63 b) Ursachen der Krisis in der südrussischen Eisenindustrie Die Ursachen der allgemeinen Produktionskrisis in Rußland waren auch im Gebiete der südrussisohen Eisenindustrie wirksam. Die Geldkrisis ist für die südrussiscbe Eisenindustrie ganz unerwartet gekommen. Einige ungünstige Nachrichten erfolgten ja schon am Ende der 90er Jahre; sie wurden aber seitens des Finanzministeriums, des damals leitenden Organs für Handel und Industrie, sofort und energisch dementiert. Das Finanzministerium selbst war eigentlich darüber schon frühzeitig unterrichtet, man hoffte aber, die bevor stehenden schlechten Zeiten mit eigenen Mitteln, durch außerordent liche Gewerbeunterstützungen usw., bekämpfen zu können. So trat speziell die Staatsbank mit der eifrigsten Unterstützung der ver schiedenen süd’russischen Eisenunternehmungen auf. Allein im Jahre 1900 wurden in der Staatsbank etwa für 11 Millionen Pud Roh eisen gepfändet. Die Regierung kam dann auch mit verschiedenen anderen Unterstützungen, erteilte einen weitgehenden Kredit usw. So wurde die Gesamtsumme der von der Staatsbank ausgegebenen außerordentlichen Anleihen an die russische Eisenindustrie auf 60 Millionen Rubel geschätzt 1 . Das half aber nichts 1 2 . Die Aktien der verschiedenen südrussischen Aktiengesellschaften fielen rasch, die Aktien der Brjansk-Aktiengesellschaft, die am Anfang des Jahres 1900 auf der durchschnittlichen Höhe von 450—475 Rubel standen, fielen am Ende des Jahres 1901 auf 135—160, die der Douez-Jurjewka in derselben Zeit von 520—475 auf 40 usw. Eine gewisse Zeit blieb die südrussische Eisenindustrie im Gleichgewicht; man hoffte, daß die ungünstige Lage wegen der weiteren Staatshilfe und der Vermehrung der Staatsbestellungen auf Eisenbahnschienen bald vor- übergeheu werde; nachdem aber bekannt geworden war, daß die Eisenbahubestellungen abnehmen müßten, kam auch hier ein starker Niedergang zutage. Die zweite unmittelbare Ursache der Krisis war, wie erwähnt, die Verminderung der Eisenbahnbestellungen. Wie schon früher an gedeutet, hatte die Regierung seit Anfang der 90 er Jahre einen leb- 1 Brandt, Die Produktionskrisis in Westeuropa und Rußland (1900—02), St. Petersburg 1904, S. 181. 2 Prof. Migulin äußert sich folgendermaßen darüber: „Seitdem die Staats bank Darlehen erteilt, verknüpft sie ihre Interessen mit dem Schicksal der Unter nehmungen aufs engste und ist so gezwungen, weitere Darlehen an solche lebensunfähige Unternehmungen zu geben“ . . . Dann kommt gewöhnlich das Finanzministerium mit seinen Staatsbestellungen zu Hilfe . . . „Die Bestellungen wurden unter erhöhten Preisen im Vergleich mit den Marktpreisen erteilt . . . . die Lieferungen wurden angenommen, obwohl sie auch außerordentlich schlecht ausgeführt wurden. Nachdem solche Darlehen von den Unternehmungen an genommen waren, beeilten sich einige von ihnen, sich sofort als kreditunfähige in Konkurs zu erklären, und aus dem Grunde, weil ihr ganzes Guthaben niedriger als die Anleihen selbst waren.“ Produktionskrisis usw., S. 115.