält  die
mannigfachsten  Formen:  niedrige  Kegel  von
180—300  g  Gewicht,  mit  Mohnblätter  umhüllte
Kugeln,  flache  600  g  schwere  Brote  ohne
Ampferfrüchte,  aber  in  Feigen-oder  Weinblätter
gewickelt  und  in  zerkleinerte  Mohnstengel  verpackt, ­
  bleistiftstarke,  in  rotes  Papier  gewickelte
Stäbchen  usw.  Die  Hauptstätten  der  Gewinnung
liegen  im  Süden  und  Südwesten  zwischen  Kum
und  Kaschan,  Schuschter  und  Schiras,  Kerman
und  Jesd.  Von  den  drei  Handelssorten  besteht
Schird  aus  dem  reinen  Milchsaft,  Nim-Schird
enthält  einen  Teil  der  Oberhaut,  Purd  die
ganze  Oberhaut  der  Kapsel.  Die  auf  400000  kg
geschätzte  Ausbeute  geht  zur  Hälfte  nach  Indien,
ein  großer  Teil  der  oft  verfälschten  Ware  wird  in
Europa  auf  Morphin  verarbeitet.  —  3.  Das  indische ­
  O.,  das  fast  ganz  zu  der  von  England
in  dem  schimpflichen  Opiumkriege  erzwunge ­
        <pb n="313" />
        Opium

308

Orange

nen  Einfuhr  nach  China  bestimmt  ist,  wird  besonders ­
  in  Bengalen  (Provinzen  Benares  und
Behar)  von  den  unter  scharfer  Kontrolle  der
Engländer  stehenden  Bauern  gewonnen,  dann
gegen  festgesetzte  Preise  an  die  Regierungslager ­
  abgeliefert  und  von  dort  ums  Doppelte
weiterverkauft.  Geringere  Mengen  gelangen
auch  aus  Nepal  und  Assam  in  die  Hände  der
Engländer,  die  es  für  die  Ausfuhr  zu  2,2  kg
schweren  Kugeln,  für  den  inländischen  Verbrauch ­
  zu  Platten  oder  kleineren,  mit  Öl  bestrichenen ­
  Kugeln  formen.  Die  indische  Erzeugung ­
  wird  von  Hartwich  auf  6000000  kg
geschätzt.  Davon  wird  nur  ein  kleiner  Teil,  das
sog.  Akbari-O,,  im  Lande  verbraucht,  währund
  rund  5000000  kg  zur  Ausfuhr  nach  China
gelangen.  Die  Menge'  wird  meist  in  Pikuls  zu
60,13  kg  angegeben.  —  4.  Chinesisches  O.
kommt  meist  in  Form  von  Ziegelsteinen  oder
kleinen  Broten,  in  Papier  gewickelt,  oder  neuerdings ­
  auch  als  gereinigtes  Rauchopium  von
sirupöser  Konsistenz  in  Horn-  oder  Metallbüchsen ­
  zum  Verkauf.  Die  Erzeugung  ist  zur
Verdrängung  des  englischen  O.  beständig  gesteigert ­
  worden  und  dürfte  sich  zurzeit  auf
mehr  als  13000000  kg  belaufen.  Der  Verbrauch ­
  in  China  beträgt  über  18000000  kg.
—  Das  O.  bildet  im  frischen  Zustande  eine
weiche,  knetbare  Masse  von  gelbbrauner  Farbe,
scharf  bitterem  Geschmack  und  stark  narkotischem ­
  Geruch.  Auch  die  Brote  sind  anfangs
im  Inneren  noch  weich,  werden  aber  mit  der
Zeit  hart  und  spröde  upd  lassen  sich  zu  einem
lichtbraunen  Pulver  stoßen.  Unter  dem  Mikroskope ­
  darf  reines  kleinasiatisches  O.  nur  Reste
von  der  Epidermis  der  Mohnkapseln  und  vereinzelte ­
  Blattfragmente,  hingegen  keine  Stärke
oder  andere  Pflanzenteile  zeigen.  In  Wasser  ist
reines  O.  zu  2 / s  bis  8 / 4  löslich.  Neben  Harzen,
Wachs,  Kautschuk,  Gummi,  Pektinstoffen  und
Salzen  sowie  zwei  indifferenten  Stoffen,  dem
Mekonin  und  dem  Mekonoisin,  enthält  das
O.  als  wirksame  Stoffe  zahlreiche  Alkaloide,
die,  abgesehen  von  dem  frei  vorhandenen  Narkotin, ­
  an  Säuren,  und  zwar  Mekonsäure,  Schwefelsäure ­
  und  Milchsäure,  gebunden  sind  und
unter  ihrem  Namen  besonders  besprochen  werden. ­
  Das  wichtigste  Alkaloid,  der  Wertmesser
jedes  O.,  ist  das  Morphin.  Daneben  sind
noch  die  bei  der  Darstellung  des  Morphins
mitgewonnenen  Alkaloide  Kodein,  Narkotin ­
  und  Narzein  von  größerer  praktischer
Bedeutung,  während  die  übrigen,  u.  a,  Kodamin,
  Kryptopin,  Laudanin,  Papaverin,
Protopin,  Pseudomorphin,  Thebain,  meist
nur  chemisches  Interesse  beanspruchen.  Der
durchschnittliche  Gehalt  des  O,  an  Morphin  beträgt ­
  10  0/0,  an  Narkotin  60/0,  Kodein  0,30/0,
Narzein  0,20/0,  Papaverin  1  o/ 0 ,  Thebain  0,150/0,
Mekonsäure  40/0,  Milchsäure  1,250/0,  Mekonin
0,01  o/o.  Von  den  beiden  wichtigsten  Alkaloiden
Morphin  und  Narkotin  enthält  das  kleinasiatische ­
  O.  1,68—16,16  bzw.  1,56—12,560/0,  das
persische  0,15—0,27  bzw.  0,01—6,8oo/ 0 ,  das  indische ­
  2,77—3,80  bzw.  3,33—4,23  0/0,  das  chinesische ­
  4,32—11,270/0  bzw.  1,97—6,610/0,  Von
den  häufigen  Verfälschungen  sind  Einkneten
von  Bleikugeln,  Schrotkörnern  und  Steinen  in
die  Brote  sowie  Zusätze  von  Sand,  Ton,  Gips,

Bolus,  Harz,  Wachs,  Lakritzen  und  Traubensaft
zu  erwähnen.  Der  Nachweis  der  anorganischen
Beschwerungsmittel  erfolgt  durch  die  Bestimmung ­
  des  Aschengehalts,  der  3—50/0,  jedenfalls
nicht  über  8  o/ 0  betragen  soll.  Der  Wassergehalt
darf  16—18  0/0  nicht  übersteigen.  —•  O.  ist  ein
narkotisches,  in  größeren  Mengen  tödlich  wirkendes ­
  Gift,  findet  aber  in  kleineren  Gaben,  in
Form  von  Extrakten,  Tinkturen  und  zusammengesetzter ­
  Mittel,  sog.  Opiate,  ausgedehnte  Anwendung ­
  als  beruhigendes,  krampfstillendes  und
stopfendes  Mittel.  Neuerdings  bevorzugt  die
Medizin  die  rein  dargestellten  Alkaloide  Morphin, ­
  Kodein  und  Narkotin.  Die  Hauptmenge
des  O.  wird  aber  als  Genußmittel  (Opiumraucher) ­
  verbraucht,  besonders  in  China,  wo
jährlich  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  47  g
entfallen,  gegen  0,22  g  in  Deutschland.
Opodeldok  (lat.  Linitfientum  saponato-camphoratum),
  eine  pharmazeutische  Zubereitung,
die  zu  Einreibungen  verwandt  wird  und  eine
durchscheinende  Gallertmasse  bildet,  besteht
aus  einer  alkoholischen  Lösung  neutraler  Seife,
die  mit  Kampfer,  Ammoniak  und  ätherischen
Ölen  versetzt  ist.
Opopanax  (Panaxgummi,  lat.  Gummi  opopanax,
  frz.  und  engl.  Opopanax),  ein  Gummiharz, ­
  besteht  aus  dem  getrockneten  Milchsaft
der  fleischigen  Wurzel  einer  Art  Pastinake
(Pastinaca  Opopanax,  O.  chironium),  die
in  Südeuropa  und  Kleinasien  wächst.  Wie  ähnliche ­
  Drogen  kommt  es  in  zwei  Sorten,  einer
besseren,  in  Tropfen  oder  Körnern  von  der
Größe  einer  Erbse  bis  zu  einer  Nuß,  und  einer
unreineren,  in  Massen  oder  Kuchen  vor.  Die
Ware  bildet  zerbrechliche  Stücke  von  außen
brauner,  innen  gelblicher  Farbe,  die  einen,  an
Liebstöckel  erinnernden  Geruch  und  widrig
scharfen  Geschmack  besitzen  und  nur  selten
zu  Pflastern  benutzt  werden.  —  Denselben
Namen  führt  auch  ein  spirituöses,  in  den  Handel
kommendes  Taschentuchparfüm.
Opopanäxöl,  das  zu  5—100/0  aus  dem  Opopanax ­
  durch  Destillation  mit  Wasserdampf  gewonnene ­
  ätherische  Öl,  hat  eine  grüngelbe  Farbe
und  riecht  wie  Buttersäurekaprylester  und  Kapronsäurekaprylester.

Opossumfelle  von  dem  zu  den  Beutelratten
  gehörigen  Opossum  (Didelphys  virginiana),
  das  in  Nordamerika  (Virginien,  Ohio,
Arkansas)  lebt,  zeigen  ein  langes,  schlichtes,
graues  Haar  mit  weißlichem  Flaumhaar.  Die
Felle  werden  den  deutschen  Mardern  und  Iltissen
ähnlich  gefärbt  und  bilden  eine  wohlfeile  Handelsware, ­
  die  zu  Unterfuttern  und  kleineren  Gebrauchsgegenständen ­
  verarbeitet  wird.
Orange  ist  ein  Sammelname  für  eine  große
Anzahl  verschiedener  Teerfarbsto  ffe,  die
zum  Teil  auch  noch  andere  Bezeichnungen
führen  und  durch  Nummern  und  Buchstaben
unterschieden  werden.  Orange  I  ist  Tropäolin ­
  000  Nr.  1  (s.  d.);  .Orange  II,  Goldorange, ­
  ist  Tropäolin  000  Nr.  2;  Orange  III
ist  Tropäolin  D,  Helianthin;  Orange  IV
(Orange  M,  Orange  GS,  Diphenylorange)
ist  Säuregelb  D.  (s.  d.).  Orange  G  (Orangegelb),
  das  Natronsalz  der  Anilinazobetanaphtoldisulfosäure,
  bildet  ein  gelbrotes,  in  Wasser
lösliches  Pulver.  Orange  GT  besteht  aus  de«
        <pb n="314" />
        Orangen

309

Orlean

Natronsalze  der  Toluidinazobetanaphtolmonosulfosäure
  und  ist  ein  scharlachrotes,  in  Wasser
mit  orangegelber  Farbe  lösliches  Pulver.  Orange
MN  ist  Metanilgelb  (s.  d.).  Orange  N  ist
Kurkumein  (s.  d.).  Orange  R  besteht  aus
dem  Natronsalze  des  Xylidinsulfosäureazobetanaphtols.
  Man  erhält  es  als  feurigrotes  Pulver,
welches  Wolle  in  sauerem  Bade  orangerot  färbt.
Orange  T,  bisweilen  auch  Orange  R  genannt,
ist  identisch  mit  Mandarin  GR,  aus  diazotierter
  o-Xoluidinsulfosäure  und  p-Naphtol,  und
endlich  Orangerot  I  mit  Doppelbrillantscharlach ­
  (s.  d.).
Orangen  sind  die  Früchte  der  immergrünen
Gewächse  aus  der  Gattung  Citrus  L.,  zu  denen
die  Apfelsinen,  Pomeranzen,  Zitronen,  .Limonen
und  Limetten  gehören.
Orangenblüten  (Pomeranzenblüten,  lat.
Flores  aurantiorum  s.  Flores  naphae,  frz.  Fleurs
d’orange,  engl.  Orange  flowers)  kommen  nicht
nur  im  frischen  Zustande,  sondern  auch  getrocknet ­
  und  eingesalzen  zur  Darstellung
von  Orangenblütenwasser  und  -öl,  in
den  Handel.  —•  Die  besten,  am  feinsten
riechenden  O.  stammen  nicht,  wie  man  häufig
angegeben  findet,  vom'  gewöhnlichen  süßen
Orangejibaum  (Citrus  aurantium  Risso),
sondern  vom  bitteren  Pomeranzenbaum
(Citrus  Bigaradia  Risso)  und  sind  von  den
ersteren  leicht  zu  unterscheiden.  —  Die  Bigaradblüte
  hat  30—34  Staubfäden  und  einen
12—^fächerigen  Fruchtknoten,  während  die
Blüten  von  C.  aurantium  nur  20—22  Staubfäden
und  einen  9—11  fächerigen  Fruchtknoten  besitzen. ­
  Der  Kelch  ist  ferner  bei  ersterer  fünfeckig, ­
  bei  letzteren  oval.  Im  frischen  Zustande
haben  die  Blüten  eine  fleischige,  weiße  Blumenkrone, ­
  die  nach  dem  Trocknen  dünn,  pergamentartig ­
  und  schmutzig  gelb  ist.  Man  benutzt
die  O.  zu  Parfümeriezwecken  sowie  auch  als
Tee.  Die  Gegenden  um  Nizza,  Grasse,  Cannes
kommen  für  den  Anbau  hauptsächlich  in  Frage,
Orangenblütenöl  (Pomeranzenblütenöl,
Neroliöl,  lat.  Oleum  aurantiorum  florum  s.
Oleum  naphae,  frz.  Essence  de  Neroli,  engl.
Oil  of  Neroli),  ein  äußerst  fein  und  lieblich
riechendes,  ätherisches  Öl,  wird  aus  den  frischen
Blüten  der  Orangenbäume  durch  Destillation
mit  Wasserdampf  oder  durch  Extraktion  mit
Betroläther  in  Menge  von  etwa  0,10/0  gewonnen.
Oas  beste  Öl  stammt  von  den  Blüten  des  bitteren
Bomeranzenbaums  (vgl.  Orangenblüten)  und
'vird  daher  als  Bigaradöl  bezeichnet.  Das
dünnflüssige  Öl  erscheint  frisch  bereitet  fast
farblos,  wird  aber  nach  und  nach  bräunlichrot
Und  ist  in  starkem  Weingeist  klar  löslich.  Das
s Pez.  Gew.  beträgt  0,870—0,881.  Bei  längerem
Stehen  scheidet  sich  ein  weißes  kristallinisches,
aus  Paraffin  bestehendes  Stearopten  aus  (Ner
 °likampf  er).  Erwähnenswerte  Bestandteile
des  Öls  sind:  Pinen,  Kamphen,  Dipenten,  Dezylaldehyd,
  Linalool,  Linalylazetat,  Phenyläthylalkohol, ­
  Terpineol,  Nerol,  Geraniol,  Jasmoti  und  als
Präger  des  charakteristischen  Aromas  Anthranils
 äuremethylester,  C 6 H 4 (NH 2 )  ,COOCH 3 .  Zusätze
der  beliebtesten  Verfäischungsmittel  Bergamottund
  Petitgrainöl  sind  nur  in  großen  Mengen  nachzuweisen. ­
  Das  vom  süßen  Pomeranzenbaume
dämmende  Neroli-Portugalö!,  frz.  Essence

deNdroli,  Essence  de  fleurs  d'oranges  Portugal,
riecht  viel  weniger  fein.  —  Als  Nebenprodukt
bei  der  Darstellung  dieser  Öle  erhält  man  das
Orangenblütenwasser  (lat.  Aqua  florum
Aurantiorum  s.  Aqua  naphae,  frz.  Eau  distillde
de  fleurs  d’oranges,  engl.  Orange  flower  water),
das  ebenfalls  den  Geruch  des  Öles,  jedoch  in
viel  schwächerem  Grade  besitzt.  Während  das
Öl  zu  Parfümeriezwecken,  namentlich  bei  Bereitung ­
  von  Kölnischwasser  Verwendung  findet,
wird  das  Wasser  mehr  von  Konditoren  und  als
Arzneimittelzusatz  benutzt.
Organdis  (frz.  Organdie,  engl.  Book  muslin,
Book)  sind  lockere  feine  und  glatte  Baumwollgewebe,
  die  weiß  oder  auch  gefärbt,  aus  Garn
Nr.  100—150,  etwas  dichter  als  Musselin,  aber
ebenso  fein  im  Faden  und  etwas  steifer  appretiert, ­
  hergestellt  werden.  Der  Stoff  kam  früher
aus  Ostindien,  wird  aber  jetzt  von  allen  europäischen ­
  Musselinwebereien  in  den  Handel  gebracht ­
  und  dient  meist  zu  Unterfutter  für
Frauenkleider.
Organsinseide  (Kettenseide,  frz.  Organsin,
engl.  Örganzine)  nennt  man  die  gezwirnte,  aus
den  besten  Kokons  gewonnene  Seide,  die  in
den  Geweben  die  Kette  und  den  Aufzug  bildet.
Man  unterscheidet  zweifädige  (O.  ä  deux
bouts)  und  dreifädige  (O.  i.  trois  bouts).
Jeder  Faden  besteht  aus  drei  bis  acht  Kokonfäden ­
  (s.  Aufsatz  Seide).
Orlean  (lat.  Orellana,  frz,  Roucou,  Achiotte,
engl.  Annatto),  ein  bekannter  gelbroter  Farbstoff, ­
  stammt  von  dem  im  tropischen  Amerika
heimischen,  aber  auch  in  Zanzibar  und  auf  den
Sandwichinseln  angebauten  strauchartigen  Baume
BixaOrellana  (Familie  der  Cistifloren).  Die
Frucht,  eine  herzförmige,  zusammengedrückte,
weichstachelige  Kapsel  von  Walnußgroße,  die
sich  bei  der  Reife  zweiklappig  öffnet,  enthält
etwa  10  Samen  in  einem  orangegelben,  klebrigen ­
  Brei,  zu  dessen  Gewinnung  man  das
Fruchtfleisch,  mit  Wasser  übergossen,  längere
Zeit  einer  Gärung  überläßt  und  alsdann  durch
Siebe  streicht.  Der  erhaltene  weiche  Brei  setzt
sich  aus  dem  Wasser  allmählich  als  Bodensatz
ab  und  bildet  dann  eine  lebhaft  gelbrote  Masse,
die  mehr  oder  weniger  wasserhaltig  ist.  Im
O.  sind  zwei  Fatbstoffe  enthalten,  das  wasserlösliche ­
  Bixin  und  das  Orellin,  ein  harzartiger ­
  Körper,  der  sich  in  Weingeist,  Äther
und  Fetten  löst.  Die  Hauptsorte  für  technische
Zwecke  ist  der  Kuchenorlean,  der  in  Form
ziemlich  trockener  viereckiger  Kuchen  von  1  bis
i 1 / 2  kg  Gewicht,  die  in  Bananenblätter  gewickelt ­
  und  in  Fässer  verpackt  sind,  fast  ausschließlich ­
  aus  Kayenne  und  Guadeloupe  nach
Frankreich  ausgeführt  wird.  Rollenorlean  aus
Brasilien,  eine  in  kleine  Rollen  oder  Zylinder
geformte  harte  und  trockene  Masse,  die  außen
bräunlich,  innen  schön  rot  erscheint,  wird  in
England  zur  Käse-  und  Butterfärberei  verwandt.
Teigorlean,  eine  etwa  600/0  Wasser  enthaltende ­
  weiche  Masse,  die  im  Gegensatz  zu  dem
veilchenartigen  Geruch  der  übrigen  Sorten  meist
nach  Ammoniak  riecht,  kommt  neuerdings  häufig ­
  an  Stelle  der  Kuchen,  in  Fässer  oder  Blechbüchsen ­
  verpackt,  in  den  Handel.  Auch  bildet
der  vom  Fruchtfleisch  getrennte  reine  Farbstoff ­
  Bixin  in  Form  kleiner  Täfelchen  einen
        <pb n="315" />
        Orleans

310

Osmium

Gegenstand  des  Handels.  O.  wird  in  der  Färberei ­
  benutzt,  besonders  für  Seide,  auf  welcher
die  Farbe  lebhaft  und  glänzend,  wennschon
nicht  sehr  dauerhaft  ausfällt.  Man  wendet  entweder ­
  weingeistige  Lösungen  an  oder  arbeitet
mit  alkalischer  Lauge,  in  welcher  beide  Farbstoffe ­
  löslich  sind,  und  erhält  damit  Gelb  oder
Orange.  In  der  Kattundruckerei  verwendet  man
O.  für  die  Farbtöne  von  Chamois  bis  Orange.
Ferner  färbt  man  damit  Papier,  Tapeten,  Firnisse, ­
  Wasser-  und  Ölfarben,  Butter  und  Käse.
Orleans  (frz.  Orleans,  engl.  Orleans)  sind
halbwollene,  leinwandartig  gewebte  Kleiderund ­
  Futterzeuge,  die  als  Nachahmung  der  ganz
wollenen  Berkane  entstanden  sind.  Die  Kette
besteht  aus  gezwirntem  Baumwollgarn,  derEinschlag
  je  nach  Mode  aus  Kammgarn  Nr.  30  bis
60  oder  aus  Mohär.  Der  Stoff  kommt  häufig
einfarbig  vor,  bisweilen  aber  auch  meliert,  geflammt, ­
  moiriert,  gedruckt,  gerippt,  fassoniert
und  mit  Seidenstreifen  gewebt.  Die  Breite  beträgt ­
  0,70—0,85  m,  die  Länge  10—20  m.  Die
Garne  werden  roh  verwebt,  die  Gewebe  dann
gedämpft,  gesengt,  gewaschen,  gefärbt  und
schließlich  gepreßt.  Der  Stoff  wird  gewöhnlich
auf  Maschinenstühlen  gewebt,  die  für  die  gemusterte ­
  Ware  mit  Schaft-  oder  Jacquardvorrichtungen ­
  versehen  sind.  Dies  ist  möglich,  da
die  Muster  meist  sehr  klein  genommen  werden.
In  England  liefern  Huddersfield,  Bradford,  Halifax ­
  und  Wakefield  große  Massen  des  Stoffes
für  den  Weltmarkt.  In  Deutschland  werden  die
geringsten  und  billigsten  O.  in  der  Lausitz,
bessere  in  Schedewitz  (Sachsen),  Elberfeld,
Barmen,  Reichenau  b.  Zittau,  Wüstegiersdorf  in
Schlesien  und  Berlin  hergestellt.
Orseille  ist  ein  violettroter  Farbstoff,  der  aus
gewissen  Flechten  hergestellt  wird,  in  ihnen
aber  nicht  fertig  gebildet  vorkommt,  sondern
erst  durch  Einwirkung  von  Luft,  Ammoniak
oder  Alkalien  entsteht.  Die  in  den  Flechten
enthaltenen  farblosen,  kristallisierbaren  Säuren
(Erythrinsäure,  Lekanorsäure,  Rokzellsäure)
  gehen  hierbei  zunächst  in  das  ebenfalls
farblose  Orzin  und  dann  in  den  eigentlichen
Farbstoff,  das  Orzein,  über,  das  in  dem  zugesetzten ­
  Ammoniak  mit  violettroter  Farbe  gelöst ­
  bleibt.  Zur  Darstellung  der  O.  benutzt  man
hauptsächlich  die  Flechten  Roccella  tinctoria,
R.  fuciformis,  R.  phycopsis,  und  R.  Montognei,
  die  an  den  felsigen  Küsten  des  Mittelmeers, ­
  des  Atlantischen,  Stillen  und  Indischen
Ozeans  gesammelt  und,  in  Ballen  gepreßt,  nach
Europa  gebracht  werden.  Eine  geringere  Sorte,
die  sog.  Erdorseille,  stammt  von  verschiedenen ­
  Arten  Lecanora,  Variolaria,  Usnea  und
•Parmelia,  die  in  Schweden,  Schottland,  den
Pyrenäen,  der  Rhön,  dem  Thüringer  Wald  und
Jura  an  Steinen,  und  Baumrinden  wachsen.  Die
Flechten  werden  gesäubert,  gemahlen  und,  mit
Ammoniak  angerührt,  der  Luft  ausgesetzt.  Infolge ­
  der  einsetzenden  Gärung  geht  die  Farbe
nach  4—6  Wochen  von  rot  in  violett  über,
worauf  der  steife  Brei  in  Fässer  verpackt  wird.
IJie  getrocknete,  pulverisierte  Masse  führt  auch
die  Bezeichnung  Persio,  Cudbear,  roter
Indigo.  In  Teig-  wie  in  Pulverform  geben
diese  Stoffe  mit  Wasser  unter  Hinterlassung
eines  unlöslichen  Rückstandes  scharlachrote  bis

violette  Lösungen,  die  durch  Alkalien  dunkler,
durch  Säuren  hellrot  gefärbt  werden  und  mit
Tonerdebeizen  braunrote,  mit  Zinnsalz  hellrote
Niederschläge  liefern.  Die  zum  Sirup  eingedickte ­
  wäßrige  Lösung  kommt  als  Orseilleextrakt
  in  den  Handel.  —  Die  O.  gibt  schöne,
anfangs  sogar  brillante  Färbungen,  die  aber
rasch  verschießen,  und  wird  daher  meist  nur
in  Verbindung  mit  anderen  Farbstoffen,  besonders ­
  zum  Grundieren  für  Alizarin  und  Indigo
benutzt.  Die  Hauptverwendung  beruht  aber  auf
der  Herstellung  brauner,  sog.  Modefarben,
Grenade,  Zerise  und  Olive  auf  Wolle,  für
Färberei  wie  für  Druck.  Diese  Farben  sind
echt,  weit  haltbarer  als  die  durch  Farbhölzer
erzeugten  und  können  durch  Zusatz  von  Aloefarbstoffen ­
  noch  lichtbeständiger  gemacht  werden. ­
  Eine  besonders  schöne  und  säurebeständige ­
  Abart  ist  endlich  noch  der  französische
Purpur  (Pourpre  frangais).,  Zu  seiner  Darstellung ­
  wird  das  Flechtenpulver  mit  Ammoniak ­
  aasgezogen,  die  Lösung  mit  Salzsäure  gefällt, ­
  der  Niederschlag  wieder  in  Ammoniak
gelöst  und  das  Filtrat  so  lange  der  Luft  ausgesetzt, ­
  bis  es  kirschrot  geworden  ist.  Dann
wird  zur  Entfernung  des  Ammoniaks  gekocht,
die  Lösung  bei  70—75 0  in  großen  flachen  Gefäßen ­
  sich  selbst  überlassen  und  mit  Weinsäure,
Schwefelsäure  oder  Chlorkalzium  gefällt.  Der
in  letzterem  Falle  entstehende  Farblack  muß
für  den  Gebrauch  mit  Schwefelsäure  oder  Oxalsäure ­
  vom  Kalk  befreit  und  in  Lösung  übergeführt ­
  werden.
Orseilleersatz  (Naphtionrot),  ein  seit  1878
bekannter  Teerfarbstoff,  der  Wolle  in  sauerem ­
  Bade  orseillerot  färbt,  kommt  als  brauner,
in  Wasser  löslicher  Teig  in  den  Handel  und  besteht ­
  aus  dem  Natronsalze  der  Nitranilinazoalphanaphtylaminsulfosäure.

Orseillerot.  Diesen  Namen  verdient  eigentlich
der  Farbstoff  der  Orseille,  man  hat  ihn  aber
auch  einem  Teerfarbstoff  gegeben,  der  aus
dem  Natronsalze  der  Amidoazoxylolazobetanaphtoldisulfosäure
  besteht.  Das  dunkelbraune,
in  Wasser  lösliche  Pulver  färbt  Wolle  orseillerot.
Orseillin  (Orseillin  BB,  Orsellin),  ein
1883  in  den  Handel  gekommener  Teerfarbstoff, ­
  wird  durch  Einwirkung  von  Betanaphthol
  auf  Diazonaphthalinsulfosäure  dargestellt
als  ein  braunes,  in  Wasser  mit  fuchsinroter
Farbe  lösliches  Pulver,  das  Wolle  orseillerot
färbt.
Orthoform  und  Orthoform  neu  sind  zwei
isomere  Amidooxybenzoesäuremethylester,  die
als  lokale  Anästhetika  beschränkte  Anwendung
finden.  Das  weiße,  in  Wasser  schwer  lösliche
Kristallpulver  muß  vor  Licht  geschützt  aufbewahrt ­
  werden.
Ortol,  ein  photographischer  Entwickler,  besteht ­
  aus  einer  Verbindung  von  Methylorthoamidophenol
  mit  Hydrochinon.
Osageholz  (Osagen-Orange)  ist  mit  Gelbholz ­
  (s.  d.)  von  Morus  tinctoria  oder  Maclura
aurantiaca  identisch  und  führt  seinen  Namen
nach  dem  Indianerstamm  der  Osagen,  die  aus
dem  elastischen  Holze  Bogen  herstellten.
Osmium,  Os  =  i9i,  eines  der  Metalle  der
Platingruppe,  findet  sich  namentlich  mit  Iridium
zusammen  als  Osmiridium  (Newjanskit)  in
        <pb n="316" />
        Osmiumsäure

311

Oxalsäure

Form  kleiner,  silberweiß  glänzender  Körnchen.
Zu  seiner  Abscheidung  schmilzt  man  die  Legierung ­
  mit  Zink  und  behandelt  mit  Salzsäure,  wobei ­
  das  O.  als  unlösliches  Pulver  zurückbleibt.
Es  hat  das  spez.  Gew.  22,280  und  verwandelt
sich  beim  Erhitzen  an  der  Luft  in  flüchtiges
Osmiumtetroxyd.  Das  Metall  dient  zur  Herstellung ­
  von  Glühfäden  für  die  sog.  Osmiumlampen. ­
  »
Osmiumsäure  (Osmiumtetroxyd,  Überosmiumsäure, ­
  Überosmiumsäureanhydrid, ­
  lat.  Acidum  osmicum,  frz.  Acide  osmique,
engl.  Osmic  acid),  0s0 4 ,  entsteht  beim  Glühen
von  Osmium  im  Sauerstoffstrome  oder  beim
Schmelzen  des  Metalls  mit  Salpeter  in  Form
farbloser  prismatischer  Kristalle,  die  bei  100 0
schmelzen  und  bei  wenig  höherer  Temperatur
sublimieren.  Die  stechend  riechenden  Dämpfe
greifen  Augen  und  Atmungswerkzeuge  heftig
an  und  erzeugen  auf  der  Haut  schmerzende
Ausschläge.  Die  wäßrige  Lösung  färbt  die  Haut
schwarz  und  wird,  mit  etwas  Glyzerin  konserviert, ­
  zur  Zerstörung  von  Geschwürswucherungen ­
  sowie  subkutan  gegen  Neuralgie  und
Epilepsie  verordnet.  Zu  dem  gleichen  Zwecke
wird  das  osmiumsaufe  Kali,  ein  violettrotes,
wasserlösliches  Kristallpulver,  angewandt.  Die
O.  muß  vor  Licht  und  Staub  geschützt  in  sehr
gut  verschlossenen  Gefäßen  aufbewahrt  werden.
Osterluzeiwurzel  (lat.  Radix  aristolochiae,  frz.
Racine  d’aristolochia,  engl.  Aristolochy  root),
ein  veralteter  Artikel  des  Drogenhandels,  findet
sich  in  folgenden  vier  Sorten;  die  bohnenförmig,e
  0.,  Radix  aristolochiae  fabaceae  von
Corydalis  fabacea;  die  breite,  aus  Südfrankreich ­
  stammende  hohle  O.,  Radix  aristolochiae ­
  cavae  von.  Fumaria  bulbosa;  die
lange  O.  von  Aristolochia  longa  und  die
runde  O.,  Radix  aristolochia  rotundae  von
Aristolochia  rotunda.  Die  Wurzeln  sowie
die  Wurzelknollen  werden  medizinisch  verwandt,
namentlich  in  der  Tierheilkunde.
Otterfelle.  Das  Fell  der  gemeinen  Flußotter
(Lutra  vulgaris)  ist  im  Oberhaar  graubraun,
glatt,  fein  und  dicht  und  im  Sommer  und
Winter  von  gleicher  Güte.  Die  Länge  des  Felles
beträgt  9—15  dm,  diejenige  des  Schweifes  3  dm
und  darüber.  Der  Pelzhändler  unterscheidet  nach
der  Güte  ostindische,  mexikanische,  spanische,
französische,  deutsche,  russische,  dänische,
schwedische,  nordamerikanische,  kanadische
sowie  Felle  von  den  Hudsonsbailändern,  von
Neuengland  und  Labrador.  Die  Labradorsorte
■wird  als  die  beste  betrachtet.  Das  sehr  dichte
Pelz  werk  ist  hellbraun  bi?  bräunlichschwarz
und  dient  zu  Mützen  und  anderen  Pelzwaren.  —
Noch  wertvoller  ist  das  Fell  der  Seeotter
(Lutra  marina),  das  außerordentlich  dichtes,
Lutzes  (4  cm),  samtartiges,  an  allen  Steilen
gleichmäßiges  Haar  zeigt  und  braunschwärzlich, ­
  durch  einzelne  ziemlich  verteilte  weiße
Naarspitzen  silberglänzend  erscheint.
Oxalsäure  (Kleesäure,  Sauerkleesäure,
Zuckersäure,  lat.  Acidum  oxalicum,  frz.  Acide
°xaliq ue ,  engl.  Oxalic  acid),  eine  starke  orgacische
  Säure,  findet  sich  in  zahlreichen  Pflanzen, ­
  teils  an  Kali,  teils  an  Kalk  gebunden.  Von
mrem  Vorkommen  im  Sauerklee  (Oxalis
a cetosella)  hat  sie  ihre  deutsche  und  chemische ­

  Bezeichnung  erhalten.  Außer  dem  Sauerklee ­
  enthalten  auch  Sauerampfer  und  Rhabarber
größere  Mengen  Oxalsäure  in  Form  des  sauren
oxalsauren  Kaliums  (Kaliumbioxalat,  lat.
Oxalium,  Kalium  bioxalicum,  frz.  Bioxalate  de
potasse,  engl.  Bioxalate  of  potash),  das  sich
leicht  aus  ihnen  gewinnen  läßt.  Vor  der  Entdeckung ­
  der  künstlichen  Darstellung  wurden
tatsächlich  in  der  Schweiz,  im  Württembergischen
  und  im  Schwarzwald  aus  den  genannten
Pflanzen  größere  Mengen  Oxalsäure  dargestellt,
indem  man  den  ausgepreßten  und  geklärten
Saft  zur  Kristallisation  eindampfte,  die  hinterbleibenden ­
  weißen  undurchsichtigen  Prismen
und  Pyramiden  durch  Zusatz  von  Kalk  in  das
oxalsaure  Kalzium  überführte  und  aus  letzterem ­
  mit  Schwefelsäure  die  freie  Oxalsäure  abschied.
  Heutzutage  stellt  man  die  Oxalsäure
nur  noch  auf  chemischem  Wege,  und  zwar
durch  Behandlung  organischer  Stoffe  mit  Salpetersäure ­
  oder  schmelzenden  Alkalien  her.
Nach  dem  ersten  Verfahren  erhitzt  man  zuckeroder
  stärkehaltige  Stoffe  (Melasse)  mit  Salpetersäure ­
  auf  etwa  50  °,  dampft  die  Lösung  ein
und  kristallisiert  die  ausgeschiedene  Oxalsäure
aus  heißem  Wasser  um.  Von  dieser  Methode
leitet  sich  der  Name  Zuckersäure  ab.  Für  den
Großbetrieb  eignet  sich  mehr  das  Schmelzen
von  Sägespänen  mit  Alkali,  indem  man  ein
Gemisch  von  Holzmehl  mit  Kali-Natron-Lauge
in  eisernen  Pfannen  zur  Trockne  bringt,  allmählich ­
  auf  eine  Temperatur  von  170—240 0  erhitzt
und  darauf  unter  beständigem  Rühren  so  lange
erhält,  bis  alle  Holzpartikel  zersetzt  sind.  Aus
der  Schmelze  werden  zunächst  mit  wenig  kaltem ­
  Wasser  die  kohlensauren  Alkalien  zum
größten  Teile  ausgelaugt  und  die  hinterbleibenden ­
  Stoffe  in  siedendem  Wasser  gelöst.  Beim
Erkalten  kristallisiert  das  schwer  lösliche  oxalsaure ­
  Natrium  aus  und  wird  von  der  Mutterlauge ­
  durch  Zentrifugieren  getrennt.  Aus  dem
Natriumsalze  wird,  wie  oben  beschrieben,  durch
doppelte  Umsetzung  mit  Kalk  und  Schwefelsäure ­
  die  freie  Oxalsäure  isoliert.  Nach  einem
neuen,  besonders  vorteilhaften  und  aussichtsreichen ­
  Verfahren  stellt  man  die  Oxalsäure
durch  Glühen  eines  Gemisches  von  ameisensaurem ­
  und  kohlensaurem  Kalium  dar.  Zur
völligen  Reinigung  der  erhaltenen  Oxalsäure
von  den  sehr  schwierig  zu  entfernenden  Alkalisulfaten ­
  und  -oxalaten  wird  die  freie  Säure  mit
heißem  absoluten  Alkohol  in  Lösung  gebracht
oder  aus  einem  Paraffinbade  bei  157 0  sublimiert. ­
  —  Die  Oxalsäure,  (COOH) ä ,  kristallisiert
in  farblosen,  durchsichtigen  Nadeln  mit  zwei
Molekülen  Kristallwasser.  An  der  Luft  verwittern
die  Kristalle  unter  teilweisem  Verlust  des
Wassers,  welches  durch  Erhitzen  auf  70 0  völlig
ausgetrieben  wird.  Bei  vorsichtigem  Erhitzen
schmilzt  die  Säure  zunächst  in  ihrem  Kristallwasser ­
  und  sublimiert  zum  Teil  unzersetzt.  Bei
raschem  Erhitzen  zerfällt  sie  jedoch  in  Wasser,
Kohlensäure  und  Kohlenoxyd.  Die  Oxalsäure
löst  sich  leicht  in  Wasser  und  Alkohol,  hingegen ­
  schwer  in  Äther  und  ist,  wie  auch  ihre
Salze,  stark  giftig.  Beide  müssen  daher  vorsichtig ­
  aufbewahrt  werden,  besonders  weil  die
vom  Publikum  oft  gebrauchte  falsche  Bezeichnung ­
  Bitterklee  salz  verschiedentlich  Ver-
        <pb n="317" />
        Oxazinfarbstoffe

312

Palladium

Wechslungen  mit  Bittersalz  verursacht  hat.  —
Von  den  Verbindungen  der  Oxalsäure  haben
das  namentlich  in  der  Photographie  gebrauchte
neutrale  Kaliumoxalat  (lat.  Kalium  oxalicum
  neutrale,  frz.  Oxalate  de  potasse,  engl.
Oxalate  of  potash)  und  das  Kaliumtetraoxalat, ­
  welches  als  Titersubstanz  in  der
Maßanalyse  benutzt  wird,  große  wissenschaftliche, ­
  das  saure  Kaliumoxalat  (Kaliumbioxalat,
  Kleesalz)  hingegen  außerordentliche ­
  technische  Bedeutung.  Zu  seiner  Darstellung ­
  setzt  man  der  Oxalsäure  so  viel  Pottasche ­
  zu,  daß  nur  die  Hälfte  der  Säure  neutralisiert ­
  wird.  Bisweilen  sättigt  man  atich  nur  ein
Viertel  der  Säure  ab,  läßt  auskristallisieren  und
erhält  dann  das  vierfach  saure  Salz.  —  Die
Oxalsäure  und  ihre  Salze  finden  ausgedehnte
Anwendung  in  der  Technik.  Die  Färberei  und
Zeugdruckerei  benutzen  sie  wegen  ihrer  bleichenden ­
  und  farbenzerstörenden  Eigenschaften.
Außerdem  dienen  sie  zum  Bleichen  von  Strohhüten, ­
  Leder,  Glyzerin  und  Fetten  und  zur
Entfernung  von  Tinten-  und  Rostflecken.  Die
chemische  Industrie  verwendet  sie  zur  Herstellung ­
  von  Ameisensäure  und  verschiedenen
Farbstoffen,  die  analytische  Chemie  als  Titersubstanz ­
  und  als  wichtigstes  Reagens  auf  Kalk.
Oxazinfarbstoffe  sind  mit  den  Azinen  nahe
verwandt  und  unterscheiden  sich  von  diesen  dadurch, ­
  daß  eines  der  mittleren  (Azin-)  Stickstoffatome ­
  durch  Sauerstoff  ersetzt  ist.  Sie  entstehen ­
  durch  Einwirkung  von  Nitrosoverbindungen ­
  tertiärer  Amine  oder  von  Nitrosophenolen
  auf  Phenole,  Phenolkarbonsäuren  und  Amide.
Zu  ihnen  gehören:  Resorzin  blau  (s.  d.),
Azurin  aus  Nitrosodimethylanilin  und  Dioxybenzoesäure,
  Gallozyanin  und  seine  Analogen
(s.  d.)  Meldolasblau  (s.  Echtblau);  Muskarin ­

  (s.  d.),  Zyanamin,  ein  durch  Einwirkung ­
  von  alkoholischer  Kalilauge  auf  Meldolasblau ­
  entstehender  blauer  Farbstoff,  Nil  blau
(s.  d.),  Capriblau,  das  dem  Nilblau  analoge
Derivat  der  Benzolreihe.
Oxychinonfarbstof  fe  der  Benzol-  und
Naphtalinreihe.  Von  den  Farbstoffen  dieser
7.  Gruppe  der  Teerfarben  (s.  d.)  haben  nur
zwei  Abkömmlinge  des  Naphtochinons,  das
Naphtazarin  und  das  Alizarinschwarz  S  praktische ­
  Bedeutung  erlangt.  Das  Naphtazarin,
ein  Dioxynaphtochinon,  C 10 H4O 2 (OH) 2 ,  wird
durch  Behandlung  von  Dinitronaphtalin  mit
rauchender  Schwefelsäure  und  nachfolgende
Reduktion  mit  Schwefelsesquioxyd  dargestellt.
Es  bildet  ein  braunrotes  Pulver,  welches  in
kaltem  Wasser  unlöslich  ist,  sich  aber  in  heißem
Wasser  mit  rotbrauner,  in  konzentrierter  Schwefelsäure ­
  mit  fuchsinroter,  in  Natronlauge  mit
blauer  Farbe  löst.  Mit  zwei  Molekülen  Natriumbisulfit
  vereinigt  es  sich  zu  einer  wasserlöslichen ­
  Doppelverbindung,  dem  Alizarinschwarz ­
  S,  welches  als  schwarze  Paste  in  den
Handel  kommt  und  in  Verbindung  mit  Chrombeize ­
  zur  Herstellung  grauer  und  schwarzer
Töne  im  Kattundruck  und  der  Wollfärberei  Anwendung ­
  findet.
Ozonal,  ein  Waschmittel,  das  in  Form  einer
festen  elastischen  Gallerte  in  den  Handel  kommt,
besteht  zu  900/0  aus  Petroleum,  welches  mit
Hilfe  von  io»/ 0  Seife  in  eine  feste  Masse  verwandelt ­
  ist,  etwa  nach  Art  des  bekannten  Hartspiritus. ­
  Die  Anwendung  des  Petroleums  für
Waschzwecke  beruht  auf  seiner  fettlösenden
Wirkung.  Trotzdem  scheint  das  Mittel  keinen
Anklang  gefunden  zu  haben,  sondern  aus  dem
Handel  verschwunden  zu  sein.

P.

Packfong,  eine  dem  Argentan  (s.  d.)  sehr
ähnliche  Legierung.  Der  Name  P.  stammt  aus
China,  von  wo  die  Legierung  zuerst  nach
Europa  kam.
Päoniensamen  (Pfingstrosensamen,  Gichtrosensamen, ­
  lat.  Semen  paeoniae,  frz.  Semences
  de  pivoine,  engl.  Paeony  seeds),  die  runden, ­
  glänzendschwarzen  Samen  der  bekannten ­
  Gartenpflanze  Paeonia  officinalis,  bilden
eine  veraltete,  aber  noch  immer  in  Drogengeschäften ­
  verlangte  Handelsware,  da  viele
Leute  der  irrigen  Meinung  sind,  den  Kindern
durch  Umhängung  einer  Kette  von  Päoniensamen ­
  das  Zahnen  zu  erleichtern.  —  Die  Wurzel
derselben  Pflanze,  Päonienwurzel,  Gichtrosenwurzel ­
  (lat.  Radix  paeoniae,  frz.  Racine  de
pivoine,  engl.  Paeony  root),  die  früher  als  Epilepsiemittel ­
  angewandt  wurde,  besteht  aus  mehreren ­
  aneinander  hängenden  Knollen  von  außen
rotbrauner,  innen  weißer  Farbe.  —  Päonienblüten ­
  (Pfingstrosenblüten,  lat.  Flores  paeoniae,
frz.  Fleurs  de  pivoine,  engl.  Paeony  flowers),  die
dunkelroten  Blüten  von  Paeonia  officinalis,  besitzen ­
  einen  bitterlichschleimigen  Geschmack

und  werden  als  Brusttee  und  zu  Räucherpulvern
benutzt.
Pain  Expeller  ist  eine  aus  Kapsikumtinktur,
Ammoniak  und  Kampfer  sowie  geringen  Mengen ­
  Seife  und  ätherischen  Ölen  (Rosmarin-,
Lavendel-,  Thymian-,  Nelken-  und  Zimtöl)  bestehende ­
  Einreibung.  Ähnliche  Wirkung  hat  eine
Apon  genannte  Mischung  von  ammoniakalischer
Kapsikumtinktur  mit  Thymol  und  Chloralhydrat.
Palladium,  Pd  =  io6,  eins  der  Metalle,  die  fast
immer  zugleich  mit  dem  Platin  (s.  d.)  vorkorhmen,
  gleicht  diesem  in  vielen  Eigenschaften,
ähnelt  aber  in  der  Farbe  mehr  dem  Silber.
Auch  hat  es  ein  weit  niedrigeres  spez.  Gew.
von  11,8—12,2,  ist  leicht  schmelzbar  und  schon
in  Salpetersäure  löslich.  An  der  Luft  bis  zu
einer  gewissen  Temperatur  erhitzt,  läuft  es  blau
an,  wird  aber  bei  kürzerem  Glühen  wieder
blank.  Zu  seiner  Darstellung  versetzt  man  die
Lösung  der  Platinerze  in  Königswasser  mit
Zyanquecksilber  und  reduziert  das  ausfallende
Zyanpalladium  durch  Glühen  zu  Metall.  Man
benutzt  das  P.  zu  feinen  mathematischen  und
nautischen  Instrumenten,  da  es  eine  gute  Politur
        <pb n="318" />
        Palmarosaöl

313

Palo-mabi

annimmt,  durch  Seewasser  nicht  wie  Kupfer
und  Silber  angegriffen  und  durch  Schwefeldämpfe ­
  nicht  schwarz  wird.  Auch  dient  es  zur
Herstellung  von  Impfnadeln  und  von  Stahlteilen
zu  feinen  Uhren,  da  es  von  elektrischen  und
magnetischen  Strömen  nicht  beeinflußt  wird
sowie  in  einer  Legierung  mit  5  Teilen  Silber
zu  künstlichen  Gebissen.  Eine  wichtige  Rolle
spielt  das  P.  als  Katalysator  bei  chemischen
Prozessen,  da  es  ungeheuere  Mengen  Wasserstoffgas ­
  zu  absorbieren  vermag.-—Palladiumchlorür,
  PdCl 2 ,  die  Auflösung  des  Metalles  in
Königswasser,  dient  in  der  Chemie  als  Reagens
auf  Jod  und  wird  auch  den  Photographen  statt
des  Goldes  zum  Verstärken  oder  Dunkeln  der
Negative  auf  Kollodion  empfohlen.
Palmarosaöl  (lat.  Oleum  palmarosae,  frz.
Essence  de  göranium  des  Indes,  engl.  Oil  of
Palmarosa),  auch  indisches  Grasöl,  indisches ­
  Geraniumöl,  Rusaöl  genannt,  wird  aus
den  oberirdischen  Teilen  der  in  Indien  heimischen ­
  Grasart  Cymbopogon  Martini  Stapf
(And  ropogon  Martini  Roxb.,  Andropogon
Schoenanthus  Flück.  et  Planb.)  durch  Destillation ­
  mit  Wasserdampf  gewonnen.  Es  ist
ein  farbloses  oder  hellgelbes  Öl  von  angenehmem, ­
  anRosen  erinnerndem  Geruch.  Das  spez.
Gew.  liegt,  zwischen  0,887  und  0,90,  die  Drehung
zwischen,  -f-6  und  —  3 0 .  In  1,5—3  Teilen  700/0-igem
  Alkohol  löst  sich  P.  klar  auf.  Hauptbestandteil ­
  ist  Geraniol,  das  75—95%  des  P.
a usmacht;  ein  kleiner  Teil  (3—13o/ 0 )  des  Geraniols ­
  ist  an  Essigsäure  Und  Kapronsäure  gebunden. ­
  Weiterhin  sind  nachgewiesen  kleine
Mengen  von  Dipenten,  Methylheptenon  und
f'arnesol.  Verfälscht  wird  P.  u.  a.  mit  Gurjunbalsamöl,
  Terpentinöl,  Petroleum  und  Kokosöl.
Alle  diese  Zusätze  verraten  sich  durch  ihre  Unlöslichkeit ­
  in  70  o/o  igem  Alkohol.
Palmöl  (Palmfett,  lat.  Oleum  palmae,  frz.
Huile  de  palme,  engl.  Palm-oil)  nennt  man  das
r  ett  aus  dem  Fruchtfleische  der  Ölpalme,Eiais
Suineensis,  die  an  derWestküste  Afrikas  heimisch ­
  ist  und  von  Sierra  Leone  bis  zum  Kongo
öie  wichtigste  Nutzpflanze  bildet.  Die  Palme
fragt  große,  oft  zentnerschwere  Büschel  oder
^rauben  mit  zahlreichen  Einzelfrüchten  von  der
Gestalt  und  Größe  eines  Taubeneies  bis  zu  der
® lt &amp;gt;es  Hühnereies,  deren  Fruchtfleisch  und
barnenkerne  sehr  fettreich  sind.  Das  Öl  aus
öem  Fleisch  gewinnen  die  Schwarzen  in  sehr
r^her  Weise  dadurch,  daß  sie  die  Früchte  in
mögen  oder  Gruben  der  Sonnenhitze  aussetzen,
^obei  sich  bald,  unterstützt  durch  Rühren  oder
Schlagen,  Fleisch  und  Kerne  trennen.  Das
® r stere  wird  in  irdenen  Töpfen  gekocht  und
öas  öl  von  den  faserigen  Bestandteilen  durch
Zuschlägen  in  starke  Tücher  und  Ausringen
“(Kr  Abpressen  getrennt.  Neuerdings  erfolgt
me  Gewinnung  in  zweckmäßigerer  Weise  mit
Hilfe  besonderer  Maschinen.,  Das  rohe  P.  ist  bei
gewöhnlicher  Temperatur  von  butterartiger  Kon-Sls
 tenz  und  besitzt  im  frischen  Zustande  eine
orangegelbe  Farbe  und  angenehmen  VeilchenöOfuch,
  wird  aber  bald  ranzig  und  schmutzig
eiß.  H as  S p ez  G ew ,  beträgt  0,945—0,947,  der
c hmelzpunkt  des  frischen  Fettes  24—27,  älterer
anzig er  Ware  30—400/0.  Es  besteht  im  weltlichen ­
  aus  Palmitin  und  Olein  neben  geringen ­

  Mengen  Stearin  und  Linolein.  Da  es  fast
immer  ranzig  ist,  enthält  es  meist  auch  freie
Palmitinsäure,  Ölsäure  und  Glyzerin,  das  sich
mit  Wasser  ausziehen  läßt.  Für  die  Herstellung
von  Seifen  und  Kerzen  muß  das  dunkelfarbige
P.  erst  gebleicht  und  gereinigt  werden.  Die
Abscheidung  der  Schleimstoffe  erfolgt  durch
längeres  Schmelzen,  wobei  die  fremden  Bestandteile ­
  sich  absetzen.  Das  Bleichen  geschieht
vielfach  durch  bloßes  Erhitzen  im  verdeckten
Kessel  auf  210—220 0  C,  wobei  die  faserigen,
schleimigen  und  färbenden  Bestandteile  verkohlen, ­
  während  das  Öl  selbst  nur  geringe  Veränderung ­
  erleidet.  Es  sieht  dann  infolge  beigemengter ­
  Kohlenteilchen  zwar  etwas  schmutzig
aus,  gibt  aber  eine  schöne  weiße  Seife.  Bisweilen ­
  wird  eine  chemische  Bleiche  vorgezogen,
bei  der  das  Öl  heiß  mit  einer  Mischung  von
gelöstem  Kaliumdichromat  und  Salzsäure  zusammengerührt ­
  wird,  doch  kann  auch  schon
durch  anhaltende  Einwirkung  von  Luft  auf  das
geschmolzene  Fett  eine  Bleichung  erreicht  werden. ­
  P.  wird  von  den  Eingeborenen  als  Speisefett, ­
  in  Europa  zur  Herstellung  von  Seife  und
Kerzen  benutzt.  —  Das  Palmkernöl  wird  erst
in  Europa  aus  eingeführten  Palmkernen  durch
Extraktion  oder  Auspressen  gewonnen.  Es  ist
dem  Kokosfett  nach  Konsistenz,  Farbe  und  chemischer ­
  Zusammensetzung  völlig  analog  und
wird  wie  dieses  in  steigendem  Maße  zur  Herstellung ­
  von  Kunstspeisefetten,  Margarine  und
leichtschäumenden  Seifen  verarbeitet.  Charakteristisch ­
  ist  sein  hoher  Gehalt  an  Glyze.riden
der  Laurinsäure,  Kaprinsäure,  Kaprylsäure  und
Kapronsäure,  die  seine  hohe  Verseifungszahl
bedingen.  —  Die  Preßrückstände,  Palmkernkuchen, ­
  sind  ein  wertvolles  Futtermittel  mit
16—17  0/0  Rohprotein,  9—io»/ 0  Rohfett,  240/0
Rohfaser  und  35  o/ 0  stickstofffreien  Extraktstoffen ­
  und  wurden  eine  Zeitlang  zum  Verfälschen ­
  von  Pfeffer  viel  benutzt.
Palmwachs,  eine  Ausscheidung  der  auf  den
Gebirgen  Neugranadas  wachsenden  Wachspalme, ­
  Ceroxylon  andicola,  wird  durch
Abschaben  von  dem  Stamme  und  der  Unterseite ­
  der  Blätter  und  Zusammenschmelzen  zu
einem  Klumpen  gewonnen.  Die  gelblichweiße
Masse  besteht  aus  einem  Gemenge  von  Flarz
mit  einem  wachsartigen  Körper  und  ist  dem
Karnaubawachs  sehr  ähnlich,  von  dem  sie  sich
durch  den  niedrigeren  Schmelzpunkt  von  72 0
unterscheidet.  In  Europa  erhält  man  meist
Karnaubawachs  für  P.,  im  Ursprungslande  wird
es,  mit  Talg  vermengt,  als  Kerzenstoff  verwandt. ­

Palo-mabi  (Palo  amargo),  ein  in  Nordamerika ­
  und  Westindien  gebräuchlicher  Gegenstand ­
  des  Drogenhandels,  besteht  aus  der  Rinde
von  Ceanothus  reclinatus  (Colubrina  reclinata),
  die  in  Form  zusammengerollter  Zylinder
von  1  cm  Durchmesser  in  den  Handel  kommt.
Die  anfangs  rein  bitter  und  dem  Süßholz  ähnlich ­
  schmeckende  Rinde  ist  außen  bräunlich,
mit  zahlreichen  kleinen  grauen,  in  axialer  Richtung ­
  verlängerten  Korkflecken  bedeckt,  innen
glatt  und  ziemlich  regelmäßig  von  schmutzig
gelben  Längsfurchen  durchzogen  und  wird  in
Amerika  medizinisch  verwandt.
        <pb n="319" />
        Panamahüte

314

Papier

Panamahüte,  die  durch  Leichtigkeit,  Widerstandsfähigkeit ­
  und  so  große  Elastizität  ausgezeichneten ­
  Hüte,  daß  sie  sich  in  jeder  Art
zusammenwickeln  und  drücken  lassen  und
immer  wieder  die  frühere  Form  annehmen,
werden  aus  den  Blattfasern  eines  zu  den  Pand-aneen
  gehörigen  Baumes,  Carludovica
palmata,inZentralamerika  verfertigt.  Der  hierbei ­
  entstehende  Abfall  dient  anstatt  der  Borsten
zur  Herstellung  billiger  Scheuerbürsten.  Zuweilen ­
  kommen  auch  unechte,  weniger  haltbare, ­
  aus  andern  Fasern  gefertigte  P.  in  den
Handel.
Panamas  sind  halbwollene  Modezeuge,  die
mit  dreifarbiger  baumwollener  Kette  und  doppeltem ­
  wollenem  Einschuß  gewebt  werden,  so  daß
die  Ware  ein  den  geflochtenen  Paiiamahüten
ähnliches  Aussehen  erhält.
Paniermehl,  das  in  der  Küche  vielfach  zum
Überziehen  von  Fleisch  (Wiener  Schnitzel)  zur
Erzielung  einer  schönen  Kruste  benutzt  wird,
besteht  normalerweise  aus  einem  scharf  gerösteten ­
  pulverisierten  Gebäck  (Zwieback,
Semmel).  Neuerdings  werden  unter  dem  gleichen ­
  Namen  vielfach  künstlich  mit  Teerfarben
oder  Orlean  gefärbte  Erzeugnisse  in  den  Handel
gebracht,  die  oft  gar  nicht  einmal  gebacken
sind,  sondern  lediglich  aus  Maisgries  bestehen.
Bei  derartigen  Nachahmungen  muß  zum  mindesten ­
  eine  Kennzeichnung  verlangt  werden.
Pankreatin,  der  wirksame  Bestandteil  des
Pankreas,  wird  durch  Ausziehen  der  Bauchspeicheldrüse ­
  des  Rindes  mit  Wasser  und  Fällung
der  Lösung  mit  Alkohol  als  ein  trockenes  Pulver, ­
  oder  auch  nach  der  Auflösung  in  Glyzerin
in  flüssiger  Form  (Pankreatinum  liquidum)  in
den  Handel  gebracht.  Ein  neueres,  Pankreon
genanntes  Präparat  ist  eine  Verbindung  mit
Gerbsäure.  Das  P.  findet  gegen  Störungen  der
Darmtätigkeit  medizinische  Anwendung.
Pannetiers  Grün,  eine  schön  grüne  Mineralfarbe ­
  für  Tapetendruck  und  Wandmalerei,  die
aus  borsaurem  Chromoxyd  besteht,  wird  als
Ersatz  für  das  giftige  Schweinfurtergrün  empfohlen. ­

Papaverin  (lat.  Papaverinum,  frz.  und  engl,
Papaverin),  eines  der  zahlreichen,  im  Opium
enthaltenen  Alkaloide,  bildet  weiße,  geruchlose
Kristallnadeln,  die  bei  147 0  C  schmelzen  und  in
kaltem  Wasser  fast  unlöslich  sind,  in  kochendem ­
  Alkohol  dagegen  sich  reichlich  lösen.  Von
den  meist  gut  kristallisierbaren  Salzen  zeichnet
sich  das  salpetersaure  P.  durch  seine  Schwerlöslichkeit ­
  aus.  P.  wird  neuerdings  medizinisch
verwandt.
Papayin  (vegetabilisches  Pepsin,  lat.
Papayotinum,  frz.  und  engl.  Papayotine),  ein
neueres  Arzneimittel,  wird  aus  den  grünen,
melonenähnlichen  Früchten,  den  Blättern  und
Schäften  des  Melonenbaumes,  Carica
Papaya,  der  in  Südamerika  heimisch,  aber  in
fast  allen  Tropenländern  angebaut  wird,  gewonnen. ­
  Durch  Einschnitte  in  die  genannten
Teile  des  palmenähnlichen  Baumes  bringt  man
den  Milchsaft  zum  Ausfließen,  dampft  nach
dem  Filtrieren  ein  und  fällt  mit  Alkohol.  Der
entstehende  Niederschlag  wird  von  neuem  in
Wasser  gelöst,  abermals  mit  Weingeist  gefällt
und  bei  mäßiger  Wärme  getrocknet.  Er  bildet

ein  amorphes,  weißliches  Pulver  von  etwas
herbem  Geschmack  und  löst  sich  in  Wasser
leicht  zu  einer  beim  Schütteln  schäumenden
Flüssigkeit,  die  sich  beim  Kochen  trübt,  ohne
jedoch  zu  koagulieren.  Das  P.  hat  die  Eigenschaft, ­
  feste  Eiweißstoffe,  Fibrin  und  Fleisch,
ähnlich  dem  Pepsin,  zu  lösen,  also  künstlich  zu
verdauen,  und  zwar  schon  ohne  Zusatz  von
Säure.  Zur  Prüfung  der  Wirksamkeit  löst  man
0,1  g  in  150  g  Wasser  und  fügt  10  g  nicht  zu
hart  gekochtes,  in  linsengroße  Stücke  zerschnittenes ­
  Eiweiß  hinzu.  Letzteres  muß  sich
innerhalb  4—6  Stunden  bei  einer  Temperatur  I
von  40 0  C  unter  öfterem  starken  Schütteln  zu
einer  schwach  opalisierenden  Flüssigkeit  vollständig ­
  auflösen.  Man  verordnet  das  P.  bei
Verdauungsstörungen,  ferner  zur  Beseitigung
diphtheritischer  Membranen  und  gegen  Würmer
bei  Kindern.
Papier  (frz.  Papier,  engl.  Paper).  Der  Name  [
dieses  ganz  unentbehrlich  gewordenen  Handels-  I
und  Gebrauchsgegenstandes  ist  dem  Papyros  j
der  Alten  entlehnt.  Richtiger  würde  die  Be-  I
Zeichnung  Karte  (im  Sanskrit  und  über  ganz  1
Indien  kartä,  kirtas,  qertas,  lat.  quarta,  carta,  j
ein  viereckiges  Blatt)  sein,  welche  die  I
Italiener  und  Griechen  auch  heute  noch  beibehalten ­
  haben.  Die  alten  Ägypter  spalteten  die
Stämme  der  Papyrusstaude,  sonderten  von  [
außen  nach  innen  zu  immer  feiner  werdende  j
Lagen  des  Gewebes  ab  und  klebten  die  Streifen  j
zuerst  mit  ihren  Längsrändern,  aneinander  und  |
dann  lagenweise  übereinander,  weil  die  Tafeln
sich  sonst  zu  leicht  in  der  Länge  gespalten  I
hätten.  Ein  unserem  heutigen  P.  ähnliches,  d.  h.  |
durch  Verfilzung  feiner  Pflanzenfäserchen  gewonnenes
  Erzeugnis  wurde  erst  123  v.  Chr,  von  j
dem  chinesischen  Mandarin  Tsailün  erfunden,  I
nach  dessen  Verfahren  Algen,  Baumwolle,  Bam-  I
busmark  und  Abfälle  der  Baumwollengewebe  I
verarbeitet  wurden,  bis  spätere  Jahrhunderte  |
zur  Verwendung  der  Stroharten,  des  Bastes  I
mehrerer  Baumarten  und  der  Papierbaumschalen  J
(Broussonetia  papyrifera)  übergingen.  Um  610  I
n.  Chr.  kam  die&amp;gt;  Papiermacherei  nach  Korea  1
und  dann  nach  Japan,  wo  der  genannte  Papier-  I
bäum  den  Hauptrohstoff  liefert.  Die  Tataren  1
lernten  die  Kunst  auf  ihren  Einfällen  in  die  I
Mongolei  kennen  und  führten  sie  nach  den  j
Hauptstädten  Marakanda  (Samarkand),  Bokhara,  I
Kaschghar  ein,  von  wo  sie  durch  die  Araber  zu
Anfang  des  achten  Jahrhunderts  nach  Syrien,
Palästina,  Arabien,  Ägypten,  Sizilien  und  Spanien
verpflanzt  wurde.  Als  Ausgangsmaterial  diente  I
ausschließlich  die  rohe  Baumwolle,  während  m  I
Hindostan  bis  Zeylon  die  Faser  der  Sonnen-  I
pflanze  oder  Sunhanf  (Crotolaria  juncea),  &amp;gt; n
Vorderindien  Tschut  (Jute,  Corchorus  capsularis),
  Pisang,  Agave,  in  Tibet  eine  Wurzelrinde,  |
in  Siam  und  Anam  die  Fasern  des  Pliu-Klp 1
(Trophis  aspera)  und  der  Nessel  (Boehmeria
nivea)  benutzt  wurden.  Die  arabischen  und  |
maurischen  Papiermacher  (warräk),  welche  fast  j
immer  zugleich  Gelehrte,  Richter  und  Schreibet
(Kanzler)  waren,  hielten  ihre  Kunst  sehr  g e '
heim,  bis  die  Kreuzfahrer  im  dritten  Kreuzzuge
  mit  Hilfe  der  Gewalt  sich  genau  davon
unterrichteten,  und  gleichzeitig  durch  die  Vertreibung ­
  der  Mauren  aus  Spanien  das  Papiet'  1
        <pb n="320" />
        Papier

315

Papier

machen  auch  dort  in  den  Besitz  christlicher
Nachfolger  überging.  —  Der  wichtigste  Fortschritt ­
  bestand  zunächst  in  dem  Ersatz  der
Baumwolle  durch  Leinenfasern,  wozu  der  immer
fühlbarer  gewordene  Mangel  an  baumwollenen
Hadern  und  die  geringe  Haltbarkeit  des  Baum-Wollenpapiers
  zwang,  und  gleichzeitig  die  Einführung ­
  von  Mühlen  an  Stelle  der  Mörser  und
Stampfwerke.  Es  folgte  die  Einführung  sogenannter ­
  Doppelformen,  welche  die  Arbeit  des
Schöpfers,  Gautschers  und  Legers  wesentlich
»leichterten,  und  schließlich  durch  Robert  die
Erfindung  der  Papiermaschine,  welche  durch
Gamble,  Fourdrinier,  John  und  Georg
Hickinson,  L  e  i  stenschneider,  Bramah,
Penisson  und  Keferstein  zahlreiche  Veränderungen ­
  und  Verbesserungen  erfuhr.  —  Die
Papierbereitung  erfolgt  entweder  durch
Handarbeit  (Hand-  oder  Büttenpapierfabrikation) ­
  oder  überwiegend  durch  Maschinen ­
  (Maschinenpapierfabrikation).
Hie  Herstellung  des  Handpapiers  (Papiermanufaktur), ­
  die  fast  nur  noch  historisches  Jnteresse
hat,  zerfällt  in  folgende  einzelne  Arbeiten:  Sor-Heren
  (trier,  delisser,  sorting)  der  Hadern  in
2°—30  verschiedene  Arten,  Reinigen  durch
einen  Stäuber  (Wolf,  frz.  Blutoir,  Loup,  Diable,
engl.  Duster),  Kochen  mit  Kalklauge  in  einem
feststehenden  oder  rotierenden  eisernen  Kessel,
Auswaschen  und  Halbstoffmahlen  in  der
Eylindermühle  oder  dem  Halbholländer  (frz.
Cylindre  defileur,  engl.  Rag  grinding  engine),
Bleich  en  des  Halbstoffes  (frz.  Demi-päte,  engl.
Half-stuff)  mit  Chlorgas  oder  Chlorkalklösung,
Ganzstoff  mahlen  in  der  Ganzstoffmühle  oder
'fern  Ganzholländer  (frz.  Cylindre  raffineur,
etl gl.  Pulp  finishing  engine).  Zur  Erleichterung
'fcs  Mahlens  ließ  man  früher  die  Hadern  faulen,
'wodurch  zugleich  ein  sehr  geschmeidiges  P.
® r halten  wurde.  Schließlich  wird  der  Ganzstoff
(frz.  Bäte  fine,  engl.  Stuff)  für  Handpapier
Jhit  Harztonerde  vorgeleimt  und  gefärbt,  wobei
me  erforderlichen  Farben  entweder  fertig  zu-Sesetzt
  (substantive  Farben)  oder  durch  Nieder-Sc
 hlag  auf  dein  Stoff  erzeugt  (adjektive  Farben)
^erden.  Der  so  verarbeitete  Brei  gelangt  in  die
Bchöpfbütte  (frz.  Cuve,  engl.  Stuff-vat),  aus
Reicher  der  Schöpfgeselle  mit  einer  der
Größe  des  P. 1  entsprechenden  Form  aus  feinem
jnessingdrahtgewebe  und  dem  Rahmen  (frz.
farnis,  engl.  Would)  die  Fasern  auffängt  und
c mrch  Schütteln  gleichmäßig  verteilt.  Der  Gautl^her,
  dem  darauf  die  Form  auf  einem  Brett
(BrSteau,  Trestle)  zugeschoben  wird,  drückt
^ ei i  nassen  Papierbogen  auf  einen  Filz  (Feutre.
c °ucheur,  Wert  feit),  und  zwar  so  lange,  Bogen
5 u f  Filz  übereinander,  bis  bei  gewöhnlichen
£apiersorten  181  Bogen  in  182  Filzen  liegen,
Uer  ganze  Stoß  (Puscht  oder  Panscht),  daher
■  .Uber  Pauscht  und  Bogen“,  kommt  dann  unter
I  ? le  Presse,  durch  welche  das  überflüssige  Wasser
f^rausgedrückt  wird.  Die  Arbeit  des  Legers
“ e steht  darin,  die  Papierbogen  von  den  Filzen
|eschi c kt  abzunehmen  (nicht  einzureißen  oder
S las en  zu  machen)  und  genau  Bogen  auf
,  °gen  zu  legen  (Umlegen,  frz.  Gänger,  Re-CVer
 ,  engl.  Change,  Turn),  wobei  drei  Puschte
, u  einem  vereinigt  und  noch  einmal  auf
Ur ze  Zeit  gepreßt  werden.  Darauf  folgt  das

Auf  hängen  der  Bogen  zum  Trocknen.  Nach
dem  Trocknen  wird  das  Papier  geschält,  von
Knoten  gereinigt  und  vom  fehlerhaften  Ausschuß ­
  (frz.  Rdtire,  engl,  Worst  part,  Refuse)  geschieden. ­
  Die  Leimung  in  Knochenleimlösung
und  Alaun  (frz.  Collage  animal,  engl.  Sizing)
geschieht  in  der  Weise,  daß  man  eine  Handvoll ­
  Bogen  zugleich  in  die  Leimbütte  taucht
und  dabei  geschickt  wendet,  bis  alle  Stellen  die
Leimung  annehmen.  Nach  dem  Leimen  wird
das  P.  gepreßt,  wieder  aufgehängt,  nach  dem
Trocknen  nochmals  gepreßt,  geschält,  sortiert,
nötigenfalls  geglättet,  beschnitten  und  endlich
in  Lagen,  Bücher,  Riese  und  Ballen  gezählt,  in
Riese  ausgebunden  und  gepackt.  —  Diese  mühsame, ­
  zeitraubende  und  von  der  Geschicklichkeit ­
  der  Angestellten  so  sehr  abhängige  Arbeit
der  Handpapiermacherei  wird  in  wesentlich  einfacherer ­
  Weise  von  den  modernen  Maschinen
ausgeführt.  Ihre  Grundlage  bildet  der  Gedanke
des  Werkführers  Robert  in  Essonne,  ein  Metallsieb ­
  ohne  Ende  als  Form  zu  benutzen  und  dabei ­
  durch  seitliche  Schüttelung  während  des
Ganges  und  damr  durch  Walzen  mit  Filztuch
ohne  Ende  unter  Druck  das  Wasser  aus  dem
fortlaufend  gebildeten  Papierbogen  (P.  ohne
Ende,  frz.  Papier  sans  fin,  engl.  Endless  paperl
möglichst  zu  entfernen.  An  Stelle  des  Siebes
ohne  Ende  benutzte  Leistenschneider  einen
mit  Metallgewebe  überzogenen  hohlen  Zylinder ­
  (Trommel,  frz.  Tambour,  engl.  Cylinder),
der  sich  zu  2 / 3  in  dem  dünnen  Papierbrei  bewegt ­
  und  zu  '/j  oben  frei  zur  Ansaugung  des
P.  dient,  von  wo  dasselbe  durch  Filzwalzen
abgenommen,  weitergeführt  und  durch  Preßwalzen
  entwässert  wird.  Durch  diese  beiden
Einrichtungen  war  die  Arbeit  des  Schöpfers,
Gautschers,  Pressers  und  Legers  in  eine
mechanische  Tätigkeit  zusammengefaßt,  so  daß
für  die  Handarbeit  nur  noch  das  Trocknen,
Pressen  und  Planieren  übrig  blieb.  Schließlich
fügte  Keferstein  in  Weida  einen  Trocknungszylinder ­
  ein,  der  mit  Dampf  erhitzt  wurde
und  das  darübergeführte  P.  trocknete,  damit
war  die  Papiermaschine  vollendet.  —-  Die  beim
Büttenpapier  geschilderte  Arbeitsweise  vom
Hadernsortieren  bis  zum  gebleichten  Ganzstoff
findet  auch  bei  der  Herstellung  des  Maschinenpapiers ­
  in  gleicher  Weise  statt,  nur  erfolgt  hier
die  Mischung  der  Fasern  und  Zusätze  in
anderer  Weise.  Während  nämlich  bei  den  Handpapieren ­
  fast  ausschließlich  die  aus  leinenen
und  baumwollenen  Hadern  durch  feine  Zerteilung ­
  gewonnenen  Fasern  Verwendung  finden,
ist  bei  den  Maschinenpäpieren  der  Zusatz  von
feinen  weißen  Mineralstoffpn  (namentlich  Permanentweiß, ­
  Ton  und  Gips)  eingeführt  worden,
welche  den  Papierstoff  teils  weiß,  teils  schwer
machen.  Auch  wird  der  Holzstoff  (frz.  Pate
de  bois,  engl.  Wood  pulp)  sowie  Zellulose  aus
Stroh-,  Holz-,  Jute-  und  Espartofaser  in  großen
Massen  verwandt.  Die  Leimung  der  in  geeigneter ­
  Weise  hergestellten  Mischung  erfolgt  dann
in  der  Stoffmühle  oder  der  Mischholländermühle ­
  durch  Zusatz  von  3—4°/o  alkalischer
Harzlösung  und  3—40/0  Alaun  oder  2—3  0/0
schwefelsaurer  Tonerde,  worauf  bei  farbigen
Papieren  die  Färbung  stattfindet.  Der  fertige, ­
  geleimte  und  gefärbte  Papierstoff  wird
        <pb n="321" />
        Papiergarn

316

aus  der  Mischholländermühle  in  eine  der
zwei  Vorratsbütten  jeder  Papiermaschine  abgelassen ­
  und  fließt  von  da  mittels  Rohrs  und
stellbaren  Hahns  in  einen  Schöpfapparat
(Danaide),  welcher  dem  Stoffregulator  (frz.
Regulateur  de  pate,  engl.  Regulator  for  stuff)
soviel  zuführt,  als  das  dünnere  oder  dickere  P.
auf  dem  Metallsiebe  braucht.  Der  Stoff  gelangt
dann  auf  eine  breite,  mit  gerippten  Boden-  oder
Querleisten  versehene  Tafel,  den  Sandfang
(frz.  Sablier,  engl.  Sand-catcher),  der  zur  Zurückhaltung ­
  des  Sandes  und  aller  schweren  Unreinigkeiten ­
  dient,  und  danach  auf  einen  oder
zwei  mit  geschlitzten  Messingplatten  belegten
Kasten,  den  Knotenfänger  (frz.  Epurateur,
engl.  Knotter,  Stsainer),  der  zur  Zurückhaltung
der  Zwirnknoten  (Nähte)  und  grob  gebliebenen
Fasern  bestimmt  ist.  Von  da  fließt  der  gereinigte ­
  Papierstoff  auf  ein  Metallgewebe  von
U/2—2  m  Breite  und  10—15  m  Länge  ohne
Ende,  welches  von  kleinen  Walzen  getragen
und  von  großen  Walzen  darunter  gespannt
wird.  Durch  seitliches  Schüttelwerk,  eine  aufgelegte ­
  Entwässerungswalze  (frz.  Rouleau
egoutteur,  engl.  Dandy  roll),  Kaufmannsche
Saugkasten  und  Säugpumpe  (frz.  Caisse  und
Pompe  aspirante,  engl.  Suction  box  und  Pump),
durch  die  Gautschpresse  (frz.  Presse  coucheuse,
  engl.  Couching  roll)  und  die  erste  und
zweite  Naßpresse  (frz.  Presse  humide,  engl.
Wet  press)  wird  das  Wasser  auf  mechanischem
Wege  soweit  als  möglich  entfernt.  Das  Papierband ­
  passiert  dann,  durch  Filze  getragen,  vier
bis  zehn  mit  Dampf  geheizte  Trbcknungszylinder
  (frz.  Cylindres  sScheurs,  engl.  Drying
rollers),  aus  denen  es  getrocknet  auf  Haspeln
(frz.  Dövidoirs,  engl.  Reels)  zu  Rollen  sich  aufwindet. ­
  Die  letzteren  werden  für  sich  verkauft
oder  auf  einer  Schneidemaschine  (frz.  Coupeuse,
engl.  Cutting  machine)  in  Bogen  geschnitten,
mit  einer  Satinier-  oder  Kalandermaschine  (frz.
Machine  ä  satiner,  Calandre,  engl.  Calender)
geglättet  und  in  Ries  verpackt.  Zum  Wiegen
des  P.  dienen  eigene  Papierwagen,  welche
das  Gewicht  des  Bogens  im  Ries  zu  480,  500
und  1000  Bogen  angeben.  Die  Dicke  bestimmt
man  mit  dem  Pyknometer,  die  Festigkeit  mit
dem  Apparat  von  Wendler.  —  Das  sog.
Reißpapier  (engl.  Rice  paper),  welches  sowohl ­
  in  China  als  auch  bei  uns  zur  Blumenmalerei ­
  und  zur  Herstellung  künstlicher  Blumen
viel  benutzt  wird,  ist  kein  eigentliches  Papier,
sondern  besteht  aus  dem  Marke  und  der  Wurzel
einer  von  den  Chinesen  „Reiß“  genannten
Pflanze  (Aeschynome  paludosa).  Zur  Darstellung ­
  dieser  schneeweißen  Blätter  wird  die
noch  feuchte  Wurzel  mit  eigentümlichen  Messern
spiralförmig  nach  innen  zu  geschnitten,  und  das
erhaltene  zusammenhängende  Blatt  noch  feucht
zwischen  Platten  gepreßt.  —  Pauspapier  ist
mit  Lösungen  von  fetten  Ölen  oder  Kopaivabalsam
  behandeltes  und  dadurch  durchscheinend
gemachtes  Seidenpapier  zum  Durchzeichnen.
Papiergarn  wird  seit  der  Abschneidung  ausländischer ­
  Faserstoffe  durch  die  völkerrechtswidrige ­
  englische  Blockade  in  der  Weiäe  aus
Natron-  oder  Sulfitzellstoff  hergestellt,  daß  man
in  Streifen  geschnittenes  Papier  auf  Scheiben
(Spinnteller)  wickelt,  dann  feucht  dreht  und  mit

Pappe

Textilfasern  zusammen  verspinnt.  Häufig  wer-  I
den  die  Streifen  auch  aus  Papierblättern  ge-  J
schnitten,  die  schon  vorher  mit  einem  Schleier
von  Baumwoll-  oder  Juteabfällen  beklebt  waren
(Textilose).  Das  Papiergarn  eignet  sich  gut
zur  Herstellung  von  Bindfaden,  Seilen,  Geweben ­
  für  Wandbekleidungen,  Läuferstoffe,  |
Matten,  Teppiche,  Säcke  (besonders  Sandsäcke),  j
unter  Umständen  auch  für  Bekleidungsgegenstände ­
  (Strümpfe,  Anzüge).  Für  den  letzteren
Zweck  wird  das  Gewebe  durch  Behandlung  mit
schwacher  Lauge  weich  gemacht,  während  der
Nässe  ausgesetzte  Gewebe  mit  Leim  und  Tannin
imprägniert  werden  müssen.  Bereits  im  Jahre
1917  erzeugten  die  Fabrik  von  Claviez  in  Adorf
und  die  Textilwerke  in  Oppeln  täglich  je  30  bis
40000  kg  P.
Papiermache  (frz.  Carton  mould,  engl.  Paper
machee,  Japanned  paper)  nennt  man  eine  aus
Papierstoff  bestehende  Masse,  aus  welcher  die  I
japanischen  und  chinesischen  Lackwaren  (Teebretter, ­
  Rahmen,  Dosen)  hergestellt  sind  und
die  in  anderer  Form  auch  bei  uns  viel  benutzt  I
wird.  Zur  Herstellung  der  ersten  Art  wird  angefeuchtetes ­
  Papier  mit  einem  aus  Tischler-  I
leim  und  Weizenmehl  gekochten  Bindemittel
Blatt'  für  Blatt  über  Formen  gelegt,  die  zur  j
Verhinderung  des  Anklebens  mit  öl  bestrichen
sind.  Nach  dem  Auflegen  von  je  3—4  Blättern  I
findet  eine  Trocknung  statt.  Sobald  die  erforderliche ­
  Dicke  erreicht  ist,  wird  der  Gegen-  I
stand  völlig  getrocknet,  mit  Bimsstein  oder  I
einem  ähnlichen  Material  wiederholt  sorgfältig  I
abgeschliffen  und  mit  dem  vorzüglichen  japa-  1
nischen  Lack  (s.  d.)  bestrichen.  Das  Lackieren
wird  vielfach  auf  dem  Wasser  in  Kähnen  vor-  I
genommen,  um  jeden  Zutritt  von  Staub  zu  ver-  I
hindern.  In  Europa  zerteilt  man  Papier  durch
sog.  Maschieren  (Kauen)  mit  Hilfe  von  I
heißem  Wasser  in  eine  faserige  Masse,  setzt  |
Ton  oder  Gips  hinzu  und  füllt  den  Brei  in  I
Formen.  Die  erhärteten  Gegenstände  (Puppenköpfe,
  Tiere)  werden  mit  Öl-  oder  Leimfarben  I
grundiert  und  bemalt.  Zur  Nachahmung  einer
Behaarung  trägt  man  bisweilen  feine  Scherwolle ­
  auf  den  Leimüberzug  auf.  Als  neueste  I
Erzeugnisse  aus  P.  sind  Eisenbahnräder,  Fässer,  I
Eimer,  Waschbecken,  Körbe  und  Teller  zu  erwähnen, ­
  die  meist  aus  Holzstoff  oder  Zellulose  I
hergestellt  und  durch  mineralische  Zusätze  unverbrennlich
  gemacht  werden.
Pappe  (frz.  Carton,  engl,  Board,  Card  board,
Paste-board)  sind  verschieden  dicke  Platten  aus
Papiermasse,  die  nach  den  üblichen  Verfahren
der  Papierfabijkation  hergestellt  werden.  Man
erhält  sie  entweder  durch  Schöpfen  der  Bogen
von  der  erforderlichen  Dicke  (geschöpfte  oder
geformte  Pappe,  Bütten-P.)  oder  durch
Zusammenpressen  zahlreicher,  frisch  geschöpfte!  I
Papierblätter  (gegautschte  P.)  oder  endlich
durch  Zusammenleimen  fertiger  Papierblättef  I
(geleimte  P.).  Glanzpappen  sind  aus  einen)
mit  Koalin  oder  Schwerspat  beschwerten  und
geleimten  Papierstoff  durch  Pressen  hergestelh-Nach
  der  Art  der  Verwendung  unterscheide 1
man  Saugpappen  zum  Trocknen  feuchtet
Stoffe  und  Buchbinderpappen  für  Büchet'
einbände  und  Kästen.  Die  ersteren  bestehen
aus  Wollenhadernstoff,  die  letzteren  meist  aU 5
        <pb n="322" />
        Pappelholz

317

Paraffin

Altpapier  und  Holzstoff  mit  Mineralzusätzen.  —
Dachpappe  (Stein-  oder  Teerpappe)  endlich ­
  wird  aus  einer  mit  Teer  gemischten  Papierniasse
  von  Papierabfällen,  geringem  Holzstoff,
geringsten  Hadern  und  Kehricht  hergestellt,  mit
Teer  getränkt  und  mit  Sand  bestreut.  —  Asbestpappe ­
  ist  aus  Asbest  und  Holzstoff  hergestellte
Pappe,  die  zum  Abdichten  und  zum  Schutz  vor
Peuersgefahr  vielfach  verwandt  wird.
Pappelholz,  das  Holz  der  verschiedenen  Arten
von  Pappeln,  i.  Das  hellfarbige  Holz  der
Schwarzpappel,  Populus  nigra,  ist  sehr
Weich,  fast  schwammig  und  fasert  leicht  beim
Bearbeiten,  ist  aber  dem  Reißen  und  Werfen t
wenig  unterworfen.  2.  Das  Holz  der  Silberpappel ­
  oder  Weißpappel,  Populus  alba,
ist  ziemlich  hellfarbig,  bisweilen  gelb  geflammt
und  geadert,  zäh,  ziemlich  spaltbar  und  sehr
leicht,  und  wird  zu  Drechsler-  und  Tischlerarbeiten ­
  benutzt.  3.  Das  häufig  ins  Bräunliche
spielende  Holz  der  Zitterpappel,  Populus
tremula,  ist  zäh  und  dicht,  ziemlich  fest  und
gut  spaltbar,  wirft  sich  wenig  und  läßt  sich  gut
und  glatt  bearbeiten.  Es  dient  zu  Schnitzereien
und  Tischlerarbeiten.  4.  Das  Holz  der  italienischen ­
  oder  Chausseepappel,  Populus
Pyramidalis,  ist  hellgelblichweiß,  weich,
leicht,  zäh  und  schwerspaltig,  wirft  sich  nicht,
bekommt  keine  Risse,  steht  im  Trockenen  gut,
aber  weniger  im  Nassen,  und  wird  zur  Herstellung ­
  von  Modellen,  als  Blindholz  für  Furuierarbeiten
  und  zum  Wagenbau  benutzt.  5.  Das
Holz  der  kanadischen  Pappel,  Populus
canadensis,  ist  ziemlich  weiß,  im  Alter  nach
dem  Kern  hin  bräunlich  und  wie  das  Zitter-Pappelholz
  verwendbar.  Die  Ruten  der  italienischen ­
  Pappel  eignen  sich  ausgezeichnet  zu
Blechtwerk,  Zäunen  und  Faschinen.
Pappelknospen  (lat.  Gemmae  populi,  frz.
Bourgeons  de  peuplier,  engl.  Popler  buds),  die
bräunlichgelben,  spitzkegelförmigen  Blattknos-Pen
  der  Schwarzpappel,  sind  an  ihren
dachziegelartig  aufeinanderliegenden  Schuppen
nnt  einem  aromatischen  klebrigen  Harze  bedeckt ­
  und  enthalten  überdies  Gerbstoff,  Wachs
u ud  1 / 2 °/o  ätherisches  öl.  Aus  den  im  Frühling
gesammelten  Knospen  stellt  man  durch  Erwärmen ­
  mit  Schweineschmalz  die  Pappelfalbe
  (Unguentum  populi)  her,  die  gegen  Verbrennungen ­
  und  als  Haarwuchsmittel  benutzt
Wird.  Das  aromatisch  riechende,  hellgelbe  bis
hellbraune  ätherische  Pappelknospenöl  (Oleum
gemmae  populi)  hat  das  spez,  Gew.  0,890  bis
°&amp;gt;905  und  siedet  zwischen  255  und  265°.
t  Paprika  (Spanischer  oder  Türkischer
(Keffer,  lat.  Fructus  capsici  annui  seu  Piper
h’spanicum,  frz.  Poivre  rouge,  engl.  Red  pepper)
hennt  man  die  rotgelben  bis  dunkelroten  Früchte
ber  langen  Beißbeere  (Capsicum  annuum),
Welche  die  Form  einer  6—io  cm  langen  und
^&amp;gt;5—3  cm  dicken  Schote  besitzen.  Die  aus
Spanien,  Italien,  vor  allem  aber  aus  Südungarn
^geführte  Frucht  kommt.  sowohl  in  ganzem
Wie  i n  gemahlenem  Zustande  in  den  Handel.
ÖIe  enthält  als  wertbestimmenden  Bestandteil
5)wa  0,01  o/ 0  eines  scharfschmeckenden  Stoffes,
T a Psaizin,  das  sich  jedoch  nur  in  gewissen
r üsen  der  Fruchtscheidewand  (Placenta)  vor-’^det.
  Als  Gewürz  wird  nur  die  ganze  gemahlene ­

  Frucht  benutzt,  während  ein  neuerdings ­
  als  Zusatz'zu  Hackfleisch  angepriesenes
Pulver,  das  unter  Beseitigung  der  Placenta  hergestellt ­
  worden  ist,  völlig  geschmacklos  erscheint ­
  und  daher  zu  den  im  Fleischbeschaugesetz ­
  verbotenen  Farbstoffen  zu  rechnen  ist.
In  gepulvertem  Zustande  ist  P.  Verfälschungen
in  hphem  Grade  ausgesetzt,  Zusätze  von  Mehl,
Kleie,  Sandelholz,  Ziegelmehl,  Ocker  und  anderen ­
  Mineralstoffen  und  künstliche  Färbung
sind  beobachtet  worden,  ja  selbst  mit  Alkohol
völlig  extrahierte  Proben  kommen  im  Handel
vor.  Diese  Extraktion  erfolgt  zur  Gewinnung
der  Paprikatinktur  (Tinctura  capsici),  die  als
Einreibungsmittel  Verwendung  findet,  aber
auch  zur  Verfälschung  von  Trinkbranntwein,  als
Schärfe,  dient,  durch  Einhängen  mit  P.  gefüllter
Säckchen  in  Spiritus.  Die  bereits  in  Ungarn
vielfach  ausgeübte  Verfälschung  gibt  sich  durch
die  blässere  Farbe,  den  milderen  Geschmack  und
vor  allem  den  geringen  Gehalt  an  alkoholischem
Extrakt,  der  in  normaler  Ware  mindestens  260/0
beträgt,  zu  erkennen.  Allerdings  ist  zur  Vermeidung ­
  von  Irrtümern  zu  berücksichtigen,  daß
Paprika  sich  bei  längerer  Aufbewahrung  verändert ­
  und  anscheinend  an  Extrakt  verliert.
Paradieskörner  (Meleguetapfeffer,  Muskatsaat, ­
  Guineapfeffer,  lat.  Grana  paradisi,
frz.  Grains  de  paradis,  engl.  Grains  of  paradise)
sind  die  Samen  von  Amomum  Melegueta
(Szitamineen)  und  also  mit  Ingwer  und  Kardamomen ­
  verwandt.  Die  glänzendbraunen  und
harten  Samen  zeigen  eine  rundlicheckige  und
fast  vierseitige  Form.  Die  Oberfläche  erscheint
mit  feinen  Runzeln  und  Wärzchen  bedeckt,  der
Durchschnitt  weiß  und  mehlig,  der  Geschmack
stark  gewürzhaft  und  beißend  wie  Pfeffer  und
Ingwer.  Die  wertbestimmenden  Stoffe  befinden
sich  in  der  Samenschale  und  bestehen  aus  wenig
ätherischem  Öl  und  einem  sehr  brennend
schmeckenden  Harz.  Zurzeit  wird  die  Droge
nur  noch  benutzt,  um  Essig  und  Branntwein
einen  schärferen  und  kräftigeren  Geschmack  zu
geben,  sowie  bei  der  Bereitung  bitterer  Liköre.
Paraffin  ist  ein  Gemenge  verschiedener  fester
Kohlenwasserstoffe  der  Fettreihe  von  der  aligemeinenFormelCnHau-t-2,
  hauptsächlich  mit  20
bis  40  Atomen  Kohlenstoff,  das  sowohl  fertig
gebildet  in  der  Natur  vorkommt,  als  auch  bei
der  trockenen  Destillation  bituminöser  Kohlen
und  Schiefer  entsteht.  Der  von  K.  v.  Reichenbach ­
  im  Jahre  1830  eingeführte  Name  „parum
affinis“  soll  die  geringe  Verwandtschaft  zu  anderen ­
  Stoffen,  die  Widerstandsfähigkeit  gegen
chemische  Stoffe  andeuten.  P.  findet  sich  in
gelöstem  Zustande  im  Erdöl,  in  fester  Form  als
Erdwachs  (Ozokerit)  am  Fuße  der  Karpathen ­
  in  Galizien,  ferner  in  Siebenbürgen,  der
Moldau  und  am  Ostufer  des  Kaspischen  Meeres.
In  großen  Mengen  gewinnt  man  es  aus  dem
Teer  gewisser  Braunkohlen,  die  sich  besonders
in  der  Provinz  Sachsen  zwischen  Weißenfels
und  Zeitz  finden  sowie  aus  Torf  und  bituminösem ­
  Schiefer,  Die  zur  Verarbeitung  geeignete ­
  Braunkohle,  die  sog.  Paraffin  kohle
(Pyropissit),  die  ein  wenig  kohlenartiges  Aussehen ­
  hat  und,  mehr  einer  leichten  hellbraunen,
bröckligen  Erde  ähnelt,  wird  zunächst  geschwelt,
d.  h.  einer  trockenen  Destillation  unterworfen,
        <pb n="323" />
        Paraffin

318

Paraffinöl

und  der  gewonnene  Teer,  eine  braune  butterartige ­
  Masse,  oder  bei  höherer  Temperatur  ein
klares  hellbraunes  Öl,  in  gußeisernen  Blasen  von
20  dz  Fassungsraum,  meist  unter  Minderdruck,
nochmals  destilliert.  Die  zuerst  übergehenden
Stoffe  sind  paraffinarm  und  bilden  das  Rohöl,
das  auf  Photogen  und  Solaröl  verarbeitet
wird;  die  zuletzt  übergehenden,  die  sog.  Paraffinmasse, ­
  enthalten  neben  schweren  Ölen
(Paraffinöl,  Schmieröl),  die  Hauptmasse  des
festen  P.  Zur  Entfernung  von  Harz,  Kreosotöl
u.  dgl.  unterwirft  man  die  Paraffinmasse  einer
Raffination  mit  konz.  Schwefelsäure,  Natronlauge ­
  und  warmem  Wasser  und  überläßt  sie
in  großen  kühl  stehenden  Bassins  mehrere
Wochen  der  Ruhe.  Die  in  glänzenden  gelbweißen ­
  Blättern  auskristallisierende  Paraffinbutter ­
  wird  durch  Filterpressen  geschickt,  wobei ­
  ein  großer  Teil  des  Öles  (Paraffinöl)  abläuft, ­
  während  die  Schuppen,  das  Rohparaffin,
Zurückbleiben.  Das  letztere  wird  mit  io—150/0
Braunkohlenbenzin  zusammengeschmolzen,  nach
dem  Erstarren  in  hydraulischen  Pressen  stark
abgepreßt  und  das  Verfahren  mehrmals  wiederholt, ­
  bis  die  Masse  fast  weiß  ist.  Schließlich
kocht  man  das  P.  zur  Entfernung  des  Benzins
mit  Wasser  aus,  entfärbt  es  völlig  durch  Erhitzen ­
  mit  Knochenkohle  oder  feinem  Ton  und
gießt  es  dann  für  den  Handel  in  Blöcke.  Von
den  Nebenprodukten  der  Paraffingewinnung
haben  die  flüssigen  Bestandteile  des  Rohöls,
Photogen  und  Solaröl,  die  durch  eine  Raffination ­
  mit  Schwefelsäure  und  Natronlauge  sowie ­
  durch  fraktionierte  Destillation  des  Rohöls
gewonnen  werden,  die  größte  Bedeutung.  Das
Photogen,  zu  dem  man  alle  Fraktionen  mit
einem  spez.  Gew.  unter  0,825  rechnet,  bildet
eine  farblose  oder  schwach  gelbliche  Flüssigkeit ­
  von  unangenehm  rettichartigem  Geruch.
Seine  niedrig  siedenden  Anteile  vom  spez.  Gew.
0,77-—0,81,  das  Braunkohlenbenzin,  dienen,  wie
erwähnt,  zur  Reinigung  des  P.,  während  die
höher  siedenden  mit  spez.  Gew.  von  0,810—0,825
als  eigentliches  Photogen,  Ligroin  oder  deutsches ­
  Petroleum  zur  Beleuchtung  oder  als  Fleckwasser ­
  Verwendung  finden.  Das  gelbliche,  ziemlich ­
  dickflüssige  Solaröl  (spez.  Gew.  0,825  bis
0,835)  wird  als  billiger  Ersatz  des  amerikanischen ­
  Petroleums  benutzt,  dem  es  an  Leuchtkraft ­
  nahe  kommt.  Das  zum  Brennen  untaugliche ­
  dicke  Öl,  das  vom  P.  abgepreßt  wird,
kommt  als  Paraffinöl  zu  Schmierzwecken
oder  zur  Ölgasbereitung  in  den  Handel.  Die
Ausbeute  an  Teer  beträgt  etwa  5  0/0  der  verarbeiteten ­
  Braunkohlen.  In  der  Zeit  vor  dem
Kriege  wurden  in  Deutschland  jährlich  aus
65000  t  Teer  7500  t  P.  und  36000  t  Paraffinöl
gewonnen.  —  Die  Darstellung  auä  dem  bituminösen ­
  Schiefer,  der  besonders  in  Ungarn  und
im  Banat  vorkommt  .  sowie  aus  den  hoch
siedenden  Anteilen  des  Rohpetroleums  erfolgt
in  ähnlicher  Weise.  Das  aus  letzterem  durch
Auskristallisieren  gewonnene  P.  wird  als  Belmontin,
  ein  durch  Destillation  erhaltenes
Weichparaffin  von  zarter,  salbenartiger  Konsistenz ­
  als  Vaseline  oder  Paraffinsalbe  bezeichnet. ­
  Das  wertvollste  Ausgangsmaferial,  der
Ozokerit,  der  50—80%  beste  Paraffinmasse
liefert,  wird  meist  ohne  Destillation  durch  Behandlung ­

  mit  rauchender  Schwefelsäure  und  I
Entfärbung  mit  Tierkohle  gereinigt  und  liefert
dann  ein  schwer  schmelzbares  P.,  das  Zeresin.  I
—  P.  bildet  im  gereinigten  Zustande  eine  durch-  I
scheinende,  geruch-  und  geschmacklose  Masse  |
von  bläulichweißer  Farbe,  die  beim  Kneten  in
der  Hand  erweicht,  sich  aber  nur  wenig  fettig
anfühlt.  In  Wasser  ist  es  unlöslich,  kochender
Alkohol  löst  etwa  3  0/0,  in  Äther,  Schwefel-  I
kohlenstoff,  Benzin  und  fetten  Ölen  löst  es  sich
bei  gelindem  Erwärmen  fast  in  jedem  Verhältnis ­
  auf.  Mit  Wachs,  Walrat,  Fetten  und  Harzen  j
kann  es  leicht  zusammengeschmolzen  und  ge-  I
mischt  werden.  Konzentrierte  Schwefel-  und
Salpetersäure  sowie  ätzende  Alkalien  sind  ohne
jede  Einwirkung,  von  Chlorgas  wird  es  nur  in
geschmolzenem  Zustande  unter  Bildung  einer
zähen  harzigen  Masse  (Chlorparaffin)  an-  I
gegriffen.  Beim  Erhitzen  mit  Schwefel  ent-  I
wickelt  das  P.  Schwefelwasserstoff  und  zersetzt
sich  dabei  vollständig  unter  Abscheidung  von
Kohle.  Bei  gewöhnlicher  Temperatur  läßt  es  I
sich  nicht  anzünden,  erst  nach  dem  Erhitzen  I
auf  160—170 0  verbrennt  es  mit  leuchtender  I
Flamme.  Zwischen  3^0—400 0  geht  das  P.  zum
größten  Teil  unzersetzt  über.  Der  Schmelz-  I
punkt,  das  spez.  Gew.  und  die  Härte,  die  mit-  1
einander  steigen  und  fallen,  unterliegen  großen  I
Schwankungen.  Nach  ihrer  Höhe  unterscheidet  I
man  in  der  Regel  Weichparaffin  (Schmelz-  I
punkt  44—48°,  spez.  Gew.  0,88—0,89)  und  I
Hartparaffin  (Schmelzpunkt  52—56°,  spez.
Gew.  0,828—0,915),  oder  wie  bei  den  Braunkohlendestillaten ­
  Weichparaffin  (Schmelzpunkt
38—42°),  Mittelparaffin  (47—50°)  und  Hart-  I
paraffin  (53—55°),  doch  kommen  auch  Hart-  1
paraffine  mit  Schmelzpunkten  bis  zu  70°  vor.  I
Über  70—8o°  liegende  Schmelzpunkte  und  spez.  I
Gewichte  von  0,918—0,930  deuten  auf  Zeresin  I
hin.  Je  höher  der  Schmelzpunkt,  um  so  wert-  |
voller  ist  das  P.  Die  Hauptmenge  dient  zur  I
Herstellung  von  Kerzen.  Außerdem  benutzt  1
man  es  zum  Imprägnieren  vieler  Stoffe,  ent-  I
weder  um  sie  wasserdicht  oder  durchscheinend  I
zu  machen  (wasserdichte  Gewebe,  Pauspapier),  1
oder  um  sie  vor  Witterungs-  bzw.  chemischen  I
Einflüssen  zu  schützen  (Marmorstatuen,  Holzfässer, ­
  Korke).  In  der  Zündholzindustrie  wer-  I
den  die  Hölzer  mit  P.  getränkt,  in  Laboratorien
findet  es  zur  Füllung  von  Paraffinbädern  und
zum  luftdichten  Verschluß  von  Flaschen  und
Apparaten  Verwendung.  —  Das  Paraffinum
solidum  des  D.A.  B.  ist  mit  Schwefelsäure  gereinigter ­
  Ozokerit  und  sollte  daher  Zeresin
heißen.
Paraffinöl  nennt  man  das  beim  Auspressen
der  Paraffinmasse  (s.  d.)  ablaufende  schwere  Öl,
das  je  nach  dem  Ausgangsmaterial  verschiedene ­
  Eigenschaften  zeigt.  P.  aus  Braunkohlen-  J
teer  besitzt  meist  neben  dunkler  Farbe  einen
unangenehmen  Geruch  und  wird  gewöhnlich
zur  Bereitung  von  Leuchtgas  benutzt,  während
das  weniger  übelriechende  P.  des  Ölschiefers
auch  als  Schmieröl  Verwendung  finden  kann-Das
  P.  oder  Ozokeritöl  des  D.A.B.  (Paraffinum
  liquidum)  wird  aus  den  über  300 0
siedenden  Bestandteilen  des  Petroleums  (namentlich ­
  von  Baku)  durch  Behandlung  mit  rauchen-  :
der  Schwefelsäure,  Natronlauge  und  Tierkohl®
        <pb n="324" />
        Paraguay-Roux

319

Parfümerien

dargestellt  und  bildet  dann  eine  farblose  ölige
Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.  o,88,  die  bei  360°
noch  nicht  zum  Sieden  gelangt.  Es  wird  in
der  Medizin  zur  Bereitung  von  Paraffinsalbe
und  zu  subkutanen  Injektionen,  in  der  Technik
zum  Einölen  von  Nähmaschinen,  Uhren  und
Fahrrädern  benutzt.  —  Bisweilen  wird  im  Handel ­
  als  Paraffinfett  oder  Paraffinschmiere
auch  ein  dickes  Schmieröl  bezeichnet,  das  mit
Paraffin  nichts  zu  tun  hat,  sondern  aus  Harzen
hergestellt  wird.
Paraguay-Roux  (Paratinktur),  ein  früher
gegen  Zahnschmerz  angewandtes,  jetzt  in  Vergessenheit ­
  geratenes  Heilmittel,  ist  die  alkoholische ­
  Tinktur  aus  der  Parakresse  oder  Kohlfleckblume ­
  (Spilanthes  oleracea),  einer  in
Südamerika  einheimischen,  bei  uns  in  Gärten
gezogenen,  einjährigen,  krautartigen  Komposite.
Paranüsse  (brasilianische  Nüsse)  sind  die
3V2—4V2  cm  langen  Fruchtkerne  eines  großen,
den  Myrtengewächsen  verwandten  Baumes,
Bertholletia  excelsa,  der  im  Gebiete  des
Orinoko  und  Amazonenstromes  heimisch  ist.
Die  Samen  liegen  ursprünglich  in  einer  hartschaligen,
  kopfgroßen  Frucht  und  haben  infolge
ihrer  gedrängten  Lage  eine  dreiseitige  Form
mit  zwei  flachen  und  einer  gewölbten  Fläche
erhalten.  Ihre  holzige  oder  vielmehr  lederartige ­
  Schale  ist  braun,  rauh  und  quer  gerunzelt ­
  und  umschließt  einen  Kern  mit  rostbrauner
Oberhaut  und  dichtem  weißem  Fleisch.  Der
Kern  enthält  bis  670/0  eines  milden,  geruchlosen ­
  und  gelblichen  fetten  Öls,  das  Paranußöl, ­
  das  dem  Mandelöl  sehr  ähnlich  ist,  aber
leicht  ranzig  wird  und  bei  o°  erstarrt.  Das  spez.
Gew.  beträgt  0,9184.  Man  benutzt  die  P.  wie
Alandein  oder  andere  Nüsse  als  Nahrungs-  und
Genußmittel.
Pareirawurzel  (amerikanische  Grießwurzel, ­
  lat.  Radix  pareirae  bravae,  frz.  Racine  de
Pareire,  engl.  Velvet  leaf),  die  getrocknete  Wurzel ­
  einer  Schlingpflanze  aus  der  Familie  der
Alenispermazeen,  Cissampelos  Pareira,
die  in  Mexiko,  Westindien  und  auch  in  Ostindien ­
  angetroffen  wird,  bildet  teils  zylindrische,
teils  plattgedrückte  Stücke  von  oft  beträchtlicher ­
  Länge  mit  rauher,  dunkelbrauner  bis
schwarzbrauner  Rinde,  die  stellenweise  von
Dängsrissen  und  Querwülsten  durchbrochen  ist.
Auf  dem  Querschnitte  zeigt  sich  unter  der  verhältnismäßig ­
  dünnen  Rinde  das  eigentümlich
Sebaute  Holz,  das  aus  5—8  konzentrischen
Schichten  besteht.  Die  Ringe  umgeben  oft  auch
exzentrisch  rinnenartig  oder  spiralig  den  Holzkern ­
  und  sind  durch  verdickte  Zellen  voneina
 Uder  getrennt.  Das  poröse  Holz  der  Wurzel
lst  gelb  und  durch  dunklere  Markstrahlen  radial
gestreift.  P.  schmeckt  anfangs  süßlich,  hinterher ­
  unangenehm  bitter,  besitzt  aber  keinen  Ger
 Uch.  Ihre  medizinische  Verwendung  als  harntr
 eibendes  Mittel  beruht  auf  der  Anwesenheit
eines  Alkaloides,  das  früher  Pelosin  genannt
Wur de,  aber  mit  Buxin  identisch  ist.
,  Parfümerien  (frz.  Parfumeries,  engl.  Perfumer
 fes)  nennt  man  eine  Gruppe  von  Waren,  die
s ’ch  durch  einen  besonders  feinen  Wohlgeruch
a uszeichnen  und  hauptsächlich  zu  ToilettenzWecken,
  als  Riechwässer,  Wasch-  und  Schönneitswässer,
  Haaröle,  Pomaden,  feine  Seifen,

Räucheressenzen  und  Riechkissen  Verwendung
finden.  Die  wohlriechenden  Stoffe  sind  meist
natürlichen  Ursprungs  und  entstammen,  abgesehen ­
  von  den  tierischen  Abscheidungen
Moschus,  Zibet  und  Ambra,  sämtlich  dem  Pflanzenreiche. ­
  Ihrer  chemischen  Zusammensetzung
nach  stellen  sie  entweder  ätherische  Öle  (s.  d.)
oder  Balsame  und  wohlriechende  Harze  dar,
bei  denen  allerdings  das  Aroma  meist  auch
wieder  durch  ätherisches  Öl  bedingt  wird.  Eine
besondere  Klasse  endlich  bilden  die  flüchtigen ­
  Äther,  die  sich  im  reifen  Obste  bilden
und  dessen  Duft  verursachen.  Die  ätherischen
Öle  können  in  einzelnen  Fällen,  wie  bei  Zitronen ­
  und  anderen  Südfrüchten,  auf  mechanischem ­
  Wege  durch  Auspressen  erhalten  werden,
der  Hauptsache  nach  gewinnt  man  sie  aber
durch  Destillation  mit  Wasser.  Das  hierbei  mit
übergehende  Wasser,  das  geringe  Mengen  der
Riechstoffe  auflöst,  bildet  als  ätherisches
Wasser  einen  besonderen  Handelsartikel.  Bei
leicht  zersetzlichen  Aromastoffen,  die  wie  viele
Blütendüfte  durch  Wasser  und  Hitze  zerstört
werden  oder  nur  in  außerordentlich  geringer
Menge  vorhanden  sind,  müssen  andere  Arbeitsweisen ­
  benutzt  werden.  Am  ältesten  ist  das
Absorptionsverfahren  (Enf  leurage),  bei
dem  man  die  Riechstoffe  an  Fett  bindet.  Nach
der  Enfleurage,  welche  besonders  auf  farnesische
  Akazien,  Heliotrop,  Hyazinthe,  Jasmin,
Narzisse,  Reseda,  Rose,  Syringe,  Tuberose  und
Veilchen  angewandt  wird,  bedeckt  man  Glastafeln ­
  etwa  3  mm  hoch  mit  einer  Schicht  von
Talg  und  Schweineschmalz,  legt  sie  in  Holzrahmen ­
  und  breitet  frische  Blüten  darüber  aus.
Sobald  diese  ihren  Duft  abgegeben  haben,  werden ­
  sie  durch  neue  ersetzt,  bis  das  Fett  völlig
mit  Aroma  gesättigt  ist.  Die  wohlriechende
Pomade  kommt  für  sich  in  den  .Handel  oder
wird  2—4  Wochen  lang  mit  reinstem  Weingeist
angesetzt,  welcher  die  Riechstoffe  auflöst  und
dann  die  Bezeichnung  Extrait  führt.  Derartige
Extraits  werden  auch  mit  solchen  Blüten  hergestellt, ­
  die  wie  Rosen-  und  Orangeblüten  die
Destillation  vertragen,  aber  nach  der  Enfleurage
feinere  Produkte  liefern.  Die  gebräuchlichsten
Parfüms  dieser  Art:  Extrait  de  violet,  de  resdda,
de  rose  und  de  jasmin,  werden  meist  in  dreifacher ­
  Stärke  als  Extraits  triples  versandt  und
mit  Spiritus  verdünnt.  —  Nach  einem  anderen
Verfahren  tränkt  man  leinene  oder  baumwollene
Tücher  mit  feinstem  Olivenöl,  legt  sie  mit  Blüten
bedeckt  in  Holzrahmen  und  preßt  nach  Absorption ­
  der  Riechstoffe  das  Öl  aus,  oder  endlich
man  trägt  die  Blüten  in  gelinde  erwärmtes  Öl
ein.  Die  mit  dem  Aroma  beladenen  Öle  führen
den  Namen  Huiles  antiques.  —  In  neuerer
Zeit  geht  man  mehr  und  mehr  zu  der  einfacheren ­
  und  billigeren  Extraktion  über,  nach
welcher  die  Blüten  mit  Schwefelkohlenstoff
oder  reinstem  Petroläther  erschöpft  werden.
Beim  Abdestillieren  des  Auszuges  hinterbleibt
das  ganze  Aroma  in  Form  eines  winzigen  Rückstandes, ­
  der  in-Alkohol  gelöst  wird.  —  Die  im
Handel  befindlichen  Blütenessenzen  entsprechen
nicht  immer  ihrem  Namen,  sondern  bestehen
vielfach  aus  Nachahmungen.  Andere  Parfüms,
wie  Eau  de  mille  fleurs,  Eau  de  Cologne.
Eßbouquet  (Essence  de  bouquet),  sind  immer
        <pb n="325" />
        Parmesankäse

320

Pastinak

Mischungen  verschiedener  Extraits.  Wieder  andere ­
  werden  auf  dem  Wege  der  chemischen
Synthese  künstlich  dargestellt,  wie  das  dem
natürlichen  Riechstoffe  völlig  identische  Kumarin ­
  und  Vanillin,  oder  wie  das  dem  Veilchen
außerordentlich  ähnlich  riechende  Jonon  und  der
künstliche  Moschus,  das  Tonquinol.  Die  ursprünglich ­
  in  Frankreich  heimische  Fabrikation
von  P.  hat  neuerdings  auch  in  Deutschland  hohe,
Erfolge  zu  verzeichnen.
Parmesankäse,  ein  halbfetter  italienischer
Hartkäse,  bedarf  zum  Ausreifen  längerer  Zeit
und  wird  daher  nur  in  größeren  Laiben  von
mindestens  25  kg,  im  Durchschnitt  aber  40  bis
50  kg  Gewicht  hergestellt.  Man  erwärmt  die
teilweise  entrahmte  Milch  nur  auf  ungefähr
30 0  C  und  setzt  dann  das  Lab  zu.  Die  fein
zerteilte  Quarkmasse  wird  mit  Safran  gefärbt,
längere  Zeit  auf  52—55 0  C  erhitzt  und  dann
10—15  Minuten  der  Ruhe  überlassen,  während
welcher  die  Zusammenlagerung  der  Käseteilchen ­
  am  Grunde  des  Kessels  erfolgt.  Nach
Abschöpfung  der  oben  stehenden  Molken  wird
der  Käseklumpen  geknetet  und  zum  Abtropfen
auf  ein  leinenes  Tuch  gebracht.  Darauf  kommt
er  in  eine  aus  breiten  Holzreifen  bestehende
Form,  die  durch  Spannschnur  zusammengehalten ­
  wird,  und  schließlich  in  die  Salzkammer,
in  der  er  zu  wiederholten  Malen  mit  Salz  bestreut ­
  wird.  Diese  Operation  erfordert  40  Tage.
Zur  Erzielung  der  gehörigen  Reife  gelangen
die  Käse  in  der  Reihenfolge  ihres  Alters  auf
Holzgestelle  und  werden  anfangs  täglich,  später
in  mehrtägigen  Zwischenräumen  mit  Öl  abgerieben ­
  und  gewendet,  bis  sie  nach  Verlauf
eines  Käsejahres,  d.  h.  nach  sechs  Monaten,
zum  Verkauf  an  die  Händler  kommen.  '•—  Der
P.  wird  in  Deutschland  meist  nur  im  geriebenen
Zustande  zum  Bestreuen  von  Makkaroni,  Ragout
fin  usw.  verwandt.
Pasta  (Teige).  Unter  P.  oder  Pastawaren
versteht  man  in  der  Pharmazie  knetbare  oder
bei  höherer  Temperatur  erweichende  Mittel,
welche  der  Haut  leicht  anhaften  und  vielfach
mit  arzneilichen  Zusätzen  versehen  sind.  Nach
ihren  Hauptbestandteilen  werden  sie  in  Kleister-,
Dextrin-,  Öl-,  Vaselin-,  Lanolin-  und  Leimpasten
unterschieden,  von  denen  die  letzteren  aus  Gelatine, ­
  Glyzerin  und  Zinkoxyd  die  größte  Bedeutung ­
  haben.  Sie  finden  vielfache  medizinische
Anwendung  gegen  Hautleiden  und  andere
Krankheiten.  —Die  sog.  weiße  Pasta  (P.
alba,  P.  gummosa,  Lederzucker)  aus  Gummi,
Zucker  und  Eiweiß  und  die  Süßholz-P.
(braune  Reglise,  P.  Liquiritiae)  aus  den
gleichen  Bestandteilen  mit  Lakritzen  werden
gegen  Husten  benutzt.
Pastellfarben  nennt  man  diejenigen  Deckfarben, ­
  die,  im  Gemisch  mit  Kreide,  weißem
Ton,  Gips  oder  Zinkoxyd  und  Gummiwasser
zu  einem  Teige  angemacht  und  fein  verrieben,’
in  Stifte  geformt  und  getrocknet,  Pastellmalern
und  Zeichnern  zur  Ausführung  von  Trockcngemälden
  auf  körnigem  Papier  oder  Pergament ­
  dienen.  Zu  P.  werden  die  feineren  Farbstoffe, ­
  wie  Zinnober,  Karmin,  Lackfarben,  Berlinerblau, ­
  Indigo,  Ultramarin,  Umbra,  grüne
Erde,  Bleiweiß  und  Elfenbeinschwarz  benutzt.
Die  Stifte  müssen  den  richtigen  Grad  von

Widerstandsfähigkeit  und  doch  soviel  Weiche
haben,  daß  sie  auf  dem  Papier  leicht  abfärben,
und  kommen  sowohl  nackt  als  in  Holz  gefaßt
und  in  Kistchen  sortiert  in  den  Handel.
Pasten.  Mit  diesem  Namen  bezeichnet  man
Kopien  von  alten,  künstlerisch  geschnittenen
Steinen,  in  farbigem  Glas  oder  in  feinen,  nach
der  Formung  gebrannten  Tonmassen  und  anderen ­
  geeigneten  Stoffen.  Zur  Darstellung  der
Glaspasten  wird  mit  dem  Original  ein  Abdruck
in  feinem,  angefeuchtetem  Tripelpulver  gemacht,
das  in  einen  kleinen  Tiegel  eingesetzt  ist.  Nach
dem  Trocknen  bringt  man  die  Tiegel  mit  einem
aufgelegten  Stückchen  Glas  in  Windöfen,  erhitzt ­
  sie  so  weit,  daß  die  Glasmasse  flüssig  zu
werden  anfängt,  und  drückt  diese  sogleich  mit
einem  Eisen  in  die  Vertiefung  der  Form  ein.
Derartige  P.  dienen  zur  Ergänzung  von  Sammlungen, ­
  wie  auch  als  Schmucksachen,  namentlich ­
  in  Ringe  gefaßt,  als  Siegelsteine.
Pasteten  (frz.  Pates,  engl.  Pastry,-  Pie),  |
mannigfaltige  Erzeugnisse  der  Kochkunst  und
Bäckerei,  die  zum  Teil  in  den  Kleinhandel
kommen,  bestehen  aus  gekochter,  gebratener
oder  gedämpfter,  fein  zerkleinerter  Fleischmasse
in  dicker,  fast  fester  Teigform,  und  werden  in
Büchsen  oder  Terrinen  versandt.  Neben  dem
Hauptvertreter,  der  Straßburger  Gänseleberpastete ­
  mit  und  ohne  Trüffeln,  hat  man  in  verschiedenen ­
  französischen  Städten  Spezialitäten,
so  in  Perigueux  Rebhühnerpasteten  mit  Trüffeln,
in  Toulouse  Entenleberpasteten,  in  Montreuil
Schnepfenleberpasteten,  in  Rouen  Hührierpasteten,
  in  Montelimar  Krammetsvögelpasteten,  in
Chartres  und  Nogent-le-Rotrou  Wachtel-,  Rebhühner- ­
  und  Hasenpasteten.
Pastillen  (Plätzchen,  Zeltchen  oder  Täfelchen ­
  zum  Einnehmen,  lat.  Pastillae,  Trochisci,
Tablettes,  frz.  Pastilles,  engl.  Lozenges,  Troches)
bestehen  aus  einem  Gemisch  von  Zucker  oder
Salzen  mit  einem  Bindemittel,  gewöhnlich  Tragantschleim, ­
  dem  Arzneistoffe  in  bestimmter
Menge  einverleibt  sind.  Sie  werden  in  der  Weise
hergestellt,  daß  man  die  Bestandteile  zu  einem
Teige  formt,  diesen  in  Blätter  ausrollt  und  die
Scheibchen  mit  Stecheisen  aussticht.  Für  Schokoladenplätzchen ­
  wird  der  weiche  Teig  in  eine
Spritze  gefüllt  und  in  kleinen  Teilen  herausgedrückt. ­
  Einzelne  Arten  von  P.  bilden  bedeutende ­
  Handelsartikel,  wie  die  Mineralwasserpastillen
  von  Bilin,  Vichy,  Ems  und  Soden,
welche  die  Salze  der  dortigen  Heilquellen  enthalten. ­
  Die  Pastillen  dienen  zur  bequemen  Darreichung ­
  schlecht  schmeckender  Arzneimittel
und  werden  von  Kindern  gern  genommen
(W  urmpastillen,  Santonin  zeltchen).
Pastinak  (Pastinakwurzel)  ist  die  Wurzel
von  Pastinaca  sativa  (frz.  Panais,  engl-Parsnip),
  einer  zweijährigen  ausdauernden  U  inbellifere,
  die  in  Europa  und  Nordamerika
der  aromatisch  riechenden,  süßlichen  und  wohlschmeckenden ­
  Wurzeln  wegen  angebaut  wird-Von
  den  zahlreichen  Sorten  sind  die  lange  P&amp;gt;
die  runde  Zucker-  oder  Königs-  und  Jerseypastinak
  die  beliebtesten.  In  England  und
Holland  wird  P.  für  sich  als  Gemüse  genossen,
bei  uns  mehr  mit  Möhren  zusammen  gekocht
oder  nur  als  Wurzelwerk  zu  Fleischbrühen  benutzt. ­
  Im  nordwestlichen  Frankreich,  wo  die  F-
        <pb n="326" />
        Patanaöl

321

Pech

in  großer  Menge  angebaut  wird,  benutzt  man
sie  als  Futter  für  Rindvieh  und  Pferde  und
stellt  auch  Liköre  und  eine  Art  von  Wein
daraus  her.
Patanaöl  (Batavaöl),  ein  fettes  Öl  aus  den
Früchten  von  Oenocarpus  Batava,  einer  am
Orinoko,  Rio  Negro  und  Maranhon  wachsenden
Palme,  wird  zur  Herstellung  von  Kerzen  und
Seifen  benutzt.
Patentblau  nennt  man  eine  Reihe  von  Triphenylmethanfarbstoffen,
  die  als  Sulfosäuren
von  Tetraalkyldiaminotriphenylkarbinolen  mit
verschiedenen  Radikalen  anzusprechen  sind.
Die  Farbstoffe  haben  wegen  ihrer  Alkaliechtheit ­
  und  ihres  schönen  grünlichblauen  Tones
hohe  praktische  Bedeutung.
Paternosterkörner  (Paternostererbsen,
Abrusbohnen,  Abrussamen,  lat.  Semen  abn
s.  jequirity,  frz.  Grains  oder  Pois  d’Amerique,
engl.  Red  beans,  Aggry  beans),  die  Samen  der
in  Brasilien,  Ostindien  und  Arabien  heimischen
Papilionazee  Abrus  precatorius,  haben
eine  schön  rote  Farbe  mit  einem  schwarzen
Fleck  am  Keimende.  Man  benutzte  sie  bei  uns
bisher  nur  als  Halsketten  oder  zu  Rosenkränzen
(daher  der  Name),  hat  aber  gefunden,  daß  sie
einen  äußerst  giftigen  Stoff,  das  Abrin  oder
Jequiritin,  enthalten,  welches  wie  das  Rizin
zu  den  giftigen  Eiweißkörpern,  und  zwar  zur
Gruppe  der  sog.  ungeformten  Fermente,  gehört,
in  Amerika  werden  die  Samen  bei  Augenerkrankungen ­
  und  gegen  Lupus,  in  Ostindien  als
Aphrodisiakum  angewandt.
Patschuli  (Patchoulikraut,  lat.  Herba  patchouli, ­
  frz.  Patchouli,  engl.  Patchouly).  DerTräger
  des  bekannten  P.-Parfüms  ist  eine  rauhfilzige,
hppenblütige,  unserem  Wiesensalbei  ähnliche
Pflanze,  P  ogostemon  Patchouli,  die  als  Unkraut ­
  in  Ostindien  wild  wächst,  aber  auch  vielfach ­
  angebaut  wird.  Die  Blätter  des  Krautes
s®d  eiförmig  in  den  langen  Blattstiel  verschmäht, ­
  am  Rande  mit  gezahnten  Ausbuchtungen
'(ersehen,  fiedernervig  und  beiderseits  behaart.
Fine  neuerdings  in  den  Handel  kommende  unechte ­
  Ware  besitzt  fünf-  bis  siebenlappige
Blätter  mit  herzförmiger  Basis,  aus  welcher
Sämtliche  Hauptnerven  entspringen.  Die  Blätter
dieser  falschen  Pflanze  sind  getrocknet,  wie
’han  sie  erhält,  auf  der  oberen  Seite  schwarz-S
 r ün,  auf  der  unteren  infolge  der  stärkeren
Behaarung  fast  silbergrau,  während  die  echte
Ware  gelbbräunlich,  stellenweise  gelbgrünlich
^scheint.  P.  wird  als  Mittel  gegen  Motten  verwendet, ­
  da  diese  durch  den  starken  Geruch
a hgeschreckt  werden  sollen,  dient  aber  hauptsächlich ­
  in  der  Parfümerie  zur  Gewinnung  des
iberischen  Patchuliöles  (s.  d.).
^atschuliöl  (Patchouliöl,  lat.  Oleum  patc
 nouIi,  frz.  Essence  de  patchouli,  engl.  Oil  of
Patchouly),  das  aus  dem  trockenen  Kraute
durch  Destillation  mit  Wasserdampf  erhaltene,
®‘ark  riechende  ätherische  Öl  ist  bräunlichgelb,
ftat  ein  spez.  Gew.  von  0,960—0,995,  eine  Drehung
—50  bis  —68°  und  ist  in  0,5  bis  8  Teilen
y°°/oigem  Alkohol  löslich.  Bei  längerem  Stehen
p  der  Kälte  scheiden  sich  weiße  Kristalle  von
utschulikampfer,  C 15 H 26 0,  aus,  die  bei  56°  C
pChrnelzen  und  leicht  in  den  Kohlenwasserstoff
at schulen,  C 16 H 2 .j,  übergehen.  Das  P.  wird
Mercks  Warenlexikon.

in  der  Parfümerie  zur  Herstellung  des  Patschuliparfüms
  benutzt.
Pauchontöe  heißt  eine  der  Guttapercha
ähnliche,  aus  Ostindien  kommende  Masse,  die
bei  gewöhnlicher  Temperatur  hart  und  brüchig
ist,  bei  gelindem  Erwärmen  aber  weich  und
klebrig  wird  und  erst  nach  mehreren  Tagen
ihren  ursprünglichen  harten  Zustand  wieder  annimmt. ­
  Beim  Kochen  in  Wasser  wird  sie  rötlichbraun ­
  und  macht  das  Wasser  trübe  und
etwas  schäumend.
Paulliniawurzelrinde  stammt  von  der  in  Brasilien ­
  und  Westafrika  heimischen  Sapindazee
Paullinia  pinnata  und  wird  in  Brasilien  im
gepulverten  Zustande  äußerlich  als  Arzneimittel
angewandt,  da  sie  auf  die  Haut  sehr  reizend
wirkt.  Sie  bildet  lange  dicke  Stücke  von  gelblichgrauer ­
  Farbe  und  enthält  das  Alkaloid  Timbonin. ­

Päyar,  eine  ostindische  Bastfaser,  stammt  von
Urostygma  pseudo-tjela.
Paytin,  ein  in  der  weißen  Chinarinde
von  P  a  y  t  a  enthaltenes  Alkaloid,  kristallisiert
in  farblosen  Prismen,  deren  Lösung  linksdrehend ­
  ist.
Pech  (lat.  Pix,  frz.  Poix,  engl.  Pitch)  ist  ein
Sammelname  für  verschieden  zusammengesetzte
und  in  verschiedener  Weise  gewonnene  feste,
braune  bis  schwarze,  harzige  Stoffe,  von  denen
meist  folgende  Sorten  unterschieden  werden:
1.  Das  schwarze  oder  Schiffspech,  auch
Schusterpech  genannt,  gewinnt  man  aus
Holzteer,  und  zwar  aus  dem  zuletzt  erhaltenen ­
  dicksten  schwarzen  Teer,  dem  Schiffsteer, ­
  indem  man  ihn  in  offenen  Kesseln  so
lange  erhitzt,  bis  eine  herausgenommene  Probe
beim  Erkalten  feste  Form  annimmt.  Man  gießt
die  Masse  noch  warm  in  die  zum  Versenden
bestimmten  kleinen  Fässer  oder  Kübel,  aus
denen  sie  dann  herauszuschlagen  ist.  Dieses  P.
stellt  eine  dunkelschwarzbraune,  auf  frischem
Bruche  stark  glänzende  Masse  dar,  die  beim
Daraufschlagen  zerspringt,  aber  schon  in  der
Wärme  der  Hand  weich  und  sehr  klebrig  wird
und  auf  warmem  Wasser  zerfließt.  Es  wird
auf  Schiffen  zum  Kalfatern  und  Wasserdichtmachen ­
  von  Segel-  und  Tauwerk,  ferner  zu
Kitten  und  Pflastern,  zu  Pechfackeln,  zum
Pichen  des  Schühmacherdrahtes  und  zum  Auspichen ­
  geringerer  Holzgefäße  benutzt.  2.  Das
hellere,  meist  gelbbräunliche  Faß-  oderBrauerpech
  wird  aus  Fichtenharz  durch  sorgfältiges
Ausschmelzen  gewonnen  und  zeigt  je  nach  der
Herkunft  und  Bereitungsweise  ziemlich  verschiedene ­
  Güte.  Das  beste  Brauerpech  aus  reinem ­
  Fichtenharz  kommt  aus  den  Staatsforsten
des  sächsischen  Vogtlandes,  während  die  in
Böhmen,  Thüringen  und  Tirol  erzeugte  Ware
den  Anforderungen  des  Brauers  viel  weniger
genügt.  Das  vogtländische  Erzeugnis  ist  aber
sehr  teuer  und  sein  Preis  entsprechend  der
Nachfrage  gestiegen.  Außer  der  guten  Ware
(Kesselpech)  gewinnt  man  durch  Nachbearbeitung ­
  der  rohen  Harzstoffe  noch  eine  zweite,
nur  ein  Drittel  so  hoch  bewertete,  das  Griefenpech. ­
  Zur  Darstellung  von  weißerem  Faßpech
werden  die  harzigen  Rohstoffe  in  Kesseln  mit
Wasser  gekocht,  bis  das  Terpentinöl  ausgetrieben ­
  ist,  dann  abgeschöpft  und  geläutert.  Im
**  2t
        <pb n="327" />
        Pegamoid

322

Pergament

!

allgemeinen  ist  dies  auch  die  Darstellungsweise
aller  Weiß-  oder  sog.  Burgunderpeche.  Das
von  den  Bäumen  gesammelte  Rohharz  oder
auch  Terpentin  wird  unter  Zusatz  von  Wasser
kürzere  oder  längere  Zeit  geschmolzen,  wobei
die  Farbe  heller  wird,  und  dann  durch  Filtrieren
gereinigt.  Bei  etwas  stärkerer  Hitze  wird  die
Masse  gelber  und  heißt  dann  Gelbpech,  während ­
  bei  längerem  Schmelzen  bis  zur  Abtreibung ­
  alles  Wassers  Kolophonium  entsteht.  —
Die  sog.  weißen  Pechsorten  sind  gelblich  oder
bräunlich,  spröde  und  von  muscheligem,  mattglänzendem ­
  Bruch.  Sie  liefern  beim  Zerdrücken
neben  größeren  Stückchen  viel  Pulver  und
werden  beim  Kneten  zwischen  den  Fingern
etwas  weich.  Je  nach  Abstammung  und  Bereitungsweise ­
  zeigen  sie  geringe  Unterschiede
und  enthalten  mehr  oder  weniger  Wasser  und
flüchtige  Öle.  Beim  Ausschmelzen  wird  oft  absichtlich ­
  wieder  etwas  Kienöl  oder  Terpentin
hinzugesetzt.  Die  hellen  Pechsorten  dienen  besonders ­
  zum  Auspichen  von  Fässern  und  erhalten ­
  für  diesen  Zweck  zur  Erhöhung  der
Elastizität  und  Schmelzbarkeit  meist  Zusätze
von  Paraffin,  Harzöl  oder  Leinöl.  Außerdem
gebraucht  man  sie,  wie  das  amerikanische  Harz,
zur  Darstellung  von  Harzseifen,  ferner  als  Lötmittel, ­
  zu  Pflastern  und  manchen  anderen
Zwecken.  3.  Sogenanntes  Steinkohlenpech
ist  gleichbedeutend  mit  Steinkohlenasphalt,  dem
schwarzen  Rückstand,  der  bei  der  Teerdestillation ­
  erhalten  wird,  während  man  den  bei  der
Braunkohlenteerdestillation  verbleibenden  Rückstand ­
  mit  dem  Namen  Braunkohlenteerpech
belegt.
Pegamoid  nennt  man  eine  dem  Zelluloid  ähnlich ­
  zusammengesetzte  Masse,  die,  auf  Papier
oder  Gewebe  aufgepreßt,  diese  lederartig  erscheinen ­
  läßt  und  zur  Herstellung  von  Bucheinbänden, ­
  Schmuckwaren  und  künstlichen  Ledertapeten ­
  benutzt  wird.
Pelletierin,  ein  flüssiges  Alkaloid,  findet  sich
in  sehr  geringer  Menge  neben  drei  anderen  verwandten ­
  Alkaloiden  in  der  Granatwurzelrinde. ­
  Das  als  Arzneimittel  gegen  Bandwürmer
benutzte  gerbsaure  Pellet  ier  in,  Pellet  ier  intännat,
  Punizintannat  (lat.  Pelletierinum
tannicum),  ein  gelbliches  amorphes  und  geruchloses ­
  Pulver  von  zusammenziehendem  Geschmack
und  schwach  sauerer  Reaktion,  löst  sich  in  etwa
700  Teilen  Wasser  sowie  in  80  Teilen  Weingeist.
Penghawar  Djambi  besteht  aus  den  sehr
weichen,  2—3  cm  langen  bronzefarbenen  Stammund
  Blatthaaren  mehrerer  Arten  der  zu  den
Baumfarnen  gehörigen  Gattung  Cibotium,
namentlich  von  Cibotium  Baromez  auf
Sumatra,  die,  auf  Wunden  gelegt,  als  blutstillendes ­
  Mittel  verwandt  werden.  Eine  andere,
etwa  S  cm  lange,  weniger  weiche  Sorte  von
gelblich-  bis  braunroter  Farbe,  Päkoe-Kidang,
stammt  von  Alsophila  lurida  und  Balantium
  chrysotrichum,  auf  Java  heimischen
Baumfarnen.
Pepsin,  das  Ferment  des  Magensaftes,
wird  im  Großbetriebe  hergestellt,  indem  man
frische  Magenschleimhäute  von  Schweinen  oder
Kälbern  mit  salzsäurehaltigem  Wasser  auszieht,
die  Lösung  mit  Kochsalz  fällt  und  aus  dem
Niederschlage  das  Kochsalz  durch  Dialyse  entfernt. ­

  Nach  einem  anderen  Verfahren  behandelt ­
  man  die  Schleimhaut  mit  verdünnter  Phosphorsäure, ­
  fällt  die  letztere  und  das  Pepsin  mit
Kalkwasser  und  trennt  nach  dem  Auflösen  des
Niederschlages  in  Salzsäure  das  Pepsin  von  der
Phosphorsäure  durch  Eintröpfeln  von  Cholesterin. ­
  Beim  Extrahieren  der  nun  entstehenden
Fällung  aus  Pepsin  und  Cholesterin  hinterbleibt
das  Pepsin  ungelöst.  Schließlich  kann  man  das
Pepsin  aus  der  Schleimhaut  auch  durch  fünfprozentigen ­
  Alkohol  ausziehen.  Die  Lösungen
werden  vorsichtig,  am  besten  im  luftverdünnten
Raume,  eingedampft  und  bei  höchstens  40 0  getrocknet. ­
  P.  bildet  ein  gelbes  bis  bräunliches,
hygroskopisches  Pulver  von  bitterlich  salzigem
Geschmack.  Die  schwach  salzsaure  Lösung  1
vermag  bei  Blutwärme  hart  gekochtes  Eiweiß  I
und  Fibrin  zu  lösen  (verdauen),  verliert  diese  I
Eigenschaft  aber  beim  Erhitzen  auf  60 0  sowie  |
bei  Zusatz  von  viel  Alkohol.  In  Form  von  Ver-  I
dünnungen  mit  Milchzucker,  Stärke  oder  ande-  I
ren  indifferenten  Stoffen  (verdünntes  P.),  fer-  j
ner  von  P.-Wein  und  P.-Elixier  wird  es  bei  1
Störungen  der  Magentätigkeit  als  verdauungs-  I
förderndes  Mittel  angewandt.
Peptone  sind  Umwandlungsprodukte  von  Eiweißkörpern ­
  (Albumin,  Kasein,  Fibrin)
durch  Pepsin  oder  Pankreatin,  die  neuerdings
für  diätetische  Verwertung  in  den  Handel  gelangen. ­
  Zur  Darstellung  des  sog.  Pep  ton  um
siccum  wird  fettfreies  Rindfleisch  längere  Zeit  1
bei  höchstens  50°  mit  Wasser,  Pepsin  und  Salzsäure ­
  behandelt,  die  filtrierte  Lösung  mit  Natriumkarbonat ­
  neutralisiert  und  im  Vakuum  eingedampft. ­
  Es  bildet  weißliche  bis  hellgelbe,
geruchlose  Krusten  oder  Pulver  von  bitterem
Geschmack.  Die  wäßrige  Lösung  wird  durch
Alkohol,  nicht  aber  durch  Erhitzen  oder  Zusatz ­
  von  Salpetersäure  gefällt.  Die  P.  werden
für  sich  oder  in  Form  zahlreicher  diätetischer
Präparate  als  Nährmittel  verwandt,  scheinen
aber  in  letzter  Zeit  durch  die  weniger  bitter
schmeckenden  Albumosen  verdrängt  zu  werden-Pergament
  (lat.  Charta  pergamensis,  frz.  Parchemin,
  engl.  Parchment)  ist  seiner  Natur  nach
nichts  anderes  als  die  unter  gewissen  Vorsichtsmaßregeln ­
  getrocknete  Hautblöße.  Zu  ihrer
Darstellung  werden  die  rohen  Felle  wie  in  der
Gerberei,  gewässert,  in  Kalkäsche  gelegt,  dann
durch  Schabeisen  enthaart  und  auf  dem  Schabebaum ­
  entfleischt.  Die  erhaltenen  Blößen  kommen
auf  Rahmen,  deren  bewegliche  Ränder  eine
faltenlose  Einspannung  gestatten.  Das  gröbere,
für  Trommelfelle  bestimmte  Pergament  aus
Kalbfellen  und  das  Paukenpergament  aus  Esels'
häuten  wird  dann  nur  noch  einseitig  geschabt,
aber  nicht  geglättet.  Hingegen  ist  bei  der  Herstellung ­
  von  Schreibpergament  noch  ein  sorg'
fälliges  Schleifen  mit  Bimsstein,  Reiben  mit
Kalk,  Glätten  und  Präparieren  mit  Leimwasser,
Kreide,  Bleiweiß  und  Öl  erforderlich.  Bei  den
geringeren  Sorten,  die  nur  mit  Kreide  und  Leim'
wasser  und  zuletzt  mit  Seife  behandelt  werden,
läßt  sich  Bleistiftschrift  oder  -Zeichnung  nur
durch  Reiben  mit  einem  fettigen  Lappen  ent'
fernen.  Man  stellt  daher  für  Zeichner  noch  be'
sonderes  Ölpergament  her,  das  auf  Kalk'
grund  einen  Überzug  von  Bleiweiß  und  Leim'
wasser  hat  und  darauf  geölt  ist.  Das  P.  dient
        <pb n="328" />
        Pergamentpapier

323

Perlen

zur  Herstellung  von  Büchereinbänden,  Trommelund
  Paukenfellen  und  von  Siebböden  zum  Körnen ­
  des  Schießpulvers,  und  zwar  für  letzteren
Zweck  P.  aus  Schweinehaut.  Zur  Darstellung
der  besten  Sorten  P.  benutzt  man  Kalbfelle,  für
geringere  Hammel-,  Schaf-,  Ziegen-  und  Bockfelle ­
  und  für  das  dünnste,  sog.  Jungfernpergament,
  Felle  von  jungen  Ziegen  und
Lämmern.

Pergamentpapier  (Papierpergament,  lat.
Charta  pergamensis,  frz.  Parchemin  vügütal,
Papier  parchemin,  engl.  Parchment  paper,  Vegetable
  parchment)  nannte  man  ursprünglich
starkes  oder  zusammengeklebtes  Papier,  das
einen  Überzug  von  Kreidebleiweiß-  oder  Zink-Weißleimfarbe
  oder  Ölfarbe  erhalten  hat,  so  daß
es,  wie  das  Schreibpergament,  mit  Bleistift  beschrieben ­
  und  von  der  Schrift  oder  Zeichnung
nieder  befreit  werden  kann.  Dieses  P.  wird
als  falsches  Pergament  bei  Notizbüchern,  kleinen
Schreibtafeln  und  Skizzenbüchern  verwandt.
Weiter  bezeichnet  man  so  das  aus  rohem
Flachs,  Hanf  oder  Aloefasern  in  der  Bütte
oder  auf  der  Papiermaschine  hergestellte,  sehr
feste,  fast  durchscheinende  Papier,  das  ganz
besonders  schön  von  Canson  und  Montgolfier
tu  Annonay  bereitet  wird  und  hauptsächlich
zum  Verpacken  feiner  Waren  für  den  Seev
 ersand  dient.  Und  schließlich  führt  die  gleiche
Bezeichnung  das  künstliche  Parchemin  ani-Uial,
  das  aus  Tiersehnen,  Därmen  und  Plautubfällen
  nach  erfolgter  Zerkleinerung  durch
Kochen  mit  Alkalien  und  Mahlen  in  der  Holländermühle
  sowie  durch  Schöpfen  aus  der  Bütte
tuit  Papierformen  hergestellt  wird  und  außer  zu
Verpackungen  auch  zu  Kartuschen  für  Kanonen
dient.  —  Jetzt  versteht  man  unter  P.  oder
vegetabilischem  Pergament  (Papyrin,
Bapyrolin)  hauptsächlich  das  durch  Einwirkung
vpn  Schwefelsäure  auf  ungeleimtes  Papier  sich
bildende  Erzeugnis.  Zu  seiner  Darstellung  wird
Papierstoff  mehrere  Sekunden  lang  in  Schwefelsäure ­
  von  6o°  Be  eingetaucht  und  dann  sorgfältig ­
  ausgewaschen.  Durch  Einwirkung  der
starkep  Säure  wird  ein  Überzug  von  kolloidaler
Zellulose  (Amyloid  oder  Hydrozellulöse)  gebildet, ­
  der  in  Wasser  unlöslich  ist,  die  Poren
Sieichmäßig  ausfüllt  und  das  Papier  durchscheinend ­
  und  pergamentähnlich  macht.  Bei
dieser  Behandlung  nimmt  das  Gewicht  und  der
Flächeninhalt  um  io  o/ 0 ,  die  Dicke  um  30  bis
4°%  ab,  während  das  spez.  Gew.  um  30  bis
49%  und  die  Festigkeit  um  das  4—5  fache  zubtrrtmt,
  so  daß  die  Festigkeit  sich  sogar  zu  der-Ipügen
  des  echten  Pergaments  wie  4:3  verhält.
Matt  der  Schwefelsäure  bedient  man  sich  auch
wäßriger  Lösungen  von  Zinkchlorid  oder  von
Kupferoxydammoniak.  Das  P.  wird  dann  gep°cknet,
  mit  Paraffinöl  überzogen  und  zwischen
er hit z ten  Walzen  geglättet.  Durch  Behandlung
gefärbter  Papiere,  deren  Farbstoff  der  Einwirj
 Un g  der  Schwefelsäure  widersteht  (Anilinw
 r ben),  kann  man  sehr  schöne  Leder-  und
(Uaroquinpapiere  erzeugen.  —  Das  P.  wird  in
Jasser  weich  und  schlaff  und  kann  daher  ge-I
  aschen  und  gebügelt  werden.  Kochenden
Uauge.n  widersteht  es,  wird  aber  durch  konzenjvprte
  Schwefelsäure  und  heiße  Salzsäure  unter
udung  von  Zucker  langsam  gelöst.  Mit  konzentrierter ­

  Salpetersäure  gibt  es  das  noch  dichtere ­
  und  festere  Nitro-P.,  das  nach  dem  Eintauchen ­
  in  Schwefelsäure  glasartig  durchsichtig
und  gegen  Säuren  unangreifbar  erscheint,  jetzt
aber  von  Kalilauge  gelöst  wird.  —  P.  findet
vielfache  Anwendung  als  Ersatz  der  tierischen
Blase  und  des  echten  Pergaments  zum  Verschließen ­
  von  Gefäßen  mit  flüssigem  Inhalt,
weil  es  nicht  fault  und  für  Gase  undurchdringlich ­
  ist.  Weiter  dient  es  zur  Umhüllung  von
Butter  und  Fleischwaren  und  zur  Herstellung
künstlicher  Wurstdärme,  zu  Betteinlagen  für
Kinder  und  Kranke,  zum  Bekleiden  feuchter
Wände  und  als  Diaphragma  für  Osmose.  Wegen
seiner  Festigkeit  und  Glättbarkeit  benutzt  man
es  zu  Kalanderwalzen,  Glättkartons,  Kindertrommeln ­
  und  Bucheinbänden.  Die  Vereinigung
zweier  Stücke  von  P.  erfolgt  in  frischem  Zustande ­
  einfach  durch  Drücken,  sonst  durch
Leimen  der  mit  Spiritus  erweichten  Ränder.
Das  zum  Einwickeln  von  Nahrungsmitteln  bestimmte ­
  P.  erhält  zur  Erzielung  großer  Geschmeidigkeit ­
  bisweilen  Zusätze  von  Glyzerin,
Traubenzucker,  Molligen  (Invertzuckersirup),
die  unter  Umständen  ein  Verschimmeln  der
Ware  (Margarine)  begünstigen.  Auch  sind  bisweilen ­
  Eisensalze,  die  der  Butter  einen  bitteren
Geschmack  und  schlechte  Farbe  verleihen  sowie ­
  unzulässige  Konservierungsmittel  (Borsäure)
auf  gefunden  worden.  Nach  Burr  soll  Einwickelpapier ­
  nicht  mehr  als  io«/ 0  wasserlösliche
Stoffe,  8  0/0  Zucker  und  4  0/0  Asche  enthalten.
Die  Margarinefabrikanten  halten  Glyzerin  für
einen  besseren  Zusatz  als  Zucker.
Perkal,  ein  ursprünglich  ostindisches,  zurzeit
aber  ausschließlich  aus  inländischen  Webereien
in  den  Handel  gebrachtes  feines  und  dichtes,
weißes  Baumwollgewebe  nach  Leinwandart,
kommt  dem  Kambrik  nahe  und  ist  nur  etwas
feiner  als  dieser.  Er  findet  sich  in  sehr  vielen
verschiedenen  Feinheitsgraden  und  wird  mit
Garnen  von  Nr.  36—120  hergestellt,  Die  aus
den  stärkeren  Garnen  Nr.  36—60  gewebten,
zum  Druck  bestimmten  P.  sind  identisch  mit
Kaliko  und  werden  Druckperkals  genannt.
Die  feinsten  hierher  gehörigen  Stoffe  sind  immer
noch  etwas  dichter  als  Musselin  und  führen
die  Bezeichnung  Batistmusselin.  Die  Stoffe
können  glatt,  kariert,  gestreift,  gefärbt  und  gedruckt ­
  sein.  »
Perlen  (frz.  Perles,  engl.  Pearls),  die  im
Innern  von  Muscheln  auftretenden  rundlichen,
ovalen  oder  auch  unregelmäßig  geformten  Gebilde ­
  aus  kohlensaurem  Kalk,  sind  Krankheitserscheinungen, ­
  die  durch  eine  Verletzung  der
Schale  oder  den  ständigen  Reiz  eines  von
außen  eingedrungenen  Fremdkörpers  hervorgerufen ­
  werden.  Zur  Bekämpfung  des  Reizes
überzieht  das  Tier  den  Eindringling,  meist
ßandwurmlarven  (Tetrarhynchus  unionifaktor,
Thyloccphalum  margaritifera),  Sandkörner  und
dgl.,  mit  kohlensaurem  Kalk,  der  in  unendlich
feinen  Schichten  nach  und  nach  abgelagert  wird
und  durch  Interferenz  das  bekannte  schöne
Farbenspiel  hervorruft.  Perlen  können  in  jeder
Muschel  auftreten,  zeigen  sich  aber  am  häufigsten ­
  und  größten  in  der  Seeperlmuschel
(Meleagrina  oder  Avicula  margaritifera),  die  gesellschaftlich ­
  in  den  tieferen  Küstengewässern
        <pb n="329" />
        Perlen

324

Permanentweiß

des  Roten,  Persischen  und  Indischen  Meeres 1
lebt.  Zu  ihrer  Gewinnung  werden  die  etwa
handtellergroßen,  lose  auf  dem  Sande  liegenden ­
  Muscheln  durch  Taucher  heraufgeholt,  dann
bis  zur  Fäulnis  am  Strande  in  die  Sonne  gelegt
und  durchsucht,  wobei  die  gefundenen  P.  gleich
durch  Siebe  in  verschiedene  Größen  getrennt
werden.  Geringere  Perlenmengen  liefert  die
Flußperlmuschel  (Unio  margaritiferus),  die
in  Flüssen  und  Bächen  des  Berg-  und  Hügellandes ­
  gemäßigter  Klimate  ihren  Wohnsitz  hat.
Die  Chinesen  züchten  in  Teichen  eine  unserer
Flußmuschel  nahe  verwandte  Art,  Dipsas  plicatus,
  und  schieben  kleine  Buddhabildnisse  ein,
die  ebenfalls  mit  Perlmutter  überzogen  werden. ­
  —  Die  P.  finden  sich  in  den  verschiedensten ­
  Größen,  von  dem  Umfang  eines  Mohnsamens ­
  bis  zu  demjenigen  einer  Kirsche,  und
werden  wie  die  Edelsteine  nach  Karaten,  bisweilen ­
  aber  auch  nach  Grän  ( x / 4  Karat)  bewertet, ­
  Größere  Stücke  kommen  einzeln,  als
sog.  Stück-  oder  Zahlperlen,  kleinere,  die
Lotperlen,  zusammen  nach  Gewicht  zum  Verkauf. ­
  Die  kleinsten,  mohnsamengroßen,  als
Schmuckware  nicht  mehr  brauchbaren  Perlen,
von  den  Engländern  Saatperlen  genannt,  wer-,
den  von  Indern  und  Chinesen  zum  Brennen
eines  teuren  Kalkes  benutzt,  der  als  Zusatz
zum  Kauen  von  Arekanuß  und  Betel  dient.  Der
Form  nach  werden  die  ganz  runden  Tropfenoder ­
  Augenperlen  am  höchsten  geschätzt,
doch  sind  auch  birnen-,  ei-  und  zwiebelförmige
Perlenbirnen  zu  Ohrgehängen  sehr  gesucht.
Schiefe,  höckerige  und  sonst  unförmliche  Stücke
heißen  Barockperlen,  während  an  der
Muschelschale  warzenartig  festgewachsene,  also
nur  einseitig  ausgebildete  P.,  die  nur  zum  Besetzen ­
  dienen  können,  als  Kropfperlen  bezeichnet ­
  werden.  In  der  Farbe  zeigen  sich  die
mannigfaltigsten  Unterschiede.  Den  Grundton
bildet  in  der  Regel  das  eigentümliche  matte,
durchscheinende  Weiß  mit  silbrigem  Schimmer,
das  bald  mehr  ins  Gelbliche,  bald  ins  Bläuliche ­
  spielt,  doch  erzielen  auch  schwarze,  bleifarbige ­
  und  P.  in  Pink  couleur  (Nelkenfarbe)
bei  guter  Ausbildung  hohe  Preise,  hingegen
sind  fleckige  von  geringem  Wert.  Als  schönste
P.  gelten  die  ostindischen,  die  sowohl  durchbohrt ­
  (Witwen)  als  auch  nicht  gebohrt  (Jungfern) ­
  in  den  Handel  kommen.  Sie  bilden  hochgeschätzte
  Schmuckstücke,  deren  größte,  und
wertvollste  (es  gibt  Stücke  von  S  cm  Länge
und  90  g  Gewicht  im  Werte  von  250000  M.)
früher  den  Stolz  der  Fürstinnen  (Kleopatra)
bildeten,  während  sie  jetzt  mehr  und  mehr  in
den  Besitz  amerikanischer  Dollarprinzessinnen
übergehen.  Alle  P,  haben  den  Mangel,  daß  sie
mit  zunehmendem  Alter  an  Glanz  und  Schönheit ­
  einbüßen;  sie  „sterben“,  weil  die  geringe
Menge  organischer  Stoffe  sich  zersetzt,  ja  in
alten  Gräbern  hat  man  sie  zu  Staub  zerfallen
vorgefunden.  —  Künstliche  Perlen  werden
in  der  Weise  hergestellt,  daß  man  hohle  Glaskügelchen ­
  mit  sog.  Perlenessenz  aus  den
Schuppen  von  Weißfischen  auskleidet  und  dann
den  Hohlraum  mit  Wachs  ausgießt.  Sie  sind
selbstredend  ein  recht  zerbrechlicher  und  geringwertiger. ­
  Ersatz,  geben  aber  das  Farbenspiel ­
  der  P.  recht  gut  wieder.

Perlmutter  (frz.  Nacre  de  perles,  engl.  Mother  f
of  pearl).  Verschiedene  Muscheln  ohne  Perlen  \
zeigen  eine  den  Perlen  an  Farbe  und  Glanz  t
ähnliche  Innenseite  und  vor  allem  auch  das  f
durch  die  Übereinanderlagerung  der  äußerst  j
dünnen  durchscheinenden  Blättchen  entstehende  I
Farbenspiel.  Sie  bilden  die  Perlmuttermuscheln,  1  ^
deren  schönste  Sorten  von  Makassar,  Fidschi,  I  I
Neuseeland,  Manila  und  Kalifornien  |  t
stammen.  Im  übrigen  findet  sich  P.  in  den  1  '
chinesischen  und  südafrikanischen  Gewässern,  ;
an  den  amerikanischen  Küsten  des  Stillen  ■
Meeres,  im  Roten  Meer  und  in  der  Nähe  der  i  ]
Philippinen.  Hingegen  sind  gerade  die  perlen-  1
führenden  Zeylonmüscheln  als  P.  nicht  ver-  i  ]
wendbar,  da  hierfür  möglichst  groß  und  flach  1
gebaute  Stücke  bis  zu  20  cm  Durchmesser  ver-  1
langt  werden.  Solche  sehr  große  und  flache  j
Handelssorten  sind  außer  den  bereits  genannten  |
noch:  Sidney,  wenig  irisierend,  Auckland,  I
•ttwas  dunkel,  Freemantle,  sehr  weiß,  Ägyptische, ­
  weiß.  Weniger  flach  und  etwas  gelb-  I
lieh  ist  die  kreisrunde  Bombay,  während  von
kleinen  Sorten  noch  die  stark  gekrümmte,  sehr
bunte  La  Paz,  Nakar  und  die  sehr  dicke  I
Matzlan  zu  nennen  ist.  In  der  Regel  werden  1
auch  die  irisierenden  Schalen  von  Meeresschnecken, ­
  besonders  den  Seeohren  (Haliotis), ­
  den  sog.  Iris-,  Japan-,  Gold-  oder  I
Silbermuscheln,  als  P.  bezeichnet.  Sie  haben  1
ein  außerordentlich  schönes  Farbenspiel,  können  I
aber  wegen  der  starken  Krümmung  nur  zu  I
kleinen  Gegenständen,  Knöpfen  usw.  verarbeitet
werden.  —  Die  Perlmutterschalen  haben  nach
Beseitigung  der  äußeren  braunen  Rinde  außen
dieselbe  Beschaffenheit  wie  innen  und  können
daher  gut  in  Blätter  gespalten  werden.  Die
Verarbeitung  erfolgt  gewöhnlich  durch  Zer-  |
teilen  mit  feinen  Sägen  unter  Wasser,  bisweilen  j
auch  durch  Spalten.  Für  die  feine  Ausarbei-  I
tung  kommt  hauptsächlich  das  Schleifen  in  An-  ]
wendung.  P.  dient  zur  Herstellung  eingelegter
Arbeiten,  zum  Belegen  feiner  Messerhefte,  zu
Knöpfen  und  zu  zahlreichen  anderen  kleineren
Gebrauchsgegenständen.  Eine  aus  Chile  starn-  1
mende  schwarze  oder  vielmehr  rauchgraue  P-,  I
die  dabei  aber  doch  ihren  eigentümlichen  1
Schimmer  zeigt,  wird  neuerdings  durch  Färben
gelblicher  und  farbenunreiner  Stücke  mit  ainmoniakalisCher
  Silberlösung  künstlich  nachge'
ahmt.  —  Die  rohen  Perlmutterschalen  werden
in  Fässern  oder  Kisten,  oder  auch  lose  in 3  1
Schiffsunterraum  liegend  verschifft  und  in  letz-  I
terer  Art  manchmal  frachtfrei  mitgenommen.
Peroborin,  ein  neues  Wasch-  und  Bleich-  I
mittel,  besteht  aus  Natriummetaperborat  Na-  1
B0 3 -(-4H 2 0  und  enthält  dementsprechend  neben  I
40,25  0/0  Borsäure  etwa  10  0/0  wirksamen  Sauerstoff. ­

Perlweiß.  Diesen  Namen  führt  außer  Blei'
weiß,  dem  man  durch  Zusatz  von  etwas  Berlinerblau
  einen  bläulichen  Schein  gegeben  bah
auch  das  Wismutoxychlorid  oder  sog 6 '  1
nannte  spanische  Weiß.
Permanentweiß  (Barytweiß,  Blanc  fixe)’
die  aus  künstlich  gefälltem  Bariumsulfat  bestehende ­
  schöne  Malerfarbe,  wird  entweder  au 5
Schwerspat  oder  Witherit  hergestellt.  Der  feh 1
pulverisierte  Schwerspat  wird  durch  Glühen  ff 11 *
        <pb n="330" />
        Persennige

325

Petersilienöl

Kohle  in  Bariumsulfid  übergeführt,  letzteres  in
Wasser  oder  Salzsäure  gelöst  und  mit  verdünnter ­
  Schwefelsäure  oder  Giaubersalzlösung  gefällt. ­
  Der  Witherit  kann  direkt  in  Salzsäure
gelöst  und  mit  Schwefelsäure  gefällt  werden.
Der  entstandene  Niederschlag  wird  mit  Wasser
gut  ausgewaschen,  dann  zum  Abtropfen  auf
Filter  gebracht  und  gelangt  oft  in  noch  feuchtem, ­
  breiförmigem  Zustande  in  den  Handel,  da
Trocknen  die  Deckkraft  verringert.  P.  hat  vor
allen  weißen  Farben  den  Vorzug  großer  Beständigkeit, ­
  läßt  sich  mit  anderen  Farben  gut
mischen  und  ist  ungiftig.  Es  wird  außer  als
Malerfarbe  als  Füllmittel  für  Papier  und  zum
Färben  von  Tapeten  und  Glacepapier  benutzt,
da  es  durch  Bürsten  einen  schönen  Glanz  annimmt, ­

Persennige  (Persening)  nennt  man  alle
wasserdicht  gemachten  Gewebe  aus  Leinen-,
Hanf-  oder  Jutegarn,  die  zu  Wagenplanen,
Kahndecken  usw.  verwandt  werden.  Die  Eigenschaft ­
  der  Undurchlässigkeit  erhalten  sie  durch
Überzüge  aus  Mischungen  von  Kasein  mit  Mehl
und  Kalk  oder  besser  noch  durch  Leim  mit
einer  Lösung  von  doppeltchromsaurem  Kali  und
nachfolgendes  Belichten  an  der  Sonne.  Ursprünglich ­
  führte  diesen  Namen  nur  geteertes
Segeltuch.
Persiko,  ein  beliebter  Likör,  wird  durch  Abziehen ­
  von  bitteren  Mandeln  oder  Pfirsichkernen
mit  Spiritus  erhalten.  Unter  den  zusammengesetzten ­
  Ölen  des  Handels,  die  zur  Herstellung
bestimmter  Likörsorten  oder  vielmehr  ihrer
Nachahmung  dienen,  findet  sich  als  das  teuerste
mich  Persikoliköröl.
Persil,  ein  von  der  Firma  Henckel-Düsseldorf
'n  den  Handel  gebrachtes  Waschmittel,  enthält
Ueben  etwa  35  o/ 0  Seife  und  überwiegenden  Mengen ­
  Wasserglas  rund  200jo  Metaperborat,  eine
beim  Waschen  freien  Sauerstoff  abgebende  Verbindung, ­
  die  eine  bleichende  Wirkung  ausübt,
a ber  nach  Heermann  die  Wäsche  angreift
(Sauerstofffraß).
Perubalsam  (Salvadorbalsam,  lat.  Balsa-Utum
  peruvianum,  frz.  Baume  de  Pörou,  engl,
■balsam  of  Peru)  wird  nicht  in  Peru,  sondern
a Usschließlich  auf  der  sog.  Balsamküste  im
festlichen  Mittelamerika  von  den  Häfen  Acalutla
  bis  Libertad  in  San  Salvador  gewonnen
a ud  erhielt  seinen  Namen  lediglich,  weil  er  über
üeru  in  den  Handel  kam.  Der  P.  stammt  von
~ er  baumartigen  Papilionazee  Toluifera
■Fereira  (früher  Myroxylon  sonsonatense  gekannt), ­
  die  erst  vom  25.  Jahre  an  Erträge  liefert,
a per  mehrere  hundert  Jahre  alt  wird.  Zur  Gefmnung
  des  Balsams  löst  man  die  durch
Klopfen  gelockerte  Rinde  an  vier  Stellen,  so
üa ß  zur  Verhinderung  des  Absterbens  damischen ­
  unverletzte  Rindenstreifen  stehen  blciund
  befestigt  an  den  entblößten  Stellen
^ e nglappen,  die  den  austretenden  Balsam  auf-?
 au gen.  Nach  zweimaligem  Anlegen  solcher
Rappen,  die  jedesmal  acht  Tage  liegen  bleiben,
Phvvelt  man  die  verwundeten  Stellen  mit  Hacho-^
 es .  Fackeln  aus  einem  harzreichen  Schilfrohr,
und  fängt  den  jetzt  reichlicher  fließenden
a Eam  wieder  mit  Lappen  auf.  Die  letzteren
er den  mit  Wasser  ausgekocht,  wobei  sich
ac h  dem  Erkalten  der  Balsam  unten  abscheidet

und  auf  Kürbisflaschen  gefüllt  wird.  Die  Bäume
geben  das  ganze  Jahr  hindurch,  besonders  in
der  trockenen.  Jahreszeit,  durchschnittlich  je  2
bis  3  kg  Balsam,  der  in  10—50  kg  fassenden
Blechgefäßen  nach  Europa  versandt  wird.  P.
hat  eine  dunkelrötlichbraune  Farbe,  sirupartige
Konsistenz  und  ist  in  dünnen  Schichten  durchsichtig. ­
  Er  fühlt  sich  zwischen  den  Fingern
nicht  klebrig,  sondern  ölig  an  und  löst  sich  vollständig ­
  in  Alkohol,  Chloroform  und  Essigäther.
Sein  Geruch  ist  angenehm  vanilleartig,  der  Geschmack ­
  anfangs  milde,  später  bitterlich-kratzend.
Das  spez.  Gew.  beträgt  1,100—1,150.  P.  besteht
aus  einem  flüssigen  und  einem  festen  Anteile,
von  dem  der  erstere,  das  Zinnamein,  als  ein
Gemisch  von  Benzoesäurebenzylester  und
Zimtsäurebenzylester  mit  geringen  Mengen
Zimtsäure  und  Vanillin  anzusprechen  ist.  Der
feste  Anteil  ist  ein  esterartiges  Harz,  aus  welchem ­
  Zimtsäure,  Benzoesäure  und  Peruresitannol
  abgeschieden  werden  kann.  Seines
hohen  Preises  wegen  unterliegt,  er  häufigen
Verfälschungen,  besonders  durch  Kopaivabalsam
und  fette  Öle.  P.  findet  mannigfache  Verwendung ­
  gegen  Krätze,  zu  Einreibungen  gegen
wunde  Hautstellen,  als  Mittel  gegen  Tuberkulose, ­
  übelriechende  Nasenausflüsse  und  gegen
Haarkrankheiten.  Auch  wird  er  zum  Überziehen ­
  von  Schokolade  und  als  aromatischer
Bestandteil  von  kosmetischen  Mitteln  und  Räucherpulvern ­
  benutzt.
Perugen,  ein  von  Evers  künstlich  hergestellter ­
  Ersatz  für  Perubalsam,  enthält  gegen
60  0/0  Zinnamein  und  unterscheidet  sich  vom
echten  Balsam  nur  durch  die  niedere  Verseifungszahl ­
  (50  gegen  240)  und  die  niedrigere  Jodzähl ­
  (34  gegen  206).  Außerdem  gibt  er  im
Gegensatz  zu  Perubalsam  mit  mehr  als  1  Teil
Alkohol  eine  klare  Lösung.  Aus  der  Petrolätherlösung ­
  scheidet  sich  als  pulvriger  Bodensatz ­
  echter  Balsam  an  den  Wänden  klebend
aus,  und  beim  Schütteln  der  ätherischen  Lösung
mit  tropfenweise  zugesetzter  Schwefelsäure  gibt
nur  echter  Balsam  eine  Blaufärbung.
Petersilie  (frz,  Persil,  engl.  Parsley).  Von
dieser  in  Südeuropa  einheimischen,  zweijährigen
Doldenpflanze  (Petroselinum  sativum)
werden  sowohl  die  Blätter  als  auch  die  Samen
und  die  rübenartige  Wurzel  benutzt.  —  Das
Petersilienkraut  (lat.  Herba  Petroselini,  frz.
Herbe  de  persil,  engl.  Parsley)  ist,  frisch  gepflückt, ­
  ein  viel  begehrter  Gegenstand  des  örtlichen ­
  Gemüsehandels  und  wird  auch  im  getrockneten ­
  Zustande  in  den  Handel  gebracht.
—•  Die  Petersiliensamen,  richtiger  Früchte
(lat.  Fructus  petroselini,  frz.  Fruits  de  persil,
engl.  "Parsley  seeds)  werden  auch  in  größerer
Menge  aus  Indien  eingeführt  und  zur  Darstellung ­
  von  Apiol  (s.  d.)  benutzt,  das  darin  neben
ätherischem  und  fettem  Öl  enthalten  ist.  Medizinisch ­
  werden  die  Samen  als  harntreibendes
Mittel  angewandt.  -—  Die  gelblichweiße,  rübenförmige ­
  P.-Wurzel  (lat.  Radix  petroselini,  frz.
Racine  de  persil,  engl.  Parsley  root),  die  süßlichen ­
  Geschmack  und  aromatischen  Geruch  besitzt, ­
  wird  medizinisch  wie  die  Samen  benutzt.
Petersilienöl  (lat.  Oleum  petroselini,  frz.
Essence  de  persil,  engl.  Parsley  Oil)  nennt  man
sowohl  das  in  den  Früchten  (zu  2—70/0)  wie  in
        <pb n="331" />
        Petroleum

den  Blättern  (zu  0,016—0,30/0)  der  Petersilie  enthaltene ­
  Öl,  die  beide  im  Geruch  verschieden
sind,  doch  findet  sich  fast  nur  das  erstere  im
Handel.  Das  gelbliche  bis  grünlichgelbe  und  in
Alkohol  leicht  lösliche  Öl  vom  spez.  Gew.  1,043
bis  i,ior  besteht  aus  einem  zwischen  160  und
170°  C  siedenden  Kohlenwasserstoff,  L.-Pinen
und  Apiol  (s.  d.)  und  Wird  als  Zusatz  bei  der
Darstellung  aromatischer  Liköre  benutzt.
Petitgrainöl,  ein  kräftig  und  angenehm  riechendes, ­
  dünnflüssiges,  ätherisches  Öl  von  gelblicher ­
  Farbe,  das  zur  Herstellung  feiner  Riechstoffe ­
  Anwendung  findet,  wird  aus  den  Blättern,
Zweigen  und  kleinen,  noch  unreifen  Früchten
der  bitteren  Orangenbäume  durch  Destillation ­
  gewonnen.  Früher  wurde  das  Öl  hauptsächlich ­
  in  Südfrankreich  hergestellt,  doch
kommen  jetzt  auch  große  Mengen  aus  Paraguay. ­
  Man  benutzt  es  in  der  feinen  Parfümerie. ­

Petroleum  (Erdöl,  Erdnaphtha,  lat.  Oleum
petrae,  frz.  Pdtrole,  engl.  Petroleum),  einer  der
wichtigsten  Gebrauchsgegenstände  des  alltäglichen ­
  Lebens,  war  schon  im  Altertume  bekannt, ­
  gelangte  zu  seiner  jetzigen  Bedeutung
aber  erst,  seitdem  im  Jahre  1859  die  pennsylvanischen
  Quellen  erschlossen  wurden  und  mit
jedem  Jahre  größere  Mengen  zu  Beleuchtungsund ­
  technischen  Zwecken  in  den  Handel  kamen.
Das  P.  ist  wahrscheinlich  aus  den  fettreichen
Überresten  untergegangener  Seetiere  entstanden, ­
  die  unter  ungeheurem  Druck  und  mäßiger
Temperatur  einer  langsamen  Zersetzung  anheimfielen, ­
  und  findet  sich  demnach  an  den
verschiedenste©  Punkten  der  Erde  in  unterirdischen ­
  Plohlräumen  aufgespeichert.  Den  hauptsächlichsten ­
  Ölbezirk  bildet  ein  schmaler,  kaum
too  km  langer  Streifen  im  Westen  Pennsylvaniens,
  doch  zieht  sich  das  Vorkommen  von
P.  auch  von  Westkanada  durch  Newyork  nach
Ohio,  Kentucky  und  südlich  nach  Westvirginien.
Große  Bedeutung  werden  voraussichtlich  auch
die  mexikanischen  Petroleumquellen  von  Tampico ­
  erlangen.  Neben  Amerika  besitzt  Rußland
die  ergiebigsten  Lager  in  der  Umgebung  von
Baku  am  Kaspischen  Meer,  und  weitere  große
Vorräte  sind  in  Niederländisch-Indien,  Rumänien ­
  auf  den  moldauisch-wallachischen  Karpathen ­
  und  in  Galizien  erschlossen.  Asien  hat
weiter  die  reichen  ostindischen  und  chinesischen
Lager,  und  geringere  Mengen  finden  sich  in
Persien,  Beludschistan,  Südafrika,  Südaustralien
und  Neuseeland.  Die  kleinen  deutschen  Vorkommnisse ­
  in  Hannover,  bei  Peine,  in  Bayern
und  im  Elsaß  waren  bis  zum  Jahre  1900  finden ­
  Massenverbrauch  ohne  Bedeutung.  Zur
Gewinnung  des  P.  werden  Bohrlöcher  in  die
Erde  getrieben,  aus  denen  es,  durch  seinen
eigenen  Druck  oder  durch  Pumpwerke  gehoben, ­
  in  die  Höhe  steigt.  Häufig  dringt  es
auch  im  Gemisch  mit  Wasser  und  in  Begleitung ­
  großer  Mengen  brennbarer  Gase  in  Gestalt
hochspringender  Fontänen  hervor.  Das  Rohpetroleum ­
  bildet  eine  dunkel,  grünlich  bis
schwarz  gefärbte,  widerwärtig  riechende  Flüssigkeit, ­
  deren  spez.  Gew.  je  nach  dem  Herkommen ­
  zwischen  0,780  und  0,960  beträgt.  In
chemischer  Hinsicht  ist.  es  ein  Gemenge  zahlreicher ­
  gasförmiger,  flüssiger  und  fester  Kohlenwasserstoffe, ­

  die  teils  wie  beim  amerikanischen ­
  P.,  der  Methanreihe,  teils  wie  beim
kaukasischen  P.,  den  Naphthenen  (hydrierten ­
  Benzolen)  angehören.  Wegen  seines
Gehaltes  an  leicht  flüchtigen  und  leicht  entzündlichen ­
  Bestandteilen  ist  es  in  hohem  Grade
feuergefährlich  und  muß  daher  für  eine  gewerbliche ­
  Verwendung  in  verschiedene  Stoffe
zerlegt  und  weiter  gereinigt  werden.  Durch  das
Verfahren  der  Destillation  werden  zunächst  die
niedrigsiedenden  Bestandteile:  Petroleumäther ­
  (Rhigolen)  bei  30—6o°,  Gasolin  bei
60—8o°,  Petroleumbenzin  bei  80—ioo°,  Ligroin ­
  bei  100—120°  und  künstliches  Terpentinöl ­
  bei  120—150°  abgetrennt,  die  als
Lösungsmittel  für  Fette,  Öle  und  Harze  und
als  Fleck-  und  Putzwasser  ausgedehnte  technische ­
  Anwendung  finden.  Zwischen  250  und
300 0  geht  dann  das  Hauptprodukt,  das  eigentliche ­
  Leuchtöl  oder  Brennpetroleum
(Kerosin,  Kerosen)  über.  Die  hinterbleibenden ­
  Stoffe,  die  beim  Erkalten  butterartig  erstarren, ­
  werden  zur  Darstellung  von  Vaseline
und  von  Schmierölen  (Mineralölen)  sowie
als  Brennmaterial  (Masut)  verwandt.  Sie  bilden ­
  den  wertvollsten  Teil  des  kaukasischen  P.
Das  eigentliche  Brennpetroleum,  die  mittlere
Fraktion,  ist  vor  seiner  Verwendung  noch  einer
sorgfältigen  Reinigung  zu  unterziehen.  Es  wird
zu  diesem  Zwecke  zunächst  mit  konzentrierter
Schwefelsäure  und  nach  deren  Entfernung  mit
Natronlauge  behandelt  und  schließlich  mit
Wasser  gewaschen.  Neuere  Verfahren  beruhen
außerdem  auf  der  Verwendung  von  Eisenvitriol,
Kupfervitriol,  Kaliumpermanganat,  Knochenkohle
und  anderen  entfärbenden  und  geruchlos  machenden ­
  Stoffen,  während  zur  Entwässerung  bisweilen ­
  ein  Zusatz  von  Kochsalz  gemacht  wird.
Das  gereinigte  Petroleum  bildet  eine  farblose
bis  schwach  gelbliche  Flüssigkeit  mit  bläulicher
Fluoreszenz  und  mildem  Geruch.  Das  spez.
Gew.  beträgt  bei  dem  amerikanischen  P.  etwa
0,800,  beim  kaukasischen  0,825  und.  beim  galizischen
  0,820.  Es  stellt  einen  vortrefflichen  Beleuchtungsstoff ­
  dar,  wird  aber  durch  mangelhafte ­
  Reinigung  und  minderwertige  Zusätze
vielfach  in  seinem  Gebrauchswerte  beeinträchtigt. ­
  Am  bedenklichsten  ist  die  ungenügende
Entfernung  oder  die  absichtliche  Beimischung
niedrigsiedender  Stoffe,  da  hierdurch  die
Feuergefährlichkeit  erhöht  wird.  Zum  Schutze
gegen  Lampenexplosionen  haben  die  meisten
Staaten  bestimmte  Vorschriften  über  den  Entflammungspunkt ­
  aufgestellt,  und  insbesondere
darf  in  Deutschland  Petroleum,  das  bereits
unter  21 0  entflammbare  Dämpfe  entwickelt,
nur  unter  besonderen  Vorsichtsmaßregeln  und
unter  der  Bezeichnung  „feuergefährlich“  verkauft ­
  werden.  Obwohl  nach.  Victor  Meyef
ein  sicherer  Schutz  gegen  Explosionen  erst  be 1
einem  Entflammungspunkt  von  35  °  gewährleistet ­
  -jurd,  sind  durch  diese  Vorschrift  doch
die  gefährlichsten  Erzeugnisse  aus  dem  Handel
verdrängt  worden.  Der  Entflammungspunkt
muß  mit  Hilfe  des  amtlichen  Abelschen  Petroleumprüfers
  bestimmt  werden.  Nicht  mindei
schädlich  für  die  Leuchtkraft,  wenngleich  weniger ­
  gefährlich,  ist  der  Zusatz  der  hochsiedenden ­
  Stoffe,  da  diese  den  Docht  verschmier« 11

Petitgrainöl
        <pb n="332" />
        Petroleum

327

Pfeffer

und  verkohlen  lassen.  Zu  ihrem  Nachweise
bedient  man  sich  der  fraktionierten  Destillation.
Gutes  P.  sollte  mindestens  70—8oo/ 0  eigentliches ­
  Leuchtöl,  das  zwischen  150  und  270 0
übergeht,  und  nicht  mehr  als  10—150/0  niedrigund
  ebensoviel  hochsiedende  Stoffe  enthalten.
Tatsächlich  finden  sich  unter  den  amerika-Yv



L

fi'tpji

I,

Jahre  1916  betragenden  Welterzeugung  auf  die
Vereinigten  Staaten  300,  Rußland  73,  Mexiko  40,
Niederländisch-Indien  13,  Rumänien  10,  Britischindien ­
  8,  Galizien  6,5,  Japan  3,  Peru  2,5,  Trinidad ­
  und  Deutschland  je  1  Million.
PettinetS  (Petinets)  nennt  man  gazeartig
gewirkte  Gewebe  aus  Seide,  feinem  Leinen-^
 Pr  Baumwolle,  die  entweder  geklöppelbereits

id  auf
n ,  gemd
  zu
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Handtngland

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ÄÄ  s-äSäs
‘ rt  tVcmfrcidy  nurf,  s  , r  tne 'ft  Seitpn  üerfkhf  nr* 0 '  m öf&amp;gt;renb
*P^ r (ZM?e C r)  SS'SfVÄ«m*arn
Siaaireit  (Erborg.  a ^, naI  e 'ni&amp;gt;eufiQ  ? u  cm Pficf)ff  fj*
aus  Stfcefer  Li“  ba‘  uSerS^l  «W*  IS
I  V£  unb  T^ ¥e ’  Zor f'  Sntoht?  ° U&amp;lt; *  bie  M«|öS
1  fuhren  non  ow.v  ^  ^  ou&amp;lt; ^  Iviitbetilrhe  f r&amp;lt; 3eugfen  Sßrobutfic
stehen  leider  v  o,  flms  3.  ®.  ft cr t, en  f 0  %  "  ® e f €  ,Md )  öem  Hiergegen, ­
  daß  russisches  Petroicu—  '  Lencirtnf  merben  formen
Lampen  nicht  brenne,  und  andererseits  die  r " or ’'"-Handelsverhältnisse.
  Nahezu  das  gesamte
Letroleumgeschäft  ist  in  den  Händen  der  Standard-Oil ­
  Company  vereinigt,  die  auf  Verbraucher ­

  und  Zwischenhändler  einen  ungeheuren
Lruck  ausübt.  Sie  setzt  die  Preise  fest  und
zwang  vor  dem  Weltkriege  die  Kleinhändler
2 Ur  Annahme  eines  Vertrages,  der  ihnen  die
härtesten  Bedingungen  auferlegte.  Gegen  eine
Vergütung  von  x /s  PL  Ihr  1  1  mußten  sie  sich
Ve rpflichten,  ihren  ganzen  Petroleumbedarf  von
der  Gesellschaft  zu  entnehmen  und  für  jedes
v °n  anderer  Seite  bezogene  Liter  P.  eine  Konv
 entionalstrafe  von  5  Pf.  (!)  zu  zahlen.  Es  hat
n 'cht  an  Versuchen  gefehlt,  dieses  Joch  abzu-^Chütteln,
  neben  dem  russischen  wird  in  ständig ­
  zunehmender  Menge  österreichisches  Petroleum ­
  eingeführt,  und  vielleicht  wird  auch  von
Rumänien  etwas  zu  erlangen  sein.  In  den  letzten
Jahren  hat  übrigens  auch  die  deutsche  Erdölgewinnung ­
  langsame,  aber  stetige  Fortschritte
2u  verzeichnen.  Während  sie  1896—1900  durchschnittlich ­
  29000  t  im  Jahre  betrug,  ist  sie  1907
a uf  106379  t  im  Werte  von  7&amp;gt;°b  Mül.  M.  und
*9i6  auf  142000  t  gestiegen.  In  Barrels  zu  159  1
aus gedrückt  entfielen  von  der  4  Millionen  im

mgr  ui

bräuchrte
  und
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an  oder
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e  in  der
den,  gerechneten ­

dtgebirge
id  in  den
igeländen.
irch  Fülle,
k  aus  und
ie.  Beson-:h,
  I'orster,
ebner,Ungn
  Piperaics,
  Piper
heimisch  ist
und  angebaut  auch  auf  den  Sundainseln,  in
Hinter-  und  Westindien  vorkommt.  Die  Ranken
tragen  lederartige  Blätter  und  unansehnliche,
in  hängenden  Ähren  dicht  zusammensitzende
Blüten,  aus  denen  sich  die  anfangs  grünen,  bei
der  Reife  roten  Beeren  entwickeln.  Jede  Beere
enthält  nur  einen,  von  dünner  Fruchthaut  umschlossenen ­
  Samen.  Der  Strauch  wird  durch
Stecklinge  vermehrt,  rebenartig  an  Bäumen  gezogen ­
  und  trägt  vom  3.—20.  Jahre.  Die  Anpflanzungen ­
  werden  in  feuchten  und  etwas
hohen  Gegenden  angelegt,  in  Beete  geteilt  und
mit  den  zur  Stütze  dienenden  Bäumen,  besonders ­
  Korallenbäumen,  bepflanzt.  Je  nach  der
Art  der  Gewinnung  der  Früchte  unterscheidet
man  schwarzen  und  weißen  P.  ■—  Der
schwarze  P.  (lat.  Piper  nigrum,  frz.  Poivre
noir,  engl.  Black  pepper)  besteht  aus  den  unreif ­
  gepflückten  und  schnell  an  der  Sonne  oder
am  Feuer  getrockneten  Früchten,  die  infolgedessen ­
  noch  mit  der  runzeligen  schwarzen  oder
schwarzbraunen  Fruchtschale  umgeben  sind.  —
Der  weiße  P.  (lat.  Piper  album,  frz.  Poivre
blanc,  engl.  White  pepper)  wurde  früher  ausschließlich ­
  aus  den  reifen  Beeren  in  der  Weise
        <pb n="333" />
        Petroleum

327

Pfeffer

1

und  verkohlen  lassen.  Zu  ihrem  Nachweise
bedient  man  sich  der  fraktionierten  Destillation.
Gutes  P.  sollte  mindestens  70—80  0/0  eigentliches ­
  Leuchtöl,  das  zwischen  150  und  270 0
;übergeht,  und  nicht  mehr  als  10—15%  niedrigund
  ebensoviel  hochsiedende  Stoffe  enthalten.
Tatsächlich  finden  sich  unter  den  amerikatiischen
  Sorten  aber  Proben  mit  über  35  %
lochsiedenden  Bestandteilen.  Zur  weiteren  Prüüng
  zieht  man  das  spez.  Gew.  heran,  das
Aufschluß  über  die  Herkunft  des  Petroleums
iefert,  ferner  die  Viskosität  und  den  prakischen
  Brennversuch.  Hat  man  eine  mit  neuen
pochten  und  Rundbrennern  versehene  Lampe
nit  dem  P.  gefüllt  und  die  Flamme  auf  größte
Helligkeit  eingestellt,  so  muß  der  Docht  bei
pitem  Petroleum  nach  einiger  Zeit  herunter-,
&amp;gt;ei  schlechtem  hingegen  hinaufgeschraubt  werien.
  Ein  Urteil  über  den  Grad  der  Raffination
jewährt  schließlich  die  Bestimmung  der  Neuralität
  und  das  Schütteln  mit  konzentrierter
Schwefelsäure,  welche  durch  gutes  P.  keine
Parbenveränderung  erleiden  darf.  —  Von  den
zahlreichen  Sorten  des  P.  ist  das  russische
zweifellos  am  besten  rektifiziert  und  raffiniert.
Es  enthält  bis  zu  850/0  mittlere  Fraktion,  neben
10—12  o/o  hochsiedenden  und  meist  nur  50/0
niedrigsiedenden  Bestandteilen.  Dementsprechend
ist  es  auch  außerordentlich  feuersicher  und  besitzt ­
  Entflammungspunkte  über  30 0 .  Ihm  ähnlich ­
  sind  die  rumänischen  und  galizischen  Sorten,
während  das  amerikanische  vielfach  sehr  mangelhafte ­
  Beschaffenheit  besitzt.  Es  gibt  zwar
gewisse  teure  Luxussorten,  wie  Kristallöl,  Salonöl, ­
  Kaiseröl  mit  Entflammungspunkten  von  30
bis  50 0 ,  aber  die  gewöhnliche  Handelssorte,
das  sog.  Reichstest-P.,  bewegt  sich  meist  an
der  Grenze  des  gesetzlich  Zulässigen  und  zeigt
neben  30  bis  35  °/o  hochsiedenden  Stoffen  oft
nur  50—55  o/o  eigentliches  Leuchtöl.  Der  Einführung ­
  der  weit  besseren  europäischen  Sorten
stehen  leider  Vorurteile  der  Verbraucher  entgegen, ­
  daß  russisches  Petroleum  in  unseren
Lampen  nicht  brenne,  und  andererseits  die
Handelsverhältnisse.  Nahezu  das  gesamte
Petroleumgeschäft  ist  in  den  Händen  der  Standard-Oil ­
  Company  vereinigt,  die  auf  Verbraucher ­
  und  Zwischenhändler  einen  ungeheuren
Hruck  ausübt.  Sie  setzt  die  Preise  fest  und
zwang  vor  dem  Weltkriege  die  Kleinhändler
zur  Annahme  eines  Vertrages,  der  ihnen  die
härtesten  Bedingungen  auferlegte.  Gegen  eine
Vergütung  von  x / 2  Pf.  für  1  1  mußten  sie  sich
v erpflichten,  ihren  ganzen  Petroleumbedarf  von
her  Gesellschaft  zu  entnehmen  und  für  jedes
v °n  anderer  Seite  bezogene  Liter  P.  eine  Konventionalstrafe ­
  von  5  Pf.  (1)  zu  zahlen.  Es  hat
*i&amp;gt;cht  an  Versuchen  gefehlt,  dieses  Joch  abzus
 chütteln,  neben  dem  russischen  wird  in  ständig ­
  zunehmender  Menge  österreichisches  Petroleum ­
  eingeführt,  und  vielleicht  wird  auch  von
Rumänien  etwas  zu  erlangen  sein.  In  den  letzten
Jahren  hat  übrigens  auch  die  deutsche  Erdölgewinnung ­
  langsame,  aber  stetige  Fortschritte
verzeichnen.  Während  sie  1896—1900  durchschnittlich ­
  29000  t  im  Jahre  betrug,  ist  sie  1907
a af  106379  t  im  Werte  von  7,06  Mill.  M.  und
*9i6  auf  142000  t  gestiegen.  In  Barrels  zu  159  1
a üsgedrückt  entfielen  von  der  4  Millionen  im

Jahre  1916  betragenden  Welterzeugung  auf  die
Vereinigten  Staaten  300,  Rußland  73,  Mexiko  40,
Niederländisch-Indien  13,  Rumänien  10,  Britischindien ­
  8,  Galizien  6,5,  Japan  3,  Peru  2,5,  Trinidad ­
  und  Deutschland  je  1  Million.
Pettinets  (Petinets)  nennt  man  gazeartig
gewirkte  Gewebe  aus  Seide,  feinem  Leinenzwirn ­
  oder  Baumwolle,  die  entweder  geklöppelten ­
  Spitzengrund  nachahmen  oder  mit  bereits
eingewirkten  Mustern  versehen  sind  und  auf
besonderen  Stühlen,  Kettenpettinetstühlen,  gearbeitet ­
  werden.  Glatter  Pettinet  als  Grund  zu
genähten  Spitzen  und  Stickereien  kommt  nur
noch  in  Seide  vor,  während  die  aus  Zwirn  bestehende ­
  Ware  jetzt  auf  der  Bobbinetmaschine
hergestellt  wird.  Auf  dem  Pettinetstuhl  arbeitet
man  in  den  verschiedenartigsten  Musterungen
spitzenähnliche  Tücher,  Schleier,  Schals,  Handschuhe, ­
  Hauben,  Börsen  u.  dgl.  und  in  England
in  großen  Mengen  die  billigen,  den  Spitzenklöpplerinnen ­
  und  Näherinnen  so  gefährlichen
Maschinenspitzen.
Pewter  .sind  gewisse  in  England  gebräuchliche ­
  Zinnlegierungen,  die  nach  Härte  und
Farbe  in  mehrere  Sorten  unterschieden  werden
und  entweder  nur  Zinn  und  Antimon  oder
außerdem  noch  Wismut,  Kupfer,  Zink  oder  Blei
enthalten.  Die  kupferhaltigen  Legierungen  mit
2—5  °/o  Kupfer  gelten  als  die  besten.
Pfälzer  Weine  (Haardtweine),  die  in  der
Pfalz  am  linken  Rheinufer  wachsenden,  gewöhnlich ­
  mit  zu  den  Rheinweinen  gerechneten
Weine,  gedeihen  besonders  im  Haardtgebirge
am  Ostabhange  des  Donnersbergs  und  in  den
zur  Ebene  sich  absenkenden  Hochgeländen.
Sie  sind  meist  weiß,  zeichnen  sich  durch  Fülle,
Süßigkeit,  Milde  und  Wohlgeschmack  aus  und
haben  weniger  Säure  als  die  Rheinweine.  Besonders ­
  gute  Sorten  sind:  Jesuitengarten,  Förster,
Ruppertsberger,Dürkheimer,Deidesheimer,Ungsteiner,
  Wachenheimer  usw.
Pfeffer  ist  die  Frucht  des  zu  den  Piperazeen ­
  gehörenden  Pfefferstrauches,  Piper
nigrum,  der  im  Südosten  Asiens  heimisch  ist
und  angebaut  auch  auf  den  Sundainseln,  in
Hinter-  und  Westindien  vorkommt.  Die  Ranken
tragen  lederartige  Blätter  und  unansehnliche,
in  hängenden  Ähren  dicht  zusammensitzende
Blüten,  aus  denen  sich  die  anfangs  grünen,  bei
der  Reife  roten  Beeren  entwickeln.  Jede  Beere
enthält  nur  einen,  von  dünner  Fruchthaut  umschlossenen ­
  Samen.  Der  Strauch  wird  durch
Stecklinge  vermehrt,  rebenartig  an  Bäumen  gezogen ­
  und  trägt  vom  3.—20.  Jahre.  Die  Anpflanzungen ­
  werden  in  feuchten  und  etwas
hohen  Gegenden  angelegt,  in  Beete  geteilt  und
mit  den  zur  Stütze  dienenden  Bäumen,  besonders ­
  Korallenbäumen,  bepflanzt.  Je  nach  der
Art  der  Gewinnung  der  Früchte  unterscheidet
man  schwarzen  und  weißen  P.  —  Der.
schwarze  P.  (lat.  Piper  nigrum,  frz.  Poivre
noir,  engl.  Black  pepper)  besteht  aus  den  unreif ­
  gepflückten  und  schnell  an  der  Sonne  oder
am  Feuer  getrockneten  Früchten,  die  infolgedessen ­
  noch  mit  der  runzeligen  schwarzen  oder
schwarzbraunen  Fruchtschale  umgeben  sind.  —
Der  weiße  P.  (lat.  Piper  album,  frz.  Poivre
blanc,  engl.  White  pepper)  wurde  früher  ausschließlich ­
  aus  den  reifen  Beeren  in  der  Weise
        <pb n="334" />
        Pfeffer,  langer

328

Pfefferminze

hergestellt,  daß  man  sie  in  Meer-  oder  Kalkwasser ­
  einlegte  und  nach  dem  Trocknen  das
Fruchtfleisch  abrieb.  Neuerdings  findet  sich  im
Handel  meist  nur  eine  durch  Schälen  von
schwarzem  P.  gewonnene  Ware.  Der  schwarze
P.  enthält  neben  wechselnden  Wassermengen
im  Durchschnitt  12,  J  0/0  Stickstoffsubstanz,  80/0
Fett,  33  0/0  Stärke,  13%  Rohfaser  und  40/0,
Asche;  der  weiße  P.  unterscheidet  sich  hauptsächlich ­
  durch  seinen  höheren  Gehalt  an  Stärke
(560/0)  und  seinen  geringeren  Gehalt  an  Rohfaser ­
  (5%)  und  an  Asche  (2°/o),  weil  letztere
beiden  Stoffe  vorwiegend  in  den  Schalen  enthalten ­
  sind.  —  Als  charakteristische  und  wertbestimmende ­
  Stoffe,  die  den  Geruch  und  scharfen ­
  Geschmack  des  P.  bedingen,  finden  sich
1—2,30/0  ätherisches  Öl  und  7  °/o  Piperin.  Der
P.  gehörte  bis  vor  kurzem  zu  den  am  meisten
verfälschten  Gewürzen,  doch  hat  die  Nahrungsmittelkontrolle ­
  eine  wesentliche  Verbesserung
der  bestehenden  Übelstände  im  Gefolge  gehabt.
Als  Zusätze  zu  ganzem  schwarzen  P.  wurden
ähnlich  aussehende  Früchte  anderer  Pflanzen
beobachtet,  insbesondere:  Kubeben,  Langer  P.,
Paradieskörner,  Kellerhalsbeeren  u.  a.,  während
der  ganze  weiße  P.,  hauptsächlich  sog.
Penang,  häufig  mit  einem  Überzüge  von  Kalk
in  den  Handel  kam.  Nach  der  neueren  Rechtsprechung ­
  darf  gekalkter  P.  nicht  ohne  entsprechende ­
  Kennzeichnung  verkauft  werden.
Der  gemahlene  P.  bildete  den  Abladeplatz
aller  möglichen  Abfälle;  Sand  und  Ton,  verdorbene ­
  taube  Körner,  Mehl,  Schalen  von  P.,
Nüssen,  Mandeln  und  Kakao,  Rückstände  der
Ölgewinnung  wie  Palmkernmehl,  Raps-  und
Rübsenkuchen,  Olivenkerne,  Dattelkerne,  Baumrinden ­
  und  zahlreiche  andere  wertlose  Stoffe
wurden  in  ihn  hineingemahlen.  Zum  Nachweise ­
  fremder  pflanzlicher  Beimischungen  benutzt ­
  man  das  Mikroskop,  zur  Erkennung  von
Pfefferschalen  und  mineralischen  Zusätzen  die
chemische  Analyse.  Marktfähiger  schwarzer  P.
soll  nicht  über  7  o/ 0  Mineralstoffe  mit  2  0/0  Sand
und  nicht  über  17,5  o/ 0  Rohfaser  enthalten,
weißer  P.  höchstens  40/0  Asche,  1  0/0  Sand  und
7  0/0  Rohfaser.  Von  den  zahlreichen  Handelssorten ­
  ist  der  Malabar-P.  mit  seinen  Unterabteilungen ­
  A1  eppi  und  Tellicherry  am
höchsten  geschätzt.  Andere  Sorten  führen  die
Bezeichnung  Singapore,  Penang  (meist  gekalkt), ­
  Sumatra,  Kochin,  Goa  und  Lampong.
  Weißer  P.  kommt  meist  von  Sumatra,
Singapore  und  Penang.  Eine  aus  verkümmerten, ­
  tauben,  oft  nur  stecknadelkopfgroßen ­
  Körnern  bestehende  Sorte,  sog.  Pfefferköpfe, ­
  ist  keine  marktfähige  Ware,  sondern
ein  offensichtliches  Verfälschungsmittel.  Der
Pfeffer  findet  als  Gewürz  ausgedehnte  Anwendung ­
  und  wird  in  beschränktem  Maße
medizinisch  verwandt.
Pfeffer,  langer  (lat.  Piper  longum,  frz.  Poivre
long,  engl.  Long  pepper)  besteht  aus  den  vor
völliger  Reife  gesammelten  und  getrockneten
Fruchtständen  (Kätzchen)  von  Chavica  officinarum
  (Piper  longum),  die  etwa  3—4  cm
lang,  6—8  mm  dick  und  von  schwarzgrauer  bis
rotbrauner  Farbe  sind.  Der  Geschmack  ist
scharf  brennend,  der  Geruch  pfefferartig,  die
Zusammensetzung  den  anderen  Pfefferarten

entsprechend.  Langer  P.  wird  hauptsächlich
in  Form  einer  Abkochung  als  Fliegengift  verwandt. ­

Pfefferkuchen  (Lebkuchen,  frz.  Pain  d’epices,
  Gätcau  au  miel,  engl.  Gingerbread,  Honey
comb),  ein  sehr  haltbares  gewürziges  Back-  |
werk,  wird  mit  Hilfe  von  Hirschhornsalz  als
Treibmittel  besonders  in  Nürnberg,  Braunschweig, ­
  Pulsnitz,  Kamenz,  Danzig,  Thorn  und
Basel  (Leckerli)  fabrikmäßig  hergestellt.  Zu
den  braunen  P.  nimmt  man  außer  Mehl  ent-  ,
weder  Sirup,  oder  bei  feineren  Sorten  (Honig-  |
kuchen)  auch  wohl  Honig,  zu  den  weißen  P.  4
Zucker.  Als  Gewürze  kommen  hauptsächlich  i.
Kardamomen,  Zimt,  Nelken,  Vanille,  bittere  /  l!
Mandeln  und  Zitronat  zur  Verwendung.  ■—  '
Kleine,  rundliche  Stücke  nennt  man  Pfeffernüsse. ­

Pfefferminze  (Pfeffermünze,  lat.  Herba  s.
Folia  menthae  piperitae,  frz.  Feuilles  de  menthe  /
poivr6e,  engl.  Peppermint  leaves).  Mentha  piperita,
  die  wichtigste  der  zu  den  Lippenblütlern ­
  gehörenden  Gattung  Mentha,  deren  zahlreiche ­
  Arten  sich  fast  alle  durch  ein  mehr  oder
weniger  starkes  Aroma  auszeichnen,  unterscheidet
  sich  von  ihren  Verwandten  äußerlich  durch
ihre  gestielten,  fast  glatten  Blätter,  die  nur
an  den  Nerven  der  Unterseite  spärlich  behaart
und  an  den  der  Blattspitze  zugekehrten  Stellen
am  Rande  scharf  gezähnt  sind.  Die  P.  kommt  ut  i
in  Westeuropa,  vor  allem  in  England,  wild  vor,  ’g
wird  aber  bei  uns,  besonders  in  Thüringen  und  '
im  Harz  sowie  in  England  (London,  Cambridge,
Mitcham)  vielfach  angebaut  und  dann  als  Mentha
piperita  var.  ß  bezeichnet.  Die  in  der  Blütezeit ­
  gesammelten  Spitzen  der  Zweige  und  die
Blätter  der  unteren  Teile  (ohne  die  Stengel)  kommen ­
  getrocknet  in  den  Drogenhandel  und  haben
einen  stärkeren  Geruch  und  Geschmack  als  im
frischen  Zustande.  P.  wird  medizinisch  als
krampfstillendes,  magenstärkendes  und  zu  Blähungen ­
  treibendes  Mittel  angewandt.  —  Der
wirksame  Bestandteil  der  Pflanze  ist  das  äthe-  |
rische  Öl,  das  Pfefferminzöl  (lat.  Oleum  menthae ­
  piperitae,  frz.  Essence  de  menthe  poivree,
engl.  Oil  of  peppermint),  das  von  angebauten  j
Pflanzen  gewonnen  wird.  Die  geschätzteste  Sorte,
das  englische  Mitchamöl,  hat  ein  spez.  Gew.  !
von  0,900—0,912.  Die  deutschen  Öle  kommen
für  den  Weltmarkt  weniger  in  Betracht,  da  ihre
Produktion  jährlich  nur  einige  hundert  Kilo
beträgt.  Ihr  spez.  Gew.  ist  0,900—0,915  bei
15 0  C.  Weniger  feine  Sorten  kommen  aus  j.
Amerika,  weil  hier  nicht  selten  andere  Minzearten ­
  mitdestilliert  werden,  und  auch  häufig
Verfälschungen  mit  Poleyöl,  Erigeronöl  und
dem  flüssigen  Teil  des  japanischen  Pfefferminzöls ­
  vorgenommen  werden.  In  neuerer  Zeit
haben  sich  die  Verhältnisse  aber  wesentlich  gebessert, ­
  indem  man  auf  sorgfältigere  Kultur  und
Reinhalten  der  Felder  von  Unkraut  achtet.  —  ,
Große  Mengen  P.  kommen  aus  Japan.  Das  normale ­
  japanische  Öl  bildet  bei  gewöhnlicher  Temperatur ­
  eine  feste,  ölgetränkte  Kristallmasse.  In
den  Handel  kommt  das  normale  öl,  (Unseparated),
  das  aus  lockeren  Kristallen  bestehende
Rohmenthol  (Crystals)  und  das  von  diesem  getrennte ­
  flüssige  öl  (Oil).  —  Die  P.  sind  im  rektifizierten ­
  Zustande  farblose,  etwas  dickliche  Flüs-
        <pb n="335" />
        Pfefferöl

329

Pflanzenwachse

sigkeiten  von  feinem  Pfefferminzgeruch  und  brennendem, ­
  hinterher  kühlendem  Geschmack,  der
aber  nicht  bitter  sein  darf.  Sie  drehen  die
Polarisationsebene  stark  nach  links  und  lösen
sich  in  verdünntem  Spiritus  auf.  Ihr  wichtigster ­
  Bestandteil  ist  das  zum  Teil  mit  Essigund
  Valeriansäure  veresterte  Menthol  und  das
zugehörige  Keton  Menthon.  Zum  Nachweise
der  zahlreichen  Verfälschungen  durch  Alkohol,
Terpentinöl,  ätherische  und  fette  Öle  bestimmt
man  die  physikalischen  Kennzahlen  und  in  besonderen ­
  Fällen  den  Mentholgehalt.  Pfefferminzöl ­
  dient  zur  Darstellung  von  Menthol,  Likören, ­
  Mundwässern  und  anderen  komestischen
Mitteln  sowie  zum  Einreiben  gegen  Zahnschmerzen ­
  und  Migräne.
Pfefferöl  (lat.  Oleum  piperis,  frz.  Essence  de
poivre,  engl.  Pepper  oil),  das  durch  Destillation
mit  Wasserdampf  aus  dem  schwarzen  Pfeffer
gewonnene  dünnflüssige,  farblose  bis  gelbgrüne
ätherische  Öl  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,870  bis
0,916  und  riecht  stark  nach  Pfeffer,  zeigt  aber
einen  milden  Geschmack  und  dient  bisweilen
als  Zusatz  bei  der  Bereitung  bitterer  und  aromatischer ­
  Liköre.
Pfirsiche  (frz.  Pöches,  engl.  Peaches)  sind  die
Früchte  des  Pfirsichbaumes  Amygdalus  persica,
  der  in  Persien  heimisch,  schon  vor  alten
Zeiten  nach  Griechenland  und  Italien  und  dann
weiter  über  das  wärmere  und  gemäßigte  Europa
verbreitet  worden  ist.  In  Mitteldeutschland,  bis
wohin  der  Baum  überhaupt  nur  vorgerückt  ist,
wird  er  meist  nur  als  Spalierbaum  an,  Wänden
gezogen.  In  Süddeutschland  hat  man  die  Bäume
freistehend  und  gewinnt  schon  recht  gute  Früchte,
noch  bessere  jedoch  jenseits  der  Alpen,  in  Südtirol, ­
  Italien,  Südfrankreich,  Spanien,  Portugal
und  Ungarn.  Neuerdings  werden  P.  von  Kalifornien ­
  im  großen  Maßstabe  teils  frisch,  teils
getrocknet  versandt,  doch  müssen  die  letzteren,
wie  die  meisten  amerikanischen  Erzeugnisse,  mit
Vorsicht  genossen  werden,  da  sie  vielfach  durch
übermäßig  starkes  Schwefeln  gebleicht  und  haltbar ­
  gemacht  worden  sind.  Nach  der  Art  der
Oberfläche  unterscheidet  man  die  zahlreichen
Spielarten  meist  in  rauhschalige,  zu  denen  die
mitteldeutschen  gehören,  und  in  glattschalige
(Nektarinen).  —  Die  Pfirsichkerne  dienen
zur  Herstellung  von  Marzipanersatz,  auch  wird
aus  ihnen  fettes  und  ätherisches  Pfirsichkernöl
gewonnen.  Das  fette  Pf.  (lat.  Oleum  Nucum
Persicarum,  frz.  Huile  de  Peches,  engl.  Peaches-°il)
  wird  durch  Pressung  namentlich  in  Frankteich ­
  gewonnen  und  fälschlich  als  „Mandelöl
aus  Pfirsichkernen“  bezeichnet.  Es  wird  zum
Verfälschen  des  echten  fetten  Mandelöls,  vielfach
auch  als  Ersatz  des  teuren  echten  Mandelöls,
z,  B.  bei  der  Bereitung  von  Cold-cream,  zu  Haarclen
  usw.  verwandt.  Das  destillierte  ätherische
Vf.  dient  zur  Verfälschung  des  echten  Bittermandelöls. ­
  Das  aus  Ostindien  eingeführte  dunkelgelbe
  Pfirsichkernöl  (B  emi-ki-tel)  ist  etwas  blausäurehaltig ­
  und  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,9232.
Oie  frischen  Blüten  und  Blätter  liefern  bei  der
Destillation  mit  Wasser  blausäurehaltige  Wässer,
die  hier  und  da  offizinell  sind.
Pfirsichäther,  ein  das  Pfirsicharoma  ziemlich
Sut  nachahmendes  Gemisch  von  Butter-  und

Valeriansäureamylester,  Essigester  und  Bittermandelöl. ­

Pflanzendunen.  Unter  diesem  Namen  faßt
man  die  verschiedenen  Arten  feiner  seidenartiger
Wollfasern  zusammen,  die  sich  als  Umhüllung
der  Samen  in  den  Fruchtkapseln  mehrerer  tropischer ­
  Bäume  der  Gattungen  Bombax,  Ochroma,
  Chorisia  und  Eriodendron  vorfmden.
Als  wichtigste  sind  folgende  anzuführen:  r.  Kapok ­
  (Bombaxwolle,  Kapas,  Kapok,  Randoe,
  Randoekapok,  frz.  Ouatte  vögetale,  Duvet, ­
  Coton  soyeux,  engl.  Silk  cotton,  Simool
cotton,  Raw  cotton).  Diese  hauptäschlich  aus
Java.  Indien  und  Zeylon  kommende  Wolle  stammt
von  Eriodendron  anfractuosum  DC.  (Ceiba
pentandra,  Bombax  pentandrum  L.)  und  besteht
aus  0,5—2  cm  langen,  seidenartig  glänzenden
Fasern  von  gelblichweißer  bis  brauner  Farbe,
welche  kürzer,  steifer  und  elastischer  als  diejenigen ­
  der  Baumwolle  sind.  2.  Zeibawolle
(Paina  limpa),  angeblich  von  Bombax  heptaphyllum
  L.  und  Bombax  Ceiba  L.,  kommt
aus  Südamerika  und  Westindien.  Die  Fasern  sind
1—1,5  cm  lang,  oft  ziemlich  weiß,  häufiger  aber
hellbraun.  3.  Ochromawolle  (frz.  Edredon
vegetale,  Patte  de  liövre)  von  Ochroma  lagopus
  Sw.,  einer  auf  Guadeloupe  und  Martinique
angebauten  Bombazee,  ist  gelbbraun  gefärbt
und  o,s—i,s  cm  lang.  Verwendung  finden
diese  Pflanzenwollen  fast  nur  zum  Polstern  und
zur  Herstellung  von  Watte,  hingegen  sind  sie
zum  Verspinnen  wenig  geeignet.  Nur  die  2  bis
3  cm  lange  Wolle  von  Bombax  heptaphyllum
  soll  bisweilen  mit  Baumwolle  gemengt
versponnen  werden.  Namentlich  die  Kapoksorte
bildet  das  beste  pflanzliche  Stopf-  und  Polstermaterial ­
  und  steht  den  echten  Dunen  an  Elastizität ­
  und  Leichtigkeit  nicht  viel  nach.  —  Zusätze
von  Baumwollenabfällen  (Cotton  fly)  und  Pulufaser
  sind  als  Verfälschungen  zu  beurteilen,  da
besonders  die  letztere  schon  nach  kurzem  Gebrauche ­
  infolge  ihrer  Brüchigkeit  in  Stückchen
und  Pulver  zerfällt.
Pflanzentalge.  Mit  diesem  Namen  bezeichnet
man  einige  besonders  harte  Fette  pflanzlichen
Ursprungs,  die  wegen  ihrer  äußeren  Beschaffenheit ­
  vielfach  auch  die  falsche  Bezeichnung
Pflanzenwachs  führen.  Zu  ihnen  gehört  neben
dem  Japan  wachs  (s.  d.)  besonders  das  Myrika-
  oder  Myrtenwachs  (s.d.),  der  Malabartalg ­
  (s.d.),  der  Mafurahtalg  (s.d.)  und  der
Chinesische  Talg  aus  den  Samen  von  Stillingia
  sebifera.  Hingegen  wird  das  Chinesische ­
  Wachs  durch  die  Tätigkeit  einer  Schildlaus ­
  hervorgerufen  und  daher  unter  Wachs  besprochen. ­

Pflanzenwachse,  an  Früchten,  Blättern  und
Rinden  tropischer  Gewächse  aüsgeschiedene  fettund
  wachsartige  Stoffe,  zeigen  eine  dem  Bienenwachs ­
  ähnliche  chemische  Zusammensetzung,
ohne  doch  mit  ihm  völlig  identisch  zu  sein,  und
können  dieses  für  gewisse  Zwecke,  besonders  zur
Herstellung  von  Kerzen,  ersetzen.  Das  wichtigste
P.  ist  unter  seinem  Namen  Karnaubawachs  besprochen ­
  worden.  Eine  andere  Sorte  soll  von
der  in  den  Anden  heimischen  Wachspalme
(Ceroxylon  andicola)  am  ganzen  Umfange
des  Stammes  als  dichte,  harzig-wachsartige.
        <pb n="336" />
        Pflaster

330

Phenolquecksilber

Schicht  ausgeschwitzt  werden,  ist  aber  noch
nicht  näher  untersucht  worden.
Pflaster  (lat.  Emplastrum,  frz.  Emplätres,  engl.
Piasters)  nennt  man  in  der  Chemie  Verbindungen
von  Blei  mit  Fettsäuren.  In  der  Pharmazie  versteht ­
  man  darunter  alle  zum  Ankleben  auf  die
Haut  bestimmten  arzneilichen  Zubereitungen,  die
entweder  auf  Stoff  gestrichen  oder  in  Stangenform ­
  vorrätig  gehalten  werden  und  aus  einer
knetbaren,  wachsartigen  Mischung  von  Fetten,
Harz  oder  Wachs  mit  anderen  Stoffen  bestehen.
Nach  ihrer  Grundmasse  unterscheidet  man  gekochte ­
  oder  Bleipflaster  (Emplastrum  Lithargyri),
  aus  Olivenöl,  Bleiglätte  und  Schweinefett ­
  gekocht;  geschmolzene  oder  Harzpflaster ­
  (Gummipflaster,  E.  adhaesivum,  E.
Lithargyri  compositum)  aus  Bleipflaster,
Wachs,  Harzen  und  Gummiharzen;  Hausenblasepflaster ­
  (Seidenpflaster,  Englischpflaster,
lat.  Emplastrum  anglicum,  Emplastrum  Ichthyocollae,
  frz.  Sparadrap  d’ichthyocolle,  engl.  Court-Piaster)
  aus  einer.  auf  Seidentaft  eingetrockneten ­
  Abkochung  von  Plausenblase  (50  g  zu  300  g
Wasser)  und  etwas  Zucker;  Kautschukpflaster ­
  (Collemplastrum),  welche  gelösten  Kautschuk ­
  enthalten.  Die  medikamentösen  P.  zerfallen ­
  in  Spanischfliegen-  und  Zugpflaster
(E.  Cantharidum  ordinarium  und  perpetuum),
  Quecksilberpflaster  (E.  Hydrargyri),
Seifenpflaster  (E.  saponatum)  u.  a.  Im  weiteren ­
  Sinne  rechnet  man  zu  den  P.  auch  Klebtaffet
  und  Klebepapier.  Mit  Ausnahme  des
Englischpflasters,  Heftpflasters,  Pechpflasters
und  der  Hühneraugenmittel  dürfen  P.  als  Heilmittel ­
  nur  in  Apotheken  verkauft  werden.
Pflaumen  (frz.  Prunes,  engl.  Plums),  die  ein
beliebtes  Obst  bildenden  bekannten  Steinfrüchte, ­
  finden  sich  in  zahlreichen  Arten,  die  sämtlich ­
  der  Gattung  Prunus  L.  (frz.  Prunier,  engl,
Plum  treej  angehören,  besonders  als  Zwetschen,
Hain-,  Kirsch-,  aprikosenähnliche,  Damaszener- ­
  und  Eierpflaumen,  Mirabellen
und  Reineklauden.  Der  Name  P.  bezeichnet
im  Osten  und  Norden  fast  nur  die  blaubereiftan
länglichen  Zwetschen,  im  Süden  mild  Westen  dagegen ­
  die  runden  und  rundlichen  Früchte  von
gelber,  gelblicher  und  roter  Farbe.  Die  P.  bilden
in  frischem  wie  getrocknetem  Zustande  einen  sehr
bedeutenden  Handelsartikel,  besonders  als  Backobst ­
  sowie  zur  Herstellung  von  Branntwein,  Mus,
Sirup  und  Essig.  Als  feinste  Sorten  gelten  die
Katharinenpflaumen,  Imperial  (Sur  choix,
Rame  supörieure)  sowie  türkische  und  böhmische ­
  P.
Pflaumenbaumholz  (Z  wetschenbaumholz)
von  Prunus  domestica  ist  sehr  dicht,  von
feinem  Korn  und  dunkelrötlichbrauner  Farbe
und  gegen  den  Kern  hin,  mehr  oder  weniger  mit
braunroten  und  violettroten  Adern  und  Flammen
geziert.  Es  wird  von  Tischlern  und  Drechslern
benutzt  und  mit  Vorliebe  zu  Faßhähnen  und  den
billigeren  Holzblasinstrumenten  verarbeitet.
Pflaumenkernöl  (frz.  Huile  d’amandes  de
prune,  engl.  Plumpern-Oil),  das  aus  den  Pflaumenkernen ­
  gepreßte  blaßgelbe  fette  Öl,  ist  geruchlos ­
  und  von  mandelölähnlichem  Geschmack.
Das  spez.  Gewicht  beträgt  0,915  bei  I5°C,  der
Erstarrungspunkt  liegt  bei  —8,5°  C.

Pflaumenmus  (frz.  Marmelade  de  prune,  Prunelöe,
  engl.  Paste  of  plums)  besteht  aus  dem  von
Kernen  und  Schalen  befreiten  Fruchtfleisch
der  Pflaumen,  das  längere  Zeit,  bis  die  nötige
Festigkeit  erreicht  ist,  in  kupfernen  Kesseln  gekocht ­
  wird.  Nach  dem  Kochen  muß  man  das
P.  noch  warm  ausfüllen,  da  beim  Erkalten  und
längeren  .Stehen  im  Kessel  Leicht  etwas  Kupfer
aufgelöst  wird  (s.  Marmeladen).'
Phenazetin  (Phenedin,  Phenin,  lat.  Phenacetinum,
  frz.  Acetphenetidine,  engl.  Phenacetine)
ist  in  chemischer  Hinsicht  Azetparaphenetidin
und  wird  dementsprechend  durch  Kochen  von
Phenetidin  (Paraamidophenol)  mit  Eisessig  gewonnen. ­
  Es  bildet  weiße  glänzende,  geruch-  und
geschmacklose  Kristallblättchen,  die  in  Wasser
schwer,  in  Alkohol  leicht  löslich  sind  und  bei
135 0  schmelzen.  Ph.  wird  vielfach  als  Fiebermittel, ­
  gegen  Kopfschmerzen  und  Migräne  verordnet, ­
  da  es  die  guten  Eigenschaften  des  Airtipyrins
  und  Antifebrins  vereinigt,  ohne  deren
nachteilige  Folgen  zu  zeigen
Phenanthrenrot,  ein  seit  1886  im  Handel  vorkommender ­
  Teerfarbstoff,  besteht  aus  dem
Nafronsalze  des  Alphanaphtylsulfosäureosazonphenanthrenchinons.
  Das  braunrote  Pulver  gibt
mit  heißem  Wasser  eine  kirschrote,  mit  konzentrierter ­
  Schwefelsäure  eine  blaue  Lösung,  aus  der
beim  Verdünnen  ein  gelbbrauner  Niederschlag
ausfällt.  Wolle  wird  in  sauerem  Bade  rot  gefärbt.
Phenokoli  (lat.  Phenocollum,  frz.  Phenocolle,
engl.  Phenokoli),  ein  dem  Phenazetin  verwandtes
Phenetidinderivat  (Glykokollparaphenetidin,  Amidophenazetin),
  bildet  farblose  Kristallnadeln  vom
Schmelzpunkte  95  °,  die  in  kaltem  Wasser,  Äther,
Benzol  und  Chloroform  schwer,  in  heißem  Wasser
und  Alkohol  leicht  löslich  sind.  Die  Salze,  besonders ­
  das  salzsaure,  essigsaure  und  kohlensaure
P.  werden  wie  Phenazetin  gegen  Fieber  und
Rheumatismus  angewandt.
Phenolphtalein  (Dioxydiphenylphtalid,
Diparaoxyphtalophenon)  wird  durch  Erhitzen ­
  eines  Gemisches  von  Phthalsäureanhydrid,
Phenol  und  Zinnchlorid  (oder  auch  Schwefel
säure)  auf  115—120 0 ,  Auskochen  des  Reaktionsproduktes ­
  mit  Wasser,  Lösen  in  Natronlauge
und  Übersättigen  mit  Essigsäure  dargestellt.  Das
durch  Umkristallisieren  aus  Alkohol  gereinigte
P.  dient  als  Indikator  in  der  Maßanalyse,  z.  B.
bei  Essigprüfungen,  weil  seine  alkoholische  oder
verdünnte  wässerige  Lösung  durch  den  geringsten ­
  Überschuß  von  Alkali  intensiv  purpurrot,
durch  Zusatz  von  überschüssiger  Säure  aber
wieder  farblos  wird.  Neuerdings  wird  Ph.  vielfach ­
  als  Abführmittel  benutzt  und  ist  als  Bestandteil ­
  der  Ade-Biskuits,  Zickzack-Tabletten ­
  sowie  von  Entfettungsmitteln  wie  Bora ­
  ni  umbeeren,  Pur  gen,  Pu  rgella,Purgetta,
Purgin-,  Laxier-,  Laxin-Konfekt,  Purglets,
  Purgolade  usw.  aufgefunden  wurden,  die
nach  dem  sächs.  Ministerialerlaß  vom  31.VIL
1913  dem  Apothekenzwang  unterworfen  sind.
Auch  Derivate  desPh.,  z.  B.  Isovalerylazetyl-Ph.
(Aperitol)  dienen  als  Abführmittel.
Phenolquecksilber  (lat.  Hydrargymm  carbolicum
  oxydatum,  Hydrargymm  phenolicum),  ein
Mittel  gegen  Syphilis,  entsteht  durch  Fällen  einer
konzentrierten  Lösung  von  Phenolkalium  mit  al-
        <pb n="337" />
        Phenosafranin  331  Phosphor

;

koholischem  Quecksilberchlorid  als  ein  farbloses
Kristallpulver.
Phenosafranin  (Safranin  B  extra),  ein
durch  Oxydation  eines  Gemisches  von  Paraphenylendiamin
  und  Anilin  dargestellter  Teerfarbstoff,
Paraamidophenylparaamidophenazoniumchlorid,
bildet  grüne  glänzende  Kristalle,  die  in  Wasser
mit  roter  Farbe  leicht  löslich  sind.  Konzentrierte
Schwefelsäure  gibt  eine  grüne  Lösung,  die  beim
Verdünnen  mit  Wasser  erst  blau,  dann  violett
und  schließlich  rot  wird.  Mit  Tannin  und  Brechweinstein ­
  gefärbte  Baumwolle  wird  rot  gefärbt.
Phenylurethan  (Euphorine),  ein  neueres  viel
gerühmtes  Mittel  gegen  Gelenkrheumatismus,  entsteht ­
  durch  Behandlung  von  Chlorameisensäureäthylester ­
  mit  Anilin  und  ist  demnach  als  Phenylkarbaminsäureäthylester
  anzusprechen.  Es  bildet ­
  weiße,  bei  49 0  schmelzende  Kristalle  von
nelkenähnlichem  Geschmacke,  die  sich  leicht  in
Alkohol  und  Äther,  hingegen  nicht  in  Wasser
lösen.
Phloridzin  nennt  man  ein  kristallisierbares
Glykosid,  das  durch  Ausziehen  der  Rinde  von
Apfel-,  Birnen-,  Pflaumen-  oder  Kirschbäumen
mit  60  %  igem  Alkohol  in  Form  zarter  glänzender ­
  Nadeln  erhalten  wird.  Es  zerfällt  beim
Kochen  mit  verd.  Säuren  in  Phloretin  und
Zucker  und  findet  an  Stelle  des  Chinins  als
Fiebermittel  Anwendung.
Phlorogluzin,  C 6 H s (OH) s ,  das  symmetrische
Trioxybenzol,  findet  sich  in  der  Natur  in  Form
sogen.  Phlorogluzide  im  Drachenblut,  Gutti,  Kino
und  verschiedenen  anderen  Pflanzenstoffen,  aus
denen  es  durch  Schmelzen  mit  Ätzkali  gewonnen
werden  kann.  In  der  Regel  stellt  man  es  durch
Erhitzen  von  Resorzin  mit  Ätznatron,  und  nachfolgendes ­
  Ausschütteln  der  angesäuerten  Schmelze
mit  Äther  dar.  Es  bildet  bei  212°  schmelzende,
farblose  Kristalle,  die  sich  in  Wasser,  Alkohol
und  Äther  lösen,  und  wird  in  der  Mikroskopie
als  bestes  Reagens  auf  Holzfaser  (in  Papier)  benutzt, ­
  die  sich  mit  Ph.  und  Salzsäure  rot  färbt.
Phloxin  ist  der  Name  mehrerer  Phtaleinfarbstoffe,
  von  denen  folgende  die  gebräuchlichsten ­
  sind:  Phloxin  P.  wird  durch  Einwirkung
v on  Brom  auf  Dichlorfluoreszein  erhalten  und
besteht  aus  dem  Natronsalze  des  Tetrabromdiuhlorfluoreszeins.
  Das  braungelbe  Pulver  gibt  mit
Wasser  eine  kirschrote,  grüngelb  fluoreszierende
Lösung,  die  Wolle  bläulichrot  färbt.  Phloxin
LA  (Erythrosin  B)  wird  durch  Einwirkung  von
Brom  auf  Tetrachlorfluoreszein  in  alkoholischer
Lösung  als  das  Natronsalz  des  Tetrabromtetrachlorfluoreszeins
  dargestellt.  Das  ziegelrote  Pulver ­
  ist  in,  Wasser  mit  blauroter  Farbe  und  schwa-.
über  dunkelgrüner  Fluoreszenz  leicht  löslich.  Zya
 nosin  ist  der  Methylester  des  Phloxin  P.  Zya
 nosin  B  der  Äthylester  des  Phloxin  TA.
Phosphate  ist  der  wissenschaftliche  Name  für
Phosphorsaure  Salze,-  z.  B.  Natriumphosphat,  Eisenphosphat, ­
  im,  Handel  versteht  man  darunter
aber  die  verschiedenen,  in  der  Natur  als  Mineralien ­
  vorkommenden  Arten  .des  phosphorsauren
Kalks  (Kalziumphosphat),  wie  sie.  zur  Darstellung ­
  von  Düngemitteln  für  die  Landwirtschaft
(s.  Superphosphat)  und  von  Phosphor  verwandt
w erden.  Die  hierher  gehörigen  Mineralphos-Phate
  Apatit,  Phosphorit  und  Osteolith  bilden
e men  bedeutenden  Handelsartikel,  so  namentlich ­

  der  Phosphorit  aus  der  spanischen  Provinz
Estremadura  und  die  Lahnphosphorite  aus  der
Provinz  Nassau.  Seit  einigen  Jahren  kommen
auch  P.  aus  Belgien,  Kanada,  Südkarolina  und
Aruba  sowie  russische  Phosphorite  aus  dem  Gebiete ­
  des  Tsdhnerojem  nach  Deutschland.  Die
größte  Menge  dieser  P.  wird  in  ein  feines  Mehl
verwandelt  und  zu  Superphosphat  verarbeitet.
Phosphin  (Ledergelb,  Philadelphiagelb,
frz.  Phosphine),  ein  seit  1862  bekanntes  Nebenprodukt ­
  der  Fuchsinfabriken,  bildet  ein  orangegelbes, ­
  in  Wasser  lösliches  Pulver,  s.  Akridinfarbstoffe. ­

Phosphor  (lat.  Phosphorus,  frz.  Phosphore,
engl.  Phosphorus),  ein  chemisches  Element  vom
Atomgewicht  P  =  3t,  wurde  im  Jahre  1669  von
Brand  in  Hamburg  bei  der  trocknen  Destillation
von  eingedampftem  Harn  entdeckt,  doch  gelangte ­
  diese  Beobachtung  erst  1678  durch  Kunkel ­
  an  die  Öffentlichkeit.  Bis  in  die  Mitte  des
vorvorigen  Jahrhunderts  blieb  der  Harn  das
einzige  Ausgangsmaterial,  und  ,da  6oo—700  1  desselben ­
  nur  30  g  P.  ergaben,  so  erklärt  sich  der
für  diese  geforderte  ungeheure  Preis  von  10  bis
16  Dukaten.  Erst  1769  wies  Gähn  das  Vorhandensein ­
  von  P.  in  den  Knochen  nach  und  1771
stellte  ihn  Scheele  zum  ersten  Male  daraus  dar.
Die  chemische  Natur  des  P.  ist  besonders  durch
die  Arbeiten  von  Lavoisier  aufgeklärt  worden.
Der  P.  findet  sich  in  der  Natur  nie  frei,  sondern
stets  gebunden,  und  zwar  meist  in  Form  phosphorsaurer ­
  Salze.  Aus  diesen  gelangt  er  in.  die
Pflanzen  und  von  da  in  den  Tierkörper,  dessen
Knochengerüst  zum  großen  Teil  aus  Kalziumphosphat ­
  besteht.  Ein  anderer  Teil  des  in  den
tierischen  Körper  eingeführten  P.  wird  durch
die  Exkremente  .  und  den  Harn  wieder  ausgeschieden, ­
  kehrt  in  den  Erdboden  zurück  und
bildet  einen  wertvollen  Bestandteil  des  Düngers.
In  organischer  Bindung  findet  sich  der  P.  im
Gehirn,  den  Nerven,  dem  Eigelb,  dem  Kasein
usw.  Die  Darstellung  des  P.,  zu  der  fast  aus
schließlich  die  Knochen  dienen,  wurde  längere
Zeit  nur  von  einigen  englischen  und  französischen
Fabriken  betrieben,  bis  im  Jahre  1898  auch  die
chemische  Fabrik  Elektron  in  Griesheim  eine
elektrolytische  Anlage  errichtete.  Die  mit  Benzin
oder  Schwefelkohlenstoff  entfetteten  und  mit
überhitztem  Wasserdampf  entleimten  Knochen
werden  in  einem  Schachtofen  völlig  weißgebrannt.
  Die  feingemahlene  Asche  wird  mit  dem
gleichen  Gewicht  7ö°/oiger  Schwefelsäure  erwärmt,
die  Lösung  des  sauren  phosphorsauren  Kalks  von
dem  aus  Gips  bestehenden  Bodensatz  klar  abgezogen, ­
  in  Bleipfannen  eingedampft  und  schwach
geglüht.  Der  hinterbleibende  metaphosphorsaure
Kalk  wird  im  Gemisch  mit  Holzkohlenpulver
in  Retorten  aus  feuerfestem  Ton  bis  zur  Weiß
glut  .erhitzt  und  der  entweichende  Dampf  von
freiem  P.  in  Wasser  geleitet,  wo  er  sich  in  flüssiger ­
  Form  verdichtet.  Zur  Reinigung  preßte
man  den  Rohphosphor  früher  meist  in  geschmolzenem ­
  Zustande  unter  Wasser  durch  Leder,  während ­
  man  ihn  jetzt  in  der  Regel  einer  noch
maligen  Destillation  unterwirft  oder  mit  Hilfe
von  Wasserdampf  durch  eine  poröse,  mit  Kohlenpulver ­
  bedeckte  Steinplatte  preßt.  Das  Formen
zu  Stangen  geschieht  im  kleinen  durch  Aufsaugen
des  unter  Wasser  geschmolzenen  P.  in  Glas
        <pb n="338" />
        Phosphor

332

Phosphor

röhren,  aus  denen  man  die  nach  dem  Entstellen
in  kaltes  Wasser  erstarrte  Masse  herausstößt.
Zur  elektrolytischen  Gewinnung  werden  natürliche ­
  Phosphate,  mit  Kohle  und  Quarz  gemischt,
im  elektrischen  Ofen  reduziert.  Der  P.  tritt  in
drei  allotropen  Modifikationen  auf.  i.  Der
gewöhnliche,  farblose,  giftige  P.,  die  nach
vorstehendem  Verfahren  dargestellte  offizinelle
Modifikation,  bildet  im  frischen  Zustande  eine
weiße  bis  gelblichweiße  durchscheinende  Masse,
die  bei  mittlerer  Temperatur  wachsartige  Konsistenz ­
  besitzt,  in  der  Kälte  dagegen  brüchig  ist
und  unter  Wasser  .bei  44 0  zu  einer  farblosen
Flüssigkeit  schmilzt.  Das  spez.  Gew.  beträgt  1,83
bei  io°.  An  der  Luft  stößt  er  einen  weißen
Rauch  unter  Verbreitung  eines  knoblauchartigen
Geruchs  aus  und  erwärmt  sich  dabei  oft  bis  zur
Selbstentflammung.  Beim  Erhitzen  an  der  Luft
schmilzt  er  zunächst  bei  44 0 ,  um  bei  6o°  mit  blendend ­
  weißem  Licht  zu  Phosphorsäureanhydrid  zu
verbrennen.  Unter  Luftabschluß  destilliert  er
bei  290 0  unzersetzt  über.  Von  seiner  Eigenschaft,
im  Dunkeln  zu  leuchten,  hat  der  P.  seinen  aus
dem  griechischen  phosphoros  (Lichtträger)  abgeleiteten ­
  Namen  erhalten.  Wegen  der  leichten
Entzündlichkeit  ist  beim  Arbeiten  mit  P.  größte
Vorsicht  geboten.  Das  Zerschneiden  und  Zerkleinern ­
  muß  stets  unter  Wasser  geschehen.
Schon  die  Wärme  der  Hand  oder  geringe  Reibung ­
  genügt  zur  Entflammung,  und  die  kleinsten ­
  Stücke  erzeugen  gefährliche  Brandwunden,
da  zu  der  Hitzewirkung  noch  die  ätzenden  Eigenschaften ­
  der  Phosphorsäure  .und  die  blutvergiftenden ­
  des  P.  selbst  hinzutreten.  In  Wasser  ist
P.  kaum  löslich,  wird  aber  von  fetten  und  flüchtigen ­
  Ölen,  Äther,  Alkohol,  Chloroform  und  Schwefelkohlenstoff ­
  leicht  gelöst.  Wasser,  in  dem  er  längere ­
  Zeit  gelegen  hat,  riecht  und  schmeckt  nach  P.
und  leuchtet  im  Dunkeln.  Die  Eigenschaft,  dem
inneren  Kegel  der  Wasserstoffflamme  eine  lebhaft ­
  grüne  Farbe  zu  verleihen,  dient  zum  Nachweise ­
  des  P.  in  Vergiftungsfällen.  Der  P.  muß
vor  Licht  und  Luft  geschützt  aufbewahrt  werden,
da  er  sonst  bald  einen  gelblichweißen  Überzug
von  amorphem  P.  bekommt  und  undurchsichtig
wird.  Am  direkten  Sonnenlicht  nimmt  P.  eine
schöne  rote  Farbe  an  und  geht  nach  und  nach
vollständig  in  die  amorphe  Modifikation  über.
Zu  Sauerstoff,  Schwefel  .und  den  Halogenen  zeigt
er  große  Verwandtschaft,  zersetzt  Metallsalzlösungen ­
  unter  Abscheidung  von  Phosphormetallen
und  wird  durch  Salpetersäure  und  Königswasser
in  der  Wärme  zu  Phosphorsäure  gelöst.  Der
gewöhnliche  Phosphor  gehört  zu  den  heftigsten
Gif  tön  und  vermag  bei  einzelnen  Personen  schon
in  Menge  von  4  mg  Schmerzen,  in  Menge  von
80  mg  den  Tod  herbeizuführen.  Selbst  das  Einatmen ­
  der  Dämpfe  ist  höchst  schädlich  und  erzeugt ­
  die  Phosphornekrose,  unter  der  die  Arbeiter ­
  der  Phosphorfabriken  zu  leiden  haben.  Als
Gegenmittel  dienen  .Kupfersulfat  und  altes,  verharztes ­
  Terpentinöl,  während  Alkalien  und  Fette
zu  vermeiden  sind.  In  den  Handel  gelangt  der
P.  in  mit  Wasser  gefüllten,  verlöteten,Blechkästen
und  zwar  meist  in  Gestalt  fingerdicker  Stangen
oder  für  den  Großhandel  auch  in  Form  mehrere
Kilogramm  schwerer  Kegel.  Ein  oft  vorhandener ­
  schwärzlicher  Metallüberzug  kann  durch  Abwaschen ­
  mit  S°/oiger  Salpetersäure  entfernt  werden.

Für  den  Bahntransport  müssen  die  höchstens
6  kg  fassenden  Blechgefäße  gut  verlötet  und
zwischen  Sägemehl  in  starke  Kisten  mit  grauer
Leinwandhülle,  zwei  starken  Flandhaben  und  der
Aufschrift  „Phosphor  enthaltend“  und  „oben“
verpackt  werden.  Das  Gewicht  der  Kisten  darf
75  kg  nicht  übersteigen.  Um  das  Einfrieren  zu
verhüten,  wird  das  Wasser  mit  Spiritus  oder
Glyzerin  gemischt.  Zur  Aufbewahrung  nimmt
man  am  besten  starke  weithalsige  Flaschen;,  die
von  feuchtem  Sand  umgeben  in  starkwandigen
Blechbüchsen  stehen  und  in  einen  Schrank  im
Keller  oder  besser  in  eine  Mauernische  mit  eiserner ­
  Tür  eingeschlossen  werden.  —  Der  größte
Teil  des  P.  wird  zur  Herstellung  von  Zündwaren
(s.d.)  verbraucht.  In  Form  von  Phosphorlatwerge ­
  (Phosphorteig)  oder  von  Phosphorpillen ­
  aus  einem  Gemenge  von  P.  mit  Mehlteig
dient  er  als  Ratten-  und  Mäusegift,  eine  weitere ­
  nicht  unbeträchtliche  Menge  wird  in  der
Metallurgie  zur  Herstellung  von  P.-Bronze  benutzt.
Die  Medizin  verwendet  ihn  in  Form  von  Pillen
oder  Lösungen  (Phosphorlebertran)  gegen  Knochenefkrankungen
  und  .Schwächezustände,  aber
mit  größter  Vorsicht,  da  1  mg  höchste  Einzelgabe
ist.  Der  Nachweis  in  Vergiftungsfällen  stützt
sich  auf  die  Eigenschaft  phosphorhaltiger  Speisen, ­
  Leichenteile  u,  dgl.  nach  P.  zu  riechen  und
beim  Umrühren  im  Dunkeln  zu  leuchten,  und
wird  mit  Sicherheit  nach  dem  Verfahren  von
Mitscherlich  durch  Destillation  im  Dunkelzimmer ­
  oder  von  Dusart-Blondlot  durch  die
Grünfärbung  der  Wasserstöffflamme  geführt.  —
2.  Der  rote  oder  amorphe  P.  entsteht  bei  der
Einwirkung  des  Sonnenlichts  auf  weißen  P.,  wobei ­
  nach  den  Untersuchungen  Schrötters  eine
andere  Modifikation  gebildet  y'ird.  Zur  Darstellung ­
  im  großen  erhitzt  man  gewöhnlichen  P,
in  eisernen,  mit  Deckeln  verschlossenen  Kesseln
auf  250—260°,  befreit  das  unter  Wasser  zerriebene ­
  amorphe  Reaktionsprodukt  durch  Kochen
mit  Natronlauge  oder  Extraktion  mit  Schwefelkohlenstoff ­
  von  Resten  unveränderten  weißen  P.,
wäscht  mit  Wasser  und  trocknet.  Der  amorphe
P.  bildet  ein  rotbraunes,  scheinbar  amorphes,  tatsächlich ­
  aber  mikrokristallinisches  Pulver  oder
derbe  rotbraune,  oft  metallisch  glänzende  Stücke
von  muscheligem  Bruche.  Die  völlig  geruchund
  geschmacklose  Masse  hat  das  spez.  Gew.
2,19,  löst  sich  nicht  in  Schwefelkohlenstoff  und
den  anderen  Lösungsmitteln  des  weißen  P.  und
ist  nicht  giftig.  Diese  Modifikation  hält  sich
am  Licht  unverändert,  leuchtet  nicht  im  Dunkeln,
wird  durch  Druck  oder  Reibung  nicht  entzündet
und  läßt  sich  also  ohne  jede  Gefahr  versenden.
Beim  Erhitzen  an  der  Luft  entzündet  sich  der  rote
P.  erst  gegen  260°,  während  er  unter  Luftabschluß ­
  bei  der  gleichen  Temperatur  wieder  in
den  gewöhnlichen  P.  übergeht.  Kleine  Mengen
des  letzteren  sind  in  der  Handelsware  meist  vorhanden ­
  und  verleihen  ihr  infolge  der  Oxydation
eine  saure  Reaktion.  Ein  Teil  des  roten  P.  wird
zu  chemischen  Präparaten,  besonders  zu  Jodphosphor ­
  für  das  in  der  Teerfarbenindustrie  gebrauchte ­
  Jodmethyl  und  -äthyl  verarbeitet.  Die
Hauptmenge  dient  aber  zur  Herstellung  der  sogschwedischen ­
  Zündhölzern  —  3.  Der  metallische
oder  rhomboedrische  P.,  der  durch  andauerndes ­
  Erhitzen  von  p.  mit  Blei  in  zugeschmolzenen
        <pb n="339" />
        Phosphorsalz

333  Photographische  Apparate  u.  Geräte

Röhren  erhalten  wird,  bildet  schwarzglänzende
Rhomboeder  vom  spez.  Gew.  2,34  und  hat  nur
wissenschaftliches  Interesse.  —  4.  Der  sog.  hellrote ­
  P.  von  Schenk,  der  beim  Erhitzen  von
weißem  P.  in  Phosphortribromid  entsteht,  ist
nicht  reiner  P.,  sondern  ein  Gemisch  von  Bromphosphor ­
  mit  elementarem  P.  Er  ist  völlig  ungiftig, ­
  hat  überdies  vor  dem  roten  amorphen  P.
den  Vorzug,  daß  er  sich  an  jeder  Reibfläche  entzündet ­
  und  wird  daher  nach  dem  gesetzlichen
Verbot  des  giftigen  P.  zur  Herstellung  von  Zündhölzern ­
  benutzt.
Phosphorsalz.  Diesen  Namen  führt  das  phosphorsaure ­
  Natron-Ammoniak,  ein  Doppelsalz ­
  von  Natriumphosphat  und  Ammoniumphosphat. ­
  Es  bildet  kleine,  weiße,  an  der  Luft  leicht
feucht  werdende  Kristalle  und  wird  in  der  Lötrohrchemie ­
  benutzt.
Phosphorsäure  (lat.  Acidum  phosphoricum,
frz.  Acide  phosphorique,  engl.  Phosphoric  acid).
Von  den  verschiedenen  als  Phosphorsäure  hezeichneten
  Verbindungen  besitzt  die  sog.  Orthophosphorsäure,
  PI 3 P0 4 ,  die  größte  Bedeutung.
Sie  findet  sich  in  der  Natur  in  Form  ihrer  Salze,
der  Phosphate,  weit  verbreitet  und  setzt  u.  a.  die
Knochen,  Guano  und  Apatit  zusammen.  P.  entsteht, ­
  wenn  man  Phosphor  im  Sauerstoffstrome
verbrennt  und  das  in  Form  weißer  Flocken  abgeschiedene ­
  Phosphorsäureanhydrid  (Phosphorpentoxyd,
  P 2 0 6 )  in  heißem  Wasser  löst,
oder  wenn  man  Phosphorpenta-  oder  -oxychlorid
mit  kaltem  Wasser  behandelt.  Zur  fabrikmäßigen
Darstellung  geht  man  entweder  von  der  Knochenasche ­
  oder  vom  Phosphor  aus.  Die  im  wesentlichen ­
  aus  Trikalziumphosphat  bestehende
Knochenasche  wird  durch  Behandlung  mit
Schwefelsäure  in  freie  P.  neben  Kalzium-  und
Magnesiumsulfat  zerlegt,  die  von  dem  Gips  abgegossene ­
  Lösung  eingedampft  .und  nach  Bedarf
noch  weiter  gereinigt.  Diese,  .  auch  Acidum
phosphoricum  ex  ossis  genannte  P.  ist  meist
etwas  kalkhaltig,  für  gewisse  Zwecke  jn  der  Baum-Wollenfärberei
  und  Kattun  druckerei  aber  brauchbar. ­
  Eine  reinere  .Säure  (Acidum  phosphoticum
  e  phosphoro)  erhält  man  durch  Erwärmen ­
  von  Phosphor  mit  Salpetersäure  in  Retorten,
wobei  nach  dem  Verjagen  der  salpetrigen-  und
Salpetersäure  die  P.  als  mehr  oder  weniger  dickflüssige, ­
  wasserhelle  Flüssigkeit  zurückbleibt.  Zur
Beschleunigung  der  Oxydation  wird  meist  etwas
Brom  oder  Jod  hinzugegeben.  Ein  vielfach  vorhandener ­
  geringer  Arsengehalt  läßt  sich  durch
Einleiten  von  Schwefelwasserstoff  leicht  entfernen.
Eie  reine  Orthophosphorsäure  bildet  in  wäßriger ­
  Lösung  eine  färb-  und  geruchlose  Flüssigkeit ­
  von  rein  saurem  Geschmack  und  kommt  in
verschiedenen  Konzentrationen  als  25  %  ige  Säure
v °m  spez.  Gew.  1,154,  als  50  0/0  ige  vom  spez.
Gew.  1,350  und  als  85%  ige  vom  spez.  Gew.
&amp;gt;,7io  in  den  Handel.  Die  letztere,  bereits  siru-Pose
  Säure  scheidet  bei  weiterem  Eindampfen
bis  zum  spez.  Gew.  1,750  Kristalle  von  wasserfreier ­
  P.  ab,  die  bei  38,6°  schmelzen  und  stark
hygroskopisch  sind.  P.  bildet  mit  Basen  drei
Reihen  von  Salzen,  primäre,  sekundäre  und
te rtiäre  (s.  Kalziumphosphat),  die  mit  Molyb-Pänlösung
  einen  gelben,  mit  Magnesiamixtur
einen  weißen  Niederschlag  geben.  Durch  Erhitzen
auf  250—260°  geht  sie  in  Pyrophosphorsäure

(H 4 P 2 0 7 )  über,  während  beim  Erhitzen  auf  300“
Metaphosphorsäure  (HP0 3 ),  eine  weiche,  gla
sige  und  klebrige  Masse  entsteht.  Ein  Gemisch
von  Pyro-  und  Meta-P.  mit  15—20  °/o  Natriummetaphosphat ­
  kommt  in  Form  glasharter,  spröder
Stängelchen  als  Eis-P.  (Acidum  phosphoricum ­
  glaciale)  in  den  Handel  und  findet  in  der
Färberei  und  Zeugdruckerei,  ferner  in  der  Analyse ­
  zum  Trocknen  von  Gasen  und  in  der  Medizin ­
  beschränkte  Anwendung.  Die  eigentliche
Orthophosphorsäure  bildet  als  Ausgangsmaterial
für  die  Herstellung  von  Phosphaten  eine  der
wichtigsten  Verbindungen.
Phosphorzinn,  eine  Verbindung  von  Zinn  mit
Phosphor,  wird  zur  Darstellung  von  Phosphor
bronze  (s.  d.)  benutzt.  Es  erscheint  als  silberweiß
glänzende,  blättrig-kristallinische  Masse,  die  auch
bei  höchstmöglichem  Phosphorgehalt  durch  be
liebig  oft  wiederholtes  Umschmelzen  keinen  Phos
phor  verliert,  so  daß'beim  Legieren  von  Kupfer
mit  diesem  P.  keine  anderen  Vorsichtsmaßregeln
zu  beobachten  sind,  wie  bei  Anwendung  von  gewöhnlicher ­
  Bronze,  Das  P,  wird  von  den  Grau
pener  Zinnwerken  zu  Mariaschein  in  Böhmen  ge
liefert,  und  zwar  gewöhnlich  in  zwei  Sorten:  Nr.o
mit  5  °/o  und  Nr.  1  mit  2V2  °/o  Phosphor.  Der
Schmelzpunkt  der  ersteren  liegt  bei  500 0 .
Photographische  Apparate  und  Geräte.  Die
Photographie,  „die  Herstellung  von  Bildern  durch
das  Licht“,  beruht  auf  der  Schwärzung  des  vom
Licht  getroffenen  Bromsilbers  durch  reduzierende
Chemikalien,  die  Entwickler.  Das  'Bild  wird  in
einem  lichtdichten  Behälter,  der  Kamera,  durch
Sammellinsen,  Objektive,  entworfen.  Je  nach
der  Schärfe  und  Lichtstärke  ihrer  Bilder  unterscheidet ­
  man  die  Objektive  als  Landschaftslinsen, ­
  Periskope,  Aplanate,  Anastigmate
und  je  nach  jhrem  Bildwinkel  und  der  dadurch
bedingten  Perspektive  als  Weitwinkel,  Universal-, ­
  Porträt-,  Tele-Objektive.  Es  gibt
sog.  .gekittete  und  ungekittete  Konstruktionen.
Die  Größe  des  Abbildungsmaßstabes  hängt  außer
von  der  Entfernung  nur  noch  von  der  Brennweite
ab.  Das  Bromsilber  wird  auf  starrer  oder  biegsamer ­
  Unterlage  angewandt  als  Platten  bzw.
Films.  Letztere  werden  rollenförmig  (Rollfilms)
oder  als  Einzelblätter  übereinandergepackt  (Packfilras)
  in  die  .Kamera  eingeführt.  Die  Behälter
für  das  lichtempfindliche  Material,  die  Kassetten, ­
  bringen  die  Platte  usw.  genau  in  die  Ebene
fies  Bildes.  Man  kennt  einfache  (z.  B.  Metall-),
doppelte  (Holz-  und  Metall-)  und  sog.  Wechselkassetten ­
  (Plattenmagazine)  je  nach  der  Zahl  der
darin  enthaltenen  Platten.  Um  entwiokelbar  zu
sein,  muß  das  Bild  je  nach  der  Lichtstärke  des
Objektives  eine  bestimmte  Zeit  lang  auf  die  Platte
gewirkt  haben.  Zur  Bemessung  dieser  Belichtungszeit ­
  (Exposition)  dienen  die  sog.  Verschlüsse; ­
  der  Objektivdeckel  (nur  für  Zeitaufnahmen ­
  von  mindestens  1  Sekunde),  der  Objek
tivverschluß  bzw.  Zentralverschluß,  der  für  verschiedene ­
  Geschwindigkeiten  geliefert  wird  (z.  B.
von  den  Ernemann-Werken,  A.  G.,  Dresden,  der
Automatverschluß  für  Aufnahmen  bis  V100  Sekunde), ­
  der  Sektoren-  bzw.  Autosektorenverschluß
für  Momentaufnahmen  bis  Vsoo  Sekunde.  Man
findet  die  Belichtungsdauer  durch  den  Belichtungsmesser ­
  (z.B.  Heydes  Aktinometer).  Da
Objektiv  und  Kassette  je  nach  der  Entfernung  des
        <pb n="340" />
        Photographische  Apparate  u.  Geräte  334

Photographische  Papiere

Aufnahmegegenstandes  gemäß  den  optischen  Gesetzen ­
  verschiedenen  Abstand  voneinander  haben
müssen,  kann  das  Vorderteil  der  Kamera  (das
sog.  Objektivbrett)  dem  Rückteil  genähert  werden ­
  oder  umgekehrt  (Kameras  mit  veränderlichem ­
  Auszug).  Die  jeweilige  Auszugslänge  (Abstand ­
  der  Bildebene  vom  Objektiv)  wird  mittels
der  Mattscheibe  oder  einer  Skala  gefunden  (Einstellung). ­
  Kameras  mit  festem  Auszug  besitzen
durch  Schnecikengangfassung  gegen  die  Mattscheibe ­
  verstellbare  Objektive.  Um  ohne  Veränderung ­
  des  gewählten  Betrachtungspunktes
(des  Augenpunktes  im  Bilde)  störende  Teile  (z.  B.
zuviel  monotonen  Vordergrund)  auszuschalten,
benutzt  man  die'  senkrechte  und  wagrechte  Verschiebbarkeit ­
  des  Objektives.  —  Nach  ihrer
Bestimmung  unterscheidet  man  als  Haupttypen:
Reproduktions-,  Atelier-,  Stativ-  und  Handapparate. ­
  Letztere  beide,  auch  Amateurapparate  genannt, ­
  sind  die  für  den  Handel  wichtigsten.  Entsprechend ­
  der  weiten  Verbreitung  der  Amateure
werden  in  der  Kamerakonstruktion  vielseitige
Neigungen  und  Geschmacksrichtungen  berücksichtigt. ­
  Dauernd  begehrte  Konstruktionen  sind
die  Apparate  mit  herau&amp;amp;klappbarem  Laufbrett,
die  zum  Teil  äußerst  flach  und  je  nach  Verwendungszweck ­
  hoch,  quer  oder  quadratisch  gebaut
sind.  Sehr  beliebt  sind  seit  längerer  Zeit  die
Weinen  und  kleinsten  Bildformate  6,s:  9  und
4,5  :  6  (besonders  die  sich  selbsttätig  auf  „Unendlich“ ­
  einstellende  Westentaschenkamera  HeagXV
4,5  :6  und  6,5:  9  der  Ernemann-Werke,  A.-G.,
Dresden).  Ferner  die  eigentlichen  Klappkameras
mit  Schlitzverschluß,  die  festen,  kastenförmig  gebauten ­
  Spiegelreflexkameras  und  die  neuzeitlichen, ­
  eng  zusammenklappbaren  Spiegelreflexapparate
  (Ernemann-Klappreflex  mit  doppeltem
Auszug!)  sowie  die  Amateurstativkameras.  Für
Liebhaberzwecke  gelten  als  normale  Bild-  und
Plattenformate  die  Größen  bis  9:12,  vielleicht
auch  noch  10:15,  da  die  besonders  in  Deutschland ­
  hoch  entwickelte  Optik 1  äußerst  scharfe
Bilder  ergibt,  deren  etwaige  Vergrößerung  (Vergrößerungs-
  und  Projektionsapparate,  siehe  Sonderliste ­
  der  Ernemann-Werke  A.-G.,  Dresden)
eine  beliebte  Winter-  und  Abendbeschäftigung
bildet.  Beachtenswert  sind  noch  Reihenbilderapparate, ­
  sog.  Kinematographien  (die  Ernemann-Werke
  liefern  auch  für  Amateurzwecke  hervorragende, ­
  preiswerte  Modelle).  Liier  unterscheidet
man  einen  Aufnahmekinematographen  und  eine
Wiedergabemaschine.  Es  gibt  auch  Spezialmodelle, ­
  die  beides  in  einer  Ausrüstung  vereinigen ­
  (Ernemann-Aufnahme-  und  -Wiedergabekino
  D).  Um  die  Aufnahmen  sichtbar  zu  machen
(d.  h.  ein  Negativ  zu  entwickeln  und  davon  ein
positives  Bild  zu  erhalten),  gebraucht  man  die
sog.  Ausrüstung:  Dunkelkammerlaterne,  Entwicklungs-,
  Fixier-  usw.  Schalen,  Kopierrahmen'  und
die  Chemikalien,  welche  in  Einzelpackungen  geliefert ­
  werden,  ferner  das  Platten-  und  Papiermaterial ­
  und  vielerlei  der  Bequemlichkeit  dienende ­
  Bedarfsartikel.  Unter  den  Platten-  und
Filmarten  werden  die  sog.  farbenempfindlichen
bevorzugt,  welche  die  Farbwerte  in  richtiger
Abstufung  der  Schwärzung  wiedergeben.  Sie  sind
nicht  zu  verwechseln  mit  den  Platten,  welche
die  Farben  als  solche  abbilden.  Die  wichtigste
Quelle  für  alle  photographischen  Apparate  und

Bedarfsartikel  ist  zweifellos  die  deutsche  photographische ­
  Industrie,  als  deren  Zentrum  Dresden
gilt.
Photographische  Papiere.  Unter  photographischen ­
  Papieren  versteht  man  lichtempfindlich
gemachte  Papiere,  die  dazu  dienen,  von  einem
Negativ  Abdrücke  =  Positive  herzustellen
=  Kopier  verfahren.  Die  Lichtempf  indlichkeit
  kann  mit  verschiedenen  Mitteln  hergestellt ­
  werden,  und  zwar  verwendet  man  hauptsächlich; ­
  Silber-  und  Platinsalze,  Ammoniumferrizitrat
  und  Ferrizyankalium  (beim  Blaudruckverfahren), ­
  Chromsalze  usw.  Diese  Arbeit  nennt
man  das  Sensibilisieren.  Nach  der  Art  des
Kopierverfahrens  werden  unterschieden:  1.  Auskopierpapiere, ­
  die  ohne  Entwicklung  das  Positiv ­
  schon  sichtbar  werden  lassen.  Diese  Papiere
werden  bei  Tageslicht  verarbeitet.  2.  Entwicklungspapiere, ­
  d.  h.  solche,  bei  denen  das  Bild
durch  das  Kopieren  entweder  nur  wenig  oder
gar  nicht  sichtbar  wird,  sondern  erst  durch
Entwicklung  hervorgerufen  werden  muß.  Die
Entwicklungspapiere  trennt  man  wieder  in:
geringempfindliche  und  hochempfindliche ­
  Papiere.  Die  geringempfindlichen  P.
werden  bei  gedämpftem  Tageslicht  oder  gelbem
Licht  entwickelt;  die  hochempfindlichen  P.  sind
nur  bei  gelbem,  grünem  oder  rotem  Licht  zu  verarbeiten. ­
  —  Der  Ton  der  Positive  richtet  sich
bei  manchen  dieser  Papiersorten  nach  der  Art  des
Entwicklers  bzw.  der  Zeitdauer  der  Belichtung.
Bei  den  Auskopierpapieren  wird  der  Ton
hingegen  durch  sog.  Tonbäder  (s.  d.)  hergestellt. ­
  —  Eine  andere  Art  Positive  erzeugt  man
durch  den  Pigmentdruck,  welcher  auf  der
Eigenschaft  von  Gelatine  und  Leim  beruht,  nach
Zusatz  von  Chromaten,  z.  ß.  Kaliumdichromat,
durch  Belichtung  ihre  Löslichkeit  zu  verlieren.
Man  hat  diese  Erfahrung  auf  den  Positivprozeß
übertragen,  indem  man  gelatinierte  Papiere  mit
einem  Farbstoff  =  Pigment  versetzt  und  mit
Kaliumdichromatlösung  sensibilisiert.  Nach  erfolgter ­
  Belichtung  lassen  sich  die  unbelichteten
Stellen  durch  warmes  Wasser  abspülen  =  entwickeln, ­
  während  die  belichteten  Teile  stehen
bleiben  und  ein  positives  'Bild  ergeben.  —-  Das
Gummidruckverfahren  beruht  auf  dem  gleichen ­
  Prinzip,  nur  werden  die  Positive  mehrere
Male  kopiert  (gedruckt),  das  Bild  entwickelt,
von  neuem  mit  Farbstoff  versehen,  abermals
belichtet  und  entwickelt,  und  diese  Arbeit  so  oft
fortgesetzt,  bis  eine  genügende  Dichte  des  Positivs ­
  erreicht  ist.  —  Von  den  vorher  genannten
Papiersorten  sind  folgende  besonders  zu  erwähnen: ­
  1.  Auskopierpapier.  —  Albumatpapier
  (Mattalbuminpapier)  ist  ein  lichtempfindliches ­
  Kopierpapier,  das  sich  lange  Zeit  gebrauchsfähig ­
  erhält  und  besonders  zur  Herstellung ­
  vornehm  wirkender,  photographischer  Kopien ­
  benutzt  wird.  Es  'ist  in  verschiedenen  Stärken ­
  und  Rauheiten  des  Rohstoffes  erhältlich
und  hat  eine  stumpfe  Oberfläche.  Die  lichtempfindliche ­
  Schicht  ist  durch  Einwirkung  einer
Silbernitratlösung  auf  die  vorher  gesalzene  Papierfläche ­
  erzeugt  und  besitzt  infolgedessen  eine
absolute  Unverletzlichkeit.  Kopien  auf  solchem
Papier  werden  bis  zur  vollen  Kraft  auskopiert,
durch  Wasser  von  allem  löslichen  Silbersalz  befreit, ­
  im  Platinbade  getont  und  hierauf  in  Na-
        <pb n="341" />
        Photographische  Papiere

335

Photographische  Papiere

triumthiosulfatlösung  fixiert.  Es  lassen  sich
bräunliche,  bläuliche  und  schwarze  Töne  erzielen.
Wird  das  Platinbad  ausgeschaltet,  so  entstehen
beim  Fixieren  rötliche  Töne.  Auch  durch  Anwendung ­
  des  Goldbades,  sowie  der  Vereinigung
des  Gold-  und  Platinbades  kann  man  verschiedene ­
  Töne  erzielen..  Albumatpapier  ist  ein  Erzeugnis ­
  der  „Vereinigten  Fabriken  Photographischer ­
  Papiere“  in  Dresden.  —  Albuminpapier
nennt  man  das  mit  einer  gesalzenen  Eiweiß-Schicht
  überzogene  Papier,  das  durch  Schwimtnenlassen
  auf  einem  Silberbade  lichtempfindlich
zu  machen  ist.  Im  Handel  erscheinen  „einfach“
und  „doppelt  albumierte“  Papiere.  Erstere  werden ­
  nach  dem  Bade  in  der  Eiweißlösung  zum
Trocknen  aufgehängt  und  in  den  Handel  gegeben, ­
  letztere  nach  dem  Trocknen  nochmals
albumiert,  wobei  die  zuerst  beim  Trocknen  oben
befindliche  Kante  nunmehr  nach  unten  genommen ­
  wird.  Durch  diese  Behandlung  ist  ein
gleichmäßigeres  Fabrikat  gewährleistet.  Albuminpapier ­
  wird  auch  haltbar  gesilbert  in  den
Handel  gebracht.  Die  besten  .Resultate  werden
erzielt,  wenn  das  Papier  am  Tage  des  Silberns
gleich  verarbeitet  wird.  Die  Verarbeitung  erfolgt
in  der  Weise,  wie  es  bei  Chlorsilberpapieren
allgemein  üblich  ist.  Die  Schicht  der  im  Handel
befindlichen  Albuminpapiere  ist  meist  etwas  rosa
oder  pensö  angefärbt,  um  den  zu  erzielenden
bläulichen  Ton  zu  unterstützen.  Als  Tonbad  wird
fast  ausschließlich  Goldbad  benutzt.  Der  Hauptsitz ­
  der  Albuminpapierfabrikation  ist  Dresden.
—  Aristopapier  dient  zur  Herstellung  von
photographischen  Abzügen,  besonders  kleinerer
Formate.  Es  ist  ein  Chlorsilbergelatinepapier
mit  Silbernitratüberschuß  in  der  Emulsion,  wodurch ­
  die  Möglichkeit  geboten  wird,  das  Bild
am  Licht  unter  dem  Negativ  bis  zur  gewünschten
Kraft  auszukopieren.  Es  kann  hierauf  sowohl  im
Tonfixierbade  das  gleichzeitige  Tonen  und  Fixieren ­
  erfolgen,  oder  getrennt  getont  und  fixiert
Werden.  Wünscht  man  Hochglanzbilder,  so
quetscht  man  das  fertige  Bild  auf  eine  mit  Talkum ­
  abpolierte  Spiegelglasplatte,  läßt  trocknen,
dnd  zieht  das  Bild  mit  Hochglanz  ab.  —•  Arrowr
 ootpapier  dient  dem  gleichen  Zwecke  wie
Salzpapier.  Neben  Salz  ist  das  Papier  mit  einem
Überzug  von  Arrow-root  versehen,  um  die
Kraft  und  gleichzeitig  das  stumpfe  Aussehen
^6r  darauf  zu  kopierenden  Abzüge  zu  erhöhen.  —
Aurentumpapier  nannte  man,  ein  photographisches ­
  Gelatineauskopierpapier  mit  einer  goldhaltigen ­
  Chlorsilberemulsion,  die  es  ermöglichte,
durch  einfaches  Fixieren  der  Bilder  in  Natriumthiosulfatlösung ­
  einen  bläulichen  Ton  zu  erzielen,
^as  Papier  wird  nicht  mehr  fabriziert,  vielmehr
sind  an  dessen  Stelle  ähnliche  Erzeugnisse  unter
der  Bezeichnung  „selbsttonende“  Papiere  gebeten. ­
  —  Barytpapier  ist  ein  mit  einem  Gemisch ­
  von  Barytweiß  und  Gelatine  oder  sonstigem ­
  Bindemittel  überzogenes  Papier,  das  zur
Herstellung  von  photographischen  lichtempfindiichen
  Papieren  dient.  Das  Aufträgen  der  Baryt-Schicht
  erfolgt  mit  Hilfe  von  Streichmaschinen,
tmd  darauf  das  Glätten  der  rollenweise  baryberten
  Papiere  durch  den  Kalander.  Durch  die
Barytschicht  wird  einerseits  eine  innigere  Verödung ­
  der  Emulsion  mit  dem  Papier  herbei-Seführt,
  anderseits  die  Mattierung  oder  der  Glanz

der  Emulsionsschicht  bestimmt.  Alle  Zelloidin-,
Aristo-,  Gaslicht-,  Protalbinpapiere  usw.  sind  auf
Barytpapier  emulsioniert.  Den  Glanzbarytschichten ­
  ist  gewöhnlich  ein  rötlicher  oder  bläulicher
Farbstoff  beigemengt,  während  das  Mattbaryt
nur  in  rein  Weiß  gefertigt  wird.  —  Chlorsilberpapier ­
  ist  die  Bezeichnung  für  die  umfassende
Gruppe  jener  photographischen  Papiere,  bei
denen  das  lichtempfindliche  Chlorsilber  in
irgendeiner  Form  auf  der  Papierfläche  liegt.
Sie  lassen  sich  in  zwei  Hauptgruppen  einteilen:
i.  Papiere,  die  zuerst  gesalzen  und  hierauf  gesilbert ­
  werden.  2.  .Solche,  die  das  Chlorsilber,
mit  irgendeiner  kolloidalen  Substanz  verbunden,
in  Form  einer  Emulsion  aufgetragen  erhalten.
Zu  den  Papieren  unter  i.  gehören  Matt-  (Albumat)
  und  Glanzalbumin,  sowie  die  gesilberten,
unter  verschiedenen  Namen  erscheinenden  Salz-,
Algein-  und  Arrow-rootpapiere.  Zur  2.  Gruppe
zählen  Zelloidin-,  Gelatine-  (Aristo-),  Protalbinund
  Kasein-(Kasoidin)papiere.  Bei  allen  Chiorsilberpapieren,
  welche  das  Bild  bis  zur  nötigen
Kraft  auskopieren  lassen,  ist  Silbernitrat  im  Überschuß ­
  vorhanden,  und  ,damit  die  Haltbarkeit
des  Papiers  eine  begrenzte.  -—  Harzemulsionspapier ­
  wird  zur  Herstellung  solcher  photographischer ­
  Abzüge  benutzt,  die  eine  stumpfe  Oberfläche ­
  besitzen  sollen.  Es  ist  nicht  mit  einer
lichtempfindlichen  „Emulsion“  bedeckt,  wie  die
Bezeichnung  vermuten  ließe,  sondern  das  Rohe
papier  wird  zur  Erzielung  einer  gewissen  Stumpfheit ­
  der  Schicht  mit  einer  Harzlösung  überzogen, ­
  die  zudem  die  Papierfaser  abschließt  und
das  Entstehen  kräftiger  Abzüge  unterstützt.  Das
mit  der  Harzlösung  und  'Chlorsalzen  vorbearbeitete ­
  Papier  wird  auf  idem  SUberbade  bzw.  durch
Überpinseln  mit  Silberlösung  lichtempfindlich  gemacht ­
  und  erfährt  von  da  ab  die  gleiche  Behandlung ­
  wie  Albumatpapier.  —  O  r  p  p  a  p  i  e  r  ist  die  Bezeichnung ­
  für  ein  früher  Anker-Dorapapiergenanntes
  Zelloidinpapier,  das  man  zur  Erzielung  einer
bläulichen  Photographie,  nach  dem  Kopieren,
ohne  auszuwaschen,  in  einem  gewöhnlichen  Salzbade ­
  behandelt.  Der  Tonprozeß  vollzieht  sich
darin  in  etwa  fünf  Minuten,  worauf  im  Natronbade ­
  zu  fixieren  ist.  Das  Mattpapier  der  gleichen
Präparation  wird  in  Salzwasser  nur  kurz  angetont
und  im  Platinbade  weiter  behandelt.  —  Protalbinpapier
  wird  verarbeitet  wie  Zelloidinpapier, ­
  unterscheidet  sich  aber  von  diesem  dadurch, ­
  daß  die  Emulsion  nicht  aus  Kollodium,
sondern  aus  Pflanzeneiweiß  besteht.  Die  Schicht
ist  im  nassen  wie  trockenen  Zustande  bedeutend
widerstandsfähiger  als  Zelloidin.  Die  Tonskala
der  Bilder  ist  eine  umfangreichere,  ähnlich  der
auf  Albuminpapier.  Das  Tonen  erfolgt  am  besten
im  Rhodangoldbade.  —  Rembrandtpapier  ist
die  Phantasiebezeichnung  für  eine  Spezialmarke
von  photographischem  Zelloidinpapier  mit  besonders ­
  kontrastreichen  Eigenschaften.  Es  enthält
als  kontrastbewirkende  Substanz  reichlich  Silberchromat, ­
  was  sich  auch  durch  eine  auffallend
dunkle  Färbung  der  für  gewöhnlich  stets  weißen
Schicht  zu  erkennen  gibt.  Dieses  Papier,  das  in
verschiedenen  Kontrastgraden  im  Handel  ist,
kopiert  sehr  langsam,  erweist  sich  aber  sehr
brauchbar,  wenn  es  gilt,  nach  grauen  Negativen
brillante  Abzüge  zu  gewinnen.  Die  Verarbeitung
des  Rembrandtpapiers  weicht  jm  übrigen  von  der
        <pb n="342" />
        Photographische  Papiere

336

Photographische  Papiere

des  Zelloidinpapiers  nicht  ab.  —  Salzpapier,  ein
mit  Chlorsalzlösung  überzogenes  .Rohpapier,  wird
benutzt,  um  durch  nachträgliches  Behandeln  mit
einer  Silberlösung  eine  lichtempfindliche  Chlorsilberschicht ­
  zu  erzeugen.  Auf  solchem  Papier
können  dann  photographische  Abzüge  bis  zur
vollen  Kraft  auskopiert  werden.  Die  weitere  Behandlung ­
  erfolgt  wie  bei  Albuminpapier.  Salzpapier ­
  ist  unbeschränkt  haltbar.  —  Saturatpapier
  wird  ein  photographisches  Kopierpapier
genannt,  dessen  Rohstoff  nicht  einseitig  sensibilisiert ­
  ist,  sondern  durch  die  ganze  Papiermasse
die  lichtempfindliche  .Schicht  trägt.  Die  Präparation ­
  ist  nicht  wie  gewöhnlich  durch  Bestreichen
oder  Schwimmenlassen,  sondern  durch  Baden
des  Papieres  erzielt,  ,und  infolgedessen  kann  das
Bild  auf  einer  beliebigen  Seite  hergestellt  werden. ­
  Die  Verarbeitung  ist  die  gleiche  wie  die
des  Albumatpapiers.  —  Zelloidinpapier,  auch
Chlorsilberkollodionpapier  genannt,  ist  ein
photographisches  Kopierpapier,  bei  dem  das  lichtempfindliche. ­
  Chlorsilber  in  Kollodium  emulsioniert
  und  auf  Barytpapier  aufgetragen  ist,  wobei
Matt-  und  Glanzbaryt  Anwendung  findet.  Die
Emulsion  wird  mit  Hilfe  von  Gießmaschinen  aufgetragen, ­
  und  viele  Meter  Papier  zusammenhängend ­
  präpariert.  Die  kopierten  Bilder  können  im
zusammengesetzten  Tonfixierbade  oder  auch  im
getrennten  Ton-  und  Fixierbade  behandelt  werden. ­
  Für  mattes  Zelloidinpapier  findet  das
Platinbad  zur  Erzielung  schwarzer  Töne  Anwendung. ­
  Das  lichtempfindliche  Papier  hält  sich,
vor  Luft  und  Licht  geschützt,  monatelang  gut,
später  bräunt  es  sich,  tont  langsam  und  ungleichmäßig. ­
  Zu  den  beliebten  Marken  dieser  Art  gehören: ­
  Christensen  Mattpapier,  von  Buch-Mattpapier ­
  weiß  und  elfenbein  und  Platinomattpapier.
•—  Abziehbares  Zelloidinpapier  unterscheidet ­
  sich  vom  gewöhnlichen  Zelloidinpapier  dadurch, ­
  daß  bei  der  Herstellung  kein  Barytpapier
erforderlich  ist,  sondern  mit  Gelatine  vorpräpariertes ­
  Papier  zur  Anwendung  gelangt.  Das  auf
solchem  Papiere  hergestellte  photographische  Bild
“wird  auf  eine  mit  unlöslich  gemachter  Gelatine
überzogene  Glas-  oder  Porzellanfläche  aufgequetscht ­
  und  in  heißes  Wasser  gelegt.  Hierin
löst  sich  die  zwischen  Papier  und  Zelloidinischicht
eingelagerte  Gelatine  auf,  das  Papier  verliert
somit  seinen  Halt,  schwimmt  ab  bzw.  läßt  sich
abziehen,  während  das  Bild  auf  der  neuen  Unterlage ­
  haften  bleibt.  Das  Papier  findet  Anwendung
zur  Herstellung  von  Projektionsdiapositiven  sowie ­
  von  Bildern  guf  Porzellangegenständen  usw.
—  2.  Geringempfindliche  Papiere.  —  Blaudruckpapier ­
  (Zyanotyppapier)  ist  ein  mit  Eisern
salzen  überzogenes  Papier,  das  zur  Herstellung
von  Lichtpausen  benutzt  wird.  Die  Präparation
beruht  auf  der  Eigenschaft  der  Eisenoxydsalze,
sich  am  Lichte  in  Eisenoxydul  zu  verwandeln  und
in  Verbindung  mit  Eerrizyankalium  (rotem  Blutlaugensalz) ­
  eine  blaue  Färbung  anzunehmen.
Wird  Papier  mit  .der  Lösung  eines  Eisenoxydsalzes ­
  überstrichen,  hierauf  .unter  einer  Zeichnung ­
  dem  Licht  ausgesetzt,  so  werden  die  belichteten ­
  Stellen  bei  der  nachträglichen  Behandlung ­
  mit  Ferrizyankaliumlösung  blau  gefärbt,
während  die  nichtbelichteten  weiß  bleiben.  Unter
einer  Zeichnung,  die  schwarz  auf  weißem  Grunde
steht,  muß  sonach  der  weiße  Grund  des  Originals ­

  blau  erscheinen,  während  die  schwarzen
Linien  weiß  werden.  Die  Kopie  erscheint  somit
negativ.  Bei  dem  käuflichen  Blaudruckpapier
ist  gewöhnlich  eine  Mischung  von  Eisenoxyd
und  Ferrizyankaliumlösung  aufgetragen.  Der  anfänglich ­
  hellgelbe  Grund  wird  am  Lichte  dunkler
und  nimmt  schließlich  durch  Eintauchen  in
Wasser  an  den  belichteten  Stellen  eine  dunkelblaue ­
  Färbung  an,  .während  sich  an  den  nichtbelichteten ­
  Stellen  die  aufgetragene  Mischung
löst  und  den  .ursprünglichen  weißen  Papiergrund
zeigt.  Wird  an  .Stelle  des  roten  Blutlaugensalzes
gelbes  genommen,  so  resultieren  positive  Kopien, ­
  doch  ist  .das  Verfahren  nicht  so  einfach  und
zuverlässig  als  der  Negativprozeß.  —  Eisengalluspapier,
  für  den  schwarzen  Lichtpausprozeß
bestimmt,  ist  wenig  haltbar.  Zur  Präparation  verwendet ­
  man  eine  Mischung  von  Gelatine  oder
Gummiarabikum,'  Weinsäure,  Ferrosulfat  und
Ferrochlorid  mit  Wasser,  belichtet,  wobei  die
gelbe  Schicht,  im  Gegensatz  zum  Blaudruck,  ausbleicht, ­
  und  schwärzt  hierauf  durch  Eintauchen
in  Gallussäurelösung.  Auch  werden  Papiere  in
den  Handel  gebracht,  die  bereits  mit  Gallussäure
versetzt  und  zum  Entwickeln  lediglich  in.  Wasser
zu  legen  sind.  Zur  Erzielung  größerer  Reinheit
pflegt  man  das  Rohpapier  bisweilen  vor  der  Präparaten ­
  mit  Gelatinelösung  zu  überziehen,  um
nach  dem  Trocknen  erst  die  lichtempfindliche
Schicht  aufzutragen.  —  Lichtpauspapier  wird
fabrikmäßig,  in  Rollen  mit  lichtempfindlichen
Lösungen  überzogen,  hergestellt  und  kann  längere ­
  Zeit,  vor  Licht  geschützt,  gebrauchsfertig
aufbewahrt  werden.  Man  unterscheidet  negatives
und  positives  Eisenblaupapier,  Sepiapapier,  Negropapier
  usw.  Bei  längerer  Aufbewahrung  zersetzen ­
  sich  die  lichtempfindlichen  Schichten  auch
ohne  Einwirkung  des  Lichtes  und  geben  dann
keine  klaren  kräftigen  Pausen,  weshalb  frischen
Präparationen  stets  der  Vorzug  zu  geben  ist.  Zuweilen ­
  wird  der  Weg  eingeschlagen,  vom  Original ­
  zunächst  eine  .negative  Pause  auf  Sepiapapier
  zu  machen,  um  von  dieser  wieder  die
gewünschte  Anzahl  von  positiven  Pausen  auf
dem  leichter  zu  behandelnden  Blaupapier  herzustellen. ­
  —  Platinpapier  wird  das  für  die
LIerstellung  von  Platinotypien  erforderliche,  mit
einem  Gemisch  von  Eisenoxyd-  oind  Platinsalzeo
überzogene  Papier  genannt.  Man  unterscheidet
drei  verschiedene  Arten  von  Platinpapier:  i.  das
direkt  kopierende,  2.  das  zum  Entwickeln  bestimmte, ­
  3.  das  gleiche  wie  2.,  jedoch  mit  sehr
wenig  Platin,  wobei  dem  später  anzuwendenden
Entwickler  Platin  zuzusetzen  ist.  —  Bei  dem  direkt
kopierenden  Platinpapier  sind  alle'Bestandteile ­
  gleich  aufgetragen.  Um  die  direkte  Schwärzung ­
  beim  Kopieren  zu  erzielen,  muß  ein  bestimmter ­
  Grad  von  Feuchtigkeit  vorhanden  sein,
damit  eine  innige  Verbindung  des  Kalisalzes  mit
dem  sich  bildenden  Eisenoxydul  stattfinden  kann.
Das  Entwicklungspapier  ist  nur  mit  Eisenoxyd
und  Platinchlorür  überzogen,  kopiert  bis  zu  einem
gewissen  Grade  an  .und  wird  durch  Eintauchen
in  eine  Lösung  von  oxalsaurem  Kali  entwickelt.
Die  Kraft  des  Bildes  wird  jedoch  lediglich  von
der  Dauer  der  .Lichtwirkung  bestimmt,  so  daß
dem  Entwicklungsprozeß  nur  die  Aufgabe  zukommt, ­
  die  Schwärzung  nach  Maßgabe  der  stattgefundenen ­
  Belichtung  durchzuführen.  —  Bei
        <pb n="343" />
        Photographische  Papiere

337

Photographische  Papiere

dem  Entwicklungspapier  mit  Platin  im  Entwickler ­
  ist  der  Präparation  nur  ein  Teil  des  notwendigen ­
  Platins  zugefügt,  .während  die  Hauptmenge ­
  im  Entwickler  enthalten  ist.  In  diesem
Falle  wird  das  Papier  nicht  im  Entwickler  gebadet, ­
  sondern  dieser  jmit  der  Platinlösung  auf
das  ankopierte  Bild  aufgestrichen.  Das  präparierte ­
  Platinpapier  muß  unter  Abschluß  von  Licht
und  Luft,  am  besten  in  Chlorkalziumbüchsen,
aufbewahrt  werden,  um  frühzeitiges  Verderben
zu  verhüten.  —  .Sepiaeisenpapier  (Kallitypie)
ist  mit  Blaupapier  nahe  verwandt.  Auch  hier
bietet  das  Eisenoxyd  die  Grundlage,  jedoch  mit
dem  Unterschied,  daß  ,es  nach  der  Umwandlung
des  Oxydes  zu  Oxydul  nicht  mit  Blutlaugensalz
in  Blau,  sondern  mit  Silbernitrat  in  Braun  übergeführt ­
  wird.  Die  käuflichen  Papiere  enthalten
beide  Salze  sowie  auch  weitere,  den  Prozeß  günstig ­
  beeinflussende  Substanzen,  wie  Säure,  Gelatine ­
  usw.  Die  Kopie  ist  lediglich  in  Wasser  zu
entwickeln.  Bei  der  Belichtung  färbt  sich  die
blaßgelbe  Schicht  dunkel,  bleicht  aber  bei  verlängerter ­
  Belichtung  wieder  aus.  Die  eigentliche
Kraft  des  Bildes  resultiert  erst  im  Wasserbade.
Durch  Änderung  der  Bestandteile  der  Präparationsmischung, ­
  besonders  durch  Zusatz  von  neutralem ­
  Kaliumoxalat,  lassen  sich  verschiedene
Farbtöne  erzielen,  wobei  man  dem  Wasser  zum
Entwickeln  Borax  und  Kaliumnatriumtartrat  zusetzt. ­
  Auf  diese  .Weise  entstehen  kältere,  mehr
violette  Töne.  Zur  Erzielung  von  größeren
Kontrasten  findet  Kaliumdichromat  Anwendung.
Die  entwickelten  Produkte  werden  in  t  prozentigem
  Ammoniak-  oder  Natriumthiosulfatbade
fixiert,  hierauf  gewässert  und  getrocknet.  —
Sepiaplatinpapier  bezeichnet  eine  Spezialprä-Paration
  des  Platinpapiers,  bei  dem  Quecksilbersalze ­
  zur  Anwendung  kommen,  um  eine  sepiafarbene
  Reduktion  des  Platinbildes  herbeizuführen.
Diese  Modifikation  wird  .besonders  bei  Entwicklungspapieren ­
  mit  warmer  ^Entwicklung  angewandt. ­
  Die  auf  Sepiaplatinpapier  erzeugten  Kopien ­
  werden  meist  zur  Erzielung  einer  höheren
Brillanz  mit  einem  Lacküberzug  versehen.  —
3-  Hochempfindliche  Papiere.  —  Bromsilberpigmentpapier ­
  ist  ein  lichtempfindliches
Bromsilberpapier,  das  gleichzeitig  .einen  Erdfarbstoff ­
  in  der  Schicht  enthält.  Die  Verarbeitung
erfolgt  in  der  Weise,  daß  man  zunächst  eine  Beachtung ­
  unter  dem  Negativ  oder  durch  den  Ver-Srößerungsapparat
  vornimmt  und  darauf  den
Lichteindruck  im  Entwickler  zur  Reduktion  des
Bromsilbers  heranzieht.  Durch  weitere  Behandlung ­
  im  Chromatbade  gelingt  es,  die  Pigment-Selatineschicht
  an  den  im  Entwickler  geschwärzten ­
  Stellen  unlöslich  zu  machen,  so  daß  bei  darauffolgendem
  Einlegen  des  Bildes  in  heißes
Nasser  die  Farbgelatineschicht  überall  da  abschwimmt,
  wo  nicht  vorher  reduzierte  Silberpartikel ­
  vorhanden  waren.  Auf  diese  Weise  entsteht ­
  ein  Farbenbild,  das  gleichzeitig  ein  schwar-Silberbild
  einschließt.  Das  letztere  kann  in
5*er  Schicht  verbleiben  und  somit  zur  Bildwerbung
herangezogen  werden,  oder  es  kann  durch  Behandlung ­
  des  Bildes  im  Farmerschen  Abschwächer ­
  entfernt  werden,  so  daß  nur  noch  das  reine
harbenbiid,  in  Gelatine  gebettet,  übrig  bleibt.
D^s  Papier  muß  vor  der  Chromatbehandlung
be i  gelbem,  rotem  oder  grünem  Lichte  verarbei-Mercks
  Warenlexikon.

tet  werden.  Die  darauffolgenden  Arbeiten  können
bei  Tageslicht  erfolgen.  —  Bromsilberpapier
ist  ein  mit  lichtempfindlicher  Bromsilbergelatine-Emulsion
  überzogenes  Papier,  das  sowohl  zur
Herstellung  von  photographischen  Kontaktkopien
  als  auch  zu  Vergrößerungen  benutzt  wird.
Das  Auskopieren  des  Bildes  bis  zur  gewünschten
Kraft  ist  nicht  möglich.  Es  wird  nur  kurz  be
lichtet  und  das  latente  Bild  durch  Einwirkung
von  reduzierenden  Lösungen  in  der  Dunkelkammer ­
  entwickelt  und.jm  Natriumthiosulfatbade
fixiert.  Zur  Erzielung  einer  angenehmen  Mattierung ­
  und  dadurch  ermöglichten  leichten  Bemalbarkeit ­
  setzt  man  der  Emulsion  auch  Stärke
zu.  Wird  die  Emulsion  auf  besonders  vorbereitetes ­
  Papier  aufgetragen,  so  lassen  sich  auch
Bilder  mit  Glanz  .erzielen,  der  bei  geeigneter  Behandlung ­
  auf  Hochglanz  gesteigert  werden  kann.
Abziehbares  Brorasilberpapier  unterscheidet ­
  sich  von  dem  gewöhnlichen  Bromsilberpapier
dadurch,  daß  es  zwischen  Papier  und  Emulsionsschicht ­
  eine  Isolierschicht  trägt.  Es  findet  Anwendung ­
  zur  Herstellung  von  vergrößerten  Negativen, ­
  und  zwar  läßt  sich  hierbei  entweder  das
fertige  Bild,  sowie  es  trocken  ist,  als  Folie  vom
Papier  trennen,  oder  man  quetscht  jenes  im
nassen  Zustande  auf  Glas,  Porzellan  u.  dgl.  und
zieht  nach  dem  Trocknen  das  Papier  ab,  während
das  Bild  auf  der  übertragenen  Fläche  verbleibt.
—  Chlorbromsilberpapier,  auch  Gaslichtoder ­
  Tageslichtentwicklungspapier  genannt,  wird
in  der  Photographie  angewandt  wie  Bromsilber
gelatinepapier,  doch  ist  die  Empfindlichkeit  geringer ­
  als  bei  diesem.  ■  Während  Bromsilber  fast
ausschließlich  in  schwarzen  Tönen  entwickelt,
können  Chlorbromsilberschichten  durch  geeignete
Behandlung  auch  in  wärmeren  Tönen  hervorgerufen ­
  werden.  Die  hier  aufgetragene  Gelatineemulsion ­
  besteht  aus  einem  Gemisch  von  Chlorund
  Bromsilber.  Je  mehr  das  letztere  vorherrscht,
desto  lichtempfindlicher  ist  das  Papier  und  desto
mehr  neigen  die  im  Entwickler  resultierenden
Töne  zum  Schwarz,  während  beim  Gegenteil  die
Lichtempfindlichkeit  fällt  und  damit  die  Neigung
bzw.  Fähigkeit  für  warme  Töne  wächst.  Da  sich
kein  Silbernitrat  inl  Überschuß  befindet,  läßt
sich  das  Papier  nicht  auskopieren.  Die  Haltbarkeit ­
  des  lichtempfindlichen  Papieres  ist  nicht  so
groß  als  die  des  Bromsilberpapieres.  —  Gravürep
  apier-Höfinghoff  ist  ein  Chlorbromsilberpapier, ­
  das  unter  dem  Negativ  kurz  belichtet
und  bei  gelbem  Lichte  im  Entwickler  hervorgerufen ­
  wird.  Im  nassen  Zustande  ist  die  Schicht
äußerst  Verletzlich,  da  sie  nur  lose  auf  der  Papierfläche ­
  sitzt.  Si-e  trocknet  jedoch  sehr  widerstandsfähig ­
  auf  und  zeigt  dann  eine  angenehm
stumpfe  Fläche.  —  Jodsilberpapier  ist  ein
mit  Jodsalzen  unter  Zusatz  von  Brom-  und  Chlorsalzen ­
  ,  vorpräpariertes  Papier,  das  in  der  Photographie ­
  zum  Gebrauche  mit  Silberbad  behandelt
wird  und  zur  Herstellung  von  Vergrößerungen,
der  sog.  „Solarprints“,  dient.  Diese  Prints  bedürfen ­
  einer  ausgiebigen  Überarbeitung,und  werden ­
  meist  als  Unterlage  zur  Ausarbeitung  von
Kreidezeichnungen  benutzt.  Dadurch,  daß  die
Schicht  direkt  auf  dem  Papier  erzeugt  wird,
ohne  besonderes  Bindemittel,  eignet  es  sich  für
die  Zwecke  umfangreicher  Behandlung  mit  Pinsel
und  Farbe.  —  Schwerter-Bromsilberpapier

22
        <pb n="344" />
        338  Photographische  Trockenplatten

Photographische  Papiere

ist  ein  zur  Herstellung  von  photographischen  Vergrößerungen ­
  sowie  auch  zu  Kontaktkopien  geeignetes ­
  Sondererzeugnis  der  „Vereinigten  Fabriken ­
  Photographischer  Papiere“  in  Dresden.
Dieses  Papier  zeichnet  sich  vornehmlich  durch
hohe  Empfindlichkeit,  gleichmäßige  Präparation,
hohe  Brillanz  und  reiche  'Tonabstufung  der  darauf ­
  erzeugten  Bilder  aus.  Einen  besonderen
Vorzug  bietet  dieses  Papier  durch  die  der  Emulsion ­
  beigefügte  Stärke,  wodurch  die  Schicht  eine
außerordentliche  Aufnahmefähigkeit  für  Farben
gewinnt  und  somit  das  Bemalen  sehr  erleichtert.
Dieses  Papier  wird  auch  abziehbar  geliefert.
Das  darauf  erzeugte  Bild  -kann  also  auf  eine  beliebige ­
  Fläche  aufgequetscht  werden,  während
sich  nach  dem  Trocknen  das  Papier  abziehen
läßt  und  das  Bild  'auf  der  neuen  Unterlage  verbleibt. ­
  Ebenso  lassen  sich  &amp;gt;auch  von  diesem  Papier ­
  nach  kleinen  Diapositiven  vergrößerte  Negative ­
  herstellen,  die  man  auf  Glas  aufquetscht.  —
„Eka-Gas“,  ein  weiteres  Erzeugnis  der  Vereinigten ­
  Fabriken  Photographischer  Papiere  in
Dresden,  wird  genau  wie  Schwerter-Brorasilberpapier
  behandelt.  Die  Oberfläche  wird  in  Matt,
Halbmatt  und  Glänzend  hergestellL  Die  Sorte
„Matt“  zeichnet  sich  durch  ihre  sammetartige
Oberfläche  aus.  Das  Papier  wird  in  den  Sorten
mittelstark,  glatt  und  kartonstark,  glatt  in  weiß
und  chamois  geliefert.  Seine  Emulsion  ist
hochempfindlich,  so  daß  es  nur  bei  rotem
Licht  verarbeitet  werden  darf.  —  „Celoton“
der  gleichen  Firma  ist  ein  ähnliches  Erzeugnis.
Es  \vird  in  zwei  Arten  hergestellt,  Normal  (normal ­
  empfindlich)  und  Hart  (gering  empfindlich
und  hart  arbeitend).  Die  Sorte  „Normal“  wird
für  Negative  von  gewöhnlicher  Beschaffenheit,
die  Sorte  „Hart“  für  dünne,  weiche  Negative  verwandt. ­
  Das  Papier  zeichnet  sich  durch  einen
schönen  warmschwarzep  Ton  aus.  Auch  diese
Papiere  werden  in  Matt  und  Halbmatt,  in  weiß
und  chamois  sowie  weiß  in  glänzend  hergestellt.
—  „Schwerter“-Negativpapier  ist  die  Bezeichnung ­
  für  ein  photographisches  lichtempfindliches ­
  Papier  der  gleichen  Firma,  das  zur  Herstellung ­
  großer  Negative  nach  kleinen  Diapositiven ­
  benutzt  wird  und  aus  einer  Bromsilbergelatine-Stärkeschicht
  besteht.  Die  Vorzüge  dieses
Papiers  bestehen  darin,  daß  es  die  Benutzung  der
kostspieligen  und  leicht  zerbrechlichen  Glasplatten ­
  entbehrlich  macht,  einen  sehr  gleichmäßigen ­
  Emulsionsauftrag  besitzt,  mit  leichter
Mühe  die  Erzielung  jeder  Kraft  gestattet,  ein
feines  Korn  in  der  Papiermasse  zeigt,  jede  Stiftretusche ­
  mit  Leichtigkeit  annimmt  und  sich
außerordentlich  gut  mit  dem  Schaber  bearbeiten
läßt.  Die  Verarbeitung  geschieht  in  der  Weise,
daß  das  kleine  Diapositiv  vermittels  des  Vergrößerungsapparates ­
  auf  die  mit  dem  Negativpapier ­
  bedeckte  Projektionsfläche  vergrößert
wird.  Das  durch  die  Belichtung  entstandene
latente  Bild  wird  entwickelt  und  fixiert,  das
entstehende  Negativ  alsdann  gewässert,  getrocknet ­
  und  auf  der  Rückseite  mit  Transparentöl  bestrichen. ­
  Infolge  der  hierdurch  bewirkten  größeren ­
  Durchsichtigkeit  kann  es  wie  ein  Glasnegativ ­
  behandelt  werden.  —  Veloxpapier,  ein
photographisches  Entwicklungspapier  aus  der
Klasse  ,  der  Chlorbromsilbergelatinepapiere,  besitzt ­
  mäßige  Lichtempfindlichkeit,  gestattet  die

Herstellung  schwarzer,  wie  auch  wärmerer  Töne
und  hat  eine  halbmatte  Oberfläche.  Das  Papier
wird  ausschließlich  für  den  Kontaktdruck  verwendet ­
  und  gibt  Bilder  ähnlich  dem  „Schwerter-Gaslichtpapier".

