<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Abriss einer Geschichte der Theorie von den Produktionsfaktoren</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Johannes</forname>
            <surname>Müller</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>898235332</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        staatswissenschaft.


Abriss  einer  Geschichte  der  Theorie
von  den  Produktionsfaktoren.

Inaugural-Dissertation

zur

Erlangung  der  Doktorwürde
der
hohen  philosophischen  Fakultät
der
Yereinigten  Friedrichs-Universität  Halle-Wittenberg
vorgelegt  von
Johannes  [Müller
aus  Königsberg  i.  Pr.

Halle  a.  S.
1911.
        <pb n="2" />
        Referent:  Herr  Geheimrat  Prof.  Dr.  Conrad.
        <pb n="3" />
        Inhaltsverzeichnis.
Seite
I.  Kapitel:  Einleitung  1
II.  Kapitel:  Die  Merkantilisten  und.  Physiokraten  (Turgot)  3
Kritik  9
III.  Kapitel:  Adam  Smith  10
Kritik  14
IV.  Kapitel:  J.  St.  Mill  22
Kritik  27
V.  Kapitel:  Sismondi  28
Kritik  31
VI.  Kapitel:  Fr.  List  32
VII.  Kapitel:  Eodbertus  34
Kritik  38
VIII.  Kapitel:  Karl  Marx  40
Kritik  44
XI.  Kapitel:  Die  Gegenwart  (Brentano)  46
        <pb n="4" />
        1

I.  Kapitel.
Als  der  Mensch  anfing,  der  Natur  mit  Bewußtsein  gegenüberzutreten, ­
  hatte  er  nichts  als  seine  beiden  Arme,  um  der  Natur  das
abzuringen,  was  er  für  sein  Leben  nötig  hatte.  Aber  in  diesem  steten
Kampfe  lernte  er;  und  alle  Vorteile,  mögen  sie  nun  in  Kenntnissen,
Fertigkeiten  oder  schon  in  der  Umformung  und  praktischen  Anwendung ­
  der  Ton  der  Natur  gebotenen  Gaben  bestanden  haben,  die  sich
eine  Generation  anzueignen  gewußt  hatte,  gingen  über  auf  ihre  Kinder
und  Kindeskindei’,  jeder  tat  sein  Teilchen  dazu.  Aller  Anfang  war
natürlich  schwer,  oder  die  ersten  Errungenschaften  waren  die  mit  der
meisten  Arbeit  erkauften.  Aber  mit  der  fortschreitenden  Ausdehnung
der  Arbeitsteilung  lohnte  sich  die  Arbeit,  die  neue  Hilfsmittel  zum
Ziele  hatte,  immer  reicher,  und  jeder  Erfolg  trug  bereits  den  Keim
zu  einem  neuen  in  sich.  Alle  diese  Erzeugnisse  der  Arbeit  nun,  die
sich  im  Eigentum  des  einzelnen  Menschen  befinden,  und  die  er  dazu
verwendet,  um  sich  bei  der  Schaffung  neuer  Güter  Arbeit  zu  sparen,
faßt  die  Wissenschaft  unter  dem  Namen  des  neben  Natur  und  Arbeit
dritten  Produktionsfaktors  „Kapital“  zusammen.  Wohl  ist  es  leicht
einzusehen,  daß  sich  auf  diese  drei  Produktionsfaktoren  die  gesamte
Güter-  und  Werterzeugung  zurückführen  läßt,  aber  wenn  wir  es  nun
versuchen  wollten,  auch  in  Wirklichkeit  bei  einem  einzelnen  Gegenstände ­
  die  Anteile  auszurechnen,  man  würde  nicht  weit  kommen 1 ).
Denn  nicht  allein,  daß  unser  heutiges  Wirtschaftssystem  zu  kompliziert ­
  ist,  als  daß  man  die  Wirksamkeit  jedes  Produktionsfaktors  genau
feststellen  könnte,  es  sind  noch  so  viele  andere  Faktoren  in  Rechnung
zu  ziehen,  die  an  und  für  sich  nicht  produktiv  sind,  aber  doch  die  Gütererzeugung ­
  stark  beeinflussen,  wie  wir  es  bei  Mill  näher  kennen  lernen

*)  Vgl.  Mill,  S.  26  dieser  Arbeit.
        <pb n="5" />
        2

werden;  und  so  ist  es  gut  verständlich,  daß  unsere  auf  das  Praktische
gerichtete  Zeit  diesen  theorethischen  Betrachtungen  keinen  rechten
Wert  mehr  beimißt  und  sie  vernachlässigt  hat,  ob  zum  Vorteile  der
Nationalökonomie,  die,  wie  die  meisten  anderen  Wissenschaften  sich
in  Einzelheiten  zu  verlieren  droht,  muß  dahingestellt  bleiben.
Was  heißt  nun,  um  uns  im  Anschluß  hieran  auch  über  den  Begriff ­
  der  Produktionsfaktoren,  denen  unsere  kleine  Abhandlung  gewidmet ­
  ist,  klar  zu  werden,  „produzieren“?
Die  älteste  Antwort  auf  diese  Frage  finden  wir  bei  den  Physiokraten,
  die  darunter  das  Neuschaffen  von  Stoffen  verstehen 1 ).  Es
ist  daher  der  Vorrang,  den  sie  der  Landwirtschaft  als  dem  einzigen
Gewerbe  zuschreiben,  das  diese  Eigenschaft  haben  soll,  leicht  erklärlich. ­
  Aber  schon  ein  geringes  Nachdenken  wird  zeigen,  daß  diese
Definition  der  Produktion  zurückzuweisen  ist.  Wir  können  zu  dem
von  Anfang  an  vorhandenen  Stoff  und  Kraft  nicht  das  geringste  hinzutun ­
  und  ebensowenig  etwas  von  ihm  fortnehmen;  das  einzige,  was
wir  können,  ist,  die  von  der  Natur  gelieferten  Stoffe  und  Kräfte  für
unsere  Zwecke  umzuformen  und  brauchbar  zu  machen,  und  eine  nähere
Überlegung  wird  zeigen,  daß  sich  Landwirtschaft  und  Industrie  hierin
völlig  gleich  stehen.  Der  Bauer  pflügt  und  eggt  den  Boden  und
bringt  ihn  dadurch  in  eine  lockere  Lage,  er  düngt  ihn  mit  den  Salzen,
die  er  etwa  nicht  mehr  in  ausreichender  Menge  haben  sollte,  und  legt
den  Samen  in  den  sorgfältig  zubereiteten  Boden.  Die  Natur  verwandelt ­
  dann  im  Laufe  des  Sommers  die  mineralischen  Stoffe,  die  im
Boden  enthalten  sind,  in  vegetabilische,  ein  Vorgang,  den  wir  Wachstum ­
  der  Pflanzen  nennen.  Und  so  können  wir  in  der  Landwirtschaft
jedes  beliebige  Beispiel  vornehmen,  immer  wird  sich  dasselbe  Bild
zeigen:  Umwandlung  von  Stoffen,  die  für  den  Menschen  nicht  unmittelbar ­
  brauchbar  sind,  in  solche,  die  diese  Eigenschaft  haben.  Und
wie  sieht  es  in  der  Industrie  aus?  Sie  formt  beispielsweise  einen
Klumpen  Koheisen,  mit  dem  an  und  für  sich  nichts  anzufangen  ist,
in  eine  Maschine  um,  einen  Haufen  Wolle  in  Kleidungsstücke  usw.
Der  Handel  schließlich  nimmt  zwar  keine  Veränderungen  mehr  an
dem  Produkte  vor,  aber  er  gibt  ihm,  ganz  allgemein  gesprochen,  als
Ganzem  diejenige  Lage,  in  dem  es  die  beste  Verwendung  findet,  er
schafft  es  dorthin,  wo  es  gebraucht  wird.
Wir  bemerken  also:  was  für  eine  Tätigkeit  wir  auch  immer  heraus-J

 )  Brentano,  Der  Unternehmer,  in  den  ,Volkswirtschaftlichen  Zeitfragen“,,
Jahrgang  29,  Heft  1,  S.  1  ff.
        <pb n="6" />
        3

greifen,  ob  Landwirtschaft,  Handel  oder  Industrie,  eine  Neuschaffung
von  Stoffen  und  Kräften  findet  nie  statt,  sondern  nur  in  einem  Umwandeln ­
  besteht  unsere  Arbeit,  und  nun  ist  es  von  dem  Begriff  des
Arbeitens  zu  dem  des  Produzierens  nur  noch  ein  kleiner  Schritt,
wenn  wir  das,  was  wir  eingangs  als  herrschende  Auffassung  von  der
wirtschaftlichen  Entwickelung  des  Menschengeschlechtes  kurz  angeführt
hatten,  im  Auge  behalten:  fördert  die  menschliche  Arbeit  bei  dieser
Umwandlung  von  Stoffen  und  Kräften  mehr  neue  "Werte  zu  Tage,
als  ursprüngliche  bei  diesem  Prozeß  vernichtet  werden,  dann  ist  sie
produktiv;  also  nicht  ein  Schaffen  von  neuen  Werten,  sondern
von  mehr  Werten,  als  vorher  vorhanden  waren,  ist  das  maßgebende.
Aber  ehe  wir  zu  dieser  richtigen  Überzeugung  durchgedrungen
sind,  hat  es  viele  Kämpfe  gekostet,  und  vor  allem  die  ältere  Zeit,  zu
deren  Schilderung  wir  nunmehr  übergehen  wollen,  zeigt,  welche  Unklarheit ­
  selbst  bei  den  hervorragendsten  Gelehrten  über  diese  Grundprobleme ­
  unserer  Wissenschaft  geherrscht  hat.

