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        <title>Abriss einer Geschichte der Theorie von den Produktionsfaktoren</title>
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            <forname>Johannes</forname>
            <surname>Müller</surname>
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            <idno>898235332</idno>
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        ﻿staats-
wissenschaft.

Abriss einer Geschichte der Theorie
von den Produktionsfaktoren.

Inaugural-Dissertation

zur

Erlangung der Doktorwürde

der

hohen philosophischen Fakultät
der

Yereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg

vorgelegt von

Johannes [Müller

aus Königsberg i. Pr.

Halle a. S.
1911.
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        ﻿Referent: Herr Geheimrat Prof. Dr. Conrad.
        <pb n="3" />
        ﻿
        <pb n="4" />
        ﻿Inhaltsverzeichnis.

Seite

I.	Kapitel: Einleitung...................................................1

II.	Kapitel: Die Merkantilisten und. Physiokraten (Turgot)................3

Kritik...........................................................9

III.	Kapitel: Adam Smith.................................................10

Kritik...........................................................14

IV.	Kapitel: J. St. Mill................................................22

Kritik.............................................................27

V.	Kapitel: Sismondi...................................................28

Kritik.............................................................31

VI.	Kapitel: Fr. List...................................................32

VII.	Kapitel: Eodbertus....................................................34

Kritik.............................................................38

VIII.	Kapitel: Karl Marx...................................................40

Kritik.............................................................44

XI. Kapitel: Die Gegenwart (Brentano).....................................46
        <pb n="5" />
        ﻿I. Kapitel.

Als der Mensch anfing, der Natur mit Bewußtsein gegenüber-
zutreten, hatte er nichts als seine beiden Arme, um der Natur das
abzuringen, was er für sein Leben nötig hatte. Aber in diesem steten
Kampfe lernte er; und alle Vorteile, mögen sie nun in Kenntnissen,
Fertigkeiten oder schon in der Umformung und praktischen Anwen-
dung der Ton der Natur gebotenen Gaben bestanden haben, die sich
eine Generation anzueignen gewußt hatte, gingen über auf ihre Kinder
und Kindeskindei’, jeder tat sein Teilchen dazu. Aller Anfang war
natürlich schwer, oder die ersten Errungenschaften waren die mit der
meisten Arbeit erkauften. Aber mit der fortschreitenden Ausdehnung
der Arbeitsteilung lohnte sich die Arbeit, die neue Hilfsmittel zum
Ziele hatte, immer reicher, und jeder Erfolg trug bereits den Keim
zu einem neuen in sich. Alle diese Erzeugnisse der Arbeit nun, die
sich im Eigentum des einzelnen Menschen befinden, und die er dazu
verwendet, um sich bei der Schaffung neuer Güter Arbeit zu sparen,
faßt die Wissenschaft unter dem Namen des neben Natur und Arbeit
dritten Produktionsfaktors „Kapital“ zusammen. Wohl ist es leicht
einzusehen, daß sich auf diese drei Produktionsfaktoren die gesamte
Güter- und Werterzeugung zurückführen läßt, aber wenn wir es nun
versuchen wollten, auch in Wirklichkeit bei einem einzelnen Gegen-
stände die Anteile auszurechnen, man würde nicht weit kommen1).
Denn nicht allein, daß unser heutiges Wirtschaftssystem zu kompli-
ziert ist, als daß man die Wirksamkeit jedes Produktionsfaktors genau
feststellen könnte, es sind noch so viele andere Faktoren in Rechnung
zu ziehen, die an und für sich nicht produktiv sind, aber doch die Güter-
erzeugung stark beeinflussen, wie wir es bei Mill näher kennen lernen

*) Vgl. Mill, S. 26 dieser Arbeit.

1
        <pb n="6" />
        ﻿2

werden; und so ist es gut verständlich, daß unsere auf das Praktische
gerichtete Zeit diesen theorethischen Betrachtungen keinen rechten
Wert mehr beimißt und sie vernachlässigt hat, ob zum Vorteile der
Nationalökonomie, die, wie die meisten anderen Wissenschaften sich
in Einzelheiten zu verlieren droht, muß dahingestellt bleiben.

Was heißt nun, um uns im Anschluß hieran auch über den Be-
griff der Produktionsfaktoren, denen unsere kleine Abhandlung ge-
widmet ist, klar zu werden, „produzieren“?

Die älteste Antwort auf diese Frage finden wir bei den Physio-
kraten, die darunter das Neuschaffen von Stoffen verstehen1). Es
ist daher der Vorrang, den sie der Landwirtschaft als dem einzigen
Gewerbe zuschreiben, das diese Eigenschaft haben soll, leicht erklär-
lich. Aber schon ein geringes Nachdenken wird zeigen, daß diese
Definition der Produktion zurückzuweisen ist. Wir können zu dem
von Anfang an vorhandenen Stoff und Kraft nicht das geringste hin-
zutun und ebensowenig etwas von ihm fortnehmen; das einzige, was
wir können, ist, die von der Natur gelieferten Stoffe und Kräfte für
unsere Zwecke umzuformen und brauchbar zu machen, und eine nähere
Überlegung wird zeigen, daß sich Landwirtschaft und Industrie hierin
völlig gleich stehen. Der Bauer pflügt und eggt den Boden und
bringt ihn dadurch in eine lockere Lage, er düngt ihn mit den Salzen,
die er etwa nicht mehr in ausreichender Menge haben sollte, und legt
den Samen in den sorgfältig zubereiteten Boden. Die Natur ver-
wandelt dann im Laufe des Sommers die mineralischen Stoffe, die im
Boden enthalten sind, in vegetabilische, ein Vorgang, den wir Wachs-
tum der Pflanzen nennen. Und so können wir in der Landwirtschaft
jedes beliebige Beispiel vornehmen, immer wird sich dasselbe Bild
zeigen: Umwandlung von Stoffen, die für den Menschen nicht un-
mittelbar brauchbar sind, in solche, die diese Eigenschaft haben. Und
wie sieht es in der Industrie aus? Sie formt beispielsweise einen
Klumpen Koheisen, mit dem an und für sich nichts anzufangen ist,
in eine Maschine um, einen Haufen Wolle in Kleidungsstücke usw.
Der Handel schließlich nimmt zwar keine Veränderungen mehr an
dem Produkte vor, aber er gibt ihm, ganz allgemein gesprochen, als
Ganzem diejenige Lage, in dem es die beste Verwendung findet, er
schafft es dorthin, wo es gebraucht wird.

Wir bemerken also: was für eine Tätigkeit wir auch immer heraus-

J) Brentano, Der Unternehmer, in den ,Volkswirtschaftlichen Zeitfragen“,,
Jahrgang 29, Heft 1, S. 1 ff.
        <pb n="7" />
        ﻿3

greifen, ob Landwirtschaft, Handel oder Industrie, eine Neuschaffung
von Stoffen und Kräften findet nie statt, sondern nur in einem Um-
wandeln besteht unsere Arbeit, und nun ist es von dem Begriff des
Arbeitens zu dem des Produzierens nur noch ein kleiner Schritt,
wenn wir das, was wir eingangs als herrschende Auffassung von der
wirtschaftlichen Entwickelung des Menschengeschlechtes kurz angeführt
hatten, im Auge behalten: fördert die menschliche Arbeit bei dieser
Umwandlung von Stoffen und Kräften mehr neue "Werte zu Tage,
als ursprüngliche bei diesem Prozeß vernichtet werden, dann ist sie
produktiv; also nicht ein Schaffen von neuen Werten, sondern
von mehr Werten, als vorher vorhanden waren, ist das maßgebende.

Aber ehe wir zu dieser richtigen Überzeugung durchgedrungen
sind, hat es viele Kämpfe gekostet, und vor allem die ältere Zeit, zu
deren Schilderung wir nunmehr übergehen wollen, zeigt, welche Un-
klarheit selbst bei den hervorragendsten Gelehrten über diese Grund-
probleme unserer Wissenschaft geherrscht hat.

II. Kapitel.

Die Merkantilisten und Physiokraten (Turgot).

Wie die ganze Wissenschaft der Nationalökonomie erst neueren
Datums ist, so brauchen wir auch nicht allzuweit zurückzugehen, um
an den Anfang der Lehre von den Produktionsfaktoren zu gelangen.
Wenn wir von den Schriftstellern des Altertums und Mittelalters ab-
sehen, die in anderem Zusammenhänge nur gelegentlich das Wirt-
schaftsleben, und auch dann bloß Einzelfragen, insbesondere aktuelle
Fragen berühren, so sind die Merkantilisten die ersten, die den
Anspruch erheben können, ein geschlossenes System geschaffen zu
haben. Aber für uns sind sie nur von geringer Bedeutung; sie bleiben
zu sehr an der Oberfläche haften, es ist ihnen noch nicht bewußt ge-
wesen, daß sich die Wirtschaft eines Volkes organisch aufbaut, daß
all die einzelnen, sich scheinbar widerstrebenden Erscheinungen sich
auf ein und dieselben letzten Ursachen zurückführen lassen müssen;
sie verwechselten bei ihrer Handelsbilanztheorie Ursache und Wirkung
und glaubten mit äußerlichen staatlichen Maßnahmen das korrigieren
zu können, was seine inneren Gründe hatte. Wir würden ihnen daher

1*
        <pb n="8" />
        ﻿4

Gedanken zuschreiben, die sie nie gehabt haben, wollten wir ihre An-
schauungen in den Kreis unserer Betrachtungen ziehen.

Erst der Physiokratismus hat eine Tollentwickelte Produk-
tionslehre, und wir wollen den Eundamentalsatz, auf den sich alles
andere aufbaut, an die Spitze unserer kurzen Darlegung setzen und
dann die Beweisführung untersuchen, mit der Turgot, wohl der Haupt-
vertreter des wissenschaftlichen Physiokratismus, ihn zu stützen sucht.

Er lautet: Es gibt nur zwei Produktionsfaktoren: Grund und
Boden und menschliche Arbeit, und nur eine Vereinigung beider
kann Güter neu hervorbringen. Wir finden diesen Satz bei Turgot
allerdings nicht in dieser Schärfe und Kürze ausgedrückt, aber es
läuft auf dasselbe hinaus, wenn er schreibt1): „Was die Arbeit des
Landmannes außer dem zur Deckung seiner persönlichen Bedürfnisse
Nötigen der Erde abgewinnt, bildet die einzige Grundlage der Ent-
lohnung, die alle anderen Glieder der Gesellschaft im Tausch für ihre
Arbeit erhalten.“ Und nun der Beweis: Seiner Meinung nach hat
jedes Volk in dem Augenblick, wo es zum Ackerbau überging und
damit seßhaft wurde, einen für alle Individuen ausreichenden Grund
und Boden gehabt* 2). Alle gaben sich ohne Ausnahme der Landwirt-
schaft hin, und wenn auch infolge der Verschiedenheit des Bodens
allmählich eine gewisse Arbeitsteilung und Austausch von Produkten
sich entwickelt haben wird, so war es doch immer nur ein Austausch
von Naturprodukten3). Aber lange kann dieser primitive Zustand
nicht gedauert haben, — „lange“ natürlich nur im Vergleich zur
ganzen Geschichte eines Volkes —, die Bedürfnisse der Menschen
verfeinerten sich, und es überstieg allmählich die Kraft des Einzelnen,
außer der Bebauung seines Landstückes auch noch alle seine übrigen
Bedürfnisse zu befriedigen, mit anderen Worten: Es bildete sich eine
Handwerkerklasse, die es übernahm, die vom Landmann gelieferten
Rohstoffe zu veredeln und dafür von diesem seinen Lebensunterhalt
empfing4). „Wir sind hiermit“ sagt Turgot, „von der ersten zur
zweiten Stufe des Tauschverkehrs aufgerückt, zum Austausch von
Arbeit gegen Produkte“. Es muß scharf betont werden, daß Turgot
diese Entwickelung selbständiger stoffveredelnder Gewerbe nicht einer

J) Turgot, Betrachtungen über die Bildung und Verteilung des Reichtums.
Übers, von Dorn, Jena 1903, § 5 (S. 5) Mitte.

2)	Ders.,	a.	a.	0.,	aus	§ 10 (S. 8) und § 4	(S. 4) leicht ersichtlich.

3)	Ders.,	a.	a.	0.,	§ 2	letzter Abs. (S. 2).

4)	Ders.,	a.	a.	0.,	§ 4	(S. 4).
        <pb n="9" />
        ﻿5

zu starken Vermehrung der Bevölkerung zuschreibt, die es dahin ge-
bracht hätte, daß die Ackerlose für den Einzelnen zu klein geworden
wären, sondern er behauptet * *): „alle Weit hätte bei dieser Einrich-
tung gewonnen, weil jeder, indem er sich einer einzigen Art der Arbeit
widmete, damit viel besser fortkam“. Hier tritt der Fehler, den die
Physiokraten mit der Ausschaltung des Kapitals aus der Reihe der
Produktionsfaktoren begangen haben, zutage. Es ist interessant
genug, zu beobachten, wie sich hieraus die stärksten Widersprüche
in Turgots Abhandlungen entwickeln, um die wörtliche Anführung
eines dieser Widersprüche zu rechtfertigen: in § 4 heißt es: „Alle
Welt gewann bei dieser Einrichtung“ (Austausch von Arbeit gegen
Produkte). Dagegen wird gleich in den beiden folgenden Paragraphen
der Unterschied der beiden so entstandenen Bevölkerungsklassen:
Landwirte und Handwerker, dahin charakterisiert, daß „jene durch
ihre Arbeit mehr produzieren, als sie zur Deckung ihrer persönlichen
Bedürfnisse nötig haben“ *), diese dagegen nur soviel, daß sie „gerade
ihr Dasein fristen können“8). Also: der Bevölkerungsteil, der früher
als landbebauender mehr als seinen notdürftigen Unterhalt sich er-
arbeitet hatte, sieht jetzt seinen Lohn auf das beschränkt, was zu seiner
Erhaltung unbedingt notwendig ist; aber es gewinnt doch alle Welt
hei dieser Entwickelung? Wie reimt sich das zusammen? Die Tat-
sache, daß die Menschheit große Fortschritte gemacht hat, liegt klar
zutage; in der Beweisführung liegt der Fehler auch nicht, denn es
ist ebenso unbestreitbar, daß die Arbeitsteilung die Förderin alles
Fortschrittes ist, wie, daß da, wo der Arbeit noch der Grund und
Boden als zweiter Produktionsfaktor zu Hilfe kommt, also beim Land-
bau, mehr Werte erzeugt werden müssen, als da, wo die Arbeit allein
wirkt, wie beim Handwerk. Wenn der Fehler aber nicht im Beweise
liegt, so muß die Voraussetzung falsch sein, d. h. wir kommen mit
den beiden Produktionsfaktoren Natur und menschliche Arbeit allein
nicht aus.

Nach dieser kurzen Abschweifung wird es nötig sein, das bisher
Gesagte noch einmal kurz in einem Satz zusammenzufassen. Die
Physiokraten stellen also die Behauptung auf, daß nur die Vereinigung
von Natur und menschlicher Arbeit imstande ist, neue Güter zu
schaffen und daß die stoffveredelnden Gewerbe dieses nicht können.
Wir haben vorhin die Unhaltbarkeit dieser Behauptung an Turgots

*) Turgot, a. a. 0., § 4, 3. Abs.
2) Ders., a. a. 0., § 5 (S. B).

*) Ders., a. a. 0., § 6 (S. 5).
        <pb n="10" />
        ﻿6

eigenen Worten nachgewiesen und wollen es uns lür später aufsparen,
auch wissenschaftlich diese Lehre zu widerlegen, da es, um eine
bessere Gesamtübersicht über die physiokratische Produktionslehre
zu gewinnen, sich empfehlen wird, jetzt erst die Stellung zu unter-
suchen, die das Kapital in diesem System einnimmt. Dies Unter-
fangen ist aber schwieriger, als man es auf den ersten Blick glauben
möchte, denn Turgot ist sich über den Begriff des Kapitals noch
vollständig im unklaren: wohl spricht er1) ganz richtig von einer „An-
häufung der jährlichen Ertragsüberschüsse zum Zwecke der Kapitals-
bildung“, aber schon im nächsten Paragraphen* 2 *) beginnt die Ver-
wirrung, indem er Kapital mit Mobilien identifiziert, eine Ver-
wirrung, die ihren Höhepunkt bei der Lehre vom Zins findet8).
Hier wird das Kapital mit dem Gelde durcheinander geworfen und
ich möchte zur Kennzeichnung einen Satz aus diesem Paragraphen
zitieren: „Da das Kapital die unerläßliche Basis eines jeden Unter-
nehmens ist, da das Geld ein Hauptmittel ist, um kleine Gewinne

aufzusparen........, so werden jene, die zwar.........Arbeitseifer, aber

kein Kapital...........besitzen........., sich ohne Schwierigkeit dazu

entschließen, den Besitzern von Kapitalien oder Geld (man beachte

insbesondere die Gleichsetzung von „Kapital“ und „Kapitalien“)...........

einen Teil des Gewinnes abzutreten.“

In den Paragraphen wieder, in denen er von der Bedeutung des
Kapitals für Landwirtschaft und stoffveredelnde Gewerbe spricht4 *),
deckt sich seine Definition des Kapitals ungefähr mit dem jetzigen
Sprachgebrauche der Wissenschaft. Über die Hälfte der Kapitel,
fast zwei Drittel der ganzen Abhandlung widmet er der Betrachtung
des Kapitals, mißt ihm also eine große Bedeutung bei; und wenn
auch eine Betrachtung dieser Ausführungen streng genommen nicht
in den Rahmen dieser Arbeit fällt, da es sich hier nach den eigenen
Worten Turgots nicht um einen Produktionsfaktor handelt, so kann
man doch aus ihnen gut den Fehler erkennen, den der Physiokratis-
mus in der Produktionsfaktorenlehre gemacht hat.

Er betrachtet es als die Aufgabe des Kapitals, die zur Produktion
notwendigen Vorschüsse zu leisten, und hier, so sagt er, ist es unent-
behrlich 6). Sowie Ackerbau, Industrie und Handel gegen den Ur-

*) Turgot, a. a. 0., § 51 (S. 35).

2) Ders., a. a. 0., § 52.

a) Ders., a. a. 0., § 71.

*) Ders., a. a. 0., §§ 53, 54, 60, 61. 63, 67, 71, 72.

®) Ders., a. a. 0., § 53.
        <pb n="11" />
        ﻿7

zustand des Nebeneinanderlebens der Menschen auch nur den ge-
ringsten Fortschritt gemacht haben, kann kein Gewerbe ohne eine
Anzahl von Werkzeugen und eine Menge von Lebensmitteln, die den
Arbeiter bis zur Fertigstellung des Produktes seiner Arbeit zu unter-
halten haben, in Angriff genommen werden. Hiermit kann man sich
ohne weiteres einverstanden erklären, wenn es auch nur die eine
Gattung des Kapitals, das sogenannte „umlaufende“ ist, welches diese
Aufgabe zu erfüllen hat.

Nun kommt aber die von jeder Abhandlung über das Kapital
untrennbare Lehre vom Zins, die natürlich, da ja Turgot die Pro-
duktivität des Kapitals verneint, ganz andere Resultate ergeben muß,
als sie heute allgemein anerkannt sind. Auf verschiedene Art und
Weise, so heißt es in den §§ 59—75 der „Betrachtungen“, kann
man Kapital — ob hier Kapital im eigentlichen Sinne gemeint ist
oder Geld, läßt sich nicht recht erkennen, nach § 59 und 71 setzt
er beides gleich — nutzbringend anlegen.

