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        <title>"Wohin weiter"</title>
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            <forname>Claudius</forname>
            <surname>Angerman</surname>
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        ﻿ökonomische Vernach-
lässigung ÖSTERREICHS.

WIEN 1914.

IM SELBSTVERLÄGE DES VERFASSERS.
DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.

9

B 104*48
        <pb n="2" />
        ﻿INGENIEUR CLAUDIUS ANGERMAN.

„WOHIN WEITER“

ÖKONOMISCHE VERNACH-
LÄSSIGUNG ÖSTERREICHS.

WIEN 1914.

IM SELBSTVERLÄGE DES VERFASSERS.

B 104648
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        ﻿
        <pb n="4" />
        ﻿Ük 339/72

WeltwirtscMt

tot u

INHALTS-VERZEICHNIS.

Seite

Einleitung.................................................. 1

I.	Finanzielle Lage des Staates................................ 1

II.	Umsichgreifendes Elend	und Unzufriedenheit ...	 io

III.	Nothilfsmittel . . . ^................................... 21

IV.	Rationelle Mittel..........................................24

V.	Schlußwort...............................................  32

1*
        <pb n="5" />
        ﻿Einleitung.

Ein Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse des Staates, in
unsere Handels- und Zahlungsbilanz, hat mich zur Feder getrieben,
um in kürzesten Schlagworten die schlechte ökonomische Wirtschaft
in „Österreichs Versäumnis“ zu popularisieren.

Von Seite meiner Kollegen im Hause wurde darauf aufmerksam
gemacht, „daß ein Kritisieren leichter sei, wie dem Übel abzuhelfen,
aber wichtiger wäre“.

Dieses veranlaßte mich zum „Wohin weiter“, welches ich mit
meinen bescheidenen Kräften, als in der Industrie und im Ackerbau
bewandert, für notwendig erachte. Die hier skizzierten Mittel werden
von allen Kreisen im Parlamente gewiß gebilligt, vielleicht wird das
auch die Regierungskreise zu einer Aktion in dieser Richtung be-
wegen.

Von dem besten Willen allerhöchstenorts überzeugt, wäre zu
wünschen, daß die Vermittler mit dem Volkshause auch diesem Ge-
fühle huldigen, den Weg zur Hebung des Wohlstandes im Reiche,
dem geäußerten Wunsche der Krone folgend, betreten.

Besser „sehr spät“ als „zu spät“.

I.	Finanzielle Lage des Staates.

Die von dem Jahre 1907 datierende und von Jahr zu Jahr wach-
sende Passivität unserer Handelsbilanz gibt einen klaren Beweis da-
für, daß die Folgen unserer steten Vernachlässigung in dem ökonomi-
schen Weltfortschritte schon deutlich zum Ausdruck gelangen.

Im Jahre 1912 haben wir dem Auslande 825 Millionen Kronen für
fremde Waren mehr, als wir für unsere erhalten haben, sowie über
400 Millionen Kronen zur Tilgung unserer Staatsschuld dem Aus-
, lande gezahlt.
        <pb n="6" />
        ﻿Die Vertuschungsversuche, wie Herr Dr. Alexander Wekerle
in seinem im Niederösterreichischen Gewerbevereine am 14. Februar
1913 gehaltenen Vortrage schilderte, werden als undankbare Experi-
mente gestempelt, ohne die bezweckte Beruhigung erzielt zu haben.
Dieser Nationalökonom meint, es wird „allgemein angenommen, daß
die Zahlungsbilanz der Monarchie trotz der starken Passivität ihrer
Handelsbilanz aktiv sei“.

Beweise dafür — Zahlen, Statistik — fehlen. Gerade das Gegen-
teil ist richtig, unsere Zahlungsbilanz ist passiv, da Österreich keine
Kolonien besitzt, wohin Kapitalien auswandern könnten, auch keine
im Auslande angelegten Guthaben, von wo die Zinsen hereinfließen
könnten, im Gegenteil, Österreich hat drei Viertel seiner Schuld im
Auslande kontrahiert und sendet jährlich mindestens 400 Millionen
Kronen Bargeld ins Ausland. Wir haben auch keine Unternehmungen
im Auslande, folglich bekommen wir von dort auch keine Dividenden.

Das Auswanderungswesen bringt uns jährlich nach ungefährer
Schätzung ,240 Millionen Kronen, das ist eine mit Blut verdiente
Aktivpost, welche als ein letztes Mittel gegen Not und Hunger der
Zahlungsbilanz zugute kommt.

Bei dem Fremdenverkehr ist es schwer zu ermitteln, wie das
Saldo ausfällt — wahrscheinlich bringen die Fremden etwa soviel
ins Reich, wie viel mit den Expreßzügen Wien—Nizza nach Frank-
reich ausgeführt wird.

Wenn wir zu unserem Defizit in der Handelsbilanz noch die
Tilgung der Staatsschulden im Auslande hinzuschlagen, erhalten wir
zirka 1200 Millionen Jahresdefizit, dem in den Einnahmen die Aktiv-
post „Auswanderungswesen“, etwa 240 Millionen, in der Zahlungs-
bilanz gegenübersteht. Angenommen, daß auch der Fremdenver-
kehr noch etwas dazuschlägt, so verbleibt doch ein Jahresdefizit von
nahezu einer Milliarde.

Aus diesen wichtigsten Bilanzpositionen ist schon ein Übergewicht
der Ausgaben gegenüber den Einnahmen zu ersehen.

Auch die Aktivität unseres Wirtschaftslebens ist gar nicht be-
wiesen, im Gegenteil, auf allen Gebieten des Privatlebens ist eine
Beschränkung der Ausgaben für die unumgänglichen Lebensbedürf-
nisse zu ersehen.

Das Steigen der Bodenpreise ist das Resultat der allgemeinen
Teuerung, der Übervölkerung, sowie der Einschrumpfung des Besitz-
standes. Beim Grundeinkauf werden nur die Verdienste der Emi-
        <pb n="7" />
        ﻿3

granten loziert, andere Stände haben keine Verdienste, um Boden zu
erwerben.

Der Bodenpachtzins steigt nicht und der Bodenbesitz ist heute
mehr ein Liebhabereiartikel, als ein normal sich rentierendes Objekt.
Das Resultat der Erträgnisse von indirekten Steuern ist mehr als ein
Erfolg des Anziehens der Steuerschraube' bei den meist verdienenden
Kreisen anzusehen, als ein Zeichen des wachsenden Wohlstandes.

Der Konsum pro Einheit wächst nicht und der Import der
Erzeugnisse, welche sich auf den Luxus beziehen, ist im allgemeinen
im steten Fallen begriffen.

Einzahlungen in die Sparkassen in Millionen Kronen:

Wachsen die Preise aller Artikel, so wächst auch der Wert der
industriellen Produktion, wozu die Kartellauswüchse beigetragen
haben.

Dieses gilt, so lange der Käufer noch die nötigen Mittel sich
erwerben kann, wenn aber der Erwerb bei allgemeiner Teuerung und
Verkleinerung des Bedürfnisses sich einschränkt — verlieren auch
die kartellierten Industrien ihren Abnehmer, müssen, wie dies heute
der Fall ist, die Produktion reduzieren und schließlich auch die
Preise reduzieren.

Bei der Not in den Volksmassen können auch die Kartelle nicht
mehr gedeihen, die schlimmen Folgen dehnen sich auf alle Indu-
strien aus.

Das Maß des Wohlhabens und die Spareinlagen sind weit hinter
denen der anderen Staaten zurückgeblieben. Fig. i.
        <pb n="8" />
        ﻿4

Die Geldinstitute sind mangels des Absatzes mit unseren Wert-
papieren überhäuft, deshalb der große Geldmangel auf dem Markte
und- der Zwang der Regierung an die Sparkassen, zur Placierung
von Staatsrenten.

Jede Rückströmung unserer Wertpapiere bringt nicht ein er-
freuliches Zeichen einer kleineren Verschuldung im Auslande, son-
dern bringt die traurige Tatsache zum Vorschein, daß unser für das
wirtschaftliche Leben uns so nötige Bargeld ins Ausland wandert
und unsere Wirtschaftsadern unterbindet.

Die Meinung des Herrn Dr. Wekerle, daß unsere Handels'-'
bilänz nur vorübergehend die Passivität aufweist, ist schon durch
die Tatsache widerlegt, daß seit dem Jahre 1907 die Lage in jedem
Jahre sich kontinuierlich verschlimmert.

Die Meinung der Exzellenz Baron Engel, daß wir uns in einer
Ticfwelle befinden, welche sich wieder in eine Hochwelle umwan-
dcln wird, ist ein auf keinen Tatsachen begründeter frommer Wunsch.

Wenn wir nicht billiger produzieren und unsere
Produktionsbedingungen den anderen modernen
Staaten nicht an passen, so werden wir ständig nicht
nur im Weltbewerbe die Geschlagenen sein, sondern auch
der innere Markt wird vom Auslande beherrscht werden. Dieses sehen
wir heute in der Maschinenindustrie, bei elektrischen Bedarfsartikeln,
bei chemischen Produkten, inklusive Kunstdünger u. s. w. Ja, sogar
in rein österreichischen Spezialexportwaren geht Österreich zurück.
So ist die Einfuhr von Taschnerwaren aus Deutschland im Jahre 1908
von 407 Millionen Kronen auf 737 Millionen Kronen im Jahre 1912
gestiegen, in Glaswaren von 4/5 Millionen Kronen auf 7'2 Millionen
Kronen, in Konfektion von 8'5 Millionen Kronen auf 127 Millionen
Kronen.

