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        <title>Die Eisenindustrie in Südrußland</title>
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            <forname>Maximilian</forname>
            <surname>Sawelieff</surname>
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        </author>
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            <idno>897231309</idno>
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        Die  Eisenindustrie  in  Südrußland.

Inaugural-Dissertation
zur
Erlangung  der  Doktorwürde
der
Hohen  Philosophischen  Fakultät  der  Universität  Leipzig
vorgelegt  von
M.  Sawelieff
aus  Nischni-Nowgorod.

Weida  i.  Th.
Druck  von  Thomas  &amp;amp;  Hubert
Spezialdruckerei  für  Dissertationen
1911.
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        Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort  5
Einleitung  7
Kap.  I.  Entstehung  und  Entwicklungsgang  der  Eisenindustrie  in  .Rußland ­
  bis  zur  Bauernbefreiung  7
1.  Die  Anfänge  der  Eisenindustrie  in  Rußland  7
2.  Die  ersten  staatlichen  Werke  im  16.  und  17.  Jahrhundert  ...  8
3.  Die  Eisenindustrie  im  18.  Jahrhundert  9
4.  Die  Zeit  von  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  bis  zur  Bauernbefreiung  13
5.  Die  Zeit  der  Bauernbefreiung  16
Erster  Teil:  (Geschichte  der  Eisenindustrie  in  Südrußland)  20
Kap.  II.  Die  Anfänge  der  Eisenindustrie  in  Südrußland  20
1.  Begriff  der  südrussischen  Eisenindustrie  20
2.  Die  Gründung  der  ersten  staatlichen  Werke  21
Kap.  III.  Die  Zeit  von  1870—1885  25
1.  Die  Gründung  der  ersten  privaten  Werke  25
2.  Produktions-  und  Absatzverhältnisse  •  .  28
Kap.  IV.  Die  Voraussetzungen  der  modernen  Entwicklung  des  südrussischen ­
  Eisenindustriegebietes  30
1.  Die  Entdeckung  der  Krivoj-Rog-fiisenerze  *  ...  30
2.  Das  Einströmen  ausländischer  Kapitalien  nach  Südrußland  .  .  31
3.  Die  Bedeutung  der  staatlichen  Zollpolitik  der  80er  Jahre  ...  33
Kap.  V.  Die  Zeit  der  Hochkonjunktur  in  den  90er  Jahren  ....  36
1.  Allgemeine  Betrachtung  der  Hochkonjunktur  36
2.  Entwicklung  der  einzelnen  Untergebiete  39
a)  Jekaterinoslaw-Gebiet  40
b)  Donez-Gebiet  45
c)  Gebiet  um  das  Asowsche  Heer  49
3.  Allgemeine  Lage  der  Werke  51
a)  Eigentumsverhältnisse  .51
bl  Produktions-  und  Absatzverhältnisse  53
c.  Die  Produktivität  der  Werke  55
Kap.  VI.  Die  Krisis  in  der  südrussischen  Eisenindustrie  im  Jahre  1901
und  in  den  folgenden  Jahren  58
1.  Die  Voraussetzungen  der  Krisis  58
a)  Allgemeine  Krisis  in  Rußland  im  Jahre  1901  58
b)  Ursachen  der  Krisis  in  der  südrussischen  Eisenindustrie  ...  63
2.  Der  Verlauf  der  Krisis  66
3.  Die  Wirkung  der  Krisis  auf  die  einzelnen  Zweige  der  Eisenindustrie  70
Zweiter  Teil:  (Die  südrussische  Eisenindustrie  in  der  Gegenwart)  ...  74
Kap.  VII.  Die  Produktion  .  74
1.  Die  allgemeine  Lage  der  südrussischen  Eisenindustrie  nach  der
Krisis  im  Jahre  1901  74
        <pb n="3" />
        4

Seite
2.  Die  Elemente  der  Produktion  70
a)  Rohstoffe  76
b)  Arbeitskräfte  80
e)  Technischer  Betrieb  87
3.  Betriebsorganisation  89
4.  Produktionskosten  90
Rap.  VIII.  Der  Absatz  96
1.  Allgemeiner  Überblick  96
a)  Absatzgebiet  96
b)  Rartellbewegung  98
2.  Der  private  Markt  103
a)  Roheisen  103
b)  Fertige  Produkte  105
3.  Eisenbahnbestellungen  109
4.  Export  113
Kap.  IX.  Kapitalkraft  und  Rentabilität  116
Schluß  121
Kap.  X.  Ausblicke  auf  die  weitere  Entwicklung  des  südrussischen
Eisenindustriegebietes  121
Literatur  .  .  129
        <pb n="4" />
        Vorwort.

Die  Arbeit  zerfällt  in  zwei  Teile.  Der  erste  Teil  behandelt
die  geschichtliche  Entwicklung  der  südrussischen  Eisenindustrie,
der  zweite  sucht  eine  Analyse  ihrer  gegenwärtigen  Lage  zu  geben.
Der  Begriff  „Eisenindustrie“  umfaßt  drei  technisch  selbständige
Produktionsprozesse:  Robeisengewinnung,  dann  dessen  Verarbeitung
in  sogen.  Halbzeug  und  endlich  Herstellung  des  fertigen  Produktes.
Für  die  klare  Begrenzung  des  Themas  machte  es  einige  Schwierigkeiten, ­
  daß  das  fertige  Produkt  —  Eisen  und  Stahl  —  in  einigen
südrussischen  Eisenwerken  zum  Teil  wieder  als  Rohstoff  für  weitere
maschinelle  Verarbeitung  erscheint,  sodaß  diese  Verarbeitung  einen
vierten  Produktionsabschnitt  bildet.  Das  nötigte  oft  dazu,  die
Schranken  der  gestellten  Aufgabe  zu  überschreiten.
Um  die  Entstehung  und  Entwicklung  der  südrussischen  Eisenindustrie ­
  möglichst  übersichtlich  darzustellen,  war  es  notwendig,  als
Einleitung  zur  Arbeit  eine  Betrachtung  der  vorkapitalistischen  Periode
der  gesamten  russischen  Eisenindustrie  vorauszuschicken  und  ebenso
bei  der  Betrachtung  der  einzelnen  Perioden  der  Geschichte  der
südrussischen  Eisenindustrie  auch  die  allgemeine  volkswirtschaftliche
Lage  Rußlands  zu  berücksichtigen.
Nun  noch  einige  Worte  über  den  Charakter  der  Quellen.  Die
Mehrzahl  der  von  mir  benutzten  Quellen  können  nicht  als  erste  oder
ursprüngliche  angesprochen  werden.  Was  die  Zeit  vor  Peter  d.  Großen
betrifft,  so  fehlen  hier  entweder  überhaupt  die  Quellen,  oder  sie
sind  noch  ganz  unbearbeitet,  so  daß  ihre  Benutzung  für  mich  ausgeschlossen ­
  war.  Die  geschichtlichen  Angaben  insbesondere  über
die  südrussische  Eisenindustrie  sind  meistenteils  sehr  spärlich  und
beschränken  sich  hauptsächlich  auf  eine  kurze  Beschreibung  der
südrussischen  Eisenwerke.  Für  die  Gegenwart  fließen  die  Quellen,
besonders  die  statistischer  Art,  reichlicher,  dafür  sind  sie  aber  mit
einer  gewissen  Vorsicht  zu  benutzen,  da  sie  manchmal  den  tatsächlichen ­
  Verhältnissen  nicht  ganz  entsprechen.
Allen  denen,  die  mir  bei  der  Abfassung  der  Arbeit  mit  Rat
und  Tat  geholfen  haben,  insbesondere  Herrn  Professor  Karl  Bücher,
sage  ich  an  dieser  Stelle  meinen  herzlichen  Dank.
        <pb n="5" />
        Gewichte,  Maße  und  Münzen.
1  Pud  (=  40  russ.  Pfund)  =  16,38  Kilogramm.
1  Werst  (=  500  Faden)  —  1,0678  Kilometer.
1  Dessjatine  (=  2400  Quadratfaden)  =  1,0925  Hektar.
1  Rubel  (=  100  Kopeken)  —  2,16  Mark.
        <pb n="6" />
        Einleitung.
Kapitel  I.
Entstehung  und  Entwicklungsgang  der  Eisenindustrie
in  Rußland  bis  zur  Bauernbefreiung.
1.  Die  Anfänge  der  Eisenindustrie  in  Rußland.
Die  Eisengewinnung  ist  in  Rußland  schon  seit  alten  Zeiten  bekannt. ­
  Es  gibt  Angaben,  daß  schon  vor  Rjuriks  Zeit  sich  Schmiede
nicht  weit  von  der  Stadt  Ustjuschna,  in  dem  jetzigen  Gouvernement
Nowgorod  befanden 1 .  Ustjuschna  trägt  von  alten  Zeiten  her  im
russischen  einen  Namen  der  etwa  mit  „Ustjuschna  im  Eisengefilde; 1
zu  übersetzen  wäre.  Außerdem  förderte  man  das  Eisenerz  auch  in
den  Gouvernements  Tula  und  Olouetz 1  2 .  Es  ist  unbestimmt,  ob  in
allen  diesen  Orten  die  slavischen  Stämme  von  Anfang  an  sich  mit
der  Eisengewinnung  beschäftigten.  Die  Quellen  sprechen  sich  mehr
für  die  alten  tschudischen  Bewohner  aus,  welche  damals  im  Europäischen ­
  Rußland  zwischen  dem  Uralgebirge  und  der  Ostsee  verbreitet ­
  waren.  Man  muß  darunter  eigentlich  kein  bestimmtes  Volk
verstehen,  sondern  verschiedene  ugro-finnische  Stämme 3 .
Über  die  Gewinnung  und  Bearbeitung  der  Eisenerze  in  diesen
alten  Zeiten  sind  uns  nur  wenige  Tatsachen  bekannt.  In  Ustjuschna
verwendete  man  Eisenerz,  welches  meistens  aus  den  Sümpfen  gewonnen ­
  wurde.  Im  Gouvernement  Tula  dagegen  förderte  man  es
gewöhnlich  aus  primitiven  Erzgruben.
Die  Betriebsweise  war  sehr  primitiv.  Das  Schmelzen  fand  in
kleinen  Herden  statt,  die  anfänglich  durch  keinen  Blasebalg  bedient
wurden  und  in  welchen  das  Eisenerz  mit  trockenem  Holz  aufgeschichtet ­
  wurde 4 .  Später  bedeckte  man  das  Eisenerz  mit  Holzkohle
und  schürte  das  Feuer  durch  primitive  Gebläse.  Selbstverständlich
wurde  das  Eisen  bei  diesem  Verfahren  nicht  in  geschmolzenem
Zustande,  sondern  in  teigigem  (Schweißeisen)  und  durch  zahlreiche
Schlacke  verunreinigt,  gewonnen.  Der  Schmied  vereinigte  in  seiner
1  Brandt,  Axisländische  Kapitalien,  8.  1,  (russisch).
2  Poletika,  Uber  die  russische  Eisenindustrie,  St.  Petersburg  1864,  S.  23,
(russisch).
3  Beck,  Die  Geschichte  des  Eisens,  I,  Braunschweig  1890,  8.  274.
4  Poletika,  a.  a.  0.,  S.  5.
        <pb n="7" />
        8

Person  alle  Arbeitsprozesse.  Er  förderte  das  Eisenerz,  brannte  die
Holzkohle  und  stellte  das  fertige  Produkt  her 1 .
Jahrhunderte  lang  dauerten  diese  Verhältnisse.  Die  Schmiedekunst ­
  geht  vom  Vater  auf  den  Sohn  usw.  über.  In  Ortschaften  wie
der  Stadt  Tula  finden  wir  alte  Geschlechter,  welche  sich  seit  jeher
mit  der  Eisenbereitung  beschäftigt  haben 1  2 .
2,  Die  ersten  staatlichen  Werke  im  16.  und  17.  Jahrhundert.
Bis  zum  15.  Jahrhundert  befriedigte  man  die  ganzen  hauswirtschaftlichen ­
  Bedürfnisse  durch  dieses  bäuerliche  Gewerbe,  und  nur
die  Rücksichten  auf  den  Krieg  zwangen  die  Regierung,  Bewaffnungsund ­
  Kriegsmaterial  vom  Auslande  zu  beziehen.
Mit  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  einerseits  und  der  Verfeinerung ­
  der  Kriegstechnik  andererseits  wuchs  aber  beständig  der
Bedarf  an  Eisen.  Beinahe  ununterbrochene  Kriege,  welche  das
moskowitische  Reich  mit  seinen  Nachbarn  führte,  zwangen  es,  sich
in  bezug  auf  das  Kriegsmaterial  vom  Auslande  unabhängig  zu
machen.  Das  wurde  um  so  notwendiger,  als  die  an  der  westlichen
Grenze  liegenden  Staaten  —  die  Königreiche  Polen  und  Schweden  —
die  Waffendurchfuhr  nach  Rußland  durch  ihre  ständigen  Verbote
so  gut  wie  unmöglich  machten.  Man  bemühte  sich  deshalb  zuerst,
um  das  zu  umgehen,  das  Eisen  in  natura  nach  Rußland  zu  bekommen ­
  und  es  hier  weiter  zu  Waffen  zu  verarbeiten.  So
wurde  schon  gegen  Ende  des  15.  Jahrhunderts  mit  Hilfe  der  Ausländer ­
  in  Moskau  eine  „Kanonenwerkstätte“  errichtet 3 .  Später  bemühte ­
  sich  das  moskowitische  Reich  auch,  eigene  Eisenwerke  zu
gründen  und  erfahrene  Meister  vom  Auslande  ins  Land  zu  ziehen.
Diese  Bemühungen  waren  zuerst  meist  ohne  Erfolg.  So  gestattete
Iwan  der  Schreckliche  im  Jahre  1569  den  Engländern,  Eisenwerke
an  dem  Flusse  Wischera  zu  erbauen 4 .  Man  wollte  dort  eine  Art
von  Hochöfen  errichten,  es  muß  aber  die  Sache  nicht  gelungen  sein,
da  über  die  weitere  Existenz  der  Werke  Nachrichten  fehlen.
Im  17.  Jahrhundert  finden  wir  bedeutend  größere  Erfolge  in
dieser  Richtung.  Mit  Genehmigung  oder  vielmehr  Begünstigung  der
Regierung  wurde  in  dieser  Zeit  eine  Reihe  von  Eisenwerken  durch
Ausländer  erbaut.  Die  Ausländer  bekamen  gewöhnlich  große  Flächen
von  eisenhaltigem  Grund  und  Boden  nebst  Wäldern,  man  sicherte
ihnen  Staatsbestellungen  zu,  manchmal  nahmen  sie  sogar  eine  Monopol-1

  Sartisson,  Beiträge  zur  Geschichte  und  Statistik  des  russischen  Bergbaus ­
  und  Hüttenwesens,  Heidelberg  1900,  S.  10.
3  Storch,  Historisch-statistisches  Gemälde  von  Rußland,  Leipzig  1803.
III,  S.  316.
s  Dehn,Steinkohlen-  und  Eisenindustrie,  St.  Petersburg  1907,  S.99(russisch).
4  Poletika,  a.  a.  0.  S.  24.
        <pb n="8" />
        9

Stellung  ein.  So  erteilte  z.  B.  der  Zar  Alexei  Michailowitsch  dem
Holländer  Winius  im  Jahre  1632  ein  Privileg,  laut  dessen  er  zehn
Jahre  von  jeder  Steuer  im  Lande  befreit  war  und  außerdem  das
Vorrecht  hatte,  sich  ausschließlich  und  allein  im  Reiche  mit  der
Eisenproduktion  zu  beschäftigen 1 .  Zu  dieser  Zeit  wurde  auch  das
erste  Eisenwerk  im  Uralgebirge  errichtet  (1631),  wo  das  erste  Eisen
im  Jahre  1628  zufällig  von  einem  Tataren  gefunden  worden  ist.
Am  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  wurden  in  Rußland  die  ersten
Hochöfen  in  Gang  gesetzt,  daneben  aber  blieben  noch  immer  viele
Betriebe  bestehen,  die  aus  den  einfachen  Herden  bestanden.  So
oder  anders  forderten  die  Betriebe  von  jetzt  an  immer  mehr  Arbeitskräfte. ­
  Darum  schenkten  die  russischen  Zaren  sowohl  einzelne  Bauern
als  auch  ganze  Bauerndörfer  an  die  damaligen  „Hüttenmänner“.  So
hat  Zar  Alexei  Michailowitsch  einem  Holländer  Marselius  vierhundert
Bauern,  einem  anderen  zweihundert  usw.  als  Arbeiter  geschenkt 1  2 .
Die  Entwicklung  der  Eisenindustrie  schritt  in  dieser  Zeit
aber  immerhin  nur  langsam  vorwärts.  Die  unbedeutenden  und
wenig  eisenhaltigen  Tulaschen  Eisenerze,  die  ungenügenden  Arbeitskräfte ­
  verhinderten  die  Produktivität  des  Arbeitsverfahrens.  Man
mußte  immer  noch  bedeutende  Mengen  von  Eisen  und  insbesondere
von  Eisenerzeugnissen  vom  Auslande  beziehen,  welche  entweder
über  Cholmogory  (später  Archangelsk)  oder  über  die  Ostseehäfen
eingeführt  wurden,  welche  letzteren  Häfen  aber  damals  Schweden
gehörten.
3.  Die  Eisenindustrie  im  18.  Jahrhundert.
Die  erste  bedeutende  Vermehrung  der  russischen  Eisenproduktion
sehen  wir  unter  Peter  d.  Großen.  Seit  dieser  Zeit  erst  hat  sie,  auf
der  Massenverwendung  der  Leibeigenschaftsarbeit  beruhend,  die
eigentliche  industrielle  Form  angenommen.
Die  größte  Aufmerksamkeit  Peters  d.  Großen  hat  von  Anfang
an  das  Uralgebirge  erweckt,  wo  im  Jahre  1703  einige  wichtige
Eisengruben  entdeckt  worden  waren.  Um  die  rasche  Kolonisation
des  Gebietes  zu  ermöglichen,  wurde  von  ihm  in  demselben  Jahre
ein  Ukas  über  die  Fesselung  der  Leibeigenen  an  die  Bergwerke  und
die  Fabriken  erlassen.  Das  Ergebnis  davon  war  eine  lebhafte
Tätigkeit  in  fast  wilden  Winkeln  des  Gebirges;  die  Zahl  der  staatlichen ­
  Werke  wuchs  schon  in  wenigen  Jahren  über  ein  Dutzend
hinaus  und  das  Uralgebiet  fing  an,  in  der  weiteren  Geschichte  der
russischen  Eisenindustrie  eine  leitende  Rolle  zu  spielen.
Die  Gründungstätigkeit  der  Werke  schritt  aber  auch  in  anderen
Gebieten  vorwärts,  da  sich  der  Staat  bei  der  Förderung  der  Eisen1 ­

  Poletika,  a.  a.  0.,  S.  24.
2  Beck,  a.  a.  0.,  Bd.  U,  S.  1301.
        <pb n="9" />
        10

industrie  von  Anfang  an  das  Ziel  gesteckt  hatte,  auf  kriegerischem
Gebiete  Rußland  unabhängig  von  dem  Auslande  zu  machen.  Das
äußerte  sich  in  einem  raschen  Wachstum  der  staatlichen  Gewehrfabriken. ­

Mau  begann  aber  auch,  den  Privatbergbau  stark  zu  begünstigen;
die  alten  Bergrechtsprinzipien  wurden  zugunsten  der  Privatunternehmer
verändert.  Seit  alten  Zeiten  waren  nämlich  alle  Bodenschätze  als
Privateigentum  des  Zaren  angesehen  worden.  Jetzt  verlieh  man
mehrere  sehr  merkwürdige  Privilegien 1 ,  die  das  Aufsuchen  der  Erze
und  die  Anlegung  von  Bergwerken  befördern  sollten.  1719  erschien
das  berühmte  „Berg-Privilegium“,  welches  alle  Züge  der  Bergfreiheit
an  sich  trug:  „Es  wird  jedermann  gestattet,  ohne  Rücksicht  darauf,
was  für  einen  Titel  und  was  für  eine  Stellung  er  hat,  in  allen
Grundstücken,  in  eigenen  und  in  fremden,  alle  Metalle  zu  suchen,
zu  verhütten  und  zu  reinigen“ 1  2 .
Durch  den  Ukas  vom  Jahre  1720  wurden  diese  Privilegien  auf
alle  Ausländer  ohne  Unterschied  ausgedehnt.  Diese  Maßregeln
hatten  zur  Folge,  daß  eine  Reihe  von  Privatwerken  gegründet  wurde.
Außerdem  waren  auch  viele  Staatswerke  an  Privatunternehmer  übergegangen. ­
  Am  Ende  der  Regierung  Peters  d.  Großen  war  bereits
eine  großartige  Eisenindustrie  entstanden,  und  wenn  am  Anfang
seiner  Regierung  die  Gesamtzahl  der  Eisenwerke  kaum  zehn  ausmachte,
  so  hatte  diese  Zahl  bei  seinem  Tode  hundert  überschritten.
Die  Roheisenproduktion  im  Jahre  1725  überstieg  6  500000  Pud.
Bald  deckte  sie  nicht  nur  den  vorhandenen  Eisenbedarf  im  Lande,
sondern  erschien  sogar  auch  als  exportfähig.
Der  Eisenbedarf  war  damals  sehr  beschränkt;  der  Hauptkonsument ­
  war  der  Staat  selbst;  die  hauswirtschaftlichen  Bedürfnisse
der  überwiegenden  Bauernbevölkerung  konnten  für  die  Eisenindustrie
so  gut  wie  keine  Bedeutung  haben,  sodaß  diese  bald  auf  den  Export
angewiesen  war,  wenn  sie  gedeihen  wollte.  1716  kam  das  erste
russische  Eisen  nach  England 3 ,  welches  der  bekannte  Großgrundbesitzer ­
  im  Ural,  Nikita  Demidow  auf  Kosten  des  Zaren  nach  dem
Auslande  ausführen  mußte 4  5 ;  der  Export  nahm  seitdem  ständig  zu,
man  transportierte  das  Eisen  über  Archangelsk  und  St.  Petersburg.
Uber  die  Betriebsweise  der  Eisenhütten  jener  Zeit  wissen  wir
nicht  viel.  Die  Hochöfen  waren  klein,  sie  hatten  viereckige  Schächte
aus  einem  sehr  dicken  Mauerwerk  von  Ziegelstein  und  lieferten  nicht
über  200  Pud  Roheisen  täglich 6 .  Man  heizte  sie  selbstverständlich
mit  Holzkohle,  die  bei  den  Werken  in  den  umliegenden  Urwäldern

1  Storch,  a.  a.  O.,  II,  S.  490.
2  Struckgoff,  Lehrbuch  des  Bergrechts,  St.  Petersburg  1907,  S.  66.
3  Beck,  a.  a.  O.,  Bd.  III,  S.  1127.
4  Brandt,  a.  a.  O.,  S.  8.
5  Beck,  a.  a.  0.,  Bd.  III,  S.  1126.
        <pb n="10" />
        11

gebrannt  wurde.  Als  Arbeitskräfte  erscheinen  ausländische  erfahrene
Bergleute,  von  Peter  nach  Kußland  gerufen,  dann  Tulasche  Schmiede,
die  man,  um  dem  Mangel  an  qualifizierten  Arbeitern  abzuhelfen,  in
großen  Mengen  im  Uralgebirge  angesiedelt  hatte,  dann  ganz  ungebildete ­
  Arbeitskräfte,  wie  Leibeigene,  welche  nach  den  Ukasen  von
1703,  1720  und  1723  massenhaft  nach  dem  Uralgebirge  verpflanzt
wurden.  Unter  den  damaligen  Verhältnissen  war  es  völlig  ausgeschlossen, ­
  freie  Arbeiter  zu  bekommen,  andererseits  konnte  man
wegen  der  niedrigen  Technik  auch  die  Kräfte  der  Leibeigenen
produktiv  ausnützen:  erstens  waren  sie  außerordentlich  billig  und
zweitens  konnte  man  sie  massenhaft  verwenden.
In  der  zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  nahm  die  russische
Eisenindustrie  außerordentlich  zu.  1767  waren  schon  140  private
und  staatliche  Werke  im  Betriebe 1 .  Für  das  ganze  Keich  schätzte
man  im  Jahre  1789  die  Zahl  der  Hochöfen  allein  auf  100.
Die  Produktion  von  Schmiedeeisen  hatte  in  diesem  Jahre  5  Millionen
Pud  (82  000  t)  erreicht,  wozu  7 1 / a  bis  8  Millionen  Pud  Roheisen
nötig  waren 2 .  Gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  ist  die  Gesamtproduktion ­
  von  Roheisen  auf  nicht  weniger  als  rund  9  Millionen
Pud  anzuschlagen.  In  dieser  Entwicklung  nahm  das  Uralgebirge
den  ersten  Platz  ein,  so  daß  seine  Produktion  durchschnittlich  75°/,&amp;gt;
der  Gesamtproduktion  .bildete.
Parallel  der  Eisenproduktion  ging  die  Eisenausfuhr.  Wenn  im
Jahre  1760  die  Gesamtausfuhr  erst  820000  Pud  erreichte,  so  stieg
sie  während  der  90er  Jahre  über  durchschnittlich  drei  Millionen
Pud  hinaus,  was  nicht  weniger  als  die  Hälfte  der  russischen  Gesamtproduktion ­
  ausmachte.  Die  Gesamtsumme  aller  nach  dem  Auslande
gelieferten  Eisenprodukte  betrug  im  Jahre  1794  5  204125  Rbl.
und  behauptete  nach  Hanf  und  Elachs  die  erste  Stelle  aller  Exportartikel ­
  Rußlands 8 .  Hauptmarkt  für  russisches  Eisen  war  von  Anfang
an  England.  So  betrug  die  russische  Ausfuhr  in  Tonnen 4 :

Jahr

von  Archangelsk

von  St.  Petersburg

nach  England

überhaupt

nach  England

überhaupt

1795

64

106

2023

_

1796

104

152

1837

2  329

1797

125

172

1579

1857

1798

97

157

2  345

2  689

1  Brandt,  a.  a.  O.  S.  11.
^  Beck,  a.  a.  O..  Bd.  Hl,  8.  1134.
3  Keppen,  Materialien  zur  Geschichte  des  Bergbaus  in  Südrußland,
Charkow  1899,  S.  6  (russisch).
3  Beek,  a.  a.  0.,  Bd.  HI,  S.  1085.
        <pb n="11" />
        12

Die  Ursachen,  welche  die  Entwicklung  der  Eisenindustrie  in
Rußland  bedingten  und  aus  dem  eisenhungrigen  ein  eisengebendes
Land  gemacht  hatten,  so  daß  in  kurzer  Zeit  die  Eisenproduktion
Rußlands  z.  ß.  die  englische  beinahe  um  das  Doppelte  überflügelt
hatte,  lagen  in  erster  Linie  in  den  technischen  Verhältnissen  der
Eisenproduktion  der  damaligen  Zeit.  Wie  bekannt,  brauchte  man
in  Europa  für  Hochöfen  im  17.  und  bis  Mitte  des  18.  Jahrhunderts
ausschließlich  Holzkohle;  die  Verwendung  der  Steinkohle  wurde
erst  später  entdeckt.  Da  die  Eisenverhüttung  großer  Mengen
der  Holzkohle  bedurfte  und  eine  rasche  Entwaldung  großer  Gebiete
mit  sich  brachte,  mußten  einige  europäische  Länder  dadurch  in
ernste  Not  geraten.  So  machte  sich  in  England  noch  am  Anfang
des  17.  Jahrhunderts  infolge  der  fortschreitenden  Roheisenverhüttung
und  der  damit  zusammenhängenden  Entwaldung  ein  zunehmender
Holzmangel  fühlbar 1 .  Alle  Gesetze  der  Königin  Elisabeth  hatten
diese  Erscheinung  nicht  aufhalten  können.  »Der  größte  Holzverschlinger
  war  die  Eisenindustrie.  Notschreie  ertönten  von  allen
Seiten 1  2 .“  Noch  schlimmer  waren  die  Verhältnisse  in  der  ersten
Hälfte  des  18.  Jahrhunderts.  Durch  Holzmangel  wurde  England
gezwungen,  den  größten  Teil  seines  Eisenbedarfs  aus  dem  Auslande
zu  beziehen,  während  die  Roheisenproduktion  immer  mehr  sank.
Das  bestätigt  auch  ein  starker  Rückgang  der  Zahl  der  Hochöfen
Seit  der  Zeit  der  Dudleys  (Anf.  d.  17.  Jahrh.)  verminderte  sich  ihre
Zahl  von  300  auf  59  im  Jahre  1740 3 .
Auch  im  damaligen  Frankreich  schritt  die  Entwaldung  mächtig
vorwärts;  auch  da  schuf  sie  der  Regierung  wachsende  Sorgen,  da
sie  ihrem  Bestreben,  die  Eisenindustrie  zu  heben,  im  Wege  stand.
Man  erließ  schon  zu  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  Verordnungen
gegen  den  übermäßigen  Hoizverbrauch  —  doch  ohne  Erfolg 4 .
Die  einzigen  Länder,  wo  die  Wälder  nicht  erschöpft  waren,
waren  Rußland  und  Schweden.  Und  diese  Länder  wurden  daher
wegen  ihrer  monopolistischen  Stellung  die  Hauptlieferanten  des  Eisens
auf  dem  Weltmärkte.  Insbesondere  befand  sich  der  Ural  in  günstiger
Lage.  Große  Urwälder  einerseits,  reiche,  leicht  schmelzbare  Eisenerze ­
  andererseits,  relativ  einfache  Technik  des  Hochofenprozesses,
endlich  Billigkeit  der  Arbeitskräfte  haben  die  Möglichkeit  eines
raschen  Aufschwunges  der  Eisenindustrie  geschaffen.  Wie  billig
speziell  die  Arbeitskräfte  waren,  zeigen  die  Löhne,  welche  in  den
Eisenwerken  die  Bergleute  und  Hüttenarbeiter  bekamen.  So  sollte
am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  ein  Arbeiter  mit  einem  Pferde  auf
Befehl  Katharinas  II.  im  Sommer  täglich  20,  im  Winter  12  Kopeken
1  Beck,  a.  a,  0.,  Bd.  II,  S.  1242.
2  Beck,  a.  a.  0.,  Bd.  II.  S.  1246.
3  Beck,  a.  a.  0.,  Bd.  III,  S.  1063.
4  Beck,  a.  a.  0.  Bd.  III,  S.  1003.
        <pb n="12" />
        13

bekommen,  ein  Arbeiter  ohne  Pferd  im  Sommer  10,  im  Winter
8  Kopeken'.
Alle  diese  Produktionsverhältnisse  hatten  niedrige  Produktionskosten ­
  zur  Folge,  besonders  in  den  privaten  Eisenwerken,  wo  die
Betriebsorganisation  bedeutend  vollkommener  war.  Man  bekam  das
Stabeisen  z.  B.  bei  mehreren  Privatbütten  unter  40  Kop.,  bei  vielen
zwischen  40  und  45  Kop.  und  selten  über  50  Kop.  Der  Transport
von  einem  Pud  Eisen  kostete  nach  St.  Petersburg  15—25  Kop. 1  2  3  * .
Es  war  also  eine  rein  extensive  Betriebsorganisation  vorhanden,  deren
Hauptgründe  die  billigen  Arbeitskräfte  und  Rohstoffe  bei  einfacher
Technik  waren.  Dank  allen  erwähnten  Produktionsverhältnissen
kamen  England,  wie  auch  andere  holzarme  Staaten  immer  mehr
in  die  Abhängigkeit  von  russischem  Eisen  und  mußten  damit  an
Rußland  immer  höhere  Preise  zahlen.
4.  Die  Zeit  von  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  bis
zur  Bauernbefreiung.
Die  Zeit  der  Blüte  der  russischen  Eisenindustrie  dauerte  aber
nicht  lange.  Schon  am  Ende  der  90er  Jahre  des  18.  Jahrhunderts
erschienen  die  ersten  ungünstigen  Symptome,  die  immer  weiter  griffen.
Damit  kam  die  russische  Eisenindustrie  allmählich  in  die  Periode,
die  mit  dem  technischen  Rückgang  und  der  Produktionsstabilisierung
verbunden  war.  Die  Periode  dauerte  ungefähr  von  Anfang  bis  zur
Mitte  des  19.  Jahrhunderts.  Die  Produktion  blieb  in  dieser  Zeit
beinahe  stabil,  während  der  Export  des  Eisens  nicht  nur  relativ,
sondern  auch  absolut  abnahm.  Es  betrug  in  1000  Pud 8 :

Jahr

Roheisenproduktion ­


Eisenausfuhr

Jahr

Roheisenproduktion ­


Eisenausfuhr

1810

9756

1290

1835

10655

1295

1822

9  334

1198

1840

11332

716

1825

9  645

1336

1845

11433

664

1830

11169

1058

1849

11556

520

Das  russische  Eisen  war  also  im  Jahre  1850  vom  ausländischen
Markte  beinahe  vollständig  verdrängt  worden  und  die  Ursache  der
Veränderung  in  den  Ausfuhrverhältnissen  auf  die  technische  Revolution
in  der  Eisengewinnung  in  Westeuropa,  vor  allem  in  England  zurückzuführen. ­

Wie  wir  sahen,  war  in  der  ersten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts
in  England  der  Holzkohlenverbrauch  für  Eisenverhüttung  und  -Verarbeitung ­
  die  Hauptursache  des  dauernden  Stillstandes  sowie  des
Rückganges  in  der  Eisengewinnung  gewesen  und  damit  auch  die  Ur-1
  Storch,  a.  a.  O.,  Bd.  II,  S.  643.
*  Storch,  a.  a.  0.,  Bd.  II,  S.  520.
3  Pokrowski,  Tatsachen  über  die  Geschichte  und  Statistik  des  auswärtigen ­
  Handels  Rußlands,  Sbd.  I,  St.  Petersburg  1902,  Tabellen  B,S.  61  (russisch).
        <pb n="13" />
        14

Sache  der  Abhängigkeit  Englands  vom  russischen  Eisenexport.  England ­
  bemühte  sich  schon  seit  Anfang  des  18.  Jahrhunderts,  diesen
Zustand  zu  beseitigen.  Nach  vielen  Versuchen  wurde  noch  im
Jahre  1735  seitens  Abraham  Darbys  die  Verhüttung  der  Roheisen
mit  Koks  mit  Erfolg  vorgenommen,  und  allmählich  fing  die  Verhüttung ­
  mit  Koks  an  sich  zu  entwickeln 1 .
Während  im  Jahre  1740  eigentlich  noch  keine  Kokshochöfen,
dagegen  59  Holzkohlenhochöfen  existierten,  waren  im  Jahre  1788
in  Großbritannien  nur  26  Holzkohlenhochöfen  und  59  Kokshochöfen
im  Betriebe 1  2  3 .  1796  hatte  man  den  Betrieb  mit  Holzkohle  fast  aufgegeben. ­
  Die  andere  Sorge  ging  darauf,  die  weitere  Verarbeitung
des  Roheisens  mit  Steinkohle  zu  ermöglichen.  Im  Jahre  1785
gelang  es  Henry  Oort,  den  Puddelprozeß  zu  erfinden 8 .  Durch  diese
beiden  Errungenschaften  machte  sich  England  gänzlich  von  den
Holzkohlen  unabhängig.  Durch  die  Verwendung  der  Steinkohle  und
Benutzung  verschiedener  technischer  Erfindungen,  besonders  der
Dampfkraft,  konnte  es  bald  alle  anderen  Länder  in  der  Eisenproduktion ­
  weit  überflügeln.  Die  Eisenproduktion  Großbritanniens  machte
in  dieser  Zeit  einen  mächtigen  Sprung  vorwärts.  Sie  betrug  in  Tons 4  5 :

Jahr

Roheisen

J  ahr

Roheisen

1770

32  000

1796

125000

1790

SO  000

1800

152000

Eine  unmittelbare  Folge  dieser  technischen  Revolution  war  ein
Sinken  der  Eisenpreise  in  England 6 .  Die  russische  Regierung  hat
diese  Erscheinung  vollständig  unberücksichtigt  gelassen:  ,.Rußland“,
schreibt  Beck 6 ,  „in  dem  Glauben,  daß  England  sein  Eisen  nicht
entbehren  könne,  erhöhte  im  Jahre  1770  seine  Preise  von  70  auf
80  Kop.  für  das  Pud  Roheisen,  auf  200  bis  220  Kop.  für  ,neue
Zobel*  (sable)  und  auf  250  Kop.  für  die  besten  ,alten  Zobel“.
1794  gewährte  die  Regierung  den  Eisenwerksbesitzern  Darlehen  auf
ihr  Eisen,  um  sie  in  den  Stand  zu  setzen,  die  Engländer  zu  beliebig
hohen  Preisen  zu  zwingen“.  Selbstverständlich  wurde  damit  das
russische  Eisen  von  dem  englischen  Markt  vollständig  verdrängt.
Der  Stillstand  in  der  russischen  Eisenindustrie  ist  aber  nicht
nur  durch  die  Verdrängung  von  dem  ausländischen  Markte  gekennzeichnet. ­
  Auch  die  russische  Eisenindustrie  selbst  erlebte  seit
Anfang  des  19.  Jahrhunderts  einen  bedeutenden  Rückgang,  was  auf

1  Beck,  a.  a.  O.,  Bd.  III,  8.  1067.
2  Beck,  a.  a.  0.,  Bd.  HI,  S.  1079.
3  Beck,  a.  a.  0.,  Bd.  1H,  S.  1073.
4  Beck,  a.  a.  0.,  Bd.  III,  S.  1079.
5  Tugan-Baranowski,  Die  russische  Fabrik,  1898,  S.  80  (russisch).
6  Beck,  a.  a,  0.,  Bd.  III,  8.  1150.
        <pb n="14" />
        15

die  damals  in  der  russischen  Eisenindustrie  herrschenden  Produktionsverhältnisse ­
  zurückzuführen  ist.  Die  Unrentabilität  der  Staatseisenwerke ­
  noch  unter  Peters  Nachfolgern,  wie  auch  andere  Ursachen,
hatten  zur  Folge,  daß  die  meisten  uralischen  Eisenwerke  an  den
Adel  und  die  Hofgünstlinge  übergingen.  Ein  kleiner  Kreis
von  Personen,  die  eigentlich  mit  dem  Bergbau  nichts  zu  tun  hatten,
bekam  die  riesigen  Grund-  und  Bodenflächen  mit  reichen  Eisenerzlagern ­
  und  Urwäldern  mit  „zugeschriebenen“  ganzen  Dörfern  von
Leibeigenen,  welche  als  lebendiges  Inventar  mit  den  Werken  verbunden ­
  waren.  Dazu  haben,  nach  Besobrasows  ßechnung,  die
privaten  Eisenwerke  auch  bares  Geld  im  Betrage  von  etwa
15  Millionen  Rubel  bekommen 1 .  Die  Unternehmer  hatten  nach
verschiedenen  Bergprivilegien  das  Recht  der  eigenen  Justiz,  eigenen
Polizei  usw.  Aber  diese  schon  an  sich  privilegierte  Lage  wurde
durch  weitere  Umstände  zur  rein  monopolistischen.  Diese  Umstände
waren  von  zweierlei  Art.
Erstens  war  im  Jahre  1784  das  bekannte  Bergprivileg  Peters
des  Großen,  welches,  wie  wir  gesehen  haben,  einige  bergfreiheitliche
Züge  hatte,  nach  sechzigjähriger  Existenz  aufgehoben  worden.  In
dem  neuen  Berggesetz  wurde  das  Besitzrecht  auf  Grund  und  Boden
auch  mit  dem  Besitzrechte  auf  unterirdische  Schätze  verbunden.
Die  uralischen  Großgrundbesitzer  konnten  also  jetzt  wegen  ihrer
Eisensteinlager  ganz  sicher  sein.
Als  zweite  Ursache  müssen  wir  die  streng  merkantilistische  Zollpolitik ­
  der  russischen  Regierung  ansehen,  welche  sich  am  Anfang  des
19.  Jahrhunderts  in  eine  ganz  prohibitive  verwandelte.  Die  Zölle
betrugen  in  Kopeken 1 :

Tarif  vom
Jahre

Roheisen

Stabeisen

Schweißeisen ­


Eisenblech ­


Stahl

Eisenerzeugnisse,Schmiede ­
 ­


pro  Berkowez

pro  3  Pud

pro  Berkow.

1724

5°/o

37,5%

37,5  %
(d.Preises)

37,5%
(d.Preises)

12

(d.Preises)

(d.Preises)

proBerkow.

25

1731

25

50

20

75

12,5

100

(Seezoll)

(30)

(60)

(60)

(200)

(18)

(300)

1757

78

78

78  ■
(d.Preises)

260

78

390

1766

180

235,25

200
(d.Preises)

600

125,25

1200

1775

180

235

200

600

126,5

1200

1782

300

240

V  erboten

600

126

1200

1792

Verboten

V  erboten

Verboten

150

Verboten

1797

»  •

»

130
(pro  Pud)

”

1816

»

”

&amp;gt;,

30

»

1  Tugan-Baranowski,  a.  a.  O.,  8.  79.
        <pb n="15" />
        16

Wie  stark  monopolistisch  die  Lage  damals  war,  läßt  sich  aus  der
Höhe  der  erhaltenen  Gewinne  beweisen.  Es  betrugen  im  Jahre  1848/49 1 :

Sorten

Selbstkosten
Kop.

Verkaufspreis
Kop.

Gewinn  pro  Pud
°/
Io

Verschiedene

53

114

132

Eisensorten  1

60

200

250

1

57

114

117

Verschiedene

65

171

180

Stahlsorten  1

90

286

230

l

78

214

191

Diese  Monopolstellung  der  kleinen  Gruppe  von  Adligen  hatte  zur
Folge,  daß  die  uralische  Eisenindustrie  nicht  den  geringsten  Antrieb
durch  Konkurrenz  erfuhr,  was  allmählich  zur  vollständigenDegradierung
der  Betriebsorganisation  und  zu  technischer  Bückständigkeit  führte.
Als  die  wichtigste  Ursache  dieser  Degradierung  ist  aber  die
Leibeigenschaft  anzusehen.  Die  Leibeigenschaftsarbeit  konnte  nur
unter  zwei  Voraussetzungen  produktiv  sein:  bei  extensivem  Bergbau
und  massenhafter  Vernichtung  der  Naturschätze  einerseits,  und  bei
einfacher  Technik  und  primitiver  Betriebsorganisation  andererseits.
Der  hundertjährige  Bergbau  im  Uralgebirge  mußte  aber  endlich  dazu
führen,  daß  eine  Menge  von  den  umliegenden  Wäldern  vernichtet
wurde.  Außerdem  mußten  auch  einige  wichtige  Eisenerzgruben  wegen
des  Raubbaues  versiegen.  Das  alles  mußte  eine  Verteuerung  der
Rohstoffe  mit  sich  bringen.  Dazu  kam  die  Intensivierung  des  Betriebes ­
  in  Frage,  die  aber  bei  der  Leibeigenschaft  so  gut  wie  ausgeschlossen ­
  war.  Wenn  früher  bei  der  einfachen  Technik  die  Leibeigenenarbeit ­
  Voraussetzung  der  rasch  wachsenden  Eisenindustrie
war,  so  erschien  sie  jetzt  als  stärkstes  Hindernis  der  industriellen
Entwicklung.  Infolge  aller  dieser  Verhältnisse  ergab  sich  ein  immer
weiterschreitender  Rückgang  der  russischen  Eisenindustrie.
Besonders  schlimm  war  die  Lage  der  Staatswerke;  wegen  größerer
Unterschlagungen,  Vernachlässigungen  und  rein  bürokratischer  Leitung
blieben  sie  außerdem  auch  verlustbringend.  In  diesen  Werken  war
der  technische  Rückgang  noch  fühlbarer.  Schon  der  Krimkrieg  hat
mit  Klarheit  gezeigt,  daß  hier  vollständige  Reorganisation  nötig  war.
So  waren  z.  B.  während  nur  349  Tage  der  Verteidigung  von  Sewastopol
900  russische  Kanonen  vollständig  unbrauchbar  geworden.
5.  Die  Zeit  der  Bauernbefreiung.
Die  Bauernbefreiung  mußte  die  „patriarchalischen“  Produktionsverhältnisse ­
  am  schwersten  bedrohen.  Sie  mußte  auch  eine  neue
Epoche  in  der  Eisenindustrie  mit  sich  bringen.

1  Brandt,  a.  a.  O.,  S.  12  und  13.
        <pb n="16" />
        17

Sawelieff.

2

Die  unmittelbare  Wirkung  der  Bauernbefreiung  auf  die  Eisenproduktion ­
  Rußlands  trug  zunächst  einen  negativen  Charakter.  Eine
massenhafte  Elucht  der  befreiten  Leibeigenen  von  den  Eisenwerken
begann 1 .  Die  Leute  wollten  die  Orte  ihrer  dauernden  Knechtung
sofort  verlassen.  Und  obwohl  die  Löhne  vielfach  gestiegen  waren,
wurde  ein  großer  Mangel  an  Arbeitshänden  in  allen  Eisenwerken
verspürt.  Schon  im  nächsten  Jahre  nahm  die  Produktion  rasch
ab.  Sie  betrug  in  1000  Pud:

.Jahr

Ural

Gesamtitußland


Jahr

Ural

Gesamt-Bußland


1860

14513

20468

1865

12329

18221

1861

14226

19  268

1866

12580

18568

1862

10226

15268

1867

12399

17  553

1863

11921

17027

1868

?

19  807

1864

12533

18301

1869

13402

20104

Die  Roheiseuproduktion  konnte  also  erst  nach  zehnjähriger  Frist
die  alte  Höhe  wieder  erreichen.  Aus  der  Tabelle  ist  klar  ersichtlich,
daß  der  größte  Teil  der  Verminderung  gerade  auf  das  Uralgebiet
entfallen  ist.  Seitdem  fängt  sie  an,  rasch  vorwärts  zu  gehen.  Die
Beschaffenheit  der  freien  Arbeitskräfte  war  die  wichtigste  Vorbedingung ­
  der  weiteren  kapitalistischen  Entwicklung  der  russischen
Eisenindustrie.
Damit  aber  die  Eisenindustrie  Rußlands  neue  Bahnen  eiuschlagen ­
  konnte,  mußten  nicht  nur  die  Arbeitskräfte  befreit,  sondern
es  mußte  auch  die  ganze  wirtschaftliche  Struktur  Rußlands  verändert
werden.  Insbesondere  kommen  hier  zwei  Voraussetzungen  in  Betracht: ­
  die  Entwicklung  des  Kommunikationswesens  und  der  Kreditverhältnisse. ­

Im  Jahre  1836  wurde  in  Rußland  die  erste  Eisenbahnlinie  erbaut ­
  (St.  Petersburg—'Zarskoje  Sselo) 1  2 ,  1842  kam  die  zweite  Linie
in  Betrieb  (St.  Petersburg—Moskau) 3 .  Seitdem  begann  ein  regelmäßiger ­
  Eisenbahnbau.  Die  technisch  rückständische  heimische  Industrie ­
  konnte  aber  diesen  neuen  Bedarf  gewiß  nicht  decken.
Zuerst  konnten  die  W  erke  diese  Aufgabe  schon  darum  nicht
erfüllen,  weil  sie  nicht  die  nötigen  Einrichtungen  für  eine  derartige
Produktion  hatten  und  wegen  der  herrschenden  Betriebsweise  nicht
hersteilen  konnten.  So  war  die  Eisenbahnlinie  St.  Petersburg—Zarskoje
Sselo  aus  ausländischen  Materialien  erbaut.  Die  Eisenbahnlinie
St.  Petersburg—Moskau  sollte  dem  Zarenbefehl  nach  ausschließlich
aus  russischem  Material  erbaut  werden,  ein  Plan,  der  aber  ein  voll1 ­
  p u gain-Baranowski,  a.  a.  0  ,  S.  300.
2  Brandt,  a.  a.  0.  fe,.  15.
2  Brandt,  a.  a.  0.  S.,  16.
        <pb n="17" />
        18

ständiges  Fiasko  erlitt.  Kein  einziges  Pud  konnte  damals  die  in
St.  Petersburg  dazu  speziell  gegründete  Gesellschaft  liefern,  obwohl
die  Regierung  einen  höheren  Preis  von  5  Rbl.  Papierwährung
(1,43  Rbl.  Silber)  für  die  bestellten  Schienen  bestimmte 1 .  Nicht
besser  war  es  auch  mit  der  im  Jahre  1852  begonnenen  St.  Petersburg—Warschauer ­
  Linie.  Die  Lieferung  von  3950000  Pud  Eisenschienen ­
  wurde  zuerst  vier  großen  Uralfirmen  aufgegeben;  da  aber
die  Schienenwalzung  spezielle  Einrichtungen,  geschicktes  Personal,
neues  Anlagekapital  erforderte,  hatten  zwei  von  diesen  Firmen  die
Bestellung  abgelehnt,  für  zwei  andere  wurde  die  Bestellung  vermindert ­
  und  die  von  ihnen  hergestellten  Schienen  wurden  für  eine
andere  Linie  bestimmt 1  2 .  Alle  diese  Schwierigkeiten  und  besonders
die  großen  Produktionskosten  bei  der  heimischen  Schienenproduktion
und  damit  die  hohen  Preise  zwangen  die  Regierung,  bei  der  Herstellung ­
  des  Eisenbahnnetzes  von  Anfang  an  sich  an  die  ausländischen
Eisenproduzenten  zu  wenden.  Sie  erteilte  seit  dem  Jahre  1850  den
Eisenbahngesellschaften  die  Erlaubnis,  die  Eisenbahnmaterialien  zollfrei ­
  aus  dem  Auslande  zu  beziehen,  was  massenhafte  Eiseneinfuhr
nach  Rußland  zur  Folge  hatte.
Selbst  die  Uraleisenbahn,  welche  überreiche  Eisenerzlager  durchquerte, ­
  wurde  mit  ausländischen  Schienen  gebaut.  Die  ersten  russischen
Eisenbahnlinien  bestanden  beinahe  ausschließlich  aus  ausländischen
Materialien.
Seit  dieser  Zeit  vollzog'  sich  auch  eine  allgemeine  Veränderung
der  russischen  Eisenzollpolitik.  Von  den  prohibitiven  Tarifen  des
ersten  Viertels  des  19.  Jahrhunderts  ging  die  Regierung  allmählich
immer  mehr  zur  Zollermäßigung  über.  Besonders  liberal  in  diesem
Sinne  war  der  Tarif  vom  Jahre  1857,  der  die  Einfuhr  beinahe  aller
Sorten  von  Eisen  fast  zollfrei  erlaubte.
Obwohl  diese  Eisenzollherabsetzungen  in  gewissem  Maße  auch
durch  die  damals  populäre  Freihandelstheorie  beeinflußt  wurden,  lag
doch  der  Hauptgrund  hierzu  in  den  erwähnten  Bestrebungen  der
Regierung,  das  Eisenbahnnetz  möglichst  schnell  zu  vergrößern,  dessen
Notwendigkeit  für  das  Reich  besonders  durch  die  Krimniederlage
in  helles  Licht  gesetzt  worden  war.  Relativ  rasch  entstand  eine  bedeutende ­
  Zahl  von  Eisenbahnen,  deren  Bedeutung  selbstverständlich
über  die  kriegerischen  Zwecke  der  Regierung  weit  hinausgeht  und
für  die  kapitalistische  Entwicklung  Rußlands  überhaupt  und  seiner
Eisenindustrie  insbesondere'sehr  in  Betracht  kommt.  Im  Jahre  1861
betrug  die  Gesamtlänge  der  russischen  Bahnen  nur  2065  Werst,  im
Jahre  1878  dagegen  schon  20938  Werst 3 .

