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        <title>"Wohin weiter"</title>
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            <forname>Claudius</forname>
            <surname>Angerman</surname>
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        </author>
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            <idno>897667751</idno>
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        ökonomische  Vernachlässigung ­
  ÖSTERREICHS.

WIEN  1914.
IM  SELBSTVERLÄGE  DES  VERFASSERS.
DRUCK  VON  FRIEDRICH  JASPER  IN  WIEN.

9

B  104*48
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        INGENIEUR  CLAUDIUS  ANGERMAN.

„WOHIN  WEITER“
ÖKONOMISCHE  VERNACHLÄSSIGUNG ­
  ÖSTERREICHS.

WIEN  1914.
IM  SELBSTVERLÄGE  DES  VERFASSERS.

B  104648
        <pb n="3" />
        1*

Ük  339/72

WeltwirtscMt
tot  u

INHALTS-VERZEICHNIS.
Seite
Einleitung  1
I.  Finanzielle  Lage  des  Staates  1
II.  Umsichgreifendes  Elend  und  Unzufriedenheit  ...  io
III.  Nothilfsmittel  .  .  .  ^  21
IV.  Rationelle  Mittel  2 4
V.  Schlußwort  3 2
        <pb n="4" />
        Einleitung.

Ein  Einblick  in  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  des  Staates,  in
unsere  Handels-  und  Zahlungsbilanz,  hat  mich  zur  Feder  getrieben,
um  in  kürzesten  Schlagworten  die  schlechte  ökonomische  Wirtschaft
in  „Österreichs  Versäumnis“  zu  popularisieren.
Von  Seite  meiner  Kollegen  im  Hause  wurde  darauf  aufmerksam
gemacht,  „daß  ein  Kritisieren  leichter  sei,  wie  dem  Übel  abzuhelfen,
aber  wichtiger  wäre“.
Dieses  veranlaßte  mich  zum  „Wohin  weiter“,  welches  ich  mit
meinen  bescheidenen  Kräften,  als  in  der  Industrie  und  im  Ackerbau
bewandert,  für  notwendig  erachte.  Die  hier  skizzierten  Mittel  werden
von  allen  Kreisen  im  Parlamente  gewiß  gebilligt,  vielleicht  wird  das
auch  die  Regierungskreise  zu  einer  Aktion  in  dieser  Richtung  bewegen. ­

Von  dem  besten  Willen  allerhöchstenorts  überzeugt,  wäre  zu
wünschen,  daß  die  Vermittler  mit  dem  Volkshause  auch  diesem  Gefühle ­
  huldigen,  den  Weg  zur  Hebung  des  Wohlstandes  im  Reiche,
dem  geäußerten  Wunsche  der  Krone  folgend,  betreten.
Besser  „sehr  spät“  als  „zu  spät“.
I.  Finanzielle  Lage  des  Staates.
Die  von  dem  Jahre  1907  datierende  und  von  Jahr  zu  Jahr  wachsende ­
  Passivität  unserer  Handelsbilanz  gibt  einen  klaren  Beweis  dafür, ­
  daß  die  Folgen  unserer  steten  Vernachlässigung  in  dem  ökonomischen ­
  Weltfortschritte  schon  deutlich  zum  Ausdruck  gelangen.
Im  Jahre  1912  haben  wir  dem  Auslande  825  Millionen  Kronen  für
fremde  Waren  mehr,  als  wir  für  unsere  erhalten  haben,  sowie  über
400  Millionen  Kronen  zur  Tilgung  unserer  Staatsschuld  dem  Aus-,
  lande  gezahlt.
        <pb n="5" />
        Die  Vertuschungsversuche,  wie  Herr  Dr.  Alexander  Wekerle
in  seinem  im  Niederösterreichischen  Gewerbevereine  am  14.  Februar
1913  gehaltenen  Vortrage  schilderte,  werden  als  undankbare  Experimente ­
  gestempelt,  ohne  die  bezweckte  Beruhigung  erzielt  zu  haben.
Dieser  Nationalökonom  meint,  es  wird  „allgemein  angenommen,  daß
die  Zahlungsbilanz  der  Monarchie  trotz  der  starken  Passivität  ihrer
Handelsbilanz  aktiv  sei“.
Beweise  dafür  —  Zahlen,  Statistik  —  fehlen.  Gerade  das  Gegenteil ­
  ist  richtig,  unsere  Zahlungsbilanz  ist  passiv,  da  Österreich  keine
Kolonien  besitzt,  wohin  Kapitalien  auswandern  könnten,  auch  keine
im  Auslande  angelegten  Guthaben,  von  wo  die  Zinsen  hereinfließen
könnten,  im  Gegenteil,  Österreich  hat  drei  Viertel  seiner  Schuld  im
Auslande  kontrahiert  und  sendet  jährlich  mindestens  400  Millionen
Kronen  Bargeld  ins  Ausland.  Wir  haben  auch  keine  Unternehmungen
im  Auslande,  folglich  bekommen  wir  von  dort  auch  keine  Dividenden.
Das  Auswanderungswesen  bringt  uns  jährlich  nach  ungefährer
Schätzung  ,240  Millionen  Kronen,  das  ist  eine  mit  Blut  verdiente
Aktivpost,  welche  als  ein  letztes  Mittel  gegen  Not  und  Hunger  der
Zahlungsbilanz  zugute  kommt.
Bei  dem  Fremdenverkehr  ist  es  schwer  zu  ermitteln,  wie  das
Saldo  ausfällt  —  wahrscheinlich  bringen  die  Fremden  etwa  soviel
ins  Reich,  wie  viel  mit  den  Expreßzügen  Wien—Nizza  nach  Frankreich ­
  ausgeführt  wird.
Wenn  wir  zu  unserem  Defizit  in  der  Handelsbilanz  noch  die
Tilgung  der  Staatsschulden  im  Auslande  hinzuschlagen,  erhalten  wir
zirka  1200  Millionen  Jahresdefizit,  dem  in  den  Einnahmen  die  Aktivpost ­
  „Auswanderungswesen“,  etwa  240  Millionen,  in  der  Zahlungsbilanz ­
  gegenübersteht.  Angenommen,  daß  auch  der  Fremdenverkehr ­
  noch  etwas  dazuschlägt,  so  verbleibt  doch  ein  Jahresdefizit  von
nahezu  einer  Milliarde.
Aus  diesen  wichtigsten  Bilanzpositionen  ist  schon  ein  Übergewicht
der  Ausgaben  gegenüber  den  Einnahmen  zu  ersehen.
Auch  die  Aktivität  unseres  Wirtschaftslebens  ist  gar  nicht  bewiesen, ­
  im  Gegenteil,  auf  allen  Gebieten  des  Privatlebens  ist  eine
Beschränkung  der  Ausgaben  für  die  unumgänglichen  Lebensbedürfnisse ­
  zu  ersehen.
Das  Steigen  der  Bodenpreise  ist  das  Resultat  der  allgemeinen
Teuerung,  der  Übervölkerung,  sowie  der  Einschrumpfung  des  Besitzstandes. ­
  Beim  Grundeinkauf  werden  nur  die  Verdienste  der  Emi ­
        <pb n="6" />
        3

granten  loziert,  andere  Stände  haben  keine  Verdienste,  um  Boden  zu
erwerben.
Der  Bodenpachtzins  steigt  nicht  und  der  Bodenbesitz  ist  heute
mehr  ein  Liebhabereiartikel,  als  ein  normal  sich  rentierendes  Objekt.
Das  Resultat  der  Erträgnisse  von  indirekten  Steuern  ist  mehr  als  ein
Erfolg  des  Anziehens  der  Steuerschraube'  bei  den  meist  verdienenden
Kreisen  anzusehen,  als  ein  Zeichen  des  wachsenden  Wohlstandes.
Der  Konsum  pro  Einheit  wächst  nicht  und  der  Import  der
Erzeugnisse,  welche  sich  auf  den  Luxus  beziehen,  ist  im  allgemeinen
im  steten  Fallen  begriffen.
Einzahlungen  in  die  Sparkassen  in  Millionen  Kronen:

Wachsen  die  Preise  aller  Artikel,  so  wächst  auch  der  Wert  der
industriellen  Produktion,  wozu  die  Kartellauswüchse  beigetragen
haben.
Dieses  gilt,  so  lange  der  Käufer  noch  die  nötigen  Mittel  sich
erwerben  kann,  wenn  aber  der  Erwerb  bei  allgemeiner  Teuerung  und
Verkleinerung  des  Bedürfnisses  sich  einschränkt  —  verlieren  auch
die  kartellierten  Industrien  ihren  Abnehmer,  müssen,  wie  dies  heute
der  Fall  ist,  die  Produktion  reduzieren  und  schließlich  auch  die
Preise  reduzieren.
Bei  der  Not  in  den  Volksmassen  können  auch  die  Kartelle  nicht
mehr  gedeihen,  die  schlimmen  Folgen  dehnen  sich  auf  alle  Industrien ­
  aus.
Das  Maß  des  Wohlhabens  und  die  Spareinlagen  sind  weit  hinter
denen  der  anderen  Staaten  zurückgeblieben.  Fig.  i.
        <pb n="7" />
        4

Die  Geldinstitute  sind  mangels  des  Absatzes  mit  unseren  Wertpapieren ­
  überhäuft,  deshalb  der  große  Geldmangel  auf  dem  Markte
und-  der  Zwang  der  Regierung  an  die  Sparkassen,  zur  Placierung
von  Staatsrenten.
Jede  Rückströmung  unserer  Wertpapiere  bringt  nicht  ein  erfreuliches ­
  Zeichen  einer  kleineren  Verschuldung  im  Auslande,  sondern ­
  bringt  die  traurige  Tatsache  zum  Vorschein,  daß  unser  für  das
wirtschaftliche  Leben  uns  so  nötige  Bargeld  ins  Ausland  wandert
und  unsere  Wirtschaftsadern  unterbindet.
Die  Meinung  des  Herrn  Dr.  Wekerle,  daß  unsere  Handels'-'
bilänz  nur  vorübergehend  die  Passivität  aufweist,  ist  schon  durch
die  Tatsache  widerlegt,  daß  seit  dem  Jahre  1907  die  Lage  in  jedem
Jahre  sich  kontinuierlich  verschlimmert.
Die  Meinung  der  Exzellenz  Baron  Engel,  daß  wir  uns  in  einer
Ticfwelle  befinden,  welche  sich  wieder  in  eine  Hochwelle  umwandcln
  wird,  ist  ein  auf  keinen  Tatsachen  begründeter  frommer  Wunsch.
Wenn  wir  nicht  billiger  produzieren  und  unsere
Produktionsbedingungen  den  anderen  modernen
Staaten  nicht  an  passen,  so  werden  wir  ständig  nicht
nur  im  Weltbewerbe  die  Geschlagenen  sein,  sondern  auch
der  innere  Markt  wird  vom  Auslande  beherrscht  werden.  Dieses  sehen
wir  heute  in  der  Maschinenindustrie,  bei  elektrischen  Bedarfsartikeln,
bei  chemischen  Produkten,  inklusive  Kunstdünger  u.  s.  w.  Ja,  sogar
in  rein  österreichischen  Spezialexportwaren  geht  Österreich  zurück.
So  ist  die  Einfuhr  von  Taschnerwaren  aus  Deutschland  im  Jahre  1908
von  407  Millionen  Kronen  auf  737  Millionen  Kronen  im  Jahre  1912
gestiegen,  in  Glaswaren  von  4/5  Millionen  Kronen  auf  7'2  Millionen
Kronen,  in  Konfektion  von  8'5  Millionen  Kronen  auf  127  Millionen
Kronen.
In  der  Zeit  ist  unsere  Passivität  in  der  Handelsbilanz  infolge  des
Verkehres  mit  Deutschland  von  36  Millionen  Kronen  auf  300  Millionen ­
  Kronen  gestiegen.  In  fünf  Jahren  hat  sich  die  Passivität  verneunfacht.