In der Zeit ist unsere Passivität in der Handelsbilanz infolge des
Verkehres mit Deutschland von 36 Millionen Kronen auf 300 Mil-
lionen Kronen gestiegen. In fünf Jahren hat sich die Passivität ver-
neunfacht.

Wir sind faktisch heute für Deutschland eine wichtigere Absatz-
kolonie geworden, als Kamerun und andere Weltteile der Erde.

Billige Rohstoffe sind die Bedingungen einer billigen Produk-
tion; bei uns ist aber eine solche Sache der Unmöglichkeit, da bei
den Rollfrachten eine Konkurrenz mit den Wasserfrachten in Deutsch-
land und anderen Staaten ausgeschlossen ist. Eine Tatsache, auf
        <pb n="9" />
        ﻿5

welche die Augen in Österreich sorgfältig und konsequent ver-
schlossen werden. Wir haben jetzt eine um 4o°/'o teuerere Baumwolle,
ein um 3o°/o teuereres Eisen u. s. w.

An größeren Löhnen und sozialen Abgaben ist das Ausland auch
wie wir beteiligt, nichtsdestoweniger erzeugt die dortige Industrie
weit billiger als wir.

Es ist bekannt, daß vor kurzem Deutschland 50 Lokomotiven
und 4250 Güterwagen über Österreich nach dem Balkan exportiert
hat. Von Deutschland wächst die Zufuhr nach Österreich von Jahr
zu Jahr an Kohle, Koks, Schafwolle, Eisen, Eisenwaren, Maschinen,
Apparaten, chemischen Industrieartikeln, Kunstdünger, wir aber haben
einen wachsenden Gegentransport nur in Gerste, Geflügel, Eier, Felle,
Häute und Zucker.

Da unserer ungünstigen geographischen, rein kontinentalen Lage
durch keine Maßnahmen entgegengewirkt wurde, mußten die
schlimmen Folgen sich summieren und die Industrie untergraben.

Nach der billigen Erzeugung in der Industrie richtet sich der
Handel, nach der Erzeugung des Kunstdüngers die intensive Land-
wirtschaft, diese Lebensadern sind miteinander eng verbunden, so daß
sich unser Gesamtbild des wirtschaftlichen Lebens geradezu trostlos
darstellt.

Was den Aktivstand des Staatsvermögens anbelangt, so läßt
sich derselbe aus den Regierungsvorlagen nicht genau zusammen-
stellen, manche Positionen müssen demnach auf approximativem
Wege und nach den Erkundigungen in den Regierungskreisen er-
mittelt werden, und zwar:

Die Eisenbahnen nach dem Kostenwerte 5658 Millionen Kronen;
der Wert derselben wächst und jedenfalls könnte man im Verkaufs-
falle mindestens um 1 o% mehr erhalten, d. i. 6213 Millionen Kronen.

Die Staatsdomänen 778.000 ha gut erhaltenen Waldes nur zu
1000 K geschätzt, ergeben 778. Millionen Kronen.

Die Montanwerke nach Ausweisen der Regierung 527 Millionen,
dazu die neu erworbene Kohlengrube in Brzeszcze mit 12 Millionen,
zusammen 647 Millionen.

Der Wert der Gebäude dürfte mit 700 Millionen Kronen nicht
zu hoch bemessen sein, nehmen wir 700/0 hievon, d. i. 490 Millionen.

Das Telephonnetz nach Anschaffungskosten mindestens 200 Mil-
lionen, und so erhalten wir zusammen 7745 Millionen des aktiven
- Staatsvermögens, welches im Bedarfsfälle veräußert werden könnte.

2
        <pb n="10" />
        ﻿6

Auf der Passivseite haben wir 12.227 Millionen der allgemeinen
Staatsschuld, wovon 1390 Millionen auf Ungarn entfallen, somit be-
trägt die rein österreichische Schuld 10.837 Millionen Kronen.

Wenn man von dieser Ziffer das Aktivum von 7745 abzieht, er-
hält man nur 3092 Millionen Kronen, d. i. beinahe unser jährliches
Budgetpräliminare. Daß dieses Verhältnis auch im Vergleiche zu
anderen Staaten ein günstiges ist, bezeigen die statistischen Angaben
des Herrn A. Neymarck; derselbe berechnet, daß die Eisenbahn-
anleihen der Staaten 300 Milliarden Franken gegen 800 Milliarden

37975

Fig. 2.

Franken der Gesamtverschuldung der Staaten ausmachen, somit
37'5 °/° darstellen.

In der Verschuldung Österreichs nehmen die Eisenbahnanleihen
aber den 52'40/oigen Teil ein.

Die Quote von 3092 Millionen Kronen wäre eine im Vermögen
nicht gedeckte Verschuldung des Staates, eine zu geringe, als daß auf
Grund des Saldos und damit verbundener Belastung der Bevölkerung,
die allgemeine Not der breiten Volksmassen zu rechtfertigen wäre.
Die Ursachen liegen anderswo.

Die Verschuldung anderer Staaten ist weit größer als Öster-
reichs und die Verhältnisse im Jahre 1912 sind folgende gewesen.
Fig. 2.
        <pb n="11" />
        ﻿7

Wie in den vier Jahren 1908—1912 das bewegliche (Vermögen
der Staaten gewachsen ist, gibt das folgende nach A. Neymarck
verfaßte Graphikon ein vergleichendes Bild. Fig. 3.

Am meisten ist das Vermögen Deutschlands gewachsen. Dieses
Reich hat verstanden, das Geld vom Auslande für seine Produkte
zu gewinnen und die so erhaltenen Kräfte hat es zur Erweiterung der
eigenen Produktivität benützt und auf diese Art die Verzinsung im

22-5

eigenen Hause gewonnen. Frankreich suchte im Auslande seine Ver-
zinsung, weswegen sich dort andere Staaten um Anleihen bewarben.

Österreich genügt nicht mit seinem kleinen Vermögenszuwachse,
um weder eigene Produktion zu heben noch im Auslande Verzinsung
zu suchen. Es ist auf die Anleihen in Deutschland, England und
Frankreich angewiesen. Das österreichische Finanzministerium ist
ein Meister in der Versäumung der Ausführung präliminierter In-
vestitionen und hält an dem unrationellen Prinzipe fest, das Geld
heute nicht auszugeben, morgen aber für dasselbe weit mehr zu be-
        <pb n="12" />
        ﻿8

zahlen und sich um die daraus verursachten schlimmen Folgen in
der Volkswirtschaft gar nicht zu kümmern.

Im Jahre 19 n war sogar aus dem Kredite zur Besserung der
Lage der Staatsbediensteten ein Betrag von 1,440.000 K unverwendet
geblieben.

Im Privatleben nennt man das einen Geiz, in unserem Staats-
leben ein Verdienst, im Munde der Bevölkerung ein Unfug.

Die Resultate der angeführten Ersparnisse führen zu der Ver-
größerung von Kassabeständen, auf welche Weise man nach Jahren
folgende Kassabestände erzielt hat:

Fig. 4.

In 17 Jahren hat man durch die Scheinpräliminare in nötigen
Ausgaben diese Ersparnisse verdoppelt. Selbstredend gilt dieses nicht
von den Militärausgaben.

Das Parlament erkämpft die zum Leben nötigsten Staatsmittel,
es ist scheinbar für das Verständnis an Volksbedürfnissen von Seite
der Regierung geschehen und das Lob von der bezahlten Presse
wird ihr gepriesen.

Hat man so glücklich dies überstanden, dann werden die Präli-
minare des Budgets nach Belieben gestrichen.

Solches Spiel mit der Volksvertretung und dessen Willen ist
auch eine der Folgen der Verständnislosigkeit der Regierung in
bezug auf die Bedürfnisse des Volkes.
        <pb n="13" />
        ﻿9

Das Volkseinkommen Österreich-Ungarns pro Jahr berechnet man
mit 20.000 Millionen, welchem gegenüber 4899 Millionen Budget-
ausgaben zu stellen sind, und so gelangen wir dazu, daß 24'5 0/0 des
Bruttoeinkommens der Verwaltung abgegeben werden müssen.

Das ist ein das Volk ruinierendes Verhältnis.

Die Steuerumlagen betragen oft sogar 2oo°/o; bei dem Stande der
S^che muß man zugestehen, daß eine weitere Erhöhung der bestehen-
den Steuern geradezu unmöglich ist. Das Maximum hat man schon
lange erreicht und den Wohlstand damit ruiniert. Die ehrlichsten
Steuerfassionen werden ignoriert und willkürlich die Abgaben diktiert,
man hat es schon bei uns zu Vermögenskonfiskationen gebracht. Im

Dg. 5-

Jahre der Krise, 1913, hat man bis zum 1. September in drei Mo-
naten an direkten Steuern um 16 Millionen Kronen mehr eingehoben
als präliminiert wurde u. s. w.

Die Ertragszunahme an direkten und indirekten Steuern in Pro-
zenten vom Jahre 1908 bis 1912 ist von 2'8°/o auf 6-160/0 gestiegen;
also in den Jahren der größten ökonomischen und elementaren Krise
hat man die Steuerschraube gerade stärker angezogen. Fig. 5.

Die Budgetausgaben betragen pro Kopf der Bevölkerung eine
große Quote, von 105 K gegen 425 K Einnahmen im Jahre 1912, und
gleichen somit dem vierten Teile des gesamten Einkommens.

