62 Die Kartelle in der deutschen Portland-Zementindustrie. Gruppe waren zwar dem nordwest-mitteldeutschen Syndikate nicht angeschlossen, hatten jedoch eine Abmachung mit ihm getroffen, die sie vor Unterbietungen seitens des Syndikates schützte. Der Preis stand im unterelbischen Gebiete auf 2,80—3,60 Mk. für 100 kg, die Fracht von Hannover bis Hamburg beträgt 51 Pfennig, die hannoverschen Fabriken hätten also die an der Unterelbe gut unterbieten können, wenn kein Vertrag bestanden hätte, denn die Preise des nordwest-mitteldeutschen Syndikates waren oft noch niedriger als 2,30 Mk., besonders bei Verkäufen in fremdes Gebiet. Ebenso hätte Süddeutschland unterboten werden können. Dort stand der Preis über 3,00 Mk., die Fracht von den nächstgelegenen rheinisch-westfälischen Werken beträgt z. B. nach Frankfurt a. M. 52 Pfennig, ihr Preis sank im Laufe des Jahres 1901 häufig unter 2,50 Mk., eine Kon kurrenz wäre also sehr wohl möglich gewesen. Nach Auflösung des nordwest-mitteldeutschen Syndikates setzte in 1902, wie wir wissen, ein ganz regelloser Kampf ein. Die ungeheure Produktion Mittel- und Westdeutschlands, die 1901 noch bedeutend eingeschränkt war, wurde nun mit einem Male frei, die Preise mußten daher erheblich sinken und gingen sogar vielfach unter die Kosten herab. Der Grund für die Preisherab setzung lag vor allem in der Absicht, den Absatz zu vergrößern, um so möglichst viel von der Überproduktion los zu werden. Da der Markt dazu jedoch nicht genügend aufnahmefähig war, suchte einer dem andern die Abnehmer durch Unterbietungen streitig zu machen, was der zweite Grund für den Preisrückgang war. Süddeutschland und Unterelbe mußten jetzt ihre Preise natürlich auch erheblich herabsetzen, da nun nach Wegfall der Verträge auch sie von der Überproduktion überflutet wurden. In dem Gebiete des nordwest-mitteldeutschen Syndikates erreichten die Preise einen solchen Tiefstand, daß die einzelnen Gruppen dadurch vor der Konkurrenz der Nachbargruppen ge schützt waren, obgleich teilweise nur ganz geringe Frachtdifferenzen bestanden. Im Osten des Reiches änderte sich nicht viel, da hier die Verhältnisse so ziemlich dieselben blieben wie in 1901.