Wir  sind  faktisch  heute  für  Deutschland  eine  wichtigere  Absatzkolonie ­
  geworden,  als  Kamerun  und  andere  Weltteile  der  Erde.
Billige  Rohstoffe  sind  die  Bedingungen  einer  billigen  Produktion; ­
  bei  uns  ist  aber  eine  solche  Sache  der  Unmöglichkeit,  da  bei
den  Rollfrachten  eine  Konkurrenz  mit  den  Wasserfrachten  in  Deutschland ­
  und  anderen  Staaten  ausgeschlossen  ist.  Eine  Tatsache,  auf
        <pb n="8" />
        5

welche  die  Augen  in  Österreich  sorgfältig  und  konsequent  verschlossen ­
  werden.  Wir  haben  jetzt  eine  um  4o°/'o  teuerere  Baumwolle,
ein  um  3o°/o  teuereres  Eisen  u.  s.  w.
An  größeren  Löhnen  und  sozialen  Abgaben  ist  das  Ausland  auch
wie  wir  beteiligt,  nichtsdestoweniger  erzeugt  die  dortige  Industrie
weit  billiger  als  wir.
Es  ist  bekannt,  daß  vor  kurzem  Deutschland  50  Lokomotiven
und  4250  Güterwagen  über  Österreich  nach  dem  Balkan  exportiert
hat.  Von  Deutschland  wächst  die  Zufuhr  nach  Österreich  von  Jahr
zu  Jahr  an  Kohle,  Koks,  Schafwolle,  Eisen,  Eisenwaren,  Maschinen,
Apparaten,  chemischen  Industrieartikeln,  Kunstdünger,  wir  aber  haben
einen  wachsenden  Gegentransport  nur  in  Gerste,  Geflügel,  Eier,  Felle,
Häute  und  Zucker.
Da  unserer  ungünstigen  geographischen,  rein  kontinentalen  Lage
durch  keine  Maßnahmen  entgegengewirkt  wurde,  mußten  die
schlimmen  Folgen  sich  summieren  und  die  Industrie  untergraben.
Nach  der  billigen  Erzeugung  in  der  Industrie  richtet  sich  der
Handel,  nach  der  Erzeugung  des  Kunstdüngers  die  intensive  Landwirtschaft, ­
  diese  Lebensadern  sind  miteinander  eng  verbunden,  so  daß
sich  unser  Gesamtbild  des  wirtschaftlichen  Lebens  geradezu  trostlos
darstellt.
Was  den  Aktivstand  des  Staatsvermögens  anbelangt,  so  läßt
sich  derselbe  aus  den  Regierungsvorlagen  nicht  genau  zusammenstellen, ­
  manche  Positionen  müssen  demnach  auf  approximativem
Wege  und  nach  den  Erkundigungen  in  den  Regierungskreisen  ermittelt ­
  werden,  und  zwar:
Die  Eisenbahnen  nach  dem  Kostenwerte  5658  Millionen  Kronen;
der  Wert  derselben  wächst  und  jedenfalls  könnte  man  im  Verkaufsfalle ­
  mindestens  um  1  o%  mehr  erhalten,  d.  i.  6213  Millionen  Kronen.
Die  Staatsdomänen  778.000  ha  gut  erhaltenen  Waldes  nur  zu
1000  K  geschätzt,  ergeben  778.  Millionen  Kronen.
Die  Montanwerke  nach  Ausweisen  der  Regierung  527  Millionen,
dazu  die  neu  erworbene  Kohlengrube  in  Brzeszcze  mit  12  Millionen,
zusammen  647  Millionen.
Der  Wert  der  Gebäude  dürfte  mit  700  Millionen  Kronen  nicht
zu  hoch  bemessen  sein,  nehmen  wir  700/0  hievon,  d.  i.  490  Millionen.
Das  Telephonnetz  nach  Anschaffungskosten  mindestens  200  Millionen, ­
  und  so  erhalten  wir  zusammen  7745  Millionen  des  aktiven
-  Staatsvermögens,  welches  im  Bedarfsfälle  veräußert  werden  könnte.
2
        <pb n="9" />
        6

Auf  der  Passivseite  haben  wir  12.227  Millionen  der  allgemeinen
Staatsschuld,  wovon  1390  Millionen  auf  Ungarn  entfallen,  somit  beträgt ­
  die  rein  österreichische  Schuld  10.837  Millionen  Kronen.
Wenn  man  von  dieser  Ziffer  das  Aktivum  von  7745  abzieht,  erhält ­
  man  nur  3092  Millionen  Kronen,  d.  i.  beinahe  unser  jährliches
Budgetpräliminare.  Daß  dieses  Verhältnis  auch  im  Vergleiche  zu
anderen  Staaten  ein  günstiges  ist,  bezeigen  die  statistischen  Angaben
des  Herrn  A.  Neymarck;  derselbe  berechnet,  daß  die  Eisenbahnanleihen ­
  der  Staaten  300  Milliarden  Franken  gegen  800  Milliarden

37975

Fig.  2.
Franken  der  Gesamtverschuldung  der  Staaten  ausmachen,  somit
37'5  °/°  darstellen.
In  der  Verschuldung  Österreichs  nehmen  die  Eisenbahnanleihen
aber  den  52'40/oigen  Teil  ein.
Die  Quote  von  3092  Millionen  Kronen  wäre  eine  im  Vermögen
nicht  gedeckte  Verschuldung  des  Staates,  eine  zu  geringe,  als  daß  auf
Grund  des  Saldos  und  damit  verbundener  Belastung  der  Bevölkerung,
die  allgemeine  Not  der  breiten  Volksmassen  zu  rechtfertigen  wäre.
Die  Ursachen  liegen  anderswo.
Die  Verschuldung  anderer  Staaten  ist  weit  größer  als  Österreichs ­
  und  die  Verhältnisse  im  Jahre  1912  sind  folgende  gewesen.
Fig.  2.
        <pb n="10" />
        7

Wie  in  den  vier  Jahren  1908—1912  das  bewegliche  (Vermögen
der  Staaten  gewachsen  ist,  gibt  das  folgende  nach  A.  Neymarck
verfaßte  Graphikon  ein  vergleichendes  Bild.  Fig.  3.
Am  meisten  ist  das  Vermögen  Deutschlands  gewachsen.  Dieses
Reich  hat  verstanden,  das  Geld  vom  Auslande  für  seine  Produkte
zu  gewinnen  und  die  so  erhaltenen  Kräfte  hat  es  zur  Erweiterung  der
eigenen  Produktivität  benützt  und  auf  diese  Art  die  Verzinsung  im

22-5

eigenen  Hause  gewonnen.  Frankreich  suchte  im  Auslande  seine  Verzinsung, ­
  weswegen  sich  dort  andere  Staaten  um  Anleihen  bewarben.
Österreich  genügt  nicht  mit  seinem  kleinen  Vermögenszuwachse,
um  weder  eigene  Produktion  zu  heben  noch  im  Auslande  Verzinsung
zu  suchen.  Es  ist  auf  die  Anleihen  in  Deutschland,  England  und
Frankreich  angewiesen.  Das  österreichische  Finanzministerium  ist
ein  Meister  in  der  Versäumung  der  Ausführung  präliminierter  Investitionen ­
  und  hält  an  dem  unrationellen  Prinzipe  fest,  das  Geld
heute  nicht  auszugeben,  morgen  aber  für  dasselbe  weit  mehr  zu  be ­
        <pb n="11" />
        8

zahlen  und  sich  um  die  daraus  verursachten  schlimmen  Folgen  in
der  Volkswirtschaft  gar  nicht  zu  kümmern.
Im  Jahre  19  n  war  sogar  aus  dem  Kredite  zur  Besserung  der
Lage  der  Staatsbediensteten  ein  Betrag  von  1,440.000  K  unverwendet
geblieben.
Im  Privatleben  nennt  man  das  einen  Geiz,  in  unserem  Staatsleben ­
  ein  Verdienst,  im  Munde  der  Bevölkerung  ein  Unfug.
Die  Resultate  der  angeführten  Ersparnisse  führen  zu  der  Vergrößerung ­
  von  Kassabeständen,  auf  welche  Weise  man  nach  Jahren
folgende  Kassabestände  erzielt  hat:

Fig.  4.

In  17  Jahren  hat  man  durch  die  Scheinpräliminare  in  nötigen
Ausgaben  diese  Ersparnisse  verdoppelt.  Selbstredend  gilt  dieses  nicht
von  den  Militärausgaben.
Das  Parlament  erkämpft  die  zum  Leben  nötigsten  Staatsmittel,
es  ist  scheinbar  für  das  Verständnis  an  Volksbedürfnissen  von  Seite
der  Regierung  geschehen  und  das  Lob  von  der  bezahlten  Presse
wird  ihr  gepriesen.
Hat  man  so  glücklich  dies  überstanden,  dann  werden  die  Präliminare ­
  des  Budgets  nach  Belieben  gestrichen.
Solches  Spiel  mit  der  Volksvertretung  und  dessen  Willen  ist
auch  eine  der  Folgen  der  Verständnislosigkeit  der  Regierung  in
bezug  auf  die  Bedürfnisse  des  Volkes.
        <pb n="12" />
        9

Das  Volkseinkommen  Österreich-Ungarns  pro  Jahr  berechnet  man
mit  20.000  Millionen,  welchem  gegenüber  4899  Millionen  Budgetausgaben ­
  zu  stellen  sind,  und  so  gelangen  wir  dazu,  daß  24'5  0/0  des
Bruttoeinkommens  der  Verwaltung  abgegeben  werden  müssen.
Das  ist  ein  das  Volk  ruinierendes  Verhältnis.
Die  Steuerumlagen  betragen  oft  sogar  2oo°/o;  bei  dem  Stande  der
S^che  muß  man  zugestehen,  daß  eine  weitere  Erhöhung  der  bestehenden ­
  Steuern  geradezu  unmöglich  ist.  Das  Maximum  hat  man  schon
lange  erreicht  und  den  Wohlstand  damit  ruiniert.  Die  ehrlichsten
Steuerfassionen  werden  ignoriert  und  willkürlich  die  Abgaben  diktiert,
man  hat  es  schon  bei  uns  zu  Vermögenskonfiskationen  gebracht.  Im

Dg.  5-Jahre

  der  Krise,  1913,  hat  man  bis  zum  1.  September  in  drei  Monaten ­
  an  direkten  Steuern  um  16  Millionen  Kronen  mehr  eingehoben
als  präliminiert  wurde  u.  s.  w.
Die  Ertragszunahme  an  direkten  und  indirekten  Steuern  in  Prozenten ­
  vom  Jahre  1908  bis  1912  ist  von  2'8°/o  auf  6 - 160/0  gestiegen;
also  in  den  Jahren  der  größten  ökonomischen  und  elementaren  Krise
hat  man  die  Steuerschraube  gerade  stärker  angezogen.  Fig.  5.
Die  Budgetausgaben  betragen  pro  Kopf  der  Bevölkerung  eine
große  Quote,  von  105  K  gegen  425  K  Einnahmen  im  Jahre  1912,  und
gleichen  somit  dem  vierten  Teile  des  gesamten  Einkommens.
Österreich,  als  zur  Hälfte  Ackerbau-  und  zur  anderen  Hälfte
Industriestaat,  hat  so  große  Budgetausgaben,  wie  der  Wert  der  Jahresernte, ­
  Bergbau  und  Hüttenprodukte,  sowie  der  im  Jahre  erzeugten
Maschinen  zusammengenommen.
        <pb n="13" />
        10

