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        <title>Die Entwicklung der deutschen Portland-Zement-Industrie ...</title>
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            <forname>Ernst</forname>
            <surname>Madelung</surname>
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            <idno>897012496</idno>
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        Die  Entwicklung
der
Deutschen  Portland-Zement-Industrie

von  ihren  Anfängen  bis  zur  Gegenwart  mit
besonderer  Berücksichtigung  der  Kartelle.
Von
Dr.  Ernst  Madelung.

Verlag  von  Duncker  &amp;amp;  Humblot.
München  und  Leipzig  1913.
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        Die  Entwicklung
der
Deutschen  Portland-Zement-Industrie

von  ihren  Anfängen  bis  zur  Gegenwart  mit
besonderer  Berücksichtigung  der  Kartelle.

Dr.  Ernst  Madelung
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        Die  Entwicklung
der
Deutschen  Portland-Zement-Industrie

von  ihren  Anfängen  bis  zur  Gegenwart  mit
besonderer  Berücksichtigung  der  Kartelle.
Von
Dr.  Ernst  ^Madelung.

Verlag  von  Duncker  &amp;amp;  Humblot.
München  und  Leipzig  1913.
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        Inhaltsverzeichnis.

Seite

I.  Einleitung.  Begriffserklärung  der  verschiedenen  Arten
hydraulischer  Bindemittel,  kurze  Angaben  über  die  Fabrikation ­
  des  Portlandzementes  und  seine  Anwendungen  1
II.  Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie
bis  zur  Krise  der  Jahre  1901/02  14
III.  Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  37
a)  Die  Struktur  der  Kartelle  37
b)  Die  Entwicklung  der  deutschen  Zementindustrie  unter
der  Herrschaft  der  Kartelle  48
c)  Die  Preise  während  der  Zeit  der  Kartelle  ....  59
IV.  Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse ­
  zum  Auslande  71
Literaturverzeichnis  88
        <pb n="5" />
        1

I.
Einleitung.
Begriffserklärung  der  verschiedenen  Arten
hydraulischer  Bindemittel,  kurze  Angaben
über  die  Fabrikation  des  Portland-Zementes
und  seine  Anwendungen.
U nter  hydraulischen  Bindemitteln  versteht  man  pulverförmige
Stoffe,  die  aus  gewissen  kalk-  und  tonhaltigen  Gesteinen
hergestellt  sind  und  die  Eigenschaft  besitzen,  mit  Wasser  angemacht ­
  an  der  Luft  sowohl  wie  unter  Wasser  zu  erhärten.
Schon  die  Römer  verwandten  zu  ihren  Wasserbauten  einen
hydraulischen  Mörtel,  der  aus  Kalk  bestand,  dem  Puzzolane
(pulv.  Puteolanus  von  Puteoli,  jetzt  Puzzuoli  in  der  Nähe  des
Vesuv)  zugesetzt  wurden 1 .  Auch  heute  noch  gibt  es  einen
Zement,  der  nach  dieser  Puzzolanerde  benannt  ist:  der
Puzzolanzement;  das  ist  ein  Erzeugnis,  welches  durch
innigste  Mischung  pulverförmiger  Kalkhydrate  mit  staubfein
zerkleinerten  hydraulischen  Zuschlägen  gewonnen  wird 1  2 .  Unter
solchen  hydraulischen  Zuschlägen  versteht  man  natürliche  oder
künstliche  Stoffe,  welche  nicht  selbständig  sondern  in  Verbindung ­
  mit  Ätzkalk  hydraulisch  erhärten,  z.  B.  Puzzolanerde,
Satorinerde,  Hochofenschlacken,  gebrannte  Tone  usw.,  sowie  aus
geeignetem  vulkanischem  Tuff  (Traßsteine)  erzeugten  Traß 2 .
Hierher  gehört  also  auch  der  sogenannte  Schlackenzement.  Obgleich, ­
  wie  gesagt,  schon  im  Altertum  hydraulischer  Mörtel  be1 ­

  Büsing  und  Schumann,  S.  1.
2  Protokolle  des  Vereins  deutscher  Portland-Zement-Fabrikanten,  1886,  S.  32.
Madelung,  Entwicklung  der  Deutschen  Portland-Zementindustrie.  1
        <pb n="6" />
        2

Einleitung.

kannt  war,  so  wußte  man  doch  bis  in  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts ­
  über  sein  Wesen  gar  nichts.  Es  war  der  englische
Ingenieur  John  Smeaton,  der  im  Jahre  1756  erkannte,  daß  diejenigen ­
  Kalksorten,  welche  nach  dem  Brennen  einen  in  Wasser
ei’härtenden  Mörtel  lieferten,  beim  Auflösen  in  Salpetersäure  stets
einen  Anteil  von  unlöslicher  Masse  zurückließen,  den  er  ganz
richtig  für  Ton  und  Sand  erklärte.  Wenn  man.  nun  auch  wußte,
daß  der  Tongehalt  eines  Kalksteines  seine  Fähigkeit  im  Wasser
zu  erhärten  bedingt,  so  dauerte  es  doch  noch  lange,  ehe  man
künstlichen,  hydraulischen  Kalk  herstellteb  Heute  versteht ­
  man  darunter  ein  Erzeugnis,  welches  durch  Brennen  von
mehr  oder  weniger  ton-  (oder  kieselsäure-)haltigen  Kalken  gewonnen ­
  wird  und,  mit  Wasser  genetzt,  sich  ganz  oder  teilweise
zu  Pulver  löscht 3 .  Die  besten  Sorten  wurden  zunächst  in  England ­
  erzeugt  und  Romanzement  genannt,  wohl  deshalb,  weil
sie  ebenso  guten  Wassermörtel  lieferten  wie  der  Puzzolanmörtel
der  Römer.  Dieser  Zement  wurde  schon  damals  so  stark  gebrannt, ­
  daß  er  nicht  mehr  mit  Wasser  gelöscht  werden  konnte.
Die  heutige  Benennung  lautet  daher:  Romanzement  ist  ein  Erzeugnis ­
  ,  welches  aus  tonreichen  Kalkmergeln  durch  Brennen
unterhalb  der  Sinterungsgrenze  gewonnen  wird  und  bei  Netzung
mit  Wasser  nicht  löscht,  sondern  durch  mechanische  Zerkleinerung ­
  in  Mehlform  gebracht  werden  muß 1  2 .
Die  ersten  Versuche,  Zement  durch  Brennen  einer  künstlichen ­
  Mischung  von  Ton  und  kohlensaurem  Kalk  (Kreide)  herzustellen, ­
  wurden  in  Frankreich  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts
gemacht,  jedoch  wurden  diese  Erfahrungen  zunächst  nicht  ausgenützt. ­
  In  England  wurden  seit  dem  Jahre  1810  mehrere
Patente  auf  die  Herstellung  künstlichen  hydraulischen  Kalkes
genommen,  ohne  daß  damit  zunächst  viel  Erfolg  erzielt  wurde.
Erst  im  Jahre  1824  gelang  es  dem  Maurer  Joseph  Aspdin  zu
Leeds  durch  Brennen  einer  bestimmten  Mischung  von  gelöschtem
Kalk  und  Ton  bei  sehr  hoher  Temperatur  einen  sehr  guten

1  Büsing  und  Schumann,  S.  1.
2  Protokolle  des  Vereins  deutscher  Portland-Zement-Fabrikanten,  1886,  S.  32.
        <pb n="7" />
        Begriffserklärung  der  verschiedenen  Arten  hydraulischer  Bindemittel  usw.  3

hydraulischen  Kalk  herzustellen,  welchen  er  wegen  seiner  Ähnlichkeit ­
  in  erhärtetem  Zustande  mit  dem  in  England  sehr  beliebten
Portlandstein  Portlandzement  nannte.  Nach  weiteren  Versuchen ­
  des  Generals  Pasley  entstanden  gegen  Ende  der  20er  Jahre
in  England  die  ersten  Portland-Zementfabriken.  Es  kam  nun
darauf  an,  das,  was  man  mehr  zufällig  gefunden  hatte,  wissenschaftlich ­
  zu  untersuchen*  und  auf  chemischem  Wege  die  richtige
Mischung  von  Ton  und  Kalk  auszurechnen.  Diese  Aufgabe  wurde
von  Deutschen  gelöst.  Ihnen  gelang  es,  eine  Begriffserklärung
für  Portlandzement  und  Tabellen  über  seine  chemische  Zusammensetzung ­
  zu  geben.  Das  Verdienst,  eine  einheitliche  Benennung
und  einheitliche  Normen  für  Portlandzement  geschaffen  zu  haben,
gebührt  dem  1876  gegründeten  Vereine  deutscher  Portland-Zement-Fabrikanten,
  der  zum  ersten  Male  1878  solche  Normen  aufstellte,
die  dann  1887  und  1908  verändert  und  verschärft  wurden.  Die
heute  geltende  Begriffserklärung  für  Portlandzement  lautet:  Portlandzement ­
  ist  ein  hydraulisches  Bindemittel  mit  nicht  -weniger
als  1,7  Gewichtsteilen  Kalk  (CaO)  auf  1  Gewichtsteil  lösliche
Kieselsäure  (Si0 2 )  +  Tonerde  (Ä1 2 0 3 ),  hergestellt  durch  feine  Zerkleinerung ­
  und  innige  Mischung  der  Rohstoffe,  Brennen  bis
mindestens  zur  Sinterung  und  Feinmahlen.
Ehe  wir  uns  weiter  mit  dem  Portlandzemeut  beschäftigen,
müssen  wir  noch  zwei  weitere  Arten  von  Zement  erwähnen:  zunächst ­
  den  Eisenportlandzement.  Das  ist  eine  Mischung  von
Portlandzement  mit  gemahlener  Hochofenschlacke.  Ferner  gibt
es  noch  den  Naturzement,  der  in  Belgien  hergestellt  wird,
indem  Kalksteinstücke,  die  23—25°/o  Ton  enthalten,  gebrannt
werden.  Diese  schwanken  ziemlich  stark  in  ihrem  Kalkgehalte
und  sind  außerdem  von  verschiedener  Größe,  so  daß  nur  ein  Teil
bis  zur  Sinterung  gebrannt  wird,  der  andere  aber  als  Romanzement ­
  den  Ofen  verläßt.  Allen  diesen  hydraulischen  Bindemitteln, ­
  die  wir  soeben  kennen  gelernt  haben,  ist  nun  der  Portlandzement ­
  weit  überlegen,  vor  allem  deshalb,  weil  er  die  für
ein  Bindemittel  wichtigste  Eigenschaft,  die  Festigkeit,  in  höchstem
Grade  besitzt.  Das  liegt  zunächst  in  seiner  Natur  und  in  seiner
        <pb n="8" />
        4

Einleitung.

chemischen  Zusammensetzung.  Ein  weiterer  Grund  für  seine
Güte  ist  darin  zu  suchen,  daß  gerade  die  Portland-Zement-Industriellen
  stets  bemüht  gewesen  sind,  durch  wissenschaftliche
Untersuchungen  das  Erreichte  zu  verbessern.  Schließlich  hat
auch  der  Verein  deutscher  Portland-Zement-Fabrikanten,  dem
fast  alle  deutschen  Portland-Zementfabriken  angehören,  durch
seine  Normen  und  chemischen  Untersuchungen  dafür  gesorgt,
daß  die  deutsche  Portland-Zementindustrie  ein  Erzeugnis  von
ganz  bestimmter  und  immer  gleichbleibender  Beschaffenheit  liefern
kann,  und  hat  es  erreicht,  daß  alle  Fabriken  sich  verpflichtet
haben,  nur  ein  Erzeugnis  in  den  Handel  zu  bringen,  das  genau
festgetzte  Mindestforderungen  erfüllt,  meist  aber  mehr  leistet.
Daraus  ist  es  auch  zu  erklären,  daß  der  Portlandzement  seine
Konkurrenzprodukte  immer  mehr  verdrängt  hat.
Bei  der  Fabrikation  des  Portlandzements  hat  man  drei  Hauptabschnitte ­
  zu  unterscheidend  das  innige  Mischen  von  Kalk  und
Ton,  daslBrennen  und  das^feerkleinem  bis  zur  Mehlfeinheit.  Nur
ganz  ausnahmsweise  finden  sich  in  der  Natur  genügend  innige
Mischungen  von  Kalk  und  Ton,  so  daß  der  erste  Fabrikationsprozeß
fortfällt  oder  sich  wenigstens  darauf  beschränkt,  die  Mischung
zu  korrigieren.  Während  für  die  beiden  letzten  Abschnitte  der
Fabrikation  das  Verfahren  überall  das  gleiche  ist,  werden  für
die  Aufbereitung  der  Rohmasse  je  nach  deren  Natur  drei  verschiedene ­
  Methoden  angewandt,  nämlich  das  Naß-  oder  Schlämmverfahren, ­
  das  Trockenverfahren  und  eine  Vereinigung  beider:
das  Halbnaß-  oder  Halbtrockenverfahren.  Beim  Naßverfahren
werden  Kalk  (Kreide)  und  Ton  gemeinschaftlich  oder  getrennt
durch  Zusatz  von  Wasser  zu  einem  Schlamm  verarbeitet,  dieser  5  b  I
wird  in  Gruben  geleitet,  in  denen  er  sich  setzt  und  nach  Ablaufen ­
  des  Wassers  eintrocknet;  dann  wird  er  vertikal  abgestochen, ­
  getrocknet  und  gebrannt.  Ist  das  Einschlämmen  getrennt ­
  erfolgt,  so  muß  vor  dem  Brennen  erst  eine  innige  Mischung
von  Kalk  und  Ton  herbeigeführt  werden.  Dieses  Verfahren  hat
den  Zweck,  gewisse  grobe  Teile,  z.  B.  Sand,  Kies,  die  den  Zement
verunreinigen  und  seine  Festigkeit  mindern  würden,  auszusondern
        <pb n="9" />
        Begriffserklärung  der  verschiedenen  Arten  hydraulischer  Bindemittel  usw.  5

und  außerdem  eine  innige  Mischung  von  Kalk  und  Ton  herbeizuführen. ­
  Es  ist  das  älteste  und  in  Deutschland  am  wenigsten
verbreitete;  es  wird  jetzt  nur  noch  für  Kreide  und  unreinen
Kalkstein  oder  Ton  angewandt.  Seine  Nachteile  bestehen  in  der
Hauptsache  darin,  daß  ein  Fehler  in  der  Mischung,  der  durch
ungleichmäßige  Sedimentierungen  infolge  des  verschiedenen
spezifischen  Gewichtes  von  Kalk  und  Ton  entstehen  kann,  nur
schwer  wieder  gut  gemacht  werden  kann.  Das  geschieht  durch
Aufschlämmen  von  Kalk  oder  Ton  in  der  Grube;  es  ist  dann
nicht  leicht,  die  neu  hinzugekommene  Schlämme  mit  der  alten
überall  gleichmäßig  durchzumischen.  Ferner  muß  das  Klima
günstig  sein,  um  den  Schlamm  schnell  eintrocknen  zu  lassen,
dann  wird  für  die  Gruben  viel  Raum  gebraucht  und  schließlich
sind  für  das  Abstechen  des  getrockneten  Schlammes  viel  Menschenkräfte ­
  nötig,  da  sie  sich  hierbei  nicht  durch  Maschinen  ersetzen
lassen.  Außerdem  dauert  das  Eintrocknen  auch  bei  günstigem
Klima  sehr  lange,  so  daß  viel  Kapital  im  Schlamme  festgelegt  wird.
Das  Trockenverfahren  besteht  darin,  Kalksteine  und  Ton  zu
trocknen  und  entweder  zusammen  oder  getrennt  zu  einem  feinen
Pulver,  dem  Rohmehl,  zu  vermahlen.  Dieses  wird  mit  Wasser
genetzt  und  zu  Ziegelsteinen  geformt,  die  dann  getrocknet  und
gebrannt  werden.  Am  besten  und  rationellsten  sind  die  modernen
Trockentrommeln,  weil  sich  in  ihnen  das  Rohmaterial  mit  dem
denkbar  geringsten  Aufwande  an  Brennmaterial,  Kraft,  Raum
und  Zeit  trocknen  läßt.  Hierbei  ist  es  nötig,  den  Kalk  und  Ton
vor  dem  Trocknen  zu  zerkleinern.  Von  den  Trockentrommeln
gelangt  das  Material  in  Silos,  wo  es  zunächst  aufgespeichert  wird,
wodurch  erreicht  wird,  daß  man  mit  dem  folgenden  Produktionsprozeß ­
  von  etwaigen  Störungen  beim  Trocknen  unabhängig  wird.
Man  kann  nun  je  nach  der  Natur  der  Rohmasse  den  Kalkstein
und  Ton  entweder  in  grubenfeuchtem  Zustande  portionsweise
zusammenwiegen  und  dann  gemeinschaftlich  zerkleinern  und
trocknen  oder  jeden  der  Teile  für  sich  vorbrechen  und  trocknen
und  nun  noch  nach  der  Ablagerung  in  den  Silos  zusammenwiegen, ­
  wobei  mittelst  automatischer  Wagen  genau  das  richtige
        <pb n="10" />
        6

Einleitung.

Verhältnis  von  Kalk  und  Ton  hergestellt  wird.  Hierauf  folgt
das  Durchmischen  des  vorgebrochenen  und  getrockneten  Gutes
und  das  Feinmahlen  zu  Rohmehl.  Dieses  Verfahren  ist  in
Deutschland  am  meisten  verbreitet.
Beim  Halbnaß-  oder  Halbtrockenverfahren  wird  meist  nur
der  Ton,  der  gewöhnlich  der  sandhaltigere  Teil  der  beiden  Rohmaterialien ­
  ist,  eingeschlämmt.  Der  Kalkstein  wird  dann  dem
Tonschlamm  als  feines  Trockenpulver  zugemischt.  Zu  erwähnen
ist  noch,  daß  bei  allen  kontinuierlichen  Brennofensystemen  mit
Ausnahme  des  Drehrohrofens  das  Rohmehl  vor  dem  Brennen  in
die  Form  von  Ziegelsteinen  gebracht  werden  muß,  damit  die
Rohmasse  so  eingesetzt  werden  kann,  daß  dem  nötigen  Zuge
während  des  Brandes  kein  Hindernis  entsteht.  Diese  Ziegel
müssen  vor  dem  Brennen  noch  von  dem  Wasser  befreit  werden,
das  man  der  Rohmasse  zum  Formen  zugesetzt  hat.
Wir  kommen  nun  zu  dem  zweiten  Hauptabschnitte  in  der
Fabrikation  des  Portlandzementes,  dem  Brennen.  Der  Zweck
ist  ein  vollständiges  Aufschließen  der  Silikate  und  eine  enge
Verbindung  mit  dem  Kalk,  so  daß  sich  in  dem  fertigen  Brenngute ­
  kein  freier  Kalk  mehr  findet.  Bei  dem  Brennprozesse  wird
zunächst  bei  einer  Glut  von  ungefähr  000°  C  die  Kohlensäure
aus  dem  Kalk  entfernt.  Auf  diese  Weise  entsteht  Ätzkalk 1 ,  der
auf  die  Tonkomponenten  aufschließend  wirkt.  Die  Sinterung,
d.  h.  das  Zusammenschweißen  des  Ätzkalkes  mit  den  Silikaten
tritt  dann  bei  einer  Glut  von  1350—1600°  C  ein 1  2 .  Dieser  ganze
chemische  Vorgang  ist  für  die  Güte  des  Portlandzementes  von
großer  Bedeutung,  weshalb  auf  einen  geeigneten  Brennofen  stets
großes  Gewicht  gelegt  worden  ist.  Es  kommt  natürlich  nicht
allein  darauf  an,  daß  in  ihm  die  chemische  Umwandlung  des
Rohmaterials  möglichst  vollkommen  erreicht  wird,  sondern  auch
darauf,  daß  bei  einem  möglichst  geringen  Verbrauch  an  Brennmaterial ­
  möglichst  viel  von  einem  Ofen  geleistet  wird.
1  Schoch,  Die  moderne  Aufbereitung  der  Mörtelmaterialien,  Berlin  1904,
S.  192.
2  A.  a.  O.  S.  186.
        <pb n="11" />
        Begriffserklärung  der  verschiedenen  Arten  hydraulischer  Bindemittel  usw.  7

Die  ersten  Öfen,  in  denen  Portlandzement  gebrannt  wurde,
waren  Schachtöfen  mit  ununterbrochenem  Brande.  Diese  sind
jedoch  heute  wegen  ihres  hohen  Brennstoffverbrauches  und  ihrer
umständlichen  und  daher  teueren  Bedienung  ganz  veraltet  und
außer  Gebrauch  gekommen.  Man  benutzt  heute  im  allgemeinen
nur  noch  Öfen  mit  ununterbrochenem  Betriebe.  Drei  Ofenkonstruktionen ­
  sind  es,  die  am  häufigsten  Anwendung  finden.  Zunächst ­
  der  Ringofen  von  Friedr.  Hoffmann,  der  schon  seit  etwa
50  Jahren  in  der  Ziegelindustrie  allgemein  eingeführt  ist  und
seit  etwa  40  Jahren  auch  in  der  Zementindustrie  Verwendung
findet 1 .  Er  besteht  im  wesentlichen  aus  einem  in  sich  selbst
zurücklaufenden  Brennkanal,  in  den  der  zu  Ziegeln  geformte
Rohzement  eingesetzt  wird.  Von  dem  Brennkanale  führen
Rauchabzüge  nach  dem  Rauchsammler,  der  mit  einem  Schornstein
in  Verbindung  steht.  An  der  Mündung  der  Rauchabzüge  sind
Ventile  zur  Regulierung  des  Zuges  angebracht.  Die  Decke  des
Brennkanales  ist  gewölbt  und  enthält  die  Heizlöcher.  Durch
Scheidewände  aus  Papier  wird  der  ganze  Brenukanal,  an  dessen
Seitenwand  sich  Öffnungen  zum  Hinein-  bzw.  Herausschaffen
der  Rohmasse  bzw.  des  Brenngutes  befinden,  in  eine  Anzahl
von  Kammern  zerlegt.  Ein  System  solcher  Kammern  steht  miteinander ­
  in  Verbindung,  so  daß  das  Beschicken  des  Ofens  mit
roher  Masse,  das  Brennen,  Abkühlen  und  Leeren  zu  gleicher
Zeit  erfolgen  kann.  In  der  einen  Kammer  werden  die  Rohziegel
aufgeschichtet,  in  der  nächsten  wird  die  Rohmasse  durch  die
Hitze,  die  der  dritten  Kammer  entströmt,  in  der  das  Material
in  Weißglut  sintert,  vorgewärmt,  während  der  Zement  in
einer  weiteren  abgekühlt  und  schließlich  in  der  letzten
herausgehauen  wird.  Die  bei  der  Abkühlung  ausströmende
Hitze  wird  zum  Vorwärmen  und  Erhitzen  der  Speiseluft
für  das  Feuer  benutzt.  Auf  diese  Weise  wird  also  die
Heizluft  und  damit  das  Brennmaterial  möglichst  ausgenützt.
Der  Verbrauch  an  letzterem  beträgt  28—83  kg  pro  Faß  1  2 .

1  Heusinger  v.  Waldegg,  S.  201.

2  A.  a.  0.  ¡3.  201.
        <pb n="12" />
        8

Einleitung.

Neben  diesem  großen  Vorzüge  weist  der  Ringofen  noch  eine
große  Leistungsfähigkeit  auf.
Der  zweite  Ofen  mit  ununterbrochenem  Brande  ist  der  Etagenofen ­
  von  Dietzsch.  Dieser  Ofen  besteht  aus  vier  Abteilungen:
dem  Schürherd,  dem  Vorwärmer,  dem  Schmelz-  und  dem  Kühlraume. ­
  Der  letztere  dient  zur  Aufnahme  des  gebrannten  Zementes.
,  Über  ihm  befindet  sich  der  Schmelzraum,  in  dem  die  Rohmasse
bis  zur  Sinterung  gebrannt  wird.  Er  ist  oben  gewölbt  und
mündet  in  einen  Kanal,  in  dem  das  Feuer  nach  dem  Vorwärmer
abzieht.  In  diesem  Kanäle  befindet  sich  auch  der  Schürherd.
Ist  der  obere  Inhalt  des  Schmelzraumes  gar,  so  wird  aus  dem
Kühlraume  soviel  fertiger  Zement  entfernt,  als  oben  sinken
soll;  dadurch  wird  ein  Teil  des  Schmelzraumes  frei,  in  den
nun  durch  die  Feuertüren  über  dem  Schürherd  Brennmaterial
nachgeschüttet  wird,  während  die  im  Vorwärmer  vorgeglühte
Masse  mit  eisernen  Hacken  nachgezogen  und  über  die  Fläche
des  Schmelzraumes  verebnet  wird.  Wir  sehen  also,  daß  auch
bei  diesem  Ofen  das  Prinzip,  die  erzeugte  Wärme  möglichst
auszunutzen  und  dadurch  an  Brennmaterial  zu  sparen,  angewendet
ist.  Für  ein  Faß  sind  23—27  kg  Kohlen  erforderlich 1 .  Hermann
Schmidt  in  Bonn  hat  noch  einige  Verbesserungen  an  dem  Etagenofen ­
  vorgenommen,  um  das  Herausschlagen  der  Flammen  aus
den  Feuertüren  zu  verhindern.  Dieser  Ofen  hat  wohl  unter  allen
Ofenarten  die  weiteste  Verbreitung  gefunden  und  ist  dem  etwas
älteren  Ringofen  ein  erfolgreicher  Konkurrent  gewesen.  Aus  der
Praxis  hat  sich  ergeben,  daß  sich  für  gewisse  Verhältnisse  der
Etagenofen,  für  andere  der  Ringofen  besser  eignet.
Das  modernste  aller  Ofensysteme  ist  der  Drehrohrofen,  der
am  meisten  dem  Grundsätze:  Verkürzung  des  Fabrikationsprozesses ­
  und  möglichste  Vermeidung  jeglicher  Handarbeit  gerecht
wird.  Die  soeben  beschriebenen  kontinuierlich  arbeitenden  Öfen
erfordern  eine  Brenndauer  von  8—20  Stunden;  hierzu  kommt
noch  die  Zeit,  welche  auf  das  Verziegeln  und  die  meist  noch

1  HeusiDger  v.  Waldegg,  S.  206.
        <pb n="13" />
        Begriffserklärung  der  verschiedenen  Arten  hydraulischer  Bindemittel  usw.  9

notwendige  künstliche  Trocknung  der  Ziegel  bezw.  beim  Ringofen
für  das  Einsetzen  der  Ziegel  in  die  Kammer  zum  Abkühlen  des
Einsatzes  aufgewendet  wird  und  mit  mindestens  24  Stunden  bis
zu  acht  Tagen  veranschlagt  werden  muß.  Dagegen  vergeht  vom
Eintritte  der  Rohmasse  in  den  Drehofen  bis  zum  Austritte  des
Klinkers  nur  eine  Stunde 1 .  Während  die  Ergebnisse  des
stationären  Brennofens  von  der  Geschicklichkeit  und  Zuverlässigkeit ­
  vieler  Hände  abhängig  sind,  ist  diese  Brennmaschine  nur
einem  einzigen  geschulten  Arbeiter  unterstellt.  Der  Verbrauch
an  Brennstoffen  ist  freilich  höher  als  bei  den  oben  beschriebenen
Öfen.  Wie  jeder  Fortschritt  in  der  Technik  erfolgt  auch  die
Einführung  des  Drehofens  erst  dann,  wenn  sie  durch  einen
wirtschaftlichen  Vorteil  begründet  ist,  d.  h.  wenn  die  Ersparnis
an  Arbeitslöhnen  und  die  Verkürzung  des  Fabrikationsprozesses
den  Mehrverbrauch  an  Brennstoffen  überwiegen.  Bei  sehr  hohen
Kohlenpreisen  und  sehr  niedrigen  Arbeitslöhnen  kann  es  vorteilhafter ­
  sein,  bei  den  älteren  Systemen  zu  bleiben.  Bei  uns  in
Deutschland  hat  sie  der  Drehofen  schon  größtenteils  verdrängt.
Drehrohröfen,  auch  kurz  Drehöfen  genannt,  wurden  schon  seit
langer  Zeit  für  verschiedene  Zwecke  verwandt.  In  der  Portland-Zementindustrie
  führte  ihn  zuerst  der  Engländer  Frederik  Ransomes
im  Jahre  1885  ein 1  2  3 .  Sein  Ofen  war  jedoch  wenig  zweckmäßig,  verursachte ­
  große  Kosten  und  lieferte  ein  ungleichmäßiges  Produkt.  Zur
selben  Zeit  wurde  in  Northampton,  Pennsylvania  die  Atlas-Zement-Company
  gegründet,  die  infolge  der  dortigen  billigen  Kohle  und
hohen  Löhne  sehr  viel  Interesse  an  der  Konstruktion  eines  guten
Drehofens  hatte.  Sie  veranlaßte  eine  ganze  Reihe  von  Konstruktionen ­
  und  probierte  diese  aus,  bis  schließlich  der  Ofen  von
Hurry  &amp;amp;  Seaman  entstand 3 .  In  Deutschland  beschäftigte  man
sich  erst  viel  später  mit  dem  Drehofen.  C.  v.  Forell 4  veranlaßte
den  Bau  des  ersten  deutschen  Drehofens  in  der  Zementfabrik

1  Heusinger  v.  Waldegg,  S.  206.
2  A.  a.  O.  S.  27.
3  A.  a.  0.  S.  207.
*  A.  a.  0.  S.  210.
        <pb n="14" />
        10

Einleitung.

Lollar.  Nachdem  dieser  zur  Genüge  ausprobiert  war,  trat  er
alle  seine  Rechte  an  ein  Konsortium  ab,  das  Anfang  1899  die
Brennöfenbauanstalt  G.  m.  b.  H.  in  Hamburg 1  2  gründete.  „Der
Drehofen  dieser  Gesellschaft  besteht  aus  zwei  schwach  geneigten
Trommeln,  deren  eine  zum  Brennen,  deren  andere  zum  Kühlen
dient.  Die  erstere,  oben  gelegene,  ist  mit  feuerfesten  Steinen
ausgefüttert  und  ist  länger  und  weiter  als  die  untere.  Die
Trommeln  liegen  mit  ihren  Laufringen  frei  auf  mehreren  Rollenpaaren ­
  und  werden  mittels  eines  Zahnkranzes  angetrieben.  In
denselben  greift  ein  Rädervorgelege  ein.  Das  obere  Ende  der
Brenntrommel  steckt  mit  einem  schmalen  Spielräume  in  einem
gemauerten  Kopfe,  der  zum  Abführen  der  Heizgase  mit  einem
Schornstein  verbunden  ist.  Durch  den  Mauerkopf  ragt  in  die
Trommel  hinein  das  Zuführungsrohr  für  das  Rohgut“'.  Das  trocken
aufbereitete  Rohmehl  wird  etwas  angefeuchtet,  um  den  Staub
zu  mindern.  Beim  Naßverfahren  enthält  der  Schlamm  ca.  40  °/o
Wasser.  „Das  in  die  Brenntrommel  gebrachte  Rohgut  rückt
allmählich  infolge  der  langsamen  Drehung  der  Neigung  folgend
vor,  der  am  anderen  Ende  befindlichen  Feuerung  entgegen,  und
erwärmt  sich  stufenweise“ 2 .  Am  Ende  der  Brenntrommel  fällt
der  Klinker  in  die  Kühltrommel.  Durch  diese  wird  ein  Luftstrom ­
  gesaugt,  der  sich  beim  Kühlen  der  Klinker  selbst  erwärmt
und  dann  als  Brennluft  für  den  Kohlenstaub  verwendet  wird,
mit  dem  die  Brenntronnnel  geheizt  wird.  Von  der  Kühltrommel
kann  der  Klinker  auf  Transportband  in  die  Zementmühle  gebracht ­
  werden.  Also  auch  beim  Drehofen  findet  die  größtmögliche ­
  Ausnutzung  der  einmal  erzeugten  Hitze  sta]tt.  Da  man
im  Drehofen  jeden  Hitzegrad  erzeugen  kann,  ist  es  möglich,  in
ihm  aus  jeder  Rohmasse,  die  in  irgend  einem  anderen  Ofen  eine
gute  Ware  liefert,  einwandfreien  Portlandzement  herzustellen.
Der  Verbrauch  von  Kohlen  beträgt  beim  Trockenverfahren
34—42,5  kg,  beim  Naßverfahren  50—59,5  kg  pro  Faß 3 .  Der

1  Aus  Heusinger  v.  Waldegg,  S.  210.
2  A.  a.  0.  S.  210.
2  Heusinger  v.  Waldegg,  S.  213.
        <pb n="15" />
        Begriffserklärung  der  verschiedenen  Arten  hydraulischer  Bindemittel  usw.  H

Kohlenverbrauch  ist  also  größer  als  bei  den  erstgenannten  Ofen,
doch  ist  dabei  zu  bedenken,  daß  das  Brennen  im  Drehofen  ganz
bedeutend  schneller  vor  sich  geht  und  außerdem  nur  sehr  wenig
Arbeiter  gebraucht  werden;  es  genügen  für  je  zwei  Öfen  vier
Mann  pro  Schicht  b
Ist  der  Zement  fertig  gebrannt  und  gekühlt,  so  bleibt  nur
das  Zerkleinern  bis  zur  Mehlfeinheit  übrig,  um  ihn  zum  Versand
fertig  zu  machen.  Er  wird  zunächst  vorgebrochen,  dann  fein
geschrotet  und  schließlich  zu  einem  ganz  feinen  Mehl  vermahlen.
Das  fertige  Produkt  wird  in  Silos  bis  zum  Versande  aufgespeichert;
dieses  Lagern  hat  noch  den  Vorteil,  auf  die  Volumenbeständigkeit
günstig  einzuwirken.
Die  Vorzüge  des  Portlandzementes  vor  anderen  Mörtelstoffen
bestehen  zunächst  darin,  daß  er  beim  Lagern  sehr  haltbar  ist.
Er  besitzt  ferner  eine  sehr  starke  Erhärtungsfähigkeit  und  erlangt
im  Wasser  und  an  der  Luft  sehr  bald  eine  sehr  große  Festigkeit,
während  andere  Bindemittel  sehr  viel  länger  dazu  brauchen,
wenn  sie  überhaupt  einen  so  hohen  Grad  von  Festigkeit  erreichen.
Daher  kann  dem  Zement  auch  mehr  Sand  zugesetzt  werden  als
anderen  Mörtelstoffen.  Im  Vergleiche  zu  anderen  hydraulischen
Bindemitteln  in  gleichfeinem  Zustande  besitzt  er  eine  größere
Festigkeit,  Wasserdichtigkeit  und  Haftfähigkeit  am  Steine.  Wenn
man  die  Feinheit  der  Mahlung  bei  dem  Vergleiche  nicht  berücksichtigt, ­
  so  überragt  er  andere  Mörtelstoffe  mit  derselben  Zugfestigkeit ­
  an  Druckfestigkeit.  Gegen  äußere  Einflüsse  ist  er  am
widerstandfähigsten,  er  weist  eine  große  Volumenbeständigkeit
und  Wetterfestigkeit  auf.  Muß  man  Arbeiten  bei  Frost  ausführen, ­
  so  verwendet  man  am  sichersten  Mörtel  aus  Portlandzement. ­

Frülier  wurde  Portlandzement  hauptsächlich  nur  für  Wasserbauten ­
  angewendet,  während  heute  wohl  ein  sehr  großer  Teil
der  Produktion  bei  Hochbauten  verbraucht  wird.  Wird  doch
heute  bei  fast  allen  Bauten  dem  Kalkmörtel  etwas  Zement  zu-1

  Heusinger  v.  Waldegg,  S.  214.
        <pb n="16" />
        12

Einleitung.