1  Brandt,  a.  a.  O.,  S.  16.
2  Brandt,  a.  a.  O.,  8.  18.
3  Tatsachen  d.  Staatskontrolle  über  Eisenbahnen  für  1907,  S.  88,  (russisch).
        <pb n="18" />
        19

2*

Große  Veränderungen  sind  in  den  70  er  Jahren  nicht  nur  in  dem
Kommunikationswesen  zu  beobachten.  Auch  auf  anderen  Gebieten
wurden  neue  wirtschaftliche  Kräfte  geweckt,  die  infolge  des  Zusammenbruchs ­
  des  Leibeigeuschaftssystems  frei  geworden  waren.
Vor  allem  ist  an  die  große  Bedeutung  der  damals  entstandenen
Kreditaktiengesellschaften  zu  denken;  sie  brachten  frischen  Zug  in
die  verschiedenen  anderen  Wirtschaftsgebiete.  Wohin  damals  der
Hauptstrom  des  Kapitals  floß,  zeigen  uns  die  folgenden  Ziffern:  in
den  Jahren  1861—74  besaßen  die  Eisenbahngesellschaften  62  °/ 0  des
Gesamtaktienkapitals  in  Rußland,  die  Kreditanstalten  etwa  20°/ o  und
die  Gewerhegesellschaften  dagegen  nur  11,4  °/ 0 .
        <pb n="19" />
        Erster  Teil.
Geschichte  der  Eisenindustrie  in  Südrußland.
Kapitel  II.
Die  Anfänge  der  Eisenindustrie  in  Südrußland.
1.  Begriff  der  siidriissischen  Eisenindustrie.
Man  unterscheidet  im  jetzigen  Rußland  sechs  Eisenindustriegebiete, ­
  welche  im  großen  und  ganzen  wirtschaftlich-territoriale
Einheiten  bilden.  Es  sind:  1.  Das  Uralgebiet,  2.  das  mittlere  Rußland,
3.  das  südrussische,  4.  das  polnische,  5.  das  nordwestliche  und  6.  das
sibirische  Gebiet 1 .
Südrußland  ist  eigentlich  ein  ziemlich  verschwommener  Begriff;
man  meint  damit  ungefähr  das  südliche  Drittel  des  europäischen
Rußlands,  dagegen  ist  der  Begriff  „südrussisches  Eisenindustriegebiet“
ziemlich  klar  begrenzt.  Hier  kommen  folgende  Gouvernements  in
Betracht:  das  Gouvernement  Jekaterinoslaw,  das  Donezgebiet  und
dann  teilweise  die  Gouvernements  Cherson,  Charkow  und  Taurien.
Die  Entstehung  dieses  Industriebezirks  steht  im  engsten  Zusammenhänge ­
  mit  der  Verteilung  der  Eisen-  und  Steinkohlenlager  in  Südrußland. ­

Da  die  südrussischen  Steppen  beinahe  vollständig  waldlos  sind,
brauchte  man  in  Südrußland  als  Heizungsmaterial  von  Anfang  an
Steinkohle.  Das  Donez-Steinkoblenbassin  umfaßt  eine  Fläche  von
ungefähr  40000  Quadratwerst  und  ist  wohl  das  größte  in  ganz  Europa 1  2 .
Das  Gebiet  kann  man  in  zwei  Teile  einteilen:  die  östlichen  zwei
Drittel  des  Bassins  enthalten  Anthracit,  das  westliche  Drittel  dagegen
führt  in  reicher  Menge  die  eigentliche  Steinkohle,  welche  die  Grundlage ­
  des  Hochofenprozesses  bildet.
Die  Eisensteinlagerungen  befinden  sich  in  drei  Gegenden.  Die
erste  Gruppe  bilden  die  in  Kohlenbecken  zerstreuten  Eisenerz1 ­
  Die  offizielle  staatliche  Statistik  rechnet  noch  drei  Gebiete  dazu:  nördliehes,
  südwestliches  und  finnisches.
2  Prof.  Lutugun  meint,  daß  allein  das  bis  jetzt  untersuchte  Gebiet  zirka
210  Milliarden  Pud  Steinkohle  enthält.
        <pb n="20" />
        21

ablagerungen:  die  zweite  befindet  sich  auf  der  Halbinsel  Kertsch
(ausschließlich  Brauneisenstein).  Aber  das  wichtigste  Bisensteinlager
ist  eine  Gegend  etwa  450  Werst  in  westlicher  Richtung  von  dem
Kohlenbecken,  auf  der  Grenze  zwischen  dem  Gouvernement  Cherson
und  Jekaterinoslaw  —  der  sog.  Krivoj-Bog-Fundort,  wo  die  Eisensteinlager ­
  ungefähr  auf  90  Werst  nach  dem  Flusse  Saxagan  sich
vorstrecken 1 .  Hier  finden  sich  großartige  Lager  von  Eisenerzen
vorzüglicher  Qualität  in  drei  Sorten:  Eisenglanz,  Magneteisenstein
und  Roteisenstein.  Der  letzte  Ort  ist  aber  erst  relativ  spät  entdeckt
worden.
In  dem  südrussischen  Gebiete  gibt  es  außerdem  die  für  die
Eisengewinnung  sehr  wichtigen  Zusätze  und  Hilfsstoffe,  wie  Kalk,
feuerfesten  Ton,  Mangan,  Dolomit  ziemlich  reichlich.
Schon  alle  diese  Naturschätze  mußten  über  kurz  oder  lang  die
Entstehung  der  Eisenindustrie  in  Südrußland  hervorrufen.
Selbstverständlich  spielten  bei  dem  Bau  von  Eisenwerken  nicht
nur  die  erwähnte  Erstreckung  der  Hauptstoffe  —  des  Eisenerzes
und  der  Steinkohle  —  eine  Rolle,  sondern  auch  andere  Faktoren  und
insbesondere  die  Transportverhältnisse,  Beschaffung  der  Arbeitskräfte
usw.  So  stellte  hier  in  früheren  Zeiten  der  Don  mit  seinen  Nebenflüssen ­
  allein  einen  bequemen  Weg  dar,  und  man  bemühte  sich,
gleich  die  ersten  Werke  möglichst  in  der  nächsten  Nähe  dieses
Flusses  zu  bauen.  Später  spielten  auch  die  Eisenbahnen  in  Südrußland ­
  eine  wichtige  Rolle.
2.  Die  Gründung  der  ersten  staatlichen  Eisenwerke.
Die  ersten  Angaben  über  die  Eisengewinnung  in  Südrußland
linden  sich  noch  bei  Herodot;  er  berichtet,  daß  die  Eisengewinnung
bei  den  sog.  skythischen  Völkern  bekannt  war.  Nach  seinen  Angaben
wurde  das  Eisen  von  den  Skythen  durch  die  Sandwaschung  an  einem
skythischen  Flusse  gewonnen.  Einige  russische  Autoren  haben  darauf
die  Hypothese  aufgestellt,  daß  dieses  Eisen  aus  dem  Sande  des
Inguletz-Flusses  neben  dem  jetzigen  Krivoj-Rog  gewonnen  worden
sei,  in  welcher  Gegend  später  Spuren  von  alten  Gruben  und  von
Eisenverhüttung  gefunden  worden  waren.  Weitere  Nachrichten  sagen,
daß  im  früheren  Mittelalter  hier  die  Genuesen  sich  mit  Eisenförderung
beschäftigt  haben.  Dann  bleiben  diese  Eisenerzfunde  infolge  der
verschiedenen  geschichtlichen  Ereignisse  lange  Zeit  vollständig  brach
liegen.  Jahrhundertelang  bildeten  die  südrussischen  Steppen  ein
beinahe  unbesiedeltes  Land.  Erst  mit  der  Konsolidation  des  russischen
Reiches  begann  die  allmähliche  Kolonisation  Südrußlands  von  Norden

1  Man  berechnet  hier  die  Menge  nur  der  untersuchten  Eisenerzlagerungen
auf  5  Milliarden  Pud.
        <pb n="21" />
        22

her,  und  noch  lange  Zeit  bleibt  das  Gebiet  der  jetzigen  Kohlen-  und
Eisengruben  als  Freiland  zwischen  Tataren  einerseits,  den  Kosaken
und  dem  Moskowitischen  Staate  andererseits.
Zuerst  wurde  in  Südrußland  Steinkohle  entdeckt  und  zwar  unter
Peter  d.  Großen 1 .  Später  aber  hat  man  diese  Kohle  wieder  vollständig ­
  vergessen,  sodaß  bis  zum  Ende  des  18.  Jahrhunderts  darüber
kein  Wort  zu  finden  ist.  Nachdem  von  der  russischen  Regierung
im  Schwarzen  Meere  eine  Flotte  erbaut  worden  war,  setzten  die
ersten  Bemühungen  derselben  ein,  die  südrussischen  Steppen  zu
kolonisieren  und  die  heimischen  Naturschätze  zu  untersuchen.  Ein
Ergebnis  dieser  Untersuchungen  war  auch  die  nochmalige  Entdeckung ­
  der  Steinkohle,  die  im  Jahre  1787  von  Kapitän  Skarnjakow
gemacht  wurde.
Bestimmte  Angaben  über  die  Entdeckung  des  Eisenerzes  fehlen.
Es  wurde  jedenfalls  etwas  später,  vermutlich  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts, ­
  in  der  Gegend  des  Donezbassins  gefunden.
Seit  Ende  des  18.  Jahrhunderts  bemühte  sich  die  russische
Regierung  um  die  Gründung  einer  Eisenindustrie  in  Südrußland.
Die  Errichtung  des  ersten  Eisenwerkes  erfolgte  im  Jahre  1795,  sie
stand  in  unmittelbarem  Zusamenhange  mit  der  Erbauung  der  Kriegsflotte ­
  des  Schwarzen  Meeres.  Man  wollte  die  Möglichkeit  bekommen,
bequem  und  ohne  Zeitverlust  die  Schiffe  mit  Artillerie  und  Munition
zu  versorgen,  da  bisher  alle  diese  Gegenstände  aus  den  Uralwerken
kamen,  auf  einem  unter  den  damaligen  Verhältnissen  sehr  langwierigen ­
  und  kostspieligen  Weg 1  2  3  * .  Das  Werk  wurde  nicht  weit  von
der  Stadt  Lugansk,  im  nördlichen  Teil  des  Kohleugebietes  mit  Hilfe
der  Engländer  aufgeführt;  im  Jahre  1797  war  es  fertig.  Außer
Einrichtungen  zur  Herstellung  von  Gußeisen  hatte  man  hier  auch
einen  Hochofen  erbaut,  der  mit  Steinkohlenheiznng  eingerichtet  und
zuerst  für  die  Verarbeitung  von  uralischem  Eisenerz  bestimmt  war.
Die  erste  Probe  der  Eisenverhüttung  mit  Steinkohle  mißlang  mit
diesem  Ofen  aber  vollständig,  und  weder  damals,  noch  später  konnte
man  dort  auch  nur  ein  einziges  Pud  Roheisen  gewinnen 8 .
Beinahe  in  derselben  Zeit  wurden  auch  die  ersten  vier  staatlichen
Steinkohlengruben  angelegt.  Der  älteste  Ort  der  Steinkohlenförderung
war  Lissitschansk  im  nördlichen  Teil  des  Donezbassins,  wo  noch
im  Jahre  1791  mit  der  Kohlengewinnung  begonnen  wurde.  Am
Anfang  des  19.  Jahrhunderts  finden  sich  auch  die  ersten  bäuerlichen
Steinkohlengruben  vor.  Im  Jahre  1827  wurde  dann  vom  Ingenieur

1  Auerbach,  Erinnerungen  über  die  Anfärge  der  Steinkohlenförderung
in  Rußland  (in  der  Zeitschrift:  Russisches  Altertum,  VI,  1909),  (russ : sch).
2  Fertner,  Die  Donez-Steinkohlenindustrie,  St.  Petersburg  1909,  S.  37
(russisch).
3  RagosiD,  Steinkoh'e  und  Eisen  in,  Südrußland,  St.  Petersburg  1895
S.  4  (russisch).
        <pb n="22" />
        23

Olivieri  nicht  weit  von  Druschkowka  im  Donezbassin  Anthrazit
entdeckt.
Im  Jahre  1833  war  im  Luganskwerke  wieder  eine  Probe  gemacht
worden,  das  Roheisen  jetzt,  aus  dem  lokalen  Eisenerze  zu  gewinnen.
Zwar  bekam  man  bei  diesem  Versuche  Roheisen,  aber  es  war  von
ganz  ungenügender  Qualität.  Das  Luganskwerk  führte  in  dieser
ganzen  Zeit  wegen  dieser  wie  auch  verschiedener  anderer  Mißerfolge
ein  sehr  klägliches  Dasein.  Die  neuen  Kohlengruben,  die  den  Zweck
hatten,  das  Werk  mit  Kohle  zu  versorgen,  konnten  daher  auch  nicht
emporkommen.  Iin  Jahre  1839  fanden  die  französischen  Ingenieure
Le  Play  und  Molignau  im  Donezbassin  eine  jährliche  Steinkohlenproduktion ­
  von  nur  877  000  Pud.
Die  früher  erwähnten  staatlichen  Gruben  und  das  Luganskwerk
waren  in  einen  Bergbezirk  zusammengefaßt.  Dieser  Bezirk,  wie  auch
die  anderen  ähnlichen,  hatte  seine  Polizei,  Kirchen,  Gericht,  Verwaltung ­
  usw.  Sie  erließen  verschiedene  Verordnungen  und  Maßregeln, ­
  welche  manchmal  die  kleinsten  Einzelheiten  des  Gewerbes
regelten.  So  hat  man  z.  B.,  um  den  Steinkohlenverbrauch  zu  vermehren, ­
  einen  Erlaß  im  Luganskbezirk  veröffentlicht,  in  welchem
den  dortigen  Speckschmelzereien  nur  mit  Steinkohle  zu  heizen  erlaubt
war.  Gewiß  konnten  solche  Maßregeln  nicht  viel  nutzen,  und  drei
staatliche  Gruben  hörten  bald  mit  ihrer  Arbeit  auf.  Die  Steinkohlenförderung ­
  dauerte  nur  in  Lissitschansk  fort,  aber  auch  hier  in  sehr
beschränktem  Maße.  Selbst  das  Luganskwerk  kam,  nachdem  die
Versuche  mit  der  Schmelzung  nicht  gelungen  waren,  mehr  und  mehr
*  in  Verfall,  bis  es  sich  endlich  zum  völligen  Stillstand  genötigt  sah 1 .
Im  Jahre  1830  wurden  die  ersten  Eisensteinlagerungen  auf  der
Tamaj-flalbinsel  (gegenüber  der  Stadt  Kertsch)  entdeckt  und  im
Jahre  1837  große  Eisenerzlager  auf  der  Kertseh-Halbinsel 1  2 .  Nachdem ­
  die  ersten  Versuche  in  Lugansk  zu  keinem  Ergebnis  geführt
hatten,  setzte  die  Regierung  ihre  Versuche  auf  der  Halbinsel  Kertsch
fort.  Man  schlug  vor,  hier  ein  Werk  zu  bauen  und  die  Eisenerzverhüttuug
  mit  dem  Druschkowsk-Anthrazit  durchzuführen.  Nach
einer  Reihe  von  Mißerfolgen  wurde  hier  im  Jahre  1848  das  erste
Roheisen  gewonnen;  aber  auch  dieses  Eisen  war  von  einer  nicht
genügenden  Qualität;  1855  wurde  das  Werk  während  des  Krimkrieges ­
  vollständig  zerstört.  Im  Jahre  1845  wurde  dann  noch  ein
Werk  im  Gouvernement  Jekaterinoslaw  an  dem  Flusse  Sadka  gegründet. ­
  Das  Werk  wurde  zu  Ehren  Peter  des  Großen  „Petrowsk-Werk
 - ‘  genannt.  Die  Verhüttung  verlief  zuerst  ganz  günstig;  es
wurden  ca.  90000  Pud  Roheisen  gewonnen,  der  Hochofen  war  aber
nicht  genügend  feuerfest  und  nach  einigen  mißlungenen  Versuchen,

1  Eelkner,  Steinkohle  u.  Eisen  in  Rußland,  St,  Petersburg,  S.  43  (russisch).
2  Keppen,  a.  a.  O.  S.  16.
        <pb n="23" />
        24

ihn  zu  verbessern,  wurde  auch  dieses  Werk  still  gelegt 1 .  Nachdem
im  Jahre  1866  ein  Zaren-Ukas  den  Weiterbau  der  staatlichen
Eisenindustrie  in  Südrußland  befohlen  hatte,  wurde  noch  ein  Versuch ­
  gemacht  und  1870  nicht  weit  von  Lissitschansk  ein  Werk  erbaut. ­
  Da  aber  hier  kein  Eisenerz  und  nur  schlechtbackende  Kohle
vorhanden  war,  konnte  die  Sache  nicht  vorwärts  gehen 1  2 .  Damit
endete  die  lange  Reihe  der  staatlichen  Mißerfolge,  in  Südrußland
eine  Eisenindustrie  zu  gründen.  Als  die  Hauptursachen  dieser  etwa
70  Jahre  dauernden  Mißerfolge  können  wir  zwei  nennen.  Das  sind
erstens  die  technische  Schwierigkeit,  die  man  im  damaligen  Südrußland ­
  zu  überwinden  hatte,  und  zweitens  die  ungeschickte  staatliche
Gründungstätigkeit  und  die  schlechte  Leitung  der  erbauten  Werke.
Obwohl  die  Steinkohle  in  Südrußland  von  vorzüglicher  Qualität
war,  so  spielte  hier  der  Mangel  au  guten  Eisenerzen  immer  die
ausschlaggebende  Rolle.  Die  reichen  und  reinen  Eisenerze  in  Krivoj-Rog
  waren  noch  nicht  entdeckt,  die  gefundenen  dagegen  minderwertig ­
  und  boten  wegen  ihres  großen  Phosphorgehaltes  für  die  damalige ­
  Verhüttungstechnik  zu  viel  Schwierigkeiten.  Außerdem  waren
die  im  Donezbassin  vorhandenen  Ablagerungen  zu  mangelhaft,  um
allein  zu  genügen.  Dazu  kam  noch  der  schlechte  Zustand  der
Wege.  Die  Eisenbahnlinien  erschienen  hier  erst  am  Ende  der
60er  Jahre.  „Der  ärgste  Feind  jeder,  auch  der  besten  Unternehmung ­
  ist  in  unserer  Gegend“,  sagt  Felkner  in  seinem  Buche,
„der  Gütertransport 3 .“
Als  zweite  Ursache  der  Mißerfolge  spielte  danu,  wie  erwähnt,
die  schlechte  und  ungeschickte  staatliche  Gründung  der  Eisenwerke
mit.  Die  Bureaukratie,  welche  schon  im  Uralgebirge  völlig  versagt
hatte,  war  selbstverständlich  nicht  fähig,  neue  Wege  im  fast  unbekannten ­
  „Neu-Rußland“  zu  bahnen.  Die  Geschichte  der  bureaukratischen
  Griinduug  in  Südrußland  zeigt  Tausende  von  Beispielen
der  Nachlässigkeit  und  Ungeschicklichkeit.  Die  Werke  waren
schlecht  gebaut,  die  Gegenden  nicht  genügend  untersucht,  und  es
gab  nur  Leibeigenenkräfte  und  Zwangsarbeit.
Privatgründungen  dagegen  waren  damals  völlig  ausgeschlossen.
Man  mußte  zuerst  alle  hier  existierenden  lokalen  bergrechtlichen  Bestimmungen ­
  abschaffen.  Nach  diesen  Bestimmungen  waren  alle
unterirdischen  Schätze  im  Donischen  Kosakengebiet  das  Gesamteigentum ­
  des  Kosakeustandes.  Im  Falle  der  Entdeckung  mußten
die  früheren  Besitzer  des  Grundstückes  es  verlassen  und  bekamen ­
  ein  anderes  ebenso  großes,  während  das  Grundstück
mit  Mineralien  in  den  Besitz  der  Kosakenverwaltung  überging.
Selbstverständlich  hielten  es  die  Bewohner  für  ein  großes  Unglück,

1  Ragosin,  a.  a.  O.,  S.  6.
2  Brandt,  a.  a.  O.,  S.  45.
3  Belkner,  a.  a.  0.,  S.  78.
        <pb n="24" />
        25

wenn  etwas  ähnliches  passierte,  und  wandten  alle  denkbaren  Mittel
an,  um  die  zufällige  Entdeckung  von  Steinkohlenlagerungen  und  dergl.
zu  verbergen 1 .  Ein  anderes  Gesetz  verbot,  wenigstens  offiziell,  jedermann ­
  außer  den  Angehörigen  des  Kosakenstandes,  sich  mit  dem
Bergbau  zu  beschäftigen 1  2 .  Diese  beiden  Gesetze  bildeten  das  große
Hindernis  der  Übernahme  der  Steinkohlenförderung  durch  Privatpersonen, ­
  ja  sie  machten  das  fast  unmöglich.  Sie  wurden  erst  nach
dem  Zusammenbruch  des  Leibeigenschaftssystems,  im  Jahre  1864
abgeschafft.
Nach  dem  neueingeführten  Gesetze  wurden  alle  im  Donkosakengebiete ­
  befindlichen  Gegenden  in  zwei  Gruppen  geteilt.  Zur  ersten
gehört  das  Privat-  und  Gemeindeeigentum,  zur  zweiten  das  Eigentum ­
  des  Kosakenstandes.  Die  Privateigentümer  und  die  Gemeinden
hatten  jetzt  das  ausschließliche  Recht  auf  die  Bodenschätze  ihrer
Grundstücke.  Im  Zusammenhänge  damit  durften  die  Bergunternehmer ­
  ihre  Verträge  nur  mit  letzteren  abschließen.  Diejenigen
Bergleute,  welche  im  eigentlichen  Kosakengebiete  Bergbau  betreiben
wollten,  hatten  gewisse  relativ  einfache  Bedingungen  zu  erfüllen 3 .
Jetzt  war  auch  Privatpersonen  die  Möglichkeit  gegeben,  sich  mit
dem  Bergbau  zu  beschäftigen.  Als  Folge  entstand  im  Donezbassin,
besonders  nach  dem  Bau  der  ersten  Eisenbahnlinie,  eine  lebhafte
Unternehinungstätigkeit.

Kapitel  III.
Die  Zeit  von  1870  bis  1885.
1.  Die  Gründung  der  ersten  privaten  Werke.
Die  wirtschaftlichen  und  sozialen  Veränderungen,  die  in  der
Zeit  nach  der  Bauernbefreiung  zur  Geltung  kamen,  ermöglichten
auch  der  südrussischen  Eisenindustrie,  neue  Bahnen  einzuschlagen.
Seit  dieser  Zeit  fing  sie  an,  sich  als  kapitalistische  Großindustrie  zu
entwickeln.
Schon  am  Ende  der  60er  Jahre  lassen  sich  die  ernsten  Bemühungen ­
  der  Regierung  beobachten,  den  Eisenbahnbau  ausschließlich ­
  mit  heimischen  Materialien  zu  ermöglichen.  Noch  im  Jahre  1866
erließ  die  Regierung  einen  entsprechenden  ükas.  Einen  weiteren
Ausdruck  fand  dieses  Bestreben  in  dem  Ukas  von  1876,  der  eine
Prämie  auf  jedes  innerhalb  Rußlands  hergestellte  Pud  Stahlschienen

1  Felkner,  a.  a.  0.,  S.  7.
2  Pelkner,  a.  a.  0.,  S.  8.
3  Strukgoff,  a.  a.  -0.,  S.  211  u.  212.
        <pb n="25" />
        26

setzt 1 .  Da  die  Uraleisenindustrie,  von  den  technischen  Verhältnissen
abgesehen,  schon  ihrer  ungünstigen  Lage  nach  für  diese  Produktion
unfähig  erschien,  wandte  sich  die  Regierung  wieder  nach  dem  Süden.
Die  früheren  Mißerfolge  mit  den  Staatswerken  nötigten  sie  aber,  die
bisherige  Politik  bei  der  Errichtung  von  Staatswerken  zu  verlassen
und  zur  Pflege  des  Privatunternehmertums  in  Südrußland  überzugehen. ­
  Schon  bei  der  Gründung  der  Eisenbahugesellschaft  Kursk-Charkow-Sewastopol
  machte  die  Regierung  die  Konzession  von  der
Gründung  eines  Eisenwerkes  in  Südrußland  abhängig.  Das  Eisenwerk ­
  sollte  mit  einheimischen  Materialien  arbeiten,  wobei  seine  jährliche ­
  Produktion  wenigstens  500000  Schienen  erreichen  mußte.  Als
Garantie  der  Erfüllung  dieser  Bedingungen  wurde  von  den  Vertretern
der  Eisenbahngesellschaft  auch  eine  Summe  von  500000  Rubeln  einbehalten. ­
  Um  die  Gründung  des  Werkes  zu  erleichtern,  wurde  dann
laut  Ukas  des  Zaren  vom  3.  Januar  1869  ein  Bauerngrundstück  von
500  Dessj.,  nicht  weit  von  der  Eisenbahnlinie,  das  reiche  Steinkohlenlager ­
  enthielt,  zugunsten  der  Aktien-Gesellschaft  enteignet.  Da  aber
die  Gründung  des  Werkes  große  Schwierigkeiten  bot,  hat  sie  die
Gesellschaft  unterlassen.  Zwar  wurden  von  ihr  auf  dem  ihr  überwiesenen ­
  Grundstücke  Steinkohlengruben  angelegt,  doch  ausschließlich ­
  zur  Versorgung  der  Eisenbahnlinie 1  2  3  * .  Bald  darauf  wurden  diese
Verpflichtungen  aufgehoben;  später  hat  man  sogar  selbst  das  Pfand
zurückgegeben.  So  endete  dieser  ganze  Versuch  erfolglos.
Etwas  früher,  im  Jahre  1866,  war  von  der  Regierung  eine  andere
Konzession  zur  Errichtung  eines  Eisenwerkes  an  den  Fürsten  Kotschubej
erteilt  worden.  In  dem  darüber  abgeschlossenen  Vertrage  hat  die
Regierung  dem  Gründer  des  Werkes  sehr  günstige  Bedingungen
gestellt.  So  wurde  unter  anderem  eine  Prämie  von  50  Kop.  pro
hergestelltes  Pud  Schienen  garantiert.  Fürst  Kotschubej  konnte  aber
trotz  dieser  Bedingungen  weder  in  Rußland  noch  im  Auslande  eine
Gesellschaft  gründen,  die  die  dazu  nötigen  Kapitalien  beschaffte.
Er  war  gezwungen,  seine  Konzession  an  den  Engländer  John  Hughes,
den  früheren  Haupttechniker  des  Melwillwerkes  in  London  für
24000  £  zu  verkaufen.  Hughes  war  der  erste,  der  Erfolg  hatte.
Er  gründete  am  18.  April  1869  die  Gesellschaft  in  England  —  „New
Russian  iron  c-ny“  mit  einem  Stammkapital  von  300  000  ^ 8 .
Die  Hauptpunkte  des  Vertrages  zwischen  Hughes  und  der
Regierung  waren  folgende:  Hughes  verpflichtete  sich,  die  Hütte  mit
einer  Produktionsfähigkeit  von  wenigstens  100  t  Roheisen  pro  Woche
zu  erbauen.  Weiter  sollte  er  eine  Steinkohlengrube  von  solcher
1  Brandt,  a.  a.  O.,  S.  22.
2  Ahtipow,  Überblick  der  Staatsmaßnahmen  zur  Förderung  der  Metallindustrie ­
  in  Rußland,  St.  Petersburg  1876,  S.  15  und  16  (russisch).
3  Felkner,  a.  a.  O.,  S.  123;  Schulze-Gävernitz,  Volkswirtschaftliche
Studien  aus  Rußland,  Leipzig  1899,  S.  299.
        <pb n="26" />
        27

Größe  errichten,  um  nötigenfalls  für  den  Staatsbedarf  mindestens
2000  t  Steinkohle  jährlich  zur  Verfügung  zu  stellen.  Die  Frist  der
Errichtung  des  Werkes  war  auf  zwei  Jahre  festgesetzt.  Die  Gegenleistungen ­
  des  Staates  waren  sehr  bedeutend.  Die  Gesellschaft  bekam
unentgeltlich  ein  Grundstück  (ca.  18000  Dessjatinen)  längs  des  Flusses
Kalmius  im  Gouvernement  Jekaterinoslaw  und  an  der  Eisenbahn
Charkow-Asow  mit  reichen  Steinkohlenlagern,  teilweise  auch  mit
Eisenstein.  Dann  verpflichtete  sich  die  Regierung,  eine  Prämie  für
300000  Pud  Schienen  jährlich  und  auf  die  Dauer  von  zehn  Jahren
in  der  Höhe  von  fünfzig  Kopeken  (Silber)  pro  Pud  zu  bezahlen.
Hughes  hatte  auch  das  Recht  bekommen,  alle  für  den  Eisenwerkbau ­
  nötigen  Materialien  zollfrei  aus  dem  Auslande  zu  beziehen.
Ferner  wurde  von  der  Regierung  eine  Konzession  zum  Bau  einer
Eisenbahnlinie  von  85  Werst  Länge  an  die  Gesellschaft  erteilt,  wozu
die  Regierung  nicht  nur  drei  Viertel  der  für  den  Eisenbahnbau
nötigen  Summe  zinsfrei  darlieh,  sondern  auch  eine  5°/ 0 ige  Verzinsung
des  vierten  Viertels  garantierte 1 .
Trotz  verschiedener  Hindernisse  hat  Hughes  mit  großer  Energie
den  Bau  des  Werkes  zu  Ende  geführt.  Alle  Maschinen  und  Einrichtungen ­
  wurden  von  England  geliefert  und  dann  mehr  als  hundert
Werst  weit  von  der  Küste  des  Asowschen  Meeres  mit  Ochsen
transportiert.  Als  Arbeitskräfte  wurden  teils  englische  Arbeiter,  teils
das  frühe!  e  Personal  der  Staatswerke  in  Lugansk  und  Lissitschansk
herangezogen.  Nach  Beendigung  aller  Vorbereitungen  fand  am
24.  April  1871  die  erste  Verhüttung  des  Roheisens  statt 2 .  Wegen
einer  Hochofenbeschädigung  mußte  aber  die  Verhüttung  bald  vertagt ­
  werden;  sie  begann  erst  wieder  am  Anfang  des  Jahres  1872.
Nachdem  die  erste  Bestellung  von  2100000  Pud  Eisenschienen  für
die  Regierung,  wie  auch  eiue  andere  von  750842  Pud  für  Private
ausgeführt  worden  war,  bekam  Hughes  weitere  Bestellungen  seitens
der  Regierung  von  2700000  Pud  —  jetzt  Stahlschienen 3 .  Darum
mußte  er  sein  Werk  erst  der  Stahlschienenproduktiou  anpassen,
doch  wurde  auch  diese  Schwierigkeit  bald  überwunden.  Seitdem
nahm  die  Tätigkeit  des  Werkes  immer  größeren  Umfang  an.  Es
betrug  in  1000  Pud:

Jahr

Roheisenproduktion

Schienenproduktion

1875

435

362

1880

806

451

1885

1961

.  1581

1  lelkner,  a,  a.  0.,  S.  124;  Isslawin,  Überblick  über  die  Steinkohleound
  Eisenerzindustrie  des  Donezbassins,  St.  Petersburg  1875.  S.  20  u  21  (russisch).
2  Dehn,  a.  a.  0.,  S.  122.
3  Brandt,  a.  a.  0.,  S.  48.
        <pb n="27" />
        28

Ein  zweites  Werk,  welches  damals  in  Südrußland  entstand,  war
das  von  Pastuchow  in  dem  südlichen  Teile  des  Donezbassins  gegründete ­
  Suhliuwerk.  Als  sein  Gründungsjahr  ist  1870  zu  bezeichnen.
Der  Gründer  hatte  sich  als  Aufgabe  die  Verhüttung  von  Eisenerzen  auf
Anthrazit  gestellt.  Er  hatte  im  Gegensatz  zu  Hughes  die  Gründung
von  Anfang  an  auf  eigenes  Risiko  unternommen,  obgleich  auch  ihm
von  der  russischen  Regierung  und  ferner  vom  Kriegsministerium
einige  wichtige  Unterstützungen  gegeben  wurden.  Die  Erfahrungen
waren  jedoch  nicht  günstig.  Die  Verhüttung  konnte  nur  mit  großen
Störungen  und  Unterbrechungen  vor  sich  gehen.  Das  Werk  nahm
infolgedessen  immer  mehr  den  Charakter  eines  reinen  Walzwerkes  an.
2.  Produktion»-  und  Absatzverhiiltnisse.
Die  beiden  erwähnten  Werke  kamen  in  Südrußland  bis  zum
Endo  der  80er  Jahre  allein  in  Betracht;  bis  dahin  fand  hier  keine
weitere  Bautätigkeit  in  der  Eisenindustrie  statt.  Da  das  Suhlinwerk
seiner  Produktivität  nach  in  dieser  Zeit  keine  Bedeutung  besaß,  kann
sich  die  Erörterung  der  Produktions-  und  Absatzverhältnisse  auf  das
Hugheswerk  allein  beschränken.  Die  Beschaffung  von  Rohstoffen  erfolgte ­
  hierin  dieser  Zeit  verhältnismäßig  billig  und  ohne  große  Schwierigkeiten. ­
  Besonders  die  Steinkohle,  die  von  der  Gesellschaft  auf  eigenen
Gruben  gefördert  wurde,  hatte  große  Vorzüge.  Obwohl  schon
damals  in  der  jungen  südrussischen  Steinkohlenindustrie  große  Preisschwankungen ­
  vorkamen,  konnten  sie  speziell  für  die  Neurussische  Gesellschaft, ­
  die  eine  der  größten  Gruben  besaß,  keine  Rolle  spielen.
Das  Eisenerz  bekam  Hughes  von  den  in  der  Umgebung  wohnenden
Bauern,  welche  es  aus  eigenen  Gruben  förderten  und  zu  dem  außerordentlich ­
  billigen  Preise  von  etwa  l / 2  Kop.  pro  Pud  an  die  Gesellschaft ­
  absetzten.  Trotzdem  war  doch  die  Beschaffung  des  Eisenerzes ­
  vielleicht  der  schwächste  Punkt  des  ganzen  Betriebes.  Es
mußte  wohl  erstens  die  Qualität  der  Erze  nicht  besonders  gut  sein.
Weiter  zeigte  sich,  wenn  auch  das  Werk  in  den  ersten  Jahren
nach  seiner  Gründung  keinen  sichtbaren  Mangel  au  Erzen  aufzuweisen ­
  hatte,  später,  daß  die  heimischen  Eisenerzlager  zu  mangelhaft ­
  und  von  der  Gesellschaft  überschätzt  worden  waren.  Diese
Tatsache  mußte  für  das  Werk  große  Schwierigkeiten  mit  sich  bringen,
besonders  dadurch,  daß  die  damals  einzig  und  allein  bekannten  Eisenerze ­
  von  der  Halbinsel  Kertsch  wegen  ihrer  Entfernung  hier  nicht
in  Betracht  kommen  konnten.
Die  Transportkosten  waren  trotz  der  schon  erbauten  Bahnen
sehr  bedeutend,  da  der  Kohlen-  und  Eisenerztransport  auf  einem
Teil  des  Weges  immer  mit  Ochsen  erfolgen  mußte.  Man  rechnete
gewöhnlich  den  Ochsentransport  zu  fünfzehn  Kopeken  pro  Pud  auf
die  Entfernung  von  hundert  Werst.
        <pb n="28" />
        29

Der  technische  Betrieb  war  in  dem  Hugbes-Werk  nach  den  damaligen ­
  Anforderungen  der  englischen  Technik  eingerichtet.  Da  auf
diesem  Gebiete  damals  große  Erfindungen  gemacht  wurden,  was  die
Eisenherstellung  in  großen  Massen  ermöglichte  und  eine  großkapitalistische ­
  Organisation  erforderte,  war  auch  das  Hughes-Werk
von  Anfang  an  als  ein  kapitalistischer  Großbetrieb  eingerichtet
worden.  Es  erscheint  damals  als  die  größte  Unternehmung  auf  diesem
Gebiete  in  Rußland  überhaupt,  und  schon  im  Anfänge  der  80er  Jahre
machte  seine  Produktion  etwa  7"/ 0  der  gesamtrussischen  aus.
Die  Leitung  des  W'erkes  befand  sich  in  den  Händen  von  Hughes
selbst.  Große  Schwierigkeiten  bot  die  Beschaffenheit  der  Arbeitskräfte. ­
  Da  die  heimischen  Arbeitskräfte  qualitativ  ungenügend  und
quantitativ  mangelhaft  waren,  mußte  Hughes  einen  erheblichen  Teil
des  Arbeitspersonals,  besonders  für  alle  verantwortlichen  Posten  aus
England  beziehen  und  ihm  höhere  Löhne  zahlen.
Ihrem  Charakter  nach  war  die  Gesellschaft  überwiegend  ein
Schienenwalzwerk.  Als  der  Hauptabnehmer  der  Gesellschaft  erscheint ­
  deshalb  der  Staat  selbst,  der  mit  aller  Kraft  das  neue  Werk
begünstigte.  Es  wurde  von  ihm  nicht  nur  die  in  dem  Wertrage  bestimmte ­
  Prämie  von  50  Kop.  pro  Pud  Schiene  sondern  auch  bei  anderen
privaten  Bestellungen  ein  erheblicher  Zuschlag  bezahlt.
Am  13.  August  1876  erschien  ein  Ukas,  laut  welchem  die  Regierung
damit  umging,  Bestellungen  in  der  Höhe  von  zwölf  Millionen  Pud
Stahlschienen  ä  2,30  Rbl.  (Silber)  zu  machen  —  ein  Preis,  der  bis
jetzt  alle  existierenden  weit  überschritt.  Unter  diesen  Bedingungen
hatte  auch  die  Neurussische  Gesellschaft  die  schon  erwähnten
2700000  Pud  bekommen.  Die  Entstehung  und  die  erste  Entwicklung
der  südrussischen  Eisenindustrie  fand  also  unter  starker  staatlicher
Begünstigungspolitik  statt.
Trotz  aller  dieser  Begünstigung  lagen  die  Aussichten  der
weiteren  Entwicklung  der  südrussischen  Eisenbahnindustrie  damals
ganz  im  Dunkeln.  Eins  war  klar,  daß  die  Eisenerzfrage  bald  mit
vollem  Ernste  auf  treten  mußte  und  daß  die  weitere  Entwicklung
der  Eisenwerke,  soweit  bloß  die  Donez-  und  Kertscheisenwerke  in
Betracht  kamen,  unmöglich  wurde  Die  Erze  waren  von  niedrigem
Gehalt  und  phosphorhaltig  (der  Thomasprozeß  war  noch  nicht  erfunden); ­
  sie  konnten  nur  als  Zusatz  dienen.  Das  beweist  der  Stillstand ­
  der  Roheisengewinnung  in  dem  Hughes-Werk  in  der  Mitte  der
80  er  Jahre  und  besonders  die  Tatsache,  daß  die  Gesellschaft  diese
ganze  Zeit  keine  Dividenden  zahlen  konnte.
        <pb n="29" />
        30

Kapitel  IV.
Die  Voraussetzungen  der  modernen  Entwicklung
des  südrussisehen  Eisenindustriegebietes.
Die  nächste  Periode,  umfaßt  die  Zeit  von  der  Mitte  der  80  er
bis  Ende  der  90er  Jahre.  In  dieser  Zeit  vollendete  die  südrussische
Eisenindustrie  erst  ihre  Entwicklung.  Der  Schnelligkeit  ihres  Entwicklungsganges ­
  nach  bietet  diese  Periode  ein  ganz  einzigartiges
Beispiel  in  der  gesamten  Geschichte  der  russischen  Eisenindustrie
überhaupt.  Während  in  Südrußland  im  Jahre  1887  nur  2  Werke
im  Betriebe  waren,  war  ihre  Zahl  zu  Ende  der  90  er  Jahre  schon
auf  17  gestiegen.  Eine  Reihe  wichtigster  wirtschaftlicher  Erscheinungen ­
  hat  diesen  industriellen  Aufschwung  möglich  werden
lassen.  Die  ausschlaggebenden  von  ihnen  waren:  die  Entdeckung
der  Krivoj-Rog-Eisenerze  und  das  Einströmen  der  ausländischen
Kapitalien  seit  Ende  der  80er  Jahre  nach  Südrußland.
I.  Die  Entdeckung  der  Krivoj-Rog-Eisenerze.
Wie  erinnerlich,  war  der  schwächste  Punkt  der  südrussischen
Eisenindustrie  in  den  80er  Jahren  der  völlige  Mangel  an  guten  Eisenerzen ­
  gewesen.  Selbst  das  Hughes-Werk  konnte  trotz  aller  oben  erwähnten ­
  Vorteile  nicht  mehr  vorwärts  kommen.  Die  einzige  Ursache
dafür  war  offenbar  der  Eisenerzmangel.  Dies  Hindernis  wurde  endlich ­
  durch  die  Entdeckung  der  reichen  Krivoj-Rog-Eisenerze  überwunden, ­
  eine  Entdeckung,  die  mau  mit  vollem  Recht  als  die  wichtigste
Voraussetzung  des  neuen  Kurses  bezeichnen  kann.
Das  Vorhandensein  der  Eisenerze  bei  Krivoj-Rog  war  schon  Mitte
des  18.  Jahrhunderts  bekannt.  So  machte  damals  der  Akademiker
Guldenstädt  in  der  Beschreibung  seiner  Reise  in  den  noch  nicht  zu
Rußland  gehörigen  neurussischen  Steppen  Andeutungen  darüber 1 .
Der  erste,  der  auf  die  Mineralschätze  dieser  Gegend  aufmerksam
machte,  war  der  bekannte  Fürst  Potemkin,  der  Generalgouverueur
Neurußlands  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts.  Er  plante  hier  die
Gründung  eines  Eisenwerks  und  einer  Werkstatt  für  Artilleriegeschosse; ­
  sein  unerwarteter  Tod  hinderte  aber  die  Ausführung  aller
dieser  Pläne 1  2 .  Dann  vergaß  man  die  Angelegenheit  auf  lange.
Weitere  Untersuchungen  finden  wir  erst  wieder  in  den  30er  Jahren
des  19.  Jahrhunderts  und  später;  die  Ergebnisse  waren  doch  meistenteils ­
  ungünstig,  so  daß  in  den  regierenden  Kreisen  die  Meinung
sich  befestigte,  daß  hier  nicht  viel  zu  holen  sei.  .
1  Brandt,  a.  a.  O.,  S.  49.
2  Konysch,  Geschichte  der  Entdeckung  der  Eisenerze  im  Krivoj-Rog.
«(Zeitung  Prid.  Kraj.  1900,  Nr.  153  usw.)  (russisch).
        <pb n="30" />
        31

Die  Neuentdeckung  der  Eisenerze  machte  ein  Großgrundbesitzer
dieser  Gegend,  Alexander  Pohl.  Sie  würde  von  ihm  ganz  zufällig
schon  im  Jahre  1866  gemacht,  aber  er  mußte  um  deren  Anerkennung ­
  beinahe  zwanzig  Jahre  kämpfen.  Er  mußte  dann  eineu
guten  Teil  seines  großen  Vermögens  dazu  verwenden,  um  den  Wert
dieser  Entdeckung  mit  Hilfe  der  europäischen  Autoritäten  zur  Anerkennung ­
  zu  bringen.
Obwohl  der  Fundort  des  Krivoj-Rog  auch  seitens  einiger  Staatsingenieure ­
  untersucht  und  anerkannt  worden  war,  wollte  die  Regierung
nichts  davon  wissen.  Nach  erfolglosen  Versuchen,  eine  Aktiengesellschaft ­
  zur  Eisenerzförderung  mit  Hilfe  des  Staates  oder  des
russischen  Privatkapitals  zu  gründen,  war  Pohl  gezwungen,  sich  an
das  Ausland  zu  wenden.  Er  gründete  im  Jahre  1880  in  Paris  mit
Hilfe,  französischer  Kapitalisten  die  „Societe  frangaise  des  mines  et
hauts  fourneaux  de  Krivoi-Rog“.  Diese  Gesellschaft  wurde  später
auch  in  Rußland  rechtlich  anerkannt.  Im  Jahre  1886  wurde  das
erste  Eisenerz  aus  Krivoj-Rog  nach  dem  Hughes-Werk  geliefert.
Das  Eisenlager  von  Krivoj-Rog  ist  aber  vom  Kohlenbecken
etwa  450  Werst  entfernt,  und  so  war  die  erste  Frage,  die  dabei
aufgeworfen  werden  mußte,  die  eisenbahnmäßige  Verbindung  der
Donezkohle  mit  dem  Krivoj-Rog-Eisenerz.  Dem  eifrigen  Drängen
Pohls  und  anderer  Industriellen  nachgebend,  baute  endlich  der
Staat  die  sog.  „Jekaterininskaja“-Eisenbahnlinie  (früher  Krivoj-Rog-Eisenbahnlinie),
  die  im  Jahre  1884  eröffnet  wurde.  Damit  waren
die  ersten  Hindernisse,  die  der  Entwickelung  des  Bezirks  im  Wege
standen,  überwunden.
2.  Das  Einströmen  ausländischer  Kapitalien  nach  Südrußland.
Seit  Ende  der  80er  Jahre  kam  im  russischen  Wirtschaftsleben
eine  interessante  Erscheinung  zur  Geltung,  die  speziell  auf  die  weitere
Entwicklung  des  südrussischen  Bezirks  eine  große  Wirkung  ausgeübt
hat,  —  das  ist  ein  massenhaftes  Einströmen  des  ausländischen  Kapitals
nach  Südrußland.
Die  Ausländer  haben  ja  in  der  russischen  Eisenindustrie  vou
jeher  eine  bedeutende  Rolle  gespielt.  Diese  Rolle  beschränkte  sich
aber  bis  zur  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  hauptsächlich  auf  persönliche
Tätigkeit.  Sie  repräsentierten  die  Gründer,  Techniker,  Chemiker,
Ingenieure,  Leiter  usw.  Erst  nach  der  Bauernbefreiung  erschienen  in
der  russischen  Eisenindustrie  die  ersten  ausländischen  Unternehmer
und  die  ersten  ausländischen  Kapitalien.  So  waren  in  den  70er  Jahren
von  der  „Westphälischen  Union“  in  St.  Petersburg  eine  Drahtfabrik 1 ,
im  Jahre  1871  das  schon  bekannte  Hughes-Werk,  im  Jahre  1876

1  Stillieh,  Bisen-  und  Stahlindustrie,  Berlin  1904,  S.  174.
        <pb n="31" />
        32

die  französische  Aktiengesellschaft  „Huta  Bankowa“  im  Königreich
Polen  und  manche  andere  _gegründet  worden.
Die  erste  bedeutende  Übersiedelung  ausländischer  Kapitalien  nach
Rußland  vollzog  sich  am  Ende  der  70er  und  in  den  80er  Jahren  und
zwar  im  Königreich  Polen,  wo  damals  wegen  der  guten  Konjunktur
eine  Reihe  von  Werken  von  verschiedenen  deutschen  Aktiengesellschaften ­
  und  manchen  anderen  Unternehmern  gegründet,wurde.  Nach
einer  Pause  in  der  Mitte  der  80er  Jahre  kam  die  zweite  Übersiedelung
des  ausländischen,hauptsächlich  belgischen,  teilweise  auch  französischen
Kapitals  nach  Südrußland,  die  vom  Ende  der  90er  Jahre  an  eine  bedeutendeHöhe
  erreicht.  Die  wichtigsten  Ursachen  davon  sind  die  folgenden:
Als  erste  und  allgemeine  Voraussetzung  dieser  Erscheinung  ist
das  Vorhandensein  freien  Kapitals  in  Frankreich  und  Belgien  in  dem
letzten  Viertel  des  19.  Jahrhunderts  zu  bezeichnen.  Dieses  Kapital
suchte  eine  rentable  Verwendung  und  mußte  sich  nach  dem  Auslande ­
  begeben.  Als  Verbinduugsbrücke  zwischen  diesen  Ländern
einerseits  und  Rußland  andererseits  dienten  einige  französische  und
belgische  Gesellschaften,  sowie  von  diesen  in  Rußland  gegründete
Ableger,  wie  z.  B.  die  „Huta  Bankowa“  und  die  „Societe  Krivoi-Rog“.
Sie  interessierten  sich  stark  für  die  weitere  Entwickelung  der  Eisenindustrie ­
  in  Rußland,  nahmen  (wie  z.  B.  die  belgische  Gesellschaft
„Coquerille“)  Untersuchungen  vor,  verpachteten  Eisenerzlager  usw. 1
Besonders  Südrußland  mußte  ihre  Aufmerksamkeit  erwecken,  wo
damals  durch  die  Krivoi-Rog-Eisenerze  die  günstigsten  Verhältnisse
für  eine  großartige  Eisenindustrie  vorhanden  waren.  Dazu  kam  noch,
daß  in  dieser  Zeit,  speziell  in  der  belgischen  Eisenindustrie  ein  gewisser ­
  dauernder  Stillstand  eintrat,  was  das  Zuströmen  des  neuen
Kapitals  in  dieses  Gebiet  bedeutend  hemmte.
Eine  indirekte  Wirkung  hat  dann  auf  die  Einwanderung  des
belgischen  Kapitals  auch  die  russische  prohibitive  Zollpolitik  der
80er  Jahre  in  gewissem  Maße  ausgeübt.  Denn  lange  vorher  hatte
die  belgische  Eisenindustrie  unter  anderem  auch  nach  Rußland  exportiert. ­
  Die  damals  gestiegenen  russischen  Eisenzölle  hatten  nun  die
belgischen  Unternehmer  sehr  stark  getroffen.  Sie  suchten  dadurch  einen
Ausweg  zu  finden,  daß  sie  ihre  Tätigkeit  in  das  Gebiet  der  russischen
Zollgrenzen  verlegten.  Anstatt  Eisenprodukte  fing  jetzt  Belgien  an,
seine  Kapitalien  über  die  russische  Zollgrenze  hinauszuschicken.
Das  waren  die  maßgebenden  Ursachen,  welche  die  erste  Einwanderung ­
  des  ausländischen  Kapitals  nach  Südrußland  bedingt
hatten.  In  den  90er  Jahren  kamen  dann  noch  andere  hinzu,  welche
diese  Bewegung  noch  verstärkten.  Das  waren  erstens  die  in  Südrußland ­
  entstandene  Hochkonjunktur  in  den  90er  Jahren,  was  die
große  Rentabilität  für  die  ersten  Werke  bewirkte  und  die  neuen
1  Trasenster,  L’industrie  charbonnifere  et  siderurgique  de  la  ftussie
meridionale  (Rev.  univers.  d.  mines,  S.  168).
        <pb n="32" />
        33

Gründer  sehr  stark  locken  mußte  und  zweitens  die  Wirtschaftspolitik
der  Regierung  in  diesen  Jahren.
Von  besonders  großer  Bedeutung  für  die  Kapitaleinwanderung
in  letzterem  Sinne  war  die  Einführung  der  Goldwährung  in  Rußland
im  Jahre  1896.  die  damals  von  dem  Finanzminister  Witte  und  anderen
hauptsächlich  aus  dem  Grunde  vollzogen  worden  war,  um  dieses
Einströmen  des  ausländischen  Kapitals  in  die  russische  Industrie  zu
erleichtern.  Dazu  kamen  noch  verschiedene  direkte  und  indirekte
Unterstützungen,  die  der  Staat  den  ersten  Gründern  zu  erteilen  pflegte.
So  bekamen  einige  Gründer  z.  B.  Bestellungen,  bevor  die  Werke  und
die  Aktiengesellschaften  selbst  gegründet  worden  waren;  man  erteilte ­
  dann  weiter  auf  Grund  dieser  Bestellungen  die  Avancen  usw.
Es  wurde  endlich  gleich  in  den  90er  Jahren  der  südrussischen
Eisenindustrie  große  Sehienenbestellungen  und  dazu  zu  sehr  hohen
Preisen  zugewiesen.
Alle  diese  Vorkommnisse  bewirkten  ein  großes  Zuströmen  des
ausländischen  Kapitals  nach  Südrußland,  um  dort  in  den  beinahe
öden  Steppen  die  lebhafteste  Unternehmungstätigkeit  zu  erwecken.
Die  Ausländer  brachten  aber  nicht  nur  ihre  großen  Kapitalien  mit,
sondern  auch,  was  sehr  wichtig  war,  ihre  Energie  und  ihre  qualifizierten ­
  Arbeitskräfte.
Die  Eisenerzentdeckung  bei  Krivoj-Rog  und  die  Eröffnung  der
„Jekaterininskaja“-Eisenbahnlinie  im  Jahre  1884  einerseits,  das
Einströmen  ausländischer  Kapitalien  und  qualifizierter  technischer
Arbeitskräfte  andererseits  waren  die  ausschlaggebenden  Faktoren,  die
den  neuen  Aufschwung  der  südrussischen  Eisenindustrie  am  Ende
des  19.  Jahrhunderts  ermöglichten.
3.  Die  Bedeutung  der  staatlichen  Zollpolitik  der  80er  Jahre.
ln  Rußland,  insbesondere  in  den  industriellen  Kreisen,  ist  die
Meinung  sehr  verbreitet,  daß  die  Untcrnebmungstätigkeit  im  südrussischen ­
  Gebiete  in  den  80er  und  90er  Jahren  hauptsächlich  als
unmittelbares  Resultat  der  protektionistischen  Zollpolitik  in  diesen
Jahren  entstanden  ist.  Das  nötigt  uns,  die  Bedeutung  dieser  Zollpolitik ­
  in  ihren  wichtigsten  Etappen  kurz  ins  Auge  zu  fassen.
Die  Zollquote  aller  Waren  im  Vergleich  zum  Wert  derselben  war 1 :

J  alire

°/ 0  der  Zollquote
zu  den  Preisen

J  ahre

°/ 0  der  Zollquote
zu  den  Preisen

1851—56

24,3

1881  —  84

18,7

1857—68

17,6

1885—90

28,3

1869—76

12,8

1891—1900

33,0

1877—80

16,1

1  Prokrowski,  a.  a.  0.,  Tabellen  XXIII.

Sawelieff.

3
        <pb n="33" />
        34

Der  Unterschied  zwischen  den  Quoten  der  Jahre  1881—84  und
der  Jahre  1885—90  erreicht  also  10°/ 0  der  Warenpreise.  Damit
fällt  im  großen  und  ganzen  auch  die  Erhöhung  der  Eisenzölle  zusammen, ­
  so  daß  sie  für  einige  Artikel  einen  prohibitiven  Charakter
trugen.  Besonders  die  Roheisenzölle  waren  hoch  gesetzt.  Es  betrugen 1 :

Tarifgesetze

Roheisenzölle  in  Kop.

Land-Seezoll



Zolleinnahme

in  Papiergeld

Tarif  von  1850

50

Verboten

„  „  1857

15

15

„  „  1868

5

5

Zölle

Zölle  in

Zölle

Zölle  in

in  Gold

Papiergeld

in  Gold

Papiergeld

Zolleinnahme  i.Gold  (seit  1877)

5

7

5

7

Gesetz  von  1882

6

10

6

10

„  1884

9

14

9

14

,.  ,.  1885

12

19

12

19

„  „  1886

15

25

15

2,5

,.  ,.  1887

30

54

25

45

20%  Zuschlag  im  Jahre  1890

36

50

30

41

Tarif  von  1891

35

52

30

45

Konventionstarif  von  1894

30

45

30

45

Wie  aus  der  Tabelle  zu  ersehen  ist,  waren  die  Roheisenzölle
in  den  70er  Jahren  sehr  niedrig  gesetzt.  Die  erste  Erhöhung  dieser
Zölle  kommt  in  den  Jahren  1877—82,  sie  war  aber  nicht  bedeutend
und  wurde  hauptsächlich  durch  die  Interessen  des  Fiskus  veranlaßt.
Als  Folge  der  schwachen  Roheisenzölle  in  den  70er  Jahren  und  am
Anfang  der  80er  Jahre  erhob  sich  eine  interessante  Erscheinung.  Es
nahm  nämlich  damals  die  Bedeutung  der  reinen  Walzwerke  immer  mehr
zu.  Viele  Unternehmungen  arbeiteten  in  dieser  Zeit  mit  billigem  ausländischen ­
  Roheisen,  was  für  sie  um  so  vorteilhafter  war,  als  damit  die
Möglichkeit  nicht  ausgeschlossen  war,  die  Prämien  für.die  hergestellten
Schienen  zu  bekommen.  Eine  besonders  günstige  Konjunktur  war  dadurch ­
  im  Königreich  Polen  entstanden,  welches  Gebiet  seiner  Lage  nach
in  unmittelbare  Berührung  mit  Deutschland  kommt  und  wo  die  deutschen
Eisengesellschaften  hauptsächlich  an  der  westlichen  Grenze  eine  Reihe
von  Walzwerken  errichteten,  die  gewöhnlich  als  Filialen  dieser  Gesellschaften ­
  äuftraten  und  mit  billigem  deutschen  Roheisen  die  Eisenbahnschienen ­
  herstellten.  Diese  Verhältnisse  waren  auch  in  anderen
Gebieten  zu  beobachten,  besonders  im  Nordwesten.  Durchschnitt-1

  Prokrowski,  a.  a.  O.,  S.  92.
        <pb n="34" />
        35

3*

lieh  machte  die  Roheiseneinfuhr  in  den  Jahren  1875—84  mehr  als
60°/o  der  Eisenproduktion  im  Lande  aus.
Alles  das  hatte  zur  Folge,  daß  die  Eisenbahnschienen  hauptsächlich ­
  aus  ausländischen  Materialien  hergestellt  wurden.  Nach
amtlicher  Angabe  war  die  Gesamtlänge  der  Eisenbahnlinien  im
Jahre  1884  32000  Werst,  davon  22669  Werst  mit  Stahlschienen.
Von  den  letzteren  waren  die  Schienen  für  15144  Werst  direkt  vom
Auslande  geliefert  und  die  für  5  958  Werst  waren  aus  ausländischem
Roheisen  hergestellt,  und  nur  für  1897  Werst  waren  eigentlich
heimische  Schienen  verwendet  worden 1 .  Die  Bemühungen  des  Staates,
nur  mit  heimischen  Materialien  die  Eisenbahnlinien  zu  bauen,  wie
es  noch  im  Jahre  1866  proklamiert  worden  war,  hatten  also  sehr
schwache  Erfolge  gehabt.
Die  Opfer  seitens  der  Regierung  für  die  heimische  Eisenindustrie
waren  dagegen  sehr  bedeutend.  Insgesamt  wurden  vom  Staate  folgende
Prämien  seit  ihrer  Einführung  an  die  Eisenindustriellen  bezahlt:  Für
die  privaten  Bestellungen  8969923  Rbl.,  für  staatliche  5264923  Rbl.,
also  zusammen  14264923  Rbl. 1  2 .
Mit  solchen  Resultaten  konnte  die  Regierung  selbstverständlich
nicht  zufrieden  sein;  sie  bemühte  sich  daher  am  Ende  der  80er  Jahre,
auch  das  Roheisen  mit  einem  hohen  Zoll  zu  belegen,  sodaß  die
Konkurrenz  des  Auslandes  dadurch  unmöglich  wurde.  Seit  dieser
Zeit  begann  eine  systematische  Erhöhung  der  Zollquoten  auf  alle
anderen  Eisensorten,  die  den  Zweck  hatte,  jede  Konkurrenz  des
Auslandes  auf  diesem  Gebiete  unmöglich  zu  machen.  Diese  protektionistische ­
  Bewegung  erreichte  ihren  Kulminationspunkt  in  dem
Tarife  vom  Jahre  1891.
Diese  Zollerhöhung  hat  aber  für  die  unmittelbare  Gründungstätigkeit ­
  in  Südrußland  sehr  geringe  Bedeutung  gehabt.  Sie  hat  den
Unternehmungsgeist  der  russischen  privaten  Unternehmer  nicht  geweckt.
Russische  Kapitalien  konnten  nicht  herangezogen  werden,  vor  allem
schon  deswegen  nicht,  weil  auf  dem  russischen  Markte  die  dazu
nötigen  freien  Kapitalien  nicht  vorhanden  waren;  außerdem  war  die
Eisenindustrie  den  meisten  russischen  Kapitalisten  fremd,  verlangte
große  Kenntnisse  und  ist  immer  mit  einem  gewissen  Risiko  verbunden ­
 3 .  Damit  waren,  wie  Tieme  ganz  richtig  bemerkt 4 ,  die
Hoffnungen  der  russischen  Regierung,  die  heimischen  Kapitalien  in
der  Eisenindustrie  durch  die  Erhöhung  der  Zölle  heranzuziehen,
1  Brandt,  a.  a.  0.,  S.  27.
2  Brandt,  a.  a.  0.,  8.  25.
3  Eine  Ausnahme  bilden  nur  zwei  russische  Kapitalisten  Gubonin  und
Golubew,  die  im  Jahre  1884,  nach  der  Entdeckung  der  Krivoj-Rog-Eisenerze
das  Alexander-Werk  erbaut  hatten.
4  Tieme,  Gegenwärtige  Lage  der  Technik  in  den  südrussischen  Eisenwerken ­
  und  Gruben.  Gorn.  Journ.  1897,  I,  S.  13  .(russisch).
        <pb n="35" />
        —  36

resultatlos  geblieben.  Das  Prohibitivsystem  konnte  für  Südrußland
schon  deswegen  keine  besondere  Bedeutung  haben,  weil  die  südrussischen
  Eisenwerke  damals,  wie  auch  später,  sich  hauptsächlich
mit  Schienenherstellung  beschäftigten.  Die  Eisenbahnbauten  hingen
aber  seit  Ende  der  80er  Jahre  beinahe  ausschließlich  von  der  Regierung ­
  ab,  der  Staat  erschien  als  der  Hauptverleger,  damit  aber
als  der  Hauptregulator  der  Preise.  Da  die  Preise  von  ihm  immer
höher  als  die  Marktpreise  und  unabhängig  von  den  letzteren  festgestellt ­
  worden  waren,  so  waren  hier  die  Zölle  überhaupt  überflüssig.
Das  beweist  uns  die  Tatsache  besonders  deutlich,  daß  die  Schienenpreise ­
  nach  der  Einführung  der  hohen  Tarifierung  von  Roheisen  nicht
gestiegen,  sondern  gefallen  waren.  So  zahlte  die  Regierung  am  Ende
der  80er  Jahre  2,30  Rbl.  pro  Pud.  am  Ende  der  90er  dagegen  bloß
1,10  Rbl.  Die  Preise  waren  also  von  der  Regierung  so  hoch  angesetzt, ­
  daß  sie  keine  Änderung  durch  die  Zollerhöhung  erfahren
konnten.