Die  Ausgaben  des  Staates  haben  schon  lange  das  richtige  Verhältnis ­
  zu  den  Einnahmen  der  Bevölkerung  verloren,  die  Spareinlagen
im  Jahre  1910  sind  in  Österreich  gegen  das  Vorjahr  nur  um  59  Millionen ­
  Kronen  gewachsen,  wogegen  diese  in  früheren  Jahren
156.127  Millionen  ausgemacht  haben.
Man  schätzt  die  natürliche  Spannung  des  inneren  Geldmarktes
für  die  Anleihen  auf  150  bis  200  Millionen  Kronen,  es  müssen  aber,
wie  gegenwärtig,  500  Millionen  Staatsanleihen  placiert  werden.  Der
Rest  von  350  Millionen  Kronen  muß  vom  Auslande,  außerdem  müssen
mehrere  hundert  Millionen  für  die  Länder  und  Städte,  ferner  eine
große  Menge  im  Lombard  der  Banken  befindliche  Pfandbriefe  und
Obligationen  eingelöst  werden,  kurz  im  Auslande  muß  wieder  eine  kolossale ­
  Geldmenge,  über  eine  Milliarde  Kronen,  ausgeliehen  werden.
II.  Umsichgreifendes  Elend  und  Unzufriedenheit.
Die  Zerstückelung  des  Bodens  hat  namentlich  in  Galizien  dazu
beigetragen,  daß  zirka  500/0  der  Wirtschaften  unter  2  ha  Boden  besitzen. ­
  Eine  Familie  von  dem  Ertrage  der  kleinen  Fläche  zu  ernähren,
599

Fig.  6.  Bodenverschuldung  in  Galizien  in  Millionen  Kronen.
wobei  die  intensive  Wirtschaft  ausgeschlossen  ist,  ist  unmöglich.  Es
wächst  daher  die  Verschuldung  mehr  in  Galizien,  weniger,  aber  auch
progressiv  in  anderen  Ländern.
In  der  Bukowina  z.  B.  ist  die  jHypothekenverschuldung  von
50  Millionen  im  Jahre  1882  auf  104  Millionen  innerhalb  nur  zehn
Jahren  gestiegen  und  um  65  Millionen  in  den  folgenden  acht  Jahren.
        <pb n="14" />
        11

Das  Wachsen  der  Boden  Verschuldung  in  Österreich  stellt  Fig.  8
in  Millionen  Kronen.

Jährlicher^Zuwachs  der  neuen  Belastungen  im
Lastenstande  des  Bodens  in  Galizien  dn
Millionen  Kronen.

3538

wm

1903  1911
Fig.  8.

In  den  letzten  zehn  Jahren  ist  die  Bevölkerung  Österreich-Ungarns
um  vier  Millionen  gewachsen,  den  Vergleich  mit  anderen  Staaten  stellt
Fig.  9.

Fig.  g.  Bevölkerung  pro  i  hm".
        <pb n="15" />
        12

Die  Übervölkerung  steigt,  die  Arbeitsquellen  wachsen  aber  nicht
in  dem  Maße  und  somit  sind  wir  dazu  gekommen,  daß  die  arbeitenden
Menschenhände  bei  uns  ein  überschüssiges  Material,  in  anderen  Industrieländern ­
  aber  ein  Reichtum  sind.  Nur  die  rationelle  Bodenwirtschaft
  könnte  die  wachsenden  Bevölkerungsmassen  ernähren.  Wie
groß  könnte  z.  B.  die  Zukunft  der  Vieh-  und  Pferdezucht  bei  einer
intensiveren  Wiesenwirtschaft  sein.  Deutschland  allein  bezieht  pro
Jahr  320.000  Stück  Rindvieh  und  100.000  Pferde  und  könnte  für  uns
das  größte  künftige  Absatzgebiet  werden.  Heute  beziehen  wir  pro

70

Oester.Uug.  Deutschland.  Dänemark
Fig.  10.

Jahr  von  Deutschland  leider  für  130  Millionen  Kronen  Landprodukte,
ein  Beweis  des  Oberhandbekommens  der  dortigen  intensiven  Landwirtschaft. ­

Die  Vergleichsstatistik  gibt  hievon  ein  klares  Bild.  Pro  Quadratkilometer ­
  produktiver  Fläche  entfallen:  Fig.  10.
Wie  arm  sieht  da  Österreich  aus,  welches  sich  nicht  dazu  verstehen ­
  kann,  seinen  Landwirten  einen  so  billigen  Kunstdünger  zu
bieten,  wie  es  in  Deutschland  und  anderen  Ländern  der  Fall  ist.  Die
Landwirte  sind  hier  nicht  schuld,  die  Ursache  liegt  in  der  Unmöglichkeit, ­
  ohne  billigen  Wassertransport  den  Kunstdünger  billiger  zu
produzieren,  was  wieder  das  große  Versäumnis  der  österreichischen
Regierung  beweist.
        <pb n="16" />
        Weltwirtschaft
Kiel

ük  339/72
—  18  -

Ohne  billigen  Kunstdünger  ist  die  intensive  Landwirtschaft  nicht
möglich,  der  Boden  wird  ärmer  und  so  sehen  wir,  daß  in  den  zehn
Jahren  1900—1910  allein  in  Galizien  der  Rinderbestand  um  213.000
Stück  kleiner  geworden  ist,  was  einen  Verlust  von  allein  80  Millionen
Kronen  ausmacht.  Welch  großen  Unterschied  erhalten  wir  beim  Vergleiche ­
  unserer  Landwirtschaft  mit  Deutschland?
Pro  Quadratkilometer  entfallen:

Rinder  .

Deutschland  Österreich
ohne  Ungarn
Stück
•  39  34

Pferde  .

9

6

Schweine

•  34

17

Unter-  Wert  Gesamtwert  des
schied  pro  Stück  Unterschiedes
Kronen
5  37°-—  1850.—
3  300.—  900.—
17  80.—  1360.—
Zusammen  .  .  .  4110.—

was  in  Österreich  bei  einer  bebauten  Fläche  von  106.249  km 2  zusammen ­
  einen  Minderwert  der  österreichischen  Landwirtschaft  um
437  Millionen  Krönen  gegen  Deutschland  darstellt.
Hier  liegen  die  Gründe  der  wachsenden  Saisonauswanderung.
Die  Verzeichnungen  der  deutschen  Arbeiterzentrale  allein  geben  ein
düsteres  Bild  darüber.

262944

Fig.  11.  Österreichische  Saisonauswanderung  zählte  Leute.

Das  Elend  greift  außer  Galizien  auch  in  anderen  Provinzen  um
sich,  denn  es  wächst  die  Saisonemigration  auch  in  der  deutschen  und
böhmischen  Bevölkerung.  Fig.  12.

3
        <pb n="17" />
        14

Die  angeführten  Ziffern  sind  zu  gering;  man  schätzt  unsere
Saisonauswanderung  nach  Deutschland  auf  450.000  Leute,  nach  anderen ­
  Ländern  auf  30.000,  zusammen  auf  480.000  Menschen.  Wenn
man  berücksichtigt,  daß  im  Jahre  1904  allein  100.000  Leute  im
Auslande  Brot  gesucht  haben,  so  ist  die  Not  in  acht  Jahren  fünfmal
größer  geworden.  Eine  traurige  Statistik.  In  manchen  Bezirken  Galiziens ­
  geht  die  Bevölkerungsziffer  zurück,  eine  unglaubwürdige  Tatsache. ­

*  Nicht  besser  ist  6s  in  den  Städten.  Die  Steuerabgaben  für  Wohnhäuser ­
  im  ganzen  Reiche  haben  eine  enorme  Höhe  erreicht.  Von  der
58390

Bruttoeinnahme  entfallen  zirka  die  Hälfte  für  Steuerabgaben  in  Wien,
Brünn,  Prag,  Krakau,  Lemberg,  Graz,  Triest  u.  s.  w.
Die  Kapitalverzinsung  muß  somit  von  der  Hälfte  des  Einkommens
gedeckt  werden  oder  mit  anderen  Worten,  jedes  zweite  Haus  wird
konfisziert.  Wie  können  dann  die  Wohnungen  billiger  werden?  Es  muß
dadurch  die  Baulust  schwinden,  den  bedürftigen  Handwerkern  an
Arbeit  mangeln  und  Not  und  Erbitterung  sich  einschleichen.
Wie  anders  verhält  es  sich  z.  B.  Ln  Deutschland.  In  Stuttgart
entfallen'  nur  10%  von  der  Bruttoeinnahme  für  Steuerbelastung,  in
Berlin  1  %  vom  Taxwerte,  ähnlich  in  anderen  großen  Städten,  man
kann  aber  dort  billig  das  Baumaterial  auf  dem  Wasserwege  von
weitem  zuführen  und  auf  diese  Art  auch  billiger  bauen.
Die  Teuerung  rnuß  deswegen  bei  uns  um  sich  greifen,  da  jedem
Verkäufer  und  jedem  Handwerkei?  nach  Bezahlung  der  Miete  oft
        <pb n="18" />
        15

kein  Überschuß  zum  Lebensunterhalte  verbleibt.  Der  jährliche  Gesamtkonsum ­
  an  Getreide  in  den  Jahren  1906  bis  1910  belief  sich
in  Österreich  auf  375  kg,  in  Deutschland  auf  547  kg  und  an  Erdäpfeln ­
  auf  300  kg  gegen  600  kg  in  Deutschland.  Die  Verbrauchsfähigkeit ­
  fällt,  die  Werkstätten  finden  wenig  Beschäftigung,  schränken
infolgedessen  das  Personal  ein  und  dieses  Arbeitsmaterial  geht  ins
Ausland.
So  gehen  die  Städte  der  gleichen  Armut  entgegen.

Lehrreich  ist  die  Zusammenstellung  der  im  Jahre  1912  eröffneten
Konkurse  in  den  österreichischen  Provinzen  mit  Ausschluß  von  Galizien ­
  und  der  Bukowina,  sowie  eine  solche  in  diesen  Ländern.  Fig.  13.
Die  wirtschaftlich  vernachlässigten  Länder  haben  den  kleinsten
Widerstand  gezeigt,  weil,  während  in  Galizien  und  in  der  Bukowina
die  Fallissemente  8,109.000  K  ausmachten,  alle  anderen  Länder  nur
7,744.000  K  aufgewiesen  haben.
In  den  Industriezentren  geht  es  auch  nicht  besser.  Die  großen
Eisenwerke  haben,  trotz  der  billigeren  Preise,  für  das  Eisen  wenig

3*
        <pb n="19" />
        16

Absatz,  der  Markt  ist  überfüllt,  die  erzeugte  Ware  füllt  die  Magazine,
die  Erteilung  der  Kredite  wird  eingeengt.
Selbstverständlich  mehrt  sich  hiedurch  die  Menge  der  Arbeitslosen, ­
  die  besseren  Arbeitskräfte  wandern  aus  und  die  Arbeitsquelle
versiegt.  Wie  ganz  anders  ist  es  in  der  Eisenindustrie  Deutschlands.
Fig.  14-In
  der  Webeindustrie  kam  es  infolgedessen  dazu,  daß  eine
größere  Anzahl  bedeutender  Unternehmungen  die  Betriebe  auf  40  bis
50%  reduziert  hatte.  Unter  den  Arbeitern  brach  die  Notlage  aus.
Die  Preise  der  Baumwolle  sind  überall  gestiegen  und  bei  dem  teuern
Rolltransporte  kann  die  Industrie  kaum  arbeiten.  Amerika  verkauft

Fig.  14.  Ausfuhr  der  Maschinen  aus  Deutschland  in  Waggonladungen  &amp;amp;  10  t.
die  Baumwolle  stets  teuer,  die  größeren  Bahnfrachten  verteuern  die
Ware  und  so  wird  die  Konjunktur  von  Tag  zu  Tag  ungünstiger
und  der  Export  unmöglich.
Seit  dem  Jahre  1910  sind  die  Fallimente  in  der  Textil-,  Leder-,
Bau-,  Eisen-  und  Maschinenindustrie  in  hohem  Maße  gestiegen,  im
Jahre  1913  waren  386  Fälle,  mit  einem  Passivum  von  156  Millionen
Kronen,  worunter  38  Fälle  mit  mehr  als  einer  Million  Kronen  Passivum ­
  gewesen  sind.
In  den  letzten  zwei  Jahren  waren  mehr  Fallimente  als  in  den
früheren  fünf  Jahren  zusammen  genommen.  Fig.  15.
Wir  verbrauchen  pro  Jahr  26.500  Wagenladungen  Wolle;  alles
muß  die  teuere  Bahnfracht  ertragen.  Hätten  wir,  wie  Deutschland,
billige  Wasserwegtransporte,  so  wäre  die  Lage  eine  günstigere.
        <pb n="20" />
        17

