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        <title>Jean Jaurès</title>
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            <forname>Max</forname>
            <surname>Beer</surname>
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p29tfa.jfer  oam  v&amp;amp;o^\CLi-i5lTlufc'xnC£nc(l- Qr ‘&amp;lt;5

19  15
Verlag  der  „Internationalen  Korrespondenz'
&amp;lt;Ä.  Baumeister)  Berlin-Karlshorst.
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        1.  Unser  Verlust.
Der  wahnwitzige  Schuß,  der  den  unvergleichlichen  französischen ­
  Volkstribun  am  31.  Juli  1914  in  Paris  niederstreckte,
erwies  sich  als  das  Vorspiel  zu  der  erschütterndsten  Völkerkatastrophe, ­
  von  der  die  Menschheitsgeschichte  zu  erzählen  weiß.
Der  31.  Juli  1914  —  welch  ein  ominöser  Tag!
Der  Weltfriede,  die  Vernunft,  die  Internationale,  die
Jaurds  auf  seiner  herrlichen  Laufbahn  wie  Sterne  voranleuchteten, ­
  die  er  mit  unwiderstehlicher  Redegewalt,  mit  glühendem ­
  Herzen  und  unerbittlicher  Logik  verteidigte,  wurde  an
jenem  Tage  durch  die  russische  Mobilmachungsorder  zu  Boden
gestoßen:  der  Weltkrieg  mit  seinen  unerhörten  Schrecken  und
beispiellosen  Opfern  nahm  seinen  Anfang.  Der  sozialistische
Staatsmann,  der  für  eine  selbständige,  friedliche  und  würdevolle ­
  äußere  Politik  Frankreichs  eintrat,  der  mit  Seherauge
sein  Vaterland  vor  dem  Revanchegedanken  warnte  und  dessen
Ausnutzung  durch  russische  Abenteurer  und  englische  Diplo
matenschlauheit  befürchtete,  fiel  an  dem  Tage,  wo  seine  Befürchtungen ­
  sich  zu  schicksalsschweren  Tatsachen  verdichteten.
Als  er  wenige  Tage  vor  seinem  Tode  sah,  daß  Frankreich
auf  deni  Sprunge  sei,  sich  in  das  schrecklichste  aller  Abenteuer
zu  werfen,  lehnte  er  den  russisch-französischen  Bündnisvertrag
glatt  ab.  Und  in  seiner  letzten  Friedensrede  in  Brüssel  —  in
seinem  Schwanengesang  vor  der  versammelten  Internationale
—  ries  er  aus:  „Wenn  man  unseren  geheimen  Vertrag  mit
Rußland  anruft,  so  werden  wir  unseren  öffentlichen  Vertrag
mit  der  Menschheit  anrufen!"  Ebenso  war  er  bereit,  dem
englisch-französischen  Einverständnis  den  Rücken  zu  kehren,
sobald  er  sich  überzeugte,  daß  die  Briten  in  ihrem  eigenen
Interesse  die  französische  Armee  gegen  Deutschland  zu  benutzen
versuchten.  In  diesem  Punkte  war  er  sogar  argwöhnischer
als  in  dem  des  russisch-französischen  Bündnisses.
Jaurös,  der  Sendbote  und  Blutzeuge  des  Weltfriedens,
war  kein  Friedensutopist.  Als  realistischer  Politiker  sah  er  die
historischen,  wirtschaftlichen  und  politischen  Gegensätze,  die  die
Nationen  zu  feindlichen  Zusammenstößen  führen  könnten.  Er
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        2

scih  die  Notwendigkeit  der  nationalen  Verteidigung  und  schrieb
eines  der  besten  Bücher  über  die  Herstellung  einer  demokratischen ­
  Armee.  Ebensowenig  schloß  seine  Liebe  zur  Menschheit ­
  die  besondere  Liebe  zu  Frankreich  aus.  Die  Menschheit
war  ihm  keine  amorphe,  nnterschiedslose  Masse,  sondern  ein
Konzert  von  Nationen,  von  denen  jede  das  Recht  hat,  ihre
Eigenschaften  und  Kräfte  im  Licht  der  Freiheit  und  auf  dem
Boden  der  Gleichheit  zu  entfalten.  Dies  ist  das  Gebot  der  Gerechtigkeit. ­
  Dies  war  ihm  der  Sinn  der  französischen
Revolution.  Die  Mittel  zur  Verwirklichung  des  Ideals  der
Gerechtigkeit  bot  ihm  die  sozialistische  Politik,  ohne  die  es  keine
Freiheit,  weder  persönliche  noch  nationale,  geben  kann.  Die
soziale  Gerechtigkeit  war  sein  Leitstern.  In  ihr  erblickte  er  die
notwendige  und  logische  Fortbildung  des  Werkes  der  Männer
von  1789  und  des  Nationalkonvents  —  die  Vollendung  der
französischen  Revolution,  die  für  Jaurüs  die  wichtigste  Tatsache ­
  der  Geschichte  Frankreichs  bildete.  Er  sah  sich  als  der
geistige  Nachkomme  und  Erbe  jener  Männer,  die  die  Ueberreste
  des  Feudalismus,  die  die  Bastille  und  den  Absolutismus
stürzten  und  die  Menschenrechte  proklamierten.  Aber  die
Menschenrechte  bleiben  eine  leere  Form,  ein  Hohn  auf  die
Wirklichkeit,  wenn  sie  nicht  mit  sozialistischem  Inhalt  gefüllt
werden.  Erst  die  Abschaffung  des  Privateigentums  und  die
Einführung  eines  genossenschaftlichen  Gemeinwesens  können
den  Menschenrechten  die  befreiende  Kraft  verleihen.  Als
Franzose,  als  Mann  des  Gedankens  und  der  Tat,  als  geistiger
Nachfolger  Rousseaus,  St.  Justs,  Marats  und  Dantons  warf
sich  Jaurds  mit  aller  Begeisterung  in  die  sozialistische  Agitation
und  stellte  in  deren  Dienst  seine  glänzenden  Gaben,  seine  große
Persönlichkeit  und  sein  enzyklopädisches  Wissen.
2.  Die  Lehrjahre.
Mit  demselben  Rechte  wie  Ferdinand  Lassalle  durfte  Jean
Jaurds  von  sich  sagen,  daß  er  mit  dem  ganzen  Wissen  seines
Jahrhunderts  ausgerüstet  an  die  Untersuchung  der  modernen
gesellschaftlichen  Fragen  herantrat.  In  ihrem  titanenhaften
Ringen  glichen  sich  die  beiden  großen  Sozialisten,  ebenso  in
ihrem  Scharfsinn,  ihrer  Beredsamkeit  und  ihrer  Arbeitskraft.
Aber  Jaurds  stand  gefestigter  und  bodenständiger  als  Lassalle
da.  Er  hatte  nichts  vom  Abenteurer  in  sich,  auch  nichts  des
        <pb n="4" />
        3

Meteorhaften:  Jaurt-s  schien  ganz  natürlich  aus  dem  französischen ­
  Kulturboden  emporgewachsen  zu  sein,  ein  neuer
mächtiger  Zweig  am  Wipfel  eines  festverwurzelten  Baumes.
Die  lange  Kette  nationaler  Ueberlieferungen,  die  gleichmäßigere ­
  Entwickelung  und  normalere  Erziehung,  die  wundervolle ­
  Harmonie  der  geistigen  und  körperlichen  Kräfte,  das
Aufgehen  in  der  französischen  Geschichte  verliehen  dem  Franzosen ­
  eine  Charakterfestigkeit  und  eine  säst  bäuerliche  Zähigkeit, ­
  die  ihn  vor  Abwegen  schützten  und  in  allen  Erschütterungen
und  Stürmen  nicht  das  Ziel  aus  dem  Auge  verlieren  ließen.
Jaurös  wurde  am  3.  September  1859  in  Castres,
Languedoc,  geboren  —  in  jener  merkwürdigen  Provinz  Südfrankreichs, ­
  die  so  viele  Ketzer,  Freidenker  und  Gelehrte  hervorbrachte. ­
  Languedoc  besaß  im  Mittelalter  freie  Handelsstädte; ­
  dort  waren  die  Albigenser  zu  Hause;  im  18.  und
19.  Jahrhundert  gab  diese  Provinz  den  Franzosen  so  berühmte
Männer  wie  Lafayette,  Guizot  und  August  Comte.  Die
Familie  Jaurös  gehört  der  Mittelklasse  an;  eines  ihrer  Mitglieder ­
  war  Constans  Jaurös  (gest.  1889),  Admiral  und  Botschafter ­
  in  Madrid  und  St.  Petersburg.  Die  Eltern  von  Jean
Jaurös  waren  nicht  wohlhabend,  und  nur  dem  finanziellen
Beistände  des  Schulinspektors  Felix  Deltour  war  es  zu  verdanken, ­
  daß  Jean  höhere  Unterrichtsanstalten  besuchen  konnte.
Schon  als  Gymnasiast  zeichnete  er  sich  durch  große  Beredsamkeit ­
  aus,  wobei  ihm  ein  außerordentlich  scharfes  Gedächtnis
zu  Hilfe  kam.  Im  Jahre  1881  absolvierte  er  die  Ecole
Normale  in  Paris,  und  zwei  Jahre  später  war  er  Professor
der  Philosophie  an  der  Universität  von  Toulouse.  Im  Jahre
1885  begann  seine  politische  Laufbahn.  Er  wurde  in  die
Kammer  gewählt,  übersiedelte  nach  Paris,  wo  er  gleichzeitig
seine  philosophischen  Studien  fortsetzte  und  mit  der  sozialistischen ­
  Gedankenwelt  Fühlung  nahm.  Die  Früchte  dieser
Arbeiten  liegen  in  zwei  Schriften  aus  dem  Jahre  1891  vor.
Eine  —  in  französischer  Sprache  geschrieben  —  behandelt  die
Realität  der  sinnlich  wahrnehmbaren  Welt;  die  andere  —  in
lateinischer  Sprache  —  beschäftigt  sich  mit  dem  Ursprung  des
deutschen  Sozialismus.  Jaures,  dessen  geistige  Väter  Plato,
Spinoza  und  Kant  sind,  bringt  die  deutsche  Sozialdemokratie
nicht  mit  dem  Materialismus  der  Links-Hegelianer  in  Verbindung, ­
  sondern  läßt  ihn  aus  dem  deutschen  Idealismus  her-
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        4