gesetzt.  Auf  dem  Gebiete  der  Wasserbauten  findet  er  seine
Anwendung  bei  Bauten  unter  Wasser,  bei  Betonbauten  wie
Hafendämmen,  Talsperren,  Behälter  für  Wasser  und  andere
Flüssigkeiten.  Die  Hauptvorzüge  der  Herstellung  in  Beton  sind:
Schnelligkeit  des  Bauens,  Wasserdichtigkeit  und  geringere  Kosten.
Sehr  viel  Portlandzement  wird  ferner  durch  die  Verwendung
von  Betonröhren  bei  der  Kanalisation  der  Städte  verbraucht.
Die  Vorzüge  des  Betonrohres  gegenüber  dem  gebrannten  Tonrohre ­
  liegen  an  der  größeren  Masse  und  Genauigkeit  der  Form,
wodurch  eine  sichere  Lage  und  genaue  Einhaltung  der  Gefälle
erreicht  wird,  ferner  in  der  besseren  Anpassung  an  den  zeitlichen
Wechsel  in  der  Wasserführung,  da  Profilformen  und  Weiten
unbeschränkt  sind,  schließlich  in  der  größeren  Sicherheit  gegen
das  Zerdrücktwerden.  Ähnlich  ist  es  bei  den  Straßen-  und  Hofeinlässen
  und  den  Einsteigeschächten.  Der  Beton  findet  heute
noch  bei  vielen  anderen  Gegenständen  Verwendung,  die  hier
nicht  alle  genannt  werden  köünen.
Auch  im  Straßenbau  wird  viel  Zement  verwendet.  Bei  Asphalt
und  Holzpflaster  wird  die  Unterbettung  aus  Beton  hergestellt,
bei  wasserdichtem  Pflaster  aus  Holz  oder  Stein  werden  die  Fugen
mit  einem  dünnen  Zementguß  ausgefüllt,  Bürgersteige  werden
mit  Beton  belegt  und  mit  Zement  bestrichen.
Beim  Brückenbau  spielt  der  Beton  eine  sehr  große  Rolle.
Während  man  ihn  früher  nur  zur  Pfeilergründung  benutzte,  gibt
es  heute  sehr  viele  Brücken,  die  ganz  aus  Beton  hergestellt  sind.
Ebenso  wird  bei  Tunnelüberwölbungen  Beton  benutzt.
Am  größten  ist  die  Zahl  der  Verwendungszwecke  des  Portlandzementes ­
  wohl  beim  Hochbau.  Man  will  heute  möglichst
rasch  bauen,  ferner  den  nutzbaren  Innenraum  im  Verhältnisse  zu
den  Mauern  und  Wänden  möglichst  vergrößern.  Der  Zementmörtel ­
  ist  aber  das  Mittel,  um  die  Festigkeit  der  Mauern
und  Wände  zu  erhöhen.  Weiter  ist  er  geeignet,  an  den  Häusern
Schmuckteile  anzubringen,  besonders  da  er  ihre  Herstellung  in
großer  Mannigfaltigkeit  auf  Vorrat  erlaubt.
Auch  Wandputz  aus  Portlandzement  ist  sehr  verbreitet.  Bei
        <pb n="17" />
        Begriffserklärung  der  verschiedenen  Arten  hydraulischer  Bindemittel  usw.  13

Zwischendecken  ist  seine  Verwendung  sehr  zweckmäßig,  weil
dann  die  Feuersicherheit  sehr  groß  ist  und  die  Decke  bei  geringer
Dicke  eine  große  Tragfähigkeit  besitzt.  Für  Dächer,  Dachplatten,
Treppenanlagen,  Fußböden  im  Innern  der  Gebäude  in  Form  des
einteiligen  Estriches  oder  von  Platten  und  Fliesen  wird  ebenfalls
viel  Zement  gebraucht.
Für  die  Herstellung  von  Maschinenfundamenten  ist  der  Portlandzement ­
  sehr  wichtig,  weil  mit  seiner  Hilfe  auch  die  verwickeltsten
  Formen  und  alle  Durchbrechungen,  die  aus  Natursteinen
oft  gar  nicht,  aus  Ziegelsteinen  nur  schwer  herstellbar  sind,
geschaffen  werden  können.
Große  Bedeutung  hat  das  Verfahren,  zum  Kalkmörtel  Zement
zuzusetzen,  erlangt,  weil  dadurch  das  Abbinden  und  Erhärten
schneller  vor  sich  geht,  das  Mauerwerk  an  Festigkeit  gewinnt
und  das  Schwinden  des  Mörtels  vermindert  wird.  Es  wird  auch
umgekehrt  zum  Zementmörtel  Kalk  zugesetzt.  Durch  beide  Verfahren ­
  werden  die  Baukosten  verbilligt.
Eine  vollständige  Übersicht  über  die  Verwendungsmöglichkeiten ­
  des  Portlandzementes  zu  geben,  würde  hier  zu  weit  führen.
Es  kommt  nur  darauf  an,  die  wichtigsten  zu  erwähnen.  Selbstverständlich ­
  hat  sich  das  Verwendungsgebiet  des  Portlandzementes
erst  allmählich  zu  seiner  heutigen  Größe  entwickelt,  wobei  das
Aufkommen  und  die  Verbreitung  der  Betonbauweise  eine  große
Rolle  gespielt  haben.
        <pb n="18" />
        14

IL
Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie
  bis  zur  Krise  der  Jahre  1901/02.
W ie  schon  in  der  Einleitung  erwähnt  worden  ist,  wurden
Ende  der  20  er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  in  England ­
  die  ersten  Portland-Zementfabriken  ins  Leben  gerufen.  Von
da  an  beherrschte  nun  die  englische  Industrie  lange  Zeit  hindurch ­
  vollständig  den  Markt.  Erst  viel  später,  Anfang  der
50er  Jahre,  ging  man  auch  in  Deutschland  an  die  Fabrikation
von  Portlandzement,  während  Romanzement  schon  früher  produziert ­
  worden  war.  Die  Anfänge  der  Portland-Zementindustrie
knüpfen  sich  an  den  Namen  des  Dr.  Bleibtreu,  der  Ende  1852
aus  England  zurückkehrte,  wo  er  sich  auch  schon  für  die  Herstellung ­
  von  Portlandzement  interessiert  hatte.  Er  war  aber
wohl  nie  in  einer  englischen  Fabrik  gewesen,  was  daraus  zu  erklären ­
  ist,  daß  die  Engländer  ihr  Geheimnis  der  Portland-Zementfabrikation
  auf  das  Sorgfältigste  hüteten.  Er  brachte  den
Text  des  Aspdinschen  Patentes  mit  und  kannte  aus  der  Analyse
der  englischen  Marken  die  chemische  Zusammensetzung  des
fertigen  Produktes.  Er  bewog  nun  den  Konsul  P.  Guticke  in
Stettin,  ihm  die  Mittel  für  die  technischen  Versuche  zu  geben,
der  Ende  1852  die  ehemalige  königliche  Festungsziegelei  erwarb.
Die  nötige  Rohmasse  lieferte  der  Septarienton  an  der  unteren
Oderund  die  Kreide  auf  der  Insel  Wollin.  1853  wurde  dann  ein
größerer  Zementofen  aufgestellt.  Die  ersten  Versuche  zeitigten
jedoch  kein  sehr  gutes  Ergebnis,  die  Fabrikationsweise  war  sehr
schwierig  und  unbequem  und  erforderte  große  Kosten  besonders
für  Brennstoffe.  Aber  Bleibtreu  verlor  den  Mut  nicht  und  setzte
        <pb n="19" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.  ]  5

unermüdlich  seine  Versuche  fort.  Im  Frühjahre  1854  wollte
Guticke  seine  Hand  von  den  Versuchen  zurückziehen  und  die
Ziegelei  wieder  verkaufen,  da  er  schon  viel  Geld  hineingesteckt
hatte  und  sich  keinen  Erfolg  versprach.  Glücklicherweise  kam
aber  eine  Aktiengesellschaft  zustande  und  schon  im  Herbste
1855  wurde  der  Betrieb  der  neuerbauten  Fabrik  begonnen.  Das
Aktienkapital  betrug  ursprünglich  125000  1  Taler,  die  nicht  leicht
aufzubringen  waren,  da  man  dem  Unternehmen  keine  große  Zukunft ­
  zutraute  in  der  Annahme,  daß  es  die  beabsichtigten
25000  Faß  im  Jahre  nicht  würde  absetzen  können.  Die  erste
Anlage  entsprach  jedoch  nicht  den  Anforderungen,  sie  leistete
zu  wenig,  außerdem  war  die  Produktion  sehr  teuer,  da  für  die
Fabrikation  sehr  viel  an  Lohn  und  besonders  an  Brennstoffen
gebraucht  wurde.  Auch  nützten  sich  die  Transmissionen  und
Arbeitsmaschinen  sehr  rasch  ab.  Das  Aktienkapital,  das  für  den
Bau  ganz  verbraucht  worden  war,  wurde  nun  auf  175  000 1  2  3  Taler
erhöht.  Nachdem  Bleibtreu  diese  Fabrik  gebaut  und  eingerichtet
hatte,  verließ  er  Stettin,  sein  Nachfolger  wurde  Delbrück,  dieser
war  nun  ebenso  wie  sein  Vorgänger  unermüdlich  bestrebt,  durch
Versuche  auf  wissenschaftlicher  Grundlage  den  Betrieb  rentabler
zu  gestalten,  vor  allem  an  Brennstoffen  und  Löhnen  zu  sparen
und  die  Maschinen  besser  auszunützen.  Ferner  drang  er  durch
chemische  Untersuchungen  immer  tiefer  in  die  Erkenntnis  der
Natur  des  Portlandzementes  ein  und  suchte  so  sein  Produkt
zu  verbessern  und  die  Leistung  der  Fabrik  zu  erhöhen.
Schon  1857  konnten  bei  einer  Produktion  von  33  331  Faß
10°/o  Dividende  verteilt  werden 8 .  Von  Stettin  aus  ging  Bleibtreu
nach  Westdeutschland,  wo  unter  seiner  Leitung  im  Jahre  1856 4
die  Portland-Zementfabrik  des  Bonner  Bergwerks-  und  Hüttenvereins ­
  in  Oberkassel  bei  Bonn  errichtet  wurde.  Jetzt  entstanden

1  Goslich,  Geschichte  der  Stettiner  Portland-Zementfabrikation  1855  bis
1905,  S.  2.
2  A.  a.  O.  S.  7.
3  A.  a.  O.  S.  9.
4  Dr.  May,  Die  bayrische  Zementindustrie  1909,  S.  9.
        <pb n="20" />
        16  Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.

auch  an  anderen  Orten  in  Deutschland  Portland-Zementfabriken.
Bald  nach  der  Stettiner  Fabrik  ging  auch  die  Zementfabrik  von
Brunkhorst  und  Krogmann  in  Buxtehude,  Prov.  Hannover,  zur
Portland-Zementfabrikation  über,  während  sie  früher  nur  Romanzement ­
  hergestellt  hatte,  was  sie  noch  bis  in  die  60  er  Jahre  fortsetzte. ­
  1856  1  gründete  ein  Konsortium  Hamburger  Kapitalisten
in  Oppeln  in  Schlesien  eine  Portland-Zementfabrik,  die  an  W.
Grundmann  verpachtet  wurde.  1862  ging  die  Fabrik  in  den
alleinigen  Besitz  Grundmanns  über.  1872  wurde  sie  in  eine
Aktiengesellschaft  umgewandelt  und  mit  der  von  H.  Pringsheim
1865/66  erbauten  Fabrik  in  Kgl.  Neudorf  bei  Oppeln  vereinigt.
Ferner  wurde  1860/61 1  2  3  eine  Fabrik  in  Mannheim  und  1861®  die
der  Gebrüder  Heyn  in  Lüneburg  errichtet.  Das  waren  die  ersten
deutschen  Portland-Zementfabriken.  Die  Bedingungen,  die  an
einem  Orte  erfüllt  sein  müssen,  wenn  man  eine  Portland-Zementfabrik ­
  mit  Aussicht  auf  guten  Erfolg  errichten  will,  bestehen
natürlich  zunächst  in  dem  Vorhandensein  von  geeigneten  Rohmaterialien ­
  in  genügender  Menge.  Man  muß  dabei  nicht  nur
ihre  chemische  Zusammensetzung  berücksichtigen,  sondern  auch
ihre  physikalischen  Eigenschaften,  die  die  Verarbeitung  nicht
allzu  sehr  erschweren  dürfen.  Man  muß  ferner  darauf  achten,
daß  die  Rohstoffe  möglichst  zu  Tage  liegen,  damit  ihre  Gewinnung ­
  nicht  zu  teuer  wird.  Schließlich  muß  man  auf  den
Preis  der  Brennstoffe  einschließlich  Transportkosten  bis  zur
Fabrik  und  auf  die  Arbeitslöhne  und  Arbeitsverhältnisse  überhaupt ­
  sehen.  Daß  vor  allen  Dingen  ein  genügender  Absatz  vorhanden ­
  sein  muß,  erscheint  wohl  als  selbstverständlich,  und  doch
ist  gerade  dieser  Punkt  im  Laufe  der  Entwicklung  der  deutschen
Portland-Zementindustrie  zu  ihrem  großen  Schaden  nicht  genügend ­
  beachtet  oder  gänzlich  ungerechtfertigter  Weise  viel  zu
günstig  beurteilt  worden.

1  Friedrich,  Schlesiens  Ind.  unt.  d.  Einfl.  d.  Capriv.  Ilandelspol.  1899—1900,
Berlin  1902.
2  Mohr,  Die  deutsche  Zementindustrie,  Schmollers  Jahrb.  1902,  S.  1192.
3  Hirschfeld,  Hannov.  Großindustrie  im  Großhandel  1891.
        <pb n="21" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.  17
Anfangs  war  es  sehr  schwer,  gegen  die  Konkurrenz  des
englischen  Portlandzementes  anzukämpfen,  da  das  Publikum
irrtümlicherweise  das  deutsche  Fabrikat  für  minderwertig  hielt.
Doch  trat  hier  bald  eine  Änderung  ein.  Die  Ursachen  dafür
liegen  zunächst  darin,  daß  die  deutschen  Zementindustriellen  fortwährend ­
  bemüht  waren,  durch  Versuche  und  Prüfungen  ihrer
Ware  auf  wissenschaftlicher  Grundlage  diese  zu  verbessern  und
ein  möglichst  vollkommenes  Produkt  herzustellen,  während  man
in  England  im  Vertrauen  auf  die  alte  Monopolstellung  auf  dem
früher  erreichten  Punkte  stehen  geblieben  war.  Außerdem  war
der  Preis  für  englischen  Portlandzement  sehr  hoch,  so  daß  sich
bei  etwas  niedrigerem  Preise  für  das  deutsche  Produkt  und
gleichmäßiger  Güte  leicht  genügend  Absatz  erreichen  ließ.  Besonders ­
  für  die  Stettiner  Fabrik  trat  noch  ein  sehr  kritischer
Zeitpunkt  ein,  als  nämlich  ihr  Zement,  der  bis  dahin  ebenso  wie
der  englische  schnell  abgebunden  hatte,  plötzlich  aus  bis  heute
noch  unerklärlichen  Gründen  langsam  bindend  wurde.  Das
brachte  ihn  zunächst  in  Mißkredit,  doch  Delbrück  wies  durch
Festigkeitsproben  nach,  daß  der  langsam  bindende  Zement  eine
weit  größere  Festigkeit  erreicht,  wie  der  schnell  bindende.  Sehr
wichtig  war  ferner,  daß  der  deutsche  Portlandzement  auf  der
internationalen  Industrieausstellung  in  London  im  Jahre  1862
eine  erste  Auszeichnung  erhielt,  wodurch  die  deutschen  Konsumenten ­
  endgültig  davon  überzeugt  wurden,  daß  die  deutsche
Ware  der  englischen  in  ihrer  Qualität  in  keiner  Weise  nachstand.
Nun  entstanden  immer  mehr  Portland-Zementfabriken,  doch  der
Bedarf  an  Zement  stieg  dauernd,  und  trotz  der  Neugründungen
konnte  die  Nachfrage  nicht  befriedigt  werden.  Der  wirtschaftliche
Aufschwung  nach  dem  Kriege  1870/71  machte  sich  auch  in  der
Zementindustrie  geltend,  so  daß  gerade  in  dieser  Zeit  sehr  viele
Neugründungen  vorgenommen  und  die  alten  Fabriken  vergrößert
wurden.  Wie  gut  in  dieser  Zeit  die  Geschäftslage  der  Portland-Zementindustrie
  war,  kann  man  aus  einigen  Daten  ersehen,  die
Dr.  Goslich  in  seiner  Geschichte  der  Stettiner  Portland-Zementfabrik ­
  über  diese  gegeben  hat.  Danach  wurden  in  den  60  er
Madelung,  Entwicklung  der  Deutschen  Portland-Zementindustrie.  2
V
        <pb n="22" />
        18  Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.

Jahren  30—40°/o  Dividende  verteilt,  1876  nach  reichlichen  Abschreibungen ­
  ebenfalls  40°/o  Dividende.  Alle  Neuanlagen  und
Grundstücksankäufe  wurden  aus  vorhandenen  Mitteln  gemacht.
1879  hatte  sich  ein  solches  Mißverhältnis  zwischen  dem  Aktienkapitale ­
  und  dem  Fabrikwerte  herausgebildet,  daß  ohne  Kapitalzuzahlung
  neue  Aktien  ausgegeben  wurden.  Selbstverständlich
hatten  zu  diesem  günstigen  Ergebnisse  auch  Verbesserungen  in
der  Technik  der  Fabrikation  beigetragen.
Nach  den  Protokollen  des  Vereins  deutscher  Portland-Zement-Fabrikanten,
  der  1877  gegründet  wurde,  gehörten  ihm  1879
bereits  33  Fabriken  an;  diese  Zahl  dürfte  mit  der  der  damals  in
Deutschland  überhaupt  vorhandenen  Portland-Zementfabriken
ziemlich  identisch  sein,  da  dem  Vereine  von  Anfang  an  stets
alle  deutschen  Fabriken  mit  nur  ganz  wenigen  Ausnahmen  angehört ­
  haben.
Was  ihre  örtliche  Verteilung  anbelangt,  wofür  natürlich  das
Vorkommen  der  Rohstoffe  maßgebend  ist,  so  hatten  sich  schon
damals  folgende  Produktionsgruppen  gebildet:  1.  Die  Stettiner,
2.  die  schlesische,  3.  die  märkische,  4.  die  sächsische  (mitteldeutsche), ­
  5.  die  unterelbische,  6.  die  hannoversche,  7.  die
rheinisch-westfälische,  8.  die  süddeutsche  Gruppe.  Diese  Verteilung ­
  besteht  heute  noch.  Die  mitteldeutsche  und  hannoversche
Gruppe  waren  damals  noch  sehr  klein  und  die  süddeutsche
erstreckte  sich  noch  nicht  auf  Bayern,  wo  damals  noch  kein
Portlandzement,  sondern  nur  Romanzement  produziert  wurde.
Bevor  wir  die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie ­
  weiter  betrachten,  wollen  wir  uns  etwas  mit  dem  Vereine
  deutscher  Portland-Zementfabrikanten  befassen,  der  für  sie
von  großer  Bedeutung  gewesen  ist.  Dieser  Verein  ist  hervorgegangen ­
  aus  dem  Vereine  für  Fabrikation  von  Ziegeln,  Tonwaren, ­
  Kalk  und  Zement  und  wurde  im  Jahre  1877  auf  Anregung ­
  des  Dr.  Delbrück  gegründet.  Der  Zweck  war  zunächst,
Normen  für  die  Lieferung  und  Prüfung  von  Portlandzement  aufzustellen, ­
  um  diesen  vor  minderwertigen  Konkurrenzprodukten
zu  schützen.  Ferner  sollte  den  Mitgliedern  zur  Pflicht  gemacht
        <pb n="23" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zemeutindustrie  usw.  19

werden,  nur  eine  gleichmäßige  und  gute  Ware  zu  produzieren.
Durch  chemische  und  technische  Untersuchungen  sollte  die
1  Qualität  des  Portlandzementes  gehoben  und  seine  Fabrikation
verbessert  werden,  wobei  man  von  der  richtigen  Erkenntnis
ausging,  daß  nur  durch  wissenschaftliche  Forschungen  die
chemische  Zusammensetzung  und  die  Eigenschaften  des  Portlandzementes ­
  erkannt  werden,  daß  nur  so  und  nicht  auf  empirischem
Wege  der  frühere  Beherrscher  des  Marktes,  der  englische  Zement,
dauernd  aus  dem  Felde  geschlagen  werden  könnte.  Der  Verein
trug  zunächst  den  Namen  „Verein  deutscher  Zementfabrikanten“  ;
es  konnten  in  ihm  alle  deutschen  und  außerdeutschen  Zementfabrikanten ­
  aufgenommen  werden.  Mit  wirtschaftspolitischen
Fragen  hat  sich  der  Verein  im  allgemeinen  nicht  befaßt,  es
fanden  nur  Besprechungen  über  die  Unfallversicherung  und  die
Zollverhältnisse  statt.  Die  Kartellfrage  wurde  zwar  zu  Anfang
der  neunziger  Jahre  öfter  angeschnitten,  doch  lehnte  es  der
Vorstand  bald  ab,  zu  diesen  Fragen  eine  bestimmte  Stellung
einzunehmen,  um  die  Einigkeit  in  dein  Vereine  nicht  zu  stören.
In  der  Tat  sind  die  wirtschaftlichen  Interessen  der  verschiedenen
Mitglieder  von  jeher  verschieden  gewesen,  so  daß  Erörterungen
über  wirtschaftspolitische  Dinge  sicher  eine  Spaltung  unter  ihnen,
wenn  nicht  gar  die  Auflösung  des  Vereins  zur  Folge  gehabt
hätten.  Daher  hat  sich  der  Verein  immer  auf  die  Erfüllung  des
oben  genannten  Zweckes  beschränkt  und  dabei  große  Erfolge
errungen-  Schon  im  Jahre  1878  wurden  die  ersten  Normen  zur
Lieferung  und  Prüfung  von  Portlandzement  aufgestellt  und  von
fast  allen  Portland-Zementfabrikanten  Deutschlands  anerkannt.
Ferner  wurden  sie  vom  deutschen  Architektenvereine,  dem  Vereine ­
  „Berliner  Baumarkt“  und  dem  Vereine  für  Fabrikation  von
Ziegeln  und  Tonwaren,  Kalk  und  Zement  bestätigt.  Durch  Erlaß
des  preußischen  Ministeriums  für  Handel,  Gewerbe  und  öffentliche
Arbeiten  wurde  dann  bestimmt,  daß  die  Normen  mit  unwesentlichen ­
  Abänderungen  bei  der  Prüfung  von  Portland-Zementlieferungen ­
  an  die  demselben  unterstellten  Behörden  zur  Anwendung ­
  kommen  sollten.  Dem  schlossen  sich  bald  auch  andere
        <pb n="24" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.

Ministerien  an  in  allen  Bundesstaaten,  und  vom  Jahre  1880  ab
konnte  man  mit  Recht  diese  Normen  als  deutsche  bezeichnen.
Eine  große  Genugtuung  für  den  damals  noch  jungen  Verein  war
es,  daß  sich  die  größte  Autorität  in  England  auf  diesem  Gebiete,
Mr.  Grant,  mit  allen  wesentlichen  Punkten  einverstanden  erklärte
und  zwar  abweichend  von  den  bisher  in  England  bestehenden
Prinzipien 1 .  Durch  die  Normen  wurde  das  Vertrauen  des
Publikums  auf  den  deutschen  Portlandzement  wesentlich  gestärkt.
Es  wurde  ferner  erreicht,  daß  bei  Submissionen  mehr  Rücksicht
auf  den  Wert  des  Produktes  genommen  wurde,  was  bis  dahin
noch  garnicht  der  Fall  gewesen  war.  Die  Güte  des  Portlandzementes ­
  wurde  verbessert,  schon  in  den  nächsten  Jahren  bemühten ­
  sich  die  Fabriken,  die  Anforderungen  der  Normen  zu
übertreffen.
Seit  dem  Jahre  1882  wurde  vielfach  Portlandzement,  der  mit
gemahlener  Schlacke  gemischt  war,  als  reiner  Portlandzement
verkauft.  Dadurch  kamen  die  Fabriken,  die  keine  Mischung
Vornahmen,  bedeutend  in  Nachteil,  da  das  gemischte  Produkt
bedeutend  billiger  war  als  der  reine  Portlandzement.  Es  ließ
sich  jedoch  zunächst  nichts  dagegen  tun,  denn  der  gemischte
Zement  genügte  den  Normen  und  eine  Begriffserklärung  für
Portlandzement  gab  es  noch  nicht.  Es  wurde  daher  eine  Revision ­
  der  Normen  beschlossen  und  zunächst  eine  Resolution
gefaßt,  nach  der  alle  Beimischungen  zum  Portlandzement  als
Fälschungen  zu  betrachten  seien  mit  Ausnahme  solcher  Zusätze
bis  zu  20°/o,  die  dem  Portlandzement  gewisse  Eigenschaften  erteilen, ­
  wie  z.  B.  Gips,  der  die  Abbindezeit  verlängert.  Untersuchungen ­
  über  die  Frage,  ob  gemischter  Portlandzement  besser
sei  als  ungemischter  oder  nicht,  bestätigten  das  letztere  und  man
/kam  zu  folgender  Begriffserklärung:  Portlandzemente  sind  Erzeugnisse, ­
  welche  aus  Kalkmergeln  oder  künstlichen  Mischungen
ton-  und  kalkhaltiger  Stoffe  durch  Brennen  bis  zur  Sinterung
und  darauffolgender  Zerkleinerung  bis  zu  Mehlfeinheit  gewonnen

1  Protokolle  des  Vereins  deutscher  Portland-Zement-Fabrikanten  1881,  S.  5.
        <pb n="25" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.  21
werden 1 .  ]  Damit  nun  der  gemischte  Portlandzement  dem  reinen
Portlandzement  bei  Submissionen  nicht  vorgezogen  wurde,  erließ
der  Verein  im  Jahre  1886  neue  verschärfte  Normen,  die  1888
alle  deutschen  Ministerien  angenommen  hatten.  Es  wurde  im
Vergleich  zu  den  alten  Normen  die  Feinheit  der  Mahlung  und
die  Minimaldruckfestigkeit  erhöht  und  die  Prüfung  der  Zugfestigkeit ­
  überhaupt  neu  eingeführt,  ein  Beweis  für  die  Fortschritte, ­
  die  die  Portland-Zementindustrie  gemacht  hatte.  Eine
weitere  Änderang  wurde  in  den  Statuten  des  Vereins  vorgenommen. ­
  Bisher  hatte  der  Vorstand  keine  Kontrolle  über  den
Portlandzement  der  Mitglieder  gehabt;  dadurch  war  es  möglich,
daß  Vereinsfabriken  eine  minderwertige  Ware  produzierten,  deren
Güte  durch  ihre  Zugehörigkeit  zum  Vereine  zu  beweisen  suchten
und  diesen  so  in  seinem  Ansehen  herabsetzten.  Im  Jahre  1888
wurden  daher  neue  Satzungen  aufgestellt,  in  denen  bestimmt
wurde,  daß  der  Portlandzement  aller  Mitglieder  einer  stetigen
Kontrolle  durch  den  Verein  unterworfen  sein  sollte.  Außerdem!
wurde  der  Name  des  Vereins  in  „Yerein  deutscher  Portland-Zement-Fabrikanten“
  geändert.  Das  Mischen  von  Portlandzement
mit  Schlackenmehl  hatte  nun  ein  Ende  und  das  Vertrauen  des
in-  und  ausländischen  Publikums  auf  die  Güte  des  deutschen
Fabrikates  wurde  von  neuem  bestärkt  und  gefestigt.  Die  genauere ­
  Kontrolle  des  Portlandzementes  überlastete  jedoch  den
Vorstand  allzusehr,  weshalb  man  im  Jahre  1899  daran  ging,  dafür
ein  Vereinslaboratorium  in  Karlshorst  bei  Berlin  zu  errichten,
das  am  1.  1.  1902  bezogen  wurde.  Dieses  soll  auch  dazu  verhelfen, ­
  die  chemische  und  physische  Natur  des  Zementes  auf
wissenschaftlicher  Basis  weiter  aufzuklären,  für  die  Zementindustrie ­
  wichtige,  technische  Fragen  zu  prüfen,  und  hat  schließlich
noch  den  Vorteil,  daß  dort  künftige  Fabrikchemiker  gut  ausgebildet ­
  werden  können.  Im  Jahre  1908  wurde  abermals  eine
Änderung  der  Normen  und  Begriffserklärung  für  Portlandzement
notwendig  und  zwar  neben  einer  weiteren  Verbesserung  der  1

1  Protokolle  des  Vereins  deutscher  Portland-Zement-Pabrikanten  1881,  S.  82.
        <pb n="26" />
        22  Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.

Qualität  hauptsächlich,  um  die  Konkurrenz  des  belgischen  Naturzements ­
  zu  beseitigen  oder  wenigstens  zu  vermindern.  Dieser
Zement  ist,  wie  schon  anfangs  erwähnt,  ein  Gemisch  von  Portland- ­
  und  Romanzement  und  erreicht  daher  nicht  die  Qualität
des  reinen  Portlandzementes.  Er  wurde  jedoch  in  großer  Menge
als  Portlandzement  nach  Deutschland  eingeführt  und  konnte  auf
Grund  der  alten  Begriffserklärung  nicht  wirksam  bekämpft  werden.
Es  wurde  daher  die  ebenfalls  oben  erwähnte  geschalten,  die  bald
auch  von  den  Ministerien  angenommen  wurde.  Es  wurde  auch
tatsächlich  ein  Rückgang  der  belgischen  Einfuhr  erreicht.  So
ist  der  Verein  seit  seiner  Gründung  stets  bestrebt  gewesen,  die
deutsche  Portland-Zementindustrie  in  technischer  Beziehung  zu
fördern,  die  Güte  ihres  Produktes  zu  heben  und  dem  Publikum
die  Garantie  für  eine  einwandfreie  Ware  zu  verschaffen,  was  ihm
auch  im  vollsten  Maße  gelungen  ist.  Seine  Erfolge  überschritten
sogar  die  Grenzen  des  deutschen  Reiches,  denn  seine  Normen
sind  in  allen  Ländern  ohne  wesentliche  Änderungen  für  die
Prüfung  und  Lieferung  von  Portlandzement  angenommen  worden.
Nachdem  sich  nun  bis  zum  Jahre  1880  die  deutsche  Zementindustrie ­
  aus  kleinen  Anfängen  soweit  entwickelt  hatte,  daß  sie
sich  über  das  ganze  deutsche  Reich  erstreckte  und  fähig  geworden ­
  war,  den  Bedarf  des  Inlandes  zu  decken,  blühte  sie  in
den  folgenden  Jahren  mächtig  empor  und  hatte  den  englischen
Zement  bald  so  gut  wie  ganz  vom  Markte  verdrängt.  Der  Absatz ­
  stieg  ständig,  da  die  Verwendung  von  Portlandzement  eine
immer  größere  Ausdehnung  erlangte  und  das  Vertrauen  auf  die
Güte  besonders  des  deutschen  Fabrikates  fortwährend  wuchs.
Freilich  wuchs  die  Zahl  der  Fabriken  und  auch  die  Produktion
der  einzelnen  Werke  ebenfalls  stark,  so  daß  über  die  Mitte  der
80  er  Jahre  hinaus  das  Angebot  größer  war  als  die  Nachfrage,
wodurch  eine  Überproduktion  hervorgerufen  wurde.  Trotz  des
steigenden  Absatzes  gingen  die  Preise  im  allgemeinen  zurück
'oder  konnten  sich  wenigstens  nicht  heben.  Wenn  auch  ein  lebhafter ­
  Verkehr  im  Zementgeschäfte  herrschte  und  die  Fabriken
für  ihre  ständig  steigende  Produktion  Absatz  fanden,  so  war  das
        <pb n="27" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.  33

doch  eben  nur  bei  schlechten  Preisen  möglich.  Im  schlesischen
und  Stettiner  Gebiete  waren  die  Verhältnisse  wenigstens  in  den
Jahren  1883  und  1884  besser,  in  denen  auch  die  Preise  stiegen,
was  wohl  dem  großen  Absätze  nach  Österreich  und  besonders
Rußland  in  der  Hauptsache  zuzuschreiben  ist;  diese  brauchten
viel  Zement  zu  öffentlichen  Bauten,  namentlich  zu  Festungen,
wodurch  der  deutsche  Markt  entlastet  wurde.  Die  Jahre  1885
und  1886  waren  jedoch  auch  im  Osten  ungünstig.  Die  Ausfuhr
wurde  durch  den  Zoll  in  Österreich,  Rußland  und  der  Schweiz,
besonders  durch  seine  Erhöhungen  in  den  damaligen  Jahren  erschwert, ­
  wenn  auch  immer  noch  große  Mengen  dorthin  versandt
wurden.  Die  schlesischen  Fabriken  sahen  einen  Teil  ihrer  Absatzgebiete ­
  in  Österreich  und  Rußland  verloren,  sie  suchten  dafür
in  das  Stettiner  Gebiet  einzudringen  und  machten  den  dortigen
Werken  empfindliche  Konkurrenz.  Außerdem  brachten  sie  mehr
Ware  als  bisher  auf  den  Berliner  Markt  und  verschärften  so
auch  dort  den  Wettbewerb.  Nach  überseeischen  Ländern  wurde
viel  Zement  verkauft;  hierin  fanden  auch  die  Stettiner  Werke
einen  Ersatz  für  das  durch  die  Zollerhöhung  verlorene  Gebiet
in  Rußland.
Im  ganzen  hat  der  Versand  nach  dem  Auslande  nicht  unwesentlich ­
  zugenommen  und  diesem  Umstande  ist  auch  in  den
meisten  Gebieten  besonders  in  denen  an  der  See  und  am  Rheine,
die  Zunahme  des  Gesamtabsatzes  zum  großen  Teil  zuzuschreiben.
Dadurch  daß  diese  den  schlechten  Preisen  gegenüberstand,  wurde
die  Lage  der  deutschen  Zementindustrie  in  der  ersten  Hälfte  der
80er  Jahre  soweit  günstig  beeinflußt,  daß  sie  nicht  unbedingt
als  schlecht  bezeichnet  werden  konnte.  Es  geht  daraus  hervor,
wie  wichtig  damals  schon  der  Export  war,  denn  ohne  ihn  wäre
ein  noch  weit  stärkeres  Sinken  der  Preise  unvermeidlich  gewesen, ­
  da  das  Inland  die  Überproduktion  nicht  mehr  aufnehmen
konnte.  Im  Jahre  1886  freilich  hatte  die  Überproduktion  den
Höhepunkt  erreicht,  und  der  Unternehmergewinn  war  wenigstens
in  manchen  Gebieten  durch  den  fortwährenden  Preisfall  auf  ein
Minimum  beschränkt.  Begünstigt  wurde  diese  Entwicklung  noch
        <pb n="28" />
        24  Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.

durch  die  Konkurrenz  minderwertiger  Produkte,  besonders  mit
Schlackenmehl  gemischter  Zemente,  die,  wie  oben  erwähnt,  durch
die  Tätigkeit  des  Vereins  deutscher  Portland-Zement-Fabrikanten
beseitigt  wurde,  und  durch  das  Submissionsverfahren,  bei  dem
damals  mehr  auf  die  Billigkeit  als  auf  die  Güte  der  Ware  gesehen ­
  wurde,  was  den  Preis  noch  mehr  herabdrückte.
In  den  Jahren  1887  und  1888  trat  nun  die  Wendung  zum
Besseren  ein,  die  durch  den  Aufschwung  der  Industrie  im  allgemeinen ­
  und  der  Bautätigkeit  herbeigeführt  wurde.  Der  Bedarf ­
  stieg  intensiv,  da  zu  Festungs-  und  Kanalisationsbauten  viel
Zement  gebraucht  wurde,  das  Verhältnis  des  Bedarfs  zur  Produktion ­
  wurde  wieder  besser  und  der  Preis  stieg.  Die  Fabriken
waren  überall  voll  beschäftigt.  Im  Berliner  Gebiete  trat  allerdings ­
  im  Spätherbste  1888  eine  Verflauung  der  Preise  ein,  weshalb ­
  sich  die  Interessenten  vereinigten  und  einen  Mindestpreis
festlegten.  1889  stieg  der  Preis  auch  hier  wieder.  Die  Vereinigung ­
  war  nur  von  ganz  kurzer  Dauer.
In  diese  Zeit  fällt  auch  die  Entstellung  der  Portland-Zementindustrie ­
  in  Bayern.  Hier  war  bisher  nur  Romanzement  produziert ­
  worden,  was  zunächst  darin  begründet  war,  daß  bei  dem
mehr  agrarischen  Charakter  des  Landes  der  Bedarf  von  Portlandzement ­
  sehr  gering  war.  Für  Fundamente  und  Wasserbauten
reichte  auch  die  Qualität  des  Romanzementes  aus,  da  hier  mehr
eine  schnelle  Erhärtung  als  eine  hohe  Zug-  und  Druckfestigkeit
nötig  ist.  Ende  der  70  er  Jahre  wux-de  jedoch  auch  zu  Hochbauten ­
  immer  mehr  Zement  gebraucht  besonders  infolge  der
Eisenbetonbauweise  und  hierzu  brauchte  man  eine  gleichmäßige
Ware  mit  hoher  Druck-  und  Zugfestigkeit.  Mitte  der  60  er  Jahre
ging  eine  Fabrik  in  Oberbayern  und  eine  in  Unterfranken  zur
Portland-Zementfabrikation  über  und  bald  blühte  diese  Industrie
mächtig  empor.  Ein  anderer  Grund  für  die  späte  Entwicklung
ist  auch  darin  zu  erblicken,  daß  die  Fabriken,  die  Romanzement
oder  andere  hydraulische  Bindemittel  herstellten,  in  Händen  von
Einzelpersonen  oder  kleinen  Gesellschaften  waren,  die  für  die
Portland-Zementfabrikation  nicht  genug  Kapital  besaßen.  Roman ­
        <pb n="29" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.  25
zement  läßt  sich  auch  in  kleinen  Betrieben  herstellen,  während
die  Herstellung  von  Portlandzement  stets  große  Anlagen  von
Maschinen  und  Öfen  und  vielfach  die  Einführung  von  technischen
Verbesserungen  erfordert,  ferner  nur  bei  einer  großen  Produktion
und  möglichster  Ausnutzung  der  Anlagen  die  Generalunkosten
genügend  ermäßigt  werden  können,  damit  eine  Fabrik  konkurrenzfähig ­
  bleibt.
Mit  den  90  er  Jahren  begann  wieder  eine  schlechte  Zeit  für
die  deutsche  Portland-Zementindustrie,  der  Niedergang  setzte  in
den  meisten  Gegenden  gegen  Ende  1890  bis  Anfang  1891  ein.
Bei  dem  guten  Geschäftsgänge  und  ständig  steigenden  Bedürfe ­
  Ende  der  80  er  Jahre  war  die  Produktion  von  Portlandzement ­
  sehr  stark  gewachsen.  Es  waren  nicht  nur  neue  Fabriken
gegründet  worden,  sondern  auch  die  alten  hatten  ihre  Produktionsfähigkeit ­
  erhöht.  Man  hatte  allgemein  eine  weitere  Steigerung
des  Absatzes  erwartet  und  besonders  auf  großen  Konsum  bei
Staatsbauten  gerechnet,  der  aber  zum  Teil  ausblieb.  Dazu  kam
noch,  daß  die  allgemeine  Bautätigkeit  Anfang  der  90er  Jahre
nicht  sehr  lebhaft  war,  wovon  allerdings  Rheinland-Westfalen,
Württemberg  und  Schlesien,  letzteres  aber  nur  im  Jahre  1893,
eine  Ausnahme  machten.  In  wie  hohem  Maße  aber  die  Produktion ­
  vergrößert  worden  war,  sieht  man  aus  der  Statistik  über
die  Fabriken  der  Mitglieder  des  Vereins  deutscher  Portland-Zement-Fabrikanten.
  Ihre  Zahl  betrug  1885  42  mit  einer  Produktion ­
  von  4,7  Millionen  Faß  ä  170  kg  netto,  1891  war  sie  auf
76  und  ihre  Produktion  auf  10,8  Millionen  Faß  gestiegen.  Dabei
ist  noch  zu  bedenken,  daß  die  Fabriken  damals  nicht  voll  beschäftigt ­
  waren,  ihre  Produktionsfähigkeit  also  noch  größer  war.
In  den  folgenden  Jahren  stiegen  Anzahl  und  Produktion  weit
weniger;  die  neuhinzugekommenen  Fabriken  waren  wohl  nur
solche,  die  vorher  schon  im  Bau  begriffen  oder  wenigstens  projektiert ­
  waren.  Der  Absatz  war  zwar  auch  gestiegen  und  stieg  auch
weiter,  aber  doch  viel  weniger  als  die  Produktion,  so  daß  beide
in  einem  durchaus  ungesunden  Verhältnisse  zueinander  standen,
und  sich  überall  eine  empfindliche  Überproduktion  bemerkbar
        <pb n="30" />
        26  Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.

