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        <title>Die Eisenindustrie in Südrußland</title>
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            <forname>Maximilian</forname>
            <surname>Sawelieff</surname>
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        </author>
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            <idno>897231309</idno>
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        ﻿Die Eisenindustrie in Südrußland.

Inaugural-Dissertation

zur

Erlangung der Doktorwürde

der

Hohen Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig

vorgelegt von

M. Sawelieff

aus Nischni-Nowgorod.

Weida i. Th.

Druck von Thomas &amp; Hubert
Spezialdruckerei für Dissertationen

1911.
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        ﻿
        <pb n="4" />
        ﻿Inhaltsverzeichnis.

Seite

Vorwort.....................................................................5

Einleitung................................................................  7

Kap. I. Entstehung und Entwicklungsgang der Eisenindustrie in .Ruß-
land bis zur Bauernbefreiung.......................................... 7

1.	Die Anfänge der Eisenindustrie in Rußland.....................7

2.	Die ersten staatlichen Werke im 16. und 17. Jahrhundert ...	8

3.	Die Eisenindustrie im 18. Jahrhundert  .......................9

4.	Die Zeit von Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur Bauernbefreiung 13

5.	Die Zeit der Bauernbefreiung..................................16

Erster Teil: (Geschichte der Eisenindustrie in Südrußland)...............20

Kap. II. Die Anfänge der Eisenindustrie in Südrußland...............20

1.	Begriff der südrussischen Eisenindustrie........................20

2.	Die Gründung der ersten staatlichen Werke.......................21

Kap. III. Die Zeit von 1870—1885	.............................. 25

1.	Die Gründung der ersten privaten Werke........................25

2.	Produktions- und Absatzverhältnisse......................•	.	28

Kap. IV. Die Voraussetzungen der modernen Entwicklung des süd-
russischen Eisenindustriegebietes.....................................30

1.	Die Entdeckung der Krivoj-Rog-fiisenerze..............* ...	30

2.	Das Einströmen ausländischer Kapitalien nach Südrußland .	.	31

3.	Die Bedeutung der staatlichen Zollpolitik der 80er Jahre ...	33

Kap. V. Die Zeit der Hochkonjunktur in den 90er Jahren ....	36

1.	Allgemeine Betrachtung der Hochkonjunktur.......................36

2.	Entwicklung der einzelnen Untergebiete..........................39

a)	Jekaterinoslaw-Gebiet........................................40

b)	Donez-Gebiet.................................................45

c)	Gebiet um das Asowsche Heer..................................49

3.	Allgemeine Lage der Werke ......................................51

a) Eigentumsverhältnisse.........................................51

bl Produktions- und Absatzverhältnisse...........................53

c. Die Produktivität der Werke...................................55

Kap. VI. Die Krisis in der südrussischen Eisenindustrie im Jahre 1901
und in den folgenden Jahren...........................................58

1.	Die Voraussetzungen der Krisis..................................58

a)	Allgemeine Krisis in Rußland im Jahre 1901.................58

b)	Ursachen der Krisis in der südrussischen Eisenindustrie ...	63

2.	Der Verlauf der Krisis .........................................66

3.	Die Wirkung der Krisis auf die einzelnen Zweige der Eisenindustrie 70

Zweiter Teil: (Die südrussische Eisenindustrie in der Gegenwart) ...	74

Kap. VII. Die Produktion .	  74

1. Die allgemeine Lage der südrussischen Eisenindustrie nach der
Krisis im Jahre 1901................................................74
        <pb n="5" />
        ﻿4

Seite

2.	Die Elemente	der Produktion......................................70

a)	Rohstoffe ....................................................76

b)	Arbeitskräfte.................................................80

e) Technischer Betrieb............................................87

3.	Betriebsorganisation.............................................89

4.	Produktionskosten..............................................  90

Rap. VIII. Der Absatz..................................................96

1.	Allgemeiner Überblick..........................................  96

a)	Absatzgebiet..................................................96

b)	Rartellbewegung.............................................. 98

2.	Der private Markt.............................................. 103

a)	Roheisen.....................................................103

b)	Fertige Produkte............................................105

3.	Eisenbahnbestellungen...........................................109

4.	Export.........................................................113

Kap. IX. Kapitalkraft und Rentabilität................................116

Schluß....................................................................  121

Kap. X. Ausblicke auf die weitere Entwicklung des südrussischen

Eisenindustriegebietes..............................................121

Literatur .	.	    129
        <pb n="6" />
        ﻿Vorwort.

Die Arbeit zerfällt in zwei Teile. Der erste Teil behandelt
die geschichtliche Entwicklung der südrussischen Eisenindustrie,
der zweite sucht eine Analyse ihrer gegenwärtigen Lage zu geben.

Der Begriff „Eisenindustrie“ umfaßt drei technisch selbständige
Produktionsprozesse: Robeisengewinnung, dann dessen Verarbeitung
in sogen. Halbzeug und endlich Herstellung des fertigen Produktes.
Für die klare Begrenzung des Themas machte es einige Schwierig-
keiten, daß das fertige Produkt — Eisen und Stahl — in einigen
südrussischen Eisenwerken zum Teil wieder als Rohstoff für weitere
maschinelle Verarbeitung erscheint, sodaß diese Verarbeitung einen
vierten Produktionsabschnitt bildet. Das nötigte oft dazu, die
Schranken der gestellten Aufgabe zu überschreiten.

Um die Entstehung und Entwicklung der südrussischen Eisen-
industrie möglichst übersichtlich darzustellen, war es notwendig, als
Einleitung zur Arbeit eine Betrachtung der vorkapitalistischen Periode
der gesamten russischen Eisenindustrie vorauszuschicken und ebenso
bei der Betrachtung der einzelnen Perioden der Geschichte der
südrussischen Eisenindustrie auch die allgemeine volkswirtschaftliche
Lage Rußlands zu berücksichtigen.

Nun noch einige Worte über den Charakter der Quellen. Die
Mehrzahl der von mir benutzten Quellen können nicht als erste oder
ursprüngliche angesprochen werden. Was die Zeit vor Peter d. Großen
betrifft, so fehlen hier entweder überhaupt die Quellen, oder sie
sind noch ganz unbearbeitet, so daß ihre Benutzung für mich aus-
geschlossen war. Die geschichtlichen Angaben insbesondere über
die südrussische Eisenindustrie sind meistenteils sehr spärlich und
beschränken sich hauptsächlich auf eine kurze Beschreibung der
südrussischen Eisenwerke. Für die Gegenwart fließen die Quellen,
besonders die statistischer Art, reichlicher, dafür sind sie aber mit
einer gewissen Vorsicht zu benutzen, da sie manchmal den tatsäch-
lichen Verhältnissen nicht ganz entsprechen.

Allen denen, die mir bei der Abfassung der Arbeit mit Rat
und Tat geholfen haben, insbesondere Herrn Professor Karl Bücher,
sage ich an dieser Stelle meinen herzlichen Dank.
        <pb n="7" />
        ﻿Gewichte, Maße und Münzen.

1 Pud (= 40 russ. Pfund) = 16,38 Kilogramm.

1 Werst (= 500 Faden) — 1,0678 Kilometer.

1 Dessjatine (= 2400 Quadratfaden) = 1,0925 Hektar.
1 Rubel (= 100 Kopeken) — 2,16 Mark.
        <pb n="8" />
        ﻿Einleitung.

Kapitel I.

Entstehung und Entwicklungsgang der Eisenindustrie
in Rußland bis zur Bauernbefreiung.

1.	Die Anfänge der Eisenindustrie in Rußland.

Die Eisengewinnung ist in Rußland schon seit alten Zeiten be-
kannt. Es gibt Angaben, daß schon vor Rjuriks Zeit sich Schmiede
nicht weit von der Stadt Ustjuschna, in dem jetzigen Gouvernement
Nowgorod befanden1. Ustjuschna trägt von alten Zeiten her im
russischen einen Namen der etwa mit „Ustjuschna im Eisengefilde;1
zu übersetzen wäre. Außerdem förderte man das Eisenerz auch in
den Gouvernements Tula und Olouetz1 2. Es ist unbestimmt, ob in
allen diesen Orten die slavischen Stämme von Anfang an sich mit
der Eisengewinnung beschäftigten. Die Quellen sprechen sich mehr
für die alten tschudischen Bewohner aus, welche damals im Euro-
päischen Rußland zwischen dem Uralgebirge und der Ostsee ver-
breitet waren. Man muß darunter eigentlich kein bestimmtes Volk
verstehen, sondern verschiedene ugro-finnische Stämme3.

Über die Gewinnung und Bearbeitung der Eisenerze in diesen
alten Zeiten sind uns nur wenige Tatsachen bekannt. In Ustjuschna
verwendete man Eisenerz, welches meistens aus den Sümpfen ge-
wonnen wurde. Im Gouvernement Tula dagegen förderte man es
gewöhnlich aus primitiven Erzgruben.

Die Betriebsweise war sehr primitiv. Das Schmelzen fand in
kleinen Herden statt, die anfänglich durch keinen Blasebalg bedient
wurden und in welchen das Eisenerz mit trockenem Holz aufge-
schichtet wurde4. Später bedeckte man das Eisenerz mit Holzkohle
und schürte das Feuer durch primitive Gebläse. Selbstverständlich
wurde das Eisen bei diesem Verfahren nicht in geschmolzenem
Zustande, sondern in teigigem (Schweißeisen) und durch zahlreiche
Schlacke verunreinigt, gewonnen. Der Schmied vereinigte in seiner

1	Brandt, Axisländische Kapitalien, 8. 1, (russisch).

2	Poletika, Uber die russische Eisenindustrie, St. Petersburg 1864, S. 23,
(russisch).

3	Beck, Die Geschichte des Eisens, I, Braunschweig 1890, 8. 274.

4	Poletika, a. a. 0., S. 5.
        <pb n="9" />
        ﻿8

Person alle Arbeitsprozesse. Er förderte das Eisenerz, brannte die
Holzkohle und stellte das fertige Produkt her1.

Jahrhunderte lang dauerten diese Verhältnisse. Die Schmiede-
kunst geht vom Vater auf den Sohn usw. über. In Ortschaften wie
der Stadt Tula finden wir alte Geschlechter, welche sich seit jeher
mit der Eisenbereitung beschäftigt haben1 2.

2,	Die ersten staatlichen Werke im 16. und 17. Jahrhundert.

Bis zum 15. Jahrhundert befriedigte man die ganzen hauswirt-
schaftlichen Bedürfnisse durch dieses bäuerliche Gewerbe, und nur
die Rücksichten auf den Krieg zwangen die Regierung, Bewaffnungs-
und Kriegsmaterial vom Auslande zu beziehen.

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung einerseits und der Ver-
feinerung der Kriegstechnik andererseits wuchs aber beständig der
Bedarf an Eisen. Beinahe ununterbrochene Kriege, welche das
moskowitische Reich mit seinen Nachbarn führte, zwangen es, sich
in bezug auf das Kriegsmaterial vom Auslande unabhängig zu
machen. Das wurde um so notwendiger, als die an der westlichen
Grenze liegenden Staaten — die Königreiche Polen und Schweden —
die Waffendurchfuhr nach Rußland durch ihre ständigen Verbote
so gut wie unmöglich machten. Man bemühte sich deshalb zuerst,
um das zu umgehen, das Eisen in natura nach Rußland zu be-
kommen und es hier weiter zu Waffen zu verarbeiten. So
wurde schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts mit Hilfe der Aus-
länder in Moskau eine „Kanonenwerkstätte“ errichtet3. Später be-
mühte sich das moskowitische Reich auch, eigene Eisenwerke zu
gründen und erfahrene Meister vom Auslande ins Land zu ziehen.
Diese Bemühungen waren zuerst meist ohne Erfolg. So gestattete
Iwan der Schreckliche im Jahre 1569 den Engländern, Eisenwerke
an dem Flusse Wischera zu erbauen4. Man wollte dort eine Art
von Hochöfen errichten, es muß aber die Sache nicht gelungen sein,
da über die weitere Existenz der Werke Nachrichten fehlen.

Im 17. Jahrhundert finden wir bedeutend größere Erfolge in
dieser Richtung. Mit Genehmigung oder vielmehr Begünstigung der
Regierung wurde in dieser Zeit eine Reihe von Eisenwerken durch
Ausländer erbaut. Die Ausländer bekamen gewöhnlich große Flächen
von eisenhaltigem Grund und Boden nebst Wäldern, man sicherte
ihnen Staatsbestellungen zu, manchmal nahmen sie sogar eine Monopol-

1	Sartisson, Beiträge zur Geschichte und Statistik des russischen Berg-

baus und Hüttenwesens, Heidelberg 1900, S. 10.

3	Storch, Historisch-statistisches Gemälde von Rußland, Leipzig 1803.
III, S. 316.

s Dehn,Steinkohlen- und Eisenindustrie, St. Petersburg 1907, S.99(russisch).

4	Poletika, a. a. 0. S. 24.
        <pb n="10" />
        ﻿9

Stellung ein. So erteilte z. B. der Zar Alexei Michailowitsch dem
Holländer Winius im Jahre 1632 ein Privileg, laut dessen er zehn
Jahre von jeder Steuer im Lande befreit war und außerdem das
Vorrecht hatte, sich ausschließlich und allein im Reiche mit der
Eisenproduktion zu beschäftigen1. Zu dieser Zeit wurde auch das
erste Eisenwerk im Uralgebirge errichtet (1631), wo das erste Eisen
im Jahre 1628 zufällig von einem Tataren gefunden worden ist.
Am Anfang des 17. Jahrhunderts wurden in Rußland die ersten
Hochöfen in Gang gesetzt, daneben aber blieben noch immer viele
Betriebe bestehen, die aus den einfachen Herden bestanden. So
oder anders forderten die Betriebe von jetzt an immer mehr Arbeits-
kräfte. Darum schenkten die russischen Zaren sowohl einzelne Bauern
als auch ganze Bauerndörfer an die damaligen „Hüttenmänner“. So
hat Zar Alexei Michailowitsch einem Holländer Marselius vierhundert
Bauern, einem anderen zweihundert usw. als Arbeiter geschenkt1 2.

Die Entwicklung der Eisenindustrie schritt in dieser Zeit
aber immerhin nur langsam vorwärts. Die unbedeutenden und
wenig eisenhaltigen Tulaschen Eisenerze, die ungenügenden Arbeits-
kräfte verhinderten die Produktivität des Arbeitsverfahrens. Man
mußte immer noch bedeutende Mengen von Eisen und insbesondere
von Eisenerzeugnissen vom Auslande beziehen, welche entweder
über Cholmogory (später Archangelsk) oder über die Ostseehäfen
eingeführt wurden, welche letzteren Häfen aber damals Schweden
gehörten.

3.	Die Eisenindustrie im 18. Jahrhundert.

Die erste bedeutende Vermehrung der russischen Eisenproduktion
sehen wir unter Peter d. Großen. Seit dieser Zeit erst hat sie, auf
der Massenverwendung der Leibeigenschaftsarbeit beruhend, die
eigentliche industrielle Form angenommen.

Die größte Aufmerksamkeit Peters d. Großen hat von Anfang
an das Uralgebirge erweckt, wo im Jahre 1703 einige wichtige
Eisengruben entdeckt worden waren. Um die rasche Kolonisation
des Gebietes zu ermöglichen, wurde von ihm in demselben Jahre
ein Ukas über die Fesselung der Leibeigenen an die Bergwerke und
die Fabriken erlassen. Das Ergebnis davon war eine lebhafte
Tätigkeit in fast wilden Winkeln des Gebirges; die Zahl der staat-
lichen Werke wuchs schon in wenigen Jahren über ein Dutzend
hinaus und das Uralgebiet fing an, in der weiteren Geschichte der
russischen Eisenindustrie eine leitende Rolle zu spielen.

Die Gründungstätigkeit der Werke schritt aber auch in anderen
Gebieten vorwärts, da sich der Staat bei der Förderung der Eisen-

1	Poletika, a. a. 0., S. 24.

2	Beck, a. a. 0., Bd. U, S. 1301.
        <pb n="11" />
        ﻿10

industrie von Anfang an das Ziel gesteckt hatte, auf kriegerischem
Gebiete Rußland unabhängig von dem Auslande zu machen. Das
äußerte sich in einem raschen Wachstum der staatlichen Gewehr-
fabriken.

Mau begann aber auch, den Privatbergbau stark zu begünstigen;
die alten Bergrechtsprinzipien wurden zugunsten der Privatunternehmer
verändert. Seit alten Zeiten waren nämlich alle Bodenschätze als
Privateigentum des Zaren angesehen worden. Jetzt verlieh man
mehrere sehr merkwürdige Privilegien1, die das Aufsuchen der Erze
und die Anlegung von Bergwerken befördern sollten. 1719 erschien
das berühmte „Berg-Privilegium“, welches alle Züge der Bergfreiheit
an sich trug: „Es wird jedermann gestattet, ohne Rücksicht darauf,
was für einen Titel und was für eine Stellung er hat, in allen
Grundstücken, in eigenen und in fremden, alle Metalle zu suchen,
zu verhütten und zu reinigen“1 2.

Durch den Ukas vom Jahre 1720 wurden diese Privilegien auf
alle Ausländer ohne Unterschied ausgedehnt. Diese Maßregeln
hatten zur Folge, daß eine Reihe von Privatwerken gegründet wurde.
Außerdem waren auch viele Staatswerke an Privatunternehmer über-
gegangen. Am Ende der Regierung Peters d. Großen war bereits
eine großartige Eisenindustrie entstanden, und wenn am Anfang
seiner Regierung die Gesamtzahl der Eisenwerke kaum zehn aus-
machte, so hatte diese Zahl bei seinem Tode hundert überschritten.
Die Roheisenproduktion im Jahre 1725 überstieg 6 500000 Pud.
Bald deckte sie nicht nur den vorhandenen Eisenbedarf im Lande,
sondern erschien sogar auch als exportfähig.

Der Eisenbedarf war damals sehr beschränkt; der Haupt-
konsument war der Staat selbst; die hauswirtschaftlichen Bedürfnisse
der überwiegenden Bauernbevölkerung konnten für die Eisenindustrie
so gut wie keine Bedeutung haben, sodaß diese bald auf den Export
angewiesen war, wenn sie gedeihen wollte. 1716 kam das erste
russische Eisen nach England3, welches der bekannte Großgrund-
besitzer im Ural, Nikita Demidow auf Kosten des Zaren nach dem
Auslande ausführen mußte4 5; der Export nahm seitdem ständig zu,
man transportierte das Eisen über Archangelsk und St. Petersburg.

Uber die Betriebsweise der Eisenhütten jener Zeit wissen wir
nicht viel. Die Hochöfen waren klein, sie hatten viereckige Schächte
aus einem sehr dicken Mauerwerk von Ziegelstein und lieferten nicht
über 200 Pud Roheisen täglich6. Man heizte sie selbstverständlich
mit Holzkohle, die bei den Werken in den umliegenden Urwäldern

1	Storch, a. a. O., II, S. 490.

2	Struckgoff, Lehrbuch des Bergrechts, St. Petersburg 1907, S. 66.

3	Beck, a. a. O., Bd. III, S. 1127.

4	Brandt, a. a. O., S. 8.

5	Beck, a. a. 0., Bd. III, S. 1126.
        <pb n="12" />
        ﻿11

gebrannt wurde. Als Arbeitskräfte erscheinen ausländische erfahrene
Bergleute, von Peter nach Kußland gerufen, dann Tulasche Schmiede,
die man, um dem Mangel an qualifizierten Arbeitern abzuhelfen, in
großen Mengen im Uralgebirge angesiedelt hatte, dann ganz unge-
bildete Arbeitskräfte, wie Leibeigene, welche nach den Ukasen von
1703, 1720 und 1723 massenhaft nach dem Uralgebirge verpflanzt
wurden. Unter den damaligen Verhältnissen war es völlig ausge-
schlossen, freie Arbeiter zu bekommen, andererseits konnte man
wegen der niedrigen Technik auch die Kräfte der Leibeigenen
produktiv ausnützen: erstens waren sie außerordentlich billig und
zweitens konnte man sie massenhaft verwenden.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nahm die russische
Eisenindustrie außerordentlich zu. 1767 waren schon 140 private
und staatliche Werke im Betriebe1. Für das ganze Keich schätzte
man im Jahre 1789 die Zahl der Hochöfen allein auf 100.
Die Produktion von Schmiedeeisen hatte in diesem Jahre 5 Millionen
Pud (82 000 t) erreicht, wozu 71/a bis 8 Millionen Pud Roheisen
nötig waren2. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ist die Gesamt-
produktion von Roheisen auf nicht weniger als rund 9 Millionen
Pud anzuschlagen. In dieser Entwicklung nahm das Uralgebirge
den ersten Platz ein, so daß seine Produktion durchschnittlich 75°/,&gt;
der Gesamtproduktion .bildete.

Parallel der Eisenproduktion ging die Eisenausfuhr. Wenn im
Jahre 1760 die Gesamtausfuhr erst 820000 Pud erreichte, so stieg
sie während der 90er Jahre über durchschnittlich drei Millionen
Pud hinaus, was nicht weniger als die Hälfte der russischen Gesamt-
produktion ausmachte. Die Gesamtsumme aller nach dem Auslande
gelieferten Eisenprodukte betrug im Jahre 1794 5 204125 Rbl.
und behauptete nach Hanf und Elachs die erste Stelle aller Export-
artikel Rußlands8. Hauptmarkt für russisches Eisen war von Anfang
an England. So betrug die russische Ausfuhr in Tonnen4:

Jahr	von Archangelsk		von St. Petersburg	
	nach England	überhaupt	nach England	überhaupt
1795	64	106	2023	_
1796	104	152	1837	2 329
1797	125	172	1579	1857
1798	97	157	2 345	2 689

1 Brandt, a. a. O. S. 11.

^ Beck, a. a. O.. Bd. Hl, 8. 1134.

3 Keppen, Materialien zur Geschichte des Bergbaus in Südrußland,
Charkow 1899, S. 6 (russisch).

3 Beek, a. a. 0., Bd. HI, S. 1085.
        <pb n="13" />
        ﻿12

Die Ursachen, welche die Entwicklung der Eisenindustrie in
Rußland bedingten und aus dem eisenhungrigen ein eisengebendes
Land gemacht hatten, so daß in kurzer Zeit die Eisenproduktion
Rußlands z. ß. die englische beinahe um das Doppelte überflügelt
hatte, lagen in erster Linie in den technischen Verhältnissen der
Eisenproduktion der damaligen Zeit. Wie bekannt, brauchte man
in Europa für Hochöfen im 17. und bis Mitte des 18. Jahrhunderts
ausschließlich Holzkohle; die Verwendung der Steinkohle wurde
erst später entdeckt. Da die Eisenverhüttung großer Mengen
der Holzkohle bedurfte und eine rasche Entwaldung großer Gebiete
mit sich brachte, mußten einige europäische Länder dadurch in
ernste Not geraten. So machte sich in England noch am Anfang
des 17. Jahrhunderts infolge der fortschreitenden Roheisenverhüttung
und der damit zusammenhängenden Entwaldung ein zunehmender
Holzmangel fühlbar1. Alle Gesetze der Königin Elisabeth hatten
diese Erscheinung nicht aufhalten können. »Der größte Holzver-
schlinger war die Eisenindustrie. Notschreie ertönten von allen
Seiten1 2.“ Noch schlimmer waren die Verhältnisse in der ersten
Hälfte des 18. Jahrhunderts. Durch Holzmangel wurde England
gezwungen, den größten Teil seines Eisenbedarfs aus dem Auslande
zu beziehen, während die Roheisenproduktion immer mehr sank.
Das bestätigt auch ein starker Rückgang der Zahl der Hochöfen
Seit der Zeit der Dudleys (Anf. d. 17. Jahrh.) verminderte sich ihre
Zahl von 300 auf 59 im Jahre 17403.

Auch im damaligen Frankreich schritt die Entwaldung mächtig
vorwärts; auch da schuf sie der Regierung wachsende Sorgen, da
sie ihrem Bestreben, die Eisenindustrie zu heben, im Wege stand.
Man erließ schon zu Anfang des 18. Jahrhunderts Verordnungen
gegen den übermäßigen Hoizverbrauch — doch ohne Erfolg4.

Die einzigen Länder, wo die Wälder nicht erschöpft waren,
waren Rußland und Schweden. Und diese Länder wurden daher
wegen ihrer monopolistischen Stellung die Hauptlieferanten des Eisens
auf dem Weltmärkte. Insbesondere befand sich der Ural in günstiger
Lage. Große Urwälder einerseits, reiche, leicht schmelzbare Eisen-
erze andererseits, relativ einfache Technik des Hochofenprozesses,
endlich Billigkeit der Arbeitskräfte haben die Möglichkeit eines
raschen Aufschwunges der Eisenindustrie geschaffen. Wie billig
speziell die Arbeitskräfte waren, zeigen die Löhne, welche in den
Eisenwerken die Bergleute und Hüttenarbeiter bekamen. So sollte
am Ende des 18. Jahrhunderts ein Arbeiter mit einem Pferde auf
Befehl Katharinas II. im Sommer täglich 20, im Winter 12 Kopeken

1	Beck, a. a, 0., Bd. II, S. 1242.

2	Beck, a. a. 0., Bd. II. S. 1246.

3	Beck, a. a. 0., Bd. III, S. 1063.

4	Beck, a. a. 0. Bd. III, S. 1003.
        <pb n="14" />
        ﻿13

bekommen, ein Arbeiter ohne Pferd im Sommer 10, im Winter
8 Kopeken'.

Alle diese Produktionsverhältnisse hatten niedrige Produktions-
kosten zur Folge, besonders in den privaten Eisenwerken, wo die
Betriebsorganisation bedeutend vollkommener war. Man bekam das
Stabeisen z. B. bei mehreren Privatbütten unter 40 Kop., bei vielen
zwischen 40 und 45 Kop. und selten über 50 Kop. Der Transport
von einem Pud Eisen kostete nach St. Petersburg 15—25 Kop.1 2 3 *.
Es war also eine rein extensive Betriebsorganisation vorhanden, deren
Hauptgründe die billigen Arbeitskräfte und Rohstoffe bei einfacher
Technik waren. Dank allen erwähnten Produktionsverhältnissen
kamen England, wie auch andere holzarme Staaten immer mehr
in die Abhängigkeit von russischem Eisen und mußten damit an
Rußland immer höhere Preise zahlen.

4.	Die Zeit von Anfang des 19. Jahrhunderts bis
zur Bauernbefreiung.

Die Zeit der Blüte der russischen Eisenindustrie dauerte aber
nicht lange. Schon am Ende der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts
erschienen die ersten ungünstigen Symptome, die immer weiter griffen.
Damit kam die russische Eisenindustrie allmählich in die Periode,
die mit dem technischen Rückgang und der Produktionsstabilisierung
verbunden war. Die Periode dauerte ungefähr von Anfang bis zur
Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Produktion blieb in dieser Zeit
beinahe stabil, während der Export des Eisens nicht nur relativ,
sondern auch absolut abnahm. Es betrug in 1000 Pud8:

Jahr	Roheisen-  produktion	Eisenausfuhr	Jahr	Roheisen-  produktion	Eisenausfuhr
1810	9756	1290	1835	10655	1295
1822	9 334	1198	1840	11332	716
1825	9 645	1336	1845	11433	664
1830	11169	1058	1849	11556	520

Das russische Eisen war also im Jahre 1850 vom ausländischen
Markte beinahe vollständig verdrängt worden und die Ursache der
Veränderung in den Ausfuhrverhältnissen auf die technische Revolution
in der Eisengewinnung in Westeuropa, vor allem in England zurück-
zuführen.

Wie wir sahen, war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
in England der Holzkohlenverbrauch für Eisenverhüttung und -Ver-
arbeitung die Hauptursache des dauernden Stillstandes sowie des
Rückganges in der Eisengewinnung gewesen und damit auch die Ur-

1 Storch, a. a. O., Bd. II, S. 643.

* Storch, a. a. 0., Bd. II, S. 520.

3	Pokrowski, Tatsachen über die Geschichte und Statistik des aus-

wärtigen Handels Rußlands, Sbd. I, St. Petersburg 1902, Tabellen B,S. 61 (russisch).
        <pb n="15" />
        ﻿14

Sache der Abhängigkeit Englands vom russischen Eisenexport. Eng-
land bemühte sich schon seit Anfang des 18. Jahrhunderts, diesen
Zustand zu beseitigen. Nach vielen Versuchen wurde noch im
Jahre 1735 seitens Abraham Darbys die Verhüttung der Roheisen
mit Koks mit Erfolg vorgenommen, und allmählich fing die Ver-
hüttung mit Koks an sich zu entwickeln1.

Während im Jahre 1740 eigentlich noch keine Kokshochöfen,
dagegen 59 Holzkohlenhochöfen existierten, waren im Jahre 1788
in Großbritannien nur 26 Holzkohlenhochöfen und 59 Kokshochöfen
im Betriebe1 2 3. 1796 hatte man den Betrieb mit Holzkohle fast auf-
gegeben. Die andere Sorge ging darauf, die weitere Verarbeitung
des Roheisens mit Steinkohle zu ermöglichen. Im Jahre 1785
gelang es Henry Oort, den Puddelprozeß zu erfinden8. Durch diese
beiden Errungenschaften machte sich England gänzlich von den
Holzkohlen unabhängig. Durch die Verwendung der Steinkohle und
Benutzung verschiedener technischer Erfindungen, besonders der
Dampfkraft, konnte es bald alle anderen Länder in der Eisenpro-
duktion weit überflügeln. Die Eisenproduktion Großbritanniens machte
in dieser Zeit einen mächtigen Sprung vorwärts. Sie betrug in Tons4 5:

Jahr	Roheisen	J ahr	Roheisen
1770	32 000	1796	125000
1790	SO 000	1800	152000

Eine unmittelbare Folge dieser technischen Revolution war ein
Sinken der Eisenpreise in England6. Die russische Regierung hat
diese Erscheinung vollständig unberücksichtigt gelassen: ,.Rußland“,
schreibt Beck6, „in dem Glauben, daß England sein Eisen nicht
entbehren könne, erhöhte im Jahre 1770 seine Preise von 70 auf
80 Kop. für das Pud Roheisen, auf 200 bis 220 Kop. für ,neue
Zobel* (sable) und auf 250 Kop. für die besten ,alten Zobel“.
1794 gewährte die Regierung den Eisenwerksbesitzern Darlehen auf
ihr Eisen, um sie in den Stand zu setzen, die Engländer zu beliebig
hohen Preisen zu zwingen“. Selbstverständlich wurde damit das
russische Eisen von dem englischen Markt vollständig verdrängt.

Der Stillstand in der russischen Eisenindustrie ist aber nicht
nur durch die Verdrängung von dem ausländischen Markte ge-
kennzeichnet. Auch die russische Eisenindustrie selbst erlebte seit
Anfang des 19. Jahrhunderts einen bedeutenden Rückgang, was auf

1	Beck,	a. a. O.,	Bd. III,	8.	1067.

2	Beck,	a. a. 0.,	Bd. HI,	S.	1079.

3	Beck,	a. a. 0.,	Bd. 1H,	S.	1073.

4	Beck,	a. a. 0.,	Bd. III,	S.	1079.

5	Tugan-Baranowski, Die russische Fabrik, 1898, S. 80 (russisch).

6	Beck, a. a, 0., Bd. III, 8. 1150.
        <pb n="16" />
        ﻿15

die damals in der russischen Eisenindustrie herrschenden Produktions-
verhältnisse zurückzuführen ist. Die Unrentabilität der Staats-
eisenwerke noch unter Peters Nachfolgern, wie auch andere Ursachen,
hatten zur Folge, daß die meisten uralischen Eisenwerke an den
Adel und die Hofgünstlinge übergingen. Ein kleiner Kreis
von Personen, die eigentlich mit dem Bergbau nichts zu tun hatten,
bekam die riesigen Grund- und Bodenflächen mit reichen Eisenerz-
lagern und Urwäldern mit „zugeschriebenen“ ganzen Dörfern von
Leibeigenen, welche als lebendiges Inventar mit den Werken ver-
bunden waren. Dazu haben, nach Besobrasows ßechnung, die
privaten Eisenwerke auch bares Geld im Betrage von etwa
15 Millionen Rubel bekommen1. Die Unternehmer hatten nach
verschiedenen Bergprivilegien das Recht der eigenen Justiz, eigenen
Polizei usw. Aber diese schon an sich privilegierte Lage wurde
durch weitere Umstände zur rein monopolistischen. Diese Umstände
waren von zweierlei Art.

Erstens war im Jahre 1784 das bekannte Bergprivileg Peters
des Großen, welches, wie wir gesehen haben, einige bergfreiheitliche
Züge hatte, nach sechzigjähriger Existenz aufgehoben worden. In
dem neuen Berggesetz wurde das Besitzrecht auf Grund und Boden
auch mit dem Besitzrechte auf unterirdische Schätze verbunden.
Die uralischen Großgrundbesitzer konnten also jetzt wegen ihrer
Eisensteinlager ganz sicher sein.

Als zweite Ursache müssen wir die streng merkantilistische Zoll-
politik der russischen Regierung ansehen, welche sich am Anfang des
19. Jahrhunderts in eine ganz prohibitive verwandelte. Die Zölle
betrugen in Kopeken1:

Tarif vom Jahre	Roheisen	Stabeisen	Schweiß-  eisen	Eisen-  blech	Stahl	Eisenerzeug- nisse,Schmiede- arbeit
		pro Berkowez			pro 3 Pud	pro Berkow.
1724	5°/o	37,5%	37,5 %  (d.Preises)	37,5%  (d.Preises)	12	
	(d.Preises)	(d.Preises)			proBerkow.	25
1731	25	50	20	75	12,5	100
(Seezoll)	(30)	(60)	(60)	(200)	(18)	(300)
1757	78	78	78 ■ (d.Preises)	260	78	390
1766	180	235,25	200  (d.Preises)	600	125,25	1200
1775	180	235	200	600	126,5	1200
1782	300	240	V erboten	600	126	1200
1792	Verboten	V erboten		Verboten	150	Verboten
1797	» •		»		130  (pro Pud)	”
1816		»	”	&gt;,	30	»

1 Tugan-Baranowski, a. a. O., 8. 79.
        <pb n="17" />
        ﻿16

Wie stark monopolistisch die Lage damals war, läßt sich aus der
Höhe der erhaltenen Gewinne beweisen. Es betrugen im Jahre 1848/491:

Sorten	Selbstkosten  Kop.	Verkaufspreis  Kop.	Gewinn pro Pud  °/  Io
Verschiedene	53	114	132
Eisensorten	1	60	200	250
1	57	114	117
Verschiedene	65	171	180
Stahlsorten	1	90	286	230
l	78	214	191

Diese Monopolstellung der kleinen Gruppe von Adligen hatte zur
Folge, daß die uralische Eisenindustrie nicht den geringsten Antrieb
durch Konkurrenz erfuhr, was allmählich zur vollständigenDegradierung
der Betriebsorganisation und zu technischer Bückständigkeit führte.

Als die wichtigste Ursache dieser Degradierung ist aber die
Leibeigenschaft anzusehen. Die Leibeigenschaftsarbeit konnte nur
unter zwei Voraussetzungen produktiv sein: bei extensivem Bergbau
und massenhafter Vernichtung der Naturschätze einerseits, und bei
einfacher Technik und primitiver Betriebsorganisation andererseits.
Der hundertjährige Bergbau im Uralgebirge mußte aber endlich dazu
führen, daß eine Menge von den umliegenden Wäldern vernichtet
wurde. Außerdem mußten auch einige wichtige Eisenerzgruben wegen
des Raubbaues versiegen. Das alles mußte eine Verteuerung der
Rohstoffe mit sich bringen. Dazu kam die Intensivierung des Be-
triebes in Frage, die aber bei der Leibeigenschaft so gut wie aus-
geschlossen war. Wenn früher bei der einfachen Technik die Leib-
eigenenarbeit Voraussetzung der rasch wachsenden Eisenindustrie
war, so erschien sie jetzt als stärkstes Hindernis der industriellen
Entwicklung. Infolge aller dieser Verhältnisse ergab sich ein immer
weiterschreitender Rückgang der russischen Eisenindustrie.

Besonders schlimm war die Lage der Staatswerke; wegen größerer
Unterschlagungen, Vernachlässigungen und rein bürokratischer Leitung
blieben sie außerdem auch verlustbringend. In diesen Werken war
der technische Rückgang noch fühlbarer. Schon der Krimkrieg hat
mit Klarheit gezeigt, daß hier vollständige Reorganisation nötig war.
So waren z. B. während nur 349 Tage der Verteidigung von Sewastopol
900 russische Kanonen vollständig unbrauchbar geworden.

5.	Die Zeit der Bauernbefreiung.

Die Bauernbefreiung mußte die „patriarchalischen“ Produktions-
verhältnisse am schwersten bedrohen. Sie mußte auch eine neue
Epoche in der Eisenindustrie mit sich bringen.

1	Brandt, a. a. O., S. 12 und 13.
        <pb n="18" />
        ﻿17

Die unmittelbare Wirkung der Bauernbefreiung auf die Eisen-
produktion Rußlands trug zunächst einen negativen Charakter. Eine
massenhafte Elucht der befreiten Leibeigenen von den Eisenwerken
begann1. Die Leute wollten die Orte ihrer dauernden Knechtung
sofort verlassen. Und obwohl die Löhne vielfach gestiegen waren,
wurde ein großer Mangel an Arbeitshänden in allen Eisenwerken
verspürt. Schon im nächsten Jahre nahm die Produktion rasch
ab. Sie betrug in 1000 Pud:

.Jahr	Ural	Gesamt-  itußland	Jahr	Ural	Gesamt-  Bußland
1860	14513	20468	1865	12329	18221
1861	14226	19 268	1866	12580	18568
1862	10226	15268	1867	12399	17 553
1863	11921	17027	1868	?	19 807
1864	12533	18301	1869	13402	20104

Die Roheiseuproduktion konnte also erst nach zehnjähriger Frist
die alte Höhe wieder erreichen. Aus der Tabelle ist klar ersichtlich,
daß der größte Teil der Verminderung gerade auf das Uralgebiet
entfallen ist. Seitdem fängt sie an, rasch vorwärts zu gehen. Die
Beschaffenheit der freien Arbeitskräfte war die wichtigste Vor-
bedingung der weiteren kapitalistischen Entwicklung der russischen
Eisenindustrie.

Damit aber die Eisenindustrie Rußlands neue Bahnen eiu-
schlagen konnte, mußten nicht nur die Arbeitskräfte befreit, sondern
es mußte auch die ganze wirtschaftliche Struktur Rußlands verändert
werden. Insbesondere kommen hier zwei Voraussetzungen in Be-
tracht: die Entwicklung des Kommunikationswesens und der Kredit-
verhältnisse.

Im Jahre 1836 wurde in Rußland die erste Eisenbahnlinie er-
baut (St. Petersburg—'Zarskoje Sselo)1 2, 1842 kam die zweite Linie
in Betrieb (St. Petersburg—Moskau)3. Seitdem begann ein regel-
mäßiger Eisenbahnbau. Die technisch rückständische heimische In-
dustrie konnte aber diesen neuen Bedarf gewiß nicht decken.

Zuerst konnten die W erke diese Aufgabe schon darum nicht
erfüllen, weil sie nicht die nötigen Einrichtungen für eine derartige
Produktion hatten und wegen der herrschenden Betriebsweise nicht
hersteilen konnten. So war die Eisenbahnlinie St. Petersburg—Zarskoje
Sselo aus ausländischen Materialien erbaut. Die Eisenbahnlinie
St. Petersburg—Moskau sollte dem Zarenbefehl nach ausschließlich
aus russischem Material erbaut werden, ein Plan, der aber ein voll-

1	pugain-Baranowski, a. a. 0 , S. 300.

2	Brandt, a. a. 0. fe,. 15.

2 Brandt, a. a. 0. S., 16.

Sawelieff.

2
        <pb n="19" />
        ﻿18

ständiges Fiasko erlitt. Kein einziges Pud konnte damals die in
St. Petersburg dazu speziell gegründete Gesellschaft liefern, obwohl
die Regierung einen höheren Preis von 5 Rbl. Papierwährung
(1,43 Rbl. Silber) für die bestellten Schienen bestimmte1. Nicht
besser war es auch mit der im Jahre 1852 begonnenen St. Peters-
burg—Warschauer Linie. Die Lieferung von 3950000 Pud Eisen-
schienen wurde zuerst vier großen Uralfirmen aufgegeben; da aber
die Schienenwalzung spezielle Einrichtungen, geschicktes Personal,
neues Anlagekapital erforderte, hatten zwei von diesen Firmen die
Bestellung abgelehnt, für zwei andere wurde die Bestellung ver-
mindert und die von ihnen hergestellten Schienen wurden für eine
andere Linie bestimmt1 2. Alle diese Schwierigkeiten und besonders
die großen Produktionskosten bei der heimischen Schienenproduktion
und damit die hohen Preise zwangen die Regierung, bei der Her-
stellung des Eisenbahnnetzes von Anfang an sich an die ausländischen
Eisenproduzenten zu wenden. Sie erteilte seit dem Jahre 1850 den
Eisenbahngesellschaften die Erlaubnis, die Eisenbahnmaterialien zoll-
frei aus dem Auslande zu beziehen, was massenhafte Eiseneinfuhr
nach Rußland zur Folge hatte.

Selbst die Uraleisenbahn, welche überreiche Eisenerzlager durch-
querte, wurde mit ausländischen Schienen gebaut. Die ersten russischen
Eisenbahnlinien bestanden beinahe ausschließlich aus ausländischen
Materialien.

Seit dieser Zeit vollzog' sich auch eine allgemeine Veränderung
der russischen Eisenzollpolitik. Von den prohibitiven Tarifen des
ersten Viertels des 19. Jahrhunderts ging die Regierung allmählich
immer mehr zur Zollermäßigung über. Besonders liberal in diesem
Sinne war der Tarif vom Jahre 1857, der die Einfuhr beinahe aller
Sorten von Eisen fast zollfrei erlaubte.

Obwohl diese Eisenzollherabsetzungen in gewissem Maße auch
durch die damals populäre Freihandelstheorie beeinflußt wurden, lag
doch der Hauptgrund hierzu in den erwähnten Bestrebungen der
Regierung, das Eisenbahnnetz möglichst schnell zu vergrößern, dessen
Notwendigkeit für das Reich besonders durch die Krimniederlage
in helles Licht gesetzt worden war. Relativ rasch entstand eine be-
deutende Zahl von Eisenbahnen, deren Bedeutung selbstverständlich
über die kriegerischen Zwecke der Regierung weit hinausgeht und
für die kapitalistische Entwicklung Rußlands überhaupt und seiner
Eisenindustrie insbesondere'sehr in Betracht kommt. Im Jahre 1861
betrug die Gesamtlänge der russischen Bahnen nur 2065 Werst, im
Jahre 1878 dagegen schon 20938 Werst3.

1	Brandt, a. a. O., S. 16.

2	Brandt, a. a. O., 8. 18.

3	Tatsachen d. Staatskontrolle über Eisenbahnen für 1907, S. 88, (russisch).
        <pb n="20" />
        ﻿19

Große Veränderungen sind in den 70 er Jahren nicht nur in dem
Kommunikationswesen zu beobachten. Auch auf anderen Gebieten
wurden neue wirtschaftliche Kräfte geweckt, die infolge des Zu-
sammenbruchs des Leibeigeuschaftssystems frei geworden waren.
Vor allem ist an die große Bedeutung der damals entstandenen
Kreditaktiengesellschaften zu denken; sie brachten frischen Zug in
die verschiedenen anderen Wirtschaftsgebiete. Wohin damals der
Hauptstrom des Kapitals floß, zeigen uns die folgenden Ziffern: in
den Jahren 1861—74 besaßen die Eisenbahngesellschaften 62 °/0 des
Gesamtaktienkapitals in Rußland, die Kreditanstalten etwa 20°/o und
die Gewerhegesellschaften dagegen nur 11,4 °/0.

2*
        <pb n="21" />
        ﻿Erster Teil.

Geschichte der Eisenindustrie in Südrußland.

Kapitel II.

Die Anfänge der Eisenindustrie in Südrußland.

1.	Begriff der siidriissischen Eisenindustrie.

Man unterscheidet im jetzigen Rußland sechs Eisenindustrie-
gebiete, welche im großen und ganzen wirtschaftlich-territoriale
Einheiten bilden. Es sind: 1. Das Uralgebiet, 2. das mittlere Rußland,
3. das südrussische, 4. das polnische, 5. das nordwestliche und 6. das
sibirische Gebiet1.

Südrußland ist eigentlich ein ziemlich verschwommener Begriff;
man meint damit ungefähr das südliche Drittel des europäischen
Rußlands, dagegen ist der Begriff „südrussisches Eisenindustriegebiet“
ziemlich klar begrenzt. Hier kommen folgende Gouvernements in
Betracht: das Gouvernement Jekaterinoslaw, das Donezgebiet und
dann teilweise die Gouvernements Cherson, Charkow und Taurien.
Die Entstehung dieses Industriebezirks steht im engsten Zusammen-
hänge mit der Verteilung der Eisen- und Steinkohlenlager in Süd-
rußland.

Da die südrussischen Steppen beinahe vollständig waldlos sind,
brauchte man in Südrußland als Heizungsmaterial von Anfang an
Steinkohle. Das Donez-Steinkoblenbassin umfaßt eine Fläche von
ungefähr 40000 Quadratwerst und ist wohl das größte in ganz Europa1 2.
Das Gebiet kann man in zwei Teile einteilen: die östlichen zwei
Drittel des Bassins enthalten Anthracit, das westliche Drittel dagegen
führt in reicher Menge die eigentliche Steinkohle, welche die Grund-
lage des Hochofenprozesses bildet.