II.  Kapitel.
Die  Merkantilisten  und  Physiokraten  (Turgot).
Wie  die  ganze  Wissenschaft  der  Nationalökonomie  erst  neueren
Datums  ist,  so  brauchen  wir  auch  nicht  allzuweit  zurückzugehen,  um
an  den  Anfang  der  Lehre  von  den  Produktionsfaktoren  zu  gelangen.
Wenn  wir  von  den  Schriftstellern  des  Altertums  und  Mittelalters  absehen,
  die  in  anderem  Zusammenhänge  nur  gelegentlich  das  Wirtschaftsleben, ­
  und  auch  dann  bloß  Einzelfragen,  insbesondere  aktuelle
Fragen  berühren,  so  sind  die  Merkantilisten  die  ersten,  die  den
Anspruch  erheben  können,  ein  geschlossenes  System  geschaffen  zu
haben.  Aber  für  uns  sind  sie  nur  von  geringer  Bedeutung;  sie  bleiben
zu  sehr  an  der  Oberfläche  haften,  es  ist  ihnen  noch  nicht  bewußt  gewesen, ­
  daß  sich  die  Wirtschaft  eines  Volkes  organisch  aufbaut,  daß
all  die  einzelnen,  sich  scheinbar  widerstrebenden  Erscheinungen  sich
auf  ein  und  dieselben  letzten  Ursachen  zurückführen  lassen  müssen;
sie  verwechselten  bei  ihrer  Handelsbilanztheorie  Ursache  und  Wirkung
und  glaubten  mit  äußerlichen  staatlichen  Maßnahmen  das  korrigieren
zu  können,  was  seine  inneren  Gründe  hatte.  Wir  würden  ihnen  daher
1*
        <pb n="7" />
        4

Gedanken  zuschreiben,  die  sie  nie  gehabt  haben,  wollten  wir  ihre  Anschauungen ­
  in  den  Kreis  unserer  Betrachtungen  ziehen.
Erst  der  Physiokratismus  hat  eine  Tollentwickelte  Produktionslehre, ­
  und  wir  wollen  den  Eundamentalsatz,  auf  den  sich  alles
andere  aufbaut,  an  die  Spitze  unserer  kurzen  Darlegung  setzen  und
dann  die  Beweisführung  untersuchen,  mit  der  Turgot,  wohl  der  Hauptvertreter ­
  des  wissenschaftlichen  Physiokratismus,  ihn  zu  stützen  sucht.
Er  lautet:  Es  gibt  nur  zwei  Produktionsfaktoren:  Grund  und
Boden  und  menschliche  Arbeit,  und  nur  eine  Vereinigung  beider
kann  Güter  neu  hervorbringen.  Wir  finden  diesen  Satz  bei  Turgot
allerdings  nicht  in  dieser  Schärfe  und  Kürze  ausgedrückt,  aber  es
läuft  auf  dasselbe  hinaus,  wenn  er  schreibt 1 ):  „Was  die  Arbeit  des
Landmannes  außer  dem  zur  Deckung  seiner  persönlichen  Bedürfnisse
Nötigen  der  Erde  abgewinnt,  bildet  die  einzige  Grundlage  der  Entlohnung, ­
  die  alle  anderen  Glieder  der  Gesellschaft  im  Tausch  für  ihre
Arbeit  erhalten.“  Und  nun  der  Beweis:  Seiner  Meinung  nach  hat
jedes  Volk  in  dem  Augenblick,  wo  es  zum  Ackerbau  überging  und
damit  seßhaft  wurde,  einen  für  alle  Individuen  ausreichenden  Grund
und  Boden  gehabt *  2 ).  Alle  gaben  sich  ohne  Ausnahme  der  Landwirtschaft ­
  hin,  und  wenn  auch  infolge  der  Verschiedenheit  des  Bodens
allmählich  eine  gewisse  Arbeitsteilung  und  Austausch  von  Produkten
sich  entwickelt  haben  wird,  so  war  es  doch  immer  nur  ein  Austausch
von  Naturprodukten 3 ).  Aber  lange  kann  dieser  primitive  Zustand
nicht  gedauert  haben,  —  „lange“  natürlich  nur  im  Vergleich  zur
ganzen  Geschichte  eines  Volkes  —,  die  Bedürfnisse  der  Menschen
verfeinerten  sich,  und  es  überstieg  allmählich  die  Kraft  des  Einzelnen,
außer  der  Bebauung  seines  Landstückes  auch  noch  alle  seine  übrigen
Bedürfnisse  zu  befriedigen,  mit  anderen  Worten:  Es  bildete  sich  eine
Handwerkerklasse,  die  es  übernahm,  die  vom  Landmann  gelieferten
Rohstoffe  zu  veredeln  und  dafür  von  diesem  seinen  Lebensunterhalt
empfing 4 ).  „Wir  sind  hiermit“  sagt  Turgot,  „von  der  ersten  zur
zweiten  Stufe  des  Tauschverkehrs  aufgerückt,  zum  Austausch  von
Arbeit  gegen  Produkte“.  Es  muß  scharf  betont  werden,  daß  Turgot
diese  Entwickelung  selbständiger  stoffveredelnder  Gewerbe  nicht  einer

J )  Turgot,  Betrachtungen  über  die  Bildung  und  Verteilung  des  Reichtums.
Übers,  von  Dorn,  Jena  1903,  §  5  (S.  5)  Mitte.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  aus  §  10  (S.  8)  und  §  4  (S.  4)  leicht  ersichtlich.
3 )  Ders.,  a.  a.  0.,  §  2  letzter  Abs.  (S.  2).
4 )  Ders.,  a.  a.  0.,  §  4  (S.  4).
        <pb n="8" />
        5

zu  starken  Vermehrung  der  Bevölkerung  zuschreibt,  die  es  dahin  gebracht ­
  hätte,  daß  die  Ackerlose  für  den  Einzelnen  zu  klein  geworden
wären,  sondern  er  behauptet  *  *):  „alle  Weit  hätte  bei  dieser  Einrichtung ­
  gewonnen,  weil  jeder,  indem  er  sich  einer  einzigen  Art  der  Arbeit
widmete,  damit  viel  besser  fortkam“.  Hier  tritt  der  Fehler,  den  die
Physiokraten  mit  der  Ausschaltung  des  Kapitals  aus  der  Reihe  der
Produktionsfaktoren  begangen  haben,  zutage.  Es  ist  interessant
genug,  zu  beobachten,  wie  sich  hieraus  die  stärksten  Widersprüche
in  Turgots  Abhandlungen  entwickeln,  um  die  wörtliche  Anführung
eines  dieser  Widersprüche  zu  rechtfertigen:  in  §  4  heißt  es:  „Alle
Welt  gewann  bei  dieser  Einrichtung“  (Austausch  von  Arbeit  gegen
Produkte).  Dagegen  wird  gleich  in  den  beiden  folgenden  Paragraphen
der  Unterschied  der  beiden  so  entstandenen  Bevölkerungsklassen:
Landwirte  und  Handwerker,  dahin  charakterisiert,  daß  „jene  durch
ihre  Arbeit  mehr  produzieren,  als  sie  zur  Deckung  ihrer  persönlichen
Bedürfnisse  nötig  haben“  *),  diese  dagegen  nur  soviel,  daß  sie  „gerade
ihr  Dasein  fristen  können“ 8 ).  Also:  der  Bevölkerungsteil,  der  früher
als  landbebauender  mehr  als  seinen  notdürftigen  Unterhalt  sich  erarbeitet ­
  hatte,  sieht  jetzt  seinen  Lohn  auf  das  beschränkt,  was  zu  seiner
Erhaltung  unbedingt  notwendig  ist;  aber  es  gewinnt  doch  alle  Welt
hei  dieser  Entwickelung?  Wie  reimt  sich  das  zusammen?  Die  Tatsache, ­
  daß  die  Menschheit  große  Fortschritte  gemacht  hat,  liegt  klar
zutage;  in  der  Beweisführung  liegt  der  Fehler  auch  nicht,  denn  es
ist  ebenso  unbestreitbar,  daß  die  Arbeitsteilung  die  Förderin  alles
Fortschrittes  ist,  wie,  daß  da,  wo  der  Arbeit  noch  der  Grund  und
Boden  als  zweiter  Produktionsfaktor  zu  Hilfe  kommt,  also  beim  Landbau, ­
  mehr  Werte  erzeugt  werden  müssen,  als  da,  wo  die  Arbeit  allein
wirkt,  wie  beim  Handwerk.  Wenn  der  Fehler  aber  nicht  im  Beweise
liegt,  so  muß  die  Voraussetzung  falsch  sein,  d.  h.  wir  kommen  mit
den  beiden  Produktionsfaktoren  Natur  und  menschliche  Arbeit  allein
nicht  aus.
Nach  dieser  kurzen  Abschweifung  wird  es  nötig  sein,  das  bisher
Gesagte  noch  einmal  kurz  in  einem  Satz  zusammenzufassen.  Die
Physiokraten  stellen  also  die  Behauptung  auf,  daß  nur  die  Vereinigung
von  Natur  und  menschlicher  Arbeit  imstande  ist,  neue  Güter  zu
schaffen  und  daß  die  stoffveredelnden  Gewerbe  dieses  nicht  können.
Wir  haben  vorhin  die  Unhaltbarkeit  dieser  Behauptung  an  Turgots

*)  Turgot,  a.  a.  0.,  §  4,  3.  Abs.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  §  5  (S.  B).
*)  Ders.,  a.  a.  0.,  §  6  (S.  5).
        <pb n="9" />
        6

eigenen  Worten  nachgewiesen  und  wollen  es  uns  lür  später  aufsparen,
auch  wissenschaftlich  diese  Lehre  zu  widerlegen,  da  es,  um  eine
bessere  Gesamtübersicht  über  die  physiokratische  Produktionslehre
zu  gewinnen,  sich  empfehlen  wird,  jetzt  erst  die  Stellung  zu  untersuchen, ­
  die  das  Kapital  in  diesem  System  einnimmt.  Dies  Unterfangen ­
  ist  aber  schwieriger,  als  man  es  auf  den  ersten  Blick  glauben
möchte,  denn  Turgot  ist  sich  über  den  Begriff  des  Kapitals  noch
vollständig  im  unklaren:  wohl  spricht  er 1 )  ganz  richtig  von  einer  „Anhäufung ­
  der  jährlichen  Ertragsüberschüsse  zum  Zwecke  der  Kapitalsbildung“, ­
  aber  schon  im  nächsten  Paragraphen *  2  * )  beginnt  die  Verwirrung, ­
  indem  er  Kapital  mit  Mobilien  identifiziert,  eine  Verwirrung, ­
  die  ihren  Höhepunkt  bei  der  Lehre  vom  Zins  findet 8 ).
Hier  wird  das  Kapital  mit  dem  Gelde  durcheinander  geworfen  und
ich  möchte  zur  Kennzeichnung  einen  Satz  aus  diesem  Paragraphen
zitieren:  „Da  das  Kapital  die  unerläßliche  Basis  eines  jeden  Unternehmens ­
  ist,  da  das  Geld  ein  Hauptmittel  ist,  um  kleine  Gewinne
aufzusparen  ,  so  werden  jene,  die  zwar  Arbeitseifer,  aber
kein  Kapital  besitzen  ,  sich  ohne  Schwierigkeit  dazu
entschließen,  den  Besitzern  von  Kapitalien  oder  Geld  (man  beachte
insbesondere  die  Gleichsetzung  von  „Kapital“  und  „Kapitalien“)
einen  Teil  des  Gewinnes  abzutreten.“
In  den  Paragraphen  wieder,  in  denen  er  von  der  Bedeutung  des
Kapitals  für  Landwirtschaft  und  stoffveredelnde  Gewerbe  spricht 4  * ),
deckt  sich  seine  Definition  des  Kapitals  ungefähr  mit  dem  jetzigen
Sprachgebrauche  der  Wissenschaft.  Über  die  Hälfte  der  Kapitel,
fast  zwei  Drittel  der  ganzen  Abhandlung  widmet  er  der  Betrachtung
des  Kapitals,  mißt  ihm  also  eine  große  Bedeutung  bei;  und  wenn
auch  eine  Betrachtung  dieser  Ausführungen  streng  genommen  nicht
in  den  Rahmen  dieser  Arbeit  fällt,  da  es  sich  hier  nach  den  eigenen
Worten  Turgots  nicht  um  einen  Produktionsfaktor  handelt,  so  kann
man  doch  aus  ihnen  gut  den  Fehler  erkennen,  den  der  Physiokratismus
  in  der  Produktionsfaktorenlehre  gemacht  hat.
Er  betrachtet  es  als  die  Aufgabe  des  Kapitals,  die  zur  Produktion
notwendigen  Vorschüsse  zu  leisten,  und  hier,  so  sagt  er,  ist  es  unentbehrlich ­
  6 ).  Sowie  Ackerbau,  Industrie  und  Handel  gegen  den  Ur*) ­
  Turgot,  a.  a.  0.,  §  51  (S.  35).
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  §  52.
a )  Ders.,  a.  a.  0.,  §  71.
*)  Ders.,  a.  a.  0.,  §§  53,  54,  60,  61.  63,  67,  71,  72.
®)  Ders.,  a.  a.  0.,  §  53.
        <pb n="10" />
        7