machte.  Es  entstand  daher  ein  scharfer  Konkurrenzkampf,  der
einen  Preissturz  herbeiführte,  der  umso  empfindlicher  war,  als
die  Löhne  und  Brennmaterialpreise  in  der  letzten  Zeit  gestiegen
waren.  Wie  wichtig  letztere  für  die  Portland-Zementindustrie
sind,  geht  aus  den  oben  angegebenen  Zahlen  über  den  Kohlenverbrauch ­
  bei  den  verschiedenen  Ofen  hervor.  Dazu  kommt
noch  der  Verbrauch  beim  Trocknen,  der  allerdings  viel  kleiner
ist,  als  beim  Brennen  und  der  für  die  Arbeitsmaschinen,  falls
diese  mit  Dampf  betrieben  werden.  Erschwert  wurde  diese  ungünstige ­
  Lage  noch  durch  die  Verhältnisse  zum  Auslande,  die
durch  die  Zölle  der  Nachbarstaaten  und  Amerikas  und  die  unter
ihrem  Schutze  entstehende  ausländische  Industrie  ungünstig  beeinflußt ­
  wurden,  so  daß  es  immer  weniger  möglich  war,  die  inländische ­
  Überproduktion  auf  das  Ausland  abzuwälzen.  Gerade
in  dieser  ungünstigen  Zeit  in  der  ersten  Hälfte  der  90  er  Jahre
trafen  aber  noch  zwei  besondere  Momente  hinzu,  die  die  Exportverhältnisse ­
  ganz  bedeutend  verschlechterten.  Das  war  zunächst
der  deutsch-russische  Zollkrieg  1893/94,  der  einen  so  hohen  Zoll
brachte,  daß  die  Ausfuhr  aus  den  ostdeutschen  Produktionsgebieten ­
  ganz  unterbunden  und  die  schlesischen  Fabriken  zum
größten  Teile  dadurch  veranlaßt  wurden  im  Stettiner  und  Berliner
Gebiete  verschärfte  Konkurrenz  zu  machen,  und  ferner  die
amerikanische  Silberkrisis  1893,  während  der  der  Export  nach
Nordamerika  fast  ganz  ins  Stocken  geriet.
Um  die  Lage  zu  bessern,  wurden  in  der  damaligen  Zeit  die
ersten  Konventionen  gegründet,  die  jedoch  zunächst  mit  2  Ausnahmen ­
  nur  lose  Preisverabredungen  waren  und  daher  meist
keinen  langen  Bestand  hatten.  Schlesien  machte  1891  den
Anfang  und  zwar  bezeichnenderweise  zu  einer  Zeit,  als  die  Preise
vorübergehend  ein  wenig  stiegen.  Zuerst  wurde  auch  ein  Erfolg
erzielt,  indem  die  Preise  etwas  erhöht  werden  konnten.  Im
nächsten  Jahre  wurde  jedoch  die  Überproduktion  noch  vergrößert, ­
  da  man  großen  Bedarf  für  Staatsbauten  erwartet  hatte,
der  dann  nicht  eintraf,  die  Konvention  wurde  mehrfach  unterboten, ­
  weshalb  sie  ihre  Preise  herabsetzen  mußte,  und  löste  sich
        <pb n="31" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.  27

schließlich  Mitte  1892  wieder  auf.  Die  Folge  war  natürlich  ein
starker  Preissturz.  1893  wurde  dann  die  Zentralverkaufsstelle
gegründet,  die  noch  heute  besteht.  Sie  bedeutet  bereits  ein
festgefügtes  Kartell.  Es  ist  interessant,  daß  die  Gründung  wieder
zu  einer  Zeit  erfolgte,  als,  wie  schon  erwähnt,  der  Bedarf  in
Schlesien  im  Gegensätze  zu  den  anderen  Gebieten  vorübergehend
so  groß  war,  daß  er  kaum  befriedigt  werden  konnte.  Das
Syndikat  sicherte  auch  in  den  folgenden  Jahren  höhere  Preise,
doch  war  die  allgemeine  Geschäftslage  bis  in  die  Mitte  des
Jahrzehnts  ebenso  wie  im  übrigen  Deutschland  ungünstig.  1893
wurde  in  Halle  ebenfalls  eine  lose  Preisvereinigung  für  die
mitteldeutschen  Fabriken  geschaffen,  die  aber  die  Verhältnisse
nicht  bessern  konnte,  die  Preise  gingen  1894  wieder  bedeutend
herunter,  und  so  erreichte  die  Konvention  schon  nach  einjährigem
Bestehen  ihr  Ende.  Am  Schlüsse  des  Jahres  1893  schlossen
auch  die  nordwestdeutschen  Fabriken  eine  Preisverabredung,  die
aber  wegen  der  vielen  Vorverkäufe  für  1894  zunächst  noch  nicht
zur  Geltung  kam.  In  diesem  Jahre  schlossen  die  unterelbischen
ebenfalls  einen  losen  Verband,  dieser  konnte  jedoch  wegen  der
großen  Zahl  von  Außenseitern  vorerst  keine  Wirkung  erzielen.
In  Süddeutschland  wurde  Ende  1893  der  Verband  süddeutscher
Portland-Zementfabriken  ins  Leben  gerufen,  der  nicht  nur  ein
loses  Preiskartell  war,  sondern  auch  Produktion  und  Absatz
regelte.  Er  hat  auch  dauernden  Bestand  gehabt.
Im  Jahre  1895  begann  wieder  ein  Aufschwung,  die  Lage  der
deutschen  Portland-Zementindustrie  wurde  in  den  folgenden
Jahren  so  günstig,  wie  sie  nie  zuvor  gewesen  war.  Der  Grund
hierfür  liegt  in  erster  Linie  in  der  allgemeinen  Hochkonjunktur
in  der  2.  Hälfte  der  90  er  Jahre,  wodurch  auch  der  Bedarf  an
Zement  außerordentlich  stieg,  umsomehr  als  die  Arten  seiner
Anwendung  sich  ständig  vermehrten.  Die  allgemeine  Bautätigkeit
war  bei  der  günstigen  wirtschaftlichen  Lage  aller  Industriezweige
natürlich  außerordentlich  lebhaft.  Diese  Wendung  zum  Besseren
wurde  in  der  Zementindustrie  noch  dadurch  unterstützt,  daß  sich
im  Jahre  1895  in  allen  Produktionsgebieten  Deutschlands  Ver ­
        <pb n="32" />
        28  Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.

bände  gründeten,  soweit  das  nicht  schon  vorher  geschehen  war.
In  Berlin  wurde  eine  Konvention  gebildet,  ferner  wurde  der
nordwestmitteldeutsche  Verband  geschaffen  und  auch  im  unterelbischen ­
  Gebiete  wurde  mit  den  Außenseitern  eine  Einigung
über  die  Preise  erzielt.  Alle  Verbände  schlossen  untereinander
Verträge  über  die  Preise  in  den  gemeinsamen  Absatzgebieten
ab,  denen  sich  auch  die  Stettiner  Fabriken  anschlossen,  die
keinen  Verband  unter  sich  gegründet  hatten,  so  daß  nun  die
ganze  deutsche  Portland-Zementindustrie  geeint  war.  Erst  dadurch ­
  war  es  möglich,  der  Preisschleuderei  ein  Ziel  zu  setzen
und  die  günstige  Konjunktur  von  Anfang  an  auszunützen.
Mit  dem  Jahre  1896  kommen  die  Konventionen  voll  zur
Geltung  und  die  gute  Konjunktur  steigert  sich  weiter,  um  1899
ihren  Höhepunkt  zu  erreichen.  Der  Bedarf  war  zeitweise  so  groß,
daß  er  nur  mit  aller  Anstrengung  befriedigt  werden  konnte,  in
einzelnen  Gebieten  konnten  teilweise  nicht  alle  Aufträge  angenommen ­
  werden.  Infolgedessen  gingen  die  Preise  fortwährend
in  die  Höhe,  so  daß  überall  dort,  wo  nicht  wie  in  Schlesien  und
Süddeutschland  der  Verband  denVerkauf  in  der  Hand  hatte,  die
Konventionspreise  nur  auf  dem  Papiere  standen,  tatsächlich
wurden  höhere  erzielt.  Es  wären  also  Ende  der  90  er  Jahre  auch
ohne  die  Verbände  ebenso  günstige  Ergebnisse  erzielt  worden,
wie  es  wirklich  der  Fall  war,  denn  da  alle  Fabriken  vollauf  zu
tun  hatten,  um  der  Nachfrage  überhaupt  genügen  zu  können,
war  eine  zu  große  Produktion  und  ein  gegenseitiges  Unterbieten
nicht  möglich.  Da  in  allen  Industrien  die  Produktion  vergrößert
wurde,  trat  zeitweise  Arbeitermangel  ein,  der  es  manchen  Zementfabriken ­
  unmöglich  machte,  ihre  Produktionsfähigkeit  voll  auszunützen. ­
  Hierzu  kam  noch,  daß  im  Jahre  1897  verboten  wurde,
russische  und  galizische  Arbeiter  in  der  Industrie  zu  beschäftigen,
wodurch  es  noch  schwieriger  wurde,  sich  die  nötigen  Arbeitskräfte
zu  verschaffen.  Die  Löhne  stiegen  daher  dauernd;  auch  die
Kohlen  und  die  anderen  Brennmaterialien  wurden  teurer,  doch  wurde
dieses  durch  die  guten  Preise  und  den  großen  Absatz  reichlich
wieder  ausgeglichen,  zumal  sich  die  Gestehungskosten  für  das
        <pb n="33" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.  29
Faß  Zement  durch  die  größere  Produktion  verminderten,  und
auch  durch  technische  Fortschritte  dazu  beigetragen  wurde.  Die
Ausfuhr  war  im  allgemeinen  auch  günstig,  besonders  nach  den
überseeischen  Absatzgebieten,  nach  Österreich,  Rußland  und  der
Schweiz  ging  sie  dagegen  weiter  zurück.  Das  war  jedoch  damals
nicht  sehr  wichtig,  da  die  Fabriken  im  Inlande  voll  beschäftigt
waren.  Wie  günstig  sich  die  Geschäftsergebnisse  gestalteten,
sieht  man  am  besten  an  den  Aktiengesellschaften  (s.  Tabelle  III
und  IV),  da  weit  über  die  Hälfte  der  ganzen  Produktion  aus
Fabriken  stammte,  die  sich  in  Händen  von  Aktiengesellschaften
befanden.  Der  Grund  dafür  liegt  darin,  daß  es,  wie  heute,  auch
schon  damals  zweckmäßig  war,  von  vornherein  eine  große  Anlage
zu  schaffen,  um  die  Produktionselemente  voll  ausnützen  zu  können
und  die  Gestehungskosten  zu  verringern.  Eine  kleine  Fabrik
konnte  gegen  die  großen  nicht  mit  Erfolg  konkurrieren,  weil  sie
zu  teuer  arbeitete.  Eine  große  Fabrik  kann  sich  auch  Nebenbetriebe ­
  angliedern,  die  bei  einer  kleinen  Anlage  nicht  genügend
beschäftigt  werden  könnten.  Einen  guten  Überblick  über  Höhe
des  Anlagekapitals  bekommen  wir  aus  dem  Handbuch  der
deutschen  Aktiengesellschaften.  Nach  diesen  betrug  das  Aktienkapital ­
  bei  insgesamt  66  Gesellschaften  im  Jahre  1900  weniger
als  eine  Million  Mark  bei  11;  1,0—1,9  Millionen  bei  31;  2,0—3,0
Millionen  bei  16  und  über  3  Millionen  bei  8  Gesellschaften.  Um  ein
so  großes  Kapital  aufzubringen,  ist  aber  die  Form  der  Aktiengesellschaft ­
  die  geeignetste,  auch  könnte  das  Risiko,  von  so  hohen
Summen  in  schlechten  Jahren  keine  Zinsen  zu  erhalten,  von
wenigen  nicht  übernommen  werden.  Schließlich  spricht  die
Möglichkeit,  sich  leichter  Kredit  beschaffen  zu  können  noch  für
die  Form  der  Aktiengesellschaft;  daß  diese  Möglichkeit  bei
so  großen  Anlagen  eine  bedeutende  Rolle  spielt,  ist  ohne
weiteres  klar.
Infolge  des  außerordentlich  großen  Bedarfes  und  der  guten
Erträgnisse  der  Portland-Zementfabriken,  wurde  naturgemäß  die
Produktion  sehr  stark  vergrößert.  Die  bestehenden  Fabriken
erweiterten  ihre  Anlagen  bedeutend  und  neue  Fabriken  wurden
        <pb n="34" />
        30  Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.

überall  in  großer  Menge  gegründet.  Es  war  nicht  gerade
schwer,  eine  solche  Neugründung  zu  schalten,  denn  die  Rohmaterialien ­
  waren  und  sind  auch  jetzt  noch  im  Überfluß  vorhanden ­
  und  das  nötige  Kapital  war  leicht  zu  bekommen,  es
drängte  sich  direkt  zu  solchen  Anlagen,  jeder  glaubte,  eine
Zementfabrik  müßte  ein  äußerst  rentables  Unternehmen  sein.
Man  glaubte  allgemein,  der  Bedarf  müßte  in  derselben  Weise
weitersteigen  wie  bisher,  und  rechnete  auf  die  Vorlage  des  Mittellandkanals ­
  mit  besonderer  Verbrauchszunahme  bei  dessen  Bau.
Die  Gründungen  und  Erweiterungen  geschahen  so  ziemlich  zu
derselben  Zeit,  dadurch  war  es  sehr  erschwert,  einen  Überblick
über  die  Größe  der  Erhöhung  der  Produktionsfähigkeit  zu  bekommen, ­
  außerdem  wollte  keiner  vor  dem  anderen  zurückstehen.
Erschwerend  wirkte  auch  noch  der  Umstand,  daß  Gründungen
i ft  von  Leuten  veranlaßt  werden,  die  die  Marktlage  garnicht
ennen.  Diese  Rolle  übernehmen  häufig  Maschinenfabx-iken.  Sie
ersprechen  auf  die  Bezahlung  der  gelieferten  Maschinen  längere
Zeit  warten  zu  wollen,  und  übernehmen  vielfach  auch  einen  Teil
der  Aktien.  Es  liegt  ihnen  natürlich  nur  daran,  ihre  Maschinen
zu  verkaufen,  ob  die  Gründung  einer  neuen  Zementfabrik  am
Bedarf  gemessen  wirklich  berechtigt  ist,  kümmert  sie  gar  nicht.
Es  werden  dann  Prospekte  ausgearbeitet,  bei  denen  die  günstigsten
Preise  und  der  Absatz  der  vollen  Produktionsfähigkeit  als  sicher
angenommen  werden.  Die  Gestehungskosten  werden  auch  meist
zu  niedrig  veranschlagt,  so  daß  dann  ganz  fabelhafte  Erträgnisse
herausgerechnet  wurden,  wodurch  sich  der  Laie  zur  Teilnahme
an  einem  solchen  Unternehmen  reizen  läßt.  Sehen  wir  uns
einmal  in  Tabelle  I  das  Wachsen  der  Anzahl  der  Fabriken  im
Vereine  deutscher  Portland-Zement-Fabrikanten  an.  Im  Jahre
/1895  bestanden  78  Fabriken,  1901  93  und  ihre  Zahl  wuchs  im
nächsten  Jahre  noch  auf  96.  Hierzu  kommen  noch  die  Vergrößerungen ­
  der  bereits  bestehenden  Fabriken.  Die  Produktionsfähigkeit ­
  stieg  von  1895  bis  1901  von  13,5  auf  25,5  Millionen  Faß,
die  durchschnittliche  Produktionsfähigkeit  einer  Fabrik  also  von
173076,9  auf  265  937,5  Faß;  selbst  wenn  sich  der  Bedarf  in  nor ­
        <pb n="35" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.  31

maler  Weise  weiter  entwickelt  hätte,  hätte  die  enorm  anwachsende
Produktion  in  keinem  gesunden  Verhältnis  mehr  zu  ihm  gestanden.
Nun  setzte  aber  mit  dem  Jahre  1900  der  allgemeine  wirtschaftliche ­
  Niedergang  ein,  das  Geld  wurde  teuer,  die  Bautätigkeit
wurde  daher  in  jeder  Beziehung  geringer,  die  Kanal  Vorlage  fiel,
der  Bedarf  nahm  zunächst  weniger  zu  als  bisher,  um  in  den
nächsten  Jahren  direkt  zu  sinken.  Die  Folge  war  eine  erhebliche
Überproduktion  auf  dem  deutschen  Zementmarkt.  Die  großen
Bestände,  die  sich  angesammelt  hatten,  weil  der  erwartete  große
Bedarf  nicht  eintraf,  suchte  man  um  jeden  Preis  loszuschlagen.
Die  nach  und  nach  in  Betrieb  kommenden  neuen  Werke  schlossen
sich  den  älteren  Abmachungen  zum  Teil  nicht  an,  so  daß  die
Verträge  zwischen  den  verschiedenen  Konventionen  für  das  Jahr
1901  nicht  erneuert  wurden.  Die  Bewegung  setzte  ungefähr
Mitte  1900  ein.
Um  nun  die  Produktion  dem  Bedarf  einigermaßen  anzupassen
und  ein  allzu  großes  Sinken  der  Preise  zu  verhindern,  griff  man
zu  dem  Mittel  der  Syndikatsbildung.  Der  unterelbische  Verband
wurde  in  ein  festgefügtes  Kartell  mit  Verkaufsstelle  und  der
Befugnis  zur  Produktionseinschränkung  umgewandelt,  ferner
wurde  das  nordwest-mitteldeutsche  Portland-Zementsyndikat  in
Hannover  gegründet,  das  die  Gebiete  Mitteldeutschland,  Hannover
und  Rheinland-Westfalen  umfaßte.  Es  übernahm  den  Verkauf
für  die  ihm  angeschlossenen  Werke  und  zwar  garantierte  es
dafür,  jedem  Werke  das  ihm  zugeteilte  Kontingent  abzunehmen.
Die  Produktion  wurde  zwar  eingeschränkt,  aber  gerade  im
hannoverschen  und  rheinisch-westfälischen  Gebiete  war  die  Produktion ­
  am  meisten  gewachsen.  Nach  Tabelle  IV  stieg  die  Zahl
der  Aktiengesellschaften  in  1895  —1901  in  Hannover  von  2  auf  8
und  in  Rheinland-Westfalen  von  8  auf  21.  Um  nun  die  Fabriken
zum  Beitritte  in  das  Syndikat  zu  bewegen,  mußte  man  ihnen  ein
gewisses  Kontingent  zubilligen,  weil  sonst  ihre  Produktion  so
stark  eingeschränkt  worden  wäre,  daß  sie  sich  nicht  mehr  rentiert ­
  hätte.  Die  Folge  war,  daß  das  gesamte  Kontingent  viel  zu
hoch,  nämlich  mit  IU/2  Millionen  Faß  angesetzt  wurde,  während
        <pb n="36" />
        32  Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.

bisher  nur  5—6  Mill.  Faß  jährlich  im  Yersandgebiete  abgesetzt ­
  worden  waren 1 .  Mit  dem  unterelbischen  und  süddeutschen ­
  Syndikate  schloß  das  Syndikat  in  Hannover  Verträge
über  Absatzgebiete  und  Preise  ab.  Die  Vereinbarungen  traten
mit  dem  Jahre  1901  in  Kraft.  Die  schlesischen  und  Stettiner
Werke  schlossen  sich  diesen  Abmachungen  nicht  an,  außerdem
hatte  das  nordwest-mitteldeutsche  Syndikat  im  eigenen  Gebiete
Außenseiter.  Es  mußte  daher  die  Preise  von  vornherein  berabsetzen.
  Die  Pflicht  des  Syndikats,  jedes  Kontingent  auch  wirklich
abzusetzen,  wirkte  ebenfalls  ungünstig  auf  den  Preis,  denn  es  war
ihm  nicht  möglich,  im  Laufe  des  Jahres  die  Produktion  immer
wieder  von  neuem  dem  Bedarfe  anzupassen.  Ferner  wurden
nicht  alle  Marken  gleich  gern  gekauft,  die  weniger  bevorzugten
mußten  also  billiger  sein  als  die  anderen,  denn  das  Syndikat
konnte  nicht  dadurch  ihre  Abnahme  erzwingen,  daß  es  andernfalls ­
  den  Verkauf  überhaupt  verweigerte,  weil  die  Verbraucher
bei  dem  Überflüsse  an  Ware  dann  von  den  Außenseitern  gekauft
hätten.  Hierzu  kam  noch,  daß  das  Syndikat  eine  vollkommen
verfehlte  Verkaufspolitik  betrieb;  es  suchte  nämlich  durch  Unterbietungen ­
  in  das  Absatzgebiet  der  Schlesier  und  Stettiner  einzudringen, ­
  um  sie  dadurch  zum  Beitritte  zu  zwingen.  Es  errichtete
eine  Verkaufsstelle  in  Breslau  und  bot  zu  Preisen  an,  die  für  es
selbst  große  Verluste  bedeuteten.  Die  ostdeutschen  Fabriken
wehrten  sich  dagegen,  indem  sie  in  Mitteldeutschland  dem  nordwest-mitteldeutschen ­
  Syndikate  Konkurrenz  machten  und  auch
tatsächlich  Gebiete  eroberten,  während  das  Syndikat  mit  seinen
Schleuderofferten  nicht  sehr  weit  vorwärts  gekommen  ist.  Die
Folge  war  jedenfalls  ein  weiteres  Sinken  der  Preise.  Trotzdem
gelang  es  dem  Syndikat  bei  weitem  nicht,  den  erwarteten  Absatz
zu  finden,  statt  IP/2  Millionen  Faß  konnte  es  nur  5  Millionen
unterbringen  und  schon  im  Laufe  des  Jahres  1901  wurde  es
wieder  aufgelöst.  Nun  entspann  sich  ein  ganz  wilder  und
regelloser  Preiskampf,  wie  ihn  die  deutsche  Zementindustrie

1  Zahlen  aus  May,  Die  Bayrische  Zementindustrie.
        <pb n="37" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.  33
zu  keiner  anderen  Zeit  gesehen  hat.  Jeder  suchte  durch  vergrößerte ­
  Produktion  die  schlechten  Preise  wieder  auszugleichen.
Der  Verbrauch  ließ  sich  aber  durch  die  niedrigen  Preise  nicht
in  dem  nötigen  Maße  steigern,  also  konnte  jedes  Werk  nur  auf
Kosten  anderer  seinen  Absatz  vermehren.  Da  das  aber  alle  so
machten  und,  wenn  einer  anfing,  machen  mußten,  wenn  sie  bestehen ­
  wollten,  wurde  der  Konkurrenzkampf  immer  schärfer.
Im  Jahre  1902  steigerte  sich  der  Absatz  zwar,  aber  die  Überproduktion ­
  war  so  groß,  daß  die  Preise  auf  ihrem  tiefen  Stande
verharrten.  Die  Verhältnisse  zum  Auslande  waren  auch  nicht
besonders  günstig.  1901  ging  die  Ausfuhr  zurück,  während  die
Einfuhr  stieg.  Es  war  also  nicht  daran  zu  denken,  die  Überproduktion ­
  auch  nur  teilweise  ins  Ausland  abzustoßen.  1902
herrschte  großer  Bedarf  in  Nordamerika  besonders  infolge  großer
Arbeiten  zur  Verbesserung  der  Eisenbahnstrecken.  Während
der  Bausaison  wurde  daher  vielmehr  Zement  von  Deutschland
dorthin  exportiert  als  in  den  letzten  Jahren.  Diese  Absatzzunahme ­
  reichte  jedoch  nicht  aus,  um  die  Lage  auf  dem  deutschen ­
  Markte  wesentlich  zu  verbessern.
Um  uns  die  schlimme  Lage  der  deutschen  Zementindustrie
in  diesen  Krisenjähren  deutlich  vor  Augen  zu  führen,  wollen
wir  uns  die  Tabelle  III  und  IV  ansehen.  Da  finden  wir  zuzunächst,
  daß  in  ganz  Deutschland  von  71  Aktiengesellschaften
46  gar  keine  Dividende  zahlten,  16  1—5°/o,  6  6—10°/o  und  3
11—20°/u,  1902  war  es  noch  schlimmer,  von  70  Gesellschaften
zahlten  48  0%,  15  1—5%,  6  6—10%  und  1  11—20%,  Tabelle  V
zeigt  uns  auch  die  Größe  der  Verluste.  Es  sind  hier  zwar  nur
68  Aktiengesellschaften  aufgeführt,  daß  ist  jedoch  die  große
Mehrzahl,  so  daß  die  Tabelle  ein  vollkommen  richtiges  Bild
zeigt.  Wir  sehen,  daß  der  Gesamtgewinn  den  Verlust  nur  um
83523  Mk.  überragt  bei  einem  Aktienkapital  von  140845  000  Mk.
Verhältnismäßig  am  wenigsten  haben  die  schlesischen  Fabriken
gelitten.  Das  liegt  daran,  daß  sie  dem  nordwest-mitteldeutschen
Syndikat  nicht  angehörten  und  von  dessen  Schäden  also  nicht
berührt  wurden,  daß  ferner  in  ihrem  Gebiete  die  Vergrößerung
Madelung,  Entwicklung  der  Deutschen  Portland-Zementindustrie.  3
        <pb n="38" />
        34  Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.

der  Produktion  geringer  war  und  ihr  Verband  ohne  Außenseiter
fest  geschlossen  bestehen  blieb,  und  daß  schließlich  ihr  Absatzgebiet ­
  infolge  seiner  Lage  etwas  abseits  von  den  übrigen  deutschen ­
  Fabriken  von  dem  allgemeinen  wilden  Kampfe  weniger
berührt  wurde.  Es  kommt  noch  hinzu,  daß  sie  wegen  der  Nähe
des  oberschlesischen  Kohlenreviers  in  bezug  auf  ihre  Versorgung
mit  Brennmaterial  besonders  günstig  gestellt  sind.  Auch  die
Stettiner  Fabriken  wurden  nicht  ganz  so  stark  von  der  Krisis
mitgenommen  wie  die  nordwest-mitteldeutschen  Werke,  auch
hier  wurde  die  Produktion  wenig  vermehrt,  die  Anzahl  der
Aktiengesellschaften  blieb  gleich,  auch  sie  gehörten  dem  nordwest-mitteldeutschen ­
  Syndikat  nicht  an  und  haben  ebenfalls  eine
etwas  gesonderte  geographische  Lage.  Die  Berliner  Fabriken
standen  zwar  auch  außerhalb  des  Syndikats,  doch  ist  Berlin
naturgemäß  infolge  seiner  Lage  und  seines  großen  Bedarfes  dem
Konkurrenzkämpfe  am  meisten  ausgesetzt,  zu  allen  Zeiten  wurde
ein  Teil  der  Überproduktion  auf  den  Berliner  Markt  geworfen.
Gerade  1901  bildete  Berlin  den  Punkt,  an  dem  sich  das  nordwest-mitteldeutsche ­
  Syndikat  mit  den  schlesischen  und  Stettiner
Fabriken  traf  und  aufs  Schärfste  kämpfte.
Die  Geschäftslage  in  Süddeutschland  in  diesen  Jahren  war
von  der  norddeutschen  verschieden.  Auch  hier  war  die  Produktion ­
  in  den  Zeiten  der  Hochkonjunktur  durch  Gründung
neuer  Fabriken  und  Erweiterung  der  alten  erheblich  vergrößert
worden  —  nach  Tabelle  IV  stieg  die  Zahl  der  Aktiengesellschaften ­
  von  1895—1901  von  7  auf  13  —  und  mit  der  Verschlechterung ­
  der  Konjunktur  trat  auch  hier  Überproduktion
ein,  die  jedoch  der  süddeutsche  Verband  durch  Produktionseinschränkung ­
  in  ihren  Wirkungen  mildern  konnte.  So  groß
wie  in  Nordwest-  und  Mitteldeutschland  war  die  Überproduktion
nicht.  Da  der  süddeutsche  Verband  mit  dem  nordwest-mitteldeutschen ­
  Syndikat  einen  Vertrag  abgeschlossen  hatte,  so  machte
sich,  so  lange  dieser  bestand,  die  nordwestdeutsche  Überproduktion
auf  dem  süddeutschen  Markte  nicht  bemerkbar.  Die  Preise  konnten
daher  in  1900  und  1901  noch  auf  einer  leidlichen  Höhe  gehalten
        <pb n="39" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.  35

werden.  1902  brach  nun  aber  die  nordwest-nhtteldeutsche  Konkurrenz ­
  mit  Macht  in  das  süddeutsche  Gebiet  ein,  die  Geschäftslage ­
  wurde  nun  auch  hier  völlig  schlecht,  die  Preise
sanken  stark.  Dagegen  konnte  auch  der  süddeutsche  Verband
nicht  helfen.  Entsprechend  dieser  Entwicklung  sehen  wir  in
Tabelle  III  und  IV,  daß  die  Dividenden  in  Süddeutschland  erst
1902  ihren  größten  Tiefstand  erreichten.
Wir  stehen  an  einem  Wendepunkt  in  der  Entwicklung  der
deutschen  Portland-Zementindustrie  insofern,  als  von  jetzt  ab
eine  festgefügte  und  weitgehende  Kartellierung  ein  unbedingtes
Erfordernis  für  ihre  gedeihliche  Entwicklung  bildet.  Wir  haben
zwar  schon  seit  Mitte  der  90  er  Jahre  Verbände  angetroffen,  doch
ist  nicht  anzunehmen,  daß  bei  der  glänzenden  Konjunktur  in  den
Jahren  1896—1899  nicht  auch  ohne  Kartelle  günstige  Ergebnisse
erzielt  worden  wären;  denn  die  wichtigste  Funktion  der  Kartelle,
die  Produktion  dem  Absätze  anzupassen,  vollzog  sich  damals
von  selbst,  da  die  Nachfrage  kaum  zu  befriedigen  war.  Zur
Zeit  der  Krise  war  jedoch  die  Produktion  so  außerordentlich
hoch  über  den  Bedarf  hinausgewachsen,  daß  es  für  die  Folgezeit ­
  nur  durch  Produktionseinschränkungen  möglich  war,  das
Angebot  der  Nachfrage  anzupassen.  Tabelle  I  zeigt  uns,  daß
von  1900  bzw.  1901  ab  die  Differenz  zwischen  der  Produktionsfähigkeit ­
  und  dem  Versande  außerordentlich  groß  ist,  während
sie  vorher  viel  kleiner  war.  Die  Zahl  der  Fabriken  war  so  groß
geworden,  daß  der  einzelne  Betriebsleiter  den  Markt  nicht  mehr
genügend  überblicken  konnte.  Sehr  wichtig  ist  hier  ferner,  daß
die  Absatzgebiete  der  Produktionszentren  alle  ineinander  übergehen, ­
  so  daß  sich  keine  Grenze  ziehen  läßt.  Am  schlimmsten
ist  es  mit  dem  Berliner  Markte,  wo  alle  Gruppen  mit  Ausnahme
der  süddeutschen  und  der  rheinisch-westfälischen  Zusammentreffen.
Hier  ist  daher  der  Kampf  immer  am  schwersten,  zumal  Berlin
mit  seinem  großen  Bedarf  von  jeher  ein  beliebter  Platz  war,  um
die  Überproduktion  abzuschieben.  Die  Gruppen  an  der  Grenze
des  Reiches  werden  wenigstens  in  einem  Teile  ihres  Absatzgebietes ­
  von  der  inländischen  Konkurrenz  freilich  nicht  berührt,
        <pb n="40" />
        36  Die  Entwicklung  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  usw.

doch  tritt  hier  an  deren  Stelle  die  ausländische.  Es  war  also
nötig,  daß  eine  Organisation  vorhanden  war,  die  den  Markt  überblicken ­
  konnte,  die  Produktion  dem  Bedarfe  anpaßte  und  die
Preise  nicht  nur  nach  unten  sondern  auch  nach  oben  regelte,
damit  kein  zu  großer  Anreiz  zu  Neugründungen  und  Vergrößerungen ­
  gegeben  würde.  Es  war  ferner  nötig,  daß  die  einzelnen
Gruppen  einschließlich  des  Auslandes  Verträge  miteinander  abschlossen. ­
  Die  Lage  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  ist
seit  der  Jahrhundertwende  daher  stets  abhängig  vom  Stande  der
Kartellierung.  Ein  allgemeines  deutsches  Kartell  war  damals
und  ist  auch  heute  nicht  gut  denkbar,  weil  die  Verhältnisse  in
den  verschiedenen  Gegenden  allzu  verschieden  sind.  Es  ist  zu
schwer,  so  viele  Interessenten  unter  einen  Hut  zu  bringen.
Wenn  z.  B.  in  dem  einen  Gebiete  der  Bedarf  groß,  in  dem
anderen  klein  ist,  so  müßte  man  des  Ausgleichs  halber  Zement
aus  dem  letzteren  in  das  erstere  verkaufen,  was  höhere  Frachtkosten ­
  verursachen  würde,  oder  man  müßte  durch  Geld  ausgleichen;
  auch  müßten  Preisunterschiede  in  den  einzelnen  Gebieten ­
  ausgeglichen  werden.  All  das  würde  große  Schwierigkeiten ­
  mit  sich  bringen,  mit  denen  schon  das  nordwest-mitteldeutsche
  Syndikat  zu  kämpfen  hatte.  Außerdem  liegt  kein  Grund
vor,  weshalb  z.  B.  die  schlesischen  Werke  unter  einer  schlechten
Geschäftslage  in  Hannover  leiden  sollen.  Werden  jedoch  Absatz
und  Preise  nicht  ausgeglichen,  dann  wirkt  ein  allgemeines  deutsches ­
  Kartell  auch  nicht  anders  als  Gruppenkartelle,  die  durch
Verträge  miteinander  verbunden  sind.
Bei  der  großen  Bedeutung,  die  die  Kartellierung  für  die  Entwicklung ­
  der  deutschen  Zementindustrie  im  20.  Jahrhundert  gehabt ­
  hat,  und  bei  dem  hohen  Grade,  in  dem  die  Wirkungen  der
Kartell  Verträge  durch  ihre  Form  beeinflußt  worden  sind,  dürfte
es  von  Interesse  sein,  diese  zunächst  einmal  näher  zu  betrachten.
        <pb n="41" />
        37

III.
Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

a)  Die  Struktur  der  Kartelle.
D ie  Verhältnisse  in  der  deutschen  Zementindustrie  sind  für
eine  Kartellierung  im  allgemeinen  günstig.  Die  Zahl  der
Fabriken  in  den  einzelnen  Gruppen  ist  nicht  groß,  die  Produktion ­
  befindet  sich  zum  großen  Teile  in  der  Hand  großer
Aktiengesellschaften.  Die  heutigen  Produkte  sind  sehr  gleichförmig, ­
  wozu  die  Normen  des  Vereins  deutscher  Portland-Zement-Fabrikanten
  von  jeher  sehr  viel  beigetragen  haben.  Die  Produktionsverhältnisse ­
  sind  in  den  einzelnen  Gebieten,  was  Rohstoffe ­
  und  Arbeiterbeschaffung  angeht,  auch  nicht  sehr  verschieden. ­
  Ferner  ist  in  einer  Zementfabrik  viel  fixes  Kapital
angelegt,  das  Kapitalrisiko  also  groß.  Zu  Zeiten  schlechter
Konjunktur  ist  es  aber,  wenn  überhaupt,  nur  sehr  schwer  möglich, ­
  dieses  Kapital  einem  anderen  Erwerbszweige  dienstbar  zu
machen,  weil  es  in  Maschinen,  Öfen  und  Gebäuden  angelegt  ist,
die  nur  für  die  Zementfabrikation  eingerichtet  und  zu  gebrauchen
sind,  ferner  in  Grundstücken,  die  einen  gleichhohen  Wert  nur
für  die  Zementfabrikation  besitzen,  weil  sie  die  für  sie  nötigen
Rohstoffe  enthalten,  die  sich  für  etwas  anderes  nicht  verwerten
lassen;  außerdem  ist  mit  dem  Abbau  der  Grundstücke  zum  Teil
schon  begonnen  worden,  weshalb  diese  Teile  für  andere  Erwerbszweige ­
  wertlos  sind.
Die  ersten  Kartelle  in  der  deutschen  Zementindustrie  waren
nur  lose  Preiskonventionen.  Sie  hatten  alle  Mängel,  die  derartige ­
  Vereinbarungen  stets  zu  besitzen  pflegen,  und  brachten
        <pb n="42" />
        Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

daher  nur  geringen  Nutzen.  Sie  haben  nie  lange  bestanden.  Sie
konnten  ungünstigen  Verhältnissen  nicht  Vorbeugen;  traten
Schwierigkeiten  im  Geschäftsgänge  ein,  so  waren  sie  ihnen  nicht
gewachsen  und  lösten  sich  regelmäßig  auf.
Das  erste  höher  entwickelte  Kartell  mit  Kontingentierung  des
Absatzes  und  damit  auch  der  Produktion  und  mit  Regelung  der
Preise  durch  gemeinsamen  Verkauf  war  der  Verband  schlesischer
Portland-Zementfabriken,  der  1893  zunächst  auf  zehn  Jahre  gegründet, ­
  dann  aber  vei’längert  wurde,  so  daß  er  heute  noch  besteht. ­
  Seine  Organe  sind  die  Verkaufsstelle,  die  Generalversammlung, ­
  der  Vorsitzende  des  Verbandes  und  zwei  Vertrauensmänner, ­
  sowie  ein  Ersatzmann  für  letztere.  Der  Vorsitzende  wird
aus  der  Zahl  der  Vorstandsmitglieder  der  Aktiengesellschaften
oder  der  Inhaber  der  Firmen  durch  Mehrheit  der  Werkstimmen
gewählt.  Die  wichtigsten  Befugnisse  der  Generalversammlung
sind:  Festsetzung  der  Instruktionen  für  die  Verkaufsstelle,  besonders ­
  der  Normativbestimmungen  bezüglich  der  Verkaufspreise,
Neuaufnahmen,  Anschluß  an  andere  Gruppen,  Beschlußfassung
über  außerordentliche  vom  Verbände  zu  tragende  Kosten,  Festsetzung ­
  des  Maximalkredits  für  einzelne  Abnehmer,  Beschlußfassung ­
  über  gemeinsames  Vorgehen  gegen  Konkurrenten  und
über  Änderung  der  Ausführungsbestimmungen.  Jede  Fabrik  hat
eine  bestimmte  Anzahl  Stimmen,  die  sich  nach  ihrem  Kontingent
richtet.  Für  Zuwiderhandlungen  gegen  den  Kartellvertrag  sind
Strafen  zu  entrichten,  für  die  Kautionen  in  mündelsicheren  Wertpapieren ­
  hinterlegt  werden.  Zur  Entscheidung  darüber  ist  ein
Schiedsgericht  gewählt,  das  aus  drei  Mitgliedern  und  einem  Ersatzmann ­
  besteht.  Die  Vertrauensmänner  haben  die  Bücher  und  Geschäftsgebarung ­
  der  Verbandsfabriken  und  der  Verkaufsstelle  zu
revidieren.  Über  alle  Streitigkeiten  außer  über  Verhängung
von  Strafen  entscheidet  ein  Schiedsgericht,  wozu  jede  Partei
einen  Schiedsrichter  wählt.  Geht  eine  Fabrik  in  eine  andere
Hand  über,  so  hat  der  bisherige  Inhaber  alle  Rechte  und
Pflichten  des  Vertrages  auf  seinen  Rechtsnachfolger  zu  übertragen. ­
        <pb n="43" />
        Die  Struktur  der  Kartelle.