Erstens: man kauft sich dafür ein GrundstückJ), welches in Ge-
stalt der Bodenfrüchte eine jährliche Rente liefert. Zweitens: man
kann es in gewerblichen oder industriellen Unternehmungen anlegen * 2)
(ich lasse che landwirtschaftlichen Unternehmungen, die in diesem Zu-
sammenhänge ebenfalls angeführt sind, um der klaren Gegenüber-
stellung willen fort). Diese letztere Kapitalsanlage muß ihm genau
soviel einbringen, als wenn er sich für dasselbe Geld ein Grundstück
gekauft hätte, denn kein Mensch wird so töricht sein, bemerkt Tur-
got ganz richtig, ein Kapital nicht so anzulegen, daß es die größt-
möglichsten Erträge bringt. Man beachte nun die Inkonsequenz, die
in dieser Behauptung liegt: bei Kapitalsanlage I wirken zwei Pro-
duktionsfaktoren zusammen: Grund und Boden und eine gewisse
Summe menschlicher Arbeit, sie bringen im Laufe eines Jahres Güter
im Werte von x hervor. Bei Anlage II wirkt ebenfalls zweierlei
zusammen: dieselbe Summe Arbeit und das nichtproduktive Kapital,
und sie bringen ebenfalls Güter im Werte von x hervor. Die ein-
fachste Regeldetrie ergibt doch bei den beiden Gleichungen

x-y = z
a • y = z

daß x gleich a sein muß, daß also Kapital genau so produktiv sein
muß, als Grund und Boden. Turgot unterläßt es aber, diesen letzten

*) Turgot, a. a. 0., § 59 (S. 40).

2) Ders., a. a. 0., § 60 (S. 41).
        <pb n="12" />
        ﻿8

Schluß zu ziehen und so kommt er bei der Kapitalsanlage, die er
als dritte Möglichkeit hinstellt1), dem Ausleihen auf Zins, in arge
Schwierigkeiten; denn wie ist es zu erklären, daß jemand Zinsen ver-
langen kann für eine Geldsumme, die doch gar nicht imstande ist,
diese Zinsen wieder einzubringen, da ihr ja jede Produktivität mangelt?
Und diese unsere Spannung nach der Lösung des Rätsels wird ver-
mehrt, wenn wir lesen* 2): „Der Preis des Darlehns ist keineswegs,
wie man sich wohl einbilden könnte, auf den Gewinn gegründet, den
der Entleiher mit dem Kapital, dessen Benutzung er kauft, zu machen
hat.“ Und nun kommt im § 74 die Antwort, die eigentlich gar keine
Antwort ist: „Der Verleiher ist berechtigt den Darlehenszins zu fordern
einzig aus dem Grunde, weil sein Geld ihm gehört. Er ist ja nicht
verpflichtet es auszuleihen; tut er es dennoch, so kann er es unter
den Bedingungen tun, die ihm passen.“ Die Unzulänglichkeit dieser
Erklärung tritt sofort klar zutage, wenn wir die entsprechende Parallele
beim Grund und Boden ziehen: der Verpächter von Grund und
Boden wäre demnach berechtigt, doppelte Pacht zu fordern, erstens
weil das verpachtete Grundstück Früchte bringt, zweitens weil es ihm
gehört. Es müßte demnach die Anlage von Kapital in Grund und
Boden rationeller sein, als die Anlage derselben Summe in gewerb-
lichen Unternehmungen, da letztere bloß den Zins bringen, der aus
dem Eigentumsrechte entspringt, während ersterer außerdem noch
die Bodenprodukte hervorbringt. Aber dem widerstreitet wieder das,
was er in den §§ 84—86 ausführt, nämlich: daß es nur die verschieden
große Summe von Arbeit, die die einzelnen Anlagen erfordern, und
das ungleiche Risiko sind, die das angelegte Kapital je nachdem
mehr oder weniger tragen lassen.

Noch näher auf Turgots Lehren vom Kapital einzugehen, er-
übrigt sich, denn wie wir sehen, häuft sich schon in den grundlegen-
den Sätzen Widerspruch auf Widerspruch; und wenn die Grund-
lagen falsch sind, so ist das, was auf ihnen aufgebaut ist, erst recht
unhaltbar.

Interessant ist seine Wertlehre, auf die ich noch einen kurzen
Blick werfen möchte. Wenn er auch noch keine reinliche Scheidung
zwischen Wert und Preis trifft, so läßt sich doch erkennen, daß er
die Dringlichkeit des Bedürfnisses als den Hauptfaktor ansieht3)?

*) Turgot, a. a. 0., § 72 (S. 53).

2)	Ders., a. a. 0., § 73.

a) Ders., a. a. 0., § 33 (S. 23).
        <pb n="13" />
        ﻿9

durch den das Werturteil des Menschen gebildet wird. Obgleich
dieses eigentlich nicht zu unserem Thema gehört, so ist doch die An-
führung dieser Tatsache von Bedeutung für die Vergleichung späterer
Theorien, bei denen der Wert in unmittelbare Abhängigkeit von der
Produktion gebracht wird. Turgot ist aber sicher auf dem richtigen
Wege, denn der Wert ist es, der die Produktion bestimmt, und nicht
umgekehrt, wie wir es z. B. bei Karl Marx finden werden, der den
Wert einer Sache allein nach der Summe der zur Herstellung ver-
wandten Arbeit berechnen will. Allerdings verfällt auch Turgot der
Einseitigkeit, indem er das Bedürfnis als das allein maßgebliche
hinstellt.

Kritik.

Die beiden Hauptfehler, an denen die physiokratische Produk-
tionslehre krankt, sind leicht einzusehen. Einmal sind sich die Physio-
kraten über den Begriff der „Produktion“ nicht klar gewesen. Sie
verstanden unter „produzieren“ ein Hervorbringen von neuen Gütern,
während es doch in Wirklichkeit nichts anderes heißt als: Umformen
von vorhandenen Stoffen in der Art, daß dabei ein Überschuß von
Werten erzielt wird. Zu dem einmal vorhandenen Stoff und der ein-
mal vorhandenen Kraft können wir nicht das geringste hinzutun oder
davon wegnehmen. Und darin liegt der zweite Irrtum der Physiokraten,
daß sie annahmen, die Landwirtschaft bringe neue Produkte hervor;
auch sie formt nur die im Boden vorhandenen Stoffe und Kräfte um.

Auf Grund dieser beiden Irrtümer ist es selbstverständlich, daß
die Physiokraten dem Kapital keine Produktivität zuschrieben, und in
Anbetracht dessen, daß über diese beiden soeben richtig gestellten
Tatsachen auch heute noch lange nicht allgemein die wünschenswerte
Klarheit herrscht, werden wir nur gut tun, wenn wir nicht, wie es
leider häufig geschieht, mit geringschätzender Überlegenheit auf den
Physiokratismus als einen längst überwundenen Standpunkt herabsehen.
Wir können dies um so eher tun, als auch Adam Smith, den wir im
folgenden Kapitel einer näheren Untersuchung unterziehen wollen,
trotzdem er diese beiden Grundfehler wohl erkannt hat, nur mit
größter Hochachtung von Quesnay, Turgot und ihren Anhängern
spricht.
        <pb n="14" />
        ﻿10

III. Kapitel.

Adam Smith.

Adam Smith leitet die dritte große Periode in der Geschichte der
neueren Nationalökonomie ein: die Periode des Individualismus. Wenn
sie schon für jene eine Zeit des höchsten Aufschwungs bedeutet, deren
Schwächen erst spät erkannt und überwunden wurden, so bildet sie
für die Geschichte der Theorie von den Produktionsfaktoren schlecht-
hin den Höhepunkt, da, wie ich schon in der Einleitung bemerkte,
unsere Zeit nur mehr wenig Wert auf diese theoretischen Betrach-
tungen legt.

Smith beginnt seine Untersuchung mit dem Urzustände der Mensch-
heit, wo ein jeder von seiner eigenen Arbeit lebt, noch nicht von
anderen abhängig ist, sondern sich alle Bedürfnisse selbst befriedigt.
Das letzte ist ihm das Wichtige, worauf es ankommt, daß die Wirt-
schaft einer größeren Zahl von Menschen in dieser Entwickelungs-
phase aus einer Summe von sich selbst genügenden Einzelwirtschaften
besteht1). Ob diese Wirtschaft nun mit Kapital betrieben wird oder
ohne ein solches, und welche Produktionsfaktoren bei der Erzeugung
von Gütern, die natürlich damals auch schon stattgefunden hat, be-
teiligt waren, ist ihm vollständig Nebensache. „Jedermann sucht durch
eigene Arbeit seine gelegentlichen Bedürfnisse zu befriedigen.“ Smith
begnügt sich also darauf hinzuweisen, daß die Arbeit zu jeder Güter-
erzeugung unbedingt notwendig ist und sieht von der Aufstellung
irgendeiner weiteren Behauptung oder eines Gesetzes ah.

Vollständig anders wird dagegen das Bild mit der Ausbildung der
Arbeitsteilung und des Austausches der von den einzelnen Individuen an-
gefertigten Gegenstände untereinander. Als Voraussetzung hierfür sieht
er die Anhäufung eines gewissen Vorrats von Lebensmitteln und Werk-
zeugen an * 2). Denn da ein Gut erst dann gegen ein anderes ausgetauscht
werden kann, wenn es fertiggestellt ist und einen Käufer gefunden
hat, so muß derjenige, der es herstellt, in der Zwischenzeit mit allem
Nötigen versorgt sein, mit anderen Worten er muß sich vorher ein
hinreichendes Kapital angesammelt haben, ehe er daran gehen kann,

*) Adam Smith, Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Volks-
wohlstandes. Uebers. von Stöpel, Berlin 1878. II. Buch, Kap. 1 S. 1: „wo . . . .
jedermann sich alles selbst verfertigt.“

2)	Ders., a. a. 0., II, 2.
        <pb n="15" />
        ﻿11

eine Sache herzustellen, von deren Austausch er sich einen beson-
deren Vorteil verspricht. Je ausgebildeter diese Arbeitsteilung wird,
desto mehr Vorräte sind naturgemäß nötig, oder, indem wir den ganzen
Satz umkehren, je mehr Vorräte angesammelt sind, desto mehr kann
die Arbeitsteilung, die im Anfangsstadium der Gemeinschaftswirtschaft
sicher die mächtigste Förderin des Fortschrittes war, vor sich gehen.
Nun ist es aber leicht einzusehen, daß der Mensch, wenn er sich
dauernd mit einer ganz bestimmten Tätigkeit beschäftigt, in dieser
Tätigkeit eine größere Geschicklichkeit sich aneignet *), als wenn er
sich abwechselnd auch noch anderen zur Befriedigung seiner Bedürf-
nisse nötigen Beschäftigungen hingeben müßte. Er kann also, da er
dies nicht zu tun braucht, mit demselben Aufwand von Arbeit eine
größere Anzahl von Gütern hersteilen, oder um es wieder anders aus-
zudrücken : er kann sein Kapital intensiver vermehren wie früher. Wir
sehen: es ergibt sich so eine Wechselwirkung von Arbeit und Kapital,
die sich beide gegenseitig fördern und vermehren, eine Wirkung, die
aber deshalb nicht ad infinitum fortgesetzt werden kann, weil die
Arbeitsteilung nur bis zu einem gewissen Grade die oben ausge-
führten vorteilhaften Wirkungen hat, wie wir denn auch in der letzten
Zeit an dieser Grenze angekommen zu sein scheinen. Wenigstens
macht sich ganz allgemein der Umschwung bemerkbar, sowohl die ein-
zelnen Betriebe in einer Hand zu vereinigen, als auch in der Ver-
teilung der Arbeit an die einzelnen Arbeiter nicht mehr weiterzu-
gehen.

Doch nach dieser kurzen Abschweifung zurück zu unserem Thema:
je fleißiger ein Volk ist, d. h. je größer das Verhältnis der arbeiten-
den Personen zu den nichtarbeitenden ist, desto größer wird der Wohl-
stand des Volkes sein. Aber Smith erkennt sofort, daß dieses Gesetz
in der eben ausgesprochenen allgemeinen Form nur für die ersten
Anfänge der Arbeitsteilung gültig sein kann, und daß nach und nach
eine solche Differenzierung in der Arbeit eingetreten ist, daß sich eine
Modifizierung als nötig erweist. Und so teilt er die Arbeit, abge-
sehen davon, daß sie von verschiedener Intensität sein kann, in zwei
Gruppen: produktive und unproduktive Arbeit* 2); produktiv ist sie
dann, wenn sie dem von ihr verarbeiteten Materiale noch einen
neuen AVert hinzufügt, unproduktiv, wenn sie diese Eigenschaft
nicht hat.

*) Smith, a. a. 0., I, 11.

2) Ders., a. a. 0., II, 80 ff.
        <pb n="16" />
        ﻿12

Das nötigt uns kurz darauf einzugeken, aus welchen Bestand-
teilen nach Adam Smith der Wert einer Sache bestehen kann.

Seine Wertlehre ist leider nicht unbestritten klar. Fast all-
gemein sehen wir die Anschauung vertreten, daß er die Arbeit als
einzigen Wertfaktor ansähe. Darauf stützten nicht nur die Sozia-
listen ') ihr ganzes System, auch unbedingte Gegner von Kodbertus
und Marx sprechen dieselbe Annahme aus* 2 3), und die Worte des Adam
Smith im 5. Kapitel des ersten Teiles scheinen dem Bucht zu geben.
Sehen wir uns aber im 6. Kapitel seine Preislehre der kapitalistischen
Produktion näher an, so steigen uns doch Bedenken auf, ob Adam
Smith den Satz, daß die Arbeit der alleinige Wertfaktor sei, so un-
bedingt allgemein gültig hingestellt haben will8). Wie gesagt, un-
zweideutig klargestellt ist die Frage nicht; wenn wir aber erwägen,
daß Preis und Wert volkswirtschaftlich auf gef aßt zusammenfallen4 5),
und auch Adam Smith im 5. Kapitel des ersten Buches Wert und
Preis als wesensgleich behandelt, so möchten wir uns doch für fol-
gende Auffassung der Wert- oder Preislehre des Adam Smith ent-
scheiden :

In der allerersten Zeit des Tauschverkehres, wo Grund und Boden
noch nicht Privateigentum waren und die Werkzeuge leicht zu be-
schaffen, war die Arbeit der einzige Wertmesser, der durch alle Zeit-
räume hindurch den gleichen Wert behielt6). Nach ihr wurde also
der Wert eines jeden auf den Tauschmarkt gebrachten Gutes abge-
schätzt, wobei natürlich auch der verschiedene Grad der Intensität zur
Geltung kam. Als aber der Grund und Boden in Privateigentum
überging, da verlangte6) sein Besitzer von demjenigen, den er auf
seinem Grundstück arbeiten ließ, einen Teil seines Lohnes als Be-
zahlung für die Erlaubnis, sein Eigentum zu benutzen. Und eben
dasselbe trat ein, als sich der Stand der Kapitalisten herausbildete,
der es als Erwerbsgeschäft betrieb, andere mit den in ihrem Eigentum

*) Marx, Das Kapital, herausgeg. von Engels, Hamburg 1890: I, 13 Eußnote.

2)	Z. B. Conrad, Politische Ökonomie 1, Jena 1907, S. 16, vgl. aber I, 333.
v. Schullern-Schrattenhofen, Die Lehre von den Produktionselementen und der
Sozialismus, in Conrads Jahrb. f. Nat. Ök. u. St. N. E. X. Bd., 1885, S. 307.

3)	Smith, a. a. 0., I, 59: „Die Arbeit mißt den Wert . . . (der Kente und
des Gewinnes). Also ist doch nur die Arbeit nicht einziger Wertfaktor sondern
bloß Wertmesser.

4)	Conrad, a. a. 0., I, 18.

5)	Smith, a. a. 0., I, 41.

5) Ders., a. a. 0., I, 68.
        <pb n="17" />
        ﻿13

stehenden Werkzeugen und Maschinen arbeiten zu lassen. Auch sie
verlangten von den Arbeitern dafür, daß sie in ihren Werkstätten
Gelegenheit fanden, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, eine
Gewinnabgabe1). Diesen Profit des Grundbesitzers nennt Smith „Grund-
rente“ oder bloß „Pente“, während er denjenigen des Kapitaleigen-
tümers mit „Kapitalgewinn“ oder einfach Gewinn bezeichnet. So ist
es ganz allmählich, mit allen Übergängen selbstverständlich, dahin
gekommen, daß der Wert eines jeden Gutes im allgemeinen sich aus
drei Bestandteilen zusammensetzt: Pente, Gewinn und Arbeitslohn* 2).

Aber nicht jede Arbeit, und damit kehren wir zu unserem Haupt-
gedankengang zurück, schafft neue Werte. Nach seiner beliebten
Methode führt Smith zum Beweis ein praktisches Beispiel an, um
seine theoretischen Behauptungen durch Tatsachen aus dem täglichen
Leben zu stützen und unserem Verständnis näher zu bringen. „Es
ist ein großer Unterschied“, so sagt er, „ob ein Kapitalist Dienst-
mädchen oder mit demselben Kapitalaufwande Handwerker beschäftigt.
Diese fügen allen Dingen, an denen sie zu arbeiten haben, neue Werte
hinzu, während jene auch nach jahrelanger Tätigkeit ihrem Dienstherm
nicht nur keine neuen Werte geschaffen, sondern ihn vielmehr eine
große Menge Kapitalien gekostet haben, alle ihre Arbeit ist unpro-
duktiv gewesen3). Smith faßt diesen Begriff der unproduktiven Arbeit
sehr weit, indem er z. B. auch der Tätigkeit der Ärzte, Geistlichen
und Gelehrten, ja sogar aller Verwaltungsbeamten jede Wertbildung
abspricht4).

Beim Kapital macht er dieselbe Einteilung: als produktiv be-
zeichnet er solches, das geeignet ist, durch entsprechende Arbeit
neue Werte hervorzubringen, also gewerbliche Anlagen, Maschinen,
Werkzeuge, Arbeitslöhne, um es zusammenzufassen: alles in der
Landwirtschaft, dem Handel und der Industrie angelegte Kapital.
Unproduktiv ist dagegen alles Kapital, das diese Eigenschaft neue
Werte zu schaffen, nicht auf weisen kann5). Hierher fallen also
sämtliche Kapitalanlagen für den oben erwähnten unproduktiven
Teil der Bevölkerung, ferner für die Wohnhäuser, alle Lebens-
mittel, weiterhin die große Reihe der Luxuswaren, deren Bestimmung

') Smith, a. a. 0., I, 66 f.

2)	Ders.,	a.	a.	0.,	I, 69.

3)	Ders.,	a.	a.	0.,	II,	77,	78.

4)	Ders.,	a.	a.	0..	II,	79.

s)	Ders.,	a.	a.	0.,	II,	80 ff.
        <pb n="18" />
        ﻿14

bloß in dem Verbrauchtwerden besteht; wie wir sehen ein stattlicher
Teil aller Güter.

Hiermit ist der Einfluß gekennzeichnet, den die drei Produktions-
faktoren Natur, Arbeit und Kapital auf die allgemeine Entwicklung
eines Volkes haben: die Natur liefert den Menschen mit ihren ver-
schiedenartigen Kräften das Material, das Arbeit und Kapital in
gegenseitiger Verstärkung (oder auch Abschwächung u. U.) verarbeiten.
Es ist das Charakteristische bei Adam Smith, daß er die einzelnen
Produktionsfaktoren nicht voneinander abstrahiert und sich bemüht,
den Anteil eines jeden von ihnen genau festzustellen und auszurechnen,
daß er sie vielmehr als gemeinsam beteiligt an der Produktion der
Güter hinstellt. Alle drei beeinflussen nicht nur den Produktions-
prozeß, sondern auch sich selbst untereinander, wie wir es namentlich
bei dem wechselseitigen Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital ge-
sehen haben.

Kritik.