Kapitel  V.
Die  Zeit  der  Hochkonjunktur  in  den  90er  Jahren.
1.  Allgemeine  Betrachtung  der  Hochkonjunktur.
Seit  Anfang  der  90er  Jahre  kam  die  südrussische  Eisenindustrie
in  eine  Prosperitätsperiode.  Die  Hochkonjunktur  herrschte  damals
auch  in  dem  ganzen  russischen  Gewerbe  überhaupt.  Zum  ersten
Male  nahm  jetzt  in  Rußland  der  industrielle  Kapitalismus  sein  klares
Gepräge  an,  was  mit  der  Ausbildung  des  kapitalistischen  inneren
Marktes  zusammentrifft  und  als  eine  Nebenerscheinung  auch  die
steigende  Nachfrage  nach  Eisen  zeigte.
Eine  besonders  lebhafte  Tätigkeit  entstand  in  dieser  Zeit  auf
dem  Gebiete  des  Eisenbahnbaues,  was  speziell  für  die  südrussische
Eisenindustrie,  die  von  Anfang  an  speziell  für  die  Schienenproduktion
angepaßt  war,  eine  besonders  hohe  Bedeutung  hatte.  Die  folgende
Tabelle  gibt  eine  Vorstellung  über  die  Vermehrung  der  Produktion
von  Roheisen,  Halbzeug-  und  der  Eertig-Produkte  in  Tausend  Pud 1 .
Aus  dieser  Tabelle  ist  zu  ersehen,  daß  die  russische  Eisenindustrie ­
  überhaupt  eine  große  Ausdehnung  am  Ende  des  19.  Jahrhunderts ­
  erfahren  hat.  Die  Hauptrolle  in  dieser  Bewegung  hat  die
südrussische  Eisenindustrie  gespielt,  welche  damals  alle  anderen
Gebiete  weit  überflügelte.

1  Gutachten  der  Eisenindustriellen,  s.  S.  2—4,  (russisch).
        <pb n="36" />
        37

Jahr

.Roheisenproduktion

Halbzeugproduktion

Stahl-  u

.  Bisenprodukt.

Süden

01
Io

Gesamt  in
Rußland

Süden

Ol
Io

Gesamt  in
Rußland

Süden

Ol
Io

Gesamt  in
Rußland

1880

1271

5

26091

?

?

?

1619

4

36591

1885

2  242

7

30908

?

?

?

2584

7

33893

1890

13229

24

54958

7023

14

49543

16638

32

51477

1891

15117

25

59618

11241

19

56886

8658

19

44944

1892

17  028

26

63812

14475

22

64879

12042

23

51894

1893

19867

28

68612

17  759

24

73  807

14158

24

57  498

1894

27  158

34

79  770

30648

33

90925

14662

24

60531

1895

33636

38

86  780

26194

29

89  065

17  220

26

65226

1896

38761

39

97045

28  540

29

96624

22  742

29

76184

1897

46141

40

112611

34165

31

109342

25019

28

86620

1898

61068

45

134837

45217

35

127662

36564

37

98289

1899

82194

50

163239

62205

41

148882

50  502

47

106999

1900

91550

51

176828

66  690

41

160796

57  656

43

132540

Um  den  wirtschaftlichen  Aufschwung  des  südrussischen  Gebietes
noch  übersichtlicher  zu  gestalten,  sei  die  Förderung  der  für  die  Eisengewinnung ­
  nötigen  Rohstoffe  hier  zusammengestellt.  Die  Kohlenförderung ­
  im  Donez-Bassin  war  in  Millionen  Pud 1 :

Jahre

Durchschnittliche
Steinkohlenförderung

J  ahre

Durchschnittliche
Steinkohlenförderung:

1856—1860

4,3

1881—1885

104,3

1861—1865

8,1

1886—1890

152,8

1866  —  1870

12,0

1891—1895

248,7

1871  —  1875

36,2

1896—1900

484,6

1876—1880

67,9

Die  Kohlengewinnung  in  Südrußland  nahm  nicht  nur  absolut
zu,  sondern  auch  im  Vergleich  mit  den  anderen  Gebieten,  wie  mit
dem  polnischen  usw.  So  war  die  Quote  der  Donezbassinausbeute
im  Vergleich  zu  der  Rußlands  überhaupt 1  2  3  * :
1870  —  36  7 0
1880  —  43°/ 0
1900  —  68"/ 0 .
Mit  dem  raschen  Wachtstum  der  Steinkohlenförderung  wuchs
auch  der  Konsum  der  Kohle  seitens  der  Eisenwerke.  Der  Koksverbrauch ­
  seitens  der  südrussischen  Hütten  allein  nahm  folgendermaßen ­
  zu  (in  Tonnen) 8 :
1  Pokrowski,  a.  a.  0.,  S.  223.
2  Lauwick,  L’industrie  dans  la  Russie  meridionalo,  sa  Situation,  son  avenir,
Bruxelles  1907,  S.  96.
3  Cordeweener,  Contribution  ä  l’etude  de  la  crise  industrielle  du  Donez,
Paris  1902,  S.  265.
        <pb n="37" />
        38

Jahr

Koksgewinnung

Jahr

Koksgewinnung

1895

508402

1898

1225911

1896

563114

1899

1698344

1897

799188

1900

2238392

Der  Eisenerzverbrauch  von  Krivoj-Rog  war  folgender 1 ):

J  ahr

Krivoj-Rog-Eisenerz

Jahr

Kri  voj  -Rog-Eisenerz

1885

3200  Tonnen

1895

754000  Tonnen

1887

13200  „

1897

1  654001  ,,

1890

376750

1900

2784600

Entsprechend  der  zunehmenden  Eisenproduktion  wuchsen  auch
rasch  die  Zahl  und  das  Aktienkapital  der  südrussischen  Eisenunternehmungen, ­
  Die  Eisenhütten  und  die  kombinierten  Werke
allein  vermehrten  sich  in  dieser  Zeit  folgendermaßen 2 :

Gründungsjahr ­


Zahl  der
Akt.-Ges.

Gesamt-Aktienkapital ­
  in  Rubel

Gründungsjahr ­


Zahl  der
Akt.-Ges,

Gesamt-Aktienkapital ­
  in  Rubel

1869

1

6000000

1894

6

21900000

1880

2

7800000

1895

8

35600000

1885

3

7800000

1896

13

57200000

1886

3

10200000

1897

14

71600000

1887

4

15200000

1898

16

93600000

1889

4

18200000

1899

17

101800000

1891

5

19700000

1900

17

121000000

Aus  dieser  Tabelle  ist  eine  regelmäßige  Erhöhung  der  Aktienkapitalien ­
  und  das  Wachstum  der  Zahl  der  Werke  ersichtlich.  Eine
besonders  starke  Zunahme  der  neugegründeten  Unternehmungen  ist
seit  dem  Jahre  1895  bis  1898  zu  beobachten.  Im  Gefolge  der  Einrichtung ­
  der  Hüttenbetriebe  wurde  auch  eine  Reihe  von  verschiedenen
Walzwerken,  Maschinenfabriken,  Werkstätten  usw.  gegründet.
Der  überwiegende  Teil  der  in  allen  südrussischen  Unternehmungen
angelegten  Kapitalien  ist  ausländischer,  hauptsächlich  belgischer  Abstammung. ­
  Die  Unternehmungen  allein,  welche  gegründet  worden
sind,  zählen  nach  Lauwicks  Berechnung  etwa  26  Werke  mit  einem
Aktienkapital  von  148812000  Eres,  und  35600000  Eres.  Obligationen 3 .

1  Wir  geben  nur  runde  Zahlen  an;  es  fehlt  noch  das  Suhlinwerk.
2  Die  meisten  A.-G.  wurden  im  Auslande  gebildet  und  erwarben  später
alle  Rechte  der  russischen  A.-G.
3  Lauwick,  a.  a.  O.,  S.  18.  L.  rechnet  dazu  die  Eisenwerke,  welche  nicht
nur  im  südrussischen  Eisonindustriegebiete,  sondern  in  Südrußland  überhaupt
gegründet  worden  sind.
        <pb n="38" />
        39

Außerdem  muß  man  noch  14  verschiedene  Eisenwerke  hinzurechnen,
die,  obwohl  russischer  Abstammung,  doch  von  Belgiern  gegründet
und  geleitet  sind;  sie  haben  ein  Aktienkapital  von  81500000  Pres,
und  31888000  Frcs.  Obligationen 1 .
Der  Bau  der  Werke  und  die  Gründung  der  Aktiengesellschaften
gingen  zuerst  langsam  vor  sich.  Die  ersten  Unternehmungen  waren
mit  gewisser  Vorsicht  gegründet  worden.  Das  Bild  veränderte  sich
am  Ende  der  90  er  Jahre,  wo  die  Gründungstätigkeit  einen  großen
Umfang  annahm.  Spekulationen  und  das  Börsenspiel  mußten  aufbliihen.
  Man  bemühte  sich  oft,  die  Rentabilität  der  Unternehmungen
künstlich  zu  erhöhen.  Ein  solches  Mittel  war  die  Ausgabe  der  Aktien
mit  hohen  Prämien  und  die  Austeilung  von  Dividenden  aus  diesen
Prämien.  Einige  Beispiele  zeigen,  daß  manchmal  die  Gründung  mit
der  Eisenproduktion  gar  nicht  zusammenhing.  So  schreibt  „Der
Finanzbote“,  das  offizielle  Organ  des  Finanzministeriums:  „Das  Anlagekapital ­
  (einer  südrussischen  Aktiengesellschaft)  war  auf  5  000  000  Eres,
festgesetzt,  bei  50000  Aktien  zu  je  100  Frcs.,  außerdem  wurden  aber
50000  Dividendenaktien  ermittelt.  Von  dieser  Zahl  wurden  nur
10000  durch  Gold  gedeckt,  während  40000  gewöhnliche  nebst  allen
Dividendenaktien  in  den  Taschen  verschiedener  Gründer  und  Vermittler ­
  verschwanden.  In  einem  anderen  Falle  wurde  das  Kapital
auf  8500  000  Frcs.  festgesetzt,  bei  85  000  Aktien,  von  denen  nur
15  000  mit  Gold  bezahlt  wurden;  die  übrigen  flössen  der  Gruppe  der
Gründer  zu,  die  außerdem  noch  eine  Million  in  bar,  sowie  zwei
Millionen  Frcs.  in  Obligationen  einsteckten.  Diese  Beispiele  stehen
nicht  vereinzelt  da 1  2 .“
Wir  müssen  noch  hinzufügen,  daß  die  Regierung  selbst  eine
Politik  einschlug,  die  das  Gründungsfieber  steigern  mußte:  „Zur
Begünstigung  der  Industrieentwicklung  erteilte  das  Finanzministerium
Bestellungen  an  noch  nicht  existierende  Werke  und  gab  dann  auf
Grund  dieser  Bestellungen  diesen  Eisenwerken  Avancen.  So  wurden
an  die  Charkow  sehe  Lokomotivenbaufabrik  und  an  das  Hartmann  sehe
Werk  Bestellungen  auf  600  Lokomotiven,  an  die  Russo-Belge  solche
auf  12  Millionen  Eisenbahnschienen,  an  das  Druschkowskische  Werk
solche  auf  8  Millionen  gemacht.  Die  Bestellungen  wurden  gemacht,
ehe  die  Gründung  der  Werke  unternommen  wurde.“
2.  Die  Entwicklung  der  einzelnen  Untergebiete.
Das  ganze  südrussische  Eisenindustriegebiet  kann  man  in  drei
Untergebiete  teilen,  welche  hinsichtlich  des  Rohstoffbezuges  verschiedene ­
  Verhältnisse  zeigen.
1  Lauwick,  a.  a.  O.,  S.  22.
2  Finanzbote  1901.  Nr.  47.  (Wir  zitieren  aus:  Kaffenhaus,  Syndikate  in
der  russischen  Eisenindustrie,  Moskau  1910  S.  67,  russisch.)
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        40

Das  erste  Untergebiet  umfaßt  die  Eisenerzgruben  von  Krivoj-Rog
und  Umgegend.  Es  ist  in  unmittelbarer  Abhängigkeit  von  den
Krivoj-Rog-Eisenerzgruben  entstanden.  Das  zweite  umfaßt  die  Gegend
des  Steinkohlenbeckens  des  Donezbassins  und  das  dritte  lagert  sich
um  das  Asowsche  Meer  herum  und  hängt  von  den  Eisenerzlagern
auf  der  Halbinsel  Kertsch  ab.  Da  diese  Untergebiete  im  großen
und  ganzen  in  dieser  Reihenfolge  sich  entwickelten,  seien  sie  auch
in  dieser  Reihenfolge  beschrieben.
a)  Jekaterinoslawgobiet.
Unter  diesem  ersten  Gebiete  ist  die  Gegend  zu  verstehen,  welche
den  westlichen  Teil  des  südrussischen  Eisenindustriegebiets  umfaßt
und  die  zwei  besondere  Unterrayons  einschließt:  1.  die  Krivoj-Rog-Gegend
  und  2.  die  Stadt  Jekaterinoslaw  mit  Umgebung 1 .  Die
Gründungstätigkeit  entwickelte  sich  hier  unmittelbar,  nachdem  die
Krivoj-Rog-Eisenerze  entdeckt  worden  waren.
Die  erste  Gesellschaft,  die  auf  die  Krivoj-Rog-Eisenerzlager
aufmerksam  machte,  war  die  „Societe  Krivoi-Rog“.  Diese  Gesellschaft
war,  wie  wir  schon  erwähnt  haben,  von  Pohl  mit  Hilfe  des  französischen
Kapitals  gegründet  worden.  Als  ihr  Gründungsjahr  ist  1880  anzunehmen ­
 1  2  3 .  Pohl  schloß  schon  im  Jahre  1873  einen  Vertrag  mit  den
Bauern  der  Gemeinde  Krivoj-Rog,  wonach  diese  ihm  alle  unkultivierten
Gemeindegüter  (etwa  839  Dessjat.)  auf  85  Jahre  verpachteten.  Die
Pachtverhältnisse  waren  außerordentlich  günstig,  sodaß  der  Pachtzins
einige  Rubel  pro  Dessjatine  nicht  überschritt 8 .  Diesen  Vertrag  übertrug ­
  Pohl  an  die  neugegründete  Gesellschaft,  wofür  er  von  ihr  insgesamt ­
  1250000  Pres,  bar  und  1250000  Pres,  in  Aktien  bekam.
Das  Aktienkapital  der  Gesellschaft  war  auf  5  000000  Pres,  festgesetzt; ­
  erst  im  Jahre  1900  wurde  es  auf  7  000000  Pres,  erhöht.
Die  Gesellschaft  gewann  das  erste  Erz  im  Jahre  1885.  Zuerst  besaß
sie  eine  rein  monopolistische  Stellung  auf  dem  Eisenerzmarkte,  und
da  die  Nachfrage  nach  guten  Eisenerzen  groß  war,  so  ging  ihre
Tätigkeit  rasch  vorwärts.  Bald  darauf  plante  die  Gesellschaft  die
Gründung  eines  großen  Werkes  in  unmittelbarer  Nähe  der  Stadt
Jekaterinoslaw,  die  die  Bedeutung  und  die  günstige  Lage  der  Gesellschaft ­
  noch  erhöhen  sollte.  Zu  diesem  Zwecke  erwarb  sie  ein
Grundstück  von  dem  Rate  der  Stadt  Jekaterinoslaw.  Der  damals
eingetretene  geschäftliche  Zusammenbruch  eines  der  Hauptaktionäre,
Boutaux,  erschütterte  aber  die  Lage  der  Gesellschaft;  die  Pläne
wurden  aufgegeben  und  die  „Societe  Krivoi-Rog“  blieb  bis  zum

1  Wir  werden  hier  wie  auch  in  anderen  Itayons  nur  die  wichtigsten  Unternehmungen ­
  näher  betrachten.
*  Trasenster.  a.  a.  O.,  Rev.  univers.  des  mines  1899,  S.  178.
3  Cordeweener,  a.  a.  O.,  S.  63.
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        41

Jahre  1892  als  eine  reine  Eisenerzexport-Gesellschaft  bestehen.  In
diesem  Jahre  wurde  ein  relativ  kleines  Hüttenwerk  mit  zwei  Hochöfen ­
  in  Krivoj-ßog  erbaut.  Das  Werk  hatte  die  Aufgabe  zu  erfüllen, ­
  die  minderwertigen  und  dadurch  transportunfähigen  Erze  am
Gewinuungsorte  zu  verhütten.  Die  Gesellschaft  kaufte  im  Jahre  1890
die  Steinkohlengruben  im  Donezbassin  bei  Almasnaja  an,  um  die
Verhüttung  mit  eigener  Steinkohle  zu  ermöglichen 1 .  Alle  diese
Vergrößerungen  der  Unternehmung  erfolgten  ohne  Vergrößerung  des
Aktienkapitals,  was  uns  die  große  Sparsamkeit  und  Vorsicht  der
Leitung  zeigt.  Im  Zusammenhang  damit  waren  auch  die  ersten
Dividenden  relativ  niedrig;  sie  überschritten  gewöhnlich  nicht  5 u / 0 .
Die  Hauptbedeutung  der  Gesellschaft  beruht  auf  der  Eisenerzgewinnung. ­
  Diese  Gesellschaft  erscheint  immer  noch  als  der  bedeutendste ­
  Lieferant  von  Eisenerzen,  obwohl  die  frühere  Monopolstellung ­
  durch  die  Entwicklung  der  Eisenerzförderung  in  den
verschiedenen  Orten  der  Krivoj-Bog-Gegend  bald  verloren  gegangen
war.  In  der  Mitte  der  90er  Jahre  schloß  die  Gesellschaft  eine
Keihe  von  neuen  Kontrakten  mit  den  Grundbesitzern  der  Gegend  ab.
Unter  anderen  bildete  sie  mit  zwei  Gesellschaften  das  sog.  Syndikat,
das  gemeinsame  Pachtung  und  Förderung  von  Eisenerzen  zum  Zwecke
hatte.  Auf  diese  Weise  wurde  auch  der  kultivierte  Boden  von  der
Gemeinde  Krivoj-Eog  im  Jahre  1895  gepachtet.  Das  Pachtgeld
betrug  1  Kop.  pro  gewonnenes  Pud;  dazu  wurde  den  Bauern  ein
jährliches  Minimaleinkommen  garantiert.  Diese  Form  der  Pachtung
ist  auch  für  die  meisten  anderen  Kontrakte  typisch.
In  der  unmittelbaren  Nachbarschaft  der  Eisenerzlager  von  Krivojßog
  waren  keine  anderen  Eisenwerke  entstanden,  hauptsächlich  deswegen ­
  nicht,  weil  die  Gegend  sehr  entfernt  von  Kohlengruben  ist,
und  weil  die  wichtigsten  Eisenbahnlinien  sie  nicht  berühren.
Eine  andere  Gegend,  die  im  Zusammenhang  mit  den  Krivojßog-Eisenerzen
  steht,  deren  Lage  aber  bedeutend  günstiger  ist,  ist
die  Stadt  Jekaterinoslaw  mit  Umgehung.  Diese  Stadt  liegt  ungefähr
175  Werst  von  Krivoj-ßog  und  etwa  300  Werst  von  den  Donez-Kohlengruben
  entfernt,  Sie  liegt  an  dem  Kreuzungspunkt  der  Jekaterinoslawer
Bahnlinie  und  des  Dniepr.  Von  dieser  Stelle  stromaufwärts  ist  der
Dniepr  vollständig  schiffbar,  was  die  Verbindung  mit  den  wichtigsten
Städten  und  Orten  Mittelrußlands  erleichtert.  Außerdem  kreuzt  die
Jekaterinoslawbabn  in  geringer  Entfernung  eine  der  Hauptadern  Südrußlands ­
  —  die  Linie  Moskau—Kursk  -  Charkow—Sewastopol.  —
Endlich  erscheint  sie  als  ein  natürlicher  Haltepunkt  für  die  nach
Süden  strömenden  Arbeitermassen,  wodurch  die  Anwerbung  der
nötigen  Arbeitskräfte,  die  besonders  früher  sehr  große  Schwierigkeiten
verursachte,  erleichtert  wird.  Unter  allen  diesen  Verhältnissen  hat

1  Trasenster,  a.  a.  0.,  S.  180.
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        42

sich  Jekaterinoslaw  sehr  rasch  zu  einer  bedeutenden  Industriestadt
entwickelt,  die  ein  Dutzend  verschiedener  Maschinenfabriken,  Walzwerke ­
  usw.  besitzt.
In  dieser  Gegend  wurden  die  ersten  Eisenwerke  die  die  neue
Ara  der  südrussischen  Industrie  kennzeichneten,  errichtet.  Als  erstes
erscheint  die  Brjausk-Aktiengesellschaft.  Sie  erbaute  im  Jahre  1885,
bald  nach  der  Eröffnung  der  Eisenbahnlinie  Jekaterininskaja,  in  der
Nähe  der  Stadt  Jekaterinoslaw  das  Eisenwerk  Alexander.  Die  Gesellschaft ­
  selbst  war  schon  im  Jahre  1876  gegründet  und  hatte  damals
das  Eisenwerk  an  der  Desna  in  der  Nähe  der  Stadt  Beschitza  errichtet. ­
  Nachdem  aber  in  Krivoj-Rog  reiche  Eisenerze  gefunden
und  der  Bau  der  Jekaterininskajalinie  vollendet  war,  verlegte  sie
ihre  Tätigkeit  nach  Süden.  Im  Jahre  1885  wurde  das  schon  früher
erwähnte  Grundstück  bei  der  Stadt  Jekaterinoslaw  von  der  Krivoj-Rog-Aktiengesellschaft
  angekauft.  Im  Jahre  1887  wurde  der  erste
Hochofen  in  Betrieb  gesetzt.  Viele  Maschinen  und  sonstige  Einrichtungen ­
  wurden  im  Beschitza-Werk  angefertigt  und  direkt  per
Schiff  auf  dem  Dniepr  dorthin  gebracht 1 .  Es  entstand  also  von
Anfang  an  ein  lebhafter  Verkehr  zwischen  den  beiden  Eisenwerken
der  Gesellschaft,  der  die  Form  der  Arbeitsteilung  annahm,  da  das
zweite  mit  der  Roheisenproduktion  sofort  anfing,  während  das  erste
immer  reines  Walzwerk  blieb.
Nachdem  das  Alexanderwerk  erbaut  worden  war,  bemühte  sich
die  Gesellschaft,  sich  unabhängig  vom  Rohstoffmarkte  zu  machen.
Man  schloß  deshalb  langfristige  Verträge  mit  den  Eisenlagerbesitzern
und  kaufte  die  nötigen  Steinkohlengruben.  In  dieser  Art  wurden
Kontrakte  mit  verschiedenen  Grundbesitzern  von  Krivoj-Rog  1889,
1895,  1896  und  später  abgeschlossen,  was  die  Lage  der  Gesellschaft
sehr  verstärken  mußte.  Das  beweist  auch  die  Tatsache,  daß  die
Gesellschaft,  während  sie  im  Jahre  1889/90  für  Eisenerze  19 1 / 2 Kop. 1
pro  Pud  bezahlen  mußte,  später  dieselben  Eisenerze,  aber  aus  den
eigenen  Gruben,  nicht  teurer  als  mit  7—8 1 / 2  Kop.  zu  bezahlen
brauchte.  Im  Jahre  1893  kaufte  die  Gesellschaft  ein  großes  Grundstück ­
  mit  reichen  Steinkohlenlagern  bei  Almasnaja 1  2  im  Donezbassin,
was  die  Möglichkeit  gab,  ausschließlich  mit  eigenen  Rohstoffen  zu
arbeiten.
Was  die  Produktion  betrifft,  so  ist  das  Alexander-Werk  hauptsächlich ­
  ein  Schienenwalzwerk.  Seine  Schienenproduktion  betrug
Anfang  der  90er  Jahre  nicht  weniger  als  70°/ 0 ,  Ende  der  90er
Jahre  55  bis  60°/ 0  der  Gesamtproduktion.
Am  interessantesten  ist  die  Finanzgeschichte  der  Gesellschaft.
Die  Brjansk-Aktiengesellschaft  war  ausschließlich  mit  russischem

1  Tie  me,  a.  a.  0.,  Goto.  Journ.  1889,  I,  S.  34.
2  Tieme,  a.  a.  O.,  Goto.  Journ.  1897,  IV,  8.  174.
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        43

Kapital  gegründet.  In  dieser  Hinsicht  bildete  sie  mit  der  Donez-Jurjewka-Aktiengesellschaft
  und  Pastuchow  die  einzige  Ausnahme.
Eine  rein  russische  Kapitalanlage  'blieb  sie  aber  nicht  lange.  Schon
im  Jahre  189  L  wurden  ihre  Aktien  durch  die  „Banque  de  Brabant“
in  Belgien  verbreitet 1 .  Seitdem  zirkulieren  die  Brjansk-Aktien  an
ausländischen  Börsen,  besonders  stark  in  Belgien.  Am  Ende  der
90  er  Jahre  spielt  dann  eine  französische  Gesellschaft,  die  „Societe
General  de  Paris“,  eine  bedeutende  Rolle  selbst  in  der  Leitung  der
Gesellschaft 1  *  3 .  Die  Gesellschaft  wurde  mit  einem  Aktienkapital  von
400  000  Rubel  gegründet;  seitdem  erlitt  das  Aktienkapital  mehrfache
Veränderungen  und  Vergrößerungen.  Bis  Ende  der  90  er  Jahre
fanden  solche  achtmal  statt,  sodaß  das  Aktienkapital  im  Jahre  1900
eine  Höhe  von  12  087  500  Rubel  erreichte.
Die  Rentabilität  der  Gesellschaft  war  anfänglich  keine  besonders
große.  Das  Bild  veränderte  sich  aber  seit  Mitte  der  90er  Jahre.
Hohe  Dividenden  sprechen  für  große  Rentabilität,  und  so  scheint
es  um  so  überraschender,  daß  gerade  im  Jahre  1899,  das  überhaupt
für  die  ganze  südrussische  Eisenindustrie  sehr  günstig  war,  die
Gesellschaft  die  ausgegebenen  Dividenden  auf  die  Hälfte  verminderte
und  im  Jahre  1900  schon  keine  mehr  zahlte.  Die  Sache  erklärt
sich  aber  durch  die  ganze  Art  der  Dividendenausschüttung.  Die  Gesellschaft ­
  hat  in  der  Periode  1895—1900  allein  10125000  Rbl.  Prämien
auf  drei  ausgegebene  Dividendenserien  eingenommen.
Dazu  sind  noch  die  bedeutenden  Summen  zu  rechnen,  welche
sich  als  unmittelbarer  Profit  aus  dem  Börsenspiel  ergaben.  Cordewecner
  berechnet  alle  diese  Summen  zusammen  auf  37000000  Eres.
(12  700000  Rbl.),  während  die  Summe  der  ausgeteilten  Dividenden
von  1895—1900  bloß  9  931000  Rbl.  betrug.  Die  Prämien  deckten
allein  reichlich  die  ausgeteilten  Dividenden;  trotzdem  übernahm  die
Gesellschaft  in  denselben  Jahren  noch  zwei  große  Obligationen.
Schon  aus  der  Vergleichung  dieser  beiden  Tatsachen  ist  klar
ersichtlich,  daß  die  ausgegebenen  Dividenden  in  bedeutendem  Maße
Ergebnis  von  Börsenspekulationen  sein  mußten 8 .
Die  zweite  Gesellschaft,  welche  im  Jekaterinoslaw-Gebiete  gegründet ­
  wurde,  ist  die  Dnjepr-Akt.-Ges.  (Dnieprovieune).  Sie  wurde
im  Jahre  1887  mit  einem  Gesamtkapitale  von  5000000  Rbl.  von  der
„Societe  des  acieries  de  Varsovie“,  von  der  belgischen  Gesellschaft
„J.  Coquerille“  und  von  der  französischen  Gesellschaft  „Praga“  gegründet. ­
  Die*  Gründer  brachten  nicht  nur  bares  Geld  mit,  sondern
auch  die  für  die  Gesellschaft  sehr  wichtigen  Gruben  und  andere
Einrichtungen.  So  hat  die  Gesellschaft  Coquerille  die  reichsten

1  TraseDster,  a.  a.  O.,  S.  166.
*  Cordeweener,  a.  a.  O.,  8.  63.
3  Cordeweener,  a.  a.  O.,  S.  210.
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        44

Krivoj-Rog-Grubeu  an  sie  übertragen,  die  Gesellschaft  Praga  Baugrundstücke, ­
  Kohlengruben  und  einen  Eisenerzkontrakt,  die  Societe
des  acieries  de  Varsovie  alle  Maschinen  und  Einrichtungen  ihres
Warschauer  Werks,  ihre  Kunden  und  ihr  Arbeiterpersonal.
Die  Eisenerzgruben  erscheinen  überhaupt  als  die  wichtigste
Grundlage  der  D.-A.  Sie  sind  von  vorzüglicher  Qualität  und  enthalten ­
  nach  der  Analyse  durchschnittlich  95  °/ 0  Eisenoxyd  oder  bis
66°/ 0  Metalleisen.  In  diesen  Gruben  vermutet  man  einen  Vorrat
von  12000000  t  Eisenerz.  Im  Jahre  1898  wurde  noch  ein  Kontrakt
mit  einem  anderen  Grubenbesitzer  abgeschlossen,  sodaß  die  Gesellschaft ­
  ,.Dnieprovienne“  jetzt  die  größte  Besitzerin  von  Eisenerzlagern
in  der  ganzen  Gegend  von  Krivoj-Rog  ist.  Die  Pachtbedingungen
sind  sehr  vorteilhaft  —  langfristige  Kontrakte  und  ein  Pachtzins  von
1  Kop.  pro  gewonnenes  Pud  Eisenerz 1 .  Nach  der  Berechnung  von
Cordeweeuer  mußten  diese  Eisengruben  allein  einen  Vorteil  von
etwa  zwei  Rubeln  auf  die  produzierte  Tonne  Roheisen  gegenüber
ihren  Konkurrenten  aufweisen.
Etwas  anders  stand  zuerst  die  Sache  mit  der  Steinkohlenversorgung. ­
  Die  Gruben,  welche  die  Ges.  „Dnieprovienne“  von  der
Ges.  „Praga“  bekam,  waren  nicht  geeignet  zur  Koksgewinnung,  man
mußte  sie  daher  aufgeben  und  neue  Gruben  erwerben.  Nach  einer
Reihe  von  Bemühungen  wurde  die  Aufgabe  gelöst,  sodaß  jetzt  die
Gesellschaft  einen  bedeutenden  Teil  ihres  Bedarfes  mit  eigener  Kohle
deckt.  Es  wurden  auch  Mangangruben  erworben,  was  die  Produktionskosten ­
  noch  verminderte,  da  bei  den  schwer  schmelzbaren  Krivoj-Rog-Eisenerzen
  ein  großer  Verbrauch  davon  notwendig  ist.
Die  Gesellschaft  ist  eine  vollständig  kombinierte  Unternehmung,
denn  beinahe  das  gesamte  Roheisen  dient  zur  Gewinnung  von  Eisen
und  Stahl  und  zu  deren  weiteren  Verarbeitung.  Die  Entwicklung
des  Betriebes  geht  schnell  vorwärts.  Im  Jahre  1892  waren  zwei,
im  Jahre  1899  schon  5  Hochöfen  im  Betrieb.  Die  Roheisenproduktion ­
  hat  sich  von  1892  bis  1900  mehr  als  verdreifacht,  sie
betrug  im  Jahre  1892  4136011  Pud,  im  Jahre  1900  schon  13024884
Pud.  Die  Dampfmaschinenkraft  hat  sich  in  dieser  Periode  beinahe
vervierfacht,  die  Zahl  der  Arbeiter  dagegen  in  dieser  Zeit  etwas
mehr  als  verdoppelt.  Es  ist  also  Zunahme  der  Produktivität  der
Arbeit  zu  konstatieren.  Früher  war  hier  eine  bedeutende  Zahl
ausländischer  (belgischer)  Arbeiter  beschäftigt.  (So  waren  im  Jahr
1893/4  etwa  20°/ 0  der  Arbeiter  Belgier 1  2 .  In  bezug  auf  Produktivität ­
  nimmt  das  Werk  eine  der  ersten  Stellen  in  Südrußland  ein.
So  rechnete  man  im  Jahre  1895  je  750  Rbl.  Reingewinn  auf  eine
beschäftigte  Person.  Die  Schienenproduktiou  bleibt  auch  hier  ein

1  Cordeweener,  a.  a.  O.,  S.  74  und  88.
2  Trasenster,  a.  a.  O.,  Rev.  univers.  des  mines.  1889,  S.  204.
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        45

wichtiger  Zweig  der  Produktion.  Sie  betrug  im  Jahre  1892  mehr
als  50°/ 0  der  Gesamtproduktion,  im  Jahre  1900  dagegen  nicht  mehr
als  27—28  °/ 0 .  Unter  solchen  Umständen  konnte  die  Dividende  der
Gesellschaft  andauernd  steigen,  von  5°/ n  in  den  Jahren  1889/90  auf
40°/ 0  in  den  Jahren  1895/96.
Das  vierte  Werk,  welches  liier  erbaut  wurde,  ist  das  Werchue-Dnieprowsk-Werk.
  Es  liegt  am  Dniepr,  noch  wmiter  stromauf  als
die  „Dnieprovienne -1 .  Die  Werchne-Dnieprowsk-Gesellschaft  ist
belgischer  Abstammung  und  wurde  in  Brüssel  im  Jahre  1896  mit
einem  Aktienkapital  von  5000000  Frcs.  gegründet.
Im  Zusammenhang  mit  der  Erbauung  neuer  Hütten  entstand
in  der  Stadt  Jekaterinoslaw  und  ihrer  Umgebung  eine  Beihe  von
Walzwerken,  Werkstätten  und  Maschinenfabriken.  Besonders  stark
entwickelte  sich  die  Gründungstätigkeit  seit  dem  Jahre  1895.  Allein
in  Jekaterinoslaw  selbst  und  in  seiner  nächsten  Nähe  wurden  etwa
zehn  verschiedene  Etablissements  erbaut.  Die  größten  dieser  Werke
wurden  beinahe  ausschließlich  mit  ausländischem,  meist  belgischem
Kapital  gegründet.
b)  Donezbassin.
Dieses  Gebiet  ist  ziemlich  ausgedehnt,  entsprechend  der  Verbreitung ­
  der  dortigen  Steinkohlenbecken.  Das  Donezkohlenbassin
selbst  umfaßt  etwa  40000  Quadratwerst,  aber  die  meisten  seiner
Kohleuschichten  sind  für  die  Koksgewinnung  nicht  vervrendbar;
die  dafür  brauchbaren  Sorten  befinden  sich  ausschließlich  am  nordwestlichen ­
  Bande  des  Kohlengebietes.  Deshalb  wurden  alle  Werke
am  nordwestlichen  Bande  des  Gebietes  erbaut.  Eine  andere  Ursache, ­
  welche  die  zerstreute  Lage  der  Werke  hervorgebracht  hatte,
w T ar  der  Wassermangel  im  Donezbassin.  Man  mußte  ferner  die
Lage  der  Eisenbahnlinien  ins  Auge  fassen,  endlich  die  Kosten  des
Eisenerztransportes,  da  die  Eisenerze  beinahe  alle  aus  der  Krivoj-Rog-Gegend
  kommen  und  die  dortigen  nur  zur  Ergänzung  dienen.
Wenn  am  Ende  der  80er  Jahre  Krivoj-Rog  und  hauptsächlich
Jekaterinoslaw  als  Gründungsorte  dienen,  so  wurden  alle  später  erbauten ­
  Werke  in  zwei  anderen  Gebieten  errichtet.  Eine  besonders
lebhafte  Tätigkeit  entwickelte  sich  in  den  90  er  Jahren  im  Donezbassin, ­
  wo  am  Ende  dieser  Periode  schon  zehn  Werke  existierten.
Die  Bevorzugung  des  Donezbassins  gegenüber  dem  Jekateriuoslaw-Gebiet
  war  hauptsächlich  durch  technische  Motive  bedingt.  Da  das
für  die  Gewinnung  und  Verarbeitung  von  Eisen  nötige  Quantum
Kohle  bedeutend  größer  ist  als  das  für  die  Gewinnung  von  Eisenerz, ­
  mußte  zuerst  die  Gründung  der  Werke  eine  Ersparnis  von
Transportkosten  für  Kohle  mit  sich  bringen.  Aus  der  Erfahrung
wurde  dann  nachgewieseu,  daß  die  Verkoksung  im  Nebenbetriebe
für  das  Werk  einige  große  Vorzüge  hat.  So  vermied  man  durch  sie  die
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        46

Schädigung  des  Kokses  durch  den  Transport.  Man  konnte  weiter
den  Koks  immer  frisch  zur  Verfügung  haben,  dessen  Herbeischaffung
besonders  wegen  der  geringen  Transportfähigkeit  der  ,,Jekaterinskaja-Bahn“
  sehr  erschwert  worden  war.  Endlich  wurde  bei  der  Verkoksang ­
  in  den  Nebenwerken  auch  die  Ausnutzung  der  Koksgase
für  Betriebszwecke  ermöglicht.  Außerdem  wuchsen  die  Vorzüge  der
Donezgegend  dadurch,  daß  der  Staat  in  den  90er  Jahren  die  Frachtsätze ­
  auf  die  Krivoj-Rog-Eisenerze  sehr  herabsetzte.
Wir  kehren  nun  zum  Hughes-Werk  zurück.  Die  Gesellschaft
bemühte  sich,  die  entstandene  Hochkonjunktur  in  der  Eisenindustrie
auszunutzen  und  den  Umfang  des  We'rkes  und  seine  Leistungsfähigkeit ­
  möglichst  auszudehnen.  Es  wurden  reiche  Steinkohlengruben ­
  von  Fürst  Liven  angekauft  und  die  vorhandenen  Schächte
vergrößert 1 ,  so  daß  die  Steinkohlengewiunung  weit  über  den  eigenen
Bedarf  ausgedehnt  wurde  und  die  Gesellschaft  als  großer  Steinkohlenproduzent ­
  erschien.
Seit  der  Entdeckung  der  Krivoj-Rog-Eisenerzlager  strebte  die
Gesellschaft  danach,  eigene  Eiseuerzgruben  anzukaufen.  Die  ersten
Gruben  wurden  schon  im  Jahre  1885  erworben 1  und  im  Jahre  1886
die  ersten  Eisenerze  gefördert.  Dazwischen  wurden  noch  einige
Kontrakte  abgeschlossen,  so  daß  die  Gesellschaft  wieder  ein  großes
Quantum  eigener  Erze  schmelzen  lassen  kann.  Dennoch  bleibt  die
Eisenerzversorgung  ein  ziemlich  schwacher  Punkt  der.  Gesellschaft.
Das  Hughes-Werk  ist  während  der  90er  Jahre  besonders  rasch
emporgekommen.  Seine  Produktion  hat  sich  in  der  Zeit  von
1892—1900  mehr  als  verdoppelt.  Es  erschien  in  den  80er  Jahren,
ebenso  wie  im  Anfang  der  90  er  Jahre  als  der  Hauptregulator  der
Eisenpreise  in  Südrußland,  besonders  für  Roheisen,  von  dem  es  ein
bedeutendes  Quantum  auf  den  Markt  bringt.  Es  hat  zeitweilig  auch
das  Privileg  genossen,  von  der  speziellen  Roheisensteuer  (1,5  Kop.)
befreit  zu  sein  1  2 .  Der  Hauptartikel  seiner  Produktion  waren  Schienen.
Die  Gesellschaft  bekommt  immer  große  Staatsbestellungen.  Während
am  Anfang  der  90er  Jahre  die  Schieuenproduktion  nicht  weniger
als  90°/ 0  der  Gesamtproduktion  bildete,  blieb  sie  am  Ende  der  90er
Jahre  immer  noch  durchschnittlich  über  75°/ 0 .  Die  ßentabiltät  war
in  dieser  Zeit  sehr  groß.  Sie  betrug  15  —  25°/ 0 .
Die  erste  Gesellschaft,  mit  der  die  Reihe  der  in  den  90  er
Jahren  gegründeten  Gesellschaften  begann,  war  die  „Donez-Aktiengesellschaft
  für  Stahl-  und  Eisenproduktion“  (Druschkowskwerk).
Die  Gesellschaft,  französischer  Abstammung,  wurde  von  „Pastor  und
Werdie“  und  der  „Huta  Bankowa“  im  Jahre  1891  gegründet.  Im

1  Trasenster,  a.  a.  0.,  Rev.  univers.  des  mines  1896,  S.  214.
1  Tieme,  a.  a.  O.,  dorn.  Journ.  1889.
2  Trasenster,  a.  a.  0.,  Rev.  univers.  d.  mines  1899,  S.  159.
        <pb n="46" />
        47

Jahre  1882  erbaute  sie  das  Druschkowskwerk  nicht  weit  von  Bachmut.
Der  erste  Hochofen  wurde  im  Jahre  1894  in  Betrieb  genommen.
Das  Werk  war  ausschließlich  für  Schienenproduktion  bestimmt.
Die  Gesellschaft  bemühte  sich  um  Versorgung  mit  eigenen
Gruben.  Die  Kauf-  und  Pachtverhältnisse  erschienen  aber  in  der
Mitte  der  90er  Jahre  nicht  so  günstig  wie  vorher.  Die  Pachtzinsen
betrugen  jetzt  nicht  weniger  als  2 1 , 2 —3  Kop.  pro  gewonnenes  Pud.
Die  Gesellschaft  kaufte  auch  eigene  Steinkohlengruben  an.  Sie  mußte
aber  Steinkohlen  sowohl  als  auch  Eisenerze  dazu  kaufen.  Ihr  Aktienkapital ­
  war  zuerst  auf  1500000  Rbl.  festgestellt.
Im  Jahre  1895  wurde  die  Donez-Jurjewka-A.-G.  gegründet.
Der  Hauptgründer  war  einer  der  großen  russischen  Kohlenproduzenten
Altschewski.  DieGesellschaft  ist  hauptsächlich  mit  russischenKapitalien
gegründet  worden,  obwohl  von  Anfang  an  hier  auch  deutsches  Kapital
beteiligt  war 1 .  Später  haben  aber  die  Aktien  der  Gesellschaft  auch
in  Belgien  sehr  starke  Verbreitung  gefunden 1  2  * .  Die  Gesellschaft
lieferte  zuerst  für  den  Markt  eine  große  Menge  Roheisen,  später  auch
ein  bedeutendes  Quantum  von  fertigen  Produkten.  Die  Produktionsunkosten ­
  waren  hier  etwas  höher  als  bei  den  schon  früher  erwähnteu
Gesellschaften,  da  das  Werk  keine  Steinkohlen-  und  Eisenerzgruben
besitzt.  Den  Koks  bezog  das  Werk  von  Altschewski,  mit  dem  es
einen  langfristigen  Kontrakt  abgeschlossen  hatte.
Das  Aktienkapital  war  zuerst  auf  1500000  Rbl.  festgesetzt
worden,  wurde  aber  bald  auf  7  000000  Rbl.  erhöht 1 .
Im  Jahre  1897  wurde  die  „Societe  Russo-Belge“  von  der
„Societe  des  acieries  d’angleur“,  der  ,.Societe  St,  Leonard“  und  mit
Hilfe  der  „Societe  General  de  Bruxelles“  mit  einem  Aktienkapital
von  10  Millionen  Rubel  gegründet 4 .  An  der  Gründung  haben  auch
russische  Kapitalisten  Anteil  gehabt.  Die  Gesellschaft  erwarb  ein
großes  Gebiet  mit  reichen  Steinkohlenlagern,  auf  dem  das  Werk  erbaut ­
  und  eigene  Steinkohlengruben  eingerichtet  wurden,  so  daß  das
Werk  vollständig  mit  eigener  Kohle  versorgt  ist.  Anders  verhält
sich  die  Sache  mit  dem  Eisenerz.  Die  Gesellschaft  hatte  große
Schwierigkeiten  zu  überwinden,  um  ihren  Eisenerzbedarf  auch  nur
teilweise  decken  zu  können.
Der  Betrieb  des  Werkes  war  entsprechend  den  letzten  Anforderungen ­
  der  Technik  erbaut  worden,  wodurch  die  Gesamteinrichtung ­
  etwas  kostspielig  wurde.  Da  aber  die  Gesellschaft  gut
finanziert  war,  gelang  es  den  Gründern,  ihre  Pläne  voll  zu  verwirklichen, ­
  was  eine  große  Produktivität  ermöglichte.  Auch  dieses  Werk

1  Tieme,  a.  a.  O.,  Gorn.  Journ.  1897,  IV,  S.  24.
2  Trasenster,  a.  a.  O.,  Rev.  univers.  d.  mines  1899,  S.  186.
8  Trasenster,  a.  a.  O.,  Rev.  univers.  d.  mines  1899,  S.  185  u.  188.
4  Brand,  a.  a.  0.,  S.  176.
        <pb n="47" />
        48

war  hauptsächlich  für  Schieueuproduktion  bestimmt,  und  die  Regierung
hat  der  Gesellschaft  von  Anfang  große  Bestellungen  zugesichert.
Interessant  ist  es,  die  Bauunkosten  des  Werkes  zu  verfolgen.
Sie  waren  für:

Grund  und  Boden

1103  843  Rbl.

Baumaterialien

2715000  „

Maschinen

2  776  300

Transportkosten

936000  ,.

Ausladungskosten

183800  „

Zölle

1852500

Russische  Baumeister

3056  900  ,.