Photographische  Trockenplatten  dienen  zur
Aufnahme  des  durch  das  photographische  Objektiv ­
  in  der  Kamera  erzeugten  photographischen
(reellen)  Bildes.  Während  vordem  der  Photograph
gezwungen  war,  sich  seine  —  sog.  „nassen“  —
Platten  im  Augenblick  der  Aufnahme  selbst  zu
präparieren,  durch  Überguß  von  gut  gereinigten
Glasplatten  mit  „jodiertem  Kollodium“  und  nachträglichem ­
  Baden  dieser  Platten  in  einer  Silbernitratlösung, ­
  und  die  eben  präparierten.  Platten
noch  im  nassen  Zustande  in  die  Kassette  zu
bringen  und  zu  exponieren,  kann  man  jetzt  beliebig ­
  viel  lichtempfindliches  Material  in  Vorrat
halten.  Erst  durch  die  Einführung  der  Trockenplatten,
  deren  Erfindung  man  im  wesentlichen
dem  englischen  Arzte  Dr,  Maddox  verdankt,
ist  die  heutige  ungeheuer  weite  Verbreitung  der
Photographie  —  namentlich  der  Amateur-Photographie ­
  —•  möglich  geworden.  Die  Trockenplatten
  werden  in  .Spezialfabriken  in  großem
Maßstabe  hergestellt,  indem  sehr  sorgfältig  gereinigte, ­
  besonders  gleichmäßig  und  eben  gestreckte, ­
  von  Blasen  und  Unreinigkeiten  freie
Glasplatten  (sog.  Photoglas)  durch  Maschinen
(natürlich  im  Dunkeln)  sehr  gleichmäßig  mit
der  lichtempfindlichen  Präparation,  der  sog.  Gelatine-Emulsion, ­
  überzogen  und  dann  in  ganz
genau  temperierten,  sehr  gut  ventilierten,  staubfreien ­
  Räumen  getrocknet  werden.  Man  gießt
gewöhnlich  größere  Formate  als  die  in  der  Kamera ­
  verwendeten.  Dies  sind  für  Amateur-,
Landschafts-  und  technische  Photographie  besonders ­
  6x9  cm,  9X12  cm,  13X18cm  und  18
mal  24  cm,  wogegen  der  Fachphotograph,  in
Deutschland  hauptsächlich,9Xi2  cm,  12X1&amp;amp;/2  cm,
18  X  24  cm  und  größere  Formate  verwendet.  Die
großen  Platten  werden  nach  dem  Trocknen  in
die  entsprechenden  Formate  zerschnitten,  sorgfältig ­
  bei  einem  „sicheren“  tiefroten  Lichte  auf
etwaige  Fehler  geprüft,  aussortiert  und  dann  in
Päckchen,  entweder  zu  4  oder  zu  6  Stück,  in
schwarzes  Papier  verpackt  und  zu  Dutzenden  in
Plattenschachteln  gelegt,  die  dann  an  den  Seiten
verklebt,  mit  Etikett  versehen  werden  und  nun
verkaufsbereit  sind.  Die  sog.  Gelatine-Emulsion ­
  —  gewöhnlich  Bromsilber-  oder  Brom-Jodsilber-Gelatine-Emulsion
  —  wird  dargestellt,
indem  man  in  eine  mit  Brom-  oder  Brom-  und
Jodsalzen  (meistens  Kalium-  und  Ammoniumsalzen) ­
  versetzte  Gelatinelösung  bei  bestimmter
Temperatur  eine  auf  bestimmte  Grade  erwärmte
Silbernitratlösung  allmählich  unter  gleichmäßigem ­
  Rühren  eingießt.  Die  so  entstandene  milchige ­
  (daher  der  Name  Emulsion)  dicke  Flüssigkeit ­
  würde  aber  nur  sehr  unempfindliche  Platten
ergeben.  Höhere  Empfindlichkeit  erzielt  man
durch  Erwärmen  oder  Alkalischmachen  dieser
Emulsion  oder  durch  beides,  und  zwar  hat  jede
Fabrik  ihre  ganz  bestimmten,  durch  Erfahrung
gewonnenen  Rezepte  oder  Verfahren.  Für  Porträtaufnahmen, ­
  wie  sie  der  Fachphotograph
im  Atelier  oder  jetzt  auch  in  gewöhnlichen  Wohnräumen
  herstellt,  ist  es  wünschenswert,  daß  die
sog.  Expositionszeit  so  kurz  als  möglich  gehalten
        <pb n="345" />
        Photographische  Trockenplatten  339  Photographische  Trockenplatten

wird,  deshalb  sucht  der  Fachphotograph  nach
Platten  der  höchsten  Empfindlichkeit;  ebenso
sind  für  Momentaufnahmen  von  bewegten  Objekten, ­
  wie  sie  jetzt  überall  in  so  großer  Menge
hergestellt  werden,  diejenigen  Platten  die  gesuchtesten, ­
  welche  die  höchste  Empfindlichkeit ­
  aufweisen.  Platten  werden  daher  nach
ihrer  hohen  Empfindlichkeit  gewertet.  Man  mißt
die  letztere  nach  verschiedenen  Skalen,  z.  B.
nach  Graden  Warnerke,  Graden  Scheiner
usw.  (leider  sind  die  Angaben  der  Fabriken  über
die  Grade  der  Empfindlichkeit  usw.  nicht  immer
unbedingt  zuverlässig).  Wie  hoch  empfindlich
Platten  gegenwärtig  hergestellt  werden  können,
erhellt  aus  der  Tatsache,  daß  man  gut  durchgearbeitete ­
  Aufnahmen  im  Freien,  z.  B.  von  fahrenden
Automobilen,  Sportaufnahmen  usw.  bei  gutem
Licht  mit  modernen,  lichtstarken  Objektiven  in
weniger  als  V2000  Sekunde  und  in  gewöhnlichen
hellen  Wohnräumen  Momentaufnahmen  von  einzelnen ­
  Personen  und  kleinen  Gruppen  in  Bewegung ­
  (in  etwa  V15  Sekunde)  machen  kann.  Ebenso ­
  ist  man  imstande,  bei  Nacht,  also  unter  Ausschluß ­
  von  Tageslicht,  bei  Gasglühlicht  (namentlich ­
  hängendem  Glühlicht)  in  3—10  Sekunden
gute  Porträtaufnahmen  (besonders  auf  orthochromatischen ­
  Platten)  zu  machen.  Neben
der  hohen  Empfindlichkeit  ist  auch  die  Kraft
der  Platten  eine  notwendige  Eigenschaft  guter
Fabrikate,  d.  h.,  daß  sie  in  geeigneten  Entwicklern ­
  in  nicht  zu  langer  Entwicklungszeit  kräftige
Negative  ergeben,  die  gute  Abzüge  —  Kopien  —
liefern,  und  schließlich  muß  noch  die  sog.  Graduierung ­
  —  d.  h.  die  korrekte  Wiedergabe  der
höchsten  Lichter,  der  Halbtöne  und  der  tiefsten
Schattendetails  der  zu  photographierenden  Objekte’ ­
  —  als  besonders  wichtig  hervorgehoben
werden.  Dies  gilt  namentlich  für  den  Fachphotographen ­
  bei  Porträtaufnahmen.  Daß  die  Platten
klar  arbeiten  müssen,  d.  h.  nur  an  den  wirklich
belichteten  Stellen  im  Entwickler  einen  Silberniederschlag ­
  geben  dürfen,  also  keinen  „Schleier“
haben,  versteht  sich  von  selbst;  auch  sollen  gute
Platten  eine  genügende  Haltbarkeit  über  Jahr
und  Tag  besitzen,  d.  h.  nicht  schleierig  werden
Und  nicht  nach  längerer  Zeit  nur  kraftlose,  sog.
«flaue“  Negative  bilden.  Die  Herstellung  solcher
Platten  von  besonderer  Güte  und  höchster  Empfindlichkeit ­
  bietet  besondere  Schwierigkeiten,  und
deshalb  stehen  derartige  Platten  am  höchsten
Wx  Preise.  Gewöhnliche  photographische
Platt  en  sind  hauptsächlich  empfindlich  für  violette, ­
  blaue  und  blaugrüne  Strahlen;  die  unserem
Auge  am  hellsten  erscheinenden  gelbem,  orange
Und  gelbgrünen  Strahlen  werden  nur  ungenügend
v on  der  photographischen  Platte  wiedergegeben.
Diesem  Übelstande  helfen  die  'orthochromatischen ­
  Platten  ab,  die  wir  einer  Entdeckung  des
u m  die  Photographie  außerordentlich  verdienten
Prof.  H.  W.  Vogel  in  Berlin  verdanken.  Vogel
fand  im  Jahre  1873,  daß  durch  Zufügung  gewisser ­
  Farbstoffe  —  Sensibilisatoren,  wie  sie
^ogel  nannte  —  zum  Brom-  oder  Jodsilber  dieses
bedeutend  empfindlicher  für  die  grünen,  gelben
^nd  orange  Strahlen  gemacht  wird.  Die  „ort  hochrein ­
  atischen  Platten“  des  Handels,  die
hauptsächlich  neben  der  Blauempfindlichkeit
ner  gewöhnlichen  Platten  auch  hohe  Empfindlichkeit ­
  für  Gelb,  Gelbgrün  und  Orange  besitzen,

werden  zum  größten  TeiTdurch  Flinzufügen  von
Erythrosin-  oder  Erythrosin-Silber-Lösung  zur
Emulsion  hergestellt.  Gute  Platten  der  Art  sind
über  Jahr  und  Tag  haltbar  und  können  jetzt
ebenso  empfindlich  hergestellt  werden  wie  gewöhnliche ­
  Platten.  Sie  zeigen  selbstredend  bei
künstlichem  Lichte,  das  verhältnismäßig  reicher
an  gelben  und  grünen  Strahlen  ist  als  Tageslicht, ­
  wie  z.  B.  Gasglühlicht,  Petroleumlicht  oder
elektrisches  Licht,  höhere  Empfindlichkeit  als  die
gewöhnlichen  Platten  und  werden  jetzt  von  vielen
bedeutenden  Fabriken  zu  demselben  Preise  wie
gewöhnliche  Platten  verkauft.  Sie  müssen  natürlich ­
  in  besonders  sorgfältig  ausgewähltem  roten
Lichte  entwickelt  werden  —  man  läßt  bei  der
Entwicklung  selbst  nicht  zu  viel  rotes  Licht  auf
sie  fallen  —  bieten  aber  sonst  bei  der  Behandlung
weiter  keine  Schwierigkeiten.  Sie  sollten  deshalb
in  allen  Fällen,  wo  farbige  Objekte  zu  photographieren ­
  sind,  vorzugsweise  verwandt  werden.
Hat  man  in  den  zu  photographierenden  Objekten
sehr  viel  Blau,  wie  z.  B.  bei  der  Reproduktion
von  Gemälden  oder  auch  bei  .Hochgebirgsaufnahmen
  mit  Gletscherhintergrund  usw.,  so  muß
man  sich  eines  sog.  Gelbfilters  bedienen,  um  die
überwiegenden  blauen  Strahlen  abzuschneiden,
da  selbst  die  orthochromatischen  Platten
noch  höhere  Empfindlichkeit  für  blaue  Strahlen
als  für  die  grünen  und  gelben  besitzen.  Für  den
Dreifarbendruck  wie  überhaupt  für  die  Farbenphotographie ­
  benutzt  man  sog.  panchromatische ­
  Platten,  die  auch  für  rote  Strahlen  empfindlich ­
  'sind.  Diese  werden  durch  „Sensibilisieren“ ­
  mit  Äthylrot,  Pinachrom,  Pinazyanol  usw.
hergestellt,  sind  aber  nur  mit  größter  Vorsicht
zu  verarbeiten  und  nur  für  ganz  spezielle  Zwecke
und  von  erfahrenen  Fachmännern  zu  verwenden.
Photographiert  man  im  Freien  gegen  das  Licht,
oder  macht  man  Zimmeraufnahmen  gegen  die
Fenster  oder  überhaupt  Aufnahmen  von  Objekten, ­
  die  sehr  große  Lichtkontraste  aufweisen
—  z.  B.  spiegelnde  Metallflächen  oder  dgl.  —  so
treten  häufig  die  gefürchteten  „Lichthöfe“  auf,
d.  h.  breite  Säume  um  die  hellsten  Stellen  oder
auch  —  wie  z.  B.  bei  Fenstern  —  werden  alle
Details  verwischt.  Dagegen  helfen  licht  hoffreie ­
  Platten,  die  man  entweder  herstellt  durch
Hinterstreichen  der  gewöhnlichen  Platten  mit
bestimmten  farbigen  Lacken  oder  Lösungen  (z.  B.
Antisol,  Rotlack,  Karamell  usw.)  oder  durch  Vorpräparation ­
  des  Glases  mit  einer  gefärbten  Gelatineschicht ­
  (sog.  Isolarplatten),  oder  indem
man  eine  sehr  unempfindliche,  silberreiche,  undurchsichtige ­
  Emulsion  auf  das  Glas  gießt  und
darauf  erst  die  hoch  empfindliche  Schicht  bringt
(sog.  Doppelschichtplatten).  Durch  alle  diese
Mittel  wird  verhindert,  daß  die  Lichtstrahlen  an
den  hellsten  Stellen  die  Emulsionsschicht  durchdringen, ­
  auf  das  Glas  treffen  und  von  dem  Glase
wieder  zurückgespiegelt  werden,  wodurch  eben
die  Lichthöfe  entstehen.  Natürlich  sind  solche
Platten  schon  in  der  Herstellung  teurer  als  die
gewöhnlichen.  Für  die  Reproduktion  von  Strichzeichnungen, ­
  von  Katalogabbildungen,  von  Kartenblättern ­
  oder  Illustrationen  aus  Büchern  usw.
bedient  man  sich  sog.  „photomechanischer
Platten“.  Diese  sind  sehr  unempfindlich,  haben
keine  sog.  Halbtöne,  sondern  geben  nur  den
weißen  Grund  des  Originals  ganz  schwarz,  viel
        <pb n="346" />
        Photographische  Trockenplatten.  340

Phtalsäure

dichter  gedeckt  als  gewöhnliche  Platten,  wieder,
während  die  schwarzen  Linien  usw.  ganz  glasklar,
viel  klarer  als  bei  gewöhnlichen  Platten,  kommen,
so  daß  hier  große  'Kontraste  erzielt  werden  und
die  Kopien  wirklich  schwarze  Linien  auf  ganz
weißem  Grunde  ergeben,  wie  man  dies  bei  gewöhnlichen ­
  Platten  selbst  durch  Verstärkung
nicht  erzielen  kann.  Zur  Herstellung  von  Projektionsbildern ­
  oder  Stereoskop-  bzw.  Fensterbildern ­
  —  sog.  Diapositiven  —  benutzt  man
„Diapositivplatten“,  die  sehr  schöne,  gefällige
Töne  erzielen  lassen,  sehr  fein  im  Kom  sind  und
außerordentlich  klar  arbeiten.  Sie  werden  gewöhnlich ­
  mit  Chlor-Bromsilber-Emulsion  hergestellt ­
  und  können,  da  sie  im  Verhältnis  sehr  wenig
lichtempfindlich  sind,  für  gewöhnliche  Aufnahmen
kaum  benutzt  werden.  —  Was  die  Haltbarkeit ­
  aller  dieser  Plattensorten  anbetrifft,  so  sind
am  haltbarsten  dierwenigst  empfindlichen  Plattensorten, ­
  wie  sie  der  Durchschnittsamateur,  Landschaftsphotograph ­
  und  auch  technische  Photograph ­
  vielfach  benutzt.  Solche  sehr  wenig  empfindlichen ­
  Platten  haben  sich  schon,  bis  io  Jahre
lang  brauchbar  erhalten,  abgesehen  von  einem
leichten  „Randschleier“.  Sehr  hoch  empfindliche
Platten  sind  doch  noch  über  i  Jahr  haltbar.  Verhältnismäßig ­
  am  wenigsten  haltbar  sind  orthochromatische ­
  Platten,  aber  auch  von  diesen
Platten  hat  man  Beispiele,  namentlich  von  or-i
tho-lichthoffreien  (Isolar-  oder  Doppelschicht-)
Platten,  daß  sie  sich  über  2  Jahre  gut  gehalten
haben.  Besonders  schädliche  Einwirkung  auf
die  Haltbarkeit  aller  Trbckenplatten  haben  Gasausdünstungen, ­
  selbstverständlich  auch  Schwefelwasserstoffausdünstungen. ­
  In  einem  gut  ventilierten, ­
  trockenen,  nicht  zu  sehr  überheizten
Raume  halten  sich  die  Platten  am  längsten.  Hingewiesen ­
  sei  noch  auf  die  möglicherweise  schädliche ­
  dauernde  Einwirkung  von  elektrischem
Bogenlicht,  das  viel  ultraviolette  Strahlen  enthält, ­
  welche  die  Pappschachteln  durchdringen
und  die  Platten  nach  und  nach  verschleiern
können.  —  Neben  den  auf  Glas  präparierten
Platten  hat  man  auch  Zelluloid-Films,,  entweder ­
  als  Rollfilms  oder  als  Planfilms.  Alle
diese  Zelluloid-Films  sind  weniger  haltbar
als  Trockenplatten  (auf  Glas),  da  die  Ausdünstungen ­
  des  im  Zelluloid  enthaltenen  Kampfers  der
Emulsion  schaden  und  sind  wohl  auch  nicht
stets  ganz  so  zuverlässig  wie  Glasplatten,  so  daß
Forschungsreisende  die  Trockenplatten  verziehen. ­
  Große  Vorteile  der  Zelluloid-Films
sind  ihre  ungemeine  Leichtigkeit,  so  daß  man  auf
Reisen,  bei  Bergbesteigungen  usw.  viel  Aufnahmematerial
  bequem  mit  sich  führen  kann.  Dazu
kommt  die  Unzerbrechlichkeit  und  die  Möglichkeit, ­
  beliebig  viele  Aufnahmen  auf  den  sog.  Tageslicht-Rollfilms, ­
  oder  Film-Packs,  oder  Einzel-Filmpackungen,
  die  durch  besondere  Vorkehrungen ­
  bei  Tageslicht  gewechselt  werden  können,
zu  machen,  ohne  eine  Dunkelkammer  benutzen
zu  müssen.  Die  Rollfilms  können  auch  bei
Tageslicht  ohne  Dunkelkammer  in  bestimmten,
dafür  eingerichteten  Apparaten  entwickelt  und
fixiert  werden.  Zelluloid-Films  sind  wesentlich
höher  im  Preise  als  Glasplatten  (s.  Films).  —  Seitdem ­
  die  letzte  Ausgabe  dieses  Werkes  erschienen
ist,  sind  einige  neuere  Fortschritte  und  Erfahrungen ­
  in  der  Verwendung  der  Trockenplatten

zu  verzeichnen.  So  werden  orthochromatische
Platten  jetzt  vielfach  mit  einem  Schichtfilter  ver
sehen,  d.  h.,  ein  gelber  oder  gelbgrünlicher  Farbstoff ­
  wird  der  orthochromatischen  Emulsion  beigefügt, ­
  so  daß  die  Schicht  der  Platte  selbst  als
Farbfilter  wirkt.  Natürlich  ist  die  Absorption
des  Ultraviolett  und  Violett  nicht  vollkommen,
so  daß,  wo  höhere  Aufgaben  an  genaue  Wieder
gäbe  der  Farbenwerte  gestellt  werden  müssen,
z.  B.  bei  der  Reproduktion  farbiger  Originale,
trotzdem  ein  für  den  Zweck  besonders  abgestimmtes ­
  Farbenfilter  erforderlich  ist.  Aber  für
sehr  viele  Zwecke  genügen  diese  Ortho-Platten
mit  Farbfilter  in  der  Schicht  und  ersparen  dadurch ­
  die  nicht  immer  angenehme  und  bequeme
Verwendung  der  Gelbscheibe,  z.  B.  bei  Land
schaftsaufnahmen  usw.  Die  im  letzten  Kriege  so
außerordentlich  viel  verwandten  sog.  Fliegerplatten ­
  sind  teilweise  recht  hoch  empfindliche
orthochromatische  Platten  sehr  hoher  Gelbempfindlichkeit ­
  und  mit  Farbfiltern  in  der  Schicht,
oder  auch  hoch  empfindliche  Platten  mit  recht
ausgeprägter  Orange  -Rotempfmdlichkeit.  Die
Photomechanischen  Platten  werden  jetzt,  namentlich ­
  auch  in  den  Photomechanischen  Verfahren, ­
  außerordentlich  viel  verwandt  und  sind
als  panchromatisch-phototnechanische  Platten
für  die  Reproduktion  farbiger  Originale  mit  viel
Gelb,  Grün  und  Rot  ganz  unentbehrlich  geworden. ­
  Die  orthochromatischen  Photomechanischen ­
  Platten  werden  sehr  viel  zu  Reproduk
tionen  von  schlecht  lesbaren  Schriftstücken,  vergilbten ­
  Plänen  und  Zeichnungen  u.  dgl.  verwandt. ­

Phtaleinfarbstoffe  bilden  eine  1871  von  A.
v.  Baeyer  entdeckte  Gruppe  der  Xanthene  (s.  d.),
welche  durch  Kondensation  von  Phtalsäureanhydrid
  mit  Phenolen  entstehen.  Sie  können  auch
als  Abkömmlinge  des  Triphenylmethans  ange
sehen  werden  und  werden  daher  vielfach  als
Untergruppe  der  Triphenylmethanfarbstoffe  be
zeichnet.  Farbstoffbildende  Phenole  sind  besonders ­
  das  Resorzin,  von  dem  sich  das  Fluoreszein
und  die  Eosine  ableiten,  und  die  Pyrogallussäure,,
von  welcher  das  Gallein  abstammt.
Phtalsäure  (B  enzolor  t  ho  dikar  bonsäure),
C 6 H 4 (COOH) 2 ,  entsteht  bei  der  Oxydation  von
Naphtalin  und  Naphtalintetrachlorid  durch  Salpetersäure, ­
  oder  von  Orthoxylol  und  Orthotoluylsäure
  mit  Kaliumpermanganat,  oder  auch  von
Alizarin  mit  Salpetersäure  oder  mit  Braunstein
und  Schwefelsäure.  Sie  wird  technisch  in  großen
Mengen,  hauptsächlich  aus  Naphtalin  und
Schwefelsäure  unter  Zusatz  von  Quecksilbersalzen
oder  seltenen  Erden  als  Kontaktsubstanzen  hergestellt.
  Die  reine,  aus  Wasser  umkristallisierte
P.  bildet  farblose  Kristalle,  die  in  kaltem  Wasser
schwer,  in  heißem  Wasser,  Alkohol  und  Äther
leicht  löslich  sind.  Beim  raschen  Erhitzen  auf
213 0  schmilzt  sie  und  verwandelt  sich  dabei  unter
Abspaltung  von  Wasser  in  das  Phtalsäureanhydrid,
  C 6 H 4 (CO) 2 0.  Das  letztere,  das  gewöhnlich ­
  im  Handel  als  Phtalsäure  geführt  wird,
bildet  bei  128°  schmelzende  Kristalle,  die  bei
284°  sieden  und  in  langen  Nadeln  sublimieren-Die
  P.  und  ihr  Anhydrid  vereinigt  sich  mit
Phenolen  zu  sog.  Phtaleinen,  mit  Resorzin  z.  Bzu
  dem  Fluoreszein,  und  bildet  ein  wichtiges
Ausgangsmaterial  für  die  Teerfarbenindustrie.
        <pb n="347" />
        ■■H

itÄSS-i

Physostigmin

341

Pikrinsäure

I

1

i

Physostigmin  (Eserin,  lat.  Physostigminum,
Eserinum,  frz.  Eserine,  engl.  Eserin),  das  sehr  giftige ­
  Alkaloid  der  Kalabarbohne,  ist  eine  starke
Base  und  bildet  dünne  kristallinische  Blättchen
von  rhombischer  Form,  die  sich  in  Äther,  .Alkohol ­
  und  Chloroform  lösen  und  bei  102 0  schmelzen. ­
  Ein  einziger  Tropfen  einer  Lösung,  die  nur
1  mg  P.  enthält,  bewirkt  sofort  eine  starke,  lang
andauernde  Zusammenziehung  der  Pupille.  Man
verwendet  das  P.  daher  in  der  Augenheilkunde,
gewöhnlich  in  Form  des  Sulfates  (schwefelsaures ­
  Physostigmin).
Piassava  (Piassabo,  frz.  Piassave,  engl.  Para
grass,  Monkey  grass),  eine  starke,  äußerst  haltbare ­
  Pflanzenfaser,  die  aus  Brasilien  und
Venezuela  zu  uns  gebracht  wird  und  von  der
Strickpalme,  Attalea  funifera  (Mart.),  abstammt, ­
  besteht  aus  den  zähen  Fasern  der  Blattscheiden,, ­
  die  nach  Zerstörung  der  übrigen  Gewebeteile ­
  durch  die  Atmosphäre  an  den  Stämmen
frei  herabhängen.  Die  fischbeinartig  elastischen,
glanzlosen  Fasern  sind  von  dunkelbrauner  Farbe,
fast  immer  abgeplattet,  bis  zu  1  m,  selten  darüber
lang,  und  0,8—2,5  mm  dick.  In  den  Ursprungsländern ­
  fertigt  man  aus  ihnen  Matten,  Seile  und
Taue,  während  sie  bei  uns  zur  Herstellung  fast
unverwüstlicher  Straßenbesen  (Piassavabesen),
Straßenkehrmaschinen  und  grober  Bürsten  benutzt ­
  wird.  Außerdem  kommt  noch  afrikanische ­
  P.,  von  einer  Palmenart,  Raphia  vinifera,
  auf  den  Markt,  die  aber  spröder  und  daher
weniger  geschätzt  ist,  als  die  brasilianische.
Pichi,  eine  aus  den  getrockneten  Stengeln  und
Blättern  der  in  Chile  heimischen  Nikotianee  Fabiana
  imbricata  bestehende  Droge,  wird  als
Heilmittel  gegen  Krankheiten  der'Schafe  und
Ziegen  empfohlen.  Das  aus  der  P.  hergestellte
Fluidextrakt  findet  gegen  Erkrankungen  der  Leber
und  der  Harnwege  Anwendung.
Pichurimbohnen  (Muskatbohnen,  brasilianische ­
  Bohnen,  lat.  Fabae  pichurim,  frz.
Peves  de  Brasil,  engl.  Beans  of  Brasil)  sind  die
Samenkerne  eines  namentlich  in  Brasilien  wachsenden ­
  lorbeerartigen  Gewächses,  Nectandra
Puchury,  die  in  zwei  Formen,  als  kleine  und
große  P.,  in  den  Handel  kommen.  Die  Pflanzen
Vagen  fleischige  Früchte,  aus  denen  der  Kern
herausgenommen,  von  der  Samenschale  befreit
und  am  Feuer  getrocknet  wird.  Die  gespaltenen,
Picheln  ähnlichen  Stücke  sind  ziemlich  hart,
außen  graubraun,  innen  fleischfarben  gelblich
und  mit  braunen  Punkten  marmoriert  sowie
v on  etwas  mehliger  und  öliger  Beschaffenheit,
'hr  Geschmack  und  Geruch  erinnert  an  ein  Gemisch ­
  von  Muskat  und  Sassafrasholz.  Sie  enthalten ­
  neben  ihrem  aromatischen  Öl  auch  Gerbstoff ­
  und  werden  an  Stelle  der  Muskatnüsse  als
Gewürz  benutzt.  Früher  wurden  sie  gegen  Kolik
u ud  ruhrartige  Zustände  angewandt.
Pikee  (frz.  Piquö,  engl.  Guilting,  Marseille),  ein
baumwollenes  Gewebe,  das  infolge  des  Vorhandenseins ­
  von  abwechselnd  erhöhten  und  vertieften
Stellen  wie  gesteppt  (piquü)  erscheint,  gehört  zu
den  Doppelgeweben,  d.  h.  bei  seiner  Herstellung
Werden  zwei  übereinanderliegende  Ketten,  verwandt, ­
  von  denen  jede  besonderen  Einschuß  erhält. ­
  Die  Verbindung  beider  Ketten  erfolgt  dadurch, ­
  daß  zeitweise  einzelne  Fäden  der  einen
Kette  in  die  andere  verlegt  und  durch  die  Einschußfäden ­

  dieser  Kette  mit  gebunden  werden.
Für  das  obere  Gewebe,  die  rechte  Seite  oder  den
Grund,  verwendet  man  feineres  Garn  und  doppelt
so  viel  Fäden  als  für  das  untere,  das  sog.  Futter.
Die  Stellen  oder-  Linien,  in  denen  die  beiden  Gewebe ­
  miteinander  verbunden  sind,  erscheinen
zwischen  den  übrigen  Teilen  vertieft.  Die  Pikees
sind  entweder  ganz  weiß  oder  einfarbig  und  mit
verschiedenen  Mustern  bedruckt,  oder  durch  verschiedenfarbige ­
  Einschuß-  und  Kettenfäden  gegittert, ­
  gestreift  oder  broschiert  und  werden  zu
Westen,  Unterröcken,  Hausanzügen,  Sommerkleidern, ­
  Vorhemdchen  und  besonders  auch  zu
gemusterten  Bettdecken  verwandt.
Pikrinsäure  (Pikrinsalpetersäure,  Trinitrophenol, ­
  Trinitrophenylsäure,  Tritt ­
  itrokarbolsäu  re,  Köhlens  tickst  off  säure,
Weiters  Bitter,  lat.  Acidum  carbazoticum,  Acidum ­
  picrinicum,  Acidum  picronitricum,  frz.  Acide
nitrophönisique,  engl.  Nitrophenisic  acid),  ein
außerordentlich  wichtiger  Gegenstand  des  Drogen- ­
  und  Färb  warenhandeis,  entsteht  häufig  bei
der  Einwirkung  starker  Salpetersäure  auf  organische ­
  Stoffe  des  Tier-  und  Pflanzenreichs,  und
zwar  sowohl  stickstoffhaltiger  wie  stickstofffreier.
Jeder  gelbe  Fleck  z.  B.,  den  Salpetersäure  auf
Zeugen,  auf  der  Haut  usw.  hervorbringt,  kann
als  durch  P.  entstanden,  betrachtet  werden.  Besonders ­
  reichlich  erhält  man  sie  durch  Behandlung ­
  von  Indigo  mit  Salpetersäure.  Eine  Zeitlang ­
  wurde  die  P.  aus  dem  Botanybaiharz  oder
Akaroidharz,  später  aus  dem  Steinkohlenteer  hergcstellt,
  während  man  jetzt  nur  noch  die  aus
diesem  abgeschiedene,  möglichst  reine,  vom  Kresol
  befreite  Karbolsäure  verwendet.  Das  Phenol
wird  in  konzentrierter  Schwefelsäure  gelöst  und
die  Mischung  in  stark  erwärmte  Salpetersäure
eingetragen,  Worauf  die  P.  nach  dem  Erkalten
in  Form  hellgelber,  glänzender  Schüppchen,
schmaler  Täfelchen  oder  auch  Säulchen  auskristallisiert,
  die  durch  nochmaliges  Auflösen  und
Umkristallisieren  gereinigt  werden  können.  P.
löst  sich  schwer  in  kaltem,  leichter  in  heißem
Wasser,  leicht  in  Alkohol  und  Äther.  Die  Lösungen ­
  besitzen  eine  intensiv  gelbe  Farbe  sowie
äußerst  bitteren  Geschmack  und  wirken  im  Körper ­
  als  ein  Gift.  P.,  C 6 H 2 (0H)(N0 2 ) s ,  schmilzt
bei  122,5°  und  explodiert  bei  raschem  Erhitzen.
Ihre  Säurenatur  beweist  sie  dadurch,  daß  sie  die
Kohlensäure  aus  ihren  Salzen  austreibt.  Im  Handel ­
  hat  man  außer  der  reinen  P.  noch  zwei
weniger  reine,  undeutlich  kristallisierte  Sorten
von  blässerer  Farbe,  in  Form  derber  Massen
oder  Teigform,  die  entweder  infolge  der  Verwendung ­
  unreiner  Karbolsäure  zahlreiche,  beim
Auflösen  in  heißem  Wasser  größtenteils  zurückbleibende
  Verunreinigungen  enthalten,  oder  sogar ­
  mit  Alaun,  Magnesiumsulfat  oder  NatriunL
sulfat  stark  verfälscht  sind.  Der  Nachweis  dieser
Zusätze  beruht  auf  ihrer  Unlöslichkeit  in  Alkohol. ­
  Außerdem  enthält  P.  häufig  Mono-  und
Dinitrophenol,  die  ebenfalls  den  Wert  der  Ware
verringern.  Die  P.  ‘wird  zum  Färben  von  Wolle
und  Seide  benutzt.  Ihr  Färbevermögen  ist  so
groß,  daß  schon  1  g  für  t  kg  Seide  ausreicht.
Gleiche  Verwendung  finden  ihre  Salze,  die  Pikrate, ­
  besonders  das  Natrium-  und  Ammoniumpikrat, ­
  doch  ist  bei  ihnen  äußerste  Vorsicht  am
Platze,  da  sie  sehr  leicht  explodieren.  Wegen
        <pb n="348" />
        ihrer  Explosibilität  werden  die  Pikrate  im  deutschen ­
  Eisenbahnwesen  überhaupt  nicht,  und  Pikrinsäure ­
  nur  dann  befördert,  wenn  auf  dem
Frachtbrief  von  einem  vereideten  Chemiker  bestätigt ­
  ist,  daß  sie  frei  von  pikrinsauren  Salzen  ist.
Pikrotoxin  (lat.  Picrotoxinum,  frz.  Picrotoxine,
engl.  Pikrotoxin),  der  nur  selten  medizinisch  benutzte ­
  Giftstoff  der  Kockeiskörner  (s.  d.),  bildet
ein  feinkristallinisches,  weißes,  äußerst  bitter
schmeckendes  Pulver  oder  sternförmig  gruppierte
Kristallnadeln.  In  kaltem  Wasser  ist  es  schwer,
in  kochendem  Wasser  sowie  in  Alkohol  und  in
Äther  leichter  löslich.
Pilokarpin  (lat.  Pilocarpinum,  frz.  und  engl.
Pilocarpine),  ein  in  den  Jaborandiblättern
(s  d.)  enthaltenes  Alkaloid,  wird  durch  Extraktion ­
  des  mit  Soda  befeuchteten  Blattpulvers  mit
Benzol  und  nachfolgende  Reinigung  mit  Salzsäure ­
  und  Salpetersäure  als  ein  farbloser  Sirup
erhalten.  Es  löst  sich  leicht  in  Wasser,  Alkohol
und  Chloroform,  schwerer  in  Benzol,  aber  nicht
in  Äther.  Die  Lösung  ist  rechtsdrehend.  An
Stelle  der  freien  Base,  die  nicht  kristallisierbar
ist,  wird  das  salzsaure  P.,  richtiger  Chlorwasserstoffpilokarpin
  (lat.  Pilocarpinum  muriaticum
  seu  hydrochloricum),  als  stark  schweißtreibendes ­
  Mittel  medizinisch  verwandt.
Pilze  (Schwämme,  lat.  Fungi,  Mycetes,  frz.
Champignons,  engl.  Mushrooms).  Von  den  zahlreichen ­
  Arten  der  Lagerpflanzen  oder  Thallophyten
  werden  verschiedene  als  Nahrungsmittel ­
  benutzt,  jedoch  ist  ihr  Nährwert  bisweilen
stark  überschätzt  worden.  Wegen  ihres  großen
Wasserreichtums  von  87—94  °/o  enthalten  sie  an
eigentlichen  Nährstoffen  nur  1—5  °/o  Stickstoff-Substanz,
  0,2—0,7%  Fett,'3—5%  Kohlenhydrate
und  i°/o  Asche,  und  überdies  besteht  die  Stickstoffsubstanz ­
  nicht  ,  aus  reinem  Eiweiß,  sondern
zum  großen  Teil  aus  Säureamiden  und  Amidosäuren,
  welche  für  die  Ernährung  nur  beschränkten ­
  Wert  haben.  Ist  somit  auch  ohne  weiteres
klar,  daß  die  Pilze  die  überschwengliche  Bezeichnung ­
  „das  Fleisch  im  Waide“  nicht  verdienen,
so  bilden  sie  doch  als  Gemüse  und  Genußmittel
eine  nicht  unwichtige  Handelsware.  Bei  ihrem
Einkauf  ist  zu  berücksichtigen,  daß  mehrere
stark  giftige  P.  den  gebräuchlichsten  eßbaren
sehr  ähneln,  so  der  Knollenblätterschwamm
dem  Champignon,  der  Satanspilz  dem
Steinpilz,  die  Lorchel  der  Morchel.  Nähere
Angaben  hierüber  finden  sich  in  den  besonderen
Besprechungen.  Außer  den  genannten  finden
noch  Pfifferlinge  und  Trüffeln  vielfache  Verwendung. ­
  Die  P.  kommen  sowohl  in  Dosen  eingekocht, ­
  wie  in  getrocknetem  Zustande  in  den
Handel  und  sind  dann  meist  mit  genügender
Sorgfalt  ausgesucht  und  einwandfrei.  Unter  den
getrockneten  sollen  allerdings  bisweilen  Verfälschungen ­
  durch  geringwertigere  Sorten  und
Wasserrosenstengel  beobachtet  worden  sein.
Piment  (Neugewürz,  Nelkenpfeffer,  Jamaikapfeffer, ­
  Neue  Würze,  Englischgewürz, ­
  lat.  Fructus  amomi,  frz.  Piment,  engl.
Allspice,  Clove  pepper,  Pimento)  nennt  man  die
unreif  geernteten  Früchte  des  Pimentbaumes
oder  der  Nelkenpfeffermyrte,  Pimenta  officinalis,
  Myrtus  pimenta  L.,  einer  in  Südamerika ­
  und  Westindien  heimischen  Myrtazee,
die  in  ein-  bis  dreifächerigen  Beeren  kugelförmige ­

  Samen  enthält.  Die  noch  grün  gepflückten,
erbsengroßen  Beeren  werden  an  der  Sonne  getrocknet ­
  und  zeigen  dann  eine  braune,  feinwarzige
Oberfläche.  Sie  enthalten  außer  ätherischem
Öle  Harz,  Gerbstoff,  Fett,  Gummi,  Zucker,  Äpfelund
  Gallussäure.  Das  Pulver  unterliegt  denselben
Verfälschungen  wie  der  Pfeffer.  An  Stelle  der
ganzen  Körner  werden  bisweilen  minderwertige
Früchte  verwandter  Arten,  mexikanischer  oder
spanischer  Piment  von  Eugenia  Tabasco,
und  Kron-P.  von  Pimenta  acris  unterschoben.
Eine  künstliche  Färbung  durch  Eisenoxyd  muß
gekennzeichnet  werden.  P.  ist  ein  beliebtes  Küchengewürz. ­

Pimentöl  (Nelkenpfefferöl,  lat.  Oleum
amomi,  frz.  Essence  de  piment,  engl.  Oil  of  pimento), ­
  das  aus  dem  Piment  durch  Destillation
mit  Wasserdampf  gewonnene  ätherische  Öl,  bildet
eine  gelbe  bis  bräunliche,  dickliche  Flüssigkeit
vom  spez.  Gew:  1,024—1,055  und  stark  gewürzigem
  Geruch,  Es  besteht  hauptsächlich  aus
Eugenol  (s.  d.)  und  wird  bei  der  Herstellung
aromatischer  und  bitterer  Liköre  verwandt.  Die
Ausbeute  beträgt  3—4,5  °/o.
Pimpinellwurzel  (Biberneilwurzel,  lat.  Radix ­
  pimpinellae,  frz.  Racine  de  saxifrage,  engl.
Pimpernell  root)  stammt  von  den  beiden  bei
uns  häufig  wild  wachsenden  Umbelliferen
Pimpinella  magna,  der  großen,  und  Pimpinella
  saxifraga,  der  gemeinen  Biberneil.
Die  erstere  wächst  häufig  auf  Wiesen,  unter  Ge
büsch,  an  Rändern  und  lichten  Stellen  der  Wälder, ­
  die  andere  auf  trockenem,  sandigem  Boden,
Triften,  Hügeln  und  Wegrändern.  Die  Wurzeln
sind  im  Frühjahr  von  älteren  Pflanzen  zu  graben
und  enthalten  Pimpinellin  und  ätherisches
Öl.  Der  Geruch  ist  stark,  widerlich  gewürzhaft,
der  Geschmack  scharf  und  brennend.  P.  wird
in  Form  von  Tinktur  und  Extrakt  gegen  Heiserkeit, ­
  Husten  und  Magenkatarrh  angewandt,  zum
Hausgebrauch  auch  wohl  mit  Branntwein  angesetzt. ­

Pinchbeck,  eine  der  zahlreichen  goldähnlichen
Kupfer-Zink-Legieruhgen,  ist  dem  Tombak  ähnlich ­
  zusammengesetzt.
Pingo-Pingowurzel  (Pinco-Pinco),  die  Wurzel ­
  von  Ephedra  andina,  bildet  ziemlich  lange,
etwas  hin  und  her  gebogene  Stücke  von  etwa
5  mm-  Durchmesser.  Die  Rinde  ist  hellbraun
und  blättrig,  das  Innere  zeigt  auf  dem  Querschnitte ­
  eine  zierliche,  aus  braunen  und  gelben
Strahlen  bestehende  Zeichnung,  der  Geschmack
ist  schwach  bitter.  Die  aus  Peru  und  Chile  eingeführte ­
  Wurzel  soll  als  Heilmittel  gegen  Steinund
  Harnbeschwerden  Anwendung  finden.
Piniolen  (Pineolen,  Pignolen)  sind  die  Piniennüsse, ­
  richtiger  -kerne  aus  den  Zapfen
der  Pinie  (Pinus  Pinea),  eines  schönen,  nur
im  Süden  Europas,  Italien,  Spanien,  Südfrankreich, ­
  gedeihenden  Nadelbaums  mit  schirmförmiger ­
  Krone.  Die  doppelt  faustgroßen,  eiförmigen, ­
  aufrechtstehenden  und  nicht  unter  zwei
Jahren  reifenden  Zapfen  bergen  am  Grunde
ihrer  Schuppen  je  zwei  Samen,  die  im  Verhältnis
zur  Frucht  auch  größer  und  inhaltreicher  sind,
als  die  in  unseren  Nadelholzzapfen.  Sie  sind
etwa  1  cm  lang,  schmal  und  etwas  gekrümmt,  an
beiden  Enden  zugerundet  und  enthalten  unter
der  rotbraunen  Oberhaut  einen  milchweißen,
        <pb n="349" />
        Pink  couleur

343

Pinsel

öligen  Kern,  der  den  Nüssen  und  Mandeln  ähnlieh
  aussieht  und  schmeckt,  allerdings  mit  einem
leisen,  feinen  Beigeschmack  nach  Harz.  Zum
Versand  werden  sie  in  geteerte  Säcke  verpackt
und  außer  von  Italien,  besonders  Sizilien,  noch
von  der  Levante,  Marseille,  Barcelona  aus  in
den  Handel  gebracht.
Pink  couleur  (Nelkenfarbe,  Minerallack),
ein  feines,  schweres  Pulver  von  schön  rosenroter ­
  Farbe,  bildet  eine,  hellem  Krapplack  ähnliche, ­
  schöne,  dauerhafte  Farbe  zum  Bemalen
und  Bedrucken  von  Porzellan  und  Fayence  sowie
zur  Erzeugung  farbiger  Glasuren  von  dunkelviolett ­
  bis  rosa.  Auch  als  Öl-  und  Wasserfarbe
sowie  zur  Bereitung  farbiger  Papiere  findet  sie
Verwendung.  Der  Farbstoff  ist  seinem  Wesen
nach  ein  durch  Chromsäure  gefärbtes  Glas  aus
Zinnoxyd,  Kieselsäure  und  Kalk  und  wird  durch
Glühen  von  rotem  chromsauren  Kali,  Quarz-  und
Kreidepulver  mit  Zinnoxyd  dargestellt.
Pinkops  heißen  die  von  der  Spinnmaschine
fertig  gelieferten  Kötzer  von  baumwollenem
Schußgarn,  welche  direkt  in  die  Schütze  des
mechanischen  Webstuhls  eingelegt  werden.
Pinksaiz  (Ammoniumzinnchlorid,  Zinnchloridchlorammonium, ­
  lat.  Stannum  bichloratum
  ammoniatum,  frz.  Bichlorure  d’ötain
ammoniacal,  engl.  Pink-salt)  besteht  aus  einer
Verbindung  von  Zinnchlorid  (Zinntetrachlorid)
mit  Salmiak  und  wird  durch  Mischung  heißer
konzentrierter  Lösungen  beider  Bestandteile  hergestellt.
  Es  bildet  ein  in  Wasser  leicht  lösliches
kristallinisches  Pulver,  oder  beim  Arbeiten  mit
verdünnteren  Lösungen  größere  Wasserhelle  glänzende ­
  Kristalle.  Die  Wirkung  dieses  besonders
als  Beize  beim  Hellrotfärben  (Rosasalz)  benutzten ­
  Doppelsalzes  besteht  darin,  daß  sich  beim
Kochen  von  Stoffen  mit  der  Lösung  Zinnoxyd
festhaftend  auf  die  Faser  niederschlägt  und  als
Grund  für  Aufnahme  'der  Farbe  dient.
Pinsel  (frz.  Pinceaux,  engl.  Pencils).  Man
unterscheidet  Haar-  und  Borstpinsel,  von
denen  die  letzteren  in  ihrer  Verwendbarkeit
Und  infolgedessen  auch  im  Verbrauch  die  größere ­
  Bedeutung  haben.  Die  Borstpinsel  sind
dein  Lackierer  und  Anstreicher  wie  dem  Dekorationsmaler ­
  unentbehrliche  Hilfsmittel  bei  Ausübung ­
  ihres  Gewerbes,  und  zwar  hauptsächlich
die  größeren  Arten  aus  weißer  Borste  in  Holzkluppen, ­
  Eisenkapseln  oder  Eisenringen,  die
unter  der  allgemein  üblichen  Bezeichnung  geschliffene ­
  Borstpinsel  bekannt  sind.  Neben
diesen,  besonders  zum  Lackieren  dienenden  P.,
"jverden  in  .der  gleichen  Art  Pinsel  aus  falber
ß°rste  hergestellt,  die  hauptsächlich  beim  Auflagen ­
  von  Flüssigkeiten,  wie  Farbe,  Firnis,
f-oim,  Teer  usw.  angewandt  werden  und  unter
dem  Fachausdruck  Anstreichpinsel  gehen,
pudere  Borstpinsel,  die  in  den  verschiedensten
v  orrnen  und  in  breite  Bleche  gefaßt,  hergestellt
'J’erden,  sind  dem  Fachmann  unter  dem  Namen
Maserier-,  Zacken-  oder  Gabelpinsel,  Modbp,
 r &amp;gt;  Clairets.  ölfarbvertreiber  usw.  bekannt.
~me  besondere  Sorte  unter  den  breiten  Pinseln
bdden  die  sog.  Schläger  aus  längster  kräftiger
Russischer  Borste  (Schlägerborste),  die  dem
Lackierer  zur  Herstellung  von  Holzmaserungen
bienen.  —  Die  Haarpinsel  sollen  den  verschiedenartigsten ­

  Ansprüchen  genügen,  und  ebenso
verschiedenartig  ist  auch  Größe  und  Material
derselben.  Für  die  Ölmalerei,  wozu  auch  die
Porzellanmalerei  zu  rechnen  ist,  werden  in
der  Hauptsache  Pinsel  aus  den  Schweifhaaren  des
russischen  Kolinskys  (Rotmarderpinsel),  des
deutschen  und  russischen  Iltis  (Iltispinsel)
und  des  russischen  Eichhörnchens  (Fehhaarpinsel), ­
  aus  den  feinen  Ohrenhaaren  des  Rindes ­
  (Rindshaarpinsel)  und  aus  den  Fell-  und
Schweifhaaren  des  Zobels  und  Ichneumons
(Zobel-  und  Ichneumonspinsel)  gefertigt  und
teils  in  Kiele  der  verschiedensten  Größen  -—  vom
kleinsten  Taubenkiel  an  bis  hinauf  zum  stärksten
Schwanenkiel  ■—  sowie  in  Blech-,  Nickel-  oder
versilberte  Zwingen  gefaßt.  Die  Pinsel  in  Zwingen, ­
  auf  Holzstielen  befestigt,  werden  sowohl
in  runder  Form,  als  auch  flach  gedrückt,  verwandt. ­
  Früher  wurden  auch  für  gewisse  Zwecke
Pinsel  aus  Braunmarderhaaren  —  vom  Baumund ­
  Steinmarder  —  sowie  aus  Fischptterhaaren
  hergestellt,  doch  sind  diese  in  der  Hauptsache ­
  durch  Iltispinsel  verdrängt  worden.  Für
die  Ölmalerei  werden  mit  Vorliebe  auch  Pinsel
aus  Borsten,  in  runde  oder  flachgedrückte  Zwingen ­
  gefaßt  und  auf  Holzstielen  befestigt,  verwandt. ­
  Die  Borsten  für  diese  Art  Pinsel  sind  von
ausgesuchter  Güte  und  eigens  für  diesen  Zweck
vorgerichtet.  —  In  der  Aquarellmalerei  werden ­
  außer  den  vorerwähnten  Pinseln  für  die
Ölmalerei  noch  solche  aus  Dachshaaren  gebraucht. ­
  Sie  sind  entweder  in  Kiele  (runde
Dachsvertreiber  genannt)  oder  in  breite
Bleche  (breite  Dachsvertreiber)  gefaßt  und
dienen,  wie  schon  der  Name  sagt,  zUm  Vertreiben
oder  Lasieren  der  Farben.  —  Nicht  unwichtig
sind  ferner  die  Ziegenhaare,  die  zur  Herstellung ­
  der  billigeren  Sorten  Haarpinsel  erforderlich
sind  sowie  die  Haare  des  schwarzen  Bären,
die  zu  mancherlei  Pinselarten,  in  der  Hauptsache
jedoch  zu  Lackierpinseln  (Fischpinseln),  Verwendung ­
  finden.  Unter  dieselbe  Abteilung  fallen
auch  die  Pinsel  aus  Iltis-  und  Fischotterhaaren,
auf  die  wohl  die  allgemeine  Benennung  Fischpinsel ­
  zurückzuführen  ist.  —  Hinsichtlich  der
Gewinnung  und  ‘Zubereitung  der  Haare,  insbesondere ­
  der  Borsten,  seien  noch  folgende  Mitteilungen ­
  angefügt:  Die  Barsten  unterliegen,
ebenso  wie  die  Haare,  von  ihrem  Rohzustände  an
bis  zu  ihrer  Verarbeitung  zu  Pinseln  einer  sorgfältigen ­
  Behandlung.  Während  die  Haare,  um
sie  von  allen  Unreinigkeiten,  wie  z.  B.-i  Fett,  zu
befreien,  in  Säuren  gelegt,  oder  wie  besonders  die
edleren  Haarsorten  Rotmarder,  Iltis  usw.  in  einer
großen,  mit  Zedernholzspänen  ungefüllten  und
durch  ein  darunter  angelegtes.  Feuer  erwärmten
Trommel  „geläutert“  werden,  muß  die  Pinselborste ­
  bis  zu  ihrer  Verarbeitung  eine  bei  weitem
umfangreichere  Behandlung  durchmachen,  die
unter  Borsten  beschrieben  worden  ist.  —  Um
auch  billige  Borstenpinsel  hersteilen  zu  können,
mischt  man  den  Borsten,  je  nach  der  Preislage,
Pferde-  oder  Kuhhaare  bei,  die^  ebenfalls  vor
ihrer  Verwendung  gereinigt  und  gekocht  werden
müssen.  Die  steife  und  halbsteife.  Ware  ver
wendet  hauptsächlich  der  Bür^tenfabrikant.  Die
Art  der  Behandlung  ist  die  gleiche  wie  bei  den  zu
Pinseln  bestimmten  Borsten.  S.  auch  Borsten
und  Haare.
        <pb n="350" />
        Piperazin

344

Plastilin

Piperazin  (lat.  Piperazinum,  frz.  Piperazine,
engl.  Piperazin),  ein  neueres  Arzneimittel,  wird
durch  Behandlung  von  Äthylenbromid  mit  Ammoniak, ­
  nachfolgendes  Erwärmen  mit  Natriumnitrit ­
  und  Zersetzung  des  entstehenden  Dinitroso-P.
  als  eine  farblose  Kristallmasse  dargestellt.  Die
als  Diäthylendiamin,  (C 2 H 4  .  NH) 2 ,  anzusprechende ­
  Verbindung  zieht  leicht  Wasser  und
Kohlensäure  an,  schmilzt  bei  104—107  0  und  siedet
bei  145°.  P.,  wie  auch  sein  salizylsaures  und
milchsaures  Salz,  wird  als  harnsäurelösendes
Mittel  bei  Gicht,  Steinbeschwerden  und  Zuckerkrankheit ­
  verordnet.
Piperin  (lat.  Piperinum,  frz.  Piperine,  engl.  Piperin), ­
  die  im  schwarzen,  weißen  und  langen
Pfeffer  enthaltene  stickstoffhaltige  Base,  C 17 H 19 .
N0 3 ,  bildet  kleine,  farblose,  glasglänzende  Kristallnadeln, ­
  die  in  Wasser  selbst  in  der  Siedehitze ­
  nur  wenig  löslich  sind,  sich  dagegen  leicht
in  kochendem  Weingeist,  Benzol,  Chloroform  und
Äther  lösen.  Das  P.  ist  geruchlos  und  geschmacklos, ­
  wird  aber  durch  Kochen  mit  alkoholischer
Kalilauge  in  Piperidin  und  piperinsaures  Kalium ­
  verwandelt,  von  denen  ersteres,  eine  stark
basische  Flüssigkeit,  nach  Pfeffer  riecht.  —  Sumatrapfeffer ­
  soll  etwa  8°/o,  Singaporepfeffer  7%,
Penangpfeffer  5  “/o  und  weißer  Pfeffer  durchschnittlich ­
  9  0/0  P.  enthalten.  P.  und  Piperidin
werden  .bisweilen  medizinisch,  hauptsächlich  aber
zur  Darstellung  von  Heliotropin  (s.  unter  Piperonal) ­
  verwandt.
Piperonal  (Methylenprotokatechualdehyd,
  Heliotropin)  entsteht  bei  der  Oxydation
von  Isosafrol  in  Form  weißer  Kristalle,  die
bei  35—37 0  schmelzen,  bei  263°  sieden  und  als
Parfüm  verwandt  werden.  Neuerdings  wird  P.
bisweilen  an  Stelle  des  Vanillins  untergeschoben.
Pipi  -raiz,  die  Wurzel  der  in  Brasilien  einheimischen ­
  Phytolakzee  Petiveria  hexaglochin,
  bildet  hin  und  her  gebogene  Stücke
von  graubrauner  Farbe  und  3—6  mm  Dicke  und
wird  im  Ursprungslande  medizinisch  angewandt.
Pipitzahoinwurzel  (lat.  Radix  pipitzahoinae,
Radix  pereziae,  frz.  Racine  pipitzah.uac,  engl.
Pipitzahuak  root),  eine  aus.  Mexiko  kommende,
stark  abführend  wirkende  Wurzel,  stammt  von
mehreren  Arten  der  'Gattung  Perezia,  namentlich ­
  von  Perezia  Schaffneri,  Perezia  rigida
und  Perezia  oxylepsis.  ihr  wirksamer  Bestandteil, ­
  die  Pipitzahoinsäure  oder  das  Perezon,
  ein  Allylderivat  des  Oxybenzochinons,  bildet ­
  kleine,  schön  goldgelbe  Kristallblättchen,
die  bei  103—104 0  schmelzen  und  gleichzeitig
schon  zu  sublimieren  anfangen.  Die  Säure  löst
sich  leicht  in  Alkohol,  Äther,  Chloroform  und
Benzol  und  gibt  mit  Alkalien  Salze,  deren  Lö- ;
sungen  tiefrot-violett  gefärbt  sind.  Verwendung
finden  die  Wurzel  und  die  Säure  als  kräftig  abführendes ­
  Mittel,  namentlich  bei  Hämorrhoidalleiden.
  &amp;gt;
Pistazien  (grüne  Mandeln,  lat.  Nuces  pistaciarum,
  frz.  Pistaches,  engl.  Pistachio  nuts)  sind
die  Fruchtkerne  oder,  wenn  diese  noch  in  ihrer
harten  Schale  liegen,  die  ganzen  Steinfrüchte  der
echten  Pistazie  (Pisfacia  vera),  eines  kleinen,
zu  den  Terebinthazeen  gehörenden  Baumes,
der  in  Arabien,  Syrien  und  Persien  heimisch
ist.  aber  auch  in  Kleinasien,  in  N  ordafrika  (Tunis)
und  namentlich  auf  Sizilien  angebaut  wird.  Der

Baum  hat  männliche  und  weibliche  Blüten  auf
besonderen  Stämmen  verteilt,  so  daß  zur  Befruchtung ­
  auch  männliche  Pflanzen  mitgehalten  werden ­
  müssen.  Die  Früohte  sind  länglich  zugespitzt,
von  der  Größe  und  Form  einer  Hasel-  oder  Lambertsnuß, ­
  haben  äußerlich  ein  dünnes,  runzliges
l'ederartiges  Fleisch  von  grünlicher  oder  rötlicher
Farbe  und  innerhalb  Ider  holzig  harten,  zweiteiligen ­
  Schale  einen  'länglichen,  dreikantigen  Kern,
der  von  einer  graurötlichen  Samenhaut  umschlossen ­
  ist.  Die  beiden  Keimlappen  besitzen  durch
ihre  ganze  Masse  'eine  hübsche  mehr  oder  weniger ­
  grüne  Färbung.  Der  Geschmack  des  ölreichen ­
  Kerns  ist  dem  der  süßen  Mandeln  ähnlich, ­
  aber  noch  süßer  und  öliger  und  mit  einem
besonderen  angenehm  bitterlichen  Beigeschmack.
Je  nachdem  die  ganzen  Früchte  oder  die  entsohälten
  Kerne  zugegen  sind,  unterscheidet  man
Pistaziennüsse  und  Pistazienkerne.  Die  levantische
  Ware  gilt  als  die  bessere,  kommt  aber
selten  oder  doch  nicht  unvermischt  zu  uns.
Meist  finden  sich  sizilische  P.  im  Handel,  deren
Kerne  außen  violett,  innen  grün  erscheinen  und
sehr  veränderliche  Größe  zeigen.  DiekleinenKerne
von  Tunis  sind  außen  rötlich,  innen  lebhaft  grün,
und  werden  deshalb  von  Konditoren  sehr  gesucht,
während  die  großen,  aber  innen  gelben  Aleppo-P.
  wenig  begehrt  sind  und  häufig  durch  grün
gefärbte  Mandeln  ersetzt  werden.  Außerdem
dienen  die  P.  wie  Mandeln  als  Dessert,  Zusatz
zu  Magenmorsellen  u.  dgl.  Die  Ware  ist  nicht
lange  haltbar,  sondern  wird  infolge  ihres  starken
Ölgehaltes  leicht  ranzig.
Pittakal  (Eupittonsäure),  ein  Farbstoff,  der
schon  längst  als  ein  bereits  fertig  gebildeter  Bestandteil ­
  des  Holzteers  bekannt  ist,  aber  auch
durch  Oxydation  von  Pyrogalloläther  und  Methylpyrogalloläther
  künstlich  hergestellt  werden
kann,  ist  seiner  chemischen  Zusammensetzung
nach  als  Hexaoxymethylaurin  zu  betrachten.  Das
P.  ist  mehrfach  für  die  Färberei  empfohlen'worden, ­
  hat  sich  aber  bis  jetzt  noch  nicht  einbürgem
können.  Es  färbt  tierische  Fasern  in  saurer  Lösung ­
  orange,  in  ammoniakalischer  und  besonders
bei  Gegenwart  von  Zinnbeize  blauviolett.  Das  aus
Holzteer  bereitete  P.  bildet  blaue,  dem  Indigo
ähnliche,  in  Wasser  unlösliche  Stücke,  das  künstliche ­
  eine  kristallinische  Masse.  Die  alkalischen
Lösungen  sind  blau  und  werden  durch  Zusatz
von  Essgisäure  rot.
Plantox-Kraft-Extrakt  ist  ein  fleischextraktähnliches ­
  Erzeugnis,  das  aber  neben  45  °/o  Kochsalz ­
  nur  etwa  50/0  Fleischextrakt  enthält,  während
die  übrigen  Teile  aus  Hefe  oder  anderen  Pflanzen
stammen.
Plasmon,  ein  neueres  Nährmittel,  wird  durch
Behandlung  von  Kasein  mit  Natriumbikarbonat
hergestellt  und  besteht  aus  löslichem  Kaseinnatrium. ­
  P.  wird  auch  als  Siebolds  Milcheiweiß ­
  bezeichnet.
Plastilin  (Plastizin)  nennt  man  verschieden
gefärbte  Modelliermassen,  die  als  Grundlage  weißen ­
  Bolus,  Zinkoxyd,  Stärke  und  Schwefelblumen,
als  Bindemittel  fette  Öle,  Fettsäuren,  Wachs.
Lanolin,  Terpentin  u.  dgl.  enthalten.  Aus  einem
Gemisch  von  40  g  Schwefelblumen,  10  g  weißem
Bolus,  20  g  Weizenstärke  und  I  g  Ultramarin  erhielt ­
  man  durch  nacheinander  folgendes  Verkneten ­
  mit  io  g  Stärkekleister,  je  s  g  Wachs,  La ­
        <pb n="351" />
        Platin

345

Plattierte  Waren

nolin  und  Terpentin  eine  dem  vorgelegten  Muster
sehr  ähnliche  Masse.
Platin  (Platina,  lat.  Platinum,  frz.  Platine,
engl.  Platinum),  das  bekannte  Edelmetall  und
unentbehrliche  Hilfsmittel  des  Chemikers,  Physikers ­
  und  Technikers,  wurde  in  der  Mitte  des
18.  Jahrhunderts  in  dem  goldhaltigen  Sande  des
Rio  Tinto  in  Neugranada  und  anderer  mexikanischer ­
  und  südamerikanischer  Flüsse  entdeckt.
Man  hielt  es  anfangs  für  ziemlich  wertlos  und
nannte  es  nach  dem  spanischen  Namen  für  Silber
(Plata)  Platina,  d.  h.  Kleinsilber.  Im  Jahre  1822
wurden  ergiebige  Lager  im  Ural  und  später  in
Kalifornien  und  Australien  erschlossen,  während
die  vereinzelten  deutschen  Vorkommnisse  in  Ibbenbüren ­
  und  Wilhelmshütte  im  Harz  nur  geringe
Bedeutung  besitzen.  Das  P.  findet  sich  in  der
Natur  stets  im  metallischen  Zustande,  aber  nicht
rein,  sondern  in  Legierung  mit  einer  Reihe  nahe
verwandter  Elemente:  Iridium,  Palladium,  Rhodium, ­
  Osmium  und  Ruthenium,  mit  denen  es
tu  der  Gruppe  der  Platinmetalle  zusammengefaßt ­
  wird.  Meist  sind  die  Flitter  und  Körnchen
dieser  Legierungen  in  dem  Schwemmsande  der
Flüsse,  den  Seifen,  mit  Resten  von  Mineralien
vermischt  oder  auch  zu  größeren  Konglomeraten
verwachsen  und  verkittet,  die  als  Platinerze
bezeichnet  und  nach  ihrem  Platingehalte  (zwischen ­
  60  und  80  0/0)  in  verschiedene  Wertstufen
unterschieden  werden.  Zur  Reindarstellung  des
P.  werden  die  Erze  zunächst  mit  heißer  Salzsäure
von  den  unedlen  Metallen,  darauf  mit  kaltem
Königswasser  vom  Golde  befreit  und  schließlich
mit  heißem  Königswasser  behandelt.  Di^  Lösung, ­
  die  mit  Ausnahme  von  Iridosmium  alle
Platinmetalle  enthält,  wird  mit  Ammoniak  und
Salmiak  gefällt  und  der  Niederschlag  durch
Glühen  in  iridiumhaltigen  Platinschwamm  verwandelt. ­
  Nach  dem  Verfahren  von  Heraeus
Mst  man  die  Platinerze  in  verdünntem  Königswasser ­
  unter  Druck,  dampft  die  Lösung  ein  und
erhitzt  den  Rückstand  auf  125°,  wodurch  Palladium- ­
  und  Iridiumchlorid  in  die  Chlorüre  übergeführt ­
  werden.  Nach  dem  Aufnehmen  mit  Salzsäure ­
  und  Fällen  mit  Chlorammonium  erhält  man
uun  das  P.  ziemlich  frei  von  Iridium.  Noch  andere ­
  Verfahren  bedienen  sich  des  Ätznatrons  oder
des  Ätzkalkes,  um  aus  der  zuerst  mit  Königswasser ­
  erhaltenen  Lösung  das  Eisen,  Kupfer,  Iridium ­
  und  Rhodium  auszufällen.  Der  nach  der
®)hen  oder  anderen  Arbeitsweise  erhaltene  P.-Bchwamm
  bildet  nach  dem  Zerreiben  ein  graues
Pulver,  das  nur  bei  der  Hitze  des  Knallgasgobläses
  in  Tiegeln  oder  vertieften  Herden  aus
Sebranntem  Kalk  geschmolzen  werden  kann.  Die
S e &amp;amp;chmolzene  Masse  besitzt  eine  grauweiße  Farbe
Un d  ein  spez.  Gew.  von  21,4.  Sie  ist  so  gefügig
u nd  bearbeitbar  wie  das  beste  Kupfer,  zähe  und
geschmeidig,  läßt  sich  gießen  und  hämmern,  zu
“habt  ausziehen  und  zu  Blech  walzen.  Das
^■tomgewicht  beträgt  Pt=  194,8.  Für  die  meisten
jGvecke  der  Praxis  ist  ein  gewisser  Iridiumge-«alt
  vorteilhaft,  da  Legierungen  mit  10—150/0
hidium  der  Hitze  und  den  Säuren  besser  widerstehen, ­
  und  solche  mit  20  °/o  Iridium  sind  selbst
ge gen  Königswasser  unangreifbar.  Wegen  seiner
''ortrefflichen  Eigenschaften,  seiner  Beständig-•feit
  gegen  Feuer  und  Chemikalien  wird  das  P.
zahlreichen  Geräten  des  chemischen  Laboratoriums ­

  :  Blechen,  Tiegeln,  Retorten  und  Schalen ­
  verarbeitet.  Flußsäure  wird  in  Platinflaschen
aufbewahrt  und  Schwefelsäure  in  Platinkesseln
eingedampft.  Allerdings  sind  bei  seiner  Verwendung ­
  gewisse  Vorsichtsmaßregeln  zu  beobachten. ­
  Das  Platin  muß  in  erster  Linie  vor  der
Berührung  mit  glühenden  Kohlen  und  rußenden
Flammen  geschützt  werden,  weil  es  sonst  durch
■Bildung  von  Kohlenstoff-Platin  brüchig  wird.
Auch  darf  es,  nicht  zum  Schmelzen  von  Metallen
(besonders  Blei)  und  von  ätzenden  Alkalien  sowie ­
  zum  Arbeiten  mit  Chlor,  Brom,  Jod,  Phosphor ­
  und  Schwefel  benutzt  werden.  —  In  einer
besonders  feinen  Verteilung,  Platinschwamm,
erhält  man  das  Metall  beim  Glühen  von  Platinsalmiak, ­
  und  in  Form  eines  höchst  feinen  schwarzen ­
  Pulvers,  Platinmohr  und  Platinschwarz,
wenn  man  die  mit  Kalilauge  vermischte  Lösung
in  Königswasser  mit  Alkohol,  Zucker  oder  Zink
reduziert.  Dieses  Pulver  hat  die  Eigenschaft,
große  Mengen  Sauerstoff,  bis  zum  toofachen
seines  Volumens,  in  seinen  Poren  zu  verdichten
und  dadurch  in  einen  weit  aktiveren  Zustand  zu
versetzen.  Es  wird  daher  im  Schwefelsäüre-Kontaktverfahren
  und  zur  Herstellung  selbsttätiger
Gaszünder  verwandt.  —  Das  Platin  dient  außer
zu  den  genannten  chemischen  Gerätschaften  zur
Herstellung  von  Normalmaßen,  ferner  auch  in
Legierung  mit  Gold  oder  Silber  in  der  Zahntechnik ­
  und  zum  Platinieren  anderer  Metalle  für
Blitzableiterspitzen,  Wageschalen  und  Gewichtssätze, ­
  in  Form  seiner  Verbindungen  (s.  Platinchlorid) ­
  zum  Tonen  in  der  Photographie  statt
der  Goldbäder,  zum  Bemalen  von  Porzellan  und
Steingut  und  zur  Herstellung  von  Spiegeln.  Der
Preis  ist  außerordentlich  schwankend  und  soll
durch  Einschränkung  der  russischen  Gewinnung
absichtlich  hoch  gehalten  werden.  Im  Jahre  1914
betrug  er  6  M.  für  1  g,  die  Ausbeute  7000  kg.
Platinchlorid  (Chlorplatin,  lat.  Platinum
chloratum,  frz.  Chlorüre  de  platine,  engl.  Chloride ­
  of  Platinum)  wird  durch  Auflösen  von  Platinmetall ­
  in  heißem  Königswasser  und  vorsichtiges
Eindampfen  in  Form  dunkelroter  Kristalle  erhalten, ­
  die  sich  in  Wasser  mit  gelber  Farbe  lösen.
P.  dient  zur  Herstellung  von  Platinlüster  auf
Glas  und  Porzellan,  in  der  analytischen  Chemie
zur  quantitativen  Bestimmung  des  Kaliums,  in
der  Photographie  zu  Tonbädern  und  zur  Herstellung ­
  von  Platinpapieren.
Platinoid,  eine  Metalllegierung,  besteht  aus
Neusilber  (Argentan)  mit  einem  Gehalt  von  1  bis
2  0/0  Wolframmetall.
Plattierte  Waren  sind  Metallgegenstände  aus
einem  geringwertigen  Metalle,  das  mit  Blättchen ­
  oder  dünnem  Blech  eines  wertvolleren
Metalles  überzogen  ist.  Kupfer  oder  Neusilber
bilden  meist  die  Grundmasse,  Silber,  seltener
Gold,  die  Decke.  Das  Plattieren,  das  vor  150
Jahren  in  England  aufkam,  hat  seit  Einführung
des  Neusilbers  und  der  vernickelten  Waren  sowie ­
  seit  dem  Auftreten  der  galvanischen  Versilberung ­
  sehr  an  Bedeutung  verloren.  —  In  der
Regel  werden  die  zur  Herstellung  plattierter
W.  bestimmten  Bleche  von  unedlem  Metall
gleich  mit  etwa  papierdicken  Silberblättern  (!/ 40
bis  i/ro  vom  Gesamtgewichte)  belegt,  indem  man
das  Blatt  über  die  Ränder  der  Platte  umbiegt,
beide  über  Kohlenfeuer  glüht  und  durch  An ­
        <pb n="352" />
        BKÜWSSiS

Plüsch

346

Pomeranzen

reiben,  später  durch  mehrmaliges  Walzen  im
glühenden  Zustande  die  feste  Verbindung  herstellt. ­
  Eiserne,  nicht  aus  Blech  bestehende  Gegenstände, ­
  wie  Teile  von  Wagengeschirren  und
Reitzeug,  Türgriffe,  Eßbestecke  u.  dgl.  wurden
früher  mit  Hilfe  von  Zinn  plattiert,  das  als  Lötmittel
  zwischen  Silber  und  Eisen  trat.  Jetzt  werden ­
  diese  Gegenstände  meist  vernickelt.
Plüsch  (frz.  Peluche,  engl.  Plush,  Shag),  einsamtartiger ­
  Stoff,  der  sich  vom  eigentlichen  Samt
(s.  d.)  nur  durch  die  bedeutend  längere  Behaarung ­
  unterscheidet,  wird  sowohl  ganz  in  Seide
als  auch  in  Wolle,  Baumwolle  und  neuerdings
auch  in  Leinen  hergestellt.  Doppelplüsch  zeigt
beiderseitige,  doch  auf  der  inneren  Seite  kürzere
Behaarung  und  gelangt  in  verschiedenen  Farben,
wie  auch  bedruckt  in  den  Handel.  Zur  Nachahmung ­
  von  Pelzwerk  bestimmter  P.  führt  besondere ­
  Namen,  wie  Astrachan  oder  falscher
Krimmer.
Podophyllin  (lat.  Podophyllinum,  frz.  Resine
de  podophyllum,  engl.  Resin  of  podophyllum),
der  wirksame  Bestandteil  der  P  odophyllumwurzel,
  in  der  er  zu  2—zt/gO/o  enthalten  ist,
kommt  als  amorphe,  dunkelbraune,  harzartige
Masse  in  den  Handel,  die  sich  in  Alkohol  und
Äther  löst.  Das  P.,  das  wie  die  P.-Wurzel  (s.  d.)
medizinische  Verwendung  findet,  ist  kein  einheitlicher ­
  Körper,  sondern  ein  Gemenge  aus
zwei  kristallisierbaren  Stoffen,  dem  Podophyllotoxin
  und  dem  Pikropodop  hyllin,  mit
einem  amorphen,  dem  Querzetin  ähnlichen
gelben  Farbstoffe.
Podophyllwurzel  (Fußblattwurzel,  Entenfußwurzel, ­
  lat.  Rhizoma  podophylli,  frz.  Rhizome ­
  de  podophyllum,  engl.  Podophyllum  root),
der  getrocknete,  oft  über  i  m  lang  werdende
Wurzelstock  von  Podophyllum  peltatum,
einer  im  östlichen  Teile  Nordamerikas  verbreiteten ­
  Pflanze,  kommt  in  rötlich  braunen  oder
gräulichen  Stücken  von  höchstens  2  dm  Länge
in  den  Handel.  Die  Bruchstücke  tragen  an  ihrem
knotigen  Ende  eine  vertiefte  Stengelnarbe  und
unterseits  ungefähr  10  dünne  blasse  Wurzeln,  die
leicht  abbrechen.  Der  bisweilen  verzweigte,  im
Querschnitt  elliptische,  höchstens  1  cm  dicke
Wurzelstock  erscheint  im  Inneren  Weiß  mit  einem
dünnen  Kreis  von  20—40  gelben  Gefäßbündeln.
Der  Geruch  ist  unangenehm  narkotisch,  der  Geschmack ­
  widerlich  bitter  und  scharf.  Die  P.  bildet ­
  ein  in  Nordamerika  viel  gebrauchtes  Arzneimittel ­
  gegen  Würmer  und  wirkt  auch  Erbrechen
erregend.  Sie  enthält  Podophyllin  (s.  d.)  und
Podophyl!  insäure.
Poho  (Pohoöl,  Pohoessenz)  nennt  man
die  bei  der  Herstellung  des  Menthols  aus  japanischem ­
  Pfefferminzöl  hinterbleibende  Flüssigkeit, ­
  die  auch  unter  der  Bezeichnung  Gouttes
japonaises  gegen  Kopfschmerz  und  Migräne
Verwendung  findet.  —  Neuerdings  wird  eine
mit  Menthol  gefüllte  Metallhülse  als  P.  verkauft.
Poleikraut  (Flohkraut,  lat.  Herba  pulegii,
frz.  Herbe  de  pouillot,  engl.  Poley)  stammt  von
einer  Art  Minze  (Mentha  Pulegium  s.  Pulegium
  vulgare),  die  in  Süddeutschland  und
Schlesien  sowie  in  Mitteldeutschland  nicht  selten
( auf  sandigen,  zeitweiliger  Überschwemmung  ausgesetzten ­
  Stellen  wächst.  Die  Stengel  sind  niederliegend, ­
  die  kleinen  gegenständigen.  Blätter  rundlich ­

  und  drüsig  punktiert,  die  in  Quirlen  stehenden ­
  Lippenblüten  hell  purpurrot  oder  lila.
Das  frische  Kraut  riecht  durchdringend  gewürzhaft, ­
  der  Geschmack  ist  brennend  und  bitter.
Die  in  der  Blüte  gesammelte  und  getrocknete
Pflanze  dient  als  bitteres,  aromatisches  Volksheilmittel, ­
  Das  aus  dem  blühenden  Kraute  mit
Wasser  destillierte  ätherische  öl  (Poleiöl,  lat.
Oleum  pulegii,  frz.  Essence  de  pouillot,  engl.
Oil  of  European  Pennyroyal)  ist  gelb  bis  rütlichgelb
  und  riecht  und  schmeckt  minzartig.  Es
besteht  zum  größten  Teil  aus  dem  bei  221 0
siedenden  Keton  Pulegon  und  wird  wie  das
Kraut  verwandt.
Polierschiefer  (Silbertripel),  eine  leichte,
schiefrig  erdige,  zerreibliche  Masse  von  gelblich-,
gräulich-  oder  bräunlichweißer  Farbe,  die  sich
mager  anfühlt,  wenig  an  der  Zunge  klebt  und
vermöge  ihrer  Lockerheit  auf  Wasser  schwimmt,
nach  dem  Eindringen  des  Wassers  jedoch  untersinkt, ­
  ist  eine  Abart  des  Tripels  und  besteht  wie
dieser  aus  den  hinterlassenen  Kieselpanzem  mikroskopischer ­
  Tierchen  (Galli  onella).  Nur
durch  Gewicht  und  Dichtheit  unterscheidet  sich
der  Klebschiefer  (Saugschiefer),  eine  derbe
dünnblätterige  Masse,  die  sich  stark  an  die  Zunge
hängt  und,  gepulvert,  wie  jener,  zum  Putzen  von
Metallen,  Glas  usw.  dient.  Der  P.  findet  sich  in
Böhmen  bei  Biljn  und  Warnsdorf.
Polpapier  zur  Auffindung  des  negativen  Pols
elektrischer  Batterien  besteht  aus  einem  mit
Lösungen  von  Phenolphtalein  und  Neutralsalzen
(Salpeter,  Glaubersalz)  getränkten  Filtrierpapier.
Beim  Anlegen  des  befeuchteten  Reagenspapiers
an  den  negativen  Pol  wird  Alkali  in  Freiheit  gesetzt, ­
  das  mit  dem  Phenolphtalein  eine  rote
Färbung  liefert.
Pomeranzen  (frz.  Oränges,  engl.  Oranges),
die  Früchte  des  Pomeranzenbaumes,  Citrus
Au  ran  ti  um,  kommen  in  zahlreichen  Arten  mit
süßem  und  mit  bitterem,  zugleich  sauer  schmekkendem
  Safte  in  den  Handel,  doch  werden  nur
die  ersteren  als  Obst  genossen.  Die  getrockneten
Schalen  der  bitteren  Sorten  C.  Aurantium  Bigaradia
  bilden  unter  dem  Namen  Pomeranzenschalen ­
  (lat.  Cortex  fructuum  aurantiorum  amarorum,
  frz.  Ecorce  d’Oranges  amöres,  engl.,  Orange ­
  peels)  einen  Gegenstand  des  Drogenhandels
und  Werden  sowohl  in  Apotheken  und  Drogerien,
als  auch  zur  Plerstellung  von  Likören  benutzt.
Man  erhält  sie  in  Form  elliptischer,  an  beiden
Enden  zugespitzter  Abschnitte,  die  außen  dunkelrotgelb ­
  bis  bräunlich  gefärbt,  ziemlich  hart  und
rauh  und  mit  zahlreichen  Poren,  den  Überresten
eingetrockneter  Ölbehälter,  versehen  sind.  Die
Innenfläche  ist,  wie  bei  allen  Früchten  der
Hesperideen,  mit  einem  schwammigen,  gelblichweißen
  Überzug  versehen,  der  nach  vorherigem
Einweichen  in  Wasser  durch  Schaben  mit  dem
Messer  entfernt  werden  kann  und  der  Träger  des
bitteren  Geschmackes  ist,  während  die  gelbe
Außenschale  (lat.  Cortex  fructuum  aurantiorum
amarorum  expulpatus  seu  sine  parenchymate
seu  Flavedo  aurantii)  ätherisches  Öl  enthält.  — 1
Eine  besondere  Art  von  Pomeranzenschalen  bilden ­
  die  Curacaosch.alen  (s.  d.).  —  Die  ebenfalls ­
  in  den  Handel  kommenden  sehr  harten  unreifen ­
  Früchte  des  bitteren  Pomeranzenbaumes
(lat.  Fructus  aurantii  immaturi,  frz.  Orangettes,
        <pb n="353" />
        Pomeranzenöl

347

Portwein

engl.  Orange  peas)  haben  die  Größe  einer  Erbse
bis  zu  der  einer  Kirsche  und  eine  rauhe,  runzelige
Oberfläche  von  grünlichbrauner  Farbe  und  enthalten ­
  Hesperidin  und  ätherisches  Öl.  Man
verwendet  sie  zu  Tinkturen  und  bitteren  Likören.
—  Von  der  Spielart  Citrus  Aurantium  spataforma
  kommen  die  frischen  Schalen  in  Zucker
eingemacht  unter  dem  Namen  Orangeat  in  den
Handel  (vgl.  Chinois).  ’
Pomeranzenöl  (lat.  Oleum  corticis  aurantiotum,
  frz.  Essence  d’Oranges,  engl.  Oil  of  oranges),
das  durch  Auspressen  der  Pomeranzenschalen
gewonnene  ätherische  Öl,  kommt  als  süßes  und
bitteres  in  den  Handel.  Das  gelbe  bis  gelbbraune ­
  süße  Pomeranzenöl  von  Citrus  Aurantium, ­
  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,848—0,853
Und  dreht  bei  20°  zwischen  —f—  95 0  30'  und  —[—  98
Das  ebenso  gefärbte  bittere  P.  aus  den
Fruchtschalen  von  Citrus  A.  Bigaradia
Unterscheidet  sich  Vom  süßen  hauptsächlich
durch  den  bitteren  Geschmack  und  das  geringere ­
  Drehungsvermögen  (+89  bis  -[-94 0 ).
Spez.  Gew.  0,852—0,857.  Das  bittere  P.,  welches
die  teurere  Sorte  darstellt,  findet  nur  zur  Herstellung ­
  von  Likören  Verwendung,  das  süße
außerdem  auch  in  der  Parfümerie.
Ponceau.  Diesen  Namen  führen  zahlreiche
Hnander  ähnliche  Teerfarbstoffe,  die  sämtlich ­
  vom  Betanaphthol  abstammen.  Durch  Behandlung ­
  mit  konzentrierter  Schwefelsäure  entstehen ­
  zwei  isomere  Disulfosäuren,  welche  durch
die  verschiedene  Löslichkeit  ihrer  Natriumsalze
J n  Alkohol  voneinander  getrennt  werden  können.
Hie  Säure  des  in  Alkohol  unlöslichen  Natriumsalzes ­
  R  wird  mit  A  bezeichnet  und  gibt  bei
der  Behandlung  mit  den  höheren  homologen
Gliedern  des  Diazobenzols  sehr  schöne  ponceautote
  Farbstoffe,  während  die  Säure  des  in  Alkohol ­
  löslichen  Natronsalzes  G,  die  man  mit  B  be-Jrichnet,
  mit  jenen  Homologen  mehr  gelbstichige
Farbstoffe  liefert.  Dadurch,  daß  man  bald  das
e &amp;gt;ne,  bald  das  andere  dieser  Salze  auf  die  Diazo-Ve
 rbindungen  des  Benzols,  Toluols,  Xylols,  Rudtols,
  Äthylxylols  oder  Mesithylens  einwirken
hißt,  erhält  man  eine  große  Anzahl  ähnlicher
^arbstoffe  von  verschiedenen  Tönen,  die  in  der
Färberei  Verwendung  finden.  So  sind  Ponceau
1  1  3  R,  3  RB  und  S  extra  dem  Biebricher  Schar-*ach
  ganz  ähnlich.  Ponceau  G,  GT,  2  G,  4GB
vs.  Krozeinorange)  und  RT  sind  rote  Pulver,  die
tv°lle  mehr  orangerot  färben,  3  G  und  3  I  färben
I°t-  Ponceau  2R  ist  Xylidinpönceau  (s.  d.);
{  °nceau  3R  (Kuinidinponceau)  wird  aus  Diazohurnolchlorid
  und  ß-Napbtoldisulfosäu.re  her-Sostellt.
  Ponceau  4R  und  6R  (s.Neukokzin).
v°nceau  s  R  ist  ein  Diazofarbstoff  aus  Amido-^obenzol-
  und  ß-Naphtoltrisülfosäure.  Ponceau
4Rß  ist  gleich  Krozeinscharlach.
Popelins  (Popeleens),  leichte  durchsichtige
Gewebe  zu  Damenkleidern,  wurden  ursprünglich
au , s  Seide  gewebt,  sind  aber  jetzt  meist  halb-Se
 ’tlen,  mit  Einschlag  von  Kammgarn  oder  Baumwolle, ­
  und  in  allen  gangbaren  Farben,  glatt  oder
Setnustert,  vorhanden.  Popeline  de  laine  beste
 ht  nur  aus  Kammgarn.
.  Porphyr  nennt  man  Eruptivgesteine,  die  in
einer  dichten  odersehr  feinkörnigen  Grundmasse
l'hlreiche  größere  Kristalle  oder  Kristalltrümmer
41 ernlich  gleichmäßig  verteilt  eingeschlossen  enthalten ­

  und  deshalb  auf  Schlifflächen  ein  getüpfeltes ­
  oder  gesprenkeltes  Aussehen  zeigen.  Der
verbreitetste  und  für  die  Technik  wichtigste
ist  der  quarz  führende  oder  Relsitporphyr,
auch  roter  P.  genannt,  weil  ihm  diese  Farbe  in
seiner  Grundmasse,  wenigstens  in  gewissen  Gebirgen ­
  eigen  ist,  der  aber  auch  grau,  braun,  grünlich, ­
  gelblich  oder  bläulich  erscheinen  kann.
Seine  Grundmasse  ist  ein  inniges  Gemenge  von
Feldspat  und  Quarz,  von  dem  sich  die  eingestreuten ­
  Körner  oder  Kristalle  von  Feldspat  oder
Quarz  in  helleren  weißlichen,  rötlichen  und  anderen ­
  Tönen  abheben.  Im'  unbehauenen  Zustande
benutzt  man  den  P.  als  Baustein  für  Grundbauten, ­
  bisweilen  auch  als  Pflasterstein,  zerschlagen ­
  als  Unterlage  für  Kunststraßen.  Vermöge ­
  seines  hohen  Kieseigehaltes  ist  er  sehr
hart,  dabei  hoher  Politur  fähig  und  daher  seit
alten  Zeiten  zu  Kunstwerken,  wie  Vasen,  Schalen,
Urnen,  Tischplatten,  Säulen  und  anderen  baulichen ­
  Verzierungen  benutzt  worden.  Am  schönsten ­
  kommt  der  rote  P.  im  Ural-  und  Altaigebirge ­
  sowie  in  Schweden  (Elfdalen)  vor.  Die
Alten  bezogen  ihn  von  den  Küsten  des  Roten
Meeres  und  vom  Sinai.  Grüner  P.,  mit  schwärzlichgrüner ­
  Grundmasse  und  reichlich  eingestreuten ­
  weißlichen  oder  hellgrünlichen  Kristallen
findet  sich  auf  Korsika,  in  Oberitalien  und  manchen ­
  Gegenden  am  Rhein,  schwarzer  P.,  mit
schwarzem  Grund  und  weißen  Feldspatkristallen,
auf  Korsika,  solcher  mit  schwarzgrünem  Grund
und  weißen  Albitkristallen  zu  Beresowsk  in  Sibirien. ­

Porschkraut  (lat.  Herba  ledi  palustris,  frz.
Rosmarin  sauvage,  engl.  Wild  rosmary),  das
Kraut  der  im  nördlichen  Europa  heimischen  Erikazee
  Ledum  palustre,  besitzt  grüne,  dem
Rosmarin  ähnliche  braunfilzige  Blätter  mit  kurzen ­
  Stielen,  starkem  Geruch  und  aromatischem
Geschmack.  Wegen  des  in  ihm  vorhandenen  ätherischen ­
  Öls,  das  den  giftigen  Ledumkampfer
enthält,  findet  es  als  Mittel  gegen  Keuchhusten
und  Rheumatismus,  äußerlich  zu  Bädern  sowie
zur  Vertreibung  von  Motten,  Wanzen  und  ähnlichem ­
  Ungeziefer  Verwendung.
Porter  nennt  man  in  Deutschland  alle  dunklen
englischen  Biere,  während  in  England  nur  die
leichten  dunklen  Biere,  das  gewöhnliche  Getränk
der  arbeitenden  Klasse,  so  bezeichnet  werden,
die  schwereren  Exportbiere  aber  Stout  (Double-Stout,
  Extra-Stout,  Brown-Stout)  heißen.  Der
Stout  wird  aus  einem  Gemisch  von  hellem  und
dunklem  Malz  unter  Zusatz  von  Farbmalz  und’
Zucker  hergestellt.  Der  Hopfenzusatz  ist  gering.
Porter  wird  in  verschiedenen  Stärken  von  28  °/o,
20—230/0,  15—18  0/0  und  12—150/0  Stammwürzegehalt
  eingebraut.  Der  Alkoholgehalt  der  stärkeren ­
  Sorten  beträgt  gegen  5  °/o.
Portwein,  ein  zu  den  süßen  Südweinen  gehörender, ­
  stark  alkoholischer  Wein,  wird  in  Portugal ­
  in  der  Weise  hergestellt,  daß  man  den  sehr
dunklen  Most  nach  beendeter  Gärung  mit  Spiritus ­
  versetzt.  Bei  geringeren  Jahrgängen  erfolgt
außerdem  ein  Zusatz  von  Jerropiga,  einem
nach  Art  der  Aropa  eingedickten  Moste  sowie  von
Holunderbeerextrakt.  Der  P,  enthält  neben  etwa
80/0  Extrakt  mit  6°/o  Zucker,  0,40/0  Weinsäure,
0,340/0  Glyzerin  und  0,2  °/o  Asche,  16—170/0  Alkohol. ­
  Nach  längerem  Lagern  scheidet  derWein
        <pb n="354" />
        Porzellan

348

Porzellan

einen,  Teil  des  Farbstoffs  an  den  Flaschenwandungen ­
  ab  und  besitzt  dann  eine  rot-  oder  gelbbraune ­
  Farbe.  Nach  dem  deutsch-portugiesischen
Handels-  und  Schiffahxtsvertrage  vom  30.  XII.
1908  darf  die  Bezeichnung  P.  nur  für  Weine  aus
dem  Dourogebiete  benutzt  werden.  Auch  ähnliche ­
  Wortbildungen  wie  Oporto,  Tarragonaport,
Portogrec,  selbst  mit  dem  Zusatz  Typ,  sind  für
Nachahmungen  verboten.
Porzellan  (frz.  Porcelaine,  engl.  Porcelain,
China)  nennt  man  die  edelste  Klasse  der  dichten
Tonwaren,  die  sich  durch  muscheligen,  dicht  gefritteten
  Bruch  auszeichnen  und  in  die  Unterabteilungen ­
  :  glasiertes  und  nicht  glasiertes  P.,
ferner  echtes  oder  hartes,  Fritten-  oder  weiches,
Statuen-  oder  Biskuit-P.  zerfallen.  Das  Echte
oder  Hartporzellan  ist  eine  alte  Erfindung  der
Chinesen,  deren  Ursprung  in  das  9.  bis  10.  Jahrhundert ­
  v.  Chr.  verlegt  wird.  Aus  dem  Chinesischen ­
  stammt  auch  die  Bezeichnung  des  P.-Tons,
Kaolin,  nach  einem  an  feldspathaltigen  Gesteinen ­
  reichen  Gebirge.  Erst  viel  später  kamen
Porzellangeräte  als  Handelswaren  aus  China
durch  Holländer  und  Portugiesen  nach  Europa,
und  von  den  letzteren  rührt  der  Name  P.  her  nach
einer  porcella  (Schweinchen)  genannten  Seemuschel, ­
  mit  deren  Schale  die  chinesischen  P.-Geschirre
  einige  Ähnlichkeit  hatten.  Dem  schwungvollen ­
  Handel  der  Holländer  und  Portugiesen
wurde  ein  Ende  bereitet  durch  die  Erfindung  des
deutschen  Porzellans,  die  eine  Zeitlang  zu  Unrecht ­
  dem  Freiherrn  v.  Tschirnhausen  zugeschrieben ­
  wurde,  nach  neueren  Untersuchungen
des  Direktors  der  Meißner  Porzellanmanufaktur
Dr.  Heintze  aber  zweifellos  das  Werk  Böttchers ­
  ist.  Dieser  auf  der  Albrechtsburg  festgesetzte ­
  Alchymist  erfand  an  Stelle  des  erwarteten ­
  Goldes  im  Jahre  1704  das  braune,  1709  das
erste  weiße  P.  Später  folgten  Frankreich  (Sövres-P.)
  und  England  (Wedgewood).  Als  Rohstoffe ­
  dienen  Feldspat  und  Kaolin,  die  unter
ihrem  eigenen  Namen  besprochen  sind,  und  als
Zusätze  bisweilen  noch  Gips,  Kreide,  Quarz  oder
alte  Porzellanscherben.  Alle  Bestandteile  werden,
Feldspat  und  Quarz  nach  vorherigem  Glühen  und
Abschrecken  in  kaltem  Wasser,  durch  Stampfen,
Mahlen  und  Schlämmen  in  das  feinste  Pulver
verwandelt  und  die  Brühen  in  entsprechendem ­
  Verhältnis  gemischt.  Der  abgesetzte  weiße
Schlamm  wird  durch  Filterpressen  bis  auf  einen
Feuchtigkeitsgehalt  von  etwa  25  %  entwässert,
durchgearbeitet  und,  in  Ballen  geformt,  einer
längere  Zeit  dauernden  Gärung  oder  Rottung
überlassen.  Zur  Beförderung  der  Fäulnis,  bei
der  unter  Schwefelwasserstoffentwicklung  und
Schwarzfärbung^  größere  Gleichmäßigkeit  erzielt
wird,  setzt  man  bisweilen  Jauche  oder  Moorwasser ­
  hinzu.  Die  Masse  wird  auf  der  Töpferscheibe, ­
  in  Gipsformen  oder  aus  freier  Hand  geformt, ­
  darauf  bei  gelinder  Wärme,  vor  Sonne
und  Luftzug  geschützt,  getrocknet  und  zum  ersten
Brennen  in  den  Verglühofen  gebracht.  Die
einzelnen  Stücke  werden  in  Kapseln  aus  Ton
und  Schamotte  einer  Temperatur  von  700  bis
800 0  ausgesetzt,  wobei  sie  durch  Zusammensintern
des  Feldspats  mit  der  völlig  unschmelzbaren
Tonerde  in  eine  gleichmäßige,  aber  wenig  feste
und  poröse  Masse  übergehen.  Zu  dem  nun  folgenden ­
  Glasieren  bedient  man  sich  einer  etwas

anders  zusammengesetzten  J’orzellanmasse,  die
infolge  einesgeringerenTon-underhöhtenKieselsäuregehaltes
  etwas  leichter  als  das  Porzellan
selbst  schmilzt.  Die  Glasur,  deren  Zusammensetzung ­
  derjenigen  des  Scherbens  entsprechend
gewählt  wird,  muß  strengflüssig  sein  und  gerade
dann  völlig  schmelzen,  wenn  die  Grundmasse  zu
erweichen  beginnt.  Die  zu  glasierenden,  porösen/
Stücke  werden  in  die  zu  einer  feinen  Milch  angeschlämmte
  Glasur  getaucht,  saugen  diese  auf
und  kommen  dann  nach  dem  Trocknen  wieder
in  Kapseln.  Die  Stelle,  an  welcher  der  Gegenstand ­
  der  Kapsel  aufliegt,  muß  durch  Abschaben
von  der  Glasur  befreit  werden,  um  ein  Ankleben
zu  verhindern.  Durch  diesen  unglasierten  Bodenrand ­
  lassen  sich  Porzellangefäße  von  Steingut
unterscheiden.  Das  Gar-  oder  Glattbrennen
erfolgt  bei  höheren,  allmählich  bis  auf  1700 0
steigenden  Temperaturen  und  dauert  16—18
Stunden,  das  folgende  Abkühlen  3—4  Tage.
Schließlich  folgt  das  Sortieren  der  Stücke  in
Feingut,  Mittelgut,  Ausschuß  und  Bruch  und
je  nach  Bedarf  das  Dekorieren  durch  Metalle
und  Farben.  Nur  wenige  Farben  sind  so  feuerbeständig, ­
  daß  sie  die  Hitze  des  zweiten  Brandes
aushalten  und  daher  gleich  auf  das  poröse  Biskuit, ­
  also  unter  die  Glasur  gebracht  werden
können.  Als  derartige  Scharffeuerfarben  verwendet ­
  man  Kobaltoxyd  für  Blau,  Uranoxyd  und
Iridiumoxyd  für  Schwarz,  Chromoxyd  für  Grün,
Eisen-  und  Mang^oioxyd  für  Braun,  Nickeloxyd
für  Oliv  und  Titan,oxyd  für  Gelb.  Da  sich  aber
mit  dieser  kleinen  Farbenzusammenstellung  nicht
wohl  malen  läßt,  sind  die  Dekorationen  unter
Glasur  nur  einfarbig.  Am  häufigsten  werden
daher  Malereien  und  Dekorationen  auf  die  Glasur
aufgetragen  und  besonders  in  Muffeln  eingebrannt. ­
  Die  hierzu  benutzten  Muffelfarben  bestehen ­
  aus  Gemischen  von  pulverförmigen  Metalloxyden ­
  mit  Flußmitteln,  wie  Bleiglas  oder  Boraxglas, ­
  mit  denen  sie  bei  geringer  Glühhitze  verglasen ­
  und  auf  der  Glasur  des  P.  festhaften,
ohne  daß  diese  selbst  wieder  in  Fluß  käme.  Die
Schwierigkeit  in  der  Anwendung  dieser  Stoffe
besteht  darin,  daß  sie  nach  dem  Schmelzen  vielfach ­
  erst  ihre  eigene  Farbe  annehmen.  Sie
werden,  mit  einem  flüchtigen  Öl  (dick  gewordenem ­
  Terpentinöl,  Lavendelöl)  verrieben,  aufgetragen
  und  über  einer  Flamme  abgetrocknet.
Oft  muß  das  Malen  und  Einbrennen  mehrmals
wiederholt  werden,  und  zwar  mit  den  schwer
schmelzbaren  Farben  zuerst,  mit  den  leichter
flüssigen  bei  gelinderer  Hitze  nachher.  Nur  wenige ­
  Farben  vertragen  ein  Übereinandersetzen.
Zur  Verzierung  mit  Gold,  Silber  und  Platin  bedient ­
  man  sich  der  aus  ihren  Lösungen  in  feiner
Verteilung  niedergeschlagenen  Metalle,  die  mit
basischem  Wismutnitrat  und  öl  angerieben  und
mit  Pinseln  aufgetragen  werden.  Nach  dem  Einbrennen ­
  erscheinen  die  Metalle  matt  und  erhalten
ihren  Glanz  erst  durch  den  Polierstein.  Das  Verfahren ­
  der  direkten  Glanz  Vergoldung,  das
früher  Geheimnis  der  Meißner  Manufaktur  warbesteht,
  in  der  Anwendung  von  Schwefelgold.
Knallgold  oder  Goldchlorid  in  Schwefelbalsarn-Die
  sog.  Metallüster,  glänzende,  regenbogenoder
  perlmutterartig  schillernde  Farben,  werden
mit  Hilfe  besonderer,  Uran  und  Wismut  enthaltender, ­
  Gold-,  Silber-  und  Platinpräparate  er-
        <pb n="355" />
        Pottasche

349

Poudrette

se,  die
Kieselarzellan
  I
immen-■echejid
  I
gerade
asse  zu
porösen
Ich  an--se
  auf
wieder  I
Gegenchaben

ikleben  I
Boden-  I
teingut  I
ennen
1700 0
16—18
Tage,
cke  in  I
h  und  I
detalle  I
feuer-  I
randes  I
;e  Bisverden ­
  I
;n  ver-  I
rd  und
Grün,  I
eloxyd
h  aber
;  nicht  I
unter
zerden
Glasur
einge-;n
  bedetaü-


  vertaften,

Die
Stoffe
n  viel-.
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vordeiufge-


irmals
chwer
ichter
ir  weetzen.

in  befeiner

s  mit
r  und
Einlalten

Verdas

war.
[gold,
Isainoge
 n "
ärdefl
ent'
:e  erzeugt. ­

  —  Das  Fritten-  oder  weiche  Porzellan
ist  kein  eigentliches  P.,  da  es  keinen  Tonzusatz
erhält,  sondern  ein  aus  Soda,  Kochsalz,  Salpeter,
Alaun,  Gips,  Schwerspat  und  Sand  mit  einem
Grundkörper  aus  Kreide  und  Mergel  hergestelltes
Glas.  Es  stellt  eine  weiße,  durchscheinende,
dem  chinesischen  Porzellan  ähnliche  Masse  dar.
Als  Glasur  bedient  man  sich  eines  Gemisches  von
Soda,  Mennige  und  Borax.  Wegen  seiner  leichten ­
  Schmelzbarkeit  und  geringen  Widerstandsfähigkeit ­
  gegen  Temperaturwechsel  wird  es  nur
noch  zu  Schaustücken  verwandt.  Eine  Unterabteilung ­
  des  Frittenporzellans  bildet  das  englische ­
  oder  natürliche  Weichporzellan,  das
Wegen  der  Verwendung  von  Knooheinasche  auch
Knoche  n  porzellan  genannt  wird.  Zu  seiner
Darstellung  wird  ein  Gemisch  von  Kaolin,  plastischem ­
  Ton,  Feuerstein  und  Knochenasche  bei
verhältnismäßig  niedriger  Temperatur  gebrannt
Und  mit  einer  Glasur  von  Feldspat,  Feuerstein
Borax  und  Bleiglas  überzogen.  Das  dritte  Weich-Porzellan
  endlich,  das  Seger-P.,  besteht  aus
einem  Grundkörper  von  Ton,  Quarz  und  Feldspat, ­
  auf  den  nach  dem  Brennen  eine  Feldspatglasur ­
  aufgetragen  wird.  —  Unglasiertes  Porzellan, ­
  zu  dem  das  Biskuit-,  Statuen-  oder
Figurenporzellan  gehört,  besteht  aus  der  Masse
des  echten  Hartporzellans,  die  nur  einen  höheren
Zusatz  von  Flußmitteln  erhält  und  ohne  Glasur
stärker  gebrannt  wird.  —  P.  ist  einer  der  wichtigsten ­
  Gebrauchsgegenstände  des  täglichen  Lebens ­
  und  findet  in  seinein  verschiedenen  Sorten
zu  Küchengeschirren,  chemischen  Apparaten  und
Kunstgegenständen  der  mannigfaltigsten  Art  ausgedehnte ­
  Anwendung.
Pottasche  (Potasche,  kohlensaures  Kali,
kohlensaures  Kalium,  Kaliumkarbonat,  lat.
Kalium  carbonicum,  Cineres  clavellati,  frz.  Potasse, ­
  Carbonate  de  potasse,  engl.  Potash),  ein
Überaus  wichtiger  Gegenstand  des  Chemikalienhandels, ­
  besteht  in  reinster  Form  aus  Kaliumkarbonat, ­
  K 2 C0 3 ,  ist  aber  in  rohem  Zustande
s tets  mehr  odef  weniger  verunreinigt.  Früher
Sewann  man  die  P.  ausschließlich  durch  Verbrennen ­
  von  Pflanzemstoffen,  namentlich,  Holz,
tu  denen  das  Kalium  mit  organischen  Säuren  verbunden ­
  vorkommt.  Die  Asche  wurde  in  Laugenfässern ­
  mit  warmem  Wasser  übergossen,  und  die
Kösung  von  etwa  20 0  B6  in  Pfannen  oder  Kesseln
bis  zur  völligen  Trockne  eingedampft.  Wenn
hierbei  zum  Schluß  mit  eisernen  Rührscheiten
Utngerührt  wurde,  so  daß  die  Masse  sich  zu  rundhchen,
  stark  wasserhaltigen  Klumpen  vereinigte,
bezeichnete  man  sie  als  ausgerührte  P.
Unterblieb  das  Rühren  und  wurde  die  erkaltete
Schmelze  so  fest,  daß  sie  mit  Hammer  und
Meißel  herausgeschlagen  werden  mußte,  so  entband ­
  die  ausgeschlagene  P.  Beide  Sorten
^phpotlasche  sind  durch  brenzliche,  bei  unvollständiger ­
  Verbrennung  des  Holzes  entstandene
Stoffe  tiefbraun  gefärbt  und  können  nur  für  gewisse, ­
  mit  hohen  Temperaturen  arbeitende  Fabriken, ­
  wie  von  Glas  und  Blutlaugensalz,  direkt
benutzt  werden.  Für  die  meisten  übrigen  Zwecke
bPrß  sie  durch  Kalzinieren  entfärbt  und  in  gewöhnliche ­
  P.  verwandelt  werden.  Das  Kalzin
 *eren  besteht  darin,  daß  man  den  Rohstoff
Pnter  fleißigem  Umrühren  einer  nicht  zu  hohen
Glühhitze  (nicht  bis  zum  Schmelzen),  am  besten

dem  Zugfeuer  eines  Flammenofens,  aussetzt.  Die
Ware  erscheint  dann  weiß  oder  durch  einen
kleinen  Gehalt  an  Eisenoxyd  rötlich,  oder  auch
wohl  durch  etwas  entstandenes  mangansaures
Kali  bläulich  gefärbt  (Perlasche).  Wegen  ihrer
großen  Begierde,  Wasser  aus  der  Luft  anzuziehen, ­
  wurde  sie  früher  in  Töpfen  verkauft,  die
mit  einer  luftabhaltenden  Decke  verschlossen
waren,  und  hat  davon  ihren,  Namen  erhalten.
Größere  Mengen  P.  werden  in  Fässern  verpackt,
die  recht  dicht  sein  müssen,  da  sonst  der  Inhalt
naß  und  schmierig  wird,  oder  gar  als  Lauge
durch  die  Fugen  dringt.  Die  gewöhnliche,  aus
Pflanzenasche  stammende  P.  enthält  neben'  40  bis
75  0/0  Kaliumkarbonat  meist  noch  3—40  °/o  schwefelsaures ­
  Kali,  bis  20%  Chlorkalium,  bis  6°/o
kohlensaures  Natron  und  unlösliche  Bestandteile,
die  durch  die  Filter  gegangen  oder  beim  Kalzinieren ­
  als  Asche  eingeflogen  sind.  Der  Gehalt
an  kohlensaurem  Kali  gibt  den  Wertmesser  ab.
Zur  Entfernung  der  Beimengungen  löst  man,  das
Salz  in  möglichst  wenig  heißem  Wasser,  worauf  die
fremden  Salze  größtenteils  herauskristallisieren
und  beim  Wiedereindampfen  der  abgezogenen
Lauge  eine  viel  reinere  Ware  hinterbleibt.  Neuerdings ­
  stellt  man  P.  in  ähnlicher  Weise  aus  Weingeläger, ­
  Wollschweiß  und  Wollwaschwasser,
Branntweinschlempe  und  Melasserückständen
sowie  aus  Chlorkalium  nach  dem  bei  Soda  beschriebenen ­
  Verfahren  oder  nach  dem  Magnesiaverfahren
  von  Engel  her.  Nach  dem  letzteren
leitet  man  Kohlensäure  in  ein  Gemisch  von  Magnesia ­
  und  Chlorkaliumlösung,  wobei  neben  Chlor
magnesdum  ein  schwer  lösliches  Kaliummagne
siumkarbonat  entsteht,  das  abfiltriert  und  durch
Erhitzen  von  der  Magnesia  befreit  wird.  Das
so  erhaltene  Erzeugnis  ist  wesentlich  reiner  (bis
98  0/0  K2CO3).  —  Chemisch  reines  Kaliumkarbonat ­
  erhält  man  durch  Glühen  von  Kaliumbikarbonat, ­
  oder  eines  Gemisches  gleicher  Teile
reinem  Weinstein  und  Salpeter,  woher  der  Name
Kalium  carbonicum  e  tartaro  oder  auch
Sal  tartari  (Weinsteinsalz)  stammt.  Es  besteht ­
  aus  68,2  Teilen  Kali  und  31,8  Teilen
Kohlensäure,  hat  einen  scharfen,  ätzenden  Geschmack ­
  und  stark  alkalische  Reaktion,  zieht
aus  der  Luft  begierig  Wasser  an  und  zerfließt
damit,  ist  aber  in  Alkohol  und  Äther  unlöslich.
In  der  Glühhitze  gerät  das  Salz  in  feurigen  Fluß
und  ist  dann  flüssig  wie  Wasser,  ohne  jedoch
Kohlensäure  zu  verlieren.  Wegen  seiner  hygroskopischen ­
  Eigenschaften  muß  es  in  gut  verschlossenen ­
  Gefäßen  aufbewahrt  werden.  P.  findet ­
  in  der  Medizin  als  harnsäurelösendes  Mittel
beschränkte  Anwendung,  wird  aber  in  ungeheuren ­
  Mengen,  trotzdem  es  für  viele  Zwecke  durch
die  billigere  Soda  verdrängt  worden  ist,  von  der
chemischen  Großindustrie  gebraucht,  so  zur  Herstellung ­
  des  farblosen  Kristallglases,  ferner  des
Ätzkalis,  des  gelben  und  roten  Blutlaugensalzes, ­
  des  chromsauren  Kalis,  der  Kalilauge, ­
  der  weichen  Kaliseife  (Schmierseife),
des  Kaliwasserglases  usw.  Die  deutsche
Jahreserzeugung  beläuft  sich  auf  30  000  t.
Poudrette  (deutscher  .  oder  künstlicher
Guano)  besteht  aus  geruchlos  gemachten,  getrockneten ­
  und  gepulverten  Menschenexkrementen, ­
  vermischt  mit  trockenen  Stoffen  (Erde,
Torf,  Kolüenpulver,  Asche,  Fleisch-  und  Kot ­
        <pb n="356" />
        Preiselbeeren

350

Puddingpulver

abfall,  Kehricht,  Ziegelpulver).  Abgesehen  von
China,  wo  man  die  Mischung  von  Exkrementen
mit  Ziegelpulver  als  Taffö  verkauft,  wird  die
meiste  P.  und  das  in  ähnlicher  Weise  aus  Harn
hergestellte  Ural  in  Frankreich  dargestellt  und
verbraucht.  —•  Die  P.  bildet  eine  dunkelschwarze,
pulverförmige  Masse,  die  begierig  Wasser  anzieht ­
  und  deshalb  vorzüglich  für  Sandboden  geeignet ­
  ist.  Sie  kann  zu  jeder  Pflanze,  sowohl  zur
Saat  als  auch  während  des  Wachstums,  verwandt ­
  werden,  da  sie  den  Wurzeln  nicht  schadet.
Wie  bei  allen  Kunstdüngern  muß  der  Hersteller
den  Gehalt  an  den  wichtigeren  Bestandteilen,
Phosphorsäure  (bis  zu  8  °/o)  und  Stickstoff  (3  bis
5  0/0),  verbürgen.  1  hl  P.  wiegt  67  kg.  Man  verwendet ­
  auf  1  ha  etwa  20—30  hl  bei  Ackerland
und  20  hl  bei  Wiesen.  Das  Urat  ist  reicher  an
Stickstoff  (bis  10  °/o)  und  an  Phosphorsäure  (bis
12  %).
Preiselbeeren  (Kronsbeeren,  rote  Heidelbeeren, ­
  Krausbeeren,  frz.  Airelles,  Raisins
d’ours,  engl.  Bil  berrys)  sind  die  Früchte  des
immergrünen  Strauches  Vaccinium  vitis  idaea,
der  in  Gebirgs  wäldern  Ost-,  Mittel-  und  Nordeuropas ­
  häufig  wächst.  Die  Beeren  werden  in
Deutschland  vom  1.  September  an  durch  Frauen
und  Kinder  gesammelt  und  besonders  aus  dem
Erzgebirge,  Thüringer  Wald,  Fichtelgebirge  und
oberen  Vogtland  sowie  Schweden  in  Körben
verpackt  weithin  versandt.  Die  stark  sauren
und  herben  Früchte,  die  neben  2—2 1 /2°lo  freier
Äpfelsäure  als  charakteristischen  Bestandteil  etwas
Benzoesäure  enthalten,  sind  an  und  für  sich
kaum  zu  genießen,  werden  aber  durch  Kochen
mit  Zucker  in  ein  schmackhaftes  Kompott  umgewandelt. ­
  Im  Handel  sind  durch  Moosbeeren,
Vogelbeeren,  Stärkesirup  und  Teerfarben  verfälschte ­
  P.  angetroffen  worden.
Primerose,  ein  durch  Äthylierung  des  Eosins
(s.  d.)  erhaltener  roter  Teerfarbstoff,  besteht
aus  dem  Kalisalze  des  Tetrabromfluoreszeinäthyläthers. ­
  Es  ist  ein  braunes,  mit  grünen  Kriställchen
  vermischtes  Pulver,  das  sich  leicht  in  Alkohol, ­
  aber  schwer  in  Wasser  löst  und  deshalb
auch  Spriteosin,  Äthyleosin,  Primerose  ä
l’alcool,  Eosin  ä  I’alcool,  EosinBB  genannt
wird.  —-  Auch  das  durch  Methylierung  des
Eosins  erhaltene  Methyleosin,  das  mitErythrin
(s.d.)  identisch  ist,  wird  von  den  Franzosen
Primerose  ä  l’alcool  genannt.  —  Primerose
soluble  ist  identisch  mit  Erythrosin.
Primula  ist  der  Handelsname  für  ein  Gemisch ­
  Von  Methylviolett  mit  Fuchsin.
Probiersteine  zur  annähernden  Ermittelung
des  Gold-  und  Silbergehaltes  von  Legierungen  werden ­
  aus  verschiedenen  schwarzen  harten  Gesteinen
durch  Glattschleifen  hergestellt.  Gewöhnlich  benutzt ­
  man  hierzu  eine  Art  schwarzen,  bisweilen
mit  weißen  Adern  durchzogenein  Quarzes,  den  sog.
lydischen  Stein  oder  Lydit,  der  in  Lagern  im
Tonschiefer  vorkommt  und  in  Steiermark,  Thüringen, ­
  Hessen  und  Schlesien  gefunden  wird,
seltener  schwarzen  Basalt  und  Jaspis.  In  England
wird  zu  dem  gleichen  Zwecke  das  schwarze,  gebrannte ­
  Wedgewood  benutzt.  Bei  der  Untersuchung ­
  macht  man  mit  dem  zu  prüfenden  Metalle ­
  einen  Strich,  setzt  daneben  Striche  mit  verschiedenen ­
  Nadeln  von  bestimmtem  Goldgehalte,
bis  man  diejenige  findet,  deren  Strich  die  gleiche

Farbe  'wie  der  erste  hat.  Zur  weiteren  Prüfung
bringt  man  auf  den  ersten  Strich  einen  Tropfen
Salpetersäure,  wodurch  bei  goldfreien  gelben
Metallmischungen  Auflösung  erfolgt,  doch  verschwindet ­
  auch  bei  ganz  goldarmen  Legierungen
das  Gold,  indem  es  mechanisch  mit  fortgenommen ­
  wird.
Propiolsäure  (Orthonitrophenylpropiolsäure)
  ist  eine  derjenigen  Verbindungen,  aus
denen  sich  auf  künstlichem  Wege,  z.  B.  durch
Erwärmen  mit  Natronlauge  und  Traubenzucker
oder  xanthogensaurem  Kali,  das  Indigblau  hersteilen ­
  läßt.  Zur  Darstellung  der  1880  von
A.  Baeyer  entdeckten  P.,  C e H 4 (N0 2 )C 2 .C00H,
behandelt  man  Toluol  in  der  Wärme  mit  Chlor,
führt  das  entstehende  Benzylenchlorid  durch
Erhitzen  mit  essigsäurem  Natron  usw.  in  Zimtsäure ­
  und  letztere  mit  Salpetersäure  in  Orthonitrozimtsäure
  über.  Dem  durch  Behandlung
mit  Brom  erhaltenen  Orthonitrozimtsäuredibromid
  entzieht  man  das  Brom  durch  Natronlauge
und  scheidet  durch  Zusatz  von  Salzsäure  die
P.  ab.  Sie  besteht  in  chemisch  reinem  Zustande
aus  farblosen  Kristallnadeln,  findet  sich  im  Handel ­
  gewöhnlich  aber  als  gelblichweißer,  mit  Kristallblättchen ­
  durchsetzter  Teig.
Propionsäure  (Metazetonsäure,  lat.  Acidum ­
  propionicum,  frz.  Acide  propionique,.  engl-Propionic
  acid),  eine  zwischen  der  Essigsäure  und
Buttersäure  stehende  Fettsäure,  C 3 H 7 COOH,  ist
eine  ölige,  scharf  riechende  Flüssigkeit,  die  sich
in  Wasser  leicht  löst,  durch  zugesetzte  Salze  aber
wieder  abgeschieden  werden  kann  und  bei  140 0  C
unzersetzt  überdestilliert.
Protargol,  ein  neueres  Antiseptikum  gegen
Tripper  und  zur  Wundbehandlung,  wird  durch
Fällung  von  Silberlösungen  mit  Eiweißkörpern
und  Lösung  der  entstehenden  Niederschläge  mit
Albumosen  dargestellt.  Das  feine  hellgelbe,
schwach  metallisch  schmeckende  Pulver  ist  in
Wasser  leicht  löslich  und  enthält  etwa  8  °/o  Silber
an  Albumosen  gebunden.
Protopin,  ein  seltenes,  im  Opium  vorkommendes ­
  Alkaloid,  ist  in  Wasser  unlöslich  und
auch  in  kochendem  Alkohol  ziemlich  schwer
löslich,  kristallisiert  aber  aus  diesem  in  undurchsichtigen, ­
  kugeligen  Kristallmassen.  Der  Schmelzpunkt ­
  liegt  bei  201  °C.  Das  P.  ist  eine  starke
Base  und  gibt  kristallisierbare  Salze,  die  nicht
gelatinieren  und  in  kaltem  Wasser  zum  Teil
schwer  löslich  sind.
Prune,  ein  seit  1886  im  Handel  vorkommender ­
  Teerfarbstoff,  besteht  aus  dem  Methyläther
  des  Gallozyanins  und,  wird  durch  Einwirkung ­
  von  salzsaurem  Nitrosodimethylanilin  auf
Gallussäuremethyläther  dargestellt.  P.bildetbraunglänzende
  Kriställchen  oder  ein  dunkelbraunes
in  Wasser  leicht  lösliches  Pulver  und  färbt  mh
Tannin  gebeizte  Baumwolle  und  mit  Chroffl"
salzen  gebeizte  Wolle  blauviolett,
Puddingpulver  sind  Gemische  von  Stärke*
Maismehl  oder  anderen  feinen  Mehlen  mit  Zucker,
die  künstlich  gefärbt  und  mit  Aromastoffen  versetzt ­
  werden.  .Zusätze  von  Leguminosen  oder
grob  ausgemahlenen  Getreidemehlen  haben  als
Verfälschung  zu  gelten.  Beim  Fehlen  von  Zucker
muß  in  der  Gebrauchsanweisung  ausdrücklich
darauf  hingewiesen  werden.  Als  Schokolade-,
Mandel-P.  bezeichnete  Waren  müssen  die  g e "
        <pb n="357" />
        Puder

351

Putschuk

nannten  Bestandteile  wirklich  enthalten  und  nicht
nur  künstlich  gefärbt  oder  aromatisiert  sein.

Puder  (frz.  Poudre,  engl.  Powder)  sind  kosmetische ­
  Pulvermischungen,  welche  dazu  dienen, ­
  übermäßige  Fettigkeit  oder  Feuchtigkeit
der  Haut  aufzusaugen  und  der  Haut  eine  zarte
Färbung  zu  verleihen.  Als  Grundstoffe  finden
meist  feines  Stärkemehl,  Talkum,  Magnesiumkarbonat, ­
  bei  Streupulvern  auch  Lykopodium
Anwendung.  Kosmetische  Puder  werden  vielfach
mit  Veilchenwurzel  oder  anderen  Riechstoffen
Parfümiert  und,  je  nach  Wunsch,  gefärbt,  doch
dürfen  hierzu  nur  giftfreie  Farben,  z.  B.  Karmin,
Karthamin,  Zinkweiß,  verwandt  werden.  Andere
zu  Heilzwecken  bestimmte  P.  erhalten  Zusätze
von  medizinischen  Stoffen  oder,  wie  Fußstreu-Pulver,
  zur  Beseitigung  übler  Gerüche,  von
antiseptischen  Mitteln  (Borsäure,  Salizylsäure).
Die  berühmtesten  P.  wurden  früher  in  Frankreich ­
  und  England  hergestellt,  sind  aber  jetzt
von  den  deutschen  Erzeugnissen  völlig  erreicht.
Pulsatillenkraut  (lat.  Herba  pulsatillae,  frz.
Herbe  de  pulsatille,  engl.  Wind  flowers)  wird  im
Mai  zur  Blütezeit  von  zwei  verwandten  Ranunkulazeen:
  Anemone  pulsatilla  und  Anemone ­
  pratensis,  gesammelt,  die  m  Europa  und
Asien  weit  verbreitet  Vorkommen.  Die  erstere,
die  gemeine  Küchenschelle  hat  einzelne  aufrechtstehende, ­
  an  der  Außenseite  stark  seidenhaarige
  Blüten  von  hellvioletter  Farbe.  Die  Blüten ­
  der  anderen,  der  Wiesenanemone,  sind  weit
größer,  überhängend  und  schwarzviolett  gefärbt.
Das  frische  Kraut  enthält  als  wirksamen  Bestandteil ­
  das  brennend  scharfe  Anemonin  (Anemonen- ­
  oder  Pulsatillenkampfer),  C 15 PI 12 0 6 ,  das
sich  beim  Trocknen  zersetzt,  und  wird  daher
Ausschließlich  zur  Bereitung  von  Extrakt  und
Finktur  benutzt.  Das  trockene  Kraut  ist  geruchlos ­
  und  fast  ohne  scharfen  Geschmack  und  muß
vorsichtig,  nicht  zu  länge,  aufbewahrt  werden.
Pulver  wie  Auszüge  finden  beschränkte  Anwendung ­
  gegen  Asthma,  Keuchhusten,  Kopfschmerzen ­
  und  Star.

Pulufaser  (Pulu),  die  braune  Haarbekleidung
der  Stämme  und  Blattstielbasen  mehrerer  tropischer ­
  Baumfarne,  namentlich  der  Gattung
Zibotium,  die  von  den  Sandwichinseln  und
Sumatra  zu  uns  kommt,  wurde  früher  als  Polstermaterial ­
  empfohlen,  hat  sich  aber  wegen  ihrer
Brüchigkeit  nicht  bewährt.

Pumpernickel,  ein  aus  dem  ganzen  Korn  her-Sestelltes
  dunkelbraunes  bis  schwarzbraunes  Brot,
das  in  Nordivestdeutschland,  besonders  bei  Münster ­
  und  Osnabrück,  das  allgemeine  Nahrungsorot
  bildet,  wird  aus  geschrotenem,  nicht  gedeuteltem ­
  reinen  Roggen  durch  einen  langen,
*6—20  Stunden  dauernden  Gärungsprozeß  mit
Sauerteig  und  16—zästündige  Einwirkung  der
Dfenhitze  bereitet.  Die  großen,  bis  zu  30  kg
schweren  Brote  haben  einen  kräftigen  aromatischen ­
  Geruch  und  Geschmack,  werden  aber
tde  alle  Vollkornbrote  wegen  des  hohen  Rohtasergehaltes
  (1,50—2,000/0)  nur  unvollständig  aus-Senutzt.
  Der  Wassergehalt  beträgt  etwa  42  0/0,
der  Gehalt  an  Stickstoffsubstanz  gegen  70/0.  Die
ms  Delikatesse  in  runden  oder  viereckigen  Blechdosen ­
  versandten  P.,  die  meist  schon  in  Scheiben
beschnitten  sind,  werden  ebenfalls  aus  dem  ganzen

Korn,  aber  unter  geringerer  Säuerung  und
mit  Zusatz  von  Zucker  hergestellt.
Punschessenzen  ■  (P.-Extrakte)  sind  zur
schnellen  und  bequemen  Bereitung  von  Punsch
bestimmte  Flüssigkeiten,  die  aus  weißem,  mit
Wasser  gekochten  Zucker  und  Rum,  Arrak  oder
Rotwein,  oft  auch  mit  Zusätzen  von  Fruchtsäften,
Wein-  oder  Zitronensäure,  Alkohol  und  Gewürzen
hergestellt  werden.  Die  Bezeichnung  muß  ihrer
Zusammensetzung  entsprechen,  der  Alkoholgehalt
ist  so  zu  bemessen,  daß  der  nach  Vorschrift  verdünnte ­
  trinkfertige  Punsch  noch  io—12%  Alkohol ­
  enthält.  Als  Rotweinpunsch  bezeichnete
Erzeugnisse  dürfen  die  im  Weingesetze  verbotenen ­
  Stoffe  (Stärkesirup,  Farbstoff,  Salizylsäure)
nicht  enthalten.  —  Punschpulver  sind  geringwertige ­
  Erzeugnisse  der  Kriegsindustrie,  die  meist
aus  gefärbten,  schwach  aromatisierten  Gemischen
von  Zucker  und  etwas  Weinsäure  bestehen.  —
Punschwürfel  (Grog-W.),  durch  Zusatz  von
Gelatine  in  feste  Form  gebrachte  Mischungen
von  Zucker,  Essenzen,  Farbe  und  etwas  Alkohol.
Wegen  des  meist  viel  zu  geringen  Alkoholgehaltes
sind  sie  von  den  Gerichten  durchweg  als  verfälscht ­
  oder  nachgemacht  beurteilt  worden.
Purgatin,  ein  neueres  Abführmittel,  besteht
aus  Trioxydiazetylanthrachinon.
Purree  (Piuri,  Indischgelb,  Jaune  Indien,
Indian  yellow)  ist  der  Handelsname  einer  aus
Ostindien  eingeführten  weichen  und  leicht  zerdrückbaren ­
  Masse  von  außen  dunkelbrauner,
innen  tief  orangegelber  Farbe  und  eigentümlichem ­
  tierischen,  an  Bibergeil  erinnerndenGeruch,
über  deren  Ursprung  noch  nicht  völlige  Klarheit
herrscht.  Während  die  meisten  Fachleute  annehmen, ­
  daß  die  Ware  aus  dem  Harn  mit
Mangoblättern  gefütterter  Kühe  hergestellt  wird,
betrachten  andere  sie  wegen  der  Abwesenheit
von  Stickstoff  als  einen  mit  Magnesia  eingedickten ­
  Baumsaft.  Als  färbender  Bestandteil  ist
eine  gelbe  Pflanzensäure,  die  Euxanthinsäure,
CjgHigOi!,  in  Form  des  Magnesiumsalzes  vorhanden. ­
  Die  Farbe  wird  in  der  feinen  Ölmalerei ­
  benutzt,  ist  aber  durch  die  Teerfarbstoffe
nahezu  verdrängt  worden.
Puro,  ein  Nährpräparat  (Fleischsaft  ?),  sollte
nach  Angabe  des  Erfinders,  Dr.  Scholl,  durch
Ausziehen  von  fettfreiem  Fleisch  unter  hohem
Druck  und  Eindampfen  des  mit  Suppenkräutern
versetzten  Extraktes  bis  zum  Sirup  dargestellt
werden.  Es  enthält  neben  den  Fleischbasen  auch
erhebliche  Mengen  löslicher  Stickstoffsubstanzen
in  Form  von  Albumosen  und  wurde  von  zahlreichen ­
  Ärzten  empfohlen.  Durch  eingehende
Untersuchungen  von  Prof.  Gruber  ist  nachgewiesen ­
  worden,  daß  die  Angaben  des  Herstellers
auf  Unwahrheit  beruhen-,  P.  enthält  kein  Fleischeiweiß, ­
  sondern  besteht  im  wesentlichen  aus
einem  Gemisch  von  Eieralbumin  mit  Fleischextrakt. ­

Putschuk  (Costus),  die  Wurzel  einer  distelartigen
  Pflanze,  Auklandia  Costus.  die  auf
den  Gebirgen  um  Kaschmir  wächst,  wird  im
September  oder  Oktober,  wenn  die  Pflanze  zu
welken  anfängt,  ausgegraben,  in  Stücke  zerschnitten ­
  und  ohne  weitere  Zubereitung  zur  Ausfuhr ­
  gebracht.  Von  demPendschab  aus  geht  der
größte  Teil  nach  Bombay  sowie  nach  Hindostan
und  China.  Die  Chinesen  verbrennen  die  Wurzel
        <pb n="358" />
        Putzpomaden

352

Pyronine

in  den  Tempeln  ihrer  Götter  anstatt  Weihrauch
und  schreiben  ihr  auch  große  Wirksamkeit  gegen
die  Syphilis  zu.  In  Kaschmir  braucht  man  sie
hauptsächlich  als  Schutzmittel  gegen  Insekten
beim  Verpacken  der  Kaschmirschals  in  Ballen.
Putzpomaden  sind  salbenartige  Putzmittel,  die
meist  unter  Zusatz  von  Ölsäure  mit  Polierrot,
Eisenoxyd,  Tripel  und  ähnlichen  Stoffen  hergestellt ­
  werden.  —  Putzseifen  sind  Gemische
aus  feingeschlämmtem  Tripel  oder  Neuenburger
Kreide  mit  Seife.—Die  neuerdings  auf  den  Markt
kommenden  flüssigen  Putzmittel,  die  unter
den  verschiedensten  Namen,  wie  Putzcreme,
Geolin,  Sidol  (s.  d.),  Kaol  usw.,  gehandelt
werden,  bestehen  meist  aus  wäßrigen  Anschlämmungen ­
  von  Putzkalk  oder  Bolus  mit  Oxalsäure,
Ammoniak,  Mineralölen  u.  dgl.
Puzzolanerde,  ein  nach  der  neapolitanischen
Stadt  Puzzuoli  benanntes,  leicht  zerbrechliches
Mineral  vulkanischen  Ursprungs  von  gelblicher,
rotgrauer  oder  braungrauer  Farbe,  Wurde  von  jeher
wegen  ihrer  Eigenschaft  geschätzt,  im  Gemisch  mit
fettem  Kalk  sogleich  einensehr  gutenZement  zubilden. ­
  Sie  besteht  aus  Kieselsäure,  Tonerde,  Magnesia,
Kalk,  Eisenoxyd  und  Alkalien  und  befindet  sich,
da  sie  durch  vulkanische  Hitze  bereits  einen
Glühprozeß  erfahren  und  dadufch  aufgeschlossen
ist,  in  demselben  Zustande,  wie  die  erst  durch
Brennen  erzeugten  künstlichen  Zemente.  Die
P.,  die  in  bester  Beschaffenheit  bei  Rom  und
Neapel  vorkommt,  wurde  früher  auch  nach
Deutschland,  Frankreich  und  England  zu  baulichen ­
  Zwecken  versandt,  ist  neuerdings  aber
durch  künstlichen  Zement  verdrängt  worden  und
kann  auch  durch  den  in  den  Rheingegenden  vorkommenden ­
  Traß  ersetzt  werden.
Pyoktannin  nennt  man  zwei  verschiedene
Teerfarben,  die  äußerlich  als  Antiseptikum
auf  eiternden  Wunden  und  in  der  Tierheilkunde
gegen  Maul-  und  Klauenseuche  angewandt  werden. ­
  Das  sog.  blaue  P.  (lat,  Pyoctanninum
coeruleum,  frz.  Pyoctanjne  bleu,  engl.  Blue  Pyoktanin)
  entsteht  bei  der  Oxydation  von  Dimethylanilin ­
  als  ein  Gemisch  der  salzsauren  Salze
des  Penta-  und  des  Hexamethylpararosanilins
und  wird  meist  als  Methylviolett  bezeichnet.
—  Das  gelbe  P,  (Auramin,  lat.  Pyoctanninum
aureum,  frz.  Pyoctanine  jaune,  engl.  Yellow  Pyoktanin)
  wird  durch  Erhitzen,  von  Tetramethyldiamidobenzophenon
  mit  Ammonium-  und  Zinkchlorid
  dargestellt-  und  ist  als  salzsaures  Imidotetramethyldiparaamidodiphenylmethan
  anzusprechen. ­
  Das  goldgelbe,  in  kaltem  Wasser  schwer,
in  heißem  Wasser,  Alkohol,  Äther  und  Chloroform ­
  leicht  lösliche  Pulver  wird  für  medizinische
Verwendung  auch  mit  Dextrin  gemischt  in  den
Handel  gebracht.
Pyramiden  (Anjidopyrin,  lat.  Pyramidonum,
frz.  und  engl.  Pyramiden),  ein  neues  Ersatzmittel
des  Antipyrins,  wird  durch  Reduktion  von  Nitroso-Antipyrin
  in  alkoholisch-essigsaurer  Lösung
und  Behandlung  des  entstehenden  Amidoantipyrins
  mit  Chlor-  oder  Jodmethyl  dargestellt  und
ist  demnach  als  ein  Dimethylamidoantipyrin,
C 13 H 17 N s O,  anzusprechen.  Das  gelblich  weiße,
geruch-  und  geschmacklose  Kristallpulver  schmilzt
bei  io8°,  löst  siph  in  Wasser,  Alkohol  und  Benzol ­
  und  gibt  in  wäßriger  Lösung  mit  Eisenchlorid ­

  sowie  mit  Natriumnitrat  und  verdünnter
Schwefelsäure  unbeständige  Violettfärbungen.
Pyridin  (lat.  Pyridinum,  frz.  Pyridine,  engl.
Pyridina).  Das  zum  Vergällen  von  Spiritus  benutzte ­
  P.  ist  keine  einheitliche  chemische  Verbindung, ­
  sondern  ein  Gemenge  verschiedener  einander ­
  sehr  ähnlicher  Verbindungen,  die  man
unter  dem  Namen  Pyridinbasen  zusammenfaßt. ­
  Sie  finden  sich  sowohl  im  Steinkohlenteer,
als  auch,  und  zwar  in  größerer  Menge,  im
Knochenteeröl  oder  Tieröl  und  bilden  im  rohen
Zustande  ein  gelb  bis  braun  gefärbtes  und  höchst
übelriechendes  öl,  gereinigt  aber  eine  farblose,
ölige,  in  Wasser  und  in  Alkohol  lösliche  Flüssigkeit ­
  von  starkem,  betäubendem  Geruch  und
großer  Giftigkeit.  Als  hauptsächlichste  Bestandteile ­
  sind  außer  dem  eigentlichen  P.  Pikolin,
.Lutidin,  Kollidin  und  Parvolin  nachgewiesen
worden,  sämtlich  starke,  stickstoffhaltige,  aber
sauerstofffreie  Basen,  die  mit  Säuren  kristallisierbare ­
  Salze  bilden.  Die  vier  letzteren  finden  sich
wieder  in  mehreren  isomeren  Formen,  die  man
als  Alphakollidin  usw.  unterscheidet.  Das  eigentliche ­
  P.,  C5H5N,  ist  eine  farblose  Flüssig-'
keit  vom  spez.  Gew.  0,980  und  dem  Siedepunkt
ii6,7°.  Mit  Zinn  und  Salzsäure  behandelt,  geht
es  in  Piperidin  über.
Pyrodin  ist  der  in  der  Pharmazie  gebräuchliche ­
  Name  des  Azetylphenylhydrazins,  das
bei  akutem  Gelenkrheumatismus  gute  Dienste
leisten  soll,  aber  wegen  seiner  hohen  Giftigkeit
nicht  mehr  verordnet  wird.
Pyrogallussäure  (Brenzgallussäure,  Di
oxyphenylsäure,  Pyrogallol,  lat.  Acidum  pyrogailicum,
  frz.  Acide  pyrogallique,  engl.  Pyrogallic
  acid),  ein  dreibasisches  Phenol,  C 6 H 3 (OH^,
entsteht  beim  trockenen  Erhitzen  der  Gerbsäure
oder  besser  der  Gallussäure  auf  210—215 0  und
folgendem  Sublimieren  mit  Kohlensäure  als  weiße,
lockere,  blättrige  Kristallanhäufungen,  die  bei
131 0  schmelzen,  bei  210 0  destillieren  und  in
Wasser,  Alkohol  und  Äther  leicht  löslich  sind.
Die  Lösungen  röten  Lackmus  nicht.  Bringt  man
sie  mit  Alkali  zusammen,  so  binden  sie  aus  der
Luft  rasch  Sauerstoff  und  färben  sich  dadurch
tief  dunkelbraun.  Gold-  und  Silbersalze  werden
durch  P.  leicht  reduziert,  welche  daher  in  der
Photographie  ausgedehnte  Anwendung  findet.
Die  Pyroentwickler,  zu  denen  auch  das  Pinakol
  gehört,  haben  den  Nachteil,  daß  sie  die
Haut  braun  färben  und  giftig  sind,  werden  aber
wegen  ihrer  schnellen  und  kräftigen  Wirkung
sehr  geschätzt.  Außerdem  benutzt  man  P.  zum
Braunfärben  der  Haare.
Pyronine  nennt  man  eine  Reihe  basischer
Xanthenfarbstoffe  (s.  d.),  welche  wegen  ihrer
schönen  bläulichroten  Töne  zum  Färben  aller
Spinnfasern  benutzt  werden  können.  Das  Pyronin
  selbst  entsteht,  wenn  man  Formaldehyd  mh
Dimethylmetaarninophenol  vereinigt,  das  hierbei
ausgeschiedene  T  etramethyldiaminodioxydiphenyl’
methan  durch  Erhitzen  mit  konz.  Schwefelsäure
in  das  entsprechende  Xanthen  überführt  und
letzteres  mit  salpetriger  Säure  behandelt.  Es  ist
also  Tetramethyldiaminoxantheniumchlorid,  CH  •
[C 6 PI 3 N(CH 3 ) 2 ]oOCl.  Das  grünglänzende  Kristall -
pulver  gibt  mit  Wasser  und  Alkohol  eine  rote,
gelb  fluoreszierende  Lösung,  welche  durch  .Sah"
säure  hellorange  wird;  konz.  Schwefelsäure  gih f
        <pb n="359" />
        Pyrosin

353

Quebracho

eine  rotgelbe  Lösung,  die  auf  Wasserzusatz  rot
wird.
Pyrosin  ist  der  Name  einiger  Teerfarbstoffe, ­
  von  denen  Pyrosin  B  dem  Erythrosin,
Pyrosin  J  (Dijodfluoreszeinnatrium)  dem  Erythrosin ­
  G  nahesteht.  Beide  sind  braune,  in  Wasser
ffiit  roter  Farbe  lösliche  Pulver,  deren  Lösung
nicht  fluoresziert.
Pyrotechnische  Waren  (Feuerwerkskörper)
nennt  man  gewisse  leicht  entzündliche  oder  explodierbare ­
  Mischungen,  die  in  Papier-  oder  Papphülsen ­
  gefüllt  und  teils  für  die  Zwecke  der  Kriegführung ­
  (grobe  oder  Kriegsfenerwerker
 ei),  teils  zur  Belustigung  (Lustfeuerwerkerei)
abgebrannt  werden.  Die  wichtigsten  Rohstoffe
*u  fast  allen  Feuerwerkskörpem  sind:  Schwefel,
Salpeter  und  Kohle,  also  die  Bestandteile  des
Schießpulvers,  in  verschiedenen  Mengenverhältnissen, ­
  ferner  gekörntes  Schießpulver  selbst  und
Mehl;  für  gewisse  Zwecke  auch  Harz,  Kolophonium, ­
  Schellack,  Lykopodium,  Feilspäne  von
Eisen,  Stahl,  Zink  und  Kupfer,  Magnesium,  chlon
saures  Kalium,  und  chlorsaures  Barium.  Außerdem ­
  setzt  man  für  Buntfeuer  und  Leuchtkugeln
gewisse  Salze  hinzu,  welche  der  Flamme  besondere ­
  Färbungen  erteilen,  so  salpetersaures  Strontium, ­
  salpetersaures  Kupferoxydammoniak,  sal-Petersaures
  Barium,  Grünspan,  salpetersaures  Natron ­
  usw.  Die  bekanntesten  Feuerwerkskörper
sind:  Frösche,  Raketen,  Schwärmer,  Kraker,
Leuchtkugeln,  Girandolen,  Feuerregen,,  Kanonenschläge. ­
  Feuerräder  und  bengalische  Flammen.
Bei  der  Aufbewahrung  und  dem  Abbrennen
dieser  Erzeugnisse  ist  die  größte  Vorsicht  zu  beQuäker-Oats ­

  (Haferflocken)  bestehen  aus
geschälten  und  zerquetschten  Haferkömem  und
enthalten  neben  14,40/0  Eiweiß  gegen  7%  Fett.
Quark  (Quarg,  Zwark,  Matz,  Bruch,  Matten) ­
  heißt  die  frisch  gefällte  geronnene  Käsetttasse
  der  Milch  (s.  d.  und  Kasein),  die  in  manc
 üen  Gegenden  auf  Wochenmärkten  verkauft
^hd,  um  mit  Salz,  Milch,  etwas  feingehackten
'-wiebeln  und  Kümmel  auf  Brot  oder  mit  Zucker
'ütd  Gewürzen  auf  Kuchen  genossen  zu  werden.
Pier  Wassergehalt  darf  75  °/o  nicht  übersteigen.
Quassia  (Quassienholz,  Bitterholz,  lat.
Lignum  quassiae,  frz.  Bois  de  quassle  amere,
® n gl.  Quassia  wood),  ein  bekannter  Gegenstand
®es  Drogenhandels,  kommt  in  zwei  verschiedenen
Porten,  als  Surinam-  und  Jamaikaquassia-,°lz
  zu  uns.  Das  erstere  von  Quassia  amara,
® l pern  Baume  oder  Strauche  aus  der  Familie  der
Simarubazeen,  der  in  Surinam  wild  wächst
; n  Westindien  und  Brasilien  angebaut  wird,
bildet  finger-  bis  armstarke  Knüppel,  die  oft  noch
teilweise  mit  der  locker  anhängenden,  sehr  düngen, ­
  zerbrechlichen,  schmutziggrauen  und  schwarzj!.
 ec kigen  Rinde  bedeckt  sind.  Das  gelblich  geerbte ­
  geruchlose  Holz,  das  dicht  und  fast  ohne
^ 0r en,  doch  mit  sehr  feinen  Markstrahlen  durch-??tzt
  ist,  besitzt  reinen  und  anhaltend  bitteren
beschmack.  Das  Quassienholz  von  Jamaika
011  dem  viel  mächtiger  sich  entwickelnden,
-4  e  r  c  k  s  Warenlexikon.

obachten.  Für  den  Versand  auf  Eisenbahnen
besteht  die  Bestimmung,  daß  von  einem  vereidigten ­
  Chemiker  auf  dem  Frachtbrief  die  Ungefährlichkeit ­
  bestätigt  wird,  oder  daß  die  Fabrik  eine
diesbezügliche  Verpflichtung  eingegangen  ist,
worauf  sie  schriftlich  hinweist.  —  Die  Feuerwerkskörper ­
  müssen  jeder  für  sich  in  mit  festem
Papier'  umhüllte  Kartons  oder  in  Pappe  oder
starkes  Packpapier  verpackt,  und  die  Zündstellen
jedes  einzelnen  Körpers  mit  Papier  oder  Kattun
überklebt  sein.  Die  zur  Verpackung  dienenden
Kisten  müssen  vollständig  ausgefüllt,  und  etwaige
Lücken  mit  Stroh,  Heu,  Werg,  Papierspänen  oder
dergleichen  so  ausgestopft  sein,  daß  eine  Bewegung ­
  der  Pakete  auch  bei  Erschütterungen
ausgeschlossen  ist.  Äußerlich  sind  die  Kisten
mit  der  deutlichen  Aufschrift  „Feuerwerkskörper
aus  Mehlpul.ver“  und  dem  Namen  des  Absenders
zu  versehen.  —  Die  Feuerwerkskörper  kamen
zuerst  in  China  und  Ostindien  auf  und  bildeten
von  dort  lange  Zeit  eine  Ausfuhrware,  später
entstanden  berühmte  Fabriken  in  Rom  und  Paris,
die  aber  jetzt  von  deutschen  Erzeugern  längst
erreicht  sind.
Pyrotin,  ein  im  Jahre  1884  aufgekommener
Azofarbstoff,  besteht  aus  dem  Natronsalze
der  Betanaphtylaminsulfosäureazoalphanaphtholmonosulfosäure.
  Das  braunrote,  in  Wasser  mit
gelbroter  Farbe  lösliche  Pulver  färbt  Wolle  im
sauren  Bade  rot.
Pyrozon  nennt  man  eine  Auflösung  von  50  0/0  ,
Wasserstoffsuperoxyd  in  Äther,  die  zur  Entfernung ­
  von  Leberflecken  benutzt  wird.

I
schlanken  Waldbaume  Picrasma  excelsa
(Quassia  excelsa)  erscheint  in  Form  9—14  dm
langer,  bis  3  dm  dicker  Scheite,  die  mit  einer
fest  anhängenden,  dicken,  braunschwarzen  Rinde
bedeckt  sind.  Das  gelbliche  Holz  ist  sehr  leicht
und  weich,  großporig,  aus  helleren  und  dunkleren
Schichten  zusammengesetzt  und  von  breiten
Markstrahlen  durchzogen.  Der  Geschmack  gleicht
demjenigen  der  Surinam-Q.  und  beruht  auf  der
Anwesenheit  kristallinischer  Bitterstoffe  (Quassiine).
  Das  Surinamholz  wird  klein  geschnitten
als  bitterer  Tee  gegen  Magenverstimmungen,
sowie  in  Form  von  Klistieren  gegen  Spulwürmer
angewandt.  Auch  stellt  man  daraus  für  medizinische ­
  Zwecke  ein  wäßriges  und  ein  Fluidextrakt
her.  Die  billigere  Jamaikasorte  dient  in  Form
der  Abkochung  als  Fliegengift  (FliegenpapieiJ.
Aus  dem  Holz  fertigt  man  die  bekannten  Bitterbecher ­
  und  Kugeln  zur  Herstellung  bitterer  Flüssigkeiten. ­
  Bisweilen  beobachtete  Verfälschungen
des  Quassiaholzes  mit  dem  Holze  einer  westindischen ­
  Sumachart,  Rhus  metopium,  lassen
sich  durch  Prüfung  mit  Eisenoxydsalzen  leicht
nachweisen,  da  Q.  gerbstofffrei  ist.
Quebracho.  Unter  diesem  Namen  kommt  sowohl ­
  eine  Rinde  als  auch  ein  Holz  in  den  europäischen ­
  Handel.  Die  Quebrachorinde  (weiße
Q.,  lat.  Gort,  quebracho  blanco,  frz.  Ecorce  de
quebracho,  engl.  Quebracho  bark)  stammt  von

23
        <pb n="360" />
        Queckenwurzel

354

Quecksilber

einer  in  Argentinien  heimischen  Apozynee,
Aspidosperma  quebracho,  einem  schönen
großen  Baume  mit  lanzettlichen  Blättern  und
kleinen  gelben  Blüten.  Sie  bildet  bis  4  cm  dicke
Stücke  von  rotgelber  bis  rotbrauner  Farbe  und
splitterigem  Bruch  und  besteht  hauptsächlich  aus
der  Korkschicht.  Die  Dröge  enthält  neben  Zucker
und  2—4  o/o  Gerbstoff  einige  Alkaloide,  wie
Aspidospermin,  Quebrachin  u.  a.,  und  wird
in  Form  von  Extrakten  und  Tinkturen  gegen
Asthma  und  Herzleiden  verordnet.  —  Das  Quebrachoholz
  von  der  argentinischen  Anakardiazee
  Schinopsis  Lorentzii  besitzt  eine
schöne  dunkelrote  Farbe  und  wird  wegen  seines
hohen  Gerbstoffgehaltes  von  28  °/o  als  Gerbmaterial ­
  verwandt,  soll  aber  nicht  so  zähes  und  elastisches ­
  Leder  geben  wie  Eichenrinde.
Queckenwurzel  (lat.  Rhizoma  graminis,  frz.
Racine  de  chiendent,  engl.  Quitch  root)  nennt
man  die  ausdauernden,  unterirdischen  Ausläufer
des  besonders  in  sandigen  Feldern,  aber  auch  an
Wegen  und  Zäunen  wuchernden  und  schwer  vertilgbaren ­
  Queckengrases  (Agropyrum  repens).
  Die  knotig  gegliederten,  strohhalmdickep
Schößlinge  werden  im  Frühjahr  und  Herbst  bei
der  Ackerbestellung  ausgerissen,  verlesen  und
von  den  an  Knoten  sitzenden  Scheiden,  Wurzelfasern
  und  Halmen  befreit,  darauf  gewaschen,
getrocknet  und,  gewöhnlich  auf  der  Futterschneide
zerkleinert,  zum  Verkauf  gebracht.  Der  Querschnitt ­
  zeigt  eine  hohle  Markröhre,  die  Rinde
ist  dicker  als  der  Holzkörper.  Die  Wurzel  enthält ­
  einen  kristallisierbaren  Zucker,  Gummi,
Schleim,  Stärkemehl  und  Eiweiß,  schmeckt  daher
beim  Kauen  süßlich  und  schleimig  und  wird  als
blutreinigender  Tee,  ebenso  wie  auch  das  daraus
hergestellte  Extrakt  medizinisch  verwandt.  Der
im  Kriege  gemachte  Vorschlag,  Q.  zur  Gewinnung
von  Zucker,  Bier,  Alkohol  usw.  heranzuziehen,
war  natürlich  praktisch  aussichtslos.
Quecksilber  (lat.  Hydrargyrum,  Mercurius,  frz.
Mercure,  engl.  Quicksilver,  Mercury).  Der  Name
Q.  deutet  ebenso  wie  das.  lateinische  Argentum
vivum  (lebendiges  Silber)  und  das  griechische
Hydrargyrum  (Wassersilber)  auf  die  Beweglichkeit ­
  und  Flüssigkeit  hin,  und  aus  demselben
Grunde  belegten  die  alten  Adepten  das  Metall
mit  dem  Namen  des  am  schnellsten  kreisenden
Planeten  Merkur.  Das  wegen  seiner  Widerstandsfähigkeit ­
  zu  den  edlen  Metallen  gerechnete
Q.  findet  sich  nur  selten  gediegen  in  Form  kleiner
Tröpfchen  (als  Jungfernquecksilber)  oder  in
Verbindung  mit  Silber  als  Silberamalgam.  Meist
ist  es  an  Schwefel,  als  Zinnober,  seltener  an
Chlor,  als  Quecksilberhornerz  oder  an  organische ­
  Stoffe,  als  Idrialit,  gebunden.  Diereichsten
  Quecksilbergruben  hat  Spanien  in  Almacfen,
  wo  schon  seit  mehr  als  2000  Jahren  Q.
gewonnen  wird,  danach  folgen  die  seit  1497  in
Betrieb  befindlichen  Werke  zu  Idria  in  Krain  und
die  neueren,  sehr  ergiebigen  Lager  in  Kalifornien,
Huancavelica  in  Peru  und  im  Ural.  Geringere
Mengen  kommen  von  Horzowitz  und  Komarow
in  Böhmen,  aus  Ungarn,  Siebenbürgen  und  Italien, ­
  während  die  deutschen  Gruben  in  der  bayrischen ­
  Pfalz  und  Westfalen  eingegangen  sind.
Das  japanische  und  chinesische  Q.,  das  früher  in
Bambusrohren  nach  Europa  gelangte,  hat  jetzt
für  den  Welthandel  keine  Bedeutung  mehr.  Die

jährliche  Erzeugung  auf  der  Erde  beträgt  3000
bis  4000  t,  wovon  etwa  1000  t  auf  Spanien  entfallen. ­
  Für  die  Gewinnung  des  Q.  kommt  fast
nur  der  Zinnober  in  Betracht.  Die  weniger  schön
gefärbten  Stücke,  welche  nicht  direkt  als  Farbstoff ­
  zu  verwerten  sind,  werden  in  Schacht-  und
Flammenöfen  geröstet,  und  die  entweichenden
Quecksilberdämpfe  mit  der  aus  dem  Schwefel
entstehenden  schwefligen  Säure  durch  Kühlkammern ­
  geleitet.  In  diesen  bleibt  das  Metall
in  tropfbar  flüssigem  Zustande  zuruck,  während
die  schweflige  Säure  entweicht.  Nach  einem
älteren,  nur  noch  selten  benutzten  Verfahren
vermischte  man  die  zerkleinerten  Erze  mit  Kalk,
Eisen  oder  Hammerschlag  und  destillierte  das
Q.  von  den  zurückbleibenden  Sulfiden  des  Kalziums ­
  oder  Eisens  ab.  Verschiedene  Verfahren
•der  Quecksilbergewinnung  auf  nassem  Wege
durch  Ausziehen  mit  Kochsalz  und  Kupferchlorür,
  oder  durch  Bromsalzsäure  oder  Natriumthiosulfat ­
  haben  keinen  Eingang  in  die
Praxis  gefunden,  und  über  die  neuerdings  empfohlene ­
  elektrische  Abscheidung  liegen  abschließende ­
  Erfahrungen  noch  nicht  vor.  Das  nach
der  einen  oder  anderen  Arbeitsweise  gewonnene
Q.  wird  zunächst  von  mechanisch  beigemengten
Stoffen  befreit,  indem  man  es  durch  Sämischleder ­
  preßt  oder  durch  sehr  feine  Löcher  abtropfen ­
  läßt,  ist  aber  auch  dann  noch  meist
durch  geringe  Mengen  Blei,  Kupfer,  Wismut,
Antimon,  Silber,  Zinn  und  Zink  verunreinigt.
Derartige  rohe  Handelsware  bedeckt  sich  mit
einem  matten  Häutchen,  fließt  träge,  haftet  an
Glaswandungen  und  hinterläßt  auf  Papier  sog.
Schwänze  und  grauen  Staub.  Zur  Entfernung
dieser  fremden  Metalle  läßt  man  das  Q.  durch
eine  hohe  Säule  von  verd.  Salpetersäure  oder
Eisenchloridlösung  fallen,  schüttelt  es  dann  mit
Kaliumdichromat  und  vefd.  Schwefelsäure,  preßt
nochmals  durch  Sämischleder  und  destilliert  aus
4iem  Vakuum.  Das  reine  Q.  ist  ein  glänzendes,
bei  gewöhnlicher  Temperatur  flüssiges  Metall-Es
  erstarrt  bei  —39,5°,  entwickelt  bereits  bei
mittlerer  Wärme  Dämpfe  und  siedet  bei  357  °-Da
  die  Quecksilberdämpfe  schon  in  geringer
Menge  stark  giftig  wirken  und  zuerst  Speichelfluß ­
  und  fieberhafte  Störung  des  Allgemeinbefindens, ­
  später  Abmagerung,  Schwäche,  Zittern,
Lähmung  und  starke  Störung  der  geistigen  Tätigkeit ­
  hervorrufen,  so  ist  jedes  Vergießen  von  Qin
  bewohnten  Räumen  sorgfältig  zu  vermeiden-Man
  bewahrt  es  daher  am  besten  in  den  eisernen
Versandgefäßen  oder  in  starken  Glasflaschen  auf-Ist
  trotz  aller  Vorsicht  Q.  ausgelaufen,  so  verwandelt ­
  man  es  durch  Verreiben  mit  Stanniol  oder
Aluminiumpulver  in  Amalgam,  das  sich  leicht
entfernen  läßt.  Bleierne  Abzugsrohren  von  Wasserleitungen ­
  werden  durch  hineingeschüttetes  Q.  zerstört. ­
  Das  Q.  hat  ein  Atomgewicht  von  Hg
—  200  und  ein  spezifisches  Gewicht  von  13,596-Salzsäure
  und  kalte  Schwefelsäure  wirken  auf
das  Metall  nicht  ein,  während  es  von  heiß er
konz.  Schwefelsäure  zu  schwefelsaurem  Quecksilberoxyd ­
  gelöst  wird.  Salpetersäure  bildet  schon
in  verdünntem  Zustande  lösliches  Nitrat.  AP
der  Luft  bleibt  Q.  bei  gewöhnlicher  Temperatur
unverändert,  geht  aber  beim  Erhitzen  bis  nahe
zum  Siedepunkte  in  rotes  Oxyd  über.  Bei  noch
stärkerem  Erhitzen  gibt  das  letztere  seinen  Sauer-
        <pb n="361" />
        Quecksilberchlorid

355

Quecksilbernitrat

Stoff  wieder  ab  und  kehrt  in  den  metallischen
Zustand  zurück.  Mit  fast  allen  Metallen  außer
Eisen  liefert  das  Q.  Legierungen,  Amalgame
(s.  d.).  —  Das  reine  Q.  findet  ausgedehnte  Anwendung ­
  zur  Füllung  von  Thermometern  und
Barometern,  Quecksilberluftpumpen  und  zahlreichen ­
  anderen  physikalischen  Instrumenten.  In
größtem  Maßstabe  dient  es  zum  Extrahieren
von  Gold  und  Silber  aus  Erzen,  zur  Herstellung
von  Quecksilbersalbe  und  anderen  pharmazeutischen ­
  Zubereitungen,  von  künstlichem  Zinnober
und  in  Form  von  Amalgam  zur  Herstellung  von
Spiegeln.
Quecksilberchlorid  (Merkurichlorid,  Sublimat, ­
  lat.  Hydrargyrum  bichloratum,  frz.
Sublime  corrosif,  engl.  Corrosive  Sublimate)  entsteht ­
  beim  Auflösen  von  Quecksilber  in  Königs-,
wasser  oder  von  Quecksilberoxyd  in  Salzsäure
und  wird  im  großen  durch  Sublimation  einer
Mischung  von  Merkurisulfat  und  Kochsalz  hergestellt.
  Es  bildet  geruchlose  weiße  Kristalle
oder  Pulver  von  scharfem  Metallgeschmack  und
ätzenden,  stark  giftigen  Eigenschaften.  Entsprechend ­
  der  Formel  HgCl 2  sind  in  100  Teilen
73,8  Teile  Quecksilber  und  16,2  Teile  Chlor  enthalten. ­
  Das  Q.  schmilzt  bei  265  und  siedet  bei
297  °.  Es  löst  sich  in  15  Teilen  Wasser  mittlerer
Temperatur,  in  3  Teilen  siedendem  Wasser,  3  Teilen ­
  Alkohol,  4  Teilen  Äther  und  in  15  Teilen  Glyzerin. ­
  Auf  der  Eigenschaft,  mit  Eiweißkörpern
unlösliche  Verbindungen  zu  bilden,  beruht  die
ätzende  Einwirkung  auf  die  Haut,  aber  auch  die
Verwendung  von  Eiweiß  als  Gegenmittel  bei
Sublimatvergiftungen.  —  Q.  findet  ausgedehnte
medizinische  Anwendung  als  Ätzmittel  bei  Syphilis ­
  und  als  Antiseptikum  in  der  Wundbehandlung.
Innerlich  wird  es  in  kleinen  Gaben  gegen  Geschlechtskrankheiten ­
  und  Typhus  verordnet.  Die
Technik  benutzt  es  als  Beize  in  der  Kattundruckerei, ­
  zum  Ätzen  von  Stahl,  zum  Konservieren ­
  naturwissenschaftlicher  Sammlungen,  zur
Darstellung  von  Anilinrot,  als  Desinfektionsmittel
und  zum  Imprägnieren  von  Holz  (Eisenbahnschwellen) ­
  .  —  Auf  Zusatz  von  Ammoniak  scheidet
sich  aus  wäßriger  Sublimatlösung  ein  weißer
Niederschlag  von  Quecksilberammoniumchlorid, ­
  HgNH 2 CI,  aus,  welcher  in  der  Pharmazie ­
  als  weißerPräcipitat  (lat.Hydrargyrum
Praecipitatum  album,  Mercurius  praecipitatus  albus, ­
  frz.  Chloramidure  mercurique,  Precipite
blanc,  engl.  White  precipitate)  bezeichnet  wird.
Das  geruch-  und  geschmacklose,  schneeweiße,
kreideähnliche  Pulver  ist  in  Wasser  und  Alkohol
unlöslich,  aber  stark  giftig  und  wird  nur  äußerlich ­
  angewandt.
Quecksilberchlorür  (Merkurochlorid,  Kalomel,
  lat.  Hydrargyrum  chloratum  mite,  Mercurius ­
  dulcis,  Aquila  alba,  frz.  Chlorure  mercureux,
  engl.  Mild  chloride  of  mercury),  die
zweite  Verbindung  des  Quecksilbers  mit  Chlor,
HgCl,  enthält  42,5  0/0  Quecksilber  und  S7.5  %
Chlor.  Je  nach  der  Darstellung  unterscheidet
tPan  drei  verschiedene  Sorten:  1.  Kalomel  oder
Hydr  argyrum  chloratum  (mite)  schlechthin
entstehend  bei  der  Sublimation  von  4  Teilen
Quecksilberchlorid  mit  3  Teilen  Quecksilber  in
Dorm  schwerer  kristallinischer  Stücke,  die  zum
Unterschiede  von  Sublimat  mit  dem  Fingernagel
einen  gelben  Strich  geben.  Durch  Behandlung

in  Kollergängen  und  nachfolgendes  Abschlämmen
mit  Wasser  wird  K.  in  ein  feines,  gelblichweißes
Pulver,  den  lävigierten  Kalomel,  verwandelt.  —
2.  Kalomel  vapore  paratum  erhält  man,  wenn
Dämpfe  von  Kalomel  mit  Wasserdampf  Zusammentreffen, ­
  als  völlig  weißes,  zwischen  den  Fingern
nicht  zusammenbackendes  Pulver.  —  3.  Kalomel ­
  via  humida  paratum  endlich  wird  dargestellt, ­
  indem  man  in  eine  warme  Lösung  von
Sublimat  schweflige  Säure  einleitet  oder  Quecksilbernitratlösung ­
  mit  Kochsalz  fällt.  Kalomel
wird  durch  Wasser  und  Alkohol  nicht  gelöst,
wohl  aber  in  der  Siedehitze  unter  Abscheidung
von  Quecksilber  zerlegt.  Ebenso  zersetzt  es  sich
am  Licht  und  muß  daher  im  Dunkeln  aufbewahrt
werden.  K.  findet  in  der  Medizin  als  mildes  Abführmittel, ­
  selbst  bei  Kindern,  Anwendung.  Äußerlich ­
  dient  es  zum  Ätzen  syphilitischer  Geschwüre,
zum  Einstäuben  in  das  Auge  bei  Hornhauttrübungen, ­
  und  in  den  Schlund  bei  Krankheiten  des
Kehlkopfs.  Die  Technik  benutzt  es  zur  Flerstellung
  von  Porzelianfarben  mit  Gold  und  als
Zusatz  zu  bengalischen  Flammen.
Quecksilberfulminat  (knallsaures  Quecksilber, ­
  Knallquecksilber)  scheidet  sich  beim
Vermischen  einer  freie  Salpetersäure  enthaltenden ­
  Quecksilbernitratlösung  mit  Alkohol  in  Form
grauer  Kristallnadeln  von  der  Formel  HgC 2 N 2 Q 2
aus,  die  nach  dem  Umkristallisieren  aus  heißem
Wasser  rein  weiß  erscheinen.  Das  Salz  ist  äußerst
unbeständig,  explodiert  beim  Erhitzen  auf  190 0 ,
sowie  durch  Reibung  oder  Schlag  und  muß
daher  unter  Wasser  aufbewahrt  werden.  Zur
Beförderung  auf  der  Eisenbahn  wird  es  nicht
zugelassen.  Es  dient  an  Stelle  des  analogen,  aber
noch  gefährlicheren  Knallsilbers  zur  Herstellung ­
  von  Zündsätzen.
Quecksilberjodid  (rotes  Jodquecksilber,
Einfachjodquecksilber,  Doppeltjodquecksilber,
  lat.  Hydrargyrum  bijodatum,  frz.  Jodure
  mercurique,  engl.  Mercuric  jodide),  HgJ ?j
entsteht  beim  Zusammenreiben  von  100  Teilen
Quecksilber  mit  127  Teilen  Jod  als  ein  in  Wasser
nur  sehr  wenig,  etwas  leichter  in  Alkohol  lösliches ­
  Pulver  von  lebhaft  roter  Farbe.  Bei  vorsichtigem ­
  Erwärmen  wird  es  gelb,  nimmt  aber
nach  dem  Erkalten  durch  Reiben  seine  rote
Farbe  wieder  an.  Q.  ist  giftig  und  findet  beschränkte ­
  medizinische  Anwendung  gegen  Geschlechtskrankheiten. ­

Quecksilberjodür  (grünes  Jodquecksilber.
Halb  jodquecksilber,  Quecksilbersemijodid.
  lat.  Llydrargyrum  jodatum,  frz.  Jodure  mercureux,
  engl.  Mercurous  jodide)  wird  durch  Verreiben ­
  von  200  Teilen  Quecksilber  mit  127  Teilen
Jod  dargestellt  und  bildet  ein  gelblichgrünes,  in
Wasser  unlösliches  Pulver,  HgJ,  das  Wie  das
Jodid  giftig  ist  und  medizinisch  verwandt  wird.
Beide  Jod  Verbindungen  sind  vor  Licht  geschützt
aufzubewahren.
Quecksilbernitrat  (lat.  Hydrargyrum  nitricum,
frz.  Nitrate  de  mercure,  engl.  Nitrate  of  mercury)
findet  sich  wie  die  übrigen  Salze  in  Form  des
Oxyduls  und  des  Oxyds.  Das  erstere  entsteht  bei
Behandlung  von  überschüssigem  Quecksilber  mit
mäßig  warmer  Salpetersäure,  das  letztere  durch
Lösen  von  Quecksilberoxyd  in  Salpetersäure.
Beide  bilden  farblose  kristallinische  Salze,  die
stark  ätzend  wirken  und  für  äußerliche  Behänd-
        <pb n="362" />
        Quecksilberoxyd

356

Querzitronrinde

lung  offizineil  sind.  Das  Oxydsalz  dient  auch  zur
Bereitung  einer  gelben  Quecksilbersalbe,  ferner
in  der  Technik  als  Hutmacherbeize  und  beim
Vergolden  als  sog.  Quickwasser.
Quecksilberoxyd  (roter  Präcipitat,  lat.
Hydrargyrum  oxydatum  rubrum,  frz.  Oxyde  mercurique
  rouge,  engl.  Redoxyde  of  xnercury),  HgO,
ein  gelbrotes,  in  Wasser  etwas  lösliches,  widrig
metallisch  schmeckendes  Pulver  von  höchst  giftiger ­
  Wirkung,  entsteht  beim  Abdampfen  einer
Lösung  von  Quecksilbernitrat  und  Erhitzen  des
Rückstandes  in  einer  Porzellanschale.  Eine  Verbindung ­
  von  gleicher  Zusammensetzung,  aber
mehr  gelber  Farbe  (H.  via  humida  paratum)  erhält ­
  man  durch  Fällung  einer  Quecksilbernitratlösung ­
  mit  Natronlauge.  Q.  dient  in  der  Medizin
als  äußerliches  Mittel,  in  der  Technik  als  Porzellanfarbe. ­

Quecksilbersulfat  (lat.  Hydrargyrum  sulfuricum,
  frz.  Sulfate  de  mercure,  engl.  Sulfate  of
mercury)  entsteht  beim  Erwärmen  von  Quecksilber ­
  mit  konz.  Schwefelsäure,  und  zwar  als
Oxydulsalz,  Hg 2 S0 4 ,  wenn  das  Metall,  als  Oxydsalz, ­
  HgSÖ 4 ,  wenn  die  Säure  überwiegt.  Das
letztere  bildet  ein  schweres,  weißes  Kristallpulver,
das  beim  Erhitzen  zuerst  gelb,  dann  braun  wird
und  zur  Darstellung  des  Sublimats,  Kalomels  und
anderer  Quecksilbersalze  dient.  Bei  Behandlung
mit  Wasser  liefert  es  ein  zitronengelbes  basisches
Salz  (Turpethum  minerale),  das  beschränkte
Anwendung  gegen  Hautkrankheiten  findet.
Quecksilbersulfid.  Reibt  man  gleiche  Teile
Q.  und  Schwefel  hinreichend  lange  zusammen,
so  entsteht  ein  feines  tiefschwarzes  Pulver,  das
schwarze  Schwefelquecksilber,  mineralischer ­
  Mohr,  Quecksilbermohr  (lat.  Hydrargyrum ­
  sulfuratum  nigrum,  frz.  Sulfure  noir  de
mercure,  engl.  Black  sulfide  of  mercury),  das
früher  unter  der  Bezeichnung  Aethiops  mineral ­
  is  eine  beschränkte  medizinische  Anwendung
fand.  Das  rote  Schwefelquecksilber  (lat.
Hydrargyrum  sulfuratum  rubrum,  frz.  Sulfure
mercurique,.  engl.  Red  sulfide  of  mercury)  findet
sich  in  der  Natur  als  natürlicher  Zinnober
(s.  d.)  und  wird  nach  verschiedenen  Verfahren
künstlich  dargestellt.  In  erster  Linie  bedient  man
sich  zur  Gewinnung  von  künstlichem  Zinnober ­
  des  schwarzen  Q.  oder  auch  einfach  eines
Gemisches  von  Quecksilber  und  Schwefel,  die
aus  konischen  Tontiegeln  in  gußeisernen  Apparaten ­
  sublimiert  werden.  Die  sublimierte  Ware
heißt  Stückenzinnober  und  wird  zum  Teil  in
den  schönsten,  auserlesensten  Teilen  direkt  in  den
Handel  gebracht,  hauptsächlich  aber  zunächst  in
ein  feines  Pulver  verwandelt.  Je  weiter  die  Vermahlung ­
  getrieben  ist,  um  so  heller  und  feuriger
erscheint  die  Farbe.  Nach  dem  Mahlen  und
Schlämmen  wird  die  Masse  noch  durch  Kochen
mit  Pottasche  von  dem  ungebundenen  Schwefel
befreit  und  schließlich  in  der  Wärme  getrocknet.
Auf  nassem  Wege  verwandelt  man  das  schwarze
Q.  durch  Kochen  mit  Kalilauge  und  anderen,
geheim  gehaltenen  Chemikalien  in  die  rote  Verbindung ­
  (Vermillon),  deren  Farbe  durch  einen
geringen  Gehalt  von  etwa  l  °/o  Antimon  noch  verschönert ­
  wird.  Zinnober  ist  ein  geruch-  und  geschmackloses, ­
  außerordentlich  schweres  Pulver
vom  spez.  Gew.  7,800—8,100.  Wegen  seiner  intensiv-roten ­
  Färbung  wird  er  als  Malerfarbe

außerordentlich  geschätzt,  jedoch  haben  die  Anstriche ­
  den  Nachteil,  am  Lichte  nach  und  nach
dunkler  und  schließlich  sogar  schwarz  zu  werden.
Außerdem  findet  Q.  beschränkte  Anwendung  als
Schminke  und  in  der  Medizin.  Wegen  seiner
völligen  Ungiftigkeit  kann  es  auch  zum  Färben
von  Kautschukwaren  benutzt  werden.
Quecksilbertannat  (gerbsaures  Quecksilberoxydul, ­
  lat.  Hydrargyrum  tarmicum  oxydulatum,
  frz.  Tannate  de  mercure,  engl.  Taninate
of  mercury),  eine  Verbindung  der  Gerbsäure  mit
Quecksilberoxydul,  erscheint  in  bräunlichgrünen
Schuppen,  die  beim  Zerreiben  ein  grünes  Pulver
geben.  Es  wird  seit  1884  in  der  Medizin  als
mildes  Antiseptikum  verwandt.
Quendel  (Feldkümmel,  wilder  Thymian,
lat.  Herba  serpylli,  frz.  Herbe  de  thym  sauvage
ou  serpolet,  engl.  Mother  of  thyme),  das  angenehm ­
  aromatisch  riechende  und  bitterlich  zusammenziehend ­
  schmeckende  Kraut  der  bekannten ­
  ausdauernden  Labiale  Thymus  Serpyllum,
  wird  in  der  Blüte  gesammelt  und  zu  stärkenden ­
  Bädern,  Umschlägen,  Kräuterkissen  und
Krankentees  sowie  zur  Herstellung  eines  alko
holischen  Destillates,  Spiritus  serpylli,  benutzt.
Aus  dem  trockenen  Kraute  gewinnt  man  durch
Destillation  mit  Wasser  das  Feldthymian-  oder
Serpylliöl  (lat.  Oleum  serpylli,  frz.  Essepce
de  thym  sauvage  ou  serpolet,  engl.  Oil  of  wild
thyme),  ein  dünnflüssiges,  farbloses  bis  goldgelbes, ­
  später  bräunliches  ätherisches  Öl  vom
spez.  Gew.  0,89—92,  das  den  Geruch  der  Pflanze
in  höchstem  Grade  besitzt  und  neben  Thymol
Karvakrol  und  Zymol  enthält.
Querzit  (Eichelzucker),  eine  besondere,  in
den  Eicheln  enthaltene  Zuckerart,  bildet  harte
farblose  Kristalle  von  süßem  Geschmack,  ist  nicht
gärutigsfähig  und  löst  sich  in  Wasser  und  Weingeist. ­

Querzitronrinde  (lat.  Cortex  quercus  tinctoriae,
  frz.  Ecorce  de  tinctoire  ebene,  engl.  Quercitron
  bark)  besteht  aus  der  inneren  gelblichen
Rinde  der  in  den  Südstaaten  von  Nordamerika ­
  heimischen  Färbereiche  Quercus  tinctoria.
  Sie  kommt  nur  selten  in  ganzen  Stücken,
hingegen  fast  stets  in  zerkleinertem  Zustande,
teils  fein,  teils  grob  gemahlen  von  Neuyork,
Baltimore  und  Philadelphia  aus  in  den  Handel.
Das  Pulver  besitzt  eine  bräunlichgelbe  Farbe,
schwachen,  nicht  unangenehmen  Geruch  und
bitteren  Geschmack  und  färbt  den  Speichel  gelb.
Der  Farbstoff  der  Q„  das  Querzitrin,  gehört
zu  den  Glykosiden  und  bildet  kleine  schwefelgelbe ­
  Kristalle,  die  in  Wasser  schwer,  in  alkalischen ­
  Laugen  leicht  löslich  sind.  Die  wäßrige
Abkochung  der  Rinde  ist  orangerot  und  wird
zum  Färben  benutzt,  muß  aber  für  diesen  Zweck
durch  Zusatz  von  Leimlösung  von  Gerbstoff  und  \
anderen  störenden  Beimengungen  befreit  werden. ­
  Ein  reineres  Präparat  wird  auch  durch  Auskochen ­
  der  Q.  mit  Schwefelsäure  erhalten,  wobei
eine  Spaltung  eintritt  und  ein  schönerer  Farbstoff, ­
  das  Querzetin,  zurückbleibt.  Von  den
Nordamerikanern  und  Engländern  wird  auch  flüssiges ­
  und  trockenes  braunes  Extrakt  (Qu  erzitronextrakt)
  als  ein  reineres  Farbmaterial
hergestellt,  während  der  durch  Auskochen  mit
Sodalösung  und  Fällen  mit  verdünnter  Schwefelsäure ­
  erhaltene,  noch  unreine  Farbstoff  als  Teig
        <pb n="363" />
        Quillayarinde

357

Quittenkerne

unter  dem  Namen  Flavine  in  den.  Handel
kommt.  Zur  Färberei  auf  Wolle,  Seide,  Baumwolle ­
  und  gemischte  Stoffe  stellt  man  aus  Q.  in
Verbindung  mit  Beizen  zahlreiche  verschiedene
Farbtöne  her,  mit  Tonerdebeize  gelb,  mit  Eisenbeize ­
  braun,  mit  einem  Gemisch  von  beiden  olive,
mit  etwas  Krapp  und  Tonerdebeize  orange.
Quillayarinde  (Panama-Seifen-Rinde,  lat.
Cortex  quillajae,  frz.  Ecorce  de  quillaye,  engl.
Quillaya  hark)  ist  die  Rinde,  eigentlich  der
Splint,  eines  in  Chile  heimischen  Baumes,
Quillaja  Saponaria,  die  sich  vermöge  eines
Gehaltes  an  Saponin  wie  unsere  Seifenwurzel ­
  verhält.  Neben  dem  Saponin  sind  noch  zwei
giftige  Stoffe,  das  Sapotoxin  und  die  Quillayasäure.
  vorhanden.  Wegen  ihrer  Eigenschaft,
mit  Wasser  unter  Abgabe  von  Saponin  stark
schäumende  Lösungen  zu  liefern,  vermag  die
Q.  Seife  (etwa  die  dreifache  Menge  schwarze
Seife)  zu  ersetzen  und  wird  daher,  weil  sie  die
Farben  nicht  angreift,  zum  Waschen  farbiger
Wollen-  und  Seidenzeuge,  ferner  zum  Entfetten
von  Wolle,  zur  Schafwäsche  und  überhaupt  an
Stelle  von  Seife  benutzt.  Von  den  zahlreichen
Q.  enthaltenden  Waschmitteln  ist  Panamin  ein
Rindenextrakt,  das  mit  etwas  Glaubersalz  zur
festen  Masse  eingedickt,  geformt  und  in  Zinnfolie ­
  verpackt  in  den  Handel  kommt.  Wasmuts
Opal  in  der  Tonne  war  ein  wäßriger  Auszug,
Fleckwasser  enthält  Quillayatinktur  neben  Ammoniak, ­
  Äther,  Benzin  und  Weingeist,  Fleckseif
  e  Quillayaextrakt  neben  Borax,  Galle  und
Seifenpulver.  —  Die  Rinde  bildet,  von  der
braunen  Außenborke  befreit,  gelblichweiße,  holzähnliche ­
  Platten  von  stark  faserigem  Aufbau.
Die  2—7  mm  dicken,  bis  zu  i  m  langen,  nur
wenig  gekrümmten  Stücke  sind  geruchlos,  aber
von  sehr  kratzendem  Geschmack.  Beim  Zerbrechen ­
  oder  Stoßen  entwickelter  Staub  erregt
heftiges  Niesen.  Auf  dem  Querschnitte  erscheint
die  Rinde  quadratisch  gefeldert,  indem  die  einzelnen ­
  scharf  abgegliederten  Bastzonen  von  zahlreichen, ­
  deutlich  erkennbaren  Markstrahlen
durchsetzt  sind.  Hält  man  eine  radiale  Schnittfläche ­
  gegen  das  Licht,  so  sieht  man  schon  mit
unbewaffnetem  Auge  zahlreiche  glänzende  Teilchen, ­
  die  sich  unter  dem  Mikroskope  als  Kristalle ­
  von  oxalsaurem  Kalk  zu  erkennen  geben.
Infolge  ihres  faserigen  Baues  ist  die  Rinde  sehr
schwierig  zu  zerkleinern  und  wird  daher  von  den
Handelshäusern  bereits  auf  Maschinen  zerschnitten
  sowie  als  Pulver  in  den  Handel  gebracht.
Quillayasäure,  die  in  der  Quillayarinde
enthaltene,  sehr  giftige  organische  Säure,  erhält
U}an  in  reinem  Zustande  durch  Fällung  der  wässerigen ­
  Rindenabkochung  mit  neutralem  Bleiazetat,
Zersetzen  des  Niederschlages  mit  Schwefelsäure
und  Schwefelwasserstoff  und  Verdampfen  der
erhaltenen  Lösung  bis  fast  zur  Trockne.  Aus  dem
Rückstände  wird  die  freie  Säure  mit  heißem  absoluten ­
  Alkohol  aufgenommen  und  diese  Lösung
uüt  der  vierfachen  Menge  Chloroform  gemengt.

wodurch  noch  verschiedene  braungefärbte  Massen
abgeschieden  werden.  Aus  dem  Filtrate  wird
die  Q.  durch  Zusatz  von  Äther  in  Flocken  gefällt.
Sie  ist  in  Wasser,  Alkohol  und  alkoholhaltigem
Chloroform  leicht  löslich,  in  Äther  und  Chloroform ­
  unlöslich.  Mit  konzentrierter  Schwefelsäure
färbt  sie  sich  dunkelrot.  Die  Q.  ist  ein  Glykosid
und  wird  durch  Kochen  mit  verdünnten  Säuren
in  eine  rechtsdrehende,  nicht  vergärbare  Glukose
und  Sapogenin  gespalten.  Sowohl  die  Säure,  als
auch  ihr  Natronsalz,  das  quillayasaure  Natron,  erregen, ­
  schon  in  den  kleinsten  Stäubchen,  heftiges
Niesen,  in  den  Augen  Tränenfluß  und  Schmerzen,
im  Kehlkopf  heftige  Hustenanfälle.
Quinio.  Unter  diesem  Namen  kommt  aus
Brasilien  eine  gelbe  harzähnliche  Masse  in  den
Handel,  die  durch  Ausziehen  frischer  Rindenabfälle ­
  der  Chinabäume  mit  Alkohol  und  Kalk
gewonnen  werden  soll  und  die  Chinabasen  in
unverbundenem  freien,  aber  noch  ganz  unreinem
Zustande  erhält.  Q.  ist  in  Wasser  fast  unlöslich,
dagegen  in  Alkohol,  Äther  sowie  in  verdünnter
Schwefelsäure  löslich.  Eine  ähnliche  Droge
kommt  unter  dem  Namen  Quinetum  aus  Ostindien ­
  und  wird  dort  ebenfalls  aus  den  nicht  verkäuflichen ­
  Rindenabfällen  der  Himalayapflanzungen
  gewonnen.
Quitten  sind  die  schön  gelben,  aromatisch
riechenden  Früchte  des  Quittenbaums,  Cydonia
  vulgaris  Pers,,  der  in  Gärten  in  mehreren ­
  Arten,  wie:  Apfel-,  Birn-,  portugiesische
Quitte  gezogen  wird  und  in  Asien  und  Europa  bis
nach  Mitteldeutschland  vorkommt.  Die  Früchte
sind  frisch  ungenießbar,  werden  aber  eingemacht
als  Dessertfrucht,  sowie  zu  Gelees,  Mus,  Kompotts, ­
  Marmeladen  und  Backwerk  verwandt.  Getrocknet ­
  dienen  die  zerlegten  Früchte  (lat.  Fructus
  eydoniae,  frz.  Fruits  de  coing,  engl.  Quince)
zur  Herstellung  von  adstringierenden,  auch  medizinisch ­
  verordneten  Gelees.  —  Quittenessenz
ist  ein  künstlicher  Riechstoff  (Pelargonsäureäthylester),
  welcher  das  eigentümliche  feine
Aroma  der  Quittenfrüchte  ziemlich  gut  wiedergibt. ­

Quittenkerne  (lat.  Semen  eydoniorum,  frz.
Semences  de  coing,  engl.  Quince  seeds),  die
zwischen  den  fünfknorpeligen  Scheidewänden
befindlichen  Samen  der  Quitte,  werden
wegen  des  auf  ihnen  eingetrockneten  Schleims
benutzt.  Sie  sind  den  Birnenkernen  ähnlich  geformt, ­
  braun,  aber  glanzlos  und  mit  einem  weißgrauen ­
  Überzüge  bedeckt.  Der  durch  Schütteln
der  gequollenen  Kerne  mit  Wasser  abgesonderte
Quittenschleim  (lat.  Mucilago  eydoniae)  dient
zu  Augenmitteln  sowie  auch  zu  kosmetischen
Zwecken.  Die  deutschen  Samenkerne  kommen
aus  Franken  und  Württemberg,  andere  aus  Rußland ­
  und  der  Türkei.  Verfälschungen  oder  Verwechslungen ­
  mit  Apfel-  oder  Birnenkernen  sind
leicht  an  der  glänzenden,  nicht  matten,  schleim-  1
freien  Schale  zu  erkennen.
        <pb n="364" />
        Radauplätzchen

358

Radix

R.

Radauplätzchen  (Radaublättchen,  Teufelskracher) ­
  sind  runde,  von  rotem  Papier  umhüllte ­
  Scheibchen  von  etwa  3  cm  Durchmesser,
die  sich  beim  Anreißen  an  einer  rauhen  Fläche
mit  knatterndem  Geräusch  entzünden  und  meist
von  Kindern  zum  Spielen  oder  richtiger  zur
Verübung  groben  Unfugs  benutzt  werden.  Sie
enthalten  neben  chlorsaurem  Kalium  erhebliche
Mengen  des  weißen  giftigen  Phosphors  und
dürfen  daher  als  gesundheitsschädliches  Spielzeug ­
  nach  der  neueren  Rechtsprechung  nicht  in
den  Verkehr  gebracht  werden.  Ähnlich  verhält
es  sich  mit  den  sog.  Knallkorken  und  der
Liliputmunition,  die  überdies  noch  als  Sprengstoffe ­
  angesehen  werden  können.
Radium  ist  das  im  Jahre  1898  von  dem  Ehepaare ­
  Curie  in  der  Pechblende  von  Joachimstal
entdeckte  seltsame  Element,  das  in  seinem  chemischen ­
  Verhalten  dem  Barium  nahesteht,  im
übrigen  aber  völlig  abweichende  Eigenschaften
aufweist.  Man  gewinnt  es  durch  Ausziehen  der
gerösteten  Uranerze  mit  Schwefelsäure,  wodurch
das  Uran  entfernt  wird,  und  darauffolgende  Behandlung ­
  des  von  Schwefelsäure  befreiten  Rückstandes ­
  mit  Natronlauge,  in  welche  Blei,  Kieselsäure ­
  und  Tonerde  übergehen.  Dann  wird  mit
Salzsäure  und  der  hierin  unlösliche  Teil  mit
Sodalösung  erwärmt,  um  das  Bariumsulfat  mit
dem  nahestehenden  R.  in  Karbonate  überzuführen, ­
  die  nunmehr  in  Salzsäure  löslich  sind.  Durch
außerordentlich  mühsame  weitere  Verarbeitung,
abwechselnde  Einwirkung  von  Soda  und  Salzsäure, ­
  Chlor,  Schwefelwasserstoff  und  Ammoniak
erhält  man  schließlich  aus  mehreren  Tonnen
Pechblende  wenige  Zentigramme  Radiumchlorid
oder  Radiumbromid,  das  meist  mit  der  entsprechenden ­
  Bariumverbindung  vereinigt  ist.  Eine
Zeitlang  wurde  diese  Verbindung  zu  ungeheuren
Preisen  verkauft,  scheint  aber  jetzt  gar  nicht
mehr  im  Handel  zu  sein.  In  metallischem  Zustande ­
  ist  R.  noch  nicht  isoliert  worden.  Aus
den  mehr  oder  weniger  reinen  Halogen  Verbindungen ­
  hat  man  für  das  Atomgewicht  Werte  von
225—267  berechnet.  Von  dem  chemischen  Verhalten ­
  des  neuen  Körpers  ist,  abgesehen  von
seiner  Verwandtschaft  zum  Barium,  sehr  wenig
oder  gar  nichts  bekannt.  Um  so  auffallender
sind  seine  physikalischen  Eigenschaften.  Die
farblosen  Kristalle  des  Radiumchlorides  färben
sich  nach  kurzer  Zeit  gelb  und  verleihen  zugleich
den  umhüllenden  Glasgefäßen  eine  intensiv
braune_  Farbe.  Sie  machen  die  Luft  für  Elektrizität ­
  leitend  und  entladen  somit  ein  Elektroskop
aus  größerer  Entfernung  selbst  durch  eine  Aluminiumhülle ­
  hindurch.  Außerordentlich  merkwürdig ­
  verhalten  sich  die  vom  R,  ausgesandten
Strahlen.  Sie  bringen  einen  Bariumplatinzyanürschirm
  zur  Fluoreszenz  und  wirken,  durch  alle
bekannten  Stoffe  hindurchgehend,  auf  die  photographische ­
  Platte.  Da  sie  Knochen  ebenso  leicht
durchdringen  wie  Fleisch,  können  sie  nicht  an
Stelle  der  Röntgenstrahlen  benutzt  werden.  Im
Laufe  langer  Zeiträume  soll  R.  unter  Abspaltung
von  sog.  Emanation  und  Entwicklung  Von
Wärme  allmählich  zerfallen,  ein  Verhalten,  das

die  bisherigen  Anschauungen  über  die  Unzerstörbarkeit ­
  der  Kraft  und  der  Materie  von  Grund  aus
verändern  müßte.  Im  Gegensatz  zu  diesen
weitgehenden  Schlußfolgerungen  hat  Clemens
Winkler  noch  kurz  vor  seinem  Tode  darauf
hingewiesen,  daß  diese  wunderbaren  Erscheinungen ­
  möglicherweise  gar  nicht  auf  einen  neuen
Körper,  sondern  nur  auf  einen  besonderen  Zustand ­
  der  Materie,  etwa  nach  Art  des  magnetischen ­
  Eisens,  zurückzuführen  seien.  Zur  Unterstützung ­
  dieser  Auffassung  wies  er  darauf  hin,
daß  eine  ganze  Reihe  bekannter  Elemente  Uran,
Blei,  Thorium  und  Tellur  radioaktive  Formen
von  unveränderten  chemischen  Eigenschaften  bilden. ­
  •—  Zu  einer  praktischen  Verwertung  hat
man  die  heftige  Einwirkung  des  R.  auf  die
menschliche  Haut  heranzuziehen  versucht.  Die
R.-Strahlen  rufen  auf  der  Haut  -Entzündungen
und  Brandstellen  hervor,  und  zwar  anscheinend
auf  Geschwülsten  krebsartiger  Natur  heftiger  als
auf  die  gesunde  Haut.  Abschließende  Erfahrungen ­
  über  die  Behandlung  von  Krebs  mit  R.
liegen  zurzeit  noch  nicht  vor,  ebensowenig  über
die  Beziehungen  zwischen  der  Radioaktivität  der
meisten  Mineralquellen  zu  ihrer  Heilkraft.  —
Nachdem  die  österreichische  Regierung  die  Joachimstaler ­
  Pechblende  dem  freien  Verkehr  entzogen ­
  hat,  scheinen  neuerdings  auf  sächsischem
Boden  bei  Oberwiesenthal  abbauwürdige  Funde
gemacht  worden  zu  sein,  die  auch  durch  eine
sächsische  Verordnung  geschützt  wurden.
Radix  (Wurzel).  -Die  aufgeführten  gangbaren
Wurzeln  des  Drogenhandels  sind  unter  ihren  deutschenNamen
  an  den  betreffenden  Stellenzufinden.
Mehrere  derselben  stellen  eigentlich  ein  Rhizom,
einen  Wurzel-  oder  Mittelstock,  dar,  d.  h.
einen  unterirdischen,  ausdauernden  Stamm-  oder
Stengelteil,  der  nach  oben  Triebe,  nach  unten
Nebenwurzeln  austreibt,  z.  B.  Rhizopa  calami,
Kalmuswurzel,  Rhiz.  zingiberis,  Ingwerwurzel,
Rhiz.  galangae,  Galgantwurzel,  Rhiz.  iridis,  Veilchenwurzel. ­
  Man  unterscheidet  weiter  folgende
Wurzelarten:  i.  Die  Zwiebel,  lat.  Bulbus,
gleichfalls  ein  Stengelorgan,  besteht  aus  dem
Zwiebelboden,  der  ,an  der  Unterseite  die  Wurzeln,
auf  der  Oberseite  die  Keimknospen  trägt.  Die
letzteren  sind  von  fleischig  gewordenen  Schuppenblättern ­
  eingeschlossen,  von  denen  die  äußeren
mit  der  Zeit  absterben  und  dann  häutig  werden,
z.  B.  Speisezwiebel;  Meerzwiebel,  lat.  Bulbus
scillae;  2.  Knolle,  lat.  Tuber,  die  als  eine  fleischige ­
  Knospe  anzusehen  ist.  z.  B.  Sturmhut,  lat.
Tuber  aconiti;  Kartoffel,  lat.  Solanum  tuberosum;
3.  Knollzwiebeln,  lat.  Bulbo-Tuber,  bei  denen
die  Zwiebelscheibe  fleischig  verdickt  und  mit
einer  oder  nur  wenigen  Häuten  umgeben  ist,
z.  B.:  Safran,  lat.  Crocus  sativus;  Herbstzeitlose,
lat.  Tubera  colchici.  —  Diese  Unterscheidungen
werden  zwar  in  den  Lehrbüchern  der  Warenkunde, ­
  im  Warenverkehr  jedoch  nicht  allgemein
angenommen.  Fälle  dieser  Art  sind  hier  besonders
bezeichnet.  —  Als  wichtige  Wurzeln  sind  zu
nennen:  Tuber  aconiti,  Sturmhutwurzel;  R.  alcannae,
  Alkannawurzel;  R.  althaeae,  Eibischwurzel; ­
  R.  angelicae,  Angelika-(Engel-)wurzel;
        <pb n="365" />
        Räuchermittel

359

Ramaß-Eisen

Rhiz.  arnicae,  Arnikawurzel;  R.  artemisiae,  Beifußwurzel; ­
  Rhiz.  asari,  Haselwurz;  R.  bardanae,
Klettenwurzel;  R.  bryoniae,  Zaunrübe;  R.  caincae,
Kainkawurzel;  Rhiz.  calami,  Kalmuswurzei;  Rhiz,
caricis  arenariae,  Sandriedgraswurzel;  R.  carlinae,
Eberwurz;  R.  caryophyllatae,  Nelkenwurzel;  R.
chinae,  Chinawurzel;  R.  cichorii,  Zichorienwurzel ­
  ;  R.  Columbo,  Kolumbowurzel;  R.  consolidae
tnajoris  s.  symphythi.  Schwarzwurzel;  Rhiz.  curcumae,
  Kurkumawurzel;  R.  dauci,  Möhre;  R.  enulae
  s.  helenii,  Alantwurzel;  Rhiz.  Filicis  maris,
Farnkraut  wurzel;  Rhiz.  galangae,  Galgantwurzel;
R.  gentianae,  Enzianwurzel;  R.  glycyrrhizae,  Süßholzwurzel; ­
  Rhiz.  graminis,  Queckenwurzel;  Rhiz.
hellebori,  Nieswurz;  R.  s.  tubera  jaiapae.  Jalapenwurzel;
  Rhiz.  imperatoriae,  Meisterwurzel;
R.  ipecacuanhae,  Brechwurzel;  Rhiz.  iridis,  Veilchenwurzel ­
  ;  R.  ivaranchusae  s.  vetiverae,  Vetivertvurzel;
  R.  levistici,  Liebstöckelwurzel;  R.  liquiritiae,
  Süßholzwurzel;  R.  ononidis,  Hauhechelwurzel; ­
  R.  petroselini,  Petersilien  wurzel;  R.  pimpineliae,
  Biberneilwurzel;  Rhiz.  polypodii,  Engelsüß-Wurzel;
  R.  pyrethri,  Bertramwurzel;  R.  ratanhiae,
Ratanhiawurzel;  Rhiz.  rhei,  Rhabarberwurzel;  Tuhera
  salep,  Salepknollen;  R.  saponariae,  Seifenwurzel; ­
  R.  sarsaparillae,  Sassaparillwurzel;  R.  senegae,
  Senegawurzel;  R.  serpentariae,  Schlangenwurzel; ­
  R.  taraxaci,  Löwenzahnwurzel;  Rhiz.  torßientillae,
  Tormentillwurzel;  R.  valerianae,  Baldrianwurzel; ­
  Rhiz.  veratri  albi,  weiße  Nieswurz;
Rhiz.  zedoariae,  Zitwerwurzel;  Rhiz.  zingiberis,
Inigwerwurzel  u.  a.
Räuchermittel  nennt  man  feste  oder  flüssige
Zubereitungen,  die  beim  Verbrennen  oder  Verdampfen ­
  Wohlgeruch  verbreiten  und  größtenteils
aus  wohlriechenden  Harzen  und  Balsamen,  häufig
Unter  Zusatz  von  ätherischen  Ölen  und  aromatischen ­
  Pflanzenteilen,  Moschus  und  anderen  Riechstoffen ­
  bestehen.  Die  gebräuchlichsten  Formen  für
R.  sind:  Räucherpulver  (lat.  Pulvis  fumalis  odor
 atus,  frz.  Poudre  ä  parfumer,  engl.  Parfuming
Powder),  Gemische  von  Harten,  wie  Storax,  Benzoe, ­
  Weihrauch  mit  Zimt  und  anderen  wohlriechenden ­
  Gewürzen,  zum  Teil  auch,  nur  der
hunten  Färbung  wegen,  mit  Blüten  (Lavendel,
Ringelblumen,  Klatschrosen,  Kornblumen),  sowie
Fielst  unter  Zusatz  von  ätherischen  Ölen  und  et-'
 v äs  Moschus.  —  Räucheressenz  (Räuchertink-*
 u r.  lat.  Tinctura  fumalis,  frz.  Teinture  de  parfumer, ­
  engl.  Parfuming  tincture),  alkoholische
Auszüge  aus  aromatischen  Harzen,  Rinden  und
V e würzen,  mit  Zusatz  kleiner  Mengen  ätherischer
Ambra-  und  Moschustinktur.  Die  Essenzen
Werden  entweder  für  sich  auf  Ofenplatten  oder
111  besonderen  kleinen  Apparaten  verdampft,  oder
® le  dienen  zur  Anfertigung  von  Räucherpapier
vat.  Charta  fumalis,  frz.  Papier  ä  parfumer,  engl,
parfuming  paper),  das  mit  der  Essenz  mehrmals
(■urchtränkt  und  getrocknet  ist  und  angezündet
Fs  zu  Ende  verglimmt.  —  Räucherkerzchen
bat.  Candelae  fumalis  nigrae  s.  rubrae,  schwarze
0&amp;lt; j er  rote  R„  frz.  Pastilles  ä  parfumer,  engl.  Fu-(Pigating
  candles)  können  mit  mehr  oder  weniger
furzen,  Rinden  und  anderen  .  wohlriechenden
hoffen  hergestellt  werden.  Als  brennbaren  Bestandteil ­
  erhalten  die  schwarzen  einen  Zusatz  von
feinem  Holzkohlenpulver,  die  roten  fein  gepul-Ve
 rte$  Sandelholz  mit  einer  Beimischung  von
et was  Salpeter.  Die  sämtlichen  Bestandteile  werden ­

  gemengt  und  mit  Tragantschleim  zu  einem
Teig  gestoßen,  aus  dem  man  die  kleinen  Kegel
oder  Stengelchen  formt.  —-  Räucherkerzen  werden ­
  auch  unter  Zusatz  von  Insektenpulver  als
Schnakenkerzen  hergestellt.  —  Der  ebenfalls
hierher  gehörige  Ofenlack  besteht  aus  einer
weingeistigen  Auflösung  wohlriechender  Harze.
Raffinose  (Melitose,  Melitriose,  Gossypose
  ist  eine  eigentümliche  Zuckerart,  die  zwar
nicht  im  Handel  geführt  wird,  aber  insofern
größere  Bedeutung  hat,  als  sie  in  der  Rübenmelasse ­
  und  in  kleinen  Mengen  zuweilen  auch  in
dem  Rübenzucker  vorkommt  und  dessen  Drehungsvermögen ­
  für  das  polarisierte  Licht  bedeutend
erhöht  (sog.  Pluszucker  der  Zuckerfabriken).
Es  hat  sich  herausgestellt,  daß  die  R.  mit  dem
Zucker  der  Baumwollensamen,'  Gossypose,  identisch ­
  ist,  daß  sie  ferner  den  Hauptbestandteil  der
australischen  Manna  (von  Eucalyptus  viminalis)
  bildet,  den  man  früher  Melitose  nannte,
und  daß  sie  in  den  Rüben  selbst  schon  fertig  gebildet ­
  vorkommt.  Da  die  R.  leichter  in  Wasser
löslich  ist,  als  die  Saccharose  (Rohr-  und  Rübenzucker), ­
  so  sammelt  sie  sich  in  der  Melasse  der
Zuckerfabriken  an  und  findet  sich  daher  namentlich ­
  denjenigen  Zuckersorten  beigemengt,  die
aus  Melasse  durch  das  Elutions-,  Osmose-  oder
Bistrontiumverfahren  gewonnen  wurden.  Diese
Zuckerarten  zeigen  eine  eigentümliche  Kristallform, ­
  die  sie  leicht  als  solche  verrät  und  die  dem
Fabrikanten  höchst  unerwünscht  ist,  weil  sie
trotz  der  höheren  Polarisation  die  Ware  schwer
verkäuflich  macht  und  den  Preis  erniedrigt.
Rainfarn  (Wurmkraut,  Wanzenkraut,  lat.
Herba  tanaceti,  frz.  Tanaisie,  engl.  Tansy)  ist  die
zur  Familie  der  Kompositen  gehörige,  bei  uns
an  Rainen,  Wegrändern  und  Flußufern  wachsende
Pflanze,  Tanacetum  vulgare,  die  aus  der
ausdauernden  Wurzel  i—1V2  m  hohe  Stengel  mit
doppelt  fiederteiligen,  drüsig  getüpfelten  Blättern
und  gipfelständigen,  schirmförmigen  Blütenständen ­
  treibt.  Die  einzelnen  Blütenköpfchen  sind
goldgelb,  halbkugelig  und  ohne  Strahlblümchen.
Blätter  und  Blüten,  namentlich  die  letzteren,  riechen ­
  stark  gewürzhaft  kampferartig  und  schmekken
  bitter.  Man  sammelt  die  vollkommen  ausgebildeten ­
  Blüten  allein  oder  mit  dem  Kraute  und
benutzt  sie  getrocknet  teils  in  Pulverform,  teils
in  Abkochung  als  Wurmmittel.  Das  mit  Wasser
abdestillierte  ätherische  öl,  das  Rainfarnöl  (lat.
Oleum  tanaceti,  frz.  Essence  de  tanaisie,  engl.  Oil
of  tansy),  eine  gelbliche,  mit  der  Zeit  sich  bräunende, ­
  flüchtige  Flüssigkeit  von  durchdringend
kampferartigem  Geruch  und  bitterem  Geschmack,
hat  ein  spez.  Gew.  von  0,925—0,950  und  enthält ­
  ein  Keton,  Tanazeton  (Thujon),  ferner ­
  Kampfer,  Börneol  und  einen  Kohlenwasserstoff ­
  (Terpen).
Rak  (Rack),  soviel  wie  Arrak,  ist  eine  Benennung, ­
  die  in  Ostindien  gebrannten  Getränken
jeder  Art  gegeben  wird.  Vielleicht  hängt  damit
der  Name  Raki  zuammen,  der  in  der  Türkei  und
überhaupt  bei  den  Mohammedanern  ebenfalls
alle  Arten  Branntweine  und  Liköre  bezeichnet
und  auch  in  Slavonien  und  Illyrien  für  Pflaumenbranntwein ­
  gebräuchlich  ist.
Ramaß-Eisen  (frz.  Fer  de  ramasse,  engl.  Scrap
iron,  Pagotted  iron)  ist  ein  Stabeisen,  das  aus
altem  Schweißeisen  und  Abfällen,  selbst  alten
        <pb n="366" />
        m,

mmmmt

Rangoonöl

360

Ratanhiawurzel

Nägeln,  Drehspänen  und  Lochputzen  hergestellt
wird.  Man  ordnet  die  Stücke  in  Pakete,  die  mit
Draht  und  Bandeisen  umbunden  werden,  bringt
diese  in  den  Schweißofen  und  streckt  sie  unter
dem  Dampfhammer  und  unter  Walzen  aus.  R.
zeichnet  sich  meist  durch  größere  Zähigkeit  aus
und  wird  deshalb  gern  zu  Radreifen,  Hemmschuhen ­
  und  Ackerwerkzeugen  verwendet.
Rangoonöl  (Rangunöl,  Ranguhnteer,  Ragoonöl),
  eine  Sorte  Erdharz  oder  Erdöl  von
Yenan-Gyoung  und  Payan  in  Ober-Birma,  hat  die
Konsistenz  von  Gänsefett,  eine  grünlichbraune
Farbe,  bituminösen,  nicht  unangenehmem  Geruch
und  ein  spez.  Gew.  von  0,885—0,890.  Es  enthält
über  50  °/o  Paraffin,  ferner  asphaltartige  Stoffe,
leichte  und  schwere  Kohlenwasserstoffe,  darunter
etwas  Benzol,  Toluol  und  Xylol,  sowie  auch
Naphthalin.
Rapontika  (Stabwurzel,  Gartenrapunzel),
eine  Pflanzengattung  aus  der  Familie  der  Oenotheren
  oder  Nachtkerzen,  von  denen  nur  Oeaothera
  biennis  wegen  der  als  Salat,  zu  Gemüse
und  Suppen  verwendeten  Wurzeln  angebaut  wird,
hat  lediglich  örtliche  Bedeutung.  —  Rapontikawurzel
  s.  unter  Rhabarber.
Raps,  Rübsen  (Kohlraps,  Reps,  Lewat,
Kohlsaat,  Kolza,  Ölraps),  mit  den  Abarten
Biewitz  und  Awehl,  sind  wichtige  Ölpflanzen
aus  der  Familie  Brassica,  nämlich;  Brassica
campestris  L.  s.  Brassica  Rapa:  Rübsen,
und  Brassica  Napus  L.;  Raps,  von  denen  ersterer
  wieder  in  B.  annua,  Sommerrübsen,  die
einjährige,  und  B.  oleifera,  Winterrübsen,
die  zweijährige  Art  eingeteilt  wird.  Die  durch
gelbe  Blüten  und  lange,  schmale  Schoten  mit
kl  eitlen,  schwarzen  oder  braunen^  runden,  fast
ganz  glatten,  ölreichen  Samen  ausgezeichneten
Pflanzen  werden  in  ganz  Mittel-  bis  Nordeuropa
auf  kräftigem,  gutem  Boden  und  in  sehr  starker
Düngung  als  erste  Frucht,  oft  noch  nach  Brache
angebaut.  Stets  erfordern  sie  aber  beste  Bodenbearbeitung, ­
  meist  in  Reihen,  und  sorgsamste
Pflege.  Von  dem  etwa  drei  Jahre  keimfähigen
Samen  braucht  man  zu  Drillsaat  für  den  Hektar
0,15,  zu  Breitsaat  0,2—0,3  hl  Saatgut  und  erntet
12—15,  selten  25  hl.  1  hl  wiegt  65—70  kg,  am
schwersten  ist  der  Winterraps,  am  leichtesten
der  Sommerrübsen.  100  kg  Raps  sollen  36—40kg
öl  geben.  Das  Stroh  hat  nur  Streuwert,  die  ölreichen ­
  Schoten  (Kappen)  dienen  als  Futtermittel.
Der  Raps  erschöpft  den  Boden  sehr  stark,  wenn
kein  Ersatz  für  die  entzogenen  Nährstoffe  stattfindet, ­
  bildet  aber  eine  vortreffliche  Vorfrucht
für  Getreide.  Der  Rübsen  trägt  i/t—Vs  weniger,
während  Awehl  und  Biewitz  im  Ertrage  zwischen
beiden  stehen  und  sie  durch  Widerstandsfähigkeit
gegen  die  Witterung  übertreffen.  —  R.  und  Rübsen ­
  leiden  durch  naßkalte,  schneelose,  harte
Winter,  durch  Nässe  zur  Vegetationszeit  und  in
der  Ernte,  durch  stürmisches  Wetter  und  Platzregen, ­
  durch  eine  sehr  große  Zahl  tierischer
Schädlinge,  wie:  Raupen,  Schnecken,  Blattläuse,
Weißlinge,  Gallmücken,  Maikäfer,  Goldkäfer,
Glanzkäfer  und  Vögel  (Tauben)  und  durch  verschiedene ­
  Krankheiten.  Der  Same  muß  sehr  gut
behandelt  und  vor  der  vollen  Reife  geerntet  werden, ­
  da  die  Schoten  leicht  aufspringen  und  den
Inhalt  entleeren.  Er  wird  deshalb  auch  meist  bei
Nacht  oder  doch  im  Morgentau  eingefahren

oder  gleich  auf  dem  Felde  durch  Maschinen  gedroschen. ­
  Bei  der  Aufbewahrung  muß  der  R.
so  dünn  als  möglich  aufgeschüttet  und  fleißig  gewendet ­
  werden,  da  er  leicht  muffig  wird.  Auf
dem  Felde  wächst  er  bei  Nässe  leicht  aus.  Guter
R.  soll  schwarz,  glänzend,  gleichmäßig  und  frei
von  verletzten  Körnern  sein,  hingegen  nicht  rot
oder  rötlich  aussehen.  1  hl  muß  mindestens
66,5  kg  wiegen,  1  kg  etwa  200000  Körner  haben.
Die  Hauptverwendung  findet  der  R.  zur  Ölgewinnung ­
  (s.  Rüböl).  Doch  werden  auch  große
Mengen  als  Vogelfutter  verwendet,  und  zwar
besonders  die  wegen  ihres  süßeren  Geschmackes
beliebtere  Sommerware.
Rapunzel  (Rabinschen,  Feldsalat),  der  bei
tms  vielfach  angebaute,  zur  Gattung  Valerianella
  gehörende  kleine,  grünblättrige  Feldsalat,
gehört  zu  den  Gewächsen  der  Handelsgärtncr
und  wird  vielfach  in  Treibhäusern  gezogen,  um
schon  im  zeitigen  Frühjahr  auf  den  Markt  zu
kommen.
Ratafia  ist  eine  Bezeichnung  für  gewisse  Liköre, ­
  die  mit  Säften  frisch  ausgepreßter  Obstund ­
  Beerenfrüchte  versetzt  und  mit  Gewürzen
aromatisiert  sind.  Die  besten  R.-Sorten  werden
zu  Montpellier,  sowie  zu  Nancy  und  Paris  bereitet. ­
  Grenoble  hat  einen  besonderen  Ruf  wegen
seines  berühmten  Kirschratafia,  der  aus  den
schönsten  großen,  langstieligen,  meist  schwarzen
Kirschen  hergestellt  wird.
Ratanhiawurzel  (lat.  Radix  ratanhiae,  frz.  Racine ­
  de  ratanhia,  engl.  Ratanhy  root)  ist  die  Hauptwurzel ­
  eines  inPeru  wachsendenniederen  Strauches
aus  der  Familie  der  Leguminosen.  Krameria  triandra,
  die  18  cm  lange  und  4V2  cm  dicke,  knorrige  und
sehr  harte  Stücke  bildet  und  nach  unten  in  viele
dünnere,  hin  und  her  gezogene,  bis  3  dm  lange
federkieldicke  Äste  geteilt  ist.  Die  schuppig-rissige
Rinde  erscheint  außen  rotbraun,  auf  dem  Querschnitt ­
  heller,  das  Holz  der  dickeren  Stücke
zimtfarben,  das  der  dünneren  rötlichweiß.  Die
wirksamen  Bestandteile  finden  sich  fast  ausschließlich ­
  in  der  Rinde,  die  stark  adstringierend
und  bitterlich  schmeckt,  während  das  Holz  nahezu ­
  geschmacklos  ist.  Diese  peruanische  Rinde,
die  eigentliche  sog.  echte  R.,  die  allein  zum
medizinischen  Gebrauch  gestattet  ist,  kommt  in
Seronen  von  75—90  kg  Inhalt  hauptsächlich  über
die  Ausfuhrplätze  Payta  und  Kallao  nach  Europa.
Sie  enthält  als  wirksame  Stoffe  eine  eigentümliche, ­
  Eisenoxydsalze  grünlichbraun  fällende  Gerbsäure, ­
  die  Ratanhiagerbsäure,  und  ein  Phlobaphen,
  das  Ratanhiarot  und  wird  in  Form  von
Pulver,  Extrakt  und  Tinktur  als  zusammenziehendes ­
  Mittel  bei  chronischen  Diarrhöen,  Schleimflüssen
  und  Blutungen,  sowie  äußerlich  zu  Zahntinkturen ­
  und  Mundwässern,  das  Extrakt  in  seltenen ­
  Fällen  wohl  auch  als  Gerbmittel  gebraucht.
Das  Ratanhia-Extrakt  (lat.  Extractum  ratanhiae, ­
  frz.  Extrait  de  ratanhia,  engl.  Extrakt  of
ratanhy).  eine  schwarze,  im  Bruche  glänzende,
zerrieben  rotbraune  Masse  schmeckt  sehr  zusammenziehend ­
  und  färbt  beim  Kauen  den  Speichel ­
  rot.  —  Außer  der  echten  Wurzel  kommen
noch  einige  andere,  nicht  offizineile  Sorten  aus
anderen  Ursprungsländern  an  den  Markt:  Di®
Savanilla-  oder  Neu-Granada-Ratanhia  aus
Neugranada,  von  Krameria  ixina  oder  tomentosa
  hat  eine  viel  dickere,  extraktreichere  Rinde
        <pb n="367" />
        Rattengift

361

Rauchwaren

als  die  echte  und  ist  also  eigentlich  der  echten
vorzuziehen.  Die  Texas-  oder  mexikanische
R.  aus  Mexiko,  Texas  und  benachbarten  Gegenden ­
  Nordamerikas  ist  ebenfalls  in  der  Rinde  viel
stärker  als  im  Holz.  Die  neuerdings  in  größeren
Mengen  eingeführte  brasilianische  oder  Ceara-Ratanhia
  (Pararatanhia)  von  Krameria
argentea  entspricht  den  Anforderungen  des  D.
A.  B.  Die  drei  im  Handel  hauptsächlich  vorkommenden ­
  Sorten  lassen  sich  leicht  durch  die
Färbung  der  daraus  bereiteten  weingeistigen
Tinkturen  unterscheiden,  indem  die  Tinktur  aus
echter  Payta-Ratanhia  rot,  die  aus  Savanilla-Ratanhia
  gelblich,  mit  einem  Stich  ins  grüne,  und
die  aus  Para-  oder  Ceara-Ratanhia  rein  gelb  aussieht. ­
  In  sehr  verdünnter  Tinktur  der  echten  R.
erzeugt  Bleizuckerlösung  einen  roten,  in  derjenigen-der ­
  beiden  anderen  Sorten  einen  hellvioletten ­
  Niederschlag.
Rattengift.  Zum  Vertilgen  von  Ratten  und
Mäusen  benutzt  man  hauptsächlich  Arsenik,
Phosphor.  Meerzwiebel  und  Bariumkarbonat
(s.d.),  neuerdings  aber  auch  gewisse  Bakterien^
Präparate  (Ratin,  Rattapan,  Rattenpest),
die  für  kleine  Nager  tödlich  sind,  anderen  Tieren
und  auch  Menschen  aber  nicht  schaden  sollen.
—  Als  Vertreibungsmittel  wird  auch  Saprol
empfohlen.
Rauchwaren,  Pelz  werk  (frz.  Pelleterie,  engl.
Peltry)  ist  die  Handelsbezeichnung  für  die
größtenteils  zur  menschlichen  Bekleidung  bestimmten ­
  Pelzfelle  wilder  und  zahmer  Tiere,  die
zur  völligen  Erhaltung  des  ungelockerten  Haarstandes ­
  nur  auf  der  durch  Schaben  gereinigten
Fleischseite  einer  konservierenden  Behandlung
(Gerbung)  mit  Alaun,  Salz.  Fett,  Butter  oder  Öl
unterworfen  worden  sind.  Da  die  Behaarung
von  der  warmen  Jahreszeit  ungünstig  beeinflußt
wird,  gelangen  fast  nur  im  Winter  gewonnene
Pelzfelle  zur  Verarbeitung  und  aus  dem  gleichen
Grunde  werden  die  wertvollsten  Pelzfelle  von
den  kalten  nördlichen  Gebieten  Rußlands  (Sibiriens), ­
  Alaskas  und  Kanadas  geliefert.  In  Kanada
Wurde  der  Pelzhandel  von  der  Hudsonsbai-Gesellschaft ­
  früher  als  Monopol  betrieben,  an  dessen
Stelle  jetzt  der  freie  Wettbewerb  getreten  ist.
Die  Verkaufskontore  der  Gesellschaft  befinden
sich  in  Montreal  für  Büffelhäute  und  in  London
für  das  eigentliche  Pelzwerk,  das  oft  erst  nach
'Vz  Jahren  seinen  Bestimmungsort  erreicht.  Die
großen  Londoner  Pelzauktipnen  finden  im  Januar, ­
  und  März  statt.  Seitdem  der  gegen  bares
Geld  erfolgende  Handel  wie  in  den  Vereinigten
Staaten  auch  in  Kanada  frei  ist,  werden  auch
von  anderen  Pelzkompagnien  sowie  großen  Handelshäusern ­
  und  kleineren  Kaufleuten  Pelzfelle
auf  den  Markt  gebracht,  die  entweder  direkt
°der  auf  dem  Umwege  über  Neuyork  nach
London  oder  Leipzig  gehen.  Die  Amerikaner  bevorzugen ­
  neuerdings  wegen  des  bequemeren  Absatzes ­
  Leipzig,  von  wo  sie  gleichzeitig  erhebliche
Mengen  russischen  und  deutschen  Pelzwerks,  wie
sibirisches  Feh,  Hermelin,  gute  russische  Zobel,
'n  Deutschland  zugerichtete  polnische  und  fränkische ­
  Kaninchenfelle  entnehmen.  —  Dänemark ­
  führt  aus  Grönland,  weniger  von  Island
geringe  Mengen  Fuchs-,  Robben-  und  einige  Eisuärfelle
  ein.  —  Südamerika  beteiligt  sich  nur
durch  seine  Chinchilla-,  Viscacbe-  und  Koipufelle

  am  Handel,  während  seine  Jaguar-  und
Pumafelle  von  untergeordneter  Bedeutung  sind.
—  Von  Schweden  und  Norwegen  kommen
neben  allgemeiner  verbreiteten  Fellen,  wie  Füchse,
Marder,  Iltisse,  Dachse,  Ottern  und  Katzen,  besonders ­
  schöne  Felle  von  Luchsen,  Seehunden,
Silber-  und  Kreuzfüchsen  zur  Leipziger  Messe,
von  wo  die  besten  Stücke  nach  Rußland  gehen.
—  Rußland  ist  unstreitig  das  wichtigste  Gebiet
für  Erzeugung,  Verbrauch  und  Handel  in  R.  Der
besonders  wichtige  Verkehr  mit  China  geht  über
Kiachta,  ein  anderer  Teil  über  Astrachan  nach
Persien.  Als  weitere  Flauptmeßplätze  sind  Irbit
in  Sibirien  und  Nishnij  Nowgorod  zu  nennen,
letzteres  als  der  eigentliche  internationale  Tauschplatz, ­
  zu  dem  im  Juni  und  August  neben  russischen ­
  und  asiatischen  auch  armenische,  amerikanische, ­
  skandinavische  und  deutsche  Pelzwaren
zusammenströmen.  Daneben  kommen  noch  Petersburg, ­
  Moskau  und  Warschau  als  dauernde
Meßplätze  in  Betracht.  —-  Der  deutsche  Rauchwarenhandel ­
  befindet  sich  in  seinen  letzten  Verzweigungen ­
  in  sehr  vielen  Händen,  da  sich  zahlreiche ­
  kleine  Händler  und  alle  Kürschner  am
Einkauf  beteiligen.  Von  den  Landleuten  werden
Lamm-  und  Ziegenfelle,  in  den  Städten  Kaninchen- ­
  und  Katzenfelle,  von  den  Jägern  die  sog.
Wildwaren  (Füchse,  Marder,  Iltisse,  Dachse,
Ottern)  gekauft.  Auch  die  Menge  der  letzteren,
die  namentlich  aus  Württemberg  und  Bayern,  besonders ­
  den  Alpengegenden,  stammen,  ist  nicht
unbeträchtlich.  Die  von  größeren  Kaufleuten  gesammelten ­
  Waren  kommen  schließlich  in  den
Rauchwarenhandel,  der  in  mehreren  größeren
Städten  seinen  Sitz  hat  und  auch  den  Vertrieb
ausländischer  Pelze  umfaßt.  Hamburg,  Lübeck
und  Bremen  betreiben  ausgedehnte  Speditions-,
Aus-  und  Einfuhrgeschäfte  mit  amerikanischem,
russischem,skandinavischem,deutschem  und  französischem ­
  Pelzwerk  und  mit  grönländischen  Robbenfellen. ­
  Wien  versorgt  Österreich,  Ungarn  und
Italien  mit  amerikanischen  und  russischen  Rauchwaren ­
  und  ist  ein  ständiger  Markt  für  türkische,
ungarische  und  italienische  Lämmerfelle.  Berlin
und  Breslau  haben  neben  bedeutendem  Inlandshandel ­
  starken  Absatz  nach  Rußland  und  Polen.
Der  bedeutendste  Meßplatz,  an  dem  sämtliche ­
  R.  zu  kaufen  sind,  ein  eigentlicher  Weltmarkt, ­
  ist  Leipzig  geworden,  das  die  mehr  der
Durchfuhr  amerikanischer  Ware  dienende  englische ­
  Hauptstadt  fast  überholt  hat.  Auf  den
beiden  Leipziger  Messen  kommen  alle  gangbaren ­
  Pelzwaren  zusammen,  die  deutschen  Wildwaren ­
  allerdings  vorwiegend  auf  der  Ostermesse,
und  jeder  Verkäufer  tritt  in  der  Regel  auch  als
Käufer  auf.  Die  Amerikaner  kaufen  .von  den
Deutschen  zubereitete  Feh,  Marder,  Iltis  und
polnische  Kaninchen,  von  den  Franzosen  gefärbte
Kaninchen,  von  den  Russen  Hermelin,  Nerze
und  weiße  Hasen.  Die  Engländer  entnehmen
rohe  Feh,  Hermelin,  persisches  Lammfell,  Marder, ­
  polnische  Kaninchen  und  neuerdings  amerikanische ­
  Felle,  die  Franzosen  und  Italiener  zubereitete ­
  Feh,  Hermelin,  persische  und  Astrachaner
  Lammfelle,  polnische  Kaninchen,  Zobel
und  Chinchillas,  Russen  und  Polen  besonders
deutsche  und  nordische,  Füchse,  Marder,  Otter,
Waschbären,  Bären,  virginische  Iltisse,  Skunks,
Biber,  Seeotter,  Zobel,  Chinchilla,  Luchs,  Bisam,
        <pb n="368" />
        Raute

362

Reglise

Pelzseehunde  und  Kaninchen.  Griechen  und
Rumänen  brauchen  für  ihre  Volkstrachten  hauptsächlich ­
  Füchse  aller  Arten,  ferner  Luchse,  Zobel,
Nerze,  Wölfe,  schwarze  Katzen  und  französische
Kaninchen.  Die  deutschen  Händler  entnehmen
hier  fast  ihren  ganzen  Bedarf.  Auch  außer  den
Messen  ist  Leipzig  ein  ständiger  Markt  für  R.,
an  dem  die  bedeutendsten  fremden  Häuser  Vertretungen ­
  unterhalten.  Ein  Urteil  über  den  LTmfang
  des  Handels  gewährt  die  Angabe,  daß
der  jährliche  Umsatz  in  Leipzig  auf  1.50  Millionen
Mark,  fast  die  Hälfte  des  Weltumsatzes,  geschätzt
wird.  —  Wohl  kein  Gegenstand  des  Welthandels
bringt  die  Völker  der  nördlichen  Erdhälfte  aller
Kulturstufen  in  so  nahe  Geschäftsbeziehungen
wie  das  Pelzwerk,  und  wie  unsere  Vorfahren  im
Mittelalter  von  den  Russen,  so  bezogen  schon  die
alten  Griechen  und  Römer  aus  denselben
Quellen,  d.  h.  von  Skythen  und  anderen  nordischen ­
  Völkern,  ihr  Luxuspelzwerk.  Mit  dem  zunehmenden ­
  Wohlstand  ist  der  von  Luxus  und
Mode  stark  beeinflußte  Bedarf  an  R.  beständig
gewachsen  und  trotz  der  zunehmenden  Schwierigkeiten ­
  der  Pelzjagden  ist  die  Zufuhr,  zum  Teil
allerdings  infolge  der  Verwendung  früher  nicht
benutzter  Felle  in  beständiger  Zunahme  begriffen.
Ein  großer  Teil  des  Bedarfs  wird  durch  die
neuerdings  in  Aufnahme  gekommenen  Felle  von
Skunks,  Bisam,  Chinchilla  und  Affen,  sowie  besonders ­
  von  Opossum  (jährlich  mehrere  Millionen
Felle  nach  Europa)  und  anderen  australischen
Beuteltieren  gedeckt.  Dazu  kommt,  daß  jetzt
die  Zurichtung  unansehnlicher  Felle  einen  hohen
Grad  der  Vollendung  erreicht  hat.  Das  Färben,
Rupfen  und  Scheren  ist  eine  blühende  Industrie
geworden,  die  namentlich  in  der  Umgebung  Leipzigs ­
  Tausende  von  Arbeitern  lohnend  beschäftigt. ­
  Die  Färberei  ist  besonders  dadurch  hervorgerufen ­
  worden,  daß  die  Mode  fiefschwarze  oder
tiefdunkelbraune  Farben  verlangt,  die  bei  natürlichen ­
  Fellen  nur  selten  verkommen.  Da  künstlich ­
  gefärbte  Felle  aber  von  natürlichen  dadurch
unterschieden  werden  können,  daß  nicht  nur
das  ganze  Haar  bis  zur  Wurzel,  sondern  auch  das
Leder  den  Farbstoff  auf  nimmt,  so  bevorzugt
man  jetzt  meist  das  sog.  „Blenden“,  bei  dem
nur  die  Spitzen  gefärbt  werden.  Bisweilen  werden
zur  Vortäuschung  wertvollerer  Pelzarten  auch
wohl  weiße  Spitzen,  Grannen,  eingezogen.  Die
schon  von  1720—1820  auf  das  Doppelte  und  im
letzten  Jahrhundert  auf  das  Dreifache  gestiegenen
Preise  haben  im  Kriege  eine  unsinnige  Höhe
erreicht.
Raute  (lat.'  Herba  rutae,  frz.  Herbe  de  rue,
engl.  Rue  leaves).  Im  Drogenhandel  werden
zwei  Sorten  R.  geführt,  die  Gartenraute  (Herba ­
  rutae  hortensis)  und  die  Mauerraute  (Herba
rutae  murariae).  Die  erstere,  Ruta  graveolens
(Gattung  der  Rutazeen),  ist  ein  auf  Gebirgshängen
  des  südlichen  Europa  und  zum  Teil  selbst
Süddeutschlands  wild  wachsender  Strauch,  der
auch  in  unseren  Gärten  gut  fortkommt  und  sich
durch  Wurzelteilung,  Stecklinge  und  Samen  vermehren ­
  läßt.  Die  frischen  Blätter,  die  zuweilen
als  Gewürz  an  Salat  oder  auf  Butterbrot  genossen
werden,  haben  einen  durchdringenden,  widrigen
Geruch  und  brennend-bitterlichen  Geschmack.
Die  Mauerraute,  Asplenium  Ruta,  wird  nur
etwa  fingerlang,  ähnelt  aber  sonst  der  Gartenraute ­

  sehr  und  wächst  hauptsächlich  auf  Gemäuer ­
  und  steinigem  Boden.  Als  riechende  und
schmeckende  Bestandteile  finden  sich  ein  dem
Querzitrin  nahestehendes  Glykosid,  Rutin,  und
ein  ätherisches  Öl,  das  in  allen  Teilen  der
Pflanze  abgelagert  ist.  Durch  das  Trocknen  werden ­
  Geruch  und  Geschmack  stark  verringert.
Aus  dem  getrockneten  Kraute  oder  den  Blättern
beider  Arten  gewinnt  man  das  Rautenwasser
und  den  Rautenessig.  Das  mit  Wasser  oder
Dampf  von  den  frischen  blühenden  Pflanzen  abdestillierte ­
  ätherische  Rautenöl  (lat.  Oleum
rutae,  frz.  Essence  de  rue,  engl.  Öil  of  rue)
zeigt  gelbliche  Farbe,  starken  Rautengeruch  und
bitterscharfen  Geschmack  und  hat  ein  spez.  Gew.
von  0,833—0,847.  Es  dreht  gewöhnlich  schwach
rechts,  bisweilen  auch  schwach  links,  löst  sich
in  2—4  Vol.  700/oigen  Alkohols  und  besteht,  je
•nach  der  botanischen  Herkunft,  vorwiegend  aus
Methylnonylketon  oder  Methylheptylketon.  Diejenigen ­
  Rautenöle,  deren  Hauptbestandteil  Methylnonylketon ­
  ist,  erstarren  oberhalb  o°,  die
anderen  unterhalb  o°.  Eine  Verfälschung  mit
Terpentinöl  erkennt  man  an  der  Erhöhung  des
spez.  Gew.  Die  Raute  wird  in  der  Volksmedizin
als  magenstärkendes  Mittel  verwendet  und  kann
in  größeren  Mengen  dem  Mutterkorn  ähnlich
wirken.  Die  Auszüge  und  Destillate  finden  als
nervenstärkende  Mittel  Anwendung.
Rebenschwarz  (frz.  Noir  de  vigne,  engl.  Vineblack)
  nennt  man  eine  sehr  feine  Kohle,  die  als
gut  deckende  schwarze  Farbe  zum  Malen  mit
Wasser  und  Öl  und  zu  Druckfirnis  gebraucht  und
durch  Glühen  von  Weinreben  und  den  Kämmen
der  Weintrauben  in  geschlossenen  eisernen  Töpfen ­
  oder  Retorten  erhalten  wird.  Das  R.  bildet
die  zweite  Sorte  des  Frankfurter  Schwarz,
dessen  erste  und  bessere  Sorte  durch  Verkohlen
von  Weinhefe  hergestellt  wird.
Reginaviolett  ist  eine  Bezeichnung  für  drei
seit  1860  bekannte  Teerfarbstoffe.  Das  ohne
nähere  Bezeichnung,  auch  Violet  impörial
rouge,  Regina  purple  genannteR.  erhält  man
aus  den  bei  Herstellung  des  Fuchsins  nach
dem  Arsenverfahren  entstehenden  Abfällen  durch
Behandlung  mit  einem  Gemenge  von  Rosapilin
und  Essigsäure  bei  120 0  als  ein  grünes,  in  Wasser
mit  rotvioletter  Farbe  lösliches  Pulver,  welches
Wolle  direkt  färbt.  Reginaviolett,  spritlöslich, ­
  entsteht  bei  der  Herstellung  des  Fuchsins
nach  dem  Nitrobenzolverfahren,  während  das
wasserlösliche  R.  aus  dem  spritlöslichen  durch
Einwirkung  von  konzentrierter  Schwefelsäure  und
Neutralisieren  mit  Soda  erhalten  wird.  Nur  das
letztere  findet  in  der  Färberei  Anwendung,  während ­
  das  spritlösliche  zur  Darstellung  von  sog.
Goldkäferlack  dient.
Reglise.  Mit  diesem  Namen  belegt  man  einerseits ­
  den  Süßholz-  oder  Lakritzensaft  (s.  Süßholz), ­
  hauptsächlich  aber  den  in  Apotheken,
Drogerien  und  Konditoreien  bereiteten  Lederzucker
  (Pasta),  der  sowohl  weiß  als  braun  hergestellt ­
  wird.  Die  weiße  R.  (lat.  Pasta  gummosa, ­
  seu  Pasta  althaeae,  frz.  Pate  de  gomme,
engl.  Paste  of  gum)  wurde  früher  mit  Altheewurzelschleim
  bereitet,  in  dem  arabisches  Gummi
und  Zucker  aufgelöst  war.  Jetzt  verwendet  man
nur  letztere  beiden  Stoffe,  löst  sie  in  Wasser,
dampft  die  geklärte  Lösung  bei  gelinder  Hitze
        <pb n="369" />
        Reinettenessenz

363

Reseda

unter  fortwährendem  Rühren  bis  zur  Sirupsdicke
®in  und  verbindet  sie  mit  zu  Schaum  geschlagenem ­
  Eiweiß.  Darauf  aromatisiert  man  mit
etwas  Orangenblütenwasser,  dickt  weiter  ein,  bis.
eine  Probe  beim  Erkalten  einen  steifen  Teig
bildet,  gießt  dann  die  Masse  auf  Blech  oder  in
Papierkapseln  aus  und  beläßt  sie  noch  einige
Tage  in  der  Wärme,  bis  sie  die  richtige  Festigkeit ­
  erlangt  hat.  Schließlich  wird  sie  in  Stücke
geschnitten  und  verpackt.  Die  so  erhaltene  Paste
ist  weiß,  rein  süß,  porös  und  zerbrechlich,  wird
aber  an  der  Luft  durch  Anziehen  von  Feuchtigkeit ­
  wieder  zähe.  Zu  dem  bräunen  Lederzucker
(lat.  Pasta  liquiritiae,  frz.  Pate  de  röglisse,  engl.
Pase  of  liquorice  root)  benutzt  man  ein  Extrakt
aus  geschälter  und  fein  geschnittener  Süßholzuuirzel
  und  eine  Lösung  von  arabischem  Gummi
und  Zucker.  Die  gemischte  und  geklärte  Lösung
'vird  in  gelinder  Wärme  unter  sorgfältigem  Abschäumen ­
  eingedampft,  die  klare  Masse  nach  Erlangung ­
  der  erforderlichen  Konsistenz  auf  Blech
oder  Papier  zu  Tafeln  ausgegossen,  vollends  getrocknet ­
  und  in  Stückchen  geschnitten.  Diese
Masse  bleibt  biegsam,  bernsteingelb  und  durchsichtig. ­
  Die  R.  dienen  als  Hausmittel  gegen
Husten  und  Heiserkeit  und  gehören  zu  der  Klasse
der  Bonbons.
Reinettenessenz,  ein  zu  den  künstlichen  Fruchtathern
  gehöriger  Riechstoff,  besteht  aus  Birnenessenz ­
  mit  5—ioo/ 0  Baldriansäureamyläther.
Reis  (lat.  Fructus  s.  Semen  oryzae,  frz.  Riz,
engERice),  die  Hauptbrotfrucht  der  Asiaten,  ist
eineflpflanze  aus  der  Gattung  der  Gramineen,
die  sich,  wahrscheinlich  von  Ostindien  aus,  weit
''erbreitet  hat  und  jetzt  in  der  ganzen  subtropischen ­
  und  gemäßigt  warmen  Zone  angebaut
ydrd.  In  Europa  gedeiht  der  R.  bis  zu  45 0  n.  Br.
kt  den  Mittelmeerländern,  besonders  in  N  orditalien,
hnd  zwar  auf  sumpfigem  Boden,  oder  überschwemmt ­
  gehaltenem,  eingedämmtem  Lande.
Man  baut  mehrere  Arten,  und  zwar  Bergreis,
Oryza  montana  Lour.,  auch  auf  trockenerem
“öden,  gemeinen  R.,  Oryza  sativa,  frühreifen ­
  R.,  unbegrannten  R.  und  Klebreis
(Otyza  glutinosa)  als  Hauptsorten.  Der  Anbau
bietet  große  Schwierigkeiten,  da  der  R.,  mit  Ausnahme ­
  des  Bergreises,  nur  im  Sumpfboden  gedeiht ­
  und  in  das  Wasser  eingesäet  werden  muß.
Man  braucht  60  kg  Saatgut  für  den  Hektar,  läßt
das  Wasser  auf  den  Feldern  stehen,  bis  die  Pflanzen
über  dem  Wasserspiegel  erscheinen,  und  sorgt
dann  erst  für  Abfluß.  Nach  fünf  bis  acht  Tage
jangem  Abtrocknen  reinigt  man  den  R.  von  Unkraut, ­
  verpflanzt  und  füllt  Lücken  aus  und  wiederholt ­
  dieses  Verfahren,  'mit  jedesmaligem  Abbild ­
  Zulassen  von  Wasser,  bis  vier  Wochen  vor
der  Ernte  (Oktober).  Der  R.  ist  eine  ziemlich
sichere  Pflanze,  die  weniger  als  andere  von
Peinden  zu  leiden  hat.  Am  gefährlichsten  sind  die
Reisquecke  und  mehrere  Pilze.  Auch  Vögel
stellen  ihm  stark  nach.  Man  erntet  etwa  12  bis
*3  dz,  welche  47—50  0/0  geschälte  Ware,  12  bis
t &amp;amp; %  Bruchreis  und  35—40  °/o  Spelzen  geben.
Jetzt  ist  der  Versand  mit  den  Hülsen  gebräuchbcher,
  da  in  Europa  die  Herstellung  der  Marktware ­
  auf  Hämmer-  oder  Stempelwerken  erfolgt.
JJer  R.  hat  Blüten  in  aufrechter,  zuletzt  überdüngender ­
  Rispe,  traubig  angeordnete  Äste  und
einblütige  Ährchen,  kleine,  spitze,  häutige,  unbegrannte

  Hüllspelzen,  doppelt  so  lange,  begrannte
  und  unbegrannte  Knöspchen  und  weißen
Samen,  der  sich  durch  seinen  hohen  Stärkemehlgehalt ­
  (84—88  0/0),  bei  nur  geringem  Gehalte  an
Eiweißstoffen,  auszeichnet.  ■—  Geschälter  R.  enthält ­
  7—8  0/0  Protein,  78  °/o  Stärkemehl,  o,s—1  °/o
Dextrin  und  Zucker,  0,3—0,5  °/o  Fett,  12  °/o  Wasser
und  0,3s—0,85  °/o  Asche.  Die  stickstoffhaltigen
Substanzen  (Kleber)  liegen  meist  nach  der  Schale
zu  und  gehen  größtenteils  mit  in  die  Kleie,  die
zur  Fütterung  sehr  gesucht  ist.  Reisfuttermehl
ist  der  Abfall  beim  Schälen  des  Reises  und  wird
wie  die  geringwertigeren  Reissorten  zur  Fütterung ­
  benutzt.  Der  Reis  selbst  findet  mannigfache
Verwendung  im  Haushalt  und  in  der  Technik,
so  zur  Stärke-  und  Bierbereitung  sowie  zur  Herstellung ­
  von  Arrak  und  ähnlichen  Getränken.
Guter  R.  muß  gleich  große,  ungebrochene,
weiße,  trockene  und  feste  Körner  enthalten,  frei
von  Staub  und  Sand  sein,  beim  Kochen  gut  aufquellen ­
  und  nicht  säuerlich  schmecken.  Grauer
R.  ist  immer  eine  geringere  oder  seebeschädigte
Ware.  Der  italienische  R.  hat  derbe,  runde,
weiße  Körner;  der  Bengalreis  große,  etwas  rötliche, ­
  grobe  und  dickhülsige,  der  Patnareis
kleine,  langgestreckte,  weiße,  der  Karolinareis
(Amerika)  lange,  mattweiße  und  durchscheinende
Körner.  Arrakanreis  ist  eine  geringere,  Rangoon- ­
  oder  Rangunreis  eine  mittlere,  Javareis ­
  eine  gute,  kleine,  weiße  Ware,  während
Tafeireis  die  beste  Sorte  darstellt.  Als  unzulässige ­
  Behandlung  der  geschälten  Reiskörner
gilt  das  künstliche  Bleichen,  das  Ölen  oder  die
Behandlung  mit  Stärkesirup,  das  Färben  mit
Ultramarin  oder  Indigo  und  das  Überziehen  mit
Talkum  oder  Speckstein.
Reismelde  (Q  uinoapflanze  ,  chilenischer
Gänsefuß),  eine  unserem  einheimischen  Gänsefuß ­
  ähnliche  Pflanze,  Chenopodium  Quinoa,
die  in  Chile  und  Peru  noch  in  4000  m  Höhe  als
Getreide  gebaut  wird,  liefert  reisähnliche  Samen
mit  rund  ig°/o  Stickstoffsubstanz,  5%  Fett,  7«/«
Holzfaser,  48°/»  stickstofffreien  Extraktstoffen  und
5  0/0  Asche.  Die  Versuche,  während  des  Krieges
Blätter  und  Samen  zur  Volksernährung  heranzuziehen. ­
  haben  sich  nicht  bewährt,  weil  die  klimatischen ­
  Verhältnisse  dem  Anbau  ungünstig
sind  und  der  bittere  Geschmack  der  Speisen
nur  schwer  zu  beseitigen  ist.
Reisstroh,  Reiswurzeln.  Außer  dem  Samen
werden  auch  das  Stroh  und  die  Wurzeln  vielfach ­
  verwertet.  Das  Reisstroh  dient  den  Ostasiaten ­
  zur  Herstellung  von  Gebrauchsgegen
ständen,  wie  Sandalen,  Besen  und  Matten,  ferner
auch  von  Papier  und  geschnitten,  gleich  Häcksel,
als  Viehfutter.  —  Die  Reiswurzeln  sind  ein  geschätztes ­
  Material  für  Bürsten  und  Besen.  Die
Rispen  verschiedener  Hirsearten,  namentlich
aus  der  Familie  Sorghum  vulgare,  Mohroder ­
  Sorgho-Hirse,  werden  ähnlich  der  Reiswurzel ­
  verwendet.
Renaszin,  ein  aus  verschiedenen  wertlosen
Salzen  bestehendes  „Bluterneuerungsmittel“,  vör
dem  mehrfach  amtlich  gewarnt  wurde.
Reseda  (Reseda  odorata)  gehört  zu  den  feinsten ­
  Duftpflanzen,  welche  bei  der  Darstellung
von  Parfümerien  (s.  d.)  Verwendung  finden.  Ihr
Gehalt  an  ätherischem  öl  ist  aber  so  gering,  daß
es  nicht  durch  Destillation,  sondern  nur  durch
        <pb n="370" />
        Resiablätter

364

Rettich

Mazeration  mit  fetten  Ölen  oder  festen  Fetten
gewonnen  werden  kann.  Das  käufliche  Resedaöl ­
  (lat.  Oleum  resedae  pingue,  frz.  Huile  parfumde
  de  rdsdda,  engl.  Oil  of  reseda)  besteht  aus
einem  solchen  mit  Resedablüten  aromatisierten
fetten  Öl  und  wird  als  Zusatz  zu  Haarölen  verwendet. ­
  Ein  mit  festem  Fett  hergestelltes  Produkt ­
  heißt  Pomade  de  Rdsöda,  während  Extrait
  de  Rdsdda  durch  Behandeln  der  Pomade
mit  feinstem  Sprit  erhalten  wird.  Ein  unter  dem
Namen  Reseda-Geraniol  im  Handel  befindliches ­
  Präparat  wird  gewonnen,  indem  man  Resedablüten ­
  mit  Geraniol  destilliert.
Resiablätter  sind  Plätzchen,  welche  abführende
Stoffe  (Rhabarber)  enthalten  und  als  Geheimmittel ­
  gegen  Fettleibigkeit  angepriesen  werden,
Resina  ist  die  lateinische  Bezeichnung  für
Harz:  R.  alba,  weißes  Fichtenharz;  R.  ammoniaci,
  Ammoniakharz  oder  Gummiharz;  R.  anime,
Animeharz;  R.  benzoe,  Benzoeharz;  R.  draconis,
Drachenblut;  R.  elastica,  Kautschuk;  R.  elemi,
Elemiharz;  R.  guajaci,  Guajakharz;  R.  jalapae,
Jalapenharz;  R.mastiche,  Mastix;  R.pini,  Fichtenharz; ­
  R.  sandaraca,  Sandarak;  R.  scammonii,
Skammoniumharz.  S.  d.  betreffenden  Aufsätze.
Resinit  ist  eine  aus  Formalin,  Phenol,  Salzen
und  Farbstoffen  hergestellte  Masse,  die  in  flüssiger ­
  Form  zum  Imprägnieren  von  Holz  und
Pappe,  als  Ersatz  für  Email  und  Emaillack
und  dg!.,  in  fester  Form  an  Stelle  von  Steinnuß,
Horn,  Zelluloid  zu  Schfnucksachen,  Knöpfen,
Griffen  und  Schildern  verarbeitet  wird.
Resol  ist  ein  zur  Desinfektion  von  Abortgruben ­
  empfohlenes  Gemisch  von  Holzteer,  Holzgeist ­
  und  Ätzkali.
Resonanzhölzer.  Diesen  Namen  führen  im
Holzhandel  aus  Tannen-  und  Fichtenstämmen
gefertigte  dünne  Holzplatten,  die  bei  der  Herstellung ­
  von  Musikinstrumenten  Verwendung  finden ­
  und  namentlich  im  Böhmerwald,  Oberbayem
und  dem  westlichen  Teile  des  sächsischen  Erzgebirges ­
  in  großer  Menge  gewonnen  werden.
Zu  ihrer  Herstellung  eignet  sich  nur  ganz  gesundes. ­
  astfreies  Plolz  mit  feinen  und  gleich
starken  Jahresringen,  aber  ohne  Harzgallen.
Früher  wurde  alles  Resonanzholz  gespalten,  während ­
  jetzt  auch  Sägen  hierzu  eingerichtet  sind.
Je  nach  der  Größe  und  Güte  unterscheidet  man
Resonanzbodenholz  für  Klaviere,  Geigendeckelholz, ­
  Gitarrenholz,  Baßdeckelholz  usw.
Resorbin,  eine  Salbenmasse,  wird  durch  Emulgieren ­
  von  Wachs  und  Mandelöl  mit  Gelatine  und
Seifenlauge  hergestellt.  Sie  bildet  unter  anderem
die  Grundlage  des  Resorbin-Quecksilbers
(Unguentum  Hydrargyri  cum  Resorbino  paratum)
  aus  t  Teil  Quecksilber  und  2  Teilen  Resorbin.
Resorzin  (Meta-Dioxybenzol,  lat.  Resorcinum,
frz.  Rdsorcine,  engl.  Resorcin),  C e H 4 (OH) 2 ,  wurde
zuerst  von  Hlasiwetz  und  Barth  bei  der  Einwirkung ­
  von  schmelzendem  Alkali  auf  einige
Gummiharze  (Galbanum,  Asa  foetida.  Akaroidharz)
  erhalten  und  entsteht  auch  bei  der  trockenen
Destillation  des  Brasilins.  Zur  fabrikmäßigen
Darstellung  vermischt  man  Benzol  vorsichtig
mit  der  vierfachen  Menge  rauchender  Schwefelsäure, ­
  führt  die  entstehende  Monosulfosäure
durch  Erhitzen  auf  275  0  in  die  Benzoldisulfosäure
über  und  neutralisiert  mit  Kalkmilch.  Die  von
dem  unlöslichen  Kalziumsulfat  abfiltrierte  Lösung

des  benzoldisulfosauren  Kalziums  wird  mit  Soda  j
behandelt,  die  vom  hierbei  ausfallenden  Kalzium-  I
karbonat  abfiltrierte  Lösung  des  Natriumsalzes  j
zur  Trockne  verdampft  und  beizyo 0  mit  Natrium-  1
hydroxyd  geschmolzen.  Aus  der  wäßrigen  Lösung
der  Schmelze  wird  nach  dem  Ansäuren  mit  I
Salzsäure  das  Resorzin  mit  Äther  ausgeschüttelt.  I
Die  nach  dem  Abdestillieren  des  Äthers  hinter-  |
bleibende  harte  und  brüchige,  ziemlich  weiße  I
Masse  ist  für  die  Farbenfabriken  genügend  rein,  1
wird  aber  für  medizinische  Zwecke  durch  Kristal-  1
lisation  und  Sublimation  noch  weiter  gereinigt.  I
Es  bildet  dann  farblose  rhombische  Tafeln,  die  |
in  Wasser,  Alkohol  und  Äther  leicht  löslich,  in  I
Schwefelkohlenstoff,  Benzin,  Benzol  und  Chloro-  j
form  aber  praktisch  unlöslich  sind.  Der  Schmelz-  I
punkt  liegt  bei  118 0 ,  der  Siedepunkt  bei  278°.  I
Das  chemisch  reine  R.  (Resorcinum  puriss.)  I
wird  medizinisch  als  Antiseptikum  und  innerlich  t
gegen  Erbrechen,  das  technische  R.  zur  Herstellung ­
  der  R.-Farben  (Eosin,  Kokzin,  Nopalin,  t
Phloxin,  Mandarine,  R.-blau,  Jaune  und  Ponceau  j
d’Orient,  Scharlach)  benutzt.
Resorzinblau  (fluoreszierendes  Blau,  frz.  j
Bleu  fluorescent),  ein  äus  Resorzin  hergestellter  I
Teerfarbstoff  der  Oxazinreihe,  das  Ammoniumsalz ­
  des  vierfach  bromierten  Resorufins,  I
OC 6 H 3 (NO)C 6 H 3 OH,  kommt  als  braunrote,  dicke,
mit  grünen  Kriställchen  erfüllte  Flüssigkeit  in
den  Handel.  Es  gibt  mit  heißem  Wasser  eine  1
rotviolette,  grün  fluoreszierende  Flüssigkeit,  die  I
Seide  und  Wolle  mit  bräunlicher  Fluoreszenz  t
blau  färbt.  Zuweilen  wird  auch  das  Lackmoid
(s.  d.)  als  R.  bezeichnet.
Resorzinbraun,  ein  seit  1881  bekannter  Azofarbstoff, ­
  bildet  ein  braunes  Pulver,  das  sich  in
Wasser  mit  braunerF  arbe  löst  und  Wolle  im  saueren  j
Bade  braun  färbt.  Das  R.  besteht  aus  dem  Natronsalze
  desXylidinazosulfanilsäureazoresorzins-Restitutionsfluid
  ist  eine  Mischung  von  Kapsikumtinktur,
  Kampferspiritus,  Ammoniak,  Äther,.  I
Alkohol,  Kochsalz  und  Wasser,  die  namentlich
als  Einreibungsmittel  für  Tiere  verwendet  wird.
Rettich  (frz.  Radis,  engl.  Radish).  Diesen
Namen  führen  verschiedene  0,4—0,7  m  hohe
Pflanzen  aus  der  Familie  der  Kreuzblütler,
und  zwar  hauptsächlich:  Ölrettich,  Rübenrettich ­
  und  Radieschen  oder  Monatsrettich.
Der  aus  China  stammende  Ölrettich  hat  sich  in
Deutschland  nicht  verbreitet,  weil  er  gleich  anspruchsvoll ­
  wie  Raps,  aber  nicht  so  einträglich
und  noch  empfindlicher  ist.  Die  Radieschen  und
der  gewöhnliche  R.  werden  ihrer  Wurzel  wegen  im
großen  von  Gärtnern  angebaut  und  bilden  einen
GegenstanddesörtlichenGemüsehandels.Die  besten
Rettich-Sorten  sind;  langer  schwarzer  Erfurter, ­
  runder  Erfurter,  weißer  Erfurter
sowie  runder  und  schwarzer  Wiener.  Der  Rsoll
  zart  sein  und  nicht  pelzig  und  hart,  fleckig  |
oder  faul  werden.  Man  überwintert  ihn  deshalb
mit  den  Köpfen,  am  besten  in  Gruben  oder
Mieten.  Von  den  Radieschen  sind  die  runden
und  länglich  runden  die  zarteren  und  besseren-Die
  vorzüglichsten  Sorten  bilden  die  rosenroten
runden  Monatsradieschen,  die,  scharlachroten
runden  Treibradieschen,  die  rosenroten  R.  mit
weißer  Spitze,  die  länglichweißen,  ovalen  und
rosenroten  Radieschen,  und  zwar  sind  die  m
Mistbeeten  gezogenen  am  besten.
        <pb n="371" />
        mit  Soda
Kalziumiumsalzes

Natriumn
  Lösung
iren  mit
schüttelt,
s  hinterh
  weiße
end  rein,
i  Kristaljereinigt,

fein,  die
■slich,  in
Chloroächmelz-

  278°.
puriss.)
innerlich
ur  Her-N
  opalin,
Ponceau
au,  frz.
estellter
Ammoruf
  ins,
;,  dicke,
jkeit  in
er  eine
eit,  die
ireszenz
ckmoid
x  Azosich
  in
saueren
m  Naäorzins-

  Kap-,
  Äther,,
entlieh
t  wird.
Diesen
hohe
ütler,
üben-:
  ttich-&amp;gt;ich
  in
ch  anäiglicb

m  und
jen  im
einen
besten
r  Erurter

)er  Rleckig

:shalb
oder
tnden
seren,
roten
irotep
..  mh
und
ie  i°

Rhabarber  365  Rhodamine

Rhabarber  (lat.  Rhizoma  rhei,  frz.  Rhubarbe,
e ngl.  Rhubarb),  eine  in  China  und  Mittelasien
heimische  Pflanze  aus  der  Familie  der  Polygonalen, ­
  wird  wegen  ihrer  als  Gemüse  benutzten
Stengel  und  ihrer  medizinisch  wirksamen  Wurzeln
vielfach  angebaut.  Für  den  ersteren  Zweck
kommen  hauptsächlich  Gartenrhabarber  oder
handförmiger  R.  (Rheum  palmatum),  Englischer ­
  R.  aus  der  Tatarei  und  Tibet  (Handleaved
  Rh.),  R.  compactu.m  aus  der  Mongolei,
Zellförmiger  R.  (R.  undulatum)  und  Bastard-R.
  (R.  hybridum),  für  den  letzteren
Zweck  besonders  Rheum  officinale  und  pal-■hatum
  in  Betracht.  Der  kleinblättrige  R.
(Rhe  um  r  hapontic  um),  auch  Berg-  oder  Ponlischer
  R.  genannt,  und  der  Emodi-  oder  Ost-Uidische
  R.  (Rheum  emodi)  liefern  die  adstringierend ­
  wirkenden  Rapontika-Wurzeln
(fal  scher  Rhabarber,  lat.  Radix  Rhapontici,
frz.  Racine  de  rhubarbe  rhapontic,  engl.  Rhapontic
  Root),  die  nur  in  der  Tierheilkunde  Verwendung ­
  finden.  —  Die  Rhabarber-Wurzel
hat.  Rhizotna  rhei.  frz.  Racine  de  rhubarbe,  engl.
Rhubarb  root),  eines  der  ältesten  und  zuverlässigsten ­
  Heilmittel,  stammt  von  im  Inneren  Asiens
Wachsenden  Pflanzen  und  kam  früher  auf  dem
Landwege  über  Rußland  als  Russischer  R.
(Radix  rhei  moscovitica,  rossica  oder  coronalis)
°der  auch  als  Bucharischer  R.  in  den  Handel,
"'ährend  sie  jetzt  nur  noch  von  Shanghai  auf
dem  Seewege  als  Chinesischer  R.  eingeführt
' v ird.  —  Die  russische  Ware  erhält  man  in  oben
u nd  unten  abgestutzten,  kegelförmigen  Stücken
°der  in  Längsschnitten  größerer  Wurzeln,  die
einer  Seite  flach,  auf  der  andern  gewölbt
^scheinen.  Die  Stücke  sind  stets  ganz  geschält
"nd  fühlen  sich  rauh  an.  Auf  dem  Bruche  oder
L’urchschnitt  zeigen  sie  auf  weißem  Grunde  rote
greifen  und  Adern,  und  die  Schönheit  dieser
Marmorierung  bildet  neben  der  Festigkeit  des
Molzkörpers'und  der  Feinkörnigkeit  des  Bruches
eitlen  Maßstab  für  die  Güte.  Zum  Anreihen  auf
Läden  zum  Trocknen  sind  die  größeren  Wurzela
 °schnitte  durchbohrt.  —  Die  weniger  wertvolle
Lhinesische  Ware  bildet  Stücke  verschiedener
*°nn  und  Größe,  entweder  walzenförmige,  durch
1  a s  Schälen  kantige  Rundstücke  mit  einem  Bohr-°ch
  für  die  Anhängeschnur  oder  glatte,  unvollständig ­
  geschälte  Stäbe  ohne  Durchlochung.  Die
r ote  Marmorierung,  das  Zeichen  höherer  Wirksamkeit, ­
  tritt  schwächer  hervor,  und  dementsprechend ­
  ist  auch  das  Pulver  weit  heller  als
«as  dunkelgelbe  der  russischen  Droge.  —  R.  hat
®(tien  eigentümlich  aromatischen  Geruch  ‘  und
“Itter  aromatischen  Geschmack.  Das  Pulver
knirscht  wegen  des  Vorhandenseins  von  Oxalatkdstallen
  zwischen  den  Zähnen  und  färbt  den
^Peichel  gelb.  Seine  abführende  Wirkung  beruht
a nf  dem  Gehalte  an  Emodin  und  Oxymethyla
 nthrachinon.  Als  weitere  charakteristische  Bestandteile ­

  sind  zugegen:  oxaisaures  Kalzium,
[fangulasäure,  Chrysophansäure,  mogc
 herweise  in  glykosidischer  Bindung,  eine  eigenv
  ntliche  Gerbsäure,  Rheumgerbsäure,  und
^schiedene  Stoffe,  die  möglicherweise  erst  durch
j^rsetzung  entstanden  sind.  Von  dem  chinesischen
j  Unterscheidet  man  hauptsächlich  zwei  Sorten,  den
‘Iden  oder  -Shensi-R.,  der  auf  den  Bergen
r  gleichnamigen  Provinz  wild  wächst  und  im

März  oder  April  nach  Shanghai  auf  den  Markt
kommt,  und  den  kultivierten  oder  Szechuen-R„
  der  im  Oktober  geerntet  wird.  Die  Ware
kommt  in  Kisten  aus  dünnem  Holz,  die  mit  Blei
ausgelegt  ünd  mit  grünem  Papier  überzogen
sind,  nach  Europa.  Um  sich  gegen  Verfälschungen ­
  und  Unterschiebung  minderwertiger
Ware  zu  schützen,  muß  man  folgende  Merkmale
beachten:  Die  Stücke  sollen  schwer  und  dicht,
hingegen  nicht  schwammig  sein.  Nach  dem  Abreiben ­
  mit  einer  scharfen  Bürste  müssen  sie  eine
dunkle  Farbe  und  die  rötliche  Marmorierung
zeigen.  Zusätze  von  Bolus  und  Ocker  erkennt
man  an  der  Erhöhung  des  Aschengehaltes,  Zusätze ­
  von  Stärke  mit  Hilfe  des  Mikroskopes.  Die
zu  Anfang  erwähnten  europäischen  Wurzeln  sind
minder  wirksam  und  sollen  wie  der  pontische
nur  zu  Tierheilmitteln  benutzt  werden.  Der  Nachweis ­
  der  letzteren  ist  auf  mikroskopischem  Wege
nicht  möglich,  kann  aber  in  der  Weise  erfolgen,
daß  man  rog  des  Pulvers  mit  so  viel  6o°/oigem
Alkohol  auszieht,  bis  25  ccm  klares  Filtrat  erhalten ­
  werden.  Die  bei  8o°  auf  7  ccm  eingedampfte
Lösung  wird  mit  io  ccm  Äther  kräftig  durch
geschüttelt.  Ein  nach  einiger  Zeit  erhaltener
bräunlich  kristallinischer  Niederschlag  deutet  auf
Rhapontikum-Rhabarber.  —  Der  R.  wirkt  infolge ­
  seiner  verschiedenen  Bestandteile  sowohl
adstringierend  als  purgierend,  kann  also  in
kleinen  Gaben  zur  Stillung  von  Durchfällen,  in
größeren  als  Abführmittel  Verwendung  finden.
Außerdem  wird  er  in  Form  von  Pulvern,  Pillen,
Extrakten,  Tinkturen  und  Sirupen  gegen  viele
Unregelmäßigkeiten  der  Verdauungsorgane,  gegen
Leber-  und  Nierenleiden  und  Skrofeln  verordnet
sowie  technisch  als  Farbstoff  verwendet.
Rhenser  Sprudel  bei  Koblenz.  toooGewichts
teile  enthalten  nach  Hintz  und  Grünhut  (1902):
Bikarbonate  des  Natriums  0,8890  g,  Lithiums
0,0102  g,  Ammoniums  0,0097  g,  Kalziums  0.4623  g,
Strontiums  0.0003  g,  Magnesiums  0,3438  g,  Eisenoxyduls ­
  0.0229  g,  Manganoxyduls  0,0015  g,  Chlornatrium ­
  1,2536  g,  Bromnatrium  0,0014  g,  Jodnatrium ­
  0.00002  g,  Sulfate  des  Kaliums  0,0426  g,
Natriums  0,7605  g,  Arsensaures  Natrium  0,00015  g,
Borsaures  Natrium  0,0057  g,  Kieselsäure  0,0170  g
und  freie  Kohlensäure  3,1080  g.
Rhodamine  nennt  man  eine  Reihe  roter  basischer ­
  Farbstoffe,  die  im  Jahre  1887  von  Ceresoie ­
  entdeckt  wurden  und  die  vierte  Gruppe
der  Xanthenfarbstoffe  bilden.  Zu  ihrer  Darstellung ­
  bedient  man  sich  zweier  Arbeitsweisen.
Nach  der  einen  kondensiert  man  Phtalsäureanhydrid
  oder  die  Anhydride  substituierter  Phtalsäuren
  mit  m-AminophenoIen,  nach  der  anderen
wird  Fluoreszeinchlorid  mit  Aminen  umgesetzt.
Ihre  Zusammensetzung  entspricht  derjenigen
eines  Rosamins,  in  das  eine  Carboxylgruppe  eingetreten ­
  ist,  nämlich  der  allgemeinen  Formel:
COOH  .  C 6 H 4  .  C(C 6 H 3  .  NR 2 ) a .  0C1.  —  Der  einfachste ­
  Vertreter  der  Gruppe,  das  Rhodamin  B.
ist  das  Tetraäthylderivat  (R  ==  C 2 H 5 )  und  entsteht ­
  beim  Zusammenschmelzen  von  Phtalsäureanhydrid
  mit  Dimethylmetamidophenol  und  Behandlung ­
  der  Schmelze  mit  Salzsäure  in  Form
grüner  Kristalle  oder  eines  rötlichvioletten  Pulvers, ­
  das  mit  Wasser  eine  bläulichrote,  stark
fluoreszierende  Lösung  gibt.  Der  Farbstoff  färbt
Wolle  und  Seide  sehr  echt  bläulichrot  mit
        <pb n="372" />
        Rhodium

366

Rindertalg

starker  Fluoreszenz,  tannierte  Baumwolle  violettrot ­
  ohne  Fluoreszenz,  geölte  Baumwolle  ebenso,
aber  mit  Fluoreszenz.  —  Durch  Einwirkung  von
Alkoholen  und  Säuren  können  aus  den  Rh.  Ester
gebildet  werden,  die  auch  die  Bezeichnung  Anisoline
  führen  und  sich  von  den  eigentlichen  Rh.
durch  einen  blaueren  Ton,  erhöhte  Affinität  zur
Faser  und  stärkere  Basizität  unterscheiden.  —
Rhodamin  6G  ist  z.  B.  der  Äthylester.
Rhodium,  eines  der  Platinmetalle  (s.  Platin),
vom  spez.  Gew.  12,100  und  dem  Atomgewicht
Rh.  =  103,  das  sich  nur  durch  umständliches
Verfahren  als  dichtes  Metall  darstellen  läßt,
ähnelt  in  der  Farbe  dem  Aluminium  und  ist  in
reinem  Zustande  weich,  geschmeidig  und  dehnbar
wie  Silber,  in  unreinem  Zustande  hingegen  hart
und  spröde.  Es  schmilzt  schwerer  als  Platin,  aber
leichter  als  Iridium  und  ist  in  Königswasser  unlöslich, ­
  Die  technische  Verwendung‘beschränkt
sich  auf  die  Herstellung  widerstandsfähiger  Platinlegierungen ­
  für  Pyrometer,  harte  Spitzen  für
Goldfedern  und  einiger  Stahlsorten.
Rizinusöl  (Wunderbaumöl,  Kastoröl,  lat.
Oleum  ricini,  Oleum  palmae  christi,  frz.  Huile
de  ricin,  engl.  Castor  oil)  wird  aus  den  Samen
der  Rizinuspflanze,  Ricinus  communis,  gewonnen ­
  und  gehört  zu  den  fetten  Ölen.  Der
Rizinus-  oder  Wunderbaum  ist  ein  ursprünglich
ostindisches,  jetzt  aber  über  viele  Länder  durch
Verpflanzung  verbreitetes  Gewächs  aus  der  Familie ­
  der  Wolfsmilcharten,  das  in  wärmeren
Ländern  Strauch-  und  baumartig  wächst  und
7—10  m  Höhe  erreicht,  bei  uns  aber  nur  als
2—2 1 / 2  m  hohe  Blattpflanze  in  Gärten  und  Anlagen ­
  gezogen  wird.  Seine  großen,  bandförmigen, ­
  7—lospaltigen  Blätter  sitzen  schildartig
auf  langen  Stielen.  Die  Blüten  stehen  in  großen
Trauben  und  liefern  stachlige,  aufspringende
Samenkapseln.  Die  unter  dem  Namen  große
Purgierkörner  oder  Purgiernüsse  (lat.Semen
ricini,Semen  cataputiae  majoris,frz.Semence  de  ricin, ­
  engl.  Castorseeds)  bekannten  Samen  haben  eine
elliptische,  zusammengedrückte,  auf  der  einen  Seite
stumpfkantige,  auf  der  anderen  gewölbte  Gestalt
und  eine  glatte,  glänzende,  rotbraun  getüpfelte
Oberfläche.  In  der  harten,  dünnen  und  leicht
zerbrechlichen  Samenschale  liegt  ein  gelblichweißer.
  ölhaltiger  Kern,  der  anfangs  mandelartig ­
  mild,  hinterher  etwas  kratzig'  schmeckt.
Die  frühere  Verwendung  der  Samen  als  Abführmittel ­
  ist  wegen  ihres  Gehaltes  an  dem  sehr
giftigen  Rizin  jetzt  ganz  durch  diejenige  des  Öles
verdrängt  worden.  Das  R.  wurde  früher  durch
Auskochen  der  zerquetschten  Samen  mit  Wasser
gewonnen,  während  man  jetzt  die  enthülsten
Kerne  kalt  auspreßt  und  so  40—50  o/ 0  öl  erhält.
Durch  heißes  Nachpressen  gewinnt  man  noch
weitere  7  °/o  Öl,  die  jedoch,  ebenso  wie  das  mit
Schwefelkohlenstoff  extrahierte  Öl  nicht  medizinisch, ­
  sondern  nur  technisch  benutzt  werden.
Zur  Entfernung  der  letzten  Rizinspuren  kocht
man  es  einige  Zeit  mit  Wasser,  wobei  die  fremden ­
  Bestandteile  zu  Boden  sinken,  Während
das  Öl  selbst  sich  klärt,  hellfarbiger  und  milder
wird.  Von  den  verschiedenen  Handelssorten
werden  die  kalt  gepreßten  italienischen  und
französischen  Öle  den  warm  gepreßten  und  daher
gelblichen  amerikanischen  und  ostindischen  vorgezogen. ­
  Das  R.  ist  im  reinen  Zustande  hell

und  farblos  oder  nur  schwach  gelblich  und  ohne
Geruch  und  Geschmack.  Es  ist  dickflüssiger  als
andere  fette  Öle  und  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,960.
In  der  Kälte  scheidet  es  festes  Fett  (Rizinusstearinsäure) ­
  aus  und  erstarrt  vollständig  bei
—17 0 .  R.  besteht  im  wesentlichen  aus  Rizinol-
  und  Rizinisolsäureglyzeriden,  enthält ­
  aber  kein  Olein.  Zur  Prüfung  auf  fremde  Öle
vermischt  man  das  R.  mit  dem  vierfachen  Volum
Vaselmöl,  worin  es  zum  Unterschiede  von  allen
anderen  fetten  Ölen  unlöslich  ist.  Auch  gibt  es
mit  go  0 /oigem  Alkohol  eine  klare  Lösung.  Außerdem ­
  zieht  man  das  hohe  spez.  Gew.  und  die
Löslichkeit  in  Eisessig  heran.  Außer  zu  medizinischen ­
  Zwecken  als  gelinde  wirkendes  Abführmittel ­
  findet  es  auch  technische  Verwendung,
hauptsächlich  zur  Herstellung  des  Türkischrotöls ­
  und  von  Schmiermitteln,  sowie  von  Seife,
bildet  ferner  einen  gewöhnlichen  Bestandteil  der
käuflichen  Lederöle  und  ist  auch  für  sich  allein
ein  vorzügliches  Konservierungsmittel  für  Schuhund
  anderes  Lederwerk.  Zur  Verpackung  dienen
viereckige  Blechdosen  (Kanister)  von  20  kg  Inhalt, ­
  deren  je  vier  in  eine  Kiste  eingesetzt  sind.
Das  technische,  gelbe  Öl  kommt  in  Fässern  zürn
Verkauf.
Riechsalz,  englisches,  besteht  aus  kohlensaurem ­
  Ammonium,  das  mit  ätherischen  Ölen
parfümiert  ist.
Rindertalg  (lat.  Sebum  bovinum,  frz.  Suif  de
boeuf,  engl.  Suet  of  beef)  ist  das  aus  fettreichen
Teilen  von  Rindern  aüsgeschmolzene  Fett.  Zu
seiner  Gewinnung  benutzt  man  hauptsächlich
das  Gekröse-  (Mickerfett),  Netz-,  Nieren-,  Herz-,
Mittelfell-,  Sack-,  Eingeweidefett,  seltener  andere
fettreiche  Körperteile.  Der  aus  frischen,  ausgewählt ­
  guten  Teilen,  bei  nicht  zu  hoher  Temperatur ­
  ausgeschmolzene  und  sorgfältig  gereinigt®
R.wird  alsFeintalg  (Premier  jus)  bezeichnet-R.
  ist  entweder  fast  weiß,  grauweiß  oder  schwach
gelblich,  bei  bestimmter  Fütterung  (Weidemast)
auch  wohl  stark  gelb,  von  schwachem,  eigen'
artigem,  Geruch  und  Geschmack  und  fester  Konsistenz. ­
  Die  größte  Härte  zeigt  das  Eingeweidefett,
  die  niedrigste  das  Sackfett.  Seiner  chemischen ­
  Zusammensetzung  nach,  die  nach  den
Körperteilen  wechselt,  besteht  es  aus  den  GlY"
zeriden  der  Palmitin-,  Stearin-  und  Ölsäure  und
zeigt  folgende  analytische  Kennziffern:  Schmelzpunkt ­
  nach  Polenske  43—51  °,  Erstarrungspunkt
nach  Polenske  30—38°,  Differenzzahl  13—15&amp;gt;
Brechungsindex  (bei  40°)  1,4566—1,4583,  R e "
fraktion  46:—48,5,  Jodzahl  32—46,  Verseifung 3 '
zahl  193—198,  Reichert  -  Meißl  -  Zahl  o,i—0,6,
Schmelzpunkt  der  Fettsäuren  41—47°,  Erstarrungspunkt ­
  der  Fettsäuren  39—47°,  Jodzahl  der
ungesättigten  flüssigen  Fettsäuren  89—92,4.  D er
R.  findet  ausgedehnte  technische  Verwendung
(s.  Talg),  die  besten  Sorten  (von  geschlachteten ­
  Tieren)  bilden  ein  wertvolles  Speisefett
und  den  Rohstoff  der  Margarinefabrikation,  (s.d-)-Der
  zu  letzterem  Zwecke  aus  Feintalg  durch
Auspressen  bei  mäßiger  Temperatur  gewonnen®
niedriger  schmelzende  Anteil,  das  Oleomarg 3 '
rin,  ist  reicher  an  Ölsäure  und  hat  infolgedessen
einen  niedrigeren  Schmelzpunkt  (28—40°)  und
Erstarrungspunkt  (17—27°),  sowie  eine  hoher®
Jodzahl  (42—53°),  der  hinterbleibende  Rückstand,
der  sog.  Preßtalg  (Rinderstearin,)  besteht
        <pb n="373" />
        Ringelblume

367

Rohr

hauptsächlich  aus  Glyzeriden  der  Stearin-  und
Palmitinsäure  und  hat  in  der  Regel  einen  Erstarrungspunkt ­
  über  50 0 .  Verfälschungen  durch  Zusätze ­
  pflanzlicher  Öle  (Baumwollsamenöl)  sind
auf  analytischem  Wege,  Zusätze  von  Hammeltalg
nicht  immer  mit  Sicherheit  nachzuweisen.  Der
Verkauf  von  Preßtalg  als  Talg  schlechthin  zu
Speisezwecken  ist  unzulässig.
Ringelblume  (Lockenblume,  lat  Flores  calendulae,
  frz.  Fleurs  de  souci,  engl.  Ring  flowers).
Die  getrockneten  Blüten  der  bekannten  südeuropäischen, ­
  in  Gärten  häufig  verkommenden  Komposite ­
  Calendula  officinalis,  bilden  einen
Gegenstand  des  Drogenhandels,  werden  aber
kaum  noch  medizinisch  verwandt.  Nur  der
Farbe  wegen  setzt  man  die  ausgezupften,  rasch
getrockneten  zungenförmigen  Randblümchen  bisweilen ­
  noch  Räucherpulvern  zu,  während  sie
künstlich  gefärbt  auch  zur  Verfälschung  des
Safrans  dienen.
Rips  (Ribs,  Reps,  Rippen,  frz.  und  engl.
Reps)  nennt  man  dicht  gewebte  Stoffe  mit
längslaufenden  erhabenen  Rippen.  Die  letzteren
werden  durch  die  starken,  zwei-  und  dreifädig
gezwirnten  Kettenfäden  hervorgebracht,  in  die
ein  Einschuß  von  viel  feinerem  gezwirnten  Garn
gewoben  und  stark  angeschlagen  wird,  so  daß
dessen  Fäden  diejenigen  der  Kette  vollständig
Verdecken.  Stoff  und  Name  sind  ursprünglich
englisch.  Die  Herstellung  erfolgte  früher  nur  in
Baumwolle,  während  jetzt  überall  R.  auch  mit
Baumwoll-  oder  Wollkette  und  wollenem  Einschlag ­
  zu  Möbelbezügen,  Türvorhängen,  Damenkleidern, ­
  sowie  ferner  in  Seide  als  Damenstoff
gewebt  wird.  Die  Wollenrispe  kommen  auch  mit
Querrippen  vor,  welche  durch  abwechselndes
Einschießen  eines  schwachen  und  eines  starken
Fadens  erhalten  werden.,
Robbenfleisch  wurde  während  des  Krieges  in
größeren  Mengen  zur  menschlichen  Ernährung
nach  Deutschland  eingeführt.  Die  derben  Stücke
des  stark  gesalzenen  und  zum  Teil  mit  Kochsalzkristallen ­
  bedeckten  Fleisches  besaßen  eine  sehr
dunkle,  fast  schwarzrote  oder  schwarzbraune
Farbe  und  setzten  sich  aus  starken  Muskelfasern
von  deutlicher  Querstreifung  zusammen.  Für  die
chemische  Zusammensetzung  wurden  folgende
Werte  ermittelt:  Wasser  48,75%,  Stickstoffsubstanz ­
  28,08%,  Fett  .1,89%,  Asche  18,96  %,  Kochsalz ­
  18,00%.  Der  Nährwert  beträgt  hiernach
*461  Einheiten  oder  1380  Kalorien.  Der  Geschmack ­
  des  nach  Vorschrift  18—24  Stunden
Sewässerten  Fleisches  war  zwar  nicht  übermäßig
a ngenehm,  aber  ebensowenig  tranig  oder  fischig.
Es  konnte  vielmehr  im  rohen  wie  im  gekochten
Zustande  als  durchaus  genießbar  bezeichnet
""erden.
Roborat,  ein  aus  Weizenkleber  bestehendes
Nährmittel,  enthält  nach  König:  9.46%  Wasser,
|, 2 .2S  %  Stickstoffsubstanz,  3,67  %  Fett,  3,04  0/0
Extraktstoffe,  0,19%  Rohfaserund  1,39%  Asche.
Roborin  wird  von  einer  Berliner  Fabrik  aus
dem  in  Schlachthäusern  abfallenden  Blute  her-Sestellt
  und  ist  im  wesentlichen  als  Kalzium-®'buminat
  anzusprechen,.  Das  schwach  alkalische
dunkelbraune  Pulver  ist  nur  wenig  in  Wasser
!°slich  und  enthält:  6,74  %  Wasser,  77.38  %
Protein,  0,150/0  Fett,  3,37%  Extraktstoffe,  12,36%
Asche.