Zur verbessernden Kritik des Adam Smith ist nur weniges von
geringer Bedeutung zu sagen. Er hat der Produktionslehre, von
Einzelheiten abgesehen, in ihren Grundzügen diejenige Gestalt gegeben,
die sie noch heute hat, vor allem hat er dem Kapitale zu seiner ihm
gebührenden Stellung als drittem Produktionsfaktor verholfen. Aller-
dings vermissen wir vielfach bei ihm die notwendige unzweideutige
Klarheit, so daß kaum ein Schriftsteller zu soviel Mißverständnissen
und Auslegungsstreitigkeiten Anlaß gegeben hat, namentlich wenn sich
die Darstellung irgendeiner Smithschen Ansicht nur auf eine einzige
Belegstelle stützt. "Wir sind deshalb überzeugt, daß nicht alles, was
wir hier als Smithsche Theorie hingestellt haben, unbestritten als
solche wird hingenommen werden. Aber nach einer Vergleichung und
Durcharbeitung sämtlicher, nicht bloß einzelner in Betracht kommender
Stellen haben wir uns doch zu der hier dargestellten Auslegung ent-
schlossen.

An all die anderen uns mehr oder weniger widersprechenden
Anschauungen längere Erörterungen zu knüpfen, würde zu weit führen,
wir möchten darum nur eine besonders scharfe Kritik des Adam
Smith eingehender beleuchten, die wir in Böhm-Bawerks „Geschichte
und Kritik der Kapitalzinztheorien“ finden und die unseren Aus-
führungen so direkt entgegenläuft, daß sie eine Widerlegung erforder-
lich macht. Auf zwei Punkte namentlich bezieht sich Böhm-Bawerks
        <pb n="19" />
        ﻿15

recht schroffe Verurteilung der Adam Smithschen Kapitalstheorien:
erstens auf die Begründung des Kapitalzinses, d. h. auf die Frage,
inwiefern das Kapital produktiv sei, und zweitens auf die Quelle, aus
der der Kapitalgewinn des Unternehmers stammt. Recht geben
können wir Böhm-Bawerk nur darin, daß Adam Smith sich mitunter
einer etwas ausführlicheren und deutlicheren Ausdrucksweise hätte
bedienen können, um alle Mißverständnisse auszuschließen, aber in
der Sache an sich können wir uns mit seinen Einwendungen nicht
einverstanden erklären.

Der erste Vorwurf, den er Adam Smith macht, lautet1), Smith
habe überhaupt keine bestimmte Kapitalzinstheorie aufgestellt, sondern
behauptet, der Zins sei nur daraus zu erklären, daß der Kapitalist
sonst kein Interesse daran hätte, sein Kapital in der produktiven Be-
schäftigung von Arbeitern zu verwenden. Aus den von Böhm-
Bawerk angeführten Stellen des „Wealth of Nations“ läßt sich dem
nichts entgegenstellen, er hat aber die Stelle übersehen, in der Adam
Smith den wahren Grund des Kapitalzinses, der in der Produktivität
des Kapitals liegt, angibt, allerdings sehr kurz und ohne dies näher
zu betonen. Diese Stelle findet sich im ersten Kapitel des ersten
Buches2). Wir meinen die Worte: „Drittens und letztens muß jeder
sehen, wie sehr die Arbeit durch Anwendung geeigneter Maschinen
abgekürzt wird.“ — Maschinen hier natürlich im weitesten Sinne des
Wortes—8). Hierin, in der Erleichterung und Abkürzung der vorher
nötig gewesenen Arbeit durch die Maschinen, d. h. des Kapitals, liegt
die Begründung des Kapitalzinses. Danach ist es natürlich nur selbst-
verständlich, daß der Eigentümer des Kapitals für dessen produktive
Tätigkeit einen Gew'inn erhält. Böhm-Bawerk hat somit den vor-
letzten Grund für den letzten angesehen und so dem Adam Smith
eine Kapitalstheorie zugeschrieben, die auf derselben Stufe wie die
Turgotsche stehen würde4); die oben aus dem ersten Kapitel zitierte
Stelle beweist aber die Unhaltbarkeit seiner Vorwürfe.

*) v. Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik der Kapitalzinstheorien, Innsbruck
1884, S. 81.

2) Smith, a. a. 0., I, 11 Zeile 20, S. 13 Zeile 19 ff.

s) Ders., a. a. 0., I, 13.

4)	Turgot, a. a. 0., § 74: „Der Kapitalist kann den Zins fordern aus dem
Grunde, weil sein Geld ihm gehört; .... nichts verpflichtet ihn es auszuleihen;
wenn er es dennoch ausleiht, so kann er es unter jeder Bedingung tun, die ihm
paßt.“ Böhm-Bawerk (Smith) a. a. 0., S. 81: „Ein Kapitalgewinn muß existieren,
weil sonst der Kapitalist kein Interesse daran hätte, sein Kapital in der produktiven
Beschäftigung von Arbeitern zu verwenden.“
        <pb n="20" />
        ﻿16

Ebenso unberechtigt ist die andere Behauptung Böhm-Bawerks,
Adam Smith sei sich über die Quelle nicht klar gewesen, aus der
der Kapitalgewinn fließt. Wir finden in den „Kapitalzinstheorien“
eine Beihe von Zitaten1) aus dem „Wealth of Kations“, die sich
widersprechen sollen, derart, daß die eine Gruppe besagen soll, der
Kapitalgewinn sei ein Abzug des eigentlichen Arbeitslohnes, die andere
aber, er sei im Preise einer jeden Ware noch außer dem Arbeits-
löhne enthalten. In den zwei letzten der angeführten Fälle liegt
unserer Ansicht nach ein Mißverständnis vor, indem Smith unter
„Arbeit“ schlechthin Arbeit des Arbeiters -f- Arbeit der Maschinen
verstand, während Böhm-Bawerk aus dem Worte „Arbeit“ nur die
Arbeit des Arbeiters herauslesen will. Im ersten Fall gibt der Aus-
druck: „der Wert, welchen der Arbeiter dem Stoff hinzufügt“ zu
einem ähnlichen Mißverständnis Anlaß. Denn in dem Wert, den der
Arbeiter dem Stoffe hinzufügt, ist doch wohl auch der Anteil des
Kapitals mit enthalten, das nur in Verbindung mit menschlicher
Arbeit fruchtbar sein kann, während Böhm-Bawerk sich unserer
Meinung nach wieder zu streng an den Wortlaut hält. Wie gesagt,
einen restlosen Beweis können wir bei der Ungenauigkeit der Smith-
schen Ausdrucksweise für unsere Annahme nicht führen, aber schon
die ersten Sätze des neunten Kapitels des ersten Buches über den
Kapitalgewinn2) lassen erkennen, daß Adam Smith den Kapitalzins
nicht als einen Teil des eigentlichen Arbeitslohnes ansieht, denn bei
entgegengesetzter Auffassung würden, wie jeder leicht einsieht, die
unten angeführten Sätze sinnlos sein.

Um nun zu Adam Smith selbst zurückzukehren, so möchten wir
im einzelnen als die hauptsächlichsten, allerdings die Grundlagen seines
Systems nicht berührenden Fehler folgende anführen:

Vor allem fordert unseren Widerspruch die Unterschätzung der
geistigen Arbeit heraus. Wenn man auch den praktischen Nutzen
der Schauspieler, Musiker, Opernsänger usw., um einige von Smith
angeführte Berufsklassen hier zu erwähnen, nicht auf den ersten Blick
erkennen mag, obgleich unserer Meinung nach auch diese durchaus

*) Böhm-Bawerk, a. a. 0., S. 82—84.

2) Smith, a. a. 0., I, 122: „Das Steigen und Fallen im Kapitalgewinn hängt
von denselben Ursachen ah wie das Steigen und Fallen im Arbeitslohn . . . .; aber
diese Ursachen berühren den einen ganz anders als den anderen. Das Wachstum
des Kapitals, das den Lohn erhöht, wirkt auf Verminderung des Gewinnes.“

Diese und ähnliche Sätze lassen deutlich erkennen, daß Adam Smith Arbeits-
lohn und Kapitalgewinn als zwei völlig voneinander getrennte Begriffe ansieht.
        <pb n="21" />
        ﻿17 —

produktive Mitglieder der Gesellschaft sind, so muß es doch großes
Erstaunen erregen, daß auch den Geistlichen, Juristen, Ärzten, über-
haupt Gelehrten aller Art jede Produktivität abgesprochen wird.
Außerdem ist Adam Smith hier eine kleine Inkonsequenz unterge-
laufen, indem er, um vielleicht diese, auch ihm etwas ungewöhnlich
klingende Behauptung abzuschwächen, die oben erwähnten Berufs-
klassen als „nützlich und edel aber nicht produktiv“1) bezeichnet.
Was kann aber „nützlich“ in diesem Zusammenhänge anderes be-
deuten als „zur Produktion irgendwie beitragend“? Einigermaßen zu
erklären ist die Nichtachtung der geistigen Arbeit dadurch, daß er
vor dem Zeitalter der Erfindungen gelebt hat. Doch wenn wir auch
alle Erfindungen auf naturwissenschaftlichem und technischem Gebiete
außer acht lassen, auch die Arbeit der Geistlichen, Ärzte und Juristen
hat eine eminente Bedeutung für die gesamte Volkswirtschaft wie für
den einzelnen. Der Arzt erhält den Arbeitern ihre Arbeitskraft oder
gibt sie ihnen wieder, der Geistliche hat die Aufgabe, der großen
Masse des Volkes einen inneren Halt im Kampfe ums Dasein zu
geben, wie man auch über die tatsächliche Erfüllung dieser Aufgabe
denken mag. Der Jurist hat einem jeden sein Hecht zu verschaffen
und für die ordnungsgemäße Verwaltung der Gemeinwesen zu sorgen:
alles Aufgaben, die zur Förderung der Wirtschaft unbedingt not-
wendig sind und deren Erfüllung daher auch als produktive Arbeit
bezeichnet werden muß, ganz gleich, ob sie sich in einem bestimmten
Gegenstände verkörpert oder nicht. Gerade diese Nichtachtung der
geistigen Arbeit hat den Sozialisten viel Stoff zur Aufstellung ihrer
Systeme geliefert, die sich hier auf eine in der Nationalökonomie all-
gemein anerkannte Autorität wie Smith berufen konnten. Namentlich
ist es Karl Marx, bei dem man diese Ideen des englischen Gelehrten
in großer Zahl wiederfindet.

Genau so steht es mit der Unterschätzung der Bedeutung des
Staates, der staatlichen Ordnung und der Organe, die sie aufrecht zu
erhalten haben. Man darf eben den Begriff „produktiv“ nicht zu eng
fassen: es ist durchaus nicht notwendig, daß eine Tätigkeit sofort
sichtbare Werte schafft und greifbare Resultate zutage fördert, um
produktiv zu sein. Alle Arbeit und alle Einrichtungen, die letzten
Endes zu einer Wertvermehrung beitragen, und mag der Weg bis
zu diesem Erfolge noch so lang sein, müssen als produktiv angesehen
werden. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: Sind etwa die großen

‘) Smith, a. a. 0., II, 79.

2
        <pb n="22" />
        ﻿18

Aufwendungen, die die Gesamtheit für die Erziehung und Ausbildung
ihrer heranwachsenden Jugend macht, unproduktiv, weil sich erst
nach 20 bis 30 Jahren, wenn die Kinder zu Männern geworden
sind, der Lohn für das aufgewandte Kapital und all die Mühe und
Arbeit zeigt?

Dies wird wohl niemand behaupten wollen. Wohl aber können
wir, wie dies Beispiel zeigt, eine Trennung in der Hinsicht treffen,
daß wir direkte und indirekte Produktion unterscheiden. Wir
würden dann als direkt produktiv solche Tätigkeiten usw. bezeichnen,
die selbst eine Werterhöliung bewirken, während als indirekt produktiv
diejenigen angesehen werden müßten, die den Erfolg haben, daß
andere Tätigkeit oder anderes Kapital neue Werte schaffen können.

Wohl stellt sich die Arbeit des Herrschers, der Verwaltungs-
juristen, der Beamten, des Militärs usw. nicht in einem greifbaren
äußeren Resultate dar, aber wie wollten wir ohne eine staatliche
Ordnung auskommen? Smith bestreitet das allerdings nicht, möchte
aber die Arbeit des Staates auf die Beseitigung etwaiger Störungen
und auf die Garantie der Freiheit des einzelnen beschränkt wissen.
Jedes positive Eingreifen des Staates ist ihm ein Greuel. Das Ver-
mögen des englischen Volkes, so sagt er, ist durch den Fleiß und die
Klugheit einzelner, die an der Vermehrung ihres Vermögens ein
natürliches Interesse haben, anf seine große Höhe gekommen 5j und
der Staat hat daher nicht die geringste Berechtigung, diese Tätigkeit
der Bürger irgendwie zu überwachen oder gar durch Gesetze zu ordnen.
Hier wird er sogar — ein seltener Fall bei ihm — ausfallend, indem
er das Eingreifen des Staates als „höchste Unverschämtheit und An-
maßung“ 2) bezeichnet. Die Begründungen sind die bekannten, mit
denen uns auch heute noch die Anhänger der möglichsten Beschränkung
der Staatsgewalt zu überzeugen suchen, an der Spitze das alte Ar-
gument, daß jeder, da es sich um sein Privatinteresse handle, selbst
am besten wissen müsse, wie er sich am vorteilhaftesten betätigen
könne. Daß es nicht nur eine unmittelbare, sondern auch eine mittel-
bare Wertschaffung gibt, hat Smith noch nicht erkannt, es ist erst
Mill gewesen, der diese Lücke ausgefüllt hat.

Nun noch ein dritter Punkt, der hervorgehoben zu werden ver-
dient : es ist die zu geringe Beachtung des Seltenheitsmomentes. Ganz
übergeht Adam Smith es ja nicht, er erkennt seine Bedeutung bei

*) Smith, a. a. 0., II. 98.
2) Ders., a. a. 0., II, 99.
        <pb n="23" />
        ﻿19

außergewöhnlichen Zuständen]) und beim Monopol2) ausdrücklich an.
Aber in seiner ganzen Bedeutung hat er es doch nicht gewürdigt.
Er fühlt es allerdings dunkel, wenn er bei der Besprechung vom
natürlichen und vom Marktpreis als Beispiel anführt: In Canton
erhielte man für eine Unze Silber doppelt soviel als in London8);
aber er geht über diese Tatsache, die er, wie gesagt, nur nebenbei als
Beispiel anführt, ohne sie näher zu begründen hinweg. Er würde,
hätte er sich nach dem Grunde dieser auffälligen Erscheinung gefragt,
sicher der wahren Ursache, dem Seltenheitsmoment auf die Spur ge-
kommen sein. Es ist eins der wichtigsten Wertbildner, wie vor allem
Conrad *) und Schmoller5) nachweisen. Es würde außerhalb unseres
Themas liegen, wollten wir diese Lehre näher ausführen, wir verweisen
deshalb auf die erwähnten Autoren.

Inwiefern stellt nun Adam Smith einen Fortschritt gegenüber
Turgot dar? Mit dieser Frage verknüpft sich notwendig eine zweite:
hat er auf der von den Physiokraten geschaffenen Unterlage weiter-
gebaut, oder hat er einen vollständig neuen Weg zur Beantwortung
der Frage nach den Produktionsfaktoren eingeschlagen? Wir müssen
wohl, wenn wir nur die Theorie der Produktionsfaktoren ins Auge
fassen, das erstere für richtig annehmen. Dafür sprechen nicht nur
seine eigenen Worte, wie wir sie im vierten Buche seines „Wealtb of
Nations“ finden ®), in dem er die physiokratischen Lehren zwar nicht
vollständig anerkennt, aber doch zugibt, daß die Agrikultur produk-
tiver sei als die Manufaktur7), dafür sprechen vor allem die Über-
einstimmungen, die wir bei Turgot und ihm finden und die nicht
bloß daher rühren, daß beide gemeinsame Gegner des Merkan-
tilismus sind.

Neben manchen Einzelheiten, wie der Lehre vom Gelde und von
der Notwendigkeit des Kapitals als Vorschuß bei der Begründung
von Unternehmungen, wo Smith und Turgot vollständig dieselben Ge-
danken entwickeln, kommt für uns hauptsächlich ihre gemeinsame
Rententheorie in Betracht. Turgot sagt8): „der Ertrag des Bodens

*) Smith, a. a. 0., I, 84.

2)	Ders., a. a. 0., I, 85.

3)	Ders., a. a. 0., I, 51.

*) Conrad, a. a. 0., I, 13.

5)	Schmoller, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, Leipzig 1904, S. 565.

6)	Smith, a. a. 0., III, 209 ff.

’) Ders., a. a. 0., HI, 226.

8) Turgot, a. a. 0., § 14 (S. 10).

2*
        <pb n="24" />
        ﻿20

teilt sich in zwei Teile, einmal das Entgelt für die aufgewandte Arbeit
und dann einen „unabhängigen und verfügbaren Teil, den die Erde
darüber hinaus gibt“. Bei Adam Smith lesen wir in seinem der Rente
gewidmeten Kapitel: die Rente ist der für die Nutzung des Bodens
gezahlte Preis, nach Abzug aller Unkosten usw. *), also im Prinzip
finden wir bei beiden dasselbe. Es ist eigentümlich, daß Adam Smith
das Mangelhafte dieser Erklärung nicht gefühlt hat; da er sich doch
über das Wesen der Monopole durchaus im klaren ist, mußte er den
Monopolcharakter der Grundrente eigentlich erkennen. Es liegt daher
die Annahme nahe, daß er diese Sätze aus dem ihm so sympathischen
Physiokratismus in sein System aufgenommen hat.

Für uns bedeutungsvoll wird er aber naturgemäß erst da, wo er
die physiokratischen Ideen für verbesserungsfähig hielt. Wir können
hier wieder zwei Reihen unterscheiden, erstens solche Ideen, die er in
ihrem Kern wohl für richtig, aber noch nicht genügend geklärt und
ausgebildet ansah, und zweitens solche, die er gänzlich verwarf und
durch neue Erklärungen ersetzte.

So finden wir, um nur wenige Beispiele hervorzuheben, die Theorie
vom natürlichen und vom Marktpreis, die Adam Smith mit solcher
Ausführlichkeit behandelt hat, in ihren Grundzügen schon bei Turgot2),
wenn auch noch sehr aphoristisch und wenig klar. Da nämlich Turgot,
wie wir gesehen haben, in den ersten Zeiten der Wirtschaft das
größere und geringere Bedürfnis als maßgebend für die Preisbildung
ansieht, so fällt es ihm selbstverständlich schwer, einen natürlichen
Preis zu konstruieren, und er spricht daher stets nur von einem
Marktpreis, ohne sich darüber klar zu sein, daß dieser jenen not-
wendig voraussetzt. Noch wichtiger für uns ist die Unterscheidung
von produktiver und unproduktiver Arbeit, die wir gleichfalls bei
beiden vorfinden3); nur gebraucht auch hier Turgot diese Ausdrücke
in ganz anderem Sinne als Smith. Gemäß der physiokratischen Lehre
bezeichnet er alle rohstofferzeugende Arbeit als produktiv, weil sie
dem Nationaleigentum neue Güter hinzufüge, alle sonstige Arbeit aber
als steril, weil sie nur schon vorhandenen Gütern eine andere Gestalt
gäbe. Daß man nicht alle Arbeit als gleichwertig betrachten dürfe,
daß also an der Unterscheidung als solcher etwas richtig sein müßte,
hat Adam Smith erkannt, nur durfte sie für ihn, den Begründer der
Lehre von der Produktivität des Kapitals, nicht in diesem Sinne

*) Smith, a. a. 0., I, 201.

2)	Ders., a. a. 0., I, 76 ff. Turgot, §§ 34, 35 (S. 23, 24).