Ausländische  Baumeister

710000  „

Verschiedenes

763500  „

Gesamt

15082843  Rbl. 1

Die  Zollunkosten  machen  einen  hohen  Prozentsatz  aus.  Eine
bedeutende  Summe  entfällt  auch  auf  die  Transportkosten.  Interessant
ist  es,  sagt  Brandt,  auf  Grund  dieses  Beispieles  die  Summen  festzustellen, ­
  die  wieder  ins  Ausland  abgeflosseu  sind 1  2  3 .  Er  rechnet  dazu
zwei  Rubriken  Maschinen  und  die  Bezahlung  ausländischer  Baumeister,
also  zusammen  3486  300  Rbl.  Die  übrigen  11596443  Rbl.  sind
in  Rußland  geblieben.
Die  anderen  Werke  bedürfen  nur  weniger  Worte.  Das  schon
früher  erwähnte  Suhlinwerk  wurde  im  Jahre  1892  gründlich  umgestaltet. ­
  AndereNeugründungen  waren  die  folgenden:  Im  Jahre  1894
wurde  mit  belgischen  Kapitalien  die  „Almasnaja  A.-G.“  gegründet.
Gründer  waren  die  Dnieprovienne  und  die  belgische  Aktiengesellschaft
„Coquerille“ 8 .  Das  Aktienkapital  betrug  6000  000  Frcs.  Im  Jahre  1897
erschien  die  belgische  Aktiengesellschaft  ,,Hütten  und  Werkstätte  an
Olchowaja“,  mit  einem  Aktienkapital  vou  3125000  Eres.  Im  Jahre  1896
wurde  die  ,,Societe  Generale  de  Makejewka“  gegründet.  Diese  Gesellschaft, ­
  französischer  Abstammung,  wurde  von  der  „Societe  Generale“
(Paris)  und  „L’Omnium  beige“  ins  Leben  gerufen  mit  einem  Aktienkapital ­
  von  10000000  Eres.  Dann  kamen  im  Jahre  1899  die
„Belaja  A.-G“,  eine  Gründung  belgischer  Kapitalisten,  mit  einem
Aktienkapital  von  2  750000  Frcs.  und  die  „Krematorowskaja  A.-G.“,
welche  hauptsächlich  mit  Hilfe  deutschen  Kapitals  gegründet  wurde.
Als  Hauptaktionär  erscheint  in  der  Gegenwart  Borsig.  Das  Gründungskapital ­
  betrug  4500000  Rbl.  Alle  diese  Werke  beschäftigten  sich
am  Ende  der  90  er  Jahre  hauptsächlich  mit  Roheisenverhüttung,  was

1  Brandt,  a.  a.  O.,  S.  176.
2  Das  Petr.-Werk  ist  mit  Hilfe  des  belgischen  Kapitals  erbaut.
3  Cordeweener,  a.  a.  O.,  8.  178.
        <pb n="48" />
        49

damals  infolge  der  großen  Roheisennachfrage  und  der  hohen  Preise
sehr  vorteilhaft  war.  Die  Gesamtzahl  der  Werke,  die  im  Donezbassin ­
  gegründet  wurden,  beläuft  sich  auf  10,  sodaß  das  Donezbassin ­
  als  das  wichtigste  Eisenindustriegebiet  im  Süden  betrachtet
werden  muß.
Außer  diesen  Gesellschaften,  die  sich  alle  mehr  oder  weniger
mit  Roheisenverhüttung  beschäftigten,  war  hier  auch  eine  Reihe
reiner  Walzwerke  und  Maschinenfabriken  entstanden.  Diese  beschäftigten ­
  sich  mit  der  weiteren  Bearbeitung  von  Roheisen.  Das
größte  von  ihnen  ist  die  „Russische  Maschinenbau-Gesellschaft
Hartmann“.  Die  Gesellschaft  wurde  im  Jahre  1896,  teilweise  von
russischen,  teilweise  von  deutschen  Kapitalisten  (Hartmann  A.-G.  und
Dresdner  Bank)  gegründet.  Das  Aktienkapital  von  6000000  Rbl.
wurde  später  auf  9  000000  Rbl.  erhöht.  Die  Maschinenfabriken
entwickelten  sich  zusammen  mit  den  neuen  Werken  und  in  Abhängigkeit ­
  von  ihrer  Gründung.  Die  bedeutendsten  unter  diesen  ist
die  „Wilde  und  Neuw“  (Taganrog),  die  „Maschinenfabrik  in  Jekaterinoslaw“
  (eine  Filiale  der  rheinischen  Duisburg-Werke),  und  die
„Kramatorowskaja  A.-G“.
c)  Das  Gebiet  um  das  Asowsche  Meer.
Das  Gebiet  ist  in  unmittelbarer  Abhängigkeit  von  den
Kertsch-Eisenerzlagern  entstanden.  Die  Erze  waren,  wie  erwähnt,
schon  längst  entdeckt  worden,  ihre  ordentliche  Verhüttung  aber
wurde  wegen  des  großen  Phosphorgehaltes  erst  nach  der  Erfindung
des  Thomasprozesses  ermöglicht.  Das  Gebiet  ist  erst  am  Ende  der
90er  Jahre  zur  Entwicklung  gekommen.  Die  Gründungstätigkeit
griff  von  den  beiden  anderen  Gebieten  hierher  über,  nachdem  die
Preise  der  Krivoj-Rog-Eisenerze  am  Ende  der  90er  Jahre  so  hoch
gestiegen  waren,,  daß  die  Verarbeitung  der  dortigen  armen  Erze
gewinnbringend  erschien.  Das  nötige  Heizungsmaterial  bezieht  das
Gebiet  aus  dem  Donezbassin.  Es  wurden  4  Werke  ins  Leben  gerufen. ­
  Eines  dieser  Werke  befindet  sich  nicht  weit  von  der  Stadt
Kertsch,  drei  andere  an  der  Küste  des  Asowschen  Meeres  bei  den
Städten  Taganrog  und  Mariupol.
Im  Jahre  1896  wurde  hier  die  „Nikopol-Mariupol  A.-G.“  mit
einem  Aktienkapital  von  6  750000  Rbl.  gegründet.  Die  Gründer
waren  hauptsächlich  Amerikaner  („Soud  de  L’I.llinois  Steel  c-ny“).
Das  Werk  wurde  nicht  weit  von  Mariupol  erbaut.  Die  Gründung
des  Werkes  kann  als  ein  gutes  Beispiel  der  damals  herrschenden
Spekulationstätigkeit  dienen.  Sie  ist  sehr  merkwürdig  vor  sich  gegangen. ­
  Es  gelang  der  Gesellschaft  von  Anfang  an,  eine  große
Staatsbestellung  auf  Naphtarohre  für  die  Wladikaukasus-Bahn  zu
bekommen,  zu  der  Zeit,  wo  das  Werk  und  die  Gesellschaft  selbst
4

Sawelieff.
        <pb n="49" />
        50

erst  auf  dem  Papier  existierten.  Nachdem  man  die  Bestellung  bekommen ­
  hatte,  kaufte  man  in  Amerika  ein  vollständig  eingerichtetes
Röhrenwerk  und  ließ  alle  zugehörigen  Maschinen  und  Einrichtungen
direkt  nach  Mariupol  per  Schiff  transportieren.  Im  Dezember  1898
begann  man  die  Zusammenstellung  aller  Teile  —  im  Februar  1899
war  das  Werk  schon  im  Betriebe  .  .  .  Der  Gründungsplan  des
Werkes  war  sehr  großzügig  gedacht,  seine  Durchführung  stieß  aber
auf  verschiedene  Schwierigkeiten.  So  konnte  man  von  den  geplanten
acht  Hütten  nur  zwei  zustande  bringen.  Aber  auch  diese  standen
schon  im  Jahre  1901  still,  da  sich  kolossale  Vorräte  an  Roheisen
angesammelt  hatten.  Man  brauchte  für  den  Bau  immer  neue
Kapitalien,  deren  Beschaffung  immer  schwieriger  wurde.  Alle  diese
Umstände  hatten  zu  Folge,  daß  die  Gesellschaft  stark  mit  Schulden
überlastet  wurde.
Die  erste  Gesellschaft,  die  ihre  Produktion  auf  die  Kertsch-Eisenerze
  basierte,  war  die  „Taganrog  A.-G.“.  Sie  wurde  im  Jahre
1896  unter  Mitwirkung  der  belgischen  Gesellschaft  „d’Ougree“
(Lüttich),  der  „Toleries  Liegeoises-  und  der  „Fabrique  de  tubes  de
Louvroil“  gegründet 1 .  Die  Gesellschaft  besitzt  ein  großes  Gebiet
von  Kertsch-Eisenerzlagern,  deren  Förderungskosten  1—2  Kop.  nicht
überschreiten,  was  mit  den  Transportkosten  4—5  Kop. 1  2  ausmacht.
Sie  hat  auch  einen  Kontrakt  in  Krivoj-Rog  abgeschlossen  und  bezahlt ­
  hier  2,75  Kop.  für  ein  gewonnenes  Pud  Eisenerz.  Das
Taganrog-Werk  wurde  bei  der  Stadt  Taganrog  erbaut  und  im  Jahre
1897  in  Betrieb  gesetzt.  Das  Aktienkapital  betrug  5  000  000  Rbl.
Die  Gesellschaft  mußte  aber  sofort  ihr  Aktienkapital  erhöhen.
Eine  andere  Gesellschaft,  die  mit  der  Taganrog  A.-G.  viel
Ähnlichkeit  hat,  ist  die  „Societe  Providence  Russe“,  die  von  der
belgischen  Aktiengesellschaft  „Providence“  im  Jahre  1897  gegründet
wurde.  Die  Gesellschaft  hat  große  Lager  von  Eisenerzen  auf  der
Halbinsel  Kertsch  gepachtet,  so  daß  die  Erzvorräte  für  hundert
Jahre  gesichert  sind.  Ausserdem  hat  man  auch  in  Krivoj-Rog
einige  Kontrakte  abgeschlossen.  Das  Werk  ist  nicht  weit  von
Mariupol  erbaut  und  hat  einen  eigenen  Hafen.  Auch  hier  ist  ein
guter  Teil  des  ursprünglichen  Planes  nicht  zur  Ausführung  gelangt,
Die  ursprünglichen  Berechnungen  hatten  eine  Reihe  von  konkreten
Tatsachen  nicht  berücksichtigt,  und  das  Aktienkapital  von  15  000  000
Francs  erscheint  viel  zn  niedrig.  Dazu  kamen  auch  verschiedene
finanzielle  Mißbräuche  bei  der  Gründung,  so  daß  die  kommende
Krisis  die  Gesellschaft  vollständig  desorganisierte.
Die  letzte  Gesellschaft,  die  hierher  gehört,  ist  die  „Kertsch  A.-G.“,
die  auch  hauptsächlich  mit  belgischem  Gelde,  dazu,  noch  unter  Bei1 ­

  Trasenster,  a.  a.  O.,  Rev.  univers.  des  rnines.  1899,  S.  194.
2  1  rasenster,  a.  a.  O.,  Kev.  univers.  des  mines.  1899,  S.  193.
        <pb n="50" />
        51

4*

hülfe  der  russischen  Aktiengesellschaft  Brjausk,  gegründet  wurde.
Diese  übertrug  alle  ihre  Pachtungen  und  besonderen  Einrichtungen
nicht  weit  von  Kertsch  an  die  neue  Gesellschaft  für  5000000  ßbl.
Aktien.  Die  Gesellschaft  wurde  mit  einem  Gesamtkapital  von
9999937  ßbl.  gegründet.  Das  sehr  unsolid  fundierte  Unternehmen
ging  bei  der  ersten  Krisis  zugrunde.
3.  Allgemeine  Lage  der  Werke.
a)  Eigentumsverhältnisse.
Schon  aus  der  Betrachtung  der  einzelnen  südrussischen  Eisenwerke ­
  ist  klar  ersichtlich,  daß  sie  alle  in  der  Hochkonjunktur  der
90er  Jahre  eifrig  bestrebt  waren,  eigene  ßobstoffe  zu  bekommen,
insbesondere  eigene  Eisengruben  in  Krivoj-ßog.  Dieses  Streben  ist
verständlich,  wenn  berücksichtigt  wird,  daß  die  Krivoj-ßog-Eisenerze ­
  die  wichtigste  Grundlage  der  Eisenproduktion  Südrußlands
sind,  und  dieses  Bestreben  wird  besonders  einleuchtend,  da  schon
am  Ende  der  80  er  Jahre  eine  Tendenz  zur  Monopolisierung  bei
Jer  Krivoj-ßog-A.-G.  sich  geltend  machte.  Wie  intensiv  dieses
Bestreben  war,  zeigt  die  Tatsache,  daß  z.  B.  die  Brjansk-A.-G.  damals ­
  etwa  3000  Dessjatinen  fast  noch  nicht  untersuchten  Bodens
bei  Krivoj-ßog  gepachtet  hat 1 .  Einige  vorsichtige  Gründer  bemühten ­
  sich,  zunächst  Eisenerzlager  zu  pachten  und  erst  dann  zur
Gründung  der  Werke  überzugehen.  Dieses  Streben  ist  besonders
am  Ende  der  90er  Jahre  ersichtlich;  welche  Spekulation  damals
herrschte,  bestätigt  die  Tatsache,  daß  im  Bezirke  Krivoj-ßog  im
Jahre  1899  allein  222  Pachtkontrakte  seitens  der  Behörden  genehmigt ­
  wurden.
Die  Pachtzinsen  sind  sehr  verschieden,  von  0,25  Kop.  pro  gewonnenes ­
  Pud  bis  3  Kop.  Außerdem  garantierte  man  gewöhnlich
ein  bestimmtes  Minimum  jährlicher  Abzahlung.  Oft  mußte  der
Pächter  auch  eine  Summe  baren  Geldes  bei  Schließung  des
Kontraktes  zahlen.  Wenn  das  Grundstück  von  der  Gemeinde  gepachtet ­
  wurde,  mußte  der  Pächter  manchmal  für  die  Bauern  der
betreffenden  Gemeinde  als  Ersatz  für  das  gepachtete  ein  anderes
Grundstück  kaufen.  Die  Pachtverträge  werden  gewöhnlich  auf  10
bis  30  Jahre  abgeschlossen.
Cordeweener  schätzt  die  Gesamtmenge  der  in  Krivoj-ßog
vorhandenen  Eisensteinlager  auf  73140  000  t.  Davon  waren  am
Ende  der  90  er  Jahre  in  Händen  der  Eisenaktiengesellschaften  etwa
39  981000  t,  also  etwas  mehr  als  die  Hälfte  des  Vorrates 1  2 .  Von

1  Basson,  Gründungstätigkeit  in  den  südrussischen  Eisenwerken,  Gorn.
Journ.  1890,  S.  9  (russisch).

2  Cordeweener,  a.  a.  O.,  S.  228.
        <pb n="51" />
        52

den  17  Gesellschaften,  die  am  Ende  der  90er  Jahre  mit  Eisenverhüttung ­
  sich  beschäftigten,  hatten  nur  10  eigene  Gruben  erworben.
Diese  10  Aktiengesellschaften  zerfallen  wieder  in  zwei  Gruppen.  Die
älteren  Gesellschaften,  wie  die  Dnieprovienne,  Brjansk,  die  Krivoj-Rog
  und  die  Hughes  A.-G.  haben  größere  Vorräte  und  zahlen
niedrigere  Pachtzinsen,  die  neuen  Aktiengesellschaften  dagegen  müssen
sich  mit  relativ  kleineren  Vorräten  begnügen  und  außerdem  hohe
Pacht  zahlen.
Drei  Gesellschaften  —  Providence,  Taganrog  und  Kertsch  —
haben  große  Mengen  von  Kertsch-Eisensteinlagern  gepachtet.  Die
genaueren  Zahlen  anzuführen,  lohnt  sich  hier  nicht,  da  die  Gesellschaften ­
  Tausende  von  Dessjatinen  in  Besitz  haben,  deren  durchschnittliche ­
  Vorräte  sich  auf  200000  t  pro  Dessjatine  belaufen.
Die  Hughes-  und  Donez-Jurjewka-Gesellschaften  sind  Eigentümer
einer  Anzahl  von  großen  Donez-Eisenerzflözen,  und  die  Russo-Belge
endlich  hat  ein  Grundstück  in  Korsak-Mogila  mit  einem  Vorrat  von
8000000  t  Eisenerzen  gepachtet.  Die  beiden  letzteren  Eisenlager
haben  aber  bis  jetzt  keine  besondere  Bedeutung.
Ein  weiteres  Bestreben  der  Aktiengesellschaften  geht  dahin,
sich  auch  mit  eigener  Kohle  zu  versorgen.  Hier  spielte  nicht  nur
das  Motiv  der  Rohstoffverbilligung  eine  Rolle,  wie  das  bei  Eisenerzen
der  Eall  ist,  sondern  auch  der  Wunsch,  eine  möglichst  gute  Qualität
des  Kokses  zu  gewinnen.
Noch  am  Ende  der  80er  Jahre  waren  die  Steinkohlengruben
klein  und  ziemlich  primitiv  eingerichtet 1 .  Die  gewonnene  Kohle
pflegte  man  nicht  weiteren  Verbesserungsverfahren  zu  unterwerfen,
was  auf  die  Qualität  des  Kokses  und  damit  auf  die  des  Roheisens
eine  schlechte  Wirkung  ausübte 1  2 .  Das  Streben  nach  Verbilligung
der  Steinkohle  durch  Erwerb  eigener  Gruben  gewann  Ende  der
90er  Jahre  eine  besonders  große  Bedeutung,  da  in  diesen  Jahren
die  Steigerung  der  Steinkohlenpreise  rasch  Fortschritte  machte.  Diese
Tendenz  endete  in  den  Jahren  1899—1900  mit  der  sogen.  Steinkohlenkrisis, ­
  die  man  als  natürliche  Folge  des  immer  wachsenden
Kohlenverbrauches  und  der  ungenügenden  Transportfähigkeit  der
Eisenbahnen  betrachten  muß.  Diese  Verhältnisse  mußten  die  Bemühungen ­
  der  Aktiengesellschaften,  eigene  Gruben  zu  erwerben,  vergrößern. ­
  Auch  hier  sind  die  ältesten  Unternehmungen  im  großen
und  ganzen  besser  fundiert.  Die  Aktiengesellschaften  sind  sehr  oft
Besitzer  und  nicht  nur  Pächter  der  Steinkohlengruben,  da  die  Erwerbung ­
  der  letzteren,  wegen  der  großen  Ausdehnung  der  Steinkohlenlager, ­
  nicht  so  schwer  zu  ermöglichen  ist  als  die  der  Eisenerzgruben.
Die  vorhandenen  Pachtverträge  sind  ziemlich  verschieden.

1  Tieme,  a.  a.  O.,  Corn.  Journ.  1893,  S.  394.
2  Bassin,  a.  a.  O.,  Gorn.  Journ.  1890,  S.  11.
        <pb n="52" />
        b)  Produktions-  und  Absatzverhältnisse.
Die  wichtigsten  Produktionsartikel  sind  in  Südrußland  Roheisen
und  fertige  Fabrikate.  Wir  fangen  unsere  Betrachtung  mit  den
letzteren  an.
Seit  Anfang  der  90  Jahre  nahm  in  Rußland  der  Eisenbahnbau
außerordentlich  zu.  So  wurden  erbaut:

Jahrfünfte

Werst

1881—1885  .

3117

1886—1890

4338

1891—1895

5  994

1896—1900

15  019

1901  —  1905

7186

Mit  dem  Eisenbahnbau  mußte  auch  die  Nachfrage  nach  dem
Eisenbahnmaterial,  namentlich  nach  den  Schienen,  sich  außerordentlich
vergrößern.  Die  südrussischen  Eisenwerke,  die  von  Anfang  an  der
massenhaften  Stahlproduktion  angepaßt  waren,  hatten  die  Deckung
des  überwiegenden  Teils  des  Eisenhahnmaterials  an  sich  genommen.
Die  Schienenproduktion  bildet  hier  im  Vergleich  mit  der  Gesamtproduktion ­
  an  Fertigprodukten  folgende  Menge:

Jahr

Gesamtproduktion
in  1000  Pud

Schienenproduktion
in  1000  Pud

0/
10

1891

8  546

5  289

61,9

1892

11  930

7124

60,0

1893

14649

8293

59,2

1894

14549

9536

65,8

1895

17112

12083

70,7

1896

22626

15336

68,0

1897

24902

15  808

63,5

1898

36458

21140

58,0

1899

50393

22432

44,5

Dazu  kommt  eine  Menge  Lokomobilen,  Eisenbahnwagen,  Bandagen
und  verschiedener  Eisenbahnartikel,  die  in  Südrußland  hergestellt
werden.  Aus  obigem  folgt,  daß  die  Eisenbahnen  die  Hauptkonsumenten
der  fertigen  Fabrikate  der  südrussischen  Werke  in  den  90er  Jahren
waren.
Ein  zweiter  wichtiger  Absatzartikel  Südrußlands  ist  Roheisen.
Da  aber  Roheisen  in  die  Eisen-  und  Stahlverarbeitung  als  Rohstoff
und  nicht  als  fertiges  Produkt  eingeht,  so  ist  nur  sein  Umlauf  außerhalb
der  Werke  zu  verfolgen,  ln  folgender  Tabelle  sind  die  Zahlen  der
        <pb n="53" />
        54

Roheisenausfuhr  der  14  Hüttenwerke  Rüdrußlands  im  Jahre  1899
nach  ihren  verschiedenen  Gebieten  in  1000  Pud  angeführt 1 :

Südrussiches  Gebiet

8  905

Nördliches  .,

3519

Polnisches  „

2  713

Zentralruss.  „

2  695

Westliches  „

960

Kaukasisches  „

630

Ural-10



Zusammen  ....

19432

Die  Hälfte  des  gewonnenen  Roheisens  bleibt  in  Südrußland  selbst.
Die  wichtigsten  Abnehmer  des  Roheisens  sind  erstens  reine  Walzwerke. ­
  zweitens  Eisenbahnwagen-  und  Lokomobilfabriken  und  drittens
verschiedene  Maschinenfabriken,  Alle  diese  Betriebe  produzieren
wieder  eine  große  Menge  von  verschiedenen  Eisenbahnartikeln.  Das
hebt  also  nur  die  Bedeutung  des  Eisenbahnbaues  in  der  untersuchten
Periode  für  die  südrussische  Eisenindustrie  hervor.
Interessant  ist  ferner  eine  andere  Erscheinung  —-  das  ist  der
bedeutende  Prozentsatz  Eigenkonsumtion  an  Eisenfabrikaten.  So
stieg  er  im  Jahre  1900  auf  8,1  °/ 0  des  Absatzes.  Das  beweist,
daß  die  südrussischen  Werke  in  den  90  er  Jahren  eine  bedeutende
Menge  ihrer  Produktion  für  ihre  eigenen  Bedürfnisse  brauchten.
Leider  haben  wir  nur  die  Ziffern  der  unmittelbaren  Konsumtion.
Wenn  wir  aber  die  Gegenleistungen  der  Eisenwerke  mitreohnen,
wenn  wir  daun  im  Auge  behalten,  daß  damals  eine  Reihe  von  Werken
in  Bau  war  und  im  Zusammenhang  damit  eine  Reihe  von  Maschinenfabriken ­
  entstanden  ist,  die  mit  Bestellungen  seitens  der  neuerrichteten
Werke  überhäuft  waren  —  so  müssen  wir  sagen,  daß  die  wichtigsten
Konsumenten  der  Eisenprodukte  der  südrussischen  Eisenindustrie
nach  den  Eisenbahnen  die  südrussischen  Eisenwerke  selbst  waren.
Erst  nach  den  Eisenbahn-  und  Eisenwerksmaterialien  kamen  die  verschiedenen ­
  Marktsorten.
Hier  erscheint  in  diesen  Zeiten  der  Ural  noch  immer  als  der
wichtigste  Produzent.  Das  bestätigt  uns  auch  die  Vergrößerung  der
Eisenproduktion  des  Uralgebietes  in  den  90  er  Jahren.  Es  besteht
noch  immer  eine  bestimmte  Arbeitsteilung  zwischen  beiden  Rayons.
Wenn  der  Süden  hauptsächlich  als  Produzent  von  Schienen,  Schwellen,
Draht  und  als  Hauptlieferant  des  Staates  erscheint,  so  tritt  dagegen
der  Ural  als  Produzent  von  kleinen  Marktsorten  und  für  den
privaten  Markt  auf.  Mit  der  Zeit  erfuhr  aber  der  Ural  auch  auf

1  Eisenindustrie  in  Südrußland.  Statist.  Sammelb.  1900—1902  (russisch).
Eisenindustrie  in  Südrußland.  Sammelb.  1900,  S.  22.
        <pb n="54" />
        55

seinem  Gebiete  eine  starke  Konkurrenz  und  verlor  ein  Absatzgebiet
nach  dem  anderen  an  den  Süden.
Schon  aus  der  Betrachtung  des  Charakters  der  Produktion  ist.
klar  ersichtlich,  daß  das  Eisenbahnmaterial  der  wichtigste  Absatzartikel ­
  in  der  untersuchten  Periode  war;  damit  trat  auch  der  Staat
als  wichtigster  Abnehmer  der  südrussischen  Werke  auf.  Die  Errichtung ­
  der  Sibirischen  Eisenbahn  allein  mußte  nach  verschiedenen
Berechnungen  über  eine  Milliarde  Rubel  kosten.  Die  Preise  waren
vom  Staate  immer  höher  angesetzt  als  die  Marktpreise.  So  war  nach
der  Berechnung  von  Migulin  die  Gesamtsumme  der  Mehrzahlung  des
Staates  im  Dezennium  der  90er  Jahre  150  Millionen  Rubel,  oder
durchschnittlich  15  Millionen  jährlich.
Infolge  der  Hochkonjunktur  standen  auch  die  Preise  auf  Marktsorten ­
  sehr  hoch.  So  schwankten  Roheisen  von  65—60  Kop.  pro  Pud,
Schwellen  und  Träger  von  150—225  Kop.,  Eisenblech  von  180—240
usw.  Es  ist  nicht  zu  verwundern,  daß  die  Eisen-Aktiengesellschaften,
besonders  die  alten,  die  in  Beziehung  auf  Rohstoffbezug  und  technische ­
  Einrichtungen  besser  fungierten,  sehr  hohe  Dividende  verteilten. ­
  So  waren  sie  bei  den  alten  Aktiengesellschaften:

Jahr

Krivoj-Rog-A.-G.


Drienz-A.-G.


ßrjansk-A.-G.


Neu-Üussische
A.-G.

1893

5°/„

12°/«

10  %

25°/ 0

1894

5  „

20  „

22.5  .,

25  „

1895

^  n

30  „

25  „

15  „

1896

5  ,

40  „

32  „

20  „

1897

7  „

40  „

32  „

25  „

1898

10  „

40  „

30  „

25  „

In  Zusammenhang  damit  waren  auch  die  Aktien  der  südrussischen ­
  Eisenunternehmungen  sehr  gestiegen.

c)  Die  Produktivität  der  Werke.
Was  die  eigentlichen  Ursachen  der  Ausdehnung  der  südrussischen
Eisenindustrie  in  den  90  er  Jahren  erlangt,  die  ihre  leitende  Rolle
in  der  russischen  Eisenindustrie  bedingten,  so  muß,  abgesehen  von
den  günstigen  natürlichen  Verhältnissen  des  Südens,  als  wichtigste
Ursache  der  steigenden  Produktivität  die  Vervollkommnung  der  technischen ­
  Verfahren  betrachtet  werden.  Die  zweite  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts ­
  war  im  Gebiete  der  Eisentechuik  mit  einer  Reihe  wichtiger
Entdeckungen  verbunden.  Im  Jahre  1855  erfand  Henry  Bessemer
den  sogen.  Bessemerprozeß,  der  die  Möglichkeit  gab,  den  Gußstahl
unmittelbar  aus  dem  flüssigen  Roheisen  zu  gewinnen.  Dann  kamen  ver ­
        <pb n="55" />
        56

schiedene  andere  wichtige  technische  Erfindungen  auf  dem  Gebiete  der
Eisengewinnung  und  Verarbeitung.  Alles  das  bewirkte  eine  massenhafte ­
  Eisenproduktion  und  die  Herabsetzung  der  Herstellungskosten.
Selbstverständlich  wurden  alle  diese  Entdeckungen  in  der  neuentstandenen ­
  siidrussischen  Eisenindustrie  von  Anfang  an  berücksichtigt. ­
  Als  Folge  davon  ergab  sich  eine  große  Produktivität  der
Arbeitsprozesse.  Die  anderen  Gebiete  Rußlands  stehen  in  dieser
Hinsicht  bedeutend  zurück.  Am  schwierigsten  vollzog  sich  die  technische ­
  Revolution  in  den  alten  Gebieten  und  besonders  im  Ural.
Folgende  Tabelle  zeigt  die  durchschnittliche  Produktivität  der  Hochöfen ­
  in,  beiden  obengenannten  Gebieten 1 :

Jahr

Roheisenverhüttung  pro  Ofen  in  1000  Pud

1882  -  85

1886—90

1891—96

1896-1900

1901

Ural

196

230

282

330

362

Süden

207

628

1141

1892

2190

Ein  gleiches  Übergewicht  des  Südens  ist  hinsichtlich  der
Maschinenzahl  und  der  Maschinenkraft  zu  ersehen.  Es  betrug  im
Jahre  1894 1  2 :

Zahl  der

Zahl  der

Dampfmaschinen

Pferdekräfte

Ural

328

15030

Süden

253

25  269

Wenn  also  im  Uralgebiet  auf  jede  Maschine  im  Jahre  1894
durchschnittlich  45  Pferdekräfte  kamen,  so  erhöhte  sich  diese  Zahl
für  den  Süden  auf  durchschnittlich  100.
Auch  die  technische  Konzentration  ist  im  Süden  höher  und
ihre  Entwicklung  geht  schneller  vor  sich  als  im  Ural 3 :

1891

1901

Zahl  der

Durchschnittl.Roh-Zahl

  der

D  urchschnittl.  Roh-Werke



eisenverhüttung

Werke

eisenverhüttung

Ural

63

475  T.  P.

75

651  T.  P.

Süden

4

3809  ,,  „

15

6114  „  „

Besonders  wichtig  ist  es,  daß  die  südrussische  Eisenindustrie
eine  rein  großkapitalistische  ist  und  unter  der  Wirkung  der  kapitalistischen ­
  Konkurrenz  sich  entwickelte,  also  jede  technische  Neuerung

1  Dehn,  a.  a.  0.,  S.  128.
2  Bergkomitee.  Statist.  Sammelbuch,  1894.
3  Dehn,  a.  a.  O.,  S.  163.
        <pb n="56" />
        57

und  Erfindung  sich  rasch  anzueignen  pflegte.  Als  wichtigste  Verbesserungen ­
  in  der  südrussischen  Eisenindustrie  hat  Tieme  in  der
Zeit  von  1892  bis  1896  konstatiert 1 :
1.  die  Errichtung  der  großen  Hütten  mit  einer  durchschnittlichen ­
  täglichen  Roheisenproduktion  von  150  t,
2.  die  Verbesserung  in  der  Versorgung  der  Hütten  mit  Rohstoffen,
3.  die  Einführung  von  lufterhitzenden  Maschinen  mit  Erhitzungsflächen ­
  von  3000  bis  4500  qm,
4.  die  Einführung  der  modernen  Wiudluftmaschinen,
5.  die  Ausnutzung  der  Gichtgase  für  die  Heizung  der  Dampfkessel,
6.  die  Einführung  von  Mischkesseln  für  flüssiges  Roheisen  mit
einem  Fassungsvermögen  von  100  bis  120  t,
7.  die  Ausnutzung  der  Schlacken,  wie  Granulierung  usw.,
8.  die  Verbreitung  der  .  Koksöfen  und  Ausnutzung  ihrer  Gase,
9.  die  Einführung  des  elektrischen  Lichtes  und  der  elektrischen
Kraftübertragung,
10.  die  Einführung  von  Schornsteinen  von  50  bis  80  m  Höhe,
11.  den  Verbrauch  eigener  Baumaterialien  anstatt  ausländischer,
12.  die  Verbesserung  des  Walzverfahrens.  Es  findet  48fache
Walzung  statt,
13.  die  Verbesserung  der  Wasserleitung  und  der  Wasserversorgung ­
  der  Werke.
14.  die  Errichtung  von  Kohlenwaschfabriken.
Aber  nicht  nur  die  technische  Seite  kommt  bei  diesem  Übergewicht ­
  des  Südens  in  Betracht,  sondern  auch  die  Betriebsorganisation
selbst  ist  hier  vollkommener  als  in  allen  anderen  Gebieten  Rußlands, ­
  insbesondere  verglichen  mit  dem  Ural.  Ein  kleines  Beispiel
wird  das  besondes  klar  machen.
Die  „Südrussische  Aktiengesellschaft“  (Dnieprovienne)  setzte
ihr  Anlagekapital  von  5  000000  Rbl.  viermal  im  Jahre  um,  den
Uralwerken  dagegen  mit  gleichem  Kapital  gelingt  es  nur,  für
2000000  Rbl.  pro  Jahr  zu  produzieren.  Der  Umsatz  vollzieht  sich
also  in  diesem  Falle  bei  den  Uralwerken  achtmal  langsamer 1  2 .
Jedenfalls  hat  die  südrussische  Eisenindustrie  im  letzten  Viertel
des  19.  Jahrhunderts  neue  Bahnen  eingeschlagen  und  die  frühere
leitende  Rolle  des  Urals  an  sich  gerissen.  Schulze-Gävernitz
sagt  darüber:  „Im  Ural  herrscht  seit  Jahrhunderten  ein  Arbeitsfeld ­
  des  Merkantilismus,  in  Südrußlaud  eine  völlig  koloniale  Industrie
jüngsten  Datums  —  dort  eine  als  eingesessene,  in  den  Nachwirkungen
der  Leibeigenschaft  fortlebende  Bevölkerung,  hier  bunt  zusammengewürfelte ­
  Arbeitermassen  aus  weiter  Entfernung,  zum  Teil  aus  dem
Auslande  durch  das  Zauberwort  des  Kapitals  in  die  menschenleere

1  Tieme,  a.  a.  0.,  Goto.  Journ.  1897,  I,  S.  4.
2  Kaffenhaus,  a.  a.  0.,  S.  17.
        <pb n="57" />
        58

Steppe  gerufen,  —  dort  bleibt  ein  allmähliches  Werden  entsprechend
der  Beschränktheit  des  einheimischen  Kapitals  in  kleineren  Betrieben
stecken;  hier  wurden  Großbetriebe  ersten  Banges  und  alle  Errungenschaften ­
  der  neuesten  Technik  mit  einem  Schlage  durch  ausländisches
Kapital  auf  dem  Boden  „Neurußlands' 1  hingesetzt  —  dort  wird  der
Verkehr  noch  heute  vermittelt  durch  Floß  und  Achse;  hier  herrscht,
ohne  daß  die  Landstraße  voranging,  der  Schienenweg 1 “.

Kapitel  VI.
Die  Krisis  in  der  südrussisehen  Eisenindustrie  im
Jahre  1901  und  in  den  folgenden  Jahren.
1.  Die  Voraussetzungen  der  Krisis.
a)  Allgemeine  Krisis  in  Kußland  im  Jahre  1901.
Seitdem  Rußland  in  die  Sphäre  der  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse ­
  eingetreten  war,  mußte  auch  seine  Volkswirtschaft  dem
Gesetze  der  kapitalistischen  Entwicklung  gemäß  den  periodischen
W  echsel  der  Krisis  und  der  Prosperität  erfahren.
Die  Hochkonjunktur  in  der  südrussischen  Eisenindustrie  der
90  er  Jahre  endete  mit  der  Krisis  vom  Jahre  1901.  Die  Krisis,  die
etwa  zwei  Jahre  dauerte,  muß  als  eine  gesonderte  Periode  in  der
Geschichte  der  Eisenindustrie  betrachtet  und  in  diesem  Kapitel  ihr
Verlauf  und  ihre  Ursachen  dargestellt  werden.  Die  hier  eingetretene ­
  Überproduktion  steht  im  engsten  Zusammenhänge  mit  der
damals  in  Rußland  ausgebrochenen  allgemeinen  Krisis.  Das  nötigt
dazu,  bei  der  Erörterung  der  Verhältnisse  in  der  südrussischen  Eisenindustrie ­
  die  allgemeine  wirtschaftliche  Lage  Rußlands  zu  berücksichtigen. ­

Den  kapitalistischen  Aufschwung,  der  in  der  Periode  der  90  er
Jahre  in  der  Eisenindustrie  herrschte,  beobachten  wir  auch  in  der
gesamten  russischen  Industrie  zu  dieser  Zeit.  Man  kann  vielleicht
sagen,  daß  erst  im  Laufe  dieser  Periode  der  industrielle  Kapitalismus
in  Rußland  sein  klares  Gepräge  erhielt.  Obwohl  die  kapitalistische
Entwicklung  schon  in  den  60  er  und  70  er  Jahren  zur  Geltung  gekommen
war,  hat  diese  Periode  doch  als  eine  vorbereitende  zu  gelten.  Sie
hat  im  großen  und  ganzen  die  zwei  für  die  kapitalistische  Entwicklung ­
  wichtigen  Voraussetzungen  geschaffen:  erstens  die  Ein1 ­

  Schulze-Gävernitz,  a.  a.  O.,  S.  290.
        <pb n="58" />
        59

*

richtung  moderner  Verkehrsmittel,  zweitens  die  Ausbildung  der
Kreditanstalten.
'Nach  einem  gewissen  Stillstand  in  der  Mitte  der  80er  Jahre
trat  aber  mehr  und  mehr  die  Frage  der  gewerblichen  Entwicklung
in  den  Vordergrund.  Den  Anforderungen  des  Lebens  gemäß  war
endlich  auch  die  russische  Bureaukratie  gezwungen,  Mittel  zu  suchen,
um  die  Produktivkräfte  Rußlands  zu  entwickeln.  Die  Frage  erschien
für  sie  zuerst  als  rein  fiskalische.  Die  Staatsausgaben  nahmen  immer
zu,  und  man  mußte  Mittel  suchen,  um  die  Staatseinnahmen  zu  vermehren. ­
  Als  ein  solches  Mittel  erschien  zuerst  die  Zollerhöhung,
die  schon  seit  Ende  der  70er  Jahre  in  Anwendung  kam.  Allmählich
ging  aber  der  Staat  zur  systematischen  Protektionspolitik  über.
Eine  der  wichtigsten  Ursachen  dieses  Überganges  war  die  immer
mehr  wachsende  Überzeugung,  daß  für  die  weitere  Existenz  des
Staates  eine  breitere  Basis  notwendig  sei,  als  die  bisherige.  Die  von
Zeit  zu  Zeit  wiederkehrenden  Hungersnöte  zeigten  klar,  daß  das
Bauerntum  unfähig  war,  die  immer  mehr  steigende  Last  der  Staatsausgaben ­
  allein  zu  tragen.  Man  wollte  das  finanzielle  Problem  durch
die  industrielle  Entwicklung  des  Landes  lösen,  und  der  Staat  ging
zum  systematischen  Protektionismus  über.  Er  strebte  danach,  möglichst
günstige  Produktionsverhältnisse  für  die  verschiedenen  Industriezweige
zu  schaffen.  Anstatt  der  früheren  fiskalischen  trat  jetzt  die  protektionistische ­
  Zollpolitik  auf.  Der  Staat  nahm  dann  seit  Ende  der
80er  Jahre  die  weitere  Ausdehnung  des  Eisenbahnnetzes  in  die  Hände,
und  das  gab  ihm  eine  mächtige  Handhabe,  in  die  Entwicklung  der
Industrie  einzugreifen.  Ein  weiterer  Schritt  waren  die  Bemühungen
der  Regierung,  ausländische  Kapitalien  ins  Land  zu  ziehen,  was
wegen  des  schwach  entwickelten  heimischen  Geldmarktes  notwendig
erschien.  Damit  hing  die  Frage  der  Abschaffung  der  Papierwährung
zusammen,  weil  die  letztere  der  Kapitaleinwanderung  große  Hindernisse ­
  in  den  Weg  legte.  Im  Jahre  1896  wurde  die  Goldwährung
eingeführt.  Der  Staat  bemühte  sich,  nicht  nur  möglichst  günstige
Bedingungen  für  die  Industrie  zu  schaffen,  sondern  er  griff  auch
selbst  als  unmittelbarer  Helfershelfer  der  Gründungstätigkeit  ein.
Hauptsächlich  geschah  dies  Eingreifen  vermittelst  der  Reichsbank,
zu  welchem  Zwecke  im  Jahre  1894  selbst  die  Statuten  der  Bank
verändert  wurden.  Sie  wurde  jetzt  zum  Regulator  des  industriellen
Lebens  bestimmt.  Im  Zusammenhang  damit  entwickelte  sich  das
System  der  unmittelbaren  Unterstützung  der  verschiedenen  Gewerbeunternehmungen ­
  —  ein  Ersatz  des  alten  Prämiensystems 1 .

1  So  wurde  bis  zum  Jahre  1902  nach  den  Angaben  der  Reichskontrolle
aus  der  Staatskasse  über  100  Millionen  Rubel  außerordentlicher  Anleihen  der
verschiedenen  Gewerbeunternehmungen  ausgegeben.  Migulin,  Die  Reform
des  Geldverkehrs  und  die  Produktionskrisis  (1893—1902),  Charkow  1903  (russisch).
        <pb n="59" />
        60

Als  Ergebnis  aller  dieser  Maßregeln  trat  in  den  90er  Jahren
eine  rapide  Gründungstätigkeit  und  eine  Steigerung  der  Produktion
in  den  verschiedenen  Zweigen  der  Industrie  ein.  Die  folgenden
Ziffern  zeigen  die  Zahl  der  in  der  Periode  1894—1900  gegründeten
Aktiengesellschaften:

Jahr

Zahl  der  gegründeten
Akt.-Ges.

Gesamtes  Aktienkapital ­
  Mill.  Rbl.

1894

63

57,0

1895

95

119,0

1896

133

189.9

1897

138

193,2

1898

196

228.1

1899

318

333,0’.

Eine  Vorstellung  von  dem  Verlauf  der  Expansionsbewegung  in
den  verschiedenen  Zweigen  der  Industrie  gibt  folgende  Tabelle 1  2  3 :

Industriezweige

Aktienkapital  in  Millionen  Rbl.
1890  |  1895  |  1900

Vermehrung
während  1890—1900
um  °/ 0

Textilindustrie

197,5

238,5

373,7

88

Bergbau

85,7

129,5

392,2

357

Metallindustrie

27,8

44,2

257,3

825

Nahrungsmittelind.

87,6

86,8

153,1

74

Chemische  Industrie

15,6

21,2

93,8

501

Papierindustrie

11,4

14,8

31,7

186

Keramische  Industrie

6,7

9,4

59,0

780

Viehzucht

7,3

8,3

16,5

126

Handel

25,2

44,5

63,2

155

Transportgewerbe

36,7

41,0

63,2

72

Verschiedene

80,8

107,7

224,6

176

Zusammen:

580,1

746,3

1742,3

200

Was  die  nach  Rußland  geflossenen  Kapitalien  betrifft,  so  betrug
die  Menge  nur  der  belgischen  und  französischen  Kapitalien  allein
im  Jahre  1901  nach  den  Angaben  von  Cordeweener  rund
1649  Millionen  Pres. 8 .
Die  Prosperitätsperiode  der  russischen  Industrie  konnte  aber
nicht  lange  dauern.  Man  stieß  auf  zwei  Hindernisse,  die  die  Portdauer ­
  der  „Hochkonjunktur“  unmöglich  machten.  Das  eine  war  vor-1

  Balobanow,  Industrie,  St.  Petersburg  1909  (russisch).  S.  47.
2  Jahrbücher  d.  Finanzmin.  1901  u.  1902  (zit.  nach  Balobanow,  S.  48).
3  Cordeweener,  a.  a.  0.,  S.  304.
        <pb n="60" />
        61

übergehend  die  Geldkrisis,  das  audere  war  dauernd  und  mit  dem
industriellen  Entwicklungsgänge  selbst  verknüpft  —  die  Unmöglichkeit,
den  Markt  auszudehnen.
Wir  beginnen  mit  dem  zweiten.  Mit  dem  Wachstum  der
russischen  Industrie  am  Ende  des  19.  Jahrhunderts  begann  auch
die  erste  Bildung  des  inneren  kapitalistischen  Marktes.  Diese  Ausbildung ­
  des  Marktes,  wie  auch  die  Ausräumungen  der  früheren
*  vorkapitalistischen  Beste,  die  den  neuen  Verhältnissen  im  Wege
standen,  konnte  aber  nicht  mit  der  industriellen  Entwicklung  der
Sturm-  und  Drangperiode  der  90  er  Jahre  Schritt  halten.  Die
kapitalistische  Entwicklung  konnte  nicht  die  ganze  Tiefe  des
russischen  Wirtschaftslebens  durchdringen;  dazu  hemmten  auch
zuerst  die  verschiedenen  ökonomischen  und  sozialen  Verhältnisse
jener  Zeit.  So  entstand  zwischen  dem  nicht  genügend  beweglichen
inneren  Markte  einerseits  und  der  immer  weiter  schreitenden  großkapitalistischen ­
  Industrie  andererseits  eine  tiefe  Kluft,
Dieser  Gegensatz  kam  dann  auch  in  der  im  Jahre  1901  eingetretenen ­
  Krisis  mit  Deutlichkeit  zur  Geltuug.  Die  Krisis  war  nicht
nur  das  Ergebnis  der  Überproduktion,  sondern  auch  das  Ergebnis
der  Unterkonsumtion  der  breiten  Schichten  der  Bevölkerung.
Schon  die  seitens  der  Regierung  eingeschlagene  Wirtschaftspolitik ­
  barg  in  sich  selbst  einen  Widerspruch.  Sie  bezweckte  die
Förderung  der  gewerblichen  Produktionsfähigkeit  des  Landes  und
vernachlässigte  gleichzeitig  vollständig  die  Konsumtionsfähigkeit  der
Bevölkerung.  Die  Kaufkraft  des  Bauerntums  war  beinahe  auf  demselben ­
  Niveau  geblieben.  Die  Konsumtionsfähigkeit  weiterer  Schichten
der  Bevölkerung  vergrößerte  sich  so  gut  wie  gar  nicht.  So  entstand
.  eine  Zersplitterung  der  Volkswirtschaft:  einerseits  eine  rein  kapitalistische ­
  große  Industrie,  andererseits  eine  primitive,  mehr  oder
weniger  geschlossene  Hauswirtschaft  des  überwiegenden  Teils  der
Bevölkerung  —  des  Bauerntums.  Man  muß  noch  hinzufügen,  daß
die  russische  Industrie  wegen  der  Konkurrenzverhältnisse  vom  ausländischen ­
  Markt  ausgeschlossen  blieb  und  sieb  ausschließlich  auf
»  den  inneren  Markt  beschränken  mußte.  Diese  Lage  ließ  sich  noch
eine  gewisse  Zeit  lang  ertragen,  bis  die  ausländischen  Kapitalien  ins
Land  strömten,  bis  immer  wieder  neue  Eisenbahnen  erbaut  wurden.
Eine  gewisse  Zeit  hindurch  lebte  die  kapitalistische  Expansion  sozusagen ­
  von  sieh  selbst,  bildete  für  sich  selbst  den  Markt  —  das
dauerte  aber  nur  bis  zur  ersten  Konjunkturveränderung,  welche  nicht
lange  auf  sich  warten  ließ.
Als  zweites  Hindernis  des  Industrieaufschwunges  kam  dann  die
Geldkrisis  hinzu.  Im  Jahre  1899  sind  die  ersten  Symptome  der  Geldkrisis ­
  vorhanden.  Ihre  Entstehung  hatte  einen  doppelten  Charakter:
Zuerst  war  eine  Geldspannung  auf  dem  westeuropäischen  Markte
im  Jahre  1898  zu  beobachten.  Sie  übte  ihrerseits  sofort  eine
        <pb n="61" />
        62

Wirkung  auf  den  russischen  Weltmarkt  aus,  der  damals  aber  von
sich  selbst  aus  eine  große  Anspannung  zeigte,  was  auf  die  Erschöpfung
des  produktiven  Kapitals  in  Rußland  wegen  der  ununterbrochenen
Gründungstätigkeit  am  Ende  der  90  er  Jahre  zurückzuführen  war.
Der  Diskont  der  Reichsbank  stieg  von  5 1 L  u j n  im  August  1899  auf
7  °/ 0  im  Dezember  desselben  Jahres.  Die  Geldkrisis  brach  rasch  in
Rußland  aus.  Eine  Reihe  von  wenig  soliden  Gesellschaften  ging
daran  zugrunde.  Es  sind  während  der  Jahre  1899—1901  einige
Dutzend  Gesellschaften  zusammengebrochen.  Die  privaten  Petersburger
Ranken  allein  mußten  bei  dieser  Krisis  etwa  20000  000  Rbl.  als
„Verluste“  und  „zweifelhafte  Schulden“  ins  Hauptbuch  eintragen.
Dazu  kamen  noch  die  Verluste  der  Staatsbank,  die  von  der  Staatskontrolle ­
  folgendermaßen  geschätzt  wurden 1 :

Jahr

Verluste  in  MilL  Rbl.

1898

3913

1899

6216

1900

12072

1901

17357

1902

12215

Unter  diesen  Verhältnissen  fiel  die  Zahl  der  gegründeten  Gesellschaften ­
  von  325  im  Jahre  1899  bis  auf  78  im  Jahre  1902.  Wie
das  Ausland  auf  einen  solchen  Zustand  reagierte,  zeigt  die  folgende
Tabelle  der  Verminderung  des  Aktienwertes  der  russischen  Aktiengesellschaften ­
  an  der  Pariser  und  Brüsseler  Börse 2 :

Zahl

Gattung  der  A.-G.

Aktienwert  in  1000  Pres.

Abnahme
Ol
Io

15.  Okt.  99

15.  Okt.  01

50

Eisenhütt.  u.  Maschinenfabrik.

862043

298064

—  62

19

Steinkohlengruben

347148

185957

—  46

6

Glasfabriken

17987

3632

—  79

7

Gas-  u.  Elektrizitätswerke

36820

13140

—  64

8

Baugesellschaften

8  794

3  092

—  65

8

Verschiedene

43  540

32402

—  25

Zusammen:

1316332

536292

—  59

Die  Geldkrisis  hat  also  in  vollem  Maße  die  südrussische  Eisenindustrie ­
  getroffen.

1  Migulin,  Produktionskrisis,  S.  282.
*  Balobanow,  a.  a.  O.,  S.  77.
        <pb n="62" />
        63

b)  Ursachen  der  Krisis  in  der  südrussischen  Eisenindustrie
Die  Ursachen  der  allgemeinen  Produktionskrisis  in  Rußland
waren  auch  im  Gebiete  der  südrussisohen  Eisenindustrie  wirksam.
Die  Geldkrisis  ist  für  die  südrussiscbe  Eisenindustrie  ganz  unerwartet
gekommen.  Einige  ungünstige  Nachrichten  erfolgten  ja  schon  am
Ende  der  90er  Jahre;  sie  wurden  aber  seitens  des  Finanzministeriums,
des  damals  leitenden  Organs  für  Handel  und  Industrie,  sofort  und
energisch  dementiert.  Das  Finanzministerium  selbst  war  eigentlich
darüber  schon  frühzeitig  unterrichtet,  man  hoffte  aber,  die  bevorstehenden ­
  schlechten  Zeiten  mit  eigenen  Mitteln,  durch  außerordentliche ­
  Gewerbeunterstützungen  usw.,  bekämpfen  zu  können.  So  trat
speziell  die  Staatsbank  mit  der  eifrigsten  Unterstützung  der  verschiedenen ­
  süd’russischen  Eisenunternehmungen  auf.  Allein  im  Jahre
1900  wurden  in  der  Staatsbank  etwa  für  11  Millionen  Pud  Roheisen ­
  gepfändet.  Die  Regierung  kam  dann  auch  mit  verschiedenen
anderen  Unterstützungen,  erteilte  einen  weitgehenden  Kredit  usw.
So  wurde  die  Gesamtsumme  der  von  der  Staatsbank  ausgegebenen
außerordentlichen  Anleihen  an  die  russische  Eisenindustrie  auf
60  Millionen  Rubel  geschätzt 1 .  Das  half  aber  nichts 1  2 .  Die  Aktien
der  verschiedenen  südrussischen  Aktiengesellschaften  fielen  rasch,  die
Aktien  der  Brjansk-Aktiengesellschaft,  die  am  Anfang  des  Jahres  1900
auf  der  durchschnittlichen  Höhe  von  450—475  Rubel  standen,  fielen
am  Ende  des  Jahres  1901  auf  135—160,  die  der  Douez-Jurjewka
in  derselben  Zeit  von  520—475  auf  40  usw.  Eine  gewisse  Zeit
blieb  die  südrussische  Eisenindustrie  im  Gleichgewicht;  man  hoffte,
daß  die  ungünstige  Lage  wegen  der  weiteren  Staatshilfe  und  der
Vermehrung  der  Staatsbestellungen  auf  Eisenbahnschienen  bald  vorübergeheu
  werde;  nachdem  aber  bekannt  geworden  war,  daß  die
Eisenbahubestellungen  abnehmen  müßten,  kam  auch  hier  ein  starker
Niedergang  zutage.
Die  zweite  unmittelbare  Ursache  der  Krisis  war,  wie  erwähnt,
die  Verminderung  der  Eisenbahnbestellungen.  Wie  schon  früher  angedeutet, ­
  hatte  die  Regierung  seit  Anfang  der  90  er  Jahre  einen  leb-1

  Brandt,  Die  Produktionskrisis  in  Westeuropa  und  Rußland  (1900—02),
St.  Petersburg  1904,  S.  181.
2  Prof.  Migulin  äußert  sich  folgendermaßen  darüber:  „Seitdem  die  Staatsbank ­
  Darlehen  erteilt,  verknüpft  sie  ihre  Interessen  mit  dem  Schicksal  der  Unternehmungen ­
  aufs  engste  und  ist  so  gezwungen,  weitere  Darlehen  an  solche
lebensunfähige  Unternehmungen  zu  geben“  .  .  .  Dann  kommt  gewöhnlich  das
Finanzministerium  mit  seinen  Staatsbestellungen  zu  Hilfe  .  .  .  „Die  Bestellungen
wurden  unter  erhöhten  Preisen  im  Vergleich  mit  den  Marktpreisen  erteilt  .  .  .  .
die  Lieferungen  wurden  angenommen,  obwohl  sie  auch  außerordentlich  schlecht
ausgeführt  wurden.  Nachdem  solche  Darlehen  von  den  Unternehmungen  angenommen ­
  waren,  beeilten  sich  einige  von  ihnen,  sich  sofort  als  kreditunfähige
in  Konkurs  zu  erklären,  und  aus  dem  Grunde,  weil  ihr  ganzes  Guthaben  niedriger
als  die  Anleihen  selbst  waren.“  Produktionskrisis  usw.,  S.  115.
        <pb n="63" />
        64

haften  Eisenbahnbau  betrieben.  Die  Bestellungen  der  Regierung
an  Eisenbahnmaterialien  mußten  für  die  Gesellschaften  sehr  vorteilhaft ­
  sein.  Die  Protektionspolitik  trat  gerade  in  der  Eisenindustrie
deutlich  zutage.  Man  zahlte  gewöhnlich  höhere  Preise,  als  die  Marktpreise ­
  waren,  erteilte  große  Avancen  usw.  Die  Erbauuug  neuer
Eisenbahnen  durch  die  Regierung  konnte  aber  nicht  immer  so  weiter
gehen.  Am  Ende  der  90er  Jahre  wurde  auch  der  größte  Teil  der
sibirischen  Eisenbahnlinie  vollendet,  die  eine  große  Menge  von
Schienen  usw.  beansprucht  hatte.  Die  Zeit  für  weitere  Bauten  erschien ­
  auch  nicht  günstig  und  hauptsächlich  darum  nicht,  weil  der
Eisenbahnbau  überwiegend  mit  Hilfe  der  ausländischen  Anleihen
sich  vollzog,  deren  Abschließung  wegen  der  Geldkrisis  in  Westeuropa
so  gut  wie  unmöglich  erschien.  Dazu  kam  noch  im-Jahre  1900  ein
Kriegszug  nach  China,  der  hohe  Summen  forderte.  Da  die  Staatskasse ­
  schon  wegen  der  früheren  Bauten  sehr  stark  in  Anspruch  genommen ­
  war,  sah  sich  die  Regierung  genötigt,  ihre  Eisenbahnbauten
möglichst  einzuschränken.  Es  wurden  folgende  Längen  des  Eisenbahnnetzes, ­
  in  Werst  ausgedrückt,  erbaut 1 :

Jahr

Länge  in  Werst

1898

2876

1899

4882

1900

2  882

1901

3290

1902

947

1903

436

Infolge  der  Beschränkung

des  Eisenbahnbaues  nahmen  auch

die  Eisenbahnbestellungen  bedeutend  ab  und  damit  auch  die  Schieuenproduktion
 1  2 :

J  ahr

Schienen  in  1000  Pud

1901

22817

1902

19  048

1903

17862

Diese  Abnahme  hat  die  südrussischen  Werke  am  schwersten
getroffen.  Sie  konnten  jetzt  nur  die  Hälfte,  sogar  manchmal  nur
ein  Drittel  ihrer  Produktionskraft  entfalten.  Schon  im  Jahre  1897
hat  Tieme  gezeigt,  daß  die  damals  vorhandenen  Schienenwalzwerke
den  zukünftigen  Bedarf  für  Schienen  vollständig  decken  konnten 3 .

1  Die  Tatsachen  der  Staatskontrolle  usw.,  1907,  I.  Teil,  S.  77  (russisch).
2  Gutachten  des  Verbandes  der  Bisenindustrieellen  usw.  St.  Petersburg
1908,  S.  27,  (russisch).
3  Tieme,  a.  a.  O.,  1897,  V,  S.  200.
        <pb n="64" />
        65

Aber  vergeblich!  Die  Hochkonjunktur  rief  immer  neue  Werke  ins
Leben  und  es  vergrößerten  die  alten  unter  der  fortschreitenden
Konkurrenz  ihre  Produktionsfähigkeit.  Die  Roheisenproduktion  in
Südrußland  hat  sich  in  der  Zeit  von  1897—1900  etwa  verdoppelt!
Vergrößert  hat  sich  damit  auch  die  Zahl  der  Werke,  die  Staatsbestellungen ­
  bedurften.  Nachdem  die  Aufträge  im  Gegenteil  gesunken ­
  waren,  entstand  eine  Störung  in  der  Produktion,  und  die
Folge  davon  waren  große  Verluste.  Das  war  die  zweite,  wahrscheinlich ­
  die  wichtigste  direkte  Ursache  der  Krisis.
Es  hieße  aber  gewiß  auf  der  Oberfläche  der  Erscheinungen
bleiben,  wenn  man  nach  der  Geldkrisis  und  der  Verminderung  der
Staatsbestellungen  auf  Eisenbahnmaterial,  als  dritte  und  letzte  Ursache ­
  der  Krisis  in  der  südrussischeu  Eisenindustrie  die  schwache
Konsumtionsfähigkeit  der  breiten  Schichten  der  Bevölkerung  verkennen ­
  würden.  Einige  vorsichtige  Unternehmungen  sahen  schon
in  der  Hochkonjunktur  der  90  er  Jahre  voraus,  daß  der  Schienenmarkt ­
  allein  keine  sichere  Grundlage  für  die  Zukunft  bieten  könne.
Sie  fingen  schon  damals  an,  ihre  Walzwerkstätten  zur  Produktion
der  Marktsorten  einzurichten.  Besonders  bemerkenswert  erscheint
diese  Bewegung  in  der  zweiten  Hälfte  der  90  er  Jahre.  Doch  sie
mußten  alsbald  Enttäuschungen  erleben.  Der  Eisenbedarf  der  breiten
Schichten  der  Bevölkerung  war  keiner  bedeutenden  Ausdehnung
fähig.  Das  bestätigen  auch  die  Kongreßberichte  der  Eisenindustriellen
selbst.  So  lesen  wir  in  dem  Kommissionsberichte  des  24.  Kongresses
der  Bergindustriellen  Südrußlands  über  die  Ursachen  der  eingetretenen ­
  Krisis:
„Bei  Besprechung  dieser  Frage  ist  die  Kommission  zu  dem
Schlüsse  gekommen,  daß  man  als  deren  wahre  Ursache  nicht  die
zeitige  Verminderung  der  Staatsbestellungen  ansehen  muß  —  was
die  Krisis  in  der  Gegenwart  nur  vertiefen  konnte  —,  ebensowenig
die  schlechte  Konjunktur  des  Geldmarktes  —  was  nur  auf  die  Beschleunigung ­
  der  Konjunktur  einwirken  konnte  —,  sondern  die
Tatsache,  daß  die  dank  der  Regierungsmaßnahmen  emporgekommene
Berg-  und  Eisenindustrie  mit  einer  in  anderen  Ländern  unbekannten
Schnelligkeit  die  Entwicklung  des  ländlichen  Konsums  überflügelt
hat.  Infolgedessen  mußte  mit  Notwendigkeit  auch  eine  Überproduktion
der  Eisenindustrieprodukte  eintreten  V‘
Außer  den  erwähnten  Hauptursachen  traten  dann  auch  einige
andere  hervor,  die  die  Krisis  noch  verschärften.  Als  eine  solche
ist  die  unsolide  und  nicht  taugliche  Gründung  von  verschiedenen
Aktiengesellschaften  zu  bezeichnen,  die  mit  ungenügenden  Kapitalien
begounen  worden  waren.  Oft  hatten  die  angesammelten  Kapitalien

1  Schimanowski,  Bericht  der  Unterkommission  des  24.  Kongresses  der
Bergindustri  eilen  Südrußlauds,  S.  7  (russisch).
Sawelieff.  5
        <pb n="65" />
        66

keine  richtige  Verwendung  gefunden;  ferner  die  ungenügende  Vertrautheit ­
  der  ausländischen  Gründer  mit  den  russischen  Verhältnissen.
Eine  Reihe  von  Werken  kam  wegen  verschiedener  Fehler  bei
Aufstellung  der  Bauunkosten  nicht  mit  dem  Gründungskapital  aus,
man  mußte  neue  Kapitalien  suchen  und  verschiedene  drückende
Schulden  machen,  was  besonders  für  die  neuen  Werke  verlustbringend ­
  wurde.  Der  Gründungsplan,  sagt  Lauwick,  war  immer
,,en  grand“,  aber  sehr  oft  hatte  man  mit  den  konkreten  Verhältnissen ­
  nicht  gerechnet.  Die  Kapitalanlage  mußte  größer  sein,  schon
infolge  der  in  Rußland  bestehenden  Kreditverhältnisse,  wonach  langfristige ­
  Zahlungen  üblich  sind.
Die  wichtigsten  Ursachen  der  Krisis  in  der  südrussischen  Eisenindustrie ­
  im  Jahre  1901  waren  also  die  allgemeine  Geldkrisis  in
Rußland,  der  Rückgang  des  Eisenbahnbaues  und  die  ungenügende
Ausdehnungsfähigkeit  des  Marktes.  Die  ungenügende  Kapitalkraft
und  schlechte  Gründung  vieler,  hauptsächlich  neuer  Werke,  verschärften ­
  die  Krisis  noch  erheblich.