Die Eisensteinlagerungen befinden sich in drei Gegenden. Die
erste Gruppe bilden die in Kohlenbecken zerstreuten Eisenerz-

1	Die offizielle staatliche Statistik rechnet noch drei Gebiete dazu: nörd-
liehes, südwestliches und finnisches.

2	Prof. Lutugun meint, daß allein das bis jetzt untersuchte Gebiet zirka
210 Milliarden Pud Steinkohle enthält.
        <pb n="22" />
        ﻿21

ablagerungen: die zweite befindet sich auf der Halbinsel Kertsch
(ausschließlich Brauneisenstein). Aber das wichtigste Bisensteinlager
ist eine Gegend etwa 450 Werst in westlicher Richtung von dem
Kohlenbecken, auf der Grenze zwischen dem Gouvernement Cherson
und Jekaterinoslaw — der sog. Krivoj-Bog-Fundort, wo die Eisen-
steinlager ungefähr auf 90 Werst nach dem Flusse Saxagan sich
vorstrecken1. Hier finden sich großartige Lager von Eisenerzen
vorzüglicher Qualität in drei Sorten: Eisenglanz, Magneteisenstein
und Roteisenstein. Der letzte Ort ist aber erst relativ spät entdeckt
worden.

In dem südrussischen Gebiete gibt es außerdem die für die
Eisengewinnung sehr wichtigen Zusätze und Hilfsstoffe, wie Kalk,
feuerfesten Ton, Mangan, Dolomit ziemlich reichlich.

Schon alle diese Naturschätze mußten über kurz oder lang die
Entstehung der Eisenindustrie in Südrußland hervorrufen.

Selbstverständlich spielten bei dem Bau von Eisenwerken nicht
nur die erwähnte Erstreckung der Hauptstoffe — des Eisenerzes
und der Steinkohle — eine Rolle, sondern auch andere Faktoren und
insbesondere die Transportverhältnisse, Beschaffung der Arbeitskräfte
usw. So stellte hier in früheren Zeiten der Don mit seinen Neben-
flüssen allein einen bequemen Weg dar, und man bemühte sich,
gleich die ersten Werke möglichst in der nächsten Nähe dieses
Flusses zu bauen. Später spielten auch die Eisenbahnen in Süd-
rußland eine wichtige Rolle.

2.	Die Gründung der ersten staatlichen Eisenwerke.

Die ersten Angaben über die Eisengewinnung in Südrußland
linden sich noch bei Herodot; er berichtet, daß die Eisengewinnung
bei den sog. skythischen Völkern bekannt war. Nach seinen Angaben
wurde das Eisen von den Skythen durch die Sandwaschung an einem
skythischen Flusse gewonnen. Einige russische Autoren haben darauf
die Hypothese aufgestellt, daß dieses Eisen aus dem Sande des
Inguletz-Flusses neben dem jetzigen Krivoj-Rog gewonnen worden
sei, in welcher Gegend später Spuren von alten Gruben und von
Eisenverhüttung gefunden worden waren. Weitere Nachrichten sagen,
daß im früheren Mittelalter hier die Genuesen sich mit Eisenförderung
beschäftigt haben. Dann bleiben diese Eisenerzfunde infolge der
verschiedenen geschichtlichen Ereignisse lange Zeit vollständig brach
liegen. Jahrhundertelang bildeten die südrussischen Steppen ein
beinahe unbesiedeltes Land. Erst mit der Konsolidation des russischen
Reiches begann die allmähliche Kolonisation Südrußlands von Norden

1	Man berechnet hier die Menge nur der untersuchten Eisenerzlagerungen
auf 5 Milliarden Pud.
        <pb n="23" />
        ﻿22

her, und noch lange Zeit bleibt das Gebiet der jetzigen Kohlen- und
Eisengruben als Freiland zwischen Tataren einerseits, den Kosaken
und dem Moskowitischen Staate andererseits.

Zuerst wurde in Südrußland Steinkohle entdeckt und zwar unter
Peter d. Großen1. Später aber hat man diese Kohle wieder voll-
ständig vergessen, sodaß bis zum Ende des 18. Jahrhunderts darüber
kein Wort zu finden ist. Nachdem von der russischen Regierung
im Schwarzen Meere eine Flotte erbaut worden war, setzten die
ersten Bemühungen derselben ein, die südrussischen Steppen zu
kolonisieren und die heimischen Naturschätze zu untersuchen. Ein
Ergebnis dieser Untersuchungen war auch die nochmalige Ent-
deckung der Steinkohle, die im Jahre 1787 von Kapitän Skarnjakow
gemacht wurde.

Bestimmte Angaben über die Entdeckung des Eisenerzes fehlen.
Es wurde jedenfalls etwas später, vermutlich am Anfang des 19. Jahr-
hunderts, in der Gegend des Donezbassins gefunden.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts bemühte sich die russische
Regierung um die Gründung einer Eisenindustrie in Südrußland.
Die Errichtung des ersten Eisenwerkes erfolgte im Jahre 1795, sie
stand in unmittelbarem Zusamenhange mit der Erbauung der Kriegs-
flotte des Schwarzen Meeres. Man wollte die Möglichkeit bekommen,
bequem und ohne Zeitverlust die Schiffe mit Artillerie und Munition
zu versorgen, da bisher alle diese Gegenstände aus den Uralwerken
kamen, auf einem unter den damaligen Verhältnissen sehr lang-
wierigen und kostspieligen Weg1 2 3 *. Das Werk wurde nicht weit von
der Stadt Lugansk, im nördlichen Teil des Kohleugebietes mit Hilfe
der Engländer aufgeführt; im Jahre 1797 war es fertig. Außer
Einrichtungen zur Herstellung von Gußeisen hatte man hier auch
einen Hochofen erbaut, der mit Steinkohlenheiznng eingerichtet und
zuerst für die Verarbeitung von uralischem Eisenerz bestimmt war.
Die erste Probe der Eisenverhüttung mit Steinkohle mißlang mit
diesem Ofen aber vollständig, und weder damals, noch später konnte
man dort auch nur ein einziges Pud Roheisen gewinnen8.

Beinahe in derselben Zeit wurden auch die ersten vier staatlichen
Steinkohlengruben angelegt. Der älteste Ort der Steinkohlenförderung
war Lissitschansk im nördlichen Teil des Donezbassins, wo noch
im Jahre 1791 mit der Kohlengewinnung begonnen wurde. Am
Anfang des 19. Jahrhunderts finden sich auch die ersten bäuerlichen
Steinkohlengruben vor. Im Jahre 1827 wurde dann vom Ingenieur

1	Auerbach, Erinnerungen über die Anfärge der Steinkohlenförderung
in Rußland (in der Zeitschrift: Russisches Altertum, VI, 1909), (russ:sch).

2	Fertner, Die Donez-Steinkohlenindustrie, St. Petersburg 1909, S. 37
(russisch).

3	RagosiD, Steinkoh'e und Eisen in, Südrußland, St. Petersburg 1895

S. 4 (russisch).
        <pb n="24" />
        ﻿23

Olivieri nicht weit von Druschkowka im Donezbassin Anthrazit
entdeckt.

Im Jahre 1833 war im Luganskwerke wieder eine Probe gemacht
worden, das Roheisen jetzt, aus dem lokalen Eisenerze zu gewinnen.
Zwar bekam man bei diesem Versuche Roheisen, aber es war von
ganz ungenügender Qualität. Das Luganskwerk führte in dieser
ganzen Zeit wegen dieser wie auch verschiedener anderer Mißerfolge
ein sehr klägliches Dasein. Die neuen Kohlengruben, die den Zweck
hatten, das Werk mit Kohle zu versorgen, konnten daher auch nicht
emporkommen. Iin Jahre 1839 fanden die französischen Ingenieure
Le Play und Molignau im Donezbassin eine jährliche Steinkohlen-
produktion von nur 877 000 Pud.

Die früher erwähnten staatlichen Gruben und das Luganskwerk
waren in einen Bergbezirk zusammengefaßt. Dieser Bezirk, wie auch
die anderen ähnlichen, hatte seine Polizei, Kirchen, Gericht, Ver-
waltung usw. Sie erließen verschiedene Verordnungen und Maß-
regeln, welche manchmal die kleinsten Einzelheiten des Gewerbes
regelten. So hat man z. B., um den Steinkohlenverbrauch zu ver-
mehren, einen Erlaß im Luganskbezirk veröffentlicht, in welchem
den dortigen Speckschmelzereien nur mit Steinkohle zu heizen erlaubt
war. Gewiß konnten solche Maßregeln nicht viel nutzen, und drei
staatliche Gruben hörten bald mit ihrer Arbeit auf. Die Steinkohlen-
förderung dauerte nur in Lissitschansk fort, aber auch hier in sehr
beschränktem Maße. Selbst das Luganskwerk kam, nachdem die
Versuche mit der Schmelzung nicht gelungen waren, mehr und mehr
* in Verfall, bis es sich endlich zum völligen Stillstand genötigt sah1.

Im Jahre 1830 wurden die ersten Eisensteinlagerungen auf der
Tamaj-flalbinsel (gegenüber der Stadt Kertsch) entdeckt und im
Jahre 1837 große Eisenerzlager auf der Kertseh-Halbinsel1 2. Nach-
dem die ersten Versuche in Lugansk zu keinem Ergebnis geführt
hatten, setzte die Regierung ihre Versuche auf der Halbinsel Kertsch
fort. Man schlug vor, hier ein Werk zu bauen und die Eisenerz-
verhüttuug mit dem Druschkowsk-Anthrazit durchzuführen. Nach
einer Reihe von Mißerfolgen wurde hier im Jahre 1848 das erste
Roheisen gewonnen; aber auch dieses Eisen war von einer nicht
genügenden Qualität; 1855 wurde das Werk während des Krim-
krieges vollständig zerstört. Im Jahre 1845 wurde dann noch ein
Werk im Gouvernement Jekaterinoslaw an dem Flusse Sadka ge-
gründet. Das Werk wurde zu Ehren Peter des Großen „Petrowsk-
Werk-‘ genannt. Die Verhüttung verlief zuerst ganz günstig; es
wurden ca. 90000 Pud Roheisen gewonnen, der Hochofen war aber
nicht genügend feuerfest und nach einigen mißlungenen Versuchen,

1	Eelkner, Steinkohle u. Eisen in Rußland, St, Petersburg, S. 43 (russisch).

2	Keppen, a. a. O. S. 16.
        <pb n="25" />
        ﻿24

ihn zu verbessern, wurde auch dieses Werk still gelegt1. Nachdem
im Jahre 1866 ein Zaren-Ukas den Weiterbau der staatlichen
Eisenindustrie in Südrußland befohlen hatte, wurde noch ein Ver-
such gemacht und 1870 nicht weit von Lissitschansk ein Werk er-
baut. Da aber hier kein Eisenerz und nur schlechtbackende Kohle
vorhanden war, konnte die Sache nicht vorwärts gehen1 2. Damit
endete die lange Reihe der staatlichen Mißerfolge, in Südrußland
eine Eisenindustrie zu gründen. Als die Hauptursachen dieser etwa
70 Jahre dauernden Mißerfolge können wir zwei nennen. Das sind
erstens die technische Schwierigkeit, die man im damaligen Südruß-
land zu überwinden hatte, und zweitens die ungeschickte staatliche
Gründungstätigkeit und die schlechte Leitung der erbauten Werke.

Obwohl die Steinkohle in Südrußland von vorzüglicher Qualität
war, so spielte hier der Mangel au guten Eisenerzen immer die
ausschlaggebende Rolle. Die reichen und reinen Eisenerze in Krivoj-
Rog waren noch nicht entdeckt, die gefundenen dagegen minder-
wertig und boten wegen ihres großen Phosphorgehaltes für die da-
malige Verhüttungstechnik zu viel Schwierigkeiten. Außerdem waren
die im Donezbassin vorhandenen Ablagerungen zu mangelhaft, um
allein zu genügen. Dazu kam noch der schlechte Zustand der
Wege. Die Eisenbahnlinien erschienen hier erst am Ende der
60er Jahre. „Der ärgste Feind jeder, auch der besten Unter-
nehmung ist in unserer Gegend“, sagt Felkner in seinem Buche,
„der Gütertransport3.“

Als zweite Ursache der Mißerfolge spielte danu, wie erwähnt,
die schlechte und ungeschickte staatliche Gründung der Eisenwerke
mit. Die Bureaukratie, welche schon im Uralgebirge völlig versagt
hatte, war selbstverständlich nicht fähig, neue Wege im fast unbe-
kannten „Neu-Rußland“ zu bahnen. Die Geschichte der bureau-
kratischen Griinduug in Südrußland zeigt Tausende von Beispielen
der Nachlässigkeit und Ungeschicklichkeit. Die Werke waren
schlecht gebaut, die Gegenden nicht genügend untersucht, und es
gab nur Leibeigenenkräfte und Zwangsarbeit.

Privatgründungen dagegen waren damals völlig ausgeschlossen.
Man mußte zuerst alle hier existierenden lokalen bergrechtlichen Be-
stimmungen abschaffen. Nach diesen Bestimmungen waren alle
unterirdischen Schätze im Donischen Kosakengebiet das Gesamt-
eigentum des Kosakeustandes. Im Falle der Entdeckung mußten
die früheren Besitzer des Grundstückes es verlassen und be-
kamen ein anderes ebenso großes, während das Grundstück
mit Mineralien in den Besitz der Kosakenverwaltung überging.
Selbstverständlich hielten es die Bewohner für ein großes Unglück,

1	Ragosin, a. a. O., S. 6.

2	Brandt, a. a. O., S. 45.

3	Belkner, a. a. 0., S. 78.
        <pb n="26" />
        ﻿25

wenn etwas ähnliches passierte, und wandten alle denkbaren Mittel
an, um die zufällige Entdeckung von Steinkohlenlagerungen und dergl.
zu verbergen1. Ein anderes Gesetz verbot, wenigstens offiziell, jeder-
mann außer den Angehörigen des Kosakenstandes, sich mit dem
Bergbau zu beschäftigen1 2. Diese beiden Gesetze bildeten das große
Hindernis der Übernahme der Steinkohlenförderung durch Privat-
personen, ja sie machten das fast unmöglich. Sie wurden erst nach
dem Zusammenbruch des Leibeigenschaftssystems, im Jahre 1864
abgeschafft.

Nach dem neueingeführten Gesetze wurden alle im Donkosaken-
gebiete befindlichen Gegenden in zwei Gruppen geteilt. Zur ersten
gehört das Privat- und Gemeindeeigentum, zur zweiten das Eigen-
tum des Kosakenstandes. Die Privateigentümer und die Gemeinden
hatten jetzt das ausschließliche Recht auf die Bodenschätze ihrer
Grundstücke. Im Zusammenhänge damit durften die Bergunter-
nehmer ihre Verträge nur mit letzteren abschließen. Diejenigen
Bergleute, welche im eigentlichen Kosakengebiete Bergbau betreiben
wollten, hatten gewisse relativ einfache Bedingungen zu erfüllen3.
Jetzt war auch Privatpersonen die Möglichkeit gegeben, sich mit
dem Bergbau zu beschäftigen. Als Folge entstand im Donezbassin,
besonders nach dem Bau der ersten Eisenbahnlinie, eine lebhafte
Unternehinungstätigkeit.

Kapitel III.

Die Zeit von 1870 bis 1885.

1.	Die Gründung der ersten privaten Werke.

Die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, die in der
Zeit nach der Bauernbefreiung zur Geltung kamen, ermöglichten
auch der südrussischen Eisenindustrie, neue Bahnen einzuschlagen.
Seit dieser Zeit fing sie an, sich als kapitalistische Großindustrie zu
entwickeln.

Schon am Ende der 60er Jahre lassen sich die ernsten Be-
mühungen der Regierung beobachten, den Eisenbahnbau ausschließ-
lich mit heimischen Materialien zu ermöglichen. Noch im Jahre 1866
erließ die Regierung einen entsprechenden ükas. Einen weiteren
Ausdruck fand dieses Bestreben in dem Ukas von 1876, der eine
Prämie auf jedes innerhalb Rußlands hergestellte Pud Stahlschienen

1	Felkner, a. a. 0., S. 7.

2	Pelkner, a. a. 0., S. 8.

3	Strukgoff, a. a. -0., S. 211 u. 212.
        <pb n="27" />
        ﻿26

setzt1. Da die Uraleisenindustrie, von den technischen Verhältnissen
abgesehen, schon ihrer ungünstigen Lage nach für diese Produktion
unfähig erschien, wandte sich die Regierung wieder nach dem Süden.
Die früheren Mißerfolge mit den Staatswerken nötigten sie aber, die
bisherige Politik bei der Errichtung von Staatswerken zu verlassen
und zur Pflege des Privatunternehmertums in Südrußland über-
zugehen. Schon bei der Gründung der Eisenbahugesellschaft Kursk-
Charkow-Sewastopol machte die Regierung die Konzession von der
Gründung eines Eisenwerkes in Südrußland abhängig. Das Eisen-
werk sollte mit einheimischen Materialien arbeiten, wobei seine jähr-
liche Produktion wenigstens 500000 Schienen erreichen mußte. Als
Garantie der Erfüllung dieser Bedingungen wurde von den Vertretern
der Eisenbahngesellschaft auch eine Summe von 500000 Rubeln ein-
behalten. Um die Gründung des Werkes zu erleichtern, wurde dann
laut Ukas des Zaren vom 3. Januar 1869 ein Bauerngrundstück von
500 Dessj., nicht weit von der Eisenbahnlinie, das reiche Steinkohlen-
lager enthielt, zugunsten der Aktien-Gesellschaft enteignet. Da aber
die Gründung des Werkes große Schwierigkeiten bot, hat sie die
Gesellschaft unterlassen. Zwar wurden von ihr auf dem ihr über-
wiesenen Grundstücke Steinkohlengruben angelegt, doch ausschließ-
lich zur Versorgung der Eisenbahnlinie1 2 3 *. Bald darauf wurden diese
Verpflichtungen aufgehoben; später hat man sogar selbst das Pfand
zurückgegeben. So endete dieser ganze Versuch erfolglos.

Etwas früher, im Jahre 1866, war von der Regierung eine andere
Konzession zur Errichtung eines Eisenwerkes an den Fürsten Kotschubej
erteilt worden. In dem darüber abgeschlossenen Vertrage hat die
Regierung dem Gründer des Werkes sehr günstige Bedingungen
gestellt. So wurde unter anderem eine Prämie von 50 Kop. pro
hergestelltes Pud Schienen garantiert. Fürst Kotschubej konnte aber
trotz dieser Bedingungen weder in Rußland noch im Auslande eine
Gesellschaft gründen, die die dazu nötigen Kapitalien beschaffte.
Er war gezwungen, seine Konzession an den Engländer John Hughes,
den früheren Haupttechniker des Melwillwerkes in London für
24000 £ zu verkaufen. Hughes war der erste, der Erfolg hatte.
Er gründete am 18. April 1869 die Gesellschaft in England — „New
Russian iron c-ny“ mit einem Stammkapital von 300 000 ^8.

Die Hauptpunkte des Vertrages zwischen Hughes und der
Regierung waren folgende: Hughes verpflichtete sich, die Hütte mit
einer Produktionsfähigkeit von wenigstens 100 t Roheisen pro Woche
zu erbauen. Weiter sollte er eine Steinkohlengrube von solcher

1	Brandt, a. a. O., S. 22.

2	Ahtipow, Überblick der Staatsmaßnahmen zur Förderung der Metall-
industrie in Rußland, St. Petersburg 1876, S. 15 und 16 (russisch).

3	Felkner, a. a. O., S. 123; Schulze-Gävernitz, Volkswirtschaftliche

Studien aus Rußland, Leipzig 1899, S. 299.
        <pb n="28" />
        ﻿27

Größe errichten, um nötigenfalls für den Staatsbedarf mindestens
2000 t Steinkohle jährlich zur Verfügung zu stellen. Die Frist der
Errichtung des Werkes war auf zwei Jahre festgesetzt. Die Gegen-
leistungen des Staates waren sehr bedeutend. Die Gesellschaft bekam
unentgeltlich ein Grundstück (ca. 18000 Dessjatinen) längs des Flusses
Kalmius im Gouvernement Jekaterinoslaw und an der Eisenbahn
Charkow-Asow mit reichen Steinkohlenlagern, teilweise auch mit
Eisenstein. Dann verpflichtete sich die Regierung, eine Prämie für
300000 Pud Schienen jährlich und auf die Dauer von zehn Jahren
in der Höhe von fünfzig Kopeken (Silber) pro Pud zu bezahlen.

Hughes hatte auch das Recht bekommen, alle für den Eisen-
werkbau nötigen Materialien zollfrei aus dem Auslande zu beziehen.
Ferner wurde von der Regierung eine Konzession zum Bau einer
Eisenbahnlinie von 85 Werst Länge an die Gesellschaft erteilt, wozu
die Regierung nicht nur drei Viertel der für den Eisenbahnbau
nötigen Summe zinsfrei darlieh, sondern auch eine 5°/0ige Verzinsung
des vierten Viertels garantierte1.

Trotz verschiedener Hindernisse hat Hughes mit großer Energie
den Bau des Werkes zu Ende geführt. Alle Maschinen und Ein-
richtungen wurden von England geliefert und dann mehr als hundert
Werst weit von der Küste des Asowschen Meeres mit Ochsen
transportiert. Als Arbeitskräfte wurden teils englische Arbeiter, teils
das frühe! e Personal der Staatswerke in Lugansk und Lissitschansk
herangezogen. Nach Beendigung aller Vorbereitungen fand am
24. April 1871 die erste Verhüttung des Roheisens statt2. Wegen
einer Hochofenbeschädigung mußte aber die Verhüttung bald ver-
tagt werden; sie begann erst wieder am Anfang des Jahres 1872.
Nachdem die erste Bestellung von 2100000 Pud Eisenschienen für
die Regierung, wie auch eiue andere von 750842 Pud für Private
ausgeführt worden war, bekam Hughes weitere Bestellungen seitens
der Regierung von 2700000 Pud — jetzt Stahlschienen3. Darum
mußte er sein Werk erst der Stahlschienenproduktiou anpassen,
doch wurde auch diese Schwierigkeit bald überwunden. Seitdem
nahm die Tätigkeit des Werkes immer größeren Umfang an. Es
betrug in 1000 Pud:

Jahr	Roheisenproduktion	Schienenproduktion
1875	435	362
1880	806	451
1885	1961	. 1581

1	lelkner, a, a. 0., S. 124; Isslawin, Überblick über die Steinkohleo-
und Eisenerzindustrie des Donezbassins, St. Petersburg 1875. S. 20 u 21 (russisch).

2	Dehn, a. a. 0., S. 122.

3	Brandt, a. a. 0., S. 48.
        <pb n="29" />
        ﻿28

Ein zweites Werk, welches damals in Südrußland entstand, war
das von Pastuchow in dem südlichen Teile des Donezbassins ge-
gründete Suhliuwerk. Als sein Gründungsjahr ist 1870 zu bezeichnen.
Der Gründer hatte sich als Aufgabe die Verhüttung von Eisenerzen auf
Anthrazit gestellt. Er hatte im Gegensatz zu Hughes die Gründung
von Anfang an auf eigenes Risiko unternommen, obgleich auch ihm
von der russischen Regierung und ferner vom Kriegsministerium
einige wichtige Unterstützungen gegeben wurden. Die Erfahrungen
waren jedoch nicht günstig. Die Verhüttung konnte nur mit großen
Störungen und Unterbrechungen vor sich gehen. Das Werk nahm
infolgedessen immer mehr den Charakter eines reinen Walzwerkes an.

2.	Produktion»- und Absatzverhiiltnisse.

Die beiden erwähnten Werke kamen in Südrußland bis zum
Endo der 80er Jahre allein in Betracht; bis dahin fand hier keine
weitere Bautätigkeit in der Eisenindustrie statt. Da das Suhlinwerk
seiner Produktivität nach in dieser Zeit keine Bedeutung besaß, kann
sich die Erörterung der Produktions- und Absatzverhältnisse auf das
Hugheswerk allein beschränken. Die Beschaffung von Rohstoffen er-
folgte hierin dieser Zeit verhältnismäßig billig und ohne große Schwierig-
keiten. Besonders die Steinkohle, die von der Gesellschaft auf eigenen
Gruben gefördert wurde, hatte große Vorzüge. Obwohl schon
damals in der jungen südrussischen Steinkohlenindustrie große Preis-
schwankungen vorkamen, konnten sie speziell für die Neurussische Ge-
sellschaft, die eine der größten Gruben besaß, keine Rolle spielen.

Das Eisenerz bekam Hughes von den in der Umgebung wohnenden
Bauern, welche es aus eigenen Gruben förderten und zu dem außer-
ordentlich billigen Preise von etwa l/2 Kop. pro Pud an die Ge-
sellschaft absetzten. Trotzdem war doch die Beschaffung des Eisen-
erzes vielleicht der schwächste Punkt des ganzen Betriebes. Es
mußte wohl erstens die Qualität der Erze nicht besonders gut sein.
Weiter zeigte sich, wenn auch das Werk in den ersten Jahren
nach seiner Gründung keinen sichtbaren Mangel au Erzen aufzu-
weisen hatte, später, daß die heimischen Eisenerzlager zu mangel-
haft und von der Gesellschaft überschätzt worden waren. Diese
Tatsache mußte für das Werk große Schwierigkeiten mit sich bringen,
besonders dadurch, daß die damals einzig und allein bekannten Eisen-
erze von der Halbinsel Kertsch wegen ihrer Entfernung hier nicht
in Betracht kommen konnten.

Die Transportkosten waren trotz der schon erbauten Bahnen
sehr bedeutend, da der Kohlen- und Eisenerztransport auf einem
Teil des Weges immer mit Ochsen erfolgen mußte. Man rechnete
gewöhnlich den Ochsentransport zu fünfzehn Kopeken pro Pud auf
die Entfernung von hundert Werst.
        <pb n="30" />
        ﻿29

Der technische Betrieb war in dem Hugbes-Werk nach den da-
maligen Anforderungen der englischen Technik eingerichtet. Da auf
diesem Gebiete damals große Erfindungen gemacht wurden, was die
Eisenherstellung in großen Massen ermöglichte und eine groß-
kapitalistische Organisation erforderte, war auch das Hughes-Werk
von Anfang an als ein kapitalistischer Großbetrieb eingerichtet
worden. Es erscheint damals als die größte Unternehmung auf diesem
Gebiete in Rußland überhaupt, und schon im Anfänge der 80er Jahre
machte seine Produktion etwa 7"/0 der gesamtrussischen aus.

Die Leitung des W'erkes befand sich in den Händen von Hughes
selbst. Große Schwierigkeiten bot die Beschaffenheit der Arbeits-
kräfte. Da die heimischen Arbeitskräfte qualitativ ungenügend und
quantitativ mangelhaft waren, mußte Hughes einen erheblichen Teil
des Arbeitspersonals, besonders für alle verantwortlichen Posten aus
England beziehen und ihm höhere Löhne zahlen.

Ihrem Charakter nach war die Gesellschaft überwiegend ein
Schienenwalzwerk. Als der Hauptabnehmer der Gesellschaft er-
scheint deshalb der Staat selbst, der mit aller Kraft das neue Werk
begünstigte. Es wurde von ihm nicht nur die in dem Wertrage be-
stimmte Prämie von 50 Kop. pro Pud Schiene sondern auch bei anderen
privaten Bestellungen ein erheblicher Zuschlag bezahlt.

Am 13. August 1876 erschien ein Ukas, laut welchem die Regierung
damit umging, Bestellungen in der Höhe von zwölf Millionen Pud
Stahlschienen ä 2,30 Rbl. (Silber) zu machen — ein Preis, der bis
jetzt alle existierenden weit überschritt. Unter diesen Bedingungen
hatte auch die Neurussische Gesellschaft die schon erwähnten
2700000 Pud bekommen. Die Entstehung und die erste Entwicklung
der südrussischen Eisenindustrie fand also unter starker staatlicher
Begünstigungspolitik statt.

Trotz aller dieser Begünstigung lagen die Aussichten der
weiteren Entwicklung der südrussischen Eisenbahnindustrie damals
ganz im Dunkeln. Eins war klar, daß die Eisenerzfrage bald mit
vollem Ernste auf treten mußte und daß die weitere Entwicklung
der Eisenwerke, soweit bloß die Donez- und Kertscheisenwerke in
Betracht kamen, unmöglich wurde Die Erze waren von niedrigem
Gehalt und phosphorhaltig (der Thomasprozeß war noch nicht er-
funden); sie konnten nur als Zusatz dienen. Das beweist der Still-
stand der Roheisengewinnung in dem Hughes-Werk in der Mitte der
80 er Jahre und besonders die Tatsache, daß die Gesellschaft diese
ganze Zeit keine Dividenden zahlen konnte.
        <pb n="31" />
        ﻿30

Kapitel IV.

Die Voraussetzungen der modernen Entwicklung
des südrussisehen Eisenindustriegebietes.

Die nächste Periode, umfaßt die Zeit von der Mitte der 80 er
bis Ende der 90er Jahre. In dieser Zeit vollendete die südrussische
Eisenindustrie erst ihre Entwicklung. Der Schnelligkeit ihres Ent-
wicklungsganges nach bietet diese Periode ein ganz einzigartiges
Beispiel in der gesamten Geschichte der russischen Eisenindustrie
überhaupt. Während in Südrußland im Jahre 1887 nur 2 Werke
im Betriebe waren, war ihre Zahl zu Ende der 90 er Jahre schon
auf 17 gestiegen. Eine Reihe wichtigster wirtschaftlicher Er-
scheinungen hat diesen industriellen Aufschwung möglich werden
lassen. Die ausschlaggebenden von ihnen waren: die Entdeckung
der Krivoj-Rog-Eisenerze und das Einströmen der ausländischen
Kapitalien seit Ende der 80er Jahre nach Südrußland.

I.	Die Entdeckung der Krivoj-Rog-Eisenerze.

Wie erinnerlich, war der schwächste Punkt der südrussischen
Eisenindustrie in den 80er Jahren der völlige Mangel an guten Eisen-
erzen gewesen. Selbst das Hughes-Werk konnte trotz aller oben er-
wähnten Vorteile nicht mehr vorwärts kommen. Die einzige Ursache
dafür war offenbar der Eisenerzmangel. Dies Hindernis wurde end-
lich durch die Entdeckung der reichen Krivoj-Rog-Eisenerze über-
wunden, eine Entdeckung, die mau mit vollem Recht als die wichtigste
Voraussetzung des neuen Kurses bezeichnen kann.

Das Vorhandensein der Eisenerze bei Krivoj-Rog war schon Mitte
des 18. Jahrhunderts bekannt. So machte damals der Akademiker
Guldenstädt in der Beschreibung seiner Reise in den noch nicht zu
Rußland gehörigen neurussischen Steppen Andeutungen darüber1.

Der erste, der auf die Mineralschätze dieser Gegend aufmerksam
machte, war der bekannte Fürst Potemkin, der Generalgouverueur
Neurußlands am Ende des 18. Jahrhunderts. Er plante hier die
Gründung eines Eisenwerks und einer Werkstatt für Artillerie-
geschosse; sein unerwarteter Tod hinderte aber die Ausführung aller
dieser Pläne1 2. Dann vergaß man die Angelegenheit auf lange.
Weitere Untersuchungen finden wir erst wieder in den 30er Jahren
des 19. Jahrhunderts und später; die Ergebnisse waren doch meisten-
teils ungünstig, so daß in den regierenden Kreisen die Meinung
sich befestigte, daß hier nicht viel zu holen sei. .

1	Brandt, a. a. O., S. 49.

2	Konysch, Geschichte der Entdeckung der Eisenerze im Krivoj-Rog.
«(Zeitung Prid. Kraj. 1900, Nr. 153 usw.) (russisch).
        <pb n="32" />
        ﻿31

Die Neuentdeckung der Eisenerze machte ein Großgrundbesitzer
dieser Gegend, Alexander Pohl. Sie würde von ihm ganz zufällig
schon im Jahre 1866 gemacht, aber er mußte um deren Aner-
kennung beinahe zwanzig Jahre kämpfen. Er mußte dann eineu
guten Teil seines großen Vermögens dazu verwenden, um den Wert
dieser Entdeckung mit Hilfe der europäischen Autoritäten zur An-
erkennung zu bringen.

Obwohl der Fundort des Krivoj-Rog auch seitens einiger Staats-
ingenieure untersucht und anerkannt worden war, wollte die Regierung
nichts davon wissen. Nach erfolglosen Versuchen, eine Aktien-
gesellschaft zur Eisenerzförderung mit Hilfe des Staates oder des
russischen Privatkapitals zu gründen, war Pohl gezwungen, sich an
das Ausland zu wenden. Er gründete im Jahre 1880 in Paris mit
Hilfe, französischer Kapitalisten die „Societe frangaise des mines et
hauts fourneaux de Krivoi-Rog“. Diese Gesellschaft wurde später
auch in Rußland rechtlich anerkannt. Im Jahre 1886 wurde das
erste Eisenerz aus Krivoj-Rog nach dem Hughes-Werk geliefert.

Das Eisenlager von Krivoj-Rog ist aber vom Kohlenbecken
etwa 450 Werst entfernt, und so war die erste Frage, die dabei
aufgeworfen werden mußte, die eisenbahnmäßige Verbindung der
Donezkohle mit dem Krivoj-Rog-Eisenerz. Dem eifrigen Drängen
Pohls und anderer Industriellen nachgebend, baute endlich der
Staat die sog. „Jekaterininskaja“-Eisenbahnlinie (früher Krivoj-Rog-
Eisenbahnlinie), die im Jahre 1884 eröffnet wurde. Damit waren
die ersten Hindernisse, die der Entwickelung des Bezirks im Wege
standen, überwunden.

2.	Das Einströmen ausländischer Kapitalien nach Südrußland.

Seit Ende der 80er Jahre kam im russischen Wirtschaftsleben
eine interessante Erscheinung zur Geltung, die speziell auf die weitere
Entwicklung des südrussischen Bezirks eine große Wirkung ausgeübt
hat, — das ist ein massenhaftes Einströmen des ausländischen Kapitals
nach Südrußland.

Die Ausländer haben ja in der russischen Eisenindustrie vou
jeher eine bedeutende Rolle gespielt. Diese Rolle beschränkte sich
aber bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hauptsächlich auf persönliche
Tätigkeit. Sie repräsentierten die Gründer, Techniker, Chemiker,
Ingenieure, Leiter usw. Erst nach der Bauernbefreiung erschienen in
der russischen Eisenindustrie die ersten ausländischen Unternehmer
und die ersten ausländischen Kapitalien. So waren in den 70er Jahren
von der „Westphälischen Union“ in St. Petersburg eine Drahtfabrik1,
im Jahre 1871 das schon bekannte Hughes-Werk, im Jahre 1876

1	Stillieh, Bisen- und Stahlindustrie, Berlin 1904, S. 174.
        <pb n="33" />
        ﻿32

die französische Aktiengesellschaft „Huta Bankowa“ im Königreich
Polen und manche andere _gegründet worden.

Die erste bedeutende Übersiedelung ausländischer Kapitalien nach
Rußland vollzog sich am Ende der 70er und in den 80er Jahren und
zwar im Königreich Polen, wo damals wegen der guten Konjunktur
eine Reihe von Werken von verschiedenen deutschen Aktiengesell-
schaften und manchen anderen Unternehmern gegründet,wurde. Nach
einer Pause in der Mitte der 80er Jahre kam die zweite Übersiedelung
des ausländischen,hauptsächlich belgischen, teilweise auch französischen
Kapitals nach Südrußland, die vom Ende der 90er Jahre an eine bedeu-
tendeHöhe erreicht. Die wichtigsten Ursachen davon sind die folgenden:

Als erste und allgemeine Voraussetzung dieser Erscheinung ist
das Vorhandensein freien Kapitals in Frankreich und Belgien in dem
letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zu bezeichnen. Dieses Kapital
suchte eine rentable Verwendung und mußte sich nach dem Aus-
lande begeben. Als Verbinduugsbrücke zwischen diesen Ländern
einerseits und Rußland andererseits dienten einige französische und
belgische Gesellschaften, sowie von diesen in Rußland gegründete
Ableger, wie z. B. die „Huta Bankowa“ und die „Societe Krivoi-Rog“.
Sie interessierten sich stark für die weitere Entwickelung der Eisen-
industrie in Rußland, nahmen (wie z. B. die belgische Gesellschaft
„Coquerille“) Untersuchungen vor, verpachteten Eisenerzlager usw.1
Besonders Südrußland mußte ihre Aufmerksamkeit erwecken, wo
damals durch die Krivoi-Rog-Eisenerze die günstigsten Verhältnisse
für eine großartige Eisenindustrie vorhanden waren. Dazu kam noch,
daß in dieser Zeit, speziell in der belgischen Eisenindustrie ein ge-
wisser dauernder Stillstand eintrat, was das Zuströmen des neuen
Kapitals in dieses Gebiet bedeutend hemmte.

Eine indirekte Wirkung hat dann auf die Einwanderung des
belgischen Kapitals auch die russische prohibitive Zollpolitik der
80er Jahre in gewissem Maße ausgeübt. Denn lange vorher hatte
die belgische Eisenindustrie unter anderem auch nach Rußland ex-
portiert. Die damals gestiegenen russischen Eisenzölle hatten nun die
belgischen Unternehmer sehr stark getroffen. Sie suchten dadurch einen
Ausweg zu finden, daß sie ihre Tätigkeit in das Gebiet der russischen
Zollgrenzen verlegten. Anstatt Eisenprodukte fing jetzt Belgien an,
seine Kapitalien über die russische Zollgrenze hinauszuschicken.

Das waren die maßgebenden Ursachen, welche die erste Ein-
wanderung des ausländischen Kapitals nach Südrußland bedingt
hatten. In den 90er Jahren kamen dann noch andere hinzu, welche
diese Bewegung noch verstärkten. Das waren erstens die in Süd-
rußland entstandene Hochkonjunktur in den 90er Jahren, was die
große Rentabilität für die ersten Werke bewirkte und die neuen

1 Trasenster, L’industrie charbonnifere et siderurgique de la ftussie
meridionale (Rev. univers. d. mines, S. 168).
        <pb n="34" />
        ﻿33

Gründer sehr stark locken mußte und zweitens die Wirtschaftspolitik
der Regierung in diesen Jahren.

Von besonders großer Bedeutung für die Kapitaleinwanderung
in letzterem Sinne war die Einführung der Goldwährung in Rußland
im Jahre 1896. die damals von dem Finanzminister Witte und anderen
hauptsächlich aus dem Grunde vollzogen worden war, um dieses
Einströmen des ausländischen Kapitals in die russische Industrie zu
erleichtern. Dazu kamen noch verschiedene direkte und indirekte
Unterstützungen, die der Staat den ersten Gründern zu erteilen pflegte.
So bekamen einige Gründer z. B. Bestellungen, bevor die Werke und
die Aktiengesellschaften selbst gegründet worden waren; man er-
teilte dann weiter auf Grund dieser Bestellungen die Avancen usw.

Es wurde endlich gleich in den 90er Jahren der südrussischen
Eisenindustrie große Sehienenbestellungen und dazu zu sehr hohen
Preisen zugewiesen.

Alle diese Vorkommnisse bewirkten ein großes Zuströmen des
ausländischen Kapitals nach Südrußland, um dort in den beinahe
öden Steppen die lebhafteste Unternehmungstätigkeit zu erwecken.
Die Ausländer brachten aber nicht nur ihre großen Kapitalien mit,
sondern auch, was sehr wichtig war, ihre Energie und ihre quali-
fizierten Arbeitskräfte.

Die Eisenerzentdeckung bei Krivoj-Rog und die Eröffnung der
„Jekaterininskaja“-Eisenbahnlinie im Jahre 1884 einerseits, das
Einströmen ausländischer Kapitalien und qualifizierter technischer
Arbeitskräfte andererseits waren die ausschlaggebenden Faktoren, die
den neuen Aufschwung der südrussischen Eisenindustrie am Ende
des 19. Jahrhunderts ermöglichten.

3.	Die Bedeutung der staatlichen Zollpolitik der 80er Jahre.

ln Rußland, insbesondere in den industriellen Kreisen, ist die
Meinung sehr verbreitet, daß die Untcrnebmungstätigkeit im süd-
russischen Gebiete in den 80er und 90er Jahren hauptsächlich als
unmittelbares Resultat der protektionistischen Zollpolitik in diesen
Jahren entstanden ist. Das nötigt uns, die Bedeutung dieser Zoll-
politik in ihren wichtigsten Etappen kurz ins Auge zu fassen.

Die Zollquote aller Waren im Vergleich zum Wert derselben war1:

J alire	°/0 der Zollquote zu den Preisen	J ahre	°/0 der Zollquote zu den Preisen
1851—56	24,3	1881 — 84	18,7
1857—68	17,6	1885—90	28,3
1869—76	12,8	1891—1900	33,0
1877—80	16,1		

1 Prokrowski, a. a. 0., Tabellen XXIII.

Sawelieff.

3
        <pb n="35" />
        ﻿34

Der Unterschied zwischen den Quoten der Jahre 1881—84 und
der Jahre 1885—90 erreicht also 10°/0 der Warenpreise. Damit
fällt im großen und ganzen auch die Erhöhung der Eisenzölle zu-
sammen, so daß sie für einige Artikel einen prohibitiven Charakter
trugen. Besonders die Roheisenzölle waren hoch gesetzt. Es betrugen1:

Tarifgesetze	Roheisenzölle in Kop.			
	Land-		Seezoll	
	Zolleinnahme		in Papiergeld	
Tarif von 1850	50		Verboten	
„	„	1857	15		15	
„ „ 1868		5		5
	Zölle	Zölle in	Zölle	Zölle in
	in Gold	Papiergeld	in Gold	Papiergeld
Zolleinnahme i.Gold (seit 1877)	5	7	5	7
Gesetz von 1882	6	10	6	10
„	1884	9	14	9	14
,.	,.	1885	12	19	12	19
„ „ 1886	15	25	15	2,5
,.	,.	1887	30	54	25	45
20% Zuschlag im Jahre 1890	36	50	30	41
Tarif von 1891	35	52	30	45
Konventionstarif von 1894	30	45	30	45

Wie aus der Tabelle zu ersehen ist, waren die Roheisenzölle
in den 70er Jahren sehr niedrig gesetzt. Die erste Erhöhung dieser
Zölle kommt in den Jahren 1877—82, sie war aber nicht bedeutend
und wurde hauptsächlich durch die Interessen des Fiskus veranlaßt.

Als Folge der schwachen Roheisenzölle in den 70er Jahren und am
Anfang der 80er Jahre erhob sich eine interessante Erscheinung. Es
nahm nämlich damals die Bedeutung der reinen Walzwerke immer mehr
zu. Viele Unternehmungen arbeiteten in dieser Zeit mit billigem aus-
ländischen Roheisen, was für sie um so vorteilhafter war, als damit die
Möglichkeit nicht ausgeschlossen war, die Prämien für.die hergestellten
Schienen zu bekommen. Eine besonders günstige Konjunktur war da-
durch im Königreich Polen entstanden, welches Gebiet seiner Lage nach
in unmittelbare Berührung mit Deutschland kommt und wo die deutschen
Eisengesellschaften hauptsächlich an der westlichen Grenze eine Reihe
von Walzwerken errichteten, die gewöhnlich als Filialen dieser Ge-
sellschaften äuftraten und mit billigem deutschen Roheisen die Eisen-
bahnschienen herstellten. Diese Verhältnisse waren auch in anderen
Gebieten zu beobachten, besonders im Nordwesten. Durchschnitt-

1	Prokrowski, a. a. O., S. 92.
        <pb n="36" />
        ﻿35

lieh machte die Roheiseneinfuhr in den Jahren 1875—84 mehr als
60°/o der Eisenproduktion im Lande aus.

Alles das hatte zur Folge, daß die Eisenbahnschienen haupt-
sächlich aus ausländischen Materialien hergestellt wurden. Nach
amtlicher Angabe war die Gesamtlänge der Eisenbahnlinien im
Jahre 1884 32000 Werst, davon 22669 Werst mit Stahlschienen.
Von den letzteren waren die Schienen für 15144 Werst direkt vom
Auslande geliefert und die für 5 958 Werst waren aus ausländischem
Roheisen hergestellt, und nur für 1897 Werst waren eigentlich
heimische Schienen verwendet worden1. Die Bemühungen des Staates,
nur mit heimischen Materialien die Eisenbahnlinien zu bauen, wie
es noch im Jahre 1866 proklamiert worden war, hatten also sehr
schwache Erfolge gehabt.

Die Opfer seitens der Regierung für die heimische Eisenindustrie
waren dagegen sehr bedeutend. Insgesamt wurden vom Staate folgende
Prämien seit ihrer Einführung an die Eisenindustriellen bezahlt: Für
die privaten Bestellungen 8969923 Rbl., für staatliche 5264923 Rbl.,
also zusammen 14264923 Rbl.1 2.

Mit solchen Resultaten konnte die Regierung selbstverständlich
nicht zufrieden sein; sie bemühte sich daher am Ende der 80er Jahre,
auch das Roheisen mit einem hohen Zoll zu belegen, sodaß die
Konkurrenz des Auslandes dadurch unmöglich wurde. Seit dieser
Zeit begann eine systematische Erhöhung der Zollquoten auf alle
anderen Eisensorten, die den Zweck hatte, jede Konkurrenz des
Auslandes auf diesem Gebiete unmöglich zu machen. Diese pro-
tektionistische Bewegung erreichte ihren Kulminationspunkt in dem
Tarife vom Jahre 1891.