Nicht  nur  die  großen  Industrien  schrumpfen  ein,  es  versiegen
sogar  die  kleinen  alten  Industriezweige.  Nach  den  Berichten  der
Gewerbeinspektoren  geschah  dies  bei  der  Glasperlenindustrie,  bei  den
Seidenspinnereien  in  Südtirol,  in  der  Zündholzindustrie  u.  s.  w.,  wodurch ­
  die  dabei  beschäftigten  Arbeiter  andere  Berufe  zu  suchen  gezwungen ­
  waren  und  auch  auswandern  mußten.
Österreich  ohne  Kolonialpolitik  trägt  die  Folgen  seiner  kontinentalen ­
  Lage  und  der  Kurzsichtigkeit  seiner  Verwaltung.  Der  gewesene ­

  Sektionschef  Herr  Brosche  hat  bei  der  Jahresversammlung ­
  der  Industriellen  in  Aussig  selbst  zugestanden,  daß  die  österreichische ­
  Regierung  wenig  Interesse  für  die  Industrie  besitzt.
Auf  allen  Gebieten  der  Industrie  ist  eine  ungeheure  Stockung.
Zu  allen  diesen  mißlichen  Verhältnissen  wird  die  Teuerung  nicht
mehr  erträglich.  Im  internationalen  Handel  sind  die  Brdtfrüchte  und
das  Fleisch  immer  teurer.
In  England  sind  die  Preise  der  Nahrungsmittel  in  den  Jahren
1900  bis  1911  um  9°/o,  in  Norwegen  um  11%,  in  Frankreich  und  Holland ­
  um  i7°o,  in  Italien  um  i8°/o,  in  Rußland  um  210/0,  in  Belgien
        <pb n="21" />
        18

und  Österreich  um  28Q/o  gestiegen.  Noch  größere  Preissteigerungen
sind  in  Japan  (380/0)  und  in  den  Vereinigten  Staaten  (39%)  zu  verzeichnen. ­

Anders  gestalten  sich  die  Verhältnisse  in  Berlin.  Der  Konsument ­
  erhält  die  Nahrungsmittel  billiger  und  der  Produzent  seinen
reichen  Gewinn,  während  bei  uns  beide  sich  beklagen  müssen.  Gemüse, ­
  Obst,  amerikanische  Äpfel  sind  in  Berlin  um  die  Hälfte  billiger
als.in  Wien,  Milch  und  Butter  um  2o°/o.  Wir  erzeugen  die  gewöhnlichen ­
  Naturprodukte  zu  teuer  und  in  einer  zu  geringen  Menge.  Der
Butterexport  ist  von  9  Millionen  Kronen  auf  4  Millionen  Kronen  ge-2647



Fig.  16.  Preise  von  Weizen  und  Roggen  in  den  letzten  sieben  Jahren
pro  1  g  in  Kronen.
sunken,  der  Import  dagegen  von  einer  halben  Million  Kronen  auf
14  Millionen  Kronen  gestiegen!
Die  Eisenbahnen  wurden  verstaatlicht,  die  Kosten  derselben  wurden ­
  aber  auf  das  Konto  „Schulden“  eingeschrieben;  um  diese  zu
tilgen,  werden  die  Frachten  stets  gehoben  und  so  müssen  die  Lebensmittel ­
  stets  teurer  werden.
Die  Billigkeit  der  Nahrungsmittel,  z.  B.  in  Berlin,  im  Vergleiche
zu  Wien,  ist  nicht  nur  auf  den  billigen  Kunstdünger  für  die  Landwirtschaft ­
  zurückzuführen,  sondern  auch  auf  die  Möglichkeit,  die
Landerzeugnisse  von  weiten  Entfernungen  auf  den  Wasserstraßen
billig  zuzuführen.  Das  angeschlossene  Graphikon,  Fig.  17,  gibt  hiezu ­
  eine  lehrreiche  Erklärung.
Die  Bauindustrie  sieht  in  den  Städten  erbärmlich  aus,  Tausende
von  Arbeitslosen  vermehren  die  Scharen  des  brotlosen  Proletariats.
        <pb n="22" />
        19

Die  umsichgreifende  Armut  zwingt  die  Bewohner,  ihre  Wohnstätten ­
  einzuschränken,  größere  Wohnstätten  stehen  leer,  die  Bauunternehmer ­
  finden  keine  Rechnung  und  das  Geschäft  stockt.
In  den  alten  zehn  Bezirke«  Wiens  ist  der  Umsatz  bei  Hauskäufen
im  Jahre  1913  gegen  das  Jahr  1911  um  117  Millionen  Kronen  zurückgegangen. ­
  In  den  Jahren  1903  bis  1907  wurden  bei  den  Landes-♦

Verkehr  per  Bahn  in  1907,
auf  ioo'Yn  entfallen
in  Wien  91%
,  H
Verkehr  zu  Wasser  in  1907,
auf  ioo"/|,  entfallen'  H
in  Berlin  55%  |
inBerlin45%

in  Wien  9%
Fig.  17.
gerichten  in  Wien,  Prag,  Graz,  Lemberg  und  Brünn  aus  den  Aktiven
der  in  Konkurs  geratenen  Bauunternehmungen  von  I2’6  Millionen
Kronen,  den  Handwerkern  auf  deren  Forderung  von  4  Millionen
Kronen  nur  330.000  K  ausgezahlt.  3,670.000  K  haben  die  Handwerker
verloren.  Ähnliche  Verhältnisse  sind  in  allen  Städten  Österreichs  zu
finden.  *
Daß  die  Verschlechterung  der  inneren  wirtschaftlichen  Verhältnisse ­
  eine  allgemeine  ist,  erkennt  nur  nicht  die  Staatsverwaltung  und
die  ihr  nahestehende  Publizistik.
        <pb n="23" />
        20

Die  große  Masse  der  Bevölkerung  erlangt  die  Kenntnis  der
wahren  Verhältnisse  nicht,  auch  nicht  von  den  von  Zeit  zu  Zeit  sich
hören  lassenden  Fachrednern.
Vor  kurzem  hat  doch  im  Gremium  der  Wiener  Kaufmannschaft
Herr  Philipp  Broch  vorgetragen:  „daß  wir  uns  nicht  in  einer  bedeutenden ­
  Wirtschaftskrise  befinden“!
Die  Bevölkerung  hat  sich  gerne  mit  schönen  Hoffnungen  abspeisen ­
  lassen,  wozu  aber  solche  Selbsttäuschungen  führen,  zeigt
die  heutige  allgemeine  Lage.  Es  ist  die  höchste  Zeit,  an  eine  ernste
Abrechnung  und  an  männliches  Handeln  zu  denken.
Zirka  100.000  Wiener  Arbeiter  haben  keine  Beschäftigung,  in
anderen  Zentren  geht  es  nicht  besser;  der  Bauer  auf  dem  Lande  im
Osten  hat  seine  Brotportionen  verkleinert  und  wird  zum  Anpflanzen
im  Frühjahr  keine  Erdäpfel  haben,  er  lebt  von  Kraut!
Man  hört  nur  ein  trauriges  Wort,  d.  i.  „österreichisches  Elend“.
Die  Unzufriedenheit  wächst  und  die  Folgen  dieser  ernsten  Erscheinung ­
  können  bedrohliche  Formen  annehmen.
Die  Leute  verzweifeln,  suchen  im  Trinken  Vergessenheit  und  im
Lotto  ihr  Glück.  Im  Jahre  1911  hat  man  in  Österreich  26  Millionen
Kronen  im  Kleinlotto  verspielt,  d.  i.  um  5  Millionen  Kronen  mehr,
als  man  präliminiert  hat.
Der  traurige  Zustand  in  Österreich  ist  klar  und  ist  als  eine  Folge
der  Niederlage  auf  dem  Weltmärkte  anzusehen.  Wenn  alle  modernen
Staaten  mit  ihrem  Fortschritte  in  der  Industrie  und  im  Ackerbau  in
den  weiten  Landen  der  Erde  das  Geld  zu  verdienen  trachten,  rettet
Österreich  seine  Existenz  mit  den  Verdiensten  aus  der  Emigration
und  mit  dem  Exporte  von  Zucker,  Holz  und  Hühnereiern.
Alle  anderen  Produktionsarten  versiegen  von  Jahr  zu  Jahr.  Eine
traurige  Tatsache.
Ein  Resultat  der  Kurzsichtigkeit  des  herrschenden  veralteten
Bureaukratismus,  des  größten  Feindes  der  Monarchie,  welcher  den
Wohlstand  der  Völker  untergraben  und  vernichtet  hat.  Obwohl  der
Bureaukratismus  und  der  Fortschritt  einander  gar  nicht  kennen,
vertragen  sich  dieselben  todfeindlich  nicht.  Sogar  den  gewöhn 1
liehen  bekannten  Nachahmungsweg  des  nördlichen  Bundesgenossen
in  bczUg  auf  Hebung  der  Volkswirtschaft  und  Kolonialpolitik  wollte
man  nicht  betreten.
        <pb n="24" />
        21

III.  Nothilfsmittel.
Österreich  mit  seinen  arbeitsamen  und  intelligenten  Völkern,
mit  den  Reichtümern  des  Bodens  wird  sich  nach  Jahren  noch  ökonomisch ­
  erholen.
Wie  bei  einem  Kranken,  kann  die  Hilfe  eine  momentane,  kurzdauernde ­
  sein  und  muß  diese  als  ein  Notmittel  angesehen  werden;  es
kann  aber  die  Hilfe  eine  gründliche,  die  Ursachen  der  Schwäche  beseitigende ­
  und  heilende  sein  und  muß  eine  solche  als  ein  rationelles
Hilfsmittel  angesehen  werden.
Der  wirtschaftlichen  Schwäche  Österreichs  wird  seit  Jahrzehnten
nur  mit  den  Notmitteln  geholfen;  dies  wurde  schon  als  Prinzip  anerkannt, ­
  kein  Wunder,  daß  der  Organismus  des  Kranken  in  katastrophaler ­
  Weise  geschwächt  wurde.
Der  Militarismus  und  Bureaukratismus  stellt  stets  größere  Anforderungen ­
  an  die  Bevölkerung.  Das  System  der  Steuerschraube
ist  zu  einer  österreichischen  Spezialität  geworden.  Pro  Kopf  der  Bevölkerung ­
  entfällt  im  Jahresbudget  105  K  an  Ausgaben.
Diese  Steuermaschine  funktioniert  ausgezeichnet,  zur  Zufriedenheit ­
  der  bureaukratisehen  Organe,  welche  in  ihrer  Kurzsichtigkeit
glauben,  daß  es  so  ohne  Ende  weiter  gehen  kann.
Sind  die  Kleinen  unzufrieden,  so  wendet  man  sich  an  die
Größeren,  sind  sie  es  beide,  so  werden  sie  gegeneinander  gehetzt
und  findet  stets  einen  Begünstigten,  gegen  welchen  die  Schraube
angewendet  wird.  So  wurstelt  man.  von  Jahr  zu  Jahr  weiter  und  hat
schon  Jahrzehnte  vergeudet.
Solche  Zustände  können  aber  nur  bis  zu  einer  gewissen  Zeit
herrschen,  so  wie  die  hungrigen,  in  einen  Zwinger  gesperrten  Tiere
nur  eine  Zeitlang  miteinander  ums  Dasein  kämpfen  werden,  worauf
alle,  klein  oder  groß,  sich  gegen  den  Zwinger  kehren,  so  kann  es
auch  in  der  menschlichen  Gesellschaft  kommen.  Das  ist  die  natürliche ­
  Folge  in  dem  Falle,  wenn  der  Fortschritt  in  der  Volkswirtschaft
zurückgehalten  wird.  Die  kleinlichen  Hetzereien  der  Industriekreise ­
  gegen  die  Agrarier  und  umgekehrt  haben  sich  schon  abgelebt,
da  alle  in  einer  Reihe  unzufrieden  .sind.
Diese  allgemeine  Unzufriedenheit  muß  den  Schuldigen  auf  den
Pranger  stellen  und  wehe  der  Verwaltung,  die  nicht  rechtzeitig  die
Unzufriedenheit  der  Massen  rationell  zu  beseitigen  verstehen  wird.
        <pb n="25" />
        22