3)	Ders., a. a. 0., II, 77 ff. Turgot, § 5 (S. 3).
        <pb n="25" />
        ﻿21

stehen bleiben. Er behielt also die Worte Turgots bei und gab
ihnen einen neuen Inhalt: produktiv ist die Arbeit, die der Gesellschaft
neue bleibende Werte schafft, unproduktiv diejenige, die dies nicht tut.

An diesen beiden Beispielen glauben wir hinreichend gezeigt zu
haben, wie Smith verschiedentlich physiokratische Gedanken auf-
gegriffen, weitergebildet und verbessert hat.

Wir wollen also zum Schluß noch das näher ins Auge fassen,
was er auf unserem Gebiete Neues geschaffen hat: hier ist es als sein
größtes Verdienst hinzustellen, daß er den Beweis der Produktivität
des Kapitals erbracht hat. Schon das allein stellt ihn in einen solchen
Gegensatz zu den Physiokraten, daß man die Behauptung, er habe
zu viel von ihren Ideen zu seinen eigenen gemacht, als daß man ihn
als selbständigen Förderer der Produktionslehre bezeichnen könne,
zurückweisen muß. Im einzelnen haben wir oben ausgeführt, inwiefern
das Kapital an der Güterproduktion wertschaffend mitwirkt, so daß
wir es hier nicht zu wiederholen brauchen.

Selbstverständlich sieht denn auch seine Lehre von der Wert-
bildung ganz anders aus, als wir sie bei Turgot vorgefunden haben.
Dieser glaubte den letzten Grund für den Wert der Güter im Be-
dürfnis zu finden und überließ die Regelung des Marktpreises dem
Wechselspiel von Nachfrage und Angebot. Ganz anders Adam Smith:
er sieht als wertbildend die drei Produktionsfaktoren an, und nach
ihm zerfällt der natürliche Preis jeder Ware in die drei Anteile:
Lohn, Gewinn und Rente 1), wie wir es an der entsprechenden Stelle
genauer auseinander gesetzt haben. Leider schießt er über das Ziel
hinaus, indem er die Bedürfnisfrage als ganz nebensächlich ausscheidet.
Wie so häufig hegt das Richtige in der Mitte: weder der Aufwand
an Produktionsmitteln, noch das Bedürfnis allein ist das Entscheidende,
beides ist zur richtigen Wertbestimmung, zu der allerdings auch noch
andere Faktoren mitwirken, nötig.

Ganz kurz haben wir so das Verhältnis von Adam Smith zu
Turgot zu charakterisieren gesucht und gezeigt, daß er einiges aus
den pliysiokratischen Ideen unverändert übernommen hat, andere Ge-
danken bloß aufgegriffen, aber in anderer Richtung weiter entwickelt,
endlich aber doch sehr viel Neues, und zwar Neues von entscheidender
Wichtigkeit gebracht hat.

l)	Smith, a. a. 0., I, 68.
        <pb n="26" />
        ﻿22

IV. Kapitel.

J. St. MUL

Sehr viele haben auf dieser von Adam Smith gelegten Grundlage
weitergearbeitet, hier und dort einen kleinen Fehler berichtigend und
sein System nach den verschiedensten Richtungen hin ausbauend. Es
ist daher überflüssig, die Anschauungen aller dieser an sich sehr be-
deutenden Gelehrten wie Malthus, Bastiat, Carey, von Thünen, und
vor allem Ricardo wiederzugeben und wir wollen uns darauf be-
schränken, eine kurze Schilderung der endgültigen, von all den oben
erwähnten großen Nationalökonomen weiter gebildeten Smithschen
Lehre zu geben, wie wir sie am besten bei J. St. Mill finden.

Es ist zweifelhaft, ob wir ihn unter die Großmeister unserer
Wissenschaft rechnen sollen, aber er ist deshalb für uns von Wichtig-
keit, weil er in seinem umfassenden Wissen alles, was seit Adam
Smith geschrieben war, kannte, verwertete und kritisch sichtete. Er
gibt uns somit in seinen „Principles of Political Economy“ eine gute
Übersicht über die damals allgemein herrschenden Smithschen An-
schauungen. Bezeichnend ist, daß sein oben genanntes Hauptwerk
heute noch das verbreitetste und gelesenste englische Lehrbuch der
Nationalökonomie ist.

Als erste Erfordernisse der Produktion sehen wir bei ihm „die
menschliche Arbeit und geeignete Naturgegenstände“ 1), er deckt sich
hier also vollkommen mit Adam Smith, geht aber dann sogleich einen
bedeutsamen Schritt weiter als dieser, indem er den Begriff „Arbeit“
nicht so eng faßt, sondern jegliche Art Arbeit als produktiv gelten
läßt. Er kennt zwar auch unproduktive Arbeit1 2), schränkt aber ihren
Umfang bedeutend ein. Indessen müssen wir auch mit dem Aus-
druck „produktiv“ recht vorsichtig sein, denn, so führt Mill treffend
aus, selbst die größte Summe Arbeit ist nicht imstande, auch nur das
kleinste Stäubchen hervorzubringen, sie kann nur bewegen und um-
formen. Im eigentlichen Sinne des Wortes „produktiv“ ist nur die
Natur, einzig und allein die Natur. Der Mensch kann, wenn wir es
uns genau betrachten, mit seiner Arbeit bloß Material und Werkzeuge

1)	J. St. Mill, Grundsätze der politischen Ökonomie, Übers. Adolph Soetbeer,
Hamburg 1852, I, 29.

2)	Ders., a. a. 0., I, 55 ff.
        <pb n="27" />
        ﻿23

in die richtige, für seinen bestimmten Zweck erwünschte Lage bringen,
und dann müssen die Naturkräfte das übrige besorgen.

Aber viele von diesen Stoffen und Kräften sind in so großer
Menge vorhanden, daß sie für alle Menschen mehr als ausreichend
sind, sie haben daher, da jeder sich in jedem Augenblicke soviel von
ihnen zunutze machen kann, wie er will, keinen Marktwert1); denn
es wird keiner für etwas, das er umsonst haben kann, einem anderen
etwas bezahlen. So unendlich viel wir also auch der Natur bei der
Herstellung unserer Güter zu verdanken haben, so ist doch in dem
endgültigen Preise einer Ware ihr Anteil nicht zu finden. Dies wird
nur bei denjenigen Gaben der Natur der Pall sein, die uns in be-
schränkter Menge zur Verfügung stehen. Es ist dies im großen Ganzen
der Erdboden mit seinen sichtbaren und unsichtbaren Schätzen. Von
ihm ist nur eine ganz bestimmte, sogar in Zahlen ausdrückbare Menge
vorhanden; wer es also verstanden hat, sich beizeiten ein Stückchen
von diesen beschränkten Naturgaben zu Eigentum zu verschaffen, der
kann nun von anderen für die Erlaubnis, ein ihm gehöriges Gut zu
benutzen, ein Entgelt verlangen, die sogenannte Bodenrente2). Hier-
mit sind wir wieder bei Adam Smith angelangt; aber wir sehen auch
zugleich den gewaltigen Unterschied zwischen ihm und Mill, während
ersterer die Bodenrente als den im Warenpreis vorhandenen Anteil
der Natur schlechthin ansah, läßt Mill dies durchaus frei, indem er
sagt, erst sobald eine Gabe der Natur nur in beschränktem Maße vor-
handen ist, bekommt sie einen Marktpreis. Es kann ein Naturprodukt,
das aus einem in beschränkter Menge vorhandenen zu einem unbe-
schränkten wird, seinen anfänglichen Wert verlieren. Auch hier kann
ein Beispiel angeführt werden: als man in Australien, um die dortige
Tierwelt zu beleben, Kaninchen, die man sicherlich als reines Natur-
produkt bezeichnen kann, importierte, besaßen diese im Anfang, als
ihrer noch wenige vorhanden waren, einen erheblichen Wert; je mehr
es wurden, desto mehr sank dieser, bis heutzutage die Kaninchen dort
nicht nur gar keinen Wert mehr besitzen, sondern die Regierung
sogar für so und soviel getötete einen Lohn auszahlt, nur um sie
wieder loszuwerden8).

Um das oben Gesägte zusammenzufassen: Mill der erste, der

*) J. St. Mill, a. a. 0., I, 36: man beachte übrigens den Ausdruck Marktwert“,
der hier ohne weiteres für Marktpreis“ gesetzt ist.

2)	Ders., a. a. 0., I, 34.

3)	Vom Verfasser gewähltes Beispiel.
        <pb n="28" />
        ﻿24

das Seltenheitsmoment in seiner ganzen Bedeutung erkannt und dar-
gelegt hat.

Im allgemeinen bedürfen die Gaben der Natur einer mehr oder
minder umfangreichen Umarbeitung durch den Menschen, um gebrauchs-
fertig zu werden. „Die menschliche Arbeitskraft ist aber etwas, was
ebenfalls nur in durchaus beschränkter Menge vorhanden ist und des-
halb im Preis der fertigen Ware zum Ausdruck kommt“; so müßte
es folgerichtig nach dem bisher entwickelten Gedankengange heißen;
aber wir sehen diesen Satz, so logisch und naheüegend er zur Er-
klärung der Bedeutung der Arbeit als Produktionsfaktor ist, bei Mill
vergebens. In zwei langen Abschnitten setzt er uns auseinander, wie
weit der Begriff „Arbeit“ gefaßt werden müsse und wie eng, aber den
Grund, weswegen die menschliche Arbeit wertbildend ist, übersieht er.
Es ist erst Bodbertus gewesen1), der den Gedanken der Beschränkt-
heit einiger Naturkräfte, dem Mill zuerst Ausdruck gab, auf die
Arbeit übertragen hat. Wir können uns daher eine Kritik an dieser
Stelle sparen.	«

Im Gegensatz zu Adam Smith, der unter produktiver Arbeit nur
diejenige verstand, die sich in einem bestimmten Gegenstand ver-
körperte 2), faßt Mill diesen Begriff sehr weit. Nicht nur alle die
Arbeiten, die unmittelbar und mittelbar zur Produktion beitragen,
gelten als produktiv, sondern auch alles, was nur irgendwie zur Förde-
rung der materiellen Kultur beiträgt8). Der Staat, so wenig sich Mill
auch aus ihm macht4), ist als ein zur Aufrechterhaltung der Sicher-
heit und Ordnung notwendiges Übel anzusehen, und mit ihm das ganze
Heer der Beamten, Offiziere, Soldaten usw. Wir haben schon bei der
Kritik des Adam Smith darauf hingewiesen, und können uns hier
daher kurz dahin fassen, daß auch die gesamte geistige und künstle-
rische Arbeit von Mill als durchaus wertbildend angesehen wird. Nur
wenige wirklich unproduktive Arbeiten gibt es, alle diejenigen, die mit

*) Rodbertus, Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zustände I, Neu-
brandenburg 1842, S. 6.

Kozak, Rodbertus-Jagetzows sozialökonomische Ansichten, Jena 1882, S. 32.

2) Smith, a. a. 0., II, 78.

s) Wörtlich lautet die Stelle (I, 57): „Produktive Arbeit bedeutet Arbeit-
weiche Vermögen hervorbringt“. Der Verfasser glaubte sie mit den im Text an,
gegebenen Worten interpretieren zu können.

4) I, 58 „.......was allerdings ein Dienst ist, aber weiter tun sie (Armee

und Flotte) auch nichts im Interesse des Landes. Gleicher Art ist auch die Arbeit
des Gesetzgebers.........und aller anderen Angestellten der Regierung.“
        <pb n="29" />
        ﻿25

einem unmittelbaren Genuß endigen1). Da die Arbeit keinA .Stoffe,
sondern bloß Nützlichkeiten schaffen und ebenso auch bloß solche
verbrauchen kann, so ist sie demnach unproduktiv, wenn sie eine Nütz-
lichkeit irgendeines Dinges verbraucht, ohne eine andere an deren
Stelle zu setzen.

Das Gegenstück zur produktiven und unproduktiven Arbeit, oder
vielmehr ihre Vorbedingung ist die produktive oder unproduktive
Konsumtion2). Es ist dies ganz selbstverständlich: wenn es viele
Menschen gibt, die Verlangen nach unproduktiven Genüssen haben,
so wird viele Arbeit darauf verwendet werden müssen, um sie zu be-
friedigen und wird so nutzbringenderen Aufgaben entzogen. Wann
ist aber eine Konsumtion nutzbringend und damit produktiv? Dann
wenn sie geeignet ist, neue Nützlichkeiten hervorzubringen, sei es, indem
direkt aus der Verarbeitung eines Stoffes ein neuer Gegenstand mit
neuen nützlichen Eigenschaften entsteht, oder indem sie dazu dient,
produktive Arbeiter zu unterhalten, und so indirekt zur Produktion
beiträgt. Diese Umformung geschieht mit Hilfe von Werkzeugen,
Maschinen usw., eben dem, was man unter dem Namen Kapital zu-
sammenfaßt.

Wir können uns die nähere Ausführung der Millschen Kapitals-
theorie sparen, da sie von Adam Smith fast unverändert übernommen
ist. Auch er unterscheidet stehendes und umlaufendes Kapital8) im
Smithschen Sinne und will daher die verschieden schnelle Abnutzung,
die Kicardo als das wichtigste Unterscheidungsmerkmal hingestellt hat4),
nur als eine weniger bedeutsame Nebenerscheinung gelten lassen.
Fernerhin kennt auch er eine produktive Verwendung des Kapitals5),
wobei er entsprechend seiner weiteren Umgrenzung der produk-
tiven Arbeit natürlich auch hier weitherziger ist als sein großer
Vorgänger Smith. Doch bringen seine das Kapital betreffenden Aus-
führungen kaum etwas Neues.

Von größter Wichtigkeit ist dagegen ein anderer, von Mill ganz
neu eingeführter Begriff: »Die sekundären Ursachen, welche die
Produktivität der produktiven Faktoren bestimmen“ 6), oder wie wir

*) Mill, a. a. 0., I, 61.

2)	Ders., a. a. 0., I, 64.

3)	Ders., a. a. 0., I, 109.

4)	Ricardo, Grundsätze der Volkswirtschaft und Besteuerung. Übers. Thiele,
Jena 1905, S. 31.

5)	Mill, a. a. 0., I, 87.

®) Ders., a. a. 0., I, 134.
        <pb n="30" />
        ﻿26

ihn kurz bezeichnen wollen: die sekundären Produktionsverfahren. Auf
Natur, Arbeit und Kapital läßt sich alles zurückführen*), aber es
wäre falsch, wollte man annehmen, daß unter allen Umständen eine
gleiche Menge von ihnen auch eine gleiche Menge Produkte hervor-
bringen müßte, daß also das Verhältnis zwischen auf gewandten Pro-
duktionsfaktoren und erhaltenem Produkt ein konstantes sei. Daß
dies nicht der Fall ist, ist augenscheinlich und auf natürliche
Ursachen zurückzuführen, so sehr sich auch Rodbertus und Marx
bemüht haben, das Gegenteil zu beweisen. Mill glaubt die Erklärung
in den von uns so genannten sekundären Produktionsfaktoren entdeckt
zu haben. Sie sind keine ursprünglichen Kräfte, sondern auf die
drei Grundfaktoren, zum Teil auch auf Verbindungen mit ihnen zurück-
zuführen. Ihr Charakteristikum ist, daß sie allein nicht imstande sind,
auch nur die geringste „Nützlichkeit zu schaffen“, wie Mill sich aus-
drückt ; worin sich ihr Einfluß auf die Produktion zeigt, ist dies, daß
sie je nachdem eine größere oder geringere Produktivität von Natur-
kraft, Arbeit und Kapital verursachen können. Wir wollen die
hauptsächlichsten dieser sekundären Produktionsfaktoren folgen lassen:
das Klima z. B. ist sicherlich nicht geeignet, selbsttätig irgendwie
einen Wert hervorzubringen, wohl aber kann es die Fruchtbarkeit
eines Landes im günstigen Sinne beeinflussen oder sie andererseits
abschwächen, schließlich sogar in den hohen Breiten eine an sich
vorhandene Fruchtbarkeit vollständig illusorisch machen. Die geogra-
phische Lage wird ferner auch unter diese „natürlichen Vorteile“, wie
Mill sie nennt, zu zählen sein; der Unterschied der Lage am Meer
z. B. gegenüber der Binnenlage eines Industrieortes ist zu einleuchtend,
als daß er näherer Ausführung bedarf. Neben den der Natur nahe-
stehenden sekundären Produktionsfaktoren wären als Verwandte der
Arbeit zu erwähnen: Geschicklichkeit, Mäßigkeit, Zuverlässigkeit,
Ehrlichkeit im Handelsverkehr und ähnliches mehr. Und um das
Bild vollständig zu machen sei auch noch der Staat angeführt, dem
eine große Reihe solcher sekundären Produktionsfaktoren zu ver-
danken ist, wie Sicherheit, Schutz, Bestrafung der Verbrecher und
anderes mehr.

Sie alle sind von der höchsten Wichtigkeit und lassen sich
andererseits weder selbst in ihrer Entstehung restlos auf die ursprüng-
lichen Produktionsfaktoren zurückführen, noch kann man ihren Einfluß
auf den Produktionsprozeß als einen selbständigen gelten lassen.

‘) Mill, a. a. 0., I, 120.
        <pb n="31" />
        ﻿27

Kritik.

Es sind also der produktiven Ursachen viele, die die Erscheinungen
unseres Wirtschaftslebens bedingen, unendlich viele, so daß die Auf-
stellung der Lehre von den drei Produktionsfaktoren nur ein Schema
ist, um Ordnung in die sonst unentwirrbaren Verkettungen von
Ursache und Wirkung zu bringen. Es ist ein Irrtum von Rodbertus
und Marx, daß sie dies völlig außer acht lassen, und Natur, Arbeit
und Kapital wie genau umgrenzte, restlos definierte Größen behandeln
und mit ihnen geradezu mathematische Experimente ausführen.

An fühlbaren Mängeln können wir bei Mill nur zwei kurz erwähnen:
erstens hätte er der Beschränktheit der meisten Naturgaben die Be-
schränktheit der menschlichen Arbeit gegenüberstellen müssen, da er
gerade in dieser Beschränktheit bei der Natur das Wertbildende hatte
sehen wollen. Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob es
nötig ist, zur Erklärung des Wertes der menschlichen Arbeitskraft
die Tatsache anzuführen, daß sie nur in begrenzter Menge zur Ver-
fügung steht, doch war eine solche Gegenüberstellung innerhalb der
Mill’schen Ausführungen, in denen ein so unbedingt lautender Satz
wie: „Solange die Menge einer Naturkraft unbeschränkt ist, kann sie
keinen Marktwert bedingen“ 1) zu finden ist, unbedingt nötig. Wie
wir schon erwähnten, hat Bodbertus diese schwache Stelle erkannt
und seinerseits die Behauptung von der Beschränktheit der mensch-
lichen Arbeit zum Eundamentalsatz seines Systems erhoben2).

Zweitens hat sich Mill, gleich wie Adam Smith, damit abgequält,
eine genaue Scheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit
zu treffen. Es ist dies unserer Meinung nach ein zweckloses Bemühen.
Im letzten Grunde ist eine jede Arbeit, die mehr Werte neu hervor-
bringt als sie zerstört, produktiv; denn auch die Arbeit, die in einem
unmittelbaren Genüsse endet, verschafft vielen Arbeitern einen Ver-
dienst, den diese ihrerseits nutzbringend verwenden können.

Neben den erwähnten kleinen Mängeln sind die Fortschritte
der „Epigonen“ des Adam Smith, deren Gedanken wir bei Mill
gesammelt finden, ihrem großen Vorgänger gegenüber unverkenn-
bar: sie haben die große Bedeutung der Natur nachgewiesen, der
geistigen Arbeit und der Arbeit zur Aufrechterhaltung der öffent-
lichen Ordnung zu ihrem Hechte verholfen, haben die Wichtigkeit

1)	Mill, a. a. 0., I, 36.