Diese Zollerhöhung hat aber für die unmittelbare Gründungs-
tätigkeit in Südrußland sehr geringe Bedeutung gehabt. Sie hat den
Unternehmungsgeist der russischen privaten Unternehmer nicht geweckt.
Russische Kapitalien konnten nicht herangezogen werden, vor allem
schon deswegen nicht, weil auf dem russischen Markte die dazu
nötigen freien Kapitalien nicht vorhanden waren; außerdem war die
Eisenindustrie den meisten russischen Kapitalisten fremd, verlangte
große Kenntnisse und ist immer mit einem gewissen Risiko ver-
bunden3. Damit waren, wie Tieme ganz richtig bemerkt4, die
Hoffnungen der russischen Regierung, die heimischen Kapitalien in
der Eisenindustrie durch die Erhöhung der Zölle heranzuziehen,

1	Brandt, a. a. 0., S. 27.

2	Brandt, a. a. 0., 8. 25.

3	Eine Ausnahme bilden nur zwei russische Kapitalisten Gubonin und
Golubew, die im Jahre 1884, nach der Entdeckung der Krivoj-Rog-Eisenerze
das Alexander-Werk erbaut hatten.

4	Tieme, Gegenwärtige Lage der Technik in den südrussischen Eisen-
werken und Gruben. Gorn. Journ. 1897, I, S. 13 .(russisch).

3*
        <pb n="37" />
        ﻿—	36

resultatlos geblieben. Das Prohibitivsystem konnte für Südrußland
schon deswegen keine besondere Bedeutung haben, weil die süd-
russischen Eisenwerke damals, wie auch später, sich hauptsächlich
mit Schienenherstellung beschäftigten. Die Eisenbahnbauten hingen
aber seit Ende der 80er Jahre beinahe ausschließlich von der Re-
gierung ab, der Staat erschien als der Hauptverleger, damit aber
als der Hauptregulator der Preise. Da die Preise von ihm immer
höher als die Marktpreise und unabhängig von den letzteren fest-
gestellt worden waren, so waren hier die Zölle überhaupt überflüssig.
Das beweist uns die Tatsache besonders deutlich, daß die Schienen-
preise nach der Einführung der hohen Tarifierung von Roheisen nicht
gestiegen, sondern gefallen waren. So zahlte die Regierung am Ende
der 80er Jahre 2,30 Rbl. pro Pud. am Ende der 90er dagegen bloß
1,10 Rbl. Die Preise waren also von der Regierung so hoch an-
gesetzt, daß sie keine Änderung durch die Zollerhöhung erfahren
konnten.

Kapitel V.

Die Zeit der Hochkonjunktur in den 90er Jahren.

1.	Allgemeine Betrachtung der Hochkonjunktur.

Seit Anfang der 90er Jahre kam die südrussische Eisenindustrie
in eine Prosperitätsperiode. Die Hochkonjunktur herrschte damals
auch in dem ganzen russischen Gewerbe überhaupt. Zum ersten
Male nahm jetzt in Rußland der industrielle Kapitalismus sein klares
Gepräge an, was mit der Ausbildung des kapitalistischen inneren
Marktes zusammentrifft und als eine Nebenerscheinung auch die
steigende Nachfrage nach Eisen zeigte.

Eine besonders lebhafte Tätigkeit entstand in dieser Zeit auf
dem Gebiete des Eisenbahnbaues, was speziell für die südrussische
Eisenindustrie, die von Anfang an speziell für die Schienenproduktion
angepaßt war, eine besonders hohe Bedeutung hatte. Die folgende
Tabelle gibt eine Vorstellung über die Vermehrung der Produktion
von Roheisen, Halbzeug- und der Eertig-Produkte in Tausend Pud1.

Aus dieser Tabelle ist zu ersehen, daß die russische Eisen-
industrie überhaupt eine große Ausdehnung am Ende des 19. Jahr-
hunderts erfahren hat. Die Hauptrolle in dieser Bewegung hat die
südrussische Eisenindustrie gespielt, welche damals alle anderen
Gebiete weit überflügelte.

1	Gutachten der Eisenindustriellen, s. S. 2—4, (russisch).
        <pb n="38" />
        ﻿37

Jahr	.Roheisenproduktion			Halbzeugproduktion			Stahl- u	. Bisenprodukt.	
	Süden	01  Io	Gesamt in Rußland	Süden	Ol  Io	Gesamt in Rußland	Süden	Ol  Io	Gesamt in Rußland
1880	1271	5	26091	?	?	?	1619	4	36591
1885	2 242	7	30908	?	?	?	2584	7	33893
1890	13229	24	54958	7023	14	49543	16638	32	51477
1891	15117	25	59618	11241	19	56886	8658	19	44944
1892	17 028	26	63812	14475	22	64879	12042	23	51894
1893	19867	28	68612	17 759	24	73 807	14158	24	57 498
1894	27 158	34	79 770	30648	33	90925	14662	24	60531
1895	33636	38	86 780	26194	29	89 065	17 220	26	65226
1896	38761	39	97045	28 540	29	96624	22 742	29	76184
1897	46141	40	112611	34165	31	109342	25019	28	86620
1898	61068	45	134837	45217	35	127662	36564	37	98289
1899	82194	50	163239	62205	41	148882	50 502	47	106999
1900	91550	51	176828	66 690	41	160796	57 656	43	132540

Um den wirtschaftlichen Aufschwung des südrussischen Gebietes
noch übersichtlicher zu gestalten, sei die Förderung der für die Eisen-
gewinnung nötigen Rohstoffe hier zusammengestellt. Die Kohlen-
förderung im Donez-Bassin war in Millionen Pud1:

Jahre	Durchschnittliche  Steinkohlenförderung	J ahre	Durchschnittliche  Steinkohlenförderung:
1856—1860	4,3	1881—1885	104,3
1861—1865	8,1	1886—1890	152,8
1866 — 1870	12,0	1891—1895	248,7
1871 — 1875	36,2	1896—1900	484,6
1876—1880	67,9		

Die Kohlengewinnung in Südrußland nahm nicht nur absolut
zu, sondern auch im Vergleich mit den anderen Gebieten, wie mit
dem polnischen usw. So war die Quote der Donezbassinausbeute
im Vergleich zu der Rußlands überhaupt1 2 3 *:

1870 — 36 70
1880 — 43°/0
1900 — 68"/0.

Mit dem raschen Wachtstum der Steinkohlenförderung wuchs
auch der Konsum der Kohle seitens der Eisenwerke. Der Koks-
verbrauch seitens der südrussischen Hütten allein nahm folgender-
maßen zu (in Tonnen)8:

1	Pokrowski, a. a. 0., S. 223.

2	Lauwick, L’industrie dans la Russie meridionalo, sa Situation, son avenir,
Bruxelles 1907, S. 96.

3	Cordeweener, Contribution ä l’etude de la crise industrielle du Donez,

Paris 1902, S. 265.
        <pb n="39" />
        ﻿38

Jahr	Koksgewinnung	Jahr	Koksgewinnung
1895	508402	1898	1225911
1896	563114	1899	1698344
1897	799188	1900	2238392

Der Eisenerzverbrauch von Krivoj-Rog war folgender1):

J ahr	Krivoj-Rog-Eisenerz	Jahr	Kri voj -Rog-Eisenerz
1885	3200 Tonnen	1895	754000 Tonnen
1887	13200	„	1897	1 654001	,,
1890	376750	1900	2784600

Entsprechend der zunehmenden Eisenproduktion wuchsen auch
rasch die Zahl und das Aktienkapital der südrussischen Eisen-
unternehmungen, Die Eisenhütten und die kombinierten Werke
allein vermehrten sich in dieser Zeit folgendermaßen2:

Gründungs-  jahr	Zahl der Akt.-Ges.	Gesamt-Aktien- kapital in Rubel	Gründungs-  jahr	Zahl der Akt.-Ges,	Gesamt-Aktien- kapital in Rubel
1869	1	6000000	1894	6	21900000
1880	2	7800000	1895	8	35600000
1885	3	7800000	1896	13	57200000
1886	3	10200000	1897	14	71600000
1887	4	15200000	1898	16	93600000
1889	4	18200000	1899	17	101800000
1891	5	19700000	1900	17	121000000

Aus dieser Tabelle ist eine regelmäßige Erhöhung der Aktien-
kapitalien und das Wachstum der Zahl der Werke ersichtlich. Eine
besonders starke Zunahme der neugegründeten Unternehmungen ist
seit dem Jahre 1895 bis 1898 zu beobachten. Im Gefolge der Ein-
richtung der Hüttenbetriebe wurde auch eine Reihe von verschiedenen
Walzwerken, Maschinenfabriken, Werkstätten usw. gegründet.

Der überwiegende Teil der in allen südrussischen Unternehmungen
angelegten Kapitalien ist ausländischer, hauptsächlich belgischer Ab-
stammung. Die Unternehmungen allein, welche gegründet worden
sind, zählen nach Lauwicks Berechnung etwa 26 Werke mit einem
Aktienkapital von 148812000 Eres, und 35600000 Eres. Obligationen3.

1	Wir geben nur runde Zahlen an; es fehlt noch das Suhlinwerk.

2	Die meisten A.-G. wurden im Auslande gebildet und erwarben später
alle Rechte der russischen A.-G.

3	Lauwick, a. a. O., S. 18. L. rechnet dazu die Eisenwerke, welche nicht
nur im südrussischen Eisonindustriegebiete, sondern in Südrußland überhaupt
gegründet worden sind.
        <pb n="40" />
        ﻿39

Außerdem muß man noch 14 verschiedene Eisenwerke hinzurechnen,
die, obwohl russischer Abstammung, doch von Belgiern gegründet
und geleitet sind; sie haben ein Aktienkapital von 81500000 Pres,
und 31888000 Frcs. Obligationen1.

Der Bau der Werke und die Gründung der Aktiengesellschaften
gingen zuerst langsam vor sich. Die ersten Unternehmungen waren
mit gewisser Vorsicht gegründet worden. Das Bild veränderte sich
am Ende der 90 er Jahre, wo die Gründungstätigkeit einen großen
Umfang annahm. Spekulationen und das Börsenspiel mußten auf-
bliihen. Man bemühte sich oft, die Rentabilität der Unternehmungen
künstlich zu erhöhen. Ein solches Mittel war die Ausgabe der Aktien
mit hohen Prämien und die Austeilung von Dividenden aus diesen
Prämien. Einige Beispiele zeigen, daß manchmal die Gründung mit
der Eisenproduktion gar nicht zusammenhing. So schreibt „Der
Finanzbote“, das offizielle Organ des Finanzministeriums: „Das Anlage-
kapital (einer südrussischen Aktiengesellschaft) war auf 5 000 000 Eres,
festgesetzt, bei 50000 Aktien zu je 100 Frcs., außerdem wurden aber
50000 Dividendenaktien ermittelt. Von dieser Zahl wurden nur
10000 durch Gold gedeckt, während 40000 gewöhnliche nebst allen
Dividendenaktien in den Taschen verschiedener Gründer und Ver-
mittler verschwanden. In einem anderen Falle wurde das Kapital
auf 8500 000 Frcs. festgesetzt, bei 85 000 Aktien, von denen nur
15 000 mit Gold bezahlt wurden; die übrigen flössen der Gruppe der
Gründer zu, die außerdem noch eine Million in bar, sowie zwei
Millionen Frcs. in Obligationen einsteckten. Diese Beispiele stehen
nicht vereinzelt da1 2.“

Wir müssen noch hinzufügen, daß die Regierung selbst eine
Politik einschlug, die das Gründungsfieber steigern mußte: „Zur
Begünstigung der Industrieentwicklung erteilte das Finanzministerium
Bestellungen an noch nicht existierende Werke und gab dann auf
Grund dieser Bestellungen diesen Eisenwerken Avancen. So wurden
an die Charkow sehe Lokomotivenbaufabrik und an das Hartmann sehe
Werk Bestellungen auf 600 Lokomotiven, an die Russo-Belge solche
auf 12 Millionen Eisenbahnschienen, an das Druschkowskische Werk
solche auf 8 Millionen gemacht. Die Bestellungen wurden gemacht,
ehe die Gründung der Werke unternommen wurde.“

2.	Die Entwicklung der einzelnen Untergebiete.

Das ganze südrussische Eisenindustriegebiet kann man in drei
Untergebiete teilen, welche hinsichtlich des Rohstoffbezuges ver-
schiedene Verhältnisse zeigen.

1	Lauwick, a. a. O., S. 22.

2	Finanzbote 1901. Nr. 47. (Wir zitieren aus: Kaffenhaus, Syndikate in
der russischen Eisenindustrie, Moskau 1910 S. 67, russisch.)
        <pb n="41" />
        ﻿40

Das erste Untergebiet umfaßt die Eisenerzgruben von Krivoj-Rog
und Umgegend. Es ist in unmittelbarer Abhängigkeit von den
Krivoj-Rog-Eisenerzgruben entstanden. Das zweite umfaßt die Gegend
des Steinkohlenbeckens des Donezbassins und das dritte lagert sich
um das Asowsche Meer herum und hängt von den Eisenerzlagern
auf der Halbinsel Kertsch ab. Da diese Untergebiete im großen
und ganzen in dieser Reihenfolge sich entwickelten, seien sie auch
in dieser Reihenfolge beschrieben.

a) Jekaterinoslawgobiet.

Unter diesem ersten Gebiete ist die Gegend zu verstehen, welche
den westlichen Teil des südrussischen Eisenindustriegebiets umfaßt
und die zwei besondere Unterrayons einschließt: 1. die Krivoj-Rog-
Gegend und 2. die Stadt Jekaterinoslaw mit Umgebung1. Die
Gründungstätigkeit entwickelte sich hier unmittelbar, nachdem die
Krivoj-Rog-Eisenerze entdeckt worden waren.

Die erste Gesellschaft, die auf die Krivoj-Rog-Eisenerzlager
aufmerksam machte, war die „Societe Krivoi-Rog“. Diese Gesellschaft
war, wie wir schon erwähnt haben, von Pohl mit Hilfe des französischen
Kapitals gegründet worden. Als ihr Gründungsjahr ist 1880 anzu-
nehmen1 2 3. Pohl schloß schon im Jahre 1873 einen Vertrag mit den
Bauern der Gemeinde Krivoj-Rog, wonach diese ihm alle unkultivierten
Gemeindegüter (etwa 839 Dessjat.) auf 85 Jahre verpachteten. Die
Pachtverhältnisse waren außerordentlich günstig, sodaß der Pachtzins
einige Rubel pro Dessjatine nicht überschritt8. Diesen Vertrag über-
trug Pohl an die neugegründete Gesellschaft, wofür er von ihr ins-
gesamt 1250000 Pres, bar und 1250000 Pres, in Aktien bekam.

Das Aktienkapital der Gesellschaft war auf 5 000000 Pres, fest-
gesetzt; erst im Jahre 1900 wurde es auf 7 000000 Pres, erhöht.
Die Gesellschaft gewann das erste Erz im Jahre 1885. Zuerst besaß
sie eine rein monopolistische Stellung auf dem Eisenerzmarkte, und
da die Nachfrage nach guten Eisenerzen groß war, so ging ihre
Tätigkeit rasch vorwärts. Bald darauf plante die Gesellschaft die
Gründung eines großen Werkes in unmittelbarer Nähe der Stadt
Jekaterinoslaw, die die Bedeutung und die günstige Lage der Ge-
sellschaft noch erhöhen sollte. Zu diesem Zwecke erwarb sie ein
Grundstück von dem Rate der Stadt Jekaterinoslaw. Der damals
eingetretene geschäftliche Zusammenbruch eines der Hauptaktionäre,
Boutaux, erschütterte aber die Lage der Gesellschaft; die Pläne
wurden aufgegeben und die „Societe Krivoi-Rog“ blieb bis zum

1	Wir werden hier wie auch in anderen Itayons nur die wichtigsten Unter-
nehmungen näher betrachten.

* Trasenster. a. a. O., Rev. univers. des mines 1899, S. 178.

3	Cordeweener, a. a. O., S. 63.
        <pb n="42" />
        ﻿41

Jahre 1892 als eine reine Eisenerzexport-Gesellschaft bestehen. In
diesem Jahre wurde ein relativ kleines Hüttenwerk mit zwei Hoch-
öfen in Krivoj-ßog erbaut. Das Werk hatte die Aufgabe zu er-
füllen, die minderwertigen und dadurch transportunfähigen Erze am
Gewinuungsorte zu verhütten. Die Gesellschaft kaufte im Jahre 1890
die Steinkohlengruben im Donezbassin bei Almasnaja an, um die
Verhüttung mit eigener Steinkohle zu ermöglichen1. Alle diese
Vergrößerungen der Unternehmung erfolgten ohne Vergrößerung des
Aktienkapitals, was uns die große Sparsamkeit und Vorsicht der
Leitung zeigt. Im Zusammenhang damit waren auch die ersten
Dividenden relativ niedrig; sie überschritten gewöhnlich nicht 5u/0.

Die Hauptbedeutung der Gesellschaft beruht auf der Eisenerz-
gewinnung. Diese Gesellschaft erscheint immer noch als der be-
deutendste Lieferant von Eisenerzen, obwohl die frühere Monopol-
stellung durch die Entwicklung der Eisenerzförderung in den
verschiedenen Orten der Krivoj-Bog-Gegend bald verloren gegangen
war. In der Mitte der 90er Jahre schloß die Gesellschaft eine
Keihe von neuen Kontrakten mit den Grundbesitzern der Gegend ab.
Unter anderen bildete sie mit zwei Gesellschaften das sog. Syndikat,
das gemeinsame Pachtung und Förderung von Eisenerzen zum Zwecke
hatte. Auf diese Weise wurde auch der kultivierte Boden von der
Gemeinde Krivoj-Eog im Jahre 1895 gepachtet. Das Pachtgeld
betrug 1 Kop. pro gewonnenes Pud; dazu wurde den Bauern ein
jährliches Minimaleinkommen garantiert. Diese Form der Pachtung
ist auch für die meisten anderen Kontrakte typisch.

In der unmittelbaren Nachbarschaft der Eisenerzlager von Krivoj-
ßog waren keine anderen Eisenwerke entstanden, hauptsächlich des-
wegen nicht, weil die Gegend sehr entfernt von Kohlengruben ist,
und weil die wichtigsten Eisenbahnlinien sie nicht berühren.

Eine andere Gegend, die im Zusammenhang mit den Krivoj-
ßog-Eisenerzen steht, deren Lage aber bedeutend günstiger ist, ist
die Stadt Jekaterinoslaw mit Umgehung. Diese Stadt liegt ungefähr
175 Werst von Krivoj-ßog und etwa 300 Werst von den Donez-Kohlen-
gruben entfernt, Sie liegt an dem Kreuzungspunkt der Jekaterinoslawer
Bahnlinie und des Dniepr. Von dieser Stelle stromaufwärts ist der
Dniepr vollständig schiffbar, was die Verbindung mit den wichtigsten
Städten und Orten Mittelrußlands erleichtert. Außerdem kreuzt die
Jekaterinoslawbabn in geringer Entfernung eine der Hauptadern Süd-
rußlands — die Linie Moskau—Kursk - Charkow—Sewastopol. —
Endlich erscheint sie als ein natürlicher Haltepunkt für die nach
Süden strömenden Arbeitermassen, wodurch die Anwerbung der
nötigen Arbeitskräfte, die besonders früher sehr große Schwierigkeiten
verursachte, erleichtert wird. Unter allen diesen Verhältnissen hat

1 Trasenster, a. a. 0., S. 180.
        <pb n="43" />
        ﻿42

sich Jekaterinoslaw sehr rasch zu einer bedeutenden Industriestadt
entwickelt, die ein Dutzend verschiedener Maschinenfabriken, Walz-
werke usw. besitzt.

In dieser Gegend wurden die ersten Eisenwerke die die neue
Ara der südrussischen Industrie kennzeichneten, errichtet. Als erstes
erscheint die Brjausk-Aktiengesellschaft. Sie erbaute im Jahre 1885,
bald nach der Eröffnung der Eisenbahnlinie Jekaterininskaja, in der
Nähe der Stadt Jekaterinoslaw das Eisenwerk Alexander. Die Ge-
sellschaft selbst war schon im Jahre 1876 gegründet und hatte damals
das Eisenwerk an der Desna in der Nähe der Stadt Beschitza er-
richtet. Nachdem aber in Krivoj-Rog reiche Eisenerze gefunden
und der Bau der Jekaterininskajalinie vollendet war, verlegte sie
ihre Tätigkeit nach Süden. Im Jahre 1885 wurde das schon früher
erwähnte Grundstück bei der Stadt Jekaterinoslaw von der Krivoj-
Rog-Aktiengesellschaft angekauft. Im Jahre 1887 wurde der erste
Hochofen in Betrieb gesetzt. Viele Maschinen und sonstige Ein-
richtungen wurden im Beschitza-Werk angefertigt und direkt per
Schiff auf dem Dniepr dorthin gebracht1. Es entstand also von
Anfang an ein lebhafter Verkehr zwischen den beiden Eisenwerken
der Gesellschaft, der die Form der Arbeitsteilung annahm, da das
zweite mit der Roheisenproduktion sofort anfing, während das erste
immer reines Walzwerk blieb.

Nachdem das Alexanderwerk erbaut worden war, bemühte sich
die Gesellschaft, sich unabhängig vom Rohstoffmarkte zu machen.
Man schloß deshalb langfristige Verträge mit den Eisenlagerbesitzern
und kaufte die nötigen Steinkohlengruben. In dieser Art wurden
Kontrakte mit verschiedenen Grundbesitzern von Krivoj-Rog 1889,
1895, 1896 und später abgeschlossen, was die Lage der Gesellschaft
sehr verstärken mußte. Das beweist auch die Tatsache, daß die
Gesellschaft, während sie im Jahre 1889/90 für Eisenerze 191/2Kop.1
pro Pud bezahlen mußte, später dieselben Eisenerze, aber aus den
eigenen Gruben, nicht teurer als mit 7—81/2 Kop. zu bezahlen
brauchte. Im Jahre 1893 kaufte die Gesellschaft ein großes Grund-
stück mit reichen Steinkohlenlagern bei Almasnaja1 2 im Donezbassin,
was die Möglichkeit gab, ausschließlich mit eigenen Rohstoffen zu
arbeiten.

Was die Produktion betrifft, so ist das Alexander-Werk haupt-
sächlich ein Schienenwalzwerk. Seine Schienenproduktion betrug
Anfang der 90er Jahre nicht weniger als 70°/0, Ende der 90er
Jahre 55 bis 60°/0 der Gesamtproduktion.

Am interessantesten ist die Finanzgeschichte der Gesellschaft.
Die Brjansk-Aktiengesellschaft war ausschließlich mit russischem

1	Tie me, a. a. 0., Goto. Journ. 1889, I, S. 34.

2	Tieme, a. a. O., Goto. Journ. 1897, IV, 8. 174.
        <pb n="44" />
        ﻿43

Kapital gegründet. In dieser Hinsicht bildete sie mit der Donez-
Jurjewka-Aktiengesellschaft und Pastuchow die einzige Ausnahme.
Eine rein russische Kapitalanlage 'blieb sie aber nicht lange. Schon
im Jahre 189 L wurden ihre Aktien durch die „Banque de Brabant“
in Belgien verbreitet1. Seitdem zirkulieren die Brjansk-Aktien an
ausländischen Börsen, besonders stark in Belgien. Am Ende der
90 er Jahre spielt dann eine französische Gesellschaft, die „Societe
General de Paris“, eine bedeutende Rolle selbst in der Leitung der
Gesellschaft1 * 3. Die Gesellschaft wurde mit einem Aktienkapital von
400 000 Rubel gegründet; seitdem erlitt das Aktienkapital mehrfache
Veränderungen und Vergrößerungen. Bis Ende der 90 er Jahre
fanden solche achtmal statt, sodaß das Aktienkapital im Jahre 1900
eine Höhe von 12 087 500 Rubel erreichte.

Die Rentabilität der Gesellschaft war anfänglich keine besonders
große. Das Bild veränderte sich aber seit Mitte der 90er Jahre.
Hohe Dividenden sprechen für große Rentabilität, und so scheint
es um so überraschender, daß gerade im Jahre 1899, das überhaupt
für die ganze südrussische Eisenindustrie sehr günstig war, die
Gesellschaft die ausgegebenen Dividenden auf die Hälfte verminderte
und im Jahre 1900 schon keine mehr zahlte. Die Sache erklärt
sich aber durch die ganze Art der Dividendenausschüttung. Die Gesell-
schaft hat in der Periode 1895—1900 allein 10125000 Rbl. Prämien
auf drei ausgegebene Dividendenserien eingenommen.

Dazu sind noch die bedeutenden Summen zu rechnen, welche
sich als unmittelbarer Profit aus dem Börsenspiel ergaben. Corde-
wecner berechnet alle diese Summen zusammen auf 37000000 Eres.
(12 700000 Rbl.), während die Summe der ausgeteilten Dividenden
von 1895—1900 bloß 9 931000 Rbl. betrug. Die Prämien deckten
allein reichlich die ausgeteilten Dividenden; trotzdem übernahm die
Gesellschaft in denselben Jahren noch zwei große Obligationen.

Schon aus der Vergleichung dieser beiden Tatsachen ist klar
ersichtlich, daß die ausgegebenen Dividenden in bedeutendem Maße
Ergebnis von Börsenspekulationen sein mußten8.

Die zweite Gesellschaft, welche im Jekaterinoslaw-Gebiete ge-
gründet wurde, ist die Dnjepr-Akt.-Ges. (Dnieprovieune). Sie wurde
im Jahre 1887 mit einem Gesamtkapitale von 5000000 Rbl. von der
„Societe des acieries de Varsovie“, von der belgischen Gesellschaft
„J. Coquerille“ und von der französischen Gesellschaft „Praga“ ge-
gründet. Die* Gründer brachten nicht nur bares Geld mit, sondern
auch die für die Gesellschaft sehr wichtigen Gruben und andere
Einrichtungen. So hat die Gesellschaft Coquerille die reichsten

1 TraseDster, a. a. O., S. 166.

* Cordeweener, a. a. O., 8. 63.

3	Cordeweener, a. a. O., S. 210.
        <pb n="45" />
        ﻿44

Krivoj-Rog-Grubeu an sie übertragen, die Gesellschaft Praga Bau-
grundstücke, Kohlengruben und einen Eisenerzkontrakt, die Societe
des acieries de Varsovie alle Maschinen und Einrichtungen ihres
Warschauer Werks, ihre Kunden und ihr Arbeiterpersonal.

Die Eisenerzgruben erscheinen überhaupt als die wichtigste
Grundlage der D.-A. Sie sind von vorzüglicher Qualität und ent-
halten nach der Analyse durchschnittlich 95 °/0 Eisenoxyd oder bis
66°/0 Metalleisen. In diesen Gruben vermutet man einen Vorrat
von 12000000 t Eisenerz. Im Jahre 1898 wurde noch ein Kontrakt
mit einem anderen Grubenbesitzer abgeschlossen, sodaß die Gesell-
schaft ,.Dnieprovienne“ jetzt die größte Besitzerin von Eisenerzlagern
in der ganzen Gegend von Krivoj-Rog ist. Die Pachtbedingungen
sind sehr vorteilhaft — langfristige Kontrakte und ein Pachtzins von
1 Kop. pro gewonnenes Pud Eisenerz1. Nach der Berechnung von
Cordeweeuer mußten diese Eisengruben allein einen Vorteil von
etwa zwei Rubeln auf die produzierte Tonne Roheisen gegenüber
ihren Konkurrenten aufweisen.

Etwas anders stand zuerst die Sache mit der Steinkohlen-
versorgung. Die Gruben, welche die Ges. „Dnieprovienne“ von der
Ges. „Praga“ bekam, waren nicht geeignet zur Koksgewinnung, man
mußte sie daher aufgeben und neue Gruben erwerben. Nach einer
Reihe von Bemühungen wurde die Aufgabe gelöst, sodaß jetzt die
Gesellschaft einen bedeutenden Teil ihres Bedarfes mit eigener Kohle
deckt. Es wurden auch Mangangruben erworben, was die Produktions-
kosten noch verminderte, da bei den schwer schmelzbaren Krivoj-
Rog-Eisenerzen ein großer Verbrauch davon notwendig ist.

Die Gesellschaft ist eine vollständig kombinierte Unternehmung,
denn beinahe das gesamte Roheisen dient zur Gewinnung von Eisen
und Stahl und zu deren weiteren Verarbeitung. Die Entwicklung
des Betriebes geht schnell vorwärts. Im Jahre 1892 waren zwei,
im Jahre 1899 schon 5 Hochöfen im Betrieb. Die Roheisen-
produktion hat sich von 1892 bis 1900 mehr als verdreifacht, sie
betrug im Jahre 1892 4136011 Pud, im Jahre 1900 schon 13024884
Pud. Die Dampfmaschinenkraft hat sich in dieser Periode beinahe
vervierfacht, die Zahl der Arbeiter dagegen in dieser Zeit etwas
mehr als verdoppelt. Es ist also Zunahme der Produktivität der
Arbeit zu konstatieren. Früher war hier eine bedeutende Zahl
ausländischer (belgischer) Arbeiter beschäftigt. (So waren im Jahr
1893/4 etwa 20°/0 der Arbeiter Belgier1 2. In bezug auf Produk-
tivität nimmt das Werk eine der ersten Stellen in Südrußland ein.
So rechnete man im Jahre 1895 je 750 Rbl. Reingewinn auf eine
beschäftigte Person. Die Schienenproduktiou bleibt auch hier ein

1	Cordeweener, a. a. O., S. 74 und 88.

2	Trasenster, a. a. O., Rev. univers. des mines. 1889, S. 204.
        <pb n="46" />
        ﻿45

wichtiger Zweig der Produktion. Sie betrug im Jahre 1892 mehr
als 50°/0 der Gesamtproduktion, im Jahre 1900 dagegen nicht mehr
als 27—28 °/0. Unter solchen Umständen konnte die Dividende der
Gesellschaft andauernd steigen, von 5°/n in den Jahren 1889/90 auf
40°/0 in den Jahren 1895/96.

Das vierte Werk, welches liier erbaut wurde, ist das Werchue-
Dnieprowsk-Werk. Es liegt am Dniepr, noch wmiter stromauf als
die „Dnieprovienne-1. Die Werchne-Dnieprowsk-Gesellschaft ist
belgischer Abstammung und wurde in Brüssel im Jahre 1896 mit
einem Aktienkapital von 5000000 Frcs. gegründet.

Im Zusammenhang mit der Erbauung neuer Hütten entstand
in der Stadt Jekaterinoslaw und ihrer Umgebung eine Beihe von
Walzwerken, Werkstätten und Maschinenfabriken. Besonders stark
entwickelte sich die Gründungstätigkeit seit dem Jahre 1895. Allein
in Jekaterinoslaw selbst und in seiner nächsten Nähe wurden etwa
zehn verschiedene Etablissements erbaut. Die größten dieser Werke
wurden beinahe ausschließlich mit ausländischem, meist belgischem
Kapital gegründet.

b) Donezbassin.

Dieses Gebiet ist ziemlich ausgedehnt, entsprechend der Ver-
breitung der dortigen Steinkohlenbecken. Das Donezkohlenbassin
selbst umfaßt etwa 40000 Quadratwerst, aber die meisten seiner
Kohleuschichten sind für die Koksgewinnung nicht vervrendbar;
die dafür brauchbaren Sorten befinden sich ausschließlich am nord-
westlichen Bande des Kohlengebietes. Deshalb wurden alle Werke
am nordwestlichen Bande des Gebietes erbaut. Eine andere Ur-
sache, welche die zerstreute Lage der Werke hervorgebracht hatte,
wTar der Wassermangel im Donezbassin. Man mußte ferner die
Lage der Eisenbahnlinien ins Auge fassen, endlich die Kosten des
Eisenerztransportes, da die Eisenerze beinahe alle aus der Krivoj-
Rog-Gegend kommen und die dortigen nur zur Ergänzung dienen.

Wenn am Ende der 80er Jahre Krivoj-Rog und hauptsächlich
Jekaterinoslaw als Gründungsorte dienen, so wurden alle später er-
bauten Werke in zwei anderen Gebieten errichtet. Eine besonders
lebhafte Tätigkeit entwickelte sich in den 90 er Jahren im Donez-
bassin, wo am Ende dieser Periode schon zehn Werke existierten.
Die Bevorzugung des Donezbassins gegenüber dem Jekateriuoslaw-
Gebiet war hauptsächlich durch technische Motive bedingt. Da das
für die Gewinnung und Verarbeitung von Eisen nötige Quantum
Kohle bedeutend größer ist als das für die Gewinnung von Eisen-
erz, mußte zuerst die Gründung der Werke eine Ersparnis von
Transportkosten für Kohle mit sich bringen. Aus der Erfahrung
wurde dann nachgewieseu, daß die Verkoksung im Nebenbetriebe
für das Werk einige große Vorzüge hat. So vermied man durch sie die
        <pb n="47" />
        ﻿46

Schädigung des Kokses durch den Transport. Man konnte weiter
den Koks immer frisch zur Verfügung haben, dessen Herbeischaffung
besonders wegen der geringen Transportfähigkeit der ,,Jekaterins-
kaja-Bahn“ sehr erschwert worden war. Endlich wurde bei der Ver-
koksang in den Nebenwerken auch die Ausnutzung der Koksgase
für Betriebszwecke ermöglicht. Außerdem wuchsen die Vorzüge der
Donezgegend dadurch, daß der Staat in den 90er Jahren die Fracht-
sätze auf die Krivoj-Rog-Eisenerze sehr herabsetzte.

Wir kehren nun zum Hughes-Werk zurück. Die Gesellschaft
bemühte sich, die entstandene Hochkonjunktur in der Eisenindustrie
auszunutzen und den Umfang des We'rkes und seine Leistungs-
fähigkeit möglichst auszudehnen. Es wurden reiche Steinkohlen-
gruben von Fürst Liven angekauft und die vorhandenen Schächte
vergrößert1, so daß die Steinkohlengewiunung weit über den eigenen
Bedarf ausgedehnt wurde und die Gesellschaft als großer Stein-
kohlenproduzent erschien.

Seit der Entdeckung der Krivoj-Rog-Eisenerzlager strebte die
Gesellschaft danach, eigene Eiseuerzgruben anzukaufen. Die ersten
Gruben wurden schon im Jahre 1885 erworben1 und im Jahre 1886
die ersten Eisenerze gefördert. Dazwischen wurden noch einige
Kontrakte abgeschlossen, so daß die Gesellschaft wieder ein großes
Quantum eigener Erze schmelzen lassen kann. Dennoch bleibt die
Eisenerzversorgung ein ziemlich schwacher Punkt der. Gesellschaft.

Das Hughes-Werk ist während der 90er Jahre besonders rasch
emporgekommen. Seine Produktion hat sich in der Zeit von
1892—1900 mehr als verdoppelt. Es erschien in den 80er Jahren,
ebenso wie im Anfang der 90 er Jahre als der Hauptregulator der
Eisenpreise in Südrußland, besonders für Roheisen, von dem es ein
bedeutendes Quantum auf den Markt bringt. Es hat zeitweilig auch
das Privileg genossen, von der speziellen Roheisensteuer (1,5 Kop.)
befreit zu sein 1 2. Der Hauptartikel seiner Produktion waren Schienen.
Die Gesellschaft bekommt immer große Staatsbestellungen. Während
am Anfang der 90er Jahre die Schieuenproduktion nicht weniger
als 90°/0 der Gesamtproduktion bildete, blieb sie am Ende der 90er
Jahre immer noch durchschnittlich über 75°/0. Die ßentabiltät war
in dieser Zeit sehr groß. Sie betrug 15 — 25°/0.

Die erste Gesellschaft, mit der die Reihe der in den 90 er
Jahren gegründeten Gesellschaften begann, war die „Donez-Aktien-
gesellschaft für Stahl- und Eisenproduktion“ (Druschkowskwerk).
Die Gesellschaft, französischer Abstammung, wurde von „Pastor und
Werdie“ und der „Huta Bankowa“ im Jahre 1891 gegründet. Im

1 Trasenster, a. a. 0., Rev. univers. des mines 1896, S. 214.

1	Tieme, a. a. O., dorn. Journ. 1889.

2	Trasenster, a. a. 0., Rev. univers. d. mines 1899, S. 159.
        <pb n="48" />
        ﻿47

Jahre 1882 erbaute sie das Druschkowskwerk nicht weit von Bachmut.
Der erste Hochofen wurde im Jahre 1894 in Betrieb genommen.
Das Werk war ausschließlich für Schienenproduktion bestimmt.

Die Gesellschaft bemühte sich um Versorgung mit eigenen
Gruben. Die Kauf- und Pachtverhältnisse erschienen aber in der
Mitte der 90er Jahre nicht so günstig wie vorher. Die Pachtzinsen
betrugen jetzt nicht weniger als 21,2—3 Kop. pro gewonnenes Pud.
Die Gesellschaft kaufte auch eigene Steinkohlengruben an. Sie mußte
aber Steinkohlen sowohl als auch Eisenerze dazu kaufen. Ihr Aktien-
kapital war zuerst auf 1500000 Rbl. festgestellt.

Im Jahre 1895 wurde die Donez-Jurjewka-A.-G. gegründet.
Der Hauptgründer war einer der großen russischen Kohlenproduzenten
Altschewski. DieGesellschaft ist hauptsächlich mit russischenKapitalien
gegründet worden, obwohl von Anfang an hier auch deutsches Kapital
beteiligt war1. Später haben aber die Aktien der Gesellschaft auch
in Belgien sehr starke Verbreitung gefunden1 2 *. Die Gesellschaft
lieferte zuerst für den Markt eine große Menge Roheisen, später auch
ein bedeutendes Quantum von fertigen Produkten. Die Produktions-
unkosten waren hier etwas höher als bei den schon früher erwähnteu
Gesellschaften, da das Werk keine Steinkohlen- und Eisenerzgruben
besitzt. Den Koks bezog das Werk von Altschewski, mit dem es
einen langfristigen Kontrakt abgeschlossen hatte.

Das Aktienkapital war zuerst auf 1500000 Rbl. festgesetzt
worden, wurde aber bald auf 7 000000 Rbl. erhöht1.

Im Jahre 1897 wurde die „Societe Russo-Belge“ von der
„Societe des acieries d’angleur“, der ,.Societe St, Leonard“ und mit
Hilfe der „Societe General de Bruxelles“ mit einem Aktienkapital
von 10 Millionen Rubel gegründet4. An der Gründung haben auch
russische Kapitalisten Anteil gehabt. Die Gesellschaft erwarb ein
großes Gebiet mit reichen Steinkohlenlagern, auf dem das Werk er-
baut und eigene Steinkohlengruben eingerichtet wurden, so daß das
Werk vollständig mit eigener Kohle versorgt ist. Anders verhält
sich die Sache mit dem Eisenerz. Die Gesellschaft hatte große
Schwierigkeiten zu überwinden, um ihren Eisenerzbedarf auch nur
teilweise decken zu können.

Der Betrieb des Werkes war entsprechend den letzten An-
forderungen der Technik erbaut worden, wodurch die Gesamtein-
richtung etwas kostspielig wurde. Da aber die Gesellschaft gut
finanziert war, gelang es den Gründern, ihre Pläne voll zu verwirk-
lichen, was eine große Produktivität ermöglichte. Auch dieses Werk

1	Tieme, a. a. O., Gorn. Journ. 1897, IV, S. 24.

2	Trasenster, a. a. O., Rev. univers. d. mines 1899, S. 186.

8 Trasenster, a. a. O., Rev. univers. d. mines 1899, S. 185 u. 188.

4 Brand, a. a. 0., S. 176.
        <pb n="49" />
        ﻿48

war hauptsächlich für Schieueuproduktion bestimmt, und die Regierung
hat der Gesellschaft von Anfang große Bestellungen zugesichert.

Interessant ist es, die Bauunkosten des Werkes zu verfolgen.
Sie waren für:

Grund und Boden 		1103 843 Rbl.
Baumaterialien			2715000	„
Maschinen		2 776 300
Transportkosten		936000	,.
Ausladungskosten		183800	„
Zölle			1852500
Russische Baumeister		3056 900	,.
Ausländische Baumeister		710000	„
Verschiedenes		763500	„
Gesamt		15082843 Rbl.1

Die Zollunkosten machen einen hohen Prozentsatz aus. Eine
bedeutende Summe entfällt auch auf die Transportkosten. Interessant
ist es, sagt Brandt, auf Grund dieses Beispieles die Summen fest-
zustellen, die wieder ins Ausland abgeflosseu sind1 2 3. Er rechnet dazu
zwei Rubriken Maschinen und die Bezahlung ausländischer Baumeister,
also zusammen 3486 300 Rbl. Die übrigen 11596443 Rbl. sind
in Rußland geblieben.

Die anderen Werke bedürfen nur weniger Worte. Das schon
früher erwähnte Suhlinwerk wurde im Jahre 1892 gründlich um-
gestaltet. AndereNeugründungen waren die folgenden: Im Jahre 1894
wurde mit belgischen Kapitalien die „Almasnaja A.-G.“ gegründet.
Gründer waren die Dnieprovienne und die belgische Aktiengesellschaft
„Coquerille“8. Das Aktienkapital betrug 6000 000 Frcs. Im Jahre 1897
erschien die belgische Aktiengesellschaft ,,Hütten und Werkstätte an
Olchowaja“, mit einem Aktienkapital vou 3125000 Eres. Im Jahre 1896
wurde die ,,Societe Generale de Makejewka“ gegründet. Diese Ge-
sellschaft, französischer Abstammung, wurde von der „Societe Generale“
(Paris) und „L’Omnium beige“ ins Leben gerufen mit einem Aktien-
kapital von 10000000 Eres. Dann kamen im Jahre 1899 die
„Belaja A.-G“, eine Gründung belgischer Kapitalisten, mit einem
Aktienkapital von 2 750000 Frcs. und die „Krematorowskaja A.-G.“,
welche hauptsächlich mit Hilfe deutschen Kapitals gegründet wurde.
Als Hauptaktionär erscheint in der Gegenwart Borsig. Das Gründungs-
kapital betrug 4500000 Rbl. Alle diese Werke beschäftigten sich
am Ende der 90 er Jahre hauptsächlich mit Roheisenverhüttung, was

1	Brandt, a. a. O., S. 176.

2	Das Petr.-Werk ist mit Hilfe des belgischen Kapitals erbaut.

3	Cordeweener, a. a. O., 8. 178.
        <pb n="50" />
        ﻿49

damals infolge der großen Roheisennachfrage und der hohen Preise
sehr vorteilhaft war. Die Gesamtzahl der Werke, die im Donez-
bassin gegründet wurden, beläuft sich auf 10, sodaß das Donez-
bassin als das wichtigste Eisenindustriegebiet im Süden betrachtet
werden muß.

Außer diesen Gesellschaften, die sich alle mehr oder weniger
mit Roheisenverhüttung beschäftigten, war hier auch eine Reihe
reiner Walzwerke und Maschinenfabriken entstanden. Diese be-
schäftigten sich mit der weiteren Bearbeitung von Roheisen. Das
größte von ihnen ist die „Russische Maschinenbau-Gesellschaft
Hartmann“. Die Gesellschaft wurde im Jahre 1896, teilweise von
russischen, teilweise von deutschen Kapitalisten (Hartmann A.-G. und
Dresdner Bank) gegründet. Das Aktienkapital von 6000000 Rbl.
wurde später auf 9 000000 Rbl. erhöht. Die Maschinenfabriken
entwickelten sich zusammen mit den neuen Werken und in Ab-
hängigkeit von ihrer Gründung. Die bedeutendsten unter diesen ist
die „Wilde und Neuw“ (Taganrog), die „Maschinenfabrik in Jekate-
rinoslaw“ (eine Filiale der rheinischen Duisburg-Werke), und die
„Kramatorowskaja A.-G“.

c) Das Gebiet um das Asowsche Meer.

Das Gebiet ist in unmittelbarer Abhängigkeit von den
Kertsch-Eisenerzlagern entstanden. Die Erze waren, wie erwähnt,
schon längst entdeckt worden, ihre ordentliche Verhüttung aber
wurde wegen des großen Phosphorgehaltes erst nach der Erfindung
des Thomasprozesses ermöglicht. Das Gebiet ist erst am Ende der
90er Jahre zur Entwicklung gekommen. Die Gründungstätigkeit
griff von den beiden anderen Gebieten hierher über, nachdem die
Preise der Krivoj-Rog-Eisenerze am Ende der 90er Jahre so hoch
gestiegen waren,, daß die Verarbeitung der dortigen armen Erze
gewinnbringend erschien. Das nötige Heizungsmaterial bezieht das
Gebiet aus dem Donezbassin. Es wurden 4 Werke ins Leben ge-
rufen. Eines dieser Werke befindet sich nicht weit von der Stadt
Kertsch, drei andere an der Küste des Asowschen Meeres bei den
Städten Taganrog und Mariupol.

Im Jahre 1896 wurde hier die „Nikopol-Mariupol A.-G.“ mit
einem Aktienkapital von 6 750000 Rbl. gegründet. Die Gründer
waren hauptsächlich Amerikaner („Soud de L’I.llinois Steel c-ny“).
Das Werk wurde nicht weit von Mariupol erbaut. Die Gründung
des Werkes kann als ein gutes Beispiel der damals herrschenden
Spekulationstätigkeit dienen. Sie ist sehr merkwürdig vor sich ge-
gangen. Es gelang der Gesellschaft von Anfang an, eine große
Staatsbestellung auf Naphtarohre für die Wladikaukasus-Bahn zu
bekommen, zu der Zeit, wo das Werk und die Gesellschaft selbst

4

Sawelieff.
        <pb n="51" />
        ﻿50

erst auf dem Papier existierten. Nachdem man die Bestellung be-
kommen hatte, kaufte man in Amerika ein vollständig eingerichtetes
Röhrenwerk und ließ alle zugehörigen Maschinen und Einrichtungen
direkt nach Mariupol per Schiff transportieren. Im Dezember 1898
begann man die Zusammenstellung aller Teile — im Februar 1899
war das Werk schon im Betriebe . . . Der Gründungsplan des
Werkes war sehr großzügig gedacht, seine Durchführung stieß aber
auf verschiedene Schwierigkeiten. So konnte man von den geplanten
acht Hütten nur zwei zustande bringen. Aber auch diese standen
schon im Jahre 1901 still, da sich kolossale Vorräte an Roheisen
angesammelt hatten. Man brauchte für den Bau immer neue
Kapitalien, deren Beschaffung immer schwieriger wurde. Alle diese
Umstände hatten zu Folge, daß die Gesellschaft stark mit Schulden
überlastet wurde.