zustand  des  Nebeneinanderlebens  der  Menschen  auch  nur  den  geringsten ­
  Fortschritt  gemacht  haben,  kann  kein  Gewerbe  ohne  eine
Anzahl  von  Werkzeugen  und  eine  Menge  von  Lebensmitteln,  die  den
Arbeiter  bis  zur  Fertigstellung  des  Produktes  seiner  Arbeit  zu  unterhalten ­
  haben,  in  Angriff  genommen  werden.  Hiermit  kann  man  sich
ohne  weiteres  einverstanden  erklären,  wenn  es  auch  nur  die  eine
Gattung  des  Kapitals,  das  sogenannte  „umlaufende“  ist,  welches  diese
Aufgabe  zu  erfüllen  hat.
Nun  kommt  aber  die  von  jeder  Abhandlung  über  das  Kapital
untrennbare  Lehre  vom  Zins,  die  natürlich,  da  ja  Turgot  die  Produktivität ­
  des  Kapitals  verneint,  ganz  andere  Resultate  ergeben  muß,
als  sie  heute  allgemein  anerkannt  sind.  Auf  verschiedene  Art  und
Weise,  so  heißt  es  in  den  §§  59—75  der  „Betrachtungen“,  kann
man  Kapital  —  ob  hier  Kapital  im  eigentlichen  Sinne  gemeint  ist
oder  Geld,  läßt  sich  nicht  recht  erkennen,  nach  §  59  und  71  setzt
er  beides  gleich  —  nutzbringend  anlegen.
Erstens:  man  kauft  sich  dafür  ein  Grundstück J ),  welches  in  Gestalt ­
  der  Bodenfrüchte  eine  jährliche  Rente  liefert.  Zweitens:  man
kann  es  in  gewerblichen  oder  industriellen  Unternehmungen  anlegen  *  2 )
(ich  lasse  che  landwirtschaftlichen  Unternehmungen,  die  in  diesem  Zusammenhänge ­
  ebenfalls  angeführt  sind,  um  der  klaren  Gegenüberstellung ­
  willen  fort).  Diese  letztere  Kapitalsanlage  muß  ihm  genau
soviel  einbringen,  als  wenn  er  sich  für  dasselbe  Geld  ein  Grundstück
gekauft  hätte,  denn  kein  Mensch  wird  so  töricht  sein,  bemerkt  Turgot ­
  ganz  richtig,  ein  Kapital  nicht  so  anzulegen,  daß  es  die  größtmöglichsten ­
  Erträge  bringt.  Man  beachte  nun  die  Inkonsequenz,  die
in  dieser  Behauptung  liegt:  bei  Kapitalsanlage  I  wirken  zwei  Produktionsfaktoren ­
  zusammen:  Grund  und  Boden  und  eine  gewisse
Summe  menschlicher  Arbeit,  sie  bringen  im  Laufe  eines  Jahres  Güter
im  Werte  von  x  hervor.  Bei  Anlage  II  wirkt  ebenfalls  zweierlei
zusammen:  dieselbe  Summe  Arbeit  und  das  nichtproduktive  Kapital,
und  sie  bringen  ebenfalls  Güter  im  Werte  von  x  hervor.  Die  einfachste ­
  Regeldetrie  ergibt  doch  bei  den  beiden  Gleichungen
x-y  =  z
a  •  y  =  z
daß  x  gleich  a  sein  muß,  daß  also  Kapital  genau  so  produktiv  sein
muß,  als  Grund  und  Boden.  Turgot  unterläßt  es  aber,  diesen  letzten

*)  Turgot,  a.  a.  0.,  §  59  (S.  40).
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  §  60  (S.  41).
        <pb n="11" />
        8

Schluß  zu  ziehen  und  so  kommt  er  bei  der  Kapitalsanlage,  die  er
als  dritte  Möglichkeit  hinstellt 1 ),  dem  Ausleihen  auf  Zins,  in  arge
Schwierigkeiten;  denn  wie  ist  es  zu  erklären,  daß  jemand  Zinsen  verlangen ­
  kann  für  eine  Geldsumme,  die  doch  gar  nicht  imstande  ist,
diese  Zinsen  wieder  einzubringen,  da  ihr  ja  jede  Produktivität  mangelt?
Und  diese  unsere  Spannung  nach  der  Lösung  des  Rätsels  wird  vermehrt, ­
  wenn  wir  lesen *  2 ):  „Der  Preis  des  Darlehns  ist  keineswegs,
wie  man  sich  wohl  einbilden  könnte,  auf  den  Gewinn  gegründet,  den
der  Entleiher  mit  dem  Kapital,  dessen  Benutzung  er  kauft,  zu  machen
hat.“  Und  nun  kommt  im  §  74  die  Antwort,  die  eigentlich  gar  keine
Antwort  ist:  „Der  Verleiher  ist  berechtigt  den  Darlehenszins  zu  fordern
einzig  aus  dem  Grunde,  weil  sein  Geld  ihm  gehört.  Er  ist  ja  nicht
verpflichtet  es  auszuleihen;  tut  er  es  dennoch,  so  kann  er  es  unter
den  Bedingungen  tun,  die  ihm  passen.“  Die  Unzulänglichkeit  dieser
Erklärung  tritt  sofort  klar  zutage,  wenn  wir  die  entsprechende  Parallele
beim  Grund  und  Boden  ziehen:  der  Verpächter  von  Grund  und
Boden  wäre  demnach  berechtigt,  doppelte  Pacht  zu  fordern,  erstens
weil  das  verpachtete  Grundstück  Früchte  bringt,  zweitens  weil  es  ihm
gehört.  Es  müßte  demnach  die  Anlage  von  Kapital  in  Grund  und
Boden  rationeller  sein,  als  die  Anlage  derselben  Summe  in  gewerblichen ­
  Unternehmungen,  da  letztere  bloß  den  Zins  bringen,  der  aus
dem  Eigentumsrechte  entspringt,  während  ersterer  außerdem  noch
die  Bodenprodukte  hervorbringt.  Aber  dem  widerstreitet  wieder  das,
was  er  in  den  §§  84—86  ausführt,  nämlich:  daß  es  nur  die  verschieden
große  Summe  von  Arbeit,  die  die  einzelnen  Anlagen  erfordern,  und
das  ungleiche  Risiko  sind,  die  das  angelegte  Kapital  je  nachdem
mehr  oder  weniger  tragen  lassen.
Noch  näher  auf  Turgots  Lehren  vom  Kapital  einzugehen,  erübrigt ­
  sich,  denn  wie  wir  sehen,  häuft  sich  schon  in  den  grundlegenden ­
  Sätzen  Widerspruch  auf  Widerspruch;  und  wenn  die  Grundlagen ­
  falsch  sind,  so  ist  das,  was  auf  ihnen  aufgebaut  ist,  erst  recht
unhaltbar.
Interessant  ist  seine  Wertlehre,  auf  die  ich  noch  einen  kurzen
Blick  werfen  möchte.  Wenn  er  auch  noch  keine  reinliche  Scheidung
zwischen  Wert  und  Preis  trifft,  so  läßt  sich  doch  erkennen,  daß  er
die  Dringlichkeit  des  Bedürfnisses  als  den  Hauptfaktor  ansieht 3 )?

*)  Turgot,  a.  a.  0.,  §  72  (S.  53).
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  §  73.
a )  Ders.,  a.  a.  0.,  §  33  (S.  23).
        <pb n="12" />
        9

durch  den  das  Werturteil  des  Menschen  gebildet  wird.  Obgleich
dieses  eigentlich  nicht  zu  unserem  Thema  gehört,  so  ist  doch  die  Anführung ­
  dieser  Tatsache  von  Bedeutung  für  die  Vergleichung  späterer
Theorien,  bei  denen  der  Wert  in  unmittelbare  Abhängigkeit  von  der
Produktion  gebracht  wird.  Turgot  ist  aber  sicher  auf  dem  richtigen
Wege,  denn  der  Wert  ist  es,  der  die  Produktion  bestimmt,  und  nicht
umgekehrt,  wie  wir  es  z.  B.  bei  Karl  Marx  finden  werden,  der  den
Wert  einer  Sache  allein  nach  der  Summe  der  zur  Herstellung  verwandten ­
  Arbeit  berechnen  will.  Allerdings  verfällt  auch  Turgot  der
Einseitigkeit,  indem  er  das  Bedürfnis  als  das  allein  maßgebliche
hinstellt.
Kritik.
Die  beiden  Hauptfehler,  an  denen  die  physiokratische  Produktionslehre ­
  krankt,  sind  leicht  einzusehen.  Einmal  sind  sich  die  Physiokraten
  über  den  Begriff  der  „Produktion“  nicht  klar  gewesen.  Sie
verstanden  unter  „produzieren“  ein  Hervorbringen  von  neuen  Gütern,
während  es  doch  in  Wirklichkeit  nichts  anderes  heißt  als:  Umformen
von  vorhandenen  Stoffen  in  der  Art,  daß  dabei  ein  Überschuß  von
Werten  erzielt  wird.  Zu  dem  einmal  vorhandenen  Stoff  und  der  einmal ­
  vorhandenen  Kraft  können  wir  nicht  das  geringste  hinzutun  oder
davon  wegnehmen.  Und  darin  liegt  der  zweite  Irrtum  der  Physiokraten,
daß  sie  annahmen,  die  Landwirtschaft  bringe  neue  Produkte  hervor;
auch  sie  formt  nur  die  im  Boden  vorhandenen  Stoffe  und  Kräfte  um.
Auf  Grund  dieser  beiden  Irrtümer  ist  es  selbstverständlich,  daß
die  Physiokraten  dem  Kapital  keine  Produktivität  zuschrieben,  und  in
Anbetracht  dessen,  daß  über  diese  beiden  soeben  richtig  gestellten
Tatsachen  auch  heute  noch  lange  nicht  allgemein  die  wünschenswerte
Klarheit  herrscht,  werden  wir  nur  gut  tun,  wenn  wir  nicht,  wie  es
leider  häufig  geschieht,  mit  geringschätzender  Überlegenheit  auf  den
Physiokratismus  als  einen  längst  überwundenen  Standpunkt  herabsehen.
Wir  können  dies  um  so  eher  tun,  als  auch  Adam  Smith,  den  wir  im
folgenden  Kapitel  einer  näheren  Untersuchung  unterziehen  wollen,
trotzdem  er  diese  beiden  Grundfehler  wohl  erkannt  hat,  nur  mit
größter  Hochachtung  von  Quesnay,  Turgot  und  ihren  Anhängern
spricht.
        <pb n="13" />
        10