39

Die  Geschäfte  werden  nun  in  der  Weise  abgewickelt,  daß  die
Zentralverkaufsstelle  namens  der  einzelnen  Werke  verkauft.
Diese  haben  die  Verkäufe  der  Kundschaft  zu  bestätigen  und  sich
mit  ihr  über  Ausführung  und  Liquidierung  der  Aufträge  zu  verständigen. ­
  Die  Zahlungen  gehen  direkt  an  die  Fabriken,  die
sich  streng  an  die  Abschlüsse  der  Verkaufsstelle  zu  halten  und
keine  Bonifikationen  usw.  zu  gewähren  haben.  Das  Delkredere
aus  den  gemachten  Verkäufen  sowie  die  Verbandskosten  werden
pro  rata  der  Einschätzung  auf  die  Fabriken  verteilt.  Handverkäufe ­
  bis  zu  10  Faß  direkt  an  den  Konsum  sind  gestattet,  der
Preis  wird  von  der  Verkaufsstelle  festgesetzt.  Jede  Fabrik  hat
dieser  täglich  die  gemachten  Verladungen  anzugeben.  Die  Verteilung ­
  geschieht  so,  daß  jeder  Fabrik  bei  Abschluß  des  Vertrages
resp.  bei  ihrem  Eintritt  ein  bestimmtes  Kontingent  zugewiesen
wird,  aus  der  Summe  der  Kontingente  werden  dann  die  Verhältniszahlen ­
  ausgerechnet,  nach  denen  der  Absatz  auf  die
einzelnen  Werke  zu  verteilen  ist.  Bei  Betriebsstörungen  oder
Ausfall  von  Lieferungen  aus  anderen  Gründen  wird  das  aufgegebene ­
  Quantum  angerechnet,  es  besteht  kein  Recht  auf  Entschädigung. ­

Ergeben  sich  Differenzen  in  den  Preisen  oder  in  dem  Verhältnis
des  Absatzes  zum  Kontingent,  so  werden  diese  ausgeglichen.  Am
Schlüsse  des  Jahres  wird  der  Durchschnittspreis  der  einzelnen
Fabriken  und  daraus  der  Gesamtdurchschnittspreis  berechnet.
Die  Fabriken,  bei  denen  der  erstere  den  letzteren  übersteigt,
haben  die  Differenz  für  die,  bei  denen  es  umgekehrt  ist,  an  die
Verbandskasse  zu  zahlen.  Die  Fabriken  mit  Mehrlieferung  haben
an  die  mit  Minderlieferung  die  Differenz  zwischen  Gesamtdurchschnittspreis ­
  und  Herstellungskosten  pro  Faß  zu  viel  versandten
Zements  zu  entrichten.  Die  Zahlung  geschieht  durch  Vermittlung
der  Verkaufsstelle.  Die  Fabriken  sind  mindestens  auf  der
Leistungsfähigkeit  bei  der  Gründung  des  Verbandes  zu  erhalten.
Bald  nach  dem  schlesischen  Verbände  wurde  ebenfalls  im
Jahre  1893  der  Verband  süddeutscher  Portland-Zementfabi’iken
geschaffen.  Er  umfaßte  folgendes  Gebiet:  Bayern,  Württemberg,
        <pb n="44" />
        40

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

Baden,  Hessen,  Elsaß-Lothringen,  Hohenzollern,  Luxemburg,
Birkenfeld  und  die  Teile  der  preußischen  Regierungsbezirke  Trier,
Koblenz,  Wiesbaden  und  Kassel,  die  nach  Norden  von  der  Eisenbahnlinie ­
  Trier,  Koblenz,  Wetzlar,  Fulda,  Elm  bis  zur  bayrischen
Landesgrenze  begrenzt  sind.  Dieser  Verband  hatte  noch  keine
so  vollkommene  Form  wie  der  schlesische.  Der  Absatz  der  Werke
wurde  zwar  auch  kontingentiert  aber  jährlich,  wobei  man  den
im  Vorjahre  erzielten  Absatz  jeder  Fabrik  zugrunde  legte,  soweit
er  auf  eigener  Produktion  beruhte.  Die  Summe  der  Kontingente
bildete  das  absatzfähige  Normalquantum,  das  die  Generalversammlung ­
  mit  Rücksicht  auf  den  Markt  für  alle  Werke  prozentual
erhöhen  oder  vermindern  konnte.  Den  Verkauf  betätigten  die
Fabriken  selbst  und  waren  dabei  an  Minimalpreise  und  festgesetzte
Verkaufsbedingungen  gebunden.  Zur  Überwachung  des  Verkaufs
diente  die  Kontroll-Verrechnungsstelle,  der  jedes  Werk  monatlich
den  Gesamtabsatz  im  Verbandsgebiete  angeben  mußte.  Sie  suchte
dann  einen  Ausgleich  herbeizuführen,  indem  sie  den  Fabriken
mit  Mehrlieferung  Einschränkung  der  Reisetätigkeit,  Preiserhöhung
und  Überweisung  von  Aufträgen  an  sich  selbst  aufgab,  die  sie
dann  an  die  Werke  mit  Minderlieferung  verteilte.  War  ein
Naturalausgleich  nicht  möglich,  so  sollte  mit  Geld  ausgeglichen
werden.  Bei  Submissionen  im  Verbandsgebiete  bestimmte  die
Verrechnungsstelle  die  Werke,  die  anbieten  sollten,  und  die  zu
fordernden  Minimalpreise.  Die  zu  liefernde  Menge  wurde  der
betr.  Fabrik  auf  das  Kontingent  angerechnet.  Erzielte  sie  einen
höheren  Preis  als  den  festgesetzten,  so  mußte  sie  die  Differenz
an  die  Verrechnungsstelle  zahlen,  die  sie  an  die  interessierten
Werke  verteilte.  Für  den  Verkauf  außerhalb  des  Verkaufsgebietes ­
  galten  die  Vertragsbestimmungen  nicht,  falls  nicht  Vereinbarungen ­
  mit  anderen  Gruppen  oderWei'ken  Vorlagen.  Außer
der  Verrechnungsstelle  waren  Organe  des  Verbandes  der  Beirat,  der
ihre  Geschäftsführung  prüfen  und  für  die  Einhaltung  des  Vertrages
sorgen  sollte,  und  die  Generalversammlung.  Für  diese  sowie  für
Streitigkeiten  und  Zuwiderhandlungen  galten  im  wesentlichen
dieselben  Bestimmungen  wie  beim  schlesischen  Verbände.
        <pb n="45" />
        Die  Struktur  der  Kartelle.

41

In  dieser  Form  existierte  der  Verband  bis  zum  Jahre  1903.
In  der  Krise  hatte  er  sich  jedoch  als  zu  schwach  erwiesen.
Seine  Schwächen  lagen  hauptsächlich  in  der  jährlichen  Kontingentierung ­
  und  darin,  daß  der  Verkauf  von  jeder  Fabrik  für  sich
und  nicht  gemeinsam  betätigt  wurde.  Durch  die  erstere  war  der
Anreiz  zu  Vergrößerungen  während  der  guten  Konjunktur  verstärkt ­
  worden,  w T eil  die  Werke  glaubten,  vom  nächsten  Jahre  an
mit  Recht  ein  höheres  Kontingent  beanspruchen  zu  können.
Durch  den  zweiten  Punkt  wurde  das  Ausgleichen  sehr  erschwert.
Die  neugegründeten  Fabriken  konnten  ihr  Kontingent  meist  nicht
absetzen,  da  ihre  Marken  nicht  eingeführt  waren.  Die  alten
Werke  berührte  es  jedoch  sehr  unangenehm,  wenn  sie  von  den
ohnehin  kärglichen  Gewinnen  während  der  Krise  noch  etwas  zum
Ausgleich  an  denVerband  zahlen  mußten.  Außerdem  mußte  das
Kontingent  der  neuen  Werke  vom  nächsten  Jahre,  da  es  ja  nach
dem  Absätze  des  Vorjahres  festgesetzt  wurde,  kleiner  werden,
was  diese  wieder  nicht  wollten.  Schließlich  kamen  auch  hier,
infolge  der  Art  des  Verkaufs  und  der  Preisfestsetzung  Umgehungen
der  Vertragsbestimmungen  vor,  ohne  daß  man  sie  nachweisen
konnte,  in  ähnlicher  Art  wie  bei  reinen  Preiskonventionen.  Es
war  daher  ein  Kartell  höherer  Form  nötig,  das  in  Gestalt  der
süddeutschen  Zementverkaufsstelle  G.  m.  b.  H.,  Heidelberg  Anfang
1904  ins  Leben  trat.  Sie  umfaßte  dasselbe  Gebiet  wie  der  alte
süddeutsche  Verband.  Neben  dem  gemeinsamen  Verkauf  hat  das
Kartell  noch  den  Zweck,  Fabriken  hydraulischer  Bindemittel  aufzukaufen ­
  und  zu  gründen.  Die  Gesellschaft  kauft  den  Zement
von  den  Werken  ein  und  verkauft  ihn  dann  an  die  Kunden.
Kein  Werk  darf  an  jemand  anders  als  an  sie  verkaufen.  Ihre
Organe  sind  die  Zentralstelle  (Hauptgeschäftsstelle),  die  Verkaufsstellen, ­
  der  Aufsichtsrat  und  die  Plenarversammlung  der  Gesellschafter. ­
  Die  Zentralstelle  ist  die  Zentralverkaufs-  und  Einkaufsstelle ­
  mit  zwei  Geschäftsführern  an  der  Spitze.  Ihre  Aufgabe
ist  die  Leitung  des  Geschäfts,  der  Einkauf  von  den  Gesellschaftern,
die  Verteilung  und  die  obere  Führung  der  Korrespondenz,  Kassen
und  Bücher.  Verkaufsstellen  sind  errichtet  in  Blaubeuren,
        <pb n="46" />
        42

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

Heidelberg  mit  einer  Agentur  in  Frankfurt  a.  M.,  Metz,  München,
Stuttgart,  Würzburg.  Sie  wickeln  den  Verkauf  ab,  sind  aber
der  Zentralstelle  unterstellt.  Die  Gesellschaft  betreibt  ihr  Geschäft ­
  auf  eigene  Rechnung  und  in  eigenem  Namen.  Sie  hat
den  ihr  von  den  Werken  gelieferten  Zement  nach  den  ihr  zu
Gebote  stehenden  Mitteln  in  Raten  zu  bezahlen.  Die  Einkaufspreise ­
  und  -Bedingungen  gelten  franko  Bahn-  bzw.  Schiffsstation
und  sind  für  alle  Werke  gleich.  Für  schlechte  Ware  haben  diese
an  die  Gesellschaft  Schadenersatz  zu  leisten.  Sie  haben  ihren
Versand  täglich  nachzuweisen  und  eine  monatliche  Versandliste
einzureichen.  Die  Gesellschaft  versendet  an  sie  wöchentlich
Berichte  über  Verkäufe,  Marktlage  usw.  und  monatliche  Ausweise
über  den  Versand  und  die  Versandberechtigung.  Der  Reingewinn
wird  nach  Stammeinlagen  verteilt,  ebenso  ein  etwaiger  Verlust.
Für  die  Verteilung  gelten  folgende  Bestimmungen:  Jede  Fabrik
hat  ein  bestimmtes  Kontingent,  das  nach  Maßgabe  der  Produktionsfähigkeit ­
  und  des  Absatzes  in  den  Vorjahren  festgesetzt  worden
ist.  Die  Kontingentsziffern  sind  die  Verhältniszahlen,  nach  denen
den  einzelnen  Werken  ihre  Ware  abgenommen  werden  muß.
Jedes  Mitglied  hat  für  je  1000  Faß  Kontingent  100  Mk.  Stammeinlage ­
  zu  machen.  Ist  mit  der  Zementfabrik  eine  Zementwarenfabrik ­
  verbunden,  so  wird  der  dafür  verwendete  Eigenverbrauch
zu  den  Verkaufspreisen  auf  das  Kontingent  an  gerechnet.  Der
Kleinverkauf  ist  den  Fabriken  freigegeben,  doch  ist  die  Menge
monatlich  dem  Verbände  anzugeben.  Nicht  oder  nicht  rechtzeitig
gelieferte  aufgegebene  Mengen  werden  angerechnet,  eventuell  ist
eine  Entschädigung  an  die  Zentralstelle  zu  zahlen.  Ausgenommen
sind  Fälle  einer  vis  major,  bei  denen  die  Lieferung  auf  einen
anderen  Gesellschafter  übertragen  oder  eine  festgesetzte  Entschädigung ­
  für  die  Minderlieferung  verlangt  werden  kann.  Nachlieferung ­
  ist  nur  mit  Billigung  des  Aufsichtsrates  zulässig.  Eine
freiwillige  Übertragung  von  Lieferungen  auf  einen  anderen
Gesellschafter  kann  mit  Genehmigung  des  Aufsichtsrates  erfolgen.
Am  Jahresschluß  sich  ergebende  Differenzen  werden  in  Geld
ausgeglichen,  die  Höhe  des  Ausgleiches  wird  von  der  General-
        <pb n="47" />
        Die  Struktur  der  Kartelle.

43

Versammlung  bestimmt.  Der  Aufsichtsrat  besteht  aus  sieben
Mitgliedern  und  hat  die  ganze  Geschäftsführung  zu  leiten  und
zu  überwachen.  Die  Plenarversammlung  genehmigt  endgültig
die  von  den  Geschäftsführern  und  dem  Aufsichtsrat  vorgeschlagenen ­
  Normalpreise  für  den  Ein-  und  Verkauf  und  entscheidet ­
  über  den  Anschluß  an  andere  Verbände  und  über
Einrichtung  und  Aufhebung  von  Verkaufsstellen.  Im  übrigen
sind  die  Funktionen  von  Aufsichtsrat  und  Plenarversammlung
durch  die  gesetzliche  Form  des  Verbandes  als  G.  m.  b.  H.  geregelt.
Geht  eine  Fabrik  in  eine  andere  Hand  über,  so  müß  der  neue
Besitzer  Gesellschafter  werden.  Verlegung  von  Fabrikanlagen,
Erwerb  bestehender  Unternehmungen  gleicher  Art  und  Beteiligung
an  solchen  ist  nur  mit  Genehmigung  der  Plenarversammlung
gestattet.  Bei  Zuwiderhandlungen  sind  Entschädigungen  bzw.
Strafen  an  die  Gesellschaftskasse  zu  zahlen,  wofür  Solawechsel
hinterlegt  werden  müssen.
Ähnlich  dem  süddeutschen  Verbände  ist  das  Rheinisch-Westfälische ­
  Zementsyndikat  von  1904  organisiert.  Auch  dieses  hat
die  Form  einer  G.  m.  b.  H.  Der  Zweck  ist  im  wesentlichen  derselbe. ­
  Die  Organe  sind  ein  oder  mehrere  Geschäftsführer,  der
Aufsichtsrat  und  die  Gesellschaftsversammlung.  Die  Geschäftsführer ­
  haben  die  zur  Erreichung  des  Gesellschaftszweckes
erforderliche  kaufmännische  Tätigkeit  zu  verrichten.  Die  Gesellschaft ­
  verkauft  auch  im  eigenen  Namen,  braucht  aber  nur  die  von
ihr  abzusetzende  Menge  den  Werken  abzunehmen.  Die  Gesellschaft
zahlt  zunächst  für  den  gelieferten  Zement  einen  Verrechnungspreis,
der  für  alle  Werke  gleich  ist  und  bis  zum  18.  des  der  Lieferung
folgenden  Monats  zu  entrichten  ist.  Ihr  Reingewinn  wird  nach
der  Beteiligung  von  den  erfolgten  Lieferungen  verteilt.  Die
Bestimmungen  über  Angabe  des  Versandes  und  Verkaufs  auf
beiden  Seiten  und  Verantwortlichkeit  für  gute  Lieferungen  gleichen
denen  des  süddeutschen  Verbandes.  Die  Verteilung  geschieht
auf  Grund  von  Kontingenten,  die  bei  Abschluß  des  Vertrages
festgesetzt  sind,  sie  sind  nur  Verhältniszahlen.  Abtretungen  von
Kontingenten  an  andere  Gesellschafter  sind  gestattet,  doch  behält
        <pb n="48" />
        44

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

der  Abtretende  alle  Rechte  und  Pflichten  gegenüber  der  Gesellschaft. ­
  Auf  je  2000  Faß  Kontingent  sind  100  Mk.  Stammeinlage
zu  leisten.  Wird  ein  Auftrag  binnen  4  Tagen  nicht  ausgeführt,
so  kommt  die  Lieferung  ohne  das  Recht  der  Nachlieferung  in
Wegfall,  wird  aber  auf  das  Kontingent  angerechnet;  dies  gilt
nicht,  wenn  die  Lieferung  wegen  Mangels  an  Verladewagen  und
Schiffsräumen  nicht  erfolgt  ist.  Die  Gesellschafter  sind  verpflichtet,
einander  gegen  Bezahlung  auszuhelfen.  Der  Kleinverkauf  ist
ebenso  geregelt  wie  in  Südddeutschland.  Der  Ausgleich  bei
Differenzen  am  Schlüsse  des  Geschäftsjahres  wird  in  Geld  herbeigeführt, ­
  seine  Höhe  ist  vertraglich  festgelegt.  Der  Aufsichtsrat
besteht  aus  9—15  Mitgliedern.  Seine  Rechte  und  Pflichten,
sowie  die  der  Generalversammlung  entsprechen  in  den  Hauptpunkten ­
  denen  des  süddeutschen  Kartells,  ebenso  die  Pflichten
der  Mitglieder  in  bezug  auf  den  Verkauf,  den  Übergang  des
Werkes  in  eine  andere  Hand,  die  Zuwiderhandlungen  und  Strafen.
Die  Hannoversche  Verkaufsvereinigung  vom  Jahre  1905  ähnelt
am  meisten  der  schlesischen.  Auch  sie  ist  eine  freie  Vereinigung,
ihre  Organe  sind  die  Geschäftsstelle,  der  Vorsitzende  der  Verkaufsvereinigung,
  zwei  Vertrauensmänner  mit  einem  Ersatzmann
und  die  Generalversammlung.  Die  Verkaufsbestimmungen  sind
dieselben  wie  beim  schlesischen  Verbände,  nur  dürfen  Preisanfragen, ­
  die  direkt  an  eine  Fabrik  gerichtet  sind,  von  dieser
erledigt  werden,  falls  sie  noch  nicht  60  °/o  ihres  Kontingents  verkauft ­
  hat.  ’Die  Kontingente  sind  nach  dem  Inlandabsatz  vom
1.  Juli  1903  bis  30.  Juni  1904  festgesetzt.  Im  Verhältnisse  dieser
Kontingente  nehmen  die  Fabriken  am  Absätze  teil  bis  der  Gesamtabsatz ­
  die  Summe  sämtlicher  Kontingente  erreicht  hat.  Ist
der  Absatz  größer  oder  kleiner,  so  wird  das  Plus  oder  Minus  auf
die  Werke  pro  rata  ihrer  Produktionsfähigkeit  verteilt,  nur  die
Norddeutsche  Portland-Zementfabrik  Misburg  nimmt  auch  hier
pro  rata  ihres  Kontingents  teil.  Ergibt  sich  dadurch  eine  Differenz, ­
  so  wird  diese  allein  von  der  „Germania“  und  der  „Hannoverschen ­
  Portland-Zementfabrik“  im  Verhältnisse  von  7:3  getragen.
Geht  der  Verbrauchszuwachs  über  die  Produktionsfähigkeit  hin-
        <pb n="49" />
        Die  Struktur  der  Kartelle.

45

aus,  so  kann  jede  Fabrik  entweder  verzichten  oder  ihre  Produktionsfähigkeit ­
  erhöhen.  Auch  kann  sie  ihre  Beteiligung  am
Verbrauchszuwachs  an  eine  lieferbereite  Fabrik  der  Vereinigung
verkaufen.  Hat  eine  Fabrik  am  Jahresschlüsse  mehr  oder  weniger
abgesetzt  als  ihr  zukommt,  so  findet  der  Ausgleich  in  Geld  statt.
Werke  mit  höherem  Durchschnittspreis  als  der  Gesamtdurchschnittspreis ­
  haben  die  Differenz  für  die  mit  geringerem  Durchschnittspreis ­
  an  die  Vereinigung  zu  zahlen.  Die  Bestimmungen
über  den  Vorsitzenden,  die  Generalvei’sannnlung,  die  Vei’trauensmänner
  über  Zuwiderhandlungen  gegen  den  Vertrag  und  Strafen,
sowie  über  die  Deckung  der  Verbandskosten  gleichen  denen  des
schlesischen  Kartells,  nur  hat  jede  Fabrik  eine  Stimme  und  sind
als  Kaution  für  die  Strafen  von  jeder  Fabrik  zehn  Bankakzepte
ä  1000  Mk.  zu  hinterlegen.
Ebenfalls  ein  Kartell  hoher  Ordnung  von  der  Art  des  rheinischwestfälischen ­
  und  süddeutschen  war  der  Verkaufs  verein  mitteldeutscher ­
  Zementwerke,  der  Ende  des  Jahres  1004  in  Form
einer  G.  m.  b.  H.  gegründet  wurde.
Ebenso  hoch  entwickelt,  doch  in  anderer  Form  war  das  Nordwest-Mitteldeutsche ­
  Portland-Zementsyndikat  in  Hannover,  das
Ende  1900  geschaffen  wurde.  Es  war  eine  Aktiengesellschaft.
Die  Fabriken  schlossen  sich  zu  einer  Werkbesitzervereinigung
zusammen,  die  mit  dem  Syndikat  einen  Vertrag  abschloß.  Die
Organe  waren  der  Vorstand,  Aufsichtsrat,  die  Generalversammlung, ­
  die  Werkbesitzervereinigung,  der  Beirat  und  die  Kommission
zur  Feststellung  der  Beteiligungsziffern.  Die  beiden  letzten  wurden
von  der  Werkbesitzerversammlung  gewählt.  Die  Beteiligungsziffern ­
  konnten  durch  diese  prozentual  eingeschränkt  und  nach
Prüfung  den  Vorschlägen  der  Kommission  gemäß  auch  geändert
werden.  Der  Verkauf  erfolgte  durch  das  Syndikat  im  eigenen
Namen  und  auf  eigene  Rechnung,  das  den  Werken  für  den
Absatz  der  ihnen  zugebilligten  Beteiligung  garantieren  mußte.
Die  Beteiligungsziffern  waren  keine  Verhältniszahlen,  sondern
bestimmte  Größen.  Im  Übrigen  entsprachen  die  Bestimmungen
denen  anderer  gleich  entwickelter  Kartelle.
        <pb n="50" />
        46

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

Nachdem  wir  die  Kartelle  kennen  gelernt  haben,  wollen  wir
uns  nun  noch  den  Verträgen  zuwenden,  die  die  Verbände  der
einzelnen  deutschen  Gruppen  unter  sich  abgeschlossen  haben.
In  allen  diesen  wurden  zunächst  die  Gebiete  der  betreffenden
beiden  Verbände  abgegrenzt.  Bei  der  losesten  Form  dieser  Übereinkommen ­
  wurde  im  übrigen  nur  noch  bestimmt,  daß  die  gegenseitigen ­
  Preise  eingehalten  werden  sollten.
Höher  entwickelt  war  zunächst  die  Vereinbarung  zwischen
dem  rheinisch-westfälischen  und  dem  hannoverschen  Syndikat
von  1905.  In  ihr  wurde  bestimmt,  daß  jedes  in  das  Gebiet  des
anderen  nur  festgesetzte  Mengen  liefern  darf,  die  jedoch  mit  dem
Absätze  im  eigenen  Gebiet  kleiner  und  größer  werden;  sie  werden
durch  einen  vereidigten  Buchprüfer  festgestellt.  Mehr-  oder
Minderlieferungen  werden  ausgeglichen.  Es  sind  von  beiden
Seiten  die  Preise  und  Verkaufsbedingungen  desjenigen  Verbandes,
in  dessen  Gebiet  verkauft  wird,  zu  respektieren.  Bei  Streitigkeiten ­
  entscheidet  ein  Schiedsgericht;  für  Zuwiderhandlungen
sind  Strafen  zu  zahlen.
Der  Vertrag  zwischen  dem  rheinisch-westfälischen  und  dem
mitteldeutschen  Syndikate  von  1904  beruht  im  wesentlichen  auf
denselben  Bestimmungen  wie  der  soeben  behandelte,  nur  sind
der  Absatz  und  die  Preise  anders  geregelt.  Zugrunde  gelegt
wird  der  Absatz  beider  Kontrahenten  in  die  gegenseitigen  Gebiete ­
  vom  Jahre  1903.  Der  Absatz  Mitteldeutschlands  in  Rheinland-Westfalen ­
  wird  von  dem  des  rheinisch-westfälischen  Syndikats
in  Mitteldeutschland  abgezogen,  der  Rest  ist  das  Kontingent,  mit
dem  als  Verhältniszahl  das  Syndikat  an  dem  Absätze  des  mitteldeutschen ­
  Verkaufsvereins  in  dessen  Gebiete  beteiligt  ist,  der
auch  den  Verkauf  dieses  Kontingents  besorgt.  Dagegen  dürfen
seine  Werke  keinen  Zement  nach  Rheinland-Westfalen  verkaufen.
Der  Verrechnungspreis  ist  der  von  den  rheinisch-westfälischen
Fabriken  im  Jahre  1903  in  Mitteldeutschland  erzielte  Durchschnittspreis. ­
  Die  übrige  Berechnung  erfolgt  genau  so  wie  bei
den  mitteldeutschen  Werken.
Ähnlich  ist  die  Regelung  im  Vertrage  zwischen  dem  rheinisch ­
        <pb n="51" />
        Die  Struktur  der  Kartelle.

47

westfälischen  Syndikate  und  der  süddeutschen  Verkaufsstelle.
Darnach  tritt  diese  dem  Lieferungsvertrage,  den  das  rheinischwestfälische ­
  Syndikat  mit  seinen  Gesellschaftern  geschlossen  hat,
mit  einer  bestimmten  Beteiligungsziffer  bei,  jedoch  nur  für  den
Gesamtversand  des  Syndikats  in  dessen  Gebiete.  Im  übrigen
dürfen  die  Werke  beider  Verbände  keinen  Zement  in  die  gegenseitigen ­
  Gebiete  liefern.  Die  Verkaufsstelle  erhält  einen  Sitz  im
Aufsichtsrat  des  Syndikats  und  ein  Stimmrecht  in  seiner  Generalversammlung ­
  nach  Maßgabe  der  Beteiligungsziffer.  Der  Vorsitzende ­
  des  Syndikats  hat  in  den  Aufsichtsratssitzungen  der
Verkaufsstelle  beratende  Stimme.
Dieselben  Bestimmungen  finden  wir  in  dem  Vertrage  zwischen
der  süddeutschen  Verkaufsstelle,  dem  rheinisch-westfälischen  und
dem  belgischen  Syndikate.  Die  beiden  deutschen  Verbände  sind
mit  einer  bestimmten  Absatzquote  an  dem  belgischen  beteiligt,
der  sie  genau  so  zu  behandeln  hat  wie  seine  Mitglieder.  In  das
Gebiet  der  beiden  deutschen  Syndikate  und  solcher,  die  sich  ihnen
gegenüber  verpflichtet  haben,  keinen  Zement  nach  Belgien  zu
liefern,  darf  das  belgische  nicht  verkaufen.  Für  den  Absatz  in
Holland,  das  keine  eigene  Zementproduktion  besitzt,  haben  die
drei  Syndikate  die  Handelsgesellschaft  „Vereinigte  Deutsch-Belgische
  Zementfabriken“  geschaffen,  die  den  Verkauf  für
sie  besorgt,  an  dem  sie  mit  bestimmten  Prozentsätzen  beteiligt ­
  sind.
Die  Vor-  und  Nachteile,  sowie  die  Wirkungen  der  verschiedenen
Arten  der  Kartelle,  die  wir  soeben  kennen  gelernt  haben,  sind
in  Fachschriften  eingehendst  behandelt  worden  und  müssen  hier
als  bekannt  vorausgesetzt  werden.  Hier  kommt  es  nur  darauf
an,  festzustellen,  welchen  Einfluß  diese  Eigenschaften  der  verschiedenen ­
  Verbände  auf  das  Gedeihen  der  Zementindustrie
gehabt  haben.  Diese  Betrachtung  ist  aber  von  der  der  Entwicklung ­
  der  Zementindustrie  untrennbar,  die  in  dem  letzten
Jahrzehnt  vollständig  von  dem  Stande  der  Kartellierung  abhängig
gewesen  ist.  Ihr  wollen  wir  uns  daher  jetzt  zuwenden.
        <pb n="52" />
        48

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

b)  Die  Entwicklung  der  deutschen  Zementindustrie
unter  der  Herrschaft  der  Kartelle.
Nur  sehr  langsam  vermochte  sich  die  deutsche  Zementindustrie
von  den  harten  Schlägen  der  Krise  zu  Beginn  dieses  Jahrhunderts
/zu  erholen.  Zwar  war  der  Absatz  schon  1902  gestiegen  und
stieg  in  1908  weiter,  aber  die  Überproduktion  war  immer  noch
so  gewaltig,  daß  der  Markt  die  Produktion  bei  weitem  nicht
aufnehmen  konnte  und  die  Preise  durch  den  scharfen  Wettbewerb
weiter  auf  ihrem  niedrigen  Stande  festgehalten  wurden.  Es  gab
nur  ein  Mittel,  um  eine  Besserung  zu  erreichen:  die  Beseitigung
5  des  freien  Wettbewerbes  und  Einschränkung  der  Produktion.
Man  war  auch  eifrig  bemüht,  eine  Kartellierung  auf  gesunder
Grundlage  zustande  zu  bringen,  aber  gerade  damals,  kurz  nach
den  Mißerfolgen  des  Nordwest-Mitteldeutschen  Syndikats,  gestalteten ­
  sich  die  Verhandlungen  äußerst  schwierig.  Die  Prozesse,
welches  dieses  Syndikat  noch  mit  seinen  Mitgliedern  zu  führen
hatte,  weil  es  die  Mengen  Zement,  für  die  es  sich  verpflichtet
hatte,  nicht  hatte  abnehmen  können,  wirkten  äußerst  störend.
Zudem  war  man  in  den  meisten  Gruppen  nur  dann  geneigt,  ein
Syndikat  zu  begründen,  wenn  auch  die  Nachbargruppen  sich
zusammenschlössen  und  durch  Verträge  eine  Konkurrenz  der
Verbände  untereinander  beseitigt  würde.  Da  gab  es  aber  immer
wieder  Leute,  bald  in  dieser  bald  in  jener  Gruppe,  die  nach  den
schlechten  Erfahrungen  in  1901  noch  sehr  viel  Mißtrauen  gegen
die  Kartellierung  hegten  und  in  Verkennung  der  Sachlage  am
besten  zu  fahren  glaubten,  wenn  sie  allein  blieben.  Sie  wollten
entweder  garnicht  beitreten  oder  stellten  Bedingungen,  die  nicht
erfüllt  werden  konnten.  Von  den  Gruppen,  die  im  Nordwest-Mitteldeutschen
  Syndikat  vereinigt  gewesen  waren,  war  die
rheinisch-westfälische  die  erste,  die  sich  wieder  zusammenschloß;
Ende  1903  gründete  sie  einen  Verkaufsverein,  nachdem  schon
vorher  eine  ganz  lose  Preisvereinigung  kurze  Zeit  bestanden
hatte.  Dieser  Verein  hatte  jedoch  noch  eine  ziemlich  lose  Foi'm
und  noch  mehrere  Außenseiter.  Im  Jahre  1904  machten  dann
        <pb n="53" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Zementiudustrie  usw.