2)	Rodbertus, Zur Erkenntnis uns. staatswirtschaftl. Zust., S. 6.
        <pb n="32" />
        ﻿28

des Seltenheitsmomentes für die Wertbildung richtig erkannt und
haben endlich den Begriff der sekundären Produktionsfaktoren auf-
gestellt.

Y. Kapitel.

Sismondi.

Mit J. St. Mill hat die Smithsche Produktionslehre ihre letzte
große Weiterbildung erfahren, all die folgenden Kapitel unserer
Arbeit werden sich mit Angriffen auf sie zu beschäftigen haben, die
nicht ihren weiteren Ausbau zum Ziele haben, sondern ihre völlige
Ablehnung und eine Aufstellung von Systemen auf gänzlich neuer
Grundlage; es ist die naturnotwendige Reaktion gegen den in der
ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts fast allgemein herrschenden
Smithianismus. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, diese Angriffe
mit größerer oder geringerer Vollständigkeit aufzuzählen und einen
nach dem anderen zu widerlegen: es würde dies den Leser ermüden
und überhaupt zwecklos sein, da eine jede Widerlegung doch schließ-
lich auf die uns nun hinreichend bekannte Drei-Produktionsfaktoren-
Lehre hinauslaufen würde. Wir wollen uns also damit begnügen,
nur der wirklich originellen Angriffe Erwähnung zu tun, die in der
Geschichte der Nationalökonomie einen dauernden Platz sich errungen
haben, und, wenn sie auch die Adam Smithsche Produktionslehre
nicht verdrängen konnten, doch durch ihren Ideengehalt auf unsere
Wissenschaft befruchtend gewirkt haben.

Als ersten dieser Gegner wollen wir Sismondi einer näheren
Betrachtung unterziehen, der, ursprünglich ein begeisterter Anhänger
des Adam Smith, sich allmählich von ihm abgewandt und ihn
schließlich heftig, nicht zum wenigsten auf unserem Gebiete, be-
kämpft hat.

Im Mittelpunkt steht bei ihm der „Reichtum“ (richesse)1). Zwar
entspricht dies deutsche Wort dem französischen nicht ganz genau,
da Sismondi mit ihm etwas Konkretes ausdrücken will, während wir
„Reichtum“ als ahstractum auffassen; doch findet sich kein genaueres,

‘) Sismondi, Nouveaux principes d’Economie politique ou de la richesse. Paris
1819, I, 60.
        <pb n="33" />
        ﻿29

und wir denken, es wird genügen, wenn wir hier am Anfang darauf
hinweisen, daß im folgenden unter „Reichtum“ stets eine konkrete
Gütermenge zu verstehen ist. Als nähere Definition finden wir an-
gegeben: Reichtum ist die Summe aller Güter, die von menschlicher
Arbeit erzeugt sind und aufbewahrt werden, um zur Befriedigung von
Bedürfnissen zu dienen.

Dreierlei muß also Zusammenkommen, wenn ein Gut im wirt-
schaftlichen Sinne entstehen soll: erstens menschliche Aabeit muß es
geschaffen haben, also nicht bloß Naturkräfte, zweitens es muß zur
Befriedigung menschlicher Bedürfnisse geeignet sein, und drittens: es
muß sich auf bewahren lassen können1). Wenn diese drei die Vor-
bedingungen für das Vorhandensein von „Gütern“, um uns kurz aus-
zudrücken, sein sollen, so müßten sie auch neben anderen Wertfaktoren
mitbestimmend für die Höhe des Wertes sein: d. h. ein Ding, das
viele Arbeit gekostet hat, zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse
hervorragend geeignet ist, und sich zugleich sehr leicht aufbewahren
läßt, und muß wert sein, als ein Gut, daß diese drei Eigenschaften
uur in geringerem Grade besitzt. Dies würde sich aus den von
Sismondi aufgestellten Vorbedingungen ergeben müssen. Aber was
lesen wir im nächsten Kapitel?: wo die Anfänge des Tauschverkehrs
geschildert werden sollen ?: es gibt drei Grundlagen für die Bestimmung
des Preises, also des äußeren Ausdruckes für den Wert der Tausch-
gegenstände: erstens die Dringlichkeit des Bedürfnisses, zweitens die
Menge Arbeit, die die Herstellung des Gutes erfordert hat, und
drittens die Zeit, die dazu nötig gewesen ist* 2 3 4 5 * *); wobei zu beachten ist,
daß es ausdrücklich heißt: der Austausch habe die Natur der
»richesse“ nicht im geringsten verändert8). Man kann also nicht mit
dem Einwande kommen, für die Tauschverkehr seien die Bedingungen
andere als für den isolierten Menschen. Reihen wir zu diesen beiden
sich widersprechenden Stellen noch eine dritte *)B), die besagt, daß
aller Preis, den ein Ding erhalten kann, einzig und allein in der

*) Sismondi, a. a. 0., I, 64.

*) Ders., a. a. 0., I, 69: „Ce sont les bases du prix.......“

3)	Ders., a. a. 0., I, 69: L’echange.......n’avait point altere la nature de

la richesse.......“

4)	Ders., a. a. 0., 1, 60: „Tont ce ä quoi l’homme met du prix est cree par

son industrie.......“

5)	v. Schullern-Schrattenhofen (a. a. 0„ S. 308) nimmt diese letztere Wert-

theorie als die einzige Sismondische an, aus welchem Grunde ist nicht recht er-

sichtlich; er scheint die oben angeführten Widersprüche übersehen zu haben.
        <pb n="34" />
        ﻿30

menschlichen Arbeit seine Quelle habe, so ist die Verwirrung allge-
mein. Es müßte also danach entweder Dinge geben, die einen Preis
haben, ohne daß sie geeignet sind, menschlichen Bedürfnissen zu
dienen, nur weil Arbeit auf sie verwandt ist, was widersinnig wäre;
oder aber wenn wir es nur mit einer ungeschickten Anordnung von
Vordersatz und Nachsatz zu tun haben, dann stehen sich die beiden
Sätze: „Arbeit ist die einzige Quelle des Preises“ und „drei Grund-
lagen sind es, die den Preis der auszutauschenden Ware bilden“
diametral gegenüber, da ja die Natur der wirtschaftlichen Güter sich
mit Einführung des Austausches nicht geändert hat. Etwas stimmt
also jedenfalls nicht, und wir sind nicht in der Lage, zu bestimmen,
welches nun die eigentliche Ansicht Sismondis ist. Es bleibt uns
daher nichts anderes übrig, als alle drei zu behandeln und zu wider-
legen. Am kürzesten können wir die dritte Behauptung: Arbeit sei
die einzige Quelle des Preises, abtun, da wir sie in einem wohl
durchdachten und geordneten Systeme bei Rodbertus wiederfinden
werden5). Eine Widerlegung wird also dort eher am Platze sein,
wo wir es mit einer besseren Ausführung zu tun haben werden.

Gehen wir also gleich zur Kritik der zuerst erwähnten, für das
Vorhandensein von Werten notwendigen drei Grundlagen über:
menschliche Arbeit, Brauchbarkeit für menschliche Bedürfnisse und
Aufbewahrungsmöglichkeit. Hier hat Sismondi Unnötiges als wichtig
hingestellt und Wichtiges als unnötig oder falsch fortgelassen. So
sehr wir uns damit einverstanden erklären können, daß die Summe
der Arbeit und der Grad der Brauchbarkeit angeführt werden, so
überflüssig, um nicht zu sagen bedenklich ist es, daß auch die Auf-
bewahrungsmöglichkeit für nötig erklärt wird; bedenklich vor allem
deshalb, weil wir daraus sehen, daß Sismondi nur die materiellen
Güter als solche gelten lassen will und die geistigen vollkommen
ignoriert. Es ist dies derselbe Fehler, den wir schon bei Adam Smith
feststellen konnten, den erst J. St. Mill als Anhänger und Fr. List
als Gegner des Adam Smith endgültig beseitigt haben.

Wichtiges ist dafür teils stillschweigend, teils ausdrücklich als
unwesentlich außer Betracht geblieben: die wertschaffende Tätigkeit
des Kapitals wird als mittelbare Arbeit2) für unproduktiv erklärt;
daß die Natur der Ursprung aller Dinge ist, kann natürlich nicht
geleugnet werden, aber Sismondi möchte ihr, gleich wie später

*) Rodbertus, Zur Erkenntnis uns. staatswirtschaftl. Zust., S. 6, 7.
2) Sismondi, a. a. 0., I, 65: „travaü mediat.“
        <pb n="35" />
        ﻿31

Rodbertus im Gegensatz zn Smith und Mill keinen wertschaffenden
Einfluß zugestehen. Aber während Rodbertus beachtenswerte Gründe
für seine Behauptung anführt, begnügt sich Sismondi mit vier kurzen
nichtssagenden Zeilen1), in denen er die Bedeutung der Natur not-
gedrungen anerkannt; aber unsere Erwartung, er werde nun auch be-
weisen, daß all das, was die Natur uns gibt, keine Werte im wirt-
schaftlichen Sinne seien, wird sehr getäuscht. Da er stichhaltige
Beweise nicht anführen kann, sucht er die Bedenken, die einem jeden
Leser aufsteigen müssen, dadurch zu beseitigen, daß er schnell seine
Behauptungen zum zweiten Male in noch ausführlicherer Weise aus-
einandersetzt, ein Verfahren, das uns sehr an jenen Oberlehrer er-
innert, der sich vergeblich bemüht, seinen Schülern einen mathe-
matischen Lehrsatz zu beweisen und seine erfolglosen Versuche
schließlich mit den Worten abbricht: wer das nicht versteht, dem ist
eben nicht zu helfen. Wir wollen es uns daher schenken, hier näher
auf Sismondi einzugehen, da uns späterhin Rodbertus, der auch die
Produktivität von Natur und Kapital leugnet, bessere Gelegenheit
geben wird, unsere Einwendungen darzulegen.

Ebenfalls nicht haltbar ist dann natürlich die dritte Version* 2),
daß beim Tauschverkehr ein jeder den Preis der austauschenden
Güter nach ihrer Nützlichkeit, nach der Summe der aufgewandten
Arbeit und der Menge der dazu erforderlich gewesenen Zeit einschätze.
Denn sie leidet an denselben Mängeln wie die eben widerlegte, wenn
auch zu ihrem Vorteil angeführt werden kann, daß auf die Auf-
bewahrungsmöglichkeit kein Wert gelegt ist.

Kritik.

Wohl haben unsere Ausführungen gezeigt, daß Sismondis Theorien,
als System genommen, nicht bestehen können, doch dürfen wir darum
nicht verkennen, daß er auf manches Wichtige, das seinen Vorgängern
entgangen war, hingewiesen hat, ganz abgesehen natürlich davon, daß
seine Produktionslehre ja nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus seinen
gesamten Schriften ist, die auf die Nationalökonomie im höchsten
Grade anregend eingewirkt haben. Für uns ist neben allem Negativen
am wichtigsten der positive Fortschritt, daß, so wie Mill als erster die
Seltenheit, er als erster die Dringlichkeit des Bedürfnisses als hervor-

*) Sismondi, a. a. 0., I, 64.

2)	Ders., a. a. 0., I., 69.
        <pb n="36" />
        ﻿32

ragend beteiligten Wertfaktor hinstellt, den Adam Smith noch voll-
ständig ignoriert, und den auch nach ihm die Sozialisten wieder viel zu
wenig betonen. Dies ist auch vor allem der Grund, aus dem wir
ihn ausführlicher behandelt haben, als es seine Stellung in der all-
gemeinen Geschichte der Nationalökonomie vermuten ließ.

VI. Kapitel.

Fr. List.

Es mag vielleicht verwunderlich erscheinen, daß wir in dieser
rein theoretischen Arbeit einige Worte auch dem Praktiker Er. List
widmen wollen, aber es findet sich in seinem „Nationalen System der
politischen Ökonomie“ doch eine kleine Stelle, die wir nicht über-
gehen möchten, weil sie auch für unsere Ausführungen trotz ihrer
Kürze — es handelt sich nur um wenige Sätze — von Bedeutung ist
Wir finden sie am Anfang des 19. Kapitels1), in dem List uns den
Einfluß der Manufakturkraft auf das materielle Kapital der Nation
darlegt. Bekanntlich legt List nicht so sehr auf die Schaffung von
Gütern Wert, als auf das Hervorrufen und Verstärken von produk-
tiver Kraft. Die Produktionsfaktoren sind also für ihn nicht wert-
schaffend, sondern kräftebildend. So schwerwiegend diese Unter-
scheidung zu sein scheint, bei näherer Betrachtung sehen wir doch,
daß List etwas Neues mit ihr keineswegs bringt; wir sehen die so-
genannten Produktionsfaktoren eben als wertbildende Kräfte an, er
schiebt zwischen sie und die Werte noch einen dritten Begriff ein,
die produktive Kraft des einzelnen und der Gesamtheit, und erreicht
dadurch eine Komplizierung, für die ein notwendiger Grund nicht
einzusehen ist, ohne der Adam Smithschen Produktionslehre damit
den vermeintlichen Todesstoß zu versetzen. Oder ist es wirklich ein
so großer Unterschied, ob wir sagen: „Die Nation schöpft ihre pro-
duktive Kraft aus den und den Faktoren und diese produktive Kraft
schafft dann die Werte“ oder ob es heißt: „Die Produktionsfaktoren,
in deren Besitz eine Nation ist, schaffen ihr Werte?“ Wir vermögen
hier wenigstens eine prinzipielle Verschiedenheit nicht zu finden.

*) List, Das nationale System der politischen Ökonomie. Neudruck von
Waentig, Jena 1904, S. 322.
        <pb n="37" />
        ﻿33

Wichtig ist für uns vielmehr eine andere Frage, welchen Faktoren
er die Fähigkeit, produktive Kraft zu bilden, beilegt, und da finden
wir zu unserem Erstaunen die drei bekannten Wertbildner des viel-
geschmähten Adam Smith wieder, Arbeit, Natur und Kapital, nur in
etwas anderen Worten: nämlich anstatt „Arbeit“ lesen wir „geistige
und physische Kräfte der Individuen“, anstatt „Natur“: „Der ihnen
zu Gebote stehende Naturfonds“ und das Kapital hat List mit „die
in ihrem Besitz befindlichen Instrumente“ umschrieben. Neu ist nur
der vierte uns hier entgegen tretende Faktor, den er: „die sozialen,
bürgerlichen und politischen Zustände und Institutionen“ der In-
dividuen nennt.

Was sind nun diese sozialen, bürgerlichen und politischen Zu-
stände und Institutionen? So leicht ist dies nicht zu sagen. Schon
die Abgrenzung der drei Begriffe: sozial, bürgerlich und politisch
dürfte Schwierigkeiten verursachen, ebenso wissen wir nicht recht,
was wir uns etwa unter einer „bürgerlichen Institution“ vorstellen sollen.
Indessen glauben wir ungefähr das Richtige zu treffen, wenn wir
„politisch“ als den übergeordneten, „sozial“ und „bürgerlich“ als die
beiden untergeordneten Begriffe auffassen und demnach „soziale,
bürgerliche und politische Zustände und Institutionen“ mit „soziale
und bürgerliche Verhältnisse“ indentifizieren, die ersteren sind der
Inbegriff der Beziehungen des einzelnen zur Gesamtheit, die letzteren
der Beziehungen der einzelnen untereinander; ein drittes kann es also
naturgemäß in einer politischen Ökonomie nicht geben. Diese Be-
ziehungen sind aber nichts anderes als der Niederschlag der Kultur-
geschichte einer Gesamtheit, sie bezeichnen den Grad der Kultur,
den sie eingenommen hat. Sie sind somit, wie wir es in der Einleitung
(S. 1, 2.) und bei der Besprechung Mills auseinandergesetzt haben, das
Resultat des Zusammenwirkens der drei anderen Produktionsfaktoren
innerhalb einer Gemeinschaft, oder ein sekundärer Produktionsfaktor
im Sinne Mills.

Auf andere, hiermit verwandte Ideen Lists näher einzugehen,
müssen wir uns versagen, da dies den Rahmen der vorliegenden Arbeit
zu sehr überschreiten würde.

3
        <pb n="38" />
        ﻿34

VII. Kapitel.

Rodbertus.

Haben wir diese beiden einzelnen Gegner des Adam Smith ver-
hältnismäßig schnell abtun können, so müssen wir uns mit dem letzten
wichtigsten Angriff, der von den Sozialisten ausgeht, um so aus-
führlicher beschäftigen. Nicht darum, weil wir es hier mit einer
großen Zahl von Gegnern zu tun haben: sie huldigen von Einzelheiten
abgesehen, im großen ganzen gleichen Anschauungen, die schon längst
von wissenschaftlichen Autoritäten vollkommen widerlegt sind, so daß
wir uns bloß an die beiden bedeutendsten geistigen Urheber, Bodbertus
und Marx, und auch an diese nur ganz kurz, halten wollen. Sondern
deshalb, weil die sozialistische Wirtschaftsauffassung in unaufhaltsamem
Siegeszug sich die breiten Massen der Arbeiterbevölkerung in ihrer
überwiegenden Majorität erobert hat und es selbst den glänzendsten
Argumenten der Gegner nicht gelungen ist, sie in ihrem Eortschritt
aufzuhalten. Sie ist in einem Maße populär geworden, wie es selbst
von den Smithschen Lehren nicht gesagt werden kann; und dies
trotzdem sie wissenschaftlich längst restlos widerlegt ist. Ein jeder,
der diese Arbeit zur Hand nimmt, wird daher mit Becht von uns
Aufschluß verlangen, wie diese Verkündigungen aussehen, denen es
gelungen ist, sich das Herz der arbeitenden Bevölkerung zu erobern.

Es sei uns gestattet einleitend eine ganz kurze Bemerkung über
die Weltanschauung des Bodbertus zu geben, da diese das Verständnis
seiner Wirtschaftslehre und namentlich seiner Lehre von den Produk-
tionsfaktoren wesentlich erleichtertr). Bodbertus faßt den Menschen
nicht als dualistisches Wesen auf, aus Geist und Körper bestehend,
sondern als ein dreieiniges Wesen, „eine Vereinigung von Geist, Willen
und materieller Kraft oder Erkenntnisvermögen, Bestimmungsvermögen
und Bewegungsvermögen“ auf. Diese Dreiteilung durchzieht alle
seine Lehren und wir werden oft Gelegenheit haben, ihr wieder zu
begegnen.