Die erste Gesellschaft, die ihre Produktion auf die Kertsch-
Eisenerze basierte, war die „Taganrog A.-G.“. Sie wurde im Jahre

1896	unter Mitwirkung der belgischen Gesellschaft „d’Ougree“
(Lüttich), der „Toleries Liegeoises- und der „Fabrique de tubes de
Louvroil“ gegründet1. Die Gesellschaft besitzt ein großes Gebiet
von Kertsch-Eisenerzlagern, deren Förderungskosten 1—2 Kop. nicht
überschreiten, was mit den Transportkosten 4—5 Kop.1 2 ausmacht.
Sie hat auch einen Kontrakt in Krivoj-Rog abgeschlossen und be-
zahlt hier 2,75 Kop. für ein gewonnenes Pud Eisenerz. Das
Taganrog-Werk wurde bei der Stadt Taganrog erbaut und im Jahre

1897	in Betrieb gesetzt. Das Aktienkapital betrug 5 000 000 Rbl.
Die Gesellschaft mußte aber sofort ihr Aktienkapital erhöhen.

Eine andere Gesellschaft, die mit der Taganrog A.-G. viel
Ähnlichkeit hat, ist die „Societe Providence Russe“, die von der
belgischen Aktiengesellschaft „Providence“ im Jahre 1897 gegründet
wurde. Die Gesellschaft hat große Lager von Eisenerzen auf der
Halbinsel Kertsch gepachtet, so daß die Erzvorräte für hundert
Jahre gesichert sind. Ausserdem hat man auch in Krivoj-Rog
einige Kontrakte abgeschlossen. Das Werk ist nicht weit von
Mariupol erbaut und hat einen eigenen Hafen. Auch hier ist ein
guter Teil des ursprünglichen Planes nicht zur Ausführung gelangt,
Die ursprünglichen Berechnungen hatten eine Reihe von konkreten
Tatsachen nicht berücksichtigt, und das Aktienkapital von 15 000 000
Francs erscheint viel zn niedrig. Dazu kamen auch verschiedene
finanzielle Mißbräuche bei der Gründung, so daß die kommende
Krisis die Gesellschaft vollständig desorganisierte.

Die letzte Gesellschaft, die hierher gehört, ist die „Kertsch A.-G.“,
die auch hauptsächlich mit belgischem Gelde, dazu, noch unter Bei-

1	Trasenster, a. a. O., Rev. univers. des rnines. 1899, S. 194.

2	1 rasenster, a. a. O., Kev. univers. des mines. 1899, S. 193.
        <pb n="52" />
        ﻿51

hülfe der russischen Aktiengesellschaft Brjausk, gegründet wurde.
Diese übertrug alle ihre Pachtungen und besonderen Einrichtungen
nicht weit von Kertsch an die neue Gesellschaft für 5000000 ßbl.
Aktien. Die Gesellschaft wurde mit einem Gesamtkapital von
9999937 ßbl. gegründet. Das sehr unsolid fundierte Unternehmen
ging bei der ersten Krisis zugrunde.

3.	Allgemeine Lage der Werke.

a)	Eigentumsverhältnisse.

Schon aus der Betrachtung der einzelnen südrussischen Eisen-
werke ist klar ersichtlich, daß sie alle in der Hochkonjunktur der
90er Jahre eifrig bestrebt waren, eigene ßobstoffe zu bekommen,
insbesondere eigene Eisengruben in Krivoj-ßog. Dieses Streben ist
verständlich, wenn berücksichtigt wird, daß die Krivoj-ßog-Eisen-
erze die wichtigste Grundlage der Eisenproduktion Südrußlands
sind, und dieses Bestreben wird besonders einleuchtend, da schon
am Ende der 80 er Jahre eine Tendenz zur Monopolisierung bei
Jer Krivoj-ßog-A.-G. sich geltend machte. Wie intensiv dieses
Bestreben war, zeigt die Tatsache, daß z. B. die Brjansk-A.-G. da-
mals etwa 3000 Dessjatinen fast noch nicht untersuchten Bodens
bei Krivoj-ßog gepachtet hat1. Einige vorsichtige Gründer be-
mühten sich, zunächst Eisenerzlager zu pachten und erst dann zur
Gründung der Werke überzugehen. Dieses Streben ist besonders
am Ende der 90er Jahre ersichtlich; welche Spekulation damals
herrschte, bestätigt die Tatsache, daß im Bezirke Krivoj-ßog im
Jahre 1899 allein 222 Pachtkontrakte seitens der Behörden ge-
nehmigt wurden.

Die Pachtzinsen sind sehr verschieden, von 0,25 Kop. pro ge-
wonnenes Pud bis 3 Kop. Außerdem garantierte man gewöhnlich
ein bestimmtes Minimum jährlicher Abzahlung. Oft mußte der
Pächter auch eine Summe baren Geldes bei Schließung des
Kontraktes zahlen. Wenn das Grundstück von der Gemeinde ge-
pachtet wurde, mußte der Pächter manchmal für die Bauern der
betreffenden Gemeinde als Ersatz für das gepachtete ein anderes
Grundstück kaufen. Die Pachtverträge werden gewöhnlich auf 10
bis 30 Jahre abgeschlossen.

Cordeweener schätzt die Gesamtmenge der in Krivoj-ßog
vorhandenen Eisensteinlager auf 73140 000 t. Davon waren am
Ende der 90 er Jahre in Händen der Eisenaktiengesellschaften etwa
39 981000 t, also etwas mehr als die Hälfte des Vorrates1 2. Von

1	Basson, Gründungstätigkeit in den südrussischen Eisenwerken, Gorn.
Journ. 1890, S. 9 (russisch).

2	Cordeweener, a. a. O., S. 228.

4*
        <pb n="53" />
        ﻿52

den 17 Gesellschaften, die am Ende der 90er Jahre mit Eisen-
verhüttung sich beschäftigten, hatten nur 10 eigene Gruben erworben.
Diese 10 Aktiengesellschaften zerfallen wieder in zwei Gruppen. Die
älteren Gesellschaften, wie die Dnieprovienne, Brjansk, die Krivoj-
Rog und die Hughes A.-G. haben größere Vorräte und zahlen
niedrigere Pachtzinsen, die neuen Aktiengesellschaften dagegen müssen
sich mit relativ kleineren Vorräten begnügen und außerdem hohe
Pacht zahlen.

Drei Gesellschaften — Providence, Taganrog und Kertsch —
haben große Mengen von Kertsch-Eisensteinlagern gepachtet. Die
genaueren Zahlen anzuführen, lohnt sich hier nicht, da die Gesell-
schaften Tausende von Dessjatinen in Besitz haben, deren durch-
schnittliche Vorräte sich auf 200000 t pro Dessjatine belaufen.

Die Hughes- und Donez-Jurjewka-Gesellschaften sind Eigentümer
einer Anzahl von großen Donez-Eisenerzflözen, und die Russo-Belge
endlich hat ein Grundstück in Korsak-Mogila mit einem Vorrat von
8000000 t Eisenerzen gepachtet. Die beiden letzteren Eisenlager
haben aber bis jetzt keine besondere Bedeutung.

Ein weiteres Bestreben der Aktiengesellschaften geht dahin,
sich auch mit eigener Kohle zu versorgen. Hier spielte nicht nur
das Motiv der Rohstoffverbilligung eine Rolle, wie das bei Eisenerzen
der Eall ist, sondern auch der Wunsch, eine möglichst gute Qualität
des Kokses zu gewinnen.

Noch am Ende der 80er Jahre waren die Steinkohlengruben
klein und ziemlich primitiv eingerichtet1. Die gewonnene Kohle
pflegte man nicht weiteren Verbesserungsverfahren zu unterwerfen,
was auf die Qualität des Kokses und damit auf die des Roheisens
eine schlechte Wirkung ausübte1 2. Das Streben nach Verbilligung
der Steinkohle durch Erwerb eigener Gruben gewann Ende der
90er Jahre eine besonders große Bedeutung, da in diesen Jahren
die Steigerung der Steinkohlenpreise rasch Fortschritte machte. Diese
Tendenz endete in den Jahren 1899—1900 mit der sogen. Stein-
kohlenkrisis, die man als natürliche Folge des immer wachsenden
Kohlenverbrauches und der ungenügenden Transportfähigkeit der
Eisenbahnen betrachten muß. Diese Verhältnisse mußten die Be-
mühungen der Aktiengesellschaften, eigene Gruben zu erwerben, ver-
größern. Auch hier sind die ältesten Unternehmungen im großen
und ganzen besser fundiert. Die Aktiengesellschaften sind sehr oft
Besitzer und nicht nur Pächter der Steinkohlengruben, da die Er-
werbung der letzteren, wegen der großen Ausdehnung der Steinkohlen-
lager, nicht so schwer zu ermöglichen ist als die der Eisenerzgruben.
Die vorhandenen Pachtverträge sind ziemlich verschieden.

1	Tieme, a. a. O., Corn. Journ. 1893, S. 394.

2	Bassin, a. a. O., Gorn. Journ. 1890, S. 11.
        <pb n="54" />
        ﻿b)	Produktions- und Absatzverhältnisse.

Die wichtigsten Produktionsartikel sind in Südrußland Roheisen
und fertige Fabrikate. Wir fangen unsere Betrachtung mit den
letzteren an.

Seit Anfang der 90 Jahre nahm in Rußland der Eisenbahnbau
außerordentlich zu. So wurden erbaut:

Jahrfünfte	Werst
1881—1885 .	3117
1886—1890	4338
1891—1895	5 994
1896—1900	15 019
1901 — 1905	7186

Mit dem Eisenbahnbau mußte auch die Nachfrage nach dem
Eisenbahnmaterial, namentlich nach den Schienen, sich außerordentlich
vergrößern. Die südrussischen Eisenwerke, die von Anfang an der
massenhaften Stahlproduktion angepaßt waren, hatten die Deckung
des überwiegenden Teils des Eisenhahnmaterials an sich genommen.
Die Schienenproduktion bildet hier im Vergleich mit der Gesamt-
produktion an Fertigprodukten folgende Menge:

Jahr	Gesamtproduktion in 1000 Pud	Schienenproduktion in 1000 Pud	0/  10
1891	8 546	5 289	61,9
1892	11 930	7124	60,0
1893	14649	8293	59,2
1894	14549	9536	65,8
1895	17112	12083	70,7
1896	22626	15336	68,0
1897	24902	15 808	63,5
1898	36458	21140	58,0
1899	50393	22432	44,5

Dazu kommt eine Menge Lokomobilen, Eisenbahnwagen, Bandagen
und verschiedener Eisenbahnartikel, die in Südrußland hergestellt
werden. Aus obigem folgt, daß die Eisenbahnen die Hauptkonsumenten
der fertigen Fabrikate der südrussischen Werke in den 90er Jahren
waren.

Ein zweiter wichtiger Absatzartikel Südrußlands ist Roheisen.
Da aber Roheisen in die Eisen- und Stahlverarbeitung als Rohstoff
und nicht als fertiges Produkt eingeht, so ist nur sein Umlauf außerhalb
der Werke zu verfolgen, ln folgender Tabelle sind die Zahlen der
        <pb n="55" />
        ﻿54

Roheisenausfuhr der 14 Hüttenwerke Rüdrußlands im Jahre 1899
nach ihren verschiedenen Gebieten in 1000 Pud angeführt1:

Südrussiches Gebiet	8 905
Nördliches	.,	3519
Polnisches	„	2 713
Zentralruss.	„	2 695
Westliches	„	960
Kaukasisches „	630
Ural-	10
Zusammen ....	19432

Die Hälfte des gewonnenen Roheisens bleibt in Südrußland selbst.
Die wichtigsten Abnehmer des Roheisens sind erstens reine Walz-
werke. zweitens Eisenbahnwagen- und Lokomobilfabriken und drittens
verschiedene Maschinenfabriken, Alle diese Betriebe produzieren
wieder eine große Menge von verschiedenen Eisenbahnartikeln. Das
hebt also nur die Bedeutung des Eisenbahnbaues in der untersuchten
Periode für die südrussische Eisenindustrie hervor.

Interessant ist ferner eine andere Erscheinung —- das ist der
bedeutende Prozentsatz Eigenkonsumtion an Eisenfabrikaten. So
stieg er im Jahre 1900 auf 8,1 °/0 des Absatzes. Das beweist,
daß die südrussischen Werke in den 90 er Jahren eine bedeutende
Menge ihrer Produktion für ihre eigenen Bedürfnisse brauchten.
Leider haben wir nur die Ziffern der unmittelbaren Konsumtion.
Wenn wir aber die Gegenleistungen der Eisenwerke mitreohnen,
wenn wir daun im Auge behalten, daß damals eine Reihe von Werken
in Bau war und im Zusammenhang damit eine Reihe von Maschinen-
fabriken entstanden ist, die mit Bestellungen seitens der neuerrichteten
Werke überhäuft waren — so müssen wir sagen, daß die wichtigsten
Konsumenten der Eisenprodukte der südrussischen Eisenindustrie
nach den Eisenbahnen die südrussischen Eisenwerke selbst waren.
Erst nach den Eisenbahn- und Eisenwerksmaterialien kamen die ver-
schiedenen Marktsorten.

Hier erscheint in diesen Zeiten der Ural noch immer als der
wichtigste Produzent. Das bestätigt uns auch die Vergrößerung der
Eisenproduktion des Uralgebietes in den 90 er Jahren. Es besteht
noch immer eine bestimmte Arbeitsteilung zwischen beiden Rayons.
Wenn der Süden hauptsächlich als Produzent von Schienen, Schwellen,
Draht und als Hauptlieferant des Staates erscheint, so tritt dagegen
der Ural als Produzent von kleinen Marktsorten und für den
privaten Markt auf. Mit der Zeit erfuhr aber der Ural auch auf

1 Eisenindustrie in Südrußland. Statist. Sammelb. 1900—1902 (russisch).
Eisenindustrie in Südrußland. Sammelb. 1900, S. 22.
        <pb n="56" />
        ﻿55

seinem Gebiete eine starke Konkurrenz und verlor ein Absatzgebiet
nach dem anderen an den Süden.

Schon aus der Betrachtung des Charakters der Produktion ist.
klar ersichtlich, daß das Eisenbahnmaterial der wichtigste Absatz-
artikel in der untersuchten Periode war; damit trat auch der Staat
als wichtigster Abnehmer der südrussischen Werke auf. Die Er-
richtung der Sibirischen Eisenbahn allein mußte nach verschiedenen
Berechnungen über eine Milliarde Rubel kosten. Die Preise waren
vom Staate immer höher angesetzt als die Marktpreise. So war nach
der Berechnung von Migulin die Gesamtsumme der Mehrzahlung des
Staates im Dezennium der 90er Jahre 150 Millionen Rubel, oder
durchschnittlich 15 Millionen jährlich.

Infolge der Hochkonjunktur standen auch die Preise auf Markt-
sorten sehr hoch. So schwankten Roheisen von 65—60 Kop. pro Pud,
Schwellen und Träger von 150—225 Kop., Eisenblech von 180—240
usw. Es ist nicht zu verwundern, daß die Eisen-Aktiengesellschaften,
besonders die alten, die in Beziehung auf Rohstoffbezug und tech-
nische Einrichtungen besser fungierten, sehr hohe Dividende ver-
teilten. So waren sie bei den alten Aktiengesellschaften:

Jahr	Krivoj-Rog-  A.-G.	Drienz-  A.-G.	ßrjansk-  A.-G.	Neu-Üussische  A.-G.
1893	5°/„	12°/«	10 %	25°/0
1894	5 „	20 „	22.5 .,	25 „
1895	^ n	30 „	25	„	15 „
1896	5 ,	40 „	32 „	20 „
1897	7 „	40 „	32 „	25 „
1898	10 „	40 „	30	„	25 „

In Zusammenhang damit waren auch die Aktien der süd-
russischen Eisenunternehmungen sehr gestiegen.

c)	Die Produktivität der Werke.

Was die eigentlichen Ursachen der Ausdehnung der südrussischen
Eisenindustrie in den 90 er Jahren erlangt, die ihre leitende Rolle
in der russischen Eisenindustrie bedingten, so muß, abgesehen von
den günstigen natürlichen Verhältnissen des Südens, als wichtigste
Ursache der steigenden Produktivität die Vervollkommnung der tech-
nischen Verfahren betrachtet werden. Die zweite Hälfte des 19. Jahr-
hunderts war im Gebiete der Eisentechuik mit einer Reihe wichtiger
Entdeckungen verbunden. Im Jahre 1855 erfand Henry Bessemer
den sogen. Bessemerprozeß, der die Möglichkeit gab, den Gußstahl
unmittelbar aus dem flüssigen Roheisen zu gewinnen. Dann kamen ver-
        <pb n="57" />
        ﻿56

schiedene andere wichtige technische Erfindungen auf dem Gebiete der
Eisengewinnung und Verarbeitung. Alles das bewirkte eine massen-
hafte Eisenproduktion und die Herabsetzung der Herstellungskosten.

Selbstverständlich wurden alle diese Entdeckungen in der neu-
entstandenen siidrussischen Eisenindustrie von Anfang an berück-
sichtigt. Als Folge davon ergab sich eine große Produktivität der
Arbeitsprozesse. Die anderen Gebiete Rußlands stehen in dieser
Hinsicht bedeutend zurück. Am schwierigsten vollzog sich die tech-
nische Revolution in den alten Gebieten und besonders im Ural.
Folgende Tabelle zeigt die durchschnittliche Produktivität der Hoch-
öfen in, beiden obengenannten Gebieten1:

Jahr	Roheisenverhüttung pro Ofen in 1000 Pud				
	1882 - 85	1886—90	1891—96	1896-1900	1901
Ural	196	230	282	330	362
Süden	207	628	1141	1892	2190

Ein gleiches Übergewicht des Südens ist hinsichtlich der
Maschinenzahl und der Maschinenkraft zu ersehen. Es betrug im
Jahre 18941 2:

	Zahl der	Zahl der
	Dampfmaschinen	Pferdekräfte
Ural	328	15030
Süden	253	25 269

Wenn also im Uralgebiet auf jede Maschine im Jahre 1894
durchschnittlich 45 Pferdekräfte kamen, so erhöhte sich diese Zahl
für den Süden auf durchschnittlich 100.

Auch die technische Konzentration ist im Süden höher und
ihre Entwicklung geht schneller vor sich als im Ural3:

	1891		1901	
	Zahl der	Durchschnittl.Roh-	Zahl der	D urchschnittl. Roh-
	Werke	eisenverhüttung	Werke	eisenverhüttung
Ural	63	475 T. P.	75	651 T. P.
Süden	4	3809 ,, „	15	6114 „ „

Besonders wichtig ist es, daß die südrussische Eisenindustrie
eine rein großkapitalistische ist und unter der Wirkung der kapita-
listischen Konkurrenz sich entwickelte, also jede technische Neuerung

1	Dehn, a. a. 0., S. 128.

2	Bergkomitee. Statist. Sammelbuch, 1894.

3	Dehn, a. a. O., S. 163.
        <pb n="58" />
        ﻿57

und Erfindung sich rasch anzueignen pflegte. Als wichtigste Ver-
besserungen in der südrussischen Eisenindustrie hat Tieme in der
Zeit von 1892 bis 1896 konstatiert1:

1.	die Errichtung der großen Hütten mit einer durchschnitt-
lichen täglichen Roheisenproduktion von 150 t,

2.	die Verbesserung in der Versorgung der Hütten mit Rohstoffen,

3.	die Einführung von lufterhitzenden Maschinen mit Erhitzungs-
flächen von 3000 bis 4500 qm,

4.	die Einführung der modernen Wiudluftmaschinen,

5.	die Ausnutzung der Gichtgase für die Heizung der Dampfkessel,

6.	die Einführung von Mischkesseln für flüssiges Roheisen mit
einem Fassungsvermögen von 100 bis 120 t,

7.	die Ausnutzung der Schlacken, wie Granulierung usw.,

8.	die Verbreitung der . Koksöfen und Ausnutzung ihrer Gase,

9.	die Einführung des elektrischen Lichtes und der elektrischen
Kraftübertragung,

10.	die Einführung von Schornsteinen von 50 bis 80 m Höhe,

11.	den Verbrauch eigener Baumaterialien anstatt ausländischer,

12.	die Verbesserung des Walzverfahrens. Es findet 48fache
Walzung statt,

13.	die Verbesserung der Wasserleitung und der Wasserver-
sorgung der Werke.

14.	die Errichtung von Kohlenwaschfabriken.

Aber nicht nur die technische Seite kommt bei diesem Über-
gewicht des Südens in Betracht, sondern auch die Betriebsorganisation
selbst ist hier vollkommener als in allen anderen Gebieten Ruß-
lands, insbesondere verglichen mit dem Ural. Ein kleines Beispiel
wird das besondes klar machen.

Die „Südrussische Aktiengesellschaft“ (Dnieprovienne) setzte
ihr Anlagekapital von 5 000000 Rbl. viermal im Jahre um, den
Uralwerken dagegen mit gleichem Kapital gelingt es nur, für
2000000 Rbl. pro Jahr zu produzieren. Der Umsatz vollzieht sich
also in diesem Falle bei den Uralwerken achtmal langsamer1 2.

Jedenfalls hat die südrussische Eisenindustrie im letzten Viertel
des 19. Jahrhunderts neue Bahnen eingeschlagen und die frühere
leitende Rolle des Urals an sich gerissen. Schulze-Gävernitz
sagt darüber: „Im Ural herrscht seit Jahrhunderten ein Arbeits-
feld des Merkantilismus, in Südrußlaud eine völlig koloniale Industrie
jüngsten Datums — dort eine als eingesessene, in den Nachwirkungen
der Leibeigenschaft fortlebende Bevölkerung, hier bunt zusammen-
gewürfelte Arbeitermassen aus weiter Entfernung, zum Teil aus dem
Auslande durch das Zauberwort des Kapitals in die menschenleere

1	Tieme, a. a. 0., Goto. Journ. 1897, I, S. 4.

2	Kaffenhaus, a. a. 0., S. 17.
        <pb n="59" />
        ﻿58

Steppe gerufen, — dort bleibt ein allmähliches Werden entsprechend
der Beschränktheit des einheimischen Kapitals in kleineren Betrieben
stecken; hier wurden Großbetriebe ersten Banges und alle Errungen-
schaften der neuesten Technik mit einem Schlage durch ausländisches
Kapital auf dem Boden „Neurußlands'1 hingesetzt — dort wird der
Verkehr noch heute vermittelt durch Floß und Achse; hier herrscht,
ohne daß die Landstraße voranging, der Schienenweg1“.

Kapitel VI.

Die Krisis in der südrussisehen Eisenindustrie im
Jahre 1901 und in den folgenden Jahren.

1.	Die Voraussetzungen der Krisis.

a) Allgemeine Krisis in Kußland im Jahre 1901.

Seitdem Rußland in die Sphäre der kapitalistischen Produktions-
verhältnisse eingetreten war, mußte auch seine Volkswirtschaft dem
Gesetze der kapitalistischen Entwicklung gemäß den periodischen
W echsel der Krisis und der Prosperität erfahren.

Die Hochkonjunktur in der südrussischen Eisenindustrie der
90 er Jahre endete mit der Krisis vom Jahre 1901. Die Krisis, die
etwa zwei Jahre dauerte, muß als eine gesonderte Periode in der
Geschichte der Eisenindustrie betrachtet und in diesem Kapitel ihr
Verlauf und ihre Ursachen dargestellt werden. Die hier einge-
tretene Überproduktion steht im engsten Zusammenhänge mit der
damals in Rußland ausgebrochenen allgemeinen Krisis. Das nötigt
dazu, bei der Erörterung der Verhältnisse in der südrussischen Eisen-
industrie die allgemeine wirtschaftliche Lage Rußlands zu berück-
sichtigen.

Den kapitalistischen Aufschwung, der in der Periode der 90 er
Jahre in der Eisenindustrie herrschte, beobachten wir auch in der
gesamten russischen Industrie zu dieser Zeit. Man kann vielleicht
sagen, daß erst im Laufe dieser Periode der industrielle Kapitalismus
in Rußland sein klares Gepräge erhielt. Obwohl die kapitalistische
Entwicklung schon in den 60 er und 70 er Jahren zur Geltung gekommen
war, hat diese Periode doch als eine vorbereitende zu gelten. Sie
hat im großen und ganzen die zwei für die kapitalistische Ent-
wicklung wichtigen Voraussetzungen geschaffen: erstens die Ein-

1 Schulze-Gävernitz, a. a. O., S. 290.
        <pb n="60" />
        ﻿59

richtung moderner Verkehrsmittel, zweitens die Ausbildung der
Kreditanstalten.

'Nach einem gewissen Stillstand in der Mitte der 80er Jahre
trat aber mehr und mehr die Frage der gewerblichen Entwicklung
in den Vordergrund. Den Anforderungen des Lebens gemäß war
endlich auch die russische Bureaukratie gezwungen, Mittel zu suchen,
um die Produktivkräfte Rußlands zu entwickeln. Die Frage erschien
für sie zuerst als rein fiskalische. Die Staatsausgaben nahmen immer
zu, und man mußte Mittel suchen, um die Staatseinnahmen zu ver-
mehren. Als ein solches Mittel erschien zuerst die Zollerhöhung,
die schon seit Ende der 70er Jahre in Anwendung kam. Allmählich
ging aber der Staat zur systematischen Protektionspolitik über.

Eine der wichtigsten Ursachen dieses Überganges war die immer
mehr wachsende Überzeugung, daß für die weitere Existenz des
Staates eine breitere Basis notwendig sei, als die bisherige. Die von
Zeit zu Zeit wiederkehrenden Hungersnöte zeigten klar, daß das
Bauerntum unfähig war, die immer mehr steigende Last der Staats-
ausgaben allein zu tragen. Man wollte das finanzielle Problem durch
die industrielle Entwicklung des Landes lösen, und der Staat ging
zum systematischen Protektionismus über. Er strebte danach, möglichst
günstige Produktionsverhältnisse für die verschiedenen Industriezweige
zu schaffen. Anstatt der früheren fiskalischen trat jetzt die protek-
tionistische Zollpolitik auf. Der Staat nahm dann seit Ende der
80er Jahre die weitere Ausdehnung des Eisenbahnnetzes in die Hände,
und das gab ihm eine mächtige Handhabe, in die Entwicklung der
Industrie einzugreifen. Ein weiterer Schritt waren die Bemühungen
der Regierung, ausländische Kapitalien ins Land zu ziehen, was
wegen des schwach entwickelten heimischen Geldmarktes notwendig
erschien. Damit hing die Frage der Abschaffung der Papierwährung
zusammen, weil die letztere der Kapitaleinwanderung große Hinder-
nisse in den Weg legte. Im Jahre 1896 wurde die Goldwährung
eingeführt. Der Staat bemühte sich, nicht nur möglichst günstige
Bedingungen für die Industrie zu schaffen, sondern er griff auch
selbst als unmittelbarer Helfershelfer der Gründungstätigkeit ein.
Hauptsächlich geschah dies Eingreifen vermittelst der Reichsbank,
zu welchem Zwecke im Jahre 1894 selbst die Statuten der Bank
verändert wurden. Sie wurde jetzt zum Regulator des industriellen
Lebens bestimmt. Im Zusammenhang damit entwickelte sich das
System der unmittelbaren Unterstützung der verschiedenen Gewerbe-
unternehmungen — ein Ersatz des alten Prämiensystems1.

1 So wurde bis zum Jahre 1902 nach den Angaben der Reichskontrolle
aus der Staatskasse über 100 Millionen Rubel außerordentlicher Anleihen der
verschiedenen Gewerbeunternehmungen ausgegeben. Migulin, Die Reform
des Geldverkehrs und die Produktionskrisis (1893—1902), Charkow 1903 (russisch).

*
        <pb n="61" />
        ﻿60

Als Ergebnis aller dieser Maßregeln trat in den 90er Jahren
eine rapide Gründungstätigkeit und eine Steigerung der Produktion
in den verschiedenen Zweigen der Industrie ein. Die folgenden
Ziffern zeigen die Zahl der in der Periode 1894—1900 gegründeten
Aktiengesellschaften:

Jahr	Zahl der gegründeten Akt.-Ges.	Gesamtes Aktien- kapital Mill. Rbl.
1894	63	57,0
1895	95	119,0
1896	133	189.9
1897	138	193,2
1898	196	228.1
1899	318	333,0’.

Eine Vorstellung von dem Verlauf der Expansionsbewegung in
den verschiedenen Zweigen der Industrie gibt folgende Tabelle1 2 3:

Industriezweige	Aktienkapital in Millionen Rbl. 1890	|	1895	|	1900			Vermehrung während 1890—1900 um °/0
Textilindustrie	197,5	238,5	373,7	88
Bergbau	85,7	129,5	392,2	357
Metallindustrie	27,8	44,2	257,3	825
Nahrungsmittelind.	87,6	86,8	153,1	74
Chemische Industrie	15,6	21,2	93,8	501
Papierindustrie	11,4	14,8	31,7	186
Keramische Industrie	6,7	9,4	59,0	780
Viehzucht	7,3	8,3	16,5	126
Handel	25,2	44,5	63,2	155
Transportgewerbe	36,7	41,0	63,2	72
Verschiedene	80,8	107,7	224,6	176
Zusammen:	580,1	746,3	1742,3	200

Was die nach Rußland geflossenen Kapitalien betrifft, so betrug
die Menge nur der belgischen und französischen Kapitalien allein
im Jahre 1901 nach den Angaben von Cordeweener rund
1649 Millionen Pres.8.

Die Prosperitätsperiode der russischen Industrie konnte aber
nicht lange dauern. Man stieß auf zwei Hindernisse, die die Port-
dauer der „Hochkonjunktur“ unmöglich machten. Das eine war vor-

1	Balobanow, Industrie, St. Petersburg 1909 (russisch). S. 47.

2	Jahrbücher d. Finanzmin. 1901 u. 1902 (zit. nach Balobanow, S. 48).

3	Cordeweener, a. a. 0., S. 304.
        <pb n="62" />
        ﻿61

übergehend die Geldkrisis, das audere war dauernd und mit dem
industriellen Entwicklungsgänge selbst verknüpft — die Unmöglichkeit,
den Markt auszudehnen.

Wir beginnen mit dem zweiten. Mit dem Wachstum der
russischen Industrie am Ende des 19. Jahrhunderts begann auch
die erste Bildung des inneren kapitalistischen Marktes. Diese Aus-
bildung des Marktes, wie auch die Ausräumungen der früheren
*	vorkapitalistischen Beste, die den neuen Verhältnissen im Wege

standen, konnte aber nicht mit der industriellen Entwicklung der
Sturm- und Drangperiode der 90 er Jahre Schritt halten. Die
kapitalistische Entwicklung konnte nicht die ganze Tiefe des
russischen Wirtschaftslebens durchdringen; dazu hemmten auch
zuerst die verschiedenen ökonomischen und sozialen Verhältnisse
jener Zeit. So entstand zwischen dem nicht genügend beweglichen
inneren Markte einerseits und der immer weiter schreitenden groß-
kapitalistischen Industrie andererseits eine tiefe Kluft,

Dieser Gegensatz kam dann auch in der im Jahre 1901 ein-
getretenen Krisis mit Deutlichkeit zur Geltuug. Die Krisis war nicht
nur das Ergebnis der Überproduktion, sondern auch das Ergebnis
der Unterkonsumtion der breiten Schichten der Bevölkerung.

Schon die seitens der Regierung eingeschlagene Wirtschafts-
politik barg in sich selbst einen Widerspruch. Sie bezweckte die
Förderung der gewerblichen Produktionsfähigkeit des Landes und
vernachlässigte gleichzeitig vollständig die Konsumtionsfähigkeit der
Bevölkerung. Die Kaufkraft des Bauerntums war beinahe auf dem-
selben Niveau geblieben. Die Konsumtionsfähigkeit weiterer Schichten
der Bevölkerung vergrößerte sich so gut wie gar nicht. So entstand
. eine Zersplitterung der Volkswirtschaft: einerseits eine rein kapita-
listische große Industrie, andererseits eine primitive, mehr oder
weniger geschlossene Hauswirtschaft des überwiegenden Teils der
Bevölkerung — des Bauerntums. Man muß noch hinzufügen, daß
die russische Industrie wegen der Konkurrenzverhältnisse vom aus-
ländischen Markt ausgeschlossen blieb und sieb ausschließlich auf
»	den inneren Markt beschränken mußte. Diese Lage ließ sich noch

eine gewisse Zeit lang ertragen, bis die ausländischen Kapitalien ins
Land strömten, bis immer wieder neue Eisenbahnen erbaut wurden.
Eine gewisse Zeit hindurch lebte die kapitalistische Expansion so-
zusagen von sieh selbst, bildete für sich selbst den Markt — das
dauerte aber nur bis zur ersten Konjunkturveränderung, welche nicht
lange auf sich warten ließ.

Als zweites Hindernis des Industrieaufschwunges kam dann die
Geldkrisis hinzu. Im Jahre 1899 sind die ersten Symptome der Geld-
krisis vorhanden. Ihre Entstehung hatte einen doppelten Charakter:
Zuerst war eine Geldspannung auf dem westeuropäischen Markte
im Jahre 1898 zu beobachten. Sie übte ihrerseits sofort eine
        <pb n="63" />
        ﻿62

Wirkung auf den russischen Weltmarkt aus, der damals aber von
sich selbst aus eine große Anspannung zeigte, was auf die Erschöpfung
des produktiven Kapitals in Rußland wegen der ununterbrochenen
Gründungstätigkeit am Ende der 90 er Jahre zurückzuführen war.
Der Diskont der Reichsbank stieg von 51L ujn im August 1899 auf
7 °/0 im Dezember desselben Jahres. Die Geldkrisis brach rasch in
Rußland aus. Eine Reihe von wenig soliden Gesellschaften ging
daran zugrunde. Es sind während der Jahre 1899—1901 einige
Dutzend Gesellschaften zusammengebrochen. Die privaten Petersburger
Ranken allein mußten bei dieser Krisis etwa 20000 000 Rbl. als
„Verluste“ und „zweifelhafte Schulden“ ins Hauptbuch eintragen.
Dazu kamen noch die Verluste der Staatsbank, die von der Staats-
kontrolle folgendermaßen geschätzt wurden1:

Jahr	Verluste in MilL Rbl.
1898	3913
1899	6216
1900	12072
1901	17357
1902	12215

Unter diesen Verhältnissen fiel die Zahl der gegründeten Ge-
sellschaften von 325 im Jahre 1899 bis auf 78 im Jahre 1902. Wie
das Ausland auf einen solchen Zustand reagierte, zeigt die folgende
Tabelle der Verminderung des Aktienwertes der russischen Aktien-
gesellschaften an der Pariser und Brüsseler Börse2:

Zahl	Gattung der A.-G.	Aktienwert in 1000 Pres.		Abnahme  Ol  Io
		15. Okt. 99	15. Okt. 01	
50	Eisenhütt. u. Maschinenfabrik.	862043	298064	— 62
19	Steinkohlengruben	347148	185957	— 46
6	Glasfabriken	17987	3632	— 79
7	Gas- u. Elektrizitätswerke	36820	13140	— 64
8	Baugesellschaften	8 794	3 092	— 65
8	Verschiedene	43 540	32402	— 25
	Zusammen:	1316332	536292	— 59

Die Geldkrisis hat also in vollem Maße die südrussische Eisen-
industrie getroffen.

1 Migulin, Produktionskrisis, S. 282.
* Balobanow, a. a. O., S. 77.
        <pb n="64" />
        ﻿63

b) Ursachen der Krisis in der südrussischen Eisenindustrie

Die Ursachen der allgemeinen Produktionskrisis in Rußland
waren auch im Gebiete der südrussisohen Eisenindustrie wirksam.
Die Geldkrisis ist für die südrussiscbe Eisenindustrie ganz unerwartet
gekommen. Einige ungünstige Nachrichten erfolgten ja schon am
Ende der 90er Jahre; sie wurden aber seitens des Finanzministeriums,
des damals leitenden Organs für Handel und Industrie, sofort und
energisch dementiert. Das Finanzministerium selbst war eigentlich
darüber schon frühzeitig unterrichtet, man hoffte aber, die bevor-
stehenden schlechten Zeiten mit eigenen Mitteln, durch außerordent-
liche Gewerbeunterstützungen usw., bekämpfen zu können. So trat
speziell die Staatsbank mit der eifrigsten Unterstützung der ver-
schiedenen süd’russischen Eisenunternehmungen auf. Allein im Jahre
1900 wurden in der Staatsbank etwa für 11 Millionen Pud Roh-
eisen gepfändet. Die Regierung kam dann auch mit verschiedenen
anderen Unterstützungen, erteilte einen weitgehenden Kredit usw.
So wurde die Gesamtsumme der von der Staatsbank ausgegebenen
außerordentlichen Anleihen an die russische Eisenindustrie auf
60 Millionen Rubel geschätzt1. Das half aber nichts1 2. Die Aktien
der verschiedenen südrussischen Aktiengesellschaften fielen rasch, die
Aktien der Brjansk-Aktiengesellschaft, die am Anfang des Jahres 1900
auf der durchschnittlichen Höhe von 450—475 Rubel standen, fielen
am Ende des Jahres 1901 auf 135—160, die der Douez-Jurjewka
in derselben Zeit von 520—475 auf 40 usw. Eine gewisse Zeit
blieb die südrussische Eisenindustrie im Gleichgewicht; man hoffte,
daß die ungünstige Lage wegen der weiteren Staatshilfe und der
Vermehrung der Staatsbestellungen auf Eisenbahnschienen bald vor-
übergeheu werde; nachdem aber bekannt geworden war, daß die
Eisenbahubestellungen abnehmen müßten, kam auch hier ein starker
Niedergang zutage.

Die zweite unmittelbare Ursache der Krisis war, wie erwähnt,
die Verminderung der Eisenbahnbestellungen. Wie schon früher an-
gedeutet, hatte die Regierung seit Anfang der 90 er Jahre einen leb-

1	Brandt, Die Produktionskrisis in Westeuropa und Rußland (1900—02),
St. Petersburg 1904, S. 181.

2	Prof. Migulin äußert sich folgendermaßen darüber: „Seitdem die Staats-
bank Darlehen erteilt, verknüpft sie ihre Interessen mit dem Schicksal der Unter-
nehmungen aufs engste und ist so gezwungen, weitere Darlehen an solche
lebensunfähige Unternehmungen zu geben“ . . . Dann kommt gewöhnlich das
Finanzministerium mit seinen Staatsbestellungen zu Hilfe . . . „Die Bestellungen
wurden unter erhöhten Preisen im Vergleich mit den Marktpreisen erteilt . . . .
die Lieferungen wurden angenommen, obwohl sie auch außerordentlich schlecht
ausgeführt wurden. Nachdem solche Darlehen von den Unternehmungen an-
genommen waren, beeilten sich einige von ihnen, sich sofort als kreditunfähige
in Konkurs zu erklären, und aus dem Grunde, weil ihr ganzes Guthaben niedriger
als die Anleihen selbst waren.“ Produktionskrisis usw., S. 115.
        <pb n="65" />
        ﻿64

haften Eisenbahnbau betrieben. Die Bestellungen der Regierung
an Eisenbahnmaterialien mußten für die Gesellschaften sehr vorteil-
haft sein. Die Protektionspolitik trat gerade in der Eisenindustrie
deutlich zutage. Man zahlte gewöhnlich höhere Preise, als die Markt-
preise waren, erteilte große Avancen usw. Die Erbauuug neuer
Eisenbahnen durch die Regierung konnte aber nicht immer so weiter
gehen. Am Ende der 90er Jahre wurde auch der größte Teil der
sibirischen Eisenbahnlinie vollendet, die eine große Menge von
Schienen usw. beansprucht hatte. Die Zeit für weitere Bauten er-
schien auch nicht günstig und hauptsächlich darum nicht, weil der
Eisenbahnbau überwiegend mit Hilfe der ausländischen Anleihen
sich vollzog, deren Abschließung wegen der Geldkrisis in Westeuropa
so gut wie unmöglich erschien. Dazu kam noch im-Jahre 1900 ein
Kriegszug nach China, der hohe Summen forderte. Da die Staats-
kasse schon wegen der früheren Bauten sehr stark in Anspruch ge-
nommen war, sah sich die Regierung genötigt, ihre Eisenbahnbauten
möglichst einzuschränken. Es wurden folgende Längen des Eisen-
bahnnetzes, in Werst ausgedrückt, erbaut1:

Jahr	Länge in Werst
1898	2876
1899	4882
1900	2 882
1901	3290
1902	947
1903	436
Infolge der Beschränkung	des Eisenbahnbaues nahmen auch
die Eisenbahnbestellungen bedeutend ab und damit auch die Schieuen- produktion1 2:	
J ahr	Schienen in 1000 Pud
1901	22817
1902	19 048
1903	17862

Diese Abnahme hat die südrussischen Werke am schwersten
getroffen. Sie konnten jetzt nur die Hälfte, sogar manchmal nur
ein Drittel ihrer Produktionskraft entfalten. Schon im Jahre 1897
hat Tieme gezeigt, daß die damals vorhandenen Schienenwalzwerke
den zukünftigen Bedarf für Schienen vollständig decken konnten3.

1	Die Tatsachen der Staatskontrolle usw., 1907, I. Teil, S. 77 (russisch).

2	Gutachten des Verbandes der Bisenindustrieellen usw. St. Petersburg
1908, S. 27, (russisch).

3	Tieme, a. a. O., 1897, V, S. 200.
        <pb n="66" />
        ﻿65

Aber vergeblich! Die Hochkonjunktur rief immer neue Werke ins
Leben und es vergrößerten die alten unter der fortschreitenden
Konkurrenz ihre Produktionsfähigkeit. Die Roheisenproduktion in
Südrußland hat sich in der Zeit von 1897—1900 etwa verdoppelt!
Vergrößert hat sich damit auch die Zahl der Werke, die Staats-
bestellungen bedurften. Nachdem die Aufträge im Gegenteil ge-
sunken waren, entstand eine Störung in der Produktion, und die
Folge davon waren große Verluste. Das war die zweite, wahr-
scheinlich die wichtigste direkte Ursache der Krisis.

Es hieße aber gewiß auf der Oberfläche der Erscheinungen
bleiben, wenn man nach der Geldkrisis und der Verminderung der
Staatsbestellungen auf Eisenbahnmaterial, als dritte und letzte Ur-
sache der Krisis in der südrussischeu Eisenindustrie die schwache
Konsumtionsfähigkeit der breiten Schichten der Bevölkerung ver-
kennen würden. Einige vorsichtige Unternehmungen sahen schon
in der Hochkonjunktur der 90 er Jahre voraus, daß der Schienen-
markt allein keine sichere Grundlage für die Zukunft bieten könne.
Sie fingen schon damals an, ihre Walzwerkstätten zur Produktion
der Marktsorten einzurichten. Besonders bemerkenswert erscheint
diese Bewegung in der zweiten Hälfte der 90 er Jahre. Doch sie
mußten alsbald Enttäuschungen erleben. Der Eisenbedarf der breiten
Schichten der Bevölkerung war keiner bedeutenden Ausdehnung
fähig. Das bestätigen auch die Kongreßberichte der Eisenindustriellen
selbst. So lesen wir in dem Kommissionsberichte des 24. Kongresses
der Bergindustriellen Südrußlands über die Ursachen der einge-
tretenen Krisis:

„Bei Besprechung dieser Frage ist die Kommission zu dem
Schlüsse gekommen, daß man als deren wahre Ursache nicht die
zeitige Verminderung der Staatsbestellungen ansehen muß — was
die Krisis in der Gegenwart nur vertiefen konnte —, ebensowenig
die schlechte Konjunktur des Geldmarktes — was nur auf die Be-
schleunigung der Konjunktur einwirken konnte —, sondern die
Tatsache, daß die dank der Regierungsmaßnahmen emporgekommene
Berg- und Eisenindustrie mit einer in anderen Ländern unbekannten
Schnelligkeit die Entwicklung des ländlichen Konsums überflügelt
hat. Infolgedessen mußte mit Notwendigkeit auch eine Überproduktion
der Eisenindustrieprodukte eintreten V‘

Außer den erwähnten Hauptursachen traten dann auch einige
andere hervor, die die Krisis noch verschärften. Als eine solche
ist die unsolide und nicht taugliche Gründung von verschiedenen
Aktiengesellschaften zu bezeichnen, die mit ungenügenden Kapitalien
begounen worden waren. Oft hatten die angesammelten Kapitalien

1 Schimanowski, Bericht der Unterkommission des 24. Kongresses der
Bergindustri eilen Südrußlauds, S. 7 (russisch).

Sawelieff.	5
        <pb n="67" />
        ﻿66

keine richtige Verwendung gefunden; ferner die ungenügende Ver-
trautheit der ausländischen Gründer mit den russischen Verhältnissen.
Eine Reihe von Werken kam wegen verschiedener Fehler bei
Aufstellung der Bauunkosten nicht mit dem Gründungskapital aus,
man mußte neue Kapitalien suchen und verschiedene drückende
Schulden machen, was besonders für die neuen Werke verlust-
bringend wurde. Der Gründungsplan, sagt Lauwick, war immer
,,en grand“, aber sehr oft hatte man mit den konkreten Verhält-
nissen nicht gerechnet. Die Kapitalanlage mußte größer sein, schon
infolge der in Rußland bestehenden Kreditverhältnisse, wonach lang-
fristige Zahlungen üblich sind.