2.  Der  Verlauf  der  Krisis.
Das  Überangebot  an  Eisenprodukten  hatte  auf  dem  Eisenmarkte ­
  einen  großen  Preissturz  hervorgerufen.  Die  Preise  waren 1 :

Bisenpreise  in  K.op.  pro  Pud  (franko  Werk)

Zeit

Sorten

1900

1901

1902

April

Oktober

Januar

Oktober

Januar

Oktober

Form-  und  1
Stabeisen  J

160-175

158-173

145-155

130-135

128

122-125

Kesselblech

170-180

163

145-155

130

Schwellen

158-170

150

125-135

105

100

85

Roheisen

—

62

50

48-50

49-50

38-40

Infolge  dieses  Überangebotes  kam  es  zu  einer  allgemeinen
Produktionseinschränkung.  Selbstverständlich  machten  einige  technisch ­
  besser  eingerichteten  Werke  Versuche,  trotz  der  niedrigen
Preise  und  ungünstiger  Konjunktur,  voll  zu  arbeiten  und  die
schwächeren  Gegner  aus  dem  Felde  zu  schlagen.  Aber  auch  sie
mußten  bald  in  ihrem  Produktionseifer  innehalten.
Über  die  Produktionseinschränkung  selbst  lassen  wir  die  Ziffern
sprechen.  Die  Zahl  der  Arbeiter  und  Hochöfen  fiel  bedeutend 1  2 :

1  Kaffenhaus,  a.  a.  0.,  S.  45.
2  Auf  Grund  d.  Ziffern  d.  Statist.  Sammelbüch.  1900—1902.  Eisenindustrie
in  Südrußland.
        <pb n="66" />
        67

Jahr

Hochöfen

Zahl  der  Arbeiter
in  Hütten-  und
kombinierten  Werken

'Gesamtzahl

Im  Gange

Still  stehen

1.  Mai  1900

51

33

18

45  601

1.  September  1900

51

33

18

44  786

1.  Mai  1901

55

31

24

42  698

1.  September  1901

56

31

25

41219

1.  Mai  1902

56

30

26

37272

1.  September  1902

56

26

30

33474

Die  Abnahme  der  Arbeiter  und  die  Verminderung  der  Zahl
der  im  Betrieb  stehenden  Hochöfen  zeigen  am  besten,  daß  in  der
südrussischen  Eisenindustrie  damals  ein  bedeutender  Stillstand  eingetreten ­
  war.
Die  folgende  Tabelle  zeigt  die  Gesamtproduktion  an  Roheisen,
Halbzeug  und  Eertig-Pabrikaten  in  1000  Pud 1 :

Jahr

Zahl
der
Werke

.Roheisen

Stahl  und  Eisen

Eisenerzeugnisse ­


Halbfabrikate ­


Fertige
Fabrikate

Erste  Hälfte

1900

16

45114

30  981

23  743

2  511

Zweite

1900

16

46581

35154

25711

3019

Erste

1901

16

44936

34893

27439

3225

Zweite

J  901

16

47040

32030

19162

4800

Erste

1902

18

44  590

31870

23199

3  458

Zweite

1902

18

40115

30  601

21702

3  349

Obwohl  der  Wendepunkt,  von  dem  ab  bei  den  verschiedenen
Arten  der  Produktion  sich  eine  Abnahme  bemerkbar  macht,  verschieden ­
  ist,  ist  in  allen  diesen  Zweigen  eine  abnehmende  Tendenz
zu  bemerken.
Die  allgemeinen  Ziffern  können  aber  zur  Erklärung  der  Entwicklung ­
  und  des  Verlaufs  der  Krisis  wenig  beitragen.  Wir  müssen
dazu  das  Bild  möglichst  konkret  darstellen.  Folgende  Tabelle  gibt
uns  von  der  Produktion  und  dem  Absatz  der  wichtigsten  Eisensorten ­
  eine  Vorstellung 1 .
Wir  können  dabei  die  Gesamtproduktion  und  den  Gesamtabsatz ­
  in  der  südrussischen  Eisenindustrie  in  drei  Kategorien
bringen:  Koheisenproduktion,  Produktion  des  Eisenbahnmaterials
und  Produktion  für  den  Markt.

1  Auf  Grund  d.  Ziffern  d.  Statist.  Sammelbüch.  1900—1902.  Eisenindustrie
in  Siidrußland.
        <pb n="67" />
        68

Eisensorten

Produktion
in  1000  Pud

Afesatz

1900

1901

1902

1900

1901

1902

Martinroheisen

20037

19609

24204

?

5  759

6125

fl
a&amp;gt;

Bessemerroheisen

38760

38167

28488

?

1275

3257

’S

Thomasroheisen

5  552

10136

10  708

?

214

1845

o

Andere  Sorten

28223

24062

21308

—

15  244

15  865

Gesamt

92572

91977

84706

24441

22  527

27  092

ö  jl,

Schienen

22636

19414

16014

21904

18111

16  927

d  s  ^
•s-S-g

Bandagen

1277

1715

1264

1052

1575

1208

H  &amp;lt;!

Achsen

447

643

437

418

535

345

c

Form-  u.  Stabeisen

9853

11976

13  669

6130

10121

11926

*2  %-&amp;gt;
o
a  co

Schwellen  u.  Träger

1103

4675

5  957

3085

4879

5684

Stahl  und  Eisen  \
alle  Sorten  J

57  655

51963

49  959

45  669

45  918

45  957

Die  Roheisenproduktion  nahm  während  der  Krisis  bedeutend
ab,  der  Roheisenabsatz  dagegen  nahm  zu.  Die  Produktion  und
der  Absatz  von  Eisenbahnmaterialien  sind  bedeutend  gesunken,  die
Produktion  und  der  Absatz  von  einigen  wichtigen  Marktartikeln  dagegen ­
  bedeutend  gestiegen.  Im  großen  und  ganzen  fand  zwar  eine
Produktionsabnahme  statt,  doch  machen  sich  in  den  verschiedenen
Produktionszweigen  verschiedene  Tendenzen  bemerkbar.  Wir  müssen
darum  die  Produktions-  und  Absatzverhältnisse  in  allen  diesen
Zweigen  gesondert  untersuchen.
Wir  beginnen  mit  dem  Eisenbahnmaterial.  Zwei  Tatsachen
kann  man  aus  der  Tabelle  feststellen:  1.  eine  bedeutende  Abnahme
der  Produktion  und  des  Absatzes  und  2.  ein  gewisses  Gleichgewicht
zwischen  Produktion  und  Absatz.  Der  Markt  ist  hier  ein  feststehender. ­
  Als  Hauptkonsument  erscheint  hier  der  Staat,  außerdem
ist  auch  keine  Konkurrenz  zwischen  den  einzelnen  Produzenten
möglich,  und  zwar  dadurch,  daß  die  Bestellungen  von  dem  Staate
an  die  einzelnen  Werke  auf  dem  Wege  der  Verständigung  verteilt
werden.  Wie  willkürlich  bei  dieser  Sachlage  die  Preise  bestimmt
wurden,  kann  die  Tatsache  beweisen,  daß  die  Regierung  in  den
Jahren  1898  -1900  etwa  1,12  Rbl.  pro  Pud  Schienen  zahlte  —
dagegen  während  der  Krisis,  als  die  Marktpreise  bedeutend  niedriger
standen,  1,25  Rbl.  pro  Pud!  Bei  solchen  Verhältnissen  ist  von
freier  Konkurrenz  gewiß  keine  Rede.  Hier  konnte  also  auch  die
für  Krisen  so  charakteristische  Überproduktion  nicht  eintreten  und
wir  sehen  hier  nur  Produktionsabnahme.
Ganz  anders  stand  die  Sache  in  der  Produktion  der  Marktsorten.
Aus  unserer  Tabelle  ist  zu  ersehen,  daß  hier  im  Gegenteil  bei  einigen
        <pb n="68" />
        69

Sorten  eine  Produktions-  und  Absatzvermehrung  stattlindet.  Das
erklärt  sicli  daraus,  daß  die  Verminderung  der  Schienenproduktion
die  Werke  zwang,  ihre  freistehenden  Schienen  Werkstätten  anderweitiger ­
  Produktion  anzupassen;  deu  technischen  Gründen  gemäß
vollzieht  sich  aber  der  Übergang  zu  solchen  Sorten,  wie  Schwellen,
am  leichtesten.  Man  pflegte  jetzt  also  anstatt  Schienen  mehr
Schwellen  usw.  zu  produzieren.  Das  erschien  um  so  zweckmäßiger,
als  die  Preise  dieser  Artikel  damals  sehr  hoch  standen.  Die  Werke
begannen,  sich  immer  mehr  mit  dieser  Produktion  zu  beschäftigen.
Da  der  Markt  eine  solche  Vermehrung  des  Angebotes  gewiß  nicht
aufnehmen  konnte,  trat  hier  infolge  der  Konkurrenz  ein  rascher
Preissturz  ein.  Schon  aus  der  Tabelle  S.  66  sieht  man,  daß  der
Preis  der  Schwellen  während  der  Periode  1901—1903  mehr  als  um
das  Doppelte  gesunken  ist.
Wie  stark  die  Konkurrenz  zwischen  den  einzelnen  Werken
damals  war,  zeigt  z.  B.,  daß  die  Schwellen  während  der  Zeit  der
Krisis  bis  65  Kop.  pro  Pud  kosteten,  wogegen  die  Herstellung
nirgends  niedriger  als  77  Kop.  pro  Pud  war.  Lauwick  konstatiert
einen  Fall,  wo  um  eine  Bestellung  auf  diese  Schwellen  die  Dnieprovienne,
  die  Providence  und  die  ßusso-Belge  konkurrierten;  sie
wurde  endlich  der  Russo-Belge  zugewiesen,  und  zwrnr  zu  einem
Preise  von  58  Kop.  pro  Pud 1 !
Die  Bewegung,  die  nach  einer  zunehmenden  Produktion  des
Marktsortiments  strebte,  machte  sich  auch  in  der  Roheisenproduktion
geltend.  Die  Roheisenproduktion  im  großen  und  ganzen  nahm  ab,
was  den  Krisenzustand  verrät.  Bei  einem  Vergleich  der  einzelnen
Sorten  von  Roheisen  miteinander  läßt  sich  aber  konstatieren,  daß
die  Produktion  von  Bessemerroheisen  bedeutend  ab-,  dagegen  die
Produktion  von  Martinroheisen  zunahm.  Das  hing  damit  zusammen,
daß  das  erstere  hauptsächlich  für  Schienen,  das  letztere  für  die
Marktsorten  bestimmt  ist  Endlich  ist  aus  der  Tabelle  klar  zu  ersehen, ­
  daß  der  Roheisenabsatz  in  dieser  Zeit  bedeutend  zunahm.  Das
war  durch  zwei  Umstände  bedingt.  Erstens  waren  die  kombinierten
Werke  gezwungen,  während  der  Krisis  die  Eisen-  und  Stahlverarbeitung
einzuschränken,  und  es  blieb  ihnen  nichts  übrig,  als  das  überflüssige
Roheisen  unter  allen  Umständen  auf  den  Markt  zu  werfen.  Zweitens
kam  jetzt  eine  Menge  von  südrussischem  Roheisen  auf  andere  Märkte
außerhalb  Südrußlands,  wo  die  Konkurrenz  dadurch  erleichtert  war,
daß  die  Herstellungskosten  für  Roheisen  im  Süden  niedriger  sind
als  in  irgend  einem  anderen  russischen  Gebiete.  Alles  das  hatte
natürlich  eine  bedeutende  Abnahme  der  Roheisenpreise  zur  Folge,
die  von  62  auf  38  Kop.  pro  Pud  sanken.
Die  Krisis  in  Südrußland  in  den  Jahren  1901  —  1903  ist  einmal

1  Lauwick,  a.  a.  0.,  S.  40.
        <pb n="69" />
        70

charakterisiert  durch  die  Verminderung  der  Nachfrage  nach  Eisenartikeln. ­
  Folge  davon  waren  die  Bestrebungen  der  Werke,  zur
Produktion  des  Marktsortiments  überzugehen,  was  auf  dem  schon
überfüllten  Markte  ein  großes  Überangebot  und  dementsprechend
ein  rapides  Sinken  der  Marktpreise  verursachte.
Die  Schärfe  der  Krisis  ist  ersichtlich  aus  der  Zahl  der  Werke,
die  damals  liquidierten.  Nach  der  amtlichen  Statistik  mußten  seit
der  Periode  1901—1904  von  den  77  in  Rußland  existierenden  Eisen-Aktiengesellschaften
  18  Gesellschaften  mit  einem  Aktienkapital  von
55000000  Rbl.  liquidieren 1 .  Den  Hauptverlust  erlitt  Südrußland,
da  hier,  von  anderen  Ursachen  abgesehen,  mehr  als  in  den  übrigen
Gebieten  die  Spekulation  herrschte  und  eine  Reihe  von  Scheinaktiengesellschaften ­
  vorhanden  war.  Besonders  schwer  wurden  von
der  Krisis  die  belgischen  Aktiengesellschaften  betroffen.  Nach
Lauwicks  Berechnung  sind  die  Verluste  der  belgischen  Aktiengesellschaften ­
  auf  viele  Dutzend  von  Millionen  veranschlagt.  Von  den
30  belgischen  Aktiengesellschaften  liquidierten  acht,  fünf  befanden
sich  unter  Administration 1  2 ,  drei  Unternehmungen  wurden  stillgesetzt,
viele  Werke  führten  endlich  eine  Scheinexistenz.  Die  Zahlen  erhöhen ­
  sich  noch,  bei  Berücksichtigung  anderer,  nicht  nur  belgischer
Unternehmungen.
3.  Die  Wirkung  der  Krisis  auf  einzelne  Gattungen  von
Eisenwerken.
Zunächst  kommen  die  Hüttenwerke  in  Betracht.  Die  Werke
welche  man  als  Hüttenwerke  bezeichnen  kann,  sind  folgende:
Gdanzewsk-Werk  (K.-R.-A.-G.),  Olchowaja,  Kramatorowskaja,  Almasnaja, ­
  Belaja.  Außerdem  sind  auch  große  Lieferanten  von  Roheisen
die  Donez-Jurjewka-  und  Hughes-Werke.
Die  Hüttenwerke  mußten  damals  ihre  Tätigkeit  am  meisten
einschränken,  so  daß  bei  sechs  der  genannten  Werke  nur  vier  Hochöfen ­
  im  Betriebe  waren,  während  neun  Stillständen.  Auch  die  zwei
kombinierten  Unternehmungen,  das  Hughes-Werk  und  die  Donez-Jurjewka,
  mußten  ihre  Tätigkeit  auf  diesem  Gebiete  um  mehr  als
das  Doppelte  vermindern.  Diesen  ungünstigen  Verhältnissen  fielen
drei  Hüttenwerke  zum  Opfer:  Kertsch,  Belaja  und  Almasnaja.  Drei
andere  erlitten,  obwohl  sie  die  Krisis  überstanden,  während  dieser
Zeit  große  Verluste.  Die  unmittelbare  Ursache  der  schwierigen
Konjunktur  für  die  Hüttenwerke  war  die  Abnahme  der  Roheisenpreise. ­
  Die  Hütten  hatte  eine  scharfe  Konkurrenz  seitens  der
1  Kaffenhaus,  a.  a.  O.,  S.  70.
2  Unter  Administration  versteht  man  nach  russischem  Gesetze  die  Übernahme ­
  und  Weiterführung  einer  Unternehmung  durch  die  Hauptkreditoren,  bis
die  Schulden  bezahlt  sind.
        <pb n="70" />
        71

kombinierten  Werke  auszuhalten,  da  die  letzteren  eine  bedeutende
Menge  von  Roheisen  direkt  auf  den  Markt  brachten.
Zu  den  kombinierten  Werken  gehören  folgende:  Hughes-Werk,
Alexander-Werk  (Brjansk  A-G.),  Petrowsk-Werk  (Russo-Belge),
Donez-Jurjewka,  JDruschkowsk-Werk  (Donez  A.-G.),  Taganrog-Werk,
  Nikopol-Mariupol-Werk,  Pastuchow,  Providence-Russe,  Makejewka
  (Societe  Generale),  Werchnednieprowsk,  Konstantinowka  und
Dnieprovienne.
Hier  sind  wieder  zwei  Gruppen  zu  unterscheiden.  Vier  Werke:
Hughes,  Dnieprovienne,  Petrowsk  und  Druschkowsk  hielten  die  Krisis
relativ  gut  aus.  Die  anderen  dagegen  erlitten  größere  oder  kleinere
Verluste.  Interessant  ist  hier  zu  bemerken,  daß  die  ersten  vier
Werke  sehr  stark  durch  Staatsbestellungen  beschäftigt  wurden,  was
folgende  Tabelle  zeigt 1 :

Werke

Staats-  und
Eisenbahnbestellungen ­

•  °/
Io

Für  privaten
Markt
0/
Io

Für  eigenen
Bedarf
°/o

Druschkowsk-Werk



58.2

35,6

6,4

Petrowsk-11



53,7

43,3

3,0

Alexander-11



42,7

51,3

6,0

Hughes-11



38,1

55,0

6,9

Dnjeprovienne-11



29.8

59,6

10,6

Suhlin-10,3



78,2

11.5

Taganrog-11



9,1

80,6

10,3

Nikopol-Mariupol-11



8,5

86,1

5,4

Makejewka-11



4,1

89,2

6,7

Donez-Juriewka-11



4,0  ■

88,5

7,5

Gdanzewsk-11



1,5

98,3

0,2

Olchowaja-11



0,8

99,2

-

Almasnaja-11



0,7

93,1

6,2

Providence-Russe-11



—

78,6

21,4

Kramatorowsk-11



—

71.9

28,1

Kertsch-17



—

87,7

12,3

Da  der  Staat  hauptsächlich  Schienen  konsumierte,  sind  sie  auch
die  wichtigsten  Schienenlieferanten.  Mit  der  Schienenproduktion  beschäftigten ­
  sich  folgende  südrussische  Eisenwerke:  Hughes,  Dnjeprovienne,
  Alexander,  Petrowsk,  Druschkowsk,  Taganrog.
Da  während  der  Krisis  die  Schienenproduktion  besonders  stark
abnahm,  erscheint  es  auf  den  ersten  Blick  unverständlich,  daß  die
Werke,  die  vorwiegend  Schienen  produzieren,  die  Krisis  relativ  gut

1  Statist.  Sammelbüch.  1900—1902.  Eisenindustrie  in  Südrußland.
        <pb n="71" />
        72

iiberstanden.  Die  Sache  wird  uns  klar,  wenn  wir  die  Verhältnisse
der  Schienenproduktion  etwas  näher  betrachten.
Wie  wir  schon  früher  hervorgehoben  haben,  hatte  die  Regierung
bei  der  Schienenproduktion  anstatt  der  freien  Konkurrenz  das  Prinzip
der  vorhergehenden  Verständigung  eingeführt.  Sie  pflegte  sich  außerdem ­
  nur  mit  wenigen  privilegierten  Aktiengesellschaften  in  Verbindung
zu  setzen,  so  daß  von  16  Werken  nur  6  mit  der  Schienenproduktion
in  Südrußland  betraut  wurden.  Die  ausgebrochene  Krisis  rief  verschiedene ­
  Staatsmaßregeln  hervor,  die  ihre  Wirkung  auf  die  genannten
Werke  möglichst  abzuschwächen  suchten.  So  wurden  die  Preise  der
bestellten  Schienen  während  der  Krisis  erhöht,  außerdem  bekamen
einige  Gesellschaften  andere  Subsidien  und  Unterstützungen.  Alles
das  verfehlte  nicht,  die  Wirkung  der  Krisis  für  diese  Werke  sofort
zu  mildern.  Außerdem  kann  man  die  vier  genannten  Werke  als  die
konkurrenzfähigsten  bezeichnen.  Das  Hughes-Werk  und  Dnieprovienne
sind  am  frühesten  entstanden 1 ,  sie  hatten  die  Früchte  der  ganzen
Hochkonjunkturperiode  ernten  können  und  arbeiteten  außerdem
meistenteils  mit  eigenen  Rohstoffen.
Von  den  alten  Aktiengesellschaften  bildet  nur  das  Alexanderwerk ­
  eiue  Ausnahme,  das  während  der  Krisis  große  Verluste  erlitt.
Seine  Verluste  lassen  sich  auf  die  ungünstige  finanzielle  Lage  der
Gesellschaft  infolge  der  Liquidation  der  Kertsch-Aktiengesellschaft
zurückführen.
Die  übrigen  —  zumeist  neuen  —  kombinierten  Werke  erlitten
während  der  Krisis  große  Verluste.  Sie  litten  schwer  durch  die  Geldkrisis, ­
  einige  zahlten  7—8  °/ 0  Zinsen  auf  Hypothekenanleihen.  Außerdem
war  auch  ihre  Konkurrenzfähigkeit  geringer  als  die  der  ersten  Gruppe.
Als  Ergebnis  der  erwähnten  Verhältnisse  ergab  sich  folgende
interessante  Erscheinung:  die  vier  Werke  aus  der  ersten  Gruppe  bemühen ­
  sich,  wegen  der  Verminderung  der  Schienenproduktion  während
der  Krisis  ihre  Produktion  nach  einer  anderen  Seite  zu  entfalten
und  suchen  bei  Herstellung  des  Marktsortiments  eine  leitende  Stelle
zu  gewinnen.  Unter  solcher  Konkurrenz  mußte  selbstverständlich  die
zweite  Gruppe,  die  weniger  konkurrenzfähig  war,  am  schwersten  leiden.
Wie  bekannt,  war  die  einzige  Produktion,  die  während  der  Krisis
zunahm,  die  Produktion  von  Schwellen,  Stangeneisen,  Fagoneisen  und
dergleichen.  Folgende  Tabelle  gibt  uns  eine  Vorstellung  von  dem
Anteil  der  Werke  an  dieser  Produktion 2 :

Werke

1900

■1902

Zunahme  °/ 0

Vier  erste  Werke

4798

8211

71,1

Andere  Werke

10003

11186

11,8

1  Eine  Ausnahme  bildet  nur  die  Brjansk-Aktiengesellschaft.
2  Statist.  Sammelbüch.  1901—02.  Eisenindustrie  in  Südrußland.
        <pb n="72" />
        73

Die  Tabelle  zeigt  uns,  daß,  während  die  vier  Werke  der  ersten
Gruppe  ihre  Produktion  auf  oben  genanntem  Gebiete  beinahe  verdoppelten, ­
  in  der  zweiten  Gruppe  nur  eine  unbedeutende  Zunahme
zu  verzeichnen  ist.
Infolge  der  Produktions-  und  Geldkrisis  mußten  eine  Reihe  von
kombinierten  Werken  ihre  Schwächen  offenbaren.  Donez-Jurjewka
mußte  sich  unter  Administration  begeben,  ebenso  Providence-Russe,
Taganrog  und  Werchnednieprowsk.
Im  großen  und  ganzen  aber  hatten  die  kombinierten  Werke
während  der  Krisis  nicht  so  zu  leiden  wie  die  Hütten.
Schwere  Verluste  hatten  auch  die  reinen  Walzwerke.  Von  den
sechs  existierenden  Werken  überlebten  nur  zwei  die  Krisis  ohne
starke  Einbußen.  Eine  Reihe  von  Zusammenbrüchen  traten  ein  bei
den  verschiedenen  Maschinenfabriken,  Werkstätten  und  besonders
bei  denjenigen  Werken,  die  unmittelbar  mit  dem  Beginn  der
Gründungstätigkeit  in  der  Eisenindustrie  auftauchten.  Sie  konnten
jetzt  keine  Arbeit  bekommen.
        <pb n="73" />
        Zweiter  Teil.
Die  südrussische  Eisenindustrie  in  der  Gegenwart.
Kapitel  VII.
Die  Produktion.
1.  Die  allgemeine  Lage  der  siidrussischen  Eisenindustrie  nach
der  Krisis  im  Jahre  1901.
Die  Krisis  fand  die  südrussische,  wie  auch  überhaupt  die  russische
Eisenindustrie  vollständig  unorganisiert.  Infolgedessen  entstanden
zahlreiche  Liquidationen,  Konkurse  und  große  Verluste.  Alles  das
mußte  die  industriellen  Kreise  sehr  aufregen:  die  Lage  hat  damals
eine  lebhafte  Aussprache  hervorgerufen,  allein  bis  zum  Jahre  1902
wurden  nicht  weniger  als  12  verschiedene  Versammlungen  von  Eisenindustriellen ­
  abgehalten,  auf  welchen  die  Mittel  zur  Verbesserung  der
Lage  besprochen  wurden.  Man  kam  dabei  auf  drei  Maßnahmen,  die
die  damalige  Lage  der  Eisenindustrie  verbessern  sollten:  1.  Die  Ausdehnung ­
  des  heimischen  Marktes.  Es  sei  insbesondere  eine  gemeinsame ­
  dringende  Vorstellung  an  die  Regierung  über  die  Notwendigkeit
der  großen  Staatsbestellungen  für  die  „vaterländische  Eisenindustrie“
zu  richten.  2.  Die  Kartellierung  der  Eisenproduktion.  Man  sprach
in  einigen  Kreisen  sogar  von  einer  staatlichen  Regulierung  der  Eisenproduktion ­
  nach  dem  Vorbilde  der  Zuckerindustrie.  3.  Die  Organisation
des  Exportes.
Dieses  Programm  zeigt  einige  neue  Meinungen  in  den  Kreisen
der  Eisenindustriellen  Südrußlands.  Man  sprach  nämlich  hier  zum
ersten  Mal  bestimmt  über  die  Notwendigkeit  einer  Organisation  zur
gemeinsamen  Eroberung  des  Marktes  und  über  die  Entwicklung  des
Exportes 1 .  Es  ist  verständlich,  daß  die  Industriellen  bei  Besprechung
der  Mittel  auf  die  Hilfe  der  Regierung  große  Hoffnungen  setzten.
Speziell  für  die  Großindustriellen  Südrußlands  erschien  sie  immer

1  Die  Eisenindustriellen  waren  eigentlich  schon  früher  in  sogen.  „Kongresse
der  Bergindustriellen“  organisiert.  Diese  Organisation  war  aber  keine  ausschließlich ­
  eisenindustrielle  ;  sie  umfaßte  auch  Steinkohlen-  und  Eisenerzproduzenten.
        <pb n="74" />
        75

als  die  Quelle  allen  Reichtums.  Prämien,  unverzinsliche  Anleihen,
Staatsbestellungen  zu  erhöhten  Preisen  —  das  ist  die  Atmosphäre,
in  welcher  die  Eisenindustrie  Südrußlands  heranwuchs  und  sich  entwickelte. ­
  Der  Markt  und  die  private  Konsumtion  kamen  immer  erst
in  zweiter  Linie.
Die  Regierung  blieb  diesen  Wünschen  und  Forderungen  gegenüber ­
  nicht  kalt.  Bei  der  ersten  Gelegenheit  beeilte  sie  sich,  den
Eisenbahnbau  in  verstärktem  Maße  wieder  aufzunehmen,  indem  man
speziell  im  Jahre  1902  die  Anlage  von  4000  Werst  neuer  Eisenbahnlinien ­
  beschloß.  Die  Eisenbahnbestellungen  konnten  aber  jetzt  nicht
die  frühere  Bedeutung  für  die  südrussische  Eisenindustrie  haben.
Und  so  mußten  die  südrussischen  Eiseuindustriellen  nach  der  Krisis
mehr  und  mehr  dem  privaten  Markt  ihre  Aufmerksamkeit  schenken.
Die  Erzeugung  von  Roheisen,  Stahl  und  fertigen  Produkten  hat  in
der  letzten  Zeit  folgenden  Umfang  angenommen:

Jahr

Roheisen

Halbzeug

Fertige  Fabrikate
Stahl  und  Bisen

Süden

°/o

Gesamt  in
Rußland

Süden

°/o

Gesamt  in
Rußland

Süden

Ol
10

Gesamt  in
Rußland

1901

91712

53

172876

68517

42

161902

51961

42

122656

1902

84154

53

156919

62458

40

153611

49  959

44

112248

1903

83454

55

149372

63  312

43

156  522

62  687

47

133235

1904

110875

61

180427

80293

45

176266

76687

47

162929

1905

103095

62

165874

74577

46

162057

68254

47

143003

1906

102006

62

164026

69  260

43

158810

62  760

45

138048

1907

111034

64

172153

86  577

49

173383

73135

49

146750

1908

117414

68

171360

88  571

50

174771

75510

52

145373

Man  kann  also  diese  Zeit  als  die  Periode  des  dauernden  Stillstandes ­
  bezeichnen.  Und  während  die  südrussische  Eisenindustrie
nur  langsam  wächst,  bleibt  die  gesamte  russische  Eisenproduktion
ziemlich  stabil.  Nur  im  Jahre  1904  beobachten  wir,  daß  die  Eisenproduktion ­
  wegen  der  Eilbestellungen  für  den  russisch-japanischen
Krieg  einen  bedeutenden  Ruck  macht.  Sie  fällt  aber  schon  im
nächsten  Jahre  wieder  ab.  Die  Belebung  trägt  also  einen  vorübergehenden ­
  Charakter,  worauf  wieder  Stillstand  und  Überproduktion
folgen.  Die  Industrie  ist  jetzt  aber  bedeutend  elastischer  geworden;
die  Abnahme  der  Produktion  ruft  keine  besonders  ungünstigen  Erscheinungen ­
  hervor.  Die  südrussische  Eisenindustrie  ist  eben  mehr
oder  weniger  organisiert.
Zusammenfassend  lassen  sich  folgende  Tatsachen  feststellen:
erstens,  daß  die  südrussische  Eisenindustrie  in  der  Gegenwart  ständigen
Schwankungen  unterworfen  ist;  sie  reagiert  auf  jedes  günstige  Symptom
auf  dem  Markte  durch  eine  bestimmte  Ausdehnung;  zweitens,  befindet
        <pb n="75" />
        76

sie  sich  in  einem  ständigen,  wenn  auch  langsamen  Wachstum.  Wie
unbedeutend  in  der  Tat  das  Wachstum  der  Produktion  und  wie  groß
die  Produktiousfähiglceit  der  vorhandenen  Werke  ist,  zeigen  uns
die  Tatsachen,  daß,  obwohl  die  Zahl  der  Werke  in  dieser  Zeit  nicht
zugenommen  hat,  die  Produktion  der  Werke  nur  durchschnittlich
60°/ 0  ihrer  Produktionsfähigkeit  darstellt.  Weiter  ist  festzustellen,
daß  dieses  Wachstum  sich  hauptsächlich  auf  Kosten  der  anderen
Bezirke  vollzieht,  sodaß  die  relative  Bedeutung  Südrußlands  immer
zunimmt.  Endlich  nimmt  die  Produktion  der  Marktsorten  im  Süden
einen  immer  größeren  Kaum  ein.  Interessant  ist,  den  Vergleich  in
dieser  Hinsicht  zwischen  dem  Süden  und  dem  Ural  für  die  letzten
zwei  Jahrzehnte  aufzustellen 1 .

Süden

Ural

Jahr

Gesamtprodukt. ­
  v.  fertig.
Fabrikaten

Marktsorten ­


°/o  der
Gesamtprodukt. ­


Gesamtprodukt. ­
  v.  fertig.
Fabrikaten

Marktsorten ­


°/o  der
Gesamtprodukt. ­


1894

14661

4724

32,2

20901

18  202

87,1

1898

36  564

13  568

37,1

26509

21856

82.4

1903

62  604

37074

59,2

27460

23127

84,2

1908

75477

49485

65,6

28  797

24382

84,7

Die  Produktion  der  Marktsorten  hat  sich  also  im  Süden  im
Verhältnis  zu  den  Staatsbestellungen  seit  dem  Jahre  1894  etwa
verdoppelt.

2.  Die  Elemente  der  Produktion.
Bevor  wir  die  Analyse  der  Produktionsverhältnisse  im  ganzen
machen,  wollen  wir  die  drei  wichtigsten  Elemente  der  Produktion,
.Rohstoffe,  Arbeitskräfte  und  technischen  Betrieb,  betrachten.
a)  Kohstoffe.
Eisenerze.  —  Die  südrussische  Eisenindustrie  konsumiert  ein
bedeutendes  Quantum  von  verschiedenen  Eisenerzen,  hauptsächlich
Roteisenstein  und  Brauneisenstein.
Der  wichtigste  Fundort  ist,  wie  wir  schon  erwähnt  haben,  Krivoj-Rog.
  Die  Konsumtion  der  Kriovoj-Rog-Eisenerze  machte  durchschnittlich ­
  90°/ 0  des  gesamten  Verbrauchs  aus 1  2 .  Dies  Gebiet  erstreckt ­
  sich  an  beiden  Ufern  des  Flusses  Saksagan  über  eine  Länge
von  etwa  90  Werst.  Die  Eisenerzlager  befinden  sich  in  den  Quarzit-1

  Die  Ziffern  sind  mir  von  dem  Herrn  Vorsitzenden  des  Syndikats  „Krowlja“-Formakowski
  mitgeteilt.
2  Im  Jahre  1909  betrug  sie  171000000  Pud.
        <pb n="76" />
        77

schichten  und  haben  gewöhnlich  eine  kahnartige  Form 1 .  Die  Gewinnung ­
  fiudet  überwiegend  zu  Tage  statt.  Die  Eisenerze,  die  hier
hauptsächlich  gefördert  werden,  sind  Eisenglanz  und  Roteisenerz.
Folgende  Tabelle  gibt  uns  eine  Reihe  von  chemischen  Analysen  der
Krivoj-Rog-Erze 2 :

Feuchtigkeit ­


Fe

CaO

A1 2 0 3

Si0 2

P

Verschiedene

0.39

67,41

—

2,25

0,59

—

Proben  der

1,05

70,75

—

—

0,27

—

—

10,65

—

1,21

0,68

Krivoj-Rog-—



66,1

0,2

1.17

1,90

0,12

Eisenerze

1,5

48,6

0,6

2,8

2,60

0,05

Die  Erze  sind  rein  und  erfordern  keine  weitere  Verarbeitung,
aber  sie  sind  schwer  schmelzbar  und  brauchen  eine  bedeutende
Menge  von  Zusätzen.  Von  den  75  Eisenerzgruben,  die  35  Besitzern  gehörten, ­
  waren  im  Jahre  1907  etwa  50  im  Betriebe.  Es  waren  bei  den
einzelnen  Gesellschaften  im  Jahre  1908  folgende  Vorräte  vorhanden 3 :

Krivoj-Rog-  Eisenerzvorräte

Aktiengesellschaften

in  1000  Pud

festgestellte

vermutete

Krivoj-Rog-A.-G.

603500

1185000

Dnjeprov.-A.-G.

1000000

1250000

Brjansk-A.-G.

561500

1300000

Neurussisohe  A.-G.

400000

995000

Russo-Belge-A.-G.

375000

760000

Donez-A.-G.

331500

640000

Suhlin-A.-G.

50000

70000

Russ.  Providence

2000

3000

Zusammen:

3320000

6203000

Überhaupt  f
im  Krivoj-Rog  \

5462500

11415500

Der  überwiegende  Teil  (etwa  75  °/ 0 )  der  Eisenerzfläche  wird  auf
dem  Wege  der  Verpachtung  ausgebeutet.  Der  Pachtzins  schwankt
zwischen  1—3  Kop.  pro  gewonnenes  Pud.  Die  Verkaufspreise
schwanken  gegenwärtig  je  nach  der  Qualität  der  Erze  und  je  nach
der  Marktkonjunktur  zwischen  4  und  7 1 /' 2  Kop.  pro  Pud.  Die  Eisen-  1  2  3

1  Tieme,  a.  a.  0.,  Gorn.  Journ.  1903,  S.  400.
2  Oordeweener,  a.  a.  0.,  S.  200  u.  221.
3  Eisenindustrie  in  Südrußlaud.  Stasist.  Sammelbücher  1908.
        <pb n="77" />
        78

werke,  welche  eigene  Gruben  besitzen,  haben  im  günstigsten  Palle
einen  Vorzug  bis  zu  2—2 1 / 2  Kop.  auf  das  gewonnene  Pud.
Ein  zweiter  bedeutender  Fundort  von  Eisenerzen  ist  die  Halbinsel ­
  Kertsch.  Die  Eisenschicht  hat  hier  eine  horizontale  Richtung
und  erstreckt  sich  auf  viele  Tausende  von  Dessjatinen.  Die  Mächtigkeit ­
  der  Schicht  ist  bis  9  Meter.
Die  Gesamtmenge  der  Eisenerze  pro  Dessjatine  erreicht  durchschnittlich ­
  200000  t,  so  daß  die  Gesamtmenge  der  Eisenerzvorräte
auf  etwa  60  Milliarden  Pud  zu  schätzen  ist 1 .  Der  Ort  erscheint
seinen  Vorräten  nach  als  der  bedeutendste  von  ganz  Südrußland.
Die  Gewinnung  der  Erze  findet  hier  im  Tagbau  statt.  Die  chemische
Zusammensetzung  der  Eisenerze  von  Kertsch  ist  der  der  luxemburgischen ­
  sehr  ähnlich.  Es  findet  sich  hier  ausschließlich  Brauneisenstein. ­
  Vor  der  Verwendung  bedürfen  die  Erze  einer  vorläufigen
Troknung.  Folgende  Tabelle  gibt  uns  nähere  Kenntnis  über  die
chemische  Zusammensetzung  der  Erze 2 :

Abnahme  iiü
Gewicht  beim
Trocknen

Fe
0/
Io

Ph
01
Io

Mn
01
10

15

37,4

0,977

3,4

Verschiedene  Proben

16,3

39,4

1,144

0,98

der  Kertsch-Eisenerze

15,75

39,4

1,116

0,o4

15,7

41,0

0,94

4,0

13

33,5

0,7

9,0

Die  Erze  sind  phosphorreich  und  eignen  sich  deswegen  am
besten  für  das  Thomasverfahren.  Sie  werden  ausschließlich  von  den
Eisenwerken  gefördert.  Die  Pacht-  und  Gewinnungsverhältnisse  sind
sehr  günstig.
Als  dritte  Gruppe  ist  die  der  Eisenerze  des  Donezbassins  zu
nennen,  die  in  verschiedenen  Orten  des  Bassins  zerstreut  sind.  Man
braucht  sie  ausschließlich  als  Zusatz  zu  den  Krivoj-Rog-Eisenerzen.
Ihr  Eisengehalt  ist  ziemlich  gering.  Sie  enthalten  durchschnittlich
nur  35—50°/ 0  Eisen.,  Ihre  chemische  Zusammensetzung  ist  folgende 3 :

Fe 2 0 3
7»

8iO.,
°/o

AIA
7»

Ph.,0 5
%

Mn
°/o

CaO
0  /
Io

Metall.  Eisen
01
Io

71,43

12,00

5,98

0,13

4,00

—

50

Verschiedene

64,29

16,00

8,00

0,09

8,60

—

45

Proben  der  Donez-  ■

73

13,90

0,10

—

—

51

bassiti  Eisenerze

76,14

7,5

3,50

1,67

—

3,00

53

76,14

8,7

5,00

1,02

—

2,35

53

1  Cordeweener,  a.  a.  O.,  S.  211.
3  Trasenster,  a.  a.  0.,  Rev.  univers.  d.  mines,  1896,  S.  198.
3  Lewitzki,  Rev.  univers.  d.  mines.,  1896,  S.  198.
        <pb n="78" />
        79

Es  gibt  noch  einige  andere  Fundorte  von  Eisenerzen,  wie
Korsak-Mogila  usw.,  aber  sie  sind  nicht  genügend  untersucht  und
spielen  bis  jetzt  eine  sehr  geringe  Rolle.
Steinkohle.  Als  Heizungsmaterial  kommt  für  die  südrussische
Eisenindustrie  überwiegend  die  Steinkohle  in  Betracht  (90—92°/ 0
des  Gesamtheizungsmaterials),  dann  Anthrazit  und  endlich  Naphtha,
das  gegenwärtig  kaum  mehr  als  1  —  2  °/ #  des  Gesamtverbrauchs  ausmacht.
Die  Steinkohle  kommt  ausschließlich  aus  den  Gruben  des  Donezbassins, ­
  das  als  das  größte  in  Europa  überhaupt  anzusehen  ist.
Zwei  Drittel  des  Bassins  bilden  das  Anthrazitlager.  Mit  dem  Namen
Anthrazit  bezeichnet  mau  kurzweg  anstehende  bitumenarme  Kohlen 1 .
Das  letzte  Drittel  dagegen  bildet  ein  Lager  von  ausgezeichneten
backbaren  Steinkohlen,  die  für  die  Koksgewinnung  brauchbar  sind.
Die  Produktion  von  Steinkohle  imDonezbassin  betrug  im  Jahre  1906 1  2 :

Gruben

Zahl  d.
Gruben

Zahl  der
Bergarb.

Produktion
d.  Steinkohle

Produktivität
einer  Grube

Arbeitsleistung
eines  Arbeiters

Die  Gruben  d.l
Eisenwerke  j
überhaupt

49
1075

19174
104466

173  910T.P.
869432„  „

3  549T.P.
808  „  „

12977  P.
12075  j

Die  Steinkohlenförderung  der  Eisenwerke  bildet  also  ein  Fünftel
der  Gesamtförderung.  Aus  der  Tabelle  ist  auch  ersichtlich,  daß  die
Gruben  der  Eisenwerke  durchschnittlich  größer  sind,  und  eine  größere
Produktivität  besitzen  als  die  anderen.  Fünf  Werke:  Dniepr,  Hughes,
Alexander,  Petrowsk  und  Gdanzewsk  arbeiten  mit  eigenen  Steinkohlen, ­
  die  anderen  müssen  sie  kaufen.  Für  die  Gewinnung  eines
Pud  Koks  braucht  man  gewöhnlich  1,35  Pud  Steinkohle 3 .  Den  anerkannt ­
  besten  Koks  liefert  das  Almasuaja-Flöz  in  der  Gegend  von
Almasnaja  und  Losowaja.  Die  Steinkohle  liefert  bei  der  Koksgewinnung
  eine  Menge  Gase  (15—40°/ 0 ),  die  jetzt  sehr  oft  ausgenützt ­
  werden 4 ).
Tieme  berechnete  im  Jahre  1897  die  Gewinnungskosten  für  ein
Pud  Steinkohle  auf  5,563  Kop.  für  die  Rutschenko-Grube,  auf  etwa
4,95—5  Kop.  für  die  Gorlowka-Grube  und  auf  3,5—4  für  die  Makejewka-Grube
  usw. 5 .  Augenblicklich  setzt  man  sie  auf  5—6  Kop.  an,
kann  aber  die  Ausgaben  der  Eisenwerke,  die  eigene  Gruben  haben
unter  günstigen  Verhältnissen  anf  2  Kop.  pro  Pud  annehmen 6 .
1  Franke,  Mitteilungen  von  einem  Ausfluge  nach  dem  nordwestlichen
Teile  des  Donezbeckens,  Essen  1899,  S.  4.
2  Statist.  Tatsachen  d.  Bergkomitee,  1906.
2  Tieme,  a.  a.  0.,  97,  Bd.  H,  S.  177.
4  Trasenster,  a.  a.  0.,  ßev.  univers.  d.  mines.  1896,  S.  34.
6  Tieme,  a.  a.  0.,  1887,  Bd.  I,  S.  26,  33  und  12.  ■
6  Fertner  schätzt  sie  sogar  auf  6,299  Kop.  pro  Pud  durchschnittlich.
(Fertner,  Die  Donezsteinkohlenindustrie,  St.  Petersburg,  (russisch),  1909.  8.  24).
        <pb n="79" />
        80

Da  die  Werke  ihrer  Lage  nach  entweder  Steinkohle  oder  Eisenerz,
einige  auch  beide  Rohstoffe  aus  bedeutender  Entfernung  herbeischaffen ­
  müssen,  so  spielen  in  Südrußland  die  Transportkosten  der
Rohstoffe  eine  große  Rolle.  Man  braucht  für  den  Transport  der  zur
Schmelzung  eines  Puds  Roheisen  notwendigen  Menge  Eisenerz  und
Steinkohle  an  Kopeken 1 :

Werke

für  Steinkohle

für  Eisenerz

Zusammen

Hughes-  Werke  '

0,02

7,55

7,67

Petrowsk-0,003



8,15

8,15

Druschkowsk-2.51



7,20

9,71

Makejewsk-V



0,01

9,25

9,26

Donez-Juriewsk-1,25



10,05

11.30

Kramatorowsk-2,49



7,69

10,18

Dnjepr-10,91



3,19

14.10

Alexander-10,43



3,53

13,96

Gdanzewsk-11,12



0,12

11.24

Russ.  Providence-6,62



5,09

11,71

Taganrog-V



8,60

4,28

13,48

Die  günstigsten  Verhältnisse  hinsichtlich  der  Transportkosten
haben  also  das  Donezbassin,  und  besonders  diejenigen  Werke,  welche
die  Steinkohle  in  ihrer  Nähe  haben,  wie  das  Petrowsk-Werk,  Hughes-Werk
  usw.
Die  wichtigsten  Zusätze  sind  bei  der  Eisenproduktion  Mangan
und  Kalk,  dann  kommt  feuerfester  Ton  usw.
Die  Mangangruben  befinden  sich  im  Gouvernement  Jekaterinoslaw
und  im  Kaukasus;  meistenteils  werden  Jekaterinoslaw-Manganerze
von  den  Werken  verwendet.
Kalk»  befindet  sich  ebenfalls  im  Gouvernement  Jekaterinoslaw,
und  wird  von  einigen  Gesellschaften,  wie  z.  B.  Dniepr-Ä.-G.,  aus
eigenen  Kalkbrüchen  gewonnen.
b)  Arbeitskräfte 1  2 .
„Die  Präge,  wie  die  nötigen  Arbeitskräfte  zu  bekommen  sind,
ist  die  schwächste  Seite  -der  Donez-Eisenindustrie“  —  schrieb  Tieme
im  Jahre  1889 3 .  Und  in  Wirklichkeit  machte  anfänglich  der  Mangel

1  (rornosawodski  Listok,  1908,  Nr.  125  (russisch).
2  Wir  betrachten  in  diesem  Unterkapitel  die  Arbeitskräfte  nur  als  Kostenelement ­
  bei  der  Produktion.  Auf  die  Betrachtung  der  wirtschaftlichen  und
sozialen  Lage  der  südrussischen  Arbeiter  —  die  sonst  eine  gesonderte  Untersuchung ­
  erforderte  -—  müssen  wir  leider  wegen  des  Mangels  an  Material  und
wegen  seiner  Untauglichkeit  verzichten.
3  Tieme,  a.  a.  0.,  Gorn.  Journ.  1889,  Bd.  II,  8.  239.
        <pb n="80" />
        81

an  Arbeitskräften  und  ihre  ungenügende  Qualität  der  südrussischen
Eisenindustrie  sehr  große  Schwierigkeiten.
Als  Hughes  im  Jahre  1869  sein  Werk  gründete,  mußte  er,  wie
wir  schon  früher  erwähnten,  alle  mehr  oder  weniger  verantwortlichen
Posten  Engländern  überlassen.  Später  traten  dann  mit  der  Entwicklung ­
  des  Werkes  die  russischen  Arbeiter  immer  mehr  in  den
Vordergrund  und  Anfang  der  90er  Jahre  existierte  dann  schon  ein
neuer  Nachwuchs  der  ersten  in  Jusowo  angesiedelten  Arbeiter.
Mit  der  raschen  Entwicklung  der  Eisenindustrie  in  den  90er  Jahren
mußte  die  Arbeiterbevölkerung  Südrußlands  sich  stark  vermehren.  Die
drei  Bestandteile  des  neuen  Arbeiterstandes  der  Werke  waren:  1.  der
heimische,  aus  dem  mittleren  Rußland  eingewanderte  Bauer,  2.  der
eingewanderte  russische  und  3.  der  ausländische  Arbeiter.
Wie  bekannt,  pflegen  die  Bauern  der  wenig  fruchtbaren
Gouvernements  oder  derjenigen,  wo  wegen  der  Eigentumsverhältnisse
eine  überschüssige  Bevölkerung  vorhanden  ist,  zu  bestimmten  Zeiten,
hauptsächlich  im  Frühjahr,  nach  verschiedenen  Orten  Rußlands  zu
waudern,  um  dort  Arbeitsgelegenheit  zu  suchen.  Viele  Tausende
von  ihnen  finden  Beschäftigung  in  der  Schiffahrt  auf  der  Wolga,
in  Großstädten,  wie'  St.  Petersburg,  Moskau,  Odessa;  viele  wandern
endlich  in  die  fruchtbaren  südrussischen  Gouvernements,  wo  sie
landwirtschaftliche  Arbeiten  auf  größeren  Gütern  übernehmen.  Mit
der  Entwicklung  des  Bergbaues  wird  diese  Strömung  eine  ständige
Quelle  von  Arbeitskräften  für  die  Steinkohlen-  und  Eisenerzgruben.
Die  Bauern  erlangen  in  dieser  Weise  auch  Beschäftigung  in  Eisenwerken ­
  als  Tagelöhner  und  unqualifizierte  Arbeiter.  Allmählich
bleiben  sie  dann  mehr  und  mehr  als  ständige  Arbeiter;  mit  der
Zeit  übernehmen  sie  oft  auch  die  qualifizierten  Posten.
Die  komplizierten  Betriebe  aber,  wie  Hochöfen  und  Walzwerke,
brauchten  von  Anfang  an  einen  überwiegenden  Teil  ständiger  und
qualifizierter  Arbeiter.  Man  hatte  große  Schwierigkeiten,  um  solche
Kräfte  in  ausreichendem  Maße  zu  bekommen.  So  mußten  die
Gründer  der  Dniepr-A.-G.  (Dnieprovienne)  das  ganze  Personal  von
dem  Warschauer  Walzwerk  nach  Südrußland  hinüberschaffen,  selbstverständlich ­
  mit  der  Verpflichtung  besserer  Bezahlung.  Nach  Südrußland ­
  strömten  auch  die  qualifizierten  Arbeiter  aus  anderen  Industriekreisen, ­
  insbesondere  aus  dem  mittleren  Rußland.
Viele  Unternehmungen  waren  gezwungen,  außer  russischen
Arbeitern  auch  gebildete  Arbeiter  vom  Auslande  zu  beziehen.  Wie
bedeutend  die  Zahl  dieser  nach  Südrußland  verpflanzten  Arbeiter
war,  zeigen  folgende  Zahlen.  Die  Russo-Beige  A.-G.  hatte  bei
Gründung  des  Werkes  400  belgische  Arbeiter,  Taganrog  360  bezogen.
Es  sind  aber  nicht  nur  Belgier,  sondern  auch  Engländer,  Franzosen
und  Deutsche  unter  den  Ausländern.  Mit  der  Entwicklung  eines
ständigen  Arbeiterstandes  in  Südrußland  nimmt  diese  Bewegung  be-Sawelieff.
  6
        <pb n="81" />
        8*

deutend  ab.  Nacli  der  Krisis  des  Jahres  1901  sinkt  daun  die  Zahl
der  Ausländer  nicht  nur  relativ,  sondern  auch  absolut,  was  mit  der
Lohnverminderuug  und  dem  Stillstand  in  der  Eisenindustrie  zusammenhäugt,
  sodaß  gegenwärtig  der  Prozentsatz  ausländischer  Arbeiter  durchschnittlich ­
  2—3  °/ 0  der  Gesamtzahl  nicht  überschreitet.
Im  Jahre  1908  waren  in  den  südrussischen  Eisenwerken,  einschließlich ­
  der  reinen  Walzwerke  53564  Arbeiter  beschäftigt.  Davon
waren  beschäftigt  bei:

Hochöfen

6  941

Halbzeugproduktion  .  .  .

5070

Walzung

12  754

Formgußproduktion  .

7581

Hilfsarbeiter

9880

Andere  Produktionszweige

8837

Unter  dem  technischen  und  Aufsichtspersonal  war  der  Prozentsatz ­
  der  Ausländer  früher  ganz  enorm.  Die  russischen  Kräfte  bildeten
hier  anfangs  nur  eine  unbedeutende  Minderheit.  Ohno  den  ausländischen ­
  „contremaitre -1  (mittleren  Techniker),  sagt  Tieme,  kann
kein  Eisenwerk,  einerlei  ob  russisches  oder  ausländisches,  existieren'.
Auch  die  russischen  Ingenieure  konnten  damals  den  ausländischen
keine  ernste  Konkurrenz  machen;  es  fehlten  den  meisten,  nach  Auffassung ­
  Tiemes,  die  nötigen  praktischen  Kenntnisse.  Außerdem
waren  die  meisten  Werke  von  Ausländern  gegründet,  und  natürlich
schenkten  sie  ihr  Vertrauen  bei  der  Gründung  und  der  Leitung  der
Werke  ihren  Landsleuten.  Die  Gehälter  waren  sehr  hoch  und  sie
lockten  die  Ausländer,  insbesondere  am  Ende  der  80er  und  am
Anfang  der  90  er  Jahre,  da  in  Belgien  damals  ein  großer  Stillstand
in  der  Eisenindustrie  stattfand,  nach  Südrußland.  Aber  auch  in
diesen  Kreisen  ist  nach  der  Krisis  eine  Gegenbewegung  zu  bemerken;
hier  spielte  auch  die  Verminderung  der  Gehälter  die  Hauptrolle;
die  Bewegung  ist  aber  bei  weitem  nicht  so  bedeutend  wie  in  den
Arbeiterkreisen.
Für  die  Bedeutung  der  Arbeitskräfte  für  die  Produktion  kommen
zwei  Fragen  in  Betracht:  wieviel  die  Arbeitskraft  kostet  und  wieviel
sie  leistet.  Selbstverständlich  steht  beides  im  engsten  Zusammenhang. ­
  Zunächst  betrachten  wir  die  erste,  den  Arbeitslohn.
Die  Löhne  der  Bergarbeiter 1  2  sind  hier  allgemein  sehr  niedrig.
Der  monatliche  Verdienst  eines  erwachsenen  Arbeiters  beträgt  im
Winter  14—18  Rbl.,  im  Sommer  18—26  Rbl.  Die  ledigen  Arbeiter
leben  und  beköstigen  sich  in  Artellen,  die  verheirateten  beköstigen

1  Tieme,  a.  a.  0.,  Gorn.  Journ.  1897,  S.  16.
2  Wir  ziehen  hier  und  später  auch  die  Grubenarbeiter  in  Betracht,  da  viele
Eisenwerke  eigene  Gruben  haben  und  eine  Menge  von  Bergarbeitern  beschäftigen.
        <pb n="82" />
        83

6*

sich  selbst.  Die  monatlichen  Ausgaben  eines  Arbeiters  für  die  Kost
betragen  8—11  Rbl.,  die  eines  verheirateten  4—5  Rbl.  pro  Kopf 1 .
Die  Löhne  auf  den  Werken  sind  bedeutend  höher,  besonders
für  gewisse  Spezialarbeiten.  Das  technische,  Aufsichts-  und  Kontorpersonal ­
  bekommt  monatliches  Gehalt,  die  Arbeiter  Tagelohn  oder
Akkordlohn;  der  letztere  ist  oft  mit  Gewährleistung  eines  Minimallohns ­
  verknüpft.  Bei  der  Herstellung  von  großen  Gegenständen
wird  der  Akkordlohn  manchmal  für  eine  ganze  Gruppe  von  Personen
bestimmt,  die  in  diesem  Palle  einen  Leiter  haben,  der  dafür  einen
bestimmten  Prozentsatz  zu  bekommen  hat.  Die  folgende  Tabelle
zeigt  in  Rubel  die  durchschnittlichen  jährlichen  Löhne  in  der  Dnjepr-A.-G.,
  die  wir  auf  Grund  der  jährlichen  Berichte  für  die  verschiedenen
Kategorien  ermittelt  haben:

Jahr

Dnjepr-Werk

K.-Kog-Eisenerzgruben


Lidievsk-Steinkohlengruben


Kontor-  und  Aufsichtspersonal ­


Arbeiter

Bergarbeiter

1906

1370

465

310

271

1907

1413

488

325

297

1908

1440

494

335

339

1909

1460

500

320

322

Die  durchschnittlichen  Löhne  betrugen  in  den  verschiedenen
Werken  im  Jahre  1908 1  2 :

Werke  •

Gesamt-Arbeiterzahl


Jahres  verdienst
eines  Arbeiters

durchschnittl.
pro  Tag

Brjansk-  Werk

5238

352  Rbl.

1,20  Rbl.