Österreich, als zur Hälfte Ackerbau- und zur anderen Hälfte
Industriestaat, hat so große Budgetausgaben, wie der Wert der Jahres-
ernte, Bergbau und Hüttenprodukte, sowie der im Jahre erzeugten
Maschinen zusammengenommen.
        <pb n="14" />
        ﻿10

Die Ausgaben des Staates haben schon lange das richtige Ver-
hältnis zu den Einnahmen der Bevölkerung verloren, die Spareinlagen
im Jahre 1910 sind in Österreich gegen das Vorjahr nur um 59 Mil-
lionen Kronen gewachsen, wogegen diese in früheren Jahren
156.127 Millionen ausgemacht haben.

Man schätzt die natürliche Spannung des inneren Geldmarktes
für die Anleihen auf 150 bis 200 Millionen Kronen, es müssen aber,
wie gegenwärtig, 500 Millionen Staatsanleihen placiert werden. Der
Rest von 350 Millionen Kronen muß vom Auslande, außerdem müssen
mehrere hundert Millionen für die Länder und Städte, ferner eine
große Menge im Lombard der Banken befindliche Pfandbriefe und
Obligationen eingelöst werden, kurz im Auslande muß wieder eine ko-
lossale Geldmenge, über eine Milliarde Kronen, ausgeliehen werden.

II.	Umsichgreifendes Elend und Unzufriedenheit.

Die Zerstückelung des Bodens hat namentlich in Galizien dazu
beigetragen, daß zirka 500/0 der Wirtschaften unter 2 ha Boden be-
sitzen. Eine Familie von dem Ertrage der kleinen Fläche zu ernähren,

599

Fig. 6. Bodenverschuldung in Galizien in Millionen Kronen.

wobei die intensive Wirtschaft ausgeschlossen ist, ist unmöglich. Es
wächst daher die Verschuldung mehr in Galizien, weniger, aber auch
progressiv in anderen Ländern.

In der Bukowina z. B. ist die jHypothekenverschuldung von
50 Millionen im Jahre 1882 auf 104 Millionen innerhalb nur zehn
Jahren gestiegen und um 65 Millionen in den folgenden acht Jahren.
        <pb n="15" />
        ﻿11

Das Wachsen der Boden Verschuldung in Österreich stellt Fig. 8
in Millionen Kronen.

Jährlicher^Zuwachs der neuen Belastungen im
Lastenstande des Bodens in Galizien dn
Millionen Kronen.

3538

wm

1903	1911

Fig. 8.

In den letzten zehn Jahren ist die Bevölkerung Österreich-Ungarns
um vier Millionen gewachsen, den Vergleich mit anderen Staaten stellt
Fig. 9.

Fig. g. Bevölkerung pro i hm".
        <pb n="16" />
        ﻿12

Die Übervölkerung steigt, die Arbeitsquellen wachsen aber nicht
in dem Maße und somit sind wir dazu gekommen, daß die arbeitenden
Menschenhände bei uns ein überschüssiges Material, in anderen Indu-
strieländern aber ein Reichtum sind. Nur die rationelle Bodenwirt-
schaft könnte die wachsenden Bevölkerungsmassen ernähren. Wie
groß könnte z. B. die Zukunft der Vieh- und Pferdezucht bei einer
intensiveren Wiesenwirtschaft sein. Deutschland allein bezieht pro
Jahr 320.000 Stück Rindvieh und 100.000 Pferde und könnte für uns
das größte künftige Absatzgebiet werden. Heute beziehen wir pro

70

Oester.Uug.	Deutschland.	Dänemark

Fig. 10.

Jahr von Deutschland leider für 130 Millionen Kronen Landprodukte,
ein Beweis des Oberhandbekommens der dortigen intensiven Land-
wirtschaft.

Die Vergleichsstatistik gibt hievon ein klares Bild. Pro Quadrat-
kilometer produktiver Fläche entfallen: Fig. 10.

Wie arm sieht da Österreich aus, welches sich nicht dazu ver-
stehen kann, seinen Landwirten einen so billigen Kunstdünger zu
bieten, wie es in Deutschland und anderen Ländern der Fall ist. Die
Landwirte sind hier nicht schuld, die Ursache liegt in der Unmög-
lichkeit, ohne billigen Wassertransport den Kunstdünger billiger zu
produzieren, was wieder das große Versäumnis der österreichischen
Regierung beweist.
        <pb n="17" />
        ﻿Weltwirtschaft

Kiel

ük 339/72

— 18 -

Ohne billigen Kunstdünger ist die intensive Landwirtschaft nicht
möglich, der Boden wird ärmer und so sehen wir, daß in den zehn
Jahren 1900—1910 allein in Galizien der Rinderbestand um 213.000
Stück kleiner geworden ist, was einen Verlust von allein 80 Millionen
Kronen ausmacht. Welch großen Unterschied erhalten wir beim Ver-
gleiche unserer Landwirtschaft mit Deutschland?

Pro Quadratkilometer entfallen:

Rinder .	Deutschland Österreich ohne Ungarn  Stück  •	39	34	
Pferde .	9	6
Schweine	• 34	17

Unter-	Wert Gesamtwert des

schied pro Stück Unterschiedes
Kronen

5	37°-—	1850.—

3	300.—	900.—

17	80.—	1360.—

Zusammen .	.	.	4110.—

was in Österreich bei einer bebauten Fläche von 106.249 km2 zu-
sammen einen Minderwert der österreichischen Landwirtschaft um
437 Millionen Krönen gegen Deutschland darstellt.

Hier liegen die Gründe der wachsenden Saisonauswanderung.
Die Verzeichnungen der deutschen Arbeiterzentrale allein geben ein
düsteres Bild darüber.

262944

Fig. 11. Österreichische Saisonauswanderung zählte Leute.

Das Elend greift außer Galizien auch in anderen Provinzen um
sich, denn es wächst die Saisonemigration auch in der deutschen und
böhmischen Bevölkerung. Fig. 12.

3
        <pb n="18" />
        ﻿14

Die angeführten Ziffern sind zu gering; man schätzt unsere
Saisonauswanderung nach Deutschland auf 450.000 Leute, nach an-
deren Ländern auf 30.000, zusammen auf 480.000 Menschen. Wenn
man berücksichtigt, daß im Jahre 1904 allein 100.000 Leute im
Auslande Brot gesucht haben, so ist die Not in acht Jahren fünfmal
größer geworden. Eine traurige Statistik. In manchen Bezirken Gali-
ziens geht die Bevölkerungsziffer zurück, eine unglaubwürdige Tat-
sache.

* Nicht besser ist 6s in den Städten. Die Steuerabgaben für Wohn-
häuser im ganzen Reiche haben eine enorme Höhe erreicht. Von der

58390

Bruttoeinnahme entfallen zirka die Hälfte für Steuerabgaben in Wien,
Brünn, Prag, Krakau, Lemberg, Graz, Triest u. s. w.

Die Kapitalverzinsung muß somit von der Hälfte des Einkommens
gedeckt werden oder mit anderen Worten, jedes zweite Haus wird
konfisziert. Wie können dann die Wohnungen billiger werden? Es muß
dadurch die Baulust schwinden, den bedürftigen Handwerkern an
Arbeit mangeln und Not und Erbitterung sich einschleichen.

Wie anders verhält es sich z. B. Ln Deutschland. In Stuttgart
entfallen' nur 10% von der Bruttoeinnahme für Steuerbelastung, in
Berlin 1 % vom Taxwerte, ähnlich in anderen großen Städten, man
kann aber dort billig das Baumaterial auf dem Wasserwege von
weitem zuführen und auf diese Art auch billiger bauen.

Die Teuerung rnuß deswegen bei uns um sich greifen, da jedem
Verkäufer und jedem Handwerkei? nach Bezahlung der Miete oft
        <pb n="19" />
        ﻿15

kein Überschuß zum Lebensunterhalte verbleibt. Der jährliche Ge-
samtkonsum an Getreide in den Jahren 1906 bis 1910 belief sich
in Österreich auf 375 kg, in Deutschland auf 547 kg und an Erd-
äpfeln auf 300 kg gegen 600 kg in Deutschland. Die Verbrauchs-
fähigkeit fällt, die Werkstätten finden wenig Beschäftigung, schränken
infolgedessen das Personal ein und dieses Arbeitsmaterial geht ins
Ausland.

So gehen die Städte der gleichen Armut entgegen.

Lehrreich ist die Zusammenstellung der im Jahre 1912 eröffneten
Konkurse in den österreichischen Provinzen mit Ausschluß von Gali-
zien und der Bukowina, sowie eine solche in diesen Ländern. Fig. 13.

Die wirtschaftlich vernachlässigten Länder haben den kleinsten
Widerstand gezeigt, weil, während in Galizien und in der Bukowina
die Fallissemente 8,109.000 K ausmachten, alle anderen Länder nur
7,744.000 K aufgewiesen haben.

In den Industriezentren geht es auch nicht besser. Die großen
Eisenwerke haben, trotz der billigeren Preise, für das Eisen wenig

3*
        <pb n="20" />
        ﻿16

Absatz, der Markt ist überfüllt, die erzeugte Ware füllt die Magazine,
die Erteilung der Kredite wird eingeengt.

Selbstverständlich mehrt sich hiedurch die Menge der Arbeits-
losen, die besseren Arbeitskräfte wandern aus und die Arbeitsquelle
versiegt. Wie ganz anders ist es in der Eisenindustrie Deutschlands.