Rodinal,  das  salzsaure  Paraamidophenol,  findet
für  sich  allein  oder  im  Gemisch  mit  schwefligsaurem ­
  Natron  und  Kaliumkarbonat  als  photographischer ­
  Entwickler  Anwendung.  Ein  gebrauchsfertiger ­
  R.-Entwick!er  wird  als  Unal  in
fester  Form  in  den  Handel  gebracht.
Roggen  (Korn,  frz.  Seigle,  engl;  Rye),  neben
dem  Weizen  die  wichtigste  Getreidesorte,  besteht
aus  den  Samen  von  .Secale  cereale,  die  in  zahlreichen ­
  Spielarten  wie:  gewöhnlicher  oder  kurzer
R.,  Johannis-,  Probstei-,  .Kampiner-,  Kleb-,  Riesenstauden-, ­
  russischer  Schneeroggen  usw.  angebaüt
werden.  Die  meisten  Arten  leiten  sich  von  dem
gewöhnlichen  R.  und  dem  Stauden-R.  ab,  in
die  sie  auch  leicht  wieder  übergehen.  R.  findet
sich  sowohl  in  China,  Mittelrußland  und  Österreich ­
  als  hauptsächlich  in  Norddeutschland,  hingegen ­
  weniger  im  Westen  und  in  Amerika.  Das
eigentliche  Verbreitungsgebiet  erstreckt  sich  vom
60.  bis  65.°  p.  Br.  bis  zur  Schweiz,  doch  kommt
er  noch  unter  70. 0  n.  Br.  und  in  Höhen  bis
zu  1600  m  fort.  Er  stellt  geringere  Anforderungen ­
  an  den  Boden  als  Weizen  und  wird
als  Sommer-  und  Winterfrucht  angebaut.  Der
Sommer  -  R.  gedeiht  auch  da,  wo  anderes
Getreide  nicht  fortkommt,  wird  aber  später
reif  und  gibt  um  Vi  geringere  Erträge.  Wo
irgend  möglich,  baut  man  daher  Winter-R.,  der
zugleich  gute  Vorfrucht  für  Sommersaaten  ist.
R.  kann  mehrfach  hintereinander  auf  dieselbe
Stelle  gesät  werden  und  verträgt  frische  Düngung, ­
  wird  aber  meist  ohne  letztere  nach  Futterpflanzen ­
  oder  Hackfrüchten  gebaut.  Er  enthält ­
  im  Durchschnitt  ,  13—14  0/0  Wasser,  1  x  bis
13%  Protein,  2%  Fett,  68—-70%  Kohlenhydrate,
1V2—3%  Rohfaser  und  2%  Asche,  doch  ist  die
Zusammensetzung  von  vielen  Umständen:  Klima.
Lage,  Düngung  und  Bodenbeschaffenheit,  abhängig. ­
  Kleber  läßt  sich  aus  dem  R.  nicht  auswaschen.
  Der  Roggen  bildet  das  wichtigste
Brotgetreide  der  nördlicheren  Länder  und  wird
außerdem  in  Form  von  Grünfutter,  Kleie  und
Schwarzmehl  zur  Viehfütterung  verwandt.
Rohr.  1.  Spanisches  R.  (Stuhlrohr,  Rotang,
  frz.  Canne  de  bengale,  engl.  Rattan),  das
als  Stuhlgeflecht  und  zu  anderen  Flecht-  und
Korbwaren,  ferner  gefärbt  zu  Regenschirmrippen
und  als  Ersatz  für  Fischbein,  zum  Teil  auch  zu
Spazierstöcken  Verwendung  findet,  stammt  von
den  schlanken  Stämmen  oder  Trieben  mehrerer
ostindischer  Rohrpalmen:  Calamus  Rotang,
Calamus  verus,  Calamus  rudentum.  Die
aUgeschnittenen  Stücke  werden  von  Oberhaut,
Blättern  und  Dornen  befreit  und  dann  zusammengebunden ­
  über  Pulo-Penang,  Singapore  und
Batavia  nach  Europa,  aber  auch  nach  China  und
Japan  ausgeführt.  Man  fertigt  dort  mannigfache
Gegenstände  aus  Rohr,  die  sämtlich  lebhaft
begehrte  Handelsartikel  bilden.  Alles  Tauwerk
der  chinesischen  und  anderen  asiatischen  Fahrzeuge ­
  der  östlichen  Meere  besteht  z.  B.  aus
diesem  Rohr.  Der  Handel  liegt  hauptsächlich  in
den  Händen  der  Holländer.  Als  Zeichen  besonderer ­
  Güte  wird  eine  blaßgelbe  Farbe  angesehen,
da  dunkelfarbiges  R.  gewöhnlich  brüchig  ist.
Auch  muß  ein  gut  geschlossener,  glasiger  Überzug ­
  vorhanden  sein,  der  beim  Biegen  nicht  abspringt. ­
  Das  dünne,  gelbliche  R.,  Stuhlrohr,
nennt  man  auch  weibliches,  während  unter
        <pb n="374" />
        Roisdorfer  Mineralquelle

368

Rosenblätter

männlichem  dickeres,  dunkelfarbiges,  mit  enger
stehenden  Knoten  versehenes  R.  zu  Spazierstöcken ­
  verstanden  wird.  Das  rohe  R.  hat  noch
seine  ringförmigen  Knoten,  die  beim  gereinigten
durch  Schaben  oder  durch  Schleifen  auf  besonderen ­
  Maschinen  entfernt  worden  sind.  Das
nicht  in  ganzen  Stäben  zu  verwendende  R.  wird
in  Fabriken  durch  Zerschneiden,  Spalten,  Hobeln
und  Ziehen  in  die  verschiedenen  Gebrauchsformen, ­
  Stuhl-,  Korsettrohr,  Rieten  für  Webstühle ­
  usw.  gebracht.  Die  dünnsten,  schnurenförmigen ­
  Streifen  beißen  Schnur-  oder  Putzrohr ­
  und  dienen  in  der  Putzmacherei  als  steifendes ­
  Material.  Die  hellsten  Sorten  Stuhlrohr  werden ­
  durch  Schwefeldämpfe  gebleicht.  Peddigrohr ­
  besteht  aus  dünnen  Stäbchen,  die  aus  dem
Marke  der  gleichen  Calamusarten  hergestellt  sind
und  zur  Korbflechterei  Verwendung  finden.  —
2.  Eine  andere  Sorte,  sog.  spanisc  hesR.,  stammt
von  der  größten  europäischen  Grasart,  Arundo
donax,  die  in  ganz  Südeuropa  heimisch  ist.
Es  wird  auch  Pfahlrohr  oder  Schalmeirohr
genannt  und  zu  ähnlichen  Zwecken  verwandt,  wie
die  asiatische  Ware.  —  3.  Das  gemeine  Teichrohr ­
  (Schilf-,  Decken-,  Dachrohr,  Rohrschilf) ­
  von  Phragmites  communis  dient
hauptsächlich  zum  Berühren  von  Zimmerdecken
und  zur  Anfertigung  von  Wänden,  Rohrmatten
zum  Belegen  der  Frühbeetfenster  u.dgl.  Der
Ertrag  beläuft  sich  je  nach  der  Dichtigkeit  des
Standes  für  den  Plektar  Teich  oder  Seeufer  auf
120—300  Gebinde  von  75—80  cm  Umfang.  Hiervon ­
  wird  aufgebunden  als  Dachrohr  25—35  %,
als  Mauerrohr  45—60%.  Der  Rest  ist  Streu.
Roisdorfer  Mineralquelle  bei  Bonn  enthält
in  1000  Gevvichtsteilen:  0,9821g  Natriumbikarbonat, ­
  0,3086  g  Kalziumbikarbonat,  0,3497  S  Magnesiumbikarbonat, ­
  0,0029  S  Ferrokarbonat,
1,8423  g  Chlornatrium,  0,4638  g  Natriumsulfat,
0,0092  g  Kieselsäure  und  1,3183g  freie  Kohlensäure. ­

Rokzellin,  ein  dem  Echtrot  (s.d.)  nahestehender ­
  Azofarbstoff,  besteht  aus  dem  Natriumsalze
des  o-Naphtylaminsulfosäureazo-ß-Naphtols.
Romadurkäse,  auch  Romatour,  Rahmatour
genannt,  ist  ursprünglich  ein  echter  Fettkäse
mit  22,78  °/o  Protein  und  20,66%  Fett,  wird  aber
neuerdings  im  Allgäu  auch  nach  Art  des  Backsteinkäses ­
  aus  Vollmilch  oder  teilweise  entrahmter ­
  Milch  hergestellt.
Roob  (Rob)  ist  eine  alte  arabische  Bezeichnung ­
  für  Dicksaft  oder  Mus,  die  hauptsächlich
für  folgende  pharmazeutische  Zubereitungen  noch
in  Gebrauch  ist:  Roob  antisyphiliticus  für  Sirupus
  sarsaparillae;  R.  dauci  für  Möhrensaft;  R.
ebuli,  Attichdicksaft;  R.  juniperi,  Wacholdersaft; ­
  R.  sambuci,  Holundersaft;  R.  sorborum,
Ebereschenmus;  R.  spinae  cervinae,  Kreuzbeermus. ­

Roquefortkäse,  ein  berühmter  Hartkäse,  der
seinen  Namen  von  dem  Dorfe  Roquefort  im  Departement ­
  Aveyron  trägt,  wurde  früher  aus  Schaf-  und
Ziegenmilch  hergestellt,  während  man  jetzt  nur
noch  Schafmilch  benutzt.  Die  unabgerahmte
Milch  wird  mit  Lab  oder  Waldartischocke
(Cinara  scolymus)  zum  Gerinnen  gebracht,  der
Bruch  mit  verschimmeltem  Brot  in  durchlochte
Töpfe  geschichtet  und  der  Reifung  überlassen.
Hierbei  bedecken  sich  die  Käse  zuerst  mit  einer

gelben  und  rötlichen  Kruste,  darauf  mit  einer
weißen  Schimmelwucberüng,  die  abgekratzt  wird.
In  30—50  Tagen  verliert  der  JCäse  28—30%  an
Gewicht  und  enthält  dann:  31,6-%  Wasser,
26,5%  Protein,  33,1%  Fett,  3,2%  Milchzucker
und  s,6%  Asche.  Er  kommt  in  Stanniol  gehüllt
in  den  Verkehr.
Rosamine  nennt  man  eine  Reihe  roter,  gelb
fluoreszierender  Xanthenfarbstoffe,  welche  durch
Einwirkung  von  Benzotrichlorid  auf  alphylierte
m  -  Aminophenole  entstehen.  Ihre  Zusammensetzung ­
  entspricht  der  Formel  C 6 H 5 .C(C 6 H 3 .
NH 2 ) 2  .  OC1,  d.  d.  derjenigen  eines  Pyronins,  in
welchem  die  CH  -  Gruppe  durch  die  Gruppe
C  .  C e H 6  ersetzt  ist.
Rosanilin  (Rosanilinhydrat,  Triamidodiphenyltolylkarbinol),
  C 20 H 21 N 3 O,  ist  die
den  eigentlichen  Anilinfarben  im  engeren  Sinne
zugrunde  liegende  Base  und  Wird  daher  im
Handel  auch  Rosanilinbase  genannt.  Man
erhält  sie,  wenn  man  ein  Rosanilinsalz,  also'
z.  B.  Anilinrot  (Fuchsin)  mit  Ammoniak  oder
Natronlauge  zersetzt,  in  Form  weißer  Kristallnadeln, ­
  die  sich  durch  Spuren  einer  Säure,  ja
selbst  schon  durch  die  Kohlensäure  der  Luft
röten.  Durch  Behandlung  mit  Säuren  entsteht
wieder  Anilinrot.  —  Die  dem  R.  ähnliche  Base,
das  Pararosanilin,  Triamidotriphenylkarbinol,
liefert,  mit  Säuren  Parafuchsin.
Rose  bengale  ist  der  Name  einiger  Phtaleinfarbstoffe,
  die  Wolle  bläulichrot  färben,  als
braune  bis  braunrote  Pulver  in  den  Handel  kommen ­
  und  in  Wasser  mit  roter  Farbe  ohne  Fluoreszenz ­
  löslich  sind.  Rose  bengale  N  wird
durch  Einwirkung  von  Jod  auf  Dichlorfluoreszein
erhalten  und  besteht  aus  Alkalisaben  des  Tetrajoddichlorfluoreszeins;
  Rose  bengale  B  wird
durch  Einwirkung  von  Jod  auf  Tetrachlorfluoreszein
  dargestellt  und  besteht  aus  dem  Kalisalze
des  Tetrajodtetrachlorfluoreszeins.
Rosein.  Diesen  Namen  führte  eine  Zeitlang
das  Fuchsin,  ebenso  auch  das  Mauvein.
Rosenblätter  (lat.  Flores  rosarum,  frz.  Fötales
de  roses,  engl.  Rose-flowers).  Die  Blumenblätter ­
  von  bei  uns  gezogenen  Rosen,  die  einen
nicht  unbedeutenden  Gegenstand  des  Drogenhandels ­
  bilden,  entstammen  der  Zentifolie  (Rosa
centifolia),  ferner  der  roten  oder  Essigrose
(R.  gallica)  und  der  dunkelroten  Damaszener ­
  Rose  (Rosa  damascena).  Die  Zentifolienblätter ­
  (lat.  Flores  rosarum  incarnatarurn
seu  pallidarum)  werden  nach  völliger  Aufschließung ­
  der  Blüten  ohne  die  Kelche  abgenommen
und  entweder  rasch  an  der  Sonne  getrocknet
oder  frisch  mit  Salz  eingelegt  (lat.  Flores
rosarum  in  sale).  Durch  das  Trocknen  geht  ein
Teil  des  Duftes  und  die  rein  rote  Farbe  verloren, ­
  der  übrigbleibende  schwache  Geruch  ist
aber  sehr  angenehm.  Die  eingesalzenen  Blätter
behalten  ihr  Rot.  Die  Blätter  der  roten  und  der
Damaszener  Rosen  (lat.  Flores  rosarum  rubrarum
  seu  damascenarum)  werden  von  Knospen
genommen,  die  eben  im  Aufbrechen  begriffen
sind.  Man  pflückt  sie  bei  sonnigem  Wetter  und
zwickt  mit  einer  Schere  dein  rotgefärbten  Ted
ab,  so  daß  der  untere  gelblich  gefärbte  verschmälerte ­
  Boden  der  Knospe,  der  sog.  Nageh
mit  dem  Kelche  in  Wegfall  kommt.  Die  Knospen
werden  unaufgerollt  im  Schatten  getrocknet,  ver-
        <pb n="375" />
        Rosenholz

369

Rosenöl

„  Heren  dabei  ihre  rote  Farbe  nicht,  sondern  behalten ­
  sie,  vor  Luft  und,  Licht  geschützt,  sehr
lange.  Diese  Blüten  besitzen  .nur  schwachen
Geruch  und  dienen  weniger  zu  Parfümeriezwecken, ­
  als,  ihrer  Farbe  wegen,  hauptsächlich
zur  Herstellung  von  Räucherpulvem,  Morsellen
u.dgl.  Außerdem  werden,  sie  zur  Herstellung
des  Rosenhonigs  verwandt  und  im  Handverkauf ­
  als  schleimhaltiges;  zusammenziehendes
Mittel,  z.  B.  gegen  Durchfälle,  abgegeben.  Für
letzteren  Zweck  dienen  sie  meist  als  Aufguß
oder  in  Form  von  Pulver.  Schließlich  bereitet
man  aus  frischen  Blättern  eine  Rosenkonserve, ­
  indem  man  sie  fein  stampft  und  mit
Zucker  und  Rosenwasser  als  Zusatz  zu  Pillenmasse ­
  mischt.  Die  roten  R.  kommen  am  schönsten ­
  aus  den  Vierlanden  bei  Hamburg,  in  fast
der  gleichen  Güte  aus  Holland.  —  Der  Rosenhonig ­
  (lat.  Mel  rosatum,  frz,  Mellite  de  rose
rouge,  engl.  Honey  of  rose)  wird  bereitet,  indem
man  die  R.  durch  siedendes  Wasser  auszj^ht  und
den  abgeseihten  Saft  mit  Zusatz  von  gereinigtem
Honig  zur  Sirupsdicke  einkocht.  R.  wird  gegen
Durchfall  und  als  beliebtes  Mittel  gegen  die
sogenannten  Schwämmchen  der  kleinen  Kinder
benutzt,  im  letzteren  Falle  aber  meist  noch  mit
etwas  Borax  versetzt.  —  Zu  Rosenessig  (lat.
Acetum  rosae,  frz.  Vinaigre  de  rose,  engl.  Vinegar
  of  rose)  werden  die  Blätter  mit  feinem
Essig  angesetzt  und  durch  längeres  Stehenlassen
extrahiert.  —  Das  wichtigste  Erzeugnis  aus  R.  ist
das  Rosenwasser  (lat.  Aqua  rosarum,  frz.  Eau
distillde  de  roses,  engl.Rose-water),  das  inFabriken
ätherischer  Öle  durch  Destillation  frischer,  trokkener
  oder  gesalzener  Blätter  mit  Wasser  dargestellt ­
  oder  auch  bei  der  Rosenölgewinnung  als
N  ebenprodukt  erhalten  wird.  Es  findet  Anwendung
als  Augenwasser,  ferner  zu  kosmetischen  Mitteln
Und  zum  Parfümieren  von  Konditoreiwaren.  Sein
Geruch  stammt  von  dem  ätherischen  Öl  (s.  Rosenöl), ­
  das  sich  aber  bei  der  gewöhnlichen  Destilladonsweise
  nicht  abscheidet,  sondern  im  Wasser
gelöst  bleibt.  Besonders  in  Südfrankreich,  in
den  so  viele  Parfümerien  erzeugenden  Distrikten
von  Grasse,  Cannes  und  Nizza,  werden  bedeutende ­
  Mengen  Rosen  angebaut.  Man  rechnet
fuf  einen  Acker  etwa  10000  Rosenstöcke,  die
’m  Jahre  durchschnittlich  2500  kg  Blütenblätter
geben.  Die  französischen  Rosen  sind  viel  duft-Und
  ölreicher,  aber  das  bei  der  Destillation  sich
ubscheidende  Öl  bildet  auch  hier  nur  eine  sehr
geringe  Menge.  Die  wichtigsten  Erzeugnisse
dieser  Gegend  sind  Rosenwasser,  fettes  und
ätherisches  Rosenöl  (s.  d.),  Rosenpomade
Und  das  aus  letzterer  durch  Behandlung  mit
deinem  Sprit  gewonnene,  äußerst  wohlriechende
^xtrait  de  Rose.  —  Abgesehen  von  dem
Eosenwasser  und  den  übrigen  Präparaten  ist
a uch  der  Handel  mit  frischen  Rosenblüten
durch  die  neugeschaffenen  Verkehrswege  zwischen ­
  Frankreich  und  Italien  einerseits  und  dem
nördlichen  Europa  anderseits  recht  bedeutend
geworden.  Täglich  kommen  zahlreiche  Sendun-Sen
  mit  den  verschiedenen  Alpenbahnen  nach
Heutschland  und  finden  hier,  namentlich  in  den
Wintermonaten,  schnell  Absatz.
Rosenholz  (lat.  Lignum  rhodii,  frz.  Bois  de
*°se,  engl.  Rose  wood).  Unter  diesem  Namen
Baden  sich  verschiedene  Hölzer  im  Handel,  die
^tercks  Warenlexikon.

entweder  einen  entfernt  rosenähnlichen  Geruch
besitzen  oder  sich  durch  eine  schön  rosenrote  bis
purpurrote  Färbung  auszeichnen.  ,  Die  ersteren
dienen  zu  Parfümeriezwecken,  die  letzteren  in
Form  von  Furnieren  zu  eingelegten  Arbeiten
in  der  Kunsttischlerei.  Das  Möbelrosenholz  wird
besonders  in  England  als  das  schönste  und
teuerste  Luxusholz  verarbeitet.  Es  erscheint  meist
in  starken  Blöcken,  die  von  großen  Bäumen
aus  Brasilien  sowohl,  als  auch  aus  Siam  und
anderen  Bezugsquellen  herrühren.  Das  beste  R.
aus  Bahia  in  Brasilien,  angeblich  von  Physocalymna
  floribundum  (Pohl),  hat  auf  purpurrotem ­
  Grunde  dunklere  Marmorierung  oder  Maserung. ­
  Je  reicher  die  Zeichnung,  je  tiefer  die
Färbung  und  je  stärker  die  Unterschiede  der
Farbentöne,  um  so  teurer  wird  das  Holz  bezahlt.
Ferner  liefern  Cordia  Gerascanthus  und  Cordia
  sebestina  in  Westindien  R.  für  die  Kunsttischlerei. ­
  —  Das  Parfümerieholz  besteht  aus
den  knolligen,  schweren  Wurzeln  zweier  auf  den
Kanarischen  Inseln  wachsender  Windenarten,
Convolvulus  scoparius  und  Convolvulus
floribundus.  Es  riecht  beim  Reiben  und  Raspeln ­
  angenehm  rosenarfig  und  hat  einen  bitterharzigen ­
  Geschmack.  Man  verwendet  das  geraspelte ­
  Holz  zum  Füllen  von  Riechkissen,  be
reitet  daraus  durch.  Mazerieren  mit  Weingeist
eine  Rosenholztinktur  und  destilliert  daraus
das  angenehm  rosenartig  riechende  ätherische
Rosenholzöl  (lat.  Oleum  ligni  rhodii,  frz.
Essence  de  bois  de  rose,  engl.  Rose-wood  oil),
das  zu  Parfümerien  gebraucht  wird.  —  Das
kanarische  R.,  die  echte  Sorte,  kommt  in
Stücken  von  2V2—9  cm  Durchmesser,  welche
außen  grau,  innen  schön  braungelb  oder  rötlich ­
  geadert  sind,  in  den  Handel.  Der  ihm  auch
beigelegte  Name  Rhodiserholz  gehört  eigentlich ­
  einer  anderen  Wurzel,  die  von  einer  im
Orient  (Zypern,  Rhodus)  wachsenden  Ginsterart ­
  herrühren  soll.
Rosenöl  (lat.  Oleum  rosarum,  frz.  Essence  de
rose,  engl,  Oil  of  roses)  war  früher  nur  in  wärmeren ­
  Ländern  mit  Vorteil  zu  gewinnen,  während
die  bei  uns  gezogenen  Rosen  infolge  ihrer  Ölarmut ­
  meist  nur  wohlriechendes  Wasser  gaben.
Seit  etwa  1888  hat  aber  Schimmel  in  Miltitz
bei  Leipzig  mit  Erfolg  .die.  Herstellung  aufgenommen ­
  und  ein  öl  von  ausgezeichneter  Beschaffenheit ­
  in  den  Handel  gebracht.  Das  meiste
R.  kommt  aus  Bulgarien,  kleine  Mengen,  die
aber  für  den  Handel  ohne  Bedeutung  sind,
werden  auch  in  Kleinasien  (Anatolien),  Spanien
und  am  Kaukasus  hergestellt.  In  Ostindien
ist  Ghazipur  in  der  Präsidentschaft  Agra  der
Hauptsitz  der  Rosenzucht  und  Ölbereitqng,;  und
von  der  dort  üblichen  Bezeichnung  Attar  oder
Atar  dürfte  sich  die  in  England  vielfach  gebräuchliche ­
  Benennung  Otto  ableiten.  Für,  die
regelmäßige  Versorgung  des  Abendlandes  kommt
jetzt  ausschließlich  Bulgarien  in  Betracht,  wo
am  Fuße  und  den  Abhängen  des  Balkamgebirges
in  den  Bezirken  Kazanlik,  Karlovo,  Plovdio,
Nova-Zagora,  Stara-Zagora,  Tchirpan,  Pechtera,
Pazardjik,  Panagurichte  und  Stanimaka  die  Rosen
Rosa  damascena  und  Rosa  alba  besonders
angebaut  werden.  Die  Ernte  beginnt  Ende,  Mai
und  dauert  etwa  30  Tage.  Am  frühen  Morgen
werden  die  eben  aufgebrochenen  Blüten  ge-2

 4
        <pb n="376" />
        .  370

Rosmarinöl

Rosenquarz

pflückt,  von  den  Kelchen  befreit,  mit  Wasser
in  die  Blasen  gebracht  und  der  Destillation
über  freiem  Feuer  unterworfen.  Das  überdestillierte ­
  ölhaltige  Wasser  wird  in  Tongefäßen  über
Nacht  in  kühle  Keller  gestellt,  und  am  Morgen
das  an  der  Oberfläche  erstarrte,  als  ein  Häutchen ­
  abgeschiedene  Öl  sorgfältig  abgenommen.
Das  aromatische  Wasser  wird  zu  mehreren  Destillationen ­
  verwandt.  Die  Ölausbeute  ist  sehr
von  der  Witterung  abhängig.  Bei  warmem
Wetter  wird  am  wenigsten,  bei  kühlem  beträchtlich ­
  mehr  erhalten.  3000  kg  Rosen  sollen  1  kg
Öl  geben,  eine  Angabe,  die  sehr  wenig  glaubhaft ­
  ist,  denn  zur  Herstellung  von  1  kg  deutschen ­
  Rosenöls,  das  aus  derselben  Rosenart
gewonnen  wird  wie  das  bulgarische,  sind  5000
bis  6000  kg  Blüten  erforderlich.  Im  Hinblick
auf  den  hoben  Preis  des  Rosenöls  sind  Verfälschungen ­
  außerordentlich  lohnend  und  häufig.
Grobe  Zusätze  von  fetten  Ölen,  Paraffin,  Walrat
und  Alkohol  sind  leicht,  solche  von  Geraniumoder ­
  Palmarosaöl  aber  'nur  durch  eingehende
Analyse,  Bestimmung  des  spez.  Gew.,  der  Drehung, ­
  des  Erstarrungspunktes  usw.  nachzuweisen.
Das  echte  R.-Öl  ist  weißlichgelb  bis  grünlich
und  von  durchdringendem,  anhaltendem  Rosengeruch.
  Bei  mittlerer  Temperatur  dickflüssig,
erstarrt  es  bei  etwa  17—21  °C  teilweise  oder
ganz  infolge  seines  reichlichen  Gehaltes  an  Stearopten.
  Das  spez.  Gew.  beträgt  0,855—0,870
bei  20°,  die  Verseifungszahl  7—16.  R.  besteht
aus  einem  festen  und  einem  flüssigen  Anteil.
Der  feste  Anteil,  das  Stearopten,  setzt  sich  aus
mehreren  Paraffinen  zusammen,  während  der
flüssige,  das  Elaeopten,  eine  ganze  Reihe  der
verschiedensten  Verbindungen  enthält,  von  denen
als  die  wichtigsten  genannt  seien:  Geraniol,
Zitronellol,  Nerol,  Phenyläthylalkohol,  Geranylazetat
  und  Nonylaldehyd,  Hauptbestandteil  ist
Geraniol.  Der  Kleinvertrieb  des  Öles  geschieht
in  geschliffenen  und  vergoldeten  Glasfläschchen,
auf  die  es  in  Konstantinopel  abgezogen  wird,
während  zur  Versendung  im  großen  flache,
zinnerne,  mit  Filz  überzogene  Flaschen  von
V2—3  kg  Inhalt  benutzt  werden.  —  Unter  den
fetten  Parfümerieölen  gibt  es  auch  ein  R.  (lat.
Oleum  rosae  pingue,  frz.  Huile  de  rose,  engl.
Rose-oil),  das  durch  Mazerieren  von  Rosenblättern ­
  mit  Olivenöl  hergestellt  und  zum  Parfümieren ­
  von  Haarölen  benutzt  wird.
Rosenquarz,  eine  durchscheinende  bis  durchsichtige ­
  Art  des  Quarzes  von  rötlichweißer  bis
rosenroter  Farbe,  die  wahrscheinlich  durch  einen
geringen  Gehalt  von  Titanoxyd  hervorgerufen
wird,  findet  sich  hin  und  wieder  in  schwachen
Lagen  im  Granit  und  Gneis,  am  schönsten  in
Sibirien,  wo  man  ihn  zu  Dösen,  Vasen  und
größeren  Gegenständen  verarbeitet.  In  Deutschland ­
  findet  sich  das  Mineral  in  verwertbarem
Zustande  nur  zu  Bodenmais  in  Oberbayern  und
Zwiesel  in  Niederbayern.  Die  Rosafarbe  ist  oft
von  Natur  sehr  licht,  oder  verblaßt  auch  nachträglich ­
  an  der  Luft,  so  daß  die  Ringsteine  gewöhnlich ­
  mit  einer  Folie  unterlegt  werden.
Rosinen,  getrocknete  Weinbeeren,  werden  in
zwei  Sorten  unterschieden:  1.  Große  R.,  Zibeben
  (lat.  Passulae  majores,  frz.  Raisins  secs,
engl.  Raisins)  sind  die  an  der  Sonne  oder  künstlich ­
  getrockneten  Beeren  des  Weinstockes,

Vitis  vinifera,  und  zwar  nur  der  zuckerreichen
Sorten  des  Mittelmeergebietes.  Traubenrosinen ­
  (Tafelrosinen)  sind  solche  mit  Kämmen,
Sultaninen  oder  Sultan-R.,  von  Natur  kernlose, ­
  kleinere  und  hellgelbe  Beeren,  bilden  eine
stielfreie  Ausleseware,  Yerli  oder  Elemü  Ware
bester  Beschaffenheit.  Das  kleinasiatische  Erzeugnis ­
  geht  als  Smyrnaer  R.  über  Triest  und
Hamburg  nach  Deutschland,  während  Samos,
Kos  und  Kreta  geringwertigere  Sorten  liefern.
Sehr  gut,  in  Deutschland  aber  selten,  sind  die
großen  ausgekernten  Damaszener.  Italienische ­
  und  französische  R.,  sog.  Provencer,
gehen  am  meisten  nach  England,  spanische  R.,
hauptsächlich  von  Malaga,  Valencia  und  Alikante,
  nach  Deutschland.  Lexia  nennt  man  R.,
welche  durch  Eintauchen  in  Lauge  und  Ölwasser
einen  besonderen  Glanz  erhalten,  verschickt  in
Töpfen  auch  Topfrosinen  genannt  werden.
Sehr  bedeutend  ist  seit  einigen  Jahren  die  Ausfuhr ­
  von  Kalifornien.  Die  Verpackung  der
R.  geschieht  in  Kisten  zu  etwa  10—30  kg  und
auch  in  Säcken  zu  50  kg.  —  2.  Kleine  R.  (Korinthen, ­
  lat.  Passulae  minores,  frz.  Raisins  de
corinthe,  engl,  Corinths)  heißen  die  getrockneten
Beeren  einer  kernlosen  Abart  des  W.einstockes,
  Vitis  corinthica,  die  auf  den  Liparischen ­
  und  Ionischen  Inseln  gezogen  wird.  Sie
sind  von  dunkelpurpurroter,  ins  Schwarze  übergehender ­
  Farbe,  sehr  süß  und  saftreich.  Man  hat
tragende  Stöcke  von  sieben  Jahren  an  bis  zu
100  Jahren.  Die  Beeren  reifen  im  Juli,  werden
in  8—10  Tagen  gedörrt  und  in  Fässern  von  100
bis  150  kg  sowie  auch  in  Säcken  und  Kisten
versandt.  Die  kleinen  R.  sollen  trocken,  durchscheinend, ­
  glänzend,  süß  und  fleischig,  aber
nicht  modrig,  dürr  oder  mehlig  sein.  Auch
dürfen  sie  weder  säuerlich  riechen,  noch  zu
viele  Stiele  enthalten.  R.  müssen  in  trockenen,
kühlen  Räumen  gut  verwahrt  werden.
Rosmarinblätter  (lat.  Folia  rosmarini  s.  rorismarini,
  s.  Folia  anthos,  frz.  Feuilles  de  Romarin,
engl,  Rosemary)  stammen  von  der  bekannten
blaßblau  blühenden  Labiale  Rosmarinus  officinalis,
  die  bei  uns  nur  in  Gärten  und  Töpfen
gezogen  wird,  in  den  Mittelmeerländern  aber  auf
felsigen,  sonnigen  Abhängen,  stellenweise  in  ungeheurer ­
  Menge,  wild  wächst.  Der  immergrüne,
bis  2  m  hohe  Strauch  trägt  sitzende,  stumpflanzettliche
  Blüten  von  lederiger  Oberhaut,  die
oben  dunkelgrün  und  glatt,  unten  weißfilzig  erscheint. ­
  Das  Kraut  besitzt  einen  stark  würzigen
Geruch,  sowie  bitterlichen,  kampfer-  und  terpentinähnlichen
  Geschmack,  der  durch  das  Trocknen ­
  schwächer  wird  und  auf  der  Anwesenheit
von  ätherischem  Öl  beruht.  Medizinisch  dient
es  nur  äußerlich  als  aromatisches  Mittel  zu  stärkenden ­
  Bädern,  zerteilenden  Umschlägen  und
R  äu  ch  ersp  ezies.

Rosmarinöl  (lat.  Oleum  rosmarini  seu  rorismarini,
  Oleum  anthos,  frz.  Essence  de  Romarin»
engl.  Rosemary  oil),  das  aus  den  Rosmarinblättern
  durch  Destillation  mit  Wasser  oder
Wasserdampf  gewonnene  ätherische  Öl,  das  den
Geruch  der  Blätter  in  erhöhtem  Grade  besitzt»
gelangt  aus  Dalmatien,  Südfrankreich  und  Sp 3 '
nien  in  den  Handel  und  wird  daher  als  dalmatinisches ­
  (italienisches),  französisches  ,  und  sp 3 '
nisches  R.  unterschieden;  das  französische  R
        <pb n="377" />
        Rosolsäure

371

Rotbuchenholz

gilt  als  das  feinste.  Außerdem  wird  noch  in  England, ­
  Tunis,  Griechenland,  Korsika  und  Sardinien
R.destilliert,  doch  kommen  die  in  diesen  Ländern
gewonnenen  Ölmengen,  für  den  Handel  nicht  in
Frage.  Das  R.  ist  eine  farblose,  gelbliche  oder
schwach  grünliche  Flüssigkeit  von  kampferartigem
Geruch  und  bitter  aromatischem  Geschmack.
Das  spez.  Gew.  beträgt  0,900—0,920,  es  kommen
aber  auch  leichtere  Öle  vor,  doch  soll  das  spez.
Gew.  keinesfalls  unter  0,895  liegen.  Als  wichtigste ­
  Bestandteile  sind  Pinen,  Kamphen,
Zineol,  Kampfer  und  Borneol  abgeschieden
worden.  R.  dreht  die  Polarisationsebene  gewöhnlich ­
  nach  rechts,  « D bis  -j-  15,  doch  ist  an  zweifellos ­
  reinem  französischen  und  spanischen  R.  auch
schon  wiederholt  Linksdrehung  beobachtet  worden, ­
  die  aber  in  den  meisten  Fällen  die  Folge
einer  Verfälschung  mit  Terpentinöl  ist.  Ein
anderes  beliebtes  Fälschungsmittel  ist  leichtes
Kampferöl.  —  R.  und  Lavendelöl  dürfen  dem
mit  Pyridin  vergällten  Spiritus  zugesetzt  werden,
müssen  dann  aber  folgenden  gesetzlichen  Bestimmungen ­
  entsprechen;
I.  Lavendelöl.
1.  Farbe  und  Geruch.  —  Die  Farbe  des
Lavendelöls  soll  die  des  Holzgeistes  sein.  Das
Öl  soll  den  charakteristischen  Geruch  der  Lavendelblüten ­
  haben.
2.  Dichte.  —  Die  Dichte  des  Lavendelöles  soll
bei  15  Grad  zwischen  0,880  und  0,900  liegen.
3-  Löslichkeit  in  Branntwein.  —  10  ccm
Lavendelöl  sollen  sich  bei  20 0  C  in  300cm
Branntwein  von  63  Gewichtsprozent  klar  lösen.
II.  Rosmarinöl.
1.  Farbe  und  Geruch.  —  Die  Farbe  des
Rosmarinöls  soll  die  des  Holzgeistes,  der  Geruch ­
  soll  kampferartig  sein.
2.  Dichte.  —  Die  Dichte  des  Rosmarinöles
soll  bei  is  Grad  zwischen  0,895  un d  0,920
liegen.
3-  Löslichkeit  in  Branntwein.  —  10  ccm
Rosmarinöl  sollen  sich  bei  20 0  in  100  ccm
Branntwein  von  73,5  Gewichtsprozenten  klar
lösen.
Diese  Öle  sind  von  den  amtlich  bestellten
Chemikern  daraufhin  zu  prüfen,  ob  sie  den  vorstehenden ­
  Anforderungen  entsprechen.
Rosolsäure,  einTriphenylmethanfarbstoff.kann
als  Rosanilin  aufgefaßt  werden,  in  welchem
dür  Imidstickstoff  durch  Sauerstoff,  die  Amidogruppe
  durch  Hydroxyl  ersetzt  ist,  und  entspricht ­
  sonach  der  Formel  C  .  (C 6 H 4 .0)(C 6 H 4  .
OH).  (C 6 H 3  .  CH 3  .  OH).  Sie  entsteht  bei  der
Einwirkung  von  Salpetriger  Säure  auf  Rosanilin
l 'nd  Zersetzung  der  hierbei  entstehenden  Diazo-Ve
 rbindung  durch  Wasser.  Die  R.  bildet  einen
Bestandteil  des  Korallins  (s.  d.).  In  reinem  Zustande ­
  wird  sie  als  Indikator  benutzt.
Roßhaare  (Pferdehaare)  bilden  nach  entbrechender ­
  Reinigung  und  Sortierung  eine  wichtige ­
  Handelsware  für  zahlreiche  technische
Zwecke.  Die  Schwanz-  oder  Schweifhaare
"'erden  zunächst  mit  Wasser  ausgekocht  und
a 'sdann  durch  Hecheln  in  lange  und  kurze  gepennt. ­
  Die  ersteren,  die  mindestens  6  dm  messen
sollen,  aus  Rußland  aber  bisweilen  in  8  dm
Eänge  kommen,  werden  in  ihren  besten  weißen
Borten  zum  Bezug  von  Violinbogen,  in  den  geringeren ­

  farbigen  Marken  zu  Web-  und  Flechtwaren ­
  sowie  zu  Haarbüschen  für  Soldatenhelme
benutzt.  Die  Gewebe  bestehen  entweder  ganz
aus.  R.,  wie  bei  Siebböden,  Beuteltuch  und
Möbelüberzügen,  oder  aus  Mischgeweben  mit
Kette  aus  Baumwolle.  Manilahanf  u.  dgl.  für
Hüte,  Mützen,  bauschendes  Unterfutter,  Halsbinden. ­
  Bänder,  Schnüre  und  andere  Posamentierwaren. ­
  —  Die  kurzen  R„  von  der  Mähne
der  Pferde,  kommen  entweder  roh,  oder  öfter
schon  gesotten  und  gesponnen,  d.  h.  in  Zöpfe
zusammengedreht,  zum  Verkauf.  Durch  das  Sieden ­
  oder  Dämpfen  werden  sie  sowohl  gereinigt,
als  zum  Kräuseln  geneigt  gemacht  und  heißen
daher  Krullhaare.  Sie  sind  entweder  noch  in
Zöpfen  oder  wieder  aufgedreht  und  auseinandergezupft ­
  und  bilden  das  beste  Polstermaterial  für
Möbel,  Sättel,  Kissen  und  Matratzen,  dem  allerdings ­
  bei  seiner  Kostspieligkeit  häufig  billigere
Ersatzmittel  untergeschoben  werden.  Gute  R.
sind  sehr  hart  und  elastisch,  schon  gebrauchte
erhalten  ihre  Elastizität  wieder,  wenn  man  sie
auskocht  und  zum  Trocknen  auf  Stöcke  wickelt.
Die  Krullhaare  dienen  ferner  zum  Drehen  von
Haarschnuren  zu  Seilen,  zu  Haardecken,  Preßtüchern,
  Haarsohlen  u.  dgl.  Die  kürzesten  Haare,
welche  die  allgemeine  Hautdecke  des  Pferdes
bilden  und  in  Gerbereien  abfallen,  haben  nur
geringen  Wert  und  werden  mit  Kuh-  und  Kälberhaaren ­
  gemengt  für  geringe  Polsterungen  sowie
als  Zusatz  zu  Filz,  Mauerputz  und  zur  Herstellung ­
  von  Blutlaugensalz  verwandt.
Roßkastanien,  die  Früchte  der  Roßkastanie,
Aesculus  Hippocastanum,  enthalten  in  einer
stachligen  grünen  Kapsel  je  1—3  braunglänzende ­
  Samen  mit  weißem  Nabel.  Die  grüne  fleischige ­
  Schäle  ist  durch  eine  besondere  Gerbsäure
charakterisiert.  Die  stark  bitter  schmeckenden
Samen  enthalten  neben  rund  150/0  Wasser,  70/0
Stickstoffsubstanz,  s  %  Fett,  3  0/0  Rohfaser  und
2  %  Asche  68  °/o  stickstofffreie  Extraktstoffe,
davon  28  °/o  Stärke.  Während  die  Roßkastanien
im  Frieden  meist  zur  Schweinemast  benutzt  wurden, ­
  hat  man  im  Kriege  versucht,  sie  auch  zur
menschlichen  Ernährung  heranzuziehen.  Zu  dem
Zwecke  ist  vorgeschlagen  worden,  die  den  bitteren ­
  Geschmack  bedingenden  Saponine  und  Gerbstoffe ­
  durch  Behandlung  mit  alkalischem  Wasser
oder  mit  Alkohol  zu  entfernen.  Die  praktische
Durchführung  dürfte  aber  an  der  Kostspieligkeit ­
  der  Verfahren  scheitern.
Roßkastanienholz  von  Aesculus  Hippocastanum ­
  ist  gelblichweiß  bis  rötlichgelb  und
grobfaserig,  besitzt  aber  feinen  Spiegel.  Da  es
ziemlich  weich  ist  und  leicht  fault,  ist  es  zu
Bauholz  nicht  geeignet.
Roßschwefei  (lat.  Sulfur  caballinum,  s.  griseum,
  frz.  Soufre  caballin,  engl.  Florse  sulphur),
der  beim  Reinigen  des  Rohschwefels  durch  Sublimation ­
  in  den  Apparaten  verbleibende  graue
Rückstand,  der  noch  Schwefel  enthält,  wird
in  der  Tierheilkunde  benutzt.
Rotbuchenholz.  Die  Rotbuche,  Fagus  silvatica,
  liefert  ein  außerordentlich  hartes  Holz
von  rötlicher  Farbe  und  großem,  glänzendem,
dunkelbraun  gefärbtem  Spiegel.  Es  hat  nächst
dem  Eichenholze  die  breitesten  Markstrahlen,
läßt  sich  gut  spalten  und  glatt  bearbeiten  und
bekommt  keine  Risse,  ist  aber  sehr  dein  Werfen
        <pb n="378" />
        Rote  Kreide

372

Rubin

unterworfen.  Das  R.  wird  zur  Herstellung  von
landwirtschaftlichen  Geräten,  Mühlwellen  und
Mühlrädern  sowie  in  der  Stellmacherei  verarbeitet ­
  und  ist  außerdem  ein  ganz  vorzügliches,
aber  teures  Brennmaterial.  Der  Buchenholzteer ­
  (s.  d.)  bildet  den  Rohstoff  für  die  Kreosotherstellung. ­

Rote  Kreide  (Rötel,  Rotstein,  Hausrot)
nennt  man  einen  tonigen  Roteisenstein,  d.  i.  ein
Gemenge  von  Ton  und  Eisenoxyd,  das  da,  wo
es  sich  in  größeren  Mengen  findet,  als  Eisenerz ­
  verwandt  wird.  Das  bräunlichrot  abfärbende
Mineral  kommt  aus  der  Gegend  von  Saalfeld  und
Nürnberg,  aus  Tirol,  Schlesien,  und  Böhmen  in
den  Handel  und  findet  sich  teils  in  derben
Massen,  teils  in  spaltbaren  Stücken  (s.  Blutstein).
Die  ersteren  werden  von  Zimmerleuten,  Steinmetzen ­
  u.  a.  zum  Vorzeichnen  gebraucht,  während
die  anderen  in  längere  Griffel  geschnitten  und
in  Holz  oder  Rohr  gefaßt  zur  Verwendung  gelangen. ­
  Zur  Herstellung  der  zum  Zeichnen  auf
Papier  gebrauchten  dünneren  Rotstifte  wird  die
Masse-erst  gepulvert,  geschlämmt  und,  mit  einem
Bindemittel  zu  steifem  Teig  angemacht,  in  Stengel ­
  geformt.  Feinere  Sorten  von  feurigem  Rot
erhalten  einen  Zusatz  von  Zinnober.
Rotholz.  Unter  diesem  Namen  kommen  verschiedene, ­
  einen  roten  Farbstoff  enthaltende  Holzarten ­
  in  den  Handel,  die  von  Bäumen  aus  der
nur  in  den  Tropen  heimischen  Familie  der
Zäsalpineen  abstammen.  Andere  rote  Stammhölzer, ­
  wie  z.  B.  Blauholz,  Sandelholz,  Kaliaturholz,
  rechnet  man  hingegen  nicht  zu  den  Rothölzern, ­
  sondern  führt  sie  unter  ihren  besonderen
Namen  in  den  Preislisten  auf.  Zu  dem  nach  der
Herkunft  in  südamerikanisches,  westindisches ­
  und  ostindisches  unterschiedenen  R.
gehören  folgende  Handelssorten;  Pernambukrotholz
  (Fernambukholz,  Brasilienholz,
lat.  Lignum  fernambuci,  frz.  Bois  de  Bresil  ou
de  Fernambouc,  engl.  Pernambuco  wood),  das
Kernholz  von  Caesalpinia  echinata,  wurde
früher  aus  dem  Hafen  von  Pernambuko  in  Brasilien ­
  ausgeführt,  woher  es  seinen  Namen  erhalten ­
  hat,  kommt  aber  jetzt  nicht  mehr  oft  in
den  Handel  und  wird  daher  auch  nur  ausnahmsweise ­
  als  Farbholz  verwandt.  Höchstens  benutzt
man  es  wegen  seiner  hohen  Politurfähigkeit  als
feines  Tischlerholz,  und  zu  Violinbogen.  Das
Holz  bildet  arm-  bis  schenkeldicke  Stücke  von
ungefähr  1I/4  m  Länge  und  faserigem  Gefüge,
wird  aber  häufig  durch  andere  Rotholzarten,
namentlich  Bahiaholz,  ersetzt.  Für  Färbereizwecke ­
  werden  jetzt  hauptsächlich  St.  Martharotholz, ­
  Mazatlanrotholz,  Nikaragua-  und
Kostarikarotholz  verwandt.  Das  St.  Martharotholz ­
  (Martinsholz,  Stockfischholz,  Pfirsichholz), ­
  von  Caesalpinia  brasiliensis,  ist
im  Kern  schön  rot  und  reich  an  Farbstoff,  im
Splint  hellgelb.  Die  Scheite  sind  an  dem  einen
Ende  rund,  am  anderen  abgesägt  und  lassen  auf
dem  Querschnitte  hellere,  radiale  Streifen  erkennen. ­
  Die  von  den  jüngeren  Ästen  herrührenden ­
  Stücke  führen  den  Namen  Brasiletto,
jedoch  bezeichnet  man  hiermit  nach  anderen
Angaben  auch  mehrere  von  Kuba,  Jamaika  und
den  Bahamainseln  kommende  geringwertigere
R.-Arten,  dünne  Stücke  von  bräuniichgelber
Farbe,  die  von  Caesalpinia  vesicaria  und  C.

crista  herrühren  sollen.  Das  Nikaraguarot
holz  ist  dem  St.  Marthaholz  sehr  ähnlich  und
stammt  vielleicht  von  demselben  Baume.  Die
Scheite  sind  meist  etwas  gedreht  und  noch  von
hellem  Splinte  bedeckt.  Das  Mazatlan-Lima-R.
  hat  oft  lange  Spalten,  die  einen  grauen  Überzug ­
  zeigen.  Frisch  geschnitten  ist  es  gelblich,
wird  aber  an  der  Luft  rot.  Kostarikarotholz,
aus  der  gleichnamigen  Republik,  bildet  ebenfalls ­
  eine  gesuchte  Sorte,  —  Unter  den  ostindischen ­
  Rothölzern  ist  das  wichtigste  das  Sapan
rotholz,  von  dem  man  wieder  Siam-Sapan
und  Birma-Sapan  unterscheidet.  Ersteres  '  ist
lebhaft  gelbrpt,  ohne  Sp.int,  letzteres  hellrot,
später  nachdunkelnd  und  noch  vom  Splint  umgeben. ­
  Beide  Sorten  stammen  von  Caesalpinia
Sapan.  Andere  geringwertige  Sorten  sind  Padang-Sapan
  und  Jaya-Sapan.  —  Das  R.
wird  erst  in  Europa  geraspelt  und  fermentiert,
wodurch  die  Farbe  lebhafter  wird,  und  ebenso
wie  das  daraus  hergestellte  Rotholzextrakt
in  der  Färberei  und  zur  Herstellung  roter  Farblacke
  benutzt.  Der  wertbestimmende  Farbstoff,
das  Brasilein,  ist  nur  zum  Teil  fertig  gebildet
in  dem  Holze  enthalten,  während  der  Haupttei!
sich  als  Chromogen  (Brasilin)  vorfindet,  aus
dem  sich  erst  nach  und  nach  durch  Einwirkung
der  Luft  das  Brasilein  bildet.
Rotviolett.  Diesen  Namen  führen  einige  seit
1877  bekannte  Teerfarbstoffe,  die  zum  Färben ­
  von  Wolle  benutzt  werden.  Rotviolett
4  RS,  ein  rotviolettes,  in  Wasser  leicht  lösliches
Pulver,  wird  durch  Behandeln  von  Dimethylrosanilin
  mit  rauchender  Schwefelsäure  erhalten
und  besteht  demnach  aus  dem  Natronsalze  det
Dimethylrosanilintrisulfosäure.  Rotviolett  5  RS
wird  in  Form  braunvioletter,  metallisch  glänzender, ­
  in  Wasser  mit  fuchsinroter  Farbe  leicht
löslicher  Stücke  durch  Behandeln  von  Äthylrosanilin ­
  mit  rauchender  Schwefelsäure  erhalten
und  besteht  aus  dem  Natronsalze  der  Äthylrosanilinsulfosäure.
  Rotviolett  5R  extra  ist  ein
dem  Hofmannschen  Violett  nahestehender  Farbstoff. ­

Rubin  nennt  man  das  nach  dem  Nitrobenzolverfahren ­
  ohne  Anwendung  von  Arsensäure  dargestellte, ­
  also  arsenfreie  Fuchsin.
Rubin  (frz.  Rubis,  engl.  Ruby),  einer  der  kostbarsten ­
  Edelsteine,  der  im  Wert  dem  Diamant
nahesteht  und  ihn  in  seinen  schönsten  Sorten
übertreffen  kann,  gehört  zur  Klasse  der  Korunde, ­
  Mineralien,  die  aus  reiner  kristallisierter
Tonerde  (Aluminiumoxyd)  bestehen  und  durch
einen  kleinen  Gehalt  von  Metalloxyden  verschieden ­
  gefärbt  sind.  Vom  blauen  Saphir
unterscheidet  er  sich  lediglich  durch  die  Farbe,
ist  aber  weit  seltner  als  dieser.  Die  schönsten
R.  finden  sich  im  Königreich  Birma  und  auf
Zeylon,  wo  sie  aus  Schuttland  gegraben  werden-Seit
  einigen  Jahren  hat  man  angeblich  auch  in
Südaustralien  bedeutende  Mengen  von  Rubine 11
gefunden.  Die  Farbe  des  R.  ist  ein  schönes,  sehr
feuriges  Karminrot,  und  zwar  wird  am  meisten
der  Farbenton  geschätzt,  den  die  Juweliere
Taubenblüt  nennen,  ein  reines  tiefes  und  reiches ­
  Rot,  ohne  Beimischung  von  Blau  oder  Gelb-Die
  R.  von  Zeylon  haben  einen  zu  stark  bläulichen ­
  Farbton,  werden  aber  nach  dem  Schleif 611
und  Polieren  dadurch  verschönert,  daß  man  si 6
        <pb n="379" />
        Rubin

373

Rüböl

in  feuchten,  fein  gesiebten  Tonmergel  einsetzt
und  dann  Vs  Stunde  bis  zur  Weißglut  erhitzt.
Hierdurch  verschwindet  der  Blauton  vollständig,
während  das  reine  Rot  hervortritt.  Die  volkstümliche ­
  Benennung  des  R.,  Karfunkel,  stammt
von  dem  lateinischen  Namen  carbunculus  (glühendes ­
  Köhlchen),  welchen  die  Alten  dem  Steine
beigelegt  hatten.  Der  R.  ist  härter  als  jeder
andere  Stein,  mit  Ausnahme  des  Diamanten,
doch  wie  dieser  leicht  zerbrechlich.  Vor  dem
Lötrohr  ist  er  unschmelzbar.  Orientalische  R.
von  io  Karat  sind  äußerst  selten  und  teuer.
Kleine,  in  Indien  geschliffene  Steine,  wie  sie
z.  B.  zu  Zapfenlagern  in  Taschenuhren  dienen,
gelten  je  nach  ihrer  Güte  15—60  M.  das  Karat;
solche  von  2,  3,  4  Karat,  wenn  sie  besonders
schön  sind,  haben  gleich  hohen  und  selbst  höheren ­
  Preis  wie  Diamanten  von  gleichem  Gewicht
und  sind  auch  seltener  als  diese.  Die  R.  werden
in  Brillant-,  Rosetten-  und  Treppenschnittform
geschnitten  und,  wenn  die  Farbe  hierzu  gesättigt ­
  genug  ist,  ä  jour  gefaßt.  Die  meisten  bedürfen ­
  jedoch  der  „Folie“,  einer  Unterlage  von
hochpoliertem  Goldblech.  Rubinähnliche,  aber
dem  echten  R.  nicht  gleichkommende  Steine
sind  der  Spinellrubin  und  Balasrubin  (siehe
Spinell).  Bisweilen  werden  auch  geringe  rote
Steine,  wie  Granaten,  Hyazinth,  rote  Turmaline
oder  durch  Glühen  rot  gewordene  Topase,  als  R.
ausgegeben.  Der  sog.  brasilianische  R.  ist  z.  B.
natürlicher  roter  Topas.  Alle  diese  zu  Unrecht
als  Rubin  bezeichneten  Steine  erreichen  den
echten  weder  im  Ton  und  Feuer  der  Farbe,  noch
in  der  Härte.  Künstliche  R.,  d.  h.  gefärbte
Glasflüsse,  werden  in  der  Farbe  fast  so  schön  wie
echte  hergestellt,  sind  aber  durch  die  Feile  oder
Anritzen  mit  Diamant  sogleich  zu  erkennen.
Zu  ihrer  Herstellung  benutzte  man  früher,  den
Cassiusschen  Goldpurpur  (s.  Art.  Goldpurpur),
der  auch  in  der  Glas-  und  Porzellanmalerei  gebraucht ­
  wird,  während  man  jetzt  eine  Goldauflösung ­
  in  Königswasser  (Goldchlorid)  verwendet. ­
  Für  geringere  Rubingläser,  namentlich  für
die  überfangenen  Glasgeschirre  (s.  Glas),  dient
als  viel  billigeres  Färbungsmittel  das  Kupferoxydul ­
  in  Form  von  Kupferschlacken  und
Hamraerschlag.  In  neuerer  Zeit'werden  an  Stelle
dieser  rohen  Nachahmungen  unter  dem  Namen
Rubis  reconstituös  wirkliche  künstliche  Rubine ­
  in  den  Handel  gebracht,  welche  die  gleiche
chemische  Zusammensetzung  wie  das  natürliche
Mineral  zeigen  und  nur  auf  physikalischem  Wege
erkennen  sind.  Zu  ihrer  Darstellung  bedient
utan  sich  verschiedener  Methoden.  Nach  der
ersten  schmilzt  man  mehrere  sehr  kleine  R.  bei
Temperaturen  von  etwa  1800 0  zu  einem  größeren
zusammen  und  erhält  so  Steine  von  8—12  Karat.
Hach  der  anderen  erhitzt  man  ein  Gemisch  von
reiner  Tonerde  und  Bleioxyd  in  hessischen  Tiegeln ­
  und  läßt  langsam  abkühlen.  Nach  dem
Verfahren  von  Verneuil  endlich  läßt  man  feinstes ­
  Pulver  chemisch  reiner  Tonerde  mit  etwas
Chromoxyd  durch  ein  Platinsieb  auf  eine  senkrecht ­
  nach  unten  gerichtete  Knallgasflamme
fallen  und  fängt  die  geschmolzenen  Teilchen
auf  der  Spitze  eines  Tonerdetiegels  auf,  der  bis
Uahe  zum  Schmelzen  erhitzt  ist.  Sie  wachsen
“ier  zu  einem  Stäbchen  und  schließlich  zu  einem
rundlichen  Tropfen,  der  bis  zu  50  Karat  erreicht.

In  Paris  werden  jährlich  mehr  als  fünf  Millionen
Karat  (—  1000  kg)  hergestellt..  Die  erhaltenen
Steine  besitzen  dieselbe  Härte  und  Farbe  sowie
das  gleiche  spez.  Gew.  wie  echte  R.,  erscheinen
aber  zum  Unterschiede  von  letzteren  bei  mikroskopischer ­
  Untersuchung  entweder  völlig
strukturlos,  oder  von  schwarzen,  undurchsichtigen
Pünktchen  durchsetzt.  Künstlich  sind  ferner  R.,
die  unter  dem  Mikroskope  wellenförmige  Linien
zeigen,  während  echte  Steine  wie  ein  zartes,  aus
straffen,  gekreuztfen  Linien  bestehendes  Gewebe
erscheinen.
Rüben.  Mit  diesem  Namen  werden  verschiedenenPflanzenfamilienangehörigeWurzelgewächse

bezeichnet,  die  zum  Teil  als  Nahrungsmittel,
Futtermittel  und  technisches  Rohmaterial  hohe
Bedeutung  besitzen.  Die  Mohrrübe  (Möhre)
und  die  Zuckerrübe  sind  in  besonderen  Aufsätzen ­
  besprochen.  —  Die  Runkelrübe  (Beta
vulgaris)  wird  in  zahlreichen  Arten  angebaut,
die  sich  hauptsächlich  in  die  zwei  Hauptgruppen:
Gewöhnliche  Futterrunkel  (Beta  vulgaris
rapacea,  Beta  alba  oder  rubra)  und  Runkelrübe ­
  mit  veredeltem  Blatt  (Mangold.  Beta
vulgaris  cicla)  unterscheiden.  Die  R.  gedeiht
bis  zu  71 0  n.  Br.  und  in  Höhen  bis  zu  1400  m,
reift  in  150—180  Tagen  und  verlangt  ein  warmes,
nicht  zu  feuchtes  Klima  sowie  tiefgründigen,
humosen  und  kalkigen  Lehmboden.  Der  Ertrag
ist  sein  hoch  und  beträgt  für  1  ha  30—60000  kg.
Die  R.  stellt  ein  wertvolles  Futtermittel  dar  und
enthält  neben  75—940/0  Wasser  3—io°/o  Zucker.
0,5—4°/o  Stickstoffsubstanz,  0,1—0,4%  Fett  und
0,6—2,4  0/0  Asche.  Die  Stickstoffsubstanz  besteht ­
  nur  zum  kleinsten  Teile  aus  Protein,  hingegen ­
  hauptsächlich  aus  Salpetersäure,  Ammoniak, ­
  Betain,  Glutamin  und  Asparagin.  —  Die
Kohlrübe  (Stoppelrübe,  Wrucke,  Brassica. ­
  Napus  esculenta  und  Brassica  rapa
rapifera)  bildet  in  ihren  vielen  Spielarten  ein
beliebtes  Gemüse  und  wird  sowohl  mit  länglicher
als  runder,  mit  weißer  als  gelblicher  Wurzel
angebaut.  Sie  verträgt  besser  Kälte  und  Feuchtigkeit ­
  als  die  Futterrübe,  wird  aber  in  warmen
Gegenden  leicht  holzig.  Wie  die  Futterrüben  ist
sie  sehr  wasserreich  und  enthält  viel  Salpeter.
Ihre  geschätzteste  Sorte  wird  als  Teltower  R.
bezeichnet.  Die  während  des  Krieges  durch
Trocknen  von  Kohlrüben  hergestellten  Schnitzel- ­
  und  Rübenmehle  erwiesen  sich  wegen  ihres
unangenehmen.  Geschmacks  für  die  menschliche
Ernährung  so  gut  wie  unbrauchbar.
Rüböl  (Rapsöl,  lat.  Oleum  napi  s.  rapae,  frz.
Huile  de  navette,  engl.  Rape  oil).  Unter  diesem
Namen  führt  man  im  Plandel  sowohl  das  Öl  des
Rübsens  als  auch  das  des  Rapses,  die  in  chemischer ­
  Hinsicht  so  gut  wie  identisch  sind,  sich
aber  durch  ihre  Konsistenz  unterscheiden.  Das
Öl  aus  Winterfrucht  ist  dickflüssiger  und  erstarrt
schon  bei  -f-yi/a 0 .  das  dünne  Öl  der  Sommerfrucht ­
  erst  bei  —■  io°.  Zur  Gewinnung  des  R.
werden  die  Samen  auf  Stampf-  oder  Walzwerken
und  zwischen  Mühlsteinen  gepulvert,  in  Öfen
oder  Trommeln  erwärmt  und  auf  Keilpressen
oder  durch  hydraulischen  Druck  ausgepreßt.  Ein
reineres  Öl  erhält  man  durch  Ausziehen  des
Pulvers  mit  Schwefelkohlenstoff  oder  Benzin  und
nachheriges  Wiederabdestillieren  des  Lösungsmittels. ­
  Das  rohe  gepreßte  öl  führt  aus  den
        <pb n="380" />
        Rum

374

Ruß

Samen  eine  größere  Menge  Schleim  und  Pflanzeneiweiß
  mit  sich,  die  es  zum  Brennen  untauglich
machen  und  nur  die  Verwendung  zu  geringwertigen ­
  Seifen  zulassen.  Zu  gutem  Brennöl  wird
es  erst  durch  das  Raffinieren.  Zu  diesem
Zwecke  läßt  man  das  frische  Öl  möglichst  lange
in  großen  Behältern  stehen,  wobei  es  bereits
einen  großen  Teil  seiner  Unreinheiten  als  Bodensatz ­
  abscheidet,  und  behandelt  es  dann  mit
Va—iVa 0 /»  konzentrierter  Schwefelsäure.  Indem
man  letztere  zu  dem  in  großen  Bottichen  mit
Rührvorrichtung  befindlichen  warmen  Öle  hinzusetzt
  und  durch  starkes  Rühren  einmischt,
werden  die  schleimigen  und  eiweißartigen  Stoffe
teils  zum  Gerinnen  gebracht,  teils  in  flockige,
dunkelfarbige  Massen  verwandelt,  die  nach  einiger ­
  Zeit  zu  Boden  sinken.  Sobald  die  Flockenbildung ­
  eingetreten  ist,  rührt  man  noch  die
reichliche  Hälfte  warmes  Wasser  hinzu,  leitet
das  Gemisch  auf  Klärfässer  und  überläßt  es
i—2  Wochen  sich  selbst.  Hierbei  bilden  sich
drei  Schichten:  obenauf  klares  öl,  das  durch
Zapflöcher  abgezogen  und  nur  noch  filtriert
wird,  in  der  Mitte  die  flockigen  Abscheidungen,
die  noch  ölhaltig  und  deshalb  besonders  zu  verarbeiten ­
  sind,  und  zu  unterst  das  saure  Wasser.
Vielfach  wird  das  Öl  auch  vor  dem  Absitzenlassen
  mit  verdünnter  Natriumkarbonatlösung
ausgewaschen.  Der  Gesamtverlust  beim  Raffinieren ­
  pflegt  2  o/o  nicht  zu  übersteigen,  ist  vielmehr ­
  meist  geringer.  Das  durch  Extraktion  mit
Benzin  oder  Schwefelkohlenstoff  gewonnene  Öl
braucht  nicht  raffiniert  zu  werden,  da  diese
r  lüssigkeiten  den  Schleim  nicht  mit  lösen.  Das
R.  gehört  zu  den  nichttrocknenden  Ölen  und  besteht ­
  neben  geringen  Mengen  Arachinsäure
hauptsächlich  aus  den  Glyzeriden  der  Erukasäure
  und  der  Rapinsäure.  Das  spez,  Gew.
beträgt  0.910—0,918,  die  Verseifungszahl  177,  die
Jodzahl  98—105.  Verfälschungen  durch  Leinöl,
Hanföl,  Harzöl  und  Tran  verraten  sich  durch  die
Erhöhung  des  spez.  Gew.,  Leinöl  und  Hanföl
außerdem  durch  die  höhere  Jodzahl.  Das  unverseifbare
  Paraffinöl  erniedrigt  die  Verseifungszahl.
R.  dient  frisch  geschlagen  als  Speiseöl,  ferner
zur  Herstellung  von  Seife,  als  Maschinenschmiere
und  zum  Einfetten  von  Leder  und  Wolle,  jedoch
war  letztere  Verwendung  bisher  ziemlich  beschränkt. ­
  weil  die  Wolle  beim  Lagern  leicht
klebrig  und  bis  zur  Selbstentzündung  heiß  wird.
—  Die  Preßkuchen  bilden  ein  wertvolles
Futtermittel.
Rum  (Taffia,  Tafia,  frz.  und  engl.  Rum),
das  bekannte,  zu  den  Edelbranntweinen  gerechnete ­
  alkoholische  Getränk,  wird  durch  Gärung
und  Destillation  von  Rohrzuckersaft  hergestellt
  und  in  besonderer  Güte  von  Jamaika
geliefert.  Dem  Jamaika-R.  am  nächsten  stehen
die  Erzeugnisse  von  Barbados  und  Antigua,  während ­
  diejenigen  von  den  sog.  Leewardinseln  (Inseln ­
  unter  dem  Winde)  weniger  fein  sind  und
der  brasilianische  R.  als  der  geringste  betrachtet
wird.  Außerdem  kommt  R.  von  Kuba,  Portoriko,
den  britischwestindischen  Inseln,  Holländischund
  Britisch-Guyana,  Mauritius  und  Ostindien,
doch  steht  das  ostindische  Getränk  dem  Arrak
näher.  Zur  Darstellung  von  R.  dienen  außer
dem  frischen  Zuckerrohrsaft  bisweilen  auch
Sirup  von  Rohrzucker,  Zuckerschaum,  der  beim

Sieden  von  den  Kesseln  geschöpft  wird,  die  Abkochung ­
  von  ausgepreßtem  Zuckerrohr  und  anderen ­
  Rohrabfällen,  ja  selbst  die  Spülwässer,
die  sich  beim  Reinigen  der  Fabrikgeräte  er-,
geben.  Jedoch  verarbeitet  man  bei  besserem  Betriebe ­
  die  unreineren  Rohstoffe,  Spülicht,  Schaum
u.  dg),  für  sich  allein  und  brennt  daraus  ein
kratzig  schmeckendes  Getränk,  den  Negerrum.
Das  eigentlich  wertvolle  ätherartige  Aroma,  welches ­
  den  eigentümlichen  Rumgeschmack  und  -geruch
  bildet,  entwickelt  sich  nur  bei  der  Gärung
des  frischen  Saftes,  während  der  wohl  stets  zugesetzte ­
  Sirup  lediglich  den  Alkoholgehalt  vermehrt. ­
  Zur  Erhöhung  des  Aromas  werden  bei
der  Destillation  häufig  wohlriechende  Kräuter
und  Rinden,  oder  nach  der  Destillation  Ananasschnitze!
  in  die  Fässer  hinzugesetzt  (Ananasrum).
  Der  feinste  Geschmack  entsteht  aber  nur
durch  langes  Lagern,  während  junger  R.  rauh
und  stechend  schmeckt,  stark  berauschend  wirkt
und  deshalb  in  den  englischen  Kolonien  den
Namen  Mordteufel  führt.  Die  braune  Farbe
wird  durch  Zusatz  von  Zuckercouleur  erzielt,
da  der  frische  R.  farblos  ist  und  auch  auf  den
eichenen  Lagerfässern  höchstens  weingelb  wird.
Der  R.  in  echter  Beschaffenheit,  wie  er  mit
etwa  75  °/o  Alkohol  von  den  Kolonien  verschickt
wird  und  allein  als  Originalrum  oder  Jamaikarum ­
  bezeichnet  werden  darf,  gelangt  nur
selten  in  die  Hände  der  Verbraucher,  sondern
unterliegt  zahlreichen  Veränderungen  und  Verfälschungen. ­
  Als  zulässig  ist  ein  Herabsetzen
des  Alkoholgehaltes  auf  45  °/o  durch  Wasserzusatz ­
  anzusehen.  Hingegen  darf  ein  mit  Spi
ritus  vermischter  R.  nur  als  Verschnitt-R.
und  ein  mit  Hilfe  von  künstlichem  Äther,  Rum  -
äther,  d.  i.  Ameisenäther  (s.d.),  hergestelltes
Erzeugnis  nur  als  Kunst-  oder  Fassonrum  verkauft ­
  werden.  Künstliche  Färbung  des  Verschnittrums ­
  mit  Teerfarben  ist  mehrfach  als  Verfälschung ­
  beurteilt  worden;  die  Ansicht  über  den
erforderlichen  Mindestgehalt  an  echtem  Rum
schwankt  zwischen  5  und  io°/o.
Ruß  (lat.  Fuligo,  frz.  Noir  de  fumöe,  engl.  Pine
soot),  ein  Produkt  der  unvollständigen  Verbrennung ­
  kohlenstoffreicher  Substanzen,  besteht  aus
Kohlenstoff,  dem  gewöhnlich  noch  kleine  Mengen ­
  brenzlig-öliger  Stoffe  anhaften.  Zur  Darstellung ­
  der  gewöhnlichsten  Sorte,  des  Kienrußes,
benutzt  man  harzreiches  Holz  (Kienstöcke),
und  zwar  besonders  solche  Hölzer  und  Rinden,
aus  denen  vorher  Pech  abgetrieben  worden  ist.
Dieses  Rohmaterial  wird  geschwelt,  d.  h.  in
einem  gemauerten  Raume  bei  wenig  Luftzutritt
einer  schmauchenden  Verbrennung  unterworfen.
Die  Feuerluft  durchzieht,  mit  schwarzem  Qualm
beladen,  einen  langen  Kanal,  tritt  dann  in  eine
weite  Kammer,  die  mit  einer  Bedachung  (Haube)
aus  Wollstoff  bedeckt  ist,  und  entweicht  unter
Hinterlassung  des  R.  durch  die  Poren  der  Haube.
Der  im  Kanal  sich  absetzende  R.  ist  am  meisten
mit  brenzligen  Stoffen  beladen,  mehr  glanzrußartig, ­
  und  daher  ohne  nachfolgendes  Ausglühen
nicht  zu  verwenden.  Eine  bessere  Sorte  sammelt ­
  sich  in  der  Kammer,  und  die  feinste  an
der  Innenseite  der  Haube  an.  Geringere  Sorten
werden  in  derselben  Weise  durch  Verbrennen
von  Stein-  und  Braunkohlen,  Torf  und  Steinkohlenteer, ­
  zum  Teil  auf  Koksbrennereien  als
        <pb n="381" />
        Rüster  Ausbruch

375

Saccharin

Nebenprodukt  erhalten.  Zur  Herstellung  der
feinen  Rußsorten  verarbeitet  man  meist  Harz
(Kolophon),  schwere  Steinkohlenteeröle,  fette
Öle,  Asphalt  u.  dgl.  Die  Öle  werden  in  Lampen
mit  großen  Dochten,  die  harzigen  Stoffe  auf
flachen  eisernen  Schalen  bei  gedrücktem  und
kühl  gehaltenem  Feuer  verbrannt.  Alle  vorgenannten ­
  Erzeugnisse  gelangen  meist  als  Lampenruß ­
  in  den  Handel,  nur  eine  aus  Frankfurtkommende, ­
  sehr  gute  Sorte  geht  unter  ihrem
bezeichnenderen  Namen  Asphaltruß.  Zur  Entfernung ­
  der  immer  anhaftenden  öligen  Bestandteile ­
  wird  der  R.  in  der  Regel  ausgeglüht  (kalzinierter ­
  Ruß)._  Man  stampft  ihn  zu  diesem
Zwecke  in  tönerne  Töpfe,  die  mit  Deckeln  bis
auf  eine  kleine  Öffnung  verkittet,  oder  in  blecherne ­
  Zylinder,  die  in  Tonkapseln,  eingesetzt
werden,  und  erhitzt  bis  zur  Rotglut.  Die  öligen
Teile  verwandeln  sich  dabei  in.  Gase,  die  außerhalb ­
  verbrennen.  Doch  darf  das  Glühen  weder
zu  schwach  sein,  weil  dann  der  R.  noch  fettig
bleibt,  noch  zu  weit  getrieben  werden,  da  er  sonst
tot  gebrannt,  d.  h.  dicht,  fest  und  grau  wird.  Der
Waldruß  wird  in  Fässern  von  7Y2—10  kg  Inhalt,

Sabadillsamen  (Läusesamen,  lat.  Semen  sabadillae,
  frz.  Semences  de  cdvadille,  engl.  Cevadilla
  seeds)  sind  die  Samen  oder  richtiger  die
Früchte  der  mit  unserer  weißen  Nießwurz  verwandten ­
  Liliazee  Schoenocaulon  officitiale,
  Veratrum  Sabadilla,  früher  Sabadilla
pfficinarum  oder  Veratrum  officinale,  einer
in  Mittelamerika  wild  wachsenden  und  amgebauten
Pflanze  mit  zwiebelartigem  Wurzelstock,  meterlangen, ­
  schilfartigen  Blättern  und  gelblichen
Blüten,  die  in  einer  Traube  auf  einem  Schafte
stehen.  Die  von  Venezuela  und  Mexiko  in  den
Handel  kommende  Droge  besteht  aus  etwa  1  cm
langen  bräunlichen,  zu  dreien  zusammenhängenden ­
  Balgkapseln,  die  häufig  aufgesprungen  sind
Und  die  zahlreichen  kleinen  Samenkörner  ausgeschüttet
  haben.  Letztere  sind  glänzendschwarzbraun, ­
  von  länglich-kantiger,  am  oberen,  Ende
verschmälerter  Form  und  geruchlos  und  haben
Unter  der  Samenschale  einen  weißlichen,  harten
Kern,  der  brennend  scharf  und  bitter  schmeckt
Und  drastisch  purgierend  und  giftig  wirkt.  Die
Samen  enthalten  die  Alkaloide  Veratrin,  Sabadin,
  Sabadinin  und  Sabadillin,  an  Zevadinsäure
  (Methylkr  otonsäure)  und  Verahumsäure
  gebunden,  und  werden  in  der  Tierheilkunde ­
  als  Pulver,  Essig  und  in  Salben  gegen
Hngeziefer  verwandt,  sind  aber  durch  das  unschädliche ­
  Insektenpulver  nahezu  verdrängt.
^Vegen  ihrer  Giftigkeit  müssen  sie  unter  den
stark  wirkenden  Mitteln  aufbewahrt  werden.
Saccharin  (Zuckerin,  lat.  Saccharinum),  der
v °n  Fahlberg  und  Remsen  zuerst  hergestellte
künstliche  Süßstoff,  ist  seiner  chemischen  Zusammensetzung ­
  nach  Orthosulfaminbenzoösäureanhydrid
  (Benzoylsulfonimid,  Benz
 °esäuresulfinid),  C 6 H 4 (CO)  (SO ä )NH.  Zu
seiner  Darstellung  wird  Toluol  mit  konz.  Schwefelsäure ­
  in  Orthofoluolsulfosäure,  und  letztere  durch

auch  wohl  in  50-kg-Fässern  versandt,  während
der  Kleinvertrieb  in  Fäßchen  aus  dünnen  Holzspänen, ­
  den  sog.  Rußbutten,  geschieht.  R.
findet  vielfache  Anwendung  als  Druckerschwärze,
Anstrichfarbe,  Lack,  Wichse,  Tusche  und
Schwarzwachs  sowie  zur  Herstellung  von  Glanzleder ­
  und  Wachstuch.
Ruster-Ausbruch  ist  neben  dem  Meneserund
  Tokayer-Ausbruch  (s.d.)  der  feinste  süße
Ungarwein  und  wird  in  gleicher  Weise  wie  der
Tokayer  hergestellt.  Er  enthält  ungefähr  9  bis
too/o  Alkohol,  und  24—26%  Extrakt  mit  18—230/0
Zucker  und  gehört  daher  in  die  Klasse  der  konzentrierten ­
  Süßweine.
Ruthenium,  ein  Element  der  Platingruppe
(s.  d.),  Ru  =  ior,7,  findet  sich  spurenweise  in
den  Platinerzen  als  ein  silberweißes,  hartes,  sprödes ­
  und  strengflüssiges  Metall.  In  reinem  Zustande ­
  wird  es  kaum  verarbeitet,  geht  aber  mit
ein  in  die  Legierungen  von  Platin  und  Iridium,
die  jetzt  direkt  aus  den  Platinerzen  erschmolzen
und  häufig  an  Stelle  des  Platins  gebraucht
werden.

Zusatz  von  Kreide  zunächst  in  das  Kalksalz  und
darauf  durch  Behandlung  mit  Soda  in  die  Natriumverbindung ­
  übergeführt.  Das  getrocknete
orthotoluolsulfosaure  Natrium  wird  mit  Hilfe
von  Phosphortrichlorid  und  Chlor  in  das  Orthotoluolsulfochlorid,
  und  dieses  wieder  mit  Ammo
niumkarbonat  und  Wasserdampf  in  Orthotoluolsulfamid
  umgewandelt.  Durch  Oxydation  mit
Kaliumpermanganat  und  Zusatz  von  Salzsäure
zu  der  entstehenden  Verbindung  fällt  das  Benzoesäuresulfinid
  aus.  Das  S.  bildet  ein  weißes,
schwer  in  kaltem,  leicht  in  heißem  Wasser  sowie
in  Alkohol  und  Äther  lösliches  Pulver.  Durch
Zusatz  von  Alkalien  wird  die  Löslichkeit  sehr
erhöht.  Der  Schmelzpunkt  liegt  bei  223,5°.  Die
wichtigste  Eigenschaft  des  S.  ist  seine  ungeheure
Süßkraft,  welche  diejenige  des  Rohrzuckers
500  mal  übertrifft  und  trotz  des  hohen  Preises
seine  technische  Verwertung  lohnend  erscheinen
ließ.  Im  Hinblick  auf  den  Umstand,  daß  S.
nicht  den  mindesten  Nährwert  besitzt,  wurde
seine  Verwendung  durch  das  Reichsgesetz  vom
6.  Juli  1898  zunächst  eingeschränkt  und  für  Bier,
Wein,  Fruchtsäfte,  Konserven,  Liköre,  Zuckersäfte ­
  und  Stärkesirup  überhaupt,  für  andere
Nahrungsmittel  ohne  Deklaration  verboten.  Da
hierdurch  der  Mißbrauch  des  S.  zur  Verfälschung
von  Bier  (Weizenmalzextrakt)  noch  nicht  beseitigt ­
  wurde,  folgte  am  7.  Juli  1902  der  Erlaß  des
neuen  Süßstoffgesetzes,  welches  die  Verwendung
künstlicher  Süßstoffe  für  Nahrungsmittel,  mit
Ausnahme  der  für  Zuckerkranke  bestimmten,
vollständig  verbot  und  den  Verkauf  ausschließlich
den  Apotheken  zuwies.  Zur  Erleichterung  der
Überwachung  wurde  die  Fierstellung  nur  der
Fabrik  von  Fahlberg  &amp;amp;  List  erlaubt,  und  den
übrigen  Fabriken  eine  Abfindungssumme  ausgezahlt, ­
  Seitdem  war  das  S.  aus  der  Nahrungsmittelindustrie ­
  verschwunden,  hat  aber  während
        <pb n="382" />
        Saccharose

376

Säureester

des  Krieges  infolge  des  Zuckermangels  wieder
Bedeutung  als  Versüßungsmittel  erlangt.  —  Von
seinen  Derivaten  besitzt  das  als  Kristallose  bezeichnete
  S.-Natrium  und  das  Mefhyl-S.  eine
gewisse  Bedeutung.  —  Der  nächst  dem  S.  wichtigste ­
  künstliche  Süßstoff,  dasDulzin  oder  Sükrol,
  ist  als  Paraphenetolkarbämid,  NH 2 .
CO  .  NH  .  C 6 H 4 .  OC 2 H 5 ,  anzusprechen  und  entsteht ­
  bei  Einwirkung  von  Kohlenoxychlorid  auf
Paraphenetidin  und  Behandlung  des  Reaktionsproduktes ­
  mit  Ammoniak  als  ein  farbloses,  glänzendes ­
  Kristallpuiver  vom  Schmelzpunkt  173 0 .
Dulzin  löst  sich  schwer  in  Wasser  und  Glyzerin,
hingegen  leicht  in  Alkohol  und  schmeckt  200  mal
so  süß  als  Zucker.  Seine  Verwendung  unterliegt
ebenfalls  dem  Süßstoffgesetz.
Saccharose  ist  der  wissenschaftliche  Name  für
diejenige  Zuckerart,  die  aus  Zuckerrohr,  Zuckerrüben, ­
  Zuckerahorn  und  Palmensaft  gewonnen
werden  kann.  Vgl.  Zucker.
Saccharum  ist  Zucker,  z.  B.  S.  hordeatum,  Gerstenzucker; ­
  S.  lactis.  Milchzucker;  S.  saturni,
Bleizucker.  —  S.  die  betreffenden  Aufsätze  bzW.
Zucker.
Sadebaumkraut  (Sevenbaumblätter,  lat.
Herba  seu  Summitates.  sabinae,  frz.  Sabine,  engl.
Savine,  Savine  tops)  nennt  man  im  Drogenhandel
die  getrockneten  Zweige  des  Sade-  oder  Sevenbaums
  (Juniperus  Sabina  oder  Sabina  officinalis).
  Der  in  Südeuropa  heimische,  bei
uns  als  Ziergewächs  gehaltene,  immergrüne
Strauch  oder  kleine  Baum  aus  der  Familie  der
Wacholder  trägt  meist  in  vier  Reihen  an  die
schlanken  Zweige  angedrückte  kleine  Blätter,  die
mit  je  einer  Öldrüse  auf  der  Rückseite  besetzt
sind  und  infolgedessen  einen  starken,  widrig
balsamischen  Geruch  und  einen  bitterharzigen
und  ekelerregenden  Geschmack  zeigen.  Die  im
Frühjahr  zu  sammelnden  und  rasch  zu  trocknenden ­
  jüngeren  Triebe  mit  den  Blättern  sind  offizineil ­
  und  werden  in  kleinen  Gaben  innerlich
gegen  Frauenkrankheiten  benutzt.  Wegen  ihrer
bekannten  Wirkung  als  Abortivmittel  dürfen
sie  im  Kleinhandel  nicht  verkauft  werden  und
sollten  ohne  ärztliche  Verordnung  überhaupt
nicht  abgegeben  werden.  Ebensowenig  sollten
sie  in  Anlagen,  wie  dies  oftmals  unbegreiflicherweise ­
  der  Fall  ist,  angepflanzt  werden,  da  sie  geradezu ­
  zur  Plünderung  anreizen.  Verwechslungen ­
  mit  den  Zweigen  von  Juniperus  virginiana
  sind  leicht  zu  vermeiden,  wenn  map  auf
die  spitzeren  Blättchen  sowie  darauf  achtet,  daß
diese  nur  an  den  jüngeren  Zweigen  vierzeilig,  an
den  älteren  dreizeilig  stehen.  Überdies  haben
diese  Zweige  einen  angenehmeren  Geruch  als
die  Sabinaspitzen.  —  Das  Sadebaumöl  (lat.
Oleum  sabinae,  frz.  Essence  de  sabine,  engl.
Savin  oil)  ist  blaßgelb,  rektifiziert  farblos  und
riecht  höchst  durchdringend  und  widerlich.  Es
enthält  neben  mehreren  Terpenen  den  Alkohol
Sabinol,  löst  sich  in  t/a  Teil  9o°/oigem  Alkohol
und  ist  rechtsdrehend,  «„-4-38  bis  +62°.  Das
spez.  Gew.  beträgt  0,907—0,930.
Sämereien,  die  Samen  von  wild  wachsenden
und  von  Kulturpflanzen  verschiedener  Art  für
Gärtner,  Land-  und  Forstwirte,  bilden  hochwichtige ­
  Handelswaren,  die  in  großen  Mengen
verbraucht  und  entweder  von  Kunst-  und  Handelsgärtnern ­
  oder  auch  von  Landwirten  und  in

Forstgärten  gezogen  oder  von  wild  wachsenden
Pflanzen  gesammelt  werden.  Der  Sämereihandel ­
  ist  sehr  lebhaft  und  erheischt  geübte
;  Fachleute,  welche  die  Beschaffenheit  der  guten
Samen  und  besonders  die  Kennzeichen  der  verschiedenen ­
  Sorten  genau  kennen  müssen.  Um
vor  Fälschungen  oder  schlechten  Waren  zu
schützen,  sind  Samenkontrollstationen  eingerichtet ­
  worden,  die  erste  1869  in  Tharandt
von  Nobbe,  deren  Hilfe  sich  vorzüglich  bewährt
hat.  Man  verlangt  jetzt  von  den  IJändlem
schriftliche  Gewähr  für  gute  Beschaffenheit  und
hat  sich  über  gewisse  Grundsätze  hinsichtlich
■des  Begriffs  der  Fälschung  geeinigt.  Vor  allem
darf  je  nach  Art  der  S.  nur  ein  bestimmter  Gehalt ­
  an  fremden  Samen  oder  diesen  ähnlichen
Körpern  und  nur  höchstens  bis  3  °/o  nicht  keimfähiger ­
  Körner  vorhanden  sein.  Die  Gärtner  mit
ausgedehnter  S.-Zucht  verschicken  ihre  Preisverzeichnisse ­
  und  Waren  direkt,  und  kaufen  auch
S.  von  den  .Einsammlern,  um  sie,  besser  sortiert ­
  und  verpackt,  wieder  zu  verkaufen.  Sie
betreiben  gleichzeitig  Groß-  und  Kleinhandel.
Von  guten  Firmen  kann  man  sicher  sein,  anständig ­
  bedient  zu  werden.  Die  Leiter  der  Kontrollstationen, ­
  von  denen  sich  in  jedem  Bundesstaate ­
  bzw.  jeder  Provinz  mindestens  eine,  über
50  in  Deutschland,  befinden,  übernehmen  die
Prüfung  und  geben  weitere  Anleitungen.  —  Alle
S.  müssen  vollkommen  trocken,  kühl,  aber  auch
frostfrei  aufbewahrt  und  in  guter,  vor  Nässe
schützender  Verpackung  versandt  werden.  Nähere
Angaben  finden  sich  bei  den  einzelnen  Samen-,
arten.'
Säurebraun  ist  der  Name  zweier,  durch  die
Buchstaben  G  und  R  unterschiedener  Teerfarbstoffe, ­
  von  denen  der  erstere  aus  dem
Natronsalze  der  Anilinmetadiamidobenzolparasulfosäure,
  der  letztere  aus  dem  Natrorisalze  des
Naphtionsäureazochrysoidins  besteht.  Beide  sind
braune,  in  Wasser  mit  brauner  Farbe  lösliche
Pulver,  die  Wolle  in  saurem  Bade  braun  färben.
Säureester  nennt  man  Verbindungen  organischer ­
  Säuren  mit  Alkoholradikalen.  In  der
Praxis  versteht  man  hierunter  aber  meist  diejenigen ­
  Ester,  die  aus  Harzsäuren  und  Alkoholradikalen ­
  unter  Wässeraustritt  gewonnen  und
als  Harzsäureester  oder  Lackester  bezeichnet
werden.  Sie  bilden  neuerdings  die  Grundstoffe
für  eine  neue  Sorte  von  Lacken,  die  man  als
Esterlacke  bezeichnet,  und  die  vor  den  Kopaiund
  Bernsteinlacken  den  Vorzug  völliger  Neutralität ­
  haben.  Man  kann  daher  Esterlacke  mit  den
verschiedensten  Farben  vermischen^  ohne  ein
Verändern  bzw.  Nachdunkeln  befürchten  zu
müssen,  und  verwendet  sie  namentlich  zum  Anstrich ­
  von  Metallgegenständen,  besonders  als
Außenanstrich,  u.  a.  wurde  auch  der  Eiffelturm
in  Paris  mit  farbigem  Esterlack  gestrichen.  Den
Esterlacken  steht  jedenfalls  eine  große  Zukunft
bevor,  da  der  Anstrich  schnell  und  hart  auftrocknet, ­
  und  die  Ausgiebigkeit  im  Vergleich  mit
Kopallacken  um  die  Hälfte  größer  ist.  Auch  fällt
das  bei  Verwendung  von  anderen  Lacken  häufig
auftretende  blaue  Anlaufen  weg,  nur  ist  bei
Innenanstrich  der  Nachteil  zu  verzeichnen,  daß
die  Feuergefährlichkeit  der  Esterlacke  durch  die
Lösungsmittel,  wie  Benzol,  Benzin  und  Terpentinöl ­
  erhöht  wird.  Die  mit  Benzin  berge-
        <pb n="383" />
        Säuregelb

377

Safran

stellten  Esterlacke  werden  vielfach  anstatt  der
Spirituslacke  verwandt,  vor  denen  sie  den  Vorzug ­
  haben,  durch  Alkohol  nicht  angegriffen  zu
werden.
Säuregelb.  Diesen  Namen  führt  neben  den
in  besonderen  Abschnitten  besprochenen  Echtgelb
  und  Naphtholgelb  auch  das  Diphenylaminorange
  (Diphenylorange,  Orange  IV,
TropaeoJin  OO,  Säuregelb  D).  Der  aus
orangegelben  Blättchen  bestehende  Farbstoff  ist
das  Natronsalz  des  Sulfanilsäureazodiphenylamins
  und  färbt  Wolle  im  sauren  Bade  orangegelb;

Säuregrün  nennt  man  mehrere  Arten  von
Lichtgrün  (s.d.)  und  von  Helvetiagrün.
Säureviolett  (6  B),  ein  in  Wasser  löslicher
Teerfarbstoff,  wird  durch  Oxydation  der
Pentamethylbenzylparaleukanilinmonosulfosäure
und  nachherige  Neutralisation  mit  Natron  erhalten. ­
  Das  dunkelviolette  Pulver  färbt  Seide
und  Wolle  violett.
Saflor  (lat.  Flores  carthami,  frz.  Carthame,
engl.  Safflower)  besteht  aus  den  röhrenförmigen
Einzelblütchen  der  Färberdistel,  Carthamus
tinctorius,  einer  einjährigen,  aus  Ostindien
stammenden  Komposite,  die  aber  schon  «Seit
alten  Zeiten  nach  den  Mittelmeerländem  verpflanzt ­
  und  zum  Färben  und  Schminken  benutzt
wird.  Die  Pflanze  wird  6—12  dm  hoch,  ist  nach
oben  verästelt,  hat  eilängliche,  dornig  gezähnte
Blätter  und  distelähnliche  Blütenköpfe  mit  dünnen ­
  röhrigen,  fünfspaltigen  Blütchen,  die  anfangs
goldgelb,  dann  safrangelb,  zuletzt  hochrot  gefärbt ­
  sind.  In  dem  Schlunde  der  Blüten  stehen
die  zu  einer  Röhre  verwachsenen  Staubbeutel,
deren  Träger  weit  hervorragt.  Man  pflückt  die
Köpfe,  sobald  die  Blüten  anfangen  zu  welken
und  sich  dunkler  zu  färben,  zupft  die  Einzelhlüten
  aus  den  Köpfen  und  trocknet  sie  entweder ­
  oder  behandelt  sie  zur  Entfernung  des
wertlosen  gel  ben  Farbstoffes  vorher  mitWasser.
Eie  feuchte  Masse  wird  geballt  und  getrocknet
&amp;gt;n  den  Handel  gebracht.  Sie  kommt  aus  Ägypten ­
  i n  größeren  Klumpen,  aus  Ostindien  in
kleineren,  flachen  Broten,  während  spanische
''Vare  einfach  getrocknet  und  weder  gewässert,
noch  gepreßt  ist.  In  Kuchenform  sieht  der  Stoff
dem  ebenso  geformten  Safran  sehr  ähnlich  und
Jvird  daher  auch  zum  Verfälschen  des  letzteren
Benutzt  und  als  falscher  oder  wilder  Safran,
Bastardsafran,  bezeichnet.  Der  rote  Farbstoff ­
  des  S.,  Karthamin  oder  Karthaminsäure, ­
  kommt  auch  im  rein  abgeschiedenen
Zustande  als  Saflorkarmin  in  den  Handel.  Zu
seiner  Gewinnung  setzt  man  die  Blumen  mit
schwacher  Sodalösung  warm  an,  schlägt  dann
den  Farbstoff  mit  Essigsäure  auf  rohe  reine
Baumwolle  nieder,  bringt  ihn  wieder  mit  Soda
lri  Losung  und  fällt  ihn  schließlich  mit  Wein-°der
  Zitronensäure  als  eine  schön  karmoisinrote,
schleimige  Masse.  In  dünnen  Lagen  langsam
Setrocknet,  zeigt  das  Karthamin  einen  grünen,
kantharidenähnlichen  Metallglanz,  bei  durchfal-*?ndem
  Lichte  und  in  Lösung  aber  das  schönste
K°t.  Man  verkauft  es,  auf  flache  Porzellantassen
oder  Teller  sowie  auch  auf  Täfelchen  von  Weißhlech
  gestrichen,  als  Teller-  oder  Tassen-Jtet.
  Rosablech,  oder  pulverförmig  oder  in
Btückchen  als  Saflorkarmin  und  benutzt  es  als

Malerfarbe  sowie  bei  der  Herstellung  künstlicher
Blumen  und  verschiedener  flüssiger  und  pulveriger
  Schminkmittel,  die  mit  französischen  Namen
als  Rouge  d’Espagne,  Rouge  vert,  Rouge
vdgötal  bezeichnet  werden.  Als  Körper  der
Schminkpulver  dient  gewöhnlich  beste  Talkerde,
die  mit  dem  Karthamin  aufs  feinste  zusammengerieben ­
  wird.  In  alkoholischer  Lösung  gebraucht ­
  man  das  Rot  zum  Färben  von  Likören
und  Konditoreiwaren.  S.  wurde  früher  auch
in  Deutschland,  namentlich  in  der  ,  Pfalz,  in
Thüringen  und  im  Elsaß  sowie  auch  in  Niederqsterreich
  gebaut,  wird  aber  jetzt  mit  größerem
Farbstoffgehalt  aus.  wärmeren  Ländern  bezogen.
Die  wichtigsten  Handelssorten  sind:  Ägyptischer ­
  S.,  eine  gleichmäßig  braunrote,  sehr  weiche
und  elastische  Masse  in  Klumpen;  ostindischer ­
  S.  in  Form  kleiner,  flacher  Kuchen  von
hellgelber  Farbe;  persischer  und  chinesischer ­
  S.,  die  als  die  vorzüglichsten  Sorten  gelten, ­
  aber  wenig  im  europäischen  Handel  erscheinen; ­
  spanischer  S.,  eine  gute  Ware,  die
im  Süden  des  Landes  gebaut  und  nicht  mit
Wasser  behandelt,  sondern  einfach  getrocknet
wird;  ungarischer  S.,  eine  schön  hochrote
und  der  ägyptischen  gleichwertige  Ware,  die
meist  wie  diese  durch  Wässern  vom  gelben
Farbstoff  befreit  und  dann  veredelter  S.  genannt
wird.
Safran  (Saffran,  lat.  Crocus,  frz.  Safran  cuh
tive,  engl.  Saffron),  ein  seit  alten  Zeiten  vielbenutztes ­
  kostbares  Gewürz,  besteht  aus  den  getrockneten ­
  Narben  der  echten  Safranpflanze,
Crocus  sativus  (aus  der  Familie  der  Schwertlilien, ­
  Iridazeen),  die  in  ihrer  Heimat  Ostindien ­
  sowie  in  Persien  und  Kleinasien  wild
wächst,  außerdem  aber  auch,  namentlich  in  Spanien ­
  und  Frankreich,  vielfach  angebaut  wird.  Sie
gedeiht  am  besten  bei  Weinklima,  in  sonniger
geschützter  Lage,  auf  humusreichem,  trockenem,
warmem  und  lockerem  Lehm-  oder  Sandmergelboden. ­
  Der  Anbau  ist  mühsam  und  erfordert
wegen  der  zahlreichen  tierischen  und  pflanzlichen ­
  Schädlinge  sorgsame  Pflege.  Im  August
und  September  werden  die  Zwiebeln  eingesetzt
und  im  Oktober  die  Blüten  geerntet.  Die  Zwiebeln ­
  verbleiben  drei  Jahre  im  Boden  und  geben
also  drei  Ernten,  deren  Ertrag  von  Jahr  zu
Jahr  größer  wird.  Darauf  nimmt  man  die  stark
vermehrten  Zwiebeln  heraus,  bewahrt  die  besten
an  kühlen,  schattigen  Orten  bis  zum  nächsten.
Auspflanzen  und  verfüttert  die  minderguten  an
Schweine.  Der  Acker  bedarf  dann  einer  7—15-jährigen
  Ruhe.  Die  Blüten  werden  zu  Beginn
des  Blühens  früh  morgens,  noch  geschlossen,
abgeschnitten,  die  Narben  nach  3—4  Tagen
abgezwickt  und  sehr  sorgsam  getrocknet.  Auf
1  kg  trockenen  ode t r  5—6  kg  frischen  S.  rechnet
man  40  000—80000  Blüten  oder  13000—26000
Narbenfäden.  Der  Ertrag  beträgt  für  drei  Jahre
in  Frankreich  63—64  kg,  in  England  50  kg,  in
Österreich  20—33  kg  S.  auf  1  ha.  —  Die  Blüten
der  Safranpflanze  enthalten  auf  ihrem  Fruchtknoten ­
  den  hellgelben  fadenförmigen  Griffel,
der  etwas  länger  als  die  Röhre  des  Perigons  ist
und  sich  in  drei  dunkelrote,  nach  oben  keilförmig
verbreiterte  und  geschlitzte  Narben  teilt.  Nur
die  letzteren  haben  einen  Würz-  und  Farbwert
und  bilden  den  Handelssafran.  In  getrocknetem
        <pb n="384" />
        Safran

378

Safransurrogat

Zustande  erscheinen  sie  als  einzelne  oder  auch
zu  dreien  zusammensitzende,  ineinandergeschlungene,
  gekrümmte,  dunkelbraunrote,  zähe  und
biegsame  Fäden.  Sie  fühlen  sich  fettig  an  und
besitzen  einen  betäubend  gewürzhaften  Geruch,
sowie  bitteren,  aromatischen,  etwas  scharfen  Geschmack. ­
  S.  färbt  den  Speichel  gelb  und  ist
sehr  hygroskopisch,  darf  daher  nicht  in  feuchten
Räumen  aufbewahrt  werden  und  muß  für  den
Seetransport  gut  verwahrt  sein.  Für  die  mittlere
chemische  Zusammensetzung  gibt  König  folgende ­
  Werte  an:  Wasser  15,62%,  Stickstoffsubstanz ­
  12,4%,  flüchtiges  Öl  0,60%,  Fett  5,63%,
verzuckerbare  Stoffe  13,35%,  sonstige  stickstofffreie ­
  Extraktstoffe  43,64%,  Rohfaser  4,48%,  Mineralstoffe ­
  4,27  %.  Als  charakteristischer  Bestandteil ­
  ist  der  dunkelrote  Farbstoff  Krozin
oder  Polychroit  vorhanden,  der  zu  den  Glykosiden ­
  gehört  und  beim  Kochen  mit  Säuren  in
einen  Zucker  (Krokose  oder  Dextrose)  und  unlösliches ­
  Krozetin  gespalten  wird.  Außerdem
ist  ätherisches  Öl  und  ein  farbloser,  kristallisierender ­
  Bitterstoff,  Pikrokrozin  oder  Safranbitter, ­
  vorhanden.  Wegen  seines  hohenPreises
von  90—100  M.  für  1  kg  unterliegt  der  Safran
zahlreichen  Verfälschungen,  für  deren  strafrechtliche ­
  Verfolgung  die  Frage  von  Bedeutung  erscheint, ­
  ob  Safran  ein  Gewürz  oder  lediglich  ein
Farbstoff  sei.  Nach  den  jetzt  herrschenden  Anschauungen ­
  besteht  kein  Zweifel,  daß  er  als
Gewürz  den  Vorschriften  des  Nahrungsmittelgesetzes ­
  unterliegt.  Als  häufigste  Verfälschung
kommt  der  Zusatz  der  wertlosen  Griffel  in  Frage,
die  zwar  infolge  der  Gewinnungsweise  nicht
ganz  zu  vermeiden  sind,  deren  Gehalt  aber  10%
keinesfalls  überschreiten  soll.  Beimischung  künstlich ­
  rotgefärbter  Griffel  ist  auf  alle  Fälle  zu
beanstanden.  Eine  Beschwerung  durch  Eintauchen ­
  in  Glyzerin,  öl,  Sirup,  Honig  oder
Gelatine  und  nachfolgende  Behandlung  mit  Mineralstoffen, ­
  wie  Kochsalz,  Kreide,  Gips,  Schwerspat. ­
  Salpeter,  Glaubersalz  und  Borax  wird  durch
die  Bestimmung  des  Aschengehaltes  erkannt,
der  höchstens  8  %  mit  0,5  %  Sand  betragen
darf.  Mit  Öl  behandelter  S.  hinterläßt  auf  Papier
einen  Fettfleck  und  gibt  an  Petroläther  mehr
als  s  %  lösliche  Stoffe  ab.  Für  den  Wassergehalt
ist  eine  Höchstgrenze  von  15%  anzunehmen.
Von  ähnlich  aussehenden  Pflanzenstoffen  sind
Ringelblumen,  Saflor,  Kurkuma,  Sandelholz,  Päonienblätter, ­
  Frühlingssafran  und  zahlreiche  andere ­
  beobachtet  worden.  Auch  hat  man  Gelatinefäden, ­
  Fleischfasern  und  Teerfarben  aller
Art  aufgefunden.  Der  Nachweis  dieser  Verfälschungen ­
  wird  mit  Hilfe  der  mikroskopischen
und  chemischen  Untersuchung  (Bestimmung  des
Krozetins,  der  Rohfaser,  des  Phosphorsäuregehaltes ­
  der  Asche,  der  Kapillaranalyse,  des  Färbevermögens ­
  usf.)  geführt.  Als  auch  für  den  Nichtchemiker ­
  brauchbare  Vorprüfung  empfiehlt  es
sich,  den'  gepulverten  Safran  auf  Wasser  zu
verstäuben,  wobei  alle  echten  Teilchen  sich  mit
einem  gelben  Hof  umgeben,  oder  auf  konz.
Schwefelsäure,  wobei  die  Safranstäubchen  intensiv ­
  blau  werden.  —  Von  den  Handelssorten
gilt  der  französische  oder  Gatinais-S-,  aus
dem  Arrondissement  Pithiviers,  als  der  wertvollste. ­
  Je  nachdem  er  im  Schatten  oder  in  der
Sonne  getrocknet  worden  ist,  wird  er  als  S.

d’orange  oder  S-  comtat  bezeichnet.  Die
Hauptmenge  des  S.  kommt  aus  Spanien,  besonders ­
  Murcia,  La  Mancha,.  Niederarragonien,
Palma  und  Mallorca.  Der  spanische  S.  wird
vielfach  als  französischer  verkauft.  Der  orientalische, ­
  levantinische  oder  türkische  S.
ist  oft  verfälscht,  mit  Öl  getränkt,  schlecht  gereinigt ­
  und  wenig  aromatisch,  und  der  früher
sehr  geschätzte  persische  S.  kommt  für  den'
europäischen  Bedarf  kaum  noch  in  Betracht.
Italien  liefert  hellere  Sorten,  die  zum  Teil  nicht
vom  echten  S.  stammen  sollen  und  als  Abruzzen-S. ­
  (Abruzzi  Zafferano,  Aquila  Neopolit-S.),
sizilianischer  und  kalabrischer  S.  unterschieden ­
  werden.  Der  feine  österreichische  S.
aus  Niederösterreich  und  Ungarn  kommt  nur
selten  in  den  Großhandel.  —  Zum  Pulvern  des
S.  empfiehlt  es  sich,  die  Narben  einige  Stunden
bei  25 0  über  Ätzkalk  zu  trocknen.  S.  findet  beschränkte ­
  medizinische  Anwendung  gegen  Keuchhusten ­
  und  Krämpfe  und  ruft  in  größeren  Mengen ­
  Abortus  hervor.  Außerdem  wird  er  zum
Würzen  und  Färben  von  Nahrungsmitteln  benutzt. ­

Safranine  bilden  eine  wichtige  Gruppe  der
Azinfarbstoffe  (s.  d.),  welche  der  allgemeinen  Formel ­
  R 2 N  .  C 6 H 3 (N 2 R).  C 6 H 3  .NRj  entsprechen  und
durch  Erhitzen  von  Indaminen  mit  primären  Aminen ­
  oder  durch  Oxydation  eines  Gemisches  von
Paradiamidodiphenylamin  und  einer  primären
Base  und  nach  verschiedenen  anderen  Methoden
hergestellt  werden..  Zu  ihnen  gehören  das  Phenosafranin
  (s.  d.),  Girofle  (s.  d.)  und  das
Echtschwarz  aus  Nitrosodimethylanilinchlorhydrat
  und  Oxydiphenylamin.  Der  wichtigste
Farbstoff  der  Gruppe  ist  das  Safranin,  ein
Phenazin,  in  dessen  beide  Phenylreste  je  eine
Methyl-  und  Amidogruppe  eintreten,  während
der  mittlere  Stickstoff  mit  CI  und  C 8 H 5  verbunden ­
  ist:  NH 2 (C 6 H,.  CH 8 ).  (N 2 .  CI  .  C e H 5 ).  (C 6 H 2 .
CH 3 ).  NHj.  Zu  seiner  Darstellung  oxydiert  man
eine  Mischung  von  Paratoluylendiamin,  Orthotoluidin
  und  Anilin  mit  chromsaurem  Kalium,  filtriert, ­
  sättigt  die  Lösung  genau  mit  Salzsäure  und
fällt  den  Farbstoff  durch  Kochsalz.  Das  Safranin, ­
  dessen  verschiedene  Töne  durch  die  Buchstaben ­
  T,  B  und  G  bezeichnet  werden,  kommt
als  grünlichschwarzes  oder  rotbraunes  Pulver,
oder  auch  in  Kristall-  oder  Teigform  in  den
Handel.  Es  löst  sich  ziemlich  schwer  in  kaltem,
leicht  in  heißem  Wasser  mit  scharlachroter  Farbe
und  dient  zum  Färben  von  Wolle,  Seide  und
Baumwolle.
Safransurrogat,  Safranersatz  (Anilinorange, ­
  Jaune  d’or).  Unter  diesen  Namen
kommt  ein  Farbstoff  in  den  Handel,  der  lange
Zeit  zum  Gelbfärben  von  Likören,  Zuckerwaren,
Nudeln  usw.  gebraucht  wurde,  jetzt  aber  wegen
seiner  Giftigkeit  für  Genußmittel  nicht  mehr
verwandt  werden  darf.  Das  S.  ist  die  Kalium-Verbindung
  des  Dinitrokresols  (Dinitrokresolkalium
  oder  dinitrokresylsaures
Kalium)  und  wird  durch  Behandlung  von  Kresolsulfosäure
  mit  Salpetersäure  und  Auflösung
der  Nitroverbindung  in  Pottasche  dargestellt.  Das
S.  ist  ein  geschmack-  und  geruchloses,  feinkristallinisches,
  rotes  Pulver,  das  sich  mit  lebhaft ­
  gelber  Farbe  in  Wasser  löst.  Bei  Annäherung ­
  eines  glühenden  oder  flammenden  Körpers
        <pb n="385" />
        Safrol

379

Salazetol

brennt  es  wie  Schießpulver  ab  und  wird  daher
"'egen  dieser  Feuergefährlichkeit  entweder,  mit
Glyzerin  angerührt,  in  Teigform  oder  trocken  im
Gemisch  mit  Salmiak  versandt.  Eine  geringere
Sorte  von  S.  von  hellgelber  Farbe  kam  früher
unter  dem  Namen  Nudelgelb  in  den  Handel.
Vgl.  Viktoriagelb  und  Viktoriaorange.
Safrol,  der  Methylenäther  des  m-Allylbrenzkatechins,
  bildet  den  Hauptbestandteil  des
Sassafrasöls  und  ist  außerdem  in  beträchtlicher
Menge  im  Kampferöl  enthalten,  während  es  in
geringerer  Menge  in  einer  ganzen  Reihe  ätherischer ­
  Öle  vorkommt.  Das  S.  wird  jetzt  in  großer
Menge  fabrikmäßig  aus  Kampferöl  dargestellt
und  als  feines  Seifenparfüm  verwandt.  Man  erhält ­
  es  als  farblose  oder  schwach  gelbliche,  optisch ­
  inaktive,  ölige  Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.
Mos—1,107.  Es  siedet  um  232 0  und  erstarrt  bei
e twa  —f—  xi°  zu  einer  Kristallmasse.  Bei  der
9 x ydation  geht  es  in  Piperonal  (Heliotropin)
über.
Sagapenum  (lat.  Gummi  sagepenum),  ein
Gummiharz,  stammt  wie  die  ähnliche  Asa  foetida
  von  einer  in  Persien  vorkommenden  Doldenpflanze ­
  aus  der  Gattung  Ferula,  deren
Ärtbestimmung  aber  nicht  sicher  ist.  Der  Stoff
hat  einen  knoblauchartigen,  doch  schwächeren
Geruch  als  Asa  foetida,  der  Geschmack  ist
kratzend,  scharf  und  bitter.  S.  besteht  aus
Körnern  oder  zusammengebackenen  Massen  von
braungelber  Farbe,  ist  etwas  durchscheinend  und
auf  dem  Bruche  hornartig.  Die  Ware  ist  auf  levantischen
  Plätzen,  Alexandria  und  Smyrna,
käuflich,  wird  aber  bei  uns  nicht  mehr  verwandt.
Sago  (frz.  Sagou,  engl.  Sago)  besteht  aus
den  teils  unveränderten,  teils  verkleisterten
Stärkekörnchen,  die  aus  dem  Stammarke  mehrerer
  Arten  tropischer  Palmen  abgeschieden
"'erden  und  in  Form  verschieden  großer  und  verschieden ­
  gestalteter  Körner  in  den  Handel  körnen. ­
  Anfänglich  gelangte  S.  nur  aus  Ostindien
Und  den  umliegenden  Inseln  nach  Europa,  wählend ­
  er  jetzt  auch  in  Westindien,  z.  B.  auf  Guadeloupe ­
  und  in  anderenTropengegenden,  gewonnen
"'Ed.  Hinsichtlich  ihrer  chemischen  Zusammensetzung ­
  ist  die  S.-Stärke  von  derjenigen  anderer
pflanzen  nicht  verschieden.  Nur  unter  dem
Mikroskope  zeigen  die  Körnchen  eine  von  derartigen ­
  des  Weizens,  der  Kartoffel  usw.  abweichende ­
  Form.—  Die  am  meisten  zur  Sagogewin-Uung
  benutzten  Palmen  sind  Sagus  RumphL
Willd.),  Sagus  laevis  (Rumph.)  und  Sagus
‘Ufinifera  (Lam.),  die  in  Indien  und  auf  den
oundainseln  nicht  nur  wild  wachsen,  sondern
a uch  vielfach  angebaut  werden.  Auch  Borass
 us  flabelliformis  (L.)  und  Arenga  sacchar
 jfera  (Lab.)  liefern  S.,  der  jedoch  für  den  europäischen ­
  Handel  weniger  Bedeutung  hat.  Zur
Gewinnung  der  Stärke  werden  die  Stämme  kurz
dem  Treiben  des  Blütenschaftes  gefällt  und
Ecr  Länge  nach  aufgespalten.  Das  herausgenom-Jhene
  Mark  wird  zerkleinert  und  auf  Sieben  ausgewaschen. ­
  Die  abgesetzte  Stärke  gelangt  meist
hoch  in  feuchtem  Zustande  in  Zuckerbrotformen
2 tirn  Versand.  Die  Bereitung  von  Perlsago
? Us  dieser  rohen  Sagostärke  besteht  lediglich
ln  einem  Körnen  mittels  siebartiger  Vorrichtungen ­
  und  nachherigem  schnellen  Trocknen  in
er "'ärmten  Pfannen,  wodurch  die  Stärke  teilweise ­

  verkleistert  wird.  Die  verschiedenen  gelben ­
  und  braunen  Töne  werden  durch  Zusatz
von  Zuckercouleur  öder  Bolus,  rote  Farben  durch
einen  Farbstoff  der  Palme  selbst  erzeugt.  Weißer
Perlsago  bleibt  ungefärbt.  —•  Auch  aus  dem
Kassawamehle  wird  S.  gefertigt,  der  unter  dem
Namen  brasilianischer  S.  in  den  Handel
kommt  und  weiß  und  matt,  nicht  glasig  wie  der
ostindische,  erscheint.  Eine  andere  Sorte,  die
aber  nicht  zu  uns  gelangt,  der  javanische  S.,
besitzt  eine  gelbliche  Farbe  und  einen  gewissen
Beigeschmack  und  besteht  aus  dem  Stärkemehl
von  Arenga  saccharifera.  —  In  Deutschland
und  Frankreich  wird  sehr  viel  inländischer  S.
aus  Kartoffelstärkemehl,  sog.  Kartoffelsago,
in  folgender  Weise  hergestellt:  Die  angefeuchtete ­
  Stärke  wird  mittels  eines  Bürstenwerkes
durch  ein  Sieb  getrieben;  die  durchfallenden
Klümpchen  kommen  in  ein  Rollfaß,  das  etwa
25  Umgänge  in  der  Minute  macht,  und  runden
sich  dadurch  ab.  Die  Masse  wird  dann  in
Blechkästen  in  einem  Trockenofen  auf  70—80 0
erhitzt  und  kurze  Zeit  einem  Dampfstrome  ausgesetzt, ­
  der  durch  oberflächliche  Kleisterbildung
die  Körnchen  glasiert.  Nach  einer  anderen  Arbeitsweise ­
  wird  die  feuchte  Stärke  aus  einem
Zylinder  mit  durchlöchertem  Boden  ähnlich  wie
Fadennudeln  gepreßt  und  sofort  in  kurzen  Enden
abgestoßen.  Die  Stückchen  werden  auf  einem
Tuche  ohne  Ende  fortgeführt,  wobei  sie  schon
etwas  austrocknen,  kommen  in  das  Rollfaß  und
schließlich  in  einen  eisernen,  sich  drehenden
Zylinder,  in  dem  sie  getrocknet  und  schließlich
durch  Dampf  geglättet  werden.  Guter  S.  darf
keinen  Staub  enthalten,  nicht  dumpfig  riechen
und  beim  Kochen  in  Wasser  oder  Fleischbrühe
nur  bis  zur  doppelten  Größe  der  Körner  gallertartig ­
  aufquellen,  ohne  zu  zerfallen.
Saibling  (Saibling,  Salmling,  Gold-  und
Rotforelle,  Rötel,  Ritter),  ein  Laehsfisch,
Salmo  salvelinus,  von  30—75  cm  Länge  und
bis  10  kg  schwer,  findet  sich  in  den  Alpenseen
in  großer  Tiefe  und  kann  daher  nur  zur  Laichzeit
gefangen  werden.  Er  ist  nach  Alter,  Geschlecht
und  Aufenthalt  verschieden  gefärbt  und  nur
Gegenstand  örtlichen  Handels  und  Verbrauches.
Sajodin,  das  Kalziumsalz  der  Jodbehensäure,
  C 22 H 44 J0 2 ,  wird  durch  Jodierung  der
Erukasäure  des  Rüböls  dargestellt.  Das  weiße,
geruch-  und  geschmacklose  Pulver,  das  in  Wasser
völlig,  in  Alkohol  und  Äther  nahezu  unlöslich,  in
Chloroform  aber  löslich  ist,  enthält  24,5  0/0  Jod
und  findet  an  Stelle  des  Jodkaliums  medizinische
Verwendung.
Sai  ist  die  lateinische  Bezeichnung  für  Salz.
S.  acetosellae,  Sauerkleesalz;  S.  amarum,  Bittersalz; ­
  S.  ammoniacum,  Salmiak;  S.  digestivum,
Chlorkalium;  S.  gemmae;  Steinsalz;  S.  marinum,
Seesalz;  S.  mirabile  Glauben,  Glaubersalz;  S.
nitri,  Salpeter;  S.  stanni,  Zinnsalz;  S.  succini,
Bernsteinsäure;  S.  tarta.ri,  Weinsteinsalz,  d.  h:
aus  Weinstein  bereitetes,  reines  kohlensaures
Kali;  ,S.  volatile  cornu  cervi,  flüchtiges  Hirschhornsalz, ­
  kohlensaures  Ammoniak.  —  S..  die
Einzelbesprechungen.
Salazetol  (Salantol),  der  Salizylsäureester  des
Azetols,  CgH 4 (OH).  COO  .  CH 2  .  CO  .  CH 3 ,  wird
durch  Erhitzen  von  Monochlorazeton  mit  Natriumsalizylat
  dargestellt  und  bildet  farblose,
        <pb n="386" />
        Salbei

380

Salizin

schwach  bitter  schmeckende  Nadeln,  die  in
Wasser  schwer,  hingegen  leicht  in  Alkohol,
Mandelöl  und  Rizinusöl  löslich  sind  und  gegen
Gelenkrheumatismus  verordnet  werden.
Salbei  (lat.  Folia  salviae,  frz.  Sauge,  engl.
Sage)  ist  eine  artenreiche  Pflanzengattung  aus
der  Familie  der  Lippenblütler.  Im  Drogenhandel, ­
  erscheinen  nur  die  getrockneten  Blätter
von  Salvia  officinalis,  einem  in  Spanien  und
Italien  heimischen  Halbstrauche,  der  vielfach
angebaut  wird.  Die  immergrüne,  blauviolett  blühende ­
  Pflanze  enthält  in  allen  Teilen,  hauptsächlich ­
  aber  in  den  runzligen,  unterseits  weißhaarigen ­
  Blättern  (lat.  Folia  salviae,  frz.  Feuilles
de  sauge,  engl.  Sage  leaves),  ein  aromatisch
riechendes  ätherisches  öl  neben  Gerbstoff,  Stärke
und  Harz  und  wird  in  Form  von  Aufgüssen,
Extrakt  und  Tinktur  zu  Mundwässern,  zum
Gurgeln  bei  Blutungen  des  Zahnfleisches  sowie
bei  Verschleimung  der  Atmungsorgane  und  sonst
medizinisch  verwandt.
Salbeiöl  (lat.  Oleum  salviae,  frz.  Essence  de
sauge,  engl.  Oil  of  sage),  das  ätherische  Öl  der
Salbeiblätter,  ist  von  gelblicher  Farbe,  riecht
und  schmeckt  nach  dem  Kraute  und  hat  ein
spez.  Gew.  von  0,915—0,930.  S.  enthält  als
wirksamen  Bestandteil  Thujon  neben  Salven,
Pinen,  Zineol,  Borneol  und  Kampfer  und  ist
rechtsdrehend.  Es  wird  medizinisch  gegen  Verschleimungen ­
  verordnet.
Salben  (lat.  Unguenta,  frz.  Onguents,  Pommades,
  engl.  Ointments)  nennt  man  pharmazeutische ­
  Zubereitungen  von  butterartiger  Konsistenz, ­
  die  in  einer  Grundmasse  von  Fetten,
Wachs,  Vaselin  oder  Lanolin  arzneiliche  Stoffe
enthalten.  Nach  ihrer  Verwendung  unterscheidet ­
  man  besonders  Kühlsalben,  die  größere
Mengen  Wasser  enthalten;  Reizsalben;  austrocknende ­
  Salben;  Wundsalben,  zum  Abschließen ­
  öffener  Wunden,  z.  B.  Borsalbe,  und
medikamentöse  Salben,  z.  B.  Quecksilbersalbe. ­
  Die  gemischten  Salben  dürfen  für  Heilzwecke ­
  nur  in  Apotheken  verkauft  werden,  mit
Ausnahme  der  Bleisalbe,  Borsalbe,  Terpentinsalbe ­
  und  Zinksalbe  zum  Gebrauche  für  Tiere.
Freiverkäuflich  sind  auch:  Cold-cream,  Lippenpomade, ­
  Pappelpomade,  Salizy'.talg.
Salep  (lat.  Radix  seu  Tubera  salep,  frz.  und
engl.  Salep)  besteht  aus  den  Wurzelknollen
verschiedener  Orchideen,  und  zwar  wird  beim
Ausgraben  im  Herbst  nur  die  junge,  volle  Knolle,
nicht  die  alte,  verschrumpfte,  genommen.  Im
allgemeinen  bevorzugt  man  diejenigen  Arten,  die
rundliche  oder  länglichrunde  Knollen  haben,
doch  kommen  auch,  namentlich  in  Österreich,
gefingerte  Knollen  als  Händchensalep  zur
Verwendung,  Zu  den  derb  knolligen  Arten  gehören ­
  Orchis  Morio,  auf  feuchten  Wiesen  und
Triften  stellenweise  sehr  häufig;  Orchis  mascula,
  auf  ähnlichen  Standorten;  die  stattliche
Orchis  militaris  (Helmbuschorchis),  auf
Hügelland  und  Kalkboden  im  Gebüsch,  und
einige  andere.  Früher  kamen  die  Salepknollen
nur  aus  dem  Orient,  über  Konstantinopel  und
Smyrna.  In  neuerer  Zeit  wird  aber  die  deutsche
Ware  von  den  Drogisten  vielfach  bevorzugt,  da
sich  aus  ihr  ein  rein  weißes  Pulver  darstellen
läßt.  Der  deutsche  S.  wird  im  Rhöngebirge,
Spessart,  Odenwald,  Nassau  usw.  gesammelt.

Man  brüht  die  Knollen  mit  heißem  Wasser,
wobei  die  äußere  Haut  sich  loslöst,  und  trocknet
sie  dann  im  Backofen  oder,  an  Fäden  aüfgereiht,
an  anderen  warmen  Stellen.  Die  Größe  der
Stücke  schwankt  von  der  einer  Haselnuß  bis  zu
der  einer  welschen  Nuß.  Die  Farbe  ist  gelblichweiß, ­
  die  der  orientalischen,  die  teilweise  auch
größere  Stücke  bildet,  bräunlich.  Hauptbestandteile ­
  der  Knollen  sind  reichliche  Mengen  Stärkemehl ­
  und  noch  größere  eines  tragantähnlichen
Schleims,  Bassorin,  der  in  Wasser  stark  aufquillt,
ohne  sich  eigentlich  zu  lösen.  Durch  die  Behandlung ­
  mit  heißem  Wasser  werden  beide  Stoffe
aufgequellt,  die  Stärke  verwandelt  sich  in  Kleister
und  verleiht  den  Stücken  nach  dem  Trocknen
ein  durchscheinendes,  kornartiges  Aussehen.
Gleichzeitig  verlieren.  sie  ihren  bitteren  Geschmack ­
  und  unangenehmen  Geruch.  S.  bildet
ein  schleimiges,  reizmilderndes  und  einhüllendes
Mittel.  Man  gibt  es  besonders  Kindern  in  Fällen
von  Schwäche.  Abzehrung,  Durchfällen,  Ruhr
u.dgl.  in  Form  von  Salepschleim,  der  durch
Behandlung  von  einem  Teil  gepulvertem  S.  mit
zehn  Teilen  kaltem  Wasser  und  weiterem  Auflösen ­
  in  90  Teilen  kochendem  Wasser  hergestellt
wird.  Außerdem  dient  der  Stoff  auch  zum  Appretieren ­
  von  Seidenaeugen.  Das  Pulvern  der  Knollen
macht  Schwierigkeiten  und  wird  häufig  von  den
größeren  Drogenhandlungen  selbst  besorgt.  Im
Händel  kommt  auch  unechter  gepulverter  S.  vor,
der  aus  Kartoffeln  hergestellt  ist.
Salikor,  eine  geringwertige  Sorte  Rohsoda,
die  im  südlichen  Spanien  und  Frankreich  aus
einer  Strandpflanze,  Salicornia  annua,  durch
Verbrennen  und  Auslaugen  der  Asche  bereitet
wird,  enthält  nur  etwa  i4°/o  kohlensaures  Natron. ­

Salimenthol,  der  Salizylsäureester  des  Men
thols,  wird  als  Mittel  gegen  Rheumatismus  und
Zahnschmerzen  angewandt.
Salipyrin  (salizylsaures  Antipyrin,  lat.
Antipyrinum  salicylicum,  s.  Pyrazolum  phenyl
dimethylicum  salicylicum,  frz.  Salicylate  d’antipyrine,
  engl.  Antipyrine  salicylate),  eine  in  farblosen ­
  Kristallen  erhaltene  ,  Verbindung  vom
Schmelzpunkt  92  °,  dient  als  Mittel  gegen  Fieber
und  Kopfschmerzen.
Salizin  (Weidenbitter,  lat.  Salicinum,  frz-Salicine,
  engl.  Salicin),  der  eigentümliche,  zu  den
Glykosiden  gehörige  Bitterstoff  der  Weidenrinden, ­
  Wird  am  zweckmäßigsten,von  den  roten
Weidenarten  (Purpurweide  u.a.)  hergestellt,
die  daran  reicher  sind,  während  bei  den  übrigen ­
  der  Gerbstoff  vorherrscht.  Man  behandelt
zu  diesem  Zwecke  die  wäßrige  Abkochung  der
Rinden  mit  Bleiglätte,  entbleit  mit  Schwefelwasserstoff ­
  und  dampft  ein.  Im  gereinigten  Zustande ­
  bildet  das  S.  kleine  weiße,  glänzende
Kristalle  in  Form  von  Schüppchen  oder  rhombischen ­
  Prismen,  die  sich  wenig  in  kaltem,  reichlich ­
  in  siedendem  Wasser  und  Weingeist,  aber
nicht  in  Äther  oder  Chloroform  lösen  und  äußerst
bitter  schmecken.  In  konzentrierter  Schwefelsäure ­
  löst  es  sich  mit  blutroter  Farbe  und  entwickelt ­
  mit  Kaliumdichromat  und  Schwefelsäure
den  Geruch  nach  Salizylaldehyd.  Der  Schme! 2 '
punkt  liegt  bei  201 0 .  Die  Zusammensetzung  entspricht ­
  der  Formel  C 13 H lg O,.  S.  wirkt  geg e0
Wechselfieber  wie  Chinin,  aber  weit  schwächer,
        <pb n="387" />
        Salizylsäure

381

Salpeter

u nd  wird  neuerdings  vielfach  medizinisch  verwandt. ­
  Es  ist  bedeutend  billiger  als  Chinin  und
wird  daher  auch  bisweilen  zu  dessen  Verfälschung ­
  benutzt,  kann  aber  an  dem  erwähnten
Verhalten  gegen  Schwefelsäure  leicht  erkannt
Werden.
Salizylsäure  (Phenylkohlensäure,  lat.  Acidum ­
  salicylicum,  frz.  Acide  salicylique,  engl.
Salicylic  acid)  findet  sich  in  der  Natur  fertig  gebildet ­
  als  Salizylsäuremethylester  im  ätherischen ­
  Gaultheriaöl  und  kann  auch  aus  dem
Salizin,  von  dem  sie  ihren  Namen  hat,  abgeschieden ­
  werden.  Zur  fabrikmäßigen  Bereitung  wird
Wasserfreies  Phenolnatrium  mit  sorgfältig  getrockneter ­
  Kohlensäure  behandelt,  wobei  die
Kohlensäure  mit  dem  Phenol  zu  S.,  CgH^OH).
COOH,  Zusammentritt.  Man  braucht  das  entstandene ­
  Salizylsäure  Natrium  nur  in  Wasser
2u  lösen  und  mit  einer  stärkeren  Säure  zu  behandeln, ­
  um  die  freie  S.  abzuscheiden.  Das
Natron  kann  bei  dieser  Herstellung  durch  Kali
nicht  ersetzt  werden,  da  sonst  die  isomere  Parapxybenzoesäure
  entsteht,  S.  löst  sich  schwer
l n  kaltem,  hingegen  leicht  in  siedendem  Wasser,
Alkohol,  Äther,  Chloroform  und  Amylalkohol.
Sie  schmilzt  bei  15618°  und  ist  mit  Wasserdämpfen ­
  flüchtig.  Die  Lösungen  geben  mit  Eisenchlorid ­
  eine  violette  Färbung  und  mit  Bromwasser
  einen  Niederschlag.  Die  S.  findet  sich  in
zwei  Sorten  im  Handel.  Die  'eine,  als  Acidum
salicylicum  praecipitatum  bezeichnete,
ein  leichtes,  lockeres,  weißes  Pulver,  bisweilen
mit  einem  schwachen  Stich  ins  Rötliche,  ist
geruchlos,  reizt  aber  beim  Verstäuben  stark  zum
Niesen.  Die  andere,  Acidum  salicylicum
cristallisatum,  besteht  aus  kleinen,  feinen,
schneeweißen  Kristallen  und  ist  für  den  inneren
Gebrauch  bestimmt,  während  die  weniger  reine,
uicht  kristallinische  Sorte  äußerlich  verwandt
Wird.  Außer  zu  medizinischen  Zwecken  benutzt
man  die  S.  auch  als  Konservierungsmittel  für
mngemachte  Früchte,  Gemüse  usw.,  doch  wird
diese  Verwendung  von  ärztlicher  Seite  bekämpft
u nd  soll  daher  mindestens  gekennzeichnet  werden. ­
  In  Drogenhandlungen  und  Apotheken  werden ­
  verschiedene  salizylsäurehaltige  Mittel  geführt, ­
  wie  Salizylsäuremundwasser,  Sali-Wlsäure
  Zahnpasta,  Salizylsäureheftpflaster, ­
  Salizylsäurewatte  und  andere.  —  Von
den.  Salzen  hat  das  Natriumsalz  (lat.  Natrium
salicylicum,  frz.  Salicylate  de  soude,  engl.  Sodii
salicylas)  die  größte  Bedeutung.  Es  wird  in  der
Medizin  gegen  Gelenkrheumatismus  und  als  Anti-Pyretikum
  sowie  technisch  zur  Herstellung  von
Teerfarben  verwandt.
Salmiak,  NH 4 .C1,  (Chlorwasserstoffammoniak, ­
  Chlorammonium,  salzsaures  Ammoniak, ­
  lat.  Ammonium  chloratum,  Arqmonium
muriaticum,  Ammonium  hydrochloricum,  Sal  ammoniacum,
  frz.  Chlorure  d'ammonium,  Hydroc
 hlorate  d’ammoniaque,  engl.  Hydrochlorate  of
a mmonia,  Ammonium  Chloride),  bildet  in  völlig
bereinigtem  Zustande  ein  geruchloses,  weißes
Kristallpulver  von  scharf  salzigem  Geschmack,
das  in  Wasser  leicht  löslich  und  beim  Erhitzen ­
  unzersetzt  flüchtig  ist.  Seine  Dämpfe
Ver dichten  sich  an  kalten  Gegenständen  als
Su blimierter  S.,  zerfallen  jedoch,  durch  stark
blühende  Röhren  geleitet,  in  Ammoniak  und

Chlorwasserstoff,  Der  Rohsalmiak  findet  sich
im  Handel  teils  Ln  Form  dichter,  weißer,  durchscheinender ­
  Brote  von  faserig-kristallinischer
Struktur  (sublimierter  S.),  teils  in  Zuckerhutform ­
  als  weniger  fest  zusammenhängende  Kristallmasse.
  Der  S.  wurde  früher  nur  aus  Ägypten
bezogen,  wo  man  ihn  durch  Verbrennen  von
Kamelmist  erhielt.  Jetzt  wird  sämtlicher  S.  aus
dem  Teerwasser  der  Leuchtgasfabriken  dargestellt, ­
  indem  man  dieses  mit  Salzsäure  sättigt,
die  geklärte  Flüssigkeit  zur  Kristallisation  verdampft ­
  und  den  auskristallisierten  S.  durch
Umkristallisieren  oder  Sublimation  weiter  reinigt.
Schneller  zum  Ziele  führt  das  Verfahren,  nach
dem  man  das  Ammoniak  mittels  eines  Dampf  -
stromes  aus  dem  Gaswasser  austreibt,  in  Wasser
leitet,  dieses  dann  mit  Salzsäure  neutralisiert  und
weiter  reinigt.  Außerdem  erhält  man  den  S.
auch  durch  Sublimation  von  schwefelsaurem  Am
moniak  mit  Chlornatrium  (Kochsalz).  Verwen
dang  findet  der  S.  zur  Darstellung  verschiedener
chemischer  Verbindungen,  zum  Löten,  Verzinnen,
zum  Füllen  der  Elemente  für  Klingel-  undFernsprecheranlageil
  sowie  in  der  Färberei  und
Druckerei  usw.  Der  chemisch  reine  S.  (lat.
Ammonium  chloratum  purissimum)  Wird  in  der
Medizin  als  auflösendes  Mittel,  als  Zusatz  zu
Salmiakpastillen  usW.  verwandt.
Saldi,  C 6 H 4 (OH).COO.C 6 H ä ,  (Salizylsäurephenylester, ­
  salizylsaures  Phenyloxyd,
Phenylsalizylat,  lat.  Phenylum  salicylicum,
frz,  Salicylate  de  phönol,  engl.  Phenyl  salicylate),
wird  durch  Behandlung  eines  Gemisches  von
salizylsaurem  Natrium  und,  Phenolnatrium  mit
Phosphoroxychlorid  oder  auch  Phosphorpentachlorid
  dargestellt.  Es  erscheint  als  weißes  kristallinisches ­
  Pulver  von  schwachem  aromatischem
Geruch  nach  Wintergrünöl,  ist  fast  geschmack
los  und  schmilzt  bei  42°  zu  einer  klaren  farblosen ­
  Flüssigkeit,  welche  dann  weit  unter  diese
Temperatur  abgekühlt  werden  kann,  ohne  zu
erstarren.  In  Wasser  ist  das  S.  fast  unlöslich,
löst  sich  dagegen  leicht  in  Alkohol,  Äther  und
Chloroform.  Man  verwendet  es  in  der  Medizin
sowohl  innerlich  als  äußerlich.
Salpeter.  Unter  Sal  petrae,  Stein  oder
Felsensalz,  verstand  man  in  früheren  Zeiten
die  salzigen  Ausblühungen  auf  Gemäuer,  Felsen
und  Erdreich  und  spricht  in  diesem  Sinne  noch
jetzt  von  Mauersalpeter,  während  heutzutage
nur  gewisse  Nitrate,  besonders  salpetersaures
Kalium  oder  Kalisalpeter  (Kaliumnitrat,
salpetersaures  Kali,  lat.  Kali  nitricum,  Kalium ­
  nitricum,  frz.  Nitrate  de  potässe,  engl.  Nitrate ­
  of  potash)  und  salpetersaures  Natrium,
Natronsalpeter  (Natriumnitrat,  salpetersaures ­
  Natron,  lat.  Natrium  nitricum,  frz.
Nitrate  de  soude,  engl.  Nitrate  of  soda),  so  bezeichnet ­
  wird.  Seltener  spricht  man  von  Ammoniaksalpeter ­
  (flammender  S.,  salpetersaures ­
  Ammoniak,  Ammoniumnitrat,  lat.
Ammonium  nitricum,  Nitrum  flammans,  frz.  Nitrate ­
  d’ammoniaque,  engl.  Nitrate  of  ammoniac),
iSilbersalpeter.  salpetersaures  Silber  oder
Höllenstein,  und  Bleisalpeter.  ■—  Salpetersaure
  Salze  entstehen  in  jedem  Boden,  in  dem
sich  organische  stickstoffhaltige  Stoffe  zersetzen,
wenn  die  nötigen  Bedingungen:  Gegenwart  von
Alkalien  oder  alkalischen  Erden,  Porosität  zur
        <pb n="388" />
        Salpeter

382

Salpetersäure

Ermöglichung  des  Luftzutritts,  anhaltende  Feuchtigkeit ­
  und  genügende  Luftwärme  vorhanden
sind;  vor  allem  also  in  gutem,  an  Pflanzennahrung ­
  reichem  Ackerland.  Das  Ammoniak,  das
sich  aus  den  stickstoffhaltigen  faulenden  Stoffen
bildet,  wird  von  dem  Sauerstoff  der  Luft  oxydiert, ­
  und  die  entstehende  Salpetersäure  tritt  mit
den  vorhandenen  Basen  zu  Salzen  zusammen.
Ist  Kali  zugegen,  so  entsteht  direkt  Kalisalpeter,
im  anderen  Falle,  wenn  nur  Kalk  oder  Magnesia
vorhanden  ist,  das  betreffende  Salz,  welches
dann  bei  Bearbeitung  der  aus  der  Salpetererde
extrahierten  Laugen  durch  Zusatz  von  Kali  erst
in  das  Kalisalz  übergeführt  werden  muß.  Auf
diese  Art  werden  alljährlich  in  der  Natur  gewaltige ­
  Mengen  S.  erzeugt,  eine  technische  Ausnutzung ­
  ist  aber  nur  in  heißen  Klimaten,  namentlich ­
  in  Bengalen  und  auf  Zeylon,  möglich,  wo
der  Erdboden  ganzer  Gegenden  förmlich  mit
Kalisalpeter  gesättigt  ist.  Hier  werden  Salz  und
Erde  zusammengekehrt,  mit  Wasser  ausgelaugt,
die  Laugen  zur  Kristallisation  eingedampft  und
die  kleinen  Mengen  von  Kalksalpeter,  welche
dabei  in  Lösung  gehen,  durch  Zusatz  von  Holzasche ­
  in  salpetersaures  Kalium  übergeführt.  In
Ägypten  wird  S.  aus  dem  fruchtbaren  Nilschlamme, ­
  den  man  zu  künstlichen  Hügeln  aufschichtet, ­
  gewonnen,  während  man  in  Ungarn,
besonders  in  der  Nähe  von  Debreczin  und  um
den  Neusiedler  See,  den  S.  in  ähnlicher  Weise
wie  in  Indien  gewinnt  und  deshalb  Kehrsalpeter ­
  nennt.  Der  früher  übliche  Betrieb  von
sog.  Salpeterplantagen,  in  denen  Erde  aus
Viehställen,  Schlächtereien  und  Misthaufen,  stickstoffreiche ­
  Pflanzenstoffe  und  tierische  Abgänge
aller  Art  zu  Haufen  aufgeschichtet  und  mit
Jauche  feucht  gehalten  wurden,  ist  jetzt  meist
eingestellt  und  durch  die  Herstellung  aus  Chilesalpeter ­
  und  Chlorkalium  verdrängt  worden.
Beim  Kochen  dieser  beiden  Salze  entsteht  Kalisalpeter ­
  neben  Kochsalz,  das  schwer  löslich  ist
und  durch  Kristallisieren  entfernt  wird.  (Konversionssalpeter.) ­
  —  Der  rohe  S.,  wie'  er
nach  dem  älteren  Verfahren  durch  Auslaugen
von  Erdreich  und  Eindampfen  der  Lauge  gewonnen ­
  wird,  ist  zwar  kristallisiert,  aber  natürlich ­
  durch  fremde  Salze,  namentlich  Kochsalz
und  Chlorkalium,  verunreinigt  und  enthält  etwa
60—70  °/o  reinen  S.  Man  raffiniert  ihn  meist  in
der  Weise,  daß  man  in  möglichst  wenig  heißem
Wasser  bis  zur  Sättigung  löst  und  die  durch  Zusatz ­
  von  etwas  Pottasche  schwach  alkalisch  gemachte ­
  Lösung  eindampft,  wobei  sich  Kochsalz
und  Chlorkalium  kristallinisch  ausscheiden.  Die
abgezogene  Lösung  wird  mit  etwas  Leim  gekocht,
der  mit  den  färbenden  Stoffen,  einen  reichlichen
Schaum  bildet  und  abgeschöpft  wird.  Man  läßt
dann  die  Lauge  bei  90 0  zur  Klärung  stehen  und
gibt  sie  schließlich  auf  die  Kristallisationsgefäße,
in  denen  der  S.  als  kristallinisches  Mehl  ausfällt. ­
  Zur  völligen  Entfernung  der  Chloride  deckt
man  noch  mit  gesättigter,  reiner  Salpeterlösung,
trocknet  die  gewaschene  Masse  in  der  Wärme
und  packt  sie  in  Form  sandigen  Pulvers  als
einfach  gereinigten  S.  in  Fässer,  oder  man  löst
sie  nochmals  auf,  läßt  ungestört  kristallisieren,
wäscht  die  Kristalle  und  erhält  so  doppelt  gereinigtes ­
  Salz.  Es  gibt  demnach  im  Handel
großkristallisierten  S.  und  kleinkristallisierten, ­

  das  sog.  Salpetermehl.  Die  Kristalle
sind  lange  säulenförmige,  meist  gestreifte  Prismen ­
  des  rhombischen  Systems.  Seltener  wird
das  pulverige  Salz  in  gelinder  Hitze  geschmolzen
und  zu  Broten  ausgegossen  oder  auf  ein  kaltes
Blech  getropft  (Salpeterzeltchen,  lat.  Nitrum
tabulatum).  Der  Kalisalpeter,  KNO s ,  besteht
aus  46,6%  Kali  und  53,4%  Salpetersäure,  ohne  I
Kristallwasser.  Er  dient  hauptsächlich  zur  Her-  f
Stellung  von  Schießpulver  und  Feuerwerk,  für  I
welche  der  Natronsalpeter  (s.  Chilesalpeter)  1
wegen  seiner  Wasseranziehung  ganz  ungeeignet
ist.  Zu  anderen  Zwecken  hingegen,  wie  zu  Flußmitteln. ­
  zum  Eisenfrischen  und  Stahlhärten  werden ­
  sich  beide  Arten  des  S.  wohl  immer  vertreten ­
  können.  Beide  finden  auch  medizinische
Anwendung  in  kleinen  inneren  Gaben,  während
sie  in  größeren  Mengen  entschieden  giftig  wirken. ­
  Schon  gepökeltes  Fleisch  ist  imstande,  üble
Wirkungen  hervorzubringen,  wenn  man  den  Salpeterzusatz, ­
  um  es  recht  rot  zu  machen,  übertrieben ­
  hat.
Salpeterätherweingeist  nennt  man  im  Chemikalienhandel ­
  eine  verdünnte  alkoholische  Lösung
des  Salpetrigsäureäthylesters  (salpetrigsauren ­
  Äthyloxyds),  die  als  Salpeteräthergeist, ­
  versüßter  Salpetergeist  (lat.  Spiritus
aetbereus  nitrosi,  Spiritus  nitricoaethereus,  Spi-  !
ritus  nitri  dulcis,  frz.  Alcool  nitrique  öthörö,  engl-Spirit
  of  nitrous  ether)  offizinell  ist.  S.  bildet  1
eine  farblose,  klare  Flüssigkeit  von  kräftigem,  ’
angenehmem,  obstartigem  Geruch,  die  mit  Wasser
in  jedem  Verhältnisse  mischbar  ist  und  das  1
spez.  Gew.  0,840—0,850  zeigt.  Er  muß  in  vollgefüllten ­
  Gefäßen  im  Dunkeln  aufbewahrt  werden, ­
  da  er  sonst  sehr  bald  stark  sauer  wird,  und
enthält  stets  noch  kleine  Mengen  von  Ameisenäther ­
  und  Aldehyd.  Reiner  und  spiritusfreier
Salpetrigsäureäthylester  kommt  für  gewöhnlich
im  Handel  gar  nicht  vor.  Verwandt  wird  S.
medizinisch  zur  Geschmacksverbesserung,  technisch ­
  als  Zusatz  zu  gewissen  Branntweinsorteo.
Salpetersäure,  HNO s ,  (Scheidewasser,
Stickstoffpentoxyd,  lat.  Acidum  nitricum.
Aqua  fortis,  frz.  Acide  nitrique  ou  azotique,  engl-Nitric
  acid),  findet  sich  in  freiem  Zustande  nicht
in  der  Natur,  entsteht  aber  bei  der  Verwesung
stickstoffhaltiger  organischer  Stoffe  und  bildet
daher  die  Säure  des  Chilesalpeters,  aus  dem  sie
fabrikmäßig  durch  Erhitzen  mit  Schwefelsäure
hergestellt  wird.  Für  die  Destillation  kleinerer
Mengen  besonders  reiner  Säure  bedient  man
sich  in  Apotheken  und  Laboratorien  gläserner
Retorten,  im  Großbetrieb  aber  gußeiserner  Zylinder
  von  mehreren  Zentnern  Fassungsraum,  da  1
das  unter  gewöhnlichen  Umständen  von  Schwefelsäure ­
  und  S.  angreifbare  Eisen  bei  starker  E r '
hitzung  in  einen  passiven  Zustand  übergeht,  in
dem  es  außerordentlich  widerstandsfähig  ist.  J e
nach  der  Stärke  der  angewandten  Schwefelsäure
destilliert  eine  S.  von  verschiedener  Konzentration ­
  über,  die  in  hintereinander  geschalteten
Töpfen  aufgefangen  wird.  In  den  ersten  Gefäßen ­
  sammelt  sich  die  stärkste,  in  den  folgenden ­
  immer  schwächere  Säure  an.  Die  Meng®
der  Schwefelsäure  ist  so  zu  bemessen,  daß  au*
jedes  Molekül  Salpeter  ein  Molekül  Schwefe*'
säure  entfällt,  da  nur  dann  unter  Hinterbleiben
von  Natriumbisulfat  alle  Salpetersäure  ausgetrie ­
        <pb n="389" />
        Salpetersäure

383

Salzäthergeist

ben  wird.  Verwendet  man  hingegen  äquivalente
Mengen  beider  Verbindungen,  so  bleibt  die
Hälfte  des  Salpeters  unzersetzt.  Erst  beim  Erhitzen ­
  bis  nahe  zum  Glühen  geht  auch  der  Rest
der  S.  über,  zerfällt  aber  gleichzeitig  zum  Teil  in
Untersalpetersäure  (Stickstoffdioxyd),  die
in  Form  braunroter  Dämpfe  in  die  Vorlagen
kommt  und  von  der  Flüssigkeit  gelöst  wird.
Die  dann  entstehende  rote  rauchende  S.  (Acidum ­
  nitricum  fumans)  besitzt  ein  spez,  Gew.
von  1,540.  Die  gewöhnliche  reine  S.  ist  in
völlig  wasserfreiem  Zustande  noch  nicht  erhalten
worden,  sondern  nur  bis  zu  einer  Stärke  von
höchstens  99,8  °/o.  In  diesem  Zustande  ist  sie
eine  farblose  Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.  1,560
bei  o°,  die  an  der  Luft  raucht  und  sich  unter
Abspaltung  von  Untersalpetersäure  gelb  färbt.
Die  S.  ist  mit  Wasser  in  jedem  Verhältnisse
mischbar.  Sie  löst  die  meisten  Metalle  mit  Ausnahme ­
  von  Gold  und  Platin  und  oxydiert  die
meisten  Metalloide,  wie  Jod,  Schwefel  und  Phosphor ­
  zu  den  entsprechenden  Säuren.  Organische
Stoffe  werden  durch  Salpetersäure  zerstört  und,
Wenn  sie  gefärbt  sind,  wie  Indigolösung  gebleicht.
Im  Handel  erscheint  die  S.  in  den  verschiedensten ­
  Reinheits-  und  Stärkegraden.  Die  rohe  S.
(lat.  Acidum  nitricum  crudum),  eine  durch  Untersalpetersäure, ­
  Eisen-  und  Chlorverbindungen
meist  gelb  gefärbte  Flüssigkeit,  wird  besonders
m  zwei  Stärken,  als  einfaches  Scheidewasser ­
  mit  einem  spez.  Gew.  von  1,320  bis
L330  und  50—53  °/o  S.  und  als  doppeltes
Scheidewasser  mit  einem  spez.  Gew.  von  1,380
bis  1,390  und  60—64%  S.  hergestellt.  Zur  Entfernung ­
  der  flüchtigen  Verunreinigungen  erwärmt
man  die  Säure  längere  Zeit  im  Wasserbade,
Während  sie  von  den  nichtflüchtigen  Stoffen.
Wie  Eisen,  durch  Destillation  getrennt  wird.  Im
Hinblick  auf  die  nahe  bevorstehende  Erschöpfung ­
  der  Salpeterlager  sind  in  letzter  Zeit  zahlreiche ­
  Versuche  zur  Umwandlung  des  Ammoniaks ­
  und  des  Luftstickstoffs  in  S.  angestellt
Worden.  Die  erstere  gelingt  nach  dem  Verfahren
von  Ostwald  durch  Überleiten  eines  Gemisches
von  Ammoniakgas  mit  viel  Luft  über  Platin  bei
erhöhter  Temperatur  und  hat  infolge  der  Habersehen
  Synthese  des  Ammoniaks  (s.  d.)  für
Deutschland  die  größte  Bedeutung.  Die  andere
Methode  benutzt  den  im  magnetischen  Felde
scheibenförmig  ausgebreiteten  Flammenbogen  von
Wechselströmen  zur  direkten  Oxydation  des  Luftstickstoffs. ­
  Nach  diesem  von  Birkeland,  Eyde,
Schönherr  u.  a.  ausgearbeiteten  Verfahren,  das
an  starke  Wasserkräfte  gebunden  ist,  wird  besonders ­
  in  Norwegen  (neuerdings  auch  in  Amerika)
der  sog.  Norgesalpeter,  Luftsalpeter  oder
Ralksalpeter  hergestellt.  —  Die  S.  findet  ausgedehnte
  Verwendung  in  der  chemischen  und
gewerblichen  Technik  sowie  für  medizinische
and  Laboratoriumszwecke.  Auf  ihrer  Eigenschaft,
Hold  nicht,  wohl  aber  Silber  zu  lösen,  beruht  die
Bezeichnung  Scheidewasser.  Ferner  bildet  sie
das  Ätzmittel  der  Kupferstecher,  dient  zum  Abbeizen
  von  Metallen,  zum  Brünieren  von  Eisen
u nd  zur  Herstellung  von  Beizen  für  Hutmacher
and  Pelzfärber.  Sie  ist  das  Ausgangsmaterial  zur
Bereitung  des  Nitrobenzols,  Nitroglyzerins,  der
■■Jkrinsäure  und  Schießbaumwolle  und  wird  überd'es
  bei  der  Herstellung  von  Schwefelsäure,

Farbstoffen  und  salpetersauren  Salzen  (Nitrate)
benutzt.  Für  den  Versand  der  roten,  rauchenden
S.  gilt  die  Vorschrift,  daß,  die  Flaschen  oder
Ballone  mit  mindestens  dem  gleichen  Volum
getrockneter  Infusorienerde  oder  anderen  indifferenten ­
  Mineralpulvern  umgeben  sein  müssen.
Die  deutsche  Erzeugung,  die  in  den  letzten
Friedensjahren  etwa  roo  000  t  betrug,  ist  im
Kriege  ungeheuer  gesteigert  worden.
Salvarsan  ist  der  den  Höchster  Farbwerken
geschützte  Name  des  berühmten  Heilmittels  gegen
die  Syphilis,  das  von  seinem  Entdecker  Ehrlich ­
  in  dreißigjähriger,  zielbewußter  Arbeit  geschaffen ­
  und  zuerst  als  Ehrlich-Hata-606  in
die  Therapie  eingeführt  wurde.  Hata  heißt  es
nach  dem  japanischen  Assistenten  Ehrlichs,  der  es
klinisch  erprobte,  606,  weil  es  das  606.  der  von
Ehrlich  hergestellten  Abbauprodukte  war.  S.
wird  aus  Paraoxyphenylarsinsäure,  einer  Verbindung ­
  von  Phenol  und  Arsensäure,  durch  Überführung ­
  in  die  Nitroverbindung,  nachfolgende
Reduktion  zu  Aminooxyphenylarsinsäure  und
schließlich  zu  Diaminodioxyarsenobenzol  hergestellt. ­
  Als  Dichlorhydrat  der  letzteren  Verbindung ­
  hat  es  die  Formel;  (C 6 H 3  .  NH 2  .  As  .
0H) 2 .2HCI.  Das  zarte  gelbe  Pulver  ist  leicht
löslich  in  Wasser,  Methylalkohol  (1:3)  und  Glyzerin, ­
  weniger  leicht  in  Alkohol  (1  :  12),  unlöslich ­
  in  Äther  und  enthält  34  °/o  Arsen.  Wegen
seiner  leichten  Oxydierbarkeit  wird  es  in  luftleeren ­
  Ampullen  unter  Kohlensäure  auffaewahrt,
die  erst  unmittelbar  vor  dem  Gebrauche  geöffnet
werden  dürfen.  Jedes  von  den  Höchster  Farbwerken ­
  in  den  Handel  gebrachte  Präparat  ist
in  dem  unter  Leitung  Ehrlichs  stehendenGeorg-Speyer-Haus
  biologisch  geprüft  worden.  Das
Mittel  findet  in  Form  wäßriger  Lösungen  sowie
in  Ölsuspensionen  und  Salben  gegen  Syphilis,
auch  vorbeugend,  ausgedehnte  Anwendung  und
wird  von  der  überwiegenden  Mehrzahl  der  Mediziner ­
  als  ausgezeichnet  geschätzt.  Gelegentliche
Nebenwirkungen  (Sehstörungen),  die  vereinzelte
leidenschaftliche  Angriffe  hervorgerufen  haben,
können  durch  fehlerhafte  Anwendung  verursacht
worden  sein.  Welchen  Wert  die  Engländer  dem
S.  beilegen,  ergibt  sich  daraus,  daß  sie  sich
schon  am  to.X.  1914  (1)  das  Patent  aneigneten
und  der  Firma  Burroughs,  Wellcome  &amp;amp;  Co.  auf
Antrag  die  alleinige  Lizenz  für  die  ganze  Patentdauer ­
  erteilten.  Vorher  war  allerdings  in
England  und  Amerika  gelb  gefärbtes  Kochsalz
als  S.  verkauft  worden.  —  Neosalvarsan  ist
ein  leichter  lösliches  Kondensationsprodukt  von
S.  mit  Natriumformaldehydsulfoxylat.  —  Silbersalvarsannatrium
  und  Salvarsansulfoxylat
  1495  sind  zwei  neue,  von  Kolle,  dem
Nachfolger  Ehrlichs,  eingeführte  Abkömmlinge
des  Salvarsans,  die  geringere  Nebenwirkungen
äußern  sollen.
Salzäthergeist  (versüßter  Salzgeist,  Chlor
ätherspiritus,  lat.  Spiritus  salis  dulcis,  Spiritus
muriatico-aethereus,  Spiritus  aetheris  chlorati,  frz.
Alcool  muriatique  6there,  engl.  Spirit  of  muriatic
  ether),  im  wesentlichen  eine  verdünnte
alkoholische  Lösung  von  Äthylchlorid  (Chloräthyl), ­
  wird  erhalten,  wenn  Weingeist,  Kochsalz, ­
  Braunstein  und  Schwefelsäure  zusammen
der  Destillation  unterworfen  werden,  das  Übergegangene ­
  durch  Schütteln  mit  Kalk  oder  ge ­
        <pb n="390" />
        Salzbrunner  Oberbrunnen

384

Samt

brannter  Magnesia  säurefrei  gemacht  und  dann
rektifiziert  wird.  Die  angenehm  ätherisch  riechende ­
  Flüssigkeit  wird  in  der  Medizin  und  ähnlich ­
  dem  Salpeterätherweingeist  zur  Aromatisierung ­
  von  Trinkbranntwein  angewandt.
Salzbrunner  Oberbrunnen  enthält  in  1000
Gewichtsteilen  nach  der  Analyse  von  Remigius
Fresenius  (1881):  Bikarbonate  des  Natriums
2,1522  g,  Lithiums  0.0130  g,  Ammoniums  0,0007  g,
Kalziums  0,4383  g,  Strontiums  0,0044  g,  Magnesiums ­
  0,4704  g,  Eisenoxyduls.  0,0057  g,  Manganoxyduls
  0,0008  g,  Chlornatrium  0,1767  g,  Bromnatrium ­
  0,0008  g,  Jodnatrium  Spur,  Sulfate  des
Kaliums  0,0528  g,  Natriums  0,4594  g,  Natriumnitrat ­
  0,0060  g,  Kieselsäure  0,0031g  und  freie
Kohlensäure  1,8766  g.
Salzsäure  (Chlorwasserstoffsäure,  Hydrochlorsäure,
  lat.  Acidum  hydrochloricura,
Acidum  muriaticum,  frz.  Acide  hydrochlorique,
engl.  Hydrochloric  acid)  nennt  man  im  Handel
die  wäßrige  Lösung  des  gasförmigen  Chlorwasserstoffs, ­
  HCl,  der  durch  Vereinigung  gleicher
Raumteile  Chlor  und  Wasserstoff  im  Sonnenlichte ­
  (Chlorknallgas),  ferner  durch  Verbrennen ­
  einer  Wasserstoffflamme  in  einer  Chloratmosphäre ­
  und  durch  Zersetzung  von  Chloriden
mit  Schwefelsäure  erhalten  werden  kann.  Im
Großbetriebe  wird  die  S.  als  Nebenprodukt  bei
der  Herstellung  der  Soda  aus  Kochsalz  nach
dem  Verfahren  von  Leblanc  gewonnen.  Seit
der  Einführung  des  Ammoniakverfahrens  in  der
Sodafabrikation  hat  man  aber  auch  zahlreiche
andere  Stoffe,  besonders  das  Magnesiumchlorid
der  Abraumsalze,  als  Ausgangsmaterial  herangezogen. ­
  Die  so  erhaltene  rohe  S.  (lat.  Acidum ­
  hydrochloricum  crudum)  ist  für  viele  Zwecke
der  Technik  direkt  verwendbar.  Zur  Darstellung
reiner  Salzsäure  destilliert  man  entweder  ein
Gemisch  von  Kochsalz  und  Schwefelsäure  aus
Glasretorten,  oder  man  unterwirft  die  rohe  Säure
einem  umständlichen  Reinigungsverfahren.  Zur
Entfernung  der  nicht  flüchtigen  Beimengungen
wird  die  Säure  mit  Wasser  verdünnt,  darauf,
wenn  sie  freies  Chlor  enthält,  mit  schwefliger
Säure  oder,  wenn  schweflige  Säure  zugegen
ist,  mit  / Chlorwasser  versetzt  und  mit  Schwefelsäure ­
  destilliert.  Die  für  gewisse  Zwecke,  besonders ­
  in  der  gerichtlichen  Analyse,  gebrauchte
völlig  arsenfreie  Säure  erhält  man  durch  Destillation ­
  mit  Eisenchlorür.  —  Die  reine  S.
(lat.  Acidum  hydrochloricum  purum)  ist  eine
farblose  Auflösung  des  Chlorwasserstoffgases  in
Wasser,  welches  das  Gas  begierig  verschluckt
und  bei  20 0  das  475  fache  seines  Volums  davon
aufzunehmen  vermag.  Eine  derartig  völlig  gesättigte ­
  Lösung  hat  bei  15 0  das  spez.  Gew.  1,212
und  enthält  42,9  0/0  Chlorwasserstoff.  Sie  stößt
an  dqr  Luft  weißliche  Nebel  aus  und  wird  bei
—  40 0  fest.  Beim  Erwärmen  entweicht  zunächst
gasförmiger  Chlorwasserstoff,  bis  bei  110 0  eine
S.  vom  spez.  Gew.  1,104  und  einem  Chlorwasserstoffgehalt
  von  20,24  °/o  überdestilliert.—  Die  freie
S.  ist  eine  der  stärksten  Säuren  und  bildet  mit
den  meisten  Basen  neutrale  Salze,  von  denen
dasjenige  des  Silbers  in  Wasser  unlöslich,  dasjenige ­
  des  Bleies  schwer  löslich  ist,  während  die
meisten  übrigen  sich  leicht  in  Wasser  lösen.
Unter  der  Einwirkung  von  Oxydationsmitteln,
wie  Braunstein,  Salpetersäure,  Mennige,  wird

freies  Chlor  abgespalten.  Nach  dem  Gehalte  an
Chlorwasserstoff  unterscheidet  man  gewöhnlich
rohe  Salzsäure  (lat.  Acidum  hydrochloricum
crudum)  mit  einem  spez.  Gew.  von  1,195  und
38,2%  Chlorwasserstoff,  konzentrierte  S.  (lat.
Acidum  hydrochloricum  concentratum)  vom  spez.
Gew.  1,120—1,180  und  mit  24—36%  Chlorwasserstoff ­
  und  verdünnte  S.  (lat.  Acidum  hydrochloricum ­
  dilutum),.  mit  einem  spez.  Gew.  von
1,036—1,062  und  8—12  °/o  Chlorwasserstoffgehalt.
Die  rohe  S.  des  Handels  enthält  meist  30—32  °/o
Chlorwasserstoff.  —  Die  S.  wird  in  ungeheuren
Mengen  zur  Herstellung  von  Chlor,  Chlorkalk,
Kaliumchlorat  und  Chloriden,  besonders  Salmiak,
verwandt.  Außerdem  dient  sie  zur  Extraktion
der  Knochen  für  die  Leimbereitung,  in  den
Zuckerfabriken  zur  Wiederbelebung  der  Knochenkohle, ­
  zur  Extraktion  von  Kupfer  aus  armen
Erzen,  zur  Entwicklung  von  Kohlensäure  aus
Karbonaten  und  zu  vielen  anderen  technischen
Zwecken.  Die  reine  Salzsäure  wird  in  starker
Verdünnung  medizinisch  als  Darmdesinfiziens  und
zur  Unterstützung  der  Magenverdauung  verordnet
und  im  Laboratorium  als  eins  der  wichtigsten
Reagentien  benutzt.
Samaderarinde,  die  Rinde  eines  in  Kotschinchina
  und  Travancore  wachsenden  Baumes,  Samadera
  indica,  wird  in  ihrer  Heimat  als
fiebervertreibendes  Mittel  verwandt.  Aus  den
Samen  gewinnt  man  ein  fettes  Öl,  das  als  Mittel
gegen  Rheumatismus  gilt,  und  benutzt  die  Blätter
äußerlich  gegen  Erysipel.  Rinde  und  Samen
sollen  ein  Alkaloid  und  ein  Glykosid  enthalten.

Samt  (Sammt,  Sammet,  frz.  Velours,  engl-Velvet).
  Dieses  bekannte  Gewebe,  das  durch
die  weiche,  aus  kurzen,  aufrechtstehenden  Härchen ­
  bestehende  Decke,  den  Pol  oder  Flor,
auf  glattem  oder  geköpertem  Grunde  (glatter
und  geköperter  S.)  gekennzeichnet  ist,  wurde
ursprünglich  nur  aus  Seide  gewebt.  Jetzt  besteht
bei  dem  eigentlichen  echten  S.  meist  nur  der
Flor  aus  Seide,  der  Grund  aus  Baumwolle  oder
bei  den  teuersten  Sorten  aus  geringwertiger
Seide,  doch  kommen  auch  völlige  Nachahmungen
in  Wolle  und  Baumwolle  in  den  Verkehr.  Je
nachdem  die  Schleifen  der  Polfäden,  die  sog-Noppen,
  zerschnitten  werden  oder  verbunden
bleiben,  unterscheidet  man  gerissenen  (geschnittenen) ­
  und  gezogenen  (ungeschnittenen)
  S.  Daneben  gibt  es  noch  halbgeschnittenen ­
  und  gemusterten  (fassonierten)  S-Bei
  dem  halbgeschnittenen  wechselt  gerissener ­
  und  gezogener  Samt,  während  das  Muster
entweder  durch  verschiedene  Farben  des  Pols
oder  durch  Pressen  erzeugt  wird.  —  Plüsch
(frz.  Peluche,  engl.  Plush,  Shay)  und  Felbel  oder
Velpe  1  (frz.  Panne,  engl.  Long  poil)  unterscheiden ­
  sich  vom  S.  durch  längere  Behaarungund
  zwar  steht  das  Haar  bei  Plüsch  noch  aufrecht, ­
  während  es  bei  Felbel  so  lang  ist,  daß
es  sich  umlegt  und  nach  dem  Strich  gebürstet
werden  muß.  Der  Plüsch  besitzt  entweder  seidenen ­
  oder  wollenen  Flor;  der  echte  Felbel
dagegen  stets  seidenen  Flor  und  seidenen  Grund-Bei
  dem  halbseidenen  Felbel  besteht  der  Grund
aus  Baumwollgarn.  —  Nach  Art  der  ■  Seidensamte
  gewebte  Baumwollsamte  sind  sehr  selten,
denn  der  im  Handel  unter  dem  Namen.  Man -
ehester  (frz.  Manchester  velours  coton,  eng'-
        <pb n="391" />
        Sanatogen

385

Sandelholzöl

Fustian,  Velvet,  Velveret,  Velveteen.  Cord)  auftrttende
  Baumwollsamt  entsteht  auf  ganz  andere
Weise.
Sanatogen,  ein  bekanntes,  lösliches  Eiweiß
enthaltendes  Nährpräparat,  wird  durch  Mischen
von  Kasein  mit  5  °/o  glyzerinphosphorsaurem  Natrium ­
  hergestellt  und  erscheint  als  ein  schneeweißes ­
  Pulver,  das  beim  Verrühren  mit  wenig
kaltem  Wasser  stark  aufquillt  und  sich  beim
Erwärmen  zu  einer  milchigen  Flüssigkeit  völlig
auflöst.  Es  enthält  8,34  °/o  Wasser,  5,37  °/o  Asche,
2,490/0  Phospl/orsäure  und  82,75  %  Stickstoffsubstanz. ­

Sand,  gefärbter,  Streusand.  Unter  dieser
Bezeichnung  kommt  sowohl  bunt  gefärbter  S.
in  den  Handel,  der  durch  Behandlung  von  fein
gesiebtem  und  gewaschenem  weißen  Sand  mit
Teerfarben  hergestellt  wird,  als  auch  gemahlener
Glimmer  und  das  aus  Abfällen  der  Bronzefabrikation ­
  bestehende  sog.  Streugold  und
Str  eusilber.  Diese  Waren  werden  namentlich ­
  zur  Herstellung  feinerer  Karten,  z.  B.  von
Glückwunschkarten  usw.,  in  großen  Mengen  verbraucht. ­
  Früher  diente  der  Streusand  auch  zum
Trockenmachen  der  Schriftzüge.
Sandarak  (Sandarach,  lat.  Resina  sandaraca,
  frz.  Sandaraque,  engl.  Sandarac)  ist  das
Harz  einer  Strauch-  oder  baumartigen  Konifere,
Callitris  quadrivalvis,  die,  in  Nordafrika
heimisch,  auf  dem  Atlas  ganze  Wälder  bildet
und  im  Aussehen  dem  nahe  verwandten  Lebensbaum ­
  (Thuja)  gleicht.  Das  freiwillig  aus  der
Rinde  ausschwitzende,  dem  Mastix  ähnliche  Harz
kommt  von  Mogador  an  der  marokkanischen
Westküste  meist  über  Frankreich,  doch  auch
über  Triest  und  Venedig  in  zwei  Sorten,  ordinär
und  fein,  oder  naturell  (in  sortis)  und  auserlesen
(electa)  in  den  Handel.  Letztere  Sorte  bildet
blaßgelbe,  längliche,  weiß  bestäubte  Körner  und
Stengelchen,  die  auf  dem  Bruche  durchsichtig
und  glasglänzend  erscheinen.  Die  andere  besteht
aus  trüben  und  unreineren  Stückchen,  vermischt
mit  kleinerem  Grus,  Sand,  Erde  und  Holzteilchen. ­
  Das  Harz  ist  spröde  und  leicht  zerbrechlich, ­
  hat  einen  balsamisch-harzigen  Geruch  sowie
schwach  bitteren  Geschmack  und  erweicht  nicht
beim  Kauen  wie  Mastix,  sondern  zerfällt  in  ein
sandiges  Pulver.  In  Alkohol,  Äther,  Fuselöl  und
Azeton  ist  es  völlig,  in  Terpentinöl,  Schwefelkohlenstoff, ­
  Chloroform  und  Petroläther  nur  teilweise ­
  löslich.  S.  besteht  neben  geringen  Mengen
ätherischen  Öls  und  Bitterstoffen  hauptsächlich
aus  Sandarakol-  und  Kallitrolsäure.  Es
dient  zur  Herstellung  von  Räucherpulvern,  hauptsächlich ­
  aber  von  Weirigeistfirnissen,  Polituren
and  Lacken,  wird  jedoch,  da  es  zwar  sehr  harte,
aber  zu  spröde,  dem  Abbröckeln  unterworfene
and  nicht  besonders  glänzende  Überzüge  liefert,
1 mmer  in  Verbindung  mit  Elemi,  venetianischem
Terpentin  oder  etwas  Rizinusöl  angewandt.  Fein
gepulverter  S.  bildet  das  bekannte  Radierpulv
 er,  mit  dem  man  radierte  Stellen  auf  Papier
"deder  beschreibbar  macht.  —  Eine  aus  Australen ­
  in  den  Handel  kommende,  in  England  Pine
Kurn  genannte  Sorte  von  Callitris  Preisii  oder  C.
a ustralis,  bildet  größere  Stücke  als  die  afrikanischen ­
  Sorten,  ist  aber  sonst  in  seiner  Verwendbarkeit ­
  diesen  gleich.
Mareks  Warenlexikon.

Sandelholz  (Santelholz,  Santalholz,  lat.
Lignum  santalinum,  Lignum  santali,  frz.  Bois  de
santal,  engl.  Sandal  wood).  Unter  diesem  Namen
kommen  verschiedene  Hölzer  in  den  Handel,
von  denen  einige  zu  den  Färb  hölzern  gehören
und  hauptsächlich  in  der  Färberei  Verwendung
finden,,  während  die  anderen  teils  als  Möbelholz,
teils  zur  Darstellung  des  ätherischen  Sandelholzöles ­
  benutzt  werden.  Das  rote  Holz  stammt
von  einem  mächtigen  Baume  aus  der  Familie
der  Schmetterlingsblütler,  Pterocarpus
santalinus,  der  in  den  Gebirgen  Ostindiens
und  Zeylons  wächst.  Es  kommt  in  Blöcken
oder  Scheiten  von  einem  Zentner  Gewicht  und
mehr  nach  Europa  und  wird  hier  geraspelt  und
gemahlen,  in  feinen  wolligen  Fasern  oder  in
Pulverform  in  den  Flandel  gebracht.  Ein  besonders ­
  feines  Pulver  führt  die  Bezeichnung
Flugsandel.  Das  schwere,  im  Wasser  untersinkende ­
  Holz  hat  grobe,  gewundene  und  gekreuzt ­
  verlaufende  Fasern  und  ist  mit  harzglänzenden ­
  Kanälen  durchzogen.  Die  blutrote
Farbe  frischer  Spaltflächen  wird  an  der  Luft
bräunlich.  Von  anderen  Rothölzern  unterscheidet ­
  S.  sich  dadurch,  daß  es  weder  an  kaltes  noch
an  siedendes  Wasser  seinen  Farbstoff  (Santali ­
  n)  abgibt,  hingegen  kann  letzterer  aus  dem
zerkleinerten  Holze  durch  Weingeist  mit  blutroter, ­
  oder  durch  alkalische  Laugen  und  Sodalösung ­
  mit  violetter  Farbe  ausgezogen  werden.
Aus  der  alkalischen  Lösung  läßt  sich  der  Farbstoff ­
  durch  Säuren  ausfällen.  Man  kann  also
die  Farbe  auf  Zeuge  befestigen,  wenn  man  sie
mit  jener  Lösung  tränkt  und  dann  durch  ein
saures  Bad  zieht,  doch  ist  der  Ton  so  gefärbter
Wolle  stets  ins  Violette  gehend.  Eine  schönere
Farbe  entsteht,  wenn  das  feine  Pulver  mitWasser
und  Wolle  gekocht  wird.  Sie  ist  dann  rein  rot
und  wird  durch  Zusatz  einer  Beize  noch  schöner.
In  Verbindung  mit  anderen  Holzfarbstoffen  verwendet ­
  man  das  S.  zu  modegrünen,  bronzenen
und  braunen  Farbtönen  auf  Wollzeuge.  Weingeistige
  Auszüge  werden  außerdem  zum  Rotfärben ­
  verschiedener  Tinkturen,  Konditoreiwaren
und  Liköre  benutzt.  Die  stärksten  und  schönsten
Stücke  des  S.  (Kaliaturholz)  bilden  einen
gesuchten  Rohstoff  der  Kunsttischlerei,  da  dieses
Holz,  namentlich  im  polierten  Zustande,  prachtvolle ­
  Farben  zeigt.  —  Das  weiße  oder  gelbe
S.  stammt  von  Santalum  album,  einem  Baume
aus  der  kleinen  Familie  der  Santalazeen,  der
auf  Timor  und  einigen  anderen  ostindischen
Inseln  sowie  an  der  Küste  von  Koromandel  wild
wie  auch  angepflanzt  vorkommt.  Als  gleichwertigeArt
  wird  Santalum  Freycinetianum
von  den  Südseeinseln  angeführt,  während  das
westindische  S.  von  der  zu  den  Rutazeen  gehörigen ­
  Amyris  balsamifera  stammt.  Das  zu
uns  eingeführte  Holz  bildet  gewöhnlich  nur  armdicke, ­
  6—9  dm  lange,  glatt  geschälte  Scheite,
an  denen  der  Splint  weißlichgelb,  der  Kern
gelb  ist.  Es  hat  als  Möbelholz  den  Vorzug,  daß
es  nicht  von  Würmern  angegangen  wird,  dient
aber.  hauptsächlich  zur  Gewinnung  des  ätherischen ­
  Öles,  von  dem  es  bei  der  Destillation
mit  Wasserdampf  bis  über  6°/o  liefert.
Sandelholzöl  (lat.  Oleum  santali,  frz.  Essence
de  santal,  engl.  Oil  of  sandal  wood),  das  ätherische ­
  Öl  des  weißen  Sandelholzes,  ist  eine

2 5
        <pb n="392" />
        Sandpapier

386

Santonin

blaßgelbe,  sehr  dickflüssige,  kratzend  schmekkende
  Flüssigkeit  von  anhaltendem  aromatischen
Gerüche.  Das  spez.  Gew.  beträgt  0,974—0*985,
die  Linksdrehung  im  too-mm-Rohr  —16  bisao 0 .
Das  Öl  besteht  zu  90  °/o  und  darüber  aus  zwei
isomeren  Alkoholen,  a-  und  ß-Santalol,  und
im  übrigen  aus  einer  ganzen  Reihe  von  Verbindungen, ­
  von  denen  hier  die  Kohlenwasserstoffe ­
  Santen  und  Santalen,  die  Alkohole  Saintenonalkohol
  und  Teresantalol,  die  Aldehyde
Nortrizykloeksantalal  und  Santalal,  die  Ketone
Santenon  und  Santalon  sowie  die  Teresantalsäure
  und  Santalsäure  genannt  seien.  Es
löst  sich  in  fünf  Teilen  7o°/oigem  Alkohol.  Das
sog.  westindische  S.  von  Amyris  balsamifera
unterscheidet  sich  von  dem  echten  oder  ostindischen ­
  durch  seine  Unlöslichkeit  inyoo/oigem
Alkohol,  seine  Rechtsdrehung  und  das  niedrigere
.spez.  Gew.  (0,950—0,970).  Es  enthält  u.  a.  das
Sesquiterpen  Kadinen  und  den  Alkohol  Amyrol,
aber  kein  Santalol.  Das  echte  S.  wird  als
Parfüm,  hauptsächlich  aber  in  Gelatinekapseln
(Santal  Midy)  gegen  Tripper  angewandt.
Sandpapier  (Flintpapier)  wird  in  gleicher
Weise  wie  Glaspapier  (s.  d.)  hergestellt  und  benutzt. ­

Sandriedgraswurzel  (Sands  eggen  wurzel,
deutsche  Sassaparille,  lat.  Rhizoma  caricis,
  frz.  Racine  de  carex,  engl.  Carex  root).  Das
Sandriedgras  oder  die  Sandsegge,  Carex
arenaria,  ist  auf  dem  Küsten-  und  Dünensand
der  Nord-  und  Ostsee  sowie  landeinwärts  auf
unfruchtbarem  Sandboden  weit  verbreitet  und
nützt  durch  die  sehr  langen  Kriechwurzeln,  welche ­
  dem  lockeren  Sande  Halt  verleihen.  Die
Wurzeln  oder  Ausläufer  werden  im  Frühjahr  gesammelt ­
  und  getrocknet  und  in  etwa  2  m  langen
Bündeln  zum  Verkauf  gebracht.  Sie  sind  etwa
federkieldick,  außen  hellbräunlich,  innen  weiß
und  durch  Knoten  gegliedert,  von  denen  die
kleinen  fadenförmigen  Wurzeln  ausgehen.  Frisch
hat  die  Wurzel  einen  harzig-balsamischen  Geruch, ­
  der  beim  Trocknen  verschwindet,  und  einen
süßlich  und  schwach  bitteren  Geschmack.  Sie
dient  offizineil  als  blutreinigendes  Mittel.  —  Die
Wurzel  des  weit  verbreiteten  rauhen  Riedgrases ­
  (Carex  hirta),  welche  hier  und  da
ebenfalls  gesammelt  wird,  sieht  äußerlich  rotbraun ­
  aus  (daher  rote  Queckenwurzel)  und
bildet  kürzere  Stücke,  so  daß  die  Bündel  nur
6  dm  lang  sind.
Sandsteine  (frz.  Gres,  engl.  Sand-stone),  zu
den  Sedimentgesteinen  gehörige  Gebirgsarten,
kommen  nach  Farbe,  Härte  und  Nebenbestandteilen ­
  in  sehr  verschiedenen  Formen  vor,  bestehen ­
  aber  immer,  als  alte  wieder  zusammengebackene ­
  Sandlager,  aus  feineren  oder  gröberen
Quarzkörnern,  die  durch  irgendein  zwischengelagertes ­
  Bindemittel  zusammengehalten  werden. ­
  Je  nach  diesem  Zwischenmittel  unterscheidet ­
  man  tonigen,  mergeligen,  kalkigen  und  kieseligen
  S.,  von  denen  letzterer  der  härteste  und
beste  ist.  Der  Farbe  nach  gibt  es  ganz  weiße,
ferner  graue,  gelbliche,  grünliche  und  rote.  Der
färbende  Bestandteil  der  roten  und  gelblichen
Steine  ist  meist  Eisenoxyd.  Oft  erscheinen  die
Steine  durch  abwechselnde  verschiedenfarbige
Lagen  streifig  oder  geadert.  S.  werden  viel  als
Baumaterial  sowie  zu  Mühl-  und  Schleifsteinen

benutzt  und  in  dieser  Form  oft  weit  befördert.
Als  Baumaterial  können  sie  nur  da  versandt
werden,  wo  Flüsse  und  Ströme  wohlfeile  Verfrachtung ­
  ermöglichen,  wie  in  der  sächsischen ­
  Schweiz  (Quadersandstein),  ferner
auf  der  Mosel  bei  Trier,  Weser  u.  a.  Die
feinen  und  dichten  Steine  dienen  auch  zu  Steinund
  Bildhauerarbeiten,  wie  Tür-  und  Fenstersimsen, ­
  baulichen  Verzierungen,  Denkmälern
und  Statuen.  Gewisse  tonige  Sorten,  die
weder  zu  Bauten  noch  anderen  Zwecken  geeignet ­
  sind,  finden  wegen  ihrer  Feuerfestigkeit
als  sog.  Gestellsteine,  d.  h.  zum  Ausbau  der
heißesten  Teile  an  Eisenhochöfen,  technische
Verwendung.
Sanikel  (Saunikel,  lat.  Folia  saniculae,  frz.
Feuilles  de  sanicle,  engl.  Sanicle  leaves),  die  dreilappigen,
  ungleich  gezähnten  Blätter  der  in  Europa, ­
  im  nördlichen  Afrika  und  Mittelasien  heimischen ­
  Umbellifere  Sanicula  europea,
haben  einen  herben,  zusammenziehenden  Geschmack ­
  und  werden  in  der  Volksmedizin
gegen  Lungenleiden  verwandt.
Santonin  (Santoninsäureanhydrid,  lat.
Santoninum,  frz.  Santonine,  engl.  Santonin)  ist
der  wirksame  Bestandteil  des  sog.  Wurmsamens
(s.  d.),  aus  dem  es  fabrikmäßig  dargestellt  wird.
Zu  seiner  Gewinnung  kocht  man  den  Wurmsamen ­
  mit  verdünnter  Kalkmilch  aus,  zersetzt
die  so  erhaltene  Lösung  des  santonsauren  Kalkes ­
  mit  verdünnter  Salzsäure,  wodurch  das  S.
ausgefällt  wird,  entfernt  das  gleichzeitig  mit
abgeschiedene  Harz  durch  Behandlung  mit  heißem ­
  ammoniakalischen  Wasser  und  kristallisiert
das  noch  gefärbte  S.,  nach  Behandlung  seiner
alkoholischen  Lösung  mit  Tierkohle,  aus  Alkohol ­
  um.  Die  Ausbeute  beträgt  1,8—2,30/0.
Seit  einigen  Jahren  wird  in  Deutschland  nur
noch  wenig  S.  hergestellt,  da  eine  Fabrik  in
Taschkend  wegen  Ersparung  der  Transportkosten ­
  den  Samen  direkt  auf  S.  verarbeitet.
Man  erhält  das  reine  S.  in  schön  glänzenden,
weißen,  tafelförmigen  Kristallen,  die  geruchlos
und  geschmacklos  sind,  aber  in  alkoholischer
Lösung  stark  bitter  schmecken.  Der  Schmelzpunkt ­
  liegt  bei  170 0 .  In  Wasser  ist  das  S.  kaum
löslich  und  gegen  Lackmus  indifferent.  In
chemischer  Hinsicht  ist  es  das  Anhydrid  der
einbasischen  Santoninsäure,  C 16 H 20 O 4 ,  und
der  Formel  C 15 Hi 8 0 3  entsprechend.  Durch
Kochen  von  santoninsäurem  Barium  mit  Barytwasser ­
  entsteht  eine  neue,  aber  isomere  Säure,
die  Santonsäure.  Im  zerstreuten  Tageslichte,
schneller  im  direkten  Sonnenlichte,  färbt  sich
das  S.  gelb  und  muß  daher  in  schwarzen  Gläsern ­
  im  Dunkeln  aufbewahrt  werden.  Sein  Hydrat, ­
  die  Santoninsäure,  erleidet  dagegen  im
Sonnenlichte  keine  Farbenveränderung.  Will  man
gelb  gewordenes  S.  wieder  entfärben,  so  muß
man  es  aus  Alkohol  Umkristallisieren.  Das  S.
wie  auch  das  santoninsaure  Natrium  (lat.  Natrium ­
  santoninicum,  frz.  Santonate  sodique,  engl-Santonate
  of  Sodium)  wird  gegen  Spulwürmer
den  Kindern  gewöhnlich  in  Form  kleiner  Tabletten ­
  aus  einer  Eiweiß  und  Zucker  enthaltenden
leichten  Schaummasse  von  kegelförmiger  Gestalt, ­
  sog.  Santoninzeltchen  (lat.  Trochisci
santonini,  frz.  Pastilles  de  santonine,  engl.  Santonin ­
  Lozenges)  verabfolgt,  von  denen  die  schwä ­
        <pb n="393" />
        Santorinerde

387

Sardellen

cheren  0,03  g,  die,  stärkeren  0,05  g  S.  enthalten.
In  größeren  Mengen  wirkt  S.  giftig.
Santorinerde,  ein  auf  der  griechischen  Insel
Santorin  vor  kommendes,  dem  Traß  ähnliches,
terreibliches  Mineral,  wie  die  ganze  Insel  eine
Folge  vulkanischer  Tätigkeit,  bildet  einen  vortrefflichen ­
  natürlichen  Zement,  der  zwar  nicht
bis  zu  uns  gelangt,  aber  im  ganzen  Gebiete  des
Adriatischen  Meeres  zu  Wasserbauten  und  Uferschutz ­
  häufig  gebraucht  wird.  Er  bedarf  weder
irgendwelcher  Zubereitung  noch  Zuschläge,  sondern ­
  erhärtet,  einfach  ins  Wasser  geschüttet,
sogleich  zu  einer  festen  Steinmasse.
Saphir  (frz.  Saphir,  engl.  Sapphire),  ein  Edelstein, ­
  der  in  seinen  besten  Sorten  zu  den  wertvollsten ­
  Schmucksteinen  gehört,  besteht  in  chemischer ­
  Hinsicht  lediglich  aus  kristallisierter
Tonerde  (Aluminiumoxyd)  und  unterscheidet
sich  vom  Rubin  nur  durch  die  Farbe,  die  in
verschiedenen  Abstufungen  blau  ist.  Man  unterscheidet ­
  als  teuerste  die  männlichen  S.  von
tiefem  und  lebhaftem  Indigblau,  danach  die
weiblichen,  deren  Färbung  heller  ist,  und  als
Wassersaphire  die  hellsten,  nur  noch  schwach
bläulichen.  Wirklichen  Edelsteinwert  haben  nur
die  orientalischen  Steine,  die  sich  in  Hinterindien,
Zeylon  und  Siam  im  Sande  der  Flüsse  und  im
Schuttland  vorfinden  und  nicht  nur  roh,  sondern
auch  schon  geschliffen  von  Kalkutta  und  Bombay ­
  aus  versandt  werden.  In  Sachsen,  Böhmen
und  Frankreich  finden  sich  an  gewissen  Örtlichkeiten, ­
  gewöhnlich  in  basaltische  Lava  eingewachsen, ­
  ebenfalls  sehr  hübsch  gefärbte  Korunde, ­
  die  okzidentalischen  S.,  die 1  aber  nie
den  hohen  Wert  der  indischen  erreichen.  Echte
S.  erkennt  man  an  ihrer  Härte  (=  9)  und  an
ihrem  spez.  Gew.  (=  4,0),  wodurch  sie  sich  von
den  weicheren  und  spezifisch  leichteren  Steinen,
wie  Zyanit,  Euklas  und  blauem  Beryll,  unterscheiden. ­
  Man  schleift  die  guten  Steine  in  denselben ­
  Formen  wie  die  Diamanten.  Zeigt  sich
aber  ein  Stein  als  Sternsaphir,  d.  h.  strahlt
er  aus  seinem  Innern  einen,  sternartigen  sechsstrahligen
  Schein  aus,  so  wird  er  kappenförmig
(en  cabochon)  geschliffen.
Saphirin,  ein  in  Sibirien  und  auch  in  Siebenbürgen ­
  vorkommender  blauer  Chalzedon,  der
einige  Ähnlichkeit  mit  Saphir  hat,  kann  als
Halbedelstein  zu  billigem  Schmuck  Verwendung
i'nden.
Saponine  bilden  eine  im  Pflanzenreiche  außer-°identlich
  verbreitete  Gruppe  glykosidischer  Körbet, ­
  die  sich  u.  a.  in  der  Seifenwurzel  (Sapobaria
  officinalis),  in  der  Q  uillayarinde,
uen  Samen  der  Kornrade,  in  der  Monesiar
 Htde,  Guajakrinde,  in  Lychnis  Dian-Ihus
  und  zahlreichen  anderen  Karyophylla-2
 , e en  vorfindet.  Zur  Darstellung  bedient  man
s }ch  meist  des  wäßrigen  Auszuges  von  Quillayar
 mde,  der  mit  etwas  Forraaldehyd  gekocht
bnd  dann  nach  dem  Abfiltrieren  des  entstehenden ­
  Niederschlags  zur  Trockne  verdampft  wird.
Aus  levantinischer  Seifenwurzel  (Gypso-Phila
  Arrostii  Gusone)  erhält  man  das  S.
uur c h  Auskochen  mit  40°/oigem  Alkohol.  Das
b'dnt  Erkalten  ausfallende  S.  wird  mit  Äther-Alkohol
  ausgewaschen,  in  Wasser  gelöst  und
but  Bariumhydroxyd  gefällt.  Nach  Zerlegung
er  Bariumverbindung  fällt  man  das  S.  aus  der

Lösung  mit  Äther-Alkohol.  Andere  Methoden
der  Reindarstellung  beruhen  auf  der  Anwendung
von  Bleiessig.  —  Das  reine  S.  ist  ein  weißes
amorphes,  neutrales  und  geschmackloses  Pulver,
das,  in  absolutem  Alkohol  und  in  Äther  unlöslich,
mit  Wasser  stark  schäumende  Lösungen  bildet.
Die  Lösungen  drehen  die  Ebene  des  polarisierten
Lichtes  nach  links  und  werden  durch  Bleiessig ­
  und  Barytwasser  gefällt.  Beim  Kochen  mit
verdünnten  Säuren  zerfällt  S.  in  Zucker  und
Sapogenin.  Es  bildet  den  wirksamen  Bestandteil ­
  mehrerer  Waschmittel  und  wird  neuerdings
auch  unter  verschiedenen  Namen  wie  Gommelin,
  Spumatolin  benutzt,  um  künstlichen
Brauselimonaden  ein  besseres  Aussehen  zu
verleihen.  Wegen  der  Giftigkeit  des  S.  ist  diese
Verwendung  als  unzulässig  zu  bezeichnen.  Nach
neueren  Versuchen  von  Kobert  sollen  allerdings
verschiedene  Saponine  ungiftig  sein.
Sapotillholz  (Bullyholz,  Breiapfelholz,
engl.  Bullet  wood),  das  braungrünliche  Holz  des
in  Westindien  und  dem  nördlichen  Teile  von
Südamerika  wachsenden  Baumes  Achras  Sapota,
  ist  sehr  dicht  und  hart  und  gehört  zu
den  besten  Zimmerhölzern.  Die  als  Sapotillpflaumen
  bezeichneten  Früchte  haben,  wenn
sie  teigig  geworden,  einen  quittenähnlichen  Geruch ­
  und  Geschmack  und  werden  im  Ursprungslande ­
  genossen.  Die  bittere,  zusammenziehend
schmeckende  Rinde  des  Baumes,  die  früher
als  Cortex  Sapotae  in  Apotheken  geführt  wurde,
dient  ebenso  wie  die  sehr  bitteren  Samenkerne
(Sapotillkörner,  lat.  Grana  Sapotillae)  in  Amerika ­
  als  Fiebermittel.
Saprol  ist  ein  Gemisch  von  Mineralschmierölen ­
  mit  ungefähr  40  0/0  Rohkresol.  Die  dunkelbraune ­
  ölige  Flüssigkeit  schwimmt  auf  Wasser,
das  sie  mit  einer  gleichmäßigen  dünnen  Schicht
überzieht,  und  wird  daher  zur  Desinfektion  von
Aborten,  Pissoirs  und  Latrinen  benutzt.  Ähnliche
Zusammensetzung  zeigen  Saprolin  und  Saprosol.

Sardellen  sind  kleine,  zu  der  Familie  der
Heringe  gehörende  Seefische,  Engraulis  encrasicholus,
  die  nur  eine  Länge  von  etwa
16  cm  erreichen  und  sich  von  den  oft  mit  ihnen
verwechselten  jungen  Heringen,  Sprotten  und
Sardinen  (s.  d.)  durch  den  schlanken  Leib,  die
glatte  (nicht  mit  gestielten  Schuppen  versehene)
Bauchkante  und  das  weite,  bis  hinter  die  Ohren
gespaltene  Maul  unterscheiden.  Die  Färbung
ist  azurblau,  unten  silberglänzend,  die  großen
dünnen  und  durchsichtigen  Schuppen  fallen  leicht
ab.  Die  Fische  kommen  zwar  auch  an  den
skandinavischen,  englischen  und  holländischen
Küsten  vor,  ihr  Hauptgebiet  ist  aber  das  Mittelmeer ­
  und  die  atlantische  Küste  von  Frankreich
und  Spanien,  wo  sie  in  großen  Zügen  erscheinen
und  bei  Tag  und  Nacht,  vom  Mai  bis  Juli  gefangen ­
  werden.  Abgesehen  von  den  an  Ort  und
Stelle  frisch  verbrauchten,  werden  die  S.  nach
Entfernung  des  Kopfes  und  der  Eingeweide  mit
Pfeffer  und  Salz  schichtenweise  in  Fässer  gepackt ­
  und  so  versandt.  Man  rechnet  auf  ein
Faß  (Anker)  im  Durchschnitt  5000  Stück,  von
den  kleinen,  die  auch  zum  Ausfüllen  dienen,  bis
10000,  von  großen  3000  oder  gar  nur  2000
Stück.  Die  mittelgroßen  werden  am  höchsten
geschätzt.  Man  bezeichnet  auf  den  Fässern  den
        <pb n="394" />
        Sardellenbutter

Sassaparille

388

Jahrgang  und  bevorzugt  den  zweiten,  da  sie
nach  drei  Jahren  weicher,  tranig,  gelb  und  zerbrechlich ­
  werden.  Als  Zeichen  guter  Beschaffenheit ­
  gilt  ein  weißes  und  festes  Fleisch.  —  Von
den  bisweilen  untergeschobenen  fremden  Fischen
unterscheiden  die  S.  sich,  abgesehen  von  den
angegebenen  äußeren  Kennzeichen,  durch  den
überaus  geringen  Fettgehalt,  der  nur  etwa  i  o/o
beträgt,  gegen  12—15  0/0  bei  Heringen  und  Sardinen. ­
  —  Anchovis  sind  eigentlich  mit  S,
identisch  und  Anchovispaste  ist  daher  Sardellenbutter ­
  (s.  d.).  In  Deutschland  versteht  man
aber  unter  Anchovis  (s.  d.)  meist  kleine,  mit
Essig  und  Gewürzen  eingelegte  Sprotten.
Sardellenbutter  bildet  einen  Gegenstand  des
Delikatessenhandels,  während  sie  früher  meist
in  den  Haushaltungen  für  den  augenblicklichen
Gebrauch  hergestellt  wurde.  Zur  fabrikmäßigen
Darstellung  werden  die  gewaschenen  und  entgräteten ­
  Sardellen  fein  gewiegt,  mit  Butter  vermischt ­
  und  dann  in  Zinntuben  oder  kleine  runde
Blechdosen  eingeschlossen.  Die  Menge  des  zugesetzten ­
  Butterfettes  schwankt  innerhalb  ziemlich ­
  weiter  Grenzen  zwischen  10  und  250/0,  und
zwar  enthält  die  käufliche  Handelsware  meist
weniger  Fett,  so  daß  sie  für  den  Gebrauch  noch
mit  etwas  Butter  vermischt  werden  kann.  Verfälschungen ­
  mit  Margarine  sind  nicht  besonders
lohnend  und  daher  selten,  hingegen  soll  der
Ersatz  der  Sardellen  durch  geringwertigere
Fische:  Anchovis,  Sardinen,  Heringe  in  ziemlich
großem  Umfange  betrieben  werden.  Der  Nachweis ­
  dieser  Verfälschung  erfolgt  nach  dem  Verfahren ­
  von  Buttenberg  durch  Bestimmung  der
Refraktion,  der  Reichert-Meißlschcn  Zahl  und
der  Jodzahl  des  Petroläther-Auszuges.
Sardine,  ein  zu  den  Heringen  gehörender
Seefisch,  Clupea  pilchardus  oder  CI.  sardina,
  wird  im  Mittelmeer  und  an  den  atlantischen ­
  Küsten  Westeuropas,  besonders  der  Bretagne, ­
  in  ungeheuren  Schwärmen  gefangen.  Die
etwa  23,  in  Ausnahmefällen  bis  zu  28  cm  lange
S.  unterscheidet  sich  vom  Hering,  dem  sie  in
der  Farbe  ähnelt,  durch  den  etwas  breiteren
Bau  und  die  geringere  Größe,  vpn  der  Sardelle
durch  die  dort  angegebenen  Merkmale.  Die
meisten  Fische,  die  ein  überaus  zartes,  schmackhaftes ­
  Fleisch  besitzen,  werden  inForm  der  Ölsardinen ­
  (Sardines  ä  l’huile)  in  den  Verkehr
gebracht.  Man  entfernt  zu  ihrer  Herstellung
Kopf  und  Eingeweide,  läßt  die  Fische  eine
Stunde  an  der  freien  Luft  trocknen,  taucht  sie
dann  einige  Minuten  in  siedendes  Öl  und  setzt
sie  nochmals  2—3  Stunden  der  Luft  oder,  bei
Regenwetter,  gelindem  Feuer  aus.  Schließlich
packt  man  sie  in  Blechbüchsen,  übergießt  mit
frischem  Olivenöl  und  lötet  zu.  Nach  dem  Verlöten ­
  kommen  die  Büchsen  in  Siedendes  Wasser,
dann  zur  Abkühlung  und  zu  100  Stück  in  Kisten
zur  Verpackung.  Der  Ersatz  des  Olivenöls  durch
andere  Öle  ist  bisweilen  als  Verfälschung,  der
Z.usatz  von  Mineralöl  als  gesundheitsschädlich
angesehen  worden.
Sargol,  ein  wertloses  Geheimmittel  gegen
Magerkeit,  besteht  aus  1,8  g  schweren  Pillen,
die  Zucker,  Kakao,  Stärke  und  Vanillin  enthalten. ­

Sarrazinwurzel  (lat.  Radix  sarraceniae  purpureae,
  frz.  Racine  de  sarracinia,  engl.  Sarracinia

  root),  eine  gegen  Blattern  und  andere  ansteckende ­
  Krankheiten  empfohlene  Droge,  stammt
von  Sarracenia  purpurea,  einer  zu  den  Nepentheen
  gehörigen,  in  den  Sümpfen  Neu-Schottlands
  und  Neu-Jerseys  wachsenden  Pflanze.
Die  Ware  besteht  aus  einem  bis  18  cm  langen.
3—15  mm  dicken,  walzenförmigen,  etwas  gekrümmten ­
  Wurzelstock,  .der  mit  einzelnen  braunroten ­
  Wurzelfasern  und  oben  mit  den  Blattstielresten ­
  besetzt  ist.  Die  Farbe  ist  außen
braunrot  bis  dunkelbraun,  innen  weißlich,  der
Geruch  angenehm,  der  Geschmack  bitter.  Die
Blätter  (lat.  Folia  sarraceniae,  frz.  Feuilles  de
sarracenia,  engl.  Sarracenia  leaves),  die  ebenfalls ­
  im  Handel  Vorkommen,,  sollen  dieselbe
Wirkung  besitzen.
Sarsenefs  ist  eine  Bezeichnung  für  leinwandartig ­
  dicht  gewebte,  im  Stück  gefärbte  und
stark  geglättete  Baumwollzeuge,  die  hauptsächlich ­
  als  Futterkattune  verkauft  werden.
Sassafrasholz  (Fenchelholz,  lat.  Lignum
sassafras,  frz.  Bois  de  Sassafras,  engl.  Sassafras ­
  root),  richtiger  Sassafraswurzel,  besteht
aus  der  Wurzel  eines  in  den  Vereinigten  Staaten ­
  Nordamerikas  heimischen  Baumes  aus  der
Familie  der  Lorbeerbäume  (Sassafras  officinale),
  die  in  Form  langer,  verschieden  dicker,
knorriger,  hin  und  her  gebogener  Stücke  oder
auch  in  Späne  geraspelt  in  den  Handel  kommt-Die
  Wurzel  ist  mit  einer  korkigen,  äußerlich
grauen,  innen  rotbraunen  Rinde  bedeckt,  der
Holzkörper  feinporig,  ziemlich  leicht,  gelbbräunlich
  oder  rötlich  gefärbt  und  zeigt  auf  dem
Querschnitt  viele  zarte  Jahresringe  und  diese
durchsphneidende,  vom  Kern  nach  dem  Umfange ­
  strahlig  verlaufende  dunkle  Markstrahlen.
Das  Holz  hat  einen  angenehm  aromatischen,
fenchelähnlichen  Geruch  und  Geschmack  und
enthält  neben  ätherischem  Öl  einen  kristallinischen ­
  Gerbstoff  (Sassafrid).  Das  Stammholz,
das  vom  Wurzelhölz  leicht  unterschieden  werden ­
  kann,  ist  ganz  arm  an  diesen  Bestandteilen
und  hat  nur  schwachen  Geruch,  dient  aber
häufig  zur  Verfälschung  der  geraspelten  Ware-Verwendung
  findet  das  Holz  als  blutreinigendes
Mittel  gegen  Skrofeln  und  Hautkrankheiten,
sowie  als  Bestandteil  von  Holztee  (Species  lig'
norum).  Inländische  Handelshäuser,  welche  das
Holz  durch  Zerkleinern  gebrauchsfähig  machen,
bringen  es  in  die  bei  derartigen  Erzeugnissen
beliebte  Form  kleiner  Würfelchen.  —  Als  besondere ­
  Ware  wird  das  aus  der  Wurzel  mit
Wasserdampf  abdestillierte  Sassafrasöl  (lat
Oleum  sassafras,  frz.Essence  de  sassafras,  engl-.Oil
  of  sassafras)  von  Nordmerika  in  den  Handel
gebracht.  Es  besteht  aus  Safrol,  Kampfer»
Eugenol,  Pinen  und  Phellandren  und  dient
besonders  zur  Herstellung  parfümierter  Seifen-Das
  schwere,  anfangs  farblose,  später  gelb  bis
rötlichgelb  werdende  Öl,  das  den  Geschmack
und  Geruch  des  Holzes  in  hohem  Grade  besitzt,
hat  ein  spez.  ‘Gew.  von  1,070—^1,080,  ist  rechtsdrehend
  und  mit  starkem  Alkohol  mischbar-Vergleiche
  ferner  den  Abschnitt:  Safrol.
Sassaparille  (Sarsaparille,  lat.  Radix  sassaparillae,
  frz.  Salsepareille,,  engl.  Salsaparigli 3 .)’
Diesen  Namen  führen  im  Drogenhandel  &amp;lt;h e
Wurzeln  verschiedener,  in  den  heißen  Gegendeh
Amerikas  heimischer  Arten  der  Gattung  St# 1 '
        <pb n="395" />
        Sassaparille

389

Satin

*ax  (Stechwinde),  von  denen  als  Stammpflanzen ­
  namentlich  Smilax  syphilitica,  Smilax
tnedica,  Smilax  sassaparilla  und  Smilax
officinalis  angegeben  werden,  doch  ist  nicht
tnit  Sicherheit  bekannt,  von  welchen  die  einzelnen ­
  Handelssorten  abstammen.  Die  Smilax-Arten
  sind  immergrüne  rankende  und  stachlige
Sträucher  mit  knollig  verdicktem  Wurzelstock,
von  dem  zahlreiche,  sehr  lange,  bis  federkieldicke ­
  Nebenwurzeln  ausgehen.  Je  nach  Ortsgebrauch ­
  werden  entweder  die  ganzen  Wurzeln
oder  nur  die  abgelösten  Nebenwurzeln  in  den
Handel  gebracht.  Die  letzteren  sind  bisweilen
mehr  glattrund,  oft  aber  auch  längsrunzelig  oder
kantig.  Ihre  äußere  Farbe  schwankt  von  gelblich- ­
  oder  rötlichbraun  bis  zum  dunkleren
Braun.  Auf  dem  Durchschnitt  zeigt  sich  die
Rinde,  je  nach  der  Art,  bald  dünn,  bald  verdickt, ­
  im  letzteren  Falle  dicht  mit  Stärkemehl
erfüllt  und  daher  weiß  oder  rötlichweiß.  Der
Kern  ist  weiß  oder  gelblich,  porös  und  zähe
Manche  Ware  erscheint  im  Durchschnitt  nicht
mehlig,  sondern  hornartig,  weil  sie  über  Feuer
getrocknet  und  dadurch  das  Stärkemehl  verkleistert ­
  wurde.  Die  Wurzel  ist  geruchlos,
schmeckt  aber  beim  Kauen  bitterlich  schleimig,
später  kratzend  schärf.  Die  einzelnen  Sorten
werden  nach  den  Erzeugungsländern  oder  Ausfuhrhäfen ­
  benannt.  Als  Sassaparille  des
Deutschen  Arzneibuches  gilt  die  Honduras-S.,
  die  man  aber  nicht  nur  von  Honduras, ­
  sondern  auch  von  dem  benachbarten  Beließ ­
  und  Guatemala  erhält.  Sie  kommt  in  großen,
an  den  Ecken  abgerundeten  Ballen  in  den  Handel, ­
  die  entweder  nur  oben  und  unten,  oder
auch  ganz  mit  Tierhäuten  überzogen  sind  und
die  Wurzeln  in  Form  einzelner  Bündel  enthalten. ­
  Je  nach  der  Art  der  Packung  kann  man
dreierlei  Sorten  .  unterscheiden.  Bei  der  einen
hegen  die  Wurzelstöcke'in  der  Mitte,  und.  die
langen  Wurzelfasern  sind  von  rechts  nach  links
bogenförmig  gegen  die  Stengelreste  hineingeschlagen, ­
  bei  der  anderen  befinden  sich  die
Wurzelstöcke  noch  in  ihrer  natürlichen  Lage,
and  die  Fasern  sind  mehrere  Male  gegen  dieselbe ­
  eingeschlagen,  so  daß  in  den  Ballen
sämtliche  Wuijzelstöcke  nach  außen,  die  Wurzeln ­
  hingegen  nach  innen  zu  liegen  kommen,
°der  endlich  die  knollenförmigen  Wurzelstöcke
s md  ganz  entfernt,  die  Wurzeln  der  Länge  nach
zu  armdicken  Bündeln  von  500—600  g  Gewicht
zusammengelegt,  oben  und  unten  eingeschlagen
Und  der  ganzen  Länge  nach  dicht  mit  dünnen
Wurzeln  umwickelt,  so  daß  nur  an  beiden  Enden
e twa  eine  Handbreit  freibleibt.  DieHonduras-S-
  hat  äußerlich  eine  schön  rotbraune  Farbe
Und  nur  wenig  gefurchte,  aber  längsstreifige
Wurzeln.  Die  Rinde  ist  bald  dünner,  bald
dicker,  das  Mark  tnehlig  und  weiß,  ohne  Gefaßporen,
  ziemlich  groß  und  deutlich  vom  holzigen ­
  Teile  abgegrenzt.  Der  Rindenteil  erscheint
auf  dem  Querschnitte  rötlich  oder  weißgrau,  die
Kpidermis  sehr  dünn.  Als  zweite  Sorte,  die  für
den  deutschen  Handel  in  Betracht  kommt,  ist
die  Verakruz-S.  zu  nennen,  die  in  mit  Stricken
Urnschnürten  Ballen  (Seronen)  von  75—100  kg
über  Verakruz  in  den  Handel  kommt.  Die
Wurzel  ist  außen  meist  lehmig  und  stark  ein-Sfischrumpft,
  die  Rindenmasse  infolge  derRäucherung

  hornartig.  Der  Holzring  ist,  im  Gegensatz
zur  H  ondurassorte,  sehr  stark,  das  Mark  schwach.
Weitere  gute  Sorten  sind;  Caracas,  eine  hellbraune, ­
  nicht  häufig  zu  erlangende  Wurzel,  sowie ­
  die  gelbbraune  bis  braune  brasilianische,
die  auch  Lissaboner,  Para-,  Maranhaowurzel
  genannt  wird.  Diese  Sorten  werden
von  einigen  Arzneibüchern  als  allein  zulässig
bezeichnet.  Als  geringere  Ware  kommt  viel
mexikanische  S.  nach  Europa,  die  zwar  billig,
aber  durch  Stengel,  Fasern,  Knollen  und  Erde,
verunreinigt  ist.  Andere  geringere  Sorten,  die
im  deutschen  Handel  wenig  oder  gar  keine  Bedeutung ­
  haben,  sind  die  von  Granada,  Manzanillo,
  Kostarika,  St.  Thomas  und  Jamaika. ­
  Die  im  natürlichen  Zustande  aus  Amerikakommenden ­
  Wurzeln  werden  in  den  Drogenhäusern ­
  größtenteils  gesäubert,  die  vorhandenen,
ganz  wertlosen  Wurzelknollen  entfernt,  die
dünnen  Wurzeln  in  Stücke  von  gleichmäßigen
Längen  zerschnitten,  auch  wohl  gespalten  und
in  regelmäßige  Päckchen  gebündelt.  An  kennzeichnenden ­
  Bestandteilen,  die  in  der  dicken
Unterrinde  ihren  Sitz  haben,  sind  ein  bitter  und
scharf  schmeckendes  Harz,  zwei  eigentümliche
kristallisierbare  Saponine:  Smilazin  und  Parillin,
  sowie  ein  amorphes  Saponin  Sarsaponin
  und  ätherisches  Öl  nachgewiesen  worden. ­
  Die  erstgenannten  Saponinkörper  sollen
bisweilen  giftige  Wirkungen  hervorrufen.  Die
Wurzel  gilt  als  eines  der  kräftigsten  schweißund
  harntreibenden  Mittel  sowie  als  das  beste
pflanzliche  Mittel  gegen  Syphilis.  Auch  braucht
man  sie  gegen  Skrofeln  und  Gicht  sowie  in
anderen  Fällen,  in  denen  es  auf  eine  erhöhte
Hauttätigkeit  ankommt,  sowohl  in  wäßriger  Abkochung ­
  als  auch  in  Form  von  weingeistigem
Extrakt  und  Sirup.
Sassyrinde  (lat.  Cortex  sassy,  frz.  Ecorce  de
sassy,  engl.  Sassy  bark),  eine  von  England  aus
als  Mittel  gegen  Wechselfieber  und  Dysenterie
empfohlene  Droge,  kommt  von  der  Westküste
Afrikas  und  stammt  von  Erythrophloeum
guineense,  einem  großen  Baume  mit  ausgebreiteten ­
  Ästen,  doppelt  gefiederten  Blättern,
in  ährenartigen  Trauben  stehenden  Blüten  und
Hülsenfrüchten.  Das  Pulver  der  Rinde  reizt  zum
Niesen  und  soll  auch  Erbrechen  erregend  und
abführend  wirken.  Als  Bestandteile  der  S.  sind
ein  Alkaloid,  Erythrophloein,  sowie  Erythrophloeinsäure
  nachgewiesen  worden.  Das
Alkaloid  ist  ein  Herzgift,  ähnlich  dem  Digitalin.
Satin.  Im  engeren  Sinne  bezeichnet  man  mit
diesem  Namen  weißen  seidenen  Atlas  (s.  d.),
im  weiteren  Sinne  alle  seidenen,  wollenen,  baumwollenen ­
  und  leinenen  Gewebe,  die  nach  Atlasart ­
  mit  glänzender  Oberfläche  ,hergestellt  sind.
Die  seidenen  Stoffe  der  Gattung  führen,  je  nachdem ­
  sie  leichter  oder  schwerer  sind,  verschiedene ­
  Namen,  wie  Satin  de  Chine,  russe,  turc  usw.
Baumwollsatins  (engl.  Sateens)  werden  in
Deutschland  englisches  Leder  genannt.  Wollsatins
  oder  Wollatlasse  (Satins  de  laine)  sind
wollene,  härtere  oder  weichere  Glanzstoffe  zu
Röcken  und  Möbelüberzügen.  Die  glatten,  einfarbigen ­
  Gewebe  dieser  Art  bilden  die  sog.
Lastings.  —  Satinets  sind  gewöhnlich  halbseidene, ­
  bunt  gestreifte  Zeuge  aus  Baumwollgrund
  mit  seidenen  Streifen,  oder  Zeuge  aus
        <pb n="396" />
        ^  •  ”

Sauerkraut

390

Schafgarbe

Glanzwolle,  die  dann  Lastings  zweiter  Sorte  abgeben, ­
  wie  überhaupt  baumwollenes  englisches
Leder  sowohl  mit  dem  Namen  Satin  als  Satinet
belegt  wird.
Sauerkraut  (Sauerkohl)  wird  durchBehandlung
  von  fein  geschnittenem  Weißkohl  (Brassica ­
  oleracea  capitata)  mit  Kochsalz  in  festgefüllten
  Fässern,  zweckmäßig  Weißweinfässern,
hergestellt.  Der  Kohl  unterliegt  unter  dem  Einflüsse ­
  verschiedener  Bakterien  und  Hefen  einem
Gärungsprozeß,  in  dessen  Verlaufe  neben  reichlichen ­
  Mengen  Milchsäure  auch  aromatisch
riechende  Ester  entstehen.  Zur  Erhöhung  des
Wohlgeschmacks  werden  häufig  geschnittene
Borsdorfer  Äpfel,  Weinbeeren,  grüne  Walnüsse,
Kümmel  und  andere  Gewürze  sowie  geringe
Mengen  Wein  hinzugesetzt.  Das  S.  besitzt  eine
gute  Haltbarkeit,  muß  aber,  sobald  es  im  Fasse
weich  wird,  schnell  verbraucht  werden.  Haupthandelsplatz ­
  ist  Magdeburg.
Sauerstoff  (lat.  Oxygenium,  frz.  Oxygfene,  engl.
Oxygen),  der  zur  Erhaltung  des  Lebens  vermittels ­
  der  Atmung  unentbehrliche  Bestandteil
der  atmosphärischen  Luft,  in  der  neben  78  0/0
Stickstoff  und  geringen  Mengen  Wasserdampf
und  Kohlensäure  rund  22  0/0  Sauerstoff  enthalten
sind,  kann  für  die  Zwecke  des  Laboratoriums
nach  verschiedenen  Verfahren:  Glühen  von
Quecksilberoxyd,  Kaliumchlorat  oder  eines  Gemisches ­
  von  Kaliumchlorat  und  Braunstein,  Behandlung ­
  von  Wasserstoffsuperoxyd  mit  Kaliumpermanganat, ­
  hergestellt  werden.  Er  bildet
im  reinen  Zustande  ein  farbloses  und  geruchloses
Gas  vom  Atomgewicht  O  =  16  und  vom  spez.
Gew.  1,1056  auf  Luft  bezogen.  1  1  S.  wiegt
1,43028  g.  Als  Gegenstand  des  Handels  kommt
S.  erst  in  Betracht,  seitdem  man  ihn  in  flüssige
Form  überführt.  Hierzu  ist  eine  Abkühlung  auf
—  140 0  und  ein  Druck  von  320  Atmosphären  erforderlich. ­
  Für  die  fabrikmäßige  Darstellung
des  flüssigen  S,  wird  Bariumoxyd  in  einem
Strome  kohlensäurefreier  Luft  auf  500—6oo°  erhitzt, ­
  wobei  es  sich  unter  Sauerstoffaufnahme
in  Bariumsuperoxyd  verwandelt,  das  nun  seinerseits ­
  beim  Erhitzen  auf  8oo°  wieder  nahezu
reinen  Sauerstoff  von  90—960/0  abspaltet.  Nach
einem  anderen  Verfahren  leitet  man  über  Kalzium ­
  prthoplumbat  Kohlensäure,  wobei  Sauerstoff ­
  abgespalten  wird,  und  führt  die  zurückbleibende ­
  Bleiverbindung  durch  Überleiten  von
Luft  wieder  in  das  Orthopiumbat  über,  so  daß
auch  hier  ein  ununterbrochener  Betrieb  möglich ­
  ist.  Noch  andere  Arbeitsweisen  beruhen
auf  der  elektrolytischen  Zersetzung  des  Wassers,
der  Verwendung  flüssiger  Luft  und  der  verschiedenen ­
  Löslichkeit  von  Sauerstoff  und  Stickstoff ­
  in  Wasser.  Der  nach  irgendeinem  Verfahren ­
  gewonnene  S.  wird  in  Stahlzyiindern,  wie
die  Kohlensäure,  verflüssigt  und  so  in  den  Handel ­
  gebracht.  Der  Preis  beträgt  für  1000  1
8—10  M.  ausschließlich  der  Zylinder.  Flüssiger
Sauerstoff  wird  zum  Einatmen  bei  Atemnot,  bei
zahlreichen  Blutvergiftungen,  wie  durch  Leuchtgas ­
  und  Kohlenoxyd,  bei  Herzkrankheiten  und
Bleichsucht  verordnet.  Die  Luftschiffer  führen
ihn  in  große  Höhen,  die  Feuerwehrleute  in  verqualmte ­
  Gebäude  mit  sich.  Die  Technik  benutzt
ihn  als  Oxydationsmittel  bei  chemischen  Prozessen, ­
  zur  Erzeugung  hoher  Temperaturen  in

Hochöfen,  zur  Speisung  von  Knallgasgebläsen ­
  usf.
Sauerstoffbäder  bestehen  aus  einem  Sauerstoff ­
  abgebenden  Körper  (Natriumperborat)  und
einem  Katalysator,  der  Kaliumpermanganat  oder
eine  organische  Säure  oder  ein  Ferment  enthält.
Schachtelhalm  (Schachthalra,  Schafthälm,
Winterkannenkraut,  lat,  Herba  equiseti,  frz.
Prüle,  engl.  Shave  grass).  Die  beiden  bei  uns
vorkommenden  Arten  der  zu  den  Kryptogamen ­
  gehörigen  Gattung  Equiset  um  zeichnen
sich  durch  einen  starken  Kieselsäuregehalt  ihrer
Oberflächenschichten,  namentlich  der  Stengel,
und  durch  die  rauhe,  höckerige  Oberfläche  der
letzteren  aus.  Sie  eignen  sich  daher  gut  zum
Schleifen  und  Glätten  von  Holz  und  zum  Abscheuern ­
  von  Metallgefäßen.  Der  kleine  S.  (E.
arvense,  lat.  Herba  equiseti  minoris),  ein  bekanntes, ­
  schwer  zu  vertilgendes  Unkraut  sandiger ­
  Äcker,  wird  im  Haushalte  als  Scheuergras ­
  oder  Zinnkraut  zum  Putzen  von  Metallgeschirren ­
  benutzt.  Der  große  S.  (E.hiemale,
lat.  Herba  equiseti  majoris)  hat  seinen  Standort ­
  auf  sandigen  Stellen  in  der  Nähe  von
Wasser  und  in  feuchten  Wäldern  und  ist  in  ganz
Deutschland,  besonders  in  den  Rheingegenden,
verbreitet.  Die  gegliederten  Stengel  sind  rund,
6—8  dm  hoch  und  reihenweise  mit  harten,  scharfen ­
  Zähnchen  besetzt.  Die  getrockneten  Stengel
werden  vonTischlern,Drechslern,Holzbildhauern
und  Lackierern  zum  Abschleifen  von  Holz  benutzt, ­
  sind  aber  jetzt  durch  Glas-  und  Flintpapier ­
  verdrängt  worden.  —  Beide  Sorten  werden ­
  wegen  ihrer  harntreibenden  Wirkung  als
Tee,  z.  B.  als  Bestandteil  des  Kneippschen
Wassersuchttees,  vielfach  medizinisch  angewandt. ­

Schachtelmus  ist  eine  zolltechnische  Bezeichnung ­
  für  Marmelade  (s.  diese).
Schachteln.  Diese  zur  Aufbewahrung  oder
zum  Versand  von  Waren  dienenden  Behälter
werden  aus  verschiedenen  Stoffen  hergestellt.
Hauptsächlich  kommen  in  Frage  Holzspanschachteln,
  aus  Fichtenholz,  die  z.  B.  in  großen
Mengen  in  Thüringen,  Franken  usw.  hergestellt
werden,  sowie  Pappschachteln,  als  Buchbinderarbeiten ­
  in  teils  einfacher,  teils  oft  recht
kostbarer  Aufmachung.
Schafgarbe  (Karbekraut,  Gollenkraut,  lat.
Herba  millefolii,  frz.  Millefeuille,  engl.  Milfoil),
ein  nur  noch  wenig  gebräuchlicher  Gegenstand
des  Drogenhandels,  besteht  aus  den  getrockneten ­
  Blättern  einer  an  Wegen,  auf  Wiesen,  Rainen
und  Rändern  gemeinen,  ausdauernden  Komposite, ­
  Achillea  millefolium,  mit  fein  zerteilten ­
  Blättern  und  weißen,  auf  einzelnen
Standorten  auch  purpurroten,  in  zusammengesetzten ­
  Doldentrauben  stehenden  Blüten  von
würzhaftem  Geruch  und  bitterem  und  salzigem
Geschmack.  —  Auch  die  Blüten  (lat.  Flores
millefolii,  frz.Fleurs  de  millefeuille,  engl.  Milfoil
flowers)  werden  im  Drogenhandel  geführt  und
wie  die  Blätter  zur  Herstellung  eines  Weingeist)-gen
  Extraktes  sowie  des  ätherischen  Öles  benutzt. ­
  Die  Schafgarbenblätter  und  -blüten  dienen
als  Aufguß  bei  Blutungen  und  Leberleiden  sowie ­
  als  blutreinigende  Mittel,  —  Das  bisweilen
noch  medizinisch  angewandte  Schafgarbenöl
(lat.  Oleum  millefolii  aethereum,  frz.  Essence
        <pb n="397" />
        Schaftalg

391

Schellack

de  fleurs  de  millefeuille,  engl.  Oil  of  milfoil  flowers),
  von  dem  etwa  0,07—0,25  0/0  erhalten  werden, ­
  zeigt  dickflüssige,  in  der  Kälte  bisweilen
butterartige  Konsistenz  und  blaue  Farbe,  die
mit  der  Zeit  in  Grün  und  Braun  übergeht.  Der
Geruch  des  Öls  ist  durchdringend,  der  Geschmack
kampferartig  aromatisch.
Schaftalg  (Hammeltalg,  Schöpstalg,  lat.
Sebum  ovile,  frz.  Suif  de  mouton,  engl.  Mutton
tallow)  ist  das  aus  fettreichen  Teilen  von  Schafen ­
  ausgeschmolzene  Fett.  Zu  seiner  Gewinnung
benutzt  man  hauptsächlich  das  Gekröse-,  Netz-,
Nieren-,  Herz-  und  Mittelfellfett,  seltener  andere
'  fettreiche  Körperteile.  Das  weiße,  brüchige  und
im  frischen  Zustande  fast  geruchlose  Fett  ist  in
seinen  äußeren  Eigenschaften  und  seiner  chemischen ­
  Zusammensetzung  dem  Rindertalg  (s.  d.)
ähnlich,  wird  aber  leichter  ranzig  und  nimmt
dann  oft  Bocksgeruch  an.  Abgesehen  von  der
beschränkten  Verwendung  als  Speisefett,  wozu
die  Abstammung  von  geschlachteten  Tieren
selbstverständliche  Voraussetzung  bildet,  und  in
der  Pharmazie  wird  Sch.  hauptsächlich  in  der
Technik  verarbeitet  (s.  Talg).  Die  Bezeichnungen ­
  Schaffeintalg,  -oleomargarin-  und  -preßtalg
sind  wie  bei  Rindertalg  zu  verstehen.
Schalen,  pflanzliche.  Hierunter  rechnet  man
1.  diejenigen  S.,  die  zu  Schnitzarbeiten  dienen,
2.  B.  Steinnuß-  und  Kokosnuß  schalen.
2.  solche  zum  Gewerbegebrauch  =  Rinde,
z.  B.  Angosturarinde.  3.  Sch.  zum  Heilgebrauch, ­
  z.  B.  Kondnrangorinde.  4.  S.
aus  dem  Tierreich,  z.  B.  Muschelschalen,
Schildkrötenschalen.  Nähere  Angaben  finden ­
  sich  bei  den  Einzelbesprechungen.
Schamotte  (Chamotte)  nennt  man  die  Masse,
aus  welcher  die  für  Schmelzöfen  und  andere
Feuerungsanlagen  benutzten  feuerfesten  Backsteine ­
  (Schamottesteine,  frz.  Briques  refractaires,
  Briques  en  chamotte,  engl.  Fire  bricks,
Chamotte  stones),  ferner  Schmelztiegel,  Kapseln
zum  Porzellanbrennen  usw.  gefertigt  werden.
Sie  besteht  aus  reinem  Ton,  der  mit  bereits  vorher ­
  gebranntem  und  gemahlenem  Ton  gemengt
ist.  Die  Feuerbeständigkeit  der  Masse,  vermöge
welcher  sie  selbst  in  anhaltender  Weißglut  nicht
berstet,  mürbe  wird  oder  schmilzt,  beruht  lediglich ­
  auf  der  Reinheit  des  Tons,  d.  h.  der  Abwesenheit ­
  von  Alkalien,  Kalk  und  Eisenoxyd,
denn  solcher  reiner  Ton  ist  schon  von  Natur
feuerfest.  Der  Zusatz  des  bereits  gebrannten
Tons  oder  gemahlener  Tonscherben  hat  lediglich ­
  den  Zweck,  das  starke  Schwinden  zu  verhindern, ­
  welchem  der  fette,  feuerfeste,  reine
Ton  beim  Brennen  ausgesetzt  ist.  Ein  guter
feuerfester  Stein  darf  nicht  zerspringen,  wenn
er  glühend  in  kaltes  Wasser  geworfen  wird.
Die  von  Ziegelhütten  und  zum  Teil  von  Porzellanfabriken ­
  in  den  Handel  gebrachten  Steine
sind  gebrannt  und  mehr  oder  weniger  weiß.
Wo  sie  an  Ort  und  Stelle  hergestellt  und  verbraucht ­
  werden,  geschieht  das  Vermauern  in
lufttrocknem  Zustande,  und  zwar  unter  allen
Umständen  ohne  Kalk,  nur  mit  Tonmörtel.  Bei
der  Aufbewahrung  der  Steine  ist  darauf  zu
a chten,  daß  sie  nicht  dem  Regen  ausgesetzt  sind.
Scharlach  ist  der  Name  verschiedener  roter
Teerfarbstoffe.  Wollscharlach  R,  das  Natr
 onsalz  der  Xylidinazoalphanaphtoldisulfosäure,

ein  braunrotes,  in  Wasser  mit  gelbroter  Farbe
lösliches  Pulver,  färbt  Wolle  in  sauerem  Bade
rot.  —  Scharlach  3J  ist  mit  Ponceau  3J  identisch ­
  (s.  d.).  —  Koschenillescharlach  4R,
ein  feurigrotes,  in  Wasser  schwer  lösliches  Pulver, ­
  besteht  aus  dem  Natronsalze  der  Xylidinazoalphanaphtolmonosulfosäure.
  —  Scharlach
GR  und  R,  ein  zinnoberrotes,  in  Wasser  mit  rotgelber ­
  Farbe  lösliches  Pulver,  ist  die  Natronverbindung ­
  der  Xylidinazobetanaphtolmonosulfosäure.
  —  Scharlach  G  besteht  aus  der  Natronverbindung ­
  der  Xylidinazobetanaphtoldisulfosäure
  und  färbt  Wolle  in  sauerem  Bade  rot.
Scharpie,  das  bekannte,  noch  jetzt  in  Drogenhandlungen ­
  geführte  Verbandmittel  zum  Aufsaugen ­
  von  Wund-  und  Geschwürabsonderungen, ­
  wurde  früher  durch  Zerzupfen  alter  Leinwand ­
  gewonnen,  sog.  Deutsche  Sch.,  Linteum
carptum  germanicum,  ist  aber  jetzt  meist  durch
ein  feines,  wolliges  Baumwollgewebe,  English
Lint,  Linteum  carptum  anglicum,  verdrängt
worden.
Schellack  (Gummilack,  Lackharz,  lat.
Lacca,  Gummi  lacca,  frz.  Gomme  laque,  engl.
Lac)  ist  das  Erzeugnis  einer  kleinen  roten
Schildlaus  (Tachardia  lacca,  Coccus
lacca,  Coccus  fica),  die  in  Ostindien  auf  verschiedenen ­
  Bäumen  und  Sträuchem,  namentlich
auf  Schleicheria  trijuga,  Anona  squamosa,  Butea
frondosa,  Croton  lacciferus,  Ficus-  und  Urostiqua-Arten
  lebt.  Die  Tiere,  die  an  den  von  ihnen
befallenen  Stellen  dicht  gedrängt  rund  um  den
Zweig  sitzen,  schwellen  nach  der  Befruchtung
blasenförmig  zu  Erbsengroße  auf,  füllen  sich
mit  Eiern  und  einer  lebhaft  roten  Flüssigkeit
und  umgeben  sich  mit  der  harzigen,  allmählich
erhärtenden  Masse,  welche  das  Tier  wie  eine
Kapsel  völlig  einschließt.  Hiermit  ist  der  Lebenslauf ­
  des  Muttertieres  abgeschlossen,  die  junge
Brut  aber,  die  aus  den  Eiern  hervorgeht,  nährt
sich  von  dem  roten  Safte  und  bahnt  sich  nach
ihrer  völligen  Entwicklung  einen  Weg  ins  Freie.
Die  verlassenen  Wohnungen,  die  in  größeren
Massen  dicht  geschlossene,  rauhe  Borken  bilden, ­
  werden  mit  den  Zweigen  abgebrochen  und
liefern  den  Stocklack  (lat.  Lacca  in  raraulis
seu  baculis,  frz.  Laque  en  bätons,  engl.  Stick-Lac),
  mit  dessen  Einsammlung  sich  die  Bewohner ­
  verschiedener  Gegenden  Ostindiens,  besonders ­
  am  Ganges,  beschäftigen.  Der  Stocklack ­
  bildet  rauhe,  außen  braunrötliche  Röhren
oder  Bruchstücke  von  solchen,  oft  mit  noch  ansitzendem ­
  Zweigstücke,  ist  leicht  zerbrechlich,
auf  dem  Bruch  glänzend  und  enthält  im  Inneren
die  zahlreichen  Brutzellen,  die  teils  leer  sind,
teils  noch  roten  Farbstoff  enthalten.  Je  nach
der  Herkunft  zerfällt  diese  Rohware  in  mehrere
Sorten,  unter  denen  die  von  Siam,  eine  sehr
dunkelfarbige,  braune  oder  schwärzliche  und
an  Farbstoff  reiche  am  höchsten,  die  bengalische, ­
  farbstoffarme,  daher  gelbe  oder  gelbrötliche ­
  am  wenigsten  geschätzt  wird.  Beim
Abklopfen  von  den  Zweigen  zerfällt  der  Stocklack ­
  in  Körner,  den  sog.  Körnerlack  (lat.
Lacca  in  granis,  frz.  Laque  en  grains,  engl.
Seed-Lac).  Beide  enthalten  den  Lac  dye  genannten ­
  Farbstoff  des  Sch.,  der  für  die  meisten
Zwecke  durch  Ausziehen  mit  schwacher  Lauge
entfernt  werden  muß.  Die  entfärbte  Masse  wird
        <pb n="398" />
        Schellfische

392

Schiefer

dann  in  wurstförmigen  Säcken  vorsichtig  erwärmt, ­
  der  austretende  geschmolzene  Lack  auf
Metallblech  gestrichen,  von  dem  es  in  der  bekannten ­
  dünnblättrigen  Form  als  Sch.  lemon
oder  orange  abspringt.  —Außerdem  kommen
noch  Knopf  Schellack,  Blut-Rubin-  oder
Granat-Schellack  in  den  Handel,  welche  direkt, ­
  ohne  Entfernung  des  Farbstoffs,  durch
einfache  Auswahl  aus  dem  Stocklack  hergestellt
werden  und  kleine,  meist  runde,  wenig  durchscheinende, ­
  hellbraune  bis  braunrote  Tafeln  von
sehr  glatter  Oberfläche  und  reiner  Masse  bilden.
—  Sch.  ist  eine  natürliche  Mischung  verschiedener ­
  Harze,  insgesamt  etwa  900/0,  und  enthält
außerdem  noch  mehr  oder  weniger  Farbstoff
und  etwas  Wachs.  Weingeist  löst  ihn  in  der
Kälte  unter  Hinterlassung  des  Wachses,  heißer
Weingeist  nimmt  apch  von  diesem  etwas  auf,
das  sich  aber  beim  Erkalten  wieder  ausscheidet.
Die  trübe  Lösung  kann  durch  Filtrieren  geklärt
werden.  In  Benzin  ist  Schellack  selbst  unlöslich,
während  die  Wachsmasse  dadurch  zur  Lösung
gebracht  wird.  Zur  Entfernung  der  für  einige
Zwecke  störenden  Wachs-  und  Farbmasse  wird
der  Sch.  bisweilen  noch  weiter  raffiniert,  zuerst
mit  Lauge  erhitzt,  dann  mit  Eau  de  Javejle  entfärbt ­
  und  mit  Säurerl  ausgeschieden  und  in  Form
von  Stangen  oder  Zöpfen  als  gebleichter  Sch.
(Lacca  alba  depurata  in  bacillis,  frz.  Laque
purifi£,  engl.  Purified  lac)  in  den  Handel  gebracht. ­
  Die  verschiedenen  Schellacksorten  werden ­
  vielfach  zur  Herstellung  von  Lacken,  namentlich ­
  Spirituslacken  und  Polituren,  benutzt  und
geben  einen  schnell  trocknenden,  schön  glänzenden ­
  Überzug.  Durch  Zusatz  von  Teerfarbstoffen ­
  oder  anderen  Farben  erhält  man  die
farbigen  Spirituslacke.  Außerdem  wird  Sch.
zu  Siegellack  und  in  der  Feuerwerkerei  zu
den  rauchschwachen  Buntfeuern  verwandt.  Gepulverter ­
  Schellack  findet  entweder  für  sich,
oder  in  Verbindung  mit  anderen  Harzen,  als
Kitt,  Verwendung.  Die  beim  Aufkochen  von  Sch.
mit  alkalischer  Boraxlösung  erhaltene  leimartige
Masse,  die  nach  dem  Trocknen  einen  wasserdichten ­
  Überzug  bildet,  führt  als  Steife  für  Hutmacher ­
  den  Namen  Wasserfirnis.  Mit  Teerfarben ­
  und  anderen  Farben  gefärbt,  ergibt  sie
die  sog.  Lederappreturen.  —  Ein  als  Lacca
in  tabulis  bezeichnetes  schellackartiges  Gummi
soll  sich  auch  aus  Fouquiera  splendens,  der  in
Nordamerika  am  Rio  grande  heimischen  Ocotillapflanze,
  gewinnen  lassen.  —  Die  Versendung ­
  des  Schellacks  aus  dem  Ursprungslande
Ostindien  geschieht  meist  über  Kalkutta,  nach
London  und  Hamburg,  in  Kisten  von  etwa  70  kg,
die  mit  Sackleinwand  bedeckt  sind.  Zum  Nachweise ­
  der  häufigen  Verfälschungen  durch  Kolophonium ­
  und  andere  Harze  behandelt  man
den  Sch.  mit  Benzin,  worin  er,  abgesehen  von
den  geringen  Wachsmengen,  unlöslich  ist.
Schellfische.  Diese  zu  den  Gadiden,  einer
Familie  von  Weichflossenstachlern,  gehörenden ­
  langgestreckten  Seefische  mit  schleimiger ­
  Haut  und  kleinen  Rundschuppen,  großer
Mundöffnung,  zwei  bis  drei  Rücken-  und  einer
kehlständigen  Bauchflosse,  bilden  einen  wichtigen ­
  Gegenstand  des  Massenverbrauchs  bis  weit
in  das  Binnenland  hinein.  Die  größte  Bedeutung
hat  die  Gattung  Gadus,  mit  drei  Rücken-  und

zwei  Afterflossen,  und  zwar  erstens  der  Kabeljau, ­
  Gadus  morrhua  (s.  d.),  zweitens  der
Schellfisch,  Gadus  aeglefinus  (Haddock
in  England),  ein  30—40  cm  langer  Fisch  mit
braunem  Rücken  und  silberigen  Seiten,  ausgeschnittener ­
  Schwanzflosse  und  gerader  Seitenlinie, ­
  und  drittens  Gadus  merlangus,  Merlan, ­
  auch  Wittling  genannt,  in  Nordeuropa.
Weitere  S.  sind  Merlucius  vulgaris,  der
Seehecht,  in  der  Nordsee  und  im  Mittelmeer,
und  die  Aalraupe,  Lota  fluviatilis,  in  Süßwasser. ­
  —  Hinsichtlich  der  Verwendung  des
eigentlichen  S,:.  Siehe  Kabeljau.
Schiefer  (frz.  Ardoise  ou  Schiste,  engl.  Slate).
In  der  Gesteinskunde  werden  mit  diesem  Namen ­
  alle  Sedimentgesteine  belegt,  die  sich
in  mehr  oder  weniger  dünne,  annähernd  ebene
Platten  spalten  lassen.  Da  diese  Eigenschaft
vielen  Gesteinen  zukommt,  so  hat  man  auch
ebenso  viele  verschiedene  Schiefersorten,  wie
Glimmerschiefer,  Chloritschiefer,  Tonschiefer, ­
  Grauwacken  schiefer,  Kieselschiefer, ­
  Kupferschiefer,  Mergelschiefer ­
  und  Talkschiefer.  Im  Handel  versteht
man  jedoch  unter  S.  ohne  nähere  Bezeichnung
nur  diejenigen  Sorten,  welche  sich  als  Dachschiefer ­
  oder  Tafe  1  sch,iefer  eignen.  Sie
sind  in  Platten  abgesonderte  dunkle  Gesteine,
die  in  der  Hauptsache  aus  kleinen  mit  Ton  und
Glimmer  verkitteten  Quarzkörnern  bestehen  und
entweder  durch  Kohle  schwarz,  durch  Eisenoxyd ­
  rötlich,  bräunlich  bis  violett  oder  durch
Chlorit  grünlich  gefärbt  erscheinen.  Ihre  Härte
ist  gering,  der  Bruch  matt.  In  chemischer  Hinsicht ­
  enthalten  sie  neben  etwas  Eisen,  Alkali  und
Erdalkali  50—700/0  Kieselsäure  und  15—35%
Tonerde.  Ihrer  Entstehung  nach  gehören  sie
teils  zum  kristallinischen  Urtonschiefer,  teils  zu
der  Übergangsformation.  Die  Schieferbrüche
werden  entweder  im  Tagbau  wie  gewöhnliche
Steinbrüche  oder  unterirdisch  wie  Bergwerke
betrieben.  In  beiden  Fällen  ist  immer  viel
wildes  Gestein  zu  beseitigen,  zwischen  welchem
der  brauchbare  S.  in  Schichten  liegt.  In  Deutschland ­
  wird  der  beste  S.  im  Thüringer  Walde  gefunden, ­
  und  namentlich  der  aus  den  berühmten,
seit  Jahrhunderten  betriebenen  Brüchen  von
LehestenimMeiningenschengewonnene  zeichnet ­
  sich  durch  Güte,  Reinheit  und  Schönheit
aus.  Die  Blöcke  werden  in  möglichster  Größe
abgebaut  und  sogleich  auf  den  Spalthütten  in
Arbeit  genommen,  weil  sie  sich  im  Zustande
ihrer  natürlichen  Erdfeuchtigkeit  am  leichtesten
zerlegen  lassen.  Dicke  Platten  für  Grabmonumente, ­
  Fußbodenbelag,  Tröge  und  Tischplatten
werden  durch  Sägen,  Behauen  und  Schaben  in
die  verlangte  Form  gebracht,  die  dünneren  Platten ­
  zur  Dachbedeckung  und  Schreibtafeln  durch
Spalten  mit  stählernen  Meißeln  hergestellt.  Die
Form  der  Platten  wird  bei  gewöhnlichem  Dachschiefer ­
  durch  Schlagen  auf  einem  Amboß  mit
scharfen  Kanten,  bei  feinerer  Ware  durch  Schneiden ­
  auf  einer  Stockschere  erzeugt.  Das  letztere
gilt  namentlich  von  dem  sog.  Schablonenschiefer, ­
  der  nicht  nur  quadratisch  und  lang
viereckig,  sondern  auch  5-,  6-,  8  eckig  und  in
anderen  Formen  hergestellt  wird.  Der  Tafelschiefer
  erhält  seine  Glätte  durch  Schaben  und
Schleifen,  worauf  er  meist  eingerahmt  (Schie ­
        <pb n="399" />
        Schieferöl

393

Schießbaumwolle

fertafeln)  in  den  Handel  kommt.  Nächst  Lekesten ­
  ist  die  Umgegend  von  Gräfenthal  in
Thüringen  reich  an  gutem  S.  Hier  findet  sich
neben  vortrefflichen  Stücken  zu  Schiefertafeln
auch  der  Griffelschiefer,  der  nicht  in  Platten, ­
  sondern  gleichsam  holzartig  spaltet,  so  daß
ein  Block,  der  an  richtiger  Stelle  im  bruchfeuchten ­
  Zustande  einen  Schlag  erhält,  sogleich  in
eine  große  Zahl  von  Stengeln  auseinanderfällt,
hie  durch  Schaben  noch  etwas  abgeglichen  werden. ­
  Die  Schieferbrüche  bei  Goslar  am  Harz
ergeben  vorzügliche  Dachplatten,  ausgezeichnet
durch  Festigkeit  und  große  Dünnspaltigkeit.
Andere  Lager  finden  sich  im  Rheinlande,  Erzgebirge, ­
  Großbritannien,  Frankreich  und  Belgien. ­
  Englischer  S.  findet  noch  immer  in
Norddeutschland  vielfachen  Absatz,  weil  die
Wasserfracht  billiger  ist  als  die  Beförderung
aus  dem  Binnenlande.  Guter  Dachschiefer  muß
vollständig  ebenflächig,  glatt  und  möglichst  dünn
sein,  damit  die  Tafeln  das  Dach  nicht  zu  sehr
belasten.  Auf  dem  Querbruche  soll  er  genügend
dicht  erscheinen  und  darf  auch  keinen  eingesprengten ­
  Schwefelkies  enthalten,  weil  er
sonst  leicht  verwittert.
Schieferöl  nennt  man  die  Öle,  welche  durch
hockene  Destillation  aus  bituminösen,  d.  h.
von  Erdharzen  oder  Erdölen  durchdrungenen ­
  Schiefern  gewonnen  w-erden.  Sie  bestehen
aus  Kohlenwasserstoffen,  die  sich  als  Brennöle ­
  verwerten  lassen,  haben  aber  seit  dem  Aufkommen ­
  des  Petroleums  an  Bedeutung  verloren.
Schieferschwarz  (frz.  Noir  de  schiste,  engl.
Slate  black),  eine  wohlfeile  Anstrichfarbe,  die
aus  groberdigem,  zerreiblichem,  durch  Kohle
schwarz  gefärbtem  Schieferton,  sog.
schwarzer  Kreide,  durch  Mahlen  hergestellt
wird,  findet  sich  am  besten  in  der  Gegend  von
kcnnes  in  Frankreich  sowie  bei  Saalfeld.
Schierling  (lat.  Herba  conii  s.  cicutae,  frz.
Teuilles  de  cigue,  engl.  Hemlock  leaves),  die  bekannte ­
  zweijährige  Doldenpflanze  Conium
ataculatum,  die  sich  in  der  Nähe  von  Ortschaften, ­
  an  Zäunen,  Wegen,  auf  Schutthaufen
wie  in  fruchtbarem  Lande  ansiedelt  und  eine
Nöhe  von  9—12  dm  und  darüber  erreicht,  hat
einen  runden,  hohlen,  bläulich  bereiften  Stengel,
der  nach  oben  stark  verästelt,  an  seinen  unteren
leiten  wie  an  denen  der  stärkeren  Äste  und  den
mattscheiden  aber  mit  dem  Artmerkmal,  rotbraunen ­
  oder  purpurroten  Flecken,  versehen  ist
(gefleckter  S.).  Die  dreifach  gefiederten,
glanzlosen  Blätter  sinddenenderPetersilie  außer-0r
 dentlich  ähnlich,  die  im  zweiten  Jahre  erscheinenden ­
  Blüten  weiß.  Durch  das  völlige  Fehlen
v °n  Härchen  oder  sonstigen  Anhängseln  an
a llen  Teilen  der  Pflanze  kann  diese  von  verwandten ­
  Arten  unterschieden  werden.  Das  Kraut
■st  vor  der  Blütezeit  einzusammeln,  von  den
dickeren  Stengeln  zu  befreien  und  rasch  zu
tf ocknen.  Frisch  zerrieben  riecht  es  widerwärtig
u nd  f ast  betäubend  nach  Mäuse-  und  Katzen-Ur
 in  und  schmeckt  ekelhaft  süßbitterlich.  Durch
das  Trocknen  schrumpft  es  unter  Dunkelfärbung
  sehr  ein  und  muß  wegen  leichter  Verderbnis ­
  gut  auf  bewahrt  und  alle  Jahre  erneuert
Werden.  Alle  Teile  der  Pflanze,  auch  die  Wurzel
u nd  die  Früchte,  enthalten  zwei  eigentümliche
Qr ganische  Basen,  das  Koniin  (s.  d.)  und  das

Konhydrin,  und  sind  sehr  giftig.  Das  gepulverte ­
  Kraut  sowie  daraus  hergestellte  Extrakte ­
  und  Tinkturen  werden  in  sehr  kleinen
Gaben  innerlich  bei  Keuchhusten,  Asthma  usw.,
medizinisch  angewandt.  —  Die  Schierlingsfrüchte, ­
  fälschlich  Schierlingssamen  genannt ­
  (lat.  Fructus  conii  maculati,  frz.  Semences
de  cigue,  engl.  Hemlock  seeds),  sind  durch
fünf  auf  der  Wölbung  des  Rückens  befindliche
erhabene  helle  Riefen,  die  wellenförmig  gekerbt
erscheinen,  gekennzeichnet  und  unterscheiden
sich  hierdurch  leicht  von  anderen  ähnlichen
Früchten,  z.  B.  Kümmel,  Fenchel.  Man  benutzt
sie  zur  Darstellung  des  Koniins.
Schießbaumwolle  (Pyroxylin,  Nitrozellulose, ­
  nitrierte  Baumwolle,  lat.  Pyroxylinum,
frz.  Pyroxyline,  engl.  Pyroxylin),  eine  deutsche
Erfindung,  wurde  zuerst  und  beinahe  gleichzeitig ­
  im  Jahre  1846  von  Schönbein  in  Basel
und  Böttcher  in  Frankfurt  a.  M.  hergestellt.
Die  anfangs  überschwenglichen  Erwartungen,
daß  in  der  S.  ein  völliger  Ersatz  des  Schießpulvers ­
  für  Sprengungen  und  Schußwaffen  gefunden ­
  worden  sei,  schienen  zunächst  nicht  in
Erfüllung  zu  gehen.  Erst  nachdem  es  durch  die
Arbeiten  v.  Lenks  und  später  Abels  gelungen
war,  die  Ursache  der  Selbstentzündlichkeit  zu
beseitigen,  fand  sie  allgemeinen  Eingang  in  die
Sprengtechnik.  Das  Verfahren  zu  ihrer  Darstellung ­
  beruht  auf  derselben  Grundlage  wie
das  der  Nitroglyzerinfabrikation.  Reine  Zellu-.
  lose,  besonders  entfettete,  durch  Krempeln  gereinigte ­
  Baumwolle,  wird  in  ein  Nitrierungsgemisch ­
  von  Salpetersäure  und  Schwefelsäure
gebracht,  eine  Zeitlang  darin  belassen  und  dann
aufs  ,  sorgfältigste  durch  Waschen  mit  viel
Wasser  in  Zentrifugen  von  jeder  Spur  anhaftender ­
  Säure  befreit.  Nachdem  sie  dann  in
einem  Papierholländer  unter  starkem  Wasserzufluß ­
  vollständig  zu  Brei  vermahlen  ist,  wird
sie  entweder  außerordentlich  vorsichtig  bei  40
bis  50 0  getrocknet,  oder  durch  Behandlung  mit
Alkohol  entwässert,  oder  endlich  direkt  in
feuchtem  Zustande  weiter  verarbeitet.  Nach
dem  Abelschen  Verfahren  wird  der  noch  feuchte
Brei  durch  Pressen  unter  hohem  Druck  in  Patronen, ­
  Sprengröhren  und  Scheiben  geformt,  die
unter  Umständen  noch  durch  Imprägnieren  mit
Kautschuk-  oder  Paraffinlösungen  gegen  Feuchtigkeit ­
  unempfindlich  gemacht  werden.  Auch
läßt  sich  der  Brei  in  einer  hin  und  her  gehenden ­
  Trommel  in  Körner  (gekörnte  S.)  verwandeln, ­
  die  dann  durch  kurzes  Eintauchen  in
Essigäther  gehärtet  werden.  —  Bei  der  Nitrierung ­
  hat  die  Baumwolle  ihr  Aussehen  nicht
geändert,  fühlt  sich  aber  härter  und  rauher  an
und  ist  durch  Aufnahme  der  Nitrogruppe  um
5oo/ 0  schwerer  geworden.  Wie  dasNitroglyzerin
ist  auch  die  S.  kein  eigentlicher  Nitrokörper,
sondern  ein  Ester  der  Salpetersäure,  und  zwar
Zellulosehexa-  oder  nach  anderen  Angaben
-trinitrat.  Sie  löst  sich  nicht  in  Wasser,  Alkohol
und  Essigsäure,  schwer  in  Äther  und  Azeton,
hingegen  leicht  in  Essigester,  Nitrobenzol  und
Ätheralkohol.  Frei  entzündet,  verbrennt  die  S.
blitzartig,  aber  mit  so  geringer  Kraftentwicklung,
  daß  sie  eine  darunter  befindliche  Wage
nicht  ins  Schwanken  bringt.  Durch  Druck,
Schlag  oder  plötzliche  Entzündung  auf  hohe
        <pb n="400" />
        Schießpulver

394

Schildkröten

Temperatur  explodiert  sie  hingegen  mit  ungeheurer ­
  Gewalt,  welche  diejenige  des  Pulvers
bis  zum  Zehnfachen  übertrifft.  Die  S.  wird  vor
allem  zu  Sprengungen  benutzt  und  hat  hierbei
den  Vorzug,  daß  das  Bohrloch  nicht  verrammt
zu  werden  braucht.  Ferner  dient  sie  zum  Füllen
von  Torpedos,  Granaten  und  Minen  und  zur
Herstellung  des  rauchlosen  Pulvers.  Die  in  ähnlicher ­
  Weise  hergestellte  Kollodiumwolle
(s.  d.)  ist  Zellulosetetranitrat.  Die  S.  kann  in
feuchtem  oder  gekörntem  Zustande  völlig  gefahrlos ­
  versandt  werden.  Während  des  Krieges
ist  es  gelungen,  die  Sch.  aus  Holzzellulose  herzustellen ­
  und  dadurch  die  auf  die  Abschneidung
der  Baumwolle  gesetzten  Hoffnungen  der  Feinde
zu  vereiteln.
Schießpulver  (Pulver,  frz.  Poudre  ä  canon,
engl.  Gun-powder),  ein  wahrscheinlich  schon
seit  uralten  Zeiten  bekannter  Stoff,  besteht  aus
Mischungen  von  Salpeter,  Kohle  und  Schwefel
in  wechselnden  Verhältnissen,  die  durch  besondere ­
  Maßnahmen  in  eine  gekörnte  Form
übergeführt  werden.  Zur  Herstellung  des  S.
werden  reinster,  chlorfreier  Kalisalpeter,  selbstgemahlener ­
  Stangen-  oder  Brotschwefel  (hingegen ­
  keine  Schwefelblumen)  und  eine  besonders ­
  leichte,  poröse  Holzkohle  verwandt.  Vor
allem  eignet  sich  hierzu  die  Kohle  von  Pappel,
Faulbaum,  Linde  und  Kastanie,  die  in  geschälten, ­
  daumendicken  und  völlig  trockenen  Stäben
in  eisernen  Zylindern  auf  picht  zu  hohe  Temperaturen, ­
  am  besten  mit  überhitztem  Wasserdampf, ­
  erhitzt  werden.  Auch  Flachs,  Hanf  und
Weinrebe  geben  gute  Kohle.  Bei  einer  Temperatur ­
  von  270—300 0  erhält  man  die  raschentzündliche, ­
  für  Jagdpulver  geeignete  Rotkohle,bei35o°dieschwererbrennbare
  Schwarzkohle ­
  für  Kriegspulver.  Zur  Vermeidung  von
Wasseranziehung  und  Selbstentzündung  wird
die  Kohle  möglichst  bald  in  Stampfwerken  oder
Kugelmühlen  zerkleinert,  in  den  mit  Leder
überzogenen  Mengtrommeln  mit  der  erforderlichen ­
  Menge  Schwefel  und  Salpeter  vermischt  und
die  mit  etwas  Wasser  gleichmäßig  angefeuchtete
Masse  auf  einem  endlosen  Tuche  zwischen  Walzen ­
  hindurchgeführt  oder  durch  hydraulische
Pressen  verdichtet.  Man  erhält  hierdurch  Platten ­
  von  dem  Aussehen  und  der  Härte  des  Schiefers, ­
  die  zwischen  geriffelten  Walzen  oder  in
mit  Sieben  versehenen  Körnmaschinen  inKörner
verschiedener  Größe  zerteilt  werden.  Die  letzteren ­
  werden  an  der  Luft  vorgetrocknet,  in
Trommeln  durch  gegenseitige  Reibung  poliert
und  darauf  bei  höherer  Temperatur  völlig  getrocknet. ­
  Zum  Versand  kommt  das  P.  in
Fässer,  für  größere  Mengen  und  Entfernungen
aber  erst  in  leinene  oder  lederne  Säcke  und  mit
diesen  in  Holzfässer.  Kleinere  Mengen  Jagdpulver ­
  werden  auch  in  Glas-  oder  Blechflaschen ­
  versandt.  Pulverfässer  sollen  nie  gerollt, ­
  sondern  stets  getragen  Werden.  Die  einzelnen ­
  Pulversorten  unterscheiden  sich  sowohl
durch  die  chemische  Zusammensetzung  wie  den
Grad  der  Feinheit.  Jagdpulver  enthält  im  Durchschnitt ­
  meist  77  Teile  Salpeter,  13  Kohle,
10  Schwefel;  Militärpulver  75  Teile  Salpeter,
15  Kohle,  10  Schwefel;  Sprengpulver  66  Teile
Salpeter,  11  Kohle,  23  Schwefel.  Erhöhter
Schwefelgehalt  macht  das  Pulver  unempfindlicher ­

  gegen  Feuchtigkeit  und  haltbarer  für  den
Versand,  erniedrigt  aber  die  Sprengkraft  und
verlangsamt  die  Verbrennung.  Größerer  Kohlenstoffgehalt ­
  steigert  die  Entzündlichkeit,  aber
auch  die  Neigung  zum  Feuchtwerden.  Großkörniges ­
  Pulver  verbrennt  langsamer  und  wird
daher  als  Geschützpulver  verwandt.  DasPirsch-,
Jagd-  oder  Scheibenpulver  ist  die  feinste
Sorte  mit  mohnsamengroßen,  polierten  und  runden ­
  Körnern.  Das  Musketenpulver  ist  gröber
und  weniger  poliert,  noch  grobkörniger  das
meist  aus  eckigen  Bruchstücken  bestehende  Geschützpulver.Für ­
  großes  Belagerungsgeschütz,
Strandbatterien  und  Schiffsgeschütze  wird  meist
das  prismatische  Pulver  benutzt,  das  aus
sechsseitigen,  von  sechs  Kanälen  durchzogenen
Prismen  besteht  und  durch  Pressen  des  angefeuchteten ­
  Pulverkuchens  in  Formen  hergestellt ­
  wird.  Gutes  S.  muß  staubfrei  sein  und
darf  nicht  abfärben.  Das  Korn  sei  fest  und
gleichmäßig  schwach  glänzend,  die  Farbe  bleigrau. ­
  Tiefschwarzes  Pulver  hat  entweder  einen
zu  hohen  Kohlenstoffgehalt  oder  ist  naß  gewesen. ­
  Der  Feuchtigkeitsgehalt  soll  1 1 / 2  0/0  nicht
übersteigen.  Auf  Papier  verbrannt,  darf  gutes
S.  die  Unterlage  nicht  entzünden  und  nur  einen
unbedeutenden  schwarzen  Fleck  hinterlassen.  —
Das  für  die  Handfeuerwaffen  des  Heeres  bestimmte ­
  rauchlose  Pulver  (Blättchenpulver) ­
  wird  durch  Auflösen  von  Schießbaumwolle ­
  in  Essigäther,  Azeton  oder  Alkoholäther,
Auswalzen  der  entstehenden  gelatineartigen
Masse  und  Zerschneiden  in  runde  oder  viereckige ­
  Blättchen  hergestellt.  Dieses  Pulver
brennt,  mit  offener  Flamme  entzündet,  schnell,
aber  ruhig  ab.  Im  geschlossenen  Raume  explodiert ­
  es  ohne  Rauchentwicklung.  Von  anderen
rauchlosen  Pulvern  besteht  das  Nobelsche
Ballistit  aus  einem  Gemenge  von  Kollodiumwolle ­
  mit  Nitroglyzerin,  das  Kordit  der  englischen ­
  Armee  aus  einem  Gemisch  von  Nitroglyzerin ­
  mit  in  Azeton  gelöster  Schießbaumwolle. ­
  Auch  hat  man  Verbindungen  der  Pikrinsäure ­
  zu  gleichem  Zwecke  (Pikratpulver)  herangezogen. ­

Schildkröten  (frz.Tortues,  engl.  Turtles).  Von
diesen  zur  Klasse  der  Amphibien  gehörigen
Tieren  bilden  mehrere  Arten  ihres  nahrhaften
und  schmackhaften  Fleisches  wegen  einen  Gegenstand ­
  des  Lebensmittelhandels.  So  wird  von  den
Landschildkröten  die  bis  zu  2  kg  schwere
griechische  S.,  Testudo  graeca,  in  gan?
Italien  und  Griechenland  regelmäßig  auf  den
Markt  gebracht,  und  in  Brasilien  bildet  eine
andere  Landschildkröte,  der  Schabuti  (Testudo ­
  tabulata),  ein  wichtiges  Nahrungsmittel-Die
  schmackhafteste  und  wichtigste  aller  Arten,
die  im  Atlantischen  Ozean  lebende  Suppen'
Schildkröte,  Chelonia  Mydas,  erreicht  unter
Umständen  ein  Gewicht  von  500  kg,  hält  sieb
vorzugsweise  in  der  Nähe  der  Küste  auf  umlegt ­
  ihre  Eier  in  ein  in  den  Sand  oder  die  Erde
gegrabenes  Loch.  Die  Schildkröteneier
mehrerer  Arten  werden  ebenfalls  genossen  und
auch,  eingesalzen  und  mariniert,  in  den  Handel
gebracht.  Aus  dem  Fleische  bereitet  man  di®
Schildkrötensuppe  (engl.  Real  turtle  souj&amp;gt;)
sowie  auch  Ragouts  (Würzfleisch)  und  Frikassees ­
  (Schnittfleischgerichte).  Echte  Schild'
        <pb n="401" />
        Schildkrötenöl

395

Schlangenwurzel

krötensuppe  sowie  unechte,  nachgemachte  Schildkrötensuppe ­
  (engl.  Mock  turtle  soup)  kommt  in
luftdicht  verschlossenen  Blechbüchsen  zum  Verkauf. ­

Schildkrötenöl  (Schildkröteneieröl).  Die
Eier  der  Schildkröten  enthalten  ein  fettes
öl,  das  in  manchen  Gegenden,  so  namentlich
am  mittleren  und  unteren  Orinoko  in  großer
Menge  gewonnen  wird.  Die  Tiere  legen  ihre
Eier  auf  gemeinschaftlichen  Brutplätzen  am
Ufer  des  Flusses  in  Gruben,  die  sie  mit  ihren
Hinterfüßen  in  den  Sand  scharren.  Die  Indianer
graben  den  Boden  vorsichtig  auf,  nehmen  die
Eier  heraus  und  werfen  sie  in  große,  mit  Wasser
gefüllte  Tröge,  in  denen  sie  mit  Schaufeln  zerdrückt, ­
  umgerührt  und  der  Sonne  ausgesetzt
werden.  Das  obenschwimmende  Öl  wird  abgeschöpft ­
  und  über  freiem  Feuer  erhitzt,  wodurch ­
  es  an  Haltbarkeit  gewinnt.  Es  ist  schwach
gelblich  gefärbt,  geruchlos  und  dem  Olivenöl
ähnlich  und  dient  zur  Bereitung  von  Speisen  sowie ­
  als  Brennöl.  Auch  rühmt  man  ihm  nach,
daß  es  gegen  Lungenleiden  wirksamer  als  Lebertran ­
  sei,  da  es  vom  Magen  besser  vertragen
werde.
Schildkrot  (Schildpatt,  frz.  Ecaille,  engl.
Tortoise  shell,  Shell  of  sea  turtles)  nennt  man
die  homartigen,  aus  verdicktenEpidermiszeilen ­
  bestehenden  oberen  Platten  des  Rückenschildes ­
  mehrerer  Arten  von  Schildkröten.
Die  Schale  der  ihres  wohlschmeckenden  Fleisches ­
  wegen  geschätzten  Riesenschildkröte
oder  Suppenschildkröte,  (CheloniaMydas)
kann  wegen  ihrer  geringen  Dicke  nur  zu  Laternen ­
  gebraucht  werden,  hingegen  werden
andere  Arten,  deren  Hornpatten  klar  durchscheinend ­
  und  buntfarbig,  gelb,  rot,  braun,
schwarz  geflammt  oder  gewölkt  sind,  besonders
die  Karetschildkröte  (Chelonia  Caretta)
und  die  schuppige  Schildkröte  (Chelonia
■mbricata)  lediglich  ihres  S.  wegen  gefangen.
Das  beste  Schildpatt  stammt  aus  dem  ostindischen
  Inseimeer  und  wird  je  nach  den  Bezugswegen ­
  chinesisches  oder  ostindisches
genannt,  doch  kommen  auch  aus  dem  Roten
Meer  schöne  schwere  Stücke,  die  auf  dunkelgelbem ­
  Grunde  braunschwarze  Flecken  zeigen,
über  Kairo  in  den  Handel.  Vom  Schildkrötenpanzer ­
  verwendet  man  nur  das  Rückenschild,
das  aus  zwölf  um  eine  sechseckige  Mittelpatte
ungeordneten  Tafeln  besteht.  Die  Patten  werden ­
  in  der  Weise  abgenommen,  daß  man  die
Panzer  über  Kohlenfeuer  hält,  wodurch  sie  sich
v on  dem  darunterliegenden  Teile  des  Rückenschildes ­
  trennen.  Der  Wert  des  S.  hängt,  außer
v on  der  guten  Färbung,  besonders  auch  von  der
Größe  und  Dicke  ab,  das  beste  muß  dick,  durchsichtig, ­
  lebhaft  gefärbt  und  großgefleckt  sein.
Die  bekanntesten  Sorten  sind  das  indische,
schwarz  mit  gelber  und  roter  Zeichnung,  das
sehr  dicke,  veilchenblaue  von  den  Seyschellen, ­
  das  außen  muschelgrüne,  innen  schwärzliche, ­
  mit  bräunlichem  Schein  und  gelben
Eiecken  versehene  amerikanische  und  das  in
sehr  großen,  weichen  und  biegsamen,  blaß-Selben,
  rotgelb  und  schwarz  gefleckten  Stücken
?aftretende  S.  von  der  Insel  Bourbon.  Das  S.
■st  seiner  Natur  und  seinen  Eigenschaften  nach
de m  Horn  sehr  ähnlich,  aber  von  feinerer  und

derberer  Masse,  nicht  so  faserig  und  blätterig
und  daher  politurfähiger.  Es  läßt  sich  auch  in
gleicher  Weise  wie  Hom  bearbeiten,  durch
siedendes  Wasser  erweichen  und  pressen  und
in  trockener  Hitze  schweißen  und  findet  daher
zur  Herstellung  von  Dosen,  Kämmen,  Messerheften ­
  und  Schmuckwaren  Verwendung.  Nachahmungen ­
  von  S.  werden  hergestellt,  indem
man  auf  weißem  Hom,  Knochenleim  u.  dgl.
durch  Beizen  ähnliche  Farben  und  Zeichnungen
hervorbringt  oder  auch  die  Abfälle  von  der  Verarbeitung ­
  des  echten  S.  in  geeignete  Form  bringt.
Schinken  (frz.  Jambon,  engl.  Ham),  die  eingesalzenen ­
  und  geräucherten  Hinterschenkel
der  Schweine,  bilden  einen  bedeutenden  Gegenstand ­
  des  Handels.  Besonderen  Ruf  genießen
die  westfälischen  und  pommerschen  S.,  nächstdem
  die  aus  Thüringen,  Braunschweig  und  Holstein ­
  stammenden  Erzeugnisse.  In  Frankreich
sindBayonne,  Bordeaux  undTroyes  wegen  ihrer
S.  besonders  bekannt.
Schlackensteine.  Aus  Schlacke,  d.  h.  den  beim
Schmelzen  von  Erzen  mit  Zuschlägen  entstehenden ­
  geschmolzenen  Abfällen,  werden  durch
Gießen  in  Formen  würfelförmige  und  auch  prismatische ­
  Steine  gefertigt,  die  eine  schwarzgraue
Farbe  besitzen  und  namentlich  zum  Pflastern
von  Straßen  dienen.  Sie  sollen  sich  gut  halten
und  werden  in  großem  Umfange  in  den  Handel
gebracht.
Schlangen  Wurzel.  Diesen  Namen  führen  zwei
verschiedene  Wurzeln,  t.  Die  hin  und  her  gebogene ­
  ausdauernde  Wurzel  des  auf  allen  feuchten ­
  Wiesen  vorkommenden  Wiesenknöterichs ­
  (Polygonum  bistorta),  aus  der  Familie ­
  der  Polygonazeen,  die  sog.  Schlangenoder ­
  Natterwurzel  (lat.  Rhizoma  bistortae,
frz.  Rhizome  de  bistorte,  engl.  Snake  root)
schmeckt  sehr  herb-  und  bitter,  besitzt  einen
hohen  Gehalt  an  Gerbstoff,  Gallussäure  und
Stärkemehl  und  wird  als  adstringierendes  Mittel
verwendet.  2.  Die  virginische  Schlangenwurzel ­
  (lat.  Rhizoma  serpentariae,  frz.  Rhizome ­
  de  serpentaire  de  Virginie,  engl.  Serpentary
  root),  die  ihren  Namen  nicht  von  ihrer  Gestalt, ­
  sondern  von  ihrem  angeblichen  Gebrauch
als  Mittel  gegen  Schlangenbiß  erhalten  hat,
stammt  von  der  Aristolochiazee  Aristolochin ­
  Serpentaria  oder  Endodeca  Serpentaria
  (Raff.),  einer  krautartigen  Pflanze  mit
ausdauerndem  Wurzelstock,  die  in  den  schattigen ­
  Wäldern  der  östlichen  und  südlichen  Vereinigten ­
  Staaten  häufig  wächst.  Sie  besteht  aus
einem  kurzen,  2  mm  dicken,  gewundenen,  oft
Reste  von  Blättern  und  Stengeln  tragenden
Wurzelstock,  von  dem  zahlreichem—9  cm  lange,
dünne,  blaßbraune,  durcheinander  gewirrte  Faserwürzelchen ­
  ausgehen.  In  der  Rinde  finden
sich  zahlreiche  Öldrüsen.  Der  Geruch  ist  gewürzhaft ­
  kampferähnlich,  der  Geschmack  bitter  und
scharf.  Die  Wurzel,  die  außer  ätherischem  Öl
ein  grünlichgelbes  Weichharz  und  einen  Bitterstoff ­
  enthält,  wird  als  Pulver  oder  Aufguß  medizinisch ­
  gegen  Fieber  und  Typhus  verordnet
und  muß  in  gut  verschlossenen  Blech-  oder
Glasgefäßen  aufbewahrt  werden.  Etwaige  Verwechslungen ­
  mit  der  Wurzel  von  Spigelia
marylandica  (L.)  erkennt  man  daran,  daß
letztere  geruchlos  und  dunkelbraun  bis  schwärz ­
        <pb n="402" />
        Schlehenblüten

396

Schminken

lieh  ist,  während  die  ebenfalls  ähnlichen  Wurzeln ­
  von  Asarum  virginianum  (L.)  sichdurch
ihre  Gliederung  und  schwärzliche  Farbe  unterscheiden. ­

Schlehenblüten  (Schlehdornblüten,
Schwarzdornblüten,  lat.  Flores  acaciae,  frz.
Fleurs  de  prunelle,  engl.  Black  thorn  ilowers),
die  getrockneten  weißen  Blüten  des  in  ganz
Europa  an  sonnigen  Orten  wachsenden  Schlehenstrauches, ­
  Prunus  spinosa,  schmecken
bitterlich  zusammenziehend,  besitzen  frisch
einen  schwachen  Bittermandelölgeruch  und  werden ­
  als  Hausmittel  in  Form  von  Tee  verwendet.
—  Die  Schlehenfrüchte  werden  teils  frisch,
teils  getrocknet  als  Obst  genossen  oder  auch
zur  Herstellung  von  Likör  benutzt.
Schleif-  und  Wetzsteine  unterscheiden  sich
der  Form  nach  dadurch,  daß  die  ersteren  als
Scheiben  auf  Achsen  gesteckt  sind  und  beim
Gebrauch  in  Umlauf  gesetzt,  die  länglich  geformten ­
  Wetzsteine  hingegen  meist  mit  der
Hand  geführt  werden.  Die  Umlauf  steine  werden
sowohl  aus  weißem  als  aus  grauem  Sandstein
gehauen,  doch  kommt  es  bei  ihnen  nicht,  wie
bei  Mühlsteinen,  auf  große  Härte  an.  Sie  dürfen
vielmehr  nur  mäßige  Härte  besitzen,  müssen
aber  in  ihrer  Masse  sehr  gleichartig,  feinkörnig
und  frei  von  härteren  Einschlüssen  sein.  Gute
Rohstoffe  für  Schleifsteine  finden  sich  in  Böhmen, ­
  Thüringen,  Bayern  und  Württemberg.  —
Wetzsteine  im  engeren  Sinne  zum  trockenen
Schärfen  von  Sensen,  Sicheln  und  Strohmessern
erhalten  eine  nach  beiden  Enden  verjüngt  zulaufende ­
  Form  und  werden  meist  aus  blauem
oder  grauem  Tonschiefer,  zum  Teil  auch  Kieselschiefer, ­
  hergestellt.  —  Andere  Sorten  zum  nassen
Abziehen  feinerer  Schneidwerkzeuge  (mit  Wasser
oder  Öl),  sog.  Wetzschalen  oder  Streichschalen, ­
  besitzen  eine  länglichgerade  Form
und  bestehen  aus  Wetzschiefer,  einer  von
Kieselsäure  durchdrungenen,  daher  harten,  helloder ­
  grünlichgrauen  Tonmasse,  die  im  gemeinen ­
  Tonschiefer  schmale  Zonen  bildet.
Steine  dieser  Art  finden  sich  bei  Sonneberg  und
Saalfeld  in  Thüringen,  Lerbach  und  anderen
Orten  am  Harz,  in  Sachsen  (grüner  Ölstein)  und
den  Ardennen.  Die  früher  sehr  gesuchten  levantischen
  Ölsteine,  eine  .  graubraune,  von
Kieselsäure  durchdrungene  Abart  des  Dolomits,
kommen  in  Blöcken  nach  Marseille,  wo  sie  erst
gespalten  und  bearbeitet  werden.  Die  Arkansasschalen ­
  aus  Nordamerika,  ebenfalls
sehr  gute  Ülsteine,  die  zum  Schleifen  der
feinsten  Messerwaren  geeignet  sind,  bilden  eine
weißliche,  unglasiertem  Porzellan  ähnliche  Masse
und  bestehen  aus  einer  Art  Chalzedon.  —-  Für
die  eigentlichen  Schleif-  oder  Drehsteine  werden ­
  oft  künstliche  Ersatzmittel  in  verschiedener ­
  Art  hergestellt,  z^  B.  an  der  Weise,  daß
man  gemahlenen  feinkörnigen  Sandstein  mit
Ton  mengt  und  die  Masse  formt  und  brennt,
oder  daß  man  scharfe  Pulver  wie  Sand,  Bimsstein, ­
  Schmirgel,  gestoßenes  Glas  mit  einem
Bindemittel  wie  Wasserglas,  Kautschukmasse,
Schellack  oder  Magnesiazement  vereinigt.  Am
meisten  bedient  man  sich  hierzu  des  Schmirgels
in  Verbindung  mit  Schellack,  die  hieraus  gefertigten ­
  Schleifscheiben  greifen  selbst  Stahl
und  Glas  sehr  gut  an.