vorgehen.  Der  Stammbaum  des  deutschen  Sozialismus  gehe
zurück  auf  Luther,  Kant,  Fichte  und  Hegel.  Die  Ereignisse
fließen  aus  den  Ideen,  die  Geschichte  hängt  von  der  Philosophie
ab.  Auf  den  ersten  Blick  würde  man  annehmen,  daß  der
Sozialismus  besonders  in  England  geblüht  haben  müßte,  da
doch  in  diesem  Lande  die  moderne  Wirtschaftsweise  am  unverschämtesten ­
  und  am  frühesten  sich  entfaltete.  In  England  hätte
nmn  den  wirtschaftlichen  Prozeß  am  leichtesten  erfassen  und
ihn  darstellen  müssen.  Aber  wer  hat  ihn  erfaßt?  Kein  englischer ­
  Philosoph,  sondern  ein  Deutscher,  der  in  England
wohnte:  Karl  Marx.  Wäre  Marx'  Geist  nicht  von  der
Hegelschen  Dialektik  durchdrungen  gewesen,  dann  würde  er
den  dialektischen  Prozeß,  den  das  Wirtschaftsleben  vom
Kapitalismus  zum  Sozialismus  durchmacht,  nicht  erfaßt  haben.
England  lieferte  die  Tatsachen,  die  deutsche  Philosophie  das
geistige  System:  Der  Sozialismus  wurde  im  deutschen  Geiste
geboren,  noch  ehe  die  Großindustrie  ihren  Höhegrad  erreicht
hatte  und  ehe  die  Elemente  der  neuen,  werdenden  Gesellschaft
entwickelt  waren.  Studiert  man  den  deutschen  Sozialismus,
so  findet  man  darin  eine  Philosophie  eingeschlossen.  Sie
nimmt  an,  daß  Geschichte  und  Wirtschaft  sich  in  einem  dialektischen ­
  Prozeß  befinden,  der  die  Form  der  Dinge  verändert.
Sie  definiert  die,  Freiheit  nicht  als  die  abstrakte  Fähigkeit  der
Menschen,  zwischen  entgegengesetzten  Möglichkeiten  zu  wählen
oder  als  die  Unabhängigkeit  des  Bürgers  als  Einzelmenschen,
sondern  als  die  wirkliche  Grundlage  der  Gleichheit  und  Gemeinschaftlichkeit ­
  der  Menschen.  Die  Philosophie  des  deutschen
Sozialismus  ist  also  eine  Lehre  vom  allgemeinen  Werden,
vom  Wachsen  der  gesellschaftlichen  Freiheit,  von  der  Entwickelung ­
  des  Universums.
Es  vergingen  jedoch  noch  zweiJahre,  eheIaurss  öffentlich  sein
sozialistisches  Bekenntnis  ablegte  und  sich  der  Bewegung  anschloß.
3.  Die  sozialistische  Auffassung.
Der  Ausgangspunkt  der  sozialistischen  Auffassung  van
Jaurbs  erinnert  lebhaft  an  den  des  Kommunismus  von  Plato.
Der  unsterbliche  Grieche  wurde  vor  allem  zu  seinen  kommunistischen ­
  Gedanken  und  Plänen  angeregt  durch  den  Anblick ­
  seines  zerklüfteten  unst  uneinigen  Vaterlandes.  Als
Staatsmann,  als  Patriot  und  nicht  als  Klassenkämpfer  trat
        <pb n="6" />
        5

er  an  die  gesellschaftlichen  Probleme  heran.  Zerklüftung,  Uneinigkeit ­
  sind  ein  Uebel.  Sie  sind  auch  die  deutlichsten  Anzeichen ­
  herrschender  Ungerechtigkeit  und  der  inneren  Schwäche.
Ein  derartiger  Staat  kann  nicht  andauern.  Wie  ist  also  dem
Uebel  abzuhelfen?  Wie  sind  Harmonie,  Einheitlichkeit  und
innerer  Friede  herzustellen,  um  den  Staat  stark  zu  machen  und
ihn  kräftig  und  tüchtig  zu  erhalten?  Plato  antwortet  in  seinem
Werke  „Politeia"  (Das  Staatswesen),  daß  dieses  Ziel  nur
durch  den  Kommunismus  zu  erreichen  sei.
Bei  Jauräs  waren  diese  Empfindungen  und  Gedanken
noch  lebhafter  als  bei  Plato.  Durchdrungen  von  der  Idee  der
Einheit  des  Seins,  des  Zusammenwirkens  der  Entwickelungskräfte, ­
  begeistert  für  die  Größe  und  für  das  Glück  seines
Vaterlandes,  versenkte  sich  Jaurüs  in  die  Geschichte  seiner
Nation,  besonders  aber  der  französischen  Revolution  und  sah
die  ungeheuren  Anstrengungen  zur  Herstellung  der  nationalen
Harmonie  und  sozialen  Gerechtigkeit:  der  Freiheit,  Gleichheit
und  Brüderlichkeit.  Dennoch  war  Frankreich  zerklüftet:  voll
von  Gegensätzen  und  Streitigkeiten!  Disharmonie  und  Kampf
bedeuteten  für  ihn  —  wie  für  seinen  griechischen  Vorgänger  —
Ungerechtigkeit  und  Schwäche.  Wie  soll  seine  Nation  zu
sozialer  Gesundheit  und  Gerechtigkeit  gelangen?  Jauräs  stellte
sich  diese  Frage,  ebenso  wie  Plato  sie  gestellt  hatte,  und  antwortete: ­
  Durch  den  Sozialismus  wird  die  nationale  und
internationale  Harmonie  hergestellt  werden.
Im  Jahre  1893,  nachdem  seine  Ueberzeugung  genügende
Festigkeit  angenommen  hatte,  legte  er  sein  sozialistisches  Bekenntnis ­
  in  der  französischen  Kammer  etwa  wie  folgt  ab:  Die
Republikaner  beklagen  sich,  daß  Agitatoren  die  Volksmassen
aufhetzten  und  die  soziale  Revolution  herausbeschwörten.
Nein!  Die  Agitatoren  sind  nicht  die  Urheber  dieser  Bewegung.
Wahr  ist  dagegen,  rief  er  den  Republikanern  zu,  daß  diese
ganze  Bewegung  aus  den  Tiefen  der  Dinge  hervorgeht.  In
Frankreich  —  in  unserem  republikanischen  Frankreich  —  ist
die  sozialistische  Bewegung  einerseits  aus  der  Republik  hervorgegangen, ­
  andererseits  aus  der  Wirtfchaftsotdnung,  die  sich
in  unserem  Lande  seit  einem  halben  Jahrhundert  entwickelt.
Sie,  meine  Herren  Republikaner,  haben  die  Republik  gegründet ­
  —  das  ist  Ihre  Ehre;  Sie  haben  sie  unangreifbar  und
unzerstörbar  gemacht,  aber  Sie  haben  gleichzeitig  einen  un-
        <pb n="7" />
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erträglichen  Widerspruch  zwischen  der  politischen  und  wirtschnftlichen
  Ordnung  geschaffen.  In  der  Politik  ist  die  Nation
selbstherrlich,  und  sie  hat  alle  Adelsherrschaft  der  Vergangenheit ­
  zerbrochen.  In  der  Wirtschaft  aber  haben  Sie  die  Nation
unter  eine  neue  Adelsherrschaft  gestellt.  Durch  das  allgemeine
Wahlrecht,  durch  die  Herstellung  der  nationalen  Selbstherrlichkeit, ­
  die  ihren  endgültigen  und  logischen  Ausdruck  in  der
Republik  findet,  haben  Sie  aus  den  Bürgern  —  also  auch  aus
den  proletarischen  Bürgern  —  eine  Versammlung  von  Königen
gemacht:  Es  sind  die  Bürger  und  ihr  souveräner  Wille,  aus
denen  die  Gesetze  und  die  Regierung  hervorgehen;  sie  sind  es,
die  die  Abgeordneten,  die  Gesetzgeber  und  die  Minister  absetzen ­
  und  an  deren  Stelle  neue  berufen  können;  aber  im  selben
Augenblick,  als  der  proletarische  Bürger  seinen  souveränen
Willen  auf  politischem  Gebiete  kundgibt  und  den  Ministern
die  Macht  aus  den  Händen  schlägt,  kann  er  selber  aus  Arbeit
und  Brot  gejagt  und  mittellos  aufs  Pflaster  geworfen  werden.
Sein  politischer  Wille  ist  so  souverän  wie  der  Ludwigs  XIV.  es
einst  war,  aber  seine  wirtschaftliche  Existenz  ist  von  der  eines
Sklaven  nicht  weit  entfernt.  Souverän  im  Parlament,  Sklave
in  der  Fabrik!  Er  zahlt  zwar  keine  Zivilliste  von  einigen
Millionen  an  irgendeinen  Monarchen,  aber  er  zahlt  eine
Zivilliste  von  Milliarden  an  die  kapitalistischen  Herrscher,  die
die  Souveränität  über  die  nationale  Arbeit  ausüben.  Dieser
fundamentale  Widerspruch  der  gegenwärtigen  Gesellschaft  kann
nur  durch  den  Sozialismus  gelöst  werden.  Die  politische
Republik  muß  durch  die  soziale  Republik  vervollständigt
werden  oder:  die  politische  Demokratie  durch  die  industrielle
Demokratie.  Die  Nation,  die  ihr  politisches  Leben  souverän
beherrscht,  muß  auch  ihr  wirtschaftliches  Leben  souverän  beherrschen ­
  können.  So  geht  der  Sozialismus  logisch  aus  der
Republik  hervor.  Ja,  die  Republik  wird  bedroht  und  ihre
Existenz  gefährdet  fein,  solange  der  Kapitalismus  andauert.
Der  Widerspruch,  der  in  ihr  steckt,  wird  sie  nie  zur  Ruhe
kommen  lassen.  Erst  durch  die  Verwirklichung  des  Sozialismus
wird  die  Republik  vervollständigt  werden  und  unzerstörbar
sein.  Erst  dann  wird  sie  uns  die  gesellschaftliche  Harmonie  und
den  inneren  Frieden  bringen.
Für  seine  Grundauffassung,  daß  der  Sozialismus  die
logische  Folge  der  demokratischen  Republik  sei,  ist  noch  eine
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        Unterredung  charakteristisch,  die  Jaurds  mit  dem  bekannten
französischen  Staatsmann  Jules  Ferry  hatte.  Jauräs  fragte
ihn  einst:  „Was  ist  das  Ideal  Ihrer  Politik?  Was  ist  das  Ziel,
zu  dem  Sie  die  französische  Nation  führen  möchten?"  „Oh,
lassen  wir  das,"  antwortete  Ferry,  „eine  Regierung  ist  keine
Zukunftstrompete."  „Aber  Sie  sind  schließlich  kein  Empiriker;
Sie  haben  doch  eine  Weltanschauung;  was  ist  also  Ihr  Ziel?"
Ferry  dachte  ein  wenig  nach,  um  die  entsprechendste  Foriyel
für  seine  Gedanken  zu  finden:  „Mein  Ziel  ist,"  sagte  er,  „die
Menschheit  so  zu  organisieren,  daß  sie  ohne  Gott  und  ohne
Könige  leben  kann."  Jauräs  aber  fügte  hinzu:  „Und  ohne
Unternehmer."  Das  Ideal  Ferrys  war  eine  bürgerliche
Republik  mit  weltlicher  Schule.  Er  blieb  an  der  Schwelle  des
sozialen  Problems  stehen.  Jaurös  aber  überschritt  sie  und  trat
in  die  sozialistische  Bewegung  ein.
4.  Soziale  Revolution,  Sozialreform  und
Arbeiterklasse.
Als  Iaurds  in  die  sozialistische  Bewegung  eintrat,  war  der
französische  Sozialismus  gespalten,  in  Parteiungen  zerrissen
und  von  der  öffentlichen  Meinung  wenig  beachtet.  Seine  Persönlichkeit ­
  verschaffte  ihm  sofort  eine  führende  Stellung  und
machte  ihn  zum  Mittelpunkt  einer  neuen  sozialistischen  Gruppe.
Sein  Bestreben  war  es  jedoch,  die  verschiedenen  sozialistischen
und  einander  befehdenden  Parteiungen  und  Richtungen  zu
einer  einheitlichen  großen  Partei  zusammenzubringen.  Jni
Jahre  1897  seßte  er  seine  Einheitsgedanke»  wie  folgt  auseinander: ­