Donez-Juriewsk-  „

4210

522

V

1,80  „

Hartmann-  „

3135

561

V

1,90  „

Taganrog-  „

3073

472

1,60  „

Dnjepr-  „

6071

494

1,50  „

Allerdings  sagen  die  durchschnittlichen  Ziffern  nicht  viel.
Interessant  sind  aber  die  Löhne,  wenn  man  sie  für  die  verschiedenen
Arten  der  Arbeit  und  die  verschiedenen  Perioden  miteinander  vergleicht. ­
  Das  zeigt  uns  die  folgende  Tabelle 3 :

1  Paschitnow,  Die  Lage  der  arbeitenden  Klassen  in  Kußland,  Stuttgart
1907,  S.  195.
2  Jahresberichte  der  Aktiengesellschaften  für  das  Geschäftsjahr  1908.
3  Lauwiek,  S.  108;  Brandt,  S.  250  u.  264.
        <pb n="83" />
        84

Arbe'.terkategorien

1906

1895

18881/5

Hochofenarbeiter

1,15-1,85

1,30—2,50

0,70-1.90

Gießer

1,50

3,00

0,40—3,70

Schmied

1,15

1,50—2,50

0,40—3,00

Modellierer

1.25

1,50—2,00

0,35—1,80

Mechaniker

2,10

1,50—2,00

0,90—3,30

Hilfsarbeiter,  Tagelöhner

0,95

0,80

0,20—1,40

Die  Lohnbewegung  zeigt  danach  in  der  Periode  1885—1895  eine
bedeutende  Steigerung,  hat  dagegen  in  der  zehnjährigen  Periode  von
1895  bis  1906  so  gut  wie  keine  Fortschritte  gemacht.  Nach  Brandts
Berechnung  war  der  Durchschnittslohn  auf  der  Dnieprovienne  in  der
Mitte  der  90er  Jahre  1,50  Rbl. 1  Zehn  Jahre  später,  und  zwar  im
Jahre  1906,  war  er  nach  unserer  Rechnung  niedriger  als  damals.
Für  die  Lohnbewegung  in  der  Gegenwart  muß  man  zwei  Tatsachen ­
  festhalten,  deren  Bedeutung  für  diese  Bewegung  ausschlaggebend ­
  ist.  Die  erste  ist  die  Krisis  im  Jahre  1901.  ln  diesem  Jahre
und  den  folgenden  findet  wegen  des  Stillstandes  des  Geschäfts  ein  erhebliches ­
  Sinken  der  Löhne  statt;  und  die  zweite  ist,  daß  ein  bedeutendes
Steigen  der  Löhne  im  Jahre  1905  unter  dem  Drucke  der  Revolutionsbewegung ­
  eintritt.  Wie  bekannt,  war  die  politische  Bewegung  der  damaligen ­
  Zeit  eng  mit  der  ökonomischen  verknüpft.  So  waren  die  Löhne
in  den  Eisenwerken  vor  und  nach  der  Revolutionszeit  folgende 1  2 :

Jahr

Durchschnittlicher  Jahreslohn ­
  in  Eisenwerken
in  Rubel

1904

260

1905

298

1906

408

1907

378

Die  Löhne  haben  im  Jahre  1906  ihren  Höhepunkt  erreicht.  In
den  späteren  Jahren  zeigt  sich  wieder  eine  abnehmende  Tendenz.
Was  die  Leistung  der  südrussischen  Arbeiter  anlangt,  so  müssen
wir  zwei  weitere  Momente  auseinandersetzen:  die  Arbeitsleistung  und
die  Länge  der  Arbeitszeit.  Wir  beginnen  mit  dem  ersten.
Die  durchschnittliche  Jahresproduktion  eines  Bergarbeiters  in
Krivoj-Rog  beträgt  etwa  34800  Pud  Eisenerze  (im  Jahre  1906).  Wenn
wir  die  Hilfsarbeiter  mitrechnen,  so  sind  diese  Ziffern  auf  23000  Pud  zu
reduzieren.  Was  ferner  die  Steinkohlengewinnung  betrifft,  so  beträgt  die
jährliche  Ausbeute  (im  Jahre  1906)  auf  den  Arbeiter  12000  Pud.

1  Brandt,  a.  a.  O.,  S.  250.
2  Gornosawodski  Listok  1908.
        <pb n="84" />
        85

Von  diesen  beiden  Ziffern  abgesehen,  müssen  wir  konstatieren,
daß  die  Leistungsfähigkeit  der  Bergarbeiter  nicht  besonders  hoch
stehen  kann,  und  zwar  erstens  deswegen,  weil  hier  immer  ein  gewisser
Prozentsatz  der  nicht  ständigen  Arbeiter  sich  befindet,  oder  solcher
die  noch  kurz  zuvor  in  ganz  anderen  Arbeitsverhältnissen  sich  befanden,
wie  Bauern  usw.  Eine  andere  Ursache  sind  die  oft  kläglichen  Löhne
und  ein  langer  Arbeitstag.
Eine  bedeutend  größere  Leistung  sehen  wir  bei  den  qualifizierten
Arbeiten  in  den  Eisenwerken.  Schon  Lauwick  stellte  fest,  daß  die
russischen  Arbeiter  sehr  oft  erfolgreich  mit  den  ausländischen  konkurrieren. ­
  Das  hängt  von  zwei  Umständen  ab.  Einerseits  arbeiten
sie  billiger,  andererseits  gibt  ihnen  der  Aufenthalt  in  den  Werken
nach  ihrer.  Schulzeit  die  Möglichkeit,  gleich  gut  die  verschiedenen
Arbeitern  zu  verrichten.  Folgende  Tabelle  veranschaulicht  die  durchschnittliche ­
  Jahresleistung  der  Arbeiter  auf  dem  Dniepr-Werk 1 :

Jahr

Durchschnittliche  Leistung
eines  Arbeiters

in  Rubel

in  Pud

1889/90

1,062

1.669

1890/91

1.279

2,299

1891/92

1,196

2,207

1892/93

1.230

2,336

1893/94

1.257

2,412

1894/95

1,567

2,424

Hier  haben  die  Verbesserungen  in  der  Betriebsorganisation  eine
große  Bedeutung  gehabt,  sodaß  die  Tabelle  uns  eigentlich  mehr  ein
Bild  von  der  Arbeitsproduktivität,  als  den  Leistungen  der  Arbeiter
gibt.  Jedenfalls  müssen  auch  die  letzteren  sich  der  verbesserten
Organisation  des  Arbeitsprozesses  anpassen.
Die  Arbeitszeit  ist  überhaupt  sehr  lang.  Nach  dem  Gesetz  vom
Jahre  1897  ist  in  Bußland  die  Maximalarbeitszeit  für  die  gewerblichen ­
  Unternehmungen  auf  ll 1 / 2  Stunden  festgesetzt.  Dies  Gesetz
läßt  sich  aber  sehr  leicht  umgehen.  Wir  führen  eine  Stelle  aus  dem
Buche  von  Paschitno  w  an  über  die  Dauer  der  Arbeit  in  den  Kohlengruben: ­
  „.  .  .  in  Südrußland  findet  die  Nachtarbeit  ganz  systematisch
in  allen  Gruben  statt.  •  Die  Arbeit  ist  in  zwei  Schichten  eingeteilt,
von  6  Uhr  morgens  bis  6  Uhr  abends  und  umgekehrt 1  2 “.  Das  ist
also  ein  zwölfstündiger  Arbeitstag.  Besonders  grausame  Verhältnisse
herrschten  in  früheren  Zeiten.  So  lesen  wir  im  statistischen  Sammolbuch
  des  Gouvernements  Jekaterinoslaw,  das  vom  S  ernst  wo  im
Jahre  1886  herausgegeben  worden  ist:  „Für  die  Bauern  ist  die  Grubenarbeit, ­
  an  die  sie  nicht  gewöhnt  sind,  äußerst  erschöpfend.  Eine  zwölf-1

  Brandt,  a.  a.  0.,  S.  99.
2  Paschitnow,  a.  a.  0.,  S.  175.
        <pb n="85" />
        86

stündige  Arbeit  iu  den  halbfinstern  und  dumpfen  Gruben  untergräbt
ihre  Kräfte  nur  zu  bald.  Von  den  neun  Monaten,  die  sie  jährlich  in  den
Bergwerken  zubringen,  arbeiten  die  fleißigsten  von  ihnen  nicht  mehr  als
sechs  Monate;  jeder  Bauer,  der  einen  Monat  anstrengend  in  den  Gruben
gearbeitet  hat,  bedarf  einer  zweiwöchigen  Erholung 1 .“
Nicht  besser  ist  die  Lage  der  Eisenerzarbeiter  in  Krivoj-Rog.  Im  Jahre
1888/89  war  dort  nur  in  drei  Gruben  zwölfstündige  Arbeitseinteilung.
In  den  anderen  dauerte  der  Arbeitstag  von  4  Uhr  morgens  bis  7  Uhr
abends,  oder  von  4V a  bis  8  Uhr  mit  nur  zweistündiger  Unterbrechung 1 .
In  den  Eisenwerken  selbst  ist  die  Arbeitszeit  kürzer  und  geht
gewöhnlich  über  die  gesetzliche  Norm  nicht  hinaus.  Aber  auch  hier
sind  Überstunden  eine  regelmäßige  Erscheinung.  Bei  der  ununterbrochenen ­
  Arbeit  gilt  hier  als  Regel  zweischichtige  (Nacht-  und  Tagesschicht) ­
  Arbeit.  Daß  die  Arbeitsbedingungen  hier  sehr  viel  zu  wünschen
übrig  lassen,  kann  uns  am  besten  die  Unfallstatistik  zeigen 2 .

Unfallstatistik  auf  den  Eisenwerken.

Gattungen

Kombinierte  Werke

Walzwerke

1906

1905

1904

1906

1905

1904

©

Arbeiterzahl  überhaupt

43404

42977

43  924

10963

12035

10334

:cö

Zahl  d.  Verunglückten

21134

21176

20346

3  984

3266

3280

3
CO

Getötete  durch  d.  Unfall

33

50

58

8

4

4

-Q
©

Volle  Invalidität

15

9

4

62

6

1

u
©

Teilweise  Invalidität

1021

1038

689

330

289

269

m

(°/o  d.  Arbeitsunfähigk.)

(16,25)

(10,59)

(12,94)

(11,41)  (17,88)

(14,83)

©
'TS

Vorübergehende  1
Arbeitsunfähigkeit  )

19621

18270

19423

3570

2  943

2993

444

1809

172

14

24

13

N

Folgen  |

3
cö

Gestorbene  u.  Getötete

0,76

1,17

1,32

0,73

0,31

0,39

rl  *-&amp;gt;
©  «

Volle  Invalidität

0,35

0,21

0,10

5,65

0,52

0,10

Ad  '©

Teilweise  Invalidität

23,74

24,14

15,67

30,00

24,09

26,99

faß  ^
§o

Vorübergehende  1
Arbeitsunfähigkeit  J

456,31

425,10

442,18

325,64

244,55

290,58

©  O

Unfälle  mit  unbekannt.!

10,32

42,09

3,91

1,28

1,97

1,26

©

Folge  J

_©
o

Gesamtverunglückte

491,51

492,71

463,18

363,31

271,44

319,32

,  a
©  a&amp;gt;

Zahl  der  Familien-  I
angehörigen  j

3,03

3,28

3,37

3,37

3,00

4,25

^  tu  «a  «
^  rH  tp

darunter  a)  Frauen

0,63

0,86

0,46

0,50

1,00

0,75

b)  Kinder

1,73

2.21

0,72

2,62

2,00

2,25

•slis

c)  Eltern

0,57

0,21

1,00

0,25

—

0,50

CO  03  _

d)  Gesclnvistei

0,10

—

1,19

—

—

0,75

1  l'aschitnow,  a.  a.  0.,  8.  175.
4  Kowalew,  Unfallstatistik  in  südrnssischen  Eisenwerken  und  Gruben,
Gern.  .Journal  1908  (russisch).
        <pb n="86" />
        87

Die  Zahl  der  vorgekommenen  Unfälle  ist  also  ganz  enorm,  sodaß
die  Verunglückten  in  den  kombinierten  Werken  etwa  die  Hälfte  aller
beschäftigten  Personen  bilden.  Lm  Jahre  1907  stieg  hier  die  Zahl
der  Verunglückten  sogar  auf  515  von  je  1000  Beschäftigten!
c)  Technischer  Betrieb.
Der  Hergang  der  Eisengewinnung  und  -Verarbeitung  läßt  sich
in  drei  verschiedene,  technisch  selbständige  Abschnitte  zerlegen  und
zwar  in  die  Gewinnuug  des  Roheisens,  dessen  Verarbeitung  in  Halbzeug ­
  und  endlich  die  Herstellung  des  fertigen  Produktes.
Roheisengewinnung.  In  Rußland  verwendet  man  jetzt  bei
dem  Schmelzen  des  Roheisens  Eisenerz,  Koks  und  Zuschläge  annähernd ­
  in  folgendem  Verhältnis:
Eisenerz  44,5  °/ 0
Koks  35,5  °/ 0
Zuschläge  20,0  °/ 0
100,0  7 0 .
Die  Hochöfen  sind  moderner  Konstruktion  und  von  großer
Verhüttungsfähigkeit.  Die  größten  sind  in  dem  Kramatorowsk-Werk
(Nr.  2)  und  im  Alexander-Werk.  Ihre  Produktionsfähigkeit  beträgt
bis  6000000  Pud  jährlicher  Eisenverhüttung,  also  bis  18—20000  Pud
täglich 1 .  Die  Gesamtzahl  der  Hochöfen  betrug  57  im  Jahre  1908,
davon  waren  nur  34  im  Betriebe.  Die  durchschnittliche  tägliche
Produktion  war  in  demselben  Jahre  9500  Pud;  die  größte  etwa
11930  Pud  im  Alexander-Werk,  die  geringste  4330  Pud  im
Gdanzewsk-Werk.  Das  letztere  hängt  von  der  Art  seiner  Produktion
ab,  da  hier  meistenteils  minderwertige  Eisenerze  geschmolzen  werden.
Die  Eisenwerke  Russ.  Providence  und  Taganrog  schmelzen  auch  eine
bedeutende  Menge  von  armen  Eisenerzen  (Kertsch-Eisenerze),  deshalb
finden  wir  auch  hier  eine  geringere  Ergiebigkeit  des  Schmelzprozesses
als  in  anderen  Werken.  Weiter  hängt  die  Leistungsfähigkeit  der
Hochöfen  von  den  technischen  Einrichtungen  ab.  Hier  ist  zuerst
die  Einrichtung  und  Stärke  der  Gebläse  zu  nennen.  Ein  intensiveres
Gebläse  bewirkt  auch  eine  intersivere  Schmelzung.  Es  gibt  sogar  eine
bestimmte  Methode  (die  sog.  amerikanische),  bei  der  die  Schmelzung
durch  die  Windstärke  vergrößert  wird.  Dadurch  wird  natürlich  auch
der  Hochofen  schneller  ruiniert.  Dieses  Verfahren  sehen  wir  z.  B.
bei  Hughes,  wo  die  Hochöfen  dadurch  zweimal  rascher  abgenutzt
werden 1 .
Die  Produktivität  hängt  dann  auch  von  der  Verschickung  der
Rohstoffe  in  die  Hochöfen  ab;  als  beste  gilt  die  automatische,  die

1  Tieme,  a.  a.  O.,  1907,  8.  11.
        <pb n="87" />
        88

jetzt  in  vielen  Werken  eingeführt  ist.  Außerdem  kommt  die  Ausnutzung ­
  der  Schichtgase  in  Betracht  usw.
Halbzeugproduktion.  In  den  südrussischen  Werken  sehen
wir  zwei  besondere  Arten  der  Gußmetallgewinnung:  das  Konwerterverfahren
  (Thomas-  und  Bessemerprozeß)  und  das  Flammofenverfahren
  (Martinprozeß).  Folgende  Tabelle  gibt  uns  eine  Vorstellung
über  die  Verbreitung  dieser  verschiedenen  Produktionsarten 1 :

Art

Zahl

Produktionsfähigkeit ­

in  1000,  P.

Tatsächliche
Produktion
(im  Jahre  1908)
in  1000  P.

°/o  der
Produktionsfähigkeit ­


Martinöfen

73

84  700

61180

72,2

Bessemerbirnen

21

60400

20760

34,5

Thomasbirnen

7

12000

6631

55,2

Insgesamt

101

157100

88572

56,4

Das  Martinverfahren  hat  also  die  größte  Verwendung  in  Südrußland. ­
  Hier  ist  auch  bemerkenswert,  daß  der  Ausnutzungsgrad
der  Martinöfen  größer  ist  als  bei  den  Thomas-  und  besonders
Bessemerkonwertem.  Die  letzteren  stellen  nur  ein  Drittel  der  möglichen ­
  Produktion  her.  Das  hängt  zum  Teil  davon  ab,  daß  die
Bessemerkonwerter  hauptsächlich  für  die  Schienenherstellung  erbaut
wurden;  die  Werke  mußten  aber  später  hauptsächlich  zum  Marktsortiment ­
  übergehen,  für  welches  der  Martinprozeß  sich  besser  eignet,
und  so  müssen  die  Bessemereinrichtungen  zum  Teil  unausgenutzt
bleiben.  Außerdem  ist  mau  in  der  letzten  Zeit  zu  der  Ansicht  gekommen, ­
  daß  auch  der  Thomasstahl  (weicher)  für  die  Schienenpröduktion
  ganz  gut  verwendbar  sei.
Fertige  Fabrikate.  Der  dritte  technische  Prozeß  ist  die
Herstellung  dos  fertigen  Fabrikates.  Die  russische  Eisen  Statistik
unterscheidet  noch  ferner  eine  vielte  Kategorie  —  die  Herstellung
von  Metallerzeugnissen  mit  den  Unterarten:  itoheisenguß,  Stahlund
  Eisenerzeugnisse,  gemischte  Erzeugnisse.  Die  Herstellung  von
fertigem  Stahl  und  Eisen  vollzieht  sich  in  Südrußland  durch  die
Walzung.  „Mit  der  allgemeinen  Verbreitung  des  Gußmetalls,  schreibt
Tieme,  werden  die  Walzmaschinen  die  Hauptwerkzeuge  der  Walzwerke. ­
  Die  Dampfhämmer  und  die  Schmiedepressen  finden  jetzt
keine  weitere  Verwendung.“  Jn  den  Walzwerkstätten  wird  in  der
letzten  Zeit  vielfach  elektrische  Kraft  verwendet.  In  einem  Eisenwerke ­
  (Douez-Jurjewka)  kommt  auch  die  Walzung  einiger  Sorten
mit  Hilfe  elektrischer  Kraft  vor.

1  Eisenindustrie  in  Südrußland.  Statist.  Sammelb.  1908.
        <pb n="88" />
        89

Schließlich  ein  paar  Worte  über  den  Betrieb  der  Eisenwerke
im  allgemeinen.  Die  Intensivierung  der  Produktion,  die  Verbilligung
der  technischen  Prozesse,  das  ist  offenbar  die  charakteristische  Tendenz
des  letzten  Dezenniums.  Die  zunehmende  Leistung  der  Hochöfen,  die
Ausnutzung  der  Gicht-  und  Koksgase,  die  Einführung  der  elektrischen
Kraft,  —  das  sind  die  Etappen  des  technischen  Eortschrittes.
3.  Betriebsorganisation.
Das  Vorhandensein  der  Produktionsmittel  ist  aber  nur  eine  Bedingung ­
  für  den  Produktionsprozeß;  er  selbst  fordert  eine  Betriebsorganisation ­
  und  planmäßig  durchgeführte  Arbeitsteilung.
In  den  südrussischen  Werken  findet  eine  weitgehende  Arbeitsteilung ­
  statt,  besonders  gilt  das  für  die  größten  Eisenwerke,  z.  B.
das  Dnieprowsk-Werk,  das  gegenwärtig  etwa  36  verschiedene  Sorten
herstellt,  die  ihrerseits  eine  Anzahl  selbständiger  teclmischerProduktionsprozesse
  erfordern.  In  den  südlichen  Werken  geht  eine  immer  fortschreitende ­
  Ersetzung  der  menschlichen  Arbeit  durch  die  Maschine
vor  sich.  Wenn  z.  B.  früher  der  Eisenerz-  und  Steinkohlentransport
sich  mittels  der  bäuerlichen  Wagen  vollzog,  so  treten  jetzt  überall
die  Eisenbahnwagen  an  ihre  Stelle;  wenn  früher  die  Hochöfen  mittels
Schaufeln  gefüllt.wurden,  so  sehen  wir  jetzt  meistenteils  automatische
Einrichtungen.  Ähnlich  ist  es  auch  bei  der  Halbzeugherstellung,
bei  der  W r alzung  usw.  Lehrreich  ist  es  hier,  die  Leistung  der  Hochöfen ­
  und  die  Leistung  der  Arbeiter  bei  den  Hochöfen  in  den  verschiedenen ­
  Werken  miteinander  zu  vergleichen:

Werke

Tägliche  Produktion
auf  einen  Hochofen

Tägliche  Produktion
auf  einen  Arbeiter

Hughes-  Werk

11540

Pud

76

Pud

Dnjepr-  »

11700

11

46

11

Alexander-  „

11930

11

45

11

Petrowsk-  „

11330

V

42

11

Donez-Juriewka-  ,,

10340

11

68

11

Drusclikowsk-  ,,

8130

•1

57

11

Taganrog-  ,,

6  240

V

49

11

Gdanzewsk-  „

4330

?•

47

11

Olchowaja-  ,.

8820

11

49

11

Buss.  Providence-  ,,

6  900

11

41

,,

Makejewka-  „

10570

11

85

11

Kramatorowsk-  ,,

9  380

11

35

Kadiewsk-  „

8  720

11

26

11

Die  Betriebe  mit  der  größten  Produktivität  der  Hochöfen  besitzen ­
  also  nicht  immer  die  bessere  Organisation  der  Arbeitskräfte.
        <pb n="89" />
        Und  wenn  die  Leistung  eines  Hochofenarbeiters  bei  dem  Kadiewsks-Werk
  durchschnittlich  26  Pud  pro  Tag  im  Jahre  1908  darstellt,  so
ist  sie  beim  Makejewka-Werk  dreimal  größer  —  85  Pud;  das  geschieht, ­
  trotzdem  die  Verhüttung  des.Hochofens  hier  und  dort  beinahe
dieselbe  bleibt.  Die  Betriebsorgauisation  in  letzterem  Pall  ist  demnach
bedeutend  vollkommener.  Die  Unvollkommenheit  der  ziffernmäßigen
Angaben  über  die  Zahl  der  in  den  verschiedenen  Kategorien  bebescbäftigten
  Arbeiter  hindert  aber,  die  genauere  Proportionen  der
Produktivität  festzustellen.
Perner  kann  man  die  südrussischen  Eisenwerke  ihrem  Typus
nach  in  zwei  große  Gruppen  zerlegen:  Auf  der  einen  Seite  stehen
die  kombinierten  Werke,  die  manchmal  3  und  4  besondere  Produktionsabschnitte ­
  umfassen,  und  auf  der  anderen  Seite  die  reinen,  einfachen,
welche  nur  einen  einzelnen  Produktionsabschnitt  betreiben.  Die
meisten  Betriebe  sind  kombinierte  Werke.  Einige  Werke  beschäftigen
sich  mit  Nebenproduktion.  So  finden  wir  bei  einigen  Werken
Granulierung  der  Schlacken  und  Herstellung  von  besonderen  Ziegeln.
Das  Hugbes-Werk  verarbeitet  die  Schlacke  zu  Portlandzement.  Bei
einigen  Werken  findet  eine  Verwertung  der  Koksgase  statt.  Es
nimmt  auch  die  Herstellung  von  sogen.  Thomasmehl  (Düugungsmittel)
immer  mehr  zu.  Als  Absatzmarkt  kommen  hier  außer  den  verschiedenen ­
  südrussischen  landwirtschaftlichen  Betrieben  insbesondere
die  Zuckerproduzenten  in  Betracht.
4.  Produktionskosten.
Die  Eisenproduktion  der  Gegenwart  ist  dadurch  charakterisiert,
daß  sie  dem  Gesetze  der  Massenproduktion 1  gemäß  einen  sehr
großen  Umfang  der  Unternehmung,  damit  aber  auch  sehr  große
Anlagen  von  Kapital  fordert.  So  betrug  die  durchschnittliche  Höhe
der  Aktien-  und  Obligationskapitalien  allein  in  Südrußland  im
Jahre  1907  etwa  9  500000  Rbl.  für  je  eine  Gesellschaft.  Ein  anderes
charakteristisches  Merkmal  der  Eisenindustrie  ist,  daß  hier  die  Quote
des  Anlagekapitals  im  Vergleich  zu  dem  Betriebskapital  relativ  hoch
steht.  Aus  der  Bilanz  der  ,.Südrussischen  Dniepr-Gesellschaft“  für
das  Geschäftsjahr  1907/8  ersieht  man,  daß  der  Wert  des  beweglichen
und  unbeweglichen  Inventars  (Grund  und  Boden  ist  mitgerechnet)  —
68°/ 0  der  Gesamtbilanz  bildete 1  2 .  Eine  ziemlich  ähnliche  Prozentquote ­
  finden  wir  auch  in  der  Bilanz  der  „Russo-Belgischen  A.-G.“ 3
Die  zwei  genannten  Aktiengesellschaften  sind  kombinierte  Unternehmungen; ­
  sie  haben  eigene  Gruben,  eigene  Hochöfen  usw.;  das1 ­

  Bücher,  Gesetz  d.  Massenproduktion,  Zeitschr.  f.  Staatswiss.  1910.
2  .lahresbericht  1907/8  d.  Südruss.  Dniepr-A.-G.
3  Jahresbericht  1907/8  d.  Russo-Belge  A.-G.
        <pb n="90" />
        91

selbe  ist  aber  auch  für  die  reinen  Walzwerke  gültig.  So  war  der  Wert
der  Anlagen  und  Maschinen  bei  „Hartmann-Maschinenfabrik  A.-G/‘
im  Jahre  1907/8  10893339,5  Rubel  bei  einer  Gesamtbilanz  von
17  216905,21  Rubel.  Er  bildete  also  etwa  63%  der  Gesamtbilanz.
Die  Abnutzung  des  Anlagekapitals  vollzieht  sich  im  allgemeinen
im  Laufe  von  längeren  Wirtschaftsperioden  schrittweise  jahraus
jahrein,  während  das  Betriebskapital  im  Laufe  eines  Jahres  sich
manchmal  einigemal  umsetzt,  und  wir  werden  ein  ganz  anderes  Bild
bekommen,  wenn  wir  die  Quoten  der  verschiedenen  Produktionselemente ­
  in  dem  hergestellten  Produkte  feststellen.  Nach  den  Angaben ­
  des  Jahresberichtes  der  Russo-Belge  A.-G.  von  1906/7  waren
folgende  Ausgaben  bei  der  Gesamtproduktion  in  diesem  Jahre  gemacht
worden:

Rubriken

Rubel

°/o

1

Roh-  und  Hilfsstoffe

3872388

40,3

2

Arbeitslöhne 1

3181752

33,1

3

Verwaltung

530805

5,5

4

Amortisation  der  Maschinen  und  Gebäude' 1  2

675187

7,0

5

Anleihezinsen  usw

326  356

3,4

6

Kaufmännischer  Betrieb  u.  andere  Ausgaben

600824

6,3

7

Staats-  u.  Gemeindesteuer

411409

4,2

Zusammen

9601691

100

Die  Prozentquote  des  Anlagekapitals  bildete  somit  in  der  jährlichen ­
  Produktion  unmittelbar  nur  7%  (Rubrik  Nr.  4)  der  Gesamtkosten; ­
  oder  sie  macht,  wenn  wir  auch  einen  Teil  von  Rubrik  Nr.  5
hinzurechnen 3 ,  kaum  mehr  als  10%  der  Gesamtkosten  aus.
Das  sind  die  Unkosten  einer  der  am  besten  organisierten
Unternehmungen  Südrußlands,  selbstverständlich  hängen  sie  bei  den
verschiedenen  einzelnen  Unternehmungen  von  der  jeweiligen  Gestaltung
der  wirklichen  Verhältnisse  ab.  So  vergrößern  sich  bedeutend  die
Unkosten  für  die  Rohstoffe,  wenn  die  Gesellschaft  nicht  eigene,
sondern  gekaufte  Rohstoffe  verarbeitet.  Besonders  verschieden  erscheint ­
  Rubrik  5  (Verzinsungsfuß),  was  hauptsächlich  von  der  Schuldenmasse ­
  der  Gesellschaft  abhängt.  So  betrug  diese  Position  bei  der
Nikopol-Mariupol  A.-G.  im  Jahre  1906/7  13,5%  der  Gesamtunkosten,
während  sie  bei  den  anderen  kaum  2—3%  ausmachte.

1  Einschließlich  Unfallversicherungsbeiträge.
2  Die  Amortisation  der  Gebäude  vollzieht  sich  den  Gründungsstatuten  gemäß
gewöhnlich  nach  der  folgenden  Berechnung:  die  Abschreibung  der  steinernen
Gebäude  sind  auf  5°/ 0  des  Gesamtwertes  gesetzt,  Maschinen  und  hölzerne  auf  10°/ 0 .
3  Da  ein  großer  Teil  der  angeliehenen  Summen  für  die  Errichtung  der
Gebäude  und  die  Anschaffung  von  Maschinen  verwendet  wurde.  —  Eisenindustrie
in  Südrußland,  1909,  S.  78  u.  79.
        <pb n="91" />
        92

Die  Russo-Belge  A.-G.,  deren  Bilanz  wir  analysierten,  produziert
etwa  24  Sorten  von  Stahl-  und  Eisenprodukteii,  so  daß  die  früher
mitgeteilten  Ziffern  nur  ein  ganz  allgemeines  Bild  der  Produktionskosten ­
  geben.  Wir  werden  uns  deshalb  bemühen,  die  Unkosten  bei
den  einzelnen  Sorten  festzustellen,  und  fangen  mit  dem  Roheisen  an,
da  gerade  dieses  die  Grundlage  jeder  weiteren  Eisenproduktion  bildet.
Zunächst  handelt  es  sich  um  die  Selbstkosten  der  Produktion
in  der  Zeit  der  guten  Konjunktur  am  Ende  der  90er  Jahre,  später
um  die  vorgekommenen  Veränderungen.  Am  Ende  der  90er  Jahre
wurde  in  diesem  Sinne  eine  genaue  Untersuchung  vom  Ingenieur
Rossinski  vorgenommen.  Da  die  von  ihm  gebrachten  statistischen
Tatsachen  im  großen  und  ganzen  Vertrauen  verdienen 1 ,  so  können
sie  als  Grundlage  für  unsere  weitere  Berechnung  der  Selbstkosten
dienen 1  2 .
Wenn  wir  voraussetzen,  daß  die  Hütten  den  ganzen  Rohstoffbedarf ­
  durch  Ankauf  decken  müssen,  so  können  wir  den  von  Rossinski
im  Jahre  1900  angenommenen  Preis  von  62  Kop.  für  Roheisen  in
folgende  Rubriken  zerlegen:

Rubriken

Kopeken

1
2
3
4
5
6
7
8

Rohstoffe  einschließl.  Transport
a)  Koks
b)  Eisenerz
c)  Zusätze  und  Hilfsstoffe
d)  Transport  der  Rohstoffe
Arbeitslohn
Verwaltung
Amortisation
°/o  auf  das  umlaufende  Kapital
Versicherung  .  .  .
Staats-  und  Gemeindesteuer
Unternehmergewinn

40,469
(17,260)
(12,750)
(1,575)
(8,890)
4.600
1.250
6.208
0.688
0,100
2.131
5,614

|  Zusammen

62,581

Die  Ziffern  geben  ein  allgemeines  Bild  der  verschiedenen
Produktionsunkosten;  bei  einzelnen  Unternehmungen  bedürfen  sie
im  Zusammenhänge  mit  den  verschiedenen  Eigentumsverhältnissen,
technischen  Betrieben,  Verschuldung  usw.  bedeutender  Korrekturen,
1  Der  offenbare  Nachteil  seiner  Rechnung  besteht  darin,  daß  er  die  einzelnen
Unkosten  zu  hoch  setzt  und  damit  den  Reingewinn  der  Unternehmer  zu  klein
angibt.  Seine  Rechnung  konnte  aber  für  diejenigen  Werke  zutreffen,  die  unter
ungünstigen  Verhältnissen  arbeiten  mußten.
2  Er  berechnet  die  Unkosten  rein  theoretisch,  von  einzelnen  Werken  abgesehen, ­
  unter  der  Vorausetzuug,  daß  die  Werke  sich  in  dem  Kohlenbecken
befinden  und  mit  Krivoj-Rog-Eisenerzen  arbeiten.
        <pb n="92" />
        93

Der  Unternehmergewinn  war  bei  den  damaligen  Verhältnissen  gewöhnlich ­
  bedeutend  höher;  er  erreichte  nach  den  Angaben  der  Sachverständigen ­
 1  manchmal  die  Höhe  von  30—35°/ 0  des  Preises.  Im
Zusammenhänge  damit  waren  auch  die  Selbstkosten  der  Produktion
in  Wirklichkeit  sehr  oft  viel  kleiner.  Besonders  günstig  waren  die
Verhältnisse  bei  den  Unternehmungen,  die  eigene  Rohstoffe  verhütteten,
die  ihnen  manchmal  um  die  Hälfte  so  billig  zu  stehen  kamen,  als
die  Marktpreise  betrugen.
Die  ausgebrochene  Krisis,  später  der  Stillstand  und  ihre  Begleiterscheinung, ­
  die  Preisabnahme,  beeinflußten  sehr  stark  die  Produktionsverhältnisse. ­
  Mit  der  Eisenindustrie  zusammen  wurde  durch  die  Krisis
in  vollem  Maße  auch  der  Rohstoffmarkt  getroffen;  besonders  stark
fielen  die  Preise  bei  Eisenerz  und  Kohle  in  der  Zeit  unmittelbar
nach  der  Krisis,  später  stiegen  sie  wieder,  aber  nicht  viel.  Die
Unkosten  des  Eisenerzes  und  des  Kokses  waren  auf  je  ein  Pud
Roheisen  im  Jahre  1908  nach  unserer  Berechnung  bei  der  Voraussetzung, ­
  daß  diese  Stoffe  gekauft  worden  waren:  für  Koks  durchschnittlich ­
  13,5  Kop.,  für  Eisenerz  9,82  Kop.  Wenn  wir  dann
dieselben  Transportkosten,  wie  bei  Rossinski  nehmen,  so  werden  wir
die  Gesamtkosten  der  Rohstoffe  in  der  Höhe  von  32,21  Kop.  bekommen. ­
  Sie  waren  also  8  Kop.  niedriger  als  im  Jahre  1900.
Auch  andere  Unkosten  nach  der  Krisis  haben  eine  bedeutende
Abnahme  erlitten,  insbesondere  die  allgemeinen  Betriebsunkosten.
Sie  nahmen  sogar,  nicht  nur  absolut,  sondern  auch  im  Verhältnis  zu
den  Rohstoffkosten  ab,  sodaß  die  Rohstoffkosten  gegenwärtig  einen
größeren  Prozentsatz  der  Gesamtunkosten  ausmachen.  Es  findet
außerdem  jetzt  eine  allgemeine  technische  Verbesserung  des  Hochofenprozesses ­
  statt.
Als  Ergebnis  aller  dieser  Veränderungen  mußten  die  Selbstkosten
des  Roheisens  nach  der  Krisis  bedeutend  abnehmen.  Sie  sind  jetzt
durchschnittlich  nicht  höher  als  40  Kop.  zu  rechnen;  gleich  nach
der  Krisis  waren  sie  sogar  noch  niedriger.
Um  die  Produktionsverhältnisse  bei  der  Herstellung  von  Fertigprodukten ­
  etwas  näher  zu  betrachten,  werden  wir  jetzt  die  Selbstkosten ­
  des  wichtigsten  Produktes  der  südrussischen  Eisenindustrie,
der  Schienen,  feststellen.  Im  Jahre  1900  hatten  sich  die  Unkosten
bei  der  Herstellung  eines  Pud  Schienen  nach  den  Ziffern  von  Rossinski
wie  folgt  gestaltet:  (s.  die  Tabelle  auf  nächster  Seite).
Nachdem  die  Selbstkosten  der  Roheisenproduktion  seit  der  Hochkonjunktur ­
  bedeutend  abgenommen  hatten,  mußten  auch  die  Selbstkosten ­
  bei  der  Halbzeug-  und  Schienefifabrikation  abnehmen,  da  die
Schienen  als  Resultat  der  weiteren  Bearbeitung  des  Roheisens  erscheinen. ­
  Hier  läßt  sich  aber  eine  interessante  Tendenz  bemerken,

1  Wie  z.  B.  Tieme,  a.  a.  O.
        <pb n="93" />
        94

ßubriken

Kopeken

Hilfs-  und  Rohstoffe

15,815

Arbeitslohn

37,819

Administration

5,398

°/ 0  auf  umlaufendes  Kapital  .

2,717

Amortisation

16,002

Versicherung

0,705

Transportkosten

14,090

Staats-  und  Gemeindesteuer  .

5,808

Gesamtkosten

104,962

Die  Rente  d.  Berguuternehm.

9,480

Unternehmergewinn  ....

11,330

Zusammen  .

125,330

nämlich  daß,  während  die  Preise  auf  Roheisen  seit  der  Hochkonjunktur
etwa  um  25  °/ 0  abnahmen,  der  Preis  der  Schienen  nur  um  10,6  °/ 0
abnahm.  (Die  Preise  waren  im  Jahre  1900  125  Kop.,  seit  dem
Jahre  1903  zahlte  die  Regierung  für  Schienen  112  Kop.  pro  Pud).
Man  könnte  denken,  daß  die  Verarbeitungskosten  auf  Schienen  nach
der  Krisis  bedeutend  höher  geworden  seien  als  vorher,  wie  wir  es
auch  von  den  Industriellen  stets  hören.  Die  Tatsachen  aber  sprechen
bestimmt  dagegen.  Als  einzige  Ursache  der  Unkostenzunahme  nach
der  Krisis  konnte  nur  die  Vergrößerung  der  Abschreibungen  auf
Konto  der  Amortisation  der  Schienenwalzeinrichtungen  eine  Rolle
spielen,  da  die  Schienenproduktion  seit  dem  Jahre  1900  sich  nicht
nur  nicht  vergrößerte,  sondern  eher  etwas  abnahm.  Diese  Vergrößerung ­
  der  Abschreibungen  mußte  aber  nur  einige  Kopeken  pro
Pud  ausmachen,  und  konnte  liier  keine  Rolle  spielen.  So  bildete
die  Amortisation  auf  die  Schienenproduktion  nach  der  Berechnung
des  Gutachtens  der  Eisenindustriellen  bei  vollem  Gange  etwa  5  Kop.
pro  Pud 1 ,  eine  Ziffer,  welche  keinesfalls  als  niedrig  zu  bezeichnen
ist.  Da  die  tatsächliche  Eisenproduktiou  im  Jahre  1908  etwa  40°/ 0
der  Produktionsfähigkeit  der  Schienenwalzeinrichtungen  repräsentierte,
müssen  wir  die  Ziffern  der  Amortisation  für  die  Gegenwart  auf  12,5
feststellen,  oder  wenn  wir  annehmen,  daß  vor  der  Krisis  die  Werke
in  vollem  Gange  Schienen  produzierten  —  was  tatsächlich  nicht  der
Pall  war  —  so  mußte  die  Vergrößerung  der  Amortisationsunkosten
seither  also  bloß  7,5  Kop.  pro  Pud  mehr  betragen,  da  die  freien
Walzwerkstätten  gegenwärtig  zum  Teil  anderen  Produktionsarten
angepaßt  sind;  in  Wirklichkeit  ist  sie  noch  geringer,  jedenfalls  ist

1  Gutachten  der  EisenindustrielleD,  S.  15.
        <pb n="94" />
        95

das  eine  Zunahme,  die  keine  Bedeutung  im  Vergleich  mit  der  Rohstoffverbilligung ­
  haben  kann 1 .
Unsere  Ergebnisse  bestätigen  eigentlich  die  Eisenindustriellen
selbst.  So  erklärte  Wolski,  Sekretär  des  Industriellenverbandes  auf
einem  Verbandstage,  daß  die  Schienenproduzenten  schon  bei  60°/ 0
der  Produktionsfähigkeit  der  Walzwerke  mit  dem  Schienenpreise  von
90  Kop.  pro  Pud  sehr  gute  Gewinne  machen  können 1  2 .
Bei  60°/ 0 iger  Produktionsfähigkeit  der  Werke  mußte  die  Amortisation ­
  etwa  8,3  Kop.  pro  Pud  bilden,  oder  bloß  4,2  Kop.  mehr,  als  es  jetzt
der  Fall  ist.  Wir  müssen  also  zu  dem  Schlüsse  kommen,  daß  der
schon  erwähnte  Preis  von  90  Kop.  für  die  jetzigen  Verhältnisse  ganz
nutzbringend  ist.  Auch  Lauwick  zeigt  in  seinem  Buche,  daß  bei
dem  Preise  von  112  Kop.  der  Reingewinn  auf  1  Pud  Schienen  etwa
25—30  Kop.  beträgt 3 .  Von  diesen  Tatsachen  ausgehend  rechnen
wir  die  Selbstkosten  der  Schienen  durchschnittlich  nicht  mehr  als
80  Kop.  Die  Produktionsunkosteu  nahmen  also  seit  der  Zeit  der
Krisis  bedeutend  ab.
Dieselbe  Bewegung  abwärts  sehen  wir  im  großen  und  ganzen
auch  bei  der  Schwellenproduktion.  So  berechnet  Lauwick  den
gegenwärtigen  Gewinn  pro  Pud  Schwelle  auf  ungefähr  20—30  Kop.,
oder  es  mußten  bei  durchschnittlichen  Verkaufspreisen  von  92,5  bis
100  Kop.  die  Selbstkosten  auf  Schwellen  etwa  70  Kop.  pro  Pud
betragen.
Die  genaue  Berechnung  der  Produktionskosten  der  Schwellen,
wie  auch  der  anderen  Sorten  ist  uns  leider  unmöglich  zu  geben,  im
allgemeinen  läßt  sich  aber  konstatieren,  daß  eine  gewisse  abnehmende
Tendenz  der  Produktionsunkosten  seit  der  Hochkonjunktur  bei  den
verschiedensten  Sorten  zu  bemerken  ist.  Diese  Tendenz  ist  durch
Verbilligung  der  Rohstoffe,  technische  Verbesserungen,  Sparsamkeit
usw.  bestimmt.  Die  Produktionsunkosten  wurden  besonders  unmittelbar
nach  der  Krisis  herabgesetzt.  Gerade  damals  sehen  wir  eine  merkbare ­
  Abnahme  der  Rohstoffpreise,  außerdem  wurden  auch  die  Arbeitspreise ­
  bedeutend  herabgesetzt.  Später,  seit  dem  Jahre  1904,  findet
man  wieder  eine  gewisse  Verteuerung  dieser  beiden  Hauptelemente
der  Produktion,  so  daß  die  Produktionsunkosten  wieder  etwas  zunehmen. ­
  Diese  Erscheinung  wird  aber  durch  die  ständige  Verbesserung ­
  der  Betriebsorganisation  abgeschwächt,  oft  sogar  vollständig ­
  aufgehoben.
Die  Produktionsunkosten  in  der  Eisenindustrie  Südrußlands  sind
niedriger  als  in  anderen  Gebieten  Rußlands.  Als  Hauptgrund  hierfür
ist  die  relative  Billigkeit  und  die  gute  Qualität  der  südrussischen
1  Kaffenhaus,  a.  a.  O.,  S.  129.
2  Lauwick,  a.  a.  O.,  S.  129.
3  Der  Roheisenpreis  selbst  nahm  in  derselben  Zeit  um  etwa  14  Kop.  pro
Pud  ab.
        <pb n="95" />
        96

Rohstoffe,  wie  auch  die  vollkommenere  Betriebsorganisation  der
Werke  anzusehen.  Was  nun  die  Betriebsorganisation  betrifft,  so
genügt  es,  die  Roheisenproduktion  und  den  Roheisenvorrat  im  Süden
mit  denen  im  Ural  z.  B.  zu  vergleichen,  um  den  Unterschied  der
Umsatzverhältnisse  hier  und  da  klar  zu  machen 1 .

Die  Vorräte  von  Roheisen  am  Anfang  des  Jahres
in  1000  Pud

Jahr

Süden

Ural

1904

5  675

23  504

1905

9  530

22  990

1906

10413

21726

1907

7210

23721

1908

9787

21535

Die  Vorräte  von  Roheisen,  die  während  des  Produktionsprozesses
sich  sammeln,  sind  im  Ural  doppelt  so  groß,  obwohl  die  Produktion
von  Roheisen  hier  im  Jahre  1908  dreimal  kleiner  als  im  Süden  war.
Wenn  wir  die  Produktionsunkosten  Südrußlands  mit  denen  der
anderen  europäischen  Länder  vergleichen,  so  finden  wir,  daß  sie
durchschnittlich  höher  als  dort  sind.  Eine  Ausnahme  bildet  vielleicht
das  Roheisen,  welches  in  Südrußland  gegenwärtig  verhältnismäßig
billiger  ist,  als  in  den  meisten  europäischen  Ländern  und  in  Amerika.
Lauwick  konstatiert  die  folgenden  Unterschiede  in  den  Produktionsunkosten ­
  der  Eisenwerke  im  Vergleich  mit  der  belgischen  Produktion:
Die  Verwaltung  wird  in  Südrußland  besser  bezahlt  als  in  Belgien;
größere  Unkosten  verursachen  auch  fiskalische  und  soziale  Ausgaben,
ebenso  allgemeine  Betriebsunkosten;  die  Rohstoffe  sind  dagegen
billiger;  die  Arbeitslöhne  sind,  wenn  man  die  Leistungen  der  Arbeiter ­
  berücksichtigt,  ungefähr  dieselben 1  2 .

Kapitel  "VIII.
Der  Absatz.
1.  Allgemeiner  Überblick.
a)  Absatzgebiet.
Der  Absatz  der  Eisenindustrieprodukte  Südrußlands  läßt  sich  in
zwei  gesonderte  Teile  zerlegen:  innerer  Absatz  und  Export.  Ihrer

1  Tableaux  statistiques  de  la  siderurgie  russe,  1908.
2  Lauwick,  a.  a.  O.,  S.  181.
        <pb n="96" />
        97

Bedeutung  nach  sind  diese  beiden  Gebiete  ganz  verschieden;  der
Eisenexport  spielte  in  Bußland  bis  jetzt  eine  mehr  oder  weniger
zufällige  Bolle,  während  der  innere  Markt  immer  die  ausschließliche
Grundlage  der  Produktion  bildete,  seien  es  die  staatlichen  Bestellungen
sei  es  der  private  Markt.  Bei  der  Beurteilung  der  Absatzverhältnisse
müssen  wir  uns  also  in  erster  Linie  über  den  inneren  Markt  und
dessen«  Konsumtionsfähigkeit  klar  werden.
Die  volkswirtschaftliche  Entwicklung  Bußlands,  von  den  ökonomischen ­
  und  sozialen  Gegensätzen  gehemmt,  geht  in  der  Gegenwart
nur  sehr  langsam  vor  sich.  Der  industrielle  Aufschwung  der  letzten
Jahrzehnte  des  19.  Jahrhunderts  mußte  zwar  eine  rasche  Vergrößerung
des  Eisenmarktes  hervorrufen,  die  nachher  eingetretene  Depression
aber  brachte  dann  wieder  einen  dauernden  Stillstand  in  der  russischen
Industrie  überhaupt  und  in  der  Eisenindustrie  insbesondere  mit  sich.
Das  spiegelte  sich  mit  Klarheit  in  dem  Eisenkonsum  der  Bevölkerung
wider.  Er  wurde  in  Bußland  pro  Kopf  wie  folgt  berechnet 1 :
1898  —  1,50  Pud  1903  —  1,22  Pud
1899  —  1.68  „  1904  —  1,41  „
1900  —  1,56  ,,  1905  —  1,28  „
1901  —  1,46  „  1906  —  1,21  „
1902  —  1,26  „  1907  —  1J6  „
Die  Bevölkerung  Kußlands  nimmt  ständig  zu,  während  der  Eisenabsatz ­
  verhältnismäßig  stabil  bleibt.  Selbstverständlich  ist  diese
Stabilität  nur  eine  äußere,  innerhalb  des  Absatzes  sehen  wir  eine
beständige  Bewegung.  So  hat  die  Produktion  von  einigen  Artikeln,
wie  Eisenbahnschienen  usw.,  in  den  letzten  Jahren  sogar  absolut  abgenommen, ­
  dagegen  zeigen  einige  Marktsorten  immer  steigendes
Wachstum.  Verändert  hat  sich  auch  der  Anteil  von  verschiedenen
einzelnen  Bezirken  an  dem  Gesamtabsatze  des  Eisens.  So  betrug  der
Boheisenabsatz  in  Südrußland,  wie  in  Bußland  überhaupt  (einschließlich ­
  des  eigenen  Verbrauchs  der  Werke):

Jahr

Süde

Q

Andere  Gebiete

In  Rußland  überhaupt

Mill.  P.

01
10

Mill.  P.

01
Io

Mill.  P.

%

1903

95,7

58,3

68,7

-41,7

164,4

100

1904

108,9

60,9

70,1

39,1

179,0

100

1905

100,0

61,0

64,0

39,0

164.1

100

1906

100.3

61,5

63.1

38,5

16?,4

100

1907

114,6

65,5

61.0

34,5

175,7

100

1908

114,3

68,0

54,4

32,0

168,7

100

Der  Absatz  der  südrussischen  Werke  hat  sich  nicht  nur  absolut,
sondern  auch  im  Vergleich  mit  der  Gesamtkonsumtion  vergrößert.