49

die  Einigungsbestrebungen  in  der  deutschen  Zementindustrie
gewaltige  Fortschritte.  Für  1905  kam  das  hannoversche  und
mitteldeutsche  Syndikat  zustande  und  das  rheinisch-westfälische
wurde  zu  der  höheren  Form  ausgebaut,  wie  wir  sie  im  vorigen
Kapitel  kennen  gelernt  haben.  Verträge  über  die  Abgrenzung
der  gegenseitigen  Absatzgebiete  und  der  in  das  fremde  Gebiet
abzusetzenden  Mengen  schlossen  ab  das  süddeutsche  Syndikat
mit  dem  mitteldeutschen  und  rheinisch-westfälischen,  dieses
außerdem  noch  mit  dem  hannoverschen,  mit  dem  sich  wieder  das
mitteldeutsche  einigte,  während  das  schlesische  mit  dem  mitteldeutschen, ­
  den  Stettiner  Werken  und  einer  Gesellschaft  des
Berliner  Bezirks,  der  Aktiengesellschaft  Adler,  eine  Vereinbarung
traf.  Im  Jahre  1905  wurde  noch  das  unterelbische  Syndikat
gegründet,  dem  zunächst  freilich  nur  ein  Teil  der  Fabriken  des
Bezirks  angehörten,  doch  wurde  im  nächsten  Jahre  eine  vollkommene ­
  Einigung  erzielt,  und  das  Syndikat  schloß  Verträge
mit  Rheinland-Westfalen,  Hannover,  Mitteldeutschland.  Diel
Verbände  in  Hannover,  Mitteldeutschland,  Unterelbe,  Schlesien
und  die  Berliner  und  Stettiner  Fabriken  schufen  in  1905  in  dem
sogenannten  Berliner  Vertrage  eine  Preiskonvention  für  den
Berliner  Markt.  Nun  war  die  ganze  deutsche  Zementindustrie  !
geeinigt,  jetzt  war  es  möglich,  die  Produktion  dem  Bedarfe  anzupassen ­
  und  eine  günstige  Konjunktur  richtig  ausnutzen.  Der
Kartellgedanke  hatte  gesiegt.  Wenn  in  den  ersten  Jahren  nach
der  Krise  manche  alte  Fabriken  noch  geglaubt  hatten,  neue
schwächere  niederkonkurrieren  und  dadurch  den  Wettbewerb
verringern  zu  können,  so  hatten  sie  sich  geirrt,  der  Kampf  hatte
ihnen  selbst  tiefe  Wunden  geschlagen,  während  der  Gegner  nicht
gebrochen  war,  wenn  er  auch  große  Verluste  erlitten  hatte;  so
mußten  auch  sie  sich  dazu  bekehren,  daß  das  einzige  Mittel  zur
Besserung  der  Lage  eben  in  einer  vollständigen  Kartellierung
lag.  Hiei-zu  kommt  noch,  daß  auch  mit  den  Nachbarländern
Österreich-Ungarn,  der  Schweiz,  Belgien,  England  und  Frankreich
eine  Einigung  erzielt  wurde,  auf  die  wir  jedoch  erst  weiter  unten
eingehen  wollen.  Gemäß  der  Entwicklung  der  Kartellierung
Madelung,  Entwicklung  der  Deutschen  Portland-Zementindustrie.  4
        <pb n="54" />
        50

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

gestaltete  sich  auch  die  wirtschaftliche  Lage  der  Industrie.  Wie
in  1902  und  1903  so  konnten  auch  in  1904  trotz  des  steigenden
Bedarfs  infolge  größerer  Bautätigkeit  im  allgemeinen  noch  keine
günstigen  Resultate  erreicht  werden,  da  die  Preise  zu  wenig  oder
gar  keinen  Gewinn  zuließen.  In  den  Gebieten,  in  denen  damals
schon  Syndikate  bestanden,  sah  es  freilich  etwas  besser  aus,  aber
auch  nur  im  engeren  Absatzgebiete,  wo  die  nicht  syndizierten
Nachbargruppen  keine  Konkurrenz  machten,  z.  B.  in  Schlesien.
Süddeutschland  hatte  1903  noch  sehr  unter  der  norddeutschen
Konkurrenz  zu  leiden,  die  auf  jede  Weise  ihre  Überproduktion
auf  andere  Gebiete  abzuwälzen  suchte.  1904  besserte  sich  dann
die  Geschäftslage,  was  darauf  zurückzuführen  ist,  daß  das  neue
süddeutsche  Syndikat  höher  entwickelt  war  als  das  alte  und  alle
in  Frage  kommenden  Werke  in  sich  vereinigte,  und  ferner  die
Überproduktion  in  den  Nachbargebieten  nicht  mehr  so  groß  war.
Das  rheinisch-westfälische  Syndikat  konnte  1904  noch  keine  guten
Ergebnisse  erzielen;  es  hatte  noch  allzu  sehr  unter  den  Nachbargruppen ­
  zu  leiden,  außerdem  war  in  seinem  Gebiete  die  Lage
während  der  Krise  am  trostlosesten  gewesen.  Im  allgemeinen
bewegte  sich  die  Entwicklung  der  deutschen  Zementindustrie
seit  1904  in  aufsteigender  Richtung,  1905  war  die  Krise  gänzlich
überwunden,  die  Kartelle  und  Verträge  zwischen  ihnen  wirkten
gut,  endlich  konnten  die  besseren  Absatzverhältnisse  auch  in  den
steigenden  Preisen  zum  Ausdruck  kommen;  1906  kommen  sie
voll  zur  Geltung;  dazu  kam  noch,  daß  der  Bedarf  stetig  stieg
und  in  den  Jahren  1906  und  1907  sehr  groß  war,  so  daß  damals
wieder  eine  Hochkonjunktur  in  der  Zementindustrie  herrschte.
Wenn  auch  durch  die  steigende  Bautätigkeit  der  Absatz  immer
mehr  wuchs,  so  wäre  doch  ohne  die  Kartelle  die  Entwicklung
weit  weniger  günstig  gewesen,  denn  es  war  in  den  meisten
Gebieten  immer  noch  nötig,  die  Produktion  einzuschränken.  In
Rheinland-Westfalen  z.  B.,  wo  freilich,  wie  schon  hervorgehoben,
die  Überproduktion  am  größten  war,  konnten  1903  nur  59°/o',

1  Jahresbericht  der  Handelskammer  Münster  1904,  S.  103.
        <pb n="55" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Zementindustrie  usw.

51

4*

1904:  70,62  »/o 1 ,  1905:  49,87  6 /o 1  2 ,  1906:  66,59  °/o 3  4  *  und  1907:  63,4  0 ./o*
des  Kontingents  abgesetzt  werden.  Die  übrigen  Gruppen  waren
besser,  zum  Teil  sogar  sehr  gut  beschäftigt,  doch  hätten  die  rheinischwestfälischen ­
  Werke  bei  freier  Konkurrenz  einen  viel  größeren
Druck  auf  Süd-,  Mittel-Deutschland,  Hannover  und  Unterelbe
ausgeübt,  der  sich  naturgemäß  weiter  nach  Osten,  auf  Berlin,
Stettin  und  Schlesien  hätte  fortpflanzen  müssen.  Das  Verhältnis
zum  Auslande  war  in  der  damaligen  Zeit  im  ganzen  nicht  besonders ­
  günstig,  wenn  auch  1907  durch  das  Erdbeben  in  San
Franzisko  ein  starker  Export  nach  Amerika  hervorgerufen  wurde.
Was  die  Beziehungen  zu  den  Nachbarländern  betrifft,  so  haben
auch  hier  wieder  die  Verbände  der  Zementindustrie  viel  Segen
gebracht,  da  es  durch  sie  möglich  wurde,  durch  Verträge  eine
allzu  große  ausländische  Konkurrenz  zu  verhindern.
Die  gute  Konjunktur  der  Jahre  1906  und  1907  hielt  nicht
lange  an.  Kaum  hatte  sich  die  deutsche  Zementindustrie  von
den  Wunden  der  letzten  Krise  erholt  und  wieder  guten  Absatz
und  gute  Preise  und  daher  auch  guten  Gewinn  erzielt,  so  tauchten
auch  schon  wieder  Pläne  für  Neugründungen  auf,  die  in  den
nächsten  Jahren  auch  ausgeführt  wurden.  So  waren  im  rheinischwestfälischen ­
  Syndikate  1908  26,  1909  dagegen  schon  35  Werke
vereinigt  ®.  In  Schlesien  wurden  3  Fabriken  errichtet,  und  auch
die  anderen  Gruppen  blieben  von  neuen  Werken  nicht  verschont.
Dazu  kam,  daß  die  allgemeine  Konjunktur  und  besonders  die
des  Baugewerbes  nach  1907  wieder  abflaute,  wobei  der  hohe
Geldstand  in  der  zweiten  Hälfte  dieses  Jahres  eine  große  Rolle
spielte.  In  der  Bautätigkeit  kam  dies  nicht  sofort  zur  Geltung,
da  die  begonnenen  Bauten  noch  zu  Ende  geführt  wurden,  so  daß
der  Absatz  für  Zement  in  dem  1.  Semester  1908  noch  gut  war,
dann  aber  merklich  nachließ.  Es  folgte  ein  Kampf  mit  den
1  Jahresbericht  der  Handelskammer  Münster  1904,  S.  103.
2  A.  a.  O.  1905,  S.  81.
3  A.  a.  O.  1906,  S.  103.
4  A.  a.  O.  1907,  S.  113.
6  A.  a.  0.  1908,  S.  119.
        <pb n="56" />
        52

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

neuen  Fabriken,  die  noch  nicht  syndiziert  waren,  so  daß  die
Preise  herunter  gedrückt  wurden.  Das  schlechte  Auslandsgeschäft
und  die  Konkurrenz  ausländischer,  namentlich  minderwertigerer
Zemente  verschlimmerte  die  Lage  noch.  Der  Berliner  Vertrag
wurde  von  einer  Fabrik  gekündigt  und  war  damit  aufgelöst;  da
der  Vertrag  zwischen  Schlesien  und  Mitteldeutschland  von  ihm
abhängig  war,  kündigte  der  schlesische  Verkaufsverein  auch
diesen.  1909  verschlimmerte  sich  die  Lage  noch;  es  herrschte
Überproduktion  in  ganz  Deutschland.  Die  neuen  Fabriken  unterboten ­
  die  Verbände,  so  daß  diese  zum  Teil  in  Frage  gestellt  wurden.
Das  mitteldeutsche  Syndikat  wurde  auch  wirklich  aufgelöst,  womit
auch  alle  seine  Verträge  mit  anderen  Gruppen  ihr  Ende  erreichten.
Das  Zusammengehen  der  deutschen  Zementindustrie  war  nun
vollständig  gestört,  der  Kampf  wurde  jetzt  natürlich  noch
schärfer,  die  Preise  ganz  schlecht.  So  war  wieder  eine  Krise
vorhanden,  die  auch  1910  noch  anhielt  und  durch  die  Bauarbeiteraussperrung ­
  noch  wesentlich  verstärkt  wurde.  Verursacht  war
sie  wieder  in  erster  Linie  durch  Überproduktion  infolge  von
Neugründungen.  Sehr  ungünstig  war  es,  daß  sich  auch  die
Vereinbarungen  mit  dem  Auslande  zum  Teil  nicht  halten  ließen.
1909  wurde  das  schweizerische  und  1910  das  österreichische
Kartell  aufgelöst,  wodurch  deren  Verträge  mit  Schlesien  und
Süddeutschland  hinfällig  wurden.  Die  Folge  war  ein  scharfer
Kampf,  der  sich  zumeist  auf  deutschem  Boden  abspielte.  Bei
dieser  Geschäftslage  waren  die  Absatzverhältnisse  für  die
deutschen  Zementfabriken  im  Jahre  1909  im  allgemeinen  schlecht.
Im  Jahre  1910  begann  sich  der  Absatz  wieder  zu  heben,  wurde
aber  durch  die  Bauarbeiteraussperrung  beeinträchtigt  und  konnte
bei  den  Preiskämpfen  das  Ergebnis  nicht  günstig  gestalten.
Die  Kartelle  vermochten  die  Krise  nicht  zu  verhindern,  doch
haben  sie  sie  bedeutend  abgeschwächt.  Die  Überproduktion  wäre
ohne  ihr  Wirken  zweifellos  weit  größer  gewesen.  Es  ist  zum
guten  Teile  ihr  Verdienst,  daß  die  Krise  nicht  so  schlimm  wurde
wie  die  der  Jahre  1901/03,  so  daß  sich  die  Zementindustrie  viel
schneller  wieder  erholen  konnte.  In  den  Tabellen  III  und  IV
        <pb n="57" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Zementindustrie  usw.

53

finden  wir  dies  durch  die  Dividenden  der  Aktiengesellschaften
vollständig  bestätigt.  Jedenfalls  haben  die  Verbände  bis  auf  den
mitteldeutschen  die  Krise  überstanden,  und  auch  dessen  Verschwinden ­
  war  nur  vorübergehend.  Der  Kampf  mit  den  neu
entstandenen  Außenseitern  mußte  geführt  werden,  denn  die
Bedingungen,  die  diese  an  ihren  Beitritt  zum  Syndikate  knüpften,
waren  zu  schwer;  es  mußte  ihnen  gezeigt  werden,  wie  schlecht
ihre  Aussichten  sind,  wenn  sie  nicht  beitreten,  und  daß  sie  im
eigenen  Interesse  für  die  Allgemeinheit  Opfer  bringen  müssen.
Daß  der  Syndikatsgedanke  an  sich  richtig  war  und  ist,  wird
schon  durch  die  Tatsache  bewiesen,  daß  gegen  Ende  1910  die
alten  Vereinbarungen  wieder  zustande  kamen.  Der  mitteldeutsche
Verband  wurde  1910  neu  gegründet,  allerdings  nur  als  einfache
Preiskonvention,  das  hannoversche  Syndikat  wurde  verlängert
und  in  Schlesien  traten  alle  drei  Außenseiter  dem  Verkaufsvereine ­
  bei.  Die  Stettiner,  unterelbischen,  mitteldeutschen,
hannoverschen,  rheinisch-westfälischen  und  süddeutschen  Werke  f
traten  wieder  in  ein  Kartellverhältnis  zueinander.  Zwischen
Schlesien  und  Stettin  wurde  eine  Einigung  über  die  Absatzgebiete ­
  erzielt.  So  war  die  deutsche  Zementindustrie  wieder
einig,  nur  die  Berliner  Werke  waren  wegen  des  Widerstandes
einer  Fabrik  allein  geblieben,  so  daß  die  Verträge  nicht  auf  den
Berliner  Markt  übergreifen  konnten,  was  eine  große  Lücke  in
der  Einigkeit  bedeutete.  In  Österreich  und  der  Schweiz  waren
ebenfalls  wieder  Kartelle  gegründet  worden,  mit  denen  das
schlesische  und  süddeutsche  wie  früher  Abmachungen  traf.  Die
Krise  war  also  vollständig  überwunden,  die  Aussichten  für  1911
gut,  da  nun  nach  Beseitigung  der  Konkurrenz  die  Preise  wieder
heraufgesetzt  wurden  und  der  Absatz  sich  auch  weiter  günstig
entwickelte.  Die  Erträgnisse  der  Zementfabriken  sind  dementsprechend ­
  1911  auch  gute  gewesen,  nur  die  Berliner  Fabriken
bekämpften  sich  noch  immer  heftig  und  drückten  dadurch  die
Preise  so  tief  herab,  daß  sie  nichts  verdienten,  sondern  eher
noch  mit  Verlust  arbeiteten,  obgleich  sie  durchaus  voll  beschäftigt ­
  waren.  Gegen  Ende  des  Jahres  hörte  jedoch  auch  das
        <pb n="58" />
        54

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

auf  und  die  Einigung  der  deutschen  Zementindustrie  wurde  vollständig ­
  durch  die  Gründung  einer  Zementverkaufsstelle  in  Berlin
für  den  Absatz  auf  dem  dortigen  Markte.  Daran  sind  die  Berliner
Fabriken  mit  zwei  Drittel,  die  hannoverschen,  mitteldeutschen
und  Stettiner  mit  zusammen  ein  Drittel  des  Gesamtabsatzes  beteiligt ­
 1 .  Die  Schlesier  werden  dadurch  entschädigt,  daß  ihnen
ihr  an  Schlesien  und  Sachsen  angrenzendes  mitteldeutsches  Absatzgebiet ­
  von  den  Berliner  und  mitteldeutschen  Marken  nicht
bestritten  werden  soll.  Der  süddeutsche  Verband,  der  noch  bis
1914  lief,  ist  bis  1925  verlängert  worden  und  hat  noch  einige
Außenseiter  hereingenommen.
Die  geschäftliche  Lage  der  deutschen  Zementindustrie  ist  also
zurzeit  gut,  die  Absatzverhältnisse  sind  geregelt  und  die  Preise
befriedigend.  Eine  Ausnahme  davon  macht  das  rheinisch-westfälische ­
  Gebiet.  Hier  sind  die  Verhältnisse  in  den  letzten  Jahren
stets  am  schlechtesten  gewesen,  weil  hier  am  meisten  neue
Fabriken  gegründet  wurden.  Zwar  hat  das  Syndikat  immer
wieder  Außenseiter  aufgenommen,  doch  die  Neugründungen
wollten  nicht  auf  hören,  so  daß  es  heute  noch  von  einer  großen
Anzahl  freier  Fabriken  umgeben  ist,  mit  denen  es  einen  harten
Kampf  zu  führen  hat.  Die  Preise  sind  daher  niedrig  und  lassen
nur  geringen  Nutzen.  Der  Konsum  nimmt  zwar  auch  dort  zu,
der  Absatz  der  Syndikatswerke  ist  jedoch  sehr  gering.  Er  betrug ­
  1908:  55,7  °/o 1  2 ,  1909:  47,34  °/o 3  und  1910:  57,4% 4  vom  Kontingent. ­
  Auch  die  Vereinbarungen,  die  das  Syndikat  mit  Abnehmerverbänden ­
  getroffen  hat,  konnten  daran  nichts  ändern.
Es  hat  z.  B.  den  Mitgliedern  des  Arbeitgeberbundes  für  das
Baugewerbe  im  rheinisch-westfälischen  Industriebezirk  besondere
Vergünstigungen  eingeräumt,  wofür  diese  nur  Syndikatzement
beziehen  dürfen.  Ferner  war  unter  Mitwirkung  des  Syndikats
der  Verein  rheinisch-westfälischer  Syndikatszementhändler  ge1 ­

  Kartellrundschau  1911,  S.  899.
2  Jahresbericht,  der  Handelskammer  Münster  1908,  S.  119.
3  A.  a.  O.  1909,  S.  198.
1  A.  a.  O.  1910,  S.  117.
        <pb n="59" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Zementindustrie  usw.

gründet  worden.  Doch  es  gibt  immer  noch  genug  Abnehmer  für
Außenseiter.  Diese  fordern  niedrigere  Preise,  sind  aber  gut
beschäftigt  und  erzielen  höhere  Erträgnisse;  die  Lasten  des
Syndikats  haben  sie  nicht  zu  tragen,  von  der  günstigen  Wirkung
aber,  vor  allem  von  der  Produktionseinschränkung  haben  sie
auch  Vorteile.  Die  Krise  ist  hier  also  noch  nicht  überwunden.
Im  Syndikat  haben  sich  auch  Zustände  herausgebildet,  die  viel
Unzufriedenheit  hervorgerufen  haben.  Um  nämlich  ihre  Anlagen
besser  auszunützen  und  so  die  Kosten  verringern  zu  können,
haben  viele  Werke  die  Kontingente  anderer,  die  wegen  ihrer
Größe  bei  der  starken  Produktionseinschränkung  zu  teuer  produzierten, ­
  um  einen  Gewinn  erzielen  zu  können,  gegen  eine  jährliche
Entschädigung  übernommen.  Diese  Maßnahmen  haben  sich  auch
bewährt,  die  betr.  Werke  haben  viel  bessere  Erträgnisse  erreicht
als  die,  die  nur  ihr  eigenes  Kontingent  produzieren  dürfen.
Dadurch  haben  sich  jedoch  die  Verhältnisse  sehr  zu  ungunsten
der  letzteren  verschoben,  die  daher  eine  Änderung  der  Dinge
anstreben.  Aus  diesen  Gründen  besteht  die  Absicht,  noch  vor
Ablauf  des  Syndikats,  also  vor  1914  ein  neues  auf  veränderter
Grundlage  zu  errichten,  dem  auch  die  jetzigen  Außenseiter  angehören ­
  sollen.  Die  Verhandlungen  machen  jedoch  große  Schwierigkeiten,
  da  die  geforderten  Beteiligungen  den  Bedarf  an  Zement
weit  übersteigen.  Gelingt  der  Plan  nicht,  dann  wird  eben  nach  Ablauf ­
  des  jetzigen  Syndikats  ein  Kampf  einsetzen,  der  noch  viel
schärfer  und  verlustbringender  als  der  gegenwärtige  sein  und
nicht  eher  enden  wird,  als  bis  eine  vollständige  Einigung  erzielt  ist.
Außer  den  Kartellen  sind  noch  andere  Konzentrationsbestrebungen ­
  in  der  deutschen  Zementindustrie  vorhanden,  Verschmelzungen ­
  und  Interessengemeinschaften.  Diese  entstehen
auf  verschiedene  Arten:  Zunächst  durch  Kauf,  wobei  dann  häufig
&amp;lt;lie  gekaufte  Fabrik  still  gelegt  wird.  Eine  andere  Art  der
Verschmelzung  ist  die  Fusion.  Beide  Fabriken  werden  für
gemeinschaftliche  Rechnung  betrieben,  es  braucht  aber  nicht  die
ganze  Verwaltung  gemeinschaftlich  zu  sein.  Auch  hier  kann  das  eine
Werk  zeitweilig  oder  ganz  still  gelegt  werden.  Beide  Arten  sind  im
        <pb n="60" />
        56

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

Erfolge  dasselbe.  Es  wird  dadurch  nicht  nur  die  Konkurrenz  vermindert, ­
  sondern  es  können  auch  die  Anlagen  voll  ausgenützt
werden,  indem  ein  Werk  den  ganzen  Absatz  herstellt.  Besonders
gewinnbringend  sind  solche  Verschmelzungen  bei  Vorhandensein
von  Kartellen,  weil  dann  die  Minderung  der  Konkurrenz  nicht  auch
anderen  zu  gute  kommt.  Daher  sind  sie  auch  dort  am  häufigsten,  wo
festgefügte  Kartelle  bestehen  und  begründete  Aussicht  vorhanden
ist,  daß  sie  auch  von  langer  Dauer  sein  werden.  Zahlreich  sind
I auch  in  der  Zementindustrie  die  Interessengemeinschaften
durch  den  Besitz  von  Aktien  oder  Anteilen.  Ferner  sind  oft
mehrere  Zementfabriken  an  einer  anderen  beteiligt;  auch  unter
den  Gründern  befinden  sich  vielfach  mehrere  Konkurrenzwerke,
die  auf  die  neue  Fabrik  Einfluß  haben  wollten,  wenn  einmal  die
Gründung  nicht  mehr  zu  verhindern  war.  Besonders  wichtig
sind  solche  Interessengemeinschaften  unter  Angehörigen  verschiedener ­
  Kartelle,  weil  dadurch  auch  deren  Zusammengehen
bis  zu  einem  gewissen  Grade  begünstigt  wird.  Auch  die  Syndikate
selbst  beteiligen  sich  an  solchen  Unternehmungen;  sie  kaufen
ganze  Werke  auf,  um  sie  stillzulegen  oder  verhindern  Neugründungen, ­
  indem  sie  den  dazu  nötigen  Grund  und  Boden
erwerben.  Das  hat  noch  nebenbei  den  Erfolg,  daß  durch  den
gemeinsamen  Besitz  der  Verband  fester  zusammengehalten  wird.
Sehr  häufig  sind  Kombinationen  mit  Zementwarenfabriken,
Bau-  und  Immobiliengesellschaften,  Elektrizitätswerken,  Faßfabriken ­
  und  Kohlengruben  entweder  durch  Besitz  oder  durch
Beteiligung.  Wohl  alle  Zementfabriken  besitzen  eine  eigene
Reparaturwerkstätte,  oft  sogar  größere  Anlagen;  die  Stettiner
Portland-Zementfabrik  hat  z.  B.  eine  eigene  mechanische  Werkstätte, ­
  in  der  nicht  nur  alle  Reparaturen,  sondern  auch  alle  Neubauten ­
  hergestellt  werden.  Außer  Rohguß  und  fertigen  Dampfmaschinen ­
  wird  nichts  von  fremden  Maschinenfabriken  bezogen.
Wenn  wir  die  Entwicklung  der  deutschen  Zementindustrie
noch  einmal  überblicken,  so  fällt  uns  zunächst  auf,  daß  die
Krisen  periodisch  auftreten.  Der  Grund  ist  immer  Überproduktion,
die  durch  allzu  starke  Produktionsvermehrung  bei  großem  Bedarf
        <pb n="61" />
        Die  Entwicklung  der  deutschen  Zementindustrie  usw.

57

in  der  Erwartung,  daß  dieser  noch  steigen  werde,  hervorgerufen
wird.  Woher  kommt  es  nun,  daß  immer  wieder  Vergrößerungen
vorgenommen  und  neue  Fabriken  gegründet  werden,  auch  wenn
gar  kein  Bedarf  danach  vorhanden  ist?  Das  liegt  zunächst
daran,  daß  die  einzelnen  Leiter  der  Betriebe  oft  die  Marktlage
nicht  genügend  überblicken  können  und  nicht  weit  genug  in  die
Zukunft  schauen,  sie  berücksichtigen  nicht  genug,  daß  die  Lage
der  Zementindustrie  mit  der  allgemeinen  wirtschaftlichen  Konjunktur ­
  eng  verknüpft  ist,  eine  Hochkonjunktur  jedoch  erfahrungsgemäß ­
  nicht  ewig  ist,  man  also  für  die  Zukunft  nicht  mit  derselben
Höhe  oder  gar  demselben  Steigen  des  Absatzes  rechnen  kann.
Die  übrigen  Fabriken  müssen  folgen,  w T ollen  sie  nicht  in  Zukunft
schlechter  gestellt  sein.  Begünstigt  werden  diese  Tatsachen
noch  dadurch,  daß  zum  Teil  Techniker  und  nicht  Kaufleute  die
Leitung  in  Händen  haben.  Der  Hauptgrund  für  die  Überproduktion ­
  liegt  jedoch  in  den  Neugründungen.  Es  ist  eben  verhältnismäßig ­
  leicht,  ein  neues  Werk  zu  errichten.  Rohmaterial
ist  an  sehr  vielen  Punkten  in  reichlicher  Menge  vorhanden  und
das  nötige  Kapital  ist  in  einer  Zeit,  in  der  die  Zementindustrie
gute  Gewinne  abwirft,  unschwer  zu  erhalten,  zumal  zu  derselben
Zeit  im  allgemeinen  eine  gute  Konjunktur  herrscht  und  das
Kapital  nach  Anlagen  sucht.  Die  Gründer  machen  meist  ein
gutes  Geschäft  und  sind  oft  Leute,  die  an  der  Zementindustrie
nicht  besonders  interessiert  sind.  Die  Geldgeber  dagegen  haben
vielfach  gar  kein  Urteil  über  die  Lebensfähigkeit  und  zu  erwartende ­
  Rentabilität  der  neuen  Anlage,  zumal  sie  oft  durch
gefärbte  Prospekte  geblendet  werden,  die  ganz  und  garnicht  den
Tatsachen  entsprechen.  Da  wird  zunächst  einmal  von  vornherein
angenommen,  daß  die  ganze  Produktionsfähigkeit  abgesetzt
werden  könne,  während  dies  zur  selben  Zeit  bei  den  bestehenden
Fabriken  nicht  der  Fall  ist.  Ferner  wird  mit  den  hohen  Preisen
der  guten  Konjunktur  gerechnet,  und  schließlich  wird  das  nötige
Kapital  oft  zu  niedrig  angegeben,  so  daß  ganz  fabelhafte  Gewinne
herausgerechnet  werden.  Daß  sich  eine  neue  Fabrik  erst  Eingang
verschaffen  und  daher  billiger  sein  muß  als  die  anderen,  daß  sie
        <pb n="62" />
        58  Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

zunächst  mit  den  alten  Werken  kämpfen  muß,  ob  nun  ein
Syndikat  besteht  oder  nicht,  wenn  sie  jedoch  sofort  aufgenommen
wird,  dies  nicht  mit  der  vollen  Produktionsfähigkeit  geschehen
kann,  wird  ebenso  absichtlich  übersehen,  wie  die  Tatsache,  daß
durch  neue  Gründungen  die  ganze  Marktlage  verändert  wird,  ein
etwaiges  Bestehen  von  Kartellen  in  Frage  gestellt  werden  kann.
Das  ist  der  Grund  dafür,  daß  immer  wieder  neue  Fabriken
gegründet  werden:  Es  ist  zu  leicht  und  der  Anreiz  infolge  des
Gründungsgewinnes  zu  groß.  In  vieler  Hinsicht  können  die
Kartelle  günstig  gegenüber  den  Krisen  wirken,  ganz  verhindern
können  sie  sie  aber  nicht,  denn  gegenüber  Neugründungen  sind
sie  nicht  stark  genug,  da  sie  es  nicht  erreichen  können,  daß
diese  keine  Abnehmer  finden.
Die  Tatsache,  daß  in  guten  Zeiten  viel  Kapital  in  die  Zementindustrie ­
  srömt,  ist  natürlich  nichts  anderes,  als  die  Wirkung  des
Gesetzes  von  der  Ausgleichung  der  Gewinnste.  Aber  es  wurden
Fehler  dabei  gemacht:  Vor  allem  strömte  viel  mehr  Kapital  in
die  Zementindustrie  als  nötig  gewesen  wäre,  um  die  Gewinne
auf  den  üblichen  Satz  herabzudrücken.  Der  Grund  liegt  hauptsächlich ­
  in  einer  falschen  Beurteilung  und  Überschätzung  der
Lage  der  Zementindustrie,  woran  besonders  gefärbte  Prospekte
viel  Schuld  haben.  Wären  die  Fehler  nicht  gemacht  worden,
dann  wäre  das  Zustömen  von  Kapital  wohl  weit  weniger  oder
gar  nicht  verhängsvoll  für  die  Zementindustrie  gewesen.
Außerdem  muß  man  beachten,  daß  diese  Ausgleichung  bei
zu  niedrigen  Gewinnsten  infolge  davon,  daß  der  größte  Teil  des
in  einer  Zementfabrik  angelegten  Kapitals  nur  sehr  schwer  oder
gar  nicht  übertragbar  ist,  nur  dadurch  erfolgen  konnte,  daß  das
Kapital  niedriger  eingeschätzt  wurde,  wie  es  auch  tatsächlich
z.  B.  durch  Zusammenlegen  von  Aktien  geschehen  ist.  Das  bedeutete ­
  aber  für  die  Kapitalisten  einen  großen  Verlust,  weshalb ­
  sie  durch  Kartelle  und  Fusionen  ihr  Kapital  zu  schützen
suchten.
Noch  ein  Zweites  fällt  uns  in  der  Entwicklung  der  deutschen
Zementindustrie  auf,  daß  nämlich  die  Kartelle  stets  erst  zu-
        <pb n="63" />
        Die  Zementpreise  während  der  Zeit  der  Kartelle.

59

Stande  kommen,  wenn  die  Geschäftslage  bereits  anfängt,  sich  zu
bessern.  Diese  Erscheinung  ist  daraus  zu  erklären,  daß  sich  die
Produzenten  in  der  schlechtesten  Zeit  zu  wenig  Nutzen  von  den
Kartellen  versprechen  und  eine  so  große  Produktionseinschränkung, ­
  wie  sie  nötig  wäre,  nicht  auf  sich  nehmen  wollen.  Ein
Zementkartell  kann  nur  von  Nutzen  sein,  wenn  auch  die  Nachbargruppen ­
  organisiert  sind,  bis  aber  von  so  vielen  Fabriken  die
große  Mehrzahl  bereit  ist,  für  die  Einigung  Opfer  zu  bringen,
müssen  sie  erst  schwere  Wunden  empfangen  haben;  das  gilt  besonders ­
  von  den  Außenseitern,  die  die  Krise  verschuldet  haben.
Es  würde  auch  tatsächlich  den  Kartellen  schwer  fallen,  bei  so
anarchischen  Zuständen,  wie  sie  z.  B.  1902  herrschten,  etwas  zu
erreichen;  erst  muß  sich  die  Lage  etwas  geklärt  haben.  Wenn
der  Absatz  wieder  zunimmt,  dann  sind  die  meisten  geneigt,  einen
Verband  zu  gründen,  um  dadurch  die  Besserung  auch  in  den
Preisen  auszunützen.
Schließlich  ist  noch  zu  erwähnen,  daß  Änderungen  in  der
Geschäftslage  für  gewöhnlich  nicht  sofort  zum  Ausdruck  kommen.
Das  liegt  an  der  Art  des  Verkaufes.  Schon  im  Herbst  wird  der
größte  Teil  der  Produktion  des  nächsten  Jahres  verschlossen.
Wenn  sich  nun  zu  Anfang  des  Jahres  die  Preise  heben,  vielleicht
infolge  einer  Kartellgründung,  so  müssen  zuerst  noch  die  billigen
Vorverkäufe  abgewickelt  werden,  so  daß  das  Erträgnis  dieses
Jahres  noch  nicht  besonders  günstig  sein  kann.
c)  Die  Zementpreise  während  der  Zeit  der
Kartelle.
Im  letzten  Kapitel  haben  wir  gesehen,  welch  entscheidenden
Einfluß  die  Kartelle  auf  die  wirtschaftliche  Lage  der  deutschen
Zementindustrie  gehabt  haben.  Der  wichtigste  Zweck  einer
Vereinigung  ist  nun  immer  der,  auf  die  Preisgestaltung  günstig
einzuwirken,  weshalb  ihre  Folgen  sich  naturgemäß  vor  allem  in
den  Preisen  zeigen  müssen.  Leider  stehen  uns  zur  Beurteilung
dieser  Wirkungen  zum  großen  Teile  nur  Submissionspreise  zur
Verfügung,  die  denen  im  gewöhnlichen  Verkehre  nicht  ganz
        <pb n="64" />
        60

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

entsprechen;  sie  sind  meist  niedriger.  Da  dies  jedoch  allgemein
der  Fall  ist,  bieten  sie  für  das  Vergleichen  der  Preise  in  den
einzelnen  Gruppen  und  zu  den  verschiedenen  Zeiten  genügend
Anhaltspunkte.
Wie  wir  wissen,  stand  das  Jahr  1901  unter  dem  Zeichen  des
nordwest-mitteldeutschen  Syndikates.  Die  Schwierigkeiten,  mit
denen  dieses  zu  kämpfen  hatte,  kennen  wir  ebenfalls  schon.  Es
mußte  versuchen,  viel  größere  Mengen  Zement  abzusetzen,  als
tatsächlich  möglich  war,  und  hatte  außerdem  noch  gegen  die
Außenseiter  im  Osten  zu  kämpfen,  die  es  —  was  freilich  ein
Fehler  war  —  mit  allen  Mitteln  zum  Beitritte  zu  zwingen  suchte.
Damit  war  seine  Preispolitik  schon  gegeben.  Es  mußte  in  seinem
engeren  Absatzgebiete,  das  ihm  von  den  Außenseitern  nicht
bestritten  werden  konnte,  die  Preise  immer  wieder  herabsetzen,
um  den  Absatz  zu  vergrößern,  was  trotzdem  nicht  in  genügender
Weise  gelang.  Um  die  Schlesier  zu  bekämpfen,  errichtete  es  in
Breslau  eine  Verkaufsstelle.  Darauf  antworteten  diese  damit,
daß  sie  ihren  Preis  für  100  kg  von  ca.  3,21  Mk.  auf  2,61  Mk.
herabsetzten.  Nimmt  man  für  das  nordwest-mitteldeutsche
Syndikat  die  Fracht  Hannover—Breslau  an,  so  beträgt  die  Mehrfracht ­
  gegenüber  den  Oppelner  Fabriken  1,07  Mk.  für  100  kg.
Bei  dem  alten  schlesischen  Preise  hätte  es  also  zu  2,14  Mk.
anbieten  können;  das  ist  zwar  weniger  als  es  in  seinem  engeren
Absatzgebiete  bekam,  doch  hätte  es  dabei  noch  verdient,  bei
dem  herabgesetzten  Preise  durfte  es  jedoch  nur  1,54  Mk.  verlangen, ­
  was  einen  direkten  Verlust  bedeutet  hätte.  Es  hat  tatsächlich ­
  noch  etwas  billiger  angeboten,  doch  keinen  Auftrag  zu
diesem  Preise  ausgeführt.  Die  Schlesier  boten  auch  zu  sehr
niedrigen  Preisen  im  Westen  an.  So  forderten  sie  bei  einer
Submission  der  kgl.  Eisenbahndirektion  Elberfeld  2,35  Mk.  für
'  100  kg,  also  inclusive  Fracht  4,40  Mk.  Damit  konnten  sie  jedoch
gegen  die  rheinisch-westfälischen  Fabriken  nicht  konkurrieren,
da  deren  Preise  ungefähr  zwischen  3,00  und  4,09  Mk.  standen,
wozu  nur  eine  ganz  geringe  Fracht  kam.
Besonderes  Interesse  bietet  der  Berliner  Markt,  auf  dem  sich
        <pb n="65" />
        Die  Zementpreise  während  der  Zeit  der  Kartelle.