„Unsere  unmittelbare  Aufgabe  ist  die  Herstellung  einer
einheitlichen  sozialistischen  Partei.  Es  handelt  sich  nicht  um  eine
despotische  und  tote  Einigkeit:  die  verschiedenen  sozialistischen
Organisationen  können  und  sollen  weiter  existieren,  aber  sie
müssen  iinstande  sein,  über  ihre  gemeinschaftlichen  Aktionen  in
freundschaftlicher  Weise  zu  beraten  und  zu  beschließen.  Alle
haben  wir  dasselbe  Ideal,  wenn  wir  auch  über  unsere  Kampfmethoden ­
  nicht  einig  find.  Es  macht  nichts,  daß  manche  mehr
an  die  Kraft  des  allgemeinen  Wahlrechts  glauben,  während
andere  die  Notwendigkeit  der  wirtschaftlichen  Aktion  besonders
hervorheben.  Es  gibt  keinen  unter  uns,  der  den  Wahlkampf
        <pb n="9" />
        8

verurteilt,  ebensowenig  wie  es  unter  uns  Leute  gibt,  die  den
geschichtlichen  Prozeß  aufhalten  und  den  Sozialismus  in  die
Wahlurne  einsperren  möchten.  Die  Ersetzung  des  Sondereigentums ­
  durch  das  Gemeinschaftseigentum  ist  eine  viel  zu
tiefe  Umwälzung  und  setzt  so  viele  entgegengesetzte  Leidenschaften, ­
  so  viele  Hoffnungen  und  Befürchtungen  in  Bewegung,
daß  es  keinem  gestattet  sein  darf,  dem  Proletariat  den  Weg
vo.rzuschreiben,  den  es  zu  seiner  Befreiung  zu  durchlaufen  hat.
Die  Hauptsache  ist,  daß  jeder  entschlossen  bleibt,  alle  Kräfte,
die  die  neue  Ordnung  vorbereiten,  in  den  Dienst  des  Sozialismus ­
  zu  stellen.  Alle,  die  in  den  wirtschaftlichen  Organisationen ­
  wirken,  die  Gewerkschaften  gründen  und  leiten,  die
Genossenschaften  fördern,  die  in  den  Gemeinden  und  in  der
Gesetzgebung  tätig  sind,  die  im  parlamentarischen  Kampfe
dem  Feinde  begegnen  und  innerhalb  der  Festung,  wo  der
Feind  seine  Waffe  schmiedet,  das  rote  Banner  aufrollen  —
alle  sind  sie  Soldaten  einer  Armee,  Mitkämpfer  desselben
Kampfes  und  Brüder  in  derselben  Hoffnung."
Bei  der  Eigenart  seiner  sozialistischen  Auffassung,  die  so
ganz  auf  dem  Boden  der  französischen  Geschichte  stand  und
positive  Reformarbeit  mit  rein  demokratischen  Mitteln  verlangte, ­
  mußte  Jauräs  bald  auf  die  Gegnerschaft  Guesdes  und
Vaillants  stoßen.  Guesde  mit  seiner  starren  Klassenkampftheorie, ­
  die  die  Gesellschaft  in  zwei  Lager  teilt,  zwischen  denen
kein  anderes  Verhältnis  möglich  ist  als  das  des  Krieges:
Guesde  mit  seiner  Geringschätzung  der  Demokratie  und  seiner
Unklarheit  über  den  Wert  und  Unwert  der  Sozialreform:
Vaillant  mit  seinen  blanquistischen  Ueberlieferungen  und
seinem  Glauben  an  die  wundertätige  Kraft  der  insurrektionellen
  Ueberrumpelung  der  Bourgeoisie  —  diese  beiden  alten
Führer  mit  internationalen  und  proletarischen  Ueberlieferungen ­
  mußten  dem  Neuankömmling  mit  Mißtrauen  begegnen. ­
  Hinzu  gesellte  sich  Lafargue,  der  wissenschaftliche
Berater  Guesdes  und  der  strammste  und  folgerichtigste
Materialist,  bei  dem  es  in  der  Welt  nichts  gab  als  Oekonomie:
ihm  mußte  der  ganze  Idealismus  von  Iaurös  als  ein  erbärmlicher ­
  Rückfall  in  das  bürgerliche  Denken  erscheinen.  Jauräs
war  bald  gezwungen,  sich  mit  ihnen  auseinanderzusetzen  und
ihren  Auffassungen  seine  eigene  entgegenzustellen.  Diese  Auseinandersetzungen ­
  zwangen  ihn  aber  auch,  sich  mit  der
        <pb n="10" />
        9

marxistischen  Literatur  bekanntzumachen  und  in  die  Gedankenwelt ­
  des  modernen,  von  Marx  beherrschten  Sozialismus
einzudringen.
Nach  Jauri-s  ist  die  soziale  Revolution  kein  in  der  Zukunst
liegendes  Ereignis,  kein  katastrophaler  Zusammenbruch,
sondern  ein  schon  jetzt  von  Tag  zu  Tag  sich  vollziehender
Prozeß,  den  die  Sozialisten  durch  ihre  Reforintätigkeit  im
Parlament  leiten  und  beschleunigen  könnten,  besonders  aber
in  einer  demokratischen  Republik.  Guesde  gegenüber  sagte  er,
die  Reformen  seien  kein  einfaches  Linderungsmittel,  das  nur
den  Schmerz  erleichterte,  ohne  das  Uebel  zu  entwurzeln,  sondern
ein  Angriff  auf  die  kapitalistische  Wirtschaftsordnung.  Werden
die  Reformen  vom  sozialistischen  Ziel  beherrscht,  schränken  sie
das  Privateigentum  ein,  wirken  sie  für  die  Ausdehnung  der
Macht  des  Gesamtvolkes  über  die  Gütererzeugungsmittcl,
ballen  sie  die  industrielle  Demokratie  aus,  so  müssen  sie  die
soziale  Revolution  fördern.  Sozialismus  ist  kein  fernes  Ziel,
sondern  Tagespolitik  der  sozialistischen  Partei  zum  Zwecke
der  Beseitigung  des  Aondereigentums  und  seiner  Gesetze.  Es
ist  deshalb  falsch,  die  Reformen  gering  zu  schätzen  und  die
Massen  nur  auf  die  Revolution  hinzuweisen.  Gewiß  erleiden
die  sozialen  Reformen,  solange  die  kapitalistische  Gesellschaft
noch  besteht,  eine  gewisse  Ablenkung  und  Schwächung  durch
den  Druck,  den  die  kapitalistischen  Elemente  auf  die  Gesetzgebung ­
  und  Verwaltung  noch  ausüben  und  durch  den  Widerstand, ­
  den  sie  den  Sozialisten  entgegensetzen.  Aber  die  Zeit
muß  kommen,  wo  diese  Reformen  kraft  ihrer  Zahl  und  ihres
aufgehäuften,  allseitigen  Wirkens  einen  zersetzenden  Einfluß
auf  die  alte  Gesellschaft  und  einen  befreienden  Einfluß  auf  die
Elemente  der  neuen  Gesellschaft  ausüben  müssen.  Guesde
wird  nie  die  Mehrheit  der  französischen  Proletarier  und  Sozialisten ­
  gewinnen,  da  er  sich  über  die  Bedeutung  der  Reformen
unklar  ist.  Dein  Drängen  der  Arbeiter  nachgebend,  mußte  er
seinem  Programm  eine  Liste  von  Reformen  anhängen,  die
er  in  seinem  Herzen  mißachtet  oder  gar  als  schädlich,  als  den
Kiaffenkainpf  schwächend,  betrachtet.  Ebenso  falsch  ist  seine
einseitige  Auffassung  der  Klassenkampflehre,  die  ihn  die  Nichtsozialisten ­
  als  eine  einheitliche  reaktionäre  Masse  verurteilen
läßt.  Er  unterscheidet  nicht  zwischen  Republikanern  und  Monarchisten, ­
  zwischen  Demokraten  und  Feinden  der  politischen
2»
        <pb n="11" />
        10