Fig. 14-

In der Webeindustrie kam es infolgedessen dazu, daß eine
größere Anzahl bedeutender Unternehmungen die Betriebe auf 40 bis
50% reduziert hatte. Unter den Arbeitern brach die Notlage aus.
Die Preise der Baumwolle sind überall gestiegen und bei dem teuern
Rolltransporte kann die Industrie kaum arbeiten. Amerika verkauft

Fig. 14. Ausfuhr der Maschinen aus Deutschland in Waggonladungen &amp; 10 t.

die Baumwolle stets teuer, die größeren Bahnfrachten verteuern die
Ware und so wird die Konjunktur von Tag zu Tag ungünstiger
und der Export unmöglich.

Seit dem Jahre 1910 sind die Fallimente in der Textil-, Leder-,
Bau-, Eisen- und Maschinenindustrie in hohem Maße gestiegen, im
Jahre 1913 waren 386 Fälle, mit einem Passivum von 156 Millionen
Kronen, worunter 38 Fälle mit mehr als einer Million Kronen Pas-
sivum gewesen sind.

In den letzten zwei Jahren waren mehr Fallimente als in den
früheren fünf Jahren zusammen genommen. Fig. 15.

Wir verbrauchen pro Jahr 26.500 Wagenladungen Wolle; alles
muß die teuere Bahnfracht ertragen. Hätten wir, wie Deutschland,
billige Wasserwegtransporte, so wäre die Lage eine günstigere.
        <pb n="21" />
        ﻿17

Nicht nur die großen Industrien schrumpfen ein, es versiegen
sogar die kleinen alten Industriezweige. Nach den Berichten der
Gewerbeinspektoren geschah dies bei der Glasperlenindustrie, bei den
Seidenspinnereien in Südtirol, in der Zündholzindustrie u. s. w., wo-
durch die dabei beschäftigten Arbeiter andere Berufe zu suchen ge-
zwungen waren und auch auswandern mußten.

Österreich ohne Kolonialpolitik trägt die Folgen seiner konti-
nentalen Lage und der Kurzsichtigkeit seiner Verwaltung. Der ge-

wesene Sektionschef Herr Brosche hat bei der Jahresversamm-
lung der Industriellen in Aussig selbst zugestanden, daß die öster-
reichische Regierung wenig Interesse für die Industrie besitzt.

Auf allen Gebieten der Industrie ist eine ungeheure Stockung.

Zu allen diesen mißlichen Verhältnissen wird die Teuerung nicht
mehr erträglich. Im internationalen Handel sind die Brdtfrüchte und
das Fleisch immer teurer.

In England sind die Preise der Nahrungsmittel in den Jahren
1900 bis 1911 um 9°/o, in Norwegen um 11%, in Frankreich und Hol-
land um i7°o, in Italien um i8°/o, in Rußland um 210/0, in Belgien
        <pb n="22" />
        ﻿18

und Österreich um 28Q/o gestiegen. Noch größere Preissteigerungen
sind in Japan (380/0) und in den Vereinigten Staaten (39%) zu ver-
zeichnen.

Anders gestalten sich die Verhältnisse in Berlin. Der Kon-
sument erhält die Nahrungsmittel billiger und der Produzent seinen
reichen Gewinn, während bei uns beide sich beklagen müssen. Ge-
müse, Obst, amerikanische Äpfel sind in Berlin um die Hälfte billiger
als.in Wien, Milch und Butter um 2o°/o. Wir erzeugen die gewöhn-
lichen Naturprodukte zu teuer und in einer zu geringen Menge. Der
Butterexport ist von 9 Millionen Kronen auf 4 Millionen Kronen ge-

2647

Fig. 16. Preise von Weizen und Roggen in den letzten sieben Jahren
pro 1 g in Kronen.

sunken, der Import dagegen von einer halben Million Kronen auf
14 Millionen Kronen gestiegen!

Die Eisenbahnen wurden verstaatlicht, die Kosten derselben wur-
den aber auf das Konto „Schulden“ eingeschrieben; um diese zu
tilgen, werden die Frachten stets gehoben und so müssen die Lebens-
mittel stets teurer werden.

Die Billigkeit der Nahrungsmittel, z. B. in Berlin, im Vergleiche
zu Wien, ist nicht nur auf den billigen Kunstdünger für die Land-
wirtschaft zurückzuführen, sondern auch auf die Möglichkeit, die
Landerzeugnisse von weiten Entfernungen auf den Wasserstraßen
billig zuzuführen. Das angeschlossene Graphikon, Fig. 17, gibt hie-
zu eine lehrreiche Erklärung.

Die Bauindustrie sieht in den Städten erbärmlich aus, Tausende
von Arbeitslosen vermehren die Scharen des brotlosen Proletariats.
        <pb n="23" />
        ﻿19

Die umsichgreifende Armut zwingt die Bewohner, ihre Wohn-
stätten einzuschränken, größere Wohnstätten stehen leer, die Bau-
unternehmer finden keine Rechnung und das Geschäft stockt.

In den alten zehn Bezirke« Wiens ist der Umsatz bei Hauskäufen
im Jahre 1913 gegen das Jahr 1911 um 117 Millionen Kronen zurück-
gegangen. In den Jahren 1903 bis 1907 wurden bei den Landes-

♦

Verkehr per Bahn in 1907,
auf ioo'Yn entfallen

in Wien 91%

, H

Verkehr zu Wasser in 1907,

auf ioo"/|, entfallen'	H

in Berlin 55% |

inBerlin45%

in Wien 9%

Fig. 17.

gerichten in Wien, Prag, Graz, Lemberg und Brünn aus den Aktiven
der in Konkurs geratenen Bauunternehmungen von I2’6 Millionen
Kronen, den Handwerkern auf deren Forderung von 4 Millionen
Kronen nur 330.000 K ausgezahlt. 3,670.000 K haben die Handwerker
verloren. Ähnliche Verhältnisse sind in allen Städten Österreichs zu
finden. *

Daß die Verschlechterung der inneren wirtschaftlichen Verhält-
nisse eine allgemeine ist, erkennt nur nicht die Staatsverwaltung und
die ihr nahestehende Publizistik.
        <pb n="24" />
        ﻿20

Die große Masse der Bevölkerung erlangt die Kenntnis der
wahren Verhältnisse nicht, auch nicht von den von Zeit zu Zeit sich
hören lassenden Fachrednern.

Vor kurzem hat doch im Gremium der Wiener Kaufmannschaft
Herr Philipp Broch vorgetragen: „daß wir uns nicht in einer be-
deutenden Wirtschaftskrise befinden“!

Die Bevölkerung hat sich gerne mit schönen Hoffnungen ab-
speisen lassen, wozu aber solche Selbsttäuschungen führen, zeigt
die heutige allgemeine Lage. Es ist die höchste Zeit, an eine ernste
Abrechnung und an männliches Handeln zu denken.

Zirka 100.000 Wiener Arbeiter haben keine Beschäftigung, in
anderen Zentren geht es nicht besser; der Bauer auf dem Lande im
Osten hat seine Brotportionen verkleinert und wird zum Anpflanzen
im Frühjahr keine Erdäpfel haben, er lebt von Kraut!

Man hört nur ein trauriges Wort, d. i. „österreichisches Elend“.

Die Unzufriedenheit wächst und die Folgen dieser ernsten Er-
scheinung können bedrohliche Formen annehmen.

Die Leute verzweifeln, suchen im Trinken Vergessenheit und im
Lotto ihr Glück. Im Jahre 1911 hat man in Österreich 26 Millionen
Kronen im Kleinlotto verspielt, d. i. um 5 Millionen Kronen mehr,
als man präliminiert hat.

Der traurige Zustand in Österreich ist klar und ist als eine Folge
der Niederlage auf dem Weltmärkte anzusehen. Wenn alle modernen
Staaten mit ihrem Fortschritte in der Industrie und im Ackerbau in
den weiten Landen der Erde das Geld zu verdienen trachten, rettet
Österreich seine Existenz mit den Verdiensten aus der Emigration
und mit dem Exporte von Zucker, Holz und Hühnereiern.

Alle anderen Produktionsarten versiegen von Jahr zu Jahr. Eine
traurige Tatsache.

Ein Resultat der Kurzsichtigkeit des herrschenden veralteten
Bureaukratismus, des größten Feindes der Monarchie, welcher den
Wohlstand der Völker untergraben und vernichtet hat. Obwohl der
Bureaukratismus und der Fortschritt einander gar nicht kennen,
vertragen sich dieselben todfeindlich nicht. Sogar den gewöhn1
liehen bekannten Nachahmungsweg des nördlichen Bundesgenossen
in bczUg auf Hebung der Volkswirtschaft und Kolonialpolitik wollte
man nicht betreten.
        <pb n="25" />
        ﻿21

III.	Nothilfsmittel.

Österreich mit seinen arbeitsamen und intelligenten Völkern,
mit den Reichtümern des Bodens wird sich nach Jahren noch öko-
nomisch erholen.

Wie bei einem Kranken, kann die Hilfe eine momentane, kurz-
dauernde sein und muß diese als ein Notmittel angesehen werden; es
kann aber die Hilfe eine gründliche, die Ursachen der Schwäche be-
seitigende und heilende sein und muß eine solche als ein rationelles
Hilfsmittel angesehen werden.