III.  Kapitel.
Adam  Smith.
Adam  Smith  leitet  die  dritte  große  Periode  in  der  Geschichte  der
neueren  Nationalökonomie  ein:  die  Periode  des  Individualismus.  Wenn
sie  schon  für  jene  eine  Zeit  des  höchsten  Aufschwungs  bedeutet,  deren
Schwächen  erst  spät  erkannt  und  überwunden  wurden,  so  bildet  sie
für  die  Geschichte  der  Theorie  von  den  Produktionsfaktoren  schlechthin ­
  den  Höhepunkt,  da,  wie  ich  schon  in  der  Einleitung  bemerkte,
unsere  Zeit  nur  mehr  wenig  Wert  auf  diese  theoretischen  Betrachtungen ­
  legt.
Smith  beginnt  seine  Untersuchung  mit  dem  Urzustände  der  Menschheit, ­
  wo  ein  jeder  von  seiner  eigenen  Arbeit  lebt,  noch  nicht  von
anderen  abhängig  ist,  sondern  sich  alle  Bedürfnisse  selbst  befriedigt.
Das  letzte  ist  ihm  das  Wichtige,  worauf  es  ankommt,  daß  die  Wirtschaft ­
  einer  größeren  Zahl  von  Menschen  in  dieser  Entwickelungsphase ­
  aus  einer  Summe  von  sich  selbst  genügenden  Einzelwirtschaften
besteht 1 ).  Ob  diese  Wirtschaft  nun  mit  Kapital  betrieben  wird  oder
ohne  ein  solches,  und  welche  Produktionsfaktoren  bei  der  Erzeugung
von  Gütern,  die  natürlich  damals  auch  schon  stattgefunden  hat,  beteiligt ­
  waren,  ist  ihm  vollständig  Nebensache.  „Jedermann  sucht  durch
eigene  Arbeit  seine  gelegentlichen  Bedürfnisse  zu  befriedigen.“  Smith
begnügt  sich  also  darauf  hinzuweisen,  daß  die  Arbeit  zu  jeder  Gütererzeugung ­
  unbedingt  notwendig  ist  und  sieht  von  der  Aufstellung
irgendeiner  weiteren  Behauptung  oder  eines  Gesetzes  ah.
Vollständig  anders  wird  dagegen  das  Bild  mit  der  Ausbildung  der
Arbeitsteilung  und  des  Austausches  der  von  den  einzelnen  Individuen  angefertigten ­
  Gegenstände  untereinander.  Als  Voraussetzung  hierfür  sieht
er  die  Anhäufung  eines  gewissen  Vorrats  von  Lebensmitteln  und  Werkzeugen ­
  an  *  2 ).  Denn  da  ein  Gut  erst  dann  gegen  ein  anderes  ausgetauscht
werden  kann,  wenn  es  fertiggestellt  ist  und  einen  Käufer  gefunden
hat,  so  muß  derjenige,  der  es  herstellt,  in  der  Zwischenzeit  mit  allem
Nötigen  versorgt  sein,  mit  anderen  Worten  er  muß  sich  vorher  ein
hinreichendes  Kapital  angesammelt  haben,  ehe  er  daran  gehen  kann,

*)  Adam  Smith,  Untersuchung  über  das  Wesen  und  die  Ursachen  des  Volkswohlstandes. ­
  Uebers.  von  Stöpel,  Berlin  1878.  II.  Buch,  Kap.  1  S.  1:  „wo  .  .  .  .
jedermann  sich  alles  selbst  verfertigt.“
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  II,  2.
        <pb n="14" />
        11

eine  Sache  herzustellen,  von  deren  Austausch  er  sich  einen  besonderen ­
  Vorteil  verspricht.  Je  ausgebildeter  diese  Arbeitsteilung  wird,
desto  mehr  Vorräte  sind  naturgemäß  nötig,  oder,  indem  wir  den  ganzen
Satz  umkehren,  je  mehr  Vorräte  angesammelt  sind,  desto  mehr  kann
die  Arbeitsteilung,  die  im  Anfangsstadium  der  Gemeinschaftswirtschaft
sicher  die  mächtigste  Förderin  des  Fortschrittes  war,  vor  sich  gehen.
Nun  ist  es  aber  leicht  einzusehen,  daß  der  Mensch,  wenn  er  sich
dauernd  mit  einer  ganz  bestimmten  Tätigkeit  beschäftigt,  in  dieser
Tätigkeit  eine  größere  Geschicklichkeit  sich  aneignet  *),  als  wenn  er
sich  abwechselnd  auch  noch  anderen  zur  Befriedigung  seiner  Bedürfnisse ­
  nötigen  Beschäftigungen  hingeben  müßte.  Er  kann  also,  da  er
dies  nicht  zu  tun  braucht,  mit  demselben  Aufwand  von  Arbeit  eine
größere  Anzahl  von  Gütern  hersteilen,  oder  um  es  wieder  anders  auszudrücken ­
  :  er  kann  sein  Kapital  intensiver  vermehren  wie  früher.  Wir
sehen:  es  ergibt  sich  so  eine  Wechselwirkung  von  Arbeit  und  Kapital,
die  sich  beide  gegenseitig  fördern  und  vermehren,  eine  Wirkung,  die
aber  deshalb  nicht  ad  infinitum  fortgesetzt  werden  kann,  weil  die
Arbeitsteilung  nur  bis  zu  einem  gewissen  Grade  die  oben  ausgeführten ­
  vorteilhaften  Wirkungen  hat,  wie  wir  denn  auch  in  der  letzten
Zeit  an  dieser  Grenze  angekommen  zu  sein  scheinen.  Wenigstens
macht  sich  ganz  allgemein  der  Umschwung  bemerkbar,  sowohl  die  einzelnen ­
  Betriebe  in  einer  Hand  zu  vereinigen,  als  auch  in  der  Verteilung ­
  der  Arbeit  an  die  einzelnen  Arbeiter  nicht  mehr  weiterzugehen. ­

Doch  nach  dieser  kurzen  Abschweifung  zurück  zu  unserem  Thema:
je  fleißiger  ein  Volk  ist,  d.  h.  je  größer  das  Verhältnis  der  arbeitenden ­
  Personen  zu  den  nichtarbeitenden  ist,  desto  größer  wird  der  Wohlstand ­
  des  Volkes  sein.  Aber  Smith  erkennt  sofort,  daß  dieses  Gesetz
in  der  eben  ausgesprochenen  allgemeinen  Form  nur  für  die  ersten
Anfänge  der  Arbeitsteilung  gültig  sein  kann,  und  daß  nach  und  nach
eine  solche  Differenzierung  in  der  Arbeit  eingetreten  ist,  daß  sich  eine
Modifizierung  als  nötig  erweist.  Und  so  teilt  er  die  Arbeit,  abgesehen ­
  davon,  daß  sie  von  verschiedener  Intensität  sein  kann,  in  zwei
Gruppen:  produktive  und  unproduktive  Arbeit *  2 );  produktiv  ist  sie
dann,  wenn  sie  dem  von  ihr  verarbeiteten  Materiale  noch  einen
neuen  AVert  hinzufügt,  unproduktiv,  wenn  sie  diese  Eigenschaft
nicht  hat.

*)  Smith,  a.  a.  0.,  I,  11.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  II,  80  ff.
        <pb n="15" />
        12

Das  nötigt  uns  kurz  darauf  einzugeken,  aus  welchen  Bestandteilen ­
  nach  Adam  Smith  der  Wert  einer  Sache  bestehen  kann.
Seine  Wertlehre  ist  leider  nicht  unbestritten  klar.  Fast  allgemein ­
  sehen  wir  die  Anschauung  vertreten,  daß  er  die  Arbeit  als
einzigen  Wertfaktor  ansähe.  Darauf  stützten  nicht  nur  die  Sozialisten ­
  ')  ihr  ganzes  System,  auch  unbedingte  Gegner  von  Kodbertus
und  Marx  sprechen  dieselbe  Annahme  aus *  2  3 ),  und  die  Worte  des  Adam
Smith  im  5.  Kapitel  des  ersten  Teiles  scheinen  dem  Bucht  zu  geben.
Sehen  wir  uns  aber  im  6.  Kapitel  seine  Preislehre  der  kapitalistischen
Produktion  näher  an,  so  steigen  uns  doch  Bedenken  auf,  ob  Adam
Smith  den  Satz,  daß  die  Arbeit  der  alleinige  Wertfaktor  sei,  so  unbedingt ­
  allgemein  gültig  hingestellt  haben  will 8 ).  Wie  gesagt,  unzweideutig ­
  klargestellt  ist  die  Frage  nicht;  wenn  wir  aber  erwägen,
daß  Preis  und  Wert  volkswirtschaftlich  auf  gef  aßt  zusammenfallen 4  5 ),
und  auch  Adam  Smith  im  5.  Kapitel  des  ersten  Buches  Wert  und
Preis  als  wesensgleich  behandelt,  so  möchten  wir  uns  doch  für  folgende ­
  Auffassung  der  Wert-  oder  Preislehre  des  Adam  Smith  entscheiden ­
  :
In  der  allerersten  Zeit  des  Tauschverkehres,  wo  Grund  und  Boden
noch  nicht  Privateigentum  waren  und  die  Werkzeuge  leicht  zu  beschaffen, ­
  war  die  Arbeit  der  einzige  Wertmesser,  der  durch  alle  Zeiträume ­
  hindurch  den  gleichen  Wert  behielt 6 ).  Nach  ihr  wurde  also
der  Wert  eines  jeden  auf  den  Tauschmarkt  gebrachten  Gutes  abgeschätzt, ­
  wobei  natürlich  auch  der  verschiedene  Grad  der  Intensität  zur
Geltung  kam.  Als  aber  der  Grund  und  Boden  in  Privateigentum
überging,  da  verlangte 6 )  sein  Besitzer  von  demjenigen,  den  er  auf
seinem  Grundstück  arbeiten  ließ,  einen  Teil  seines  Lohnes  als  Bezahlung ­
  für  die  Erlaubnis,  sein  Eigentum  zu  benutzen.  Und  eben
dasselbe  trat  ein,  als  sich  der  Stand  der  Kapitalisten  herausbildete,
der  es  als  Erwerbsgeschäft  betrieb,  andere  mit  den  in  ihrem  Eigentum