Schlichte  nennt  man  in  der  Weberei  benutzte
Lösungen  von  Leim  oder  Stärke,  mit  denen  die
Stoffe  zur  Erhöhung  der  Haltbarkeit  getränkt
werden.
Schmelzbutter  (Butterschmalz,  Flößbutter) ­
  nennt  man  geschmolzene  Butter,
die  durch  Auslassen,  Erwärmen  über  mäßigem
Feuer  bis  zum  Kochen,  unter  stetem  Umrühren
und  Abnehmen  des  Schaums  von  allen  Beimengungen; ­
  Wasser,  Käsestoff,  Milchzucker
und  Salzen  befreit  worden  ist.  Sie  wird  in  irdene
oder  Steintöpfe  oder  auch  Holzbutten  gegossen
und  zum  Erkalten  kühl  gestellt.  Die  S.  hat  vor
der  Butter  den  Vorzug  größerer  Haltbarkeit
und  wird  besonders  in  Süddeutschland  benutzt.
Schmelztiegel  (frz.  Creuset,  engl.  Crucible
oder  Melting-pot)  nennt  man  Gefäße,  welche
dazu  bestimmt  sind,  starre  Körper  zu  schmelzen
oder  doch  einer  hohen  Temperatur  auszusetzen.
Das  Material,  aus  dem  sie  hergestellt  werden,
richtet  sich  teils  nach  der  Höhe  der  Temperatur, ­
  die  sie  auszuhalten  haben,  teils  nach  der
Natur  der  Stoffe,  die  man  darin  erhitzt.  Der
Form  nach  sind  sie  meist  konisch  mit  kreisrundem ­
  Querschnitt,  bis  auf  die  sog.  hessischen ­
  S.  mit  abgerundet  dreieckigem  Querschnitt, ­
  die  besonders  in  Großalmerode  und
Ebterode  in  der  Provinz  Plessen  aus  feuerfestem ­
  Ton  und  Quarzsand  hergestellt  und  gewöhnlich ­
  in  Sätzen  von  sechs  Stück,  die  genau
ineinanderpassen,  versandt  werden.  Schamottetiegel ­
  dienen  zum  Schmelzen  von  Gußstahl ­
  und  Glas,  Graphittiegel  aus  Graphit  und
feuerfestem  Ton  zum  Schmelzen  von  Gold,
Silber,  Messing,  Neusilber  und  Gußstahl.  Gußeiserne ­
  Tiegel  eignen  sich  nur  für  ganz  bestimmte ­
  Zwecke,  und  Porzellantiegel,  Platintiegel ­
  und  Silbertiegel  hauptsächlich  für
Arbeiten  in  chemischen  Laboratorien.  Zum
Schmelzen  von  Platin  verwendet  man  Kalktiegel. ­

Schmiermittel,  Schmieröle.  Zum  Schmieren
von  Maschinen  kommen  hauptsächlich  die
Rückstände  von  der  Petroleumdestillation ­
  in  Frage  (s.  Mineralöle),  doch  werden
auch  die  verschiedensten  fetten  Öle  und  festen
Fette  als  S.  verwendet.  Wagenschmiere  wird
aus  Harzöl  und  Vaselin  hergestellt  und  oft  roh
Graphit,  Seife  oder  Harz  versetzt.  Der  fein
gemahlene  Graphit  (s.  d.)  dient  als  S.  namentlich ­
  für  Maschinenwellen,  um  das  Heißlaufen  zu
verhindern.
Schminken  sind  kosmetische  Mittel,  welche
dazu  dienen,  der  Haut  einen  zarten  Ton  zu
geben,  oder,  wie  z.  B.  die  Theaterschminken,
die  Haut,  Augenbrauen  usw.  der  Rolle  entsprechend ­
  zu  färben.  Sie  werden  sowohl  parfümiert ­
  als  auch  unparfümiert  in  den  Handel  ge'
bracht.  —  Trockene  Schminken  in  Pulverform ­
  (lat.  Pulvis  cosmeticus,  frz.  Poudre  epsmütique,
  engl.  Cosmetic  powder)  bestehen  aus
feinstem  Reispuder,  dem  Magnesiumkarbonat,
Talkum,  Veilchenwurzel  usw.  zugesetzt  werden-Als
  Parfüm  verwendet  man  hauptsächlich  M°'
schus,  Patschuli,  Heliotrop,  Rose  usw.  Die  einzelnen ­
  Bestandteile  müssen  aufs  feinste  ge-'
pulvert  und  dann  innig  verrieben  werden.  Als
Farbstoffe  sind  nur  giftfreie  Farben,  z.  B.  Karmin, ­
  Karthamin,  Zinkweiß  usw.  zu  ver ­
        <pb n="403" />
        Schmirgel

397

Schoenit

wenden.  —  Fettschmink.en  (lat.  Unguenta
cosmetica,  frz.  Päte  de  cosmdtique,  engl.  Cosmetic
  pate)  bestehen  aus  Lanolin,  Benzoeschmalz, ­
  Kakaobutter  oder  anderen  Grundlagen,
die  innig  zu  einer  homogenen  Masse  verrieben
werden  müssen,  ehe  man  die  Riechstoffe  und
die  Farben  zusetzt.  —  Schminkstifte  (lat.
Styli  cosmetici,  frz.  Bätons  de  cosmdtique,  engl,
Cosmetic  sticks)  werden  aus  der  vorher  erwähnten ­
  Salbengrundlage  unter  Zusatz  einer
Wachsmischung  geformt.  —  Die  früher  benutzten ­
  Schmink  papiere  oder  die  Schminklappen ­
  (lat.  Bezetta  rubra,  frz.  Tournesol  de
drapeau,  engl.  Tournosol)  bestanden  aus  feinen
Batiststoffen,  die  mit  Koschenillelösungen  getränkt ­
  und  dann  getrocknet  wurden.  —  Während ­
  man  bis  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  in
bezug  auf  Schminken  hauptsächlich  auf  Paris
und  ,London  angewiesen  war,  sind  jetzt  die  in
Deutschland,  z.  B.  von  Leichner  in  Berlin,  hergestellten ­
  S.  den  ausländischen  zum  mindesten
ebenbürtig.
Schmirgel  (Smirgel,  lat.  Lapis  smiridis,  frz.
Emeril,  engl.  Emery),  ein  äußerst  wichtiges
und  massenhaft  gebrauchtes  Mittel  zum  Schleifen ­
  und  Polieren  von  Metallen,  Steinen  und
Glas,  besteht  im  wesentlichen  aus  dichtem  Korund ­
  (s.  d.)  mit  beigemengtem  Magneteisen.
Das  Mineral  tritt  in  derben  Massen  auf  und
muß  zum  Gebrauch  erst  gestoßen  und  geschlämmt ­
  werden.  Es  besitzt  in  seinen  kleinsten
Teilen  eine  solche  Härte,  daß  es  das  wirksamste
Schleifpulver  nach  dem  Diamantstaub  bildet,  ist
aber  nicht  an  allen  Orten  seines  Vorkommens
gleich  gut.  Die  beste  und  gesuchteste  Ware  von
der  griechischen  Insel  N  axia,  dem  alten  Naxos,
hat  eine  gleichmäßig  dunkelgraue  Farbe  und
ein  Korn  von  besonderer  Härte  und  Feinheit.
Sie  ist  für  gewisse  Zwecke,,  namentlich  für
Spiegel-  und  Edelsteinschleifer,  unersetzlich,
während  für  andere,  namentlich  zum  Stahlpolieren, ­
  neuerdings  sehr  brauchbarer  S.  aus
Kleinasien  (sog.  türkischer  S.)  eingeführt  wird.
Das  Mineral  kommt  von  Smyrna  wie  auch  von
Naxia  im  unzerkleinerten  Zustande  und  wird
erst  in  den  Verbrauchsländern  durch  Stampfen,
Mahlen  und  Schlämmen  gebrauchsfähig  gemacht.
Die  verschiedenen  Sorten,  von  denen  gröbere
zum  Rauhschleifen,  feinere  zum  Polieren  dienen,
Werden  durch  Nummern  oder  die  Zeitangabe
der  Schlämmdauer  unterschieden.  Die  Körner
haben  die  Größen  des  feinen  bis  groben  Schießpulvers. ­
  Außer  in  Pulverform,  meistens  mit  Öl
gemischt,  wird  der  S.  auch  noch,  auf  Papier
oder  Zeug  befestigt  (Schmirgelpapier  und  S.-Leinwand,
  s.  Glaspapier),  zum  Schleifen  von
Messing,  Argentan  und  Stahlwaren  sowie  mit
Schellack  eingeschmolzen  und,  in  Formen  gegossen, ­
  zu  künstlichen  Schleifsteinen,  Scheiben
Und  Feilen  verwandt,
Schnecken.  Die  Weinbergschnecke,  Helix
Pom  ata,  bildet  in  Italien,  Österreich,  der
Schweiz  und  Süddeutschland  ein  beliebtes  Volks-Nahrungsmittel
  (Fastenspeise),  das  in  besonderen ­
  Schneckengärten  oder  S'chneckenbergen
durch  Mästen  gefangener  Tiere  marktfähig  gemacht ­
  wird  und  auch,  in  Säcke  oder  Fässer  verpackt, ­
  in  den  Handel  gelangt.  Der  Verkauf  geschieht ­
  nachHundert  oderSchock.  DieSchnecken

sind’vom  Spätherbst  an,  im  ganzen  Winter  bis
zum  März,  solange  sie  mit  Deckeln  verschlossen
sind,  genießbar  und  werden  mit  Salat,  Gemüseabfall, ­
  Kleie  usw.  gemästet;  Das  Gehäuse  ist
gelb,  graubraun  gestreift,  etwas  durchscheinend,
bis  9  cm  breit  und  etwa  9  cm  lang.  Zum  Verspeisen ­
  wird  der  Deckel  geöffnet,  die  Schnecke
herausgezogen,  von  der  schwarzen  Haut,  den
harten  Teilen  an  Kopf  und  Schwanz  und  allen
schleimigen  Teilen  befreit,  dann  mit  Salz  eingerieben, ­
  gut  gewaschen  und  entweder  gebacken, ­
  gebraten,  gekocht  oder  zu  Schneckensalat ­
  verarbeitet.  Auch  benutzt  man  sie  zur
Herstellung  von  Suppen  (Kraftsuppe  gegen  Auszehrungskrankheiten), ­
  Schneckenmilch  oder
Schneckendekokt  (Decoctum  helicum).  Außer
der  Weinbergschnecke  verwendet  man  noch
die  Kreiselschnecke,  den  Goldmund,  das
M  i  d  a  s  o  h  r  und  auf  den  ostindischen  und
australischen  Inseln  große,  bis  x / 2  kg  schwere
Seeschnecken,  die  auch  nach  China  verkauft
werden  und  dort  besonders  mit  Essig  und  Zitronensaft ­
  eine  beliebte  Speise  bilden.  Eingemacht ­
  in  Gläsern,  Büchsen  oder  Flaschen,
oder  frisch  in  Blechbüchsen  verlötet,  gelangen,
sie  auch  auf  weite  Entfernungen  zum  Versand.
Schneeballrinde  (lat.  Cortex  vlburni  prunifolii,
frz.  Ecorce  de  viburne,  engl.  Viburnum  bark),
die  Rinde  des  amerikanischen  Schneeballstrauches, ­
  aus  der  artenreichen  Familie  der
Kaprifoliazeen,  hat  ein  rot-  bis  graubraunes
Außere  und  ist  mit  höckrigen  schwarzen  Punkten ­
  besetzt.  Sie  enthält  Viburnin,  Bitterstoff ­
  und  Baldriansäure  und  wird  in  Extraktform, ­
  z,  B.  gegen  Krampfleiden,  verwandt.
Schneiderkreide  wird  entweder  aus  Speckstein, ­
  Talkum,  in  Form  dünner  Scheiben  geschnitten ­
  oder  aus  gepulvertem  Talkum  in  herzförmige, ­
  flache  Stücke  gepreßt.  Außer  der
weißlichen  gibt  es  auch  künstlich  rot  oder  blau
gefärbte  S.  sowie  in  Holz  gefaßte  Stifte,  ähnlich ­
  den  Bleistiften.  Die  S.  ist  ein  weiches
Zeichenmaterial,  das  sich  besonders  zum  Vorzeichnen ­
  auf  Tuch,  Samt,  Seide  usw.  eignet.
Schöllkraut  (lat.  Herba  chelidonii,  frz.  Chdlidoine,
  engl.  Celandine)  ist  das  Kraut  von  Chelidonium
  majus,  einer  Pflanze  aus  der  Familie
der  Papaverazeen,  die  in  Europa  und  Mittelasien ­
  heimisch  ist.  Die  Blätter  sind  zottig  behaart, ­
  hellgrün  gefärbt  und  mehrpaarig  gefiedert. ­
  In  der  Pflanze  findet  sich  ein  gelber
Milchsaft,  der  z.  B.  gegen  Warzen  angewandt
wird.  Das  Kraut  dient  als  harntreibendes  und
abführendes  Mittel,  doch  ist  der  alkaloidischen
Bestandteile  halber  Vorsicht  geboten.
Schönheitsmittel.  Hierunter  versteht  man  die
große  Zahl  der  kosmetischen  Mittel,  die  zur
Reinigung,  Pflege  oder  Färbung  der  Haut,  des
Haares  oder  der  Mundhöhle  verwandt  werden
und  aus  den  verschiedensten  Stoffen  des  Tier-,
Mineral-  und  Pflanzenreichs  in  Form  von  Auszügen, ­
  Mischungen  oder  Verreibungen  bestehen.
Zu  ihrer  Herstellung  sollen  nur  völlig  giftfreie
Farben  Verwendung  finden.  Falls  eine  Parfümierung ­
  gewünscht  wird,  darf,  diese  nicht  so
hervortreten,  daß  sie  aufdringlich  erscheint.
Schoenit,  ein  Abraumsalz,  besteht  aus  wasserhaltigem ­
  Kalium-Magnesium-Sulfat  (K 0 S0 4 -j-I
  MgSO A +6H ä O).
        <pb n="404" />
        Schollen

398

Schuppenfelle

Schollen  (Seeschollen,  Flach-,  Plattfisch, ­
  Seitenschwimmer),  Raubfische  mit
gutem  Fleisch,  stark  zusammengedrücktem,  sehr
hohem,  fast  scheibenartigem  Körper,  unsymmetrischem ­
  Kopfe  und  nur  auf  einer  Seite  befindlichen ­
  Augen,  sind  an  der  oberen  Körperseite ­
  wie  der  Meeresboden,  dunkel  schmutzig,
an  der  unteren  oder  Bauchseite  weiß  gefärbt
und  zuweilen  gefleckt.  Die  Rücken-  und  Bauchflosse ­
  ist  sehr  lang  und  ungeteilt.  Meist  liegen
die  S.  gesellig  im  schlammigen,  flachen  Meeresgrund, ­
  mit  Sand  bedeckt,  auf  einer  Seite  oder
schwimmen  mit  der  Augenseite  nach  oben.  Ihre
Färbung  verändert  sich,  der  Umgebung  entsprechend. ­
  Von  den  zahlreichen  Arten  sind  zu
erwähnen:  i.  Die  Flunder  oderFlunker,  auch
Teerbutt  genannt  (Pleuronectes  flesus  L.),
die  von  der  französischen  Küste  bis  Irland  und
in  der  Ostsee  vorkommt  und  30  cm  lang  sowie
bis  3  kg  schwer  wird,  erscheint  graubraun  mit
dunklen  Flecken  (vgl.  Flunder).  2.  Die  gemeine ­
  Scholle,  der  Goldbutt  oder  das
Platteisen  (P.platessa  L.),  50cm  lang,  9  kg
schwer,  braun,  grau,  gemarmelt,  gelb  gefleckt
und  auf  der  Blindseite  gelb-  und  grünlichweiß,
hat  die  gleiche  Verbreitung  und  wird  in  großen
Mengen  frisch  tmd  geräuchert  versandt.  3.  Der
Heilbutt  (Hippoglossus  Cuv.)  zeigt  schmaleren, ­
  gestreckteren  Leib.  4.  Der  Heiligbutt
oder  die  Riesenscholle  (Hippoglossus  vulgaris ­
  Flem.),  bis  2  m  lang  und  250  kg  schwer,
ist  besonders  wichtig  für  die  Nordländer.  5.  Der
Steinbutt,  Turbot  (Rhombus  maximus),
ein  besonders  geschätzter  Fisch,  bis  2  m  lang
und  bis  35  kg  schwer,  an  der  Augenseite  höckerig, ­
  braun,  marmoriert  und  heller  gefleckt,  lebt
in  der  Nord-  und  Ostsee  und  im  Mittelländischen ­
  Meer.  6.  Der  y Glattbutt  (Rhombus
laevis  Cuv.),  40  cm  lang,  bis  4  kg  schwer,
braun,  dunkelbraun  marmoriert,  perlenartig  hell
gefleckt,  in  der  Nord-  und  Ostsee  bis  zum  Atlantischen ­
  Ozean.  7.  Die  längliche  Zungenscholle, ­
  Soolen  oder  Sole  (Solea  Gthr.),  mit
rechtsstehenden  Augen  und  sehr  großer  Afterflosse. ­
  8.  Die  Zunge,  Seezunge  (Solea  vulgaris ­
  Quensel),  bis  64  cm  lang,  3—4  kg  schwer,
wird  besonders  in  England  in  großen  Mengen
verbraucht.  Butten  und  Zungen  gedeihen  auch
im  Süßwasser,  in  Teichen  und  Aquarien.  —  Alle
zur  Gattung  S.  gehörenden  Fische  werden  sowohl ­
  frisch  als  auch  eingesalzen  und  getrocknet,
zum  Teil  auch  geräuchert  genossen.  —  Über
den  Handel  und  die  Bereitungsarten  vgl.
Flunder.
Schreibmaschinenbänder  enthalten  als  Farbkörper ­
  in  Öl  gelöste  Teerfarben  oder  mit  Öl  angeriebenen ­
  Kohlenstoff,  gerbsaures  Eisen  u.  dgl.
Wir  fanden  auf  1  m  1,55  mg  Eisen  und  in  bis
178  mg  Kohle.
Schrot  (Bleischrot,  Hagel,  frz.  Dragde,
Plomb  de  chasse,  engl.  Shot)  wird  in  der  Weise
hergestellt,  daß  man  stark  erhitztes  Blei  löffelweise ­
  in  ein  Sieb  gießt,  dessen  Boden  mit  Bleikrätze ­
  bedeckt  ist.  Die  Tropfen  durchfallen  den
Schrotturm  in  einer  Höhe  von30—36m,ballen
sich  zu  Kugeln  und  erstarren,  bevor  sie  das
auf  dem  Boden  befindliche  Wassergefäß  erreichen ­
  (Patentschrot).  Um  die  große  Höhe
der  Schrottürme  auf  die  Hälfte  vermindern  zu

können,  treibt  man  den  fallenden  Tropfen
neuerdings  einen  kräftigen,  durch  Ventilatoren
erzeugten  Luftstrom  entgegen.  Das  hierzu  verwendete ­
  weiche  Blei  erhält  einen  Zusatz  von
0,3—0,6  0/0  Arsen  in  metallischem  Zustande  oder
in  Form  von  Schwefelarsen  oder  arseniger
Säure,  bisweilen  wird  das  Arsen  auch  durch
Antimon  ersetzt.  Das  aus  dem  Wasserbottich
genommene  S.  wird  sogleich  an  der  Luft  oder
in  erwärmten  eisernen  Pfannen  getrocknet.
Hierauf  folgt  das  Aussondern  aller  fehlerhaften ­
  (namentlich  ovaler)  Körner  und  das  Sortieren ­
  nach  der  Korngröße,  indem  man  das  S.
eine  schiefe  Ebene,  die  in  bestimmten  Entfernungen ­
  durch  Spalten  von  etwa  80  mm  Weite
unterbrochen  ist,  hinunterlaufen  läßt.  Die
ovalen  Körner  laufen  im  Bogen.und  fallen  über
die  Seitenränder  ab,  die  runden  eilen  in  gerader
Richtung  hinunter,  die  schwersten  überspringen
alle  Spalten,  weniger  schwere  fallen  durch  eine
frühere  Spalte  ab.  Schließlich  folgt  noch  eine
Scheidung  durch  Rüttelsiebe  und,  um  die  Körner
vor  Oxydation  zu  schützen,  ein  Polieren  in
Lauftrommeln  mit  etwas  gepulvertem  Reißblei.
Die  verschiedenen  Sorten  werden  mit  Nummern ­
  bezeichnet.  Nr.  00  und  o  oder  PP,  P,  00,
o  geben  die  gröbsten,  Nr.  10—12  oder  14—16
die  feinsten  Sorten  an.  —  Rehposten  (frz.
Chrevotines,  Postes,  engl.  Buck-shot)  sind  S.
von  5—6  mm  Korndurchmesser,  doch  versteht
man  darunter  auch  zylindrische,  durch  Guß  in
Formen  oder  Pressen  hergestellte  Geschosse
von  gleichem  Durchmesser.  Die  feinsten  S.  von
0,6—1,0  mm  Durchmesser  heißen  Vogeldunst
(frz.  Cendrde,  engl.  Dust  shot).
Schuhwichse  wird  in  der  Weise  hergestellt,
daß  man  Beinschwarz,  Melasse,  Dextrin  und
Wasser  sorgfältig  verreibt,  etwas  grünes  Baumöl ­
  oder  ein  ähnliches  fettes  Öl  hinzumischt  und
dann  noch  einen  geringen  Zusatz  von  Schwefelsäure ­
  macht.  Die  fertige  Ware  wird  in  Blechoder ­
  Holzschachteln  zum  Verkauf  gebracht.
Gute  S.  soll  einen  dauerhaften  Glanz  auf  dem
Leder  erzeugen.  —-  Da  die  S.  bei  Zutritt  von
Feuchtigkeit  die  Kleidungsstücke  durch  Abfärben ­
  beschmutzt  und  außerdem  nicht  in  bunten ­
  Farben  herzustellen  ist,  hat  man  seit  mehreren ­
  Jahren  die  sog.  Schuhcremes  und  Appreturen ­
  in  den  Handel  gebracht.  —  Die  Cremes ­
  sind  aus  Zeresin,  Wachs,  Karnaubawachs
und  Terpentinöl  zusammengeschmolzen  und  je
nach  Wunsch  für  farbige  Leder  mit  Teerfarben
gefärbt.  Sie  geben  durch  einfaches  Aufreiben
dem  Leder  Glanz  und  konservieren  es  gleichzeitig. ­
  —  Appreturen  sind  Auflösungen  von
Schellack  in  Borax  und  Wasser  mit  nachheriger
Färbung.  Sie  werden  mit  einem  Schwämmchen
oder  Pinsel  aufgetragen  und  vertreten  die  Stelle
des  Lederlacks.
Schuppenfelle.  Diesen  Namen  führen  im  Pelzhandel ­
  die  Felle  des  Waschbären,  Procyon
lotor  Desm.  Der  Waschbär,  die  kleinste
Bärenart  von  etwa  Fuchsgröße,  bewohnt  ganz
Nordamerika,  und  zwar  weniger  den  hohen
Norden  als  die  Vereinigten  Staaten  und  Kanada,
und  wird  in  größter  Anzahl  in  den  Staaten
Michigan,  Wiskonsin,  Illinois  und  Ohio,  ferner
auch  in  Arkansas  und  Tennessee  von  eigens  dazu ­
  abgerichteten  Hunden  gefangen.  Die  dicht ­
        <pb n="405" />
        Schwämme

399

Schwarzwurzel

wolligen  weichen  Felle  zeigen  dunklere  oder
hellere  graubraune  Färbung  mit  wechselnden
Schattierungen.  Die  16—21  cm  langen  Schweife
sind  gelbbraun  mit  schwarzen  Ringeln.  S.  bilden
einen  der  wichtigsten  Gegenstände  des  Rauchwarenhandels ­
  und  gehen  in  der  Zahl  von  jährlich ­
  etwa  600000  Stück  über  den  Leipziger
Markt.  Hauptsächlich  werden  sie  in  Rußland
verbraucht"  und  bilden  hier  das  Pelzwerk  derjenigen ­
  Mittelklasse,  der  Wolfspelze  zu  schlecht
und  Bären  zu  teuer  sind.  Schwarz  oder  braun
gefärbt  bilden  sie  seit  einigen  Jahren  auch  eine
Modeware  für  Frankreich,  England,  Deutschland ­
  und  die  Vereinigten  Staaten.  Der  Wert  der
Felle  stuft  sich  nach  Güte  und  Färbung  bedeutend ­
  ab.
Schwämme  (Badeschwämme,  Waschschwämme.
  Seeschwämme,  lat.  Spongiae,
frz.  Eponges,  engl.  Sponges)  bestehen  aus  den
Gehäusen  einer  auf  der  niedrigsten  Stufe  der
organischen  Welt  stehenden  Tiergattung,  sog.
Tierpflanzen,  Zoophyten,  Spongia  officinalis,
  Achilleum  lacinulatum,  die  sich  in
allen  wärmeren  Meeren,  auf  dem  felsigen  Grunde
aufgewachsen,  in  den  mannigfaltigsten  Arten
vorfinden.  Jeder  Schwamm  bildet  eine  Kolonie
zahlreicher  Tiere,  deren  aus'  einer  gallertartigen ­
  Masse  (Sarkode)  bestehender  Körper
die  Poren  des  Gehäuses  ausfüllt  und  dieses
auch  äußerlich  überzieht.  Die  b  e  s  t  e  n  Schwämme
st ammen  aus  dem  östlichen  Teile  des  Mitteith ­
  eer  es  von  der  syrischen  und  kleinasiatischen
Küste  und  mehreren  Inseln  des  Griechischen
Archipels.  Nächst  diesen  kommen  die  S.  von
der  Ostküste  des  Adriatischen  Meeres  bis
Triest  sowie  von  der  afrikanischen  Küste  von
Tripolis  bis  Marokko  und  aus  dem  Roten  Meere.
Fine  geringere  Sorte  bilden  die  Bahamas
 chwämme  aus  Westindien,  die  meist  am
Grunde  eine  stark  braunrote  Färbung  zeigen
u nd  seit  einigen  Jahren  auch  an  den  Küsten
v on  Kuba  gefischt  werden.  Zum  Loslösen  der
Schwämme  bedient  man  sich,  wo  es  möglich
ls t,  wie  bei  Nauplia,  eines  an  langer  Stange  befestigten ­
  Eisens,  bei  größerer  Meerestiefe  aber
der  Taucher.  Die  herausgebrachten  S.  werden
s °fort  durch  Auswaschen  mit  Wasser  von  dem
Schleim  befreit,  gereinigt  und  getrocknet,  bisweilen ­
  allerdings  auch  betrügerischerweise  zur
Beschwerung  mit  Sand  eingerieben  und  so  aus-Seführt.
  Die  Mittelmeerschwämme  kommen
•heist  über  Triest,  Venedig,  Livorno,  Marseille,
Genua  und  Tripolis  in  den  Handel,  teils  in
Fisten,  teils  in  Ballen  gepackt,  die  kleineren
Sorten  an  Schnüren  aufgereiht.  Für  die  Bahama-^der
  amerikanischen  S.  sind  Hamburg  und
“temen  die  hauptsächlichsten  Einfuhrplätze.  Sie
"'erden  hier  gebleicht  und  in  handliche  Formen
geschnitten  und  je  nach  der  Güte  unter  den
Famen:  Graß,  Velvets,  Reefs  usw.  in  den  Handel ­
  gebracht.  Das  Bleichen  erfolgt  mit  Wasserstoffsuperoxyd ­
  oder  durch  Eintauchen  in  Ka-*
 lu mpermanganatlösung  und  nachherige  Enterbung ­
  in  einer  Natriumhyposulfitlösung  unter
$ u satz  einiger  Teile  Salzsäure.  Der  Güte  und
l°rmnach  unterscheidet  man  1.Champignons,
, le  feinsten,  kleinporigen,  hellfarbigen,  sehr
e *astischen  SC' J  2.  Damen-  oder  Toilette-Sc
 hwämme,  sehr  feinporige  weiche  S.  (Diese

beiden  Sorten  bezeichnet  man  als  „Levantiner“.)
3.  Gewöhnliche  S.,  von  denen  man  unangereihte,
  auf  Venetianer  Art  angereihte  und
auf  Triester  Art  aufgeschnürte  unterscheidet.
4.  Zimoccaschwämme  oder  Zemoccaschwämme,
  feinporige,  aber  festere  und  härtere, ­
  und  infolgedessen  sehr  haltbare  S.  5.  Pf  erdeschwämme, ­
  die  größten,  und  im  Gegensatz  zu
den  vorhergehenden,  großporigen  Sorten.  Sämtliche ­
  S.  werden  außerdem  noch  in  verschiedene
Wert-  und  Größennummern  sortiert,  und  der
Abfall  oder  Ausschuß  unter  dem  Namen  Kropfschwamm ­
  verkauft.  Alle  S.  dürfen  weder  zu
feucht  noch  zu  trocken  aufbewahrt  werden,  da
sie  im  ersteren  Falle  leicht  übelriechend  und
rotfleckig  werden,  im  letzteren  aber  zu  sehr  an
Gewicht  verlieren.  Die  wichtigste  Verwendung
der  S.  ist  bekannt,  erwähnt  mag  nur  noch  werden, ­
  daß  man  mit  geschmolzenem  Wachs  getränkte ­
  und  gepreßte  Schwammschnitte  unter
dem  Namen  Preßschwamm  (Spongia  cerata)
führt.  Auch  wurde  früher  aus  den  Schwammabfällen ­
  (Kropfschwamm)  durch  Verglühen  eine
Kohle,  Carbo  spongiae,  hergestellt,  die  ihres
geringen  Jodgehaltes  wegen  als  Mittel  gegen
den  Kropf  Anwendung  fand.
Schwarzkümmelsamen  (Kreuzkümmel,  lat.
Semen  nigellae,  frz.  Semence  de  nigelle,  engl.  Nigelle
  seeds),  ein  Gegenstand  des  Drogenhandels,
der  in  der  tierärztlichen  Praxis  und  als  Gewürz
Verwendung  findet,  stammt  von  mehreren  Arten
der  den  Ranunkulazeen  angehörenden  Gattung
Nigella.  In  Südeuropa  und  Deutschland  baut
man  den  gemeinen  Schwarzkümmel,  Nigella ­
  sativa  L.,  eine  25—30  cm  hohe  Pflanze,
die  auch  römischer  oder  schwarzer  Koriander, ­
  Katharinenblume,  Kapuzinerund
  Nardenkraut,  Nardensamen  usw.  genannt ­
  wird,  während  im  Orient  der  Damaszener ­
  Schwarzkümmel  von  Nigella  Damascena
  L.  bevorzugt  wird.  Die  Früchte  des
letzteren  sind  etwas  kleiner,  riechen  gewürzhafter
  und  zeigen  beim  Reiben  einen  erdbeerartigen
  Geruch.  S.  enthält  etwa  35  0/0  fettes  Öl
und  1 / 2  0/0  ätherisches  öl,  die  erstere  Sorte
außerdem  einen  Bitterstoff,  Melianthin,  der
Damaszener  S.  hingegen  ein  Alkaloid,  das  Damaszenin,
  das  im  ätherischen  .Öl  blau  fluoresziert. ­

Schwarzwurzel  (lat.  Radix  consolidae  seu  symphyti,
  frz.  Racine  de  symphyte,  engl.  Symphyti
root),  die  Wurzel  von  Symphytutn  officinale,
  einer  zu  der  Gattung  der  Boragineen
gehörenden  Pflanze,  wird  medizinisch  als  schleimlösendes ­
  Mittel  benutzt  und  enthält  Schleim,
Gerbstoff  und  Asparagin.  —  Mit  demselben
Namen  bezeichnet  man  auch  eine  beliebte  Gemüsepflanze, ­
  Scorzonera  hispanica,  deren
Wurzeln  wie  Spargel  zubereitet  werden  und  geröstet ­
  als  Kaffee-Ersatz  Verwendung  finden.  Die
Pflanze  wird  0,6-—1,3  m  hoch,  ist  zwei-  und
mehrjährig,  besitzt  gelbe,  wie  Vanille  riechende
Blüten  und  große  lange  Blätter  und  wächst  auf
Kalkboden  auch  wild.  Der  Anbau  verlangt  tief
gelockerten  Boden  in  offen  zugiger  Lage,  dünne
Reihensaat  im  März  oder  April  und  gute,  aber
nicht  frische  Düngung.  Oft  erlangen  die  Wurzeln ­
  schon  im  ersten  Jahre  die  zum  Gebrauch
erforderliche  Größe  und  Stärke,  gute  Finger ­
        <pb n="406" />
        Schwefel

400

Schwefel

dicke,  meist  aber  erst  im  zweiten  Herbst.  Zur
Aufbewahrung  werden  sie  in  frostfreien  Räumen ­
  eingeschlagen  und  bleiben  so  lange  zart
und  brauchbar,  als'beim  Zerbrechen  noch  der
Milchsaft  ausfließt.  Verkauft  werden  die  Wurzeln ­
  in  Bündeln  auf  Wochenmärkten.  In  Deutschland ­
  zeichnet  sich  besonders  Bamberg  durch
den  Anbau  aus.
Schwefel  (lat.  Sulfur  seu  Sulphur,  frz.Soufre,
engl.  Sulphur).  Der  Schwefel  ist  schon  seit  den
ältesten  Zeiten  bekannt.  Die  Alchimisten  betrachteten ­
  ihn  als  die  Ursache  der  Verbrennlichkeit ­
  sowie  als  den  Träger  der  Verschiedenartigkeit ­
  der  Metalle  in  Farbe  und  sonstigen
Eigenschaften.  Sein  Vorkommen  in  freiem  Zustande ­
  als  sog.  gediegener  S.  knüpft  sich  vorzugsweise ­
  an  Gegenden,  in  denen  vulkanische
Kräfte  tätig  sind  oder  einst  waren.  So  findet
er  sich  in  der  Romagna,  in  Sizilien,  Spanien
und  Griechenland,  auf  Island,  bei  Bahara  Saphinqua
  am  Roten  Meere,  in  Kalifornien,  Mexiko
und  Südamerika  entweder  in  Form  von  Körnern,
Kristallen  oder  Knollen,  oder  aber  in  ausgedehnten ­
  Lagern,  mit  Gips,  Kalkstein  und  bituminösem ­
  Mergel  gemischt.  Man  erklärt  sich  die
Entstehung  des  S,  in  vulkanischen  Gegenden
aus  der  Umsetzung  der  beiden  Gase  Schwefelwasserstoff ­
  und  schweflige  Säure.  Diese  entströmen ­
  Erdlöchern  (Solfataren)  und  zersetzen ­
  sich  beim  Zusammentreffen  unter  Abscheidung ­
  von  S.,  der  an  den  Austrittsöffnungen ­
  Krusten  bildet.  Teilweise  dringen  die  vulkanischen ­
  Gase  auch  in  das  lockere  Erdreich
ein  und  hinterlassen  in  diesem  den  S.  Eine  der
großartigsten  Solfataren  ist  die  von  Puzzuoli
bei  Neapel.  Viel  reichlicher  und  verbreiteter  als
freier  S.  kommen  seine  Verbindungen  in  der
Natur  vor.  An  Metalle  gebunden,  findet  er  sich
in  verschiedenen  Erzen,  die  in  der  Mineralogie
als  Kiese,  Glanze  und  Blenden  bezeichnet
werden.  Die  bekanntesten  sind  Kupferkies.
Eisenkies,  Bieiglanz,  Antimonglanz,  Molybdänglanz ­
  und  Zinkblende.  In  Verbindung  mit  Arsenik ­
  bildet  der  S.  die  Mineralien  Realgar  und
Auripigment.  Auch  in  Form  von  schwefelsauren
Salzen  kommt  er  sehr  verbreitet  vor.  Derartige
natürlich  vorkommende  schwefelsaure  Salze
(Sulfate)  sind  z.  B.  der  Gips,  der  Schwerspat,
der  Kieserit  und  das  Bittersalz.  Im  Tier-  und
Pflanzenreich  finden  sich  ebenfalls  Schwefelverbindungen, ­
  z.  B.  im  Knoblauch-  und  Asafoetidaöl
  sowie  vor  allem  in  den  Eiweißkörpern.
Die  überwiegende  Menge  des  im  kontinentalen
Handel  vorkommenden  S.  wird  aus  den  natürlichen ­
  Lagerstätten  Italiens,  hauptsächlich  in
d er  Romagna  und  auf  Sizilien,  gewonnen.  Auf
Sizilien  erstreckt  sich  die  schwefelhaltige  Gegend
an  der  Südküste  von  Girgenti  nordöstlich  bis
an  den  Fuß  des  Ätna  in  einer  Länge  von  ungefähr ­
  25  Meilen  bei  5—6  Meilen  Breite.  Man
gewinnt  das  schwefelhaltige,  Gestein  und  Erdreich, ­
  das  außer  S.  noch  Gips,  Kalkstein  und
M(ergel  enthält,  teils  direkt  aus  den  zutage
liegenden  Anhäufungen,  teils  bergmännisch  aus
den  in  der  Tiefe  sich  befindenden  Lagern.  Die
Gesteine  enthalten  durchschnittlich  etwa  250/0  S.,
die  reichsten  gegen  5°°/°-  Bei  einem  Schwefelgehalt ­
  unter  10  0/0  ist  die  Verarbeitung  unlohnend.
  Die  Abscheidung  des  natürlichen  gediegenen ­

  S.  aus  dem  Gestein  und  Erdreich  geschah ­
  früher  in  Sizilien  auf  folgende  höchst
einfache  Weise:  In  runden,  2,5  m  im  Durchmesser,
0,4  m  in  der  Tiefe  messenden  Erdlöchern  (Calcarelle)
  wurden  die  Erze  zu  einem  hohen
Haufen  aufgeschichtet,  dieser  dann  am  Abend
angezündet  und  am  anderen  Morgen  der  durch
die  Wärme  in  dem  äußeren  Ringe  der  Vertiefung ­
  angesammelte  geschmolzene  S.  ausgeschöpft. ­
  Zur  Vermeidung  der  mit  diesem
rohen  Verfahren  verbundenen  Verluste  wendet
man  seit  1858  ein  verbessertes  Ausschmelzverfahren ­
  in  den  sog.  Calcaroni  an.  Die  letzteren ­
  sind  runde,  etwa  2,5  m  tiefe  Gruben  von
10  m  Durchmesser,  die  mit  einer  geglätteten
Gipsmauer  ausgekleidet  sind  und  meist  an  einem
Abhange  liegen,  so  daß  sich  ein  vollständiges
Abfließen  des  S.  ermöglichen  läßt.  In  den  Gruben ­
  werden  die  Schwefelerze  aufgeschichtet  und
dann  der  ganze  Haufen  von  der  Gestalt  eines
abgestumpften  Kegels  mit  ausgebrannten  Erzen
bedeckt.  Der  durch  Anzünden  des  Haufens  von
unten  zum  Schmelzen  gebrachte  S.  sammelt
sich  an  der  tiefsten  Stelle  wieder  an,  fließt  dann
durch  ein  Zapfloch  in  einen  Behälter  und  wird
schließlich  in  Formen  gegossen.  Neuerdings  gewinnt ­
  man  den  S.  in  Sizilien  auch  dadurch,  daß
man  die  Schwefelerze  einfach  in  großen  Pyramiden ­
  aufschichtet,  diese  nach  Art  eines  Meilers
dick  mit  Erde  bedeckt  und  unter  der  Decke  in
Brand  setzt.  Hierbei  geht  ziemlich  wenig  Sdurch
  Verbrennen  verloren,  und  die  Methode
ist  deshalb  recht  vorteilhaft,  wenn  auch  etwas
langwierig,  da  das  Ausschmelzen  eines  Meilers
gegen  20  Tage  erfordert.  Aus  besonders  schwefelreichen
  Erzen  scheidet  man  den  S.  auch  durch
Ausschmelzen  in  Kesseln  bei  möglichst  geringer
Hitze  und  möglichster  Fernhaltung  der  Luft  ab-Nachdem
  die  Masse  einige  Zeit  in  Fluß  gestalt'
den  und  die  fremden  Teile  sich  zu  Boden  ge'
setzt  haben,  schöpft  man  den  S.  in  naßgemaebte
hölzerne  Kästen  und  läßt  ihn  zu  Blöcken  erstarren.
  Das  weit  zweckmäßigere  Verfahren,
den  S.  durch  Ausschmelzen  in  geschlossenen
Gefäßen  mit  gespanntem  Wasserdampf  oder
durch  Destillation  schwefelreicherer  Erze,  wi®
es  in  der  Romagna  gang  und  gäbe  ist,  zu  g e '
winnen,  läßt  sich  in  Sizilien  nicht  ausführen,
weil  dort  der  S.  das  einzige  Brennmaterial  bil'
det  und  Kohlen  zu  kostspielig  sind.  —  Alle 1
durch  Ausschmelzen  gewonnene  S.  ist  Roh'
Schwefel,  der  in  unregelmäßigen  Brocken  &amp;gt; n
den  Handel  kommt  und  zur  Darstellung  von
Schwefelsäure  ohne  weiteres  benutzt  werden
kann.  Der  Hauptabnehmer  für  sizilianischcn
Rohschwefel  ist  England.  Für  viele  ander®
Zwecke  puuß  der  S.  vorher  einer  Reinigung
(Raffination)  unterzogen  werden.  —  Das  Rai'
finieren  des  Rohschwefels,  der  außer  erdig® 11
Beimengungen  oft  auch  Arsen  enthält,  wird  ^
verschiedenen  Mittelmeerstädten,  besonders  111
Marseille,  ausgeführt,  doch  finden  sich  Schw®'
felraffinerien  auch  in  Antwerpen,  Schönebec*
usw.  Die  Reinigung  geschieht  ..tjurch  Sublim 3 )
tion  oder  Destillation.  Zu  diesem,.Zwecke
der  S.  in  gußeisernen  Retorte^j^er  horizoö
talen  Zylindern  in  Dampf  verw^rfde^und  die 5 ®
durch  einen  Kanal  in  eine  gemauerte  Kamt 11 ®
geleitet,  worin  er  sich,  solange  die  Temperata
        <pb n="407" />
        Schwefel

401

Schwefel

des  Raumes  unter  112 0  bleibt,  als  feines  kristallinisches ­
  Pulver  —  Schwefelblumen  (lat.  Flores ­
  sulfuris  seu  Sulfur  sublimatum,  frz.  Fleurs
de  soufre,  engl.  Flowers  of  sulphur)  —  verdichtet. ­
  Nehmen  aber  im  weiteren  Verlauf  der
Destillation  die  Kammerwände  die  Temperatur
an,  bei  welcher  der  S.  schmilzt,  so  können  sich
keine  Schwefelblumen  mehr  bilden,  sondern  aller
S.  sammelt  sich  im  geschmolzenen  Zustande  im
unteren  Raume  an.  Hier  wird  er  von  Zeit  zu
Zeit  abgelassen  und  in  Formen  gegossen,  größtenteils ­
  zu  den  bekannten  Stangen  —  Stangenschwefel ­
  —  oder  auch  zu  Broten.  Von  den
wichtigsten  Ausfuhrhäfen  für  den  sizilianischen
S.,  Girgenti,  Katania  und  Licata,  werden  jährlich ­
  etwa  200—300  Millionen  Kilogramm  in  den
Handel  gebracht.  Der  in  der  Romagna  vorkommende ­
  S.  wird  durch  Destillation  der  Schwefelerze ­
  gewonnen,  meist  in  Rimini  raffiniert  und
von  dort  aus  versandt.  Die  Schwefelbrüche  an
der  Westküste  des  Roten  Meeres  gehören  einer
Gesellschaft  und  finden  sich  in  den  schroffen
Gipsfelsen,  die  den  Küstensaum  bilden.  In
neuerer  Zeit  sind  auch  auf  Island  gewaltige
Schwefellager  gefunden  worden.  Kleinere  Mengen ­
  werden  ferner  in  Schweden,  Frankreich  und
Böhmen  durch  Destillation  von  Schwefelkiesen
aus  tönernen  oder  eisernen  Retorten  gewonnen,
doch  scheidet  sich  bei  der  Verarbeitung  von
Eisenkiesen  nur  ein  Teil  des  S.  ab,  während  der
Rest  als  Röstrückstand  in  den  Retorten  verbleibt
und  zur  Gewinnung  von  Eisenvitriol  benutzt
wird.  Die  Schwefelerzeugung  aus  Kiesen  lohnt
sich  übrigens  nur  dann,  wenn  das  Brennmaterial
billig  zu  beschaffen  ist.  In  Swoszowice  bei  Krakau ­
  wird  der  S.,  der  sich  dort  in  erdigem  Zustande ­
  in  Mergel  eingelagert  findet,  mit  Schwefelkohlenstoff ­
  extrahiert  und  letzterer
durch  Abdestillieren  immer  wieder  gewonnen,
so  daß  die  Herstellungskosten  dieses'  sehr  reinen
S.  ziemlich  niedrige  sind.  Der  Swoszowicer  S.
führt  den  Namen  Extraktiohsschwefe  1.
Eine  nicht  unbedeutende  Menge  von  S.  wird
endlich  auch  aus  den  Abfällen  der  Sodafabrik ­
  en,  die  neben  kohlensaurem  Kalk  Nadiumsulfid
  und  Kalziumsulfid  enthalten,  als  sog.
regenerierter  (Retour-)  S.  gewonnen.—Der  gewöhnliche ­
  S.  stellt  einen  gelben,  spröden  Körper ­
  vom  Atomgewicht  S  =  32  dar,  welcher  in
Wasser  unlöslich,  in  Alkohol  und  Äther  etwas
löslich  ist.  In  reinem  Zustande  hat  er  weder
Geruch  noch  Geschmack  und  ist  ohne,  Einwirkung ­
  gegen  Lackmus.  Bei  114 0  schmilzt  der
gewöhnliche  S.  zu  einer  hellgelben,  dünnen
Flüssigkeit,  bei  etwa  160 0  wird  er  braun  und
z ähflüssig,  bei  250 0  dunkelbraun  und  so  dickflüssig, ­
  daß  er  beim  Umkehren  des  Gefäßes
rücht  ausfließt.  Bei  noch  stärkerem  Erhitzen
Wird  er  wieder  dünnflüssiger,  aber  nicht  heller,
u nd  bei  448°  beginnt  er  zu  sieden  und  verwandelt ­
  sich  in  einen  bräunlichgelben  Dampf.  Der
kommt  in  mehreren  Modifikationen,  sowohl
lr n  kristallisierten  als  auch  im  amorphen  Zustande, ­
  vor.  Kristallisiert  findet  er  sich  als
Rhombischer  oder  oktaedrischer  S.  sowohl
fertig  g e bildet  in  der  Natur  als  auch  ausgeschieden ­
  aus  einer  Schwefelkohlenstofflösung,  und
jds  monokliner  oder  prismatischer  S.  in
bfäunlichgelben  Prismen,  die  sich  beim  langet ­
  ercks  Wareulexikon.

samen  Erkalten  des  geschmolzenen  S.  bilden.
Sowohl  der  rhombische  wie  der  monokline  S
lösen  sich  leicht  in  Schwefelkohlenstoff.  Auch
im  amorphen  Zustande  findet  sich  der  S.  in
mehreren  Modifikationen:  Der  zähe  oder  plastische ­
  S.  wird  als  braune,  elastische  Masse
erhalten,  wenn  man  S.  auf  250 0  erhitzt  und  die
geschmolzene  Masse  in  einem  dünnen  Strahle
in  kaltes  Wasser  gießt.  Der  pulverige,  in
Schwefelkohlenstoff  unlösliche  S.  bildet
den  Hauptbestandteil  der  Schwefelblumen  und
stellt  ein  gelbes,  lockeres  Pulver  dar.  Der  pulverige, ­
  in  Schwefelkohlenstoff  lösliche
S.  oder  die  Schwefelmilch  entsteht  bei  der
Zerlegung  der  Polysulfide  durch  Salzsäure  und
bildet  ein  gelblichweißes  Pulver.  —  Wird  S.  an
der  Luft  erhitzt,  so  verbrennt  er  mit  blauer
Flamme  zu  schwefliger  Säure,  einem  eigentümlich ­
  stechend  riechenden  Gase.  Durch  Einwirkung ­
  von  Salpetersäure,  Salzsäure  und  Königswasser ­
  verwandelt  er  sich  in  Schwefelsäure.
Konzentrierte  Schwefelsäure  löst  den  S.  in  der
Wärme  unter  Entwicklung  von  schwefliger
Säure,  ebenso  lösen  ihn  Laugen  in  der  Wärme
auf,  wobei  sich  Polysulfide  und  unterschwefligsaure ­
  Salze  bilden.  Um  S.  in  einem  Körper
nachzuweisen,  schmilzt  man  ihn,  mit  Soda  gemischt, ­
  auf  Holzkohle,  bringt  die  Schmelze  auf
eine  blanke  Silbermünze  und  befeuchtet  mit
Wasser,  worauf  bei  Anwesenheit  von  S.  ein
brauner  Fleck  von  Schwefelsilber  entsteht  (Heparreaktion).
  —  Im  Handel  unterscheidet  man
Stangenschwefel,  Schwefelblumen,  gereinigten
S.,  präzipitierten  S.  und  grauen  S.  Die  ersteren
beiden  bilden  den  gewöhnlichen  S.  und  enthalten ­
  außer  geringen  Mengen  anderer  zufälliger ­
  Verunreinigungen  noch  Spuren  Arsen  und
Selen  sowie  als  unvermeidliche  Folge  teilweiser
Oxydation  beim  Raffinieren  schweflige  Säure
bzw.  Schwefelsäure.  —  Der  Stangenschwefel ­
  (lat.  Sulfur  in  baculis,  frz.  Soufre  en  canons,
engl.  Canes  of  Sulphur)  kommt  in  gelben,
glänzenden,  runden  Stücken  von  5—8  cm  Durchmesser ­
  und  kristallinischem  Gefüge  in  den  Handel. ­
  —  Die  Schwefelblumen  (lat.  Flores  sulfuris, ­
  Sulfur  sublimatum,  frz.  Soufre  sublime,
Fleurs  de  Soufre,  engl.  Sublimed  Sulphur,  Flowers ­
  of  Sulphur)  stellen  ein  Gemenge  aus  wenig
kristallinischem  und  viel  amorphem  S.  dar  und
bilden  ein  säuerlich  schmeckendes  gelbes  Pulver. ­
  Sie  dürfen  für  den  innerlichen  Gebrauch
medizinisch  nicht  verwendet  werden,  sondern
nur  im  gereinigten  Zustande  als  sog.  gewaschener ­
  oder  gereinigter  S.  (lat.  Sulfur
depuratum,  Sulfur  lotum,  frz.  Soufre  lavö,  engl.
Washed  sulphur).  Diese  Reinigung  erfolgt  durch
Behandlung  mit  verdünntem  Ammoniak  und
nachfolgendes  Waschen  mit  Wasser,  wobei  vorhandene ­
  Schwefelsäure  gebunden  und  Arsen
gelöst  wird.  Der  gereinigte  S.  ist  ein  gelbes,
geruch-  und  geschmackloses  Pulver  von  neutraler ­
  Reaktion.  Der  präzipitierte  S.,  Schwefelmilch ­
  (lat.  Sulfur  praecipitatum,  Lac  sulfuris, ­
  frz.  Lait  de  soufre,  engl.  Milk  of  sulphur)
ist  höchst  fein  zerteilter,  fast  weißer  S.  Zu
seiner  Darstellung  wird  gereinigter  S.  mit  frisch
bereiteter  Kuhmilch  bis  zur  Auflösung  gekocht
und  zu  der  gelbbraunen  Flüssigkeit,  die  neben
unterschwefligsaurem  Kalk  Fünffach-Schwefel26 ­
        <pb n="408" />
        Schwefelbalsam

402

Schwefelkohlenstoff

kalzium  (Kalkschwefelleber)  enthält,  so  viel
Salzsäure  hinzugefügt,  daß  nur  die  Kalkschwefelleber ­
  zur  Zersetzung  gelangt.  Unter  Entweichen
von  Schwefelwasserstoff  fällt  S.  nieder,  der  gut
ausgewaschen  und  getrocknet  wird.  Der  präzipitierte
  S.  ist  in  Schwefelkohlenstoff  leichtlöslich ­
  und  von  neutraler  Reaktion.  Das  offizineile
Mittel  darf  weder  freie  Schwefelsäure,  noch
Gips  oder  Arsen  enthalten.  —  Der  graue  S.
oder  Roßschwefel  (lat.  Sulfur  griseum,  Sulfur ­
  caballinum,  frz.  Soufre  cabalin,  engl.  Horse
sulphur)  besteht  aus  den  erdigen,  meist  Arsen
enthaltenden  Rückständen  der  Schwefelsublimation ­
  und  stellt  ein  graues,  sandiges  Pulver  dar.
—  Die  Verwendung  des  S.  ist  eine  außerordentlich ­
  vielseitige.  Die  größten  Mengen  werden ­
  zur  Bereitung  von  schwarzem  Schießpulver
und  Ultramarin,  zum  Vulkanisieren  des  Kaut-,
schuks  und  vor  allem  zur  Herstellung  von  Schwefelsäure ­
  gebraucht.  Ein  großer  Teil  der  gewonnenen ­
  Schwefelblumen  dient  in  neuerer  Zeit
zur  Bekämpfung  der  Traubenkrankheit,  hauptsächlich ­
  auf  Sizilien  selbst,  dann  aber  auch  im
übrigen  Italien,  in  Frankreich,  Spanien,  Griechenland ­
  usw.  Allgemein  bekannt  ist  die  Verwendung ­
  des  S.  zu  Streichhölzern  und  anderen
Zündwaren,  der  Schwefeldämpfe  zum  Bleichen
von  Seide  und  Wollwaren,  von  Strohhüten  und
Korbwaren,  zum  Schwefeln  des  Hopfens  und
der  Weinfässer.  Auch  in  der  Feuerwerkerei  sowie ­
  in  chemischen  Fabriken  zur  Herstellung  von
Zinnober,  Schwefelleber,  Schwefelkohlenstoff
und  anderer  chemisch-technischer  Erzeugnisse
wird  viel  S.  verbraucht.  Kleinere  Mengen  von
S.  finden  zu  Abgüssen,  zu  Hohlformen  für  die
Gipsgießerei  und  zu  Kitten  Verwendung.  Inder
Medizin  wird  der  gereinigte  sowie  der  präzipitierte
  S.  innerlich  besonders  als  gelinde  abführendes ­
  und  die  Schleimabsonderung  beförderndes ­
  Mittel,  äußerlich  gegen  Krätze  und
andere  Hautleiden  angewandt.  Der  graue  S.
wird  mitunter  als  Vieharznei  gebraucht.  Die
Gesamterzeugung  der  Erde  an  Schwefel  wird
auf  8  Millionen  Tonnen  geschätzt,  wovon  etwa
die  Hälfte  auf  Sizilien  entfällt.
Schwefelbalsam  (Schwefelleinöl,  lat.  Balsamum
  sulfuris,  Oleum  lini  sulfuratum,  frz.
Beaume  de  soufre,  engl.  Balsam  of  sulphur)
wird  durch  Verrühren  von  heißem  Leinöl  mit
Schwefel  hergestellt,  wobei  unter  Aufnahme
von  etwa  l /e  seines  Gewichtes  an  Schwefelblumen ­
  eine  dunkelrotbraune,  dickflüssige  oder
steife,  zähe  Masse  von  unangenehmem  Geruch
entsteht.  S.  dient  in  der  Technik  zur  Herstellung ­
  einer  Goldlösung  für  die  sog.  Glanzvergoldung ­
  (Glanzgold  des  Porzellans).  In  der  Tierarznei ­
  wird  er  äußerlich  und  innerlich  gebraucht.
Seine  Auflösung  in  Terpentinöl  galt  früher  unter
dem  Namen  Harlemer  Öl  als  eine  Art  Universalmittel. ­

Schwefelfarbstoffe.  Unter  diesem  Namen  faßt
man  eine  großeAnzahl  vonTeerfarben  (13.  Gruppe)
zusammen,  welche  durch  Einwirkung  von  Schwefel ­
  oder  Schwefelalkalien  auf  die  mannigfaltigsten ­
  organischen  Verbindungen  entstehen.  Ihre
Konstitution  ist  noch  nicht  völlig  bekannt,  doch
spricht  ihre  Unkristallisierbarkeit  für  eine  hochmolekulare ­
  Zusammensetzung.  Die  Schwefelfarbstoffe, ­
  zu  denen  auch  die  Immedial-,

Thiogen-,  Katigen-,  Kryogen-,  Thion-,
Thioxin-,  Pyrol-  und  Pyrogenfarben  der  1
verschiedenen  chemischen  Fabriken  zu  zählen
sind,  kommen  als  amorphe  Pulver  in  den  Han-  j
del,  die  in  Wasser,  Alkalien,  Säuren  und  den  gebräuchlichen ­
  Lösungsmitteln  unlöslich  sind,  sich
aber  in  Schwefelnatrium  auflösen.  Die  Lösung
wird  durch  Erhitzen  entfärbt  und  kann  sowohl
in  dieser  Form,  mit  nachträglicher  Oxydation  i
der  Leukoverbindung  als  Körperfarbstoff,  wie
auch  direkt  zur  Färbung  von  Baumwolle  be-  j
nutzt  werden.  Es  gibt  rote,  gelbe,  grüne,  blaue,  1
violette  usw.  S.,  doch  sind  besonders  die  graugrünen, ­
  graublauen  bis  schwarzen  Färbungen
durch  große  Licht-  und  Waschechtheit  aus-  ;
gezeichnet,  die  noch  durch  Nachchromieren
oder  Nachkupfern  gesteigert  werden  kann.  Von
der  unübersehbaren  Zahl  dieser  Farben  seien
nur  Schwefelschwarz  T  aus  Dinitrophenol
und  Immedialschwarz  aus  Dinitrooxydiphenylamin
  namhaft  gemacht.  Auch  das  aus  j
Sägemehl,  Kleie  usw.  durch  Erhitzen  mit  Schwefel ­
  und  Sulfiden  hergestellte  Cachou  de  Laval
  gehört  hierher.
Schwefelkies  (Eisenkies,  Pyrit,  lat.Pyrites,
frz.  Pyrite,  engl.  Pyrites).  Dieses  im  Handel
und  Hüttenwesen  häufig  abgekürzt  auch  einfach
Kies  genannte  wichtige  Mineral  besteht  aus
46,7  0/0  Eisen  und  53,3  0/0  Schwefel  und  ist  demnach ­
  als  Zweifachschwefeleisen  (Eisenbisulfid,
  Doppelschwefeleisen,  Eisendisulfuret),
  FeS 2 ,  anzusprechen.  Nicht  selten
enthält  es  kleine  Mengen  von  Kupfer  und  Arsen
sowie  Spuren  von  Gold,  Silber,  Thallium  und
Gallium  beigemengt.  Der  S.  kommt  teils  derb
und  eingesprengt,  teils  auch  in  ziemlich  großen
Kristallen  vor.  Er  hat  eine  messinggelbe  bis
goldgelbe  Farbe  und  metallischen  Glanz  und  ist
eines  der  am  allgemeinsten  verbreiteten  Erze,  ,  J
das  hauptsächlich  zur  Bereitung  von  Schwefel,
Schwefelsäure  und  schwefliger  Säure  verwandt
wird.  Die  Rückstände  werden  nicht  allein  zur
Extraktion  der  geringen  Mengen  von  Gold  und
Kupfer,  sondern  auch  zur  Gewinnung  des
Eisens  benutzt.  Auch  Eisenvitriol  wird  vielfach
aus  S.  hergestellt.  Der  analog  zusammengesetzte,
aber  anders  kristallisierende  Markasit  findet
die  gleiche  Verwendung.
Schwefelkohlenstoff  (Schwefelalkohol,
Kohlenstoffbisulfid,  Sulfokohlensäure,
lat.  Carboneum  sulfuratum,  Alcohol  sulfuris,  frz-Sulfure
  de  carbone,  engl.  Sulfuret  of  carbon)
wurde  im  Jahre  1796  von  Lampadius  in  Freiberg
  zuerst  dargestellt,  wird  aber  jetzt  im
großen  durch  Überleiten  von  Schwefeldämpfe 11
über  glühende  Kohlen  gewonnen.  Zu  diesem
Zwecke  destilliert  man  entweder  ein  Gemeng 6
von  Kohle  mit  Schwefelkies,  Kupferkies  oder
Antimonglanz,  oder  man  erhitzt  Holzkohle  m
Ton-  oder  innen  mit  Ton  ausgekleideten  Eisen'
retorten  bis  zum  Glühen  und  wirft  dann  durch
ein  Rohr,  das  bis  auf  den  Boden  der  Retorte
reicht  und  immer  wieder  rasch  geschlossen
wird,  nach  und  nach  Schwefel  ein.  Dieser  verdampft ­
  und  verbindet  sich  mit  dem  Kohlenstoff
zu  Schwefelkohlenstoff,  der  oben  dampfförmig
durch  ein  Knierohr  mit  Kühlvorrichtung  abziebt-Das
  Rohdestillat  enthält  noch  Schwefel,  Schwefelwasserstoff ­
  und  fremde  organische  Schwefel'
        <pb n="409" />
        Schwefelkohlenstoff

403

Schwefelsäure

Verbindungen  und  wird  daher  zur  Reinigung
von  neuem  destilliert,  indem  man  die  Dämpfe
hintereinander  durch  Kalkmilch,  dünne  Kalilauge ­
  und  Lösungen  von  Eisenvitriol  und  Kupfersulfat ­
  leitet.  Hierdurch  wird  der  Schwefel  und
der  Schwefelwasserstoff  beseitigt.  Um  den  S.
auch  von  den  organischen  Schwefelverbindungen
  zu  befreien,  die  ihm  den  unangenehmen
Geruch  verleihen,  schüttelt  man  ihn  noch  mit
metallischem  Quecksilber  oder  mit  1 / 2  o/o  Sublimat ­
  und  rektifiziert  ihn  alsdann  über  2—5  0/0
fettem  Öl.  —  Der  S.,  CS 2 ,  bildet  eine  farblose,
leicht  bewegliche  und  stark  lichtbrechende
Flüssigkeit  von  eigenartig  ätherischem,  in  unreinem ­
  Zustande  unangenehmem,  an  Rettich
erinnernden  Geruch  und  scharfem,  aromatischem ­
  Geschmack.  In  Wasser  ist  er  nur  sehr
wenig,  in  starkem  Weingeist,  Äther,  Chloroform,
fetten  und  ätherischen  Ölen  hingegen  leicht  löslich. ­
  Trotz  des  hohen  spez.  Gew.  von  1,272  ist
er  äußerst  leicht  flüchtig  und  höchst  feuergefährlich, ­
  denn  er  entzündet  sich  schon  bei
Annäherung  eines  glimmenden  Körpers,  ohne
daß  dieser  mit  der  Flüssigkeit  selbst  in  Berührung ­
  zu  kommen  braucht.  Angezündet  verbrennt ­
  der  S.  mit  bläulicher  Flamme  zu  Kohlensäure ­
  und  schwefliger  Säure.  Seine  Dämpfe
geben  mit  Sauerstoff  oder  Luft  gemengt  explosive ­
  Gemische  von  hoher  Spannkraft.  Am
Sonnenlicht  in  einem  nur  teilweise  gefüllten
Glase  nimmt  der  S.  eine  gelbe  Farbe  und  sehr
unangenehmen  Geruch  an  und  scheidet  bisweilen ­
  auch  braune  Flocken  von  Einfachschwefelkohlanstoff
  ab.  Für  niedere  Tiere  ist  S.  ein
Gift.  Das  längere  Zeit  fortdauernde  Einatmen
kleiner  Mengen  von  Schwefelkohlenstoffdämpfen,
dem  die  Arbeiter  verschiedener  technischer  Betriebe ­
  ausgesetzt  sind,  ruft  häufig  chronische
Vergiftung  hervor.  Zu  medizinischem.  Gebrauch
darf  nur  rektifizierter  S.  (lat.  Alcohol  sulfuris
rectificatus)  verwandt  werden,  der  farblos,  klar
und  ohne  widerlichen  Geruch,  frei  von  Schwefel, ­
  schwefliger  Säure,  Schwefelsäure  und  Schwefelwasserstoff ­
  sowie  fremden  organischen  Schwefelverbindungen ­
  sein  muß.  S.  findet  hauptsächlich ­
  in  der  Technik  ausgedehnte  Anwendung.
Er  ist  ein  ausgezeichnetes  Lösungsmittel  für
Ftarze,  Fette,  Schwefel,  Phosphor,  Guttapercha
Und  Kautschuk  und  dient  infolgedessen  zum
Entfetten  der  Wolle,  zur  Extraktion  von  Fetten
Und  Ölen  aus  Knochen  und  Samen,  zum  Aussehen ­
  von  Gewürzen  behufs  Herstellung  der
s °g.  „löslichen  Gewürze“,  zum  Extrahieren  der
feinen  Blumengerüche,  des  Schwefels  aus  Erzen
Usw.  Allein  in  den  Olivenölbezirken  von  Frankr
 eich,  Italien  und  Griechenland  werden  jährlich
Weit  über  100  Millionen  Kilogramm  S.  zum  Ex-Uahieren
  der  Olivenpreßrückstände  verbraucht.
Bei  den  chemischen  Waschanstalten  spielt  der
S.  neben  anderen  flüchtigen  Stoffen,  wie  Benzin, ­
  gegenwärtig  eine  wichtige  Rolle.  Drucker
ü nd  Färber,  die  sich  mit  der  Aufarbeitung  geäugener ­
  Sachen  beschäftigen,  benutzen  ihn  zum
Entfernen  des  Fettes  und  der  Ölfarben,  mit
denen  die  Stoffe  früher  bedruckt  waren.  In  der
Eautschukindustrie  wird  er  teilweise  zum  Vulkanisieren ­
  des  Kautschuks  verwendet,  in  der
chemischen  Großindustrie  zur  Herstellung  von
E-hodanverbindungen.  Weiter  dient  er  in  großen

Mengen  zum  Vertilgen  der  Reblaus  sowie  von
Wanzen,  Motten  und  anderem  kleinen  Ungeziefer. ­
  So  lassen  sich  z.  B.  Herbarien  damit
reinigen,  indem  man  sie  einige  Tage  zusammen
mit  S.  in  dichtschließende  Behälter  bringt.  Die
Aufbewahrung  des  S.  hat  in  starkwandigen  Glasgefäßen ­
  mit  gut  eingeschliffenen  Glasstopfen
oder  mit  Korkstopfen  zu  erfolgen,  und  zwar,
vor  Licht  geschützt,  an  einem  kühlen  Orte.  Für
die  Lagerung  größerer  Mengen  sind  die  etwa
erlassenen  Polizeiverordnungen  streng  zu  beachten. ­
  —•  Die  Beförderung  des  S.  auf  Eisenbahnen ­
  erfolgt  ausschließlich  in  offenen  Wagen
ohne  Deckung  und  nur  mit  Feuerzügen.  Die
höchstens  500  kg  fassenden  Gefäße  müssen  zu
diesem  Zwecke  zylindrisch  sein  und  entweder
aus  Zinkblech  oder  aus  starkem,  gehörig  vernietetem ­
  und  in  den  Nähten  gut  verlötetem
Eisenblech  bestehen.
Schwefelleber  (lat.  Hepar  sulfuris,  frz.  Foie
de  soufre  alcalin,  engl.  Liver  of  sulphur).  Diesen
Namen  führen  im  allgemeinen  alle  in  Wasser
löslichen  Verbindungen  des  Schwefels  mit  Metallen, ­
  d.  h.  diejenigen  der  Alkalimetalle  und
der  alkalischen  Erden,  wie  des  Kaliums,  Natriums, ­
  Kalziums  usw.  Im  besonderen  bezeichnet
der  Name  jedoch  die  Kalischwefelleber
(Schw-efelkalium,  Kaliumsulfid,  lat.  Kalium
sulfuratum,  Hepar  sulfuris  kalinum).  Zu  ihrer
Darstellung  schmilzt  .man  zwei  Teile  trockener,
gepulverter  Pottasche  und  iS/*  Teile  Schwefelblumen, ­
  bis  die  Masse  ruhig  fließt,  gießt  auf
eine  Stein-  oder  Metallplatte  aus  und  bringt
die  nach  dem  Erkalten  in  Stücke  zerschlagene
oder  sofort  grob  gepulverte  Schmelze  zum
Schutze  gegen  den  Lufteinfluß  in  gut  schließende ­
  Gefäße.  Die  S.,  die  aus  Ka.liumtrisulfid,
  K 2 S 3 ,  und  Kaliumthiosulfat  besteht  und
daneben  infolge  teilweiser  Oxydation  etwas  Kaliumsulfat ­
  enthält,  bildet  eine  braune  lederfarbige
Masse  von  muschligem  Bruch,  die,  frisch  bereitet. ­
  geruchlos  ist,  an  der  Luft  aber  unter
Aufnahme  von  Kohlensäure,  Sauerstoff  und
Wasser  bald  den  Geruch  nach  Schwefelwasserstoff ­
  annimmt.  Sie  wird  daher  am  besten  in
ganz  gefüllten,  geschlossenen  Büchsen  gekauft.
Die  reine  S.  dient  als  innerliches  Mittel  gegen
Hauterkrankungen  und  Metallvergiftungen,  die
rohe  ausschließlich  zu  künstlichen  Schwefelbädern ­
  gegen  Hautübel,  rheumatische  und  gichtische ­
  Zustände  und  führt  daher  die  Bezeichnung ­
  „ad  balneum“  (zu  Bädern).
Schwefelsäure  (Schwefeltrioxyd,  Vitriolöl, ­
  lat.  Acidum  sulfuricum,  frz.  Acide  sulfurique,
  engl.  Sulfuric  acid),  die  wichtigste  und
unentbehrlichste  aller  Säuren,  scheint  im  unreinen ­
  Zustande  schon  von  dem  Alchimisten
Geber,  der  im  8.  Jahrhundert  lebte,  hergestellt
worden  zu  sein.  Im  15.  Jahrhundert  lehrte  Basilius ­
  Valentinus  die  Darstellung  der  Säure  aus
Eisenvitriol,  während  Cornelius  Drebbel  in  der
Mitte  des  18.  Jahrhunderts  sie  als  erster  aus
Schwefel  herstellte.  Die  Einführung  des  Bleikammersystems ­
  ist  das  Verdienst  von  Roebnik
und  Garbett  in  Birmingham.  Die  S.  findet  sich
frei  in  einigen  Flüssen  Amerikas  oft  bis
        <pb n="410" />
        Schwefelsäure

404

Schwefelsäure

&amp;gt;-

faten,  wie  Gips,  Schwerspat,  Zoelestin  und  Kieserit,
  aus  denen  sie  jedoch  in  der  Zeit  vor  dem
Weltkriege  nicht  gewonnen  wurde.  Vielmehr
dienten  als  Ausgangsmaterial  für;  dieses  wichtige ­
  Erzeugnis  der  chemischen  Großindustrie
lediglich  Schwefel  oder  Schwefelkiese,  Glanze
und  Blenden.  Zur  fabrikmäßigen  Darstellung
der  Schwefelsäure  geht  man  im  allgemeinen  von
der  schwefligen  Säure  (S0 2 )  aus,  die  entweder
durch  Verbrennen  von  Schwefel  oder  durch
Rösten  von  Schwefelmetallen,  hauptsächlich
Schwefelkies  erzeugt,  neuerdings  auch  aus  den
früher  in  die  Luft  gejagten  Röstgasen  der  Bleihütten ­
  abgeschieden,  oder  aus  den  Abgasen  der
Gasfabriken  und  Kokereien  durch  Oxydation  gewonnen ­
  wird.  Die  Überführung  der  schwefligen
Säure  in  Schwefelsäure  erfolgt  durch  Oxydation
mit  Luftsauerstoff  bei  Gegenwart  sog.  Kontaktsubstanzen ­
  oder  Katalysatoren,  die  den  Zusammentritt ­
  der  beiden  Gase  beschleunigen.  Bei
dem  älteren  Bleikammerverfahren  diente  Salpetersäure, ­
  bei  dem  neueren  Kontaktverfahren
fein  verteiltes  Platin  als  Sauerstoffüberträger.  —
i.  Bleikammerverfahren.  Das  Gemisch  von
schwefliger  Säure  und  Luft  wird  in  die  mit
Bleiplatten  ausgekleideten.  Räume,  von  denen
gewöhnlich  drei,  nämlich  zwei  kleinere  und  ein
zwischen  ihnen  befindlicher  größerer  Raum  vorhanden ­
  sind,  eingeleitet  und  hier  mit  Wasserdampf ­
  und  Salpetersäure  zusammengebracht.  Der
Wasserdampf  tritt  unter  einem  Drucke  von  2—3
Atmosphären  ein.  Die  Salpetersäure  läßt  man
entweder  in  dünnem  Strahle,  auf  in  der  ersten
Kammer  befindliche  Terrassen  aus  Steingut  fließen ­
  oder  auch  wohl  in  Dampfform  eintreten.
Die  Salpetersäure  gibt  Sauerstoff  ab  und  oxydiert
die  schweflige  Säure  zu  S.,  verwandelt  sich
selbst  dabei  in  U'ntersalpetersäure  und  Stickoxyd,
die  aber  aus  der  Luft  wieder  Sauerstoff  auf-’
nehmen  und  von  neuem  an  schweflige  Säure
übertragen,  so  daß  mit  Hilfe  einer  bestimmten
Menge  Salpetersäure  unbegrenzte  Mengen  schwefliger ­
  Säure  oxydiert  werden  können,  wenn  das
richtige  Verhältnis  von  schwefliger  Säure,  Sauerstoff ­
  und  Wasserdampf  innegehalten  wird.  Die
sich  hier  niederschlagende  S.  heißt  Kammersäure. ­
  In  den  meisten  Schwefelsäurefabriken
befindet  sich  zwischen  dem  die  schweflige  Säure
erzeugenden  Ofen  und  der  ersten  Kammer  ein
io—15  m  hoher,  aus  Bleiplatten  aufgebauter,
innen  mit  einem  Mantel  aus  feuerfesten  Backsteinen ­
  versehener  und  mit  feuerfesten  Brocken
angefüllter  Turm,  der  Glover-Turmj  und  hinter
!  der  dritten  Kammer  ein  gleicher,  aber  mit  Koksoder ­
  Bimssteinstücken  gefüllter  Turm,  der
Gay-Lussacsche  Turm.  Letzterer,  in  dem  aus
einem  höher  gelegenen  Behälter  konzentrierte
S.  niederrieselt,  hat  den  Zweck,  die  nitrosen
Gase,  d.  h.  die  aus  der  letzten  Bleikammer  entweichenden, ­
  unverbrauchten  niederen  Sauerstoffverbindungen
  des  Stickstoffs,  die  sich  in  der
herabfließenden  S.  lösen,  aufzufangen.  Die  mit
den  nitrosen  Gasen  gesättigte  S.  wird  in  den
Glover-Turm  gepumpt  und  fließt  hier  zusammen
mit  Kammersäure,  die  sich  in  einem  darüber  befindlichen ­
  Behälter  befindet,  langsam  herab,  während ­
  von  unten  die  direkt  aus  dem  Schwefelofen ­
  kommende  und  mit  Luft  gemengte  heiße
schweflige  Säure  eintritt.  Hierdurch  wird  die

mit  nitrosen  Gasen  gesättigte  S.  „denitriert",  [
d.  h.  vollständig  von  Salpetersäure  und  anderen  I
Sauerstoffverbindungen  des  Stickstoffs  befreit  [
und  gleichzeitig  durch  die  Wärme  der  eintreten
den  Gase  konzentriert.  Die  ,  auf  ungefähr  70 0  j.
abgekühlte  schweflige  Säure  gelangt  aus  dem  I
Glover-Turm  in  die  erste  Bleikammer,  wo  sie  |
durch  die  vorhandene  Salpetersäure  zu  S.  oxy-  t
diert  wird.  2.  Kontaktverfahren  von  Clemens  I
Winkler:  Zur.  Erzeugung  der  erforderlichen  [
schwefligen  Säure,  die  hier  besonders  rein  sein  J
muß,  leitete  man  früher  die  Dämpfe  von  eng-  1
lischer  S.  über  rotglühende  poröse  Steine,  wobei  I
ein  Gemisch  von  schwefliger  Säure  mit  Wasser-  r
dampf  und  Sauerstoff  entstand,  während  man  {
jetzt  Röstgase  von  Erzen  unmittelbar  verarbeiten  1
kann.  Das  durch  einen  Koksturm,  in  dem  S.  I
niederrieselt,  von  Wasser  befreite  Gemisch  von  I
schwefliger  Säure  und  Sauerstoff  wird  über
glühenden  Platinasbest  geleitet  und  das  ent-  I
stehende  Schwefelsäureanhydrid  (SO s )  entweder
als  solches  aufgefangen  oder  durch  Einleiten  in  j
S.  in  feste  rauchende  S.  übergeführt.  3.  Von  ,
den  zahlreichen  Verfahren  zur  Gewinnung  von  1
S.  aus  Gips  oder  Anhydrit,  die  während  des
Krieges  ausgearbeitet  worden  sind,  scheint  dasjenige ­
  der  Badischen  Anilin-  und  Sodafabrik  die  I
besten  Erfolge  zu  versprechen.  Nach  ihm  führt  I
man  das  Kalziumsulfat  durch  Behandlung  mit  I
Magnesiumkarbonat  oder  mit  Magnesiumoxyd
und  Kohlensäure  unter  Druck  bei  90 0  in  Mag-  i
nesiumsulfat  über  und  spaltet  das  letzte  durch  |
Glühen  für  sich  allein  oder  mit  Kohle  in  Mag-  j
nesia  und  Schwefelsäure.  —  Weitere  Vorschläge
beruhen  auf  der  Reduktion  des  Gipses  mit  1
Kohle  zu  Kalziumsulfid  und  Überführung  des
aus  letzterem  abgespaltenen  Schwefels  oder  3
Schwefelwasserstoffs  in  schweflige  Säure.  —  Die  1
in  den  Bleikammern  gewonnene  S.  (Kammer-  j
säure)  hat  eine  Stärke  von  50—55°  B.  (ent-  j
sprechend  63—70  °/o  S.)  und  wird  zur  weiteren  j
Konzentration  zunächst  in  Bleipfannen  bis  zu  j
60—62°  B.  und  dann  in  Platingefäßen,  von  der  \
Form  flacher  Destillierblasen  eingedampft,  wodurch ­
  schließlich  eine  Säure  von  6s—65,5°  B-  I
entsteht.  Diese  wird  mittels  eines  Platinhebers  j
in  Steinguttöpfe  abgezogen  und  die  Destillierblase ­
  sofort  wieder  von  neuem  mit  Bleipfannensäure
  beschickt.  Die  abgekühlte  Säure  füllt
man  schließlich  in  große  Glasballone.  Zur  Darstellung ­
  von  arsenfreier  S.  wird  die  verdünnte
Kammersäure  mit  Schwefelwasserstoffgas  behandelt ­
  und  das  gebildete  Schwefelarsen  durch
Filtration  über  Sand  entfernt.  Auch  durch  Destillieren ­
  der  S.  über  Kaliumdichromat  läßt  sie  sich
arsenfrei  erhalten.  Vollständig  wasserfreie  Skann
  man  weder  durch  weiteres  Eindampfen,
noch  duxxh  fortgesetztes  Destillieren  der  konzentrierten ­
  Kammersäure  darstellen.  Vielmehr
entsteht  hierbei  höchstens  eine  Säure  vom  spez-Gew.
  1,842,  die  aber  immer  noch  1,50/0  Wasser
enthält.  Erst  beim  Abkühlen  dieser  Säure  aut
einige  Grad  unter  Null  scheiden  sich  nach  und
nach  farblose  Prismen  ab,  welche  das  reine
Hydrat  darstellen.  Sie  werden  in  mit  Blei  ausgekleideten
  Zentrifugen  ausgeschleudert  und  dann
in  geschlossenen  Gefäßen  geschmolzen.  Die  so
erhaltene  wasserfreie  S.  schmilzt  bei  10,5 0,
hat  bei  15 0  ein  spez.  Gew.  von  1,8384  und  bild ct
        <pb n="411" />
        Schwefelsäure

405

Schwefelsäure

hei  gewöhnlicher  Temperatur  ein  dickflüssiges
Öl  von  der  Formel  H 2 S0 4 .  Sie  beginnt  bei  40 0
zu  rauchen,  bei  höherer  Temperatur  nimmt  die
Zerlegung  in  Schwefelsäureanhydrid  und  Wasser
zu  und  bei  338°  destilliert  reine  Säure,  die  wieder ­
  i,s  0/0  Wasser  enthält.  —  Die  konzentrierte
S.  zieht  begierig  Wasser  an  und  wird  deshalb
häufig  zum  Trocknen  von  Gasen  und  festen
Körpern  sowie  auch  zum  Konzentrieren  von
Flüssigkeiten  benutzt,  indem  man  letztere  in  geschlossenen ­
  Gefäßen  längere  Zeit  über  S.  aufbewahrt. ­
  Wird  S.  mit  Wasser  gemischt,  so  tritt
heftige  Erwärmung  ein,  und  aus  diesem  Grunde
ist  die  konzentrierte  S.  beim  Verdünnen  mit
Wasser  stets  in  dünnem  Strahl  unter  Umrühren
in  das  Wasser  zu  gießen.  Nie  gieße  man  Wasser
in  die  S.l  Der  Nachweis  von  konzentrierter  S.
ist  leicht  zu  führen  durch  das  hohe  spez.  Gew.,
durch  das  starke  Erwärmen  beim  Verdünnen
mit  Wasser  und  durch  die  Schwärzung,  die  Holz,
Zucker  und  andere  organische  Stoffe  durch  sie
erleiden.  Freie  verdünnte  S.  weist  man  nach,
mdem  man  sie  mit  einem  Körnchen  Zucker
eindampft,  wobei  ein  schwarzer  Rückstand  hinterbleibt. ­
  In  freiem  und  gebundenem  Zustande  erkennt ­
  man  die  S.  an  dem  weißen  Niederschlag,
den  Bariumsalzlösungen  hervorrufen.  —  Im  Handel ­
  unterscheidet  man.  in  der  Hauptsache  drei
Arten  von  S.,  rauchende,  rohe  und  reine  S.
Außerdem  trifft  man  noch  die  verdünnte  S.
des  D.  A.  B.  und  die  sog.  wasserfreie  S.  an.
—  Die  rauchende  oder  Nordhäuser  S.  (Vitriolöl, ­
  Pyroschwefelsäure,  lat.  Acidum  sulfuricum ­
  fumans,  frz.  IJuile  de  vitriol,  engl.  Vitrioi-Oil)
  wurde  früher  in  der  Gegend  von  Nordhausen
durch  Destillation  von  entwässertem  Eisenvitriol
in  tönernen  Retorten  hergestellt.  Jetzt  wird
sie  besonders  in  Böhmen  und  England  gewonnen, ­
  wo  man  den  Eisenvitriol  nicht  nur
entwässert,  sondern  durch  fortgesetztes  Rösten
möglichst  vollständig  in  basisches  schwefelsaures
Eisenoxyd  verwandelt.  Dadurch  entsteht  eine
größere  Ausbeute,  indem  der  gesamte  Schwefel
des  Eisenvitriols  in  Schwefelsäureanhydrid  umgesetzt ­
  wird,  während  bei  dem  Nordhäuser  Verfahren ­
  ein  Teil  als  schweflige  Säure  verloren
geht.  Das  Destillat  wird  in  Vorlagen,  die  wenig
Wasser  oder  englische  S.  enthalten,  aufgefangen
und  der  aus  Eisenoxyd  bestehende  Rückstand
unter  dem  Namen  Colcothar  (s.  d.)  (lat.  Caput
mortuum)  für  sich  verkauft.  Nahezu  reine  rauchende ­
  S.  sowie  reines  Schwefelsäureanhydrid
wird  neuerdings  nach  dem  Kontaktverfahren
(s-  oben)  von  CI.  Winkler  dargestellt.  Die  rauchende ­
  S.  des  Handels  bildet  eine  dicke,  ölige,
braune  Flüssigkeit  vom  spez.  Gew.  1,860  bis

'.9oo,  die  höchst  ätzend  wirkt  und  an  der  Luft
dicke,  weiße  Dämpfe  von  Schwefelsäureanhydrid
a usstößt.  Sie  enthält  als  wesentlichsten  Bestandteil ­
  Pyroschwefelsäure,  H 2 S 2 0 7 ,  die  in  chemis
 cher  Beziehung  als  eine  Verbindung  gleicher
Moleküle  Schwefelsäure  und  Schwefelsäureanhydrid ­
  anzusehen  ist.  Die  nach  dem  Winklerschen
^erfahren  hergestellte  kristallisierte,  rauchende
K.  die  ebenfalls  im  Handel  zu  haben  ist,  begeht ­
  aus  nahezu  reiner  Pyroschwefelsäure,  die
s, ch  beim  Erwärmen  in  S.  und  Schwefelsäureunhydrid
  verwandelt.  Die  rauchende  S.  dient
'u®  Auflösen  des  Indigos,  zur  Herstellung  von

Sulfosäuren  für  Farbenfabriken,  zum  Bleichen
von  Ozokerit,  zur  Darstellung  von  Stiefelwichse
usf.  •—  Als  sog.  wasserfreie  S.  wird  fälschlicherweise ­
  das  Schwefelsäureanhydrid,  S0 3 ,  bezeichnet, ­
  das  entweder  nach  dem  Verfahren  von
Winkler  oder  durch  gelindes  Erhitzen  von  rauchender ­
  S.  und  Auffangen  der  Dämpfe  in  einer
gut  gekühlten  Vorlage  gewonnen  wird.  Es  stellt
lange,  farblose,  schon  bei  15 0  schmelzende  Prismen ­
  dar  und  kommt  in  eisernen  Trommeln
von  50  kg  Inhalt  als  98—gpo/oige  Ware  in  den
Handel.  Das  Schwefelsäureanhydrid  findet  in
der  wissenschaftlichen  und  technischen  Chemie
ausgedehnte  Verwendung.  —  Die  rohe,  gewöhnliche ­
  oder  englische  S.  (lat.  Acidum
sulfuriccum  crudum  seu  anglicum,  frz.  Aeide  sulfurique,
  engl.  Sulfuric  acid),  die  nach  dem  Bleikammerprozeß ­
  dargestellte  S.,  bildet  eine  klare,
farblose  oder  schwach  gelbliche,  ölige  Flüssigkeit ­
  vom  spez.  Gew.  1,830—1,833,  entsprechend
einem  Gehalte  von  92—93  °/o  S.,  die  in  der
Hauptsache  durch  Arsen  und  Blei,  manchmal
aber  auch  durch  Salpetersäure  und  Oxyde  des
Stickstoffs  verunreinigt  ist.  Ihre  Verwendung
ist  außerordentlich  vielseitig.  Die  größten  Mengen ­
  werden  von  den  Sodafabriken  gebraucht;
ferner  dient  sie  zur  Gewinnung  von  Salpetersäure, ­
  Phosphorsäure,  Chromsäure,  Weinsäure,
Essigsäure  und  Zitronensäure  und  zur  Herstellung
von  Superphosphaten  aus  Knochenmehl,  Apatit,
Phosphoriten  und  Guano.  Weiter  gebraucht  man
sie  zur  Bereitung  von  Äther  und  Essigäther,  von
schwefelsaurer  Tonerde,  Alaun,  Kupfervitriol,
Zinkvitriol,  in  Stärkezucker-,  Stearinkerzen-  und
Mineralwasserfabriken  sowie  Affinieranstalten.
Auch  zur  Herstellung  von  Teerfarben,  zum  Raffinieren ­
  von  Ölen,  zum  Reinigen  des  Petroleums,
zur  Darstellung  von  Pergamentpapier,  Schießbaumwolle ­
  und  Nitroglyzerin  finden  erhebliche
Mengen  S.  Verwendung.  Die  Aufbewahrung
der  englischen  S.  hat  ebenso  wie  bei  der  rauchenden ­
  S.  in  starken  Glasgefäßen  mit  Glasstopfen
zu  erfolgen.  Bei  letzterer  ist  aber  noch  besonders
darauf  zu  achten,  daß  in  dem  Lagerräume  die
Temperatur  nicht  unter  o°  fällt,  da  sie  sonst
unter  Ausdehnung  fest  wird.  —  Die  reine  S.
(lat.  Acidum  sulfuricum  purum  seu  rectificatum,
frz.  Acide  sulfurique  pur,  engl.  Pure  sulfuric  acid)
wird  durch  Destillation  der  vom  Arsen  befreiten
englischen  S.  aus  Glasretorten  dargestellt  und
bildet  eine  färb-  und  geruchlose,  ölige  Flüssigkeit ­
  vom  spez.  Gew.  1,836—1,840,  entsprechend
einem  Gehalte  von  94—98  %  S.  Die  Prüfung  auf
Reinheit  hat  sich  vorzugsweise  auf  einen  etwaigen ­
  Gehalt  an  Arsen,  Blei,  schwefliger  Säure
und  Salpetersäure  zu  erstrecken.  In  zweiter
Linie  kommen  andere  Metalle,  Salzsäure  und
Oxyde  des  Stickstoffs  in  Betracht.  Die  reine  S.
dient  zu  medizinischen  Zwecken,  zur  Herstellung
reiner  Sulfate  und  als  Reagens  der  chemischen
Laboratorien.  —  Die  verdünnte  S.  des  D.  A.  B.
endlich  (lat.  Acidum  sulfuricum  dilutum),  eint
Mischung  aüs  fünf  Teilen  Wasser  und  einem  Teil
reiner  S„  besitzt  das  spez.  Gew.  1,112  und  wird
medizinisch  verwandt.  Rohe  verdünnte  S.  findet
als  Putzmittel  für  Kupfer,  Messing  und  Zink
Anwendung.  —  Die  Menge  der  im  Deutschen
Reiche  hergestellten  S.  hat  in  den  letzten  Jahrzehnten ­
  eine  gewaltige  Zunahme  erfahren  und
        <pb n="412" />
        Schweflige  Säure

406

Schweineschmalz

M

wurde  im  Jahre  1914  auf  1,6  Millionen  Tonnen
geschätzt.  Dazu  wurden  rund  980  000  t  Schwefelkies, ­
  555  000  t  Zinkblende  und  Kupfererze  sowie
54  000  t  Gasreinigungsmasse  verarbeitet,  von
denen  außer  der  letzteren  nur  109  000  t  Schwefelkies ­
  und  411000  t  Zinkblende  inländischen  Ursprungs ­
  waren.  Der  aus  belgischer  Verarbeitung
von  Zinkblende  entstammenden  Einfuhr  von
65  000  t  stand  eine  fast  ebenso  große  Ausfuhr
nach  Österreich,  Holland  und  der  Schweiz  gegenüber. ­
  Die  auf  Abschneidung  der  ausländischen
Rohstoffe  gestützten  Hoffnungen  unserer  Feinde
wurden  durch  die  Herstellung  von  S.  aus  Gips
vereitelt.
Schweflige  Säure  (schweflichte  Säure,
Schwefeldioxyd,  lat.  Acidum  sulfurosum,  frz.
Acide  sulfureux,  engl.  Sulfurous  acid),  die  aus
gleichen  Gewichtsteilen  Schwefel  und  Sauerstoff
bestehende  chemische  Verbindung  S0 2 ,  ist  bei
gewöhnlicher  Temperatur  ein  farbloses,  stechend
riechendes  Gas,  das  von  Wasser  leicht  gelöst
wird.  Das  Wasser  verschluckt  bei,4°  das  yofache,
bei  t6°  das  45fache  Volumen  dieses  Gases  und
bildet  damit  eine  wäßrige  Lösung,  die  nach  S.
riecht  und  schmeckt  und  stark  sauer  reagiert.
Die  Darstellung  der  wäßrigen  schwefligen  Säure
erfolgt  entweder  durch  Verbrennen  von  Schwefel
oder  Rösten  von  Schwefelkies,  oder  auch  durch
Erhitzen  von  Schwefelsäure  mit  Holzkohle.  Im
letzteren  Falle  entzieht  die  Kohle  der  Schwefelsäure ­
  ein  Drittel  ihres  Sauerstoffes  und  bildet
dadurch  schweflige  Säure,  die  dann  in  Wasser
geleitet  wird.  Die  wäßrige  S.  muß  in  sehr  gut
verschlossenen  und  ziemlich  voll  gefüllten  Gefäßen ­
  auf  bewahrt  werden,  da  sie  durch  die  Einwirkung ­
  des  Sauerstoffes  der  Luft  nach  und
nach  in  Schwefelsäure  verwandelt  wird.  Nicht
mehr  ganz  gefüllte  Ballone  werden  daher  am
besten  in  kleinere  Gefäße  umgefüllt.  Durch
Druck  verdichtete  flüssige  schweflige  Säure
darf  auf  der  Bahn  nur  in  Behältern  aus  Schweißeisen, ­
  Flußeisen,  Gußstahl  oder  Kupfer  versandt
werden,  die  vorher  auf  30  Atmosphären  Druck
(ohne  bleibende  Formveränderung)  geprüft  sein
müssen.  Die  Druckprüfung  ist  alljährlich  zu
wiederholen.  Die  Behälter  sind  in  Kisten  zu
verpacken.  S.  dient  zum  Bleichen  von  Wolle,
Seide  und  Strohgeflechten,  zum  Konservieren
von  Wein,  zur  Füllung  von  Kältemaschinen  und
zur  Herstellung  von  Schwefelsäure  und  Sulfiden.
Schweineschmalz  (Schmer,  lat.  Axungia  porci
seu  Adeps  suillus,  frz.  Graisse  de  porc,  engl.
Axonge),  das  aus  fettreichen  Teilen  geschlachteter ­
  Schweine  ausgeschmolzene  Fett,  wird  in
Deutschland  meist  aus  dem  im  Innern  des  Tierkörpers ­
  befindlichen  Fettgewebe,  vor  allem  dem
Bauchwandfett  «(Liesen,  Flomen,  Lünte,
Schmer,  Wammenfett),demGekröse-  (Micker-)
Fett  und  dem  Netzfett,  seltener  dem  Rückenspeck,
in  Amerika  aus  allen  Teilen  gewonnen.  In
Deutschland  erfolgt  das  Ausschmelzen  in  der
Regel  über  freiem  Feuer,  in  Amerika  mit  Hilfe
von  Wasserdampf.  Je  nach  der  Bereitungsweise,
Güte  und  Herkunft  unterscheidet  man:  Rohschmalz,
  Dampfschmalz,  Neutralschmalz,  raffiniertes ­
  S.,  deutsches  und  amerikanisches  S.  Das
amerikanische  S.,  das  in  ungeheuren  Mengen
zur  Einfuhr  gelangt,  zerfällt  meist  in  folgende
Handelssorten:  Neutral  Lard,  die  beste  Sorte,

wird  durch  Auslassen  von  Netz-  und  Eingeweide-  I
fett  im  Wasserbade  gewonnen  und  stellt  eine  1
rein  weiße,  mild  schmeckende  Masse  dar.  Neu-  1
tral  Lard  Imitation  wird  in  ähnlicher  Weise
wie  die  vorige  Sorte,  aber  aus  Speck  hergestellt  I
und  unterscheidet  sich  nur  durch  die  etwas  '
weichere  Konsistenz.  Choice  Lard  und  Prime  ,|
Steam  Lard  werden  aus  den  Rückständen  der  3
Neutral-Lard-Gewinnung  sowie  aus  allen  ver-  ;
wendbaren  Teilen  des  Schweines  durch  direkten  I
Dampf  bei  21/3—3  Atmosphären  ausgelassen.  Das  j
letztere  hat  eine  körnige  Beschaffenheit  und
meist  einen  Stich  ins  Grünliche,  Gelbliche  oder
Graue.  Da  es  für  den  direkten  Gebrauch  zu
weich  und  ölig  ist,  wird  es  noch  einer  besonderen
Raffination  unterworfen  und  durch  Abpressen
bei  niedriger  Temperatur  in  das  flüssige  Speckoder ­
  Schmalzöl  (Lard  oil)  und  das  feste  I
Schmalz-  oder  Solarstearin  (Lard  Stearin)  1
getrennt.  Das  erstere  wird  als  Schmieröl,  Brennöl
oder  zu  Speisezwecken  benutzt,  das  letztere  meist  1
durch  Mischung  mit  weicherem  Dampfschmalz  !
in  das  hauptsächlichste  Speisefett  (Refined  Lard)
übergeführt.  Nur  für  technische  Zwecke  bestimmt  |
sind:  Sead  hog  grease  und  white  grease,  1
brown  grease  von  erstickten  oder  erfrorenen
Tieren,  Yellow  greasö  aus  Abfällen  der  Packhäuser ­
  und  Pigs-foot  grease  aus  Schweine-  j:
füßen.  —  Das  Schweineschmalz  ist  in  chemi-  |
scher  Hinsicht  ein  Gemenge  von  Glyzeriden  der  I
Öl-,  Palmitin-  und  Stearinsäure  und  soll  bisweilen  '
auch  Linolsäure  enthalten.  Seine  Zusammen-  :
setzung  wird  durch  Rasse  und  Fütterung  der
Tiere,  klimatische  Verhältnisse  und  die  Körperteile, ­
  denen  es  entstammt,  beeinflußt  und  unter-  ■!
liegt  demnach  außerordentlichen  Schwankungen.
Das  spez.  Gew.  bei  ioo°  beträgt  im  Mittel  0,861,
der  Schmelzpunkt  liegt  meist  bei  38—42  °,  die
Verseifungszahl  bei  196—198.  Die  Refraktion
bei  40 0  liegt  für  deutsches  und  ungarisches  S.  I
zwischen  48  und  49,  die  Jodzahl  meist  zwischen
48  und  54.  Bei  amerikanischem  S.  sind  die  §
entsprechenden  Zahlen  50—51  und  60—66,  doch
kommen  nach  oben  und  unten  erhebliche  Abweichungen ­
  vor.  Das  für  Speisezwecke  benutzte
reine  S.  ist  eine  weiße,  geruchlose  oder,  bei
deutschen  Sorten,  schwach  angenehm  riechende
Masse  von  mildem  Geschmack  und  salbenartiger,
aber  nicht  schmieriger  Konsistenz.  Das  unga-  i  |
rische  S.  ist  meist  etwas  rötlich  und  körnig,  das
amerikanische  vielfach  schmierig.  Von  den  zahlreichen ­
  Verfälschungen  kommen  besonders
Zusätze  von  Schmalzstearin  und  Schmalzöl.
Rindstalg,  Baumwollenstearin,  Baumwollsamenöl,
Kokosöl  und  anderen  billigeren  Fetten  in  Betracht. ­
  Ihr  Nachweis  erfolgt  nach  den  Verfahren ­
  der  Fettanalyse,  ist  aber  nicht  immer
mit  Sicherheit  zu  führen.  Ein  vorläufiges  Urteil ­
  gewährt  die  Schmelzprobe,  bei  welcher  der
charakteristische  Geruch  gewisser  Öle  hervortritt.
Die  in  neuerer  Zeit  beliebte  Beimischung  von
Wasser  erkennt  man  daran,  daß  das  S.  beim
Schmelzen  über  offener  Flamme  knistert.  Besonders ­
  bezeichnend  für  reines  S.  ist  auch  die
Art  des  Erstarrens,  indem  es  nach  dem  Schmelzen
in  einer  Porzellanschale  mit  matter  faltiger  Oberfläche ­
  erstarrt,  in  deren  Mitte  sich  eine  starke,
scharf  abgesetzte  Vertiefung  bildet.  Doch  ist
dieses  Kennzeichen  mit  Vorsicht  zu  verwenden.
        <pb n="413" />
        Schweinfurtergrün

407

Seegras

da  besonders  amerikanische  Schmalze  häufig
ein  abweichendes  Verhalten  zeigen  und  mit
glatter  Oberfläche  erstarren.  Das  S.  unterliegt
den  Bestimmungen  des  Fleischbeschaugesetzes
und  darf  daher  insbesondere  die  in  diesem  verbotenen ­
  Konservierungsmittel  nicht  enthalten.
Zur  Durchführung  der  gesetzlichen  Vorschriften
wird  alles  eingeführte  S.  einer  amtlichen  Untersuchung ­
  unterzogen.  —  Das  S.  bildet  in  seinen
besseren  Sorten  eines  der  wertvollsten  Speisefette ­
  sowie  einen  wertvollen  Rohstoff  der  Margarinefabriken. ­
  Weiter  dient  es  in  besonders  gereinigtem ­
  Zustande  als  Grundlage  von  Salben
und  Pomaden,  während  die  minderwertigen  Sorten ­
  als  Schmieröle  und  zur  Herstellung  von
Seifen  benutzt  werden.
Schweinfurtergrün,  ein  prächtig  grüner  Farbstoff, ­
  wurde  zu  Schweinfurt  in  der  Fabrik  von
W.  Sattler  erfunden  und  dort  zuerst  bereitet,
wird  aber  jetzt  auch  in  verschiedenen  anderen
Orten  hergestellt.  Der  Name  S.  kann  als  eine
Sammelbezeichnung  für  alle  Grünfarben  gebraucht ­
  werden,  die  als  wesentliche  Bestandteile
Kupfer  und  Arsenik  enthalten  und  demnach
giftig  sind.  Sie  kommen  unter  den  mannigfachsten ­
  Benennungen,  wie  Kaisergrün,  Pariser-, ­
  Wiener-,  Kasseler-,  Neuwieder-,
Mitis-,  Berggrün  und  Scheelesches  Grün,
in  den  Handel  und  unterscheiden  sich  durch
ihre  Tönungen  sowie  die  lebhaftere  oder  mattere
Farbe.  Auch  ist  ihre  Bereitung  nicht  durchweg
dieselbe.  Alle  aber  sind  durch  ihren  Arsengehalt
gefährlich.  Das  Scheelesche  oder  Schwedischgrün ­
  erhält  man  durch  Fällen  eines  heißen
Gemisches  von  Kupfervitriollösung  und  arsenigsaurem
  Kalium  mit  Ätzkalilauge  als  dunkelgrünen
Niederschlag  von  basisch  arsenigsaurem  Kupferoxyd. ­
  Das  eigentliche  Schweinfurtergrün  im
engeren  Sinne  ist  ein  Doppelsalz  aus  basisch
arsenigsaurem  und  essigsaurem  Kupferoxyd  und
wird  in  der  Weise  hergestellt,  daß  man  siedende
Lösungen  von  kristallisiertem  Grünspan  (neutralem ­
  essigsaurem  Kupferoxyd)  und  arseniger
Säure  (weißem  Arsenik)  zusammengießt.  Hierbei
entsteht  zunächst  ein  schmutzig  grüner,  flockiger
Niederschlag,  der  sich  durch  2—3  tägiges  Stehen
&amp;gt;n  mikroskopisch  kleine,  glänzende,  grüne  Kristalle ­
  verwandelt  und  in  dieser  Form  ausgepreßt
Und  getrocknet  wird.  Um  ein  besser  deckendes
Erzeugnis  zu  erzielen,  erhält  man  die  gemischten
Flüssigkeiten  kurze  Zeit  im  Sieden,  wobei  sich
das  Grün  sogleich,  aber  feinpulverig,  zwar  ohne
das  Feuer  der  ersten  Sorte,  aber  für  öl-  und
Lackfarben  besser  geeignet,  abscheidet.  Die  gewöhnlicheren ­
  Sorten  sind  mit  weißen  Zusätzen,
Wie  Schwerspat  u.  dgl.,  gemischt,  während  gelbgrüne ­
  Sorten  (Mitisgrün,  Papageigrün)  Zusätze ­
  einer  gelben.  Farbe  erhalten.  Der  Verbrauch ­
  dieser  äußerst  giftigen  Farbe  hat  bedeutend ­
  nachgelassen  und  befindet  sich  erfreulicherweise ­
  in  einem  weiteren  Rückgänge.  •—  Zur
Erlangung  eines  schnellen  Urteils  darüber,  ob
eine  grüne  Farbe  S.  ist,  behandelt  man  sie  mit
^mmoniak  und  überträgt  die  blaue  Lösung  auf
Lapier.  Hinterbleibt  nach  dem  Verdunsten  des
Ammoniaks  ein  hellblauer  Rückstand,  so  liegt
hur  eine  Kupferfarbe  ohne  Arsenik  vor,  während
■Ltsenik  sich  dadurch  zu  erkennen  gibt,  daß  der
Rückstand  eine  schmutzig  gelbgrüne  Farbe  annimmt. ­

  Übergießt  man  etwas  S.  mit  Salzsäure,
so  löst  es  sich  mit  gelber  Farbe,  und  ein  zu  der
in  verschlossener  Flasche  befindlichen  Lösung
gebrachtes  blankes  Kupferblech  bedeckt  sich
infolge  der  Gegenwart  von  Arsen  nach  einiger
Zeit  mit  einer  schwarzen  Kruste  von  Arsen  und
Arsenkupfer.
Schweizerkäse  nennt  man  im  weiteren  Sinne
des  Wortes  alle  in  der  Schweiz  hergestellten
Käsesorten,  im  engeren  jedoch  nur  den  sog.
Emmenthaler  Käse,  der  aber  nicht  allein  im
Emmenthale  (Kanton  Bern),  sondern  auch  in  anderen ­
  Gegenden  der  Schweiz  sowie  im  bayerischen ­
  Allgäu,  erzeugt  wird.  Zu  seiner  Herstellung ­
  wurde  ursprünglich  die  für  einen  ganzen
Käse  erforderliche  Milch  in  einem  Kessel  erwärmt ­
  und  der  mit  Lab  abgeschiedene  und
geformte  Käse  4—S  Monate  im  Käsekeller  täglich ­
  mit  frischem  Salz  eingerieben.  Er  ist  einer
der  beliebtesten  fetten  Hartkäse  und  kommt
in  großen  mühlsteinförmigen  Laiben  von  20  bis
75  kg  Gewicht  und  hellgelber  Farbe  in  den  Handel. ­
  Besonders  kennzeichnend  erscheinen  die
S—6  mm  breiten  Löcher  oder  Hohlräume  im
Inneren,  die  feuchtglänzend  sind  und  etwas  Salzwasser ­
  enthalten.  Käse,  der  keine  oder  nur  sehr
kleine  Hohlräume  hat,  heißt  Gläsler,  solcher
mit  zu  vielen  kleinen  und  fehlenden  großen
Löchern  Nißler.  Die  fetteste  Sorte  ist  der
Käse  von  Greierz  im  Kanton  Freiburg.  Vgl.
ferner  unter  Käse.
Schwerspat  (Bariumsulfat,  lat.  Baryrnn  sulfuricum,
  Spathum  ponderosum,  Baryta  sulfurica
nativa,  frz.  Spath  pesant,  Sulfate  de  baryte,  engl.
Pleavy-spar,  Barium  Sulfate),  ein  durch  sein  hohes
spez.  Gew.  (4,500)  ausgezeichnetes  Mineral,  erscheint ­
  in  rhombischen,  dicken,  tafelförmigen
Kristallen,  meist  undurchsichtig  und  farblos,  seltener ­
  gefärbt  und  von  schwachem  Glas-  oder
Fettglanz.  Fundorte  sind  namentlich  das  Erzgebirge, ­
  Thüringen,  der  Harz,  Schwarzwald  und
Siebenbürgen.  Der  S.  besteht  aus  Bariumsulfat, ­
  BaS0 4 ,  und  wird  im  fein  gemahlenen
Zustande  als  Anstrichfarbe  unter  dem  Namen
Mineralweiß  oder  Neuweiß  in  den  Handel
gebracht,  aber  auch  zur  Vermengung  mit  Bleiweiß ­
  und  als  Zusatz  zu  Glasuren  benutzt.  Zur
Darstellung  von  Bariumsalzen  ist  hingegen  der
Witherit  geeigneter.
Seegras  (Wasserriemen,  lat.  Zostera,  frz.
Goemon,  engl.  Sea  weed)  nennt  man  die  im
Handel  vorkommenden  getrockneten  Blätter  von
Zostera  marina,  einer  zu  den  Najadeen  gehörigen ­
  Wasserpflanze,  die  an  den  Küsten  der
Nord-  und  Ostsee  und  des  Adriatischen  Meeres
auf  seichten  sandigen  Stellen  unter  Wasser  in
großer  Menge  gesellig  wächst  und  ganzeWiesen
bildet.  Es  hat  am  Boden  kriechende  Stengel
und  zahlreiche,  14—18cm  lange,  grasartig  schmale
Blätter,  die  im  Leben  glänzend  grün,  getrocknet
aber  graubraun  und  durcheinander  gewirrt  erscheinen. ­
  Im  letzteren  Zustande  bildet  S.  ein
Polstermittel  für  Stühle,  Sofas  und  Matratzen,
das  mit  Roßhaar  zwar  nicht  zu  vergleichen,
aber  auch  bedeutend  billiger  ist  und  zudem  den
Vorteil  hat,  daß  sein  Seegeruch  kein  Ungeziefer
aufkommen  läßt,  Außerdem  wird  es  häufig  als
Verpackungsmittel  gebraucht.  Die  Seegrasernten
bilden  in  mehreren  Küstengegenden,  namentlich
        <pb n="414" />
        Seide

408

Seide

in  der  Zuidersee  (Holland),  einen  einträglichen
Erwerbszweig.  Das  nach  Stürmen  in  großen
Massen  ans  Land  geworfene  S.  wird  von  dem
beigemengten  Blasentang  gesondert,  mehrmals
gewaschen  und  an  der  Luft  getrocknet.  Kopenhagen, ­
  Hamburg,  Lübeck,  Stettin  und  Triest
liefern  es  in  zusammengepreßten  Ballen  von
ioo—150  kg.
Seide  (frz.  Soie,  engl.  Silk),  der  edelste  und
schönste  aller  Webstoffe,  besteht  aus  dem  Kokonfaden ­
  der  Seidenraupe,  mit  welchem  diese
sich  bei  der  Verpuppung  umspinnt.  Der  Maulbeerspinner ­
  (Bombyx  Mori)  und  seine  Futterpflanze, ­
  der  Maulbeerbaum,  stammen  aus
Asien  und  haben  sich  erst  um  SSO  n.  Ghr.  über
das  südliche  und  einen  Teil  des  mittleren  Europas
verbreitet.  —  Der  Seidenschmetterling  mißt  zwischen, ­
  den  ausgebreiteten  Flügeln  etwa  40  bis
50  mm,  erscheint  schmutzig  weiß,  mit  einigen
lederfarbenen  Linien  und  hat  auf  jedem  Vorderflügel ­
  einen  undeutlichen  halbmondförmigen
Fleck.  Das  Weibchen  legt  200—300,  oft  aber
mehr  als  500  bläuliche  Eier  (Grains),  die  sich
im  Kühlen  unter  18 0  lange  aufbewahren  und
weit  versenden  lassen,  während  sie  bei  einer
etwas  höheren  Temperatur  auskriechen.  Die  insgesamt ­
  50  g  wiegenden  Eier  von  300—360
Schmetterlingen  ergeben  40  000—60  000  kleine
schwärzliche  Räupchen,  die  binnen  4—3  Wochen
heranwachsen,  sich  viermal  häuten  und  eine
immer  wachsende  Freßlust  entwickeln.  Die  ausgewachsenen ­
  Raupen  sind  etwa  60  mm  lang,
schmutzig  weiß,  mit  einzelnen  dunkleren  Fleckchen ­
  und  haben  eine  glatte  Oberfläche  sowie  auf
dem  vorletzten  Hinterleibsringe  ein  Horn.  Sobald ­
  die  Raupen  kurz  vor  der  Verpuppung  unruhig ­
  werden,  gibt  man  ihnen  Gelegenheit,  zwischen ­
  aufgestelltem  Reisig  (Spinnhütten)  einen
Platz  zum  Einspinnen  zu  suchen,.  doch  spinnen
sich  viele  gleich  in  den  Maulbeerzweigen  ein,
auf  denen  sie  liegen  und  fressen.  Im  Körper
der  Raupe  befanden  sich  zwei  lange  Schläuche
mit  einem  gummiartigen  Saft,  den  die  ausgewachsene ­
  Raupe  aus  zwei  unter  dem  Munde
befindlichen  feinen  Öffnungen  hervortreibt  und
sogleich  zu  einem  einzigen  Faden  vereinigt.  Mit
dem  an  der  Luft  rasch  erhärtenden  Faden  bildet
die  Raupe  rund  um  sich  herum  zunächst  ein
lockeres,  grobes,  durchsichtiges  Netz  und  dann
innerhalb  desselben  in  7—8  Tagen  eine  dichte
ei-  oder  walzenförmige  Hülle,  den  Kokon  (frz.
Cocon,  engl.  Coccon),  deren  innerste  Schicht
ein  pergamentartiges  Häutchen  ist.  Die  Länge
des  einzigen,  die  ganze  Hülle  bildenden  Fadens
soll  3500—3700  m  betragen,  wovon  jedoch  für
die  Verarbeitung  zu  langer  S.  nur  etwa  300-—600,
selten  bis  900  m  zu  erlangen  sind.  Die  Kokons
besitzen  höchstens  die  Größe  eines  Taubeneies,
sind  aber  meist  kleiner.  Nur  die  weiblichen
haben  Eiform,  während  die  männlichen  in  der
Mitte  eine  Einschnürung  zeigen.  Die  Farbe  ist
meist  weiß  oder  hellgelb,  doch  auch  grünlich
und  rötlich.  Nach  2—3  Wochen  brechen  aus
den  Kokons  die  Schmetterlinge  hervor,  und  die
Geschlechter  suchen  sich  auf.  Ist  es  nicht  auf
Nachzucht,  sondern  auf  Seidengewinnung  abgesehen, ­
  so  verhindert  man  das  Auskriechen
durch  Tötung  des  eingeschlossenen  Tieres,  da  die
verlassenen  durchbissenen  Kokons  keinen  ganzen

Faden  mein*  geben  und  nur  als  Abfallseide
dienen  können.  Das  Töten  wird  entweder  durch
die  Hitze  eines  Backofens  oder  durch  heiße
Wasserdämpfe  bewirkt,  indem  man  die  Kokons
in  einem  Siebe  über  siedendes  Wasser  setzt,  oder
endlich  durch  Dämpfe  von  Terpentinöl,  Kampfer
und  brennendem  Schwefel.  Mit  dem  Abtöten  der
Kokons  ist  die  Tätigkeit  des  kleinen  Seidenzüchters ­
  beendet.  Die  folgende  Bearbeitung,  das
Abhaspeln,  ist  Sache  besonders  darauf  eingeübter
weiblicher  Hände  und  erfolgt  in  Frankreich  und
Italien  in  besonderen  Anstalten,  den  sog.  Eilanden. ­
  Die  hier  zu  bearbeitenden  Kokons
werden  nach  Farbe  und  Beschaffenheit,  die
festen  und  lockeren  für  sich,  getrennt,  fleckige,
doppelte  und  sonst  fehlerhafte  ausgeschieden.
Durch  Einlegen  in  heißes  Wasser  wird  der
natürliche  Leimüberzug,  mit  dem  die  Fadenwindungen ­
  aufeinander  kleben,  erweicht,  darauf
die  noch  anhängende  Flockwolle  durch  Schlagen
mit  Reisig  entfernt  und  der  Faden  von  drei  bis
acht  und  mehr  Kokons  zu  einem  einzigen  Faden
aufgehaspelt.  —  Die  auf  den  Haspeln  selbst
trocken  gewordenen  Strähne  bilden  die  Rohseide ­
  oder  Greze  (frz.  Gröge,  Gröye,  engl.
Raw  silk),  die  bereits  in  diesem  Zustande,  trotzdem ­
  der  Faden  hart  und  starr  ist,  verschiedene
Verwendung,  zu  Gaze,  Blonden  u.  dgl.,  findet.
Die  meiste  S.  wird  aber  durch  Kochen  in  Seifenwasser ­
  von  dem  leimigen  Überzüge,  der  den
Faden  einhüllt  und  auch  der  Träger  der  gelben
und  anderen  Färbungen  ist,  befreit  und  erscheint
rein  weiß.  Auch  sind  die  Fäden  durch  das
Kochen  (Entschälen  oder  Degummieren)
dünner,  geschmeidiger  und  glänzender  geworden.
Gewöhnlich  wird  die  S.  hierauf  noch  mit  Schwefeldämpfen ­
  gebleicht,  doch  ist  die  naturweiße  immer
besser,  besonders  zum  Färben.  Für  gewisse  Ge-,
webe,  die  etwas  steifer  und  glanzloser  sein  dürfen,
wird  die  S.  kürzere  Zeit  gekocht  und  heißt  dann
halbgekochte,  souplierte  oder  Soupleseide.
Bei  dem  nunmehr  folgenden  Zwirnen  (Filtrieren, ­
  Moulinieren)  entstehen  die  beiden  hauptsächlichen, ­
  Sorten  Organsin  (Ajanseide)  und
Trama  oder  Ketten-  und  Einschlagseide.  Die
erstere  wird  aus  der  besten  Rohseide,,  aus  gedrehten ­
  und  duplierten  Fäden  unter  fester  Drehung ­
  hergestellt.  Die  zweite  besteht  aus  ungedrehten ­
  Einzelfäden,  wird  auch  beim  Zwirnen
nur  schwach  gedreht  und  ist  daher  von  lockerer,
weicher  Beschaffenheit.  Andere  Sorten  sind
Nähseide,  Strickseide  und  Stickseide.  Der
Stärke-  oder  Feinheitsgrad  der  gezwirnten  S.
wird  durch  Nummern  angegeben,  deren  Bestimmung
  (Titrieren)  durch  Abmessen  einer  bestimmten ­
  Zahl  von  Stab  oder  Metern  und  Wägen
derselben  auf  einer  feinen  Wage  erfolgt.  Da  die
S.  aus  feuchter  Luft  rasch  Wasser  bis  zu  20  und
30  0/0  aufnimmt,  ohne  doch  feucht  zu  erscheinen,
wird  durch  besondere  Prüfungsämter,  sog.  Konditionierungs-
  oder  Trockenanstalten,  der
Wassergehalt  und  wahre  Handelswert  der  Ware
ermittelt.  Die  bei  der  Herstellung  der  eigentlichen, ­
  aus  langen  Kokonfäden  zusammengesetzten ­
  S.  entstehenden  Abfälle  werden  als  Florettoder ­
  Flockseide  (frz.  Fleuret,  Filoselle,  engl-Floret-silk)
  zusammengefaßt.  Die  beste  Sorte  der
Florettseide  kommt  von  Doppelkokons,  die  zweit®
von  den  bei  dem  Abhaspeln  übrigbleibenden
        <pb n="415" />
        Seide

409

Seife

pergamentartigen  Häutchen,  die  erweicht,  zerrissen, ­
  gekratzt  und  gekämmt  werden.  Von  diesem ­
  sog,  Stamm  =  Kreszentinstamm  (frz.
Cardette)  gewinnt  man  durch  Abspinnen  das
Kreszentingarn.  Der  nicht  kämmbare  Teil
(Chappe)  wird  zur  Zerstörung  des  die  Fasern
zusammenhaltenden  Leimes  einem  Fäulnisprozeß
unterworfen  und  ist  nun  spinnbar.  Die  geringste
Sorte  Florettseide  liefern  die  von  den  Reisern
abgezogenen  Fäden,  mit  denen  die  Raupe  den
Kokon  befestigt  hatte.  Sie  sind  sehr  lose  und
finden  zu  Wattseide  Verwendung.  Endlich
unterscheidet  man  noch  Strazza  (frz.  Estrasse),
die  Abfälle  von  der  Verarbeitung  der  Rohseide
zu  Organsin  und  Trama,  und  Seidenwerg  oder
Stumpen  (frz.  Bourre  de  soie),  den  Abfall  beim 1
Kämmen  der  gefaulten  Kokons,  aus  denen  das
Bourettegarn  gesponnen  wird.  D(e  gesponnene
Florettseide  ist  ein  wirkliches,  durch  Zusammendrehen ­
  kürzerer  und  längerer  Fasern  entstehendes ­
  Garn,  das  aber  nie  die  Glätte  und  den  Glanz
der  filierten  S.  erreicht.  —•  In  chemischer  Hinsicht ­
  besteht  die  S.  hauptsächlich,  zu  50—6o°/oi,
aus  einem  stickstoffhaltigen  Körper,  dem  sog.
Fibroin,  daneben  sind  24—25  %  Albumin  sowie
geringe  Mengen  Wachs,  Harz  und  Farbstoffe
vorhanden.  Der  ungefähr  20%  ausmachende
gummiartige  Überzug,  der  beim  Degummieren
der  Rohseide  entfernt  wird,  der  Seidenleim
oder  das  Serizin,  ist  als  ein  Oxydationsprodukt
des  Fibroins  aufzufassen.  Neben  den  zahlreichen
Verfälschungen  der  S.  durch  fremde  Gespinste,
die  mit  Hilfe  des  Mikroskops  nachgewiesen  werden, ­
  finden  sich  auch  mineralische  Beschwerungsmittel, ­
  selbst  giftige  Blei-  und  Quecksilbersalze,
über  ihre  Anwesenheit  gewährt  meist  schon  die
einfache  Verbrennungsprobe  Aufschluß.  Versucht
man  reine,  echte,  schwarz  gefärbte  S.  zu  verbrennen, ­
  so  kräuselt  sie  sich  sofort  zusammen,
verlöscht  bald  und  hinterläßt  sehr  wenig  Asche
von  ganz  hellbräunlicher  Farbe.  Verfälschte  Seide,
die  leicht  speckig  wird  und  bricht,  brennt  da-  |
gegen  langsam  fort,  namentlich  glimmen  die  i
Schußfäden  weiter,  wenn  sie  stark  mit  Farbstoff
beschwert  sind,  und  hinterlassen  eine  dunkelbraune ­
  Asche,  die  sich  im  Gegensatz  zur  echten
S.  nicht  kräuselt,  sondern  nur  krümmt.  Die
zahlreichen  Seidenstoffe,  die  meist  durch  einfaches ­
  Zusammenlegen  und  Pressen,  bisweilen
auch  durch  Gummieren  und  Kalandern  hergestellt
Werden,  unterscheidet  man  in  1.  glatte,  2.  geköperte, ­
  3.  gemusterte,  4.  Gaze,  5.  Samt.
Unter  den  glatten  oder  leinwandartig  gewebten
Stoffen  sind  die  Tafte  leichtere  und  schwerere
Zeuge  aus  entschälter  S.  mit  Organsinkette  und
Einschlag  von  Tramseide.  Ganz  leichte  Gewebe
bilden  den  Futtertaft  (Avignon,  Florence),
ptwas  schwerere  den  Kleidertaft.  Bei  diesen
Et  die  Kette  ein-,  der  Einschuß  ein-  bis  dreifädig.
  Doppeltaft  (Marcelline)  hat  zweifädige
Kette  und  zwei-  bis  dreifädigen  Einschuß.  Die
dichtesten  taftartigen  Zeuge,  Gros,  haben  zweifädige ­
  Kette  und  zwei-  bis  sechsfädigen  Schuß.
Zu  den  geköperten  Stoffen  gehören  die  verschiedenen ­
  Sergen  (Croisö,  Levantin.  Drap
de  Soie,  Bombasin)  und  der  Atlas  oder
Satin.  Gemusterte  Zeuge  kommen  in  der
größten  Mannigfaltigkeit,  unter  den  verschiedensten ­
  Namen  und  sowohl  gewürfelt,  gestreift

und  geblümt  vor.  Samtartige  Stoffe  sind  der
echte  Samt,  geschnitten  und  ungeschnitten,  sowie
Plüsch  und  Felbel.  Gazeartige  Gewebe  kommen ­
  als  Gaze,  Flor,  Marly,  Krepp,  Stramin,
Baröge  und  Beutelgaze  in  den  Handel.  Daneben
werden  noch  gemischte  Stoffe  in  Verbindung
mit  Wolle,  Alpaka,  Mohär,  Baumwolle  und  Leinen, ­
  sowie  Gewebe  aus  Seidenshoddy  nach
Art  der  Kunstwolle  hergestellt,
Seide,  künstliche,  wird  nach  verschiedenen
Verfahren  aus  Derivaten  der  Zellulose  dargestellt.
Zur  Herstellung  der  Chardonnetschen  Kunstseide ­
  werden  dickflüssige  Lösungen  von  Kollodiumwolle ­
  aus  feinen  Öffnungen  gepreßt  und
die  in  Wasser  erhärtenden  Fäden  aufgehaspelt
und  getrocknet.  Durch  Behandlung  mit  Natriumoder ­
  Ammoniumsulfid  (das  sog.  Denitrieren)  macht
man  die  S.  unverbrennlich.  Andere  Arten  von
Kunstseide  werden  aus  Lösungen  von  Zellulose
in  Kupferoxydammoniak  (Glanzstoff),  Zinkchlorid. ­
  Schwefelsäure  oder  Phosphorsäure,  ferner
ausAzetylzellulose  (Azetatseide)  oder  ausZellulosexanthogenat
  (Viskoseseide)  gewonnen.
Auch  baumwollene  Gewebe,  denen  man  durch
eine  mechanische  Behandlung  mit  geriffelten
Walzen  oder  eine  chemische  Einwirkung  von
Natronlauge  (Merzerisieren)  einen  Seidenglanz
verliehen  hat,  werden  ajs  künstliche  S.  bezeichnet. ­
  Zur  Unterscheidung  der  Seide  von  der
Kunstseide  hält  man  einen  Faden  an  ein  brennendes ­
  Streichholz.  Seide  entflammt  und  glimmt
nicht  und  riecht  nach  Horn,  Kunstseide  brennt.
Beim  Kauen  behält  echte  Seide  ihren  Zusammenhalt, ­
  Kunstseide  zerbröckelt,  wie  man  beim  Ausspucken ­
  in  Wasser  sieht.
Seidelbastrinde  (Kellerhalsrinde,  lat.  Cortex
  mezerei,  frz.  Ecorce  de  mözöreon,  engl.  Mezereon
  bark).  Der  zu  den  Giftpflanzen  gehörende
Seidelbast,  Daphne  Mezereum,  ist  ein  in
höher  gelegenen  Laubwäldern  des  nördlichen
Europas  und  Asiens  nicht  seltener  Strauch  mit
kleinen  rosenroten,  trichterförmigen  und  vierspaltigen,
  vor  den  Blättern  erscheinenden,  stark
duftenden  Blüten  und  bei  der  Reife  ziegelroten
Beeren.  Die  im  Spätherbst  geschälte  dünne
Rinde  der  meist  nur  federkielstarken  und  oft
doch  dünneren  Stämmchen  oder  Ruten  dient
ihrer  scharfen  Bestandteile  halber  als  blasenziehendes ­
  oder  hautreizendes  Mittel,  indem  sie
entweder  im  aufgeweichten  Zustande  aufgelegt
wird,  oder  indem  man  das  daraus  bereitete
weingeistigö  Extrakt  verwendet.  Als  wirksame
Bestandteile  sind  Daphnin,  das  sich  in  Daphnetin
  und  Zucker  spalten  läßt,  sowie  das
hautreizende  Anhydrid  der  Mezerinsäure  vorhanden. ­

Seife  (lat.  Sapo,  frz.  Savon,  engl.  Soap).  Als
Seifen  im  weiteren  Sinne  bezeichnet  der  Chemiker ­
  alle  Verbindungen  von  Basen  mit  einer
organischen  fetten  Säure  und  spricht  demnach
von  Kaliseife,  Kalk-  und  ,  Magnesia-  und
Bleiseife.  Die  letztere  bildet  die  Grundlage
von  Pflastern  und  Salben,  Kalk-  und  Magnesiaseifen ­
  sind  in  Wasser  unlösliche  pulverige  Körper,
und  nur  die  Alkaliseifen  lösen  sich  in  Wasser
zu  schäumenden  Flüssigkeiten.  Unter  eigentlichen
Seifen  für  Waschzwecke  versteht  man  ausschließlich ­
  die  letzteren,  also  fettsaure  Alkalien.  .  Als
Ausgangsstoffe  zur  Herstellung  der  S.  kommen
        <pb n="416" />
        Seife

410

Seife

ätzende  Alkalien  (Kali-  oder  Natronlauge)  und
Fette  tierischen  oder  pflanzlichen  Ursprungs  in
Betracht.  Beim  Kochen  der  Fette  mit  den  Alkalien ­
  spalten  sie  Glyzerin  ab,  während  die  freiwerdende ­
  Fettsäure  sich  mit  der  Base  zu  fettsaurem ­
  Alkali  (Seife)  verbindet.  Nach  der  Natur
des  benutzten  Alkalis  unterscheidet  man  die
zwei  großen  Gruppen  der  weichen  Kaliseifen
(Schmierseifen)  und  der  harten  Natronseifen. ­
  Die  Herstellung  der  Natronseifen  erfolgt ­
  in  der  Weise,  daß  man  die  Fette,  mit  der
berechneten  Menge  Natronlauge  unter  beständigem ­
  Rühren  auf  freiem  Feuer  oder  besser  mit
direktem  Dampf  erhitzt,  bis  der  Kesselinhalt  sich
in  eine  dünne  gallertartige  Masse,  den  Seifenleim, ­
  verwandelt  hat,  die  beim  Herausnehmen
zu  Fäden  ausgezogen  werden  kann  („spinnt“).
Auf  Zusatz  von  Kochsalz  („Aussalzen“)  trennt
sich  die  Masse  in  die  nach  oben  steigende  feste
krümlige  S.  und  die  unten  stehende  Unterlauge, ­
  die  zur  Gewinnung  des  Glyzerins  Verwendung ­
  findet.  Nach  dem  Ablassen  der  Unterlauge ­
  wird  die  S.  noch  ein-  oder  mehrere  Male
zu  Leim  aufgesotten,  ausgesalzen  und  schließlich
mit  reinem  Wasser  klargesotten.  Die  entstehende
zähe,  plattenartige.  Masse  wird  noch  heiß  auf
Formen  gefüllt,  große,  zum  Auseinandernehmen
eingerichtete  Holzkästen  mit  Siebboden,  durch
den  die  anhaftende  Feuchtigkeit  abläuft.  Während ­
  des  langsamen  Abkühlens  bildet  sich  infolge
der  vorhandenen  Verunreinigungen  ein  feines,
bisweilen  farbiges  Geäder,  die  sog.  Marmorierung ­
  (Fluß,  Faser),  die  als  Zeichen  der  Güte
angesehen  und  daher  vielfach  durch  Zusatz  von
Braunstein,  Bolus  oder  gefärbter  S.  nachgeahmt
wird.  An  Stelle  der  Ätznatronlauge  verwendet
man  neuerdings  auch  kohlensaures  Natron  zum
Verseifen  und  ersetzt  dann  das  Fett  durch  die
freien  Fettsäuren.  Der  nach  dem  einen  oder
anderen  Verfahren  erhaltene  Seifenblock  wird
schließlich  in  Platten,  Riegel  und  Stücke  zerschnitten, ­
  die  als  Kernseife  in  den  Handel
kommen.  Von  den  nach  der  Art  des  verarbeiteten ­
  Fettes  unterschiedenen  Sorten  der  Kernseifen
wird  die  Talgkernseife  wegen  ihrer  Reinheit ­
  und  ihres  sparsamen  Verbrauchs  bei  hoher
Reinigungskraft  besonders  geschätzt,  doch  sind
auch  die  unter  Zusatz  von  Palmöl  oder  Palmkernöl ­
  oder  mit  Palmöl  allein  hergestellten  Kernseifen ­
  wegen  ihres  leichten  Schäumens  sehr  beliebt. ­
  Marseiller  S.  ist  eine  ursprünglich  aus
reinem  Olivenöl,  später  aus  Gemischen  von
Olivenöl  mit  anderen  Fetten  hergestellte  Kernseife. ­
  Oberschalseife,  eine  hauptsächlich  in
Berlin  gebräuchliche  Kernseife  von  besonders
rauher  und  gerippter  Oberfläche,  wird  aus  reinem
Palmöl  oder,  reinem  Talg  bereitet.  Eine  Unterabteilung ­
  der  reinen  Kernseifen  bilden  die
Kernseifen  auf  Leimniederschlag  oder  abgesetzten ­
  Kernseifen,  bei  denen  nicht  vollständig ­
  ausgesalzen  wird.  Vielmehr  sorgt  man
bei  ihrer  Herstellung  durch  Anwendung  ungenügender ­
  Salzmengen  oder  eines  Überschusses
von  Lauge  dafür,  daß  sich  ein  alle  Verunreinigungen ­
  enthaltender  Leimniederschlag  ausscheidet. ­
  Sie  werden  stets  unter  Verwendung  pflanzlicher ­
  Öle  (Palmkernöl,  Kokosfett)  hergestellt
und  umfassen  u.  a.  die  Wachsseife  und  die  mit
Zusatz  von  Harz  bereiteten  Oranienburger

und  die  reinen  Harzkernseifen.  Die  Verwendung ­
  des  Harzes  beruht  auf  seinem  Gehalte
an  freien  Harzsäuren,  deren  Alkalisalze  den  fettsauren ­
  Alkalien  gleiches  Verhalten  zeigen.  Zur
Erhöhung  der  Ausbeute  werden  die  S.  nach  dem
Klarsieden  noch  häufig  mit  schwacher  salzhaltiger
Lauge  gekocht,  „geschliffen“,  wobei  sie  größere ­
  Mengen  Wasser  aufnehmen,  oder  auch
mit  billigeren  Ersatzmitteln,  wie  Wasserglas  und
Soda,  oder  für  Waschzwecke  völlig  wertlosen
Stoffen,  wie  Talk  und  anderen  Mineralpulvern
vermischt,  „gefüllt“.  Die  geringwertigsten  S.,
die  sog.  Leimseifen,  werden  ohne  Aussalzen,
durch  einfaches  Erstarrenlassen  des  ganzen  Kesselinhalts, ­
  dargestellt  und  enthalten  demnach  die
gesamte  Unterlauge.  Sie  vertragen,  ohne  an
Aussehen  und  Festigkeit  einzubüßen,  außerordentlich ­
  hohe  Zusätze  von  Soda,  Wasserglas,  Mehl,
Talk,  Ton  und  anderen  Füllmitteln  und  geben
demnach  außerordentlich  hohe  Ausbeuten.  Die
Güte  der  Erzeugnisse  steht  allerdings  im  umgekehrten ­
  Verhältnis  wie  der  Grad  der  Vermehrung. ­
  Deite  gibt  als  klassisches  Beispiel
einer  8oo°/oigen  Ausbeute  folgende  Vorschrift
an:  100  kg  Kokosöl,  So  kg  Natronlauge,  200  kg
Pottaschelösung,  300  kg  Salzwasser,  60  kg  Sodalösung. ­
  schließlich  nochmals  60  kg  Salzwasser,
also  800kg  Seife  aus  100kg  Fett!  Ja,  es  sollen
12—löfache  Leimseifen  hergestellt  werden,  die
Deite  geradezu  als  Schwindelseife  bezeichnet.
Verhältnismäßig  gute  Erzeugnisse  sind  die  Halbkern-
  oder  Eschweger  Seifen,  die  stets  unter
Zusatz  von  Palmkernöl  oder  Kokosfett  hergestellt
werden,  und  zwar  in  der  Weise,  daß  ein  Teil
des  Fettes  zu  Kernseife,  und  diese  nach  Zugabe
des  Restes  zu  Leimseife  versotten  wird.  —  Im
Gegensatz  zu  den  Natronseifen  besitzen  die  mit
Plilfe  von  Kalilauge  erhaltenen  S.  eine  weiche
Konsistenz  und  bilden  daher  die  sog.  Schmierseifen. ­
  Sie  werden  meist  aus  oleinreichen  Ölen:
Tran,  Hanföl,  Leinöl,  Rüböl,  Baumwollsaatöl,
Erdnußöl,  Sesamöl,  Olein  und  Palmöl  hergestellt
und  sind,  weil  sie  nicht  ausgesalzen  werden
können,  als  Leimseifen  anzusprechen.  Verwendet ­
  man  nur  die  genannten  Öle,  so  erhält  man
„transparente“,  glatte  Schmierseife,  während
bei  Zusatz  von  Talg  und  anderen  harten  Fetten
durch  Auskristallisieren  von  stearinsaurem  Kali
die  Naturkornseif  e  entsteht.  Zur  Vortäuschung
dieser  geschätzten  Eigenschaft  werden  bisweilen
Körner  von  Kalk,  Ton  oder  Stärke  eingerührt
und  so  die  Kunstkornseifen  erzeugt.  Silber-,
Schäl-  oder  glatte  Elainseife  nennt  man
eine  Schmierseife  von  weißer  oder  gelber  Grundmasse ­
  mit  perlmutterartigem  Schimmer.  Eine
feste  Kaliseife  wird  von  den  Lingnerwerken
  in  Dresden  nach  einem  Geheimverfahren, ­
  wahrscheinlich  unter  Verwendung  von
Alkohol  hergestellt  und  als  Kavonseife  bezeichnet. ­
  —  Die  feineren  Toiletteseifen  sind
meist  gewöhnliche  Kern-  oder  selbst  Leimseifen,
denen  irgendeine  künstliche  Farbe  und  ein  Parfüm, ­
  bisweilen  auch  ein  angeblich  der  Haut  wohltätiger ­
  Stoff,  wie  Milch,  Mandelkleie,  Glyzerin, ­
  Galle,  Bimsstein,  ja  selbst  Eigelb
einverleibt  wird.  Ihr  oft  außerordentlich  hoher
Preis  hängt  lediglich  von  der  Art  des  zugesetzten
Riechstoffs  und  seiner  Einverleibung  ab.  Bei  gewöhnlicheren ­
  Sorten  wird  das  Parfüm  der  noch
        <pb n="417" />
        Seifenpulver

411

Selen

flüssigen  Masse  zugesetzt.  Zur  Herstellung  der
besseren  Toiletteseifen  bedient  man  sich  hingegen
  des  Pilierens,  d.  h.  man  zerteilt  gute
Kernseife  in  feine  Späne,  welche  dann  mit  den
ätherischen  Ölen  sorgfältig  verknetet  werden.
Die  transparenten  S.  entstehen,  wenn  man  S.
bei  gelinder  Wärme  in  Alkohol  löst  und  die
weiche  Masse  nach  dem  Abdestillieren  des  überschüssigen ­
  Alkohols  erstarren  läßt.  Medizinische ­
  S.  enthalten  meist  Marseiller  S-  oder  selbstgefertigte ­
  Oliyennatronseife  als  Grundmasse.  —•
Der  Wert  einer  Seife  ist  im  allgemeinen  von
ihrem  Gehalte  an  Fettsäuren  abhängig,  der  daher
für  behördliche  Ausschreibungen  meist  festgelegt
wird.  Weiter  wird  besonderes  Gewicht  auf  Abwesenheit ­
  von  freiem  Ätzkali,  welches  die  Gewebe ­
  angreift,  und  von  Füllmitteln  gelegt.  Die
Anwesenheit  der  letzteren  erkennt  man  durch
Behandlung  mit  Alkohol,  wobei  die  Seife  in
Lösung  geht,  Füllmittel  aber  Zurückbleiben.  Über
die  schmutzlösende  Wirkung  der  S.  feind  zahlreiche ­
  Theorien  aufgestellt.  Nach  einigen  soll
die  Seife  beim  Auflösen  in  Fettsäure  und  freies
Alkali  zerfallen,  nach  der  wahrscheinlich  richtigsten ­
  Ansicht  Knapps  hingegen  lediglich  die
Benetzbarkeit  der  Gewebe  erhöhen.  Aber  völlig
geklärt  ist  diese  Frage  noch  nicht,  und  es  erscheint ­
  daher  wissenschaftlich  unbegründet,  wenn
einigen  Sorten  ganz  besonders  hervorragende
Eigenschaften  gegenüber  den  normalen  Talgkernseifen
  zugeschrieben  werden.  Den  zahlreichen ­
  Verfälschungen  der  S.  suchen  die  Vertreter ­
  der  Industrie  selbst,  und  wie  es  scheint
mit  Erfolg,  entgegenzutreten.  Die  während  des
Krieges  nach  Vorschrift  des  Kriegsausschusses
für  Fette  und  Öle  allein  hergestellte  K.-A.-Seife
  bestand  aus  einem  Gemisch  von  Ton
mit  etwa  200/0  Fettseife.
Seifenpulver.  Neben  reiner  pulver-  oder  spänchenförmiger
  Kernseife  finden  sich  im  Handel
zahlreiche  sog.  Wasch-  oder  S.,  die  neben  Seife
mehr  oder  weniger  erhebliche  Mengen  von  Soda,
Wasserglas  und  allen  möglichen  anderen  Zusätzen ­
  enthalten.  Von  den  bekannteren  Fabrikmarken ­
  besteht:  Lessive  Phenix  aus  34%
Wasser,  6  °/o  Seife,  5  °/o  Wasserglas,  55  °/o  Soda;
Wöllners  Waschpulver  aus  30%  Wasser,
l 3  °/o  Seife,  21%  Wasserglas,  36%  Soda;  Minlos
  Waschpulver  aus  38%  Wasser,  3%  Seife,
5%  Wasserglas,  S4°/o  Soda;  Luhns  Waschextrakt ­
  aus  3S  %  Wasser,  390/0  Seife,  26°/o
Soda;  Waschpulver  Reform  aus  32  °/o  Wasser,
4°/o  Seife,  9%  Wasserglas,  ^5%  Soda.  Die
meisten  derartigen  Waschpulver  sind  unverhältnismäßig ­
  teurer  als  ein  entsprechendes  Gemisch
v on  Seife  und  Soda.
Seifenwurzel  (lat.  Radix  saponariae,  frz.  Racine ­
  de  saponaire,  engl.  Soap  root),  ein  vielgebrauchter ­
  Gegenstand  des  Drogenhandels,  wird
y on  zwei  Pflanzengattungen  gewonnen.  Die  rote
Seifenwurzel  (Radix  saponariae  rubra)  stammt
v pm  gemeinen  Seifenkraut,  Saponaria  officinalis,
  einer  ausdauernden,  durch  das  ganze
mittlere  und  südliche  Europa  auf  Wiesen,  in
Gebüsch  und  besonders  gern  auf  Sandboden  in
der  Nähe  von  Wasser  wachsenden  Karyophyl-'
 e e.  Die  im  Herbst  oder  Frühjahr  von  nicht  zu
Jungen  Pflanzen  gesammelten  Wurzeln  oder  Ausläufer ­
  bilden  Strohhalm-  bis  federkieldicke  Stücke

von  braunrofer  Oberfläche,  gelblichweißem  Bruch
und  süßlich  schleimigem,  hinterher  kratzendem
Geschmack.  Der  wäßrige  Auszug  ist  dickflüssig
Und  schäumt  beim  Schütteln  wie  eine  Seifenlösung. ­
  Wegen  ihres  Gehaltes  an  Saponin  benutzt ­
  man  die  wäßrige  Abkochung  wie  eine  milde
Seifenlösung  in  Fällen,  in  denen  wirkliche  Seife
den  Farben  schaden  würde,  also  für  Seidenwaren, ­
  Spitzen,  Schals  und  andere  zarte  Gewebe.
Die  Handelsware  kommt  hauptsächlich  aus  Mitteleuropa, ­
  wo  sie  verschiedentlich  angebaut  wird.
—  Die  sog.  levantinische  oder  ägyptische
S.  (Radix  saponariae  alba),  weiße  Seifenwurzel ­
  im  Handel  genannt,  stammt  von  Gypsophila
  Struthium  und  anderen  Gypsophilaarten,
  die  ebenfalls  zu  den  Karyophylleen
gehören  und  in  der  Levante  und  in  Ungarn
wachsen.  Sie  wird  hauptsächlich  in  der  Gegend
von  Smyrna  gesammelt  und  über  Triest  eingeführt ­
  und  bildet  3—4Vä  dm  lange,  außen  graugelbe ­
  oder  bräunliche,  stark  längsrunzelige  und
furchige,  innen  gelblichweiße  Stücke.  Die  ungarische ­
  Wurzel  kommt  in  Form  leichter  weißer
Scheiben  in  den  Handel.  Sie  steht  wie  die
levantinischen  Wurzeln  der  roten  S.  an  Saponingehalt
  und  Wirksamkeit  nach.
Seignettesalz,  nach  seinemErfinder  inRochelle,
daher  sonst  auch  Rocheller  Salz  genannt,  ist
ein  Doppelsalz  aus  Weinsäure  und  den  beiden
Basen  Kali  und  Natron,  also  weinsaures  Natronkalium ­
  oder  Natronweinstein  (lat.  Tartarus ­
  natronatus,  Natrokali  tartaricum,  Kalium
tartaricum  natronatum,  frz.  Tartrate  de  soude  et
de  potasse,  Sei  de  seignette,  engl.  Tartarated.
soda,  Salt  of  seignette)  und  wird  aus  Weinstein
und  Soda  in  der  Weise  hergestellt,  daß  man
eine  Lösung  von  reinem  kohlensauren  Natron
mit  Weinstein  versetzt,  bis  kein  Entweichen  von
Kohlensäure  mehr  stattfindet.  Nach  dem  Eindampfen ­
  der  filtrierten  Lauge  im  Dampfbade
bilden  sich  schöne,  große,  wasserhelle,  rhombische ­
  Säulen,  die  bei  ganz  gelinder  Wärme  getrocknet ­
  werden,  da  sie  sonst  ihre  Durchsichtigkeit ­
  verlieren.  Das  Salz  schmilzt  beim  Erwärmen
in  seinem  Kristallwasser,  ist  aber  sonst  ziemlich
luftbeständig.  Es  löst  sich  in  sehr  wenig  Wasser,
besitzt  einen  milden  salzigen  Geschmack  und
wird  als  ein  kühlendes,  gelinde  abführendes
Mittel,  z.  B.  als  Seidlitzpulver,  sowie  in  der
analytischen  Chemie  zur  Bestimmung  des  Zuckers
(Fehlingsche  Lösung)  angewandt.
Sekt,  abgeleitet  von  Vino  secco,  d.  h.  getrockneter ­
  Wein,  hieß  ursprünglich  nur  der  Wein  aus
Trauben,  die  durch  Umbrechen  des  Stieles  und
Eintrocknen  am  Stock  einen  großen  Teil  ihres
Wassers  verloren  haben  und  deshalb  besonders
süß  und  gehaltreich  sind.  Jetzt  gebraucht  man
die  Bezeichnung  fast  ausschließlich  für  Schaumwein ­
  oder  Champagner,  während  sie  für  Erzeugnisse ­
  aus  Obstweinen  nur  unter  deutlicher
Kennzeichnung,  z.  B.  Apfelsekt,  zulässig  ist.
Selen  (Selenium),  ein  dem  Schwefel  nahe
verwandtes  Element,  Se==79,  findet  sich  in
einigen  seltenen  Mineralien:  Sclenblei  oder
Klausthalit,  Selensilberblei  oder  Naumannit,
  Selenkupferblei  oder  Zorgit,  Selenkupferthallium ­
  oder  Crookesit,  Selenkupfersilber ­
  oder  Eukairit,  Selenkupfer  oder
Berzelit,  Selenquecksilber  oder  Tieman-
        <pb n="418" />
        Sellerie

412

Senf

nit  und  Selenquecksilberblei  oder  Lerbachit
  und  wird  meist  aus  dem  in  den  Bleikammern ­
  der  Schwefelsäurefabriken  sich  absetzenden
Schlamm  dargestellt.  Man  erhält  es  als  grauschwarze, ­
  schwach  metallisch  glänzende  Masse
von  muschligem  Bruche,  die  in  dünnen  Splittern
am  Rande  dunkelrot  durchscheinend,  geruchund
  geschmacklos  und  in  Wasser  unlöslich  ist.
In  der  Hitze  bei  Luftabschluß  schmilzt  das  S.
und  verwandelt  sich  dann  in  einen  gelben  Dampf,
der  sich  beim  Abkühlen  zu  einem  roten  Sublimate ­
  verdichtet.  Beim  Erhitzen  an  der  Luft
entzündet  es  sich  und  verbrennt  wie  Schwefel
mit  rötlichblauer  Flamme  unter  Entwicklung
eines  Geruchs  nach  faulem  Rettich.  Das  S.  wird
zur  Herstellung  gewisser  physikalischer  Instrumente, ­
  Photophone  und  Selenradiophone,  sowie
zum  Rotfärben  und,  bei  sehr  kleinen  Zusätzen,
zum  Entfärben  von  Glasflüssen  benützt.
Sellerie  (Eppich,  Wassereppich,  lat.  Radix
apii,  frz.  Cölerie,  engl.  Celery),  eine  zweijährige
Doldenpflanze,  bildet  angebaut  als  Garten-S.,
  Apium  graveolens  L.,  ein  bekanntes
Küchengewächs,  von  dem  die  aromatisch  fleischigen ­
  Wurzeln  als  Gemüse,  zu  Salat  und  zu
Suppen,  der  starke  Schaft  und  das  Kraut  wegen
seines  Aromas  als  beliebtes  Gewürz  benutzt  werden. ­
  In  England  ißt  man  S.  auch  roh  zu  Brot
und  Käse.  Medizinisch  hat  die  Pflanze  insofern
Bedeutung,  als  ihr  Genuß  auf  die  Harn-  und
Geschlechtsorgane  einwirkt.  Von  den  zahlreichen
Handelssorten  gelten  große  Erfurter  Knollen, ­
  niedrig  frühe  Knollen,  große  Ulmer,
frühe  Leipziger  S.,  als  die  besten.  Der  einbis
  dreijährige,  sehr  feine  Same  wird  möglichst
früh  in  Mistbeeten  gesät  und  darauf  im  April
oder  Mai  in  gut  vorbereitetes,  mürbes  Land  in
Abständen  von  50  cm  ausgepflanzt.  Die  Pflege
erstreckt  sich  auf  öfteres  Behacken,  fleißiges
Begießen  und  Entfernen  welker  Blätter.  Im
August  entfernt  man  alle  Seitenwurzeln,  nimmt
im  Herbst  die  Knollen  heraus  und  schlägt  sie
in  Kellern  oder  Gruben  ein.  Auch  kann  man  die
Pflanze  über  Winter  in  Kästen  an  warmen  Orten
halten.  Die  in  England  und  den  Niederlanden
beliebte  Bleichsellerie,  deren  gebleichte  fleischige ­
  Blattstiele  genossen  werden,  wird  in
Deutschland  weniger  geschätzt.  —  Die  Teilfrüchte ­
  der  S.  (lat.  Fructus  apii,  frz.  Semences
de  celerie,  engl.  Celery  seeds)  werden  zu  Sellerieöl
verarbeitet.  —  Das  Sellerieöl  (lat.  Oleum  apii,
frz.  Essence  de  cölerie,  engl.  Celery  oil)  wird
entweder  aus  dem  Kraut  oder  aber  nur  aus  den
Samen  gewonnen.  Das  Krautöl  ist  von  grüngelber ­
  Farbe  und  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,848
bis  0,880,  das  Samenöl  ist  farblos  und  vom  spez.
Gew.  0,866—0,894.  Beide  öle  -  riechen  und
schmecken  kräftig  nach  Sellerie  und  werden  u.  a.
zur  Herstellung  des  Sellerielikörs  verwandt.
Selters  bei  Weilburg.  Dieses  Mineralwasser
unterscheidet  sich  von  dem  im  Handel  meist  als
„Selterswasser“  bezeichneten  Wasser  aus  Niederselters ­
  (s.d.)  hauptsächlich  durch  das  Fehlen  von
Natriumbikarbonat  und  den  geringeren  Gehalt
an  Kochsalz.  In  1000  Gewichtsteilen  sind  nach
der  1891  von  A.  Ludwig  ausgeführten  Analyse
enthalten:  Bikarbonate  des  Kalziums  2,1708g,
Eisenoxyduls  0,0018  g,  Manganoxyduls  0,0394g;
Chloride  des  Kaliums  0,0242  g,  Natriums

0,5326  g,  Lithiums  0,0012  g,  Ammoniums  0,0009  g,
■Magnesiums  0,5408  g,  Kalziums  0,0333g;  Sulfate ­
  des  Kalziums  0,0108  g,  Bariums  0,0021g,
Strontiums  0,0004  g;  Brom-und  Jodnatrium  Spur,
Tonerde  0,0002  g,  Kieselsäure  0,0311g,  Organische ­
  Stoffe  0,0040  g  und  freie  Kohlensäure
2,3721  g-Selterspastillen,
  künstliche  (Pastilli  aerophori
Selters)  werden  hergestellt,  indem  man  500  g
Natriumbika.rbonat,  375  g  Weinsäure,  25  g  Kochsalz ­
  und  100  g  Zucker  mit  900/oigem  Alkohol
anfeuchtet,  so  daß  die  Masse  sich  zusammenballt,
darauf  zu  einem  breiten  Kuchen  ausrollt  und
500  Pastillen  aussticht.
Semen  (in  der  Mehrzahl  Semina)  ist  die  im
Drogenhandel  gebräuchliche  lateinische  Bezeichnung ­
  für  Same,  die  im  Handel  vielfach  mit
dem  Begriffe  Frucht,  lat.  Fructus  (s.d.),  verwechselt ­
  wird.  Beide  unterscheiden  sich  dadurch, ­
  daß  eine  Frucht  stets  Spuren  der  Narbe
und  des  Griffels  zeigt  sowie  eine  Fruchtwand
besitzt,  in  der  sich  ein  oder  mehrere  Samen  befinden. ­
  Auf  Preislisten  finden  sich  am  häufigsten
folgende  Samenarten:  Semen  abelmoschi,  Bisamkörner; ­
  S.  canariense,  Kanariensame;  S.  colchici,
  Herbstzeitlosensame;  S.  cydoniorum,
Quittenkerne;  S.  daturae  stramonii,  Stechapfelsame;
  S.  erucae,  weiße  Senfkörner;  S.  foenugraeci,
  griechischer  Heu-  oder  Bockshornsame;
S.  hyoscyami,  Bilsenkrautsame;  S.  lini,  Leinsame;
  S.  papaveris,  Mohnsame;  S.  psyllii,  Flohsame;
  S.  sesami,  Sesamkörner;  S.  sinapis  nigrae,
Senfkörner,  schwarze;  S.  staphisagriae,  Läusesame;
  S.  strychni,  Brechnüsse;  S.  tanaceti,  Rainfärnsame.
  Vgl.  die  Einzelbesprechungen.
Senegawurzel  (Klapp  er  Schlangenwurzel,
lat.  Radix  senegae,  frz.  Racine  de  sönöga,  engl-Senega
  root)  stammt  von  der  in  Nordamerika,
besonders  Virginien,  Pennsylvanien  und  Maryland ­
  wild  wachsenden  ausdauernden  Polygalazee
  Polygala  Senega  und  wird  im  Mutterlande
als  Mittel  gegen  Schlangenbiß  angewandt.  Die
etwa  13  cm  lange  und  federkieldicke  Wurzel,  die
oben  oft  einen  verdickten  Wurzelhals  trägt,  ist
leicht  kenntlich  an  ihrer  gewundenen  Form,  die
sie  wie  eine  gestreckte  Spirale  erscheinen  läßt,
und  an  der  kielartig  vorspringenden  Kante,  die
an  der  konkaven  Seite  entlang  läuft.  An  der
Außenseite  erscheint  die  Wurzel  durch  Einschnürungen ­
  wulstig.  Ihre  Farbe  ist  äußerlich
gelbgrau,  der  Querschnitt  zeigt  einön  gelblichweißen. ­
  einseitigen  Holzkörper  und  eine  bräunlichgelbe, ­
  weiche  Rinde,  in  der  die  wirksamen
Bestandteile  enthalten  sind.  Der  schwache  Qeruch
  ist  unangenehm  ranzig,  der,  wie  bei  der
Seifenwurzel,  süßliche  und  nachher  scharf  und
kratzende  Geschmack  beruht  auf  einem  Gehalt
an  den  Saponinen  Senegin  und  Polygalasäure. ­
  Medizinisch  wird  S.  in  Form  von  Abkochungen ­
  sowie  als  Extrakt  oder  Sirup  als
schweiß-  und  harntreibendes  Mittel,  besonders
bei  chronischen  Katarrhen,  angewandt,  ist  aber
in  Deutschland  dem  freien  Verkehr  entzogen.
Senf  (frz.  Moutarde,  engl.  Mustard).  Diesen
Namen  führen  verschiedene  Pflanzen  aus  der
Familie  der  Kruziferen,  von  denen  besonders
die  folgenden  technische  Verwendung  finden-1.
  Der  weiße  oder  gelbe  S.  (Gartensenf,  eng'
        <pb n="419" />
        Senf

413

Sennesblätter

lischer  S.,  Schnabelsenf,  Rauken,  Rockhelen,
Rockheit),  Sinapis  alba,  eine  einjährige,  6o  bis
120  cm  hohe  Pflanze  mit  gelber  Blumenkrone,
wenig  behaartem  Stengel  und  steifhaarigen
Schoten,  wächst  wild  und  angebaut  in  England,
Holland,  Mittel-  und  Süddeutschland,  besonders
Thüringen,  Württemberg  und  am  Rhein  sowie
in  Rußland  und  Kleinasien.  Er  wird  vielfach
auch  mit  Dotter  zusammen  gebaut,  und  zwar  am
liebsten  auf  Neubruch  und  Schlammboden,  doch
auch  auf  trockenen  Bodenarten.  Die  Pflanze  ist
gegen  Kälte  weniger  empfindlich  als  Raps,  leidet
aber  wie  dieser,  wenngleich  in  geringerem  Grade,
von  Erdflöhen  und  sonstigen  Schädlingen.  Als
mittlere  Ernte  rechnet  man  14—24  hl  Körner
und  10—is  dz  Stroh.  Abgesehen  von  der  Samengewinnung ­
  dient  er  als  Futter  für  Milchvieh
sowie  zur  Gründüngung.  Die  Samen  oder  Senfkörner ­
  (lat.  Semen  sinapis  albae,  Semen  erucae,
frz.  Moutarde  blanche,  engl.  White  mustard)  besitzen ­
  die  Form  einer  Kugel  von  1I/2—2V2  mm
Durchmesser,  eine  gejbe  Farbe  und  matte  Oberfläche. ­
  Das  gelbe  Pulver  zeigt  einen  anfangs
öligen,  später  brennenden.  Geschmack,  aber  auch
nach  dem  Anrühren  mit  Wasser  keinen  charakteristischen ­
  Geruch.  2.  Der  schwarze,  braune
oder  grüne  S.,  Brassica  nigra,  erreicht  eine
Höhe  von  1V2  m  und  besitzt  kurze,  dünngeschnäbelte,
  zweifächerige  Schpten  mit  4—6
Samen  in  jedem  Fach.  Er  wächst  in  Europa
und  Vorderasien  wild  und  wird  im  Elsaß,  in
Böhmen,  Holland,  Belgien,  England,  Italien,
Griechenland  und  Amerika  (Kalifornien)  angebaut. ­
  Die  Pflanze  gibt  um  25  °/o  geringere
Erträge  an  Samen  und  Stroh  als  der  weiße  Senf,
eignet  sich  als  Grünfutter  und  -düngung  gar  nicht
und  leidet  auch  sehr  durch  Samenausfall.  Die
Samen  werden  hauptsächlich  zur  Ölgewinnung,
als  Zusatz  zu  Speisesenf  und  zu  medizinischen
Zwecken  benutzt.  Die  schwarzen  Senfkörner
(lat.  Semen  sinapis  nigrae,  frz.  Moutarde  noir,
engl.  Mustard  seeds)  besitzen  wie  die  weißen
Kugelform,  aber  weit  geringeren  (höchstens
1  mm)  Durchmesser  und  dunkel-  bis  schwarzbraune, ­
  innen  grünlichgelbe  Farbe.  Die  Oberfläche ­
  erscheint  unter  der  Lupe  mit  feinen  Wärzchen ­
  besetzt.  Das  Pulver  zeigt,  wenn  die  Schale
mitgestoßen  wurde,  eine  grünliche,  sonst  eine
gelbe  Farbe  und  ist  im  trocknen  Zustande  geruchlos, ­
  nimmt  aber  beim  Anrühren  mit  Wasser
nach  einiger  Zeit  einen  zum  Tränen  reizenden
Geruch  an.  3.  Der  russische  oder  Sareptasenf, ­
  Sinapis  juncea,  wird,  in  Nordafrika,
China,  Indien  und  im  südlichen  Rußland,  besonders ­
  bei  Sarepta,  stark  angebaut.  Die  hellbraunen
Samen,  die  in  der  Größe  zwischen  den  beiden
anderen  Sorten  stehen,  werden  vor  dem  Pressen
entschält  und  liefern  daher  hellere  Preßrückstände
  als  der  schwarze  Senf.  Das  Pulver  zeigt
beim  Anrühren  mit  Wasser  den  Geruch  des
Senföls.  4.  Der  Ackersenf  (Ackerkohl,  Feld-Senf,
  falscher  Hederich,  gelber  Trill),  Sinapis
atvensis,  ein  einjähriges,  weit  verbreitetes  Unkraut, ­
  wird  in  Amerika  bisweilen  als  Zusatz  zu
Speisesenf  benutzt.  —  Die  Senfsamen,  von  denen
die  holländischen  am  höchsten,  die  russischen
at n  geringsten  bewertet  werden,  dienen  zur  Herst
 ellung  von  Speisesenf  und  Senfmehl  (s.  d.)
sowie  von  ätherischem  und  fettem  Öl  (s.  d.).

Senfmehl,  Speisesenf.  Das  aus  fetthaltigen
oder  entfetteten  Samen  hergestellte  Mehl,  das
beim  schwarzen  S.  meist  gröber,  beim  weißen
Senf  feiner  erscheint,  findet  wegen  seines  Gehaltes ­
  an  wertvollen  Inhaltsstoffen  mannigfache
technische  und  medizinische  Verwendung.  Alle
Senfsorten  enthalten  beträchtliche  Mengen.  28  bis
300/0,  fettes  Öl,  27—30  °/o  Stickstoffsubstanz,  9  bis
to°/o  Holzfaser  und  4—5  °/o  Mineralstoffe.  Ihren
scharfen  Geruch  und  Geschmack  verdanken  sie
einem  schwefelhaltigen  Öl,  das  aber  nicht  in
freiem  Zustande,  sondern  in  glykosidischer  Bindung ­
  vorhanden  ist  und  erst  bei  der  Behandlung
mit  Wasser  durch  das  Ferment  Myrosin  abgespalten ­
  wird.  Das  im  schwarzen  und  Sareptasenf ­
  vorhandene  Sinigrin  (myronsaure  Kalium), ­
  zerfällt  unter  der  Einwirkung  des  Fermentes ­
  in  Zucker,  Kaliumbisulfat  und  Allylsenföl.
  Der  weiße  Senf  enthält  einen  scharfen,
aber  geruchlosen  Stoff,  das  Sinalbin,  das  in
Zucker,  saures  schwefelsaures  Sinapin  und  Sinalbinsenföl ­
  zerfällt.  Das  Sinapin  ist  ein  Ester
des  Cholins  und  der  Sinapinsäure.  —  Zur  Darstellung ­
  des  Speisesenfs  (Mostrich)  wird  das
entölte  oder  fetthaltige  Pulver  des  weißen  oder
braunen  Senfs  mit  Essig  oder  Wein  angerührt
und  meist  mit  verschiedenen  Zusätzen,  wie
Zucker,  Piment,  Nelken  und  anderen  Gewürzen,
versehen.  Eine  Beimischung  von  Mehl  und  Farbstoffen ­
  (Teerfarben,  Kurkuma)  ist  ohne  Kennzeichnung ­
  unzulässig.  —  Das  Mehl  des  schwarzen
Senfs  findet  in  ganz  oder  halb  entöltem  Zustande ­
  als  Senfteig,  Senfpflaster  und  Senfpapier ­
  zur  Hautreizung  vielfache  medizinische
Anwendung.  Es  muß  für  diese  Zwecke  vor
Feuchtigkeit  geschützt  und  nicht  zu  lange  aufbewahrt
  werden.
Senföl.  Das  durch  Auspressen  der  Senfsamen
erhaltene  fette  Öl  (lat.  Oleum  sinapis  pingue,
frz.  Huile  de  moutarde,  engl.  Mustard  seed  oil)
ist  gelb  bis  bräunlichgelb  und  von  mildem  Geruch ­
  und  Geschmack.  Es  enthält  neben  Glyzeriden
  flüssiger  Fettsäuren  Behen-  und  Enikasäure.
  Das  spe?.  Gew.  beträgt  0,915—0,917,  die
Verseifungszahl  170—180.  In.dem  Öl  des  schwarzen ­
  Senfs  ist  stets  Schwefel  vorhanden.  Fettes
S.  wird  als  Speiseöl,  Brennöl  und  als  Schmiermittel ­
  verwandt.  —  Das  ätherische  S.  (lat.
Oleum  sinapis  aethereum,  frz.  Essence  de  moutarde, ­
  engl.  Mustard  oil)  wird  durch  Destillation ­
  des  mit  Wasser  längere  Zeit  angerühften
schwarzen  Senfmehls  mit  Wasserdampf  als  ein
farbloses  oder  gelbliches,  dünnflüssiges  Öl  vom
spez.  Gew.  1,016—1,022  dargestellt.  Es  besteht
hauptsächlich  aus  Schwefe  Izyanallyl,  SCN  .
C3H5,  und  kann  auch  künstlich  durch  Behandlung ­
  von  Allyljodid  mit  Rhodankalium  erhalten ­
  werden.  Das  S.  besitzt  einen  scharfen,  zu
Tränen  reizenden  Geruch,  ist  giftig  und  erregt
auf  der  Haut  Brennen,  Rötung  und  Blasenbildung. ­
  Die  alkoholische.  Lösung  (Senfspiritus)
findet  medizinische  Anwendung.
Sennesblätter  (lat.  Folia  sennae,  frz.  Feuilles
de  sene,  engl.  Senna  leaves),  eine  als  kräftiges
Abführmittel  viel  benutzte  Droge,  sind  die  Fiederblättchen ­
  verschiedener  Kassia-Arten,  strauchartiger, ­
  zu  den  Leguminosen  gehöriger  Gewächse ­
  mit  paarig  gefiederten  Blättern,  die  in
Ägypten,  Abessinien  und  Arabien  auf  dürrem
        <pb n="420" />
        Sennesblätter

414

Seronen

Boden  wachsen  und  in  Ostindien  angebaut  werden. ­
  Während  früher  mehrere  Sorten  im  Handel
zu  verzeichnen  waren,  gibt  das  Deutsche
Arzneibuch  jetzt  nur  noch  die  Blätter  von
Cassia  angustifolia  Vahl  als  offizineil  an,
die  im  Drogenhandel  als  ostindische  oder
Tinnevelly-S.  bezeichnet  werden.  Ihre  Heimat
ist  die  Küste  des  Roten  Meeres,  doch  werden
sie  vielfach  in  Ostindien,  namentlich  im  Distrikt
Tinnevelly  |ier  Präsidentschaft  Madras  angebaut.
Die  in  gepreßten  Ballen  über  England  und  Hamburg ­
  eingeführten  Tinnevelly-Sennesblätter  sind
schmal  lanzettlich,  4—6  cm  lang,  1—2  cm  breit,
hellgrün  bis  bräunlichgrün,  fast  ohne  Bruch  und
frei  von  Stengelresten.  Der  Geschmack  ist  schleimig. ­
  —  Die  andere  im  Handel  noch  vorkommende ­
  Sorte,  die  sog.  Alexandriner,  stammt
aus  den  Wüsten  Oberägyptens,  wo  sie  von  Arabern ­
  gesammelt,  von  Händlern  aufgekauft  und
nach  Kairo  oder  Alexandrien  gebracht  wird.
Gewöhnlich  ist  die  Ware  mit  Zweigen,  Stielen,
Bruch  und  Sand  so  gemengt,  daß  beim  Reinigen
über  die  Hälfte  Abgang  entsteht.  Das  Reinigen
durch  Auslesen,  wiederholtes  Aussieben  und
Schwingen  wird  entweder  schon  in  Triest  oder
erst  von  den  großen  inländischen  Drogenhäusern
  vorgenommen.  Man  scheidet  dabei,  noch
eine  geringere  Sorte  als  kleine  Senna  (lat.Folia
sennae  parvae)  ab,  indem  man  von  dem  gröblich
Abgesiebten  wieder  den  Staub  absiebt.  Möglichst ­
  frische  Ware,  bei  der  die  Blätter  noch
zäh,  grünlich  und  frei  von  Flecken  und  Bruch
sind,  wird  am  meisten  gesucht.  Der  Geschmack
der  Alexandriner  S.  ist  weniger  schleimig  als
derjenige  der  Tinnevelly.  —•  Die  S.  riechen
eigentümlich  aromatisch  und  schmecken  schleimig ­
  und  bitter.  Sie  enthalten  als  wirksame  Bestandteile: ­
  Emodin,  Chrysophansäure,  Sennapikrin
  und  Kathartomannit,  außerdem
aber  noch  andere  Stoffe  von  harziger  Natur,  die
ungünstig  wirken  und  Leibschneiden  verursachen.
Da  diese  mit  heißem  Wasser  in  Lösung  gehen,
empfiehlt  es  sich,  keine  Abkochungen,  sondern
nur  Auszüge  mit  kaltem  oder  höchstens  warmem
Wasser  zu  verwenden.  Aus  dem  gleichen  Grunde
schreiben  mehrere  Arzneiverordnungen  entharzte ­
  Blätter  vor  (lat.  Folia  sennae  sine  resina
seu  deresinata),  d.  b.  solche,  aus  denen  jene
nachteiligen  Bestandteile  durch  Extrahieren  mit
Weingeist  entfernt  worden  sind.  —  Die  der
Alexandrinerware  gewöhnlich  beigemengten  fremden ­
  Blätter,  die  sog.  Arghelblätter,  von  Cynanchum
  Arghel,  einer  in  Ägypten  heimischen ­
  Asklepiazee,  müssen  ausgelesen  werden.
Sie  sind  leicht  zu  erkennen,  da  sie  dick,  lederartig.und ­
  runzelig  sind  und  sich  infolge  beiderseitiger ­
  starker  Behaarung  rauh  anfühlen,  ihre
Farbe  ist  gelblichgrau  oder  graugrün.  —  Unter
dem  Namen  Muttersennesblätter  (Sennesbälge,
  Sennesschoten,  lat.  Folliculi  sennae,
frz.  Fruits  de  gönö,  engl.  Senna  capsules)  kommen
die  Früchte  von  Cassia  obovata  Colladon
in  Form  flachgedrückter  Kapseln  von  braungrüner ­
  Farbe  und  lederartigem  Äußeren  in  den
Handel.  Sie  werden  in  manchen  Gegenden  den
Sennesblättern  vorgezogen,  weil  ihre  Wirkung
eine  gelindere  ist  und  die  vorher  geschilderten
Beschwerden  nicht  hervortreten.  —  Die  Sennesblätter ­
  werden  im  Aufguß  oder  in  Form  von

Pulver,  Latwerge  oder  Extrakt  als  mildes  Abführmittel ­
  benutzt.
Sepia  nennt  man  zwei  verschiedene  Handelswaren, ­
  die  beide  von  Seetieren  der  zu  den
Zephalopoden  (Kopffüßlern)  gehörenden
Gattung  Sepia  gewonnen  werden.  Ihr  wichtigster ­
  Vertreter,  der  Tintenfisch  oder  Blackfisch ­
  (S.  officinalis),  der  im  Mittelmeer,  vorzugsweise ­
  im  Adriatischen  Meere,  zerstreuter  auch
in  den  übrigen  europäischen  Meeren  lebt,  hat
einen  bis  zu  50  cm  langen,  sackförmigen  Körper,
der  zehn  mit  Saugnäpfen  besetzte  Fangarme
trägt.  Zur  Stütze  des  weichen  Körpers  liegt  an
der  Rückenseite,  innerhalb  der  sackförmigen
Hülle,  eine  Art  länglicher  Knochenplatte,  die
gleich  den  Muschelschalen  in  der  Hauptsache
aus  kohlensaurem  Kalk  besteht.  Der  etwas  gewölbte ­
  Rückenschild  (Schulp)  von  11—23  cm
Länge  und  7—9  cm  Breite  läuft  nach  beiden
Seiten  schmäler  zu  und  wird  von  der  Mitte  aus
nach  den  scharfen  Rändern  zu  immer  dünner.
Die  Oberseite  besteht  aus  einer  sehr  dünnen,
harten  und  knochenähnlichen  Schicht  von  gelblichweißer ­
  Farbe,  die  darunterliegende  dickere
Masse  ist  rein  weiß,  lockerzeilig,  blättrig  und
zerreiblich.  Nach  dem  Absterben  der  Tiere  bleiben ­
  die  sehr  leichten  porösen'Stücke  auf  der  See
schwimmen.  Sie  bilden  die  als  Sepiaknochen
oder  weißes  Fischbein  (lat.  Os  oder  Tegmen
Sepiae,  frz.  Os  de  seiche,  engl.  Cuttle  fish  bone)
bezeichnete  Handelsware,  die  zu  feinen  Gießformen ­
  für  Goldarbeiter,  als  scharfes  Pulver  zum
Schleifen  und  Polieren  feiner  Hölzer  sowie  als
Zahnpulver  Verwendung  findet.  —  Die  andere
als  Sepia  bezeichnete  Ware  ist  der  aus  dem
gefangenen  Tiere  sogleich  herausgeschnittene  und
rasch  getrocknete  Tintenbeutel  oder  die  aus
ihm  herausgenommene  bröcklige  Masse,  deren
Färbekraft  so  groß  ist,  daß  1  Teil  noch  1000
Teile  Wasser  undurchsichtig  macht.  Neuerdings
wird  der  Farbstoff  in-der  Regel  gereinigt,  indem
man  ihn  in  (Kalilauge  löst,  mit  Säuren  Wieder  ausfällt ­
  und  den  gewaschenen  Niederschlag  im  Gemisch ­
  mit  Gummischleim  zu  Täfelchen  formt.
Das  so  gewonnene  Sepiabraun  bildet  eine  geschätzte ­
  Malerfarbe.  —  Das  Fleisch  des  Tintenfisches ­
  wie  der  ihm  verwandten  Arten  S.  elegans
und  biserialis  wird  als  Nahrungsmittel  geschätzt. ­

Serge  (Sarsche,  frz.  Serge,  engl.  Serge)nennt
man  mehrere  Arten  vota  seidenen,  halbseidenen,
wollenen  und  gemischten  Geweben,  die  mit  drei
oder  vier  Schäften  geköpert  oder  mit  fünf-  oder
siebenbindigem  Atlas  gewebt  sind.  Die  wollenen ­
  Sergen  dienen  in  den  leichteren  Sorten  gewöhnlich ­
  als  Futterzeuge,  doch  gibt  es  auch
dichte,  aus  festem  Kammgarn  gewebte,  und
solche,  die  durch  Rauhen  und  Scheren  fast  halbtuchähnlich
  sind.  Die  bekannteste  Sorte  aus
sehr  glattem,  gutem  Kammgarn  ist  die  Serge
de  Berry.  Statt  der  früher  vorkommenden  zahlreichen ­
  Arten  wollener  S.  werden  jetzt  andere
Köperstoffe,  wie  Merino,  Orleans,  Napolitains,
Tibets  u.dgl.  benutzt.  —•  Unter  den  Seidenwaren ­
  bilden  die  S.  hauptsächlich  Futterstoffe-Sie
  unterscheiden  sich  von  anderen  geköperten
Waren  dadurch,  daß  sie  nicht  appretiert  sind.
Seronen  (Suronen)  nennt  man  die  aus  rohen
Rindshäuten  bestehenden  Packhüllen,  in  die
        <pb n="421" />
        Serpentin

415

Sheabutter

aus  Brasilien  und  anderen  südamerikanischen
Ländern  kommende  trockene  Waren  eingeschlagen ­
  sind.  Sie  werden  in  Europa  teils  gegerbt,
teils  in  den  Leimsiedereien  mitverarbeitet.  Der
Name  hat  sich  später  auf  anderes  Packmaterial
ausgedehnt  und  bezeichnet  auch  solche  Umhüllungen, ­
  die  aus  einer  doppelten  Lage  von
Bast-  oder  Schilfmatten,  oder  aus  einer  einfachen ­
  derartigen  Lage  mit  einer  Umhüllung
von  Packleinen  bestehen.
Serpentin  (Schlangenstein),  ein  der  Hauptsache ­
  nach  aus  wasserhaltiger  kieselsaurer
Magnesia  mit  40—43  °/o  Kieselsäure,  38  bis
4o°/o  Magnesia  und  12—i3°/o  Wasser  bestehendes ­
  und  durch  Eisen  und  etwas  Chromoxyd  gefärbtes ­
  Mineral,  besitzt  gewöhnlich  schwarzgrüne
oder  schwärzliche,  bisweilen  auch  rotbraune  Färbung ­
  mit  mannigfach  wechselnden  Flammen,  geschlängelten ­
  Adern  und  Flecken,  die  an  die
Tigerung  mancher  Schlangenhäute  erinnern.  Die
Zeichnungen  beruhen  meist  auf  den  zahlreichen
Einschlüssen  fremder  Mineralien,  besonders  von
Asbest.  S.  findet  sich  ziemlich  häufig  in  Schichten ­
  zwischen  anderem  Gestein  oder  bildet  für
sich  Hügel  und  kleine  Berge,  ist  aber  in  vielen
Fällen  sehr  zerklüftet  oder  in  einzelne  Blöcke
zerfallen.  Das  Mineral  wurde  schon  im  Altertum
zu  Säulen  und  anderen  architektonischen  Werken
benutzt  und  dient  noch  jetzt  in  England  zur
Herstellung  von  Bauverzierungen,  Taufsteinen,
großen  Vasen,  Obelisken  und  anderen  Kunstgegenständen, ­
  in  Italien,  besonders  zu  Pisa,  namentlich ­
  auch  zur  Nachbildung  antiker  Vasen.
Der  wichtigste  Fundort  in  Deutschland  ist  Zöblitz
bei  Marienberg  in  Sachsen.  Hier  fertigte  man
früher  nur  Reibschalen  und  Mörser,  Leuchter,
Urnen,  Vasen,  Becher,  Teller,  Dosen,  Schreibzeuge. ­
  Briefbeschwerer  und  Wärmsteine,  neuerdings ­
  aber  auch  Grabplatten  und  Kreuze,  Säulen,
große  Würfel  zu  Denkmälern  u.  dgl.  Erst  an
fein  geschliffenen  und  polierten  Stücken  tritt
die  Schönheit  des  Materials  recht  deutlich  hervor, ­
  die  durch  die  überall  eingesprengten  Granaten ­
  noch  gehoben  wird.  Der  S.  hat  die  Eigenschaft, ­
  frisch  aus  der  Erde  genommen,  sehr
Weich  und  mit  scharfen  Instrumenten  leicht  bearbeitbar ­
  zu  sein,  während  er  an  der  Luft  mit
der.  Zeit  sehr  hart  wird.
Serradella  (Vogelfuß,  Krallenklee,  Sandvogelfuß,
  Klauenschote,  frz.  Ornithope,  engl.
Birds  foot),  eine  für  Sandboden  und  anderen
Boden,  welcher  die  Kleearten  nicht  sicher  trägt,
vortrefflich  geeignete  einjährige  Futter-  und
Weidepflanze,  Ornithopus  sativus,  aus  der
Familie  der  Schmetterlingsblütler,  mit  großen, ­
  rosafarbigen  Blüten,  wird  30—60  cm  hoch,
ist  in  Spanien,  Portugal  und  Nordafrika  heimisch ­
  und  wird  in  der  nördlichen,  gemäßigten
Hälfte  Europas  vielfach  angebaut.  Der  Saatbedarf ­
  stellt  sich  je  nach  der  Art  auf  15—40  kg.
der  Ertrag  auf  12—14  dz  Heu  oder  auf  500  bis
800  kg  Samen  neben  10—12  dz  Stroh.  1  hl  Samen
Wiegt  4S  kg.  Während  des  Krieges  sind  die
Samen,  oder  richtiger  die  tönnchenförmigen  Teilstücke ­
  der  Gliederhülse  vielfach  zu  Kaffee-Ersatz
verarbeitet  worden,  ln  ungerüstetem  Zustande
e mhalten  sie:  7,6  0/0  Wasser,  24  °/o  Stickstoffsubstanz,
  6,6  %  Fett,  20,7  %  stickstofffreie  Exhaktstoffe,
  36,8  °/o  Rohfaser  und  4,3  °/o  Asche.

Sesam  (frz.  Sesame.  engl.  Sesame)  nennt  man
die  Samen  der  zu  den  Pedoliazeen  gehörenden
Sesampflanze,  von  der  namentlich  die  Arten
Sesamum  indicum  L.  und  S.  orientale  L.  in
den  Tropen  und  in  gemäßigt  warmen.  Gegenden
von  China  und  Indien  bis  Algier  und  von  BrasL
lien  bis  zu  den  Südstaaten  der  Vereinigten  Staaten ­
  Nordamerikas  als  Ölpflanze  angebaut  werden.
Die  Pflanzen  werden  1—2  m  hoch,  haben  ovale,
drüsig-klebrig  behaarte  Blätter,  meist  weiße  und
rötliche  Blüten  und  vierkantige,  abgerundete
Kapseln  mif  zahlreichen  Samen.  Die  letzteren
sind  eiförmig  und  stark  plattgedrückt  und  besitzen ­
  einen  angenehm  öligen  Geschmack.  Ihr
Gewicht  beträgt  etwa  4  mg.  Die  Farbe  ist  hellgelb ­
  bis  bräunlich  bei  S.  indicum,  braunviolett
bis  schwärzlich  bei  S.  orientale.  Die  Samen
enthalten  etwa  45—so  °/o  Öl,  zu  dessen  Herstellung ­
  sie  hauptsächlich  benutzt  werden.
Sesamöl  (lat.  Oleum  sesami,  frz.  Huile  de
sösame,  engl.  Sesame  oil)  wird  aus  den  ölreichen
Samen  von  Sesamum  indicum  u.  a.  durch  anfangs ­
  kalte,  dann  warme  Nachpresse  gewonnen.
Das  kalt  gepreßte  Öl  ist  schön  hell,  blaßgelblich,
während  die  warme  Nachpressung  noch  eine
geringere  dunkle  Sorte  ergibt.  Das  S.  hat  einen
angenehmen  Geschmack,  ein  spez.  Gew.  von
0,920—0,924  und  gehört  zu  den  nicht  trocknenden ­
  Ölen.  Es  besteht  aus  den  Glyzeriden  der
Stearinsäure,  Palmitinsäure,  Ölsäure  und
Linolsäure  und  hat  eine  Jodzahl  von  103  bis
112.  Wegen  seiner,  auffallenden  Reaktion,  der
mit  Furfurol  und  Salzsäure  sowie  mit  Zinnchlorür
eintretenden  Rotfärbung,  bildet  es  den  gesetzlich
vorgeschriebenen  Zusatz  zu  Margarine.  Außerdem ­
  wird  es  selbst  als  reines,  billiges  Speiseöl,
ferner  zur  Darstellung  von  Seifen,  zur  Enfleurage
von  Parfüms  und  zur  Verschneidung  des  Olivenöls ­
  benutzt.
Shampooing-Water  (Shampooing-Fluid)
gehört  nach  E.  Dieterich  zu  den  angenehmsten.
Kopfwaschwässern  und  besitzt  den  Vorzug,  die
Kopfhaut  zu  reinigen  und  geschmeidig  zu  erhalten, ­
  so  daß  jede  Schuppenbildung  verhindert
wird.  Zu  seiner  Herstellung  verquirlt  man  sorgfältig ­
  drei  frische  Hühnereier,  verdünnt  mit  800  g
Rosenwasser  und  setzt  dann  noch  eine  Mischung
folgender  Stoffe  hinzu:  50,0  Seifenspiritus,  10,0
Kaliumkarbonat,  10,0  Ammoniakflüssigkeit  (10-proz.),
  0,5  .Kumarinzucker,  je  zwei  Tropfen  Rosenund
  Bergamottöl  und  je  ein  Tropfen  französisches ­
  Geraniumöl  und  ätherisches  Bittermandelöl.
Die  ziemlich  geringe  Haltbarkeit  kann  durch
Ersatz  der  Pottasche  durch  20  g  Borax  erhöht
werden.  Nach  anderen  Vorschriften  wird  auch
wohl  Natriumbikarbonat  zugesetzt.
Sheabutter  (lat.  Oleum  galam  seu  Butyrum
shea,  frz.  Beurre  de  shde,  engl.  Shea  butter),
eine  der  verschiedenen  Arten  von  Bassiafett
(s.  d.),  wird  aus  den  nußartigen  Fruchtkernen
eines  im  Innern  Westafrikas  wachsenden  Baumes, ­
  Butyrospermum  oder  Bassia  Parkii,
gewonnen,  der  den  Eingeborenem  als  Fettspender
dasselbe  leistet,  wie  den  Küstenvölkern  die  Ölpalme. ­
  Der  strauchartig  wachsende  Baum  bedeckt ­
  ungeheure  Strecken  von  Hügel-  und  Flachland ­
  und  liefert  im  Mai  oder  Juni  reifende
Fruchtkerne  von  der  Gestalt  und  Farbe  der  Roßkastanie. ­
  deren  süßes  Fleisch  als  Nahrungsmittel
        <pb n="422" />
        Siderolith

416

Silber

Verwendung  findet.  Nach  Entfernung  des  Fleisches ­
  werden  die  etwa  45  °/o  Fett  enthaltenden
Nüsse  grob  gestoßen,  mit  Wasser  gekocht  und
das  dabei  an  die  Oberfläche  tretende  Fett  in
irdene  Töpfe  geschöpft,  wo  es  bald  fest  wird  und
die  Farbe  und  Festigkeit  von  tierischem  Talg
annimmt.  Es  hat  einen  angenehmen  Geschmack
bei  hinreichender  Haltbarkeit  und  eignet  sich
für  alle  Zwecke,  zu  denen  Palmöl  benutzt  wird,
S.  ist  von  grünlichweißer  Farbe,  die  sich  an
der  Luft  aber  schnell  ausbleichen  läßt.  Das
spez.  Gew.  beträgt  0,954,  der  Schmelzpunkt  28  bis
30 0 ,  die  Jodzahl  55—60.  Außer  als  Speisefett
eignet  sie  sich  auch  zur  Herstellung  von  Seife.
Siderolith  (wörtlich  Eisenstein)  nennt  man
eine  besondere  Sorte  von  Ton  waren  aus  weißer,
scharf  gebrannter  Tonmasse.  Zur  Herstellung
dient  ein  plastischer  Ton,  der  in  gleicher  Weise
wie  für  Steingut  zubereitet,  geformt  und  scharf
gebrannt  wird.  Die  Gegenstände  erhalten  aber
keine  Glasur,  sondern  werden  nach  dem  Brennen
mit  einem  farbigen  oder  Bronzefimis  überzogen,
teils  auch  mit  Vergoldung  versehen  und  sodann
im  Ofen  bei  mäßiger  Hitze  getrocknet.  Die
Erzeugnisse  haben  ein  hübsches  Äußere,  sind
aber  zur  Aufbewahrung  von  Flüssigkeiten  nicht
geeignet  und  werden  auch  bald  unscheinbar.
Die  Herstellung  hat  eine  bedeutende  Ausdehnung ­
  erreicht  und  wird  in  Böhmen,  auf  dem
ThüringerWalde  und  zu  Nymphenburg  in  Bayern
betrieben.
Sidol  ist  ein  flüssiges  Metallputzmittel,  das
neben  einer  wäßrigen  Lösung  von  Ammoniakseife ­
  Bolus  und  etwas  Oxalsäure  enthält.  In
ähnlichen  Putzmitteln  sind  außerdem  Mineralöle ­
  und  freie  Fettsäuren  aufgefunden  worden.
Sidonal,  ein  neueres  Arzneimittel,  wird  durch
Neutralisation  von  Piperazin  mit  Chinasäure  dargestellt ­
  und  ist  demnach  als  chinasaures  Piperazin ­
  (Piperazinum  chinicum)  anzusprechen. ­
  Das  farblose,  säuerlich  schmeckende
Kristallpulver  schmilzt  bei  168—171 0  und  ist  in
Wasser  leicht  löslich.  Es  bildet  wegen  seiner
harnsäurelösenden  Wirkung  ein  spezifisches  Mittel
gegen  alle  Krankheiten,  welche,  wie  die  Gicht,
auf  Harnsäureausscheidung  beruhen.
Siegellack  (Packlack,  Postlack,  lat.  Lacca
sigillata,  frz.  Laque  de  poste,  engl.  Sealing  Wax)
nennt  man  im  allgemeinen  Mischungen  harziger, ­
  in  der  Flitze  schmelzender  Stoffe  mit
Körperfarben.  Die  Grundlage  zu  gutem  S.  ist
Schellack,  dessen  Schmelzbarkeit  durch  Zusatz
von  etwa  !/ 4  oder  mehr  venetianischem  Terpentin
erhöht  wird.  Als  Farbkörper  für  den  feinsten
ro,ten  S.  benutzt  man  ausschließlich  guten  Vermillonzinnober.
  Bei  den  geringeren  Sorten  wird
dieser  Stoff  zum  Teil,  bei  noch  wohlfeileren  ganz
durch  Mennige,  Chromrot  oder  Englischrot  ersetzt, ­
  während  für  den  Schellack  Kolophonium
und  ähnliche  Flarzstoffe  eintreten.  Zur  Vermehrung ­
  des  Gewichts,  zur  Ersparung  an  Farbstoff ­
  und  zur  Abtönung  der  Farbe  werden  häufig
auch  weiße  erdige  Zusätze  von  Talkpulver,
Schwerspat,  Barytweiß  oder  Kreide  angewandt.
Die  erdigen  Stoffe,  zum  Teil  auch  die  Farbkörper, ­
  werden  bei  den  besseren  Sorten  erst
für  sich  mit  Terpentin  und  Terpentinöl  gut
verrieben  und  dann  zu  der  schmelzenden  Schellackmasse ­
  hinzugesetzt.  —  Gewöhnliche  Flaschenlacke ­

  bestehen  nur  aus  Kolophonium,
Burgunderharz  oderWeißpech  und  gewöhnlichem
Terpentin  nebst  billigen  Farbkörpern.  Als  Farben ­
  benutzt  man  für  Schwarz  feinen  Ruß,  Bernschwarz ­
  oder  Pechasphalt,  für  Braun  Zinnober
mit  Ruß  oder  irgendeine  braune  Erdfarbe,  für
Gelb  und  Orange  die  betreffenden  Chrombleifarben, ­
  für  Grün  Chromgrün  oder  Kupfergrün
(Schweinfurtergrün  darf  zu  S.  nicht  verwandt
werden,  da  es  beim  Schmelzen  giftige  Dämpfe
von  arseniger  Säure  entwickelt),  für  Blau  Ultramarin. ­
  Der  blaue  S.  ist  am  schwierigsten  herzustellen, ­
  da  hierzu  die  Harzmasse  besonders
hell  sein  muß,  und  man  benutzt  daher  gebleichten ­
  Schellack  in  Verbindung  mit  Dammar  oder
anderen  hellen  Harzen.  Zu  Gold-  und  Bronzelack ­
  werden  in  die  Masse  kleine  Flitter  von
echtem  Blattgold  oder  Bronze  eingerührt.  -—
Zum  Parfümieren  feiner  S.  benutzt  man  Benzoeharz, ­
  Tolu-  oder  Perubalsam  oder  Moschus,
die  erst  der  zum  Ausgießen  fertigen  Masse  einverleibt ­
  werden.  Die  Vereinigung  der  Bestandteile ­
  erfolgt  durch  gelindes  Schmelzen  über
Kohlenfeuer.  Man  erhitzt  und  rührt,  bis  das
Gemisch  Blasen  wirft,  nimmt  es  dann  vom  Feuer
und  rührt  weiter,  bis  die  Blasen  vergehen,  und
gießt  die  Masse  schließlich  in  blecherne,  innen
verzinnte  Formen,  die  mit  etwas  feinem  Öl  ausgestrichen ­
  sind.  Die  erhärteten  Stangen  werden
geglänzt,  indem  man  sie  rasch  durch  eine  Spiritusflamme ­
  oder  die  Hitze  eines  Kohlenfeuers
zieht.
Sienaerde  (lat.  Terra  de  Siena,  frz.  Terre  de
Sienne,  engl.  Siena  earth,  so  genannt  vön  ihrem
Fundorte  Siena  in  der  italienischen  Provinz  Toskana, ­
  ist  eine  Art  Ocker,  und  zwar  allerfeinster
Ocker,  der.  von  Natur  hellbraun,  dunkelgelb
bis  dunkelbraun,  durch  Brennen  andere  Farbentöne ­
  in  Braun,  Rötlich  und  Orangegelb  annimmt-Im
  rohen,  geschlämmten  Zustande  dient  S.  als
gelbe  Aderfarbe  für  Holzanstriche.  Gebrannt
gibt  sie  ein  feuriges  Rotbraun  und  wird  hauptsächlich ­
  als  Lasurfarbe  benutzt.
Sikkative  (Siccative,  Trockenmittel)
nennt  man  verschiedene  Metallverbindungen,  die
Leinöl-  oder  Firnisfarben  zugesetzt  werden,  uro
diesen  eine  größere  Trocknungsfähigkeit  zu  verleihen. ­
  Die  flüssigen  S.  (Trockenöle)  sind  zum
Teil  stark  bleihaltige  Firnisse,  die  durch  Kochen
von  altem  Leinöl  mit  Mennige,  Bleiglätte  oder
Bleizucker  hergestellt  und  zum  Gebrauch  roh
Leinölfirnis  oder  Terpentinöl  verdünnt  werden.
Auch  durch  Anwendung  von  Braunstein,  borsaurem ­
  oder  oxalsaurem  Manganoxydul
und  von  .Zinksalzen  erhält  man  Trockenöle,  die
vor  den  bleihaltigen  den  Vorzug  besitzen,  selbst
nicht  dunkel  zu  werden  und  Anstriche  mit  Zinkweiß ­
  nicht  dunkel  zu  färben.  Durch  Zusammenschmelzen ­
  der  genannten  Metallsalze,  mit  Fichtenharz ­
  oder  durch  Eindampfen  der  Trockenöle  erhält ­
  man  die  S.  in  fester  Form.  —  Auf  1  kg
streichfertige  Ölfarbe  rechnet  man  40—50g
flüssiges  Sikkativ,  während  von  borsaurern
Manganoxydul  10—20  g  genügen.
Silber  (lat.  Argentum,  frz.  Argent,  engl.  Silver)
findet  sich  sowohl  gediegen,  wie  in  Form  von
Erzen  auf  der  Erde  in  ziemlicher  Verbreitung.  Von
den  Erzen  haben  Silberglanz  (Schwefelsilber),
Hornsilber  (Chlorsilber),  S  i  1  berk  u  p  f  er-
        <pb n="423" />
        Silber

417

Silber

glanz  (Süberkupfersulfid),  Rotgültigerz  und
Schwarzgültigerz  (Arsen-  oder  Antimonsulfid
mit  Silbersulfid)  die  größte  Bedeutung,  doch  werden ­
  auch  die  überaus  geringen  Spuren  S.,  die
sich  in  Blei-  und  Kupfererzen  regelmäßig  finden,
hüttenmännisch  gewonnen.  Während  im  Altertum ­
  die  Mittelmeerländer,  besonders  Spanien,
die  reichsten  Silberlager  hatten,  steht  jetzt  Amerika ­
  mit  den  Anden  an  der  Spitze  der  Gewinnung, ­
  und  zwar  zunächst  Kalifornien,  dann
Mexiko  Und  Bolivia.  In  zweiter  Linie  folgen
Australien,  der  Ural  und  Deutschland.  Je  nach
Beschaffenheit  der  Erze  und  örtlichen  Umständen ­
  schlägt  man,zum  Ausbringen  des  Metalls
verschiedene  Wege  ein.  Das  direkte  Ausbringen
ist  nur  bei  besonders  reichen  Erzen  möglich,
während  in  den  meisten  Fällen  eine  Anreicherung ­
  vorhergehen  muß.  Die  silberhaltigen  Erze
werden  entweder  mit  Bleierzen  gemischt  auf
Metall  verarbeitet,  oder  bei  etwas  größerem
Silbergehalt  (mehr  als  io  °/o)  mit  Blei  geschmolzen. ­
  Das  erhaltene  Werkblei  wird  durch  die
Treibarbeit  mit  einem  Feuerluftstrom  von
neuem  geschmolzen,  bis  alles  Blei  zu  Glätte
oxydiert  ist  und  abfließt  und  nur  das  Silber
als  ein  kleiner  Rückstand  auf  dem  Treibherde
verbleibt.  Auf  Kupferhütten  schmilzt  man  das
Schwarzkupfer  ebenfalls  mit  Blei,  gießt  aus  der
Legierung  Scheiben  und  setzt  diese  einer  Erhitzung ­
  zwischen  glühenden  Kohlen  aus,  worauf
das  nun  durch  „Ausseigern“  gewonnene,  abfließende ­
  silberhaltige  Blei  durch  Treibarbeit
vom  Silber  befreit  wird.  Bei  sehr  geringem
Silbergehalt  des  Werkbleies  ist  ein  direktes  Ausbringen ­
  durch  Treibarbeit  nicht  möglich,  vielmehr ­
  bedient  man  sich  hier  des  sog.  Pattinsonierens.
  Dieses  Verfahren  beruht  auf  der
Beobachtung  des  Engländers  Pattinson,  daß  sich
beim  Abkühlen  einer  silberhaltigen  Bleischmelze
merst  Kristalle  von  reinem  Blei  ausscheiden.
Diese  werden  mit  siebartigen  Schaufeln  abgeschöpft ­
  und  der  zuletzt  auskristallisierende
silberreichere  Rückstand  der  Treibarbeit,  unterworfen. ­
  Zur  Umgehung  des  Abtreibens  schmilzt
man  das  pattinsonierte  Metallgemisch  nach  dem
Vorschläge  von  Parkes  jetzt  meist  mit  Zink
zusammen.  Das  Zink  nimmt  das  ganze  Silber
auf  und  schwimmt  mit  diesem  auf  der  Oberfläche
des  Bleies,  mit  dem  es  keine  Legierung  eipgeht,
Und  kann  dann  aus  den  abgehobenen  Zinkscheiben ­
  durch  einfache  Destillation  entfernt
Werden.  Von  den  nassen  Verfahren  wurde  die
A-malgamation  schon  vor  dreihundert  Jahren
angewandt.  Man  mischt  die  fein  gemahlenen  Erze
mit  Seesalz  oder  röstet  sie  mit  diesem,  reduziert
das  entstandene  Chlorsilber  mit  Eisenspänen,
mctrahiert  das  metallische  S.  mit  Quecksilber
Und  destilliert  letzteres  ab.  Nach  dem  neuesten
Verfahren  endlich  wird  das  mit  Kochsalz  geastete ­
  Erz  mit  konzentrierten  Lösungen  von
Kochsalz  oder  Natriumthiosulfat  behandelt,  die
mhaltene  Lösung  mit  Schwefelnatrium  gefällt,
Und  das  entstehende  Schwefelsilber  durch  Glühen
Uut  Ätzkalk  und  Kohle  zu  metallischem  Silber
Reduziert.  Das  nach  dem  einen  oder  anderen
Verfahren  dargestellte  Werksilber  enthält  noch
Seringe  Mengen  fremder  Metalle,  deren  Entfernung ­
  durch  das  Feinbrennen,  ein  Um-Sc
 hmelzen  mit  Gebläseluft  auf  einem  mulden-Uercks
  Warenlexikon.

förmigen  Herde  mit  einer  Sohle  von  Knochenasche ­
  oder  Mergel,  erfolgt.  Die  Verunreinigungen ­
  werden  hierdurch  oxydiert  und  verschlackt, ­
  während  Feinsilber  mit  etwa  0,250/0
Fremdmetallen  zurückbleibt.  Chemisch  reines
S,  erhält  man  durch  Auflösen  in  Salpetersäure,
Fällen  mit  Salzsäure  oder  Kochsalz  und  Reduktion ­
  des  Chlorsilbers  mit  Eisen  oder  Zink
oder  durch  Schmelzen  mit  Soda.  Das  reine  S.,
Ag  =  107,93,  ist  schön  weiß,  härter  als  Gold,
aber  weicher  als  Kupfer.  Sein  spez.  Gew.  beträgt
im  gegossenen  Zustande  10,470,  nach  dem  Hämmern ­
  10,510.  Es  ist  ein  vortrefflicher  Leiter  für
Wärme  und  Elektrizität  und  kann  infolge  seiner
hohen,  dem  Golde  nahekommenden  Dehnbarkeit ­
  zu  Drähten  und  Blechen  verarbeitet  werden.
Bei  960°  schmilzt  S.  und  destilliert  bei  der  Temperatur ­
  des  Knallgasgebläses  in  Form  eines  grünlichblauen ­
  Dampfes.  Gegen  reine,  auch  feuchte
Luft  ist  das  Metall  außerordentlich  widerstandsfähig, ­
  überzieht  sich  aber  bei  der  Einwirkung
von  Schwefelwasserstoff  und  anderen  Schwefelverbindungen ­
  (Eier)  mit  einer  braunen  bis
schwarzen  Schicht.  Diese  Eigenschaft  wird  zur
Erzeugung  schwarzgrauer  Silberwaren  benutzt,
die  man  fälschlich  oxydiertes  S.  nennt.  —
Im  Handel  erscheint  das  Feinsilber  verschiedener
Reinheitsgrade  gewöhnlich  in  Form  von  gegossenen ­
  Barren  und  Platten  (Planschen),  amerikanisches ­
  außerdem  in  Form  von  abgestumpften
Kegeln,  Pyramiden,  Kuchen  und  Scheiben.  Die
Stücke  sind  meist  gestempelt  und  mit  Angaben
des  Ursprungs,  Gewichts  und  Gehalts  versehen,
die  aber  bei  fremder  Ware  nicht  immer  zuverlässig ­
  sind  und  nachgeprüft  werden  müssen.  —
Für  die  Zwecke  der  praktischen  Verwendung
zu  Münzen,  Schmucksachen,  Hausgeräten  wird
das  S.  meist  mit  Kupfer  legiert,  weil  es  für
sich  zu  weich  und  daher  der  Abnutzung  zu
sehr  unterworfen  ist.  Legierungen  mit  höchstens ­
  10  0/0  Kupfer  zeigen  noch  die  rein  weiße
Silberfarbe  bei  erhöhter  Politurfähigkeit  und
Härte.  Als  Werteinheit  für  S.  und  Gold  galt  bis
in  die  sechziger  Jahre  die  kölnische  Mark  zu
16  Lot,  so  daß  z.  B.  eine  Legierung  aus  13  Teilen
S,  und  3  Teilen  Kupfer  islötig,  reines  S.  lölötig
sein  würde.  Jetzt  bezeichnet  man  unter  Zugrundelegung ­
  des  Kilogramms  den  Feingehalt  in
Tausendsteln.  Ein  izlötiges  S.  hat  also  den  Feinheitsgrad ­
  750.  Die  Silbermünzen  Deutschlands
und  vieler  anderer  Länder  haben  einen  Feingehalt ­
  von  900,  Gerätschaften  und  Schmucksachen ­
  vielfach  einen  solchen  von  750.  Zur  Verarbeitung ­
  auf  Silberwaren  wird  das  Metall  in
Stäbe  oder  Zaine  und  Platten  gegossen,  aus
denen  Schüsseln,  Teller,  Löffel  direkt  durch
kaltes.  Hämmern  hergestellt  werden,  oder  man
formt  sie  auch  aus  gewalztem  Blech.  Zum
Löten  dient  das  Silberlot,  eine  Legierung  von
S.  mit  Kupfer  oder  Messing.  Häufig  wird  das
'S.  auch  in  dünner  Schicht  als  Überzug  anderer
Stoffe  angebracht.  Nur  ausnahmsweise  geschieht
diese  Versilberung  noch  im  Feuer  mit  Plilfe
des  Quecksilbers,  meist  aber  auf  galvanischem
Wege  durch  Zersetzung  von  Silberlösungen.  Als
Silberbäder  benutzt  man  Auflösungen  von
frisch  gefälltem  Chlorsilber  oder  Silbersulfat  in
Zyankalium.  Kupfer,  Bronze,  Tombak,  Messing,
Neusilber,  Roh-  und  Stabeisen  lassen  sich  direkt.

27
        <pb n="424" />
        Silberchlorid

418

Skammonium

Zinn,  Zink  und  polierter  Stahl  erst  nach  vorhergehender ­
  Verkupferung  versilbern.  Derartig  versilberte ­
  Waren  aus  Neusilber  werden  als  Chinaoder ­
  Perusilber  bezeichnet.  Zur  Herstellung
von  Silberspiegeln  benutzt  man  Mischungen
von  ammoniakalischer  Silbernitratlösung  mit  ätherischen ­
  ölen,  Weinsäure,  Traubenzucker  oder
Milchzucker,  die  auf  eine  mit  Rand  versehene
Glasplatte  aufgetragen  werden  und  hier  unter
dem  Einfluß  der  Reduktionsmittel  ein  Häutchen
von  metallischem  S.  ausscheiden.  —  Die  Feststellung ­
  des  Silbergehaltes  von  Legierungen  mit
Hilfe  des  Probiersteins  (s.d.)  gibt  nur  annähernde ­
  Resultate.  Für  genauere  Bestimmungen ­
  bedient  man  sich  der  sog.  Kupellation
oder  des  Probierens  auf  der  Kapelle.  In  einem
kleinen  Tiegel  aus  gepulverter  Knochenasche
wird  eine  abgewogene  Menge  des  Metalls  mit
einer  bestimmten  Menge  feinen,  Bleis  geschmolzen. ­
  Das  Blei  löst  die  fremden  Stoffe  auf  und
wird  als  Glätte  abgetrieben,  während  das  reine
S.  zurückbleibt  und  gewogen  werden  kann.'  Die
ganz  genaue  Ermittlung  erfolgt  auf  analytischem
Wege.  Eine  einfache  Vorprüfung,  ob  ein  Gegenstand ­
  S.  oder  echt  versilbert  ist,  besteht  darin,
daß  man  ihn  mit  einer  Mischung  von  Kaliumdichromat ­
  und  Salpetersäure  betupft  und  dann
.abspült.  Echtes  S.  bekommt  einen  blutroten
Fleck  von  chromsaurem  S.,  während  andere
Metalle  schwarz  oder  braun  werden  oder  unverändert ­
  bleiben.
Silberchlorid  (Chlorsilb  er,  AgCl,  lat.  Argentum ­
  chloratum,  Argentum  muriatioum,  frz.
Chloride  d’argent,  engl.  Chloride  of  silver),  findet
sich  in  der  Natur  als  Silberhornerz  (Hornsilber, ­
  Kerargyrit)  und  wird  am  einfachsten
durch  Fällen  einer  Silberlösung  mit  Salzsäure
als  ein  weißer,  käsiger,  am  Lichte  sich  schnell
schwärzender  Niederschlag  erhalten,  der  bei  gelindem ­
  Erhitzen  schmilzt  und  dann  zu  einer  homiartigen
  Masse  erstarrt.  S.  wird  zur  Füllung  galvanischer ­
  Batterien,  in  der  Porzellanmalerei,  als
Zusatz  zu  Neusilberputzpulver,  ferner  zu  photometrischen ­
  und  photographischen  Zwecken  benutzt ­
  und  findet  außerdem  in  der  Medizin  als
Antiseptikum  Verwendung.
Silbergaze  zur  aseptischen  Wundbehandlung
wird  nach  einem  patentierten  Verfahren  in  der
Weise  hergestellt,  daß  man  metallisches  Silber
auf  der  Faser  niederschlägt.
Silbernitrat(salpetersaurös  Silb  er,  AgN0 3 ,
lat.  Argentum  nitricum,  frz.  Nitrate  d’argent,
engl.  Nitrate  of  silver)  wird  durch  Auflösen  von
Silber  in  Salpetersäure,  Eindampfen  und  Umkristallisieren ­
  in  Form  farbloser  Tafeln  (Argentum ­
  nitricum  cryst.)  erhalten,  die  sich  leicht  in
Wasser  lösen  und  bei  218°  schmelzen.  Durch
Ausgießen  der  geschmolzenen  Masse  in  federkielstarke ­
  Stängelchen  erhält  man  das  geschmolzene ­
  Salz  (Argentum  nitricum  fusum),  das  auf  der
Bruchfläche  eine  strahlige  Beschaffenheit  zeigt.
S.  hat  einen  scharf  metallischen  Geschmack,
ist  äußerst  ätzend  und  wirkt  innerlich  giftig.
Es  findet  ausgedehnte  Anwendung  in  der  Photographie, ­
  ferner  als  Haarfärbemittel,  als  Zeichentinte
  für  Wäsche  und  zur  Herstellung  der  übrigen ­
  Silbersalze.  Die  Medizin  benutzt  das  S.  als
Höllenstein  (Lapis  infernalis)  zu  Ätzungen.
Eine  mildere  Form,  das  durch  Zusammenschmelzen ­

  mit  Kaliumnitrat  erhaltene  Argentum  nitricum ­
  mite,  hat  keinen  sternförmig  strahligen,  sondern ­
  glatten  Bruch.
Silbersalbe  nach  Credö  (lat.  Unguentum
argenti  colloidalis)  besteht  aus  einer  Salbengrundlage ­
  von  7,0  gelbem  Wachs,  78,0  Schweineschmalz ­
  und  2,0  Benzoesäureäther  mit  15,0  kolloidalem ­
  Silber.
Simarubarinde  (Ruhrrinde,  lat.  Cortex  radicis
  simarubae,  frz.  Ecorce  de  racine  de  simarube,
engl.  Simaruba  bark)  ist  die  stark  bittere  Wurzelrinde ­
  von  Simaruba  officinalis  und  S.
medicinalis,  von  hohen  Waldbäumen  des  heißen
Amerika  und  nahenVerwandtenderQuassiabäume.
Die  erstere,  die  Guyanarinde,  erscheint  in  der
Länge  nach  zusammengelegten,  etwa  5  cm  breiten
Streifen,  die  leicht,  schwammig,  biegsam  und
zähe  und  unzerbrechlich  sind.  Die  stark  höckerige ­
  Außenseite  bedeckt  eine,  schmutziggelbe,
dünne,  glänzende  Korkschicht,  die  stellenweise
fehlt  und  die  braune  feste  Mittelrinde  hervortreten ­
  läßt.  Die  Innenseite  bildet  eine  graugelbliche, ­
  grobfaserige,  sehr  zähe  Bastlage.  Die
Rinde  von  Jamaika  ist  auf  der  unteren  Seite
glatter  und  heller,  fast  weiß  und  an  der  Oberseite ­
  mit  kleineren  Warzen  dicht  besetzt.  Im
übrigen  sind  die  Rinden  völlig  gleich.  Ein  besonderer ­
  Geruch  fehlt,  der  Geschmack  ist  intensiv ­
  bitter  und  etwas  schleimig,  der  bittere
Stoff  dem  der  Quassia  sehr  ähnlich.  Die  Rinde
wird  in  Pulver  oder  Abkochung  als  ein  sehr
wirksames  Mittel  gegen  Ruhr  und  Kolik  verordnet
und  namentlich  in  Indien  vielfach  angewandt.
Sirup  (S^rup,  lat.  Sirupus,  frz.  und.  engl.
Sirop)  nennt  man  im  allgemeinen  gewisse,  aus
reinem  Zucker  mit  aromatischen  oder  arzneilichen ­
  Zusätzen  hergestellte,  dickflüssige  Lösungen, ­
  die  teils  als  Genußmittel  (Fruchtsirup,  Himbeersirup),
  teils  als  Heilmittel  (Altheesirup)  benutzt ­
  werden.  —  Unter  Sirup  schlechthin  ohne
nähere  Bezeichnung  wird  meist  das  Abfallprodukt
der  Rohrzuckerfabriken,  die  Zuckerrohrmelasse, ­
  verstanden,  eine  dicke,  gelblich-  bis
dunkelbraune,  zähklebrige  Masse  von  angenehm
süßem  Geschmack.  Sie  wird  entweder  als  Versüßungsmittel ­
  und  als  Zusatz  zu  Pfefferkuchen
in  den  Handel  gebracht,  oder  zur  Destillation  von
Rum  benutzt.  Die  Rübenmelasae  kann  wegen
ihres  hohen  Gehaltes  an  Salzen  und  sonstigen
unangenehmen  Geschmacksstoffen  erst  nach  umständlicher ­
  Reinigung  für  Genußzwecke  benutzt
werden  und  dient  meist  zur  Darstellung  von  Spiritus ­
  oder  Futtermitteln  (Torfmelasse).
Skammonium  (Win  den  harz,  lat.  Gummi  s.
resina  scammonium,  frz.  Scammonöe  d’Alep,
engl.  Scammony)  ist  der  eingetrocknete  Milchsaft ­
  der  Wurzel  einer  im  Orient  wild  wachsenden
Winde,  Convolvulus  Scammonia  (Purgierwinde). ­
  Die  gedrehten  Wurzeln  werden
bis  1  m  lang,  5—7  cm  dick,  zeigen  eine  braune
Farbe,  auf  dem  Querschnitt  dunklere  Harzgänge
und  kommen  noch  mit  den  Ranken  und  Blättern ­
  umwickelt  in  den  Handel.  Zur  Gewinnung
des  Harzes  entblößen  die  Landleute  von  Smyrna
und  Syrien  die  Wurzel,  machen  Einschnitte  hinein, ­
  fangen  den  herausquellenden  Saft  in  Gefäßen ­
  auf  und  trocknen  ihn  an  der  Luft  und  der
Sonne.  Gewöhnlich  wird  die  Masse  noch  weich
nach  Smyrna  gebracht  und  hier  von  den  Kauf-
        <pb n="425" />
        Skunks

419

Soda

leuten  durch  Stärkemehl,  Gummi-  und  Mineralstoffe ­
  verfälscht.  Die  verhältnismäßig  reinste
Handelssorte:  Aleppo-S.,  bildet  eine  leichte,
lockere  und  brüchige,  äußerlich  bestäubte,  auf
dem  Bruche  aber  glasglänzende  Masse  von
schwachem  Geruch  und 1  bitterem  Geschmack.
Sie  soll  75—85  0/0  ätherlösliche  Stoffe,  aber  höchstens ­
  8  0/0  Asche  enthalten.  Das  minder  wertvolle ­
  Smyrna'-S.  ist  schwärzlich  oder  dunkelbraun, ­
  fester  und  schwerer,  in  Äther  nur  wenig
löslich  und  wird  anscheinend  durch  Auskochen
der  ganzen  Pflanze  und  Eindicken  des  Auszuges ­
  hergestellt.  Eine  noch  geringere  Sorte
führt  die  Bezeichnung  Skilip.  Wegen  der
häufigen  Verfälschung  der  orientalischen  Ware
bezieht  man  neuerdings  meist  die  getrockneten
Wurzeln  und  extrahiert  sie,  wie  bei  Jalape  angegeben ­
  ist,  mit  Alkohol.  Das  so  erhaltene
Harz  wird  als  Patent-S.  bezeichnet.  S.  dient
wegen  seines  Gehaltes  an  dem  glykosidischen
Skammonin  als  drastisches  Abführmittel.
Skunks,  die  Felle  des  Stinktieres  (Mephitis
  putorius  oder  chinga),  besitzen  im
rohen  Zustande  einen  ekelhaften  Geruch  nach
dem  anhaftenden  Safte  der  .Stinkdrüse  und
können  erst  als  Pelze  verwertet  werden,  seitdem
durch  langwierige  Versuche  ein  Verfahren  zu
ihrer  Entstänkeruhg  gefunden  worden  ist.  Das
zur  Familie  der  Dachse  gehörige,  etwa  iltisgroße ­
  Waldtier  lebt  im  Norden  der  Vereinigten
Staaten,  besonders  häufig  in  Ohio,  und  in  Kanada ­
  und  wird  mit  Hilfe  abgerichteter  Hunde  gefangen. ­
  Die  etwa  40  cm  langen  und  20  cm  breiten
Felle  tragen  nur  bis  4  crh  langes  Haar  von  dunkelbrauner ­
  oder  schwärzlicher  Farbe,  die  durch
zwei  auffallende  weiße,  vom  Kopfe  zu  beiden
Seiten  des  Rückens  bis  zum  Schwänze  verlaufende ­
  Streifen  unterbrochen  wird.  Diese,  übrigens ­
  auch  grobhaarigen  hellen  Teile  werden
ausgeschnitten  und  die  übrigbleibenden  dunklen
Stücke  zusammengesetzt.  S.  bilden  ein  besonders ­
  in  Rußland  beliebtes  Pelzwerk  und  werden
in  ständig  wachsender  Menge  (jährlich  gegen
800000  Felle)  nach  Europa  eingeführt.
Slibowitz  (Slivowitz)  ist  der  besonders  in
Serbien  und  den  anderen  slawischen  Balkanstaaten ­
  verbrauchte  Zwetschenbranntwein.
Zu  seiner  Herstellung  werden  die  unzerstampften
Früchte  gleich  nach  der  Ernte  in  Fässer  geschüttet, ­
  diese  nach  einigen  Tagen  fest  verspum
det  und  1—2  Monate  sich  selbst  überlassen.  Infolge ­
  der  freiwillig  eintretenden  Gärung  entsteht ­
  eine  stark  nach  Essigsäure  riechende
Flüssigkeit,  welche  der  Destillation  unterworfen
''vird.  Der  S.  enthält  wechselnde  Mengen  Extrakt, ­
  Fuselöle,  Essigsäure,  Furfurol,  Aldehyde,
Ester  und  Blausäure.  Der  Alkoholgehalt  beträgt
2  3—64  °/o.
Smaragd  (frz.  Emöraude,  engl.  Emerald).  Dieser ­
  wegen  seiner  schönen  grünen  Farbe  sehr
geschätzte  Edelstein  ist  eine  Abart  des  Berylls
(s.  d.)  und  besteht  wie  dieser  im  wesentlichen
aus  kieselsaurer  Tonerde  und  kieselsaurer
Eeryllerde.  Die  Färbung  rührt  von  einer  Spur
Chromoxyd  her.  Die  besten  Sorten  dieses  schon
Altertum  hochgeschätzten  Edelsteines  stammen ­
  aus  Ägypten,  wo  sie  irh  Glimmerschiefer
hegen.  Sehr  schöne  S.  von  herrlicher,  saftgrüner ­
  Färbung  und  bis  zu  eigroßen  Stücken

werden  im  Ural  sowie  in  Peru  gefunden.  Bisweilen ­
  findet  der  S.  sich  auch  lose  im  Sande  der
Flüsse,  so  in  der  Gegend  von  Ava  in  Birma.  Er
wird  häufig  als  Schmuckstein  verwandt,  in  den
gewöhnlichen  Edelsteinformen  geschliffen  und
bei  schöner  satter  Färbung  ä  jour  gefaßt.  Fehlerfreie ­
  Stücke  sind  teuer,  und  die  Preise  wachsen
mit  der  Größe,  wie  bei  den  Diamanten.
Smaragdgrün.  Diesen  Namen  führen  im  Handel ­
  zwei  Farben:  1.  das  Chromgrün  oder
Chromoxyd  und  2.  ein  Gemisch  von  Safransurrogat ­
  (s.  d.)  mit  Indigokarmin,  das  früher
zum  Grünfärben  von  Likören  und  Bonbons  verwandt ­
  wurde,  dessen  Benutzung  für  diesen  Zweck
aber  jetzt  nicht  mehr  statthaft  ist.
Soda  (kohlensaures  Natrium,  Natriumkarbonat. ­
  lat.  Natrium  carbonicum,  Sal  sodae,
frz.  Carbonate  de  soude,  Sei  de  soude,  engl.
Soda  salt,  Carbonate  of  sodium),  eines  der  wichtigsten ­
  Erzeugnisse  der  chemischen  Großindustrie, ­
  findet  Heb,  auf  gewisse  Gegenden  beschränkt, ­
  bereits  fertig  gebildet  in  der  Natur,
und  zwar  besonders  als  Rückstand  eingetrockneter ­
  Landseen,  sog.  Natronseen,  und  als  Auswitterungsprodukt ­
  des  Erdbodens.  Durch  Sammeln ­
  der  Ausblühungen  und  Krusten,  ferner
durch  Auslaugen  des  damit  durchsetzten  Erdreichs ­
  mit  Wasser  und  Abdampfen  der  erhaltenen
Lösungen  kann  diese  S.,  allerdings  durch  Natriumchlorid
  oder  -sulfat  stark  verunreinigt,  gewonnen ­
  werden.  Die  aus  Ungarn  stammende
sog.  Debrecziner-  oder  Kehrsoda  enthält
gegen  90%  Natriumkarbonat.  Die  ägyptische
„Trona“  und  die  kolumbische  „Urao“  bestehen
aus  einem  Gemisch  von  Natriumkarbonat  und
-bikarbonat.  Große  Mengen  Soda  werden  auch
in  Nevada  durch  direktes  Eindampfen  des  Wassers
vom  Mono-  und  vom  Owensee  dargestellt.  In
Europa  benutzte  man  bis  zur  großen  französischen ­
  Revolution  hauptsächlich  die  Asche  gewisser ­
  natronreichcr  Strand-  und  Seepflanzen
(Salsola,  Salikornia,  Chenopodium,  Atriplex)  zur
Sodagewinnung.  Das  beste  derartige  Produkt
mit  etwa  30%  Soda  war  die  von  Salsola  stami
  mende  spanische  Bari  11a.  Südfrankreich  lieferte
die  is  o/t,  S.  enthaltende  Salikor  von  Narbonne
und  die  sog.  Blanquette  vonF  rontignan  mit  weniger ­
  als8o/o  S.  Noch  gehaltärmer  war  dieAschegewisser
  Seetange,  Kelp  in  Schottland  und  Irland,
Varek  in  der  Normandie.  Eine  völlige  Umwälzung ­
  erfolgte  durch  das  im  Jahre  1794  erfundene
Verfahren  von  Le  Blanc,  das  in  seinen  Grundzügen ­
  noch  heute  erhalten  ist.  Kochsalz  ward
durch  Erhitzen  mit  Schwefelsäure  unter  Entweichen ­
  von  Salzsäure  in  Natriumsulfat  übergeführt,
letzteres  getrocknet  und  mit  Kohle  und  Kreide  oder
Kalkstein  geglüht.  Hierbei  wird  das  Sulfat  unter
Entweichen  von  Kohlensäure  zu  Schwefelnatrium
reduziert  und  das  Sulfid  durch  die  Kreide  in  Natriumkarbonat ­
  neben  gleichzeitig  entstehendem
Schwefelkalzium  umgewandelt.  Die.  graue,  steinige ­
  Rohsoda,  die  sog.  Schmelze,  ein  Gemisch ­
  von  rund  45  °/o  Natriumkarbonat,  30  0/0
Kalziumsulfid,  io  °/o  Ätzkalk,  5  °/o  Kalziumkarbonat ­
  und  10  0/0  fremden  Stoffen,  wird  zerschlagen,
einige  Tage  der  Luft  ausgesetzt  und  dann  mit
kaltem  Wasser  ausgelaugt.  Die  unlöslichen  Stoffe:
Kalziumsulfid  und  -oxysulfid  und  Kalziumkarbonat ­
  bilden  den  sog.  Sodarückstand,  der  auf
        <pb n="426" />
        Soda

420

Sojabohnen

Schwefel  verarbeitet  wird.  Aus  der  Lösung  kristallisiert ­
  beim  Eindampfen  das  Natriumkarbonat
(Sodamehl)  aus  und  wird  fortwährend  ausgeschaufelt, ­
  während  in  der  Mutterlauge  (Rotlauge) ­
  Ätznatron  und  Natriumsulfid  Zurückbleiben. ­
  Die  letzteren  werden  entweder  direkt
auf  Natriumhydroxyd  oder  durch  Behandlung
mit  Kohlensäure  oder  Eindampfen  und  Glühen
mit  Kohle  auf  Natriumkarbonat  verarbeitet.  Das,
Sodamehl  braucht  nur  getrocknet  und  imFlammenofen
  unter  .Vermeidung  des  Schmelzens  gelinde  ge-,
glüht  zu  werden  und  liefert  dann  die  rein  weiße
oder  kalzinierte  S„  auch  Sodasalz  genannt,
als  ein  bröckliges  Pulver  mit  80—960/0  Natriumkarbonat ­
  neben-  Glaubersalz  und  Kochsalz.  Durch
Umkristallisieren  erhält  man  die  Kristallsoda,
welche  zehn  Moleküle,  entsprechend  630/0  Wasser,
enthält.  —  Das  zweite  wichtigste  Verfahren,  das-Ammoniaksodaverfahren
  oder  Solvay  verfahren, ­
  beruht  darauf,  daß  eine  konz.  Kochsalzlösung ­
  sich  mit  einer  konz.  Lösung  von  Ammoniumkarbonat ­
  zu  doppeltkohlensaurem  Natron
und  Salmiak  umsetzt.  Letzterer  bleibt  gelöst,
während  das  Bikarbonat  ausfällt  und  durch  Erhitzen ­
  in  neutrales  Karbonat  (Soda)  umgewandelt
wird.  Die  entweichende  Hälfte  der  Kohlensäure
wird  wieder  zur  Darstellung  von  Ammoniumkarbonat ­
  benutzt,  während  man  die  andere  Hälfte
durch  Glühen  von  Kalkstein  erhält.  Der  hierbei
zurückbleibende  Ätzkalk  dient  wieder  zur  Zerlegung ­
  des  im  ersten  Abschnitt  entstehenden  Salmiaks, ­
  und  es  braucht  sonach  nur  Kochsalz  und
die  Hälfte  des  theoretisch  erforderlichen  Kalksteins ­
  der  Umsetzung  zugeführt  werden,  während
das  Ammoniak  stets  wieder  zurückkehrt.  Die  so
erhaltene  Ammoniaksoda  ist  außerordentlich
rein  und  enthält  meist  98—99%  Natriumkarbonat. ­
  Erhebliche  Kochsalzgehalte,  wie  sie  sich
z.  B.  bis  zu  50%  in  der  sog.  Dresdener  Soda
vorfinden,  sind  auf  Verfälschung  zurückzuführen.
Das  Solvayverfahren,  welches  eine  Zeitlang  das
Leblancverfahren  völlig  zu  verdrängen  schien,
leidet  an  dem  Übelstande,  daß  die  entstehenden
Chlorkalziumlaugen  sich  nicht  verwerten  lassen,
während  die  gesteigerte  Nachfrage  nach  Salzsäure ­
  die  Beibehaltung  des  Leblancprozesses
neuerdings  wieder  vorteilhaft  erscheinen  läßt.
Von  weiteren  Verfahren  hat  sich  die  Verarbeitung ­
  des  Schwefelnatriums  nicht  bewährt.  Hingegen ­
  werden  in  Nordamerika  aus  Kryolith
(s.  d.)  durch  Glühen  mit  Kalk  oder  Kreide  und
Einleiten  von  Kohlensäure  in  die  Lösung  des
entstandenen  Natriumaluminats  erhebliche  Mengen ­
  S.  dargestellt.  ■—  Eine  große  Zukunft  scheint
auch  das  elektrolytische  Verfahren  zu
haben,  bei  welchem  Kochsalz  durch  den  elektrischen ­
  Strom  in  freies  Chlor  und  Natrium  zerlegt ­
  wird.  Das  erstere  dient  zur  Darstellung  von
Chlorkalk,  das  letztere  geht  sofort  in  Natriumhydroxyd ­
  über  und  kann  als  solches  verwertet
oder  durch  Einleiten  von  Kohlensäure  in  S.  übergeführt ­
  werden.  •—  Der  Handelswert  der  S.
hängt  von  ihrem  Gehalt  an  Natriumkarbonat
ab,  der  auf  analytischem  Wege  mit  Hilfe  der
Alkalimetrie  bestimmt  wird.  In  der  Praxis  drückt
man  den  Gehalt  meist  durch  Grade  aus,  die  aber
in  den  verschiedenen  Ländern  nicht  immer  dasselbe ­
  bedeuten.  Die  deutschen  Grade  geben  den
prozentischen  Gehalt  an  Natriumkarbonat  an,  so

daß  eine  psgrädige  Soda  95%  Natriumkarbonat
enthält.  In  England  bezeichnet  man  dem  gegenüber ­
  als  Grade  den  Gehalt  an  Natriumoxyd  (real
soda)  und  berechnet  sie  außerdem  noch  um
2—3  Einheiten  zu  hoch,  weil  man  willkürlich  das
Äquivalent  zu  32  statt  31  annimmt  (Newcastle-Grade).
  Gay-Lussac-Grade  endlich  bezeichnen
den  prozentischen  Gehalt  an  Natriumoxyd  auf
Grund  des  richtigen  Äquivalentgewichtes  und
französische  oder  Descroizilles-Grade  die
zur  Neutralisation  von  100  Teilen  Soda  erforderliche ­
  Menge  Schwefelsäure.  Bei  der  Nachprüfung ­
  von  Sodalieferungen  auf  Grund  ausgeschriebener ­
  Bedingungen  ist  stets  zu  berücksichtigen,
daß  die  kalzinierte  Soda  Wasser  anzieht,  und  daß
ein  etwaiger  Minderbefund  daher  unter  Umständen ­
  auf  länger  dauernde  Aufbewahrung  zurückzuführen ­
  ist.  Umgekehrt  findet  man  bei  der
Kristallsoda,  welche  verwittert  und  Wasser  verliert, ­
  bisweilen  zu  hohe  Werte.  —  Die  S.  wird  in
ungeheuren  Mengen  in  Glas-  und  Seifenfabriken
verwandt.  Weiter  dient  sie  zum  Beizen  von  Garnen ­
  und  Geweben  in  der  Bleicherei  und  Färberei,
als  Waschmittel,  als  Zusatz  zu  Glasuren,  zur  Herstellung ­
  von  Ultramarin  und  zahlreicher  Natriumverbindungen. ­

Soda-Powder  (englisches  Brausepulver,
lat.  Pulvis  aerophorus  anglicus)  besteht  aus  zwei
Pulvern,  von  denen  das  eine  im  blauer  oder  roter
Kapsel  2  g  Natriumbikarbonat,  das  andere  in
weißer  Kapsel  1,5  g  Weinsäure  enthält.  Zum
Gebrauche  löst  man  zuerst  das  in  farbiger  Kapsel
befindliche  Pulver  in  einem  zu  2/3  gefüllten
Glase  Zuckerwasser  auf,  schüttet  die  Weinsäure
hinzu  und  trinkt  während  des  Aufbrausens,
Sodapastillen  (Vichy-Plätzchen,  Tat.  Trochisci
  natrii  bicarbonici)  sind  mit  Zucker  bereitete
Pastillen,  die  je  0,1  g  Natriumbikarbonat  enthalten ­
  und  als  Ersatz  der  aus  den  Quellsalzen
von  Bilin,  Vichy  und  Ems  hergestellten  Pastillen
benutzt  werden.
Sodatabletten  (lat.  Tabulettae  natrii  carbonici)
werden  nach  Dieterich  ohne  jeden  Zusatz  aus  je
1  g  Natriumkarbonat,  nach  Salzmann  unter  Zusatz ­
  von  10%  Talkum  gepreßt,  so  daß  die  Tablette ­
  ebenfalls  1  g  Natriumkarbonat  enthält.
Sodawasser  (lat.  Aqua  sodae)  nennt  man
einen  künstlichen  Säuerling,  der  durch  Einpressen
von  Kohlensäure  in  wäßrige  Sodalösung  unter
Druck  hergestellt  wird.
Sodener  Salz.  Zur  Nachahmung  der  Sodener
Quellen  empfiehlt  Dieterich  f  olgende  Mischungen:
1.  Milchbrunnen:  Je  15  g  Natriumbikarbonat
und  Natriumchlorid,  *5,2  g  entwässertes  Mag'
nesiumsulfat,  2,5  g  schweres  Kalziumkarbonat,
i,S  g  Kaliumchlorid,  je  0,2  g  Kaliumbikarbonat
und  Kaliumsulfat,  0,1  g  entwässertes  Ferrosulfat-Man
  löst  einen  knappen  Kaffeelöffel  voll  in
10  1  Wasser.  2.  Solquelle:  124g  Natriumchlorid, ­
  23,5  g  Natriumbifcarbonat,  6,5  g  Kaliumchlprid,
  4,7  g  entwässertes  Magnesiumsulfat,  4,0  g
schweres  Kalziumkarbonat,  0,42  g  entwässerte 5
Ferrosulfat  und  0,2  g  Kaliumbikarbonat.  Ein
knapper  Eßlöffel  voll  auf  io  1  Wasser.
Sojabohnen,  die  Samen  der  in  China,  Japan
und  Indien  in  großen  Mengen  angebauten  Hül'
senfrucht  Glycine  (Soja)  hispida  Maximoder ­
  Dolichos  Soja,  unterscheiden  sich  durch
ihren  hohen  Fettgehalt  von  allen  übrigen  Legu-
        <pb n="427" />
        Solidgelb

421

Soßen

ruinösen.  Sie  lassen  sich  in  zwei  Gruppen,  die
flachfrüchtigen  (Soja  platycarpa)  mit  dunkelgefärbten ­
  Samen  und  die  gedunsenfrüchtigen
(Soja  tumida)  mit  braunen  und  gelben  Samen
einteilen  und  enthalten  neben  16—20  °/o  Fett  und
30—40  %  Stickstoffsubstanz  etwa  30  0/0  Extraktstoffe, ­
  die  größtenteils  aus  Aleuron  und  'Dextrin ­
  bestehen,  aber  keine  Stärke  aufweisen.
Die  neuerdings  vielfach  nach  Europa  eingeführte
und  auch  in  Deutschland  mit  gutem  Erfolge  angebaute
  S.  bildet  an  sich  ein  Wertvolles  Nahrungsmittel ­
  und  dient  überdies  zur  Herstellung
von  Kaffee-Ersatz,  ferner  von  Soßen,  von  sog.
Bohnenkäse  (Natto,  Tofu,  Tao-fu)  und  zur
Gewinnung  des  Fettes.  —  Das  Sojabohnenöl
hat  eine  Jodzahl  von  123  und  eine  Verseifungszahl ­
  von  193  und  findet  als  Speiseöl  Verwendung. ­
  —  Die  aus  Japan  und  China  eingeführte
scharfe  Soße,  Soja,  Soya  oder  Shoya  wird  in
der  Weise  bereitet,  daß  man  ein  Gemisch  von
geröstetem  und  gedämpftem  Weizen  oder
Gerste  durch  Zusatz  von  Koji,  einem  durch
Aussaat  von  Aspergillus-  oder  Torulapilzsporen
auf  Reis  oder  Sojabohnen  erzeugten  Enzyme,  in
Gärung  versetzt,  dann  mit  Kochsalz  und  Wasser
vermischt  und  die  verflüssigte  Masse  nach  längerer ­
  Zeit  (1—5  Jahre)  abpreßt  und  filtriert.
Solidgelb  ist  ein  dem  Säuregelb  nahe  verwandter ­
  Teerfarbstoff.
Solidgrün.  Diesen  Namen  führen  verschiedene ­
  Teerfarbstoffe,  so  das  Malachitgrün
(s.  d.),  das  Brillantgrün  (s.  d.)  und  Dinitrosoresorzin.

Solutol,  ein  neueres  Desinfektionsmittel,  besteht ­
  aus  einer  wäßrigen  Auflösung  von  Kresolnatrium
  und  wird  in  zwei  Sorten,  als  Solutol ­
  purum  und  crudum  von  der  Firma
v.  Heyden-Radebeul  in  den  Handel  gebracht.
Die  ölige,  gelbliche  bis  bräunliche  Flüssigkeit
gibt  mit  Wasser,  selbst  hartem,  eine  klare  Lösung
von  stark  alkalischer  Reaktion  und  wird  hauptsächlich ­
  zur  Desinfektion  und  Geruchlosmachung
von  Aborten  und  Jauchegruben  benutzt.
Solveol,  eine  Auflösung  von  Kresol  in  kresotinsaurem
  Natrium,  wird  wegen  seiner  neutralen ­
  Reaktion  zur  Wundbehandlung  und  zur
Desinfektion  chirurgischer  Instrumente  benutzt.
Somatose,  ein  von  den  Farbenfabriken  von
Friedrich  Bayer  &amp;amp;  Co.  in  Elberfeld  in  den  Handel ­
  gebrachtes  Nährmittel,  besteht  im  wesentlichen ­
  aus  löslichen  Stickstoffsubstanzen  und  wird
wahrscheinlich  durch  Behandlung  von  Fleisch
mit  verdünntem  Ammoniak  und  Alkalien  hergestellt. ­
  Das  geruch-  und  geschmacklose,  gelbliche ­
  Pulver  löst  sich  in  Wasser  und  enthält
nach  König:  10,91  %  Wasser,  83%  organische
Stoffe,  darin  76,59  °/o  Albumosen,  2,79  %  Pepton,
1,49%  andere  Stickstoffverbindungen,  2,130/0
Fett  und  Extraktivstoffe  und  6,09%  Asche.  Die
S.  wird  ebensogut  wie  Fleisch  im  Organismus
verdaut  und  findet,  auch  in  Verbindung  mit
Kakao  (Somatosekakao)  als  Nähr-  und  Kräftigungsmittel ­
  für  Kranke  und  schwächliche  Personen ­
  Verwendung.
Sombrerit  (Sombreroguano),  ein  durch
überlagernden  Guano  teilweise  umgewandelter,
neuer  mariner  Kalkstein  von  der  Insel  Sombrero ­
  am  nördlichen  Ende  der  kleinen  Antillen,
wird  als  Düngemittel  verkauft.

Sonnenblumenöl  (lat.  Oleum  helianthi,  frz.
Huile  de  tournesol,  engl.  Sunflower  oil).  Das
aus  den  Samen  der  Sonnenblume  kalt  gepreßte ­
  Öl  hat  eine  hellgelbe  Farbe,  angenehmen
Geruch  und  milden  Geschmack.  Es  besteht  aus
Linolein,  Olein,  Palmitin  und  vielleicht  etwas
Arachin.  Das  spez.  Gew.  beträgt  0,924—0,926.
Das  S.  gehört  zu  den  langsam  trocknenden
Ölen  und  findet  als  schmackhaftes  Speiseöl,  das
warm  gepreßte  jedoch  nur  als  Brennöl  und  zur
Herstellung  von  Seife  Verwendung.
Sonnenblumensamen  (lat.  Semen  helianthi,
frz.  Semences  de  foumesol,  engl.  Sunflowers
seeds)  stammen  von  der  Sonnenblume  oder
Sonnenrose*  Helianthus  annuus,  einer  zur
Familie  der  Korbblütler,  Unterabteilung  Korymbiferen,
  gehörenden,  ursprünglich  in  Peru
heimischen  Pflanze.  Die  Ölpflanze  wird  in  gut
gedüngtem,  kräftigem,  nicht  zu  losem  Boden  angebaut, ­
  im  großen  hauptsächlich  in  Rußland,  in
Gärten  und  zur  Einfassung  von  Feldern  auch  in
Deutschland,  als  Feldpflanze  auch  in  Ungarn,
Italien,  England  und  China.  Die  bis  zu  2  m  und
höher  werdende  ein-  oder  mehrjährige  Pflanze
hat  gesägte  Blätter,  aufrechte,  ästige,  starke
Stengel,  scheibenförmige,  bis  30  cm  Durchmesser
große  Blütenköpfe,  gelbe  Blumenkrone  und  zahlreiche, ­
  mattstahlgraue,  große  Samen,  bis  zu  2000
auf  einer  Scheibe.  Die  Saat  erfolgt  im  April,
in  Abständen  von  0,64  cm,  der  Saatbedarf  beträgt
15  kg,  der  Ertrag  15—20  hl.  Die  Blätter  dienen
als  Futter,  die  Stengel  als  Brennstoff.  Die  Pflege
besteht  in  öfterem  Behacken  und  Behäufeln,
Ausbrechen  der  Nebentriebe  und  Blütenscheiden
bis  auf  vier.  Die  Samen  werden  ausgeklopft  und
im  Oktober  geerntet.  Vögel,  Rostpilze,  Regen
und  Wind  beeinträchtigen  den  Ertrag.
Sonnengelb  (frz.  Jaune  soleil),  ein  im  Jahre
1883  aufgekommener  Teerfarbstoff,  der  auch
die  Namen  Mais  und  Kurkumin  S.  führt,  besteht ­
  aus  der  Natronverbindung  der  Azoxystilbendisulfosäure.
  Das  braune,  in  Wasser  mit  braungelber ­
  Farbe  lösliche  Pulver  wird  mit  konzentrierter ­
  Schwefelsäure  violett  und  färbt  Wolle  und
Seide  im  sauren  Bade  rötlichgelb.
Sonnengold,  ein  Teerfarbstoff,  soll  mit
dem  Heliochrysin  (s.d.)  identisch  sein.
Soson  ist  ein  unlösliches  stickstoffhaltiges
Nährmittel,  welches  durch  Entfetten  von
Fleisch  und  Fleischabfällen  mit  heißem  Alkohol
und  evtl.  Behandlung  mit  Ammoniak  oder  schwefliger ­
  Säure  hergestellt  wird.  Das  weiße  Pulver
enthält  9,18  °/o  Wasser,  0,61%  Asche,  0,170/0
Fett  und  90,04%  Stickstoffsubstanz,  ist  also  als
nahezu  reines  Eiweiß  anzusprechen.  Unter  dem
Mikroskope  zeigt,  es  sich  als  aus  Muskelfasern
bestehend.  Das  S.  hat  vor  dem  Tropon  den
Vorzug,  daß  es  rein  tierischen  Ursprungs  ist,
kann  aber  gleich  dem  Tropon  wegen  seines
hohen  Preises  als  billige  Eiweißquelle  für  den
Massenverbrauch  nicht  in  Frage  kommen.
Soßen  (Saucen,  Tunken)  nennt  man  Auszüge
von  Pflanzen  und  Gewürzen,  die  bisweilen  auch
Zusätze  von  Fisch-  und  Fleischextrakten,  Zucker,
Mehl  und  Kochsalz  erhalten  und  neuerdings
vielfach  fabrikmäßig  dargestellt  werden.  Als  viel
benutzte  Ausgahgsstoffe  erwähnt  König;  Gold-Liebesäpfel,
  Knoblauch,  Schalotten,  Sauerampfer, ­
  Champignons,  Walnüsse,  Trauben,  Ta-
        <pb n="428" />
        Sozojodol

422

Speckstein

marinden,  Samen  von  Bockshornklee,  Kümmel,
Blätter  von  Dragon,  Kerbel,  Minze,  Thymian,
Majoran,  Pfeffer,  Paprika,  Senf,  Muskatnuß,
Gewürznelken,  Ingwer,  Garnelen,  Hummer,  Anchovis ­
  und  Lobster.  Von  den  bekannteren  Soßen
soll  Maggis  Suppenwürze  aus  Gemüsen  und
Steinpilzen  hergestellt  werden.  Ovos,  Wuk,
Sitogen  sind  unter  Hefenextrakte,  Shoya
(Soja)  und  Worcester  unter  ihrem  Namen  in
besonderen  Aufsätzen  besprochen  worden.
Sozojodol,  eines  der  vielen  neueren  Arzneimittel, ­
  besteht  aus  Dijodparaphenolsulfosäure,
C6H 2 j 2 (0H)S0 8 H.  Die  in  weißen  Nadeln  kristallisierende, ­
  in  Wasser,  Alkohol  und  Glyzerin
leicht  lösliche  Verbindung  wird  zu  denselben
Zwecken  wie  Jodoform  verordnet,  vor  dem  sie
den  Vorzug  der  Geruchlosigkeit  hat,
Sparadraj}  (Emplastra  extensa)  nennt  man
die  in  Apotheken  und  Drogenhandlungen  vorrätig ­
  gehaltenen  Pflaster,  deren  zur  Aufnahme
der  Pflasterschicht  bestimmte  Unterlage  meist
aus  Schirting  oder  Halbleinen  besteht.  Eine
Unterabteilung  der  S.  sind  die  Pflastermulle
oder  Guttaperchapflastermulle  (Perchemplastra),
  die  auf  Mull  oder  mit  dünner  Guttaperchalage ­
  bedeckten  Mull  ausgestrichen  sind
und  sich  durch  große  Geschmeidigkeit  und  Klebkraft ­
  auszeichnen.  Als  bekanntere  Beispiele  seien
Sparadrap  de  Vigo,  ein  Quecksilberpflaster,
und  Sparadrap  de  Thapsia,  ein  Harz-Terpentinpflaster, ­
  angeführt.
Spargel  {Sparse,  Sparschen,  frz.  Asperge,
engl.  Asparagus)  nennt  man  die  jugendlichen,
nur  eben  über  die  Erdoberfläche  herausgewachjsenen
  Sprossen  der  angebauten  Spargelpflanze,
Asparagus  officinalis.  Die  ausdauernde  Pflanze
wird  0,5—i  ,3  m  hoch  und  besitzt  dünne,  nadelähnliche
  Blätter,  grünlichgelbe  Blüten  und
schwarze  Samen  in  roten  Beeren.  Aus  Samen
gezogene  Pflänzchen  werden  bei  etwa  5  cm  Länge
20  cm  voneinander  entfernt  in  Reihen  verpflanzt,
rein  von  Unkraut  gehalten  und  dann  auf  die
Beete  in  Gräben  oder  neuerdings  auf  Hügeln
in  60  cm  weiten  Abständen  in  gut  gedüngten
Boden  gesetzt  (reichlich  Stalldünger  mit  Kalisalz). ­
  Die  Anlage  und  Unterhaltung  der  Spargelbeete ­
  ist  sehr  kostspielig,  da  man  für  Rajolen
des  Bodens,  Düngung,  Auswerfen  der  Gräben
oder  Hügel  und  Pflanzung  für  den  Hektar  bis
über  1000  M.  und  an  jährlichen  Kulturkosten  mindestens ­
  600  M.  rechnen  muß.  Die  Dauer  der
Beete  beträgt  15—18  Jahre,  auf  Ertrag  ist  vom
dritten  Jahre  an  zu  rechnen.  Gute  Beete  geben
dann  in  65  Tagen  Stechzeit  auf  den  Plektar  bis
4000  kg  S.  Trotz  der  hohen  Kosten  ist  der  Anbau ­
  außerordentlich  lohnend.  —  Der  S.  enthält
neben  geringen  Mengen.  Säuren,  Zucker,  Gummi
und  Mineralstoffen  als  charakteristischen  Bestandteil ­
  das  harntreibende  Asparagin,  C 2 PI 3  .
(NH 2 )(C,OOH)COONH 2 .  Die  Samen  enthalten
ein  fettes  Öl,  die  reifen  Beeren  Traubenzucker
und  einen  roten  Farbstoff,  Stengel  und  Kraut
Inosit.  Die  frischen  S.  sind  Gegenstand  des
Orts-  und  des  Welthandels,  des  Groß-  und  des
Kleinhandels  und  werden  auch  in  Dosen,  Gläsern ­
  und  Büchsen  eingemacht  in  den  Verkehr
gebracht.  Nach  den  Grundsätzen  der  braunschweigischen ­
  Konservenfabrikanten  soll  erster
S.  aus  normal  gewachsenen  (nicht  krummen)

Stangen  mit  weiß  gestochenen  Köpfen,  (rostfrei
und  ohne  Faulflecke)  bestehen,  die  vom  Kopfe
bis  auf  die  Mitte  des  unteren  Schrägabschnittes
nicht  unter  22  cm  lang  sind,  bei  einem  Gewicht
von  mindestens  35  g  für  jede  einzelne  Stange,
Roter  Anlauf  der  Stange,  der  augenscheinlich
nach  dem  Stiche  eingetreten  ist,  beeinträchtigt
die  Eigenschaft  als  erster  S.  nicht.  Zweiter  S.
soll  im  Durchschnitt  nicht  mehr  als  22  Stangen
auf  Va  kg  aufweisen  und  nicht  länger  als  22  cm
sein.  Gänzlich  grüne  Köpfe  dürfen  in  dieser
Sorte  nicht  enthalten  sein  und  ebensowenig
vollständig  hohle  Stangen.  Suppenspargel  muß
sich  gut  schälen  lassen.
Spartein  (lat.  Sparteinum,  frz.  Sparteine,
engl.  Spartein).  Die  mit  den  Kelchen  getrockneten, ­
  goldgelben  Blüten  des  Besenginsters,
Sarothamnus  scoparius  seu  Spartium  scoparium
  (lat.  Flores  Spartii  scoparii  seu  Genistae,
  frz.  Fleurs  de  genest,  engl.  Broom  Flowers),
enthalten  neben  gelbem  Farbstoff  und  dem  stark
diätetisch  wirkenden  Bitterstoff  Skoparin
auch  ein  flüssiges  und  flüchtiges  Alkaloid,  das
Spartein,  das  dem  Kurare  und  Koniin  ähnlich
wirkt.  Das  auch  aus  den  in  England  gegen
Wassersucht  benutzten  Zweigspitzen  der  Pflanze
hergestellte  Alkaloid  bildet  ein  farbloses  Öl  von
eigentümlichem  Gerüche  und  stark  bitterem  Geschmack, ­
  das  sich  an  der  Luft  rasch  verändert.
Das  Spartein  und  sein  schwefelsaures  Salz,  Sparteinsulfat ­
  (lat.  Sparteinum  sulfuricum),  finden
beschränkte  medizinische  Anwendung  bei  Herzerkrankungen. ­

Sparterie  (Spanböden)  nennt  man  Flechtwerke ­
  aus  dünnen,  bandartig  geschnittenen  Streifen ­
  von  weichem,  weißem  Holze,  wie  Linden,
Weiden,  Espen,  die  zum  Teil  durch  Handflechterei, ­
  zum  Teil  auf  dem  Webstuhl,  mitunter
auch  im  Gemisch  mit  Zwirnsfäden,  hergestellt
werden.  Man  fertigt  aus  Sp.  Tischdecken,
Fenstervorsetzer,  Plutfutter  sowie  Mützen  und
Hüte,  die  fälschlich  auch  Bast-  oder  Reisstrohhüte ­
  genannt  werden.  Die  Industrie  ist
besonders  in  Böhmen  heimisch,  und  die  wohlfeilen ­
  Waren  werden  weit  versandt.
Speck.  Mit  diesem  Namen  belegt  man  das.
noch  nicht  ausgelassene,  nur  aus  dem  Körper
gewisserTie're  ausgeschnittene,  festere  Fettgewebe,
namentlich  der  Schweine  (Schweinespeck,
Speckseiten),  doch  spricht  man  auch  von
Robbenspeck  und  Walfischspeck.  Speckseiten ­
  werden  gewöhnlich  gesalzen  und  geräuchert. ­

Speckstein  (Steatit,  venetianische  oder
spanische  Kreide),  ein  aus  wasserhaltiger
kieselsaurer  Magnesia  bestehendes  Mineral
(siehe  auch  Talk),  ist  sehr  weich,  fettglänzend
und  fettig  anzufühlen,  rein  weiß  oder  oft  gelblich, ­
  grünlich  bis  gräulich  gefärbt  und  sehr  leicht
zu  schneiden,  .wird  aber  im  Feuer  so  hart,  daß
er  selbst  Glas  ritzt.  Der  Stein  findet  sich  nester
weise  in  unregelmäßigen,  kleineren  und  größeren
Stücken  in  zersetztem  Glimmerschiefer  sowie  auch
eingewachsen  in  Serpentinfels.  Seine  hauptsächlichsten ­
  Fundorte  sind  bei  Wimsiedel  in  Bayern
(Göpfersgrün,  Thiersheim),  doch  findet  er  sich
auch  im  Fichtelgebirge,  bei  Zöblitz  und  Altenberg ­
  in  Sachsen,  in  Briangon  und  in  Nyntsch
(Ungarn).  Aus  S.  werden  auf  der  Drehbank  und
        <pb n="429" />
        Speiseeis

423

Spiritus

durch  Schneiden  Pfeifenköpfe,  Spielwaren,  Schreibzeuge ­
  und  andere  Gebrauchsgegenstände  hergestellt. ­
  Künstler  schneiden  auch  Bildsteine  daraus, ­
  die  dann  gefärbt  und  gebrannt  werden.  Die
gepulverte  Masse  dient  als  Mittel  gegen  Reibung
(sog.  Rutschpulver  zur  Erleichterung  des
Stiefelanziehens),  zum  Putzen  von  Metall-  und
Glas  waren  (Spiegelpolieren),  zum  Vorzeichnen
auf  Tuch  (Schneiderkreide),  Seidenzeug  und
Giastafeln,  zum  Entfernen  von  Fettflecken,  zur
Verfälschung  von  Seifen,  zu  feuer-  und  säurefesten ­
  Stöpseln  und  anderen  Zwecken.  Große
Mengen  werden  auch  zur  Herstellung  von  Gasbrennern, ­
  sog.  Lavabrennern,  verbraucht.  Die
bei  der  Bearbeitung  entstehenden  Abfälle  werden ­
  wie  Meerschaumabfall  gepulvert  und,  mit
Ton  und  Wasser  zu  einem  Teig  angemacht,  zu
kleinen  Kunstwerken  geformt,  die  gebrannt  eine
große  Härte  und  schönen  Farbenton  zeigen.  Bei
Lowell  in  Massachussets  finden  sich  so  ausgedehnte ­
  Lager  von  S.,  daß  man  Röhren  zu
Wasserleitungen  daraus  herstellt  (s.  auch  Talk).
Speiseeis  (Eis,  Gefrorenes)  nennt  man  in
Konditoreien  und  von  Straßenhändlern  feilgehaltene ­
  Genußmittel,  die  aus  gefrorenen  Mischungen ­
  von  Zuckerlösungen,  Milch  oder  Sahne,
Fruchtsäften,  Eiern  und  anderen  Geschmacksund ­
  Riechstoffen  bestehen.  Cremeeise,  deren
Hauptvertreter  das  Vanilleeis  ist,  werden  durch
Erhitzen  und  nachfolgendes  Gefrierenlassen  von
mit  Zucker  schaumig  gerührten  Eiern,  Milch
oder  Sahne  und  Vanille  hergestellt.  Zu  ihnen
gehört  auch  das  unter  Zusatz  von  Kakao  bereitete ­
  Schokoladeneis.  Fruchteise,  wie  Ananas-, ­
  Himbeer-,  Erdbeer-  und  Pfirsicheis,  erhält
man  durch  Gefrierenlassen  von  Fruchtsaft  oder
Fruchtmark  mit  Zuckerwasser  und  Zitronensäure,
bisweilen  unter  Zusatz  von  Milch  oder  Sahne.
Sahneeise  werden  aus  mit  Zucker  geschlagener
Sahne  und  verschiedenen  Zusätzen  hergestellt.
Ihre  bekannteste  Sorte,  Fürst  Pückler,  besteht ­
  aus  drei  Schichten,  einer  braunen  aus
Schlagsahne  mit  Schokolade  und  Vanillegeschmack, ­
  einer  weißen  aus  Sahne  mit  Maraschinogeschmack, ­
  einer  rosaroten  von  Erdbeerschlagsahne. ­
  Halbgefrorenes  ist  Creme-  oder
Fruchteis,  dem  vor  dem  Gefrieren  Schlagsahne
beigemischt  wurde.  —  Zusätze  von  Mehl,  Gelatine,
Agar.  Teerfarben  haben  als  Verfälschung  zu
gelten.
Spergel  (Spörgel,  Spark,  Sperk,  Ackerspark, ­
  Knörrich,  frz.  Spargoute,  engl.  Piney),
eine  zu  den  Alsineen  gehörende  Futterpflanze,
Spergula  L„  wird  in  verschiedenen  Arten  angebaut. ­
  Die  größte  Bedeutung  hat  der  einjährige
Ackerspergel  (Spuvre,  Spark),  S.  arvensis
  L. t  S.  geniculata,  der  15—30  cm  hoch
wird  und  quirlförmig  gebüschelte  Blätter,  weiße
Blumenkrone  und  kugelige,  linsenförmige,  fein
punktierte  Samen  besitzt.  Er  wird  als  Gründüngungspflanze ­
  für  sandigen  Boden  angebaut
in  den  Abarten  S.  sativa  mit  samtschwarzen,
kahlen,  fein  punktierten  Samen,  S.  vulgaris
mit  weißlichen,  zuletzt  braunen  Warzen  auf  dem
Samen  und  S.  maxima,  Riesenspörgel,
Flachsspergel,  mit  größeren  Samen.  Die  Saat
erfolgt  im  Frühjahr  und  im  Herbst  mit  18—50  kg
Saatgut  von  130  kg  Gewicht  für  1  hl  und  ergibt
einen  Ertrag  von  60—100  dz  Grünfutter,  das  an

Güte  dem  besten  Wiesengras  gleichsteht.  Von
Saatspergel  erzielt  man  5—8  dz  Körner  und
12—15  Zentner  Stroh,  das  ebenfalls  verfüttert
wird.
Spermazetiöl  (Spermöl),  eine  im  Handel
häufig  gebrauchte  Benennung  für  das  Walratöl,
vgl.  unter  Walrat.
Spezies  (lat.  Species)  ist  die  pharmazeutische
Bezeichnung  für  Mischungen  aus  zerkleinerten
Pflanzenteilen,  die  entweder  als  Tee  zu  Abkochungen, ­
  oder  in  Substanz  trocken  oder  naß
zu  Umschlägen  dienen.  Bekanntere  Sorten  sind:
Sp.  lignorum,  Holztee,  Sp.  pectorales,  Brusttee,
Sp.  ad  cataplasma,  ad  fomentum,  Stoffe  zu  Umschlägen, ­
  zu  Bähungen,  Sp.  emollientes,  erweichende, ­
  Sp.  resolventes,  zerteilende,  Sp.  aromaticae,
  würzhafte  Kräuter,  Sp.  laxantes,  abführender ­
  Tee  usw.
Spinat,  die  jungen  Blätter  von  Spinacea
oleracea,  bilden  ein  beliebtes  Gemüse.  Die  von
Gärtnern  angebaute  Pflanze  erfordert  einen  tiefgründigen. ­
  humosen  und  gut  gedüngten  Boden
sowie  sorgfältige  Pflege,  da  sie  dem  Insektenfraß ­
  in  hohem  Grade  ausgesetzt  ist.  Spinat  enthält ­
  nach  König:  89,240/0  Wasser,  3,71%  Stickstoffsubstanz, ­
  0,50%  Fett,  0,10%  Zucker,  3,50  °/o
stickstofffreie  Extraktstoffe,  0.94  0/0  Rohfaser  und
2,00  0/0  Asche  und  ist  sonach  verhältnismäßig
reich  an  Stickstoff,  der  sich  aber  nur  zum  Teil
in  Form  von  Eiweiß  vorfindet.  Die  hohe  Wertschätzung ­
  des  Spinats  für  die  menschliche  Ernährung ­
  beruht  auf  seinem  hohen  Gehalt  an  Mineralstoffen ­
  und  besonders  an  Eisen,  der  3,35%  (1)
der  Asche  ausmacht.
Spinell,  ein  in  verschiedenen  Farben  vorkommendes, ­
  tesseral  kristallisierendes  Mineral,
besteht  in  reinster  Form  nur  aus  Tonerde  und
Magnesia  und  ist  dann  farblos  und  durchsichtig, ­
  häufiger  aber  durch  Eisen  und  Chromoxyd ­
  gefärbt.  Die  roten  (karmin,  ponceau,  rosa),
besonders  schön  gefärbten  und  durchsichtigen  S,
sind  meist  geschätzte  Edelsteine,  ähneln  dem
Rubin  und  werden  daher  Rubinspinelle  oder,
wenn  sie  blaß  gefärbt  sind,  Balasrubine  genannt. ­
  Die  letzteren,  blaßrot  bis  gelblichrot  gefärbten ­
  Steine  sind  nicht  so  selten  wie  die
ersteren,  werden  aber  immerhin  gut  bezahlt.
Unter  Almadinspinellen  versteht  ipan  verschiedene ­
  bläuliche,  violette,  rötlichbraune  oder
sonst  dunkelfarbige  Sorten  geringeren  Wertes.
Die  edlen  Spinelle  werden  in  Ost-  und  Hinterindien, ­
  auf  Zeylon  und  in  der  Tatarei  einzeln
und  selten  im  Schuttland  und  im  Sande  von
Flüssen  und  Bächen  gefunden.  Steine  von  drei
Karat  und  höher  sind  selten  und  teuer  und  erlangen ­
  in  guten  Stücken  Diamantpreise.  Geringere ­
  Sorten  sind  häufiger  und  finden  sich
in  Böhmen,  Siebenbürgen,  Schweden  (blaue),
Australien  und  Südamerika.  Die  dunkelgrünen
und  schwärzlichblauen  Arten  führen  den  Namen
Pleonast.  Eine  grasgrüne  Form  heißt  Chlor  ospinell,
  eine  schwarze  aus  den  Pyrenäen  Pikotit.

Spiritus  (Geist,  Sprit,  frz.Esprit,  engl.Spirit)
ohne  nähere  Angabe  bezeichnet  den  Weingeist,
der  unter  „Alkohol“  und  „Branntwein“  abgehandelt
  ist,  während  Wortverbindungen  mit  Sp.
häufig  für  alkoholhaltige  Flüssigkeiten  angewandt
werden.  Destillate  vonWeingeist  über  Pflanzen-
        <pb n="430" />
        Sprenggelatine

424

Stärke

Stoffe  sind  Angelika-,  Anis-,  Kümmel-,
Löffelkraut-,  Wacholder-,  Lavendel-,  Melissen-, ­
  Rosmarinspiritus.  Der  Ameisenspiritus ­
  (lat.  Sp.  formicarum)  wurde  früher
durch  Destillation,  von  Weingeist  über  lebende
Ameisen  dargestellt,  während  man  ihn  jetzt  durch
Auflösen  von  Ameisensäure  in  Spiritus  erhält.
Senfspiritus  (Sp.  sinapis)  ist  eine  Auflösung
von  ätherischem  Senföl  in  Weingeist,  wird  aber
auch  durch  Destillation  hergestellt.  Kampferspiritus ­
  (Sp.  camphoratus)  und  Seifenspiritus
(Sp.  saponatus)  sind  Auflösungen  von  Kampfer
oder  Seife  in  Weingeist,  Verschiedene  hierher
gehörige  Flüssigkeiten  sind  ätherhaltig,  so  Sp.
acetico-aethereus,  Essigätherweingeist;  Sp.
muriatico-aethereus,  Salzäthergeist  (versüßter
Salzgeist);  Sp.  nitrico-aethereus,  Salpeteräthergeist
  (versüßter  Salpetergeist).  Sp.  sulfuricoaethereus
  ist  ein  Gemisch  von  einem  Teil  Äthermit
  drei  Teilen  Alkohol  (Hoffmannsche  Tropfen). ­
  Unter  Spiritus  vini,  Weingeist,  versteht
man  jetzt  den  reinen  Kartoffelsprit.  Ferner  wurden ­
  früher  als  S.  bezeichnet:  Sp.  fumans  Beguini,
  Schwefelammonium;  Sp.  fumans  Libavii,
Zinndichlorid;  Sp.  salis,  Salzsäure;  Sp.  cornu
cervi,  Hirschhorngeist,  eine  Lösung  von  unreinem,
brenzligem,  kohlensaurem  Ammoniak.
Sprenggelatine  nennt  man  eine  äußerst  brisante ­
  Mischung  von  Nitroglyzerin  (s.  d.)  mit
nitrierter  Zellulose  (s.  Schießbaumwolle),  eine
durchscheinende,  gelatineartige  Masse,  die  an
Sprengwirkung  das  Dynamit  übertrifft,  aber
wegen  der  Abscheidung  von  Nitroglyzerin  gefährlicher ­
  zu  handhaben  ist.  Die  Nachteile  der
S.  werden  vermindert  durch  Zusatz  von  Salpeter,
Holzpulver,  Soda,  und  das  so  entstehende  Gelatinedynamit, ­
  das  im  Gegensatz  zum  Kieselgurdynamit ­
  auch  zum  Sprengen  im  Wasser  benutzt
werden  kann,  scheint  eine  größere  Bedeutung
zu  erlangen.  Ähnliche  Sprengmischungen  sind
das  Kolonialpulver  (mit  Zusatz  von  Schwarzpulver) ­
  und  Meganit.
Sprengstoffe.  Unter  dieser  Bezeichnung  faßt
man  eine  große  Zahl  verschiedener  explosiver
Stoffe  oder  Stoffgemische  zusammen,  die  entweder ­
  als  Treibmittel  (Schießmittel)  oder  zum
Zwecke  der  Sprengwirkung  Verwendung  finden.
Die  wichtigsten  derselben  sind  in  besonderen
Aufsätzen  besprochen  worden.  Wegen  der  mit
ihrer  Handhabung  verbundenen  Gefahr  ist  das
Reichsgesetz  gegen  den  verbrecherischen  und
gemeingefährlichen  Gebrauch  von  Sprengstoffen
vom  9.  VI.  1884  erlassen  worden,  nach  dessen
§  1  die  Herstellung,  der  Vertrieb  und  der  Besitz
von  Sp.  sowie  die  Einführung  aus  dem  Auslande
nur  mit  polizeilicher  Genehmigung  zulässig  ist.
Nur  eine  Reihe  sog.  Schießmittel  wie  Schwarzpulver, ­
  Zündhütchen,  Gewehrpatronen  u.  dgl.  sind
von  diesen  Bestimmungen  ausgenommen.  Als
Sp.  im  Sinne  dieses  Gesetzes  gilt  nach  dem  Urteile ­
  des  Reichsgerichts  vom  28.  III,  1898  „jeder
Stoff,  der  bei  der  Entzündung  eine  gewaltsame
Ausdehnung  von  elastischen  Flüssigkeiten  oder
Gasen  hervorruft  und  sich  mit  Rücksicht  auf
diese  Eigenschaft  zur  Verwendung  als  Sprengmittel ­
  eignet“.  Zu  ihnen  gehören  also  nicht
nur  Nitroglyzerin,  Dynamit,  Knallquecksilber,  sondern ­
  auch  ein  so  verbreiteter  Stoff  wie  die
Pikrinsäure  kann  als  Sp.  angesehen  werden.