Um nun die Erscheinungen der heutigen komplizierten mensch-
lichen Gesellschaft richtig erkennen zu können, geht Bodbertus wie

*) Wir folgen in dieser kurzen Einleitung: Kosak: Bodbertus-J., Sozial-
ökonomische Ansichten, Jena 1882, S. 12 ff.
        <pb n="39" />
        ﻿35

auch Smith und Mill von dem aller ursprünglichsten Zustand des
Menschen aus, in dem er gänzlich isoliert den Kampf ums Dasein
führen mußte. Hier, wo er auf sich allein angewiesen ist, treten die
drei Bestimmungsvermögen des Menschen klar zutage*). Der Mensch
fühlt ein Befiirfnis: der Geist als erstes Vermögen erkennt alsbald
ein Ding als geeignet zur Befriedigung, der Willen faßt den Entschluß
sich dieses Ding anzueignen, die materielle Kraft endlich führt den
Entschluß aus. Es treten sich also von Uranfang an zwei Faktoren
gegenüber: die Natur, die den Menschen die Stoffe zur Befriedigung
ihrer Bedürfnisse liefert, und der Mensch, der mit seiner Arbeit diese
Stoffe seinen Zwecken dienstbar macht. Sobald diese Besitzergreifung
stattgefunden hat, nennt Rodbertus das so okkupierte Ding ein Gut.
Indem nun Rodbertus diesen einfachen Vorgang von zwei verschiedenen
Standpunkten aus, dem naturhistorischen und dem wirtschaftlichen,
betrachtet, kommt er zu zwei gänzlich verschiedenen Resultaten* 2).
Vom naturhistorischen Standpunkt aus sieht er das materielle Gut
als Produkt aller beteiligten Elemente an, gibt also hier zwei Pro-
duktionsfaktoren, Natur und menschliche Arbeit zu. Der wirtschaft-
lichen Auffassung gemäß ist das Gut jedoch unmittelbares Produkt
der materiellen Kraft des Menschen; er führt dafür folgenden
Beweis:

Die Natur sowohl mit ihren Kräften und Stoffen, wie die in drei-
einiger Verbindung stehenden Kräfte des Menschen haben Anteil an
der Hervorbringung des Gutes. Vom wirtschaftlichen Standpunkte
aus sieht man aber einen sehr wesentlichen Unterschied zwischen den
verschiedenen Anteilen3). Der Aufwand der beschränkten bewegenden
Kraft des Menschen bei der Besitzergreifung, d. h. Erarbeitung eines
Gutes, ist für ein anderes Gut nicht mehr zu machen. Durch diese
Unwiderbringlichkeit des Aufwandes wird das ihn machende Subjekt
getroffen. Die begreifende, die Idee zum Gute leitende Kraft des
Menschen dagegen ist ebensowenig beschränkt und abnutzbar wie die
bestimmende, die Arbeit leitende. Der Anteil der einen wie der
anderen Kraft an der Erzeugung des Gutes ist also kein Aufwand4).
Wie steht es nun mit dem Anteil der Natur an der Hervorbringung
eines Gutes? Allerdings muß er als ein Aufwand angesehen werden,

*) Kozak, a. a. 0., S. 31.

2)	Rodbertus, Zur Erkenntnis uns. staatswirtschaftl. Zust., S. 7, 8.

3)	Ders., Zur Beleuchtung der sozialen Frage, herausg. von Wirth, Berlin
1890, S. 69.

4)	Ders., Zur Erkenntnis uns. staatswirtschaftl. Zust., S. 7 ff.

3*
        <pb n="40" />
        ﻿36

der für ein zweites Gut nicht mehr zu machen ist; daß jedoch der
Mensch durch die Unwiederbringlichkeit des Aufwandes getroffen wird,
könne man nicht sagen, denn das Material, das sie liefert, ist kein
Aufwand, den er für das Gut macht, Kosten des Gutes sind für uns
aber nur diejenigen, die er hat. In dem Begriffe „Kosten“ sieht
Rodbertus aber das als das wesentliche an, daß ein unwiederbring-
licher Aufwand gemacht ist. Diese beiden Auffassungen, die natur-
historische und die wirtschaftliche, hält er aber nicht für gleichwertig,
sondern will, da es sich hier um eine Darlegung der wirtschaftlichen
Verhältnisse des Menschen handle, dementsprechend auch nur die wirt-
schaftliche Auffassung als maßgebend anerkennen und weist die natur-
historische als nicht hierher gehörig zurück1). Inwieweit hiergegen
Bedenken zu erheben sind, werde ich in der Kritik näher ausführen.
Kur auf eine Unstimmigkeit möchte ich schon hier hinweisen. In
seinem Buche: Zur Erkenntnis der staatswirtschaftlichen Zustände S. 4
sagt er: „Wirtschaft ist die Verwaltung vorhandener Güter“, in
seiner „Beleuchtung der sozialen Frage“ S. 69 dagegen wendet er diese
wirtschaftliche Auffassung, die sich doch nur auf die schon vorhan-
denen Güter beziehen darf, in gleicher Weise auch auf die Produktion
der Güter an.

Nachdem Rodbertus so die ursprünglichsten Vorgänge geschildert
hat, wo der isolierte Mensch noch ohne Gütervorrat ist, geht er dazu
über, den isolierten Menschen mit Gütervorrat zu untersuchen, um
auch dem Kapital in seinem Systeme die entsprechende Stellung zu
geben. Vorzubemerken ist hier nur, daß er als ein wirtschaftliches
Gut ein Ding bezeichnet, das der Mensch sich zur Erreichung irgend-
eines beliebigen Zweckes angeeignet hat. Er teilt den gesamten
Gütervorrat des Menschen in zwei große Abteilungen ein2): unvoll-
endete Güter, die er Material nennt, und vollendete Güter, die er
wieder in zwei Unterabteilungen zerlegt: Werkzeuge, die dazu dienen
sollen, dem Material seine endgültige Form zu geben, und Unterhalts-
mittel. Alle die Werkzeuge faßt er unter dem Kamen Kapital zu-
sammen. Kachdem er, wie wir vorhin ausführten, nachgewiesen hat,
daß die Okkupation der Dinge, d. h. ihre Umwandlung aus bloßen
Gegenständen in wirtschaftliche Güter, einzig und allein auf die Arbeit
zurückzuführen sei, ist es ihm natürlich ein Leichtes, ebenso zu dedu-
zieren, daß Werkzeuge, Material und Unterhaltsmittel ebenfalls als

') Rodbertus, Zur Beleuchtung der sozialen Frage, S. 69.
2) Kozak, a. a. 0., S. 34.
        <pb n="41" />
        ﻿37

einzigen Produktionsfaktor die Arbeit haben. Der Mensch hat nun
also einen großen Vorrat von unvollendeten Gütern vor sich, deren
einziger wirtschaftlicher Produktionsfaktor die Arbeit ist. Aus diesem
wählt er einige ihm besonders geeignet erscheinende Güter aus und
wandelt sie zu komplizierteren Werkzeugen um. Weiterhin befinden
sich in seinem Vorrat eine Anzahl Güter, die er zur Nahrung ver-
wenden kann, die aber noch nicht verzehrungsfertig sind; auch ihre
Umarbeitung kostet ihm bloß Arbeit. Und was wir hier bei den
ursprünglichsten Gütern und einfachsten Vorgängen als richtig an-
sehen müssen, das bleibt auch bei den höheren und verwickelteren
Arbeiten und den kunstvoll zusammengesetzten Gütern in Geltung.

Nun kommt aber Eodbertus mit einem Einwande, den er als ge-
wissenhafter Arbeiter sich nicht schenken zu dürfen glaubt: es ist die
folgende Betrachtung, die er als Beispiel für viele andere ähnliche
wiedergibt*):

Einer von den primitiven Menschen hat sich vorgenommen, ein
Stück Holz zu glätten; wenn er sein ursprünglichstes Hilfsmittel, den
Fingernagel dazu benutzt, so gebraucht er mehr Arbeit dazu, als wenn
er sich erst ein Steinwerkzeug, das für diese Arbeit geeignet ist, her-
stellt, und dann hobelt. Die beiden Arbeiten: das Herstellen des
Werkzeuges und die Ausführung mit Hilfe desselben, nehmen weniger
Zeit in Anspruch als die Arbeit ohne Werkzeug. Sich nunmehr in be-
wußten Gegensatz zu Adam Smith stellend führt er diese Erscheinung
auf größere Produktivität der Arbeit zurück, indem er noch dazu als
Parallele die verschiedene Produktivität des Landes angibt und meint,
es sei dieselbe Erscheinung wie die oben erwähnte, wenn auf frucht-
barerem Boden durch dieselbe Arbeit mehr hervorgebracht werde als
auf weniger fruchtbarem. Daß die beiden Tatsachen auf gänzüch
verschiedene Ursachen zurückzuführen sind, und ihre Zusammen-
stellung deshalb nicht wohl angeht, werden wir später ausführen, ebenso
wie den Beweis, daß die Theorie von der verschiedenen Produktivität
der Arbeit sich nicht wird halten lassen. Zu bedauern ist nur, daß
Eodbertus diese letztere Behauptung nicht näher beweist, sondern ein-
fach als einen Erfahrungssatz hinstellt.

Da er so durch die Theorie der verschiedenen Produktivität
der Arbeit das Kapital und durch die Theorie von dem Aufwande
und den Kosten der Natur sowohl wie durch die Unterscheidung des

*) Eodbertus, Zur Beleuchtung der sozialen Frage, S. 71, 72.
        <pb n="42" />
        ﻿38

naturhistorischen und wirtschaftlichen Standpunktes die Natur als
Produktionsfaktor abgelehnt hat, bleibt ihm als einzigster die
Arbeit übrig.

Kritik.

Angreifbar scheint uns zuerst seine Theorie der zwei Anschauungen,
der naturhistorischen und der wirtschaftlichen, zu sein. Pin Bedenken
habe ich schon oben hervorgehoben: daß er von einer wirtschaftlichen
Auffassung spricht, bevor überhaupt eine Wirtschaft besteht. Doch
mag dies an einer ungenauen Ausdrucksweise liegen, es kommt hierauf
nicht soviel an; das Hauptbedenken liegt ganz allgemein darin, daß
er zugibt, man könne den grundlegenden Akt der Güterokkupation
beliebig auffassen; wenn er den wirtschaftlichen Standpunkt für den
allein richtigen hält, so kann ein anderer ebensogut das entgegen-
gesetzte Verfahren einschlagen, und hierzu haben wir um so eher
Veranlassung, als Rodbertus den Begriff „wirtschaftlich“ verschieden
definiert: in seiner „Erkenntnis der staatswirtschaftlichen Zustände“
(S. 4) heißt es „Wirtschaft ist die Verwaltung vorhandener Güter“
und es ist in einem ganzen Abschnitt näher ausgeführt, daß der Ton
auf dem Worte „vorhanden“ hegt. Das von dem Substantivum
Wirtschaft abgeleitete Adjektivum „wirtschaftlich“ müßte demnach
soviel heißen wie „das, was sich auf die Verwaltung von vorhandenen
Gütern bezieht“. In der „Beleuchtung der sozialen Frage“ steht da-
gegen (S. 69) „Nur diejenigen Güter gehören zu den wirtschaftlichen,
welche Arbeit gekostet haben“. Hier ist also der Hauptton auf
die Entstehungsweise des Gutes gelegt. Ein Gut, das wir zu unserer
Bedürfnisbefriedigung benutzen, welches keine Arbeit gekostet hat,
z. B. Luft, Sonnenlicht usw. ist also kein wirtschaftliches. Anderer-
seits, nach der ersten Definition, ist die Luft doch sicher ein vor-
handenes Gut, es sind also Widersprüche zwischen beiden Defini-
tionen möglich, sie können demnach nicht als zwei verschiedene Seiten
ein und desselben Urteiles aufgefaßt werden, was man vielleicht zur
Entschuldigung hätte anführen können.

Der zweite wichtigere Punkt, an dem unsere Kritik einzusetzen
hat, ist der Kostenbegriff, den Rodbertus einführt, indem er be-
hauptet1): „es gibt nichts, was die Güter außer der Arbeit noch
kosteten, oder, die Arbeit ist das einzige Element in der Entstehungs-
geschichte der Güter, welches unter dem Gesichtspunkte ihrer Kosten

*) Rodbertus, Zur Erkenntnis uns. staatswirtschaftl. Zust., S. 6, 7.
        <pb n="43" />
        ﻿39

aufgefaßt werden kann“. Den Einwand, daß auch die Natur zur
Hervorbringung eines Gutes Kosten hat, weist er zurück mit der Be-
hauptung, daß die Kraft der Natur unzerstörbar sei. Dies ist in der
eben angeführten allgemeinen Form zweifellos richtig, doch fragt es
sich noch sehr, ob die Kraft der Natur auch in jeder Richtung, die
von Wichtigkeit für den Menschen sein kann, unzerstörbar ist. Und
dies ist sicher zu verneinen. Um nur ein Beispiel anzuführen: Es
ist Tatsache, daß die Zahl der Pelztiere seit den letzten Jahrzehnten
in reißender Abnahme begriffen ist, und daß die Zeit nicht mehr
allzu fern sein kann, wo deren gänzliches Aussterben befürchtet werden
muß. Und ähnlich steht es mit vielen Bodenschätzen, wie Kohle,
Erze u. ä., deren Gewinnung schließlich, wenn auch nach langer Zeit,
doch einmal ihrem Ende entgegengehen muß. Die Kraft der Natur
ist in dieser bestimmten Richtung offensichtlich nicht unzerstörbar,
und die Menschheit wird es sicher bedauern, daß die Natur nicht
einen Teil ihrer Kraft, den sie zur Bildung der unendlichen, nie auf-
zubrauchenden Menge Gestein verwandt hat, nicht lieber zur Unter-
haltung einer größeren Menge Pelztiere benutzt hat. Es ist also doch
wohl nicht unberechtigt, in dieser Hinsicht von Aufwand und Kosten
auch bei der Natur zu sprechen. Dasselbe ist es, wenn Rodbertus
einige Zeilen weiter unten sagt: „das Material ist kein Aufwand, den
der Mensch für das Gut macht, Kosten des Gutes sind aber nur die-
jenigen , welche e r hat.“ Ich glaube mit dem oben angeführten
Beispiel gezeigt zu haben, daß auch die Kosten der Natur bei der
Produktion eines Gutes von höchster Wichtigkeit sind. Es ist die gänz-
liche Verkennung des Seltenheitsmomentes, die ihn dann auch weiterhin
aus seiner Behauptung, die Natur habe keinen Aufwand und keine
Kosten, sofort die Folgerung hat ziehen lassen, daß sie in diesem
Falle auch keine Werte schaffen könne. Wir haben bei Mill gesehen,
daß es gerade die Beschränktheit der Menge, in der manche Natur-
gaben vorhanden sind, ist, die wertschaffend wirkt.

Nachdem wir so der Natur zu ihrem Rechte verholfen haben,
können wir auch dem Kapital die ihm gebührende Stellung wieder
durch eine kritische Beleuchtung der Auffassung von der größeren und
geringeren Produktivität der Arbeit verschaffen. Rodbertus hatte den
Anteil, den das Kapital an der Hervorbringung der Güter hat, damit
ab tun wollen, daß die Arbeit des Menschen je nach dem, ob sie sich
Kapital zu Hilfe nähme oder nicht, mehr oder weniger produktiv sei.
Er führt als Analogie dazu an, daß ganz dieselbe Arbeitsmenge auf
fruchtbarerem oder weniger gutem Boden eine sehr verschiedene
        <pb n="44" />
        ﻿40

Menge Getreide hervorbringe. Dem ist gegenüber zu halten, daß im
letzteren Falle die Natur mehr in den Produktionsprozeß hinein-
gesteckt hat als im ersteren, und daher sich auch eine größere Güter-
menge als Produkt ergeben muß. Das zweite Beispiel, das er anführt
ist dies, daß die Arbeit, die zur Herstellung eines Hobels verwandt
wird -(- der Arbeit, die mit dem Hobel nötig ist, um ein Holzstück
zu glätten, zusammengenommen immer noch geringer ist, als wenn der
betreffende Mensch das Holzstück mit seinem Fingernagel hätte glätten
wollen. Hieraus ergibt sich unserer Ansicht nach so klar, als man es
irgend verlangen kann, die Grundeigenschaft des Kapitals, Arbeitskraft
zu sparen, und es ist durchaus nicht einzusehen, weshalb dieselbe
quantitativ und qualitativ gleichwertige Arbeit unter gleichen Um-
ständen in einem Falle mehr, im anderen weniger hervorbringen sollte.

VIII. Kapitel.

Karl Marx.

Aus demselben Grunde wie Rodbertus geht auch Karl Marx von
dem isolierten Menschen aus. Aber während jener von vornherein
nur zwei Produktionsfaktoren berücksichtigte, Natur und menschliche
Arbeit, geht Karl Marx von drei Produktionsfaktoren, oder, wie er
sie nennt „Momenten des Arbeitsprozesses“*) aus, die er allerdings
verschieden bewertet, um schließlich, nur eben auf einem ganz anderen
Wege, zu einem ähnlichen Resultate wie Rodbertus zu gelangen. „Die
einfachen Momente des Arbeitsprozesses“, so lesen wir an der an-
geführten Stelle, „sind die zweckmäßige Tätigkeit oder die Arbeit
selbst, ihr Gegenstand und ihr Mittel.“ Die beiden letzteren können
nun in den verschiedensten Formen auftreten, aber stets werden sie den
Menschen im letzten Grunde ohne ihr Zutun von der Natur geliefert.
Wir sehen, trotzdem Rodbertus von zwei, Marx von drei Momenten
des Produktionsprozesses ausging, hier sind sie wieder an demselben
Ziele angelangt: Natur und menschliche Arbeit, auf sie muß alles
zurückgeführt werden. Von jetzt an aber trennen sich ihre Wege
endgültig. Rodbertus unterschied den wirtschaftlichen und den natur-

’) Marx, Das Kapital, 4. Aull., herausg. von Engels, Hamburg 1890, I, 141.
        <pb n="45" />
        ﻿41

geschichtlichen Standpunkt und, indem er den ersteren für den einzig
richtigen hielt, schied er die Natur als Produktionsfaktor aus. Marx
fragt sich dagegen, zu welchem Zwecke der ganze Arbeitsprozeß statt-
gefunden habe; und indem er als sein Resultat das Produkt hinstellt,
ist er der Ansicht, müsse man auch den Arbeitsprozeß vom Stand-
punkte des Produktes aus betrachten x); dann ergäbe sich, daß beide,
Arbeitsmittel wie Arbeitsgegenstand, die von der Natur herstammen,
Produktionsmittel, die Arbeit aber produktive Arbeit sei. Er geht
also nicht so weit wie Rodbertus, der mit der Einführung des Kosten-
begriffes die Natur ganz eliminiert, sondern er weist ihr nur einen
tieferen Rang im Vergleich zur Arbeit ein, die der Hauptfaktor ist.
Alle die Gegenstände, die dem Menschen von der Natur geliefert
werden, sind doch, wie er es ausdrückt, nur tote Gegenstände. Erst
die menschliche Arbeit ist es, die ihnen den Gebrauchswert gibt, die
einzige Form, in der sie für den Menschen ursprünglich von Bedeutung
sein können. Überhaupt sei die Unterscheidung von Gegenständen
und Mitteln des Arbeitsprozesses und Produkten nur möglich in Hin-
sicht auf die zwecksetzende Arbeit. Denn ein Gegenstand könne
ebensogut Arbeitsgegenstand wie Arbeitsmittel, wie endlich auch
Produkt sein, und es sei einzig und allein die Arbeit, die ihm den
bestimmten Charakter verleihe. Um ein Beispiel anzuführen* 2): ein
und dieselbe Milchkuh kann sein: erstens Arbeitsgegenstand, wenn
sie gemästet werden soll, zweitens Arbeitsmittel, wenn sie zu Ar-
beiten auf dem Felde benutzt wird und drittens Produkt, wenn
man sie schlachtet und verzehrt. Man kann es der Kuh an sich nicht
ansehen, welche von diesen drei Formen sie gerade hat, es ist erst die
Arbeit, die ihr den bestimmten Charakter gibt, die Arbeit ist also
der einzige Produktionsfaktor.

In der oben geschilderten Art und Weise stellt sich Marx die
Grundlagen des Produktionsprozesses vor. Je weiter nun die Mensch-
heit in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung vorwärts schritt, um so mehr
bildete sich die Arbeitsteilung aus. Da jetzt keiner mehr alle seine
Bedürfnisse selbst befriedigte, sondern die Anfertigung dieses oder
jenes Gutes einem anderen überließ, der gerade hierfür eine besondere
Geschicklichkeit besaß, bildete sich ein Tauschverkehr aus. Für diesen
Austausch von Gütern war ein bestimmter Wertmaßstab nötig, ein

') Marx, a. a. 0., I, 143.