Die wichtigsten Ursachen der Krisis in der südrussischen Eisen-
industrie im Jahre 1901 waren also die allgemeine Geldkrisis in
Rußland, der Rückgang des Eisenbahnbaues und die ungenügende
Ausdehnungsfähigkeit des Marktes. Die ungenügende Kapitalkraft
und schlechte Gründung vieler, hauptsächlich neuer Werke, ver-
schärften die Krisis noch erheblich.

2.	Der Verlauf der Krisis.

Das Überangebot an Eisenprodukten hatte auf dem Eisen-
markte einen großen Preissturz hervorgerufen. Die Preise waren1:

Bisenpreise in K.op. pro Pud (franko Werk)

	Zeit					
Sorten	1900		1901		1902	
	April	Oktober	Januar	Oktober	Januar	Oktober
Form- und 1 Stabeisen J	160-175	158-173	145-155	130-135	128	122-125
Kesselblech	170-180	163	145-155	130		
Schwellen	158-170	150	125-135	105	100	85
Roheisen	—	62	50	48-50	49-50	38-40

Infolge dieses Überangebotes kam es zu einer allgemeinen
Produktionseinschränkung. Selbstverständlich machten einige tech-
nisch besser eingerichteten Werke Versuche, trotz der niedrigen
Preise und ungünstiger Konjunktur, voll zu arbeiten und die
schwächeren Gegner aus dem Felde zu schlagen. Aber auch sie
mußten bald in ihrem Produktionseifer innehalten.

Über die Produktionseinschränkung selbst lassen wir die Ziffern
sprechen. Die Zahl der Arbeiter und Hochöfen fiel bedeutend1 2:

1	Kaffenhaus, a. a. 0., S. 45.

2	Auf Grund d. Ziffern d. Statist. Sammelbüch. 1900—1902. Eisenindustrie
in Südrußland.
        <pb n="68" />
        ﻿67

Jahr	Hochöfen			Zahl der Arbeiter in Hütten- und kombinierten Werken
	'Gesamtzahl	Im Gange	Still stehen	
1. Mai	1900	51	33	18	45 601
1. September 1900	51	33	18	44 786
1. Mai	1901	55	31	24	42 698
1. September 1901	56	31	25	41219
1. Mai	1902	56	30	26	37272
1. September 1902	56	26	30	33474

Die Abnahme der Arbeiter und die Verminderung der Zahl
der im Betrieb stehenden Hochöfen zeigen am besten, daß in der
südrussischen Eisenindustrie damals ein bedeutender Stillstand ein-
getreten war.

Die folgende Tabelle zeigt die Gesamtproduktion an Roheisen,
Halbzeug und Eertig-Pabrikaten in 1000 Pud1:

Jahr			Zahl  der  Werke	.Roheisen	Stahl und Eisen		Eisener-  zeugnisse
					Halb-  fabrikate	Fertige  Fabrikate	
Erste Hälfte		1900	16	45114	30 981	23 743	2 511
Zweite		1900	16	46581	35154	25711	3019
Erste		1901	16	44936	34893	27439	3225
Zweite		J 901	16	47040	32030	19162	4800
Erste		1902	18	44 590	31870	23199	3 458
Zweite		1902	18	40115	30 601	21702	3 349

Obwohl der Wendepunkt, von dem ab bei den verschiedenen
Arten der Produktion sich eine Abnahme bemerkbar macht, ver-
schieden ist, ist in allen diesen Zweigen eine abnehmende Tendenz
zu bemerken.

Die allgemeinen Ziffern können aber zur Erklärung der Ent-
wicklung und des Verlaufs der Krisis wenig beitragen. Wir müssen
dazu das Bild möglichst konkret darstellen. Folgende Tabelle gibt
uns von der Produktion und dem Absatz der wichtigsten Eisen-
sorten eine Vorstellung1.

Wir können dabei die Gesamtproduktion und den Gesamtab-
satz in der südrussischen Eisenindustrie in drei Kategorien
bringen: Koheisenproduktion, Produktion des Eisenbahnmaterials
und Produktion für den Markt.

1 Auf Grund d. Ziffern d. Statist. Sammelbüch. 1900—1902. Eisenindustrie
in Siidrußland.
        <pb n="69" />
        ﻿68

	Eisensorten	Produktion  in 1000 Pud				Afesatz	
		1900	1901	1902	1900	1901	1902
	Martinroheisen	20037	19609	24204	?	5 759	6125
fl  a&gt;	Bessemerroheisen	38760	38167	28488	?	1275	3257
’S	Thomasroheisen	5 552	10136	10 708	?	214	1845
o	Andere Sorten	28223	24062	21308	—	15 244	15 865
	Gesamt	92572	91977	84706	24441	22 527	27 092
ö jl,	Schienen	22636	19414	16014	21904	18111	16 927
d s ^  •s-S-g	Bandagen	1277	1715	1264	1052	1575	1208
H &lt;!	Achsen	447	643	437	418	535	345
c	Form- u. Stabeisen	9853	11976	13 669	6130	10121	11926
*2 %-&gt; o  a co	Schwellen u. Träger	1103	4675	5 957	3085	4879	5684
	Stahl und Eisen \  alle Sorten J	57 655	51963	49 959	45 669	45 918	45 957

Die Roheisenproduktion nahm während der Krisis bedeutend
ab, der Roheisenabsatz dagegen nahm zu. Die Produktion und
der Absatz von Eisenbahnmaterialien sind bedeutend gesunken, die
Produktion und der Absatz von einigen wichtigen Marktartikeln da-
gegen bedeutend gestiegen. Im großen und ganzen fand zwar eine
Produktionsabnahme statt, doch machen sich in den verschiedenen
Produktionszweigen verschiedene Tendenzen bemerkbar. Wir müssen
darum die Produktions- und Absatzverhältnisse in allen diesen
Zweigen gesondert untersuchen.

Wir beginnen mit dem Eisenbahnmaterial. Zwei Tatsachen
kann man aus der Tabelle feststellen: 1. eine bedeutende Abnahme
der Produktion und des Absatzes und 2. ein gewisses Gleichgewicht
zwischen Produktion und Absatz. Der Markt ist hier ein fest-
stehender. Als Hauptkonsument erscheint hier der Staat, außerdem
ist auch keine Konkurrenz zwischen den einzelnen Produzenten
möglich, und zwar dadurch, daß die Bestellungen von dem Staate
an die einzelnen Werke auf dem Wege der Verständigung verteilt
werden. Wie willkürlich bei dieser Sachlage die Preise bestimmt
wurden, kann die Tatsache beweisen, daß die Regierung in den
Jahren 1898 -1900 etwa 1,12 Rbl. pro Pud Schienen zahlte —
dagegen während der Krisis, als die Marktpreise bedeutend niedriger
standen, 1,25 Rbl. pro Pud! Bei solchen Verhältnissen ist von
freier Konkurrenz gewiß keine Rede. Hier konnte also auch die
für Krisen so charakteristische Überproduktion nicht eintreten und
wir sehen hier nur Produktionsabnahme.

Ganz anders stand die Sache in der Produktion der Marktsorten.
Aus unserer Tabelle ist zu ersehen, daß hier im Gegenteil bei einigen
        <pb n="70" />
        ﻿69

Sorten eine Produktions- und Absatzvermehrung stattlindet. Das
erklärt sicli daraus, daß die Verminderung der Schienenproduktion
die Werke zwang, ihre freistehenden Schienen Werkstätten ander-
weitiger Produktion anzupassen; deu technischen Gründen gemäß
vollzieht sich aber der Übergang zu solchen Sorten, wie Schwellen,
am leichtesten. Man pflegte jetzt also anstatt Schienen mehr
Schwellen usw. zu produzieren. Das erschien um so zweckmäßiger,
als die Preise dieser Artikel damals sehr hoch standen. Die Werke
begannen, sich immer mehr mit dieser Produktion zu beschäftigen.
Da der Markt eine solche Vermehrung des Angebotes gewiß nicht
aufnehmen konnte, trat hier infolge der Konkurrenz ein rascher
Preissturz ein. Schon aus der Tabelle S. 66 sieht man, daß der
Preis der Schwellen während der Periode 1901—1903 mehr als um
das Doppelte gesunken ist.

Wie stark die Konkurrenz zwischen den einzelnen Werken
damals war, zeigt z. B., daß die Schwellen während der Zeit der
Krisis bis 65 Kop. pro Pud kosteten, wogegen die Herstellung
nirgends niedriger als 77 Kop. pro Pud war. Lauwick konstatiert
einen Fall, wo um eine Bestellung auf diese Schwellen die Dnie-
provienne, die Providence und die ßusso-Belge konkurrierten; sie
wurde endlich der Russo-Belge zugewiesen, und zwrnr zu einem
Preise von 58 Kop. pro Pud1!

Die Bewegung, die nach einer zunehmenden Produktion des
Marktsortiments strebte, machte sich auch in der Roheisenproduktion
geltend. Die Roheisenproduktion im großen und ganzen nahm ab,
was den Krisenzustand verrät. Bei einem Vergleich der einzelnen
Sorten von Roheisen miteinander läßt sich aber konstatieren, daß
die Produktion von Bessemerroheisen bedeutend ab-, dagegen die
Produktion von Martinroheisen zunahm. Das hing damit zusammen,
daß das erstere hauptsächlich für Schienen, das letztere für die
Marktsorten bestimmt ist Endlich ist aus der Tabelle klar zu er-
sehen, daß der Roheisenabsatz in dieser Zeit bedeutend zunahm. Das
war durch zwei Umstände bedingt. Erstens waren die kombinierten
Werke gezwungen, während der Krisis die Eisen- und Stahlverarbeitung
einzuschränken, und es blieb ihnen nichts übrig, als das überflüssige
Roheisen unter allen Umständen auf den Markt zu werfen. Zweitens
kam jetzt eine Menge von südrussischem Roheisen auf andere Märkte
außerhalb Südrußlands, wo die Konkurrenz dadurch erleichtert war,
daß die Herstellungskosten für Roheisen im Süden niedriger sind
als in irgend einem anderen russischen Gebiete. Alles das hatte
natürlich eine bedeutende Abnahme der Roheisenpreise zur Folge,
die von 62 auf 38 Kop. pro Pud sanken.

Die Krisis in Südrußland in den Jahren 1901 — 1903 ist einmal

1 Lauwick, a. a. 0., S. 40.
        <pb n="71" />
        ﻿70

charakterisiert durch die Verminderung der Nachfrage nach Eisen-
artikeln. Folge davon waren die Bestrebungen der Werke, zur
Produktion des Marktsortiments überzugehen, was auf dem schon
überfüllten Markte ein großes Überangebot und dementsprechend
ein rapides Sinken der Marktpreise verursachte.

Die Schärfe der Krisis ist ersichtlich aus der Zahl der Werke,
die damals liquidierten. Nach der amtlichen Statistik mußten seit
der Periode 1901—1904 von den 77 in Rußland existierenden Eisen-
Aktiengesellschaften 18 Gesellschaften mit einem Aktienkapital von
55000000 Rbl. liquidieren1. Den Hauptverlust erlitt Südrußland,
da hier, von anderen Ursachen abgesehen, mehr als in den übrigen
Gebieten die Spekulation herrschte und eine Reihe von Schein-
aktiengesellschaften vorhanden war. Besonders schwer wurden von
der Krisis die belgischen Aktiengesellschaften betroffen. Nach
Lauwicks Berechnung sind die Verluste der belgischen Aktien-
gesellschaften auf viele Dutzend von Millionen veranschlagt. Von den
30 belgischen Aktiengesellschaften liquidierten acht, fünf befanden
sich unter Administration1 2, drei Unternehmungen wurden stillgesetzt,
viele Werke führten endlich eine Scheinexistenz. Die Zahlen er-
höhen sich noch, bei Berücksichtigung anderer, nicht nur belgischer
Unternehmungen.

3.	Die Wirkung der Krisis auf einzelne Gattungen von
Eisenwerken.

Zunächst kommen die Hüttenwerke in Betracht. Die Werke
welche man als Hüttenwerke bezeichnen kann, sind folgende:
Gdanzewsk-Werk (K.-R.-A.-G.), Olchowaja, Kramatorowskaja, Alma-
snaja, Belaja. Außerdem sind auch große Lieferanten von Roheisen
die Donez-Jurjewka- und Hughes-Werke.

Die Hüttenwerke mußten damals ihre Tätigkeit am meisten
einschränken, so daß bei sechs der genannten Werke nur vier Hoch-
öfen im Betriebe waren, während neun Stillständen. Auch die zwei
kombinierten Unternehmungen, das Hughes-Werk und die Donez-
Jurjewka, mußten ihre Tätigkeit auf diesem Gebiete um mehr als
das Doppelte vermindern. Diesen ungünstigen Verhältnissen fielen
drei Hüttenwerke zum Opfer: Kertsch, Belaja und Almasnaja. Drei
andere erlitten, obwohl sie die Krisis überstanden, während dieser
Zeit große Verluste. Die unmittelbare Ursache der schwierigen
Konjunktur für die Hüttenwerke war die Abnahme der Roheisen-
preise. Die Hütten hatte eine scharfe Konkurrenz seitens der

1	Kaffenhaus, a. a. O., S. 70.

2	Unter Administration versteht man nach russischem Gesetze die Über-
nahme und Weiterführung einer Unternehmung durch die Hauptkreditoren, bis
die Schulden bezahlt sind.
        <pb n="72" />
        ﻿71

kombinierten Werke auszuhalten, da die letzteren eine bedeutende
Menge von Roheisen direkt auf den Markt brachten.

Zu den kombinierten Werken gehören folgende: Hughes-Werk,
Alexander-Werk (Brjansk A-G.), Petrowsk-Werk (Russo-Belge),
Donez-Jurjewka, JDruschkowsk-Werk (Donez A.-G.), Taganrog-
Werk, Nikopol-Mariupol-Werk, Pastuchow, Providence-Russe, Make-
jewka (Societe Generale), Werchnednieprowsk, Konstantinowka und
Dnieprovienne.

Hier sind wieder zwei Gruppen zu unterscheiden. Vier Werke:
Hughes, Dnieprovienne, Petrowsk und Druschkowsk hielten die Krisis
relativ gut aus. Die anderen dagegen erlitten größere oder kleinere
Verluste. Interessant ist hier zu bemerken, daß die ersten vier
Werke sehr stark durch Staatsbestellungen beschäftigt wurden, was
folgende Tabelle zeigt1:

Werke		Staats- und Eisenbahn- bestellungen  • °/  Io	Für privaten  Markt  0/  Io	Für eigenen Bedarf  °/o
Druschkowsk-	Werk	58.2	35,6	6,4
Petrowsk-	11	53,7	43,3	3,0
Alexander-	11	42,7	51,3	6,0
Hughes-	11	38,1	55,0	6,9
Dnjeprovienne-	11	29.8	59,6	10,6
Suhlin-		10,3	78,2	11.5
Taganrog-	11	9,1	80,6	10,3
Nikopol-Mariupol-	11	8,5	86,1	5,4
Makejewka-	11	4,1	89,2	6,7
Donez-Juriewka-	11	4,0 ■	88,5	7,5
Gdanzewsk-	11	1,5	98,3	0,2
Olchowaja-	11	0,8	99,2	-
Almasnaja-	11	0,7	93,1	6,2
Providence-Russe-	11	—	78,6	21,4
Kramatorowsk-	11	—	71.9	28,1
Kertsch-	17	—	87,7	12,3

Da der Staat hauptsächlich Schienen konsumierte, sind sie auch
die wichtigsten Schienenlieferanten. Mit der Schienenproduktion be-
schäftigten sich folgende südrussische Eisenwerke: Hughes, Dnje-
provienne, Alexander, Petrowsk, Druschkowsk, Taganrog.

Da während der Krisis die Schienenproduktion besonders stark
abnahm, erscheint es auf den ersten Blick unverständlich, daß die
Werke, die vorwiegend Schienen produzieren, die Krisis relativ gut

1 Statist. Sammelbüch. 1900—1902. Eisenindustrie in Südrußland.
        <pb n="73" />
        ﻿72

iiberstanden. Die Sache wird uns klar, wenn wir die Verhältnisse
der Schienenproduktion etwas näher betrachten.

Wie wir schon früher hervorgehoben haben, hatte die Regierung
bei der Schienenproduktion anstatt der freien Konkurrenz das Prinzip
der vorhergehenden Verständigung eingeführt. Sie pflegte sich außer-
dem nur mit wenigen privilegierten Aktiengesellschaften in Verbindung
zu setzen, so daß von 16 Werken nur 6 mit der Schienenproduktion
in Südrußland betraut wurden. Die ausgebrochene Krisis rief ver-
schiedene Staatsmaßregeln hervor, die ihre Wirkung auf die genannten
Werke möglichst abzuschwächen suchten. So wurden die Preise der
bestellten Schienen während der Krisis erhöht, außerdem bekamen
einige Gesellschaften andere Subsidien und Unterstützungen. Alles
das verfehlte nicht, die Wirkung der Krisis für diese Werke sofort
zu mildern. Außerdem kann man die vier genannten Werke als die
konkurrenzfähigsten bezeichnen. Das Hughes-Werk und Dnieprovienne
sind am frühesten entstanden1, sie hatten die Früchte der ganzen
Hochkonjunkturperiode ernten können und arbeiteten außerdem
meistenteils mit eigenen Rohstoffen.

Von den alten Aktiengesellschaften bildet nur das Alexander-
werk eiue Ausnahme, das während der Krisis große Verluste erlitt.
Seine Verluste lassen sich auf die ungünstige finanzielle Lage der
Gesellschaft infolge der Liquidation der Kertsch-Aktiengesellschaft
zurückführen.

Die übrigen — zumeist neuen — kombinierten Werke erlitten
während der Krisis große Verluste. Sie litten schwer durch die Geld-
krisis, einige zahlten 7—8 °/0 Zinsen auf Hypothekenanleihen. Außerdem
war auch ihre Konkurrenzfähigkeit geringer als die der ersten Gruppe.

Als Ergebnis der erwähnten Verhältnisse ergab sich folgende
interessante Erscheinung: die vier Werke aus der ersten Gruppe be-
mühen sich, wegen der Verminderung der Schienenproduktion während
der Krisis ihre Produktion nach einer anderen Seite zu entfalten
und suchen bei Herstellung des Marktsortiments eine leitende Stelle
zu gewinnen. Unter solcher Konkurrenz mußte selbstverständlich die
zweite Gruppe, die weniger konkurrenzfähig war, am schwersten leiden.
Wie bekannt, war die einzige Produktion, die während der Krisis
zunahm, die Produktion von Schwellen, Stangeneisen, Fagoneisen und
dergleichen. Folgende Tabelle gibt uns eine Vorstellung von dem
Anteil der Werke an dieser Produktion2:

Werke	1900	■1902	Zunahme °/0
Vier erste Werke	4798	8211	71,1
Andere Werke	10003	11186	11,8

1	Eine Ausnahme bildet nur die Brjansk-Aktiengesellschaft.

2	Statist. Sammelbüch. 1901—02. Eisenindustrie in Südrußland.
        <pb n="74" />
        ﻿73

Die Tabelle zeigt uns, daß, während die vier Werke der ersten
Gruppe ihre Produktion auf oben genanntem Gebiete beinahe ver-
doppelten, in der zweiten Gruppe nur eine unbedeutende Zunahme
zu verzeichnen ist.

Infolge der Produktions- und Geldkrisis mußten eine Reihe von
kombinierten Werken ihre Schwächen offenbaren. Donez-Jurjewka
mußte sich unter Administration begeben, ebenso Providence-Russe,
Taganrog und Werchnednieprowsk.

Im großen und ganzen aber hatten die kombinierten Werke
während der Krisis nicht so zu leiden wie die Hütten.

Schwere Verluste hatten auch die reinen Walzwerke. Von den
sechs existierenden Werken überlebten nur zwei die Krisis ohne
starke Einbußen. Eine Reihe von Zusammenbrüchen traten ein bei
den verschiedenen Maschinenfabriken, Werkstätten und besonders
bei denjenigen Werken, die unmittelbar mit dem Beginn der
Gründungstätigkeit in der Eisenindustrie auftauchten. Sie konnten
jetzt keine Arbeit bekommen.
        <pb n="75" />
        ﻿Zweiter Teil.

Die südrussische Eisenindustrie in der Gegenwart.

Kapitel VII.

Die Produktion.

1. Die allgemeine Lage der siidrussischen Eisenindustrie nach
der Krisis im Jahre 1901.

Die Krisis fand die südrussische, wie auch überhaupt die russische
Eisenindustrie vollständig unorganisiert. Infolgedessen entstanden
zahlreiche Liquidationen, Konkurse und große Verluste. Alles das
mußte die industriellen Kreise sehr aufregen: die Lage hat damals
eine lebhafte Aussprache hervorgerufen, allein bis zum Jahre 1902
wurden nicht weniger als 12 verschiedene Versammlungen von Eisen-
industriellen abgehalten, auf welchen die Mittel zur Verbesserung der
Lage besprochen wurden. Man kam dabei auf drei Maßnahmen, die
die damalige Lage der Eisenindustrie verbessern sollten: 1. Die Aus-
dehnung des heimischen Marktes. Es sei insbesondere eine gemein-
same dringende Vorstellung an die Regierung über die Notwendigkeit
der großen Staatsbestellungen für die „vaterländische Eisenindustrie“
zu richten. 2. Die Kartellierung der Eisenproduktion. Man sprach
in einigen Kreisen sogar von einer staatlichen Regulierung der Eisen-
produktion nach dem Vorbilde der Zuckerindustrie. 3. Die Organisation
des Exportes.

Dieses Programm zeigt einige neue Meinungen in den Kreisen
der Eisenindustriellen Südrußlands. Man sprach nämlich hier zum
ersten Mal bestimmt über die Notwendigkeit einer Organisation zur
gemeinsamen Eroberung des Marktes und über die Entwicklung des
Exportes1. Es ist verständlich, daß die Industriellen bei Besprechung
der Mittel auf die Hilfe der Regierung große Hoffnungen setzten.
Speziell für die Großindustriellen Südrußlands erschien sie immer

1	Die Eisenindustriellen waren eigentlich schon früher in sogen. „Kongresse
der Bergindustriellen“ organisiert. Diese Organisation war aber keine aus-
schließlich eisenindustrielle ; sie umfaßte auch Steinkohlen- und Eisenerzproduzenten.
        <pb n="76" />
        ﻿75

als die Quelle allen Reichtums. Prämien, unverzinsliche Anleihen,
Staatsbestellungen zu erhöhten Preisen — das ist die Atmosphäre,
in welcher die Eisenindustrie Südrußlands heranwuchs und sich ent-
wickelte. Der Markt und die private Konsumtion kamen immer erst
in zweiter Linie.

Die Regierung blieb diesen Wünschen und Forderungen gegen-
über nicht kalt. Bei der ersten Gelegenheit beeilte sie sich, den
Eisenbahnbau in verstärktem Maße wieder aufzunehmen, indem man
speziell im Jahre 1902 die Anlage von 4000 Werst neuer Eisenbahn-
linien beschloß. Die Eisenbahnbestellungen konnten aber jetzt nicht
die frühere Bedeutung für die südrussische Eisenindustrie haben.
Und so mußten die südrussischen Eiseuindustriellen nach der Krisis
mehr und mehr dem privaten Markt ihre Aufmerksamkeit schenken.
Die Erzeugung von Roheisen, Stahl und fertigen Produkten hat in
der letzten Zeit folgenden Umfang angenommen:

Jahr	Roheisen			Halbzeug			Fertige Fabrikate Stahl und Bisen		
	Süden	°/o	Gesamt in Rußland	Süden	°/o	Gesamt in Rußland	Süden	Ol  10	Gesamt in Rußland
1901	91712	53	172876	68517	42	161902	51961	42	122656
1902	84154	53	156919	62458	40	153611	49 959	44	112248
1903	83454	55	149372	63 312	43	156 522	62 687	47	133235
1904	110875	61	180427	80293	45	176266	76687	47	162929
1905	103095	62	165874	74577	46	162057	68254	47	143003
1906	102006	62	164026	69 260	43	158810	62 760	45	138048
1907	111034	64	172153	86 577	49	173383	73135	49	146750
1908	117414	68	171360	88 571	50	174771	75510	52	145373

Man kann also diese Zeit als die Periode des dauernden Still-
standes bezeichnen. Und während die südrussische Eisenindustrie
nur langsam wächst, bleibt die gesamte russische Eisenproduktion
ziemlich stabil. Nur im Jahre 1904 beobachten wir, daß die Eisen-
produktion wegen der Eilbestellungen für den russisch-japanischen
Krieg einen bedeutenden Ruck macht. Sie fällt aber schon im
nächsten Jahre wieder ab. Die Belebung trägt also einen vorüber-
gehenden Charakter, worauf wieder Stillstand und Überproduktion
folgen. Die Industrie ist jetzt aber bedeutend elastischer geworden;
die Abnahme der Produktion ruft keine besonders ungünstigen Er-
scheinungen hervor. Die südrussische Eisenindustrie ist eben mehr
oder weniger organisiert.

Zusammenfassend lassen sich folgende Tatsachen feststellen:
erstens, daß die südrussische Eisenindustrie in der Gegenwart ständigen
Schwankungen unterworfen ist; sie reagiert auf jedes günstige Symptom
auf dem Markte durch eine bestimmte Ausdehnung; zweitens, befindet
        <pb n="77" />
        ﻿76

sie sich in einem ständigen, wenn auch langsamen Wachstum. Wie
unbedeutend in der Tat das Wachstum der Produktion und wie groß
die Produktiousfähiglceit der vorhandenen Werke ist, zeigen uns
die Tatsachen, daß, obwohl die Zahl der Werke in dieser Zeit nicht
zugenommen hat, die Produktion der Werke nur durchschnittlich
60°/0 ihrer Produktionsfähigkeit darstellt. Weiter ist festzustellen,
daß dieses Wachstum sich hauptsächlich auf Kosten der anderen
Bezirke vollzieht, sodaß die relative Bedeutung Südrußlands immer
zunimmt. Endlich nimmt die Produktion der Marktsorten im Süden
einen immer größeren Kaum ein. Interessant ist, den Vergleich in
dieser Hinsicht zwischen dem Süden und dem Ural für die letzten
zwei Jahrzehnte aufzustellen1.

	Süden			Ural		
Jahr	Gesamtpro- dukt. v. fertig. Fabrikaten	Markt-  sorten	°/o der Gesamt- produkt.	Gesamtpro- dukt. v. fertig. Fabrikaten	Markt-  sorten	°/o der Gesamt- produkt.
1894	14661	4724	32,2	20901	18 202	87,1
1898	36 564	13 568	37,1	26509	21856	82.4
1903	62 604	37074	59,2	27460	23127	84,2
1908	75477	49485	65,6	28 797	24382	84,7

Die Produktion der Marktsorten hat sich also im Süden im
Verhältnis zu den Staatsbestellungen seit dem Jahre 1894 etwa
verdoppelt.

2. Die Elemente der Produktion.

Bevor wir die Analyse der Produktionsverhältnisse im ganzen
machen, wollen wir die drei wichtigsten Elemente der Produktion,
.Rohstoffe, Arbeitskräfte und technischen Betrieb, betrachten.

a) Kohstoffe.

Eisenerze. — Die südrussische Eisenindustrie konsumiert ein
bedeutendes Quantum von verschiedenen Eisenerzen, hauptsächlich
Roteisenstein und Brauneisenstein.

Der wichtigste Fundort ist, wie wir schon erwähnt haben, Krivoj-
Rog. Die Konsumtion der Kriovoj-Rog-Eisenerze machte durch-
schnittlich 90°/0 des gesamten Verbrauchs aus1 2. Dies Gebiet er-
streckt sich an beiden Ufern des Flusses Saksagan über eine Länge
von etwa 90 Werst. Die Eisenerzlager befinden sich in den Quarzit-

1	Die Ziffern sind mir von dem Herrn Vorsitzenden des Syndikats „Krowlja“-
Formakowski mitgeteilt.

2	Im Jahre 1909 betrug sie 171000000 Pud.
        <pb n="78" />
        ﻿77

schichten und haben gewöhnlich eine kahnartige Form1. Die Ge-
winnung fiudet überwiegend zu Tage statt. Die Eisenerze, die hier
hauptsächlich gefördert werden, sind Eisenglanz und Roteisenerz.
Folgende Tabelle gibt uns eine Reihe von chemischen Analysen der
Krivoj-Rog-Erze2:

	Feuchtig-  keit	Fe	CaO	A1203	Si02	P
Verschiedene	0.39	67,41	—	2,25	0,59	—
Proben der	1,05	70,75	—	—	0,27	—
	—	10,65	—	1,21	0,68		
Krivoj-Rog-	—	66,1	0,2	1.17	1,90	0,12
Eisenerze	1,5	48,6	0,6	2,8	2,60	0,05

Die Erze sind rein und erfordern keine weitere Verarbeitung,
aber sie sind schwer schmelzbar und brauchen eine bedeutende
Menge von Zusätzen. Von den 75 Eisenerzgruben, die 35 Besitzern ge-
hörten, waren im Jahre 1907 etwa 50 im Betriebe. Es waren bei den
einzelnen Gesellschaften im Jahre 1908 folgende Vorräte vorhanden3:

	Krivoj-Rog- Eisenerzvorräte	
Aktiengesellschaften	in 1000 Pud	
	festgestellte	vermutete
Krivoj-Rog-A.-G.	603500	1185000
Dnjeprov.-A.-G.	1000000	1250000
Brjansk-A.-G.	561500	1300000
Neurussisohe A.-G.	400000	995000
Russo-Belge-A.-G.	375000	760000
Donez-A.-G.	331500	640000
Suhlin-A.-G.	50000	70000
Russ. Providence	2000	3000
Zusammen:	3320000	6203000
Überhaupt	f  im Krivoj-Rog \	5462500	11415500

Der überwiegende Teil (etwa 75 °/0) der Eisenerzfläche wird auf
dem Wege der Verpachtung ausgebeutet. Der Pachtzins schwankt
zwischen 1—3 Kop. pro gewonnenes Pud. Die Verkaufspreise
schwanken gegenwärtig je nach der Qualität der Erze und je nach
der Marktkonjunktur zwischen 4 und 71/'2 Kop. pro Pud. Die Eisen- 1 2 3

1	Tieme, a. a. 0., Gorn. Journ. 1903, S. 400.

2	Oordeweener, a. a. 0., S. 200 u. 221.

3	Eisenindustrie in Südrußlaud. Stasist. Sammelbücher 1908.
        <pb n="79" />
        ﻿78

werke, welche eigene Gruben besitzen, haben im günstigsten Palle
einen Vorzug bis zu 2—21/2 Kop. auf das gewonnene Pud.

Ein zweiter bedeutender Fundort von Eisenerzen ist die Halb-
insel Kertsch. Die Eisenschicht hat hier eine horizontale Richtung
und erstreckt sich auf viele Tausende von Dessjatinen. Die Mächtig-
keit der Schicht ist bis 9 Meter.

Die Gesamtmenge der Eisenerze pro Dessjatine erreicht durch-
schnittlich 200000 t, so daß die Gesamtmenge der Eisenerzvorräte
auf etwa 60 Milliarden Pud zu schätzen ist1. Der Ort erscheint
seinen Vorräten nach als der bedeutendste von ganz Südrußland.
Die Gewinnung der Erze findet hier im Tagbau statt. Die chemische
Zusammensetzung der Eisenerze von Kertsch ist der der luxem-
burgischen sehr ähnlich. Es findet sich hier ausschließlich Braun-
eisenstein. Vor der Verwendung bedürfen die Erze einer vorläufigen
Troknung. Folgende Tabelle gibt uns nähere Kenntnis über die
chemische Zusammensetzung der Erze2:

	Abnahme iiü Gewicht beim Trocknen	Fe  0/  Io	Ph  01  Io	Mn  01  10
	15	37,4	0,977	3,4
Verschiedene Proben	16,3	39,4	1,144	0,98
der Kertsch-Eisenerze	15,75	39,4	1,116	0,o4
	15,7	41,0	0,94	4,0
	13	33,5	0,7	9,0

Die Erze sind phosphorreich und eignen sich deswegen am
besten für das Thomasverfahren. Sie werden ausschließlich von den
Eisenwerken gefördert. Die Pacht- und Gewinnungsverhältnisse sind
sehr günstig.

Als dritte Gruppe ist die der Eisenerze des Donezbassins zu
nennen, die in verschiedenen Orten des Bassins zerstreut sind. Man
braucht sie ausschließlich als Zusatz zu den Krivoj-Rog-Eisenerzen.
Ihr Eisengehalt ist ziemlich gering. Sie enthalten durchschnittlich
nur 35—50°/0 Eisen., Ihre chemische Zusammensetzung ist folgende3:

	Fe203  7»	8iO.,  °/o	AIA  7»	Ph.,05  %	Mn  °/o	CaO  0 /  Io	Metall. Eisen  01  Io
	71,43	12,00	5,98	0,13	4,00	—	50
Verschiedene	64,29	16,00	8,00	0,09	8,60	—	45
Proben der Donez- ■	73	13,90		0,10	—	—	51
bassiti Eisenerze	76,14	7,5	3,50	1,67	—	3,00	53
	76,14	8,7	5,00	1,02	—	2,35	53

1 Cordeweener, a. a. O., S. 211.

3 Trasenster, a. a. 0., Rev. univers. d. mines, 1896, S. 198.
3 Lewitzki, Rev. univers. d. mines., 1896, S. 198.
        <pb n="80" />
        ﻿79

Es gibt noch einige andere Fundorte von Eisenerzen, wie
Korsak-Mogila usw., aber sie sind nicht genügend untersucht und
spielen bis jetzt eine sehr geringe Rolle.

Steinkohle. Als Heizungsmaterial kommt für die südrussische
Eisenindustrie überwiegend die Steinkohle in Betracht (90—92°/0
des Gesamtheizungsmaterials), dann Anthrazit und endlich Naphtha,
das gegenwärtig kaum mehr als 1 — 2 °/# des Gesamtverbrauchs ausmacht.

Die Steinkohle kommt ausschließlich aus den Gruben des Donez-
bassins, das als das größte in Europa überhaupt anzusehen ist.
Zwei Drittel des Bassins bilden das Anthrazitlager. Mit dem Namen
Anthrazit bezeichnet mau kurzweg anstehende bitumenarme Kohlen1.
Das letzte Drittel dagegen bildet ein Lager von ausgezeichneten
backbaren Steinkohlen, die für die Koksgewinnung brauchbar sind.
Die Produktion von Steinkohle imDonezbassin betrug im Jahre 19061 2:

Gruben	Zahl d. Gruben	Zahl der Bergarb.	Produktion d. Steinkohle	Produktivität einer Grube	Arbeitsleistung eines Arbeiters
Die Gruben d.l Eisenwerke j überhaupt	49  1075	19174  104466	173 910T.P.  869432„ „	3 549T.P.  808 „ „	12977 P. 12075 j

Die Steinkohlenförderung der Eisenwerke bildet also ein Fünftel
der Gesamtförderung. Aus der Tabelle ist auch ersichtlich, daß die
Gruben der Eisenwerke durchschnittlich größer sind, und eine größere
Produktivität besitzen als die anderen. Fünf Werke: Dniepr, Hughes,
Alexander, Petrowsk und Gdanzewsk arbeiten mit eigenen Stein-
kohlen, die anderen müssen sie kaufen. Für die Gewinnung eines
Pud Koks braucht man gewöhnlich 1,35 Pud Steinkohle3. Den an-
erkannt besten Koks liefert das Almasuaja-Flöz in der Gegend von
Almasnaja und Losowaja. Die Steinkohle liefert bei der Koks-
gewinnung eine Menge Gase (15—40°/0), die jetzt sehr oft aus-
genützt werden4).

Tieme berechnete im Jahre 1897 die Gewinnungskosten für ein
Pud Steinkohle auf 5,563 Kop. für die Rutschenko-Grube, auf etwa
4,95—5 Kop. für die Gorlowka-Grube und auf 3,5—4 für die Make-
jewka-Grube usw.5. Augenblicklich setzt man sie auf 5—6 Kop. an,
kann aber die Ausgaben der Eisenwerke, die eigene Gruben haben
unter günstigen Verhältnissen anf 2 Kop. pro Pud annehmen6.

1	Franke, Mitteilungen von einem Ausfluge nach dem nordwestlichen
Teile des Donezbeckens, Essen 1899, S. 4.

2	Statist. Tatsachen d. Bergkomitee, 1906.

2 Tieme, a. a. 0., 97, Bd. H, S. 177.

4	Trasenster, a. a. 0., ßev. univers. d. mines. 1896, S. 34.

6 Tieme, a. a. 0., 1887, Bd. I, S. 26, 33 und 12. ■

6 Fertner schätzt sie sogar auf 6,299 Kop. pro Pud durchschnittlich.
(Fertner, Die Donezsteinkohlenindustrie, St. Petersburg, (russisch), 1909. 8. 24).
        <pb n="81" />
        ﻿80

Da die Werke ihrer Lage nach entweder Steinkohle oder Eisenerz,
einige auch beide Rohstoffe aus bedeutender Entfernung herbei-
schaffen müssen, so spielen in Südrußland die Transportkosten der
Rohstoffe eine große Rolle. Man braucht für den Transport der zur
Schmelzung eines Puds Roheisen notwendigen Menge Eisenerz und
Steinkohle an Kopeken1:

Werke		für Steinkohle	für Eisenerz	Zusammen
Hughes-	Werke '		0,02	7,55	7,67
Petrowsk-		0,003	8,15	8,15
Druschkowsk-		2.51	7,20	9,71
Makejewsk-	V	0,01	9,25	9,26
Donez-Juriewsk-		1,25	10,05	11.30
Kramatorowsk-		2,49	7,69	10,18
Dnjepr-		10,91	3,19	14.10
Alexander-		10,43	3,53	13,96
Gdanzewsk-		11,12	0,12	11.24
Russ. Providence-		6,62	5,09	11,71
Taganrog-	V	8,60	4,28	13,48

Die günstigsten Verhältnisse hinsichtlich der Transportkosten
haben also das Donezbassin, und besonders diejenigen Werke, welche
die Steinkohle in ihrer Nähe haben, wie das Petrowsk-Werk, Hughes-
Werk usw.

Die wichtigsten Zusätze sind bei der Eisenproduktion Mangan
und Kalk, dann kommt feuerfester Ton usw.

Die Mangangruben befinden sich im Gouvernement Jekaterinoslaw
und im Kaukasus; meistenteils werden Jekaterinoslaw-Manganerze
von den Werken verwendet.

Kalk» befindet sich ebenfalls im Gouvernement Jekaterinoslaw,
und wird von einigen Gesellschaften, wie z. B. Dniepr-Ä.-G., aus
eigenen Kalkbrüchen gewonnen.

b) Arbeitskräfte1 2.

„Die Präge, wie die nötigen Arbeitskräfte zu bekommen sind,
ist die schwächste Seite -der Donez-Eisenindustrie“ — schrieb Tieme
im Jahre 18893. Und in Wirklichkeit machte anfänglich der Mangel

1	(rornosawodski Listok, 1908, Nr. 125 (russisch).

2	Wir betrachten in diesem Unterkapitel die Arbeitskräfte nur als Kosten-
element bei der Produktion. Auf die Betrachtung der wirtschaftlichen und
sozialen Lage der südrussischen Arbeiter — die sonst eine gesonderte Unter-
suchung erforderte -— müssen wir leider wegen des Mangels an Material und
wegen seiner Untauglichkeit verzichten.

3	Tieme, a. a. 0., Gorn. Journ. 1889, Bd. II, 8. 239.
        <pb n="82" />
        ﻿81

an Arbeitskräften und ihre ungenügende Qualität der südrussischen
Eisenindustrie sehr große Schwierigkeiten.

Als Hughes im Jahre 1869 sein Werk gründete, mußte er, wie
wir schon früher erwähnten, alle mehr oder weniger verantwortlichen
Posten Engländern überlassen. Später traten dann mit der Ent-
wicklung des Werkes die russischen Arbeiter immer mehr in den
Vordergrund und Anfang der 90er Jahre existierte dann schon ein
neuer Nachwuchs der ersten in Jusowo angesiedelten Arbeiter.

Mit der raschen Entwicklung der Eisenindustrie in den 90er Jahren
mußte die Arbeiterbevölkerung Südrußlands sich stark vermehren. Die
drei Bestandteile des neuen Arbeiterstandes der Werke waren: 1. der
heimische, aus dem mittleren Rußland eingewanderte Bauer, 2. der
eingewanderte russische und 3. der ausländische Arbeiter.

Wie bekannt, pflegen die Bauern der wenig fruchtbaren
Gouvernements oder derjenigen, wo wegen der Eigentumsverhältnisse
eine überschüssige Bevölkerung vorhanden ist, zu bestimmten Zeiten,
hauptsächlich im Frühjahr, nach verschiedenen Orten Rußlands zu
waudern, um dort Arbeitsgelegenheit zu suchen. Viele Tausende
von ihnen finden Beschäftigung in der Schiffahrt auf der Wolga,
in Großstädten, wie' St. Petersburg, Moskau, Odessa; viele wandern
endlich in die fruchtbaren südrussischen Gouvernements, wo sie
landwirtschaftliche Arbeiten auf größeren Gütern übernehmen. Mit
der Entwicklung des Bergbaues wird diese Strömung eine ständige
Quelle von Arbeitskräften für die Steinkohlen- und Eisenerzgruben.
Die Bauern erlangen in dieser Weise auch Beschäftigung in Eisen-
werken als Tagelöhner und unqualifizierte Arbeiter. Allmählich
bleiben sie dann mehr und mehr als ständige Arbeiter; mit der
Zeit übernehmen sie oft auch die qualifizierten Posten.

Die komplizierten Betriebe aber, wie Hochöfen und Walzwerke,
brauchten von Anfang an einen überwiegenden Teil ständiger und
qualifizierter Arbeiter. Man hatte große Schwierigkeiten, um solche
Kräfte in ausreichendem Maße zu bekommen. So mußten die
Gründer der Dniepr-A.-G. (Dnieprovienne) das ganze Personal von
dem Warschauer Walzwerk nach Südrußland hinüberschaffen, selbst-
verständlich mit der Verpflichtung besserer Bezahlung. Nach Süd-
rußland strömten auch die qualifizierten Arbeiter aus anderen Industrie-
kreisen, insbesondere aus dem mittleren Rußland.

Viele Unternehmungen waren gezwungen, außer russischen
Arbeitern auch gebildete Arbeiter vom Auslande zu beziehen. Wie
bedeutend die Zahl dieser nach Südrußland verpflanzten Arbeiter
war, zeigen folgende Zahlen. Die Russo-Beige A.-G. hatte bei
Gründung des Werkes 400 belgische Arbeiter, Taganrog 360 bezogen.
Es sind aber nicht nur Belgier, sondern auch Engländer, Franzosen
und Deutsche unter den Ausländern. Mit der Entwicklung eines
ständigen Arbeiterstandes in Südrußland nimmt diese Bewegung be-

Sawelieff.	6
        <pb n="83" />
        ﻿8*

deutend ab. Nacli der Krisis des Jahres 1901 sinkt daun die Zahl
der Ausländer nicht nur relativ, sondern auch absolut, was mit der
Lohnverminderuug und dem Stillstand in der Eisenindustrie zusammen-
häugt, sodaß gegenwärtig der Prozentsatz ausländischer Arbeiter durch-
schnittlich 2—3 °/0 der Gesamtzahl nicht überschreitet.

Im Jahre 1908 waren in den südrussischen Eisenwerken, ein-
schließlich der reinen Walzwerke 53564 Arbeiter beschäftigt. Davon
waren beschäftigt bei:

Hochöfen		6 941
Halbzeugproduktion .	.	.	5070
Walzung		12 754
Formgußproduktion .	7581
Hilfsarbeiter		9880
Andere Produktionszweige	8837

Unter dem technischen und Aufsichtspersonal war der Prozent-
satz der Ausländer früher ganz enorm. Die russischen Kräfte bildeten
hier anfangs nur eine unbedeutende Minderheit. Ohno den aus-
ländischen „contremaitre-1 (mittleren Techniker), sagt Tieme, kann
kein Eisenwerk, einerlei ob russisches oder ausländisches, existieren'.
Auch die russischen Ingenieure konnten damals den ausländischen
keine ernste Konkurrenz machen; es fehlten den meisten, nach Auf-
fassung Tiemes, die nötigen praktischen Kenntnisse. Außerdem
waren die meisten Werke von Ausländern gegründet, und natürlich
schenkten sie ihr Vertrauen bei der Gründung und der Leitung der
Werke ihren Landsleuten. Die Gehälter waren sehr hoch und sie
lockten die Ausländer, insbesondere am Ende der 80er und am
Anfang der 90 er Jahre, da in Belgien damals ein großer Stillstand
in der Eisenindustrie stattfand, nach Südrußland. Aber auch in
diesen Kreisen ist nach der Krisis eine Gegenbewegung zu bemerken;
hier spielte auch die Verminderung der Gehälter die Hauptrolle;
die Bewegung ist aber bei weitem nicht so bedeutend wie in den
Arbeiterkreisen.

Für die Bedeutung der Arbeitskräfte für die Produktion kommen
zwei Fragen in Betracht: wieviel die Arbeitskraft kostet und wieviel
sie leistet. Selbstverständlich steht beides im engsten Zusammen-
hang. Zunächst betrachten wir die erste, den Arbeitslohn.

Die Löhne der Bergarbeiter1 2 sind hier allgemein sehr niedrig.
Der monatliche Verdienst eines erwachsenen Arbeiters beträgt im
Winter 14—18 Rbl., im Sommer 18—26 Rbl. Die ledigen Arbeiter
leben und beköstigen sich in Artellen, die verheirateten beköstigen

1	Tieme, a. a. 0., Gorn. Journ. 1897, S. 16.

2	Wir ziehen hier und später auch die Grubenarbeiter in Betracht, da viele
Eisenwerke eigene Gruben haben und eine Menge von Bergarbeitern beschäftigen.
        <pb n="84" />
        ﻿83

sich selbst. Die monatlichen Ausgaben eines Arbeiters für die Kost
betragen 8—11 Rbl., die eines verheirateten 4—5 Rbl. pro Kopf1.