Der wirtschaftlichen Schwäche Österreichs wird seit Jahrzehnten
nur mit den Notmitteln geholfen; dies wurde schon als Prinzip an-
erkannt, kein Wunder, daß der Organismus des Kranken in kata-
strophaler Weise geschwächt wurde.

Der Militarismus und Bureaukratismus stellt stets größere An-
forderungen an die Bevölkerung. Das System der Steuerschraube
ist zu einer österreichischen Spezialität geworden. Pro Kopf der Be-
völkerung entfällt im Jahresbudget 105 K an Ausgaben.

Diese Steuermaschine funktioniert ausgezeichnet, zur Zufrieden-
heit der bureaukratisehen Organe, welche in ihrer Kurzsichtigkeit
glauben, daß es so ohne Ende weiter gehen kann.

Sind die Kleinen unzufrieden, so wendet man sich an die
Größeren, sind sie es beide, so werden sie gegeneinander gehetzt
und findet stets einen Begünstigten, gegen welchen die Schraube
angewendet wird. So wurstelt man. von Jahr zu Jahr weiter und hat
schon Jahrzehnte vergeudet.

Solche Zustände können aber nur bis zu einer gewissen Zeit
herrschen, so wie die hungrigen, in einen Zwinger gesperrten Tiere
nur eine Zeitlang miteinander ums Dasein kämpfen werden, worauf
alle, klein oder groß, sich gegen den Zwinger kehren, so kann es
auch in der menschlichen Gesellschaft kommen. Das ist die natür-
liche Folge in dem Falle, wenn der Fortschritt in der Volkswirtschaft
zurückgehalten wird. Die kleinlichen Hetzereien der Industrie-
kreise gegen die Agrarier und umgekehrt haben sich schon abgelebt,
da alle in einer Reihe unzufrieden .sind.

Diese allgemeine Unzufriedenheit muß den Schuldigen auf den
Pranger stellen und wehe der Verwaltung, die nicht rechtzeitig die
Unzufriedenheit der Massen rationell zu beseitigen verstehen wird.
        <pb n="26" />
        ﻿22

Die stets größeren Lasten können nicht mehr mit den Steuern
gedeckt werden; in den letzten fünf Jahren wurden jeden Tag eine
Million Kronen 'Schulden gemacht. Die frühere Rentenausgabe ist
heute bei allgemeinem Mangel an Bargeld und großen Ansprüchen
von den früher beinahe unbekannten Weltgegenden nur bei sehr
teueren Bedingungen möglich. Mit wuchernden Schatzscheinen ist
nur eine momentane Abhilfe möglich, kurz, es wird das bisnun noch
mögliche Schuldenmachen von Tag zu Tag schwieriger.

Neue Steuerlasten erträgt die Bevölkerung nicht mehr und so
gelangt man zu dem Zeitpunkte, wo die bisherigen Notmittel nicht
mehr helfen und die bisherige Taktik als in Trümmer zerfallend be-
trachtet werden muß.

Das Sparen an den arbeitgebenden Investitionen und an den
produktiven Auslagen wird nur zur schnellen Katastrophe verhelfen
und die Unzufriedenheit vermehren. Eine solche Verminderung der
Auslagen kann als ein Notmittel nicht angesehen werden. Die Eisen-
bahnen, Straßen, Schulen müssen gebaut, Flüsse reguliert und Me-
liorationen ausgeführt werden, solche Auslagen dürfen aus dem
Staatsbudget nicht gestrichen werden.

Das finanzielle Gleichgewicht zu erhalten, wird stets schwerer und
der Zeitpunkt naht, wo es eine Sache der Unmöglichkeit sein wird,
auf dem bisher üblichen Wege weiter zu verbleiben.

Österreich ist mit der bisherigen Taktik zu dem Endpunkte an-
gekommen, wo solch ein weiteres Wirtschaften nicht mehr möglich ist.
Österreich spart an Geldausgaben, ist aber leichtsinnig und verschwen-
derisch in bezug auf die Zeit. In dem Wettkampfe ums Dasein ist
aber die Zeit teurer als das Geld, weil man sich in der Hinsicht
mit keinem Anleihen helfen und die vergeudete Zeit nicht auch in
Goldwährung ausleihen kann.

Die anderen modernen Wege müssen trassiert werden und der
Wille der Völker muß die verrosteten 'Räder der mittelalterlichen
Maschine durch moderne auswechseln. Anders geht der Staatswagen
nicht vom Flecke.

Die zweite Serie der Finanzvorlagen: die Zündhölzchensteuer, die
Erhöhung der Erbschaftsgebühren, Versicherungsgebühren, Divi-
dendensteuer, Erwerbsteuer von Aktiengesellschaften, die Gerichts-
gebühren, sind zwar meisterhaft ausgesuchte Einnahmsquellen, wer-
den aber bei den erhöhten Militärauslagen bald nicht mehr ausreichen;
        <pb n="27" />
        ﻿23

auch ein Spiritusmonopol, das Verkaufsmonopol von Petroleum und
Benzin.

Was die letztere Einnahmsquelle betrifft, so stehen wir unmittel-
bar vor einem Privatmonopol der größten Raffinerien. Dieselben wer-
den alle kleineren Raffinerien um geringes Geld erwerben; das Ein-
schränken der Betriebe, sogar das Aufhalten der Arbeit in den Raffi-
nerien Mähr.-Ostrau, Kolin, Jedlicze, Krosno, Budapest sind dessen
ernste Vorzeichen.

Die Regierung tritt immer öfter vor das Haus mit Ermächtigungen
von Kreditoperationen in einer Höhe, welche in früheren Zeiten nicht
vorgekommen war; für die erste Hälfte 1914 ist eine halbe Milliarde
Kronen in Aussicht genommen. Der österreichische innere Geldmarkt
ist nur imstande, 150 bis 200 Millionen Kronen Anleihen zu decken;
man ist somit mit zwei Dritteln auf Deutschland und England ange-
wiesen. Die Geld Verhältnisse in den Staaten gestalten sich aber in
der Weise, daß der Überschuß der gesamten Länder stets kleiner
wird, da die eigenen Rüstungsausgaben in großem Maße von Jahr
zu Jahr anwachsen. Die bayrische Anleihe hat den besten Beweis
dafür geliefert.

Was werden wir anfangen, wenn diese Quelle in der Zukunft ver-
siegen wird? Diese Zukunft ist aber schon nahe, da die Placierung
der Anleihen stets größere Schwierigkeiten bereitet. In den letzten
zehn Jahren haben an Renten 1500 Millionen Kronen den Markt be-
lastet, man entnahm schon zweimal so viel, als der Markt ertragen
konnte. Bis zu diesem Zeitpunkte ist noch die frühere Wirtschafts-
methode gegangen, was wird aber geschehen, wenn diese Wege ver-
schlossen sein werden?

Rechtzeitig andere, mehr rationelle Mittel zu wählen, empfiehlt
die Vernunft und der staatserhaltende Gedanke.

Eine Vereinfachung der Staatsadministration, Ersparnisse in Re-
präsentationsämtern und Ministerien wird nicht stark in die Wag-
schale fallen, diese Positionen werden gering sein, im Verhältnisse
zu den stark anwachsenden Auslagen.

Ohne eine ernste, energische Arbeit auf dem Gebiete der
rationellen Mittel muß der Staat zu einem ökonomischen Ruin ge-
langen; heute schon ist das letzte Wort „Entweder — Oder“ zu
sagen.

Die Aufgabe der Volksvertretung ist es, mit offenem Blicke die
Wege zu zeigen, die Verwaltungsorgane dürfen nicht blind sein, das
        <pb n="28" />
        ﻿24

mechanische Arbeiten, welches bereits zu tief die Wurzeln gefaßt hat,
aufhören muß, sonst ist kein Fortschritt zu erhoffen.

Ohne diese Wendung wird die Zeit nahen, wo das Schritthalten
in dem Rüstungswesen des Staates nicht mehr möglich sein wird. Was
solche Verhältnisse bedeuten würden, ist nicht nötig zu erörtern. Durch
bloßen Militarismus wird in dem Momente der Staatsbau nicht mehr
zu erhalten sein, wir werden auch in der Beziehung vom Nachbar über-
rungen.

Ein starker Militärstaat muß auch ein starker ökonomischer Staat

sein.

IV.	Rationelle Mittel.

Die Hebung des allgemeinen Wohlstandes und der Steuerkraft
der Bevölkerung kann nur als ein richtiges Mittel gegen die allge-
meine Misere und zur Sicherung der Zukunft des Staates angesehen
werden.

Der Vergleich unserer geschichtlichen Entwicklung mit derjenigen
der anderen Kulturstaaten zeigt, daß man dieses große Gebiet der
Hebung des allgemeinen Wohlstandes und der Steuerkraft bei uns
gänzlich vernachlässigt hat. Was hat nicht Frankreich, England,
Deutschland, Amerika alles unternommen, damit ihre Waren auf
dem Weltmärkte die Oberhand gewinnen und um vom Auslande Ver-
dienste zu ziehen. Was haben nicht diese Staaten alles unternommen,
um die Produktionskosten für eigene Erzeugnisse zu verbilligen. Diese
Verbilligung war das Resultat der Bemühungen und Sorge von vielen
Dezennien. Deshalb fließen heute vom Auslande Millionen und
Millionen ins Land herein. In diesen Ländern ist die arbeitsame Men-
schenhand ein Vermögen, bei uns eine lästige Ware. Die Verbilligung
der Produktion läßt sich mit keiner Zollpolitik erreichen; das wären
zu schwache Mittel; das Fundament hiezu ist der billige Transport
der Massenrohprodukte.