2) Vom Verfasser gewähltes Beispiel, da die von Marx (Kapital, I, 144—145)
angeführten sich nur auf jeweüs zwei Momente des Arbeitsprozesses beziehen.
        <pb n="46" />
        ﻿42

Gemeinsames, was alle Güter haben; da gibt es nun nach Marx nichts
anderes, als die Menge Arbeit, die auf die Herstellung des Gutes ver-
wandt worden ist oder wie Marx sie nennt, die quantitative Arbeit, und
zwar, da der eine schneller arbeitet, der andere langsamer, die durch-
schnittliche gesellschaftliche Arbeit1). Von dieser Form der Arbeit, die
den Tauschwert der Güter bestimmt, unterscheidet er die qualitative,
zweckbestimmende Arbeit, die darauf gerichtet ist, dem Produkt eine
ganz bestimmte Eigenschaft zu verleihen. Es sind dies aber nicht
etwa zwei verschiedene Arbeitsarten, sondern nur zwei Seiten ein
und derselben Arbeit, indem diese das eine Mal nach ihrem Zwecke,
das andere Mal nach ihrer Menge beurteilt wird, oder in dem einen
Falle nach ihrer Qualität, im anderen nach ihrer Quantität; die
qualitative Seite der Arbeit gibt dem Produkte den Gebrauchswert,
die quantitative den Tauschwert. Selbstverständlich ist der Gebrauchs-
wert der ursprünglichere von den beiden, und es kann ein Gut nie
irgendwelchen Tauschwert haben, der nicht von einem Gebrauchswert
getragen wird2). Diese Unterscheidung ist es, auf die Marx den
Charakter unserer heutigen Wirtschaftsform, der kapitalistischen Wirt-
schaft, zurückführt. Wie sie entstanden ist, können wir hier, da es
uns zuweit führen würde, übergehen, es kommt uns bloß auf eine
systematische Erklärung an:

Der Kapitalist der heutigen Zeit, der die Güter nicht mehr
selbst herstellt, sondern sie durch andere verfertigen läßt, muß mit
seinem Kapital alles zum Arbeitsprozeß Notwendige sich kaufen, und
zwar zweierlei, erstens die Produktionsmittel, das sind die Arbeits-
gegenstände und die Arbeitsmittel, zweitens die Arbeitskraft. Beide
vereinigen sich im Arbeitsprozeß und bringen dadurch das Produkt
hervor, das natürlich dem Kapitalisten gehört, der sowohl die Pro-
duktionsmittel wie die Arbeitskraft mit seinem Gelde bezahlt hat8).
Da es ihm nicht auf den Gebrauchswert der Waren ankommt, diese
vielmehr zum Austausch bestimmt sind, so ist ihr Tauschwert maß-
gebend, der sich aus den Kosten der Arbeitsgegenstände, Arbeits-
mittel und der Arbeit zusammensetzt. Der Kapitalist würde also am
Schlüsse des Produktionsprozesses genau soviel Tauschwerte wieder
herausbekommen müssen, wie er in den Anschaffungskosten hinein-
gesteckt hat. Dies kann aber nie und nimmer die Absicht des

') Marx,	,a.	a.	0.,	I,	12.

2)	Ders.,	a.	a.	0.,	I,	7.

3)	Ders,	a.	a.	0.,	I,	147 ff.
        <pb n="47" />
        ﻿43

Kapitalisten sein, sein Geld ohne jeglichen Gewinn so lange aus der
Hand zu gehen, und wenn es tatsächlich der Fall wäre, daß bei dem
Arbeitsprozeß nichts gewonnen würde, so würde wohl keiner die Eolle
eines Kapitalisten spielen wollen. Die Tatsachen lehren uns aber,
daß sehr wohl ein Gewinn herausspringt, oft sogar wohl ein zu großer,
und es sind die Ursachen hierfür zu untersuchen. Der Gewinn
kann natürlich, je nach den wirtschaftlichen Verhältnissen, größer
oder kleiner sein; aber er existiert immer, muß also von diesen Ver-
hältnissen unabhängig sein und seinen tieferen Grund haben.

Diesen glaubt Marx in dem Doppelcharakter der Arbeit als zu-
gleich qualitativer und quantitativer Arbeit gefunden zu haben. Die
Arbeitskraft des Arbeiters, die sich der Kapitalist kaufen muß, ist
für ihn genau so gut ein Kaufobjekt wie die anderen zu seinem
Arbeitsprozeß notwendigen toten Dinge. Für beides gibt er gleich-
mäßig sein Geld aus, und zwar hat er den Tauschwert zu zahlen.
Für die toten Güter hat er das Quantum Arbeit zu bezahlen, was
deren bisherige Bearbeitung gekostet hat, für die Arbeitskraft des
Arbeiters hat er entsprechend soviel zu geben, als ihre Herstellung
Nahrungsmittel gekostet hat. Und nun kommt der springende Punkt
in seiner Ausführung. Während er sich bisher streng auf dem Boden
logisch aufgebauter Beweisführung gehalten hat, kommt er jetzt mit
einer Behauptung, die wir unbewiesen hinnehmen müssen. Er sagt:
der Tauschwert und der Gebrauchswert der Arbeitskraft des Arbeiters
sind zwei ganz verschiedene Größen und aus dieser Verschiedenheit
zieht der Kapitalist seinen Gewinn. Der Arbeiter bekommt nur den
Tauschwert seiner Arbeitskraft ersetzt, während er den Gebrauchswert
hingeben muß. Wenn ihr Tauschwert pro Tag x betrage, sei ihr
Gebrauchswert während derselben Zeit auf ein mehrfaches von x an-
zuschlagen. Dies sei eben die grundlegende Eigenschaft der Arbeit,
durch die sie sich von allem andern unterscheide, daß sie mehr pro-
duzieren könne, als sie zu ihrer Erhaltung verbrauche. Nehmen wir
diese Behauptung, daß der Gebrauchswert der Arbeit ihren Tausch-
wert ühertrifft, und daß der Kapitalist den letzteren zu bezahlen habe,
als wahr und erwiesen an, so ist natürlich der Gewinn, den der
letztere aus der Arbeit des Lohnarbeiters zieht, leicht erklärt. Je
nachdem nun die Arbeitskraft des Arbeiters einen hohen oder geringen
Tauschwert hat, zieht der Kapitalist einen großen oder kleinen Gewinn
aus dem Arbeitsprozeß.
        <pb n="48" />
        ﻿44

Kritik.

Ziun ersten weist auch er ganz wie Rodbertus der Natur eine
der menschlichen Arbeit nicht gleichwertige Stellung an. Wenn er
glaubt, das Ende des Produktionsprozesses als das Maßgebende ansehen
und von ihm aus alles bestimmen zu müssen, so kann man ebensogut
den Anfang als den letzten Ursprung aller Dinge für das wichtigste
halten und so der Natur den ersten Platz in der Reihe der Produk-
tionsfaktoren zuweisen. Weiter sagt er: die Arbeit allein ist es, die
jedem Dinge erst den Charakter gibt, es entweder zum Arbeitsmittel,
Arbeitsgegenstand oder Produkt stempelt. Wenngleich auch hiergegen
Einwendungen erhoben werden könnten, wollen wir sie übergehen, da
sie die Grundlagen seines Systemes nicht berühren.

Viel schwerwiegender ist die falsche Behauptung, bei dem Aus-
tausch der Güter gäbe es nur eine allen gemeinsame Eigenschaft, die
als Maßstab dienen könne: die in ihnen enthaltene quantitative Arbeit.
Gewiß kann diese als Maßstab angesehen werden, aber es gibt noch
andere Eigenschaften, die allen wirtschaftlichen Gütern anhaften: es
sind dies z. B. ihre größere oder geringere Notwendigkeit zur Er-
haltung des Lebens, ihre verschiedene Häufigkeit, ihre Brauchbarkeit;
und wenn man sich den ersten Tauschverkehr in seiner ganzen Ein-
fachheit vorstellt, so ist durchaus nicht anzunehmen, daß die
Wilden sich gegenseitig gefragt haben, wieviel Arbeit jeder auf die
Herstellung eines Tauschgegenstandes verwandt habe, sondern es hat
sehr viel mehr Wahrscheinlichkeit für sich, daß jeder sein Gut nach
dem Grade der Dringlichkeit bewertete, mit dem es der andere nötig
hatte, und es ist bei den primitiven Zuständen sehr wohl anzunehmen,
daß derjenige, der hierbei im Vorteil war, die ungünstige Lage des
anderen ordentlich ausgenützt haben wird. Es ist derselbe Vorgang
hei außergewöhnlichen Verhältnissen ja auch heute noch zu beobachten,
und er hat bloß deshalb allgemeinere Bedeutung verloren, weil der
Möglichkeiten der Befriedigung unserer Bedürfnisse heutzutage zu
viele sind, als daß einer den anderen zu allzu ungünstigen Bedingungen
zwingen könnte. Doch zeigt die Trustbewegung, daß auch bei der
außerordentlichen Entfaltung unseres Wirtschaftslebens das Moment
der Dringlichkeit der Bedürfnisse sehr in den Vordergrund treten
kann. Trotzdem bleibt natürlich die Unterscheidung von qualitativer
und quantitativer Arbeit noch immer hoch wichtig, wenn auch
ihre Bedeutung nach dem oben Ausgeführten etwas eingeschränkt
werden muß.
        <pb n="49" />
        ﻿45

Noch in einer anderen Hinsicht macht es sich geltend, daß Marx die
Frage des Bedürfnisses an der entscheidenden Stelle gänzlich außer acht
gelassen hat, bei der Unterscheidung von Gebrauchswert und Tausch-
wert der menschlichen Arbeit ’). Ein Mensch kauft sich z. B. ein
Brot doch nicht deshalb, weil soundsoviel Arbeit in ihm enthalten
ist, sondern weil er es zur Ernährung notwendig hat, ein Haus, weil
er darin wohnen will, ein Klavier, weil er darauf spielen will usw.,
bei jedem Kauf und Verkauf kommt es darauf an, daß sich am letzten
Ende auch ein Käufer findet, der die betreffende Sache gebrauchen
kann'2). Man kann auf die Herstellung eines Gutes so viel Arbeit
verwenden, wie man will, ist es zu nichts zu gebrauchen, so ist es eben
vollständig wertlos, trotz der großen Summe Arbeit, die vielleicht
hineingesteckt sein mag. Dies gibt Marx auch ohne weiteres zus).
Aber die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen unterläßt er
öfter, so daß sich glatte Widersprüche ergeben. Einmal sagt er 4): als
Tauschwerte enthalten die Waren kein Atom Gebrauchswert, und
kurz darauf5)0): kein Ding kann Wert sein ohne Gebrauchsgegen-
stand zu sein. Diese beiden Sätze stehen sich so schroff gegenüber,
daß sie sich nicht vereinigen lassen, und doch zieht Marx, je nachdem
er es braucht, einmal den einen und ein anderes Mal den anderen
Leitsatz zur Beweisführung heran, zum Beispiel heißt es bei der
Lehre vom sich verzinsenden Kapital7): „Was wirklich vom Ver-
käufer veräußert wird, ist der Gebrauchswert der Ware, die Ware als
Gebrauchswert“. Und bei der Lehre von der menschlichen Arbeits-
kraft8) sagt er: „Der Verkäufer der Arbeitskraft, wie der Verkäufer
jeder anderen Ware realisiert ihren Tauschwert und veräußert ihren
GebrauchswertEs ist also eine Analogie vorhanden zwischen Kapital
und menschlicher Arbeit. Beide haben dieselbe Eigenschaft, daß ihr
Gebrauchswert größer ist als ihr Tauschwert. Es müßten sich also,
da in beiden Fällen tatsächlich der Gebrauchswert veräußert wird,
auch die gleichen Folgen ergeben. Aber beim Kapital berücksichtigt

&gt;) Wagner, Grundlegung der politischen Ökonomie, Leipzig 1892, I, 323.

2) Ygl. Wenckstem, Marx, Leipzig 1896, S. 9.

s) Marx, Kapital, I, 8.

*) Ders., Kapital, I, 4.

6)	Ders., Kapital, I, 7.

6)	Vgl. zu beiden Zitaten Wenckstern (a. a. 0., S. 9) der, so treffend er im
übrigen die Widersprüche, die sich in Marx’ Kapital finden, aufgedeckt und kritisiert
hat, doch die Unvereinbarkeit dieser beiden Sätze übersehen zu haben scheint.

7)	Marx, Kapital, III, 336.

8)	Ders., Kapital, I, 156.
        <pb n="50" />
        ﻿46

Marx den Gebrauchswert in der Form des Zinses, den der Kapital-
besitzer für das Ausleihen nimmt, bei der menschlichen Arbeit läßt
er ihn außer acht und erhält so die Ausbeutungsrate des Arbeits-
gebers, den Mehrwert1). Wenn wir nun auch gern zugeben wollen,
daß Marx mit seiner Behauptung, die menschliche Arbeit produziere
mehr Güter, als sie zu ihrer Erhaltung nötig habe, recht hat, so
können wir doch den oben entwickelten Widerspruch, mit dem sein
ganzes System zusammenbrechen muß, nicht ruhig hinnehmen. Dem
Kapitalisten, der die Kraft des Arbeiters kauft, kommt es doch nicht
darauf an, daß soundsoviel Arbeit nötig war, um ihn in den Stand
zu setzen, einen Tag zu arbeiten, sondern der Gebrauchswert ist ihm
das wesentliche. Wenn Marx sagt, der Arbeiter bringe seine Arbeits-
kraft genau so wie jede andere Ware auf den Markt, so ist dies, und
auch nur in gewissem Sinne, bloß für den Arbeiter zutreffend.
Er gibt allerdings seine Kraft für einen Tag hin, um dafür seinen
Lohn einzutauschen, der Kapitalist aber will die gekaufte Arbeitskraft
gar nicht mehr gegen etwas anderes vertauschen, sondern er will sie
ausnutzen, will sie gebrauchen, für ihn ist sie also keine Ware. Wenn
der Arbeiter einen Tag gearbeitet hat, so ist seine Kraft verzehrt, genau
so wie man eine Frucht oder ein Stück Brot verzehrt. Der Kapitalist
wird sie also nicht nach ihrem Tauschwert, sondern nach ihrem Ge-
brauchswert einschätzen.

So ist die Mehrwerttheorie des Karl Marx, die die Grundlage
seiner Produktionstheorie bildet, theoretisch und praktisch unhaltbar.

IX. Kapitel.

Die Gegenwart (Brentano).

Die Sozialisten sind die letzten, die sich auf unserem Gebiete in
größerem Umfange schöpferisch betätigt haben. Die Theoretiker der
Gegenwart haben sich im großen ganzen damit begnügt, die in unserer
Arbeit näher auseinandergesetzten Systeme einer Kritik zu unterziehen
und sich dann als Anhänger dieser oder jener Anschauung zu be-
kennen. Durchaus vorherrschend ist die Drei-Produktionsfaktoren-

*) Vgl. hierzu Wenckstem, a. a. 0., S. 10, 11.
        <pb n="51" />
        ﻿47

Lehre des Adam Smith geworden, die von last allen National-
ökonomen unserer Tage rückhaltlos (Conrad1), Koscher 1 2 3), Schmoller s),
Wagner4)) oder mit gewissen Einschränkungen (Marshall5 6), Philip-
povich *)) als richtig anerkannt wird. Diese beziehen sich darauf, daß
man eine technische und wirtschaftliche Produktion unterscheiden
müsse, und während man für jene nur zwei Produktionsfaktoren an-
nehmen dürfe, Natur und menschliche Arbeit, könne man indessen
vom wirtschaftlichen Standpunkte aus nicht anders, als auch das
Kapital als produktiv anzusehen. Da es sich für uns nur um die
wirtschaftliche Seite des Problems handelt, können wir auch über
diesen Vorbehalt ohne längere Auseinandersetzungen hinweggehen.
Die einzige Ausnahme von der sonst herrschenden Einigkeit bildet,
wenn wir von Sombart absehen, der sich zum Teil recht eng an Karl
Marx anschließt7), Brentano, der in einem kleinen Vortrage, der
unter dem Titel „Der Unternehmer“ in den „Volkswirtschaftlichen
Zeitfragen“ gedruckt erschienen ist8), eine von allem bisherigen völlig
abweichende Theorie aufstellt, die zu eigenartig und interessant ist,
als daß wir nicht näher auf sie eingehen sollten.

Die erste bedeutsame Abweichung zeigt sich bereits bei der
Definition des Begriffes „produzieren“, indem er es ausdrücklich
zurückweist, daß er mit dem Neuschaffen von Werten identisch sei und
behauptet, produzieren sei überhaupt kein wirtschaftlicher, sondern nur
ein technischer Vorgang und gleichbedeutend mit „Form verändern“. Wenn
Brentano an dieser Definition, die er hier aufstellt, festgehalten hätte,
so müßten wir zwar bedauern, daß er sich zu der althergebrachten
Begriffsbestimmung in Gegensatz gesetzt und damit Verwirrung an-
gestiftet hätte, könnten ihm aber ein Eecht dazu nicht abstreiten, ob-
gleich der doch sicher sehr produktive Handel bei dieser Definition

1)	Conrad, a. a. 0., I, 26.

2)	Eoscher, Grundlagen der Nationalökonomie, Stuttgart-Berlin 1906, S. 64 ff.

3)	Schmoller, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, Leipzig 1908,

I, 138—140.

*) Wagner, Theoretische Sozialökonomik, Leipzig 1907, I, 145.

6) Handbuch der Volkswirtschaftslehre von Marshall, übers, von Ephraim-Salz,
Berlin 1905, I, 178: „In gewissem Sinne gibt es allerdings nur zwei Produktions-
faktoren, die Natur und den Menschen.“

6)	Philippovich, Grundriß der politischen Ökonomie, Tübingen 1908,1,116,117.
Philippovich unterscheidet demnach die technischen Produktionselemente, Natur und
Arbeit, von den wirtschaftlichen Produktionsfaktoren Land, Kapital, Arbeit.

7)	Sombart, Der moderne Kapitalismus, Leipzig 1902, I, 22.

8)	Volkswirtschaftliche Zeitfragen, Jahrgang 29, I. Heft, 1907.
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        ﻿48

schwerlich zu seinem Rechte käme. Dem ist aber leider nicht so,
denn er führt sie nicht konsequent durch. Nur wenige Seiten später
können wir nämlich lesen:1) „Auch arbeiten ist in erster Linie nur
ein technischer Vorgang, durch welchen Formveränderungen hervor-
gerufen werden.“ Es wäre also arbeiten gleich produzieren und
Arbeit gleich Produktion; kurz darauf geht er zu den Produktions-
elementen, wie er die gewöhnlich mit „Produktionsfaktoren“ bezeichneten
Kräfte nennt, über, und wir finden zu unserem Erstaunen unter diesen
Produktionselementen neben Natur, Kapital, Staat u. a. auch die
Arbeit wieder. Es wäre also Arbeit erstens die Produktion selbst als
Ganzes und zweitens ein Produktionselement. Mithin ist nicht nur
keine Klarheit über den Begriff des Produzierens geschaffen, sondern
im Gegenteil, die Verwirrung ist nur noch größer geworden. Es dürfte
sich also auch schon aus diesem rein äußerlichen Grunde empfehlen,
bei den alten Bezeichnungen zu bleiben.