1  Gutachten  der  Bisenindustriellen  1909,  S.  15.
Sawelieff.
        <pb n="97" />
        98

Die  angegebenen  Ziffern  enthalten  in  sich  auch  den  Export.  Da
aber  bei  der  Ausfuhr  nur  der  Süden  in  Betracht  kommt,  muß  seine
Absatzquote  auf  dem  inneren  Markte  etwas  geringer  sein.  Die  Exportziffern ­
  sind  aber  nicht  bedeutend,  jedenfalls  sprechen  sie  nicht  gegen
die  Tatsache,  daß  die  südrussische  Eisenindustrie  den  inneren  Markt
immer  mehr  zu  erkämpfen  sucht.  Der  südrussische  Absatz  vergrößert
sich  also  nach  zwei  Richtungen:  er  beherrscht  in  steigendem  Maße
den  inneren  Markt  und  gewinnt  auch  immer  mehr  Anteil  auf  den
auswärtigen  Märkten.
Außer  der  inneren  kommt  für  Südrußland  auch  noch  die  ausländische ­
  Konkurrenz  in  Betracht.  Die  gegenwärtige  prohibitive
russische  Zollpolitik  macht  aber  diese  ausländische  Konkurrenz  auf
dem  russischen  Eisenmarkte  so  gut  wie  unmöglich.  Die  Zölle  sind
auf  Roheisen  und  verschiedene  Sorten  von  Fertigprodukten  folgende:
Roheisen  45  Kop.  pro  Pud
Spezielles  Roheisen  75  „  „  „
Eisen-  und  Stahl-Marktsorten  ....  75  „  „  „
Schienen  90  ,,  „  „
Stahl-  und  Eisenblech  über  *y s  mm.  .  1,05  „  „  „
„  „  „  unter  1 / 2  „  .  .  1,50  „  „  „
Metallerzeugnisse  (bei  den  meisten  Sorten)
von  4  bis  6  Rbl.  „  „
Die  Verzollung  des  Roheisens  macht  also  allein,  wenn  wir  die
gegenwärtigen  z.  B.  die  englischen  Preise  von  42—43  Kop.  in  Betracht
ziehen,  mehr  als  100  °/ n  des  Preises  aus.
Nur  die  landwirtschaftlichen  Maschinen  sind  relativ  schwach
verzollt,  die  komplizierten  von  ihnen  kommen  sogar  zollfrei  herein.
Deshalb  wird  nach  Rußland  eine  bedeutende  Menge  verschiedener
landwirtschaftlicher  Maschinen  und  Werkzeuge  eingeführt  (im  Jahre
1908  etwa  für  3,5  Millionen  Rubel).  Auch  einige  andere  Maschinenarten ­
  nehmen  wegen  der  schwachen  Entwicklung  des  Maschinenbaues ­
  in  Rußland  und  trotz  der  großen  Zollquote  einen  wichtigen
Platz  im  Import  ein.  Insgesamt  werden  von  Maschinen  aller  Art
etwa  8—9  Millionen  Pud  jährlich  importiert,  was  durchschnittlich
60—65°/ 0  des  Gesamtimportes  von  Eisen  ausmacht.
b)  Kartellbewegung.
Seit  Anfang  des  20.  Jahrhunderts  sehen  wir  in  dem  Leben  der
südrussischen  Eisenindustrie  eine  Erscheinung,  die  mit  den  Absatzverhältnissen ­
  der  letzten  Zeit  im  engsten  Zusammenhang  steht:  das
ist  die  Kartellierung  des  Absatzes.
Die  Kartellbewegung  der  Eisenindustrie  des.  Südens,  ebenso
wie  auch  der  anderen  russischen  Bezirke  entwickelte  sich  haupt ­
        <pb n="98" />
        99

7*

sächlich  in  der  Form  der  Preiskartelle.  Einige  ökonomische  Vorbedingungen ­
  der  Kartellierung  waren  in  Südrußland  schon  am  Ende
des  19.  Jahrhunderts  vorhanden,  sie  waren  mit  dem  Charakter  der
südrussischen  Eisenindustrie  selbst  verknüpft.  Das  südrussische
Gebiet  bildet  seinen  Produktions-  und  Absatzverhältuissen  nach  eine
gewisse  Einheit  und  stellt  für  die  Existenz  der  Eisenindustrie  bedeutend ­
  günstigere  Bedingungen  als  in  anderen  Gebieten  dar,  was
die  einzelnen  Unternehmungen  zur  vollen  Ausnutzung  ihrer  bevorzugten ­
  Lage  durch  gemeinsame  Verständigung  über  die  Preiserhöhung
anspornen  mußte.  Sodann  sind  die  hier  vorhandenen  Gesellschaften
großkapitalistische  Unternehmungen,  was  ihre  gegenseitige  Konkurrenz
bedeutend  schwieriger  macht.  Ihre  Zahl  ist  aber  sehr  gering  und
ihrer  Form  nach  sind  sie  alle  Aktiengesellschaften.  Endlich  ist
auch  die  Mehrzahl  der  südrussischen  Eisenwerke  von  ausländischen
Kapitalisten  erbaut,  die  von  ihrer  Heimat  her  mit  der  Kartellierung
der  Produktion  vertraut  waren.  Schon  alles  das  mußte  die  einzelnen ­
  Unternehmungen  zur  Verständigung  führen.  Hierfür  gab  auch
die  prohibitive  Zollpolitik  der  Regierung  selbst  eine  sichere  Grundlage, ­
  um  eine  künstliche  Erhöhung  der  Preise  auf  dem  inneren
Markte  hervorzurufen.
Andererseits  waren  aber  in  den  90  er  Jahren  auch  bedeutende
Hindernisse  vorhanden,  welche  die  Kartellgründung  hinausschieben
mußten.  Eins  davon  war  die  gute  Konjunktur  auf  dem  Eisenmarkte ­
  am  Ende  des  19.  Jahrhunderts.  Außerdem  existierte  damals ­
  ein  gewisser  Gegensatz  zwischen  alten  und  neuen  Werken,
der  darin  bestand,  daß  die  letzteren  noch  keine  ständige  Kundschaft
hatten,  mit  teuer  gekauften  Rohstoffen  arbeiteten  und  in  erster  Linie
mehr  dafür  sorgten,  ihren  Betrieb  zu  beginnen  als  sich  möglichst
konkurrenzfähig  zu  erhalten.  Natürlich  wollten  die  alten  Werke
ihre  privilegierte  Lage  ohne  große  Opfer  von  der  Seite  der  neuen
Werke  nicht  preisgeben.
Es  lag  endlich  noch  ein  Hindernis  für  die  Kartellierung  auch
in  der  Gesetzgebung  selbst.  Bis  heute  ist  in  Rußland  die  Kartellierung ­
  der  Produzenten  von  Massenartikeln  mit  dem  Ziele,  die
Preise  zu  erhöhen,  gesetzlich  verboten.  Der  darauf  bezügliche
Paragraph  des  Bürgerl,  Strafgesetzbuches  lautet:  „die  Urheber  der
Verständigung,  welche  die  Aufgabe  hat,  die  Preise  auf  Nahrungsmittel ­
  oder  andere  notwendige  Verbrauchsartikel  zu  erhöhen,  unterliegen ­
  einer  Gefängnisstrafe  von  4  bis  8  Monaten“.  Gegen  die
Kartellierung  hatten  sich  auch  die  höheren  Behörden,  wie  z.  B.  der
Senat  mit  Entschiedenheit  ausgesprochen 1 .
1  Kaffenhaus,  a.  a.  0.,  S.  37.  —  Das  Buch  von  Kaffenhaus,  in  welchem
er  besonders  die  Frage  der  Kartellbewegung  in  der  südrussischen  Eisenindustrie
ausführlich  erörtert,  diente  uns  auch  bei  der  weiteren  Erörterung  der  Frage  als
Hauptquelle  der  mitgeteilten  Tatsachen.
        <pb n="99" />
        100

Im  Jahre  1901  brach  die  Krisis  aus.  Es  kamen  für  die  Eisenindustrie ­
  schlechte  Zeiten.  Die  Veränderung  der  Konjunktur  erzeugte ­
  eine  lebhafte  Bemühung  seitens  der  Eisenindustriellen,  die
Lösung  der  Kartellfrage  zu  ermöglichen.  Die  Verständigung  erscheint
jetzt  deshalb  leichter  möglich,  weil  die  früheren  großen  Unterschiede
in  den  Produktionsunkosten  gemildert  sind.  Die  Preise  der  Rohstoffe
haben  bedeutend  abgenommen.  So  konnten  jetzt  die  günstigeren  Eigentumsverhältnisse ­
  der  alten  Aktiengesellschaften  keine  besonders  große
Bedeutung  haben,  und  was  noch  wichtiger  ist,  die  technische  Betriebsorganisation ­
  bei  den  einzelnen  Werken  wurde  zu  dieser  Zeit  sehr  einförmig ­
  gestaltet;  damit  vergrößerte  sich  auch  die  Konkurrenzfähigkeit
der  Werke.  Die  fallenden  Preise  und  die  verschärfte  Konkurrenz
schufen  ihrerseits  den  gemeinsamen  Boden  zur  Kartellierung.
Zu  dieser  Zeit  änderte  sich  auch  die  Stimmung  der  Regierung.
Um  den  Industriellen  in  ihrer  Not  behilflich  zu  sein,  verpflichtete
sie  sich,  von  jetzt  an  der  Syndikatsbildung  keine  Hindernisse  in  den
Weg  zu  legen.  „Es  wurde  damit,“  sagt  Kaffenhaus,  „eine  sehr
merkwürdige  Lage  geschaffen:  einerseits  verbietet  das  Gesetz  mit
Entschiedenheit  die  Verständigung,  die  den  Charakter  der  Syndikate
tragen,  andererseits  bekamen  die  Vertreter  der  großen  Industrie
eine  faktische  Erlaubnis  zur  Bildung  von  Berufsgenossenschaften 1 “.
Sie  konnten  aber  aus  dieser  Erlaubnis  zeitweise  keinen  Nutzen
ziehen;  obwohl  die  Kartelle  faktisch  erlaubt  waren,  hatten  sie  nicht
den  Charakter  einer  juristischen  Person,  daher  waren  die  Verpflichtungen ­
  für  ihre  Mitglieder  nicht  rechtlich  bindend.  Die  gegründeten ­
  Kartelle  lösten  sich  daher  auf,  sobald  ihre  Mitglieder  eine
Gelegenheit  bekamen,  die  Statuten  zu  überschreiten.
Endlich  wurde  eine  feste  Form  gefunden,  die  sich  der  bestehenden
Gesetzgebung  anpaßte.  Die  Mitglieder  der  entstandenen  Syndikate
gründeten  einfache  Verkaufsaktiengesellschaften  mit  dem  Zwecke,  ihre
Fabrikate  gemeinsamzu  vertreiben.  Diese  Aktiengesellschaften  schlossen
dann  ihrerseits  einzelne  Verträge  mit  allen  Mitgliedern  des  Syndikats,
die  sich  verpflichteten  alle  ihre  Waren  unter  bestimmten  Bedingungen
nur  an  diese  Verkaufsaktiengesellschaften  zu  liefern.  Um  Kontraktbrüche ­
  zu  erschweren,  mußten  die  Mitglieder  große  Pfänder  zahlen.
Diese  Einzelverträge  bildeten  eigentlich  die  Grundlage  des  Syndikats,
während  die  Verkaufsstellen  nur  die  Bedeutung  einer  rechtlichen
Legitimation  hatten.  Daß  die  Verkaufsstelle  nur  als  rechtliche
Legitimation  diente,  zeigt  schon  das  abnorm  geringe  Stammkapital
dieser  Gesellschaften;  das  Stammkapital  z.  B.  bei  der  „Gesellschaft
für  Verkauf  der  Metallerzeugnisse  der  russischen  Eisenwerke“,  oder
wie  sie  verkürzt  heißt  —  „Prodameta“  —  betrug  900000  Rubel,
während  ihr  Umsatz  im  Jahre  1909  27  907406  Rubel  betrug 1  2 .
1  Aaffenhaus,  a.  a.  O.,  S.  42.
2  Jahresbericht  d.  Akt.-Ges.  „Prodameta“  1909.
        <pb n="100" />
        101

Eine  andere  Eigentümlichkeit  dieser  Kartelle  besteht  darin,  daß
sie  nicht  die  ganze  Produktion  in  sich  vereinigen,  sondern  den  Verkauf
von  einzelnen  Eisensorten  kartellieren;  so  entstanden  einzelne  Kartelle
für  Verkauf  von  Schwellen,  Draht,  Wagen  usw.  Die  Unternehmungen,
die  verschiedene  Sorten  herstellten,  treten  in  verschiedene  Kartelle
ein.  So  befindet  sich  z.  B.  die  Dnjepr-A.-G.  sogar  in  sieben  solcher
Verkaufsstellen.  Unter  solchen  Verhältnissen  können  die  Werke  in
der  einen  Sorte  zusammen  gehen,  in  der  anderen  gegeneinander  kämpfen.
Die  Kartellierung  beschränkt  sich  nicht  nur  auf  die  südrussischen
Produzenten;  es  traten  in  diese  Kartelle  oft  auch  die  Produzenten
anderer  Rayons  ein.  Manchmal  verbinden  sich  die  einzelnen  Verkaufsstellen ­
  miteinander,  um  gemeinsam  ein  größeres  Absatzgebiet  und  eine
größere  Organisation  zu  ermöglichen.  So  vereinigte  die  erwähnte
„Prodameta“  5  gesonderte  Kartelle  in  sich.
Die  Hauptaufgaben,  welche  sich  die  Syndikate  stellen,  sind  dreierlei
Art:  Erhöhung  der  Preise,  Herabsetzung  der  Transportunkosten  und
möglichste  Verminderung  der  auf  Kredit  abgeschlossenen  Geschäfte.
Wie  die  Kartelle  auf  die  Höhe  der  Eisenpreise  gewirkt  haben,
davon  kann  uns  schon  ein  Diagramm,  welches  die  Bewegung  der
durchschnittlichen  Verkaufspreise  der  Dnjepr-A.-G.  veranschaulicht,
eine  Vorstellung  geben.
Das  Diagramm  (S.  102)  zeigt,  daß  die  Preise  der  syndizierten
Artikel  (durch  +  markiert)  seit  der  Krisis  im  Jahre  1901  bedeutend
gestiegen  sind.
Ein  anderer  Vorteil  der  Kartellierung  besteht  darin,  daß  die
Transportkosten  jetzt  von  den  meisten  Kartellen  auf  den  Kunden
abgewälzt  werden.  Die  Werke  verpflichten  sich  gewöhnlich,  ihre
Fabrikate  nur  bis  zur  nächsten  Eisenbahnstation  zu  liefern.
Besonders  vorteilhaft  war  aber  für  die  kartellierten  Werke  die
Veränderung  der  Kreditverhältnisse.  Da  die  Kartelle  sehr  oft  eine
große  Macht  gegenüber  dem  Kuuden  haben,  so  diktieren  sie  jetzt
dem  letzteren  die  Kreditbedingungen.  So  wurden  kurze  Zahlungsfristen ­
  eingeführt.  Da  die  Verkaufsstellen  überall  in  Rußland  Filialen
haben,  so  sind  sie  auch  über  die  Kreditverhältnisse  ihrer  Kunden
besser  unterrichtet  als  die  einzelnen  Produzenten.  In  der  Regel
treten  sie  nur  mit  kapitalkräftigen  Kunden  in  Verbindung;  das
bestätigt  schon  die  Tatsache,  daß  Verluste  infolge  von  Zahlungsunfähigkeit ­
  der  Kunden  sehr  selten  Vorkommen.  Sie  betrugen  z.  B.
bei  der  Prodameta,  im  Jahre  1909  nur  1148  Rubel 1 .
Da  die  russischen  Kartelle  bestimmt  sind,  den  gemeinsamen ­
  Absatz  zu  regulieren,  erscheinen  sie  hauptsächlich  als  die
Vermittler  zwischen  den  Produzenten  einerseits  und  den  Konsumenten
andrerseits.  Sie  beschränken  daher,  ja  sie  beseitigen  mitunter  völlig

1  Jahresbericht  d.  Prodameta,  1909.
        <pb n="101" />
        102

deu  unmittelbaren  Verkehr  zwischen  ersteren  und  letzteren.  Sie
haben  sich  aber  bis  jetzt  in  die  Produktionsverhältnisse'  der  Eisenwerke ­
  wenig  eingemischt.  Die  Werke  sind  nur  verpflichtet,  Waren  einer
angegebenen  Menge  in  bestimmter  Qualität  und  zu  festgesetzten
Preisen  der  Verkaufsstelle  zu  übergeben.  Die  letzte  Zeit  kann  man

Durchschnittliche  Verkaufspreise  in  Kopeken 1 .

aber  auch  Bemühungen  der  Syndikate  beobachten,  in  die  Produktion
einzugreifen.  So  waren  in  der  letzten  Zeit  einige  unrentable  Werke
(z.  B.  in  Polen)  geschlossen,  einige  Werke  waren  mit  einer  besonderen
Produktion  betraut.  Diese  Tatsachen  mußten  auch  die  Verminderung
der  Selbstkosten  der  Produkte  im  Gefolge  haben.
Endlich  hat  die  Bildung  von  Syndikaten  den  Eisenunternehmungen
noch  einen  Vorteil  gebracht:  sie  ermöglichte  es  den  Syndikaten,  den
Zwischenhandel  zu  organisieren  und  ihn  in  Abhängigkeit  von  sich
zu  bringen.  Kaffenliaus  bemerkt  darüber:  „In  dem  Bestreben,

1  Gutachten  d.  Eisenindustriellen.  Anhang.
        <pb n="102" />
        —  103  —
die  freie  Konkurrenz  durch  die  gemeinsame  Verständigung  auszuschalten, ­
  bemühen  sich  die  Syndikate,  diese  Konkurrenz  auch  aus
dem  letzten  Gebiete,  wo  sie  noch  existieren  könnte  —  aus  dem
des  Handels  —  zu  beseitigen.“  Man  hat  dafür  den  ganzen  russischen
Absatz  auf  die  besonderen  Gebiete  verteilt  und  in  diesen  Gebieten
nur  wenige  große  Handelsfirmen  mit  dem  Verkauf  der  Artikel  der
Syndikate  betraut  oder  letzteren  besonders  günstige  Bedingungen  gestellt. ­
  Diese  Firmen  hatten  dann,  um  die  Preise  hoch  zu  halten,
ihrerseits  kartellartige  Verträge  miteinander  geschlossen  und  den
Konsumenten  gemeinsame  Bedingungen  gestellt.
Die  Kartcllbewegung  schreitet  in  der  südrussischen  Eisenindustrie
immer  weiter  fort;  so  vereinigt  gegenwärtig  „Prodameta“  in  seinen
Händen  allein  etwa  zwei  Drittel  der  ganzen  südrussischen  Eisenund
  Stahlproduktion.  Beinahe  der  einzige  Artikel,  der  in  Südrußland ­
  nicht  kartelliert  ist,  ist  das  Roheisen.
Nach  diesen  allgemeinen  Bemerkungen  gehen  wir  zur  Betrachtung
der  einzelnen  Absatzgebiete  der  südrussischen  Eisenindustrie  über:
des  privaten  Marktes,  der  Eisenbahnbestellungen  und  des  Exports.
2.  Der  private  Markt.
Die  südrussischen  Werke  liefern  an  den  privaten  iunern  Markt
hauptsächlich  zwei  Arten  von  Produkten:  a)  Roheisen  und  b)  fertige
Produkte.
a)  Roheisen.
Roheisen  als  Absatzartikel  spielte  in  Südrußland  beständig  eine
bedeutende  Rolle.  Die  südrussischen  Hütten  sind  jetzt  die  wichtigsten
Lieferanten  des  Roheisens  für  ganz  Rußland,  wie  folgende  Tabelle
des  Roheiseuabsatzes  zeigt:

.J  ahr

Süden

Andere  Gebiete

zusammen

Tausend  Pud

%

Tausend  Pud

01
10

Tausend  Pud

0/
10

1903

31730

67,0

15169

33,0

47  350

100

1904

35566

69,9

15580

.30,1

51146

100

1905

32  031

68,4

14821

31,6

46853

100

190«

35  620

71,3

14289

28,7

49  909

100

1907

44419

79,3

11672

20,7

56092

100

Der  Süden  hat  also  auf  dem  Roheisenmarkte  beinahe  ein  Monopol.
Der  innere  Markt  konsumiert  wohl  noch  ein  kleines  Quantum  von
ausländischem  Roheisen;  dieses  ist  aber  gegenwärtig  beinahe  bis  auf  den
Nullpunkt  gesunken.  So  muß  der  südrussische  Roheisenabsatz  ausschließlich ­
  mit  den  inneren  Konkurrenten,  von  denen  der  wichtigste
das  Uralgebiet  ist,  rechnen.  Die  Produktionsverhältnisse  sind  aber
        <pb n="103" />
        104

im  Ural  bedeutend  ungünstiger  als  im  Süden,  und  der  einzige  Vorteil
des  Urals  besteht  nur  darin,  daß  er  die  Billigkeit  der  Wasserverbindung
mit  den  umliegenden  industriell  entwickelten  Rayons  genießt.
Wie  der  Absatz  des  südrussischen  Roheisens  unter  die  verschiedenen ­
  Rayons  sich  verteilt,  kann  uns  folgende  Tabelle  veranschaulichen ­
 1 :

Gebiete

Absatz  des  Roheisens
im  Jahre  1907  (Taus.  Pud)

Süden,  Südost,  Südwest  .  .  .

22611

Polnisches  Gebiet  .  .  .  .  .

6  642

Nord,  Nordwest,  West  .  .  .

6  054

Zentral-  und  Wolga-Gebiet

4894

Ural

152

Sibirien  .........

6

Mittelasien

25

Ausland

525

Zusammen:

42013

Der  größte  Konsument  des  südrussischen  Roheisens  ist  der
Süden  selbst.  Wohl  war  der  tatsächliche  Konsum  des  Roheisens
im  Süden  im  Jahre  1907  bedeutend  geringer  als  die  mitgeteilten
Ziffern  augeben  —  etwa  4000000  Pud  wurden  von  hier  über  die
südrussischen  Häfen  weiter  nach  dem  Auslande  exportiert  —  trotzdem ­
  bleibt  der  Rayon  immer  der  wichtigste  Konsument  des  eigenen
Roheisens.  Die  südrussischen  reinen  Walzwerke  allein  verbrauchten
im  Jahre  1907  rund  9912000  Pud  an  Roheisen 1  2 .
Die  zweite  Stelle  nimmt,  wie  aus  der  Tabelle  ersichtlich  ist,  das
poluische  Gebiet  ein.  Die  Gewinnung  des  polnischen  Roheisenmarktes ­
  durch  Südrußland  schreitet  immer  vorwärts.  Im  Zusammenhänge ­
  damit  verändert  sich  auch  der  Charakter  der  polnischen
Eisenindustrie;  ihre  Werke  werden  immer  mehr  zu  reinen  Walzwerken.
Der  dritte  Bezirk  ist  das  mittlere  Rußland.  Hier  ist  die  eigene
Roheisenproduktion  sehr  gering,  die  Gruben  sind  sehr  arm  und  die
Verhüttung  nimmt  ständig  ab.  Dieses  Gebiet  stellt  augenblicklich
einen  Kampfplatz  zwischen  dem  Süden  und  dem  Ural  dar.  Da  das
südrussische  Roheisen  auf  dem  Markte  des  mittleren  Rußlands
billiger  ist,  so  drängt  es  das  uralische  allmählich  zurück.
Das  folgende  Gebiet  ist  das  St.  Petersburger.  Obwohl  die  Transportkosten ­
  von  Süden  dahin  etwa  17  Kop.  pro  Pud  ausmachen 3 ,
1  Diese  Tabelle  haben  wir  auf  Grund  der  Eisenbahnfrachten  auf  Roheisen ­
  ermittelt.
2  Gutachten  der  Eisenindustriellen.  Statist.  Tabellen.
3  Lauwick,  a.  a.  O.,  S.  199.
        <pb n="104" />
        105

so  gestattet  doch  der  Prohibitivzoll  auf  Roheisen,  auch  hier  eine  bedeutende ­
  Menge  Roheisen  abzusetzen.  Die  staatlichen  Gewehrfabriken
sind  hier  die  Hauptkonsumenten.  Der  einzige  wichtige  Konkurrent
des  Südens  ist  auch  in  diesem  Bezirk  das  Uralgebiet,  das  die  billige
Wasserverbindung  ausnutzen  kann.
Die  Roheisenpreise  in  Südrußland  schwanken  gegenwärtig  zwischen
46—49  Kop.  pro  Pud.  Seit  der  Krisis,  als  die  Preise  bis  auf
36  Kop.  pro  Pud  gefallen  waren,  haben  sie  sich  relativ  nicht  wesentlich ­
  gehoben.  Die  Erklärung  dieser  Tatsache  liegt  in  der  starken
Konkurrenz  unter  den  einzelnen  Roheisenproduzenten.  Hier  fand
keine  Kartellierung  des  Absatzes  statt,  obwohl  eine  Reihe  von  Maß
nahmen  in  dieser  Richtung  unternommen  wurde.  Der  Unterschied
in  den  Selbstkosten  bei  der  Roheisenherstellung  in  den  einzelnen
Hüttenwerken  bildet  noch  immer  ein  großes  Hindernis,  für  dieses
Produkt  ein  Syndikat  zu  bilden.  Das  spezielle  Roheisen,  wie  Ferrosilicium
  usw.  ist  dagegen  schon  seit  dem  Jahre  1902  kartelliert.  Die
Kartellierung  war  so  gestaltet,  daß  die  Werke  Verträge  mit  einer
privaten-  Firma  schlossen,  in  denen  sie  diese  Firma  als  einzige  Vertreterin ­
  im  Verkaufe  dieses  speziellen  Roheisens  anerkannten 1 .
Kartelliert  sind  auch  die  Produkte  des  Roheisengusses,  wie  Röhren  usw.
Die  Kartellierung  der  Röhrenproduzenten  wird  aber  bis  jetzt  geheim
gehalten;  die  Verwaltung  des  Syndikats  selbst  befindet  sich  in  Berlin.
b)  Fertige  Produkte.
Nach  der  Krisis  im  Jahre  1901  wendete  sich  bekanntlich  die
südrussische  Eisenindustrie  von  den  Eisenbahnartikeln  ab  und  ging
hauptsächlich  zur  Produktion  von  Marktsorten  über.  Den  Markt
für  diese  Produkte  kann  man  in  drei  besondere  Absatzgebiete  zerlegen. ­
  Es  sind:  1.  Eisenkonsumtion  der  Fabriken  und  Werkstätten,
hauptsächlich  für  die  weitere  maschinelle  Bearbeitung;  2.  direkte
städtische  und  3.  direkte  ländliche  Konsumtion  der  Eisenprodukte.
Von  größter  Bedeutung  ist  die  erste  Kategorie.  Sie  stellt  aber
selbst  nur  einen  weiteren  Produktionsabschnitt  dar,  den  die  Eisenprodukte ­
  durchzumachen  haben,  um  später  als  Metallerzeugnisse  an
die  Konsumenten  zu  gelangen.  Ein  Teil  dieser  Eisenerzeugnisse
kommt  dann  als  Reparaturmaterial  in  den  Produktionsprozeß  zurück,
ein  anderer  gelangt  an  die  ländlichen  oder  städtischen  Konsumenten.
Der  städtische  Verbrauch  bildet  für  die  Eisenprodukte  ein  sehr
wichtiges  Absatzgebiet.  Die  Städte  wachsen  rascher  als  die  Bevölkerung ­
  im  ganzen;  dementsprechend  wächst  auch  der  städtische
Eisenverbrauch.  Die  Hauptgegenstände  des  Absatzes  sind  hier
Schwellen,  Träger,  Dachblech  usw.

1  Kaffenhaus,  a.  a.  0.,  S.  79.
        <pb n="105" />
        106

Was  die  Bevölkerung  auf  dem  Lande  betrifft,  so  verbraucht  sie
insgesamt  ein  bedeutendes  Quantum  von  Eisenprodukten;  direkt
konsumiert  sie  eine  Menge  von  Dachblech,  indirekt  durch  Vermittlung
der  Metallfabriken  verschiedene  Eisenerzeugnisse  und  insbesondere
landwirtschaftliche  Maschinen  und  Werkzeuge.  Ob  hier  eine  wirkliche
Vergrößerung  vorhanden  ist,  ist  schwer  festzustellen.  Die  landwirtschaftlichen ­
  Maschinen  erfahren  beständige,  obwohl  relativ  nicht
besonders  rasche  Verbreitung,  andere  Sorten  kaum.
Südrußland  setzte  nun  in  1000  Pud  folgende  Menge  von  fertigen
Produkten  auf  dem  privaten  Markte  ab:

Jahr

Fertige  Produkte
im  Süden

°/ 0  vom
Gesamtabsatz

Fertige  Produkte
in  Rußland

1903

39  704

45,7

86815

1904

39981

45,6

87  579

1905

41091

48,2

85181

1906

41  629

46,0

90463

1907

46  716

51.2

92470

1908

49210

53,3

92595

Der  südrussische  Absatz  befindet  sich  in  bedeutend  günstigeren
Verhältnissen,  als  das  auf  anderen  Gebieten  der  Fall  ist.  Die
Gesamtquote  des  südrussischen  Absatzes  wächst  immer  mehr,  obwohl ­
  auch  sie,  wie  die  Ziffern  zeigen,  gewissen  Schwankungen  unterworfen ­
  ist.
Am  vollkommensten  ist  im  Süden  die  Herstellung  des  sogen,
fertigen  Halbzeugs  konzentriert  (über  90°/ n  des  Gesamtabsatzes).
Man  setzt  es  hauptsächlich  nach  Polen  ab.  Ein  ähnliches  Monopol
hat  der  Süden  auch  im  Verkauf  von  Schwellen  und  Trägern.  Die
Bewegung  der  Konsumtionsquote  in  den  letzten  Jahren  zeigt  einen
gewissen  Stillstand  in  der  Nachfrage  nach  diesen  Produkten.  Dafür
sprechen  auch  die  großen  Vorräte  (etwa  2  Mill.  Pud),  die  sich  bis
zu  Ende  des  Jahres  1908  angesammelt  hatten.  Die  wichtigsten
Konsumenten  sind  hier  hauptsächlich  die  großen  Städte.  Etwa  ein
Viertel  der  ganzen  südrussischen  Produktion  konsumiert  St.  Petersburg
und  Umgegend,  etwa  ein  Viertel  der  Moskauer  Bezirk,  zwei  Fünftel
das  Königreich  Polen  und  die  Baltischen  Provinzen.
Eine  Art  Krisis  macht  sich  gegenwärtig  auch  in  der  Produktion
von  Eisenblech  bemerkbar.  Besonders  tritt  dies  beim  Kesselblech
und  anderen  starken  Sorten  hervor,  die  überwiegend  von  den  südrussischen ­
  Werken  hergestellt  werden.  Diese  Erscheinung  ist  auf
den  dauernden  Stillstand  in  der  Werftindustrie,  ebenso  wie  auch  auf
die  schwache  Entwicklung  der  Maschinenindustrie  überhaupt  zurückzuführen. ­
        <pb n="106" />
        —  107

.  inivrsMt
Ktel

ln  einem  gewissen  Gegensatz  zum  Eisenblech  steht
wachsende  Absatz  von  Stab-  und  Eormeisen,  welche  Sorten
sächlich  weiteren  gewerblichen  Zwecken  dienen.  Diese  Sorten  sind
jetzt  die  wichtigsten  der  südrussischen  Eertigproduktion  geworden.
Der  Süden  erkämpft  bei  dem  Absetzen  dieser  Produkte  immer
neue  Märkte  auf  Kosten  der  anderen  Bezirke,  sodaß  er  jetzt  über
50°/ 0  des  Absatzes  beherrscht.  Die  wichtigsten  Konkurrenten  sind
hier  die  Werke  im  Ural  und  in  Polen.
Von  den  anderen  Sorten  ist  im  Süden  nur  die  Produktion  von
Dachblech  bis  in  die  letzte  Zeit  noch  ziemlich  schwach  vertreten
(im  Jahre  1908  19,8  °/ 0 ).  Sie  ist  hauptsächlich  in  den  Händen  der
Uralwerke  konzentriert.  Aber  auch  hier  macht  der  Süden  sehr  bedeutende ­
  Fortschritte.
Wir  gehen  jetzt  zur  Betrachtung  der  Preise  der  verschiedenen
Produkte  über.  Bei  dieser  Gelegenheit  soll  auch  die  Bedeutung  und
der  Einfluß  der  Kartelle  auf  die  einzelnen  Sorten  festgestellt  werden.
Das  Eisenblech  gehört  zu  den  Gegenständen,  deren  Preis  wäbi'end
der  Krisis  ganz  besonders  abnahm.  Im  Herbst  des  Jahres  1902  stand
er  etwa  auf  140—144  Kop.  pro  Pud.  In  derselben  Zeit  bildete  sich
die  schon  früher  erwähnte  Aktiengesellschaft  Prodameta  zu  dem
Zwecke,  den  Verkauf  von  Eisenblech  und  universellem  Eisen  zu
organisieren.  In  dieser  Gesellschaft  waren  damals  etwas  mehr  als
die  Hälfte  der  Produzenten  vereinigt.  Die  Preise  nahmen  tatsächlich
schon  einen  Monat  nach  der  Errichtung  des  Syndikates  bedeutend
zu;  sie  wurden  vom  Syndikat  auf  170  Kop.  festgesetzt.  Ungefähr
auf  derselben  Höhe  blieben  sie  bis  Ende  des  Jahres  1904.  Da  aber
die  hohen  Preise  eine  lebhafte  Konkurrenz  seitens  der  im  Syndikat
nicht  vertretenen  Firmen  hervorgerufen  hatten,  fielen  sie  wieder.  Im
Jahre  1908  fand  eine  Vereinbarung  des  Syndikates  mit  einigen
wichtigen  Produzenten,  wie  z.  B.  Hughes  statt.  Damit  waren  denn
auch  die  Preise  wieder  erhöht.  Heutzutage  umfaßt  das  Syndikat
insgesamt  15  Eisenwerke,  darunter  10  südrussische,  und  vereinigt  in
seinen  Händen  bis  zu  75  °/ 0  der  Gesamtproduktion.  Im  Jahre  1908,9
hat  das  Syndikat  etwa  7  300000  Pud  von  Blechsorten  abgesetzt.
Der  Absatz  der  Träger  und  Schwellen  ist  seit  dem  Jahre  1903
kartelliert.  Während  der  Krisis  waren  die  Preise  dieser  Produkte
am  stärksten  gefallen;  das  Syndikat  hat  sie  sofort  nach  seiner
Gründung  um  20°/ 0  erhöht.  Man  verkaufte  die  Träger  nicht  unter
100  Kop.  pro  Pud,  während  vorher  die  Preise  bis  auf  58  Kop.
heruntergingen.  Die  Preise  fielen  aber  bald  wieder;  auch  hier  erklärte ­
  sich  die  Sache  dadurch,  daß  die  Preise  zu  stark  erhöht  gewesen ­
  waren,  bevor  einige  wichtige  Produzenten  in  das  Syndikat
eingetreten  waren.  Dies  rief  eine  lebhafte  Konkurrenz  und  eine  neue
Abnahme  der  Preise  hervor.  Nachdem  die  Konkurrenten  zur  Verständigung ­
  gekommen  und  in  das  Syndikat  eingetreten  waren,  er-
        <pb n="107" />
        108

höhten  sie  die  Preise  wieder  um  10  °/ 0 1 .  Heutzutage  fällt  die  ganze
Produktion  von  Schwellen  und  Trägern  Prodameta  zu,  in  welche  Gesellschaft ­
  das  erwähnte  Syndikat  als  Unterorganisation  eingetreten
ist.  Sie  setzte  im  Jahre  1908/9  etwa  6592000  Pud  dieser  Sorten  ab.
Die  Preise  auf  Stab-  und  Formeisen  zeigen  eine  abnehmende
Tendenz.  Sie  waren:

1902/3

1906/7

Starke  Sorten

■144,29

127,07

Feine  „

127,97

119,16

Das  erklärt  sich  dadurch,  daß  hier  eine  starke  Konkurrenz
zwischen  dem  Süden  und  anderen  Bezirken,  hauptsächlich  dem  Ural
und  dem  polnischen  besteht,  und  zweitens,  daß  die  südrussischen
Eisenproduzenten  selbst  bis  in  die  letzte  Zeit  nicht  organisiert  waren.
Das  Syndikat  für  diese  Produkte  wurde  unter  Vermittlung  von
Prodameta  erst  im  Jahre  1908  gegründet.  Da  dem  Syndikat  die
wichtigsten  Produzenten  beigetreten  sind,  so  ist  auch  hier  eine  bedeutende ­
  Preiserhöhung  zu  erwarten.  Im  Jahre  1908/9  verkaufte
die  Gesellschaft  Prodameta  17  376000  Pud  von  diesen  Sorten.  Sie  vereinigte ­
  somit  etwa  75  °/ 0  des  südrussisohen  Absatzes  in  ihren  Händen.
Die  südrussischen  Drahtproduzenten  traten  in  das  allrussische
Syndikat  „Prowoloka 11  ein.  Da  dieses  Syndikat  gegen  seine  Konkurrenten ­
  energisch  kämpft,  so  haben  die  Preise  auf  Draht  verhältnismäßig ­
  nicht  stark  zugenommen.  In  einigen  Bezirken  wurden  sie
sogar  vom  Syndikat  selbst  bedeutend  erniedrigt.  Man  hat  sie  hier
als  Kampfpreise  angesetzt,  um  damit  den  Konkurrenten  vom  Markte
zu  drängen.  Die  heimischen  Produzenten  organisieren  sich  aber
ihrerseits,  um  den  Markt  zu  behalten,  was  wir  z.  B.  im  Kaukasus
und  in  Polen  sehen.  Aber  auch  hier  wird  die  Beseitigung  der  gemeinsamen ­
  Konkurrenz  beabsichtigt 1  2 .
So  sehen  wir  denn  eine  lebhafte  Kartellbewegung  in  Südrußland.
Den  Verkauf  von  fertigen  Produkten  betreibt  hier  hauptsächlich  das
Syndikat  Prodameta,  zu  dem  außer  den  drei  genannten  Syndikaten
noch  ein  Röhren-Syndikat  und  ein  Syndikat  für  Absetzung  von
Bandagen  und  Achsen  gehört.  Unorganisiert  bleibt  bis  jetzt  nur  der
Verkauf  von  Dachblech.  Die  ermittelten  Tatsachen  zeigen,  daß  die
Preise  seit  der  Krisis  hauptsächlich  infolge  der  Organisation  der
Produzenten  zu  steigen  angefangen  haben.
Es  besteht  weiter  in  der  Gegenwart  ein  lebhafter  Kampf  um
den  privaten  Markt  zwischen  dem  Ural  und  dem  Süden.  Dieser
Kampf  zwingt  die  Unternehmer  beider  Bezirke  ihrerseits  wieder  zur

1  Gutachten  der  Eisenindustriellen,  S.  23.  Lauwick,  a.  a.  0.  S.  204.
2  Kaffenhaus,  a.  a.  O.,  S.  108.
        <pb n="108" />
        109

Organisation  und  Bildung  von  Syndikaten.  Im  Süden  kommt  dafür ­
  vor  allem  in  Frage  die  Syndikatgesellschaft  „Prodameta“,  im
Ural  die  Verkaufsstelle  „Krowlja“,  die  hauptsächlich  Dachblech  absetzt. ­
  Der  Süden  drängt  aber  in  seinem  Aufschwung  den  Absatz
des  Urals  immer  mehr  zurück,  sodaß  der  Kampf  hier  immer  erbittertere ­
  Formen  annimmt.  Der  einzige  Bezirk,  der  außer  diesen
zwei  erwähnten  in  der  Eisenproduktion  noch  in  Frage  kommt,  ist
das  polnische  Gebiet.  Dessen  Produzenten  kommen  jetzt  aber  immer
mehr  in  Abhängigkeit  vom  Süden  und  insbesondere  von  der  südrussischen ­
  Boheisenproduktiou.  Sie  versuchen  mit  dem  Süden  zu
paktieren,  um  die  vorhandenen  Absatzmärkte  sich  zu  bewahren.
3.  Eisenbahnbestellungen.
Wenn  die  Konsumtion  von  Marktsorten  eine  wenn  auch  nur
langsame  Entwicklung  zeigt,  so  ist  in  der  neueren  Zeit  der  russische
Eisenbahnbau,  damit  aber  auch  der  Verbrauch  von  Eisenbahnmaterial
in  sichtlichem  Abnehmen  begriffen.
Der  Ausbau  des  russischen  Eisenbahnnetzes  nahm  seit  der
Zeit  der  Hochkonjunktur  ein  langsames  Tempo  an.  So  wurden  in
der  Periode  von  1896  —  1901  insgesamt  17048  Werst,  in  der  Periode
1902—1907  dagegen  bloß  7  938  Werst  neuer  Schienenwege  gebaut.
Dieses  verlangsamte  Wachsen  des  Eisenbahnnetzes  in  der  letzten
Zeit  steht  im  engsten  Zusammenhänge  mit  der  volkswirtschaftlichen
Entwicklung  .Rußlands  überhaupt.  Diese  wird  aber  außerdem  noch
von  einer  Reihe  ungünstiger  Verhältnisse  gehemmt.  Ungünstig  ist
die  in  den  letzten  Jahren  eingeschlagene  Eisenbahnbaupolitik  der
russischen  Regierung.  Es  ist  bis  jetzt  kein  klarer  Plan  für  eine
zielbewußte  Vergrößerung  des  Staatsbahnnetzes  im  Interesse  von
Handel  und  Industrie  ausgearbeitet  worden.  Noch  mehr,  in  der
Jetztzeit  ist  der  Neubau  von  Eisenbahnlinien  außer  solchen  von  rein
strategischer  Bedeutung  so  gut  wie  nicht  vorhanden 1 .  Wie  schlecht
infolge  dieser  Verhältnisse  die  Staatsbahnen  sich  rentieren,  und  wie
schlecht  es  mit  der  staatlichen  Eisenbahuwirtschaft  überhaupt  steht,
zeigen  uns  die  ständigen  und  immer  wachsenden  Defizite  der  letzten
Jahre.  Im  Jahre  1907  erreichte  das  Defizit  sogar  eine  Summe  von
rund  98000000  Rubel.
Die  Länge  der  russischen  Eisenbahnen  betrug  im  Jahre  1909
insgesamt  62471  Werst.  Das  Eisenbahnnetz  repräsentiert  also  schon
an  und  für  sich  einen  wichtigen  Schienenkonsumeuten  für  Reparaturzwecke, ­
  es  hat  aber  im  Vergleich  mit  der  Produktionsfähigkeit  der
Schienenwalzwerke  keine  ausschlaggebende  Bedeutung.  Der  Schienenverbrauch ­
  für  Reparaturzwecke  umfaßt  nach  der  Berechnung  von

1  Gutachten  der  Eisenindustriellen,  S.  30  u.  31.
        <pb n="109" />
        110

Lauwick  durchschnittlich  150000  t  per  Jahr.  Die  Gesamtkonsumtion
und  die  Konsumtion  der  südrussischen  Schienen  in  Rußland  zeigt
folgende  Tabelle  an 1 :

Süden

Andere  Gebiete

In  Rußland  überhaupt

Jahr

Absatz
Taus.  Pud

0/
10

Absatz
Taus.  Pud

Ol
Io

Absatz
Taus.  Pud

0/
Io

1903

15252

78,7

4094

21,3

19  346

100

1904

18106

81,1

4219

18,9

22325

100

1905

15  845

75,9

4970

24,1

20586

100

1906

12953

80,9

3  063

19,1

16016

100

1907

15  616

85,9

2  570

14,1

18186

100

1908

16174

84,3

3018

15,7

19193

100

Die  Konsumtion  von  Eisenbahnschienen  in  Rußland  hat  also
seit  dem  Jahre  1903  keinen  Fortschritt  gemacht;  man  beobachtet
sogar  eine  gewisse  Verschlechterung.  Der  herrschende  Stillstand  hat
auch  den  südrussischen  Absatz  in  vollem  Maße  getroffen;  dies  bestätigt ­
  auch  der  immer  wachsende  Schienenvorrat  in  den  südrussischen
Werken.  Die  Verminderung  des  Schienenkonsums  im  Lande  zeigt
sich  noch  deutlicher,  wenn  wir  die  Verteilung  des  Schienenkonsums
unter  die  einzelnen  Besteller  bringen:

Jahr

Staatsbestellungen
in  1000  Pud

Privatbestellungen
in  1000  Pud

Ausfuhr
nach  dem
Ausland

Süden

Andere  Gebiete

Süden

Andere  Gebiete

1903

12621

2898

1922

461

17

1904

10152

3  955

7123

450

26

1905

11960

3932

3  567

1000

449

1906

9021

3041

2078

151

530

1907

6406

2495

2820

11

5  580

1908

8269

p

2810

?

5093

In  den  letzten  Jahren  aber  fällt  ein  erheblicher  Teil  des  Absatzes ­
  auf  das  Ausland.  Den  Export  muß  man  ausschließlich  auf
Konto  der  südrussischen  Eisenindustrie  setzen,  sodaß  die  wirkliche
Konsumtion  der  südrussischen  Schienen  im  Lande  selbst  in  den
letzten  Jahren  noch  geringer  war.  Ungefähr  dieselbe  Tendenz  zur
Abnahme  zeigt  sich  auch  bei  anderem  Eisenbahnmaterial.
Verändert  hat  sich  schließlich  in  den  letzten  Jahren  auch  das
Quantum  von  hergestellten  Eisenbahnwagen  und  Lokomotiven,  obwohl
diese  Tatsache  für  Rußland  direkt  nicht  viel  Bedeutung  hat,  da  hier
nur  zwei  bis  drei  Werke  sich  mit  dieser  Produktion  beschäftigen.

1  Tableaux  statistiques  de  siderurgie  Russe.  1909.
        <pb n="110" />
        111

Alle  erwähnten  Tatsachen  führen  uns  za  dem  Schlüsse,  daß  der
Absatz  von  Eisenbahnmaterial  für  die  südrussischen  Eisenwerke  kein
günstiger  sein  kann.  Trotzdem  ist  aber  dieser  Zweig  der  Produktion
der  rentabelste.  Das  letztere  erklärt  sich  vollkommen  und  allein
durch  die  hier  herrschenden  besonderen  Absatzverhältnisse.  Schon  ans
der  Tabelle  S.  110  geht  klar  hervor,  daß  der  überwiegende  Teil  der
Konsumtion  von  Eisenbähuartikeln  dem  Staate  zukommt,  in  seinen
Händen  befinden  sich  etwa  70  °/ 0  aller  russischen  Eisenbahnen.
Faktisch  erstreckt  sich  seine  Macht  auch  auf  den  größten  Teil  der
Privatbahnen.  Das  hängt  damit  zusammen,  daß  die  meisten  der
Privatbahngesellschaften  von  dem  Staate  garantierte  Obligationen
ausgegeben  haben.  Wenn  aber  die  privaten  Eisenbahngesellschaften
in  Rußland  solche  Obligationskapitalien  verbrauchen,  so  müssen  sie
das  nach  russischen  Gesetzen  unter  Regierungskontrolle  tun.  Die
Kontrolle  führt  hier  nun  gewöhnlich  dazu,  daß  sich  die  Bestellungen
solcher  Gesellschaften  nach  derselben  Regel  wie  für  staatliche  Bestellungen ­
  vollziehen.  Diese  Regeln  und  Bestimmungen,  die  für  die
Staatsbestellungen  charakteristisch  siiad,  bestehen  in  folgendem:
Die  Verteilung  der  Staatsbestellungen  befindet  sich  in  den  Händen
des  sog.  „Komitees  für  die  \  erteilung  der  Staatsbestellungen“,  welches
aus  den  Vertretern  der  verschiedenen  Ministerien  zusammengesetzt  ist.
Zuerst  wurde  es,  obwohl  unter  einem  anderen  Namen,  im  Jahre  1900
geschaffen  und  sollte  für  die  drei  folgenden  Jahre  Geltung  haben.
Es  stellte  damals  für  die  Jahre  1900—1902  im  voraus  die  Preise
fest,  die  bedeutend  höher  waren  als  die  Marktpreise.  Im  Jahre  1902
hat  es  seinen  gegenwärtigen  Namen  bekommen  und  hat  seitdem  als
eine  ständige  Organisation  funktioniert 1 .
Die  Aufgabe  des  Komitees  besteht  darin,  daß  es  die  Preise  und
die  Bedingungen  einerseits  und  die  Verteilung  der  Bestellungen  unter
die  einzelnen  Werke  andererseits  bestimmt.  Die  Bestellungen  werden
nur  denjenigen  Werken  zugewieseu,  die  schon  vor  dem  Jahre  1902
für  den  Staat  gearbeitet  haben.  Die  anderen  Werke,  die  z.  T.  auch
günstigere  Bedingungen  bieten,  bleiben  überhaupt  unberücksichtigt.
Daher  ist  die  Zahl  der  Lieferanten  auf  eine  kleine  Gruppe,  meistens
von  alten  Unternehmungen,  künstlich  begrenzt 1  2 .
Die  Preise  für  Schienen  sind  gegenwärtig  vom  Komitee  auf
112  Kop.  festgesetzt.  Diese  Preise,  die  wir  schon  analysiert  und
als  außerordentlich  gewinnbringend  fanden,  haben  nicht  nur  die  Staatsbahnen ­
  und  die  Gesellschaften,  deren  Obligationsschulden  vom  Staate
garantiert  sind,  zu  zahlen,  sondern  faktisch  auch  alle  anderen  Eisenbahngesellschaften, ­
  die  sich  eigentlich  in  keiner  Abhängigkeit  vom  Staate
befinden.  Das  wurde  dadurch  zustande  gebracht,  daß  das  Komitee

1  Kaffenhaus,  a.  a.  0.,  S.  117.
2  Schienen  produzieren  bloß  11  Eisenwerke,  darunter  8  südrussische.
        <pb n="111" />
        112

mit  den  Schienenproduzenten  einen  sehr  merkwürdigen  Vertrag  abschloß, ­
  kraft  dessen  die  Schienenwerke,  wenn  sie  andere  gelegentliche
Aufträge  von  privaten  Eisenbahngesellschaften  auf  Schienen  erhielten,
von  den  Staatsbestellungen  nur  einen  proportional  kleineren  Teil  zu
erwarten  hatten 1 .  Damit  wurde  jede  Möglichkeit  der  freien  Konkurrenz ­
  der  Schienenproduzenten  untereinander  vollständig  ausgeschlossen. ­
  Der  Staat  tritt  also  hier  als  Organisator  der  Schienenproduzenten ­
  auf  mit  der  Absicht,  die  Marktpreise  künstlich  hoch
zu  halten.
Anormal  hoch  wurden  im  Vergleich  zu  den  Marktpreisen  von
dem  Komitee  auch  die  Preise  auf  Lokomotiven  usw.  festgesetzt.
Wie  groß  die  Liebesgaben  sind,  die  der  Staat  den  Produzenten
des  Eisenbahnmaterials  auf  diese  Weise  spendet,  zeigt  uns  folgende,
von  dem  Moskauer  Eisenindustriellen  Gugeon  aufgestellte  Berechnung
der  Mehrausgaben,  die  der  Staat  und  andere  privaten  Eisenbahngesellschaften ­
  machen  müssen 1  2 :
für  je  einen  Transportwagen  300  Rubel
„  „  „  Personenwagen  800  „
„  „  eine  Lokomotive  3000  „
„  „  ein  Pud  Schienen  0,23  „
Von  dem  Krisenjahre  1901  bis  zum  Jahre  1907  wurde  in
Rußland  durchschnittlich  pro  Jahr  folgende  Mehrzahlung  auf  diese
Weise  verursacht:

für  etwa  19  775  000  Pud  Schienen
„  „  1066  Lokomotiven
„  „  950  Personenwagen
„  „  22116  Transportwagen
also  durchschnittlich

4548250  Rbl.  pro  Jahr 3

3198000
760000
6634800

T)
D
JJ

15141050  Rbl.  pro  Jahr.

Die  Zahlen  zeigen  deutlich,  woran  es  liegt,  daß  der  Absatz  für
die  Lieferanten  von  Eisenbahnmaterial  sehr  gewinnbringend  ist.
Außer  dieser  sozusagen  staatlichen  Kartellierung  sehen  wir  die
Beteiligung  der  Eisenwerke  auch  an  anderen  Kartellen,  die  Eisenbahnmaterial ­
  absetzen.  So  sind  einige  Eisenwerke  seit  dem  Jahre  1908
in  das  Weltsyndikat  für  Schienenproduktion  eingetreten 4 ,  was  wir
noch  berühren  werden.  Es  ist  außerdem  in  Südrußland  ein  Kartell
für  Verkauf  von  Bandagen  und  Achsen  gebildet  worden,  welches
als  ein  Bestandteil  der  schon  erwähnten  Gesellschaft  Prodameta
figuriert.

1  Kaffenhaus,  a.  a.  O.,  S.  119.
2  Kaffenhaus,  a.  a.  0.,  S.  131.
3  Ich  habe  hier  die  durchschnittliche  Ziffer  der  verschiedenen  Artikel  von
Eisenbahnmaterial  pro  Jahr  gerechnet.
1  Russo-Belge,  Dnjepr-A.-Gh,  Russ.  Providence.
        <pb n="112" />
        113

4.  Export.
Ein  drittes  Absatzgebiet,  das  außer  dem  inneren  Markt  und
außer  den  Eisenbahnen  in  Betracht  kommt,  ist  der  Export.  Es
wurden  in  den  letzten  Jahren  folgende  Mengen  von  Roheisen,  Stahl
und  Eisen  (in  Roheisen  dargestellt)  ausgeführt 1 :

Jahr

Gesamtproduktion
von  Roheisen
in  Tausend  Pud

Export  (im  Roheisen  dargestellt)

Tausend  Pud

°/ 0  zur  Gesamtprod.

1900

176828

765

0,43

1901

172872

1677

0,97

1902

156919

4213

2,68

1903

149372

415

0,28

1904

180427

323

0.18

1905

165874

963

0,58

1906

164026

3  329

2,03

1907

172153

17  794

10,35

1908

171060

9  000

5,26

Wir  sehen,  daß  der  Export  der  Eisenprodukte  bis  jetzt  eine
mehr  oder  weniger  zufällige  Rolle  in  Rußland  spielte.  Nur  das
Jahr  1907,  in  welchem  etwa  10°/ 0  der  Gesamtproduktion  exportiert
wurden,  bildet  gewissermaßen  eine  Ausnahme.  Beinahe  das  ganze
Quantum  von  exportierten  Eisenprodukten  kommt  aus  südrussischen
W  erken.
Die  Hauptartikel  des  Exports  sind  Roheisen  und  verschiedene
Eisenbahnmaterialien,  darunter  überwiegend  Schienen.  Die  übrigen
Marktsorten  spielen  für  den  Export  eine  ziemlich  unbedeutende  Rolle.
Es  ist  zu  bemerken,  daß  am  meisten  diejenigen  Artikel  exportiert
werden,  deren  Preise  auf  dem  inneren  Markte  entweder  verhältnismäßig ­
  niedrig  stehen  (wie  bei  dem  Roheisen),  oder  besonders  hoch
(wie  bei  dem  Eisenbahnmaterial).  Diese  auf  den  ersten  Blick  unverständliche ­
  Erscheinung  stimmt  aber  vollständig  mit  dem  Charakter
des  russischen  Exportes  überein.
Die  Bewegung  der  Roheisenausfuhr  zeigt  eine  wellenartige  Linie.
Es  wurde  während  der  Zeit  von  1900  bis  1907  zweimal  eine  bedeutende ­
  Menge  Roheisens  ausgeführt:  in  den  Jahren  1901/2  und
1906/7.  Das  erste  Datum  zeigt  die  Periode  der  Krisis.  Nachdem
der  innere  Roheisenmarkt  überfüllt  und  die  Produktionsunkosten
wegen  der  Abnahme  der  Rohstoffpreise  gesunken  waren,  wurde  eine
bedeutende  Menge  von  Roheisen  nach  dem  Auslande  ausgeführt.
Die  Ausfuhr  vom  Jahre  1906/7  wurde  dadurch  bestimmt,  daß  die
Preise  im  Auslande  stiegen,  während  diejenigen  des  Inlandes  eiue

1  Gutachten  der  Eisenindustriellen,  S.  50.

Sawelieff.