*)  Marx,  Das  Kapital,  herausgeg.  von  Engels,  Hamburg  1890:  I,  13  Eußnote.
2 )  Z.  B.  Conrad,  Politische  Ökonomie  1,  Jena  1907,  S.  16,  vgl.  aber  I,  333.
v.  Schullern-Schrattenhofen,  Die  Lehre  von  den  Produktionselementen  und  der
Sozialismus,  in  Conrads  Jahrb.  f.  Nat.  Ök.  u.  St.  N.  E.  X.  Bd.,  1885,  S.  307.
3 )  Smith,  a.  a.  0.,  I,  59:  „Die  Arbeit  mißt  den  Wert  .  .  .  (der  Kente  und
des  Gewinnes).  Also  ist  doch  nur  die  Arbeit  nicht  einziger  Wertfaktor  sondern
bloß  Wertmesser.
4 )  Conrad,  a.  a.  0.,  I,  18.
5 )  Smith,  a.  a.  0.,  I,  41.
5 )  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  68.
        <pb n="16" />
        13

stehenden  Werkzeugen  und  Maschinen  arbeiten  zu  lassen.  Auch  sie
verlangten  von  den  Arbeitern  dafür,  daß  sie  in  ihren  Werkstätten
Gelegenheit  fanden,  sich  ihren  Lebensunterhalt  zu  verdienen,  eine
Gewinnabgabe 1 ).  Diesen  Profit  des  Grundbesitzers  nennt  Smith  „Grundrente“ ­
  oder  bloß  „Pente“,  während  er  denjenigen  des  Kapitaleigentümers ­
  mit  „Kapitalgewinn“  oder  einfach  Gewinn  bezeichnet.  So  ist
es  ganz  allmählich,  mit  allen  Übergängen  selbstverständlich,  dahin
gekommen,  daß  der  Wert  eines  jeden  Gutes  im  allgemeinen  sich  aus
drei  Bestandteilen  zusammensetzt:  Pente,  Gewinn  und  Arbeitslohn *  2 ).
Aber  nicht  jede  Arbeit,  und  damit  kehren  wir  zu  unserem  Hauptgedankengang ­
  zurück,  schafft  neue  Werte.  Nach  seiner  beliebten
Methode  führt  Smith  zum  Beweis  ein  praktisches  Beispiel  an,  um
seine  theoretischen  Behauptungen  durch  Tatsachen  aus  dem  täglichen
Leben  zu  stützen  und  unserem  Verständnis  näher  zu  bringen.  „Es
ist  ein  großer  Unterschied“,  so  sagt  er,  „ob  ein  Kapitalist  Dienstmädchen ­
  oder  mit  demselben  Kapitalaufwande  Handwerker  beschäftigt.
Diese  fügen  allen  Dingen,  an  denen  sie  zu  arbeiten  haben,  neue  Werte
hinzu,  während  jene  auch  nach  jahrelanger  Tätigkeit  ihrem  Dienstherm
nicht  nur  keine  neuen  Werte  geschaffen,  sondern  ihn  vielmehr  eine
große  Menge  Kapitalien  gekostet  haben,  alle  ihre  Arbeit  ist  unproduktiv
  gewesen 3 ).  Smith  faßt  diesen  Begriff  der  unproduktiven  Arbeit
sehr  weit,  indem  er  z.  B.  auch  der  Tätigkeit  der  Ärzte,  Geistlichen
und  Gelehrten,  ja  sogar  aller  Verwaltungsbeamten  jede  Wertbildung
abspricht 4 ).
Beim  Kapital  macht  er  dieselbe  Einteilung:  als  produktiv  bezeichnet ­
  er  solches,  das  geeignet  ist,  durch  entsprechende  Arbeit
neue  Werte  hervorzubringen,  also  gewerbliche  Anlagen,  Maschinen,
Werkzeuge,  Arbeitslöhne,  um  es  zusammenzufassen:  alles  in  der
Landwirtschaft,  dem  Handel  und  der  Industrie  angelegte  Kapital.
Unproduktiv  ist  dagegen  alles  Kapital,  das  diese  Eigenschaft  neue
Werte  zu  schaffen,  nicht  auf  weisen  kann 5 ).  Hierher  fallen  also
sämtliche  Kapitalanlagen  für  den  oben  erwähnten  unproduktiven
Teil  der  Bevölkerung,  ferner  für  die  Wohnhäuser,  alle  Lebensmittel, ­
  weiterhin  die  große  Reihe  der  Luxuswaren,  deren  Bestimmung

')  Smith,  a.  a.  0.,  I,  66  f.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  69.
3 )  Ders.,  a.  a.  0.,  II,  77,  78.
4 )  Ders.,  a.  a.  0..  II,  79.
s )  Ders.,  a.  a.  0.,  II,  80  ff.
        <pb n="17" />
        14

bloß  in  dem  Verbrauchtwerden  besteht;  wie  wir  sehen  ein  stattlicher
Teil  aller  Güter.
Hiermit  ist  der  Einfluß  gekennzeichnet,  den  die  drei  Produktionsfaktoren ­
  Natur,  Arbeit  und  Kapital  auf  die  allgemeine  Entwicklung
eines  Volkes  haben:  die  Natur  liefert  den  Menschen  mit  ihren  verschiedenartigen ­
  Kräften  das  Material,  das  Arbeit  und  Kapital  in
gegenseitiger  Verstärkung  (oder  auch  Abschwächung  u.  U.)  verarbeiten.
Es  ist  das  Charakteristische  bei  Adam  Smith,  daß  er  die  einzelnen
Produktionsfaktoren  nicht  voneinander  abstrahiert  und  sich  bemüht,
den  Anteil  eines  jeden  von  ihnen  genau  festzustellen  und  auszurechnen,
daß  er  sie  vielmehr  als  gemeinsam  beteiligt  an  der  Produktion  der
Güter  hinstellt.  Alle  drei  beeinflussen  nicht  nur  den  Produktionsprozeß, ­
  sondern  auch  sich  selbst  untereinander,  wie  wir  es  namentlich
bei  dem  wechselseitigen  Verhältnis  zwischen  Arbeit  und  Kapital  gesehen ­
  haben.

Kritik.
Zur  verbessernden  Kritik  des  Adam  Smith  ist  nur  weniges  von
geringer  Bedeutung  zu  sagen.  Er  hat  der  Produktionslehre,  von
Einzelheiten  abgesehen,  in  ihren  Grundzügen  diejenige  Gestalt  gegeben,
die  sie  noch  heute  hat,  vor  allem  hat  er  dem  Kapitale  zu  seiner  ihm
gebührenden  Stellung  als  drittem  Produktionsfaktor  verholfen.  Allerdings ­
  vermissen  wir  vielfach  bei  ihm  die  notwendige  unzweideutige
Klarheit,  so  daß  kaum  ein  Schriftsteller  zu  soviel  Mißverständnissen
und  Auslegungsstreitigkeiten  Anlaß  gegeben  hat,  namentlich  wenn  sich
die  Darstellung  irgendeiner  Smithschen  Ansicht  nur  auf  eine  einzige
Belegstelle  stützt.  "Wir  sind  deshalb  überzeugt,  daß  nicht  alles,  was
wir  hier  als  Smithsche  Theorie  hingestellt  haben,  unbestritten  als
solche  wird  hingenommen  werden.  Aber  nach  einer  Vergleichung  und
Durcharbeitung  sämtlicher,  nicht  bloß  einzelner  in  Betracht  kommender
Stellen  haben  wir  uns  doch  zu  der  hier  dargestellten  Auslegung  entschlossen. ­

An  all  die  anderen  uns  mehr  oder  weniger  widersprechenden
Anschauungen  längere  Erörterungen  zu  knüpfen,  würde  zu  weit  führen,
wir  möchten  darum  nur  eine  besonders  scharfe  Kritik  des  Adam
Smith  eingehender  beleuchten,  die  wir  in  Böhm-Bawerks  „Geschichte
und  Kritik  der  Kapitalzinztheorien“  finden  und  die  unseren  Ausführungen ­
  so  direkt  entgegenläuft,  daß  sie  eine  Widerlegung  erforderlich ­
  macht.  Auf  zwei  Punkte  namentlich  bezieht  sich  Böhm-Bawerks
        <pb n="18" />
        15

recht  schroffe  Verurteilung  der  Adam  Smithschen  Kapitalstheorien:
erstens  auf  die  Begründung  des  Kapitalzinses,  d.  h.  auf  die  Frage,
inwiefern  das  Kapital  produktiv  sei,  und  zweitens  auf  die  Quelle,  aus
der  der  Kapitalgewinn  des  Unternehmers  stammt.  Recht  geben
können  wir  Böhm-Bawerk  nur  darin,  daß  Adam  Smith  sich  mitunter
einer  etwas  ausführlicheren  und  deutlicheren  Ausdrucksweise  hätte
bedienen  können,  um  alle  Mißverständnisse  auszuschließen,  aber  in
der  Sache  an  sich  können  wir  uns  mit  seinen  Einwendungen  nicht
einverstanden  erklären.
Der  erste  Vorwurf,  den  er  Adam  Smith  macht,  lautet 1 ),  Smith
habe  überhaupt  keine  bestimmte  Kapitalzinstheorie  aufgestellt,  sondern
behauptet,  der  Zins  sei  nur  daraus  zu  erklären,  daß  der  Kapitalist
sonst  kein  Interesse  daran  hätte,  sein  Kapital  in  der  produktiven  Beschäftigung ­
  von  Arbeitern  zu  verwenden.  Aus  den  von  Böhm-Bawerk
  angeführten  Stellen  des  „Wealth  of  Nations“  läßt  sich  dem
nichts  entgegenstellen,  er  hat  aber  die  Stelle  übersehen,  in  der  Adam
Smith  den  wahren  Grund  des  Kapitalzinses,  der  in  der  Produktivität
des  Kapitals  liegt,  angibt,  allerdings  sehr  kurz  und  ohne  dies  näher
zu  betonen.  Diese  Stelle  findet  sich  im  ersten  Kapitel  des  ersten
Buches 2 ).  Wir  meinen  die  Worte:  „Drittens  und  letztens  muß  jeder
sehen,  wie  sehr  die  Arbeit  durch  Anwendung  geeigneter  Maschinen
abgekürzt  wird.“  —  Maschinen  hier  natürlich  im  weitesten  Sinne  des
Wortes— 8 ).  Hierin,  in  der  Erleichterung  und  Abkürzung  der  vorher
nötig  gewesenen  Arbeit  durch  die  Maschinen,  d.  h.  des  Kapitals,  liegt
die  Begründung  des  Kapitalzinses.  Danach  ist  es  natürlich  nur  selbstverständlich, ­
  daß  der  Eigentümer  des  Kapitals  für  dessen  produktive
Tätigkeit  einen  Gew'inn  erhält.  Böhm-Bawerk  hat  somit  den  vorletzten ­
  Grund  für  den  letzten  angesehen  und  so  dem  Adam  Smith
eine  Kapitalstheorie  zugeschrieben,  die  auf  derselben  Stufe  wie  die
Turgotsche  stehen  würde 4 );  die  oben  aus  dem  ersten  Kapitel  zitierte
Stelle  beweist  aber  die  Unhaltbarkeit  seiner  Vorwürfe.
*)  v.  Böhm-Bawerk,  Geschichte  und  Kritik  der  Kapitalzinstheorien,  Innsbruck
1884,  S.  81.
2 )  Smith,  a.  a.  0.,  I,  11  Zeile  20,  S.  13  Zeile  19  ff.
s )  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  13.
4 )  Turgot,  a.  a.  0.,  §  74:  „Der  Kapitalist  kann  den  Zins  fordern  aus  dem
Grunde,  weil  sein  Geld  ihm  gehört;  ....  nichts  verpflichtet  ihn  es  auszuleihen;
wenn  er  es  dennoch  ausleiht,  so  kann  er  es  unter  jeder  Bedingung  tun,  die  ihm
paßt.“  Böhm-Bawerk  (Smith)  a.  a.  0.,  S.  81:  „Ein  Kapitalgewinn  muß  existieren,
weil  sonst  der  Kapitalist  kein  Interesse  daran  hätte,  sein  Kapital  in  der  produktiven
Beschäftigung  von  Arbeitern  zu  verwenden.“
        <pb n="19" />
        16