61

das  nordwest-mitteldeutsche  Syndikat  mit  seinen  ostdeutschen
Konkurrenten  traf.  Infolgedessen  konnten  hier  die  Preise  nicht
hoch  sein.  Der  Durchschnittspreis  betrug  in  1901  2,50  Mk.  für
100  kg.  Die  Preise,  die  die  Berliner  Fabriken  bei  Submissionen
forderten,  waren  schwankend,  teils  niedriger,  teils  höher  als
dieser  Satz,  öfter  jedoch  das  erstere.  Abgesehen  von  den
Fabriken  am  Platze  beschickte  das  nordwest-mitteldeutsche
Syndikat  den  Berliner  Markt  noch  von  Hannover  und  Mitteldeutschland ­
  aus.  Die  Preise  waren  zwar  etwas  niedriger  als  die
der  Berliner  Werke,  jedoch  nicht  um  den  vollen  Betrag  der
Fracht,  so  daß  in  erster  Linie  die  letzteren  für  die  Deckung  des
Bedarfs  in  Frage  kamen.  Immerhin  waren  die  Preise  noch  so
gestellt,  daß  sie  eher  unter  denen  der  Schlesier  und  Stettiner
blieben,  wenn  man  die  Fracht  hinzurechnet.  Die  ersteren  haben
auch  tatsächlich  wenig  Zement  nach  Berlin  angeboten,  weil  sie
nichts  dabei  verdienen  konnten,  wenn  sie  es  jedoch  taten,  dann
zu  einem  Preise,  der  unter  dem  heimischen  stand.  Zurückgegangen ­
  sind  die  Preise  in  1901  überall,  doch  am  meisten  in  den
Gebieten  des  nordwest-mitteldeutschen  Syndikates,  wo  die  Überproduktion ­
  am  größten  war  und  besonders  auf  den  östlichen
Märkten,  auf  denen  gegen  die  Außenseiter  gekämpft  wurde.  In
den  übrigen  Gruppen  war  die  Überproduktion  kleiner  und  so
konnten  die  Schlesier  ihre  Preise  in  ihrem  engeren  Absatzgebiete
besonders  infolge  des  Bestehens  ihres  Syndikates  noch  auf  einem
Stande  halten,  der  ein  leidliches  Verdienst  zuließ.  Die  Stettiner
Fabriken  hatten  zwar  kein  Syndikat,  doch  war  hier  die  Überproduktion ­
  auch  nicht  so  stark  wie  im  Westen  und  außerdem  ging
ein  großer  Teil  ihrer  Ware  nach  dem  Auslande.  Die  Angriffe
des  nordwest-mitteldeutschen  Syndikates  erwiderten  sie  dadurch,
daß  sie  es  in  Berlin  zwar  nicht  direkt  unterboten  —  das  hätte
ihnen  Verluste  gebracht  —,  doch  seine  Preise  unter  einem
gewissen  Drucke  hielten.  Ihre  Preise  in  ihrem  engeren  Absatzgebiete ­
  konnten  jedoch  durch  das  Syndikat  wegen  der  Frachtdifferenz ­
  nicht  allzu  sehr  heruntergedrückt  werden  und  standen
daher  verhältnismäßig  hoch.  Die  unterelbische  und  süddeutsche
        <pb n="66" />
        62

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

Gruppe  waren  zwar  dem  nordwest-mitteldeutschen  Syndikate
nicht  angeschlossen,  hatten  jedoch  eine  Abmachung  mit  ihm
getroffen,  die  sie  vor  Unterbietungen  seitens  des  Syndikates
schützte.  Der  Preis  stand  im  unterelbischen  Gebiete  auf
2,80—3,60  Mk.  für  100  kg,  die  Fracht  von  Hannover  bis  Hamburg
beträgt  51  Pfennig,  die  hannoverschen  Fabriken  hätten  also  die
an  der  Unterelbe  gut  unterbieten  können,  wenn  kein  Vertrag
bestanden  hätte,  denn  die  Preise  des  nordwest-mitteldeutschen
Syndikates  waren  oft  noch  niedriger  als  2,30  Mk.,  besonders  bei
Verkäufen  in  fremdes  Gebiet.  Ebenso  hätte  Süddeutschland
unterboten  werden  können.  Dort  stand  der  Preis  über  3,00  Mk.,
die  Fracht  von  den  nächstgelegenen  rheinisch-westfälischen
Werken  beträgt  z.  B.  nach  Frankfurt  a.  M.  52  Pfennig,  ihr  Preis
sank  im  Laufe  des  Jahres  1901  häufig  unter  2,50  Mk.,  eine  Konkurrenz ­
  wäre  also  sehr  wohl  möglich  gewesen.
Nach  Auflösung  des  nordwest-mitteldeutschen  Syndikates
setzte  in  1902,  wie  wir  wissen,  ein  ganz  regelloser  Kampf  ein.  Die
ungeheure  Produktion  Mittel-  und  Westdeutschlands,  die  1901
noch  bedeutend  eingeschränkt  war,  wurde  nun  mit  einem  Male
frei,  die  Preise  mußten  daher  erheblich  sinken  und  gingen  sogar
vielfach  unter  die  Kosten  herab.  Der  Grund  für  die  Preisherabsetzung ­
  lag  vor  allem  in  der  Absicht,  den  Absatz  zu  vergrößern,
um  so  möglichst  viel  von  der  Überproduktion  los  zu  werden.
Da  der  Markt  dazu  jedoch  nicht  genügend  aufnahmefähig  war,
suchte  einer  dem  andern  die  Abnehmer  durch  Unterbietungen
streitig  zu  machen,  was  der  zweite  Grund  für  den  Preisrückgang
war.  Süddeutschland  und  Unterelbe  mußten  jetzt  ihre  Preise
natürlich  auch  erheblich  herabsetzen,  da  nun  nach  Wegfall  der
Verträge  auch  sie  von  der  Überproduktion  überflutet  wurden.
In  dem  Gebiete  des  nordwest-mitteldeutschen  Syndikates
erreichten  die  Preise  einen  solchen  Tiefstand,  daß  die  einzelnen
Gruppen  dadurch  vor  der  Konkurrenz  der  Nachbargruppen  geschützt ­
  waren,  obgleich  teilweise  nur  ganz  geringe  Frachtdifferenzen
bestanden.  Im  Osten  des  Reiches  änderte  sich  nicht  viel,  da
hier  die  Verhältnisse  so  ziemlich  dieselben  blieben  wie  in  1901.
        <pb n="67" />
        Die  Zementpreise  während  der  Zeit  der  Kartelle.

63

Im  folgenden  Jahre  1903  verharrten  die  Preise  weiter  auf  dem
niedrigen  Stande,  da  der  Kampf  noch  forttobte.  Im  ersten
Semester  bestand  in  Rheinland-Westfalen  eine  lose  Preiskonvention, ­
  die  die  Preise  zwar  heraufsetzte,  aber  nur  sehr  wenig,
da  sie  sonst  sofort  von  den  in  nächster  Nachbarschaft  liegenden
hannoverschen  Fabriken  unterboten  worden  wäre.  Nach  ihrer
Auflösung  gingen  die  Preise  im  zweiten  Semester  wieder  herab.
1904  trat  dann  das  rheinisch-westfälische  Syndikat  in  Tätigkeit
und  setzte  die  Preise  zunächst  auf  1,65  Mk.  und  ab  1.  III.  auf
1,95  Mk.  für  100  kg.  herauf.  Eine  größere  Erhöhung  war  noch
nicht  möglich,  da  eine  Anzahl  von  Fabriken  noch  außerhalb  des
Verbandes  stand.  Außerdem  mußten  an  den  Grenzen  des  Gebietes ­
  die  Preise  abgeschwächt  werden,  um  der  Konkurrenz  aus
Hannover  und  Mitteldeutschland  zu  begegnen,  wo  die  Preise
immer  noch  sehr  niedrig  waren.  Daher  konnte  das  rheinischwestfälische ­
  Syndikat  dort  mit  seinen  heimischen  Preisen  nicht
konkurrieren  und  mußte  bei  Verkäufen  in  diese  Gebiete  so  weit
heruntergehen,  daß  es  inklusive  Fracht  ungefähr  das  Gleiche
forderte  wie  die  dortigen  Fabriken.  Das  hat  es  auch  tatsächlich
getan.  Es  bot  z.  B.  nach  Erfurt  100  kg  zu  1,44—1,71  Mk.  an,
die  Fracht  betrug  73  Pf.,  das  ergibt  zusammen  2,17—2,44  Mk.,
die  mitteldeutschen  Werke  forderten  1,62—2,04  Mk.,  dazu  kamen
36  Pfg.  Fracht,  so  daß  die  Summe  1,98—2,40  Mk.  betrug.  Dieser
Politik  von  Kartellen,  die  Preise,  wenn  nötig,  im  fremden  Gebiete
niedriger  zu  stellen  als  im  eigenen,  werden  wir  noch  öfter
begegnen.  In  Süddeutschland  war  ebenfalls  eine  allmähliche
Preissteigerung  zu  bemerken,  die  auf  Rechnung  des  neuen
Syndikates  zu  setzen  ist,  das  in  diesem  Jahre  in  Kraft  trat  und
alle  Außenseiter  hereingenommen  hatte.
Mit  dem  Jahre  1905  begannen  nun  die  Preise  überall  merklich ­
  zu  steigen,  und  es  traten  geregelte  Verhältnisse  ein  sowohl
innerhalb  der  einzelnen  Gruppen  als  auch  im  Verkehre  dieser
miteinander  infolge  der  Kartellgründungen  und  Vertragsabschlüsse,
die  wir  bereits  kennen  gelernt  haben.  Diese  Preissteigerung  war
natürlich  zunächst  in  dem  größeren  Bedarfe  begründet,  wäre  aber
        <pb n="68" />
        64

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie

ohne  die  Vertrage  wenigstens  in  dem  gleichen  Maße  nicht  zu
erreichen  gewesen.  Bei  der  losesten  Form  dieser  Verträge  wurde
durch  Mindestpreise  dem  gegenseitigen  Unterbieten  ein  Ende
gesetzt.  Diese  Form  genügt  dort,  wo  die  beiden  vertragschließenden ­
  Gruppen  nicht  sehr  nahe  aneinander  liegen  z.  B.
zwischen  Stettin  und  Schlesien.  Wenn  der  Preis  in  Stettin  auf
2,50  Mk.  für  100  kg  stand  und  ein  Mindestpreis  von  2,00  Mk.
vereinbart  war,  so  konnten  die  Schlesier,  da  die  Fracht  von
Oppeln  bis  Stettin  1,07  Mk.  beträgt,  nicht  konkurrieren.  Der
Preis  konnte  jedoch  in  Stettin  noch  um  57  Pfg.  steigen,  ohne
eine  Konkurrenz  zu  ermöglichen.  Wenn  aber  die  Fracht  nur
60  Pfg.  betrüge,  so  würde  ein  Steigen  der  Stettiner  Preise  um
mehr  als  10  Pfg.  durch  die  schlesischen  Werke  verhindert  werden
können.  Man  hätte  dann  also  eine  andere  Abmachung  treffen
müssen.  In  Verträgen  zwischen  näher  gelegenen  Gruppen  wurden
daher  die  in  das  fremde  Gebiet  abzusetzenden  Mengen  kontingiert,
  und  außerdem  müssen  die  gegenseitigen  Preise  respektiert
werden.  Dadurch  ist  einmal  ein  Unterbieten  unmöglich  gemacht,
andererseits  wird  aber  auch  verhindert,  daß  einer  Gruppe  von
der  Nachbarin  so  viel  Absatz  im  eigenen  Gebiet  genommen  wird,
daß  sie  deshalb,  ohne  unterboten  zu  sein,  die  Preise  herabsetzen
muß.  Dieselbe  Wirkung  wird  mit  noch  größerer  Sicherheit  erzielt, ­
  wenn  das  eine  Syndikat  mit  einem  bestimmten  Kontingente
dem  anderen  beitritt.
Die  Pi’eise  wurden  nun  von  Syndikaten  meist  so  festgesetzt,
daß  sie  an  den  Grenzen  des  Gebietes  abgeschwächt  waren  wie
z.  B.  in  Rheinland-Westfalen  und  Mitteldeutschland.  Der  Grund
dafür  war  zunächst  der,  daß  die  Nachbarkartelle  nicht  immer
geschlossen  waren,  sondern  noch  Außenseiter  hatten,  und  ferner
wohl  der,  daß  man  es  der  Nachbargruppe  nicht  allzu  leicht
machen  wollte,  das  ihr  zugestandene  Maximum  voll  abzusetzen.
War  das  eine  Syndikat  bei  dem  anderen  direkt  beteiligt,  so  war
diese  Maßnahme  natürlich  überflüssig.  Das  rheinisch-westfälische
Syndikat  verkaufte  in  den  Jahren  1904  und  1905  franko  jeder
Station  seines  Gebietes  bis  zu  Höchstfracht  von  30  Pfg.  für
        <pb n="69" />
        Die  Zementpreise  während  der  Zeit  der  Kartelle.

65

100  kg  ab  Beckum,  dem  Zentrum  der  rheinisch-westfälischen
Zementindustrie,  was  ungefähr  einer  Entfernung  von  100  km
entspricht,  zu  einem  festen  Preise;  von  1906  ab  nach  allen
Stationen  seines  Gebietes  ohne  Rücksicht  auf  die  Entfernung.
Es  wurde  dabei  eine  bestimmte  Fracht  zugrunde  gelegt,  ein
Mehr  oder  Weniger  war  von  den  Fabriken  zu  tragen,  respektive
kam  ihnen  zugute.  Die  Abschwächung  der  Preise  an  den  Grenzen
blieb  bestehen.  Das  hat  für  die  Abnehmer  die  große  Annehmlichkeit, ­
  daß  sie  alle  ihren  Bedarf  an  Zement  zu  dem  gleichen
Preise  decken  können  und  keiner  gegenüber  seinem  Konkurrenten
durch  die  größere  Entfernung  von  der  liefernden  Zementfabrik
benachteiligt  ist.  Das  ist  aber  nur  möglich,  wenn  ein  Syndikat
besteht,  das  die  Aufträge  nach  Möglichkeit  den  geographisch
bestgelegenen  Fabriken  zuteilt  und  außerdem  durch  Verträge  so
geschützt  ist,  daß  es  seine  Preispolitik  ungestört  verfolgen  kann.
Die  süddeutsche  Zementverkaufsstelle  verkauft  ebenfalls  franko,
doch  sind  die  Preise  für  die  verschiedenen  Orte  verschieden  je
nach  Maßgabe  der  Konjunktur,  wodurch  diese  besser  ausgenützt
werden  kann.  Es  müssen  jedoch  alle  Fabriken  nach  einem  bestimmten ­
  Orte  zu  einem  bestimmten  Preise  liefern,  ganz  gleich,
wie  groß  die  Entfernung  ist.  Durch  diese  Politik  des  rheinischwestfälischen ­
  und  süddeutschen  Syndikats  wird  erreicht,  daß  die
zu  einem  Hauptabsatzgebiet  günstig  gelegenen  Werke  auch  unter
der  Herrschaft  des  Kartells  denselben  Vorteil  daran  haben  wie
bei  freier  Konkurrenz,  was  dort  nicht  der  Fall  ist,  wo  das
Kartell  ab  Fabrikstation  zu  einem  bestimmten  Preise  verkauft. ­

Die  schon  erwähnte  Politik  der  Kartelle,  in  fremde  Gebiete\
auch  dann  zu  verkaufen,  wenn  dort  die  Preise  niedriger  standen
als  im  eigenen,  können  wir  auch  in  der  Zeit  der  Verträge  zwischen ­
  den  Verbänden  beobachten.  So  verkauften  die  süddeutschen ­
  Werke  1905  in  ihrem  eigenen  Gebiete  am  Rhein  100  kg
für  3,05—3,35  Mk.,  während  der  Preis  in  Rheinland-Westfalen
auf  2,50  Mk.  stand.  Trotzdem  waren  sie  an  dem  Absätze  des
Madelung,  Entwicklung  der  Deutschen  Portland-Zementindustrie.  5
        <pb n="70" />
        6G

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

rheinisch-westfälischen  Syndikates  beteiligt  und  haben  auch  dorthin ­
  geliefert.  Durch  diese  Preispolitik  wird  die  Notwendigkeit
der  Verträge  noch  vergrößert.  Denn,  wenn  sie  nicht  bestünden,
würde  ein  Gebiet  mit  niedrigeren  Preisen  ein  anderes  mit
höheren  nicht  nur  dann  unterbieten,  wenn  die  Preisdifferenz
mindestens  gleich  der  Frachtdifferenz  ist,  sondern  auch,  wenn
sie  kleiner  ist.  Schließlich  wäre  es  auch  möglich,  daß  die
Gruppe  mit  dem  im  eigenen  Gebiete  höheren  Preise  einer
anderen  mit  einem  niedrigereren  Konkurrenz  macht.  Dafür  ein
Beispiel:
Erster  Fall:  Preisdifferenz  größer  als  Frachtdifferenz.
Nach  Wiesbaden  wird  Zement  verkauft:
Preis  in  Rheinland-Westfalen  ....  2,50  Mk.,
Fracht  Köln-Wiesbaden  0,53  „
Zusammen:  3,03  Mk.
Die  süddeutschen  Werke  haben  aber  tatsächlich  ohne  Fracht
für  3,0—3,35  Mk.  angeboten,  ihr  Preis  würde  also  ohne  den
Vertrag  gedrückt  worden  sein.
Zweiter  Fall:  Preisdifferenz  kleiner  als  Frachtdifferenz.
In  Erfurt  wird  Zement  gebraucht:
Preis  in  Mitteldeutschland  2,88—3,47  Mk.,
Fracht  von  dem  nächsten  mitteldeutschen
Werke  0,16  „
Zusammen:  3,04—3,63  Mk.
Preis  in  Rheinland-Westfalen  2,50  Mk.,
Fracht  von  dem  nächsten  rheinisch-westfälischen
Werke  0,74  „
Zusammen:  3,24  Mk.
Die  mitteldeutschen  Preise  differieren  nach  dem  Bestimmungsorte; ­
  ohne  Bestehen  des  Vertrages  hätte  also  wohl  der  niedrigste ­
  Preis  im  Grenzgebiete  gegen  Rheinland-Westfalen  gegolten,
also  mit  Fracht  3,04  Mk.  Die  rheinisch-westfälischen  Werke
        <pb n="71" />
        t

$

I
4

'

Die  Zementpreise  während  der  Zeit  der  Kartelle.  67
hätten  also  mit  ihrem  heimischen  Preise  nicht  konkurrieren
können.  Infolge  der  erwähnten  Preispolitik  wären  sie  jedoch
sicher  bei  diesem  Verkaufe  um  20  Pfg.  und  mehr  heruntergegangen, ­
  der  mitteldeutsche  Preis  hätte  also  nicht  gehalten
werden  können.
Dritter  Fall:  Der  Preis  im  eigenen  Gebiete  ist  höher  als
in  dem  des  Bestimmungsortes.
In  Kassel  wird  Zement  gebraucht:
Preis  in  Rhein)and-Westfalen  ....  2,50  Mk.,
Fracht  von  dem  nächsten  Werke  .  .  .  0,38  „
Zusammen:  2,88  Mk.
Preis  in  Mitteldeutschland  2,91  Mk.,
Fracht  von  dem  nächsten  Werke  .  .  .  0,60  „
Zusammen:  8,51  Mk.
Gingen  die  mitteldeutschen  Werke  noch  um  63  Pfg.  mit  dem
Preise  herunter,  so  könnten  sie  ohne  Vertrag  den  rheinischwestfälischen ­
  Preis  drücken.  Tatsächlich  haben  sie  1904,  als
noch  freie  Konkurrenz  herrschte,  noch  billiger  angeboten,  ein
Beweis  dafür,  daß  es  ihnen  noch  möglich  wäre,  um  den  genannten ­
  Satz  billiger  zu  liefern.
Der  Berliner  Markt  war  bis  Ende  1905  noch  offen.  In  den
Jahren,  in  denen  auch  in  den  übrigen  Gebieten  noch  freie  Konkurrenz ­
  herrschte,  war  der  Berliner  Preis  immer  noch  etwas  höher
als  in  diesen,  obgleich  sich  in  Berlin  mehrere  Gruppen  im  Konkurrenzkämpfe ­
  trafen.  Das  ist  daraus  zu  erklären,  daß  die
Berliner  Fabriken  besonders  bei  dem  damals  wieder  steigenden
Bedarfe  nicht  allein  imstande  waren,  die  Nachfrage  ganz  zu  befriedigen, ­
  weshalb  der  Preis  immer  gleich  der  Summe  des  Preises
des  billigsten  zur  Deckung  des  Bedarfs  noch  nötigen  auswärtigen
Zements  und  seiner  Fracht  nach  Berlin  sein  mußte.  1905  war
der  Berliner  Markt  allein  noch  offen.  Die  Nachbargruppen  waren
gewöhnt,  ihre  Überproduktion  dort  abzusetzen  und  taten  das
5*
        <pb n="72" />
        68

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

auch  zu  Preisen,  die  niedriger  waren  als  ihre  heimischen,  da  in
Berlin  freie  Konkurrenz  herrschte,  in  den  übrigen  Gebieten  aber
nicht.  Jetzt  konnten  die  Berliner  Preise  also  nicht  mehr  oder
■wenigstens  nicht  mehr  viel  über  denen  in  Mitteldeutschland,
Hannover  usw.  stehen,  wenn  nicht  Berlin  von  auswärtigem
Zement  überschwemmt  werden  sollte,  denn  für  Berlin  waren
jetzt  die  Preise  der  anderen  Gruppen  weit  niedriger  als  in  deren
engeren  Absatzgebieten,  was  vor  Bestehen  der  Kartelle  nicht
der  Fall  gewesen  war.  Der  Berliner  Preis  stand  daher  auf
2,54—2,79  Mk.  Das  war  für  die  dortigen  Werke  kein  schlechter
Preis,  für  die  der  Nachbargruppen  blieb  jedoch  nicht  mehr  viel
übrig,  wenn  man  die  Frachten  abzieht,  so  daß  diese  also  nicht
gut  unterbieten  konnten.  Vom  Jahre  1906  ab  trat  nun  die
Preiskonvention  für  den  Berliner  Markt  in  Kraft,  d.  h.  alle
Werke  durften  exklusive  Fracht  nicht  unter  einem  bestimmten
Preise  verkaufen.  Es  kamen  nun  also  zunächst  die  Fabriken
mit  der  geringsten  Fracht  in  Betracht,  erst  wenn  diese  den
Bedarf  nicht  mehr  decken  konnten,  wurde  das  Werk  mit  der
nächst  höheren  Fracht  herangezogen.  Der  Preis  der  Berliner
Fabriken  konnte  also,  wenn  der  Konsum  dadurch  nicht  vermindert ­
  wurde,  um  den  vollen  Betrag  der  Fracht  des
nächsten  auswärtigen  Werkes  über  den  Mindestsatz  steigen
und  ging  auch  tatsächlich  in  den  nächsten  Jahren  fast  ständig
in  die  Höhe.
Diese  Preispolitik,  wie  wir  sie  soeben  kennen  gelernt  haben,
konnte  nun  solange  verfolgt  werden,  als  die  Kartelle  einigermaßen ­
  geschlossen  bestanden  und  die  Verträge  zwischen  ihnen
in  Kraft  waren.  Solange  konnte  jedes  Kartell  die  Preise  in
seinem  Gebiete  nach  eigenem  Gutdünken  je  nach  der  Marktlage ­
  so  stellen,  daß  seine  Mitglieder  möglichst  viel  verdienten
und  brauchte  nicht  auf  fremde  Einflüsse  Rücksicht  zu  nehmen.
Infolge  dieser  Lage  waren  die  Preise  damals  auch  überall  hoch.
Diese  Zeit  dauerte  aber  nicht  lange,  wie  wir  ja  aus  dem  vorigen
Kapitel  wissen.  Schon  1908  verloren  die  Schlesier  die  Monopolstellung ­
  in  ihrem  engeren  Absatzgebiete  durch  das  Entstehen
        <pb n="73" />
        Die  Zementpreise  während  der  Zeit  der  Kartelle.  69

von  drei  neuen  Fabriken,  mit  denen  der  Kampf  aufgenommen
werden  mußte,  der  die  Preise  immer  weiter  herunterdrückte,
bis  schließlich  für  die  meisten  Fabriken  kein  Verdienst  mehr
übrig  blieb.  In  Rheinland-Westfalen  mußten  die  Preise  gegen
Belgien  wegen  des  dortigen  Naturzements  ermäßigt  werden.
Jetzt  beginnt  wieder  die  Zeit  einer  Krise.  Die  Monopolstellung
der  Verbände  wurde  durch  neu  entstandene  Außenseiter  gestört, ­
  überall  gingen  die  Preise  herab.  Am  schlimmsten  wirkten
die  Auflösungen  des  Berliner  Vertrages  und  des  mitteldeutschen
Verkaufsvereines  auf  die  Preise.  In  Berlin  mußten  sie  stark
fallen;  es  traten  wieder  dieselben  Verhältnisse  ein  wie  vor  1906,
sie  wurden  noch  dadurch  verschlechtert,  daß  in  Mitteldeutschland
freie  Konkurrenz  und  Kampf  herrschten.  Unter  dem  letzteren
Übelstande  hatten  auch  alle  anderen  Gruppen  außer  der  Stettiner
zu  leiden.  Die  ganze  Preispolitik  bestand  im  mitteldeutschen
Gebiete  wie  zur  Zeit  der  letzten  Krise  in  dem  gegenseitigen
Unterbieten  und  war  nur  darauf  gerichtet,  möglichst  viel  Zement
abzusetzen  und  dem  Konkurrenten  den  Absatz  streitig  zu  machen.
Die  Nachbargruppen  mußten  daher  ihre  Preise  ebenfalls  ermäßigen. ­
  Das  war  zum  Teile,  besonders  in  Rheinland-Westfalen,
schon  durch  den  Kampf  im  Innern  gegen  neue  Außenseiter  nötig
geworden,  wurde  aber  durch  die  mitteldeutsche  Konkurrenz  noch
schlimmer.  Der  Preis  des  rheinisch-westfälischen  Syndikates
stand  1910  durchschnittlich  auf  2,526  Mk.  für  100  kg  frei  allen
Stationen  des  Gebietes.  Mitteldeutsche  Werke  boten  aber  z.  B.
nach  Kassel  zu  1,65—1,85  Mk.  an,  dazu  kamen  noch  60  Pfg.
Fracht,  so  daß  der  mitteldeutsche  Preis  für  Kassel  2,05—2,45  Mk.
betrug,  das  rheinisch-westfälische  Syndikat  dorthin  also  unter
seinem  Durchschnittspreis  anbieten  mußte,  es  verlangte  auch
tatsächlich  nur  2,07  Mk.  inklusive  Fracht.  Ebenso  erging  es
den  anderen  Gruppen,  die  an  Mitteldeutschland  angrenzten.
Im  Jahre  1911,  als  die  deutsche  Zementindustrie  wieder
einig  war,  traten  auch  wieder  geregelte  Preisverhältnisse
ein,  außer  in  Berlin,  wo  sich  die  dortigen  Fabriken  erst
von  1912  ab  einigten,  und  in  Rheinland-Westfalen,  wo  be ­
        <pb n="74" />
        70

Die  Kartelle  in  der  deutschen  Portland-Zementindustrie.

sonders  die  vielen  Außenseiter  auch  heute  noch  die  Preise
niedrig  halten.
Gerade  aus  dieser  Betrachtung  der  Preise  erkennen  wir
am  besten,  welche  Bedeutung  die  Kartelle  und  die  Verträge ­
  zwischen  ihnen  für  die  deutsche  Zementindustrie  haben,
denn  ohne  sie  sind  eine  geregelte  Preisbildung  und  gewinnbringende ­
  Preise  unmöglich,  also  ein  Gedeihen  der  Industrie
undenkbar.
        <pb n="75" />
        Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in
ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.

B ei  unserer  Betrachtung  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  der
deutschen  Zementindustrie  haben  wir  gesehen,  daß  bei  ihr
seit  über  zehn  Jahren  die  Gesamtproduktionsfähigkeit  den  gesamten ­
  Bedarf  im  Inlande  weit  übersteigt.  Daraus  geht  hervor,
daß  sie  die  Ausfuhr  unmöglich  entbehren  kann,  ja  daß  diese  im
Gegenteil  für  sie  eine  äußerst  wichtige,  wenn  nicht  eine  Lebensfrage ­
  geworden  ist.  Die  Größe  und  Rentabilität  der  Ausfuhr
hat  auch  einen  großen  Einfluß  auf  das  Verhältnis  von  Produktion ­
  und  Bedarf  und  daher  die  Preise  im  Inlande  ausgeübt.
Außerdem  kommt  es  aber  auch  noch  darauf  an,  in  welchem
Maße  das  Ausland  durch  Einfuhr  auf  dem  deutschen  Markte
Konkurrenz  macht.
Nachdem  die  deutsche  Zementindustrie  aus  den  Kinderschuhen
herausgewachsen  war  und  den  Inlandsbedarf  allein  decken  konnte,
verdrängte  sie  zunächst  die  englische  Ware  vollständig;  darauf
fing  sie  bald  an,  auch  nach  dem  Auslande  Zement  zu  versenden
und  fand  gute  Absatzgebiete  in  Rußland,  Österreich-Ungarn,  der
Schweiz,  Belgien,  Holland,  den  nordischen  Ländern  und  in
überseeischen  Gebieten,  wo  die  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika ­
  stets  ihre  Hauptabnehmer  waren.  Doch  ebenso  wie  die
englische  Zementindustrie  ihr  ehemals  bedeutendes  Absatzgebiet
in  Deutschland  verloren  hatte,  so  erging  es  später  auch  den
deutschen  Fabriken  mit  ihren  Ausfuhrländern.  Auch  hier  entstand ­
  allmählich  eine  eigene  Industrie,  die  die  deutsche  Ware
immer  mehr  verdrängte.  Begünstigt  wurde  diese  Entwicklung
noch  dadurch,  daß  fast  alle  Nachbarstaaten  hohe  Zölle  auf  die

1
        <pb n="76" />
        72  Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.
Einfuhr  von  Zement  legten,  unter  deren  Schutz  die  junge  Industrie
sich  ungestört  weiter  entwickeln  konnte.  Diese  Bewegung  setzte
ungefähr  zu  Anfang  der  80  er  Jahre  ein.  1882  führte  Österreich-Ungarn
  einen  Zoll  von  1  Krone  für  100  kg 1  Zement  ein,  Rußland
erhöhte  1881  seinen  Zoll  von  3  auf  7  Kopeken  für  1  Pud 1  2 ,
d.  h.  von  0,405  Mk.  auf  0,945  Mk.  für  100  kg,  die  Schweiz
erhöhte  ihren  Zoll  1884  ebenfalls  und  zwar  von  0,30  auf  0,70  fr.
für  100  kg 3 .  Von  den  übrigen  kontinentalen  Staaten,  soweit  sie
für  Deutschland  in  Betracht  kamen,  hatten  noch  Zölle:  Norwegen
0,20  Kr.  Minimal-  und  0,25  Kr.  Maximalzoll  für  100  kg,  d.  i.
0,225  resp.  0,281  Mk.,  Schweden  0,60  Kr.  oder  0,675  Mk.  für
100  kg  und  Frankreich  0,75  fr.  =  0,6075  Mk.  für  100  kg;  Dänemark,
Finnland,  Belgien  und  Holland  waren  zollfrei.  Frankreich  ist
insofern  von  Wichtigkeit,  als  es  den  deutschen  Fabriken  in
Elsaß-Lothringen  ihr  heimisches  Absatzgebiet  streitig  macht.
Wie  stand  es  nun  damals  mit  der  Zementindustrie  in  unseren
Nachbarstaaten?  In  Rußland  gab  es  einige  Fabriken,  in  den
baltischen  Landstrichen  und  in  Südrußland.  Wenn  früher  auch
deutscher  Zement  nach  Südrußland  ging,  so  haben  für  uns  doch
die  Fabriken  in  Polen  bei  weitem  das  größte  Interesse,  weil  sie
unmittelbar  an  der  Grenze  liegen  und  auch  für  eine  Einfuhr
nach  Deutschland  in  Betracht  kommen.  Dort  gab  es  bis  zum
Jahre  1895  nur  zwei  Fabriken 4 .  Tn  Österreich  wurde  die  erste
Zementfabrik  1842 5  in  Kufstein  errichtet,  produzierte  aber  zunächst
wohl  nur  Romanzement.  1897  bestanden  34 6  Fabriken,  von  denen
die  meisten  in  Niederösterreich  und  Tirol  lagen.  In  Österreich-Schlesien
  gab  es  damals  noch  keine  Fabrik.  In  der  Schweiz  ist  die
Zementfabrikation  ebenfalls  sehr  alt,  hat  aber  eine  sehr  langsame
Entwicklung  gehabt,  auch  wird  dort  viel  Romanzement  fabriziert,
was  früher  noch  in  weit  stärkerem  Maße  der  Fall  war.  In  den
80  er  Jahren  war  jedenfalls  die  schweizerische  Industrie  noch
1  Deutsches  Wirtschaftsjahr  1882.
2  Jahresbericht  der  Handelskammer  Stettin  1881.
3  Jahresbericht  der  Handelskammer  Mainz  1883/84.
4  Mohr,  S.  1211.
r '  Mohr,  S.  120
        <pb n="77" />
        Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.  7  В

nicht  fähig,  den  ganzen  Inlandsbedarf  allein  zu  decken,  weshalb
viel  aus  Süddeutschland  und  Frankreich  importiert  wurde.  Belgien
hatte  damals  noch  keinen  großen  Einfluß  auf  den  deutschen
Markt.  Es  bestand  zwar  dort  schon  eine  Zementindustrie,  doch
fand  sie  größtenteils  ihren  Absatz  im  Inlande,  in  Holland  und
den  überseeischen  Ländern,  ohne  den  deutschen  Markt  sehr  zu
belasten.  Über  die  deutsche  Ausfuhr  nach  Belgien  läßt  sich  an
der  Hand  der  Statistiken  nie  etwas  Genaues  sagen,  da  Belgien
Durchgangsland  für  den  überseeischen  Export  ist.  Es  kommt
überhaupt  immer  in  erster  Linie  nur  als  exportierendes  Land  für
uns  in  Betracht.  Holland  hat  heute  noch  keine  Zementfabriken,
weil  dort  das  nötige  Rohmaterial  fehlt.  In  den  nordischen  Ländern
war  in  den  80  er  Jahren  die  Zementindustrie  noch  klein  und  ohne
wesentliche  Bedeutung  für  Deutschland.
Solange  die  ausländische  Industrie  noch  nicht  groß  war,  und
der  deutsche  Zement  im  Auslande  noch  nicht  entbehrt  werden
konnte,  mußten  die  Abnehmer  wenigstens  einen  Teil  des  Zolles
tragen,  seine  Wirkung  war  daher  noch  nicht  allzu  schlimm.
Immerhin  ging  der  Absatz  im  Verhältnis  zu  dem  Gesamtverbrauch
zurück  und  die  Preise  wurden  noch  ungünstiger,  da  sie  nicht  um
den  vollen  Betrag  des  Zolles  erhöht  werden  konnten,  wenn  nicht
der  Konsum  zurückgehen  sollte.  Schnell  jedoch  wuchsen  die
ausländischen  Zementindustrien  heran  und  die  Verhältnisse
wurden  für  die  deutschen  Fabriken  immer  ungünstiger.  In
Rußland  wurde  1885  der  Zoll  abermals  erhöht  auf  1,58  Mk.  pro
100  kg 1 ;  dadurch  wurde  der  Absatz  sehr  beschränkt,  was  besonders ­
  für  die  schlesischen  Fabriken  sehr  fühlbar  war.  Diese
brachten  nun  mehr  Zement  auf  den  Berliner  Markt  und  machten
auch  in  Stettin  den  dortigen  Werken  zeitweise  Konkurrenz,  um
für  das  verlorene  russische  Geschäft  Ersatz  zu  finden.  Während
des  russischen  Zollkrieges  1893  hörte  der  Absatz  ganz  auf.  Der
Absatz  nach  Österreich  wird  abgesehen  vom  Zolle,  auch  noch
durch  die  Frachtpolitik  der  österreichischen  Bahnen  beschränkt,
die  die  einheimische  Industrie  sehr  stark  begünstigt.  Für  die