Springkörner  (lat.  Semina  cataputiae  minoris),
die  Früchte  von  Euphorbia  Lathyris  L.,  wurden ­
  früher  in  Deutschland  als  Abführmittel  benutzt. ­
  Sie  enthalten  als  wichtigste  Bestandteile
ein  fettes  Öl  und  Äskuletin.  —  Als  große  S.  bezeichnete
  man  auch  die  Rizinussamen.
Sprotte  (Breitling,  Clupea  sprattus  L.),
ein  zu  den  Heringen  gehörender,  aber  nur  etwa
17  cm  langer  Fisch  der  Nord-  und  Ostsee,  der
oben  blau,  seitlich  silberfarben  aussieht,  wird
an  den  Küsten  in  großen  Mengen  gefangen  und,
eingesal^en  und  geräuchert,  in  den  Handel  gebracht. ­
  Hauptfangorte  sind  Kent,  Essex  und
Suffolk  in  England,  die  Bretagne  und  Normandie
in  Frankreich  und  die  ganze  Nordsee  bis  hinauf
nach  Island.  Von  den  Ostsee-S.  gelten  die  bei
Kiel  gefangenen  als  die  besten.
Spunde  nennt  man  zum  Verschließen  von
Fässern,  Flaschen  usw.  bestimmte  Stöpsel  aus
Holz  oder  Kork,  die  je  nach  Wunsch  in  verschiedenen ­
  Größen  geschnitten  werden  (s.  auch  Kork).
Stachelbeeren,  die  Früchte  von  Ribes  Grossularia,
  sind  echte  Beeren,  d.  h.  das  ganze  aus
dem  Fruchtblattgewebe  (Karpidium)  entstandene
Fruchtgewebe  (Perikarpium)  ist  fleischig,  breiig
und  saftig.  Die  reifen  Beeren  enthalten  neben
85,6  0/0  Wasser  0,470/0  Stickstoffsubstanz,  1,37  0/0
freie  Säure,  7,100/0  Invertzucker,  0,8s  °/o  Rohrzucker, ­
  0,64%  stickstofffreie  Extraktstoffe,  3,52  °/o
Rohfaser  und  Kerne  und  0,44  o/ 0  Asche.  Die  S.
dienen  im  unreifen  Zustande,  mit  Zucker  eingekocht, ­
  als  Kompott,  im  reifen  Zustande  als
Tafelobst  und  zur  Herstellung  von  Stachelbeerwein. ­

Stäbchen  (lat.  Bacilli)  nennt  man  eine  zwar
nicht  offizielle,  aber  sehr  gebräuchliche  Zuckerwerksform, ­
  welche  in  der  Weise  hergestellt  wird,
daß  man  Gemische  von  Zucker  oder  Süßholzsaft
mit  arzneilichen  Stoffen  zu  zylindrischen  Stäbchen ­
  von  Stricknadeldicke  ausrollt  und  dann
erhärten  läßt.
Stänker,  ein  äußerlich  angewandtes  Tierheilmittel, ­
  enthält  Tieröl  (Oleum  animale),  Asa  foetida
  usw.
Stärke  (lat.  Amylum.  frz.  Amidon,  Fdcule,
engl.  Starch).  Die  Stärke  ist  einer  der  verbreitetsten ­
  Bestandteile  der  Pflanzen,  in  denen
sie  sich  in  drei  verschiedenen  Formen  vorfindet:
als  Produkt  der  Assimilation  in  den  Blättern,
als  Reservestoff  in  den  Wurzeln,  Samen,
Knollen  und  Stämmen  und  als  Zwischenglied  auf
der  Wanderung  zwischen  den  Assimilations-  und
Reserveorganen,  sog.  transitorische  Stärke.
Die  Stärke  entsteht  in  den  Blättern  unter  der
Mitwirkung  von  Licht  und  Chlorophyll  aus  der
Kohlensäure  der  Luft  unter  Aufnahme  von
Wasser  und  Abgabe  von  Sauerstoff,  und  zwar
entweder  direkt  oder  nach  Ansicht  einiger  Forscher ­
  auf  dem  Umwege  über  Glykose  oder  Rohrzucker. ­
  Von  den  Blättern  aus  wandert  sie  in
gelöster  Form  zu  den  Reserveorganen,  in  denen
sie  in  Gestalt  kleiner  Körnchen  abgelagert  wird.
Die  Form  und  Größe  der  Körner  ist  nach  der
Art  der  Pflanzen  außerordentlich  wechselnd  und
für  die  Abstammung  bezeichnend.  Neben  kreisrunden ­
  (kugeligen)  und  ovalen,  finden  sich
eckige  und  unregelmäßig  geformte,  neben  einfachen ­
  zusammengesetzte,  neben  geschichteten
ungeschichtete.  Die  Größe  sdrwankt  zwischen
        <pb n="431" />
        Stärke

425

Stärkeglanz

0,003  (Reisstärke)  und  o,i  mm  (Kartoffel).  Die  Art
der  Gewinnung  richtet  ?ich  nach  der  Natur  der
pflanzlichen  Ausgangsstoffe.  —  Weizenstärke
(Amylum  tritici).  Das  Weizenkorn  enthält  neben
S.  noch  die  Hülsen  und  iden  Kleber,  die  entfernt ­
  werden  müssen.  Weizenmehl  hingegen  ist
schalenfrei  und  daher  einfacher  zu  verarbeiten.
Das  Mehl  oder  auch  das  eingeweichte,  zerquetschte ­
  Korn  wird  auf  feinen  Sieben  unter
einem  fortwährenden  Sprühregen  von  Wasser
ausgewaschen,  bis  das  Wasser  nicht  mehr  milchig ­
  abfließt.  Auf  dem  Siebe  bleibt  der  größte
Teil  des  Klebers  zurück,  der  als  Nahrungsmittel
benutzt  werden  kann.  Die  milchige  Flüssigkeit
wird  zur  Zerstörung  der  noch  anhaftendenKleberspuren
  nach  Zusatz  von  etwas  saurem  Ferment
etwa  24  Stunden  lang  einer  Gärung  überlassen,
darauf  in  größeren  Becken  oder  langen  Rinnen
zum  Absetzen  gebracht  und  schließlich  durch  Zentrifugieren ­
  vom  größten  Teile  des  Wassers  befreit. ­
  Nach  dem  älteren  Verfahren,  bei  dem
das  zerquetschte  Korn  sogleich  der  sauren  Gärung ­
  ausgesetzt  wird,  geht  der  größte  Teil  des
Klebers  verloren,  und  der  Rest  ist  nur  noch  als
ein  geringes  Futtermittel  zu  verwerten.  Die  nach
dem  einen  oder  anderen  Verfahren  erhaltene
Rohstärke  wird  in  Form  einer  dünnen  Milch
durch  lange  Rinnen  mit  geringem  Gefälle  hindurchgeleitet, ­
  wobei  zuerst  die  großen  Körner,
die  als  die  wertvollste  Sorte  für  sich  gesammelt
werden,  danach  immer  kleinere  Körner  zu  Boden
fallen.  Das  Trocknen,  das  durch  Zentrifugieren,
Anwendung  poröser  Ton-  oder  Gipsplatten,  oder
durch  Evakuierung  unterstützt  wird,  muß  sehr
vorsichtig  bei  niedriger  Temperatur  erfolgen,
da  sonst  leicht  Verkleisterung  eintritt.  Nach
einiger  Zeit  wird  die  obere,  etwas  staubige  Schicht
abgekratzt  und  als  sog.  Schabestärke  in  den
Handel  gebracht.  Die  völlig  trockene  Masse
zerfällt  meist  in  kleinere  Stückchen  und  wird  in
dieser  Form  als  Stängelchen-,  Schäfchen-,
Strahlen-  oder  Tafelstärke  verkauft,  oder
durch  Mahlen  in  ein  feines  Pulver  (Puderstärke) ­
  umgewandelt.  Die  Weizenstärke  setzt
sich  aus  kreisrunden,  zum  Teil  sehr  großen,  zum
1  Teil  sehr  kleinen  Körnchen  zusammen.  Die
größten  derselben  haben  einen  Durchmesser  von
0,03—0,04,  die  kleinsten  einen  solchen  von  0,005
bis  0,007  ™m.  Mittelgrößen  fehlen  meist  vollständig. ­
  —■  Die  Kartoffelstärke  (Amylum  solani)
wird  aus  den  gewaschenen  und  zerriebenen  Kartoffeln ­
  mit  Hilfe  besonderer  Bürstenmaschinen
ausgewaschen,  meist  mit  Hilfe  von  Schwefelsäure, ­
  Ammoniak,  Soda  oder  Natronlauge  gepeinigt, ­
  bisweilen  mit  Chlorkalk  gebleicht  und
nn  übrigen  wie  Weizenstärke  weiter  verarbeitet.
Ihre  Körnchen  zeigen  meist  unregelmäßig  ovale
oder  spitz  längliche  Form,  deutliche  Schichtung
rnit  exzentrischem  Kern  und  oft  eine  bedeutende
Größe  bis  zu  0,15  mm.  —  Reisstärke  (Amylum
1.  °fyzae)  wird  in  England,  Belgien  und  Deutschland ­
  in  großem  Maßstabe  hergestellt.  Zur  Los-Lösung
  der  fest  zusammengekitteten  Körner  wird
I  der  Reis,  meist  seebeschädigter  Bruch-  oder  Abfallreis, ­
  mit  verdünnter  Natronlauge  von  1V2  bis
2 °  B  so  lange  gequellt,  bis  er  zwischen  den  Findern ­
  zerreiblich  ist,  dann  vermahlen  und  in
üblicher  Weise  weiter  behancTelt.  Die  Körner
I  s &amp;gt;nd  ziemlich  scharfkantig  und  vieleckig.  Der

Durchmesser  beträgt  nur  0,003—0,007  mm.  —  Die
besonders  in  Nordamerika  hergestellte  Maisstärke ­
  (Amylum  maydis)  besitzt  ebenfalls  scharfkantige ­
  und  vieleckige  Körner,  die  aber  meist
einen  Spalt  in  der  Mitte  und  einen  größeren
Durchmesser  von  0,015—0,025  mm  zeigen.  —  Die
anderen  Stärkesorten  des  Handels:  Arrowrot,
Mannihot,  Maranta,  Tapioka  sind  unter
ihren  besonderen  Namen  besprochen.  —  In
chemischer  Hinsicht  ist  die  Stärke  als  ein  Kohlenhydrat ­
  anzusehen,  d.  h,  sie  besteht  aus  Kohlenstoff, ­
  Wasserstoff  und  Sauerstoff  und  enthält  die
beiden  letzteren  Elemente  in  demselben  Verhältnis ­
  wie  das  Wasser  (1  :g).  Die  Zusammensetzung
entspricht  der  Formel  C 6 H 10 O 6 .  Ihr  spez.  Gew.
beträgt  in  lufttrockenem  Zustande  1,5,  in  völlig
getrockneter  Form  1,65.  Sie  zieht  leicht  Feuchtigkeit ­
  an,  ohne  ihr  Aussehen  zu  verändern  und
muß  daher  beim  Einkauf  auf  Wassergehalt  untersucht ­
  werden.  Normale  Stärke  soll  bei  60—go°
nicht  mehr  als  20  °/o  an  Gewicht  verlieren.  S.  ist
in  kaltem  Wasser  praktisch  unlöslich,  verwandelt
sich  aber  beim  Erhitzen  auf  150—200 0  unter
Gelbfärbung  in  wasserlösliches  Röstgummi  oder
Handelsdextrin  (s.  d.)  und  nimmt  auf  Zusatz
von  Jod  eine  tiefblaue  Farbe  an,  die  hauptsächlich
ihre  Auffindung  unter  dem  Mikroskope  ermöglicht. ­
  In  Salzlösungen,  wie  Chlorzink  und  Zinnchlorid ­
  sowie  'in  Glyzerin  quillt  die  S.  auf  und
gibt  schließlich  klare  Lösungen,  aus  denen  durch
Zusatz  von  Alkohol  lösliche  Stärke  gefällt
wird.  Wasser  führt  die  S.  bei  höherer  Temperatur ­
  in  Kleister,  Erhitzen  mit  verdünnten  Säuren
in  Dextrin  und  Dextrose  (Stärkezucker)  über.
Mit  Malz  verwandelt  sie  sich  unter  der  Einwirkung ­
  der  Diastase  in  Dextrin  und  Maltose  sowie
verschiedene  zwischen  beiden  stehende  Verbindungen. ­
  Von  den  zahlreichen  Verfälschungen  der
S.  werden  mineralische  Zusätze,  wie  Kreide,  Gips,
Schwerspat  durch  die  Sedimentierprobe  mit  Alkohol ­
  sowie  die  Aschenbestimmung  leicht  erkannt. ­
  Befeuchtung  mit  Wasser  läßt  sich  durch
die  Bestimmung  des  spez.  Gew.  oder  durch
Trocknen  bestimmen.  Die  S.  findet  in  ihren
verschiedenen  Formen  mannigfache  Verwendung
zu  medizinischen,  technischen  und  Ernährungszwecken. ­
  Für  letztere  sind  alle  Sorten  gleich  gut
geeignet.  In  der  Medizin  benutzt  man  besonders
Weizen-  und  Reisstärke  zur  Herstellung  von
Verbänden,  Pulvern  und  Oblaten  sowie  zur  Verdünnung ­
  von  Arzneimitteln.  In  der  Technik  ist
sie  das  unentbehrliche  Hilfsmittel  zahlreicher
Gewerbe.  Die  Kartoffelstärke  dient  zur  Bereitung
von  Kleister,  als  Schlichte  in  der  Zeugweberei
und  als  Farbenverdickungsmittel  beim  Zeugdruck, ­
  ferner  als  Rohstoff  zur  Herstellung  von
Dextrin,  Stärkesirup  und  Stärkezucker.  Weizenstärke ­
  ist  die  eigentliche  Waschstärke  und  das
Appretierungsmittel  für  Zeuge,  während  Reisstärke ­
  zum  Kaltstärken,  namentlich  feiner
Wäsche,  verwendet  wird.
Stärkeersatz  wurden  während  des  Krieges
aus  Leim  oder  Dextrin  unter  Zusatz  erheblicher
Mengen  von  Gips,  Kreide,  Schwerspat  und  anderen ­
  Mineralstoffen  hergestellte  Ersatzmittel  für
Wäschestärke  genannt.  Ihr  Gebrauchswert  war
in  der  Regel  überaus  gering.
Stärkeglanz  (Glanzstärke)  ist  eine  Stärke,
welche  durch  Z,usatz  von  Stearin  oder  Paraffin
        <pb n="432" />
        Stärkezucker

426

Stahlwässer  •

die  Eigenschaft  erhalten  hat,  der  damit  behandelten ­
  Wäsche  einen  höheren  Glanz  zu  geben
und  das  Plätten  zu  erleichtern.  Auch  wird  häufig
noch  Borax  zugesetzt,  um  eine  größere  Weiße
zu  erzielen.
Stärkezucker  (Traubenzucker,  Glukose,
Glykose,  Dextrose,  Krümelzucker).  Diese
in  der  Wissenschaft  jetzt  meist  als  Glukose
oder  Rechtsglukose  bezeichnete  Zuckerart  bildet
einen  Bestandteil  sehr  vieler  Früchte,  namentlich ­
  der  Weintrauben,  Kirschen,  Pflaumen,  und
Feigen  und  findet  sich  neben  der  linksdrehenden
Fruktose  im  Honig.  Bei  der  Zuckerkrankheit
tritt  sie  im  Harn  auf  und  entsteht  außerdem
bei  der  Spaltung  vieler  Glykoside  mit  verd.  Säuren.
Auch  bei  Behandlung-  von  Zellulose  (Sägespänen),
Gummi,  Dextrin  und  Stärke  mit  Säuren  wird  S.
gebildet.  Der  bei  der  Hydrolyse  des  Rohrzuckers
entstehende  Invertzucker  ist  ein  Gemisch  von  S.
und  Fruktose,  Maltose  zerfällt  bei  der  Hydrolyse
in  zwei  Moleküle  Glykose,  Milchzucker  in  ein
Molekül  Glykose  und  Galaktose.  Zur  Darstellung
reiner  Glykose  bedient  man  sich  des  Saftes  von
Weintrauben  oder  des  Auszuges  von  Rosinen,  die
mit  Witherit  oder  Kreide  neutralisiert  und  dann
durch  Kochen  mit  Tierkohle  entfärbt  werden.
Als  Ausgangsmaterial  für  den  technischen  S.
kommt  aber  nur  die  Stärke,  und  zwar  in
Deutschland  Kartoffelstärke,  in  Amerika  Maisstärke ­
  in  Betracht.  Man  läßt  die  mit  Wasser
zu  einer  dünnen  Milch  angerührte  frische  Stärke
in  siedende,  etwas  Salpetersäure  enthaltende
2°/oige  Schwefelsäure  einfließen,  erhitzt  dann
zur  Umwandlung  der  ersten  Zersetzungsprodukte:
Dextrin  und  Maltose,  weiter,  bis  eine  herausgenommene ­
  Probe  mit  Jod  keine  Blaufärbung
und  mit  Alkohol  keine  Fällung  mehr  gibt,  und
läßt  dann  erkalten.  Das  Kochen  wird  zweckmäßig ­
  in  geschlossenen  Kesseln  bei  120 0  vorgenommen, ­
  die  erkaltete  Flüssigkeit  durch  Zusatz ­
  von  Kalzium-  oder  Bariumkarbonat  neutralisiert, ­
  filtriert,  mit  Knochenkohle  entfärbt,  im
luftleeren  Raum  eingedampft  und  zur  Einleitung
der  Kristallisation  mit  etwas  fester  Glykose  geimpft. ­
  Die  nach  einiger  Zeit  kristallinisch  erstarrende ­
  Masse  gelangt  entweder  in  viereckigen
Holzkisten,  als  sog.  Kistenzucker,  direkt  in
den  Handel  oder  wird  durch  Zentrifugieren,
Decken  mit  Methylalkohol  und-nochmaliges'Umkristallisieren ­
  als  eine  trockene,  weiße,  dem  Hutzucker ­
  ähnliche  Masse  erhalten.  —  Die  reine
Glykose,  C 6 H 12 0 6 ,  ist  der  typische  Vertreter
der  Hexosen  oder  Monosen,  d.  h.  der  aus  einer
Kette  von  sechs  Atomen  Kohlenstoff  bestehenden
Zuckerarten,  zu  denen  außerdem  noch  die  Fruktose ­
  und  die  Galaktose  gehören.  Sie  bildet  ein
Kristallpulver  aus  locker  zusammenhängenden
Nadeln  oder  harte,  klingende  Krusten.  Das  spez.
Gew.  beträgt  1,5384,  der  Schmelzpunkt  des  Anhydrids ­
  liegt  bei  144—146°,  derjenige  der  mit
einem  Molekül  Wasser  kristallisierten  Glykose
bei  80—86°.  Sie  schmeckt  weniger  süß  als  Rohrzucker, ­
  löst  sich  leicht  in  Wasser  und  heißem
verd.  Alkohol,  hingegen  kaum  in  absolutem  Alkohol. ­
  Aus  Methylalkohol  kann  sie  umkristallisiert
  werden.  Die  wäßrige  Lösung  ist  rechtsdrehend ­
  und  zeigt  die  spez.  Drehung  53,30.  Gegen
Säüren  ist  Glykose  ziemlich  beständig,  wird  aber
durch  Alkalien  unter  Gelbfärbung  zersetzt.  Durch

Hefe  wird  sie  leicht  vergoren  und  scheidet  aus
den  Lösungen  von  Schwermetallen  durch  Re-  |
duktion  Niederschläge  von  Oxydul  oder  Metall  f
aus.  Die  Reduktion  von  alkalischer,  Seignettesalz  T
enthaltender  Kupferlösung  (Fehiingscher  Lö-  [
sung)  wird  zur  quantitativen  Bestimmung,  die  S
Reduktion  von  Quecksilber-  oder  Wismutlösun-  t
gen  zu  ihrem  qualitativen  Nachweis  benutzt.  —■  ;
Der  Stärkezucker  des  Handels  enthält  infolge  4
ungenügender  Verzuckerung  oft  noch  erhebliche  [
Mengen  Dextrin.  Absichtlich  läßt  man  diese  j  [
darin  bei  der  Fabrikation  des  Stärkesirups  ,  j
(Kartoffel-,  Kapillärsirups).  Zu  dessen  Her-  1|
Stellung  verwendet  man  eine  zur  völligen  Ver-  IE
zuckerung  unzureichende  Säuremenge  und  kocht  j
ohne  erhöhten  Druck  nur  so  lange,  bis  Jodlösung  1
gerade  keine  Blaufärbung  mehr  hervorruft.  Damit ­
  der  Sirup  klar  bleibt,  ist  völlige  Entfernung  |
des  Gipses  erforderlich.  Er  bildet  dann  eine  |[
sehr  dickflüssige,  zähklebrige,  farblose  oder  blaß-  j
gelbliche  Flüssigkeit,  die  etwa  20%  Wasser  und
je  40  °/o  Glykose  und  Dextrine  enthält,  doch  ,
kommen  nach  der  Art  der  angewandten  Ver-  |
fahren  Erzeugnisse  sehr  wechselnder  Zusammen-  ,
setzung  in  den  Handel.  —  Der  S.  findet  viel-  ,
fache  Anwendung  als  Versüßungsmittel  bei  der  ]
Herstellung  von  Likören  sowie  von  Konfekt-  und
Konditoreiwaren.  Die  früher  gebräuchliche  Benutzung ­
  zum  Gallisieren  hat  wesentlich  nach-  |
gelassen,  seitdem  das  neue  Weingesetz  die  Verwendung ­
  dextrinhaltiger  Erzeugnisse  untersagte-  1
Auch  zur  Herstellung  untergäriger  Biere  darf  j
S.  nicht  benutzt  werden.  Der  Stärkesirup  dient  1
vielfach  als  billiger  Ersatz  des  Rohrzuckers  bei  \
der  Herstellung  von  Obstkonserven,  Frucht-  ]
Sirupen  und  besonders  von  sog.  Marmeladen,  |
die  zum  Teil  vollständig  aus  künstlich  gefärbtem  I
Stärkesirup  bestehen.  Nach  der  Auffassung  der  |
Nahrungsmittelchemiker  und  dem  jetzigen  Stande  ,  |
der  Rechtsprechung  muß  die  Verwendung  des  3
Stärkesirups  bei  Nahrungs-  und  Genußmitteln,  f
mit  Ausnahme  von  Likören  und  Konditorwaren,  I
gekennzeichnet  werden.  S.  und  Stärkesirup  unter-  I
liegen  im  Gegensatz  zum  Rohrzucker  keiner  |
Steuer,
Stahlspäne,  ursprünglich  ein  Abfallprodukt  j
der  -Industrie,  werden  in  großen  Mengen  zum  |
Reinigen  -bzw.  Glänzendmachen  von  Parkett-  |
fußböden  in  verschiedenen  Feinheitsnummern  '
fabrikmäßig  hergestellt  und,  abgepackt  in  1 jc
Kilo-Paketen,  in  den  Handel  gebracht.  —  Stählern ­
  t,  das  als  Ersatz  der  Stahlspäne  in  den  j
Verkehr  gebracht  wurde,  besteht  im  wesent-  |
liehen  aus  Glimmersand  mit  etwa  10  °/o  Kalk,
9  0/0  Soda  und  Spuren  Eisenfeile.
Stahlwässer  (Chalybokrenen)  nennt  man
eisenhaltige  Mineralwässer,  welche  das  Eisen  in
Form  des  Bikarbonats  enthalten,  im  Gegensatz
zu  den  Eisensulfat  führenden  Eisen  wässern-Die
  wichtigsten  deutschen  Eisenwässer  finden
sich  in  Pyrmont,  Driburg,  Elster,  Schwalbach,
Reinerz,  .Kudowa,  Alexisbad,  Liebenstein,  BockI et
und  Brückenau  am  Rhön,  Freienwalde  a.  O-,
Petersthal,  -Griesbach,  Rippoldsau  und  Antogast-Außerdem
  finden  sich  Eisenwässer  in  Franzensbad ­
  (Österreich),  St.  Moritz  und  Tarasp  in  d ef
Schweiz  sowie  zu  Spa  in  Belgien.  Die  Stahl'
wässer  enthalten  bis  zu  0,06  g  Eisen  in  11  unn
        <pb n="433" />
        Staubbindemittel

427

Stearin

Werden  sowohl  zu  Trink-  wie  zu  Badekuren
benutzt.
Staubbindemittel.  Zur  Bekämpfung  der  Staubplage
  werden  verschiedene  mehr  oder  weniger
brauchbare  Erzeugnisse  in  den  Handel  gebracht.
—  Die  der  ersten  Klasse  angehörenden,  die  vermittels ­
  Sprengwagens  auf  die  Straße  aufgetragen
werden,  bestehen  aus  Emulsionen  von  Mineralund
  Asphaltölen  mit  Wasser,  wie  Westrumit,
Antistoff,  Standutin,  und  zwar  wird  der  Zustand ­
  der  feinen  Verteilung  durch  Zusätze  von
Ammoniak,  Kalilauge,  Seife  oder  Mehlkleister
aufrecht  erhalten.  —  Die  zweite  Klasse  bilden
die  sog.  Fußbodenöle,  Mineralöle  oder  Mischungen ­
  von  Mineralölen  und  Leinöl,  mit  denen
die  Fußböden  eingefettet  werden.  —  Zu  der
dritten  Klasse  gehören  die  sog.  Kehrmittel,
fettig  anzufühlende  Pulver,  die,  wie  früher  angefeuchtete ­
  Sägespäne  oder  Kaffeesatz,  vor  dem
Ausfegen  auf  den  Boden  gestreut  werden  und
so  ein  Aufwirbeln  des  Staubes  verhindern.  Sie
bestehen  entweder  wie  das  sog.  Verrin  aus  Mischungen ­
  von  Holzschliff  mit  Talkpulver  oder
Wie  das  patentierte  Bronil  aus  Mischungen
von  Zement,  Sand  oder  Holzmehl  mit  Mineralölen. ­
  Verschiedene  ähnlich  zusammengesetzte
Stoffe,  wie  Reesil,  Perolin,  Frottil  u.  a.  sind
als  Nachahmungen  des  Bronils  anzusehen.
Staufenbrunnen  bei  Göppingen  enthält  in
1000  g  nach  H.  Fresenius  (1902):  Bikarbonate
des  Natriums  3,7893  g,  Lithiums  0,0078  g,  Ammoniums ­
  0,0031  g,  Kalziums  0,3356  g,  Bariums
0,0009  g,  Strontiums  0,0009  g,  Magnesiums  0,4209  g,
Eisenoxyduls  0,0144  g,  Manganoxyduls  0,0002  g;
Chlomatrium  0,5702  g;  Bromnatrium  0,0014g;
Jodnatrium  0,00004  g;  Sulfate  des  Kaliums
0,0536  g,  Natriums  0,2378  g;  Natriumphosphat
0,00005  g;  Natriumnitrat  0,0131  g;  Kieselsäure
0,0074g;  freie  Kohlensäure  1,5604g.
Stearin  (lat.  Acidum  stearinicum,  frz.  Acide
stöarique,  engl.  Stearic  acid).  Diesen  Namen
führt  in  der  Chemie  das  Triglyzerid  der  Stearinsäure, ­
  im  gewöhnlichen  Leben  versteht  man
hierunter  jedoch  den  aus  Talg  und  anderen
Fetten  ausgeschiedenen  festen,  kristallisierbaren
Kerzenstoff,  der  seinen  chemischen  Eigenschaften
nach  eine  schwache  Säure  ist,  nämlich  die
Stearinsäure,  C 18 H 3e 0 2 ,  selbst.  Die  Stearinkerzen ­
  sind  daher  richtiger  als  Stearinsäurekerzen ­
  zu  bezeichnen.  Sie  bestehen  jedoch  niehials
  aus  reiner  Stearinsäure,  sondern  enthalten
stets  noch  andere  ähnliche  Fettsäuren,  namentlich ­
  Palmitinsäure,  die  ebenfalls  ein  Bestandteil ­
  der  meisten  Fette  ist  und  sich  von  der
Stearinsäure  durch  den  niedrigeren  Schmelzpunkt
unterscheidet.  Ein  Gemisch  beider  schmilzt  noch
leichter  als  jeder  der  einzelnen  Stoffe  für  sich.
Eie  Abscheidung  des  harten  Kerzenstoffes  aus
den  Fetten  kann  nach  verschiedenen  Verfahren
ausgeführt  werden.  Die  ursprüngliche  Arbeitsweise, ­
  die  bei  der  Verarbeitung  von  Talg  noch
jetzt  in  Gebrauch  ist,  besteht  in  einer  Verseifung
des  Fettes  durch  Kalk,  Zersetzung  der  Seife
durch  Säure  und  Trennung  der  erhaltenen  Fettsäuren ­
  durch  Pressen,  Zur  Verseifung  dient  ein
kölzerner,  mit  Rührvorrichtung  versehener  Bottich ­
  in  dem  ein  gewundenes  Dampfrohr  liegt.
Eierin  wird  der  Talg  durch  einströmenden  Dampf
Geschmolzen,  darauf  das  Rührwerk  in  Gang  gesetzt ­

  und  eine  Milch  aus  frisch  gebranntem  und
gelöschtem  Kalk  hinzugesetzt.  Die  anfangs  flüssige ­
  Masse  wird  während  des  Rührens  und
Kochens  immer  zäher,  und  schließlich  scheidet
sich  die  unlösliche  Kalkseife  in  Klumpen  aus.
Sie  ist  eine  Verbindung  der  Fettsäuren  des
Talges  mit  Kalk,  während  sich  nebenbei  Glyzerin ­
  (s.  d.)  gebildet  hat,  das  in  der  Flüssigkeit
gelöst  bleibt.  Die  Verseifung  dauert  etwa  einen
halben  Tag.  Die  gebildete  Kalkseife  wird  gewaschen ­
  und  die  bröcklige  Masse  zwischen  gerieften ­
  Walzen  in  ein  grobes  Pulver  verwandelt.
In  einem  mit  Blei  ausgeschlagenen  Dampfbottich
ohne  Rührwerk  erwärmt  man  dann  das  Seifenpulver ­
  unter  Zusatz  von  verdünnter  Schwefelsäure
durch  Dampf.  Die  Säure  zersetzt  die  Seife  und
bildet  mit  dem  Kalk  Gips,  während  die  freigewordenen ­
  Fettsäuren  wie  ein  dünnes  Öl  obenauf ­
  schwimmen.  Das  letztere  wird  abgezogen,
durch  gründliches  Waschen  mit  immer  erneuerten ­
  Mengen  von  Wasser  gereinigt  und  in
blecherne  Kästen  gebracht,  in  denen  es  zu  viereckigen, ­
  bräunlichen  Tafeln  erstarrt.  Diese  werden ­
  in  Wolltücher  eingeschlagen  und  abwechselnd ­
  mit  eisernen  Platten  in  hydraulischen
Pressen  einem  hohen  Druck  aufgesetzt.  Die
nicht  festen  Fettsäuren  fließen  dabei  als  ölartige
Masse  größtenteils  ab,  das  Gemenge  von  Stearinsäure ­
  und  Palmitinsäure  hingegen  hinterbleibt
glänzend  weiß  und  ganz  trocken.  An  Stelle
des  Kalks  wird  neuerdings  vielfach  Magnesia
angewandt.  Zur  Verarbeitung  von  Palm-  und
Kokosnußöl  sucht  man  diesen  vor  der  Verseifung ­
  das  Olein  durch  Pressen  zu  entziehen,
indem  man  sie  schmilzt,  langsam  abkühlen  läßt
und  auspreßt.  —  Eine  andere,  vielfach  zur  Anwendung ­
  kommende  Methode  beruht  auf  der
Entdeckung,  daß  sich  die  Fette  nicht  nur
durch  Alkalien,  sondern  auch  durch  starke
Schwefelsäure  zersetzen  lassen.  Diese  Säure  verbindet ­
  sich  sowohl  mit  dem  Glyzerin  als  mit
den  Säuren  der  Fette.  Die  erstere  Verbindung
ist  löslich,  die  letztere  nicht,  wird  aber  durch
heißes  Wasser  leicht  wieder  in  freie  Schwefel
säure  und  freie  Fettsäuren  zerlegt.  Das  hierauf
gegründete  neuere  Verfahren  führt  schneller  und
billiger  zum  Ziele  und  läßt  sich  auf  alle  möglichen ­
  Fette  bis  herab  zu  dem  Seifenwasser  der
Wollspinnereien  ausdehnen.  Man  bringt  die  Fette
nebst  der  Säure  in  einen  eisernen,  mit  Blei  ausgelegten ­
  Behälter  und  läßt  unter  fortwährendem
Rühren  Wasserdampf  darauf  wirken.  Die  zersetzte ­
  Masse  wird  in  einem  anderen,  großen  Ge
fäße  gründlich  gewaschen  und  dann  in  große
Destillierblasen  gebracht,  welche  durch  freies
Feuer  erhitzt  sind,  während  im  Inneren  überhitzter ­
  Dampf  durch  die  Masse  strömt.  Sobald
die  Temperatur  bis  auf  300 0  gestiegen  ist,  destillieren ­
  die  Fettsäuren  mit  den  Wasserdämpfen
über,  werden  in  einem  Kühler  verdichtet  und
fließen  als  helle  Flüssigkeit  ab,  die  weiterhin
zu  einer  weißen  Masse  erstarrt.  Die  Spaltung
der  Fette  in  Fettsäuren  und  Glyzerin  kann  auch
durch  Anwendung  von  überhitztem  Dampf  allein,
ohne  Beihilfe  von  Schwefelsäure,  erfolgen.  Das
S.  ist  in  Tafeln  und  Täfelchen  im  Handel,  wird
aber  meist  in  den  Fabriken  gleich  zu  Kerzen
verarbeitet  (s.  d.).  •—  Das  flüssige  Fett,  die
Ölsäure,  Stearinöl,  Olein  (lat.  Acidum  olei’ni-
        <pb n="434" />
        Stechapfel

428

Steinkohle

cum,  frz.  Acide  olöique,  engl.  Oleic  acid),  die  in
großen  Mengen  abfällt,  wird  zum  Putzen,  zum
Einfetten  von  Wolle  und  zur  Herstellung  weicher
Seifen,  Schmierseifen,  Schälseifen  benutzt.
Stechapfel  (Datura  Stramonium),  das  einjährige, ­
  widrig  riechende  Giftkraut  mit  weißen,
trichterförmigen  Blüten  und  stacheligen  Samenkapseln, ­
  das  sich  auf  Schutthaufen  und  wüsten
Plätzen  sowie  an  Wegen  aufhält  und  zu  der  Familie ­
  der  Nachtschattengewächse,  Solaneen,
  gehört,  findet  wie  die  meisten  Giftpflanzen
medizinische  Verwendung.  Man  benutzt  die  getrockneten ­
  Blätter  (lat.  Folia  stramonii,  frz.
Feuilles  de  stramoine,  engl.  Stramonium  leaves)
gepulvert  oder  in  Form  des  Extraktes  (lat.  Extractum
  stramonii,  frz.  Extrait  de  stramoine,  engl.
Extract  of  stramonium),  das  aus  frischem  Kraut
herzustellen  ist.  Außerdem  werden  auch  die
S.-Samen  (lat.  Semen  stramonii,  frz.  Semences
de  stramoine,  engl.  Stramonium  seeds)  in  gleicher
Weise  medizinisch  angewandt.  Die  Blätter  sind
zugespitzt  eirund,  buchtig  gezähnt,  dunkelgrün,
von  bitterlichsalzigem  Geschmack  und  widerlichem ­
  Geruch.  An  dem  bis  20  cm  langen  Blatte
ist  meist  der  10  cm  lange  Stiel  mit  vorhanden.
Die  Früchte  sind  stachlige  Kapseln  von  eiförmiger ­
  Gestalt  und  enthalten  etwa  2  mm  lange
Samen  von  schwarzbrauner  punktierter  Oberfläche ­
  und  weißem  Kern.  Die  ganze  Pflanze
ist  sehr  giftig,  doch  findet  sich  der  Giftstoff  am
reichlichsten  in  den  Samen.  Das  rein  abgeschiedene ­
  Alkaloid,  das  mit  Hyoszyamin  identisch  ist,
früher  aberDaturin  genannt  wurde,  kristallisiert
in  weißen,  glänzenden  Prismen  von  scharfem,
widrig  bitterem  Geschmack.  Außerdem  enthalten
die  Samen  noch  Atropin  und  fettes  Öl.  Die  S.-Blätter
  und  -Samen  ähneln  in  ihrer  medizinischen
Wirkung  der  Belladonna.  Die  Blätter  werden,
mit  Salpeter  gemischt,  als  Asthmakräuter  verordnet, ­
  auch  sind  die  sog.  Asthmazigarren  mit
einer  Einlage  von  S.-Blättern  versehen.
Steingut  (Fayence)  nennt  man  diejenigen
Tonwaren,  die  zum  Unterschiede  von  Porzellan
und  Steinzeug  eine  erdige  Masse  und  daher
poröse  Struktur  besitzen.  Sie  werden  in  feines  S.
oder  F.  und  in  gemeine  Fayence,  gemeines  S.
oder  Majolika  unterschieden.  Die  feine  Fayence, ­
  die  nach  der  Stadt  Faenza  in  Italien  benannt ­
  ist,  wird  aus  einem  feuerfesten,  fetten  und
plastischen  Ton  unter  Zusatz  von  Quarz  oder
Feuerstein  .hergestellt.  Das  Mahlen  und  Schlämmen ­
  der  Bestandteile,  ihre  Vereinigung  zu
Brühen,  das  Kneten  der  Masse  auf  Mühlen,
Durchziehen  durch  Filterpressen  und  die  weitere
Verarbeitung  auf  der  Töpferscheibe  oder  mit
Gipsformen  .stimmt  ganz  mit  der  Herstellung  des
Porzellans  überein,  geht  aber  einfacher  vonstatten, ­
  Weil  die  Masse  leichter  formbar  ist.  Die
getrockneten  Stücke  werden  in  Kapseln  zweimal
gebrannt,  erhalten  aber  zum  Unterschiede  von
Porzellan  die  größte  Hitze  beim  ersten,  dem  sog.
Biskuitbrand.  Nach  dem  ersten  Brand  werden
die  unter  Glasur  liegenden  Verzierungen  durch
Malerei  oder  Überdruck  aufgetragen.  Als  Farbstoffe ­
  finden,  wie  bei  Porzellan  und  Glas,  Chromoxyd ­
  für  Grün,  Kobaltoxyd  für  Blau,  Gemische
von  Kobalt-,  Mangan-  und  Kupferoxyd  für
Schwarz  und  Pink  Couleur  für  Violett  Anwendung. ­
  Vergoldungen,  Metallüster  und  reichere

Ausschmückungen  werden  nach  der  Glasur  aufgesetzt ­
  und  besonders  in  Muffeln  eingebrannt.
Die  Glasuren  sind  immer  stark  bleihaltig  und
bestehen  aus  einem  Glase,  das  vorher  aus  Kieselpulver, ­
  Soda.  Borax  und  Bleiweiß  oder  Mennige
zusammengeschmolzen,  dann  gestampft  und  mit
Wasser  fein  gemahlen  wurde.  Beim  zweiten
Brennen  überzieht  sich  das  S.  mit  einer  dünnen,
durchsichtigen  Glashaut,  welche  die  Grundfarbe
sehen  läßt  und  zur  Verdeckung  des  gelblichen
Tons  der  letzteren  meist  mit  etwas  Smalte  gebläut ­
  wird.  Die  gemeine  Fayence  (Majolika)
wird  aus  einem  mehr  oder  weniger  eisenschüssigen,
mit  Sand  und  Mergel  gemischten  Ton  durch
zweimaliges  Brennen  hergestellt.  Nach  dem  ersten
Brand  wird  die  Malerei  entweder  unter  Glasur
oder  auf  die  rohe  Glasur  aufgetragen  und  dann
mit  der  Glasur  eingebrannt.  Im  ersteren  Falle
verwendet  man  eine  durchsichtige,  im  letzteren
Falle  eine  undurchsichtige,  zinnhaltige  Glasur
oder  Email.  Weitere  Einzelheiten  siehe  unter
Ma  j  olika.
Steinkohle  (frz.  Houille,  Charbon  de  terre,
engl.  Coal,  Pitcoal).  Dieser  für  das  gewerbliche
und  Kulturleben  der  modernen  Menschheit  unentbehrliche ­
  Rohstoff  ist  pflanzlichen  Ursprungs
und,  nach  den  Versteinerungen  und  Abdrücken
zu  schließen,  aus  Farnkräutern,  Schachtelhalmen, ­
  Bärlappgewächsen  und  anderen
Kryptogamen  hervorgegangen.  Wahrscheinlich
erklärt  sich  ihre  Entstehung  in  der  Weise,  daß
die  Erzeugnisse  eines  üppigen  Wachstums  bei
feuchtem  und  tropischem  Klima  angehäuft  wurden ­
  und  unter  Bedeckung  mit  Niederschlagsmassen ­
  von  Sand  und  Schlamm,  aber  ohne  besonders ­
  hohe  Temperaturen,  eine  langsame  Reduktion ­
  durchmachten.  Im  Verlaufe  dieser  Umwandlung ­
  nahm  der  Gehalt  an  Sauerstoff  und
Wasserstoff  naturgemäß  ab,  derjenige  an  Kohlenstoff ­
  zu.  Die  S.  finden  sich  auf  der  ganzen  Erde
stets  unter  den  gleichen  Verhältnissen  und  enthalten ­
  auch  immer  dieselbe  Flora.  Es  muß
daraus  geschlossen  werden,  daß  zur  Zeit  ihrer
Entstehung  an  den  verschiedenen  Punkten  der
Erde  nahezu  dasselbe  Klima  geherrscht  hat.
Nach  ihrem  geologischen  Vorkommen  faßt  mal*
sie  zu  einer  besonderen  Formation,  der  Steinkohlen- ­
  oder  karbonischen  Formation,  zusammen, ­
  die  wohl  auch  in  Unter-und  Oberkarbon
unterschieden  wird.  Vorkommnisse  in  anderen
Formationen,  wie  in  der  Wealdenformation  i°
Schaumburg-Lippe,  sind  selten  und  nur  von  örtlicher ­
  Bedeutung.  Als  Grundlage  der  eigentlichen ­
  Kohlenformation  findet  sich  in  einige 0
Gegenden,  z.B,  in  England,  ein  Kalkstein  (Kohlenkalk), ­
  auf  dem  Schichten  von  Sandstein  und  Tonschiefern ­
  abwechselnd  mit  Kohlenschichten  lagern 1
In  Deutschland  fehlt  der  Kohlenkalk.  Die  Deck 6
wird  meist  durch  das  Rotliegende  gebildet.  Di e
Kohlenschichten,  Flötze,  deren  Mächtigkeit  z' v1 ’
sehen  wenigen  Zentimetern  bis  zu  mehreren
hundert  Metern  schwankt,  sind  bisweilen  hör*",
zontal  gelagert  oder  auch  durch  Verwerfung 60
gestört  und  bilden  meist  flache  Mulden  (Kohlenbecken ­
  oder  -bassins),  deren  Ränder  vielfach
zutage  treten.  Die  reichsten  Kohlenlager  ha*
Nordamerika,  dessen  Kohlenbecken  ein®
Fläche  von  mehr  als  6000  Quadratmeilen  h e '
decken.  In  Europa  hatte  England  die  größt® 0
        <pb n="435" />
        Steinkohle

429

Steinpilz

Kohlenschätze,  deren  Wert  um  so  höher  ist,  als
sie  leicht  zugänglich  sind  und  vielfach  nahe  am
Meere  liegen.  Sie  sind  aber  der  Erschöpfung
näher  als  die  Vorräte  Deutschlands,  das  sehr
ergiebige  Flötze  im  Saargebiet,  ferner  zwischen
Lüttich  und  Aachen,  in  Westfalen,  im  Ruhrgebiet, ­
  in  Sachsen  und  besonders  in  Oberschlesien
besitzt.  Die  deutsche  Förderung  belief  sich  in
den  letzten  Friedensjahren  auf  153  Millionen
Tonnen  im  Werte  von  11/2  Milliarden  Mark.  Die
gesamten  Vorräte  wurden  zu  158  Milliarden
Tonnen  geschätzt,  deren  Erschöpfungsdauer  auf
über  ein  Jahrtausend  hinausgeht.  Reich  an
Kohlen  sind  vor  allem  auch  Belgien  und  China.
—  Nach  ihrem  Aussehen,  ihrer  Herkunft  und
Zusammensetzung  unterscheidet  man  zahlreiche
Kohlensorten.  Die  zwei  Hauptabteilungen  bilden
die  sog.fette  und  die  magereKohle,  vondenen
die  erstere  bei  der  trocknen  Destillation  eine
große  Ausbeute  an  gasförmigen  Stoffen  liefert.
In  England  unterscheidet  man  Back-,  S'plintoder
  harte  Kohle,  Kirschkohle  oder  weiche
Kohle,  Kännel-  und  Bogheadkohle.  Die
Kannel-K.  (Candle-  oder  Kerzenkohle)  gehört  zu
den  Sandkohlen,  ist  am  reichsten  an  Bitumen,
daher  von  niedrigem  spez.  Gew.,  sehr  leicht  entzündlich ­
  und  brennt  mit  schön  weißer,  langer,
kerzenartiger  Flamme.  Neben  74,50/0  Kohlenstoff
enthält  sie  5,4%  Wasserstoff  und  19.6°/o  Sauerstoff, ­
  ist  aber  sehr  arm  an  Asche.  Bei  der
trockenen  Destillation  gibt  sie  44%  flüchtige
Stoffe  ab  und  bildet  daher  eine  vortreffliche
Gaskohle.  Die  schottische  Bogheadkohle,  die
eigentlich  eher  als  ein  fester,  nicht  abfärbender
Brandschiefer  anzusehen  ist,  verhält  sich  der
vorigen  ganz  gleichartig.  Nach  anderen,  besonders ­
  mineralogischen  Gesichtspunkten  unterscheidet ­
  man  noch  folgende  Sorten:  Glanzkohle, ­
  eine  spröde,  samtschwarze  Kohle  von
starkem  Glanze  und  muscheligem  Bruch,  wird
hauptsächlich  zur  Herstellung  von  Leuchtgas
benutzt.  Pechkohle  gehört  wegen  ihres  hohen
Bitumengehaltes  zu  den  Back-  oder  Sinterkohlen.
Sie  ist  schwarz  und  pechglänzend,  nicht  abfärbend, ­
  besitzt  muscheligen  Bruch  und  ist  leicht
entzündlich.  Die  Rußkohle  (Faserkohle)  ist
"weich  und  glanzlos,  oft  beinahe  erdig  und  stark
abfärbend.  Die  Schieferkohle  besteht  aus
Parallelen  Schichten  von  teils  glänzender,  teils
Platter  Oberfläche  und  würfligem  oder  splittrigem
Bruch.  Nach  der  Dicke  der  Schichten  teilt  man
sie  in  Grobkohle  und  Blätterkohle.  Anthrazit
endlich  ist  eine  harte,  schwarz  glänzende  Masse
von  muscheligem  Bruch  und  hohem  spez.  Gew.
In  chemischer  Hinsicht  kommt  er  dem  Graphit
am  nächsten,  besteht  fast  ganz,  zu  92—97  0/0,  aus
Kohlenstoff,  ist  daher  schwer  entzündlich  und
brennt  langsam  ohne  Flamme  und  Rauch.  Er
eignet  sich  nicht  zur  Herstellung  von  Leuchtgas,
bildet  aber,  besonders  in  Amerika  und  für  sog.
amerikanische  Öfen,  ein  wertvolles  Heizmittel.
Mach  der  Größe  der  Stücke  unterscheidet  man
noch  Stückkohle,  Würfelkohle,  Knorpelkohle ­
  und  Ko  hlen  kl  ein.  Das  letztere  wird
nieist  zu  Briketts  (s.  d.)  verarbeitet.  Die  Stücke
unterwirft  man  bisweilen  einem  Waschprozeß,  um
die  erdigen  Bestandteile  und  den  Kohlenstaub  zu
e ntfernen,  und  bezeichnet  sie  dann  als  Waschbohle. ­
  Der  Verkauf  geschieht  vielfach  nach

Maß  (Hektoliter)  bzw.  unter  Umrechnung  auf
Gewicht.  Im  Eisenbahnverkehr  fassen  die  Kastenwagen ­
  (Loren)  in  der  Regel  eine  bestimmte  Anzahl ­
  von  Zentnern.  Die  Kohle  findet  besonders
für  drei  Zwecke:  als  Heizmittel,  zur  Herstellung
von  Leuchtgas  und  zur  Eisengewinnung  in  ungeheuren ­
  Mengen  Anwendung.  Der  Heizwert
richtet  sich  hauptsächlich  nach  dem  Gehalte  an
Kohlenstoff  und  Wasserstoff,  während  der  Sauerstoffgehalt ­
  ihn  erniedrigt.  Je  weniger  Kohlenstoff
vorhanden  ist,  um  so  leichter  brennt  die  Kohle;
je  .kohlenstoffreicher  sie  ist,  um  so  stärkeren
Zug  .(Sauerstoffzufuhr)  verlangt  sie,  erzeugt  allerdings ­
  auch  um  so  größere  Hitze.  Die  Gasanstalten ­
  gebrauchen  die  stark  bituminösen  Kohlen, ­
  während  die  Eisenhütten  besonders  schwefelfreie ­
  Kohlen  verlangen.  Sie  bedienen  sich  daher
meist  der  bei  der  trocknen  Destillation  hinterbleibenden ­
  Rückstände,  der  Koks,  die  völlig
schwefelfrei  sind  und  aus  nahezu  reinem  Kohlenstoff ­
  bestehen.
Steinnuß  (Elfenbeinnuß,  Taguanuß,  Corusco,
  vegetabilisches  Elfenbein)  nennt
man  die  Samen  der  zu  den  Pandaneen  gehörenden ­
  Elfenbeinpalme,  Phytelephas  ma-Crocarpa,
  die,  in  Peru  und  Kolumbien  heimisch,
jetzt  in  allen  Tropenländern  vorkommt.  Die
kokosnußähnlichen  Früchte  enthalten  80—120
Samen  von  der  Größe  einer  Kastanie  bis  zu
Hühnereigröße  und  länglich  eiförmiger,  etwas
flachgedrückter  Gestalt.  Die  gelblichbraune  bis
braunschwarze  Schale  umschließt  ein  weißes,  ungewöhnlich ­
  hartes  Sameneiweiß,  das  sich  gut  auf
der  Drehbank,  aber  nur  nach  längerem  Einweichen ­
  mit  dem  Messer  bearbeiten  läßt.  Für  die
chemische  Zusammensetzung  werden  folgende
Werte  angegeben;  Wasser  13,20%,  Protein
4,60%,  Fett  0,96%,  stickstofffreie  Extraktstoffe
64,10%,  Rohfaser  16,20%,  Asche  1,30%.  Von
den  zahlreichen  Handelssorten  sind  Kartagena,
Panama,  Kolon  und  Savanilla-Bastard  am  größten, ­
  Para,  Manta  und  Guayaquil  am  kleinsten,
während  Amazonas,  Marzellino,  Esmeralda,  San
Lorenzo,  St.  Blas  und  Tumaco  in  der  Mitte
stehen.  Palmyranüsse  sind  etwas  länglicher,  Coquillos
  an  einer  Seite  lang  zugespitzt.  Die  als
Fiji-  oder  Tahiti-  bezeichnten  sehr  großen,  bis
apfelgroßen,  Nüsse  stammen  von  einer  anderen
Pandanee,  Coelococcus  carolinensis.  Die
in  Menge  von  gegen  20000  t  jährlich  nach
Deutschland  eingeführten  St.  finden  vielfache
Verwendung  zu  Drechslerarbeiten  (Knöpfe),  die
Drehspäne  und  anderen  Abfälle  als  Futtermittel,
Streumehl  (s.  d.)  und  Kaffee-Ersatz  sowie  zum
Verfälschen  von  Gewürzen.  An  ihren  stark  verdickten ­
  Zellen  sind  sie  unter  dem  Mikroskope
leicht  erkennbar.
Steinpilz,  Herrenpilz  (Boletus  edulis),  ein
sehr  geschätzter  Röhrenpilz,  findet  sich  im
Sommer  und  Herbst  in  Gebüschen,  Laub-  und
Nadelwäldern  und  kommt  in  großen  Massen  auf
den  Markt.  Der  meist  10—20  cm  breite  nackte
Hut  ist  hell-  bis  dunkelbraun,  die  Röhrenschicht
anfangs  weißgelb,  später  grüngelb,  nie  rot,  das
Fleisch  fest  und  weiß,  beim  Bruch  sich  nie  verfärbend. ­
  Der  bis  16  cm  hohe  Stiel  von  verschiedener, ­
  meist  Keulenform  ist  netzartig  gezeichnet,
blaßbräunlich  und  bei  jungen  Pilzen  stark  knollig,
der  Geruch  und  Geschmack  mild.  Der  in  der
        <pb n="436" />
        Steinzeug

430

Stempelfarben

Form  ähnliche  und  mit  ihm  bisweilen  verwechselte ­
  stark  giftige  Satanspilz  (Boletus  satanas)
  unterscheidet  sich  vom  St.  durch  die  an
den  Mündungen  blutroten  Röhrchen,  die  oberwärts
  gelbe  Farbe  und  die  netzartige  orangefarbige ­
  Zeichnung  des  Stiels  sowie  die  dunkle  bis
blauschwarze  Verfärbung  der  Bruchstellen.  —
Von  eßbaren  Pilzen  der  Gattung  Boletus  seien
noch  angeführt:  der  Birken-  oder  Kapuzinerpilz ­
  (B.scaber),  der  Butter-  oder  Ringpilz  (B.
luteus),  der  Kuhpilz  (B.  bovinus),  die  Ziegenlippe ­
  (B.  subtomentosus),  der  Maronenpilz  (B.
badius),  der  Schmerling  (B.  granulatus).  Ungenießbar ­
  ist  der  Gail  en-Röhrl  ing  (B.  felleus).
Bezüglich  der  kennzeichnenden  Merkmale  sei  auf
das  vom  Reichsgesundheitsamt  herausgegebene
Pilzmerkblatt,  hinsichtlich  des  Nährwerts  auf
den  Abschnitt  Pilze  verwiesen.  —  Die  eßbaren.
Pilze  der  Gattung  Boletus  kommen  sowohl  in
frischem  Zustande  wie  auch  getrocknet  und  als
Dosenkonserven  in  den  Handel.
Steinzeug.  Dieser  Begriff  umfaßt  eine  Klasse
harter  Tonwaren,  die  in  zwei  sehr  verschiedene
Gruppen  zerfällt,  nämlich  in  feine  Ware,  die
mehr  oder  weniger  dem  Luxus  dient,  und  in
gemeine,  welche  die  als  steinerne  bezeichn
neten  Gebrauchsgegenstände  umfaßt.  Das  gemeinsame ­
  Merkmal  beider  liegt  darin,  daß  die
Masse  durch  heftiges  Brennen  gesintert,  daher
hart,  dicht  und  glattbrüchig  ist.  Sie  unterscheidet
sich  demnach  sofort  von  der  erdig  brechenden
gewöhnlichen  Töpferware  und  nähert  sich  dem
Porzellan,  von  dem  sie  aber  wieder  dadurch  abweicht, ­
  daß  sie  niemals  irgendeine  Durchscheinbarkeit
  zeigt.  Die  Masse  brennt  sich,  je  nach  der
Tonsorte,  entweder  ganz  weiß,  oder  grau,  bläulich ­
  oder  braun.  Man  verleiht  ihr  aber  oft  absichtlich ­
  bestimmte  Farbentöne  durch  Zusatz  von
Eisen-  und  anderen  Metalloxyden,  welche  dann
zugleich  als  Flußmittel  dienen.  Andere,  nicht
färbende  Flußmittel  sind  Feldspat,  Gips,  Kalk,
Baryt  und  Knochenasche.  Da  die  Masse  schon
an  sich  wegen  ihrer  Dichtigkeit  für  Flüssigkeiten
undurchdringlich  ist,  erscheint  eine  Glasur  nicht
erforderlich.  Wird  eine  solche  bei  gewöhnlichen
Waren  aber  trotzdem  gefordert,  so  wendet  man
in  der  Regel  die  Salzglasur  in  der  Weise  an,
daß  man  in  den  weißglühenden  Brennofen  einige
Handvoll  Kochsalz  (Chlornatrium)  wirft.  Dieses
verflüchtigt  sich  bei  der  hohen  Temperatur  rasch,
die  Dämpfe  kommen  mit  den  Gegenständen  in
Berührung  und  bilden  hier  ein  aus  kieselsaurem
Natron,  Tonerde  und  Eisenoxyd  bestehendes
Glas,  das  als  dünner,  aber  sehr  harter  Überzug
auf  dem  S.  haftet.  Von  dem  unglasierten  feinen
S.  ist  das  englische  Wedgewoodgeschirr  am
berühmtesten.  Die  Ausschmückung  der  feinen
Steinzeugwaren,  die  sich  noch  in  weiße  und
farbige  sondern  lassen,  fällt  mehr  in  das  Gebiet
der  Formkunst  als  in  das  der  Malerei.  Die
Masse  ist  weit  bildsamer  als  der  Porzellanton,
und  alle  Verzierungen  erscheinen  daher  schärfer,
und  zwar  um  so  mehr,  als  sie  von  keiner  Glasur
nachträglich  abgestumpft  werden.  Sehr  schöne
Wirkungen  werden  dadurch  erzielt,  daß  man  auf
den  Grund  der  Gefäße  erhabene  Bildungen  von
anders  gefärbter  Tonmasse  aufsetzt  (Applikation). ­
  Die  verschiedenen  Färbungen  werden  der.
Billigkeit  halber  bisweilen  dadurch  erzeugt,  daß

man  nur  eine  farbige  Oberfläche  durch  Anguß
einer  verdünnten  farbigen  Masse  hervorbringt.
Manche  Waren  werden  bronziert,  andere  mit
Firnisfarben  überzogen,  sehr  häufig  ist  auch  die
Anwendung  der  sog.  Metallüster.  —  Von  deutschen ­
  Fabriken  zur  Herstellung  der  Steinzeugwaren ­
  nach  englischer  Art  finden  sich  die  bekanntesten ­
  zu  Mettlach  und  Wallerfangen  im
(Trierschen  und  zu  Steinau  in  Hessen.  Manche
Waren  haben  sich  aus  alter  Zeit  bis  heute  erhalten, ­
  so  das  beliebte,  zart  graue  Kölner  Geschirr, ­
  die  in  Bayern  noch  gebräuchlichen  Bierkrüge ­
  mit  smalteblauen  ,  Verzierungen  und  das
braune  Bunzlauer  Geschirr.  Letzteres  ist  eine
Angußware  mit  gelblichem  Körper  und  braunem
Überzug.—Von  gemeinem  S.  wurden  einzelne
Gegenstände,  namentlich  die  Mineralwasserkrüge,
früher  in  ungeheuren  Mengen  verbraucht,  doch
versendet  man  neuerdings  die  Mineralwässer
häufiger  in  Glasflaschen.  Wegen  der  Undurchdringlichkeit ­
  der  Masse  für  ■  Flüssigkeiten  und
Gase,  auch  ohne  Glasur,  sowie  ihrer  Unangreifbarkeit ­
  durch  ätzende  Flüssigkeiten  wird  sie
aber  noch  jetzt  für  viele  andere  gewerbliche  Gerätschaften ­
  angewandt,  so  zu  Wasserleitungsröhren, ­
  großen  Säureflaschen,  Woulfschen  Flaschen, ­
  Retorten  und  anderen  Apparaten  der
chemischen  Industrie,'  großen  Wasserständern,
Einlegfässern  u.  dgl.  Derartige  Großstücke  von
oft  riesigen  Abmessungen,  die  sich  nur  schwierig
formen  und  brennen  lassen,  werden  schon  seit
langer  Zeit  in  England  hergestellt,  doch  ist  dieser
Zweig  auch  in  Deutschland  durch  viele  Fabriken
vertreten.  In  den  Rheinlanden  wird  die  Herstellung ­
  gewöhnlichen  S.  von  alten  Zeiten  her  in
einer  Gruppe  von  Dörfern  des  Regierungsbezirkes ­
  Koblenz  betrieben,  deren  Hauptgeschäft  diese
Industrie 1  bildet.  Die  Gegend  heißt  daher  allgemein ­
  das  Krugbäckerland.  Den  Rohstoff  bildet ­
  ein  vortrefflicher  Ton,  der  sog.  Kölner  Ton,
der  in  dortiger  Gegend  massenhaft  lagert,
selbst  Gegenstand  des  Handels  ist  und  weit  versandt ­
  wird.  Man  unterscheidet  i.  Krugbäcker,
die  Mineralwasser-  und  Branntweinflaschen  (zu
Genever,  Steinhäger)  anfertigen,  2.  Kannenbäcker, ­
  die  hauptsächlich  die  in  Bayern  üblichen ­
  Bierkrüge  und  bauchigen  Kannen  drehen
und  durch  Bemalen  mit  Smalte  verzieren,  3.Weiß:
Warenfabriken,  welche  die  für  den  Haushalt
gebrauchten  Geschirre,  Töpfe,  Schüsseln  und
Einmachegefäße,  ferner  Büchsen  für  Apotheker,
zu  Wichse,  Senf  u.  dgl.,  und  endlich  für  chemische ­
  Fabriken  Säureballone,  Woulfsche  Flaschen,
Retorten  und  Wasserleitungsröhren  herstellen-Zum
  Gebrauch  über  Feuer  können  Steinzeuggeschirre ­
  nicht  benutzt  werden,  weil  sie  dem
Zerspringen  sehr  unterworfen  sind.
Stempelfarben  sind  Gemische  von  organischen
oder  unorganischen  Farbstoffen  mit  Klebe-  und
Bindemitteln,  wie  Leim,  Gpmmi,  Dextrin  und
Fetten.  Für  Metallstempel  eignet  sich  besonders ­
  Karmin,  Zinnober,  Kienruß  oder  irgendein ­
  öllöslicher  Teerfarbstoff  mit  Leinölfirnis  oder
mit  Firnis  und  Rizinusöl.  Für  Kautschukstempel ­
  verwendet  man  Mischungen  von  Anilinfarben
mit  Dextrin,  Wasser  und  Glyzerin.  Fleischbeschauer ­
  benutzen  meist  eine  Lösung  von
drei  Teilen  Methylviolett  in  je  50  Teilen  Glyzerin
und  Alkohol.  Als  S.  für  Säcke  eignet  sich  eine
        <pb n="437" />
        Stemanis

431

Störe

Abkochung  von  Blauholz  und  Galläpfeln,  die
ßiit  Essig,  Alaun  und  Eisenvitriol  und  darauf
mit  Gummiarabikum  und  Terpentin  gemischt
■wird.  Zum  Zeichnen  der  Wäsche  wird  meist
ein  Gemisch  von  ammoniakalischer  Silbedösung
mit  Soda  und  Gummiarabikum  benutzt.
Sternanis  (Badian,  lat.  Fructus  anisi  stellati,
Semen  badiani,  frz.  Badiane  ou  Anise  ötoilö,
engl.Star  anise)nemnt  man  die  würzigen  Früchte
eines  im  östlichen  Asien  heimischen,  in  China
häufig  angebauten,  immergrünen  Baumes  aus
der  Familie  der  Magnoliazeen,  Illicium  anisatum,
  der  auch  in  Japan  und  auf  den  Philippinen ­
  gezogen  wird.  Der  Name  rührt  von  der
eigenartigen  Form  der  Frucht  her,  die  aus  fünf
bis  acht  schotenförmigen,  mit  den  Spitzen  aufwärts ­
  gebogenen  Fächern  sternförmig  zusammengesetzt ­
  ist.  Bei  der  Fruchtreife  springen  die
Fächer  oben  auf  und  bilden  nun  kahnförmige
Gebilde,  in  denen  je  ein  linsenförmiger,  glänzend ­
  hellrotbrauner  Samenkern  sichtbar  ist.  In
der  Handelsware  finden  sich  die  unversehrten
Früchte  meist  mit  Bruchstücken  und  ausgefallenen ­
  Körnern  vermengt.  Die  holzigen,  zerbrechlichen ­
  Hülsen  oder  Kapseln  sind  außen  graubraun ­
  und  runzelig,  innen  glatt  und  braunrot.
Die  Droge  hat  einen  starken  Geruch  nach  Anis
und  einen  würzig  süßlichen,  etwas  brennenden
Geschmack.  Sie  wird  hauptsächlich  als  Gewürz,
doch  auch  bisweilen  medizinisch  als  Bestandteil
v on  Brusttee  und  anderen  Tees  angewandt.  Das
dem  eigentlichen  Anisöl  sehr  ähnliche  ätherische
Ol  findet  sich  am  reichlichsten,  bis  zu  s  o/o,  in
den  Kapseln,  in  den  Kernen  hingegen  nur  zu
2 %,  und  wird  meist  schon  in  China  durch  Destillation ­
  der  frischen  ganzen  Früchte  dargestellt.
—-  Das  Sternanisöl  (lat.  Oleum  anisi  stellati,
frz.  .Essence  de  badiane  'ou  d’anise  ötoilö,  engl.
Oil  of  Star  anise)  wird  in  ziemlich  erheblicher
Menge  aus  Südchina  bezogen  und  in  Blechkanistern ­
  versandt,  die  mit  dem  bekannten  graugrünen, ­
  mit  chinesischen  Schriftzeichen  versehenen ­
  Papier  beklebt  sind.  Das  spez.  Gew.  des  Öles
liegt  zwischen  0,980  und  0,990,  der  Erstarrungs-Punkt
  bei  —f—  14  bis  -f-18  °.  Sternanisöl  löst
sich  in  drei  Teilen  900/oigem  Spiritus  klar  auf.
Neben  Safrol,  durch  dessen  Anwesenheit  es
sich  von  Anisöl  unterscheidet,  sind  als  wichtigste ­
  Bestandteile  Anethol,  Methylchavikol
Und  Pinen  zugegen.  Das  öl  wird  hauptsächlich
tur  Herstellung  von  Likören  benutzt.  In  der
Medizin  dient  es,  wie  Anisöl,  als  würzhaftes,  erwärmendes ­
  Mittel.  —  Von  den  bisweilen  beobachteten ­
  Verwechslungen  mit  anderen  ähnlichen
Samen  ist  besondere  Vorsicht  gegenüber  den
Früchten  der  in  Japan  heimischen  Art  Illicium
r eligiosum  geboten,  die  wegen  des  Gehaltes  an
den  Glykosiden  Shikimin  und  Shikiminsäure
giftig-  wirken.  Man  erkennt  sie  leicht  an  der  gefingeren
  Größe  und  dem  stark  zurückgebogenen
Schnabel  am  Ende  eines  jeden  Fachs.
Sternwurzel  (Sterngraswurzel,  Leuchtsternwurzel,
  Kolikwurzel,  engl.Blazingstar),
e ir»e  in  Nordamerika  sehr  bekannte  und  allgemein ­
  als  Hausmittel  angewandte  Droge,  die
Ueuerdings  auch  in  Europa  als  Arzneimittel
empfohlen  wird,  stammt  von  der  Liliazee  Alexis ­
  farinosa  und  besteht  aus  einem  wagefechten,
  s—8  cm  langen  Wurzelstock  von  0,4  bis

1,0  cm  Dicke.  Der  letztere  ist  oben  glatt,  unten
konkav  und  mit  hellgrauen,  faserigen  oder  schuppigen ­
  Blattresten  besetzt  und  trägt  an  seiner
unteren,  konkaven,  Fläche  zahlreiche,  einfache,
im  älteren  Zustande  'glänzendschwarze,  im  jüngeren ­
  braune  oder  weißliche  Wurzelfasern  von
S—8  cm  Länge.  Das  Innere  des  Wurzelstockes
ist  meist  mehlig,  von  zerstreuten  Netzbündeln
durchzogen,  der  Geschmack  anfangs  nur  mehlig,
später  aber  sehr  bitter.
Stickoxydul,  N 2 0,  bildet  im  verflüssigten  Zustande ­
  einen  Gegenstand  des  Handels  upd  wird
ähnlich  wie  die  flüssige  Kohlensäure  in  eisernen
Flaschen  versandt.  Es  wird  hauptsächlich  von
Zahnärzten  zum  Betäuben  an  Stelle  des  Chloroforms ­
  benutzt  und  wegen  eines  eigentümlichen
Zustandes  der  Berauschung,  den  es  erzeugt,
Lachgas  oder  Lustgas  genannt.  Man  gewinnt
das  S.  durch  Erhitzen  von  Ammoniumnitrat  als
ein  färb-  und  geruchloses,  nur  aus  Stickstoff
und  Sauerstoff  bestehendes  Gas  von  süßlichem
Geschmack.  Es  ist  i.szmal  schwerer  als  Luft
und  wird  bei  o°  unter  einem  Drucke  von  30  Atmosphären ­
  flüssig.  Unter  gewöhnlichem  Luftdruck ­
  bildet  es  erst  bei  —88°  eine  farblose
Flüssigkeit,  die  bei  —  100 0  C  zu  einer  eisartigen
Masse  erstarrt.
Stiefmütterchenkraut  (Dreifaltigkeitsblume, ­
  lat.  Herba  violae  tricoloris  seu  Herba
jaceae,  frz.  Pensee  sauvage,  engl.  Pansy),  das
getrocknete,  blau  blühende  Kraut  des  wild
wachsenden  Stiefmütterchens,  Viola  tricolor
  (L.),  wird  in  Apotheken  und  Drogenhandlungen ­
  als  blutreinigender  Tee  und  gelinde
wirkendes  Abführmittel  für  kleine  Kinder  verkauft. ­
  Es  besitzt  einen  nur  schwachen  Geruch
und  süßlich  schleimigen  Geschmack  und  enthält
als  wirksamen  Bestandteil  ein  Glykosid,  Violaquerzitrin,
  neben  Salizylsäurementhylester.  Es
muß  jährlich  frisch  gesammelt  werden.  In  vielen
Gegenden  werden  nur  die  Blüten  der  Pflanze
(lat.  Flores  violae  tricoloris  seu  Flores  jaceae,
frz.Fleurs  de  pensüe  sauvage,  engl.  Pansy  flowers)
als  Tee  verlangt.
Stillingiasamen  sind  die  talghaltigen  Samen
des  zu  den  Euphorbiazeen  gehörenden  Talgbaumes, ­
  Stillingia  sebifera  Michx.,  der  im
tropischen  Asien  und  China  vielfach  angebaut
wird.  Die  schwarzen  Samen  liegen  in  den  dreikantigen ­
  Früchten  in  einer  fettigen  Masse  von
gleicher  Zusammensetzung  wie  das  Samenfett
eingebettet  und  geben  beim  Auspressen  einen
weißen  Talg,  der  chinesischer  Talg,  vegetabilischer ­
  Talg  (frz.  Suif  d’Arbre,  engl.  Vegefable
  tallow  of  China)  genannt  wird  und  zur
Herstellung  von  Seifen  und  Kerzen  Verwendung ­
  findet.  Seine  Hauptbestandteile  sind  Palmitin ­
  und  Stearin.
Stiltonkäse,  ein  überfetter  englischer  Weich
käse,  der  in  dem  Dorfe  Stilton  in  der  Grafschaft ­
  Huntington  und  in  einigen  Gegenden  von
Leicestershire  bereitet  wird,  bildet  zylindrische
Stücke  von  15—20  cm  Durchmesser,  20—30  cm
Höhe  und  3—10  kg  Gewicht.  Er  ist  erst  gegen
Ende  des  zweiten  Jahres  genügend  reif  und  gilt
als  besonders  gut,  wenn  er  im  Inneren  von
Schimmel  durchsetzt  ist.
Störe,  Acipenseridae,  zu  den  Schmelzschuppern ­
  (Ganoidei)  gehörende  Fische  mit
        <pb n="438" />
        Storax

432

Stroh

schmackhaftem  Fleisch,  sind  besonders  wichtig
wegen  ihrer  Eier  (s.  Kaviar)  und  der  Schwimmblase ­
  (s.  Hausenblase),  i.  Der  Stör,  Acipenser
  sturio,  2—6  m  lang,  in  Europa  in
Flüssen  und  Meeren  außer  der  Donau  und  dem
Schwarzen  Meer,  2,  Sterlet,  Störl,  Acipenser
  ruthenus,  im  lang,  im  Schwarzen  Meere
und  den  größeren  Flüssen  Rußlands.  3.  Scherg,
Scherk,  Schörgel,  Sternhausen,  Acipenser
  stellatus,  2  m  lang,  ebendaselbst,  und
4,  Hausen,  Acipenser  huso,  bis  9m  lang
und  bis  600  kg  schwer.  —  Das  Fleisch  der  größeren ­
  Sorten  gleicht  dem  Kalbfleische  und  wird
besonders  in  Rußland  von  allen  Schichten  des
Volkes  genossen.  In  erster  Linie  gilt  das  Fleisch
des  Sterlet  als  besonders  schmackhaft.  Der  S.
liefert  die  Hauptmenge  des  Kaviars.  Seine
Sehnen  werden  zu  Peitschen  und  Treibstöcken
verarbeitet.
Storax  (lat.  Storax,  Styrax  liquidus,  Baisamum
storacis,  frz.  Styrax  liquide,  engl.  Liquid  storax)
ist  der  Balsam  eines  in  Kleinasien  und  Syrien
Wälder  bildenden  stattlichen  Baumes  aus  der  Familie ­
  der  Hamamelidazeen,  Liquidambar
orientalis,  dessen  lockere  Innenrinde  in  Säcken
aus  Pferdehaar  ausgepreßt  oder  ausgekocht  wird.
Der  abgeschöpfte  St.  gelangt  über  Smyrna,  Konstantinopel, ­
  Syra  und  Alexandria  in  Fässern  oder
Kanistern  nach  Europa,  doch  wird  im  Orient
selbst  sehr  viel  davon  verbraucht.  Der  Balsam
ist  im  frischen  Zustande  zähflüssig  wie  Terpentin,
von  grauer  oder  graugrünlicher  Farbe  und  durch
beigemischtes  Wasser  getrübt  und  wird  in  der
Regel  noch  mit  einer  Schicht  Jasser  bedeckt
in  den  Handel  gebracht.  Der  Geruch  ist  stark
und  vanilleähnlich,  der  Geschmack  würzhaft  und
brennend  scharf.  Alkohol,  Äther,  Essigäther,
Methylalkohol,  Eisessig,  Azeton  und  Amylalkohol ­
  lösen  den  S.  fast  vollständig  mit  brauner
Farbe.  Das  spez.  Gew.  beträgt  1,112—r,  115,  der
Aschengehalt  soll  1%,  der  Wassergehalt  30  0/0
nicht  übersteigen.  S.  enthält  außer  Harz  Styrazin,
  Styrol,  Zimtsäure,  Vanillin  und  mehrere ­
  Zimtsäureester,  wird  aber  häufig  durch  Terpentin, ­
  Kolophonium  und  fette  öle  verfälscht.
Da  die  ursprüngliche  Ware  oft  mit  Holz-  und
Rindenstücken  versetzt  ist,  wird  in  der  Medizin
gegen  Krätze  und  andere  Hautkrankheiten
ein  gereinigtes  Erzeugnis  (lat.  Styrax  depuratus,
  frz.  Styrax  purifiö,  engl.  Prepared  storax)
benutzt,  zu  dessen  Herstellung  man  den  S.  in
Alkohol  löst,  filtriert  und  eindampft.  Der  so  gereinigte ­
  Balsam  ist  eine  sirupdicke  Flüssigkeit
von  dunkelbrauner  Farbe.  Die  rohe  Ware  wird
hauptsächlich  zu  Räuchermitteln  und  Parfümerien, ­
  Ofenlack  und  Räucherkerzen  verbraucht
und  in  weingeistiger  Lösung  vielen  gemischten
Parfüms  zugesetzt,  um  ihren  Geruch  haltbarer
zu  machen.  —  Als  fester  S,  (lat.  Styrax  solidus
seu  calamitus)  finden  sich  braune,  bröckelige
Massen  im  Handel,  die  Storaxgeruch  haben  und
ebenfalls  zu  Räuchermitteln  dienen.  Ursprünglich ­
  bestanden  sie  aus  den  wohlriechenden  Rindenrückständen ­
  von,  der  Balsamgewinnung,  jetzt
vielfach  aus  einem  Gemisch  von  Sägespänen
mit  S.  und  anderen  Riechstoffen,  das  erst  in
Triest  zusammengeknetet  wird.  —  Ein  anderer,
von  dem  vorigen  ganz  verschiedener  Baum  oder
baumartiger  Strauch  aus  dem  südlichen  ,  Europa

und  dem  Orient,  Styrax  officinalis,  liefert
einen  S.  in  Körnern  oder  Tränen,  der  aber  nur
noch  selten  im  Handel  vorkommt.
Strachino-Käse,  ein  italienischer  Fettkäse,  wird
in  ähnlicher  Weise  wie  der  Gorgonzola  aus
Vollmilch  oder  aus  Vollmilch  mit  Rahmzusatz
hergestellt  und  enthält  nach  König:  38,01  °/o
Wasser,  23,390/0  Stickstoffsubstanz,  34,04%  Fett
und  4,70  %  Asche.
Stranfafaser,  ein  von  der  mechanischen  Weberei ­
  von  Gröning  in  Messen  bei  Rheine  aus  Strohfaser ­
  hergestellter  Juteersatz  für  grobe  Stricke,
Polster-,  Filz-  und  Kabelfabrikation.
Streumehle  sind  Backhilfsmittel,  die  neuerdings ­
  an  Stelle  des  Brotmehles  zum  Bestreuen
der  Brotlaibe  und  der  Backschüsseln  benutzt  werden,
um  das  Ankleben  des  Teiges  auf  der  Unterlage  zu
verhindern.  Siebestehen  in  der  Regel  aus  technisch
reinem  Holz-,  Stroh-,  Spelz-,  Schilf-  oder  Steinnußmehl, ­
  während  ein  Zusatz  von  Gips,  Kreide
oder  anderen  Mineralstoffen  unzulässig  ist.  Die
St.  dürfen  nur  an  der  Oberfläche  des  Gebäcks
haften,  das  Einkneten  in  den  Teig  hat  als  Verfälschung ­
  zu  gelten.
Stroh  (Gestroh)  nennt  man  die  oberirdischen ­
  Teile  landwirtschaftlicher  Nutzpflanzen,  die
nach  vollendeter  Reife  von  den  Samen  befreit
worden  sind  und  zum  Teil  als  Futtermittel
oder  zur  Einstreu,  zum  Teil  für  technische
Zwe.cke,  wie  zur  Herstellung  von  Papier,  Verwendung ­
  finden.  Praktische  Bedeutung  hat  in
erster  Linie  das  Getreidestroh,  ferner  das  Stroh
von  Hülsenfrüchten  (Erbsen,  Bohnen.  Wicken)
und  von  einigen  Ölpflanzen,  wie  Raps,  Mohn,
Sonnenblumen.  Der  Nährstoffgehalt  des  Strohes
ist  naturgemäß  nur  gering,  da  allein  gegen  40  °/o
auf  Rohfaser  entfallen.  Daneben  enthält  das
wertvollste,  das  Hülsenfruchtstroh,  8—14%  Stickstoffsubstanz, ­
  während  diese  im  Getreidestroh
nur  zu  etwa  3—6%  vorhanden  ist.  Der  Fettgehalt
beträgt  1—2  %.  Der  Hauptwert  des  Strohes
liegt  sonach  darin,  daß  es  die  Tiere  zum  gründlichen ­
  Durchkauen  der  gleichzeitig 1  dargereichten
Kraftfuttermittel  zwingt  und  magenfüllend  wirkt.
Zur  Erhöhung  des  Nährwertes  sind  mehrere  Vorschläge ­
  gemacht  worden,  die  zur  Herstellung
folgender  beiden  Futtermittel  geführt  haben.
Strohkraftfutter  nennt  man  das  nach  dem
Verfahren  von  Franz  Lehmann,  oder  in  etwas
abgeänderter  Form  von  Öxmann,  Colshorn  u.a.
mit  Natron  aufgeschlossene  Stroh,  das  hierbei
von  den  die  Zellen  inkrustierenden  Stoffen  Lignin, ­
  Suberin  u.  a.  befreit  wird.  Zu  seiner  Darstellung ­
  wird  das  gehäckselte  Stroh  in  Kugelkochern ­
  oder  viereckigen  Behältern  bei  gewöhnlichem ­
  oder  erhöhtem  Druck  mit  Natronlauge
erhitzt  und  nach  dem  Ablassen  der  braunen
Lauge  bis  zur  neutralen  Reaktion  ausgewaschen-Das
  besonders  während  des  Krieges  in  Aufnahme
gekommene  Strohfutter  besteht  aus  nahezu  reiner
Zellulose,  die  restlos  verdaut  werden  und  den
Futtefwert  der  Stärke  haben  soll.  Strohmehl
ist  nach  dem  Vorschläge  von  Friedenthal  staubfein ­
  vermahlenes  Stroh.  Die  Annahme  des  Erfinders, ­
  daß  durch  diese  Behandlung  die  Verdaulichkeit ­
  erhöht  werden  solle,  hat  sich  bei
näherer  Prüfung  als  irrig  erwiesen,  und  das  Verfahren ­
  ist  daher  als  zwecklos  wieder  eingestellt
worden.
        <pb n="439" />
        Strontium

433

Sturmhut

Strontium,  ein  dem  Kalzium  nahe  verwandtes
metallisches  Element,  findet  sich  in  der  Natur
nicht  gediegen,  sondern  nur  in  Form  von  Verbindungen, ­
  hauptsächlich  als  Karbonat  im  Strontianit
  und  als  Sulfat  im  Zölestin.  Es  hat  das
spez.  Gew.  2,400,  das  Atomgewicht  Sr  =  87,500
und  zersetzt  Wasser  wie  met.  Natrium.  Die  Verbindungen ­
  des  S„  die  in  der  Medizin  und  Technik ­
  vielfache  Anwendung  finden,  werden  aus
dem  natürlichen  Zölestin  durch  Glühen  mit  Kohle
und  durch  Behandlung  des  entstehenden  Schwefelstrontiums ­
  mit  Säuren,  oder  durch  Auflösen  von
Strontianit  dargestellt.  Sie  stehen  ihrem  chemischen ­
  Verhalten  nach  zwischen  dem  Kalzium
und  Barium,  geben  mit  Schwefelsäure,  aber  nicht
mit  Kaliumchromat  oder  Kieselfluorwasserstoffsäure, ­
  Niederschläge  und  färben  die  Flamme
des  Bunsenbrenners  purpurrot.  Das  Strontiumoxyd, ­
  SrO,  entsteht  durch  Erhitzen  des  Nitrates
oder  durch  starkes  Glühen  von  Strontianit  und
geht  bei  Behandlung  mit  Wasser,  analog  dem
Löschen  des  Kalkes,  in  Strontiumhydroxyd,
Sr(OH) 2 ,  über,  das  zur  Entzuckerung  der  Melasse ­
  nach  dem  sog.  Strontianverfahren  benutzt ­
  wird.  Das  Strontiumchlorid,  SrCl 2 ,  wird
durch  Auflösen  von  Strontianit  in  Salzsäure  und
Eindampfen  in  Form  farbloser  Kristalle  dargestellt. ­
  Es  löst  sich  leicht  in  Alkohol  und  dient
zur  Erzeugung  purpurroter  Spiritusflammen.  Das
Azetat,  Nitrat  und  Chlorat  finden  in  der
Feuerwerkerei,  das  Bromid,  Jodid  und  Laktat
in  der  Medizin,  hauptsächlich  gegen  Nieren-  und
Herzkrankheiten,  Anwendung.
Strontiumnitrat  (salpetersaures  Strontium, ­
  Strontiumsalpeter,  lat.  Strontium  nitricum,
  frz.  Nitrate  de  Strontium,  engl.  Strontium
nitrate)  entsteht  beim  Auflösen  von  Strontiumkarbonat ­
  (Strontianit)  oder  Strontiumsulfid  (durch
Glühen  von  gepulvertem  Zölestin  mit  Kohle  dargestellt) ­
  in  verdünnter  Salpetersäure,  Es  kristallisiert ­
  aus  verdünnten  kalten  Lösungen  mit
vier  und  fünf  Molekülen  Kristallwasser,  aus
heißen  konzentrierten  Lösungen  aber  wasserfrei ­
  und  ist  in  fünf  Teilen  kaltem,  V2  Teil  siedendem ­
  Wasser,  nicht  aber  in  Alkohol  löslich.  Das
tvasserfreie  Salz,  Sr(N0 3 ) 2 ,  wird  zur  Herstellung
von  Rotfeuer,  Leuchtkugeln  und  anderem  Feuerwerk ­
  benutzt.  Zur  Verhinderung  von  Wasseranziehung ­
  muß  es  in  gut  verschlossenen  Behältern ­
  verwahrt  werden.
Strophanthussamen  (lat.  Semen  Strophantin,
frz.  Semences  de  strophanthus,  engl.Strophanthus
seeds),  eine  in  den  letzten  Jahrzehnten  in  Aufnahme ­
  gekommene  Droge,  findet  sich  in  mehreren ­
  Sorten,  die  von  verschiedenen  Arten  der
z u  den  Apozyneen  gehörigen  Gattung  Strobhantus
  abstammen.  1.  Die  von  dem  Deutschen
Arzneibuche  aufgenom'menen  graugrünen  Santen ­
  aus  Ostafrika,  auch  Combd-  oder  Kombds
 amen  genannt,  von  Strophanthus  Kombd.  2.  Die
Samen  von  Strophanthus  hispidus,  auch
braune  S.  genannt,  von  der  Westküste  Afrikas
aus  dem  Nigergebiet.  —  Die  Samen  des  strauchartigen ­
  Klettergewächses  sind  12—18  mm  lang
Und  3—.5  mm  breit  und  befinden  sich  in  einer
Kapselfrucht  von  20—40  cm  Länge.  Sie  haben
eine  graugrüne  oder  braune  Farbe  und  tragen
t^hlreiche  Haare,  die  sich-  an  der  Spitze  zu
einem  Haarschopf  vereinigen.  Der  innere  Kern
Hercks  Warenlexikon.

ist  gelblich,  der  Geschmack  bitter.  Als  wirksamen ­
  giftigen  Bestandteil  enthalten  sie  ein  Glykosid, ­
  das  Strophanthin,  das  in  weißen  Kristallen ­
  im  Handel  ist.  Verwandt  werden  die  S.
medizinisch,  ähnlich  der  Digitalis,  bei  Herzkrankheiten. ­

Strychnin  (lat.  Strychninum,  frz.  Strychnine,
engl.  Strychnin),  ein  in  den  Krähenaugen  (s.  d.)
und  den  Ignatiusbohnen  (s.  d.)  enthaltenes
sehr  gif  tiges  Alkaloid,  wird  entweder  als  weißes
Pulver,  durch  Fällung  erhalten,  oder  in  Form
weißer,  prismatischer  Kristalle  in  den  Handel
gebracht.  Obgleich  es  sich  in  Wasser  kaum  löst,
besitzt  es  intensiv  bitteren  Geschmack.  ln
kochendem  wasserhaltigen  Alkohol  ist  es  löslich,
dagegen  nicht  in  absolutem  Alkohol.  Das  reine
S.  (lat.  Strychninum  purum)  wird  in  der  Regel
nicht  verwandt,  sondern  durch  das  salpetersaure ­
  S.  (Strychninnitrat,  lat.  Strychninum
nitricum)  ersetzt.  Man  erhält  dieses  Salz  in
ebenfalls  äußerst  bitter  schmeckenden,  farblosen
Kristallen,  die  in  Wasser  viel  leichter  löslich
sind  als  das  reine  Alkaloid,  und  benutzt  es  zur
Tötung  schädlicher  Raubtiere  und  giftiger  Schlangen ­
  sowie  zur  Herstellung  des  Giftweizens
oder  Strychningetreides  zur  Vertilgung  der
Feldmäuse  und  Hamster.  Medizinisch  wird  es
nur  wenig  und  in  sehr  kleinen  Dosen,  verordnet.
Das  gleiche  gilt  von  den  übrigen  Strychninsalzen
S.  aceticum,  S.  arsenicicum,  S.hydrojodicum,
  S.  muriaticum.
Sturmhut  (Eisenhut),  eine  stark  giftige  Waldgebirgspflanze,
  Aconitum  Napellus  L.,  die
zu  den  Ranunkulazeen  gehört,  bildet  zahlreiche
verschiedene  Arten,  die  man  in  blaublühende  und
gelbblühende  einzuteilen  pflegt.  Sie  haben  bandförmige, ­
  5—yteilige  Blätter  und  große,  stark
besetzte  Blütenrispen,  deren  Kelche  wie  die
Blüten  gefärbt  sind.  Die  frischen  Blätter  geben
zerrieben,  einen  widerlichen,  betäubenden  Geruch
von  sich  und  schmecken  erst  bitterlich,  dann
anhaltend  brennend  scharf.  Noch  schärfer  und
giftiger  als  die  Blätter  sind  die  Wurzelknollen
  (lat.Tubera  aconiti,  frz.Racine  d’aconite,
engl.  Aconite  root),  die  daher  in  den  neueren
Arzneibüchern  auch  bevorzugt  werden,  während
man  sich  früher  der  Blätter  (lat.  Folia  aconiti,
frz.  Feuilles  d’aconite,  engl.  Aconite  leaves)  bediente. ­
  Die  Wurzel  besteht  aus  einer  rübenförmigen ­
  Knolle  von  4V2—9  cm  Länge  und  oben
2—3V2  cm  Dicke  und  bildet  in  der  Vegetationsperiode ­
  neben  sich  eine  zweite  Knolle,  die  im
künftigen  Jahre  das  Leben  der  Pflanze  fortsetzt,
während  die  erstere  eingeht.  Daher  finden  sich
in  der  Regel  zwei  zusammenhängende  Knollen,
eine  jüngere.  die  schwer  und  fest,  innen  weißlich
und  von  Stärkemehl  erfüllt  ist,  und  eine,  ältere,
die  leichter  und  innen  bräunlich,  oft  lückig  oder
hohl  erscheint.  Man  sammelt  die  Wurzelknollen
von  Aconitum  Napellus  L.,  während  die
Blätter  vielfach  von  anderen  blau  blühenden
Arten  genommen  werden.  Die  Pflanze  wächst
in  den  Gebirgen  und  Voralpen  des  südlichen
Deutschlands  wild,  doch  kommen  auch  aus.defn
fernen  Asien  zwei  Arten  A.  in  den  Handel.  Die
eine  derselben  von  Aconitum  ferox.  .  vom
Fuße  des  Himalaya,  die  weit  'größer  ist  und
viermal  soviel  an  wirksamen  Bestandteilen  enthalten ­
  soll,  heißt  in  ihrer  Heimat  auch  Bitsh,
28
        <pb n="440" />
        Styptizin

434

Süßholz

Bish  =  das  Gift,  und  wird  von  den  Eingeborenen ­
  zur  Bereitung  des  Pfeilgiftes  benutzt.
Eine  japanische  Art  (Tsaou-woo),  die  sich
durch  ganz  besondere  Giftigkeit  auszeichnet  und
von  Aconitum  japonicum  abstammt,  darf  anstatt ­
  der  gewöhnlichen  nicht  verwandt  werden.
Sie  dient  in  Europa  lediglich  zur  Darstellung  des
Akonitins,  das  neben  einem  besonderen  Alkaloid,
Japakonitin,  reichlich  in  ihnen  enthalten  ist.
Verwendung  finden  die  Akonitwurzeln  in  der
Medizin  als  Auszug,  Extrakt  und  Tinktur,
z.  B.  bei  Gelenkrheumatismus,  Neuralgie  usw.,
doch  verordnet  der  Arzt  der  sicheren  Wirkung
halber  meist  das  Akonitin  (s.  d,).
Styptizin,  das  salzsaure  Salz  des  Kotarnins,
das  durch  Oxydation  des  Narkotins  (s.  d.)  entsteht, ­
  ein  gelbes  Kristallpulver  von  der  Formel
C 12 H 13 NO s .  HCl,  findet  medizinische  Anwem
düng,  besonders  in  der  Frauenheilkunde.
Succineine.  sind  Xanthenfarbstoffe,  die  sich
beim  Verschmelzen  von  Bemsteinsäure  mit  Dialphyl-m-aminophenolen
  bilden.  Der  hauptsächlichste ­
  Vertreter,  das  Rhodanin  S,  entsteht  aus
Dimethyl-m-aminophenol  und  hat  die  Formel
eines  Pyronins,  in  welches  an  Stelle  der  CH-Gruppe
  der  Bernsteinsäureester  C  .  (CH) 2  .  COOH
eingetreten  ist.
Succus  ist  die  lateinische  Bezeichnung  für
Saft,  oder,  wenn  eingedickt  (Succus  inspissatus),
Mus.  Im  Handel  finden  sich  gewöhnlich  folgende ­
  Säfte;  S.  citri,  Zitronensaft,  S..  dauci,
Möhrensaft,  S.  ebuli,  Attichmus,  S.  juniperi,
Wacholdersaft,  Wacholdermus,  S.  liquiritiae  seu
glycyrrhizae,  Lakritzensaft.  —  Vergleiche  wegen
der  näheren  Beschreibung  die  einzelnen  Aufsätze. ­

Sudan.  Diesen  Namen  führen  verschiedene
Teerfarbstoffe:  Sudan  I,  ein  ziegelrotes,  in  Alkohol ­
  lösliches  Pulver,  dient  zum  Färben  von  Spirituslacken ­
  und  besteht  aus  Anilinazobetanaphtol.
  —  Sudan  II,  ein  braunrotes,  in  Wasser  unlösliches, ­
  in  Alkohol  lösliches  Pulver,  wird  wie
S.  I  verwandt  und  besteht  aus  Xylidinazobetanaphtol.
  —  Sudan  III,  ein  braunes  Pulver,  ist  in
Wasser  unlöslich,  in  Alkohol  löslich  und  besteht
aus  Amidoazobenzolazobetanaphtol.  •—  Sudan  G,
ein  braunes  Pulver,  das  in  heißem  Wasser  teilweise ­
  mit  gelber  Farbe,  leichter  in  Alkohol  löslich ­
  ist,  besteht  aus  Metadioxyazobenzolanilinazoresorzin.
  —  Sudanbraun,  ein  braunes,  in
Wasser  nicht,  wohl  aber  in  Alkohol  lösliches
Pulver,  wird  zum  Färben  von  Seifen  benutzt  und
besteht  aus  Alphanaphtylaminazoalphanaphtol.—
Sudanrot  ist  identisch  mit  Magdalarot  (s.  d.).
Süßholz  (Süßholzwurzel,  lat.  Radix  liquiritiae ­
  seu  Radix  glycyrrhizae,  frz.  Racine  de
röglisse,  engl.  Liquorice  root)  stammt  vop  verschiedenen ­
  Glyzyrrhiza-Arten,  die  im  Mittelmeergebiet, ­
  in  Südosteuropa  und  Vorderasien  heimisch ­
  sind  und  in  einer  ganzen.  Reihe  von  Ländern, ­
  hauptsächlich  Spanien,  Südfrankreich,  Süddeutschland, ­
  Italien,  Ungarn,  Mähren,  Südrußland, ­
  China  und  Nordamerika  angebaut  werden.
Die  Süßholzpflanze  gehört  zu  der  Familie  der
Schmetterlingsblütler  und  ist  in  den  oberirdischen ­
  Teilen  krautig.  Die  Blätter  sind  unpaarig. ­
  s—8  fach  gefiedert  mit  stachelspitzigen
Fiedern,  die  Blütentrauben  kürzer  als  die  Blätter,
die  Hülsen  wenigsamig  und  kurz.  Die  ausdauernde

Wurzel  besitzt  zahlreiche  lange  Ausläufer  mit
schuppigen  Niederblättern,  aus  deren  Achseln
neue  Schößlinge  entstehen.  —  Im  Handel  unterscheidet ­
  man  besonders  zwei  Sorten,  das  spanische ­
  und  das  russische  S.  —•  Das  spanische ­
  S.  (lat.  Radix  liquiritiae  hispanica  seu
glabra),  von  Glycyrrhiza  glabra  L.,  besteht
vorwiegend  aus  Ausläufern,  während  die  eigentlichen ­
  Wurzeln  in  den  Ursprungsländern  selbst
auf  Süßholzsaft  verarbeitet  werden.  Die  Pflanze
treibt  einen  bis  i  m  langen  und  2,5  cm  dicken,
senkrecht  in  die  Erde  dringenden  Hauptstamm,
der  selten  Äste,  aber  zahlreiche  lange,  horizontal ­
  verlaufende  Ausläufer  hat.  Diese  sind  hier
und  da  mit  Stengelknospen  besetzt  und  unterscheiden ­
  sich  außerdem  von  den  Wurzeln  durch
die  Gegenwart  eines  ziemlich  schwachen  Markes.
Das  spanische  S.,,  das  übrigens  nicht  nur  qus
Spanien,  sondern  auch  aus  Frankreich,  Süddeutschland ­
  usw.  stammt,  bildet  meist  fingerdicke ­
  Stäbe  von  6—9  cm  Länge,  graubrauner
runzeliger  Oberfläche  und  gelbem,  faserig
zähem  .Holzkörper.  Es  schmeckt  süß,  hintennach
etwas  kratzend,  kommt  ungeschält  in  den
Handel  und  ist  so  schwer,  daß  es  in  Wasser
untersinkt.  Das  in  Spanien  selbst  gebaute
S.  unterscheidet  man  in  zwei  Hauptsorten,  katalonisches
  S.  von  Tortosa  und  S.  von  Alikante,
die  beide  in  Ballen  von  35—40  kg  über  französische ­
  Häfen  eingeführt  werden.  Das  in  Deutschland ­
  (Gegend  von  Bamberg  und  Schweinfurt)  und.
Mähren  gebaute  S.  ist  dem  in  Spanien  gewonnenen ­
  ähnlich,  aber  dünner  und  von  blässerem
Gelb.  Es  kommt  .teilweise,  in  längliche  Kränze
gebunden,  in  den  Handel,  während  die  Hauptmenge ­
  an  Ort  und  Stelle  auf  Extrakt  verarbeitet
wird.  Das  mährische  S.  wird  im  Lande  selbst
verbraucht.  Französisches  S.  ist  in  der  Regel 1
spanische,  über  Frankreich  gegangene  Ware,  da
dieses  Land  selbst  noch  viel  S.  zur  Extraktbereitung ­
  einführt.  Italienisches  S.  kommt  nicht
in  den  Handel,  wird  vielmehr  auf  Extrakt  verarbeitet. ­
  Unter  der  Bezeichnung  spanisches  S.
geht  endlich  auch  aus  Kleinasien  und  Nordamerika ­
  stammende  Ware.  —  Das  russische  S.
(lat.  Radix  liquiritiae  russica,  echinata  seu  mundata),
  von  Glycyrrhiza  glabra,  var.  glandulifera,
besteht  aus  Wurzeln  und  Ausläufern  und  ist  die
allein  offizineläe  Droge  des  deutschen  Arzneibuches. ­
  Die  Pflanze  bildet  eine  bis  2  m  hohe
Staude,  ist  im  südlichen  Rußland,  in  Ungarn,
Galizien,  Armenien  und  Persien  heimisch  und
wird  besonders  im  südlichen  Rußland  für  den
Handel  angebaut.  Im  Gegensatz  zu  der  spanischen ­
  Süßholzpflanze  ist  sie  drüsig  behaart.  Das
russische  S.,  das  von  Petersburg  in  Ballen  von
75—100  kg,  mit  Lindenbastmatten  umgeben,  zu
uns  gelangt,  bildet  dicke,  oft  gespaltene  Wurzelstücke ­
  oder  auch  Ausläufer,  die  geschält  in
den  Handel  kommen.  Das  Holz  ist  sehr  faserig,
strahlig  zerklüftet  und  besitzt  neben  einem  helleren ­
  Gelb  ein  lockereres  Gefüge  als  das  spanische
S.  Infolge  seiner  größeren  Leichtigkeit  schwimmt
es  auf  Wasser.  Der  Geschmack  des  russischen
S.  ist  süß,  ohne  kratzenden  Nachgeschmack.
—  Apotheker  und  Drogisten  beziehen  das  Sgrößtenteils
  von  Großhandlungen  in  geschnittenem ­
  Zustande.  Ebenso  wird  das  Pulvern  des  S.
von  diesen  besorgt,  da  sich  die  faserige  Wurzel
        <pb n="441" />
        Süßholz  435  Süßstoffe

ohne  maschinelle  Einrichtungen  nur  schwer  zerkleinern ­
  läßt.  Die  Güte  eines  Süßholzpulvers
wird  hauptsächlich  nach  der  Fafbe  bewertet.  Je
reiner  und  intensiver  das  Gelb  ist,  als  desto
besser  gilt  die  Sorte.  Etwaige  Verfälschungen
lassen  sich  mikroskopisch  und  durch  die  Aschenbestimmung ­
  leicht  erkennen.  —  Den  wertvollsten
Bestandteil  der  Süßholzwurzel  bildet  der  Süßholzzucker, ­
  das  Glyzyrrhizin,  das  sich  als
saures  Ammoniumsalz  zu  6—7  °/o  vorfindet.  Es
ist  ein  unkristallisierbarer,  gelblichweißer  Stoff
von  stark  süßem  Geschmack,  der  sich  beim
Kochen  mit  verdünnten  Säuren  in  Traubenzucker
und  eine  harzige  Substanz  spaltet.  Daneben  enthält ­
  die  Süßholzwurzel  noch  Asparagin,  Pflanzeneiweiß,
  Farbstoffe,  Zucker,  ungefähr  7  0/0  Mineralstoffe, ­
  Stärke  und  ein  braunes  Harz.  Das  letztere,
das  den  kratzenden  Nachgeschmack  verursacht
und  sich  in  der  russischen  Ware  nur  in  sehr
geringer  Menge  vorfindet,  ist  zwar  an  und  für
sich  in  Wasser  unlöslich,  wird  aber  doch  beim
Auskochen  der  Wurzel  unter  Vermittlung  der
übrigen  Bestandteile  mit  ausgezogen.  Die  S.
findet  ausgedehnte  Anwendung  in  der  Pharmazie.
Die  ganze  Wurzel  wird  häufig  im  Handverkauf
als  „Süßholz  in  Stangen“  verlangt,  die  geschnittene ­
  ist  ein  Hauptbestandteil  des  Brusttees,
und  die  gepulverte  findet  sich  im  Brustpulver
(lat.  Pulvis  liquiritiae  compositus)  wieder.  Letztere
dient  auch  als  Bindemittel  zu  Pillenmassen,  während ­
  das  geschnittene  S.  zur  Herstellung  des  Süßholzextraktes, ­
  des  Süßholzsirups  usw.  benutzt
wird.  Im  allgemeinen  gilt  das  S.  als  reizlinderndes, ­
  die  Tätigkeit  der  Schleimhäute  anregendes,
geschmackverbesserndes  Mittel.  —  Die  verschiedenen ­
  Arzneibücher  sind  sich  nicht  einig,  ob
dem  spanischen  oder  dem  russischen  S.  der  Vorrang ­
  gebührt.  Während  das  deutsche  Arzneibuch
nur  die  Verwendung  des  letzteren  gestattet,
lassen  andere  Arzneibücher,  z.  B.  das  schweizerische ­
  und  österreichische,  beide  Arten  zu.  —-Süßholzsaft,
  Lakritzensaft,  Bärendreck
(lat.  Succus  seu  Extractum  liquiritiae  seu  glycyrrhizae,
  frz.  Suc  ou  Jus  de  reglisse,  engl.  Juice
°f  liquorice)  heißt  das  durch  Auskochen  der
Süßholzwurzel  gewonnene  Extrakt;  es  wird  in
allen  Anbauländem  des  S.,  doch  nicht  immer
*n  gleich  guter  Beschaffenheit  hergestellt.  Besonders ­
  Unteritalien,  Sizilien,  Südspanien  und
Südfrankreich  erzeugen  große  Mengen.  Die  Gesinnung ­
  geschieht  in  umfangreichen  Siedereien.
Die  von  den  Pflanzern  gekauften  Wurzeln  werden ­
  frisch  in  kürzere  Stückchen  geschnitten,
gewaschen,  zu  Brei  zermalmt  und  in  großen
Kesseln  mit  Wasser  auf  freiem  Feuer  4—5  Stunden ­
  ausgekocht.  Die  von  dem  Rückstand  abgeseihte
  und  abgepreßte  Flüssigkeit  wird  durch
^bsetzenlassen  geklärt  und  dann  in  Eisen-  oder
Kupferpfannen  eingedampft,  zuletzt  unter  beständigem ­
  Umrühren,  damit  die  Masse  keine  Klümpchen ­
  bildet,  sondern  eine  gleichförmige  Honigdicke ­
  erlangt.  Aus  dem  Teige  werden  dann
'(Unde  oder  flachgedrückte  Stangen  von  verschiedener ­
  Länge  und  Dicke,  seltener  Kuchen  oder
°rote  geformt.  Der  trockene  Süßholzsaft  bildet
Schwarze  oder  schwarzbraune  Stangen  oder
Massen  von  kurzem,  stark  glänzendem  Bruch
angenehm  süßem  Geschmack.  Er  enthält
d'e  wesentlichen  Bestandteile  der  Wurzel  in

konzentrierter  Form,  ungefähr  iS°/o  Glyzyrrhizin,
5  °/o  Zucker,  150/0  gummöse  Stoffe  und  7  0/0  Mineralbestandteile. ­
  Eine  gute  Ware  hat  kaum
mehr  als  is°/o  Wasser  und  hinterläßt  beim  Erschöpfen ­
  mit  lauwarmem  Wasser  höchstens  25  °/o
unlösliche  Stoffe.  Bei  größerem  Rückstand  liegt
der  Verdacht  vor,  daß  eine  Verfälschung  durch
Stärke  oder  Mehl  stattgefunden  hat.  Auf  etwaigen
Kupfergehalt  prüft  man  durch  Einleiten  von
Schwefelwasserstoff  in  die  salzsaure  Lösung
der  Asche,  wobei  keine  Bräunung  eintreten
darf.  Der  gewöhnliche  Süßholzsaft,  im  Handel
als  roher  S.  bezeichnet,  findet  als  Brust-  und
Hustenmittel,  ferner  zu  Tabakbeizen  und  auch
wohl  als  Wasserfarbe  Verwendung  und  dient  vor
allem  zur  Herstellung  des  gereinigten  S.  Die
meist  zylindrischen,  etwa  15—20  mm  dicken,
10—15  cm  langen  Süßholzsaftstangen  des  Handels ­
  stammen  aus  Unteritalien,  Kalabrien,  Sizilien, ­
  Frankreich,  Spanien  und  Südrußland  und
sind  fast  stets  auf  der  Längsseite  mit  dem  Ursprungs- ­
  und  Fabrikstempel  versehen.  Die  Versendung ­
  geschieht  in  Kisten,  mit  Lorbeerblättern
als  Packmaterial,  Nur  Rußland  verwendet  Eichenblätter ­
  zur  Verpackung.  Die  französische  Ware
bildet  dünne  Stengel,  zu  je  100  Stück,  in  Pappkasten ­
  von  1  kg  verpackt.  Kalabreser  Lakritzen
gelten  auch  heute  noch  als  bevorzugte  Sorte.
Am  höchsten  wird  die  Marke  Barracco  geschätzt, ­
  dann  folgen  die  Marken:  P,  S.  (Principe
di  Salerno),  Martucci,  Policoco,  Corgiliano,  Cassano
  und  andere.  Die  beste  französische  Ware
trägt  den  Stempel  E.  B.  60.  Beim  Einkauf  der
gezeichneten  Stangemlakritzen  ist  genau  auf  den
Namen  zu  achten,  da  manche  Erzeuger  (denselben ­
  mit  geringen  Abänderungen  nachahmen.
Die  dünnen,  unbezeichneten  Stangen,  die  in
Deutschland  im  Kleinhandel  verkauft  werden,
sind  größtenteils  deutschen  Ursprungs.  —  Der
gereinigte  Lakritzensaft  (lat.  Succus  liquiritiae ­
  depuratus)  wird  aus  den  gewöhnlichen
Stangenlakritzen  durch  kaltes  Ausziehen  mit
Wasser  und  Eindampfen  der  klaren  Flüssigkeit
bereitet.  Zu  diesem  Zwecke  schichtet  man  in
einem  Holzfaß  abwechselnde  Lagen  von  ausgewaschenem ­
  Stroh  und  Lakritzenstangen  übereinander, ­
  füllt  mit  Wasser  auf  und  läßt  mehrere
Tage  stehen,  worauf  man  die  Lösung  abzapft
ünd  in  gleicher  Weise  noch  einen  Auszug  entnimmt. ­
  Die  durch  Kolieren  geklärten  Auszüge
werden  im  Wasserbade  bis  zum  dicken  Extrakt
eingedampft.  Zur  Gewinnung  von  Lakritzenpulver ­
  setzt  man  das  Eindampfen  noch  weiter
fort,  zieht  die  zähe  Masse  zu  Bändern  aus,  trocknet ­
  diese  bei  gelinder  Wärme  völlig  und  pulvert
sie  dann.  Das  kaffeebraune  Pulver,  das  sehr
hygroskopisch  ist,  wird  in  gut  verschlossenen
Gläsern  aufbewahrt.  Der  gereinigte  Süßholzsaft ­
  stellt  ein  braunes,  in  Wasser  klar  lösliches,
dickes  Extrakt  dar,  das  in  den  Apotheken  zur
Herstellung  von  Plustenmixturen,  Brustelixier,
gereinigten  Stangenlakritzen.  Lakritzentäfelchen,
Cachou  usw.  vielfache  Verwendung  findet,  während ­
  das  gereinigte  Lakritzenpulver  einen  Hauptbestandteil ­
  der  Salmiakpastillen  bildet.
Süßstoffe.  Als  künstliche  Süßstoffe  faßt  man
eine  Anzahl  von  Stoffen  zusammen,  die  auf
chemisch-synthetischem  Wege  künstlich  hergestellt
werden  und  eine  höhere  Süßkraft  als  raffinierter
        <pb n="442" />
        Süßweine

436

Sumach

Rohr-  oder  Rübenzucker,  aber  nicht  entsprechenden ­
  Nährwert  besitzen.  Die  wichtigsten  hierher
gehörigen  Stoffe:  Saccharin,  Dulzin  und  Gluzin
sind  unter  ihren  besonderen  Namen  besprochen
worden.  Im  Hinblick  auf  den  Umstand,  daß
diese  Stoffe  keinen  eigentlichen  Nährwert  besitzen, ­
  aber  in  großem  Umfange  zur  Verfälschung ­
  von  Nahrungs-  und  Genußmitteln  Verwendung ­
  fanden,  ist  der  Verkehr  mit  ihnen  durch
das  Reichsgesetz  vom  7.  Juli  1902  verschiedenen
Einschränkungen  unterworfen  wordeni.  Insbesondere ­
  ist,  es  verboten,  Süßstoff  herzustellen  oder
Nahrungs-  und  Genußmitteln  bei  deren  gewerblicher ­
  Herstellung  zuzusetzen;  ferner  Süßstoff
oder  süßstoff  haltige  Nahrungs-  oder  Genuß  mittel
aus  dem  Auslande  einzuführen;  und  endlich
Süßstoff  oder  süßstoffhaltige  Nahrungsmittel  feilzuhalten ­
  oder  zu  verkaufen.  Aus  Rücksicht  auf
die  Zuckerkranken,  welche  dieser  Stoffe  bedürfen, ­
  sind  gewisse  Ausnahmen  zugelassen.  S.
dürfen  nur  in  einer  einzigen  deutschen  Fabrik,
derjenigen  des  Erfinders  des  Sacharins,  Dr.  Fahlberg, ­
  hergestellt  werden.  Unter  bestimmten  einschränkenden
  Bestimmungen  ist  der  Verkauf
durch  Apotheken  gestattet.  Auch  darf  S.  an
solche  Personen  abgegeben  werden,  welche  die
amtliche  Erlaubnis  hierzu  besitzen,  insbesondere
Personen,  welche  den  Süßstoff  zu  wissenschaftlichen ­
  Zwecken,  zur  Verpflegung  von  Zuckerkranken ­
  sowie  zur  Herstellung  von  vergiftetem
Getreide  benutzen  wollen.  Während  des  Krieges
sind  die  Bestimmungen  des  Süßstoffgesetzes
wegen  des  Zuckermangels  zum  Teil  außer  Kraft
gesetzt  worden.
Süßweine  nennt  man  die  Gruppe  der  Dessertweine ­
  (s.  d.),  die  sich  durch  hohen  Gehalt
an  Alkohol  und  Zucker  auszeichnen  und  in  ihren
besten  Sorten  aus  stark  süßen  Trauben,  vielfach
aber  auch  unter  Verwendung  von  Zucker  hergestellt ­
  werden.  Zu  ihnen  gehören  hauptsächlich
die  rheinischen  Ausbruchweine,  die  Tokaier-Ausbruchweine,
  die  sizilianischen  Muskat-  und  Malvasierweine ­
  und  die  Malagaweine.
Süvernsche  Desinfektionsmasse  zur  Desinfektion ­
  von  Aborten  und  Kanälen  besteht  aus
einer  Mischung  von  zehn  Teilen  Ätzkalk,  einem
Teil  Magnesiumchlorid  und  einem  Teil  Steinkohlenteer, ­
  die  mit  der  24  fachen  Menge  Wasser
angerührt  wird.
Sulfaminol  (Thiooxydiphenylamin),  ein
Antiseptikum,  entsteht,  wenn  man  auf  die  in
Wasser  gelösten  Salze  des  Metaoxydiphenylamins
  in  geeigneter  Weise  Schwefel  einwirken
läßt.  Das  hellgelbe,  geruch-  und  geschmacklose ­
  Pulver  ist  unlöslich  in  Wasser,  hingegen  löslich ­
  in  Alkohol  und  schmilzt  bei  155°.  Es  wird
als  Ersatz  des  Jodoforms  empfohlen  und  von
den  Imkern  als  Mittel  gegen  die  Faulbrut  der
Bienen  angewandt.
Sulfat  ist  die  Allgemeinbezeichnung  für  jedes
schwefelsaure  Salz,  z.  B.  Kupfersulfat  —  Kupfervitriol. ­
  In  Färbereien  versteht  man  unter  S.
die  dort  gebräuchliche  schwefelsaure  Tonerde,
in  Sodafabriken  und  im  Handel  das  wasserfreie ­
  schwefelsaure  Natron,  das  sog.  kalzinierte
Glaubersalz.  Siehe  die  betreffenden  Abhandlungen. ­

Sulfitlauge,  die  bei  der  Behandlung  des  Holzes
mit  schwefliger  Säure  zur  Zellulosegewinnung

abfallende  braune  Flüssigkeit,  die  ziemlich  reich
an  organischen  Zersetzungsprodukten  der  inkrustierenden ­
  Stoffe  (Lignin,  Kutin,  Suberin)  ist
und  gegen  2  °/o  Zucker  enthält,  hat  während  des
Krieges  eine  große  technische  Bedeutung  gewonnen. ­
  Nach  Beseitigung  verschiedener  Schwie
rigkeiten  ist  es  gelungen,  den  Zucker  der  Lauge
in  Alkohol  überzuführen,  und  man  hat  berechnet, ­
  daß  aus  den  5000001  in  Deutschland
jährlich  abfallender  Sulfitlauge  400  000  hl  reiner
Spiritus  hergestellt  werden  können.  Nachdem
die  entgegenstehenden  Vorschriften  des  Branntweinsteuergesetzes ­
  beseitigt  waren,  hat  der  Kriegsausschuß ­
  für  Ersatzfutter  eine  Reihe  von  Sulfitspiritusfabriken ­
  erbaut,  die  teilweise  schon  im
Betrieb  sind.  —  Die  Verwendung  der  S.  zur
Gewinnung  von  Hefe  hat  keine  praktische  Bedeutung ­
  erlangt,  weil  die  an  die  Futterhefe  geknüpften ­
  Erwartungen  sich  bald  als  trügerisch
erwiesen.  —  Ein  Teil  der  S.  wird,  zu  einem
Sirup  von  36°  Bö  und  einem  spez.  Gew.  von
1,337  eingedampft,  als  Ersatzmittel  für  die  Lackfabriken ­
  in  den  Handel  gebracht.
Sulfonal  (Sulf  onalum),  (CH 2 ) 2  .  C  .  (S0 2  •
C 2 H 5 ) 2 ,  wird  durch  Einleiten  von  Salzsäuregas
in  eine  Mischung  von  Merkaptan  und  Azeton  und
nachherige  Oxydation  des  entstandenen  Merkaptols
  mit  Kaliumpermanganat  dargestellt.  Durch
Umkristallisieren  aus  Alkohol  erhält  man  es,  in
farblosen  Prismen,  die  bei  125°  schmelzen  und
bei  300 0  sieden.  Das  S..  ist  in  heißem  Wasser
und  Alkohol  ziemlich  leicht,  in  Äther  etwas
schwerer  löslich  und  wird  in  wäßriger  Lösung
als  Schlafmittel  verordnet.  Vor  dem  Chloralhydrat
  hat  es  den  Vorzug,  nicht  auf  das  Herz
zu  wirken.  Die  Herstellung  muß  wegen  des
scheußlichen  Geruchs  des  Merkaptans  und  Merkaptols
  in  unbewohnten  Gegenden  erfolgen.
Sulfuraurat  (Antimonpentasulfid,  Goldschwefel, ­
  Fünffachschwefelantimon,  lat.
Stibium  sulfuratum  aurantiaoum,  frz.  Soufre  dorö
d’antimoine,  engl.  Golden  sulfide  of  antiraony)
wird  dadurch  erhalten,  daß  man  gepulvertes
Grauspießglanzerz  (Antimontrisulfid)  mit  Natronlauge ­
  und  Schwefel  kocht,  die  Flüssigkeit  vom
Rückstände  trennt  und  zur  Kristallisation  bringt.
Die  erhaltene  gelbe  Kristallmasse,  Schlippesches
  Salz  genannt,  wind  in  Wiasser  gelöst
und  aus  der  Schwefelantimonschwefelnatrium  enthaltenden ­
  Lösung  mit  Salzsäure  das  S.  ausgefällt.
  Es  ist  ein  orangerotes,  in  Wasser  unlösliches ­
  Pulver,  das  früher  sehr  oft  bei  Erkrankungen ­
  der  Atmungsorgane  medizinisch  verordnet ­
  wurde,  jetzt  aber  nur  noch  selten  Anwendung"
findet.  In  der  Technik  wird  Goldschwefel  beim
Vulkanisieren  von  Kautschuk  sowie  bei  der  Herstellung ­
  von  Streichhölzern  benutzt.
Sumach  (Schmack,  frz.  Sumac,  engl.  Sbumac),
  ein  wichtiger  Gegenstand  des  Drogen-  und
Farbwarenhandels,  besteht  aus  den  getrockneten
und  gemahlenen  Blättern,  Blattstielen,  Blüten ­
  und  dünnen  Zweigen  von  bäum-  oder
strauchartigen  Gewächsen  der  Familie  Rhus,  die
wegen  ihres  hohen  Gerbstoffgehaltes  als  Gerbemittel ­
  und  zu  Farbenbeizen  Verwendung  finden-Am
  gerbstoffreichsten  ist  der  Gerberbaum
(Rhus  coriaria),  der  an  seinen  s—7paarig 811
Fiederblättern,  grünlichgelben  Blütenbüscheln
und  schön  roten,  aus  gehäuften  Früchtchen  b®'
        <pb n="443" />
        Sumbulwurzel

437

Syenit

stehenden  Kolben  erkannt  wird  und  in  den
Ländern  am  Mittelmeer  wild  wie  auch  in  Anpflanzungen ­
  verkommt.  Die  beste  und  hauptsächlich ­
  im  Handel  befindliche  Sorte,  ein  grünlichgraues, ­
  grobes  Pulver,  der  sizilianische  S.,
wird  nach  der  gleichnamigen  sizilianischen  Stadt
auch  Carini  genannt.  Eine  geringere,  nur  zu
Gerbereizwecken  geeignete  Sorte,  der  unechte,
venetianische,  italienische  oder  Tiroler  S.,
stammt  von  Rhus  Cotinus,  dem  Perrückenbaum, ­
  der  auch  das  Fisetholz  liefert,  in  Südeuropa ­
  bis  nach  Ungarn  und  Südösterreich  wild
wächst  und  bei  uns  als  Zierstrauch  gezogen
wird.  Die  besseren  Sorten  S.  haben  stets  eine
grüne  Farbe,  während  dumpfig  riechender  S.
von  grauer  oder  schwärzlicher  Farbe  geringwertig ­
  ist.  —  Als  Gerbmittel  dient  der  S.  in
Form  der  Abkochung  nur  zur  Herstellung  von
dünnen  Ledern,  wie  Saffian,  die,  in  den  heißen
Brühen  durchgearbeitet,  schon  in  2—3  Stunden
gar  werden.  In  Zeugdruck  und  Färberei  wird  er
in  Verbindung  mit  Eisensalzen  und  Blauholz
zum  Schwarz-  und  Graufarben,  mit  Zinnsalz
und  Rotholz  zum  Rotfärben  sowie  zum  Tönen
und  Heben  anderer  Farben,  namentlich  brauner,
olivengrüner  und  grauer  benutzt.  Auch  hat  er
selbst  die  Wirkung  einer  Beize,  indem  er  die
Pflanzenfaser  befähigt,  mit  Farben  festere  Verbindungen ­
  einzugehen.  Die  Amerikaner  bereiten
für  die  Ausfuhr  ein  trockenes  Sumachextrakt.

Sumbulwurzel  (Moschuswurzel,  lat.  Radix
sumbuli,  frz.  Racine  de  sumbule,  engl.  Sumbuly
root),  die  stark  nach  Moschus  riechende,  bitterschmeckende ­
  Wurzel  der  im  nördlichen  China
und  dem  Amurgebiete  wachsenden  Doldenpflanze, ­
  Euryangium  Sumbul,  erscheint  in
großen,  7—8  cm  breiten  und  3—s  cm  dicken,
mit  Resten  von  Wurzelfasern  besetzten,  scheibenförmigen ­
  Stücken,  deren  schwammfaseriges  Innere
weißlichgrau,  stellenweise  bräunlich  gefleckt  ist.
Die  Ware  kommt  über  Rußland  oder  Ostindien
in  den  Handel,  ist  aber  nicht  immer  zu  haben.
Empfohlen  wurde  die  S.  medizinisch  als  nervenanregendes
  Mittel,  wird  jetzt  aber  nur  noch  in
der  Parfümerie  und  zur  Herstellung  von  Likören
benutzt.
Summitates  ist  die  im  Drogenhandel  gebräuchliche ­
  Bezeichnung  für  Zweigspitzen  mit
Blüten  oder  Blättern  zu  pharmazeutischem  Gebrauch, ­
  z.  B.  Summitates  juniperi,  Wacholderspitzen,
  S.  sabinae,  Sadebaumtriebe  u.  a.
Sunnhanf  (Sunn,  ostindischer  Hanf,  frz.
Chanvre  de  sunn,  engl.  Sunn  hemp)  ist  eine  der
Jute  ähnliche  Spinnfaser,  die  von  der  ostindischen,
zu  den  Hülsenfrüchtlern  gehörigen  Pflanze,
Crotalaria  juncea,  binsenähnliche  Klapperhülse, ­
  gewonnen  und  auf  Java  und  Borneo  auch
kultiviert  wird.  Die  blaßgelbliche  Faser  zeigt
einen  lebhaften,  doch  etwas  schwächeren  Glanz
als  Jute.  Sie  wird  etwa  500  mm  lang  und  besitzt
geringere  Festigkeit  als  Hanf,  aber  größere  als
Jute.  Verschiedene  andere  Namen,  wie  Madrasoder
  Bombayhanf,  beziehen  sich  auf  dieselbe
Ware.  Für  unsere  Industrie  ist  sie  kaum
von  Bedeutung,  findet  sich  aber  häufig  am
Londoner  Markt  und  wird  in  England  zu
Seilerwaren,  Packtuch  u.  dgl.  sowie  zu  Papier
verarbeitet.

Superol  ist  eine  Handelsbezeichnung  für  das
als  Bleichmittel  verkaufte  Natriumsuperoxyd
(s.  d.),  das  aber  nach  Heermann  die  Gewebefaser ­
  stark  angreift  und  die  Wäsche  zerstört.  —
Neuerdings  wird  auch  das  Desinfektionsmittel
Chinosol  (Othooxychinolinsulfat)  als  S.  bezeichnet. ­

Superphosphat.  Mit  diesem  Namen  belegt
man  im  allgemeinen  saure  phosphorsaure  Salze,
in  der  Technik  aber  nur  das  entsprechende
Kalksalz.  Wie  unter  Knochen  angegeben,  bereitet ­
  man  das  S.  durch  Vermischung  von  Knochenmehl ­
  mit  Schwefelsäure,  wobei  neben  Gips
ein  wasserlösliches  zweifachsaures  oder  Monokalziumphosphat ­
  entsteht.  Das  gleiche  Verfahren ­
  kann  auch  auf  gebrauchte  Knochenkohle
angewandt  werden,  wobei  ein  S.  von  schwarzer
Farbe  erhalten  wird.  Außerdem  zieht  man  als
Rohstoffe  natürliche  Mineralphosphate,  wie  Apatit, ­
  Phosphorit,  Koprolithen  (s.  die  Aufs.)
und  die  verschiedenen  Sorten  von  Guano  heran.
Der  Wert  aller  Superphosphate  richtet  sich  nach
der  Menge  der  darin  enthaltenen,  in  Wasser  löslichen ­
  Phosphorsäure.
Suppendauerwaren.  Um  die  schnelle  Herstellung ­
  von  Suppen  zu  ermöglichen,  werden
zahlreiche  Erzeugnisse  in  den  Verkehr  gebracht,
die  wegen  ihrer  großen  Haltbarkeit  und  einfachen ­
  Handhabung  besonders  für  die  Massenverpflegung ­
  und  für  die  Ernährung  von  Truppen
im  Felde  geeignet  erscheinen.  Sie  bestehen
nach  König:  1.  aus  Gemischen  von  Fleisch
mit  Mehl,  Gemüsen  und  Fett.  Hierhin  gehört ­
  z.  B.  die  sog.  Rumfordsuppe  (13,5  °/o
grobe  Fleischstücke,  31,8  °/o  Graupen,  44,7%
Mehl  und  100/0  Kochsalz),  ferner  Fleischbiskuit, ­
  Fleischzwieback  usf.,  2.  aus  Fleischextrakt, ­
  Mehl,  Fett  und  Gewürzen  {Suppentafeln ­
  von  Knorr  u.a.),  3.  aus  Mehl  mit
Fett  allein  und  Gewürzen  (kondensierte  Suppentafeln, ­
  Erbswurst).
Suppenwürfel  sind  Mischungen  verschiedener
Mehle,  wie  Erbsen-,  Grünkern-,  Kartoffel-,  Linsenmehl, ­
  mit  Fett  und  Gewürz,  aus  denen  durch
Aufbrühen  mit  heißem  Wasser  nährkräftige  Suppen ­
  hergestellt  werden  können.  Bouillonersatz-Würfel
  (s.  d.)  dürfen  nicht  als  S.  bezeichnet
werden.
Suppositorien  (Stuhlzäpfchen)  nennt  man
kleine  kegel-,  Zylinder-  oder  spitzkugelförmige
Gebilde  von  3—4  cm  Länge  und  1  —  1,5  cm
Durchmesser,  die  zur  Einführung  in  den
Mastdarm  bestimmt  sind,  um  Darmentleerung
zu  verursachen  oder  einen  Reiz  auszuüben.
Abführende  S.  werden  aus  Seife  oder  Talg
hergestellt,  reizend  wirkende  bestehen  aus
Gemischen  von  Kakaobutter  mit  arzneilichen
Stoffen.
Syenit  ist  wie  Granit  und  Porphyr  eine  harte,
gemengte  Gebirgsart,  die,  abgesehen  von  zahlreichen ­
  Abarten,  aus  schwarzer  Hornblende,
weißem  und  rotem  Feldspat  und  Quarz  in
wechselnden  Mengen  besteht.  Geebnete  Flächen
zeigen  oft  eine  sehr  schöne  Sprenkelung  von
hellen  Flecken  auf  dunklem  Grunde.  Das  Gestein ­
  ist  ebenso  hart  und  politurfähig  wie  seine
obengenannten  Verwandten  und  dient  wie  diese
nicht  nur  zu  Bauten,  sondern  auch  zu  Stein-
        <pb n="444" />
        '  1  «6

—y**

Syenit

438

Tabak

hauerarbeiten,  die  durch  Politur  gehoben  werden,
wie  Säulen,  Platten  und  Sockel.  Viele  Kunstwerke ­
  des  Altertums  bestehen  aus  dieser  Felsart, ­
  die  namentlich  in  Ägypten  (am  Sinai)  sehr

schön  gefunden  wird  und  ihren  Namen  nach  der  berg  und  Aschaffenburg.

altägyptischen  Stadt  Syene  erhalten  hat.  In
Deutschland  findet  sich  der  Syenit  namentlich
im  Odenwald,  Thüringer  Wald,  im  Plauenschen
Grunde  bei  Dresden,  ferner  bei  Meißen,  Alten-Tabak

  (frz.  Nicotiane,  Tabac,  engl.  Tobacco,
Snuff)  ist  die  allgemein  gebräuchliche  Bezeichnung ­
  für  die  getrockneten  und  fermentiertein
Blätter  der  in  Amerika  heimischen,  jetzt  aber
überall  angebauten  Tabakpflanze,  Nicotiana
L.,  die  mit  oder  'ohne  Rippen  als  Rohtabak  oder
in  Form  von  Rauch-,  Kau-  und  Schnupftabak,.
Zigarren-  und  Zigarettentabak  in  den  Handel
kommt.  Das  Rauchen  von  T.  aus  Röhren  unc
Pfeifen  oder  in  Rollen  fanden  die  Spanier  bei
der  Entdeckung  Amerikas  bereits  als  eine  indianische ­
  Sitte  vor,  die  später,  1587,  durch  Sir
W.  Raleigh  und  seine  Matrosen  nach  Europa  eingeführt ­
  wurde  und  sich  hier  trotz  anfänglicher
Verbote  und  scharfer  Strafbestimmungen  rasch
verbreitete.  Nach  dem  französischen  Gesandten
am  portugiesischen  Hofe,  J.  Nicot,  der  1560  den
ersten  Samen  nach  Frankreich  brachte,  wurde
die  Pflanze  Nicotiana  benannt.  Der  T.  gehört
zur  Familie  der  Solanazeen  und  wird  meist
einjährig  aus  Samen  gezogen.  Er  gedeiht  nur
in  Ländern  mit  mindestens  8—10 0  mittlerer
Wärme,  am  feinsten  zwischen  dem  35.°  nördlicher
und  dem  35. 0  südlicher  Breite,  doch  geht  er
auch  noch  bis  zum  62. 0  n.  Br.  Die  Reife  erfolgt
in  22—26  Wochen  und  kann  auch  bei  ungünstigem ­
  Klima  noch  dadurch  erzielt  werden,  daß
man  in  besonderen  Treibkästen  (Tabakkutschen) ­
  vorbaut  und  dann  im  Juni  und  Juli  io
das  Land  verpflanzt.  Die  Tabakpflanze  wird
1—2  m  hoch,  hat  ästige  und  verästelte  Stengel
und  massige,  durch  Drüsenhaare  klebrige,
wechselständige  Blätter  mit  ungezähntem  Rand.
Die  am  Ende  der  Stengel  und  Äste  in  Rispen
stehenden  Blüten  besitzen  trichterförmige,  fünflappige, ­
  gelbrote  Blumenkronen  mit  gefaltetem
Saum.  Die  Kelche  sind  glockig,  fünfspaltig  und
bleibend,  die  Früchte  zwei-  bis  vierfächerige,
halb  vierklappige  Kapseln,  die  bis  zu  40  000
winzige  braune  Samen  für  die  Pflanze  zu  liefern
vermögen.  Die  Pfahlwurzel  geht  ziemlich  tief,
treibt  aber  nur  wenig  Nebenwurzeln.  Die  zahlreichen ­
  Arten  des  T.  werden  meist  -  in  vier
Hauptgruppen  eingeordnet:  1.  Virginischer
T.,  Nicotiana  Tabacum,  mit  sehr  hohem
Stengel  und  dichten,  überhängenden,  dickrippigen
und  dickfleischigen  Blättern.  Die  Seitenrippen
bilden  mit  der  Mittelrippe,  und  die  Blattstiele  mit
dem  Stengel  spitze  Winkel.  Die  zahlreichen,
zum  Teil  auch  in  Deutschland  gebauten  Sorten
liefern  gute  Deckblätter  sowie  Karottengut.
2.  Maryland  oder  großblättriger  T.,  Nicotiana ­
  macrophylla,  mit  breiten,  dünnrippigen
und  dünnfleischigen  Blättern.  Die  am  Grunde
oft  geöhrten  Blätter  sitzen  in  ziemlich  weiten  Abständen ­
  am  Stengel,  mit  dem  sie,  ebenso  wie  die
Seitenrippen  mit  der  Mittelrippe,  einen  rechten
Winkel  bilden.  Maryland  wird  als  Pfeifengut  und

für  Deckblatt  im  Elsaß  („Schaufeltabak“),  in  der
Pfalz  („Futtertabak“),  in  Ungarn,  der  Türkei.
Ohio,  Maryland,  Havanna,  Kuba  und  Portoriko
angebaut.  3.  Brasil  (Brösil),  Bauern-  oder
Veilchentabak,  N.  rustica,  mit  gestielten,
runden  und  klebrigen  Blättern,  wird  bis  hoch
im  Norden  in  Deutschland  (Hannover  und  Nürnberg), ­
  Ungarn,  Afrika  und  Asien  angebaut  und
liefert  ein  kräftiges  Pfeifengut.  4.  Jungferntabak, ­
  N,  peniculata,  aus  Peru  mit  %  m
hohem,  fünfeckigem,  etwas  filzigem  Stengel  und
gestielten,  an  der  Unterseite  rauhen  und  klebrigen ­
  Blättern.  Weiter  werden  noch  angeführt
der  Soldatentabak,  N,  glutinosa,  der  chinesische ­
  T.,  N.  chinensis,  der  Riesentabak,
N.  giganfea,  sowie  die  wenig  beachtenswerten
Sorten  N.  argentifolia  aus  Chile  und  N.  viscosa
  aus  Buenos  Aires.  —  Anbau.  Der  T,  verlangt ­
  einen  trocknen,  tiefgründigem,  humusreichen
und  kalkhaltigen  Boden  der  Sand-  und  Lehmbodengruppe. ­
  Auf  leichtem  Boden  wird  er  milder, ­
  für  Rauchgut  geeigneter,  auf  schwerem
Boden  besser  für  Schnupftabak;  auf  Tonboden
wächst  nur  Karottengut,  auf  Mittelboden  das
beste  Deckblatt.  Wärme  mit  häufigem,  gelindem
Regen  oder  -  doch  feuchter  Luft  (Holland  mit
Seeklima,  Wassernähe)  sagen  ihm  am  besten  zu,
während  wechselndes  Wetter,  rauher  Wind,  Kälte
und  Nässe,  Trockenheit  und  starke  Gewitter  ungünstig ­
  wirken.  Hagelschlag  und  Sturm  schädigen ­
  die  Blätter,  Trockenheit  verringert  den
Ertrag.  Für  Europa  ist  die  Düngung  und  Fruchtfolge ­
  von  großer  Bedeutung.  Stickstoffreicher
Dünger  verschlechtert  die  Güte,  Kali,  Kalk,
Asche,  Kompost  und  Gründüngung  verbessert
sie.  Die  Pflanzung  erfolgt,  wenn  die  Pflänzchen ­
  in  den  Saatbeeten  (Kutschen)  s—6  Blätter
entwickelt  haben,  je  nach  dem  Klima  vom  März
an,  in  Deutschland  im  Juni.  Man  rechnet  auf
den  Hektar  14—16  qm  Saatbeet  und  0,05—0,17  kg
Samen  (t  kg  zu  10000—15000  Samen),  für  die
in  Reihen  zu  pflegenden  Pflänzchen  20—60  qcm
Wachsraum.  Die  Pflege  besteht  in  mehrmaligem
Behacken  und  Behäufeln,  wobei  die  Blätter  nicht
verletzt  oder  mit  Erde  bedeckt  werden  dürfen.
Anfangs  muß  man  die  Pflanzen  durch  Begießen
und  Bedeckung  mit  Moos  vor  dem  Vertrocknen
schützen.  Nach  der  Bildung  von  8—12  Blättern
erfolgt  das  Köpfen,  die  Entnahme  der  sonst
Blüten  treibenden  Spitzen  und  schließlich  die
Entfernung  der  blattwinkelständigen  Seitentriebe
(„Geizen“).  Die  Ernte  geschieht  von  unten
nach  oben,  je  nach  dem  Reifen  der  Blätter,  wenn
sie  eine  lichtgrüne  Farbe  mit  gelblichen  Flecken,
eine  Art  Marmorierung,  annehmen,  schlaff  herunterhängen ­
  und  zähklebrig  werden.  Die  untersten ­
  Blätter,  das  sog.  Erd-  oder  Sandgut,
Sandgrumpen,  Sandblatt,  geben  geringwer ­
        <pb n="445" />
        Tabak

439

Tabak

tiges  Rauchgut,  die  mittleren  das  Haupt-  oder
Bestgut,  die  obersten  das  mittlere  Gut.  Zum
Trocknen  wenden  die  Blätter  auf  Schnüre  gezogen ­
  und  in  Schuppen  aufgehängt.  Nach  6—8
Wochen  nimmt  man  die  jetzt  gelbbraunen  Blätter
ab,  sortiert  und  bindet  sie  zum  Verkauf  an  die
Fabrikanten  zu  25—30  in  Bündel  zusammen.  Oder
man  'glättet  die  etwas  angefeuchteten  Deckblätter ­
  mit  der  Hand  und  schichtet  sie  zu
Stößen  oder  Docken  auf,  welche  dann  mit
Steinen  gepreßt  werden  und  so  lange  zusammenbleiben,
  bis  sie  kastanienbraun  oder  gelb  werden.
Mit  dieser  durch  Bakterien  oder  Oxydasen  veranlaßten
  sog.  Fermentation  ist  eine  erhebliche
Temperaturerhöhung  verbunden,  die  bis-  zu  6o°
steigen  kann,  meist  aber  auf  40 0  beschränkt  wird.
Zweck  der  Fermentation  ist  die  Zerstörung  gewisser ­
  Bestandteile  des  frischen  T.,  die  beim
Rauchen  unangenehm  riechende  und  schmekkende
  Stoffe  liefern  und  im  Übermaß  giftig
wirken.  Durch  Anwendung  besonderer,  aus
gärenden  Havannasorten  dargestellter  Enzyme
soll  man  sogar  inländischen  Erzeugnissen  das
Aroma  der  Edeltabake  verleihen  können.  Nach
Beendigung  der  Gärung  werden  die  Blätter  gelüftet, ­
  Wieder  getrocknet  und  zu  Bündeln  von
20—30  Stück  zusammengelegt.  Feinere  Blätter
werden  entrippt  und  die  Rippen  zu  Schnupftabak, ­
  Einlagen  oder  billigem  Rauchtabak  verkauft. ­
  In  der  Türkei,  vermischt  man  die  gärenden ­
  Blätter  mit  Steinklee,  dessen  Aroma  sie  annehmen, ­
  in  Serbien  mit  Honigwasser.  ■—  Der
Ertrag  ist  nach  Lage,  Boden,  Düngung  und
Jahrgang  außerordentlich  wechselnd.  Man  rechnet ­
  i,s—3  dz  Sandgut,  2—5.  dz  Geize,  8—25  dz
trockene  Blätter  und  50—60  dz  Stengel.  Die
größten  Mengen  T.  erzeugen  die  Vereinigten
Staaten  von'  Nordamerika,  danach  Asien,  Südamerika ­
  und  Afrika,  zusammen  etwa  1200  Millionen ­
  Kilogramm.  An  der  etwa  250  Millionen
Kilogramm  ausmachenden  europäischen  Erzeugung ­
  sind  in  erster  Linie  Rußland  und  Österreich-Ungarn, ­
  danach  Deutschland,  die  Türkei
und  Frankreich  beteiligt.  In  Deutschland  Werden
auf  rund  15000  ha  32  Millionen  Kilogramm
trockner  T.,  auf  1  ha  also  22  dz  geerntet.  —  Nach
seiner  chemischen  Zusammensetzung  und
physiologischen  Wirkung  gehört  der  T.  zu
den  alkaloidischen  Genußmitteln.  Die  frischen
Blätter  enthalten  80—88  o/ 0  Wasser,  die  trocknen
Blätter  im  Durchschnitt  8,140/0  Wasser  und  in
der  Trockensubstanz  6,65  °/o  Protein,  0,41  °/o  Ammoniak, ­
  0,86  0/0  Salpetersäure,  4,50  0/0  Ätherauszug
(Fett),  0,280/0  Wachs,  7,700/0  Harz,  8,830/0  Äpfelsäure, ­
  3,68  %  Zitronensäure,  2,38  °/o  Oxalsäure,
0,310/0  Essigsäure,  9,49  °/o  Pektin,  1,040/0  Gerbsäure, ­
  6,12  0/0  sonstige  stickstofffreie  Extraktstoffe, ­
  11.  x  6  °/o  Rohfaser  und  20,730/0  Mineralstoffe, ­
  die  hauptsächlich  aus  Kali  und  Kalk  bestehen. ­
  Die  narkotische  Wirkung  des  T.  beruht
auf  seinem  Gehalte  an  Nikotin  (s.  d.),  der  in
den  geringwertigen  Sorten  am  höchsten,  im  Hav
 annatabak  am  niedrigsten  ist.  Der  Gehalt  an
Nikotin  unterliegt  außerordentlichen  Schwankungen ­
  von  o—8  0/0  und  beträgt  im  Mittel  etwa  2  0/0.
Burch  den  Fermentationsprozeß  wird  ein  erheblicher ­
  Teil  des  Alkaloides,  oft  bis  zur  Hälfte,
zerstört.  Neben  dem  Nikotin  sind  in  geringen
Mengen  noch  drei  andere  Alkaloide:  Nikotein,

Nikotellin  undNikotimin,  vorhanden.  Außerdem ­
  ist  an  der  narkotischen  Wirkung  auch  ein
fettartiger  Stoff,  das  Nikotianin  oder  der
Tabakkampfer,  beteiligt.  Beim  Rauchen  (Verglimmen) ­
  entwickeln  sich  Ammoniak,  Kohlensäure, ­
  Kohlenoxyd,  Schwefelwasserstoff,  Blausäure, ­
  Pyridin  und  ein  ätherisches  01.  Das  letztere,
von  dem  Thoms  aus  15  kg  T,  6  g  isolieren  konnte,
siedet  bei  295—315  0  und  hat  einen  kamillenähnlichen ­
  Geruch.  Das  Nikotin  wird  zum  Teil
beim  Glimmen  zerstört  oder  in  Pyridine  umgewandelt, ­
  gelangt  aber  teilweise  in  unverändertem ­
  Zustande  mit  dem  Rauche  in  den  Organismus. ­
  Es  bildet  in  reinem  Zustande  ein  heftiges
Gift  und  erregt  Erbrechen,  Durchfall,  Zittern,
Muskelläbmung  und  Starrkrampf  mit  oft  tödlichem ­
  Ausgange.  In  der  beim  Rauchen  auftretenden ­
  starken  Verdünnung  wirkt  es  hingegen
anregend  und  befähigt  zu  erhöhter  körperlicher
und  geistiger  Tätigkeit  und  zum  leichteren  Ertragen ­
  von  Hunger,  Durst,  Arbeit,  Sorge  und
Gefahr.  Im  Übermaß  wirkt  Rauchen  schädlich,
besonders  beim  Verbrauch  der  unteren  Zigarrenenden, ­
  in  denen  sich  das  Nikotin  anhäuft.  Die
größte  Bedeutung  für  die  Bekömmlichkeit  hat
die  Verbrennlichkeit,  richtiger  Verglimmbarkei ­
  t,  die  durch  einen  hohen  Gehalt  an  Kali
und  Nikotin  sowie  durch  eine  feine  und  dünne
Struktur  begünstigt  wird.  Weiter  kommt  als
Wertmesser  der  Geruch  (das  Aroma)  und  der
Geschmack  in  Betracht,  der  vom  Klima  abhängt.
Die  Tabake  aus  Gegenden  nördlich  der  Weinregion,
besonders  von  schwerem  Boden,  sind  weniger  fein,
die  Erzeugnisse  aus  den  Tropen  bevorzugt.  Man
unterscheidet  daher  nach  ihrer  Herkunft  folgende ­
  Sorten:  1.  Europäische  T.  Frankreich
und  Italien  verbrauchen  ihre  Ernten  selbst.  Holland ­
  erzeugt  den  Amersforter,  Neukerker
und  Gelderschen  T.,  dessen  Bestgut  zu  Schnupftabak ­
  und  dessen  Erdgut  zu  Deckblättern  verarbeitet ­
  wird.  Deutschland  liefert  Uckermärker, ­
  Pfälzer  und  ElsässerT.für  geringwertige
Zigarren.  Ungarn  versendet  den  Debrecziner,
Debröer,  Szegediner,  Fünfkirchener,  Gar
tenblätter,  Charbel,  Palanke,  Osegger  und
Rebel  als  billiges  Pfeifen-,  Zigaretten-  und  Karottengut. ­
  Die  besten  europäischen  T.  sind  die
türkischen,  doch  gehen  unter  diesem  Namen
auch  die  kleinasiatischen  und  russischen  Sorten.
Sie  haben  ein  feines  gelbes  Blatt,  milden  Geschmack ­
  und  starken  Geruch  mit  süßlichem
Nebengeschmack  und  wirken  stark  narkotisch.
Man  verwendet  sie  in  Form  goldgelber,  langer
dünner  Fäden  hauptsächlich  für  Zigaretten.
2.  Asiatische  T.,  Manila,  Java  und  Sumatra ­
  werden  hauptsächlich  zu  Zigarren  verarbeitet.
Zeylon,  Kalkutta,  Japan  und  China  sind  ohne
Bedeutung  für  den  europäischen  Handel.  3.  Amerikanische ­
  T„  die  wichtigsten  und  wertvollsten
Sorten,  werden  meist  in  Ballen  aus  Rindshäuten,
sog.  Seronen,  und  in  Fässern  versandt.  Von  den
nordamerikanischenT.  werden  die  im  Westen
am  meisten  angebauten  und  beliebten  Ohio  und
Maryland  zu  fein  gelben,  aromatischen  Rauchtabaken ­
  verarbeitet.  Virginia  liefert  in  feinen,
fetten  Sorten  Schnupf-  und  Kautabak,  in  den
leichteren  lebhaft  braunen  Rauchtabak.  Kentucky, ­
  Karolina,  Georgia,  Missouri,  Tennessee ­
  erzeugen  Umblatt,  Deckblatt,  Einlage
        <pb n="446" />
        Tabak

440

Talg

für  Zigarren,  Kau-,  Schnupf-  und  Rauchtabak.
Seedleaf  und  Florida  finden  als  Deckblatt
Verwendung.  Die  westindischen  T.,  die  am
höchsten  geschätzt  werden,  umfassen  Havanna
und  Kuba  für  Zigarren,  Domingo  und  Portoriko
  hauptsächlich  für  Rauchtabak.  Unter  den
mittel-  und  südamerikanischen  Sorten  ist
der  Varinas  (Kanaster),  ein  sehr  geschätzter
Rauchtabak  in  Rollen  oder  Bündeln,  in  erster
Linie  zu  erwähnen.  Ähnliche  Sorten  sind  Marakaibo,
  St.Thomas,  Cumana,  Orinoko.  Kolumbia,
  Ambalema,  Palmira,  Girong.  ¥ukatan,
  Carmen  liefern  Zigarrengut,  stehen  aber
als  Rauchgut  dem  Varinas  nach.  Esmeralda
gibt  Deckblatt.  Sehr  fein  und  wertvoll  ist  der
Brasil.  Zum  Schluß  ist  noch  der  Kamerun-T.
zu  erwähnen,  welcher  dem  Sumatra  gleichstehen
soll,  und  der  beginnende  Anbau  in  Deutsch-Guinea
und  Ostafrika.  —  Die  Verarbeitung  des  T.
zerfällt  in  die  Herstellung  von  Rauchtabak,  Zigarren ­
  und  Zigaretten,  Schnupf-  und  Kautabak:
Der  Rauchtabak  wird,  geschnitten  und  gesponnen, ­
  in  Rollen  (Kraus-  oder  Krülltabak)  verkauft. ­
  Die  Verarbeitung  der  Blätter  besteht  in
einem  Entrippen  und  Abblatten  oder  in  einem
Plätten  der  Rippen  unter  Walzen.  Vielfach  geht
auch  die  Behandlung  mit  einer  Beize  oder
„Sauce“  voraus,  d.  s.  Mischungen  von  Melasse,
Rosinenabkochungen,  Feigen-  und  Teeauszügen^
Gewürzen,  Kochsalz,  Salmiak,  Salpeter  und  anderen ­
  Salzen,  durch  deren  Einwirkung  die  Brenmbarkeit
  erhöht  wird.  Danach  folgt  das  Schneiden
oder  Spinnen  zu  Rollen  und  das  Darren.  Die
Zigarren  bestehen  aus  dem  Wickel,  d.  h.  der
aus  gepreßten  Rippen  hergestellten  Einlage  mit
dem  unentrippten  Umblatt  und  dem  entrippten
Deckblatt.  Sog.  nikotinfreie  Zigarren  werden
aus  extrahiertem  T.  oder  neuerdings  auch  aus
mit  Gerbstoff  vermischtem  T.  hergestellt  und
heißen  dann  richtiger  nikotinunschädliche  Zigarren. ­
  Thoms  sucht  die  Schädlichkeit  des  Rauchens ­
  durch  Einlegen  eines  mit  Eisenchlorid
oder  Ferrosulfat  getränkten  Wattefilters  zu  beseitigen, ­
  welches  die  gasförmigen  Destillationsprodukte ­
  teilweise  zurückhält.  Schnupftabak
wird  aus  den  besonders  fetten  und  schweren,
schlecht  brennenden  Blättern  durch  Behandlung
mit  „Saucen“  unter  Zusatz  von  Tonkabohnen,
Veilchenwurzel,  Rosenöl  und  anderen  Aromastoffen, ­
  darauf  folgende  Gärung  (Karottieren),
Zerreiben  (Rapieren),  Sieben  und  Sortieren  hergesfellt.
  Zum  Einwickeln  benutztes  Stanniol  darf
nicht.mehr  als  t°/o  Blei  enthalten.  Kautabak
wird  aus  fettem,  schwerem,  besonders  Kentuckytabak, ­
  durch  Einlegen  in  sog.  Saucen  und  Fermentieren ­
  hergestellt  und  zu  fingerdicken  Rollen
(Andouillen)  gesponnen  oder  in  Stangen  gepreßt.
—  Zusätze  fremder  Blätter  sind  grundsätzlich  als
unzulässig  zu  bezeichnen,  da  das  Tabaksteuergesetz ­
  vom  15.  Juli  1909  in  §37  die  Verwendung
von  Ersatzmitteln  verbietet.  Der  Bundesrat  hat
aber  mehrfach  von  der  ihm  eingeräumten  Befugnis ­
  Gebrauch  gemacht  und  gewisse  Ersatzmittel, ­
  insbesondere  Rosen-,  Kirschen-,  Weichsel-,
Althee-,  Wegebreit-,  Huflattichblätter,  Plopfenzapfen
  und  Steinkleeblüten  für  geringere  Sorten
zugelassen.  Hingegen  sind  andere  Blätter,  u.  a.
von  Rüben,  Ampfer,  Kartoffeln,  Zichorien,  Rhabarber, ­
  Ulmen,  Platanen,  Walnuß,  Linden,  Kohl

usw.  durchweg  als  Verfälschungsmittel  beurteilt
worden.  Der  Tabakmangel  im  Kriege  hat  aber
gezwungen,  noch  weitere  Zugeständnisse  zu
machen  und  auch  den  Zusatz  von  Buchen-  und
Zichorienlaub  nachzulassen.  Unter  der  Bezeichnung ­
  Tabakersatz  oder  Rauchkräuter  sind
sogar  völlig  aus  fremden  Blättern  bestehende  Erzeugnisse ­
  in  den  Verkehr  gelangt.  Schnupftabak
wird  bisweilen  durch  Eisenvitriol,  Bleichromat,
Mennige  und  andere  mineralische  Beschwerungsmittel ­
  verfälscht.  Bei  Zigarren  sind  künstliche
Deckblätter  aus  braunem  Papier  festgestellt  worden. ­
  —  Der  T.  bildet  eine  sehr  beliebte  und
einträgliche  Ware  für  Besteuerung.  Die  Steuer
wird  entweder  in  Form  einer  Fabrikatsteuer  (Banderole) ­
  oder  einer  Flächensteuer  erhoben.  Viele
Staaten,  wie  Frankreich,  Österreich-Ungarn,  Italien, ­
  Spanien,  haben  Monopole  eingeführt.
Tabletten  (lat.  Tabulettae,  frz.  Tablettes,  engl-Tabloids)
  nennt  man  durch  Druck,  oft  unter  Zusatz ­
  von  etwas  Gummiarabikum  oder  Tragant,
hergestellte  Täfelchen,  ähnlich  den  Pastillen,  die
gleich  diesen  mdist  im  Großbetriebe  erzeugt
werden.  Als  freigegebene  T.  sind  Natrontabletten, ­
  Brausepulvertabletten,  Salmiaktabletten  zu
erwähnen.
Tada  paya  werden  auf  Java  die  Samen  der
Sterculia  Balanghas  L.  genannt,  die  geröstet
als  wohlschmeckende  Speise  diepen.  Sie  haben
die  Größe  und  Form  einer  Bohde,  besitzen  eine
runzelige  Schale  und  braune  Farbe.  Aus  dem
Fruchtfleische,  in  dem  die  Samen  sitzen,  wird
eine  gegen  Diarrhöe  wirksame  Gallerte  hergestellt. ­

Takamahak  (lat.  Resina  tacamahaca,  frz.  und
engl.  Tacamahac)  ist  ein  dem  Elemiharz  ähnliches ­
  wohlriechendes  Harz  verschiedener  Herkunft ­
  von  Bäumen  aus  den  Familien  der  Burserazeen
  und  Guttiferen,  deren  Steinfrüchte
zum  Teil  stark  ölhaltig  sind  und  außerdem  Harzbestandteile ­
  enthalten.  1.  Das  westindische
oder  amerikanische  T.  besteht  aus  großen,
rundlichen,  graubräunlichen  Stücken,  die  spröde
und  zerreiblich,  außen  bestäubt  und  auf  dem
Bruche  glänzend  und  durchscheinend  sind.  Das
Llarz  besitzt  einen  balsamischen,  lavendelartigen
Geruch,  der  namentlich  beim  Erwärmen  deutlich
hervortritt,  und  einen  aromatischen  bitteren  Geschmack. ­
  Es  stammt  von  Elaphrium  tomentosum
  (Jacq.),  s.  Bursera  tomentosa  und
Elaphrium  excelsum.  2.  Das  ostindische
T.,  von  Calophyllum  Inophyllum  (Lin.)  erhält ­
  man  in  gelbbraunen,  weißlich  bestäubten,
schwach  fettglänzenden  Stücken,  die  schon  in
der  Handwarme  erweichen  und  schwach  lavendelartig ­
  riechen.  3.  Bourbon-  oder  Madagaskar-T.,
  auch  Marienbalsam  genannt,  bildet
dunkelgrüne,  undurchsichtige,  nach  Angelika
riechende,  schwach  bitter  schmeckende  Massen
und  stammt  von  Calophyllum  Tacamahaca-Verwendung
  findet  T.  als  Räuchermittel  und  in
der  Volksmedizin.
Talg  (Unschlitt,  Inselt,  lat.  Sebum,  frz-Suif,
  engl.  Tallow)  nennt  man  die  Fettmassen,
die  umhüllt  und  durchzogen  von  Zellgewebehäuten
  um  die  Nieren  und  das  Netz  sowie
zwischen  den  größeren  Muskeln  der  Wiederkäuer ­
  liegen  und  um  so  reichlicher  vorhanden
sind,  je  besser  der  Ernährungszustand  der  Tiere
        <pb n="447" />
        Talg

441

Tamarinden

ist.  Als  Handelsware  kommen  nur  Rinder-  und
Schaf-  (Hammel-,  Schöpsentalg)  in  Betracht, ­
  die  für  die  wichtigste  technische  Verwendung ­
  in  Kerzen-  und.  Seifenfabriken  als  gleichwertig ­
  angesehen  und  ohne  Rücksicht  auf  'ihre
Abstammung,  auch  miteinander  vermischt,  als
Talg  in  den  Handel  kommen.  Zum  Ausschmelzen
des  T,.  in  Kleinbetrieben  erhitzt  man  die  .zerkleinerte ­
  Rohmasse  mit  Wasser,  bisweilen  unter
Zusatz  von  etwas  Schwefelsäure  auf  freiem  Feuer,
neuerdings  auch  wohl  durch  Einleiten  von  Dampf.
Beim  Großbetriebe  werden  ausschließlich  doppelwandige, ­
  oben  geschlossene  Kessel  benutzt,  aus
denen  die  übelriechenden  Dämpfe  in  einen  hohen
Schornstein  oder  in  die  Feuerung  eingeleitet
werden.  Das  ausgeschmolzene  und  von  den
Grieben  abgeseihte  Fett  bildet  für  sich  eine
Handelsware,  die  aber  für  die  Herstellung  von
Kerzen  und  Seifen  nicht  rein  genug  ist,  sondern
einem  nochmaligen  Läuterungsverfahren  unterzogen ­
  wird  (roher  und  geläuterter  T.).  Die
Hauptmenge  des  im  Inlande  gewonnenen  T.
geht  von  den  Fleischern  und  Schlachthöfen
direkt  an  die  Seifensieder,  doch  findet  sich  auch
Inlandsware  im  HandeF  und  wird  dann  den
besseren  Sorten,,  dem  polnischen,  holländischen
und  dänischen  T.  gleichgestellt  und  dem  russischen ­
  sogar  vorgezogen.  Der  größte  Teil  der
Handelsware  stammt  aus  Rußland,  und  zwar
der  Schaftalg  mehr  aus  dem  Süden  vom  Schwarzen ­
  Meer  aus,  der  Rindertalg  hauptsächlich  aus
den  inneren  und  nördlichen  Provinzen  von  Archangelsk ­
  und  Sibirien  über  Petersburg  und
andere  westliche  Häfen.  Zur  Verpackung  dienen
Holzfässer,  die  beim  weißen  T.  die  eigenartige ­
  Form  eines  abgestumpften  Kegels  mit
Bodenflächen  von  75  und  45  cm  Durchmesser
zeigen.  Die  vielfach  übliche  Lagerung  der  Fässer
auf  freiem  Deck  ohne  Schutz  vor  der  Sonne  ist
für  die  Haltbarkeit  von  Nachteil.  Für  die  aus
dem  Inneren  kommenden  Sendungen  bestehen
in  Petersburg  besondere  Warenhäuser,  in  denen
Sachverständige  die  Waren  prüfen,  sortieren  und
mit  dem  Wertstempel,  versehen.  Die  große  Erzeugung ­
  Australiens  und  Argentiniens  geht
größtenteils  nach  England.  Nach  der  Farbe
unterscheidet  man  meist  weißen,  d.  i.  Hammeltalg, ­
  und  gelben,  d.  i.  Rindertalg,  von  denen  der
erstere  etwas  härter  und  spröder  ist,  aber  leichter
gelb  und  ranzig  wird  als  der  weiche  und  schlüpfrige ­
  Rindertalg.  Wichtiger  ist  die  Unterscheidung ­
  nach  der  Verwendung  in  Lichtertalg
und  Seifentalg.  Der  wertvollere  Lichtertalg,
der  die  reinere,  hellere  und  härtere  Ware  umfaßt, ­
  zerfällt  in  die  Vorzugssorte,  den  gelben
Lichtertalg,  der  aus  nahezu  reinem  Rindertalg ­
  bestehen  soll,  und  in  den  weißen  Lichtertalg, ­
  der  in  bester  Beschaffenheit  von  Woronesch
  kommt.  Der  Seifentalg  umfaßt  die  bessere
Sorte,  den  sibirischen  Seifentalg,  und  den
gewöhnlichen  T.  Die  Wertbemessung  des  T.
erfolgt  auf  Grund  des  als  Talgtiter  bezeichneten
  Erstarrungspunktes  der  Fettsäuren.  Außer
zur  Herstellung  von  Kerzen  und  Seifen  findet
T.  bei  der  Lederbereitung  und  als  Schmiermittel
ausgedehnte  Anwendung.  Der  von  Apothekern
zu  Pflastern  und  Salben  benutzte  T.  wird  nicht
dem  Handel  entnommen,  sondern  aus  frischem
Rohstoff  ausgeschmolzen.  Die  Verwendung  als

Nahrungsmittel  und  die  chemische  Zusammensetzung ­
  ist  in  den  Abschnitten  Rindertalg  und
Schaftalg  besprochen  worden.
Talk  (Talkstein),  ein  aus  kieselsaurer
Magnesia  mit  ungefähr  5°/o  Wasser  bestehendes ­
  Mineral  von  der  Formel  H 2 Mg 3 Si 4 0 12 ,
kommt  in  zwei  Abarten  vor,  einer  scheinbar
amorphen,  kryptokristallinischen,  Speckstein
(s.d.)  genannten,  und  einer  deutlich  kristallinischen, ­
  dem  gewöhnlichen  Talkstein.  Letzterer ­
  ist  im  reinen  Zustande  ganz  weiß,  in  den
meisten  Fällen  jedoch  durch  fremde  Bestandteile, ­
  namentlich  Eisenoxydul,  schwach  grünlich, ­
  gelblich  oder  gräulich  gefärbt.  Das  sehr
weiche,  großblätterige,  in  dünnen  Blättchen  biegsame ­
  Mineral  erscheint  auf  den  frischen  Bruchflächen ­
  perlmutterglänzend  und  fühlt  sich  eigentümlich ­
  fettig  an.  Die  wichtigsten  Fundorte
liegen  in  den  Tiroler  Alpen.  Der  früher  hauptsächlich ­
  von  Venetianern  in  den  Handel  gebrachte ­
  und  daher  Talcum  venetum  (frz.  und
engl.  Tale)  genannte  Stoff  findet  vielfache  Verwendung. ­
  In  rein  weißer  Farbe  dient  er  zur
Herstellung  der  Glanztapeten,  Glanzkartons  und
satinierter  Papiere.  Weiter  bildet  er  den  Körper
für  viele  weiße  und  rote  Schminken,  wozu  er
sich  wegen  seiner  Zartheit  und  Unschädlichkeit
für  die  Haut  vorzüglich  eignet,  und  wird  auch
Körperfarben  und  feinen  Siegellacken  beigemischt. ­
  Die  nicht,  rein  weißen  Sorten  finden
als  Poliermittel  und  als  Erleichterungsmittel  beim
Stiefelanziehen  (Rutschpulver)  Verwendung.
Tamarinden  (Sauerdatteln,  lat.  Fructus  tamarindi,
  frz.  Tamarins,  engl.  Tamarinds)  sind
die  Früchte  eines  in  Afrika  heimischen,  aber
in  allen  ■  Tropenländern,  besonders  Ostindien,
angepflanzten  Baumes,  Tamarindus  indica,
der  zur  Familie  der  Zäsalpiniazeen  (Leguminosen) ­
  gehört.  Die  mit  einer  holzigen,
dünnen  und  zerbrechlichen.  Fruchtschale  bekleidete, ­
  meist  stark  gekrümmte  Schote,  die  an
den  Lagerstellen  der  Samen  verdickt,  im  übrigen
aber  zusammengedrückt  erscheint,  ist  durch  Querwände ­
  in  2—8,  bisweilen  auch  12  Fächer  eingeteilt, ­
  in  denen  je  ein  flacher,  glänzend  rotbrauner, ­
  hartschaliger  Samenkern  liegt,  eingebettet
in  ein  schwarzbraunes,  angenehm  sauer  und  etwas
herb  ;  schmeckendes  Mus.  Nur  das  nach  Entfernung ­
  der  Hülsen  mit  den  Samen  eingestampfte
Mus  wird  von  Ostindien,  meist,  über  Bombay,  in
Fässern  von  einigen  Zentnern  Inhalt  nach  Europa
eingeführt  und  als  Tamarindenmus  (lat.  Pulpa
tamarindorum  cruda,  frz.Pulpe  de  tamarins,  engl.
Pulp  of  tamarinds)  bezeichnet.  Es  bildet  eine
weiche  Masse,  die  schwarz  oder  schwarzbraun,
aber  nicht  fuchsig  aussehen.  und  nicht  zuviel
Samen  aufweisen  soll,  und  enthält  etwa  13  °/o
organische  Säuren,  vorwiegend  Weinsäure,  10  bis
12  °/o  Zucker,  viel  Pektinstoffe  und  3,5  0/0  Asche.
Für.pharmazeutische  Verwendung,  als  kühlendes,
gelind  abführendes  Mittel  stellt  man,  das  offizineile ­
  gereinigte.  Tamarindenmus  (Pulpa
tamarindorum  depuratä)  her,  indem  man  es  mit
heißem  Wasser  verrührt,  durch  ein  Sieb  treibt
und  nach  Zusatz  von  Zucker  wieder  eindickt.
—  Levantinische  oder  ägyptische  T.  bilden
feste  Körper  von  1/2  kg  Gewicht  und  sehr  unreiner ­
  Masse;  die  in  Frankreich  und  England
offizinelle  westindische  wird  durch  Einfüllen
        <pb n="448" />
        Tannalbin

442

Tausendgüldenkraut

der  reifen,  von  den  Hülsen  befreiten  Früchte
und  nachfolgendes  Übergießen  mit  kochendem
Sirup  hergestellt  und  erscheint  infolgedessen
viel  weicher  und  heller  braun.  Neben  den  T.
selbst  werden  auch  sog.  Tamarindenkonserven, ­
  d.  s.  Mischungen  mit  Seimes,  Jalapen,
Zucker,  Stärke,  Schokolade,  als  Abführmittel
benutzt  (z.  B.  Kanoldts  Tamarindenkonserven).
In  der  Technik  findet  die  ägyptische  und  westindische ­
  Ware  als  Tabaksoße  Verwendung.
Tannalbin,  eine  Verbindung  von  Gerbsäure
mit  Eiweiß,  findet  als  adstringierendes  Mittel
bei  Darmerkrankungen  medizinische  Anwendung.
Tannenholz,  das  Holz  der  Weißtanne  oder
Edeltanne,  Abies  pectinata,  das  von  allen
Nadelhölzern  am  wenigsten  Harz  enthält,  hat
eine  fast  weißliche,  ins  gelbliche  spielende  Farbe,
ist  sehr  lang-  und  geradfaserig  und  daher  von
vollkommenster  Spaltbarkeit.  Das  weiche  und
leichte  Holz  wirft  sich,  wenig  und  hält  sich  im
Trockenen  sehr  lange  und  wird  daher  als  Bauholz ­
  sowie  zu  Tischler-,  Drechsler-,  Böttcherarbeiten ­
  und  Resonanzholz  benutzt.
Tannennadelöl  (lat.  Oleum  abietis,  frz.  Essence
de  sapin  blanc,  engl.  Pine  oil),  das  ätherische
Öl  aus  den  Nadeln  der  Edeltanne,  Abies
pectinata  (A.  alba  Milk),  wird  durch  Destillation ­
  mit  Wasserdampf  erhalten  und  als  Parfüm
benutzt.  Es  riecht  weit  feiner  als  das  aus
Fichtennadeln  dargestellte  Öl.  Das  spez.  Gew.
schwankt  zwischen  0,867  und  0,886,  die  Drehung
zwischen  —34  und  —6o°.  Bestandteile  sind
Pinen,  Limonen,  Bornylazetat  undLaurinaldehyd.
Tannigen,  Triazetyltannin,  wird  durch
Kochen  von  Tannin  mit  Essigsäureanhydrid  bei
Gegenwart  von  Essigester  oder  Eisessig  als  ein
gelblichgraues,  geruch-  und  geschmackloses,  in
Wasser  unlösliches  Pulver  dargestellt  und  als
adstringierendes  und  verstopfendes  Mittel  bei
Diarrhöen  verordnet.
Tannoform  wird  durch  Behandlung  von  Tannin
mit  Formaldehyddämpfen  dargestellt  und  findet
als  Antiseptikum  in  der  Wundbehandlung  an
Stelle  von  Jodoform  vielfache  Anwendung.
Tannokol,  ein  durch  Fällung  von  Tannin  mit
Leim  erhaltenes  färb-  und  geruchloses  Pulver,
dient  als  Darmadstringens.
Tannopin  oder  Tannon  entsteht  bei  der
Fällung  von  Gerbsäure  mit  Hexamethylentetramin
und  längerem  Kochen  des  Niederschlages  mit
Glyzerin  als  ein  hellbraunes,  geruch-  und  geschmackloses ­
  Pulver,  das  sich  kaum  in  Wasser,
Alkohol.  Äther  und  schwachen  Säuren,  hingegen
völlig,  wenngleich  langsam,  in  verdünnten  Alkalien ­
  löst.  Es  bildet  ein  adstringierendes  Mittel
für  Typhus  und  akute  Darmerkrankungen.
Tanosal  (Kreosal),  der  Gerbsäureester  des
Kreosols  (Kreosottannat),  wird  durch  Behandlung ­
  eines  Gemisches  Von  Gerbsäure  und  Kreosot
mit  Phosgengas  dargestellt.  Das  braune,  amorphe,
schwach  nach  Kreosot  riechende  Pulver  ist  leicht
löslich  in  Wasser,  Alkohol  und  Glyzerin  und
wird  in  Form  der  6,6°/oigen  Lösung  sowie  von
Pillen  an  Stelle  des  Kreosots  gegen  Tuberkulose ­
  angewandt.
Tantal,  ein  Element  aus  der  Reihe  der  seltenen ­
  Metalle,  Ta  ==  183.  findet  sich  in  der  Natur
nicht  frei,  sondern  nur  in  Form  einiger  wenig
verbreiteter  Mineralien,  den  Kolumbiten  und

Tantaliten,  in  Gemeinschaft  mit  Niob  als  Tantalsäure. ­
  Durch  Reduktion  mit  Kohle  oder
metallischem  Natrium  kann  aus  der  Tantalsäure
das  T.  dargestellt  werden.  Es  läßt  sich  zu  sehr
dünnem  Draht  ausziehen  und  wird  in  dieser
Form  an  Stelle  des  Kohlenfadens  zur  Herstellung
elektrischer  Glühlampen  benutzt,  die  bei  gleicher
Lichtstärke  nur  den  halben  Stromverbrauch  haben.
Tapeten  nennt  man  Wandbekleidungen  aus
Papier,  Leder  oder  Geweben.  Im  Hinblick  auf
-die  durch  mit  Schweinfurtergrün  oder  mit  arsenhaltigem ­
  Fuchsin  gefärbte  T.  verursachten  Gesundheitsstörungen ­
  ist  durch  das  Farbengesetz
vom  s.  Juli  1887  die  Verwendung  arsenhaltiger
Farben  zu  ihrer  Herstellung  verboten.  Zulässig
ist  lediglich  die  Verwendung  arsenhaltiger  Beizen
oder  Fixierungsmitt^l,  wenn  die  Tapeten  das
Arsen  nicht  in  wasserlöslicher  Form  und  nicht
in  Menge  von  mehr  als  2  mg  in  100  qcm  enthalten. ­

Tarakanapulver  (lat.  Pulvis  taracanae,  frz.
Blatte  orientale,  engl.  Blatte  of  Orient).  Unter
diesem  Namen  kommt  ein  Arzneimittel  in  den
Drogenhandel,  das  aus  den  getöteten  und  gepulverten, ­
  namentlich  in  Rußland  sehr  verbreiteten ­
  Küchenschaben  besteht.  Die  schwarzen,
auch  als  Russen,  Schwaben  oder  Schaben
bekannten  käferähnlichen  Tiere,  Blatta  oder
Periplaneta  orientalis,  gehören  zu  den  Geradflüglern ­
  (Orthopteren).  Das  aus  ihnen
hergestellte,  als  Antihydropin  bezeichnete  Pulver ­
  hat  sich  als  ausgezeichnetes  Mittel  gegen
Wassersucht  bewährt.
Tartrazin,  ein  seit  1885  bekannter  Farbstoff,
wird  durch  Einwirkung  von  Phenylhydrazinmonosulfosäure
  auf  Dioxyweinsäure  gewonnen  und
besteht  aus  der  Natronverbindung  des  Reaktionsproduktes. ­
  Er  ist  der  wichtigste  Vertreter  der
sog.  Pyrazolon-  oder  Hydrazonfarbstoffe
(s.  Teerfarben),  welche  durch  die  Atomgruppe
N.NH.R  gekennzeichnet  sind.  Das  schön  orangegelbe ­
  Pulver  ist  in  Wasser  leicht  löslich  und
färbt  Wolle  im  sauren  Bade  gelb.
Tauenpapier,  ein  sehr  festes,  aus  gebrauchten
Seilen  und  Tauen  gefertigtes  Packpapier,  wird  in
verschiedenen  Feinheitsgraden  und  Färbungen,
meist  jedoch  braun  und  auf  einer  Seite  geglättet, ­
  hergestellt.  Man  verkauft  es  in  Rollen
oder  in  Bogen  je  nach  Größe  und  Gewicht.
Taunusbrunnen  in  Groß-Karben.  In  1000  g
sind  nach  R.  Fresenius  (1873)  enthalten:  Bikarbonate ­
  des  Kalziums  1,6103  g,  Bariums  Spur,
Strontiums  0,0036  g,  Magnesiums  0,2549  g,  Eisenoxyduts
  0,0183  g,  Manganoxyduls  0,0026g;  Chloride ­
  des  Kaliums  0,0192  g,  Natriums  1,5855  g,
Lithiums  0,0023  g,  Ammoniums  0,0052  g,  Magnesiums ­
  0,0867  g;  Brommagnesium  0,0003  g,  Jodmagnesium ­
  0,00001  g,  Kaliumsulfat  0,0608  g,  Natriumnitrat ­
  0,0007  g,  Kieselsäure  0,0161  g,  freie
Kohlensäure  2,4148  g.
Tausendgüldenkraut  (lat.  Herba  centaurii  minoris,
  frz.  Petite  Centaur6e,  engl.  Centaury  tops)
besteht  aus  den  getrockneten  blühenden  Stengeln
und  Blättern  von  Erythraea  Centaurium,
einer  offizinellen  ein-  oder  zweijährigen  Pflanze
aus  der  Familie  der  Gentianeen,  die  in  Europa,
Nordafrika  und  im  Orient  auf  Wiesen  und  Triften,
an  Rainen  und  im  Gebüsch  wild  wächst.  Sie
wird  1V2—4V2  dm  hoch,  hat  einen  vierkantigen,
        <pb n="449" />
        Taxin

443

Tee

nach  oben  verästelten  Stengel,  gegenüberstehende,
länglichovale  Blätter  und  sehr  kleine,  trichterförmige, ­
  dünnröhrige,  fünfspaltige,  rosenrote,  seltener ­
  weiße  Blüten,  die  eine  flache  Trugdolde
bilden.  Das  blühend  ohne  die  stärkeren  Stengelteile ­
  gesammelte  Kraut  ist  geruchlos,  schmeckt
aber  intensiv  und  rein  bitter  und  wird  in  Form
von  Abkochungen  und  Extrakten  zu  bitteren
Magenmitteln  wie  Enzianwurzel  gebraucht.  Außerdem ­
  verwendet  man  dasselbe  zum  Bittermachen
von  Likören.
Taxin,  ein  in  den  Blättern  von  Taxus  baccata
  (siehe  Eibenbaumblätter)  enthaltener
Giftstoff,  gehört  zu  den  stickstoffhaltigen  organischen ­
  Basen  und  bildet  ein  in  Alkohol  und
Äther  lösliches,  weißes,  kristallinisches  Pulver
von  bitterem  Geschmack.  Man  gewinnt  es  durch
Extraktion  der  Taxusblätter  mit  Äther,  Abdestillieren ­
  des  letzteren,  Behandeln  des  Rückstandes
mit  angesäuertem  Wasser  und  Fällen  mit  Ammoniak. ­
  T.  ist  für  medizinische  Zwecke  empfohlen ­
  worden.
Teakholz.  Der  auch  als  indische  Eiche
bezeichnete  Teakbaum,  Tectonia  grandis,
der  als  einer  der  höchsten  aller  Bäume  in  den
hoch  und  trocken  liegenden  Wäldern  Ostindiens
vorkommt,  zeichnet  sich  durch  schnelles  und
gerades  Wachstum  aus  und  erreicht  in  100  Jahren
seine  volle  Stärke.  Das  hellbraune,  poröse  und
ölhaltige  Holz,  das  sich  gut  bearbeiten  läßt,
bildet  wegen  seiner  Widerstandsfähigkeit  gegen
Wurmfraß  und  seiner  Haltbarkeit  im  Wasser,  die
dreimal  größer  als  diejenige  des  Eichenholzes  ist,
einen  gesuchten  Rohstoff  für  Wasserbauten.  Vor
allem  wird  es  beim  Schiffsbau,  u.  a.  als  Unterlage ­
  für  die  Panzerplatten  der  Kriegsschiffe  benutzt. ­
  Infolge  der  regen  Nachfrage  sind  die  Bestände ­
  bereits  stark  gelichtet,  nur  auf  Malabar,
Java  und  Zeylon  ist  der  geschätzte  Baum  noch
in  größeren  Mengen  erhalten,  und  man  hat
daher  neuerdings  künstliche  Pflanzungen  angelegt. ­
  Die  Blüten  und  Blätter  der  T.  werden
in  den  Tropen  gegen  Cholera  und  Harnleiden
angewandt.  —  Australisches  T.  stammt  von
Endiandra  glauca,  afrikanisches  T.  von
Oldfielda  africana  und  Pterocarpus  erittaceus.
  Beide  sind  vortrefflich  für  denBau  von
Eisenbahnwagen  geeignet.
Tee  (lat.  Thea,  frz.  Thd,  engl.  Tea)  besteht
aus  den  zusammengerollten  und  getrockneten
Elättern  des  zu  den  Ternströmiazeen  gehörigen ­
  Teestrauches,  Thea  chinensis,  eines
immergrünen  Strauches  oder  kleinen  Baumes,
der  in  China  und  Japan  heimisch,  nach  Java,
Indien  und  Amerika  verpflanzt  worden  ist.  Er
ist  wild  wachsend  bis  zu  to  m,  angebaut  aber
höchstens  3  m  hoch,  trägt  glänzend  kahle,  lederartige ­
  Blätter,  weiße  oder  rosenrote  Blüten  und
dreifäcberige,  dreisamige  Kapseln  mit  kirschkerngroßen, ­
  glänzend  braunen  Samen.  Nach  der
Größe  der  Blätter  unterscheidet  man  den  kleinu
 nd  dickblättrigen  T.  (Thea  chinensis  microphyllä)
  in  China  und  Japan  mit  4—7  cm
'angen,  2—3  cm  breiten  Blättern  und  den  als
eigentliche  Stammpfianze  betrachteten  groß-  und
dünnblättrigen  oder  Assam-T.  (Thea  chi-■tensis
  assamica)  in  Ostindien  und  Zeylon  mit
•o—14  cm  langen  und  4—5  cm  breiten  Blättern.
Weniger  wichtige  Abarten  sind  T.  viridis  mit

langen,  breitlanzettlichen,  T.  Bohea  mit  kurzen,
verkehrt  eiförmigen,  und  T.  st  riet  a  mit  schmalen
Blättern.  Der  T.  wächst  in  China  zwischen
25  und  31 0  n.  Br.,  geht  aber  auch  bis  zu  40 0
n.  Br.  hauptsächlich  in  Betg-  und  Plügelland.
Man  baut  ihn  in  ganzen  Hainen  oder  in  Reihen
zwischen  Feldern  und  selbst  auf  Dämmen  der
Reisfelder  in  leicht  sandigem,  ajber  gut  gedüngtem ­
  Boden.  Die  aus  Samen  gezogenen  Pflänzlinge ­
  werden  in  Abständen  von  1,25  m  gepflanzt
und  im  dritten  Jahre  auf  etwa  60  cm  gestutzt.
Man  hält  die  Sträucher  beständig  unter  dem
Schnitt  in  I—3  m  Höhe,  lockert  häufig  die
Erde,  beseitigt  das  Unkraut  und  düngt  mäßig.
Nach  sieben  Jahren  werden  alle  Schößlinge  zu
neuem  Stockausschlag  abgeschnitten  und  treiben
dann  sehr  zarte  Blätter.  Die  Ernte  erfolgt  vierbis
  fünfmal  im  Jahre.  Im  Februar  und  März
pflückt  man  die  glänzenden,  eben  aus  der  Knospe
entfalteten  Blättchen  mit  weißer  Behaarung,  die
sog.  Teeblüten  (Pekko),  und  danach  in  Abständen ­
  von  1V2  Monaten  bis  zum  Oktober  die
später  entwickelten  Blätter,  von  denen  diejenigen
der  ersten  Ernte  die  besten  sind.  Zur  weiteren
Verarbeitung  werden  zwei  verschiedene  Verfahren
eingeschlagen,  je  nachdem  man  grünen  oder
schwarzen  Tee  zu  erhalten  wünscht.  Zur  Darstellung ­
  des  grünenT.  werden  die  Blätter  gleich
nach  dem  Pflücken  schwach  gedämpft,  mit  den
Händen  gerollt  und  in  Pfannen,  auf  freiem  Feuer
rasch  geröstet,  wobei  sie  ihre  grüne  Farbe  behalten. ­
  Der  schwarze  T.  entsteht  dadurch,  daß
man  die  schwach  erhitzten  Blätter  2—3  Tage
lang  einer  Gärung,  nach  Art  der  Braunheubereitung ­
  überläßt  und  dann  trocknet.  Durch  die
Einwirkung  von  Enzymen  (Oxydasen)  wird  hierbei ­
  ein  besonderes  Aroma  entwickelt,  ein  Teil
des  Gerbstoffs  zerstört  und  die  grüne  Farbe  in
Schwarz  umgewandelt.  Die  Abfälle,  Zweigspitzen
und  Stengelteile,  werden,  meist  unter  Zuhilfenahme ­
  von  Gummi,  Blut  oder  anderen  Bindemitteln, ­
  zu  Backstein-  oder  Ziegeltee,  Bruchtee, ­
  Würfeltee  oder  Lügentee  zusammengepreßt. ­
  Zur  Erhöhung  des  Duftes  werden  bisweilen ­
  wohlriechende  Blätter  und  Blüten  beigemischt. ­
  —  Von  den  zahlreichen  Sorten  des
chinesischen  T.  gehören  zum  schwarzen  T.
der  aus  den  jüngsten  Zweigspitzen  mit  noch
nicht  völlig  entfalteten,  silberhaarigen  Blättern
bestehende  Pekko,  ferner  der  Kongo  oder
Concho  mit  3—8  cm  langen,  U/s—2  cm  breiten,
braunen  bis  braunroten  Blättern,  Souchong  mit
ausgewachsenen,  s  cm  langen  und  bis  2  m
breiten  bräunlichen,  ins  Violette  spielenden  Blättern ­
  und  Kapernconcho,  Kaperntee,  die
geringste  Sorte  des  schwarzen  T.  Der  feinste
grüne  T.,  der  Haysan,  aus  bläulichgrünen,
zylindrisch,  nicht  spiralig  gerollten,  seidenhaarigen
Blättern,  zerfällt  in  die  beste  Sorte  Junghaysan
und  die  geringere  Haysanskin.  Auslese  ist  der
Kaisertee,  Imperial.  Gunpowder,  der  zu
Körnchen  geformt  in  den  Handel  kommt.  Tonkay ­
  oder  Twankay  bildet  die  Mittelsorte,  Perloder ­
  Pulvertee  die  geringste.  Weiter  kommt
aus  China  noch  sog.  gelber  Tee  (Blumentee),
der  in  gleicher  Weise  wie  der  grüne  hergestellt,
aber  im  Schatten  getrocknet  wird.  Er  umfaßt
den  gelben  Oolong,  den  gelben  Mandarinenund
  Karawanentee.  Ganz  ähnliche  Erzeugnisse
        <pb n="450" />
        Teer

444

Teer

werden  neuerdings.  in  steigenden  Mengen  aus
Zeylon,  Ostindien  und  Java  eingeführt.  Sie  besitzen ­
  einen  kräftigeren  Geschmack  als.  der  chinesische ­
  Tee,  aber  ein  weniger,  feines  Aroma.
Als  wirksame  Bestandteile  enthält  der  T.
vor  allem  Koffein  (Teein),  dessen  Menge  zwischen ­
  i  und  5  °/o  schwankt  und  im  Mittel  2,6%
beträgt.  Am  reichsten  an  diesem  Stoffe  sind  die
besseren  schwarzen  und  die  geringeren  grünen
Sorten.  Die  Feinheit  des  T.  wird  aber  nicht
durch  das  Koffein,  sondern  durch  das  in  Menge
von  V2—i°/o  vorhandene  ätherische  Öl  verursacht. ­
  Der  zusammenziehende  Geschmack  beruht ­
  auf  der  Anwesenheit  von  Gerbstoff,  der
im  frischen  Teeblatt  etwa  20—25  °/o,  im  grünen
T.  16—18%  und  im  schwarzen  10—12%  ausmacht. ­
  Um  nicht  zu  herbe  Aufgüsse  zu  erhalten,
empfiehlt  es  sich  daherj  den  T.  mit  heißem
Wasser  nicht  zu  lange,  sondern  nur  bis  zur  hellgelben ­
  Farbe  ziehen  zu  lassen.  Von  anderen
Stoffen  enthält  der  Tee  noch  20—40%  Protein,
3—15  0/0  Fett,  Chlorophyll,  Wachs  und  Harz,
9—iS°/o  Rohfaser  und  erhebliche  Mengen,  4  bis
8%,  Mineralstoffe,  die  durch  einen  hohen  Mangangehalt
  ausgezeichnet  sind.  Wegen  seines  Gehaltes ­
  an  Koffein  wirkt  der  T.  anregend  auf
Nerven  und  Gehirn,  erregt  aber  im  Übermaß
Schlaflosigkeit,  Zittern  und  Abspannung.  Der
hohe  Preis  veranlaßt  zahlreiche  Verfälschungen. ­
  Beimischungen  von  fremden  Blättern:  Weiden ­
  (Kanton-T.),  Weidenröschen  (Russischer,
Koporischer,  Iwantee),  Schlehen,  Erdbeeren,
Eschen,  Ulmen,  Holunder,  Rosen,  Johannisbeeren ­
  (Warschauer  T.),  Steinsamen  (Böhmischer, ­
  Kroatischer  T.)  und  zahlreichen
anderen,  sind  beobachtet  worden  und  wegen  der
kennzeichnenden  Zähne,  Idioblasten  und  Gesamtform ­
  des  echten  T.  leicht  nachzuweisen.  Als  Verfälschung ­
  ist  auch  die  Beimischung  minderwertiger ­
  Sorten  zu  guten  zu  betrachten.  Die  Untersuchung ­
  erstreckt  sich  auf  die  Bestimmung  des
Wassergehaltes  (8'—12  0/0),  der  Asche  (mindestens ­
  3,  höchstens  8o/ 0 ,  davon  500/0  in  Wasser
löslich),  des  wäßrigen  Extrakts  (30—400/0,  mindestens ­
  240/0),  des  Teeins  (1  o/ 0 ).  Ein  Mittel  zur
Vorprüfung  auf  extrahierte  Blätter  bietet  die
Erhitzung  zwischen  zwei  Uhrgläsern,  wobei
echte  Ware  ein  Sublimat  von  Koffeinkristallen
liefert.  Die  Aufbewahrung  des  T.  muß  in
gut  verschlossenen  Gefäßen  bei  Lichtabschluß
erfolgen,  da  er  leicht  Gerüche  anzieht  und
bei  Feuchtigkeit  modrig  wird.  —  Als  Deutscher ­
  Tee,  Haustee,  Waldtee  und  unter
ähnlichen  Bezeichnungen  sind  in  der  Kriegszeit
vielfach  Gemische  verschiedener  Blätter  ,  und
Kräuter  von  Brombeeren,  Erdbeeren,  Himbeeren,
Waldmeister  u.  dgl.  sowie  auch  Hagebuttenkerne, ­
  Apfelschalen  benutzt  worden.  Durch
Fermentieren  der  genannten  Blattsorten  hat
man  versucht,  Teesorten  herzustellen,  die  demechten
  chinesischen  Tee  ähneln;  ob  sich  diese
Erzeugnisse  im  Verbrauche  halten  werden,  hängt
von  der  Zukunft  der  deutschen  Einfuhr  ab.
Teer  (lat.  Pix,  frz.  Goudron,  engl.  Tar).  Diesen
Namen  führen  alle  bei  der  trockenen  Destillation
organischer  Körper  entstehenden  Stoffe,  die  eine
ölige,  mehr  oder  weniger  dickflüssige,  zähe  Beschaffenheit, ­
  eine  braune  bis  schwarze  Farbe
und  meist  einen  unangenehmen  Geruch  haben.

Häufig  bildet  der  Teer  ein  Nebenprodukt,  wie
bei  der  Herstellung  von  Leuchtgas  und  Holzessig. ­
  Vielfach  wird  die  Destillation  aber  auch
nur  zum  Zwecke  der  Teergewinnung  ausgeführt,
wie  z.  B.  beim  Schwelen  der  Braunkohlen.  Der
Teer  ist  kein  einheitlicher  Stoff,  sondern  ein
Gemisch  zahlreicher  verschiedener  Verbindungen,
deren  Art  und  Menge  in  den  einzelnen  Sorten
großen.  Schwankungen  unterliegt.  Selbst  in  ein
und  derselben  Teerart,  wie  im  Steinkohlenteer,
kann  das  Mengenverhältnis  der-  einzelnen  Bestandteile ­
  außerordentlich  wechseln,  je  nach  der
Art  der  Kohle  und  des  Betriebes  und  besonders
der  Temperatur  und  Dauer  der  Destillation.  Im
Handel  unterscheidet  man  hauptsächlich  folgende ­
  Teersorten:  1.  Der  Holzteer  (vegetabilischer ­
  Teer,  lat.  Pix  liquida  seu  navalis,
frz.  Goudron  vegötal,  engl.  Vegetable  tar),  eine
schwarze  bis  dunkelbraune  Masse  von  lang  anhaltendem, ­
  durchdringendem  Geruch  und  scharfem, ­
  bitterem  Geschmack,  brennt  mit  leuchtender, ­
  rußender  Flamme  und  löst  sich  völlig  in
Alkohol,  hingegen  nur  teilweise  in  Äther  und
Terpentinöl.  Das  spez.  Gew.  beträgt  ungefähr
1,060.  Zurzeit  wird  der  Holzteer  meist  als  Nebenprodukt ­
  bei  der  Herstellung  des  Holzessigs  sowie
in  denjenigen  Gasanstalten,  die  noch  Holz  verarbeiten, ­
  gewonnen.  Doch  stellt  man  ihn  in
holzreichen  Gegenden  auch  noch  nach  alter  Art
in  Teerschwelereien  dar.  Schon  bei  der
gewöhnlichen  Meilerverkohlung  läßt  sich  etwas
Teer  gewinnen,  wenn  aus  dem  Inneren  ein
schräg  abfallendes  Gerinne  in  ein  verdecktes
Sammelgefäß  geleitet  wird.  Bei  der  eigentlichen
Teerschwelerei  benutzt,  man  gewöhnlich  Kienholz, ­
  harzige  Wurzeln,  Stöcke  .»und  Rinden,  so
daß  die  übrig  bleibenden  Kohlen  von  geringem
Werte  sind.  Doch  schwelt  man  bisweilen  auch
andere  Hölzer  und  schätzt  namentlich  den
Buchenholzteer  als  eine  bevorzugte  Sorte.
Das  zuerst  abfließende,  dünnere  und  flüssig 6
Destillat  (weißer  T.)  sieht  bräunlich  oder  gelblich ­
  aus,  schwimmt  auf  Wasser  und  wird  meist
zum  Abdestillieren  des  Kienöls  benutzt,  wobei
als  Rückstand  weißes  Pech  hinterbleibt.  Die
mittlere,  etwas  dunklere  Sorte  ist  der  Rad-  oder
Wagenteer.  Der  letzte,  dickste,  schwarzbraune
und  am  übelsten  riechende  schwarze  oder
Schiffsteer  (lat.  Pix  navalis,  frz.  Poix  noire,
engl.  Pitch)  dient  zupa  Teeren  des  Tauwerks  und
Kalfatern  hölzerner  Schiffe.  Der  Holzteer  besteht ­
  aus  Phenol,  Kresol,  Phlorol  und  ähnlichen
Körpern,  ferner  Brenzkatechin,  Zedriret,  einigen
flüssigen  Kohlenwasserstoffen,  et  was  Paraffin  und
stickstoffhaltigen  öligen  Basen.  Der  Birkenteer ­
  (lat.  Oleum  betulinum  seu  rüsci,  frz.  GoU'
dron  de  bouleau,  engl.  Birch  tar),  der  in  Rußland
in  großer  Menge  erzeugt  und  zur  Herstellung  des
Juchtenleders  verwandt  wird,  und  der  Buchenteer ­
  sind  durch  einen  höheren  Gehalt  an  GuaJ a '
kol  gekennzeichnet.  Medizinisch  wird  Buchenteer ­
  bei  Hautkrankheiten  sowie  als  Einreibung 5 '
mittel  gegen  Gicht  und  Rheumatismus  angewand*-—.
  2.  Torfteer  (frz.  Goudron  de  tourbe,  eng'-Turf
  tar)  gleicht  dem  aus  harzarmen  Hölzern  g e '
wonnenen  Holzteer,  z.  B.  dem  Buchenholzteer,  15
aber  weniger  geschätzt  als  der  aus  harzreiche 11
Hölzern  bereitete  Holzteer.  Man  erhält  a 119
gutem  Torf  eine  Ausbeute  von  6—9  °/o.
        <pb n="451" />
        Teerfarben  445  Teerfarben

3.  Braunkohlenteer,  Bergteer  (lat.  Pix  carbonis,
  frz.  Goudron  de  lignite,  engl.  Wood  coal
tar).  Obschon  jede  Braunkohle  T.  liefert,  benutzt ­
  man  doch  zur  Paraffingewinnung  nur  diejenigen ­
  Sorten,  die  reich  an  Pyropissit  (vgl.
Paraffin)  sind.  Der  Braunkohlenteer  ist  eine
dicke,  dunkelbraune,  übelriechende  Flüssigkeit,
die  nur  wenig  Kresol  und  Phenol,  dagegen  hauptsächlich ­
  Paraffin  und  flüssige  Kohlenwasserstoffe
der  verschiedensten  Art  enthält.  Die  leichter
flüchtigen  Bestandteile  werden  unter  dem  Namen
Photogen,  die  schwerer  flüchtigen  als  Solaröl
verkauft.  Der  Rückstand  von  der  Destillation
des  Braunkohlenteers  ist  der  Braunkohlenasphalt ­
  oder  das  Braunkohlenteerpech.  Die
Ausbeute  an  Braunkohlenteer  ist  sehr  verschieden ­
  und  schwankt  zwischen  6  und  25%.  •—
4.  Der  Steinkohlenteer  (lat.  Pix  lithanthracis
seu  carbonis.  frz.  Goudron  d'houille,  engl.  Coal
tar)  wird  in  bedeutenden  Mengen  bei  der  Erzeugung' ­
  von  Leuchtgas  aus  Steinkohlen  als
Nebenprodukt  erhalten  und  dient  zur  Gewinnung ­
  zahlreicher  wertvoller  Bestandteile.  Er
bildet  eine  dicke,  schwarze,  klebrige,  stark  betäubend ­
  riechende  Flüssigkeit,  die  schwerer  als
Wasser  und  mit  diesem  nicht  mischbar  ist.  Seine
wichtigsten-  Bestandteile  sind  Benzol,  Toluol,
Xylol,  Kumol,  Zymol,  Phenol,  Kresol,  Anilin,
Toluidin,  Xylidin  und  ähnliche  Basen,  endlich
Naphtalin,  Anthrazen,  Chrysen,  Diphenyl,  Fluoren,
  Phenanthren,  Fluoranthren  und  Pyren.  Der
bei  der  Destillation  des  Steinkohlenteers  hinterbleibende ­
  Rückstand  erstarrt  beim  Erkalten  zu
einer  harten,  schwarzen  Masse  von  muscheligem
Bruch,  dem  St  einkohlen  teerpech  oder  Steinkohlenasphalt, ­
  dem  Rohstoff  zur  Herstellung
von  Dachpappen  und  Asphaltfußböden.  —
5.  Animalischer  Teer  (tierischer  Teer,
Franzosenöl,  Hirschhornöl,  lat.  Oleum  animale ­
  foetidum,  frz.  Huile  animale,  engl.  Animal
oil)  wird  durch  trockene  Destillation  von  Knochen, ­
  Haut,  Leder,  Horn  und  anderen  tierischen
Abfällen  gewonnen.  Er  bildet  eine  außerordentlich ­
  übelriechende,  dunkelbraune,  ölige  Flüssigkeit, ­
  die  eine  große  Zahl  stickstoffhaltiger  organischer ­
  Basen  und  Kohlenwasserstoffe  enthält.
Man-  verwendet  das  Tieröl  in  der  Tierheilkunde
gegen  Räude  der  Schafe,  zum  Fernhalten  von
Insekten  in  der  heißen  Jahreszeit,  zum  Vertreiben
von  Hamstern,  Kaninchen  usf.  Die  aus  dem
Tieröl  durch  Rektifikation  erhaltenen,  leichter
flüchtigen  Teile  bilden  eine  gelbliche,  an  der
Luft  sich  dunkler  färbende  Flüssigkeit,  die  unter
dem  Namen  Dippels  öl,  gereinigtes  Tieröl
(lat.  Oleum  animale  aethereum,  Oleum  animale
Dippelii,  frz.  Huile  animale  volatile  ou  Huile  de
Dippel,  engl.  Volatil  animal  oil)  medizinisch  als
krampfstillendes  Mittel  Verwendung  findet.
Teerfarben  (Anilinfarben)  nennt  man  die
große  Zahl  der  aus  den  Bestandteilen  des  Steinkohlenteers ­
  (s.  Teer)  gewonnenen,  im  weiteren
Sinne  aber  auch  allekünstlich  hergestellten  organischen ­
  Farbstoffe  überhaupt.  Sie  alle  enthalten
mindestens  eine  ringförmige  Atomgruppe  (Benzol, ­
  Naphtalin,  Anthrazen,  Chinolin)  und  überdies
neben  Kohlenstoff  und  Wasserstoff  noch  Sauerstoff, ­
  Stickstoff,  Schwefel  oder  mehrere  dieser
Elemente  nebeneinander.  Als  Ausgangsmaterialien ­
  kommen  besonders  die  Kohlenwasserstoffe

Benzol,  Toluol,  Xylol,  Naphtalin,  Phenanthren,
Anthrazen  und  die  sauerstoffhaltigen  Phenole  und
Kresole  in  Betracht,  des  weiteren  aber  auch  zahlreiche ­
  von  diesen  abgeleitete  Halogenderivate
(Benzylchlorid),  Nitroverbindungen  (Nitrobenzol),
Sulfosäuren,  Aminoverbindungen  (Anilin),  Diazoverbindungen, ­
  Hydrazine  usw.  An  Stelle  der
hierdurch  gegebenen  Unterscheidung  in  Benzol-,
Toluol-  usw.  Farbstoffe  teilt  man  die  T.  neuerdings ­
  auf  Grund  ihrer  chemischen  Konstitution
z.B.nach  Möhlau  und  Eucherer  in  folgende
Gruppen  ein:  1.  Nitro-  und  Nitrosophenolfarbstoffe,
  2.  Azofarbstoffe,  3.  Pyrazolonfarbstoffe,
  4.  Di-  und  Triphenylmethanfarbstoffe,
  5.  Xanthenfarbstoffe,  6.  Anthrazenfarbstoffe,
  7.  Oxychinonfarbstoffe
der  Benzol-  und  Naphtalinreihe,  8.  Parachinoniminfarbstoffe,
  9.  Azinfarbstoffe,
10.  Oxazinfarbstoffe.n.Thiazinfarbstoffe,
12.  Thiazolfarbstoffe,  13.  Schwefelfarbstoffe, ­
  14.  Pyridin-,  Chinolin-  und  Akridinfarbstoffe, ­
  15.  Indigo-  und  Thioindigofarbstoffe.
  Die  einzelnen  Gruppen  sowie  ihre
wichtigsten  Vertreter  sind  in  besonderen  Abschnitten ­
  besprochen.  —  Nach  ihrem  verschiedenen ­
  Verhalten  zu  den  Geweben  und  Gespinstfasern ­
  unterscheidet  man  weiter  homochrome,
heterochrome  und  Pigmentfarbstoffe.  Die
ersteren,  welche  direkt  ohne  Beize  färben,  zerfallen ­
  in  drei  Unterabteilungen:  a)  Basische
Farbstoffe,  die  Wolle  in  wäßriger  Lösung  ohne
jeden  Zusatz,  Baumwolle  aber  erst  nach  vorherigem ­
  Beizen  mit  Tannin  und  Metallsalzen
färben  und  daher  auch  Tanninfarbstoffe  genannt
werden.  Bei  ihnen  ist  die  Base  des  Salzes  die
färbende  Ursache,  b)  Saure  Farbstoffe,  die
Wolle  in  einem  Bade  aus  Säuren  oder  sauren
Salzen,  Baumwolle  hingegen  gar  nicht  färben.
Bei  ihnen  beruht  die  Farbwirkung  auf  der  Säure
des  Salzes,  c)  Substantive  Farbstoffe,  die
ausnahmslos  Baumwolle  direkt  oder  nach  Zusatz
neutraler  oder  schwach  alkalischer  Salze,  zum
großen  Teile  aber  auch  Wolle  im  neutralen
Glaubersalz-  oder  Kochsalzbade  färben.  —  Die
Glieder  der  zweiten  Gruppe,  die  heterochrome ­
  n  F  arbstoff  e,  die  alle  schwach  sauren  Charakter
besitzen  und  mindestens  zwei  saure  Gruppen
(Plydroxyl-  oder  Karboxylgruppen)  enthalten,  färben ­
  die  Faser  nicht  direkt,  sondern  erst  nach
der  Behandlung  mit  einer  Beize  (s.  d.),  wodurch
Farblacke  entstehen.  Zu  ihnen  gehört  besonders
das  Alizarin.  —  Zu  den  Pigmentfarbstoffen ­
  gehören  nur  verhältnismäßig  wenige
Farbstoffe,  welche  auf  der  Faser  erzeugt  werden, ­
  besonders  Anilinschwarz,  Indigo  u.  a.  —
Nach  einer  anderen  Einteilung  unterscheidet
man  die  Farbstoffe  auch  wohl  in  substantive, ­
  die  ohne  Beize,  und  in  adjektive,  die
nur  mit  einer  Beize  färben.  Man  findet  dann,
daß  sich  zahlreiche  Farbstoffe  gegen  tierische
Fasern  (Wolle,  Seide)  substantiv,  gegen  Pflanzenfaser ­
  aber  adjektiv  verhalten,  und  daß  z.  B.
die  basischen  Farbstoffe  der  vorstehenden
Gruppierung  sowohl  substantiv  als  adjektiv  sein
können.  Die  Herstellung  der  Teerfarben  beginnt ­
  mit  der  Entdeckung  des  ersten  violetten
Farbstoffs  aus  Anilin,  des  Mauveins,  durchPerkin
im  Jahre  1856,  der  bereits  drei  Jahre  später,  1859,
die  Synthese  des  Fuchsins  durch  Verguin  und

|ll.

282.

£53.

172.

176.

'■ure  381.

ü  323.

32.
407
219.
8.
m  ;  t;.

147.
'6.

j  |B.
156.
1*17.
s  150.
:'&amp;gt;3.

48.
:  19.

2.
.  135.
ster  357,

1  82.
        <pb n="452" />
        m

Teigwaren

446

Terpentin

zahlreicher  anderer  Anilinfarbstoffe,  so  des  Anilinblaus ­
  durch  Girard  und  de  Laire,  des  Methylgrüns ­
  und  des  Methylvioletts  folgten.  Jedes  Jahr
brachte  neue  Farbstoffe  und  Farbstoffgruppen
(1869  die  Azofarbstoffe  durch,  Peter  Grieß,  Alizarin
  und  andere  Anthrazenfarbstoffe  durch  Grabe
und  Liebermann),  bis  im  Jahre  1880  mit  der
künstlichen  Darstellung  des  Indigos  durch
A.v.  Baeyer  ein  Höhepunkt  der  chemischen  Synthese ­
  erreicht  wurde.  Auf  der  Grundlage  dieser
streng  wissenschaftlichen  Forschung  entwickelte
sich  eine  blühende  Industrie,  in  der  zurzeit
Deutschland  die  unbestrittene  Führung  übernommen ­
  hat.  Der  Wert  der  Erzeugung  stieg  von
24  Millionen  Mark  im  Jahre  1874  auf  65  Millionen ­
  Mark  im  Jahre  1890,  und  im  Jahre  1908
erreichte  allein  die  Ausfuhr  die  Höhe  von  63000
Tonnen  im  Werte  von  mehr  als  120  Millionen
Mark.  —  Die  Teerfarbstoffe  finden  ausgedehnte
Anwendung  in  der  Färberei,  Zeugdruckerei,  Buntpapier- ­
  und  Tapetenfabrikation,  zum  Färben  von
Holz,  Metall,  Leder  sowie  zur  Herstellung  von
Kinderspielzeug  und  Tinten.  Für  viele  Zwecke
haben  sie  wegen  ihrer  glänzenden,  in  jeder  gewünschten ­
  Abstufung  herstellbaren  Töne  die
natürlichen  Farbstoffe  völlig  verdrängt,  und  im
Gegensätze  zu  der  früher  weit  verbreiteten  Ansicht ­
  gibt  es  jetzt  zahlreiche  T,,  die  nicht  nur
(für  Woll-  und  Seidenfärberei)  völlig  waschecht
sind,  sondern  auch  große  Lichtbeständigkeit
zeigen.  Selbst  die  für  Tapeten  beliebten  Modefarben ­
  lassen  sich  durchaus  lichtecht  erzielen.
—  Die  T.  des  Handels  enthalten  oft  Zusätze
nicht  färbender  Stoffe,  die  zum  Teil  erlaubten
Zwecken  dienen,  wie  der  Erzielung  eines  bestimmten ­
  Farbtones  oder  der  Erleichterung  ihres
Gebrauchs.  Es  sind  aber  auch  direkte  Verfälschungen ­
  oder  Beschwerungen  beobachtet  worden. ­
  Die  Erkennung  derartiger  Fremdstoffe,
soweit  sie  anorganisch  sind,  wie  Kochsalz,  Glaubersalz, ­
  Schwerspat,  erfolgt  mit  Hilfe  der  Aschenbestimmung. ­
  Stärke  und  Zucker  können  mikroskopisch ­
  erkannt  werden.  Der  Nachweis  von
Dextrin  gelangt  meist  durch  Behandlung  mit
Alkohol. 1
Teigwaren.  Unter  diesem  Namen  faßt  man
eine  ganze  Reihe  von  Erzeugnissen,  wie  Nudeln, ­
  Makkaroni  (Vermicelli),  Gräupchen
und  Suppeneinlagen,  zusammen,  die  ursprünglich ­
  in  Italien  (Makkaroni)  hergestellt  wurden,
seit  längerer  Zeit  aber  auch  in  Deutschland  von
zahlreichen  Fabriken  in  großen  Mengen,  ungefähr
500000  dz,  in  den  Verkehr  gebracht  werden.
Das  sehr  einfache  Verfahren  besteht  im  Grunde
darin,  daß  man  einen  mit  Hilfe  von  Weizenmehl
oder  -grieß  (Hartweizen)  und  Wasser  oder  Eiern
hergestellten  Teig  entweder  dünn  auswalzt  und
in  Streifen  schneidet  oder  durch  besondere  Maschinen ­
  in  Faden-  oder  eine  andere  Form  preßt
und  dann  bei  erhöhter  Temperatur  trocknet.
Nach  der  Form  unterscheidet  man  hauptsächlich
Band-,  Faden-,  Röhren-  oder  Schnittnudeln,  Perlgräupchen,
  Sternchen,  Hörnchen  und  Tierformen..
Wichtiger  ist  die  Unterscheidung  nach  der  Art
der  benutzten  Zutaten  in  Wasserteigwaren
und  Eierteigwaren,  von  denen  die  ersteren
aus  einem  Teig  von  Mehl  und  Wasser,  die
letzteren  aus  einem  Gemisch  von  Mehl  und
Eiern  hergestellt  werden.  Zwischen  den,  beiden

Endgliedern  dieser  Reihe  finden  sich  zahlreiche
Übergangsstufen  aus  Mehl,  Wasser  und  geringen
Eierzusätzen,  auch  wird  an  Stelle  des  ganzen  Eiinhalts, ­
  vielfach  getrocknetes  oder  auf  andere
Weise  konserviertes  Eigelb  verwandt.  Im  Hinblick ­
  auf  den  Umstand,  daß  viele  sog.  Eierteigwaren ­
  des  Handels  nur  verschwindend  geringen
oder  gar  keinen  Eigehalt  aufwiesen,  durch  künstliche ­
  Auffärbung  mit  gelben  Teerfarben  aber  den
Anschein  einer  gehaltreichen  Ware  besaßen,  erschien ­
  es  zweckmäßig,  den  Begriff  der  normalen
Beschaffenheit,  insbesondere  einen  Mindestgehalt
von  Eiern,  festzulegen.  Die  Ansichten  über  die
erforderliche  Menge  gehen  zurzeit  noch  auseinander. ­
  Während  die  Fabrikanten  ursprünglich
einen  Mindestgehalt  von  75  Eiern  für  den  Zentner ­
  Mehl  als  erforderlich,  später  aber  auch  50
und  30  Eier  als  ausreichend  bezeichneten,  ja
schließlich  sogar  jede  Begrenzung  ablehnten,  vertreten ­
  die  Nahrungsmittelchemiker  die  Ansicht,
daß  Eiernudeln  mindestens  400  Eier  auf  100  kg
Mehl  enthalten  müssen.  Die  sächsischen  Nahrungsmittelchemiker ­
  haben  sich  für  die  Festsetzung ­
  von  200  Eiern  für  100  kg  Mehl  ausgesprochen. ­
  Die  weitere  Forderung,  daß  eine
künstliche  Färbung  zu  kennzeichnen-  sei,  wird
auch  von  den  Fabrikanten  anerkannt.  Die  Feststellung ­
  des  Eigehaltes  in  Nudeln  stützt  sich  auf
die  Ermittlung  der  dem  Eigelb  eigentümlichen
Bestandteile:  Lutein  (Eifarbstoff),  Cholesterin,
Lezithin  und  Fett,  sie  bietet  aber  gewisse  Schwierigkeiten, ­
  weil  mit  längerer  Aufbewahrung  eine
Veränderung  der'  Eisubstanz  verbunden  ist.  Abgesehen ­
  von  dem  Eigehalte  stellt  man  an  die
T„  die  ein  wertvolles  Nahrungsmittel  für  den
Massenverbrauch  darstellen,  die  Forderung,  daß
sie  keine  anderen  Mehle  als  Weizenmehl  enthalten, ­
  beim  Kochen  nicht  zerfallen  und  keine
trübe  oder  sauer  reagierende  Brühe  liefern.
Tellur,  ein  dem  Schwefel  und  Selen  nahe
verwandtes  Element  vom  Atomgewicht  127,  findet ­
  sich  in  der  Natur  nur  selten,  und  zwar  entweder ­
  gediegen  oder  in  Verbindung  mit  Gold
und  Silber  im  Schrifterz  oder  mit  Blei  und
Silber  im  Tellurblei.  Die  wichtigsten  Fundorte ­
  sind  in  Siebenbürgen,  im  Altai  und  auf  der
liparischen  Insel  Vulkano.  Praktische  Verwendung ­
  findet  nur  das  tellursaure  Kalium  (Kaliumteliurat,
  lat.  Kalium  telluricum)  ein  in
wasserlöslichen  Nadeln  kristallisierendes  Salz,  das
zur  Verhinderung  des  Nachtschweißes  von  Phthisikern ­
  medizinisch  benutzt  wird.  Bei  längerem
Gebrauche  des  Mittels,  das  keinerlei  unangenehme
Nebenwirkungen  zeigt,  nimmt  der  Atem  einen
knoblauchartigen  Geruch  an.
Tereben,  eine  gelbliche,  bei  160 0  siedende,
ölige  Flüssigkeit,  die  an  Stelle  des  Terpentinöls
medizinische  Anwendung  findet,  wird  durch
wiederholte  Destillation  von  Terpentinöl  oder
anderen  Terpenen  mit  etwas  konzentrierter
Schwefelsäure  dargestellt.  Es  ist  nicht,  wie  früher
angenommen  wurde,  eine  einheitliche  Verbindung, ­
  sondern  ein  Gemisch  mehrerer  Kohlenwasserstoffe. ­

Terpentin  (lat.  iWebinthina,  frz.  Terdbenthine,
  engl.  Turpentine)  nennt  man  die  frisc,hen,
durch  Lufteinwirkung  noch  nicht  veränderten
Harzausflüsse  verschiedener  Koniferen,  die  als
Gemische  von  Harz  und  ätherischen  ölen  zu
        <pb n="453" />
        Terpentin

den  Balsamen  gehören  und  erst  beim  Eintrocknen ­
  unter  Verlust  der  flüchtigen  Stoffe  in  Harz
(s.  Ficbtenharz)  übergehen.  Zur  Gewinnung  der
zwischen  Holz  und  Rinde  öderen  besonderen
Hohlräumen  gebildeten  Ausscheidungen  macht
man  entweder  durch  die  Rinde  senkrechte  rinnenartige
  Einschnitte,  an  deren  unterem  Ende  die
Masse  in  besonderen  Vertiefungen  oder  untergestellten
  Gefäßen  aufgefangen  wird,  oder  man
bohrt  die  Stämme  an  und  läßt  aus  den  mit
Pfropfen  verschlossenen  Löchern  von  Zeit  zu
Zeit  den  Balsam  ausfließen.  Das  Anhauen  oder
Anbohren,  der  Bäume  erfolgt  im  Frühjahr,  das
Ausfließen  dauert  bis  in  den  Herbst,  und  zwar
am  reichlichsten  bei  der  Sonne  ausgesetzten
Bäumen  mit  dicker  Rinde.  Die  gesammelten,
oft  durch  Erde  oder  Sand,  Nadeln  und  Rinden-Stückchen
  verunreinigten  Massen  werden  durch
Schmelzen  bei  gelindem  Feuer  verflüssigt,  durch
grobe  Tücher  oder  eine  Strohschicht  geseiht  und
auf  Fässer  gefüllt.  In  den  Vereinigten  Staaten
setzt  man  sie  einfach  in  Fässern  mit  durchlöchertem ­
  Boden  der  Sonnenwärme  aus,  worauf  der
reine  T.  von  selbst  abtropft.  Auch  in  Frankreich ­
  wird  T.  auf  diese  Weise  gereinigt  und  Pate
de  tdrdbenthine  au  soleil,  als  dickflüssige,  oder
ä  la  chaudiere,  als  dünnflüssige  Sorte,  genannt.
—  Die  Terpentine  sind  honigdicke,  sehr  zähflüssige, ­
  je  nach  der  Herkunft  klare  oder  trübe,
aromatisch  riechende  und  schmeckende  Massen,
die,  obschon  im  allgemeinen  von  gleicher  Zusammensetzung, ­
  doch  in  Konsistenz,  Färbung,
Geruch  und  Ölgehalt  Abweichungen  zeigen  und
nach  den.  Ursprungsländern  in  folgende  Handelssorten ­
  unterschieden  werden:  i.  Der  gewöhnliche, ­
  gemeine  oder  deutsche  T.  (lat.
Terebinthina  communis),  hauptsächlich  von  Pinus
  Laricio,  seltener  von  der  Weiß-  und
Rottanne,  ist  von  zäher,  etwas  körniger  Konsistenz, ­
  gelblichweiß  gefärbt  und  trübe  sowie  von
stark  harzigem  Geruch  und  bitterlich  gewürzhaftem
  Geschmack.  Französischen  T.  nennt
man  besonders  die  Abscheidung  der  Seestrandkiefern ­
  (Pinus  maritima  und  P.  pinaster),
die  in  verschiedenen  Gegenden  Südfrankreichs
Wälder  bilden.  Er  ist  dünnflüssiger  und  feiner
Und  von  angenehmem  Geruch.  Amerikanischer ­
  T.  von  Pinus  palustris  unterscheidet
sich  vom  gewöhnlichen  nicht  wesentlich  und
fallt  daher  in  dieselbe  Gruppe.  -—  2.  Die  beste
Sorte  des  Terpentins  ist  der  venetianische
oder  Lärchen-T.  (lat.  Terebinthina  veneta,  frz.
Tdrdbenthine  de  Vdnise ;  engl.  Venetian  turpentine),
  der  hauptsächlich  in  Tirol,  Kärnten,  Steiermark ­
  und  weiter  östlich  bis  nach  Ungarn  von  der
Lärche,  Larix  decidua,  gewonnen  wird.  Doch
gibt  es  auch  in  der  Provence  Lärchenwälder,  die
echten  venetianischen  T.  liefern.  Die  dickflüssige, ­
  klebrige,  ziemlich  durchsichtige  Masse  ist
nur  schwach  gelblich  gefärbt  und  stark  fadenziehend ­
  und  besitzt  einen  harzig  gewürzhaften,
etwas  zitronenartigen  Geruch.  —  3.  Nordamerika
erzeugt  die  feinste  aller  Terpentinarten,  den
kanadischen  Terpentin  (s.  Kanadabalsam).
—  4.  Österreichischer  T.  (lat.  Terebinthina
austriaca,  frz.  Teröbenthine  autrichienne,  engl.
Austria  turpentine)  wird  von  Pinus  Laricio
gewonnen  und  aus  Niederösterreich  in  sog.  Lägeln,
  kleinen  ovalen  Fässern,  versandt.  —  5.  ItaTerpentinöl ­



lienischer  T.  (lat.  Terebinthina  italica,  frz.
Täröbenthine  italienne,  engl.  Italia  turpentine)
ist  von  derselben  Abstammung  wie  der  venetianische ­
  T„  aber  dunkler  an  Farbe.  Die  sonst  noch
vorkommenden  T„  wie  ungarischer  und  zyprischer ­
  T.  von  Pistacia  terebinthina,
haben  wenig  Bedeutung.  —  Terpentin  dient
hauptsächlich  dazu,  Harze  weicher  und  geschmeidiger ­
  zu  machen,  und  wird  daher  als  Zusatz  für
Siegellacke,  Harzfirnisse,  Lacke,  Kitte  und  Atzgründe
  verwandt.  Zur  Herstellung  von,  Lack
kann  nur  die  wasserfreie  Venetianer  Sorte  benutze
werden;  da  sonst  trübe  Lacke  entstehen.  Sie
verbrennt  im  Gegensätze  zu  dem  gewöhnlichen
wasserhaltigen  T.  ohne  prasselndes  Geräusch.
Weiter  wird  T.  als  Zusatz  zu  Salben,  Pflastern
und  Hufkitt  sowie  in  der  Medizin  viel  verwandt.
Auch  bildet  er  den  Rohstoff  zur  Darstellung  des
Terpentinöls,  des  Kolophoniums  und  des
Isoprens  (für  Kautschuksynthese).
Terpentinöl  (Terpentingeist,  lat.  Oleum
terebinthinae,  frz.  Essence  de  töröbenthine,  engl.
Turpentine  oil)  wird  in  der  Weise  gewonnen,  daß
man  Terpentin  mit  Wasser  aus  eisernen  Blasen
destilliert,  wobei  als  Rückstand  gekochter  Terpentin ­
  (lat.  Terebinthina  cocta,  s.  Resina  pind,
frz.  Rösine  jaune,  engl.  Burgundy  pitch)  oder
nach  völligem  Austreiben  des  Wassers  Kolophonium ­
  (s.d.)  hinterbleibt.  Das  übergegangene
Öl  wird  nach  erfolgter  Schichtentrennung  von
dem  Wasser  abgelassen  und  zur  Entfernung  mitgerissener ­
  Farbstoffe,  Harze  und  Säuren  (Ameisensäure) ­
  nochmals  mit  Wasser  und  etwas  Kalk  destilliert. ­
  Es  erscheint  dann  als  eine  farblose,
leichte  und  leichtflüchtige,  stark  riechende  und
brennend  schmeckende  Flüssigkeit,  die  mit  rußender ­
  Flamme  brennt  und  in  Äther,  Chloroform,
Schwefelkohlenstoff,  Petroläther  und  5—10  Teilen
90°/oigen  Alkohols,  nicht  aber  in  Wasser  löslich
ist.  Das  spez.  Gew.  beträgt  0,860—0,877,  die
Siedetemperatur  155—165°.  Französisches  T.
ist  stark  linksdrehend,  amerikanisches  rechtsdrehend, ­
  nur  ganz  vereinzelt  finden  sich  schwach
linksdrehende  Öle.  Beide  im  übrigengleichwertigen ­
  Öle  bestehen  aus  Gemischen  isomerer  Terpene ­
  (zum  allergrößten  Teil  Pinen),  die  in  flachen
Gefäßen  an  der  Luft  nur  teilweise  verdunsten  und
einen  durch  Sauerstoffaufnahme  veränderten  Rest
(Dicköl  der  Porzellanmaler)  hinterlassen,
schließlich  aber  zu  einem  harten  durchsichtigen
Firnis  eintrocknen  (verharzen).  Auf  dieser  Eigenschaft ­
  beruht  die  Verwendung  des  T.  als  Bindemittel ­
  für  Farben.  T.  löst  die  meisten  Harze,
auch  Kautschuk,  Schwefel  und  Phosphor,  mischt
sich  mit  ätherischen  und  fetten  Ölen  und  Firnis
und  wird  daher  vielfach  in  der  Technik,  besonders ­
  zur  Herstellung  von  Lacken,  zum  Verdünnen ­
  von  Ölfarben  und  leider  zum  Verfälschen
ätherischer  Öle  benutzt.  Weiter  dient  es  zur  Entfernung ­
  von  Fettflecken  und  zum  Bleichen  solcher ­
  Stoffe,  die  Chlor  nicht  vertragen,  z.  B.  Elfenbein. ­
  In  der  Medizin  wird  es  zu  reizenden  und
zerteilenden  Einreibungen  sowie  bisweilen  tropfenweise ­
  innerlich  verordnet.  Als  Verfälschungsmittel ­
  hat  man  besonders  höher  siedende  Petroleumdestillate, ­
  Harz-  und  Kampferöle  beobachtet,
die  sogar  als  selbständige  Waren  unter  dem
Namen  künstliches  oder  Patent-T.  (Larixolin,
  Paintojl)  im  Handel  erscheinen  und

447

-90.

1.
im  282.
I  Iahische


1:  75.
i-tre  381.
k
1  323.
n  ü-407.


■  4-6.

147.

15G.
17.
s  150.
»3.
rirens  241.

48.
.9.

429.

2.
135.
Ster  357,

1  82,
        <pb n="454" />
        Terpinhydrat

448

Theobromin

für  manche  Zwecke  verwendbar  sind.  Sie  verringern ­
  .aber  wegen  zu  großer  Flüchtigkeit  die
Haltbarkeit  der  Lackanstriche  und  haben  den
Nachteil  des  üblen  Geruchs  und  der  -Feuergefährlichkeit. ­
  Zu  ihrem  Nachweise  genügt  die
Bestimmung  des  spez.  Gew.,  des  Entflammungspunktes ­
  und  besonders  der  Refraktion,  —  Da  die
Einfuhr  von  amerikanischem  und  französischem
T.  in  den  letzten  Jahren  den  Bedarf  nicht  decken
konnte  und  eine  ungewöhnliche  Preissteigerung
die  Folge  war,  die  Schwierigkeiten  im  Laufe
des  Krieges  durch  die  mangelnden  Zufuhren
naturgemäß  noch  zltnahmen,  sind  in  Deutschland ­
  und  Österreich  zahlreiche  Versuche  zur
Steigerung  der  eigenen  Erzeugung  gemacht  worden. ­
  Die  Einführung  des  Flaschenverfahrens
zur  Gewinnung  des  Harzes  und  die  Extraktion
des  kiefern-  (Stubben-)  Holzes  haben  die  inländischen ­
  Ertragsziffern  zwar  bedeutend  erhöht,  eserscheint
  aber  zweifelhaft,  daß  der  ungefähr
300000  dz  betragende  Bedarf  im  Inlande  gedeckt ­
  werden  kann.  —  Außer  dem  französischen
und  amerikanischen  T.  ist  das  deutsche  (russisch-polnische) ­
  T.,  das  richtiger  als  Kienöl ­
  (lat.  Oleum  pini,  seu  terebinthinae  germanicum,
  frz.  Essence  de  pin,  engl.  Pine  oil)  bezeichnet ­
  wird,  eine  wichtige  Handelsware.  Es
wird  bei  der  Teerschwelerei  aus  dem  Wurzelholze ­
  der  Kiefer,  Pinus  silvestris,  gewonnen, ­
  zeigt  eine  gelbliche  Farbe,  sowie  ziemlich ­
  starken,  unangenehmen  Geruch  und  trocknet
nicht  so  schnell  wie  amerikanisches  oder  französisches ­
  T.  Das  Kienöl  ist  daher  zum  Mischen
mit  Lacken  nicht  geeignet,  für  Ölfarben  nur,
wenn  es  sich  um  äußere  VVnstriche  handelt,
da  sein  Geruch  zu  unangenehm  wirkt.  Es
kommt  aus  Polen,  Ostpreußen  und  Österreich
in  den  Handel.  —  Des  weiteren  seien  noch
spanisches,  griechisches,  österreichisches, ­
 1  venetianisches  und  indisches
T.  als  besondere  Sorten  genannt.  Das  spanische ­
  T.  stimmt  mit  dem  französischen  überein
und  hat  neuerdings  an  Bedeutung  gewonnen.
Das  griechische  T„  aus  dem  Terpentin  det
Aleppoföhre,  Pinus  halepensis  Miller,  ist
durch  starke  Rechtsdrehung  ausgezeichnet  («u
etwa  -{-40°).  Das  österreichische  (Neustädter)
T.  stammt  von  der  Schwarzkiefer,  Pinus
Laricio  Poiret,  das  venetianische  vom
Lärchenbaum  und.  das  indische  von  Pinus
longifolia  Roxb.  Im  Gegensatz'zu  den  übrigen
Terpentinölsorten  enthält  das  indische  T.  nur
wenig  Pinen,  dagegen  als  Hauptbestandteil  Sylvestren.
  —  Dem  Terpentinöl  verwandte  öle  sind:
1.  Templin-  oder  Edeltannenzapfenöl,  das
aus  den  Zapfen  von  Abies  alba  Milk  gewonnen ­
  wird  (lat.  Oleum  templinum,  frz.  Essence
de  templinum,  engl.  Templin  oil).  Als  Herkunftsländer ­
  kommen  die  Schweiz  und  Thüringen
in  Betracht.  Es  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,851
bis  0,87,0  und  eine  Drehung  von  —60  bis  ■—84°
und  besteht  zum  größten  Teil  aus  Linkslimonen.
2.  Edeltannennadelöl  siehe  unter  Tannennadelöl. ­
  3.  Latschen-  oder  Krummholzöl
(s.  d.).  4.  Fichtennadel-  oder  Kiefernnadelpl
  (s.  d.).  Diese  vier  Öle  werden  mehr  in  der
Parfümerie  und  als  Einreibungsmittel  verwandt.
Terpinhydrat  (lat.  Terpinum  hydratum,  frz.
Terpine  hydratde,  engl.  Terpin  Hydrate),  C 10 H 18 .

(OH) 2 .H 2 0,  nennt  man  die  farblose,  durchsichtige ­
  und  geruchlose  Kristallmasse,  die  sich  bei
längerem  Stehen  aus  einer  Mischung  von  Terpentinöl, ­
  wasserhaltigem  Alkohol  und  Salpetersäure ­
  abscheidet.  Das  T.  schmilzt  bei  116—117 0  |
und  geht  dabei  unter  Verlust  von  Wasser  in
weißes  kristallinisches  Terpin  über.  Man  verwendet ­
  es  seit  einiger  Zeit  medizinisch  bei  Lungenaffektionen ­
  und  Diphtherie.
Terra,  die  lateinische  Bezeichnung  für  Erde,
wird  im  Drogenhandel  für  folgende  Stoffe  gebraucht, ­
  die  jedoch  nicht  immer  Erden  im  gewöhnlichen ­
  Sinne  des  Wortes  sind:  T.  japonic.a,
ein  Pflanzenstoff,  s.  Katechu;  T.  di  Siena,
s.  Sienaerde;  T.  tripolitana,  s.  Tripel;  T.
viridis,  Grüne  Erde.
Terrakotten  sind  aus  gewöhnlichem,  doch  fein
bearbeitetem  Ton  gebrannte,  unglasierte  Steingutwaren ­
  von  künstlerischer  Ausführung,  die  weniger ­
  zum  Gebrauch  in  Haushaltungen,  sondern
mehr  zur  Verzierung  von  Gebäuden.  Gärten  usw.
dienen.  Schon  in  der  römischen  und  vorrömischen ­
  Zeit  (etruskische  Vasen)  sowie  später  im
15.  und  16.  Jahrhundert  stand  dieser  Zweig  des
Kunstgewerbes  in  hoher  Blüte,  doch  hat  man
sich  ihm  auch  in  neuerer  Zeit  wieder  mit  einer
gewissen  Vorliebe  zugewandt.  Die  T.  finden
nicht  nur  als  Bauverzierung  häufige  Verwendung,
sondern  auch,  selbständige  Figuren  und  ganze
Gruppen,  bis  zu  lebensgroßen  Statuen  und  Tierstücken, ­
  große  Vasen  und  Kandelaber  werden
vielfach  in  T.  hergestellt.  Die  Farbe  ist,  je
nachdem  der  Ton  sich  brennt,  dunkler  oder
heller  braun,  gelblich  oder  ganz  weiß.
Tetrapol  ist  eine  tetrachlorkohlenstoffhaltige
Seife.
Teufelsabbiß  Wurzel  (lat.  Radix  morsus  diaboli
s.  succisae,  frz.  Racine  de  succise,  engl.  Succise
root),  der  dunkelbraune  mit  Seitentrieben  bedeckte ­
  Wurzelstock  der  in  Europa  heimischen
Komposite  Succisa  pratensis,  der  3—5  cm
lang  und  1  cm  dick  wird,  enthält  Gerbstoff  und
findet  in  der  Volksmedizin  gegen  Durchfall  Verwendung. ­

Thallin  (Tetrahydroparachinanisol),  C 9 -
H]oN(OCH 3 ),  wird  durch  Erhitzung  von  Paramido-
  und  Paranitroanisol  mit  Glyzerin  und
Schwefelsäure  auf  150°  .und  Reduktion  des  bei
der  Destillation  mit  Wasserdämpfen  übergehenden ­
  Parachinanisols  mit  Zinn  und  Salzsäure
dargestellt.  Es  bildet  eine  farblose  ölige  Flüssigkeit ­
  von  kumarinähnlichem  Geruch,  die  sich  in
Wasser,  Alkohol  und  Äther  löst  und  sich  mit
Eisenchlorid  tiefgrün  färbt.  Das  Thallinsulfat
(lat.  Thallinum  sulfuricum,  frz.  Sulfate  thallinique,
  engl.  Thalline  .Sulphate),  ein  nach  Kumarin ­
  riechendes,  gelblichweißes  Pulver  von  säuerlich-salzigem ­
  und  gleichzeitig  bitterlich-gewürzhaftem
  Geschmack  sowie  das  ganz  ähnliche
weinsaure  Salz,  Thallintartrat  (lat.  Thallinum
tartaricum,  frz.  Tartrate  thallinique,  engl.  Thalline
  Tartrate),  dienten  einige  Zeit  als  Chininersatz,
werden  wegen  ihrer  Giftigkeit  aber  jetzt  nur
noch  als  Antiseptikum  bei  Tripper  angewandt-Beide
  müssen  vor  Licht  geschützt  aufbewahrt
werden.
Theobrotnin,  der  anregende  Bestandteil  des
Kakaos,  ist  dem  Koffein  (Teein)  nahe  verwandt
und  in  chemischer  Hinsicht  als  Dimethyl'
        <pb n="455" />
        isimus

Thomasschlacke

Theriak  449

Xanthin,  C 7 H 8 N 4 0 2 ,  anzusprechen.  Es'  kann
aus  dem  Xanthin  des  Fleischextraktes  künstlich
dargestellt  werden,  wird  aber  meist  aus  dem  wäßrigen ­
  Auszuge  der  Kakaobohnen  durch  Fällung
mit  Bleiessig,  Zerlegung  des  abfiltrierten  Niederschlages ­
  mit  Schwefelwasserstoff  und  weitere
Reinigung  mit  Magnesia  und  Alkohol  gewonnen.
T.  bildet  ein  weißes  Kristallpulver,  sublimiert
unzersetzt,  schmilzt  bei  329—330 0  und  ist  in
Alkohol  und  Wasser  schwer,  in  Petroläther  unlöslich. ­
  Gegen  Säuren  verhält  das  T.  sich  wie
eine  schwache  Base,  gibt  andererseits  aber  auch
mit  Natron,  Baryt  und  anderen  Basen  Salze.
Die  leichtlösliche  Doppelverbindung  des  Theobrominnatriums ­
  mit  Natriumsalizylat  findet  unter
dem  Namen  Diuretin  medizinische  Anwendung
gegen  Wassersucht  und  als  harntreibendes  Mittel.
Theriak  (lat.  Electuarium  theriaca,  s.  theriacale,
  frz.  Thöriaque,  engl.  TreacleJ  eine  aus
verschiedenen  Wurzel-  und  Gewürzpulvern  unter
Zusatz  von  Honig  und  Wein  hergestellte  Latwerge, ­
  die  im  Mittelalter  namentlich  in  Venedig
zubereitet  und  daher  auch  venetianischer  T.  genannt ­
  wurde,  findet  als  Zusatz  zu  verschiedenen
Magenschnäpsen,  z.  B.  alter  Schwede,  Verwendung. ­
  —  Der  medizinische  T,  ist  mit  Zusatz
von  Opium  hergestellt  und  daher  für  den  Handverkauf ­
  nicht  freigegeben.
Thermit  nennt  Goldschmidt  die  von  ihm  in
die  Technik  eingeführte  Mischung  von  Aluminiumpulver
  mit  Eisenoxyd,  Chromoxyd  und
anderen  Metalloxyden,  die  mit  eiper'Zündkirsche
aus  vier  Teilen  Bariumsuperoxyd  und  einem  Teil
Aluminium  entzündet  wird  und  dann  Temperatluren
  von  gegen  3000 0  erzeugt.  T.  dient  zurHerstellung
  sonst  schwierig  reduzierbarer  Metalle,  wie
Chrom  und  Mangan,  sowie  von  künstlichem  Korund, ­
  und  findet  zum  Schweißen  von  Stahl
(Eisenbahnschienen)  nach  dem  Verfahren  der
Aluminothermie  ausgedehnte  Anwendung.
Thiazinfarbstoffe  bilden  die  9.  Gruppe  der
Teerfarben  (s.  d.)nach  der  Einteilung  von  Möhlau
  und  Eucherer.  Ihrer  chemischen  Zusammensetzung ­
  nach  sind  sie  den  Oxazinen  verwandt, ­
  von  denen  sie  durch  Eintritt  eines  Schwefelatoms ­
  an  Stelle  von  Sauerstoff  abgeleitet  werden ­
  können,  und  demnach  als  Abkömmlinge
des  Phenthiazins  (Thiodiphenylamin):  C G H 4 .
(NHS)C 6 H 4  anzusehen.  Zur  Darstellung  der  Th.
geht  man  von  den  Paradiaminothiosulfonsäuren
aus,  die  bei  der  Oxydation  von  p-Diaminen  in
Gegenwart  von  Thiosulfat  entstehen,  und  unterwirft ­
  sie  der  oxydativen  Kondensation  mit
Aminen  und  Phenolen,  auch  Aminophenolen,
Chinonen,  Hydrochinonen,  Gallussäure  usw.
Der  einfachste  Vertreter  der  Reihe  ist  Lauths
Violett  (s.  d.),  der  für  die  Praxis  allein  in  Betracht ­
  kommende  das  Methylenblau  (s.  d.).
Thiazolfarbstoffe  (12.  Gruppe  der  Teerfarben,
s,  d.)  sind  durch  die  ringförmig  geschlossene
Atomgruppe  CCSCN,  den  sog.  Thiazolring,  gekennzeichnet ­
  und  leiten  sich  ab  von  demDehydrothiotoluidin,
  CH3,.C 6 H3(NS)C.C 6 H 4 .NH2,  das
beim  Erhitzen  von  p-Toluidin  mit  Schwefel  entsteht. ­
  Durch  Ersatz  von  zwei  Wasserstoffatomen ­
  der  Amidogruppe  durch  zwei  Methylgruppen ­
  und  durch  Verbindung  des  Schwefelatoms ­
  mit  CI  und  CH 3  entsteht  das  Tetramethylchlorid, ­
  das  unter  dem  Namen  Thio-M'crcks
  Warenlexikon.

flavinT  als  grünlichgelber  Farbstoff  für  Baumwolle ­
  und  Seide  Anwendung  findet.  Thioflavin
  S  ist  das  Dimethylderivat  der  Dehydrothiotoluidinsulfosäure,
  durch  dessen  Oxydation
wieder  ein  neuer  Farbstoff,  Chloramingelb,
entsteht.  Als  weitere  Abkömmlinge  der  ge-  ■
nannten  Sulfosäure  sind  noch  Claytongelb
(Thiazolgelb  S)  und  Erika  B  anzusehen.  Der
wichtigste  Farbstoff  der  Reihe,  die  Primulinbas'e
  bzw.  deren  Sulfonsäure,  das  Primulin,
wird  wie  das  Thioflavin  durch  Erhitzen  von
p-Toluidin  mit  Schwefel,  aber  bei  höherer  Temperatur ­
  und  größerem  Schwefelüberschuß,  hergestellt. ­
  Das  gelbe  Pulver  gibt  mit  heißem
Wasser  eine  blau  fluoreszierende  Lösung,  in  der
Natronlauge  und  Salzsäure  Niederschläge  hervorrufen.
  Primulin  läßt  sich  auf  ungeheizter
Baumwolle  mit  gelber  Farbe  befestigen.
Thioform,  das  basische  Wismutsalz  der  Dithiosalizyisäure,
  ein  geruchloses,  gelbes,  inWasser
unlösliches  Pulver,  wird  an  Stelle  des  Jodoforms
in  der  Wundbehandlung  benutzt.
Thiol,  ein  vor  mehreren  Jahren  in  den  Handel ­
  gekommenes  Medikament,  welches  mit  dem
Ichthyol  in  Wettbewerb  zu  treten  bestimmt  ist,
wird  aus  denjenigen  Destillationsprodukten  des
Braunkohlenteeröls  gewonnen,  die  unter  dem
Namen  Gasöl  bekannt  sind.  Das  Gasöl  wird  bei
ungefähr  215 0  mit  Schwefel  behandelt,  der  sich
unter  Schwefelwasserstoffentwicklung  löst,  und
die  Lösung  durch  Eingießen  in  konz.  Schwefelsäure ­
  in  Sulfosäuren  verwandelt,  die  sich  beim
Zusammenbringen  mit  Wasser  als  harzige  Schicht
niederschlagen,  während  die  unzersetzten  Öle
obenauf  schwimmen  und  entfernt  werden.  In
reinem,  schwefelsäurefreiem  Wasser  lösen  sich
diese  Sulfosäuren,  werden  aber  durch  Zusatz
von  Kochsalz  wieder  ausgefällt.  Durch  Neutralisation ­
  mit  Ammoniak  oder  Natron  erhält
man  die  entsprechenden  Salze,  die  als  T.  in  den
Handel  kommen.
Thiorubin,  ein  im  Jahre  1885  aufgekommener
Teerfarbstoff,  das  Natronsalz  der  Thioparatoluidinazoalphanaphtholdisulfosäure,
  bildet  ein
rotbraunes  Pulver,  das  sich  in  Wasser  mit  fuchsinroter ­
  Färbe  löst  und  Wolle  im  sauren  Bade
rot  färbt.
Thomasschlacke,  die  nach  dem  Verfahren  von
Thomas-Gilchrist  zur  Herstellung  von  Eisen
und  Stahl  aus  den  Bessemerkonvertern  entnommene ­
  Schlacke,  bildet  in  Form  eines  feinen  Pulvers ­
  das  wichtigste  Phosphorsäuredüngemittel
Deutschlands.  Sie  wurde  während  des  letzten
Friedensjahres  (1913)  in  Menge  von  z 1 /^  Millionen ­
  Tonnen  bei  uns  hergestellt  und  bis  auf
einen  Ausfuhrüberschuß  von  1 / i  Million  Tonnen
verbraucht.  Zu  der  Gewinnung  mußten  allerdings ­
  neben  23  Millionen  Tonnen  einheimischer
10  Millionen  Tonnen  ausländischer  Erze  (Spanien, ­
  Schweden)  herangezogen  werden,  und
noch  ungünstiger  werden  sich  die  Verhältnisse
durch  die  Abtretung  des  lothringischen  Erzbeckens ­
  gestalten.  Das  Thomasmehl  enthält  11
bis  230/0,  im  Mittel  170/0  Phosphorsäure  an
Kalk  gebunden  in  Form  des  Tetrakalziumphosphats ­
  (Ca d P 2 0 8 )  neben  geringen  Mengen  Magnesia, ­
  Eisen,  Tonerde,  Mangan,  Schwefel,  Kieselsäure. ­
  Sein  Düngewert  wird  nach  dem  Gehalte
an  „zitratlöslicher“,  d.  h.  in  einer  bestimm-29


82.
6,  407.
219.
1128.
876.

el  147.
!  206.
■98.
ätt  156.
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417.
ilis  150.
193.
13.
pi  ervirens  241.

ne  48.
119.
63.
429.
68.

272.
61  135.
•eester  357,

rün  82.
        <pb n="456" />
        I

Thujaöl  4f&amp;gt;0  Tinte

ten  Ammoniumzitratmischung  löslicher  Phosphorsäure ­
  beurteilt.  —  Die  bisweilen  fälschlich
als  T.  bezeichnete  Martinsschlacke  enthält
nur  etwa  halb  soviel  Phosphorsäure.
Thujaöl  (Lebensbaumöl,  lat.  Oleum  thujae,
frz.  Essence  de  Thuya,  engl.  Thuja  oil),  das
ätherische  Öl  aus  den  Blättern  von  Thuja
occidentalis,  dem  sog.  Lebensbaum,  ist
farblos,  gelb  oder  grüngelb  und  von  kampferartigem ­
  Geruch  und  hat  ein  spez.  Gew.  von
0,915—0,935.  Aus  den  im  März  geschnittenen
Zweigen  erhält  man  0,65,  aus  den  im  Juni  und
November  geschnittenen  0,400/0  Ausbeute  an  Öl.
Das  letztere  enthält  zwei  isomere  sauerstoffhaltige ­
  Verbindungen,  Thujon  und  Fenchon,
von  denen  das  eine  rechts,  das  andere  links
dreht,  außerdem  rechts  drehendes  Pinen,  Linksborneol,
  frei  oder  verestert,  und  Spuren  von
Ameisensäure  und  Essigsäureestern.  Das  T.
wird  äußerlich  wie  innerlich  gegen  Warzen  und
Geschwülste  sowie  als  Abortivmittel  benutzt.
Thunfisch  (Tunfisch,  frz.Thon,  engl.Tunnyfish).
  Dieser  Riese  unter  den  Makrelen
(Scomber  Thynnus),  ein  lachsartiger,  dicker,
3—6  m  langer,  250—500  kg  schwer  werdender
Seefisch,  hat  zwar  für  unsere  Märkte  keine  Bedeutung, ­
  eine  um  so  größere  aber  für  die  Bewohner ­
  der  Mittelmeerküsten,  denen  er  die  dort
fehlenden  Heringe  und  Stockfische  ersetzt.  Die
Tiere  leben  im  Weltmeer,  kommen  aber  alljährlich ­
  im  Frühjahr  zum  Laichen  in  großen  Scharen ­
  ins  Mittelmeer,  um  an  den  spanischen,  französischen ­
  und  italienischen  Küsten  vorbei  bis  in
das  Schwarze  Meer  zu  ziehen.  Gegen  den  Winter ­
  kehren  sie  dann  mit  junger  Brut  wieder  in
den  Ozean  zurück.  Die  Hauptzeit  des  Fanges
fällt  in  das  Frühjahr.  Die  gefangenen  Fische
werden  gleich  getötet,  so  schnell  als  möglich
auf  die  Fahrzeuge  gezogen  und  ans  Land  in  die
Einsalz-  und  Packräume  gebracht.  Hier  schlägt
man  den  Fischen  die  Köpfe  ab,  zieht  sie  am
Schwänze  mit  einem  Seilzeug  auf,  weidet  sie
wie  Schlachtvieh  aus  und  schneidet  sie  zum
Einsalzen  in  Streifen  und  Stücke,  Aus  den
Köpfen  und  übrigen  Abfällen  wird  Tran  gesotten. ­
  Das  zum  Einsalzen  bestimmte  Fleisch
läßt  man  in  den  Tonnen  zunächst  8—10  Tage
unter  freiem  Himmel  an  der  Sonne  stehen,  salzt
es  dann,  tritt  es  in  die  Tonnen  fest  ein  und
schließt  diese.
Thymian  (welscher  Quendel,  lat.  Herba
thymi,  frz.  Herbe  de  thym,  engl.  Thyme).  Dieses
bei  uns  in  Gärten  gepflegte,  im  südlichen
Europa  heimische  aromatische  Gewächs  ist  ein
kleiner  ausdauernder,  zu  den  Labiaten  gehöriger ­
  Halbstrauch,  Thymus  vulgaris  L.,
dessen  krautartige  Teile  getrocknet  das  Thymiankraut ­
  des  Handels  bilden,  das  als  Würze
für  Würste  und  Speisen  Verwendung  findet.
Der  starke  aromatische  Geruch,  und  Geschmack
beruhen  auf  einem  Gehalte  an  ätherischem  öl,
dem  Thymianöl  (lat.  Oleum  thymi,  frz.
Essence  de  thym,  engl.  Oil  of  thyme),  das  sich
in  Drüsen  der  Blätter  eingebettet  vorfindet  und
durch  Destillation  mit  Wasser  in  Menge  von
etwa  1  0/0  erhalten  wird.  Das  zum  Parfümieren
von  Seifen  und  zu  ähnlichen  Zwecken  benutzte
Öl  ist,  frisch  bereitet,  rotbraun,  läßt  sich  durch
Rektifizieren  heller  machen,  nimmt  aber  mit  der

Zeit  die  frühere  Farbe  wieder  an.  Seine  wichtigsten ­
  Bestandteile  sind  Thymol  (s.  d.),  Karvakrol,
  zwei  phenolartige  Verbindungen  und
einige  Kohlenwasserstoffe.  Außer  dem  ätherischen ­
  Öl  führt  man  im  Handel  noch  Thymianextrakt ­
  als  Fluidextrakt,  der  ähnlich  der»
Kondurangoextrakt  (s.  d.)  als  Mittel  gegen  Magenkrankheiten ­
  wie  auch  gegen  Keuchhustenangewandt ­
  wird.
Thymol  (Thymiansäure,  Thymiankampfer,
  lat.  Thymolum,  Acidum  thymicum,  frz.
und  engl.  Thymol)  findet  sich  neben  den  Kohlenwasserstoffen ­
  Zymol  und  Pinen  fertig  gebildet ­
  im  Thymianöl,  wird  aber,  weil  dieses
zu  geringe  Ausbeute  gibt,  lediglich  aus  dem
Ajowansamcn  durch  Wasserdampfdestillation
gewonnen.  Zeitweilig  hat  auch  das  sehr  thymolreiche ­
  Öl  von  Monarda  punctata  als  Ausgangsmaterial ­
  gedient,  und  neuerdings  wird  zu
diesem  Zwecke  der  Anbau  des  Krautes  in  den
Vereinigten  Staaten  empfohlen.  Das  in  chemischer ­
  Hinsicht  als  Methylpropylphenol,  C 6 H 3 -
(OH)  (CH 3 )  (CjHj),  anzusprechende  T.  bildet
farblose,  tafelförmige  Kristalle  von  thymianartigem ­
  Geruch  und  stark  pfefferartigem  Geschmack, ­
  schmilzt  bei  50—51 0  und  siedet  unzersetzt
  bei  232  °.  Es  löst  sich  leicht  in  Alkohol, ­
  Äther,  Chloroform  und  Natronlauge,  hingegen ­
  schwer  in  Wasser.  T.  wird  an  Stelle  des
Phenols  als  Antiseptikum  bei  Verbänden,  besonders ­
  im  Gemisch  mit  Wasser  oder  Leinöl,
als  mildes  Ätzmittel  sowie  als  Zusatz  zu  Zahnwässern
  benutzt.
Tierkörpermehl  nennt  man  ein  in  Abdeckereien ­
  mittels  Pode  wilsscher  Apparate,  gewonnenes ­
  trockenes  Pulver  miti  etwa  8  0/0  Wasser,
150/0  Fett,  60  0/0  Rohprotein,  35  °/o  verdaulichem
Protein,  16  o/ 0  Asche  und  6  0/0  Phosphorsäure,
das  als  Futtermittel  Anwendung  findet,
Tillyöl,  eine  Einkochung  von  Schwefelblume 11
mit  Leinöl  unter  Zusatz  von  Terpentinöl  nach
Art  des  Oleum  Terebinthinae  sulfuratum  (holländisches ­
  oder  Harlemer  Öl),  wurde  früher
in  der  Volksmedizin  benutzt,  ist  aber  jetzt  durch
das  Ichthyol  und  ähnliche  Mittel  ersetzt.
Tinkturen  (lat.  Tincturae,  frz.  Teinture,  engl-Tincture)
  sind  Auszüge  aus  Rohdrogen  alle 1
drei  Naturreiche.  Als  Lösungsmittel  wir»
meist  Alkohol,  bei  einigen  aber  auch  Äther  oder
Wein  angewandt.  Man  zerkleinert  die  Rohstoff 6
und  unterwirft  sie  einer  mehrtägigen  Dig 6 '
ricrung  oder  Mazerierung,  preßt  dann  a »
und  filtriert.  Als  wichtige  T.  sind  zu  erwähne»  -
Arnika-,  Baldrian-,  Benzoe-,  China-,  Myrrhen-»
Opium-,  Ratanhia-,  Vanilletinktur  u.  a.  Weg 611
der  gesetzlichen  Bestimmungen  hinsichtlich  de®
Verkaufs  s.  die  Verordnung  über  den  Verkehrt»»
Arzneimitteln.  —  Näheres  über  die  einzelne»
Tinkturen  unter  ihrem  eigenen  Namen.  .
Tinte  (lat.  Atramentum,  frz.  Encre,  engl.  Ink/
nennt  man  die  zur  Erzeugung  von  Schriftzüge»
benutzten  Flüssigkeiten,  von  denen  die  älteste»'
die  schwarzen  Gallustinten,  schon  bei  de»
alten  Babyloniern,  Hebräern  und  Persern  in  G e '
brauch  waren.  Ebenso  alt  ist  die  Verwendung
von  Zinnober,  Minium,  Bergblau,  Gold-  »»_.
Silberpulver,  schwarzer  Tusche,  Sepia  und  f» r '
bigen  Pflanzensäften,  die  mit  Reisschleim,  Honiff'
Tierleim  oder  Gummi  verdickt  und  zum  Schutz
        <pb n="457" />
        jiSimus

Tinte

Titan

451

gegen  Fliegen  und  Würmer  mit  Wermut,  Aloe
oder  anderen  Bitterstoffen  versetzt  wurden.  Die
heute  gebräuchlichen  Tinten  lassen  sich  in  die
drei  großen  Gruppen  der  farbigen  Tinten,
der  Chromblauholz-  und  der  Eisengallustinten ­
  einteilen.  Als  farbige  Tinten  kommen
hauptsächlich  wäßrige  Auflösungen  von  Teerfarben ­
  im  Gemisch  mit  Bindemitteln  (Gummischleim) ­
  in  Betracht,  und  zwar  für  Rot;  Fuchsin ­
  und  Eosin,  für  Blau:  Indigokarmin,  Methylenblau ­
  und  Alkaliblau,  für  Blauschwarz:
Induline,  für  Violett:  Methylviolett,  für  Grün:
Malachitgrün,  Äthylgrün  oder  eine  Mischung
von  Indigokarmin  mit  Pikrinsäure,  für  Gelb:
Pikrinsäure,  Methylorange,  Säuregelb,  für  Braun:
Bismarckbraun,  Modebraun.  Daneben  werden
noch  Koschenille,  Rotholzabkochung,  Berlinerblau ­
  mit  Oxalsäure,  Kupferazetat  mit  Weinstein,
Gelbbeeren,  Gummigutt,  für  sich  oder  im  Gemisch ­
  mit  Teerfarben  angewandt.  Die  Chromblauholztinten ­
  sind  Farblacke,  welche  durch
Versetzen  von  Blauholzabkochungen  mit  chromsaurem ­
  Kalium  entstehen.  Zu  ihrer  Darstellung
wird  ein  klar  filtrierter  Auszug  von  Blauhblz  bis
zu  etwa  4  o/o  Extraktgehalt  eingedampft  und  mit
einer  8proz.  Kaliumchromatlösung  vermischt.
An  Stelle  der  letzteren  kann  auch  Alaun,  Kupfervitriol, ­
  Eisenvitriol,  Vanadinsäure  oder  Wolframsäure ­
  genommen  werden.  Zur  Erhöhung
der  Flüssigkeit  wird  etwas  Alkali,  und  zur  Konservierung ­
  etwas  Phenol  hinzugesetzt.  Die
Eisengallustinten  sind  Mischungen  von  Gallussäure ­
  oder  andern  Gerbstoffen  mit  Eisenoxydulsalzen ­
  und  Gummiarabikum.  Bei  den  älteren
Erzeugnissen  dieser  Art  wurde  der  entstehende
Niederschlag  von  schwarzem  gerbsauren  Eisen
durch  das  Gummi  in  Lösung  erhalten  und  in
fein  verteilter  Form  auf  das  Papier  übertragen.
Sie  hatten  den  Nachteil,  daß  sich  die  Oxydation
und  die  Ausscheidung  des  Niederschlages  schon
im  Glase  vollzog,  daß  die  schwarzen  Teilchen
sonach  nur  wenig  fest  an  der  Oberfläche  des
Papiers  hafteten  und  geringe  Haltbarkeit  besaßen. ­
  Die  jetzigen  dokumentensicheren
Tinten  werden  aus  Gerbstofflösungen  und
Eisenoxydulsalzen  mit  Zusatz  von  Indigosulfosäure,
  Holzessig  oder  Salzsäure  hergestellt.  In
ihnen  findet  die  Oxydation  erst  statt,  nachdem
sie  in  das  Papier  eingedrungen  und  dort  getrocknet ­
  sind,  während  sie  im  Glase  zunächst
keine  Färbung  besitzen.  Lediglich  um  sie  dem
Auge  des  Schreibenden  vorläufig  sichtbar  zu
machen,  werden  sie  mit  einem  unwesentlichen
Farbstoff  versetzt.  Der  zufälligen  Verwendung
von  Alizarin  verdankt  die  erste  dauerhafte
Eisengallustinte  der  Leonhardischen  Fabrik  in
Dresden  ihren  Namen  Alizarintinte.  Für  die
Beurteilung  einer  Tinte  in  bezug  auf  ihre  Verwendbarkeit ­
  und  besonders  in  bezug  auf  ihre
Haltbarkeit  für  Dokumente  von  bleibendem
Werte  sind  die  von  den  Direktoren  der  Leonhardischen ­
  Fabrik,  Schluttig  und  Neumann,
aufgestellten  Grundsätze  allgemein  anerkannt.
Sie  haben  in  dem  Erlaß  des  preußischen  Staatsministeriums ­
  vom  22.  Mai  1912  folgende  Fassung
erhalten:  „Urkundentinte  ist  eine  Eisengallustinte, ­
  die  nach  achttägigem  Trocknen  an  der
Luft  tiefdunkle  Schrift  liefert.  Sie  muß  mindestens ­
  27  g  wasserfreie  (üerb-  und  Gallussäure

und  4  g  Eisen  (auf  Metall  berechnet)  im  Liter
enthalten.  Andererseits  darf  der  Eisengehalt  bei
Gegenwart  von  27  g  wasserfreier  Gerb-  und
Gallussäure  6  g  im  Liter  nicht  überschreiten.
Das  Verhältnis  von  wasserfreier  Gerb-  und
Gallussäure:  Eisen  muß  demnach  zwischen  4,5  :1
und  6,75:1  liegen.  Die  Tinte  muß  mindestens
vierzehntägige  Haltbarkeit  im  Glase  besitzen,
d.  h.  sie  soll  nach  dieser  Zeit  weder  Blätterbildung, ­
  noch  Wandbeschlag,  noch  Bodensatz
zeigen.  Die  acht  Tage  alten  Schriftzüge  müssen
nach  Waschen  mit  Wasser  und  Alkohol  (85  und
50  v.  H.  stark)  tiefdunkel  bleiben.  Die  Tinte
muß  leicht  aus  der  Feder  fließen  und  darf  selbst
unmittelbar  nach  dem  Trocknen  nicht  klebrig
sein.  —  Schreibtinte.  Gruppe  A.  Eisengallusschreibtinte ­
  (früher  Klasse  II).  Tinten,  welche
tiefdunkle  Schriftzüge  liefern,  die  nach  achttägigem ­
  Trocknen  an  der  Luft  beim  Auswaschen
mit  Wasser  und  Alkohol  (85  und  50  v.  H.  stark)
tiefdunkel  bleiben.  Der  Gehalt  an  wasserfreier
Gerb-  und  Gallussäure  soll  mindestens  18  g,  an
Eisen  (auf  Metall  berechnet)  mindestens  2,6  g
im  Liter  betragen.  Andererseits  darf  der  Eisengehalt ­
  bei  Gegenwart  von  18  g  wasserfreier
Gerb-  und  Gallussäure  4  g  im  Liter  nicht  übersteigen. ­
  Das  Verhältnis  von  wasserfreier  Gerbund
  Gallussäure:  Eisen  muß  demnach  zwischen
4,5;  1  und  6,75:1  liegen.  Die  Tinten  sollen  mindetens
  vierzehntägige  Haltbarkeit  im  Glase  besitzen, ­
  d.  h.  sie  sollen  nach  dieser  Zeit  weder
Blätterbildung,  noch  Wandbeschlag,  noch  Bodensatz ­
  zeigen.  Sie  müssen  leicht  aus  der  Feder
fließen  und  dürfen  selbst  unmittelbar  nach  dem
Trocknen  nicht  klebrig  sein.  Schreibtinten  der
Gruppe  B  unterliegen  nicht  der  amtlichen  Prüfung.“ ­
  Für  die  Aufbewahrung  benutzt  man
zweckmäßig  Gefäße  in  der  von  Schluttig  empfohlenen ­
  Form,  in  denen  die  Tinte  vor  dem  Luftzutritt ­
  geschützt  ist.  —  Für  besondere  Zwecke
verwendet  man  noch  folgende  T.:  Kopiertinten
und  Hektographentinte  sind  eingedickte,  mit
250/0  Glyzerin  und  etwas  mehr  Gummi  oder
Dextrin  als  gewöhnlich  vermischte  T.  —  Sympathetische ­
  T.,  die  erst  beim  Erwärmen  sichtbare ­
  Schriftzüge  liefert,  besteht  aus  Lösungen
von  Kupfer-,  Kobalt-oder  Nickelsalzen.  Schriftzüge ­
  mit  Ferrozyankalium  werden  bei  der  Behandlung ­
  mit  Eisenchlörid  sichtbar.  —  Trokk
  ent  inten  bestehen  aus  völlig  eingedampften
und  pulverisierten  T.,  die  nach  dem  Auflösen  in
Wasser  sofort  gebrauchsfähig  sind.—J  acobsensche
  Tintenstifte.  S.  Bleistifte.  —  Wäschetinte ­
  zum  Zeichnen  der  Wäsche  ist  meist  eine
Plöllensteinlösung.
Tisane  (Ptisane,  lat.  Ptisana)  nennt  man
mit  viel  Wasser  hergestellte  Abkochungen,  die
in  der  Medizin  als  Getränke  verordnet  werden.
Als  Geschmackskorrigens  erhalten  sie  Zusätze
von  Süßholzextrakt,  Honig  oder  Zucker.
Titan,  ein  ziemlich  seltenes  Metall  vom  Atomgewicht ­
  48,1,  findet  sich  in  der  Natur  als  Titandioxyd, ­
  Ti0 2 ,  in  den  Mineralien  Rutil,  Anatas
  und  Brookit,  als  titansaures  Kalzium
im  Gemisch  mit  Kalziumsilikat  als  Titanit
(Sphen),  ferner  als  Greenovit,  Perowskit
und  besonders  als  Titaneisenerz.  Die  Sauerstoffverbindung ­
  des  T.,  das  Titandioxyd  (Titansäureanhydrid, ­
  lat.  Acidum  titanicum),  ein

■  290.

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ium  282.
iphisclie

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472.

i3.

iE  82.
'6,  407
.7.
■,  219.
I  '228.
27(1.

jel  147.
i  206.
398.
fett  15G.
18.
n  417.
bilis  150.
1  193.
193.
..  pervirens  2

gne  48.
.  3  119.
463.
55,  429.
368.
55.
1  272.
nöl  135.
areester  35
&amp;gt;9.
3rim  82,
        <pb n="458" />
        Töpfergeschirr

452

Tokajer

weißes,  geruch-  und  geschmackloses  Pulver,  das
beim  Erhitzen  vorübergehend  gelb  wird,  findet
in  der  Porzellanmalerei  als  gelbe  Farbe  Anwendung. ­
  Das  Titaneisen  (Ferrotitan)  dient  zur
Herstellung  von  Titanstahl;  auch  findet  man
in  gewissen  amerikanischen  Bogenlampen  statt
der  Kohle  Stäbe  von  Titan  und  Eisenoxyd.  Das
Titanchlorür  wird  in  beschränktem  Maße  als
Beize  beim  Färben  benutzt,  ist  hierzu  jedoch
weniger  geeignet  als  Zinnchlorür.  Titansulfür.
dient  als  Beize,  Titankaliumoxalat  als  gelbe
Farbe  und  Beize  für  Leder.
Töpfergeschirr  (frz.  Poterie  commune,  engl.
Commun  pottery),  die  geringsten  und  billigsten
Tongeschirre,  sog.  Hafner-  oder  irdene  Waren,
werden  aus  den  weitverbreiteten,  meist  nahe
der  Oberfläche  liegenden  Alluvialtonen  hergestellt. ­
  Die  immer  kalk-  und  eisenhaltige  Masse
erweicht  schon  bei  geringer  Hitze  und  liefert'
daher  eine  poröse  und  erdige  Ware  von  geringer ­
  Festigkeit  und  Haltbarkeit.  Die  meist
durch  Eisen  gelb  oder  braun  gefärbten  Geschirre
haben  aber  den  Vorzug,  daß  sie  selbst  starken
Temperaturwechsel  gut  vertragen  und  daher
ohne  weiteres  dem  Feuer  ausgesetzt  werden
können.  Einige  Erzeugnisse,  wie  Blumentöpfe
und  Zuckerhutformen,  bleiben  unglasiert,  alle
zur  Aufnahme  von  Flüssigkeiten  bestimmten  T.
müssen  aber  glasiert  werden.  Die  Glasur  besteht
meist  aus  einem  Gemisch  von  Ton  und  geriebener ­
  Bleiglätte  oder  Bleiglanz,  in  das  die
trockenen,  ungebrannten  Geschirre  eingetaucht
werden.  Während  des  nur  einmal  vorgenommenen ­
  Brennens  vereinigt  sich  das  Blei  mit  der
Kieselsäure  zu  unlöslichem  Glase.  Bei  zu  geringem ­
  Kieselsäuregehalte  entsteht  aber  eine
Glasur  mit  überschüssigem  Bleioxyd,  das  unter
Umständen  in  die  Speisen  übergehen  kann.
Zum  Schutze  der  Volksgesundheit  ist  daher
durch  das  Reichsgesetz  vom  25.  Juni  1887  die
Bestimmung  getroffen,  daß  glasierte  Tonwaren
bei  i/^stündigem  Kochen  mit  4  0/0  igem  Essig  kein
Blei  abgeben  dürfen.  Zur  Vermeidung  vop  Beanstandungen ­
  müssen  die  Hersteller  also  für  das
richtige  Verhältnis  von  Blei-  und  Kieselsäure
und  nicht  zu  niedrige  Temperatur  sorgen.  In
letzter  Zeit  sind  auch  Versuche  mit  bleifreien
Glasuren  aus  Wasserglas  und  borsauren  Salzen
angestellt  worden.  Zur  Erzeugung  bestimmter
Farben  wird  die  Glasur  mit  Smalte,  Braunstein,
Chrom  oder  Kupferoxyd  vermischt.  Das  bekannte ­
  Bunzlauer  Geschirr  wird  aus  einem
feuerfesten  Ton  bei  höheren  Temperaturen  bis
zum  Fritten  gebrannt,  erhält  eine  bleifreie  Glasur ­
  und  steht  dem  Steinzeug  näher.
Toiöl,  ein  fettes  Öl  aus  den  Früchten  von
Bignonia  tomentosa,  wird  in  Japan  bei  der
Herstellung  von  Lackfirnissen  verbraucht.  Die
geringere  Sorte  heißt  Jacko,  die  feinere  Cok.
Tokajer  (H  egyälljaerwein),  der  edelste  der
ungarischen  Weine,  stammt  nicht  allein  aus
Tokaj  selbst,  sondern  hat  von  dieser  Stadt  nur
deshalb  seinen  Namen  erhalten,  weil  hier  am
28.  Oktober,  also  mitten  in  der  Weinlesezeit,  die
berühmte  Messe  abgehalten  wird.  Er  wächst
vielmehr  in  der  ganzen  Hegydllja  (deutsch;
unterer  Teil  des  Berges),  jenem  beinahe  regelmäßigen, ­
  gleichschenkeligen  Gebirgsdreieck,  das
in  Sätoralja-Ujhely  seine  nördliche,  in  Tokaj

seine  östliche  und  in  Abauj-Szäntö  seine  westliche ­
  Spitze  hat.  Die  Haupterzeugungsorte  der
edelsten  Sorten  sind,  so  ziemlich  nach  der  Masse,
der  Güte  und  günstigen  Lage  ihres  Bodens  geordnet, ­
  folgende:  Mäd,  Tällya,  Toksva,  Keresztur,
  Bdnye,  Liszka  und  Tarzal.  Dann  folgen
Ujhely,  Säros-Patak,  Szäntö,  Horväti,  Jozseffalva,
Kärolyfalva,  Kisfalud,  Olaszi,  Szegilong,  Trauczonfalva,
  Kamoslyfalu  und  Zombor,  und  schließlich
erzeugen  auch  die  außerhalb  des  Gebirgsstockes
liegenden  Orte  Omd,  Rätka,  Golop,  Kis-Tovonya
einen  vorzüglichen  Wein.  Der  Westabhang  zwischen ­
  Ujhely  und  Szäntö  gehört  zur  Abaujer
Weingegend.  Das  ganze  Gebiet  dieses  fünf
Quadratmeilen  großen  Gebirgsstockes  mit  einer
Erzeugung  von  80000  hl  in  guten,  zwei  Dritteln
hiervon  in  mittleren  und  einem  Drittel  in  schlechteren ­
  Jahrgängen  umfaßt  6162  ha  in  Weingärten.
Die  Erträge,  die  wegen  des  meist  vulkanischen
Bodens  von  den  Witterungsverhältnissen  außerordentlich ­
  beeinflußt  werden,  stellen  sich  im
zehnjährigen  Durchschnitte  auf  zwei  vorzügliche,
drei  gute  und  fünf  weniger  gute  Jahre,  was  zur
Erhöhung  des  Preises  nicht  wenig  beiträgt.  Das
Erzeugnis  des  Tokaj-Hegyälljaer  Weinbaugebictes
ist  hauptsächlich  Weißwein,  die  edle  Traube,  die
ihn  liefert,  die  Furminttraube.  Nach  dem  Reifegrade ­
  der  benutzten  Beeren  unterscheidet  man
folgende  Unterabteilungen:  Szamorodni  (russisch-polnische ­
  Bezeichnung  für  den  Begriff  „so
wie  er  gewachsen  ist“).  Zu  seiner  Herstellung
werden  die  Trockenbeeren,  d.  h.  die  durch  Edelfäule ­
  eingetrockneten  Beeren,  nicht  herausgesucht, ­
  sondern  mitgetreten  und  mitgepreßt.
Nach  dem  Austreten  wird  auf  die  aus  den
Säcken  ausgeschütteten  und  so  trockenen,  abermals ­
  fest  durchgetretenen  Trester  neuerdings
Most  aufgegossen,  4—6  Stunden  darauf  belassen
und  dann  von  neuem  zuerst  im  Sack  und  dann
in  der  Presse  bearbeitet.  Ausbruch  wird  erzeugt, ­
  indem  man  auf  die  ausgelesenen,  zu  einer
feinen,  breiigen  Masse  getretenen  Trockenbeeren
Most  aus  besten  Lagen  aufgießt,  diese  gut  aufgerührte ­
  Masse  12—18  Stunden  stehen  läßt  und
dann  auspreßt.  Die  Anzahl  Butten  von  30  Liter
Inhalt  an  Trockenbeeren,  für  ein  Faß  Most  von
135  Liter  bestimmt  die  Ausbruchsbezeichnung,
ein-,  zwei-  bis  fünfbuttig.  Ausnahmsweise  werden
auch  sechsbuttige  Weine  hergestellt,  indem  man
auf  180  Liter  gute  Trockenbeeren  13s—140  Liter
Most  aufschüttet.  Zu  den  Ausbrüchen  gehört
neben  T.  auch  der  Mendser  und  Rüster.  Forditäs,
  der  zweite  Mostaufguß  auf  die  abgesackten, ­
  aber  noch  nicht  ausgepreßten  Trockenbeer;
trester,  ist  ungefähr  einem  sehr  guten  Szamorodni
gleich.  Essenz  wird  gewonnen,  wenn,man  die
Trockenbeeren  in  einem  Bottich  mit  durchlöchertem ­
  Boden  stehen  läßt  und  die  von  selbst
abtropfende  Flüssigkeit  einer  sehr  langsam  verlaufenden ­
  Gärung  unterwirft.  Die  Haupterzeug'
nisse,  die  Ausbruchsweine,  unterliegen  einer  langen. ­
  oft  jahrelang  dauernden  Gärung.  Der  Wein
kommt  in  ganz  neue  Fässer  und  soll  in  der  Regel
aus  dem  Fasse,  in  welches  er  als  Most  kam,  nur
in  die  Flasche  gefüllt  werden.  Im  Keller  braucht
er  weder  verspundet  noch  nachgefüllt  zu  werden,
vielmehr  erfolgt  beides  erst  beim  Verkauf,  auch
wenn  dieser  erst  nach  Jahren  stattfindet.  B el
ganz  feinen  Ausbrüchen  füllt  man  das  Faß  nur
        <pb n="459" />
        Tolubalsam

453

Ton

halb  mit  Most,  weil  sich  alsdann  der  Wein,  der
Luft  eine  große  Oberfläche  darbietend,  viel
besser  entwickelt.  Einfache  hölzerne,  in  besseren
Kellern  gläserne  Stöpsel  verhindern  die  Verunreinigung ­
  durch  äußere  Einflüsse.  Sämtliche
süßen  Ungarweine  sind  Verfälschungen  in  hohem
Grade  ausgesetzt,  ja  es  werden  völlige  Nachahmungen ­
  aus  Rosinen  und  eingedickten  Moststoffen ­
  hergestellt.  Nach  dem  ungarischen  Weingesetze ­
  vom  30.  XII.  1908,  das  auch  bei  uns.  der
Beurteilung  zugrunde  gelegt  werden  muß,  ist  die
Verwendung  von  Zucker,  Rosinen  und  Farbstoffen ­
  zur  Herstellung  von  Süßweinen  verboten.
Sprit  darf  nicht  zur  Erhöhung  des  Alkoholgehalts,
sondern  nur  bei  der  Kellerbehandlung  in  Menge
von  höchstens  1  Volum-°/o  zugesetzt  werden.  Die
früher  übliche  Bezeichnung  Medizinal-T.  ist
jetzt  überflüssig  und  zu  vermeiden,  da  jeder  süße
T.  den  sonst  an  Medizinalweine  gestellten  Anforderungen ­
  entsprechen  muß.
Tolubalsam  (lat.  Baisamum  de  Tolu  seit  Resina
  de  Tolu  seu  Opobalsamum  siccum,  frz.
Baume  de  Tolu,  engl.  Balsam  of  Tolu),  ein  seit
Mitte  des  17.  Jahrhunderts  in  Deutschland  bekannter ­
  Gegenstand  des  Drogenhandels,  kommt
aus  dem  nördlichen  Teile  Südamerikas  (Neugranada), ­
  namentlich  aber  aus  dem  unteren
Stromgebiete  des  Amazonas  und  des  Magdalenenflusses
  und  hat  seinen  Namen  von  der  hier
gelegenen  Stadt  Tolu.  Der  Balsam  wird  von
mehreren  Arten  Myroxylon,  Bäumen  aus  der
Familie  der  Papilionazeen,  z.  B.  von  Myroxylon ­
  toluiferum  (Toluifera  balsamum),  gewonnen, ­
  indem  man  Einschnitte  in  den  Stamm
macht  und  den  harzigen  Saft  in  angehängten
Kürbisschalen  auffängt.  Die  Ausbeute  wird  in
ledernen  Schläuchen  nach  den  Ausfuhrhäfen  gebracht ­
  und  dort  in  Blechbüchsen  umgefüllt.  Im
frischen  Zustande  ist  der  T.  terpentinartig,  zähflüssig, ­
  klebrig,  von  braungelber  bis  rotbrauner
Farbe  und’durchsichtig,  erhärtet  aber  bald  zu
einer  spröden,  braunroten,  kristallinischen  Harzmasse, ­
  die  sich  zu  einem  gelben  Pulver  zerreiben ­
  läßt.  Der  Geruch  ist  dem  des  Perubalsams ­
  ähnlich,  aber  feiner.  Man  benutzt  den
T.  zur  Herstellung  feiner  Parfümerien,  zu  .Räucherzwecken, ­
  medizinisch  in  Verbindung  mit
anderen  Stoffen,  z.  B.  mit  Kreosot  in  den  bekannten ­
  Kreosotkapseln.  Neben  1,5—7%  eines
Wohlriechenden  Öles,  Tolubalsamöl  (Tolen),
enthält  er  Harz,  Zimtsäure  und  Benzoesäure,
hingegen  nicht  das  in  dem  Perubalsam  enthaltene ­
  Styrazin  und  Zinnamein.  In  Alkohol  und
Chloroform  löst  sich  derT.,  aber  nicht  in  Schwefelkohlenstoff ­
  und  Benzol.  Man  kann  daher  eine
Verfälschung  mit  Kolophonium  oder  ähnlichen
Harzen  leicht  erkennen,  da  diese  sich  in  den
letztgenannten  beiden  Flüssigkeiten  leicht,  lösen.
Konzentrierte  Schwefelsäure  färbt  reinen  Tolubalsam ­
  schön  kirschrot,  terpentinhaltigen  braunschwarz. ­

Toluidin,  eine  dem  Anilin  (s.  d.)  sehr  nahestehende ­
  organische  Base,  wird  wie  dieses  in
der  Farbenindustrie  angewandt  und  aus  dem
■Toluol  bereitet,  wie  das  Anilin  aus  dem
Benzol.  Das  T.  kristallisiert  in  farblosen,  glänzenden ­
  Kristallblättern  von  eigentümlichem  Geruch. ­
  Die  Verbindungen  mit  Säuren  sind  geruchlos. ­


Toluol,  Methylbenzol,  ein  dem  Benzol  (s.  d.)
nahestehender  Kohlenwasserstoff  von  der  Formel ­
  C 6 H 6 .  CH 3 ,  entsteht  bei  der  trocknen  Destillation ­
  des  Tolubalsams,  von  dem  der  Name
herrührt,  und  wird  im  großen  durch  fraktionierte ­
  Destillation  des  Steinkohlenteers  gewönnen. ­
  Die  farblose,  durchsichtige,  dem  Benzol
ähnlich  riechende,  brennbare  Flüssigkeit  vom
spez.  Gew.  0,860  siedet  bei  110 0  und  wird  bei
—  28°  noch  nicht  fest.  Die  in  Wasser  unlösliche
Verbindung  findet  in  der  Farbenindustrie  sowie
zur  Herstellung  von  Sprengstoffen  und  künstlichem ­
  Bittermandelöl  ausgedehnte  Verwendung.
Tomaten  (Liebesäpfel,  Paradiesäpfel,
Psomodoro)  sind  die  Früchte  der  in  Peru
heimischen  Solanee  Lycopersicum  esculentum
  vulgare  oder  Solanum  Lycopersicum ­
  Tournefort,  die  besonders  in  Italien  und
Sizilien  in  großen  Massen  angebaut  wird,  an
warmen,  sonnigen  Stellen,  besonders  an  nach
Süden  gelegenen  Spalieren,  aber  auch  bei  uns
gezogen  werden  kann.  Die  Scharlach-  bis  gelbroten, ­
  etwa  50—60  g  schweren  Früchte  werden
im  Oktober  geerntet  und  besitzen  ein  stark  wäßriges, ­
  schwach  säuerlich  schmeckendes  Fleisch.
Sie  bestehen  nach  König  zu  3,7%  aus  Fruchthaut, ­
  10,90/0  aus  Samen,  und  zu  85,40/0  aus
Fruchtmus.  Das  letztere  enthält  95,31  o/ 0  Wasser,
4,23  0/0  organische  und  0,46  0/0  unorganische
Stoffe.  Die  Säure,  deren  Gesamtmenge  0,470/0
beträgt,  ist  als  Zitronensäure  anzusprechen.  Der
in  Wasser  unlösliche,  in  Äther,  Alkohol,  Chloroform ­
  und  wäßrigen  Alkalien  lösliche  Farbstoff
steht  demjenigen  des  Safrans  und  Orleans  nahe
und  wird  in  Tomatenkonserven  bisweilen  durch
Eosin  aufgebessert.  Die  T.  dienen  hauptsächlich ­
  zur  Herstellung  scharfer  Tunken  und  Salate.
Tombak  nennt  man  Kupfer-Zinklegierungen,
die  sich  vom  Messing  (s.  d.)  durch  eine  goldoder
  rotgelbe  bis  rotbraune  Färbung  unterscheiden ­
  und  höchstens  18  0/0  Zink  enthalten.  Als
Unterarten  sind  zu  betrachten  Pinchbeck  aus
zwei  Teilen  Kupfer  und  einem  Teil  Messing,
Rotmetall  aus  55  o/ 0  Kupfer  und  45  o/ 0  Messing,
unechtes  Blattgold  mit  13  °/o  Zink  sowie
einige  Legierungen  mit  geringen  Beimengungen
anderer  Metalle  wie  Talmi  aus  870/0  Kupfer,
12  0/0  Zinn  und  1  °/o  Zink,  Mannheimer  Gold
aus  70  o/o  Kupfer,  29  o/ 0  Messing,  0,6  o/ 0  Zinn.  —
Die  größte  Bedeutung  hat  aber  der  Rotguß,
eine  Tombakart  mit  geringen  Zusätzen  von
Zinn  und  Blei,  die  sich  durch  schöne  Farbe,
feines  Korn,  Weiche  und  Dehnbarkeit  auszeichnet ­
  und  sowohl  zu  größeren  Gußstücken  und
Maschinenteilen,  Denkmälern  (Standbild  Friedrichs ­
  des  Großen  in  Berlin)  und  Kurzwaren  als
auch  zu  vergoldeten  Schmuckwaren  benutzt
wird.
Ton  (Belit,  lat.  Argilla,  frz.  Argjle,  engl.
Clay).  Dieses  wichtige  Mineral  ist  ein  Verwitterungsprodukt ­
  verschiedener  aluminiumhaltiger
Silikate,  namentlich  der  Feldspate,  und  besteht
aus  wasserhaltiger  kieselsaurer  Tonerde
(Aluminiumsilikat).  In  der  Natur  kommt  der
T.  in  verschiedenen  Graden  der  Reinheit  vor
Befindet  er  sich  noch  an  dem  Orte  seiner  Entstehung, ­
  so  ist  er  weniger  rein,  weil  ihm  dann
noch  kleine  Mengen  von  Bestandteilen  der.  Ursprungsgesteine ­
  beigemengt  sind.  Solcher  T„

if
il  323.
|(2.

82.
407.
’  210.
|  '28.
i  ■  170.

el  147.
206.
598.
ett  156.
8.
417.
Alis  150.
1  193.
.  93.
pervirens  241
gne  48.
s  119.
463.
5.
65,  429.
368.
i  55.
n  272.
mol  135.
mreester  357,
59.
Grün  82.
        <pb n="460" />
        Tonbäder

454

Tonwaren

der  auch  weniger  plastisch  ist,  heißt  Porzellanton ­
  oder  Kaolin  (s.  d.).  Werden  dagegen
die  Zersetzungsprodukte  der  Feldspate  durch
Wasser  einem  natürlichen  Schlämmprozesse  unterworfen ­
  und  an  anderen  Stellen  wieder  abgelagert, ­
  so  entsteht  der  reinste  Pfeifenton
oder  etwas  weniger  reiner  Töpferton.  Durch
Verwitterung  eisenhaltiger  Gesteine  entstandener ­
  T.  (Lehm  oder  Letten),  der  meist  einen
mehr  oder  weniger  hohen  Sandgehalt  aufweist,
hat  eine  gelbbraune  Farbe,  brennt  sich  aber  in
der  Hitze  rot,  indem  das  Eisenoxydhydrat  sein
chemisch  gebundenes  Wasser  verliert  und  sich
in  Eisenoxyd  verwandelt.  Ein  mit  Kochsalz
durchsetzter  T.,  wie  er  in  Steinsalzablagerungen
vorkommt,  heißt  Salzton,  bituminöser,  mit
Schwefelkies  durchsetzter  T.  Alaunton.  Innige
natürliche  Gemenge  von  T.  mit  kohlensaurem
Kalk  werden  als  Mergel  bezeichnet,  und  zwar
bei  vorherrschendem  Tongehalt  als  Tonmergel,
beim  Überwiegen  des  Kalks  als  Kalkmergel.
Reinster  weißer  T.  ist  erdig  und  milde,  abfärbend ­
  und  zerreiblich,  zerfällt,  mit  Wasser
übergossen,  zu  einer  sehr  plastischen,  fetten
Masse,  die  nach  dem  Austrocknen  wieder  die
ursprünglichen  Eigenschaften  annimmt,  aber
nach  dem  Glühen  (Brennen)  stark  schwindet
und  dann  beim  Zusammenhängen  mit  Wasser
nicht  wieder  plastisch  wird.  Je  mehr  fein  verteilte ­
  Kieselsäure,  Sand  oder  andere  fremde  Beimengungen ­
  ein  Ton  enthält,  desto  weniger
plastisch  ist  er.  Plastischer  T.  wird  in  der  Technik ­
  auch  fetter  oder  langer  T.,  ein  nur  wenig
plastischer  dagegen  magerer  oder  kurzer  T.
genannt.  Ganz  reiner  T.  ist  auch  in  der  stärksten ­
  Hitze  unschmelzbar  (feuerfesterT.);  Beimengungen ­
  von  Kalk,  Eisenoxyd  und  Alkalien
machen  ihn  aber  um  so  leichter  schmelzbar,  in
je  größerer  Menge  sie  vorhanden  sind,  —  Außer
zur  Herstellung  der  verschiedenen  Tonwaren
wird  der  T.  zur  Bereitung  von  Ultramarin,
schwefelsaurer  Tonerde  und  Alaun  sowie  mit
Kreide  oder  Kalk  gemengt,  von  Zement  angewandt. ­
  Ferner  benutzt  man  ihn  unter  dem
Namen  Leuzin  oder  Lenzin  als  Füllmittel  für
Papiermasse.  Während  des  Krieges  wurde  ein
feiner,  hellfarbiger,  sog.  kolloidaler  Ton  in
großen  Mengen  als  Zusatz  zu  Seifen  und  zur
Herstellung  fettloser  Waschmittel  verarbeitet.
Tonbäder,  Tonfixierbäder,  nennt  man  die
zur  Tonung  der  photographischen  Bilder
gebräuchlichen  Lösungen,  die  in  folgende  beiden
Klassen  zerfallen:  i.  Tonbäder,  mit  denen  zunächst ­
  der  Ton  des  Bildes  hergestellt  und  dann
in  einem  besonderen  Bade  das  Fixieren  vörgenommen
  wird.  2.  Tonfixierbäder,  in  denen
das  Fixiersalz  schon  mit  enthalten  ist,  und  deren
Anwendung  die  Arbeit  daher  vereinfacht.  —  Die
Bäder  bestehen  meist  aus  Goldchlorid,  Rhodansalzen, ­
  Bleisalzen,  Zitronensäure,  Natriumazetat,
Fixiernatron  usw.  S.  den  Aufsatz  Photographische ­
  Papiere.
Tonerde  (Aluminiumoxyd,  Aluminiumsesquioxyd,
  Alaunerde,  lat.  Alumina,  frz.
Alumine,  engl.  Alumina),  die  Sauerstoffverbindung ­
  des  Aluminiums,  A1 2 0 3 ,  findet  sich  in
der  Natur  als  Korund,  Rubin,  Saphir  und
Schmirgel  und  in  Verbindung  mit  Kieselsäure
als  Bestandteil  zahlreicher  Mineralien  und  Gesteine, ­

  wie  Feldspate,  Glimmer  und  Granaten.
Die  wasserhaltige  T.,  das  Aluminiumhydroxyd ­
  (lat.  Alumina  hydrata,  frz.  Hydroxyde ­
  aluminique,  engl.  Hydrated  Alumina),
Al(OH) 3 ,  bildet  die  natürlich  vorkommenden ­
  Mineralien  Hydrargillit  und  Diaspor
und,  mit  Eisenoxyd  gemengt,  den  Beauxit.
Aus  letzterem  wird  die  T.  technisch  in  großem
Maßstabe  durch  Erhitzen  mit  Soda,  Auslaugen
des  entstandenen  Natriumaluminates  mit  Wasser
und  Einleiten  von  Kohlensäure  dargestellt.  Ein
anderes  Verfahren  ist  unter  Kryolith  näher  beschrieben. ­
  Für  pharmazeutische  Zwecke  wird
eine  Alaunlösung  mit  Sodalösung  gefällt,  der
abfiltrierte  Niederschlag  in  Salzsäure  gelöst,
nochmals  mit  Ammoniak  gefällt,  gewaschen  und
getrocknet.  Die  wasserhaltige  T.  kommt  als  ein
.weißes,  in  Wasser  unlösliches  Pulver  in  den
Handel,  das  zur  Darstellung  der  Aluminiumsalze
dient.  Durch  Behandlung  mit  Natronlauge  geht
sie  in  das  Natriumaluminat  (Tonerdenatron) ­
  über,  das  an  Stelle  von  Alaun  und
anderen  Aluminiumsalzen  in  der  Druckerei  und
Färberei,  ferner  als  Füllmittel  für  Seifen,  zur
Herstellung  von  Lackfarben  und  von  Milchglas
Verwendung  findet.  Vor  dem  fluorhaltigen
Kryolith  hat  es  den  Vorzug,  daß  es  die  Glashäfen ­
  nicht  angreift.  (S.  auch  Aluminiumverbindungen). ­

Tonkabohnen  (lat.  Fabae  Tonca,  frz.  Fhves
de  Tonka,  engl.  Tonka  beans)  sind  die  Samen
von  Dipteryx  odorata,  einem  18—20  m  hohen
Waldbaum,  der  zu  den  Hülsenfrüchtlern  gehört, ­
  und  dessen  holzige  Schoten  nur  einen  einzelnen ­
  Samen  enthalten.  Die  letzteren  sind  einer
ziemlich  schlanken  und  etwas  gekrümmten
Bohne  nicht  unähnlich,  4—5  cm  lang,  9—13  mm
breit  und  mit  einer  dünnen,  schwarzen,  fettglänzenden,, ­
  netzähnlich  gerunzelten  Samenhaut
überzogen,  während  das  aus  den  beiden  Samenlappen ­
  bestehende  Innere  hellbraun  erscheint.
Der  Geruch  ist  sehr  angenehm  nach  Kumarin.
Neben  der  gewöhnlichen,  als  holländische  bezeichneten
  Handelssorte  gibt!  es  noch  eine  zweite,
die  sog.  englische,  von  Dipteryx  oppositifolia,
  die  aus  kleineren  Bohnen  besteht  und
auf  dem  Bruche  weiß,  im  übrigen  aber  nicht
wesentlich  von  der  anderen  verschieden  ist.  In
den  Preislisten  bildet  Angostura  die  bevorzugte, ­
  Para  die  zweite  Sorte.  Von  guter  Ware
wird  verlangt,  daß  sie  schwarz,  nicht  braun  aussieht ­
  und  reich  mit  Kristallnadeln  von  Kumarin
bedeckt  ist.  Die  Bohnen  dienen  zur  Darstellung
des  Kumarins,  von  dem  sie  1,5  0/0  enthalten-Außerdem
  werden  sie  in  pulverisiertem  Zustande ­
  zum  Parfümieren  von  Schnupftabak  und
Riechkissen,  in  Form  alkoholischer  Auszüge  zu
Tabakbeizen,  als  Taschentuchparfüm,'  zum  Tränken ­
  von  Pfeifenrohren  aus  Kirschholz,  die  als
Weichsel  gelten  sollen,  und  zu  Maitrankessenz
verwandt.
Tonwaren  (Keramische  Waren).  Mit  die -
sem  Namen  im  allgemeinen  bezeichnet  man  die
Gesamtheit  aller  aus  Ton  hergestellten  Waren,
wie  Schamotte,  Drain-  und  andere  Röhren,
Fayence,  Porzellan,  Siderolith,  Steingut,  Steinzeug, ­
  Töpferwaren,  Ziegel  usw.  Zu  den  Tonwaren ­
  im  besonderen  rechnet  man  aber:  Mauersteine, ­
  Backsteine,  Klinker,  Tonröhren,  Öfen,
        <pb n="461" />
        549

^oratissimus

Topas  455

Torf

290.

Töpfergeschirr,  Tabakpfeifen,  Schmelztiegel,
Retorten,  Bauzierrate,  Bodenplatten,  Wandhekleidungsplatten,
  Ziergefäße,  Figuren,  porzellanartige ­
  Waren  usw.  Die  Ton  Warenindustrie
umfaßt  also  ein  außerordentlich  großes  Gebiet
von  teils  roh  gebrannten,  teils  aber  auch  den
feinsten  Kunstgegenständen.  Für  solche  T.,  die
wie  Ofenteile  und  Schmelztiegel  eine  größere
Haltbarkeit  erfordern,  werden  die  Waren  gebrannt ­
  und  glasiert  und  die  Farben  gleich  mit
eingebrannt.  Der  ziemlich  bedeutenden  Ausfuhr
Deutschlands  steht  eine  ebenfalls  beträchtliche
Einfuhr  gegenüber.  Siehe  auch  Töpfergeschirr.
Topas  (frz.  Topaze,engl.  Topaz),  ein  Schmuckstein ­
  von  nicht  gerade  seltenem  Vorkommen,
der  aber  wegen  seines  Glanzes  und  seiner  hohen
Politurfähigkeit  doch  beliebt  ist  und  viel  zu
Ringsteinen,  Ohr-  und  Armschmuck  verarbeitet
wird,  hat  seinen  Namen  von  einer  Insel  im  Roten
Meer,  die  im  Altertum  Topazos  hieß.  Das  in
vier-  oder  achtflächigen  Säulen  des  rhombischen ­
  Systems  in  den  verschiedensten  Farben  j
kristallisierende  Mineral  besteht  aus  einer  Verbindung ­
  von  Kieselsäure,  Tonerde  und
Fluor,  die  Härte  ist  =  8,  das  spez.  Gew.  3,4
bis  3,6.  Am  Ural  finden  sich  Topaskristalle  von
ausgezeichneter  Schönheit  in  Graniten,  am
Schneckenstein  in  Sachsen  in  einer  besonderen
Felsart,  dem  Topasfels,  einem  Gemenge  von
Quarz,  Turmalin  und  Topas,  indessen  zahllosen
größeren  und  kleineren  Höhlungen  die  Topasund
  Quarzkristalle  an  den  Wänden  sitzen,  doch
ist  der  Abbau  in  Sachsen  eingestellt.  Brasilien
liefert  aus  verschiedenen  Provinzen  die  schönsten ­
  gelben,  ferner  blaue,  rote  und  ganz  farblose ­
  Steine.  In  Sibirien  finden  sich  grüne,  blaue,
violette,  gelbe  und  weiße  Steine  von  großer
Reinheit  und  schönstem  Feuer.  Bei  ihrem  Reichtum ­
  an  Farben  sind  die  Topase  natürlich  oft
anderen  Edelsteinen  ähnlich  und  werden  dann
leicht  für  solche,  namentlich  für  Saphire  und
Rubine,  ausgegeben.  Die  farblosen,  die  sogenannten ­
  Wassertropfen,  können  im  geschliffenen
Zustande  leicht  mit  Diamanten  verwechselt  werden, ­
  sind  aber  an  ihrer  geringeren  Härte,  am
spez.  Gew.  und  der  Doppelbrechung  zu  erkennen, ­
  indem  man  durch  die  Schleifkanten
hindurch  betrachtete  Gegenstände,  z.  B.  eine
Lichtflamme,  doppelt  sieht.  Eine  bezeichnende
Eigenschaft  des  T.  ist  auch,  daß  er  durch  Reiben ­
  stark  elektrisch  wird.  Die  brasilianischen
gelben  Steine  lassen  sich,  ohne  an  Glanz  und
Feuer  einzubüßen,  durch  einen  Glühprozeß  in
rosarote  verwandeln,  indem  man  sie  entweder
mit  Asche  in  einem  Tiegel  zur  Rotglut  erhitzt
oder  mit  Feuerschwamm  umwickelt  und  diesen
•anzündet.  Je  tiefer  das  Gelb  war,  desto  heller
wird  das  Rot.  Die  sächsischen  gelben  Steine
brennen  sich  nicht  rot,  sondern  verlieren  hierbei ­
  die  Farbe  gänzlich.
Topfstein  (Lavezstein),  ein  dem  gemeinen
Talkstein  verwandtes  Mineral  von  grünlichgrauer ­
  Farbe  und  Fettglanz,  das  sehr  weich
Und  milde,  aber  doch  zähe  und  nicht  leicht  zu
zerstoßen  ist,  besteht  aus  Chlorit  mit  beigemengtem ­
  Talk,  Serpentin,  Glimmer,  Asbest  und
anderen  Mineralien.  Als  ein  Stoff,  der  mit
Messern  und  auf  Drehbänken  sehr  bequem  bearbeitet ­
  werden  kann,  dann  im  Feuer  erhärtet

und  äußerst  feuerfest  erscheint,  ist  er  für  verschiedene ­
  Zwecke  sehr  brauchbar.  Man  fertigt
daraus  Kochtöpfe  und  anderes  Geschirr,  Kamine, ­
  Ofenplatten,  Gestellsteine  zu  Schmelzöfen
und  andere  feuerfeste  Anlagen.  Die  Küchengeschirre ­
  saugen  zwar  von  den  Speiseflüssigkeiten ­
  etwas  ein,  können  aber  durch  Ausglühen
immer  wieder  gereinigt  werden.  Das  Mineral
findet  sich  in  großen  Massen  in  den  Tiroler
Alpen,  in  Graubünden,  Wallis,  am  Montblanc,
am  Corner  See,  auf  Korsika,  in  Schweden  und
Grönland.  Alle  Töpfe  und  Lampen  der  grönländischen ­
  Eskimos  sind  daraus  hergestellt.
Topinambur  (Jerusalemartischocke,  Erdartischocke, ­
  knollige  Sonnenblume,  S  aukartoffel,
  Pferdekartoffel,  Erdbirne,  frz.
Hölianthe  tub6reux,  Pomme  de  terre  Topinambour,
  engl.  Girosoe)  nennt  man  die  Knollen
einer  mit  der  Sonnenblume  verwandten
Pflanze  aus  Mexiko,  Helianthus  tuberosus,
die  auf  leichterem  Boden  gedeiht.  Sie  bildet  ein
j  wenig  wertvolles,  wäßriges,  fad  süß  schmeckendes ­
  Gemüse  und  wird  hauptsächlich  zu  Viehfutter, ­
  besonders  für  Schweine,  im  südwestlichen ­
  Deutschland,  Frankreich  und  Österreich,
in  Belgien  hingegen  mehr  zur  Spiritusbereitung
angebaut.  Man  legt  die  Knollen  in  Reihen  oder
Stufen,  8—12  hl  oder  700—1000  kg  für  den
Hektar,  45—60  cm  weit  aus  und  kann  sie,  da
sie  von  Frost  nicht  leiden,  über  Winter  im  Land
lassen.  Die  Pflanze  bedarf  nur  geringer  Pflege
und  Düngung,  ist  aber  da,  wo  sie  gebaut  wurde,
sehr  schwer  wieder  auszurotten  und  muß  daher
auf  gesonderte  Flächen  beschränkt  werden.
Man  erntet  80—200  dz  Knollen  und  40—160  dz
Kraut  und  Blätter,  die  ebenfalls  als  Viehfutter
dienen  und  zum  halben  Werte  wie  Heu  geschätzt ­
  werden.  Deutschland  baut  auf  rund
2200  ha  etwa  400000  dz  Knollen,  deren  Preis
etwas  geringer  als  derjenige  der  Kartoffeln  ist.
T.  enthält  neben  79  °/o  Wasser  1,9  °/o  Stickstoffsubstanz, ­
  0,180/0  Fett,  1,20/0  Rohfaser  und  i,t  o/ 0
Asche,  16,40/0  Kohlenhydrate,  die  aber  nicht  wie
bei  der  Kartoffel  aus  Stärke,  sondern  aus  Lüt
vulin,  Inulin  und  Lävulose  bestehen.  Die  Anregung ­
  zum  vermehrten  Anbau  der  anspruchslosen ­
  Pflanze  für  die  menschliche  Ernährung
hat  selbst  im  englischen  Aushungerungskriege
nur  wenig  Erfolg  gehabt.  •
Torf  (frz.  Tourbe,  engl.  Turf)  ist  als  Folge
der  Vermoderung  von  Pflanzen  und  Pflanzenteilen ­
  die  dritte  und  jüngste  Form  der  fossilen
Brennstoffe,  über  deren  Bildung  keine  Zweifel
bestehen,  da  sie  noch  fortwährend  vor  sich  geht.
Er  findet  sich  hauptsächlich  in  Niederungen,
doch  auch  auf  Hochebenen  und  flachen  Stellen
der  Gebirge  in  allen  Ländern  des  mittleren  und
nördlichen  Europas  und  entsteht  überall  da,  wo
Moose,  Sumpfgräser,  Schilf  und  Heidekräuter  gedeihen ­
  und  das  Wasser  keinen  genügenden  Abfluß ­
  hat.  In  Wäldern  liegende  Torfmoore  enthalten ­
  bedeutende  Mengen  organischer  Stoffe
in  Form  von  Blättern  und  Nadeln,  die  Wind  und
Wasser  ihnen  zuführen.  Andere  sind  das  Erzeugnis ­
  einer  bestimmten  Moosgattung
(Sphagnum),  die  auf  nassen  Stellen  dichte
Rasen  bildet  und,  nach  unten  absterbend,  nach
oben  sich  immer  verjüngend,  mit  der  Zeit  so
viel  Moder  unter  sich  sammelt,  daß  das  Moor

G.
I  211.
irum  282.
||  71.
■  raphische

it  323.
|ol  367.
afarbstoffe
453.

116.
jzol  172.
56.
■«  olldum  HO.
:  hyd  129.
267.
270.  *
aisol  176.
183.
40,  275.
i.iocs'aure  381.
,  In  368.
Maire  35.
,319.
?  V  animal  323.
jfetr.  472.
.re  83.

8p.
PJJl  50.
m  57,  82.
,  n  276,  407.
k  237.
201,  219.
'  Stifte  228.
;  olett  276.
•  '  7.
tu  23.
n  16.
352.
•  Tiegel  147.
db  57.
immi  206.
:i  156.
h  ihrot  398.
/agenfett  156.
68,  148.
onieren  417.
ia  sorbilis  150.
inwand  193.
ipier  193.
ia  sempervirens  2'
a  151.
oil  20.
•  d’espagne  48.
weißes  119.
elende  463.
:  erz  463.
kohle  65,  429.
Kigrohr  368.
tnum  155.
m  502.
avisieren  272.
irgoninmol  135.
irgonsänreester  3c
478.
lagra  259.
letiers  Grün  82-
        <pb n="462" />
        Torfstreu

456

Tragant

beträchtlich  über  die  benachbarten  Landflächen
emporwächst  und  daher  als  Hochmoor  bezeichnet ­
  wird.  Solche  Moore  liefern  in  der
Regel  einen  sehr  guten  Brennstoff.  Die  Reste
von  reinen  Wasserpflanzen  sammeln  sich  natürlich ­
  am  Grunde  als  Schlamm  an,  der,  in
Formen  gestrichen  und  getrocknet,  den  Bagger- ­
  oder  Streichtorf  gibt.  Stichtorf  (Wiesentorf) ­
  dagegen  ist  die  zutage  liegende,  nur
mit  Pflanzenwuchs  bedeckte  Masse,  die  im  feuchten ­
  Zustande  mit  besonderen  Schaufeln  abgestochen ­
  wird.  Je  nach  dem  Alter  sind  diese
Torfarten  von  verschiedener  Beschaffenheit:
Rasentorf,  als  die  jüngste  Bildung,  aus  wenig
veränderten,  noch  gut  erkennbaren  Pflanzenresten, ­
  ist  von  gelbbrauner  Farbe  und  lockerem,
leichtem  Gefüge.  Fasertorf  besteht  aus  brauner, ­
  schon  strukturlos  gewordener  Masse,  die
mehr  oder  weniger  mit  Fasern  durchsetzt  ist.-Pechtorf,
  dunkler  und  fester,  der  älteste  und
schwerste  T,,  zeigt  kaum  noch  erkennbare  Pflanzenreste. ­
  Ähnlich  beschaffen  ist  der  trocken  gewordene ­
  Baggertorf.  Im  allgemeinen  hält  man
den  T.  für  um  so  besser,  je  schwärzer  und
schwerer,  also  je  älter  er  ist.  Doch  trügt  dieses
Merkmal,  da  solcher  T.  häufig  sehr  viel  erdige
Teile  enthalten  und  40—500/0  Asche  hinterlassen ­
  kann.  Ein  guter  schwarzer  T.  soll  nicht
mehr  als  5—ioo/ 0 ,  der  lockere  hellere  nur  4  bis
5  0/0  Unverbrennliches  enthalten.  Im  allgemeinen
ist  der  Heizwert  des  T.  geringer  als  derjenige
der  Braunkohle.  Er  bildet  den  billigsten  und
manchmal  den  einzig  verfügbaren  Brennstoff.
In  Holland  z.B.  würden  einige  Landstriche  ohne
ihn  gar  nicht  bewohnbar  sein.  Obwohl  sein  Gebrauch ­
  mit  Unbequemlichkeiten  verbunden  ist,
weist  doch  der  zunehmende  Holzmangel  immer
mehr  auf  die  Verwertung  des  Torfes  hin,  der
dadurch  neben  der  Braunkohle  und  Steinkohle
beständig  an  Wichtigkeit  gewinnt.  Namentlich
haben  viele  technische  Betriebe  unter  Einrichtung ­
  zweckmäßiger  Feuerungsanlagen  die  Torffeuerung ­
  eingeführt.  Man  benutzt  ihn  in  Ziegelöfen, ­
  Glashütten  und  Porzellanfabriken  und  überall ­
  sonst,  wo  Flammenfeuer  gebraucht  werden,
auch  beim  Ausschmelzen  und  Frischen  des
Eisens  und  selbst  zum  Heizen  der  Lokomotivkessel.
  Doch  wird  die  Rohmasse  für  solche
Verwendungen  in  der  Regel  erst  durch  Verkohlen ­
  oder  Pressen  vorbereitet.  Das  erstere
ist  nur  für  alten,  festen  T.  anwendbar,  das
zweite  für  die  mehr  schwammigen  Sorten.  Das
Verkohlen  oder  Verkoken  in  Öfen,  Meilern  oder
Gruben  liefert  eine  Kohle  (Torfkoks),  die  ein
gutes,  rein  und  geruchlos  brennendes  Feuerungsmaterial ­
  abgibt.  Ihre  Darstellung  wird  besonders ­
  in  den  mächtigen  Torfmooren  Irlands
sowie  in  Holland  betrieben,  während  inDeutschland
  die  Verarbeitung  zu  Preßtorf  vorherrscht.
Zur  völligen  Entwässerung  werden  die  Massen
erst  auf  Maschinen  zerkleinert,  die  Fasern  zerrissen ­
  und  gespalten  und  dann  in  besondere
Torfpressen  gebracht.  In  neuester  Zeit  fertigt
man  aus  Faserstoff  auch  Pappe  von  sehr  guter
Beschaffenheit,  wennschon  brauner  Farbe,  sowie ­
  Torfstreu  und  benutzt  ihn  im  Gemisch  mit
Melasse  als  Futtermittel  (Torfmelasse).
Torfstreu  (Moosstreu)  ist  ein  aus  Torfgegenden ­
  in  den  Handel  gebrachtes  Erzeugnis,

das  aus  den  oberen  Schichten  dargestellt  wird
und  an  Stelle  des  Strohes  als  Streumittel  in
Stallungen  Anwendung  findet.  Sie  hat  den
großen  Vorzug,  den  unangenehmen  Geruch  des
Mistes  zu  binden,  sich  mit  Jaucheteilen  zu  sättigen ­
  und  bei  Anwendung  von  Stroh  als  Oberstreu ­
  wesentliche  Ersparnisse  und  bessere  Gewinnung ­
  der  wertvollen  Bestandteile  der  Exkremente ­
  und  des  Urins  zu  sichern.  Auch  die
Frage  der  Reinhaltung  der  Städte  kann  durch
die  T.  vielfach  besser  gelöst  werden,  besonders
dann,  wenn  die  umliegenden  Ackerfelder  der
Lockerung  oder  eines  Mittels  zur  Erhaltung  der
Feuchtigkeit  bedürfen  (Sandgruppe  und  bündig
krustierende  Bodenarten).  Schließlich  hat  man
in  neuerer  Zeit  die  Torfstreu  als  Faserstoff
(Torfwolle)  sowohl  zu  Gespinsten  als  auch
zu  Papier  verarbeitet.  —-  Die  bei  der  Zerkleinerung ­
  abfallenden  pulverförmigen  Teile  finden
als  Torfmull  in  der  Herstellung  von  Verbandstoffen ­
  Verwendung.  Torfmull  besitzt  eine  große
Aufsaugefähigkeit  und  wird  sowohl  aus  diesem
Grunde  als  auch  der  gleichzeitig  desinfizierenden ­
  Wirkung  halber  als  Unterlagsstoff  für
Wöchnerinnen  und  als  Einlage  der  Hygieabinden
benutzt.
Toril,  ein  nach  geheim  gehaltenem  Verfahren
hergestelltes  Nährmittel,  bildet  eine  sirupöse
Flüssigkeit  von  dunkelbrauner  Farbe  und  folgender ­
  Zusammensetzung;  Wasser  27,550/0,  Albumosen
  12,75  0/0,  Peptone  und  Fleischbasen
33,160/0,  Asche  26,350/0  mit  4,500/0  Phosphorsäure ­
  und  16,030/0  Kochsalz.  Außerdem  sind
geringe  Mengen  Ammoniak  und  unlösliches
Protein  vorhanden.
Tormentillwurzel  (Blutwurzel,  Ruhrwurzel, ­
  lat.  Rhizoma  tormentillae,  frz.  Racine  de
tormentille,  engl.  Tormentille  root)  ist  der  ausdauernde ­
  Wurzelstock  von  Potentilla  Torrn ­
  ent  i  11a,  einer  krautartigen  Rosazee  mit
3—5zählig  gefingerten  Blättern  und  vierblättrigen ­
  gelben  Blüten,  die  bei  uns  häufig  auf
Wiesen,  feuchten  Triften,  in  Laub-  und  Nadelwäldern ­
  wächst.  Die  bis  cm  lange  und
2  cm  dicke  Wurzel  ist  unförmlich  walzig  oder
fast  knollig,  von  höckeriger  Oberfläche,  getrocknet ­
  sehr  hart  und  fest,  äußerlich  rotbraun,
innen  heller  und  von  weißlichen  Gefäßbündeln
durchzogen.  Die  zahlreichen  dünnen  Wurzelfasern ­
  sind  an  der  Handelsware  abgeschnitten.
Der  stark  zusammenziehende  Geschmack  beruht ­
  auf  einem  reichlichen  Gehalt  an  Gerbstoff,,
neben  dem  ein  Farbstoff,  Tormentillrot,  Chinovasäure
  und  Ellagsäure  vorhanden  sind.
T.  findet  als  adstringierendes  Mittel  in  Pulveroder ­
  Extraktform  medizinische  Verwendung.
Tournantöl,  ein  saures  Öl  aus  den  gegorenen
Preßrückständen  von  Oliven,  wird  in  der  Färberei ­
  des  Türkischrotgarns  gebraucht.
Tragant  (lat.  Tragacantha  s.  Gummi  tragacanthae,
  frz.  Gomme  adragante,  engl.  Trägacanth)
  ist  der  erhärtete  Schleimsaft  verschiedener ­
  Arten  von  Astragalus,  niedriger,
stark  verästelter,  sehr  dorniger  Sträucher  aus
der  Familie  der  Papilionazeen  mit  holzigen
Stämmchen  und  Ästen,  die  in  der  Levante  und
ganz  Kleinasien,  Persien  und  Syrien  wild  wachsen. ­
  Das  Gummi  bildet  sich  in  dem  Holze,  aus
umgewandelten  Zellen  der  Markröhre  und  Mark ­
        <pb n="463" />
        Trane

457

Trane

strahlen  und  enthält  daher  unter  dem  Mikroskope ­
  wahrnehmbare  Zellreste  und  Stärkekörnchen. ­
  Beim  Eintritt  der  feuchten  Jahreszeit
schwillt  die  Masse  durch  Aufnahme  von  Wasser
bedeutend  an  und  wird  infolge  des  erzeugten
Druckes  durch  Risse  und  Spalten  oder  auch
wohl  künstlich  angebrachte  Einschnitte  oder
Stiche  ins  Freie  gepreßt.  Die  Einsammlung  geschieht ­
  im  Juni.  Die  Masse  erhärtet  bei  gutem
Wetter  in  3—4  Tagen  und  nimmt  diejenige
Form  an,  welche  der  Austrittsöffnung  entspricht.
Man  hat  daher  band-  oder  blätterartige,  wurmoder
  nudelförmig  gewundene  Stücke  und  klumpige ­
  Massen.  Der  aus  Anzapfungen  erhaltene
T.  soll  stets  besser  sein  als  der  freiwillig  ausgeflossene. ­
  —  Nach  der  Herkunft  unterscheidet
man:  Smyrnaer  oder  Blättertragant  von
Astragalus  verus  aus  dem  Inneren  Kleinasiens,
die  beste  und  teuerste  Sorte,  in  großen  flachen,
gewellten  Stücken;  Moreatragant  oder  Vermizell
  von  Astragalus  creticus,  wurm-,  fadenoder
  nudelförmige  Massen  von  Griechenland
und  Kreta;  syrischen  oder  Aleppotragant
aus  den  syrischen  Gebirgen  von  Astragalus
gummiferus  und  anderen  Arten,  in  verschiedenen ­
  flachen,  zapfenartigen,  gedrehten  und
anderen  Formen  und  den  persischen  Kugeltragant, ­
  eine  geringere  Sorte.  Unter  Smyrnaund
  Moreaware  gibt  es  Stücke  von  milchweißer
oder  nur  schwach  gelblicher  Farbe,  die  ausgesucht ­
  den  elegierten  T.  bilden,  während  die
gelblichen,  bräunlichen  und  unreinen  Stücke  die
Mittel-  und  gewöhnlichen  Sorten  liefern.  Syrische ­
  und  persische  Ware  ist  durchweg  gelblich ­
  oder  bräunlich  bis  braun.  Unter  dem  Namen
Traganton  kommen  dunkelfarbige,  unregelmäßige ­
  Klumpen  in  den  Handel.  —  Der  T.  ist
eine  hornartig  feste  und  starre,  mehr  zähe  als
spröde  Masse,  die  sich  erst  nach  vorhergegangener ­
  Erwärmung  pulvern  läßt.  Er  enthält
wenig  eigentliches,  in  Wasser  lösliches  Gummi,
vielmehr  hauptsächlich  Bassorin,  einen  Stoff,
der  in  Wasser  nur  zu  einer  großen  Menge
Schleim  aufquillt,  eingetrocknet  aber  wieder  die
unveränderte  Tragantmasse  darstellt.  D  er  Schleim
gibt  ein  gutes  Bindemittel  ab  und  findet  vielseitige ­
  Anwendung  zu  Pastillen  und  Konditoreiwaren, ­
  zum  Verdicken  von  Druckfarben,  zur
Anfertigung  von  Tuschfarben  für  Wassermalerei,
zur  Bereitung  bildsamer  Massen  für  Abdrücke
und  zum  Appretieren  von  Zeugen.  Teige  aus
Trägantschleira  und  Kreide  oder  Bleiweiß,  die
nach  dem  Trocknen  außerordentlich  harte
Massen  ergeben,  könneri  zu  zahlreichen  Zwekken
  der  Bildnerei  gebraucht  werden.  Zur
schnellen  Herstellung  von  Tragantschleim  aus
Tragantpulver  durchfeuchtet  man  das  letztere
mit  einigen  Prozenten  Alkohol  und  schüttelt
dann  rasch  mit  der  nötigen  Menge  Wasser
(1  :  50—I  :  100)  durch.
Trane  (lat.  Oleum  jecoris  s.  Oleum  ceti  s.
Oleum  piscium,  frz.  Huile  de  baieine,  Huile  de
poisson,  engl.  Train-oil,  Fish-oil).  Unter  diesem
Namen  faßt  man  alle  aus  Fischen  und  Walen
gewonnenen  flüssigen  Fette  zusammen,  die
je  nach  der  Abstammung  als  Fischöle,  Leberöle ­
  und  eigentliche  Trane  unterschieden
werden.  Die  Leberöle  sind  in  einem  besonderen
Abschnitt  Lebertran  besprochen  worden.