Volksherrschaft,  zwischen  Freidenkern  und  kirchlich  Gläubigen
—  alle  werden  sie  über  einen  Kamm  geschoren  und  zu  Feinden
der  Arbeiter  gestempelt.  Wie  ist  unter  solchen  Umständen  eine
erfolgreiche  parlamentarische  Politik  der  Sozialisten  möglich?
Das  Parlament  einer  demokratischen  Republik  ist  doch  keine
bloße  Agitationstribüne,  sondern  eine  Werkstatt  für  eine  fortschreitende ­
  Erneuerung  der  Gesellschaft.
Vaillant  gegenüber  wies  Jaurös  nach,  daß  der  Blanquismus
  nur  entstehen  konnte  in  einer  schlecht  organisierten
undemokratischen  Gesellschaft,  in  der  die  Revolutionären  einerseits ­
  keine  Möglichkeit  sahen,  auf  friedlichem  Wege  zu  ihrem
Ziele  zu  gelangen,  andererseits  glaubten,  durch  eine  entschlossene ­
  und  stramm  organisierte  Minderheit  die  ahnungslose
herrschende  Clique  über  den  Haufen  werfen  zu  können.  Die
französische  Republik,  wie  sie  in  den  letzten  Jahrzehnten  des
19.  Jahrhunderts  entstand,  bietet  aber  einerseits  die  Möglichkeit ­
  eines  friedlichen  sozialrevolutionären  Wirkens,  andererseits ­
  zu  stark  organisiert  ist,  um  durch  eine  Minderheit  erobert
werden  zu  können.  Uebrigens  fei  die  Gewalt  keine  schöpferische
Kraft.  Die  wirkliche  Entwickelung  vollzieht  sich  im  stillen  und
Schritt  für  Schritt;  die  Revolution  ist  nur  die  Summe  der
durch  die  Entwickelung  hervorgebrachten  Aenderungen.  —
Es  dürfte  nunmehr  klar  fein,  daß  Jaurtzs  sich  für  eine  Teilnahme ­
  der  Sozialisten  an  einer  bürgerlich-demokratischen  Regierung ­
  aussprechen  mußte.  Er  kannte  keine  schroffen,  unüberbrückbaren ­
  Gegensätze.  Seine  Idee  der  Entwickelung  war
eine  lange,  ununterbrochene  Kette  ineinander  übergehender
Phasen  —  ein  ewiges  Werden  und  Vergehen,  das  keine  gewaltsamen ­
  Sprünge  kennt.  Der  menschheitsgeschichtliche
Prozeß  erzeugt  nur  Widersprüche,  die  vom  menschlichen  Geiste
zu  lösen  sind.  Einen  derartigen  Widerspruch  bildet  die  politische
Herrschaft  der  Franzosen  und  die  wirtschaftliche  Unfreiheit  des
französischen  Arbeiters.  Diesen  Widerspruch  aufzuheben  und
die  politische  Volksherrschaft  durch  die  wirtschaftliche  Volksherrschaft ­
  —  durch  den  Sozialismus  —  zu  vervollständigen,
ist  die  Aufgabe  der  Arbeiterklasse.  Sie  zu  Sozialisten  zu
machen,  sie  zu  organisieren,  sie  zu  erziehen  und  zum  Bewußtsein ­
  ihrer  geschichtlichen  Ausgaben  zu  bringen,  ist  die  Pflicht
der  Sozialisten.  Am  reifsten  für  diese  Aufgabe  sind  die  gewerkschaftlich ­
  organisierten  Arbeiter,  die,  obwohl  sie  äußerlich  nur
        <pb n="12" />
        11

für  eine  Verbesserung  ihrer  Lage  kämpfen,  doch  im  Grunde
die  wirtschaftliche  Demokratie  vorbereiten,  indem  sie  ihren
Einfluß  in  den  Werkstätten,  Fabriken  und  Minen  geltend  zu
machen  suchen  und  der  kapitalistischen  Oligarchie  Zügel  anlegen.
Man  wird  nun  auch  begreifen,  warum  Jaurös  dem
Syndikalismus  gegenüber  eine  sympathischere  Haltung  einnahm ­
  als  Jules  Guesde.  Jaurös  sah  in  der  syndikalistischen
Bewegung  ein  Streben,  wenn  auch  noch  ein  überschwängliches,
mystisches  Streben  nach  der  wirtschaftlichen  Volksherrschaft  —
nach  der  industriellen  Demokratie.  Er  öffnete  die  „Humanitö"
den  syndikalistischen  Schriftstellern,  und  trotz  der  maßlosen
Beschimpfungen,  mit  denen  die  Denker  des  Syndikalismus  ihn
überhäuften  sowie  trotz  des  Mißfallens  der  Guesdisten  über
das  „Liebäugeln"  der  „Humanitö"  mit  den  Syndikalisten,  ließ
Jauras  den  Draht  zwischen  dem  parlamentarischen  und  antiparlamentarischen ­
  Sozialismus  nicht  unterbrechen.  Er  zeigte
hierdurch  ein  viel  besseres  Verständnis  für  die  Bedeutung  des
Klassenkampfes  als  Guesde  und  dessen  Anhänger,  die  die
Klassenkampfidee  zu  einem  Dogma  verknöchert  haben.
5.  Die  äußere  Politik.
Wie  die  meisten  gebildeten  Franzosen  beschäftigte  sich  auch
Jaurös  mit  der  äußeren  Politik.  Die  Bearbeitung  des  Gebietes ­
  der  auswärtigen  Politik  ist  in  Frankreich  überhaupt
sorgfältiger  als  in  irgendeinem  anderen  Lande.  Man  darf
für  diesen  Umstand  drei  Gründe  anführen.  Erstens  ist  die
Sprache  der  Diplomatie  französisch.  Dann  zeigt  die  französische ­
  Geschichte  eine  über  viele  Jahrhunderte  sich  hinziehende
ununterbrochene  Kette  von  diplomatischen  Ereignissen,  die
jeden  denkenden  Franzosen  zu  einem  Studium  der  internationalen ­
  Beziehungen  anregen  mußte.  Schließlich  hat  der  Krieg
des  Jahres  1870/71  eine  politische  Erbschaft  hinterlassen,  die
die  Aufmerksamkeit  der  Franzosen  auf  internationale  Bündnisse, ­
  Einverständnisse,  Streitigkeiten  und  Verschiebungen  —
kurz,  auf  diplomatische  Vorgänge  —  lenken  mußte.  Ob  man
in  Frankreich  von  der  „Revanche"  sprach  oder  schwieg,  für
oder  wider  sie  Stellung  nahm,  jedenfalls  bildete  sie  einen  der
Hauptgedanken  der  Franzosen  in  den  letzten  vier  Jahrzehnten.
Als  der  Frankfurter  Friede  abgeschlossen  wurde,  war  Jauri-.s
        <pb n="13" />
        12