Die  stets  größeren  Lasten  können  nicht  mehr  mit  den  Steuern
gedeckt  werden;  in  den  letzten  fünf  Jahren  wurden  jeden  Tag  eine
Million  Kronen  'Schulden  gemacht.  Die  frühere  Rentenausgabe  ist
heute  bei  allgemeinem  Mangel  an  Bargeld  und  großen  Ansprüchen
von  den  früher  beinahe  unbekannten  Weltgegenden  nur  bei  sehr
teueren  Bedingungen  möglich.  Mit  wuchernden  Schatzscheinen  ist
nur  eine  momentane  Abhilfe  möglich,  kurz,  es  wird  das  bisnun  noch
mögliche  Schuldenmachen  von  Tag  zu  Tag  schwieriger.
Neue  Steuerlasten  erträgt  die  Bevölkerung  nicht  mehr  und  so
gelangt  man  zu  dem  Zeitpunkte,  wo  die  bisherigen  Notmittel  nicht
mehr  helfen  und  die  bisherige  Taktik  als  in  Trümmer  zerfallend  betrachtet ­
  werden  muß.
Das  Sparen  an  den  arbeitgebenden  Investitionen  und  an  den
produktiven  Auslagen  wird  nur  zur  schnellen  Katastrophe  verhelfen
und  die  Unzufriedenheit  vermehren.  Eine  solche  Verminderung  der
Auslagen  kann  als  ein  Notmittel  nicht  angesehen  werden.  Die  Eisenbahnen, ­
  Straßen,  Schulen  müssen  gebaut,  Flüsse  reguliert  und  Meliorationen ­
  ausgeführt  werden,  solche  Auslagen  dürfen  aus  dem
Staatsbudget  nicht  gestrichen  werden.
Das  finanzielle  Gleichgewicht  zu  erhalten,  wird  stets  schwerer  und
der  Zeitpunkt  naht,  wo  es  eine  Sache  der  Unmöglichkeit  sein  wird,
auf  dem  bisher  üblichen  Wege  weiter  zu  verbleiben.
Österreich  ist  mit  der  bisherigen  Taktik  zu  dem  Endpunkte  angekommen, ­
  wo  solch  ein  weiteres  Wirtschaften  nicht  mehr  möglich  ist.
Österreich  spart  an  Geldausgaben,  ist  aber  leichtsinnig  und  verschwenderisch ­
  in  bezug  auf  die  Zeit.  In  dem  Wettkampfe  ums  Dasein  ist
aber  die  Zeit  teurer  als  das  Geld,  weil  man  sich  in  der  Hinsicht
mit  keinem  Anleihen  helfen  und  die  vergeudete  Zeit  nicht  auch  in
Goldwährung  ausleihen  kann.
Die  anderen  modernen  Wege  müssen  trassiert  werden  und  der
Wille  der  Völker  muß  die  verrosteten  'Räder  der  mittelalterlichen
Maschine  durch  moderne  auswechseln.  Anders  geht  der  Staatswagen
nicht  vom  Flecke.
Die  zweite  Serie  der  Finanzvorlagen:  die  Zündhölzchensteuer,  die
Erhöhung  der  Erbschaftsgebühren,  Versicherungsgebühren,  Dividendensteuer, ­
  Erwerbsteuer  von  Aktiengesellschaften,  die  Gerichtsgebühren, ­
  sind  zwar  meisterhaft  ausgesuchte  Einnahmsquellen,  werden ­
  aber  bei  den  erhöhten  Militärauslagen  bald  nicht  mehr  ausreichen;
        <pb n="26" />
        23

auch  ein  Spiritusmonopol,  das  Verkaufsmonopol  von  Petroleum  und
Benzin.
Was  die  letztere  Einnahmsquelle  betrifft,  so  stehen  wir  unmittelbar ­
  vor  einem  Privatmonopol  der  größten  Raffinerien.  Dieselben  werden ­
  alle  kleineren  Raffinerien  um  geringes  Geld  erwerben;  das  Einschränken ­
  der  Betriebe,  sogar  das  Aufhalten  der  Arbeit  in  den  Raffinerien ­
  Mähr.-Ostrau,  Kolin,  Jedlicze,  Krosno,  Budapest  sind  dessen
ernste  Vorzeichen.
Die  Regierung  tritt  immer  öfter  vor  das  Haus  mit  Ermächtigungen
von  Kreditoperationen  in  einer  Höhe,  welche  in  früheren  Zeiten  nicht
vorgekommen  war;  für  die  erste  Hälfte  1914  ist  eine  halbe  Milliarde
Kronen  in  Aussicht  genommen.  Der  österreichische  innere  Geldmarkt
ist  nur  imstande,  150  bis  200  Millionen  Kronen  Anleihen  zu  decken;
man  ist  somit  mit  zwei  Dritteln  auf  Deutschland  und  England  angewiesen. ­
  Die  Geld  Verhältnisse  in  den  Staaten  gestalten  sich  aber  in
der  Weise,  daß  der  Überschuß  der  gesamten  Länder  stets  kleiner
wird,  da  die  eigenen  Rüstungsausgaben  in  großem  Maße  von  Jahr
zu  Jahr  anwachsen.  Die  bayrische  Anleihe  hat  den  besten  Beweis
dafür  geliefert.
Was  werden  wir  anfangen,  wenn  diese  Quelle  in  der  Zukunft  versiegen ­
  wird?  Diese  Zukunft  ist  aber  schon  nahe,  da  die  Placierung
der  Anleihen  stets  größere  Schwierigkeiten  bereitet.  In  den  letzten
zehn  Jahren  haben  an  Renten  1500  Millionen  Kronen  den  Markt  belastet, ­
  man  entnahm  schon  zweimal  so  viel,  als  der  Markt  ertragen
konnte.  Bis  zu  diesem  Zeitpunkte  ist  noch  die  frühere  Wirtschaftsmethode ­
  gegangen,  was  wird  aber  geschehen,  wenn  diese  Wege  verschlossen ­
  sein  werden?
Rechtzeitig  andere,  mehr  rationelle  Mittel  zu  wählen,  empfiehlt
die  Vernunft  und  der  staatserhaltende  Gedanke.
Eine  Vereinfachung  der  Staatsadministration,  Ersparnisse  in  Repräsentationsämtern ­
  und  Ministerien  wird  nicht  stark  in  die  Wagschale ­
  fallen,  diese  Positionen  werden  gering  sein,  im  Verhältnisse
zu  den  stark  anwachsenden  Auslagen.
Ohne  eine  ernste,  energische  Arbeit  auf  dem  Gebiete  der
rationellen  Mittel  muß  der  Staat  zu  einem  ökonomischen  Ruin  gelangen; ­
  heute  schon  ist  das  letzte  Wort  „Entweder  —  Oder“  zu
sagen.
Die  Aufgabe  der  Volksvertretung  ist  es,  mit  offenem  Blicke  die
Wege  zu  zeigen,  die  Verwaltungsorgane  dürfen  nicht  blind  sein,  das
        <pb n="27" />
        24

mechanische  Arbeiten,  welches  bereits  zu  tief  die  Wurzeln  gefaßt  hat,
aufhören  muß,  sonst  ist  kein  Fortschritt  zu  erhoffen.
Ohne  diese  Wendung  wird  die  Zeit  nahen,  wo  das  Schritthalten
in  dem  Rüstungswesen  des  Staates  nicht  mehr  möglich  sein  wird.  Was
solche  Verhältnisse  bedeuten  würden,  ist  nicht  nötig  zu  erörtern.  Durch
bloßen  Militarismus  wird  in  dem  Momente  der  Staatsbau  nicht  mehr
zu  erhalten  sein,  wir  werden  auch  in  der  Beziehung  vom  Nachbar  überrungen. ­

Ein  starker  Militärstaat  muß  auch  ein  starker  ökonomischer  Staat
sein.

IV.  Rationelle  Mittel.
Die  Hebung  des  allgemeinen  Wohlstandes  und  der  Steuerkraft
der  Bevölkerung  kann  nur  als  ein  richtiges  Mittel  gegen  die  allgemeine ­
  Misere  und  zur  Sicherung  der  Zukunft  des  Staates  angesehen
werden.
Der  Vergleich  unserer  geschichtlichen  Entwicklung  mit  derjenigen
der  anderen  Kulturstaaten  zeigt,  daß  man  dieses  große  Gebiet  der
Hebung  des  allgemeinen  Wohlstandes  und  der  Steuerkraft  bei  uns
gänzlich  vernachlässigt  hat.  Was  hat  nicht  Frankreich,  England,
Deutschland,  Amerika  alles  unternommen,  damit  ihre  Waren  auf
dem  Weltmärkte  die  Oberhand  gewinnen  und  um  vom  Auslande  Verdienste ­
  zu  ziehen.  Was  haben  nicht  diese  Staaten  alles  unternommen,
um  die  Produktionskosten  für  eigene  Erzeugnisse  zu  verbilligen.  Diese
Verbilligung  war  das  Resultat  der  Bemühungen  und  Sorge  von  vielen
Dezennien.  Deshalb  fließen  heute  vom  Auslande  Millionen  und
Millionen  ins  Land  herein.  In  diesen  Ländern  ist  die  arbeitsame  Menschenhand ­
  ein  Vermögen,  bei  uns  eine  lästige  Ware.  Die  Verbilligung
der  Produktion  läßt  sich  mit  keiner  Zollpolitik  erreichen;  das  wären
zu  schwache  Mittel;  das  Fundament  hiezu  ist  der  billige  Transport
der  Massenrohprodukte.
In  derselben  Zeit  hat  Österreich  aber  nur  an  neuen  Steuern,
einigen  humanitären  Gesetzen  für  die  Arbeiterschaft,  sonst  aber  nur
ausschließlich  an  den  Vorlagen  gearbeitet,  welche  nicht  direkt  das
Wohl  der  Bevölkerung,  sondern  welche  die  Machtstellung  der  Monarchie ­
  und  die  Verwaltung  als  solche  bezweckten.
Zur  Hebung  des  allgemeinen  Wohlstandes  sind  Mittel  anzuwenden, ­
  welche  teils  von  den  Steuergeldern  gedeckt  werden  müssen,  teils
        <pb n="28" />
        25

