45 Noch in einer anderen Hinsicht macht es sich geltend, daß Marx die Frage des Bedürfnisses an der entscheidenden Stelle gänzlich außer acht gelassen hat, bei der Unterscheidung von Gebrauchswert und Tausch wert der menschlichen Arbeit ’). Ein Mensch kauft sich z. B. ein Brot doch nicht deshalb, weil soundsoviel Arbeit in ihm enthalten ist, sondern weil er es zur Ernährung notwendig hat, ein Haus, weil er darin wohnen will, ein Klavier, weil er darauf spielen will usw., bei jedem Kauf und Verkauf kommt es darauf an, daß sich am letzten Ende auch ein Käufer findet, der die betreffende Sache gebrauchen kann' 2 ). Man kann auf die Herstellung eines Gutes so viel Arbeit verwenden, wie man will, ist es zu nichts zu gebrauchen, so ist es eben vollständig wertlos, trotz der großen Summe Arbeit, die vielleicht hineingesteckt sein mag. Dies gibt Marx auch ohne weiteres zu s ). Aber die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen unterläßt er öfter, so daß sich glatte Widersprüche ergeben. Einmal sagt er 4 ): als Tauschwerte enthalten die Waren kein Atom Gebrauchswert, und kurz darauf 5 ) 0 ): kein Ding kann Wert sein ohne Gebrauchsgegen stand zu sein. Diese beiden Sätze stehen sich so schroff gegenüber, daß sie sich nicht vereinigen lassen, und doch zieht Marx, je nachdem er es braucht, einmal den einen und ein anderes Mal den anderen Leitsatz zur Beweisführung heran, zum Beispiel heißt es bei der Lehre vom sich verzinsenden Kapital 7 ): „Was wirklich vom Ver käufer veräußert wird, ist der Gebrauchswert der Ware, die Ware als Gebrauchswert“. Und bei der Lehre von der menschlichen Arbeits kraft 8 ) sagt er: „Der Verkäufer der Arbeitskraft, wie der Verkäufer jeder anderen Ware realisiert ihren Tauschwert und veräußert ihren GebrauchswertEs ist also eine Analogie vorhanden zwischen Kapital und menschlicher Arbeit. Beide haben dieselbe Eigenschaft, daß ihr Gebrauchswert größer ist als ihr Tauschwert. Es müßten sich also, da in beiden Fällen tatsächlich der Gebrauchswert veräußert wird, auch die gleichen Folgen ergeben. Aber beim Kapital berücksichtigt >) Wagner, Grundlegung der politischen Ökonomie, Leipzig 1892, I, 323. 2 ) Ygl. Wenckstem, Marx, Leipzig 1896, S. 9. s ) Marx, Kapital, I, 8. *) Ders., Kapital, I, 4. 6 ) Ders., Kapital, I, 7. 6 ) Vgl. zu beiden Zitaten Wenckstern (a. a. 0., S. 9) der, so treffend er im übrigen die Widersprüche, die sich in Marx’ Kapital finden, aufgedeckt und kritisiert hat, doch die Unvereinbarkeit dieser beiden Sätze übersehen zu haben scheint. 7 ) Marx, Kapital, III, 336. 8 ) Ders., Kapital, I, 156.