zwölf  Jahre  alt  und  konnte  sich  damals  keine  klare  Rechenschaft ­
  über  das  Geschehene  ablegen.  Aber  während  seiner
Studentenjahrs  konnte  er  nicht  umhin,  an  den  Anstrengungen
feiner  Nation,  die  Wunden  zu  heilen  und  die  Republik  aufzubauen, ­
  lebhaften  geistigen  Anteil  zu  nehmen.  Sein  Eintritt
ins  Parlament  und  feine  Bekehrung  zum  Sozialismus,  die
ihn  in  enge  Beziehungen  zu  nationalen  und  internationalen
Fragen  brachten,  haben  sein  Interesse  an  der  auswärtigen
Politik  nur  noch  verstärkt.  Hinzu  kam  in  den  letzten  Jahren
sein  freundschaftliches  und  kollegiales  Verhältnis  zu  Francis
de  PressenfL  Letzterer  war  für  die  diplomatische  Laufbahn
bestimmt,  wirkte  einige  Zeit  in  Konstantinopel  und  London,
wurde  sodann  Redakteur  der  auswärtigen  Politik  am
„Temps",  beschäftigte  sich  aber  auch  viel  mit  sozialen  Fragen
und  schrieb  eine  Biographie  des  bekannten  sozialpolitischen
Kardinals  Manning.  Während  der  Dreifus-Affäre  schloß  er
sich  dem  Sozialismus  an  und  wurde  zum  Mitstreiter  vou
Jaurös.  Pressensü,  einer  der  edelsten  und  gebildetsten  Franzosen ­
  seiner  Zeit,  betrachtete  das  Bündnis  mit  Rußland  als
ein  notwendiges  Uebel,  da  es  immerhin  zur  Aufrechterhaltung
des  europäischen  Friedens  diente;  hingegen  war  er  gegen  das
englisch-französische  Einverständnis  sehr  mißtrauisch,  besonders
gegen  die  Rolle  Delcassös.  Er  war  geradezu  überzeugt,  daß
das  englisch-französisch-russische  Einverständnis  zu  einem  europäischen ­
  Kriege  führen  müßte,  wenn  die  französische  Nation
dem  Spiele  Delcassös  kein  Ende  bereitete.  Presfensa  starb  im
Frühjahr  1914  —  wenige  Monate  vor  dem  Ausbruch  des
Kriegs,  dem  er  in  jahrelangen  Bemühungen  vorzubeugen
suchte.
Unter  diesen  Einflüssen  entstanden  Jaurös'  Ansichten  über
die  auswärtige  Politik  seines  Vaterlandes  und  über  die  lausenden ­
  weltpolitischen  Fragen.
Jaurös  billigte  von  Anfang  an  das  Bündnis  mit  Rußland.
Nur  verlangte  er,  daß  es  einzig  und  allein  zur  Verteidigung
abgeschlossen  und  aufrechterhalten  wird.  Angriffspläne  müßte
der  Bündnisvertrag  völlig  ausschließen.  Nur  e  i  n  Interesse
vereinigt  Frankreich  mit  Rußland:  sich  gegen  einen  deutschösterreichischen
  Angriff  zu  schützen.  Der  Zweibund  bildet  ein
Gegengewicht  gegen  den  Dreibund.  Er  kann  aber  nur  dann
seinen!  Charakter  treu  bleiben,  wenn  Frankreich  sich  nicht  zuni
        <pb n="14" />
        13

Vasallen  Rußlands  erniedrigt,  wenn  es  gegenüber  den  überschwänglichen ­
  Bestrebungen  der  russischen  Diplomatie  seine
eigenen  Interessen  wahrt  und  seine  nationale  Würde  nicht
vergißt.  Sobald  Frankreich  aber  zum  Diener  der  russischen
Diplomatie  wird,  sobald  es  sich  in  ihre  Hörigkeit  begibt,  verliert ­
  der  Zweibund  seinen  Friedenscharakter  und  verwandelt
sich  in  ein  Kriegswerkzeug.  Geschieht  dies,  so  ist  es  die  Pflicht
der  Demokratie,  den  Zweibund  zu  bekämpfen.
Ueberhaupt  kann  Frankreich  nur  gedeihen,  wenn  es  aufrichtige ­
  Friedensliebe  mit  militärischer  Stärke  vereinigt.  Das
Einverständnis  mit  England  darf  unter  keinen  Umständen
dazu  dienen,  den  englisch-deutschen  Gegensatz  zu  verschärfen
und  ihn  auf  die  Spitze  zu  treiben.  Die  neu  entstandene  englisch-französische ­
  Freundschaft  sollte  vielmehr  den  Franzosen
eine  weltgeschichtliche  Gelegenheit  sein,  den  Frieden  in  Europa
zu  fördern  und  Deutschland  und  England  näher  aneinander
zu  bringen,  um  hierdurch  die  weiseste  auswärtige  Politik  anzubahnen ­
  und  ein  englisch-französisch-deutsches  Bündnis  herbeizuführen. ­
  Ein  derartiges  Bündnis  würde  den  Weltfrieden
sichern  und  aufrechterhalten.  Das  war  schon  das  Ideal
Mirabeaus.  Am  Vorabend  der  französischen  Revolution
schrieb  er:  „An  dem  Tage,  an  welchem  Preußen,  England  und
Frankreich  zu  einem  Einverständnis  und  zum  Frieden  gelangen, ­
  wird  sich  auch  die  segensreichste  Revolution  vollziehen,
die  die  Menschen  je  gekannt  haben."
Dieser  Gedanke  Mirabeaus  ist  heute  noch  richtiger  als  je
zuvor.  Er  ist  auch  ausführbar.  Der  wirtschaftliche  Wettbewerb ­
  zwischen  England  und  Deutschland  ist  wohl  scharf,
aber  er  muß  nicht  notwendigerweise  zu  einem  Kriege  führen.
Ein  Krieg  wird  für  keines  der  beiden  Reiche  die  Lösung
bringen.  Es  ist  unmöglich,  die  große  Ausdehnungskraft  Englands ­
  zu  vernichten,  ebenso  wie  es  unmöglich  ist,  die  methodische ­
  Kraft  der  Produktion  des  volkreichen  und  gelehrten
Deutschlands  zu  vernichten.  Uebrigens:  ein  Sieg  einer  dieser
Nationen  über  die  andere  würde  gegen  den  Sieger  eine  so
mächtige  feindliche  Koalition  entstehen  lassen,  daß  er  seines
Sieges  nicht  wird  froh  werden  können.  Der  größte  Dienst,
den  Frankreich  der  Zivilisation,  dem  Frieden,  der  sozialen
Gerechtigkeit  leisten  könnte,  würde  vor  allem  in  dem  Bemühen ­
  bestehen,  den  deutsch-englischen  Gegensatz  zu  mildern
        <pb n="15" />
        14

und  die  Mißverständnisse,  die  die  deutsch-englischen  Beziehungen ­
  vergiften,  aufzuklären  und  zu  beseitigen.  Es  ist  das
Verbrechen  Delcafsäs,  diese  der  französischen  Nation  würdige
Rolle  verpfuscht  zu  haben.  Durch  seinen  maßlosen  Ehrgeiz
und  seine  hinterlistigen  Machinationen  hat  er  dem  englischfranzösischen ­
  Einverständnis  eine  gegen  Deutschland  gerichtete
Spitze  zu  geben  versucht.  Vor  einigen  Jahren  meinte  Jauräs
jedoch,  es  sei  noch  nicht  zu  spät  für  Frankreich,  diese  Rolle  doch
zu  übernehmen.  Nur  müßte  es  sie  klaren  Blicks  und  aufrichtigen ­
  Herzens  ausführen.  Dann  legte  Jauräs  seine  Finger
auf  den  Puls  Frankreichs  und  stellte  ihm  folgende  merkwürdige ­
  Diagnose:
„Ich  bin  über  die  Unklarheit  und  die  Unsicherheit  des  politischen ­
  Denkens  Frankreichs  zuweilen  erschreckt.  Es  ist  mir,  a  l  s
ob  wir  auf  die  Tage  zurückgekommen  sind,  die
auf  Königgrätz  folgten,  wo  die  widersprechendsten  politischen ­
  Gedanken  und  Maßnahmen  gegeneinanderstießen,  einander
kreuzten  und  sich  vermischten  wie  in  den  Abgründen  des  Chaos.
Frankreich  will  nicht  den  Krieg:  es  hat  den  Frieden  nötig,  um
die  soziale  Umgestaltung  zu  vollziehen,  die  seine  ganze  Kraft  in
Anspruch  nehmen  muß,  ebenso  wie  es  dreißig  Jahre  des  Friedens
brauchte,  um  die  Republik  zu  befestigen.  Dieser  Wille  zum  Frieden
entspringt  nicht  der  Schwäche;  niemand  im  Auslande  kann  sich
darüber  täuschen.  Aber  es  ist  nötig,  daß  dieser  Wille  klar,  rein
und  glänzend  in  die  Erscheinung  tritt..  Das  entscheidendste  Zeichen
seines  Friedenswillens  könnte  Frankreich  geben,  wenn  es  weder
für  Deutschland  gegen  England  noch  für  England  gegen  Deutschland ­
  in  irgendwelche  Verpflichtungen  einginge.  Auch  in  der  Geheimkammer ­
  seines  Gewissens  darf  es  keinen  Augenblick  der  Versuchung ­
  nachgeben,  daß  ein  englisch-deutscher  Konflikt  ihm  unver-,
  hoffte  Zufälle  in  den  Schoß  werfen  könnte.  Frankreich  soll  eher
an  die  Möglichkeit  eines  englisch-deutschen  Friedens  glauben  und
für  ihn  in  taktvoller,  unermüdlicher  und  aufrichtiger  Weise  wirken.
Eine  derartige  Politik  ist  klug  und  nötig.  Diejenigen,  die  bcn
Frieden  wünschen,  aber  gleichzeitig  unvermeidliche  Konflikte  ankündigen, ­
  erzeugen  den  Kriegstaumel,  schwächen  die  Vernunft  und
•  stören  durch  geheime  widerspruchsvolle  Empfindungen  das  geistige
Gleichgewicht  der  Nation."
Wer  vor  wenigen  Jahren  zum  französischen  Volke  so
sprechen  konnte,  war  im  edelsten  Sinne  des  Wortes  ein  Staatsmann. ­
  Er  sah  das  Kommen  des  Kriegs:  die  Jahre  vor  1914
schienen  ihm  eine  schreckliche  Aehnlichkeit  mit  denen  vor  1870
        <pb n="16" />
        15