durch  richtige  Anwendung  von  Bankoperationen  ins  Leben  gerufen
werden  können.
Die  ersten  sind  indirekt  produktive,  die  zweiten,  die  sich  rentierenden, ­
  direkt  produktive  Mittel.
Zu  den  ersten  müßten  eingereiht  werden:  die  Vereinfachung  der
Administration,  Veranlassung  der  Österreichisch-ungarischen  Bank,
damit  dieselbe  mit  dem  billigen  Kredit  in  7o°/o  Österreich  und  in  300/0
Ungarn  beteile.  Heute  ist  es  gerade  umgekehrt.  Mit  Ende  1912  waren
im  Wechselportefeuille  der  Bank  für  800  Millionen  Kronen  ungarisches ­
  und  nur  500  Millionen  Kronen  österreichisches  Material  und
vom  Reinerträge  erhielt  Ungarn  55-60/0,  Österreich  nur  44-4°/o.  Wäre
die  alte  Formel  70:30  auch  weiter  eingehalten  worden,  so  würde
Österreich  840  Millionen  Kronen  Kredit  erhalten,  man  hat  somit  das
Reich  um  340  Millionen  Kronen  Kredit  gekürzt.  Man  vergißt,  daß
Österreich  28  Millionen  Einwohner  besitzt  und  Ungarn  nur  19  Millionen ­
  Einwohner  zählt.
Der  Postsparkassenverkehr  im  Jahre  1912  war  in  Österreich
33  Millionen  Kronen,  in  Ungarn  nur  10  Millionen  Kronen.  Wo  ist
hier  ein  gerechtes  Kreditverhältnis  bei  der  Österreichisch-ungarischen
Bank  eingehalten  worden?
Auf  diese  Weise  verlor  die  österreichische  Reichshälfte  im  Jahre
1912  an  ihrer  Beteiligung  allein  5  Millionen  Kronen.
Die  einheimische  Bank  geht  mit  ihrem  Kredit  nicht  dort  zu  Hilfe,
wo  es  notwendig  wäre;  ein  fremdes  Institut  möchte  gerade  so  handeln, ­
  wie  dieses  österreichisch-ungarische.  Im  schlechtesten  Jahre  der
allgemeinen  Krise,  1913,  hat  die  Österreichisch-ungarische  Bank
45-9  Millionen  Kronen  Reingewinn  erreicht,  ein  Rekordgewinn,  welcher ­
  seit  40  Jahren  nicht  erreicht  wurde.  Wenn  man  sich  mit  der
Vergrößerung  des  österreichischen  Kreditwesens  und  der  Verbilligung
des  Geldes  beschäftigt,  kann  ich  nicht  umhin,  den  allgemeinen  Verlust ­
  des  Geldwertes  mit  einigen  Worten  zu  berühren.  Der  allgemeine ­
  Geldmesser  hat  seinen  Wert  auf  dem  Weltmärkte  verloren.
Das  frühere  Maß  des  Wertes,  das  Gold,  wird  in  zu  großen  und
stets  wachsenden  Mengen  heute  gewonnen,  sein  Wert  muß  somit
sinken.
Schon  im  Jahre  1911  berechnete  man  die  Welt-Hyperproduktion
auf  255.000  kg.  Der  früher  lästige  Abraum  wird  heute  in  großen  Mengen ­
  mechanisch  verarbeitet  und  man  bekommt  in  Transvaal  pro
Tonne  Abraum  5—7  leg  reinen  Goldes.  Man  kann  künstlich  auf  die  Dauer
        <pb n="29" />
        26

den  Wert  des  Goldes  nicht  halten,  das  größere  Angebot  muß  auf  dem
Weltmärkte  den  Preis  reduzieren.  Die  Verringerung  des  Wertmessers
bringt  naturgemäß  auch  die  Teuerung  nach  sich.  Die  englischen
Ökonomisten  berechnen,  daß  von  ioo&amp;lt;&amp;gt;/o  der  allgemeinen  Verteuerung
70/0  auf  die  Goldhyperproduktion  zurückzuführen  sind.  Alle  Staaten
leiden  darunter,  weswegen  eine  internationale  Konferenz  zur  Normierung ­
  der  Produktion  und  Fixierung  dieses  Wertmessers  für  alle
Staaten  an  der  Zeit  wäre.  Die  österreichische  Regierung  könnte  hier
für  das  allgemeine  Wohl  mit  einer  Initiative  vorausgehen.
Zu  den  nicht  direkt  rentablen  Investitionen  zurückkehrend,  wären
als  solche  die  Lokalbahnen  in  den  Ländern,  welche  die  Hauptkommunikationen ­
  schon  längst  besitzen  (Galizien  braucht  noch  rentable
Hauptbahnen),  die  iStraßenbauten,  Schulgebäude,  die  Regulierung
von  wilden  Flüssen  und  Meliorationen  anzuführen.
Diese  Ausgaben  muß  die  Bevölkerung  mit  ihrer  Steuerleistung
decken,  sie  bringen  keine  direkten  Gewinste  und  können  von  denselben ­
  nicht  amortisiert  werden.
Anders  verhält  es  sich  mit  Auslagen,  welche  ihrem  Charakter
nach  Gewinste  abwerfen,  ihre  Auslagen  zurückzahlen  können  und  zu
welchen  leicht  Kapitalien  des  In-  und  Auslandes  zugezogen  werden
können,  da  für  ein  gutes  Geschäft  dieselben  stets  zu  haben  sind.
Zur  Finanzierung  eignen  sich  vorzüglich  die  gemischt-öffentlichen
Unternehmungen,  deren  Charakter  darin  besteht,  daß  in  der  Form
der  privaten  Erwerbsunternehmung  —  Aktiengesellschaft,  Gesellschaft ­
  m.  b.  H.,  auch  Genossenschaft,  das  Privatunternehmertum
und  Kapital  —  mit  den  Körperschaften,  Staat,  Land,  Stadtgemeinden,
zur  Beschaffung  der  nötigen  Geldsummen  sich  verbindet  und  dann  gemeinschaftlich ­
  das  Geschäft  leitet.  Dadurch  wird  die  Schwerfälligkeit
in  der  Geschäftsführung  der  angeführten  Körperschaften  umgangen
und  eine  fortschrittliche  Kapitalsassoziation  errungen.
Wenn  noch  dazu  diese  produktiven  Investitionen  die  Hebung
des  allgemeinen  Wohlstandes  zum  Zwecke  haben,  die  Steuerkraft  der
Bevölkerung  heben  und  ohne  neue  Steuern  ins  Leben  gerufen  werden ­
  können,  so  muß  ein  jeder  klar  denkende  Mensch  die  Frage  aufwerfen, ­
  „warum  gründet  man  so  etwas  nicht,  warum  wartet  man
noch  jetzt,  wo  Österreich  so  viel  auf  diesem  Gebiete  versäumt  hat?“
Ein  Blick  in  die  bureaukratische  Arbeitsweise  gibt  leider  die  Aufklärung ­
  darüber.  Allerdings  ist  bis  jetzt  in  Österreich  so  etwas  nicht
bekannt;  wir  können  leider  keine  Neuerungen  einführen,  die  Staats ­
        <pb n="30" />
        27

maschine  gehl  seit  Jahrhunderten  ihren  bekannten  Weg;  die  Ausrede:
„Wir  haben  keine  Erfahrungen  und  keine  Leute  zu  solchen  Neuerungen“, ­
  ist  wirklich  kleinlich,  man  denkt  unwillkürlich  daran,  daß
nur  deshalb,  weil  kein  diesbezügliches  Aktenstück  in  dieser  Angelegenheit ­
  auf  dem  bureaukratischen  Tische  liegt,  diese  Arbeit  als
nicht  aktuell  angesehen  wird.
Es  ist  wirklich  wahr,  der  moderne  Fortschritt  in  der  Volkswirtschaft ­
  hat  bisnun  keine  Aktennummer  bei  uns  bekommen.  Es  ist  sehr
traurig,  daß  auch  die  Leiter  unseres  Parlamentes  kein  Verständnis
für  diese  wichtigste  Arbeit  zeigen,  die  Vorlagen  für  das  Wohl  der
Völker  auf  den  letzten  Platz  schieben,  auf  welche  Art  nur  administrative ­
  Vorlagen  des  Staates  erledigt  werden.
Ein  heller  Punkt  in  der  Vorgangsweise  der  Regierung  ist  der
Ankauf  der  Kohlengrube  in  Brzeszcze,  wo  in  170  m  schon  sechs  bauwürdige ­
  Flötze  aufgeschlossen  wurden,  und  der  Bau  der  sehr  rentablen ­
  Entbenzinierungsanstalt  in  Drohobycz.
Der  Staat,  als  der  größte  Kohlenkonsument,  hat  zum  großen
Teil  seinen  Bedarf  in  Deutschland  gedeckt,  trotzdem  im  eigenen  Reich
kolossale  Kohlengebiete  unberührt  auf  ihre  Exploitation  warten.  Die
für  Österreich  schädlichen  Differentialtarife  auf  den  Eisenbahnen
haben  dem  fremden  Import,  und  zwar  nicht  nur  der  Kohle,  sondern
auch  überhaupt  fremden  Erzeugnissen,  stark  geholfen.
Durch  Erschließung  neuer  Gruben  werden  die  Eisenbahnen  und
eventuell  später  auch  das  Volk  billige  Kohle  erhalten,  und  so  werden ­
  in  der  Zukunft  die  Staatsgruben  als  ein  Regulator  der  Preise
wirken  können.  Unser  Kohlenverbrauch  im  Jahre  1910  war  21  Millionen ­
  Tonnen,  von  denen  9  Millionen  Tonnen  aus  Preußen  bezogen
wurden,  während  25.000  Millionen  Tonnen  Kohle  in  Westgalizien
beinahe  unberührt  liegen.
Der  Staat  braucht  für  eigene  Bahnen  jährlich  für  487  Millionen
Kronen  Kohle;  wie  diese  Auslagen  wachsen,  stellen  folgende  Graphikons ­
  dar.  Fig.  18  und  19.
Wenn  man  diesen  Ziffern  etwas  Aufmerksamkeit  schenkt,  tritt
die  Notwendigkeit  eines  intensiveren  Staatsbergbaues  auf  unseren
Kohlenfeldern  klar  zutage.
Das  Verschleppen  des  Berggesetzes  im  Parlament  geschieht  auf
Jahre  hinaus,  direkt  eine  Arbeit  zugunsten  Preußens  und  der  Westfälischen ­
  Bank,  welche  560/0  aller  galizischen  Kohlenschürfe  von  etwa
8001cm 2  Fläche  okkupiert  haben.
        <pb n="31" />
        28

Die  Entbenzinierungsanstalt  in  Drohobycz  wird  in  kurzer  Zeit
Österreich  vor  einem  deutsch-amerikanischen  Monopol  teilweise  zu
schützen  wissen.
Bei  möglichst  billiger  Kohle  ist  ein  möglichst  billiger  Transport
derselben  die  Grundbedingung  für  die  Entwicklung  der  gesamten
Industrie.
Hier  stößt  man  unwillkürlich  wieder  auf  den  Mangel  von  Wassertransportwegen. ­


4873

Fig.  18.  Der  Verbrauch  an  Kohle  für  den  Betrieb  der  Eisenbahnen
in  Millionen  Kronen.
Die  Eisenindustrie  verlangt  billige  Transporte  von  Kohlen  und
Erzen  aus  Schweden  und  Südrußland;  mit  der  Industrie  hängt  die
billige  Erzeugung  vieler  Nebenerzeugnisse  aus  Eisen  zusammen,
ferner  die  Wiederherstellung  und  Konkurrenzfähigkeit  auf  dem  Weltmärkte, ­
  somit  das  Aufleben  unseres  Welthandels.
Im  Koseier  Hafen  war  im  Jahre  1913  ein  Güterumsatz  von  370.000
Waggons  zu  verzeichnen  und  stieg  derselbe  gegen  das  Vorjahr  um
20.000  Waggons.  Ein  Beispiel,  wie  man  in  der  Mitte  des  europäischen
Kontinentes  große  Erfolge  auf  dem  Wasserwege  schaffen  kann.
        <pb n="32" />
        29

Die  dort  geladenen  Waren  werden  größtenteils  unseren  Wasserwegen
zufallen;  nur  Österreich  schließt  die  Augen  zu,  um  Deutschland  keine
Konkurrenz  zu  machen.
Ohne  Wasserwege  ist  ein  billiger  Kunstdünger  nicht  zu  haben;
kurz,  der  billige  Transport  ist  die  Grundbedingung  zur  Hebung  des
Wohlstandes.
Man  hört  von  verschiedenen  Offerenten,  welche  unsere  Wasserwege ­
  unter  sehr  günstigen  Bedingungen  binnen  acht  Jahren  vollenden
wollten.
Die  Studien  über  die  Rentabilität  der  galizischen  Wasserstraße
haben  bei  Rücksichtnahme  auf  die  von  Südrußland  nach  Deutschland