Ebenso  unberechtigt  ist  die  andere  Behauptung  Böhm-Bawerks,
Adam  Smith  sei  sich  über  die  Quelle  nicht  klar  gewesen,  aus  der
der  Kapitalgewinn  fließt.  Wir  finden  in  den  „Kapitalzinstheorien“
eine  Beihe  von  Zitaten 1 )  aus  dem  „Wealth  of  Kations“,  die  sich
widersprechen  sollen,  derart,  daß  die  eine  Gruppe  besagen  soll,  der
Kapitalgewinn  sei  ein  Abzug  des  eigentlichen  Arbeitslohnes,  die  andere
aber,  er  sei  im  Preise  einer  jeden  Ware  noch  außer  dem  Arbeitslöhne ­
  enthalten.  In  den  zwei  letzten  der  angeführten  Fälle  liegt
unserer  Ansicht  nach  ein  Mißverständnis  vor,  indem  Smith  unter
„Arbeit“  schlechthin  Arbeit  des  Arbeiters  -f-  Arbeit  der  Maschinen
verstand,  während  Böhm-Bawerk  aus  dem  Worte  „Arbeit“  nur  die
Arbeit  des  Arbeiters  herauslesen  will.  Im  ersten  Fall  gibt  der  Ausdruck: ­
  „der  Wert,  welchen  der  Arbeiter  dem  Stoff  hinzufügt“  zu
einem  ähnlichen  Mißverständnis  Anlaß.  Denn  in  dem  Wert,  den  der
Arbeiter  dem  Stoffe  hinzufügt,  ist  doch  wohl  auch  der  Anteil  des
Kapitals  mit  enthalten,  das  nur  in  Verbindung  mit  menschlicher
Arbeit  fruchtbar  sein  kann,  während  Böhm-Bawerk  sich  unserer
Meinung  nach  wieder  zu  streng  an  den  Wortlaut  hält.  Wie  gesagt,
einen  restlosen  Beweis  können  wir  bei  der  Ungenauigkeit  der  Smithschen
  Ausdrucksweise  für  unsere  Annahme  nicht  führen,  aber  schon
die  ersten  Sätze  des  neunten  Kapitels  des  ersten  Buches  über  den
Kapitalgewinn 2 )  lassen  erkennen,  daß  Adam  Smith  den  Kapitalzins
nicht  als  einen  Teil  des  eigentlichen  Arbeitslohnes  ansieht,  denn  bei
entgegengesetzter  Auffassung  würden,  wie  jeder  leicht  einsieht,  die
unten  angeführten  Sätze  sinnlos  sein.
Um  nun  zu  Adam  Smith  selbst  zurückzukehren,  so  möchten  wir
im  einzelnen  als  die  hauptsächlichsten,  allerdings  die  Grundlagen  seines
Systems  nicht  berührenden  Fehler  folgende  anführen:
Vor  allem  fordert  unseren  Widerspruch  die  Unterschätzung  der
geistigen  Arbeit  heraus.  Wenn  man  auch  den  praktischen  Nutzen
der  Schauspieler,  Musiker,  Opernsänger  usw.,  um  einige  von  Smith
angeführte  Berufsklassen  hier  zu  erwähnen,  nicht  auf  den  ersten  Blick
erkennen  mag,  obgleich  unserer  Meinung  nach  auch  diese  durchaus

*)  Böhm-Bawerk,  a.  a.  0.,  S.  82—84.
2 )  Smith,  a.  a.  0.,  I,  122:  „Das  Steigen  und  Fallen  im  Kapitalgewinn  hängt
von  denselben  Ursachen  ah  wie  das  Steigen  und  Fallen  im  Arbeitslohn  .  .  .  .;  aber
diese  Ursachen  berühren  den  einen  ganz  anders  als  den  anderen.  Das  Wachstum
des  Kapitals,  das  den  Lohn  erhöht,  wirkt  auf  Verminderung  des  Gewinnes.“
Diese  und  ähnliche  Sätze  lassen  deutlich  erkennen,  daß  Adam  Smith  Arbeitslohn ­
  und  Kapitalgewinn  als  zwei  völlig  voneinander  getrennte  Begriffe  ansieht.
        <pb n="20" />
        2

17  —

produktive  Mitglieder  der  Gesellschaft  sind,  so  muß  es  doch  großes
Erstaunen  erregen,  daß  auch  den  Geistlichen,  Juristen,  Ärzten,  überhaupt ­
  Gelehrten  aller  Art  jede  Produktivität  abgesprochen  wird.
Außerdem  ist  Adam  Smith  hier  eine  kleine  Inkonsequenz  untergelaufen, ­
  indem  er,  um  vielleicht  diese,  auch  ihm  etwas  ungewöhnlich
klingende  Behauptung  abzuschwächen,  die  oben  erwähnten  Berufsklassen ­
  als  „nützlich  und  edel  aber  nicht  produktiv“ 1 )  bezeichnet.
Was  kann  aber  „nützlich“  in  diesem  Zusammenhänge  anderes  bedeuten ­
  als  „zur  Produktion  irgendwie  beitragend“?  Einigermaßen  zu
erklären  ist  die  Nichtachtung  der  geistigen  Arbeit  dadurch,  daß  er
vor  dem  Zeitalter  der  Erfindungen  gelebt  hat.  Doch  wenn  wir  auch
alle  Erfindungen  auf  naturwissenschaftlichem  und  technischem  Gebiete
außer  acht  lassen,  auch  die  Arbeit  der  Geistlichen,  Ärzte  und  Juristen
hat  eine  eminente  Bedeutung  für  die  gesamte  Volkswirtschaft  wie  für
den  einzelnen.  Der  Arzt  erhält  den  Arbeitern  ihre  Arbeitskraft  oder
gibt  sie  ihnen  wieder,  der  Geistliche  hat  die  Aufgabe,  der  großen
Masse  des  Volkes  einen  inneren  Halt  im  Kampfe  ums  Dasein  zu
geben,  wie  man  auch  über  die  tatsächliche  Erfüllung  dieser  Aufgabe
denken  mag.  Der  Jurist  hat  einem  jeden  sein  Hecht  zu  verschaffen
und  für  die  ordnungsgemäße  Verwaltung  der  Gemeinwesen  zu  sorgen:
alles  Aufgaben,  die  zur  Förderung  der  Wirtschaft  unbedingt  notwendig ­
  sind  und  deren  Erfüllung  daher  auch  als  produktive  Arbeit
bezeichnet  werden  muß,  ganz  gleich,  ob  sie  sich  in  einem  bestimmten
Gegenstände  verkörpert  oder  nicht.  Gerade  diese  Nichtachtung  der
geistigen  Arbeit  hat  den  Sozialisten  viel  Stoff  zur  Aufstellung  ihrer
Systeme  geliefert,  die  sich  hier  auf  eine  in  der  Nationalökonomie  allgemein ­
  anerkannte  Autorität  wie  Smith  berufen  konnten.  Namentlich
ist  es  Karl  Marx,  bei  dem  man  diese  Ideen  des  englischen  Gelehrten
in  großer  Zahl  wiederfindet.
Genau  so  steht  es  mit  der  Unterschätzung  der  Bedeutung  des
Staates,  der  staatlichen  Ordnung  und  der  Organe,  die  sie  aufrecht  zu
erhalten  haben.  Man  darf  eben  den  Begriff  „produktiv“  nicht  zu  eng
fassen:  es  ist  durchaus  nicht  notwendig,  daß  eine  Tätigkeit  sofort
sichtbare  Werte  schafft  und  greifbare  Resultate  zutage  fördert,  um
produktiv  zu  sein.  Alle  Arbeit  und  alle  Einrichtungen,  die  letzten
Endes  zu  einer  Wertvermehrung  beitragen,  und  mag  der  Weg  bis
zu  diesem  Erfolge  noch  so  lang  sein,  müssen  als  produktiv  angesehen
werden.  Um  nur  ein  Beispiel  herauszugreifen:  Sind  etwa  die  großen

‘)  Smith,  a.  a.  0.,  II,  79.
        <pb n="21" />
        18

Aufwendungen,  die  die  Gesamtheit  für  die  Erziehung  und  Ausbildung
ihrer  heranwachsenden  Jugend  macht,  unproduktiv,  weil  sich  erst
nach  20  bis  30  Jahren,  wenn  die  Kinder  zu  Männern  geworden
sind,  der  Lohn  für  das  aufgewandte  Kapital  und  all  die  Mühe  und
Arbeit  zeigt?
Dies  wird  wohl  niemand  behaupten  wollen.  Wohl  aber  können
wir,  wie  dies  Beispiel  zeigt,  eine  Trennung  in  der  Hinsicht  treffen,
daß  wir  direkte  und  indirekte  Produktion  unterscheiden.  Wir
würden  dann  als  direkt  produktiv  solche  Tätigkeiten  usw.  bezeichnen,
die  selbst  eine  Werterhöliung  bewirken,  während  als  indirekt  produktiv
diejenigen  angesehen  werden  müßten,  die  den  Erfolg  haben,  daß
andere  Tätigkeit  oder  anderes  Kapital  neue  Werte  schaffen  können.
Wohl  stellt  sich  die  Arbeit  des  Herrschers,  der  Verwaltungsjuristen, ­
  der  Beamten,  des  Militärs  usw.  nicht  in  einem  greifbaren
äußeren  Resultate  dar,  aber  wie  wollten  wir  ohne  eine  staatliche
Ordnung  auskommen?  Smith  bestreitet  das  allerdings  nicht,  möchte
aber  die  Arbeit  des  Staates  auf  die  Beseitigung  etwaiger  Störungen
und  auf  die  Garantie  der  Freiheit  des  einzelnen  beschränkt  wissen.
Jedes  positive  Eingreifen  des  Staates  ist  ihm  ein  Greuel.  Das  Vermögen ­
  des  englischen  Volkes,  so  sagt  er,  ist  durch  den  Fleiß  und  die
Klugheit  einzelner,  die  an  der  Vermehrung  ihres  Vermögens  ein
natürliches  Interesse  haben,  anf  seine  große  Höhe  gekommen  5 j  und
der  Staat  hat  daher  nicht  die  geringste  Berechtigung,  diese  Tätigkeit
der  Bürger  irgendwie  zu  überwachen  oder  gar  durch  Gesetze  zu  ordnen.
Hier  wird  er  sogar  —  ein  seltener  Fall  bei  ihm  —  ausfallend,  indem
er  das  Eingreifen  des  Staates  als  „höchste  Unverschämtheit  und  Anmaßung“ ­
  2 )  bezeichnet.  Die  Begründungen  sind  die  bekannten,  mit
denen  uns  auch  heute  noch  die  Anhänger  der  möglichsten  Beschränkung
der  Staatsgewalt  zu  überzeugen  suchen,  an  der  Spitze  das  alte  Argument, ­
  daß  jeder,  da  es  sich  um  sein  Privatinteresse  handle,  selbst
am  besten  wissen  müsse,  wie  er  sich  am  vorteilhaftesten  betätigen
könne.  Daß  es  nicht  nur  eine  unmittelbare,  sondern  auch  eine  mittelbare ­
  Wertschaffung  gibt,  hat  Smith  noch  nicht  erkannt,  es  ist  erst
Mill  gewesen,  der  diese  Lücke  ausgefüllt  hat.
Nun  noch  ein  dritter  Punkt,  der  hervorgehoben  zu  werden  verdient ­
  :  es  ist  die  zu  geringe  Beachtung  des  Seltenheitsmomentes.  Ganz
übergeht  Adam  Smith  es  ja  nicht,  er  erkennt  seine  Bedeutung  bei