8
        <pb n="113" />
        Tendenz  zur  Abnahme  zeigten.  Das  bestätigt  folgende  Tabelle  der
Preise  von  Roheisen 1 :

Jahr

Kußland
Charkow

England  |
Middlesborough  j

Deutschland
Düsseldorf

V.  St.  v.  Am.
Philadelphia

in  Kopeken

in  Kopeken  gerechnet

1903

41,2

35,9

48,3

71,8

1904

48,0

39,5

50,5

47,0

1905

46,0

37,2

50,5

56,0

1900

46,5

40,8

53,1

59.2

1907

46,5

45.7

59,1

83,6

1908

48,0

36,8

53,8

—

Die  Ausfuhr  von  Roheisen  steht  also  im  engsten  Zusammenhänge
mit  der  Preishöhe  auf  dem  inneren  und  äußeren  Markte;  die  Konkurrenz
ist  hier  eine  maßgebende  Triebkraft  der  Ausfuhr.  Da  heutzutage
das  russische  Roheisen  billiger  ist  als  in  vielen  anderen  europäischen
Ländern,  so  ist  immerhin  die  Möglichkeit  der  Entwicklung  des  Roheisenexportes ­
  vorhanden.  Die  größten  Hindernisse  für  den  Export  liegen
hauptsächlich  in  dem  Mangel  an  der  nötigen  ökonomischen  und
finanziellen  Organisation  der  Exporteure.
Ganz  anders  steht  die  Sache  mit  den  Eisenbahnmaterialien.  Die
russischen  Eisenindustriellen  klagen  immer,  wie  wir  schon  bei  der
Betrachtung  der  Schienenproduktion  gesehen  haben,  über  hohe  Verarbeitungskosten,
  besonders  bei  der  Herstellung  der  Schienen  und
anderer  Materialien,  die  sie  dem  Staate  liefern.  Trotzdem  finden  sie
die  Möglichkeit,  gerade  diese  „teueren“  Produkte  in  das  Ausland  zu
exportieren.
Es  besteht  aber  ein  enger  Zusammenhang  zwischen  diesen  Preisen
und  dem  Export  nach  dem  Auslande.  Man  exportiert  sogar  oft  nur
deshalb,  weil  man  die  niedrigen,  manchmal  auch  direkt  verlustbringenden ­
  Exportpreise  durch  die  hohen  inländischen  ausgleichen
kann.  Der  innere  Markt  für  Eisenbahnmaterial  ist  unausdehnbar,
die  Verträge  auf  Staatsbestellungen  werden  hier  schon  auf  drei  Jahre
im  voraus  abgeschlossen.  Der  Eisenbahnmarkt  ist  sozusagen  kontingentiert, ­
  darum  sind  die  Eisenindustriellen  bereit,  um  ihre  Werkstätten ­
  nicht  Stillstehen  zu  lassen,  manchmal  auch  die  unrentablen
Bestellungen  des  Auslandes  zu  übernehmen.
Zu  diesen  Verhältnissen  trägt  endlich  die  russische  Regierung
auch  dadurch  bei,  daß  sie  Maßnahmen  ergreift,  um  die  Ausfuhr  des
Eisenbahnmaterials  um  jeden  Preis  zu  fördern.  So  hat  der  Vertreter
der  russischen  Regierung,  Herr  Drei,  auf  der  Versammlung  der  Eisenindustriellen ­
  im  Jahre  1908  erklärt:  „Die  Preise  von  112  Kop.  auf

1  Gutachten  der  Bisenindustrieellen.  Statistische  Beilage.
        <pb n="114" />
        115

8*

Schienen  sind  bei  der  Berücksichtigung  der  sonst  üblichen  Preise
auf  Roheisen  verhältnismäßig  hoch.  Wenn  sie  so  hoch  gehalten
werden,  geschieht  es,  um  den  Export  nach  dem  Auslande  um  2ö°/ 0
billiger,  als  die  inneren  Marktpreise  sind,  zu  ermöglichen 1 .“  Die
Regierungspolitik  offenbart  sich  damit  in  voller  Klarheit.  Sie  besteht
also,  wie  auch  schon  früher  berührt  wurde,  in  der  künstlichen  Unterstützung ­
  einer  Reihe  bestimmter  Kreise  von  Großindustriellen  durch
Zahlung  von  hohen  Preisen.  Dies  geschieht  in  der  Annahme,  daß
der  Staat  die  Produktions-  und  die  Absatzverhältnisse  seiner  Klienten
für  die  in  seinem  Sinne  nötigen  Zwecke  beeinflussen  könne.  Die
Ausfuhr  von  Eisenbahnmaterial  hat  also  einen  rein  künstlichen
Charakter.  Wenn  wir  aber  verschiedene  künstliche  Mittel  außer
Betracht  lassen,  und  die  Frage  stellen,  oh  die  russische  Eisenindustrie
bei  dem  Eisenbahnmaterialexport  einen  festen  Boden  unter  den
Füßen  hat,  so  müssen  wir  die  Frage  verneinen.  Im  günstigsten  Falle
können  nur  ein  paar  Gesellschaften,  die  besonders  günstige  Produktionsverhältnisse ­
  haben,  zeitweilig  die  guten  Konjunkturen  im  Auslande
ausnutzen.  So  konkurrierten  einige  südrussische  Eisenwerke  im
Jahre  1907,  als  die  Schienenpreise  in  Europa  sehr  hoch  waren,  mit
einem  gewissen  Erfolg  mit  dem  Weltsyudikat  für  Schienenproduktion.
Sie  sind  sogar  jetzt  in  dieses  Syndikat  als  Mitglieder  eingetreten  und
haben  7  °/ 0  des  Gesamtabsatzes  auf  ihren  Anteil  bekommen.  Von
einer  planmäßigen  Entfaltung  aber  des  Schienenexportes,  wie  auch
besonders  anderer  Eisenbahnartikel  kann  hier  ernstlich  nicht  die
Rede  sein.  Es  wird  immer  die  wichtigste  Tatsache  bleiben:  je
komplizierter  die  Produktion  ist,  um  so  mehr  braucht  sie  qualifizierte
Arbeitskräfte  und  Arbeitsprozesse  für  die  Herstellung  dieser  Produkte,
und  desto  schwieriger  wird  die  Konkurrenz  zwischen  den  relativ
unvollkommen  organisierten  russischen  Werken  und  den  besser  eingerichteten ­
  ausländischen;  dabei  sprechen  wir  noch  gar  nicht  über
das  Vorhandensein  einer  dazu  notwendigen  Exportorganisation  und
fester  Beziehungen  zu  ausländischen  Kunden.
Der  Export  der  übrigen  Marktsorten,  die  wir  erwähnt  hatten,
hat  keine  erkennbare  Bedeutung.  Es  wurden  Mengen  von  Schwellen
wie  auch  andere  Sorten  ausgeführt.  Daun  kommt  Bruch  und  altes
Eisen  in  Betracht  usw.  Auch  bei  der  Absetzung  von  Marktsortimenten
kommt  hie  und  da  eine  Tendenz  zur  Geltung,  den  Export  auf  Kosten
der  inneren  Konsumenten  zu  betreiben.  So  exportiert  man  gerne
die  Eisenprodukte,  die  auf  dem  inneren  Markte  kai’telliert  sind,  und
dann  unter  Preisen,  die  bedeutend  niedriger  als  die  inländischen  sind.
Damit  gelingt  es  auch,  die  Preise  auf  dem  inneren  Markte  hoch  zu  halten.
Als  Absatzmärkte  für  die  russischen  Exportprodukte  erscheinen
einige  Länder  der  Balkanhalbinsel,  ferner  Italien,  Deutschland,

1  Kaffenhaus,  a.  a.  0.,  S.  143.
        <pb n="115" />
        116

England  usw.  Der  Export  nach  allen  diesen  Ländern  trägt  aber
bis  jetzt  einen  mehr  oder  weniger  zufälligen  Charakter.  Eine  ständige
Quote  des  Absatzes  von  Roheisen,  Stahl  und  Eisenprodukten  kommt
nur  bei  drei  Ländern  in  Betracht:  Persien,  China  und  Finnland:
die  Absatzmenge  ist  hier  aber  unbedeutend.
Die  Hauptmasse  der  Ausfuhr  geht  über  die  südrussischen  Häfen.
So  wurden  dort  im  Jahre  1908  etwa  95  °/ 0  des  Gesamtexports  ausgeführt. ­
  Die  Transportverhältnisse  sind  für  den  Süden  wegen  der
Nähe  des  Asowschen  und  Schwarzen  Meeres  ziemlich  günstig.  Seit  dem
Jahre  1907  existiert  auf  den  russischen  Eisenbahnen  ein  sogenannter
Exporttarif  mit  beinahe  doppelt  so  billigen  Tarifsätzen,  als  die  gewöhnlichen ­
  sind.  So  betragen  die  Eisenbahnunkosten  für  Roheisentransport ­
  von  dem  Zentrum  des  Douezgebiets  bis  Mariupol  bloß
2—2 1 / 3  Kop.  pro  Pud;  die  vom  Jekaterinoslaw-Gebiet  bis  Nikolajew
5,39—5,66  Kop.  pro  Pud.
Die  Einladekosten  in  den  Häfen  des  Schwarzen  und  des  Asowschen
Meeres  sind  dagegen  ziemlich  hoch.  Nach  der  Rechnung  des  Eisenindustriellen ­
  Awdakow  betragen  sie  für  Odessa  b 1 /^  Kop.,  Noworossijsk
  5 x / 2  Kop.,  Taganrog  (mit  Umladung)  —7  Kop.,  Rostow
3^2  Kop.  pro  Pud.

Kapitel  IX.
Kapitalkraft  und  Rentabilität.
Der  dauernde  Stillstand  in  der  Produktionstätigkeit  der  südrussischen ­
  Eisenindustrie  seit  der  Krisis  vom  Jahre  1901  hat  auch
auf  die  finanzielle  Lage  und  auf  die  Rentabilität  der  meisten  südrussischen ­
  Eisenunternehmungen  ungünstige  Wirkungen  ausgeübt  und
eine  Reihe  von  Gesellschaften  in  schlimme  Notlage  gebracht.  Die
Verluste  waren  bei  denjenigen  Aktiengesellschaften  besonders  groß,
die  als  ein  Ergebnis  des  Spekulationsfiebers  der  verschiedenen  Gründer
während  der  Zeit  der  Hochkonjunktur  anzusehen  sind  und  die  bereits
vor  und  während  der  Krisis  unter  starken  Geldschwierigkeiten  zu
leiden  hatten.  Um  nicht  die  Werke  zu  schließen,  waren  sie  genötigt,
immer  neue  Schulden  zu  machen,  womit  sie  aber  ihre  finanzielle  Lage
immer  mehr  erschwerten.
Besser  war  dagegen  die  Lage  derjenigen,  meistenteils  alten
Gesellschaften,  die  ihre  Kapitalkraft  während  der  Hochkonjunktur
gut  gestärkt  hatten  oder  hauptsächlich  mit  Staatsbestellungen  zu  tun
batten.  Wir  teilen  die  Gesamtzahl  der  südrussischen  Eisengesellschaften
ihrer  Kapitalkraft  und  Rentabilität  nach  in  drei  Kategorien  ein:
        <pb n="116" />
        117

1.  gewinnbringende,  2.  unrentable  und  3.  verlustbringende.  Folgende
Tabelle  gibt  uns  das  Gesamtbild  der  drei  Gruppen  (in  tausend  Rubel) 1 :

Jahr

1901

1902

1903

1904

1905

1906

1907

I

Gewinnbringende  Aktiengesellschaften

Zahl

7

7

7

7

7

7

7

Aktien-Kap.

51275

52775

52  775

52775

53150

54275

55775

Obligat.-Kap.

13209

12939

12699

12425

12011

11827

11172

Reingewinn

6485

5956

5  746

6125

5371

5103

4336

Ausgezahlte  (
Dividende  j

5212

4995

4915

4405

4323

3  982

3420

°/ 0  d.  Dividendei
zum  Akt.-Kap.  /

10,3

9,4

9,3

8,3

8,1

7,3

6,1

Verluste

—

—

—

—

—

•—

—

11

Unrentable  Aktiengesellschaften

Zahl

5

5

5

5

5

5

4 2

Aktien-Kap.

26327

26327

26327

26327

26327

38415

36  640

Obligat.-Kap.

14166

15529

16135

19973

19  641

19115

16855

Reingewinn

620

119

107

750

627

113

959

Ausgezahlte  1
Dividende  |

—

—

144

144

—

74

775

°/ 0  d.  Dividende)
zum  Akt.-Kap.  /

—

—

0,5

0,5

—

0,2

2,1

Verluste

208

1290

311

—

—

965

549

III

Verlustbringende  Aktiengesellschaften

Zahl

8

8

8

8

8

8

S

Aktien-Kap.

44976

38976

40101

40101

38  751

51036

50936

Obligat.-Kap.

26  563

26859

23  956

23  664

23  358

10844

10806

Reingewinn
Ausgezahlte  (

—

—

—

—

293

722

186

Dividende  ]
%  d.  Dividende\
zum  Akt.-Ka^.  /

—

—

Verluste

4392

3072

1887

1208

1508

2  245

1790

I  +  11  +  III

Gesamte  Aktiengesellschaften

Zahl

20

20

20

20

20

20

19

Aktien-Kap.

122  578

118088

119204

119204

118229  143726

143351

Obligat.-Kap.

53939

55318

52  791

56063

55011

41788

38833

Reingewinn

7106

6076

5854

6876

6  291

5940

5482

Ausgezahlte  1
Dividende  J

5212

4995

5059

4549

4323

4056

4195

%  d.  Dividende)
zum  Akt.-Kap.)

4,32

4,23

4,24

3,81

3,65

2,82

2,93

Verluste

4600

4363

2198

1208

1508

3210

2339

1  Auf  Grund  der  Jahresberichte  der  Aktiengesellschaften  (publiziert  im
„Finanz-Boten“).
2  Die  Angaben  über  eine  Aktiengesellschaft  sind  unbekannt.
        <pb n="117" />
        118

Bei  der  ersten  Gruppe  finden  wir  eine  normale  Tätigkeit.  Die
Abschreibungen  für  die  Amortisationszwecke  erscheinen  hier  regelmäßig, ­
  vielleicht  noch  reichlicher,  als  es  nur  zur  Ersetzung  der  abgenutzten ­
  Produktionsmittel  notwendig  wäre.  Es  findet  die  Vergrößerung ­
  auch  anderer  Reservefonds  statt.  Es  ist  lehrreich,  festzustellen, ­
  daß  die  ausgezahlten  Dividenden  hier  gleich  in  der  Krisenzeit ­
  am  höchsten  gestanden  haben.  Die  Sache  erklärt  sich  dadurch,
daß  die  meisten  von  diesen  Unternehmungen  mit  den  Staatsbestellungen
beschäftigt  sind.  Bekanntlich  hat  sich  die  Regierung  große  Mühe
gegeben,  ihren  Klienten  gleich  in  dieser  Zeit  eine  außerordentliche
Hilfe  zu  leisten  *.
Die  Gesellschaften  der  zweiten  Gruppe  konnten  in  der  untersuchten ­
  Periode  nur  mit  großer  Mühe  aus  ihren  Nöten  herauskommen.
Die  Vermehrung  des  Aktienkapitals  im  Jahre  1906  ist  hier  dank
der  Verdoppelung  des  Aktienkapitals  in  der  Brjansk-A.-G.  entstanden.
In  den  letzten  Jahren  zeigt  sich  hier  eine  kleine  Besserung 1  2 .
In  einer  ganz  anderen  Lage  als  die  beiden  ersten  Kategorien
befinden  sich  die  Aktiengesellschaften  der  dritten  Gruppe.  Recht
viele  dieser  Aktiengesellschaften  sind  als  zahlungsunfähige  Schuldner
dem  Administrationsregime  unterworfen.  Die  Vermehrung  des  Aktienkapitals ­
  im  Jahre  1906  ist  hier  lediglich  dadurch  zu  erklären,  daß
die  Aktiengesellschaft  Providence-Russe,  um  nicht  zusammenzubrecheu,
  ihre  Hauptschuldner  und  Obligationsbesitzer  zu  Aktionären
mit  privilegierten  Aktien  ernennen  mußte.  Eine  Amortisation  der
Produktionsmittel  findet  bei  dieser  Gruppe  mit  nur  unbedeutenden
Ausnahmen  nicht  statt,  so  daß  die  Kapitalien  der  Gesellschaften
sich  immer  mehr  und  mehr  vermindern.  Damit  vermindert  sich  aber
auch  die  tatsächliche  Kapitalkraft  der  Gesellschaften.  Es  sind  endlich ­
  auch  verschiedene  Reserven  vollständig  erschöpft.  Von  diesen
acht  Gesellschaften  hat  keine  einzige  in  der  angegebenen  Periode
auch  nur  einmal  Dividenden  verteilt.
Was  die  allgemeine  Lage  betrifft,  so  ist  die  Gesamtzahl  der
Unternehmungen  mit  einer  Ausnahme  unverändert  geblieben.  Nur
•ein  einziges  Werk  wurde  während  dieser  Periode  eröffnet,  oder,
besser  gesagt,  wieder  in  Betrieb  gesetzt:  das  Suhlin-Werk.  Das  gesamte ­
  Aktienkapital  hat  sich  während  der  angegebenen  Periode  relativ
unbedeutend  erhöht;  die  Vergrößerung  fand  hauptsächlich  im  Jahre
1906  statt,  das  übrigens  für  die  südrussische  Eisenindustrie  sehr  verlustbringend ­
  war,  besonders  für  die  beiden  letzten  Kategorien.  Diese
Tatsache  zeigt,  daß  die  Verwendung  dieses  Kapitals  hauptsächlich
1  Die  erste  Gruppe  enthält  folgende  Aktiengesellschaften:  Dnjepr-A.-G.,
Russo-Belge-A.-G.,  Hughes,  Hartmann-A.-G.,  Konstantinowsk-Werk,  Röhrenwerk
bei  Jekaterinoslaw,  Krivoj-Rog-A.-G.
2  Zur  zweiten  Gruppe  rechnen  wir:  Nikopol-Jlariupol-A.-G.,  Toretzk-Werk,
Brjansk-A.-G.,  Olchowaja-A.-G.  und  Druschkowsk-Werk.
        <pb n="118" />
        119

zur  Sanierung  der  schlecht  situierten  Gesellschaften,  nicht  aber  zur
Ausdehnung  der  Produktionsfähigkeit  der  südrussischen  Eisenindustrie
unmittelbar  diente.
Die  Gesamtsumme  der  ausgezahlten  Dividenden  bleibt  in  der
ganzen  Zeit  stabil,  sie  zeigt  sogar  eine  kleine  Verschiebung  nach
unten.  Die  Zahl  der  Gesellschaften  dagegen,  die  ihre  Jahresbilanzen
mit  Gewinnüberschüssen  schließen,  ist  etwas  gewachsen.  Da  aber
das  Aktienkapital  im  Jahre  1906  sich  etwa  auf  25Ö00000  Rubel
vergrößerte,  wurde  damit  auch  der  durchschnittliche  Prozentsatz  der
ausgezahlten  Dividenden  dementsprechend  niedriger.
Was  die  Verluste  betrifft,  so  zeigen  sie  im  großen  und  ganzen
eine  abnehmende  Tendenz;  sie  waren,  wie  aus  der  Tabelle  ersichtlich ­
  ist,  in  der  Krisis  des  Jahres  1901  besonders  groß.  Dann
nehmen  sie  allmählich  ab.  im  Jahre  1906  und  1907  sind  sie  wieder
infolge  der  schlechten  Konjunktur  gestiegen'.
Es  bleibt  uns  jetzt  noch  übrig,  ein  paar  Worte  über  die  Verhältnisse ­
  zwischen  der  südrussischen  Eisenindustrie  und  den  Banken
zu  sagen.  Die  meisten  südrussischen  Eisenunternehmungen  sind,  wie
wir  gesehen  haben,  dank  den  ausländischen  Kapitalien  gegründet.
Bei  diesen  Gründungen  hatten  verschiedene  ausländische  Kreditanstalten ­
  von  Anfang  an  eine  ausschlaggebende  Rolle  gespielt;  einige
von  ihnen,  wie  die  Banque  de  Brabant,  Banque  de  Franco  usw.
haben  sich  sogar  beim  Gründen  betätigt.
Die  südrussischen  Eisenunternehmungen  sind  auch  mit  den
russischen  Banken  eng  verbunden.  Nähere  Tatsachen  darüber  können
wir  aus  Mangel  an  Material  nicht  geben,  das  Verhältnis  selbst  aber
ist  bei  der  Vergleichung  des  Verwaltungspersonals  der  Banken  und
des  der  Aktiengesellschaften,  wo  in  vielen  Fällen  bei  beiden  dieselben ­
  Personen  beteiligt  sind,  klar  ersichtlich.  So  ist  in  dieser
Weise  z.  B.  die  Nikopol-Mariupol-A.-G.  mit  fünf  Banken 1  2  3 ,  Donez-Jurjewka
  mit,  drei  Banken 8 ,  Brjansk-A.-G.  mit  zwei  Banken 4  usw.
verbunden.
Die  verschiedene  Rentabilität  und  Kapitalkraft  der  Gesellschaften
hatte  auch  an  der  Börse  eine  ganz  verschiedene  Beurteilung  gefunden.
1  Die  Ziffern  der  Verluste,  wie  auch  insbesondere  der  Reingewinne  sind
mit  großer  Vorsicht  zu  betrachten.  Wie  erwähnt,  haben  wir  sie  aus  den  publizierten ­
  Jahresberichten  der  Aktiengesellschaften  entnommen.  Da  die  Reingewinne ­
  einer  besonderen  progressiven  Gewerbesteuer  unterworfen  sind,  so
kommen  hier  öfters  verschiedene  Hinterziehungen  vor.  Es  existiert  auch  in  den
Jahresberichten  der  Aktiengesellschaften  keine  klare  Definierung  des  Reingewinns.
Wir  enthalten  uns  darum  dessen,  die  weiteren  Schlüsse  auf  die  Wirklichkeit
daraus  zu  ziehen.
2  Nord-Bank,  St.  Petersburger-Internationale  Bank,  Asow-Donsche  Bank,
Russische  Bank  für  Außenhandel,  Wolga-Kama-Bank.
3  Asow-Donsche  Bank,  Wolga-Kama-Bank,  St.  Petersburger  Diskonto-Gesellschaft.

4  Nord-Bank,  Asow-Donsche  Bank.
        <pb n="119" />
        120

Die  ausländischen  Börsen  (Paris,  Brüssel),  die  hier  ausschlaggebend
sind,  haben,  wie  wir  schon  früher  geschildert,  während  der  Krisis  in
der  Eisenindustrie  mit  einer  Heruntersetzung  der  Kurse  der  Wertpapiere ­
  der  Gesellschaften  um  65  °/ 0  geantwortet.  Wie,  die  verschiedenen ­
  Kurse  im  Jahre  1907  standen,  zeigt  folgende  Übersicht:

Aktien

Nominal-Wert


Auf  der
Pariser  Börse
(Francs)

Auf  der
Brüssel.  Börse
(Francs)

Auf  der
St.  Petersb.
Börse  (Rubel)

maxim.

minim.

maxim.

minim.

maxim.|minim.

Dnjepr-  A.-G.

125  Rbl.

1835

1290

1885

1235

—

—

Brjansk-  „

100  „

430

272

480

267

112,5

98

Russo-Belge-  „

250  Frs.

—

—

1249

875

—

:—

D.-Jurjewka-  „

250  Rbl.

—

—

330

215

220

84

Druschkowsk-  „

125  „

894

673

—

—

—

—

Taganrog-  „

400  Frs.

—

—

401

138

—

—

K.-Rog-500

  „

1150

1090

—

—

—

—

N.-Mariupol-  „

125  „

70

70

201

135

73

59,5

Olchowaja-  '  „

250  „

—

—

300

25

—

R.-Providence-  „

1000  .,

—

—

140

15

—

Werch-Dnjepr-  „

250  „

1230

70

—

—

—

—

Konstantin-  „

250  „

—

—

260

212

—

—

Hartmann-  „

100  Rbl.

—

—

—

—

300

220,5

Jekaterinoslaw-Gußstahlwerk-
  „

100  Ers.

156

156

—

—

Während  also  z.  B.  die  Aktien  der  Russo-Belge-A.-G.  etwa
fünfmal  so  hoch  als  der  nominelle  Wert  stehen,  kotierte  man  die
Aktien  von  Provideuce-Russe  mit  dem  nominellen  Wert  von  1000  Er.
nur  zu  15  Er.
Alles  zusammenfassend,  können  wir  sagen,  daß  die  finanzielle
Lage  der  einzelnen  Unternehmungen  sehr  verschieden  bleibt.  Die
Zeit  des  Stillstandes  offenbarte  mit  Klarheit  die  früheren  Geldmißbräuche ­
  der  verschiedenen  Aktiengesellschaften;  sie  zeigt  außerdem ­
  auch,  daß  die  Anpassung  der  Produktionsmittel  der  Unternehmungen ­
  an  die  Konsumtion  sich  nur  unter  großen  Störungen
vollzieht.  Endlich  müssen  wir  sagen,  daß  dieser  Vorgang  sich  in
der  südrussischen  Eisenindustrie  abnorm  verlängert  hat,  hauptsächlich ­
  dadurch,  daß  die  freie  Konkurrenz  zwischen  den  einzelnen
Unternehmungen  und  das  Emporkommen  der  konkurrenzfähigsten
teilweise  durch  die  Kartellierung  der  Konkurrenten  und  auf  Kosten
der  Konsumenten  gehemmt  wurde.
        <pb n="120" />
        Schluß.
Kapitel  X.
Ausblicke  auf  die  weitere  Entwicklung  der
südrussischen  Eisenindustrie.
Aus  der  vorliegenden  Untersuchung  ergibt  sich,  daß  die  südrussische
  Eisenindustrie  ein  Gebilde  der  zwei  letzten  Dezennien  des
19.  Jahrhunderts  ist.  Auf  rein  kapitalistischem  Boden  entstanden
und  als  großkapitalistische  Industrie  entwickelt,  ist  sie  selbst  mit  der
kapitalistischen  Entwicklung  Rußlands  aufs  engste  verbunden,  ln  der
Zeit  der  90er  Jahre  —  in  der  Periode  der  Hochkonjunktur  der
russischen  Industrie  —  schreitet  sie  an  der  Spitze.  Dann  kam  die
allgemeine  Krisis  in  Rußland  vom  Jahre  1901  und  brachte  eine
scharfe  Desorganisation  des  Produktionsprozesses  auch  auf  diesem
Gebiete  mit  sich.  Der  später  in  ihrem  Entwicklungsgänge  eingetretene ­
  Stillstand  ist  im  großen  und  ganzen  auch  für  den  allgemeinen ­
  Zustand  der  russischen  Volkswirtschaft  charakteristisch.
Unsere  Betrachtungen  über  die  russische  Eisenindustrie  würden
aber  nicht  vollständig  sein,  wenn  wir  zum  Schlüsse  einige  seit  dem  Jahre
1909  hier  entstandene  neue  Erscheinungen  außer  acht  lassen  würden.
Gerade  in  der  letzten  Zeit  schreibt  man  in  Rußland  viel  über
die  Überwindung  des  toten  Punktes  im  gegenwärtigen  russischen
volkswirtschaftlichen  Leben.  Und  man  sieht  in  der  Tat  seit  dem
Jahre  1909  eine  Art  Belebung  in  den  verschiedenen  Industriezweigen.
Diese  Belebung  läßt  sich  auch  in  der  südrussischen  Eisenindustrie
wahrnehmen.  Hier  ist  sie  sogar  deutlicher  als  irgendwo  anders.
Wir  können  folgenden  Fortschritt  der  südrussischen  Eisenproduktion
in  der  ersten  Hälfte  des  Jahres  1910  im  Vergleich  mit  dem  in  derselben ­
  Periode  des  Jahres  1907  konstatieren 1 :

Produkt
in  1000  Pud

Erste  Hälfte  c

es  Jahres  1910

Erste  Hälfte  des  Jahres  1907

Produktion

Vorräte

Produktion

V  orräte

Roheisen

62908

5310

51310

10050

Halbzeug

56  890

2  948

40563

5297

Fertige  Produkte

49460

9  736

34268

8776

1  Abdruck  aus  der  Zeitsehr.  „Grornosawodskoje  Djelo“  1910.
        <pb n="121" />
        122

Die  Produktion  von  Roheisen  hat  also  während  der  letzten
drei  Jahre  um  22,6  °/ 0 ,  die  von  Halbzeug  um  40,3  °/ 0  und  die  von
fertigen  Fabrikaten  um  44,4°/ 0  zugenommen.  Die  Vorräte  des  Roheisens ­
  und  Halbzeuges  sind  dagegen  beinahe  um  die  Hälfte  vermindert, ­
  ein  Umstand,  der  die  Verbesserung  der  Konjunktur  noch
deutlicher  bezeichnet.  Darüber  belehrt  uns  endlich  auch  die  Vergrößerung ­
  der  Nachfrage  von  verschiedenen  Eisenprodukten  auf  dem
Markte.  So  stiegen  in  der  letzten  Zeit  die  Bestellungen  an  das
Syndikat  Prodameta  in  folgendem  Maße  (in  1000  Pud) 1 :

Jahr

1910

1909

1908

1907

Blech

9316

7735

7  102

8375

Träger  u.  Schwellen

10950

6916

5185

5  530

Gußröhren

zerfallen

652

896

1133

Bandageu

1221

692

1060

1153

Achsen

515

380

448

443

Stab-  und  Formeisen

43924

‘  32681

syndiziert

Leichte  Schienen

838

913

1.  Jan.  1909

Zusammen:

66767

49971

14694

16642

Besonders  gewachsen  ist  die  Nachfrage  nach  Stab-  und  Formeisen. ­
  Da  diese  beiden  Sorten  überwiegend  gewerblichen  Zwecken
dienen,  so  zeigen  sie  wiederum  eine  Verbesserung  'der  allgemeinen
Wirtschaftslage.
In  gewissem  Gegensatz  zum  Süden  bleibt  die  Entwicklung  der
anderen  eisenproduzierenden  Gebiete  im  großen  und  ganzen  stabil,
so  daß  die  relative  Bedeutung  des  Südens  in  den  letzten  Jahren  noch
mehr  hervortritt.
Wir  gelangen  nun  zur  Frage,  wie  wird  sich  die  Entwicklung  der
südrussischen  Eisenindustrie  weiter  vollziehen?  Wird  sie  alsbald
eine  Monopolstellung  erreichen  und  andere  Gebiete  in  volle  Abhängigkeit ­
  von  sich  bringen,  oder  sind  dabei  auch  noch  andere  Entwicklungstendenzen ­
  zu  erwarten?
Die  zukünftige  Lage  des  Südens  hängt  von  zwei  Umständen
ab:  1.  von  der  Größe  der  Produktionskräfte  des  Südens  selbst  und
2.  von  der  weiteren  Entwicklung  seiner  Konkurrenten,  hauptsächlich
des  Urals.
Die  wichtigste  Grundlage  der  südrussischen  Eisenindustrie  bilden,
wie  schon  früher  erwähnt  ist,  die  billigen  und  vorzüglichen  Rohstoffe.
Um  die  zukünftige  Lage  des  Südens  klar  zu  stellen,  müssen  wir
also  das  Vorhandensein  und  die  Quantität  dieser  Rohstoffe  feststellen.

1  Kartellrundschau,  .Februar  1911.
        <pb n="122" />
        123

Was  die  Steinkohlenlager  betrifft,  so  sind  die  Donezschen  Vorräte
so  groß,  daß  hier  keine  baldige  Erschöpfung  eintreten  wird.  Obwohl
die  für  die  Koksgewinnung  brauchbaren  Steinkohlenschichten  ihrer
Ausdehnung  nach  nur  etwa  ein  Drittel  der  Gesamtfläche  des  Donezbeckens
  ausmachen,  so  sind  sie  doch  groß  genug,  um  bei  einer  gewissen ­
  Sparsamkeit  für  einige  Jahrhunderte  auszureichen.
Etwas  anders  steht  es  mit  dem  Eisenerze.  Als  das  wichtigste
Eisenerzlager  kommt  für  den  Süden  die  Gegend  von  Krivoj-Rog
in  Betracht.  Die  Vorräte  sind  aber  hier  nicht  so  groß,  um  für  die
Zukunft  ohne  Sorgen  sein  zu  können.  Die  Vorräte  -waren  hier  bis
jetzt  nur  auf  etwa  5  Milliarden  Pud  geschätzt;  diese  Ziffer  wurde
in  der  letzten  Zeit  auf  11415  Millionen  Pud  in  der  Schätzung  erhöht. ­
  Nach  der  Berechnung  der  südrussischen  Eisenindustriellen
müssen  diese  Vorräte  bei  dem  gegenwärtigen  Verbrauche  auf  etwa
60  Jahre  ausreichen 1 .  Die  Schätzung  ist  aber  sehr  ungenau  und
man  kann  dabei  sich  nach  der  einen  oder  anderen  Seite  bedeutend
irren.  Jedenfalls  muß  man  rechnen,  daß  die  Nachfrage  nach  den
Krivoj-Rog-Eisenerzen  in  der  nächsten  Zeit  bedeutend  steigen  wird;
im  Zusammenhänge  damit  wird  auch  die  Eisenerzfrage  für  den  Süden
mit  vollem  Ernst  auftreten.  Ein  anderer  Ort,  der  bei  der  Erschöpfung
der  Krivoj-Rog-Eisenerze  in  Betracht  kommen  kann,  ist  die  Halbinsel ­
  Kertsch.  Man  schätzt  hier  die  Vorräte  auf  ungefähr  60  Milliarden
Pud,  die  für  die  südrussischen  Werke  für  lange  Zeit  ausreichen
würden.  Die  Kertsch-Erze  sind  aber  relativ  arm  und  werden  deswegen ­
  kaum  einen  weiteren  Transport  vertragen.  Damit  werden  auch
die  Produktionskosten  bei  der  Roheisenherstellung  bedeutend  wachsen,
wenigstens  bei  denjenigen.  Werken,  die  von  der  Halbinsel  Kertsch
entfernt  sind.  Alle  übrigen  Erze  im  Süden,  wie  die  Donezschen,
die  von  Korsak-Mogila  usw.  können  aller  Wahrscheinlichkeit  nach
hier  keine  selbständige  Rolle  spielen  und  künftig  wie  bisher  nur  als
Zusatz  in  Betracht  kommen.
Ein  anderer  Ort,  der  für  die  südrussische  Eisenindustrie  in  der
Zukunft  eine  große  Rolle  spielen  kann,  ist  der  Kaukasus.  Die  Erze
sind  hier  noch  sehr  wenig  untersucht;  sie  sind  aber  gut  und  erstrecken ­
  sich  in  großen  Massen  weithin.  Auch  die  Transportverhältnisse ­
  sind  hier  wegen  der  Nähe  des  Schwarzen  Meeres  sehr
günstig.
Wir  sehen  also,  daß  der  zukünftige  Bedarf  des  Südens  au
Eisenerzen  auf  die  eine  oder  andere  Weise  für  eine  lange  Zeit  gesichert ­
  ist.  Wir  müssen  aber  hier  konstatieren,  daß  die  Erschöpfung
der  reichen  Krivoj-Rog-Eisenerzlager  für  den  Süden  unbedingt  eine
Verteuerung  der  Selbstkosten,  damit  aber  auch  die  Verminderung
der  Konkurrenzfähigkeit  verursachen  muß.

1  Eisenerzbergbau,  Statist.  Sammelb.  1908.
        <pb n="123" />
        124

Vor  einigen  Jahren  wurde  in  der  russischen  Fachpresse  noch
eine  andere  Möglichkeit  der  Eisenerzversorgung  des  Südens  ziemlich
lebhaft  erörtert.  Man  plante  damals,  für  die  Versorgung  der  südlichen ­
  Hütten  die  Uralschen  Eisenerze  heranzuziehen.  Der  Plan  beruhte ­
  auf  der  Voraussetzung,  daß  der  Süden  Steinkohle  in  hohem
Maße  besitzt  und  verhältnismäßig  wenig  Eisenerze,  der  Ural  dagegen
eine  kolossale  Menge  guter  Eisenerze  und  keine  für  die  Verhüttung
nötigen  Steinkohlenlager.  Man  wollte  eine  Art  Austausch  von  Rohstoffen ­
  ermöglichen,  so  daß  der  Ural  sein  Eisenerz,  der  Süden  seinen
Koks  dem  anderen  Gebiete  liefert.
Als  Verbindungsweg  kam  nach  verschiedenen  Rechnungen  die
direkte  Eisenbahnverbindung  in  Betracht,  oder  die  gemischte  (teilweise ­
  mittels  der  Wolga  —  von  Samara  bis  Zarizyn) 1 .  Die  Verhüttung ­
  der  Uralschen  Eisenerze  mußte  nach  dieser  Berechnung  für
den  Süden  im  Vergleich  mit  der  Verwendung  der  Krivoj-Rog-Eisenerze
  bloß  eine  Mehrausgabe  von  etwa  3 1 /^—4  Kop.  pro  Pud  verursachen, ­
  eine  Mehrausgabe,  die  durch  die  Verteuerung  der  Krivoj-Rog-Eisenerze
  auch  zu  Null  werden  könnte.
Der  ganze  Plan  aber  scheint  uns  ziemlich  künstlich  zu  sein.
Man  ging  bei  der  Kostenberechnung  von  der  Voraussetzung  aus,  daß
der  gegenwärtige  Preis  der  Uralschen  Risenerze  etwa  1 1 / 2 —2  Kop.
pro  Pud  kostet.  Das  hängt  aber  ganz  und  gar  von  dem  auf  ein
enges  Gebiet  begrenzten  Absatz  dieser  Erze  ab,  die  überhaupt  nur
von  den  Uralschen  Hütten  verwendet  werden.  Bei  der  Steigerung
der  Nachfrage  seitens  des  Südens  werden  selbstverständlich  auch  die
Preise  der  Uralschen  Eisenerze  eine  bedeutende  Steigerung  erfahren,
was  die  ganze  Rechnung  in  Verwirrung  bringen  würde.
Es  kommen  aber  auch  andere  Bedenken  dazu.  Man  ging  von
der  Tatsache  aus,  daß  zwischen  beiden  Bezirken  eine  Art  von  Gegenleistung ­
  entstehen  wird.  Schon  Brandt  bemerkte  darüber  mit  vollem
Recht,  daß,  wenn  der  Süden  aus  diesem  Austausche  auch  Nutzen
ziehen  könnte,  doch  das  für  den  Ural  gar  nicht  der  Fall  sei 1  2 .  Speziell
für  den  Ural  kommen  noch  einige  andere  Möglichkeiten  in  Betracht,
wie  z.  B.  das  Beziehen  des  sibirischen  Kokses,  was  für  ihn  bedeutend
vorteilhafter  wäre.
Man  könnte  über  den  Plan  in  dem  Falle  ernstlich  sprechen,
wenn  man  nämlich  das  Uralgebiet  nur  als  Eisenerzlager  betrachten
würde  und  die  Möglichkeit  seiner  selbständigen  Eisenindustrie  verneinte. ­
  Diese  Möglichkeit  scheint  uns  aber  der  Wirklichkeit  nicht
zu  entsprechen.  Im  Zusammenhänge  mit  dieser  Frage  sind  wir  nun
zur  Betrachtung  der  Konkurrenzfähigkeit  und  der  Entwickluugsaussichten
  der  Uralschen  Eisenindustrie  gekommen.
1  Man  wollte  für  die  Werke  des  Südens  die  großen  Eisenerzlager  des  südlichen ­
  Urals  —  die  Berge  Blagodati  und  Bakal  in  Anspruch  nehmen.
2  Brandt,  S.  147.
        <pb n="124" />
        125

Zuerst  die  Rohstoffe.  Obwohl  die  Eisenerzförderung  im  Uralgebirge ­
  schon  mehr  als  zweihundert  Jahre  dauert,  bildet  dieses  Gebiet
bis  jetzt  eines  der  größten  Eisenerzlager  der  Welt 1 .  Seine  Erze
sind  leicht  schmelzbar  und  enthalten  einen  hohen  Prozentsatz  des
metallischen  Eisens  (durchweg  60°/ o ).  Etwas  anders  ist  es  hier  mit
dem  Heizungsmaterial,  insbesondere  mit  der  für  den  Schmelzungsprozeß ­
  nötigen  Kohle.  Die  Schmelzung  beruht  hier  bis  heute  ausschließlich ­
  auf  der  Verwendung  der  Holzkohle.  An  sich  bildet  die
Holzkohle  für  die  Eisengewinnung  einen  ganz  passenden  Rohstoff.
Da  sie  vollständig  von  den  verschiedenen  schädlichen  Beimischungen
frei  ist,  hat  sie  ans  diesem  Grunde  sogar  einen  Vorzug  vor  der
Steinkohle.  Ihre  Nachteile  bestehen  aber  darin,  daß  sie  sich  bedeutend ­
  teuerer  als  Steinkohle  stellt  und  mit  der  Massenvernichtung
der  Wälder  verbunden  ist 1  2  3  * .  Auch  die  Produktivität  der  Hochöfen
auf  Holzkohle  ist  bedeutend  geringer  als  die  auf  Steinkohle,  da
die  Steinkohlenfeuerung  eine  etwa  doppelt  so  große  Verhüttung
ermöglicht.
Da  aber  im  Ural  eine  große  Menge  Wälder  vorhanden  ist,  die
sonst  keine  rentablere  Verwendung  finden  und  eigentlich  von  den
schon  existierenden  Eisenwerken  selbst  nur  teilweise  ausgenutzt  werden
(etwa  1 / 8  der  Gesamtfläche),  so  kann  man  schließen,  daß  bei  der
rationellen  Verhüttungstechnik  die  Uralscheu  Eisenwerke  in  der
nächsten  Zeit  auch  mit  Holzkohle  gewinnbringend  werden  arbeiten
können.
Aber  auch  die  Verwendung  der  Steinkohle  ist  im  Uralgebiete
nicht  ausgeschlossen.  Erstlich  besitzt  der  Ural  selbst  an  verschiedenen
Orten  Steinkohlenlager,  einige  sogar  mit  einer  Kohle,  die  zu  Koks
verarbeitet  werden  kann.  Diese  Lager  sind  aber  bis  jetzt  sehr  wenig
untersucht  und  haben  keine  Eisenbahnverbindung,  so  daß  hier  die
Steinkohlengewinnung  bis  zur  Gegenwart  minimal  war.  Außerdem
kann  man  für  die  Uralsche  Roheisenproduktion  auch  die  sibirischen
Steinkohlenlager  benutzen,  die  nach  verschiedenen  Angaben  von  ausgezeichneter ­
  Qualität  sind  und  zu  den  größten  der  Welt  gehören 8 .
Im  Uralgebirge  befinden  sich  auch  zahlreiche  Gruben  von  Kalk,
Mangan,  feuerfestem  Ton  usw.
i  Wir  sehen  also,  daß  im  Ural  alle  für  die  Eisenindustrie  notwendigen ­
  Rohstoffe  reichlich  vorhanden  sind.
Endlich  ist  auch  die  geographische  Lage  des  Gebirges  auf  der
Grenze  zwischen  dem  europäischen  und  asiatischen  Rußland  außer-1

  Dehn,  a.  a.  0.,  8.  113,
2  Man  rechnet  gewöhnlich,  daß  bei  rationeller  Forstwirtschaft  für  die  jährliche ­
  Gewinnung  von  1000  Pud  ßoheisen  eine  Fläche  von  250  Dessjatinen  Wald
nötig  ist.
3  Die  Lager  befinden  sich  nicht  weit  von  Kusnezk  und  erstrecken  sich  über
eine  Fläche  von  44000  Quadratwerst.  (Dehn,  S.  39).
        <pb n="125" />
        126

ordentlich  günstig.  Das  Gebiet  steht  in  direkter  Wasserverbindung
mit  der  Wolga  und  dadurch  mit  dem  nördlichen,  westlichen  und
Zentralrußland.  Auf  asiatischer  Seite  tritt  es  in  unmittelbare  Berührung ­
  mit  dem  rasch  emporkommenden  Westsibirien,  welches  schon
jetzt  einen  bedeutenden  Absatzmarkt  für  Eisenprodukte  darstellt.
Trotz  der  erwähnten  günstigen  geologischen  und  geographischen
Lage,  die  unter  anderen  Produktionsverhältnissen  den  Ural  zu  einem
der  konkurrenzfähigsten  Eisenproduzenten  machen  könnte,  befindet
sich  gegenwärtig  seine  Eisenindustrie  in  dem  Stadium  tiefsten  Verfalles. ­
  Es  sind  zwei  Haupthindernisse  vorhanden,  die  gegenwärtig
die  weitere  Entwicklung  des  Gebietes  unmöglich  machen.
Das  erste  ist  die  rückständige  Art  des  Betriebes  der  heutigen
Uralschen  Eisenunternehmungen.  Bis  zur  Gegenwart  sind  hier  verschiedene ­
  aus  der  vorkapitalistischen  Zeit  stammende  Produktionsverhältnisse ­
  herrschend  geblieben.  Eine  rückständige  Produktionsweise ­
  einerseits,  verschiedene  rechtliche  Bestimmungen  aus  der  Zeit
der  Leibeigenschaft,  wie  z.  B.  das  Possessionsrecht 1  und  manches
andere  andererseits  —  alles  das  setzt  die  Betriebsorganisation  der
meisten  Werke  in  scharfen  Gegensatz  zu  den  modernen  Forderungen
der  Eisentechnik  und  macht  hier  eine  rationelle  Produktionstätigkeit ­
  so  gut  wie  unmöglich.  Selbstverständlich  konnte  auch  die
kapitalistische  Expansion  der  90er  Jahre  im  Ural  nur  relativ  schwache
Spuren  hinterlassen.
Eine  zweite  Ursache  des  Stillstandes  sind  die  dortigen  Verkehrsverhältnisse. ­
  Es  gibt  Eisenwerke  im  Ural,  die  von  den  Eisenbahnlinien ­
  100—200  Werst  entfernt  sind' 2 .  Sie  sind  also  während  der
Winterszeit,  wenn  die  Flüsse  gefroren  sind,  fast  vollständig  von  der
ganzen  Welt  abgeschnitten.  Am  klarsten  tritt  der  Unterschied  in
den  Eisenbahnverbindungen  bei  Vergleichung  der  Dichtigkeit  des
Eisenbahnnetzes  hier  mit  dem  des  Südens  hervor.  Im  Jahre  1907
kamen  auf  je  10.00  Quadratwerst  Eisenbahnen 3 :

1

Orenburg-Gouvernem.  2,9

|

Gebiet  d.  Donezheer.

14,3

Ural

Perm-  ,.  4,5

Süden  j

Charkow-Gouvernem.

24,2

1

Ufa-  „  15,7

I

Jekaterinoslaw

44.7

1  Das  Possessionsrecht  repräsentiert  einen  Überrest  der  früheren  Gebundenheit ­
  der  wirtschaftlichen  Verfassung,  wie  sie  noch  in  der  Zeit  der  Leibeigenschaft
vorhanden  war.  So  haben  die  jetzigen  Besitzer  der  Possessionsgüter  und  -werke
kein  freies  Recht  zur  Veräußerung  ihres  Grund  und  Bodens,  oder  sogar  zur  Verpfändung ­
  derselben  ohne  Genehmigung  der  Regierung;  sie  sind  verpflichtet,
die  auf  den  Possessionsgütern  wohnende  Arbeiterbevölkerung  zu  „ernähren“  usw.
Die  Arbeiter  dagegen  müssen  ihrerseits  die  verschiedenen  ihnen  aufgebürdeten
Pflichten  bezüglich  der  Eisenwerke  erfüllen.
2  Earmakowslci,  Bergmännische  Zustände  im  Ural,  St.  Petersburg  1909
S.  27,  (russisch).
3  Kaffenhaus  a.  a.  O.,  S.  22.
        <pb n="126" />
        127

Infolge  dieser  Ursachen  konnte  der  Ural  in  den  letzten  Zeiten
der  Konkurrenz  Südrußlands  keinen  ernsten  Widerstand  entgegensetzen. ­
  Und  so  sehen  wir,  daß  die  Roheisenproduktion  des  Urals
im  Dezennium  1898—1908  von  44  Millionen  Pud  auf  35  Millionen
Pud  gefallen  ist 1 .
Diese  beiden  Ursachen  sind  aber  vorübergehende  Erscheinungen.
Die  neuen  rein  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse  dringen  in
der  Gegenwart  allmählich  auch  in  die  Uralschen  Eisenwerke  ein,
und  die  technische  Revolution  vollzieht  sich  hier,  obwohl  sehr  langsam,
so  doch  stetig.  Je  schneller  hier  diese  Umwälzung  in  der  Eisentechnik ­
  vorwärts  schreitet,  desto  mehr  wird  die  Konkurrenzfähigkeit
des  Bezirks  wachsen,  und  seine  Lage  auf  seinen  umliegenden  Absatzmärkten ­
  stärken.  Wir  kommen  also  zu  dem  Schlüsse,  daß  die  Wiederbelebung ­
  des  Urals  früher  oder  später  wieder  in  Frage  kommen
wird,  im  Zusammenhänge  damit  auch  die  Steigerung  seiner  relativen
Bedeutung  in  der  russischen  Eisenindustrie.
Die  anderen  Gebiete,  die  für  die  russische  Konkurrenz  noch  in
Betracht  kommen  können,  sind  das  polnische  und  nördliche  Gebiet
und  Zentralrußland.  Die  zwei  ersten  Gebiete  könnten  wohl  zu  bedeutender ­
  Entwicklung  gelangen,  unter  der  Voraussetzung,  daß  das
jetzt  in  Rußland  herrschende  prohibitive  Zollsystem  für  Rohstoffe
(Eisenerz  und  Steinkohle)  zusammenbricht 1  2 .  Bei  der  freien  Einfuhr
von  schlesischem  Koks  könnte  das  polnische  Gebiet  seine  Tätigkeit
bedeutend  erweitern  und  seine  selbständige  Stellung  im  Verhältnis
zum  Süden  behaupten.  In  noch  günstigere  Verhältnisse  könnte  bei
der  freien  Einfuhr  der  Rohstoffe  der  Norden  gelangen.  Für  die
Entwicklung  der  Eisenindustrie  fehlt  hier  gutes  Eisenerz  einerseits
und  Steinkohle  andererseits.  Dagegen  sind  hier  die  Absatzverhältnisse
wegeu  der  Nähe  St.  Petersburgs  und  der  relativ  entwickelten  Metallindustrie ­
  sehr  günstig.  Bei  der  Konsumtion  der  guten  norwegischen
Eisenerze,  deren  Transport  bis  St.  Petersburg  bloß  7  Kop.  pro  Pud
ausmacht  und  die  als  Ersatz  für  die  relativ  armen  Olonetzschen
Eisenerze  dienen  könnten,  und  bei  der  Verwendung  englischer  Steinkohle ­
  könnte  hier  eine  bedeutende  Eisenindustrie  entstehen;  um  so
mehr,  da  auch  hier  (im  Gouvernement  Olonetz)  kolossale  Mengen
von  Wäldern  vorhanden  sind,  was  die  Heizungsverhältnisse  sehr
vereinfacht.
Wir  sehen  also,  daß  nur  eine  Reihe  von  günstigen  Bedingungen
die  beinahe  monopolistische  Lage  der  südrussischen  Eisenindustrie
bestimmt  hatte  und  ihr  gegenwärtiges  Wachstum  im  Vergleich  mit
den  anderen  eisenproduzierenden  Gebieten  hervorrief.

1  Farmakowski  a.  a.  0.,  S.  15.
2  In  den  baltischen  Häfen  beträgt  gegenwärtig  der  Zoll  für  Eisenerz  10,5Kop.,
für  Koks  2,5  Kop.  und  für  Steinkohle  1,5  Kop.
        <pb n="127" />
        128

Die  russische  Volkswirtschaft  kann  aber  nicht  als  ein  einheitliches
Ganzes  betrachtet  werden,  vielmehr  als  eine  Reihe  von  besonderen
wirtschaftlich  begrenzten  Gebieten  mit  eigenen,  oft  ganz  verschiedenen
Produktions-  und  Absatzverhältnissen.  Bei  der  intensiveren  Ausgestaltung ­
  des  ökonomischen  Lebens  in  Rußland  und  unter  dem
Drucke  der  ökonomischen  Notwendigkeit  werden  auch  die  Produktivkräfte ­
  der  einzelnen  Bezirke  zu  größerer  Entwicklung  gelangen.  Das
wird  seinerseits  die  in  volkswirtschaftlicher  Hinsicht  richtigere  Verteilung ­
  der  Absatzsphäre  der  einzelnen  Eisenindustriegebiete  zur
Folge  haben  und  die  relative  Bedeutung  des  Südens  vermindern.
        <pb n="128" />
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Leitung  „Gornosawodsld  Listok“,  Charkow.
Die  Jahresberichte  (1906  -1908)  der  folgenden  Aktiengesellschaften:  Südrussische
Dnjepr-A-G.,  Brjansk-A.-G.,  Russo  -  Beige-A.-G.,  Donez-Jurjewka-A.-G.,
Taganrog-A.-G.,  Providence-Russe-A.-G.,  Krivoj-Rog-A.-G.,  Torezkoje-A.-G.
und  Hartmann-Maschinenfabrik-A.-G.

Werke  in  deutscher  Sprache.
Beck,  Die  Geschichte  des  Eisens,  Bd.  I—V,  Braunschweig  1890—1903.
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Sartisson,  Beiträge  zur  Geschichte  und  Statistik  des  russischen  Bergbaus  und
Hüttenwesens,  Heidelberg  1900.
Stillich,  Eisen-  und  Stahlindustrie,  Berlin  1904.
Storch,  Historisch-statistisches  Gemälde  von  Rußland,  Leipzig  1803.
Wedding,  Das  Eisenhüttenwesen,  Leipzig  1904.
Wurm,  Stahl  und  Eisen,  1907.

Werke  in  französischer  Sprache.
Cordeweener,  Contribution  ä  l’etude  de  la  crise  industrielle  du  Donez;  Geologie
de  Krivoj-Rog  et  de  Kertsch;  Bruxelles-Paris  1902.
Lauwick,  L’industrie  dans  la  Russie  meridionale,  sa  Situation  son  avenir,
Bruxelles  1907.
Trasenster,  L’industrie  charbonniöre  et  siderurgique  de  la  Russie  Meridionale;
Revue  universelle  de  mines;  Libge  1896,  t.  XXXIV  et  1899,  t.  XLVI.
Statistique  de  la  Belgique:  Tableau  general  du  commerce  avec  les  pays  etrangors;
Bruxelles  1875—90.
Recueil  Consulaire  de  belgique,  1889  et  1904.
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        Lebenslauf.
Geboren  am  7.  Februar  1884  in  Nischni-Nowgorod,  absolvierte
ich,  Maximilian  Sawelieff  (griechisch-katholischer  Konfession)  das
staatliche  Gymnasium  in  meiner  Heimatstadt;  nachher  studierte  ich
an  der  Universität  Moskau  Jura  und  an  den  Universitäten  München
und  Leipzig  Nationalökonomie,  Philosophie  und  Statistik.
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        —  115  —-

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Q-  03
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der  Berücksichtigung  der  sonst  üblichen  Preise
hoch.  Wenn  sie  so  hoch  gehalten
es,  um  den  Export  nach  dem  Auslande  um  25  °/ n

verhältnismäßig
um

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jdneht
s  die  inneren  Marktpreise  sind,  zu  ermöglichen 1 .“  Die
olitik  offenbart  sich  damit  in  voller  Klarheit.  Sie  besteht
ch  schon  früher  berührt  wurde,  in  der  künstlichen  Unterer ­
  Reihe  bestimmter  Kreise  von  Großindustriellen  durch
i  hohen  Preisen.  Dies  geschieht  in  der  Annahme,  daß
3  Produktions-  und  die  Absatzverhältnisse  seiner  Klienten
seinem  Sinne  nötigen  Zwecke  beeinflussen  könne.  Die
«  Eisenbahnmaterial  hat  also  einen  rein  künstlichen
Wenn  wir  aber  verschiedene  künstliche  Mittel  außer
sen,  und  die  Frage  stellen,  ob  die  russische  Eisenindustrie
lisenbahnmaterialexport  einen  festen  Boden  unter  den
so  müssen  wir  die  Frage  verneinen.  Im  günstigsten  Falle
'in  paar  Gesellschaften,  die  besonders  günstige  Produktionshaben, ­
  zeitweilig  die  guten  Konjunkturen  im  Auslande
So  konkurrierten  einige  südrussische  Eisenwerke  im
als  die  Schienenpreise  in  Europa  sehr  hoch  waren,  mit
sen  Erfolg  mit  dem  Weltsyudikat  für  Schienenproduktion,
gar  jetzt  in  dieses  Syndikat  als  Mitglieder  eingetreten  und
des  Gesamtabsatzes  auf  ihren  Anteil  bekommen.  Von
äßigen  Entfaltung  aber  des  Schienenexportes,  wie  auch
..nderer  Eisenbahnartikel  kann  hier  ernstlich  nicht  die
Es  wird  immer  die  wichtigste  Tatsache  bleiben:  je
r  die  Produktion  ist,  um  so  mehr  braucht  sie  qualifizierte
;e  und  Arbeitsprozesse  für  die  Herstellung  dieser  Produkte,
schwieriger  wird  die  Konkurrenz  zwischen  den  relativ
en  organisierten  russischen  Werken  und  den  besser  einausländischen; ­
  dabei  sprechen  wir  noch  gar  nicht  über
Mensein  einer  dazu  notwendigen  Exportorgauisation  und
jhungen  zu  ausländischen  Kunden.
xport  der  übrigen  Marktsorten,  die  wir  erwähnt  hatten,
rkennbare  Bedeutung.  Es  wurden  Mengen  von  Schwellen
idere  Sorten  ausgeführt.  Dann  kommt  Bruch  und  altes
tracht  usw.  Auch  bei  der  Absetzung  von  Marktsortimenten
und  da  eine  Tendenz  zur  Geltung,  deii  Export  auf  Kosten
1  Konsumenten  zu  betreiben.  So  exportiert  man  gerne
Ddukte,  die  auf  dem  inneren  Markte  kartelliert  sind,  und
Preisen,  die  bedeutend  niedriger  als  die  inländischen  sind,
gt  es  auch,  die  Preise  auf  dem  inneren  Markte  hoch  zu  halten,
»satzmärkte  für  die  russischen  Exportprodukte  erscheinen
der  der  Balkanhalbinsel,  ferner  Italien,  Deutschland,

inhaus,  a.  a.  0.,  8.  143.

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