Pig.  19.  Einfuhr  der  Steinkohle  nach  Österreich-Ungarn  in  Waggons  ä  10  t.
exportierten  Eisenerze  und  Weizen,  sowie  der  in  Galizien  benötigten
Kohle,  leicht  ein  Erträgnis  von  50/0  gezeigt.  Ein  gleiches  Erträgnis
wird  vermutlich  auch  der  Wasserweg  Donau—Oder  abwerfen.
Mit  50/0  begnügen  sich  die  Offerenten,  überlassen  die  Bauaufsicht,
die  Betriebsführung  der  Regierung,  somit  auch  die  Tarifbestimmung
und  begnügen  sich  mit  der  Ausführung  allein.
Mit  anderen  Worten,  die  Investition  braucht  keinen  Heller  von
der  Staatskasse,  kein  Auflegen  von  neuen  Steuern,  der  öffentliche
Geldmarkt  wird  nicht  geschwächt,  im  Gegenteil  vielmehr  gestärkt,
erforderlich  ist  nur  einzig  und  allein  der  gute  Wille  der  Regierung.
Und  wie  verhält  sich  hiezu  die  Regierung?  Sie  ist  stumm,  blind
und  kalt.  Unglaublich,  aber  leider  wahr;  diesen  rationellen  Weg  endlich ­
  zu  betreten,  ist  der  Regierung  ernste  Pflicht.
        <pb n="33" />
        30

Durch  acht  Baujahre  würden  jedes  Jahr  80  Millionen  Kronen
den  arbeitenden,  ärmsten  Kreisen,  die  um  Arbeit  in  der  ganzen  Welt
betteln,  zukommen;  der  größten  Not  würde  die  Hand  gereicht  werden, ­
  ohne  einen  Heller  aus  der  Staatskasse  hiezu  verwenden  zu  müssen.
Kann  für  das  Gedeihen  und  für  die  ökonomische  Entwicklung  der
Monarchie  eine  wichtigere  Angelegenheit  bestehen  als  diese?  Was
denkt  über  uns  das  fortschrittliche  Ausland?  In  einem  Fachausschüsse
in  Berlin  hat  der  Reichtagsabgeordnete  Bergrat  Gotheim  folgendes ­
  gesprochen:  „Man  hat  hier  überschätzt,  was  in  Österreich  im
Wasserbau  geleistet  wird.  In  Projekten  sind  die  Österreicher  außerordentlich ­
  groß,  aber  Worte  und  Taten  sind  etwas  sehr  verschiedenes!
Im  allgemeinen  kann  man  sagen,  daß  jede  Torheit  auf  politischem
Gebiete,  die  in  Deutschland  gemacht  wird,  von  den  Österreichern
mit  großem  Eifer  sofort  nachgeahmt  wird.  Gutes,  wie  Kanalgedanken,
haben  sie  auf  dem  Papiere  stehen  gelassen  und  sind  nicht  weitergekommen. ­
  Wir  haben  Wesentliches  geleistet  und  wollen  die  Österreicher ­
  nicht  nachahmen,  bei  welchen  es  heißt:  ,Immer  langsam  voran“, ­
  oder  zum  Unterschiede:  ,Gar  nicht  voran“!“  Alte,  wahre  und
bittere  Kritik.
Österreich  ist  schon  an  den  Scheideweg  gekommen,  versäumt  es,
den  Fortschrittsweg  zu  betreten,  so  ist  es  ökonomisch  unrettbar  verloren. ­

Dem  ökonomischen  Ruin  folgen  sicher  der  Ruin  der  Staats  Wirtschaft ­
  und  die  politischen  Folgen  nach.  „Österreichs  Apfel  wird  selbst
in  den  Schoß  fallen!“  —  charakteristische  und  warnende  Worte;  eine
Mahnung  noch  zu  rechter  Zeit;  und  es  scheint,  daß  von  dieser  Seite
gegen  die  ökonomische  Hebung  Österreichs  mit  Erfolg  gearbeitet  wird.
Die  Frage  der  Hebung  des  Ackererträgnisses  hängt  innig  mit
der  Verbilligung  des  Kunstdüngers  zusammen.
Österreich  hat  ausgezeichnete  Äcker.  Wenn  der  Kunstdünger  den
reichsdeutschen  Kartellen  entzogen  und  billiger  zugänglich  gemacht
worden  wäre,  würde  die  Monarchie  nicht  nur  den  eigenen  Bedarf
leicht  decken,  sondern  die  Ware  auch  nach  der  Schweiz  und  nach
Deutschland  exportieren  können.
Galizien  bei  seinen  6,618.000  Joch  bebauten  Bodens  allein  würde,
wenn  nur  2  q  Getreide  bei  intensiverer  Bodenwirtschaft  mehr  pro  Jahr
gewonnen  würde,  einen  jährlichen  Mehrertrag  von  rund  327  Millionen
Kronen  (—  9,618.000x2x17)  erhalten.  Österreich  könnte  bei  billigen ­
  Transportwegen  ein  Speicher  für  Europa  sein,  “heute  kann  es
        <pb n="34" />
        31

sich  selbst  kaum  ernähren.  Der  Wert  der  Getreideproduktion  in
Österreich  im  Jahre  1912  hat  1918  Millionen  Kronen  ausgemacht,
könnte  man  ihn  durch  intensivere  Wirtschaft  nur  um  20°/o  vermehren,
so  würde  Österreich  aus  dem  Boden  3836  Millionen  Kronen  pro  Jahr
mehr  erreichen.  Die  Einfuhr  von  Getreide  nach  Österreich  ist  1912
gegen  das  Jahr  1911  um  34‘6  Millionen  Kronen  gestiegen,  und  so
hat  die  Einfuhr  schon  den  Wert  von  122  Millionen  Kronen  erreicht.
Auf  dem  Koseier  Wasserwege  wurden  im  Jahre  1912  für  Österreich
Chilisalpeter  für  den  Ackerbau  für  21  Millionen  Kronen  zugeführt;
in  Triest  aber  nur  für  9  Millionen  Kronen  und  in  Fiume  für  6  Millionen ­
  Kronen.  In  der  Zufuhr  von  Superphosphaten  und  Kalidünger
ist  das  Verhältnis  noch  ungünstiger.
Die  Aufgabe,  das  Kunstdüngerkartell  zu  brechen,  kann  nur  eine
unter  Einfluß  des  Staates  stehende,  an  dem  Wasserwege  gelegene
neutrale  Fabrik  lösen;  deswegen  wäre  für  diesen  Zweck  eine  gemischtöffentliche ­
  Genossenschaft  dringend  notwendig.  Die  Erträgnisse  werden ­
  die  Auslagen  amortisieren,  auch  hier  wäre  kein  Heller  von
Steuergeldern  zu  verwenden  nötig.
Eine  Superphosphatfabrik  auf  der  österreichischen  Grenze  bei
Udine,  als  Genossenschaft  gegründet,  hat  ihren  Abnehmern  500/0  vom
Kaufpreise  als  Dividende  im  Jahre  1913  zurückgezahlt!
Das  Ausnützen  der  natürlichen  Wasserkräfte  für  den  sehr  teuern
Staatsbahnbetrieb,  für  die  auf  teuere  Kohle  angewiesene  Industrie,
für  die  Fabrikation  von  Kalksalpeter,  ein  Ersatzmittel  'für  Chilinatron-Salpeter,
  dem  ausgezeichneten  Kunstdünger,  wobei  die  Rohstoffe, ­
  der  Kalk,  in  Mengen  dort  vorhanden  sind  und  der  Stickstoff
aus  der  Luft  entnommen  wird,  wären  die  wirksamen  Mittel,  um  dem
Übel  abzuhelfen.
In  der  zweiten  Hälfte  der  Monarchie,  in  Ungarn,  geht  es  auch
nicht  besser,  von  dort  erhalten  wir  stets  weniger  Getreide,  der  Boden
ist  auch  dort  mangels  des  billigen  Kunstdüngers  ärmer  geworden.
In  den  Jahren  1908—1912  ist  weniger  Getreide  nach  Österreich
gebracht  worden,  als  in  den  Jahren  1903—1907,  und  zwar  an  Weizen
1147  Tausend  Meterzentner  (5092—3945),  an  Roggen  23  Tausend
Meterzentner  (2672—2649),  an  Gerste  44  Tausend  Meterzentner  (2108
bis  2064).  Der  in  dem  fortschrittlichen  Ackerbau  unumgänglich  notwendige. ­
  Kunstdünger  ist  dort  beinahe  unbekannt,  dort  entfällt  auf
ein  Katastraljoch  nur  1 / 10  %  an  Kali,  in  Deutschland  57  kg,  in  Österreich ­
  o'4Ö  kg.  So  sieht  der  Ackerbau  im  österreichischen  Speicher
        <pb n="35" />
        —  32

Ungarn  aus!  In  den  Jahren  1902—1911  war  dort  der  Ertrag  an
Weizen  pro  Hektar  nur  n'2  q  gegen  i2'i  q  in  den  Jahren  1892—1901.
Das  Ackerbauministerium  in  Deutschland  hat  riesige  Erfolge  im
Fortschritte  zu  verzeichnen,  das  österreichische  wird  durch  den  Vergleich ­
  der  statistischen  Daten  geradezu  demütigend  geschlagen.
Für  die  Hebung  der  Städte  wäre  eine  auf  breiter  Basis  mit  Zuziehung ­
  von  fremden  Kapitalien  zu  gründende  Aktion  für  die  Errichtung ­
  von  Baulichkeiten  zur  Unterbringung  der  ärarischen  Ämter
und  Schulen  dringend  einzuleiten.
Mit  den  heute  gezahlten  Zinsgeldern  wäre  eine  Amortisation  des
Baukapitals  möglich  und  eine  solche  Ausgabe  würde  das  aktive  Vermögen ­
  des  Staates  vergrößern.  Eine  seit  Jahren  vom  Parlament  verlangte ­
  rationelle  Investition.

V.  Schlußwort.
Das  Resultat  des  Grundsatzes  „Kraft  vor  Recht“  hat  die  kolossalen
Rüstungen  aller  Staaten  in  Europa  hervorgerufen,  die  Lasten  des
Militarismus  sind  schon  in  das  Mark  aller  Völker  eingedrungen.  Am
meisten  leiden  darunter  die  ökonomisch  schwachen  Staaten,  zu  welchen ­
  leider  unser  Staat  gehört.  Weniger  leidet  darunter  Deutschland,
wo  die  modernen,  billigen  Transportmittel  zu  Wasser  das  Aufblühen
der  Industrie,  des  Handels  und  des  Ackerbaues  hervorgerufen  haben
und  wo  vom  Auslande  große  Geldsummen  in  das  Reich  einströmen.
Das  reichste  Land,  Frankreich,  ist  schon  an  der  Grenze  seiner  Aufopferung ­
  angelangt,  ein  Beweis  hiefür  ist  die  letzte  Anleihe  für  die
Rüstungen  und  die  im  Jahre  1914  bewilligten  1400  Millionen  Francs
Militärbudgetausgaben.
Das  ökonomisch  starke  Rußland  mit  dem  Überschuß  an  Boden
und  den  natürlichen  Wasserstraßen  hat  die  Bedingungen  für  das  Aufblühen ­
  der  Industrie  und  des  Handels,  kann  am  leichtesten  das  Jahrespräliminare ­
  für  das  Militär  von  einer  Milliarde  Rubeln  ertragen  und
wird  noch  lange  Europa  zu  weiteren  Militärlasten  drängen.  Rußland
hat  auch  relativ  die  kleinsten  Staatsschulden,  pro  Einwohner  200  Francs,
während  in  Deutschland  373  Francs  und  in  Österreich  385  Francs
entfallen.  Es  hat  somit  die  kleinsten  Lasten  zu  tragen.  So  leben
wir  in  der  Mitte  dieses  harten  Ringens,  des  ruinierenden  Wettbewerbes
der  Völker.  Die  übertriebenen  Lasten  müssen  die  allgemeine  Verarmung ­
  und  Unzufriedenheit  zur  Folge  haben  und  diese  führt  zum
        <pb n="36" />
        33