Die Löhne auf den Werken sind bedeutend höher, besonders
für gewisse Spezialarbeiten. Das technische, Aufsichts- und Kontor-
personal bekommt monatliches Gehalt, die Arbeiter Tagelohn oder
Akkordlohn; der letztere ist oft mit Gewährleistung eines Minimal-
lohns verknüpft. Bei der Herstellung von großen Gegenständen
wird der Akkordlohn manchmal für eine ganze Gruppe von Personen
bestimmt, die in diesem Palle einen Leiter haben, der dafür einen
bestimmten Prozentsatz zu bekommen hat. Die folgende Tabelle
zeigt in Rubel die durchschnittlichen jährlichen Löhne in der Dnjepr-
A.-G., die wir auf Grund der jährlichen Berichte für die verschiedenen
Kategorien ermittelt haben:

Jahr	Dnjepr-Werk		K.-Kog-Eisen-  erzgruben	Lidievsk-Stein-  kohlengruben
	Kontor- und Auf- sichtspersonal	Arbeiter	Bergarbeiter	
1906	1370	465	310	271
1907	1413	488	325	297
1908	1440	494	335	339
1909	1460	500	320	322

Die durchschnittlichen Löhne betrugen in den verschiedenen
Werken im Jahre 19081 2:

Werke •	Gesamt-  Arbeiterzahl	Jahres verdienst eines Arbeiters		durchschnittl. pro Tag
Brjansk-	Werk	5238	352 Rbl.		1,20 Rbl.
Donez-Juriewsk- „	4210	522	V	1,80 „
Hartmann-	„	3135	561	V	1,90	„
Taganrog-	„	3073	472		1,60 „
Dnjepr-	„	6071	494		1,50	„

Allerdings sagen die durchschnittlichen Ziffern nicht viel.
Interessant sind aber die Löhne, wenn man sie für die verschiedenen
Arten der Arbeit und die verschiedenen Perioden miteinander ver-
gleicht. Das zeigt uns die folgende Tabelle3:

1	Paschitnow, Die Lage der arbeitenden Klassen in Kußland, Stuttgart
1907, S. 195.

2	Jahresberichte der Aktiengesellschaften für das Geschäftsjahr 1908.

3	Lauwiek, S. 108; Brandt, S. 250 u. 264.

6*
        <pb n="85" />
        ﻿84

Arbe'.terkategorien	1906	1895	18881/5
Hochofenarbeiter	1,15-1,85	1,30—2,50	0,70-1.90
Gießer	1,50	3,00	0,40—3,70
Schmied	1,15	1,50—2,50	0,40—3,00
Modellierer	1.25	1,50—2,00	0,35—1,80
Mechaniker	2,10	1,50—2,00	0,90—3,30
Hilfsarbeiter, Tagelöhner	0,95	0,80	0,20—1,40

Die Lohnbewegung zeigt danach in der Periode 1885—1895 eine
bedeutende Steigerung, hat dagegen in der zehnjährigen Periode von
1895 bis 1906 so gut wie keine Fortschritte gemacht. Nach Brandts
Berechnung war der Durchschnittslohn auf der Dnieprovienne in der
Mitte der 90er Jahre 1,50 Rbl.1 Zehn Jahre später, und zwar im
Jahre 1906, war er nach unserer Rechnung niedriger als damals.

Für die Lohnbewegung in der Gegenwart muß man zwei Tat-
sachen festhalten, deren Bedeutung für diese Bewegung ausschlag-
gebend ist. Die erste ist die Krisis im Jahre 1901. ln diesem Jahre
und den folgenden findet wegen des Stillstandes des Geschäfts ein erheb-
liches Sinken der Löhne statt; und die zweite ist, daß ein bedeutendes
Steigen der Löhne im Jahre 1905 unter dem Drucke der Revolutions-
bewegung eintritt. Wie bekannt, war die politische Bewegung der da-
maligen Zeit eng mit der ökonomischen verknüpft. So waren die Löhne
in den Eisenwerken vor und nach der Revolutionszeit folgende1 2:

Jahr	Durchschnittlicher Jahres- lohn in Eisenwerken in Rubel
1904	260
1905	298
1906	408
1907	378

Die Löhne haben im Jahre 1906 ihren Höhepunkt erreicht. In
den späteren Jahren zeigt sich wieder eine abnehmende Tendenz.

Was die Leistung der südrussischen Arbeiter anlangt, so müssen
wir zwei weitere Momente auseinandersetzen: die Arbeitsleistung und
die Länge der Arbeitszeit. Wir beginnen mit dem ersten.

Die durchschnittliche Jahresproduktion eines Bergarbeiters in
Krivoj-Rog beträgt etwa 34800 Pud Eisenerze (im Jahre 1906). Wenn
wir die Hilfsarbeiter mitrechnen, so sind diese Ziffern auf 23000 Pud zu
reduzieren. Was ferner die Steinkohlengewinnung betrifft, so beträgt die
jährliche Ausbeute (im Jahre 1906) auf den Arbeiter 12000 Pud.

1	Brandt, a. a. O., S. 250.

2	Gornosawodski Listok 1908.
        <pb n="86" />
        ﻿85

Von diesen beiden Ziffern abgesehen, müssen wir konstatieren,
daß die Leistungsfähigkeit der Bergarbeiter nicht besonders hoch
stehen kann, und zwar erstens deswegen, weil hier immer ein gewisser
Prozentsatz der nicht ständigen Arbeiter sich befindet, oder solcher
die noch kurz zuvor in ganz anderen Arbeitsverhältnissen sich befanden,
wie Bauern usw. Eine andere Ursache sind die oft kläglichen Löhne
und ein langer Arbeitstag.

Eine bedeutend größere Leistung sehen wir bei den qualifizierten
Arbeiten in den Eisenwerken. Schon Lauwick stellte fest, daß die
russischen Arbeiter sehr oft erfolgreich mit den ausländischen kon-
kurrieren. Das hängt von zwei Umständen ab. Einerseits arbeiten
sie billiger, andererseits gibt ihnen der Aufenthalt in den Werken
nach ihrer. Schulzeit die Möglichkeit, gleich gut die verschiedenen
Arbeitern zu verrichten. Folgende Tabelle veranschaulicht die durch-
schnittliche Jahresleistung der Arbeiter auf dem Dniepr-Werk1:

Jahr	Durchschnittliche Leistung eines Arbeiters	
	in Rubel	in Pud
1889/90	1,062	1.669
1890/91	1.279	2,299
1891/92	1,196	2,207
1892/93	1.230	2,336
1893/94	1.257	2,412
1894/95	1,567	2,424

Hier haben die Verbesserungen in der Betriebsorganisation eine
große Bedeutung gehabt, sodaß die Tabelle uns eigentlich mehr ein
Bild von der Arbeitsproduktivität, als den Leistungen der Arbeiter
gibt. Jedenfalls müssen auch die letzteren sich der verbesserten
Organisation des Arbeitsprozesses anpassen.

Die Arbeitszeit ist überhaupt sehr lang. Nach dem Gesetz vom
Jahre 1897 ist in Bußland die Maximalarbeitszeit für die gewerb-
lichen Unternehmungen auf ll1/2 Stunden festgesetzt. Dies Gesetz
läßt sich aber sehr leicht umgehen. Wir führen eine Stelle aus dem
Buche von Paschitno w an über die Dauer der Arbeit in den Kohlen-
gruben: „. . . in Südrußland findet die Nachtarbeit ganz systematisch
in allen Gruben statt. • Die Arbeit ist in zwei Schichten eingeteilt,
von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends und umgekehrt1 2“. Das ist
also ein zwölfstündiger Arbeitstag. Besonders grausame Verhältnisse
herrschten in früheren Zeiten. So lesen wir im statistischen Sammol-
buch des Gouvernements Jekaterinoslaw, das vom S ernst wo im
Jahre 1886 herausgegeben worden ist: „Für die Bauern ist die Gruben-
arbeit, an die sie nicht gewöhnt sind, äußerst erschöpfend. Eine zwölf-

1	Brandt, a. a. 0., S. 99.

2	Paschitnow, a. a. 0., S. 175.
        <pb n="87" />
        ﻿86

stündige Arbeit iu den halbfinstern und dumpfen Gruben untergräbt
ihre Kräfte nur zu bald. Von den neun Monaten, die sie jährlich in den
Bergwerken zubringen, arbeiten die fleißigsten von ihnen nicht mehr als
sechs Monate; jeder Bauer, der einen Monat anstrengend in den Gruben
gearbeitet hat, bedarf einer zweiwöchigen Erholung1.“

Nicht besser ist die Lage der Eisenerzarbeiter in Krivoj-Rog. Im Jahre
1888/89 war dort nur in drei Gruben zwölfstündige Arbeitseinteilung.
In den anderen dauerte der Arbeitstag von 4 Uhr morgens bis 7 Uhr
abends, oder von 4Va bis 8 Uhr mit nur zweistündiger Unterbrechung1.

In den Eisenwerken selbst ist die Arbeitszeit kürzer und geht
gewöhnlich über die gesetzliche Norm nicht hinaus. Aber auch hier
sind Überstunden eine regelmäßige Erscheinung. Bei der ununter-
brochenen Arbeit gilt hier als Regel zweischichtige (Nacht- und Tages-
schicht) Arbeit. Daß die Arbeitsbedingungen hier sehr viel zu wünschen
übrig lassen, kann uns am besten die Unfallstatistik zeigen2.

Unfallstatistik auf den Eisenwerken.

Gattungen		Kombinierte Werke			Walzwerke		
							
							
		1906	1905	1904	1906	1905	1904
©	Arbeiterzahl überhaupt	43404	42977	43 924	10963	12035	10334
:cö	Zahl d. Verunglückten	21134	21176	20346	3 984	3266	3280
3  CO	Getötete durch d. Unfall	33	50	58	8	4	4
-Q  ©	Volle Invalidität	15	9	4	62	6	1
u  ©	Teilweise Invalidität	1021	1038	689	330	289	269
m	(°/o d. Arbeitsunfähigk.)	(16,25)	(10,59)	(12,94)	(11,41) (17,88)		(14,83)
©  'TS	Vorübergehende	1  Arbeitsunfähigkeit )	19621	18270	19423	3570	2 943	2993
		444	1809	172	14	24	13
N	Folgen	|						
3  cö	Gestorbene u. Getötete	0,76	1,17	1,32	0,73	0,31	0,39
rl *-&gt;  © «	Volle Invalidität	0,35	0,21	0,10	5,65	0,52	0,10
Ad '©	Teilweise Invalidität	23,74	24,14	15,67	30,00	24,09	26,99
faß ^  §o	Vorübergehende	1  Arbeitsunfähigkeit J	456,31	425,10	442,18	325,64	244,55	290,58
© O	Unfälle mit unbekannt.!	10,32	42,09	3,91	1,28	1,97	1,26
©	Folge	J						
_©  o	Gesamtverunglückte	491,51	492,71	463,18	363,31	271,44	319,32
,	a  ©	a&gt;	Zahl der Familien- I angehörigen	j	3,03	3,28	3,37	3,37	3,00	4,25
^ tu «a «  ^ rH	tp	darunter a) Frauen	0,63	0,86	0,46	0,50	1,00	0,75
	b) Kinder	1,73	2.21	0,72	2,62	2,00	2,25
•slis	c) Eltern	0,57	0,21	1,00	0,25	—	0,50
CO 03 _	d) Gesclnvistei	0,10	—	1,19	—	—	0,75

1 l'aschitnow, a. a. 0., 8. 175.

4 Kowalew, Unfallstatistik in südrnssischen Eisenwerken und Gruben,
Gern. .Journal 1908 (russisch).
        <pb n="88" />
        ﻿87

Die Zahl der vorgekommenen Unfälle ist also ganz enorm, sodaß
die Verunglückten in den kombinierten Werken etwa die Hälfte aller
beschäftigten Personen bilden. Lm Jahre 1907 stieg hier die Zahl
der Verunglückten sogar auf 515 von je 1000 Beschäftigten!

c) Technischer Betrieb.

Der Hergang der Eisengewinnung und -Verarbeitung läßt sich
in drei verschiedene, technisch selbständige Abschnitte zerlegen und
zwar in die Gewinnuug des Roheisens, dessen Verarbeitung in Halb-
zeug und endlich die Herstellung des fertigen Produktes.

Roheisengewinnung. In Rußland verwendet man jetzt bei
dem Schmelzen des Roheisens Eisenerz, Koks und Zuschläge an-
nähernd in folgendem Verhältnis:

Eisenerz 44,5 °/0
Koks 35,5 °/0
Zuschläge 20,0 °/0

100,0 70.

Die Hochöfen sind moderner Konstruktion und von großer
Verhüttungsfähigkeit. Die größten sind in dem Kramatorowsk-Werk
(Nr. 2) und im Alexander-Werk. Ihre Produktionsfähigkeit beträgt
bis 6000000 Pud jährlicher Eisenverhüttung, also bis 18—20000 Pud
täglich1. Die Gesamtzahl der Hochöfen betrug 57 im Jahre 1908,
davon waren nur 34 im Betriebe. Die durchschnittliche tägliche
Produktion war in demselben Jahre 9500 Pud; die größte etwa
11930 Pud im Alexander-Werk, die geringste 4330 Pud im
Gdanzewsk-Werk. Das letztere hängt von der Art seiner Produktion
ab, da hier meistenteils minderwertige Eisenerze geschmolzen werden.
Die Eisenwerke Russ. Providence und Taganrog schmelzen auch eine
bedeutende Menge von armen Eisenerzen (Kertsch-Eisenerze), deshalb
finden wir auch hier eine geringere Ergiebigkeit des Schmelzprozesses
als in anderen Werken. Weiter hängt die Leistungsfähigkeit der
Hochöfen von den technischen Einrichtungen ab. Hier ist zuerst
die Einrichtung und Stärke der Gebläse zu nennen. Ein intensiveres
Gebläse bewirkt auch eine intersivere Schmelzung. Es gibt sogar eine
bestimmte Methode (die sog. amerikanische), bei der die Schmelzung
durch die Windstärke vergrößert wird. Dadurch wird natürlich auch
der Hochofen schneller ruiniert. Dieses Verfahren sehen wir z. B.
bei Hughes, wo die Hochöfen dadurch zweimal rascher abgenutzt
werden1.

Die Produktivität hängt dann auch von der Verschickung der
Rohstoffe in die Hochöfen ab; als beste gilt die automatische, die

1	Tieme, a. a. O., 1907, 8. 11.
        <pb n="89" />
        ﻿88

jetzt in vielen Werken eingeführt ist. Außerdem kommt die Aus-
nutzung der Schichtgase in Betracht usw.

Halbzeugproduktion. In den südrussischen Werken sehen
wir zwei besondere Arten der Gußmetallgewinnung: das Konwerter-
verfahren (Thomas- und Bessemerprozeß) und das Flammofen-
verfahren (Martinprozeß). Folgende Tabelle gibt uns eine Vorstellung
über die Verbreitung dieser verschiedenen Produktionsarten1:

Art	Zahl	Produktions-  fähigkeit  in 1000, P.	Tatsächliche Produktion (im Jahre 1908) in 1000 P.	°/o der Produktions- fähigkeit
Martinöfen	73	84 700	61180	72,2
Bessemerbirnen	21	60400	20760	34,5
Thomasbirnen	7	12000	6631	55,2
Insgesamt	101	157100	88572	56,4

Das Martinverfahren hat also die größte Verwendung in Süd-
rußland. Hier ist auch bemerkenswert, daß der Ausnutzungsgrad
der Martinöfen größer ist als bei den Thomas- und besonders
Bessemerkonwertem. Die letzteren stellen nur ein Drittel der mög-
lichen Produktion her. Das hängt zum Teil davon ab, daß die
Bessemerkonwerter hauptsächlich für die Schienenherstellung erbaut
wurden; die Werke mußten aber später hauptsächlich zum Markt-
sortiment übergehen, für welches der Martinprozeß sich besser eignet,
und so müssen die Bessemereinrichtungen zum Teil unausgenutzt
bleiben. Außerdem ist mau in der letzten Zeit zu der Ansicht ge-
kommen, daß auch der Thomasstahl (weicher) für die Schienen-
pröduktion ganz gut verwendbar sei.

Fertige Fabrikate. Der dritte technische Prozeß ist die
Herstellung dos fertigen Fabrikates. Die russische Eisen Statistik
unterscheidet noch ferner eine vielte Kategorie — die Herstellung
von Metallerzeugnissen mit den Unterarten: itoheisenguß, Stahl-
und Eisenerzeugnisse, gemischte Erzeugnisse. Die Herstellung von
fertigem Stahl und Eisen vollzieht sich in Südrußland durch die
Walzung. „Mit der allgemeinen Verbreitung des Gußmetalls, schreibt
Tieme, werden die Walzmaschinen die Hauptwerkzeuge der Walz-
werke. Die Dampfhämmer und die Schmiedepressen finden jetzt
keine weitere Verwendung.“ Jn den Walzwerkstätten wird in der
letzten Zeit vielfach elektrische Kraft verwendet. In einem Eisen-
werke (Douez-Jurjewka) kommt auch die Walzung einiger Sorten
mit Hilfe elektrischer Kraft vor.

1	Eisenindustrie in Südrußland. Statist. Sammelb. 1908.
        <pb n="90" />
        ﻿89

Schließlich ein paar Worte über den Betrieb der Eisenwerke
im allgemeinen. Die Intensivierung der Produktion, die Verbilligung
der technischen Prozesse, das ist offenbar die charakteristische Tendenz
des letzten Dezenniums. Die zunehmende Leistung der Hochöfen, die
Ausnutzung der Gicht- und Koksgase, die Einführung der elektrischen
Kraft, — das sind die Etappen des technischen Eortschrittes.

3.	Betriebsorganisation.

Das Vorhandensein der Produktionsmittel ist aber nur eine Be-
dingung für den Produktionsprozeß; er selbst fordert eine Betriebs-
organisation und planmäßig durchgeführte Arbeitsteilung.

In den südrussischen Werken findet eine weitgehende Arbeits-
teilung statt, besonders gilt das für die größten Eisenwerke, z. B.
das Dnieprowsk-Werk, das gegenwärtig etwa 36 verschiedene Sorten
herstellt, die ihrerseits eine Anzahl selbständiger teclmischerProduktions-
prozesse erfordern. In den südlichen Werken geht eine immer fort-
schreitende Ersetzung der menschlichen Arbeit durch die Maschine
vor sich. Wenn z. B. früher der Eisenerz- und Steinkohlentransport
sich mittels der bäuerlichen Wagen vollzog, so treten jetzt überall
die Eisenbahnwagen an ihre Stelle; wenn früher die Hochöfen mittels
Schaufeln gefüllt.wurden, so sehen wir jetzt meistenteils automatische
Einrichtungen. Ähnlich ist es auch bei der Halbzeugherstellung,
bei der Wralzung usw. Lehrreich ist es hier, die Leistung der Hoch-
öfen und die Leistung der Arbeiter bei den Hochöfen in den ver-
schiedenen Werken miteinander zu vergleichen:

Werke	Tägliche Produktion auf einen Hochofen		Tägliche Produktion auf einen Arbeiter	
Hughes-	Werk	11540	Pud	76	Pud
Dnjepr-	»	11700	11	46	11
Alexander-	„	11930	11	45	11
Petrowsk-	„	11330	V	42	11
Donez-Juriewka-	,,	10340	11	68	11
Drusclikowsk-	,,	8130	•1	57	11
Taganrog-	,,	6 240	V	49	11
Gdanzewsk-	„	4330	?•	47	11
Olchowaja-	,.	8820	11	49	11
Buss. Providence- ,,	6 900	11	41	,,
Makejewka-	„	10570	11	85	11
Kramatorowsk-	,,	9 380	11	35	
Kadiewsk-	„	8 720	11	26	11

Die Betriebe mit der größten Produktivität der Hochöfen be-
sitzen also nicht immer die bessere Organisation der Arbeitskräfte.
        <pb n="91" />
        ﻿Und wenn die Leistung eines Hochofenarbeiters bei dem Kadiewsks-
Werk durchschnittlich 26 Pud pro Tag im Jahre 1908 darstellt, so
ist sie beim Makejewka-Werk dreimal größer — 85 Pud; das ge-
schieht, trotzdem die Verhüttung des.Hochofens hier und dort beinahe
dieselbe bleibt. Die Betriebsorgauisation in letzterem Pall ist demnach
bedeutend vollkommener. Die Unvollkommenheit der ziffernmäßigen
Angaben über die Zahl der in den verschiedenen Kategorien be-
bescbäftigten Arbeiter hindert aber, die genauere Proportionen der
Produktivität festzustellen.

Perner kann man die südrussischen Eisenwerke ihrem Typus
nach in zwei große Gruppen zerlegen: Auf der einen Seite stehen
die kombinierten Werke, die manchmal 3 und 4 besondere Produktions-
abschnitte umfassen, und auf der anderen Seite die reinen, einfachen,
welche nur einen einzelnen Produktionsabschnitt betreiben. Die
meisten Betriebe sind kombinierte Werke. Einige Werke beschäftigen
sich mit Nebenproduktion. So finden wir bei einigen Werken
Granulierung der Schlacken und Herstellung von besonderen Ziegeln.
Das Hugbes-Werk verarbeitet die Schlacke zu Portlandzement. Bei
einigen Werken findet eine Verwertung der Koksgase statt. Es
nimmt auch die Herstellung von sogen. Thomasmehl (Düugungsmittel)
immer mehr zu. Als Absatzmarkt kommen hier außer den ver-
schiedenen südrussischen landwirtschaftlichen Betrieben insbesondere
die Zuckerproduzenten in Betracht.

4.	Produktionskosten.

Die Eisenproduktion der Gegenwart ist dadurch charakterisiert,
daß sie dem Gesetze der Massenproduktion1 gemäß einen sehr
großen Umfang der Unternehmung, damit aber auch sehr große
Anlagen von Kapital fordert. So betrug die durchschnittliche Höhe
der Aktien- und Obligationskapitalien allein in Südrußland im
Jahre 1907 etwa 9 500000 Rbl. für je eine Gesellschaft. Ein anderes
charakteristisches Merkmal der Eisenindustrie ist, daß hier die Quote
des Anlagekapitals im Vergleich zu dem Betriebskapital relativ hoch
steht. Aus der Bilanz der ,.Südrussischen Dniepr-Gesellschaft“ für
das Geschäftsjahr 1907/8 ersieht man, daß der Wert des beweglichen
und unbeweglichen Inventars (Grund und Boden ist mitgerechnet) —
68°/0 der Gesamtbilanz bildete1 2. Eine ziemlich ähnliche Prozent-
quote finden wir auch in der Bilanz der „Russo-Belgischen A.-G.“3

Die zwei genannten Aktiengesellschaften sind kombinierte Unter-
nehmungen; sie haben eigene Gruben, eigene Hochöfen usw.; das-

1	Bücher, Gesetz d. Massenproduktion, Zeitschr. f. Staatswiss. 1910.

2	.lahresbericht 1907/8 d. Südruss. Dniepr-A.-G.

3	Jahresbericht 1907/8 d. Russo-Belge A.-G.
        <pb n="92" />
        ﻿91

selbe ist aber auch für die reinen Walzwerke gültig. So war der Wert
der Anlagen und Maschinen bei „Hartmann-Maschinenfabrik A.-G/‘
im Jahre 1907/8 10893339,5 Rubel bei einer Gesamtbilanz von
17 216905,21 Rubel. Er bildete also etwa 63% der Gesamtbilanz.

Die Abnutzung des Anlagekapitals vollzieht sich im allgemeinen
im Laufe von längeren Wirtschaftsperioden schrittweise jahraus
jahrein, während das Betriebskapital im Laufe eines Jahres sich
manchmal einigemal umsetzt, und wir werden ein ganz anderes Bild
bekommen, wenn wir die Quoten der verschiedenen Produktions-
elemente in dem hergestellten Produkte feststellen. Nach den An-
gaben des Jahresberichtes der Russo-Belge A.-G. von 1906/7 waren
folgende Ausgaben bei der Gesamtproduktion in diesem Jahre gemacht
worden:

	Rubriken	Rubel	°/o
1	Roh- und Hilfsstoffe		3872388	40,3
2	Arbeitslöhne1		3181752	33,1
3	Verwaltung		530805	5,5
4	Amortisation der Maschinen und Gebäude'1 2	675187	7,0
5	Anleihezinsen usw			326 356	3,4
6	Kaufmännischer Betrieb u. andere Ausgaben	600824	6,3
7	Staats- u. Gemeindesteuer		411409	4,2
	Zusammen		9601691	100

Die Prozentquote des Anlagekapitals bildete somit in der jähr-
lichen Produktion unmittelbar nur 7% (Rubrik Nr. 4) der Gesamt-
kosten; oder sie macht, wenn wir auch einen Teil von Rubrik Nr. 5
hinzurechnen3, kaum mehr als 10% der Gesamtkosten aus.

Das sind die Unkosten einer der am besten organisierten
Unternehmungen Südrußlands, selbstverständlich hängen sie bei den
verschiedenen einzelnen Unternehmungen von der jeweiligen Gestaltung
der wirklichen Verhältnisse ab. So vergrößern sich bedeutend die
Unkosten für die Rohstoffe, wenn die Gesellschaft nicht eigene,
sondern gekaufte Rohstoffe verarbeitet. Besonders verschieden er-
scheint Rubrik 5 (Verzinsungsfuß), was hauptsächlich von der Schulden-
masse der Gesellschaft abhängt. So betrug diese Position bei der
Nikopol-Mariupol A.-G. im Jahre 1906/7 13,5% der Gesamtunkosten,
während sie bei den anderen kaum 2—3% ausmachte.

1	Einschließlich Unfallversicherungsbeiträge.

2	Die Amortisation der Gebäude vollzieht sich den Gründungsstatuten gemäß
gewöhnlich nach der folgenden Berechnung: die Abschreibung der steinernen
Gebäude sind auf 5°/0 des Gesamtwertes gesetzt, Maschinen und hölzerne auf 10°/0.

3	Da ein großer Teil der angeliehenen Summen für die Errichtung der
Gebäude und die Anschaffung von Maschinen verwendet wurde. — Eisenindustrie
in Südrußland, 1909, S. 78 u. 79.
        <pb n="93" />
        ﻿92

Die Russo-Belge A.-G., deren Bilanz wir analysierten, produziert
etwa 24 Sorten von Stahl- und Eisenprodukteii, so daß die früher
mitgeteilten Ziffern nur ein ganz allgemeines Bild der Produktions-
kosten geben. Wir werden uns deshalb bemühen, die Unkosten bei
den einzelnen Sorten festzustellen, und fangen mit dem Roheisen an,
da gerade dieses die Grundlage jeder weiteren Eisenproduktion bildet.

Zunächst handelt es sich um die Selbstkosten der Produktion
in der Zeit der guten Konjunktur am Ende der 90er Jahre, später
um die vorgekommenen Veränderungen. Am Ende der 90er Jahre
wurde in diesem Sinne eine genaue Untersuchung vom Ingenieur
Rossinski vorgenommen. Da die von ihm gebrachten statistischen
Tatsachen im großen und ganzen Vertrauen verdienen1, so können
sie als Grundlage für unsere weitere Berechnung der Selbstkosten
dienen1 2.

Wenn wir voraussetzen, daß die Hütten den ganzen Rohstoff-
bedarf durch Ankauf decken müssen, so können wir den von Rossinski
im Jahre 1900 angenommenen Preis von 62 Kop. für Roheisen in
folgende Rubriken zerlegen:

Rubriken		Kopeken
1  2  3  4  5  6  7  8	Rohstoffe einschließl. Transport	  a)	Koks	 	  b)	Eisenerz	  c)	Zusätze und Hilfsstoffe	  d)	Transport der Rohstoffe	  Arbeitslohn	  Verwaltung	  Amortisation	  °/o auf das umlaufende Kapital	  Versicherung .	.	.			  Staats- und Gemeindesteuer	  Unternehmergewinn		40,469  (17,260)  (12,750)  (1,575)  (8,890)  4.600  1.250  6.208  0.688  0,100  2.131  5,614
| Zusammen			62,581

Die Ziffern geben ein allgemeines Bild der verschiedenen
Produktionsunkosten; bei einzelnen Unternehmungen bedürfen sie
im Zusammenhänge mit den verschiedenen Eigentumsverhältnissen,
technischen Betrieben, Verschuldung usw. bedeutender Korrekturen,

1	Der offenbare Nachteil seiner Rechnung besteht darin, daß er die einzelnen
Unkosten zu hoch setzt und damit den Reingewinn der Unternehmer zu klein
angibt. Seine Rechnung konnte aber für diejenigen Werke zutreffen, die unter
ungünstigen Verhältnissen arbeiten mußten.

2	Er berechnet die Unkosten rein theoretisch, von einzelnen Werken ab-
gesehen, unter der Vorausetzuug, daß die Werke sich in dem Kohlenbecken
befinden und mit Krivoj-Rog-Eisenerzen arbeiten.
        <pb n="94" />
        ﻿93

Der Unternehmergewinn war bei den damaligen Verhältnissen ge-
wöhnlich bedeutend höher; er erreichte nach den Angaben der Sach-
verständigen1 manchmal die Höhe von 30—35°/0 des Preises. Im
Zusammenhänge damit waren auch die Selbstkosten der Produktion
in Wirklichkeit sehr oft viel kleiner. Besonders günstig waren die
Verhältnisse bei den Unternehmungen, die eigene Rohstoffe verhütteten,
die ihnen manchmal um die Hälfte so billig zu stehen kamen, als
die Marktpreise betrugen.

Die ausgebrochene Krisis, später der Stillstand und ihre Begleit-
erscheinung, die Preisabnahme, beeinflußten sehr stark die Produktions-
verhältnisse. Mit der Eisenindustrie zusammen wurde durch die Krisis
in vollem Maße auch der Rohstoffmarkt getroffen; besonders stark
fielen die Preise bei Eisenerz und Kohle in der Zeit unmittelbar
nach der Krisis, später stiegen sie wieder, aber nicht viel. Die
Unkosten des Eisenerzes und des Kokses waren auf je ein Pud
Roheisen im Jahre 1908 nach unserer Berechnung bei der Voraus-
setzung, daß diese Stoffe gekauft worden waren: für Koks durch-
schnittlich 13,5 Kop., für Eisenerz 9,82 Kop. Wenn wir dann
dieselben Transportkosten, wie bei Rossinski nehmen, so werden wir
die Gesamtkosten der Rohstoffe in der Höhe von 32,21 Kop. be-
kommen. Sie waren also 8 Kop. niedriger als im Jahre 1900.

Auch andere Unkosten nach der Krisis haben eine bedeutende
Abnahme erlitten, insbesondere die allgemeinen Betriebsunkosten.
Sie nahmen sogar, nicht nur absolut, sondern auch im Verhältnis zu
den Rohstoffkosten ab, sodaß die Rohstoffkosten gegenwärtig einen
größeren Prozentsatz der Gesamtunkosten ausmachen. Es findet
außerdem jetzt eine allgemeine technische Verbesserung des Hochofen-
prozesses statt.

Als Ergebnis aller dieser Veränderungen mußten die Selbstkosten
des Roheisens nach der Krisis bedeutend abnehmen. Sie sind jetzt
durchschnittlich nicht höher als 40 Kop. zu rechnen; gleich nach
der Krisis waren sie sogar noch niedriger.

Um die Produktionsverhältnisse bei der Herstellung von Fertig-
produkten etwas näher zu betrachten, werden wir jetzt die Selbst-
kosten des wichtigsten Produktes der südrussischen Eisenindustrie,
der Schienen, feststellen. Im Jahre 1900 hatten sich die Unkosten
bei der Herstellung eines Pud Schienen nach den Ziffern von Rossinski
wie folgt gestaltet: (s. die Tabelle auf nächster Seite).

Nachdem die Selbstkosten der Roheisenproduktion seit der Hoch-
konjunktur bedeutend abgenommen hatten, mußten auch die Selbst-
kosten bei der Halbzeug- und Schienefifabrikation abnehmen, da die
Schienen als Resultat der weiteren Bearbeitung des Roheisens er-
scheinen. Hier läßt sich aber eine interessante Tendenz bemerken,

1 Wie z. B. Tieme, a. a. O.
        <pb n="95" />
        ﻿94

ßubriken	Kopeken
Hilfs- und Rohstoffe	15,815
Arbeitslohn		37,819
Administration		5,398
°/0 auf umlaufendes Kapital .	2,717
Amortisation		16,002
Versicherung		0,705
Transportkosten		14,090
Staats- und Gemeindesteuer .	5,808
Gesamtkosten		104,962
Die Rente d. Berguuternehm.	9,480
Unternehmergewinn ....	11,330
Zusammen .				125,330

nämlich daß, während die Preise auf Roheisen seit der Hochkonjunktur
etwa um 25 °/0 abnahmen, der Preis der Schienen nur um 10,6 °/0
abnahm. (Die Preise waren im Jahre 1900 125 Kop., seit dem
Jahre 1903 zahlte die Regierung für Schienen 112 Kop. pro Pud).
Man könnte denken, daß die Verarbeitungskosten auf Schienen nach
der Krisis bedeutend höher geworden seien als vorher, wie wir es
auch von den Industriellen stets hören. Die Tatsachen aber sprechen
bestimmt dagegen. Als einzige Ursache der Unkostenzunahme nach
der Krisis konnte nur die Vergrößerung der Abschreibungen auf
Konto der Amortisation der Schienenwalzeinrichtungen eine Rolle
spielen, da die Schienenproduktion seit dem Jahre 1900 sich nicht
nur nicht vergrößerte, sondern eher etwas abnahm. Diese Ver-
größerung der Abschreibungen mußte aber nur einige Kopeken pro
Pud ausmachen, und konnte liier keine Rolle spielen. So bildete
die Amortisation auf die Schienenproduktion nach der Berechnung
des Gutachtens der Eisenindustriellen bei vollem Gange etwa 5 Kop.
pro Pud1, eine Ziffer, welche keinesfalls als niedrig zu bezeichnen
ist. Da die tatsächliche Eisenproduktiou im Jahre 1908 etwa 40°/0
der Produktionsfähigkeit der Schienenwalzeinrichtungen repräsentierte,
müssen wir die Ziffern der Amortisation für die Gegenwart auf 12,5
feststellen, oder wenn wir annehmen, daß vor der Krisis die Werke
in vollem Gange Schienen produzierten — was tatsächlich nicht der
Pall war — so mußte die Vergrößerung der Amortisationsunkosten
seither also bloß 7,5 Kop. pro Pud mehr betragen, da die freien
Walzwerkstätten gegenwärtig zum Teil anderen Produktionsarten
angepaßt sind; in Wirklichkeit ist sie noch geringer, jedenfalls ist

1 Gutachten der EisenindustrielleD, S. 15.
        <pb n="96" />
        ﻿95

das eine Zunahme, die keine Bedeutung im Vergleich mit der Rohstoff-
verbilligung haben kann1.

Unsere Ergebnisse bestätigen eigentlich die Eisenindustriellen
selbst. So erklärte Wolski, Sekretär des Industriellenverbandes auf
einem Verbandstage, daß die Schienenproduzenten schon bei 60°/0
der Produktionsfähigkeit der Walzwerke mit dem Schienenpreise von
90 Kop. pro Pud sehr gute Gewinne machen können1 2.

Bei 60°/0iger Produktionsfähigkeit der Werke mußte die Amorti-
sation etwa 8,3 Kop. pro Pud bilden, oder bloß 4,2 Kop. mehr, als es jetzt
der Fall ist. Wir müssen also zu dem Schlüsse kommen, daß der
schon erwähnte Preis von 90 Kop. für die jetzigen Verhältnisse ganz
nutzbringend ist. Auch Lauwick zeigt in seinem Buche, daß bei
dem Preise von 112 Kop. der Reingewinn auf 1 Pud Schienen etwa
25—30 Kop. beträgt3. Von diesen Tatsachen ausgehend rechnen
wir die Selbstkosten der Schienen durchschnittlich nicht mehr als
80 Kop. Die Produktionsunkosteu nahmen also seit der Zeit der
Krisis bedeutend ab.

Dieselbe Bewegung abwärts sehen wir im großen und ganzen
auch bei der Schwellenproduktion. So berechnet Lauwick den
gegenwärtigen Gewinn pro Pud Schwelle auf ungefähr 20—30 Kop.,
oder es mußten bei durchschnittlichen Verkaufspreisen von 92,5 bis
100 Kop. die Selbstkosten auf Schwellen etwa 70 Kop. pro Pud
betragen.

Die genaue Berechnung der Produktionskosten der Schwellen,
wie auch der anderen Sorten ist uns leider unmöglich zu geben, im
allgemeinen läßt sich aber konstatieren, daß eine gewisse abnehmende
Tendenz der Produktionsunkosten seit der Hochkonjunktur bei den
verschiedensten Sorten zu bemerken ist. Diese Tendenz ist durch
Verbilligung der Rohstoffe, technische Verbesserungen, Sparsamkeit
usw. bestimmt. Die Produktionsunkosten wurden besonders unmittelbar
nach der Krisis herabgesetzt. Gerade damals sehen wir eine merk-
bare Abnahme der Rohstoffpreise, außerdem wurden auch die Arbeits-
preise bedeutend herabgesetzt. Später, seit dem Jahre 1904, findet
man wieder eine gewisse Verteuerung dieser beiden Hauptelemente
der Produktion, so daß die Produktionsunkosten wieder etwas zu-
nehmen. Diese Erscheinung wird aber durch die ständige Ver-
besserung der Betriebsorganisation abgeschwächt, oft sogar voll-
ständig aufgehoben.

Die Produktionsunkosten in der Eisenindustrie Südrußlands sind
niedriger als in anderen Gebieten Rußlands. Als Hauptgrund hierfür
ist die relative Billigkeit und die gute Qualität der südrussischen

1	Kaffenhaus, a. a. O., S. 129.

2	Lauwick, a. a. O., S. 129.

3	Der Roheisenpreis selbst nahm in derselben Zeit um etwa 14 Kop. pro
Pud ab.
        <pb n="97" />
        ﻿96

Rohstoffe, wie auch die vollkommenere Betriebsorganisation der
Werke anzusehen. Was nun die Betriebsorganisation betrifft, so
genügt es, die Roheisenproduktion und den Roheisenvorrat im Süden
mit denen im Ural z. B. zu vergleichen, um den Unterschied der
Umsatzverhältnisse hier und da klar zu machen1.

Die Vorräte von Roheisen am Anfang des Jahres
in 1000 Pud

Jahr	Süden	Ural
1904	5 675	23 504
1905	9 530	22 990
1906	10413	21726
1907	7210	23721
1908	9787	21535

Die Vorräte von Roheisen, die während des Produktionsprozesses
sich sammeln, sind im Ural doppelt so groß, obwohl die Produktion
von Roheisen hier im Jahre 1908 dreimal kleiner als im Süden war.

Wenn wir die Produktionsunkosten Südrußlands mit denen der
anderen europäischen Länder vergleichen, so finden wir, daß sie
durchschnittlich höher als dort sind. Eine Ausnahme bildet vielleicht
das Roheisen, welches in Südrußland gegenwärtig verhältnismäßig
billiger ist, als in den meisten europäischen Ländern und in Amerika.
Lauwick konstatiert die folgenden Unterschiede in den Produktions-
unkosten der Eisenwerke im Vergleich mit der belgischen Produktion:
Die Verwaltung wird in Südrußland besser bezahlt als in Belgien;
größere Unkosten verursachen auch fiskalische und soziale Ausgaben,
ebenso allgemeine Betriebsunkosten; die Rohstoffe sind dagegen
billiger; die Arbeitslöhne sind, wenn man die Leistungen der Ar-
beiter berücksichtigt, ungefähr dieselben1 2.

Kapitel "VIII.

Der Absatz.

1. Allgemeiner Überblick.

a) Absatzgebiet.

Der Absatz der Eisenindustrieprodukte Südrußlands läßt sich in
zwei gesonderte Teile zerlegen: innerer Absatz und Export. Ihrer

1	Tableaux statistiques de la siderurgie russe, 1908.

2	Lauwick, a. a. O., S. 181.
        <pb n="98" />
        ﻿97

Bedeutung nach sind diese beiden Gebiete ganz verschieden; der
Eisenexport spielte in Bußland bis jetzt eine mehr oder weniger
zufällige Bolle, während der innere Markt immer die ausschließliche
Grundlage der Produktion bildete, seien es die staatlichen Bestellungen
sei es der private Markt. Bei der Beurteilung der Absatzverhältnisse
müssen wir uns also in erster Linie über den inneren Markt und
dessen« Konsumtionsfähigkeit klar werden.

Die volkswirtschaftliche Entwicklung Bußlands, von den ökono-
mischen und sozialen Gegensätzen gehemmt, geht in der Gegenwart
nur sehr langsam vor sich. Der industrielle Aufschwung der letzten
Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts mußte zwar eine rasche Vergrößerung
des Eisenmarktes hervorrufen, die nachher eingetretene Depression
aber brachte dann wieder einen dauernden Stillstand in der russischen
Industrie überhaupt und in der Eisenindustrie insbesondere mit sich.
Das spiegelte sich mit Klarheit in dem Eisenkonsum der Bevölkerung
wider. Er wurde in Bußland pro Kopf wie folgt berechnet1:

1898	— 1,50	Pud	1903	—	1,22	Pud

1899	— 1.68	„	1904	—	1,41	„

1900	— 1,56	,,	1905	—	1,28	„

1901	— 1,46	„	1906	—	1,21	„

1902	— 1,26	„	1907	—	1J6	„

Die Bevölkerung Kußlands nimmt ständig zu, während der Eisen-
absatz verhältnismäßig stabil bleibt. Selbstverständlich ist diese
Stabilität nur eine äußere, innerhalb des Absatzes sehen wir eine
beständige Bewegung. So hat die Produktion von einigen Artikeln,
wie Eisenbahnschienen usw., in den letzten Jahren sogar absolut ab-
genommen, dagegen zeigen einige Marktsorten immer steigendes
Wachstum. Verändert hat sich auch der Anteil von verschiedenen
einzelnen Bezirken an dem Gesamtabsatze des Eisens. So betrug der
Boheisenabsatz in Südrußland, wie in Bußland überhaupt (ein-
schließlich des eigenen Verbrauchs der Werke):

Jahr	Süde	Q	Andere Gebiete		In Rußland überhaupt	
	Mill. P.	01  10	Mill. P.	01  Io	Mill. P.	%
1903	95,7	58,3	68,7	-41,7	164,4	100
1904	108,9	60,9	70,1	39,1	179,0	100
1905	100,0	61,0	64,0	39,0	164.1	100
1906	100.3	61,5	63.1	38,5	16?,4	100
1907	114,6	65,5	61.0	34,5	175,7	100
1908	114,3	68,0	54,4	32,0	168,7	100

Der Absatz der südrussischen Werke hat sich nicht nur absolut,
sondern auch im Vergleich mit der Gesamtkonsumtion vergrößert.

1 Gutachten der Bisenindustriellen 1909, S. 15.
Sawelieff.
        <pb n="99" />
        ﻿98

Die angegebenen Ziffern enthalten in sich auch den Export. Da
aber bei der Ausfuhr nur der Süden in Betracht kommt, muß seine
Absatzquote auf dem inneren Markte etwas geringer sein. Die Export-
ziffern sind aber nicht bedeutend, jedenfalls sprechen sie nicht gegen
die Tatsache, daß die südrussische Eisenindustrie den inneren Markt
immer mehr zu erkämpfen sucht. Der südrussische Absatz vergrößert
sich also nach zwei Richtungen: er beherrscht in steigendem Maße
den inneren Markt und gewinnt auch immer mehr Anteil auf den
auswärtigen Märkten.

Außer der inneren kommt für Südrußland auch noch die aus-
ländische Konkurrenz in Betracht. Die gegenwärtige prohibitive
russische Zollpolitik macht aber diese ausländische Konkurrenz auf
dem russischen Eisenmarkte so gut wie unmöglich. Die Zölle sind
auf Roheisen und verschiedene Sorten von Fertigprodukten folgende:

Roheisen ..............................45 Kop. pro Pud

Spezielles Roheisen..................75	„	„	„

Eisen- und Stahl-Marktsorten ....	75 „	„	„

Schienen.............................90	,,	„	„

Stahl- und Eisenblech	über	*ys	mm.	.	1,05 „	„	„

„	„	„	unter	1/2	„ .	.	1,50 „	„	„

Metallerzeugnisse (bei den meisten Sorten)

von..........................4 bis 6 Rbl. „	„

Die Verzollung des Roheisens macht also allein, wenn wir die
gegenwärtigen z. B. die englischen Preise von 42—43 Kop. in Betracht
ziehen, mehr als 100 °/n des Preises aus.

Nur die landwirtschaftlichen Maschinen sind relativ schwach
verzollt, die komplizierten von ihnen kommen sogar zollfrei herein.
Deshalb wird nach Rußland eine bedeutende Menge verschiedener
landwirtschaftlicher Maschinen und Werkzeuge eingeführt (im Jahre
1908 etwa für 3,5 Millionen Rubel). Auch einige andere Maschinen-
arten nehmen wegen der schwachen Entwicklung des Maschinen-
baues in Rußland und trotz der großen Zollquote einen wichtigen
Platz im Import ein. Insgesamt werden von Maschinen aller Art
etwa 8—9 Millionen Pud jährlich importiert, was durchschnittlich
60—65°/0 des Gesamtimportes von Eisen ausmacht.

b) Kartellbewegung.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts sehen wir in dem Leben der
südrussischen Eisenindustrie eine Erscheinung, die mit den Absatz-
verhältnissen der letzten Zeit im engsten Zusammenhang steht: das
ist die Kartellierung des Absatzes.