*)  Smith,  a.  a.  0.,  II.  98.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  II,  99.
        <pb n="22" />
        19

außergewöhnlichen  Zuständen ] )  und  beim  Monopol 2 )  ausdrücklich  an.
Aber  in  seiner  ganzen  Bedeutung  hat  er  es  doch  nicht  gewürdigt.
Er  fühlt  es  allerdings  dunkel,  wenn  er  bei  der  Besprechung  vom
natürlichen  und  vom  Marktpreis  als  Beispiel  anführt:  In  Canton
erhielte  man  für  eine  Unze  Silber  doppelt  soviel  als  in  London 8 );
aber  er  geht  über  diese  Tatsache,  die  er,  wie  gesagt,  nur  nebenbei  als
Beispiel  anführt,  ohne  sie  näher  zu  begründen  hinweg.  Er  würde,
hätte  er  sich  nach  dem  Grunde  dieser  auffälligen  Erscheinung  gefragt,
sicher  der  wahren  Ursache,  dem  Seltenheitsmoment  auf  die  Spur  gekommen ­
  sein.  Es  ist  eins  der  wichtigsten  Wertbildner,  wie  vor  allem
Conrad  *)  und  Schmoller 5 )  nachweisen.  Es  würde  außerhalb  unseres
Themas  liegen,  wollten  wir  diese  Lehre  näher  ausführen,  wir  verweisen
deshalb  auf  die  erwähnten  Autoren.
Inwiefern  stellt  nun  Adam  Smith  einen  Fortschritt  gegenüber
Turgot  dar?  Mit  dieser  Frage  verknüpft  sich  notwendig  eine  zweite:
hat  er  auf  der  von  den  Physiokraten  geschaffenen  Unterlage  weitergebaut, ­
  oder  hat  er  einen  vollständig  neuen  Weg  zur  Beantwortung
der  Frage  nach  den  Produktionsfaktoren  eingeschlagen?  Wir  müssen
wohl,  wenn  wir  nur  die  Theorie  der  Produktionsfaktoren  ins  Auge
fassen,  das  erstere  für  richtig  annehmen.  Dafür  sprechen  nicht  nur
seine  eigenen  Worte,  wie  wir  sie  im  vierten  Buche  seines  „Wealtb  of
Nations“  finden  ®),  in  dem  er  die  physiokratischen  Lehren  zwar  nicht
vollständig  anerkennt,  aber  doch  zugibt,  daß  die  Agrikultur  produktiver ­
  sei  als  die  Manufaktur 7 ),  dafür  sprechen  vor  allem  die  Übereinstimmungen, ­
  die  wir  bei  Turgot  und  ihm  finden  und  die  nicht
bloß  daher  rühren,  daß  beide  gemeinsame  Gegner  des  Merkantilismus ­
  sind.
Neben  manchen  Einzelheiten,  wie  der  Lehre  vom  Gelde  und  von
der  Notwendigkeit  des  Kapitals  als  Vorschuß  bei  der  Begründung
von  Unternehmungen,  wo  Smith  und  Turgot  vollständig  dieselben  Gedanken ­
  entwickeln,  kommt  für  uns  hauptsächlich  ihre  gemeinsame
Rententheorie  in  Betracht.  Turgot  sagt 8 ):  „der  Ertrag  des  Bodens

*)  Smith,  a.  a.  0.,  I,  84.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  85.
3 )  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  51.
*)  Conrad,  a.  a.  0.,  I,  13.
5 )  Schmoller,  Grundriß  der  allgemeinen  Volkswirtschaftslehre,  Leipzig  1904,  S.  565.
6 )  Smith,  a.  a.  0.,  III,  209  ff.
’)  Ders.,  a.  a.  0.,  HI,  226.
8 )  Turgot,  a.  a.  0.,  §  14  (S.  10).

2*
        <pb n="23" />
        20

teilt  sich  in  zwei  Teile,  einmal  das  Entgelt  für  die  aufgewandte  Arbeit
und  dann  einen  „unabhängigen  und  verfügbaren  Teil,  den  die  Erde
darüber  hinaus  gibt“.  Bei  Adam  Smith  lesen  wir  in  seinem  der  Rente
gewidmeten  Kapitel:  die  Rente  ist  der  für  die  Nutzung  des  Bodens
gezahlte  Preis,  nach  Abzug  aller  Unkosten  usw.  *),  also  im  Prinzip
finden  wir  bei  beiden  dasselbe.  Es  ist  eigentümlich,  daß  Adam  Smith
das  Mangelhafte  dieser  Erklärung  nicht  gefühlt  hat;  da  er  sich  doch
über  das  Wesen  der  Monopole  durchaus  im  klaren  ist,  mußte  er  den
Monopolcharakter  der  Grundrente  eigentlich  erkennen.  Es  liegt  daher
die  Annahme  nahe,  daß  er  diese  Sätze  aus  dem  ihm  so  sympathischen
Physiokratismus  in  sein  System  aufgenommen  hat.
Für  uns  bedeutungsvoll  wird  er  aber  naturgemäß  erst  da,  wo  er
die  physiokratischen  Ideen  für  verbesserungsfähig  hielt.  Wir  können
hier  wieder  zwei  Reihen  unterscheiden,  erstens  solche  Ideen,  die  er  in
ihrem  Kern  wohl  für  richtig,  aber  noch  nicht  genügend  geklärt  und
ausgebildet  ansah,  und  zweitens  solche,  die  er  gänzlich  verwarf  und
durch  neue  Erklärungen  ersetzte.
So  finden  wir,  um  nur  wenige  Beispiele  hervorzuheben,  die  Theorie
vom  natürlichen  und  vom  Marktpreis,  die  Adam  Smith  mit  solcher
Ausführlichkeit  behandelt  hat,  in  ihren  Grundzügen  schon  bei  Turgot 2 ),
wenn  auch  noch  sehr  aphoristisch  und  wenig  klar.  Da  nämlich  Turgot,
wie  wir  gesehen  haben,  in  den  ersten  Zeiten  der  Wirtschaft  das
größere  und  geringere  Bedürfnis  als  maßgebend  für  die  Preisbildung
ansieht,  so  fällt  es  ihm  selbstverständlich  schwer,  einen  natürlichen
Preis  zu  konstruieren,  und  er  spricht  daher  stets  nur  von  einem
Marktpreis,  ohne  sich  darüber  klar  zu  sein,  daß  dieser  jenen  notwendig ­
  voraussetzt.  Noch  wichtiger  für  uns  ist  die  Unterscheidung
von  produktiver  und  unproduktiver  Arbeit,  die  wir  gleichfalls  bei
beiden  vorfinden 3 );  nur  gebraucht  auch  hier  Turgot  diese  Ausdrücke
in  ganz  anderem  Sinne  als  Smith.  Gemäß  der  physiokratischen  Lehre
bezeichnet  er  alle  rohstofferzeugende  Arbeit  als  produktiv,  weil  sie
dem  Nationaleigentum  neue  Güter  hinzufüge,  alle  sonstige  Arbeit  aber
als  steril,  weil  sie  nur  schon  vorhandenen  Gütern  eine  andere  Gestalt
gäbe.  Daß  man  nicht  alle  Arbeit  als  gleichwertig  betrachten  dürfe,
daß  also  an  der  Unterscheidung  als  solcher  etwas  richtig  sein  müßte,
hat  Adam  Smith  erkannt,  nur  durfte  sie  für  ihn,  den  Begründer  der
Lehre  von  der  Produktivität  des  Kapitals,  nicht  in  diesem  Sinne

*)  Smith,  a.  a.  0.,  I,  201.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  76  ff.  Turgot,  §§  34,  35  (S.  23,  24).
3 )  Ders.,  a.  a.  0.,  II,  77  ff.  Turgot,  §  5  (S.  3).
        <pb n="24" />
        21

stehen  bleiben.  Er  behielt  also  die  Worte  Turgots  bei  und  gab
ihnen  einen  neuen  Inhalt:  produktiv  ist  die  Arbeit,  die  der  Gesellschaft
neue  bleibende  Werte  schafft,  unproduktiv  diejenige,  die  dies  nicht  tut.
An  diesen  beiden  Beispielen  glauben  wir  hinreichend  gezeigt  zu
haben,  wie  Smith  verschiedentlich  physiokratische  Gedanken  aufgegriffen, ­
  weitergebildet  und  verbessert  hat.
Wir  wollen  also  zum  Schluß  noch  das  näher  ins  Auge  fassen,
was  er  auf  unserem  Gebiete  Neues  geschaffen  hat:  hier  ist  es  als  sein
größtes  Verdienst  hinzustellen,  daß  er  den  Beweis  der  Produktivität
des  Kapitals  erbracht  hat.  Schon  das  allein  stellt  ihn  in  einen  solchen
Gegensatz  zu  den  Physiokraten,  daß  man  die  Behauptung,  er  habe
zu  viel  von  ihren  Ideen  zu  seinen  eigenen  gemacht,  als  daß  man  ihn
als  selbständigen  Förderer  der  Produktionslehre  bezeichnen  könne,
zurückweisen  muß.  Im  einzelnen  haben  wir  oben  ausgeführt,  inwiefern
das  Kapital  an  der  Güterproduktion  wertschaffend  mitwirkt,  so  daß
wir  es  hier  nicht  zu  wiederholen  brauchen.
Selbstverständlich  sieht  denn  auch  seine  Lehre  von  der  Wertbildung ­
  ganz  anders  aus,  als  wir  sie  bei  Turgot  vorgefunden  haben.
Dieser  glaubte  den  letzten  Grund  für  den  Wert  der  Güter  im  Bedürfnis ­
  zu  finden  und  überließ  die  Regelung  des  Marktpreises  dem
Wechselspiel  von  Nachfrage  und  Angebot.  Ganz  anders  Adam  Smith:
er  sieht  als  wertbildend  die  drei  Produktionsfaktoren  an,  und  nach
ihm  zerfällt  der  natürliche  Preis  jeder  Ware  in  die  drei  Anteile:
Lohn,  Gewinn  und  Rente  1 ),  wie  wir  es  an  der  entsprechenden  Stelle
genauer  auseinander  gesetzt  haben.  Leider  schießt  er  über  das  Ziel
hinaus,  indem  er  die  Bedürfnisfrage  als  ganz  nebensächlich  ausscheidet.
Wie  so  häufig  hegt  das  Richtige  in  der  Mitte:  weder  der  Aufwand
an  Produktionsmitteln,  noch  das  Bedürfnis  allein  ist  das  Entscheidende,
beides  ist  zur  richtigen  Wertbestimmung,  zu  der  allerdings  auch  noch
andere  Faktoren  mitwirken,  nötig.
Ganz  kurz  haben  wir  so  das  Verhältnis  von  Adam  Smith  zu
Turgot  zu  charakterisieren  gesucht  und  gezeigt,  daß  er  einiges  aus
den  pliysiokratischen  Ideen  unverändert  übernommen  hat,  andere  Gedanken ­
  bloß  aufgegriffen,  aber  in  anderer  Richtung  weiter  entwickelt,
endlich  aber  doch  sehr  viel  Neues,  und  zwar  Neues  von  entscheidender
Wichtigkeit  gebracht  hat.