Suchen  nach  neuen  Wegen,  zur  Umwälzung  der  veralteten  Begriffe.
Alle  Regierungen  sollen,  die  heutigen  Verhältnisse  berücksichtigend,
klar  in  die  Zukunft  ihren  Blick  richten  und  keine  Arbeit  und  Opfer
scheuen,  um  den  allgemeinen  Wohlstand  der  Völker  zu  heben.  Das
unproduktive  Überschulden  des  Staates  muß  die  Regierung  möglichst
einschränken  und  ihr  ganzes  Augenmerk  auf  die  Vermehrung  der
produktiven  Investitionen  lenken.
Eine  von  den  bedeutendsten  österreichischen  Finanzautoritäten
hat  unsere  Lage  in  folgenden  Worten  geschildert:  „Die  andauernd
ungünstige  Gestaltung  unserer  Handels-  und  Zahlungsbilanz  ist  eine
sehr  bedenkliche  Erscheinung,  die  wir  schon  lange  mit  Besorgnis  betrachten. ­
  Da  der  Ausgleich  schließlich  nur  durch  Kontrahierung  von
immer  neuen  Schulden  im  Auslande  getroffen  werden  kann,  so  muß
die  Monarchie  endlich  in  eine  Art  von  Schuldensklaverei  gegenüber
den  westlichen  und  mitteleuropäischen  Großstaaten  gelangen,  wenn
es  nicht  gelingt,  beizeiten  Wandel  zu  schaffen.  Hier  könnten  (gemeint
wurde  hier  meine  frühere  Monographie)  die  von  Ihnen  in  .Österreichs ­
  Versäumnis'  angegebenen  Mittel  nebst  Sparsamkeit  viel  helfen
und  in  der  Beziehung  könnte  unser  Abgeordnetenhaus  eine  ebenso
wichtige,  wie  dankbare  Aufgabe  erfüllen.“
Mit  dem  Laufe  der  Zeiten,  wo  die  Monarchie  in  den  Besitz
eigener  Bahnunternehmungen,  Salinen,  Tabakfabriken,  Bergwerke
u.  s.  w.  gekommen  ist  und  viele  neue  Unternehmungen  gründen  soll,
wäre  ihre  Pflicht,  mit  der  rein  bureaukratischen  Verwaltung  aufzuhören
und  die  .  neue  dankbare  Rolle  eines  Geschäftsmannes  zu  übernehmen.
Der  mittelalterlich  bureaukratische  Geist  ist  bislang  der  alleinherrschende, ­
  jede  Erweiterung  der  geschäftlichen  Tätigkeit  stößt  auf
starken  Widerstand.
Das  Arbeitsministerium  hat  mit  dem  Ankäufe  der  Kohlengrube  in
Brzeszcze  und  dem  Bau  der  Entbenzinierungsanstalt  in  Drohobycz
zwar  die  Geschäftstätigkeit  begonnen,  dies  ist  aber  erst  als  kleiner
rühmlicher  Anfang  anzusehen.
Aus  dem  vorher  Geschilderten  wird  es  wohl  leicht  sein,  zu  erkennen, ­
  daß  gerade  der  Staat  hiezu  berufen  ist,  aus  dem  ängstlich
kleinen  Gesichtskreise  auszutreten,  die  Volkswirtschaft  der  ganzen
Monarchie  zu  heben  und  gewisse  produktive  Investitionen  des  allgemeinen ­
  Nutzens  zu  unternehmen.  Die  österreichische  Presse  hat  auch
hier  eine  große  patriotische  Aufgabe  mitzuerfüllen.  Die  geschilderte
geschäftliche  innere  Unternehmerpolitik  kann  allein  die  Monarchie
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        34

vor  dem  ökonomischen  Ruin  retten.  Die  Leitung  der  Verwaltung
von  rechtswissenschaftlich  gebildeten  Organen  allein  hat  zu  den
schlechten  ökonomischen  Verhältnissen  geführt.
Österreich  hat  noch  von  früheren  Jahren  genug  finanzielle  Kraft,
um  mit  Hilfe  derselben  sich  eine  bessere  Zukunft  zu  sichern  und  das
nachzuholen,  was  andere  Kulturstaaten  schon  lange  getan  haben,
um  auf  dem  internationalen  Wirtschaftsmarkte  Verdienste  zu  erzielen. ­



Wie  stark  der  Vorstoß  in  dieser  Richtung  in  Deutschland  zutage
tritt,  ist  aus  folgenden  Ziffern  zu  ersehen.
Deutschlands  Gesamtguthaben  in  Sparkassen  hat  betragen  in  den

Jahren:
1900
1905
1906
1907
1908
1909

8.838  Millionen  Kronen
12.675
13-  4 11
13.920
14-  552
15.672  „  „

Das  Nationalvermögen  Deutschlands  beziffert  man  auf  348  bis
384  Milliarden  Kronen,  Frankreichs  auf  258  Milliarden  Kronen  und
Österreichs  auf  121  Milliarden  Kronen.
Unser  Volksparlament  muß,  dem  Verlangen  der  Völker  folgend,
die  Leute  der  Arbeit,  nicht  der  »Konnexion  oder  des  Bureaukratismus,
auf  die  verantwortlichen  Stellen  entsenden  und  die  fortschrittlichen,
volkskundigen  Elemente  als  Leiter  der  Ressorts  hinstellen.
Mit  solchen  Kräften  wird  die  bei  uns  leider  bisnun  fremde,  vernachlässigte ­
  Arbeit  in  der  volkswirtschaftlichen  Richtung  endlich  beginnen ­
  können.  Die  sofortige  Teilung  der  Arbeitszeit  im  Volkshause
für  Vorlagen  administrativer  Natur  und  die  volkswirtschaftlichen  Vorlagen ­
  ist  eine  der  dringendsten  Notwendigkeiten.
Das  gegenwärtige  Parlament  arbeitet  weit  fleißiger,  als  die
früheren  Vertretungen,  die  neue  Geschäftsordnung  soll  nur  von  der
Regierung  verlangt  werden,  dann  wird  die  Arbeit  noch  erfolgreicher
werden.  Die  arbeitswillige  Mehrheit  im  Parlament  hat  der  Regierung
alles  gewährt,  was  dieselbe  verlangt  hat  und  nur  tendenziöse  oder
feindlich  gesinnte  Elemente  können  das  Gegenteil  behaupten.
Das  Zögern  mit  der  Einführung  der  neuen  Geschäftsordnung
scheint  auch  darauf  hinzuweisen,  daß  die  Regierung  den  nicht  konstitutionellen ­
  Weg  im  stillen  vorzieht.
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        35

Auch  das  Bringen  der  Landesangelegenheiten  vor  das  Forum
der  Monarchie  ist  ein  Mangel  in  der  konstitutionellen  Verfassung
und  ein  Hemmnis  in  der  Arbeit.  Auf  diese  Weise  vergeudet  man
die  Zeit,  die  Worte  und  die  Arbeitslust  und  zwingt  man  den  freien
Willen  des  Volkes  in  veraltete  Engen  hinein.
Als  Leiterin  des  Parlaments  erfüllt  die  Regierung  nicht  ihre
Pflicht,  das  was  ihre  Pflicht  gegenüber  dem  Volke  ist,  betrachtet
sie  als  eine  Gnade  und  führt  zeitraubende  Verhandlungen,  und  so
schafft  sie  selbst  eine  Kluft  zwischen  sich  und  dem  Parlamente.
Soll  man  sich  danach  noch  wundern,  daß  die  fremde  Konkurrenz
uns  überholt  hat,  ist  es  nicht  die  höchste  Zeit,  offen  zuzugestehen:
„Es  ist  nicht  gut,  alles,  was  reell  denkt,  soll  ernst  Zusammenwirken.“
Die  Tendenz  der  Regierung,  um  den  Volkswillen  möglichst  nicht
zum  Ausdrucke  bringen  zu  lassen,  hat  einen  Bankerott  nicht  nur  der
ganzen  bisherigen  bureaukratischen  Richtung  grell  zutage  gebracht,
sondern  hat  auch  den  Wohlstand  aller  Völker  Österreichs  ruiniert.
.  Die  Obstruktion  der  Partei  Svihas,  die  Einführung  des  absolutistischen ­
  §  14,  Bewilligung  der  Anleihe,  Rekruten  und  bosnischen
Bahnen  ohne  Parlament,  haben  die  Krone  der  zentralistischen  Regierungsart ­
  gesetzt.  Der  Fortschritt  muß  und  wird  sicher  gewinnen,
der  Wille  der  Völker  wird  schon  Oberhand  nehmen  und  den  heutigen
Umwegen  ein  Ende  bereiten.
„Aufrichtige  Freunde  starken  Österreich  auf  zur  ökonomischen
Arbeit!“  „Taten  sollen  die  leeren  Worte  ersetzen!“
Es  ist  die  höchste  Zeit,  um  endlich  andere  Bahnen  zu  betreten
und  „Österreichs  Versäumnis“  nachzuholen.
Wien,  am  20.  Februar  1914.
*
Ing.  Claudius  Angerman,
Reichsratsabgeordneter.
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O

03  ii

*•

33

:n  nach  neuen  Wegen,  zur  Umwälzung  der  veralteten  Begriffe.
Regierungen  sollen,  die  heutigen  Verhältnisse  berücksichtigend,
l  die  Zukunft  ihren  Blick  richten  und  keine  Arbeit  und  Opfer
;n,  um  den  allgemeinen  Wohlstand  der  Völker  zu  heben.  Das
duktive  Überschulden  des  Staates  muß  die  Regierung  möglichst
ranken  und  ihr  ganzes  Augenmerk  auf  die  Vermehrung  der
ctiven  Investitionen  lenken.
ine  von  den  bedeutendsten  österreichischen  Finanzautoritäten
isere  Lage  in  folgenden  Worten  geschildert:  „Die  andauernd
stige  Gestaltung  unserer  Handels-  und  Zahlungsbilanz  ist  eine
■edenkliche  Erscheinung,  die  wir  schon  lange  mit  Besorgnis  befen.
  Da  der  Ausgleich  schließlich  nur  durch  Kontrahierung  von
‘  neuen  Schulden  im  Auslande  getroffen  werden  kann,  so  muß
bnarchie  endlich  in  eine  Art  von  Schuldensklaverei  gegenüber
jestlichen  und  mitteleuropäischen  Großstaaten  gelangen,  wenn
it  gelingt,  beizeiten  Wandel  zu  schaffen.  Hier  könnten  (gemeint
hier  meine  frühere  Monographie)  die  von  Ihnen  in  .Öster-Versäumnis“
  angegebenen  Mittel  nebst  Sparsamkeit  viel  helfen
't  der  Beziehung  könnte  unser  Abgeordnetenhaus  eine  ebenso
ge,  wie  dankbare  Aufgabe  erfüllen.“
!it  dem  Laufe  der  Zeiten,  wo  die  Monarchie  in  den  Besitz
r  Bahnunternehmungen,  Salinen,  Tabakfabriken,  Bergwerke
gekommen  ist  und  viele  neue  .  Unternehmungen  gründen  soll,
u hre  Pflicht,  mit  der  rein  bureaukratischen  Verwaltung  aufzuhören
ic  .neue  dankbare  Rolle  eines  Geschäftsmannes  zu  übernehmen,
er  mittelalterlich  bureaukratische  Geist  ist  bislang  der  alleinhende,
  jede  Erweiterung  der  geschäftlichen  Tätigkeit  stößt  auf
n  Widerstand.
as  Arbeitsministerium  hat  mit  dem  Ankäufe  der  Kohlengrube  in
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lie  Geschäftstätigkeit  begonnen,  dies  ist  aber  erst  als  kleiner
eher  Anfang  anzusehen.
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  daß  gerade  der  Staat  hiezu  berufen  ist,  aus  dem  ängstlich
i  Gesichtskreise  auszutreten,  die  Volkswirtschaft  der  ganzen
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  Nutzens  zu  unternehmen.  Die  österreichische  Presse  hat  auch
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ftliche  innere  Unternehmerpolitik  kann  allein  die  Monarchie
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