Die  T.  bestehen  im  allgemeinen  aus  flüssigen
Fettsäureglyzeriden  und  haben  in  frischem  Zustande ­
  eine  neutrale  Reaktion,  helle  Farbe  und
schwachen  Geruch.  Die  bei  der  Handelsware
meist  beobachteten  unangenehmen  Eigenschaften, ­
  übler  Geruch,  braune  Färbung  und  hohe
Ranzigkeit  beruhen  oft  lediglich  auf  der  unzweckmäßigen ­
  Gewinnungsweise.  Die  flüssigen
Fettsäuren  der  T.  gehören  meist  der  Ölsäurereihe ­
  an,  von  der  bis  jetzt  Ölsäure,  Gadoleinsäure,
  Erukasäure  und  Physetölsäure  mit  Sicherheit ­
  nachgewiesen  sind.  Die  festen  Fettsäuren
bestehen  hauptsächlich  aus  Palmitinsäure.  Unter
den  eigentlichen  T.  hat  der  Walfischtran
(Whale-oil)  die  größte  Bedeutung.  Zu  seiner
Gewinnung  wurden  früher  die  Speckseiten  der
erlegten  Tiere  in  Fässer  gepackt,  nach  längerer
Zeit  an  Land  geschafft  und  hier  in  Gefäße  mit
siebartig  durchlöcherten  Doppelböden  gebracht.
Der  freiwillig  ausfließende  T.  hatte  infolge  der
Verwendung  des  meist  in  Fäulnis  übergegangenen ­
  Specks  eine  braune  Farbe  und  ekelhaften
Geruch.  Neuerdings  wird  der  Speck  oder  auch
das  Fleisch  in  Autoklaven  ausgekocht,  wobei
ein  helleres  und  nahezu  geruchloses  Öl  entsteht.
Von  einem  einzigen  ausgewachsenen  Wal  werden ­
  200—300  Ztr.  T.  gewonnen.  Die  kleineren
Südseewale  geben  eine  geringere  Ausbeute,,
aber  dafür  eine  wertvollere  Sorte.  Bei  längerem
Stehen  scheiden  sich  aus  dem  T.  größere  Mengen ­
  fester  Fette  ab,  die  zur  Herstellung  von
Seifen  Verwendung  finden.  Der  Rest  wird  vielfach ­
  noch  zur  Bleichung  mit  Chlorkalk,  Kaliumdichromat, ­
  Kaliumpermanganat  oder  anderen
Oxydationsmitteln  behandelt.  Er  hat  dann  je
nach  der  Gewinnung  eine  hellgelbe  bis  dunkelbraune ­
  Farbe,  ein  spez.  Gew.  von  0,920  und
einen  wechselnden  Gehalt  an  freien  Fettsäuren.
—  Der  Robbentran  (Seehundstran,  Neufundlandstran,
  engl.  Dog-fish-oil)  kommt
hauptsächlich  von  Neufundland,  wo  im  Frühjahr ­
  alljährlich  700—800000  Robben  gefangen
werden,  und  wird  meist  höher  geschätzt  als  der
Waltran,  dem  er  im  übrigen  nach  äußerer  Beschaffenheit ­
  und  chemischer  Zusammensetzung
ganz  ähnlich  ist.  Infolge  einer  künstlichen  Bleichung ­
  hat  er  meist  eine  helle  Farbe.  —  Delphintran
  ,  (frz.  Huile  de  dauphin,  engl.  Dolphin-oil,
  Blackfish-oil)  vom  schwarzen  Delphin
(Delphinus  globiceps)  und  Meerschweinchenoder ­
  Braunfischtran  (frz.  Huile  de  marsouin,
engl.  Porpoise-oil)  von  Delphinus  Phocaena
werden  durch  Auskochen  der  ganzen  Tiere  dargestellt ­
  und  sind  etwas  dünnflüssiger  und  heller
als  die  übrigen  T.  Aus  den  Kinnbacken  wird
ein  besonderes  Öl  gewonnen,  das  sich  durch
einen  hohen  Gehalt  an  flüchtigen  Fettsäuren
und  höheren  Alkoholen  (Zetylalkohol)  auszeichnet ­
  und  besonders  zum  Schmieren  von  Uhren
und  feinen  Instrumenten  benutzt  wird.  —  Für
die  Gewinnung  der  Fischöle  kommen  hauptsächlich ­
  der  Hering  und  seine  Verwandten,  die
Sprotte,  Sardine,  ferner  der  Menhaden  und  der
Thunfisch  in  Betracht.  Die  ganzen  Tiere  oder
Abfälle  derselben  werden  ausgekocht  und  abgepreßt ­
  und  die  erhaltenen  öle  vielfach  gebleicht. ­
  Das  spez.  Gew.  ist  meist  erheblich  höher
als  dasjenige  der  Trane,  nämlich  über  0,930.
Das  Menhadenöl  stammt  von  der  Long-Island-
        <pb n="464" />
        Trapa  natans

458

Trxonal

Küste  in  Nordamerika,  Heringsöl  hauptsächlich
aus  Schweden.  Sardinen  und  Sardellen  werden
in  Japan,  Sprotten  in  Belgien  verarbeitet.  —
Der  meist  zu  den  eigentlichen  T.  gerechnete
Haifischtran  von  Carcharias  verus,  glaucus
  und  leucas  ist  ein  Leberöl.  —  Im  Handel
pflegt  man  die  T.  nach  ihrer  Herkunft  als
Archangelsker  (Wal-  und  Robbentran),  Bergener
  und  Tromsoer  (Leber-T.),  Grönländischer, ­
  Dänischer,  Neufundländer  und
Südseetran  zu  unterscheiden.  Schwedischer
Dreikronentran  ist  ein  für  technische  Zwecke
aus  verschiedenen  besseren  Sorten  zusammengemischter ­
  brauner  T.  Der  Farbe  nach  spricht
man  von  braunem  blanken  und  weißem
T.  —  Der  T.  findet  vielfache  Verwendung  zum
Sämischgerben,  zum  Einfetten  von  Leder,  zur
Herstellung  von  Seife,  als  Zusatz  zur  Wichse,
als  Schmiermittel  und  als  Brennöl.  Alle  Transorten ­
  lassen  sich,  auch  im  Gemisch  mit  anderen ­
  Ölen,  daran  erkennen,  daß  sie  mit  Natronlauge ­
  sowie  mit  konz.  Schwefelsäure  (1,530)
oder  sirupöser  Phosphorsäure  eine  rotbraune
Farbe  annehmen.
Trapa  natans.  (Wassernuß.)  Die  Fruchtkerne ­
  dieser  Pflanze  sind  sehr  reich  an  Nährstoffen ­
  und  enthalten  nach  König  in  frischem
Zustande:  38,450/0  Wasser,  10,780/0  Stickstoffsubstanz, ­
  0,690/0  Fett,  47,34%  stickstofffreie  Extraktstoffe, ­
  1,200/0  Rohfaser  und  1,54%  Asche.
Sie  werden  in  südslawischen  Ländern  (Rußland,
Serbien)  roh,  oder  gekocht,  oder  gebraten  zur
menschlichen  Ernährung  benutzt.  Auch  bilden
sie,  besonders  für  Schweine,  ein  geschätztes
Futtermittel.
Traß  (Duckstein)  ist  ein  gelbbraunes  bis
bräunliches  vulkanisches  Trümmergestein,
das  in  der  Nähe  ausgebrannter  Vulkane  vorkommt ­
  und  oft  mächtige  Lager  in  Tälern  sowie ­
  um  Hügel  und  Berge  herum  bildet.  Wo
das  Gestein  nicht  zu  porös  ist,  wird  es  zum
Bauen  sowie  zu  Steinmetzarbeiten  verwandt  und
dann  als  Duckstein  bezeichnet,  während  die  Benennung ­
  T.  eigentlich  nur  der  gepochten  und
gemahlenen  Felsart  zukommt,  die  als  Möftelmasse
  sowie  als  natürlicher  Zement  Verwendung ­
  findet.  Das  Mineral  hat  denselben  Ursprung ­
  und  die  gleiche  Zusammensetzung  und
Verwendbarkeit  wie  die  italienische  Puzzqlanerde
  (s.  d.).  Es  braucht  daher  als  ein  von  der
Natur  fertig  gebrannter  Zement  nur  mit  frischem, ­
  fettem  Kalkbrei  versetzt  zu  werden,  um
einen  sehr  guten  Luftmörtel  zu  bilden,  während
unter  Anwendung  von  magerem  Kalk  Wassermörtel ­
  entsteht.  Das  Gemenge  muß  so  lange
gestoßen  und  geschlagen  werden,  bis  es  eine
völlig  gleichmäßige  Masse  bildet.  Deutschland
besitzt  reiche  Lager  am  Rhein,  besonders  im
Brohl-  und  Nettetale  bei  Andernach,  und  versendet ­
  erhebliche  Mengen  auf  größere  Entfernungen, ­
  am  meisten  stromabwärts  nach  Holland, ­
  wo  sie  zu  Wasserbauten  beständig  gebraucht ­
  werden.  Die  Holländer  treiben  aber
auch  Handel  damit,  indem  sie  die  Rohmasse
mahlen  und  als  Utrechter  T.  weiter  verkaufen.
Traubenkernöl,  das  durch  Auspressen  erhaltene ­
  fette  öl  der  Weintraubenkerne,  das
schwach  gelblich  und  beinahe  geruchlos  erscheint, ­
  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,920,  erstarrt

bei  —  11 0  zu  einer  butterartigen  Masse  und
wird  an  der  Luft  leicht  dickflüssig  und  ranzig.
Traubenkraut  (Mexikanisches  Traubenkraut, ­
  Jesuitentee,  Kartäusertee,  lat.
Herba  chenopodii  ambrosioidis  s.  Herba  botryos
  mexicanae,  frz.  Th4  de  mexique  ou
ambroisö,  engl.  Ambrose)  nennt  man  die  getrockneten ­
  Blätter  und  Blüten  eines  einjährigen
Meldengewächses,  Chenopodium  ambrosioides
  L.,  das  aus  Mittelamerika  stammt  und
bei  uns  in  Gärten  und  als  Handelspflanze  gezogen ­
  wird.  Die  Pflanze  besitzt  infolge  ihres
Gehaltes  an  ätherischem  Öl  einen  angenehm
aromatischen  Geruch  und  etwas  kampferartigen
Geschmack  und  dient  hauptsächlich  als  krampfstillender ­
  Tee  sowie  als  Mittel  gegen  Motten.
Traumatizin  (lat.  Traumaticinum,  Liquor  guttae
  perchae,  frz.  und  engl.  Traumaticine)  nennt
man  eine  Lösung  von  Guttapercha  in  der  10-  bis
15  fachen  Menge  Chloroform.  Es  hinterläßt
nach  dem  Verdunsten  des  Lösungsmittels  ein
dünnes,  sehr  elastisches,  nicht  zusammenschrumpfendes ­
  Häutchen  und  wird  daher  wie
Kollodium  zum  Verschließen  von  Schnittwunden
sowie  zum  Überziehen  von  Brandstellen  und
Frostbeulen  benutzt.  Durch  einen  geringen  Zusatz ­
  von  Kautschuk  kann  die  Klebkraft  erhöht
werden.
Trimethylamin  (lat.  Trimethylaminum),
eine  starke,  stickstoffhaltige,  organische  Base,
N(CH 3 ) 8 ,  findet  sich  teils  frei,  teils  an  Säuren
gebunden  in  verschiedenen  Pflanzen,  besonders
aber  in  der  Heringslake,  die  gewöhnlich  zu
seiner  Darstellung  benutzt  wird.  Man  destilliert
die  Pleringslake  mit  Kalkmilch,  neutralisiert  das
Destillat  mit  Salzsäure,  dampft  zur  Trockene
und  zieht  den  Rückstand  mit  96  %  igem  Alkohol
aus,  der  nur  das  salzsaure  Trimethylamin,  hingegen ­
  nicht  den  beigemengten  Salmiak  löst.
Der  weingeistige  Auszug  wird  nach  dem  Abdestillieren ­
  des  Alkohols  mit  Kalilauge  erhitzt
und  das  übergehende  T.  in  Wasser  aufgefangen.
Die  farblose,  stark  alkalisch  reagierende  Flüssigkeit ­
  von  intensivem  Heringsgeruch  findet  beschränkte ­
  medizinische  Verwendung.  Neuerdings ­
  wird  das  T.  auch  aus  der  Zuckerrübenschlempe ­
  dargestellt,  enthält  dann  aber  häufig
noch  Methylamin  und  Dimethylamin.
Trinitrotoluol,  C 7 H 5 (N0 2 ) 3 ,  ein  durch  Nitrieren ­
  des  Toluols  (s.  d.)  erhaltenes  Pulver  vom
Schmelzpunkt  73  °,  bildet  unter  Bezeichnungen
von  Trotyl  u.  a.  einen  der  wichtigsten  Sprengstoffe. ­

Trional,  das  Methylderivat  des  Sulfonals  (Methylsulfonal),
  wird  in  analoger  Weise  wie  das
Sulfonal  (s.  d.)  dargestellt,  indem  man  vom
Äthylmethylketon  und  Äthylmerkaptan  ausgeht.
Es  bildet  farblose,  glänzende  und  geruchlose
Tafeln,  die  bei  76°  schmelzen  und  in  kaltem
Wasser  schwer,  leichter  in  heißem  Wasser  und
in  Alkohol  und  Äther  löslich  sind.  T.  wird  zurzeit ­
  als  das  beste  Schlafmittel  angesehen  und
hat  vor  dem  ähnlich  wirkenden  Sulfonal  den
Vorzug,  keine  unangenehmen  Nebenwirkungen
zu  äußern.  Von  anderen,  dem  Sulfonal  chemisch
verwandten,  Verbindungen  dienen  noch  das
M  et  h  on  al(Dimethylsulf  ondimethylmethan)  und
das  Tetronal  (Diäthylsulfondiäthyhnethan)  als
Schlafmittel.
        <pb n="465" />
        Tripel

459

Tropon

Tripel  (lat.  Terra  tripolitana,  frz.  und  engl.
Tripoli),  ein  gelblichgraues  oder  aschgraues,
bräunliches,  rotbraunes  oder  geflecktes,  lockeres
Mineral,  das,  gepulvert,  ein  bekanntes  Poliermittel
  abgibt,  kommt  in  zahlreichen  Gegenden
auf  Lagern  mit  Ton  und  mit  Quarzsand  sowie
nesterweise  in  verschiedenen  Sandsteinen  vor.
Er  besteht  im  wesentlichen  aus  Kieselsäure,  die
kleine  Beimengungen  von  Ton,  Eisenoxyd  und
Wasser  enthalten  kann,  und  hat  sich  in  vielen
Fällen  als  ein  Haufwerk  von  Kieselpanzern  vorgeschichtlicher ­
  Infusorien  erwiesen.  T.  findet
sich  in  verschiedenen  Arten  in  Deutschland,
Frankreich  und  der  Levante  und  hat  von  der
Stadt  Tripoli  in  Syrien  seinen  Namen  erhalten.
Bei  uns  wird  das  Mineral  im  Sächsischen  Erzgebirge, ­
  in  Böhmen  und  in  Tirol  gewonnen.
Französischer  T.  kommt  aus  der  Auvergne  und
Bretagne.  Eine  feine  und  leichte  graue  Art
liefert  auch  England  unter  dem  Namen  englische ­
  Erde.  Das  geschlämmte  Pulver  dient
zum  Putzen  und  Polieren  von  Metallwaren,  Spiegeln, ­
  Edelsteinen  sowie  bisweilen  auch  zu  Gußformen ­
  für  kleinere  Metallgegenstände.
Triphenylmethanfarbstoffe  bilden  eine  überaus ­
  wichtige  und  umfangreiche  Gruppe  von
Teerfarbstoffen  (s.  d.),  die  sich  alle  vom  Triphenylmethan,
  CH  .  (C 6 H 6 ) 3 ,  ableiten.  Je
nachdem  die  Phenylgruppen  stickstoffhaltige
oder  sauerstoffhaltige  Gruppen  aufnehmen,  unterscheidet ­
  man  die  beiden  Abteilungen  der
Amino-T.  (Fuchsoniminfarbstoffe)  undderOxy-T.
  (Fuchsonfarbstoffe).  Die  Aminotriphenylmethanfarbstoffe
  zerfallen  nach  der  Zahl  ■  der
vorhandenen  Aminogruppen  in  folgende  beiden
Unterabteilungen:  l.  Diaminotriphenylmethanfarbstoffe
  enthalten  zwei  Aminogruppen ­
  und  entsprechen  der  allgemeinen  Formel
C(C 6 H 5 )(CeH !l! .  NHj) 2 .  Sie  entstehen  bei  der
Wechselwirkung  aromatischer  Aldehyde  ,  (z.  B.
Benzaldehyd)  und  Basen  (z.  B.  Dimethylanilin}
bei  Gegenwart  von  Säuren  oder  Zinkchlorid  und
nachfolgender  Oxydation  der  anfangs  gebildeten ­
  Leukoverbindung.  In  die  Gruppe  gehören
vor  allem  Malachitgrün  (s.  d.);  Äthylgrün
(s.  d.)  (Neuviktoriagrün,  Brillantgrün,  Solidgrün), ­
  die  dem  Malachitgrün  entsprechende
Tetraäthylverbindung;Viktoriagrün3B  (s.d.),
Säuregrün  (s.  d.),  Patentblau  (s.  d.).  Auch
Chinolinrot  (s.  d,)  kann  hierhin  gerechnet
werden.  2.  TriaminotriphenyImethanfarbstoffe, ­
  deren  einfachster  Vertreter  das  p-Rosanilin
  (s.  d.)  ist,  entstehen  bei  der  Oxydation ­
  eines  Gemisches  von  Paratoluidin  und
anderen  aromatischen  Basen  mit  Arsensäure
oder  Nitrobenzol  (Fuchsin),  oder  bei  der  Oxydation ­
  einer  methylsubstituierte  Aminogruppen
enthaltenden  Base  (z.  B.  Dimethylanilin)  mit
Kupferchlorid  (Methylviolett),  ferner  bei  der
Kondensation  verschiedener  aromatischer  Basen
mit  Anilinbasen  u.  dgl.  und  nachfolgende  Oxydation. ­
  Der  wichtigste  Vertreter  dieser  Gruppe
ist  das  Fuchsin  (s.  d.),  von  dem  sich  zahlreiche ­
  weitere  Farbstoffe  ableiten.  Durch  Eintritt ­
  von  Kohlenwasserstoffresten  in  die  Amidogruppen
  entstehen  rotviolett  bis  blau  gefärbte
Substitutionsprodukte,  von  denen  die  Methylderivate ­
  am  meisten  rot  erscheinen,  während
die  Äthyl-  und  noch  mehr  die  Benzyl-,  Tolylund

  Phenylderivate  immer  blauer  werden.  Hierhin ­
  gehören  u.  a.  die  als  Hofmans  Violett
(s.  d.),  Methylviolett  (s.  d.),  Kristallviolett ­
  bezeichnten  Tri-,  Penta-  und  Hexamethylrosaniline,
  ferner  das  Äthylviolett  (Hexaäthylp-Rosanilin),
  Anilinblau  (s.d.,Tripheny!rosanilin)
  und  die  aus  ihnen  abzuleitenden  Sulfurierungsprodukte: ­
  Alkaliviolett  (Phenylmethyltetraäthyl-p-Rosanilinsulfosäure),
  Echtgrün  (s.  d.),
Alkaliblau  (s.  Anilinblau).  In  gewissem  Sinne
können  auch  Viktoriablau  und  Nachtblau
(s.  d.)  hierzu  gerechnet  werden.  —  Die  Oxyfriphenylmethanfarbstoffe
  entstehen  dadurch,
daß  in  die  Phenylreste  Hydroxylgruppen  eintreten.
  Ihre  wichtigsten  Vertreter  sind  Aurin,
Rosolsäure,  Chromviolett,  die  in  besonderen
Abschnitten  besprochen  werden.
Trockenelemente  sind  leicht  zu  befördernde
galvanische  Elemente,  bei  denen  der  flüssige
Elektrolyt  mit  porösen  Stoffen  wie  Holzmehl,
Filz,  Schwamm,  Glaswolle,  oder  mit  Mineralstoffen ­
  wie  Kieselgur,  oder  endlich  mit  gallertartigen ­
  Stoffen  gemischt  ist,  so  daß  ein  Verspritzen ­
  ausgeschlossen  erscheint.  Als  negativer
Pol  dient  meist  ein  Zinkzylinder,  in  dem  sich
der  Elektrolyt  befindet,  als  positiver  Pol  eine
Kohlenplatte,  doch  können  natürlich  auch  andere
galvanische  Elemente  in  diese  „trockne  Form“
gebracht  werden.
Trochisci  (frz.  Tablettes  ou  Pastilles,  engl.
Lozenges),  die  lateinische  Bezeichnung  für  Pastillen, ­
  Plätzchen,  Tabletten  (s.  d.).
Tropaeolin.  Diesen  Namen  führen  verschiedene ­
  Teerfarbstoffe,  die  zum  Teil  auch  noch
mit  anderen  Bezeichnungen  belegt  werden.
Tropaeolin  o  (Gelb  T,  Goldgelb)  besteht
aus  der  Natron  Verbindung  des  Sulfanilsäureazoresorzins
  und  bildet  ein  braunes,  in  Wasser  mit
rötlichgelber  Farbe  lösliches  Pulver,  das  Wolle
im  sauren  Bade  rötlichgelb  färbt.  Tropaeolin ­
  00  soll  nach  einigen  Angaben  mit  Säuregelb ­
  (s.  d.)  identisch  sein.  Tropaeolin  000
Nr.  1  (Orange  I,  Alphanaphtholorange),
ein  rotbraunes,  in  Wasser  mit  orangeroter  Farbe
lösliches  Pulver,  färbt  Wolle  im  sauren  Bade
orange.  Tropaeolin  000  Nr.  2  (Orange  II,
B  etanaphtholorange,  Goldorange),  ein
gelbrotes,  in  Wasser  mit  rotgelber  Farbe  lösliches ­
  Pulver,  färbt  wie  das  vorige.  Die  beiden
letztgenannten  Farben  sind  die  Natronsalze  des
Sulfanilsäureazonaphthols  und  unterscheiden
sich  nur  dadurch,  daß  die  Sorte  000  Nr.  1  aus
Alphanaphthol,  die  Sorte  000  Nr.  2  dagegen  aus
Betanaphthol  bereitet  wird.  Tropaeolin  0000
(Azokokzin  G),  ein  rotbraunes  Pulver,  färbt
Wolle  im  sauren  Bade  ziegelrot,  scheint  aber
nicht  mehr  im  Handel  zu  sein.  Tropaeolin  D
(Orange  III)  ist  Methylorange  (s.  d.).  Tropaeolin ­
  G  ist  Metanilgelb  (s.  d.).  TropaeolinR
  (Resorzingelb),  ein  braunes,  in  Wasser
mit  rötlichgelber  Farbe  lösliches  Pulver,  färbt
Wolle  rötlichgelb  und  besteht  aus  dem  Natronsalze ­
  des  Sulfanilsäureazoresorzins.  Tropaeolin ­
  Y,  ein  braungelbes  Pulver,  besteht  aus  dem
Natronsalze  des  Sulfanilsäureazophenols,  scheint
aber  nicht  mehr  im  Handel  vorzukommen.
Tropon.  Dieses  von  Prof.  Finkler  in  Bonn
hergestellte  Nährmittel  bildet  ein  ziemlich  feines
trockenes  Pulver  von  gelbbrauner  Farbe,  ohne
        <pb n="466" />
        Trüffeln

460

Türkis

kennzeichnenden  Geruch  und  Geschmack.  Es
enthält  8,580/0  Wasser,  89,350/0  Stickstoffsubstanz, ­
  0,980/0  Asche  und  Spuren  Fett  und  stickstofffreie ­
  Extraktstoffe  und  ist  daher  als  fast
reines,  aber  unlösliches  Eiweiß  zu  bezeichnen.
Der  mikroskopischen  Untersuchung  zufolge  besteht ­
  es  zu  etwa  Vg  aus  Muskelfasern,  während
2 /s  pflanzlichen  Ursprungs  sind.  T.  wird  für  sich
allein  und  im  Gemisch  mit  Kakao  oder  Suppenmehlen ­
  als  Kräftigungsmittel  benutzt.  Seiner
Verwendung  zur  Hebung  des  Eiweißverbrauchs
der  minderbemittelten  Bevölkerungskreise  steht
der  verhältnismäßig  hohe  Preis  entgegen.
Trüffeln  (frz.  Truffes,  engl,  Truffles)  bilden
eine  artenreiche  Gattung  unterirdisch  wachsender ­
  Pilze  (Tuber),  von  denen  mehrere  als
Speisepilze  geschätzt  werden.  Die  eßbaren  T.
kommen  in  Laubwäldern  vor  und  finden  sich
alljährlich,  oft  zu  Kreisen  angeordnet,  an  bestimmten ­
  Stellen,  sog.  Trüffelplätzen  (Truft
  ihr  es),  besonders  im  mittleren  und  südlichen
Frankreich  (Perigord  und  Poitou,  Departement
Dordogne,  Vaucluse,  Lot,  Drome).  Sie  lieben
mageren,  kalkhaltigen  Boden  sowie  mittleres,
nicht  zu  heißes  Klima  und  sind  an  das  Vorkommen ­
  gewisser  Bäume,  wie  Eichen  und
Buchen,  gebunden.  Die  Trüffeln  gehören  mit
zur  Jagdberechtigung  und  werden  mit  Hilfe  besonders ­
  abgerichteter  Jagdhunde  oder,  in  Frankreich, ­
  mit  Schweinen  aufgesucht.  Man  unterscheidet ­
  die  T.  nach  der  Farbe  in  schwarze  und
weiße  T.  Die  wichtigste  Sorte,  die  schwarze
oder  Winter-T.,  ist  von  schwarzbrauner  Farbe
und  erscheint  auf  dem  Durchschnitt  wie  marmoriert ­
  und  mit  rötlichen  bis  violetten  oder  rotbraunen ­
  Adern  durchzogen.  Die  weichen,  warzigen ­
  Knollen  erreichen  Walnuß-  bis  Apfelgröße. ­
  Am  geschätztesten  sind  Stücke  mit
einem  Gewichte  bis  zu  30  g.  Als  Unterabteilungen ­
  unterscheidet  man  I.  die  Muskat-Winter-T.
  aus  Perigord  und  der  Provence  mit  länglichrunden, ­
  warzigen  Knollen,  grausphwarzem,
weißlich  geadertem  Fleische,  rostbraunen  Keimkörpem
  und  moschusartigem  Geruch  und  Geschmack, ­
  2.  die  rostbraune  T.  aus  der  Champagne, ­
  Poitou,  Bourgogne  und  Oberitalien  mit
kleineren,  nußgroßen  Knollen  und  rostrotem,
wenig  geadertem  Fleisch.  Die  Marder-T.  besitzt ­
  ein  schwarzes,  wenig  warziges  und  stark
geadertes  Fleisch  mit  braunen  Keimkörpern  und
auffallendem  Geruch  nach  Bierhefe.  Die  weiße
Wintertrüffel  hat  ungeadertes  weißes  Fleisch
mit  roten  Keimkörpern,  die  weiße  Sommertrüffel ­
  marmoriertes  weißes,  später  ockerfarbiges ­
  und  gräuliches  Fleisch,  die  italienische ­
  oder  Sommertrüffel  endlich  glatte,  unregelmäßige ­
  Knollen  von  graugelber  bis  ockeriger
  Farbe  und  knoblauchartigem  oder  käsigem
Geruch.  Im  allgemeinen  erntet  man  die  Wintertrüffeln ­
  im  November  bis  Februar,  die  Sommertrüffeln ­
  von  Juli  und  September  an.  DieT.
werden  getrocknet  in  Fässer  oder  in  Papier  verpackt ­
  oder  in  Wein  gekocht  und  dann  in  Öl
eingemacht  in  den  Handel  gebracht.  Frische
T.  halten  sich  in  Sand  oder  Erde  in  guten  Kellern
länger  als  14  Tage.  Hinsichtlich  ihres  Nährwertes ­
  gilt  das  unter  „Pilze“  Gesagte.  Als  Verfälschungen ­
  hat  man  Beimischungen  von  Bovistscheiben ­
  beobachtet,  die  aber  an  ihrem  weißen

Rand  und  ihrem  blauschwarzen,  nicht  marmorierten ­
  Fleische  kenntlich  sind.  Weiter  werden
beschädigte  T.  mit  brauner  Erde  eingerieben
oder  durch  Eindrücken  von  Steinen  beschwert.
Trunksuchtmittel  sind  Schwindelerzeugnisse
meist  ausländischen  Ursprungs,  die  Enzian,
Brechweinstein  u.  dgl.  enthalten.
Tschuchiakabi,  eine  aus  Japan  stammende
Droge,  besteht  aus  der  Kapselfrucht  einer
Orchidee  und  wird  als  wirksameres  Ersatzmittel ­
  für  Kubeben  und  Kopaivabalsam  empfohlen. ­

Tuben  nennt  man  aus  Zinn  oder  dessen  Legierungen ­
  hergestellte,  röhrenförmige  Behälter,
meist  mit  Schraubenverschluß,  die  zur  Aufnahme
von  Farben,  Pasten,  Salben  usw.  dienen.  Dadurch, ­
  daß  man  den  Inhalt  durch  den  Deckel
wieder  fest  von  der  Luft  abschließen  kann,
eignen  sie  sich  namentlich  für  solche  Zuberei-'«
tungen,  die  leicht  verdunsten,  verharzen  oder
sonstwie  verderben.  Sehr  gut  bewährt  habensich ­
  auch  die  neuerdings  aus  Pergamentpapier
hergestellten  sog.  Kampratuben.
Tuberosenöl  (lat.  Oleum  tuberosae,  frz.  Essence
de  tubereuse,  engl.  Tuberose  oil).  Unter  diesem
Namen  kommt  ein  durch  Extraktion  der  Tuberosenblüten ­
  mit  Petroläther  oder  noch  besser
ein  nach  dem  Enfleurageverfahren  gewonnener
Riechstoff  in  den  Handel.  Die  aus  Ostindien
stammende  Tuberose  (Polianthes  tuberosa),
eine  Pflanze  aus  derFamilie  der  Amaryllidazeen,,
enthält  in  den  lilienähnlichen  Blüten  ein  sehr
feines  Aroma,  das  in  der  Parfümerie  zur  Herstellung ­
  verschiedener  Extraits  mitverwendet
wird.
Tuberkulin  (lat,  Tuberculinum).  Das  von
Koch  als  Mittel  gegen  Tuberkulose  in  die  Medizin ­
  eingeführte  T.  besteht  aus  dem  Glyzerinauszuge
  der  Reinkulturen  abgetöteter  Tuberkelbazillen ­
  und  kommt  als  eine  klare,  braune
Flüssigkeit  von  aromatischem  Geruch  und  alkalischer ­
  Reaktion  in  amtlich  versiegelten  Fläschchen ­
  zum  Verkauf.  Da  es  das  Befinden  der
Kranken  vielfach  zu  verschlechtern  scheint,  wird
es  bei  Menschen  kaum  noch  angewandt,  findet
aber  ausgedehnte  Verwendung  zur  Prüfung  von
Kühen  auf  Tuberkulose.  T.  darf  von  den  Apotheken ­
  zu  Heilzwecken  nur  auf  ärztliche  Verordnung ­
  abgegeben  werden.
Tuchrot,  ein  im  Jahre  1879  in  den  Handel  gebrachter ­
  Azofarbstoff  zum  Färben  von  Wolle,
findet  sich  in  zwei  Arten,  G  und  B.  Ersteres,.
ein  rotbraunes,  in  Wasser  ziemlich  schwer
lösliches  Pulver,  besteht  aus  dem  Natronsalze
der  Amidoazobenzol  -  a  -  naphtolsulfosäure,  die
Sorte  B,  ein  dunkelbraunes,  in  Wasser  mit  fuchsinroter ­
  Farbe  lösliches  Pulver,  aus  dem  Natronsalze ­
  der  Amidoazotoluolazonaphtholsulfosäure-‘
  Türkis,  ein  amorpher  und  undurchsichtiger
Schinuckstein  dritten  Ranges,  ist  trotz  seiner  geringen ­
  Härte  (6)  und  des  nur  schwachen,  wachsartigen ­
  Glanzes,  wegen  seiner  schönen  himmelblauen, ­
  mitunter  grünblauen  Färbung  recht  beliebt ­
  und  wird  der  angenehmen  Gegenwirkung
halber  gern  neben  Diamanten  und  Perlen  verwendet. ­
  Das  in  derben,  nierenförmigen  Stücken
auftretende  Mineral  besteht  aus  wasserhaltiger
phosphorsaurer  Tonerde  mit  einem  geringen
Gehalt  an  phosphorsaurem  Kupfer  und  Eisen,
        <pb n="467" />
        Türkischrotgarn

461

Tusche

der  die  Färbung  verursacht.  Geringere  Sorten,
die  aber  als  Schmuckstein  wenig  geeignet  sind,
finden  sich  zwar  auch  in  Deutschland,  z.  B.  in
Schlesien  und  im  Vogtlande,  auf  schmalen  Klüften ­
  im  Kieselschiefer,  doch  kommen  die  echten
orientalischen  T.  über  Rußland  aus  Persien,  hauptsächlich ­
  Nischapur  im  Osten  des  Landes.  Die
dortigen  Minen  sind  Krongut  und  werden  an
den  Meistbietenden  verpachtet.  Im  Altertum
kam  der  schon  damals  geschätzte  Stein  auch
aus  Ägypten,  wo  er  in  einer  Ufergegend  des
Roten  Meeres,  am  Vorgebirge  Sinai,  aus  festem
Sandsteinfels  gebrochen  wurde.  Der  T.  wird
stets  nur  en  cabochon  geschliffen.  —  Ein  ebenfalls ­
  unter  dem  Namen  T.  gehender  Stoff,  der
im  Aussehen  dem  echten  ähnlich,  aber  von  ganz
anderer  Art  und  Herkunft  ist,  der  sog.  Zahntürkis, ­
  besteht  aus  versteinertem  Elfenbein
(Mammutzähne),  das  durch  eingedrungene
Kupfer-  oder  Eisensalze  blaugrün  gefärbt  ist.
Diese  Stücke  finden  sich  am  schönsten  auf  den
Kupfererzlagern  Sibiriens,  von  wo  sie  in  den
Handel  kommen.  Sie  werden  ebenfalls  zu
Schmuck  verarbeitet,  sind  aber  viel  billiger  als
echte  T.,  weil  ihre  Farbe  nicht  haltbar  ist,  sondern ­
  sich  mit  der  Zeit  in  ein  unschönes  Grün
verwandelt  und  überdies  bei  Kerzenlicht  nur
einen  unreinen  blaugrauen  Ton  zeigt.  Durch
das  Mikroskop  ist  das  Gefüge  der  Knochen  deutlich' ­
  zu  erkennen,  so  daß  diese  Ware  von  der
echten  leicht  unterschieden  werden  kann.
Türkischrotgarn  nennt  man  Baumwollgarn,  das
durch  ein  besonderes  Verfahren  eine  schöne
feurig  rote,  außerordentlich  haltbare  Farbe  erhalten ­
  hat.  Derartige  Rotgarne  konnten  früher
nur  aus  dem  Orient  bezogen  werden,  bis  es  im
vorigen  Jahrhundert  gelang,  durch  Heranziehung
orientalischer  Färber,  das  Verfahren  nach  dem
Abendlande,  zunächst  nach  Frankreich,  zu  verpflanzen, ­
  und  seitdem  hat  der  Bezug  von  Garnen
aus  der  Türkei  aufgehört.  Das  Eigentümliche
der  Färberei  besteht  in  der  Verwendung  fetter
Öle,  namentlich  des  Tournantöls,  oder  besser
noch  des  Türkischrotöls,  mit  denen  man
nebst  anderen  Befestigungsmitteln,  wie  Alaun
und  Galläpfelabsud,  die  Garne  oder  Gewebe
zur  Aufnahme  des  Farbstoffes  vorbereitet.  Sie
werden  dann  im  Krappbade  ausgefärbt  und
schließlich,  da  sie  nunmehr  braunrot  aussehen,
aviviert,  d.  h.  erst  mit  Seife  und  Soda  und
dann  mit  Zinnsalz  behandelt,  welches  der  Farbe
einen  scharlachroten  Schein  verleiht.  Das  Verfahren ­
  war  früher  verwickelter  als  bei  irgendeiner ­
  anderen  Färberei  und  umfaßte  mit  Inbegriff ­
  der  mehrfachen  Waschungen  und  Trocknungen ­
  16—20  verschiedene  Hantierungen,  die
einen  Zeitaufwand  von  Wochen  in  Anspruch
nahmen.  Neuerdings  ist  es  besonders  durch
Verwendung  des  künstlichen  Alizarins  gelungen,
das  Verfahren  wesentlich  abzukürzen.  Obschon
auch  fertige  Gewebe  in  dieser  Farbe  hergestellt
werden,  macht  doch  das  Garn  die  Haupthandelsware ­
  aus,  die  in  allen  Baumwollindustrie  treibenden ­
  Ländern  erzeugt  wird.
Tutnenol.  Mit  diesem  Namen  bezeichnet  man
einige  Nachahmungen  des  Ichthyols,  die  aus
gewissen  Destillationsprodukten  bituminöser  Gesteine ­
  durch  Behandlung  mit  konz.  Schwefelsäure ­
  dargestellt  werden.  Das  rohe  T.  (Tumenolum

  venale),  ein  Gemisch  von  Tumenolsulfon
  und  Tumenolsulfosäure,  bildet  eine  dem
Ichthyol  ähnliche,  zähe  braune  Masse.  Es  läßt
sich  durch  Behandlung  mit  Natronlauge  in  Tumenolsulfon
  (T.-Öl)  ein  dickes  dunkelgelbes,
in  Wasser  unlösliches,  in  Äther,  Benzin  und
Benzol  lösliches  Öl,  und  in  Tumenosulfosäure,
  Tumenolpulver  (Acidum  sulfotumenolicum)
  ein  wasserlösliches,  bitter  schmeckendes ­
  Pulver  zerlegen.  T.  wird  wie  die  entsprechenden ­
  Ichthyolverbindungen  bei  Hautkrankheiten ­
  angewandt.
Tupeloholz  (Tupelowurzel),  ein  aus  Florida
kommendes,  sehr  leichtes  und  weiches  Holz  von
gelblichweißer  Farbe,  findet  in  der  Chirurgie
Anwendung,  .indem  man  daraus  Stäbchen  schnitzt
oder  drechselt,  die  in  Wunden  stark  quellen  und
wie  Laminaria  digitata  als  Quellmeißel  dienen.
Das  T.  stammt  von  Nyssa  grandidentata
und  Nyssa  aquaticä,  während  verwandte  Arten, ­
  wie  N.  uniflora  und  multiflora,  unbrauchbar ­
  sind.
Turmalin  (Schörl),  ein  durch  verschiedenartige ­
  Färbung  ausgezeichnetes  Mineral,  besteht
aus  Kieselsäure,  Tonerde,  Kalk,  Borsäure,  Kali,
Lithion,  Martganoxyd  und  Magnesia  und  findet
sich  in  verschiedenen  Felsarten.  Die  drei-,  sechsund
  mehrseitigen,  säulenförmigen  Kristalle  sind
meist  schwarz,  doch  auch  farblos  und  wasserhell ­
  (Achroit),  blau  (Indigolith),  rot  (Siberit),
  gelb,  grün  oder  braun  und  zeigen  eine  beträchtliche ­
  Härte  von  7—7 l / 2 .  Nur  die  durchsichtigen ­
  und  schön  gefärbten  T.  kommen  als
Schmucksteine  in  Betracht  und  führen  dann  die
Namen  derjenigen  Edelsteine,  denen  sie  ähnlich
sind.  So  heißt  der  Indigolith,  der  sich  in  Brasilien ­
  im  Sande  von  Flüssen  findet,  brasilianischer ­
  ,  Saphir,  der  grüne  brasilianischer  Smaragd, ­
  der  rote  aus  Sibirien  orientalischer  Rubin.
Rote  Steine  finden  sich  auch  auf  Zeylon,  in
Birma,  den  Vereinigten  Staaten  und  Peru.  Die
roten  und  grünen,  durchsichtigen  Steine  gelangen ­
  am  häufigsten  zur  Verwendung  als  Ringsteine ­
  und  können  je  nach  Größe  und  Schönheit
bedeutende  Werte  erreichen.  Die  schwarzen
und  braunen,  in  einigen  Gegenden  Böhmens,
Bayerns  und  Tirols  häufigen  T.  sind  keine
Schmucksteine,  haben  aber  eine  gewisse  physikalische ­
  Bedeutung,  da  sie  wegen  ihrer  doppelten ­
  Lichtbrechung  zu  den  Nicolschen  Prismen
der  Polarisationsapparate  verwandt  werden.  Alle
T.,  auch  die  als  Schörl  bezeichneten  undurchsichtigen ­
  Stücke,  haben  die  seltene  Eigenschaft,
daß  sie  durch  bloßes  Erwärmen  elektrisch  werden, ­
  also  leichte  Körper  abwechselnd  anziehen
und  wieder  abstoßen.
Turpethwurzel  (lat.  Radix  turpethi,  frz.  Racine ­
  de  turbith,  engl.  Turbith  root)  stammt  von
einem  Windengewächs  (Ipomoea  Turpethum)
  und  hat,  wie  die  zu  derselben  Familie
gehörende  Jalape  und  Skammonium,  abführende
Wirkung.  Die  braunen,  holzigen  Wurzeln  kommen ­
  aus  Persien,  Indien  und  Australien  in  den
Handel  und  finden  namentlich  in  Süd-  und
Westeuropa  Verwendung.
Tusche  (lat.  Atramentum  indicum,  frz.  Encre
de  chine,  engl.  China  ink,  Indian  ink).  Diese
schwarze  Wasserfarbe,  die  in  Europa,  besonders
in  Nürnberg,  häufig  nachgemacht  wird,  bildet
        <pb n="468" />
        Tusche

462

Ultramarin

in  China  und  Japan  seit  undenklichen  Zeiten
die  gewöhnliche  Schreibtinte  und  Buchdruckfarbe. ­
  Soviel  bekannt,  besteht  sie  aus  Ruß  und
Leim,  in  den  feineren  Sorten  mit  etwas  Kampfer
oder  Moschus  parfümiert.  Als  Ausgangsstoff
dient  ein  ausschließlich  von  Büffeln  gewonnener
Leim  und  feinster,  aus  Schweineschmalz  hergestellter
  Lampenruß.  Von  der  Sorgfalt,  mit
der  letzterer  gebrannt,  gesiebt  und  gebeutelt
wird,  hängt  die  Feinheit  der  T.  in  erster  Linie
ab.  Der  Ruß  wird  in  den  geschmolzenen  Leim
so  lange  eingetragen,  bis  eine  weiche  Paste  entsteht, ­
  diese  stark  geknetet  und  erhitzt,  dann
mehrere  Tage  sich  selbst  überlassen  und  schließlich ­
  in  hölzerne  Formen  gepreßt  oder  einfach
gerollt.  Die  Japaner  bereiten  ihre  T.  in  derselben ­
  Weise,  doch  ist  die  chinesische,  wahrscheinlich ­
  wegen  der  sorgsameren  Rußbereitung,
weit  besser.  Die  Feinheitsgrade  sind  aber  auch
bei  der  chinesischen  Ware  sehr  verschieden.
Die  feinste  T.  soll  einen  Stich  ins  Bräunliche
haben,  während  ganz  schwarze,  bläuliche  oder
graue  für  nicht  so  gut  gelten.  Beim  Anschlägen
sollen  die  Stücke  einen  hellen,  scharfen  Ton
geben,  da  es  dumpfklingenden  an  Gleichmäßigkeit ­
  fehlt.  Umgekehrt  wie  beim  Ruß  ist  ferner
die  beste  Sorte  zugleich  auch  die  schwerste.
Die  T.  wird  durch  Ablagern  besser,  und  sehr
alte  wurde  in  China  so  hoch  geschätzt,  daß  sie
sogar  häufig  ein  Ehrengeschenk  der  Mandarine
an  den  Kaiser  bildete.  Die  europäischen  Bereitungsweisen ­
  stimmen  mit  den  chinesischen
völlig  überein,  nur  scheinen  die  Rohstoffe  der

Asiaten  bessere  zu  sein.  Deutsche  Fabriken
stellen  auch  flüssige  T.  her,  die  sich  für  den
Gebrauch  leichter  verwenden  lassen.  —  Als  T.
werden  auch  andere  Wasserfarben  (rot,  gelb,
blau,  grün,  violett  usw.)  bezeichnet,  die  meist
mineralischen  Ursprungs  sind,  wie  Zinnober,
Minium,  Englischrot  (Eisenoxyd),  Chromblei,
Antimongelb,  Hell-  und  Dunkelocker,  Sienaerde, ­
  Berliner-  und  Pariserblau,  Ultramarin,  Kobalt ­
  (Smalte  und  Eschel),  Grün  aus  Gelb  und
Blau,  Violett  aus  Rot  und  Blau,  Umbra,  Grüne
Erde  und  die  Gemische  der  Modefarben.  Organischen ­
  Ursprungs  sind  Karmin,  Saflor,  die
Lackfarben  oder  farbigen  Holzextrakte,  Indigo,
Sepia,  Gummigutt  usw.  Sie  werden  sämtlich  mit
Gummitragant  oder  Dextrin  angerieben  und
in  Formen  getrocknet.  Um  die  Farben  zum
Gebrauch  leicht  zur  Hand  zu  haben,  packt
man  sie  in  die  bekannten  Tusch-  oder  Farbenkästen. ­

Tusseh  (Tussahseide)  nennt  man  die  naturbraune
  Seide  einer  ostindischen  Seidenraupe ­
  von  Antheraea  mylitta.  In  Ostindien
daraus  gefertigte  Gewebe  kommen  nach  England ­
  und  werden  auch  in  Deutschland  unter
dem  Namen  ostindische  Bastseide  feilgeboten.
Tussol,  mandelsaures  Antipyrin,  entsteht  beim
Erhitzen  von  Mandelsäure  mit  Antipyrin  in
Form  eines  weißen  Kristallpulvers,  das  bei  5 2
bis  53  o -  schmilzt  und  sich  in  Wasser,  Alkohol
und  Äther  löst.  Es  findet  gegen  Keuchhusten
sowie  gegen  Kehlkopf-  und  Bronchialkatarrhe
medizinische  Anwendung.

u.

Ule,  eine  Kautschukart  Mexikos,  wird  aus
dem  Milchsäfte  eines  zu  den  Artokarpeen  gehörigen ­
  Baumes,  Castilloa  elastica,  gewonnen. ­

Ulmenrinde  (Rüsterrinde,  lat,  Cortex  ulmi,
frz.  Ecorce  d'orme,  engl.  Elm  bark)  stammt  sowohl ­
  von  der  in  Europa,  Asien  und  Amerika
verbreiteten  Ulmazee,  Ulmus  campestris,
als  auch  von  der  amerikanischen  Ulme  Ulmus
fulva.  Die  Rinde  der  europäischen  Ulmen  wird
ihres  Gerbstoffgehaltes  wegen  zu  Bädern  benutzt ­
  und  in  rotbraunen  Stücken,  von  der  oberen
Rindenschicht  befreit,  in  den  Handel  gebracht.
Die  wichtigere  Rinde  der  amerikanischen  Art  enthält ­
  gleichfalls  Gerbstoff  und  Schleim  und  kommt
in  gelblichen  bis  rotbraunen  Bändern  in  den
Handel,  die  meist  wieder  in  Bündel  geschnürt
sind.  Sie  wird  äußerlich  als  erweichendes  Mittel,
innerlich  gegen  Durchfall  angewandt.
Ulmensamen,  die  von  den  häutigen  Anhängseln ­
  befreiten  Flügelfrüchte  der  Ulme,  von  denen
100  etwa  0,5  g  wiegen,  enthalten  neben  42  o/ 0
Stickstoffsubstanz  etwa  240/0  eines  dem  Kokosöl ­
  ähnlichen  Fettes  und  wurden  wegen  ihres
hohen  Nährwerts  während  des  Krieges  mehrfach ­
  als  Geflügelfutter  empfohlen.  Der  Vorschlag, ­
  sie  zur  Gewinnung  von  Speisefett  heranzuziehen, ­
  scheiterte  an  der  geringen  Menge  der
Samen.

Ultramarin  (frz.  Outremer,  engl.  Ultramarine,
Lazuline).  Die  Nachbildung  des  natürlichen
Ultramarins,  des  Lapis  Lazuli  der  Alten  (s-Lasurstein),
  gelang  Christian  Gmelin  im  Jahre  i82 z
durch  Zusammenschmelzung  von  Tonerde  rnit
kieseisäure-,  natron-  und  schwefelhaltigen  Stoffen. ­
  Die  Grundlage  dieses  noch  heute  ausgeübten ­
  Verfahrens  bilden  reiner  Porzellanton  (Kaolin), ­
  Glaubersalz  und  Kohle  (Sulfat-U.)  oder
Kaolin,  Soda,  Schwefel  und  Kohle  (Soda-U-)-Sämtliche
  Stoffe  müssen  völlig  wasserfrei,  a ut
das  feinste  pulverisiert  und  innig  gemischt  sein-Als
  Kohle  wird  Holzkohle  oder  gut  gesiebte
Steinkohle  verwandt.  Man  drückt  die  Mischung,
deren  Zusammensetzung  je  nach  dem  g e "
wünschten  Farbenton  schwankt,  als  ein  gleich'
förmig  graues  Pulver  in  feuerfeste  Tontiege*
mäßig  fest  ein,  erhitzt  die  Tiegel  zu  Hunderten
unter  allmählich  gesteigerter  Temperatur  b&amp;gt;®
zum  Entweichen  von  Schwefeldämpfen,  darauf
bis  zur  schwachen  Weißglut,  läßt  nach  8  b* s
10  Stunden  den  Ofen  abkühlen  und  entleert  die
Tiegel.  Der  gesinterte  Inhalt  wird  mit  Wasser
ausgelaugt,  gemahlen  und  getrocknet  und  bilde
dann  ein  grünes  Pulver,  den  grünen  U.,  de
als  Anstrichfarbe  beschränkte  Anwendung  findet-Zur
  Überführung  irj  blauen  U.  wird  die  Masse
mit  einigen  Prozent  Schwefel  gemischt,  noch'
mals  bei  schwacher  Rotglut  geröstet,  darauf  n 1 *
        <pb n="469" />
        Umbra

463

Urethan

Wasser  geschlämmt  oder  durch  Erhitzen  mit
Natriumsulfidlösung  vom  freien  Schwefel  befreit ­
  und  schließlich  getrocknet  und  gesiebt.  Um
helle,  rein  blaue  Töne  zu  erhalten,  genügt  es,
das  Blau  noch  mehrere  Stunden  auf  Farbmühlen
zu  mahlen.  Durch  Verwendung  kieselsäurereicherer ­
  Mischungen  erhält  man  den  sog.
alaunfesten  U.,  der  durch  Behandlung  mit
Chlor  und  Wa'sserdampf  oder  mit  Luft  und  Salzsäure ­
  oder  mit  Salmiak  in  violetten  und  roten
U.  übergeführt  werden  kann.  —  Der  U.  bildet
ein  zartes,  feurig  blaues,  in  Wasser,  Alkohol
und  Alkalien  unlösliches  und  gesundheitlich
völlig  unschädliches  Pulver.  Er  ist  als  Wasser-,
Kalk-  und  Ölfarbe  zu  verwenden  und  zeichnet
sich  durch  eine  hohe  Widerstandsfähigkeit  gegen
Luft,  Licht  und  Schwefelwasserstoff  aus.  Hingegen ­
  wird  er  durch  Säuren  und  saure  Salze
unter  Entwicklung  von  Schwefelwasserstoff  entfärbt. ­
  Nur  die  kieselsäurereicheren  Sorten  sind
gegen  Alaun  beständig.  Im  Hinblick  auf  seine
Schönheit  und  Billigkeit  findet  U.  die  ausgedehnteste ­
  Verwendung  als  Malerfarbe,  zu  Anstrichen, ­
  bei  der  Herstellung  von  Tapeten  und
Buntpapier,  im  Zeugdruck  sowie  zum  Bläuen
von  Papier,  Zucker  und  Wäsche.  AJs  Verfälschung ­
  sind  Zusätze  von  Kreide,  Gips  und  Ton
anzusehen,  während  Mischungen  mit  Zinkweiß
handelsübliche  Malerfarben  darstellen.  Mit  Bleifarben ­
  darf  U.  seines  Schwefelgehaltes  wegen
nicht  gemischt  werden,  da  sonst  leicht  Nachdunkeln ­
  der  Anstriche  eintritt.  Auch  kann  aus
dem  gleichen  Grunde  bleihaltiger  Firnis  nicht
zum  Anrühren  mit  Ultramarin  benutzt  werden.
Umbra  (lat.  Terra  umbracea,  frz.  Ombre,  engl.
Umber),  nur  dem  Klange  nach  verdeutscht  in
Umbraun,  nennt  man  Erdfarben  verschiedener
Schattierungen  und  verschiedenen  Ursprungs.
Die  eigentliche  oder  echte  U.  ist  ein  toniger,
durch  Verwitterung  mulmiger  Brauneisenstein
von  leber-  bis  kastanienbrauner  Farbe,  der  neben
kieselsaurem  Eisenoxyd  immer  auch  braunes
Manganoxyd  enthält.  Die  beste  Sorte,  die  auf
der  Insel  Zypern  gefundene  sog.  zyprische
oder  türkische-  U.,  sieht  gräulichbraun  aus
und  gibt,  in  verschiedenen  Graden  mit  Weiß  versetzt, ­
  eine  große  Zahl  schöner  Farbentöne.
Beim  Brennen  nimmt  sie  eine  rotbraune  Farbe
an.  Ähnliche,  aber  minder  gute  Ware  wird  auf
den  Eisensteingruben  um  Saalfeld,  Könitz  und
Kammsdorf  sowie  in  verschiedenen  Gegenden
Englands  und  Siziliens  gefunden.  Die  von  letzterem ­
  Fundorte  gelieferte  U.  ist  ein  kastanienbrauner ­
  Eisenocker  mit  muscheligem  Bruch.  —-Die
  sog.  kölnische  U.  (Kölnerbraun,  Kesselbraun) ­
  ist  lediglich  eine  erdige,  schön  dunkelkaffeebraune ­
  Braunkohle.  Sie  unterscheidet
sich  von  der  echten  U.  durch  ein  viel  geringeres
spez.  Gew.,  riecht  beim  Erhitzen  torfartig  und
kann  nicht  geglüht  werden.  Kölner  U.  findet
sich  häufig  in  der  Umgegend  von  Köln,  im
Bergischen  und  Jülichschen  sowie  in  Thüringen
und  wird  sowohl  gemahlen  als  auch  in  Stückform ­
  verkauft.  Alle  Umbrasorten  müssen  vor
dem  Gebrauche  gepulvert  und  durch  Schlämmen ­
  von  sandigen  Teilen  befreit  werden.  Man
verwendet  sie  zu  Anstrichen  aller  Art,  sowohl
als  Öl-  wie  Wasserfarbe,  zu  dunkeln  Firnissen,
besonders  häufig  für  Wachstuch,  zum  Braunfärben ­

  von  Holz  und  als  Vergoldergrund,  die
kölnische  auch  zur  Darstellung  feinerer  brauner
Farben.  Zu  diesem  Zwecke  wird  sie  in  Ätzlauge ­
  gelöst  und  der  Farbkörper  durch  eine
Säure  als  feiner  Schlamm  wieder  ausgefällt
(sog.  brauner  Karmin).  Häufig  ist  die  im
Kleinverkehr  käufliche  U.  nichts  anderes  als  geglühter ­
  Ocker.
Uran  (lat.  Uranium),  ein  seltenes,  dem  Chrom,
Molybdän  und  Wolfram  verwandtes  metallisches ­
  Element  vom  Atomgewicht  239,5,  findet
sich  in  der  Natur  hauptsächlich  als  Uranoxyduloxyd ­
  in  Form  des  Uranpecherzes  oder  der
Uranblende,  eines  gräulichen  oder  pechschwarzen, ­
  glänzenden  Minerals.  Dasselbe  bildet ­
  fast  nur  in  der  Gegend  von  Johanngeorgenstadt ­
  und  Schneeberg  in  Sachsen  sowie  von
Joachimstal  und  Przibram  in  Böhmen  größere
Lager  in  Gängen  von  Gneis  und  Glimmerschiefer
und  wurde  früher  vielfach  als  wertloser  Abraum
fortgeworfen,  bis  man  seine  hohe  technische
Verwertbarkeit  erkannte.  Das  Pecherz  selbst
dient  im  gemahlenen  Zustande  als  schwarze
Porzellanfarbe.Das  künstlich  dargestellte  Uranoxyd, ­
  U0 3 ,  sowie  das  uransaure  Natrium
(Urangelb),  Na 2 U 2 0 7 ,  gelbe  Pulver,  verleihen
Glasflüssen  eine  eigentümliche  gelbgrüne  Farbe
(Uranglas),  die  durch  Zusatz  von  Kupferoxyd
in  Smaragdgrün  umschlägt.  Von  den  sehr  giftigen ­
  Salzen  findet  das  Uranazetat  (lat.
Uranium  aceticum,  frz.  Acdtate  uranique,  engl.
Acetate  of  Uranium)  als  Reagens  bei  der  analytischen ­
  Bestimmung  der  Phosphorsäure,  und
das  Urannitrat  (lat.  Uranium  nitricum,  frz.
Nitrate  uranique,  engl.  Nitrate  of  Uranium)  in
der  Photographie  als  „Abschwächer“  Anwendung. ­
  Als  Ausgangsstoff  für  die  Gewinnung
des  Radiums  (s.  d.)  ist  die  Pechblende  neuerdings ­
  außerordentlich  kostbar  geworden.
Uranin,  ein  seit  1871  bekannter  Teerfarbstoff, ­
  besteht  aus  der  Natronverbindung  des
Fiuoreszeins.  Das  gelbbraune  Pulver,  dessen
gelbe  wäßrige  Lösung  eine  sehr  lebhafte  gelbgrüne ­
  Fluoreszenz  zeigt,  wird  nur  in  beschränktem ­
  Grade  zum  Färben  von  Wolle,  mehr  noch
für  Wolldruck  verwandt,  eignet  sich  hingegen
nicht  für  Baumwolle.  —  Im  Handel  erhält  man
unter  dem  Namen  U.  auch  zuweilen  das  Methy
  Ifluoreszetn.
Urethan  (lat.  Urethanum,  frz.  ürethane,  engl.
Urethan).  Den  Namen  Ürethane  führt  eigentlich ­
  eine  ganze  Gruppe  chemischer  Verbindungen, ­
  die  man  als  Karbaminsäureester  betrachten ­
  kann,  im  besonderen  aber  versteht  man
unter  U.  ein  neuerdings  als  Arzneimittel  aufgekommenes ­
  Präparat,  das  seiner  chemischen  Natur ­
  nach  als  Äthylurethan,  NH 2 .COOC 2 H 6 ,
anzusprechen  ist  und  als  Schlafmittel  empfohlen
wird.  Es  soll  jedoch  den  Nachteil  haben,  daß
man  sich  sehr  bald  daran  gewöhnt  und  daß  es
dann  nicht  mehr  genügend  wirksam  ist.  Das  U.
bildet  färb-  und  geruchlose,  säulenförmige  Kristalle ­
  von  eigentümlichem,  kühlendem  Geschmack, ­
  schmilzt  zwischen  48—50  °,  siedet  gegen
170 0  und  sublimiert  dann  unverändert.  Es  verbrennt ­
  mit  wenig  leuchtender  Flamme,  ohne
Rückstand  zu  hinterlassen,  und  ist  sowohl  in
Wasser  als  auch  in  Alkohol,  Äther  und  Chloroform ­
  leicht  und  klar  löslich.  Die  Lösungen  zei ­
        <pb n="470" />
        Urogosan

464

Vanille

gen  neutrale  Reaktion.  In  konzentrierter  Schwefelsäure ­
  löst  sich  das  U.  unverändert,  beim  Erhitzen ­
  tritt  aber  lebhafte  Zersetzung  ein.  Beim
Erwärmen  mit  Kalilauge  entwickelt  sich  Ammoniak. ­


Urogosan,  eine  von  J.  D.  Riedel  &amp;amp;  Co,  gegen
Krankheiten  der  Harnwege  empfohlene  Mischung ­
  von  0,3  g  Gonosan  und  o,lj  g  Hexamethylentetramin ­
  in  Gelatinekapseln.

V.

Validol,  eine  Mischung  von  baldriansaurem
Menthol  mit  einem  Gehalt  von  30  0/0  freiem  Menthol ­
  in  Lösung,  ist  eine  klare,  etwas  ölige
Flüssigkeit,  die  als  Mittel  zur  Steigerung  der
Herztätigkeit  und  des  Blutdrucks  gegen  Schwindelanfälle, ­
  Ohnmacht,  hysterische  Zustände,
Übelkeit  und  Seekrankheit  sowie  als  Harnantiseptikum ­
  benutzt  wird.
Valonen  (Ackerdoppen,  le  vantinische
Knoppern),  die  Fruchtbecher  orientalischer
Eichen,  Quercus  Aegilops,  Quercus  Valonea,
  enthalten  20—45  °/o  Gerbstoff  und  werden ­
  als  Gerbmittel  benutzt.
Valvolinöl,  ein  in  Amerika  aus  den  schwerer
flüchtigen  Teilen  des  Petroleums.  gewonnenes
Schmiermittel,  kommt  in  verschiedenen  Sorten
in  den  Handel.  Die  leichteste  vom  spez.  Gew.
0,871,  Valvolin  spindle  oil,  fängt  erst  bei
218 0  an  zu  verdampfen  und  läßt  sich  erst  bei
263°  entzünden.  Die  schwerste  Sorte,  das  Valvolin ­
  cylinder  oil,  vom  spez,  Gew,  0,893  beginnt
  bei  288°  zu  verdampfen,  und  die  Entzündungstemperatur ­
  liegt  bei  360°.
Vanadinsäure  ist  die  Sauerstoffverbindung
eines  seltenen,  dem  Phosphor  nahestehenden
Elementes  Vanadin  vom  Atomgewichte  51,2,
das  sich  in-  der  Natur  als  Vanadinbleierz  oder
Vanadinit  vorfindet,  hauptsächlich  aber  spurenweise ­
  in  manchen  Tonen  und  Eisenerzen  vorkommt ­
  und  neuerdings  auch  aus  der  Thomasschlacke ­
  dargestelit  wird.  Die  durch  Schmelzen
der  Vanadinerze  mit  Salpeter  oder  durch  Auflösen ­
  in  Salzsäure,  Fällen  mit  Chlorammonium
und  nachfolgendes,  Glühen  erhaltene  Säure,
V 2 0 5 ,  ist  eine  orangerote  Masse,  die.  in  der
Glühhitze  schmilzt  und  dann  kristallinisch  erstarrt. ­
  Sie  löst  sich  nur  wenig  in  (1000  Teilen)
Wasser  mit  gelber  Farbe.  Hauptsächlich  in
Form  ihres  Ammoniumsalzes  (s.  Ammoniumvanadinat)
  findet  sie  technische  Anwendung  zur
Erzeuguhg  von  Anilinschwarz  sowie  als  photographischer ­
  Entwickler.  Mit  Gerbsäure  geben
die  Salze  eine,  schon  von  Berzelius  hergestellte,
wasserfeste,  aber  vergilbende  Tinte  und  färben
Glasflüsse  schön  rot.  Auch  im  Schwefelsäurekontaktverfahren ­
  wird  V.  an  Stelle  des  Platins,
obwohl  sie  diesem  an  Wirksamkeit  nachsteht,
in  steigenden  Mengen  verbraucht.
Vanille  (lat.  Vanilla,  frz.  Vanille,  engl.  Vanille) ­
  ist  die  Kapselfrucht  einer  Orchidee,
Vanilla  planifolia  und  verwandter  Arten,  die
ihre  ursprüngliche  Heimat  in  den  feuchten  und
heißen  Wäldern  der  ostmexikanischen  Küstenländer ­
  hat.  Die  Pflanze  treibt  zahlreiche  Luftwurzeln, ­
  dickfleischige,  ovale  Blätter,  gelblichgrüne
  geruchlose  Blüten  und  schotenartige,
dreiteilige,  gelbe  Kapseln,  die  15—25  cm  lang,
bis  1  cm  breit  und  nach  den  Enden  verschmälert

sind.  Sie  enthalten  eine  scharfe,  klebrige  Milch,
später  ein  balsamisches  Mus,  in  welchem  die
zahlreichen  kleinen  Samen  liegen.  Die  V.  wird
jetzt  auch  an  der  Westküste  der  Kordilleren,  in
ganz  Westindien,  auf  Mauritius,  Bourbon  (Reunion), ­
  Java,  Madagaskar,  Zeylqn,  den  Seychellen, ­
  in  den  deutschen  afrikanischen  Kolonien
usw.  angebaut.  Man  verwendet  zur  Weiterpflanzung ­
  meist  Stecklinge  und  Setzranken,  die  auf
völlig  gesäubertem  Boden  an  dazu  geeignete
Bäume  gesteckt  und  beim  Weiterwachsen  mehrfach ­
  angeheftet  werden,  bis  sie  fest  an  den
Stamm  gewurzelt  sind.  Vom  3.  Jahre  an  liefern
die  Pflanzen  Schoten  und  bleiben  bis  zum
40.Jahre  ertragfähig.  Die  Befruchtung  erfolgt
in  der  Wildnis  durch  besondere  Insekten,  in  den
Anpflanzungen  durch  künstliche  Übertragung
des  Pollens  auf  die  weiblichen  Teile.  Man
'erntet  die  Früchte  von  April  bis  Juni  vor  völliger
Reife,  wenn  sie  anfangen,  sich  gelb  zu  färben,
legt  die  Schoten  zuerst  an  die  Sonne  und  dann
zum  „Schwitzen“  in  wollene  Tücher,  die  so
lange  in  der  Sonne  liegen  bleiben,  bis  eine
braune  oder  grauschwarze  Farbe  erzielt  ist.
Darauf  werden  die  Schoten  auf  Tafeln  ausgebreitet ­
  oder  an  luftig-schattigen  Orten  aufgehängt, ­
  oder  auch  zur  künstlichen  Trocknung
über  Kohlenfeuer  auf  hängenden,  schaukelnd
erhaltenen  Horden,  eingeschlagen  in  wollene
Tücher,  angebracht.  Die  getrocknete  Ware  wird
sorgfältig  nach  der  Länge  sortiert,  zu  50  Stück
zusammengebunden  und  in  Blechkisten  verpackt. ­
  Der  Wert  steigt  mit  der  Länge.  An  Stelle
dieses  sog.  mexikanischen  oder  trocknen
Verfahrens  wendet  man  neuerdings  vielfach  das
H  eiß  wasser  verfahren  an,  indem  man  die
Früchte  zur  Abtötung  15—20  Sekunden  lang  in
siedendes  Wasser  taucht,  dann  in  Haufen  geschichtet ­
  einem  Schwitzvorgange  überläßt  und
schließlich  in  Wolltüchern  an  der  Sonne  trocknet.
—  Die  V.  enthält  nach  König  28,390/0  Wasser,
3,710/0  Stickstoffsubstanz,  0,620/0  ätherisches  Öl,
8,190/0  Fett  und  Wachs,  7,720/0  Zucker,  28,78°1»
stickstofffreie  Extraktstoffe,  17,43%  Rohfaser
und  4,78  0/0  Asche.  Ihr  Aroma  wird  durch  einen
1,16—2,750/0  betragenden  Gehalt  an  Vanillin
(s.  d.)  bedingt.  Bei  längerem  Lagern  überzieht
sich  die  Schote  mit  nadelförmigen  Kristallen
von  Vanillin  („Kristallisierte  V."),  auf  die  im
Handel  viel  Gewicht  gelegt  wird,  doch  ist  das
Kristallisieren  nicht  immer  als  Beweis  für  höhere
Güte  anzusehen,  da  auch  unkristallisierte  Ware
gleich  gut  sein  kann.  Die  Kennzeichen  guter
V.  sind  vielmehr,  abgesehen  von  der  Länge,
Biegsamkeit,  ohne  brüchig  zu  werden,  .Unverletztheit,
  besonders  der  etwas  umgebogenen
Spitzen,  reichliche  Füllung,  Dünnschaligkeit,  geringe ­
  Runzelung,  gute  Farbe  und  etwas  Fett ­
        <pb n="471" />
        Vanillin

465

Vasogen

glanz,  ohne  auf  Papier  Flecken  zu  geben.  Die
V.  leidet  leicht  durch  Zerbrechen,  Verletzungen,
Austrocknen  oder  Schimmelbildung  und  muß
deshalb,  in  Stanniol  verpackt,  hermetisch  verschlossen ­
  in  trockenen  Räumen,  und  zwar  in
Glas  oder  Blech  aufbewahrt  werden.  Die  beste
Ware  kommt  von  Bourbon  und  Reunion.  Java-V.
  ist  hartschaliger  und  geringwertiger  als  die
amerikanische  und  Bourbon-V.  In  Mexiko  wird
die  V.  oft  mit  Akajouöl  bestrichen,  wodurch  sie
an  Güte  verliert.  Derart  fettig  gemachte  Ware
gibt  auf  Papier  braune  Flecken.  —  Verfälscht
wird  V.  durch  Auffrischen  bereits  mit  Spiritus
ausgezogener  Schoten  mit  Perubalsam  und  Akajouöl ­
  oder  mit  Benzoetinktur  und  Bestreuen
mit  Glas-,  Azetanilid-  oder  Benzoesäurepulver
sowie  durch  Zumischen  schlechter  Schoten  und
ähnlich  aussehender  Früchte.  —  Die  künstliche
Darstellung  des  Vanillins,  das  zu  den  meisten
Zwecken  die  V.  vollkommen  ersetzen  kann,  hat
den  Preis  zwar  wesentlich  ermäßigt,  doch  ist
die  Verwendung  des  künstlichen  Riechstoffs  an
Stelle  der  Vanillefrüchte  für  manche  Zwecke
unmöglich,  so  daß  die  Vanille  ihren  Preis  auch
jetzt  noch  behält.  Als  billige  Ware  ist  seit  mehreren ­
  Jahren  die  Tahiti-Vanille  im  Handel,
eine  an  sich  echte,  aber  durch  Entartung  unbrauchbare ­
  Frucht.  Mit  Vanillin  bestäubte  Tahiti-Vanille ­
  darf  nur  unter  der  Kennzeichnung
„mit  Zusatz  von  Vanillin“,  nicht  aber  als  „Vanille“ ­
  oder  gar  „veredelte  V.“  in  den  Verkehr
gebracht  werden.  —  Von  anderen  Vanillearten ­
  sind  noch  Vanilla  Pompona  (s.  Vanillon)
  und  Vanilla  palmarum  zu  nennen,  die
lediglich  zu  Parfümeriezwecken  dienen.  —  Medizinisch ­
  wird  die  V.  selten  verordnet,  und  zwar
fast  nur  bei  hysterischen  Leiden  und  Menstruationserkrankungen. ­
  Bisweilen  sind  angebliche
Vergiftungen  durch  V.  bekannt  geworden,  so
z.  B.  nach  Genuß  von  Vanilleeis,  doch  dürfte
dies  wohl  mehr  auf  eine  Zersetzung  anderer
Bestandteile  des  Eises  selbst  zurückzuführen  sein.
Immerhin  führt  der  übermäßige  Genuß  von  V.
Kopfschmerzen  und  Übelkeit  herbei.  Auch  hat
sich  bei  Menschen,  die  mit  dem  Einpacken  und
Sortieren  von  V.  fortgesetzt  zu  tun  haben,  mehrfach ­
  eine  Art  Krätzekrankheit  gezeigt.  —  Vanilletinktur ­
  (lat.  Tinctura  Vanillae,  frz.  Teinture
  de  Vanille,  engl.  Tincture  of  Vanille)  ist
ein  alkoholischer  Auszug,  der  als  Parfüm  und
als  Speisezusatz  verwandt  wird.
Vanillin  (lat.  Vanillinum),  der  Bestandteil
der  Vanillefrüchte,  dem  diese  hauptsächlich, ­
  wenngleich  nicht  allein,  ihren  feinen  Geruch ­
  und  Geschmack  verdanken,  kann  nach
verschiedenen  Verfahren  auf  künstlichem  Wege
dargestellt  werden.  Man  bereitet  es  entweder
aus  dem  Kambialsafte  der  Nadelhölzer
durch  Oxydation  des  in  ihm  enthaltenen  Koniferins ­
  mittels  Kaliumdichromats  und  verdünnter ­
  Schwefelsäure,  oder  aus  dem  Eugenol  des
Nelkenöls,  dem  Harz  des  Ölbaumes  und
dem  Guajakol  des  Buchenholzteers  durch
Behandeln  mit  Chloroform  und  Ätznatron.  V.
entsteht  so  als  ein  feinkristallinisches  weißes
Pulver,  das  sich  schwer  in  kaltem,  leicht  in
heißem  Wasser  sowie  auch  in  Alkohol  und  Äther
löst.  Es  schmilzt  bei  80—8i°  und  läßt  sich,  vorsichtig ­
  erhitzt,  sublimieren  und  in  schönen,
Mercks  Warenlexikon.

sternförmig  gruppierten  Kristallnadeln  erhalten.
In  chemischer  Hinsicht  ist  V.  als  Methylprotokatechualdehyd,
  C 6 H 3 (OH)(OCH 3 ).  CHO,
aufzufassen.  Im  Kleinhandel  wird  es  gewöhnlich ­
  schon  mit  einer  gewissen  Menge  Zucker
vermischt  zum  Verkauf  gebracht  (Vanillinzucker). ­
  Auch  sind  während  des  Krieges  Mischungen ­
  von  Kochsalz  mit  etwa  i  o/o  V.  als  Vanillinsalz ­
  in  den  Handel  gelangt.  Trotz  seines
feinen  und  starken  Vanillegeruches  kann  es  die
Vanille  doch  nur  zum  Teil  ersetzen,  da  außer
dem  V.  und  der  Vanillinsäure  auch  noch  ein
aromatisches  Harz  an  dem  Geruch  und  Geschmack ­
  der  Vanille  Anteil  haben.  Die  Vanillinsäure ­
  läßt  sich  ebenfalls  künstlich  herstellen,
besitzt  jedoch  nur  einen  schwachen  Geruch.
Vanillon  nennt  man  eine  besondere,  von  der
gewöhnlichen  Vanille  stark  abweichende  Sorte
aus  Britisch-Guayana  von  Vanilla  pompona.
Die  Fruchtkapseln  sind  viel  kürzer,  bedeutend
dicker,  breiter  und  fleischiger  als  bei  der  gewöhnlichen ­
  Vanille,  der  Länge  nach  gerunzelt,
an  beiden  Enden  verschmälert,  umgebogen  und
mit  einer  Narbe  versehen.  Um  das  Aufspringen
zu  vermeiden,  werden  sie  meist  mit  Fäden  spiralig ­
  umwickelt.  Der  Geruch  ist  bei  weitem
nicht  so  fein  wie  derjenige  der  echten  Vanille
und  erinnert  mehr  an  Piperonal  (Heliotropin)
und  Kumarin.  Sie  wird  daher  auch  nicht  zu
Konditoreizwecken,  sondern  nur  in  der  Parfümerie ­
  benutzt.
Vaselin  (Vaseline,  lat.  Adeps  petrolei,  Unguentum ­
  paraffini,  frz.  Vaseline,  engl.  Vaselin),
eine  weiche,  geruchlose,  sich  fettig  anfühlende
Masse  von  Salbenkonsistenz,  wird  aus  den  Destillationsrückständen ­
  des  amerikanischen  Petroleums ­
  gewonnen  und  teils  mit  gelblicher
Farbe  (halb  gereinigt),  teils  vollständig  weiß  in
den  Handel  gebracht.  V.,  dessen  Schmelzpunkt
zwischen  35  und  45 0  liegt,  wird  wegen  seiner
milden  Beschaffenheit,  und  weil  es  nie  ranzig
werden  kann,  meist  anstatt  des  Schweinefettes
zu  Salben  benutzt.  Es  besteht  aus  dem  Paraffin
ähnlichen  Kohlenwasserstoffen  und  wird  auch
aus  Rohozokerit,  unter  Zusatz  von  flüssigem
Paraffinöl,  dargestellt.  —  Das  lediglich  aus
flüssigen  Kohlenwasserstoffen  bestehende  Vaselinöl
  (Virginia)  dient  als  Rostschutz  und
Schmiermittel.
Vasenol,  ein  Gemisch  von  Vaseline  und  Paraffinöl ­
  mit  etwas  Zetylalkohol  oder  einem
anderen  hohen  Fettalkohol,  findet  wegen  seines
großen  Wasserbindungsvermögens  als  Salbengrundlage ­
  Verwendung.
Vasogen  (lat.  Vaselinum  oxygenatum),  eine
neue  Salbengrundlage,  soll  nach  Angabe  der
Fabrikanten  ein  durch  Behandlung  von  Vaselin
mit  komprimiertem  Sauerstoff  unter  Erhitzen
im  Drucktopf  hergestelltes  Sauerstoffderivat  des
Vaselins  sein.  Nach  anderen  Angaben  werden
gleichartige  Stoffe  durch  Mischen  von  Paraffinöl ­
  mit  Rizinusdisulfosäure  oder  mit  ölsaurem
Ammonium  erhalten.  Da  der  Name  V.  geschützt
ist,  werden  Nachbildungen  als  Vasolimente
bezeichnet  und  zur  Herstellung  von  Mischungen
mit  Jod,  Jodoform,  Kreosot  und  anderen  Medikamenten ­
  benutzt.  Valsol,  Vasol  und  Vasosapon
  sind  ebenfalls  andere  Namen  für  gleich-I
  artige  Salbengrundlagen.

30
        <pb n="472" />
        Vateriafett

466

Verbandstoffe

Vateriafett,  ein  Pflanzenfett  von  der  Butterbohne, ­
  Vateria  indica  L.  aus  Ostindien,  ist
wie  die  meisten  dortigen  Pflanzenfette  in  frischem ­
  Zustande  grünlich  und  weich,  bleicht  an
der  Luft  und  ähnelt  an  Konsistenz  dem  Schöpstalg. ­
  Man  verwendet  es  zur  Herstellung  von
Kerzen  und  Seifen.
Veilchenblüten  (lat.  Flores  violarum.frz.  Fleurs
de  violette,  engl.  Violet  flowers).  Die  entkelchten
  und  vorsichtig  getrockneten  Blüten  des
wohlriechenden  Veilchens  (Viola  odorata)
sind  als  Brusttee  in  Gebrauch,  offizinell  ist  auch
der  aus  frischen  Blüten  bereitete  Veilchensirup ­
  (lat.  Sirupus  violarum,  frz.  Sirop  de  violette, ­
  engl.  Sirop  of  violet),  welcher  durch  Digerieren ­
  mit  heißem  Wasser  und  Kochen  des
Auszuges  mit  Zucker  erhalten  wird.  Er  bildet
einen  schön  blauen  Sirup,  der  gegen  Hustenreiz
kleiner  Kinder  benutzt  wird  und  auch  als  empfindliches ­
  chemisches  Reagens  dient,  weil  die
Farbe  durch  Säuren  in  Rot,  durch  Alkalien  in
Grün  umgewandelt  wird.  —  Als  Parfüm  führt
man  Veilchenblütenessenz  (frz.  Extrait  de
violette,  engl.  Extract  of  violet),  einen  weingeistigen ­
  Auszug  aus  der  Veilchenpomade  oder
dem  Veilchenextrakt  (gewonnen  durch  Ausziehen ­
  der  Veilchen  mit  Petroläther  und  Abdestillieren ­
  des  Lösungsmittels),  und  Veilchenöl, ­
  ein  durch  Mazeration  von  Öl  mit  frischen
Veilchenblüten  hergestelltes  Erzeugnis  (Pomade
de  violette  und  Huile  parfumee  de  violette).
Veilchenwurzel  (Iriswurzel,  lat.  Rhizoraa
iridis  florentinae,  frz.  Racine  d’iris  oü  violette,
engl.  Iris  root)  nennt  man  den  veilchenartig
duftenden  Wurzelstock  zweier  Schwertliliengewächse, ­
  Iris  florentina  und  Iris  pallida,
  die  im  südlichen  Europa  heimisch  sind  und
in  Oberitalien  und  Südfrankreich  vielfach  angebaut ­
  werden.  Auch  aus  Mogador  in  Marokko
kommt  V.  in  den  Handel.  Der  horizontal  in  der
Erde  liegende  ästige  Wurzelstock  ist  knollig
gegliedert,  hin  und  her  gebogen,  der  Hauptkörper ­
  etwa  daumendick,  die  Außenseite  gelblich, ­
  das  Innere  eine  weiße,  harte  und  schwere,
mehlige  Masse.  Frisch  gegraben  hat  die  Wurzel
einen  unangenehmen  Geruch  und  bitteren  Geschmack, ­
  geschält  und  getrocknet  riecht  sie  hingegen ­
  angenehm  und  schmeckt  nicht  mehr
bitter.  Die  Droge  wird  in  beträchtlichen  Mengen, ­
  meist  im  ursprünglichen  Zustande,  bezogen
und  in  Deutschland  dann  mundiert,  d.  h.  geschält ­
  und  geputzt,  sortiert  und  weiter  für  den
Verkauf  vorbereitet.  Die  längsten  schlanken
Stücke  werden  als  Anhängsel  für  zahnende  Kinder ­
  zurechtgeschnitten  oder  -gefeilt,  damit  diese
zur  Erleichterung  des  Zahnens  daran  kauen
(Rhizoma  iridis  tornata  s.  mundata  pro  infantibus). ­
  Andere  Stücke  werden  teils  gröber  oder
feiner  geschnitten  oder  zu  Kügelchen  (Globulis)
zu'm  Einlegen  in  Fontanelle  gedreht,  oder  endlich ­
  aufs  feinste  gepulvert.  Die  geschnittene
Ware  dient  zur  Bereitung  von  Räucherpulvern
und  Räucheressenz,  das  Pulver  als  Zusatz  zu
Zahnpulvern,  feinen  Toiletteseifen,  Pomaden
und  Schnupftabak  sowie  endlich  zum  Bestreuen
von  Pillen.  Die  wichtigsten  Handelssorten  sind
Florentiner,  die  beste,  aus  schönen  großen
und  weißen  Wurzeln  bestehende  Ware;  Veroneser, ­
  kleinere,  weniger  aromatische  Stücke,

und  Mogador,  welche  den  vorigen  ähnelt.  —
Außer  den  Wurzeln  findet  auch  der  alkoholische
Auszug  (Veilchenwurzeltinktur  oder  -essenz)
  als  Riechstoff  ausgedehnte  Verwendung.
Die  Wurzel  enthält  Weichharz,  Gerbstoff  und
viel  Stärkemehl,  ferner  ein  Glykosid  Iridin  und
0,1—0,20/0  ätherisches  Öl  (Veilchenwurzelöl,
lat.  Oleum  iridis,  frz.  Essence  d’iris,  engl.  Oil
of  orrjs),  das  sich  mit  Wasser  abdestülieren  läßt.
Das  Irisöl  bildet  eine  feste,  auf  dem  Wasser
schwimmende  Masse  und  besteht  zu  85  0/0  aus
Myristinsäure.  Der  Träger  des  Geruchs  ist  das
Iron,  ein  Keton  der  Formel  C 13 H 20 O.  Außerdem ­
  sind  in  dem  öl  nachgewiesen  worden:
Myristinsäuremethylester,  Benzaldehyd,  Dezylaldehyd,
  Nonylaldehyd,  Naphthalin  und  Ölsäure.
Veratrin  (lat.  Veratrinum,  frz.  Wratrine,  engl-Veratrine),
  eine  scharfe,  sehr  giftige,  stickstoffhaltige ­
  organische  Base  (Alkaloid),  findet  sich
neben  Sabadillin  in  den  Sabadillsamen,
hingegen  nicht,  wie  man  früher  annahm,  in  der
weißen  Nieswurz,  die  nur  Jervin  enthält-Das
  weiße,  unter  der  Lupe  kristallinisch  erscheinende ­
  Pulver  ist  an  sich  geruchlos,  bewirkt
aber,  in  Form  des  kleinsten  Stäubchens  in  die
Nase  gebracht,  äußerst  heftiges,  lang  anhaltendes ­
  Niesen  und  muß  daher  sehr  vorsichtig  aufbewahrt ­
  und  verarbeitet  werden.  In  kaltem
Wasser  ist  das  V.  fast  unlöslich,  in  heißem  nur
sehr  wenig,  dagegen  Jeicht  in  Alkohol  und  in
Äther  löslich.  Man  verwendet  es  besonders  mit
Fett  verrieben  in  der  Medizin  als  örtliches  Reizmittel. ­

Verbandstoffe.  Die  medizinischen  Verbandmaterialien ­
  zerfallen  in  aseptische  oder  sterilei
antiseptische  und  nicht  aseptische.  Unter  asep'
tischen  oder  sterilen  faßt  man  diejenigen
Stoffe  zusammen,  welche  durch  ein  besonderes
Verfahren,  meist  durch  überhitzten  strömenden
Wasserdampf  unter  Druck,  selbst  keimfrei  ge'
macht  sind,  dabei  aber  keine  keimtötenden  Bestandteile ­
  enthalten.  Unter  antiseptischen  versteht ­
  man  alle  diejenigen,  welche,  mit  keimtötenden ­
  Chemikalien  versetzt,  in  der  Chirurg! 6
und  medizinischen  Praxis  verwandt  werden.  Di 6
hauptsächlich  benutzten  Antiseptika  sind:  Jodoform, ­
  Sublimat,  Salizylsäure,  Karbolsäure,  Borsäure ­
  und  neuerdings  Kollargol,  ein  wasserlösliches ­
  Silberpräparat.  Nicht  aseptisch  sind
alle  übrigen  zur  Verwendung  kommenden  Stoff 6 -
Die  medizinische  Verbandwatte  (Dr.  von
Bruns  Scharpie-Baumwolle)  bildet  blenden 6
weiße,  geruch-  und  geschmacklose,  vollständig
neutrale,  sehr  hygroskopische  Tafeln  oder  Vlies 6
aus  zarten,  ziemlich  parallel  verlaufenden,  bis
3  cm  langen,  knötchenfreien  Baumwollfasern,
die  leicht,  ohne  Geruch  und  unter  Hinterlassung
einer  weißen  Asche  verbrennen  und  auf  Wasser
geworfen,  sich  schnell  vollsaugen  und  dann
untersinken.  Zur  Herstellung  der  medizinischen
Verbandwatte  wird  die  Baumwolle,  wie  sl ®
nach  der  Ernte  aus  Amerika  und  Ägypten  zfj
uns  kommt,  nur  zu  einem  sehr  geringen  Te jl
benutzt,  die  weitaus  größte  Menge  liefern  di 6
Abgänge  aus  den  Spinnereien,  die  Kämmling®
oder  Peigneusen,  Die  Rohbaumwolle  muß  zunächst ­
  entfettet  und  gebleicht  werden  und  ha £
zu  diesem  Zwecke  mehrere  chemische  Behandlungen ­
  durchzumachen.  Dem  Entfetten  durch
        <pb n="473" />
        Verbandstoffe

467

Vichy

Kochen  in  einer  Harzseifenlösung,  darauf  in
einer  Sodalauge  und  Spülen  in  reichlichem
Wasser  folgt  die  Bleiche  durch  Einwirkung  von
schwacher  Chlorkalk-  oder  Chlornatriumlösung,
die  Zerstörung  der  unterchlorigen  Säure  durch
längere  Lüftung  und  die  Entfernung  des  Kalks
durch  schwache  Salzsäure.  Schließlich  wird  die
Baumwolle  entweder  direkt  gespült  und  getrocknet, ­
  meist  aber  vorher  mit  Antichlor  (unterschwefligsaurem ­
  Natron)  und  einer  geringen
Menge  Stearinseife  behandelt.  Aus  letzterer
macht  die  noch  vorhandene  Salzsäure  Stearinsäure ­
  frei,  welche  in  dieser  kleinen  Menge  das
so  beliebte  Knirschen  verursacht.  Neuerdings
wird  auch  vielfach  die  elektrische  Bleiche  angewandt, ­
  welche  darauf  beruht,  daß  aus  Chlorverbindungen ­
  (Kochsalz)  durch  den  elektrischen
Strom  Chlor  freigemacht  wird.  Die  ganz  trokkene
  Baumwolle  wird  endlich  auf  der  Wattekrempel ­
  zu  einem  Vlies  verarbeitet,  das  70  bis
loo  cm  breit,  180—250  cm  lang  und  250—500  g
schwer  ist.  —  Die  an  den  Kapseln  der  Baumwollsamen
  nach  dem  Entkörnen  sitzengebliebenen ­
  kurzen  Baumwollfasern  werden  durch
besondere  Maschinen  von  den  Kapseln  getrennt
und  kommen  unter  dem  Namen  Linters  in
Ballen  von  250  kg,  meist  stark  durch  Samenschalen ­
  u.  a.  verunreinigt,  in  den  Handel.  Sie
finden  zwar  meist  Verwendung  zu  Schneiderund ­
  Polsterwatten  sowie,  teils  roh,  teils  gebleicht, ­
  als  Füllmittel,  zum  kleineren  Teile  aber
auch  zu  geringwertigen  Verbandwatten.  —'Gebleichter ­
  hydrophiler  Mull,  der  dieselbe
Entfettung  und  Bleichung  durchzumachen  hat
wie  die  medizinische  Verbandwatte,  wird  ebenfalls ­
  zu  verschiedenen  Verbandstoffen  weiterverarbeitet. ­
  —  Appretierte  Gaze  zu  Verbandzwecken ­
  ist  gekleisterter,  in  gespanntem  Zustande ­
  getrockneter  und  gebleichter  Mull,  bei
dem  nur  die  Fäden  gekleistert,  die  Maschen
aber  kleisterfrei  sind.  Eine  besonders  dichte,
appretierte  Gaze,  bei  der  nicht  nur  die  Fäden
gekleistert,  sondern  auch  die  Zwischenräume
mit  Kleistermasse  ausgefüllt  sind,  sog.  Organdingaze, ­
  dient,  genäßt,  zur  Anfertigung  von
Kleisterverbänden,  als  Ersatz  der  Gipsverbände.
■—  Lint,  früher  unter  dem  Namen  englische
Scharpie  gehandelt,  ist  ein  dichtes  weiches,
auf  einer  Seite  gerauhtes  Baumwollgewebe.  Mit
Borsäure  impägniert,  allgemein  als  Borlint  bekannt, ­
  dient  es  zu  Verbandzwecken.  —  Schließlich ­
  findet  als  Verbandstoff  ein  baumwollenes
Kambrikgewebe  Verwendung,  dessen  Kettfäden ­
  gewöhnlich  die  Stärke  der  Mullfäden
haben,  während  die  Schlußfäden  aus  stärkeren
Garnen  mit  geringem  Draht  hergestellt  werden.
Das  Kambrikgewebe  kommt  gemangelt  in  den
Handel,  wodurch  die  dickeren  Schußfäden  plattgedrückt ­
  sind,  so  daß  sie  die  Maschen  mitunter
ganz  ausfüllen.  —  Infolge  des  Mangels  an
Baumwolle  mußte  während  des  Krieges  dazu
übergegangen  werden,  auch  die  Verbandstoffe,
■wie  Watten,  Binden  usw.,  aus  Ersatzstoffen
herzustellen.  Für  die  Watten  wurde  Zellstoffwatte ­
  angefertigt,  für  Bindenstoff  e  griff
man  zu  Papiergeweben.  Letztere  haben  sich
aber  nicht  besonders  eingeführt,  es  lag,  dies
tum  Teil  daran,  daß  für  einzelne  Zwecke  die
^apierbinden  sich  infolge  des  Aufweichens  bei

Zutritt  von  Feuchtigkeit  unbrauchbar  zeigten,
ferner  aber  auch  Verbände,  z.  B.  bei  Fingerverletzungen, ­
  sich  nur  sehr  schlecht  herstellen
lassen.  Ein  weiterer  Mißstand  war  der  unverhältnismäßig ­
  hohe  Preis,  der  für  die  Papiergarngewebe ­
  gefordert  wurde.
Verbenaöl.  Das  echte  Verbenaöl  wird  aus
den  Blättern  der  in  Spanien,  Südfrankreich  und
Amerika  vorkommenden  strauchartigen  Verbene,
  Lippia  citriodora  (Verbena  triphylla,
Alsysia  citriodora),  bereitet,  ist  aber  kein
regelmäßiges  Handelsprodukt.  Es  kann  in  den
meisten  Fällen  durch  das  viel  billigere  Lemongrasöl,
  das  deswegen  auch  ostindisches  Verbenaöl ­
  genannt  wird,  ersetzt  werden.
Veronal  (Diäthylbarbitursäure,  Diäthylmalony
  Iharnstoff,  lat.  Acidumdiaethylobarbituricum,
  frz.Vdronal,  engl.Veronal),  ein  weißes,
schwach  bitter  schmeckendes,  in  heißem  Wasser,
Alkohol  und  Äther  leicht  lösliches  Kristailpulver,
(C 2 H 5 ) 2 C(CO  .  HN) 2 CO,  wird  als  ein  vortreffliches ­
  Schlafmittel  verordnet.  Es  erzeugt  wie
Alkohol  einen  mit  Behaglichkeit  und  Gleichgültigkeit ­
  verbundenen  Rauschzustand.  Die  Abgabe ­
  ist  in  den  Apotheken  nur  gegen  ärztliche
Verordnung  gestattet,  was  bei  den  beobachteten
schädlichen  Nebenwirkungen  des  V.  begründet
erscheint.
Verrin,  eines  der  neueren  Kehrmittel,  die  in
öffentlichen  Gebäuden,  besonders  Schulen,  an
Stelle  des  früher  viel  benutzten  feuchten  Sägemehls ­
  zur  Verhinderung  des  Aufwirbelns  von
Staub  ausgestreut  werden,  besteht  aus  70  0/0  Koniferenholzschliff ­
  mit  30  0/0  Talkpulver.  Ein  ähnlich ­
  wirkendes  Gemisch  von  Sand  und  Kreide
mit  10  0/0  Schmieröl  wird  als  Bronil  in  den  Verkehr ­
  gebracht.
Vesuvin,  ein  dem  Bismarckbraun  sehr  nahestehender ­
  Farbstoff,  soll  aus  salzsaurem  Triamidoazobenzol
  bestehen.
Vetiverwurzel  (Kuskus,  Iwaranchusa,  lat.
Radix  ivaranchusae  seu  vetiveris,  frz.  Racine  de
vetiver,  engl.  Vetiver  root).  Das  ostindische
Gras  Vetiveria  zizanioides  (Andropogon  muricatus
  s.  squarrosus)  treibt  aus  einem  kurzen
Wurzelstock  eine  Menge  langer,  dünner,  vielfach ­
  verästelter  Wurzeln,  deren  sehr  dünner
Holzkörper  von  einer  schwammigen  Rinde  umgeben ­
  ist.  Die  in  der  Mitte  der  letzteren  liegenden ­
  Drüsen  enthalten  ein  sehr  kräftig  und  angenehm ­
  riechendes,  dickflüssiges  ätherisches  öl
von  dunkelblonder  bis  dunkelbrauner  Farbe.
Die  getrockneten  Wurzeln  werden  namentlich
über,  Kalkutta  ausgeführt  und  in  Indien  selbst
zur  Herstellung  von  Matten,  Fensterschirmen  u.
dgl.  benutzt,  die  in  der  heißen  Jahreszeit,  mit
Wasser  besprengt,  Wohlgeruch  verbreiten.  Die
Wurzel  wird  wegen  ihres  anhaftenden  Geruchs  bei
uns  in  der  Parfümerie  und  als  mottenvertreibendes
Mittel  angewandt.  Das  Öl  (lat.  Oleum  vetiveris
s.  ivaranchusae,  frz.  Essence  de  vetiver,  engl.
Oil  of  vetiver  root)  findet  in  der  Parfümerie  nur
als  Zusatz  Verwendung.  Es  hat  ein  spez.  Gewvon
  0,990—1,040,  löst  sich  in  1—2  Teilen  800/0-igem
  Alkohol  und  dreht  die  Polarisationsebene
ziemlich  stark  nach  rechts,  a D =  +  22  bis  -(-  38°.
Vichy,  ein  alkalisch-muriatischer  Säuerling,
enthält  in  1  kg:  Bikarbonate  des  Natriums
4)883  g,  Kaliums  0,3-520  g,  Ammoniums  0,352  g.
        <pb n="474" />
        Viehsalz

468

Vogelbeeren

Kalziums  0,434  g,  Strontiums  0,003  g,  Magnesiums ­
  0,303  g,  Eisenoxyduls  0,004  g,  Manganoxyduls
  Spur;  Chlornatrium  0,534  g,  Bromnatrium ­
  Spur,  schwefelsaures  Natrium  0,291  g,
phosphorsaures  Natrium  0,130  g,  borsaures  Natrium ­
  Spur,  Kieselsäure  0,070  g,  freie  Kohlensäure ­
  0,908  g.
Viehsalz.  Als  Zusatz  zum  Viehfutter  verwendet
man  Gemische  von  gewöhnlichem  Kochsalz  mit
Heu,  Wermutkraut  oder  anderen  Futtermitteln,
oder  auch  Kochsalz,  das  zur  Vermeidung  der
Salzsteuer  mit  rotem  Eisenoxyd  vergällt  (denaturiert) ­
  ist.
Vigognewolle.  Die  Vicunna  (Auchenia  vicunna),
  der  kleinste,  etwa  schafgroße  Vertreter ­
  der  in  den  Anden  Südamerikas  heimischen
Lamatiere,  der  nur  im  wilden  Zustande,  in
Rudeln  von  sechs  bis  zehn  Stück  lebt,  sich  hingegen ­
  nicht  zähmen  läßt,  trägt  auf  der  Oberseite ­
  eine  seidenartig  feine,  wenig  gekräuselte,
glänzendbräunliche  oder  rotgelbe,  unterhalb
weißgelbliche  Wolle.  Das  Tier  wird  von  den
Gebirgsindianern  Perus  und  Chiles  gejagt  und
liefert  neben  der  Wolle  zugleich  ein  wohlschmeckendes ­
  Fleisch.  Die  ungeregelte  Jagd
hat  den  Wildbestand  aber  schon  sehr  gelichtet,
die  Wolle  wird  daher  immer  seltener  und  teurer
und  dürfte  in  Europa  kaum  mehr  verkommen.
Man  verwandte  den  Stoff  zu  feinen  Modewaren, ­
  Handschuhen  u.  dgl.,  doch  immer  nur
in  Untermischung,  namentlich  auch  zur  Verfeinerung ­
  der  Oberfläche  von  Filzhüten.  ■—  Däs
sog.  Vigognegarn  führt  nur  einen  erborgten
Namen,  denn  es  besteht  lediglich  aus  feiner
Schafwolle  und  Baumwolle  in  sehr  wechselnden
Mischungsverhältnissen.
Viktoriablau.  Diesen  Namen  führen  zwei  im
Jahre  1883  von  Caro  und  Kern  entdeckte  Teerfarbstoffe. ­
  Das  Viktoriablau  B  (BS)  ist  die
Chlorwasserstoffverbindung  des  Phenyltetramethyltriamidoalphanaphtyldiphenylkarbinols
  und
erscheint  in  bronzeglänzenden  Kristallkörnern,
die  in  kaltem  Wasser  schwer,  leichter  in  heißem
Wasser  und  in  Alkohol  mit  rein  blauer  Farbe
löslich  sind.  Der  Farbstoff  färbt  Seide  und
Wolle  im  saueren  Bade,  sowie  gebeizte  und  ungeheizte ­
  Baumwolle  auch  im  essigsauren  Bade,
blau.  Viktoriablau  4R  hat  eine  ganz  ähnliche
Zusammensetzung,  nur  mit  dem  Unterschiede,
daß  anstatt  der  Tetramethyl-  die  Pentamethylverbindung
  vorhanden  ist.  Man  erhält  den  Farbstoff ­
  als  bronzeglänzendes  Pulver,  das  in  heißem
Wasser  mit  blauvioletter  Farbe  löslich  ist.  Es
färbt  wie  V.  B,  nur  mit  mehr  violettem  Farbton.
—  N  eu  viktoriablau,  R,  auch  Vikto{iablauR
genannt,  ist  das  Chlorhydrat  des  Äthyltetramethyltriamidodiphenylalphanaphtyldiphenylkarbi-


Viktoriagelb,  ein  dem  Safransurrogat  nahe
verwandter  Teerfarbstoff,  besteht  hauptsächlich ­
  aus  dem  Kalisalze  des  Dinitroorthokresols
mit  nur  wenig  Dinitroparakresol,  welch  letzteres
der  Hauptbestandteil  des  Safranersatzes  ist.  Das
V.  verpufft  bei  Berührung  mit  einem  glühenden
Körper  ebenso  wie  der  Safranersatz.  Auch  Metanilgelb ­
  (s.  d.)  wird  als  V.  bezeichnet.
Viktoriagrün.  Diesen  Namen  führt  gleichzeitig
das  Malachitgrün  (s.  d.)  und  ein  diesem  nahestehender ­
  Farbstoff,  der  als  Viktoriagrün  3B

oder  Neu-Solidgrün  BB  und  3B  bezeichnet
wird.  Das  letztere  besteht  aus  der  Zinkchloridverbindung ­
  des  Tetramethyldiamidochlortriphenylkarbinols
  und  erscheint  als  metallisch  grünglänzendes, ­
  in  heißem  Wasser  mit  grünblauer
Farbe  lösliches  Pulver.  Der  Farbstoff  färbt  Seide
und  Wolle,  sowie  mit  Brechweinstein  undTannin
gebeizte  flaumwolle,  blaugrün.
Viktoriaorange  ist  ebenso  wie  das  Viktoriagelb ­
  nur  eine  Abart  des  Dinitrokresolkaliums.
Viktoriasprudel  in  Ober-Lahnstein  enthält
nach  der  1893  von  R.  Fresenius  ausgeführten
Analyse  in  1000  Gewichtsteilen:  Bikarbonate  des
Natriums  1,4035  g,  Lithiums  0,0191  g,  Ammoniums ­
  0,0084  g,  Kalziums  0,5084  g,  Strontiums
0,0005  g,  Magnesiums  0,3886  g,  Eisenoxyduls
°, OI 75g.  Manganoxyduls  0,0012  g;  Chlornatrium
1,3116  g;  Bromnatrium  0,0016  g;  Jodnatriunr
0,00001  g;  Sulfate  des  Kaliums  0,0516  g,  Natriums ­
  0,8157  g;  arsensaures  Natrium  Spur;  phosphorsaures
  Natrium  0,0009  gl  borsaures  Natrium
0,0059  g;  salpetersaures  Natrium  0,0043  g;  Kieselsäure ­
  0,0218  g;  freie  Kohlensäure  1,515t  g-Violanilin
  ist  ein  dem  Indulin  und  Echtblau  R
sehr  ähnlicher  Farbstoff.
Violett.  Diesen  Namen  führen  verschiedene
Teerfarben,  die  durch  nachgesetzte  Buchstaben ­
  und  Zahlen  unterschieden  werden.  Violett ­
  5B  ist  ebenso  wie  das  Methylviolett  6B
und  6B  extra  sowie  das  Pariser  Violett  6B
dem  Benzylviolett  (s.  d.)  nahe  verwandt.  —
Violett  6B  (Kristall  violett),  die  Chlorwasserstoffverbindung ­
  des  Hexarnethylpararosanilins,
erscheint  in  metallisch  grünglänzenden  Kristallen,
die  in  Wasser  mit  violetter  Farbe  löslich  sind,
und  wird  zum  Färben  von  Seide  und  Wolle
verwandt.  Auch  färbt  es  mit  Tannin  und  Brechweinstein ­
  gebeizte  Baumwolle.  Die  Farbstoffe
Violett  R,  RR  und  5R  sowie  Rotviolett  5^
extra  sind  nur  Abarten  von  Hofmanns  Violett
(s.  d,).  —  Violet  de  Paris,  Violet  direct
und  Violet  de  Methylaniline  sind  Abarten
des  Methylviolett  B;  Violet  impdrial  rouge
und  Violet  phenylique  wahrscheinlich  nU l
Regina  violett  identisch.  Violet  solide  istGall 0 '
zyanin.  Andere  violette  Teerfarbstoffe  sind  das
Lauthsche  Violett  (s.  d.)  und  das  Azoviolett.

Violettschwarz,  ein  seit  1887  bekannter  Teerfarbstoff, ­
  besteht  aus  dem  Natronsalze  des
Parapheny  lendiaminodisazoalphanaphtholmonosulfosäurealphanaphthylamins.
  Der  Farbstoff  er '
scheint  als  bronzegelbes,  in  Wasser  mit  braunroter ­
  Farbe  lösliches  Pulver,  das  Wolle  un l
Baumwolle  violettschwarz  färbt.
Viridin,  ein  im  Jahre  1877  entdeckter  Teerfarbstoff, ­
  ein  dunkelgrünes,  in  Wasser  nu
grüner  Farbe  lösliches  Pulver,  besteht  aus  deh 1
Natronsalze  der  Diphenyldiamidotriphenylkarb*'
nolsulfosäure.  Dieser  Farbstoff  sowie  das  ibJJ
ganz  ähnliche  Alkaligrün  scheint  jetzt  nie* 1
mehr  im  Handel  zu  sein.
Vogelbeeren  .(Ebereschenbeeren,  lat.  FruC'
tus  sorbi,  frz.  Fruits  de  sorbier,  engl.  Bi r “_
berries),  die  Früchte  der  in  Europa  und  Norn^
asien  heimischen  Eberesche,  Sorbus  AucU
paria  L.,  sind  rote  fleischige  Beeren,  in  der«
Fächern  die  Samen  liegen.  Die  HauptbestanU'
teile  sind  roter  Farbstoff  und  Äpfelsäure  so^i
        <pb n="475" />
        ^

Vogelnester,  indische

469

Wacholderöl

hnet
&amp;gt;ridphe-



eide
innin
oriaums.

Lt  hält
brten
des
imoiums

duls
rium
rium
atrihos-


Kieg

auB

unu

eine  besondere  Zuckerart:  Sorbose.  Man  verwendet ­
  die  V.  frisch  zur  Bereitung  eines  Saftes, ­
  Ebereschenmus  (lat.  Roob  s.  Succus
sorborum),  das  als  Abführmittel  und  zur  Herstellung ­
  von  Branntwein  gebraucht  wird.  Die
getrockneten  Beeren  dienen  als  Vogelfutter.
Vogelnester,indische  (OstindischeSchwalbennester,
  Tunkinsnester)  stammen  von
den  sog.  Salanganen,  Labet  (Collocalia
nidifica  Gray)  und  Lintjih  (Collocalia  fuciphaga),
  Verwandten  unseres  Mauerseglers,
und  bestehen  im  wesentlichen  aus  dem  erhärteten ­
  Speichel  dieser  Vögel.  Beiden  Arten
der  Salanganen  schwellen  zur  Nistzeit  die
Munddrüsen,  besonders  aber  die  Unterzungendrüsen, ­
  stark  an,  und  die  Vögel  kleben  den
ausgeschiedenen  Speichel  zunächst  in  Gestalt
einer  halbmondförmigen  Leiste,  die  dann  weitergebaut ­
  wird,  an  die  glatten  Felswände  der
Meeresufer.  Die  Vogelnester  bilden  hauptsächlich ­
  für  den  südlichen  Teil  Chinas  eine  wichtige
Handelsware  und  kommen  in  mehreren  Sorten
in  den  Handel.  Als  beste  gelten  die  ganz  weißen
Nester,  die  vor  dem  Eierlegen,  als  zweite  diejenigen, ­

  die  vor  dem  Auskriechen  der  Jungen
gesammelt  werden,  als  geringste  die  schwarzen,
die  auch  anhaftende  oder  in  die  Masse  selbst
eingebettete  Federn  enthalten.  Die  Mehrzahl
der  in  Frage  kommenden  Vögel  wohnt  in  Höhlen
am  Meeresufer  der  ostindischen  Inseln,  doch
gibt  es  auch  einige  im  Binnenlande.  Der  Hauptstapelplatz ­
  der  Nester  ist  Kanton,  Hauptabnehmer ­
  sind  die  Chinesen,  auch  werden  nach  Europa ­
  und  Amerika  größere  Mengen  verschickt.
Die  V.  enthalten  18,63  0/0  Wasser,  0,60  o/ 0  Fett,
7,160/0  Asche  und  55,70/0  Protein,  hauptsächlich
Muzin  oder  eine  diesem  ähnliche  Verbindung
und  werden  zur  Darstellung  von  Suppen  sowie
von  Gallerte  benutzt.
Vulkanfiber  nennt  man  eine  außerordentlich
widerstandsfähige,  lederähnliche  Masse,  die
durch  Behandlung  von  Papier,  Jutegeweben  und
anderen  Faserstoffen  mit  Zinkchlorid  oder
Schwefelsäure  bei  hohem  Druck  sowie  nachfolgendes ­
  Waschen  und  Trocknen  hergestellt
wird.  Die  V.  findet  mannigfache  technische  Verwendung ­
  zur  Herstellung  von  Riemen,  Reisekoffern ­
  und  anderen  Lederarbeiten.

Wacholderbeeren  (Kaddigbeeren,  Krammetsbeeren, ­
  lat.  Baccae  s.  Fructus  juniperi,
frz.  Fruits  de  geniövre,  engl.  Juniper  berries)
sind  die  getrockneten  reifen  Früchte  des  in
ganz  Europa  auf  Berg-  und  Hügelland  wachsenden, ­
  zu  den  Nadelhölzern  gehörigen
Wacholderstrauches  (Juniperus  communis
L.),  der  im  Süden  selbst  baumartig  wird.  Die
fälschlich  Beeren  genannten  Früchte  reifen  erst
im  zweiten  Jahre  und  werden  dann  dunkelviolett, ­
  fast  schwarz,  während  sie  im  ersten
Jahre  noch  grün  sind.  Getrocknet  haben  sie  eine
schwärzlich  braune  Farbe  und  eine  glatte  und
glänzende  oder  stellenweise  mit  einem  matten,
bläulichen  Reife  überzogene  Oberfläche.  Sie
dürfen  nicht  zusammengeschrumpft  oder  verschimmelt ­
  sein  und  müssen  einen  kräftigen,  balsamischen ­
  Geruch  und  aromatischen,  süßlichen
Geschmack  haben.  Die  meisten  Zufuhren  kommen ­
  aus  Ungarn  (Karpathen)  und  Italien,  doch
auch  aus  verschiedenen  Gegenden  Deutschlands, ­
  z.  B.  aus  dem  Fichtelgebirge,  der  Rhön,
dem  Spessart  und  dem  Thüringer  Wald.  Im
Handel  unterscheidet  man  hauptsächlich  italienische ­
  und  deutsche  W.,  von  denen  erstere
größer  und  fleischiger  sind.  Die  W.  werden  teils
medizinisch  als  Volksheilmittel,  z.  B.  als  harntreibendes ­
  Mittel,  teils  in  der  Veterinärmedizin
verwandt  und  bilden  u.  a.  auch  einen  Bestandteil ­
  des  Kneipp  sehen  Wühlhuberte  es.  Große
Mengen  werden  zur  Darstellung  von  ätherischem
öl  und  zur  Bereitung  des  in  England  und  Holland ­
  beliebten  Genevers  und  Gins  sowie  des
deutschen  Steinhägers,  Doornkats  und  ähnlicher ­
  Schnäpse  verwandt.  —  Wacholdermus
(Wacholdersaft,  Wacholderlatwerge,  lat.
Succus  juniperi  inspissatus  s.  Extractum  baccarum
  juniperi  s.  Roob  juniperi,  frz.  Extrait  de
genifevre,  engl.  Rob  of  juniper  berries)  wird

durch  Übergießen  der  zerquetschten  frischen
Beeren  mit  vier  Teilen  heißem  Wasser,  Abpressen
und  Eindampfen  der  so  gewonnenen  Flüssigkeit
erhalten.  Der  trübe  braune  Sirup  von  süß  gewürzhaftem,
  nicht  brenzligem  Geschmack  hat
folgende  Zusammensetzung:  20—300/0  Wasser,
4—50/0  Asche  mit  50—60  ccm  N-Säure-Alkalität,
  0,18—0,260/0  Phosphorsäure,  65—75%  Gesamtzucker ­
  und  0,10—0,150/0  Stickstoff.  Der
vielfach  beobachtete  Zusatz  von  Stärkesirup,
der  an  der  starken  Rechtsdrehung  erkannt  werden ­
  kann,  ist  als  Verfälschung  zu  beurteilen.
Gegen  die  Unterschiebung  von  Wacholdermus,
aus  dem  das  ätherische  Öl  abdestilliert  worden ­
  ist,  schützt  die  Vorschrift  des  D.A.B.,  daß
Wacholdersaft  in  einem  Teil  Wasser  nicht  klar
löslich  sein  darf.
Wacholderholz  (Kaddigholz,  lat.  Lignurn
juniperi,  frz.  Bois  de  geniövre,  engl.  Juniper
wood),  das  gelbliche  oder  rötlichweiße,  ziemlich ­
  weiche  Holz  des  Wacholders  (Juniperus ­
  communis)  ist  schwer  zu  spalten  und
sehr  dauerhaft,  dabei  dicht  und  feinfaserig  und
besitzt  einen  angenehmen  aromatischen  Geruch, ­
  der  beim  Erwärmen  oder  Entzünden  noch
deutlicher  hervortritt.  W.  wird  als  Drechslerholz ­
  angewandt,  aber  auch  im  Drogenhandel
geführt.  Man  verkauft  es  in  diesem  Falle  in
geraspeltem  oder  fein  geschnittenem  Zustande
und  verwendet  es  als  Zusatz  zu  Holztee  und
zur  Bereitung  von  Wacholderholzöl.
Wacholderöl,  das  ätherische  öl  des  Wacholders, ­
  findet  sich  in  zwei  Sorten  im  Handel,  nämlich ­
  als  Wacholderbeeröl  (lat.  Oleum  baccarum
  s.  fructuum  juniperi,  frz.  Essence  de  fruits
de  geniövre,  engl.  Oil  of  juniper  berries)  und
als  Wacholderholzöl  (lat.  Oleum  juniperi  e
ligno,  frz.  Essence  de  bois  de  geniövre,  engl.
Oil  of  juniper  wood),  von  denen  das  erstere
        <pb n="476" />
        W  acholderspitzen

470

Wachs

teurer  und  feiner  ist,  während  das  letztere  einen
an  Terpentinöl  erinnernden  Geruch  besitzt.  •—
Das  Wacholderbeeröl  wird  durch  Destillation ­
  der  zerquetschten  Beeren  mit  Wasserdampf
in  Menge  von  0,3—2  o/ 0  gewonnen.  Das  farblose
oder  blaßgrünliche,  dünnflüssige  Öl  besitzt,  wenn
es  aus  ausgesuchten  reifen  Früchten  bereitet
wurde,  einen  sehr  feinen  aromatischen  Geruch
und  löst  sich  in  fünf  bis  zehn  Teilen  900/oigen
Alkohols;  eine  klare  Lösung  erhält  man  aber
meist  nur  bei  ganz  frisch  destillierten  Ölen.  Das
spez.  Gew.  beträgt  0,860—0,882.  Wacholderbeeröl ­
  besteht  hauptsächlich  aus  dem  Kohlenwasserstoffe ­
  Pinen,  daneben  finden  sich  noch  Kämpften, ­
  Terpinenol,  ein  dem  Terpineol  ähnlicher
Alkohol,  und  Kadinen.  Es  wird  als  harntreibendes ­
  Mittel,  vor  allem  aber  zur  Herstellung  von
Likören  verwandt.  —•  Das  Wacholderholzöl ­
  ist  meist  ein  über  Wacholderholz  destilliertes
Terpentinöl  oder  ein  mit  diesem  verschnittenes
Wacholderbeeröl.  Es  findet  als  Einreibungsmittel ­
  bei  Gicht  und  Rheumatismus  sowie  in  der
Tierheilkunde  Anwendung.  —Wacholderteer
(Wachold  erteeröl,  Kaddigöl,  lat.  Oleum
juniperi  empyreumaticum,  s.  Oleum  cadinum,
frz.  Huile  de  cade,  engl.  Oil  of  cade)  wird  durch
trockne  Destillation  des  Holzes  von  Juniperus
oxycedrus,  einer  im  Mittelmeergebiet  und
Kaukasien  heimischen  Wacholderart  hergestellt.
Die  rot-  bis  schwarzbraune,  dicke  Flüssigkeit
von  harzig-brenzligem,  an  Wacholder  erinnerndem ­
  Geruch  findet  als  Wundbalsam  gegen
Ausschläge  bei  Menschen  und  Tieren  Verwendung. ­

Wacholderspifzen  (Wacholdern’adeln,  lat.
Summitates  juniperi,  frz.  Somnit6s  de  geniövre,
engl.  Jumper  tops),  die  Zweigspitzen  des
Wacholderstrauches  (Juniperus  communis), ­
  finden,  wie  die  Wacholderbeeren,  als
blutreinigendes  und  harntreibendes  Mittel  Verwendung. ­

Wachs  (lat.  Cera,  frz.  Cire,  engl.  Wax).  Ursprünglich ­
  verstand  man  unter  W.  nur  das
Bienenwachs,,  hat  diese  Bezeichnung  aber
später  auf  eine  Reihe  anderer  ähnlich  aussehender ­
  Stoffe  wie  Japanwachs,  Karnaubawachs
usw.  übertragen,  die  in  besonderen  Abschnitten
besprochen  sind.  Das  W.  schlechthin,  das  Bienenwachs, ­
  ist  ein  Verdauungsprodukt  der
Biene,  Apis  mellifica,  welches  diese  in  den
Stöcken  zum  Aufbau  der  Waben  benutzt.  Zu
seiner  Gewinnung  werden  die  durch  Pressen
oder  Zentrifugieren  vom  Honig  befreiten  Waben
in  siedendem  Wasser  geschmolzen  und  dadurch
von  den  zu  Boden  sinkenden  Verunreinigungen
befreit.  Nach  nochmaligem  Umschmelzen  wird
die  Masse  dann  in  Scheiben  oder  Brote  gegossen. ­
  Dieses  sog.  Gelb-  oder  Rohwachs
(Cera  flava)  besitzt,  wenn  es  von  jungen  Stöcken
stammt  (Jungfernwachs),  eine  schmutzig
weißgelbliche,  sonst  eine  gelbe  oder,  bei  indischen, ­
  afrikanischen  und  amerikanischen  Sorten, ­
  eine  graubraune  bis  dunkelbraune  Farbe,
körnigen  Bruch  und  angenehmen  Geruch  nach
Honig.  In  der  Kälte  spröde,  wird  es  in  der
Hand  weicher  und  knetbar,  beim  Kauen  klebt
es,  zum  Unterschied  von  harzhaltigem  W.,  nicht
an  den  Zähnen.  Für  verschiedene  Zwecke,  besonders ­
  zur  Herstellung  von  Kerzen,  wird  das

W.  durch  Bleichen  in  weißes  Wachs  (Cera
alba)  übergeführt.  Man  bedient  sich  hierzu  entweder ­
  der  Rasenbleiche,  indem  man  .  das  in
feine  Fäden  oder  Späne  zerteilte  W.,  bisweilen
unter  Zusatz  von  Terpentinöl,  den  Strahlen  der
Sonne  aussetzt,  oder  man  behandelt  das  W.  mit
chemischen  Oxydationsmitteln,  wie  Chlorkalk,
Kaliumpermanganat  oder  -dichromat  oder  Wasserstoffsuperoxyd. ­
  Durch  letztere  Mittel  wird
das  W.  aber  chemisch  verändert  und  für  verschiedene ­
  Zwecke  unbrauchbar.  Ein  Zusatz  von
etwa  50/0  Talg,  der  das  Bleichen  erleichtert  und
die  Geschmeidigkeit  erhöht,  gilt  als  zulässig,
hingegen  ist  ein  Weißfärben  mit  Weinstein,
Alaun,  Bleiweiß,  Schwerspat,  Gips  oder  Kreide
als  Verfälschung  zu  beurteilen.  —  Das  W.  ist
in  Wasser  unlöslich  und  in  kaltem  Alkohol  nahezu ­
  unlöslich.  Von  kaltem  Äther  werden  etwa
50  0/0,  von  kaltem  Chloroform  25  0/0  aufgenommen. ­
  Siedender  Alkohol  entzieht  dem  W.  die
Zerotinsäure,  während  es  von  ätherischen  Ölen,
Chloroform,  Äther,  Schwefelkohlenstoff,  Benzin,
Benzol  und  Tetrachlorkohlenstoff  leicht  und
vollständig  gelöst  wird.  Der  Schmelzpunkt  liegt
bei  62—64°,  das  spez.  Gew.  beträgt  0,960—0,970.
Gebleichtes  W.  ist  im  allgemeinen  härter,  spröder ­
  und  auch  etwas  schwerer  als  das  gelbe  W.
Seiner  chemischen  Zusammensetzung  nach  unterscheidet ­
  sich  das  W.  von  den  Fetten  durch
das  gänzliche  Fehlen  von  Glyzerin.  Es  besteht
hauptsächlich  aus  Zerin^  einem  Gemisch  von
freier  Zerotinsäure  und  etwas  Melissinsäure,
  und  aus  Myrizin  (Palmitinsäure-Melissylester)
  neben  geringeren  Mengen  Zerylalkohol
  und  Kohlenwasserstoffen,  —  Bei  dem
verhältnismäßig  hohen  Preise  des  W.  sind  Verfälschungen ­
  häufig  zu  beobachten,  zu  deren  Erkennung ­
  einige  leicht  auszuführende  Vorprüfungen ­
  mit  Erfolg  herangezogen  werden  können.
Reines  W.  nimmt  Kreidestriche  an.  Es  schmilzt
zu  einer  klaren  Flüssigkeit,  während  zugesetzte
Mineralstoffe,  Erbsen-  und  Getreidemehle  sich
in  pulveriger  Form  abscheiden.  Beim  Kochen
mit  der  zofachen  Menge  Weingeist  darf  die
nach  dem  Erkalten  filtrierte  Lösung  nicht  gefärbt ­
  sein,  nicht  sauer  reagieren  und  durch
Wasser  nur  schwach  opalisierend  werden.  Gelbfärbung ­
  deutet  auf  fremde  Farbstoffe,  starke
Trübung  auf  Zusatz  von  Stearinsäure  hin.  Beim
Kochen  mit  zehn  Teilen  Wasser  und  drei  Teilen ­
  Kristallsoda  soll  sich  das  W.  nach  dem  Erkalten ­
  über  (der  wäßrigen  klaren  Flüssigkeit
wieder  abscheiden,  während  beim  Entstehet)
einer  Emulsion  Verdacht  auf  Beimischung  von
Fetten  oder  Stearinsäure  besteht.  Die  genaue
chemische  Analyse  setzt  die  Bestimmung  der
Säurezahl  (19—21),  der  Esterzahl  (73—76)
und  der  Verseifungszahl  (etwa  95)  voraus-Das
  Verhältnis  zwischen  SäureT  und  Esterzahl,
die  sog.  Verhältniszahl,  beträgt  meist  3,6  bis
3,8.  —  Das  W.  findet  vielfache  Verwendung  zu
feineren  Kerzen,  Wachsstöcken,  Pflastern,  Salben ­
  und  Pomaden,  Figuren,  Blumen  und  Appreturen. ­
  Es  wird  in  großen  Mengen  aus  dem  Auslande ­
  eingeführt,  1913  rund  3  Millionen  Kilogramm, ­
  davon  etwa  1  Million  Kilogramm  aus
Deutsch-  und  Portugiesisch-Ostafrika.  —  Verwachs ­
  (Propolis)  ist  ein  in  Alkohol  lösliches
Harz,  das  von  den  Bienen  zum  Befestigen  der
        <pb n="477" />
        JZIUX

Wachstuch  471  Walkerde

Waben  in  den  Stöcken  erzeugt  wird.  —  Wachspapier ­
  (lat.  Charta  cerata,  frz.  Papier  cire,
engl.  Waxed  Paper)  ist  mit  geschmolzenem  W.
getränktes  Papier.
Wachstuch.  Während  das  alte  W.  oder  die
Wachsleinwand  wächserne  Überzüge  hatte,
bestehen  die  heutigen  Stoffe  aus  leichteren  oder
schwereren  Baumwoll-,  Leinen-,  Werg-  oder
Jutegeweben,  die  mit  einer  biegsamen  farbigen
Firnisschicht  überzogen  und  oft  auch  lackiert
sind.  Zu  ihrer  Herstellung  werden  die  Gewebe
in  Rahmen  eingespannt  und  zunächst  mit  einer
Leim-  oder  Kleisterschicht  grundiert,  um  die
Poren  des  Gewebes  zu  schließen.  Die  auf  diesen ­
  Untergrund  aufgetragene  erste  Schicht  von
Firnisfarbe  wird  nach  dem  völligen  Austrocknen
mit  Bimsstein  ebengeschliffen  und  ebenso  mit
jeder  folgenden  verfahren.  Die  Zahl  der  aufzutragenden ­
  Schichten  hängt  von  der  Art  und
Stärke  der  Ware  ab.  Zum  Schluß  folgt  ein
Glanzfirnis  oder  eine  Lackierung.  Die  einfarbigen ­
  Waren  sind  meist  schwarz  oder  doch  dunkelfarbig ­
  und  sehen  in  den  feinen  Sorten  wie
lackiertes  Leder  aus,  an  dessen  Stelle  sie  häufig
benutzt  werden.  Das  meiste  W.  wird  gedruckt
oder  sonst  farbig  gemustert  und  dient  dann  zu
Fußbodenbekleidung  und  Wandtapeten,  Möbeldecken, ­
  zum  Ausschlagen  von  Wagen  und  ähnlichen ­
  Zwecken.
Wärmeöfchen,  im  Kriege  aufgekommene  Vorrichtungen ­
  zum  Wärmen  der  Hände,  die  sich,
als  recht  zweckmäßig  erwiesen  haben,  bestehen
aus  einer  mit  Filz  umgebenen  Metallröhre,  in
die  ein  glimmender  Kohlenstift  eingeschoben
wird.  Die  Glühkohlen  werden  in  der  Weise
hergestellt,  daß  man  Lindenholzkohlenpulver
mit  Salpeter  und  Tragant  oder  einem  anderen
Bindemittel  und  Wasser  zu  einer  plastischen
Masse  vermischt,  in  Stangenform  bringt  und
trocknet.  Nach  dem  Anzünden  verglimmen  die
Stifte  vollständig  und  bieten  eine  ziemlich  lange
anhaltende  Wärmequelle.
Wässer  nennt  man  Flüssigkeiten,  die  zum
Heilgebrauche  oder  zu  kosmetischen
Zwecken  bestimmt  sind.  Die  letzteren  zerfallen
hauptsächlich  in  Zahn-  und  Mundwässer,  Kopfwässer ­
  und  wohlriechende  Wässer,  i.  Wässer
zum  Heilgebrauche,  wie  Bittermandelwasser,
Kirschlorbeerwasser,  Fenchelwasser,  sind  Auszüge ­
  der  betreffenden  Drogen,  die  bei  der  Destillation ­
  der  ätherischen  Öle  gewonnen  werden.
S.  die  betr.  Aufsätze.  —  2.  Kosmetische  W.,
wohlriechende  W.  Die  Zahn-  und  Mundwässer ­
  sind  Mischungen  bzw.  Auflösungen
von  Myrrhen-,  Katechu-  oder  Ratanhiatinktur,
denen  Thymol,  Borsäure,  Salizylsäure  und  aromatische ­
  Stoffe,  wie  ätherische  Öle,  zugesetzt
werden.  —  Kopfwässer  sind  meist  Auflösungen ­
  oder  Auszüge  von  Chinarinde,  Perubalsam,
gereinigtem  Honig,  Bayrumöl  oder  Borax  mit
Zusätzen  von  Franzbranntwein,  Glyzerin,  Rosenwasser ­
  usw.  (z.  B.  Chinahaarwasser).  —
Wohlriechende  W.  zum  Parfümieren  und
Zerstäuben  sind  Auflösungen  von  ätherischen
Ölen  und  anderen  Riechstoffen  in  verdünntem
Weingeist,  z.  B.  Kölnisches  Wasser,  Eau  de
Cologne.  —  Alle  kosmetischen  W.  können  entweder ­
  Weingeist-  oder  ätherhaltig  sein  oder
auch  nur  wäßrige  Auszüge  darstellen.

Waid  (Färberwaid,  falscher  Indigo,  Färberscharte, ­
  frz.  Vouede,  engl.  Woad),  eine
zu  den  Kruziferen  gehörige  zweijährige
Pflanze,  Isatis  tinctoria  L.,  wurde  früher  zur
Gewinnung  des  Indigos  in  großem  Umfange
angebaut.  Schon  im  13.  Jahrhundert  hatten  Erfurt,
  Gotha  und  Arnstadt  die  Gerechtsame  zum
W.-Handel,  und  300  thüringische  Dörfer  widmeten ­
  sich  ihrem  Anbau.  Durch  den  Wettbewerb ­
  des  Indigos  gingen  die  Pflanzungen
immer  mehr  zurück,  und  im  Jahre  1906  hat
auch  die  letzte  Waidmühle  Thüringens  im  Dorfe
Pferdingsleben  ihren  Betrieb  eingestellt.
Waldmeister  (Sternleberkraut,  lat.  Herba
asperulae  s.  matrisilvae,  frz.  Asp^rule,  engl.
Wood  ward)  ist  das  Kraut  von  Asperula  odorata
  L.,  einer  in  Mitteleuropa  und  Mittelasien
weit  verbreiteten,  in  schattigen,  feuchten  Waldungen ­
  wild  wachsenden  Rubiazee.  Der  W.
wird  bis  zu  40  cm  hoch,  der  vierkantige  Stengel ­
  trägt  die  quirlständig,  zu  6—9  stehenden
lanzettlichen  Blätter.  Die  Blüten  sind  weiß
und  an  der  Spitze  des  Stengels  zu  Dolden  angeordnet. ­
  Das  getrocknete  Kraut  wird  im  Drogenhandel ­
  als  blutreinigender  Tee  und  als  Genußmittel ­
  angewandt.  Frisch  vor  der  Blüte  gesammelter ­
  W.  dient  zur  Bereitung  des  Maitranks
und  der  Maitrankessenz.  Träger  des  Aromas
ist  das  Kumarin  (s.  d.).
Waldwolle  (frz.  Laine  vdgetale,  engl.  Wool
of  pine),  ein  aus  den  grün  eingesammelten  Kiefern- ­
  und  Föhrennadelngewonnener  Faserstoff, ­
  dient  in  gröberer  Sorte  zum  Polstern  von
Möbeln,  Matratzen  u.  dgl.,  während  die  feineren
einen  Spinnstoff  bilden,  der  allerdings  bei  der
Kürze  der  Fasern  (bis  50  mm)  nicht  für  sich
allein,  sondern  im  Gemisch  mit  Wolle  oder
Baumwolle  versponnen  wird.  Die  daraus  hergestellten ­
  Watten  und  Gewebe  werden  als  eine
Art  Gesundheitsflanell  besonders  für  Rheumatismusleidende ­
  empfohlen,  da  sie  den  Körper
gleichmäßig  warm  halten  und  Feuchtigkeit  abwehren
  sollen.  Das  Ausbringen  der  Fasern  aus
den  Nadeln  geschieht  durch  Kochen  mit  Dampf
und  nachfolgende  Bearbeitung  in  Schlagmaschinen. ­
  Die  sich  beim  Dämpfen  ergebende  Flüssigkeit ­
  bildet  eingedickt  das  Waldwollextrakt,
richtiger  Fichtennadelextrakt  (s.  d.),  eine
schwarzbraune,  aromatisch-harzig  riechende  und
bitter  schmeckende  Masse,  die  zu  stärkenden
Bädern  gebraucht  wird.  Die  abdestillierten  flüchtigen ­
  Öle  liefern  das  Waldwollöl  oder  Kiefernadelöl, ­
  ein  gelblichgrünes  Öl,  das  zu  Einreibungen ­
  gebraucht  wird,  sich  übrigens  von
Terpentinöl  nur  durch  wenige  Eigenschaften,
namentlich  den  feinen  Geruch,  unterscheidet.
Walkerde  (Walkererde,  frz.  Terre  ä  foulon,
  epgl.  Füllers  earth),  ein  sehr  fetter,  sich
seifenartig  anfühlender  Ton  von  weißlicher,
gelblicher  oder  grauer  Farbe,  der  sich  in  Wasser
unter  Ausstößen  von  Bläschen  zu  einem  zarten
Pulver  zerrühren  läßt,  saugt  begierig  Fette  ein
und  wird  daher  als  Entfettungsmittel  beim
Tuchwalken,  zur  Anfertigung  von  Fleckkugeln
u.  dgl.  benutzt.  Sie  findet  sich  meist  als  Verwitterungsprodukt ­
  des  Diorits  bei  Roßwein  in
Sachsen,  Riegersdorf  in  Schlesien,  Vaels  bei
Aachen,  Mohrenberg  bei  Weilburg,  Cilly  in
Steiermark  und  in  England.
        <pb n="478" />
        Walrat  472  Was  chmittei

Walrat  (lat.  Cetaceum,  Sperma  ceti,  frz.  Blanc
de  baieine,  engl.  Sperm)  nennt  man  eine  eigentümliche ­
  fettähnliche  Masse,  die  von  dem  zur
Familie  der  Wale  gehörigen  Kaschelot  oder
Pottfisch,  Physeter  macrocephalus,  ahstammt.
  Die  von  den  Seefahrern  auch  Spermwal
  genannten  Tiere  finden  sich  fast  überall
im  Ozean,  ihre  eigentliche  Heimat  ist  jedoch
das  südliche  Polarmeer.  Ein  volles  Drittel  der
Körperlänge  nimmt  der  ungeheure  Kopf  ein,
der  in  mehreren  muldenförmigen,  durch  Speck
und  Haut  geschlossenen  Vertiefungen  der  Schädeldecke ­
  beträchtliche  Ansammlungen  eines
hellen  Öles  zeigt,  das  sich  beim  Erkalten  trübt
und  eine  bräunlichgelbe,  kristallinische  Masse
absondert.  Weitere  Mengen  des  gleichen  Stoffes
finden  sich  in  einem  rührigen,  vom  Kopf  zum
Schwanz  verlaufenden  Kanal  und  einigen  kleineren ­
  Körperhöhlen.  Von  großen  Tieren  werden
bis  zu  200  dz  gewonnen.  Der  durch  Abtropfenlassen ­
  und  Abpressen  von  dem  flüssigen  Anteil
befreite  feste  Walrat  wird  durch  Schmelzen,
Behandeln  mit  Lauge  und  Waschen  mit  Wasser
gut  gereinigt  und  entfärbt  und  bildet  dann  eine
schneeweiße,  perlmutterartig  glänzende,  fettig
anzufühlende  Masse  von  blätterigem  Gefüge.
Sein  spez.  Gew.  liegt  bei  0,940—0,960,  der
Schmelzpunkt  bei  etwa  50  °.  Ein  Zusatz  von
Stearin,  der  den  W.  härter  und  kleinblättriger
macht,  sowie  von  Talg  kann  daran  erkannt  werden, ­
  daß  W.  auf  Papier  keine  Fettflecke  hervorruft. ­
  In  chemischer  Hinsicht  ist  er  als  Palmitinsäurezetylester ­
  (Zetin),  d.h.  als  ein  Wachs
anzusprechen.  Die  Verseifungszahl  beträgt  108
bis  128.  Die  Verwendung  des  W.  zu  Kerzen
(s.  d.)  ist  seit  dem  Aufkommen  von  Stearin  und
Paraffin  sehr  zurückgegangen,  doch  gelten  Walratkerzen
  als  Normalkerzen  zur  Prüfung
des  Leuchtgases.  Medizinisch  wird  er  zu  Zeraten
und  Pomaden,  gepulvert  und  mit  Zucker  gemischt ­
  auch  als  Mittel  gegen  Husten  und
Heiserkeit  angewandt.  In  der  Technik  dient  er
als  Zusatz  zu  verschiedenen  Wäscheglanzmitteln ­
  und  zu  Appreturzwecken.  —  Während  des
Krieges  ist  W.  sogar  in  einigen  Ersatznahrungsmitteln ­
  als  Fettersatz  aufgetaucht.  —■  Das  bei
der  Gewinnung  des  W.  abfallende  Öl,  das  sog.
Walratöl  oder  Spermazetöl,  das  aus  Estern
von  Fettalkoholen  und  Physetölsäure  (Verseifungszahl ­
  123—147)  besteht,  wird  in  der
Seifensiederei  und  als  feines  Schmieröl  benutzt.
Wandkraut  (Glaskraut,  Peterskraut,  lat.
Herba  parietariae,  frz.  Herbe  de  paridtaire,  engl.
Wall  pellitery),  von  Parietaria  officinalis  L.
aus  der  Familie  der  Urtikazeen,  ist  in  Mitteleuropa ­
  heimisch,  wo  es  wild  auf  Mauern  und
Schutthaufen  wächst.  Die  Blätter  sind  eilanzettförmig ­
  bis  rund  und  kurz  behaart,  der  Geschmack ­
  ist  herb  und  salzig.  In  der  Volksmedizin ­
  verwendet  man  das  W.  als  harntreibendes ­
  Mittel,  wegen  der  rauhen  Beschaffenheit
auch  zum  Abpolieren  von  Glas.
Warang  (Wilia),  der  Bast  eines  ostindischen,
zurFamilie  der  Büttneriazeen  gehörigen  Baumes, ­
  Kydia  calycina  (Roxb.),  wird  als  Ersatz
für  Lindenbast  empfohlen.  Als  Spinnstoff  sind
die  glatten,  schwach  glänzenden  und  gelblichen
Fasern  von  0,9—1,3  m  Länge  und  0,07—0,1  mm
Dicke  weniger  geeignet.

Waschmittel.  Neben  den  gewöhnlichen  aus
Soda,  Wasserglas  und  etwas  Seife  zusammengemischten ­
  Seifenpulvern  (s.  d.)  gab  es  bereits
vor  dem  Kriege  eine  Reihe  anderer  Erzeugnisse
im  Handel,  die  teils  fettlösende,  teils  bleichende
Stoffe  enthielten.  Zu  den  ersteren  gehört  das
Ozonal  (s.  d.),  eine  Gallerte  aus  Petroleum  und
Seife,  ferner  das  Tetrapol,  eine  Tetrachlorkohlenstoff ­
  enthaltende  Flüssigkeit,  und  eine
Anzahl  sog.  Salmiak-,  Terpentin-  oder  Benzin-W.
  Sie  sind  an  sich  nicht  unwirksam,  haben
aber  den  Nachteil,  daß  ihre  wertbestimmenden
Bestandteile  mit  der  Zeit  verdunsten.  Die  anderen, ­
  die  auch  wohl  als  Bleichmittel  bezeichnet
werden,  sind  durch  einen  Gehalt  an  Sauerstoff
abgebenden  Chemikalien,  Superoxyden  oder
Persalzen  gekennzeichnet.  Ihr  erster  Vertreter,
das  Supero‘1,  das  aus  reinem,  in  Pastillenform
gepreßten  Natriumsuperoxyd  bestand,  ist  wegen
seiner  gefährlichen  explosiven  Eigenschaften
bald  aus  dem  Verkehr  zurückgezogen  worden.
Etwas  länger  hielten  sich  Mischungen  voh  Natriumsuperoxyd ­
  mit  indifferenten  oder  sauren
Verdünnungsmitteln,  wie  Ding  an  sich  (Natriumsuperoxyd,
  Seifenpulver,  Stearinsäure),
Machs  allein  (ähnliche  Mischung  mit  Paraffin),
aber  auch  sie  werden  jetzt  allgemein  verworfen.
Günstiger  wurden  aus  Natriumperborat  bestehende ­
  Waschmittel  wie  Peroborin,  Persil
u.  a.  beurteilt,  die,  wie  auch  Perkarbonate  und
Persulfate,  bleichend  wirken,  ohne  anscheinend
die  Wäsche  anzugreifen.  Aber  auch  ihnen
gegenüber  erscheint  eine  gewisse  Vorsicht  geboten, ­
  da  sie  nach  den  Versuchen  Heermanns
bei  Anwesenheit  weit  verbreiteter  Stoffe,  sog
Katalysatoren  (Kupfer),  die  pflanzliche  Faser
zerstören  sollen  (Sauerstofffraß).  —  Unter  den
während  des  Krieges  aufgekommenen  Mitteln,
die  als  sog.  fettlose  W.  eine  traurige  Berühmtheit ­
  erlangten,  befanden  sich  zahlreiche  Schwindelwaren ­
  erbärmlichster  Art,  die  zum  Teil  aus
völlig  wertlosen  Stoffen,  wie  Natriumsulfat
(Glaubersalz),  Kochsalz,  Magnesium-  und  Kalziumchlorid, ­
  Gips,  Kreide  u.  dgl.  bestanden.  Eine
Aufzählung  selbst  der  wichtigsten  Vertreter  erscheint ­
  wegen  ihrer  ungeheuren  Zahl  unmöglich
und  auch  entbehrlich,  weil  die  meisten  nach
Einführung  des  Genehmigungszwanges  verschwanden. ­
  Als  einzige  Stoffe,  die,  abgesehen
von  den  alkalisch  reagierenden  löslichen  Verbindungen, ­
  wie  Alkalilaugen,  Soda,  Pottasche,
Wasserglas,  Borax  usw.  eine  gewisse  reinigende
Wirkung  in  fettlosen  W.  auszuüben  vermögen,
seien  folgende  angeführt:  Saponin  (s.d.),  auch
in  Form  saponinhaltiger  Abkochungen  von
Quillayarinde  u.  dgl.,  ist  in  einigen  W.  aufgefunden ­
  worden,  aber  meist  in  zu  geringer,
praktisch  unwirksamer  Menge;  fettlösende  Enzyme ­
  der  Bauchspeicheldrüse  sollen  zur
Herstellung  des  Waschmittels  Burnus  benutzt
worden  sein,  das  im  übrigen  aus  Glaubersalz,
Kochsalz  und  Soda  bestand.  Ton  vermag  in
einer  bestimmten  Form,  sog.  kolloidalen  Form,
wie  von  der  Verwendung  der  Walkerde  bekannt ­
  ist,  Fette  und  andere  Schmutzstoffe  zu
entfernen,  und  hat  sich  in  seinen  farblosen  Arten
als  ein  brauchbarer  Notbehelf  erwiesen.  Nach
Vorschrift  des  Kriegsausschusses  für  Fette  und
Öle  mußten  die  aus  Ton  bestehenden  Erzeug'
        <pb n="479" />
        nisse  aber  die  deutliche  Kennzeichnung  „Tonwaschmittel“
  tragen.  Von  einem  näheren  Eingehen ­
  auf  diesen  Gegenstand  kann  abgesehen
werden,  weil  alle  vorgenannten  Kriegserzeugnisse ­
  mit  Eintritt  normaler  Verhältnisse  zweifellos ­
  wieder  verschwinden  und  den  altbekannten
W.  aus  Seife,  Soda,  Borax  usw.  den  Platz
räumen  werden.
Wasser.  Obwohl  einer  der  unentbehrlichsten
Stoffe  für  Industrie  und  Haushalt  und  meist
als  freies,  gemeinsames  Besitztum  aller  Menschen ­
  angesehen,  bildet  das  W.  doch  vielfach
auch  einen  wichtigen  Gegenstand  des  Handels
und  ist  daher  an  dieser  Stelle  einer  kurzen  Besprechung ­
  zu  unterziehen.  Chemisch  reines  W.,
HpO,  d.  h.  eine  Verbindung  von  einem  Gewichtsteil ­
  Wasserstoff  und  acht  Gewichtsteilen
Sauerstoff,  die  durch  Elektrolyse  und  Reduktion ­
  in  ihre  Einzelbestandteile  zerlegt  wird,  findet ­
  sich  in  der  Natur  nicht  vor,  sondern  kann
nur  auf  chemischem  Wege,  u.  a.  durch  Verbrennen ­
  von  Wasserstoff  in  Sauerstoff,  hergestellt ­
  werden;  fabrikmäßig  erzeugt  man  es
durch  Destillation  des  natürlich  vorkommenden
Wassers.  Von  letzterem  stellt  das  Regen-  und
Schneewasser  die  reinste  Form  dar,  weil  es
nur  etwa  3  Vol.-o/o  fremder,  gasförmiger  Bestandteile ­
  (Sauerstoff,  Stickstoff,  Kohlensäure)
aus  der  Atmosphäre  aufgenommen  hat.  Flußund
  Quellwasser  enthält  wechselnde  Mengen
von  Mineralstoffen,  hauptsächlich  Kalk-  und
Magnesiasalze,  die  es  auf  seinem  Wege  durch
die  Bodenschichten  aufgelöst  hat.  Wässer  mit
hohem  Gehalte  an  diesen  Stoffen,  sog.  harte
W'.,  sind  für  viele  Zwecke  der  Technik  weniger
geeignet  als  weiche  W.  Die  Mineralwässer,
die  sich  durch  große  Mengen  gelöster  fester
und  gasförmiger  Beimengungen  auszeichnen,
sind  in  einem  besonderen  Aufsatze  besprochen.
Das  reine  W.  ist  in  allen  drei  Aggregatzuständen, ­
  als  Dampf,  flüssiges  W.  und  Eis  oder
Schnee  bekannt.  In  flüssigem  Zustande  ist  es
in  dünneren  Schichten  farblos,  in  dickeren  hingegen ­
  blau.  Seine  größte  Dichte  hat  es  bei
-)-4 0  und  dehnt  sich  sowohl  beim  Erwärmen
wie  beim  Abkühlen  aus.  Das  Gewicht  eines
Kubikzentimeters  Wasser  bei  —j—  4 0  wird  als  1  g
bezeichnet.  Als  Plandelsware  kommen  nur  Trinkwasser ­
  und  destilliertes  W.  in  Frage.  1.  Trinkwasser. ­
  Die  Beschaffung  einwandfreien  Trinkwassers ­
  gehört  zu  den  wichtigsten  Aufgaben
der  Gesundheitsbehörden,  und  zwar  hauptsächlich ­
  der  Gemeindeverwaltungen.  Als  grundlegende ­
  Anforderungen  an  ein  gutes  Trinkwasser
können  folgende  angeführt  werden:  W.  soll
klar,  farblos  und  geruchlos  sein  und  keinen
fremdartigen  Beigeschmack  besitzen.  Die  Temperatur ­
  muß  für  unsere  Verhältnisse  etwa  der
mittleren  Jahrestemperatur  entsprechen,  möglichst ­
  beständig  sein  und  möglichst  unter  12 0
liegen.  Das  Wasser  darf  innerhalb  24  Stunden
keinen  nennenswerten  Bodensatz  liefern,  auch
ist  im  Hinblick  auf  die  meisten  Verwendungszwecke ­
  eine  zu  hohe  klärte  unerwünscht.  Die
wichtigste  Forderung  ist  aber,  daß  es  nicht
durch  Zuflüsse  menschlicher  oder  tierischer  Abfallstoffe ­
  verunreinigt  wird  und  möglichst  wenig
Bakterien  enthält.  Der  letzten  Voraussetzung
entspricht  ohne  weiteres  fast  nur  das  Grundwasser, ­

  das  neuerdings  von  den  meisten  Gemeinden ­
  zur  Wasserversorgung  herangezogen
wird.  Reines  Grundwasser  aus  nicht  verunreinigten ­
  Bodenschichten  enthält  bei  tadelloser
Anlage  im  allgemeinen  weniger  als  50  Keime
in  1  ccm  und  ist  vielfach  sogar  völlig  keimfrei.
Das  von  einigen  Großstädten  herangezogene
Oberflächenwasser  aus  Flüssen  und  Talsperren
muß  durch  Filtrationsanlagen  vorerst  keimfrei
gemacht  werden.  In  beiden  Fällen  ist  bei  eisenhaltigem ­
  W.  eine  Entfernung  des  Eisens  durch
Lüftungsanlagen  erforderlich.  Zur  völligen  Klärung ­
  des  W.,  die  für  gewisse  pharmazeutische
und  technische  Zwecke  (Herstellung  photographischer ­
  Trockenplatten)  unentbehrlich  ist,
bedient  man  sich  besonderer  Filtrierapparate
nach  Berkefeld  (mit  Infusorienerde),  oder  der
mit  feinen  Asbestnädelchen  (Mikrolithen)  gefüllten ­
  Beyerschen  Mikromembranfilter,
oder  der  aus  unglasiertem  Porzellan  hergestellten ­
  Chamberlandschen  Filterkerzen  und
anderer  Einrichtungen.  Im  Hinblick  auf  die
bleilösenden  Eigenschaften  vieler  Wässer  sind
Leitungsröhren  aus  Blei  in  vermeiden.  Aus  der
Tatsache,  daß  Trinkwasser  ein  Gegenstand  des
Handels  und  ein  Nahrungsmittel  ist,  folgt  in
Übereinstimmung  mit  dem  aufsehenerregenden
Urteil  des  Landgerichts  in  Gelsenkirchen,  daß
ein  Zusatz  von  unfiltriertem  Flußwasser  eine
strafbare  Verfälschung  darstellt.  2.  Destilliertes ­
  W.  (lat.  Aqua  destillata.  Aqua  stillatitia,
frz.  Eau  distillöe,  engl.  Destilled  water)  muß
von  den  gewöhnlichen  Verunreinigungen  des
Trinkwassers,  Salzen  und  Gasen,  praktisch  frei
sein.  Zu  seiner  Herstellung  versetzt  man
das  W.  zur  Bindung  von  Ammoniak  mit  etwas
Alaun  und  destilliert,  indem  man  die  entstehenden ­
  Dämpfe  zunächst  xo  Minuten  lang,
ohne  zu  kühlen,  entweichen  läßt.  Nach  Anstellung ­
  des  Kühlwassers  prüft  man  das  Destillat
so  lange  mit  Silbernitrat,  bis  es  völlig  chlorfrei
ist,  und  fängt  erst  dann  auf.  Um  das  spätere
Abspalten  von  Salzsäure  aus  etwa  vorhandenem
Magnesiumchlorid  zu  verhindern,  ist  es  zweckmäßig, ­
  etwas  Natriumphosphat  in  die  Destillierblase ­
  zu  schütten.  Zur  Beseitigung  eines  anhaftenden ­
  Geruchs  filtriert  man  schließlich  über
Holzkohle.  Reines  destilliertes  W.  muß  ohne
Rückstand  verdampfen.  Es  darf  mit  Neßlers
Reagens  keine  Gelbfärbung  (Ammoniak),  mit
Silbernitrat  kein  Opaleszenz  (Chlor)  und  mit
Kalkwasser  keine  Trübung  zeigen  (Kohlensäure). ­
  Beim  Erhitzen  von  100  ccm  W.  mit
x  ccm  Schwefelsäure  und  0,3  ccm  Kaliumpermanganatlösung ­
  (1:1000)  muß  die  rote  Farbe
bestehen  bleiben,  da  sonst  zuviel  organische
Stoffe  vorhanden  sind.  Das  destillierte  W.  wird
in  großen  Glasballonen  verschickt  und  muß  gut
verschlossen  und,  vor  Sonnenlicht  geschützt,  kühl
aufbewahrt  werden.  Es  findet  in  der  Chemie
und  Pharmazie  ausgedehnte  Anwendung  als
Lösungsmittel.
Wasserfenchel  (Roßfenchel,  Pferdefenchel, ­
  Pferdekümmel,  lat.  Fructus  phellandrii
seu  foeniculi  aquatici,  frz.  Fruits  de  phellandrie,
engl.  Water  fennel  seeds),  die  getrockneten
Früchte  einer  in  Sümpfen  und  Gräben  wachsenden ­
  Umbellifere,  Oenanthe  Phellandrium,
  besteht  aus  länglichen,  nach  obenhin

41.
        <pb n="480" />
        Wasserglas

474

Wasserstoffsuperoxyd

verschmälerten  Teilfrüchten  von  grünlichbrauner
Farbe,  die  auf  dem  Rücken  fünf  hellere  Riefen
zeigen.  Die  Früchte  besitzen  einen  starken,  unangenehm ­
  aromatischen  Geruch  und  Geschmack
und  werden  gegen  Husten,  ferner  in  der  Tierheilkunde ­
  als  Bestandteil  des  Kropfpulvers  bei
Pferden,  sowie  in  der  Käsefabrikation  angewandt. ­
  —  Das  farblose  bis  gelbe  ätherische
Wasserfenchelöl  (lat.  Oleum  phellandrii,  frz.
Essence  de  fenouil  d’eau,  engl.  Oil  of  water
fennel  seeds),  das  den  Geruch  der  Früchte  zeigt,
hat  ein  spez.  Gew.  von  0,850—0,890  und  besteht
zu  800/0  aus  einem  Terpen,  Phellandren.  —
Verwechslungen  von  Wasserfenchel  mit  den
Früchten  des  Wasserschierlings,  Cicuta  virosa,
  sollen  Vorkommen.  Man  erkennt  die  letzteren ­
  aber  leicht  an  ihrer  Geruchlosigkeit  und
an  ihrer  Form.  Sie  sind  nämlich  kleiner,  fast
kugelrund,  nur  von  den  Seiten  her  etwas  zusammengedrückt, ­
  gelbbraun  und  mit  breiten,
wenig  erhabenen  Rippen  versehen.
Wasserglas  (lösliches  Glas,  Jat.  Liquor  silicici,
  frz.  Verre  soluble,  engl.  Water  glass),  eine
Art  Glasmasse,  die  sith  in  siedendem  Wasser
auflöst  und  nach  dem  Eintrocknen  wieder  als
fester,  durchsichtiger  Rückstand  hinterbleibt,
unterscheidet  sich  von  dem  eigentlichen  Glas
nur  durch  das  Fehlen  von  Kalk,  Blei  oder
anderen  Zuschlägen  und  besteht  lediglich  aus
Alkalisilikaten.  Nach  der  Natur  des  vorhandenen ­
  Alkalis  unterscheidet  man  Natron-W.
(Liquor  natrii  silicici),  Kali-W.  (Liquor  kalii
silicici)  und  Doppel-W.,  ein  Gemisch  von  Natrium- ­
  und  Kaliumsilikat.  Zur  Herstellung  des
W.  schmilzt  man  gepulverten  Quarz  oder  Feuerstein ­
  unter  Zusatz  von  etwas  Kohlenpulver  mit
Soda,  Pottasche  oder  einem  Gemisch  beider  und
kocht  die  nach  dem  Erkalten  pulverisierte
Schmelze  mit  Wasser  aus.  Die  so  erhaltene  Lösung ­
  ist  bei  Natron-W.  meist  grünlich,  bei  Kali-W.
  bräunlich  gefärbt  oder  farblos.  Nach  einem
billigeren  Verfahren  ersetzt  man  die  Soda  ganz
oder  teilweise  durch  Glaubersalz,  muß  dann
aber  einen  größeren  Überschuß  von  Kohle  anwenden ­
  und  erhält  auch  eine  dunklere  Ware.
Schließlich  kann  W.  auch  ohne  Schmelzung
durch  einfaches  Kochen  von  Kieselgur  oder
Feuersteinpulver  mit  Natronlauge  dargestellt
werden.  Die  Wasserglaslösungen,  die  33-  und
660/oig  in  den  Handel  kommen,  bilden  mehr
oder  weniger  zähe  Flüssigkeiten.  Schon  durch
die  Einwirkung  der  atmosphärischen  Kohlensäure ­
  werden  sie  unter  Abscheidung  gallertartiger ­
  Kieselsäure  zersetzt  und  müssen  daher
in  gut  verschlossenen  Gefäßen  aufbewahrt  werden. ­
  —  W.  findet  ausgedehnte  technische  Verwendung. ­
  Es  dient  zu  Anstrichen  auf  Stein  und
Mauerputz,  welche  dadurch  eine  Art  Verkieselung ­
  erhalten  und,  wie  selbst  alte  verwitternde
Bildwerke,  neu  gefestigt  werden.  Holz,  Leinwand, ­
  Papier  und  Pappe  in  Form  von  Theaterdekorationen ­
  und  Dachbedeckung  werden  durch
Überzüge  von  W.  unverbrennlich.  Außerdem
benutzt  man  W.  als  Kitt  und  Klebmittel,  als
Füllstoff  für  Seifen,  zum  Schlichten  von  Baumwollgarn, ­
  als  Konservierungsmittel  für  Eier  und
als  Bindemittel  für  gewisse  alkalibeständige  Anstreicher- ­
  und  Zeugdruckfarben.  Festes  gepulvertes ­
  W.  liefert  beim  Anrühren  mit  wenig

Wasser  einen  widerstandsfähigen  hydraulischen
Mörtel.  Das  sog.  Fixierungs-W.,  ein  mit  viel
Kieselsäure  angereichertes,  Doppel-W.,  wird  zum
Fixieren  der  Farben  in  der  Stereochromie,
einer  Art  vorzüglich  dauerhafter  Freskomalerei,
benutzt.
Wassernabel,  asiatischer  (asiatisches
Wasserbecherkraut,  lat.  Herba  hydrocotyles
asiaticae,  frz.  und  engl.  Hydrocotyle).  Unter
diesem  Namen  kommen  die  Blätter  einer  in  den
Tropen,  heimischen,  zu  den  Umbelliferen  gehörenden ­
  Wasserpflanze,  Hydrocotyle  asiatica
  L.,  vermischt  mit  Blüten,  Früchten  und
Wurzelteilen  derselben  Pflanze  in  den  Handel.
Die  Blätter  sind  langgestielt,  in  der  Mitte  vertieft ­
  und  enthalten  als  wichtigsten  Bestandteil
Vellarin,  einen  stark  riechenden,  bitter  schmekkenden
  ölartigen  Körper.  Das  Kraut  findet
gegen  Hautkrankheiten  in  Form  von  Umschlägen ­
  beschränkte  Verwendung.
Wasserreis  (Hafer-Tuskarora,  amerikanischer ­
  Reis,  frz.  Zizania,  engl.  American  oat
rice),  eine  dem  Reis  verwandte  Pflanze,  Zizania ­
  palustris,  wächst  wild  in  Südkarolina
und  Jamaika  und  wird  auch  bis  Kanada  ähnlich
wie  Reis  als  Nahrungsmittel  angebaut.  Im
grünen  Zustande  dient  sie  im  Ursprungslande
als  Viehfutter.
Wasserstoffsuperoxyd  (lat.  Hydrogenium  peroxydatum,
  frz.  Eau  oxygen6e,  Solutd  officinal
d’eau  oxygende,  engl.  Liquor  hydrogenii  peroxidi)
  ist  neben  dem  Wasser  die  zweite  Verbindung ­
  des  Wasserstoffs  mit  dem  Sauerstoff
und  enthält  nach  der  Formel  H 2 0 2  91,2  %  Sauerstoff ­
  und  8,8  0/0  Wasserstoff.  Zu  seiner  Darstellung ­
  versetzt  man  mit  Wasser  verrührtes
Bariumsuperoxyd  mit  soviel  Phosphorsäure,  daß
die  Reaktion  gerade  neutral  ist,  filtriert,  fällt  die
Spuren  gelöster  Bariumsalze  mit  einer  genau
ausreichenden  Menge  Schwefelsäure  und  filtriert
von  neuem.  Durch  vorsichtiges  Eindunsten  der
wäßrigen  Lösung  bei  60—70 0  kann  diese  bis
auf  40—50  0/0  konzentriert  und  durch  Destillation ­
  im  Vakuum  völlig  vom  Wasser  befreit
werden.  Das  99°/oige  W.,  eine  sirupöse  Flüssigkeit ­
  vom  spez.  Gew.1,453—1,500,  ist  in  Alkohol
und  in  Äther  löslich.  Praktische  Verwendung
findet  nur  die  drei  Gewichtsprozent  W.  enthaltendewäßrige ­
  Lösung,  die  auch  als  10-Vol.-  o/oig
bezeichnet  wird,  weil  sie  ihr  tofaches  Volum  an
Sauerstoff  abzugeben  vermag.  Sie  bildet  eine
farblose  Flüssigkeit  von  herbem  und  bitterem
Geschmack  und  reagiert  infolge  eines  geringen
Gehaltes  an  konservierend  wirkender  freier
Schwefelsäure  oder  Phosphorsäure  schwach
sauer.  Ihr  spez.  Gew.  beträgt  1,006—1,012.  Wmuß
  in  nicht  völlig  gefüllten  Flaschen  kühl  und
dunkel  aufbewahrt  werden.  Es  gibt  leicht  ein
Atom  Sauerstoff  ab  und  wirkt  daher  desinfizierend, ­
  oxydierend  und  bleichend.  Man  benutzt
es  in  der.  Medizin  äußerlich  als  Verbandmittel,
zum  Gurgeln  und  zu  Einspritzungen  gegen
Tripper,  innerlich  bisweilen  gegen  Diphtherie-In
  der  Technik  dient  es  als  Bleichmittel  für
Elfenbein,  Schwämme  und  Gespinste,  sowie
unter  verschiedenen  Namen,  wie  Aurdoline,
Gold-Feen-Wasser,  Golden-Hair-Wash,
zum  Entfärben  und  Blondmachen  dunkler
Haare,  Pyrozon  ist  eine  zur  Entfernung  von
        <pb n="481" />
        Watte

475

Weidenrinde

Leberflecken  empfohlene  Lösung  von  500/0  W.
in  Äther.
Watte  (lat.  Gossypium  seu  Wätta,  frz.  Ouate,
engl.  Wad,  Wadding)  wird  größtenteils  aus
aufgelockerter  und  geschlagener  Baumwolle
auf  der  Wattenmaschine,  einer  Baumwoll-Reißkrempel
  mit  entsprechender  Einrichtung,  welche
die  Ware  in  der  bekannten  Tafelform  abliefert,
hergestellt.  Zur  Erhöhung  des  Zusammenhaltes
erhält  sie  dann  noch  auf  beiden  Seiten  einen
Überzug  mit  einer  dünnen  Leim-  oder  Gummilösung. ­
  Daneben  gibt  es  eine  auf  der  Oberfläche ­
  nicht  gummierte  wollene  W.,  die  etwas
mehr  Filzung  hat  und  zum  Auflegen  bei  Rheumatismus ­
  dient.  Die  während  des  Krieges  hergestellte ­
  Zeilstoff-W.  hat  sich  als  ein  brauchbarer ­
  Aufsaugungs-  und  Verbandstoff  erwiesen
und  wird  bei  niedrigem  Preise  auch  im  Frieden
ihren  Platz  behaupten.  S.  auch  Artikel  „Verbandstoffe“. ­

Wau  (Färberwau,  Färberreseda,  Gelbkraut, ­
  lat.  Herba  luteolae,  frz.  Gaude,  engl.
Weid),  eine  60—100  cm  hohe  Resedaart,  Reseda ­
  luteola,  mit  blaßgelben  Blüten  an  langen
Ähren,  vierteiligem  Kelch  und  drei-  bis  sechskantiger, ­
  oben  offener,  einfächeriger  Fruchtkapsel, ­
  kommt  wild  an  Wegerändern  und  auf
Äckern  vor  und  wird  noch  an  einigen  Orten
in  der  Provence  und  in  Deutschland  wegen  des
in  den  Blättern  und  anderen  Teilen  der  Pflanze
enthaltenen  gelben  Farbstoffes  angebaut.  Doch
haben  die  amerikanische  Querzitronrinde  und
die  billigen  gelben  Teerfarben  den  Anbau  stark
beeinträchtigt.  Die  Pflanze  liebt  feuchtwarmes
Klima,  trockenen  kräftigen  Boden,  alte  Düngung, ­
  tiefe  Bearbeitung,  fleißiges  Jäten  und
Behacken  mit  Verdünnen.  Man  mischt  den
feinen  Samen  mit  Sand  Und  sät  4—6  kg  (1  hl
wiegt  64  kg)  im  Juli  und  August  oder  im  Frühjahr ­
  30—45  cm  weit  in  Reihen.  Die  Ernte  erfolgt ­
  durch  Ausraufen  oder  durch  Schnitt.  —  Der
unter  dem  Namen  Schüttgelb  im  Handel  vorkommende ­
  Farbstoff  ist  aus  einer  Abkochung
von  Wau  oder  Gelbbeeren  und  ähnlichengeiben
Pflanzenfarbstoffen  durch  Ausfällen  mit  Alaun
und  Vermischen  mit  geschlämmter  Kreide
oder  Tonerde  hergestellt.  Man  gebraucht  ihn
als  Anstreicherfarbe  und  zum  Färben  von  Lederzeug. ­
  Oft  wird  im  Handel  an  Stelle  von  diesem
Schüttgelb  eine  billige,  Sorte  des  gelben  Chromgelbs ­
  abgegeben  (s.  d.).
Wegerich  (Wegetritt,  Spitzwegerich,  lat.
Herba  plantaginis,  frz.  Plantain,  engl.  Plantage
leaves).  Die  Blätter  der  über  ganz  Europa  verbreiteten ­
  Plantagineen  Plantago  major,
media  und  lanceolata,  die  im  Drogenhandel
als  hustenlindernder  Tee  sowie  gegen  Ruhrerkrankungen ­
  geführt  werden,  sind  lanzettförmig ­
  oder  breit  oval  und  enthalten  als  wichtigste ­
  Bestandteile  Gerbsäure,  Bitterstoff  und
Schleim.  Beliebt  sind  die  Spitzwegerichbonbons, ­
  die  aus  dem  frischen  Safte  des
Krautes  hergestellt  werden.
Weichharze  nennt  man  eine  Abteilung  der
Harze,  zu  der  die  natürlichen  Balsame;
Gurjunbalsam,  Kanadabalsam,  Kopaivabalsam,
  Mekkabalsam,  Storax,  Terpentin, ­
  Tolubalsam  u.  a.  gehören.  S.  die  betr.
Drogen.

Weichselholz  stammt  von  dem  Mahalebkirschbaum
  (Prunus  Mahaleb),  der  strauchartig ­
  auf  dürren,  sonnigen  Höhen  des  südlichen
Europas,  namentlich  in  Niederösterreich,  wächst,
aber  auch  in  besonderen  Baumschulen  zu  geraden ­
  Stämmchen  gezogen  wird.  Da  für  gewisse ­
  Zwecke,  wie  zu  Pfeifenrohren,  ganz
knotenfreie  Stücke  ohne  Schnittspuren  gewünscht ­
  werden,  umwickelt  man  in  den  großen
Anlagen  in  Deutschösterreich  (Baden  bei  Wien),
Ungarn  (Preßburg)  und  der  Türkei  die  Stellen,
an  denen  sich  Zweigknospen  bilden  wollen,
sorgfältig  mit  Tuch.  Das  Holz,  das  von  seinem
Vorkommen  bei  St.  Lucie  in  den  Vogesen  auch
als  Luzienholz  bezeichnet  wird,  zeigt  eine
schön  braune,  hell  punktierte  und  schwach  quergestreifte ­
  Rinde,  die  beim  Einölen  einen  dauernden ­
  Glanz  annimmt,  und  einen  rötlichen,  nach
dem  Trocknen  gelben  Kern.  Der  angenehme
Geruch,  der  am  schönsten  bei  dem  Badener,
hingegen  fast  gar  nicht  bei  dem  türkischen  und
ungarischen  W.  auftritt  und  beim  Trocknen
schwächer  wird,  beruht  auf  einem  Gehalte  an
Kumarin.  Die  jungen  Stämmchen  werden  nach
vorsichtigem  Trocknen  mit  Allcali  gebeizt,  mit
Schachtelhalm  abgerieben,  gerade  gebogen  und
schwach  geölt  und  liefern  eine  gesuchte  Ware
für  Pfeifenrohre,  Zigarrenspitzen  und  Spazierstöcke. ­
  Nachahmungen  werden  aus  gewöhnlichem ­
  Kirschbaumholz  durch  Parfümierung  mit
Kumarin  hergestellt.
Weiden  (Korbweiden,  frz.  Säule,  engl.Willow;.
  Die  zahlreichen  Bäume  und  Sträucher  der
Gattung  Salix  gehören  zu  den  wichtigsten
Holzarten  des  Forstbetriebes  und  werden  ^.uch
vielfach  von  Landwirten  und  Gärtnern  gezogen.
Der  Anbau  ist  sehr  einträglich  und  der  Verbrauch ­
  in  beständiger  Zunahme  begriffen.  Als
verbreitetste  Arten,  die  sowohl'  in  Europa  als
auch  in  Asien  fortkommen,  sind  zu  nennen:
1.  die  Korbweide,  Salix  viminalis  L.,  meist
an  Ufern  angebaut,  der  Rohstoff  der  Korb-'
  Warenindustrie;  2.  die  Purpurweide,  S.  purpurea,
  gleichfalls  an  Ufern  wachsend,  liefert
ein  gutes  Flechtwerk;  3.  Mandelweide,  S.
amygdalina,  wird  bis  zu  3  m  hoch  und  eignet
sich  daher  zur  Herstellung  von  Faßreifen.  —
Als  Zierpflanze,  namentlich  für  Friedhöfe,  benutzt ­
  man  die  aus  dem  Orient  stammende
Trauerweide,  S.  babylonica  L.  —■  Außer  zu
den  genannten  Zwecken  dient  das  Weidenholz
noch  zu  Bundstöcken  für  Böttcher,  zu
Schnitznutzholz,  Faschinen  und  als  Brennstoff, ­
  das  Laub  als  Futtermittel,  die  Rinde  als
Gerbmittel  und  zur  Gewinnung  des  Salizins,  der
Bast  als  Bindemittel  für  Gärtner  und  die  Kohle
zur  Herstellung  von  Schießpulver.
Weidenrinde  (lat.  Cortex  salicis,  frz.  Ecorce
de  saule,  engl.  Willow  bark).  Die  Rinde  verschiedener ­
  Weidenarten  enthält  Gerbsäure
und  Salizin  (s.  d.)  und  bildet  daher  teils  ganz,
teils  fein  geschnitten,  als  Gerbmittel  wie  auch
für  medizinische  Zwecke  eine  wichtige  Handelsware. ­
  Diejenigen  Rinden,  die  reich  an  Salizin
sind,  zeigen  auf  der  Innenfläche  eine  goldgelbe
bis  bräunlichrote  Farbe,  die  durch  Befeuchten
mit  konzentrierter  Schwefelsäure  in  Blutrot  übergeht, ­
  und  werden  namentlich,  wie  die  Rinden
von  Salix  helix,  S.  purpurea  und  S.  rubra,
        <pb n="482" />
        Weihrauch

476

Wein

zur  Bereitung  des  Salizins  verwandt.  Die  an
Salizin  armen  W.,  S.  fragilis,  S.  alba  und
pentandra,  haben  eine  gelblichweiße  Innenfläche ­
  und  werden  durch  Befeuchten  mit  konzentrierter ­
  Schwefelsäure  auf  der  Innenfläche
oder  auf  dem  Querschnitte  gar  nicht  oder  nur
in  kaum  merklichem  Grade  rot  gefärbt.  Die  W.
wird  in  Form  bandartiger,  zu  Bündeln  zusammengebundener ­
  Streifen  in  den  Handel  gebracht ­
  und,  ähnlich  der  Chinarinde,  auch  zu
Bädern  benutzt.  Während  des  Krieges  hat  man
im  Hinblick  auf  die  hohe,  etwa  60001  betragende ­
  deutsche  Erzeugung  versucht,  die  W.
bzw.  den  Bast  zur  Fasergewinnung  heranzuziehen, ­
  und  anscheinend  günstige  Erfolge  erzielt. ­
  Nach  einem  patentierten  Verfahren  der
Filzkorkwerke  in  Krasna  in  Mähren  wird  die
Rinde  zur  Entfernung  des  Tannins  mit  alkalischer ­
  Seifenlösung  unter  Druck  gekocht  und
darauf  zur  mechanischen  Absonderung  der
Faser  durch  ein  Walzensystem  geschickt.
Weihrauch  (lat.  Olibanum,  frz.  Oliban  ou  Encens,
  engl.  Gum  olibanum).  Dieses  aromatische
Gummiharz  stammt  von  verschiedenen  Bäumen ­
  oder  baumartigen  Sträuchern  aus  der  Familie ­
  der  Burserazeen,  besonders  von  Boswellia
  serrata,  B.  floribunda,  B.  papyrifera
  u.  a.  und  kommt  von  der  Somaliküste
über  das  Rote  Meer  und  Ägypten  oder  aus  Ostindien ­
  über  Bombay  in  den  Handel.  Ostindien
selbst  erzeugt  jedoch  keinen  W.  Man  unterscheidet, ­
  wie  in  allen  solchen  Fällen,  eine  Vorzugssorte ­
  in  einzelnen  Körnern  oder  Tränen,
und  eine  geringere,  dunklere,  mehr  verklebte
und  mit  fremden  Körpern  verunreinigte  zweite
Sorte.  Die  Körner  sind  durchscheinend,  weiß
bestäubt,  gelblich,  rötlich  oder  bräunlich  gefärbt
und  leicht  zerdrückbar  und  geben  beim  Kauen
und  Verreiben  mit  Wasser  eine  milchige  Flüssigkeit. ­
  Beim  Erhitzen  bläht  sich  der  W.  unter
Entwicklung  weißer,  scharf  balsamischer  Dämpfe
auf  und  verbrennt  mit  leuchtender,  rußender
Flamme.  Er  enthält  5—90/0  eines  aus  Pinen,
Dipenten  und  Phellandren  bestehenden
ätherischen  Öls,  ferner  62—690/0  Harz  mit  Boswelliasäure,
  26—280/0  Olibanoresen  und
Gummi.  Eine  Unterschiebung  von  sog.  wildem
W.  (Fichtenharz),  der  unter  dem  Namen  Waldweihrauch, ­
  Waldrauch  (Olibanum  silvestre)
namentlich  von  Tirol  und  Steiermark  aus  in  den
Handel  kommt,  erkennt  man  daran,  daß  die
Essigsäurelösung  mit  Schwefelsäure  rot  wird.
W.  dient  als  Zusatz  zu  Räuchermitteln,  namentlich ­
  für  kathoüsche  Kirchen,  und  als  Bestandteil ­
  von  Räucherkerzchen  und  Räucherpulvern,
sowie  zur  Bereitung  von  Pflastern  und  Salben
und  in  weingeistiger  Lösung  zu  Einreibungen.
Wein  ist  das  am  längsten  der  Menschheit  bekannte ­
  berauschende  Genußmittel,  welches  durch
alkoholische  Gärung  aus  dem  Safte  der  Weintraube ­
  dargestellt  wird.  Der  Weinstock  oder
die  Weinrebe  (lat.  Vitis  vinifera,  frz.  Cep  ou
Vigne,  engl.  Vine)  wird  bereits  seit  den  ältesten ­
  Zeiten  angebaut,  so  daß  seine  eigentliche
Heimat  nicht  genau  bekannt  ist.  Während  man
sie  früher  in  den  Kaukasus  verlegte,  wird  neuerdings ­
  angenommen,  daß  alle  in  den  verschiedenen ­
  Ländern-  gezogenen  Sorten  von  einheimischen ­
  wüden  Reben  abstammen.  Sicher  ist  die

beste  rheinische  Sorte,  der  Riesling,  durch  Veredelung ­
  aus  einer  noch  jetzt  am  Oberrhein  vorkommenden ­
  wilden  Rebe  entstanden.  Manche
Reben  lassen  sich  selbst  auf  mäßige  Entfernungen ­
  nicht  verpflanzen,  während  andererseits  die
aus  Spanien  und  Südfrankreich  eingeführten
Gutedel  und  Muskateller  bei  uns  gut  fortkommen.
  Auch  ist  die  Verpflanzung  portugiesischer
Reben  nach  den  Kanarischen  und  Azorischen
Inseln  und  nach  dem  Kaplande  gelungen.  Die
in  Kalifornien  gezogene  Rebe  ist  hingegen  eine
veredelte  Spielart  der  dort  heimischen  Vitis
Labrusca.  —  Die  Fortpflanzung  der  Weinrebe
erfolgt  durch  Ableger  oder  Stecklinge,  die  Veredelung ­
  durch  Pfropfen  oder  Reisern.  Der  Weinstock ­
  gedeiht  nur  in  den  gemäßigten  Zonen,
nicht  unter  den  Tropen,  bedarf  jedoch  einer
mittleren  Jahrestemperatur  von  —{—  1  r  ,9 0  C,  idie
sich  aus  einem  Wintermittel  von-j-0,6  und  einem
Sommermittel  von-f-22,5  °C  zusammensetzt.  Da
das  sonst  müde  englische  Klima  diese  Bedingungen ­
  nicht  erfüllt,  ist  der  W.  dort  nur  eine
Glashauspflanze.  Für  die  Güte  des  erzielten
Traubensaftes  sind  neben  den  klimatischen  Verhältnissen, ­
  besonders  der  Regenverteilung,  vor
allem  die  Bodenbeschaffenheit  und  Bearbeitung,
sowie  die  Düngung  ausschlaggebend.  In  erster
Linie  ist  ein  gewisser  Gehalt  an  Phosphorsäure
und  Kalium  erforderlich,  die  nötigenfalls  in
Form  von  Stallmist  oder  künstlichem  Dünger
zugeführt  werden  müssen.  —  Von  den  zahlreichen ­
  Krankheiten  des  Weinstocks  können  hier
nur  kurz  die  folgenden  angeführt  werden:  Der
Mehltau,  durch  den  Pilz  Oidium  Tuckeri,
und  die  Blattfallkrankheit  (falscher  Mehltau), ­
  durch  den  Pilz  Peronospora  viticola
hervorgerufen;  der  schwarze  Brenner,  durch
den  Pilz  Gloeosporium  ampelophagum,
und  der  rote  Brenner,  durch  den  Pilz  Pseudopeziza
  trocheiphila  verursacht.  Als  Gegenmittel ­
  wendet  man  Bestäuben  mit  Schwefel
oder  Bespritzen  mit  Kupferkalkbrühe,  beim
schwarzen  Brenner  auch  Eisenvitriol  an:  Tierische ­
  Schädünge  sind  die  Reblaus,  Phylloxera
  vastatrix,  deren  Larve  die  Wurzelenden ­
  abnagt,  der  Sauerwurm,  die  Raupe
desSchmetterlingsTortrix  uvana,  und  der
Springwurm,  die  Raupe  von  Tortrix  Pelle ­
  ri  an  a.  Gegen  Reblaus  hilft  nur  Ausroden  der
Wurzeln  und  Desinfektion  des  Bodens  mit  Petroleum ­
  oder  Schwefelkohlenstoff.  —  Sobald
die  Beeren  im  Herbste  reif  sind,  mitunter  auch
erst,  wenn  sie  den  Zustand  der  Edelfäule  angenommen ­
  haben,  erfolgt  die  Weinlese  und  die
Gewinnung  des  Mostes,  die  für  Weiß-  und  Rotweine ­
  in  verschiedener  Weise  ausgeführt  wird.
Da  alle  Beeren,  auch  die  roten  und  blauen,  mit
Ausnahme  der  Färbertraube,  Tinto  oder  Pontak,
  einen  farblosen  Saft  enthalten,  so  erzielt
man  durch  einfaches  Auspressen  (Keltern)  auch
farblosen  Most  und  Weißwein.  Zur  Darstellung
von  Rotwein  muß  man  hingegen  die  zerdrückten ­
  blauen  und  röten  Beeren  erst  nach  beendeter ­
  Hauptgärung  auspressen,  weil  dann  der
Farbstoff  aus  den  Hülsen  gelöst  wird.  Der  unvergorene
  Most,  der  vielfach  direkt  genossen
wird,  enthält  ungefähr  70—8o»/o  Wasser,  16  bis
240/0  Zucker  (Glykose  und  Fruktose),  0,9—1  °l°
Säure  (Weinsäure  und  Äpfelsäure),  0,2—0,5  °/°
        <pb n="483" />
        Wein

477

Wein

Stickstoffsubstanz  und  0,3—0,40/0  Asche,  doch
kommen  zahlreiche  Abweichungen  nach  oben
und  unten  vor.  Im  allgemeinen  nimmt  der
Zuckergehalt  mit  fortschreitender  Reifung  zu,
der  Säuregehalt  hingegen  ab.  Im  Verlaufe  der
Gärung,  welche  durch  die  an  den  Trauben  befindlichen ­
  Hefen  (Saccharomyces  ellipsoideus,
apiculatus,  exiguus)  von  selbst  herbeigeführt
oder  durch  Zusatz  von  Reinkulturen  eingeleitet
wird,  tritt  durch  Umwandlung  des  Zuckers  in
Alkohol  und  Kohlensäure  ein  lebhaftes  Aufschäumen ­
  und  Brausen  ein.  Der  Most  verliert
nach  einigen  Tagen  teilweise  seinen  süßen  Geschmack ­
  und  bildet  dann  den  Sauser,  Suser
oder  Brausemost,  der  an  den  Erzeugungsorten ­
  gern  getrunken  wird.  Nach  vollendeter
Hauptgärung,  die  etwa  8—10  Tage  andauert,
ist  der  Zucker  nahezu  völlig  in  Alkohol  und
Kohlensäure  zerfallen,  von  denen  die  letztere
entweicht,  während  in  dem  Weine  noch  geringe
Mengen  anderer  Gärungsprodukte,  wie  Glyzerin, ­
  Bernsteinsäure,  Essigsäure  und  Weinfuselöle ­
  Zurückbleiben.  Ein  Teil  der  Eiweiß-  und
Pektinstoffe  geht  in  unlösliche  Form  über.  Der
Wein  wird  jetzt  in  große,  festverspundete  Lagerfässer ­
  abgezogen  (abgestochen)  und  macht  in
kühlen  Kellern  eine  langsame  Nachgärung
durch,  in  deren  Verlaufe  sich  ein  zweiter,  aus
Hefe  und  Weinstein  bestehender  Bodensatz,  das
Weingeläger,  abscheidet.  Zur  völligen  Klärung ­
  ist  mehrfaches  Abziehen  auf  geschwefelte
Fässer  unter  Ersatz  der  verdunsteten  Flüssigkeitsmenge ­
  erforderlich.  Das  Weingeläger  wird
vielfach  unter  Vergärung  mit  Zuckerwasser  zur
Herstellung  von  Hefenwein  benutzt,  der  aber
nur  als  Haustrunk  benutzt,  nicht  in  den  Handel
gebracht  werden  darf.  Besser  ist  es,  das  Geläger ­
  zur  Branntweindestillation  und  den  Rückstand ­
  hiervon  zur  Herstellung  von  Weinsäure
zu  verwenden.  Das  gleiche  gilt  für  die  Verwertung ­
  der  Trester,  aus  denen  durch  Vergären
mit  Zuckerwasser  nach  dem  Verfahren  des  sog.
Petiotisierens  Tresterweine  hergestellt  werden. ­
  Auch  die  gewerbsmäßige  Herstellung
dieser  zum  Verkauf  ist  verboten.  Der  völlig  vergorene ­
  W.  macht  nun  auf  den  Lagerfässern  eine
Reifung  durch.  Indem  er  mehrfach  mit  Luft
in  Berührung  gebracht  wird,  baut  er  sich  aus
und  bildet  sein  Bukett,  seine  Blume.  Den
Schluß  bildet  die  kellermäßige  Behandlung, ­
  vor  allem,  das  zur  völligen  Klärung  erforderliche ­
  Filtrieren  und  Schönen  mit  gewissen ­
  Mitteln,  welche  die  trübenden  Stoffe  teils
chemisch  ausfällen,  teils  mechanisch  zu  Boden
reißen.  Als  erlaubte  Schönungsmittel  gelten
Wels-,  Stör-  oder  Hausenblase,  Gelatine,  Tannin
bis  zur  Höchstgrenze  von  100  g  auf  tooo'l,  Eiweiß, ­
  Käsestoff  (Kasein),  Milch,  spanische  Klärerde ­
  und  mechanisch  wirkende  Filterdichtungsmasse ­
  (Asbest,  Zellulose  u.  dgl.).  Das  Muster
eines  unzulässigen  Schönungsmittels  ist  die
Schnellklärung  Blitz  von  Jungnickel  in
Hamburg,  die  aus  zwei  getrennten  Lösungen
von  Zinkvitriol  (!)  und  Blutlaugensalz  besteht.
—  Zur  Konservierung  wird  der  W.  schließlich
bisweilen  pasteurisiert,  zur  Beschleunigung
der  Reifung  elektrisiert  und  zur  Fernhaltung
oder  Beseitigung  gewisser  Krankheiten  ganz
allgemein  geschwefelt.  Alsdann  gelangt  er  auf

die  Flaschen.  Die  letzteren  müssen  sorgfältig
(aber  nicht  mit  Schrot)  gereinigt  und  wieder
ganz  ausgetrocknet  sein.  Sie  sind  bis  etwa  2  cm
unter  den  Kork  zu  füllen  und  mit  neuen,  vorher ­
  in  heißem  Wasser  abgebrühten  Korken  zu
schließen.  Die  Korke  werden  glatt  über  dem
Flaschenrand  abgeschnitten  und  mit  Siegellack
oder  einer  Zinnkapsel  bedeckt.  —  Ungünstige
Witterungsverhältnisse  bringen  es  in  gewissen
Jahren  mit  sich,  daß  die  Trauben  und  der  aus
ihnen  gepreßte  Most  zu  viel  Säure  und  zu
wenig  Zucker  enthalten,  um  direkt  zu  genußfähigen
  Weinen  vergoren  werden  zu  können.
In  solchen  Fällen  bedient  man  sich  verschiedener ­
  Verfahren  der  Weinverbesserung,  die
allerdings  vielfach  zugleich  auf  eine  Vermehrung ­
  hinauslaufen.  Bei  dem  sog.  Chaptalisieren,
  das  nach  dem  deutschen  Weingesetz
gestattet  ist,  wird  ein  Teil  der  Säure  mit  reinem
Kalziumkarbonat  abgestumpft.  Das  ebenfalls
erlaubte  Gallisieren  besteht  darin,  daß  man
den  Säuregehalt  zu  saurer  Moste  durch  Zusatz
von  Wasser  auf  das  zweckmäßige  Maß  von
etwa  0,60/0  erniedrigt,  darauf  Rohrzucker  hinzusetzt ­
  und  nun  die  Gärung  einleitet.  Durch
die  Bestimmung  des  Weingesetzes,  daß  das
Gallisieren  nur  erfolgen  darf,  „um  einem  natürlichen ­
  Mangel  an  Zucker  bzw.  Alkohol  oder
einem  Übermaß  an  Säure  insoweit  abzuhelfen,
als  es  der  Beschaffenheit  des  aus  Trauben
gleicher  Art  und  Herkunft  in  guten  Jahrgängen
ohne  Zusatz  gewonnenen  Erzeugnisses  entspricht“, ­
  wird  übermäßige  Streckung  verhindert. ­
  Dem  gleichen  Zwecke  dient  die  Vorschrift
in  §  3,  daß  der  Zusatz  an  Zuckerwasser  nicht
mehr  als  Vs  4er  gesamten  Flüssigkeit  betragen
und  nur  zu  gewissen  Zeiten  nach  vorheriger
Anmeldung  erfolgen  darf.  Nicht  zulässig  ist  der
Zusatz  von  Glyzerin  (das  sog.  Scheelisieren),
ferner  die  bereits  erwähnte  gewerbsmäßige
Herstellung  von  Tresterwein  (Petiotisieren)
und  Hefenwein  und  die  in  Frankreich  übliche
Mouillage  der  Rotweine  (Zusatz  von  Wasser
und  Alkohol).  Der  Zusatz  von  Alkohol  ist  nur
zur  Reinigung  der  Korke  und  Aufbewahrungsgefäße ­
  und  zum  Versand  in  Fässern  nach  tropischen ­
  Gegenden  in  Menge  von  höchstens
1  Vol.-o/o  gestattet,  doch  muß  der  Alkohol  aus
Wein  gewonnen  sein.  Das  Gipsen  ist  durch
die  Bestimmung  beschränkt,  daß  Rotwein  nicht
mehr  Schwefelsäure  enthalten  darf,  als  2  g
neutralem  Kaliumsulfat  in  1  1  entspricht.»  Verboten ­
  ist  ferner  durch  das  Weingesetz  vom
7.  April  1909  der  Zusatz  von  Alaun,  Bariumverbindungen, ­
  Salizylsäure,  unreinem  Stärkezucker, ­
  Farbstoffen  und  einer  Reihe  anderer
Verbindungen,  bez.  deren  auf  das  Gesetz  selbst
verwiesen  sei.  Als  Naturwein  darf  nur  ein
unverdünnter,  nicht  gallisierter  W.  bezeichnet
werden.  Die  Herstellung  von  Kunstwein  ist
überhaupt,  auch  unter  Kennzeichnung,  untersagt. ­
  —  Im  Handel  unterscheidet  man  der
Farbe  nach  weiße  und  rote  W.,  daneben  noch
hellrote  Schieler  und  rötliche  Bleichen.  Junger ­
  W.  heißt  grüner,  abgelagerter  Firnewein.
Die  feinsten  Wertstufen  einer  Sorte  werden  als
Auslese  oder  Kabinettweine  bezeichnet.  Die
gewöhnlichen  oder  völlig  vergorenen  W.,
zu  denen  die  Rhein-  und  Moselweine,  ferner
        <pb n="484" />
        Weinähnliche  Getränke

478

Weinsäure

die  meisten  österreichischen  und  ungarischen
Landweine  gehören,  enthalten  meist  weniger
als  0,1  °/o  Zucker.  Zuckerarm  nennt  man  W,
mit  weniger,  zuckerreich  solchen  mit  mehr
als  0,50/0  Zucker.  Süßweine,  deren  Herstellung ­
  unter  „Tokaier"  näher  beschrieben  ist,  besitzen ­
  deutlich  süßen  Geschmack,  Südweine
(s.  Xeres,  Portwein  usvv.)  gleichzeitig  hohen
Alkoholgehalt.  Ausbruch-  oder  Sektweine
werden  aus  geschrumpften,  edelfaulen  Beeren
hergestellt.  (S.  Tokaier.)  Schaumweine  (s.d.)
sind  reich  an  Kohlensäure.  —  Die  deutschen
VV.  umfassen  die  Rheinweine,  völlig  vergorene, ­
  bukettreiche  Weißweine,  als  deren
edelste  Sorten  Johannisberger,  Steinberger,  Rüdesheimer
  u.  a.  gelten.  Unter  den  Frankenweinen ­
  nimmt  der  Würzburger  Steinwein,
unter  den  Pfälzer-  und  Haardtweinen  die
Wormser  Liebfrauenmilch  den  ersten  Rang  ein.
Die  Moselweine,  sehr  beliebte  leichtere  und
säuerliche  Weine,  umfassen  von  bekannteren
Sorten  den  Brauneberger,  Zeltinger  und  Pisporter.
  Geringere  Bedeutung  haben  die  Nahe-,
Ahr-  und  Neckar  weine,  die  Elsässer  und  die
norddeutschen  W.  Zu  den  meist  völlig  vergorenen ­
  österreichischen  W.gehören  die  vorzüglichen ­
  niederösterreichischen  Sorten,  weißer
Klosterneuburger,  Mödlinger  und  roter  Vöslauer, ­
  ferner  mährische,  böhmische  und  tiroler
W.  Ungarn  ist  berühmt  wegen  seiner  süßen
W.  (s.  Tokaier).  Frankreich  liefert  die  vortrefflichen ­
  roten  und  weißen  Bordeauxweine,
rote  und  weiße  Burgunder  und  Muskateller.
Die  spanischen  und  portugiesischen  Dessertweine ­
  :  Xeres,  Malaga,  Portwein,  Madeira
sind  unter  ihrem  eigenen  Namen  besprochen.
Aus  Italien  und  Griechenland  werden  hauptsächlich ­
  süße  W.;  Lacrymae  Christi,  Marsala,
Samos  ausgeführt.  In  neuerer  Zeit  scheinen
auch  W.  aus  dem  Kaplande,  Kalifornien  und
Australien  Bedeutung  zu  erlangen.  Das  Hauptweinland ­
  ist  Frankreich,  das  im  Jahre  durchschnittlich ­
  50  Millionen  Hektoliter,  und  zwar
40  hl  auf  den  Hektar,  erzeugt.  Demgegenüber
stellt  sich  der  Ertrag  in  Deutschland  nur  auf
2—2 1 / 2  Millionen  Hektoliter,  das  sind  13,6  hl  für
den  Hektar.  Von  der  stark  ansteigenden  Weineinfuhr, ­
  die  im  Jahre  1912  auf  i 1 / 2  Millionen
Hektoliter  geschätzt  wurde,  entfiel  früher  die
Hauptmenge  auf  Frankreich,  während  seit  1911
Spanien  an  die  erste  Stelle;  getreten  ist.
Weinähnliche  Getränke  im  Sinne  von  §  10  des
Weingesetzes  vom  7.  April  1909  nennt  man  alle
alkoholischen  Getränke,  die,  ohne  Wein  Vortäuschen ­
  zu  sollen,  einen  Ersatz  für  Wein
bieten  und  aus  Fruchtsäften,  Pflanzensäften  oder
Malzauszügen  hergestellt  worden  sind.  Zu  ihnen
gehören  also  in  erster  Linie  die  Obst-  und
Beerenweine  (s.  d.),  die  Malzweine  (s.Maltonweine) ­
  und  Rhabarberwein,  hingegen
nicht  Reiswein,  alkoholfreie  Getränke  und  alkoholreiche ­
  Ersatzmittel  für  Branntwein.  Aus
Traubensaft  oder  Rosinenauszügen  dürfen  W.
nicht  hergestellt  werden.  Verboten  ist  die  Verwendung ­
  der  in  §  10  aufgeführten  Stoffe,  wie
Alaun,  Konservierungsmittel,  unreiner  Stärkezucker, ­
  Farbstoffe  usw.,  bezüglich  deren  man
das  Gesetz  selbst  einsehen  möge.  Die  Bezeichnung ­
  darf  das  Wort  Wein  nur  dann  enthalten, ­

  wenn  gleichzeitig  der  Ausgangsstoff  angegeben ­
  wird,  z.  B.  Apfelwein,  nicht  aber  Gelbwein. ­

Weinbeeröl  (Kognaköi,  Önanthäther,  lat.
Aether  oenanthicus,  Oleum  vitis  viniferae,  frz.
Ether  oenanthique,  engl.  Oenanthic  ether)  wird
aus  abgepreßter  Weinhefe  (Drusen,  Geläger)
hergestellt,  indem  man  diese  mit  Wasser  zu
einem  Brei  anrührt  und  der  Destillation  im
Wasserdampfstrome  unterwirft.  Das  übergegangene ­
  Öl  wird  nochmals  rektifiziert  und  bildet
nun  eine  farblose  oder  gelbliche,  bisweilen
durch  Kupfergehalt  auch  grüne  Flüssigkeit  von
starkem  und  betäubendem  Weingeruch.  Es  verleiht ­
  Spiritus  in  stärkster  Verdünnung  den  Geruch ­
  und  Geschmack  des  Kognaks,  zu  dessen
Nachmachung  es  Verwendung  findet.  Da  aus
5000  kg  Weinhefe  nur  2—3  kg  W.  erhalten  werden, ­
  ist  es  sehr  teuer  und  wird  bisweilen  durch
sog.  künstliches  W.  ersetzt.  Der  gebräuchlichste ­
  Rohstoff  zur  Darstellung  des  letzteren
ist  das  Kokosfett,  das  nach  dem  Verseifen  beim
Destillieren  mit  Schwefelsäure  und  Alkohol  eine
nach  W.  riechende  Flüssigkeit  liefert.  Außerdem ­
  wird  der  durch  Oxydation  von  Rautenöl
dargestellte  Pelargonsäureäth  y  lester  als
Kognakessenz  benutzt.
Weinhaltige  Getränke  sind  solche  Getränke,
die  Wein  enthalten,  ohne  Unterschied,  ob  diese
Tatsache  in  der  Benennung  hervorgehoben  wird
oder  nicht,  also  z.  B.  aromatisierte  oder  Gewürzweine, ­
  Maitrank,  Wermutwein,
Punschessenzen,  Arzneiweine  usw.  Die  zu
ihrer  Herstellung  benutzten  Weine  müssen  den
Vorschriften  des  Weingesetzes  entsprechen,
auch  dürfen  sie,  wenn  ihre  Bezeichnung  die
Verwendung  von  Wein  andeutet,  die  im  §  10
verbotenen  Stoffe  nicht  enthalten.  Die  übrigen
Anforderungen  sind  in  besonderen  Aufsätzen
besprochen.
Weinsäure  (Weinsteinsäure,Razemsäure,
Tartersäure,  lat.  Acidum  tartaricum,  frz.
Acide  tartrique,  engl.  Tartaric  Acid).  Obgleich
diese  organische  Säure  zu  den  verbreitetsten
Säuren  des  Pflanzenreichs  gehört  und  sich
in  vielen  Früchten  und  Blättern  teils  frei,  teils
an  Kalk  oder  Kali  gebunden  vorfindet,  so  wird
sie  doch  nur  aus  dem  Weinstein  im  großen  abgeschieden, ­
  da  man  sie  aus  diesem  nicht  allein
in  größter  Ausbeute,  sondern  wegen  der  Abwesenheit ­
  anderer  organischer  Säuren  auch  am
leichtesten  rein  erhält.  Zu  ihrer  Gewinnung  erhitzt ­
  man  den  Weinstein  mit  Wasser,  neutralisiert ­
  mit  Kreide,  fügt  Chlorkalzium  hinzu  und
zersetzt  den  abfiltrierten  weinsauren  Kalk  durch
eine  genau  hinreichende  Menge  Schwefelsäure.
Die  Lösung  der  freigewordenen  W.  wird  von
dem  gleichzeitig  entstandenen  Gips  getrennt,
zur  Kristallisation  verdampft  und  durch  mehrmaliges ­
  Umkristallisieren  gereinigt.  Je  nachdem
größeren  oder  geringeren  Grade  der  Reinigung
unterscheidet  man  im  Handel  roheW.  für  technischen ­
  Gebrauch  und  reine  W.  (lat.  Acidum
tartaricum  purum)  für  inneren  Gebrauch,  namentlich, ­
  für  medizinische  Zwecke.  Letztere  Sorte
muß  frei  von  der  der  Rohware  häufig  noch  anhängenden ­
  Schwefelsäure  und  von  Blei  sein,
das  von  den  Eindampf-  und  Kristallisationspfannen ­
  stammt.  Reine  W„  C 3 H2(OH) 2 (COOH)2.
        <pb n="485" />
        Weinstein

479

Weizen

bildet  große,  harte,  geruch-  und  farblose,  durchscheinende ­
  Kristalle  des  monoklinen  Systems.
Sie  schmeckt  sehr  stark,  aber  angenehm  sauer
und  löst  sich  leicht  in  Wasser  und  Alkohol,  hingegen ­
  nicht  in  Äther.  An  'der  Luft  müssen  die
Kristalle  trocken  bleiben,  nur  schwefelsäurehaltige ­
  werden  leicht  feucht.  Die  gewöhnlich
im  Handel  vorkommende  W.  wird  auch  als
Rechtsweinsäure  (Dextrorazemsäure)  bezeichnet, ­
  weil  sie  die  Ebene  des  polarisierten
Lichtet  nach  rechts  ablenkt,  im  Gegensatz  zu
der  im  Handel  nicht  vorkommenden  Linksweinsäure ­
  (Lävorazemsäure).  —  Beide  zusammen ­
  aus  konzentrierter  Lösung  auskristallisiert, ­
  geben  Traubensäure  (lat.  Acidum  uvicum,
  frz.  Acide  paratartrique,  engl.  Paratartaric
Acid),  die  in  manchen  italienischen  Weinsteinsorten ­
  fertig  gebildet  vorkommt  und  sich  auch
durch  geeignete  Behandlung  wieder  in  die
Rechts-  und  Linksweinsäure  spalten  läßt.  —  Die
W.  gibt  mit  den  Basen  zwei  Reihen  von  Salzen,
neutrale  (Tartrate)  und  saure  (Bitartrate),  von
denen  das  neutrale  weinsaure  Kali,  das  saure
weinsaure  Kali  (s.  Weinstein),  das  weinsaure
Antimonoxydkali  (s.  Brechweinstein),  das  weinsaure ­
  Kaliammoniak,  das  wein-borsaure  Natronkali ­
  (s.  Boraxweinstein)  und  das  weinsaure  Natronkali ­
  (Seignettesalz)  die  größte  Bedeutung
haben.  W.  wird  zur  Herstellung  von  Limonaden
und  Brausepulver,  ferner  in  der  Photographie,
Färberei  und  Kattundruckerei  benutzt.  Von  den
während  des  Krieges  als  Ersatz  für  W.  angebotenen ­
  Mitteln  zur  Herstellung  von  Brauselimonaden ­
  hat  sich  nur  die  Milchsäure,  nicht
aber  die  Phosphorsäure  bewährt.
Weinstein  (lat.  Tartarus,  frz.  Tartre,  engl.
Tartar,  Argal),  ein  Bestandteil  des  Traubensaftes, ­
  scheidet  sich  teils  schon  während  der
Gärung,  teils  erst  beim  Lagern  des  fertigen
Weines,  wegen  seiner  Schwerlöslichkeit  in  alkoholhaltigen ­
  Flüssigkeiten,  als  harte,  kristallinische ­
  Kruste  an  den  Wandungen  der  Lagergefäße ­
  ab.  Auch  in  den  beim  Keltern  zurückbleibenden ­
  Weintrestern  ist  noch  eine  ziemlich
beträchtliche  Menge  von  W.  enthalten,  aus
denen  er  ebenfalls  gewonnen  werden  kann.  Den
meisten  W.  liefern  die  säure-  und  zugleich
alkoholreichen,  kräftigen  Weine  aus  gut  gezeitigten ­
  Trauben,  aus  denen  man  im  Durchschnitt ­
  während  längerer  Lagerung  0,75  kg  Wfür
  1  hl  erhält.  Um  den  W.  aus  den  Fässern
herauszubekommen,  läßt  man  die  letzteren  austrocknen ­
  oder  brennt  auch  wohl  auf  einer  im
Innern  angebrachten  Unterlage  ein  leichtes,
nicht  sehr  rauchendes  Feuer  mittels  Stroh  oder
Hobelspänen  an.  Durch  dieses  auf  die  eine
oder  andere  Weise  bewirkte  Austrocknen  wird
der  Zusammenhang  zwischen  der  Faß  wand  und
der  Weinsteinkruste  gelockert,  so  daß  man
letztere  durch  Klopfen  mittels  eines  langstieligen ­
  Hammers  loslösen  kann.  Der  so  erhaltene
rohe  W.  (lat.  Tartarus  crudus)  bildet  harte
kristallinische,  mit  kleineren  Brocken  vermengte
Stücke  von  je  nach  der  Farbe  des  Weines  entweder ­
  bräunlichroter  bis  rötlichweißer  oder
gelblicher  bis  'grauer  Farbe  und  heißt  im
ersteren  Falle  roter  W.  —  Dieser  hauptsächlich ­
  aus  Italien,  Österreich-Ungarn,  Spanien,
Frankreich  und  dem  südwestlichen  Deutschland

bezogene  rohe  W.  besteht  aus  saurem  weinsauren ­
  Kali  (doppelt  weinsaurem  Kali,
Kaliumbitartarat,  lat.  Kalium  bitartaricum),
C 4 H 6 KC) 6 ,  und  enthält  daneben  fast  immer
schwankende  Mengen  von  weinsaurem  Kalk
(Kalziumtartrat),  Magnesia,  Eisenoxyd,  Zucker,
Farbstoff  und  Zellsubstanz  in  Form  von  Hefe.
Manche  Sorten  enthalten  auch  Traubensäure. (
Der  Gehalt  an  weinsaurem  Kalk  kann  bis  zu
45  0/0  steigen,  beträgt  aber  meist  nur  9  und  150/9.
Der  rohe  W.  kommt  auch  gemahlen  in  den
Handel  und  wird  in  der  Färberei,  jedoch  nur
bei  dunklen  Farben,  als  Beize  verwendet.  Für
hellere  Farben  benutzt  man  den  gereinigten  W.,
der  in  besonderen  Fabriken  als  halb-  und
ganzraffinierter  W.  hergestellt  wird.  Letzterer ­
  kommt  teils  in  harten,  weißen  Kristallkrusten ­
  unter  dem  Namen  Crystalli  tartari,
teils  gemahlen  oder  in  Form  eines  sehr  feinen,
weißen  kristallinischen  Pulvers,  Weinsteinrahm ­
  oder  Kremor  tartari,  in  den  Handel.
Der  Name  rührt  daher,  daß  man  früher  die
Schicht  kleiner  Kristalle,  die  sich  in  den  Kristallisierbottichen ­
  an  der  Oberfläche  der  Lauge
bildet,  ähnlich  wie  Rahm  von  der  Milch,  ab-■
  schöpfte  und  als  besondere  Ware  verkaufte.
Für  medizinische  Zwecke  wird  dieser  Kremor
tartari  noch  weiter  gereinigt,  indem  man  ihm
die  letzten  Spuren  von  weinsaurem  Kalk  entzieht. ­
  Der  so  erhaltene  Tartarus  depuratus
(frz,  Tartrate  acide  de  potassium,  Creme  de
tartre  ddpuree,  engl.  Acid  Potassium  Tartrate,
Purified  Cream  of  Tartar)  ist  ganz  weiß  und
geruchlos,  schmeckt  schwach  sauer,  löst  sich
nur  wenig  und  schwer  in  kaltem  Wasser,  leichter ­
  in  heißem  Wasser,  hingegen  gar  nicht  in
Alkohol.  Man  benutzt  ihn  auch  zur  Darstellung
anderer  weinsaurer  Salze  und  Doppelsalze,
ferner  als  niederschlagendes  Pulver,  als  Bestandteil ­
  der  hefefreien  Backpulver  usw.  Der
rohe  W.  wird  außer  in  der  Färberei  auch  noch
zur  Darstellung  von  Weinsäure  und  von  Brechweinstein ­
  in  großen  Massen  verarbeitet.  —  Als
Weinsteinersatz  für  Färbereizwecke  wird
vielfach  das  Kaliumbisulfat  bezeichnet.
Weißbuchenholz  (Hainbuchenholz,  Hornbaumholz), ­
  das  Holz  vonCarpinus  betulus,
eines  in  feuchten  Wäldern  der  Ebene  wachsenden ­
  Laubholzbaumes,  ist  weiß,  sehr  zähe
und  hart,  kurzfaserig,  schwer  und  dicht  und
hat  sehr  enge,  wenig  zahlreiche  Gefäße  sowie
sehr  feine,  oft  gruppenweise  zusammenstehende
Markstrahlen.  Der  Stamm  wächst  häufig  etwas
gedreht,  weshalb  das  Holz  in  diesem  Falle
schiefspaltig  ist.  Die  Spiegel  sind  von  wenig
dunklerer  Farbe  als  die  übrige  Holzmasse,  verhältnismäßig ­
  dick  und  nicht  gerade,  sondern
wellenartig  gekrümmt,  so  daß  sie  auf  einem
nach  den  Jahresringen  geführten  Schnitt  als
schmale,  nicht  sehr  auffallend  sichtbare  Flammen ­
  erscheinen.  Das  W.  eignet  sich  sehr  gut
beim  Maschinenbau  zu  Rollen  und  Kämmen,
Werkzeugheften  und  Hobelgestellen.  Als  Bauholz ­
  für  den  Hochbau  ist  es  weniger  gut  zu
verwenden,  dagegen  ganz  ausgezeichnet  für
Wasserbauten.  Auch  wird  es  bisweilen  zu
Tischlerarbeiten  benutzt.
Weizen  (lat.  Triticum,  frz.  Froment,  engl.
Wheat)  bildet  die  Hauptbrotfrucht  der  west ­
        <pb n="486" />
        Weizen

480

Wermutwein

europäischen  Länder  und  wird  in  allen  fünf
Erdteilen  angebaut.  Die  zahlreichen  Arten  lassen
sich  in  die  beiden  Hauptabteilungen,  nackter
W.  mit  zäher  Ährenspindel  und  bespelzter  W.
mit  brüchiger  Ährenspindel  einteilen.  Zu  der
ersteren  gehört  der  gewöhnliche  oder  gemeine ­
  W.  (Kolben-  und  Grannen-W.),  Triticum
  vulgare  muticum,  und  der  englische
W.  (Triticum  turgidum),  die  verbreitetsten
und  am  meisten  angebauten  Sorten,  ferner  der
Bart-,  Glas-,  Hart-  oder  Gerstenweizen,
Triticum  durum,  mit  harten,  glasigen  Körnern,
und  der  polnische  W.  (Gommer,  astrachanisches,
  sibirisches,  wallachisches  Korn,  ägyptischer, ­
  langkörniger,  Lothringer  W.),  Triticum
polonicum,  der  in  Deutschland  seltener,  fast
nur  zu  Suppen,  hingegen  häufiger  in  Osteuropa
verbraucht  wird  und  Körner  von  der  Länge  des
Roggens  besitzt.  Bespelzte  Sorten  sind  der
Spelz  oder  Dinkel  (Dünkel,  Dinkelkorn,  Korallen- ­
  oder  Krullweizen,  Quäl-  oder  Zweikorn),
Triticum  Spelta,  ferner  der  Emmer  (Ammer.
Amelkorn,  Gerstendinkel  oder  Sommerspelz),  T.
amylaceum,  •  und  das  Einkorn  (deutscher
Reis,'•  Peterskorn,  Schwalmweizen),  T.  monococcum.
  Die  bespelzten  W.  besitzen  nur  örtliche ­
  Bedeutung,  besonders  in  Süddeutschland,
der  unreife  Spelz  liefert  Grünkern  (s.  d.).  Der
W.  verlangt  ton-  und  humusreiche,  nicht  zu
kalkarme  Böden  und  wird  fast  nur  noch  nach
gut  gedüngten  Vorfrüchten  als  Sommer-  und,
hauptsächlich,  als  Winterfrucht  angebaut.  Die
Wachstumszeit  des  ersteren  umfaßt  140,  diejenige ­
  des  letzteren  300  Tage,  die  Temperatur
soll  —22 0  nicht  unterschreiten,  die,  mittlere
Wintertemperatur  3,75°,  die  mittlere  Sommertemperatur ­
  14 0  betragen.  Er  gedeiht  bis  zum
60.,  vereinzelt  sogar  bis  zum  64. 0  n.  Br.  In
Nordafrika  dringt  er  bis  zur  Wüste  vor  und
findet  sich  außerdem  im  Kapland,  Australien,
Chile  und  Paraguay.  Ausgeschlossen  ist  der
hohe  Norden  und  die  Tropenzone  der  Ebene.
In  den  Alpen  steigt  er  bis  zu  1400,  im  Himalaja
und  in  Mexiko  bis  2000  m  Meereshöhe.  Die
Saatzeit  liegt  zwischen  September  und  Weihnachten, ­
  je  nach  Klima  und  Witterung,  für
Sommer-W.  von  Anfang  April  an.  Mansätbreitwürfig
  und  in  Reihen,  too—260  kg  für  den
Hektar.  1  hl  wiegt  je  nach  der  Sorte  72—82  kg.
Die  Ernte  erfolgt  nach  dem  Roggenschnitt,  und
zwar  zur  Verhinderung  des  Ausfallens  im  Zustand ­
  der  Gelbreife,  in  dem  die  Körner  sich
noch  über  dem  Fingernagel  biegen  lassen,  im
Innern  aber  nicht  mehr  milchig  sind.  Man
erntet  vom  Hektar  10—16,  auch  24—32  hl  Körner, ­
  je  nach  der  Bodenart,  und  13—47  dz  Stroh.
—  Der  W.  enthält  nach  König  im  Durchschnitt
13,370/0  Wasser,  12,030/0  Stickstoffsubstanz,
1,85  0/0  Fett,  68,670/0  stickstofffreie  Extraktstoffe,
2,31  0/0  Rohfaser  und  1,770/0  Asche,  doch  ist  die
Zusammensetzung  nach  Art,  Boden  und  Klima
mannigfachen  Schwankungen  unterworfen.  Insbesondere ­
  scheint  der  W.  südlicher  Gegenden
reicher  an  Stickstoffsubstanzen  zu  sein,  und  der
kleberreichste,  südrussische  (Taganrok-)
W.  enthält  sogar  bis  zu  16,75  °/o  Protein:  Im
allgemeinen  übertrifft  der  Proteingehalt  des
Sommer-W.  denjenigen  des  Winter-W.  um  2«/o.
Außerdem  begünstigen  regenreiche  Sommer  und

reichliche  Stickstoffdüngung  den  Eiweißgehalt.
In  physikalischer  Hinsicht  erscheinen  die  proteinreichen ­
  Körner  härter  und  glasiger,  die
stärkereicheren  weicher  und  mehliger.  Die
Stickstoffsubstanzen  setzen  sich  aus  Pflanzenalbumin,
  Glutenkasein  und  Kleberprotein  zusammen. ­
  Die  stickstofffreien  Stoffe  bestehen
neben  geringen  Mengen  Zucker,  Gummi  und
Dextrin  nahezu  völlig  aus  Stärke,  das  Fett  enthält ­
  Phytosterin  und  Spuren  Lezithin.  —•  Der
W.  bildet  das  wichtigste  Brotgetreide  und  dient
außerdem  zur  Herstellung  von  Stärke  sowie, ­
  besonders  in  seinen  glasigen  Sorten,  von
Teigwaren.
Wermut  (bitterer  Beifuß,  Magenkraut,
lat.  Herba  absinthii,  frz.  Absinthe,  engl.  Wormwood),
  das  mit  den  blühenden  Spitzen  getrocknete ­
  Kraut  von  Artemisia  Absinthium  L.,
einer  in  Mittel-  und  Südeuropa,  Nordafrika  und
Mittelasien  auf  steinigen  Anhöhen  wachsenden,
wie  auch  in  Gärten  gezogenen  Komposite  mit
holzigem  Stengel  und  ausdauernder  Wurzel.
Die  Pflanze  wird  6—12  dm  hoch  und  besitzt
sehr  zerschlitzte,  graufilzige  Blätter  und  gelbe,
überhängende  Blütenköpfe.  Das  Kraut  hat,
frisch  wie  getrocknet,  einen  eigentümlichen,
stark  würzigen  Geruch  und  überaus  bitteren
Geschmack.  Es  enthält  einen  nicht  glykosidischen
  Bitterstoff,  das  Absinthiin,  verschiedene
Salze  und  ätherisches  Öl,  das  den  Geruch  der
Pflanze  hat  und  scharf  aromatisch,  aber  weniger
bitter  schmeckt.  Das  Kraut  wird  in  Thüringen,
am  Harz  und  in  Südfrankreich  angebaut  und
zum  medizinischen  Gebrauche  dem  Deutschen
Arzneibuche  gemäß  in  der  Blüte  gesammelt  und
getrocknet.  Es  wird  als  magenstärkendes  Mittel
in  Form  von  Aufgüssen,  zur  Herstellung  von
Extrakten,  Tinkturen  und  Bitterschnäpsen  angewandt. ­
  Auch  das  Öl,  das  durch  Destillation
des  frisch  getrockneten  Krautes  mit  Wasser
oder  direktem  Dampf  gewonnen  wird,  findet  zu
dem  gleichen  Zwecke,  hauptsächlich  aber  zur
Herstellung  des  Absinthlikörs,  Verwendung-—
  Wermutöl  (lat.  Oleum  absinthii,  frz.Essence
d’absinthe,  engl.  Oil  of  wormwood)  ist  ein
manchmal  etwas  dickflüssiges  öl  von  dunkelgrüner, ­
  blauer  oder  brauner  Farbe.  Es  gibt
deutsches,  französisches,  algerisches,  italienisches ­
  und  amerikanisches  Wermutöl,  doch  ist
der  Handel  damit  neuerdings  in  verschiedenen
Ländern,  wie  beispielsweise  in  Frankreich  und
der  Schweiz,  starken  Einschränkungen  unterworfen, ­
  veranlaßt  durch  das  Verbot  der  Absinthlikörherstellung. ­
  Der  wesentlichste  Bestandteil ­
  des  Öls  ist  Thujon,  C 10 H 16 O.  Nach
Husemann  schreibt  man  in  Frankreich  die
schädlichen  Folgen  des  Absinthgenusses  (s.  d.)
der  Anwesenheit  des  Öles  zu,  das  in  großen
Mengen  giftig  wirkt.
Wermutwein  (Bitterwein,  Vino  Vermoutb,
Vermouth  diTorino)  nennt  man  ein  besonders
in  Italien,  Frankreich,  Ungarn  und  Slawonien
hergestelltes  alkoholisches  Getränk,  das  im  Grunde
einen  mit  Wermut  aromatisierten  Naturwein  darstellt ­
  und  nach  verschiedenen,  seit  alten  Zeiten
überlieferten  Verfahren  bereitst  wird.  In  der
slawonischen  Landschaft  Syrmien  übergießt  man
ein  Gemisch  von  frischen  Trauben,  Wermutkraut,
Senfmehl  und  anderen  Gewürzen  so  lange  mit
        <pb n="487" />
        Westrumit

481

Wild

Most,  bis  er  klar  abfließt,  und  erhält  so  den
Tropfwermut,  wenn  er  aus  kondensiertem
Most  gewonnen  wurde,  auch  gekochter  oder
süßer  W.  genannt.  Der  übrige  ungarische  W.
wird  so  erzeugt,  daß  man  in  ein  Faß  abwechselnd
Lagen  reifer  blauer  Trauben  sowie  von  Wermut,
Zimt,  Nelken,  Pomeranzen-  und  Zitronenschalen
und  Senfmehl  einfüllt,  mit  Rotwein  vollgießt  und
sechs  Wochen  liegen  läßt.  Bisweilen  setzt  man
auch  Rosinen  und  Johannisbrot  hinzu  oder  hängt
einen  mit  sämtlichen  Zutaten  gefüllten  Beutel
in  den  Most  hinein.  Die  italienischen  Sorten
werden  meist  stark  gespritet  und  enthalten  dann
bis  zu  t6Vol.-°/o  Alkohol.  In  neuerer  Zeit  kamen
nun  unter  der  Bezeichnung  W.  zahlreiche  Erzeugnisse ­
  in  den  Plandel,  die  Wein  überhaupt  nicht
oder  doch  nur  in  verschwindenden  Mengen  enthielten, ­
  vielmehr  im  wesentlichen  aus  aromatisiertem ­
  und  verdünntem  Spiritus  bestanden.  Infolge ­
  der  sorgfältigen  Überwachung  werden  diese
Getränke  jetzt  nicht  mehr  als  W.,  sondern  nur
noch  als  Wermutlikör  vertrieben.  W.  ist  lediglich ­
  ein  aromatisierter,  allenfalls  gezuckerter  und
gespriteter  Naturwein.  Der  zugesetzte  Zucker
darf  in  der  gleichen  Menge  Wasser  aufgelöst
werden,  doch  muß  das  fertige  Getränk  mindestens ­
  70  0/0  Traubenwein  enthalten.  —  Unter  Verwendung ­
  von  Obstwein  hergestellte  Erzeugnisse
sind  als  „Obst  “  oder  „Beeren-W.“  deutlich  zu
kennzeichnen.
Westrumit,  ein  nach  seinem  Erfinder  van
Westrum  benanntes  Mittel  zur  Straßenbesprengung
  und  Staubbindung,  besteht  aus  einer  Emulsion ­
  etwa  gleicher  Teile  schwach  ammoniakalisehen
  Wassers  mit  Mineralölen.  Es  soll  mit
Sprengwagen  aufgetragen  werden  und  in  ähnlicher ­
  Weise  wie  in  Amerika  durch  die  Besprengung
  mit  Petroleum  einen  widerstandsfähigen,
staubfreien  Straßenbelag  bilden.  Im  Hinblick
auf  die  ziemlich  leichte  Entmischung  verstopft
W.  nach  einiger  Zeit  die  Öffnungen  des  Sprengwagens ­
  und  darf  deshalb  nicht  in  zu  großen
Mengen  eingefüllt  werden.  Von  zwei  zu  dem
gleichen  Zwecke  angebotenen  Flüssigkeiten  erwies ­
  sich  Antistoff  als  eine  durch  Kaliseife
vermittelte  Emulsion  von  Teerölen,  während
Standutin  ein  fein  verteiltes  Gemisch  von  Petroleumrückständen ­
  mit  Wasser  und  Kleber  oder
Mehlkleister  war.  Neuerdings  wird  zur  Staubbindung ­
  auch  die  Sulfitlauge  (s.d.)  herangezogen.
Whisky,  ein  in  England  sehr  beliebter  Trinkbranntwein,
  wird  in  der  Weise  hergestellt,  daß
man  Gerste  über  einem  Torffeuer  mälzt,  oder
Roggen  mit  Malz  maischt  und  die  vergorene
Maische  der  Destillatipp  unterwirft.  Das  „low
vines“  genannte  Destillat  wird  nochmals  destilliert ­
  und  liefert  einen  Vorlauf  „four  shots“,  darauf ­
  den  eigentlichen  Whisky  „clean  spirit“  und
einen  Nachlauf  „faints“.  Der  Vorlauf  und  Nachlauf ­
  werden  einer  neuen  Maische  wieder  zugesetzt. ­
  Zur  Entfernung  eines  in  jungem  Whisky
auftretenden  unangenehmen  Beigeschmacks  ist
ein  längeres  Lagern,  besonders  in  Sherryfässem,
üblich,  wobei  die  nichtflüchtigen  Säuren  abnehmen. ­
  Der  Alkoholgehalt  beträgt  46—62
Vol.-o/o.  Im  übrigen  sind  in  100  ccm  enthalten;
■0,0807  g  Extrakt,  0,072  g  Propylalkohol,  0,037  g
Butylalkohol,  0,0683  g  Amylalkohol,  0,0161  g
flüchtige  Sauren,  0,0107g  Kapronsäure,  0,002  g
Mercks  Warenlexikon,

Kaprylsäure,  0,1676  g  Ester,  0,0018  g  Furfurol,
0,0115  g  sonstige  Aldehyde.  Auf  alle  Fälle  ist
W,  ein  reiner  Kornbranntwein  und  darf  nicht
mit  Kartoffelsprit  vermischt  werden.
Wicken  (lat.  Vicia,  frz.  Vesce,  engl.  Vetch),  zur
Familie  der  Schmetterlingsblütler  gehörige
Pflanzen,  werden  in  mehreren  Arten,  besonders
als  Saatwicke  oder  gemeine  Futterwicke
(Heide-,  Feld-,  Korn-,  Roßwicke,  St.  Christophskraut), ­
  Vicia  sativa  L.,  und  platterbsenartige ­
  W.  (Küchen-W„  frühe  W.,  kleine  Frühlings-W.),
  V.  lathyroides  L.,  als  Grünfutter
und  zur  Gewinnung  von  Heu  und  Samen  im
großen  angebaut.  Für  den  Handel  kommt  jedoch ­
  nur  der  Samen  in  Betracht.  Die  W.  lohnt
und  verträgt  die  stärkste  Düngung  und  hat  deshalb ­
  auch  für  die  Fruchtfolge  hohen  Wert.  Der
Anbau  der  gemeinen  W.  ist  ziemlich  sicher,  der
Ertrag  groß.  1  hl  Samen  wiegt  76—84  kg,  von
denen  jedes  9000—30000  Körner  enthält.  Zur
Saat  braucht  man  1,5—4  hl  und  erntet  vom
Hektar  100—220  dz  Grünfutter,  20—45  dz  Heu,
10—18  dz  Körner,  12—26  dz  Stroh.  Das  Mehl
der  roten  Sommer-  und  der  kanadischen  W.
wird  bisweilen  mit  Weizenmehl  vermischt  und
so  in  Frankreich  als  Nahrungsmittel  benutzt.
Wild  (Wildbret,  Wildpret,  Wilpert)  umfaßt ­
  alle  zur  menschlichen  Nahrung  geeigneten
jagdbaren  Tiere,  besonders  Edel-  oder  Rot-,  Rehund
  Damwild,  Gemsen,  Renntiere,  Antilopen,
Gazellen,  Schwarzwild,  Wildschweine,  Hasen  und
Kaninchen,  Auer-,  Birk-,  Hasel-,  Schneehühner,
Fasanen,  Schnepfen,  Enten,  Rebhühner,  Bekassinen, ­
  Drosseln,  Wachteln  und  Krammetsvögel.
Das  W.  nimmt  mit  zunehmender  Kultur,  obsehoh
es  vielfach  gehegt  wird  und  in  den  meisten  Ländern ­
  Schonzeit  hat,  immer  mehr  ab  und  muß 1
daher  für  die  Großstädte  aus  immer  größeren
Entfernungen  bezogen  werden.  Selbst  Amerika
liefert  in  ziemlicher  Menge  W.  nach  Europa.
Hirsche,  Rehe,  Wildschweine  und  Fasanen  werden ­
  in  Deutschland  fast  nur  noch  aus  Wildparks
geliefert  und  hier  bei  großen  Jagden  zum  Verkauf ­
  geschossen,  während  kleines  W.  meist  von
Treibjagden  herrührt.  Der  Handel  mit  W.  unterliegt ­
  gewissen  gesetzlichen  Beschränkungen.  Insbesondere ­
  darf  W.  zur  Verhinderung  der  Wilddieberei ­
  während  der  Schonzeit  überhaupt  nicht
verkauft  werden,  selbst  wenn  es  aus  Gegenden
ohne  Schonzeit  kommt.  Nur  für  bestimmte  Abnehmer, ­
  nicht  aber  für  den  allgemeinen  Verkauf,
kann  eine  Ausnahme  von  dieser  Vorschrift  und
ein  Bezug  unter  Bescheinigung  des  Ursprungsortes ­
  nachgelassen  werden.  Die  Hauptzeit  für
Wildbret  erstreckt  sich  vom  September  bis  zum
Frühjahr.  Die  Versendung  geschieht  mit  der
Bahn,  am  besten  im  Winter  bei  Frostkälte.  Bei
Eintritt  milder  Witterung  muß  der  Absatz  rasch
erfolgen.  Die  Jahresausbeute,  soweit  sie  die
Feldjagden  betrifft,  ist  abhängig  von  der  Witterung. ­
  Es  gibt  gute  und  schlechte  Jahrgänge  für
Hasen,  Feldhühner  und  Schnepfen,  während
Hochwild  in  der  Regel  nach  bestimmtem  Satze
abgeschossen  wird.  Schwarzwild  gibt  es  noch
bis  zur  gebotenen  Vernichtung  im  Überfluß  in
Elsaß-Lothringen  und  den  angrenzenden  Gebieten
der  Ardennen;  Hochwild,  Auerwild  und  Fasanen
besonders  zahlreich  in  Böhmen,  in  Deutschland
I  hingegen  nur  in  den  sehr  waldreichen  Gegenden.
31
        <pb n="488" />
        Wintergrün

482

W  ismutverbindungen

Frankreich,  Italien  und  England  sind  wildarm,
Schweden,  Rußland  und  Österreich  ziemlich  wildreich. ­
  W.  wird  stückweise,  nur  Federwild  paarweise ­
  oder  zu  vier  und  mehr  Stück,  verkauft  und
meist  ohne  Verpackung  verschickt.  Es  muß,
nachdem  es  ausgenommen  worden  ist,  im  Balg
oder  abgehäutet,  Federwild  stets  im  Federkleid
an  der  Luft  aufbewahrt  werden.  Ausgelöste
Fleischstücke  von  Reh  und  Hirsch  lassen  sich
längere  Zeit  in  saurer  Milch  aufbewahren,  hingegen ­
  muß  zerschossenes  Federwild  und  Wassergeflügel ­
  rasch  verbraucht  werden.  In  Eisräumen
hält  sich  alles  W,  sehr  lange.
Wintergrün  (Immergrün,  lat.  Herba  vincae
pervincae,  frz.  Feuilles  de  pervenche,  engl.  Evergreen) ­
  ist  das  immergrüne  Kraut  von  Vmca
major  und  minor,  einer  zur  Familie  der  Apozynazeen ­
  gehörenden  Pflanze  mit  elliptischen,,
harten  und  glänzenden  Blättern,  die  an  der
Unterseite  heller  grün  sind  als  an  der  Oberseite.
Das  über  Mitteleuropa  und  Asien  verbreitete
Kraut  ,  wächst  ,  an  trockenen,,  schattigen  Standorten ­
  und  wird  als  Aufguß  zu  Gurgelwässern  angewandt. ­
  Die  aus  Amerika  eingeführte  Droge,
amerikanisches  Wintergrün,  ist  die  Stammpflanze ­
  des  Gaultheriaöls  (s.  d.).
.  Wismut(Asc  h  bl  ei,lat.  Bismutum,frz.  Bismuthe,
engl.Bisrriuth),  ein  dem  Arsen  und  Antimon  verwandtes, ­
  metallisches  Element  vom  Atomgewicht
Bi  =  208—209,  findet  sich  in  der  Natur  hauptsächlich ­
  gediegen,  seltener  in  Verbindung  mit
Schwefel  als  Wismutglanz,  mit  Tellur  als
Tetradymit  und  mit  Sauerstoff  als  Wismutocker. ­
  Meist  kommt  es  in  Gesellschaft  von  Kobalt-, ­
  Nickel-,  Blei-  und  Silbererzen  vor  und  enthält ­
  neben  den  Bestandteilen  der  letzteren  oft
auch  noch  kleine  Mengen  Arsen,  Eisen,  Zinn
und  Kupfer.  Bis  zum  Jahre  1876  kamen  seit  der
Erschöpfung  der  englischen  Lager  nur  die  sächsischen ­
  W.-Vorräte  in  Betracht.  Neuerdings  verarbeiten ­
  die  sächsischen  Blaufarbenwerke  in
Oberschlema  und  Pfannenstiel  hauptsächlich  kupferhaltige ­
  W.-Erze  aus  Australien  und  arsenfreie,
aber  Kupfer  und  Antimon  enthaltende  Erze  aus
Bolivia  und  Peru,  von  denen  die  letzteren  bis  zu
94%  W.  enthalten.  Die  Erze  werden  vor  der
Verhüttung  in  schräg  liegenden  Röhren  erhitzt,
um  das  sehr  leicht  schmelzbare  gediegene  W.
auszusaigern,  und  darauf  mit  Kohle,  Eisen  und
einem  Flußmittel  (Schlacke)  zusammengeschmolzen, ­
  wobei  das  Eisen  den  Schwefel  bindet  und
mit  den  übrigen  Verunreinigungen  in  die  Schlacke
geht.  Das  in  flüssigem  Zustande  abgelassene  sog.
technische  oder  Rohwismut  kann,  sobald  die
Summe  seiner  Verunreinigungen  nicht  mehr  als
5  °/o  beträgt,  für  die  meisten  Zwecke  benutzt  werden. ­
  Anderenfalls  unterwirft  man  es  einer  Reinigung, ­
  indem  man  das  gröblich  zerstoßene  Metall
mit  einem  Gemisch  von  Kali-  und  Natronsalpeter
oder  mit  Soda  und  Kaliumchromat  schmilzt  und
die  ausgegossene  Schmelze  zunächst  mechanisch
und  darauf  durch  Behandlung  mit  verdünnter
Salzsäure  von  der  Schlacke  befreit.  Um  aus
diesem  gereinigten  W.  (Bismutum  depuratum)
  das  reine  Metall  (B.  purum)  zu  gewinnen,
löst  man  in  Salpetersäure,  trägt  die  Lösung  in
Ammoniak  ein  und  reduziert  das  ausgefällte
Hydroxyd  durch  Kochen  mit  Traubenzucker  oder
durch  Glühen  mit  Kohle.  —  W.  ist  ein  rötlich--1

silberweißes,  großblättrig  kristallisierendes  Metall
vom  spez.  Gew.  9,900.  Es  schmilzt  bei  268°  und
verdampft  bei  Weißglühhitze  (etwa  1300 0 ).  Wegen
seiner  Brüchigkeit  und  Sprödigkeit  läßt  es  sich,
wie  das  ähnliche  Antimon,  im  Eisenmörser  pulverisieren. ­
  Bei  gewöhnlicher  Temperatur  verändert
es  sich  an  trbckner  Luft  nicht,  verbrennt  aber
beim  Erhitzen  zu  weißem  Oxyd.  An  feuchter
Luft  wird  es  blind  und  durch  Schwefelwasserstoff ­
  gebräunt.  Das  W.  löst  sich  nicht  in  Salzsäure, ­
  hingegen  leicht  in  Salpetersäure  und  in
heißer  konzentrierter  Schwefelsäure  unter  Entwicklung ­
  von  schwefliger  Säure.  —  Das  metallische ­
  Element  findet  hauptsächlich  in  Form  seiner
Legierungen,  die  meist  sehr  niedrige  Schmelzpunkte ­
  zeigen,  technische  Verwendung.  Eine
Legierung  von  50  Teilen  W.,  30  Teilen  Blei  und
20  Teilen  Zinn,  das  sog.  Rosesche  Metall,
schmilzt  bei  92  °,  nach  Zusatz  von  2  Teilen  Quecksilber ­
  sogar  schon  bei  55°.  Newtons  Metall
mit  8  Teilen  W.,  5  Teilen  Blei  und  3  Teilen  Zinn
schmilzt  bei  94,5°,  Woods  Metall  mit  15  Teilen
W.,  8  Teilen  Blei,  4  Teilen  Zinn  und  3  Teilen
Kadmium  bei  60°.  Derartige  Legierungen  dienen
zum  Abklatschen  (Klischees)  von  Holzschnitten
zu  Stereotypplatten,  Druckformen  für  Zeugdruck
und  zu  Münzabgüssen,  ferner  als  Schneilot  für
Klempner,  Zinngießer  und  Orgelbauer,  als  Metallkitt ­
  und  zur  Herstellung  von  Sicherheitsverschlüssen ­
  für  Dampfkessel.
Wismutverbindungen.  Die  Lösungen  der  W--Salze
  geben  mit  viel  Wasser  Niederschläge  von
basischen  Verbindungen,  die  zum  Unterschiede
von  den  entsprechenden  Antimonverbindungen
in  Weinsäure  unlöslich  sind.  —  Wismutchlorid,
BiClj,  entsteht  beim  Auflösen  von  Wismut  in
Königswasser  oder  beim  Überleiten  von  Chlor
über  erhitztes  Wismut  als  eine  weiße,  an  der
Luft  zerfließliche  Kristallmasse,  die  bei  220*
schmilzt  und  bei  447 0  siedet.  Aus  der  konzsalzsauren
  Lösung  wird  durch  Wasser  unlösliches
Wismutoxychlorid,  BiOCl,  gefällt,  das  als
weiße  Malerfarbe  Verwendung  findet.  —  Wismutnitrat, ­
  Bi(NO;j)3  (lat.  Bismutum  nitricum,
frz.  Nitrate  bismuthique,  engl.  Bismuth  Nitrate),
wird  durch  Auflösen  von  Wismut  in  heißer  konzentrierter ­
  Salpetersäure  und  Eindampfen  der  filtrierten ­
  Lösung  bis  zur  Kristallisation  dargestellt.
Es  bildet  farblose  Kristalle,  die  fünf  Mojeküle-Kristallwasser
  enthalten  und  bei  73  ®  schmelzen-Bei
  8o°  gehen  sie  in  das  basische  Salz  über  und
zersetzen  sich  bei  260°.  —  Durch  Einträgen  in
siedendes  Wasser  erhält  man  basisches  Wismutnitrat ­
  (lat.  Bismutum  subnitricum,  frz.  Sousazotate
  de  bismuthe,  engl.  Subnitrate  of  bismuth)
von  wechselnder  Zusammensetzung,  das  abfih
triert,  ausgewaschen  und  vorsichtig  bei  30 0  unter
Abschluß  von  Schwefelwasserstoff  getrocknet  wird.
Das  schneeweiße,  lockere,  kristallinische  Pulver
ist  völlig  geruchlos,  unlöslich  in  Wasser,  Alkohol ­
  und  Glyzerin,  hingegen  leicht  löslich  in  verdünnten ­
  Säuren.  Es  findet  ausgedehnte  medizinische ­
  Anwendung  als  Streupulver  bei  der  Wundbehandlung, ­
  zum  Einblasen  in  den  Kehlkopf  und
zum  Geruchlosmachen  jauchiger  Wunden,  sowie
innerlich  gegen  Dysenterie,  Darm-  und  Magenleiden. ­
  In  der  Technik  dient  es  unter  dem
Namen  Wismutweiß,  Perlweiß,  Spanischweiß
  und  Schminkweiß  als  SchminkmitteL
        <pb n="489" />
        Witherit

483

Wolle

gibt  auch  ein  gutes,  die  Farben  nicht  beeinträchtigendes ­
  Flußmittel  für  Porzellan-,  Glas-  und
Emailmalerei  und  wird  außerdem  zur  Erzeugung
von  Irisfarben  auf  Porzellan  benutzt.  —  Das  beim
Verbrennen  von  Wismut  oder  beim  Glühen  seiner
Verbindungen  erhaltene  gelbe  Wismutoxyd  findet ­
  an  Stelle  des  Bleioxyds  zur  Herstellung  optischer ­
  Gläser,  das  Karbonat,  Zitrat  und  Albuminat
  medizinische  Verwendung.  —  Das  basisch-gerbsaure
  Wismut,  Wismutsubgallat
  (lat.  Bismutum  subgallioum,  frz.  Gaüate  basique
  de  bismuthe,  engl.  Subgallate  of  bismuth)
hat  unter  dem  Namen  Dermatol  Bedeutung  als
Verbandmittel  erlangt.
Witherit,  neben  dem  Schwerspät  das  wichtigste ­
  Bariummineral,  erscheint  in  den  reinsten ­
  Arten  farblos  oder  weiß,  meist  jedoch  durch
Beimengungen  grau  oder  gelblich  und  bildet
kugelige,  trauben-  oder  nierenförmige  Klumpen,
seltener  größere,  deutliche  Kristalle  des  rhombischen ­
  Systems,  Der  W.  besteht  aus  Bariumkarbonat, ­
  BaC0 3 ,  mit  77,7%  Bariumoxyd  und
22,3  0/0  Kohlensäure  und  findet  sich  hauptsächlich
bei  Peggau  in  Steiermark,  Leogang  bei  Salzburg
und  Aiston  in  Cumberland.  Er  ist  der  geeignetste
Rohstoff  zur  Bereitung  von  Blanc  fixe  und  anderen ­
  Barytverbindungen  und  wird  im  fein  gemahlenen ­
  Zustande  auch  als  Gift  für  Ratten  und
Mäu^e  verwandt.  Die  Versendung  geschieht  in
Fässern  von  300  kg.
Wodnjika,  ein  serbisches  Nationalgetränk  von
zweifelhaftem  Genuß  werte,  wird  in  der  Weise
hergestellt,  daß  man  ein  Gemisch  von  Wacholderbeeren, ­
  Senf  und  Meerrettich  mit  Wasser  bei
höherer  Temperatur  einem  Gärungs-  und  Säuerungsprozeß ­
  überläßt.  Die  stark  nach  Wacholder
riechende  und  sauer  schmeckende  Flüssigkeit
enthält  nach  König  in  100  ccm  0,83  g  Alkohol,
0,98  g  Extrakt,  0,4  g  Essigsäure  und  0,05  g
Zucker.  Bei  feineren  Sorten  setzt  man  der
Maische  wohl  auch  geröstete  Birnen  oder  Mostbimen,
  Äpfel,-  Quitten,  Zitronen  oder  Orangen  zu.
Wolfram  (frz.Wolfram,  engl.  Wolframium),  ein
dem  Uran  und  Molybdän  verwandtes  metallisches ­
  Element,  findet  sich  in  der  Natur  nicht
gediegen,  sondern  nur  als  Wolframit  (Wolfram), ­
  eine  isomorphe  Mischung  von  wolframsaurem
  Eisen-  und  Manganoxydul,  ferner  als
Scheelit  oder  Tungstein  (wolframsaures  Kalzium) ­
  und  Scheelbleierz  (wolframsaures  Blei).
Die  wichtigsten  Lagerstätten  sind  auf  den  Zinnerzgruben ­
  von  Zinnwald  und  Altenberg  in  Sachsen,
sowie  von  Monroe  in  Connecticut.  Für  die  Darstellung ­
  des  Metalles  wird  der  Wolframit  zunächst ­
  zur  Entfernung  von  Schwefel  und  Arsen
geröstet  und  dann  entweder  mit  Salzsäure  ausgezogen, ­
  wobei  die  Wolframsäure  (Wolframtrioxyd),
  WO3,  als  ein  gelbes  Pulver  zurückbleibt,
oder  aller  mit  Soda  geschmolzen  und  aus  dem
mit  Wasser  gelösten  Natriumwolframat  die  Wolframsäure ­
  mit  Salzsäure  gefällt.  Australischer
-Scheelit  gibt  bei  einfacher  Behandlung  mit  Salzsäure ­
  ebenfalls  Wolframsäure,  die  nach  dem
Trocknen  durch  Glühen  mit  Kohle  oder  imWasserstoffstrom
  zu  metallischem  W.  reduziert  wird.
Das  letztere  bildet  ein  stahlgrau  glänzendes,  sehr
hartes  und  schweres  Pulver  vom  spez.  Gew.  19
und  dem  Atomgewicht  W=  184.  Das  sehr  spröde
und  für  sich  allein  kaum  schmelzbare  Metall  findet ­

  vielfache  technische  Anwendung  zur  Herstellung ­
  außerordentlich  harter  Eisen-  und  Stahlsorten ­
  (Wolframstahl),  die  für  Werkzeuge  und
Panzerplatten  viel  gebraucht  werden.  Auch  verwendet ­
  man  den  W.-Stahl  wegen  seiner  Eigenschaft, ­
  den  Magnetismus  länger  zu  halten,  in  der
Telegraphie  als  Magnet.  Reines  W.  dient  als
Glühfaden  in  elektrischen  Glühlampen.  —  Von
den  Verbindungen  des  W.  wird  das  durch  Auflösen ­
  von  Wolframsäure  in  Natronlauge  dargestellte ­
  wolframsaure  Natrium,  Na 8 W0 4 ,  in
wäßriger  Lösung  zum  Imprägnieren  von  dünnen
Geweben,  Ballkleidern,  Vorhängen  und  Theaterdekorationen ­
  benutzt,  um  diese  unentflammbar
zu  machen.  Weiter  dient  es  zum  Beschweren  von
Seide  und  als  Ersatz  von  Zinnbeize  in  der  Färberei. ­
  Wolframsaures  Zink  und  Barium
sind  gut  deckende  weiße  Anstrichfarben.  Wolframdioxyd ­
  bildet  das  schöne  Wolframbraun,
wolframsaures  Wolfraraoxyd  einen  schönen
blauen  Farbstoff  (blauer  Karmin)  und  wolframsaures ­
  Wolframoxydnatron  (Wöhlers
Wolframbronze)  schöne  goldgelbe  Schüppchen,
die  sich  wie  Goldbronze  verwenden  lassen.
Wolfs  trapp  (schwarzer  Andorn,  lat.  Herba
ballotae  lanatae  seu  marubii  nigri,  frz.  und  engl.
Bailote),  ein  in  Sibirien  heimisches  Kraut  aus
derFamilie  derLabiaten,  Ballota  nigra,  besitzt ­
  graugrüne,  handförmige  Blätter  mit  viereckigem ­
  Stengel,  die  mit  einem  weißwolligen
Überzüge  versehen  sind.  Das  Kraut  enthält  als
hauptsächlichste  Bestandteile  Gerbstoff  und  einen
Bitterstoff  Ballotin  und  wird  als  Mittel  gegen
Fieber  und  Asthma  verwandt.
Wolle  (frz.  Laine,  engl.  Wool),  das  Haar  der
Schafe,  bildet  den  am  längsten  bekannten  und
noch  heute  wichtigsten  Stoff  zur  Herstellung  von
Kleidungsstoffen.  Während  früher  bei  uns  die
W.  der  gewöhnlichen  Landschafe  auf  Tuche  verarbeitet ­
  worden  war,  begann  vor  mehr  als  100
Jahren  die  Einfuhr  der  edlen  spanischen  oder
eigentlich  maurischen,  aus  Afrika  stammenden
Merinos,  deren  beste  Vertreter  die  feinste  Elektoralwolle
  liefern  und  als  Eskurials  zu  bezeichnen ­
  sind.  Sie  werden  nur  im  Stalle  gehalten,
während  die  aus  ihnen  entstandenen  Negrettis
mit  dichterem,  kräftigem  und  nicht  ganz  so
feinem  Vlies  auch  Weidevieh  sind.  Durch  sorgfältige ­
  Kreuzung  und  Züchtung  hat  man  in
Deutschland,  namentlich  in  Sachsen  und  Preußen,
Rassen  erzielt,  deren  Haar  besser,  weicher  und
zarter  als  dasjenige  der  spanischen  Merinos  ist.  —
Die  Beschaffenheit  der  Wolle  hängt  außer  von
der  Rasse  vor  allem  von  Klima,  Boden,  Pflege
und  Nahrung  ab.  Die  früher  übliche  Unterscheidung ­
  in  kurze  und  lange  W.  hat  bei  dem  heutigen ­
  fortgeschrittenen  Stande  der  Spinnereitechnik ­
  nicht  mehr  ihre  alte  Bedeutung  und  ist
daher  meist  durch  die  Begriffe  weich  und  hart
ersetzt  worden,  denn  hiervon  hängt  die  Verwenwendung
  als  Streich-  oder  Kammwolle  ab,  weil
harte  W.  nicht  verfilzbar  ist.  Weitere  Merkmale
der  Einteilung  sind  Feinheitsgrad,  Kräuselung,
Glanz,  Elastizität,  Festigkeit,  Gleichförmigkeit
und  Geschmeidigkeit.  Besonders  wichtig  ist  die
Gleichmäßigkeit,  die  voraussetzt,  daß  nicht  nur
die  Vliese  verschiedener  Tiere,  sondern  auch  die
von  verschiedenen  Körperstellen  eines  Tieres
herrührenden  Haare  nicht  zu  abweichend  be ­
        <pb n="490" />
        Wollengarne

484

Wundklee

schaffen  sind.  Schließlich  soll  auch  das  einzelne
Haar  an  allen  Stellen  möglichst  gleich  dick
(„treu“)  sein,  da  ein  ungleichmäßig  dickes  und
gekräuseltes,  sog.  „zweiwüchsiges“,  Haar  weniger ­
  wertvoll  ist.  Die  beste  W.  sitzt  auf  den
Schulterblättern  sowie  an  den  Seiten  des  Leibes
und  den  Keulen.  Unter  „Stapel“  versteht  man
den  Bau  des  Vlieses  und  die  Faserlänge  (kurzoder
  langstapelig).  Nach  der  Herkunft  unterscheidet ­
  man  Rittergutswolle,  von  mehr  oder
weniger  veredelten,  und  Bauernwolle,  von  gewöhnlichen ­
  Landschafen.  Die  erstere  wird  meist
wieder  in  hochfein,  fein  und  mittelfein  eingeteilt. ­
  Die  meisten  Schafe  werden  nur  einmal
im  Jahre,  um  Pfingsten,  geschoren  und  liefern
die  sog.  Einschurwolle.  Langwollige  Schafe
werden  hingegen  zweimal  geschoren,  und  zwar
Ende  März  (Winterwolle)  und  Ende  September
(Sommerwolle).  Ferner  werden  getrennt  gehalten: ­
  die  feine  seidenartige  Lamm  wo  Ile  von
einjährigen  Schafen,  die  von  Weißgerbern  gelieferte ­
  Gerberwolle,  die  meist  mit  Kalk  verunreinigt, ­
  aber  zum  Spinnen  noch  gut  brauchbar
ist.  und  endlich,  als  schlechteste,  die  Sterbüngswolle
  von  krepierten  Schafen.  —  Die  W.  kommt
meist  gewaschen  auf  den  Markt,  und  zwar  wird
in  Deutschland  gewöhnlich  die  sog.  Rücken-  oder
Pelzwäsche  am  lebenden  Tiere  bei  warmer  trockner
  Witterung  in-  weichem  Fluß-  oder  Teichwasser ­
  vorgenommen,  während  man  in  Spanien
vielfach  das  abgetrennte  Vlies  wäscht.  Zur  Erleichterung ­
  des  Waschens  finden  bisweilen  Seifenwurzel ­
  oder  Quillayarinde  Anwendung,  wodurch
die  W.  20—70  0/0  an  Gewicht  verliert.  Der  Abgang ­
  besteht  aus  Staub,  Schmutz  und  dem  sog.
Wollschweiß,  einer  in  Wasser  löslichen  natürlichen ­
  Kaliseife.  Die  weitere  Verarbeitung  der
W.  nach  dem  Scheren  besteht  dann  in  einem
Kochen  mit  Soda  und  Seife,  sowie  in  einer  Behandlung ­
  mit  Tetrachlorkohlenstoff,  wodurch  das
Wollfett  entfernt  wird,  und  schließlich  bisweilen
in  einem  Bleichprozeß  mit  schwefliger  Säure.
Das  sog.  Karbonisieren,  d.  h.  eine  Erwärmung
mit  Salzsäure,  Chlorsäure,  Aluminiumchlorid,  bezweckt ­
  die  Zerstörung  pflanzlicher  Verunreinigungen. ­
  —  Die  reine  Wollenfaser  erscheint  unter
dem  Mikroskope  in  Form  sehr  dicker  Fäden  mit
rundem  Querschnitt  und  dachziegelförmigen  Hautschuppen, ­
  aber  ohne  inneren  Hohlraum,  und
kann  daher  von  anderen  Faserstoffen  leicht
unterschieden  werden.  Zur  quantitativen  Bestimmung ­
  pflanzlicher  Beimengungen,  besonders  der
Baumwolle,  bedient  man  sich  der  vom  Bundesrate ­
  vorgeschriebenen  Methode,  welche  auf  der
Unlöslichkeit  der  Baumwolle  in  Natronlauge
beruht.
Wollengarne  zerfallen  in  die  zwei  Plauptklassen
  Streichgarn  (frz.  Fil  de  la  laine
cardee,  engl.  Cardet  wool-garn)  und  Kammgarn ­
  (frz.  Fil  de  laine  peignöe,  engL  Combed
wool-garn).  Zu  Streichgarn  verwendet  man  kurze,
stark  gekräuselte,  zu  Kammgarn  möglichst  lange,
schlichte  oder  nur  schwach  gekräuselte  Wolle.
Hiernach  und  infolge  der  verschiedenen  Behandlung ­
  erscheint  das  Streichgarn  im  Faden  weich,
rauh  und  wollig  und  dient  zur  Herstellung  tuchartiger, ­
  gewalkter  Stoffe,  während  das  Kammgarn
glatt,  dichter  von  Körper  ist  und  zu  glatten
Zeugen  gebraucht  wird.  Für  Streichgarn  wird

die  gereinigte,  auf  Maschinen  gelockerte  und  mit
Öl  gefettete  Wolle  durch  Krempel  zunächst  in
wattenartige  Tafeln  und  dann  in  schmale  Bänder
verwandelt,  die  sogleich  zu  losen,  runden  Fäden
zuSammengerolIt  werden.  Diese  Lunte  kommt
auf  die  Feinspinnmaschine  oder  passiert  vorher
erst  eine  Vorspinnmaschine.  —  In  der  Kammgarnspinnerei ­
  wird  die  Wolle  nach  gleichartiger
Vorbereitung  gestreckt  und  dupliert  und  hierauf
der  Kämmaschine  übergeben,  welche  die  kurzen
Fasern  als  Kämmlinge  ausscheidet,  während  die
langen  Fasern  den  Zug  bilden.  Die  Kämmlinge
kommen  mit  zur  Streichwolle.  Je  nach  der  Bestimmung ­
  der  Garne  unterscheidet  man  Kettengarn ­
  und  Schußgarn.  —  Wird  lange  Wolle
nicht  gekämmt,  sondern  nur  gekratzt,  im  übrigen
aber  wie  Kammwolle  weiter  behandelt,  so  entsteht ­
  das  Halbkammgarn,  das  als  Stick-,
Tapisserie-  und  Strumpfwirkergarn  vielfach
Verwendung  findet.  Es  ist  billiger  als  Kammgarn, ­
  und  da  lange  und  kurze  Fasern  nebeneinander ­
  liegen,  weniger  glatt  und  fest.
Wollkraut  (lat.  Folia  s.  Herba  verbasci,  frz.
Feuilles  de  molene,  engl.  Mullein  leaves)  nennt
man  die  weichen,  wolligen  Blätter  der  in  Europa
und  Mittelasien  heimischen  Skrophulariazee
Verbascum  Thapsus,  die  wegen  ihres  Gehaltes ­
  an  Schleim  und  Bitterstoff  als  Brusttee
Verwendung  finden.  Außer  den  Blättern  werden
auch  noch  die  Blüten,  Königskerzenblüten
(s.  d.),  gesammelt.
WoIIscharlach,  ein  seit  1884  im  Handel  befindlicher ­
  Teerfarbstoff,  besteht  aus  dem  Natronsalz ­
  der  Xylidinazoalphanaphtoldisulfosäure.
Das  braunrote,  in  Wasser  mit  gelbroter  Farbe
lösliche  Pulver  färbt  Wolle  im  sauren  Bade  gelblichrot. ­

WoIIschwarz,  ein  1885  entdeckter  Azofarbstoff, ­
  besteht  aus  dem  Natronsalze  des  Amidoazo
benzoldisulfosäureazoparatolylbetanaphtylamins.
Das  blauschwarze,  in  Wasser  mit  violetter  Farbe
lösliche  Pulver  färbt  Wolle  im  sauren  Bade  blauschwarz. ­

Wollstaub,  in  Staubform  verwandelte,  verschiedenartig ­
  gefärbte  Wolle,  dient  zum  Veloutieren
  von  Tapeten.
Worcestershire  Sauce.  Zur  Herstellung  dieser
bekannten  Speisewürze  verwendet  man  ein  Gemisch ­
  von  7,0  g  Piment,  3,5  g  Gewürznelken,  3,5  g
schwarzem  Pfeffer,  3,5  g  Ingwer,  30,0  g  Curry
Powder,  3,5  g  Paprika,  60,0  g  Senfsamen,  60,0  g
Schalotten,  60,0  g  Salz,  40,0  g  Zucker,  120,0  g  Tamarinden, ­
  570,0  g  Sherry,  1140,0  g  Weinessig.
Die  frisch  zerkleinerten  Gewürze  werden  eine
Stunde  lang  mit  dem  Essig  gelinde  gekocht,
darauf  gibt  man  den  Wein  sowie  etwas  Karamel
hinzu,  läßt  eine  Woche  stehen,  seiht  die  Flüssigkeit ­
  durch  und  füllt  sie  auf  Flaschen,
Wundklee  (Tannen-,  Katzenklee,  Berufs-,
Brust-,  Katzenkraut,  Wollblume),  die  bekannte ­
  Papilionazee  Anthyllis  vulneraria,
wächst  wild  auf  Kalk-  und  Mergelboden  und  wird
zum  Anbau  als  Futterpflanze  empfohlen.  Er  ist
unempfindlich  gegen  Kälte  und  Frost,  verlangt
aber  gute  Bodenvorbereitung  und  wird  besonders
da  gebaut,  wo  Rotklee  nicht  mehr  sicher  fortkommt. ­
  Die  ausdauernde  Pflanze  wird  bis  60  cm
hoch,  hat  liegende  und  aufsteigende  Stengel,
langgestielte,  länglich  eiförmige  untere,  gefiederte
        <pb n="491" />
        Wundkraut

Wurst

485

unpaarige  Stengelblätter  und  hellgelbe  Blüten  in
Köpfen.  W.  blüht  im  Mai  bis  August  und  gibt
ein  gutes  Weidefuttar.  Der  Same  ist  länglichoval,
  glänzendgelbrot  bis  braunrot  mit  grünlicher ­
  Feder  und  vertieftem,  schwarzbraun  umrändertem ­
  Nabel.  Man  braucht  für  den  Hektar
iS—18  kg.
Wundkraut  (Goldrute,  lat.  Herba  virgaureae
s.  solidaginis,  frz.  Plante  fleurie  de  solidago  ou
Bagnette  d’Or,  engl.  Golden  rod),  das  in  Europa
heimische  Kraut  der  Komposite  Solidago
Virgaureae,  wird  während  der  Blütezeit  mit
den  goldgelben  Blüten  gesammelt  und  gegen
Rheumatismus  als  schweißtreibendes  Mittel,  sowie ­
  auch  bei  Blasen-  und  Nierenleiden  verordnet.
Der  Geschmack  ist  scharf  und  bitter.
Wurinsamen  (Zitwersamen,  richtiger  Zitwerblüten, ­
  lat.  Semen,  richtiger  Flores  cinae,
frz.  Semences  de  cina,  engl.  Worm-seed).  Das
bekannte  Wurmmittel  besteht  nicht  aus  Samen,
sondern  den  geschlossenen  Blütenköpfchen  einer
Art  Artemisia  maritima,  der  nicht  näher  bekannten ­
  Artemisia  Cina  Berg.  Es  wird  unter
dem  Namen  levantischer  oder  persischer  W.
aus  dem  südlichen  Rußland  zu  ums  eingeführt
und  von  wandernden  Kirgisen  auf  den  Steppen
gesammelt,  zum  Teil  aber  auch  durch  Anbau
gewonnen.  Die  Blüten  haben  einen  starken,  unangenehm ­
  aromatischen  Geruch  sowie  bitterlicharomatischen ­
  Geschmack  und  bestehen  aus  sehr
kleinen,  an  beiden  Enden  verschmälerten,  schwach
glänzenden  Blütenkörbchen  von  gelblichgrüner,
später  mehr  bräunlich  werdender  Farbe.  Die
ziegeldachartig  angeordneten  Blättchen  des  Hüllkelches ­
  sind  am  Rücken  gekielt  und  tragen  dort
mit  der  Lupe  erkennbare  Harzdrüsen.  Als  wirksamer ­
  Stoff  ist  neben  ätherischem  Öl  ein  grünes
Weichharz  und  eine  eigentümliche  kristallisierbare ­
  Substanz,  das  Santonin  (s.  d.),  vorhanden,
das  jetzt  in  einer  Fabrik  in  Taschkend,  also  an
Ort  und  Stelle  selbst,  dargestellt  wird.  Zur
Unterscheidung  der  echten  Droge  von  santoninfreiem
  sog.  „falschen  Wurmsamen“  betupft  man
die  auf  den  Flügeln  der  Hüllkelchblätter  befindlichen ­
  Kristalle  mit  Chlorzinkjodlösung.  Hierbei
geben  nur  Santoninkristalle  eine  auffallende  Reaktion, ­
  indem  sie  erst  gelb,  dann  rissig  werden
und  schließlich  in  gelbbraune  Tröpfchen  übergehen. ­
  Die  Versendung  des  W.  erfolgt  meist  in
Ballen  von  40—80  kg  oder  in  Filzsäcken  bis
150  kg.  W.  ist  ein  ausgezeichnetes  Mittel  gegen
Spul-  und  Madenwürmer  und  wird  in  Pulverform ­
  oder  als  Sirup  angewandt.  Der  Verbrauch
hat  etwas  nachgelassen,  da  man  jetzt  mehr  das
Santonin  selbst  als  Wurmmittel  verschreibt.  —
Das  Wurmkonfekt  der  Konditoren  besteht  aus
überzuckerten  Blütenköpfcben  (lat.  Confectio  cinae ­
  s.  Flores  cinae  conditi,  frz.  Semences  de  cina
candö,  engl.  Condied  wormseed).
Wurmsamenöl  (Zitwersamenöl,  lat.  Oleum
cinae  aethereura,  frz.  Essence  de  semen-contra,
engl.  Oil  of  wormseed),  das  im  Wurmsamen  enthaltene ­
  ätherische  Öl,  kann  bei  der  Gewinnung
des  Santonins  erhalten  werden,  indem  man  es
zunächst  aus  den  Wurmsamen  mit  Wasserdampf
abdestilliert.  Das  ziemlich  dünnflüssige  und  blaßgelbe ­
  Öl  wird  an  der  Luft  bald  dunkler  und
dicker,  besitzt  einen  starken,  kampferähnlichen
Geruch  und  einen  brennenden  Geschmack  und

besteht  vorwiegend  aus  Zineol.  Es  ist  schwach
linksdrehend  und  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,915
bis  0,940.  W.  ist  für  kleinere  Tiere  ein  tödliches.
Gift  und  wird  medizinisch  nicht  mehr  verwandt.
Sehr  in  Aufnahme  gekommen  ist  in  neuerer
Zeit,  besonders  zur  Bekämpfung  der  Spulwürmer, ­
  das  amerikanische  Wurmsamenöl, ­
  das  aus  dem  ganzen  Kraut  der  Chenopodiazee
  Chenopodium  ambrosioides  var.
anthelminticum  gewonnen  wird.  Es  ist  ein
farbloses  oder  gelbliches  Öl  von  stark  durchdringendem, ­
  widerlichem  Geruch  und  unangenehmem, ­
  brennendem  Geschmack.  Das  spez.  Gew.
liegt  zwischen  0,965  und  0,990.  Der  wesentliche
und  wirksame  Bestandteil  ist  das  Askaridol.
Wurmtang  (Wurmmoos,  lat.  Helminthochorton,
  frz.  Mousse  contre  les  vers,  engl.  Worm
mooss).  Unter  diesem  Namen  kommt  von  Korsika ­
  und  anderen  Inseln  eine  haarförmige  Alge
aus  dem  Mittelländischen  Meere  in  den  Handel,
die  in  frischem  Zustande  purpurrot  erscheint,
beim  Trocknen  aber  braune  Farbe  und  knorpelartige
  Beschaffenheit  annimmt.  Der  Geruch  ist
dumpfig,  der  Geschmack  salzig.  Man  verwendet
die  Droge  als  Wurmmittel,  doch  ist  sie  durch  das
Santonin  in  der  Hauptsache  verdrängt.
Wurst.  Würste  sind  Fleischwaren,  zu  deren
Bereitung  gehacktes  Muskelfleisch  und  Fett,  ferner ­
  Blut  und  Eingeweide,  d.  s.  Leber,  Lunge,
Herz,  Nieren,  Milz,  Rindermagen  und  Gekröse,
sowie  Gehirn,  Zunge,  Knorpel  (Schweinsohr)  und
Sehnen  der  verschiedensten  Schlachttiere  unter
Zuhilfenahme  von  Sälz,  Gewürzen,  Zucker,  Wasser,
Bier  und  Wein,  unter  Umständen  auch  Milch
und  Eiern,  verarbeitet  werden.  Als  weitere  Zutaten ­
  sind  bei  einzelnen  Wurstsorten  Zwiebel,
Knoblauch,  Schnittlauch,  Zitronenschalen,  Trüffeln, ­
  Sardellen  usw.  gebräuchlich.  Die  Wurstmasse
wird  in  Hüllen  aus  gereinigtem  Darm,  Magen
oder  Blase  (Rind,  Schwein,  Schaf  und  Bock)  oder
in  Hüllen  von  Pergamentpapier  eingefülit.  Nach
den  Hauptbestandteilen  unterscheidet  man  folgende ­
  Sorten:  1.  Fleischwürste  aus  Schweine-,
Kalb-,  Schaf-  oder  Rindfleisch,  die  nach  der  Art
der  Herstellung  wieder  in  Dauerwürste  und  Anrührwürste ­
  zerfallen.  Dauerwürste  sind  durch
längere  oder  kürzere  Räucherung  haltbar  gemacht ­
  und  infolge  des  damit  verbundenen  Austrocknens ­
  mehr  oder  weniger  hart.  Am  weichsten
sind  die  sog.  weichen  Mettwürste  (Braunschweiger ­
  Schlackwürste),  danach  folgen  die  Zervelatwürste, ­
  Plockwürste,  Gothaer  Würste  und
schließlich  die  harten  Würste  nach  Art  der
italienischen  Salami,  die  meist  einen  Zusatz
von  Knoblauch  erhalten  und  mit  Bindfaden  fest
umwickelt  sind.  Zu  der  anderen  Gruppe  der
Fleischwürste,  den  sog.  Anrührwürsten,  gehören ­
  die  Koch-,  Brat-  und  Brühwürste,  Bockund
  Weißwürste  nach  Münchner  Art,  dünn-  und
dickgeselchte  Frankfurter-,,  Wiener-,  Knoblauchwurst, ­
  Knackwurst  usw.  Sie  werden  zur  Erhöhung ­
  der  Saftigkeit  mit  etwas  Wasser  angerührt ­
  und  meist  frisch,  seltener  nach  kurzer
Räucherung  und  nach  zehn  Minuten  langem
Ziehen  in  siedendem  Wasser  genossen.  2.  Blutwürste ­
  enthalten  meist  Schweineblut,  doch  auch
Rinder-,  Kalbs-  und  Schafblut,  daneben  Schweinefleisch ­
  und  Speck,  manchmal  auch  Leber  und
Grütze  (Grützwurst).  Sie  umfassen  die  Rotwurst,
        <pb n="492" />
        Wurst

486

Wurzeln

Schwarzwurst,  den  Schwartenmagen  und  bei  Anwendung ­
  von  gepökelter  oder  abgekochter  ganzer
Schweinszunge  die  Zungenwurst.  3.  Leberwürste
  enthalten  außer  Leber,  Lunge,  Nieren,
■Sehnen,  Knorpel  das  sog.  Geschlinge  und  Fett
des  Schweines  und  Rindes,  in  manchen  Gegenden ­
  gebrühte  Rindsköpfe  und  Rindsmagen  bei
gewöhnlichen  Leberwürsten.  4.  Weißwürste
enthalten  Kalbfleisch  oder  Kalbs-  oder  Schweinsgekröse ­
  neben  Schweinefleisch.  5.  Leberkäse
nennt  man  eine  nicht  in  Hüllen  gefüllte  Wurstmasse ­
  aus  der  Leber  und  bisweilen  dem  Fleische
der  bekannten  Schlachttiere.  In  Baden  rechnet
man  ihn  zu  den  pastetenartigen  Nahrungsmitteln
und  läßt  auch  einen  Zusatz  von  Mehl  und  Eiern
-nach.  Im  übrigen  stellt  man  an  Pasteten  dieselben ­
  Anforderungen  wie  an  Würste.  —  Bei  der
-außerordentlichen  Mannigfaltigkeit  der  Würste,
welche  die  Aufstellung  bestimmter  Normen  nahezu
unmöglich  macht,  und  bei  der  Schwierigkeit,  derartig ­
  mannigfaltig  zusammengesetzte  Mischungen
zu  untersuchen,  sind  die  W.  Verfälschungen  in
.hohem  Grade  ausgesetzt.  Ihre  Bekämpfung  ist
aber  durch  das  Fleischbeschaugesetz  vom  3.  Juni
1900  wesentlich  erleichtert  worden.  In  erster
Linie  verbietet  dieses  die  Verwendung  der  wichtigsten ­
  Konservierungsmittel,  wie  schwefiiger
  Säure,  Borsäure,  Salizylsäure  u.  a.,  durch
welche  die  Verarbeitung  minderwertigen  Materials ­
  erleichtert  und  eine  beginnende  Zersetzung
verdeckt  wird.  In  gleicher  Richtung  wirkt  das
Verbot  aller  Farbstoffe,  also  auch  des  seiner
Schärfe  beraubten  Paprikapulvers  (s.  d:),  durch
welches  der  früher  allgemein  übliche  Zusatz  von
.roter  Tinte  zu  den  Fleischwürsten,  namentlich
der  Thüringer  Zervelatwurst,  ein  für  allemal  beseitigt ­
  wurde.  Auch  die  Außenfärbung  des
Darms,  durch  welche  eine  Räucherung  vorgetäuscht ­
  werden  sollte,  ist,  abgesehen  von  den
süddeutschen  hellgelben  Gelbwürsten,  untersagt. ­
  Von  weiteren  Abweichungen,  die  aber  nur
auf  Grund  des  Nahrungsmittelgesetzes  beanstandet ­
  werden  können,  ist  in  erster  Linie  der  Zusatz
von  Mehl  oder  mehlhaltigen  Stoffen,  wie  Grütze,
Stärke,  Semmel,  zu  erwähnen.  Er  hat  im  allgemeinen, ­
  da  Wurst  eine  Fleischware  ist,  als
unzulässig  zu  gelten  und  wird  in  Süddeutschland
und  Sachsen  als  Verfälschung  beurteilt.  Eine
Ausnahme  macht  nur  der  Leberkäse  in  Baden
und  die  ausdrücklich  als  Semmelwurst  bezeichjnete
  W.  in  Dresden.  In  Norddeutschland  läßt
man  aber  bisweilen  geringe  Mehlzusätze  für
Brüh-,  Brat-,  Blut-  und  Leberwürste  als  ortsüblich ­
  zu,  wenn  der  Zusatz  2  °/o  nicht  überschreitet ­
  und  deutlich  gekennzeichnet  wird  (Grützwurst).
Die  seit  einiger  Zeit  aufgekommene  Verwendung
von  Tragant  und  sog.  Eiweißbindemitteln
(Weizenkleber,  Albumin,'  Kasein)  wird  durchweg
als  Verfälschung  angesehen,  weil  sie  zur  Erzielung ­
  der  Bindigkeit  nicht  erforderlich  sind  und
den  Anschein  einer  besseren  Beschaffenheit  Vortäuschen. ­
  In  hohem  Grade  wird  der  Nährwert
der  Wurst  durch  Beimischung  übermäßiger
Wassermengen  erniedrigt,  und  wenn  man  auch

bei  Anrührwürsten,  aber  auch  nur  bei  diesen,
einen  Wasserzusatz  von  20%  duldet,  so  müssen
Überschreitungen  dieser  Zahl  doch  als  Verfälschung ­
  bekämpft  werden.  Würste  aus  Pferdefleisch ­
  oder  Fischfleisch  sind  '  ausdrücklich
als  Pferdewurst,  Fischwurst  zu  kennzeichnen.
Vor  dem  Genüsse  schmieriger,  verfärbter,  ranziger ­
  oder  fauliger  W.,  sowie  vor  Würsten  aus
dem  Fleische  kranker  Tiere  ist  dringend  zu  warnen, ­
  weil  sie  das  höchst  gefährliche  Wurstgift
enthalten  können.  Ihr  Verkauf  verstößt  unter
Umständen  gegen  die  schweren  in  §  12  des  Nahrungsmittelgesetzes ­
  .aufgestellten  Strafbestimmungen. ­
  —  Würste  in  luftdicht  verschlossenen  Büch-.sen
  dürfen  aus  dem  Auslande  nicht  eingeführt
Werden.
Wurzelfasern.  Die  Wurzeln  einiger  inländischer ­
  Pflanzen,  z.  B..  .Queckenwurzel,  hauptsächlich ­
  aber  Wurzeln  tropischer  Gewächse,  wie
Reis  u.  a.,  werden  im  geschälten,  teilweise  auch
im  gebleichten  Zustande  vielfach  zur  Herstellung
-von  Besen  und  Bürsten  benutzt.
Wurzeln  nennt  man  die  meist  unterirdischen
Emährungsorgaine  der  Pflanzen,  mit  denen  diese
am  Erdboden,  oder  bei  den  Wasserpflanzen  kn
Wasser,  bei  den  Luftwurzeln  an  dem  Stamme
befestigt  sind.  Von  ihnen  botanisch  verschieden,
aber  im  allgemeinen  Sprachgebrauche  oft  zu
ihnen  gerechnet,  sind  die  übrigen  unterirdischen
Pflanzenteile,  die  Wurzeistöcke,  Zwiebeln,
Knollen  und  Knollwurzeln.  Die  echte
Wurzel  (lat.  Radix)  unterscheidet  sich  von  den
Stengelorganen  dadurch,  daß  sie  ungegliedert
und  ohne  Blattknospen  ist  und  kein  Chlorophyll
enthält.  Der  Wurzelstock  (lat.  Rhizoma)  ist
ein  unterirdisches  Stengelorgan,  das  oftmals  wieder ­
  Neben  wurzeln  treibt,  und  im  Gegensatz  zur
echten  Wurzel  im  Innern  Mark  enthält.  Zwiebeln ­
  (lat.  Bulbus)  sind  Stengelorgane  mit  einem
Zwiebelboden,  die  an  der  Unterseite  Wurzeln,  auf
der  Oberseite  die  Keimknospen  tragen.  Die  letzteren ­
  sind  von  den  fleischig  gewordenen  Schuppenblättern ­
  umschlossen,  von  denen  die  äußeren
allmählich  absterben  und  dann  häutig  werden.
Die  Knolle  (lat.  Tuber)  ist  gleichfalls  ein  unterirdisches ­
  Stengelorgan  mit  ein  oder  mehreren
Knospen.  Sie  dient  der  jungen  Pflanze  als  Nahrung
und  stirbt  nach  der  Entwicklung  ab,  sobald  sich
eine  neue  Knospe  gebildet  hat,  die  im  kommenden
Jahre  die  Nahrung  wieder  vermittelt.  Knollzwiebeln
  (lat.  Bulbo-Tuber)  sind  Zwiebeln  mit
einer  fleischig  verdickten  Zwiebelscheibe,  die  mit
einer  oder  wenigen  Häuten  umgeben  ist.  —  Als
Beispiel  für  die  vorstehend  aufgeführten  Wurzeln
und  sog.  Wurzelarten  sind  zu  nennen;  echte
Wurzeln:  Baldrian,  Liebstöckel,  Zaunrübe;
Wurzelstöcke:  Kalmus, v Veilchenwurzel;  Zwiebel: ­
  Speisezwiebel,  Meerzwiebel;  Knolle:  Akonit;
  Knollzwiebel:  Safran,  Herbstzeitlose.  —
Die  Wurzeln  bilden  für  den  Handel,  und  zwar
sowohl  für  den  Heil-  und  Gewerbegebrauch  als
auch  für  den  Nahrungsmittelhandel,  je  nach  der
Herkunft,  einen  wichtigen  Gegenstand.  Näheres
siehe  bei  den  betreffenden  Abhandlungen.
        <pb n="493" />
        Xanthenfarbstoffe

487

Yoghurt

X.

Xanthenfarbstoffe  nennen  Möhlau  und  Eucherer ­
  die  fünfte  Klasse  der  Teerfarbstoffe,
die  sich  von  dem  als  Xanthen  bezeichneten  Anhydrid ­
  des  Dioxydiphenylmethans  CH 2 (C s H 4 ) 2 0
ableiten.  Die  einzelnen  Gruppen  der  X.:  Pyromine,
  Succineine,  Rosamine,  Rhodamine  und
Phtaleine  sind  in  besonderen  Aufsätzen  besprochen.
Xanthiumblätter  (lat.  Herba  xanthii  spinosae,
frz.  und  engl..  Xamhium)  sind  die  getrockneten
Blätter  des  dornigen  Spitzklees,  Xanthium
spinosum,  einer  zu  den  Kompositen  gehörigen ­
  Pflanze  des  südlichen  Frankteichs.  Sie  wird
60—90  cm  hoch,  besitzt  abwechselnde,  gestielte,
kahle,  oben  lebhaft  grüne,  unten  graue  Blätter
und  enthält  ein  nach  Kamillen  riechendes,  sehr
unangenehm  schmeckendes  ätherisches  Öl.  Die
X.  bilden  einen  Gegenstand  des  Drogenhandels
und  werden  als  Mittel  gegen  die  Hundswut  und
als  harntreibend  empfohlen.
Xanthogensaures  Kalium  (xanthonsaures
Kali,  Kaliumxanthogenat,  äthylsulf  okohlensaures
  Kalium,  äthylsulf  okarbonsaures
  Kalium,  lat.  Kalium  xanthogenicum)  wurde
eine  Zeitlang  als  Mittel  gegen  Reblaus  und  Erdflöhe ­
  verwandt,  scheint  sich  aber  nicht  überall
bewährt  zu  haben,  denn  die  Nachfrage  hat  nachgelassen. ­
  Es  entsteht  beim  Vermischen  einer
Lösung  von  Ätzkali  in  Alkohol  mit  Schwefelkohlenstoff ­
  in  Form  farbloser,  seideglänzender  Kristallnadeln, ­
  die  man  durch  Waschen  mit  Äther
reinigt  und  trocknet.  Das  Salz  von  der  Formel
C 2 H 5 0  .  CSSK  hat  einen  sehr  unangenehmen
Geruch,  färbt  die  Haut  gelb,  löst  sich  in  Wasser
und  gibt  mit  Kupfersalzlösungen  einen  starken,
lebhaft  gelben  Niederschlag.
Xereswein  (Jeres,  Sherry),  ein  sehr  starker
und  feuriger  spanischer  Weißwein  aus  dem  Gebiete ­
  zwischen  den  Mündungen  des  Guadalquivir
und  Guadalate  in  der  Umgegend  von  Xeres  de  la
Frontera  bei  Cadix,  wird  wie  die  übrigen  Südweine ­
  meist  stark  gespritet  und  mit  eingekochten
Mosten  versetzt  und  dann  in  großen  steinernen
Gebäuden  (Bodegas)  über  der  Erde  einer  langen
Lagerung,  von  4—s  Jahren  überlassen.  Seine

höchste  Vollkommenheit  erreicht  er  erst  nach
15—20  Jahren.  X.  enthält  nach  König  in  100  ccm
durchschnittlich  16,09  g  Alkohol,  4,06  g  Extrakt,
0,41g  Weinsäure,  2,40  g  Zucker,  0,51g  Glyzerin
und  0,46  g  Asche  mit  0,028  g  Phosphorsäure.
Die  4—5jährigen  Weine  heißen  Rancias,  Soleräs
  oder  Dottores,  die  älteren  Napoleohes.
Außerdem  unterscheidet  man  nach  Spritgehalt
und  Farbe:  Sherry  pale,  sec,  dord  und  brun.  Zum
Versand  benutzt  man  Fässer  in  Übergebinden
oder  in  Mattenumhüllung.  Ein  Both  enthält
480  1.
Xylidinponceau  (Xylidinrot),  ein  dem  Ponceau
  2  R  nahestehender  Azofarbstoff,  ein
braunrotes  Pulver,  wird  zum  Rotfärben  von  Wolle
benutzt  und  besteht  aus  dem  Natronsalze  der
Xylidinazobetanaphtholdisulfosäure.
Xylol  (Xylen,  Dimethylbenzol,  Tolylhydrür),
  ein  dem  Benzol  ähnlicher  Kohlenwasserstoff, ­
  C 6 H 4 (CH3) 2 ,  ist  ein  Bestandteil  des
Holzteers  und  des  Steinkohlenteers  und  kann
aus  letzterem  durch  fraktionierte  Destillation  abgeschieden ­
  werden,  indem  man  den  zwischen  128
und  i3o°C  siedenden  Anteil  gesondert  auffängt.
Vor  einigen  Jahren  wurde  das  X.  als  Mittel  gegen
die  Pockenkrankheit  empfohlen,  scheint  aber
wieder  in  Vergessenheit  gekommen  zu  sein.
Technisch  wird  es  in  der  Farbenindustrie  angewandt. ­

Xylolith  (Steinholz).  Dieses  bekannte,  von
der  Xylolithfabrik  Sening  &amp;amp;  Co.  in  Potschappel
in  den  Handel  gebrachte  Kunst  holz  wird  durch
Behandlung  von  Sägespänen  mit  Magnesiumchlorid ­
  unter  Anwendung  äußerst  starken  Drucks
hergestellt.  Gewisse  Sorten  erhalten  auch  Zusätze ­
  von  Glimmer,  Quarzpulver,  Asbest  sowie
beliebige  Färbung.  X.  ist  wegen  seines  Gehaltes
an  Magnesiumoxychlorid  ein  äußerst  haltbarer
Stoff  für  Fußböden,  Treppenstufen,  Tischplatten
usw.,  und  durch  hohe  Widerstandsfähigkeit  gegen
Feuer  und  Schwamm  ausgezeichnet.  Dabei  wirkt
es  als  Fußbodenbelag  ziemlich  gut  isolierend
gegen  Wärme  und  Kälte  und  zugleich  schalldämpfend. ­


Y.