Doch müssen wir auch die Gründe untersuchen, die Brentano zur
Ablehnung der alten und Aufstellung seiner neuen Theorie geführt
haben. Er sucht nachzuweisen, daß nicht alles, was wir mit Produktion
bezeichnen, neue Werte schaffe, sondern daß diese bloß Formver-
änderungen verursache, und es erst die Verhältnisse, die Konjunkturen,
oder wie wir es sonst nennen wollen, seien, welche diese Formver-
änderungen je nachdem als Wertverminderungen oder Wertvermeh-
rungen erscheinen ließen. Er führt für diese Behauptung mehrere
Beispiele aus dem praktischen Leben als Beweise an:

1.	„Ein Brand in einer belagerten Stadt sei eine Formveränderung,
die für die Angreifer neue Werte schaffe, für die Verteidiger aber
solche vernichte; es müßte also derselbe Vorgang produktiv und nicht
produktiv sein, was widersinnig sei“ 2). Abgesehen davon, daß es sich
hier gar nicht um wirtschaftliche Verhältnisse handelt, auf die es uns
doch gerade ankommt, können wir dem vor allem entgegenhalten, daß
man bei der Beurteilung von Vorgängen nie danach gehen darf, ob
ein einzelner vielleicht Vorteil aus ihnen zieht, sondern daß alles da-
nach beurteilt werden muß, ob die Gesamtheit durch sie einen Wert-
zuwachs erhält oder nicht. Sonst könnte man, um dieses Beispiel
recht drastisch ad absurdum zu führen, auch sagen: der Brand einer
Fabrik ist unter Umständen produktiv für einen Raucher, der an den
glimmenden Balken sich eine Zigarre anstecken kann und dadurch

x) Brentano, a. a. 0. 4.
2) Ders., a. a. 0., S. 9.
        <pb n="53" />
        ﻿49

Streichhölzer spart. Betrachten wir aber das von Brentano allgeführte
Beispiel vom Wöhle der Gesamtheit aus, so kann kein Zweifel dar-
über bestehen, daß der Brand einer belagerten Stadt Werte vernichtet,
also nie eine Produktion sein kann.

2.	„Wieviel Erfinder haben nicht bittere Not leiden müssen, weil
ihre Produkte von denen, denen sie zunächst geboten wurden, nicht
als geeignet für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse erachtet wurden!“ r)

Hier ist der Ton auf das Wörtchen „zunächst“ zu legen; nicht
darauf kommt es an, wann die Erfindung Werte schafft, wenn sie
es nur überhaupt tut; und in dem Augenblick, wo sie durch den
ersten, der sie auszunutzen versteht, der Allgemeinheit einen Wert-
zuwachs gebracht hat, hat sie angefangen produktiv zu sein. Versinkt
sie, ohne jemals einen Wert geschaffen zu haben, in das Meer der
Vergessenheit, so war sie zwar eine interessante Geistesarbeit, aber
nie eine Produktion. Damit, daß es nicht vom Produzenten allein
abhängt, ob eine Arbeit produktiv ist oder nicht, hat Brentano unbe-
dingt recht. Wir sehen aber dadurch lediglich den Unterschied
zwischen Arbeit und Produktion bewiesen.

3.	Als drittes Beispiel führt Brentano das Schicksal eines Bildes
an* 2 3), das je nach dem Geschmack des Publikums höher oder
geringer bewertet wurde. Hierzu ist nur dasselbe zu bemerken, wie
zu dem vorigen Abschnitte.

4.	Als weiteres Argument gegen die Behauptung, daß Produzieren
identisch sei mit Wertschaffen, finden wir die geringe Bewertung der
Heimarbeit erwähnt8), die in gar keinem Verhältnis zu den aufge-
wandten Fleiße stehe.

Der Verdacht, der sich bei der Beantwortung des vorigen Ein-
wurfs leise in uns geregt hat, bestätigt sich jetzt voll und ganz: Bren-
tano hat, ohne daß er es merkt, die Front gewechselt und bekämpft
jetzt die Karl Marxsche Werttheorie, die in der auf gewandten Arbeit
den alleinigen Maßstab des Wertes sieht. Hier erringt er einen leichten
Sieg, denn die letztere Theorie ist tatsächlich unhaltbar. Was er mit
diesem Beispiel beweist, ist zweierlei: erstens, daß die Arbeit von ver-
schiedener Produktivität sein kann, was wir ihm gern zugestehen
wollen, und zweitens beweist er, allerdings wider Wissen und Willen,
daß wir einen Unterschied zwischen „Arbeiten“ und „Produzieren“
machen müssen.

') Brentano, a. a. 0., S. 10.

2)	Ders., a. a. 0., S. 10.

3)	Ders., a. a. 0., S. 11.

4
        <pb n="54" />
        ﻿50

5.	Ebensowenig gelingt es ihm, uns mit einem letzten, seiner
Meinung nach besonders deutlichen Beispiel zu überzeugen. Er be-
richtet uns das Schicksal der kaiserlichen Tabakmanufaktur*) in Straß-
burg, mit deren Zigarren Bismarck, als er das Tabakmonopol in
Deutschland einführen wollte, die Rentabilität der Konkurrenz ver-
mindern wollte, um später geringere Entschädigungssummen zahlen zu
müssen. Die darauf eingeleitete Gegenagitation machte aber die
Straßburger Zigarren wertlos. Brentano sagt nun: Die kaiserliche
Tabakmanufaktur hat zweifellos Zigarren produziert, aber ebenso
zweifellos keine Werte hervorgebracht, denn kein Mensch kaufte die
Straßburger Zigarren, und sie mußten größtenteils verbrannt werden.

Damit ist aber noch nicht das geringste bewiesen: entweder, wir
bezweifeln die Behauptung, daß die kaiserliche Manufaktur keine
Werte geschaffen hat und sagen, daß sie nur geringere oder gar keine
Preise erzielt habe, dann wäre das ganze bloß noch eine Preisfrage
und keine Wertfrage mehr. Oder aber, was wohl das richtigere ist,
wir geben zu, daß die Manufaktur keine Werte hervorgebracht hat;
nun, dann befinden wir uns in vollem Einklang mit unserer bisherigen,
als richtig anerkannten Theorie, wenn wir sagen: die Tabakfabrik in
Straßburg hat nur Güter geschaffen, aber keine Werte, also hat sie
nicht produziert2). Daß hier der Sprachgebrauch des alltäglichen
Lebens von dem der Wissenschaft abweicht, soll gern zugegeben
werden; dies ist aber leider häufig der Fall, ich erinnere nur an
„Kapital“ und „Rente“.

Nachdem Brentano so nach seiner Ansicht bewiesen hat, daß
produzieren gleich Formverändern ist, fährt er fort ®): Es ist natürlich
zu erstreben, daß die Produktion auch wirtschaftlich produktiv sei
(nebenbei bemerkt eine Ausdrucksweise, die zu vielen Verwechslungen
Anlaß geben kann), und zwar ist es die Aufgabe des Produzierenden,
des Unternehmers, die Verhältnisse, die maßgebend für die Bewertung
der Produkte sind, vorauszusehen. Derjenige, der dies voraussieht,
ist der menschliche Geist, er ist also der einzige Produktionsfaktor,
während Arbeit, Natur, Kapital, Staat usw. bloß Produktionselemente
sind. Ob wir die letzteren produktiven Kräfte nun Faktoren oder

') Brentano, a. a. 0., S. 11.

2) Vgl. damit Conrad, Polit. Ökon., I, 136—137: „Der Arbeiter kann seine
Aufgabe vollkommen erfüllt und seinen Lohn verdient haben, war sie vom Unter-
nehmer in eine falsche Kichtung geleitet, so blieb sie unproduktiv“.
s) Brentano, a. a. 0., S. 14.
        <pb n="55" />
        ﻿51

Elemente nennen, ist gleichgültig, wir können unser Hauptaugenmerk
also gleich auf den „voraussehenden Geist“ richten. Was ist dieser
menschliche Geist? Wie kommt er dazu, die Verhältnisse richtig
vorauszusehen? Um im wirtschaftlichen Lehen einen richtigen Blick
zu haben, muß man es eingehend studiert haben und tagtäglich weiter
studieren, ein Teil des Brentanoschen „Geistes“ besteht also in geistiger
Arbeit. Ferner wenn wir uns einen Australneger vornehmen, er kann
studieren soviel wie irgend möglich, er wird nie einen voraussehenden
Geist bekommen; mit anderen Worten, dieser Geist hat eine hohe
Kultur zur Voraussetzung. Da aber, wie Adam Smith treffend aus-
einander gesetzt hat, eine Kultur nur durch Zusammenwirken von
Natur, Kapital und Arbeit erworben werden kann, so ist auch der
Geist, der sich aus dieser Kultur entwickelt hat, nur ein Produkt der
Produktionsfaktoren, zwar ein höchst produktives, vielleicht, und in
diesem Sinne hat Brentano wohl recht, das produktivste, aber doch nur
ein Produkt. Er ist also, falls wir es nicht überhaupt vorziehen, seine
Tätigkeit ganz als Arbeit anzusehen, nur ein Teil des Kapitals, das
in unserem Wirtschaftsleben tätig ist. Ausschlaggebend ist für uns
natürlich nicht die Tatsache, daß er ein Produkt ist; das ist ja
auch bei dem Produktionsfaktor Kapital der Fall, sondern daß er,
falls man seine Tätigkeit nicht als eine besondere Art der Arbeit an-
sieht, restlos in dem Begriff „Kapital“ aufgeht.

So wertvoll also Brentanos Anregungen sind, und so sehr wir
ihm auch für die neuen Gesichtspunkte, die er uns in ihnen gebracht
hat, dankbar sein müssen, die Grundlagen unserer Lehre sind durch
sie nicht berührt worden. Theoretisch ist die überragende Produk-
tionsbedeutung des Geistes als des einzigen Produktionsfaktors nicht
haltbar, so wenig wir natürlich seinen praktischen Einfluß auf unser
Wirtschaftsleben irgendwie verkennen wollen.

Abgesehen von Brentano und Sombart sind sich die heutigen
Nationalökonomen mithin in der Theorie der Produktionsfaktoren so
ziemlich einig, und es sind nur Fragen zweiter Ordnung, die hier und
da noch eine kleine Diskussion hervorrufen, so die oben erwähnte
Scheidung in technische und wirtschaftliche Produktionsfaktoren, oder
der Zweifel, ob man den Staat als Kapital auffassen soll1) oder nicht
und ähnliches mehr. Wir wollen daher nur diese letztere, wohl
wichtigste Frage einer Erwägung unterziehen, und uns auch hier ganz
kurz fassen, da das Wesentliche hierüber schon in anderem Zusammen-

*) Wagner, Theoretische Sozialökonomik, Leipzig 1907, I, 138.

4*
        <pb n="56" />
        ﻿52

hange gesagt worden ist. Es ist selbstverständlich, daß auch wir den
Begriff des Kapitals nicht engherzig auffassen wollen, aber wir werden
uns auch sicher nicht einer Kleinlichkeit schuldig machen, wenn wir
uns einmal genauer fragen, was denn der Staat ist. Wir werden uns
dann der Überzeugung nicht verschließen können, daß der Staat über-
haupt nichts Konkretes ist, also keinesfalls ein besonders geartetes
Kapital sein kann, das als Produkt der anderen Produktionsfaktoren
stets eine greifbare Eorm haben muß. Andererseits können wir den
Staat auch nicht als selbständig produzierend auffassen. Er ist nur
geeignet, die vorhandenen produktiven Kräfte eines Landes zu vollerer
Entfaltung zu bringen und dadurch indirekt zur Produktion bei-
zutragen. Wir können also auf das schon oben über die indirekte
Produktion Gesagte (S. 18) kinweisen und wollen hier nur kurz unsere
Ansicht dahin aussprechen, daß wir den Staat demnach als einen
sekundären Produktionsfaktor im Sinne J. St. Mills ansehen möchten.

Auch die Versuche, den wissenschaftlichen Sprachgebrauch dem
in der Praxis herrschenden anzupassen, dürften hierher zu zählen sein.
Den bedeutsamsten vielleicht hat van der Borght mit dem Vor-
schläge unternommen 1j, den Begriff Kapital, der die Hauptverwirrung
mit sich gebracht hat, gänzlich auszuschalten, das bisher sogenannte
umlaufende Kapital dem Produktionsfaktor Natur zuzuschlagen, das
„stehende Kapital“ aber als selbständigen dritten Produktionsfaktor
unter dem Namen „Produktionsanlagen und Produktions Werkzeuge“
beizubehalten. Ob hiermit die Verwirrung beseitigt ist, will uns frag-
lich erscheinen, da ja jedes Ding je nach seiner Verwendung stehendes
und umlaufendes Kapital sein kann, es nach van der Borght also
je nachdem bald der Natur, bald jenem anderen dritten Produktions-
faktor zuzuschlagen wäre, was sicher noch größere Unzuträglichkeiten
im Gefolge hat, als die an und für sich allerdings recht beklagens-
werte Verschiedenheit im Sprachgebrauch von Wissenschaft und
Praxis.

Und so ließen sich noch mancherlei kleine Abänderungsversuche
der Theorie der Produktionsfaktoren hei den modernen Schriftstellern
finden. Aber all diese unbedeutenden Verschiedenheiten, die nur
Einzelheiten, nicht aber die Grundlage der Theorie berühren, sind
nicht mehr ausreichend, um einen lebhafteren Meinungsaustausch
zwischen ihren Autoren hervorzurufen, und so können wir mit einem

l) Conrads Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, III. F., 26. Bd.,
S. 604 ff.
        <pb n="57" />
        ﻿53

gewissen Rechte, ohne uns allerdings auf das unsichere Gebiet der
Prophezeihungen begeben zu wollen, die Behauptung aussprechen, daß
die Lehre von den wertschaffenden Kräften unseres Wirtschaftslebens
mit der Gegenwart ihren Abschluß gefunden zu haben scheint. Sie
nahm ihren Anfang bei den Physiokraten, die nur die Natur und die
menschliche Arbeit als produktiv ansahen. Adam Smith fügte dann
diesen beiden das Kapital als dritten Produktionsfaktor hinzu und
diese hiermit in ihren Grundzügen festgelegte Drei-Produktionsfaktoren-
lehre erhielt von den Epigonen des Adam Smith, von Ricardo bis
J. St. Mill, ihre Abrundung und namentlich in den sogenannten sekun-
dären Produktionsfaktoren Mills ihre notwendige Ergänzung. Die
nun folgende Zeit bis zur Gegenwart wurde durch Angriffe auf dies
System ausgefüllt, die zuerst von einzelnen bedeutenden national-
ökonomischen Denkern ausgingen, unter denen wir Sismondis und
Fr. Lists als der originellsten Erwähnung taten, während im letzten
Drittel des vorigen Jahrhunderts eine ganze Schule, die sozialistische,
sich ihre Bekämpfung zum Ziele setzte, aber ebensowenig wie jene
den Sieg erringen konnte. Wir gedachten dann noch Brentanos, des
bedeutendsten und geistvollsten Gegners der Smithschen Produktions-
theorie in der Gegenwart, um zu dem Ergebnis zu kommen, daß diese
auch für unsere so veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse Geltung
behalten müsse, und konnten feststellen, daß wir uns mit diesem Ur-
teil in Übereinstimmung mit der jetzt vorwiegend herrschenden Mei-
nung befinden. Und wenn es auch heute, wie leicht erklärlich, fast
ausschließlich praktische Probleme sind, die unsere Nationalökonomen
beschäftigen, so ist es vielleicht gerade darum nicht ohne Interesse
gewesen, auf ein uns in einer abgeschlossenen Entwicklung vorliegendes
theoretisches Problem einen kurzen, umfassenden Rückblick geworfen
zu haben.
        <pb n="58" />
        ﻿Lebenslauf.

Ich, Johannes Müller, evangelischen Bekenntnisses, wurde am
22. November 1889 zu Königsberg i. Pr. als Sohn des verstorbenen
Universitätsprofessors August Müller geboren. Nachdem ich von 1895
bis 1898 die Gymnasialvorschule, 1898 — 1902 das Stadtgymnasium zu
Halle a. S., 1902—1908 die Königliche Landesschule Pforta besucht
hatte, erwarb ich daselbst Ostern 1908 das Zeugnis der Keife. So-
dann studierte ich in Halle a. S., und zwar im ersten Semester
Mathematik, Naturwissenschaften und Volkswirtschaft, wandte mich
dann aber endgültig den Staatswissenschaften in Verbindung mit
Geographie und Jurisprudenz zu.

Meine akademischen Lehrer waren die Herren Professoren und
Dozenten:

von Blume, Brodnitz, Conrad, -J* Ebbinghaus, Finger, Gehrig,
Goldschmidt, Hasenclever, Krahmer, Krueger, Lästig, Loening, Menzer,
■f Noll, Philippson, Raape, Rehme, Schwartz, Sommerlad, Stammler,
Steinbrück, Uphues, Wange rin, Wohltmann, Wolff.

An Seminarsitzungen und Übungen nahm ich teil bei den Herren
Professoren und Dozenten:

von Blume, Brodnitz, Conrad, Gehrig, Philippson, Stammler, Wolff.

Ihnen allen, insbesondere Herrn Dr. Gehrig und Dr. Wolff bin
ich großen Dank schuldig. Zu besonderem Danke fühle ich mich
Herrn Prof. Philippson, dessen Exkursionen eine sehr wertvolle
praktische Ergänzung meiner theoretischen Studien waren, und vor
allem Herrn Geheimrat Prof. Dr. Conrad verpflichtet, dem ich reiche
Förderung meines Studiums und auch die Anregung zu dieser Arbeit
verdanke.
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        ﻿47

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Adam Smith geworden, die von fast allen National-
bserer Tage rückhaltlos (Conrad1), Roscher2), Schmoller 8),
"der mit gewissen Einschränkungen (Marshall5), Philip-
gf richtig anerkannt wird. Diese beziehen sich darauf, daß
£ ichnische und wirtschaftliche Produktion unterscheiden
während man für jene nur zwei Produktionsfaktoren an-
| ’e, Natur und menschliche Arbeit, könne man indessen
if fliehen Standpunkte aus nicht anders, als auch das
produktiv anzusehen. Da es sich für uns nur um die
e Seite des Problems handelt, können wir auch über
^ jhalt ohne längere Auseinandersetzungen hinweggehen.
Ausnahme von der sonst herrschenden Einigkeit bildet,
i Sombart absehen, der sich zum Teil recht eng an Karl
eßt7), Brentano, der in einem kleinen Vorträge, der
Htel „Der Unternehmer“ in den „Volkswirtschaftlichen
;edruckt erschienen ist8), eine von allem bisherigen völlig
Theorie aufstellt, die zu eigenartig und interessant ist,
ucht näher auf sie eingehen sollten,
e bedeutsame Abweichung zeigt sich bereits bei der
•s Begriffes „produzieren“, indem er es ausdrücklich
laß er mit dem Neuschaffen von Werten identisch sei und
)duzieren sei überhaupt kein wirtschaftücher, sondern nur
• Vorgang und gleichbedeutend mit „Formverändern“. Wenn
dieser Definition, die er hier aufstellt, festgehalten hätte,
r zwar bedauern, daß er sich zu der althergebrachten
•mung in Gegensatz gesetzt und damit Verwirrung an-
, könnten ihm aber ein Recht dazu nicht abstreiten, ob-
’li sicher sehr produktive Handel bei dieser Definition

a. a. 0., I, 26.

Grundlagen der Nationalökonomie, Stuttgart-Berlin 1906, S. 64 ff.
,r, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, Leipzig 1908,

Theoretische Sozialökonomik, Leipzig 1907, I, 145.
t h der Volkswirtschaftslehre von Marshall, übers, von Ephraim-Salz,
1 78: „Tn gewissem Sinne gibt es allerdings nur zwei Produktions-
iur und den Menschen.“

ich, Grundriß der politischen Ökonomie, Tübingen 1908,1,116, 117.
srscheidet demnach die technischen Produktionselemente, Natur und
wirtschaftlichen Produktionsfaktoren Land, Kapital, Arbeit.

Der moderne Kapitaüsmus, Leipzig 1902, I, 22.
ischaftliche Zeitfragen, Jahrgang 29, I. Heft, 1907,
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