12 Die Ursachen, welche die Entwicklung der Eisenindustrie in Rußland bedingten und aus dem eisenhungrigen ein eisengebendes Land gemacht hatten, so daß in kurzer Zeit die Eisenproduktion Rußlands z. ß. die englische beinahe um das Doppelte überflügelt hatte, lagen in erster Linie in den technischen Verhältnissen der Eisenproduktion der damaligen Zeit. Wie bekannt, brauchte man in Europa für Hochöfen im 17. und bis Mitte des 18. Jahrhunderts ausschließlich Holzkohle; die Verwendung der Steinkohle wurde erst später entdeckt. Da die Eisenverhüttung großer Mengen der Holzkohle bedurfte und eine rasche Entwaldung großer Gebiete mit sich brachte, mußten einige europäische Länder dadurch in ernste Not geraten. So machte sich in England noch am Anfang des 17. Jahrhunderts infolge der fortschreitenden Roheisenverhüttung und der damit zusammenhängenden Entwaldung ein zunehmender Holzmangel fühlbar 1 . Alle Gesetze der Königin Elisabeth hatten diese Erscheinung nicht aufhalten können. »Der größte Holzver- schlinger war die Eisenindustrie. Notschreie ertönten von allen Seiten 1 2 .“ Noch schlimmer waren die Verhältnisse in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Durch Holzmangel wurde England gezwungen, den größten Teil seines Eisenbedarfs aus dem Auslande zu beziehen, während die Roheisenproduktion immer mehr sank. Das bestätigt auch ein starker Rückgang der Zahl der Hochöfen Seit der Zeit der Dudleys (Anf. d. 17. Jahrh.) verminderte sich ihre Zahl von 300 auf 59 im Jahre 1740 3 . Auch im damaligen Frankreich schritt die Entwaldung mächtig vorwärts; auch da schuf sie der Regierung wachsende Sorgen, da sie ihrem Bestreben, die Eisenindustrie zu heben, im Wege stand. Man erließ schon zu Anfang des 18. Jahrhunderts Verordnungen gegen den übermäßigen Hoizverbrauch — doch ohne Erfolg 4 . Die einzigen Länder, wo die Wälder nicht erschöpft waren, waren Rußland und Schweden. Und diese Länder wurden daher wegen ihrer monopolistischen Stellung die Hauptlieferanten des Eisens auf dem Weltmärkte. Insbesondere befand sich der Ural in günstiger Lage. Große Urwälder einerseits, reiche, leicht schmelzbare Eisen erze andererseits, relativ einfache Technik des Hochofenprozesses, endlich Billigkeit der Arbeitskräfte haben die Möglichkeit eines raschen Aufschwunges der Eisenindustrie geschaffen. Wie billig speziell die Arbeitskräfte waren, zeigen die Löhne, welche in den Eisenwerken die Bergleute und Hüttenarbeiter bekamen. So sollte am Ende des 18. Jahrhunderts ein Arbeiter mit einem Pferde auf Befehl Katharinas II. im Sommer täglich 20, im Winter 12 Kopeken 1 Beck, a. a, 0., Bd. II, S. 1242. 2 Beck, a. a. 0., Bd. II. S. 1246. 3 Beck, a. a. 0., Bd. III, S. 1063. 4 Beck, a. a. 0. Bd. III, S. 1003.