In derselben Zeit hat Österreich aber nur an neuen Steuern,
einigen humanitären Gesetzen für die Arbeiterschaft, sonst aber nur
ausschließlich an den Vorlagen gearbeitet, welche nicht direkt das
Wohl der Bevölkerung, sondern welche die Machtstellung der Mon-
archie und die Verwaltung als solche bezweckten.

Zur Hebung des allgemeinen Wohlstandes sind Mittel anzuwen-
den, welche teils von den Steuergeldern gedeckt werden müssen, teils
        <pb n="29" />
        ﻿25

durch richtige Anwendung von Bankoperationen ins Leben gerufen
werden können.

Die ersten sind indirekt produktive, die zweiten, die sich ren-
tierenden, direkt produktive Mittel.

Zu den ersten müßten eingereiht werden: die Vereinfachung der
Administration, Veranlassung der Österreichisch-ungarischen Bank,
damit dieselbe mit dem billigen Kredit in 7o°/o Österreich und in 300/0
Ungarn beteile. Heute ist es gerade umgekehrt. Mit Ende 1912 waren
im Wechselportefeuille der Bank für 800 Millionen Kronen ungari-
sches und nur 500 Millionen Kronen österreichisches Material und
vom Reinerträge erhielt Ungarn 55-60/0, Österreich nur 44-4°/o. Wäre
die alte Formel 70:30 auch weiter eingehalten worden, so würde
Österreich 840 Millionen Kronen Kredit erhalten, man hat somit das
Reich um 340 Millionen Kronen Kredit gekürzt. Man vergißt, daß
Österreich 28 Millionen Einwohner besitzt und Ungarn nur 19 Mil-
lionen Einwohner zählt.

Der Postsparkassenverkehr im Jahre 1912 war in Österreich
33 Millionen Kronen, in Ungarn nur 10 Millionen Kronen. Wo ist
hier ein gerechtes Kreditverhältnis bei der Österreichisch-ungarischen
Bank eingehalten worden?

Auf diese Weise verlor die österreichische Reichshälfte im Jahre
1912 an ihrer Beteiligung allein 5 Millionen Kronen.

Die einheimische Bank geht mit ihrem Kredit nicht dort zu Hilfe,
wo es notwendig wäre; ein fremdes Institut möchte gerade so han-
deln, wie dieses österreichisch-ungarische. Im schlechtesten Jahre der
allgemeinen Krise, 1913, hat die Österreichisch-ungarische Bank
45-9 Millionen Kronen Reingewinn erreicht, ein Rekordgewinn, wel-
cher seit 40 Jahren nicht erreicht wurde. Wenn man sich mit der
Vergrößerung des österreichischen Kreditwesens und der Verbilligung
des Geldes beschäftigt, kann ich nicht umhin, den allgemeinen Ver-
lust des Geldwertes mit einigen Worten zu berühren. Der all-
gemeine Geldmesser hat seinen Wert auf dem Weltmärkte verloren.
Das frühere Maß des Wertes, das Gold, wird in zu großen und
stets wachsenden Mengen heute gewonnen, sein Wert muß somit
sinken.

Schon im Jahre 1911 berechnete man die Welt-Hyperproduktion
auf 255.000 kg. Der früher lästige Abraum wird heute in großen Men-
gen mechanisch verarbeitet und man bekommt in Transvaal pro
Tonne Abraum 5—7 leg reinen Goldes. Man kann künstlich auf die Dauer
        <pb n="30" />
        ﻿26

den Wert des Goldes nicht halten, das größere Angebot muß auf dem
Weltmärkte den Preis reduzieren. Die Verringerung des Wertmessers
bringt naturgemäß auch die Teuerung nach sich. Die englischen
Ökonomisten berechnen, daß von ioo&lt;&gt;/o der allgemeinen Verteuerung
70/0 auf die Goldhyperproduktion zurückzuführen sind. Alle Staaten
leiden darunter, weswegen eine internationale Konferenz zur Nor-
mierung der Produktion und Fixierung dieses Wertmessers für alle
Staaten an der Zeit wäre. Die österreichische Regierung könnte hier
für das allgemeine Wohl mit einer Initiative vorausgehen.

Zu den nicht direkt rentablen Investitionen zurückkehrend, wären
als solche die Lokalbahnen in den Ländern, welche die Hauptkommu-
nikationen schon längst besitzen (Galizien braucht noch rentable
Hauptbahnen), die iStraßenbauten, Schulgebäude, die Regulierung
von wilden Flüssen und Meliorationen anzuführen.

Diese Ausgaben muß die Bevölkerung mit ihrer Steuerleistung
decken, sie bringen keine direkten Gewinste und können von den-
selben nicht amortisiert werden.

Anders verhält es sich mit Auslagen, welche ihrem Charakter
nach Gewinste abwerfen, ihre Auslagen zurückzahlen können und zu
welchen leicht Kapitalien des In- und Auslandes zugezogen werden
können, da für ein gutes Geschäft dieselben stets zu haben sind.

Zur Finanzierung eignen sich vorzüglich die gemischt-öffentlichen
Unternehmungen, deren Charakter darin besteht, daß in der Form
der privaten Erwerbsunternehmung — Aktiengesellschaft, Gesell-
schaft m. b. H., auch Genossenschaft, das Privatunternehmertum
und Kapital — mit den Körperschaften, Staat, Land, Stadtgemeinden,
zur Beschaffung der nötigen Geldsummen sich verbindet und dann ge-
meinschaftlich das Geschäft leitet. Dadurch wird die Schwerfälligkeit
in der Geschäftsführung der angeführten Körperschaften umgangen
und eine fortschrittliche Kapitalsassoziation errungen.

Wenn noch dazu diese produktiven Investitionen die Hebung
des allgemeinen Wohlstandes zum Zwecke haben, die Steuerkraft der
Bevölkerung heben und ohne neue Steuern ins Leben gerufen wer-
den können, so muß ein jeder klar denkende Mensch die Frage auf-
werfen, „warum gründet man so etwas nicht, warum wartet man
noch jetzt, wo Österreich so viel auf diesem Gebiete versäumt hat?“

Ein Blick in die bureaukratische Arbeitsweise gibt leider die Auf-
klärung darüber. Allerdings ist bis jetzt in Österreich so etwas nicht
bekannt; wir können leider keine Neuerungen einführen, die Staats-
        <pb n="31" />
        ﻿27

maschine gehl seit Jahrhunderten ihren bekannten Weg; die Ausrede:
„Wir haben keine Erfahrungen und keine Leute zu solchen Neue-
rungen“, ist wirklich kleinlich, man denkt unwillkürlich daran, daß
nur deshalb, weil kein diesbezügliches Aktenstück in dieser Ange-
legenheit auf dem bureaukratischen Tische liegt, diese Arbeit als
nicht aktuell angesehen wird.

Es ist wirklich wahr, der moderne Fortschritt in der Volkswirt-
schaft hat bisnun keine Aktennummer bei uns bekommen. Es ist sehr
traurig, daß auch die Leiter unseres Parlamentes kein Verständnis
für diese wichtigste Arbeit zeigen, die Vorlagen für das Wohl der
Völker auf den letzten Platz schieben, auf welche Art nur administra-
tive Vorlagen des Staates erledigt werden.

Ein heller Punkt in der Vorgangsweise der Regierung ist der
Ankauf der Kohlengrube in Brzeszcze, wo in 170 m schon sechs bau-
würdige Flötze aufgeschlossen wurden, und der Bau der sehr ren-
tablen Entbenzinierungsanstalt in Drohobycz.

Der Staat, als der größte Kohlenkonsument, hat zum großen
Teil seinen Bedarf in Deutschland gedeckt, trotzdem im eigenen Reich
kolossale Kohlengebiete unberührt auf ihre Exploitation warten. Die
für Österreich schädlichen Differentialtarife auf den Eisenbahnen
haben dem fremden Import, und zwar nicht nur der Kohle, sondern
auch überhaupt fremden Erzeugnissen, stark geholfen.

Durch Erschließung neuer Gruben werden die Eisenbahnen und
eventuell später auch das Volk billige Kohle erhalten, und so wer-
den in der Zukunft die Staatsgruben als ein Regulator der Preise
wirken können. Unser Kohlenverbrauch im Jahre 1910 war 21 Mil-
lionen Tonnen, von denen 9 Millionen Tonnen aus Preußen bezogen
wurden, während 25.000 Millionen Tonnen Kohle in Westgalizien
beinahe unberührt liegen.

Der Staat braucht für eigene Bahnen jährlich für 487 Millionen
Kronen Kohle; wie diese Auslagen wachsen, stellen folgende Graphi-
kons dar. Fig. 18 und 19.

Wenn man diesen Ziffern etwas Aufmerksamkeit schenkt, tritt
die Notwendigkeit eines intensiveren Staatsbergbaues auf unseren
Kohlenfeldern klar zutage.

Das Verschleppen des Berggesetzes im Parlament geschieht auf
Jahre hinaus, direkt eine Arbeit zugunsten Preußens und der West-
fälischen Bank, welche 560/0 aller galizischen Kohlenschürfe von etwa
8001cm2 Fläche okkupiert haben.
        <pb n="32" />
        ﻿28

Die Entbenzinierungsanstalt in Drohobycz wird in kurzer Zeit
Österreich vor einem deutsch-amerikanischen Monopol teilweise zu
schützen wissen.