Die Kartellbewegung der Eisenindustrie des. Südens, ebenso
wie auch der anderen russischen Bezirke entwickelte sich haupt-
        <pb n="100" />
        ﻿99

sächlich in der Form der Preiskartelle. Einige ökonomische Vor-
bedingungen der Kartellierung waren in Südrußland schon am Ende
des 19. Jahrhunderts vorhanden, sie waren mit dem Charakter der
südrussischen Eisenindustrie selbst verknüpft. Das südrussische
Gebiet bildet seinen Produktions- und Absatzverhältuissen nach eine
gewisse Einheit und stellt für die Existenz der Eisenindustrie be-
deutend günstigere Bedingungen als in anderen Gebieten dar, was
die einzelnen Unternehmungen zur vollen Ausnutzung ihrer bevor-
zugten Lage durch gemeinsame Verständigung über die Preiserhöhung
anspornen mußte. Sodann sind die hier vorhandenen Gesellschaften
großkapitalistische Unternehmungen, was ihre gegenseitige Konkurrenz
bedeutend schwieriger macht. Ihre Zahl ist aber sehr gering und
ihrer Form nach sind sie alle Aktiengesellschaften. Endlich ist
auch die Mehrzahl der südrussischen Eisenwerke von ausländischen
Kapitalisten erbaut, die von ihrer Heimat her mit der Kartellierung
der Produktion vertraut waren. Schon alles das mußte die einzel-
nen Unternehmungen zur Verständigung führen. Hierfür gab auch
die prohibitive Zollpolitik der Regierung selbst eine sichere Grund-
lage, um eine künstliche Erhöhung der Preise auf dem inneren
Markte hervorzurufen.

Andererseits waren aber in den 90 er Jahren auch bedeutende
Hindernisse vorhanden, welche die Kartellgründung hinausschieben
mußten. Eins davon war die gute Konjunktur auf dem Eisen-
markte am Ende des 19. Jahrhunderts. Außerdem existierte da-
mals ein gewisser Gegensatz zwischen alten und neuen Werken,
der darin bestand, daß die letzteren noch keine ständige Kundschaft
hatten, mit teuer gekauften Rohstoffen arbeiteten und in erster Linie
mehr dafür sorgten, ihren Betrieb zu beginnen als sich möglichst
konkurrenzfähig zu erhalten. Natürlich wollten die alten Werke
ihre privilegierte Lage ohne große Opfer von der Seite der neuen
Werke nicht preisgeben.

Es lag endlich noch ein Hindernis für die Kartellierung auch
in der Gesetzgebung selbst. Bis heute ist in Rußland die Kartel-
lierung der Produzenten von Massenartikeln mit dem Ziele, die
Preise zu erhöhen, gesetzlich verboten. Der darauf bezügliche
Paragraph des Bürgerl, Strafgesetzbuches lautet: „die Urheber der
Verständigung, welche die Aufgabe hat, die Preise auf Nahrungs-
mittel oder andere notwendige Verbrauchsartikel zu erhöhen, unter-
liegen einer Gefängnisstrafe von 4 bis 8 Monaten“. Gegen die
Kartellierung hatten sich auch die höheren Behörden, wie z. B. der
Senat mit Entschiedenheit ausgesprochen1.

1 Kaffenhaus, a. a. 0., S. 37. — Das Buch von Kaffenhaus, in welchem
er besonders die Frage der Kartellbewegung in der südrussischen Eisenindustrie
ausführlich erörtert, diente uns auch bei der weiteren Erörterung der Frage als
Hauptquelle der mitgeteilten Tatsachen.

7*
        <pb n="101" />
        ﻿100

Im Jahre 1901 brach die Krisis aus. Es kamen für die Eisen-
industrie schlechte Zeiten. Die Veränderung der Konjunktur er-
zeugte eine lebhafte Bemühung seitens der Eisenindustriellen, die
Lösung der Kartellfrage zu ermöglichen. Die Verständigung erscheint
jetzt deshalb leichter möglich, weil die früheren großen Unterschiede
in den Produktionsunkosten gemildert sind. Die Preise der Rohstoffe
haben bedeutend abgenommen. So konnten jetzt die günstigeren Eigen-
tumsverhältnisse der alten Aktiengesellschaften keine besonders große
Bedeutung haben, und was noch wichtiger ist, die technische Betriebs-
organisation bei den einzelnen Werken wurde zu dieser Zeit sehr ein-
förmig gestaltet; damit vergrößerte sich auch die Konkurrenzfähigkeit
der Werke. Die fallenden Preise und die verschärfte Konkurrenz
schufen ihrerseits den gemeinsamen Boden zur Kartellierung.

Zu dieser Zeit änderte sich auch die Stimmung der Regierung.
Um den Industriellen in ihrer Not behilflich zu sein, verpflichtete
sie sich, von jetzt an der Syndikatsbildung keine Hindernisse in den
Weg zu legen. „Es wurde damit,“ sagt Kaffenhaus, „eine sehr
merkwürdige Lage geschaffen: einerseits verbietet das Gesetz mit
Entschiedenheit die Verständigung, die den Charakter der Syndikate
tragen, andererseits bekamen die Vertreter der großen Industrie
eine faktische Erlaubnis zur Bildung von Berufsgenossenschaften1“.
Sie konnten aber aus dieser Erlaubnis zeitweise keinen Nutzen
ziehen; obwohl die Kartelle faktisch erlaubt waren, hatten sie nicht
den Charakter einer juristischen Person, daher waren die Ver-
pflichtungen für ihre Mitglieder nicht rechtlich bindend. Die ge-
gründeten Kartelle lösten sich daher auf, sobald ihre Mitglieder eine
Gelegenheit bekamen, die Statuten zu überschreiten.

Endlich wurde eine feste Form gefunden, die sich der bestehenden
Gesetzgebung anpaßte. Die Mitglieder der entstandenen Syndikate
gründeten einfache Verkaufsaktiengesellschaften mit dem Zwecke, ihre
Fabrikate gemeinsamzu vertreiben. Diese Aktiengesellschaften schlossen
dann ihrerseits einzelne Verträge mit allen Mitgliedern des Syndikats,
die sich verpflichteten alle ihre Waren unter bestimmten Bedingungen
nur an diese Verkaufsaktiengesellschaften zu liefern. Um Kontrakt-
brüche zu erschweren, mußten die Mitglieder große Pfänder zahlen.
Diese Einzelverträge bildeten eigentlich die Grundlage des Syndikats,
während die Verkaufsstellen nur die Bedeutung einer rechtlichen
Legitimation hatten. Daß die Verkaufsstelle nur als rechtliche
Legitimation diente, zeigt schon das abnorm geringe Stammkapital
dieser Gesellschaften; das Stammkapital z. B. bei der „Gesellschaft
für Verkauf der Metallerzeugnisse der russischen Eisenwerke“, oder
wie sie verkürzt heißt — „Prodameta“ — betrug 900000 Rubel,
während ihr Umsatz im Jahre 1909 27 907406 Rubel betrug1 2.

1	Aaffenhaus, a. a. O., S. 42.

2	Jahresbericht d. Akt.-Ges. „Prodameta“ 1909.
        <pb n="102" />
        ﻿101

Eine andere Eigentümlichkeit dieser Kartelle besteht darin, daß
sie nicht die ganze Produktion in sich vereinigen, sondern den Verkauf
von einzelnen Eisensorten kartellieren; so entstanden einzelne Kartelle
für Verkauf von Schwellen, Draht, Wagen usw. Die Unternehmungen,
die verschiedene Sorten herstellten, treten in verschiedene Kartelle
ein. So befindet sich z. B. die Dnjepr-A.-G. sogar in sieben solcher
Verkaufsstellen. Unter solchen Verhältnissen können die Werke in
der einen Sorte zusammen gehen, in der anderen gegeneinander kämpfen.
Die Kartellierung beschränkt sich nicht nur auf die südrussischen
Produzenten; es traten in diese Kartelle oft auch die Produzenten
anderer Rayons ein. Manchmal verbinden sich die einzelnen Verkaufs-
stellen miteinander, um gemeinsam ein größeres Absatzgebiet und eine
größere Organisation zu ermöglichen. So vereinigte die erwähnte
„Prodameta“ 5 gesonderte Kartelle in sich.

Die Hauptaufgaben, welche sich die Syndikate stellen, sind dreierlei
Art: Erhöhung der Preise, Herabsetzung der Transportunkosten und
möglichste Verminderung der auf Kredit abgeschlossenen Geschäfte.

Wie die Kartelle auf die Höhe der Eisenpreise gewirkt haben,
davon kann uns schon ein Diagramm, welches die Bewegung der
durchschnittlichen Verkaufspreise der Dnjepr-A.-G. veranschaulicht,
eine Vorstellung geben.

Das Diagramm (S. 102) zeigt, daß die Preise der syndizierten
Artikel (durch + markiert) seit der Krisis im Jahre 1901 bedeutend
gestiegen sind.

Ein anderer Vorteil der Kartellierung besteht darin, daß die
Transportkosten jetzt von den meisten Kartellen auf den Kunden
abgewälzt werden. Die Werke verpflichten sich gewöhnlich, ihre
Fabrikate nur bis zur nächsten Eisenbahnstation zu liefern.

Besonders vorteilhaft war aber für die kartellierten Werke die
Veränderung der Kreditverhältnisse. Da die Kartelle sehr oft eine
große Macht gegenüber dem Kuuden haben, so diktieren sie jetzt
dem letzteren die Kreditbedingungen. So wurden kurze Zahlungs-
fristen eingeführt. Da die Verkaufsstellen überall in Rußland Filialen
haben, so sind sie auch über die Kreditverhältnisse ihrer Kunden
besser unterrichtet als die einzelnen Produzenten. In der Regel
treten sie nur mit kapitalkräftigen Kunden in Verbindung; das
bestätigt schon die Tatsache, daß Verluste infolge von Zahlungs-
unfähigkeit der Kunden sehr selten Vorkommen. Sie betrugen z. B.
bei der Prodameta, im Jahre 1909 nur 1148 Rubel1.

Da die russischen Kartelle bestimmt sind, den gemein-
samen Absatz zu regulieren, erscheinen sie hauptsächlich als die
Vermittler zwischen den Produzenten einerseits und den Konsumenten
andrerseits. Sie beschränken daher, ja sie beseitigen mitunter völlig

1 Jahresbericht d. Prodameta, 1909.
        <pb n="103" />
        ﻿102

deu unmittelbaren Verkehr zwischen ersteren und letzteren. Sie
haben sich aber bis jetzt in die Produktionsverhältnisse' der Eisen-
werke wenig eingemischt. Die Werke sind nur verpflichtet, Waren einer
angegebenen Menge in bestimmter Qualität und zu festgesetzten
Preisen der Verkaufsstelle zu übergeben. Die letzte Zeit kann man

Durchschnittliche Verkaufspreise in Kopeken1.

aber auch Bemühungen der Syndikate beobachten, in die Produktion
einzugreifen. So waren in der letzten Zeit einige unrentable Werke
(z. B. in Polen) geschlossen, einige Werke waren mit einer besonderen
Produktion betraut. Diese Tatsachen mußten auch die Verminderung
der Selbstkosten der Produkte im Gefolge haben.

Endlich hat die Bildung von Syndikaten den Eisenunternehmungen
noch einen Vorteil gebracht: sie ermöglichte es den Syndikaten, den
Zwischenhandel zu organisieren und ihn in Abhängigkeit von sich
zu bringen. Kaffenliaus bemerkt darüber: „In dem Bestreben,

1 Gutachten d. Eisenindustriellen. Anhang.
        <pb n="104" />
        ﻿

—	103	—

die freie Konkurrenz durch die gemeinsame Verständigung auszu-
schalten, bemühen sich die Syndikate, diese Konkurrenz auch aus
dem letzten Gebiete, wo sie noch existieren könnte — aus dem
des Handels — zu beseitigen.“ Man hat dafür den ganzen russischen
Absatz auf die besonderen Gebiete verteilt und in diesen Gebieten
nur wenige große Handelsfirmen mit dem Verkauf der Artikel der
Syndikate betraut oder letzteren besonders günstige Bedingungen ge-
stellt. Diese Firmen hatten dann, um die Preise hoch zu halten,
ihrerseits kartellartige Verträge miteinander geschlossen und den
Konsumenten gemeinsame Bedingungen gestellt.

Die Kartcllbewegung schreitet in der südrussischen Eisenindustrie
immer weiter fort; so vereinigt gegenwärtig „Prodameta“ in seinen
Händen allein etwa zwei Drittel der ganzen südrussischen Eisen-
und Stahlproduktion. Beinahe der einzige Artikel, der in Süd-
rußland nicht kartelliert ist, ist das Roheisen.

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen gehen wir zur Betrachtung
der einzelnen Absatzgebiete der südrussischen Eisenindustrie über:
des privaten Marktes, der Eisenbahnbestellungen und des Exports.

2. Der private Markt.

Die südrussischen Werke liefern an den privaten iunern Markt
hauptsächlich zwei Arten von Produkten: a) Roheisen und b) fertige
Produkte.

a) Roheisen.

Roheisen als Absatzartikel spielte in Südrußland beständig eine
bedeutende Rolle. Die südrussischen Hütten sind jetzt die wichtigsten
Lieferanten des Roheisens für ganz Rußland, wie folgende Tabelle
des Roheiseuabsatzes zeigt:

.J ahr	Süden		Andere Gebiete		zusammen	
	Tausend Pud	%	Tausend Pud	01  10	Tausend Pud	0/  10
1903	31730	67,0	15169	33,0	47 350	100
1904	35566	69,9	15580	.30,1	51146	100
1905	32 031	68,4	14821	31,6	46853	100
190«	35 620	71,3	14289	28,7	49 909	100
1907	44419	79,3	11672	20,7	56092	100

Der Süden hat also auf dem Roheisenmarkte beinahe ein Monopol.
Der innere Markt konsumiert wohl noch ein kleines Quantum von
ausländischem Roheisen; dieses ist aber gegenwärtig beinahe bis auf den
Nullpunkt gesunken. So muß der südrussische Roheisenabsatz aus-
schließlich mit den inneren Konkurrenten, von denen der wichtigste
das Uralgebiet ist, rechnen. Die Produktionsverhältnisse sind aber
        <pb n="105" />
        ﻿104

im Ural bedeutend ungünstiger als im Süden, und der einzige Vorteil
des Urals besteht nur darin, daß er die Billigkeit der Wasserverbindung
mit den umliegenden industriell entwickelten Rayons genießt.

Wie der Absatz des südrussischen Roheisens unter die ver-
schiedenen Rayons sich verteilt, kann uns folgende Tabelle ver-
anschaulichen1:

Gebiete	Absatz des Roheisens im Jahre 1907 (Taus. Pud)
Süden, Südost, Südwest .	.	.	22611
Polnisches Gebiet .	.	.	.	.	6 642
Nord, Nordwest, West .	.	.	6 054
Zentral- und Wolga-Gebiet	4894
Ural		152
Sibirien .........	6
Mittelasien		25
Ausland		525
Zusammen:	42013

Der größte Konsument des südrussischen Roheisens ist der
Süden selbst. Wohl war der tatsächliche Konsum des Roheisens
im Süden im Jahre 1907 bedeutend geringer als die mitgeteilten
Ziffern augeben — etwa 4000000 Pud wurden von hier über die
südrussischen Häfen weiter nach dem Auslande exportiert — trotz-
dem bleibt der Rayon immer der wichtigste Konsument des eigenen
Roheisens. Die südrussischen reinen Walzwerke allein verbrauchten
im Jahre 1907 rund 9912000 Pud an Roheisen1 2.

Die zweite Stelle nimmt, wie aus der Tabelle ersichtlich ist, das
poluische Gebiet ein. Die Gewinnung des polnischen Roheisen-
marktes durch Südrußland schreitet immer vorwärts. Im Zusammen-
hänge damit verändert sich auch der Charakter der polnischen
Eisenindustrie; ihre Werke werden immer mehr zu reinen Walzwerken.

Der dritte Bezirk ist das mittlere Rußland. Hier ist die eigene
Roheisenproduktion sehr gering, die Gruben sind sehr arm und die
Verhüttung nimmt ständig ab. Dieses Gebiet stellt augenblicklich
einen Kampfplatz zwischen dem Süden und dem Ural dar. Da das
südrussische Roheisen auf dem Markte des mittleren Rußlands
billiger ist, so drängt es das uralische allmählich zurück.

Das folgende Gebiet ist das St. Petersburger. Obwohl die Trans-
portkosten von Süden dahin etwa 17 Kop. pro Pud ausmachen3,

1	Diese Tabelle haben wir auf Grund der Eisenbahnfrachten auf Roh-
eisen ermittelt.

2	Gutachten der Eisenindustriellen. Statist. Tabellen.

3	Lauwick, a. a. O., S. 199.
        <pb n="106" />
        ﻿105

so gestattet doch der Prohibitivzoll auf Roheisen, auch hier eine be-
deutende Menge Roheisen abzusetzen. Die staatlichen Gewehrfabriken
sind hier die Hauptkonsumenten. Der einzige wichtige Konkurrent
des Südens ist auch in diesem Bezirk das Uralgebiet, das die billige
Wasserverbindung ausnutzen kann.

Die Roheisenpreise in Südrußland schwanken gegenwärtig zwischen
46—49 Kop. pro Pud. Seit der Krisis, als die Preise bis auf
36 Kop. pro Pud gefallen waren, haben sie sich relativ nicht wesent-
lich gehoben. Die Erklärung dieser Tatsache liegt in der starken
Konkurrenz unter den einzelnen Roheisenproduzenten. Hier fand
keine Kartellierung des Absatzes statt, obwohl eine Reihe von Maß
nahmen in dieser Richtung unternommen wurde. Der Unterschied
in den Selbstkosten bei der Roheisenherstellung in den einzelnen
Hüttenwerken bildet noch immer ein großes Hindernis, für dieses
Produkt ein Syndikat zu bilden. Das spezielle Roheisen, wie Ferro-
silicium usw. ist dagegen schon seit dem Jahre 1902 kartelliert. Die
Kartellierung war so gestaltet, daß die Werke Verträge mit einer
privaten- Firma schlossen, in denen sie diese Firma als einzige Ver-
treterin im Verkaufe dieses speziellen Roheisens anerkannten1.
Kartelliert sind auch die Produkte des Roheisengusses, wie Röhren usw.
Die Kartellierung der Röhrenproduzenten wird aber bis jetzt geheim
gehalten; die Verwaltung des Syndikats selbst befindet sich in Berlin.

b) Fertige Produkte.

Nach der Krisis im Jahre 1901 wendete sich bekanntlich die
südrussische Eisenindustrie von den Eisenbahnartikeln ab und ging
hauptsächlich zur Produktion von Marktsorten über. Den Markt
für diese Produkte kann man in drei besondere Absatzgebiete zer-
legen. Es sind: 1. Eisenkonsumtion der Fabriken und Werkstätten,
hauptsächlich für die weitere maschinelle Bearbeitung; 2. direkte
städtische und 3. direkte ländliche Konsumtion der Eisenprodukte.

Von größter Bedeutung ist die erste Kategorie. Sie stellt aber
selbst nur einen weiteren Produktionsabschnitt dar, den die Eisen-
produkte durchzumachen haben, um später als Metallerzeugnisse an
die Konsumenten zu gelangen. Ein Teil dieser Eisenerzeugnisse
kommt dann als Reparaturmaterial in den Produktionsprozeß zurück,
ein anderer gelangt an die ländlichen oder städtischen Konsumenten.
Der städtische Verbrauch bildet für die Eisenprodukte ein sehr
wichtiges Absatzgebiet. Die Städte wachsen rascher als die Be-
völkerung im ganzen; dementsprechend wächst auch der städtische
Eisenverbrauch. Die Hauptgegenstände des Absatzes sind hier
Schwellen, Träger, Dachblech usw.

1 Kaffenhaus, a. a. 0., S. 79.
        <pb n="107" />
        ﻿106

Was die Bevölkerung auf dem Lande betrifft, so verbraucht sie
insgesamt ein bedeutendes Quantum von Eisenprodukten; direkt
konsumiert sie eine Menge von Dachblech, indirekt durch Vermittlung
der Metallfabriken verschiedene Eisenerzeugnisse und insbesondere
landwirtschaftliche Maschinen und Werkzeuge. Ob hier eine wirkliche
Vergrößerung vorhanden ist, ist schwer festzustellen. Die landwirt-
schaftlichen Maschinen erfahren beständige, obwohl relativ nicht
besonders rasche Verbreitung, andere Sorten kaum.

Südrußland setzte nun in 1000 Pud folgende Menge von fertigen
Produkten auf dem privaten Markte ab:

Jahr	Fertige Produkte im Süden	°/0 vom Gesamtabsatz	Fertige Produkte in Rußland
1903	39 704	45,7	86815
1904	39981	45,6	87 579
1905	41091	48,2	85181
1906	41 629	46,0	90463
1907	46 716	51.2	92470
1908	49210	53,3	92595

Der südrussische Absatz befindet sich in bedeutend günstigeren
Verhältnissen, als das auf anderen Gebieten der Fall ist. Die
Gesamtquote des südrussischen Absatzes wächst immer mehr, ob-
wohl auch sie, wie die Ziffern zeigen, gewissen Schwankungen unter-
worfen ist.

Am vollkommensten ist im Süden die Herstellung des sogen,
fertigen Halbzeugs konzentriert (über 90°/n des Gesamtabsatzes).
Man setzt es hauptsächlich nach Polen ab. Ein ähnliches Monopol
hat der Süden auch im Verkauf von Schwellen und Trägern. Die
Bewegung der Konsumtionsquote in den letzten Jahren zeigt einen
gewissen Stillstand in der Nachfrage nach diesen Produkten. Dafür
sprechen auch die großen Vorräte (etwa 2 Mill. Pud), die sich bis
zu Ende des Jahres 1908 angesammelt hatten. Die wichtigsten
Konsumenten sind hier hauptsächlich die großen Städte. Etwa ein
Viertel der ganzen südrussischen Produktion konsumiert St. Petersburg
und Umgegend, etwa ein Viertel der Moskauer Bezirk, zwei Fünftel
das Königreich Polen und die Baltischen Provinzen.

Eine Art Krisis macht sich gegenwärtig auch in der Produktion
von Eisenblech bemerkbar. Besonders tritt dies beim Kesselblech
und anderen starken Sorten hervor, die überwiegend von den süd-
russischen Werken hergestellt werden. Diese Erscheinung ist auf
den dauernden Stillstand in der Werftindustrie, ebenso wie auch auf
die schwache Entwicklung der Maschinenindustrie überhaupt zurück-
zuführen.
        <pb n="108" />
        ﻿—	107

. inivrsMt

Ktel

ln einem gewissen Gegensatz zum Eisenblech steht
wachsende Absatz von Stab- und Eormeisen, welche Sorten
sächlich weiteren gewerblichen Zwecken dienen. Diese Sorten sind
jetzt die wichtigsten der südrussischen Eertigproduktion geworden.

Der Süden erkämpft bei dem Absetzen dieser Produkte immer
neue Märkte auf Kosten der anderen Bezirke, sodaß er jetzt über
50°/0 des Absatzes beherrscht. Die wichtigsten Konkurrenten sind
hier die Werke im Ural und in Polen.

Von den anderen Sorten ist im Süden nur die Produktion von
Dachblech bis in die letzte Zeit noch ziemlich schwach vertreten
(im Jahre 1908 19,8 °/0). Sie ist hauptsächlich in den Händen der
Uralwerke konzentriert. Aber auch hier macht der Süden sehr be-
deutende Fortschritte.

Wir gehen jetzt zur Betrachtung der Preise der verschiedenen
Produkte über. Bei dieser Gelegenheit soll auch die Bedeutung und
der Einfluß der Kartelle auf die einzelnen Sorten festgestellt werden.

Das Eisenblech gehört zu den Gegenständen, deren Preis wäbi'end
der Krisis ganz besonders abnahm. Im Herbst des Jahres 1902 stand
er etwa auf 140—144 Kop. pro Pud. In derselben Zeit bildete sich
die schon früher erwähnte Aktiengesellschaft Prodameta zu dem
Zwecke, den Verkauf von Eisenblech und universellem Eisen zu
organisieren. In dieser Gesellschaft waren damals etwas mehr als
die Hälfte der Produzenten vereinigt. Die Preise nahmen tatsächlich
schon einen Monat nach der Errichtung des Syndikates bedeutend
zu; sie wurden vom Syndikat auf 170 Kop. festgesetzt. Ungefähr
auf derselben Höhe blieben sie bis Ende des Jahres 1904. Da aber
die hohen Preise eine lebhafte Konkurrenz seitens der im Syndikat
nicht vertretenen Firmen hervorgerufen hatten, fielen sie wieder. Im
Jahre 1908 fand eine Vereinbarung des Syndikates mit einigen
wichtigen Produzenten, wie z. B. Hughes statt. Damit waren denn
auch die Preise wieder erhöht. Heutzutage umfaßt das Syndikat
insgesamt 15 Eisenwerke, darunter 10 südrussische, und vereinigt in
seinen Händen bis zu 75 °/0 der Gesamtproduktion. Im Jahre 1908,9
hat das Syndikat etwa 7 300000 Pud von Blechsorten abgesetzt.

Der Absatz der Träger und Schwellen ist seit dem Jahre 1903
kartelliert. Während der Krisis waren die Preise dieser Produkte
am stärksten gefallen; das Syndikat hat sie sofort nach seiner
Gründung um 20°/0 erhöht. Man verkaufte die Träger nicht unter
100 Kop. pro Pud, während vorher die Preise bis auf 58 Kop.
heruntergingen. Die Preise fielen aber bald wieder; auch hier er-
klärte sich die Sache dadurch, daß die Preise zu stark erhöht ge-
wesen waren, bevor einige wichtige Produzenten in das Syndikat
eingetreten waren. Dies rief eine lebhafte Konkurrenz und eine neue
Abnahme der Preise hervor. Nachdem die Konkurrenten zur Ver-
ständigung gekommen und in das Syndikat eingetreten waren, er-
        <pb n="109" />
        ﻿108

höhten sie die Preise wieder um 10 °/01. Heutzutage fällt die ganze
Produktion von Schwellen und Trägern Prodameta zu, in welche Ge-
sellschaft das erwähnte Syndikat als Unterorganisation eingetreten
ist. Sie setzte im Jahre 1908/9 etwa 6592000 Pud dieser Sorten ab.

Die Preise auf Stab- und Formeisen zeigen eine abnehmende
Tendenz. Sie waren:

	1902/3	1906/7
Starke Sorten	■144,29	127,07
Feine	„	127,97	119,16

Das erklärt sich dadurch, daß hier eine starke Konkurrenz
zwischen dem Süden und anderen Bezirken, hauptsächlich dem Ural
und dem polnischen besteht, und zweitens, daß die südrussischen
Eisenproduzenten selbst bis in die letzte Zeit nicht organisiert waren.
Das Syndikat für diese Produkte wurde unter Vermittlung von
Prodameta erst im Jahre 1908 gegründet. Da dem Syndikat die
wichtigsten Produzenten beigetreten sind, so ist auch hier eine be-
deutende Preiserhöhung zu erwarten. Im Jahre 1908/9 verkaufte
die Gesellschaft Prodameta 17 376000 Pud von diesen Sorten. Sie ver-
einigte somit etwa 75 °/0 des südrussisohen Absatzes in ihren Händen.

Die südrussischen Drahtproduzenten traten in das allrussische
Syndikat „Prowoloka11 ein. Da dieses Syndikat gegen seine Kon-
kurrenten energisch kämpft, so haben die Preise auf Draht verhältnis-
mäßig nicht stark zugenommen. In einigen Bezirken wurden sie
sogar vom Syndikat selbst bedeutend erniedrigt. Man hat sie hier
als Kampfpreise angesetzt, um damit den Konkurrenten vom Markte
zu drängen. Die heimischen Produzenten organisieren sich aber
ihrerseits, um den Markt zu behalten, was wir z. B. im Kaukasus
und in Polen sehen. Aber auch hier wird die Beseitigung der ge-
meinsamen Konkurrenz beabsichtigt1 2.

So sehen wir denn eine lebhafte Kartellbewegung in Südrußland.
Den Verkauf von fertigen Produkten betreibt hier hauptsächlich das
Syndikat Prodameta, zu dem außer den drei genannten Syndikaten
noch ein Röhren-Syndikat und ein Syndikat für Absetzung von
Bandagen und Achsen gehört. Unorganisiert bleibt bis jetzt nur der
Verkauf von Dachblech. Die ermittelten Tatsachen zeigen, daß die
Preise seit der Krisis hauptsächlich infolge der Organisation der
Produzenten zu steigen angefangen haben.

Es besteht weiter in der Gegenwart ein lebhafter Kampf um
den privaten Markt zwischen dem Ural und dem Süden. Dieser
Kampf zwingt die Unternehmer beider Bezirke ihrerseits wieder zur

1	Gutachten der Eisenindustriellen, S. 23. Lauwick, a. a. 0. S. 204.

2	Kaffenhaus, a. a. O., S. 108.
        <pb n="110" />
        ﻿109

Organisation und Bildung von Syndikaten. Im Süden kommt da-
für vor allem in Frage die Syndikatgesellschaft „Prodameta“, im
Ural die Verkaufsstelle „Krowlja“, die hauptsächlich Dachblech ab-
setzt. Der Süden drängt aber in seinem Aufschwung den Absatz
des Urals immer mehr zurück, sodaß der Kampf hier immer er-
bittertere Formen annimmt. Der einzige Bezirk, der außer diesen
zwei erwähnten in der Eisenproduktion noch in Frage kommt, ist
das polnische Gebiet. Dessen Produzenten kommen jetzt aber immer
mehr in Abhängigkeit vom Süden und insbesondere von der süd-
russischen Boheisenproduktiou. Sie versuchen mit dem Süden zu
paktieren, um die vorhandenen Absatzmärkte sich zu bewahren.

3.	Eisenbahnbestellungen.

Wenn die Konsumtion von Marktsorten eine wenn auch nur
langsame Entwicklung zeigt, so ist in der neueren Zeit der russische
Eisenbahnbau, damit aber auch der Verbrauch von Eisenbahnmaterial
in sichtlichem Abnehmen begriffen.

Der Ausbau des russischen Eisenbahnnetzes nahm seit der
Zeit der Hochkonjunktur ein langsames Tempo an. So wurden in
der Periode von 1896 — 1901 insgesamt 17048 Werst, in der Periode
1902—1907 dagegen bloß 7 938 Werst neuer Schienenwege gebaut.

Dieses verlangsamte Wachsen des Eisenbahnnetzes in der letzten
Zeit steht im engsten Zusammenhänge mit der volkswirtschaftlichen
Entwicklung .Rußlands überhaupt. Diese wird aber außerdem noch
von einer Reihe ungünstiger Verhältnisse gehemmt. Ungünstig ist
die in den letzten Jahren eingeschlagene Eisenbahnbaupolitik der
russischen Regierung. Es ist bis jetzt kein klarer Plan für eine
zielbewußte Vergrößerung des Staatsbahnnetzes im Interesse von
Handel und Industrie ausgearbeitet worden. Noch mehr, in der
Jetztzeit ist der Neubau von Eisenbahnlinien außer solchen von rein
strategischer Bedeutung so gut wie nicht vorhanden1. Wie schlecht
infolge dieser Verhältnisse die Staatsbahnen sich rentieren, und wie
schlecht es mit der staatlichen Eisenbahuwirtschaft überhaupt steht,
zeigen uns die ständigen und immer wachsenden Defizite der letzten
Jahre. Im Jahre 1907 erreichte das Defizit sogar eine Summe von
rund 98000000 Rubel.

Die Länge der russischen Eisenbahnen betrug im Jahre 1909
insgesamt 62471 Werst. Das Eisenbahnnetz repräsentiert also schon
an und für sich einen wichtigen Schienenkonsumeuten für Reparatur-
zwecke, es hat aber im Vergleich mit der Produktionsfähigkeit der
Schienenwalzwerke keine ausschlaggebende Bedeutung. Der Schienen-
verbrauch für Reparaturzwecke umfaßt nach der Berechnung von

1 Gutachten der Eisenindustriellen, S. 30 u. 31.
        <pb n="111" />
        ﻿110

Lauwick durchschnittlich 150000 t per Jahr. Die Gesamtkonsumtion
und die Konsumtion der südrussischen Schienen in Rußland zeigt
folgende Tabelle an1:

	Süden		Andere Gebiete		In Rußland überhaupt	
Jahr	Absatz Taus. Pud	0/  10	Absatz Taus. Pud	Ol  Io	Absatz Taus. Pud	0/  Io
1903	15252	78,7	4094	21,3	19 346	100
1904	18106	81,1	4219	18,9	22325	100
1905	15 845	75,9	4970	24,1	20586	100
1906	12953	80,9	3 063	19,1	16016	100
1907	15 616	85,9	2 570	14,1	18186	100
1908	16174	84,3	3018	15,7	19193	100

Die Konsumtion von Eisenbahnschienen in Rußland hat also
seit dem Jahre 1903 keinen Fortschritt gemacht; man beobachtet
sogar eine gewisse Verschlechterung. Der herrschende Stillstand hat
auch den südrussischen Absatz in vollem Maße getroffen; dies be-
stätigt auch der immer wachsende Schienenvorrat in den südrussischen
Werken. Die Verminderung des Schienenkonsums im Lande zeigt
sich noch deutlicher, wenn wir die Verteilung des Schienenkonsums
unter die einzelnen Besteller bringen:

Jahr	Staatsbestellungen in 1000 Pud		Privatbestellungen in 1000 Pud		Ausfuhr  nach dem Ausland
	Süden	Andere Gebiete	Süden	Andere Gebiete	
1903	12621	2898	1922	461	17
1904	10152	3 955	7123	450	26
1905	11960	3932	3 567	1000	449
1906	9021	3041	2078	151	530
1907	6406	2495	2820	11	5 580
1908	8269	p	2810	?	5093

In den letzten Jahren aber fällt ein erheblicher Teil des Ab-
satzes auf das Ausland. Den Export muß man ausschließlich auf
Konto der südrussischen Eisenindustrie setzen, sodaß die wirkliche
Konsumtion der südrussischen Schienen im Lande selbst in den
letzten Jahren noch geringer war. Ungefähr dieselbe Tendenz zur
Abnahme zeigt sich auch bei anderem Eisenbahnmaterial.

Verändert hat sich schließlich in den letzten Jahren auch das
Quantum von hergestellten Eisenbahnwagen und Lokomotiven, obwohl
diese Tatsache für Rußland direkt nicht viel Bedeutung hat, da hier
nur zwei bis drei Werke sich mit dieser Produktion beschäftigen.

1 Tableaux statistiques de siderurgie Russe. 1909.
        <pb n="112" />
        ﻿111

Alle erwähnten Tatsachen führen uns za dem Schlüsse, daß der
Absatz von Eisenbahnmaterial für die südrussischen Eisenwerke kein
günstiger sein kann. Trotzdem ist aber dieser Zweig der Produktion
der rentabelste. Das letztere erklärt sich vollkommen und allein
durch die hier herrschenden besonderen Absatzverhältnisse. Schon ans
der Tabelle S. 110 geht klar hervor, daß der überwiegende Teil der
Konsumtion von Eisenbähuartikeln dem Staate zukommt, in seinen
Händen befinden sich etwa 70 °/0 aller russischen Eisenbahnen.
Faktisch erstreckt sich seine Macht auch auf den größten Teil der
Privatbahnen. Das hängt damit zusammen, daß die meisten der
Privatbahngesellschaften von dem Staate garantierte Obligationen
ausgegeben haben. Wenn aber die privaten Eisenbahngesellschaften
in Rußland solche Obligationskapitalien verbrauchen, so müssen sie
das nach russischen Gesetzen unter Regierungskontrolle tun. Die
Kontrolle führt hier nun gewöhnlich dazu, daß sich die Bestellungen
solcher Gesellschaften nach derselben Regel wie für staatliche Be-
stellungen vollziehen. Diese Regeln und Bestimmungen, die für die
Staatsbestellungen charakteristisch siiad, bestehen in folgendem:

Die Verteilung der Staatsbestellungen befindet sich in den Händen
des sog. „Komitees für die \ erteilung der Staatsbestellungen“, welches
aus den Vertretern der verschiedenen Ministerien zusammengesetzt ist.
Zuerst wurde es, obwohl unter einem anderen Namen, im Jahre 1900
geschaffen und sollte für die drei folgenden Jahre Geltung haben.
Es stellte damals für die Jahre 1900—1902 im voraus die Preise
fest, die bedeutend höher waren als die Marktpreise. Im Jahre 1902
hat es seinen gegenwärtigen Namen bekommen und hat seitdem als
eine ständige Organisation funktioniert1.

Die Aufgabe des Komitees besteht darin, daß es die Preise und
die Bedingungen einerseits und die Verteilung der Bestellungen unter
die einzelnen Werke andererseits bestimmt. Die Bestellungen werden
nur denjenigen Werken zugewieseu, die schon vor dem Jahre 1902
für den Staat gearbeitet haben. Die anderen Werke, die z. T. auch
günstigere Bedingungen bieten, bleiben überhaupt unberücksichtigt.
Daher ist die Zahl der Lieferanten auf eine kleine Gruppe, meistens
von alten Unternehmungen, künstlich begrenzt1 2.

Die Preise für Schienen sind gegenwärtig vom Komitee auf
112 Kop. festgesetzt. Diese Preise, die wir schon analysiert und
als außerordentlich gewinnbringend fanden, haben nicht nur die Staats-
bahnen und die Gesellschaften, deren Obligationsschulden vom Staate
garantiert sind, zu zahlen, sondern faktisch auch alle anderen Eisenbahn-
gesellschaften, die sich eigentlich in keiner Abhängigkeit vom Staate
befinden. Das wurde dadurch zustande gebracht, daß das Komitee

1	Kaffenhaus, a. a. 0., S. 117.

2	Schienen produzieren bloß 11 Eisenwerke, darunter 8 südrussische.
        <pb n="113" />
        ﻿112

mit den Schienenproduzenten einen sehr merkwürdigen Vertrag ab-
schloß, kraft dessen die Schienenwerke, wenn sie andere gelegentliche
Aufträge von privaten Eisenbahngesellschaften auf Schienen erhielten,
von den Staatsbestellungen nur einen proportional kleineren Teil zu
erwarten hatten1. Damit wurde jede Möglichkeit der freien Kon-
kurrenz der Schienenproduzenten untereinander vollständig aus-
geschlossen. Der Staat tritt also hier als Organisator der Schienen-
produzenten auf mit der Absicht, die Marktpreise künstlich hoch
zu halten.

Anormal hoch wurden im Vergleich zu den Marktpreisen von
dem Komitee auch die Preise auf Lokomotiven usw. festgesetzt.

Wie groß die Liebesgaben sind, die der Staat den Produzenten
des Eisenbahnmaterials auf diese Weise spendet, zeigt uns folgende,
von dem Moskauer Eisenindustriellen Gugeon aufgestellte Berechnung
der Mehrausgaben, die der Staat und andere privaten Eisenbahn-
gesellschaften machen müssen1 2:

für je einen Transportwagen 300 Rubel
„ „	„ Personenwagen 800	„

„ „ eine Lokomotive	3000	„

„	„ ein Pud Schienen	0,23 „

Von dem Krisenjahre 1901 bis zum Jahre 1907 wurde in
Rußland durchschnittlich pro Jahr folgende Mehrzahlung auf diese
Weise verursacht:

für	etwa 19 775 000	Pud Schienen

„	„	1066	Lokomotiven

„	„	950	Personenwagen

„	„	22116	Transportwagen

also durchschnittlich

4548250 Rbl. pro Jahr3

3198000

760000

6634800

T)

D

JJ

15141050 Rbl. pro Jahr.

Die Zahlen zeigen deutlich, woran es liegt, daß der Absatz für
die Lieferanten von Eisenbahnmaterial sehr gewinnbringend ist.

Außer dieser sozusagen staatlichen Kartellierung sehen wir die
Beteiligung der Eisenwerke auch an anderen Kartellen, die Eisenbahn-
material absetzen. So sind einige Eisenwerke seit dem Jahre 1908
in das Weltsyndikat für Schienenproduktion eingetreten4, was wir
noch berühren werden. Es ist außerdem in Südrußland ein Kartell
für Verkauf von Bandagen und Achsen gebildet worden, welches
als ein Bestandteil der schon erwähnten Gesellschaft Prodameta
figuriert.

1	Kaffenhaus, a. a. O., S. 119.

2	Kaffenhaus, a. a. 0., S. 131.

3	Ich habe hier die durchschnittliche Ziffer der verschiedenen Artikel von
Eisenbahnmaterial pro Jahr gerechnet.

1 Russo-Belge, Dnjepr-A.-Gh, Russ. Providence.
        <pb n="114" />
        ﻿113

4.	Export.

Ein drittes Absatzgebiet, das außer dem inneren Markt und
außer den Eisenbahnen in Betracht kommt, ist der Export. Es
wurden in den letzten Jahren folgende Mengen von Roheisen, Stahl
und Eisen (in Roheisen dargestellt) ausgeführt1:

Jahr	Gesamtproduktion von Roheisen in Tausend Pud	Export (im Roheisen dargestellt)	
		Tausend Pud	°/0 zur Gesamtprod.
1900	176828	765	0,43
1901	172872	1677	0,97
1902	156919	4213	2,68
1903	149372	415	0,28
1904	180427	323	0.18
1905	165874	963	0,58
1906	164026	3 329	2,03
1907	172153	17 794	10,35
1908	171060	9 000	5,26

Wir sehen, daß der Export der Eisenprodukte bis jetzt eine
mehr oder weniger zufällige Rolle in Rußland spielte. Nur das
Jahr 1907, in welchem etwa 10°/0 der Gesamtproduktion exportiert
wurden, bildet gewissermaßen eine Ausnahme. Beinahe das ganze
Quantum von exportierten Eisenprodukten kommt aus südrussischen
W erken.

Die Hauptartikel des Exports sind Roheisen und verschiedene
Eisenbahnmaterialien, darunter überwiegend Schienen. Die übrigen
Marktsorten spielen für den Export eine ziemlich unbedeutende Rolle.
Es ist zu bemerken, daß am meisten diejenigen Artikel exportiert
werden, deren Preise auf dem inneren Markte entweder verhältnis-
mäßig niedrig stehen (wie bei dem Roheisen), oder besonders hoch
(wie bei dem Eisenbahnmaterial). Diese auf den ersten Blick unver-
ständliche Erscheinung stimmt aber vollständig mit dem Charakter
des russischen Exportes überein.

Die Bewegung der Roheisenausfuhr zeigt eine wellenartige Linie.
Es wurde während der Zeit von 1900 bis 1907 zweimal eine be-
deutende Menge Roheisens ausgeführt: in den Jahren 1901/2 und
1906/7. Das erste Datum zeigt die Periode der Krisis. Nachdem
der innere Roheisenmarkt überfüllt und die Produktionsunkosten
wegen der Abnahme der Rohstoffpreise gesunken waren, wurde eine
bedeutende Menge von Roheisen nach dem Auslande ausgeführt.
Die Ausfuhr vom Jahre 1906/7 wurde dadurch bestimmt, daß die
Preise im Auslande stiegen, während diejenigen des Inlandes eiue

1 Gutachten der Eisenindustriellen, S. 50.

Sawelieff.

8
        <pb n="115" />
        ﻿Tendenz zur Abnahme zeigten. Das bestätigt folgende Tabelle der
Preise von Roheisen1:

Jahr	Kußland  Charkow	England	|  Middlesborough j	Deutschland  Düsseldorf	V. St. v. Am. Philadelphia
	in Kopeken	in Kopeken gerechnet		
1903	41,2	35,9	48,3	71,8
1904	48,0	39,5	50,5	47,0
1905	46,0	37,2	50,5	56,0
1900	46,5	40,8	53,1	59.2
1907	46,5	45.7	59,1	83,6
1908	48,0	36,8	53,8	—

Die Ausfuhr von Roheisen steht also im engsten Zusammenhänge
mit der Preishöhe auf dem inneren und äußeren Markte; die Konkurrenz
ist hier eine maßgebende Triebkraft der Ausfuhr. Da heutzutage
das russische Roheisen billiger ist als in vielen anderen europäischen
Ländern, so ist immerhin die Möglichkeit der Entwicklung des Roheisen-
exportes vorhanden. Die größten Hindernisse für den Export liegen
hauptsächlich in dem Mangel an der nötigen ökonomischen und
finanziellen Organisation der Exporteure.

Ganz anders steht die Sache mit den Eisenbahnmaterialien. Die
russischen Eisenindustriellen klagen immer, wie wir schon bei der
Betrachtung der Schienenproduktion gesehen haben, über hohe Ver-
arbeitungskosten, besonders bei der Herstellung der Schienen und
anderer Materialien, die sie dem Staate liefern. Trotzdem finden sie
die Möglichkeit, gerade diese „teueren“ Produkte in das Ausland zu
exportieren.

Es besteht aber ein enger Zusammenhang zwischen diesen Preisen
und dem Export nach dem Auslande. Man exportiert sogar oft nur
deshalb, weil man die niedrigen, manchmal auch direkt verlust-
bringenden Exportpreise durch die hohen inländischen ausgleichen
kann. Der innere Markt für Eisenbahnmaterial ist unausdehnbar,
die Verträge auf Staatsbestellungen werden hier schon auf drei Jahre
im voraus abgeschlossen. Der Eisenbahnmarkt ist sozusagen kon-
tingentiert, darum sind die Eisenindustriellen bereit, um ihre Werk-
stätten nicht Stillstehen zu lassen, manchmal auch die unrentablen
Bestellungen des Auslandes zu übernehmen.