1  Jahresbericht  der  Handelskammer  Oppeln  1883.
        <pb n="78" />
        74  Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.
Ausfuhr  bestehen  besonders  billige  Frachtsätze,  und  auch  im
Inlande  wird  heimischer  Zement  billiger  befördert  als  fremder.
Infolge  der  hohen  österreichischen  Frachtsätze  haben  die  schlesischen ­
  Fabriken  auch  so  gut  wie  gar  keinen  Absatz  nach  Rumänien
und  Serbien;  in  ersterem  herrscht  englischer  und  französischer
Zement  vor;  der  zur  See  billig  hingebracht  werden  kann,  in
letzterem  österreichischer.  Auch  durch  Ausfuhrprämien  hat  das
österreichische  Syndikat  zeitweise  seine  Mitglieder  instand
gesetzt,  in  Deutschland  zu  außerordentlich  billigen  Preisen  zu
verkaufen.  In  der  Schweiz  machte  neben  der  einheimischen  die
französische  Industrie  der  süddeutschen  Konkurrenz.  Diese  war
also  schon  früher  als  die  Gruppen  im  übrigen  Deutschland  vom
Auslande  bedrängt  und  hier  war  die  Gefahr  der  Einfuhr  aus
dem  Auslande,  nämlich  aus  der  Schweiz  und  Tirol  in  der  Zeit
zu  Beginn  der  90  er  Jahre  am  größten.  Daher  ertönte  schon
damals  von  Süddeutschland  her  der  Ruf  nach  einem  deutschen
Zolle  auf  Zement,  der  jedoch  von  den  übrigen  deutschen  Fabrikanten ­
  nicht  befürwortet  wurde  mit  der  Begründung,  die  Einfuhr
sei  sehr  klein,  ein  deutscher  Zoll  könne  aber  leicht  eine  Erhöhung
der  ausländischen  zur  Folge  haben,  was  die  deutsche  Industrie
in  ihrer  Ausfuhr  schwer  schädigen  würde.  Während  der  90  er
Jahre  nahm  nun  die  Entwicklung  zu  Ungunsten  Deutschlands
ihren  Fortgang.  Die  Einfuhr  wuchs,  die  Ausfuhr  nahm  verhältnismäßig ­
  ab  und  das  Verhältnis  beider  wurde  immer  schlechter.
Die  stärkste  Gründungstätigkeit  wurde  ebenso  wie  bei  uns  auch
bei  unseren  Nachbarn  Ende  der  90  er  Jahre  entwickelt.  So
bestanden  in  Russisch-Polen  1895  nur  zwei,  1899  sieben  und
Ende  1900  bereits  elf  Werke 1 ,  die  nahe  an  der  Grenze  lagen
und  teilweise  von  dem  oberschlesischen  Industriebezirk  weniger
weit  entfernt  waren  als  die  schlesischen  Fabriken.  Die  österreichische ­
  Zementindustrie  wuchs  ebenfalls  mächtig  empor;  besonders
unangenehm  war  es  für  die  Schlesier,  daß  hart  an  der  deutschen
Grenze  von  deutschem  Kapitale  zwei  Zementfabriken,  die  eine

1  Mohr,  S.  1212.
        <pb n="79" />
        Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.  75

in  Tschischltowitz  in  Böhmen,  die  andere  in  Golleschau  in
Österreichisch-Schlesien  errichtet  wurden,  die  in  erster  Linie  für
den  Absatz  nach  Deutschland  berechnet  waren.  In  den  anderen
Nachbarländern  blühte  die  Zementfabrikation  auch  immer  mehr
auf;  unter  dem  Schutze  der  hohen  Zölle  konnte  diese  Entwicklung
ungestört  vor  sich  gehen,  das  gute  Gedeihen  der  ersten  Fabriken
gab  den  Anreiz  zu  immer  weiteren  Gründungen.  Natürlich  war
in  den  letzten  Jahren  vor  der  Jahrhundertwende  die  allgemeine
wirtschaftliche  Hochkonjunktur  der  Hauptgrund  für  das  rapide
Wachsen  auch  im  Auslande,  daneben  ermutigten  auch  noch  die
sehr  guten  Erträgnisse  der  deutschen  Fabriken  zu  Neugründungen.
So  kam  es,  daß  schon  1898  die  Einfuhr  aus  Rußland  und  der
Schweiz  größer  war  als  die  Ausfuhr  dorthin;  dasselbe  trat  im
Jahre  darauf  im  Verkehr  mit  Österreich  ein,  während  früher  die
deutsche  Ausfuhr  nach  diesen  Ländern  wie  überall  hin  die
Einfuhr  bedeutend  überwogen  hatte.  Das  gilt  jedoch  nicht  für
das  Verhältnis  von  Österreich  zu  den  schlesischen  Fabriken.
Zwar  wuchs  auch  die  österreichische  Einfuhr  in  das  schlesische
Absatzgebiet,  doch  der  Versand  der  schlesischen  Werke  nach
Österreich  war  noch  bei  weitem  größer,  ging  aber  auch  zurück.
Das  Überwiegen  der  österreichischen  Einfuhr  kommt  also  auf
das  Konto  Süddeutschlands.
Die  Statistik  aus  den  Jahren  1895—1900  über  die  deutsche
Ein-  und  Ausfuhr  gibt  uns  folgendes  Bild:

Kußland 1

Österreich  2

Schweiz 3

Jahr

Einfuhr

Ausfuhr

Einfuhr

Ausfuhr

Einfuhr

Ausfuhr

Tonnen

Tonnen

Tonnen

Tonnen

Tonnen

Tonnen

1895

2674

32113

4  491

18  127

1896

—

2370

8  802

32  817

7  169

22  484

1897

120

3033

11080

30  484

10  453

19  678

1898

1672

1060

15  993

27  449

16  885

15  522

1899

2448

191

20  683

19  991

21  821

11  011

1900

3141

31

36  968

22  675

18111

6  403

1  Oppelner  Handelskammer,  Akten  über  Tarifierung  von  Zement.
2  Mohr,  S.  1210.
2  Mohr,  S.  1214.
        <pb n="80" />
        76  -Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande
Wie  wir  aus  diesen  Tabellen  ersehen,  ist  das  Zurückgehen
der  Ausfuhr  und  das  Anwachsen  der  Einfuhr  geradezn  sprunghaft
vor  sich  gegangen.  Äußerst  ungünstig  war  es,  daß  das  Überwiegen ­
  der  Einfuhr  kurz  vor  der  großen  Krise  anfing,  vielleicht
hat  es  diese  sogar  mit  verursacht.  Auch  im  Auslande  war  die
wirtschaftliche  Konjunktur  damals  schlecht,  auch  dort  herrschte
Überproduktion,  und  daher  suchten  die  ausländischen  Werke
erst  recht  viel  Zement  nach  Deutschland  zu  bringen.  Der  Kampf,
der  damals  herrschte,  wurde  dadurch  noch  schärfer  und  die
Preise  noch  schlechter,  so  schlecht,  daß  sich  die  Einfuhr  aus
dem  Auslande  schließlich  nicht  mehr  recht  lohnte.  Die  Beziehungen ­
  zu  den  Nachbarländern  waren  also  unhaltbar  geworden,
die  Preise  wurden  durch  sie  mit  unter  Druck  gehalten,  es  mußte
ein  Weg  gefunden  werden,  um  diese  Verhältnisse  zu  ändern.
Das  einzige  Mittel,  das  helfen  konnte,  waren  Vereinbarungen
mit  der  benachbarten  ausländischen  Industrie.  Begünstigt  wurden
diese  dadurch,  daß  sich  auch  im  Auslande  Kartelle  gebildet
hatten.  Durch  die  Zölle  war  die  deutsche  Zementindustrie  bei
den  Verträgen  von  vornherein  im  Nachteile.  Daher  waren  diese
auch  meist  für  die  deutschen  Fabriken  mit  großen  Opfern  verbunden. ­
  Der  Vertrag  der  schlesischen  Fabriken  mit  den  russischen
verpflichtete  die  ersteren,  ihre  Preise  in  Rußland  stets  höher  zu
stellen  als  die  dortigen  und  schränkte  dagegen  den  Absatz  der
letzteren  nach  Schlesien  ein.  Der  Absatz  nach  Rußland  hörte
nun  so  gut  wie  ganz  auf.  1902  schloß  das  schlesische  Syndikat
mit  dem  österreichischen  einen  Vertrag,  wonach  die  galizischen
und  österreichisch-schlesischen  Fabriken  auf  den  Export  nach
Schlesien  verzichteten,  wogegen  sich  das  schlesische  Syndikat
verpflichtete,  jährlich  40  000  Mk.  zu  zahlen,  nur  eine  beschränkte ­
  Menge  Zement  nach  Österreich-Ungarn  abzusetzen  und
außerdem  stets  50  h  pro  Faß  teurer  zu  sein  als  das  österreichische
Kartell 1 .  Im  nächsten  Jahre  traf  das  schlesische  Kartell  mit
der  Portland-Zementfabrik  in  Tschischkowitz  ein  Sonderab1 ­

  Jahresbericht  der  Handelskammer  Oppeln  1902.
        <pb n="81" />
        Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.  77

kommen,  weil  diese  ihm  sein  Absatzgebiet  im  Königreich  Sachsen
streitig  machte.  Danach  zahlte  das  Syndikat  an  die  genannte
Fabrik  jährlich  10000  Mk.  und  mußte  ein  bestimmtes  Quantum
für  sie  absetzen,  während  sie  den  Versand  nach  Sachsen  einstellte ­
  h  Das  süddeutsche  Syndikat  traf  1904  ebenfalls  eine
Abmachung  mit  dem  österreichischen  und  zwar  des  Inhalts,
daß  jedes  Kartell  eine  bestimmte  Menge  des  anderen  abzusetzen
hat,  wobei  der  Anteil  Österreichs  vier  mal  so  groß  festgesetzt
wurde  als  der  Süddeutschlands 1  2 .  Mit  seinem  anderen  Nachbarn,
der  Schweiz  verglich  sich  der  süddeutsche  Verband  ebenfalls;
danach  sollte  der  Absatz  in  das  fremde  Land  von  beiden  Kontrahenten ­
  eingestellt  werden  außer  bei  beiderseitigen  Rheinbauten
an  der  Grenze,  bei  denen  beide  Länder  an  der  Zementlieferung
gleichmäßig  beteiligt  sein  sollten 2 .  Auch  die  belgischen  Fabriken
haben  namentlich  in  neuerer  Zeit  in  Rheinland-Westfalen  und
Holland  den  deutschen  Werken  starke  Konkurrenz  gemacht,  was
ihnen  um  so  leichter  wurde,  als  sie  wegen  niedrigerer  Löhne
und  sozialer  Lasten  billiger  produzieren.  Auch  hier  wurde  eine
vertragliche  Regelung  notwendig,  sie  kam  1904  mit  Wirkung  ab
1905  zustande,  und  es  beteiligten  sich  daran  die  drei  Syndikate
in  Süddeutschland,  Rheinland-Westfalen  und  Belgien.  Das  letztere
stellte  seinen  Absatz  in  das  Gebiet  der  beiden  ersteren  und  aller
derer,  die  sich  diesem  gegenüber  verpflichtet  hatten,  keinen
Zement  nach  Belgien  zu  liefern,  ein  und  übernahm  den  Absatz
eines  bestimmten  Anteils  für  das  süddeutsche  und  rheinischwestfälische ­
  Syndikat.  Für  den  Absatz  in  Holland  gründeten
die  drei  Syndikate  die  Handelsgesellschaft  „Vereinigte  Deutsch-Belgische
  Zementfabriken“  mit  einer  Verkaufsstelle,  die  den
Absatz  nach  bestimmten  Prozentsätzen  auf  sie  verteilt.  Seiner
Struktur  nach  entspricht  dieses  holländische  Syndikat  den  höher
entwickelten  deutschen  Kartellen.  Ihm  traten  auch  noch  der
englische  Zementtrust,  die  Société  Anonyme  des  Ciments  Français
in  Paris  und  die  Portland-Zementwerke  in  Christiania  bei.  Es

1  Akten  der  Oppelner  Handelskammer  über  Tarifierung  von  Zement.

2  May,  S.  70.
        <pb n="82" />
        78  Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.

ist  das  erste  internationale  Kartell  auf  dem  Zementmarkte  und
vereinigte  bei  der  Gründung  alle  Produzenten  von  Portlandzement, ­
  die  für  den  holländischen  Markt  in  Betracht  kamen.
Mit  den  dänischen  Fabriken  mußte  ebenfalls  ein  Vertrag  abgeschlossen ­
  werden,  denn  während  früher  von  Stettin  aus  viel
Zement  dorthin  gebracht  wurde,  hörte  das  später  ganz  auf  und
kehrte  sich  in  das  Gegenteil  um,  weil  die  dänische  Zementindustrie ­
  stark  gewachsen  war  und  für  ihre  Überproduktion  sogar
an  der  deutschen  Ostseeküste  Absatz  suchte.  So  wurde  der
deutsche  Markt  mehr  als  vorher  belastet;  dazu  kommt  noch,  daß
die  Stettiner  Werke  seitdem  die  Mengen,  die  früher  nach  Dänemark
gingen,  im  Inlande  unterbringen  müssen.
Alle  diese  Vereinbarungen  mit  dem  Auslande  haben  zweifellos
der  deutschen  Zementindustrie  sehr  viel  Segen  gebracht.  Der
Absatz  nach  den  Nachbarländern  mit  eigener  Zementproduktion
ist  zwar  durch  sie  nicht  gefördert,  im  Gegenteil  eher  eingeschränkt
worden,  aber  eine  Überschwemmung  des  deutschen  Marktes  mit
fremder  Ware  wurde  verhindert;  an  allen  Grenzen  schützten  die
Verträge  davor.  Dadurch  wurde  erreicht,  daß  die  ausländische
Konkurrenz  die  Entwicklung  der  Konjunktur  auf  dem  Zementmarkte ­
  im  allgemeinen  und  die  der  Preise  im  besonderen  nicht
störte;  erst  jetzt  konnten  die  Kartelle  die  Marktlage  vollständig
überblicken  und  die  Produktion  demnach  einrichten.  So  haben
diese  Verträge  an  dem  Aufschwünge  der  deutschen  Portland-Zementindustrie
  in  den  Jahren  1904—1907  sicher  ihr  gut  Teil
Verdienst  gehabt.
Freilich  konnten  diese  Verträge  für  die  Dauer  nicht  Bestand
haben  oder  doch  wenigstens  ihre  volle  Wirkung  nicht  ausüben,
denn  wie  wir  gesehen  haben,  entstanden  in  Deutschland  in  guten
Zeiten  immer  wieder  neue  Fabriken  und  ebenso  war  es  in  den
Nachbarländern.  Diese  neuen  Fabriken  hüben  wie  drüben  gehörten
aber  den  alten  Syndikaten  meist  zunächst  noch  nicht  an,  waren
also  an  deren  Abmachungen  nicht  gebunden  und  machten  sie
zum  Teil  illusorisch.  Durch  die  Neugründungen  und  die  allgemeine ­
  rückgängige  Konjunktur  wurde  ebenso  wie  früher  auch
        <pb n="83" />
        Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.  79

1908  wieder  eine  Überproduktion  und  schließlich  eine  Krise
hervorgerufen.  Nun  suchten  aber  die  freien  Fabriken  auf  beiden
Seiten  erst  recht  ihre  Überproduktion  in  das  Ausland  abzustoßen,
auch  wenn  es  ohne  Gewinn  war,  so  daß  die  Verträge  überhaupt
keinen  Nutzen  mehr  brachten,  im  Gegenteile  die  gebundenen
Werke  gegenüber  den  freien  benachteiligt  waren.  So  wurden
die  Abmachungen  zum  Teil  haltlos,  um  so  mehr  als  auch  die
ausländischen  Syndikate  nicht  alle  bestehen  blieben;  das  österreichische ­
  und  schweizerische  lösten  sich  1909  auf.  Die  Folge  war
ein  wilder  Preiskampf  gegen  das  Ausland,  der  die  bestehende
Krise  noch  verschlimmerte,  auf  allen  Seiten  tiefe  Wunden  schlug
und  die  Notwendigkeit  neuer  Abmachungen  allen  klar  machte.
Es  ging  mit  diesen  ebenso  wie  mit  den  Kartellen  im  Inlande.
Erst  wenn  die  Konjunktur  anfing,  wieder  besser  zu  werden,
wenn  die  Verhältnisse  auf  beiden  Seiten  geklärt  waren,  kamen
sie  zustande.  Vor  allem  mußten  die  Kontrahenten  in  sich  einig
sein  und  durften  nicht  zu  viel  Außenseiter  haben.  So  wurde
Ende  1910  mit  den  österreichischen  und  schweizerischen  Fabriken,
nachdem  diese  sich  selbst  wieder  zusammengeschlossen  und  die
Außenseiter  aufgenommen  hatten,  die  alten  Vereinbarungen  getroffen, ­
  so  daß  heute  die  Beziehungen  Deutschlands  zu  den
Nachbarländern  auf  dem  Zementmarkte  im  allgemeinen  wieder
geregelt  sind.
Ein  sehr  scharfer  und  deshalb  sehr  unangenehmer  Konkurrent
ist  in  den  letzten  Jahren  der  deutschen  und  besonders  der
rheinisch-westfälischen  Zementindustrie  in  dem  belgischen  Naturzement ­
  erwachsen.  Dieser  ist  wegen  seiner  einfachen  Herstellung
bedeutend  billiger  als  Portlandzement,  jedoch  diesem  in  der
Qualität  nicht  ebenbürtig  und  deshalb  auch  weit  weniger  zuverlässig. ­
  Es  sind  vielfach  schlechte  Erfahrungen  mit  ihm  gemacht
worden  infolge  von  Wirkungen,  die  dann  oft  aus  Unkenntnis
der  wirklichen  Art  des  Zementes  für  Eigenschaften  des  Portlandzementes ­
  gehalten  wurden  und  so  seinen  Ruf  schädigten.  Der
belgische  Naturzement  ist  vielfach  von  gewissenlosen  Händlern
in  alte  Säcke  deutscher  Portland-Zementfabriken  verpackt  und
        <pb n="84" />
        80  Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.

als  reiner  Portlandzement  verkauft  worden,  ohne  daß  besonders
kleinere  Verbraucher,  die  nichts  von  der  Sache  verstanden,  den
Betrug  merkten.  An  der  schlechten  Lage  und  den  Absatzschwierigkeiten ­
  in  der  rheinisch-westfälischen  Zementindustrie
hat  er  viel  Schuld.  Man  ist  daher  mit  allen  Mitteln  gegen  ihn
vorgegangen,  hat  jedoch  keine  Abmachungen  mit  seinen  Produzenten ­
  getroffen,  da  man  mit  Recht  hoffen  konnte,  ihn  wegen
seiner  geringen  Qualität  auf  andere  Weise  verdrängen  zu  können.
Wegen  seiner  ungleichmäßigen  Zusammensetzung  ist  seine  Güte
stets  ganz  verschieden  gewesen.  Bisweilen  entsprach  er  den
alten  deutschen  Normen,  wofür  es  jedoch  keine  Garantie  gab;
an  den  deutschen  Portlandzement  reichte  er  inbezug  auf  Festigkeit
und  Zuverlässigkeit  nie  heran.  Daher  wurden  1908  die  deutschen
Normen  verschärft  und  die  Begriffserklärung  geändert,  so  daß
Naturzement  gesetzlich  nicht  mehr  als  Portlandzement  verkauft
werden  darf.  Das  rheinisch-westfälische  Zementsyndikat  führte
besonders  billige  Kampfmarken  gegen  ihn  ein  und  es  wurde
tatsächlich  erreicht,  daß  der  Import  zurückging.  Diese  Marken
waren  in  der  Qualität  nicht  etwa  schlechter  als  die  übrigen  des
Syndikats,  auch  wurden  sie  nur  in  den  Kampfgebieten  an  der
belgischen  Grenze  billiger  verkauft,  im  übrigen  jedoch  nicht.
Darin  sehen  wir  wieder  eine  segensreiche  Wirkung  der  Syndikate.
Durch  besondere  Kampfmarken  werden  die  Preise  im  allgemeinen
höher  gehalten;  die  betreffenden  Werke  erhalten  vom  Syndikate
dieselben  Abschlagspreise  wie  die  übrigen,  an  dem  Mindererlös
sind  also  alle  Fabriken  beteiligt.  Bei  freier  Konkurrenz  hätten
die  Preise  aller  Marken  gegen  den  belgischen  Naturzement  herabgesetzt ­
  werden  müssen.
Der  Export  deutschen  Zements  auf  dem  Kontinente  ist  also
immer  geringer  geworden  und  hat  seine  Bedeutung  für  die  Entlastung ­
  des  Inlandsmarktes  verloren.  Die  deutsche  Zementindustrie ­
  ist  sogar  heute  gezwungen,  durch  zum  Teil  sehlbeträchtliche
  Opfer  einen  allzu  großen  Import  fremden  Zements
hintanzuhalten,  trotzdem  ist  dieser,  wie  uns  Tabelle  II  zeigt,
noch  sehr  groß  und  im  Steigen  begriffen,  während  der  Ausfuhr-
        <pb n="85" />
        Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.  81

Überschuß  immer  kleiner  wird,  was  allein  auf  die  Rechnung  des
kontinentalen  Auslandes  zu  setzen  ist.  Wollte  man  die  Ausfuhr
Deutschlands  nach  europäischen  Staaten  allein  mit  der  Einfuhr
aus  diesen  vergleichen,  so  wäre  das  Verhältnis  noch  viel  schlechter
(siehe  Tabelle  II  b).
Die  ausländische  Konkurrenz  belastet  also  den  deutschen
Markt  indirekt,  indem  sie  den  deutschen  Zement  aus  dem  Auslande ­
  verdrängt,  und  direkt,  indem  sie  ihm  sein  engstes  Absatzgebiet ­
  streitig  macht.  Die  einzigen  Länder  in  Europa,  nach
denen  der  deutsche  Zementexport  wächst,  sind  Finnland  und
Holland;  beide  erzeugen  nicht  selbst  Zement  und  erheben  auch
keinen  Zoll.  Es  ist  wünschenswert,  daß  der  Staat  sich  bemüht
die  deutsche  Zementindustrie  mit  der  ausländischen  gleichzustellen.
Ein  deutscher  Schutzzoll  ist  nicht  nötig,  wenn  die  Nachbarstaaten
auch  keinen  erheben,  außerdem  aber  sollte  durch  Frachtvergünstigungen ­
  auf  den  Eisenbahnen  die  Ausfuhr  erleichtert  werden,
ebenso  wie  es  im  Auslande  geschieht.  Bei  den  bestehenden
Verhältnissen  sind  die  deutschen  Fabriken,  die  den  Export  wegen
des  bedeutenden  Hinausragens  der  Produktion  über  den  Bedarf
nicht  entbehren  können,  hierin  auf  die  überseeischen  Länder
angewiesen.
Dafür  kommen  ihrer  Lage  nach  hauptsächlich  die  am  Wasser
gelegenen  Gruppen  der  deutschen  Zementindustrie,  also  die
Stettiner,  die  unterelbischen  und  die  rheinisch-westfälischen
Werke  in  Betracht.  Letztere  haben  auf  dem  Rheine  eine  sehr
günstige  Verschiffungsgelegenheit  und  führen  ihre  Waren  großenteils ­
  über  Belgien  aus,  weshalb  die  deutsche  Einfuhr  in  dieses
Land,  wie  schon  einmal  betont,  vielfach  nur  Durchgangsgut  ist.
Die  Stettiner  Fabriken  haben  trotz  ihrer  Lage  an  der  See  keinen
großen  Anteil  am  Export  über  den  Ozean,  weil  ihnen  schon  von
jeher  genügende  Schiffsverbindungen  gefehlt  haben.  Man  muß
hierbei  beachten,  daß  Zement  häufig  als  Schwergut  verfrachtet
wird  und  als  solches  auch  sehr  beliebt  ist.  Vielfach  wird  es
auch  von  Schiffen,  die  andere  Ware  gebracht  haben  als  Ladung
für  den  Rückweg  genommen,  wodurch  sich  die  Fracht  ebenfalls
Madelung,  Entwicklung  der  Deutschen  Portland-Zementindustrie.  6
        <pb n="86" />
        1  Mohr,  S.  124.

82  Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.
billiger  stellt.  Wollte  man  ihn  auf  besonderen  Schiffen  verschicken, ­
  so  würde  das  zu  teuer  sein.
Vor  20—25  Jahren  beherrschte  der  englische  Zement  den
überseeischen  Markt.  Durch  die  gute  Qualität  der  deutschen
Ware  und  die  rastlosen  Bemühungen  der  deutschen  Fabrikanten
ist  es  diesen  jedoch  gelungen,  große  Erfolge  im  überseeischen
Handel  zu  erzielen  und  die  Engländer  immer  mehr  zu  verdrängen,
so  z.  B.  aus  Amerika,  Südafrika  und  Australien.  In  letzter  Zeit
jedoch,  zum  Teil  schon  seit  1900,  haben  sich  die  Verhältnisse
wieder  verschlechtert,  wie  wir  im  folgenden  sehen  werden,  und
die  deutschen  Werke  mußten  sich  immer  wieder  neue  Absatzgebiete ­
  erobern.
Die  Hauptabnehmer  Deutschlands  in  den  überseeischen
Ländern  sind  stets  die  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika
gewesen  ;  doch  hat  auch  hier  ebenso  wie  auf  dem  Festlande  die
aufblühende  einheimische  Industrie  die  fremde  Ware  immer  mehr
verdrängt.  Die  amerikanische  Portland-Zementindustrie  ist  erst
ziemlich  spät  entstanden.  Zwar  wurde  schon  1865  eine  Zementfabrik ­
  gegründet,  doch  stellte  sie  nur  den  sogen,  natural  cernent
her,  der  nur  ein  hydraulischer  Kalk  war 1 .  Erst  in  den  90  er
Jahren  setzte  eine  starke  Gründungstätigkeit  ein,  besonders  gegen
Ende  des  Jahrzehnts.  Die  Produktion  stieg  von  1895—1900  von
1,00  auf  8,5  Mill.  Faß  (Tabelle  II  b).  Ganz  außerordentlich  rasch
blühte  die  Zementindustrie  in  den  letzten  zehn  Jahren  auf,  so
daß  ihre  Produktion  1910  bereits  73  Mill.  Faß  betrug.  Die
Vereinigten  Staaten  erheben  einen  Zoll  von  0,672  Mk.  pro  100  kg
Zement.  Der  größte  Teil  der  Einfuhr  kommt  aus  Deutschland,
nach  diesem  aus  Belgien.  Gemäß  der  ungeheuren  Zunahme  der
Produktion  in  den  Vereinigten  Staaten  ist  die  Einfuhr  immer
mehr  zurückgegangen.  Freilich  ist  der  Verbrauch  dort  auch
enorm  gestiegen,  aber  doch  nicht  in  demselben  Maße.  Im  Jahre
1902  erreichte  die  deutsche  Einfuhr  beinahe  wieder  die  alte  Höhe
infolge  eines  unerwartet  großen  Bedarfes,  der  durch  große
        <pb n="87" />
        Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.  83

1  Hensel,  S.  11.
6*

Arbeiten  zur  Verbesserung  der  Eisenbahnstrecken  und  durch  den
Bau  der  New-Yorker  Untergrundbahn  hervorgerufen  wurde.  Die
amerikanischen  Fabriken  hatten  einen  großen  Teil  ihrer  Produktion ­
  schon  vorher  verkauft,  so  daß  viel  importiert  werden
mußte.  Doch  hörte  die  große  Nachfrage  bald  wieder  auf  und
die  Einfuhr  sank  wieder.  Ein  ansehnlicher  deutscher  Export
war  nur  noch  über  die  südlichen  Häfen  und  die  an  der  Pacific-Küste
  möglich,  weil  es  dort  noch  wenig  Zementfabriken  gab  und
die  Fracht  auf  den  amerikanischen  Eisenbahnen  zu  teuer  war.
Ein  gutes  Geschäft  brachte  noch  das  Jahr  1906  durch  das  Erdbeben ­
  in  San  Franzisco.  Für  den  Wiederaufbau  wurden  sehr
große  Mengen  Zement  gebraucht,  die  die  amerikanischen  Fabriken
nicht  liefern  konnten.  Das  sind  aber  Ausnahmefälle  gewesen
und  auch  sie  haben  die  Einfuhr  nicht  auf  die  alte  Höhe  zu
bringen  vermocht;  die  Tatsache  bleibt  bestehen,  daß  der  Verbrauch ­
  deutschen  Zements  in  den  Vereinigten  Staaten  von
1900—1910  um  ca.  93,04  °/o  gefallen  ist,  und  man  muß  daher
befürchten,  daß  in  nicht  allzu  langer  Zeit  der  deutsche  Zementexport ­
  nach  Nordamerika  ganz  aufgehört  haben  wird.  Außer
auf  dem  eigenen  Markte  macht  uns  die  nord-amerikanische  Zementindustrie ­
  auch  als  Exporteur  Konkurrenz.  Ihre  Ausfuhr  betrug
1908  ca.  500000  Faß,  1910  schon  2475  957  Faß 1 .
Um  von  der  außerordentlich  starken  Zunahme  des  Zementverbrauchs ­
  in  Nordamerika  mit  profitieren  zu  können  und  einen
gewissen  Ersatz  für  den  Ausfall  bei  der  Einfuhr  aus  Deutschland
zu  haben,  haben  zwei  deutsche  Portland-Zementwerke,  die  vornehmlich ­
  an  der  Ausfuhr  beteiligt  waren,  in  den  Vereinigten
Staaten  selbst  Portland-Zementfabriken  errichtet,  bezw.  sich
daran  beteiligt.  1899  gründeten  die  Alsenschen  Portland-Zementfabriken ­
  in  Hamburg  die  Firma  Alsens  American  Portland-Zement-Works,
  die  bis  1907  keine  Dividende  zahlte.  In  diesem  Jahre
wurde  sie  umgebaut  und  ging  in  den  Besitz  der  neu  gegründeten
Aktiengesellschaft  Alsens  American  Portland-Zement-Works  of
        <pb n="88" />
        84  Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.

New-York  über.  Das  Aktienkapital  dieser  Gesellschaft  beträgt
$  1200  000  prefered  und  ebenso  viel  commonshares.  Davon  besitzt
die  Hamburger  Gesellschaft  je  $  1160000.  Außerdem  hat  sie  noch
150000  5%  first  Mortage  Bonds  übernommen,  während  ebensoviel
anderweitig  begeben  wurden.  Die  Produktionsfähigkeit  der
amerikanischen  Fabrik  beträgt  zirka  9000000  Faß.  Im  ersten
Geschäftsjahre  arbeitete  die  neue  Gesellschaft  noch  mit  Verlust,
konnte  jedoch  in  den  folgenden  Jahren  1908/09  und  1909/10  die
Abschreibungen  verdienen;  die  Aussichten  für  die  Zukunft  sind
günstig 1 .  Ferner  wurde  ebenfalls  1899  in  La  Salle  im  Staate
Illinois  unter  der  Firma  German-American-Portland-Zement-Works
eine  Portland-Zementfabrik  mit  einem  Kapitale  von  $  450000
errichtet,  wovon  nur  $  60  000  in  Amerika,  der  Rest  in
Deutschland  begeben  wurden.  Die  Portland-Zementfabrik
Hemmoor  a.  d.  Oste  beteiligte  sich  daran  mit  $  250  000  und  übernahm ­
  außerdem  noch  Mortage  Bonds.  Die  Anlage  war  ursprünglich ­
  auf  300  000  Faß  Produktionsfähigkeit  berechnet,  ist
jedoch  inzwischen  auf  zirka  600000  Faß  vergrößert  worden.
Diese  Gesellschaft  konnte  weit  bessere  Resultate  erzielen  als  die
Alsensche.  Schon  1903  zahlte  sie  4%  Dividende,  arbeitete  im
nächsten  Jahre  allerdings  mit  Verlust,  wurde  jedoch  reorganisiert
und  brachte  in  der  darauffolgenden  Zeit  recht  gute  Gewinne.
Wie  wir  sehen,  ist  das  Kapital  dieser  beiden  Werke  zum
weitaus  größten  Teile  in  deutschem  Besitz  und  haben  die  beiden
deutschen  Fabriken  einen  durchaus  bestimmenden  Einfluß  auf  sie.
Wenn  auch  ihre  Produktionsfähigkeit  für  deutsche  Verhältnisse
recht  bedeutend  ist,  so  ist  sie  doch  im  Vergleiche  mit  der  amerikanischen ­
  Gesamtproduktion  verschwindend  klein,  weshalb  durch
die  beiden  Werke  auf  diese  ein  merklicher  Einfluß  nicht  ausgeübt
werden  kann.  Immerhin  machen  sie  den  dortigen  Fabriken
Konkurrenz  und,  wie  die  Ergebnisse  besonders  des  German-American-Portland-Zement-Works
  zeigen,  auch  mit  Erfolg.  Für
die  beiden  beteiligten  deutschen  Fabriken  bedeuten  sie  einen

1  Handbuch  der  deutschen  Aktiengesellschaften  1911/12.
        <pb n="89" />
        Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.  85
gewissen  Ersatz  für  das  großenteils  verloren  gegangene  amerikanische ­
  Geschäft,  und  wenn  noch  mehr  deutsche  Werke  ihrem
Beispiele  gefolgt  wären,  so  könnte  dadurch  dieser  Ersatz  für
die  deutsche  Portland-Zementindustrie  überhaupt  geschaffen
werden.
Außer  nach  den  Vereinigten  Staaten  wird  auch  noch  nach
den  übrigen  amerikanischen  Ländern  viel  deutscher  Zement
verschickt,  doch  macht  sich  gerade  in  letzter  Zeit  auch  hier  die
Konkurrenz  der  Union  empfindlich  bemerkbar.  So  haben  Mexiko
und  besonders  die  dortigen  Eisenbahnen  früher  viel  deutschen
Zement  verbraucht,  heute  ist  die  Menge  schon  bedeutend  kleiner
geworden,  da  Mexiko  selbst  Zement  produziert  und  außerdem
die  Fabriken  Nordamerikas  durch  die  dortigen  Banken,  wenn  sie
als  Geldgeber  der  mexikanischen  Eisenbahnen  auftreten,  unterstützt ­
  werden.  Südamerika  importiert  ebenfalls  viel  Zement  von
Deutschland,  und  unsere  Fabriken  sind  eifrig  bemüht,  den  Absatz
dorthin  zu  vergrößern,  wobei  sie  jedoch  auch  wieder  schwer  mit
den  Vereinigten  Staaten  zu  kämpfen  haben.  In  Brasilien  haben
diese  in  letzter  Zeit  eine  Zollermäßigung  von  20  °/o 1  durchgesetzt;
die  deutsche  Einfuhr  dorthin  war  stetig  gewachsen  und  ist  auch
heute  noch  von  Bedeutung,  hat  jedoch  durch  diesen  Verzugszoll
in  letzter  Zeit  abgenommen  und  es  steht  zu  befürchten,  daß  wir
dieses  Absatzgebiet  ganz  verlieren  werden.
In  Argentinien  sind  zwei  große  Zementfabriken  im  Bau  und
in  Chile  bestehen  schon  mehrere,  so  daß  für  den  deutschen  Export
nach  diesen  Ländern  nicht  mehr  viel  zu  erhoffen  ist.  Cuba  geht
uns  ebenfalls  infolge  der  nordamerikanischen  Konkurrenz  immer
mehr  verloren,  weil  diese  zollfrei  importieren  kann,  während  auf
dem  deutschen  Zement  ein  Zoll  von  25°/o 1  2  lastet.
Der  Export  nach  den  englischen  Kolonien,  der  früher  dank
der  guten  Qualität  der  deutschen  Ware  zum  Teil  recht  bedeutend
war,  geht  auch  allmählich  ganz  zurück,  weil  sie  Schutzzölle  eingeführt ­
  haben,  dabei  aber  ihr  Mutterland  begünstigen  und  weil

1  Hensel,  S.  12.
2  Hensel,  S.  14.
        <pb n="90" />
        86  Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.