Bei möglichst billiger Kohle ist ein möglichst billiger Transport
derselben die Grundbedingung für die Entwicklung der gesamten
Industrie.

Hier stößt man unwillkürlich wieder auf den Mangel von Wasser-
transportwegen.

4873

Fig. 18. Der Verbrauch an Kohle für den Betrieb der Eisenbahnen
in Millionen Kronen.

Die Eisenindustrie verlangt billige Transporte von Kohlen und
Erzen aus Schweden und Südrußland; mit der Industrie hängt die
billige Erzeugung vieler Nebenerzeugnisse aus Eisen zusammen,
ferner die Wiederherstellung und Konkurrenzfähigkeit auf dem Welt-
märkte, somit das Aufleben unseres Welthandels.

Im Koseier Hafen war im Jahre 1913 ein Güterumsatz von 370.000
Waggons zu verzeichnen und stieg derselbe gegen das Vorjahr um
20.000 Waggons. Ein Beispiel, wie man in der Mitte des europäischen
Kontinentes große Erfolge auf dem Wasserwege schaffen kann.
        <pb n="33" />
        ﻿29

Die dort geladenen Waren werden größtenteils unseren Wasserwegen
zufallen; nur Österreich schließt die Augen zu, um Deutschland keine
Konkurrenz zu machen.

Ohne Wasserwege ist ein billiger Kunstdünger nicht zu haben;
kurz, der billige Transport ist die Grundbedingung zur Hebung des
Wohlstandes.

Man hört von verschiedenen Offerenten, welche unsere Wasser-
wege unter sehr günstigen Bedingungen binnen acht Jahren vollenden
wollten.

Die Studien über die Rentabilität der galizischen Wasserstraße
haben bei Rücksichtnahme auf die von Südrußland nach Deutschland

Pig. 19. Einfuhr der Steinkohle nach Österreich-Ungarn in Waggons ä 10 t.

exportierten Eisenerze und Weizen, sowie der in Galizien benötigten
Kohle, leicht ein Erträgnis von 50/0 gezeigt. Ein gleiches Erträgnis
wird vermutlich auch der Wasserweg Donau—Oder abwerfen.

Mit 50/0 begnügen sich die Offerenten, überlassen die Bauaufsicht,
die Betriebsführung der Regierung, somit auch die Tarifbestimmung
und begnügen sich mit der Ausführung allein.

Mit anderen Worten, die Investition braucht keinen Heller von
der Staatskasse, kein Auflegen von neuen Steuern, der öffentliche
Geldmarkt wird nicht geschwächt, im Gegenteil vielmehr gestärkt,
erforderlich ist nur einzig und allein der gute Wille der Regierung.

Und wie verhält sich hiezu die Regierung? Sie ist stumm, blind
und kalt. Unglaublich, aber leider wahr; diesen rationellen Weg end-
lich zu betreten, ist der Regierung ernste Pflicht.
        <pb n="34" />
        ﻿30

Durch acht Baujahre würden jedes Jahr 80 Millionen Kronen
den arbeitenden, ärmsten Kreisen, die um Arbeit in der ganzen Welt
betteln, zukommen; der größten Not würde die Hand gereicht wer-
den, ohne einen Heller aus der Staatskasse hiezu verwenden zu müssen.

Kann für das Gedeihen und für die ökonomische Entwicklung der
Monarchie eine wichtigere Angelegenheit bestehen als diese? Was
denkt über uns das fortschrittliche Ausland? In einem Fachausschüsse
in Berlin hat der Reichtagsabgeordnete Bergrat Gotheim folgen-
des gesprochen: „Man hat hier überschätzt, was in Österreich im
Wasserbau geleistet wird. In Projekten sind die Österreicher außer-
ordentlich groß, aber Worte und Taten sind etwas sehr verschiedenes!
Im allgemeinen kann man sagen, daß jede Torheit auf politischem
Gebiete, die in Deutschland gemacht wird, von den Österreichern
mit großem Eifer sofort nachgeahmt wird. Gutes, wie Kanalgedanken,
haben sie auf dem Papiere stehen gelassen und sind nicht weiter-
gekommen. Wir haben Wesentliches geleistet und wollen die Öster-
reicher nicht nachahmen, bei welchen es heißt: ,Immer langsam vor-
an“, oder zum Unterschiede: ,Gar nicht voran“!“ Alte, wahre und
bittere Kritik.

Österreich ist schon an den Scheideweg gekommen, versäumt es,
den Fortschrittsweg zu betreten, so ist es ökonomisch unrettbar ver-
loren.

Dem ökonomischen Ruin folgen sicher der Ruin der Staats Wirt-
schaft und die politischen Folgen nach. „Österreichs Apfel wird selbst
in den Schoß fallen!“ — charakteristische und warnende Worte; eine
Mahnung noch zu rechter Zeit; und es scheint, daß von dieser Seite
gegen die ökonomische Hebung Österreichs mit Erfolg gearbeitet wird.

Die Frage der Hebung des Ackererträgnisses hängt innig mit
der Verbilligung des Kunstdüngers zusammen.

Österreich hat ausgezeichnete Äcker. Wenn der Kunstdünger den
reichsdeutschen Kartellen entzogen und billiger zugänglich gemacht
worden wäre, würde die Monarchie nicht nur den eigenen Bedarf
leicht decken, sondern die Ware auch nach der Schweiz und nach
Deutschland exportieren können.

Galizien bei seinen 6,618.000 Joch bebauten Bodens allein würde,
wenn nur 2 q Getreide bei intensiverer Bodenwirtschaft mehr pro Jahr
gewonnen würde, einen jährlichen Mehrertrag von rund 327 Millionen
Kronen (— 9,618.000x2x17) erhalten. Österreich könnte bei billi-
gen Transportwegen ein Speicher für Europa sein, “heute kann es
        <pb n="35" />
        ﻿31

sich selbst kaum ernähren. Der Wert der Getreideproduktion in
Österreich im Jahre 1912 hat 1918 Millionen Kronen ausgemacht,
könnte man ihn durch intensivere Wirtschaft nur um 20°/o vermehren,
so würde Österreich aus dem Boden 3836 Millionen Kronen pro Jahr
mehr erreichen. Die Einfuhr von Getreide nach Österreich ist 1912
gegen das Jahr 1911 um 34‘6 Millionen Kronen gestiegen, und so
hat die Einfuhr schon den Wert von 122 Millionen Kronen erreicht.
Auf dem Koseier Wasserwege wurden im Jahre 1912 für Österreich
Chilisalpeter für den Ackerbau für 21 Millionen Kronen zugeführt;
in Triest aber nur für 9 Millionen Kronen und in Fiume für 6 Mil-
lionen Kronen. In der Zufuhr von Superphosphaten und Kalidünger
ist das Verhältnis noch ungünstiger.

Die Aufgabe, das Kunstdüngerkartell zu brechen, kann nur eine
unter Einfluß des Staates stehende, an dem Wasserwege gelegene
neutrale Fabrik lösen; deswegen wäre für diesen Zweck eine gemischt-
öffentliche Genossenschaft dringend notwendig. Die Erträgnisse wer-
den die Auslagen amortisieren, auch hier wäre kein Heller von
Steuergeldern zu verwenden nötig.

Eine Superphosphatfabrik auf der österreichischen Grenze bei
Udine, als Genossenschaft gegründet, hat ihren Abnehmern 500/0 vom
Kaufpreise als Dividende im Jahre 1913 zurückgezahlt!

Das Ausnützen der natürlichen Wasserkräfte für den sehr teuern
Staatsbahnbetrieb, für die auf teuere Kohle angewiesene Industrie,
für die Fabrikation von Kalksalpeter, ein Ersatzmittel 'für Chili-
natron-Salpeter, dem ausgezeichneten Kunstdünger, wobei die Roh-
stoffe, der Kalk, in Mengen dort vorhanden sind und der Stickstoff
aus der Luft entnommen wird, wären die wirksamen Mittel, um dem
Übel abzuhelfen.

In der zweiten Hälfte der Monarchie, in Ungarn, geht es auch
nicht besser, von dort erhalten wir stets weniger Getreide, der Boden
ist auch dort mangels des billigen Kunstdüngers ärmer geworden.

In den Jahren 1908—1912 ist weniger Getreide nach Österreich
gebracht worden, als in den Jahren 1903—1907, und zwar an Weizen
1147 Tausend Meterzentner (5092—3945), an Roggen 23 Tausend
Meterzentner (2672—2649), an Gerste 44 Tausend Meterzentner (2108
bis 2064). Der in dem fortschrittlichen Ackerbau unumgänglich not-
wendige. Kunstdünger ist dort beinahe unbekannt, dort entfällt auf
ein Katastraljoch nur 1/10 % an Kali, in Deutschland 57 kg, in Öster-
reich o'4Ö kg. So sieht der Ackerbau im österreichischen Speicher
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Ungarn aus! In den Jahren 1902—1911 war dort der Ertrag an
Weizen pro Hektar nur n'2 q gegen i2'i q in den Jahren 1892—1901.

Das Ackerbauministerium in Deutschland hat riesige Erfolge im
Fortschritte zu verzeichnen, das österreichische wird durch den Ver-
gleich der statistischen Daten geradezu demütigend geschlagen.

Für die Hebung der Städte wäre eine auf breiter Basis mit Zu-
ziehung von fremden Kapitalien zu gründende Aktion für die Errich-
tung von Baulichkeiten zur Unterbringung der ärarischen Ämter
und Schulen dringend einzuleiten.