Zu diesen Verhältnissen trägt endlich die russische Regierung
auch dadurch bei, daß sie Maßnahmen ergreift, um die Ausfuhr des
Eisenbahnmaterials um jeden Preis zu fördern. So hat der Vertreter
der russischen Regierung, Herr Drei, auf der Versammlung der Eisen-
industriellen im Jahre 1908 erklärt: „Die Preise von 112 Kop. auf

1 Gutachten der Bisenindustrieellen. Statistische Beilage.
        <pb n="116" />
        ﻿115

Schienen sind bei der Berücksichtigung der sonst üblichen Preise
auf Roheisen verhältnismäßig hoch. Wenn sie so hoch gehalten
werden, geschieht es, um den Export nach dem Auslande um 2ö°/0
billiger, als die inneren Marktpreise sind, zu ermöglichen1.“ Die
Regierungspolitik offenbart sich damit in voller Klarheit. Sie besteht
also, wie auch schon früher berührt wurde, in der künstlichen Unter-
stützung einer Reihe bestimmter Kreise von Großindustriellen durch
Zahlung von hohen Preisen. Dies geschieht in der Annahme, daß
der Staat die Produktions- und die Absatzverhältnisse seiner Klienten
für die in seinem Sinne nötigen Zwecke beeinflussen könne. Die
Ausfuhr von Eisenbahnmaterial hat also einen rein künstlichen
Charakter. Wenn wir aber verschiedene künstliche Mittel außer
Betracht lassen, und die Frage stellen, oh die russische Eisenindustrie
bei dem Eisenbahnmaterialexport einen festen Boden unter den
Füßen hat, so müssen wir die Frage verneinen. Im günstigsten Falle
können nur ein paar Gesellschaften, die besonders günstige Produktions-
verhältnisse haben, zeitweilig die guten Konjunkturen im Auslande
ausnutzen. So konkurrierten einige südrussische Eisenwerke im
Jahre 1907, als die Schienenpreise in Europa sehr hoch waren, mit
einem gewissen Erfolg mit dem Weltsyudikat für Schienenproduktion.
Sie sind sogar jetzt in dieses Syndikat als Mitglieder eingetreten und
haben 7 °/0 des Gesamtabsatzes auf ihren Anteil bekommen. Von
einer planmäßigen Entfaltung aber des Schienenexportes, wie auch
besonders anderer Eisenbahnartikel kann hier ernstlich nicht die
Rede sein. Es wird immer die wichtigste Tatsache bleiben: je
komplizierter die Produktion ist, um so mehr braucht sie qualifizierte
Arbeitskräfte und Arbeitsprozesse für die Herstellung dieser Produkte,
und desto schwieriger wird die Konkurrenz zwischen den relativ
unvollkommen organisierten russischen Werken und den besser ein-
gerichteten ausländischen; dabei sprechen wir noch gar nicht über
das Vorhandensein einer dazu notwendigen Exportorganisation und
fester Beziehungen zu ausländischen Kunden.

Der Export der übrigen Marktsorten, die wir erwähnt hatten,
hat keine erkennbare Bedeutung. Es wurden Mengen von Schwellen
wie auch andere Sorten ausgeführt. Daun kommt Bruch und altes
Eisen in Betracht usw. Auch bei der Absetzung von Marktsortimenten
kommt hie und da eine Tendenz zur Geltung, den Export auf Kosten
der inneren Konsumenten zu betreiben. So exportiert man gerne
die Eisenprodukte, die auf dem inneren Markte kai’telliert sind, und
dann unter Preisen, die bedeutend niedriger als die inländischen sind.
Damit gelingt es auch, die Preise auf dem inneren Markte hoch zu halten.

Als Absatzmärkte für die russischen Exportprodukte erscheinen
einige Länder der Balkanhalbinsel, ferner Italien, Deutschland,

1	Kaffenhaus, a. a. 0., S. 143.

8*
        <pb n="117" />
        ﻿116

England usw. Der Export nach allen diesen Ländern trägt aber
bis jetzt einen mehr oder weniger zufälligen Charakter. Eine ständige
Quote des Absatzes von Roheisen, Stahl und Eisenprodukten kommt
nur bei drei Ländern in Betracht: Persien, China und Finnland:
die Absatzmenge ist hier aber unbedeutend.

Die Hauptmasse der Ausfuhr geht über die südrussischen Häfen.
So wurden dort im Jahre 1908 etwa 95 °/0 des Gesamtexports aus-
geführt. Die Transportverhältnisse sind für den Süden wegen der
Nähe des Asowschen und Schwarzen Meeres ziemlich günstig. Seit dem
Jahre 1907 existiert auf den russischen Eisenbahnen ein sogenannter
Exporttarif mit beinahe doppelt so billigen Tarifsätzen, als die ge-
wöhnlichen sind. So betragen die Eisenbahnunkosten für Roheisen-
transport von dem Zentrum des Douezgebiets bis Mariupol bloß
2—21/3 Kop. pro Pud; die vom Jekaterinoslaw-Gebiet bis Nikolajew
5,39—5,66 Kop. pro Pud.

Die Einladekosten in den Häfen des Schwarzen und des Asowschen
Meeres sind dagegen ziemlich hoch. Nach der Rechnung des Eisen-
industriellen Awdakow betragen sie für Odessa b1/^ Kop., Nowo-
rossijsk 5x/2 Kop., Taganrog (mit Umladung)	—7 Kop., Rostow

3^2 Kop. pro Pud.

Kapitel IX.

Kapitalkraft und Rentabilität.

Der dauernde Stillstand in der Produktionstätigkeit der süd-
russischen Eisenindustrie seit der Krisis vom Jahre 1901 hat auch
auf die finanzielle Lage und auf die Rentabilität der meisten süd-
russischen Eisenunternehmungen ungünstige Wirkungen ausgeübt und
eine Reihe von Gesellschaften in schlimme Notlage gebracht. Die
Verluste waren bei denjenigen Aktiengesellschaften besonders groß,
die als ein Ergebnis des Spekulationsfiebers der verschiedenen Gründer
während der Zeit der Hochkonjunktur anzusehen sind und die bereits
vor und während der Krisis unter starken Geldschwierigkeiten zu
leiden hatten. Um nicht die Werke zu schließen, waren sie genötigt,
immer neue Schulden zu machen, womit sie aber ihre finanzielle Lage
immer mehr erschwerten.

Besser war dagegen die Lage derjenigen, meistenteils alten
Gesellschaften, die ihre Kapitalkraft während der Hochkonjunktur
gut gestärkt hatten oder hauptsächlich mit Staatsbestellungen zu tun
batten. Wir teilen die Gesamtzahl der südrussischen Eisengesellschaften
ihrer Kapitalkraft und Rentabilität nach in drei Kategorien ein:
        <pb n="118" />
        ﻿117

1. gewinnbringende, 2. unrentable und 3. verlustbringende. Folgende
Tabelle gibt uns das Gesamtbild der drei Gruppen (in tausend Rubel)1:

Jahr	1901	1902	1903	1904	1905	1906	1907
I	Gewinnbringende Aktiengesellschaften						
Zahl	7	7	7	7	7	7	7
Aktien-Kap.	51275	52775	52 775	52775	53150	54275	55775
Obligat.-Kap.	13209	12939	12699	12425	12011	11827	11172
Reingewinn	6485	5956	5 746	6125	5371	5103	4336
Ausgezahlte ( Dividende j	5212	4995	4915	4405	4323	3 982	3420
°/0 d. Dividendei zum Akt.-Kap. /	10,3	9,4	9,3	8,3	8,1	7,3	6,1
Verluste	—	—	—	—	—	•—	—
11	Unrentable Aktiengesellschaften						
Zahl	5	5	5	5	5	5	42
Aktien-Kap.	26327	26327	26327	26327	26327	38415	36 640
Obligat.-Kap.	14166	15529	16135	19973	19 641	19115	16855
Reingewinn	620	119	107	750	627	113	959
Ausgezahlte 1 Dividende |	—	—	144	144	—	74	775
°/0 d. Dividende) zum Akt.-Kap. /	—	—	0,5	0,5	—	0,2	2,1
Verluste	208	1290	311	—	—	965	549
III	Verlustbringende Aktiengesellschaften						
Zahl	8	8	8	8	8	8	S
Aktien-Kap.	44976	38976	40101	40101	38 751	51036	50936
Obligat.-Kap.	26 563	26859	23 956	23 664	23 358	10844	10806
Reingewinn Ausgezahlte (	—	—	—	—	293	722	186
Dividende ] % d. Dividende\ zum Akt.-Ka^. /							
						—	—
Verluste	4392	3072	1887	1208	1508	2 245	1790
I + 11 + III	Gesamte Aktiengesellschaften						
Zahl	20	20	20	20	20	20	19
Aktien-Kap.	122 578	118088	119204	119204	118229 143726		143351
Obligat.-Kap.	53939	55318	52 791	56063	55011	41788	38833
Reingewinn	7106	6076	5854	6876	6 291	5940	5482
Ausgezahlte 1 Dividende J	5212	4995	5059	4549	4323	4056	4195
% d. Dividende) zum Akt.-Kap.)	4,32	4,23	4,24	3,81	3,65	2,82	2,93
Verluste	4600	4363	2198	1208	1508	3210	2339

1	Auf Grund der Jahresberichte der Aktiengesellschaften (publiziert im
„Finanz-Boten“).

2	Die Angaben über eine Aktiengesellschaft sind unbekannt.
        <pb n="119" />
        ﻿118

Bei der ersten Gruppe finden wir eine normale Tätigkeit. Die
Abschreibungen für die Amortisationszwecke erscheinen hier regel-
mäßig, vielleicht noch reichlicher, als es nur zur Ersetzung der ab-
genutzten Produktionsmittel notwendig wäre. Es findet die Ver-
größerung auch anderer Reservefonds statt. Es ist lehrreich, fest-
zustellen, daß die ausgezahlten Dividenden hier gleich in der Krisen-
zeit am höchsten gestanden haben. Die Sache erklärt sich dadurch,
daß die meisten von diesen Unternehmungen mit den Staatsbestellungen
beschäftigt sind. Bekanntlich hat sich die Regierung große Mühe
gegeben, ihren Klienten gleich in dieser Zeit eine außerordentliche
Hilfe zu leisten *.

Die Gesellschaften der zweiten Gruppe konnten in der unter-
suchten Periode nur mit großer Mühe aus ihren Nöten herauskommen.
Die Vermehrung des Aktienkapitals im Jahre 1906 ist hier dank
der Verdoppelung des Aktienkapitals in der Brjansk-A.-G. entstanden.
In den letzten Jahren zeigt sich hier eine kleine Besserung1 2.

In einer ganz anderen Lage als die beiden ersten Kategorien
befinden sich die Aktiengesellschaften der dritten Gruppe. Recht
viele dieser Aktiengesellschaften sind als zahlungsunfähige Schuldner
dem Administrationsregime unterworfen. Die Vermehrung des Aktien-
kapitals im Jahre 1906 ist hier lediglich dadurch zu erklären, daß
die Aktiengesellschaft Providence-Russe, um nicht zusammen-
zubrecheu, ihre Hauptschuldner und Obligationsbesitzer zu Aktionären
mit privilegierten Aktien ernennen mußte. Eine Amortisation der
Produktionsmittel findet bei dieser Gruppe mit nur unbedeutenden
Ausnahmen nicht statt, so daß die Kapitalien der Gesellschaften
sich immer mehr und mehr vermindern. Damit vermindert sich aber
auch die tatsächliche Kapitalkraft der Gesellschaften. Es sind end-
lich auch verschiedene Reserven vollständig erschöpft. Von diesen
acht Gesellschaften hat keine einzige in der angegebenen Periode
auch nur einmal Dividenden verteilt.

Was die allgemeine Lage betrifft, so ist die Gesamtzahl der
Unternehmungen mit einer Ausnahme unverändert geblieben. Nur
•ein einziges Werk wurde während dieser Periode eröffnet, oder,
besser gesagt, wieder in Betrieb gesetzt: das Suhlin-Werk. Das ge-
samte Aktienkapital hat sich während der angegebenen Periode relativ
unbedeutend erhöht; die Vergrößerung fand hauptsächlich im Jahre
1906 statt, das übrigens für die südrussische Eisenindustrie sehr ver-
lustbringend war, besonders für die beiden letzten Kategorien. Diese
Tatsache zeigt, daß die Verwendung dieses Kapitals hauptsächlich

1	Die erste Gruppe enthält folgende Aktiengesellschaften: Dnjepr-A.-G.,
Russo-Belge-A.-G., Hughes, Hartmann-A.-G., Konstantinowsk-Werk, Röhrenwerk
bei Jekaterinoslaw, Krivoj-Rog-A.-G.

2	Zur zweiten Gruppe rechnen wir: Nikopol-Jlariupol-A.-G., Toretzk-Werk,
Brjansk-A.-G., Olchowaja-A.-G. und Druschkowsk-Werk.
        <pb n="120" />
        ﻿119

zur Sanierung der schlecht situierten Gesellschaften, nicht aber zur
Ausdehnung der Produktionsfähigkeit der südrussischen Eisenindustrie
unmittelbar diente.

Die Gesamtsumme der ausgezahlten Dividenden bleibt in der
ganzen Zeit stabil, sie zeigt sogar eine kleine Verschiebung nach
unten. Die Zahl der Gesellschaften dagegen, die ihre Jahresbilanzen
mit Gewinnüberschüssen schließen, ist etwas gewachsen. Da aber
das Aktienkapital im Jahre 1906 sich etwa auf 25Ö00000 Rubel
vergrößerte, wurde damit auch der durchschnittliche Prozentsatz der
ausgezahlten Dividenden dementsprechend niedriger.

Was die Verluste betrifft, so zeigen sie im großen und ganzen
eine abnehmende Tendenz; sie waren, wie aus der Tabelle ersicht-
lich ist, in der Krisis des Jahres 1901 besonders groß. Dann
nehmen sie allmählich ab. im Jahre 1906 und 1907 sind sie wieder
infolge der schlechten Konjunktur gestiegen'.

Es bleibt uns jetzt noch übrig, ein paar Worte über die Ver-
hältnisse zwischen der südrussischen Eisenindustrie und den Banken
zu sagen. Die meisten südrussischen Eisenunternehmungen sind, wie
wir gesehen haben, dank den ausländischen Kapitalien gegründet.
Bei diesen Gründungen hatten verschiedene ausländische Kredit-
anstalten von Anfang an eine ausschlaggebende Rolle gespielt; einige
von ihnen, wie die Banque de Brabant, Banque de Franco usw.
haben sich sogar beim Gründen betätigt.

Die südrussischen Eisenunternehmungen sind auch mit den
russischen Banken eng verbunden. Nähere Tatsachen darüber können
wir aus Mangel an Material nicht geben, das Verhältnis selbst aber
ist bei der Vergleichung des Verwaltungspersonals der Banken und
des der Aktiengesellschaften, wo in vielen Fällen bei beiden die-
selben Personen beteiligt sind, klar ersichtlich. So ist in dieser
Weise z. B. die Nikopol-Mariupol-A.-G. mit fünf Banken1 2 3, Donez-
Jurjewka mit, drei Banken8, Brjansk-A.-G. mit zwei Banken4 usw.
verbunden.

Die verschiedene Rentabilität und Kapitalkraft der Gesellschaften
hatte auch an der Börse eine ganz verschiedene Beurteilung gefunden.

1	Die Ziffern der Verluste, wie auch insbesondere der Reingewinne sind
mit großer Vorsicht zu betrachten. Wie erwähnt, haben wir sie aus den publi-
zierten Jahresberichten der Aktiengesellschaften entnommen. Da die Rein-
gewinne einer besonderen progressiven Gewerbesteuer unterworfen sind, so
kommen hier öfters verschiedene Hinterziehungen vor. Es existiert auch in den
Jahresberichten der Aktiengesellschaften keine klare Definierung des Reingewinns.
Wir enthalten uns darum dessen, die weiteren Schlüsse auf die Wirklichkeit
daraus zu ziehen.

2	Nord-Bank, St. Petersburger-Internationale Bank, Asow-Donsche Bank,
Russische Bank für Außenhandel, Wolga-Kama-Bank.

3	Asow-Donsche Bank, Wolga-Kama-Bank, St. Petersburger Diskonto-
Gesellschaft.

4	Nord-Bank, Asow-Donsche Bank.
        <pb n="121" />
        ﻿120

Die ausländischen Börsen (Paris, Brüssel), die hier ausschlaggebend
sind, haben, wie wir schon früher geschildert, während der Krisis in
der Eisenindustrie mit einer Heruntersetzung der Kurse der Wert-
papiere der Gesellschaften um 65 °/0 geantwortet. Wie, die ver-
schiedenen Kurse im Jahre 1907 standen, zeigt folgende Übersicht:

Aktien	Nominal-  Wert	Auf der Pariser Börse (Francs)		Auf der Brüssel. Börse (Francs)		Auf der  St. Petersb. Börse (Rubel)	
		maxim.	minim.	maxim.	minim.	maxim.|minim.	
Dnjepr-	A.-G.	125 Rbl.	1835	1290	1885	1235	—	—
Brjansk-	„	100 „	430	272	480	267	112,5	98
Russo-Belge- „	250 Frs.	—	—	1249	875	—	:—
D.-Jurjewka- „	250 Rbl.	—	—	330	215	220	84
Druschkowsk- „	125 „	894	673	—	—	—	—
Taganrog-	„	400 Frs.	—	—	401	138	—	—
K.-Rog-	500 „	1150	1090	—	—	—	—
N.-Mariupol-	„	125 „	70	70	201	135	73	59,5
Olchowaja- '	„	250 „	—	—	300	25	—	
R.-Providence- „	1000 .,	—	—	140	15	—		
Werch-Dnjepr- „	250 „	1230	70	—	—	—	—
Konstantin-	„	250 „	—	—	260	212	—	—
Hartmann-	„	100 Rbl.	—	—	—	—	300	220,5
Jekaterinoslaw- Gußstahlwerk- „	100 Ers.	156	156	—	—				

Während also z. B. die Aktien der Russo-Belge-A.-G. etwa
fünfmal so hoch als der nominelle Wert stehen, kotierte man die
Aktien von Provideuce-Russe mit dem nominellen Wert von 1000 Er.
nur zu 15 Er.

Alles zusammenfassend, können wir sagen, daß die finanzielle
Lage der einzelnen Unternehmungen sehr verschieden bleibt. Die
Zeit des Stillstandes offenbarte mit Klarheit die früheren Geld-
mißbräuche der verschiedenen Aktiengesellschaften; sie zeigt außer-
dem auch, daß die Anpassung der Produktionsmittel der Unter-
nehmungen an die Konsumtion sich nur unter großen Störungen
vollzieht. Endlich müssen wir sagen, daß dieser Vorgang sich in
der südrussischen Eisenindustrie abnorm verlängert hat, haupt-
sächlich dadurch, daß die freie Konkurrenz zwischen den einzelnen
Unternehmungen und das Emporkommen der konkurrenzfähigsten
teilweise durch die Kartellierung der Konkurrenten und auf Kosten
der Konsumenten gehemmt wurde.
        <pb n="122" />
        ﻿Schluß.

Kapitel X.

Ausblicke auf die weitere Entwicklung der
südrussischen Eisenindustrie.

Aus der vorliegenden Untersuchung ergibt sich, daß die süd-
russische Eisenindustrie ein Gebilde der zwei letzten Dezennien des
19. Jahrhunderts ist. Auf rein kapitalistischem Boden entstanden
und als großkapitalistische Industrie entwickelt, ist sie selbst mit der
kapitalistischen Entwicklung Rußlands aufs engste verbunden, ln der
Zeit der 90er Jahre — in der Periode der Hochkonjunktur der
russischen Industrie — schreitet sie an der Spitze. Dann kam die
allgemeine Krisis in Rußland vom Jahre 1901 und brachte eine
scharfe Desorganisation des Produktionsprozesses auch auf diesem
Gebiete mit sich. Der später in ihrem Entwicklungsgänge ein-
getretene Stillstand ist im großen und ganzen auch für den all-
gemeinen Zustand der russischen Volkswirtschaft charakteristisch.

Unsere Betrachtungen über die russische Eisenindustrie würden
aber nicht vollständig sein, wenn wir zum Schlüsse einige seit dem Jahre
1909 hier entstandene neue Erscheinungen außer acht lassen würden.

Gerade in der letzten Zeit schreibt man in Rußland viel über
die Überwindung des toten Punktes im gegenwärtigen russischen
volkswirtschaftlichen Leben. Und man sieht in der Tat seit dem
Jahre 1909 eine Art Belebung in den verschiedenen Industriezweigen.
Diese Belebung läßt sich auch in der südrussischen Eisenindustrie
wahrnehmen. Hier ist sie sogar deutlicher als irgendwo anders.
Wir können folgenden Fortschritt der südrussischen Eisenproduktion
in der ersten Hälfte des Jahres 1910 im Vergleich mit dem in der-
selben Periode des Jahres 1907 konstatieren1:

Produkt in 1000 Pud	Erste Hälfte c	es Jahres 1910	Erste Hälfte des Jahres 1907	
	Produktion	Vorräte	Produktion	V orräte
Roheisen	62908	5310	51310	10050
Halbzeug	56 890	2 948	40563	5297
Fertige Produkte	49460	9 736	34268	8776

1 Abdruck aus der Zeitsehr. „Grornosawodskoje Djelo“ 1910.
        <pb n="123" />
        ﻿122

Die Produktion von Roheisen hat also während der letzten
drei Jahre um 22,6 °/0, die von Halbzeug um 40,3 °/0 und die von
fertigen Fabrikaten um 44,4°/0 zugenommen. Die Vorräte des Roh-
eisens und Halbzeuges sind dagegen beinahe um die Hälfte ver-
mindert, ein Umstand, der die Verbesserung der Konjunktur noch
deutlicher bezeichnet. Darüber belehrt uns endlich auch die Ver-
größerung der Nachfrage von verschiedenen Eisenprodukten auf dem
Markte. So stiegen in der letzten Zeit die Bestellungen an das
Syndikat Prodameta in folgendem Maße (in 1000 Pud)1:

Jahr	1910	1909	1908	1907
Blech	9316	7735	7 102	8375
Träger u. Schwellen	10950	6916	5185	5 530
Gußröhren	zerfallen	652	896	1133
Bandageu	1221	692	1060	1153
Achsen	515	380	448	443
Stab- und Formeisen	43924	‘ 32681	syndiziert	
Leichte Schienen	838	913	1. Jan. 1909	
Zusammen:	66767	49971	14694	16642

Besonders gewachsen ist die Nachfrage nach Stab- und Form-
eisen. Da diese beiden Sorten überwiegend gewerblichen Zwecken
dienen, so zeigen sie wiederum eine Verbesserung 'der allgemeinen
Wirtschaftslage.

In gewissem Gegensatz zum Süden bleibt die Entwicklung der
anderen eisenproduzierenden Gebiete im großen und ganzen stabil,
so daß die relative Bedeutung des Südens in den letzten Jahren noch
mehr hervortritt.

Wir gelangen nun zur Frage, wie wird sich die Entwicklung der
südrussischen Eisenindustrie weiter vollziehen? Wird sie alsbald
eine Monopolstellung erreichen und andere Gebiete in volle Abhängig-
keit von sich bringen, oder sind dabei auch noch andere Entwicklungs-
tendenzen zu erwarten?

Die zukünftige Lage des Südens hängt von zwei Umständen
ab: 1. von der Größe der Produktionskräfte des Südens selbst und
2. von der weiteren Entwicklung seiner Konkurrenten, hauptsächlich
des Urals.

Die wichtigste Grundlage der südrussischen Eisenindustrie bilden,
wie schon früher erwähnt ist, die billigen und vorzüglichen Rohstoffe.
Um die zukünftige Lage des Südens klar zu stellen, müssen wir
also das Vorhandensein und die Quantität dieser Rohstoffe feststellen.

1	Kartellrundschau, .Februar 1911.
        <pb n="124" />
        ﻿123

Was die Steinkohlenlager betrifft, so sind die Donezschen Vorräte
so groß, daß hier keine baldige Erschöpfung eintreten wird. Obwohl
die für die Koksgewinnung brauchbaren Steinkohlenschichten ihrer
Ausdehnung nach nur etwa ein Drittel der Gesamtfläche des Donez-
beckens ausmachen, so sind sie doch groß genug, um bei einer ge-
wissen Sparsamkeit für einige Jahrhunderte auszureichen.

Etwas anders steht es mit dem Eisenerze. Als das wichtigste
Eisenerzlager kommt für den Süden die Gegend von Krivoj-Rog
in Betracht. Die Vorräte sind aber hier nicht so groß, um für die
Zukunft ohne Sorgen sein zu können. Die Vorräte -waren hier bis
jetzt nur auf etwa 5 Milliarden Pud geschätzt; diese Ziffer wurde
in der letzten Zeit auf 11415 Millionen Pud in der Schätzung er-
höht. Nach der Berechnung der südrussischen Eisenindustriellen
müssen diese Vorräte bei dem gegenwärtigen Verbrauche auf etwa
60 Jahre ausreichen1. Die Schätzung ist aber sehr ungenau und
man kann dabei sich nach der einen oder anderen Seite bedeutend
irren. Jedenfalls muß man rechnen, daß die Nachfrage nach den
Krivoj-Rog-Eisenerzen in der nächsten Zeit bedeutend steigen wird;
im Zusammenhänge damit wird auch die Eisenerzfrage für den Süden
mit vollem Ernst auftreten. Ein anderer Ort, der bei der Erschöpfung
der Krivoj-Rog-Eisenerze in Betracht kommen kann, ist die Halb-
insel Kertsch. Man schätzt hier die Vorräte auf ungefähr 60 Milliarden
Pud, die für die südrussischen Werke für lange Zeit ausreichen
würden. Die Kertsch-Erze sind aber relativ arm und werden des-
wegen kaum einen weiteren Transport vertragen. Damit werden auch
die Produktionskosten bei der Roheisenherstellung bedeutend wachsen,
wenigstens bei denjenigen. Werken, die von der Halbinsel Kertsch
entfernt sind. Alle übrigen Erze im Süden, wie die Donezschen,
die von Korsak-Mogila usw. können aller Wahrscheinlichkeit nach
hier keine selbständige Rolle spielen und künftig wie bisher nur als
Zusatz in Betracht kommen.

Ein anderer Ort, der für die südrussische Eisenindustrie in der
Zukunft eine große Rolle spielen kann, ist der Kaukasus. Die Erze
sind hier noch sehr wenig untersucht; sie sind aber gut und er-
strecken sich in großen Massen weithin. Auch die Transportver-
hältnisse sind hier wegen der Nähe des Schwarzen Meeres sehr
günstig.

Wir sehen also, daß der zukünftige Bedarf des Südens au
Eisenerzen auf die eine oder andere Weise für eine lange Zeit ge-
sichert ist. Wir müssen aber hier konstatieren, daß die Erschöpfung
der reichen Krivoj-Rog-Eisenerzlager für den Süden unbedingt eine
Verteuerung der Selbstkosten, damit aber auch die Verminderung
der Konkurrenzfähigkeit verursachen muß.

1 Eisenerzbergbau, Statist. Sammelb. 1908.
        <pb n="125" />
        ﻿124

Vor einigen Jahren wurde in der russischen Fachpresse noch
eine andere Möglichkeit der Eisenerzversorgung des Südens ziemlich
lebhaft erörtert. Man plante damals, für die Versorgung der süd-
lichen Hütten die Uralschen Eisenerze heranzuziehen. Der Plan be-
ruhte auf der Voraussetzung, daß der Süden Steinkohle in hohem
Maße besitzt und verhältnismäßig wenig Eisenerze, der Ural dagegen
eine kolossale Menge guter Eisenerze und keine für die Verhüttung
nötigen Steinkohlenlager. Man wollte eine Art Austausch von Roh-
stoffen ermöglichen, so daß der Ural sein Eisenerz, der Süden seinen
Koks dem anderen Gebiete liefert.

Als Verbindungsweg kam nach verschiedenen Rechnungen die
direkte Eisenbahnverbindung in Betracht, oder die gemischte (teil-
weise mittels der Wolga — von Samara bis Zarizyn)1. Die Ver-
hüttung der Uralschen Eisenerze mußte nach dieser Berechnung für
den Süden im Vergleich mit der Verwendung der Krivoj-Rog-Eisen-
erze bloß eine Mehrausgabe von etwa 31/^—4 Kop. pro Pud ver-
ursachen, eine Mehrausgabe, die durch die Verteuerung der Krivoj-
Rog-Eisenerze auch zu Null werden könnte.

Der ganze Plan aber scheint uns ziemlich künstlich zu sein.
Man ging bei der Kostenberechnung von der Voraussetzung aus, daß
der gegenwärtige Preis der Uralschen Risenerze etwa 11/2—2 Kop.
pro Pud kostet. Das hängt aber ganz und gar von dem auf ein
enges Gebiet begrenzten Absatz dieser Erze ab, die überhaupt nur
von den Uralschen Hütten verwendet werden. Bei der Steigerung
der Nachfrage seitens des Südens werden selbstverständlich auch die
Preise der Uralschen Eisenerze eine bedeutende Steigerung erfahren,
was die ganze Rechnung in Verwirrung bringen würde.

Es kommen aber auch andere Bedenken dazu. Man ging von
der Tatsache aus, daß zwischen beiden Bezirken eine Art von Gegen-
leistung entstehen wird. Schon Brandt bemerkte darüber mit vollem
Recht, daß, wenn der Süden aus diesem Austausche auch Nutzen
ziehen könnte, doch das für den Ural gar nicht der Fall sei1 2. Speziell
für den Ural kommen noch einige andere Möglichkeiten in Betracht,
wie z. B. das Beziehen des sibirischen Kokses, was für ihn bedeutend
vorteilhafter wäre.

Man könnte über den Plan in dem Falle ernstlich sprechen,
wenn man nämlich das Uralgebiet nur als Eisenerzlager betrachten
würde und die Möglichkeit seiner selbständigen Eisenindustrie ver-
neinte. Diese Möglichkeit scheint uns aber der Wirklichkeit nicht
zu entsprechen. Im Zusammenhänge mit dieser Frage sind wir nun
zur Betrachtung der Konkurrenzfähigkeit und der Entwickluugs-
aussichten der Uralschen Eisenindustrie gekommen.

1	Man wollte für die Werke des Südens die großen Eisenerzlager des süd-
lichen Urals — die Berge Blagodati und Bakal in Anspruch nehmen.

2	Brandt, S. 147.
        <pb n="126" />
        ﻿125

Zuerst die Rohstoffe. Obwohl die Eisenerzförderung im Ural-
gebirge schon mehr als zweihundert Jahre dauert, bildet dieses Gebiet
bis jetzt eines der größten Eisenerzlager der Welt1. Seine Erze
sind leicht schmelzbar und enthalten einen hohen Prozentsatz des
metallischen Eisens (durchweg 60°/o). Etwas anders ist es hier mit
dem Heizungsmaterial, insbesondere mit der für den Schmelzungs-
prozeß nötigen Kohle. Die Schmelzung beruht hier bis heute aus-
schließlich auf der Verwendung der Holzkohle. An sich bildet die
Holzkohle für die Eisengewinnung einen ganz passenden Rohstoff.
Da sie vollständig von den verschiedenen schädlichen Beimischungen
frei ist, hat sie ans diesem Grunde sogar einen Vorzug vor der
Steinkohle. Ihre Nachteile bestehen aber darin, daß sie sich be-
deutend teuerer als Steinkohle stellt und mit der Massenvernichtung
der Wälder verbunden ist1 2 3 *. Auch die Produktivität der Hochöfen
auf Holzkohle ist bedeutend geringer als die auf Steinkohle, da
die Steinkohlenfeuerung eine etwa doppelt so große Verhüttung
ermöglicht.

Da aber im Ural eine große Menge Wälder vorhanden ist, die
sonst keine rentablere Verwendung finden und eigentlich von den
schon existierenden Eisenwerken selbst nur teilweise ausgenutzt werden
(etwa 1/8 der Gesamtfläche), so kann man schließen, daß bei der
rationellen Verhüttungstechnik die Uralscheu Eisenwerke in der
nächsten Zeit auch mit Holzkohle gewinnbringend werden arbeiten
können.

Aber auch die Verwendung der Steinkohle ist im Uralgebiete
nicht ausgeschlossen. Erstlich besitzt der Ural selbst an verschiedenen
Orten Steinkohlenlager, einige sogar mit einer Kohle, die zu Koks
verarbeitet werden kann. Diese Lager sind aber bis jetzt sehr wenig
untersucht und haben keine Eisenbahnverbindung, so daß hier die
Steinkohlengewinnung bis zur Gegenwart minimal war. Außerdem
kann man für die Uralsche Roheisenproduktion auch die sibirischen
Steinkohlenlager benutzen, die nach verschiedenen Angaben von aus-
gezeichneter Qualität sind und zu den größten der Welt gehören8.
Im Uralgebirge befinden sich auch zahlreiche Gruben von Kalk,
Mangan, feuerfestem Ton usw.

i	Wir sehen also, daß im Ural alle für die Eisenindustrie not-

wendigen Rohstoffe reichlich vorhanden sind.

Endlich ist auch die geographische Lage des Gebirges auf der
Grenze zwischen dem europäischen und asiatischen Rußland außer-

1	Dehn, a. a. 0., 8. 113,

2	Man rechnet gewöhnlich, daß bei rationeller Forstwirtschaft für die jähr-
liche Gewinnung von 1000 Pud ßoheisen eine Fläche von 250 Dessjatinen Wald
nötig ist.

3	Die Lager befinden sich nicht weit von Kusnezk und erstrecken sich über

eine Fläche von 44000 Quadratwerst. (Dehn, S. 39).
        <pb n="127" />
        ﻿126

ordentlich günstig. Das Gebiet steht in direkter Wasserverbindung
mit der Wolga und dadurch mit dem nördlichen, westlichen und
Zentralrußland. Auf asiatischer Seite tritt es in unmittelbare Be-
rührung mit dem rasch emporkommenden Westsibirien, welches schon
jetzt einen bedeutenden Absatzmarkt für Eisenprodukte darstellt.

Trotz der erwähnten günstigen geologischen und geographischen
Lage, die unter anderen Produktionsverhältnissen den Ural zu einem
der konkurrenzfähigsten Eisenproduzenten machen könnte, befindet
sich gegenwärtig seine Eisenindustrie in dem Stadium tiefsten Ver-
falles. Es sind zwei Haupthindernisse vorhanden, die gegenwärtig
die weitere Entwicklung des Gebietes unmöglich machen.

Das erste ist die rückständige Art des Betriebes der heutigen
Uralschen Eisenunternehmungen. Bis zur Gegenwart sind hier ver-
schiedene aus der vorkapitalistischen Zeit stammende Produktions-
verhältnisse herrschend geblieben. Eine rückständige Produktions-
weise einerseits, verschiedene rechtliche Bestimmungen aus der Zeit
der Leibeigenschaft, wie z. B. das Possessionsrecht1 und manches
andere andererseits — alles das setzt die Betriebsorganisation der
meisten Werke in scharfen Gegensatz zu den modernen Forderungen
der Eisentechnik und macht hier eine rationelle Produktionstätig-
keit so gut wie unmöglich. Selbstverständlich konnte auch die
kapitalistische Expansion der 90er Jahre im Ural nur relativ schwache
Spuren hinterlassen.

Eine zweite Ursache des Stillstandes sind die dortigen Verkehrs-
verhältnisse. Es gibt Eisenwerke im Ural, die von den Eisenbahn-
linien 100—200 Werst entfernt sind'2. Sie sind also während der
Winterszeit, wenn die Flüsse gefroren sind, fast vollständig von der
ganzen Welt abgeschnitten. Am klarsten tritt der Unterschied in
den Eisenbahnverbindungen bei Vergleichung der Dichtigkeit des
Eisenbahnnetzes hier mit dem des Südens hervor. Im Jahre 1907
kamen auf je 10.00 Quadratwerst Eisenbahnen3:

1	Orenburg-Gouvernem. 2,9	|	Gebiet d. Donezheer.	14,3
Ural	Perm-	,.	4,5	Süden j	Charkow-Gouvernem.	24,2
1	Ufa-	„	15,7	I	Jekaterinoslaw	44.7

1	Das Possessionsrecht repräsentiert einen Überrest der früheren Gebunden-
heit der wirtschaftlichen Verfassung, wie sie noch in der Zeit der Leibeigenschaft
vorhanden war. So haben die jetzigen Besitzer der Possessionsgüter und -werke
kein freies Recht zur Veräußerung ihres Grund und Bodens, oder sogar zur Ver-
pfändung derselben ohne Genehmigung der Regierung; sie sind verpflichtet,
die auf den Possessionsgütern wohnende Arbeiterbevölkerung zu „ernähren“ usw.
Die Arbeiter dagegen müssen ihrerseits die verschiedenen ihnen aufgebürdeten
Pflichten bezüglich der Eisenwerke erfüllen.

2	Earmakowslci, Bergmännische Zustände im Ural, St. Petersburg 1909
S. 27, (russisch).

3	Kaffenhaus a. a. O., S. 22.
        <pb n="128" />
        ﻿127

Infolge dieser Ursachen konnte der Ural in den letzten Zeiten
der Konkurrenz Südrußlands keinen ernsten Widerstand entgegen-
setzen. Und so sehen wir, daß die Roheisenproduktion des Urals
im Dezennium 1898—1908 von 44 Millionen Pud auf 35 Millionen
Pud gefallen ist1.

Diese beiden Ursachen sind aber vorübergehende Erscheinungen.
Die neuen rein kapitalistischen Produktionsverhältnisse dringen in
der Gegenwart allmählich auch in die Uralschen Eisenwerke ein,
und die technische Revolution vollzieht sich hier, obwohl sehr langsam,
so doch stetig. Je schneller hier diese Umwälzung in der Eisen-
technik vorwärts schreitet, desto mehr wird die Konkurrenzfähigkeit
des Bezirks wachsen, und seine Lage auf seinen umliegenden Absatz-
märkten stärken. Wir kommen also zu dem Schlüsse, daß die Wieder-
belebung des Urals früher oder später wieder in Frage kommen
wird, im Zusammenhänge damit auch die Steigerung seiner relativen
Bedeutung in der russischen Eisenindustrie.

Die anderen Gebiete, die für die russische Konkurrenz noch in
Betracht kommen können, sind das polnische und nördliche Gebiet
und Zentralrußland. Die zwei ersten Gebiete könnten wohl zu be-
deutender Entwicklung gelangen, unter der Voraussetzung, daß das
jetzt in Rußland herrschende prohibitive Zollsystem für Rohstoffe
(Eisenerz und Steinkohle) zusammenbricht1 2. Bei der freien Einfuhr
von schlesischem Koks könnte das polnische Gebiet seine Tätigkeit
bedeutend erweitern und seine selbständige Stellung im Verhältnis
zum Süden behaupten. In noch günstigere Verhältnisse könnte bei
der freien Einfuhr der Rohstoffe der Norden gelangen. Für die
Entwicklung der Eisenindustrie fehlt hier gutes Eisenerz einerseits
und Steinkohle andererseits. Dagegen sind hier die Absatzverhältnisse
wegeu der Nähe St. Petersburgs und der relativ entwickelten Metall-
industrie sehr günstig. Bei der Konsumtion der guten norwegischen
Eisenerze, deren Transport bis St. Petersburg bloß 7 Kop. pro Pud
ausmacht und die als Ersatz für die relativ armen Olonetzschen
Eisenerze dienen könnten, und bei der Verwendung englischer Stein-
kohle könnte hier eine bedeutende Eisenindustrie entstehen; um so
mehr, da auch hier (im Gouvernement Olonetz) kolossale Mengen
von Wäldern vorhanden sind, was die Heizungsverhältnisse sehr
vereinfacht.

Wir sehen also, daß nur eine Reihe von günstigen Bedingungen
die beinahe monopolistische Lage der südrussischen Eisenindustrie
bestimmt hatte und ihr gegenwärtiges Wachstum im Vergleich mit
den anderen eisenproduzierenden Gebieten hervorrief.

1	Farmakowski a. a. 0., S. 15.

2	In den baltischen Häfen beträgt gegenwärtig der Zoll für Eisenerz 10,5Kop.,
für Koks 2,5 Kop. und für Steinkohle 1,5 Kop.
        <pb n="129" />
        ﻿128

Die russische Volkswirtschaft kann aber nicht als ein einheitliches
Ganzes betrachtet werden, vielmehr als eine Reihe von besonderen
wirtschaftlich begrenzten Gebieten mit eigenen, oft ganz verschiedenen
Produktions- und Absatzverhältnissen. Bei der intensiveren Aus-
gestaltung des ökonomischen Lebens in Rußland und unter dem
Drucke der ökonomischen Notwendigkeit werden auch die Produktiv-
kräfte der einzelnen Bezirke zu größerer Entwicklung gelangen. Das
wird seinerseits die in volkswirtschaftlicher Hinsicht richtigere Ver-
teilung der Absatzsphäre der einzelnen Eisenindustriegebiete zur
Folge haben und die relative Bedeutung des Südens vermindern.
        <pb n="130" />
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        <pb n="131" />
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Statislische Sammelbücher über den russischen Bergbau, 1890—1906. Ausgabe
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Tatsachen über die Geschichte und Statistik des auswärtigen Handels Rußlands,
Sammelbuch Bd. I, St. Petersburg 1902. Unter d. Redaktion von Pokrowski.

Tatsachen der Staatskontrolle über die Eisenbahnen für 1907, St. Petersburg.

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Dnjepr-A-G., Brjansk-A.-G., Russo - Beige-A.-G., Donez-Jurjewka-A.-G.,
Taganrog-A.-G., Providence-Russe-A.-G., Krivoj-Rog-A.-G., Torezkoje-A.-G.
und Hartmann-Maschinenfabrik-A.-G.

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Kowalewski, Die Produktivkräfte Rußlands, Leipzig 1898.

Paschitnow, Die Lage der arbeitenden Klasse in Rußland, Stuttgart 1907.
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Sartisson, Beiträge zur Geschichte und Statistik des russischen Bergbaus und
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Wurm, Stahl und Eisen, 1907.

Werke in französischer Sprache.

Cordeweener, Contribution ä l’etude de la crise industrielle du Donez; Geologie
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Lauwick, L’industrie dans la Russie meridionale, sa Situation son avenir,
Bruxelles 1907.

Trasenster, L’industrie charbonniöre et siderurgique de la Russie Meridionale;

Revue universelle de mines; Libge 1896, t. XXXIV et 1899, t. XLVI.
Statistique de la Belgique: Tableau general du commerce avec les pays etrangors;
Bruxelles 1875—90.

Recueil Consulaire de belgique, 1889 et 1904.
        <pb n="132" />
        ﻿Lebenslauf.

Geboren am 7. Februar 1884 in Nischni-Nowgorod, absolvierte
ich, Maximilian Sawelieff (griechisch-katholischer Konfession) das
staatliche Gymnasium in meiner Heimatstadt; nachher studierte ich
an der Universität Moskau Jura und an den Universitäten München
und Leipzig Nationalökonomie, Philosophie und Statistik.
        <pb n="133" />
        ﻿—	115	—-

• o

Q- 03
O (£&gt;

der Berücksichtigung der sonst üblichen Preise
hoch. Wenn sie so hoch gehalten
es, um den Export nach dem Auslande um 25 °/n

verhältnismäßig
um

id bei
U

jdneht

s die inneren Marktpreise sind, zu ermöglichen1.“ Die
olitik offenbart sich damit in voller Klarheit. Sie besteht
ch schon früher berührt wurde, in der künstlichen Unter-
er Reihe bestimmter Kreise von Großindustriellen durch
i hohen Preisen. Dies geschieht in der Annahme, daß
3 Produktions- und die Absatzverhältnisse seiner Klienten
seinem Sinne nötigen Zwecke beeinflussen könne. Die
« Eisenbahnmaterial hat also einen rein künstlichen
Wenn wir aber verschiedene künstliche Mittel außer
sen, und die Frage stellen, ob die russische Eisenindustrie
lisenbahnmaterialexport einen festen Boden unter den
so müssen wir die Frage verneinen. Im günstigsten Falle
'in paar Gesellschaften, die besonders günstige Produktions-
haben, zeitweilig die guten Konjunkturen im Auslande
So konkurrierten einige südrussische Eisenwerke im
als die Schienenpreise in Europa sehr hoch waren, mit
sen Erfolg mit dem Weltsyudikat für Schienenproduktion,
gar jetzt in dieses Syndikat als Mitglieder eingetreten und
des Gesamtabsatzes auf ihren Anteil bekommen. Von
äßigen Entfaltung aber des Schienenexportes, wie auch
..nderer Eisenbahnartikel kann hier ernstlich nicht die
Es wird immer die wichtigste Tatsache bleiben: je
r die Produktion ist, um so mehr braucht sie qualifizierte
;e und Arbeitsprozesse für die Herstellung dieser Produkte,
schwieriger wird die Konkurrenz zwischen den relativ
en organisierten russischen Werken und den besser ein-
ausländischen; dabei sprechen wir noch gar nicht über
Mensein einer dazu notwendigen Exportorgauisation und
jhungen zu ausländischen Kunden.

xport der übrigen Marktsorten, die wir erwähnt hatten,
rkennbare Bedeutung. Es wurden Mengen von Schwellen
idere Sorten ausgeführt. Dann kommt Bruch und altes
tracht usw. Auch bei der Absetzung von Marktsortimenten
und da eine Tendenz zur Geltung, deii Export auf Kosten
1 Konsumenten zu betreiben. So exportiert man gerne
Ddukte, die auf dem inneren Markte kartelliert sind, und
Preisen, die bedeutend niedriger als die inländischen sind,
gt es auch, die Preise auf dem inneren Markte hoch zu halten,
»satzmärkte für die russischen Exportprodukte erscheinen
der der Balkanhalbinsel, ferner Italien, Deutschland,

inhaus, a. a. 0., 8. 143.

8*
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</TEI>