1  Hensel,  S.  14.

in  ihnen  selbst  Zementfabriken  entstanden  sind.  Nach  Kanada
hat  die  deutsche  Ausfuhr  seit  dem  Zollkriege  ganz  aufgehört.
Der  Zoll  beträgt  für  das  Normalfaß  4  sh.,  für  englischen  Zement
3  sh.  Die  dortige  Zementproduktion  ist  von  1903—1909  von  0,6
auf  4  Millionen  Faß  gestiegen.  Australien  war  früher  ein  gutes
Absatzgebiet  für  deutschen  Zement.  Die  dortige  Industrie  jedoch,
die  in  den  letzten  10  Jahren  entstanden  ist  und  einen  hohen
Zollschutz  genießt,  hat  die  deutsche  Ausfuhr  stark  vermindert.
Besser  liegen  die  Verhältnisse  in  Britisch-Lndien.  Hier  wird  zu
Regierungsbauten  allerdings  nur  englischer  Zement  verwendet,
die  Privaten  beziehen  jedoch  viel  deutschen.  Dagegen  ist  der
Verbrauch  deutschen  Zements  in  Südafrika  merklich  zurückgegangen. ­
  Das  liegt  zunächst  daran,  daß  der  Bedarf  überhaupt
infolge  der  schlechten  wirtschaftlichen  Verhältnisse  kurz  nach
dem  Burenkriege  vorübergehend  kleiner  geworden  ist,  ferner
daran,  daß  in  Transvaal  selbst  eine  Zementfabrik  entstanden  ist,
und  daß  englischer  Zement  mit  1  sh.  Zoll  eingeführt  wird,
während  auf  deutschem  1  sh.  3  p.  lasten  L  In  Ägypten  wird  zwar
der  größte  Teil  des  Zementbedarfs  durch  England  und  Belgien
gedeckt,  doch  ist  die  deutsche  Einfuhr  stark  im  Steigen  begriffen;
so  daß  dieses  Land  ein  günstiges  Ausfuhrgebiet  genannt
■werden  kann.
China  und  Japan,  die  vor  nicht  noch  allzu  langer  Zeit  als
Absatzgebiete  gewonnen  wurden,  bieten  für  die  Zukunft  keine
guten  Aussichten.  In  beiden  Ländern  sind  eine  Anzahl  Zementfabriken ­
  errichtet  worden  resp.  im  Bau  begriffen,  die  den  europäischen ­
  Zement  wohl  ganz  verdrängen  werden.
Ein  gutes  Absatzgebiet  ist  Niederländisch-Indien.  Der  Verbrauch ­
  steigt  und  wird  zum  größten  Teile  aus  Deutschland  gedeckt.
An  der  Zementeinfuhr  nach  Sumatra  und  Java  hatte  die  deutsche
Industrie  bisher  ebenfalls  großen  Anteil,  doch  sind  jetzt  dort
selbst  Zementfabriken  entstanden,  die  der  Einfuhr  wohl  Abbruch
tun  werden.
        <pb n="91" />
        Die  deutsche  Portland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.  87

In  unseren  eigenen  Kolonien  ist  unserer  Zementindustrie  in
den  letzten  Jahren  ein  aussichtsreiches  Absatzgebiet  entstanden.
Der  Bedarf  ist  zwar  heute  noch  nicht  groß,  steigt  aber  stetig.
Die  Aussichten  der  deutschen  Portland-Zementindustrie  auf
dem  Exportmarkte  sind  also  nicht  gerade  besonders  rosig.  Viele
früher  gute  Absatzgebiete  sind  ihr  wenigstens  zum  Teile  verloren
gegangen.  Der  Grund  dafür  liegt  überall  in  erster  Linie  in  dem
Entstehen  einer  heimischen  Zementindustrie,  auf  dem  Festlande
sowohl  wie  in  den  überseeischen  Ländern.  Die  deutschen  Fabriken
werden  also  sehr  viel  Mühe  aufwenden  und  mit  sehr  viel
Schwierigkeiten  kämpfen  müssen,  um  ihrem  Produkte  immer
wieder  neue  Absatzgebiete  zu  verschaffen,  denn  der  Export  ist
für  sie  heute  eine  Lebensfrage.  Der  Inlandsmarkt  ist  schon  allzu
sehr  belastet,  und  je  weniger  günstig  die  Ausfuhrverhältnisse
liegen,  desto  dringender  ist  die  Notwendigkeit  des  Zusammengehens ­
  der  deutschen  Fabriken.  So  gehört  die  deutsche  Portland-Zementindustrie
  heute  zu  denjenigen,  deren  Gedeihen  sich  ohne
eine  straffe,  weitverzweigte  und  vollständige  Kartellorganisation
nicht  mehr  denken  läßt,  da  nur  durch  sie  die  Produktion  genügend ­
  eingeschränkt,  die  Konkurrenz  der  Nachbarländer  einigermaßen ­
  abgewehrt  und  eine  Preispolitik  erreicht  werden  kann,
die  keinen  allzu  großen  Reiz  zu  Neugründungen  gibt.  Es  ist  zu
wünschen,  daß  eine  solche  Organisation  stets  vorhanden  sein  und
ihren  Aufgaben  voll  und  ganz  gerecht  werden  wird,  und  daß
ferner  das  deutsche  Kapital  einsichtig  genug  sein  wird,  sich  nicht
immer,  wenn  ein  paarmal  gute  Erfolge  im  Zementgewerbe  erzielt
worden  sind,  gleich  auf  die  Errichtung  neuer  Fabriken  zu  werfen,
wofür  heute  durchaus  kein  Bedürfnis  besteht.
        <pb n="92" />
        88

Literaturverzeichnis.
Prof.  F.  W.  Büsing  und  Dr.  C.  Schumann:  Der  deutsche  Portlandzement
und  seine  Anwendungen  im  Bauwesen.  Berlin  1899.
Edmund  Heysinger  von  Waldegg:  Die  Kalkbrennerei  und  Zementfabrikation ­
  Leipzig,  1903.
Schoch:  Die  moderne  Aufbereitung  der  Mörtelmaterialien,  Berlin  1904.
Goslich:  Geschichte  der  Stettiner  Portland-Zementfabrik  1855—1905.
Dr.  May:  Die  bayerische  Zementindustrie.
Mohr:  Die  deutsche  Zementindustrie,  Schmoller,  Jahrbuch  1902.
Friedrich:  Schlesiens  Industrie  unter  dem  Einflüsse  der  Kaprivischen  Handelspolitik ­
  1899—1900,  Berlin  1902.
Hirschfeld:  Hannovers  Großindustrie  und  Großhandel.
W.  Hensel:  Die  Notwendigkeit  eines  deutschen  Schutzzolles  für  Zement,
Berlin  1911.
Jahresberichte  der  Handelskammern  Oppeln,  München,  Stuttgart,  Württemberg, ­
  Berlin,  Cöln,  Halle,  Halberstadt,  Stettin,  Hannover,  Heidelberg,
Offenbach,  Osnabrück,  Bonn,  Bielefeld,  Mühlheim  a.  Ehein,  Mühlheim  a.  d.
Euhr,  Münster,  Mainz,  Mannheim,  Metz,  Altona,  Lüneburg,  Wetzlar.
Jahresberichte  der  Ältesten  der  Kaufmannschaft  zu  Berlin.
Jahresberichte  der  Vorsteher  der  Kaufmannschaft  zu  Stettin.
Das  deutsche  Wirtschaftsjahr  1883—1888.
Akten  der  Oppelner  Handelskammer  über  Tarifierung  von  Zement.
Handbuch  der  deutschen  Aktiengesellschaften.
Denkschrift  über  das  Kartellwesen,  herausg.  vom  Keichsamt  des  Innern,  1905.
Protokolle  des  Vereins  deutscher  Zement-Fabrikanten.
Tonindustriezeitung,  Jahrgang  1901—1911.
Dr.  S.  Tschierschky,  Kartellrundschau.
        <pb n="93" />
        Tabellen  I,  II,

89

Tabelle  I.
Anzahl  (1er  Fabriken  des  Vereins  deutscher  Portland-Zementfabrikanten,
  ihr  Versand  und  ihre  Produktionsfähigkeit  in  Millionen
Faß  ii  170  kg  netto.

Jahr

Anzahl

Versand

Produktionsfähigkeit


Jahr

Anzahl

Versand

Produktionsfähigkeit ­


1885

■42

3,65

4,0

1898

82

13,5

14,9

1886

48

4,35

4,6

1899

86

16,2

19,5

1887

48

5,0

6,0

1900

88

18,5

23,0

1888

52

6,5

7,5

1901

93

21,9

25,5

1889

63

7,4

8,6

1902

96

20,8

25,8

1890

70

8,5

9,9

1903

96

19,4

26,0

1891

76

8,9

10,5

1904

94

20,0

26,4

1892

79

9,9

11,0

1905

93

21,1

27,4

1893

80

10,0

12,0

1906

91

23,1

30,0

1894

82

10,2

12,5

1907

87

24,6

32,4

1895

78

11,4

13,5

1908

85

26,2

36,0

1896

81

11,9

14,1

1909

89

27,9

38,0

1897

81

12,6

14,5

&amp;lt;

Tabelle  II.
Ein-  und  Ausfuhr  von  Portlandzement  in  Normalfaß  a  170  kg  netto
1885—1909.

Jahr

Einfuhr

Ausfuhr

Ausfuhr
mehr

Jahr

Einfuhr

Ausfuhr

Ausfuhr
mehr

1885

238  642

2  033  135

1  794  493

1898

326  582

3  245  553

2  918  971

1886

205  794

2152  441

1  946  648

1899

372  870

3  413  265

3  040  395

1887

226  077

2  346  960

2  120  883

1900

466488

3  531  683

3  065  195

1888

265  370

2  120  690

1  855  320

1901

513  306

3297  420

2  784  114

1889

195  347

1  920  630

1  725  283

1902

305  988

4  116  106

3  810  118

1890

124  800

2  329  682

2  204  882

1903

293  353

4  366  947

4  073  594

1891

112  900

2  285  041

2  172  141

1904

354  047

3  736  753

3  382  706

1892

133  841

2  542  070

2  408  229

1905

871270

3  974  708

3103  438

1893

157  965

2  493  482

2  335  517

1906

1  253  900

3  863  277

2  609  377

1894

146  253

2  390  406

2  244  153

1907

1  420  088

4  077  458

2  657  370

1895

160  888

2  771318

2  610430

1908

991  201

3110  864

2119  663

1896

190541

2  813  765

2  623  224

1909

1  318  695

3  600  119

2  281  424

1897

249  200

3  085  630

2  836  430
        <pb n="94" />
        90

Tabellen  II  a,  II  b.

Tabelle  Ha.
Ausfuhr  von  deutschem  Zement  und  Einfuhr  aus  Europa  nach
Deutschland  in  Millionen  Faß.

Jahr

Euj
Ausfuhr ­


•opa
Einfuhr ­


Vereinigte ­

Staaten

Brasilien ­


Argentinien ­


Chile

Mixiko

Australien,
Afrika,
Asien

1895

0,62

0,17

1,48

0,12

0,55

1896

0,72

0,19

1,16

0,17

—

—

0,76

1897

0,83

0,25

1,12

0,14

—

—

—

1,005

1898

1,09

0,33

1,13

0,09

0,04

—

'

0,89

1899

0,98

0,37

1,33

0,10

0,05

—

—

0,975

1900

1,0

0,47

1,15

0,12

0,07

—

—

1,185

1901

1,12

0,51

0,65

0,09

0,01

—

—

1,35

1902

1,38

0,31

1,45

0,11

0,02

0,06

0,05

1,06

1903

1,55

0,29

1,31

0,18

0,06

0,07

0,08

1,13

1904

1,67

0,36

0,56

0,25

0,04

0,09

0,06

1,07

1905

1.66

0,88

0,81

0,28

0.03

0,15

0,16

0,88

1906

1,55

1,38

0,83

0,37

0,07

0,18

0,31

0,58

1907

1,24

1,42

0,48

0,43

0,15

0,29

0,30

1,195

1908

1,29

0,99

0,18

0,49

0,08

0,20

0,23

0,62

1909

1,44

1,32

0,20

0,53

0,13

0,35

0,25

0,68

1910

1,86

1,41

0,08

0,54

0,22

0,25

0,35

0,98

Tabelle  Ilb.
Produktion  YQn  Portlandzement  in  den  Vereinigten
Staaten.

Jahr

Millionen  Faß

Jahr

Millionen  Faß

1885

0,15

1898

3,70

1886

0,15

1899

5,60

1887

0,25

1900

8,50

1888

0,25

1901

12,80

1889

0,30

1902

17,15

1890

0,33

1903

22,30

1891

0,45

1904

26,40

1892

0,55

1905

35,15

1893

0,60

1906

46,50

1894

0,80

1907

48,90

1895

1,00

1908

51,00

1896

1,55

1909

61,15

1897

2,76

1910

73,00
        <pb n="95" />
        Tabelle  Illb.

COiOCOiOCÜCOCOtDCDcDCDOOuOOOOOOO
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OCDG0-ia5  0'rf^C0WMOcDG0-J02  0(

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Schles.A.-G.Portl.-Zem.-Fabrikat.,

Groschowitz

MMMMM  ‘l-j
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Oberschles.  Porti.-Zem.-Fabrik,

Oppeln

(—*1—‘  1—i  t—'1  (—‘  1— 11
COCnOi^rf^COCDOlCOCO^ltOCCH-iO-CI
to'  to'

Oppelner  Porti.-Zem.-Fabr.
  vorm.
Grundmann,
Oppeln

&amp;gt;—*  &amp;gt;—*  1—‘  HHM
MrfviDtOOOCOCßtMOtOOlCOCOOCJDOT
to'  to'

Porti.  -Zem.  -Fahr,
vorm.  A.  Giesel,
Oppeln

t—l  1— 1  »—l  (—1  H- 1
•JOiCDMMh-iiD-JütücjMOOOOO-d

Schimischower
Porti.-Zem.-,  Kalku.
  Ziegelwerke

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CD

Or  Cn  CO  CO  £  COOr  rfs-^  rf*-^  ^  1  I  1

Oberschles.  Porti.-Zem.-
  u.  Kalkwerke, ­
  A.-G.,
Gr.-Strehlitz

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Gogolin-  Gorasdzer
Kalk-  u.  Zementwerke, ­
  A.-G.,
Breslau

O
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^oool  INI  IJJJJ  1

„Silesia“,  Neue
Oppelner  Porti.-Zem.-Fabr.,
  A.-G.,
Oppeln

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CD

oooo!tII11111II1

Portl.-Zem.-Fabr.
„Stadt  Oppeln“,
A.-G.,  Oppeln

oooI  1  1  1  il  1  1  II  1  11

Oppeln-Frauendorfer ­
  Portl.-Zem.-Fabr.,
  A.-G.,  Frauendorf, ­
  Krs.  Oppeln

©0(^^0000  II  1  II  !

Niederschles.
Portl.-Zem.-Fabr.,
A.-G.,  Neukirch

Tabelle  lila.
Dividenden  der  Aktiengesellschaften  in  der  Portland  -  Zementindustrie ­
  in  Prozenten  1895—1910.
        <pb n="96" />
        t— 4  t—i  1—»  ►— 1  »—*•  »—*  1—»  t—i‘MHh*  K-1|— 4  t— 4  M-i
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Jahr

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Hannoversche
Porti.-Zem.-Fahr.,
A.-G.,  Hannover

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CO  00  CO  CO  00  C005rf*.rf*C000000000CHO

Yorwoliler  Portl.-Zem.-Fabrik,

Plank  &amp;amp;  Co.,
Hannover

►— 4
O  CO  Cn  -j  o  o  00000^000000

Braunschweiger
Portl.-Zem.-Fabr.,
Salder

&amp;gt;— 4  ‘  tO  CO  &amp;gt;— 4  h- 4  II
cn  O  O  O  O  Or  OOOrf^OHCDOO  1  !

„Teutonia“,
Misburger  Porti.-Zem.-Werk,

Hannover

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05  O  O  05  00  O  00000*0^*JCÜ  I
-t?  -  1
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Portl.-Zem.-Fabr.
„Kronsberg“,
Misburg

1— 1  1  l— 1
05  00  Ot  05  CO  CD  O'^OOOlOl  |

Norddeutsche
Portl.-Zem.-Fabr.,
Misburg

OOCCntOCDtOCOOOl  O  O  O  O  O  Cu  Cn  1  1  1  |

Portl.-Zem.-Fabr.
„Germania“,  A.-G.,
Lehrte

O  Oi  ooioaocooojOOOOCO  |  |  |  |  |

Wunstorfer
Portl.-Zem.-Werke,
  A.-G.,
Wunstorf

o  o  1  1  1  1  II  1  1  II  1  II  1

Portl.-Zem.-Fabr.
„Alemannia* 4 ,
A.-G.,  Hoever

ooool  1  MIMIMI!

Portl.-Zem.-Fabr.
„Drachenberg“,
A.-G.,  Walbeck

Hannoversche  Gruppe

Tabelle  Ilici.

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Hamburg

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Breitenburger
Porti.-Zem.-Fabrik,
  Lägerdorf ­


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Cni^ib'OOOOOOOOOiOiMOJi^
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Porti.-Zem.-Fabrik,

Hemmoor  a.  d.
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Porti.-Zem.-Fabrik
  vorm.
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Lüneburg

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Portl.-Zem.-Fabrik

„Saturn“,
Hamburg

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Lägerdorfer
Porti.-Zem.-Fabrik,

Hamburg

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Tabellen  IIIc,  Ilici.
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        Tabelle  Ille.
        <pb n="98" />
        ЛИ  вцэч*х

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1895
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1899
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Beckum  i.  W.

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A.-G.  für  Rhein.-Westf.  Zem.-Ind.,
  Beckum  i.  W.

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Portl.-Zem.-  u.  Wasserkalkwerke ­
  „Mark“,  A.-G.,
Neubeckum  i.  W.

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Portl.-Zem.-  u.  Kalkwerke
„Anna“,  A.-G.,  Neubeckum

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  u.  Wasserkalk-Fabrikation, ­
  Finnigerloh

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Portl.-Zem.-Werke
„Rhenania“,  A.-G-,  Ennigerloh
b.  Beckum

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Portl.-Zem.-Werke  „Union“,
Ennigerloh

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Lüdenscheider  Portl.-Zem.-Fahr.
  Brügge,  Brünne  i.  W.

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Wickingsche  Portl.-Zem.-  u.
Wasserkalkwerke,  Recklinghausen ­


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Lengericher  Portl.-Zem.-  u.
Kalkwerke,  Münster  i.  W.

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Bürener  Portl.-Zem.-Werke,
A.-G.,  Büren  i.  W.

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  Portl.-Zem.-Werke,
Geseke  i.  W.

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Geseker  Kalk-  u.  Zem.-Werke
..Monopol“,  A.-G.,  Geseke  i.  W.

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Bremer  Portl.-Zem.-Fahr.
„Porta“,  Bremen

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Portl.-Zem.-Fahr.  „Westerwald“, ­
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A.-G.,  Höxtersche  Portl.-Zem.-Fahr.
  vorm.  I.  H.  Eichwald
Söhne.  Höxter

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Porti.-Zem.-Werk  Höxter-Godelheim,
  A.-G.,  Höxter

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Cem.-u.  Kalkwerke  „Bestwig“,
A.-G.,  Bestwig

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Weseler  Portl.-Zem.-  u.  Tonwerke, ­
  Wesel

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Bonner  Bergwerks-  u.  Hüttenverein, ­
  Zem.-Fahr.,  Obercassel

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Portland-Zement-Werk,
Ruhrort

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Snnigerloher  Portl.-Zem.-  u.
ECalkwerke  Grimberg  u.  Rosenstein, ­
  A.-G.,  Bochum

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Rhein.  Porti.-Zem.-Werke,
Köln  a.  Rh.

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1903

1902

1901

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Schifferdecker  und
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A.-G.,  Heidelberg

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Porti.-Zem.-Fabr.
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vorm.  C.  Krebs,Niederingelheim ­
  a.  Rh.

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Porti.-Zem.-Fabr.
„Karlstadt“,  vorm.
L.  Roth,  Karlstadt  a.  M.

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  A.-G.,
Offenbach  a.  M.

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Rombach,  A.-G.

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Süddeutsche  Zem.-Werke,
  A.-G.,  Neunkirchen ­


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  A.-G.,  Saarburg

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Lothringer  Portl.-Zem.-Werke

Diesdorf  i.  Lothr.

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Württemberg.  Porti.-Zem.-Werk

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Süddeutsches  Porti.-Zem.-Werk,
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Zem.-Werk  Diedesheim-Neckarelz,
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Diedesheim

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Zem.-Werke,  Stuttgart

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Portl.-Zem.-Fabr.
Blaubeuren,  Gebr.
Spohn,  A.-G.,  Blaubeuren ­


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Porti.-Zem.-Fabrik
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Porti.-Zem.-Fabrik
„Berching“,  A.-G.,
Berching

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Bayrisches  Porti.-Zem.-Werk
  „Marienstein“, ­
  A.-G.,  München

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Porti.-Zem  .-Werke
„Roland“,  Beckum

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1

1

1

1

1

1

1

1

1

1

„Anneliese“,  Porti.-Zem.-
  u.  Wasserkalkwerke, ­
  A.-G.,
Ennigerloh

©
hi
©  K— 1  M.

Cr

©

1

1

1

1

1

1

1

1

1

1

1

1

1

Neubeckumer  Portl.-Zem.-
  u.  Wasserkalkwerke ­
  „Zollern“  A.-G.,
Neubeckum

©

Tabelle  III
        <pb n="100" />
        96

Tabellen  IV,  V.

Ta-Anzalil

  mul  Dividenden  der  deutschen  Portland-Stettiner


Gruppe

Schlesische
Gruppe

u

Ó

davon  °lo

6

davon

°/o

cö
*-3

|  Zahl  der  A.

1
o

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1
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CO

nd
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CM
1
1—4

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CM
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Cs2

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nd
o
CM
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1—4

O
CM
U
o

I  Zahl  der  A.-1895



e

1

2

1

2

5

1

4

ï

1896

6

1

1

2

2

—

5

—

—

4

1

ï

1897

6

1

1

2

1

1

5

2

3

ï

1898

g

1

1

1

1

2

6

—

1

1

4

ï

1899

6

1

1

—

2

2

7

—

1

1

5

ï

1900

6

1

2

1

2

—

7

1

5

1

ï

1901

6

3

—

2

1

—

7

5

2

ï

1902

6

2

1

3

—

—

7

5

2

ï

1903

6

2

1

2

1

—

8

1

3

4

ï

1904

6

2

2

1

1

—

8

1

—

6

1

ï

1905

5

1

1

2

1

—

8

1

—

1

6

ï

1906

5

1

1

2

1

—

9

2

7

ï

1907

5

1

1

2

1

—

10

2

1

1

6

ï

1908

5

2

—

1

2

—

11

3

1

5

2

ï

1909

5

2

1

—

2

—

11

3

5

ft

1

ï

1910

5

3

1

1

11

3

6

1

1

ï

Berliner
Gruppe

davon  %
Dividende

Mitteldeutsche
Gruppe

ira
°!  !

davon  °/o
Dividende

Unterelbische
Gruppe

davon  °/o
Dividende

1  Vorzugsaktien.  2  Bei  1  A.-G.  Vorzugsaktien.

Tabelle  V.
Das  Ergebnis  der  Jahre  1900—1902  bei  68  deutschen  Portland.
Zeiuentfabrik-Aktiengesellschafteu.

Name  der
Aktiengesellschaft

Bürener  Portl.-Zem.-Fabr.
Union,  Ennigerloh.  .  .  .
Gößnitz
Westerwald,  Haiger.  .  .
Lägerdorfer  P.-Z.-F.,  Ham
bürg

Aktienkapital ­


Anleihe  in
Millionen
Mark

'  1900  g

.1  T06X

de
CM
o
05
T—4

In
Gewinn

1902
V  erlust

1A

0,3

0

0

0

24  855

1,0

—

—

0

0

—

94  477

0,45

—

16%

4

0

11  708

0,581

0,265

0

0

0

—

5  091

1,4

1,2

0

0

0

—

156  116

|über  20

Tabelle  IV,  V.

97

belle  IV.
Zementfabrik-Akticngesellscliaftcn  1895—1910.

Hannoversche
Gruppe

Eheinisch-W  estfälische
  Gruppe

Süddeutsche
Gruppe

Deutschland
im  ganzen

Jahr
1

Zahl  der  A.-G.  |

O

dai
Div
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1
i—1

r on
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o
7
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o
CM
J,

über  20

Zahl  der  A.-G.

I
o

da\
liv
ira
1
r—1

r 011
idei
0
T—&amp;lt;
!
CO

%
ide
0
CM
J,

über  20

Zahl  der  A.-G.

I
O

dav
livi
io
x

on
dei
0
1—4
1
CO

%
ide
O
CM
1
H

über  20

Zahl  der  A.-G.

c
E
0

a\
iv
ira
1
H

on
de
0
Ï
CD

0/
nd
0
CM
1
1—4
1-1

über  20

2

1

1

8

4

1

2

1

7

1

42

1

1

36

9

10

12

5

1895

4

1

1

—

2

—

9

4

2

1

2

—

7

1

—

5 2

1

—

39

9

4

17

9

—

1896

5

2

—

1

2

—

10

3

2

2

2

1

8

—

1

6 2

1

—

42

7

5

16

12

2

1897

5

1

1

1

1

1

11

2

1

3

4

1

9

1

1

4 2

3

—

46

e

5

11

19

5

1898

7

—

2

3

1

1

16

7

—

3

5

1

10

3

1

3 2

3

—

59

12

5

13

23

6

1899

8

1

2

1

4

—

19

9

2

5

3

—

11

3

2 2

4

2

—

66

i6

11

20

17

—

1900

8

6

2

—

—

—

21

21

—

—

—

—

13

5

5 2

2

1

—

71

46

16

6

3

—

1901

8

6

2

—

—

—

20

20

—

—

—

—

13

7

5 2

1

—

—

70

48

15

6

1

—

1902

8

6

2

—

—

—

20

18

2 2

—

—

—

13

6

6 2

1

—

—

71

46

10

7

2

—

1903

8

4

2

2

—

—

21

12

73

2

—

—

14

6

6

2

—

—

73

37

19

15

2

—

1904

8

3

2 2

1

2

—

22

11

5 3

42

2

—

14

3

42

6

1

—

71

25

17

15

14

—

1905

8

1

1'

3

3

—

22

8

2 2

5 2

7

—

14

3

2

8 2

1

—

73

17

9

24

23

—

1906

9

1

—

3 3

4

1

22

7

1

8 2

7

—

13

2

3

5 2

3

—

74

15

6

27

26

1

1907

9

1

1

3 S

3

1

23

6

3 2

8 2

6

—

14

3

2

6 2

3

—

77

17

11

29

19

1

1908

10

2

3 2

4

1

—

25

11

5

8

1

—

14

5

4

4 2

1

—

80

28

24

22

6

—

1909

10

6

1

2

1

—

25

16

2

6

1

—

14

3

9

2

—

—

81

40

23

13

5

—

1910

3  Bei  2  A.-G.  Vorzugsaktien.

Tabelle  V  (Fortsetzung).

Name  der
Aktiengesellschaft

Aktienkapital ­


Anleihe  in
Millionen
Mark

Di\
0
0
05

iden
r—4
O
C5

1902  a

In
Gewinn

1902
Verlust

Hannoversche  P.-Z.-F.,  Misburg ­


1,6

1,4195

20

4

0

127  725

Kheinische  P.-Z.-VVc.,  ivöln

2,34

1,6

0

0

0

—

428  092

Rombach

1,5

0

0

0

22  004

—

Ruhrort

0,75

—

0

0

0

—

128  949

Heminger  P.-Z.-F.,  Saarburg ­


1,2

0

0

2  293

Weseler  P.-Z.-We

2,0

0,4

8

0

0

—

383  905

Westfalia,  Beckum  ....

1,0

20

—

—

78  562

Madelung,  Entwicklung  der  Deutschen  Portland-Zementindustrie.
        <pb n="101" />
        98

Tabelle  V.

Tabelle  V  (Fortsetzung).

Name  der
Aktiengesellschaft

Aktienkapital ­


Anleihe  in
Millionen
Mark

Dividende
O  I  H  I  0-7
o  !  o  1  o
OS  Op  i  Op
t—1  J  1—&amp;lt;  t  r—&amp;lt;

In
Gewinn

1902
Verlust

Berka  a.  d.  Ilm

1,1

0

0

123  142

Adler,  Berlin

4,0

2,5

17

2

0

•

194  458

Stettin-Gistrow
Grimberg  und  Bosenstein,

1,5

1,7

4

ö

0

—

90  454

Ennigerloh

2.5

—

4

0

0

60  704

Porta,  Bremen

1,275

0,48

7

0

0

98  978

Diedesheim-Neckarelz  .  .  .

2,4

—

0

0

0

551  597

Finkenberg,  Ennigerloh  .  .

1,0

—

—

0

0

7  718

Meteor,  Geseke
Sachs.-Thür.  P.-Z.-F.,  Gösch-1,3



0,6

0

0

0

—

59  359

witz
Schles.  P.-Z.-F.,  Groscho-1,25



0,3105

10

0

5

69  330

—

witz

3,75

—

13

6V2

6V2

270  178

Oberschles.  P.-Z.-F.,  Gr.-.
Strehlitz

1,5

0,5

4

4

4

74  740

—

P.-Z.-F.  Halle  a.  S

1,25

—

8

0

0

19  834

Alsen,  Hamburg

8,0

3,893

19

15

15

1  784  648

Saturn,  Hamburg
Norddeutsche  P.-Z.-F.,  Mis-2,0



—

0

0

0

—

599  141

bürg

1,8

0,9

5

0

0

40  426

Teutonia,  Misburg

2,2

1.4

11

0

4

312  789

—

Plank  &amp;amp;  Co.,  Vorwolile  .  .

1,564

1,0478

18

2

4

88  916

—

Heidelberg-Mannheim  .  .  .

11,0

1,122

8

6

4

775  066

—

Hemmoor

5.4

1.3636

10

0

0

180  468

—

Saxonia,  Glöthe

2,0

—

12

3

3'/2

97  035

Eichwald,  Höxter

1,0

0.528

8

0

0

127  027

Höxter-Godelheim

1,2

0,4735

8

0

0

111362

P.-Z.-F.  i.  Kosen

2,0

0,2

4

0

0

291  560

L.  Both,  Karlstadt  ....

3.5
2.5

—

8

4

4

246  796

Breitenburger  P.-Z.-F.  .  .  .

1,16

8Vt

4

0

812

—

P.-Z.-F.  i.  Lauffen  a.  N..  .

2,6

1,03

/5
\5

5
3

1  \
1  /

11  664

—

Germania,  Lehrte

8,5

7,25

0

0

0

784  249

Heyn  Gebr.,  Lüneburg  .  .

1.54

0,719

15

0

0

—

51  771

Lothringer  P.-Z.-We.,  Metz

2,5

0,25

14

8

5

165  541

—

Marienstein

1,0

—

8

4

0

21  250

Münsingen

0,8
2,25

0,63

4'/2

5

4

80  522

—

Mark,  Neubeckum

0

0

0

94  561

Neunkirchen

0,7

0,35

6V2

4

0

35  041

Preuß.  P.-Z.-F.,  Neustadt  .
Krebs,  Ingelheim

0,7

0,1965

3V2

0

2

33  385

—

1,75

—

0

0

0

—

93  589

Anhalt.  P.-Z.-F.,  Nienburg
Bonner  B.  u.  H.-V.,  Ober-0.48



0,125

0

0

0

—

11  547

cassel

1,702

—

12

0

0

—

192  200

Offenbach

1,0

0,86

6

0

0

27  753

Oberschles.  P.-Z.-F.,  Oppeln
Grundmann,  Oppeln  ....

3,0

0,28

8

3

3

114  809

^

3,0

0,88

7

3

3’/2

119  948

—

Giesel,  Oppeln

1,8

6

2

2

41237

Wicking,  Becklinghausen  .

4,5

0,188

7

0

0

33  248
        <pb n="102" />
        6

Tabelle  V.

99

Tabelle  V  (Fortsetzung).

Name  der
Aktiengesellschaft

Aktienkapital ­


Anleihe  in
Millionen
Mark

Dividen
O  |  T—1
o  o
05  05
T—1  I  1—&amp;lt;

de
CM
0
05

In
Gewinn

1902
Verlust

Braunschw.  P.-Z.-F.,  Salder

0,636

0,2955

5

0

0

40  623

Schimisehow
Mitteid.  P.-Z.-F.,  Schöne-2,5



7

5

5

173  794

beck

1,8

—

0

0

0

157  900

Stettin-Bredow
Oberschwäbische  P.-Z.-We.,

1,2

—

10Va

7

6

115  736

Stuttgart

1,3

—

16

12

10

356  562

Wunstorf

1,5

1,0

8

0

0

209  917

Stettiner  P.-Z.-F.,  Stettin  .

1,575

2,086

10

10

10

144  785

Gogolin-Gorasdze

2,1

8

7

8

216  453

Lengerich,  Münster  ....

1,5

0,6

4

0

0

102  947

Bernburger  P.-Z  -F.  .

1,4

0.492

4Va

0

0

211962

Pom.  Ina.-Verein
Khein.-Westfäl.  Zem.-Ind.,

1,902

2,086

10

10

10

432  400

Beckum

1,2

0,291

15

0

0

V

16  166

Lüdensch.  P.-Z.-F.,  Brügge

0,95

0,575

0

0

0

P.-Z.-F.  i.  Bestwig  ....

1,250

0,352

0

0

0

—

96  450

In  Summa  68  Werke:

140,845

43,8979

6  010  758

5  927  235

7*
        <pb n="103" />
        Piererfche  Hofbuchdruckerei  Stephan  Geibel  &amp;amp;  Co  in  Altenburg.

Verlag  von  Duncker  &amp;amp;  Humblot,  München  und  Leipzig.

Geld  Und  Kapital.  Gesammelte  Aufsätje.  Von  Dr.  Friedrich
Bendixen.  M.  4.50.
Die  Baugeldbesdiaffung  für  städtische  Wohnhausbauten ­
  in  Dresden  Und  Bauten.  VonDr.Ing.H.Kruschwii}.
  M.  2.50.
Kapitalzins  und  Preisbewegung.  Von  Professor  Dr.  Karl
Adler.  M.  1.20.
Hypothekenbanken.  Immobilienverhältnisse.  Baugewerbe. ­
  Mit  Beiträgen  von  F.  Hecht,  E.  Kritjler,  J.  Feig,
H.  Silbergleit,  L.  Maaß,  R.  Goldschmidt,  A.  Schuster.
Herausgegeben  vom  Verein  für  Sozialpolitik.  M.  12.60.
Die  deutschen  Bodenkreditinstitute  1900  1909.  Von
Dr.  Fritj  Schulte.  M.  5.  —.
Die  Bodenkreditinstitute  der  Österreich-Ungarischen
Monarchie  1841—1910.  Von  Dr.  Frits  Schulte.  M.  12.-.
Wandlungen  in  der  Organisation  der  Eisenindustrie
und  des  Eisenhandels  mit  dem  Gründungsjahr
des  Stahlwerkverbandes.  Von  Dr.  Wilh.  Leiße.
M.  4.-.
Der  städtische  Grund  und  Boden.  Von  Dr.  D.  Pesl.
M.  8.-.
Bodenspekulation  und  Recht  der  Stadterweiterung
in  Plauen  i.  V.  Von  Dr.  Felix  Meiner.  M.  3.  —  .
Der  Kampf  im  deutschen  Baugewerbe  1910.  Von  Dr.
Ing.  A.  Tischer.  M.  4.50.
Die  gemeinnütjige  Bautätigkeit  in  Deutschland,  ihre
kulturelle  Bedeutung  und  die  Grenzen  ihrer
Wirksamkeit.  Von  Dr.  D.  J  a  k  o  b  i.  M.  4.—.
Die  sächsischen  Terraingesellschaften  und  ihr  Einfluß
auf  die  Stadterweiterung.  Von  Dr.  Ing.  M.  Conert.
M.  4.50.
        <pb n="104" />
        the  scale  towards  document

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00

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'rtland-Zementindustrie  in  ihrem  Verhältnisse  zum  Auslande.  79
eine  Überproduktion  und  schließlich  eine  Krise
a.  Nun  suchten  aber  die  freien  Fabriken  auf  beiden
^echt  ihre  Überproduktion  in  das  Ausland  abzustoßen,
*s  ohne  Gewinn  war,  so  daß  die  Verträge  überhaupt
j;3n  mehr  brachten,  im  Gegenteile  die  gebundenen
nüber  den  freien  benachteiligt  waren.  So  wurden
¡ngen  zum  Teil  haltlos,  um  so  mehr  als  auch  die
l  Syndikate  nicht  alle  bestehen  blieben;  das  österrei-,schweizerische
  lösten  sich  1909  auf.  Die  Folge  war
'reiskampf  gegen  das  Ausland,  der  die  bestehende
ferschlimmerte,  auf  allen  Seiten  tiefe  Wunden  schlug
wendigkeit  neuer  Abmachungen  allen  klar  machte,
diesen  ebenso  wie  mit  den  Kartellen  im  Inlande.
i_die  Konjunktur  anfing,  wieder  besser  zu  werden,
jrhältnisse  auf  beiden  Seiten  geklärt  waren,  kamen
Vor  allem  mußten  die  Kontrahenten  in  sich  einig
rften  nicht  zu  viel  Außenseiter  haben.  So  wurde
•;  it  den  österreichischen  und  schweizerischen  Fabriken,
;_ise  sich  selbst  wieder  zusammengeschlossen  und  die
aufgenommen  hatten,  die  alten  Vereinbarungen  gelaß
  heute  die  Beziehungen  Deutschlands  zu  den
3rn  auf  dem  Zementmarkte  im  allgemeinen  wieder
scharfer  und  deshalb  sehr  unangenehmer  Konkurrent
letzten  Jahren  der  deutschen  und  besonders  der
stfälischen  Zementindustrie  in  dem  belgischen  Naturchsen.
  Dieser  ist  wegen  seiner  einfachen  Herstellung
:  llliger  als  Portlandzement,  jedoch  diesem  in  der
it  ebenbürtig  und  deshalb  auch  weit  weniger  zuvernd
  vielfach  schlechte  Erfahrungen  mit  ihm  gemacht
ige  von  Wirkungen,  die  dann  oft  aus  Unkenntnis
i:  in  Art  des  Zementes  für  Eigenschaften  des  Portlandbalten ­
  wurden  und  so  seinen  Ruf  schädigten.  Der
j-  turzement  ist  vielfach  von  gewissenlosen  Händlern
e  deutscher  Portland-Zementfäbriken  verpackt  und
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        ﻿
        <pb n="106" />
        ﻿
        <pb n="107" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
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