Mit den heute gezahlten Zinsgeldern wäre eine Amortisation des
Baukapitals möglich und eine solche Ausgabe würde das aktive Ver-
mögen des Staates vergrößern. Eine seit Jahren vom Parlament ver-
langte rationelle Investition.

V.	Schlußwort.

Das Resultat des Grundsatzes „Kraft vor Recht“ hat die kolossalen
Rüstungen aller Staaten in Europa hervorgerufen, die Lasten des
Militarismus sind schon in das Mark aller Völker eingedrungen. Am
meisten leiden darunter die ökonomisch schwachen Staaten, zu wel-
chen leider unser Staat gehört. Weniger leidet darunter Deutschland,
wo die modernen, billigen Transportmittel zu Wasser das Aufblühen
der Industrie, des Handels und des Ackerbaues hervorgerufen haben
und wo vom Auslande große Geldsummen in das Reich einströmen.

Das reichste Land, Frankreich, ist schon an der Grenze seiner Auf-
opferung angelangt, ein Beweis hiefür ist die letzte Anleihe für die
Rüstungen und die im Jahre 1914 bewilligten 1400 Millionen Francs
Militärbudgetausgaben.

Das ökonomisch starke Rußland mit dem Überschuß an Boden
und den natürlichen Wasserstraßen hat die Bedingungen für das Auf-
blühen der Industrie und des Handels, kann am leichtesten das Jahres-
präliminare für das Militär von einer Milliarde Rubeln ertragen und
wird noch lange Europa zu weiteren Militärlasten drängen. Rußland
hat auch relativ die kleinsten Staatsschulden, pro Einwohner 200 Francs,
während in Deutschland 373 Francs und in Österreich 385 Francs
entfallen. Es hat somit die kleinsten Lasten zu tragen. So leben
wir in der Mitte dieses harten Ringens, des ruinierenden Wettbewerbes
der Völker. Die übertriebenen Lasten müssen die allgemeine Ver-
armung und Unzufriedenheit zur Folge haben und diese führt zum
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        ﻿33

Suchen nach neuen Wegen, zur Umwälzung der veralteten Begriffe.
Alle Regierungen sollen, die heutigen Verhältnisse berücksichtigend,
klar in die Zukunft ihren Blick richten und keine Arbeit und Opfer
scheuen, um den allgemeinen Wohlstand der Völker zu heben. Das
unproduktive Überschulden des Staates muß die Regierung möglichst
einschränken und ihr ganzes Augenmerk auf die Vermehrung der
produktiven Investitionen lenken.

Eine von den bedeutendsten österreichischen Finanzautoritäten
hat unsere Lage in folgenden Worten geschildert: „Die andauernd
ungünstige Gestaltung unserer Handels- und Zahlungsbilanz ist eine
sehr bedenkliche Erscheinung, die wir schon lange mit Besorgnis be-
trachten. Da der Ausgleich schließlich nur durch Kontrahierung von
immer neuen Schulden im Auslande getroffen werden kann, so muß
die Monarchie endlich in eine Art von Schuldensklaverei gegenüber
den westlichen und mitteleuropäischen Großstaaten gelangen, wenn
es nicht gelingt, beizeiten Wandel zu schaffen. Hier könnten (gemeint
wurde hier meine frühere Monographie) die von Ihnen in .Öster-
reichs Versäumnis' angegebenen Mittel nebst Sparsamkeit viel helfen
und in der Beziehung könnte unser Abgeordnetenhaus eine ebenso
wichtige, wie dankbare Aufgabe erfüllen.“

Mit dem Laufe der Zeiten, wo die Monarchie in den Besitz
eigener Bahnunternehmungen, Salinen, Tabakfabriken, Bergwerke
u. s. w. gekommen ist und viele neue Unternehmungen gründen soll,
wäre ihre Pflicht, mit der rein bureaukratischen Verwaltung aufzuhören
und die . neue dankbare Rolle eines Geschäftsmannes zu übernehmen.

Der mittelalterlich bureaukratische Geist ist bislang der allein-
herrschende, jede Erweiterung der geschäftlichen Tätigkeit stößt auf
starken Widerstand.

Das Arbeitsministerium hat mit dem Ankäufe der Kohlengrube in
Brzeszcze und dem Bau der Entbenzinierungsanstalt in Drohobycz
zwar die Geschäftstätigkeit begonnen, dies ist aber erst als kleiner
rühmlicher Anfang anzusehen.

Aus dem vorher Geschilderten wird es wohl leicht sein, zu er-
kennen, daß gerade der Staat hiezu berufen ist, aus dem ängstlich
kleinen Gesichtskreise auszutreten, die Volkswirtschaft der ganzen
Monarchie zu heben und gewisse produktive Investitionen des allge-
meinen Nutzens zu unternehmen. Die österreichische Presse hat auch
hier eine große patriotische Aufgabe mitzuerfüllen. Die geschilderte
geschäftliche innere Unternehmerpolitik kann allein die Monarchie
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        ﻿34

vor dem ökonomischen Ruin retten. Die Leitung der Verwaltung
von rechtswissenschaftlich gebildeten Organen allein hat zu den
schlechten ökonomischen Verhältnissen geführt.

Österreich hat noch von früheren Jahren genug finanzielle Kraft,
um mit Hilfe derselben sich eine bessere Zukunft zu sichern und das
nachzuholen, was andere Kulturstaaten schon lange getan haben,
um auf dem internationalen Wirtschaftsmarkte Verdienste zu er-

zielen.

Wie stark der Vorstoß in dieser Richtung in Deutschland zutage
tritt, ist aus folgenden Ziffern zu ersehen.

Deutschlands Gesamtguthaben in Sparkassen hat betragen in den

Jahren:

1900

1905

1906

1907

1908

1909

8.838 Millionen Kronen
12.675

13-	411
13.920

14-	552

15.672	„	„

Das Nationalvermögen Deutschlands beziffert man auf 348 bis
384 Milliarden Kronen, Frankreichs auf 258 Milliarden Kronen und
Österreichs auf 121 Milliarden Kronen.

Unser Volksparlament muß, dem Verlangen der Völker folgend,
die Leute der Arbeit, nicht der »Konnexion oder des Bureaukratismus,
auf die verantwortlichen Stellen entsenden und die fortschrittlichen,
volkskundigen Elemente als Leiter der Ressorts hinstellen.

Mit solchen Kräften wird die bei uns leider bisnun fremde, ver-
nachlässigte Arbeit in der volkswirtschaftlichen Richtung endlich be-
ginnen können. Die sofortige Teilung der Arbeitszeit im Volkshause
für Vorlagen administrativer Natur und die volkswirtschaftlichen Vor-
lagen ist eine der dringendsten Notwendigkeiten.

Das gegenwärtige Parlament arbeitet weit fleißiger, als die
früheren Vertretungen, die neue Geschäftsordnung soll nur von der
Regierung verlangt werden, dann wird die Arbeit noch erfolgreicher
werden. Die arbeitswillige Mehrheit im Parlament hat der Regierung
alles gewährt, was dieselbe verlangt hat und nur tendenziöse oder
feindlich gesinnte Elemente können das Gegenteil behaupten.

Das Zögern mit der Einführung der neuen Geschäftsordnung
scheint auch darauf hinzuweisen, daß die Regierung den nicht kon-
stitutionellen Weg im stillen vorzieht.
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        ﻿35

Auch das Bringen der Landesangelegenheiten vor das Forum
der Monarchie ist ein Mangel in der konstitutionellen Verfassung
und ein Hemmnis in der Arbeit. Auf diese Weise vergeudet man
die Zeit, die Worte und die Arbeitslust und zwingt man den freien
Willen des Volkes in veraltete Engen hinein.

Als Leiterin des Parlaments erfüllt die Regierung nicht ihre
Pflicht, das was ihre Pflicht gegenüber dem Volke ist, betrachtet
sie als eine Gnade und führt zeitraubende Verhandlungen, und so
schafft sie selbst eine Kluft zwischen sich und dem Parlamente.

Soll man sich danach noch wundern, daß die fremde Konkurrenz
uns überholt hat, ist es nicht die höchste Zeit, offen zuzugestehen:
„Es ist nicht gut, alles, was reell denkt, soll ernst Zusammenwirken.“

Die Tendenz der Regierung, um den Volkswillen möglichst nicht
zum Ausdrucke bringen zu lassen, hat einen Bankerott nicht nur der
ganzen bisherigen bureaukratischen Richtung grell zutage gebracht,
sondern hat auch den Wohlstand aller Völker Österreichs ruiniert.

. Die Obstruktion der Partei Svihas, die Einführung des absoluti-
stischen § 14, Bewilligung der Anleihe, Rekruten und bosnischen
Bahnen ohne Parlament, haben die Krone der zentralistischen Re-
gierungsart gesetzt. Der Fortschritt muß und wird sicher gewinnen,
der Wille der Völker wird schon Oberhand nehmen und den heutigen
Umwegen ein Ende bereiten.

„Aufrichtige Freunde starken Österreich auf zur ökonomischen
Arbeit!“ „Taten sollen die leeren Worte ersetzen!“

Es ist die höchste Zeit, um endlich andere Bahnen zu betreten
und „Österreichs Versäumnis“ nachzuholen.

Wien, am 20. Februar 1914.

*

Ing. Claudius Angerman,

Reichsratsabgeordneter.
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