Zu  haben.  Er  warnte  sein  Volk  gegen  unklare  Revancheempfindungen, ­
  gegen  die  Politik  Delcassüs,  gegen  die  Parteinahme ­
  im  deutsch-englischen  Konflikte,  aber  währenddem
Jauräs  sich  bemühte,  Frankreich  zum  Friedenswerkzeug  der
Welt  zu  erziehen,  hielten  französische  Generale  und  Admirals
von  Zeit  zu  Zeit  geheime  Beratungen  mit  ihren  englischen
Kollegen  ab  und  gaben  der  Versuchung  nach,  auf  glückliche
Zufälle  zu  rechnen,  die  ein  englisch-deutscher  Krieg  ihnen  in
den  Schoß  werfen  könnte.
Auch  Jaurös  verlor  nie  die  Hoffnung  auf  eine  Wiedervereinigung ­
  Elsaß-Lothringens  mit  Frankreich,  jedoch  begründete ­
  er  seine  Hoffnung  nicht  auf  das  Schwert,  sondern  auf  den
Sieg  der  Demokratie  in  Mitteleuropa.  Der  Glaube  an  den
Sieg  der  Vernunft  und  der  Demokratie  schützte  Jaurtzs  vor
allem  Chauvinismus  und  verlieh  seinem  Urteil  eine  bewundernswerte ­
  Sachlichkeit,  die  ihn  auch  in  Zeiten  nationaler
Aufregung  und  hochgehender  Gemütswallungen  nicht  verließ.
Sechs  Tage  vor  seinem  Tode  sprach  er  in  einer  Wahlversammlung ­
  in  Vaise  (bei  Lyon).  Der  Krieg  pochte  an  die  Tore
Europas;  die  Hineinziehung  Frankreichs  in  den  Krieg  war
schon  damals  fast  sicher;  dennoch  besaß  Jaurös  noch  ein  sehr
sachliches  Urteil  und  erklärte,  Frankreich  müsse  auch  einen
Teil  der  Verantwortlichkeit  für  die  europäische  Katastrophe
tragen,  da  es  durch  die  gewaltsame  Besitzergreifung  Marokkos
eine  Aera  ehrgeiziger  Pläne  und  weltpolitischer  Begehrlichkeit
eröffnet  habe.  Auf  die  Besitzergreifung  Marokkos  folgten  die
Einverleibung  Bosniens  und  der  Herzegowina,  der  Krieg  um
Tripolitanien,  die  Balkankriege,  der  österreichisch-serbische  Konflikt, ­
  das  Eingreifen  Rußlands,  die  drohende  europäische
Feuersbrunst.  Jaurös  war  der  Ansicht,  daß  sämtliche  Mächte
Europas  gleich  schuldig  an  der  Katastrophe  seien.
Im  Gegensatz  zu  Jules  Guesde  und  anderen  Marxisten,
die  von  einem  großen  Kriege  tiefe  sozial-revolutionäre  Wirkungen ­
  erwarteten,  war  Iaurös  der  Ueberzeugung,  daß  der
Krieg  ein  absolutes  Uebel  sei,  das  fortzeugend  nur  Böses
gebären  müsse.  Der  sicherste  Weg  der  sozialen  Revolution  ist
der  Frieden,  der  der  wachsenden  Demokratie  gestattet,  die
Mittel  zu  schaffen  zur  stufenweisen  Eroberung  der  politischen
Macht  durch  das  arbeitende  Volk.  Die  Krise  eines  großen
Krieges  würde  diese  Entwickelung  aufs  tiefste  erschüttern:
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        16

Entweder  wird  sie  die  Arbeiterklassen  der  kriegführenden  Länder
in  die  blutigen  Wellen  chauvinistischer  Leidenschaften  stürzen
und  den  Sozialismus  zurückwerfen,  oder  sie  wird  die  Macht
in  die  Hände  einer  revolutionären  und  kühnen  Minderheit
spielen,  die  dann  durch  Gewaltmaßregeln  den  Gang  der  Ereignisse ­
  zu  meistern  versuchen  und  eine  Reaktion  hervorrufen
wird.  Die  Sozialisten  haben  demnach  von  Krisen  und  Katastrophen, ­
  die  die  dunkelsten  Instinkte  und  blindesten  Leidenschaften ­
  entfesseln,  nichts  Gutes  zu  erwarten.  Nur  der  Friede,
die  Vernunft  und  die  von  ihr  geleitete  Aktion  können  zum
Ziele  führen.
6.  Die  Ermordung  von  Jaures.
In  den  letzten  zehn  oder  fünfzehn  Jahren  machten  sich  im
Geistesleben  Frankreichs  Strebungen  bemerkbar,  die  auf  eine
wachsende  Abkehr  vom  Rationalismus,  das  heißt  auf  eine
Abnahme  des  Vertrauens  zur  Vernunft  hindeuteten.  Die
philosophischen  Grundgedanken  der  französischen  Revolution,
die  auf  die  Allmacht  der  Vernunft  sich  stützten,  wurden  immer
mehr  angezweifelt,  und  man  neigte  zur  Ueberzeugung,  daß
die  Instinkte,  Triebe  und  Leidenschaften  oder  die  irrationalen
(nicht-vernunftgemäßen)  Bestandteile  des  menschlichen  Geistes
ursprünglicher  und  mächtiger  seien  und  kräftigere  Beweggründe ­
  zum  menschlichen  Handeln  lieferten,  als  die  vernünftigen ­
  und  logischen.  Noch  mehr:  die  ganze  Weltentwickelung
sei  alogisch:  sie  habe  nichts  mit  Ueberlegung  zu  tun,  sondern
sie  werde  von  irgendeinem  inneren  und  unberechenbaren
Lebenstriebe  erzeugt.  Die  neueste  Psychologie  (Lehre  vom
menschlichen  Geiste)  ist  bereits  stark  irrational.
Die  Abkehr  vom  Rationalismus  hat  eine  tiefe  Bedeutung
für  das  soziale  Leben.  Sie  bedeutet  in  der  Religion  eine
Stärkung  des  Glaubens  und  des  Wunders;  in  der  Politik  eine
Wiederbelebung  der  Monarchie  und  der  nationalistischen
Instinkte;  ja,  die  Stärke  des  Syndikalismus  ist  enge  verbunden
mit  der  Hochschätzung  der  elementaren  Instinkte  der  Massen,
der  Unterschätzung  voraussehender  organisatorischer  Arbeit,
dem  Wunderglauben  an  den  Generalstreik:  an  die  höchste
Aeußerung  des  Lebenstriebs  des  Proletariats.
Diese  knappe  und  gedrängte  Kennzeichnung  der  neuesten
Aeußerungen  des  französischen  Geistes  dürfte  es  einigermaßen
        <pb n="18" />
        17

begreiflich  machen,  daß  hervorragende  französische  Katholiken,
Royalisten,  Chauvinisten  und  Syndikalisten  gemeinschaftliche
Anknüpfungspunkte  fanden  und  zusammen  gegen  die  Republik,
gegen  die  Aufklärung  und  gegen  die  Sozialdemokratie  wirkten.
Iauräs,  der  geistige  Erbe  der  französischen  Revolution,  der
Rationalist,  der  Republikaner,  der  Freidenker  und  internationale ­
  Sozialdemokrat,  der  mit  eherner  Logik  und  unübertrefflicher ­
  Sprachgewalt  seine  Ideen  verteidigte  und  verbreitete,
galt  den  Jnstinktanbetern,  Alogikern  und  Romantikern  als  der
Inbegriff  alles  Falschen  und  Schlechten.  Der  Haß  gegen  ihn
steigerte  sich  mit  dem  Wachsen  des  wiedererwachten  Nationalismus, ­
  mit  der  Zunahme  der  weltpolitischen  Spannung,  die
durch  den  Konflikt  über  Marokko,  den  Abschluß  des  englischfranzösisch-russischen
  Einverständnisses,  die  Einkreisung  und
Isolierung  Deutschlands  verursacht  wurde  und  den  Revanchepolitikern ­
  neue  Hoffnung  gab.  Nach  dem  Ausbruch  des  serbisch-österreichischen ­
  Konflikts  witterten  die  Nationalisten  Blutgeruch ­
  und  nahmen  die  Feinde  des  Vaterlandes  aufs  Korn.
Iauräs  wurde  vom  „T  e  m  p  s"  zu  einem  öffentlichen  Feinds
gebrandmarkt,  und  die  „A  c  t  i  o  n  F  r  a  n  9  a  i  s  e",  dieser
Mittelpunkt  aller  oben  gekennzeichneten  Tendenzen,  übertrumpfte ­
  den  „Temps"  und  schrieb:  „Jeder  weiß  es:  Herr
Iauräs  —  c’est  l’Allemagne."  Jauräs  ist  Deutschland  —
er  ist  der  Verräter  Frankreichs  (18.  Juli  1914).  Die  Leute
um  die  „Action  Franyaife"  sind  die  französischen  „Schwarzen
Hundert"  —  fanatische  Hetzer,  denen  Apachen  und  Bravos
stets  zur  Verfügung  stehen.  In  den  kritischen  Tagen  vom
25.  bis  zum  31.  Juli  wirkte  Jauräs  in  Wort  und  Schrift  in
Paris,  Lyon  und  Brüssel  für  den  Frieden.  Am  verhängnisvollen ­
  Abend  des  31.  Juli  war  er  zusammen  mit  Renaudel
"nd  Longuet  beim  Ministerpräsidenten  Viviani,  um  im
Namen  des  französischen  Sozialismus  die  Regierung  für  die
Aufrechterhaltung  des  Friedens  zu  gewinnen.  Was  dann
folgte,  erzählt  die  „Humanitä"  vom  1.  August  1914:
Jaurös  kam  kurz  vor  8  Uhr  (31.  Juli,  abends)  in  die
Redaktion.  Er  war  vom  Ministerium  des  Auswärtigen
zurückgekommen,  wo  er,  von  der  sozialistischen  Fraktion
beauftragt,  Herrn  Renä  Viviani  besuchte;  Renaudel  und
Longuet  hatten  ihn  dorthin  begleitet.  Er  unterhielt  sich  sodann
einen  Augenblick  mit  dem  Geschäftsleiter  der  „HumanitS"  und
        <pb n="19" />
        18