Ylang-Ylangöl  (Orchideenöl,  lat.  Oleum
unonae  s.  anonae,  frz.  Essence  d’Ylang-YIang,
engl.  Oil  of  Ylang-Ylang),  ein  feines  und  teures
Modeparfüm  von  lieblichem,  eigenartigem  Wohlgeruch ­
  nach  Hyazinthen,  wird  auf  der  Insel
Luzon  aus  den  Blüten  einer  baumartigen  Orchideenart ­
  Cananga  odorata,  destilliert.  Die
farblose  oder  blaßgelbe,  etwas  dickliche  Flüssigkeit ­
  riecht  unverdünnt  durchdringend  und  entwickelt ­
  ihr  schönes  Aroma  erst  bei  starker  Verdünnung ­
  mit  Weingeist.  Das  Y.  ist  stark  linksdrehend, ­
  hat  ein  spez.  Gew.  von  0,930—0,950
und  enthält  Pinen,,  Linalool,  Geraniol,  Eugenol,
Isoeugenol,  Eugenolmethyläther,  Parakresolmethyläther,
  Benzoesäuremethylester,  Salizylsäuremethylester, ­

  Benzylazetat,  Benzylbenzoaf,
Benzylalkohol  und  Kadinen.
Yoghurt  (Jogurt)  ist  ein  Erzeugnis,  das  hauptsächlich ­
  in  den  Balkanländern  durch  Behandlung
von  Kuhmilch  mit  Maya,  einem  aus  zwei  Bakterienarten ­
  bestehenden  Ferment,  hergestellt  wird.
Man  überläßt  die  unter  Umständen  vorher  stark
eingedampfte  Milch  nach  dem  Zusatz  des  Fermentes ­
  8—12  Stunden  lang  in  einer  türkischen
Kochkiste  einer  bei  50 0  verlaufenden  Gärung,  wobei ­
  die  Masse  eine  dickliche  Konsistenz  und  einen
angenehmen  säuerlich-süßen  Geschmack  annimmt.
Für  die  chemische  Zusammensetzung  einerProbe
Y.  wurden  im  Dresdner  Untersuchungsamte  folgende ­
  Werte  ermittelt:  ,  Wasser  85,55%,  Stick-
        <pb n="494" />
        Yohimberinde

488

Zahnpulver

Stoffsubstanz  4,690/0,  Fett  5,34  °/o,  Milchzucker
2,80%,  Milchsäure  1,76%,  Asche  0,97  0/0.  Erzeugnisse ­
  aus  zur  Hälfte  oder  zu  einem  Drittel  eingedampfter ­
  Milch  enthalten  aber  7,10  bzw.  10,65%
Stickstoffsubstanz,  7,20  bzw.  10,80%  Fett  und
9,76  bzw.  14,64%  Zucker.  40%  des  vorhandenen
Kaseins  sind  in  Wasser  löslich.  Nach  Vorstehendem ­
  ist  das  Erzeugnis  im  wesentlichen  als  eine
Art  Dickmilch  änzusprechen,  wird  aber  mit  ziemlichem ­
  Aufwande  von  Reklame  als  Mittel  gegen
alle  möglichen  Erkrankungen  der  Verdauungsorgane, ­
  gegen  Hautkrankheiten,  Gallensteine,
Zuckerharnruhr,  Gicht,  Tuberkulose  usw.  angepriesen. ­
  Die  zur  Herstellung  des  Y.  erforderliche ­
  Maya  kann  von  verschiedenen  Firmen
bezogen  werden.  Auch  sind  Yog  h  u  rt-Tabletten
  im  Handel,  die  Reinkulturen  von  Milchsäurebazillen ­
  (Bacillus  acidi  lactici  oder  Bac.  bulgaricus)
  enthalten  und  in  derselben  Weise  wie  Y.  benutzt ­
  werden  sollen.
Yohimberinde  (lat.  Cortex  Yohimbehe,  frz.
Ecorce  de  Yohimbehö,  engl.  Yohimbe  Bark),  eine
aus  Afrika  eingeführte  Droge,  stammt  von  Corynante
  Yohimbe,  einem  unserer  Eiche  ähnlichen ­
  Waldbaum  aus  der  Familie  der  Rubiazeen ­
  (Zinchoneen).  Der  in  Kamerun  und  Westafrika ­
  heimische  und  von  den  Eingeborenen
Yumbehoa  genannte  Baum  wird  10—15  m  hoch
und  1  m  dick  und  hat  30—35  cm  lange,  n—15  cm
breite,  lederartige  Blätter,  sowie  kugelförmig
gestellte,  anfangs  weiße,  dann  gelbe  und  zuletzt
rote  Blüten.  Die  Rinde  bildet  rötlich-  bis  zimtbraune, ­
  teilweise  eingerollte  Stücke  von  4—8  mm
Dicke  und  75  cm  Länge,  die  häufig  noch  mit
dem  Kork  bedeckt  sind  und  einen  unebenen,
weich-  und  kurzfaserigen  Bruch  sowie  Samtglanz ­
  und  bitteren  Geschmack  zeigen.  Als  wirksame ­
  Bestandteile  enthält  die  Droge  mehrere
Alkaloide,  insbesondere  Yohimbenin  und  Yohimbin, ­
  von  denen  das  letztere  die  größere  Bedeutung ­
  hat.  Der  Gesamtalkaloidgehalt  beträgt
0,3—i,S%.  Zur  Reindarstellung  des  Yohimbins
wird  die  gepulverte  Rinde  mit  Essigsäure  ausgezogen, ­

  das  Alkaloid  aus  der  Lösung  mit  Natriumbikarbonat ­
  ausgefällt  und  aus  Alkohol  umkristallisiert. ­
  Y.  bildet  dann  weiße,  seideglänzende ­
  Nadeln,  die  bei  231 0  schmelzen  und  sich
leicht  in  Alkohol,  Holzgeist,  Amylalkohol,  Äther,
Essigsäure  und  Chloroform,  hingegen  schwer  in
Benzol  und  gar  nicht  in  Wasser  lösen.  In  chemischer ­
  Hinsicht  ist  das  Alkaloid  als  der  Methylester ­
  der  Yohimboasäure  anzusprechen.  Es
liefert  mit  den  allgemeinen  Alkaloidreagentien
Niederschläge  und  Farbenreaktionen.  Besonders
bemerkenswert  ist  die  Erscheinung,  daß  die  farblose ­
  Lösung  der  Base  in  konzentrierter  Schwefelsäure ­
  auf  Zusatz  von  Kaliumdichromat  blauviolette
Streifen  zeigt.  Die  Rinde  wird  in  dem  Ursprungslande ­
  als  Mittel  zur  Steigerung  der  männlichen
Zeugungskraft  benutzt.  In  Europa  verwendet
man  zu  dem  gleichen  Zwecke  hauptsächlich
die  freie  Base  oder  ihr  salzsaures  Salz  in  Form
von  Tabletten  oder  Tropfen.  Außerdem  wirkt
das  Yohimbin  als  -lokales  Anästhetikum  wie  das
Kokain,  ohne  dessen  schädliche  Wirkung  zu  zeigen, ­
  und  soll  auch  bei  gewissen  Frauenleiden
gute  Dienste  tun.
Ysopkraut  (lat.  Herba  hyssopi,  frz.  Plante
fleurie  d’hysope,  engl.  Hyssope).  Der  Ysop,  Hyssopus
  officinalis,  ist  ein  halbstrauchartiges,
zu  den  Labiaten  gehöriges  Gewächs  mit  6  bis
9  dm  hohen  viereckigen  Stengeln,  sitzenden
gegenständigen  lanzettlichen  Blättern  und  tiefblauen, ­
  seltener  roten  oder  weißen  Blüten  in
langen  einseitswendigen  Ähren.  Es  wächst  auf
trockenen  Hügeln  im  südlichen  Europa  und  in
Österreich,  kommt  bisweilen  auch  weiter  nördlich ­
  verwildert  auf  Dorfmauern  und  ähnlichen
Standorten  vor  und  wird  auch  in  Gärten  gehalten'.
Das  würzig,  nach  Kampfer  riechende,  scharf  und
bitter  schmeckende  Kraut  wird  vor  dem  Aufblühen ­
  der  Blumen  getrocknet  und  innerlich  als
Brusttee,  äußerlich  zu  Umschlägen  verwandt.
Das  ätherische  Ysopöl  (lat.  Oleum  hyssopi)  hat
ein  spez.  Gew.  von  0,927—0,945,  dreht  links  und
ist  in  0,5—8  Teilen  8o%igem  Alkohol  löslich.

z.

Zachäusöl,  ein  fettes  balsamisches  Öl,  das  in
Syrien  und  Palästina  den  Fremden  häufig  zum
Verkauf  angeboten  wird  und  dort  äußerlich  zur
Behandlung  von  Wunden,  innerlich  als  Mittel
gegen  Brustkrankheiten  zur  Verwendung  kommt,
wird  aus  den  Steinfrüchten  des  Zachunbaumes, ­
  Balanites  ägyptiaca,  dargestellt.  Diese
enthalten  eine  einsamige,  ölreiche,  fünfeckige
Nuß,  aus  welcher  das  gelbe,  balsamische  Öl  durch
Auspressen  gewonnen  wird.  Auch  aus  den  olivenartigen ­
  Früchten  von  Elaeagnus  angustifolius,
  die  im  Arabischen  Zakkoum  heißen,
preßt  man  einen  ähnlichen  gelben  Balsam.  Die
chemische  Natur  beider  ist  noch  nicht  bekannt.
Zahnholzkraut  (Holzzahnkraut,  Hanfnesselkraut, ­
  Lieb  ersehe  Kräuter,  Blankenheimer
  Tee,  lat.  Herba  galeopsidis,  frz.  Galöopside,
  engl,  Galeopsis)  ist  das  mit  den  Blüten
getrocknete  Kraut  der  Labiale  Galeopsis  grandiflora
  oder  Galeopsis  ochroleuca.  Die

Pflanze  hat  einen  ästigen,  meist  roten,  fein  behaarten ­
  Stengel  und  gezähnte  blaßgrüne,  auf
beiden  Seiten  weichhaarige  Blätter.  Die  schwefelgelben, ­
  leicht  ausfallenden  Blüten  bilden  dichte
Scheinquirie  mit  stacheligen  Kelchen.  Verwechslungen ­
  mit  Galeopsis  Tetrahit  und  versicolor
  erkennt  man  an  den  knotig  aingeschwollenen
Stengeln,  während  die  echte  Pflanze  an  den
Verästelungen  des  vierkantigen  Stengels  nacht
verdickt  ist.  Das  Kraut  wächst  am  häufigsten  am
Mittel-  und  Unterrhein  und  bildet  in  Form  von
Tee  ein  vortreffliches  Mittel  gegen  lang  anhaltenden ­
  Husten.
Zahnpulver,  Zahnseife,  Zahnwässer  sind  vielgebrauchte ­
  Kosmetika  zum  Reinigen  und  Erhalten ­
  der  Zähne.  Als  Grundlage  für  Zahnpulver ­
  verwendet  man  in  der  Hauptsache  Kalziumund
  Magnesiumkarbonat  sowie  Holzkohle.  Ein
geringer  Zusatz  von  Bimsstein-  oder  Ossa-Sepiapulver
  ist  zweckmäßig,  doch  darf  die  Meng 6
        <pb n="495" />
        Zahntropfen

489

Zelluloid

nicht  so  groß  sein,  daß  der  Zahnschmelz  angegriffen ­
  wird.  Zusätze  von  organischen  Stoffen,
z.  B.  Veilchenpulver,  wirken  oft  ungünstig,  da  sie
sich  zwischen  den  Zähnen  festsetzen  und  schädliche ­
  Zersetzungsprodukte  bilden.  Als  Parfüm
dienen  Mitcham  Pfefferminzöl  oder  Nelkenöl,
als  antiseptische  Zusätze  Thymol,  Salizyl-  oder
Borsäure.  —  Zahnseifen  mischt  man  aus  den
gleichen  Bestandteilen  zusammen,  die  bei  Zahnpulver ­
  genannt  sind,  und  setzt  gepulverte  medizinische ­
  Seife,  sowie  als  Bindemittel  Honig,  Sirup
oder  Glyzerin  hinzu.  Je  nach  der  Menge  der  einzelnen ­
  Stoffe  erhält  man  eine  weichere  Zahnseife ­
  oder  eine  festere  Zahnpaste.  —  Zahnwässer ­
  sind  Auszüge  von  Ratanhiawurzeln,  Katechu
  usw.  unter  Zusatz  von  Myrrhentinktur,  Borsäure, ­
  Salizylsäure,  Thymollösungen  und  aromatisiert ­
  mit  Nelkenöl,  Pfefferminzöl  u.  a.
Zahntropfen  (Zahnwehtropfen,  lat.  Guttae  antodontalgicae)
  sind  Mischungen  von  ätherischen
Ölen,  z.  B.  Nelkenöl  mit  Chloroform,  Kreosot,
Lösungen  von  Karbolsäure,  Kokain,  Morphin
usw.,  die  mittels  Pinsels  oder  Wattebäuschchens
an  die  schmerzende  Stelle  gebracht  werden.  —
Doberaner  Zahntropfen  bestehen  aus  einem
Gemisch  gleicher  Teile  Tinctura  opii  crocata,
Pfefferminzöl  und  Ätherweingeist.
Zander  (Sander,  Sandart,  Schill,  Schiel,
Amaul),  ein  gefräßiger  Süßwasserraubfisch  (Lucioperca
  Sandra),  der  zu  den  Barschen  oder
Stachelflossern  gehört,  besitzt  einen  gestreckteren ­
  Körperbau  als  der  Flußbarsch  und  kann
9—12  dm  lang  und  über  io  kg  schwer  werden.
Er  schimmert  auf  dem  Rücken  grünlichgrau  und
erscheint  an  den  Seiten  silberweiß  mit  bräunlichen, ­
  wolkigen  Flecken  und  verwaschenen  Querbinden. ­
  Der  Fisch  liebt  tiefe,  reine  Gewässer
mit  sandigem  Grunde  und  ist  besonders  im  nordöstlichen ­
  Deutschland,  in  den  Flußgebieten  der
Oder  und  Weichsd,  aber  auch  in  der  Donau  zu
Hause.  Außerdem  findet  er  sich  in  einigen
großen  Landseen  an  der  unteren  Oder,  z.  B.  dem
Schlawer  See,  und  im  Stettiner  Haff  in  größter
Menge  und  bildet  dort  eine  bedeutende  Handelsware. ­
  Der  Z.  hat  ein  ausgezeichnetes  weißes  und
fettes  Fleisch,  das  besonders  im  frischen  Zustande
sehr  geschätzt  ist,  wird  aber  auch  gesalzen  und
geräuchert  versandt,  obgleich  es  dadurch  sehr  an
Wohlgeschmack  verliert.  Die  gesetzliche  Schonzeit ­
  reicht  vom  io.  April  bis  9.  Juni.  Z.  unter
3S  cm  Länge  dürfen  nicht  verkauft  werden.
Zaponlack,  diese  bekannte,  zum  Überziehen
wertvoller  Dokumente  sowie  feiner  Metallwaren
usw.  benutzte  Flüssigkeit,  besteht  im  allgemeinen
aus  Auflösungen  von  Zelluloid  in  Amylazetat,  bisweilen ­
  unter  Zusatz  von  Azeton,  Äther,  Benzin
und  Benzol.  Beim  Verdunsten  des  Lösungsmittels ­
  bleibt  auf  den  damit  behandelten  Gegenständen ­
  ein  dünner  Überzug  von  Zelluloid  zurück,
welcher  die  Einwirkung  der  Luft  verhindert.
Zaunrübenwurzel  (Gichtrübe,  lat.  Radix
bryoniae  s.  vitis  albae,  frz.  Racine  de  bryone
blanche,  engl.  Bryony  root),  im  getrockneten  Zustande ­
  ein  Gegenstand  des  Drogenhandels,  stammt
von  Bryonia  alba  und  dioica,  klimmenden
Pflanzen  aus  der  Familie  der  Kukurbitazeen,
von  denen  die  erstere  häufiger  im  östlichen,  die
letztere  mehr  im  westlichen  Deutschland  vorkommt. ­
  Die  großen  rübenartigen  Wurzeln,  die

sich  meist  in  Gestalt  von  Querscheiben  im  Handel
vorfinden,  sind  auf  der  Fläche  weißlichgelb,  ringförmig ­
  gewulstet  und  durch  nach  dem  Mittelpunkt ­
  verlaufende  Markstrahlen  gestreift.  Auch
die  weißlichgelbliche  Rinde  zeigt  zahlreiche  Ringwulste. ­
  Die  Droge  ist  geruchlos,  aber  von  unangenehm ­
  bitterem  Geschmack  und  wird  als  abführendes ­
  Mitte!  bei  Rheumatismus  usw.  benutzt.
Der  wirksame  Stoff  heißt  Bryonin.
Zedernholz.  Das  echte  Holz  der  Libanonzeder ­
  ist  längst  außer  Verkehr  gekommen  und
der  Baum  selbst  auf  den  Gebirgen  von  Syrien
und  Kleinasien  zur  Seltenheit  geworden.  Die
jetzige  Bezeichnung  umfaßt  verschiedene  andere,
einigermaßen  ähnliche,  wohlriechende  und,weiche'
Hölzer,  die  meist  in  weiße  und  rote  unterschieden ­
  werden.  Eines  der  ersteren,  das  sog.  spanische ­
  Z.,  stammt  von  einem  baumartigen  Wacholder, ­
  Juniperus  oxycedrus,  der  in  den
Mittelmeerländern  nicht  selten  ist,  und  auch  zwei
amerikanische  Nadelhölzer,  Cupressus  thujoides
  und  Taxodium  distichum,  liefern  weißes ­
  Z.  Das  in  größeren  Massen  zu  Bleistiften
verarbeitete  rote  Z.-Bleistiftholz  (Red  cedar)
stammt  von  zwei  amerikanischen  Wacholderbäumen, ­
  Juniperus  virginiana  und  bermudiana.
  Hierzu  kommt  das  braunrötliche,  wohlriechende ­
  Kuba-Z„  das  vorzugsweise  Zuckerkistenholz ­
  genannt  wird  und  von  einem  westindischen ­
  Laubbaume,  Cedrela  odorata,  gewonnen ­
  wird.  —  Aus  den  Spänen,  die  bei  der
Plerstellung  von  Bleistiften  in  großen  Massen  abfallen,
  destilliert  man  noch  eine  erhebliche  Menge
Öl.  Eine  geringwertigere  Sorte  des  letzteren,  die  nur
aus  den  leichter  siedenden  Anteilen  von  weniger
feinem  Geruch  besteht,  kommt  aus  den  Trockenkammern ­
  der  amerikanischen  Bleistiftfabriken.
—  Das  Zedernholzöl  (Zedernöl,  lat.  Oleum
ligni  cedri,  frz.  Essence  de  cedre,  engl.  Cedar  oil),
ein  blaßgedbes,  etwas  dickflüssiges  ätherisches  Öl
vom  spez.  Gew.  0,940—0,961  dient  als  Zusatz  zu
Seifenparfüm,  ferner  zur  Verfälschung  von  anderen ­
  ätherischen  Ölen  und  schließlich  zum  Parfürmieren
  der  aus  inländischen  Hölzern  gefertigten ­
  und  etwas  naturfarben  gebeizten  Zigarrenkisten. ­

Zedrobalsam  heißt  der  aus  der  Zirbelkiefer ­
  (Arve)  gewonnene  dünnflüssige  Terpentin, ­
  dar  durch  den  Zusatz  karpatischer
näher  bezeichnet  wird.
Zelloidin  nennt  man  die  aus  Kollodium  dargestellte, ­
  ganz  reine  Nitrozellulose,  die  in  Form
gelatineartiger  Tafeln  zum  Verkauf  gelangt  und
in  wäßriger  Lösung  wie  Kollodium,  vor  allem
zur  Herstellung  des  in  der  Photographie  gebrauchten ­
  Z.-Papiers  benutzt  wird.  Vor  gewöhnlichem ­
  Kollodjumpapier  ist  es  dadurch  ausgezeichnet, ­
  daß  es  aus  Jodsilber  kein  freies  Jod  abscheidet. ­

Zelluloid  (Zellhorn,  Trocadero),  eine  aus
Nitrozellulose  und  Kampfer  bestehende  Masse,
der  man  je  nach  Bedarf  verschiedene  weiße  oder
bunte  Farbstoffe  zusetzt,  ist  sehr  hart,  fest  und
dabei  elastisch  und  nimmt  eine  sehr  schöne
Politur  an.  In  Wasser  unlöslich,  ist  es  auch  an
der  Luft  unveränderlich,  wird  aber  bei  125 0  so
weich  und  plastisch,  daß  es  sich  in  jede  beliebige
Form  bringen  läßt  und  zur  Herstellung  der  verschiedensten ­
  Gegenstände,  Armbänder,  Broschen,
        <pb n="496" />
        Zellulose

490

Zement

Kämme,  Billardbälle,  Manschetten,  Halskragen,
Schirmgriffe,  Pferdegeschirre,  photographischer
Films  usw.,  benutzt  worden  kann.  Besonders
eigneres  sich  für  künstliche  Korallen.  Zur  Herstellung ­
  des  Z.  löst  man  Dinitrozellulose  in  geschmcilzenem
  Kampfer,  indem  man  mit  hydraulischen ­
  Pressen  einen  starken  Druck  bei  einer
durch  Dampf  erzeugten  Temperatur  bis  zu  130 0
ausübt.  Die  frisch  aus  den  Apparaten  kommende
Masse  ist  nach  dem  Erkalten  durchscheinend
und  hornartig  und  wird  erst  durch  Zusatz  verschiedener ­
  pulverförmiger  Stoffe  undurchsichtig.
Die  aus  Z.  gefertigten  Gegenstände  haben  den
Übelstand,  daß  sie  sich  bei  Annäherung  einer
Flamme  bzw.  bei  der  Vorführung  in  Lichtspieltheatern ­
  durch  Überspringen  elektrischer  Funken
sehr  leicht  entzünden  und  dann  schnell  verbrennen. ­
  Auch  besitzen  sie  einen  schwachen
Kampfergeruch.  Zur  Vermeidung  des  letzteren,
sowie  der  Explosionsgefahr  hat  man  zahlreiche
Ersatzstoffe  für  Kampfer  in  Vorschlag  gebracht.
Zellulose  (Cellulose,  Zellstoff)  im  chemischen ­
  Sinne  nennt  man  die  Verbindung  von
der  Zusammensetzung  der  Kohlenhydrate,  C 6 .
H 10 O 6 ,  die  entweder  für  sich  allein  oder  im  Gemenge ­
  mit  anderen  Stoffen  die  Wandung  der
Pflanzenzellen  bildet.  In  reinem  Zustande  und
"geringerer  Menge  findet  sie  sich  in  den  jungen,
zarten  Geweben,  reichlicher  in  älteren,  harten
Pflanzenteilen,  wie  den  Stämmen  der  Bäume,
dem  Stroh  und  den  Steinfrüchten.  Zur  fabrikmäßigen ­
  Darstellung  der  Z.  geht  man  meist  von
dem  Holze  aus,  das  aber  mit  erheblichen  Mengen
Lignin  inkrustiert  ist  und  daher  einer  chemischen ­
  Behandlung  unterworfen  werden  muß.  Nach
dem  älteren  sog.  Natronverfahren  wird  das
von  der  Rinde  befreite  und  in  Scheiben  geschnittene ­
  Holz  in  schmiedeeisernen  Kesseln  bei  6—10
Atmosphären  Druck  2—3  Stunden  lang  mit
8  0/0  iger  Natronlauge  gekocht,  darauf  nach  dem
Ablassen  der  braunen  Lauge  mit  Wasser  gewaschen ­
  und  schließlich  im  Bleichholländer  gebleicht. ­
  Eine  wesentliche  Verbesserung  bedeutete
das  von  A.  Mitscherlich  u.  a.  ausgearbeitete
Sulfit-Zellulose-Verfahren,  das  auf  der  Behandlüng
  des  in  Scheiben  geschnittenen  Holzes
mit  einer  sauren  Kalziumsulfitlösung  beruht.  Die
erforderliche  Sulfitlauge  wird  von  den  Z.-Fabriken
selbst  durch  Einwirkung  von  schwefliger  Säure
auf  Kalziumkarbonat  und  Wasser  in  auffallenden,
turmartigen  Anlagen  hergestellt  und  dann  in
die  verbleiten  Kochapparate  geleitet,  in  denen
sich  das  bereits  vorher  gedämpfte  Holz  befindet.
Man  erhitzt  bei  etwa  drei  Atmosphären  Druck
längere  Zeit  (1—2  Tage)  auf  108—118 0  und
wäscht  dann  mit  Wasser  aus.  Neuerdings  hat
man  auch  mit  Erfolg  versucht,  Z.  mit  Hilfe  der
Elektrolyse  zu  gewinnen,  indem  man  das  Holz
in  Kochsalzlösung  bringt  und  den  elektrischen
Strom  hindurchleitet.  —  Neben  dem  Holz  hat
nur  noch  das  Espartogras  eine  gewisse  Bedeutung ­
  für  die  Plerstellung  von  Z.,  für  die  es
meist  mit  einem  Gemisch  von  Magnesia  und
wäßriger  schwefliger  Säure  unter  Druck  gekocht
wird.  —  Die  reine  Z.  zeigt  unter  dem  Mikroskope
noch  das  pflanzliche  Gefüge  und  im  polarisierten
Lichte  Doppelbrechung.  Sie  löst  sich  nur  in
konzentrierten  Säuren  und  Chlorzinklösung,
worauf  die  Herstellung  von  künstlichem  Pergamentpapier ­

  (s.  d.)  beruht,  und  besonders  leicht  in
Schweizers  Reagens  (Kupferoxydammoniak).
Aus  der  letzteren  Lösung  wird  sie  durch  Wasser,
Säuren  und  Salze  in  Form  amorpher  Flocken
ohne  irgendwelche  Andeutung  von  pflanzlichem
Aufbau  ausgefällf.  Z.  bildet  den  wichtigsten
Rohstoff  zur  Herstellung  billigerer  Papiere.
Zement.  Unter  dem  Namen  Z.  versteht  man
teils  fertigen  Wassermörtel,  teils  Stoffe,  die
als  Zuschläge  dem  gewöhnlichen  Luftmörtei  die
Eigenschaft  verleihen,  unter  Wasser  steinartig  zu
erhärten.  Wenn  ein  Kalk  wenigstens  8  °/o  Ton
enthält,  also  zur  Klasse  der  Mergelkalke  gehört,
so  verhält  er  sich  beim  Brennen  und  Löschen
anders  als  gewöhnlicher  Kalkstein.  Er  bildet
eine  erdiggraue  Masse,  di©  sich  mit  Wasser  wenig
oder  gar  nicht  erhitzt,  und  wird  als  hydraulischer ­
  Kalk  bezeichnet.  Am  besten  sind  hydraulische ­
  Kalke  mit  einem  Tongehalte  von  20  bis
300/0.  Als  vorzügliche  Zuschläge,  die  gewöhnlichen ­
  Kalk  in  hydraulischen  verwandeln,  werden ­
  seit  langer  Zeit  verschiedene  Tonerdesilikate
benutzt,  die  vulkanischen  Ursprungs,  und  daher
von  Natur  bereits  aufgeschlossen  sind.  Die  wichtigsten ­
  dieser,  auch  natürliche  Z.  genannten,
Mineralien  sind  die  römische  Puzzolanerde,
der  neapolitanische  Posilippotuff,  die  Santorinerde
  und  der  rheinische  Traß.  Zu  den
künstlichen,  durch  einen  Brennprozeß  erhaltenen
Z.  gehören  in  erster  Linie  die  hydraulischen
Kalke  und  der  Roman-Z.  Zu  ihrer  Darstellung
werden  natürliche  tonhaltige  Kalke,  wie  sie  sich
z.  B.  am  Themseufer  finden,  bis  zur  Austreibung
der  Kohlensäure,  aber  nicht  bis  zur  Sinterung
gebrannt,  so  daß  sie  noch  freien  Kalk  enthalten.
Die  gebrannte  Masse  wird  beim  Roman-Z.  gemahlen ­
  und  als  ein  bräunliches  Pulver  in  den
Verkehr,  gebracht,  während  sie  bei  den  übrigen
hydraulischen  Kalken  durch  bloße  Behandlung
mit  Wasser  zerfällt.  Der  wichtigste  Z.,  der  englische ­
  Portland-Z.,  der  übrigens  auch  in  gleicher ­
  Güte  von  deutschen  Fabriken  hergestellt
wird,  unterscheidet  sich  von  den  vorstehenden
dadurch,  daß  man  natürliche  oder  künstliche
Gemische  von  Ton,  Kalkstein  oder  Kreide  bis
zur  Sinterung  erhitzt.  Gewöhnlich  wird  das
geschlämmte  Gemisch  zu  Ziegeln  geformt,  letztere ­
  getrocknet  und  bis  zur  anfangenden  hellen
Weißglut  gebrannt.  Bei  zu  schwacher  Hitze  ist
das  Tonsilikat  nicht  genügend  aufgeschlossen,  bei
Überhitzung  hingegen  teilweise  geschmolzen  (totgebrannt). ­
  Die  Steine,  die  noch  porös  sein  müssen,
werden  fein  gemahlen  und  geben  dann  ein  grünlichgraues ­
  Pulver,  das  beim  Übergießen  mit  Salzsäure ­
  gallertartige  Kieselsäure  abscheidet.  Außer
den  bereit^  genannten  Stoffen  verwendet  man  zur
Plerstellung  des  Portland-Z.  eine  Reihe  von  Zuschlägen, ­
  die  teils  vor,  teils  nach  dem  Brennen
hinzugesetzt  werden,  wie  Diabas,  Eisenerz,  Ziegelmehl ­
  und  mit  besonders  gutem  Erfolge  Hochofenschlacke. ­
  —  Der  Z.  dient  zu  Wasserbauten,
zum  Auskleiden  von  Behältern  und  zur  Herstellung ­
  von  Trögen,  Röhren,  Ornamenten  und
Fußbodenplatten.  Seine  Verwendung  beruht  darauf. ­
  daß  sich  der  Kalk  mit  dem  durch  das
Brennen  aufgeschlossenen  Tone  unter  der  Einwirkung ­
  des  Wassers  zu  einem  unlöslichen  Kaiktonerdedoppelsilikat.
  vereinigt.  Nach  der  Dauer
des  Festwerdens  unterscheidet  man  den  gewöhn-
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        ■

liehen,  langsam  bindenden,  der  etwa  VzStunde
gebraucht,  und  schnell  bindend  eil  Z.  Bis
zum  völligen  Abbinden  muß  die  Masse  unter
Wasser  bleiben.  Der  Versand  erfolgt  in  möglichst ­
  dichten  Fässern,  da  das  Pulver  an  feuchter
Luft  rasch  verdirbt.
Zephyrgarne  nennt  man  die  vielfädigen,  locker
gezwirnten,  weichen  Kammgarne,  die,  in  allen
gangbaren  Farben  gefärbt,  zur  Wollstickerei  (Tapisserie) ­
  häufige  Verwendung  finden.  Die  sächsischen ­
  Kammgarnspinnereien  liefern  größtenteils
Mas  Garn,  das  hauptsächlich  in  Berlin,  Leipzig,
Hamburg,  Altona  und  anderen  Orten  gefärbt
wird.
Zerate  (von  Cera,  Wachs)  ist  die  pharmazeutische ­
  Bezeichnung  fürWachspflaster  oderWachspomaden.
  Sie  werden  durch  Zusammenschmelzen
von  Wachs,  Fetten,  Ölen  und  Harzen  in  solcher
Konsistenz  erhalten,  daß  sie  bei  gewöhnlicher
Temperatur  starr  sind,  aber  schon  durch  die
Handwärme  salbenähnlich  erweichen.
Zerberaöl,  das  Öl  der  Früchte  von  Gerbera
Odollam,  einer  ostindischen  Pflanze,  findet  als
Fischgift  Anwendung.
Zerium,  ein  vierwertiges  metallisches  Element
vom  Atomgewicht  139—139.5,  das  sich  in  verschiedenen ­
  seltenen  Mineralien,  dem  Zerit,  Gadolinit,
  Orthit  und  vor  allem  im  Monazit
vorfindet.  Von  den  Verbindungen  des  Z.,  welche
meist  als  Abfälle  bei  der  Gewinnung  des  Thoriums ­
  aus  Monazitsand  erlangt  werden,  besitzen
das  Oxalat,  das  Nitrat  und  Sulfat  gewisse  Bedeutung. ­
  Zerooxalat  wird  bisweilen  bei  Magenund
  Darmkatarrh  angewandt,  Zeronitrat  findet
sich  in  Menge  von  1  °/o  in  der  zum  Imprägnieren
von  Glühstrümpfen  (s.  d.)  benutzten  Thoriumsalzlösung, ­
  und  Zerosulfat  ist  als  Bestandteil  photographischer ­
  Blitzlichtpulver  aufgefunden  worden.
Zerolin,  ein  gegen  Verstopfung  und  Hautausschläge ­
  verordnetes  Medikament  aus  Hefen-Fett.

Zibeben  nennt  man  eine  besondere  Sorte  von
großen  Rosinen,  die  jedoch  nicht  von  dem  gewöhnlichen ­
  Weinstocke,  sondern  von  Vitis
Rumphii  abstammen,  und  sich  durch  ihre  länglichovale ­
  Form  von  den  gewöhnlichen  Rosinen
unterscheiden.  Vgl.  ferner  Rosinen.
Zibet  (lat.  Zibethum,  frz.  Civette,  engl.  Civet)
ist  eine  fettartige,  stark  nach  Moschus  riechende
Ausscheidung  mehrerer  Arten  von  Zibetkatzen, ­
  nächtlich  schleichender  Raubtiere,  die  durch
ihren  Körperbau,  eine  streifige  Zeichnung  und
besonders  den  dicht  behaarten  langen  Schwanz
eine  gewisse  Ähnlichkeit  mit  wilden  Katzen  haben,
sich  aber  durch  die  abweichende  Kopfform  und
die  vorgestreckte  windhundartige  Schnauze  von
ihnen  unterscheiden.  Von  den  beiden,  hauptsächlich ­
  in  Betracht  kommenden  Arten  wird  die  afrikanische ­
  Zibetkatze  (Viverra  Civetta),  die
in  Ober-  und  Niederguinea  heimisch  sein  soll,  seit
alten  Zeiten  in  Abessinien,  Nubien,  Ägypten  und
der  Euphratebene  als  Haustier  gehalten,  ebenso
die  asiatische  (Viverra  Zibetha)  in  Ostindien.
Das  salbenartige,  gelbliche  oder  bräunliche  Sekret ­
  wird  in  einem  besonderen  Beutel  unter  dem
After  erzeugt  und  von  den  wild  lebenden  Tieren
zeitweilig  ausgeworfen.  Die  Handelsware  wird
aber  nur  von  gefangenen  Tieren  durch  wöchentliches ­
  Ausdrücken  der  Beutel  gewonnen  und  in

Zinn-  oder  Blechbüchsen,  afrikanisches  Z.  auch  in
Büffelhörnern,  versandt.  Als  beste  Sorte  gilt
das  Z.  von  Buco,  einer  der  Molukken,  dann  folgt
dasjenige  von  Java,  Bengalen  und  zuletzt  das
afrikanische.  Z.  findet  in  der  Medizin  keine  Anwendung ­
  mehr,  sondern  dient  lediglich  als  Köder
für  Fische  und  Raubzeug  sowie  als  Zusatz  zu
Parfüms.  Als  künstlicherZibet  findet  sich  im
Handel  eine  Mischung  von  Muskatöl  (100),  Perubalsam ­
  (30)  und  Walrat  (40),  die  mit  je  zwei  Teilen
Nelken-,  Zimt-  und  Sassafrasöl,  künstlichem  Moschus, ­
  Ambra  und  Ammoniak  versetzt  ist.
Zichorie  (Cichorie,  wilde  Z.,  gemeine
Wegwarte,  Feldz.,  Handleuchte,  Hindei,
Hindlüfte,  Hindsläufer,  Schweinebrunst,
Sonnenbrand,  Sonnenwende,  Sonnenwirbel, ­
  Wartekraut,  Wasserwart,  Wegweiß,
Wegläufer,  Weglug,  Weglungen,  Wegwurz, ­
  Wendel,  frz.  Chicorde  amöre,  commune,
sauvage,  engl.  Intybus  chicory,  Wild  chicory  und
Succory).  Die  Z.,  Cichorium  Intybus  L.,  ist
eine  ausdauernde  Komposite,  die  in  ganz  Europa ­
  häufig  an  Wegen  und  Rainen  wild  wächst,
aber  auch  vielfach  als  Futterpflanze  und  wegen
der  Wurzeln  angebaut  wird.  Die  unteren  Blätter
des  sperrigästigen  Krautes  sind  gestielt  und  fiederspakig,
  die  oberen  lanzettlich  und  sitzend,  die
Blütenköpfe,  die  sich  erst  im  zweiten  Jahre  entwickeln, ­
  traubig  und  die  Blumenkronen  blau,
selten  rötlich  oder  weiß.  Die  Wurzel  der  wild
wachsenden  Pflanze  ist  zylindrisch,  einfach,
15—30  cm  lang  und  6—8  mm  stark,  außen  braun
und  der  Länge  nach  runzelig.  Die  1  mm  dicke,
weiße  schwammige  Rinde  erscheint  strahlenförmig ­
  von  dunkleren  Streifen  durchzogen,  welche
die  kennzeichnenden  Milchsaftschläuche  enthalten, ­
  und  zeigt  außerdem  noch  Siebröhren.  Die
Gefäße  des  Holzes  bestehen  aus  kurzen,  quergetüpfelten ­
  Gliedern.  Die  Wurzel  der  angebauten ­
  Pflanze  ist  sehr  fleischig,  5cm  dick,  bis  70cm
lang  und  treibt  gegen  die  Spitze  einfache,  gerade,
7 ; —17  mm  dicke  Äste  von  schmutzig  weißer  Farbe
und  deutlicher  Querstreifung.  Die  Rinde  ist  6  bis
10  mm  dick.  Beide  Wurzelarten  milchen,  wenn
man  sie  im  frischen  Zustande  anschneidet,  sclhmekken
  bitter  und  enthalten  keine  Stärke,  sondern
Inulin.  In  England  dient  die  Z.  als  Weide,pflanze
für  Masthammel,  in  Griechenland  ißt  man  die
Blätter  als  Gemüse  oder  Salat.  Als  Viehfutter
ist  die  Z.  besonders  gegen  Hautkrankheiten  wirksam, ­
  darf  aber  den  Kühen  nur  in  kleinen  Gaben
gereicht  werden,  da  sie  der  Milch  und  der  Butter
einen  bitteren  Geschmack  verleiht.  In  großem
Maßstabe  wird  die  Wurzel  als  Kaffee-Ersatz
(Zichorienkaffee)  verwandt.  —  Der  Zichorienkaff ­
  eejfrz.  Cafd  de  chicorde,  Chicorde  engrains,
Mignonette,  engl.  Chicory  powder,  Succory  powder)
  ist  der  älteste,  im  großen  dargestellte  Kaffee-Ersatz,
  der  hauptsächlich  zur  Zeit  der  Kontinentalsperre ­
  aufkam.  Früher  ein  Geheimnis  der
Holländer,  hat  sich  die  Erzeugung  später  besonders ­
  in  Deutschland  und  Frankreich  zu  einer
schwungvollen  Industrie  entwickelt.  Obschon  in
neuerer  Zeit  der  Zichorie  von  anderen  Ersatzmitteln ­
  starker  Wettbewerb  gemacht  worden  ist,
steht  sie  doch  noch  an  der  Spitze  aller  und  wird
in  so  ausgedehntem  Maße  angewandt,  daß  der
Bedarf  durch  die  wild  wachsende  Pflanze  nicht
gedeckt  werden  kann.  Der  Anbau  in  Deutschst. ­


%

■
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        Ziegel

492

Zimt

land  wird  am  ausgebreitetsten  in  der  Gegend  von
Magdeburg  betrieben,  aber  auch  bei  Braunschweig, ­
  Heringen  und  Hannover,  am  Rhein,
in  Baden,  Württemberg  und  Schlesien  findet
man  Zicborienfelder.  Die  Z.  verlangt  Lehm-  oder
leichten,  aber  kalkhaltigen  Ton-  und  Tonmergelboden ­
  und  reichliche  Düngung.  Zur  Herstellung
des  Kaffee-Ersatzes  werden  die  Wurzeln  in  Scheiben ­
  oder  kleine  viereckige  Stückchen  zerschnitten
und  hierauf  im  Darrofen  getrocknet.  Das  Rösten
geschieht  gewöhnlich  unter  Zusatz  von  x—2  °/o
Fett  in  großen,  den  Kaffeetrommeln  ähnlichen
Blechzylindem,  und  die  geröstete  Wurzel  muß
sofort,  bevor  sie  durch  Anziehen  von  Feuchtigkeit ­
  zähe  geworden  ist,  gemahlen  werden.  Das
Pulver  wird  in  Fässer  oder  in  die  bekannten
kleinen  zylinderförmigen  Papierpakete  verpackt
und  dann  in  Kellerräumen  mehrere  Wochen  der
Einwirkung  feuchter  Luft  ausgesetzt,  worauf  der-Inhalt
  eine  dunkelschwarzbraune,  zähe,  bröcklige, ­
  bisweilen  auch  etwas  schmierige  Masse  bildet. ­
  In  dieser  Form  gelangt  sie  zum  Verkauf.
Der  durch  kochendes  Wasser  erhaltene  tief
dunkelbraune  Aufguß  ist  gewöhnlich  etwas  trübe
und  schmeckt  bitterlich  süß.  Die  Z.  benutzt  man
entweder  für  sich  allein  zur  Herstellung  eines
Getränkes,  oder  als  Zusatz  zu  Bohnenkaffee,
dessen  Geschmack  und  Aroma  er  weniger  verändert ­
  als  andere  Ersatzstoffe,  wie  Rüben,  Eicheln
usw.  Trotz  ihrer  Billigkeit  wird  sie  doch  häufig
verfälscht,  hauptsächlich  mit  anderen  gerösteten
Wurzeln,  wie  Möhren  oder  Zuckerrüben.  Besonders ­
  letztere  bilden  als  Rübenschnitzel  der
Zuckerfabriken  das  häufigste  Verfälschungsmittel
und  können  mikroskopisch  nachgewiesen  werden.
Erdige  Beimischungen,  Sand  usw.,  lassen  sich
durch  die  Aschenbestimmung  erkennen.  Der
Gehalt  an  Asche  darf  8°/o,  der  .Sandgehalt  2,5  °/o
nicht  überschreiten.  Besondere  gesetzliche  Bestimmungen ­
  über  Z.  bestehen  zurzeit  in  Deutschland ­
  und  Österreich  noch  nicht,  während  in  Belgien ­
  folgende  Vorschriften  für  die  Z.  festgelegt
sind:  Zichorie  darf,  bei  ioo°  getrocknet,  nicht
mehr  als  15  °/o  an  Gewicht  verlieren,  ferner  in
pulverförmigem  Zustande  nicht  mehr  als  10  0/0,
im  gekörnten  Zustande  nicht  mehr  als  8  °/o  Asche
hinterlassen  und  höchstens  2  °/o  Fett-  oder  Zucker-Zusatz
  erhalten  haben.  1907  betrug  die  Anbaufläche ­
  für  Z.  in  Deutschland  6170  ha,  der  Ertrag
1,6  Millionen  Dopelzentner.  der  Wert  der  gerösteten ­
  Z.  58/4  Millionen  Mark.
Ziegel  (Backsteine,  Mauersteine),  die  einfachsten ­
  Tonwaren,  werden  aus  dem  häufig  vorkommenden ­
  Lehm,  der  bereits  die  zweckmäßigste
Mischung  von  Ton,  Sand,  Eisenoxyd  und  mitunter ­
  auch  Kalk  enthält,  hergestellt,  und  nur
solche  Lehmsorten,  die  nidht  mager,  sondern
durch  hohen  Tongehalt  zu  fett  sind,  erhalten
einen  Zusatz  von  Sand,  um  das  Verziehen  beim
Brennen  zu  verhindern.  Der  gegrabene  Lehm
bleibt  eine  Zeitlang,  am  besten  einen  Winter  hindurch, ­
  im  Freien  liegen,  wodurch  er  bildsamer
wird,  und  wird  dann  eingesumpft  und  durch
Treten  mit  den  Füßen  von  Steinen  und  Kalknieren ­
  befreit.  Der  Ersatz  dieses  urwüchsigen
Verfahrens  durch  Maschinenarbeit  (sog.  Tonscheider) ­
  bedeutet  eine  wesentliche  Vereinfachung, ­
  liefert  aber  eine  unreinere  Masse.  Die
mit  der  Hand  oder  ebenfalls  mit  Maschinen  geformten ­

  Ziegel  werden  lufttrocken  gemacht  und
in  Ringöfen  gebrannt.  Sie  sind  dann  porös  und
durchlässig  für  Wasser  und  Luft,  haften  an  der
Zunge  und  besitzen  erdigen  Bruch.  Die  mehr
oder  weniger  rote  Farbe  rührt  von  einem  Gehalte
au  Eisenoxyd  her.  Bei  zu  hoher  Temperatur
des  Ofens  gebrannte  Z.,  die  oberflächlich  geschmolzen ­
  sind  und  eine  glatte,  glasartige  Haut
von  grüner,  gelber  oder  brauner  Farbe  erhalten
haben  (sog.  Klinker  oder  Glasköpfe),  saugen
kein  Wasser  ein  und  sind  für  gewöhnliche  Bauten
unbrauchbar,  weil  sie  den  Mörtel  nicht  binden,
können  aber  zu  Wasserbauten  benutzt  werden.
Zur  Herstellung  von  Dachziegeln  muß  der  Ton  W
besonders  sorgfältig  vorbereitet  werden.  Ver-i“
blendsteine  nennt  man  eine  gewisse  Sorte  gut
gearbeiteter  Ziegel  mit  glatter  Oberfläche,  die  zu
Rohbau  ohne  Abputz  Verwendung  finden.  Auch
werden  glasierte  Z.  gebrannt.  Zu  Isolierungszwecken ­
  stellt  man  Ziegel  unter  Verwendung
von  Korkabfällen  her.  Zur  Ermittlung  des
Gebrauchwertes  der  Z.  bestimmt  man  ihre  Druckfestigkeit, ­
  ihr  spez.  Gew.,  die  Porosität,  Frostbeständigkeit ­
  und  das  Wasseraufsaugungsvermögen. ­
  Außerdem  prüft  man  die  Steine  auf  das
Vorhandensein  wasserlöslicher  Salze,  sowie  von
Kalziumkarbonat,  Gips  und  Schwefelkies.
Zimt  (Zimmt,  Zimtkassia,  Zimtrinde,
Kaneel,  lat.  Cinnamomum,  frz.  Cannelle,  engl-Cinnamom),
  ein  überaus  wichtiges  Gewürz,  das
auch  medizinische  Bedeutung  besitzt,  besteht  aus
den  Rinden  verschiedener  tropischer  Bäume,  die
alle  der  Familie  der  Lorbeergewächse  oder
Laurineen  entstammen  und  besonders  der  Gattung ­
  Cinnamomum  angehören.  Die  Bäume
haben  aromatische,  immergrüne  Blätter,  Rispenblüten ­
  und  einsamige,  vom  Perigon  becherförmig
umhüllte  Früchte.  Die  beiden  wichtigsten  Zimtsorten ­
  sind  der  chinesische  und  der  Zeylonzimt.
  —  Der  chinesische  Z.,  Zimtkassia  (lat-Cortex
  cinnamomi  chinensis,  cinnamomi  cassiae,
Cassia  lignea,  frz.  Gasse  de  chine,  Cannelle  de
Chine,  engl.  Cassia  hark)  stammt  von  Cinnamomum ­
  Cassia  (Nees)  Blume.  Der  Baum  ist  im
südlichen  China  und  in  Kotschinchina  heimisch
und  wird  in  den  chinesischen  Provinzen  Kwangsi
und  Kwangtung,  sowie  jauch  in  Kotschinchina  und
auf  Zeylon,  den  Sundainseln  und  an  der  Küste
von  Malabar  angepflanzt.  Er  hat  ganzrandigc.
unterseits  weichhaarige,  dreinervige  Blätter  und
gelblichweiße  Blütenstände.  Man  läßt  die  Bäumchen ­
  sechs  Jahre  alt  werden  und  schält  die  Rinde
von  den  etwa  2  cm  dicken  Zweigen  im  März.
April  und  Mai,  indem  man  die  Blätter  und  kleineren ­
  Zweige  entfernt,  zwei  Längsschnitte  macht,
hierauf  in  45—50  cm  Entfernung  Querschnitte  aDr
bringt  und  schließlich  die  Rinde  mit  einem
Hornmesser  ablöst.  Die  noch  frischen  Rindenstreifen
  werden  von  dem  Korke  oberflächlich
durch  Abkratzen  befreit  und  nach  dem  Trocknen
in  Bündel  zusammengebunden.  In  das  Inner®
derselben  wird  herkömmlicherweise  der  beim
Schälen  erhaltene  Abfall,  die  sog.  Chips,  verteilt. ­
  Der  chinesische  Z.  bildet  einseitig  gerollt®
Röhren  oder  Halbröhren  von  so  cm  Längf.
o,s—3  cm  Durchmesser  und  i—3  mm  Dicke.  Di®  ,
rotbraunen  Stücke  enthalten  teilweise  noch  Kork'
reste  und  haben  korkartig  glatten  Bruch-Dar
  Geschmack  ist  würzig,  zugleich  aber  etwas
        <pb n="499" />
        Zimt

493

Zimt

zusammenziehend  und  schleimig.  Auf  dem  Querschnitt ­
  zeigt  die  Rinde  unter  dem  Mikroskop
flache  Korkzellen,  die  Mittelrinde  große  Schleimzellen
  und  schwach  verdickte  Steinzellen,  die
keinen  geschlossenen  Sklerenchymring
bilden,  sowie  spindelförmige  Bastfasern.  Das
Parenchym  der  Mittel-  und  Innenrinde,  in  dem
zahlreiche  Zellen  zu  Öl-  bzw.  Schleimzellen  umgewandelt
  sind,  enthält  meist  reichlich  Stärke
und  auch  Oxalatnadeln.  Die  Innenrinde  weist
neben  Bastfasern  auch  langgestreckte  Steinzellen
auf.  Der  wichtigste  Bestandteil  der  Zimtrinde
ist  das  zu  ungefähr  2  %  darin  enthaltene  ätherische ­
  Öl  (s.  d.).  Der  chinesische  Zimt,  die  offizinelle
  Sorte,  kommt  als  fein,  mittel,  ordinär,
kurz  und  lang  in  Rohrmatten  oder  Kisten,  oder
als  Cassia  vera  in  Bruchstücken  starker  Äste
mit  viel  Kork  und  dunklem  Bast  in  den  Handel.
—  Der  Zeylonzimt,  echter  Z.  oder  Kaneel
(lat.  Cortex  cinnamomi  ceylanici,  oinnamomi  acuti,
frz.  Canelle  fine,  engl.  Ceylon  cinnamora)  von
Cinnamomum  ceylanicum  Breynebzw.Laurus
  cinnamomum  L.,  der  auf  Zeylon,  sowie
fast  überall  in  den  Tropen  angebaut  wird,  gedeiht
am  besten  um  Kolombo,  Negumbo  und  Matura
auf  etwa  14  Meilen  Fläche  im  sandigen  humusreichen ­
  Tonboden.  Der  kleine  Baum,  der  in
den  Pflanzungen  strauchig  gehalten  wird,  hat
ganzrandige,  in  der  Jugend  rote,  später  grüne,
3 : —7nervige,  lederartige  Blätter  und  weiße  Blütenstände ­
  von  unangenehmem  Geruch.  Im  Mai  und
Juni  sowie  im  November  und  Dezember  wird  die
Rinde  von  den  1V2—2  Jahr  alten,  buschartig  entwickelten ­
  Wurzelschößlingen  gesammelt,  indem
man  diese  entlaubt,  mit  kreisförmigen,  bis  1  m
voneinander  entfernten/  Einschnitten  versieht,  die
Rindie  der  Länge  nach  aufschlitzt  und  in  einem
Stück  abzieht.  Dann  schabt  man  die  äußeren,
bitterlich  zusammenziehend  schmeckenden  Partien ­
  sorgfältig  ab,  steckt  8—10  Röhren  ineinander,
schneidet  sie  zu  Stücken  von  bestimmter  Länge
und  trocknet  im  Schatten.  Die  sich  dann  leicht
rollenden  Rindenstücke  packt  man  in  Bündel
(Fardelen)  zu  io—15  kg  Gewicht  und  schnürt
zum  Versand  je  drei  derselben  zu  einem  Ballen,
der  mit  Kongotuch,  Fellen  oder  doppelter  Leinwand ­
  umpackt  wird.  Die  Rindenabfälle  werden
teils  in  die  Bündel  gesteckt,  teils  als  „Bruch“
oder  „Chips“  für  sich  in  den  Handel  gebracht.
Der  Zeylonzimt  stellt  zweiseitig  gerollte  Röhren
dar,  die  zu  8—10  ineinandergesteckt  sind  und  bis
2  cm  Durchmesser  haben.  Die  Dicke  der  Stücke
beträgt  gegen  0,5  mm.  Die  außen  glatte,  gelb-Rehbraune,
  längsstreifige  Rinde  besitzt  kurzfaserigen ­
  Bruch.  Der  Geschmack  ist  sehr  gewürzhaft, ­
  nicht  zusammenziehend  und  nicht  schleimig. ­
  Der  innere  Bau  gleicht  demjenigen  des
chinesischen  Zimts,  doch  fehlen  stets  Kork  und
Mittelrinde.  Nach  außen  ist  die  Rinde  durch
einen  geschlossenen  Sklerenchymring  begrenzt.
Auf  der  Oberseite  zeigt  sie  zarte  Längsstreifung,
die  Unterfläche  ist  dunkelbraun  und  feinwarzig.
Auf  dem  faserigen  Bruche  erkennt  man  zahlreiche ­
  weiße  Bastbündel.  Der  Z.  von  Zeylon
(Plantagenkaneel)  bildet  die  feinste  Handelssorte. ­
  Der  in  botanischer  Hinsicht  zu  ihm  gehörende ­
  Java-Z.  ist  wenig  aromatisch  und  etwas
dunkler,  aber  sonst  kaum  von  ihm  zu  unterscheiden, ­
  Er  gilt  als  zweite  Sorte  und  wird  besonders ­

  nach  Holland  versandt.  ■—  Die  Kulilawanrinde
  von  Cinnamomum  Culilawan  wird
auf  den  Molukken  angebaut.  —  Der  Malabarzimt, ­
  Holzzimt,  Holzkassia  (lat.  Cassia  lignea)
stammt  teils  von  ostindischen  Spielarten  des
Zeylonzimtes,  teils  von  dem  nach  den  Philippinen
und  den  Sundainseln  yerpflaftzten  chinesischen
Zimtbaum  und  stellt  die  geringste  Sorte  dar.  Er
besteht,  da  er  auch  von  älteren  Stämmen  und
Zweigen  gewonnen  wird,  gewöhnlich  aus  stärkeren ­
  Röhren  und  bräunlichen,  plattenförmigen
Stücken  von  ebenem  Querbruch.  Der  Geruch
ist  schwach  zimtartig,  der  Geschmack  schleimig.
M.  wird  in  Kisten  bis  zu  30  kg  in  Vs'kg-Bündeln
verpackt.  Die  verwandten  Sorten:  Tellicherry-,
Kayenne-  und  Brasil-Z.  kommen  nur  selten
in  den  deutschen  Handel.  —  Seychellen-Z.
von  einer  auf  den  Seychellen  angepflanzten
Cinnamomumart,  die  anscheinend  infolge  des  ungeeigneten ­
  Klimas  entartet  ist,  besteht  aus  groben, ­
  bis  7  mm  dicken  Stücken,  die  noch  völlig
von  der  Korkschicht  bedeckt  sind  und  mehr  das
Aussehen  von  Holz  als  von  Rinden  haben.  Die
sehr  geringwertige  Sorte,  die  nur  0,4  °/o  ätheririsches ­
  Öl  enthält,  sollte  nur  unter  Kennzeichnung
verkauft  werden.  —  Der  Nelkenzimt  (Nelkenrinde,
  Nel  kenkassia,  schwarzer  Z.,  lat.  Cassia ­
  caryophyllata,  frz.  Canelle  giroflöe,  Canelle
de  Brasil,  engl.  Clove  bark,  Clove  cinnamom)  ist
die  Rinde  einer  brasilianischen  Laurazee,
Dicypellium  caryophyllatum  Nees,  und
kommt  in  60  cm  langen,  3  cm  dicken,  übereinandergerollten
  Röhren  in  den  Handel.  Die  bis
2  mm  dicke,  dunkelrotbraune  Rinde  ist  an  der
Außenseite  schilferig  oder  mit  schwarzbraunen
Blättchen  bedeckt,  an  der  Innenseite  fein  längsstreifig. ­
  Sie  riecht  und  schmeckt  nach  Nelken
und  Zimt  und  diente  früher  als  Gewürz  und  zu
Parfümerien,  wird  aber  jetzt  nur  noch  selten  gebraucht. ­
  —•  Der  weiße  Z,  (weißer  Kaneel,
weiße  Kaneelrinde,  falsche  Winterrinde,
lat.  Cortex  caneUae  albae,  frz.  Canelle  blanche,
engl.  White  canelle)  stammt  von  einem  auf  den
Antillen  heimischen  Baum  oder  Strauch,  Canella
  alba  M.,  dessen  Äste  die  von  der  Borke
befreite  Rinde  liefern.  Sie  findet  sich  in  Röhren
oder  rinnenförmigen  Stücken  von  2—4  mm  Dicke,
ist  außen  blaßrötlich,  uneben,  stellenweise  mit
einem  hellbräunlichen  Kork  bedeckt  und  innen
gelblichweiß.  Der  weiße  Z.  hat  einen  aromatischen, ­
  zimtähnlichen  Geruch  und  bitterlichen,
scharf  aromatischen  Geschmack;  in  Amerika  wird
er  als  Küchengewürz  benutzt,  medizinisch  findet
er  nur  noch  selten  Anwendung.  —  Der  Zimt  ist
schon  seit  vielen  Jahrhunderten  Gegenstand  des
Welthandels.  Von  134°  an  wurde  er  aus  Zeylon
bekannt  und  zuerst  von  den  Portugiesen,  dann
von  den  Holländern  und  zuletzt  von  den  Engländern ­
  in  Form  eines  Monopols  in  den  Handel
gebracht.  Die  Holländer  verbrannten  zeitweise
den  Überfluß,  um  die  Preise  hochzuhalten,  die
Engländer  erschwerten  die  Ausfuhr  durch  hohen
Zoll,  bis  1833  das  Monopol  und  von  1853  ab  der
Zoll  aufhörte.  Jetzt  wird  in  Zeylon  der  Anbau
des  Z.  durch  Kaffeepflanzungen  mehr  und  mehr
verdrängt,  da  man  auch  an  anderen  Orten  viel  Z.
gewinnt.  Die  Bezugsorte  für  Z.  sind,  London,
Hamburg  und  Bremen.  Die  Einfuhr  von  Cassia
lignea  in  Hamburg  betrug  vor  dem  Kriege  un ­
        <pb n="500" />
        Zimtblüten

494

Zimtöl

gefähr  14000  Kisten,  der  Hamburger  Marktpreis
88  M.  für  100  kg.  Für  Zeylon-Z.  verlor  der  Londoner ­
  Markt  mit  seinen  Auktionen  immer  mehr
an  Bedeutung,  und  der  Verkehr  verschob  sich
ständig  zugunsten  Hamburgs,  das  annähernd
7700  Ballen  einführte,  gegen  3050  Ballen  nach
London.  Deutschland  ist  in  Zeylon  der  größte
Abnehmer;  ein  Drittel  der  auf  etwa  2,5  Millionen
englische  Pfund  geschätzten  Gesamtausfuhr  geht
nach  deutschen  Häfen.  Wie  sich  das  Verhältnis
in  Zukunft  gestalten  wird,  ist  zurzeit  noch  nicht
abzusehen.  —  Verfälschungen  des  unzerkleinerten
Z.  sind  selten,  häufig  hingegen  solche  des  käuflichen ­
  Zimtpulvers.  Dieses  wird  im  großen  am
häufigsten  mit  Rinden  fremder  Laurazeen,  mit
destillierter  Rinde,  Malta  oder  Chips,  im  Kleinhandel ­
  mit  Mehl,  Ölkuchen,  Mandelkleie,  Sand,
Bolus  oder  Ocker  verfälscht.  Der  Zusatz  von
minderwertigen  Zimtrinden  ist  schwer  nachweisbar, ­
  am  besten  noch  durch  den  Geruch  und  Geschmack. ­
  Fremde  Rinden  lassen  sich  mit  Hilfe
des  Mikroskopes  gewöhnlich  unschwer  erkennen,
da  die  Zimtrinde  besonders  kennzeichnende  Gewebeteile ­
  besitzt.  Chips,  Zimtrindenabfall,  der
Holzbestandteile  enthält,  verrät  sich  durch  große
getüpfelte  Gefäße  mit  rundlichen  bzw.  ovalen
Tüpfeln  oder  mit  Hoftüpfeln,  Auch  Sandelholz
und  Zigarrenkistenholz  lassen  sich  leicht  mittels
des  Mikroskopes  an  den  getüpfelten  Gefäßen
erkennen.  Zimtmatta,  aus  gemahlener  Hirsekleie
und  einem  mineralischen  Farbstoff,  ist  an  den
ge  zacktrandigen  Oberhautzellen  aufzufinden.
Ebenso  ist  der  Nachweis  von  Mandelkleie,  Mehl
und  ölkuchemnehl  mittels  des  Mikroskopes  leicht
zu  führen,  weil  Zimt  besonders  geformte  Stärkekömer
  besitzt,  die  nur  schwer  mit  anderen  verwechselt ­
  werden  können.  Ist  zur  Herstellung  von,
Zimtpulver  destillierte  (extrahierte)  Rinde  verwandt ­
  worden,  so  sind  die  Stärkekömehen  teilweise ­
  verkleistert.  Außerdem  gibt  die  Ölbestimmung ­
  weiteren  Aufschluß:  Für  den  Laien  bietet
auch  die  Färbung  des  Wassers  beim  Kochen  mit
Z.  (destillierter  Z.  färbt  dieses  nicht)  und  das  Gefühl ­
  der  Trockenheit  (destillierter  Z.  fühlt  sich
feucht  an)  einen  gewissen  Anhalt,  ob  destillierter
Z.  vorliegt.  Mineralische  Stoffe  erkennt  man  bei
der  Aschenbestimmung.  Nach  den  „Vereinbarungen“ ­
  der  deutschen  Nahrungsmittelchemiker  muß
guter,  marktfähiger  Z.  mindestens  I  °/o  ätherisches
Öl  besitzen.  Der  höchstzulässige  Aschengehalt
lufttrockener  Ware  beträgt  s  °/o  und  für  den  in
io%iger  Salzsäure  unlöslichen  Teil  der  Asche
2%.  Zusätze  von  wilden  Zimtrinden  sowie  von
sehr  schleimreichen  und  kaum  nach  Z.  schmekkenden
  Pflanzungsrinden  sind  unstatthaft.  Aus
Zimtbruch  hergestelltes  Pulver  muß  als  solches
gekennzeichnet  sein  und  darf  nicht  mehr  als
7  0/0  Asche  und  höchstens  3,5  °/o  Sand  enthalten.
—  Die  Verwendung  des  Z.  ist  außerordentlich
mannigfaltig.  In  großen  Mengen  wird  er  zu
Schokoladen  und  Likören,  ferner  in  der  Küche,
in  Konditoreien,  zu  Parfümerien  und  zur  Destillation ­
  von  Zimtöl  benutzt.  Pharmazeutisch  findet
er  als  die  Eßlust  und  Verdauung  anregendes
Mittel  in  Form  der  offizineilen  Zimttinktur,  als
geschmackverbessernder  Zusatz  zu  Eisenpräparaten ­
  und  zum  Bestreuen  von  Pillen  Anwendung.
ZimtblUten  (Zimtnägelein,  lat.  Flores  cas
siae,  Clavelli  cinnamorni,  frz.  Clous  de  cassia.

engl.  Cassia  buds),  die  nach  dem  Verblühen  gesammelten ­
  und  getrockneten  Blüten  einer  Cinnamomumart
  (Cinnamomum  cassia  Bl.),
haben  eine  keulenförmige  Gestalt,  sind  %—iVscm
lang,  zum  Teil  gestielt,  schwarzbraun,  runzelig
und  hart.  Jedes  Stück  besteht  aus  dem  becherförmigen ­
  Unterteil  des  Kelches,  der  nach  unten
zu  stie'lartig  verschmälert  ist  und  mit  seinem
oberen  sechsteiligen  Saum  den  Fruchtknoten
einhüllt.  Die  Z.  enthalten  1,5—2°/o  eines  nach  Zimt
riechenden  und  schmeckenden  ätherischen  Öls,
finden  aber  nur  noch  untergeordnete  Verwendung ­
  als  Küchengewürz,  während  sie  in  der
Heilkunde  kaum  noch  benutzt  werden.  Die  Zufuhr, ­
  die  sich  im  Jahre  1906  auf  1500  Kisten  zu
30  kg  in  Hamburg  beschränkte,  erfolgt  von
China  über  London  und  Hamburg.
Zimtöl.  Man  unterscheidet  drei  Sorten,  das
chinesische  Z.,  das  Zeylon-Z.  und  das  Zimtblätteröl. ­
  i.  Das  chinesische  Z.  (Kassiaöl,  Zimtblütenöl, ­
  gewöhnliches  Z.,  lat.  Oleum  cinnamomi,
  Oleum  cassiae,  frz.  Essence  de  cassia,
engl.  Cassia  oil)  wird  im  südlichen  China  aus
den  Blättern,  Zweigen  und  Rindenabfällen  des
chinesischen  Zimtstrauches,  Cinnamomum ­
  cassia  BL,  durch  Destillation  mit  Wasserdämpfen ­
  gewonnen  und  kommt  in  bleiernen
Kanistern  von  7,5  kg  Inhalt  von  Hongkong  und
Kanton  aus  in  den  Handel.  Es  bildet  eine  gelbe
oder  bräunliche  Flüssigkeit  von  angenehmem
Zimtgeruch  und  anfangs  süßem,  hinterher  brennendem ­
  Geschmack.  Das  spez.  Gew.  schwankt
zwischen  1,055—1,070.  Der  Hauptbestandteil  des
in  Alkohol  und  Äther  leicht  löslichen  Z.  ist  der
Zimtaldehyd  (75  %  und  mehr);  außerdem  finden
sich  noch  Essigsäurezimtester  und  etwas  freie
Zimtsäure.  Verfälschungen  kommen  häufig  vor,
namentlich  mit  fetten  Ölen,  Zedernöl,  Kolophonium ­
  und  Mineralölen.  Zedernöl,  Mineralöle  und
fette  öle  erkennt  man  an  der  Erniedrigung  des
spezi  Gew.  und  der  Unlöslichkeit  in  8o°/oigei»
Alkohol,  worin  sich  Kassiaöl  im  Verhältnis  1  :i—2
löst.  Mit  Kolophonium  versetztes  Öl  ist  dunkel
gefärbt  und  dickflüssig  und  hinterläßt  bei  der
Destillation  mehr  als  10  %  eines  hart  und  spröde
werdenden  Rückstandes.  Nelkenölhaltiges  Z.  erkennt ­
  man  an  der  grünen  oder  blauen  Färbung,
welche  die  Lösung  von  vier  Tropfen  Öl  h 1
10  ccm  Weingeist  durch  einen  Tropfen  Eisenchlorid ­
  annimmt,  während  sich  reines  Öl  nur
braun  färbt.  Chinesisches  Z.  wird  zum  Parfümieren ­
  von  Seifen,  sowie  zur  Geschmacksverbesserung
  und  als  Zusatz  bei  der  Bereitung  aromatischer ­
  Liköre  benutzt.  —  2.  Zeylonzimtöl
(echtes  Z.,  lat.Oleum  cinnamorni  ceylanici,  Oleum
cinnamorni  acuti,  frz.  Essence  de  cannelle  de
Ceylan,  engl.  Cinnamom  oil),  das  Zimtöl  d eS
D.A,  B.,  ernält  man  durch  Destillation  der  beim
Schälen  und  Verpacken  dps  Zeylonzimts  abfallenden ­
  Späne  (Chips)  in  Menge  von  0,5—1  °/o.  Di®
hellgelbe  bis  goldgelbe  Flüssigkeit  von  aromatischem ­
  Geruch  und  gewürzhaftem,  brennende 111
Geschmack,  der  viel  feiner  ist  als  der  des  chinesischen ­
  Z.,  löst  sich  in  drei  Teilen  70°/oigem
Alkohol  und  enthält  65—76%  Zimtaldehyd.  D aS
spez.  Gew.  beträgt  1,023—1,040.  Das  Hauptverfälschungsmittel ­
  des  Öls  ist  das  viel  billiger 6
Zimtblätteröl,  auf  dessen  Anwesenheit  zu  schließen ­
  ist,  wenn  I  ccm  Z.,  in  5  ccm  Spiritus  gelöst.
        <pb n="501" />
        Zimtsäure

495

Zink

mit  Eisenchlorid  keine  blaßgrüne,  sondern  eine
blaue  Färbung  gibt.  Sicherer  geschieht  der  Nachweis ­
  durch  die  Bestimmung  des  Zimtaldehydsowie
  des  Eugeruolgehalts.  Das  Zeylonzimtöl  findet ­
  besonders  bei  der  Herstellung  von  Likören
Verwendung.  —  3.  Das  Zim  tblätteröl  (lat.
Oleum  foliorum  chmamomi,  frz.  Essence  de
feuilles  de  cannelle,  engl.  Oil  of  cinnamom  leaves),
das  aus  den  Blättern  des  Zey  lonzimtstrauches
  durch  Destillation  gewonnene  gelbliche
ätherische  Öl,  hat  das  spez.  Gew.  1,044—1,065
und  riecht  nach  Zimt  und  Nelken.  Es  enthält
als  Hauptbestandteil  Eugenol  (65—95  °/o)  und
wird  in  der  Seifenindustrie,  häufig  aber  auch  zum
Verfälschen  des  Zeylonzimtöles  (s.  d.)  benutzt.
Ziftitsäure  (Phenylakrylsäure,  lat.  Acidum
cinnamylicuon,  frz.  Acide  cinnamique,  engl.  Cinnamic
  acid)  findet  sich  teils  frei,  teils  in  esterartiger
  Bindung  im  Perubalsam,  Storax,  Sumatrabenzoö
  und  zahlreichen  anderen  Pflanzenstoffeo.
Zu  ihrer  Darstellung  geht  man  meist  vom  Storax ­
  aus,  indem  man  aus  diesem  nach  Zusatz  von
Ätznatron  den  Zimtalkohol  und  das  Styrol  abdestilliert ­
  und  das  zurückbleibende  zimtsaure  Natrium ­
  mit  Salzsäure  zerlegt.  Durch  Auflösen  in
Ammoniumkarbonat,  wiederholte  Fällung  mit
Salzsäure  und  Umkristallisieren,  aus  Wasser  wird
die  reine  Säure  (Acidum  cinnamyldcum  medicinale)
  erhalten.  Auf  synthetischem  Wege  kann
Z.  durch  Erhitzen  von  Benzaldehyd  mit  Azetylchlorid
  oder  mit  Essigsäureanhydrid  und  wasserfreiem ­
  Natriumazetat,  oder  auch  von  Benzalchlorid
  mit  Natriumazetat  dargestellt  werden  und
führt  dann  die  Bezeichnung  „artificiale“.  Z.,
C e H 5  .  CH  .  CH  .  COOH,  bildet  je  nach  der  Art
des  Lösungsmittels  farblose  Nadeln  oder  Prismen, ­
  die  sich  schwer  in  kaltem,  hingegen  leicht
in  heißem  Wasser,  Alkohol  und  fetten  ölen
lösen.  Der  Schmelzpunkt  liegt  bei  133  °.  Sie  destilliert ­
  bei  300 0  unter  teilweiser  Zersetzung,  ist
aber  sublimierbar  und  mit  Wasserdämpfen  flüchtig.,— ­
  Z.  findet  in  der  Technik  ausgedehnte  Anwendung ­
  zur  Darstellung  von  Orthonitrozimtsäure,
  die  in  Propiolsäure  und  künstlichen  Indigo ­
  übergeführt  wird.  In  der  Medizin  dient  sie
als  Mittel  gegen  Tuberkulose.  Zu  dem  gleichen
Zwecke  benutzt  man  ihr  Natriumsalz  (Hetol),
ein  in  kaltem  Wasser  schwer,  in  heißem  Wasser
leicht  lösliches  Kristallpulver,  dessen  Lösung  mit
Eisenchlorid  einen  schönen  violetten  Niederschlag
liefert.
Zinalin,  ein  jetzt  nicht  mehr  im  Handel  vorkommender ­
  Teerfarbstoff,  wird  durch  Einwirkung ­
  von  salpetriger  Säure  auf  eine  alkoholische
Lösung  von  Rosanilin  als  ein  orangerotes  Pulver
erhalten.
Zinchonidin,  ein  in  manchen  Chinarinden  ent
haltenes  Alkaloid,  unterscheidet  sich  von  dem
ähnlichen  Chinidin  durch  schwerere  Löslichkeit
in  Wasser,  Alkohol  und  Äther.  Das  zuweilen
medizinisch  benutzte  schwefelsaure  Z.  (Zinchonidinsulfat, ­
  lat.  Cinchonidinum  sulfuricum,
frz.  Sulfate  de  cinchonidine,  engl.  Sulfate  of
cinchonidin)  besteht  aus  farblosen,  sternförmig
gruppierten  Kristallnadeln  von  bitterem  Geschmack. ­

Zinchonin,  ein  vorzugsweise  in  den  grauen
oder  braunen  Chinarinden  vorkommendes  Alkaloid, ­
  schmeckt  wegen  der  geringen  Wasserlöslichkeit ­

  nur  sehr  schwach  bitter,  bildet  hingegen
stark  bitter  schmeckende  Salze.  Dieselben  werden ­
  jedoch  viel  seltener  angewandt  als  die  betreffenden ­
  Chininsalze,  da  sie  sich  weniger  wirksam ­
  erwiesen  haben.  In  den  Preislisten  findet
man:  essigsaures  Z.  (Zinchoninazetat,  lat.
Cinchoninum  aceticum),  salzsaures  Z.  (Chlorwasserstoffzinchonin, ­
  lat.  Cinchoninum  muriaticum
  s.  hydrochloricum)  und  schwefelsaures
Z.  (Zinchoninsulfat,  lät  Cinchoninum  suifuricum),
  sämtlich  farblose,  kristallisierbare  Salze.
Zineol,  ein  mit  Eukalyptol  und  Kajeputol
identischer  Terpenalkohol,  C 10 H 18 O,  der  sich  in
verschiedenen  ätherischen  Ölen,  so  im  Zina-,
Sternanis-,  Zitwerwurzel-,  Eukalyptus-  (s.  d.)  und
Kajeputol  (s.  d.)  vorfindet,  wird  aus  zineolreichen
Ölen,  wie  z.  B.  dem  von  Eukalyptus  Globulus,  gewonnen, ­
  als  ein  farbloses,  nach  Kampfer  riechendes ­
  Öl,  das  in  Wasser  unlöslich  ist,  sich  hingegen
mit  Alkohol  und  Äther  mischt  und  bei  176°
siedet.  Das  spez.  Gewicht  beträgt  0,928—0,930.
Z.  findet  unter  dem  Namen  Eukalyptol  medizinische ­
  Anwendung.
Zink  (Spianter,  lat,  Zincum,  frz.  Zinc,  engl.
Spelter,  Zinc).  Das  Z.  ist  in  Verbindung  mit
Kupfer  als  Bronze  und  Messing  bereits  seit  dem
Altertum  bekannt,  als  besonderes,  selbständiges
Metall  aber  erst  im  16.  Jahrhundert  beschrieben
worden.  Es  findet  sich  in  der  Natur  nur  ausnahmsweise ­
  gediegen,  hingegen  meist  in  Form
von  Erzen,  die  sich  in  den  älteren  kristallinischen
Gesteinen  als  Adern  oder  Gänge  abgelagert
haben.  Das  beste  Zinkerz  ist  der  edle  Galmei
oder  Zinkspat  (Zinkkarbonat).  Neben  ihm
kommt  gewöhnlich  das  Kieselzinkerz  (Zinksilikat) ­
  und  gewöhnlicher  Galmei  (Gemenge
von  Zinksilikat  und  Karbonat)  vor,  das  sich  zwar
etwas  schwieriger  verhütten  läßt,  aber  doch  mit
dem  ersten  zusammen  verarbeitet  wird.  Am  häufigsten ­
  ist  die  Zinkblende  (Schwefel-Z.).  Die
wichtigsten  Lagerstätten  finden  sich  in  Oberschlesien ­
  mit  einer  Fortsetzung  nach  Galizien
und  in  der  Rheingegend  von  Aachen  bis  Lüttich,
wo  der  edle  Galmei  am  Altenberg  (Vieille  montagne)
  seit  alten  Zeiten  sogar  im  Tagebau  gewonnen ­
  wird;  weitere  Vorkommnisse  in  Frankreich, ­
  Spanien,  Griechenland,  Algier,  Schweden,
Sardinien,  England  und  Amerika.  Zur  Darstellung ­
  des  Z.  werden  die  Erze,  besonders  Galmei
und  Blende,  durch  längeres  Lagern,  Waschen
und  Schlämmen  von  der  Gangart  getrennt  und
darauf  geröstet,  wobei  der  edle  Galmei  unter
Abgabe  von  Kohlensäure  und  Wasser  leicht  in
Zinkoxyd  übergeht.  Das  Rösten  der  Zinkblende
erfolgt  nur  schwierig,  weil  die  Entstehung  von
Zinksulfat  möglichst  vermieden  werden  muß.  Das
beim  Rösten  erhaltene  Zinkoxyd  wird  dann  mit
Kohle  oder  Koks  gemengt  und  in  Retorten  von
feuerfestem  Ton  erhitzt,  wobei  das  reduzierte
Metall  in  Dampfform  überdestilliert  und  in  Vorlagen ­
  abtropft.  Neben  dem  festen  Zink  sammelt
sich  hier  meist  ein  als  Zinkstaub  bezeiohnetes
graues  Pulver  an,  das  aus  einem  Gemisch  von
Z.  und'  Zinkoxyd  besteht  und  in  chemischen
Laboratorien  als  Reduktionsmittel  benutzt  wird.
Zur  weiteren  Reinigung  wird  das  Metall  nochmals ­
  in  eisernen  Kesseln  umgeschmolzen  und
in  Barren  oder  Platten  gegossen,  oder  zu  Blechen
ausgewalzt.  Es  enthält  dann  meist  98—gg°/o  Z.
        <pb n="502" />
        Zink

496

Zinksulfat

neben  geringen  Mengen  von  Blei,  Kadmium  und
Eisen.  Zur  Herstellung  des  chemisch  reinen  Metalles
  sind  zahlreiche  Methoden  vorgeschlagen,
von  denen  nur  die  Reduktion  von  Zinkoxyd  mit
Kohle  oder  Wasserstoff  sowie  die  Elektrolyse
ammoniakaliscber  Zinksulfatlösung  erwähnt  seien.
Das  für  den  Arsennachweis  in  forensischen  Analysen ­
  erforderliche  „arsenfreie  Zink“  wird
durch  Schmelzen  von  Z.  mit  Magnesiumchlorid
oder  durch  Behandlung  mit  Schwefel  dargestellt.
—  Das  metallische  Z.  besitzt  eine  bläulichweiße
Farbe  und  starken  Glanz.  Das  spez.  Gew.  beträgt ­
  7—7,1,  das  Atomgewicht  Zn  =  65,4-  Bei  gewöhnlicher ­
  Temperatur  ist  es  ziemlich  spröde
und  brüchig,  wird  aber  zwischen  100  und  150 0
geschmeidig,  so  daß  es  zu  Blechen  gewalzt  und
zu  Draht  gezogen  werden  kann.  Bei  stärkerem
Erhitzen  auf  200 0  wird  es  wieder  so  spröde,  daß
es  sich  zu  einem  Pulver  zerstoßen  läßt,  schmilzt
dann  bei  412 0  und  siedet  bei  930—1000 0 .  Das  Z.
verändert  sich  weder  an  trockner  Luft,  noch  in
luftfreiem  Wasser,  läuft  aber  an  feuchter  Luft  an
und  überzieht  sich  mit  einer  dünnen  Schicht  von
basischem  Karbonat.  Von  Säuren  wird  das  chemisch ­
  reine  Metall  kaum  angegriffen,  wenig  verunreinigtes ­
  aber  unter  Entwicklung  von  Wasserstoff ­
  leicht  gelöst.  —  Das  Z.  diente  ursprünglich
nur  zur  Herstellung  des  Messings  (s.  d.)  und
wurde  später  für  galvanische  Elemente  verwandt.
Heutzutage  hat  das  Metall  aber  eine  außerordentliche ­
  Bedeutung  erlangt.  Zinkblech  dient  zum
Decken  von  Dächern  sowie  zur  Herstellung  von
Dachrinnen,  Badewannen,  Eimern  und  anderen
Klempnerarbeiten.  Nur  für  Eß-,  Trink-  und
Kochgeschirre  ist  Z.  wegen  seiner  Löslichkeit  in
Wasser  und  sauren  Flüssigkeiten  nicht  zu  verwenden. ­
  Zinkplatten  benutzt  man  zum  Metalldruck ­
  (Metallographie),  zu  Türschildern,  Etiketten
und  als  Zwischenlagen  (Preßspäne)  beim  Satinieren
  von  Papier.  Auch  bildet  das  Z.  ein  ausgezeichnetes ­
  Metall  zum  Gießen,  da  es  die  Formen ­
  der  Modelle  in  vorzüglicher  Schärfe  wiedergibt. ­
  Zum  Schutz  gegen  Rost  werden  eiserne
Bleche,  Drähte  und  Nägel  durch  Eintauchen  in
das  geschmcüzene  Metall  mit  einem  dünnen  Zinküberzug ­
  versehen  (fälschlich  „galvanisiert“  genannt). ­
  Durch  Erhitzen  mit  etwa  2  0/0  Wolfram,
Kobalt  oder  Nickel  und  1—8  %  Aluminium  auf
9So°  wird  Z.  gegen  Chemikalien  widerstandsfähig, ­
  erlangt  große  Festigkeit  bis  zu  41  kg  bei’
20  0/0  Dehnung  und  die  Fähigkeit,  sich  warm
pressen,  schneiden  und  walzen  zu  lassen.  Von
den  besonders  wichtigen  Legierungen  sind
Messing,  Tombak,  Bronze  und  Neusilber  in  besonderen ­
  Kapiteln  behandelt.  —  Unter  den  Z.
erzeugenden  Ländern  stehen  die  Vereinigten
Staaten  mit  320  000  t  obenan.  Deutschland,  das
noch  im  Jahre  1906  den  Vorrang  hatte,  ist  mit
283000  t  im  Jahre  1913  an  die  zweite  Stelle
gerückt.  Von  seiner  Gewinnung  entfallen  170000  t
auf  Schlesien  und  93  000  t  auf  das  Rheinland
und  Westfalen.  Danach  folgt  Belgien  mit
168000  t,  England  mit  59000,  Frankreich  und
Spanien  mit  74000,  Österreich  und  Italien  mit
22  000  und  Holland  mit  24  000.  Hauptabnehmer
ist  demgegenüber  Amerika  mit  einem  Verbrauche
von  313000  t  (1896:  78000),  ferner  Deutschland ­
  232000  (1896:  120000),  England  195000
(1896:  87000  t).

Zinkazetat  (essigsaüres  Zink,  lat.  Zincum
aceticum,  frr.  Acötate  de  zinc,  engl.  Zinc  acetate),
Zn(C 2 H 3 0) 2 ,  entsteht  durch  Auflösen  von  kohlensaurem ­
  Zink  oder  von  Zinkoxyd  unter  Zusatz  von
etwas  Zinkmetall  in  Essigsäure  in  Form  farbloser, ­
  glänzender  Blättchen  von  unangenehmem
metallischem  Geschmack.  Die  an  der  Luft  etwas
verwitternden  Kristalle  lösen  sich  leicht  inWasSer
und  Alkohol  und  finden  als  brechenerregendes
Mittel  sowie  äußerlich  in  Augenwässern  und
gegen  Hautkrankheiten  meddzinischeVerwendung.
Zinkchlorid  (salzsaures  Zink,  Chlorzink,
Zirikbutter,  lat.  Zincum  chloratum,  Zincum
muriaticum,  frz.  Chlorure  de  zinc,  engl.  Chloride
of  zinc),  eine  durch  Auflösen  von  Zink  in  Salzsäure ­
  entstehende  Verbindung,  ZnCl,,  die  inwasserfreiem ­
  Zustand  außerordentlich  hygroskopisch  ist
■und  sich  bei  starker  Glühhitze  verflüchtigt  und
sublimiert.  Das  giftige  Salz  wirkt  äußerlich  älzend
und  wird  daher  in  Form  von  Stengelchen  (Zincum ­
  chloratum  fusum  in  bacillis)  als  chirurgisches ­
  Ätzmittel  benutzt.  In  der  Technik  findet
es  Anwendung  zur  Herstellung  von  Pergamentpapier, ­
  Teerfarben  und  Chemikalien,  ferner  von
säurefreiem  Lötwasser  sowie  als  rohes  Z.  in
Form  der  wäßrigen  Lösung  zum  Konservieren
von  Holz.
Zinkoxyd  (lat.  Zincum  oxydatum,  frz,  Oxyde
de  zinc,  Fleurs  de  zinc,  engl.  Oxyde  of  zinc,
White  zinc),  die  Verbindung  des  Zinks  mit  Sauerstoff, ­
  ZnO,  entsteht  beim  Verbrennen  von  Zimkdämpfen
  an  der  Luft  und  wird  größtenteils  schon
in  den  Zinkhütten  auf  diese  Weise  hergestellt.
In  vielen  Fällen  kann  es  auch  einfach  durch
Rösten  der  Zinkerze  erhalten  werden.  Chemisch
reines  Z.  wird  durch  Erhitzen  von  Zinkkarbonat
auf  300 0  dargestellt  als  ein  zartes  weißes  Pulver,
das  aus  der  Luft  Kohlensäure  anzieht  und  beim
Glühen  gelb  wird.  In  Wasser  ist  es  unlöslich,
hingegen  in  Säuren  und  Alkalien  löslich.  Das
Z.  findet  unter  verschiedenen  Namen,  wie  Zinkblumen,
  Flores  Zinci,  Lana  philosophica,
medizinische  Anwendung  zur  Herstellung  von
Zinksalbe,  ferner  als  Streupulver  für  Wunden
und  Geschwüre  und  innerlich  als  beruhigendes,
krampfstillendes  Mittel.  Die  Technik  benutzt
es  als  eine  der  wichtigsten  weißen  Malerfarben
(Zinkweiß,  Schneeweiß),  die  zwar  nicht  die
Deckkraft  des  Bleiweißes,  aber  vor  diesem  den
Vorzug  der  Unempfindlichkeit  gegen  Schwefelwasserstoff ­
  besitzt.  Zinkweiß  muß  gut  verschlossen ­
  in  trockenen  Räumen  aufbewahrt  werden,  da
es  sonst  leicht  körnig  und  hart  wird  und  durch
Aufnahme  von  Wasser  und  Kohlensäure  in  Zinkoxydhydrat
  bzw.  kohlensaures  Zink  übergeht.
Mit  Schwefelammomum  übergossen,  darf  sich
Z.  nicht  bräunen.  Den  Wert  der  Zinkweißsorten ­
  bestimmt  man  nach  dem  Gehalt  an  Zinkoxyd ­
  und  unterscheidet:  Grün-Siegel,  das  Beste,
dann  Rot-,  Blau-,  Gelb-,  Grau-Siegel.  Diese  letztere ­
  Sorte  kommt  auch  unter  dem  Namen  Zinkgrau ­
  in  den  Handel  und  besteht  aus  unreinem,
kohlenstoffhaltigem  Zinkweiß,  wie  es  sich  in
der  ersten  Kammer  der  Zinkhütten  ansammelt.
Zinksulfat  (Zinkvitriol,  Weißer  Vitriol,
lat.  Zincum  sulfurioum,  frz.  Sulfate  de  Zinc,  engl-Zinci
  sulfas),  schwefelsaures  Zink,  wird  von  den
Zinkhütten  in  großen  Mengen  hergestellt,  indem
man  Zinkblende  unter  Zusatz  von  Oxydations ­
        <pb n="503" />
        Zinn

497

Zinn

mittein,  wie  Salpeter,  röstet  und  dann  auslaugt
und  die  Lösung  eindampft.  In  reinerer  Form
erhält  man  es  durch  Auflösen  von  metallischem
Zink  in  verdünnter  Schwefelsäure  und  Eindampfen ­
  bis  zur  Kristallisation,  sorgt  aber,  damit  diö
übrigen  metallischen  Verunreinigungen,  wie  Blei,
Kupfer,  Kadmium,  Arsen,  nicht  in  das  Z.  übergehen, ­
  dafür,  daß  ein  Teil  Zink  ungelöst  bleibt.
Das  Z.,  ZnS0 4 ,  bildet  farblose  Kristalle  von
scharfem,  ekelhaft  metallischem  Geschmack.  Es
kristallisiert  mit  sieben  Molekülen  Wasser,  das
zum  Teil  bei  gewöhnlicher  Temperatur  entweicht,
so  daß  die  Kristalle  oberflächlich  verwittern.
Beim  Erhitzen  bis  auf  ioo°  gehen  sechs  Moleküle
Wasser  fort,  während  das  letzte  Molekül  erst  bei
schwachem  Glühen  unter  teilweiser  Zersetzung
ausgetrieben  wird.  Das  in  heißem  und  kaltem
Wasser  leicht  lösliche  Salz  wird  in  der  Medizin
äußerlich  als  Ätzmittel  sowie  zu  Waschungen,
Einspritzungen  und  Augenwässern,  verordnet,  muß
aber,  weil  es  giftig  ist,  vorsichtig  auf  bewahrt  und
angewandt  werden.  In  der  Technik  dient  es  als
weißer  Vitriolstein,  weißer  Galitzenstein,
weißer  Kupferrauch  als  Klärmittel  für  Öle
und  Firnisse,  zum  Konservieren  von  Häuten  und
tierischen  Abfällen,  zum  Imprägnieren  von  Eisenbahnschwellen, ­
  als  Schutzmittel  gegen  Hausschwamm, ­
  zum  Desinfizieren  anstatt  des  Eisenvitriols, ­
  in  der  Färberei  als  Ersatz  des  Weinsteins, ­
  in  der  Kattundruckerei  als  Beize,  sowie
endlich  als  Rohstoff  zur  Darstellung  von  Zinkweiß ­
  und  der  übrigen  Zinkverbindungen.
Zinn  (lat.  Stannum,  frz.  Etain,  engl.  Tin)  findet
sich  nur  an  vereinzelten  Punkten  der  Erde,  und
zwar  nie  gediegen,  sondern  in  Form  weniger
Verbindungen.  Das  einzige  in  Betracht  kommende ­
  Erz,  der  Zinnstein  (Zinndioxyd),  Sn0 2 ,
mit  78,6%  Metall  und  21,4  °/o  Sauerstoff,  hat
seinen  ursprünglichen  Sitz  in  quarzreichen,  kristallinischen ­
  Massengesteinen,  Granit,  Porphyr,
Gneis  und  Grünstein,  sog.  Zinnstöcken,  und
tritt  hier  entweder  als  schwerer,  harter  Stein  oder
in  außerordentlich  harten  Kristallen  (Zinngrau-  .
pen)  von  meist  brauner,  selten  weißer  Farbe  auf.
Zur  Gewinnung  des  Melalles  wird  das  Gestein
mit  Pulver  gesprengt  oder  durch  Feuersetzen
mürbe  gemacht,  darauf  zur  Entfernung  von  Arsen
und  Schwefel  geröstet,  durch  Pochen  in  ein
feines  Pulver  verwandelt,  nochmals  geröstet  und
schließlich  geschlämmt,  bis  der  Zinngehalt  50  bis
700/0  beträgt.  In  Sachsen  kürzt  man  die  Reinigungsarbeit ­
  durch  Ausziehen  des  Pochmehls  mit
Salzsäure  ab,  wodurch  Eisen,  Kupfer  und  Wismut
entfernt  werden.  Wesentlich  einfacher  gestaltet
sich  die  Aufbereitung  von  sog.  Wasch-  oder
Seifenzinn,  das  bereits  durch  Verwitterung  in
Pulverform  übergeführt  worden  ist  und  lediglich
geschlämmt  'zu  werden  braucht.  Zur  Reduktion
des  auf  die  eine  oder  andere  Weise  erhaltenen
reinen  Oxydes  erhitzt  man  das  letztere  in  Flammenöfen ­
  mit  Kohle,  meist  mit  gewissen  Zuschlägen, ­
  um  die  fremden  Metalle  zu  verschlacken.
Die  Hauptmenge  des  Zinns  kommt  von  der  Ostund
  Westküste  der  Malaiischen  Halbinsel  (Malakka-Z., ­
  Straits  Tin),  wo  es  in  Form  von  Seifen
mächtige-Anschwemmungen  von  3—9  m  Mächtigkeit ­
  bildet,  und  von  den  benachbarten  Inseln
Banka  und  Billiton.  Seitdem  das  englische
und  holländische  Monopol  aber  durch  die  Auf-Mercks
  Warenlexikon.

findung  beträchtlicher  Lager  in  Australien  und
Amerika  durchbrochen  wurde,  sind  die  Zinnpreise ­
  erheblich  gesunken.  In  Europa  wird  Z.
besonders  in  Cornwall  und  im  Erzgebirge  gewonnen. ­
  Auch  erhält  man  neuerdings  erhebliche
Zinnmengen  durch  Entzinnung  vom  verzinntem
Eisenblech  (Weißblech)  mit  Hilfe  von  Säuren
oder  Elektrolyse.  —  Im  reinen  Zustande  ist  das
Z.  ein  dem  Silber  an  Farbe  und  Glanz  nahekommendes ­
  Metall  vom  spez.  Gew.  7,3  und  vom
Atomgewicht  Sn  =118,5.  Es  hat  ein  kristallinisches ­
  Gefüge  und  gibt  beim  Biegen  ein  eigentümliches ­
  Geräusch  („Zinngeschrei“)  von  sich.
Bei  länger  andauernder  Kälte  zerfällt  es  in  ein
kristallinisches  Pulver  („Graues  Zinn“)  vom
spez.  Gew.  5,8  und  verursacht  hierdurch  die  bei
Orgelpfeifen  beobachtete  Erscheinung  der  Zinnpest. ­
  Das  Metall  ist  im  übrigen  ziemlich  weich
und  dehnbar  und  läßt  sich  zu  Blattform  (Stanniol) ­
  auswalzen.  Bei  200 0  wird  es  in  hohem
Grade  spröde  und  pulverisierbar  und  zerfällt
beim  Schlagen  mit  Hämmern  oder  beim  Herunterfallen ­
  in  eine  große  Zahl  rundlicher  Stücke
mit  kristallinischen  Flächen  (Körnerzinn),  Bei
23t 0  schmilzt  es  und  verwandelt  sich  bei  Weißglut ­
  (1600 0 )  in  einen  Dampf,  der  an  der  Luft
zu  Zinndioxyd  verbrennt.  Das  Z.  ist  gegen  feuchte
und  trockene  Luft  außerordentlich  beständig,
löst  sich  in  heißer  Salzsäure  und  in  verdünnter
Schwefelsäure  unter  Wasserstoffentwicklung  und
wird  durch  konzentrierte  Salpetersäure  in  Zinndioxyd ­
  (Zinnsäure)  übergeführt.  —  Im  Handel
findet  sich  das  Z.  in  gestempelten  Blöcken,  Barren, ­
  Kuchen,  Brocken,  Stangen  und  aufgerollten
Tafeln.  Das  reinste  Z.  kommt  von  Malakka,
Banka  und  Billiton  in  Form  von  Pyramiden,
fingerdicken  Stangen  oder  Blöcken  von  20—25
oder  60—65  kg  Gewicht.  Das  nächstbeste  ist  das
englische  Ref  ined  Tin  (Körner-Z.,  Grain  Tin)
mit  0,1—0,2%  Eisen,  jedoch  ohne  Blei,  Kupfer
und  Arsen,  während  das  englische  Common  tin
etwa  0.2  °/o  Eisen  und  1%  Kupfer  enthält.  Auch
das  sächsische  und  böhmische  Z.  ist  von  vorzüglicher ­
  Reinheit.  —  Das  Z.  findet  außerordentliöh
vielfache  technische  Verwendung.  Zu  Zinngießereiwaren ­
  erhält  es  stets  einen  Zusatz  von  Blei,
weil  es  dadurch  leichter  gießbar,  geschmeidiger,
härter  und  dauerhafter  wird.  Sog.  vierstempeliges
  Z.  enthält  auf  32  t  Z.  1  t  Blei,  doch  geht
das  Verhältnis  bis  zu  gleichen  Teilen  Blei  und
Zinn  (einpfündiges  Z.).  Für  Eß-,  Trink-  und
Kochgeschirr  darf  es  höchstens  10  %  Blei,  für
Stanniol  und  Innenverzinnung  von  Eßgeschirr
höchstens  i°/o  Blei  enthalten.  Das  Orgelzinn
enthält  meist  30  0/0,  das  Figurenzinn  500/0  Blei.
Außer  zu  Kesseln,  Pfannen,  Destillierblasen  gebraucht ­
  man  das  Metall  zum  Verzinnen  von
Kupfer,  Eisen  und  Blei  (Weißblech,  Stecknadeln),
zum  Löten,  in  Form  von  Stanniol  (Zinnfolie)
zum  Umhüllen  von  Schnupf-  und  Kautabak  und
Nahrungsmitteln  (Schokolade),  zum  Belegen  von
Spiegeln  und  zur  Herstellung  von  Salzen  und
Legierungen  (s.  Bronze,  Letternmetall).  Ein  Urteil ­
  über  die  Menge  des  im  Jahre  1913  verbrauchten ­
  Zinns  gewähren  folgende  Zahlen:  Ausfuhr
aus  Hinterindien  166000  t,  aus  Australien
14900  t,  von  Banka  15000  t,  Billiton  2200  t,
Erzeugung  Englands  22000  t,  Deutschlands
11  500  t.  Der  Verbrauch  im  Jahre  1913  belief

32
        <pb n="504" />
        Zinnober

498  Zirkon

sich  in  England  auf  24000  t,  in  Deutschland  auf
19300  t.
Zinnober,  das  wichtigste  Quecksilbererz  (siehe
Quecksilbersulfid)  mit  86,3  %  Quecksilber  und
13,7%  Schwefel,  findet  sich  auf  Lagern  und
.Gängen  im  Schiefer-,  Übergangs-  und  Flözgebirge ­
  und  ist  an  seiner  Farbe  und  anhängenden
Metalltröpfchen  leicht  kenntlich.  Er  kommt  kristallisiert ­
  in  Rhomboedern  und  sechsseitigen  Prismen, ­
  ferner  in  Platten  und  derben,  kleinkörnigen
bis  dichten  Massen  vor,  ist  spaltbar,  in  Kristallen
halbdurchsichtig  und  metallglänzend  und  besitzt
eine  koschenille-  oder  scharlachrote  Farbe.  Die
reinsten,  besonders  schön  gefärbten  Stücke  werden ­
  ausgesucht  als  Berg-Z.  in  den  Handel  gebracht, ­
  die  übrigen,  sog.  Stück-Z.,  ein-  bis  dreimal ­
  gemahlen  und  nach  Güte  und  Farbenton
sortiert.  Als  Farbe  wird  jetzt  meist  künstlicher.
Z.  (s.  Quecksilbersulfid)  benutzt,  während  der
natürliche  zur  Darstellung  von  Quecksilber  dient.
Zinnverbindungen.  DasZinn  bildet  zweiReihen
von  Verbindungen:  Oxydul-  oder  Stannoverbindungen
  und  Oxyd-  oder  Stanniverbindungen
(Zinnsäureverbindungein).—  Zinnchlorid  (Zinntetrachlorid, ­
  früher  zweifach  Chlorzinn  genannt, ­
  lat.  Stannum  bichloratum,  frz.  Deutochlorure
  d’ötain,  engl.  Perchloride  of  tin)  wird
durch  Auflösen  von  Zinn  in  heißem  Königswasser
oder  durch  Einleiten  von  Chlor  in  eine  Zimnchlorüdösung
  in  Form  weißer  Kristalle  mit  fünf
Molekülen  Kristallwasser  erhalten,  aber  meist
in  wäßriger  Lösung  in  den  Handel  gebracht.
Wasserfreies  Z.,  SnCl^,  wird  fabrikmäßig  durch
Erhitzen  von  trockenem  Zinnchlorür  oder  von
metallischem  Zinn  im  Chlorstrome  und  nachfolgende ­
  Destillation  dargestellt.  Es  bildet  eine
farblose,  an  der  Luft  rauchende  Flüssigkeit,  die
bei  114°  siedet  und  beim  Vermischen  mit  der
dreifachen  Menge  Wasser  das  obenerwähnte
wasserhaltige  kristallisierte  Salz,  die  sog.  Zinnbutter,
  Butyrum  Stanni,  liefert.  Das  Z.  findet
Anwendung  in  der  Färberei  als  Beize  und  als
Avivierungsmittel,  ferner  zum  Beschweren  von
Seide  und  zur  Darstellung  von  Florentiner  Lack,
Karmin-  und  anderen  Farblacken.  —  Durch  Fällung ­
  von  Z.  mit  Ammoniumchlorid  oder  Natriumchlorid ­
  erhält  man  neutral  reagierende  Doppelsalze, ­
  das  Ammonium-Z.  (Pinksalz,  lat.
Stannum  bichloratum  ammoniatum,  frz.  Bichlorure
  d’ötain  ammoniacal,  engl.  Pink  Salt)  und  das
Natrium-Z.  (krist.  Chlorzinn),  die  als  Beizen
in  der  Färberei  Anwendung  finden.  —•  Zinnchlorür ­
  (Zinndich  1  orid,  einfach  Chlorzinn, ­
  lat.  Stannum  chloratum  seu  muriaticum,
frz.  Protochlorure  d’ötain,  engl.  Tin-salt)  entsteht ­
  beim  Erwärmen  von  feinen  Zinndrehspänen
mit  2$  tyoiger  Salzsäure  und  Eindampfen  bis  zur
Kristallisation  in  Gestalt  farbloser,  meist  etwas
feuchter  Kristalle,  die  zwei  Moleküle  Kristallwasser ­
  enthalten.  Bei  vorsichtigem  Erwärmen
auf  ioo°  wird  es  wasserfrei,  schmilzt  bei  250 0
und  destilliert  bei  606 0 .  Z.,  SnCJ 2 ,  löst  sich  in
salzsaurem  Wasser  und  in  Alkohol  und  wird
durch  viel  Wasser  unter  Abscheidung  eines  basischen ­
  Salzes  zersetzt.  Es  muß  daher,  vor  der  Einwirkung ­
  von  Luft  und  Feuchtigkeit  geschützt,
vorsichtig  aufbewahrt  werden.  Z.  findet  beschränkte ­
  medizinische  Anwendung,  wird  aber
unter  dem  Namen  Zinnsalz  in  großen  Mengen

als  Beizmittel  in  der  Färberei,  zum  Reduzieren
von  Indigo,  zur  Darstellung  von  Goldpurpur
(s.  d.)  und  zum  Avivieren  benutzt.  Im  Handel
findet  es  sich  meist  als  i2t/ 2 °/oige  (einfach
Chlorzinn)  oder  als2S%ige  (doppelt  Chlorzinn) ­
  wäßrige  Lösung.  Eine  gesättigte  Lösung
in  Salzsäure  wird  als  Bettendorfs  Reagens
zum  Nachweise  von  Arsen,  mit  dem  es  sich
braun  färbt,  angewandt.  Unter  Zusatz  von  etwas
Salpetersäure  hergestellte  Zinnchloridlösungen
bilden  die  sog.  Zinnkompositionen  (Rosiersalz,
  Barwood-,  Blauholz-,  Gelb-,  Scharlachkomposition, ­
  Bancrofts  Beize).—Zinnoxyd ­
  (Zinndioxyd,  Zinnsäure,  lat.  Stannum
oxydatum,  frz.  Oxyde  d’ötain,  engl.  Calcined  tin),
Sn0 2 ,  entsteht  beim  Schmelzen  von  Zinn  an  der
Luft,  wobei  sich  das  Metall  in  ein  graues  Pulver
verwandelt.  Durch  Schlämmen  läßt  sich  das
letztere  in  unverändertes  Metall  und  weißes  Oxyd
scheiden,  das  als  sog.  Zinnasche  ?in  ausgezeichnetes ­
  Schleif-  und  Poliermittel,  namentlich  für
Stahl,  ist.  Außerdem  erhält  man  das  Z.  durch
Behandlung  von  Zinn  mit  Salpetersäure  und
durch  Ausfällen  von  Zinnsalzlösung  durch  Alkali.
Zusätze  von  Schwerspat  und  Gips,  mit  denen  das
gelblich-  bis  grauweiße  amorphe  Pulver  häufig
verfälscht  wird,  lassen  sich  daran  erkennen,  daß
das  Z.  beim  Schmelzen  mit  Ätznatron  in  wasserlösliches ­
  zinnsaures  Natron  (Natriumstannat) ­
  übergeht.  Das  letztere  findet  unter  der  Bezeichnung ­
  Grundier-  oder  Präpariersalz  Anwendung ­
  als  Beize  zur  Herstellung  von  Farblacken ­
  auf  der  Faser,  das  Oxyd  selbst  zur  Erzeugung ­
  undurchsichtiger  Milchgläser,  weißer  Kacheln ­
  und  Emails.  —  Zinnsulfid,  SnS 2 ,  bildet
das  sog.  Musivgold  (s.  d.).
Zirbelnüsse  (Arvennüsse,  Pinien,  lat.  Semen ­
  seu  Nuces  pinearum  seu  cembrae,  frz.  Noix
de  pignon,  engl.  Pine  kemels),  die  dreikantigen,
unter  den  Schuppen  der  Zapfen  sitzenden  Samen
der  Arve  (Pinus  Cembra),  einer  in  den  Alpen,
Karpathen  und  Sibirien  wachsenden  Konifere,
werden  namentlich  in  Sibirien  in  großen  Massen
längs  der  Ufer  des  Ob  gesammelt  und  unter  dem
Namen  Schischisch  als  Nahrungsmittel  verbraucht. ­
  Getrocknet  dienen  sie  als  Vogelfutter
für  Papageien.
Zirkon  (Hyazinth),  ein  Mineral,  das  aus
kieselsaurer  Zirkonerde  und  etwas  Eisenoxyd ­
  besteht,  findet  sich  an  ziemlich  zahlreichen
Fundorten  in  Böhmen,  Norwegen,  Frankreich
und  im  Rheinland  (im  Basalt),  aber  immer  nur
in  kleiner  Menge,  und  nur  an  wenigen  '  Stellen
in  solcher  Beschaffenheit,  daß  es  als  Edelstein
gelten  kann.  Die  Hauptfarbe  des  Z.  ist  tiefrot
oder  gelbrot,  doch  gibt  es  auch  wasserhelle,
welche  durch  ihre  lichtbrechende  Kraft  den  Diamanten ­
  nahe  kommen.  Die  gelbroten  Z.  mit
7V2  Härtegraden  heißen  Hyazinthe.  Andere
Farben,  wie  olivengrün,  grau,  braun  und  braungelb, ­
  sind  gewöhnlich  nicht  besonders  lebhaft-Zeylon
  und  Madras  liefern  die  schönsten  roten
und  farblosen  Steine,  schöne  gelbrote  finden  sich
im  Ilmengebirge  (Ural)  in  Rußland  und  in
Australien.  Die  Z.,  die  in  schönen  großen  roten
und  farblosen  Steinen  einen  ansehnlichen  Wert
haben,  werden  zu  Ringsteinen,  Einfassungen  und
Garnierungen  benutzt.  —  Die  weiße  Zirkonerde ­
  (das  Oxyd  des  Metalles  Zirkonium),  ZrOo,
        <pb n="505" />
        Zitral

499

Zitronen

ein  Stoff  von  völliger  Unschmelzbarkeit  und  Unveränderlichkeit ­
  in  der  Hitze,  ist,  mit  Ton  zu
kleinen  Zylindern  geformt  und  gebrannt,  statt
des  Kalkes  als  Leuchtkörper  bei  der  Knallgasbeleuchtüng
  benutzt  worden.  —  Das  Metall,  Zr
=  90,7,  dient  zur  Herstellung  von  Glühfäden  in
elektrischen  Lampen.
Zitral,  der  riechende  Bestandteil  des  Zitronenöls ­
  (s.  d.),  hat  neuerdings  technische  Bedeutung
erlangt  als  Ausgangsmaterial  für  die  Darstellung
des  Jonons  (s.  d.).  Die  Hauptquelle  für  Zitral
ist  das  Lemongräsöl.
Zitronat  (Cedrat,  Sukkade,  lat.  Confectio
citri,  frz.  Citronat,  engl.  Candier  lemon  peel)
heißt  die  in  längliche  Stücke  geteilte,  sehr  dicke
und  schwammige,  in  Zuckersirup  eingekochte  und
zu  feinen  Bäckereien  gebrauchte  Schale  einer
großen  Zitrone,  der  Frucht  von  Citrus  medica
  macrocarpa  Risso.  Die  abgenommene
und  zerschnittene  Schale  wird  in  der  Regel  erst
einige  Zeit  in  Salzwasser  gelegt,  dann  gebrüht,
mit  dem  Zucker  gekocht  und  in  Fässer  eingelegt.
Die  in  Deutschland  meistgebräuchliche  Sorte  ist
nach  dem  Aufkochen  mit  Zucker  an  der  Luft
getrocknet,  aber  nicht  eingelegt  und  bildet  dann
ein  trockenes  Z.
Zitronellaöl  (ostindisches  Melissenöl,  lat.
Oleum  citronellae,  s.  melissae  ostindicura  s.  andropogonis
  Nardi,  frz.  Essence  de  citronnelle,
engl.  Citronella  oil),  ein  stark  melissenartig  riechendes, ­
  aus  Zeylon  und  Ostindien  kommendes
ätherisches  Öl,  wird  durch  wäßrige  Destillation
aus  dem  Zitronengras  oder  Kamelheu  (Andropogon
  Nardus,  Cymbopogon  Nardus),
und  zwar  sowohl  aus  der  wild  wachsenden,  als
der  für  diesen  Zweck  angebauten  Pflanze  dargestellt. ­
  Man  unterscheidet  im  Handel  zwischen
Zeylonzitronellöl  und  Javazitronellöl,  und
zwar  ist  das  letztere  die  wertvollere  Sorte.  Zeylonzitronellöl ­
  ist  eine  gelbe  bis  gelbbraune,
bisweilen  durch  Kupfer  grün  gefärbte  Flüssigkeit
vom  spez.  Gew.  0,898—0,920.  Javazitronellöl
ist  farblos  bis  blaßgelb  und  hat  ein  spez.  Gew.
von  0,885—0,901,  Die  Öle  lösen  sich  in  1—2  Teilen
8o°/oigen  Alkohols.  -Hauptbestandteile  sind  Geraniol ­
  und  Zitronellal,  sie  betragen  zusammen
beim  Zeylonöl  gewöhnlich  56—6o°/o,  beim  Javaöl
80  0/0  und  darüber.  Das  Öl  dient  besonders  zum
Parfümieren  von  Seifen  und  wird  hauptsächlich
in  den  Vereinigten  Staaten  verbraucht.
Zitronen  (lat.  Fructus  citri,  frz.  Citrons,  engl.
Lemons)  sind  die  bei  den  Italienern  Limonen
genannten  Früchte  des  Zitronenbaums,  Citrus ­
  medica,  Citrus  limonumR.,  der  wie  der
verwandte  Orangenbaum  (Citrus  Aurantiorum)
zu  der  Gattung  der  Rutazeen  (Aurantioideen)
gehört.  Er  soll  aus  Indien,  nach  anderen  aus
Medien  stammen,  wird  aber  jetzt  im  ganzen
Süden,  in  Portugal,  Spanien,  Italien,  den,  griechischen ­
  Inseln,  Nordafrika  und  Südfrankreich,
hier  allerdings  nur  an  wenigen  Punkten  angebaut
und  hat  infolgedessen  zahlreiche  Spielarten  gebildet. ­
  Auch  auf  den  Westindischen  Inseln  ist
die  Zitronenzucht  eingebürgert,  wenngleich  von
hier  keine  Früchte,  sondern  nur  Zitronensäfte
ausgeführt  werden.  Der  Zitronenbaum  ist  ein
höchstens  s  m  hoch  .werdendes  Holzgewächs  mit
rötlichen  Sprossen,  abwechselnden  lederartig-kahlen,
  immergrünen  und  schwach  kerbig-gesägten

Blättern  und  rötlichen  Blüten.  Die  dünnschaligen
Früchte  besitzen  eine  kugelige,  eiförmige  oder
längliche  Gestalt  mit  meist  zitzenförmigen  Endungen. ­
  Sie  sind  anfangs  grün,  in  der  Reife  aber
hellgelb  (zitronengelb)  gefärbt  und  enthalten  in
10—12  Fächern  je  2—3  Samen  und  einen  stark
sauren  Saft.  Nach  Mitteilung  von  W.  Leske  in
Cossebaude  und  Messina  erfolgt  der  Anbau  der
Z.  in  getrennt  liegenden,  gut  umzäunten  Gärten,
die  20  bis  zu  15  000  Bäume  enthalten.  Die  Gärten
liegen  in  Gebirgstälern  und  ziehen  sich  an  den
Bergen  bis  zu  einigen  hundert  Metern  Meereshühe
  hinauf.  Meist  sind  künstliche  Bewässerungsanlagen ­
  vorhanden,  durch  welche  ermöglicht
wird,  daß  die  Bäume  dafe  ganze  Jahr  hindurch
gleichzeitig  Knospen,  Blüten,  grüne  und  reife
gelbe  Früchte  tragen.  Der  Boden  muß  sorgfältig
bearbeitet,  gelockert  und  gedüngt  werden.  Der
Zitronenbaum  hat  ein  großes  Wärmebedürfnis
und  gedeiht  besonders  gut  auf  heißem,  vulkanischem ­
  Boden.  Neben  Kalabrien  und  Neapel
kommt  für  die  Massenerzeugung  hauptsächlich
Sizilien,  und  hier  in  erster  Linie  die  Provinz  Messina ­
  in  Betracht.  Jeder  Baum  liefert  vier  Ernten,
und  zwar  eine  im  Winter,  drei  im  Sommer.  Der
Winterschnitt,  der  im  November  erfolgt,  mit
Nachernten  bis  in  den  April  und  Mai,  liefert  die
gehaltreichsten  und  haltbarsten  Früchte  (Edel
Z.).  Die  Sommerfrüchte  zerfallen  in  die  weißlichgelbe
  BiancheiJi-Z.  (Hauptschhitt  April-Mai,
Nachernten  bis  Juni-Juli),  die  mehr  grünliche
Verdelli-Z.  (Hauptschnitt  Juli-August,  Nachernten ­
  bis  September-Oktober)  und  die  kleine
rundliche  Bastard-Z.  (Hauptschnitt  September,
Nachernten  bis  Dezember).  Der  Hauptschnitt,
für  den  man  die  Früchte  mit  besonders  reiner
und  glatter  Schale  auswählt,  -dient  fast  hur  für  die
Ausfuhr.  Diese  Früchte  werden  der  größeren
Haltbarkeit  wegen,  und  weil  sie  auf  der  Fahrt
noch  nachreifen,  grün  von  den  Bäumen  genommen ­
  und  zur  Versendung,  meist  mit  Papier  umwickelt, ­
  in  Kisten  zu  400—700  Stück  regelmäßig
eingeschichtet.  Für  den  Winterversand  in  kältere ­
  Gegenden  packt  man  eine  größere  Zahl
Kisten  in  Fässer  und  stopft  die  Zwischenräume
mit  warmhaltenden  Stoffen  aus.  Die  Z.  bedürfen
einer  Aufbewahrung  in  trockenen,  kühlen  Kellern
und.  häufiger  Besichtigung,  damit  alle  angegangenen ­
  und  fleckig  gewordenen  Stücke  sogleich
entfernt  werden  können.  Zweckmäßig  ist  es  unter
Umständen  auch,  die  Früchte  einzeln,  so  daß  sie
sich  nicht  berühren,  in  Kochsalz  einzubetten,
nachdem  vorher  die  Anhaftungsstelle  des  Stiels
mit  geschmolzenem  Paraffin  überzogen  worden
war.  —  Für  die  Zusammensetzung  der  reifen  Zitronen ­
  gibt  König  folgende  Zahlen  an:  82,64%
Wasser,  0,74  %  Stickstoffsubstanz,  5,39  %  Zitronensäure, ­
  0,37  %  Invertzucker,  10,30  %  stickstofffreie ­
  Extraktstoffe,  Rohfaser  und  Kerne,  und
0,56  °/o  Asche.  —■  Die  beim  Hauptschnitt  auf  den
Bäumen  zurückbleibenden  und  alle  sonst  für
die  Ausfuhr  nicht  geeigneten  Früchte  werden
an  Ort  und  Stelle  auf  Zitronenöl  und  Zitronensäure ­
  verarbeitet.  Die  Preßrückstände  finden
als  Ziegenfutter  Verwendung.  —  Die  Zitrone
wird  in  großen  Mengen  für  die  Zwecke  des
Haushalts,  der  Küche  und  Konditoreien,  zur
Herstellung  von  Limonaden,  Punsch  usw.  verbraucht. ­
        <pb n="506" />
        .  ,1  ■

Zitronenholz

500

Zitronensäure

Zitronenholz  nennt  man  i.  das  Holz  des_Zitronenbaumes,
  ein  sehr  dichtes  und  weißes
Holz,  das  nicht  in  unseren  Handel  kommt,  und
2.  ein  gelbes  Holz  von  unbekannter  Abstammung
mit  schwachem,  zitronenartigem  Geruch.  Das
letztere  ist  sehr  fein,  dicht  und  ziemlich  schwer,
nimmt  eine  Schöne  Politur  an  und  stammt  aus
Westindien.
Zitronenöl  (Limonenöl,  lat.  Oleum  citri,
Oleum  limonis,  Oleum  de  cedro,  f.rz.  Essenee  de
citron,  engl.Lemon  oil)  wird  auf  Sizilien  sowie  im
südlichen  Teile  von  Kalabrien  aus  den  Fruchtschalen ­
  der  Zitrone  oder  Limone  (Citrus
limonum  R.)  gewonnen.  Zu  seiner  Darstellung
verfährt  man  folgendermaßen:  Die  Zitrone  wird
halbiert  und  das  Fruchtfleisch  mit  einem  löffelartigen ­
  Instrument  entfernt,  oder  die  Schale  wird
in  drei  Längsstreifen  von  der  Frucht  herunter 1
geschnitten.  Die  Schale  ,  wird  dann  fest  gegen
einen  Schwamm  gepreßt,  wobei  die  ölhaltigen
Zellen  platzen  und  ihr  öl  an  den  Schwamm
abgeben,  der  von  Zeit  zu  Zeit  ausgepreßt  wird.
Nach  dem  Absitzen  des  Wassers  klärt  man  das
oben  schwimmende  Öl  durch  Filtrieren.  Die
ausgepreßten  Schalen  werden  dann  noch  mit
Wasser  destilliert,  da  sich  nicht  alles  Öl  auspressen ­
  läßt.  Das  so  gewonnene,  destillierte
Z.  gelangt,  mit  gepreßtem  vermischt,  als  geringere ­
  Sorte  in  den  Handel.  Im  halbreifen  Zustande, ­
  November  und  Dezember,  sind  die  Zitronen ­
  am  ölreichsten.  Das  durch  Pressen  gewonnene ­
  Z.  äst  eine  hellgelbe  Flüssigkeit  von  dem
angenehmen  Geruch  der  frischen  Zitronen  und
aromatischem,  hinterher  etwas  bitterem  Geschmack, ­
  die  bei  längerem  Stehen  häufig  einen
gelblichweißen  Bodensatz  abscheidet.  Das  spez.
Gew.  schwankt  zwischen  0,856  und  o,86i.  Z.  ist
rechtsdrehend  und  löst  sich  in  absolutem  Alkohol, ­
  Äther,  Chloroform,  Benzol  und  Amylalkohol
in  jedem  Verhältnis.  In  (6—8  Teilen)  900/oigem
Alkohol  ist  es  wegen  der  wachsartigen  und  schleimigen ­
  Bestandteile  meist  nicht  klar  löslich.  Den
Hauptbestandteil  bildet  das  Rechtslimonen,  während ­
  der  Geruch  durch  den  Aldehyd  Zitral  bedingt ­
  wird,  obgleich  dieser  nur  in  einer  Menge
von  etwa  4—6°/o  darin  enthalten  ist.  Das  gepreßte ­
  Z.  wird  am  häufigsten  durch  Verschneiden
mit  destilliertem  Z.  verfälscht.  Der  Nachweis
dieser  Verfälschung  ist  nur  durch  den  Geruch
ausführbar,  während  Pomeranzenschalenöl  und
Terpentinöl  sich  durch  das  verschiedene  optische
Drehungsverrnögen  erkennen  lassen.  Zusätze  von
Spiritus  und  fetten  ölen  verraten  sich  durch  das
spez.  Gew.,  das  durch  ersteren  herabgesetzt,  durch
letztere  erhöht  wird.  Das  Z.  ist  eines,  der  beliebtesten ­
  Gewürzöle  zum  Backen  und  findet
auch  in  der  Parfümerie,  sowie  für  Liköre  und
Limonaden  ausgedehnte  Verwendung.  Für  die
letzteren  Zwecke  wird  meist  sog.  terpenfreies ­
  Zitronenöl  benutzt,  d.  h.  ein  Zitronenöl,
aus  dem  die  Kohlenwasserstoffe  ganz  oder  teilweise ­
  entfernt  worden  sind.  Die  Aufbewahrung
des  Z.  erfordert  ganz  besondere  Sorgfalt,  da  es
durch  Zutritt  von  Licht,  und  Luft  sehr  schnell
verdirbt  und  einen  dicken,  schmierigen  Bodensatz ­
  abscheidet.  Man  hebt  es  infolgedessen  in
kleinen,  ganz  angefüllten  Flaschen,  vor  Licht
geschützt,  auf.  Lösungen  von  Zitronenöl  in  Alkohol ­
  werden  als  Zitronenessenz  in  den  Handel ­

  gebracht,  der  bisweilen  beobachtete  Verkauf
als  Zitronenöl  ist  selbstredend  unzulässig.
Zitronensaft  (lat.  Succus  citri,  frz.  Jus  de  citrons,
  engl.  Lemon-juice)  wird  durch  Aüspressen
der  geschälten  und  ihrer  bitter  schmeckenden
Kerne  beraubten  Zitronen  dargestellt.  Man  überläßt ­
  die  ablaufende  trübe  Flüssigkeit  meist  einer
freiwilligen  Gärung  zur  Zerstörung  der  geringen
Zuckermengen,  filtriert  dann,  unter  Umständen
nach  Zusatz  von  Alkohol  oder  Specksteinpulver,
und  macht  den  in  kleine  Flaschen  gefüllten  Saft
schließlich  durch  Erhitzen  keimfrei.  Der  auf
diese  Weise  erhaltene  Z.  ist  eine  farblose  bis
schwach  gelbliche  Flüssigkeit  von  stark  saurem
Geschmack  und  eigenartigem,  aber  nicht  an  Zitronenöl ­
  erinnerndem  Aroma.  Er  hat  im  entgeisteten
  Zustande  ein  spez.  Gew.  von  ungefähr
1.033—1,041  und  enthält  in  100  ccm  s—7  g  Zitronensäure, ­
  o—1  g  Zucker,  0,4—0,6  g  Asche,  0,02  bis
0,03  g  Phosphorsäure  und  0,04—0,07  g  Stickstoff.
Der  Z.  nimmt  unter  den  Fruchtsäften  des  Handels ­
  insofern  eine  gewisse  Ausnahmestellung  ein,
als  er  nicht  nur  zu  Genußzwecken  (Limonade),
sondern  gleichzeitig  als  eine  Art  Heilmittel  (zu
Z.-Kuren)  Anwendung  findet.  Schon  seit  alters
her  wird  er  von  den  Schiffern  als  ein  nie  versagendes ­
  Heilmittel  gegen  den  gefürchteten  Skorbut ­
  geschätzt  und  besonders  in  letzter  Zeit  infolge ­
  der  Bekämpfung  des  Alkoholmißbrauchs
in  steigendem  Maße  in  den  Verkehr  gebracht.
Allerdings  war  bis  vor  kurzer  Zeit  ein  großer
Teil  des  im  Handel  befindlichen  Z.  verfälscht
oder  gar  völlig  künstlich  hergestellt.  Einfache
Auflösungen  von  Zitronensäure  in  Wasser  wurden ­
  vielfach  als  Natursäfte  verkauft,  und  verschiedene ­
  Fabriken  stellten  sogar  zur  Täuschung
der  überwachenden  Nahrungsmittel  Chemiker  auf
Grund  chemischer  Analyse  kunstvolle  Nachahmungen ­
  her.  Heutzutage  kann  der  Käufer  im  allgemeinen, ­
  dank  der  unermüdlichen  Bekämpfung
der  Verfälschungen,  annehmen,  daß  er  als  Z.
auch  einen  reinen  Natursaft  erhält.  Zusätze  von
Konservierungsmitteln,  wie  Salizylsäure,  Ameisensäure ­
  und  Benzoesäure,  die  zur  Erhöhung  der
Haltbarkeit  bisweilen  gemacht  werden,  sind  in
der  Aufschrift  deutlich  anzugeben.  Als  geeignetstes ­
  Konservierungsmittel  ist  der  Alkohol  zu  bezeichnen, ­
  der  auch  in  §  22  der  Anleitung  zur  Gesundheitspflege ­
  an  Kauffahrteischiffen  erlaubt
wird  und  in  Höbe  von  8—10  Vol.-°/o  ohne  Deklaration ­
  benutzt  werden  darf.  Ein  durch  geringe
Mengen  Zucker,  die  zur  Konservierung  nicht
ausreicben,  versüßter  Z.  hat  im  allgemeinen  als
verdächtig  zu  gelten.  Hingegen  bildet  der  aus
40  Teilen  Z.  und  64  Teilen  Zucker  eingekochte
Zitronensirup  eine  reelle  Handelsware.
Zitronensäure  (lat.  Acidum  citricum,  frz.
Acide  citrique,  engl.  Citric  acid),  eine  zuerst  von
Scheele  im  Jahre  1784  in  Kristallform  dargestellte
organische  Säure,  findet  sich  frei  und  an  Basen
gebunden,  oft  zugleich  mit  anderen  organischen
Säuren,  sehr  verbreitet  in  der  Natur.  Frei  kommt
sie  hauptsächlich  in  Früchten  vor,  besonders
reichlich  in  den  noch  nicht  völlig  reifen  Zitronen, ­
  in  den  Johannis-  und  Preiselbeeren
usf.  An  Kalium  und  Kalzium  gebunden,  findet
sie  sich  in  den  Tabakblättern,  im  Schöllkraut,  i n
den  Knollen  der  Kartoffel,  in  den  Runkelrüben,
in  der  Rinde  der  Kastanie,  in  den  Eicheln  und
        <pb n="507" />
        Zitronensäure  501  Zitronensaures  Eisenoxyd

in  den  Samen  der  Erbsen,  Bohnen,  Wicken.
Außerdem  ist  Z.  ein  regelmäßiger  Bestandteil
der  Kuhmilch  (0,2  0/0).  Zur  Darstellung  der  Z.
für  den  Handel  dient  ausschließlich  der  Saft  der
unreifen  Zitronen,  der  nur  zum  kleinsten  Teile
am  Ursprungsorte  selbst  direkt  auf  Z.  verarbeitet ­
  wird,  vielmehr  der  Hauptsache  nach  in
konzentriertem  Zustande  oder  in  Gestalt  von
trockenem  Kalziumzitrat  in  den  Handel  gelangt,
um  dann  in  England,  Frankreich  und  Deutschland ­
  weiter  auf  Z.  verarbeitet  zu  werden.  Zur
Darstellung  des  Kalziumzitrats  wird  der  auf  die
eine  oder  andere  Weise  geklärte  Saft  in  mit
Blei  ausgekleideten  Bottichen  zum  Kochen  erhitzt ­
  und  so  lange  mit  geschlämmter  Kreide  und
schließlich  Kalkmilch  versetzt,  bis  kein  Aufbrausen ­
  mehr  stattfindet.  Die  freie  Z.  verbindet  sich
dabei  mit  dem  Kalk  zu  Kalziumzitrat,  das  in
siedendem  Wasser  sehr  schwer,  in  kaltem
jedoch  wesentlich  leichter  löslich  ist.  Es  wird
daher  noch  heiß  auf  ein  Seihtuch  gebracht,  mit
kochendem  Wasser  ausgewaschen  und  mit  so
viel  verdünnter  Schwefelsäure  versetzt,  als  nötig
ist,  um  den  zitronensauren  Kalk  in  schwefelsauren ­
  zu  verwandeln.  Die  von  dem  ausgeschiedenen ­
  Kalziumsulfat  getrennte  Zitronensäurelösung ­
  wird,  zur  Kristallisation  eingedampft,  und
die  abgeschiedene  Kristallmaslse  durch  Auflösen,
Entfärben  mit  Tierkohle  und  nochmaliges  Umkristallisieren ­
  gereinigt.  Auch  synthetisch  ist  die
Z.  schon  nach  verschiedenen  Verfahren  hergestellt
  worden,  und  schließlich  wird  sie  fabrikmäßig ­
  auf  zymotechniscbem  Wege  nach  einem
Patent  von  Charles  Wehmer  in  Mühlhausen  und
Thann  im  Elsaß  gewonnen.  Zu  ihrer  Darstellung
dienen  3—30  0/0  ige  Zuckerlösungen,  die  jmit  Pilzen
(Citromyces  Pfefferianus  et  glaber)  geimpft  werden ­
  und  bei  der  Gärung  in  Z.  übergehen.  —  Die
Z.  ist  eine  dreiatomige  Säure,  CjH^OHXCOOHJj,
und  wird  chemisch  als  Oxy  trikarbally  Isäure
bezeichnet.  Sie  bildet  färb-  und  geruchlose,  sehr
sauer  schmeckende,  rhombische  Prismen,  die
an  warmer  Luft  oberflächlich  etwas  verwittern
und  in  Wasser  sowie  Weingeist  leicht  löslich  sind.
Charakteristisch  ist  das  Verhalten  der  Z.  und
ihrer  Salze  gegen  Kalkwasser.  Fügt  man  zu  einer
wäßrigen  Zitronensäurelösung  Kalkwasser  bis  zur
alkalischen  Reaktion,  so  tritt  in  der  Kälte  keine
Trübung  ein.  Wird  diese  Flüssigkeit  aber  gekocht, ­
  so  trübt  sie  sich  infolge  der  Abscheidung
von  Kalziumzitrat,  das  beim  Erkalten  im  verschlossenen ­
  Gefäß  vollständig  wieder  in  Lösung
geht.  Die  zitronensauren  Salze  verhalten  sich
gegen  Kalkwasser  in  gleicher  Weise.  —  Im  Handel ­
  unterscheidet  man  zwischen  kristallisierter
Z.  (Acidum  citricum  cristallisatum),  reiner  Z.
(Acidum  citricum  purum)  und  reinster  bleifreier ­
  Z.  (Acidum  citricum  purissimum).  Letztere ­
  ist  die  im  D.  A.  B.  vorgeschriebene.  Infolge ­
  ihrer  Bereitungsweise  kann  die  käufliche
Z.  außer  Blei  noch  Schwefelsäure  und  Kalksalze
enthalten,  auch  wird  sie  oft  mit  der  billigeren
Weinsäure  verfälscht.  Auf  Blei  prüft  man  mit
Schwefelwasserstoffwasser,  das  man  zu  einer  wäßrigen, ­
  mit  Ammoniak  bis  zur  schwach  sauren
Reaktion  abgestumpften  Zitronensäurelösung  hinzusetzt. ­
  Färbt  sich  hierbei  die  Flüssigkeit  dunkel,
so  ist  Blei  vorhanden.  Schwefelsäure  erkennt
man  an  dem  weißen  Niederschlag,  der  in  einer

wäßrigen  Lösung  von  Z.  durch  Chlorbarium,
Kalksalze  an  der  weißen  Trübung,  welche  in
der  wäßrigen  Löspng  durch  oxalsaures  Ammonium ­
  hervorgerufen  wird.  Zum  Nachweis  von
Weinsäure  wird  eine  Mischung  aus  I  g  Z.  und
10  ccm  Schwefelsäure,  die  in  einem  mit  Schwefelsäure ­
  gereinigten  Mörser  bereitet  worden  ist,  in
einem  Probierrohr  eine  Stunde  lang  im  Wasserbade ­
  erwärmt  (auf  80—90  °),  worauf  bei  Anwesenheit ­
  von  Weinsäure  Braunfärbung  Eintritt.  Außerdem ­
  kann  Weinsäure  auch  durch  essigsaures
Kalium  erkannt  werden,  dessen  konzentrierte
Lösung  man  mit  der  zu  prüfenden  konzentrierten
Zitronensäurelösung  mischt  und  dann  mit  dem
dreifachen  Volumen  Alkohol  versetzt.  Falls  Weinsäure ­
  vorhanden  ist,  entsteht  beim  Schütteln  ein
fein  kristallinischer  Niederschlag  von  saurem
weinsauren  Kali.  Auf  optischem  Wege  läßt  sich
die  Gegenwart  von  Weinsäure  an  ihrer  Rechtsdrehung ­
  erkennen.  —-  Die  Einfuhr  von  Z,  bzw.
Kalziumzitrat  und  konzentriertem  Zitronensaft  in
Deutschland  betrug  jährlich  ungefähr  6000  dz,
die  deutsche  Ausfuhr  von  Z.  3000  dz.  Die  Verwendung ­
  der  Z.  ist  sehr  vielseitig.  Technisch
wird  sie  hauptsächlich  in  der  Kattundruckerei  sowie ­
  als  Fleckenreinigungsmittel  und  in  der  Photographie ­
  benutzt.  In  der  Nahrungsmittelindustrie
und  im  Haushalt  findet  sie  wegen  ihres  angenehmen ­
  Geschmackes  vielfache  Verwendung  als  Zusatz ­
  zu  Limonaden,  als  Essigersatz  usw.  Medizinischen ­
  Gebrauch  finden  sowohl  die  Säure  selbst
als  durstlöschendes,  kühlendes  Getränk  bei  Fieber, ­
  als  Mittel  gegen  den  Skorbut  der  Schiffer
usw.,  wie  auch  einige  ihrer  Salze  (zitronensaures
Chinin,  zitronensaure  Magnesia  usf.,  s.  d.).  Die
Aufbewahrung  der  Z.  hat  in  gut  geschlossenen
Gefäßen  an  einem  kühlen  Orte  zu  erfolgen.
Zitronensaures  Chinin  (Chininzitrat,  lat.
Chininum  citricum,  frz.  Citrate  de  quinine,  engl,
Citrate  of  quinia)  stellt  weiße  lockere  Kristallnadeln ­
  dar,  die  intensiv  bitter  schmecken  und
in  goo  Teilen  kalten  oder  30  Teilen  siedenden
Wassers  löslich  sind.  Das  zitronensaure  Chinin
findet  beschränkte  medizinische  Verwendung.
Zitronensaures  Eisenchinin  (Chinineisenzitrat, ­
  lat.  Chininum  ferro-citricum,  frz.  Citrate
de  fer  de  quinine,  engl.  Citrate  of  iron  and
quinia)  bildet  glänzende,  durchschimmernde,  dunkelrotbraune ­
  Blättchen  von  eisenartigem  und  bitterem ­
  Geschmack,  die  in  Wasser  langsam,  aber
in  jedem  Verhältnis  löslich  sind.  Das  Eisenchininzitrat ­
  wird  häufiger  medizinisch  angewandt
als  das  vorhergehende  Salz  und  findet  sich  auch
im  D.  A.  B.  aufgeführt.
Zitronensaures  Eisenoxyd  (Eisenoxydzit  rat,
Ferrizitrat,  lat.  Ferrum  citricum  oxydatum,
frz.  Citrate  de  fer.  engl.  Citrate  of  iron)  erhält
man  durch  Auflösen  von  frisch  gefälltem  Eisenhydroxyd ­
  in  wäßriger  Zitronensäurelösung,  vorsichtiges ­
  Eindampfen  der  klaren  Flüssigkeit  bis
zur  Sirupdicke  und  Trocknen  des  auf  Glasplatten ­
  ausgestrichenen  Rückstandes.  Das  Ferrizitrat ­
  bildet  dünne,  durchscheinende  Blättchen
von  rubinroter  Farbe  und  schwachem  Eisengeschmack, ­
  die  in  siedendem  Wasser  leicht,  in
kaltem  Wasser  langsam,  aber  vollständig  löslich
sind.  Die  gelbe  Lösung  reagiert  schwach  sauer.
Wegen  seines  schwachen  Eisengeschmacks
wird  das  Ferrizitrat,  das  für  medizinische
        <pb n="508" />
        Zitronensäure  Magnesia

502

Zucker

Zwecke  19—200/0  Eisen  enthalten  soll,  als  beliebtes ­
  Eisensalz  verordnet.
Zitronensäure  Magnesia  (Magnesiumzitrat,
lat.  Magnesium  citricum,  frz.  Citrate  de  magnesie,
engl.  Citrate  of  magnesia)  stellt  je  nach  der  Bereitungsweise ­
  ein  lockeres,  kristallinisches  Pulver,
feste  kristallinische  Krusten  oder  ein  trockenes,
amorphes  Pulver  dar.  Letzteres  ist  in  kaltem
Wasser  leicht  löslich,  während  die  ersten  beiden
Formen  sich  darin  nur  langsam  lösen.  Magnesiumzitrat ­
  dient  als  mildes  Abführmittel,  ist  aber
gegenwärtig  meist  in  der  Form  des  offizinellen
brausenden  Magnesiumzitrats  (lat.  Magnesium ­
  citricum  effervescens,  frz.  Citrate  de  magnesie ­
  grahulaire,  engl.  Eff  ervescent  citrate  of  magnesia) ­
  in  Gestalt  weißer  Körnchen  im  Gebrauche, ­
  die  sich  in  Wasser  unter  Kohlensäureentwicklung ­
  zu  einer  angenehm  säuerlich
schmeckenden  Flüssigkeit  auflösen.
Zitrophen,  das  zitronensaure  Salz  des  p-Phenetidins,
  ist  ein  farbloses,  wasserlösliches  Kristallpulver ­
  vom  Schmelzpunkt  188 0 ,  das.  als  Fiebermittel ­
  an  Stelle  des  Phenazetins  benutzt  wird,
aber  mit  Vorsicht  anzuwenden  ist.
Zitwerwurzel  (lat.  Rhizoma  zedoariae,  frz.  Züdoaire,
  engl.  Zedoary  root),  ein  vielbenutzter
Gegenstand  des  Drogenhandels,  stammt  von
einer  Zingiberazee  (Curcuma  Zedoaria),  die
in  Ostindien,  China  und  Madagaskar  heimisch  ist.
Die  getrockneten  Wurzelstöcke  sind  entweder  in
Scheiben  geschnitten  oder  der  Länge  nach  geviertelt. ­
  Der  Holzkörper  ist  iah  und  hornartig
und  gleich  der  oft  abgeschäiten  Rinde  mit  zahlreichen ­
  Harz-  und  Ölbehältern  erfüllt.  Als  wirksame ­
  Bestandteile  sind  ein  zineolhaltiges  ätherisches ­
  Öl,  bitteres  aromatisches  Harz  und  Stärke
zugegen.  Der  Geruch  ist  stark  aromatisch,  kampferartig, ­
  der  Geschmack  gleichzeitig  brennend
und  etwas  bitter.  Die  Wurzel  wird  in  der  Pharmazie ­
  bei  Bereitung  von  Gewürztinkturen,  außerdem ­
  zu  Magenlikören,  wie  Ingwer,  das  Zitwerwurzelöl ­
  (lat.  Oleum  zedoariae,  frz.  Ess'ence  de
zedoaire,  engl.  Zedoary  oil)  zu  aromatischen  Likören ­
  mit  verwandt.
Zobelfelle.  Zu  dem  edelsten  und  kostbarsten
Pelzwerk  gehören  die  Felle  des  sibirischen  Zobels ­
  (russisch  Sobol),  einer  Marderart  (Mustek ­
  zibellina),  die  an  Größe  und  Lebensweise ­
  den  deutschen  Mardern  gleicht  und  in
Fallen  gefangen  wird.  Ihr  höherer  Wert  beruht
auf  der  größeren  Feinheit,  Weichheit  und  Dauerhaftigkeit. ­
  Die  Wertverschiedenheiten  der  Felle
selbst  hängen  besonders  von  der  Farbe  ab,  die
vom  Hellbräunlichen  bis  in  tiefes  Dunkelbraun
geht.  Je  dunkler,  desto  teurer  sind  die  Z.,  auch
ist  der  Pelz  der  Männchen  größer,  dichthaariger
und  daher  wertvoller  als  derjenige  der  Weibchen. ­
  Z.,  bei  denen  die  längsten  Haare  weiß
sind  und  mit  ihren  Spitzen  die  anderen  überragen, ­
  heißen  Silberzobel  und  werden  namentlich ­
  deshalb  geschätzt,  weil  sie  nicht  künstlich
gefärbt  werden  können.  Die  schönsten  Felle
kommen  aus  dem  östlichen  Sibirien  von  Irkutsk ­
  und  Ochotsk,  weniger  schöne  vom  Jenissei,
der  Lena  und  dem  Amur.  Die  Z.  bildeten  ein
Monopol  der  russischen  Regierung  und  wurden
von  den  Jägern  entweder  als  Steuer  geliefert,
oder  an  Beamte,  verkauft  und  nach  Petersburg
gesandt,  wo  die  besten  für  besondere  Zwecke
ausgesucht,  die  übrigen  versteigert  wurden.  Sie

werden  von  reichen  Russen  und  Chinesen,  meist
als  Pelzfütterung,  getragen  und  dienen  auch  zur
Herstellung  von  Kragen  und  Mützen,  bei  uns
gewöhnlich  nur  von  Besätzen  für  Damenpelze.
—  Der  amerikanische  Zobel  (Mustela  americana)
  ist  ein  Tier  von  derselben  Größe  und
Lebensart,  aber  gröberem  Haar.  Das  Fell  erscheint ­
  mehr  rötlichbraun,  zeigt  aber  sonst  alle
Farbtöne  von  gelblich  bis  dunkelbraun.  Die
schönsten  amerikanischen  Z.  kommen  von  den
Küstenländern  der  Hudsonsbai  und  der  Labradorküste ­
  und  werden  wegen  ihrer  mäßigen  Preise
in  allen  Ländern,  auch  in  Rußland,  am  meisten
aber  in  England,  verbraucht.  Auch  der  kanadische ­
  Z.  (M.,canadensis),  auch  Pekan  oder
virginischer  Iltisgenannt,  liefertgeschätzteschwarze
oder  graue  Pelze.  —  Die  Schweife  der  Zobel  sind
ebenfalls  wertvoll  und  dienen  zu  Besätzen  für
Damenpelze,  zu  Herrenmützen  usw.  Das  Färben ­
  der  Z.,  um  sie  dunkler  zu  machen,  sowie
anderer  Felle,  um  sie  den  Zobeln  ähnlicher  zu
gestalten,  wurde  früher  in  großer  Ausdehnung
betrieben,  und  noch  heute  nennen  sich  alte
Rauchwarenfäfber  Zobelfärber.
Zoelestiner  Tropfen,  eine  stark  abführende
alkoholische  Lösung  von  Aloe  und  Rhabarber
mit  Zusatz  von  Eisensaccharat  und  aromatischen
Stoffen.
ZoeruleYn  (Anthrazen-  oder  Alizaringrün)
ist  ein  Farbstoff  der  Phtaleingruppe,  der  durch
Behandlung  von  getrocknetem  Gallein  (s.  d.)
mit  konz.  Schwefelsäure  dargestellt  wird  und  in
Form  einer  dicken  braunen,  in  Wasser  und  Alkohol ­
  unlöslichen  Paste  in  den  Handel  kommt.
Daneben  findet  sich  als  Zoerulein  S.  noch  eine
pulverförmige,  wasserlösliche  Modifikation,  die
aus  einer  Alkalisulfitlösung  des  Farbstoffes  besteht. ­
  Z.  liefert  dunkelgrüne  Farben  von  großer
Echtheit  und  wird  namentlich  in  Kattundruckereien ­
  als  Paste  mit  Natriumbisulfit,  Alaun  oder
Chromalaun  angewandt.  Auch  dient  Z.  zum
Färben  von  mit  Chrom  gebeizter  Wolle,  Seide
und  Baumwolle.  Der  Tonerdelack  ist  hellgrün,
der  besonders  echte  Chromlack  dunkelgrün.
Zucker  (lat.  Saccharum,  frz.  Sucre,  engl.  Sugar).
  Unter  diesem  Namen  faßt  man  in  der
Chemie  eine  Anzahl  von  Kohlenhydraten  zusammen, ­
  die  in  Wasser  löslich  und  kristallisierbar
sind  und,  mit  vereinzelten  Ausnahmen,  einen
mehr  oder  weniger  süßen  Geschmack  besitzen.
Ihrer  Konstitution  nach  kann  man  folgende
Gruppen  von  Zuckerarten  unterscheiden:  Monosaccharide ­
  oder  Glykosen  besitzen  die  Fähigkeit, ­
  alkalische  Metallsalzlösungen  (Fehlingsche
Lösung)  zu  reduzieren  und  sich  mit  Alkalien  gelb
zu  färben.  Sie  drehen  die  Ebene  des  polarisierten
Lichtes  und  werden  durch  Hefe  vergoren.  Weil
ihr  Molekül  eine  Kette  von  sechs  KoMenstoffatomen
  enthält,  C 6 H 12 O e ,  werden  sie  auch  als
Hexosen  bezeichnet.  Zu  den  Hexosen  gehören ­
  von  bekannteren  Zuckerarten  der
Traubenzucker,  Fruchtzucker,  die  Galaktose  und
Sorbose.  Die  Zucker  der  zweiten  Gruppe,  die
Disaccharide  oder  Saccharosen  kann  man
auffassen  als  unter  Austritt  von  einem  Molekül
Wasser  zustande  gekommene  Verbindungen  von
zwei  Glykosemolekülen,  in  die  sie  beim  Erwärmen ­
  mit  verdünnten  Säuren  unter  Aufnahme
von  Wasser,  Hydrolyse,  wieder  zerfallen.  Rohrzucker ­
  liefert  hierbei  je  ein  Molekül  Trauben-
        <pb n="509" />
        I

Zucker

503

Zucker

zucker  und  Fruchtzucker;  Milchzucker  je  ein  Molekül ­
  Traubenzucker  und  Galaktose;  Maltose  gibt
zwei  Moleküle  Traubenzucker.  Auch  die  Saccharosen ­
  drehen  die  Polarisationsebene,  zeigen  aber
die  übrigen  Eigenschaften  der  Glykosen:  Reduktion ­
  und  Vergärung  vielfach  erst  nach  der
Hydrolyse.  Ihre  Zusammensetzung  entspricht  der
Formel  C 12 H220 U .  Von  der  dritten  Gruppe  der
Zuckerarten,  den  Polysacchariden,  besitzt  nur
die  Raffinose  eine  gewisse  praktische  Bedeutung.
Sie  zerfällt  bei  der  Hydrolyse  in  je  ein  Molekül
Traubenzucker,  Fruchtzucker  und  Galaktose.  Die
wichtigeren  Zuckerarten  sind  unter  ihrem  eigenen
Namen  besprochen  worden.  An  dieser  Stelle  ist
daher  nur  diejenige  Zuckerart  zu  behandeln,  die
im  alltäglichen  Leben  als  Zucker  schlechthin
bezeichnet  wird,  der  Rohrzucker  oder  die
Saccharose.  Der  R.  ist  im  Pflanzenreiche
außerordentlich  verbreitet  und  wird  wahrscheinlich ­
  unter  dem  Einflüsse  des  Lichtes  in  den  Blättern ­
  erzeugt  und  von  hier  nach  den  Reserveorganen ­
  weiter  befördert.  Größere  Mengen  enthalten ­
  hauptsächlich  die  Stengel  einiger  Gramineen: ­
  Mais  7—90/0,  Zuckerhirse  (Sorghum ­
  saccharatum)  etwa  15  °/o,  Zuckerrohr
etwa  20%;  ferner  der  Saft  verschiedener  Bäume, ­
  wie  Birke,  Ahorn;  die  Nektarien  von
Kaktus-,  Fuchsien-  und  Kleeblüten,  verschiedene ­
  Früchte:  Mandeln,  Feigen,  Ananas, ­
  Äpfel,  Kirschen,  und  von  Wurzeln,  besonders ­
  Rüben  und  Mohrrüben.  Zur  Gewinnung ­
  des  Z.  werden  die  hierzu  geeigneten,  d.  h.
besonders  zuckerreichen,  Pflanzen  durch  Pressen
oder  durch  Ausziehen  mit  Wasser  oder  Alkohol
ihres  Z.  beraubt,  und  die  erhaltenen  Lösungen
nach  mehr  oder  minder  umständlicher  Reinigung ­
  zur  Kristallisation  gebracht.  Am  einfachsten ­
  ist  die  Gewinnung  aus  Zuckerrohr,  das  im
Safte  14—20%  Zucker  enthält.  Der  ausgepreßte
Saft  wird  mit  wenig  Kalk  aufgekocht,  nach  dem
Filtrieren  in  Vakuumapparaten  eingedampft  und
der  auskristallisierte  Zucker  durch  Zentrifugieren
von  dem  Sirup  oder  der  Melasse  befreit.  Er
kommt  dann  als  gelblicher  oder  bräunlicher  Kolonialzucker ­
  direkt  in  den  Handel,  oder  wird
durch  Raffinieren  (Umkristallisieren)  in  Plutoder
  Brot-Z.  oder  in  englischen  Kristallzucker
übergeführt.  Neuerdings  wird  auch  das  Diffusionsverfahren ­
  angewandt.  ■—  Die  Gewinnung
des  Z.  aus  der  Rübe  ist  wesentlich  umständlicher,
da  der  Rübensaft  weit  mehr  fremde  Bestandteile
enthält,  welche  die  Kristallisation  verhindern  und
daher  entfernt  werden  müssen.  Die  gewaschenen
Rüben  werden  in  der  Schnitzelmaschine  in  feine
Stückchen  zerteilt  und  dann  in  großen  eisernen
Zylindern  der  Diffusion  mit  warmem  Wasser
unterworfen.  Der  so  gewonnene  Saft  ist  reiner
als  der  früher  durch  Auslagen  von  Brei  (Mazeration) ­
  erhaltene,  da  eine  Reihe  kolloidaler
Stoffe,  wie  Eiweißstoffe  und  Gummi,  schwieriger
diffundieren  als  Zucker  und  Salze  und  daher  in
den  Schnitzeln  Zurückbleiben.  Zur  Entfernung
der  meisten  in  Lösung  gegangenen  Nichtzuckerstoffe ­
  wird  der  Diffusionssaft  in  den  Scheidepfannen ­
  mit  1V2—3  %  gebranntem  oder  gelöschtem ­
  Kalk  erwärmt,  wobei  sich  ein  Teil  der  Verunreinigungen ­
  flockig  abscheidet,  und  darauf  zur
Ausfällung  des  gelösten  Kalks  mit  Kohlensäure
gesättigt  (saturiert).  Der  erforderliche  Kalk
und  die  Kohlensäure  wird  von  den  Zuckerfabriken

durch  Glühen  von  Kalkstein  in  eigenen  Kalköfen
erzeugt.  Nach  Entfernung  des  Niederschlages  in
Filterpressen  wird  ■  der  nun  hellfarbige  Saft
entweder  durch  Knochenkohlebatterien,  oder
neuerdings  meist  durch  nochmalige  schwache
Scheidesaturation  mit  Kalk  und  Kohlensäure,
oder  endlich  durch  Behandlung  mit  schwefliger
Säure  weiter  gereinigt  und  dann  in  Vakuumapparaten. ­
  zum  Dicksaft  eingedampft.  Der  letztere ­
  mit  etwa  24 0  B  wird  dann  nach  nochmaliger
Filtration  bis  zum  Auftreten  von  Kristallen  weiter ­
  eingedickt  (auf  Korn  kochen),  und  die
erhaltene  „Füllmasse“  zum  Kristallisieren  in
eiserne  Kästen  abgelassen.  Die  nach  12—24
Stunden  völlig  fest  gewordene  Masse  wird  zerkleinert ­
  und  in  Zentrifugen  von  dem  Sirup  befreit. ­
  Der  letztere  wird  wieder  eingekocht  und
in  gleicher  Weise  weiter  behandelt  und  liefert
so  nacheinander  ein  sog.  zweites,  drittes  und
bisweilen  viertes  Produkt,  bis  aus  der  zuletzt
hinterbleibenden  Melasse  kein  Z,  mehr  auskristallisiert. ­
  Der  Rohzucker,  eine  grobkristallinische ­
  gelbe  Masse,  ist  nicht  direkt  zum  Verbrauch ­
  geeignet,  da  ihm  noch  ein  unangenehmer, ­
  von  kleinen  Mengen  Salzen  herrührender
Beigeschmack  anhaftet.  Er  enthält  80—96%
Zucker  und  wird  in  besonderen  Fabriken  (Raffinerien) ­
  weiter  gereinigt.  Zu  diesem  Zwecke
löst  man  ihn  in  V2—Vs  seines  Gewichts  an  Wasser,
entfärbt  die  Lösung  mit  Knochenkohle,  dampft
sie  zur  Kristallisation  ein  und  läßt  sie  in  kegelförmigen ­
  Hutformen  oder  inKästen  erstarren.  Die
anhaftende  Mutterlauge  wird  mittels  Luftpumpen
durch  Abnutschen  oder  durch  Auswaschen
mit  reiner,  dicker  Zuckerlösung  (Decken)  entfernt, ­
  und  ein  geringer  gelber  Farbton  durch  Zusatz ­
  von  etwas  Ultramarin  verdeckt.  Wegen  der
mit  dem  Ultramarinzusatz  verbundenen  Nachteile,
besonders  der  mit  sauren  Flüssigkeiten  eintreten
den  Schwefelwasserstoffentwicklung,  bevorzugt
man  neuerdings  vielfach  ungeblauten,  sog.  Lompen-Z.
  Durch  einfaches  Decken  des  in  Zentrifugen ­
  ausgeschleuderten  Z.  erhält  man  den  Kristallzucker; ­
  durch  Erstarrenlassen  der  Lösung
in  quadratisch  abgeteilten  Kasten  den  Würfelzucker. ­
  Der  in  spitz  zulaufenden  Formen  erstarrte ­
  Hutzucker  oder  Brotzucker  besteht
aus  sehr  kleinen,  zu  einer  festen  marmorartigen,
aber  doch  porösen  Masse  zusammengeklebten
Kristallen.  Er  wird  meist  Raffinade  genannt
und  bildet  die  beste  Sorte.  Pild-Z.  ist  eine  besonders ­
  für  den  italienischen  Markt  bestimmte
Form,  die  aus  erbsengroßen,  feinkristallinischen
Körnchen  besteht,  Melis,  eine  etwas  gelbliche
Raffinade,  und  Farin  (Mehlzucker)  ein  aus
schlecht  ausgefallenen  Broten  und  Abfällen  aller
Art  durch  Mahlen  hergestelltes  Pulver.  Kandis ­
  wird  durch  sehr  langsame,  ungestörte  Kristallisation ­
  konzentrierter  Zuckerlösungen  erhalten. ­
  Zur  Gewinnung  der  noch  in  der  Melasse
verbliebenen  Zuckerreste  sind  zahlreiche  Melasse-Entzuckerungsverfahren
  in  Vorschlag
gebracht  worden,  ohne  sich  auf  die  Dauer  behauptet ­
  zu  haben.  Das  Osmoseverfahren  beruht ­
  auf  der  Eigenschaft  des  Zuckers,  durch
poröse  Membranen  (Pergamentpapief)  weniger
schnell  zu  diffundieren  als  Salze.  Beim  Elutionsverfahren ­
  wird  der  Zucker  aus  der  Melasse ­
  durch  Zusatz  von  Kalk  als  Trikalziumsaccharat
  gefällt,  letzteres  abfiltriert,  mit  Al ­
        <pb n="510" />
        Zucker

504

Zuckerrüben

kohol  ausgewaschen  und  mit  Kohlensäure  zersetzt. ­
  In  ähnlicher  Weise  arbeitet  man  auch  mit
Strontian  und  Baryt.  —  Nächst  dem  Rohrund ­
  Rübenzucker  hat  der  mit  ihnen  chemisch
völlig  identische  Palmzucker  aus  dem  Safte
von  Arenga  saccharifera,  Cocos  nucifera,
Sagus  rumphii,  Borassus  flabelliformis
und  Phoenix  dactylifera  eine  gewisse  Bedeutung. ­
  Zu  seiner  Gewinnung  bohrt  man  während
oder  nach  der  Blütezeit  die  Stämme  an  und
dampft  den  Saft  mit  etwas  Kalk  bis  zur  Kristallisation ­
  ein.  Die  Palmen  gewähren,  wenn  die
Saftgewinnung  nicht  übertrieben  wird,  viele  Jahre
lang  eine  gute  Ausbeute,  einzelne  Kokospalmen
mehr  als  250  kg  Saft  oder  Gallon  mit  50  kg  Z.
Der  hauptsächlich  in  Ostindien,  auf  Zeylon  und
Java  hergestellte  Palmenzucker  wird  als  Jaggery
  (Jagara-,  Jagre-Z.)  bezeichnet.  Außerdem ­
  werden  noch  Zuckerahorn,  Mais  und  Sorgho»
namentlich  in  Nordamerika,  zur  fabrikmäßigen
Gewinnung  des  Zuckers  herangezogen.  —  Der
Z.  bildet  farblose,  monokline,  meist  hemiedrisch
ausgebildete  Kristalle,  schmeckt  stark  süß  und
löst  sich  leicht  in  Wasser.  Die  Lösungen  drehen
das  polarisierte  Licht  stark  rechts,  und  zwar  beträgt ­
  die  spez.  Drehung  66,39.  Bei  vorsichtigem
Erhitzen  schmilzt  Z.  gegen  160 0  und  erstarrt  darauf ­
  zu  einem  amorphen  Glase  (Gerstenzucker),
das  aber  nach  einiger  Zeit  von  selbst  wieder  kristallinisch ­
  und  undurchsichtig  wird.  ,  Bei  stärkerem ­
  Erhitzen  bräunt  sich  die  Masse  und  geht
unter  Entweichen  von  Kohlensäure  und  anderen
Gasen  in  Karamel  (Zuckercouleur,  gebrannter ­
  Z.)  über.  Durch  konzentrierte  Schwefelsäure
und  durch  Salzsäuregas  wird  Z.  geschwärzt.  Bei
Behandlung  mit  verdünnten  Säuren  nimmt  er  ein
Molekül  Wasser  auf  und  zerfällt  in  ein  Gemenge
gleicher  Moleküle  Traubenzucker  und  Fruchtzucker, ­
  das  nun  nicht  mehr  nach  rechts,  sondern
umgekehrt  nach  links  dreht  und  deshalb  Invert-Z.
  genannt  wird.  Rohrzucker  ist  nicht  direkt  vergärbar, ­
  wird  aber  durch  das  in  der  Plefe  enthaltene ­
  Ferment  Invertin  in  seine  beiden  Bestandteile ­
  gespalten  und  dann  völlig  vergoren.
Zur  quantitativen  Bestimmung  des  Z.  bedient ­
  man  sich  hauptsächlich  der  Polarisation,
und  zwar  des  Saccharimeters  oder  Halbschattenapparates. ­
  Bei  Beobachtung  einer
Lösung  von  26,048  g  Substanz  (Normalgewicht)
in  Wasser  zu  100  ccm  entspricht  jeder  Grad  des
Maßstabes  einem  Prozent  Z.  Außer  dem  durch
Polarisation  ermittelten  Zuckergehalte  wird  für
die  Bewertung  des  Rohrzuckers  seitens  der  Raffinerien ­
  noch  das  sog.  Rendement  berücksichtigt, ­
  indem  man  den  fünffachen  Betrag  des
Aschengehaltes  in  Abzug  bringt.  Auch  kann  für
Invertzucker  der  fünffache  Betrag  abgerechnet
werden.  Der  Grund  hierfür  ist  die  Verringerung
der  Ausbeute  durch  Asche  sowohl  als  durch
Invertzucker.  —  Der  Zucker,  als  das  allgemeine
Versüßungs-  und  Konservierungsmittel,  wird  in
ungeheuren  Mengen  hergestellt  und  verbraucht.
Im  Jahre  1914  betrug  die  Welterzeugung  rund
18,5  Millionen  Tonnen,  nämlich  10  Millionen
Tonnen  Rohrzucker  und  8,5  Millionen  Tonnen
Rübenzucker,  und  von  letzterem  entfielen  allein
auf  Deutschland  2,2  Millionen  Tonnen,  Die  hierfür ­
  erforderlichen  13  Millionen  Tonnen  Zuckerrüben ­
  wurden  auf  543  000  ha  geerntet  und  in
448  Fabriken  verarbeitet.  Der  Zuckerverbrauch

betrug  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  19,6  kg
gegen  33  kg  in  England.
Zuckercouleur  (Karamel,  lat.  Tinctura  sacchari
  tosti,  Saccharum  tostum,  frz.  und  engl.
Couleur)  nennt  man  einen  zum  Braunfärben  von
Nahrungs-  und  Genußmitteln  bestimmten  Sirup,
der  im  wesentlichen  aus  den  bei  höherer  Temperatur ­
  gebildeten  Zersetzungsprodukten  von  Zuckerarten ­
  besteht.  Zu  ihrer  Darstellung  schmilzt  man
Rohrzucker,  Traubenzucker  oder  Stärkesirup,  letzteren ­
  meist  unter  Zusatz  von  4  °/o  Soda  oder  Ammoniumkarbonat, ­
  in  eisernen  Kesseln  bei  etwa
200 0 ,  wobei  der  Zucker  sich  in  eine  glasige
dunkelbraune  Masse  verwandelt,  die  nach  dem
Erkalten  in  dem  halben  Gewicht  Wasser  gelöst
wird.  Z.  löst  sich  in  Wasser  mit  dunkelbraunen,
bei  stärkerer  Verdünnung  in  den  verschiedensten
Farbtönen  bis  zum  Goldgelb  und  gibt  in  ihren
besseren  Sorten  (aus  Rübenzucker)  auch  mit  Alkohol ­
  verschiedener  Grade  klare  Lösungen.  Die
beste  Sorte,  Rum-  oder  Spirituscouleur,  löst
sich  noch  klar  in  90—95  0/0  igem  Alkohol  und  darf
jedenfalls  mit  80%  igem  Alkohol  keine  Trübung
geben.  Bier-  oder  Essigcouleur  bleibt  mit
7S°/oigem  Alkohol  klar.  Z.  wird  entweder  als
Sirup  in  Fässern  von  6—8  Zentner  Inhalt,  oder
neuerdings  auch  in  Form  Tester  Tafeln  in  den
Handel  gebracht  und  dient  zum  Färben  von
Wein.  Bier,  Branntwein,  Kaffee-Ersatz  und  zahlreichen ­
  anderen  Genußmitteln.
Zuckerrüben  (Zu'ckerrunkel,  frz.  Betterave
sacchariföre,  Betterave  blanche  ä  Sucre,  Blanche  de
silüsie,engl.Sugarbeet-rave)isteinedurchVerede-  4
lung  gewonnene  Abart  (Beta  vulgaris  rapacea
  saccharifera)  der  Runkelrübe  (Dickwurz, ­
  Mangold,  Beißkohl,  römischer  Spi.
nat,  Eurgunderrübe,  Rungkraut),  die  als
Gemüse-  und  Futter-,  Garten-  und  Feldpflanze,
in  der  Hauptform  Mangold,  B.  vulgaris  var.
Cicla,  mit  den  Abarten  Schnittkohl  und  rote
Rübe,  und  B.  vulgaris  var.  rapacea,  Futterund
  Zuckerrunkel,  angebaut  wird.  Die  Vervollkommnung ­
  der  Rübe  zu  den  Zwecken  der
Zuckergewinnung  gelang  erst  in  Quedlinburg
vom  Jahre  1824  an,  und  seitdem  kennt  man  die
Z.  als  besondere  Art  in  mehreren  Spielarten.
Von  letzteren  sind  folgende  als  die  besten  anzuführen: ­
  die  bimförmige,  schlesische  weiße
Z.  mit  festem  Fleisch  und  grünem  Kopf,  die  am
besten  auf  trockenem,  leichtem  Boden  fortkommt. ­
  die  für  schweren  Boden  geeignete  Quedlinburger
  Z.  mit  spindelförmiger  Gestalt  und
rosafarbigem  Kopf,  die  kleinere,  weiße,  weiß-  und
festfleischige  Imperial-  oder  Knauersche  Z.
mit  stumpfen  Kopf  und  schlank  bimförmiger
Gestalt,  die  sibirische  Z.,  die  mährische  oder
Castelnaudory,  die  französische  oder  belgische ­
  (Vilmorins  Z.),  die  tellerförmige
Wiener,  die  Czabayer  Imperial,  die  Wanzlebener,
  die  Schlanstädter,  die  Bestahornsche
  und  die  olivenförmige  Erfurter  (Büchnersche).
  —  Gute  Z.  müssen  einen  möglichst
großen  Gehalt  an  Zucker,  der  bis  zu  18  und  2o°l°
ansteigen  kann,  haben,  hingegen  möglichst  wenig
Nichtzucker,  d.  h.  Eiweißstoffe,  Salze  und  andere
die  Verarbeitung  störende  Stoffe  enthalten.  Weh
tere  Anforderungen  an  gute  Zuckerrüben  sind,
daß  sie  hauptsächlich  im  Boden  wachsen,  weh
der  an  dem  Lichte  grün  werdende  Kopf  nicht
auf  Zucker  verarbeitet  werden  kann.  Auch  so!R n
        <pb n="511" />
        Zuckerrüben

505

Zündhölzer

sie  möglichst  glatt  sein,  keine  Verästelungen,
wenig  und  feine  Seitenwurzeln  treiben,  im  Fleisch
dicht,  hart  und  weiß  sein,  damit  sie  beim  Zerkleinern ­
  möglichst  wenig  Abfall  geben.  Diesen
Anforderungen  entsprechen  die  erstgenannter^
Arten  am  besten.  Die  Zucht  von  Samen  guter  Z.
ist  sehr  lohnend  und  wird  von  Handelsgärtnem
und  auch  von  einzelnen  Landwirten  im  Großen
betrieben.  —  Der  Anbau  der  Z.  setzt  die  Vereinigung ­
  geeigneten  Bodens,  günstigen  Klimas,  leichten ­
  Bezugs  und  guter  Arbeitskräfte  voraus.  Auch
ist  die  Nähe  einer  Zuckerfabrik  und  zur  Verwertung ­
  der  Abfälle  die  Einführung  von  Viehzucht
erforderlich.  In  Deutschland  bildet  die  Magdeburger ­
  Ebene  das  Hauptgebiet.  Nächst  diesem
ist  der  Anbau  noch  bedeutend  in  Schlesien  und
um  Braunschweig,  ferner  in  Anhalt,  der  Umgegend ­
  von  Leipzig  (Markranstädt,  Lützen)  und
Döbeln;  in  Österreich  besonders  in  Böhmen  und
Mähren,  und  in  Frankreich  in  den  Norddepartements, ­
  mit  Lille  als  Mittelpunkt.  Neuerdings
beteiligen  sich  auch  Belgien.  Holland,  Schweden,
Rußland,  England  und  Amerika  am  Rübenbau.
Die  Z.  wird  vorzugsweise  direkt  ausgesät,  und
zwar  auf  vorher  sehr  sorgfältig  bearbeiteten  und
gut,  wenngleich  nicht  zu  reichlich  gedüngten
Boden.  Von  den  Düngemitteln  sind  Phosphorsäure ­
  und  Kali  in  erster  Linie  zu  berücksichtigen.
Man  ackert  kleine  Beete  oder  Kämme  und  sät
auf  diese,  also  reihenförmig,  mittels  besonderer
Maschinen  oder  mit  der  Hand  je  3—4,  selten  bis
acht  Samen  an  eine  Stelle.  Zur  besseren  Keimung ­
  läßt  man  den  Samen  oft  vorher  quellen
oder  mischt  ihn  mit  feinem  Sande.  1  hl  „Samen“
wiegt  im  Durchschnitt  25  kg.  —  Für  den  Fabrikanten ­
  kommt  es  darauf  an,  die  Z.  möglichst  oft
bauen  zu  können,  die  Bedingungen  ihres  Wachstums ­
  also  vollständig  zu  beherrschen.  Es  ist  jetzt
gelungen,  bis  t/a  der  verfügbaren  Bodenfläche  unbedenklich ­
  mit  Z.  zu  bebauen;  hingegen  empfiehlt ­
  es  sich  im  Großen  nicht,  darüber  hinauszugehen, ­
  weil  dann  die  zahlreichen  Feinde  der
Pflanzen  zu  sehr  überhandnehmen  und  den  Anbau ­
  eine  Zeitlang  unmöglich  machen.  Hinsichtlich ­
  der  Düngung  und  Bearbeitung  gibt  es  keine
Schwierigkeiten  mehr.  Der  Rübenbauer  braucht
am  meisten  Handelsdünger  und  die  besten  Ackergerätschaften, ­
  verwendet  am  meisten  Sorgfalt
mit  Jäten,  Verpflanzen,  Behacken,  Behäufeln
usw.  auf  seine  Felder  und  führt  unter  großem
Kostenaufwand  einen  unablässigen  Krieg  gegen
die  Feinde  aus  der  Tier-  und  Pflanzenwelt.
Unkraut  (Melden,  Ackersenf  usw.),  Rost  der
Blätter,  Herzfäule,  Fäulnis  durch  den  Wurzeltöter, ­
  Schwärze  oder  Rußtau,  Blattdürre  und  eine
der  Kartoffelkrankheit  ähnliche  Erkrankung,  die
fast  alle  durch  Pilze  veranlaßt  werden,  ferner
Aaskäfer,  schwarze  Moosknopfkäfer,  Rübennematoden ­
  (nach  manchen  die  Ursache  der
Rübenmüdigkeit),  Saatschnellkäfer,  neblige  Schildkäfer, ­
  Kohl-,  Wintersaat-  und  Ypsiloneule,  Runkelfliege ­
  und  Engerlinge  sind  die  hauptsächlichsten ­
  Feinde,  welche  die  Z.  bedrohen.  Der  Zuckergehalt ­
  wird  außerdem  wesentlich  durch  dieWittermlg
  bedingt  und  kann  deshalb  nach  Jahrgängen
bedeutenden  Schwankungen  unterliegen.  Die
Blätter  kommen  als  Futtermittel  in  Betracht.
Die  Ernte  findet  so  spät  als  möglich  statt,  die
Aufbewahrung  jetzt  nur  noch  in  Erdmieten.  —-Zur
  Samenzucht  werden,  wie  bei  allen  ähnlichen ­

  Gewächsen,  die  schönsten,  am  gleichmäßigsten ­
  gewachsenen,  unverletzten,  aber  nicht  über
1  kg  schweren  Rüben  bestimmt,  bei  der  Ernte
sofort  ausgeschieden  und  dadurch  rum  Überwintern ­
  hergerichtet,  daß  man  die  Blattrosetten  ausdreht ­
  oder  ohne  Verletzung  der  Herzknospe  s  cm
über  dem  Kopfe  abschneidet.  Die  Rüben  kommen ­
  dann  im  Keller  in  ein  Sandbett  und  werden
im  Frühjahr  auf  ihren  Zuckergehalt  geprüft,  indem ­
  man  mit  Hilfe  besonderer  Maschinen  etwas
Rübenbrei  herausbohrt  und  der  polarimetrischen
Untersuchung  unterwirft.  Die  zuckerreichsten
Rüben  werden  nun  ausgelesen  und  nach  Verschließung ­
  des  Bohrlochs  mit  Erde  im  April  in
gartenmäßig,  bearbeitetes,  besonderes  Ackerland
mit  einem  Flächenraume  bis  zu  1  qm  für  jede
Pflanze  ausgepflanzt.  Die  weitere  Behandlung
im  Felde  besteht  im  Reinhalten,  Lockern,  Behäufeln ­
  und  Anbinden  der  Stengeltriebe.  Der
Same  wird  geerntet,  sobald  die  Fruchtknäule
gebräunt  erscheinen.  Man  schneidet  mit  hoher
Stoppel  und  läßt  auf  dieser  die  Nachreife  und  das
Trocknen  vor  sich  gehen.  Die  Gewinnung  erfolgt
schließlich  bei  Winterkälte  durch  Ausdreschen,
nur  bei  sehr  wertvollen  Sorten  pflückt  man
den  Samen  mit  der  Hand  und  erzielt  als  Ertrag
5—10  dz.  —  Die  Z.  sind  nur  selten  Gegenstand
des  Verkaufs  für  Händler,  da  die  Fabriken  sich
den  Bedarf  durch  Abschlüsse  mit  den  Landwirten
sichern  und  diesen  die  Abfälle  zurückgewähren,
zum  Teil  auch  selbst  Viehzucht  betreiben.  Soweit ­
  die  Fabriken  Aktienunternehmen  sind,  suchen
sie  die  Landwirte  auch  mit  Aktien  zu  beteiligen
und  geben  dann  etwas  ermäßigte  Preise.  Für
den  Handel  kommt  hauptsächlich  der  Samen  in
Betracht,  soweit  nicht  wiederum  Selbstzucht  stattfindet. ­
  Zum  Teil  liefern  die  Handelsgärtner  das
Saatgut  und  dann  meist  nur  von  den  besten
Sorten,  für  welche  die  höchsten  Preise  gelten,
die  größten  Mengen  werden  aber  von  besonderen
Rübensamenzüchtereien  in  denVerkehr  gebracht.
Zündhölzer  (Streichhölzer).  Dieses  in  ungeheuren ­
  Mengen  verbrauchte  Mittel  zur  Feuererzeugung ­
  ist  erst  seit  etwa  80  Jahren  bekannt.
Bis  dahin  verschaffte  man  sich  Feuer  mit  .  Hilfe
von  Stahl,  Feuerstein  und  Schwamm  oder  seit
1805  mittels  des  sog.  Tunkfeuerzeugs,  indem
man  an  einem  Ende  mit  Schwefel  und  chlorsaurem ­
  Kali  versehene  Hölzchen  auf  mit  konzentrierter ­
  Schwefelsäure  getränkten  Asbest
tupfte.  1832  wurden  von  verschiedenen  Fabriken,
in  Deutschland  von  dem  Württemberger  Kämmerer, ­
  die  ersten  Phosphorzündhölzer  in  den
Handel  gebracht,  die  sich  an  jeder  Fläche  entzündeten ­
  und  trotz  wiederholter  Verbote  allgemeine ­
  Verbreitung  fanden.  Die  Plölzchen  werden ­
  in  waldreichen  Gegenden,  im  Schwarz-  und
Böhmerwald,  Erzgebirge,  Riesengebirge  und  Elsaß, ­
  ferner  in  Österreich  und  Schweden  aus  weichen ­
  Hölzern,  Pappel,  Esche,  Fichte  und  Tanne
meist  mit  Maschinen  geschnitten  und  dann  in
besonderen  Fabriken  mit  den  Zündköpfen  versehen. ­
  Man  taucht  sie  zu  diesem  Zwecke  mit
einem  Ende  in  geschmolzenen  Schwefel  oder  bei
den  besseren  Sorten  in  Stearin  oder  Paraffin  und
nach  demTrocknen  des  Überzuges  in  die  eigentliche ­
  Zündmasse,  ein  Gemisch  von  fein  zerteilten
Phosphorstückchen  und  Leim,  Gummi,  Dextrin
oder  anderen  Bindemitteln.  Vielfach  enthält  die
Zündmasse  neben  dem  Phosphor  noch  andere
        <pb n="512" />
        Zündwaren

506

Zyperweine

Oxydationsmittel,  wie  Braunstein,  Salpeter,  Mennige ­
  oder  Bleisuperoxyd.  Die  hohe  Giftigkeit  der
Phosphorzündhölzer  und  die  mit  ihrer  Herstellung ­
  verbundenen  gesundheitlichen  Gefahren
haben  schon  frühzeitig  Versuche  zum  Ersatz  des
Phosphors  veranlaßt,  die  zur  Erfindung  der  sog.
Sicherheitszündhölzer  führten.  Obgleich  eine
deutsche  Erfindung,  gelangten  diese  doch  erst
zu  Ansehen,  als  sie  auf  dem  Umwege  über
Schweden,  als  sog.  schwedische  Z.  zu  uns
kamen.  Die  Sicherheitszündhölzer  enthalten  keinen
giftigen,  (weißen)  Phosphor.  Ihr  Zündkopf  besteht ­
  vielmehr  aus  einem  Gemenge  von  vorwie-.gend
  chlorsaurem  Kalium  und  etwas  Schwefel,
Schwefelantimon,  chromsaurem  Kalium  oder  Mennige ­
  mit  Bindemitteln  (Dextrin  usw.).  Sie  entzünden ­
  sich  nur  an  besonderem  Reibflächen,  die
einen  Überzug  von  Schwefelantimon,  rotem  (ungiftigem) ­
  Phosphor  und  Gummi  erhalten  haben.
Zur  Verhinderung  des  lästigen  Nachglimmeins
werden  die  Holzdrähte  meist  mit  phosphorsaurem
Ammonium  imprägniert.  Da  die  außerordentlich
bequeme  Handhabung  der  Phosphorhölzer  ihre
Verdrängung  verhinderte,  ist  im  Hinblick  auf
die  zahllosen  Opfer  der  Phosphornekrose  durch
Reichsgesetz  bestimmt  worden,  daß  weißen  Phosphor ­
  enthaltende  Z.  vom  l.  I.  1907  in  Deutschland
weder  hergestellt,  noch  in  Verkehr  gebracht
werden  dürfen.  Vom  1.  I.  1908  an  ist  auch  die
Einfuhr  aus  dem  Ausland  verboten.  Als  Ersatz
sind  bereits  jetzt  verschiedene  brauchbare  Z.  im
Handel,  die  sich  an  jeder  Reibfläche  entzünden
lassen  und  hauptsächlich  eine  ungiftige  Form
des  Phosphors,  den  sog.  hellroten  Phosphor,  oder
auch  Phosphortrisulfid  oder  Sulfophosphit  enthalten. ­
  Hingegen  haben  sich  die  nach  dem  vom
Reiche  angekauften  Schwienigschen'Verfahren
hergestellten  sog.  Reichs-Z.  mit  bleisaurem  Kalzium ­
  als  unbrauchbar  erwiesen.  —-  Bengalische  Z.,
hergestellt  durch  Zusatz  von  Buntfeuermischung,
in  grün,  rot  usw.,  gelten  als  Feuerwerkskörper.
Zündwaren.  Hierzu  gehören  dem  Zolltarif
nach  Zündpillen,  Zündspiegel,  Zündplättchen  für
Kinderpistolen,  sog.  Amorces,  usw.  Alle  diese
Waren  werden  aus  einer  Mischung  von  amorphem ­
  Phosphor  mit  Kaliumchlorat  hergestellt.
Die  Entzündung  geschieht  durch  Schlag,  wobei
eine  knallende  Explosion  erfolgt  (s.  auch  Sprengstoffe). ­

Zwiebel  (Bolle,  Gartenlauch,  H  auszwie-I
bei,  Knofler,  Zigeller,  gemeine  Z.,  lat.  Bulbus ­
  cepae,  frz.  Oignon,  engl.  Onion),  eine  Unterart ­
  der  sehr  artenreichen  Pflanzenfamilie  Lauch,
Allium  Cepa  L.,  bildet  ein  bekanntes  Küchengewürz, ­
  das  von  Gärtnern  und  Landwirten  im
Feldgemüsebau  erzeugt  und  in  den  Handel  gebracht ­
  wird.  In  Deutschland  baut  man  die  Z.
hauptsächlich  in  der  Gegend  von  Heldrungen,
Ariern,  Zörbig,  Lübbenau,  Ulm,  Arnstadt,  Naumburg, ­
  Hannover,  Darmstadt  und  in  der  Pfalz  im
großen  und  verkauft  sie  auf  besonderen  Zwiebelmärkten. ­
  Am  beliebtesten  sind  glattrunde,  hellrote ­
  und  gelbe  Sorten,  in  verschiedenen  Größen,
bis  zu  1,5  kg  schwer.  Die  Vermehrung  erfolgt
durch  Stecklinge  und  durch  Samen,  die  auch  für
sich  eine  bedeutende  Handelsware  bilden,  Von
den  mehr  als  263  Arten,  die  in  der  alten  Welt,
im  gemäßigten  und  warmen  Klima,  am  meisten
in  Südeuropa,  dem  Orient  und  in  Zentralasien  bis

Tibet  gedeihen,  werden  folgende  als  Küchengewürz ­
  benutzt.  1.  Knoblauch,  wild  und  angebaut, ­
  A.  sativum  L.  (lat.  Bulbus  allii,  frz.
Töte  d’atil,  engl.  Garlic),  walnußgroße  Zwiebeln
.von  scharfem,  dem  der  Asa  foetida  ähnlichem
Geruch.  Man  verwendet  K.  außer  als  Küchengewürz ­
  medizinisch  als  Wurmmittel.  Die  Hauptbestandteile ­
  sind  ätherisches  Öl  und  Schwefelallyl. ­
  Das  ätherische  öl  wird  auch  in  der  Wurstfabrikation ­
  verwandt.  2.  Porree,  Aschlauch,
Sommer-  und  Winterpflanze,  A.  Ampeloprasum
  L.,  A.  Porrum  L.,  in  vielen  Spielarten  in
Europa,  Nordfrankreich  und  im  Orient  allgemein
angebaut.  3.  Schnittlauch,  A.  Schoenoprasum
  L.,  eine  ausdauernde,  in  Europa,  Mittelasien ­
  und  Nordamerika  wild  wachsende,  in  Gärten ­
  vielfach  gezogene  Pflanze,  dient  als  Zwiebel- ­
  und  Blattgewürz.  4.  Schalotte  (Echelotte,
  Scharlotte),  A.  ascalonicum  L.,  P.
ascalonicum  Rchb.,  wird  im  Orient,  der  kleinen, ­
  sehr  milden  und  feinen  Zwiebelchen  wegen
angebaut.  —•  Die  Z.  enthält  eigentümliche  schwefelhaltige ­
  ätherische  öle,  die  ihren  scharfen  Geruch ­
  und  Geschmack  bedingen.  Verkauft  werden
sie  zu  Schnüren  und  Kränzen  zusammengebunden
sowie  auch  nach  Schock  und  Hundert  oder  nach
Hektolitern  und  Litern  zu  wechselnden  Preisen.
Zwiebelöl,  das  ätherische  öl  der  gewöhnlichen ­
  Zwiebel,  Allium  Cepa,  besitzt  den  scharfen ­
  Geruch  der  Zwiebeln  und  eine  rotbraune
Farbe.  Das  spez,  Gew.  beträgt  1,036.  Aus  5000  kg
Zwiebeln  erhält  man  233  g  dieses  nur  selten  dargestellten ­
  Öles.
Zyanin,  ein  neuer  blauer  Teerfarbstoff  für  die
Färberei;  vgl.  Chinolinfarbstoffe.
Zyanverbindungen  (Cyanide.  Zyanide),  eine
Reihe  von  Salzen,  welche  die  aus  Kohlenstoff
und  Stickstoff  gebildete  Zyangruppe  (CN)  enthalten ­
  und  in  ihrem  chemischen  Verhalten  den
Chlor-,  Brom-  und  Jodverbindungen  ganz  analog
sind,  entstehen  beim  Glühen  stickstoffhaltiger
organischer  Stoffe  mit  Kaliummetall,  bei  der
Spaltung  des  Amygdalins  (s.  d.)  mit  Wasser  und
auf  zahlreiche  andere  Weisen.  Näheres  vgl.
Unter  Kaliumzyanamid,  Berlinerblau,  Blausäure,
Kalziumzyanid,  Quecksilberzyanid.
Zykasstämme,  Zykaswedel.  Die  zu  den
Gymnospermen  gehörende  Pflanzenfamilie  der
Zykadeen  ist  durch  ihre  Zweige  für  den  inländischen ­
  Handel  von  Bedeutung  geworden.  Die
Zykadeen  sind  tropischer  Herkunft  und  ähneln
in  ihrem  Wuchs  den  Palmen,  die  Zweige  mit
ihren  Blättern  ähneln  je  nach  der  Art  bald  den
Nadelhölzern,  bald  den  Famen.  Wegen  ihrer
Verwendung  als  Blumenschmuck  und  als  Ziergewächse ­
  werden  die  Z.  neuerdings  vielfach  in
den  Handelsgärtnereien  gezogen.
Zytnin,  eine  Art  Dauerbefe,  wird  durch  Entwässerung ­
  von  Hefe  durch  Behandlung  mit  Azeton ­
  und  Äther  hergestellt  und  wie  eine  Reihe
ähnlicher  Mittel  (Furunkulin)  gegen  Furunkeln,
Verstopfung  und  Vaginalkatarrhe  verordnet.
Zyperweine,  die  Weine  von  der  Insel  Zypern,
sind  goldgelb,  mäßig  süß,  feurig,  von  etwas
herbem  Geschmack  und  kräftigem  Aroma.  Daneben ­
  gibt  es  aber  auch  süße  Muskatlikörweine.
Die  beste  Sorte  ist  der  Cypro  commendaria
und  der  Cypro  Paphos.  Sie  dürfen  nicht  zu
kalt  lagern.
        <pb n="513" />
        507

Verordnung,
betreffend  den  Verkehr  mit  Arzneimitteln.
Vom  22.  Oktober  1901.
Wir  Wilhelm,  von  Gottes  Gnaden  Deutscher  Kaiser,  König  von  Preußen
usw.,  verordnen  im  Namen  des  Reiches  auf  Grund  der  Bestimmungen  im  §  6
Abs.  2  der  Gewerbeordnung  (R.  G.  Bl.  igoo,  S.  871),  was  folgt:
§  1.  Die  in  dem  angeschlossenen  Verzeichnisse  A  aufgeführten  Zubereitungen ­
  dürfen,  ohne  Unterschied,  ob  sie  heilkräftige  Stoffe  enthalten  oder
nicht,  als  Heilmittel  (Mittel  zur  Beseitigung  oder  Linderung  von  Krankheiten
bei  Menschen  oder  Tieren)  außerhalb  der  Apotheken  nicht  feilgehalten  oder
verkauft  werden.
Dieser  Bestimmung  unterliegen  von  den  bezeiebneten  Zubereitungen,  soweit
sie  als  .Heilmittel  feilgehalten  oder  verkauft  werden,
a)  kosmetische  Mittel  (Mittel  zur  Reinigung,  Pflege  oder  Färbung  der  Haut,
des  Haares  oder  der  Mundhöhle),  Desinfektionsmittel  und  Hühneraugenmittel ­
  nur  dann,  wenn  sie  Stoffe  enthalten,  welche  in  den  Apotheken
ohne  Anweisung  eines  Arztes,  Zahnarztes  oder  Tierarztes  nicht  abgegeben ­
  werden  dürfen,  kosmetische  Mittel  außerdem  auch  dann,  wenn
sie  Kreosot,  Phenylsalizylat  oder  Resorzin  enthalten;
b)  künstliche  Mineralwässer  nur  dann,  wenn  sie  in  ihrer  Zusammensetzung
natürlichen  Mineralwässern  nicht  entsprechen  und  zugleich  Antimon,
Arsen,  Barium,  Chrom,  Kupfer,  freie  Salpetersäure,  freie  Salzsäure  oder
freie  Schwefelsäure  enthalten.
Auf  Verbandstoffe  (Binden,  Gazen,  Watten  u.  dgl.),  auf  Zubereitungen  zur
Herstellung  von  Bädern  sowie  auf  Seifen  zum  äußerlichen  Gebrauche  findet  die
Bestimmung  im  Abs.  1  nicht  Anwendung.
§  2.  Die  in  dem  angeschlossenen  Verzeichnisse  B  aufgeführten  Stoffe  dürfen
außerhalb  der  Apotheken  nicht  feilgehalten  oder  verkauft  werden.
§  3.  Der  Großhandel  unterliegt  den  vorstehenden  Bestimmungen  nicht.
Gleiches  gilt  für  den  Verkauf  der  im  Verzeichnisse  B  aufgeführten  Stoffe  an
Apotheken  oder  an  solche  öffentliche  Anstalten,  welche  Untersuchungs-  oder
Lehrzwecken  dienen  und  nicht  gleichzeitig  Heilanstalten  sind.
§  4.  Der  Reichskanzler  ist  ermächtigt,  weitere,  im  einzelnen  bestimmt  zu
bezeichnende  Zubereitungen,  Stoffe  und  Gegenstände  von  dem  Feilhalten  und
Verkaufen  außerhalb  der  Apotheken  auszuschließen.
§  5.  Die  gegenwärtige  Verordnung  tritt  mit  dem  1.  April  1902  in  Kraft.
Mit  demselben  Zeitpunkte  treten  die  Verordnungen,  betreffend  den  Verkehr
mit  Arzneimitteln,  vom  27.  Januar  1890,  31.  Dezember  1894,  25.  November  i8g5
und  19.  August  1897  (R.G.B1.  1890,  S.  9,  1895,  S.  1  und  455,  1897,  S.  707)
außer  Kraft.
Gegeben  Neues  Palais,  Potsdam,  den  22.  Oktober  1901.

Wilhelm.
Graf  von  Posadowsky.
        <pb n="514" />
        508

Verzeichnis  R.

1.  Abkochungen  und  Aufgüsse  (decocta  et  infusa);

2.  Ätzstifte  (styli  caustici);
3.  Auszüge  in  fester  oder  flüssiger  Form  (extracta
  et  tincturae),  ausgenommen:
Arnikatinktur,
Baldriantinktur,  auch  ätherische,
Benediktineressenz,
Benzoetinktur,
Bischofessenz,
Eichelkaffee-Extrakt,
Fichtennadelextrakt,
Fleischextrakt,
Himbeeressig,
Kaffee-Extrakt,
Lakritzen  (Süßholzsaft),  auch  mit  Anis,
Malzextrakt,  auch  mit  Eisen,  Lebertran  oder
Kalk,
Myrrhentinktur,
N  elkentinktur,
Tee-Extrakt  von  Blättern  des  Teestrauches,
Vanillintinktur,
Wacholderextrakt;
4.  Oemenge,  trockene,  von  Salzen  oder  zerkleinerten ­
  Substanzen,  oder  von  beiden  untereinander, ­
  auch  wenn  die  zur  Vermengung
bestimmten  einzelnen  Bestandteile  gesondert
verpackt  sind  (pulveres,  salia  et  species  mixta)
sowie  Verreibungen  jeder  Art  (triturationes),
ausgenommen:
Brausepulver  aus  Natriumbikarbonat  und
Weinsäure,  auch  mit  Zucker  oder  ätherischen ­
  Ölen  gemischt,
Eichelkakao,  auch  mit  Malz,
Hafermehlkakao,
Riechsalz,
Salizylstreupulver,
Salze,  welche  aus  natürlichen  Mineralwässern ­
  bereitet  oder  den  solchergestalt  bereiteten ­
  Salzen  nachgebildet  sind,
Schneeberger  Schnupftabak  mit  einem  Gehalte ­
  von  höchstens  drei  Gewichtsteilen
Nieswurzel  in  100  Teilen  des  Schnupftabaks ­
  ;
5.  Gemische,  flüssige,  und  Lösungen  (mixturae
et  solutiones),  einschließlich  gemischte  Balsame, ­
  Honigpräparate  und  Sirupe,  ausgenommen ­
  :
Ätherweingeist  (H  off  mannstropfen).
Ameisenspiritus,
Aromatischer  Essig,
Bleiwasser,  mit  einem  Gehalte  von  höchstens ­
  zwei  Gewichtsteilen  Bleiessig  in
100  Teilen  der  Mischung,
Eukalyptuswasser,
Fenchelhonig,
Fichtennadelspiritus  (Waldwollextrakt).
Franzbranntwein  mit  Kochsalz,
Kalkwasser,  auch  mit  Leinöl,
Kampferspiritus,
Karmelitergeist,
Lebertran  mit  ätherischen  ölen,
Mischungen  von  Ätherweingeist,  Kampferspiritus, ­
  Seifenspiritus,  Salmiakgeist  und

Spanischpfeffertinktur  oder  von  einzelnen
dieser  fünf  Flüssigkeiten  untereinander
zum  Gebrauche  für  Tiere,  sofern  die  einzelnen ­
  Bestandteile  der  Mischungen  auf
den  Gefäßen,  in  denen  die  Abgabe  erfolgt, ­
  abgegeben  werden,
Obstsäfte  mit  Zucker,  Essig  oder  Fruchtsäuren ­
  eingekocht,
Pepsinwein,
Rosenhonig,  auch  mit  Borax,
Seifenspiritus,
Weißer  Sirup;
6.  Kapseln,  gefüllte,  von  Leim  (Gelatine)  oder
Stärkemehl  (capsulae  gelatinosae  et  amylaceae
  repletae),  ausgenommen  solche  Kapseln, ­
  welche
Brausepulver  der  unter  Nr.  4  angegebenen
Art,
Kopaivabalsam,
Lebertran,
N  atriumbikarbonat,
Rizinusöl  oder
Weinsäure  enthalten;
7.  Latwergen  (electuaria);
8.  Linimente  (linimenta),  ausgenommen:
flüchtiges  Liniment;
9.  Pastillen  (auch  Plätzchen  und  Zeltchen),
Tabletten,  Pillen  und  Körner  (pastilli,  rötulae
et  trochisci,  tabulettae,  pilulae  et  granula),
ausgenommen  :
aus  natürlichen  Mineralwässern  oder  aus
künstlichen  Mineralquellsalzen  bereitete
Pastillen,
Einfache  Molkenpastillen,
Pfefferminzplätzchen,
Salmiakpastillen,  auch  mit  Lakritzen  und
Geschmackzusätzen,  welche  nicht  zu  den
Stoffen  des  Verzeichnisses  B  gehören;
Tabletten  aus  Saccharin,  Natriumbikarbonat
oder  Brausepulver,  auch  mit  Geschmackzusätzen, ­
  welche  nicht  zu  den  Stoffen
des  Verzeichnisses  B  gehören;
10.  Pflaster  und  Salben  (emplastra  et  unguenta),
ausgenommen:
Bleisalbe  zum  Gebrauche  für  Tiere,
Borsalbe  zum  Gebräuche  für  Tiere,
Cold-cream,  auch  mit  Glyzerin,  Lanolin
oder  Vaselin,
Pechpflaster,  dessen  Masse  lediglich  aus
Pech,  Wachs,  Terpentin  und  Fett  oder
einzelnen  dieser  Stoffe  besteht.
Englisches  Pflaster,
Heftpflaster,
Hufkitt,
Lippenpomade,
Pappelpomade,
Salizyltalg,
Senfleinen,
Senfpapier,
Terpentinsalbe  zum  Gebrauch  für  Tiere,
Zinksalbe  zum  Gebrauch  für  Tiere;
11.  Suppositorien  (suppositoria)  in  jeder  Form
(Kugeln,  Stäbchen,  Zäpfchen  oder  dgl.)  sowie
Wundstäbchen  (cereoli).
        <pb n="515" />
        509

Verzeichnis  B.
Bei  den  mit  *  versehenen  Stoffen  sind  auch  die  Abkömmlinge  der  betreffenden  Stoffe  sowie  die  Salze  der  Stoffe  und
ihrer  Abkömmlinge  inbegriffen.

*Acetanilidum.
Acida  chloracetica.
Acidum  benzoücum  e  resina  sublimatum.
—  camphoricum.
—  cathaxtinicum.
—  ciimamylicum.
—  chrysophanicum.
—  hydrobromicum.
—  hydxocyanicum.
*—  lacticum.
*—  osmicum.
—  sderotinicum.
*—  sozojodolicum.
—  succinicum.
*—  sulfocarbolicum.
*—  valerianicum.
*Aconitinum.
Actolum.
Adonidinum.
Aether  bromatus.
—  chloratus.
•—•  jodatus.
Aethyleni  präparata.
Aethylidenum  bichloratum.
Agaricintum.
Airolum.
AJuminium  acetico  tartaricum.
Ammonium  chloratum  ferratum.
Amylenum  hydrätum.
Amylium  nitrosum.
Anthrarobinum.
♦Apomorphinum.
Aqua  Amygdalarum  amararum.
—  Lauro-cerasi.
—  Opii.
—  vulneraria  spirituosa.
*Arecolinum.
Argentaminum.
Argentolum.
Argoninum.
Aristolum.
Arsenium  jodatum.
*Atropinum.
Betodum.
Bismutum  bromatum.
—  oxyjodatum.
—  subgallicum  (Dermatolum).
.—  subsalicylicum.
—  tannicum.
Blatta  orientalis.
Bromalum  hydrätum.
Bromoformium.
*Brucinum.
Bulbus  Scillae  siccatus.
Butylchloralum  hydrätum.
Camphora  monobromata.
Cannabinonum.
Cannabinum  tannicum.
Cantharides.
Cantharidinum.
Cardolum.
Castoreum  canadense.
Castoreum  sibiricum.
Cerium  oxalicum.
*Chinidinum.

*Antifebrin.
Die  Chloressigsäuren.
Aus  dem  Harze  sublimierte  Benzoesäure.
Kampfersäure.
Kathartinsäure.
Zimtsäure.
Chrysophansäure.
Bromwasserstoffsäure.
Zyanwasserstoffsäure  (Blausäure).
*Milchsäure.
*Osmiumsäure.
Sklerotinsäure.
*Sozojodo!säure.
Bernsteinsäure.
*Sulfopbenolsäure.
*Baldriansäure.
*  Akonitin.
Aktol.
Adonidin.
Äthylbromid.
Äthylchlorid.
Äthyljodid.
Die  Äthylenpräparate.
Zweifachchloräthyliden.
Agarizin.
Airol.
Essigweinsaures  Aluminium.
Eisensalmiak.
Amylenhydrat.
Amylnitrat.
Anthrarobin.
*Apomorphin.
Bittermandelwasser.
Kirschlorbeerwasser.
Opiumwasser.
Weiße  Arquebusade.
*ArekoIin.
Argentamin.
Argentol.
Argonin.
Aristol.
Jodarsen.
*Atropin.
Betol.
Wismutbromid.
Wismutoxyjodid.
Basisches  Wismutgallat  (Dermatol).
Basisches  Wismutsalizylat.
Wismuttannat.
Orientalische  Schabe.
Bromalhydrat.
Bromoform.
*Bruzin.
Getrocknete  Meerzwiebel.
Butylchloralhydrat.
Einfachbromkampfer.
Kannabinon.
Kannabintannat.
Spanische  Fliegen.
Kantharidin.
Kardol.
Kanadisches  Bibergeil.  '
Sibirisches  Bibergeil.
Zeriumoxalat.
*Chinidin.

,  J
        <pb n="516" />
        510

»Chininum.
Chinoidinum.
Chloralum  formamidatum.
—  hydratum.
Chloroformium.
Chrysarobinum.
*Cinchonidinum.
Cinchoninum.
»Cocainum.
»Coffeinum.
Colchicinum.
»Coniinum.
C  on  vallamarinum.
Convallarinum.
Cortex  Chdnae.
—  Condurango.
—  Granat:.
—  Mezerei.
Cotoinum.
Cubebae.
Cuprum  aluminatum.
—  salicylicum.
Curare.
*Curarinum.
Delphi  ninum.
*Digitalinum.
»Digitoxinum.
»Duboisinum.
*Emetinum.
*Eucainum.
Euphorbium.
Europhenum.
Fel  tauri  depuratum  siccum.
Ferratinum.
Ferrum  arsenicicum.
—  arserdcosum.
—  carbonicum  saccharatum.
—  citricum  ammoniatum.
—  jodatum  saccharatum.
—  oxydatum  dialysatum.
—  oxydatum  saccharatum.
&amp;gt;—  peptonatum.
—  reductum.
—  sulfuricum  oxydatum  ammoniatum.
—  sulfuricum  siccum.
Flores  Cinae.
—  Koso.
Folia  Belladormae.
—  Bucco.
—  Cocae.
—  Digitalis.
—  Jaborandi.
—  Rhois  toxicodendri,
—  Stramonii.
Fructus  Papaveris  immaturi.
Fungus  laricis.
Galbanum.
»Guajacolum.
Hamamelis  virginica.
Haemalbuminurn.
Herba  Aconiti.
—  Adonidis.
—  Cannabis  indicae.
—  Cicutae  virosae.
—  Conii.
—  Gratiolae.
—  Hyoscyami.
—  Lobeliae.
*Homatropinum.

»Chinin.
Chinoidin.
Chloralformamid.
Chloralhydrat.
Chloroform.
Chrysarobin.
»Cinchonidin
Cinchonin.
»Kokain.
»Koffein.
Kolchizin.
»Koniin.
Konvallamarin.
Konvallarin.
Chinarinde.
Kondurangorinde.
Granatrinde.
Seidelbastrinde.
Kotoin.
Kubeben.
Kupferalaun.
Kupfersalizylat.
Kurare.
»Kurarin.
Delphinin.
»Digitalin.
»Digitoxin.
»Duboisin.
»Emetin.
»Eukain.
Euphorbium.
»Europäern
Gereinigte  trockene  Ochsengalle,
F  erratin.
Arsensaures  Eisen.
Arsenigsaures  Eisen.
Zuckerhaltiges  Ferrokarbonat.
F  erri-Ammoniumzitrat.
Zuckerhaltiges  Eisenjodür.
Dialysiertes  Eisenoxyd.
Eisenzucker.
Eisenpeptonat.
Reduziertes  Eisen.
F  erri-Ammoniumsulfat.
Getrocknetes  Ferrosulfat.
Zitwersamen.
Kosoblüten.
Belladonnablätter.
Bukkoblätter.
Kokablätter.
Fingerhutblätter.
Jaborandiblätter.
Giftsumachblätter.
Stechapfelblätter.
Unreife  Mohnköpfe.
Lärchenschwamm.
Galbanum.
»Guajakol.
Hamamelis.
Hämalbumin.
Akonitkraut.
Adoniskraut.
Indischer  Hanf.
W  asserschierling.
Schierling.
Gottesgnadenkraut.
Bilsenkraut.
Lobelienkraut.
»Homatropin.
        <pb n="517" />
        511

I

Hydrargyrum  aceticum.
—  bijodatum.
—  -  bromatum.
-  chloratum.
—  cyanatum.
—  formamidatum.
—  jodatum.
-  oleinicum.
—  oxydatum  via  humida  paratum.
-  peptonatum.
—  praecipitatum  album.
—  salicylicum.
—  tannicum  oxydulatum.
*Hydrastininum.
*Hyoscyaminum.
Itrolum.
Jodoformium.
Jodolum.
Kairinum.
Kairolinum.
Kalium  jodatum.
Kamala.
Kosinum.
Kreosotum  (e  ligno  paratum).
Lactophenium.
Lactucarium.
Larginum.
Lithium  benzoicum.
—  salicylicum.
Losophanum.
Magnesium  citricum  effervescens.
—  salicylicum.
Manna.
Methylenum  bichloratum.
Methylsulfonalum  (Trionalum).
Muscarinum.
Natrium  aethylatum.
—  benzoicum.
—  jodatum.
—  pyrophosphoricum  ferratum.
—  salicylicum.
—  santoninicum.
—•  tannicum.
*Nosophenum.
Oleum  Chamomillae  aethereum.
—  Crotonis.
—  Cubebarum.
■—  Matico.
—&amp;lt;  Sabinae.
—  Santali.
—  Sinapis.
—  Valerianae.
Opium,  ejus  alcaloida  eorumque  salia  et  derivata
eorumque  salia.  (Codeinum,  Heroinum,  Morphinum,
  Narceinum,  Narcotinum,  Peroninum,
Thebainum,  et  alia.)
*Orexinum.
*Orthoformium.
Paracotoinum.
Paraldehydum.
Pasta  Guarana.
*Pelletierinum.
*Phenacetinum.
*Phenocollum.
*Phenylum  salicylicum  (Salolum).
*Physostigminum  (Eserinum).
Picrotoxinum.
*Pilocarpinum.
*Piperazinum.

Quecksilberazetat.
Quecksilberjodid.
Quecksilberbromür.
Quecksilberchlorür  (Kalomel).
Quecksilberzyanid.
Quecksilberformamid.
Quecksilber  jodür.
Ölsaures  Quecksilber.
Gelbes  Quecksilberoxyd.
Quecksilberpeptonat.
Weißer  Quecksilberpräzipitat.
Quecksilbersalizylat.
Quecksilbertannat.
*Hydrastinin.
*Hyoszyamin.
Itrol.
Jodoform.
Jodol.
Kairin.
Kairolin.
Kaliumjodid.
KamaJa.
Kosin.
Holzkreosot.
Laktophenin.
Giftlattich  saft.
Largin.
Lithiumbenzoat.
Lithiumsalizylat.
Losophan.
Brausemagnesia.
Magnesiurasalizylat.
Manna.
Methylenbichlorid.
Methylsulfonal  (Trional).
Muskarin.
Natriumäthylat.
Natriumbenzoat.
Natriumjodid.
N  atrium-F  erripyrophosphat.
Natriumsalizylat.
Santoninsaures  Natrium.
Natriumtannat.
*Nosophen.
Ätherisches  Kamillenöl.
Krotonöl.
Kubebenöl.
Matikoöl.
Sadebaumöl.
Sandelöl.
Senföl.
Baldrianöl.
Opium,  dessen  Alkaloide,  deren  Salze  und  Abkömmlinge ­
  sowie  deren  Salze.  (Kodein,  Heroin, ­
  Morphin,  Narzein,  Narkotin,  Peronin,
Thebain  und  andere.)
*Orexin.
*Orthoform.
Parakotoin.
Paraldehyd.
Guarana.
*PelJetierin.
*Phenazetin.
*PhenokoIJ.
*Phenylsaiizylat  (Salol).
^Physostigmin  (Eserin).
Pikrotoxin.
*PiIokarpin.
*Piperazin.
        <pb n="518" />
        fr

U&amp;gt;B'«a

■hk:  .-mm

512

Plumbum  jodatum.
—  tannicum.
Podophyllinum.
Praeparata  organotherapeutica.
Propylaminum.
Protargolum.
*Pyrazolonum  phenyldimethylicum  (Antipyrinum).
Radix  Belladonnae,
—  Colombo.
•—  Gelsemii.
—  Ipecacuanhae.
—  Rhei.
—  Sarsaparillae.
—  Senegae.
Resina  Jalapae.
—  Scammoniae.
Resorcinum  purum.
Rhizoma  Filicis.
—  Hydrastis.
—  Veratri.
Salia  glycerophosphorica.
Salophenum.
Santoninum.
*Scopolaminum.
Secale  cornutum.
Semen  Calabar.
—  Colchici.
—  Hyoscyami.
—  St.  Ignatii.
—  Stramonii.
—  Strophantin.
—■  Strychni.
Sera  therapeutica,  liquida  et  sicca,  et  eorum
praeparata  ad  usum  humanum.
*Sparteinum.

Stipites  Dulcamarae.
*Strychninum.
*Sulfonaium.
Sulfur  jodatum.
Summitates  Sabinae.
Tannalbinum.
Tannigenum.

Tannoformium.

Tartarus  stibiatus.

Terpinum  hydratum.

Tetronalum.

*Thallinum.

*Theobrominum.

Thioformium.

*Tropacocainum.

Tubera  Aconiti.

—  Jalapae.

Tuberculinum.

Tuberculocidinum.

*Urethanum.

*Urotropinum.
Vasogenum  et  ejus  praeparata.
*Veratrinum.
Xeroformium.
*Yohimbinum.
Zincum  aceticum.
—  chloratum  purum.
—  cyanatum.
—  permanganicum.
-—  salicylicum.
—  sulfoichthyolicum.
—  sulfuricum  purum.

Bleijodid,
Bleitannat.
Podophyllin.
Therapeutische  Organpräparate.
Propylamin.
Protargol.
*Phenyldimethylpy  razolon  (Antipyrin).
B  e  11  ad  onna  wurz  el.
Kolombowurzel.
Gelsemium  wurzel.
Brechwurzel.
Rhabarber.
Sassaparille.
Senegawurzel.
Jalapenharz.
Skammoniaharz.
Reines  Resorzin.
Farn  wurzel.
Hydrastisrhizom.
Weiße  Nieswurzel.
Glyzerinphosphorsaure  Salze.
Salophen.
Santonin.
^Skopolamin.
Mutterkorn.
Kalabarbohne.
Zeitlosensamen.
Bilsenkrautsamen.
Sankt-Ignatius-Bohne.
Stechapfelsamen.
Strophantussamen.
Brechnuß.
Flüssige  und  trockene  Heilsera,  sowie  deren
Präparate  zum  Gebrauche  für  Menschen.
*Spartein.
Bittersüßstengel
*Strychnin.
*Sulfonal.
Jodschwefel.
Sadebaumspitz  en.
Tannalbin.
Tannigen.
Tan  noform,
Brechweinstein.
Terpinhydrat.
Tetronal.
*Thallin.
*Theobromin.
Thioform.
*Tropakokain.
Akonitknollen.
Jalapenwurzel.
Tuberkulin.
Tuberkulozidin.
*Urethan.
*Urotropin.
Vasogen  und  dessen  Präparate.
*Veratrin.
Xeroform.
*Yohimbin.
Zinkazetat.
Reines  Zinkchloxid.
Zinkzyanid.
Zinkpermanganat.
Zinksalizylat.
Ichthyolsulfosaures  Zink.
Reines  Zinksulfat.
        <pb n="519" />
        Von  den  auf  Grund  des  dem  Reichskanzler  im  §  4  der  Kaiserlichen  Verordnung ­
  zugestandenen  Rechtes  erlassenen  Bekanntmachungen  haben  folgende
zur  Zeit  noch  Geltung:
Bekanntmachung,  betreffend  den  Verkehr  mit  Arzneimitteln.  Vom  1.  Oktober  1903.
Auf  Grund  des  §  4  der  Kaiser!.  Verordnung,  betreffend  den  Verkehr  mit
Arzneimitteln,  vom  22.  Oktober  1901  wird  bestimmt:
Eukalyptusmittel  Heß’  (Eukalyptol  und  Eukalyptusöl  Heß’),
Homeriana  (auch  Brusttee  Homeriana,  russischer  Knöterich,  Polygonum
  aviculare)  und
Knöterichtee,  russischer,  Weidemanns  (auch  russischer  Knöterich-  oder
Brusttee  Weidemanns)
werden  vom  1.  Januar  1904  ab  von  dem  Feilhalten  und  Verkaufen  außerhalb
der  Apotheken  unbeschadet  der  Bestimmung  im  §  3  der  bezeichneten  Verordnung
mit  der  Wirkung  ausgeschlossen,  daß  auf  sie  die  Bestimmung  des  §  x  Abs.  1
der  Verordnung  Anwendung  findet.
Berlin,  den  1.  Oktober  1903.
Der  Stellvertreter  des  Reichskanzlers.
Graf  von  Posadowsky.

Kaiserliche  Verordnung,  betreffend  den  Verkehr  mit  Arzneimitteln.
Vom  31.  März  1911.
§  *•
Der  §  4  der  Verordnung,  betreffend  den  Verkehr  mit  Arzneimitteln,  vom
22.  Oktober  1901  (R.  G.B1.  1901,  S.  380)  wird  aufgehoben.
§  2.
Zu  den  Stoffen,  die  nach  §  2  der  Verordnung  vom  22.  Oktober  1901  und
dem  zugehörigen  Verzeichnis  B  außerhalb  der  Apotheken  nicht  feilgehalten  oder
verkauft  werden  dürfen,  treten  hinzu:
acidum  acetylosalicylicum  (Aspirinum),  Azetylsalizylsäure  (Aspirin),
Eukalyptusmittel  Heß’  (Eukalyptol  und  Eukalyptusöl  Heß’),
Homeriana  (auch  als  Brusttee  Homeriana  oder  russischer  Knöterich  (Polygonum
  aviculare  Homeriana),
Johannistee  Brockhaus  (auch  als  Galeopsis  ochroleuca  vulcania  der  Firma
Brockhaus),
Knöterichtee f  russischer,  Weidemanns  (auch  als  russischer  Knöterichoder ­
  Brusttee  Weidemanns),
Stroopal  (auch  als  Heilmittel  Stroops  gegen  Krebs-,  Magen-  und  Leberleiden, ­
  auch  Stroops  Pulver),
Urea  diaethylmalönylica,  Acidum  diaethylbarbituricum  (Veronalum),  Diäthylmalonylharnstoff,
  Diäthylbarbitursäure  (Veronal).
§  3-'  .
Diese  Verordnung  tritt  mit  dem  Tage  der  Verkündigung  in  Kraft.
Urkundlich  unter  Unserer  Höchsteigenhändigen  Unterschrift  und  beigedrucktem ­
  Kaiserlichen  Insiegel.
Gegeben  Achilleion,  den  31.  März  1911.
Wilhelm.  Delbrück.

Mercks  Warenlexikon.

33
        <pb n="520" />
        514

Verordnung  über  die  Schädlingsbekämpfung  mit  hochgiftigen  Stoffen.
Vom  29.  Januar  1919.
Die  Reichsregierung  verordnet  mit  Gesetzeskraft  für  das  Reich,  was  folgt:

§  i-Das
  Reichswirtschaftsamt  wird  ermächtigt,  die  Verwendung  von  hochgiftigen
Stoffen  zur  Bekämpfung  tierischer  und  pflanzlicher  Schädlinge  zu  regeln.

§  2.
Mit  Gefängnis  bis  zu  einem  Jahre  und  mit  Geldstrafe  bis  zu  zehntausend
Mark  oder  mit  einer  dieser  Strafen  wird  bestraft,  wer  den  zur  Durchführung  dieser
Ermächtigung  von  dem  Reichswirtschaftsamt  erlassenen  Anordnungen  zuwiderhandelt. ­

§  3-Diese
  Verordnung  tritt  mit  dem  Tage  der  Verkündigung  in  Kraft.

Berlin,  den  29.  Januar  1919.

Die  Reichsregierung.
Ebert.  Scheidemann.

Der  Staatssekretär  des  Reichswirtschaftsamts.
Dr.  August  Müller.

Bekanntmachung  betr.  Schädlingsbekämpfung  mit  hochgiftigen  Stoffen.
§  i-Der
  Gebrauch  von  Blausäure  zur  Schädlingsbekämpfung  ist  in  jeder  Anwendungsform ­
  verboten.
Dieses  Verbot  erstreckt  sich  nicht  auf  die  Tätigkeit  der  Heeres-  und  Marineverwaltung, ­
  auf  die  wissenschaftliche  Forschung  in  staatlichen  und  ihnen  gleichgestellten ­
  Anstalten  und  die  Tätigkeit  des  Technischen  Ausschusses  für  Schädlingsbekämpfung. ­

§  2.
Die  Abgabe  von  zyanwasserstoffsauren  Salzen  und  deren  Lösungen  zur  Verwendung ­
  für  die  Schädlingsbekämpfung  darf  nur  an  die  im  §  1,  Abs.  2  bezeichneten
  Stellen  erfolgen.
§  3-Diese
  Bekanntmachung  tritt  mit  dem  Tage  der  Verkündigung  in  Kraft.
Berlin,  den  7.  Februar  1919.
Der  Staatssekretär  des  Reichswirtschaftsamts.
I.  V.:  von  Moellendorff.

Hierzu  sind  in  den  einzelnen  deutschen  Staaten  Ministerialerlasse  ergangen.
Das  Preußische  Ministerium  weist  in  einem  Erlaß  vom  5.  Mai  1919  wie  folgt
darauf  hin:
„daß  der  Verkauf  von  zyanwasserstoffsauren  Salzen  zum  Zwecke  der
Schädlingsbekämpfung  nicht  allgemein  als  erlaubter  gewerblicher  oder  wissenschaftlicher ­
  Zweck  im  Sinne  des  §  12  der  Giftverordnung  zu  betrachten  ist-Ein
  Anhaltspunkt,  zu  welchem  Zwecke  die  verlangten  Zyansalze  benutzt  werden
sollen  (z.  B.  zur  Photographie  oder  zur  Schädlingsbekämpfung),  wird  meist
schon  aus  den  angeforderten  Mengen  zu  entnehmen  sein,  da  zur  Schädlingsbekämpfung ­
  stets  erhebliche,  für  andere  Zwecke  nur  kleine  Mengen  dieser  Salze
notwendig  sind.“
        <pb n="521" />
        515

Auszug  aus  dem  Gesetz  über  das  Branntweinmonopol.  Vom  26.  Juli  1918.
R.-G.-Bl.  Nr.  99  (1918).

Gegenstand  und  Geltungsgebiet  des  Monopols.
§  1.  Der  im  Monopolgebiet  hiergestellte  Branntwein ­
  ist,  soweit  nicht  in  diesem  Gesetz  Ausnahmen ­
  vorgesehen  sind,  aus  der  Brennerei  zum
Branntweinübemahmepreis  an  das  Reich  abzuliefern. ­

Die  Verarbeitung  von  Branntwein  zu  Trinkbranntwein ­
  und  der  Handel  mit  solchem  Trinkbranntwein ­
  im  Monopolgebiete  steht,  soweit  nicht
in  diesem  Gesetz  Ausnahmen  vorgesehen  sind,
ausschließlich  dem  Reiche  zu  und  wird  für  seine
Rechnung  von  der  Monopolverwaltung  betrieben.
Monopolgebiet  ist  das  Gebiet  des  Deutschen
Reichs  mit  Ausnahme  der  Zollausschüsse.
Amtliche  Überwachung.
§  8.  Die  Herstellung  des  Branntweins  und
dessen  weiterer  Vertrieb  unterliegen  zum  Zwecke
der  Sicherung  der  Monopoleinnahme  der  amtlichen ­
  Überwachung.
Monopolamt  und  Verwertungsstelle.
§  71.  Das  Branntweinmonopol  wird  unter  der
Aufsicht  des  Reichskanzlers  von  einem  Leiter,
dem  Monopolamt  und  der  Verwertungsstelle  verwaltet. ­
  Der  Monopolverwaltung  stehen  der  Beirat ­
  und  der  Gewerbeausschuß  zur  Seite.
Branntweingrundpreis.
.  §  92.  Der  Branntweingrundpreis  wird  so  festgesetzt, ­
  daß  er  die  durchschnittlichen  Herstellungskosten ­
  eines  Hektoliters  Weingeist  und  den
allgemeinen  Betriebsabzug  in  gutgeleiteten  landwirtschaftlichen ­
  Kartoffelbrennereien  mittleren
Umfanges  deckt,  wobei  davon  auszugeüen  ist,
daß  bei  angemessener  Verwertung  der  Kartoffeln
die  Schlempe  dem  Brennereibesitzer  kostenfrei
zur  Verfügung  bleibt.  Kartoffelbrennereien  mittleren ­
  Umfanges  in  diesem  Sinne  sind  solche,  die
jährlich  durchschnittlich  500  Hektoliter  Weingeist ­
  erzeugen.
Zuschläge  und  Abzüge  nach  Art  der  Rohstoffe
oder  des  Verfahrens  der  Branntweingewinnung.
§93.  Für  Branntwein,  der  innerhalb  des  Brennrechts ­
  ausschließlich  aus  den  im  §  4  bezeichneten
Stoffen  (d.  s.  Obst,  Beeren,  Wein,  Weinhefe,
Most,  Wurzeln  oder  Rückstände  davon)  erzeugt
oder  lediglich  aus  Roggen,  Weizen,  Buchweizen, ­
  Hafer  oder  Gerste  hergestellt  und  nicht  im
Würzeverfahren  gewonnen  ist,  und  für  Branntwein ­
  aus  landwirtschaftlichen  Kleinbrennereien
werden  Zuschläge  zu  dem  Branntweingrundpreis ­
  festgesetzt.
Für  Branntwein,  der  nicht  ausschließlich  aus
Kartoffeln,  Getreide  oder  den  im  §  4  bezeichneten
Stoffen  hergestellt  ist  oder  der  in  Brennereien
gewonnen  ist,  die  Hefe  nach  dem  Würzeverfahren ­
  h-erstellen  oder  die  außer  Branntwein  oder
derart  -erzeugter  Hefe  infolge  Anwendung  einer
besonderen  Verfahrensar-t  Stoffe  gewinnen,  deren
Wert  im  Verhältnis  zu  dem  des  Branntweins  erheblich ­
  ist,  können  Abzüge  von  dem  Branntweingrundpreis ­
  oder  Zuschläge  festgesetzt  werden.
Branntweinverwertung  (Hektoditerekunahme).
§  105.  Der  Branntwein  ist  so  zu  verwerten,  daß
nach  Deckung  sämtlicher  Verwaltungs-  und  Geschäftskosten ­

  einschließlich  des  Zuschusses  beim
Absatz  von  vergälltem  Branntwein,  der  Verzinsung ­
  und  Tilgung  der  Anleihe,  der  für  Entschädigungen ­
  zu  zahlenden  oder  anzusammelnden  Beträge, ­
  der  zur  Bekämpfung  der  Trunksucht,  zur
Förderung  des  Kartoffelbaues  und  der  Kartoffelverwertung ­
  sowie  zur  Ermäßigung  der  Kosten
der  weingeisthaltigen  Heilmittel  für  die  minderbemittelten ­
  Volkskreise  zu  leistenden  Zahlungen
und  nach  Verzinsung  und  Rückzahlung  eines
nach  §  106  geleisteten  Vorschusses  außer  der  Einnahme ­
  an  Freigeld  an  die  Reichskasse  eine  Reineinnahme ­
  von  800  Mark  für  jedes  zu  regelmäßigen ­
  Verkaufspreisen  verwertete  Hektoliter  Weingeist ­
  abgeführt  wird  {Hektolitereinnahme).
Ausgleichstock.
§  106.  Der  über  eine  Hektolitereinnabme  von
800  Mark  hinausgehende  Betrag  der  Reineinnahme ­
  ist  bei  den  Betriebsmitteln  der  Reichshauptkasse ­
  zu  einem  Ausgleichstock  anzusammeln, ­
  der  200  Millionen  Mark  dauernd  nicht
übersteigen  soll.
Bleibt  die  Hektolitereinnahme  hinter  dem  Betrage ­
  von  800  Mark  zurück,  so  ist  der  fehlende
Betrag  aus  dem  angesammelten  Bestände  zu
decken;  reicht  der  Bestand  hierzu  nicht  aus,  so
wird  er  aus  den  Betriebsmitteln  der  Reichshauptkasse ­
  vorschußweise  für  Rechnung  der  Monopolverwaltung ­
  ergänzt.
Verwertung  des  unverarbeiteten  Branntweins.
§  107.  Es  werden  festgesetzt:
r.  regelmäßige  Verkaufpreise  zur  Verwerfung
des  unverarbeiteten  Branntweins  nach  den
Vorschriften  des  §  105,
2.  ermäßigte  Verkaufpreise  zur  Verwertung  des
unverarbeiteten  Branntweins  nach  den  Vorschriften ­
  der  §§  129  bis  135.
Bezieht  ein  Hersteller  freigeldpflichtigen  Trinkbrarmtweins
  in  einem  der  auf  das  Inkrafttreten
des  Gesetzes  folgenden  zehn  Betriebsjahre  zum
nicht  ermäßigten  Verkaufpreis  mehr  Branntwein,
als  ihm  nach  §  219  zusteht,  so  hat  er  zum  regelmäßigen ­
  Verkaufpreis  einen  Zuschlag  von300  Mark
für  jedes  überschießende  Hektoliter  Weingeist
zu  zahlen.  Der  Bund-esrat  kann  aus  Rücksichten
der  Billigkeit  den  Zuschlag  nachlassen  oder  ermäßigen. ­

Die  Verkaufpreise  werden  ingemeinschaftlicher
Beschlußfassung  von  der  Monopolverwaltung  und
dem  Beirat  festgesetzt  und  im  Reichsanzeiger  be.
kanntgemacht.  Die  Monopolverwalttmg  setzt  die
weiteren  Bezugsbedingungen  fest  und  macht  sie
in  gleicher  Weise  bekannt.
Verarbeitung  des  Branntweins  zu  Trinkbranntwein ­
  im  Monopolbettriebe.
§  108.  Zur  Herstellung  von  Trinkbranntwein
(Monopolerzeugnisse)  werden  von  der  Monopoiverwaltung
  die  erforderlichen  Unternehmungen
betrieben.  Die  Mon-opolverwaltung  ist  befugt,
zu  diesem  Zwecke  besondere  Betriebe  zu  errichten ­
  un-di  bestehende  Betriebe  anzukaufen,  zu
pachten  oder  lohnwease  zu  beschäftigen.
§  109.  Der  Monopolverwaltung  liegt  die  Verarbeitung ­
  des  Branntweins  zu  Monopolerzeug ­
        <pb n="522" />
        516

nissen  ob,  soweit  es  sich  um  dieHerstellung  der  dem
Massenverbrauche  dienenden  einfachen  Trinkbranntweine ­
  handelt.  Als  solche  sind  insbesondere ­
  Verschnitte  von  Kognak,  Arrak  und  Rum
und  solche  gesüßten  Branntweine,  die  mehr  als
io  Kilogramm  Zucker  in  100  Liter  enthalten,
nicht  anzusehen.
Die  Monopolverwaltung  bestimmt,  welche  Monopolerzeugnisse ­
  hergestellt  und  in  welcher  Form
sie  in  den  Verkehr  gebracht  werden.
§  111.  Die  Monopolverwaltung  setzt  die  Preise
der  Monopolerzeugniss^  und  die  weiteren  Bezugsbedingungen ­
  fest.  Die  Preise  sind  auf  der
Grundlage  der  regelmäßigen  Verkauf  preise  für
unverarbeiteten  Branntwein  (§107  Abs.  1  Nr.  1)
unter  Berücksichtigung  der  Kosten  für  die  Verarbeitung ­
  des  Branntweins  zu  Monopolerzeugnissen ­
  und  der  Kosten  beim  Vertriebe  dieser  Erzeugnisse ­
  festzusetzen.
Vertrieb.
§112.  Die  Monopolerzeugnisse  sind  an  jeden,
der  sich  gewerbsmäßig  mit  dem  Verkaufe  von
Trinkbranntwein  an  Verbraucher  befaßt  (Wiederverkäufer) ­
  zu  liefern,  eine  Abgabe  unmittelbar  an
Verbraucher  findet  nicht  statt.  Die  Monopolverwaltung ­
  kann  die  Lieferung  ablehnen,  wenn  der
Wiederverkäufer  wiederholt  wegen  Verletzung
der  Vorschriften  der  §§  114  bis  116  bestraft  worden ­
  ist.
Die  Monopolverwaltung  kann  Mindestmengen
für  die  Lieferungen  festsetzen.
Der  Raumgeha'.t  der  Kleiriverkaufbehältnisse,
in  denen  Monopolerzeugnisse  geliefert  werden,
darf  nicht  kleiner  als  0,25  Liter  sein.
Wiederverkauf  er.
§  113.  Der  Wiederverkäufer  hat  vor  Eröffnung
seines  Betriebs  der  Steuerbehörde  schriftliche
Anzeige  hiervon  zu  machen.  Er  erhält  eine  Bescheinigung, ­
  die  auf  Verlangen  beim  Bezüge  der
Erzeugnisse  sowie  den  die  Aufsicht  führenden
Beamten  oder  den  Beauftragten  der  Monopolverwaltung ­
  vorzulegen  ist.
§114.  Wiederverkäufer  sind,  soweit  sie  Monopolerzeugnisse ­
  in  einzelnen  Mengen  von0,25  Liter
oder  mehr  abgeben,  an  die  von  der  Monopolverwaltung ­
  festgesetzten  Preise  gebunden.  Sie  dürfen ­
  die  Abgabe  in  diesen  Mengen,  sofern  die  Erzeugnisse ­
  nicht  an  der  Verkaufstelle  verzehrt
werden,  nicht  verweigern.
§115.  Wiederverkäufer  haben  auf  Verlangen
der  Steuerbehörde  Abdrucke  einzelner  Teile
dieses  Gesetzes  oder  die  die  Preisgrenzen  enthaltenden ­
  Bestimmungen  der  Monopolverwaltung ­
  in  der  Verkauf  stelle  an  in  die  Augen
fallender  Stelle  auszuhängen.
Verbote.
§116.  Es  ist  verboten:
1.  die  Monopolerzeugnisse  in  Weingeistgehalt,
Geruch,  Geschmack  oder  Aussehen  zu  verändern; ­
  jedoch  ist  das  Mischen  der  Monopolerzeugnisse ­
  miteinander  oder  mit  anderen
Stoffen  auf  Verlangen  des  Verbrauchers  zum
Zwecke  des  sofortigen  Genusses  gestattet;
2.  die  Verschlüsse  der  Kleinverkaufbehältnisse
oder  die  zu  ihrer  Sicherung  angebrachten
Vorkehrungen  zu  entfernen,  bevor  die  Behältnisse ­
  geöffnet  werden;

3.  die  Monopolerzeugnisse  anders  als  unmittelbar ­
  aus  den  Behältnissen,  in  denen  sie  geliefert ­
  sind,  abzugeben;
4.  die  Monopolerzeugnisse  in  Mengen  von  0,25
Liter  oder  mehr  anders  als  in  den  verschlossenen ­
  Kleinverkaufbehältnissen  der
Monopolverwaltung  abzugeben.
Der  Bundesrat  kann  Ausnahmen  von  den  Vorschriften ­
  im  Abs.  1  Nr.  3  und  4  zulassen.
Freigeld,
§  117.  Trinkbranntwein,  den  nicht  die  Monopolverwaltung ­
  herstellt,  unterliegt  bei  gewerbsmäßiger ­
  Herstellung  einer  besonderen  in  die  Reichskasse ­
  fließenden  Abgabe  von  1  Mark  für  das.
Liter  fertigen  Trinkbranntwein  (Freigeld).
Entrichtung  des  Freigeldes.
§118.  Das  Freigeld  ist  mittels  Anbringens  von
Freigeldzeichen  an  den  Kleinverkaufbehältnissen
won  demjenigen  zu  entrichten,  in  dessen  Auftrag
oder  für  dessen  Rechnung  die  Behältnisse  mit
Trinkbranntwein  befüllt  werden,  bevor  die  fertigen ­
  befüllten  Behältnisse  aus  der  Füllstätte
entfernt  werden.
Die  näheren  Bestimmungen  über  die  Wertbeträge ­
  der  Freigeldzeichen,  über  ihre  Form,
ihre  Anfertigung,  ihren  Vertrieb  und  die  Art
ihrer  Verwendung  trifft  der  Bundesrat.  Er  stellt
die  Voraussetzungen  fest,  unter  denen  für  verwendete ­
  oder  unverwendbar  gewordene  Freigeldzeichen ­
  ein  Ersatz  der  bezahlten  Freigeldbeträge ­
  gewährt  werden  darf.  Freigeldzeichen,
die  nicht  in  der  vorgeschriebenen  Weise  verwendet ­
  und  entwertet  sind,  werden  als  nicht  verwendet ­
  angesehen.
Die  Freigeldzeichen  sollen,  soweit  es  sich  nicht
um  unverschnittene  ausländische  Branntweine
handelt,  die  Aufschrift  „Deutsches  Erzeugnis“
tragen.
§  119.  Freigeldzeichen  brauchen  nicht  an
gebracht  zu  werden,  wenn  der  freigeldpflichtige
Trinkbranntwein  zur  Ausfuhr  unter  amtlicher
Aufsicht  vor  der  Entnahme  aus  der  Füllstätte
angemeldet  wird.
Verpackungszwang.
§  120.  Freigeldpflichtiger  Trinkbranntwein  darf
nur  in  verschlossenen  Behältnissen  von  nicht
mehr  als  einem  Liter  Rauminhalt  aus  dem  Herstellungsbetrieb ­
  entfernt  werden.  Der  Bundesrat
kann  die  Versendung  freigeldpflichtiger  Erzeugnisse. ­
  die  nicht  in  der  Herstellungsstätte  auf  Behältnisse ­
  der  bezeichnten  Art  gefüllt  sind,  unter
Anordnung  von  Sicherungsmaßnahmen  zulassen.
Auf  jedem  Behältnis  ist  der  Inhalt  nach  Art,
Menge  und  Weingeistgehalt  sowie  der  Name  und
Sitz  der  Firma  des  Freigeldpflichtigen  anzugeben.
Die  Firmenbezeichnung  kann  durch  ein  gesetzlich
geschütztes,  der  Steuerbehörde  mitzuteilendes
Warenzeichen  ersetzt  werden.  Diese  Vorschriften
beziehen  sich  nicht  auf  Trinkbranntwein,  der
zur  Ausfuhr  bestimmt  ist.
Anmeldung  des  Betriebs  und  der  Räume.
§121.  Wer  gewerbsmäßig  freigeldpflichtigen
Trinkbranntwein  herstellen  will,  hat  dies  vor  der
Eröffnung  des  Betriebs  unter  Bezeichnung  der
Erzeugnisse  der  Steuerbehörde  schriftlich  anzuzeigen ­
  und  gleichzeitig  eine  Beschreibung  der
Betriebs-  und  Lagerräume.  sowie  der  damit  in
        <pb n="523" />
        517

Verbindung  stehenden  oder  unmittelbar  daran
angrenzenden  Räume  vorzulegen.
Freigeldpflichtiger  Trinkbranntwein  darf  nur
in  den  angemeldeten  Betriebsräumen  gewerbsmäßig ­
  hergestellt  werden.
Wer  neben  der  gewerbsmäßigen  Herstellung
von  freigeldpflichtigem  Trinkbranntweiine  den
Verkauf  von  Trinkbranntwein  im  kleinen,  insbesondere ­
  zum  Verzehr  an  der  Verkaufstelle  betreiben ­
  will,  hat  dies  unter  genauer  Beschreibung
der  Räume  für  den  Kleinverkauf  der  Steuerbehörde ­
  anzuzeigen.  Die  Betriebe  unterliegen
den  von  der  Steuerbehörde  zur  Sicherung  der
Einnahme  anzuordnenden  Maßnahmen.
Anzeige  von  Änderungen.
§  122.  JedeÄnderung  in  den  angemeldeten  Verhältnissen ­
  ist  der  Steuerbehörde  binnen  einer
Woche  anzuzeigen.
Betriebsinhaber,  die  den  Betrieb  nicht  selbst
leiten,  haben  der  Steuerbehörde  diejenige  Person
zu  bezeichnen,  die  als  Betriebsleiter  in  ihrem
Namen  handelt.
Die  im  folgenden  für  den  Betriebsinhaber  gegebenen ­
  Vorschriften  gelten  mit  Ausnahme  derjenigen ­
  im  §  128  Satz  2  auch  für  den  Betriebsleiter. ­

Lagerung  desTrinkbranntweinsundBuchführung.
§  123.  Freigeldpflichtiger  Trinkbranntwein  darf
nur  in  den  angemeldeten  Räumen  gelagert,  auf
Kleinverkaufbehältnisse  gefüllt  und  absatzfertig
gemacht  werden.  Er  ist  in  geordneter  Weise
derart  zu  lagern,  daß  die  Aufsichtsbeamten
jederzeit  in  der  Lage  sind,  die  Bestände  festzustellen. ­
  Über  Zu-  und  Abgang  der  Erzeugnisse
sind  Anschreibungen  zu  führen,  die  der  Bestimmung ­
  der  Steuerbehörde  entsprechend  aufzubewahren ­
  und  den  Beamten  zugänglich  zu  halten
sind.
Die  Bestände  sind  von  Zeit  zu  Zeit  amtlich  festzustellen ­
  und  mit  den  Anschreibungen  zu  vergleichen. ­
  Von  der  Erhebung  des  Freigeldes  für
Fehlmengen  ist  abzusehen,  wenn  und  soweit  dargetan ­
  wird,  daß  die  Fehlmengen  auf  Umstände
zurückzuführen  sind,  die  eine  Freigeldschuld  nicht
begründen.
Inhaber  von  Betrieben,  in  denen  freigeldpflichtiger ­
  Trinkbranntwein  hergestellt  wird,  sind  verpflichtet, ­
  über  den  Bezug  und  die  Verarbeitung
des  Branntweins  sowie  über  den  Verbleib  des
Branntweins,  insbesondere  über  den  Absatz  des
Trinkbranntweins,  nach  näherer  Anweisung  des
Bundesrats  Buch  zu  führen.  Nach  Ermessen  der
Steuerbehörde  kann  die  Verpflichtung  zur  Führung ­
  von  Anschreibungen  auch  auf  die  zur  Verarbeitung ­
  bezogenen  Zusatzstoffe  und  die  Kleinverkaufbehältnisse ­
  ausgedehnt  werden.
§124.  Die  Vorschriften  der  §§62  bis  69  (Amtliche ­
  Aufsicht)  finden  auf  Betriebe,  in  denen  freigeldpflichtiger ­
  Trinkbranntwein  hergeteilt,  behandelt ­
  oder  gelagert  wird,  entsprechende  Anwendung. ­

Handel  mit  freigeldpflichtigem  Trinkbranntwein.
§  125.  Wer  sich  gewerbsmäßig  mit  dem  Verkauf ­
  oder  dem  Ausschank  von  freigeldpflichtigem ­
  Trinkbranntweine  befassen  will,  hat  dies
vor  Eröffnung  seines  Betriebs  der  Steuerbehörde
schriftlich  anzuzeigen.  Er  ist  verpflichtet,  den

Beamten  der  Steuerverwaltung  seine  Vorräte  an
Waren  der  bezeichneten  Art  zum  Nachweis,  daß
sie  mit  den  vorgeschriebenen  Freigeldzeichen
versehen  sind,  zu  den  üblichen  Geschäftsstunden,
auf  Verlangen  vorzuzeigen.
§  126.  Die  Freigeldzeichen  sind  an  den  Behältnissen ­
  so  lange  zu  erhalten,  bis  diese  geöffnet
werden.  Geöffnete,  ganz  oder  teilweise  entleerte
Behältnisse  dürfen  mit  Trinkbranntwein  nicht
nachgefülit  werden.  Teilmengen  eines  Behältnisses ­
  dürfen  zum  Verzehr  an  der  Abgabestelle
nur  aus  dem  zugehörigen  Behältnis  abgegeben
werden.
Geleerte  Behältnisse  dürfen  ohne  vorherige  Beseitigung ­
  der  Freigeldzeichen  weder  ,an  Hersteller
zurückgegeben  noch  von  diesen  wieder  verwendet
werden.
Wer  als  Verkäufer  freigeldpflichtigen  Trinkbranntwein ­
  empfängt,  der  nicht  in  Behältnisse
der  vorgeschriebenen  Art  abgefüllt  oder  der  in
Behältnisse  abgefüllt  ist,  die  nicht  in  der  vorgeschriebenen ­
  Weise  bezeichnet  t(nd  mit  Freigeldzeichen ­
  versehen  sind,  hat  innerhalb  einer
Frist  von  drei  Tagen  der  Steuerbehörde  Anzeige
zu  erstatten.
Gemischte  Betriebe.
§  127.  Für  Betriebe,  in  denen  freigeldpflichtiger
Trinkbranntwein  hergestellt  und  in  denen  noch
zu  anderen  Zwecken  Branntwein  verwendet  wird
oder  die  mit  einem  Ausschank  von  Trinkbranntwein
  verbunden  sind,  können  von  der  Steuerbehörde ­
  besondere  Maßnahmen  zur  Sicherung
des  Monopolaufkommens  getroffen  werden.
Verschärfte  Aufsicht.
§  128.  Sind  Hersteller  oder  Verkäufer  von  freigeldpflichtigem ­
  Trinkbranntweine  wegen  Hinterziehung ­
  des  Freigeldes  bestraft  worden,  so  kann
der  Betrieb  besonderen  Aufsichtsmaßnahmen
unterstellt,  im  Wiederholungsfall  auch  von  der
obersten  Landesfinanzbehörde  untersagt  werden.
Die  Kosten  fallen  dem  Betriebsinhaber  zur  Last.
Verwertung  des  Branntweins  zu  ermäßigten
Verkaufpreisen.
§  129.  Zu  ermäßigten  Verkaufpreisen  ist  1
zugeben;
1.  Branntwein,  der  ausgeführt  wird,
2.  Branntwein,  der  zu  gewerblichen  Zwecken,
zur  Bereitung  von  Speiseessig  oder  zu  Putz-,
Heizungs-,  Koch-  oder  Beleuchtungszwecken
verwendet  wird,  nach  näherer  Bestimmung
des  Bundesrats.
Der  Bundesrat  wird  ermächtigt,  auch  die  Abgabe ­
  solchen  Branntweins  zu  ermäßigten  Verkaufpreisen ­
  zuzulassen,  der  in  öffentlichen  Kranken-, ­
  Entbindungs-  und  ähnlichen  Anstalten  oder
in  öffentlichen  wissenschaftlichen  Lehr-  und  Forschungsanstalten ­
  verwendet  wird.
Branntwein  zu  gewerblichen  Zwecken.
§  130.  Der  zu  ermäßigten  Verkaufpreisen  abzugebende ­
  Branntwein  ist  besonderen  Aufsichtsmaßnahmen ­
  zu  unterwerfen;  er  kann  zu  dem
Zwecke  vergällt  werden.
Die  Vergällung  des  Branntweins  ist  entweder
vollständig,  d.  h.  derart,  daß  sie  an  sich  als  genügend ­
  erachtet  wird,  den  Branntwein  zum  Trinkverbrauch ­
  unverwendbar  zu  machen,  oder  unvollständig, ­
  d.  h.  derart,  daß  außerdem  weitere
        <pb n="524" />
        518

Maßnahmen  zur  Verhütung  mißbräuchlicher  Verwendung ­
  des  Branntweins  zu  treffen  sind.
Die  vollständige  Vergällung  des  Branntweins
steht  ausschließlich  der  Monopolverwaltung  zu.
§  x31.  Die  Verkaufpreise  für  Branntwein,  der
zu  gewerblichen  Zwecken,  zu  Putz-,  Heizungs-,
Koch-  oder  Beleuchtungszwecken  verwendet  wird,
sollen  für  das  Hektoliter  Weingeist  mindestens
20  Mark  niedriger  sein  als  der  Branntweingrumdpreis;
  sie  können  unter  anteiliger  Berücksichtigung ­
  der  niedrigeren  Gestehungskosten  des  in
Reichsbetrieben,  in  Laugenbrennereien  oder  im
Überbrande  hergestellten  Branntweins  allgemein
oder  für  einzelne  Verwendungszwecke  weiter  ermäßigt ­
  oder  bis  zum  Betrage  der  Gestehungskosten ­
  von  Branntwein  dieser  Art  herabgesetzt
werden.  Die  Mehrkosten,  die  durch  den  Vertrieb ­
  von  vollständig  vergälltem  Branntwein  in
Kleinhandelbehältnissen  (§  143)  entstehen,  trägt
die  Monopolverwaltung.
§  132.  Der  Verkaufpreis  für  Branntwein,  der
nach  unvollständiger  Vergällung  zur  Bereitung
von  Speiseessig  verwendet  wird,  wird  unter  Wahrung ­
  der  Selbstkosten  in  den  Grenzen  festgesetzt,
innerhalb  deren  die  Herstellung  von  solchem
Essig  aus  Branntwein  gegenüber  der  Herstellung
von  Essigsäure,  die  der  Verbrauchsabgabe  unterliegt ­
  (§  144),  wettbewerbsfähig  bleibt.
Branntweingewinnung  im  Reichsbetriebe.
§  136.  Die  Herstellung  von  Branntwein  aus
Zellstoffen,  einschließlich  der  Ablaugen  der  Zellstoffgewinnung, ­
  sowie  aus  Kalziumkarbid  und
aus.  anderen  Stoffen,  aus  denen  Branntwein  im
Inland  gewerblich  bisher  nicht  gewonnen  worden
ist,  steht,  soweit  nicht  vom  Bundesrat  Ausnahmen
zugelassen  sind,  ausschließlich  dem  Reiche  zu.
Die  Monopolverwaltung  hat  die  Maßnahmen
zu  treffen,  die  zur  Herstellung  von  Branntwein
aus  den  dem  Reichsbetriebe  vorbehaltenen  Stoffen
innerhalb  der  im  §  138  vorgesehenen  Grenzen  erforderlich ­
  sind.
§  137.  Der  Reichskanzler  kann  zur  Förderung
oder  Nutzbarmachung  nach  dem  Inkrafttreten
dieses  Gesetzes  erfundener  oder  in  wirtschaftlich
wertvoller  Weise  vervollkommneter  Verfahren
der  Branntweingewinnung  aus  den  dem  Reichsbetriebe ­
  vorbehaltenen  Stoffen  (§  136  Abs.  1)  genehmigen, ­
  daß  Betriebe,  in  denen  solche  Verfahren ­
  erfunden  oder  vervollkommnet  sind,  in
diesem  Verfahren  Branntwein  ausschließlich  für
gewerbliche  Zwecke  des  eigenen  Betriebs  hersteilen.
  Diese  Branntweinmengen  sind  auf  die
nacn  §  138  der  Erzeugung  durch  Laugenbrennereien ­
  und  Reichsbetriebe  vorbehaltenen  Mengen
anzurechnen.
§  138.  Die  Laugenbrennereien  und  die  Reichsbetriebe ­
  zusammen  dürfen,  soweit  nicht  Beschränkungen ­
  nach  §  137  einzutreten  haben,  in  einem  Betriebsjahr ­
  eineBranntweinmenge  hersteilen,diezehn
Hundertteilen  der  gesamten  Branntweinerzeugung
des  vorhergehendenBetriebsjahrsentspricht.  Steigt
der  gesamte  Jahresbedarf  an  Branntwein  über
eine  Menge  von  drei  Millionen  Hektoliter  Weingeist, ­
  so  ist  den  Laugenbrennereien  und  den
Reichsbetriehen  zusammen  die  Hälfte  der  darüber ­
  hinausgehenden  Menge  zur  Herstellung
weiter  zu  überweisen.

Schiedsgerichte.
§  13g.  Zur  Entscheidung  von  Streitigkeiten,  für
die  der  ordentliche  Rechtsweg  zulässig  sein  würde,
können  nach  näherer  Bestimmung  des  Bundesrats ­
  Schiedsgerichte  eingerichtet  werden,  die
unter  Ausschluß  des  Rechtswegs  endgültig  entscheiden. ­
  Diese  Vorschrift  gilt  nicht,  soweit
durch  §241  den  Beteiligten  die  Beschreitung
des  ordentlichen  Rechtswegs  Vorbehalten  ist.
Die  Zahlung  des  Branntweinübernahmepreises
(§  104)  gilt  nicht  als  Leistung  aus  öffentlichen
Kassen  im  Sinne  des  Artikels  92  des  Einführungsgesetzes ­
  zum  Bürgerlichen  Gesetzbuch.
§  140.  Die  nachstehend  genannten  Nummern
des  Zolltarifs  erhalten  folgende  Fassung:
(Siehe  Tabelle  auf  Seite  519.)
Der  Bundesrat  ist  ermächtigt,  für  äther-  oder
weingeisthaltige  Erzeugnisse  die  Erhebung  eines
Zollzuschlags  bis  zu  800  Mark  für  den  Doppelzentner ­
  vorzuschreiben.
Übörgangsabgabe.
§141.  Von  dem  aus  dem  freien  Verkehre  derjenigen ­
  Teile  des  deutschen  Zollgebiets,  die  nicht
Reichsgebiet  sind,  eingehenden  Branntwein  wird,
soweit  er  nicht  nachweislich  verzollt  worden  ist,
eine  Übergangsabgabe  erhoben  in  Höhe  des
durchschnittlichen  Unterschieds  zwischen  dem
Branntweinübernahmepreis  und  dem  regelmäßigen ­
  Verkaufpreis.  Beim  Eingang  von  Trinkbranntwein ­
  ist  neben  der  Übergangsabgabe  das
Freigeld  zu  entrichten,  und  zwar  beim  Eingang  in
Behältnissender  im  §  120  bezeichneten  Art  gleichzeitig ­
  mit  ersterer.
Kleinhandel  mit  vergälltem  Branntwein.
§  142.  Der  Bundesrat  wird  ermächtigt:
1.  den  Kleinhandel  mit  vergälltem  Branntwein
abweichend  von  den  Vorschriften  des  §  33
der  Gewerbeordnung  zu  regeln;
2.  zu  bestimmen,  daß  beim  Kleinhandel  mit
vergälltem  Branntwein  der  Weingeistgehalt
durch  Aushang  in  der  Verkauf  stelle  ersichtlich ­
  gemacht  wird,
§  143.  Vollständig  vergällter  Branntwein  darf
im  Kleinhandel  nur  in  Behältnissen,  von  50,  20,
10,  5  und  einem  Liter  Raumgehalte  feilgehalten
werden,  die  verschlossen  und  mit  einer  Angabe
des  Weingeistgehalts  versehen  sind.  Der  Bundesrat ­
  wird  ermächtigt,  im  Falle  des  Bedürfnisses
Erleichterungen  in  bezug  auf  die  Größe  der
Behältnisse  und  den  Verschluß  zuzulassen.
Essigsäureverbrauchsabgabe.
§  144.  Essigsäure,  die  im  Inland  in  anderer
Weise  als  durch  Gärung  gewonnen  ist,  unterliegt
einer  in  die  Reichskasse  fließenden  Verbrauchsabgabe, ­
  die  160  Mark  für  den  Doppelzentner
wasserfreie  Säure  beträgt.  Die  Verbrauchsabgabe
ist  durch  Abfertigung  festzustellen  und  vom
Hersteller  zu  entrichten,  sobald  die  Essigsäure
die  Erzeugungsstätte  verläßt.
§  145.  Die  Essigsäure  und  ihre  Herstellung'
unterliegen  zum  Zwecke  der  Erhebung  der  Verbrauchsabgabe ­
  der  amtlichen  Überwachung.  Der
Hersteller  darf  Essigsäure  nur  an  den  dazu  angemeldeten ­
  Stätten  lagern,  behandeln  und  verpacken. ­
        <pb n="525" />
        519

§  146.  Von  der  Verbrauchsabgabe  befreit  bleibt
nach  näherer  Bestimmung  des  Bundesrats  Essigsäure,die ­
  ausgeführt  oder  zugewerblichenZwecken
verwendet  wird.  Gewerbetreibende,  die  Essigsäure ­
  ausschließlich  zu  gewerblichen  Zwecken
oder  für  die  Ausfuhr  herstellen,  sind  nur  insoweit
einer  amtlichen  Überwachung  zu  unterwerfen,
als  diese  notwendig  ist,  um  sicherzustellen,  daß
Essigsäure  nicht  zu  Genußzwecken  verwendet
wird.

§148.  Für  Betriebe,  in  denen  im  Betriebsjahr
1913/14  zu  Speisezwecken  bestimmter  Essig  aus
Branntwein  hergestelit  ist,  werden  Bezügsrechte
gebildet,  deren  Gesamtbetrag  160  000  .Hektoliter
Weingeist  nicht  übersteigen  darf.  Die  Bezugsrechte ­
  werden  auf  der  Grundlage  der  von  der
Verteilungsstelle  für  das  deutsche  Essiggewerbe
für  den  Bezug  von  Branntwein  im  letzten  Betriebsjahr ­
  vor  dem  Inkrafttreten  dieses  Gesetzes
getroffenen  Regelung  von  der  MonopolverwalNummer ­


des
Zolltarifs

Zollsatz  für
1  Doppelzentner ­

Mark

178/9  Branntwein:

178

in  Behältnissen  bei  einem  Rauragehalte  von  15  Liter  oder  mehr

Likör
Kognak  mit  einem  ‘Weingeistgehalte  von  nicht  mehr  als  58  Gewichts-14OO



teilen  in  100
anderer  Trinkbranntwein  mit  einem  Weingeistgehalte  von  nicht  mehr

1300

als  55  Gewichtsteilen  in  100

750

sonstige  gebrannte  geistige  Flüssigkeiten
Anmerkung:  Rum  und  Arrak  mit  einem  Weingeistgehalte  von
mehr  als  55,  aber  nicht  mehr  als  74  Gewichtsteilen  in  100,  bei  Verarbeitung ­
  zu  freigeldpflichtigem  Trinkbranntweine  mit  einem  Weingeistgehalte

1300

von  nicht  mehr  als  55  Gewichtsteilen  in  100  unter  Zollsicherung  .  .

750

179

in  anderen  Behältnissen
Anmerkung  zu  178/9.  Für  Trinkbranntwein  ist  neben  dem  Zolle
das  Freigeld  nach  den  für  inländische  Erzeugnisse  geltenden  Vorschriften
zu  entrichten.

I4OO

187

Speiseessig
Weinessig:

in  Behältnissen  bei  einem  Raumgehalte  von  15  Liter  oder  mehr

IOO

in  anderen  Behältnissen
anderer  Speiseessig;

125,

in  Behältnissen  bei  einem  Raumgehalte  von  15  Liter  oder  mehr

50

in  anderen  Behältnissen
Anmerkung:  Als  Weinessig  ist  jeder  Speiseessig  zu  verzollen,
dessen  Extraktgehalt  mehr  als  3  Gramm  im  Liter  beträgt.

IOO

277

Essigsäure:

in  Behältnissen  bei  I  20  kg  oder  mehr

180

einem  Gewichte  von  (  weniger  als  20  kg
Anmerkung:  Essigsäure  zur  gewerblichen  Verwendung  unter

210

Zollsicherung

40

347

Äther:

Äthyläther
anderer,  auch  Önanthäther;

1300

in  Behältnissen  bei  einem  Raumgehalte  von  15  Liter  oder  mehr

1300

in  anderen  Behältnissen

1400

tung  festgesetzt.  Läßt  sich  hiernach  eine  Festsetzung ­
  nicht  treffen  oder  ergeben  sich  Zweifel,
so  bestimmt  der  Bundesrat  das  Nähere  für  die
Festsetzung.
Der  Bundesrat  wird  ermächtigt,  -  aus  Rücksichten ­
  der  Billigkeit  für  andere  Betriebe  der
Gärungsessigindustrie  Bezugsrechte  bis  zum
Höchstbetrage  von  insgesamt  16000  Hektolitern
zu  gewähren.
DerVerkaufpreis  für  Branntwein,  dessenMenge
die  dem  Bezugsrecht  entsprechende  Weingeistmenge ­

  übersteigt,  erhöht  sich  um  50  Mark  für
das  Hektoliter  Weingeist.
Die  Bezugsrechte  sind  unbeschränkt  übertragbar ­
  und  auf  Antrag  in  Betriebsrechte  (§  149)  umzurechnen. ­

§  149.  Für  Betriebe,  in  denen  im  Betriebsjahr
1913/14  der  Verbrauchsabgabe  unterliegende
Essigsäure  gewonnen  ist,  werden  Betriebsrechte
gebildet.  Die  Betriebsrechte  werden  in  Höhe  der
in  den  Betrieben  im  Durchschnitt  der  Jahre
1910/n  bis  1913/14  unter  Weglassung  der  Jahre
        <pb n="526" />
        520

mit  der  höchsten  und  niedrigsten  Herstellungszahl ­
  zu  verbrauchsabgabepflichtigen  Zwecken  hergestellten ­
  Mengen  wasserfreier  Essigsäure  von
der  Monopolverwaltung  festgesetzt.  Läßt  sich
hiernach  eine  Festsetzung  nicht  treffen  oder
ergeben  sich  Zweifel,  so  bestimmt  der  Bundesrat
das  Nähere  für  die  Festsetzung.
Die  Verbrauchsabgabe  (§  144)  erhöht  sich  um
85  Mark  für  100  Kilogramm  wasserfreie  Essigsäure ­
  für  diejenigen  Mengen,  die  über  das  Betriebsrecht ­
  hinaus  in  den  freien  Verkehr  abgefertigt ­
  werden.
Die  Betriebsrechte  sind  unbeschränkt  übertragbar. ­

Branntweinschärfen.
§  150.  Die  Verwendung  vonBranntweinschärfen
ist  untersagt.  Die  Bestimmungen,  die  über  Branntweinschärfen ­
  vom  Bundesrate  getroffen  werden,
sind  dem  Reichstag  mitzuteilen.
Verkehrsbezeichnungen  für  Kornbranntwein  usw.
§151.  Unter  der  Bezeichnung  Kornbranntwein
darf  nur  Branntwein  in  den  Verkehr  gebracht
werden,  der  ausschließlich  aus  Roggen,  Weizen,
Buchweizen,  Hafer  oder  Gerste  hergestellt  und
nicht  im  Würzeverfahren  gewönnen  ist.  Mischungen ­
  von  Kornbranntwein  mit  weingeisthaltigen ­
  Erzeugnissen  anderer  Art  dürfen  nicht
unter  der  Bezeichnung  Kornverschnitt  oder  unter
einer  ähnlichen  Bezeichnung,  die  auf  die  Herstellung ­
  aus  Korn  (Roggen,  Weizen,  Buchweizen,
Hafer  oder  Gerste)  schließen  läßt,  in  den  Verkehr ­
  gebracht  werden.
§  152.  Unter  der  Bezeichnung  Kirschwasser,
Zwetschenwasser,  Heidelbeergeist  oder  ähnlichen
Bezeichnungen,  die  auf  die  Herstellung  aus  Kirschen, ­
  Zwetschen,  Heidelbeeren  oder  sonstigen
Obst-  und  Beerenarten  hinweisen  (Kirschbranntwein, ­
  Kirsch,  Zwetschenbranntwein,  Steinobstbranntwein, ­
  Kernobstbranntwein  und  dergleichen), ­
  darf  nur  Branntwein  in  den  Verkehr
gebracht  werden,  der  ausschließlich  aus  den  betreffenden ­
  Obst-  oder  Beerenarten  hergestellt  ist.
Die  Vorschrift  im  §  151  Satz  2  findet  entsprechende ­
  Anwendung.
Unter  der  Bezeichnung  Steinhäger  darf  nur
Trinkbranntwein  in  den  Verkehr  gebracht  werden, ­
  der  unbeschadet  der  Vorschrift  im  §151  ausschließlich ­
  durch  Abtrieb  unter  Verwendung  von
Wacholderlutter  aus  vergorener  Wacholderbeermaische ­
  hergestellt  ist.
Methylalkohol.
§  153-  Nahrungs-  und  Genußmittel  —  insbesondere ­
  weingeisthaltige  Getränke  —,  Heil-,  Vorbeugungs-
  und  Kräftigungsmittel,  Riechmittel  und
Mittel  zur  Reinigung,  Pflege  oder  Färbung  der
Haut,  des  Haares,  der  Nägel  oder  der  Mundhöhle ­
  dürfen  nicht  so  hergestellt  werden,  daß
sie  Methylalkohol  enthalten.  Zubereitungen  dieser ­
  Art,  die  Methylalkohol  enthalten,  dürfen
nicht  in  den  Verkehr  gebracht  oder  aus  dem
Ausland  eingeführt  werden.
Die  Vorschriften  des  Abs.  1  finden  keine  Anwendung ­
  :
i.  auf  Formaldehydlösungen  und  auf  Formaldehydzuberekungen,
  deren  Gehalt  an  Methylalkohol ­
  auf  die  Verwendung  von  Formaldehydlösungen ­
  zurückzuführen  ist;

2.  auf  Zubereitungen,  in  denen  technisch  nicht
vermeidbare  geringe  Mengen  von  Methylalkohol ­
  sich  aus  darin  enthaltenen  Methylverbindungen ­
  gebildet  haben  oder  durch
andere  mit  der  Herstellung  verbundene
natürliche  Vorgänge  entstanden  sind.
Hefe.
§  154.  Gemische  von  Branntweinhefe  mit  Bierhefe ­
  dürfen  nicht  in  den  Verkehr  gebracht,  auch
nicht  im  gewerbsmäßigen  Verkehr  angekündigt
oder  vorrätig  gehalten  werden.
Unter  Branntweinhefe  (Lufthefe,  Preßhefe,
Pfundhefe,  Stückhefe,  Bärme)  im  Sinne  dieses
Gesetzes  werden  die  bei  der  Branntweinbereitung,
unter  Verwendung  von  Stärkemehl-  oder  zuckerhaltigen ­
  Rohstoffen,  insbesondere  von  Getreide
(Roggen,  Weizen,  Gerste,  Mais),  Kartoffeln,  Buchweizen, ­
  Melasse  oder  Gemischen  der  bezeichneten
  Rohstoffe  erzeugten  obergärigen  frischen
Hefen  oder  Gemische  dieser  Hefen  verstanden.
Branntweinhefe  darf  nicht  unter  einer  Bezeichnung ­
  in  den  Verkehr  gebracht  werden,  die  auf
die  Herstellung  aus  einem  bestimmten  Rohstoff
hinweist  (z.  B.  als  Getreidehefe,  Roggenhefe,
Maishefe,  Kartoffelhefe,  Melassehefe),  wenn  die
Hefe  nicht  ausschließlich  aus  diesem  Rohstoff
hergestellt  worden  ist.
Unter  Bierhefe  im  Sinne  dieses  Gesetzes  wird
diejenige  frische  Hefe  verstanden,  die  bei  der
Bereitung  von  Bier  oder  bierähnlichen  Getränken
unter  Verwendung  der  durch  die  Biersteuergesetzgebung ­
  zugelassenen  Rohstoffe  erzeugt  ist-Bierhefe
  darf  nur  unter  dieser  Bezeichnung,
Preßhefe,  die  aus  Bierhefe  hergestellt  ist,  jedoch
auch  als  Bierpreßhefe  in  den  Verkehr  gebracht
werden.
Branntwein-  und  Bierhefe,  die  einen  Zusatz,
von  anderen  Stoffen  erhalten  hat,  darf  nicht  in
den  Verkehr  gebracht  werden.
Der  Bundesrat  wird  ermächtigt,  Vorschriften
für  die  Untersuchung  der  Hefe  zu  erlassen.
Straf  Vorschriften  (Hinterziehung).
§  155.  Wer  vorsätzlich  dem  Reiche  eine  in
diesem  Gesetze  vorgesehene  Einnahme  aus  dem
Branntweinmonopol  vorenthält  oder  einen  ihm
nach  diesem  Gesetze  nicht  gebührenden  Vorteil
erschleicht,  wird  wegen  Hinterziehung  mit  einer
Geldstrafe  bestraft,  die  das  Vierfache  der  hinterzogenen
  Einnahme  oder  des  erschlichenen  Vorteils, ­
  mindestens  aber  50  Mark,  beträgt.
Versuch.
§  156.  Der  Versuch  der  Hinterziehung  ist  strafbar; ­
  die  für  die  vollendete  Tat  angedrohte  Strafe
gilt  auch  für  den  Versuch.
Bei  dem  Versuch  ist  die  Strafe  nach  der  Verkürzung ­
  oder  dem  Vorteil  zu  bemessen,  die  bei
Vollendung  der  Tat  eingetreten  wäre.
§  158.  Der  Tatbestand  des  §  155  wird  ferner  als
vorliegend  angenommen:
1.  wenn  mit'  der  Herstellung  von  freigeldpflichtigem ­
  Trinkbranntweine  begonnen  wird,
bevor  der  Betrieb  in  der  vorgeschriebenen
Weise  angezeigt  ist  (§  121);
2.  wenn  freigeldpflichtigerTrinkbranntweinvoin
Hersteller  oder  Abfüller  in  anderen  als  den
hierfür  angemeldeten  Räumen  aufbewahrt
wird;
        <pb n="527" />
        521

I

.  I  I

.  3.  wenn  freigeldpflichtiger  (Trinkbranntwein  aus
der  Herstellungsstätte  oder  aus  der  Abfüllstätte ­
  in  den  Inlandverkehr  gebracht  wird,
ohne  daß  er  in  der  vorgeschriebenen  Weise
in  Kleinverkaufbehälthisse  gefüllt  ist,  und
ohne  daß  diese  mit  den  im  §  120  bezeichnten ­
  Angaben  und  den  zutreffenden  Freigeldzeichen ­
  versehen  sind;
4.  wenn  Verkäufer  freigeldpflichtigen  Trinkbranntwein ­
  in  Gewahrsam  haben,  der  der
Vorschrift  dieses  Gesetzes  zuwider  mit  den
erforderlichen  Freigeldzeichen  nicht  versehen ­
  ist;
5.  wenn  geöffnete,  mit  Freigeldzeichen  versehene ­
  Kleinverkaufbehältnisse  der  Vorschrift ­
  des  §  126  zuwider  nachgefüllt  werden;
6.  wenn  die  über  Herstellung,  Abfüllung  und
Vertrieb  von  freigeldpflichtigem  Trinkbranntweine ­
  vorgeschriebenen  Anschreibu  ngen
  unrichtig  geführt  werden;
7.  wenn  Branntwein  aus  den  im  §4  (Obstbrennereien ­
  und  §151  Satz  1  genannten
Stoffen,  für  den  der  Branntweinaufschlag
zu  entrichten  ist,  der  Verarbeitung  zu  freigeldpflichtigem ­
  Trinkbranntwein  entzogen
wird.
Monopolhehlerei.
§161.  Wer  seines  Vorteils  wegen  vorsätzlich
Branntwein,  einschließlich  des  zu  Trinkbranntweinverarbeiteten, ­
  hinsichtlich  dessen  eine  Hinterziehung ­
  stattgefunden  hat,  ankauft,  zum  Pfände
nimmt  oder  sonst  an  sich  bringt,  verheimlicht,
absetzt  oder  zu  seinem  Absatz  mitwirkt,  wird
mit  Geldstrafe  in  Höhe  des  vierfachen  Betrags
der  hinterzogenen  Einnahme,  mindestens  aber
in  Höhe  von  50  Mark,  bestraft.
Der  Versuch  ist  strafbar;  §156  findet  entsprechende ­
  Anwendung.
Einziehung.
§  174.  Freigeldpflichtiger  Trinkbranntwein,  der
im  freien  Verkehr  in  anderen  als  den  im  §  120
vorgesehenen  Behältnissen  ohne  die  vorgeschriebene
  Bezeichnung  oder  ohne  die  vorgeschriebenen ­
  Freigeldzeichen  angetroffen  wird,  unterliegt
der  Einziehung,  gleichviel,  wem  er  gehört  und
ob  gegen  eine  bestimmte  Person  ein  Strafverfahren ­
  eingeleitet  wird.
Fälschung  von  Freigeldzeichen.
§  175.  Mit  Gefängnis  nicht  unter  drei  Monaten
wird  bestraft,  wer  unechte  Freigeldzeichen  in
der  Absicht  anfertigt,  sie  als  echt  zu  verwenden,
oder  echte  Freigeldzeichen  in  der  Absicht  verfälscht, ­
  sie  zu  einem  höheren  Werte  zu  verwenden, ­
  oder  wissentlich  von  falschen  oder  verfälschten ­
  Freigeldzeichen  Gebrauch  macht.
Neben  der  Strafe  kann  auf  Verlust  der  bürgerlichen ­
  Ehrenrechte  erkannt  werden.
§  176.  Wer  wissentlich  schon  einmal  verwendete ­
  Freigeldzeichen  verwendet,  wird  mit  Geldstrafe ­
  bis  zu  600  Mark  bestraft.
§  177.  Neben  der  in  den  §§  175  und  176  vorgesehenen ­
  Strafe  kommt  die  durch  die  Hinterziehung ­
  der  Monopoleinnahme  begründete  Strafe
zur  Anwendung.
§  178.  Mit  Geldstrafe  bis  zu  150  Mark  oder
mit  Haft  wird  bestraft,  wer  ohne  schriftlichen
Auftrag  einer  Behörde

1.  Stempel,  Siegel,  Stiche,  Platten  oder  andere
Formen,  die  zur  Anfertigung  von  Freigeldzeichen ­
  dienen  können,  anfertigt  oder  an
einen  anderen  als  die  Behörde  verabfolgt;
2.  Stempel,  Stiche,  Platten  oder  Formen  der
in  Nr.  1  bezeichneten  Art  abdruckt,  abzudrucken ­
  versucht  oder  solche  Abdrucke
an  einen  anderen  als  die  Behörde  verabfolgt. ­

Neben  der  Strafe  kann  auf  Einziehung  der
Stempel,  Siegel,  Stiche,  Platten  oder  anderen
Formen  sowie  der  Abdrucke  erkannt  werden,
ohne  Unterschied,  ob  sie  dem  Verurteilten  gehören ­
  oder  nicht.
§  179.  Mit  Geldstrafe  bis  zu  150  Mark  wird  bestraft, ­
  wer  wissentlich  schon  einmal  verwendete
Freigeldzeichen  veräußert  oder  feilhält.
Haftung  für  andere  Personen.
§  181.  Inhaber  der  unter  dieses  Gesetz  fallenden ­
  Betriebe  haften  für  die  von  ihren  Verwaltern,
Geschäftsführern,  Gehilfen  und  sonstigen  in
ihrem  Dienste  oder  Lohne  stehenden  Personen
sowie  von  ihren  Familien-  oder  Hausmitgliedern
  verwirkten  Geldstrafen  und  Kosten  des
Strafverfahrens  sowie  für  die  nachzuzahlende
Monopoleinnahme.  Die  Haftung  für  die  Geldstrafe ­
  und  die  Kosten  tritt  nicht  ein,  wenn  die
Zuwiderhandlung  nachweislich  ohne  Wissen  des
Inhabers  begangen  worden  ist.  Die  Haftung  ist
jedoch  auch  in  diesem  Falle  begründet,  wenn  es
der  Inhaber  bei  der  Auswahl  oder  der  Beaufsichtigung ­
  des  Angestellten  oder  bei  der  Beaufsichtigung ­
  der  Familien-  oder  Hausmitgfieder  an  der
erforderlichen  Sorgfalt  hat  fehlen  lassen  oder
wenn  er  aus  der  Tat  einen  Vorteil  gezogen  hat.
§  182,  Als  Verletzung  der  erforderlichen  Sorgfalt ­
  (§  181  Schlußsatz)  gilt  insbesondere  die  Anstellung ­
  oder  Beibehaltung  eines  wegen  Branntweinsteuerhinterziehung
  im  Sinne  des  bisher  geltenden ­
  Branntweinsteuergesetzes  oder  wegen
Hinterziehung  der  Monopoleinnahme  bereits  bestraften ­
  Verwalters,  Geschäftsführers  oder  Gewerbegehilfen, ­
  falls  nicht  die  oberste  Landesfinanzbehörde ­
  die  Anstellung  oder  Beibehaltung
genehmigt  hat.
§  183.  Läßt  sich  die  Geldstrafe  von  dem  Schuldigen ­
  nicht  beitreiben,  so  kann  die  Steuerbehörde
davon  abseben,  den  für  die  Geldstrafe  Haftenden
in  Anspruch  zu  nehmen  und  die  an  die  Stelle
der  Geldstrafe  tretende  Freiheitsstrafe  an  dem
Schuldigen  vollstrecken  lassen.
Strafverjährung.
§  186.  Die  Strafverfolgung  von  Hinterziehungen ­
  und  von  Monopolhehlerei  verjährt  in  drei
Jahren,  die  von  Ordnungswidrigkeiten  in  einem
Jahre.
'  Die  Strafverfolgung  auf  Grund  derVorschriften
der  §§  167  bis  171  verjährt  zugleich  mit  dem
Eintritt  der  Verjährung  gegen  den  eigentlichen
Täter.
Destillateure.
§  214.  Inhaber  von  Betrieben,  in  denen  im
Betriebsjahr  1913/14  gewerbsmäßig  Trirlkbranntwein
  hergestellt  ist,  oder  deren  Rechtsnachfolger
werden  für  die  Aufgabe  oder  Einschränkung  des
Betriebs  von  der  Monopolverwaltung  entschädigt ­
  ;  Anträge  auf  Zubilligung  der  Entschädigung
        <pb n="528" />
        522

sind  nur  zu  berücksichtigen,  wenn  sie  innerhalb
zweier  Jahre  nach  dem  Inkrafttreten  dieses  Gesetzes ­
  bei  der  zuständigen  Verwaltungsbehörde
eingegangen  sind.  Dies^  Vorschrift  gilt  nicht  für
Inhaber  von  Gast-  oder  Schankwirtschaften,  soweit ­
  sie  zum  Absatz  in  ihrer  Gast-  oder  Schankwirtschaft ­
  Branntwein  zu  Trinkbranntwein  verarbeitet ­
  haben.
Ist  ein  nach  Abs.  r  einen  Anspruch  auf  Entschädigung ­
  begründender  Betrieb  durch  ein  erst
nach  dem  30.  November  1917  abgeschlossenes
Rechtsgeschäft  unter  Lebenden  erworben,  so  besteht ­
  kein  Anspruch  auf  Entschädigung;  der
Bundesrat  kann  aus  Billigkeitsgründen  eine  angemessene ­
  Entschädigung  gewähren.
Die  Vorschriften  der  beiden  ersten  Absätze
finden  auch  auf  andere  Betriebe  Anwendung,
insoweit  sie  unverarbeiteten  Branntwein  in  Mengen ­
  von  nicht  mehr  als  280  Liter  Weingeist  im
Einzelfall  abgesetzt  haben.
§  215.  Mehrere  Betriebe,  die  für  Rechnung
einer  und  derselben  Person  oder  Gesellschaft
geführt  worden  sind,  gelten  für  die  Berechnung
der  Entschädigung  als  ein  Betrieb.
§216.  Als  Grundlage  für  die  Berechnung  der
Entschädigung  wird  die  Weingeistmenge  ermittelt. ­
  die  in  dem  Betriebe  des  Berechtigten  in
der  Zeit  vom  1.  Oktober  1913  bis  zum  31.  Juli
1914  nachweislich  gegen  Entrichtung  der  Verbrauchsabgabe ­
  in  den  freien  Verkehr  gesetzt
oder  versteuert  bezogen  oder  unversteuert  ausgeführt ­
  worden  ist.  Von  der  ermittelten  Menge
wird  die  Menge,  die  in  dem  gleichen  Zeitraum  in
dem  Betriebe  des  Berechtigten
1.  zu  Trinkbranntwein  verarbeitet  ist,  mit  ihrem
vollen  Betrage,  vermehrt  um  ein  Fünftel,
2.  als  unverarbeiteter  Branntwein  in  Mengen
von  nicht  mehr  als  280  Liter  Weingeist  im
Einzelfall  abgesetzt  ist,  mit  fünfzehn  Hundertteilen ­
  ihres  Betrags,  vermehrt  um  ein
Fünftel,
in  Ansatz  gebracht  (Entschädigungszahl).
Die  näheren  Bestimmungen  trifft  der  Bundesrat.

§  217.  Die  Entschädigung  wird  für  die  ersten
zehn  Betriebsjahre  nach  dem  Inkrafttreten  dieses
Gesetzes  gewährt  und  beträgt  jährlich  für  das

Hektoliter

der  Entschädigungszahl,

wenn  diese  nicht  höher  ist  als  100

.  .  .  40  M.

,,  ,,

„  „  ,,  200

...  38  „

»&amp;gt;

300

•••  36  „

&amp;gt;&amp;gt;

4°o  .

•  ■  •  34

„  500  .

...  32  „

,,  ,.  ,.  ,,  600  .

•••  30  „

..  „  „  700  .

...  28  „

..  ,,  „  ,,  800  .

...  26  „

,.  9°o  .

...  24  „

&amp;gt;•  ,,  ,,  IOOO  .

...  22  „

’&amp;gt;  ”

höher  ist  als  1000  .

...  20  „

In  jeder  höheren  Staffel  wird  als  Gesamtentschädigung ­
  mindestens  so  viel  gewährt,  wie  sich
ergeben  würde,  wenn  die  Grenzzahl  der  vorhergehenden ­
  Staffel  zu  berücksichtigen  wäre.
§218.  Zur  Herstellung  von  freigeldpflichtigem
Trinkbranntweine  verwendete  Weingeistmengen
werden  auf  die  Entschädigungszahl  angerechnet.
Dies  gilt  auch  im  Falle  eines  Wechsels  im  Besitze ­
  des  Betriebs,  wenn  der  Betrieb  unter  der
gleichen  oder  einer  anderen  ein  Nachfolgeverhältnis ­

  andeutenden  Firma  fortgesetzt  wird  oder
wenn  der  freigeldpflichtigeTrinkbranntweinunter
Formen  in  den  Verkehr  gebracht  wird,  die  ihn
als  gleichartig  mit  Erzeugnissen  erscheinen  lassen
sollen,  wie  sie  von  dem  Entschädigungsberechtigten ­
  abgesetzt  worden  sind.
§  219.  Der  Bundesrat  kann  unter  Berücksichtigung ­
  der  angesammelten  Bestände  und  des
voraussichtlichen  Verbrauchs  von  Trinkbranntwein ­
  festsetzen,  welchen  Teil  der  der  Entschädigungszahl ­
  entsprechenden  Branntweinmenge  jeder
Hersteller  von  freigeldpflichtigem  Trinkbranntweine
  zum  regelmäßigen  Verkaufpreise  beziehen
darf.
Mehrere  Hersteller  von  freigeldpflichtigem
Trinkbranntweine  dürfen  die  ihnen  hiernach
zustehenden  Mengen  auch  gemeinsam  beziehen
und  verarbeiten.
§220.  Die  Entschädigungen  werden  am  Schlüsse
eines  jeden  mit  dem  Brennereibetriebsjahre  sich
deckenden  Entschädigungsjahrs  gezahlt.  Dem
Entschädigungsberechtigten,  sofern  er  auf  die
Herstellung  freigeldpflichtigen  Trinkbranntweins
völlig  verzichtet,  ist  auf  Antrag  eine  Bescheinigung ­
  auszustellen,  aus  der.  die  Höhe  seiner  gesamten ­
  Entschädigungsansprüche  ersichtlich  ist.
§  221.  Durch  die  in  den  §§  217  bis  220  vorgesehene ­
  Entschädigung  werden  sämtlidhe  Ansprüche ­
  des  Berechtigten  aus  der  Aufgabe  oder
Einschränkung  seines  Betriebs  abgegolten.
Besitzer  von  Abfüllstellen.
§  222.  Inhaber  von  Betrieben  —  mit  Ausnahme
von  Reinigungsanstalten—,  in  denen  im  Betriebsjahr ­
  1913/14  vollständig  vergällter  Branntwein
gewerbsmäßig  und  im  großen  in  die  für  den
Kleinhandel  bestimmten  Behältnisse  abgefüllt  und
in  diesen  Behältnissen  an  Kleinhändler  abgesetzt
ist,  werden  von  der  Monopolverwaltung  weiterbeschäftigt ­
  oder  entschädigt.
Als  Grundlage  für  die  Berechnung  der  Entschädigung ­
  wird  die  Weingeistmenge  vollständig
vergällten  Branntweins  ermittelt,  die  in  dem
Betriebe  des  Berechtigten  im  Betriebsjahr  1913/14
nachweislich  in  der  im  Abs.  1  angegebenen  Weise
abgefüllt  und  abgesetzt  ist.
Die  Entschädigung  wird  für  die  ersten  drei  Betriebsjahre ­
  nach  dem  Inkrafttreten  dieses  Gesetzes ­

  gewährt  und  beträgt
für  die  ersten  im  Betriebsjahr  1913/14
abgesetzten  10000  Hektoliter  Branntwein ­
  0,60  M.,
für  die  zweiten  im  Betriebsjahr  1913/14
abgesetzten  10000  Hektoliter  Branntwein ­
  0,50  M.,
für  den  Rest  der  im  Betriebsjahr  1913/14
abgesetzten  Branntweinmengen  .  .  0,40  M.
für  das  Hektoliter  Weingeist.