mit  einigen  Freunden.  Er  hatte  noch  nicht  zu  Abend  gegessen
und  hatte  noch  viel  zu  tun.  Man  ging  ins  Restaurant
Croissant  hinunter,  das  nrtr  wenige  Schritte  von  der  Redaktion
gelegen  ist,  und  Jaurds  und  seine  Freunde  nahmen  am  langen
Tische  Platz,  links  vom  Eingang.  Der  Ernst  der  Stunde  hielt
alles  in  tiefer  Erregung.  Jauräs  sprach  mit  seiner  schönen,
ernsten  Stimme.  Er  gab  Instruktionen  an  seine  politischen
Mitarbeiter.  Das  Abendessen  war  bald  zu  Ende.  In  diesem
Augenblicke  stand  Bürger  Dolick,  der  Redakteur  des  „Vonnet
Rouge",  auf  und  zeigte  den  Tischnachbarn  von  Iauräs  eine
Photographie.  „Das  ist  das  Bild  meiner  jüngsten  Tochter,"
sagte  er.  „Darf  man  es  sehen?"  fragte  Jaures  freundlich.  Er
nahm  dann  das  Bild,  betrachtete  es  einen  Augenblick,  erkundigte ­
  sich  nach  dem  Alter  des  Kindes  und  machte  dem  Vater
einige  Komplimente.
Es  war  20  Minuten  vor  zehn.
Plötzlich  krachten  zwei  Revolverschüsse  durch  das  offene
Fenster,  an  dem  Iaurtzs  saß.  Sofort  hörte  man  den  Schrei
einer  Frau:  „Jauräs  ist  getötet!  Jauräs  ist  getötet!"
Wie  eine  leblose  Masse  war  Jaurtzs  auf  die  Bank  dahingestürzt.
  Sämtliche  Gäste  waren  nunmehr  auf  den  Beinen
und  schrien  und  drängten  sich  um  ihn.  Während  einer
Minute  herrschten  Verwirrung  und  Bestürzung.  Während  sich
einige  Freunde  von  Jauräs  auf  die  Straße  stürzten  und  den
Attentäter  verfolgten,  legte  man  den  Gemeuchelten  auf  die
Bank  hin.  Er  atmete  kaum,  und  seine  Augen  waren  geschlossen. ­
  chatte  er  das  Bewußtsein,  daß  ein  Verbrechen  an
ihm  verübt  worden  sei?  Darauf  wird  man  nie  mit  Sicherheit
antworten  können.  Der  Tod  trat  nicht  augenblicklich  ein.
Während  man  auf  die  Ankunft  eines  Arztes  wartete,  trat
einer  der  Gäste,  ein  Apotheker,  an  Jauräs  heran,  fühlte  ihin
den  Puls  und  schüttelte  bedenklich  den  Kopf.  Man  entblößte
ihm  die  Brust,  das  cherz  schlug  noch  kaum.  Man  legte  den
Körper  auf  den  Tisch.  Compäre-Morel,  der  inzwischen  herbeigeeilt ­
  war,  hielt  weinend  die  leblose  chand.  Renaudel  versuchte, ­
  mit  seiner  Serviette  das  Blut  zu  stillen,  das  aus  der
Wunde  —  einer  kleinen  roten  Oeffnung  im  chinterkopf  —  floß  .  .  .
„Meine  cherren,"  sagte  der  Arzt,  nachdem  er  den  Körper
untersucht  hatte,  „ich  fürchte,  ich  habe  hier  nichts  mehr  zu
suchen."  Drei  Minuten  später  erklärte  er:  „Iauräs  ist  tot."
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Der  Ministerpräsident  Viviani,  der  eine  Revolte  der
Pariser  Arbeiter  befürchtete,  ließ  am  1.  August  an  die  Mauern
von  Paris  folgenden  Aufruf  anschlagen:
„Ein  abscheuliches  Attentat  wurde  soeben  begangen:  Herr
Jaurös,  der  große  Redner,  der  der  französischen  Tribüne
Glanz  verlieh,  wurde  in  feiger  Weise  ermordet.  Im  Namen
der  ganzen  Regierung  entblöße  ich  mein  Haupt  vor  dem
Grabe  des  sozialistischen  Republikaners,  der  für  so  edle  Ziele
gekämpft  und  der  in  diesen  schweren  Zeiten  im  Interesse  des
Friedens  die  patriotische  Aktion  der  Regierung  unterstützt  hat.
In  der  ernsten  Krise,  die  das  Vaterland  durchmacht,  rechnet
die  Regierung  auf  die  Vaterlandsliebe  der  Arbeiterklasse  wie
der  ganzen  Bevölkerung,  daß  sie  die  Ruhe  wahren  und  die
öffentliche  Erregung  nicht  noch  steigern  werden  durch  eine
Agitation,  die  die  Hauptstadt  in  Unordnung  versetzen  könnte.
Der  Meuchelmörder  ist  verhaftet;  er  wird  der  Strafe  nicht  entgehen. ­
  Möchten  alle  Bürger  Vertrauen  in  das  Gesetz  haben!
Geben  wir  alle  in  dieser  schweren  Gefahr  ein  Beispiel  der
Kaltblütigkeit  und  der  Einigkeit!"
Die  gesamte  französische  Presse  —  einschließlich  des
„Temps"  und  der  „Action  Fran^aise"  —  verurteilte  den
Meuchelmord.  Rückhaltlos  zollte  sie  dem  großen  Toten  ihre
Achtung  und  Bewunderung.  Der  „Temps",  das  leitende
Organ  der  französischen  Bourgeoisie,  schrieb  am  2.  August:
„Wir,  die  wir  nie  aufgehört  haben,  den  Leiter  der  „Humanitö"
ZU  bekämpfen,  seine  gefährliche  Rolle  zu  denunzieren,  die
Irrtümer  in  der  auswärtigen  Politik  und  die  antimilitaristische
Haltung  eines  Mannes  von  dieser  äußersten  Intelligenz  und
vollkommenen  Rechtschaffenheit  zu  verurteilen,  —  wir  haben
das  Recht,  unserer  Entrüstung  über  den  Meuchelmord  Ausdruck ­
  zu  geben  und  den  Toten  zu  salutieren."
In  der  „Humanitö",  die  Jaurös  im  Jahre  1904  gegründet
und  ihr  tagtäglich  seine  beste  Kraft  gewidmet  hatte,  veröffentlichte ­
  Marcel  Sembat  —  in  normalen  Zeiten  der  geeignetste
Nachfolger  Jaurös  —  folgenden  Artikel:
„Sie  haben  ihn  uns  in  der  schrecklichen  Stunde  genommen,
wo  Frankreich  ihn  mehr  denn  je  braucht.  Ach,  die  Narren,  die
ihn  beschimpften!  Jetzt,  wo  er  nicht  mehr  unter  uns  ist,  merken
sie  seinen  Wert;  die  Größe  des  Verlustes  erschreckt  sie.  Sie
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        20