Die  Entschädigungszeit  mindert  sich  um  den
Zeitraum,  der  auf  die  Beschäftigung  durch  die
Monopolverwaltung  entfällt.
Die  Vorschriften  der  §§  220  und  221  finden
entsprechende  Anwendung.
Besitzer  von  Branntweinlagern.
§  223.  Auf  Branntweinlager,  die  vor  dem  1.  Oktober ­
  1917  betriebsfähig  bestanden  haben  und
nicht  zu  einer  Reinigungsanstalt  gehören,  werden
die  für  die  Lager  der  Reinigungsanstalten  geltenden ­
  Vorschriften  sinngemäß  angewendet.
        <pb n="529" />
        523

Vermittler.
§  224.  Gewerbetreibende,  die  nach  dem  30.  September ­
  1912  wenigstens  drei  Jahre  lang  den
Branntweinverkehr  zwischen  der  Brennerei  und
dem  Abnehmer  des  Branntweins  vermittelt  haben,
werden  nach  Wahl  der  Monopolverwaltung  auf
die  Dauer  von  zehn  Jahren  nach  dem  Inkrafttreten ­
  dieses  Gesetzes  weiterbeschäftigt  oder  in
angemessenen  Grenzen  entschädigt.
Händler.
§225.  Wer  in  den  Betriebsjahren  1911/12  bis
t9‘3/i4  mit  Branntwein  gewerbsmäßig  im  großen
gehandelt  hat,  wird  auf  Antrag  in  angemessenen
Grenzen  entschädigt.  Auf  Branntwein-Reinigungsanstalten ­
  ist  diese  Vorschrift  nicht  anwendbar.
Der  Antrag  ist  vor  Ablauf  des  zweiten  Jahres
nach  dem  Inkrafttreten  dieses  Gesetzes  bei  der
zuständigen  Verwaltungsbehörde  zu  stellen.
Agenten.
§  226.  Gewerbetreibende,  die  nach  dem  30.  September ­
  1912  im  Namen  der  Spiritus-Zentrale  oder
einet  Reinigungsanstalt  Geschäfte  über  die  Lieferung ­
  von  Branntwein  einschließlich  des  vergällten
Branntweins  abgeschlossen  haben,  werden  auf
Antrag  weiterbeschäftigt  oder  entschädigt.  Die
Entschädigung  wird  in  Höhe  der  Hälfte  der
nachweislich  im  Betriebsjahr  1913/14  gezahlten
Vermittlergebühren  auf  die  Dauer  von  fünf  Jahren
gewährt.  Die  Einitschädigungszeit  mindert  sich
um  den  Zeitraum,  der  auf  die  Beschäftigung
durch  die  Monopolverwaitung  entfällt.
Angestellte.
§  228.  Die  über  21  Jahre  alten  Personen,  die
bei  Inkrafttreten  dieses  Gesetzes  im  Betrieb  einer
Reinigungsanstalt  angestellt  waren  und  nachweislich ­
  infolge  dieses  Gesetzes  nicht  oder  zu
ungünstigeren  Bedingungan  weiterbeschäftigt  werden, ­
  erhalten  von  der  Monopolverwaltung  ihre
bisherigen  Bezüge  bis  zum  Ablauf  der  sechs  Monate, ­
  die  dem  Inkrafttreten  dieses  Gesetzes  folgen.
Statt  der  im  Abs.  I  bezeichnten  Ehtschädigung
  erhalten  die  Angestellten,  die  ununterbrochen ­
  seit  dem  1.  August  1914  in  einer  Reinigungsanstalt ­
  angestellt  waren,  als  Entschädigung
für  jedes  auch  nur  begonnene  Jahr  die  Hälfte  der
Bezüge  des  letzten  Anstellungsjahrs.  Angestellte,
die  zur  Zeit  des.  Inkrafttretens  dieses  Gesetzes
das  fünfundvierzigste  Lebensjahr  vollendet  haben,
erhalten  für  jedes  auch  nur  begonnene  weitere
Anstellungsjahr  drei  Viertel,  Angestellte,  die  zur
angegebenen  Zeit  das  fünfundfünfzigste  Lebensjahr ­
  vollendet  haben,  erhalten  die  vollen  Bezüge
des  letzten  Anstellungsjahres.
Als  Unterbrechung  gilt  nicht  die  Tätigkeit  in
der  Spiritus-Zentrale,  in  einer  der  für  Rechnung
dieser  Gesellschaft  betriebenen  Unternehmungen
oder  in  Spiritus-Verwertungs-Genossenschaften,
ebenso  nicht  der  Dienst  im  Heere,  in  der  Marine
oder  im  vaterländischen  Hilfsdienst.
§  229.  Als  Bezüge  gelten  neben  dem  Gehalt
oder  Lohne  die  geschäftsüblichen  Geldgeschenke,
Provisionen,  freie  Wohnung,  Beleuchtung  und
sonstigen  Vorteile,  die  sich  als  Gegenleistung
für  die  im  bisherigen  Geschäftsbetriebe  geleistete
Arbeit  kennzeichnen.
Wurden  die  Bezüge  nach  dem  1.  Juli  1918  erhöht, ­
  so  wird  die  Erhöhung  nicht  berücksichtigt,

es  sei  denn,  daß  sie  der  bisherigen  Übung  des
Betriebs  oder  den  Zeitverhältnissen  entsprach.
Für  Kriegsteilnehmer  können  diese  Bezüge  aus
Rücksichten  der  Billigkeit  erhöht  werden.
§  230.  Die  Entschädigung  darf  insgesamt  nicht
mehr  als  das  Siebeneinhalbfache  der  Bezüge  des
letzten  Anstellungsjahrs  und  nicht  mehr  als
100  000  Mark  betragen.
§  231.  Angestellte,  die  zu  den  bisherigen  Bedingungen ­
  zunächst  weiterbeschäftigt  werden,
denen  aber  später  gekündigt  wird,  haben,  wenn
die  Kündigung  nicht  aus  einem  in  ihrer  Person
liegenden  wichtigen  Grunde  erfolgt  (§  72  des
Handelsgesetzbuchs),
1.  bei  Kündigung  innerhalb  der  ersten  drei
Jahre  nach  dem  Inkrafttreten  dieses  Gesetzes ­
  Anspruch  auf  volle  Entschädigung,
2.  bei  späterer  Kündigung  Anspruch  auf  die
um  ein  Neuntel  für  jedes  volle  Jahr,  um  das
der  Angestellte  länger  als  drei  Jahre  weiterbeschäftigt ­
  worden  ist,  geminderte  Entschädigung. ­

Wird  dem  Angestellten  gekündigt,  weil  er
durch  Krankheit  oder  unverschuldetes  Unglück
an  der  Verrichtung  seiner  Dienste  verhindert
wird,  so  wird  die  Entschädigung  nicht  gemindert.
Das  gleiche  gilt,  wenn  der  Angestellte  aus  einem
wichtigen  Grunde  (§  71  des  Handelsgesetzbuchs)
kündigt.
§  232.  Angestellte,  die  innerhalb  der  ersten
drei  Jahre  nach  dem  Inkrafttreten  dieses  Gesetzes ­
  ohne  wichtigen  Grund  es  ablehnen,  eine
ihnen  von  der  Monopolverwaltung  unter  Belassung
  der  bisherigen  Bezüge  angebotene,  ihrer
beruflichen  Vorbildung  entsprechende  Beschäftigung ­
  auszuführen,  werden  nicht  entschädigt.  Das
gleiche  gilt,  wenn  ein  Angestellter,  der  zunächst
weiter  beschäftigt  worden  ist,  während  der  ersten
drei  Jahre  nach  Inkrafttreten  dieses  Gesetzes
kündigt.
Im  Falle  einer  späteren  Kündigung  erhält  der
Angestellte  als  Entschädigung  die  Hälfte  der
Bezüge,  die  ihm  nach  §231  Abs.  1  Ziffer  2  zustehen ­
  würden.
§  233.  Die  Entschädigungen  sind  alsbald  nach
Beendigung  des  Anstellungsverhältnisses  ausruzahlen.

Stirbt  der  Angestellte,  bevor  der  nach  den
Vorschriften  der  §§  228  bis  232  entstandene  Entschädigungsanspruch ­
  befriedigt  oder  erloschen
ist,  und  hinterläßt  er  eine  Ehefrau  oder  Erben
erster  Ordnung,  so  wird  die  Entschädigung  in
dem  Betrage,  zu  dem  sie  am  Schlüsse  des  letzten
Vierteljahrs  zu  beanspruchen  war,  jedoch  gemindert ­
  um  ein  Drittel,  an  die  Erben  gezahlt.
§  234.  Zu  den  Angestellten  im  Sinne  dieser
Vorschriften  sind  auch  die  Vorstandsmitglieder
von  Gesellschaften  zu  rechnen.  Reisende  gelten
als  Angestellte  nur  insoweit,  als  sie  bereits  am
r.  Oktober  1917  als  Handlungsgehilfen  im  Sinne
des  sechsten  Abschnitts  des  ersten  Buches  des
Handelsgesetzbuchs  mit  festem  Gehalt  angestellt
waren.
§  235.  Die  Vorschriften  der  §§  228  bis  234  finden ­
  sinngemäße  Anwendung  auf  Angestellte,  die
bei  Inkrafttreten  dieses ;  Gesetzes
1.  im  Geschäftsbetriebe  der  Spiritus-Zentrale,
Gesellschaft  mit  beschränkter  Haftung  in
Berlin,  oder  in  einer  der  für  Rechnung
        <pb n="530" />
        524

dieser  Gesellschaft  betriebenen  Unternehmungen ­
  tätig  sind  oder
2.  in  Spiritus-Verwertungs-  Genossenschaften
oder
3.  in  Betrieben  tätig  sind,  deren  Inhaber  nach
§  214  entschädigungsberechtigt  sind,  oder
entschädigungsberechtigt  sein  würden,  wenn
die  Vorschrift  in  §2t4  Abs.  2  auf  ^ie  keine
Anwendung  fände,
sofern,  die  Angestellten  infolge  dieses  Gesetzes
nicht  oder  zu  ungünstigeren  Bedingungen  weiterbeschäftigt ­
  werden.
Arbeiter.
§  236.  Die  mehr  als  ein  Jahr  in  einem  nach
den  Vorschriften  dieses  Abschnitts  entschädigungsberechtigten ­
  Betriebe  beschäftigt  gewesenen
Arbeiter,  die  nachweislich  infolge  dieses  Gesetzes ­
  innerhalb  des  ersten  Jahres  nach  dessen
Inkrafttreten  arbeitslos  werden,  ohne  anderweit
entsprechende  Beschäftigung  zu  finden,  oder
wegen  notwendig  gewordenen  Berufswechsels
oder  wegen  Einschränkung  des  Betriebs  geschädigt ­
  werden,  erhalten  aus  Mitteln  der  Mondpolverwaltung ­
  Unterstützung  bis  zu  einem  Zeitraum ­
  von  einem  halben  Jahre.
Statt  der  in  Abs.  1  gewährten  Entschädigung
erhalten  Arbeiter,  die  mindestens  zwei  Jahre  vor
dem  Inkrafttreten  dieses  Gesetzes  ununterbrochen
in  einem  nach  den  Vorschriften  dieses  Abschnitts
entschädigungsberechtigten  Betriebe  beschäftigt
waren,  die  Entschädigung  für  einen  Zeitraum  bis
zu  einem  Jahre.
Für  jedes  weitere  begonnene  Jahr  der  Beschäftigung ­
  bis  zu  neun  Jahren  verlängert  sich  der
Zeitraum,  bis  zu  dem  die  Unterstützung  gewährt
wird,  um  ein  halbes  Jahr.
§  237.  Die  §§  229  und  233  finden  entsprechende
Anwendung.
Bei  Abmessung  der  Unterstützung  ist  Rücksicht ­
  auf  die  Erwerbsfähigkeit  der  Arbeiter  zu
nehmen  und  nach  billigem  Ermessen  zu  berücksichtigen, ­
  wie  weit  der  Arbeiter  behindert  ist,  eine
Beschäftigung  in  einem  anderen  Betrieb  aufzunehmen. ­
  Bestehen  solche  Behinderungen  in
der  Aufnahme  der  Arbeit,  so  kann  die  Unterstützung ­
  für  einen  längeren  Zeitraum  oder  für
den  entgangenen  Verdienst  in  der  neuen  Stellung
gewährt  werden.
§  238.  Für  Arbeiter,  die  bei  Inkrafttreten  dieses
Gesetzes  mindestens  zehn  Jahre  ununterbrochen
in  einem  nach  den  Vorschriften  dieses  Abschnitts
entschädigungsberechtigten  Betrieb  beschäftigt
waren,  finden  die  Vorschriften  der  §§  228  bis  234
entsprechende  Anwendung.
§  239.  Die  näheren  Bestimmungen  über  Umfang ­
  und  Bedingungen  der  Zuwendungen  erläßt
der  Bundesrat,  jedoch  mit  der  Maßgabe,  daß  die
Unterstützung  im  Falle  eingetretener  Arbeitslosigkeit ­
  nicht  weniger  betragen  darf  als  drei
Viertel  des  entgangenen  Arbeitsverdienstes.
Entschädigungsverfahren.
§  240.  Die  nach  den  Vorschriften  der  §§  214
bis  239  zu  zahlenden  Entschädigungen  werden
durch  Entschädigungsausschüsse  festgesetzt.
Die  Entschädigungsausschüsse  entscheiden  auf
Grund  freier  Beweiswürdigung.  Sie  sind  befugt,
Zeugen  und  Sachverständige  eidlich  zu  vernehmen ­

  und  Versicherungen  an  Eides  Statt  entgegenzunehmen. ­

Die  näheren  Bestimmungen  für  die  Ausführung
trifft  der  Bundesrat.
§  241.  Gegen  die  Entscheidung  der  Ausschüsse
kann  binnen  einer  Frist  von  vier  Wochen  nach
der  Zustellung  des  Bescheids  der  ordentliche
Rechtsweg  beschriften  werden.
Entschädigungen  aus  Billigkeitsrücksichten.
§  242.  Der  Bundesrat  ist  befugt,  aus  Rücksichten ­
  der  Billigkeit  auch  anderen  als  den  nach
den  Vorschriften  der  §§  199  (betr.  Reinigungsanstalten) ­
  bis  239  in  Betracht  kommenden  Personen, ­
  die  durch  die  Einführung  dieses  Gesetzes ­
  in  ihrem  Erwerbe  geschädigt  werden,
aus  Mitteln  der  Monopolverwaltung  Entschädigungen ­
  zu  gewähren.  Der  Bundesrat  kann  die
Befugnis  auf  eine  andere  Stelle  übertragen.
Der  Antrag  auf  Entschädigung  ist  binnen
sechs  Monaten  nach  dem  Inkrafttreten  dieses
Gesetzes  an  die  Monopolverwaltung  zu  richten.
Freigeld.
§  249.  Dem  Freigeld  unterliegen  auch  die
beim  Inkrafttreten  dieses  Gesetzes  im  freien  Verkehre ­
  befindlichen,  bei  anderen  als  Verbrauchern
vorhandenen  Bestände  an  Trinkbranntwein,  soweit ­
  sie  nicht  bis  zum  Ablauf  des  mit  dem  Inkrafttreten ­
  dieses  Gesetzes  beginnenden  Kalendervierteljahrs ­
  an  Verbraucher  abgegeben  werden.
Wer  die  Befreiung  von  dem  Freigeld  in  Anspruch
nimmt,  hat  dies  der  Steuerbehörde  anzuzeigen
und  über  die  Bestände,  den  etwaigen  Zugang  und
den  Abgang  nach  näherer  Bestimmung  des  Bundesrats ­
  Anschreibungen  zu  führen,  die  mit  den
Beständen  den  Aufsichtsbeämten  der  Steuerverwaltung ­
  auf  Verlangen  vorzuzeigen  sind.  Auf
die  von  dem  Freigeld  nicht  befreiten  Bestände
finden  die  Vorschriften  in  §§  117  ff.  und  im
VIII.  Abschnitt  entsprechende  Anwendung.
Zuschlag  zur  Verbrauchsabgabe.
§  250.  Soweit  und  solange  der  Branntwein  der
Verbrauchsabgabe  (§  1  des  Branntweinsteuergesetzes ­
  vom  15.  Juli  1909  Reichs-Gesetzbl.  S.661)
unterliegt,  wird  zu  ihr  ein  Zuschlag  erhoben,  der
6,7s  Mark  für  das  Liter  Weingeist  beträgt.
Der  Zuschlag  wird  ermäßigt  für  Obstbrennereien ­
  und  Stoffbesitzer,  wenn  sie  im  Betriebsjahr ­

nicht  mehr  als  fünf  Liter  Weingeist  herstellen,
auf  3,16  Mark,
mehr  als  fünf,  aber  nicht  mehr  als  fünfzig  Liter
Weingeist  hersteilen,  auf  5,16  Mark.
Die  auf  die  Verbrauchsabgabe  bezüglichen
Vorschriften  des  Branntweinsteuergesetzes  sind
auch  auf  den  Zuschlag  zur  Verbrauchsabgabe
anzuwenden.
Für  die  Erhebung  und  Verwaltung  des  Zuschlags ­
  zur  Verbrauchsabgabe  wird  den  Bundesstaaten ­
  eine  Vergütung  nicht  gewährt.
Für  die  im  Abs.  1  bezeichnete  Zeit  wird  die
Übergangsabgabe  (§  22  des  Branntweinsteuergesetzes) ­
  auf  8,25  Mark  festgesetzt.
Essigsäure-Nachsteuer.
§  251.  Essigsäure  (§  144),  die  sich  am  Tage  des
Inkrafttretens  dieses  Gesetzes  im  freien  Verkehre
befindet,  unterliegt  nach  näherer  Bestimmung
        <pb n="531" />
        525

des  Bundesrats  einer  Nachsteuer  von  130  Mark
für  den  Doppelzentner  wasserfreie  Säure.
§  252.  Von  der  Nachsteuer  befreit  ist  Essigsäure ­
  des  freien  Verkehrs,
1.  soweit  sie  von  der  Verbrauchsabgabe  befreit ­
  ist;
2.  soweit  sie  nachweislich  nach  den  Sätzen  des
§  140  verzollt  ist;
3.  im  Besitze  von  Gewerbetreibenden  in  Mengen ­
  von  nicht  mehr  als  fünf  Kilogramm,  im
Besitze  von  anderen  Haushaltsvorständen  in
Mengen  von  nicht  mehr  als  einem  Kilogramm ­
  wasserfreie  Säure.
Aufwendungen  für  Wohlfahrts-  und  Wirtschaftszwecke. ­

§  258.  Aus  der  Monopoleinnahme  sind  jährlich ­


1.  vier  Millionen  Mark  zur  Bekämpfung  der
Trunksucht  und  ihrer  Ursachen  sowie  zur
Milderung  der  durch  die  Trunksucht  herbeigeführten ­
  Schäden.
2.  zwei  Millionen  Mark  zur  wissenschaftlichen
Erforschung  und  praktischen  Förderung  des
Kartoffelbaues  und  der  Kartoffelverwertung,
3.  bis  zu  sechzehn  Millionen  Mark  zur  Ermäßigung ­
  der  Kosten  der  weingeisthaltigen
Heilmittel  für  die  minderbemittelten  Volkskreise, ­
  wovon  den  Krankenkassen  (§  225  der
Reichsversicherungsordnung)  und  knappschaftlichen
  Krankenkassen  für  jedes  Mitglied ­
  und  Jahr  mindestens  60  Pfennig  als
Rückvergütung  zu  gewähren  sind,
dem  Reichskanzler  zur  Verfügung  zu  stellen.
Die  Beträge  sind  in  den  Reichahaushaltsplan  einzustellen. ­


Auszug  aus  dem  Biersteuergesetz.
Gegenstand  der  Biersteuer.
§1.  Bier,  das  im  Geltungsbereiche  dieses  Gesetzes ­
  hergestellt  wird,  unterliegt  einer  in  die
Reichskasse  fließenden  Abgabe  (Biersteuer).
Befreiung.
§  2.  Von  der  Biersteuer  befreit  ist  Bier,  das
unter  Steueraufsicht  aus  dem  Geltungsbereiche
dieses  Gesetzes  ausgeführt  wird.
Höhe  der  Steuer.
§  3.  Die  Biersteuer  beträgt  für  jedes  Hektoliter
der  in  einem  Brauereibetrieb  innerhalb  eines
Rechnungsjahres  hergestellten  Biermenge

von  den  ersten

2000  Hektolitern  .  .  10,00  M.,

„  folgenden

8000

,,  •  •  10,50  „

,,  ,,  ,,

IOOOO

,,  ..  11,00  „

&amp;gt;J  ))  J&amp;gt;

10000

„  .  •  11.50  „

»&amp;gt;  Ji  &amp;gt;&amp;gt;

30000

,,  .  .  12,00  ,,

,

6:j  000

,.  •  •  12,30  „

„  dem  Reste  .  .

Die  Steuersätze

im  Abs.  1

ermäßigen  sich  für

Einfachbier  und  erhöhen  sich  für  Starkbier  je
um  die  Hälfte.  Einfachbier  im  Sinne  dieses
Gesetzes  ist  Bier  mit  einem  Stammwürzegehalt
bis  4,s  vom  Hundert.  Vollbier  ist  Bier  mit
einem  Stammwürzegehalt  von  8—13  vom  Hundert. ­
  Starkbier  ist  Bier  mit  einem  Stammwürzegehalt ­
  von  mehr  als  13  vom  Hundert.
Für  die  vor  dem  1.  Oktober  1908  betriebsfähig ­
  hergerichteten  Brauereien  wird,  sofern  in
ihnen  im  Durchschnitt  der  Rechnungsjahre  1906,
1907  und  1908  und  seither  bis  zum  Inkrafttreten
dieses  Gesetzes  in  einem  Rechnungsjahre  nicht
mehr  als  150  Doppelzentner  Braustoffe  nach
den  Vorschriften  der  Brausteuergesetze  vom
3.  Juni  1906  und  vom  15.  Juli  1909  steuerpflichtig
geworden  sind,  die  Biersteuer  von  den  ersten
1000  Hektolitern  der  in,  einem  Rechnungsjahre
hergestellten  Biermenge  auf  acht  Mark  für  ein
Hektoliter  ermäßigt.  Die  Vorschrift  im  Abs.  2
findet  entsprechende  Anwendung.  Die  Vergün
stigung  erlischt  mit  dem  Ablauf  des  Rechnungsjahrs, ­
  in  dem  in  der  Brauerei  mehr  als  1000
Hektoliter  Bier  hergestellt  worden  sind.

Vom  26.  Juli  1  gx8.  (R.-G.-Bl.  S.  863.)
Mehrere  Brauereien,  die  für  Rechnung  einer
und  derselben  Person  oder  Gesellschaft  betrieben
werden,  sind  im  Sinne  des  Abs.  1  als  ein  Brauereibetrieb ­
  anzusehen.  Sind  mehrere,  am  1.  August
1909  für  Rechnung  einer  und  derselben  Person
oder  Gesellschaft  betriebene  Brauereien  bis  dahin
steuerlich  getrennt  behandelt  worden,  so  sind
sie  auch  nach  dem  Inkrafttreten  des  Gesetzes
getrennt  zu  behandeln.
Wird  eine  Braustätte  von  mehreren,  für  eigene
Rechnung  brauenden  Personen  gemeinsam  benutzt, ­
  so  ist  für  die  Höhe  des  Steuersatzes  nicht
die  in  der  Brauerei  insgesamt  hergestellte  Bierraenge,
  sondern  die  Biermenge  entscheidend,
die  jede  einzelne  dieser  Personen  auf  eigene
Rechnung  herstellt.  Nach  dem  1.  August  1909  errichtete ­
  Brauereien  dieser  Art  erhalten  die  Vergünstigung ­
  nicht.  Ausnahmen  können  nach
näherer  Bestimmung  des  Bundesrats  zugelassen
werden.
Haustrunk  und  Hausbrauer.
§  6.  Für  Bier,  das  von  Brauereien  an  ihre  Angestellten ­
  und  Arbeiter  als  Haustrunk  gegen
Entgelt  oder  unentgeltlich  abgegeben  wird,  wird
die  Steuer  nicht  erhoben.  Brauereien  dürfen
Bier,  das  nach  dieser  Vorschrift  steuerfrei  geblieben ­
  ist,  an  andere  Personen  als  ihre  Angestellten ­
  und  Arbeiter  nicht  abgeben.
Für  Personen,  die  obergäriges  Bier  nur  für
ihren  Hausbedarf  bereiten,  wird,  wenn  sie  in
einem  Rechnungsjahre  nicht  mehr  als  zwanzig
Hektoliter  Bier  herstellen,  die  Steuer  auf  drei
Mark  für  ein  Hektoliter  ermäßigt.  Es  ist  verboten, ­
  Bier,  das  zum  ermäßigten  Satze  versteuert
worden  ist,  an  nicht  zum  Haushalt  gehörige
Personen  gegen  Entgelt  abzugeben.  Bierverkäufer ­
  haben  auf  die  Ermäßigung  keinen  Anspruch. ­

Steuerpflichtige  Menge.
§  10.  Die  steuerpflichtige  Menge  bestimmt  sich
nach  dem  Raurrigehalte  der  Umschließungen
(Fässer,  Flaschen  usw.),  in  denen  das  Bier  die
Brauerei  verläßt.
        <pb n="532" />
        526

Die  Feststellung  der  steuerpflichtigen  Menge
des  innerhalb  der  Brauerei  getrunkenen  Bieres
erfolgt  nach  näherer  Anordnung  des  Bundesrats. ­

Fälligkeit,  Stundung.
§  ii.  Die  Steuer  für  die  in  einem  Monat  steuerpflichtig ­
  gewordenen  Biermengen  (§  8  Abs.  2)
wird  am  letzten  Tage  dieses  Monats  fällig  und
ist  spätestens  am  siebenten  Tage  des  nächstfolgenden ­
  Monats  bei  der  Hebestelle  einzuzahlen
Wird  die  Zahlungsfrist  wiederholt  versäumt  oder
liegen  Gründe  vor,  die  den  Eingang  der  Steuer
gefährdet  erscheinen  lassen,  so  kann  die  Steuerbehörde ­
  die  Bezahlung  oder  Sicherstellung  der
Steuer  bei  Eintritt  der  Steuerpflicht  fordern.
Gegen  Sicherheitsleistung  ist  die  Steuer  für
eine  Frist  von  drei  Monaten  zu  stunden.
Nebengebühren,  insbesondere  für  Quittungen
und  Bescheinigungen  der  Steuerbehörden,  werden ­
  nicht  erhoben.

Verjährung.

§  12.  Ansprüche  auf  Zahlung  oder  Erstattung
der  Biersteuer  verjähren  in  einem  Jahre  von  dem
Tage  des  Eintritts  der  Abgabepflicht  oder  Abgabenentrichtung ­
  ab.  Der  Anspruch  auf  Nachzahlung ­
  eines  hinterzogenen  Steuerbetrags  verjährt ­
  in  drei  Jahren.
Die  Verjährung  wird  durch  jede  von  der  zuständigen ­
  Behörde  zur  Geltendmachung  des  Anspruchs ­
  gegen  den  Zahlungspflichtigen  gerichtete ­
  Handlung  unterbrochen.

B$erbereitung.

§  13.  Zur  Bereitung  von  untergärigem  Biere
darf,  abgesehen  von  der  Vorschrift  im  Abs.  3,
nur  Gerstenmalz,  Hopfen,  Hefe  und  Wasser
verwendet  werden.
Die  Bereitung  von  obefgärigem  Biere  unterliegt ­
  derselben  Vorsohrift;  es  ist  hierbei  jedoch
auch  die  Verwendung  von  anderem  Malze  und
die  Verwendung  von  technisch  reinem  Rohr-,
Rüben-  oder  Invertzucker  sowie  von  Stärkezucker ­
  und  aus  Zucker  der  bezeichneten  Art  hergestellten ­
  Farbmitteln  zulässig.
Die  Verwendung  von  Farbebieren,  die  nur
aus  Malz,  Hopfen,  Hefe  und  Wasser  hergestellt
sind,  ist  bei  der  Bierbereitung  gestattet,  unterliegt ­
  jedoch  den  vom  Bundesrat  anzuordnenden
Überwachungsmaßnahmen.
Unter  Malz  wird  alles  künstlich  zum  Keimen
gebrachte  Getreide  verstanden.
Für  die  Bereitung  besonderer  Biere  sowie  von
Bier,  das  nachweislich  zur  Ausfuhr  bestimmt
ist,  können  Abweichungen  von  den  Vorschriften
im  Abs.  1  und  2  gestattet  werden.
Die  Vorschriften  im  Abs.  i  und  2  finden  keine
Anwendung  auf  die  Bierbereitung  der  steuerbegünstigten ­
  Hausbrauer  (§  6).
Der  Zusatz  von  Wasser  zum  Biere  durch
Brauer  nach  Feststellung  des  Extraktgehalts  der
Stammwürze  im  Gärkeller  oder  durch  Bierhändler ­
  oder  Wirte  ist  untersagt.  Das  Hauptamt  kann
Brauern  unter  den  erforderlichen  Sioherungsmaßnahmen
  den  Zusatz  von  Wasser  zum  Biere
nach  Feststellung  des  Extraktgehalts  der  Stammwürze ­
  im  Gärkeller  gestatten.
Die  Vermischung  von  Einfachbier,  Vollbier
und  Starkbier  miteinander  sowie  der  Zusatz  von

Zucker  zum  Biere  durch  Brauer  nach  Eintritt
der  Steuerpflicht  des  Bieres  oder  durch  Bierhändler ­
  oder  Wirte  ist  untersagt.
Verkehr  mit  Bier.
§14.  Unter  der  Bezeichnung  Bier  —  allein
oder  in  Zusammensetzung,—  oder  unter  Bezeichrungen
  oder  bildlichen  Darstellungen,  die  den
Anschein  erwecken,  als  ob  es  sich  um  Bier
handelt,  dürfen  nur  solche  Getränke  in  Verkehr
gebracht  werden,  die  gegoren  sind  und  den
Vorschriften  im  §  13  Abs.  1  bis  3  entsprechen.
Bier,  zu  dessen  Herstellung  außer  Malz,  Hopfen, ­
  Hefe  und  Wasser  auch  Zucker  verwendet
worden  ist,  darf  nur  in  Verkehr  gebracht  werden, ­
  wenn  die  Verwendung  von  Zucker  in  einer
dem  Verbraucher  erkennbaren  Weise  kundgemacht ­
  wird.  Das  Nähere  bestimmt  der  Bundesrat. ­

Einfachbier  (§3  Abs.  2)  darf  nur  in  Verkehr
gebracht  werden,  wenn  es  in  einer  dem  Verbraucher ­
  erkennbaren  Weise  als  solches  bezeichnet ­
  ist.  Bier  darf  unter  der  Bezeichnung
Starkbier  oder  einer  sonstigen  Bezeichnung,  die
den  Anschein  erweckt,  als  ob  das  Bier  besonders
stärk  eingebraut  sei,  nur  in  den  Verkehr  gebracht
werden,  wenn  der  Extraktgehalt  der  Stammwürze
des  Bieres  nicht  unter  die  festgesetzte  Grenze
herabgeht.  Vollbier,  dessen  Stammwürzegehalt
der  Vorschrift  des  §  3  Abs.  2  nicht  entspricht,  darf
nicht  in  Verkehr  gebracht,  werden.
Zubereitungen.
§  15.  Zur  Herstellung  von  Bier  bestimmte  Zubereitungen, ­
  mit  Ausnahme  der  im  §  13  Abs.  2
bezeichneten,  aus  Zucker  hergestellten  Farbmittel
und  der  im  §  13  Abs.  3  bezeichneten  Farbebiere,
dürfen  nicht  in  Verkehr  gebracht  werden.
Zuckerverwendung.
§  32.  Wer  Zucker  zur  Bierbereitung  verwenden
will,  hat,  abgesehen  von  der  für  jeden  Sud  zu  erstattenden ­
  Brauanzeige  (§  29),  hierüber  mindestens ­
  drei  Tage  vor  der  erstmaligen  Verwendung
bei  der  Steuerhebestelle  eine  schriftliche  Erklärung
in  doppelter  Ausfertigung  einzureichen.  In  der  Erklärung, ­
  deren  eine  Ausfertigung  in  der  Brauerei
zur  Einsicht  der  Steuerbeamten  aufgelegt  werden ­
  muß,  ist  die  Art  und  Weise  der  beabsichtigten ­
  Verwendung,  insbesondere  bei  welchem
Abschnitt  der  Bierbereitung  sie  jedesmal  erfolgen ­
  soll,  näher  zu  bezeichnen.  Bei  dem  Betrieb ­
  ist  diese  Erklärung  genau  zu  befolgen;
später  beabsichtigte  dauernde  Änderungen  sind
innerhalb  gleicher  Frist  vorher  schriftlich  anzuzeigen. ­
  Soll  von  dem  Inhalt  der  Erklärung
nur  für  einzelne  bestimmte  Einmaischungen  ab
gewichen  werden,  so  ist  dies  in  der  Brauanzeige
anzumelden.
Über  den  zur  Bierbereitung  bestimmten  Vorrat ­
  an  Zucker  ist  nach  näherer  Anordnung  des
Bundesrats  ein  Buch  zu  führen,  das  den  Steuerbeamten ­
  jederzeit  vorzulegen  ist.
Abfüllung  und  Lagerung  fertigen  Bieres;  Entfernen ­
  des  Bieres  aus  der  Brauerei;  Einbringen
von  Bier.
g  34.  Fertiges,  unversteuertes  Bier  darf  nur  in
den  von  der  Steuerbehörde  zugelassenen  Räumen
gelagert  und  abgefüllt  werden.
        <pb n="533" />
        527

Bier  darf  aus  der  Brauerei  nicht  entfernt  werden, ­
  bevor  es  in  den  nach  seiner  allgemeinen
Beschaffenheit  und  regelmäßigen  Brauart  zum
Genüsse  fertigen  Zustand  gebracht  ist.  Der  Bundesrat ­
  kann  Ausnahmen  zulassen.
Die  Einbringung  von  Bier  aus  dem  freien  Verkehr ­
  in  eine  Brauerei  unterliegt  den  vom  Bundesrat ­
  anzuordnenden  Überwachungsmaßnahmen.
Versandgefäße.
§  35.  In  Fässern  darf  Bier  aus  der  Brauerei
nur  dann  entfernt  werden,  wenn  die  Fässer
amtlich  geeicht  und  mit  dem  Eichstempel  und
einer  Nummer  versehen  sind.  Auf  den  Fässern
muß  die  Brauerei,  in  der  das  Bier  bergestellt  ist,
bezeichnet  und  das  Jahr  der  Eichung  und  der
Raumgebalt  in  Litern  angegeben  sein.  Die  Angaben ­
  auf  den  Fässern  müssen  deutlich  und
dauerhaft  angebracht  sein.
In  anderen  Gefäßen  als  Fässern  darf  Bier  aus
der  Brauerei  nur  entfernt  werden,  wenn  diese
Gefäße  vorher  nach  Art  und  Raumgehalt  unter
Hinterlegung  von  Mustern  der  Steuerbehörde
angemeldet  worden  sind.  Auf  den  Gefäßen  muß
der  Name  und  Ort  der  Brauerei,  in  der  das  Bier
hergestellt  ist,  angegeben  sein.
Bestandsaufnahme.
§  36.  Nach  näherer  Bestimmung  des  Bundesrats ­
  werden  in  den  Brauereien  Bestandsaufnahmen ­
  vorgenommen.  Fehlmengen  an  Bier,  die
sich  hierbei  gegenüber  den  in  der  Brauerei  geführten ­
  Anschreibungen  ergeben,  sind  zu  versteuern, ­
  soweit  nicht  dargetan  wird,  daß  sie  auf
Umstände  zurückzuführen  sind,  die  eine  Steuerschuld ­
  nicht  begründen.
Bierausschank  und  Bierhandel  der  Brauereien.
§  38.  Findet  in  Verbindung  mit  einer  Brauerei
Ausschank  von  Bier  oder  Handel  mit  fremdem
Bier  statt,  so  kann  der  Bundesrat  besondere
Überwachungsmaßnahmen  treffen.
Steueraufsicht,  Gegenstand  und  Umfang.
§  39.  Die  Brauereien  und  der  Ausschank  von
Bier  in  Verbindung  mit  einer  Brauerei  unterliegen ­
  der  Steueraufsicht.
Die  Steuerbeamten  sind  befugt,  in  den  Betriebs- ­
  und  Lagerräumen  einer  Brauerei,  in  den
an  die  Brauerei  anstoßenden,  mit  ihr  in  Verbindung ­
  stehenden  Räumen  sowie  in  den  Räumen, ­
  in  denen  ein  Ausschank  von  Bier  in  Verbindung ­
  mit  einer  Brauerei  stattfindet,  Nachschau ­
  zu  halten.  Die  Steuerbeamten  sind  insbesondere ­
  berechtigt,  die  zum  Wiegen  der  Braustoffe ­
  bestimmten  Wagen  und  Gewichte  sowie
die  zur  Vermessung  der  Würze-  und  Biermengen
bestimmten  Geräte  zu  prüfen  und  im  Bedarfsfall
deren  Richtigstellung  zu  veranlassen,  die  Vorräte ­
  an  Braustoffen  nachzuwiegen,  die  zum  Betrieb ­
  einer  Brauerei  bestimmten  Geräte  und  Gefäße, ­
  einschließlich  der  Lager-,  Fuhr-  und  Versandgefäße, ­
  nachzumessen  und  die  erzeugten
Würze-  oder  Biermengen  sowie  deren  Extraktgehalt ­
  festzustellen.  Die  Steuerbeamten  dürfen
in  den  unter  Steueraufsichf  stehenden  Betrieben
unentgeltlich  Proben  von  den  Braustoffen,  der
Bierwürze  und  dem  Biere  entnehmen.
Den  Steuerbeamten  müssen  die  im  Abs.  2  bezeichneten
  Räume  von  morgens  6  Uhr  bis  abends

9  Uhr,  und  wenn  in  ihnen  gearbeitet  wird,  jederzeit ­
  zugänglich  sein;  die  Zeitbeschränkung  fällt
weg,  wenn  Gefahr  im  Verzug  ist.
Es  dürfen  keine  Einrichtungen  getroffen  werden, ­
  die  die  Ausübung  der  Nachschau  verhindern ­
  oder  erschweren.
Haussuchung,
§  40.  Ist  hinreichender  Verdacht  vorhanden,
daß  die  Biersteuer  hinterzogen  worden  ist  oder
daß  bei  der  Bierbereitung  unzulässige  Stoffe
verwendet  werden,  so  dürfen  die  Steuerbeamten
auch  in  anderen  als  den  im  §  39  Abs.  2  bezeichneten
  Räumen  unter  Beachtung  der  für  Haussuchungen ­
  gesetzlich  vorgeschriebenen  Formen
Nachschau  'halten.
Strafe  für  Verwendung  unzulässiger  Stoffe  bei
der  Bierbereitung.
§  jo.  Wer  vorsätzlich  oder  fahrlässig  andere  als
die  nach  §  13  zulässigen  Stoffe  zur  Bereitung  von
Bier  verwendet  oder  dem  fertigen  zum  Absatz
bestimmten  Biere  zusetzt,  wird,  soweit  nicht
nach  anderen  Gesetzen  eine  schwerere  Strafe
verwirkt  ist,  mit  einer  Geldstrafe  von  50  Mark
bis  5000  Mark  bestraft.  Ebenso  wird  bestraft,
wer  unzulässige  Ersatz-  oder  Zusatzstoffe  in  einer
unter  Steueraufsicht  stehenden  Räumlichkeit  (§39
Abs.  2)  aufbewahrt,  sofern  die  Stoffe  nicht  nachweislich ­
  zu  anderen  Zwecken  als  zur  Bierbereitung ­
  bestimmt  sind.
N  eben  der  Geldstrafe  kann  auf  Einziehung  der
Ersatz-  oder  Zusatzstoffe,  des  mit  ihnen  bereiteten
oder  versetzten  Bieres  und  der  Umschließungen
erkannt  werden,  ohne  Unterschied,  ob  sie  dem
Verurteilten  gehören  oder  nicht.  Ist  die  Einziehung ­
  nicht  ausführbar,  so  ist  dem  Verurteilten
an  ihrer  Stelle  die  Zahlung  des  Wertes  der  Gegenstände ­
  oder,  wenn  dieser  nicht  zu  ermitteln
ist,  einer  Geldsumme  von  10  Mark  bis  10000
Mark  aufzuerlegen.
Die  Vorschriften  im  Abs.'i  Satz  1  Abs.  2  finden ­
  auf  Zuwiderhandlungen  gegen  das  Verbot
über  die  Verbreitung  von  Zubereitungen  der
im  §  15  bezeichneten  Art  Anwendung.
Haftung  für  andere  Personen.
§  53.  Inhaber  der  unter  das  Biersteuergesetz
fallenden  Betriebe  haften  für  die  von  ihren  Verwaltern, ­
  Geschäftsführern,  Gehilfen  und  sonstigen,
in  ihrem  Dienst  oder  Lohn  stehenden  Personen
sowie  von  ihren  Familien-  oder  Haushaltsmitgliedern ­
  auf  Grund  dieses  Gesetzes  verwirkten
Geldstrafen  und  Kosten  des  Strafverfahrens  sowie ­
  für  die  nachzuzahlende  Steuer.  Die  Haftung
für  die  Geldstrafe  und  die  Kosten  tritt  nicht  ein,
wenn  die  Zuwiderhandlung  nachweislich  ohne
Wissen  des  Inhabers  begangen  worden  ist;  die
Haftung  ist  jedoch  auch  in  diesem  Falle  begründet, ­
  wenn  es  der  Inhaber  bei  der  Auswahl
oder  der  Beaufsichtigung  cjes  Angestellten  oder
bei  der  Beaufsichtigung  der  Familien-  oder  Haushaltsmitglieder ­
  an  der  erforderlichen  Sorgfalt
hat  fehlen  lassen  oder  wenn  er  aus  der  Tat  einen
Vorteil  gezogen  hat.
Übertragung  der  strafrechtlichen  Verantwortlichkeit. ­

§  54.  Betriebsinhaber,  die  den  Betrieb  nicht
selbst  leiten,  können  die  Übertragung  der  ihnen
        <pb n="534" />
        528

obliegenden  strafrechtlichen  Verantwortlichkeit
auf  den  Betriebsleiter  bei  der  Steuerbehörde  beantragen. ­
  Wird  der  Antrag  genehmigt,  so  geht
die  strafrechtliche  Verantwortlichkeit  unbeschadet

der  im  §  53  vorgesehenen  VertretungsVerbindlichkeit ­
  des  Betriebsinhabers  auf  den  Betriebsleiter ­
  über.  Die  Genehmigung  ist  jederzeit  widerruflich. ­


Gesetz  über  den  Bicrzoll.  Von
§  1.  Die  Nummer  186  des  Zolltarifs  vom  25.Dezember ­
  1902  erhält  folgende  Fassung:
Bier  aller  Art:
in  Behältnissen  bei  einem  Raumgehalte ­
  von  15  Litern  oder  mehr  19,35  M.,
in  anderen  Behältnissen  25,00  „  .
Anmerkung,  Der  Bundesrat  kann  für  Bier
in  amtlich  geeichten  Fässern,  auf  denen  der
Eichstempel,  das  Jahr  der  Eichung  und  der

Auszug  aus  dem  Weinstcuergesetz.
Gegenstand  und  Höhe  der  Weinsteuer.
§  1.  Wein  und  Traubenmost,  ferner  dem  Weine
ähnliche  Getränke  unterliegen,  wenn  sie  zum
Verbrauch  im  Inland  bestimmt  sind,  einer  in
die  Reichskasse  fließenden  Abgabe  (Weinsteuer)
in  Höhe  von  zwanzig  vom  Hundert  des  steuerpflichtigen ­
  Wertes.  Der  Bundesrat  ist  ermächtigt ­
  und  auf  Verlangeil  des  Reichstags  verpflichtet, ­
  nach  Beendigung  des  Krieges  den  Steuersatz
für  Weine  im  steuerpflichtigen  Werte  von  nicht
mehr  als  zwei  Mark  für  das  Liter  auf  fünfzehn
vom  Hundert  des  Wertes  herabzusetzen.
Wo  in  diesem  Gesetze  von  Wein  ohne  nähere
Bezeichnung  die  Rede  ist,  sind  darunter  die  in
Abs.  t  aufgeführten  Erzeugnisse  zu  verstehen.
Steuerpflichtige.
§  2.  Zur  Entrichtung  der  Steuer  ist  verpflichtet,
wer  Wein  an  einen  Verbraucher  abgibt,  ferner
wer  unversteuerten  Wein  dem  Verbrauch  im
eigenen  Haushalt  oder  Betriebe  zuführt,  und  wer
als  Verbraucher  Wein  aus  dem  Ausland  bezieht.
Als  Verbraucher  ist  anzusehen,  wer  Wein  bezieht, ­
  ohne  Hersteller  oder  Händler  zu  sein.  Als
Hersteller  oder  Händler  im  Sinne  dieses  Gesetzes ­
  gilt  nur,  wer  seinen  Betrieb  gemäß  §  15
angemeldet  hat.  Solche  Wirte  und  Kleinverkäufer, ­
  die  lediglich  inländischen  Wein  vom
Faß  verschänken,  sind  als  Verbraucher  im  Sinne
dieses  Gesetzes  anzusehen.
§  3.  Wer  Wein  an  einen  Verbraucher  abgibt,
ist  verpflichtet,  dem  Verbraucher  den  Steuerbetrag ­
  besonders  zu  berechnen.  Der  Verbraucher
hat  die  Zahlung  an  den  Abgeber  zu  leisten.  Eine
Berufung  darauf,  daß  die  Steuer  gemäß  §  13  dem
Abgeber  gestundet  sei,  ist  unzulässig.
Eintritt  der  Steuerpflicht.
§  4.  Die  Steuerpflicht  tritt  ein  bei  Wein,  der
an  einen  Verbraucher  abgegeben  wird,  mit  dem
Zeitpunkt  der  Absendung  oder,  wenn  eine  solche
nicht  stattfindet,  mit  dem  Zeitpunkt  der  Aushändigung ­
  an  diesen,  bei  unversteuertem  Weine,
der  zum  Verbrauch  im  eigenen  Haushalt  oder
Betriebe  bestimmt  wird,  mit  dem  Zeitpunkt  der
Entnahme  aus  den  Lagervorräten,  und  bei  Wein,  I

26.  Juli  1918.  (R.-G.-BI.  S.  885.)
Raumgehalt  nach  Litern  deutlich  und  dauerhaft
angegeben  sind,  wenn  der  Raumgehalt  15  Liter
oder  mehr  beträgt  und  seit  der  Eichung  nicht
mehr  als  fünf  Jahre  verflossen  sind,  die  Verzollung ­
  nach  dem  Raumgehalte  der  Fässer  zum
Zollsatz  von  25,40  Mark  für  ein  Hektoliter  zulassen. ­

§  2.  Dieses  Gesetz  tritt  am  1.  Oktober  1918  in
Kraft.

Vom  26.  Juii  1918.  (R.-G.-Bl.  S.  831.)
den  ein  Verbraucher  aus  dem  Ausland  bezieht,
mit  dem  Zeitpunkt  des  Überganges  über  die
Zollgrenze.
Wer  Wein  gegen  Entgelt  im  Inland  an  einen
Verbraucher  abgibt,  hat  diesem  eine  Rechnung
auszustellen,  aus  der  Name  und  Wohnort  des
Abgebenden  und  des  Beziehers,  der  Tag  der  Abgabe, ­
  die  Art,  Bezeichnung  und  Menge  des
Weines  sowie  dessen  steuerpflichtiger  Wert  (§  5)
und  der  Steuerbetrag  ersichtlich  sind.  Der  Bundesrat ­
  kann  Erleichterungen  zulassen.
Der  steuerpflichtige  Wein  haftet  ohne  Rücksicht ­
  auf  die  Rechte  Dritter  für  den  Betrag  der
darauf  ruhenden  Abgabe  und  kann,  solange
deren  Entrichtung  nicht  erfolgt  ist,  von  der
Steuerbehörde  mit  Beschlag  belegt  werden.
Steuerpflichtiger  Wert.
§  5.  Als  steuerpflichtiger  Wert  gilt  bei  Wein,
der  gegen  Entgelt  an  einen  Verbraucher  abgegeben ­
  wird,  der  diesem  in  Rechnung  gestellte
Preis,  wobei  Rabatt,  Zinsvergütungen,  Zahlungsabzüge ­
  und  dergleichen  unberücksichtigt  bleiben. ­
  Zum  steuerpflichtigen  Werte  gehören  nicht
der  Wert  der  unmittelbaren  Umschließungen,
soweit  diese  gesondert  und  zu  angemessenen
Beträgen  in  Rechnung  gestellt  werden,  und  der
Wert  der  äußeren  Verpackungsmittel.  Die  bis
zum  Zeitpunkt  der  Lieferung  entstandenen  Nebenkosten ­
  für  Lagerung,  Behandlung,  Abfüllung,
Ausstattung,  Fracht,  Versicherung,  Kommission
und  dergleichen  sind  in  den  steuerpflichtigen
Wert  einzurechnen.
Wein,  der  unentgeltlich  an  Verbraucher  abgegeben ­
  oder  der  dem  Verbrauch  im  eigenen
Haushalt  oder  Betriebe  zugeführt  wird,  ist  nach
dem  Werte  zu  versteuern,  der  sich  zur  Zeit  der
Abgabe  oder  Zuführung  für  gleiche  oder  gleichartige ­
  Weine  für  den  Fall  ihrer  Abgabe  gegen
Entgelt  nach  Abs.  1  ergeben  würde.
Für  die  Verwertung  von  Wein,  der  von  einem
Verbraucher  aus  dem  Ausland  eingeführt  wird,
gelten  die  Grundsätze  des  Abs.  1  mit  der  Maßgabe, ­
  daß  in  den  steuerpflichtigen  Wert  der
Eingangszoll  sowie  die  bis  zum  Übergang  über
die  Zollgrenze  entstandenen  Fracht-,  Versiehe-
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        «MM

529

rungs-,  Löschungs-,  Einlagerungs-  und  sonstigen
Spesen  eingerechnet  werden.
Fälligkeit.
§  6.  Die  Steuer  für  Wein,  der  von  einem  Verbraucher ­
  aus  dem  Ausland  bezogen  wird,  ist
gleichzeitig  mit  dem  Eingangszolle  zu  entrichten.
Im  übrigen  wird  die  Steuer  für  die  in  einem
Monat  steuerpflichtig  gewordenen  Weinmengen
(§  4  Abs.  i)  am  letzten  Tage  dieses  Monats  fällig
und  ist  spätestens  am  fünfzehnten  Tage  des
nächstfolgenden  Monats  bei  der  Hebestelle  einzuzahlen. ­

Wird  die  Zahlungsfrist  wiederholt  versäumt
oder  liegen  Gründe  vor,  die  den  Eingang  der
Steuer  gefährdet  .erscheinen  lassen,  so  kann  die
Steuerbehörde  die  Bezahlung  oder  Sicherstellung
der  Steuer  bei  Eintritt  der  Steuerpflicht  fordern.
Nebengebühren,  insbesondere  für  Quittungen
und  Bescheinigungen  der,  Steuerbehörden,  werden ­
  nicht  erhoben.
Anmeldung  und  Feststellung  der  Steuerbeträge.
§  7.  Der  Steuerpflichtige  hat  spätestens  am
siebenten  Werktage  eines  jeden  Monats  die  im
vorhergegangenen  Monate  steuerpflichtig  gewordenen ­
  Weinmengen  nach  näherer  Bestimmung
des  Bundesrats  schriftlich  bei  der  Hebestelle
durch  eine  Erklärung  anzumelden,  in  der  der
steuerpflichtige  Wert  jeder  einzelnen  Weinabgabe
oder  Weinentnahme  in  Übereinstimmung  mit
den  kaufmännischen  Büchern  ersichtlich  zu
machen  ist.  Für  Wein,  der  von  einem  Verbraucher ­
  aus  dem  Ausland  eingeführt  wird,  ist
der  steuerpflichtige  Wert  bei  der  Zollabfertigung
anzumelden.
Für  Fälle  des  Bedürfnisses,  insbesondere  für
kleine  Herstellungsbetriebe,  ferner  für  den  Weinabsatz ­
  in  Schankwirtschaften  oder  im  Kleinverkaufe, ­
  kann  der  Bundesrat  abweichende  Anordnungen ­
  treffen.
Der  Steuerbetrag  wird  für  jede  Anmeldung  in
einer  Gesamtsumme  festgestellt.  Pfennigbeträge
werden  nur  insoweit  erhoben,  als  sie  durch  fünf
teilbar  sind.
Entscheidung  über  die  Zulänglichkeit  der  Wertanmeldung. ­

§  8.  Zweifel  der  Hebestellen  an  der  Zulänglichkeit ­
  der  Wertanmeldungen  sind,  wenn,  sie
nicht  durch  Prüfung  der  Geschäftsbücher  behoben ­
  werden  können,  von  einem  Prüfungsamte
für  Weinbewertung  zu  entscheiden,  das  mindestens ­
  zu  zwei  Dritteln  mit  Sachverständigen  der
beteiligten  Erwerbskreise  besetzt  ist.  Im  Einvernehmen ­
  mit  den  Landeszentralbehörden  bestimmt ­
  der  Reichskanzler  die  Zahl  der  Prüfungsämter, ­
  deren  Sitz.  Zuständigkeit,  Besetzung  und
Geschäftsordnung  und  beruft  nach  Anhörung
von  Vertretungen  des  Gewerbes  die  Sachverständigen, ­
  von  denen  tunlichst  zwei  Drittel  ihre  Tätigkeit ­
  als  Ehrenamt  ausüben  sollen.
Die  Hebestellen,  welche  die  Entscheidung  des
Prüfungsamts  anrufen,  haben  ihm  mit  der  Wertanmeldung ­
  und  ihren  Unterlagen  eine  Probe  des
zu  prüfenden  Weines  zu  übersenden.  Jeder  Inhaber ­
  von  Wein  ist  verpflichtet,  der  Steuerbehörde ­
  die  Entnahme  einer  Probe  zum  Zwecke
der  Prüfung  zu  gestatten.  Für  die  entnommene
Alercks  Warenlexikon.

Probe  ist  Vergütung  nach  dem  angemeldeten
Werte  zu  leisten.
Das  Prüfungsamt  ist  zu  Erhebungen  aller  Art
berechtigt,  insbesondere  zu  örtlichen  Besichtigungen ­
  und  zur  schriftlichen  oder  persönlichen
Befragung  des  Abgebers  und  Verbrauchers  über
die  näheren  Umstände  des  Geschäftsabschlusses.
Das  Prüfungsamt  ist  auch  befugt,  sich  für  seine
Ermittelungen  der  Handels-  oder  Landwirtschaftskammern ­
  oder  der  von  diesen  vorzuschlagenden
Sachverständigen  zu  bedienen.
§  9.  Das  Prüfungsamt  setzt  den  der  Steuerberechnung ­
  zugrunde  zu  legenden  Wert  fest  und
teilt  ihn  der  Hebestelle  mit.  Die  Entscheidung
des  Prüfungsamts  ist  endgültig.
Steuerbefreiungen.
§n.  Nach  näherer  Bestimmung  des  Bundesrats ­
  ist  von  der  Steuer  befreit:
1.  Traubenmost  oder  Traubenwein,  hergestellt
aus  selbstgewonnenen  Trauben  oder  aus
Trauben  oder  Traubenmaische,  die  Weinbergsbesitzer ­
  zugekauft  haben,  sowie  selbstgekelterte ­
  weinähnliche  Getränke,  zum  Verbrauch ­
  im  eigenen  Haushalt  und  zur  Verabreichung ­
  an  die  landwirtschaftlichen  Arbeiter ­
  des  eigenen  Betriebs,  soweit  die  Getränke ­
  nicht  in  verschlossenen  Flaschen  dem
Verbrauche  zugeführt  werden;
2.  bei  der  Kellerbehandlung  oder  Lagerung
verbrauchter  Wein,  soweit  er  nicht  in  verschlossenen ­
  Flaschen  dem  Verbrauche  zugeführt ­
  wird;
3.  Wein,  der  unter  Steueraufsicht  ausgeführt
oder  vernichtet  wird;
4.  Wein  zur  Herstellung  von  Schaumwein,
Essig  und  Branntwein  sowie  von  weinhaltigen ­
  Getränken,  von  entgeisteten  Weinen
und  von  entgeisteten,  dem  Weine  ähnlichen
Getränken;
5.  Wein,  der  zu  amtlichen  Untersuchungen
oder  von  wissenschaftlichen  Anstalten  zu
wissenschaftlichen  Zwecken  verwendet  wird;
6.  Wein,  der  beim  Grenzübertritte  mitgeführt
und  auf  Grund  der  zollgesetzlichen  Vorschriften ­
  als  Reisebedarf  oder  Schiffsproviant ­
  zollfrei  gelassen  wird;
7.  Wein,  der  zur  Probe  glasweise  oder  in
Flaschen  von  weniger  als  250  Kubikzentimeter ­
  Raumgehalt  unentgeltlich  abgegeben
wird;
8.  Wein,  der  ausschließlich  für  gottesdienstliche ­
  Zwecke  bestimmt  ist.
Erstattung  der  Steuer.
§  12.  Eine  Erstattung  der  Steuer  kann  nach
näherer  Bestimmung  des  Bundesrats  gewährt
werden  für  Wein,  der  vom  Lieferer  nachweislich
zurückgenommen  worden  ist.
Stundung.
§  13.  Gegen  Sicherheitsleistung  kann  die  Steuer
bis  zu  sechs  Monaten  gestundet  werden.
Verjährung.
§  14.  Ansprüche  auf  Zahlung  oder  Erstattung
der  Steuer  verjähren  in  einem  Jahre  von  dem
Tage  der  Fälligkeit  oder  Entrichtung  ab.  Der
Anspruch  auf  Nachzahlung  eines  hinterzogenen
Steuerbetrags  verjährt  in  drei  Jahren.

34
        <pb n="536" />
        530

Die  Verjährung,  wird  durch  jede  von  der  zuständigen ­
  Behörde  zur  Geltendmachung  des  Anspruchs ­
  gegen  den  Zahlungspflichtigen  gerichtete ­
  Handlung  unterbrochen.
Anzeigepflicht.
§  15.  Wer  als  Hersteller  oder  Händler  Wein
gewerbsmäßig  in  Verkehr  bringen  will,  hat  dies
vor  der  Eröffnung  des  Betriebs  nach  näherer
Bestimmung  des  Bundesrats  der  Steuerbehörde
anzuzeigen  und  ihr  gleichzeitig  die  Betriebs-  und
Lagerräume  anzumelden.  WerTraubenmost  oder
Traubenwein  ausschließlich  aus  gekauften  Trauben ­
  oder  gekaufter  Traubenmaische  hersteilen
will,  gilt  nicht  als  Hersteller  im  Sinne  dieses
Gesetzes  und  darf  sich  als  solcher  nicht  anmelden. ­
  Staatliche  und  gemeindliche  Betriebe,
ferner  Vereinigungen,  Gesellschaften  und  Anstalten ­
  unterliegen  der  Anzeigepflicht,  wenn  sie
Wein  gegen  Entgelt  abgeben.
Die  Steuerbehörde  hat  über  die  erfolgte  Anmeldung ­
  dem  Anmeldenden  eine  Bescheinigung
auszustellen.
Wein  darf  nur  in  den,  angemeldeten  Räumen
hergestellt  und  aufbewahrt  werden.
§  16.  Jede  Änderung  in  den  angemeldeten  Verhältnissen ­
  ist  der  Steuerbehörde  binnen  einer
Woche  anzuzeigen.
Betriebsinhaber,  die  den  Betrieb  nicht  selbst
leiten,  haben  der  Steuerbehörde  diejenigen  Personen ­
  zu  bezeichnen,  die  als  Betriebsleiter  in
ihrem  Namen  handeln.
Die  im  folgenden  für  den  Betriebsinhaber  gegebenen ­
  Vorschriften  gelten  mit  Ausnahme  derjenigen ­
  im  §  2t  Satz  2  auch  für  den  Betriebsleiter. ­

Steueraufsicht.
§17!  Die  Betriebs-  und  Lagerräume  von  Hefstellern ­
  und  Händlern  unterliegen  der  Steueraufsicht. ­
  Die  Steuerbeamten  sind  befugt,  die
Räume,  solange  sie  geöffnet  sind,  oder  darin  gearbeitet ­
  wird,  zu  jeder  Zeit,  andernfalls  während
der  üblichen  Geschäftsstuaden  zu  besuchen.  Die
Aufsichtsbefugnis  erstreckt  sich  auf  alle  an  die
Betriebs-  und  Lagerräume  angrenzenden  oder
damit  in  Verbindung  stehenden  Gewerberäume
des  Betriebsinhabers.  Die  Zeitbeschränkung  fällt
weg,  wenn  Gefahr  im  Verzug  ist.
§  18.  Innerhalb  der  der  Steueraufsicht  unterliegenden ­
  Räume  dürfen  keine  Maßnahmen  getroffen ­
  werden,  welche  die  Ausübung  der  gesetzlichen ­
  Aufsicht  hindern  oder  erschweren.
§  19.  Die  Betriebsinhaber  haben  den  Steuerbeamten ­
  jede  für  die  Steueraufsicht  oder  zu  statistischen ­
  Zwecken  erforderliche  Auskunft  über
den  Betrieb  zu  erteilen  und  bei  den  zum  Zwecke
der  Steueraüfsicht  stattfindenden  Amtshandlungen ­
  die  Plilfsmittel  (Geräte,  Beleuchtung  usw.)  zu
stellen  und  die  nötigen  Hilfsdienste  zu  leisten.
Den  Oberbeamten  der  Steuerverwaltung  sind
die  auf  Herstellung.  Erwerb  und  Veräußerung
vonWein  bezüglichenGeschäftsbücher  undSchriftstücke
  auf  Erfordern  zur  Einsicht  vorzulegen.
Buchführung;  Bestandsaufnahme.
§  20.  Nach  näherer  Anordnung  des  Bundesrats
haben  die  Betriebsinhaber  über  ihren  Weinverkehr ­
  Buch,  zu  führen.  Sie  sind  verpflichtet,
sich  vor  jeder  ,  Abgabe  von  Wein  im  Inland  zu

vergewissern,  ob  der  Abnehmer  gemäß  §  15
steueramtlich  angemeldet  ist  oder  zu  den  Verbrauchern ­
  gehört,  und  haften  für  einen  aus  der
Nichteinhaltung  dieser  Verpflichtung  entstehenden ­
  Steuerausfall.
Der  Bundesrat  kann  im  Falle  des  Bedürfnisses
die  steueramtlich-e  Überwachung  des  Weinverkehrs ­
  abweichend  von  den  vorstehenden  Vorschriften ­
  regeln  und  neben  ihnen  besondere  Anordnungen ­
  treffen.
Die  Steuerbehörde  kann  Bestandsaufnahmen
anordnen.  Hierbei  festgestellte  Fehlmengen  sind
zu  versteuern,  soweit  nicht  dargetan  wird,  daß
sie  auf  Umstände  zurückzuführen  sind,  die  eine
Steuerschuld  nicht  begründen.  Als  steuerpflichtiger ­
  Wert  gilt  der  Wert  der  Weinsorten,  bei
denen  die  Fehlmengen  festgestellt  worden  sind.
Kann  nicht  ermittelt  werden,  aus  welchen  Weinsorten
  die  Fehlmengen  herrühren,  so  tritt  Ver :
Steuerung  zum  Satze  von  einer  Mark  für  das
Liter  oder  die  Flasche  ein.
§  21.  Sind  Betriebsinhaber  wiederholt  wegen
Hinterziehung  der  Steuer  bestraft  worden,  so
kann  ihr  Betrieb  besonderen  Aufsichtsmaßnahmen ­
  unterworfen  werden.  Die  Kosten  fallen  dem
Betriebsinhaber  zur  Last.  Die  Einziehung  der
hierdurch  erwachsenen  Auslagen  erfolgt  nach
den  Vorschriften  für  die  Beitreibung  der  Zölle
und  mit  deren  Vorzugsrechten.
Weinsteuerhinter-ziehung.
§  22.  Wer  vorsätzlich  die  gesetzliche  Steuer
für  Wein  ganz  Oder  zum  Teil  hinterzieht  oder
einen  ihm  nicht  gebührenden  Steuervorteil  erschleicht, ­
  wird  wegen  Weinsteuerhinterziehnng
mit  einer  Geldstrafe'  bestraft,  die  das  Vierfache
der  Steuerverkürzung  oder  des  Steuervorteils,
mindestens  aber  50  Mark  beträgt.
Versuch.
§  23.  Der  Versuch  der  Weinsteuerhmterziebung
ist  strafbar;  die  für  die  vollendete  Tat  angedrohte
Strafe  gilt  auch  für  den  Versuch.
Bei  dem  Versuch  ist  die  Strafe  nach  der
Steuerverkürzung  oder  dem  Steuervorteile  zu
bemessen,  die  bei  Vollendung  der  Tat  eingetreten
wären.
§  24.  Der  Tatbestand  des  §  22  wird  insbesondere ­
  dann  als  ■  vorliegend  angenommen,
1.  wenn  innerhalb  der  vorgeschriebenen  Frist
die  Menge  des  steuerpflichtigen  Weines  nicht
oder  nicht  richtig  angemeldet  oder  wenn
der  steuerpflichtige  Wert  des  abgegebenen
oder  entnommenen  Weines  zu  niedrig  angegeben ­
  wird  (§§  7,  S);
2.  wenn  jemand  beim  Bezüge  von  Wein  fälschlich ­
  angibt,  daß  sein  Betrieb  gemäß  §  iS  angemeldet ­
  sei,  oder  wenn  jemand  sich  fälschlich ­
  als  Hersteller  oder  Händler  anmeldet;
3.  wenn  Wein,  für  den  Befreiung  von  der
Steuer  gewährt  ist,  zu  anderen  als  den  gestatteten ­
  Zwecken  verwendet  wird  (§11);
4.  wenn  die  nach  §  20  vorgeschriebenen  Bücher
nicht  oder  wissentlich  unrichtig  geführt  werden ­
  ;
5.  wenn  mit  der  Abgabe  von  Wein  begonnen
wird,  ehe  der  Betrieb,  angemeldet  ist  (§  15);  .
6.  wenn  Wein  in  anderen  als  den  angemeldeten
  Räumen  hergestellt  oder  aufbewahrtr
wird  (§  15).
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        W  einsteuerhehlerei.
§  2S.  Wer  seines  Vorteils  wegen  vorsätzlich
Wein,  hinsichtlich  dessen  eine  Weinsteuerhinterziehung
  stattgefunden  hat,  ankauft,  zum  Pfände
nimmt  oder  sonst  an  sich  bringt,  verheimlicht,
absetzt  oder  zu  seinem  Absatz  mitwirkt,  wird
wegen  Weinsteuerhehlerei  mit  einer  Geldstrafe  in
Höhe  des  vierfachen  Betrags  der  Steuer,  mindestens ­
  aber  in  Höhe  von  50  Mark,  bestraft.
Der  Versuch  ist  strafbar;  §23  findet  entsprechende ­
  Anwendung.
Haftung  für  andere  Personen.
§  31.  Inhaber  der  unter  das  Weinsteuergesetz
fallenden  Betriebe  haften  für  die  von  ihren  Verwaltern, ­
  Geschäftsführern,  Gehilfen  und  sonstigen
in  ihrem  Dienste  oder  Lohne  stehenden  Personen
sowie  von  ihren  Familien-  oder  Haushaltsmitgliedern ­
  auf  Grund  dieses  .Gesetzes  verwirkten
Geldstrafen  und  Kosten  des  Strafverfahrens  sowie
für  die  nachzuzahlende  Steuer.  Die  Haftung  für
die  Geldstrafe  und  die  Kosten  tritt  nicht  ein,
wenn  die  Zuwiderhandlung  nachweislich  ohne
Wissen  des  Inhabers  begangen  worden  ist;  die
Haftung  ist  jedoch  auch  in  diesem  Falle  begründet, ­
  wenn  es  der  Inhaber  bei  der  Auswahl  oder
der  Beaufsichtigung  des  Angestellten  oder  bei
der  Beaufsichtigung  der  Familien-  oder  Haushaltsmitglieder ­
  an  der  erforderlichen  Sorgfalt
hat  fehlen  lassen  oder  wenn  er  aus  der  Tat  einen
Vorteil  gezogen  hat.
Übertragung  der  strafrechtlichen  Veantwortlichkeit.

§  32.  Betriebsinhaber,  die  den  Betrieb  nicht
selbst  leiten,  können  die  Übertragung  der  ihnen
obliegenden  strafrechtlichen  Verantwortlichkeit
auf  den  Betriebsleiter  bei  der  Steuerbehörde  beantragen. ­
  Wird  der  Antrag  genehmigt,  so  geht

die  strafrechtlicheV  erantwortlichkeit  unbeschadet
der  im  §  31  vorgesehenen  Vertretungsverbindlichkeit ­
  des  Betriebsinhabers  auf  den  Betriebsleiter ­
  über.  Die  Genehmigung  ist  jederzeit  widerruflich. ­

§  33.  Läßt  sich  die  Geldstrafe  von  dem  Schuldigen ­
  nicht  beitreiben,  so  kann  die  Steuerbehörde
davon  absehen,  den  für  die  Geldstrafe  Haftenden
in  Anspruch  zu  nehmen,  und  die  an  Stelle  der
Geldstrafe  tretende  Freiheitsstrafe  an  dem  Schuldigen ­
  vollstrecken  lassen.
Ersatzfreiheitsstrafe.
§  34.  Die  an  die  Stelle  einer  uneinbringlichen
Geldstrafe  tretende  Freiheitsstrafe  darf  zwei
Jahre,  im  Falle  des  §30  (bei  Ordnungsstrafen)
drei  Monate  nicht  übersteigen.
Zollanschlüsse.
§  43.  Wein,  der  von  einem  Verbraucher  aus
den  dem  Zollgebiet  angeschlossenen  Staaten  und
Gebietsteilen  eingeführt  wird,  ist  spätestens  beim
Eintritt  in  das  Inland  zu  versteuern.
Weinhaltige  Getränke.
§47.  Getränke,  die  Wein  oder  dem  Weine  ähnliche ­
  Getränke  enthalten,  ferner  entgeisteterWein
und  entgeistete,  dem  Weine  ähnliche  Getränke
unterliegen,  sofern  sie  zum  Verbrauch  im  Inland
bestimmt  sind,  nach  näherer  Bestimmung  des
Bundesrats  einer  in  die  Reichskasse  fließenden
Steuer  in  Höhe  von  zwanzig  vom  Hundert  des
Wertes.
Die  auf  die  Weinsteuer  und  die  Nachsteuer
bezüglichen  Vorschriften  dieses  Gesetzes  finden
entsprechende  Anwendung.
Zoll.
§  48.  Die  nachstehend  genannten  Nummern
des  Zolltarifs  erhalten  folgende  Fassung:

Nummer
des
Zolltarifs

Zollsatz  für
1  Doppelzentner
Mark

45

W  eintrauben:

frisch  (Tafeltrauben)

20

Keltertranben;  Weinmaische

40

180

Wein  und  frischer  Most  von  Trauben,  auch  entkeimt:
in  Behältnissen  bei  einem  Raumgehalte  von  15  Liter  oder  mehr;

mit  natürlichem  Weingeistgehalte;  frischer  Most

60

mit  verstärktem  Weingeistgehalte
in'anderen  Behältnissen:

70

mit  natürlichem  Weingeistgehalte;  frischer  Most

75

mit  verstärktem  Weingeistgehalte
Anmerkungen:
1.  Neben  den  Zöllen  der  Nummer  180  sind  die  inneren  Abgaben
zu  erheben.

80

2.  Wein  zur  Herstellung  von  Schaumwein  und  Wermutwein  unter

Zollsicherung
3.  Wein  zur  Herstellung  von  Kognak  oder  Weinessig  unter  Zoll-20



Sicherung.
4.  Wein  mit  einem  Weingeistgehalte  von  mehr  als  200  g  in  1  Liter
wird  wie  nicht  besonders  genannter  Trinkbranntwein  verzollt.

IO

181

Most  von  Trauben,  ohne  oder  mit  Zuckerzusatz  eingekocht  oder  sonst

eingedickt  (Traubensirup),  weingeistfrei,  auch  entkeimt;  Rosinenextrakt

200

182

Weine  mit  Heilmittelzusätzen  und  andere  zu  Genußzwecken  verwendbare
weinhaltige  Getränke,  auch  mit  Zusatz  von  Gewürzen  oder  Zucker:

in  Behältnissen  bei  einem  Raumgehalte  von  15  Liter  oder  mehr

60

in  anderen  Behältnissen

80
        <pb n="538" />
        532

Nummer
des
Zolltarifs

Zollsatz  für
r  Doppelzentner
Mark

■83

Obstwein,  in  Gärung  begriffener  Obstraost  und  andere  gegorene,  dem
Weine  ähnliche  Getränke  aus  Frucht-  oder  Pflanzensäften  oder  Malzauszügen; ­
  Reisweiu  (Sake):

in  Behältnissen  bei  einem  Raumgehalte  von  15  Liter  oder  mehr

24

in  anderen  Behältnissen

75

184

Schaumwein

180

Anmerkung  zu  Nr.  181  bis  184:  Neben  den  Zöllen  sind  die  inneren
Abgaben  zu  erheben.

185

Met;  Milch  wein  (Kumyß)  und  Kefir-Kumyß;  Getränke,  ohne  Zusatz  von
Branntwein  oder  Wein  künstlich  bereitet,  anderweit  nicht  genannt:

in  Behältnissen  bei  einem  Raumgehalt  von  15  Liter  oder  mehr  .  .

24

in  anderen  Behältnissen
Anmerkung:  Für  die  hierher  gehörigen  Getränke  außer  Met,  Milchwein ­
  und  Kefir-Kumyß  ist  neben  dem  Zolle  die  innere  Abgabe  zu
erheben.

48

§  53-  Dieses  Gesetz  tritt  einenMonat  nach  der  I  Verkündung  in  Kraft.  Das  Gesetz  tritt  am  i.Juli
Verkündung,  hinsichtlich  der  §§  29,  46  mit  der  |  1923  außer  Kraft.

Auszug  aus  dem  Sdiaumweinsteuergesetz.  Vom  26.  Juli  1  g  18.  (R.-G.-Bl.  S.  1064.)

§  1.  Schaumwein  aus  Traubenwein,  aus  Obstoder ­
  Beerenwein  (Fruchtwein)  sowie  alle
schaumweinähnlichen  Getränke  unterliegen,  sofern ­
  sie  zum  Verbrauch  im  Inland  bestimmt
sind,  einer  in  die  Reichskasse  fließenden  Verbrauchsabgabe ­
  (Schäumweinsteuer).
Schaumwein  im  Sinne  dieses  Gesetzes  sind
alle  der  Schaumweinsteuer  unterliegenden  Getränke. ­

§2.  Die  Schaumweinsteuer  beträgt:
a)  für  Schaumwein,  der  aus  Fruchtwein  ohne
Zusatz  von  Traubenwein  hergestellt  ist,
sechzig  Pfennig  für  jede  Flasche;
b)  für  anderen  Schaumwein  und  schaumweinähnliche ­
  Getränke  3  Mark  für  jede  Flasche.
Für  jede  halbe  Flasche  ist  die  Hälfte  und  für
jede  kleinere  Flasche  ein  Viertel  der  auf  die
Flasche  entfallenden  Steuer  zu  entrichten.
Als  ganze  Flaschen  werden  alle  Schaumwein
enthaltenden  Umschließungen  mit  Raumgehalt
über  425  bis  850  Kubikzentimeter  behandelt;
Umschließungen  mit  Raumgehalt  über  230  bis
425  Kubikzentimeter  gelten  als  halbe  Flaschen.
Der  Bundesrat  ist  ermächtigt,  für  Umschließungen ­
  mit  Raumgehalt  über  850  oder  unter
120  Kubikzentimeter  besondere  Steuersätze  unter ­
  Zugrundelegung  der  Einheitssätze  des  Abs.  1
festzusetzen.
§  3.  Die  Schaumweinsteuer  ist  vom  Hersteller
des  Schaumweins  mittels  Anbringung  eines
Steuerzeichens  an  der  Umschließung  zu  entrichten, ­
  bevor  der  fertige  Schaumwein  aus  der
Erzeugungsstätte  entfernt  oder  innerhalb  derselben ­
  getrunken  wird.  Für  den  aus  dem  Ausland ­
  eingehenden  Schaumwein  ist  die  Steuer
neben  dem  Eingangszoll  und  zugleich  mit
diesem  vom  Einbringer  zu  entrichten.  Die
näheren  Bestimmungen  über  die  Form,  die  Anfertigung, ­
  den  Vertrieb  und  die  Art  der  Verwendung ­
  der  Steuerzeichen  trifft  der  Bundesrat. ­
  Er  stellt  die  Voraussetzungen  fest,  unter
welchen  für  verwendete  Steuerzeichen  ein  unentgeltlicher ­

  Ersatz  und  für  noch  nicht  verwendete ­
  Steuerzeichen  ein  unentgeltlicher  Umtausch ­
  oder  eine  Rückzahlung  gewährt  werden
darf.  Steuerzeichen,  welche  nicht  in  der  vorgeschriebenen ­
  Weise  verwendet  worden  sind,
■werden  als  nicht  vorhanden  angesehen.
Der  Bundesrat  kann  im  Falle  des  Bedürfnisses ­
  die  Versteuerung  nach  den  Sätzen  des
§  2  unter  Befreiung  von  der  Verwendung  von
Steuerzeichen  auf  Grund  einer  besonderen
Buchführung  und  der  sonst  erforderlichen  Sicherungsmaßnahmen ­
  gestatten.
Die  Anbringung  eines  Steuerzeichens  ist  nicht
erforderlich,  wenn  der  Schaumwein  vor  der
Entnahme  aus  der  Erzeugungsstätte  zur  Ausfuhr ­
  unter  amtlicher  kostenfreier'  Kontrolle  angemeldet ­
  wird.
Gegen  Sicherheitsbestellung  ist  die  Schaumweinsteuer ­
  für  eine  Frist  von  wenigstens  neun
Monaten  zu  stunden.  Für  eine  Frist  bis  zu  drei
Monaten  kann  sie  auch  ohne  Sicherheitsbestellung ­
  gestundet  werden.
§4.  Der  Bundesrat  kann  darüber  Bestimmung
treffen,  daß  auf  in  das  Ausland  geführten  deutschen ­
  Schaumwein  eine  entsprechende  Vergütung ­
  gewährt  wird  für  verauslagten  Zoll  auf
zur  Herstellung  dieses  Schaumweins  verwendeten ­
  ausländischen  Rohwein.
§  5.  Für  versteuerten  Schaumwein,  der  als
Probe  unentgeltlich  abgegeben  oder  der  dem
Hersteller  vom  Empfänger  als  unbrauchbar  zur
Verfügung  gestellt  wird,  erhält  der  Hersteller
nach  näherer  Bestimmung  des  Bundesrats  eine
Vergütung  der  Steuer.
§  6.  Ansprüche  auf  Zahlung  und  Erstattung
von  Schaumweinsteuer  verjähren  in  zwei  Jahren ­
  von  dem  Tage/des  Eintritts  der  Steuerpflicht ­
  oder  der  Steuerentrichtung.  Der  Anspruch ­
  auf  Nachzahlung  hinterzogener  Steuer
verjährt  in  drei  Jahren.
§  13.  Die  Schaumweinsteuerzeichen  sind  an
        <pb n="539" />
        533

den  Umschließungen  so  lange  zu  erhalten,  bis
diese  geöffnet  werden.
Wer  Schaumwein  empfängt,  welcher  der  Vorschrift ­
  des  Gesetzes  zuwider  mit  den  erforderlichen ­
  Steuerzeichen  nicht  versehen  ist,  hat
hiervon  binnen  drei  Tagen  der  Steuerbehörde
Anzeige  zu  machen,
Händler  mit  Schaumwein  und  Wirte  sind  verbunden, ­
  den  Oberbeamten  der  Steuerverwaltung
ihre  Vorräte  an  Schauptwein  zum  Nachweis,
daß  solche  mit  den  vorgeschriebenen  ..Steuerzeichen ­
  versehen  sind,  auf  Verlangen  vorzuzeigen. ­

§14,  Hersteller  von  Schaumwein  sowie  Händler ­
  und  Wirte,  welche  selbst  oder  deren  Betriebsleiter ­
  wegen  Defraudation  der  Schaumweinsteuer ­
  bestraft  sind,  können  auf  ihre  Kosten
besonderen  Kontrollen  unterworfen  werden.
§  15.  Schaumwein,  welcher  der  Vorschrift  dieses ­
  Gesetzes  zuwider  mit  den  erforderlichen
Steuerzeichen  (§§  3  und  29)  nicht  versehen  ist,
unterliegt  der  Einziehung,  gleichviel  wem  er
gehört  und  ob  gegen  eine  bestimmte  Person  ein
Strafverfahren  eingeleitet  wird.
Wird  mit  der  Herstellung  von  Schaumwein
begonnen,  bevor  die  Betriebs-  und  Lagerräume
angemeldet  sind,  so  unterliegen  außer  dem  hergestellten ­
  Schaumwein  auch  der  in  der  Herstellung ­
  begriffene  Schaumwein  und  die  zur  Herstellung, ­
  Lagerung  und  Aufmachung  von  Schaumwein ­
  geeigneten  Geräte  und  Materialien  in  gleicher ­
  Weise  der  Einziehung.
§  16.  Wer  es  unternimmt,  die  Schaumweinsteuer ­
  zu  hinterziehen,  macht  sich  der  Defraudation ­
  schuldig.
Die  Defraudation  wird  insbesondere  als  vollbracht ­
  angenommen:
a)  wenn  mit  der  Herstellung  von  Schaumwein ­
  begonnen  wird,  bevor  die  Betriebsund ­
  Lagerräume  in  der  vorgeschriebenen
Weise  angemeldet  sind;
b)  wenn  fertiger  unversteuerter  Schaumwein
vom  Hersteller  in  anderen  als  den  dazu
genehmigten  Lagerräumen  aufbewahrt
wird;
c)  wenn  Hersteller,  Händler  oder  Wirte
Schaumwein  in  Gewahrsam  haben,  welcher
der  Vorschrift  dieses  Gesetzes  zuwider
mit  den  erforderlichen  Steuerzeichen,  (§§3
und  29)  nicht  versehen  ist.
Das  Dasein  der  Defraudation  wird  in  den
Fällen  des  Abs,  2  durch  die  daselbst  bezeichneten
  Tatsachen  begründet.  Wird  festgestellt,
daß  eine  Hinterziehung  nicht  verübt  oder  nicht
beabsichtigt  ist,  so  findet  nur  eine  Ordnungsstrafe ­
  nach  §  19  statt.
§  17.  Wer  eine  Defraudation  begeht,  hat  eine
Geldstrafe  verwirkt,  die  dem  vierfachen  Betrage
der  vorenthaltenen  Steuer  gleichkommt,  mindestens ­
  aber  30  Mark  für  jeden  einzelnen  Fall
beträgt.  Außerdem  ist  die  Steuer  nachzuzahlen.
Kann  ein  vorenthaltener  Steuerbetrug  nicht
festgestellt  werden,  so  tritt  eine  Geldstrafe  von
30  Mark  bis  zu  10000  Mayk  ein.
Liegt  eine  Übertretung  vor,  so  sind  die  Beihilfe ­
  und  die  Begünstigung  mit  Geldstrafe  bis
zu  150  Mark  zu  bestrafen.
§  18.  Im  Falle  der  Wiederholung  der  Defraudation ­

  nach  vorausgegangener  Bestrafung  wird
die  im  §  17  angedrohte  Strafe  verdoppelt.
Jeder  fernere  Rückfall  zieht  Gefängnis  bis  zu
drei  Jahren  nach  sich,  doch  kann  nach  richterlichem ­
  Ermessen  mit  Berücksichtigung  aller
Umstände  und  der  vorangegangenen  Fälle  auf
Haft  oder  auf  Geldstrafe  nicht  unter  dem  Doppelten ­
  der  für  den  ersten  Rückfall  angedrohten
Strafe  erkannt  werden.
Die  Rückfallstrafe  ist  verwirkt,  auch  wenn  die
frühere  Strafe  nur  teilweise  verbüßt  oder  ganz
oder  teilweise  erlassen  ist,  bleibt  dagegen  ausgeschlossen, ­
  wenn  seit  der  Verbüßung  oder  dem
Erlasse  der  früheren  Strafe,  bis  zur  Begehung
der  neuen  Straftat  drei  Jahre  verflossen  sind.
§  19.  Zuwiderhandlungen  gegen  die  Bestimmungen ­
  dieses  Gesetzes  und  die  dazu  erlassenen
und  öffentlich  oder  den  Beteiligten  besonders
bekanntgemachten  Verwaltungsvorschriften  werden, ­
  sofern  nicht  eine  schwerere  Strafe  verwirkt
ist,  mit  einer  Ordnungsstrafe  von  einer  Mark
bis  zu  300  Mark  geahndet.
Mit  Ordnungsstrafe  nach  Maßgabe  des  Abs.  1
wird  ferner  belegt,
a)  wer  einem  zur  Wahrnehmung  des  Steuerinteresses ­
  verpflichteten  Beamten  oder
dessen  Angehörigen  wegen  einer  auf  die
Erhebung  oder  Überwachung  der  Schaumweinsteuer ­
  bezüglichen  amtlichen  Handlung ­
  oder  Unterlassung  einer  solchen  Geschenke ­
  oder  andere  Vorteile  anbietet,
verspricht  oder  gewährt,  sofern  nicht  der
Tatbestand  des  §  333  des  Strafgesetzbuchs
vorliegt;
b)  wer  sich  Handlungen  oder  Unterlassungen
zuschulden  kommen  läßt,  durch  welche  ein
solcher  Beamter  an  der  rechtmäßigen  Ausübung ­
  seines  Amtes  in  bezug  auf  die
Schaumweinsteuer  verhindert  wird,  sofern
nicht  der  Tatbestand  des  §113  oder  des
§  114  des  Strafgesetzbuchs  vorliegt.
§20.  Hersteller  von  Schaumwein  sowie  Händler ­
  und  Wirte  haften  für  die  von  ihren  Verwaltern, ­
  Geschäftsführern,  Gehilfen  und  sonstigen ­
  in  ihrem  Dienste  oder  Lohne  stehenden
Personen  sowie  von  ihren  Familien-  oder  Haus
haltungsmitgliedern  verwirkten  Geldstrafen  und
Prozeßkosten  und  für  die  nachzuzahlende  Steuer
im  Falle  des  Unvermögens  der  eigentlich  Schuldigen. ­
  Wird  nachgewiesen,  daß  die  Zuwiderhandlung ­
  ohne  ihr  Wissen  verübt  ist,  so  haften
sie  nur  für  die  Steuer.  Die  Haftung  für  Geldstrafen ­
  kann  nur  durch  richterliches  Urteil  ausgesprochen ­
  werden.
Ist  die  Geldstrafe  von  dem  Schuldigen  nicht
beizutreiben,  so  kann  die  Steuerbehörde  davon
absehen,  den  für  die  Geldstrafe  Haftenden  in
Anspruch  zu  nehmen,  und  die  an  Stelle  der
Geldstrafe  tretende  Freiheitsstrafe  an  dem
Schuldigen  vollstrecken  lassen.
§  21.  Unbeschadet  der  verwirkten  Ordnungsstrafen ­
  kann  die  Steuerbehörde  die  Beobachtung
der  auf  Grund  dieses  Gesetzes  getroffenen  Anordnungen ­
  durch  Androhung  und  Einziehung
von  Geldstrafen  bis  zu  500  Mark  erzwingen.
§  22.  Mit  Gefängnis  nicht  unter  drei  Monaten
wird  bestraft,  wer  unechte  Schaumweinsteuerzeichen ­
  (§§  3  und  29)  in  der  Absicht  anfertigt,
sie  als  echt  zu  verwenden,  oder  echte  Schaum ­
        <pb n="540" />
        534

weinsteuerzeichen  in  der  Absicht  verfälscht,  sie
zu  einem  höheren  Werte  zu  verwenden,  oder
wissentlich  von  falschen  oder  verfälscht  enSchaumweinsteuerzeichen
  Gebrauch  macht.  Neben  der
Strafe  kann  auf  Verlust  der  bürgerlichen  Ehrenrechte ­
  erkannt  werden.
§  23.  Wer  wissentlich  schon  einmal  verwendete ­
  Schaumweinsteuerzeichen  verwendet,  wird
mit  Geldstrafe  bis  zu  600  Mark  bestraft,
§  24.  Neben  der  in  den  §§  22  und  23  angedrohten ­
  Strafe  kommt  die  durch  die  Hinterziehung ­
  der  Schaumweinsteuer  begründete
Strafe  zur  Anwendung.
§  25.  Mit  Geldstrafe  bis  zu  150  Mark  oder
mit  Haft  wird  bestraft,  wer  ohne  schriftlichen
Auftrag  einer  Behörde  •
1.  Stempel,  Siegel,  Stiche,  Platten  oder  andere
Formen,  welche  zur  Anfertigung  von
Schaumweinsteuerzeichen  dienen  können,
anfertigt  oder  an  einen  anderen  als  die  Behörde ­
  verabfolgt;
2.  den  Abdruck  der  in  Nr.  1  bezeichneten
Stempel,  Stiche,  Platten  oder  Formen  unternimmt ­
  oder  Abdrucke  an  einen  anderen
als  die  Behörde  verabfolgt.
Neben  der  Strafe  kann  auf  Einziehung  der
Stempel,  Siegel,  Stiche,  Platten  oder  anderen
Formen  sowie  der  Abdrucke  erkannt  werden,
ohne  Unterschied,  ob  sie  dem  Verurteilten  gehören ­
  oder  nicht.
§  26.  Mit  Geldstrafe  bis  zu  150  Mark  wird
bestraft,  wer  wissentlich  schon  einmal  verwendete ­
  Schaumweinsteuerzeichen  veräußert  oder
feilhält.
§  27.  In  den  Fällen  der  §§  15  bis  21  kommen
hinsichtlich  des  Strafverfahrens  sowie  in  betreff
der  Strafmilderung  und  des  Erlasses  der  Strafe
im  Gnadenwege  die  Vorschriften  zur  Anwendung, ­
  nach  denen  sich  das  Verfahren  wegen
Zuwiderhandlungen  gegen  die  Zollgesetze  bestimmt. ­
  Der  Erlös  aus  eingezogenem  Schaumwein ­
  sowie  Geldstrafen  fallen  dem  Staate  zu,
von  dessen  Behörden  die  Strafentscheidung  erlassen ­
  ist.
Die  Strafverfolgung  von  Defraudationen  verjährt ­
  in  drei  Jahren,  von  anderen  Zuwiderhandlungen ­
  in  einem  Jahre.

§  28.  Die  Erhebung  und  Verwaltung  der
Schaumweinsteuer  erfolgt  durch  die  Landesbehörden. ­
  Für  die  erwachsenden  Kosten  wird
den  Bundesstaaten  nach  Maßgabe  der  vom
Bundesrate  zu  erlassenden  Bestimmungen  Vergütung ­
  gewährt.
Die  Reichsbevollmächtigten  für  Zölle  und
Steuern  und  die  Stationskontrolleure  üben  in
bezug  auf  die  Ausführung  des  Schaumweinsteuergesetzes ­
  dieselben  Rechte  und  Pflichten,
welche  ihnen  bezüglich  der  Erhebung  und  Verwaltung ­
  der  Zölle  und  Verbrauchssteuern  beigelegt ­
  sind.
Die  außerhalb  der  gemeinschaftlichen  Zollgrenze ­
  liegenden  Teile  des  Reichsgebiets  zahlen
an  Stelle  der  Schaumweinsteuer  einen  entsprechenden ­
  Ausgleichungsbetfag  an  die  Reichskasse. ­

.  §  29.  Schaumwein,  der  aus  den  dem  Zollgebiet ­
  ängeschlossenen  Staaten  und  Gebietsteilen ­
  zum  Verbrauch  eingeht,  ist  spätestens
beim  Eintritt  in  das  Inland  mit  den  Steuerzeichen
(§  3)  zu  versehen.
Der  Reichskanzler  kann  unter  Zustimmung
des  Bundesrats  mit  den  zuständigen  fremden
Regierungen  wegen  Herbeiführung  einer  den
Bestimmungen  dieses  Gesetzes  entsprechenden
Besteuerung  des  Schaumweins  in  den  dem  Zollgebiet ­
  angeschlossenen  Staaten  und  Gebietsteilen, ­
  wegen  Überweisung  der  Steuer  für  den
im  gegenseitigen  Verkehr  übergehenden  Schaumwein ­
  oder  wegen  Begründung  einer  Steuergemeinschaft
  Vereinbarungen  treffen.
§  30.  Landessteuem  von  Schaumwein  werden
nicht  mehr  erhoben.
§  31.  Dieses  Gesetz  tritt  am  1.  September  1918
in  Kraft.
Schaumwein,  der  sich  beim  Inkrafttreten
dieses  Gesetzes  außerhalb  der  Erzeugungsstätte ­
  {§  3)  oder  einer  Zollniederlage  befindet,
unterliegt  nach  näherer  Bestimmung  des  Bundesrats ­
  einer  Nachsteuer,  die  für  Schaumwein
aus  Fruchtwein  (§2  Abs.  1  unter  a)  60  Pfennig, ­
  und  für  Schaumwein  aus  Traubenwein  und
schaumweinähnliche  Getränke  (§2  Abs.  1  unter  b)
3'  Mark  für  die  Flasche  beträgt.  Bereits  entrichtete ­
  Steuerbeträge  sind  auf  die  Nachsteuer
anzurechnen.

Auszug-  aus  den  Schaumwcinsteuer-Äusführungsbestimmungcn.
(Zentralblatt  für  das  Deutsche  Reich  1918  S.  368.)

§1.  Gegenstand  der  Besteuerung  sind  alle
zum  Verbrauch  im  Inland  bestimmten  fertigen
Schaumweine  (Abs.  2)  und  schaumweinähnlichen
Getränke  (Abs.  6).  Aus  dem  Ausland  eingehende
Schaumweine  und  schaumweinähnliche  Getränke ­
  unterliegen  der  Steuer  neben  dem  nach
dem  Zolltarife  zu  entrichtenden  Zolle.
Als  Schaumwein  im  Sinne  des  Abs.  1  gelten
alle  Weine,  Fruchtweine  (Obst-  und  Beerenweine), ­
  weinhaltigen  und  fruchttweinhaltigen  Getränke, ­
  mit  einem  Weingeistgehalte  von  mehr
als  10  Gramm  in  einem  Liter,  deren  Kohlensäure ­
  beim  Öffnen  der  Umschließungen  unter
Aufbrausen  entweicht.
Als  fertig  ist  der  nach  dem  Flaschengärungsverfahren ­

  hergestellte  Schaumwein  anzusehen,
sobald  die  enthefte  (degorgierte)  Flasche  verkorkt ­
  worden  ist.  Der  nach  dem  Imprägnierungsverfahren ­
  oder  durch  Gärung  in  anderen ­
  Behältnissen  als  Flaschen  hergestellte
Schaumwein  ist  als  fertig  anzusehen,  sobald  das
Getränk  auf  die  Flasche  abgefüllt  und  letztere
verkorkt  ist;  Schaumwein  aus  Muskatwein  oder
ähnlichem  Weine  (Asti  spumante,  Moscato  spumanfe,
  Nebbiolo  spumante,  Refosco  spumante
und  dergleichen)  gilt  als  fertig,  sobald  der  Wein
aus  dem  Fasse  auf  die  Flasche  abgefüllt  und
letztere  verkorkt  ist.
Kostproben,  die  in  der  Fabrik  von  dem  fertigen, ­
  aber  noch  nicht  versteuerten  Schaumwein
        <pb n="541" />
        535

entnommen  werden,  unterliegen  der  .  Schaumweinsteuer ­
  nicht,  sofern  das  Kosten  durch  den
Fabrikbesitzer  oder  seine  Angestellten  und
lediglich  zu  dem  Zwecke  erfolgt,  den  Schaumwein ­
  auf  seinen  Geschmack  zu  prüfen.
Als  Schaumwein  gelten  nicht  diejenigen  schäumenden ­
  Weine,  deren  Kohlensäure  im  Wege
der  nach  §  4  des  Weingesetzes  vom  7.  April
1909  (Reichs-Gesetzbl.  S.  393)  zugelassenen  Kellerbehandlung ­
  durch  Gärung  im  offenen  Gefäß
entstanden  ist,  und  diejenigen  Fruchtweine,
welche  während  der  ersten  Gärung  auf  Flaschen
gefüllt  und  nicht  entheft  sind.
Als  schaumweinähnlich  im  Sinne  des  Abs.  1
kommen  in  Betracht  schäumende  Getränke  mit
einem  Weingeistgehalte  von  mehr  als  10  g  in
einem  Liter,  die  zwar  ohne  Verwendung  von
Wein  oder  Fruchtwein,  weinhaltigen  oder  fruchtweinhaltigen
  Getränken  hergestellt  sind,  die
aber  nach  Aussehen  oder  Geschmack  als  Ersatz ­
  für  Schaumwein  dienen  können.
§  2.  Die  Steuer  wird  nach  dem  Raumgehalte
der  den  Schaumwein  enthaltenden  Umschließungen ­
  berechnet.  Sie  beträgt  für  jede  Umschließung ­
  :
1.  für  Schaumwein  aus  Fruchtwein  ohne  Zusatz ­
  von  Traubenwein  (Steuerklasse  1)
in  viertel  Flaschen  ...  0,15  Mark,
„  halben  „  ...  0,30  „
„  ganzen  ...  0,60  ,,
„  Doppel-  „  ...  1,20  „  ;
2.  für  anderen  Schaumwein  und  für  schaumweinähnliche ­
  Getränke  (Steuerklasse  2)
in  achte!  Flaschen  ...  0,37  Mark,
„  viertel  „  ...  0,75  „
„  halben  „  ...  1,50  „
„  ganzen  „  ...  3,00
„  Doppel-  „  ...  6,00  „  .
Es  werden  behandelt:
a)  als  achtel  Flaschen:  Umschließungen  von
nicht  mehr  als  120  ccm  Raumgehalt;
b)  als  viertel  Flaschen:  Umschließungen  von
mehr  als  120  ccm  und  nicht  mehr  als
230  ccm  Raumgehalt;
c)  als  halbe  Flaschen:  Umschließungen  von
mehr  als  230  ccm  und  nicht  mehr  als
425  ccm  Raumgehalt;
d)  als  ganze  Flaschen:  Umschließungen  von
mehr  als  425  ccm  und  nicht  mehr  als
850  ccm  Raumgehalt;
e)  als  Doppelflaschen:  Umschließungen  von
mehr  als  850  ccm  und  nicht  mehr  als
1700  ccm  Raumgehalt.
Bei  Umschließungen  mit  Raumgehalt  über
1700  ccm  ist  für  jede  weiteren  auch  nur  angcfangenen
  800  ccm  eine  ganze  Flasche  anzunehmen. ­

§  5.  Als  Steuerzeichen  dienen  Papierstreifen,
die  für  Schaumwein  der  Steuerklasse  1  in  brauner, ­
  und  für  Schaumwein  der  Steuerklasse  2  in
grüner  Farbe  bedruckt  sind.
Die  Streifen  werden  aus  mit  natürlichem
Wasserzeichen  (Vierpaßmuster)  versehenem
weißen  Papier  hergestellt.  Sie  tragen  auf  der
Schauseite  in  einem  dunkleren  Tone  der  Grundfarbe ­
  eine  umränderte  Verzierung,  die  bei  der
Steuerklasse  1  Zweige  mit  Früchten,  bei  der
Steuerklasse  2  Reben  mit  Blättern  und  Trauben
darstellt.  Das  durch  besondere  Umrandung  gebildete, ­

  nicht  verzierte  Mittelfeld  enthält  die  Angabe ­
  der  Flaschengröße  und  des  Steuerwertes
(z.  B.  1 / 1  Flasche  3  Mark);  die  beiden  Seitenfelder ­
  zeigen  bei  der  Steuerklasse  1  den  Aufdruck: ­
  „Frucht-Schaumwein-Steuer“,  bei  der
Steuerklasse  2  den  Aufdruck;  „Schaumweinsteuer“. ­
  Die  Rückseite  der  Streifen  ist  mit
Gummiaufstrich  versehen.
Die  Breite  der  Steuerzeichen  beträgt  2  cm,
ihre  Länge  für  achtel  und  viertel  Flaschen  26  cm,
für  halbe  Flaschen  30  cm  und  für  ganze  Flaschen ­
  und  Doppelflaschen  36  cm.
§6.  Die  Steuerzeichen  werden  von  der  Reichsdruckerei ­
  in  Bogen  zu  je  20  Stück  hergestellt.
In  der  oberen  rechten  Ecke  jedes  Bogens  ist
die  Zahl  der  Steuerzeichen,  ihr  Einzelwert  und
der  Gesamtwert  des  Bogens  aufgedruckt.
In  der  Reichsdruckerei  werden  je  100  Bogen
=  2000  Steuerzeichen  in  Taschen  verpackt.  Es
werden  nur  volle  Taschen  abgegeben.
Die  Steuerzeichen  sind  durch  die  Landesregierungen ­
  gegen  Erstattung  der  Herstellungskosten ­
  zu  beziehen.  Die  Preise  werden  vom
Reichsschatzamt  festgestellt.
Die  Reichsdruckerei  verabfolgt  Steuerzeichen
nur  denjenigen  Amtsstellen,  die  ihr  von  den
Regierungen  als  zum  unmittelbaren  Bezüge  berechtigt ­
  bezeichnet  sind.
Hat  eine  Amtsstelle  für  die  von  der  Reichsdruckerei ­
  bezogenen  Steuerzeichen  keine  Verwendung ­
  mehr,  so  können  diese,  sofern  sie
unbeschädigt  und  nicht  bei  anderen  Amtsstellen
des  betreffenden  Bundesstaats  verwendbar  sind,
der  Reichsdruckerei  zurückgegeben  werden.  Für
die  zurückgegebenen  Zeichen  sind  Herstellungskosten ­
  nicht  zu  berechnen.
§  7.  Die  Steuerzeichen  werden  von  der  Hebestelle ­
  gegen  Erlegung  des  Steuerbetrugs  verabfolgt. ­
  Die  Hebestelle  darf  Steuerzeichen,  abgesehen ­
  von  den  Fällen  des  §  9  Abs.  2  und  der
§§  12,  13,  nur  an  die  zu  ihrem  Bezirke  gehörigen
Schaumweinhersteller  abgeben.  Diese  dürfen
Steuerzeichen  nur  von  der  Hebestelle  beziehen
und  sie  weder  entgeltlich  noch  unentgeltlich  an
andere  weitergeben.
§  8.  Über  die  Einnahme  und  Ausgabe  an
Steuerzeichen  ist  bei  der  Hebestelle  ein  Steuerzeichenbuch ­
  zu  führen,  dessen  Einrichtung  von
der  obersten  Landesfinanzbehörde  bestimmt
wird.  Das  Buch  ist  am  Schlüsse  des  Rechnungsjahrs ­
  abzuschließen  und  verbleibt  bei  der
Hebestelle.
§  9.  Das  Steuerzeichen  ist  oberhalb  oder
unterhalb  der  nach  §  17  des  Weingesetzes  vom
7.  April  1909  anzubringenden  Bezeichnungen 1 )
sorgfältig  anzukleben.  Dabei  muß  mindestens
die  halbe  Streifejnlänge  unmittelbar  auf  dem
Glase  aufliegen  und  die  Enden  müssen  auf  eine
der  Streifenbreite  mindestens  gleichkommende
Strecke  einander  decken.
Wenn  Schaumwein  der  Vorschrift  des  Ge1 ­

 )  Vgl.  die  Bekanntmachung  betreffend  Bestimmungen ­
  zur  Ausführung  des  Weingesetzes
vom  9.  Juli  1909  (Reichs-Gesetzbl.  8.549),  betrifft ­
  die  Kennzeichnung  des  Schaumweins  als
inländisches  oder  ausländisches  Erzeugnis,  bzw.
falls  es  Schaumwein  aus  Obst,  um  Kennzeichnung, ­
  z.  B.  Apfel-Schaumwein.
        <pb n="542" />
        536

setzes  zuwider  ohne  Steuerzeichen  vorgefunden
wird,  so  sind  die  erforderlichen  Steuerzeichen
durch  die  Hebestelle  an  die  Beamten  zu  verabfolgen ­
  und  unter  deren  Aufsicht  vom  Inhaber
des  Schaumweins  anzubringen.  Wird  von  der
Einziehung  des  Schaumweins  aus  dem  Grunde
Abstand  genommen,&amp;gt;weil  der  Schaumwein  nachweislich ­
  bereits  versteuert  ist,  so  sind  die  Steuerzeichen ­
  unentgeltlich  zu  liefern.
§  io.  Zur  Entrichtung  der  Steuer  für  Schaumwein ­
  in  Umschließungen  von  mehr  als  1700  ccm
Raumgehalt  können  mehrere  Steuerzeichen  verwendet ­
  werden.
§11.  Der  Schaumweinhersteller  hat  dafür
Sorge  zu  tragen,  daß  Steuerzeichen  an  den  in
der  Fabrik  entleerten  oder  leer  dorthin  verbrachten ­
  Umschließungen  alsbald  nach  der  Entleerung ­
  der  Umschließungen  oder  ihrer  Verbringung ­
  in  die  Fabrik  vernichtet  werden.
§  12.  Der  aus  dem  Ausland  eingehende  Schaumwein ­
  ist  in  dem  Zollpapiere  nach  seiner  steuerpflichtigen ­
  Gattung  (Schaumwein  aus  Fruchtwein, ­
  anderer  Schaumwein)  und  Menge  (Zahl
und  Größe  der  Umschließungen)  anzumelden.
Einer  amtlichen  Prüfung  des  Inhalts  der  Umschließungen ­
  bedarf  es  nur  dann,  wenn  der  Verdacht ­

  einer  unrichtigen  Anmeldung  vorliegt.
Der  Raumgehalt  der  Umschließungen  ist  schätzungsweise ­
  festzustellen.  Gibt  sich  der  Einbringer ­
  nicht  mit  dem  Ergebnis  der  amtlichen
Abschätzung  des  Raumgehalts  zufrieden,  so  ist
dieser  in  der  im  §  4  Abs.  1,  3  vorgeschriebenen
Weise  zu  ermitteln.  Im  Anschluß  an  die  Zollabfertigung ­
  ist  der  Schaumwein,  sofern  dies
nicht  bereits  im  Ausland  geschehen  ist  (§13),
mit  den  erforderlichen,  von  der  Zollstelle  zu
verabfolgenden  Steuerzeichen  zu  versehen.
Seine  Freigabe  aus  dem  Zollgewahrsam  darf
erst  erfolgen,  nachdem  die  Zollstelle  von  der
vorschriftsmäßigen  Anbringung  der  Steuerzeichen ­
  Überzeugung  genommen  und  dies  in
dem  Zollpapiere  bestätigt  hat  (zu  vgl.  auch
§  13)-F
  ür  die  innerhalb  der  ordentlichen  Dienststunden ­
  stattfindende  Aufsicht  über  die  Anbringung ­
  der  Steuerzeichen  werden  Gebühren
nicht  erhoben.
§  13.  Unter  den  von  der  obersten  Landesfinanzbehörde ­
  festzusetzenden  Bedingungen
kann  die  Direktivbehörde  zuverlässigen  Antragstellern ­
  widerruflich  gestatten,  die  Steuerzeichen ­
  im  Ausland  anzubringen.

Auszug  aus  dem  Gesetz,
betreffend  die  Besteuerung  von  Mineralwässern  und  künstlich  bereiteten  Getränken
sowie  die  Erhöhung  der  Zölle  für  Kaffee  und  Tee.
Vom  26.  Juli  1  q  18.  (R.-G.-Bl.  S.  849.)

Gegenstand  der  Steuer.
§  1.  Gewerbsmäßig  abgefüllte  natürliche  Mineralwässer, ­
  ferner  künstliche  Mineralwässer,  Limonaden ­
  und  andere  künstlich  bereitete  Getränke
sowie  konzentrierte  Kunstlimonaden  und  Grundstoffe ­
  zur  Herstellung  von  konzentrierten  Kunstlimonaden ­
  unterliegen,  sofern  sie  zum  Verbrauch
im  Inland  in  verschlossenen  Gefäßen  in-  Verkehr
gebracht  werden  und  nicht  schon  auf  Grund  besonderer ­
  Gesetze  steuerpflichtig  sind,  einer  in  die
Reichskasse  fließenden  Steuer.  Als  künstlich
bereitete  Getränke  sind  insbesondere  steuerpflichtig ­
  zuckerhaltige  Getränke,  in  denen  die  weingeistige ­
  Gärung  durch  die  Art  der  Herstellung
und  Aufbewahrung  beschränkt  oder  verhindert
wird,  sowie  Getränke,die  durchVergärung  zuckerhaltiger ­
  Flüssigkeiten,  auch  mit  darauffolgender
Wiederentfernung  des  bei  der  Vergärung  entstandenen ­
  Weingeistes  hergestellt  sind.  Der  Bundesrat ­
  wird  ermächtigt,  den  Kreis  der  steuerpflichtigen ­
  Getränke  näher  zu  bestirpmen.
Durch  Kaiserliche  Verordnung  mit  Zustimmung
des  Bundesrats  kann  die  Steuerpflicht  unter  Anordnung ­
  der  erforderlichen  Überwachungsmaßnahmen ­
  auch  auf  Getränke  der  im  Abs.  1  bezeichneten
  Art,  die  in  unverschlossenen  Gefäßen  dem
Verbrauch  zugefiihrt  werden  oder  auf  Stoffe
ausgedehnt  werden,  die  zur  Herstellung  von
Getränken  der  in  Abs.  1  bezeichneten  Art  verwendet ­
  werden.  Dabei  kann  vorgeschrieben  werden, ­
  daß  derartige  Stoffe  nur  in  bestimmten
Packungen  in  Verkehr  gebracht,  oder  aus  dem
Ausland  eingeführt  werden  dürfen,  und  daß  in
diesem  Falle  an  der  Außenseite  der  Packungen

die  für  die  Steuerberechnung  notwendigen  Angaben ­
  ersichtlich  gemacht  werden;  die  Steuer
soll  unter  Zugrundelegung  der  Steuersätze  des
§  2  so  bemessen  werden,  wie  es  dem  Verhältnis
einer  bestimmten  Menge  Stoffe  zu  den  daraus
herstellbaren  Getränken  entspricht.  Die  getroffenen ­
  Anordnungen  sind  dem  Reichstag  sofort
oder,  wenn  er  nicht  versammelt  ist,  bei  seinem
nächsten  Zusammentreten  mitzuteilen.  Sie  sind
außer  Kraft  zu  setzen,  wc'nn  der  Reichstag  cs
verlangt.
Die  Bestimmungen  dieses  Paragraphen  beziehen ­
  sich  nicht  auf  natürliche  oder  nur  gesüßte

Fruchtsätze.
Höhe  der  Steuer.
§  2.  Die  Steuer  beträgt;
1.  bei  Mineralwässern  0,05  M.,
2.  bei  Limonaden  und  anderen  künstlich ­
  bereiteten  Getränken  .  .  .  .  o,to  ,,
3.  bei  konzentrierten  Kunstlimonaden  1,00  ,,
4.  bei  Grundstoffen  zur  Herstellung

von  konzentrierten  Kunstlimonaden  20,00  „
für  das  Liter.
Für  Limonaden  und  andere  künstlich  bereitete
Getränke,  deren  Weingeistgehalt  die  vom  Bundesrate ­
  festgesetzte  Grenze  überschreitet,  sind
die  doppelten  Steuersätze,  des  Abs,  1  Zifferz  zu
entrichten.
Die  steuerpflichtige  Menge  bestimmt  sich  nach
der  Zahl  und  dem  Raumgehalt  der  an  Abnehmer
gelieferten  Gefäße.  Der  Hersteller  hat  der
Steuerbehörde  unter  Hinterlegung  von  Mustern
anzumelden,  in  welchen  .  Gefäßgrößen  er  die
Erzeugnisse  in  Verkehr  bringen  will.  Für  die
        <pb n="543" />
        537

Steuerberechnung  bleiben  geringe  Abweichungen
von  dem  angemeldeten  Raumgehalt  der  Gefäße,
die  nur  auf  Zufälligkeiten  bei  ihrer  Herstellung
beruhen,  nach  näherer  Bestimmung  des  Bundesrats ­
  außer  Betracht.  Auf  dem  Gefäßen  muß  der
Name  des  Herstellers  der  Erzeugnisse  sowie  der
Ort  der  Herstellung  angegeben  sein.
Entrichtung  und  Stundung  der  Steuer.
§  3.  Zur  Entrichtung  der  Steuer  ist  verpflichtet,
wer  steuerpflichtige  Erzeugnisse  herstellt  und
in  Verkehr  bringt  oder  wer  sie  aus  dem  Ausland
einführt.  Das  ,  gewerbsmäßige  Abfüllen  natürlicher ­
  Mineralwässer  auf  Gefäße  gilt  als  Herstellung. ­

Die  Steuerpflicht  tritt  ein  für  inländische  Erzeugnisse, ­
  sobald  sie  an  Abnehmer  geliefert  oder
innerhalb  desHerstellungsbetriebs  getrunken  werden; ­
  die  Steuer  wird  fällig  am  letzten  des  folgenden ­
  Monats.
Wird  die  Zahlungspflicht  wiederholt  versäumt
oder  liegen  Gründe  vor,  die  den  Eingang  der
Steuer  gefährdet  erscheinen  lassen,  so  kann  die
Steuerbehörde  die  Bezahlung  oder  Sicherstellung
der  Steuer  bei  Eintritt  der  Steuerpflicht  fordern.
Von  der  Steuer  werden  befreit:
1.  Erzeugnisse,  welche  unter  Steueraufsicht  ausgeführt ­
  werden;
2.  •  Erzeugnisse  der  im  §  2  Abs.  1  Ziffer  3,  4
bezeichneten  Art,  wenn  sie  gemäß  näherer
Bestimmung  des  Bundesrats  unter  Steueraufsicht ­
  an  andere  zur  gewerbsmäßigenHerstellung
  steuerpflichtiger  Getränke  abgegeben
werden;
3.  Erzeugnisse,  welche  von  den  bei  der  Herstellung ­
  beschäftigten  Personen  in  den  Räumen ­
  des  Herstellungsbetriebs  getrunken  werden. ­

Die  Steuerpflicht  für  aus  dem  Ausland  eingeführte ­
  Erzeugnisse  tritt  ein  mit  der  Grenzüberschreitung; ­
  die  .  Steuer  wird  fällig,  sobald
die  Erzeugnisse  zum  freien  Verkehr  abgefertigt
sind.
Gegen  Sicherheitsleistung  kann  die  Steuer  bis
zu  drei  Monaten  gestundet  werden.
§  4.  Die  steuerpflichtig  gewordenen  Erzeugnisse ­
  sind  nach  Art  und  Menge  nach  näherer
Bestimmung  des  Bundesrats  der  Steuerbehörde
schriftlich  anzumelden.
Verjährung  der  Steuer.
§5.  Ansprüche  auf  Zahlung  oder  Erstattung
der  Steuer  verjähren  in  einem  Jahre  von  dem
Tage  des  Eintritts  der  Steuerpflicht  oder  Steuerentrichtung, ­
  ab.  Der  Arlspruch  auf  Nachzahlung
eines  hinterzogenen  Steuerbetrags  verjährt  in
drei  Jahren.
Die  Verjährung  wird  durch  jede  von  der  zuständigen ­
  Behörde  zur  Geltendmachung  des  Anspruchs ­
  gegen  den  Zahlungspflichtigen  gerichtete
Handlung  unterbrochen.
Anzeigepflicht.
§  6.  Wer  steuerpflichtige  Erzeugnisse  herstellen
und  in  Verkehr  bringen  will,  hat  dies  vor  der
Eröffnung  des  Betriebs  unter  Bezeichnung  der
Erzeugnisse,  deren  Herstellung  beabsichtigt  ist,
der  Steuerbehörde  schriftlich  anzuzeigen  und
gleichzeitig  eine  Beschreibung  der  Betriebs-  und
Lagerräume  sowie  der  damit  in  Verbindung

stehenden  oder  unmittelbar  daran  angrenzenden
Räume,  gegebenenfalls  auch  der  außerhalb  der
Herstellungsbetriebe  gelegenen  Ausschankstätten,
vorzulegen.  Die  Herstellung  darf  nur  in  den
angemeldeten  Betriebsräumen  erfolgen.  ,
§7.  Jede  Änderung  in  den  angemeldeten  Verhältnissen ­
  ist  der  Steüerbehörde  binnen  einer
Woche  schriftlich  anzuzeigen.
Betriebsinhaber,  die  den  Betrieb  nicht  selbst
leiten,  haben  der  Steuerbehörde  diejenigen  Personen ­
  zu  bezeichnen,  die  als  Betriebsleiter  in
ihrem  Namen  zu  handeln  befugt  sind.
Die  im  folgenden  für  den  Betriebsinhaber  gegebenen ­
  Vorschriften  gelterl  mit  Ausnahme  derjenigen ­
  im  §  12  Satz  2  auch  für  den  Betriebsleiter.
Buchführung;  Lagerung.
§8.  Die  Betriebsinhaber  haben  über  den  Bezug ­
  der  zur  Herstellung  der  steuerpflichtigen'
Erzeugnisse  benutzten  Rohstoffe,  über  deren  Verwendung ­
  und  über  die  daraus  hergestellten  Erzeugnisse ­
  und  über  den  Absatz  der  Erzeugnisse
Bücher  zu  führen,  aus  denen  die  einzelnen  Bezüge, ­
  ihre  Verwendung  und  der  Verbleib  der  hergestellten ­
  Erzeugnisse  deutlich  ersichtlich  sind.
Fertige  unversteuerte  Erzeugnisse  dürfen  nur
in  den  angemeldeten  Räumen  gelagert  und  verpackt ­
  werden;  über  die  Herstellung  und  den
Absatz  sind  nach  näherer  Bestimmung  des  Bum
desrats  Anschreibungen  zu  führen,  die  der  Bestimmung ­
  der  Steuerbehörde  entsprechend  aufzubewahren ­
  und  den  Beamten  zugänglich  zu
halten  sind.
Die  Bestände  sind  von  Zeit  zu  Zeit  amtlich
festzustellen  und  mit  den  Anschreibungen  zu
vergleichen.  Von  der  Erhebung  der  Steuer  für
Fehlmengen  ist  abzusehen,  wenn  und  soweit  dargetan ­
  wird,  daß  die  Fehlmengen  auf  Umstände
zurückzuführen  sind,  die  eine  Steuerschuld  nicht
begründen.
Der  Bundesrat  kann  im  Falle  des  Bedürfnisses
Abweichungen  von  den  Vorschriften  in  Abs.  1
und  2  zulassen  und  daneben  besondere  Überwachungsmaßnahmen ­
  anordnen.
Steueraufsicht.
§  9.  Die  Herstellungsbetriebe  unterliegen  der
Steueraufsicht.  Die  Steuerbeamten  sind  befugt,
die  Betriebs-  und  Lagerräume,  solange  sie  geöffnet ­
  sind  oder  darin  gearbeitet  wird,  zu  jeder
Zeit,  andernfalls  während  der  üblichen  Geschäftsstunden ­
  zu  besuchen.  Die  Aufsichtsbefugnis  erstreckt ­
  sich  auf  alle  Räume  der  Betriebsanlage
sowie  auf  die  an  diese  angrenzenden  oder  damit
in  Verbindung  stehenden  Räume.  Die  Zeitbeschränkung ­
  fällt  weg,  wenn  Gefahr  im  Verzug ­
  ist.
§  10.  Innerhalb  der  der  Steueraufsicht  unterliegenden ­
  Räume  dürfen  keine  Maßnahmen  getroffen ­
  werden,  welche  die  Ausübung  der  gesetzlichen ­
  Aufsicht  hindern  oder  erschweren.
§11.  Die  Betriebsinhaber  haben  den  Steuerbeamten ­
  jede  für  die  Steueraufsicht  oder  zu  statistischen ­
  Zwecken  erforderliche  Auskunft  über
den  Betrieb  zu  erteilen  und  bei  den  züm  Zwecke
der  Steueraufsicht  stattfil^denden  Amtshandlungen ­
  die  Hilfsmittel  (Geräte,  Beleuchtung  usw.)
zu  stellen  und  die  nötigen  Hilfsdienste  zu
leisten.
        <pb n="544" />
        538

Den  Oberbeamten  der  Steuerverwaltung  sind
die  auf  die  Herstellung  und  Veräußerung  der
steuerpflichtigen  Erzeugnisse  bezüglichen  Geschäftsbücher ­
  und  Schriftstücke  aut  Erfordern
zur  Einsicht  vorzulegen.
§12.  Sind  Betriebsinhaber  wegen  Hinterziehung
der  Steuer  wiederholt  bestraft  worden,  so  kann
ihr  Betrieb  besonderen  Aufsichtsmaßnahmen
unterworfen  werden.  Die  Kosten  fallen  dem  Betriebsinhaber ­
  zur  Last.  Die  Einziehung  dieser
Kosten  erfolgt  nach  den  Vorschriften  über  das
Verfahren  für  die  Beitreibung  der  Zölle  und  mit
dem  Vorzugsrecht  der  letzteren.
Steuerhinterziehung.
§13.  Wer  vorsätzlich  die  gesetzliche  Steuer
ganz  oder  zum  Teil  hinterzieht  oder  einen  ihm
nicht  gebührenden  Steuervorteil  erschleicht,  wird
wegen  Steuerhinterziehung  mit  einer  Geldstrafe
bestraft,  die  das  Vierfache  der  Steuerverkürzung
oder  des  Steuervorteils,  mindestens  aber  50  Mark
beträgt.
Versuch.
§  14.  Der  Versuch  der  Steuerhinterziehung  ist
strafbar;  die  für  die  vollendete  Tat  angedrohte
Strafe  gilt  auch  für  den  Versuch.
Bei  dem  Versuch  ist  die  Strafe  nach  der
Steuerverkürzung  oder  dem  Steuervorteile  zu  bemessen, ­
  die  bei  Vollendung  der  Tat  eingetreten
wären.
§15.  Der  Tatbestand  des  §13  wird  insbesondere ­
  dann  als  vorliegend  angenommen,
1.  wenn  steuerpflichtig  gewordene  Erzeugnisse
nicht  oder  unrichtig  angemeldet  werden
(§  4);
2.  wenn  mit  der  Herstellung  von  steuerpflichtigen ­
  Erzeugnissen  begonnen  wird,  bevor
die  Anzeige  des  Betriebs  in  der  vorgeschriebenen ­
  Weise  erfolgt  ist  {§  6);
3.  wenn  die  vorgeschriebenen  Anschreibungen
(§  8)  nicht  oder  wissentlich  nicht  richtig
geführt  werden;
4.  wenn  fertige  unversteuerte  Erzeugnisse  vom
Hersteller  in  anderen  als  den  angemeldeten
Räumen  aufbewahrt  werden  (§  8);
5.  wenn  Erzeugnisse,  für  die  Steuerfreiheit  auf
Grund  von  §  3  Abs.  4  Ziffer  3  in  Anspruch
genommen  wird,  an  andere  als  die  bei  der
Herstellung  beschäftigten  Personen  abgegeben ­
  werden.
Haftung  für  andere  Personen.
§  22.  Inhaber  der  unter  dieses  Gesetz  fallenden ­
  Betriebe  haften  für  die  von  ihren  Verwaltern,
Geschäftsführern,  Gehilfen  und  sonstigen  in  ihrem
Dienste  oder  Lohne  stehenden  Personen  sowie
von  ihren  Familien-  oder  Haushaltsmitgiiedern
auf  Grund  dieses  Gesetzes  verwirkten  Geldstrafen
und  Kosten  des  Strafverfahrens  sowie  für  die
nachzuzahlende  Steuer:  Die  Haftung  für  die
Geldstrafe  und  die  Kosten  tritt  nicht  ein,  wenn
die  Zuwiderhandlung  nachweislich  ohne  Wissen
des  Inhabers  begangen  worden  ist;  die  Haftung
ist  jedoch  auch  in  diesem  Falle  begründet,  wenn
es  der  Inhaber  bei  der  Auswahl  oder  der  Beaufsichtigung ­

  des  Angestellten  oder  bei  der  Beaufsichtigung ­
  der  Familien-  oder  Haushaltsmitglieder ­
  an  der  erforderlichen  Sorgfalt  hat  fehlen
lassen,  oder  wenn  er  aus  der  Tat  einen  Vorteil
gezogen  hat.
Übertragung  der  strafrechtlichen  Verantwortlichkeit. ­

§  23.  Betriebsinhaber,  die  den  Betrieb  nicht
selbst  leiten,  können  die  Übertragung  der  ihnen
obliegenden  strafrechtlichen  Verantwortlichkeit
auf  den  Betriebsleiter  -  bei  der  Steuerbehörde  beantragen. ­
  Wird  der  Antrag  genehmigt,  so  geht
die  strafrechtlicheV  erantwortlichkeit  unbeschadet
der  im  §  22  vorgesehenen  Vertretungsverbindlichkeit ­
  des  Betriebsinhabers  auf  den  Betriebsleiter ­
  über.  Die  Genehmigung  ist  jederzeit  widerruflich. ­

§  24.  Läßt  sich  die  Geldstrafe  von  dem  Schuldigen ­
  nicht  beitreiben,  so  kann  die  Steuerbehörde
davon  absehen,  den  für  die  Geldstrafe  Haftenden
in  Anspruch  zu  nehmen,  und  die  an  Stelle  der
Geldstrafe  tretende  Freiheitsstrafe  an  dem  Schul
digen  vollstrecken  lassen.
Ersatzfreiheitsstrafe.
§25.  Die  an  die  Stelle  einer  uneinbringlichen
Geldstrafe  tretende  Freiheitsstrafe  darf  zwei
Jahre,  im  Falle  des  §  21  drei  Monate  nicht  übersteigen. ­


Erhöhung  der  Zölle  für  Kaffee
und  Tee.

§  39.  In  Nummer  34  des  Zolltarifs  ist  das
Wort  „Paraguaytee“  zu  streichen.
Die  Nummern  61  und  65  des  Zolltarifs  erhalten
folgende  Fassung:
61  Kaffee,  auch  Kaffecschalen:
roh  130  Mark  für
1  Doppelzentner ­


nicht  roh  (z.  B.  gebrannt
[geröstet],auch  gemahlen);
Kaffeepulver,  gemischtmit
Zucker;  Kaffee-Essenz  f
Auszug  von  rohen  Kaffeeschalen, ­
  sirupartig  eingedickt ­


f’5

Tee,  auch  Mate  .

175  Mark  für
1  Doppel
Zentner
220  Mark  für
1  Doppel
zentner

Anmerkung.  Tee  zur
Herstellung  von  Tein  unter
Zollsicherung

frei

In  Nummer  212  des  Zolltarifs  ist  hinter  den
Worten  „zur  Bereitung  von  Getränken“  einzu
schalten:  „  ,  anderweit  nicht  genannt,"  und  es
sind  zu  streichen:  das  Wort  „Kaffee-,“  in  der
zweiten  Klammer,  ferner  die  Worte  „Auszug  (Extrakt) ­
  von  rohen  Kaffeeschaien,  sirupartig  ein
gedickt;“  und  die  Worte  „Kaffeepulver,  gemischt
mit  gebranntem  Zucker;“.
        <pb n="545" />
        Register.
In  das  Register  sind  die  am  Anfang  eines  jeden  Artikels  stehenden,  fettgedruckten  Stichworte  nicht  mit  aufgenommen, ­
  weil  das  Lexikon  in  alphabetischer  Ordnung  der  handelsüblichen  deutschen  Bezeichnungen  gedruckt
ist.  Dagegen  sind  die  gebräuchlichsten  Synonyma  und  teilweise,  die  im  Text  gesperrt  gedruckten  Bezeichnungen
in  dem  Register  verzeichnet,  sofern  sie  nicht  schon  selbst  auf  den  betreffenden  Artikel  verweisen.  So  ist  z:B
Ameisensäureäther  unter  Ameisenäther  zu  suchen,  dagegen  sind  Äthyläther  und  Äthylazetat  in  das  Register
aufgenommen.

JLalraupe  392.
Abaca  264.
Abalan  262.
Abbevillea  150.
Abbrennen  275,
Abies  balsamea  197.
Abies  canadensis  159.
Abies  pectinata  442.
Abietinsäure  220.
Abolith  9.
Abrastol  33.
Abrin  321.
Abrusbohnen  321.
Absinthium  480.
Acacia  arabica  39.
Acacia  catechu  203.
Acanthosicyos  293.
Acetum  110.
Achat,  isländischer  303.
Achia  41.
Achillea  moschata  176.
Achillea  millefolium  390.
Achillein  177.
Achilleum  lacinulatum  399.
Achroit  461.
Achtstein  50.
Acidum  cinnamylicum  495.
Acid  Magenta  130.
Acipenser  sturio  156,  432.
Ackerdoppen  93,  464.
Ackerkohl  158,  413.
Ackerrettich  158.
Ackersenf  158.
Ackerspark  423.
Aconitum  Napellus  104,433.
Acorus  calamus  193.
Adamas  87.
Adansonia  digitata  5.
Adansonin  6.
Ade  Biskuit  330.
Adenanthera  pavonina  223.
Adeps  lanae  240.
Aderfarbe  416.
Adiantum  Capillus  Veneris
129.
Adika  88.
Adlerholz  6.
Adlervitriol  2,  106.
Admonter  Vitriol  2.
Adular  2,  117.
Aegle  Marmelos  39.
Apfeläther  129.
Äpfeleisenextrakt  3.
Apfelöl  3.
Äpfelspalten  3
Äschern  243.
Aesculus  Hippocastanum
371.
Äther  aceticus  111.
Äthiops  martialis  105.
Äthiops  mineralis  356.
Äthyläther  3.
Äthylalkohol  12.
Äthylazetat  111.
Äthylenblau  276.
Äthyleosin  350.
Äthylhydroxychinolin  186.
Äthylmorphin  88.
Äthylurethan  463.
Äthylviolett  459.

I  Ätzbaryt  42.
I  Ätzkali  189.
'  Ätzkalilauge  189.
Ätzkalk  192.
Ätznatron  294.
Ätzstift  189.
Affenfelle  218.
Affenhaar  120.
Affinieranstalt  144.
Agaricus  albus  250.
Agaricus  campestris  75.
Agavehanf  14.
Agfa  Blitzlicht  59.
Agger-Agger  6.
Agropyrum  repens  354.
Agtstein  50.
Agtsteinöl  51.
Aixer  ul  44.
Ajowansamen  2.
Akagin  37.
Akajounüsse  20.
Akonitsäure  104.
Akopyrin  37.
Akrolein  US,  143.
Akrothermen  279.
Akrot-ki-tel  302.
Aktinolith  33,  170.
Aktinometer  333.
Alabandine  13.
Alantin  175,
Alantstärke  175.
Alapurin  240.
Alaunerde  454.
Alaunfels  16.
Alaunspat  16.
Alaunstein  16.
Alaunton  454.
Alban  152.
Albertole  155.
Albumatpapier  334.
Aldehydenchlorid  5.
Aletris  farin.  431.
Aleurites  triloba  41.
Aleuritesöl  42.
Alexandrian  laurel  240.
Alfenide  14.
Algarotpulver  26.
Algeinpapier  335.
Algin  143.
Algolfarben  25,
Alikante  260.
Alizari  226.
Alizarinblau  25.
Alizaringelb  37.
Alizarinindigoblau  25.
Alizarinirisol  25,
Alizarinsaphirol  25.
Alizarinviolett  132.
Alizarinviridin  25.
Alizarinzyanin  25.
Alizarinzyaningrün  25.
Alkäliblau  23.
Alkaligrün  468.
Alkali  violett  459.
Alkekengi  181.
Alkermes  208.
Alkoholblau  23.
Alkoholometer  13,  29.
Allium  cepa  506.
Allium  sativum  213.

Allium  victorialis  13.
Alloxan  286.
Almadinspinell  423.
Almandin  13,  146,
Ainus  110.
Aloeholz  6.
Aloxe  71.
Aloysia  citriodora  467.
Alpenkampfer  281.
Alpen  kohle  65.
Alphanaphtolorange  459.
Alpinia  officinarum  131
Alpinin  131.
Alpranke  55.
Alsike  kloefver  212.
Alsophila  lurida  322.
Alstonia  88.
Althaea  rosea  261.
Altscharlach  52.
Alumen  8.
Aluminiumazetat  16.
Aluminiumchlorid  16.
Aluminiumhydroxyd  454.
Aluminiumnitrid  18.
Aluminiumoxalat  16.
Aluminiumoxyd  454.
Aluminiumrhodanid  16.
Aluminiumsesquioxyd  454.
Aluminiumsilikat  453.
Aluminiumsulfat  16.
Aluminothermie  263,  449.
Alunit  8.
Alzen  16.
Amanita  75.
Amanoa  guyan.  250.
Amaranth  93.
Amaul  489.
Amazonenstein  16,  117.
Amberkraut  205.
Amboinaholz  187.
Ambroid  17,  50.
Ameisenaldehyd  128.
Ameisenamylester  17.
Ameisensäureäther  17.
Ameisensäureäthyläth  erl  7.
Ameisensäurearnyläther  17.
Ameisensaures  Äthyloxyd
17.
Ameisensaures  Amyloxyd
17.
Ameisenspiritus  17.
Ameisenvinester  17.
Amerikanischgelb  82.
Amiant  33.
Amidoalizarin  11.
Amidobenzoesäure  24.
Amidobenzol  22.
Amidobernsteinsäure  34.
Amidolin  30.
Amidophenylarsin  35.
Amidöpyrin  352.
Amidosaligenin  94.
Arninoazofarbstoffe  37.
Aminoform  161.
Amiono  xant  h  rachin  o  nfärb  -
Stoffe  25.
Ammer  480.
Ammoniak,  purpursaures
286.
Ammoniaksalpeter  381.

Ammoniaksoda  19,  420.
Ammoneisen  chlorid  105.
Ammoniumsalze  s.  Ammoniaksalze ­
  19.
Ammonmolybdat  283.
Ammonzinnchlorid  343,
Amomum  cardamomum
200.
Amygdalus  communis  262.
Amygdalus  persica  329.
Amylester  20.
Amyloxydhydrat  20,  130.
Amylum  424.
Amyris  balsamifera  385.
Amyris  elemifera  106.
Amyris  Linaloe  252.
Anacyclus  officinarum  51.
Anakardiengummi  1.
Anakardienholz  258.
Anamirta  cocculus  216.
Ananasäther  21,  129.
Ananaskirschen  181.
Anastigmate  333.
Anatas  451.
Anchovis  21,  388.
Anchusin  12.
Andalusit  93.
Andira  29.
Andirobaöl  199.
Andorn,  schwarzer  483.
Andromeda  japonica  34.
Andropogon  muricatus467.
Andropogon  Nardus  499.
Anemone  pulsatilla  351.
Anemonin  21,  351,
Anethol  21,  117.
Anethum  graveolens  88.
Angelica  amargosa  29.
Angelikasäure  240.
An  gerlin  g  75.
Anghikaholz  6.
Angolaholz  22,  195.
Angora  281.
Angosturabalsam  221.
Anguß  431.
Anilein  270.
Anilinbraun  55.
Anilingelb  83.
Aniliuöl  23.
Anilinorange  378.
Anilinpurpur  270.
Anilinrot  130.
Animalisieren  203.
Anorthit  117.
Anthemis  nobilis  195.
Antheraea  mylitta  462.
Anthrachinonpyridonfarb-Stoffe
  25.
Anthragallol  25,
Anthrazenuse  24.
Anthrazenviolett  132.
Anthrazitschwarz  38.
Anthyllis  vulneraria  484,
xAntidotum  arsenici  32.
Antihydropin  26,  442.
Antimonkaliumtartrat  66
Antim  onoxychlorür  26,
Antimonoxyd  27.
Antimonpentasulfid  436
Antisol  339.
        <pb n="546" />
        540

i

Antistofl'  427,  48X.
Apatit  27,  437.
Aperitol  330.
Apfelkraut  304.
Apfelöl  40.
Aphis  Chinensis  132.
Apios  29.
Apis  mellifica  168.
Apiuin  graveolens  412.
Aplanate  333.
Apochinin  77.
Apparate,  photographische
333.
Apple  oil  40.
Applikation  430.
Aposafranine  37.
Appreturen,  Leder-  398.
Aprikosenäther  28,  129.
Aqua  plumbi  57.
Aquamarin  51.
Aquavit  251.
Aquila  brava  6.
Arabin  151.
Arac  31.
Arachisnüsse  109.
Aran  163.
Araruta  31.
Arbuse  273.
Arbutin  29,  39.
Arbutus  Uvae  29,  39-Arctostaphylus
  39.
Arenga  saccharifera  145,
379.
Argen  tan  14.
Argonarinde  76.
Aristolochia  cymbifera  149.
Aristolochia  Serpentaria  ■
395.
Aristopapier  335.
Aritera  littoralis  209.
Arizin  77.
Arkansasschalen  396.
Aromatische  Wässer  4,
Aropa  260,  347.
Arraroba  29.
Arrowrootpapier  335.
Arsengelbglas  32.
Arsennickelglanz  298.
Arsen  pentoxy  d  32.
Arsenpigment  32.
Arsenrotglas  32.
Arsenrubin  32.
Arsensäure  32.
Artemisia  Abrotanum  92.
Artemisia  Absinthium  480.
Artemisia  dracunculus  110.
Artemisia  maritima  485,
Anim  30.
Arundo  donax  368.
Arve  489,  498.
Arvennüsse  498.
Arylaminoanthrachinonfarbstoffe
  25.
AsantÖl  33.
Asaron  270.
Asarum  156.
Asarum  virginianum  396.
Asehantinüsse  109.
Aschblei  482.
Aschlauch  506.
Aschpein  280.
Asellin  242.
Asepsin  27.
Askaridol  485.
Aspalatus  92.
Asparagus  officinalis  422.
Asperula  odorata  471.
Asphaltlack  237.
Aspidium  114.

Aspidbsperma  354.
Aspiratoren  272.
Asplenium  362.
Assamtee  443.
Astacus  fiuviatilis  227.
Astacus  raarinus  171.
Asthmakräuter  428.
Asthmazigarren  428.
Astrachan  239.
Astfagalus  456.
Astrocarpium  vulgare  27.
Atar  369.
Atchia  41.
Athamanta  50.
Atlas  409.
Atlaserz  260.
Altasholz  258.
Attaleafunifera83,218,341.
Attar  369.
Auchenia  vicunna  468.
Auerlicht  142.
Auflösungsnaphta  48.
Auklandia  Costus  351.
Auramin  352.
Aurentumpäpier  335.
Aureoline  474.
Aurin  276.
Aurin,  wilder  145.
Auripigment  32.
Aussaigern  232,  417.
Auxerre-Rotwein  72.
Avawurzel  207.
Avellanen  302.
Avena  153.
Avicula  margaritifera  323.
Avignon  409.
Avignonbeeren  134.
Awehl  360.
Axinit  93.
Azadirachta  266.
Azalein  130.
Azaroli  281.
Azetaldehyd  9.
Azetamid  26.
Azetinblau  93.
Azetophenonphenetidin
260.
Azetopyrin  7.
Azetparaphenetidin  330.
Azetylen  194.
Azetylphenylhydrazin  172,
352.
Azetylsalizylsäure  34.
Azetylsalizylsaures  Antipyrin
  7.
Azodiphenylblau  93.
Azoflavin  38.
Azosäuregelb  38.
Azurit  233.
Babool  39.
Babula  39.
Baccioli  289.
Bachminze  226.
Backkohle  429.
Backsteine  454,  492.
Backsteintee  443.
Badani-Kohel  29.
Badeschwämme  399.
Badian  431.
Badiansäure  24.
Bärendreck  435.
Bärentraube  29,  39.
Bärme  158.
Bärschling  43.
Bärse  43.
Bahamaschwämme  399.
Baliiaholz  372.
Bahiapulver  29.

Bakelit  155.
Balaena  122.
Balaenoptera  122.
Balanites  ägyptiaca  488.
Balantium  322.
Balasrubin  372,  423.
Ballistit  394.
Baiiota  nigra  483.
Balsam,  holländischer  155.
Balsam,  ostindischer  151.
Balsamodendron  africanum
46.
Balsamodendron  gileadense
273.
Balsamtanne  197.
Bancrofts  Beize  498.
Baobabrinde  5.
Baphia  nitida  195.
Barbaloin  14.
Barbanisse  262.
Bardanawurzel  212.
Bardiglio  267,
Barr.ge  409.
Barilla  1.79,  419.
Bariumkarbonat  483.
Barosma  70.
Barsac  63.
Barvarol  256.
BarwoodsKomposition  498.
Barytpapier  335.
Barytverbindungen  s.  Barium ­
  42.
Barytweiß  324.
Baseblau  23.
Bassorin  457,
Bastardsafran  377.
Basthüte  422.
Bastseide,  ostindische  462.
Basuiboku  34.  ,
Batavaöl  321.
Bathengel  133.
Batistlinon  253.
Batistmusselin  323.
Bauerntran  241.
Bauhinia  29.
Baumwolle,  nitrierte  393.
Baumwollblau  23,  93.
Baumwollgelb  38.
Baumwollscharlach  67.
Baumwolltaft  195.
Bayrischblau  23.
Bazillol  256.
Beaujolais  72.
Beaune  71.
Beerenweine  304.
Beifuß,  bitterer  480.
Beinglas  107.
Beinschwarz  107,  213.
Beißkohl  504.
Belgischer  Backsteinkäse
251.
Belichtungsmesser  333.
Belit  453.
Belliers  Reaktion  263.
Belmontin  109.
Bemi-ki-tel  329.
Bengalische  Zündhölzer
506.
Benta  Mare  281.
Benzaldehyd  55.
Benzalgrün  260.
Benzanthrenfarbstoffe  25.
Benzidam  22.
Benzobraun  38.
Benzoesäureäther  48,
Benzoesäurebenzylester
325.
Benzoesäuresulfinid  375.
Benzoevinester  48.

Benzoflavin  7.
Benzolorthodikarbonsäure
340.
Benzoschwarzblau  38.
Benzoylanilid  47.
Benzoylglykokoll  162.
Benzoylgrün  260.
Benzoylekgonin  218.
Benzpylpseudotropein  218.
Benzoylsulfonimid  375.
Benzylenchlorid  350.
Benzylfluoreszein  83.
Bergblau,  künstliches  66.
Bergflachs  33.
Berggrün  407.
Bergteer  34,  445.
Berkefeldfllter  473.
Bernhardinerkraut  200.
Berufskraut  484.
Berzelit  411.
Besenginster  113,  422.
Bessemern  99.
Beta  vulgaris  373.
Betanaphtolorange  459.
Betelnüsse  30.
Bettendorfs  Reagens  498.
Betula  54.
Beychevelle  63.
Beyersehe  Filter  473.
Bhang  155.  •
Bibernell  342.
Bibirurinde  46.
Bickbeeren  159.
Bienenwachs  470.
Biercouleur  504.
Biestmilch  276.
Biewitz  360.
Bigaradöl  309.
Bignonia  Chica  76.
Bignonia  tomentosa  452.
Bildstein  6.
Biotit  141.
Birkenpilz  430.
Birkenteer  54,  444.
Birnenäther  54,  129.
Birnenkraut  304.
Birnöl  20.
Bisam  284.
Bisamkorner  1.
Bisch  434.
Bismutum  s.  Wismut  482.
Bitsch  433.
Bitterdistel  200.
Bittere  Branntweine  65.
Bittererde  257.
Bitterholz  353.
Bitterkleesalz  311.
Bittermandelölgrün  260.
Bittermandelölkampfer  49,
Bittermandehvasser  29,  55.
Bitter  spat  257.
Bitterwein  480.
Bixin  309.
Biyakushi  22.
Blackflber  211.
Blackfish  414.
Blättchenpulver  394.
Blagny  71.
Blanc  fixe  324.
iLe-Blanc-Prozeß  294,  419.
Blanchieren  135.
Blankenhehner  Tee  48*.
Blanquette  419.
Blasengrün  228.
Blasenkäfer  198.
Blatta  orientalis  26,  442.
Blattfallkrankheit  476.
Blattgold,  unechtes  453.
Blattgrün  81.
        <pb n="547" />
        541

Blattsilber  56,  '246.
Blau,  fluoreszierendes  364.
Blaubeeren  159.
Blaudruckpapier  336.
Blauholzextrakt  56.
Blauholzkomposition  498.
Blauschwarz  83,  39.
Bleiazetat  58.
BYeiazetat,  basisches  57.
Bleibioxyd  58.
Bleichert  477.
Bleichkalk  81.
Bleichmittel  472.
Bleichromat  82.
Bleiglanz  56.
Bleiglaserz  22.
Bleikammern  404.
Bleimennige  274.
Bleioxyd  57.
Bleioxyd,  rotes  274.
Bleiperoxyd  58.
Bleirot  274.
Bleisäure  58.
Bleisalpeter  381.
Bleischrot  398.
Bleistiftholz  489.
Bleisuperoxyd  58.
Bleivitriol  22.
Bleiwasser  57.
Bleizinnober  274.
Blenden  400.
Bleu  de  Lyon  23.
Bleu  de  Paris  23.
Bleu  de  Poteaux  276.
Bleu  lumiere  23.
Bleu  marine  23.
Bleu  soluble  23.
Blick  95.
Blitz  477.
Blitzfackel  119.
Blitzlicht  257.
Blitzpulver  40.
Bloßen  243.
Blonden  76.
Blüten  127.
Blumentee  443.
Blutholz  56.
Blutnuß  302,
Blutschwamm  119,
Blutstein  105.
Blutwurzel  456.
Bockshorn'  180.
Bodenrenke  265.
Boehmeria  nivea  77,  297.
Böhmischer  Tee  444.
Börnstein  52.
Bohnen,  brasilianische
341.
Bohnenbaum,  indischer
22.
Bohnenkäse  421.
Bohnerz  96.
Bois  de  dentelie  188.
Bol  62.
Boletus  429.
Bolle  506.
Bologneser  Kreide  227.
Bolus,  roter  304.
Bombage  135.
Bombassin  409.
Bombaxwolle  199,  329.
Bombayhanf  437.
Bombyx  Mori  408.
Bonastres  iieaktion  290.
Bongeot  71.
Borago  63.
Boraniumbeeren  330.
Boras6us  flabelliformis
379.

Boraxsäure  63.
Bordeaux,  rot  38,  93.
Borlint  467.
Borneokampfer  63.
Bornit  232.
Bornylalkohol  63.
Bornylazetat  63.
Boronatrokalzit  63.
Borsäureweinstein  62.
Bortrioxyd  63.
Boswellia  serrata  476.
Botanybaiharz  s.  Akaroidharz.

Bourettegarn  409.
Boy  125.
Brachpilz  75.
Brakteen  252.
Brasilein  372.
Brasiletto  372.
Brasilienholz  372.
Brassica  campestris  360.
Brassica  Näpus  esculenta
373.
Brassica  nigra  413.
Brassica  oleracea  capitata
390.
Brauerpech  321.
Brauneisenstein  96.
Braunfischtran  457.
Braunkohlenasphalt  445.
Braunkohlenbenzin  48.
Braunkohlenteer  445.
Braunkohlenteerpech  445.
Brauselimonadensirup  162.
Brausepulver,  englisches
420.
Brayera  anthelmintica  235.
Brechen  124.
Brechnüsse  225.
Brechwurzel  175.
Breiapfelholz  387.
Breihahn  67,
Breitfisch  182.
Breitling  21,  424.
Bremergrün  232.
Brenner,  schwarzer  476.
Brennpalme  211,
Brennstein  50.
Brenzgallussäure  352.
Brenzkatechin  66.
Brian^ner  Kreide  227.
Bricken  297.
Briketts  65.
Brillantgelb  183.
Brillantgrün  457,
Brillantorange  229.
Brillantponceau  297.
Brillantschliff  87.
Brocatello  268.
Bromäthyl  5.
Bromelia  Ananas  21.
Bromine  67.
Bronil  68,  427,  467.
Brookit  451.
Brouilly  72.
Bruch  353.
Brühwürfel  64.
Brünieren  275.
Brugnons  296,
Brugnolen  296.
Brustkraut  484.
Brustwurzel  22.
Bruyereholz  110.
Bruzit.  257.
Bryodin  106.
Bryonia  alba  489.
Buchenholzteer  444.
Bücklinge  160.
Buhach  175.

Bulbotuber  358,  486.
Bulbus  358,  486.
Bulbus  victorialis  13.
Bullyholz  387.
Bullytree  40.
Bunsenit  299.
Buntkupfererz  232.
Bunzlauer  Geschirr  452.
Buranham  283.
Burbura  39.
Burgunderharz  120.
Burgunderpech  322.
Burgunderrübe  504.
Burnus  472.
Bursera  acuminata  199.
Bursera  aloexylon  252.
Bursera  tomentosa  440.
Busa  163.
Busseroie  39.
Butadien  207.
Butea  frondosa  209.
Butterbohne  260.
Butterpilz  430.
Butterschmalz  396.
Butylsäure  73.
Butyrospermum  415.
Butyrum  stanni  498.
Buxus  70.
Byssolith  33.
Cachou  203.
Cachou  de  Laval  402.
Caesalpinia  coriaria  88.
Caesalpinia  echinata  372.
Cajanus  indicus  22.
Calamagrostis  115.
Calamanderholz  225.
Calamus  verus  367.
Calatropis  gigantea  143.
Calcarelle  400.
Calcaroni  400.
Calendula  officinalis  367,
Caliete  77.
Calin  189.
Callitris  quadrivalvis  385.
Gallon  504.
Calming  Pastills  6.
Calophyllum  240,  441.
Calumbawurzel  220.
Calzei  sparte!  10.
Camelina  sativa  89.
Canajolo  76.
Cananga  odorata  487.
Canarium-Elemi  106.
Canarium  polyphyllum  197,
Candlenüsse  10,  41.
Canella  alba  493.
Canelle  55.
Cannabis  154.
Cannastärke  31.
Cantenac  63.
Capillum  Veneris  129.
Capivibalsam  181.
Capparis  spinosa  198.
Capselia  bursa  pastoris
163.
Caput  mortuum  105,  219.
Carajuru  199.
Carapa  Touloncouma  231.
Carbo  spongiae  399.
Carcharias  458.
Cardium  287.
Carduus  mariae  266.
Carlina  acaulis  92.
Carex  115.
Carex  avenaria  386.
Caricae  116.
Carini  437.  l
Carmenholz  /134.

Cärpinus  betulus  479.
Oarthamus  tinctorius  377.
Carya  161.
Caryophyilus  aromaticus
137.
Caryota  urens  211.
Caseogomme  203.
Cassia  angustifolia  414.
Cassia  obovata  414,
Cassia  occidentalis  281.
Cassia  vera  493.
Cassius  Purpur  145.
Castanea  vesca  203.
Castilloa  205.
Castoreum  51.
Catha  edulis  204,
Cedrat  499.
Cedrela  odorata  489.
Ceiba  pentandra  329.
Celoton  338.
Centaurium  442.
Cephaelislpecacuanha  176;
Cera  flava  470.
Cera  raineralis  109.
Ceratonia  siliqua  180.
Cercis  181.
Ceroxylon  andicola  329.
Cerussa  58.
Cetaceum  472.
Cetraria  islandica  176.
Chablis  72,
Chairamin  77.
Chalkopyrit  232.
Chalkosin  232.
Chalybokrenen  426.
Chamaedrys  133.
Chamäleonlösung  191.
Chamaerops  humilis  84.
Chamberlands  X^ilter  473,
Chambole  71.
Chamotte  391.
Champagner  Kreide  227.
Champagner  Milch  2.
Champignonsschwämme
399.
Chanahlgelb  268.
Chappe  409.
Chaptalisieren  447.
Charas  75,  155.
Chardonnetsseide  409.
Charque  126.
Chartoux  72.
Chateau  Leoville  63.
Chateau  Margaux  63.
Chateau  Pongeaux  63.
Chatin  268.
Chaulmograsöl  266.
Chavica  officinarum  328.
Chelidonium  majus  397.
Chelonia  Mydas  394.
Chemischgelb  57.
Chenas  72.
Chenopodium  ambrosioides
458,  485.
Chenopodium  Quinoa  363.
Cherry-Brandy  251.
Chillies  207.
China-clay  77.
Chinagelb  32.
Chinalizarin  11.
Chinamin  77.
Chinasilber  30,  78.
Chinesischer  Talg  329.
Chinesischrot  79,  202.
Chinineisenzitrat  501.
Chinin  zitrat  501.
Chinonoximfarbstotfe  301.
Chinovasäure  456.
Chinovin  142.
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        542

Chiococca  186.
Chips  492.
Chlorätherspiritus  388.
Chloräthylchlorür  5.
Chloralamylalkoholat  89.
Chloralantipyrin  172.
Chlor  alium  16.
Chloramingelb  449.
Chlorammonium  381.
Chlorknallgas  384.
Chlorospinell  423.
Chlorsilberpapier  335.
Chlorsoda  92.
Chlorwasserstoffsäure  384.
Chocolat  de  Gabon  88.
Chodes  2.
Choice  lard  406.
Choleramännchen  226.
Cholesterin  170,  304,  446.
Cholin  251,  304.
Chondrin  246.
Chondrus  crispus  201.
Chooli-ki-tel  29.
Christophskraut  481.
Chrombronze  82.
Chromchlorid  82.
Chromleim  247.
Chromorange  82.
Chromotrop  37.
Chromoxyd  82,  419.
Chromrot  82.
Chromtrioxyd  82,
Chrysanilin  7.
Chrysanthemin  175.
Chrysanthemum  175.
Chrysatropasäure  47.
Chrysobalanus  188.
Chrysoin  83.
Chrysolith  83,  306.
Chrysopal  83.
Chrysorin  275.
Churus  155.
Cibotium  Baromez  322.
Cicuta  virosa  474.
Cicutin  221.
Cider  28.
Cinara  scolymus  368.
Cinasamen  485.
Cinnamomurn  Cassia  492,
494.
Cinnamomurn  Kiamis  269.
Cinnamomurn  xanthoneuron
  269.
Cipollino  267.
Citrullus  vulgaris  274.
Citrus  Aurantium  346.
Citrus  limetta  252.
Citrus  limonum  499.
Citrus  medica  252,  499.
Citrus  myrtifolia  262.
Clairets  343.
Claret  74.
Claviceps  purpurea  288.
Claytongelb  449,
Clos  de  la  chainette  72.
Cloth  grass  77.
Clou  119.
Clupea  harengus  160.
Clupea  pilchardus  388.
Clupea  sprattus  21,  424.
Cnicus  benedictus  200.
Cobaltum  crystallisatum  31.
Coccionella  225.
Coceoloba  uvifera  210.
Coccus  cacti  225.
Coccus  fica  391.
Coccus  ilicis  208.
Coccus  lacca  391.
Cochlearia  officinalis  254.

Cochlearia  armoracia  271.
Coclococcus  carolinensis
429.
Cocos  nucifera  218.
Coelin  215.
Coeruleum  215.
Coffea  184.
Coir  218.
Cok  452.
Colambacholz  6.
Colchicum  160,  219.
Colla  piscium  156.
Colle  gelatine  134.
Collemplastrum  330.
Collocalia  469.
Collor  211.
ColophoniaMauritiana  106.
Combe  433.
Commiphora  abyssinica
289.
Conchae  praeparatae  36.
Concho  443.
Conium  macul.  393.
Convolvulus  batatas  44.
Convolvulus  Scammonia
418.
Convolvulus  scoparius  369.
Copaifera  bracteata  16.
Copaifera  officinalis  221.
Copernicia  cerifera  201.
Copperah  218.
Corallium  rubrum  222.
Corchorus  182.
Cordia  Boissieri  21.
Cordia  Gerascanthus  369.
Cordierit  93.
Coregonus  Maraena  265.
Coriandrum  sativum  223.
Coriurn  242.
Cornichons  de  caprier  199.
Corton  71.
Corusco  429.
Corylus  avellana  302.
Corynanthe  Yohimbe  488.
Corypha  cerifera  201.
Costus  351.
Cotton  44.
Cotton  fiy  329.
Couleur  214.
Cowper  98.
Craböl  199.
Crangon  vulgaris  133.
Crataegus  Azarolus  39.
Craven  Burleigh  153.
Crayon  noir  228.
Cresotylsäure  228.
Crocus  martis  aperitivus
105.
Crocus  sativus  377.
Croise  409.
Crookesit  411.
Crotolaria  juncea  437.
Croton  Malambo  260.
Crqton  niveus  222.
Croton  Tiglium  229.
Croton  tinctoriurn  51.
Crotonrinde  203.
Croupee-Öl  231.
Crujuru  199.
Crystalli  tartari  479.
Cucumis  ColoCynthis  220.
Cucumis  melo  273.
Cucumis  sativus  151.
Cucumis  myriocarpus  189.
Cucurbita  pepo  231.
Cudbear  310.
Cuivre-poli  275.
Cuminum  Cyminum  289.
Cupressus  thujoides  489.

Cupriehlorid  233.
Cuprinitrat  233.
Cuprioxyd  233.
Cuprisulfat  234.
Cuprooxyd  234.
Curcuma  longa  234.
Curcuma  Zedoaria  502.
Cutch  203.
Cuvee  74.
Cydonia  vulgaris  357.
Cymboi^ogon  Martini  135.
Cymbopogonflexuosus  250.
Cymbopogon  Nardus  499.
Cynanchum  Arghel  30,414.
Cynara  scolymus  33.
Cynips  calicis  214.
Cynips  tinctoria  132.
Cynosbatus  153.
Cynogiossum  171.
Cyperus  esculentus  109.
Cypraea  moneta  205.
Dachpappe  317.
Dachrohr  368.
Dachschiefer  392.
Dachsvertreiber  343.
Dacrydium  171.
Dagget  54.
Dahlin  175.
Dalbergia  64.
Damaenorops  90.
Damaszenin  399.
Dampftran  241.
Dandelion  254.
Dannemoine  72,
Daphne  Mezereum  409.
Daphnidium  230.
Daphnin  108,  142.
Datura  428.
Daucol  281.
Daucus  carota  281.
Daunen  115.
Davys  Lampe  113.
Deckenrohr  368.
Deckweiß  58.
Deidesheimer  327.
Delpechiana  252.
Delphinblau  132.
Delphinium  staphisagriae
239.
Delphintran  457.
Demant  87.
Depot  74.
Derosnes  Salz  293.
Descador  184.
Desintegrator  272.
Desrnoncus  202.
Desoxyalizarin  25.
Despolpador  184.
Deutscher  Tee  444,
Dextrose  426.
Deziplättchen  80.
Dezylaldehyd  250.
Dhera  Ropa  118.
D  hurra  163.
Diachylon  58.
Diäthylbarbitursäure  467.
Diäthylendiamin  344*
Diäthvlmalonylharnstoff
467.
Diamanthine  108.
Diamantkitt  156.
Diamantspat  225.
Diamantschwarz  38.
Diamidoazobenzolchlorid
83.
Diamidophenol  18,  88.
Diamingelb  38.
Diamingrün  38.

Diaminschwarz  38.
Diaminviolett  38.
Diaspor  454.
Dichopsis  151.
Dichroit  93.
Dickwurz  504.
Dictamnus  88.
Dicypellum  297,  493.
Diffusion  503.
Digallussäure  136.
Dihydroanthrachinon  25.
Dijodfluoreszein  108.
Dikafett  74.
Dikarbonäthylensäure  51.
Dikonchinin  77,  80.
Dimethyläthylkarbinol  20.
Dimethylanilin  orange  276.
Dimethylbenzol  487.
Dimethylessigsäure  73.
Dimetbylketon  36.
Dimethylorange  276.
Dimethylxanthin  449.
Dinaphtazin  37.
Ding  an  sich  296,  472.
Dinitrokresolkalium  378.
Dinitroresorzin  421.
Dinitrozellulose  220.
Dinkel  95,  148,  480.
Dinna  6.
Diospyrus  Ebenaster  92.
Diospyros  hirsuta  225.
Dioxin  301.
Dioxybenzol  364.
Dioxydiphenylphtalid  330.
Dioxymethylanthrachinon
_  83.
Dioxyphenylsäure  352.
Diparaoxyphtalophenon
330.
Dipenten  107,118,120,476.
Diphenylaminblau  23.
Diphenylaminorange  377.
Diphenylmethanfarbstoffe
445.
Diphenylorange  377.
Diploknema  sebifera  279.
Dippels  Stinköl  218,  445.
Dipsacus  fullonum  200.
Dipterocarpus  151.
Dipteryx  odorata  454.
Dirca  palustris  245.
Disazofarbstoffe  37.
Dismembrator  272.
Diuretin  449.
Doeskins  71.
Doggert  54.
Dolichos  pruriens  181.
Dolichos  soja  420.
Domingoholz  134.
Donovansche  Lösung  32.
Doornkat  65.
Doppelvitirol  2.
Dopplers  Metall  246.
Dorant,  weißer  21.
Dorema  Ammoniacum  18.
Dorstenia  Contrajerva  221,
Dottores  487.
Dowlas  204.
Dracaena  Draco  90.
Dragoneil  110.
Dragoneregel  60.
Dragonsäure  24.
Dragunkraut  HO.
Drap  d’or  198.
Drap  de  soie  409.
Dreifaltigkeitsblume  431.
Dreifarbendruck  339.
Drell  249.
Drepanocarpus  176.
        <pb n="549" />
        543

Drimys  granatensis  225.
Drittelsilber  16.
Drouottesches  Pflaster  198.
Druckblau  93.
Druckerschwärze  70.
Dryobalanops  63,  197.
Dschut  182.
Dualin  91.
Duckstein  458.
Dünkel  480.
Dünnstem  232.
Dürkheimer  327.
Dulcamara  55.
Dulce  delcolor  260-Dunen
  115.
Duranametall  275.
Duvana  171.
Dwarfelder  Marmelade  35.
Dziegiec  54.
Kau  de  Labaraque  92.
Ebenholz,  rotes  148.
Eberdistel  92.
Ebulus  (Sambucus)  35.
Ebur  107.
Echappe  23.
Echelotte  506.
Echitamin  88.
Echitenin,  88.
Echtblau  R,  B.  93.
Echtgelb  93,  377.
Echtponceau  52.
Eehtscharlach  89.
Echtschwarz  378.
Plchtviolett  38.
Edamer  Käse  163.
Edeltanne  442.
Edeltannenzapfenöl  448.
Egerling  75.
Egrenieren  45,
j  Eibisch  14,  261.
Eibischzucker  62,
Eiche,  indische  443.
Eichelkaffee  94.
Eichelzucker  356.
Eichenmistel  94,  281.
Eiderdaünen  115.
Eierersatz  171.
Eiernudeln  446.
Eierpflaumen  268.
Eimen  95.
Eipulver  171.
Plis,  Speise-  423.
Eisen,  holzsaures  104.
Eisen,  pyrox^hosphorisches
96.
Eisenbeize  104.
Eisenblumen  104.
j  Eisenbrühe  104.
Eisendisulfuret  402.
Eisengalluspapier  336.
Eisenglanz  96.
Eisenhydroxyd  105.
Eisenkies  402.
Eisenlack  237.
Eisenmohr  105.
Eisenöl  104.
Eisenrot  304.
Eisensacehaiat  105.
Eisenspat  96.
Eisensublimat  104.
Eisenwässer  279,  426,
Eisenzitrat  501.
Eisessig  111.
Eisstein  229.
Eisvogel  116.
Eiweiß  9.
Eiweißbindemittel  486.
Eka-Gas  338.

Elaeagnu's  angustifolius488.
Elaeopten  4,
Elaphomyces  162.
Elaphrium  graveolens  252.
Elap  hrium  tomen  tosum  440.
Elaylchlorür  5.
Electuarium  240.
Elefantenläuse  20.
Elektrum  143.
Elemizin  107.
Elettaria  cardamomum  200.
Elfenbein,  gebranntes  213.
Elfenbein,  vegetabilisches
429.
Elfenbein,  weiß  gebranntes,
213.
Elfenbeinnuß  429.
Elfenbeinpalme  429.
Ellagsäure  456.
Ellernholz  110.
Elsässergrün  I  301.
Elsenholz  110.
Eluteria  203,  229.
Elution  503.
Emailliergold  246.
Emanation  358.
Emmenthaler  407.
Emmer  480.
Emodi  12.
Emodin  365,  414.
Emxflastrum  330.
Empleurum  70.
Emulsin  20,  55,  262.
Endiandra  glauca  443.
Endodeca  Serpentaria  395.
Engelskraut  30.
Engelwurzel  22.
Englische  Erde  459.
Englischgelb  57.
Englischgewürz  342.
Englisch  Lint  391.
Englischrot  105,  219.
Englischsalz  55.
Engobe  259.
Engraulis  encrasicholus
387.
Enthaarungsmittel  243.
Entenfußwurzel  346.
Enula  8.
Ephedra  andina  342.
Epineuil  72.
Eppich  412.
Epsomersalz  55.
Equisetum  390,
Erdäpfel  202.
Erdartischocke  455.
Erdbirne  455.
Erdeicheln  109.
Erdgut  438.
Erdharz  34.
Erdnaphtha  326.
Erdöl  279,  326.
Erdpech  34.
Erdpistazien  109.
Erdschellack  6.
Ergotinin  289,
Erica  arborea.  110.
Erika  B  449.
Erikolin  39.
Eriodendron  aufractuosum
199,  329.
Erukasäure  374.
Ervurn  lens  253.
Erythraea  442.
Erythrophloeum  guinense
389.
Erythrosin  108,  350.
Erythroxylon  218,
Eschel  214,  216.

Eschelotte  506.
Esdragol  24.
Eselsgurke  106.
Eserin  341.
Eskurials  483.
Esox  lucius  158.
Esparsette  211.
Espartofaser  10,
Essences  concretes  178.
Essigätherweingeist  424.
Essignaphtha  292.
Esterlack  237,  376.
Eucalyptus  viminalis  359.
Eugenia  caryophyllata
137.
Eugenia  Tabasco  342.
Eukairit  411.
Euphorbia  Lathyris  424.
Euphorine  331.
Eupittonsäure  344.
Eurhodine  37.
Eurhodole  37.
Euryangium  437.,
Euxanthinsäure  351.
Exogonium  177.
Explosivstoffe  424.
Extern  embrocation  6.
Extincteure  119.
Extrait  de  Rose  369.
Extraktionsfett  214.
Kabiana  imbricata  341.
Fabriktran  241.
Fachen  120.
Färberdistel  377.
Färbereiche  356,
Färberknöterich  173.
Färberläppchen  51.
Färbermaulbeerbaum  134.
Färberreseda  475.
Färb  erröte  226.
Färberscharte  471.
Färbertraube  476.
Färberwaid  471.
Färberwau  475.
Fagus  silvatica  70,  371.
Faktis  207.
Fallkraut  30.
Farbe  21.
Farben,  giftige  114,
Farben,  Haar-  153.
Farben,  Teer-  445.
Farblack  237.
Farbstoffe,  adjective  446.
Farbstoffe,  heterochrome
445.
Farbstoffe,  substantive  445.
Fard  de  chine  202.
Fardelen  493.
Farinzucker  503.
Farina  Tik  31.
Faro  53.
Fasanen  116.
Faselbohne  61.
Fasergips  35.
Faserkalk  35.
Faserkohle  429.
Faßpech  321.
Faulbaumrinde,  amerikanische ­
  73.
Fayence  428.
Fecule  31.
Fedegoza  281.
Federalaun  33.
Federharz  205.
Federweiß  ,33.
Fegsalz  208.
Fehlingsche  Lösung  426.
Feigbohne  255.

Feigenkaffee  117.
Feinblau  23.
Feinkorn  95.
Feintalg  366.
Felbel  384.
Feldblätterschwamm  75.
Feldquendel  117.
Feldsalat  360.
Felsensauger  297.
Femmel  154.
Fenchelholz  388.
Fenchen  112.
Fenchon  118,  450.
Fennich  163.
Fernambukholz  372.
Ferriazetat  104.
Ferrichlorid  104.
Ferrisulfat  106.
Ferrizitrat  501.
Ferrizyankalium  60.
Ferrochlorid  104.
Perrojodid  105.
Ferrosulfat  105.
Perrosulfid  105.
Ferrotitan  452.
Ferrozyankalium  60.
Ferrum  limatum  105.
Ferrum  oxydatum  105.
Ferrum  reductum  105.
Ferula  Asa  foetida  33.
Ferula  galbaniflua  131.
Ferulasäure  33.
Feuerwerkskörper  353,
Feuerzeug  505.
Fibroin  409.
Fichtenrinde  120.
Ficus  205.
Ficus  carica  116.
Ficus  ceriflua  136,
Z^ieb  erb  aum  112.
Pieberklee  55.
Pieberrinde  77.
Fieberrinde,  graue  203.
Fijmüsse  429.
Filanden  408.
Filixsäure  114,  120.
Films,  photogr.  340.
Filterkerzen  473.
Finkensamen  89.
Finnfisch  122.
Firnissumach  177.
Pischauge  2,  117.
Pischbein,  weißes  414.
Fischhautchagrin  123.
Pischkörner  216.
Fäschleim  156,  246.
Fischleim,  vegetabilischer  6.
Fischmehl  122.
Pischöle  457.
Fischwurst  486.
Pitzroya  10.
Flachfisch  398.
Flachsdotter  89.
Flachsgam  247.
Plachslilie  124.
Flaschenlack  416.
Flavopurpurin  11.
Pieckseife  304,  357.
Pieckwasser  357.
Fleischbiskuit  437.
Fleischbrühwürfel  64.
Fleischsaft  351.
Fleischzwieback  437.
Fleury  72.
Flieder  163.
Fliegenleim  281.
Fliegenstein  31.
XHikken  95.
Flintpapier  386.
        <pb n="550" />
        544

\

Flößbutter  396.
Flohkraut  346.
Flomen  406.
Flor  384,  409.
Florence  409.
Florentiner  Lack  50,  237.
Flores  martis  104.
Flores  Zinci  496.
Floridaöl  46.
Flossen  28.
Fluavil  152.
Flugsandel  385.
Fluken  127.
Flunker  398.
Fluorheumin  27.
Fluorit  128.
Fluorwasserstoff  128.
Flußharz  24.
Flutgras  264.
Föhrenholz  209.
Foeniculum  117.
Foenugräkum  60.
Folie  287.
Folien  56.
Fomes  fomentarius  119,
Fondants  62.
Forditas  452.
Forlie  287.
Forman  watte  129.
Formiate  17.
Formol  128.
Formylbromid  68.
Formylchlorid  81.
Formyljodid  180.
Formylsäure  17.
Förster  327.
Frangula  115.
Frangulasäure  365.
Frankfurterschwarz  362.
Französischweiss  58.
Franzosenholz  149.’
Franzosenöl  213,  445.
Frauendistel  266.
Fraueneis  138.
Fraxinus  excelsior  110.
Fraxinus  Ornus  264.
Freselmehl  40-Frottil
  427.
Fruchtbonbons  91.
Fruchtgelees  135.
Fuchsinblau  23.
Fuchsonfarbstoffe  459,
Fuchswurz  104.
Fucus  crisp.  201.
Füllmasse  503.
Fünffachschwefelantimön
436.
Fürst  Pückler  423.
Fulas  128.
Fumaria  109,
Furunkulin  506.
Fusti  137.
Fustik,  alter  134.
Fustikholz  123.
Fußblattwurzel  346.
Fußstreupulver  351.
Futuran  207.
Cjrabonholz  195.
Gadolinit  49.1,
Gadus  aeglefinus  392.
Gadus  calarias  89.
Gänsefuß,  chilenischer  363.
Gänsekraut  47.
Gänze  98.
Gagelbeeren  290.
Gaja  Marioba  281.
Galaktogen  290.
Galarabutter  44.

Galangin  131.
Galbanöl  131.
Galeh  34.
Galenit  56.
Galeopsis  grändiflora  488.
Galeopsis  Ladanum  251.
Galgantöl  131.
Galipea  officinalis  22.
Galipot  119.
Galitzenstein,  blauer  234.
Galitzenstein,  weißer  497.
Gallaminblau  132.
Galle  des  Indes  39.
Gallenröhrling  ,430.
Gallionella  346.
Gallisieren  477.
Gallseife  304.
Gallusblau  132.
Gailwespe  214.
Galmei  495.
Gambin  R.  u.  Y.  301.
Gambir  204.
Ganahlgelb  268.
Ganja  155,
Garcinia  151.
Garcinia  Mangostana  263.
Gardenia  grandifiora  134.
Garanzin  226.
Garbe  230.
Garnaten  133.
Garnierit  298.
Gartenlauch  506.
Gartenrapunzel  360.
Gartensalat  138.
Gasolin  48,  326.
Gaufrieren  59.
Gavrat  39.
Gay  -  Lussac  -  Turm  404.
Gaze  409.
Gaze,  appretierte  467,
Gazon  249.
Gefrorenes  423.
Geheimmittel  133.
Gehörn  162.
Geigenharz  220.
Geist  423.
Geigen  438.
Gelatinedynamit  424.
Gelatineemulsion  338.
Gelatinepapier  335.
Gelb  T  459.
Gelb  W  93.
Gelbbleierz  283.
Gelberde  304.
Gelbe  Scharte  113.
Gelbglas,  Arsen-  32.
Gelbguß  275.
Gelbholz,  ungarisches  123.
Gelbkomposition  498.
Gelbkraut  475.
Gelb  lack  134.
Gelbpech  322.
Gelbwurz  234.
Gelbwurzel,  kanadische
172.
Gelseminsäure  135.
Gemeines  Harz  119.
Genista  113.
Gentianablau  23.
Gentianasäure  108.
Gentisin  108.
Genueser  Weiß  58.  .
Genußmittel  291.
Geolin  352.
Geraniol  135,  241,  250.
Gerberbaum  436.
Gerberei  243.
Gerberrinde  254.
Gerberschoten  88.

Germer,  weißer  299.
Gerstendinkel  480.
Gerstenzucker  62.
Gesetze  u.  Verordnungen
507  ff.
Gest  158.
Geströh  432.
Getreidemehl  272.
Geum  urbanum  296.
Gevrey  71.
Geweihe  162.
Gewerbesalz  215.
Gicht  97.
Gichtgase  98.
Gichtkraut  53.
Gichtrose  312.
Gichtrübe  489.
Giftfarben  57.
Giftmehl  32.
Giftweizen  433.
Gigartina  mamillosa  201.
Gingergrasöl  s.  Geraniumöl.
Ginsterblumen  113.
Ginsterfaser  115.
Ginzatia  oleifera  299.
Gladiolus  communis  13.
Gläsler  407.
Glätte  57.
Glanz  197.
Glanze  400.
Glanzgras,  kanarisches  197.
Glanzkohle  65,  429.
Glanzrinde  254.
Glanzstärke  425.
Glanzstoff  409.
Glanzvergoldung  348.
Glas,  lösliches  474.
Glasköpfe  492.
Glaskopf  60,  96,  105.
Glaskraut  472.
Glasurerz  56.
Glattbutt  398.
Gliadin  211.
Glockenmetall  68,  246.
Glockenwurzel  8.
Gloeosporium  ampelophagum
  476.
Glonoin  300
Gloverturm  404.
Glühkohlen  471.
Glukose  426.
Glukoside  142.
Gluten  211,  246.
Glutenfibrin  211.
Glutenkasein  211.
Glutin  246.
Gluzin  436.
Glyceria  fiuitäns  264,
Glycine  hispida  420.
Glykocholsäure  304.
Glykokoll  247.
Glykol  143.
Glykose  426.
Glykosen  502.
Glyzerinol,  143.
Glyzerinon  143.
Glyzerinphosphorsäure251.
Glyzerintrinitrat  300.
Glyzerit  143.
GlyzerylaJkohol  142.
Glyzyrrhiza  434.
Gmelinsches  Salz  60.
Goabutter  219.
Goapulver  29.
Götterbaum  6.
Goldbronze  56,  287.
Goldbutt  398.
Goldeicheln  188.
Golden-Hair-Wash  474.

Goldfeenwasser  474.
Goldfirnisse  145.
Goldforelle  379.
Goldfrüchte  188.
Goldgelb  459.
Goldgewebe  198.
Goldglätte  57.
Goldmund  397.
Goldmuscheln  324.
Goldorange  459.
Goldrute  485.
Goldschlägerei  56.
Goldschwefel  436.
Goldsiegelwurzel  172.
Gollenkraut  390.
Gommelino  86,  387.
Gommer  480.
Gond-Babul  39.
Gonolobus  Cundurango
221.
Gonosan  464.
Goslarer  Vitriol  2.
Gossypium  45.
Gossypose  359.
Gothaergelb  82.
Gottesurteilbohne  189.
Gottvergessenkraut  21.
Goudakäse  163.
Gousses  de  Gonake  39.
Gouttes  japonaises  346.
Gradierhäuser  215.
Gräfenthaler  Vitriol  2.
Grän  271.
Gratzer  52.
Gräupchen  446.
Grains  408.
Grammatit  33,  170.
Granaten  133.
Granatguano  133,  15(&amp;gt;.
Granatillkörner  229.
Grande  cote  72.
Granilla  225.
Grano  marzuolo  269.
Graphittiegel  396.
Grashirse  264.
Grasöl  250.
Gratiolin  145.
Graukupfererz  232.
Grauspießglanz  26.
Graves  63.
Grebenfelle  116.
Greenheart  46.
Greenovit  451.
Greenockit  183.
Gren  271.
Grewia  oppositifolia  53.
Greze  408.
Grießwurzel  319.
Griffelschiefer  393.
Grisees  72.
Grönländischer  Tran  458.
Grogwürfel  351.
Gros  409.
Grossular  146.
Grottenstein  192.
Grübelnuß  302.
Grün,  Tiroler  50.
Grün,  Ungar.  50.
Grüner  Lack  238.
Grünpulver  276.
Grünstichblau  23.
Grundfarbe  50.
Grundforelle  236.
Grundheil  50,  94.
Grundiersalz  498.
Guajakolbenzoat  49,
Guajakrinde  387.
Guano,  deutscher  349.
Guano,  künstlicher  349.
        <pb n="551" />
        545

Guarauin  216.
Guaza  155.
Guignets  Grün  82.,
Guineapfeffer  207,
Guli-i-pista  132.
Gummi,  ammonisches  18.
Gummi,  armen.  18.
Gummi  elasticum  205.
Gummi,  ostindisches  118.
Gummibälle  206.
Gummide  142.
Gummidruck  334.
Gummiläck  391.
,  Gummischläuche  206.
Gummispeck  205.
Gum  tree  112.
Gunja  155.
Gunnicloth  182.
Gunpowder  443.
Gurkenkraut  88.
Gurunüsse  219.
Guttaperchapflaster  422.
Gutti  151.
Gymnothorax  muraena  286.
Gypsophila  Arrostii  387.
Gypsophila  Struthium  411.
Haardtweine  327.
Haar  tu  ch  153.
Habers  Synthese  18.
Habzelia  150.
Haddock  392.
Hämatein  56.
Hämatit  96,  105.
Hämatoxylon  56.
Hämoglobin  290.
Haferllocken  353.
Hafergrütze  153.
Haferkakao  188.
Hafer-Tuskarora  474.
Hagel  398.
Hagenia  abyssinica  235.
Haifischguano  122.
Haifischtran  458.
Hainbuchenholz  479,
Hainbutten  153.
Halbkammgarn  484.
Halbsilber  279,
Haifa  10.
Haliotis  324.
Halmfrüchte  137.
Hamburgergelb  82.
Hamburgerweiß  58.
Hammeltalg  391.
Hancornia  205.
Handleuchte  491.
Handrotting  54.
Hanf,  ostindischer  437.
Hanfleinen  248.
Hanfnesselkraut  251,  488.
Hardwickiabalsam  151.
Harnkrautwurzel  156.
Hartblei  246.
Hartgummi  92,  207.
Hartguß  102.
Harz,  amerikanisches  119.
Harz,  französisches  119.
Harz,  gelbes  119.
Harz,  gemeines  119.
Harz,  weißes  119.
Harzemulsionspapier  335.
Harzessenz  220.
Harzgeist  155.
Harzsäureester  376.
Haschisch  155.
Haselnuß  302.
Hasenkraut  156.
Haudornwurzel  156.
Hausenblase,  japanische  6.
Mercks  Warenlexikon.

Hausrot  304,  372.
Hautes  Gaillac  63.
Haut  Sauterne  63.
Haysan  443.  ■
Hazalium  154.
Hecheln  124.
Heckenkirsche  47.
Hede  124,  248.
Hederich,  falscher'  413.
Hedysarum  211.
Hegyälljaer  Wein  452.
Hehnerzahl  119.
Heidekorn  70.
Heidelbeeren,  rote  350.
Heilbohne  61.
Heilbutt  398,
Heiligbutt  398.
Heiligenholz  149.
Heiligenstein  35.
Helianthin  276.
Helianthus  annuus  421.
Helianthus  tuberosus  455.
Heliochrysin  421.
Heliotropin  344.
Helix  pomata  397.
Helleborin  142.
Helleboms  niger  299.
Helvella  283.
Hemdentuch  204.
Hemlockleder  159.
Hennah  12.
Hensels  Präparate  291.
Heparreaktion  401.
Heratol  37.
Hermelchen  195.
Herrenpilz  429.
Hesperiden  28,  347.
Hessians  40.
Hessonit  145.
Hetol  495.
Heu,  burgundisches  212.
Heukleesamen,griechisch  er
60.
Hevea  brasiliensis  205.
Hexaanthrachinon  25„
Hexabromide  242.
Hexenmehl  40.
Hexosen  502.
Hibiscus  abelmoschus  1.
Hibiscus  eriocarpus  197.
Hickorynüsse  161.
Himbeeräther  129.
Hindei  491.
Hindiüfte  491.
Hindsläufer  491.
Hippoglossus  Cuv.  398.
Hirschhornöl  445.
Hirschhornsalz  19.
Hirschkraut  55.
Hirschtrüffel  162.
Hirschwurzel  50.
Hirudo  59.
Hivurahein  283.
Hochofen  97.
Höllenöl  44.
Höllenstein  381,  418.
Hoffmanns  Tropfen  3,  424.
Hohenlohe  209.
Holländer  Weiß  58.
Holzfaden  167.
Holzfaser  167.
Holzkalk  194.
Holzkassie  493.
Holzkohle  252.
Holzmehl  167.
Holzöl  151.
Holzsäure  166.
Holzschliff  168.
Holzstaub  168.

Holzstoff  168.
Holzteer  166,  444.
Holztuch  168.
Holzzahnkraut  488.
Holzzimt  493.
Homarus  171.
Homotaraxasterol  254.
Honigbeize  243.
Honiggras  163.
Honigkuchen  328.
Hopea  84.
Hopfen,  Spanischer  89.
Hopfenluzerne  212.
Hopfenöl,  Spanisches  89.
Hopfenranken  115.
Hopogan  258.
Hordeum  136.
Horischengras  264.
Hombaumholz  479.
Hornbleierz  57.
Hornblende  33.
Hornklee  60.
Hornsilber  418.
Hostien  302.
Houmiri  171.
Huacoblätter  149.
Huchen  236.
Hüttenrauch  32.
Hufe  170.
Huiles  251.
Huile  vierge  44.
Humeng-tsao  135.
Humulus  169.
Hyazinth  171,  498.
Hydrakrylsäure  278.
Hydrargillit  454.
Hydrargyrum  354.
Hydraul.  Kalk  490.
Hydrobromsäure  68.
Hydro  Chlorsäure  384.
’  Hydrocotyle  asiatica  474.
Hydrogenium  peroxydatum
474.
Hydrophan  307.
Hydrosulfit  295.
Hydrozinchonidin  77.
Hydrozinchonin  77.
Hymenaea  courbaril  24.
Hymenodiction  189.
Hypericum  181.
Hypnon  36.
Hyssopus  488.
Ichthyocolla  156.
Icica  viridis  106.
Iflrialit  354.
Idrisöl  250.
Igasurin  226.
Ignatia  173.
Ignex  119.
Ihlen  160.
Ikakopflaume  188.
Ilex  paraguayensis  270.
Illanke  236.
lllicium  anisatum  431.
Hlicum  religiosum  43,1.
lllipefett  44.
Immedialfarben  402.
Immergrün  482.
Immortellen  59.
Imperatoria  272.
Imperialscharlach  52.-Inden
  231.
Indiengelb  38.
Indiennes  190.
Indigen  93.
Indigo,  falscher  471.
Indigolith  461.
Indikan  173.

Indischgelb  351.
Indisin  270.
Indoaniline  171.
Industfietran  241.
Inflatin  254.
Inselt  440.
Inula  8.
Invertin  504.
Ipomoea  bona  205.
Ipomoea  purga  177.
Ipomoea  Turpethum  461.
Iridin  466.
Irisbe  29.
Irismuscheln  324.
Iriswurzel  466.
Irländisches  Moos  201.  ,
Irwingia  Bartcri  88.
Irwin^jafett  74.
Isatis  tinct.  471.
Isis  nobilis  222.
Isoanemonin  21.
Isonandra  151.
Isopren  207,  447.
Isopurpurin  11.
Isosafrol  344.
Isutan  55.
Iwaranchusa  467.
•Facaranda  177,  201.
Jacko  452.
Jaffnaer  Moos  6.
Jagarazucker  504.
Jaggeryzucker  504.
Jagrezucker  504.
Jamaikapfeffer  342.
Jams  266.
Janay  72.
Japakonitin  105,  434.
Japanische  Erde  204.
Japanmuscheln  324.
Jaspis  74.
Jaune  acide  93.
Jaune  brillant  183.
Jaune  d’or  268,  378.
Jaune  de  Steinbuhl  42.
Jaune  indien  .351.
Jaune  N  235.
Javaöl  42.
Javellesche  Lauge  92.
Jekoleinsäure  242.
Jequiritin  321.
Jereswein  487,
Jerli  132.
Jerropiga  347.
Jerusalemartischocke  455.
Jesuitengarten  327.
Jesuitentee  458.
Jet  131.
Jodantipyrin  180.
Jodbehensäure  379.
Jodeosin  108.
Jodmethyl  166.
Jodophen  301.
Jodopyrin  27.
Jodviolett  163.
Jodzahl  119.
Jogurt  487.
Johannisnuß  302.
Johannis  wurzel  114.
Judenpech  34.
Judhanf  182.
Juften  181.
Juglans  regia  301.
Jungfern  324.
Jungfernöl  44.
Jungfernwachs  470.
Junghaysan  443.
Jungnickels  Weinkläre477.
Juniperus  communis  469.
35
        <pb n="552" />
        546

Juniperus  oxycedrus  183,
489.
Juniperus  sabina  376.
Juwelen  93,
Kaddigbeeren  469.
Kadinen  120.
Kämpferid  131.
Käsekalk  203.
Käsemilcb  282.
Käsepulver  226.
Käsestoff  202.
Kailzedraholz  258.
Kaisergelb  35,  82,
Kaisergrün  407.
Kaiseröl  327.
Kaisertee  4-13.
Kajugummi  1.
Kakdasinghi  132.
Kakes  55.
Kalabarbolme,  wilde  190.
Kalan  281.
Kalandern  249.
Kalebassen  205.
Kali,  s.  Kalium.
Kali,  blausaures  192.
Kaliaturholz  372,  385.
Kalilauge  189.
Kalinken  265.
Kalinüsse  189.
Kalisalpeter  381.
Kalischwefelleber  403.
Kalium,  äthylsulfokohlensaures
  487.
Kalium  causticum  189.
Kalium,  myronsaures  413.
Kalium,  überchlorsaures
191.
Kalium,  übermangansaures ­
  191.
Kalium,  weinsaures  479.
Kaliumbioxalat  311.
Kaliumeisenzyanür  60.
Kaliumhydroxyd  189.
Kaliumhypochlorit  92.
Kaliumkarbonat  349.
Kaliumnitrat  381.
Kaliumoxalat,  neutrales
312.
Kaliumsulfid  403.
Kaliumsulfozyanid  192.
Kaliumtartrat  479.
Kaliumxanthogenat  487.
Kalkmergel  454.
Kalksalpeter  383.
Kalkstickstoff  18,  195.
Kalkschwefelleber  195.
Kallitrolsäure  385.
Kallitypie  337.
Kalomel  355.
Kalzium,  bleisaures  194.
Kalzium,  unterchlorigsaures ­
  194,
Kalziumhypochlorit  81.
Kalziumkarbonat  192.
Kalziumoxyd  192.
Kameen  74.
Kamelheu  499.
Kamelotts  282.
Kamera  333.
Kammgarn  484.
Kampescheholz  56.
Kampferspiritus  424.
Kamphen  112,  118,  241.
Kampratuben  460.
Kamptulikon  225.
Kandis  503.
Kandlenuß  41.
Kaneel  492.

Kanee'l,  weißer  493.
Kaneelstein  146.
Kannelkohle  429.
Kannenbäcker  430.
Kanonenmetall  68,  246.
Kantalupen  273.
Kantontee  444.
Kaol  352-.
Kapaloin  14.
Kapas  329.
Kapernconcho  443.
Kapillärsirup  426.
Kapuzinerkapern  199.
Kapuzinerkraut  399.
Kapuzinerpilz  430.
Karakul  239.
Karamel  504.
Karamellen  62.
Karatierung  144.
Karawanentee  443.
Karbazolgelb  38.
Karbekraut  390.
Karbinol  166.
Karbonisieren  232,  484.
Karbonit  91.
Karbonstifte  147.
Kardamonfett  266.
Karfunkel  145,  373.
Karmelitergeist  273.
Karmin,  blauer  174,  483.
Karmin,  brauner  463.
Karminsäure  142.
Karneol  74.
Karoben  180.
Karotin  281.
Karotte  281.
Karragheen,  ostindisches  6.
Karstenit  22.
Karthäuserpulyer  208.
Karthäusertee  458.
Kartoffelsago  379.
Kartoffelsirup  426.
Kartoffelstärke  425.
Karvakrol  450.
Karven  230.
Karvol  230.
Karyophyllen  241.
Kaschelot  472.
Kascholong  307.
Kaseinpapier  335.
Kasoidinpapier  335.
Kasondi  281.
Kassava  31,  379.
Kasselergelb  57.
Kasselergrün  42,  407.
Kassetten  333.
Kassiaöl  494.
Kassienmark  73.
Kastanienbraun  268.
Kastorhüte  120.
Kastoröl  366.
Katharinenblume  399.
Karthartomannit  414.
Katigenfarben  402.
Katjang  manila  22.
Katzenaugengummi  84.
Katzengold  141.
Katzenklee  484.
Katzenkraut  484.
Katzenwurzel  40.
Kaurikopal  85.
Kautabak  440.
Kautschuk,  hornisierter
92.
Kautschuklack  236,
Kaya  senegalensis  258.
Kayu  manis  269.
Kehrmittel  427.
Kehrsalpeter  382.

Keks  55.
Kellerhalsrinde  409.
Kelp  179,  419.
Kemmerichs  Pexffon  290,
Kerargyrit  418.
Keratin  169.
Kerosin  326.
Kerzenbaum  41.
Kesselbraun  463.
Kiaboocah  187.
Kibal  281.
Kickxia  205.
Kiefernadelextrakt  120.
Kiefernadelöl  120,  471.
Kienöl  448.
Kienruß  374.
Kiese  400.
Kieselerde  209.
Kieselfluorwasserstoff  128.
Kieselgur  174,  209.
Kieselzinkerz  495.
Kilch  265.
Kinderspielkugeln  268.
Kipshaut  157,  245.
Kirchfisch  265.
Kirschbranntwein  211.
Kirschgeist  211.
Kirschkohle  429.
Kistenzucker  426.
Klapperrosen  211.
Klapperschlangen  wurzel
412.
Klauenschote  415.
Klausthalit  411,
Klebepapier  330.'
Klebschiefer  346.
Klebtaft  330.
Kleesäure  311.
Klinker  454,  492.
Klippfisch  182.
Knallkorken  358.
Kneipps  Tee  469.
Kneipps  Wassersuchtstee
390.
Knieholz  209.
Knippei  268.
Knittergold  127.
Knizin  201.
Knochenteer  213.
Knörrich  423.
Knofler  506.
Knolle  358,  486.
Knollenblätterschwamm
75,  342.
Knollzwiebel  358,  486.
Knoppern,  levantinische
464.
Knorpeltang  201.
Knorr  209.
Knusperchen  55,
Kobaltglanz  31.
Kobaltspeise  298.
Kobaltzinkgrün  279.
Kölle  61.
Kölnerbraun  463.
Kölnergelb  82.
Kölnisches  Wasser  92.
Königsgelb  32.
Königskraut  44.
Körnerlack  391.
Köstritzer  Bier  53.
Kognaköl  478.
Kohle  428.
Kohlendioxyd  217.
Kohleneisenstein  96.
Kohlenfadenlampe  141.
Kohlenhydrate  291.
Kohlenstickstoffsäure  341.
Kohlenstoffbisulfid  402.

Kohlenstofftetrachlorid  81,
Kohlenziegel  65,
Kohlraps  360.
Kohlrübe  373.
Kohlsaat  360.
Kokamin  218.
Kokon  408.
Kokosnuß,  Lissaboner  83.
Koks  430.
Kolibri  116.
Kolikwurzel  431.
Kolkothar  105.
Kollagen  213.
Kollidin  352.
Kolloxylin  220.
Kolonialpulver  424.
Koloradokäfer  202.
Kolostrum  276.
Kolumbit  442.
Kolza  360.
Komposition  174.
Konchinamin  77.
Konfitüren  266.
Kongotee  443.
Konhydrin-221,  393.
Konkuskonin  77.
Kontaktverfahren  404,
Konverter  99.
Konvolvulin  177.
Konzentrationsstein  232.
Kopfwässer  471.
Kopierpapier  193.
Kopiertinte  451.
Kopra  54.
Kordel  54.
Kordit  394.
Koriander,  römischer  399.
Koriander,  schwarzer  399.
Korinthen  370.
Korn  367.
Korn,  astrachanisches  480.
Korn,  sibirisches  480.
Korn,  wallachisches  480.
Kornrade  387.
Körte  226.
Kortizin  225.
Koschenillerot  297,
Koschenillescharlach  37,
Kosmosfaser  115.  [391.
Kossin  235.
Ko  tarnin  434.
Kotsteine  222.
Kottonöl  46.
Koussin  235.
Kraftwurzel  138.
Krallenklee  415.
Krameria  triandra  360.
Krammetsbeeren  469.
Krapplack  11,  114.
Krapprot  11.
Krapp  wurzel  11.
Kratzkraut  200.
Krausbeeren  350.
Kraut  159.
Kreatin  125.
Krebskraut  Öl.
Krebssteine  227.
Kreide,  schwarze  228,  393.
Kreide,  spanische  422.
Kreide,  venezianische  422.
Kreis’  Reaktion  263.
Kreiselschnecke  397.
Kremeis  Probe  242.
Kremnitzer  Weiß  58.
Kremortartari  479.
Krempeln  120,  248.
Kremser  weiß  58.
Kren  271.
Kreosal  442.
        <pb n="553" />
        Kreosot,  kohlensaures
228.
Kreosotöl  199,  228.
Kreosottannat  442.
Krepp  409.
Kresolnatrium  421.
Kresolseifen  228.
Kresylalkohol  228.
Kresylsäure  228.
Kreszentinstamm  409.
Kreuzdorn  228.
Kreuzdornbeere’  204.
Kreuzkümmel  399.
Kriebelkorn  288.
Krimmer  239.
Krischer  185.
Kristallgrün  260.
Kristallöl  327.
Kristallose  376.
Kröpfling  265.
Krokettleder  245.
Krokodilleder  13.
Krön  gelb  82.
Kronsbeeren  350.
Kropfschwamm  399.
Krotonchloral  73.
Krozetin  378.
Krozin  378.
Krümelzucker  426.
Krugbäcker  430.
Kruitkäse  163.
Krullhaare  371.
Krummholz  209,  240.
Krummholzöl  240.
Kryogenfarben  402.
Kubaholz  134.
Kubalack  135.
Küchenschaben  442.
Küchenschelle  351.
KühlHaschen  12.
Kümmel,  römischer  289.
Kufekemehl  153,  209.
Kugellack  237.
Kugelport  87.
Kuhpilz  430.
Kukuiöl  42.
Kukuruz  258.
Kuliwanrinde  493.
Kulonki  265.
Kulor  265.
Kuminöl  289.
Kunerol  219.
Kunstdünger  91.
Kunstharz  155.
Kunstholz  487.
Kunstleder  245.
Kupellation  418.
Kupferbarilla  232.
Kupferglanz  232.
Kupferglaserz  232.
Kupferhydroxyd  234.
Kupferkies  232.
Kupfernickel  31,  298.
Kupferoxydammon  234.
Kupferrauch,  weißer  497.
Kupfersalpeter  237.
Kupferschiefer  232.
Kupfersulfat  234.
Kupferwasser  106.
Kuprein  77.
Kupren  225.
Kuprit  232.
Kurati  124.
Kuskonin  77.
Kuskus  467.
Kuvertüre  188.
Kwas  163.
Kydia  calycina  472.
Kyanol  22.

JLaberdan  182.
Labet  469.
Labordin  21.
Labrax  43.
Lacca  in  tabulis  392.
Lachgas  431.
Lachsforelle  236.
Lackürnisse  236.
Lackharz  391-Lactuca
  137,  239.
Lärchenschwamm  250.
Lärchenterpentin  447.
Läusekörner  216,  239.
Läusesamen  375.
Lafettenholz  32.
Lafitte  63.
Lakritzensaft  435.
Laktate  278.
Laktose  278.
Lambertsnuß  302.
Laminsche  Masse  60.
Lamium  album  297.
Lamprete  297.
Lana  philosphica  496.
Landolphia  205.
Lapathin  83.
Lapis  causticus  189.
Lapis  divinus  35.
Lapis  hämatites  60.
Lapis  infernalis  418.
Lapis  lazuli  140,  462.
Lapis  ophthalmicus  35.
Lapis  pumicis  53.
Lapis  sanguineus  60.
Lappa  212.
Lard  oil  406.
Lard  Stearin  406.
Larix  europaea  239.
Larixolin  447.
Larose  63.
Laschitz  161.
Lascombe  63.
Laserkraut  108.
Laserol  241.
Lasurfarbe  416.
Latex  206.
Latour  63.
Lauch  506.
Laudanum  307.
Laureol  219.
Laurus  nobilis  254.
Lavabrenner  423.
Lavaglas  303.
Lavezstein  455.
Lawsonia  12.
Laxierkonfekt  330.
Lazzerolo  39,  281.
Lebensbaum  450.
Lebensbaumöl  450.
Leberkäse  486.
Leberöle  457.
Lebkuchen  328.
Lecanora  tartarea  238.
Leckerli  328.
Lecythis  188.
Leder,  vegetabilisches  245.
Lederappretur  392.
Lederbraun  55.
Ledergelb  7,  331.
Ledergummi  205.
Lederkäse  163.
Ledertuch  245.
Lederzucker  362.
Ledumkampfer  347.
Lehm  454.
Leimzucker  247.
Lein  123.
Leindotter  89.
Leinenplüsch  249.

Leinkuchen  249.
Leinwand  248.
Leiocome  86.
Leiogomme  86.
Leipzigergelb  82.
Leipziger  Gose  52.
Leitschies  255.
Lempellin  143.
Lentizellen  224.
Lenzin  454.
Leoninische  Waren  275.
Leontodon  taraxacum  254.
Lepidolith  141,  253.
Lepisanthes  montana  210.
Lej)totilus  116.
Lepuranda  75.
Lerbachit  412.
Lerchenholz  239.
Letten  454.
Leuchtöl  326.
Leuchtsternwurzel  431.
Leukogen  296.
Leukolin  80.
Leukorosolsäure  223.
Leuzin  454.
Levantin  409.
Levisticum  officinale  251.
Lewat  360.
Lexia  370.
Leydenerblan  215.
Libidivi  88.
Lichen  irlandicus  201.
Lichen  islandicus  176.
Lichesterin  176.
Lichtblau  23.
Lichte  208.
Lichtenhainer  53.
Lichtgrün  251,  276.
Lichtnußbaum  41.
Liebermanns  Probe  242.
Liebesäpfel  453.
Liege  femelle  224.
Liesen  406.
Lignaloeöl  252.
Lignin  490.
Lignit  65.
Lignum  sanctum  149.
Ligroin  48.
Ligusticum  levisticum  251.
Likörweine  86,  256.
LUiputmunition  358.
Limatura  ferri  105.
Limonen  49,  88,  242.
Limonenöl  500.
Limongrasöl  250.
Liraonöl  251.
Linalool  49,  241,  250,  252.
Linalue  252.
Linalylazetat  49,  241,  252.
Lina  nue  252,
Lindera  sericea  235.
Linkrusta  253.
Lint  467.
Linters  467.
Lintjih  469.
Linum  usitatissimum  123.
Lippia  citriodora  467.
Liquiclambar  orientalis  432.
Liquiritia  434.
Liquor  ferri  jodati  105.
Liquor  ferri  sesquichlorati
104.
Liquor  natrii  hypochlorosi
'  92.
Liquor  silicici  474.
Liquor  styptieus  Lofi  104.
Liriosma  ovata  286.
Listrac  63.
Litauer  Balsam  54.

Litchi  255.
Lithargyrum  57.
Lithionglimmer  253.
Lithofrakteur  91.
Lithophanien  87.
Lizari  226.
Lizarinsäure  11.
Lobelakrin  254.
Lockenblume  367.
Loeschpatronen  119.
Lohextrakt,amerikanisches
159.
Lokao  79.
Lompenzucker  503.
Lonicera  Xylostemum  47.
Loofah  255.
Loranthus  europaeus  281.
Lorchel  283.
Loröl  255.
Lota  fluviatilis  392.
Lot  wurzel  12.
Lucioperca  sandra  489.
Lügentee  443.
Lünte  406.
Luftholz  16.
Luftsalpeter  383.
Luhns  Waschextrakt  411.
Lukao  79.
Lukullan  267,
Lumachell  268.
Lupinenfaser  115.
Luppenfrischerei  97.
Lustgas  431.
Lutein  170,  446.
Lutidin  352,
Luzerne  211.
Luzienkraut  30.
Lychnis  dianthus  387.
Lycopersicum  esculentum
453.
Lydischer  Stein  350.
Lydin  270.
Lydit  350.
Lygeum  spartum  110.
Lykopodium  40.
Lytta  vesicatoria  198.
Lyzin  51.
Macachis  21.
Machaerium  Schomburghii
250.
Mach’s  allein  296,  472.
Mackintosh  205.
Maconnais  72.
Madin  256.
Madrashanf  437.
Madrasnüsse  109.
Mährettig  271.
Marbeln  268.
Märzenbier  60.
Magenkraut  480.
Magensaft  322.
Magentarot  130.
Magenwurzel  30.
Maggiwürze  422.
Magnalium  16,  257.
Magnesia  alba  257.
Magnesiaglimmer  141.
Magnesia,  kieselsaure  415,
422,  441.
Magnesiaseife  258.
Magnesiumhydroxyd  257.
Magnesiumoxychlorid  257.
Magnesiumoxyd  257.
Magnesiumperhydrol  258.
Magnesiumzitrat  502.
Magneteisenstein  96.
Mahalebkirsche  256,  475.
Mahoniholz  258.
        <pb n="554" />
        548

Mahwabutter  44.
Maiglöckchenparfüm  252.
Mais  421.
Maisstärke  425.
Maizena  258.
Majoran,  wilder  89.
Makkaroni  446.
Makiurin  134,  142.
Malabarzimt  493.
Malachitgrün  50,  260.
Malakkanüsse  20.
Malergold  287.
Maletten  28.
Mallotus  195.
Malmsey  256.
Maloo  29.
Malossol  207.
Malpighia  208.
Maltyl  261.
Malvasier  256.
Malvenfarbe  270.
Malzbier  53.
Malzwein  261.
Malzzucker  62,  136.
Mammutzähne  107.
Manchesterbraun  55.
Manchestergelb  268.
Mandarinenorange  28.
Mandarinentee  443.
Mandelersatzstoffe  268.
Mandeln,  grüne  344.
Mandobi  109.
Manganbister  263.
Manganeisen  118.
Mangangrün  42.
Manganin  263.
Manganit  66.
Manganoxalat  416.
Manganspat  263.
Manganstahl  118.
Maugansuperoxyd  66.
Manganvitriol  263.
Mangeln  249.
Mangiferä  indica  263.
Mangold  373,  504.
Manihot  31,  205.
Manioc  31.
Manna,  australische  359.
Mannaesche  264.
Mannaschwingel  264.
Mannazucker  264.
Mannheimer  Gold  246,  453.
Mannide  142,
Mannitan  265.
Marabu  116.
Marakaibobaleam  221.
Maranhaobalsam  221.
Maranta  31.
Marasken  265.
Marattifett  266.
Marcelline  409.
Marienbalsam  440.
Marienglas  138.
Mariennesselkraut  21.
Marillen  28.
Marly  409.
Marmor,  türkischer  304.
Marmorpapier  304.
Marobelkraut  21.
Maronen  203.
Maronenpilz  430-Maroquin
  223,
Marrubium  21.
Marsdenia  137,  178.
Martinsholz  372.
Martinsschlacke  450.
Marum  verum  205.
Masäa  271.
Massa  depilatoria  195.

Masseköpfe  271.
Massikot  57.
Mastisol  269.
Mataperrorinde  221.
Matricaria  195.
Matten  252,  353.
Mattlaek  236.
Matz  353.
Mauersalpeter  381.
Mauersteine  454,  492,
Maulbeerspinner  408.
Maya  487.
Mayulugummi  74.
Mazis  287.
Medicago  211.
Medoc  63.
Meeresschnecken  324.
Meerforelle  236.
Meerschweinchentran  457.
Meganit  424.
Mehlbeere  39.
Mehlleim  211.
Mehltau  476.
Meiran  259.
Mekkasteine  2.
Mel  168.
Melaleuca  187.
Melanit  146.
Meldolas  Blau  93.
Meleagrina  margaritifera
323.
Meleguetapfeffer  200.
Melianthin  399.
Melilotusfaser  115.
Melis  503.
Melisse,  ostindische  499.
M  e  lissi  n  säure  470.
Meli  tose  359.
Melitriöse  359.
Meloe  variegatus  259.
Memphitis  putorius  419.
Meneser  452.
Menispermum  cocculus216.
Menispermum  palrnatum
220.
Mentha  aquatica  226.
Mentha  piperita  328.
Mentha  Pulegium  346.
Mentha  silvatica  227.
Menth  akampfer  274.
Mentholin  274.
Menthon  274.
Menyanthin  55.
Mergel  454.
Merinos  483.
Merkurisalze  355.
Merkurosalze  355.
Merlan  392.
Merlucius  392.
Mespilus  germanica'281.
Metachloral  80.
Metallin  16.
Metallüster  348.
Metanilorange  J  275.
Metarabinsäure  151.
Metazetonsäure  350.
Methonal  458.
Methoxybenzaldehyd  24.
Methylaldehyd  128.
Methylalkohol  166.
Methylänilinviolett  276.
Methylaurin  223.
Methylbenzol  453.
Methylcbavicol  24,.  431,
Methylengrün  276.
Methylenprotokatechualdehyd
  344.
Methylentrij  odid  180.
Methylenhydrastiraid  17.

Methylenviolett  139.
Methylfluoreszein  463.
Methylheptenon  250.
Methylkrotonsäure  375.
Methylparaoxybenzocsäure
24.
Methyloxydhydrat  166.
Methylprotokatechualdehyd
  465.
Methylsalizylat  218.
Methylsulfonal  458.
Methyltheobromin  216.
Methystizin  207.
Metrosideros  vera  104.
Metternichsgrün  179.
Meum  40.
Meursault  71.
Mezereum  409.
Micania  guaco  149.
Mickerfett  406.
Midasohr  397.
.Miesmuscheln  287.
Migränestifte  274.
Mikroklin  117.
Mikrolithen  473.
Mikromembranfilter  473.
Milcheiweiß,  Siebolds  344.
Milchglas  454.
Milchwein  231.
Milomais  163.
Mimosengummi  150.
Mimosenrinde  136.
Mineralgelb  57.
Minerallack  343.
Mineral  weiß  407.
Minimax  119.
Minium  274.
Minks  301.
Minlos  Waschpulver  411.
Mistelleim  281.
MitchamÖl  328.
Mitosguß  15.
Mock  103.
Mockturtle  soup  395.
Modler  343.
Mönchswurz  104.
Mörtel  193.
Mohär  163.
Mohnblüten  211.
Mohnköpfe,  unreife  282.
Mohr,  mineralischer  356.
Mohrrüben  281.
Molarissen  26‘i,
Molligen  323.
Mollisse  262.
Mollphorus  143.
Momordica  Elaterium  106.
Momordica  Luffa  255.
Monäthylamin  5.
Monarda  punctata  450.
Mondamin  258.
Mondsteine  2,  117.
Monoazofarbstoffe  37.
Monobromkampfer  68.
Montepulciano  76.
Montpelliers  Gelb  57.
Mont  Röchet  71.
Montsavoye  72.
Moorkohle  65.
Moos,  Irländisches  201.
Moosbeere  39.
Moosstreu  456.
Mordteufel  374.
Morgenrot  färbe  108.
Moringa  46.
Morinsäure  134.
Morion  50.
Morphinvalerianat  40.
Morrhuin  242.

Morus  nigra  270.
Morus  tinctoria  134.
Moschatin  177.
Moschuskörner  1.
Moschuswurzel  437.
Most  476.
Mostrich  413.
Mottenkraut  212.
Mouillage  477.
Mo  ulin  ä  vent  72.
Mowana  6.
Mucuna  pruriens  181.
Mucuna  urens  190.
Münchner  Lack  114,  201.
Muffelfarben  348.
Mugil  270.
Mull  226.
Mull,  hydrophiler  467.
Mundleim  156,  247.
Mungo  231.
Mungobohne  61.
Muriazit  22.
Murmeln  268.
Mus  434.
Musa  paradisiaca  41.
Musa  textilis  264.
Muskatbohne  341.
Muskatbutter  288.
Muskon  285.
Muskovit  141.
Mustela  erminea  160.
Mustela  lutreola  301.
Mustela  martes  265.
Mustela  zibellina  502.
Mutterharz  131.
Mutternelken  138.
Muttersennes  414,
Muttersaft  130.
Muxbohne  61.
Muzedin  211.
Mylabris  colligata  198.
Mylalkohol  20.
Myosin  125.
Myrholin  219.
Myrikawachs  290.
Myristica  fragrans  287,
Myrizin  470.
Myrizylalkohol  201.
Myrosin  413,.
Myroxylon  sonsanatense
325.
Myroxylon  toluiferum  453.
Myrtus  pimenta  342.
Mytilus  edulis.  287.
Xachmühlenöl  44.
Nachpresse  130.
Nachtgrün  179.
Näglein  137.
Nährstoffe  291.
Napellin  104.
Naphtha  279.
Naphthalidin  293.
Naphthalingelb  268.
Naphthalinpapier  286.
Naphthalinrot  256.
Naphthalol  51.
Naphthene  326.
Naphthionrot  310.
Naphtholblau  174.
Naphtholblauschwarz  38.
Naphtholpech  244.
Naphtholviolett  93.
Naphthylamingelb  268.
Naphthylaminschwarz  38.
Naphthylenblau  93.
Naphthylhydrür  292.
Napoleones  487.
Napolitaine  239.
        <pb n="555" />
        l

549

■,  ■luininii  '"i  «T  ii  ii.  n~  "it  r

Nardenkraut  399.
Nardenöl  250.
Nardensamen  399.
Narthex  asa  foetida  33.
Narwalzahn  107.
Nataloin  14.
Natives  36.
Natrium,  doppeltkohlensaures ­
  294,
Natrium,  überboraanres
295.
Natrium,  unterschwelligsaures ­
  296.
Natrium,  wolframsaures
483.
Natrium,  zimtsaures  495.
Natriumaluminat  454.
Natriumbisulfat  141.
Natriumbisulfit  295.
Natriumborat  62.
Natriumdithionat  296.
Natriumhyperborat  295,
Natriumhyposulfit  296.
Natriumkarbonat  419.
Natriumnitrat  77.
Natriumperoxyd  296.
Natriumstannat  498.
Natriumsulfat  140.
Natron  s,  auch  Natrium.
Natronhydrat  294.
Natronlauge  295.
Natrpnweinstein  411.
Natterwurzel  395.
Natto  421.
Nauclea  gamhir  204.
Nauclea  grandifolia  34.
Naumannit  411.
Neapolitanische  Erde  27.
Neb-Neb  39.
Nectandra  Puchury  341.
Nectandra  Kodici  46.
Negerköpfe  205.
Negrettis  483.
Negrokaflee  281.
Negropapier  336.
Nelken  137.
Nelkenfarbe  343.
Nelkenkassie  493.
Nelkenpfelfer  342.
Nelkenrinde  493.
Neodym  88.
Neosalvarsan  383.
Nephelium  longanum  255.
Nephrit  73.
Nernstlampe  141.
Nerol  241.
Neroliöl  309.
Nerz  301.
Nessel  204.
Nesseltuch  77.
Nestles  Mehl  153,  209.
Neue  Würze  342.
Nenfundlandstran  457.
Neugelb  57,  82.
Neugewürz  342.
Neugrün  260,  281.
Neümethylenblau  276.
Neurin  304.
Neurot  L  52.
Neusilber  14,  30.
Neusolidgrün  468,
Neutrallard  406.
Neuviktoriagrün  459.
Neuweiß  407.
Neuwied  erblau  193.
Neuwiedergrün  407.
Newtons  Metall  246,  482.
Nicholsons  Bläu  23.
Nickolit  298.

Nicotiana  persica  85.
Nicotiana  Tabacum  438.

Olibanum  476.

Olivenholz  305.

Nierenkraut  156.

Olivotes  72.

Nigella  sativa  399.

Ononis  156.

Niggers  205.

Onosma  12.

Nigrosin  174.

Oolong  443.

Nigrosin,  spritlöslich  93.

Opalblau  23.

Nilkiesel  74.

Operment  32.

Nilpferdzähne  107.

Opian  293,

Nimöl  266.

Opobalsam  275.

Nißler  407.

Opuntia  188.

Nitro  ali  Zarin  11.

Orange  NN  275.

Nitrobenzin  280.

Orangerot  89.

Nitrobenzol  280.

Orchideenöl  487.

Nitroferridzyannatrium

Orchis  mascula  380.

801.

Organdingaze  467.

Nitroleum  300.

Orgelmetall  246.

Nitropergarnent  323.

Origanum  majorana  259.

Nitrosite  206.

Origanum  vulgare  89.

Nitrozellulose  393.

Oriz  abawurzel  177.

Nizzaöl  44.

Ornithopus  sativus  415.

Nobels  Ballistit  394.

Orppapier  335.

Nobels  Sprengöl  300.

Orseillelack  237.

Nonpareils  87,  199.

Orsellinsäure  110.

Nopaischildlaus  225.

Orthit  491.

Noppen  384.

Orthodioxybenzol  66.

Norgesalpeter  383.

Orthoklas  16,  117.

Normalkerzen  472.

Orthonitrophenylpropiol-Novoglyzerin

  143.

säure  350.

Novozon  ,258.

Oryza  mont  363.

Nudelgelb  379;

Oschakgummi  18.

Nudeln  446.

Osmiumlampe  141.

Nürnbergerrot  304.

Osmose  503.

Nüsse,  brasilianische  319.

Osramlampe  141.

Nuits  71.

Ossein  213.

Nukoine  188.

Osseter  156.

Nukolin  219.

Osteolith  27,

Nural  302.

Otterköpfcheu  205.

Nuß  butter  219.

Otto  369.

Nutria  120,.  217.
Nyssa  grandidentata  461.

Ottwurz  8.

Ovon  171.
Ovos  422.

Objektive  330.

Ovumin  171.

Ocker  304.

Oxanthren  24.

Ochromawolle  329.

Oximidomenthon  274.

Ocbsenfleischholz  64.

Oxyanthrachinon  25.

Ochsenzunge,  rote  12.

Oxyazofarbstoffe  37.

Oedenlandia  76.

Oxychinolinsulfat  80.

Öl  der  holländischen  CheOxyessigsäure ­

  142.

miker  5.

Oxymethylanthrachinon

Öl,  holländisches  450.

365.  ^

Öle,  flüchtige  3.

Oxyneurin  51.

Öle,  gehärtete  119.

Oxyphensäure  66.

Ölbaumharz  106.

Oxypropionsäure  278.

Ölfarbenvertreiber  343.

Oxytoluyltropin  168.

Ölgrün  50.

Oxytrikarballylsäure  501.

Ölkäfer  259.

Oxytriphenylmethanfarb-Ölmadin

  256.

stolfe  459.

Öl  raps  360.

Ozokerit  109.

Ölsardinen  388.
Ölsteine,  levantinische

Ozonal  312,  472.

396.

Packfong  30.

Ölsüß  142.

Packlack  416.

Önanthäther  478.

Padwus  132.

Oenanthe  Phellandrium

Pahthanf  182.

473.

Paina  limpa  329.

Oenocarpus  Batava  321.

Pain  expeller  6.

Oenothera  biennis  360.

Paint  oil  447.

Oesypus  239.

Pakoe-Kidang  322.

Ofenglanz  108.

Pjilaquium  151.

Ofenlack  359.

Palas  phul  209.

Oidium  Tuckeri  476.

Palmer  Margaux  63.

Oland  8.

Palmin  219.

Oldfieldia  africana  443.

Palmitinsäure  427.

Olein  305,  426.

Palmkernöl  313.

Oleodistearin  219.

Palmzucker  504.

Oleomargarin  265,  366.

Panamarinde  357.

Oleum  martis  104.

Panax  quinquefolius  138.

Olibanoresen  476.

Panaxgummi  308.

Pandanus  odoratissimus
209.
Panicum  163.
Pankreas-Peptone  290.
Pankreon  314.
Pantoffelholz  223.
Papageifedern  116.
Papageigrün  407.
Papaver  rhoeas  211.
Papaver  somniferum  282
Papiere,  farbige  71.
Papiere^photographische
Papierkohle  65.
Papierpergament  323.
Papperpot  208.
Paraamidophenol  367.
Parabalsam  221,
Parachinoniminfarbstoffe
445.
Paradiesäpfel  2,  453.
Paradiesholz  6.
Paradiesvögel  116.
Paradioxybenzol  172.
Paraftinfett  166.
Paraflinum  solidum  110.
Paraformaldehyd  129.
Paragon  87,  267.
Paraguaytee  270.  *
Parajodosoanisol  176.
Parakasein  183.
Paramatta  240,  275.
Paraoxybenzoesäure  381.
Pararosanilin  368.
Pararosolsäure  35.
Paratinktur  319.
Parchemin  animal  323.
Parietaria  off.  472.
Parietinsäure  83.
Parillin  389.
Pariserblau  60.
Parisergelb  57,  82.
Parisergrüu  276,  407.
Pariserlack  237.
Pariserrot  201,  219.
Pariser  Stifte  228.
Pariserviolett  276,
Parizin  77.
Parmablau  23.
Partinium  16.
Parvolin  352.
Passauer  Tiegel  147.
Patentgelb  57.
Patentgummi  206.
Patentöl  156.
Patentschrot  398.
Patentwagenfett  156.
Patina  68,  148.
Pattinsouieren  417.
Paullinia  sorbilis  150.
Pausleinwand  193.
Pauspapier  193.
Pavonia  sempervirens  241.
Psiyena  151.
Pear  oil  20.
Peau  d’espagne  48.
Pech,  weißes  119.
Pechblende  463.
Peeherz  463.
Pechkohle  65,  429.
Peddigrohr  368.
Peganum  155.
Pekan  502.
Pekarisieren  272.
Pelargoniumöl  135,
Pelargonsäureester  357
478.
Pellagra  259.
Pelletiers  Grün  82.

~w~
        <pb n="556" />
        550

Pelzwerk  3G1.
Pemmikan  126.
Penang  828.
Pental  20.
Pentoxyanthrachinon  11.
Pentylalkohol  20.
Pentylen  20.
Peppihgs  3.
Pepsin,  vegetabilisches  314.
Pepsin-Peptone  290.
Perborax  295.
Perca  43.
Perche  43.
Perchemplastra  422.
Perezia  rigida  344.
Pergament,  vegetabilisches
323.
Peridot  306.
Periklas  257.
Periplaneta  orientalis  442.
Periskope  333.
Perkaglyzerin  143.
Perkeo  119.
Perkins  Purpur  270.
Perlasche  349.
Perlen,  facettierte  140.
Perlmoos  201.
Perlsago  379.
Perlsalz  295.
Perlweiß  58.
Pernambukholz  372.
Pernieres  72.
Perolin  427.
Peronospora  viticola  476.
Perowskit  451.
Persianer  239.
Persio  310.
Persisch  gelb  32.
Persulfozyangelb  197.
Perückenbaum  123,  437.
Peruresinotannol  325.
Perusilber  418.
Pestwurz  170.
Peterkrautwurzel  30.
Peterskorn  480.
Peterskraut  472.
Petiotisieren  477.
Petivera  hexaglochin  344.
Petroien  34.
Petroleumäther  48,  326.
Petroleumbenzin  47,  326.
Petromyzon  297.
Petroselinum  sativum  325.
Pettenkofers  Probe  242.
Peucedanum  officinale  153.
Peucedanum  Ostruthium
272.
Peumus  Bold.  62.
Pfaffenpint  30.
Pfahlmuschel  287.
Pfahlrohr  368.
Pfannenstein  215,
Pfeffer,  spanischer  317.
Pfeffer,  türkischer  317.
Pfefferköpfe  328.
Pfefferkraut  61.
Pfeffernüsse  328.
Pfefferrohr  41,
Pfeifenton  454.
Pfeilgift  234.
Pferdeegel  60.
Pferdefenchel  473.
Pferdehaare  371.
Pferdeharnsäure  162.
Pferdekartoffel  455.
Pferdekümmel  473.
Pferdenuß  302.
Pferdepilz  75.
Pfifferlinge  342.

Pfingstrosen  312.
Pfirsischholz  372.
Pfirsichkernöl  329.
Pflaster,  Drouottesches  198.
Pflaster,  Spanischfliegen-198.

Pflasterkäfer  198.
Pflastermulle  422.
Phalaris  canariensis  197.
Pharaoschlangen  226.
Phellandren  88,107,112,118.
Phellandrium  473.
Phenalgin  18.
Phenamin  270.
Phenazin  37.
Phenedin  330.
Phenin  330.
Phenol  199.
Phenonaphtazin  37.
Phenthiazin  449.
Phenylakrylsäure  495.
Phenylamin  22.
Phenylazetamid  26.
Phenyldimethylpyrazolon
27.
Phenylenblau  173,  276.
Phenylenbraun  55.
Phenylkohlensäur,e  38f.
Phenylsäure  199.
Phenylsalizylat  381.
Philadelphiagelb  331.
Phiturasa  205.
Phlobaphen  187.
Phloretin  142,  331.
Phlorogluzide  142.
Phönixöl  141.
Phormium  tenax  124.
Phosphin  7.
Phosphorit  27,  437.
Phosphorpentoxyd  333.
Photogen  48,  445.
Phragmites  communis  368.
Phycocolla  6.
Phyllantus  emblica  289.
Phylloxera  vastatrix  476.
Physalis  181.
Physeter  macrocephalus
472.  ,
Physetölsäure  472.
Physocalymna  floribundum
369.
Phytelephas  macrocarpa
429.
Phytolacca  decandra  208.
Picea  vulgaris  120.
Pickles  281.
Pigmentdruck  334,
Pigmentfarbstoffe  445.
Pignolen  342.
Pigs-foot  grease  406.
Pikolin  352,
Pikotit  423.
Pikratpulver  394.
Pikrokrozin  378.
Pikropodophyllin  346.
Pilezucker  503.
Filieren  411,
Pills  for  the  cough  6.
Pilocarpus  177.
Pilokarpidin  177.
Pimarsäure  220,
Pimenta  acris  46.
Pimpinella  Anisum  24.
Pinakol  352.
Pine-apple  oil  73.
Pinen  112,  118,  120,  241.
Pineolen  342.
Pineytalg  260.
Pinguin  116.

Pinien  498.
Pinksalz  343,  498.
Pinolin  155,  220.
Pinus  eanadensis  159.
Pinus  cembra  33,209,498.
Pinus  laricio  209.
Pinus  pumilio  209,  240.
Pinus  pinea  342.
Pinus  silvestris  209.
Piper  angustifolium  270.
Piper  betle  51.
Piper  Cubeba  229.
Piper  methysticum  207.
Piper  nigrum  327.
Piperazin,  chinasaures  416.
Piratinera  guyanensis  250.
Pirus  communis  54.
Pisang,  Affen-  264.
Pisang  (Musa)  41.
Pissenlit  254.
Pistazia  Lentiscus  269.
Pistazit  93.
Pisum  ,109.
Pita  14.
Pithecolobium  42.
Pittoy  72.
Piuri  351.
Pix  alba  119.
Plagioklas  117.
Plantago  major  475.
Plantago  Psyllium  127.
Plasma  74,  93.
Plastizin  344.
Platessa  12'7.
Platine  275.
Platinmohr  345.
Platinpapier  336.
Platinschwamm  345.
Platteisen  127,  398.
Platten,  photographische
338.
Plattfisch  398.
Pleonast  423.
Pleureusen  116.
Pleuronectes  flesus  398.
Plumbago  146.
Pluszucker  359.
Pockenwurzel  78.
Pockholz  149.
Pökeln  126.
Pöklinge  160.
Pogostemon  Patchouli  321.
Poinsot  72.
Pol  384.
Polianthes  tuberosa  460.
Polierrot  60,  105,  219.
Polisander  177.
Polyazofarbstoffe  38.
Polychroit  378.
Polychrom  3.
Polygala  amara  229.
Polygala  senega  412.
Polygalasäure  412.
Polygonum  bistorta  395.
Polygonum  fagopyrum  70.
Polygonum  tartaricum  70.
Polypodium  108.
Polyporus  fomentarius  119.
Polyporus  officinalis  250.
Polyxanderholz  177.
Pomeranzen,  süße  27.
Pomeranzenblüten  309.
Pomesinen  27.
Pommard  71.
Pomril  3.
Ponceau  3  R  231.
Pontak  476.
Pontet-Canet  63.
Porpezit  143.

Porree  506.
Portland  Arrowroot  31.
Porzellanerde  198.
Porzellanton  454.
Posilippotuff  490.
Postgelb  82.
Postlack  416.
Potentilla  Tormentilla  456.
Pottfisch  472.
Pottlot  146.
Pouillac  63.
Pourpre  fran9ais  310.
Präpariersalz  498.
Präzipitat,  rotes  356.
Präzipitat,  weißes  355.
Pralines  62,  188.
Prasem  93.
Praseodym  88.
Preaux  72.
Preignac  63.
Premier  jus  366.
Preßschwamm  399.
Preßtalg  366.
Preußischblau  50.
Preußischrot  219,  304.
Pricken  297.
Prime  Steamlard  406.
Primulinbase  449.
Primulaviolett  163,  350.
Prinzmetall  275.
Probierstein  350,  418.
Procyon  lotor  398.
Propolis  470.
Protagon  170.
Protalbinpapier  335.
Protein  291.
Protektor  119.
Protium  heptaphyllum  106„
Provenceröl  44.
Prünellen  70.
Prunus  Cerasus  210.
Prunus  domestica  330.
Prunus  laurocerasus  210.
Prunus  mahaleb  475.
Prunus  padus  256.
Prunus  spinosa  396.
Psalliota  75.
Pseudopeziza  trocheiphila
476.
Pseudorhabarber  281.
Pseudorosolsäure  223.
Pseudoschwefelzyan  197.
Psomodoro  451.
Psychotria  Ipecacuanha
176.
Psyllium  127.
Pterocarpus  Draco  90.
Pterocarpus  erinaceus  443.
PterocarpusMarsupium210.
Pterocarpus  santalinus  385.
Ptisane  451.
Ptychotis  Ajowan  2.
Puchury  341.
Puddeln  99.
Puderstärke  425.
Pülpe  131.
Pulegium  vulgare  346.
Puligny  71.
Pulmonaria  officinalis  255.
Pulpa  cassiae  74.
Pulque  14.
Pulsatillenkampfer  21.
Pulver,  Schieß-  394.
Pulverholz  115.
Punica  granat.  146.
Punizintannat  322.
Punnai  240.
Purgella  330.
Purgen  330.
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        Purgetta  330.
Purgierkassie  73.
Purgierkörner  229,  366.
Purgierkraut  145.
Purgierkreuzdorn  228.
Purgiernüsse  366.
Purgierwinde  418.
Purgierwurzel  177.
Purgin  330.
Purglets  330.
Purgolade  330.
Purpur,  französischer  310.
Purpurholz  16.
Purpurin  25,  49,  226.
Purpurkörner  208.
Purpuroxanthin  25.
Purpurschnecke  286.
Putzöl  48.
Pyoktannin  35.
Pyramidenholz  258.
Pyrazolonfarbstolfe  445.
Pyrethran  175.
Pyrethrol  175.
Pyrethroxinsäure  175.
Pyrethrum  anacyclus  51.
Pyrethrum  cinnerariaefolium
  175.
Pyridinfarbstoffe  445.
Pyrit  402.
Pyroentwickler  352.
Pyrogenfarben  402.
Pyrolfärben  402.
Pyrolusit  66.
Pyromorphit  56.
Pyrop  145.
Pyropissit  65,  445.
Pyroschwefelsäure  405.
Pyrosin  108.
Pyroxylin  220,  393.
Quadersandstein  386.
Quälkorn  480.
Quarkleim  203.
Quarz  50.
Queckenwurzel,  rote  386.
Quecksilber,  knallsaures
355.
Quecksilberhornerz  354.
Quecksilbermohr  356.
Quecksilberoxydul,  gerbsaures ­
  356.
Quellsalz  215.
Quendel  117,  356.
Quendel,  welscher  450.
Quercus  coccifera  208.
Quercus  infectoria  132.
Quercus  suber  223.
Quercus  tinctoria  356.
Quercus  valonea  93.
Querzetin  356.
Quewecken  163.
Quickbrei  16.
Quickwasser  356.
Quinetum  357.
Quinoapflanze  363.
Üabinschen  360.
Rack  31.
Radierpulver  385.
Radieschen  364.
Radteer  444.
Räuchern  126.
Raffiabast  44.
Ralfinade  503.
Raffinieren  503.
Ragemahl  178.
Ragoonöl  360.
Ragoutpulver  84.
Rahm  278.

käme  124.
Ramputan  255.
Rancias  487.
Randoe  329.
Raphanus  raph.  158.
Raphia  longifiora  41.
Raphia  vinifera  341.
Rapidfackel  119.
Rap  in  säure  374.
Rapsöl  373.
Raseneisenerz  96.
Ratin  361.
Rattapan  361.
Rauch  quarz  50.
Rauchtopas  50.
Rauken  413.
Raupe  76.
Rauschgelb  32.
Rauschgold  127.
Rauzan  63.
Razemsäure  478.
Realgar  32.
Reblaus  476.
Red  cedar  489.
Redruthit  232.
Reesil  427.
Reformwaschpulver  411,
Refraktion  119.
Regenerate  207.
Regulus  antimonii  26.
Rehposten  398.
Reichert-Meißl-Zahl  119.
Reiherfedern  116.
Reineklauden  330.
Reis,  amerikanischer  474.
Reis,  deutscher  95,  480.
Reißblei  146.
Reisstärke  425.
Reisstrohhüte  422:
Reiswurzel  363,  486.
Rembrandtpapier  385.
Remijia  pedunculata  234.
Rendement  504.
Reps  360,  367.
Reseda  luteola  475.
Resinate  220.
Resinolsäure  250.
Resorufin  364.
Resorzingelb  83,  459.
Respirationsmittel  291.
Retinit  65.
Reverdissage  135.
Rhabarbergelb  83.
Rhabarberin  83.
Rhamnetin  134.
Rhamnus  cathartica  204,
228.
Rhamnus  frangula  115.
Rhamnus  oleoides  134.
Rhamnus  Purshiana  73.
Rhea  americana  116.
Rhein  83.
Rheinanke  236,  265.
Rheum  365.
Rhigolen  326.
Rhizom  486.
Rhodamin  S.  434.
Rhodankalium  192.
Rhodiserholz  369.
Rhoeadin  211.
Rhombus  max.  398.
Rhus  coriaria  436.
Rhus  cotinus  123.
Rhus  succedanea  178.
Rhus  vernicifera  177.
Rhusma  32,  243.
Ribes  rubrum  180.
Ribes  Grossularia  424.
Ribs  367.

Richebourg  71.
Riedgras  115,  386.
Riesenscholle  398.
Riesenspörgel  423.
Riffeln  123.
Rinde,  Gerber-  254.
Rinderstearin  366.
Rindsgalle  304.
Rindsschmalz  72.
Ringäpfel  3.
Ringofen  492.
Ringpilz  430.
Rinnmanns  Grün  215.
Rippen  367.
Ritter  128,  379.
Rizinisolsäure  366.
Rizinolsäure  366.
Roh  368.
Robbentran  457.
Robinienholz  7.
Roblnin  142.
Roccella  tinctoria  22,  238.
Rocheller  Salz  411.
Rockheit  413.
Rockhelen  413.
Rocks  62.
Röhrenkassia  73.
Röstback  55.
Röste  123.
Röstgummi  425.
Röststärke  86.
Rötel  372,  379.
Röteli  128.
Rohgummi  205.
Rohrkolben  115.
Rohrschilf  368.
Rohrzucker  503.
Rohsaft  162.
Rohstein  232.
Rollgerste  147.
Romaneche  72.
Romanee-Conti  72.
Rosablech  377.
Rosanilinblau  23.
Rosanaphthylamin  256.
Rosasalz  343.
Rosazurin  38.
Rosenessig  369.
Rosenholz,  ostindisches  64.
Rosenhonig  369.
Rosenkonserve  369.
Rosenstiehls  Grün  42.
Rosenwasser  369.
Roses  Metall  246,  482.
Rosettenschliff  87.
Rosiersalz  498.
Rosinduline  37.
Rosoglio  265.
Rosolan  270.
Roßfenchel  473.
Roßhaarstoffe  153.
Rotang  367.
Roteisenstein  60,  96,  105.
Roter  Glasköpf  60.
Rotforelle  379.
Rotgültigerz  417.
Rotguß  453.
Rotholzlacklarbe  50.
Rotkupfererz  232,  234.
Rotmetall  453.
Rotoin  47,
Rotsalz  294.
Rotstein  372.
Rottlera  tinctoria  195.
Rouge  ä  la  goutte  202.
Rouge  d’espagne  377.
Rouge  de  Naples  286.
Rouge  en  assiettes  202.
Rouge  fran9ais  256.

Rouge  vegetal  202,  377.
Rouge  vert  377.
Roya  218.
Ruberythrinsäure  11,  226.
Rubinglas  234.
Rubinschwefel  32.
Rubinspinell  423.
Rubus  fruticosus  67.
Rubus  idaeus  161.
Rübe,  rote  504.
Rübensamen  505.
Rübsen  360.
Rüsterrinde  462.
Rufigallol  25.
Ruhrrinde  418.
Ruhrwurzel  220,  456.
Ruizia  fragrans  62.
Rumcouleur  504.
Rumex  alpinus  281.
Rumfordsuppe  437.
Rumizin  83.
Rundfisch  182.
Rungkraut  504.
Runkelrübe  373,  504.
Ruppertsberger  327.
Rußbraun  55.
Russen  442.
Rußbutten  375.
Rußkohle  429.
Ruta  graveol.  362.
Rutil  451.
Rutschpulver  423,  441.
Saatlein  249.
Sabadillin  466.
Sabadin  375.
Sabatia  paniculata  80.
Sabina  officinalis  376.
Sabinol  376.
Saccharide  502.
Saccharides  267.
Saccharomyces  158.
Saccharose  502.
Sackings  40-.
Sämischblau  174.
Säuerlinge  279.
Säurefuchsin  130.
S.äurerubin  130.
Saffian  223.
Saflor,  Kobalt-  214.
Saflorkarmin  377.
Saflorrot  202.
Safran,  falscher  377.
Safraninone  37.
Safranole  37.
Safrosin  108.
Saft  434.
Saftgrün  228.
Sagus  Rumphii  379.
Sahne  278.
Sal  Alcali  volatile  19.
Sal  petrae  381.
Sal  tartari  349.
Salami  485.
Salanganen  469.
Salantol  379.
Salat  138.
Salbing  128.
Saibling  379.
Salicornia  annua  380.
Salinen  215.
Salix  viminalis  475.
Salizylsäuremethylester
133,  381.
Salizylsäurephenylester
381.  ]
Salm  236.
Salmiakgeist  18.
Salmling  379.
        <pb n="558" />
        552

Salmo  fario  128.
Salmo  salvelinus  128,  379.
Salmrot  38.
Salonöl  327.
Salpeter,  Natron-  76.
Salpetergeist  382.
Salpetermehl  382.
Salpetersäureglyzerinester
300.
Salpetersäuretriglyzerid
300.
Salpeterzeltchen  382.
Salpetrigsäureäthylester  5,
382.
Salvadorbalsam  325.
Salvia  hispanica  76.
Salvia  officinalis  380.
Salz  215.
Salzburger  Vitriol  2.
Salzdorsch  182.
Salzgeist,  versüßter  383.
Salzglasur  430.
Salzpapier  336.
Salzton  454.
Sambucus  nigra  163.
Sammetpappel  14.
Sana  266.
Sanatol  228.
Sandart  489.
Sandbeerenkraut  39.
Sandblatt  438.
Sander  489.
Sandgrumpen  438.
Sandgut  438‘.
Sandmandelkleie  262.
Sandseggenwurzel  386.
Sandtraube  39.
Sandvogelfuß  414.
Sanguis  draconis  90.
Sanicula  europaea  386.
Sanitätsgeschirr  136.
Sanose  290.
Santalholz  385.
Santalol  145.
Santalum  album  385.
Santelholz  385.
Santenay  71.
Sapanrotholz  372.
Sapogenin  387.
Saponaria  officinalis  382,
411.
Sapota  Mülleri  40.
Sapotillkörner  387.
Sapotillp  flaumen  387.
Sapotoxin  357.
Sardonyx  74.
Sareptasenf  413.
Sarkin  125.
Sarothamnus  scoparius  422.
Sarracenia  purpurea  388.
Sarsaparille  388.
Sarsaparillian  6.
Sarsaponin  389.
Sarsche  414.
Sassafras  Goesianum  269.
Sassafrasöl  379,  388.
Sassafrid  388.
Sassaparille,  deutsche  386.
Sassolin  63.
Satanspilz  342,  430.
Satinets  389.
Satinober  304.
Saturatpapier  336.
Saturey  62.
Saturnzinnober  274.
Saucen  421.
Sauerdatteln  441.
Sauerdorn  49.
Sauerkleesäure  311.

Sauerkohl  390.
Sauerstefffraß  472.
Sauer  wurm  476.
Saugschiefer  346.
Saukartoffel  455.
Saunikel  386.
Sauser  477.
Savigny  71.
Sayaver  76.
Schaben  442.
Schabestärke  425.
Schablonenschiefer  392.'
Schabziegör  226.
Schachthalm.  390.
Schälwaldun  gen  254.
Schaffelle  239.
Schafthalm  390.
Schalmeirohr  368.
Schalotte  506.
Schamottetiegel  396.
Scharffeuerfarben  348.
Scharlachbeeren  208.
Scharlacheiche  208.
Scharlachkomposition  498.
Scharlotte  506.
Scharrharz  119.
Scharte,  gelbe  113.
Schaumwein  74.
Schawine  56.
Scheelbleierz  483.
Scheelesches  Grün  407.
Scheelisieren  477.
Scheelit  483.
Scheelsches  Süß  142.
Scheidewasser  382.
Scherbenkobalt  31.
Scherg  156,  432.
Scherk  432.  ’
Scheuergras  390.
Schibicken  163.
Schiefergrün  50.
Schieferkohle  65,  429.
Schiefertafeln  392.
Schieferweiß  58.
Schiel  489.
Schieler  477.
Schierlingsfrüchte  24.
Schierlingstanne  159.
Schießmittel  424.
Schiffspech  321.
Schiffsteer  444.
Schildpatt  395.
Schilf  115.
Schilfrohr  368.
Schill  489.
Schillerquarz  204.
Schillerstein  306.
Schillerstoff  3.
Schinopsis  Lorentzii  354.
Schirting  204.
Schischisch  498.
Schlägerborste  343.
Schlämmkreide  227.
Schlaglein  249.
Schlagsahne  278.
Schlangenköpfchen  205.
Schlangenstein  415.
Schlangenwurzel,  brasilianische ­
  186.
Schlangenwurzel,  rote  12.
Schlangenwurzel,  westindische ­
  186.
Schleichera  trijuga  209,
259.
Schleierleinwand  253.
Schlippesches  Salz  436.
Schmack  436.
Schmalzöl  406.
Schmaschen  239.

397.

397.

Schmer  406.
Schmerling  430.
Schmieröle  326.
Schmierseife  410.
Schminkläppchen  51,
Schminkstifte  397.
Schminkweiß  482.
Schmirgelleinen  140,
Schmirgelpapier  140,  397.
Schnäpel  265.
Schnakenkerzen  359.
Schnaps  65.
Schneeweiß  58,  496.
Schnellklärung  477.
SchneÜot  246.
Schnittkohl  504.
Schnittlauch  506.
Schnupftabak  44Ö.
Schoenocaulon  offlcinale
Schöpstalg  391.  [375.
Schörgel  432.
Schörl  461.
Schokolade  188.
Schoten,  russische  109,
Schotten  160,  282.
Schrap  43.
Schrifterz  144,  446.
Schriftmetall  246,  250.
Schrott  100.
Schüttgelb  134,  238,  475.
Schuhappreturen  398.
Schuhcremes  398.
Schulp  414.
Schusser  268.
Schusterpapp  211.
Schwaben  442.
Schwabeuzungen  95.
Schwadengrütze  264.
Schwämme  (Pilze)  342.
Schwalbennester  469.
Schwalmweizen  480.
Schwammkohle  399.
Schwanzpfeffer  229.
Schwarzbeeren  159.
Schwarz  beize  104.
Schwarzdornblüten  396.
Schwarzgültigerz  417.
Schwarzkupfererz  233.
Schwarzrötel  128.
Schwedischgrün  407.
Schweelkohle  65,
Schwefeläther  3.
Schwefelalkohol  402.
Schwefelantimon  26.
Schwefelarsen,  gelbes  32.
Schwefelbarium  43.
Schwefelblei  56.
Schwefelblumen  401.
Schwefelchlorür  82.
Schwefeldioxyd  406.
Schwefeleisen  402.
Schwefeljodid  180.
Schwefelkadmium  183.
Schwefelkalium  403.
Schwefelkalzium  195.
Schwefelleinöl  402.
Schwefelmilch  401.
Schwefelnaphtha  292.
Schwefelquecksilber  856.
Schwefelschwarz  402.
Schwefeltrioxyd  403.
Schwefelwässer  279.
Schwefelzyanallyl  413.
Schweinebrunst  491.
Schweinsborsten  64.
Schweizers  Reagens  490.
Schwellbeize  243.
Schwieningsche  Zündhölzer ­
  506.

Schwindelkörner  229.
Schwingen  124.
Scomber  scomber  259.
Scomber  Tlpynnus  450.
Scorodosma  foetidum  33.
Scorzonera  hispanica  399.
Scotts  Emulsion  242.
Scyllium  153.
Sead  hog  grease  406.
Sebum  366.
Sdicale  cereale  367.
Secale  cornutum  288.
Sedativsalz  63.
Seeforelle  236.
Seehecht  392.
Seehundstran  457.
Seeohren  324.
Seesalz  215.
Seeschnecken  397.
Seeschollen  398.
Seeschwämme  399.
Seetang,  gefingerter  239.
Seezunge  398.
Segeltuch  248.
Seideblau  23.
Seidenhasen  197.
Seidenleim  409.
Seidenshoddy  409.
Seidenwerg  409,
Seidlitzpulver  411.
Seifenrinde  357.
Seifensplritus  424.
Seifenschwimmer  398.
Seladonit  109.
Selterswasser  299.
Sbmeearpus  20.
Senegalgummi  150.
Senfpapier  413.
Senfpflaster  413.
Senfspiritus  424.
Senkiyn  22.
Senkwagep  29.
Senuapikrin  414.
Sennesschoten  414,
Sensibilisatoren  339.
Sepiapapier  336.
Sepiolith  271.
Serizin  409.
Serons  63.
Serpentaria  395.
Serpyllum  356.
Sevenbark  171.
Sevenbaumblätter  376.
Sewruga  156.
Sheabutter  44.
Sherry  487.
Shikimin  431.
Shoddy  231.
Shoya  421.
Siaresinotannol  48.
Siberit  401.
Sicherheitslampe'  113.
Sicco  290.
Sida  alba  76.
Siddhi  155.
Sideringelb  104.
Siebböden  153.
Siebengezeitsamen  60.
Siebolds  Milcheiweiß  344.
Siegelerde  62.
Siegwurzel  13.
Silber,  milchsaures  2.
Silber,  zitronensaures  176.
Silberbäder  417.
Silberbalsam  155.
Silbergewebe  198.
Silberglätte  57.
Silberhorn  erz  418.
Silberlot  417.

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        Silbermuscheln  324.
Silbersalpeter  381.
Silbersalvarsan  388.
Silbertripel  34G.
Silbertröpfen  155.
Silberweiß  58.
Siliqua  hirsüta  181.
Siliquaholz  181.
Siliziumkarbid  200.
Sillery  74.
Similibohne  61.
Sinaäpfel  27.
Sinalbin  413.
Sinapin  413.
Sinapis  alba  413.
Sinigrin  413.
Sinte  282.
Sipeeririnde  46.
Siris  158.
Sirk  163.
Sirupus  capillorum  129.
Sirupus  ferrijodati  105.
Sisal  14.
Sitogen  158,  422.
Skilip  419.
Skiererythrin  289.
Skleroxanthin  289.
Skoparin  422.
Skopolamin  91.
Skopolein  47.
Skorbutkraut  254.
Smalte  214.
Smaltin  214.
Smilax  Chinae  78.
Smilax  syphilitica  389.
Smilazin  389.
Smirgel  397.
Socaloin  14.
Sodium  293.
Sölanin  142,  202.
Solanum  tuberosum  202.
Solarol  48,  445.
Solarstearin  406,
Sole  398.
Solera  Gthr.  '  j8.
Solen  215,  279.
Solenostemna  30.
Soleras  487.
Solfataren  400.
Solferinorot  130.
Solidago  Virgaurea  485.
Solid  gelb  93.
Solidgrün  3Q1.  .
Solidviolett  I32I
Solitairs  87.
Solvayprozeß  420.
Solventnaphtha  292.
Somateria  115.
Sonjatin  207.
Sonnenblume,  knollige  455.
Sonnenblumenfaser  115.
Sonnenbrand  491.
Sonnenbronze  16.
Sonnenrose  421.
Sonnenstein  2,  117.
Sonnenwende  491.
Sonnenwendstein  159.
Sonnenwirbel  491.
So  ölen  398.
Sophora  jäponica  134.
Sorbus  Aucuparia  92,  468.
Sorelsche  Masse  257.
Sorgho  163.
Sorghum  saccharatum  503.
Sorghum  tartaricum  85.
Sottole  262.
Soya  421.
Sozolsäure  34.
Spagat  53.

Spanböden  422.
Spangrün  148.
Spanische  Fliegen  198.
Spanischer  Hopfen  89.
Spanisches  Kohr  367.
Spanischgelb  32.
Spanischgrün  148.
Spanischschwarz  225.
Spanischweiß  324,  482.
Spargelstein  27.
Spark  423.
Sparkalk  138.
Sparschen  422.
Sparse  422.
Spartium  scoparium  113,
422.
Sparto  1Ö.
Sparweine  272.
Speckgummi  205.
Specköl  406.
.Speichelwurzel  51.
Spelz  148,  480.
Spelzreis  95.
Sperlingsschnabel  153.
Spergula  arvensis  423.
Sperk  423.
Spermazetöl  423,  472.
Sphaerococcus  crispus  201.
Sphaerosiderit  96.
Sphagnum  455.
Sphazelinsäure  289.
Sphen  451.
Sphragit  62.
Spianter  495.
Spiegelmetall  68,  246.
Spiegelrinde  254.
Spießglanzbutter  26.
Spießglanzmetall  26.
Spigelia  marylandica  ‘  395.
Spiköl  241.
Spin|acea  oleracea  423.
Spinat,  römischer  504.
Spiritus  12,  423.
Spiritus  Dzondii  18.
Spiritus  melissae  201.
Spiritus  myrciae  46.
Spiritus  serpylli  356.
Spiritusblau  23.
Spirituslack  236.
Spitzklee,'  dorniger  487,.
Spitzwegerich  475.
Splint  164.
Splintkohle  429.
Spodium  213.
Spodinm,  weißes  213.
Spergel  423.
Spongia,  officinalis  399.
Sprengöl  300,
Springgurke  106.
Springwurm  476.
Sprit  12,  423.
Spriteosin  350.
Sprotten  21.
Spumatolin  387.  .
Spurre  423.
St.  Emilion  63.
St.  Georges  71.
St.  Julien  63.
St.  Peterskorn  95.
Stabkraut  92.
Stabwurzel  360.
Stachelschwein  64.
Stärkegummi  86,  425.
Stärkesirup  426.
Stahl  96,  97,  99.
Stahlonit  426.
Stamm  409.
Standutin  427,  48li
Stangenschwefel  401.

Stangentabak  201.
Stanniol  497.
Staphisagrin  85.
Staßfurtit  63.
Statiee  brasiliensis  46.
Statice  coriaria  208,
Statuario  de  Falcovaja  267.
Staurolith  93.
Stearinöl  427.
Stearopten  4.
Steatit  422.
Stechwinde  389.
Stein  232.
Steinbeere  39,
Steinbutt  127,  398.
Steingrün  109.
Steinholz  487.
Steinklee  273.
Steinkohlenasphalt  444.
Steinkohlenbenzin  48.
Steinkohlenkampfer  292.
Steinkohlenkreosot  199.
Steinkohlenpech  322.
Steinkohlenteer  445.
Steinkohlenteerpech  445.
Steinnuß  302.
Steinöl  279.
Steinpappe  317.
Steinpilz  342.
Steinsalz  215.
Stephanskörner  85,  239.
Stephanstein  74.
Sterculia  acuminata  219.
Sterculia  Balanghas  440.
Stereocliromie  474.
Sterlet  156,  432.
Sterngraswurzel  431.
Sternhausen  432.
Sternleberkraut  47,1.
Sternsaphir  387.
Stibium  26.
Stickgarn  484.
Stickstoffdioxyd  383.
Stickstoffpentoxyd  382.
Sticta  pulmonacea  255.
Stinkasant  33.
Stinktier  419.
Stipa  10.
Stipites  visci  281.
Stockfisch  182.
vStockfisehholz  372.
Stocklack  391.
Stockrose  261.
Störl  432.
Stoppelrübe  373.
Stout  347.
Strahlstein  33,  170.
Stramin  197,  409.
Stramonium  428.
Stranfa  115.
Straß  94,  139.  ;
Straußfedern  116.
Strazza  409.
Streichgarn  484.
Streichhölzer  505.
Streichschalen  396.
Streublau  214.
Streugold  385.
Streusand  385.
Streusand,  blauer  214.
Streusilber  385.
Strickpalme  341.
Strontianit  433.
Strontiumsalpeter  433.
Strumpfwirkergarn  484.
Struthantus  205.
Strychningetreide  433.
Strychnos  Ignatii  173.
Strychnos  mix  vomica  225.

Strychnos  potatorum  209.
Stündling  265.
Stuhlrohr  367.
Stuhlzäpfchen  437.
Stumpen,  Filz-  121.
Stumpen,  Seide-  409.
Styrax  Benzoin  48.
Styrax  officinalis  432.
Styrazin  48,  432.
Styrol  432.
Suberin  223.
Suberit  225.
Sublimat  355.
Succinit  50.
Succinylsäure  51.
Succisa  pratensis  448.
Sukkade  499.
Sukrol  91,  376.
Sulfokohlensäure  402.
Sulfonazurin  38.
Sulfur  400.
Sulfuröl  44.
Sultanchampa  240.
Sultaninen  370.
Sumatrawachs  136.
Sumpf  Idee  55.
Sumpfotter  301.
Suppeneinlagen  446.
Suprarenin  2.
Suronen  414.
Suser  477.
Süßholzsaft  435.
Swietenia  mahagoni  258.
Sylibum  marianum  266.
Sylvin  1,  190.
Sympathetische  Tinte  451.
Symphytum  oflicinale  399'.
Syndetikon  123.
Szamorodni  452.
Szillain  2,71.
Tabak,  indischer  253.
Tabaschir  41.
Tabascoholz  134.
Tacca  31.
Tachardia  lacca  391.
Tafelöl  44.
Tafelschiefer  392.
Taffia  31,  374.
Taffö  350.
Tafia  374.
Taft  409.
Taganrok  272.
Taguanuß  429.
Tahitinüsse  429.
"falbadie  6.
Talg,  chinesischer  431.
Talg,  vegetabilischer  431.
Talgbaum  431.
Talkerde  257.
Talkspat  257.
Talmi  453.
r rampiko  14.
Tampikowufzel  177.
Tanacetum  vulgare  359.
Tanazeton  359.
Tannenklee  484.
Tan  neu  kraut  484.
Tannin  136.
Tanninindigo  132.
Tantallampe  141.
Tao-fu  421.
Tapioka  31.
Tapisseriegarn  484.
Taraxasterol  254.
Tartarus  479.
Tartarus  boraxatus  62.
Tartarus  emeticus  66.
Tartarus  natronatus  411.
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Tartarus  solubilis  62.
Tartarus  stibiatus  66.
Tartersäure  478.
Tartrate  479.
Tassenrot  877.
Taubenblut  372.
Taubnessel  297.
Taurin  304.
Taurocholsäure  304.
Tavolo  31.
Taxodium  districhum  489.
Taxus  baccata  443.
Taxusblätter  94.
Taxusholz  94.
Tectonia  grandis  443.
Teerbutt  398.
Teichrohr  368.
Tein  216.
Tellerrot  377.
Temperguß  102.
Templinöl  448.
Tempril  278.
Terminalia  chebula  289.
Terpene  4.  [489.
Terpentin,  karpathischer
Terpentinöl,  künstliches
326.
Terpentinöllack  237.
Terra  alba  138.
Terra  foliata  tartari  190.
Terra  japonica  203.
Test  327.
Testudo  graeca  394.
Tetrabromfluoreszein  108.
Tetrachlorkohlenstoff  81.
Tetrachlormetban  81.
Tetradymit  482.
Tetrahydroparachinanisol
448.
Tetraj  odfluoreszein  108.
Tetrajodpyrrol  180.
Tetranitrochrysazin  83.
Tetraoxyanthrachinon  11.
Tetrarynchus  unionifaktor
323.
Tetronal  458.
Teucrium  Chamaedrys  133.
Teucrium  marum  205.
Teufelsauge  53.
Teufelsdreck  33.
Teufelskracher  358.
Teufelswurz  104.
Thalleiochin  79.
Thea  chinensis  443.
Theinhardt  209.
Theiß  perle  273.
Thenards  Blau  215.
Theobroma  187.
Theofackel  119.
Theriakwurzel  22.
Thespesia  195.
Thibets  274.
Thihue  241.
Thiodiphenylamin  449.
Thioflavin  449.
Thiogenfarben  402,
Thiokarmin  276.
Thionfarben  402.
Thionin  241.
Thiooxydiphenylamin  436.
Thioxinfarben  402.
Thujon  359,  450,  480.
Thylocephalum  margaritifera
  323.
Thymian,  wilder.  117,  357.
Thymianextrakt  450.
Thymiankampfer  450-Thymiansäure
  450.
Thymolum  30.

Thymotol  30.
Thymus  Serpyllum  117,356.
Thymus  vulgaris  450.
Tiemannit  411.
Tierkohle  213.
Tieröl  213,  445.
Tigeraugenstein  229.
Tiglinsäure  229.
Tikhurmehl  31.
Tikmehl  31.
Tikormehl  31.
Tilia  252.
Tillytropfen  155,  450.
Tinkal  63.
Tintenfisch  414.
Tintenstifte  58,  451.
Tinto  476.
Tirolergrün  50.
Tirolerweiß  ’58.
Tirolin  130.
Tjen-Tjan  6.
Toddy  31.
Tofu  421.
Tolen  453.
Tollkirsche  35,  47.
Tollkörner  216.
Toluifera  325.
Toluylenbraun  37.
Toluylenorange  38.
Tolylhydrür  487.
Tonkay  443.
Tonmergel  454.
Tonerde  72.
Tonscheider  492.
Torfmelasse  456.
Torfmull  456.
Torfteer  444.
Torfwolle  456.
Torins  72.
Tortrix  uvana  476.
Total  119.
Totenblumenkraut  53.
Totenkopf  105,  219.
Toten  wecker  18.
Touri  171.
Tournesol  51,
Tous  les  mois  31.
Towgärn  248.
Trama  408.
Traubenkirsche  256.
Traubensäure,  479.
Traubenzucker  426.
Travankore  31.
Treibel  239.
Treiben  243.
Triage  185.
Triazetyltannin  442.
Trichlorazetaldehyd  80.
Trichloressigsäure  81.
Trichlormethan  81.
Tridace  239.
Trieure  272.
Trifolium  211.
Trigonella  60.
Trijodmethan  180.
Trill,  gelber  413.
Trimethylglykokoll  51.
Trimethylxanthin  216.
Trinitroglyzerin  300.
Trinitrokarbolsäure  341.
Trinitrophenol  341.
Trinitrophenylsäure  341.
Trinitrozellulosc  220.
Trioxyanthfachinon  25.
Trioxybenzoesäure  133.
Trioxybenzol  331.
Trioxymethylen  129.
Triticum  monococcum  95.
Triticum  vulgare  480.

Tritizin  211.
Trocadero  489.
Trockenmittel  416.
Trockenplatten  338.
Trona  419.
Tropäolin  R  83.
Tropfen  91.
Troß  28.
Trotyl  458.
Tsaou-woo  105,  434.
Tuber  358,  486.
Tuber  s.  Trüffel  460.
Tuchkarden  200.
Tüpfelfarn  108.
Türkischer  Weizen  258.
Türkischrotöl  461.
Tuffstein  192.
Tukumöl  27.
Tunfisch  450.
Tungstein  483.
Tunken  421,
Tunkfeuerzeug  505.
Tunkinsnester  469.
Turbot  398.
Turners  Gelb  57.
Turpethum  minerale  356,
Turpethwurzel  177.
Tuskarora  474.
Tuspanholz  134.
Tussilago  170.
Twankay  443.
Typha  115.
Tyralin  270.
Uberchlorsäure  82.
Ulmus  campestris  462.
Ultramarin,  gelber  42.
Umbellasäure  24.
Unal  367.
Uncaria  Gambir  204:
Ungarwein  452.
Ungarisch  grün  50.
Ungsteiner  327.
Unio  margaritiferus  324.
Unschlitt  440.
Untersalpetersäure  383.
Uragoga  Ipecacuanha  176.
Urao  419.
Urari  234.
Urat  350.
Urceola  elastica  205.
Urginea  maritima  271.
Urkalk  267.
Urläuter  85.
Urostygma  pseudo-tjela321.
Urotropin  161.
Urson  39.
Urtica  heterophylla  82.
Urtica  nivea  297.
Urtica  urens  66.
Urushi  177.
Uttur  Khetkee  209.
Vac^cinium  Myrtillus  159.
Vaccjinium  vitisidaea  350.
Valeraldehyd  241.
Valoren  20.
Valeräna  angustifolia  209.
Yalerianella  360.
Yaleriansäure  40.
Yalsol  465.
Vanilleblätter  251.
Vapeur  288.
Varek  179,  419.
Vasol  465.
Vasolimente  465.
Vasosaoon  465.
Vaumorillon  72.
Vegeta*  84.

Vegetalin  219.
Vellarin  474.
Velpel  384.
Velverets  262.
Velveteens  262.
Velvets  262.
Venezianerlack  237.
Venezianerweiß  58.
Venezuelabalsam  221.
Veratrum  album  299.
Veratrum  Sabadilla  375.
Verb  and  watte  466.
Verbascum  216,  484.
Verblendsteine  492.
Vermeil  146.
Vermicelli  446.
Vermillon  356.
Vermouth  di  Torino  480.
Vernieruung  135.
Veronesergelb  57.
Veronesergrün  109.
Veronica'  officinalis  94.
Verordnungen  u.  Gesetz
507  ff.
Verschlüsse,  photographische ­
  333.
Verseifungszahl  118.
Versilberung  417.
Vert  Diamant  260.
Vert  etineelle  276.
Vert  lumi&amp;amp;re  179,  276.
Vert  virginal  82.
Vertige  de  roses  42.
Vesuvian  93.
Vesuvin  55.
Vexiernüsse  161.
Viburnin  397.
Vichyplätzchen  420.
Vicia  sativa  481.
Vicunna  468.
Vietsbohne  61.
Vigorit  91.
Viktoriablau  459.
Viktoriagelb  275.
Villiers  72.
Vinca  482.
Vinka  6.
Vino  maestro  260.
Vino  seco  260.
Vino  Tierno  260.
Vino  Vermouth  480.
Viola  odorata  466.
Viola  tricolor  431.
Violäquerzitrin  431.
Violet  solide  132.
Violett,  Pariser  49.
Violettholz  16.
Violin  270.
Virola  sebifera  84.
Viscolan  281.
Viscum  quercinum  94,  281
Vitellin  170.''
Vitis  Rump  hü  491.
Vitis  vinifera  370,  476.
Vitriol,  Admonter  2.
Vitriol,  Bayreuther  106.
Vitriol,  blauer  234.
Vitriol,  grüner  105,  106.
Vitriol,  Salzburger  2.
Vitriol,  weißer  497.
Vitriol,  zyprischer  234.
Vitriolbleierz  22.
Vitriolnaphtha  3.
Vitriolöl  403.
Vitriolquellen  279.
Vitriolstein,  weißer  497.
Viverra  Civetta  491.
Vo  an  dz  eia  subterranea  22.
Vogeldunst  398.
        <pb n="561" />
        555

237.
58.
221.
299.
lilla  375.
66.
484.
492.

orino  480-57.

109.
lalis  94.
u.  Gesetze
lotogra-118.

7.
260.
76.
9,  276.

42.

420.

d.
5.

&amp;gt;0.
).
480.
166.
:31  •
431.
*2.
49.

84.
mm  94,  281.
491.
*70,  476.
iter  2.
ither  106.
234.
105,  106.
rger  2.
497.
her  234.
2.
3.
279.
ißer  497.
491.
erranea  22.

Vogelfuß  415.
Volnay  71.
Vorlauf  10.
Vorwachs  470.
Vosne  71.
Vulkanisieren  152,  206.
Vulkanöl  141.
YTachenheimer  327.
Wacholderteer  183,  470.
Wachsbauin  290.
Wachsbeeren  290.
Wachsleinwand  471.
Wachspalme  329.
Wachspapier  470.
Wärmeöfehen  142.
Wäschetinte  451.
Wässer,  abgezogene  4.
Wässer,  Mineral-  279.
Wagenschmiere,  englische
156.
Wagenteer  444.
Waldartischocke  368.
Waldminze  226.
Waldrauch  476.
Wald  Weihrauch  476.
Waldwollextrakt  471.
Waldwoliöl  120.
W  alfischbarten  122.
Walfischtran  457.
Walnuß  301.
Walratkerzen  472.
Walroß  zähne  107.
Wammenfett  406.
Wanzenkraut  359.
Warschauer  Tee  444.
Wartekraut  491.
Waschbär  398.
Waschblau  297.
Waschkohle  429.
Waschschwämme  399.
Wasmuts  Opal  357.
Wasserbecherkraut  474.
Wasserblau  23.
Wasserblei  146.
Wassereppich  412.
Wasserfirnis  392.
Wassermörtel  490.
Wassernuß  458.
Wasseropal  2,  117.
Wasserriemen  407.
Wasserschierling  474.
Wasserstoff)  odid  180.
Wasserwart  491.
Weberkarden  200.
Wedgewood  430.
Wedicke  282.
Wegdorn  228.
Wege  tritt  475.
Wegläufer  491.
Weglug  491.
Weglungen  491.
Wegwarte  491.
Weg  weiß  491.
Wegwurz  491.
Weichmanganerz  66.
Weidenbitter  380.
Weidenröschentee  444.
Weidling  75.
Weinbergschnecke  397.
Weingeist  12.
Weinhefe  478.
Weinpalme  41.
Weinschöne  134.

Weinsteinrahm,  löslicher

Wurali  234.

Weinsteinsalz  349.  [62,

Wurmfarn  114.

Weinsteinsurrogat  144.

Wurmkonfekt  485.

Weißblech  497.

Wurmkraut  359.

Weißblei  58.

Wurmmoos  485.

Weißbleierz  56.

Wurms  195.

Weißbrühe  85.

Wurstkraut  61,  259.

Weißes  Spodium  213.
Weißkohl  390.

Xanthin  125.

Weiß  körn  101.

Xanthophyll  81.

Weißkupfer  30,  245.

Xanthophyllum  vitellinum

Weißnickelerz  31.

Xanthorrhöa  6.  [211.

Weißstrahl  101.

Xylen  487.

Weißtanne  442.

Xylidinrot  487.

Weißwaren  430.

Xylocarpus  caraba  84.

Weitwinkel  333.
Weizen,  türkischer  258.

Yamwurzel  31.

Weizenstärke  425.

Yangonin  207.

Welsblase  156.

Yellow  grease  406.

Welschkorn  258.

Yellow  metall  275.

Welschnuß  301.

Yerba  270.

Weiters  Bitter  341.

Yumbehoa  488.

Wendel  491.

d’Yssau  63.

Werg  124,  247.
Werkblei  417.

.Zachunbaum  488.

Werksilber  417.

Zaffer  214.

Wermutlikör  1.

Zahnkitt  269.

Wettergläser  43.

Zahntürkis  461.

Wetzschalen  396.

Zahnwachs  269.

Wetzsteine  396.

Zahnwässer  286,  471,  488.

Whale-oil  457.

Zahnwurzel  51.

Wienergrün  281,  407.

Zantegelbholz  123.

Wienerlack  114,  201,  237.
Wiesenknöterich  395.

Zatte  273.

Zea  Mays  258.

Wiesenschwamm  75.

Zehrkraut  51.

Wilia  472.'

Zehrwur/el  30.

Wilpert  481.

Zeibawolle  329.

Windenharz  418.

Zeitlosensamen  160.

Winterkannenkraut  390.

Zellhorn  489.

Winterrinde,  falsche  493.
Wismutoxychlorid  324.

Zelloidinpapier  336.

Zellon  37,  207.

Wismutoxyjodidgallat  6.

Zellstoff  490.

Wittling  392.

Zelluloidfilms  340.

Witwen  324.

Zelluloseazetat  37.

Wöhlers  Bronze  483.

Zementation  275.

Wöllners  Waschpulver  411.

Zentaurin  201.

Wohlgemuth  89.

Zentifolie  368.

Wohlverleih  30.

Zephir  288.

Wolframbronze  69.

Zerasin  151.

Wolfsauge  2.

Zerbster  Bier  53.

Wolfsbeere  *39.

Zerealien  137.

Wolfsbohne  255.

Zerebrin  170.

Wolfskirsche  47.

Zeresin  110.

Wollatlasse  389.

Zerin  470.  ’

Wollbäume  199.

Zerosalze  491.

Wollblumen  216,  484.

Zerotinsäure  201,  470.

Wollfett  484.

Zerussit  56.

Wollfett,  gereinigtes  239.
Wollfettsalbe  240.

Zerylalkohol  470.

Zetrarin  176.

Wollin  167.

Zeuge,  gewässerte  282.

Wolisch  weiß  484.

Zevadinsäure  375.

Wood-oil  151.

Zeylonmoos  6.

Woods  Metall  183,  482.

Zibeben  370.

Wootz  103.

Zibotium  351.

Wrucke  373.

Zick-Zack-Tabletten  330.

Wühlhuber  Tee  469.

Ziegelerz  232’.

Würfelgips  22.

Ziegeltee  443.

Würfelspat  22.

Ziegenlippe  430.

Würfeltee  443.

Zigarren  440.

Wuk  158,  422.

Zigeller  506.

Wulfenit  283.

Zimoccaschwämme  399.

Wunderbaumöl  366.

Zimtblätteröl  495.'

Wundschwamm  119.

Zimtbraun  55.

Wundwurz  40.

Zimtnägelein  494.

Zimtsäurebenzylester  325.
Zimtsäurezimtester  48.
Zimtstein  146.
Zinchamidin  77.
Zinchona  77.
Zinchotin  77.
Zingiber  officinale  174.
Zinkalium  16,
Zinkblende  495.
Zinkblumen  496.
Zinkbutter.  496.
Zinkgrau  496.
Zinkgrün  215.
Zinkkarbonat  495.
Zinksilikat  495.
Zinkspat  495.
Zinkstaub  495.
Zinkvitriol  496.
Zinkweiß  496.
Zinnalium  16.
Zinnamein  325.
Zinnammonchlorid  343.
Zinnasche  498.
Zinnbutter  498.
Zinndioxyd  497.
Zinnfolie  497.
Zinngießermetall  246.
Zinnkraut  390.
Zinnober,  künstlicher  356.
Zinnsäure  498.
Zinnsalz  498.
Zinnstein  497.
Zirbelkiefer  33,  489.
Zirkonlampe  141.
Ziskon  16.
Zitral  250.
Zitronellol  135.
Zitronengelb  82.
Zitronengras  499.
Zitronin  297.
Zitwerblüten  485.
Zizänia  palustris  474.
Zizyphus  vulgaris  70,
181.
Zölestin  433.
Zorgit  411.
Zostera  marina  407.
Zuckerbeize  243.
Zuckerhirse  503.
Zuckerln  375.
Zuckerkistenholz  489.
Zuckerplätzchen  62.
Zuckerrohr  41,  505.
Zuckersäure  311.
Zuckerschrot  90.  ,
Zuckertannenholz  177.
Zunder  119.
Zunge  398.
Zungenscholle  398.
Zwark  353.
Zweikorn  480.
Zwergholunder  35.
Zwergpalme  84.
Zwetschen  336.
Zwetschenbranntwein  419.
Zwickauergelb  82.
Zwiebeln  358,  486,  506.
Zwirn  248.
Zyanin  80.
Zyanosine  108,  331.
Zyanotyppapier  336.
Zyanwasserstoff  56.
Zyklamin  108.
Zymol  289,  450.
        <pb n="562" />
        Ö3  Ö2  tu  Zfi  rr.  rr,  £*?  r i r \  rr )  r f;  fo. rr )  ™  rr&amp;gt;  jf&amp;gt;  rr,  rr.  rr  rr  rr  rr  rr,  rqjf&amp;gt;  rr  rr  rr^  fp  Tr  TU  Zß  tu  fptu  tß  U)  tfi  tp.  tß  Ul  SO  SP  £0  Zfi  .  CO  SO  t/l  SO  CO  SO  SO  CO

Stoffkunde
Einführung  in  die  Waren-  insbesondere  in  die  Chemikalienkunde
von  Professor  Dr.  Viktor  Pöschl
Direktor  des  Instituts  fürWarenkunde  an  der  Handelshochschule  Mannheim
Etwa  450  Seiten  mit  148  Abbildungen.  Gebunden  etwa  M.  20.—
Das  vorliegende  Werk  bringt  eine  Einführung  in  die  Waren-  und  Chemikalienkunde ­
  auf  breiter  Grundlage,  in  großzügiger  Zusammenfassung,  reicher  Gliederung
und  unter  Einfügung  vortrefflicher  Originalbilder.  Zum  ersten  Male  ist  der  Versuch
gemacht,  von  einem  einheitlichen  Standpunkt  aus  die  Waren  als  Stoffe  zu  betrachten
und  ihre  vielfache  Gestaltung  auf  einfache  Tatsachen  zurückzuführen,  wobei  in  gleicher
Weise  Physik  und  Chemie,  anorganische  wie  organische,  berücksichtigt  sind.  In
volkstümlicher  Schreibweise  und  unter  Verwertung  der  Ergebnisse  der  neueren
Forschungen  ist  das  Gesamtgebiet  in  lichtvolle  Nähe  gerückt.  Eingehend  wird  die
deutsche  und  lateinische  Bezeichnung  berücksichtigt,  so  daß  es  für  Drogisten,  Apotheker, ­
  Mediziner,  Chemiker  und  Techniker  ein  wertvolles  Lehr-  und  Nachschlagebuch
  bilden  wird.  3000  Handelsnamen  sind  erläutert.  Ein  ausführliches
Register  beschließt  das  schöne,  neuartige  Werk,  dem  weiteste  Verbreitung  zu  wünschen  ist.
Warenkunde
nach  Geschäftszweigen
herausgegeben  von
Prof.  Dr.  Rudolf  Sadiße  und  Paul  Stecher
Oberlehrer  an  der  Offcntl.  Handelslehränstalt  in  Dresden  Direktor  der  Stadt,  kaufmänn.  Schulen  in  Breslau
I.  Metall-  und  Materialwarenbranche.  Metalle,  Steine,  Erden,  Chemikalien,
Glas,Tonwaren  und  Bronzen.  IV,  144  Seiten  mit  82  Abbildungen.  Kartoniert  M.  2.—
II.  Nahrungsmittel-  und  Kolonialwarenbranche.  Nahrungsmittel,  Genußmittel,
  Öle,  Fette,  Harze  und  Kautschuk.  IV,  178  Seiten  mit  zahlr.Äbbild.  Kart.  M.  2.80
III.  Beklcidungs-  und  Papierbranche.  Fasernstoffe.  Garne,  Gewebe,  Gewirke,
Filze,  Papier,  Häute,  Leder.  Pelzwerk  u.  Federn.  IV,  132  Seit,  mit  77  Abbild.  Kart.  M.  2.60
Ausgabe  in  einem  Bande  M.  7.50
„Die  vorliegende  Warenkunde  enthält  über  250  Abbildungen  von  Rohprodukten
und  ihrer  Verarbeitung  bis  zur  fertigen  Ware.  Bei  der  Darstellung  von  Bearbeitungsmaschinen ­
  wurde  auf  bildliche  Wiedergabe  ihrer  Wirkungsweise  besonderes  Gewicht
gelegt,  um  das  Verständnis  der  Rohstoffverarbeitung  zu  fördern.  Dem  umfangreichen,
auf  Grund  ausgedehnter  Sachkenntnis  entstandenen  Buche  ist  eine  weite  Verbreitung
für  den  Schulunterricht  als  auch  für  das  Selbststudium  zu  wünschen."  Jung-Merkurja.

Warenkunde
Herkunft,  Kennzeichen,  Verwendung  und  Prüfung  wichtiger
Handelsstoffe
von  Professor  Dr.  Rudolf  Sadiße
Oberlehrer  a.  d.  Offentl.  Handelslehranstalt,  Dresden
144  Seiten.  Kartoniert  M.  3.20
Das  Buch  ist  eine  Einführung  in  die  allgemeine  Warenkunde,  wobei  besonders  die
Gebiete  des  Bergbaues,  der  Landwirtschaft,  Spinnerei,  Weberei  und  Papierbereitung  behandelt ­
  werden.  Dem  Werke  sind  in  reichem  Maße  bildliche  Darstellungen  beigegeben,
die  die  Anschaulichkeit  des  Inhalts  wesentlich  erhöhen.

G.Ä.GLOECKNER,  Verlag  für  Handelswissenschaft,  LEIPZIG
iiHiiiiiimmiiiiHiiiiiiiiiiiirimiiiHiiiimimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimimiiniimininniniiiiiiiiiiimiiiiii  iiiMiiiiiiiiiHimiiiimiiininiiiniiniiiiiiijmninr

äiiiiiiiiiitiiimimiiimitiliiiiiitlililililllmliliimliiiiiiimmiiilimiiiimmiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiimiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiitimiiiiiiiimmiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiimimmiiiiiiiK
Buchdruck  von  Julius  Klinkhardt  in  Leipzig

iiiiiiiiiii()iiiiii|jiiLilJ.iJiiiiiiiiiiiiiiii|i|iiiiiiiiiniimiuiiiiiiiiinniiiiiiiniiiiimiiiiiniinmiiiiimiiiiiimiiiiiiiiiiipl
        <pb n="563" />
        Theriak

Thomasschlacke

i  03

Xanthin,  C 7 H 8 N 4 0 2 ,  anzusp,
au s  dem  Xanthin  des  Fleisch^-dargestellt
  werden,  wird  aber  n  j
ri gen  Auszuge  der  Kakaobohr  y
ttiit  Bleiessig,  Zerlegung  des  a  J
Schlages  mit  Schwefelwasser!  |  |
Reinigung  mit  Magnesia  und  iS  f  &amp;gt;
T.  bildet  ein  weißes  Kristal  *  |
Unzersetzt,  schmilzt  bei  329
Alkohol  und  Wasser  schwer,
löslich.  Gegen  Säuren  verhall  ?
«ine  schwache  Base,  gibt  and
Otit  Natron,  Baryt  und  and'
Die  leichtlösliche  Doppelverb|
örominnatriums  mit  Natriumsf
dem  Namen  Diuretin  medizi|
Segen  Wassersucht  und  als  ha:
Theriak  (lat.  Electuarium
c ale,  frz.  Thdriaque,  engl.
Verschiedenen  Wurzel-  und  G
Zusatz  von  Honig  und  Wer
"'erge,  die  im  Mittelalter  na:
xubereitet  und  daher  auch  ve
n annt  wurde,  findet  als  Zusa:
Rlagenschnäpsen,  z.  B.  alte
Sendung.  —  Der  medizinisch!
v on  Opium  hergestellt  und  d J
v erkauf  nicht  freigegeben.
Thermit  nennt  Gold  schm
die  Technik  eingeführte  Mj
’hiniumpulver  mit  Eisenoxyc
anderen  Metalloxyden,  die  mi
aus  vier  Teilen  Bariumsuperot
Aluminium  entzündet  wird  uni  t  |g  j?
ren  von  gegen  3000°  erzeugt.'
jung  sonst  schwierig  reduzie:
Chrom  und  Mangan,  sowie  vj
jund,  und  findet  zum  Sc u
(Eisenbahnschienen)  nach
Aluminothermie  ausgede.
Thiazinfarbstoffe  bilden
Teerfarben  (s.  d.)  nach  der  Ei:
*au  und  Eucherer.  Ihrer  -
•hensetzung  nach  sind  sie
^andt,  von  denen  sie  durch
jslatoms  an  Stelle  von  Sauer
den  können,  und  demnach
des  Phenthiazins  (Thiodij
(NPIS)C 6 H 4  anzusehen.  Zur
Seht  man  von  den  Paradiair
jüjis,  die  bei  der  Oxydation
Gegenwart  von  Thiosulfat  e:
Mrft  sie  der  oxydativen
Atninen  und  Phenolen,  au|
Chinonen,  Hydrochinonen,!
Per  einfachste  Vertreter  de|
‘'iolett  (s.  d.),  der  für  die
hacht  kommende  das  Me
Thiazolfarbstoffe  (12.  Gru
d.)  sind  durch  die  ring.'
Atomgruppe  CCSCN,  den  -
kennzeichnet  und  leiten  sic.
drothiotoluidin,  CH 3 &amp;gt;C e H 3 (.'
^eim  Erhitzen  von  p-Tolui
Sf eht.  Durch  Ersatz  von
Bornen  der  Amidogruppe  _  __
puppen  und  durch  Verbindung  des  Schwefel
Björns  mit  CI  und  CH S  entsteht  das  Tetra-Aiethylchlorid,
  das  unter  dem  Namen  Thio-Morcks
  Warenlexikon.

rben,
Ssene
[.  ge-)ehy-

  das
1  ent-►stoff-

  zwei  methylflavinT

  als  grünlichgelber  Farbstoff  für  Baumwolle ­
  und  Seide  Anwendung  findet.  Thioflavin
  S  ist  das  Dimethylderivat  der  Dehydrothiotoluidinsulfosäure,
  durch  dessen  Oxydation
wieder  ein  neuer  Farbstoff,  Chloramingelb,
entsteht.  Als  weitere  Abkömmlinge  der  genannten ­
  Sulfosäure  sind  noch  Ciaytongelb
(T  hiazolgelb  S)  und  Erika  B  anzusehen.  Der
wichtigste  Farbstoff  der  Reihe,  die  Primulinbas'e
  bzw.  deren  Sulfonsäure,  das  Primulin,
wird  wie  das  Thioflavin  durch  Erhitzen  von
p-Toluidin  mit  Schwefel,  aber  bei  höherer  Temperatur ­
  und  größerem  Schwefelüberschuß,  her-!
  gestellt.  Das  gelbe  Pulver  gibt  mit  heißem
Wasser  eine  blau  fluoreszierende  Lösung,  in  der
Natronlauge  und  Salzsäure  Niederschläge  hervorrufen.
  Primulin  läßt  sich  auf  ungeheizter
Baumwolle  mit  gelber  Farbe  befestigen.
Thioform,  das  basische  Wismutsalz  der  Dithiosalizylsäure,
  ein  geruchloses,  gelbes,  inWasser
unlösliches  Pulver,  wird  an  Stelle  des  Jodoforms
in  der  Wundbehandlung  benutzt.
Thiol,  ein  vor  mehreren  Jahren  in  den  Handel ­
  gekommenes  Medikament,  welches  mit  dem
Ichthyol  in  Wettbewerb  zu  treten  bestimmt  ist,
wird  aus  denjenigen  Destillationsprodukten  des
Braunkohlenteeröls  gewonnen,  die  unter  dem
Namen  Gasöl  bekannt  sind.  Das  Gasöl  wird  bei
ungefähr  215 0  mit  Schwefel  behandelt,  der  sich
unter  Schwefelwasserstoffentwicklung  löst,  und
die  Lösung  durch  Eingießen  in  konz.  Schwefelsäure ­
  in  Sulfosäuren  verwandelt,  die  sich  beim
Zusammenbringen  mit  Wasser  als  harzige  Schicht
niederschlagen,  während  die  unzersetzten  Öle
obenauf  schwimmen  und  entfernt  werden.  In
reinem,  schwefelsäurefreiem  Wasser  lösen  sich
diese  Sulfosäuren,  werden  aber  durch  Zusatz
von  Kochsalz  wieder  ausgefällt.  Durch  Neutralisation ­
  mit  Ammoniak  oder  Natron  erhält
man  die  entsprechenden  Salze,  die  als  T.  in  den
Handel  kommen.
Thiorubin,  ein  im  Jahre  1885  aufgekommener
Teerfarbstoff,  das  Natronsalz  der  Thioparatoluidinazoalphanaphtholdisulfosäure,
  bildet  ein
rotbraunes  Pulver,  das  sich  in  Wasser  mit  fuchsinroter ­
  Färbe  löst  und  Wolle  im  sauren  Bade
rot  färbt.
Thomasschlacke,  die  nach  dem  Verfahren  von
Thomas-Gilchrist  zur  Herstellung  von  Eisen
und  Stahl  aus  den  Bessemerkonvertern  entnommene ­
  Schlacke,  bildet  in  Form  eines  feinen  Pulvers ­
  das  wichtigste  Phosphorsäuredüngemittel
Deutschlands.  Sie  wurde  während  des  letzten
Friedensjahres  (1913)  in  Menge  von  2 1 / i  Millionen ­
  Tonnen  bei  uns  hergestellt  und  bis  auf
einen  Ausfuhrüberschuß  von  1 / i  Million  Tonnen
verbraucht.  Zu  der  Gewinnung  mußten  allerdings ­
  neben  23  Millionen  Tonnen  einheimischer
to  Millionen  Tonnen  ausländischer  Erze  (Spanien, ­
  Schweden)  herangezogen  werden,  und
noch  ungünstiger  werden  sich  die  Verhältnisse
durch  die  Abtretung  des  lothringischen  Erzbeckens ­
  gestalten.  Das  Thomasmehl  enthält  11
bis  23  0/0,  im  Mittel  17  o/ 0  Phosphorsäure  an
Kalk  gebunden  in  Form  des  Tetrakalziumphosphats
  (Ca 4 P 2 0 8 )  neben  geringen  Mengen  Magnesia, ­
  Eisen,  Tonerde,  Mangan,  Schwefel,  Kieselsäure. ­
  Sein  Düngewert  wird  nach  dem  Gehalte
a n  „zitratlöslicher“,  d.  h.  in  einer  bestimm-29
        <pb n="564" />
        ﻿
        <pb n="565" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