erblicken  jetzt  in  ihm  eine  Quelle  des  Lichts,  nachdem  das
Licht  erloschen  ist.
Im  Kriegsjahr  1870,  inmitten  des  nationalen  Zusammenbruchs, ­
  versuchte  Frankreich,  die  Trümmer  zu  sammeln,  und  es
fand'  in  Gambetta  den  Mann  für  die  höchsten  Anstrengungen.
Jetzt,  da  Jaurss  tot  ist,  wer  ist  denn  unter  uns  von  dieser
Größe,  um  die  furchtbare  Rolle  zu  übernehmen?  Er  ist  verschwunden: ­
  der  Schrecken  erfaßt  unsere  Gegner,  daß  er  verschwunden ­
  ist.
Unsere  Gegner?  Warum  nur  von  diesen  sprechen?  Wie
steht  es  mit  uns?  Im  Frühjahr  verloren  wir  Francis  de
Pressensä  und  jetzt  Jauräs!
Jaurbs  stirbt,  die  Mobilmachung  ist  erklärt.  Jauros  geht,
der  Krieg  kommt.  O,  wenn  man  auf  seine  Worte  gehört,  wenn
man  seinen  Rat  besser  befolgt  hätte,  vielleicht  wären  wir  jetzt
nicht  in  den  Krallen  des  Ungetüms.  Man  stimmte  ihm  zu  —
ja  ich  weiß  es,  ich  sah  es,  wie  die  Minister  ihn  ausfragten,
seinen  Rat  suchten.  Aber  man  stimmte  ihm  allzu  leicht  zu!
An  Stelle  der  klaren  und  intelligenten  Aussprache,  die  er
empfahl,  setzte  man  gewundene,  doppelsinnige  und  konfuse
Worte,  die  ohne  Wirkung  blieben.  So  ist  das  Gute,  das  er
seinem  Vaterlande  tun  wollte,  verhindert  worden.  Grausam
wäre  sein  Schmerz,  wenn  er  die  jetzt  veröffentlichten  Mobilmachungsbefehle ­
  gelesen  hätte.  Aber  alle,  die  ihn  kannten,
würden  darauf  schwören,  daß  Iaures  trotz  alledem  auf  die
Aufrechterhaltung  des  Friedens  gehofft  und  mit  seinem
tapferen  Optimismus  bis  zu  Ende  für  ihn  gekämpft  haben
würde.  Er  würde  die  Ansicht  noch  im  letzten  Augenblick  abgelehnt ­
  haben,  daß  der  Krieg  unvermeidlich  sei,  auch  wenn  er
die  Mobilmachungsorder  gelesen  hätte.  Unsere  Pflicht  ist  es,
seine  Arbeit  fortzusetzen  und  mit  aller  Energie  im  Kampfe  für
den  Frieden  zu  beharren."
In  den  drei  Tagen  zwischen  der  Ermordung  und  der  Bestattung ­
  von  Jauräs  weilten  seine  Freunde  an  der  aufgebahrten ­
  Leiche.  Die  Witwe  Jauräs',  die  Tochter  Madeleine
und  der  Sohn  Louis  empfingen  zahllose  Beileidskundgebungen.
Das  Leichenbegängnis  fand  im  4.  August  unter  ungeheurer
Beteiligung  der  Bevölkerung  in  Paris  statt.  Am  Grabe
sprachen  Ren6  Viviani,  Edouard  Vaillant,  Marcel  Sembat,
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Ferdinand  Buifson,  Leon  Jouhaux  und  Camille  Huysmans.
Buiston  sagte:
„Ich  überbringe  den  letzten  Gruß  an  denjenigen,  der  das
Muster  und  das  Beispiel  der  Aufrichtigkeit  war.  Im  Namen
seiner  Kollegen,  Schüler  und  Lehrer  der  Universität  begrüße
ich  den  großen  Bürger,  der  es  immer  und  überall  verstanden
hat,  das  Vaterland  in  der  Menschheit  und  die  Menschheit  im
Vaterland  zu  lieben."
Im  Namen  der  Confedöration  Gönörale  du  Travail  hielt
Leon  Jouhaux  eine  hinreißende  Trauerrede:  .  .  Freund
Jauräs,  du  Sendbote  des  Friedens,  des  internationalen  Einverständnisses, ­
  du  verläßt  uns  zu  einer  Stunde,  wo,  inmitten
einer  niedergeschmetterten  Welt,  die  schrecklichste  Kriegsepopöe,
die  je  Europa  mit  Blut  befleckte,  ihren  Anfang  nimmt.  Märtyrer ­
  deiner  heißen  Liebe  zur  Menschheit!  Deine  Augen  werden
den  roten  Schein  des  Weltbrandes  nicht  sehen  und  auf  die
schrecklichen  Massen  von  Leichen  nicht  blicken,  die  die  Kugeln
zu  Boden  legen  werden.  Und  das  ist  für  uns  Arbeiter  ein
Most  in  unserer  Trauer.  Denn  wenn  dir,  du  edles  und
tapferes  Herz,  die  Kriegsschrecken  erspart  bleiben,  so  werden
doch  dein  Andenken,  dein  Bild  in  diesen  tragischen  Tagen  stets
vor  unseren  Augen  schweben,  um  uns  in  der  blutigen  Nacht,
die  sich  auftut,  zu  begleiten  und  zu  hüten.  Vor  dieser  Bahre,
wo  der  Größte  der  Unseren  kalt  und  leblos  ruht,  haben  wir  die
Pflicht  zu  sagen  und  mit  aller  Kraft  zu  erklären,  daß  es
Mischen  ihm  und  uns  keine  scheidende  Schranke  gab.  Man
tonnte  glauben,  daß  wir  die  Gegner  von  Jaurös  waren.  Wie
hat  man  sich  getäuscht!  Wohl  gab  es  zwischen  uns  und  ihm
taktische  Meinungsverschiedenheiten,  aber  im  Grunde  haben
seine  und  unsere  Aktion  einander  vervollständigt.  Sein
intellektuelles  Wirken  erzeugte  unser  praktisches,  tatkräftiges
Wirken.  In  den  großen  oratorifchen  Auseinandersetzungen,
die  durch  die  sozialen  Fragen  verursacht  wurden,  brachte  uns
Jourk-s  Licht.  Mit  ihm  haben  wir  immer  kommuniziert,
^aurtzs  war  unsere  Gedankenwelt,  unsere  lebendige  Lehre.
Aus  seinem  Bilde,  aus  seinem  Andenken  werden  wir  in  der
Zukunft  unsere  Kraft  schöpfen."
Camille  Huysmans  sprach  im  Namen  des  Internationalen
sozialistischen  Bureaus:  „Zehn  Millionen  organisierte  Arbeiter
und  Sozialisten  sahen  in  Jaurös  die  Verkörperung  des
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        22

edelsten,  beredtesten  und  vollkommensten  Strebens  des  Sozialismus. ­
  Das  Genie  von  Jaurtzs  schloß  sich  nicht  im  Rahmen
einer  Partei  an.  Er  war  noch  mehr  als  der  Vertreter  einer
Klasse.  Er  war  das  Sinnbild  des  Zeitalters.  Jaurös  gehörte ­
  nicht  nur  den  Franzosen.  Er  gehörte  allen  Nationalitäten. ­
  Sein  Hinscheiden,  sagte  gestern  ein  englisches  Blatt,
ist  eine  europäische  Katastrophe.  Ich  erinnere  mich  auch,  was
er  für  die  Arbeiter  anderer  Länder  bedeutete.  Ich  sehe  noch,
wie  die  Delegierten  anderer  Länder  mit  ihrer  Entscheidung
warteten,  bis  Jaurvs  gesprochen  hatte;  und  wenn  sie  nicht  in
der  Lage  waren,  mit  ihm  übereinzustimmen,  so  liebten  sie  es,
sich  seiner  Auffassung  zu  nähern.  Er  war  mehr  als  ein
Künstler  —  mehr  als  ein  großer  Redner.  Er  war  das  Gewissen: ­
  er  war  eine  moralische  Macht.  Er  verstand  es,  ein
Beispiel  der  Disziplin  zu  sein.  .  .  .  Die  Ermordung  des
größten  Bürgers  war  die  Ankündigung  des  größten  Unheils,
und  man  möchte  fast  sagen,  daß  das  Schicksal  sich  vorgenommen ­
  hätte,  die  barbarischen  Szenen  dem  unermüdlichen
Optimismus  desjenigen  zu  ersparen,  der  trotz  alledem  auf  dem
Glauben  an  den  endgültigen  Sieg  der  menschlichen  Vernunft
unerschütterlich  beharrte."*)

*)  Quelle:  Jean  Iaures,  Et  u  des  Soci  allstes;  Charles
Rappoport,  Jean  Saures  (Biographie),  1915.  Die  Jahrgänge
der  „Humanitö".  Persönliche  Unterredungen.

"Illrobenummern  der  „InternationalenKorrespondenz",  welche  über
■jJ  die  Vorgänge  im  Ausland  berichlet,  wie  auch  der  „Deutschen
Auslands-Korrespondenz",  welche  für  das  Ausland  über  Deutschland ­
  informiert,  auf  Wunsch  gratis  und  franko.
B er  sich  für  den  vertrieb  der  „IK"  -Literatur  inleressiert,  wende
sich  an  den  Verlag  der  „Internationalen  -  Korrespondenz"
(A.  Baumeister),  Verlin-Karlshorst.
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        Image  Engineering  Scanl

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I  &amp;gt;1

Z  Z,

17
lochen,  daß  hervorragende  französische  Katholiken,
Chauvinisten  und  Syndikalisten  gemeinschaftliche
-punkte  fanden  und  zusammen  gegen  die  Republik,
rfklärung  und  gegen  die  Sozialdemokratie  wirkten,
der  geistige  Erbe  der  französischen  Revolution,  der
der  Republikaner,  der  Freidenker  und  internatiolemokrat,
  der  mit  eherner  Logik  und  unübertreffhgewalt
  seine  Ideen  verteidigte  und  verbreitete,
tinktanbetern,  Alogikern  und  Romantikern  als  der
les  Falschen  und  Schlechten.  Der  Haß  gegen  ihn
mit  dem  Wachsen  des  wiedererwachten  Nationalisier ­
  Zunahme  der  weltpolitischen  Spannung,  die
onflikt  über  Marokko,  den  Abschluß  des  englischissischen
  Einverständnisses,  die  Einkreisung  und
)eutschlands  verursacht  wurde  und  den  Revancheme
  Hoffnung  gab.  Rach  dem  Ausbruch  des  ferhifchen
  Konflikts  witterten  die  Nationalisten  Blut-.nahmen
  die  Feinde  des  Vaterlandes  aufs  Korn.
de  vom  „lern))  s"  zu  einem  öffentlichen  Feinds
1,  und  die  „A  c  t  i  o  n  F  r  a  n  y  a  i  s  e",  dieser
aller  oben  gekennzeichneten  Tendenzen,  überi
  „Temp  s"  und  schrieb:  „Jeder  weiß  es:  Herr
j’est  l’AIlemagne."  Jauräs  ist  Deutschland  —
erräter  Frankreichs  (18.  Juli  1914).  Die  Leute
üon  Franyaise"  sind  die  französischen  „Schwarzen
fanatische  Hetzer,  denen  Apachen  und  Bravos
rfügung  stehen.  In  den  kritischen  Tagen  vom
:  31.  Juli  wirkte  Jaurös  in  Wort  und  Schrift  in
:  und  Brüssel  für  den  Frieden.  Am  verhängnis-,
  des  31.  Juli  war  er  zusammen  mit  Renaudel
t  beim  Ministerpräsidenten  Biviani,  um  im
französischen  Sozialismus  die  Regierung  für  die
tung  des  Friedens  zu  gewinnen.  Was  dann
t  die  „Humanitä"  vom  1.  August  1914:
am  kurz  vor  8  Uhr  (31.  Juli,  abends)  in  die
Er  war  vom  Ministerium  des  Auswärtigen
ien,  wo  er,  von  der  sozialistischen  Fraktion
Herrn  Rena  Biviani  besuchte;  Renaudel  und
m  ihn  dorthin  begleitet.  Er  unterhielt  sich  sodann
ilick  mit  dem  Geschäftsleiter  der  „HumanitS"  und
        <pb n="25" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