l )  Smith,  a.  a.  0.,  I,  68.
        <pb n="25" />
        22

IV.  Kapitel.
J.  St.  MUL
Sehr  viele  haben  auf  dieser  von  Adam  Smith  gelegten  Grundlage
weitergearbeitet,  hier  und  dort  einen  kleinen  Fehler  berichtigend  und
sein  System  nach  den  verschiedensten  Richtungen  hin  ausbauend.  Es
ist  daher  überflüssig,  die  Anschauungen  aller  dieser  an  sich  sehr  bedeutenden ­
  Gelehrten  wie  Malthus,  Bastiat,  Carey,  von  Thünen,  und
vor  allem  Ricardo  wiederzugeben  und  wir  wollen  uns  darauf  beschränken, ­
  eine  kurze  Schilderung  der  endgültigen,  von  all  den  oben
erwähnten  großen  Nationalökonomen  weiter  gebildeten  Smithschen
Lehre  zu  geben,  wie  wir  sie  am  besten  bei  J.  St.  Mill  finden.
Es  ist  zweifelhaft,  ob  wir  ihn  unter  die  Großmeister  unserer
Wissenschaft  rechnen  sollen,  aber  er  ist  deshalb  für  uns  von  Wichtigkeit, ­
  weil  er  in  seinem  umfassenden  Wissen  alles,  was  seit  Adam
Smith  geschrieben  war,  kannte,  verwertete  und  kritisch  sichtete.  Er
gibt  uns  somit  in  seinen  „Principles  of  Political  Economy“  eine  gute
Übersicht  über  die  damals  allgemein  herrschenden  Smithschen  Anschauungen. ­
  Bezeichnend  ist,  daß  sein  oben  genanntes  Hauptwerk
heute  noch  das  verbreitetste  und  gelesenste  englische  Lehrbuch  der
Nationalökonomie  ist.
Als  erste  Erfordernisse  der  Produktion  sehen  wir  bei  ihm  „die
menschliche  Arbeit  und  geeignete  Naturgegenstände“  1 ),  er  deckt  sich
hier  also  vollkommen  mit  Adam  Smith,  geht  aber  dann  sogleich  einen
bedeutsamen  Schritt  weiter  als  dieser,  indem  er  den  Begriff  „Arbeit“
nicht  so  eng  faßt,  sondern  jegliche  Art  Arbeit  als  produktiv  gelten
läßt.  Er  kennt  zwar  auch  unproduktive  Arbeit 1  2 ),  schränkt  aber  ihren
Umfang  bedeutend  ein.  Indessen  müssen  wir  auch  mit  dem  Ausdruck ­
  „produktiv“  recht  vorsichtig  sein,  denn,  so  führt  Mill  treffend
aus,  selbst  die  größte  Summe  Arbeit  ist  nicht  imstande,  auch  nur  das
kleinste  Stäubchen  hervorzubringen,  sie  kann  nur  bewegen  und  umformen. ­
  Im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes  „produktiv“  ist  nur  die
Natur,  einzig  und  allein  die  Natur.  Der  Mensch  kann,  wenn  wir  es
uns  genau  betrachten,  mit  seiner  Arbeit  bloß  Material  und  Werkzeuge
1 )  J.  St.  Mill,  Grundsätze  der  politischen  Ökonomie,  Übers.  Adolph  Soetbeer,
Hamburg  1852,  I,  29.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  55  ff.
        <pb n="26" />
        23

in  die  richtige,  für  seinen  bestimmten  Zweck  erwünschte  Lage  bringen,
und  dann  müssen  die  Naturkräfte  das  übrige  besorgen.
Aber  viele  von  diesen  Stoffen  und  Kräften  sind  in  so  großer
Menge  vorhanden,  daß  sie  für  alle  Menschen  mehr  als  ausreichend
sind,  sie  haben  daher,  da  jeder  sich  in  jedem  Augenblicke  soviel  von
ihnen  zunutze  machen  kann,  wie  er  will,  keinen  Marktwert 1 );  denn
es  wird  keiner  für  etwas,  das  er  umsonst  haben  kann,  einem  anderen
etwas  bezahlen.  So  unendlich  viel  wir  also  auch  der  Natur  bei  der
Herstellung  unserer  Güter  zu  verdanken  haben,  so  ist  doch  in  dem
endgültigen  Preise  einer  Ware  ihr  Anteil  nicht  zu  finden.  Dies  wird
nur  bei  denjenigen  Gaben  der  Natur  der  Pall  sein,  die  uns  in  beschränkter ­
  Menge  zur  Verfügung  stehen.  Es  ist  dies  im  großen  Ganzen
der  Erdboden  mit  seinen  sichtbaren  und  unsichtbaren  Schätzen.  Von
ihm  ist  nur  eine  ganz  bestimmte,  sogar  in  Zahlen  ausdrückbare  Menge
vorhanden;  wer  es  also  verstanden  hat,  sich  beizeiten  ein  Stückchen
von  diesen  beschränkten  Naturgaben  zu  Eigentum  zu  verschaffen,  der
kann  nun  von  anderen  für  die  Erlaubnis,  ein  ihm  gehöriges  Gut  zu
benutzen,  ein  Entgelt  verlangen,  die  sogenannte  Bodenrente 2 ).  Hiermit ­
  sind  wir  wieder  bei  Adam  Smith  angelangt;  aber  wir  sehen  auch
zugleich  den  gewaltigen  Unterschied  zwischen  ihm  und  Mill,  während
ersterer  die  Bodenrente  als  den  im  Warenpreis  vorhandenen  Anteil
der  Natur  schlechthin  ansah,  läßt  Mill  dies  durchaus  frei,  indem  er
sagt,  erst  sobald  eine  Gabe  der  Natur  nur  in  beschränktem  Maße  vorhanden ­
  ist,  bekommt  sie  einen  Marktpreis.  Es  kann  ein  Naturprodukt,
das  aus  einem  in  beschränkter  Menge  vorhandenen  zu  einem  unbeschränkten ­
  wird,  seinen  anfänglichen  Wert  verlieren.  Auch  hier  kann
ein  Beispiel  angeführt  werden:  als  man  in  Australien,  um  die  dortige
Tierwelt  zu  beleben,  Kaninchen,  die  man  sicherlich  als  reines  Naturprodukt ­
  bezeichnen  kann,  importierte,  besaßen  diese  im  Anfang,  als
ihrer  noch  wenige  vorhanden  waren,  einen  erheblichen  Wert;  je  mehr
es  wurden,  desto  mehr  sank  dieser,  bis  heutzutage  die  Kaninchen  dort
nicht  nur  gar  keinen  Wert  mehr  besitzen,  sondern  die  Regierung
sogar  für  so  und  soviel  getötete  einen  Lohn  auszahlt,  nur  um  sie
wieder  loszuwerden 8 ).
Um  das  oben  Gesägte  zusammenzufassen:  Mill  der  erste,  der

*)  J.  St.  Mill,  a.  a.  0.,  I,  36:  man  beachte  übrigens  den  Ausdruck  Marktwert“,
der  hier  ohne  weiteres  für  Marktpreis“  gesetzt  ist.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  34.
3 )  Vom  Verfasser  gewähltes  Beispiel.
        <pb n="27" />
        24

das  Seltenheitsmoment  in  seiner  ganzen  Bedeutung  erkannt  und  dargelegt ­
  hat.
Im  allgemeinen  bedürfen  die  Gaben  der  Natur  einer  mehr  oder
minder  umfangreichen  Umarbeitung  durch  den  Menschen,  um  gebrauchsfertig ­
  zu  werden.  „Die  menschliche  Arbeitskraft  ist  aber  etwas,  was
ebenfalls  nur  in  durchaus  beschränkter  Menge  vorhanden  ist  und  deshalb ­
  im  Preis  der  fertigen  Ware  zum  Ausdruck  kommt“;  so  müßte
es  folgerichtig  nach  dem  bisher  entwickelten  Gedankengange  heißen;
aber  wir  sehen  diesen  Satz,  so  logisch  und  naheüegend  er  zur  Erklärung ­
  der  Bedeutung  der  Arbeit  als  Produktionsfaktor  ist,  bei  Mill
vergebens.  In  zwei  langen  Abschnitten  setzt  er  uns  auseinander,  wie
weit  der  Begriff  „Arbeit“  gefaßt  werden  müsse  und  wie  eng,  aber  den
Grund,  weswegen  die  menschliche  Arbeit  wertbildend  ist,  übersieht  er.
Es  ist  erst  Bodbertus  gewesen 1 ),  der  den  Gedanken  der  Beschränktheit ­
  einiger  Naturkräfte,  dem  Mill  zuerst  Ausdruck  gab,  auf  die
Arbeit  übertragen  hat.  Wir  können  uns  daher  eine  Kritik  an  dieser
Stelle  sparen.  «
Im  Gegensatz  zu  Adam  Smith,  der  unter  produktiver  Arbeit  nur
diejenige  verstand,  die  sich  in  einem  bestimmten  Gegenstand  verkörperte ­
  2 ),  faßt  Mill  diesen  Begriff  sehr  weit.  Nicht  nur  alle  die
Arbeiten,  die  unmittelbar  und  mittelbar  zur  Produktion  beitragen,
gelten  als  produktiv,  sondern  auch  alles,  was  nur  irgendwie  zur  Förderung ­
  der  materiellen  Kultur  beiträgt 8 ).  Der  Staat,  so  wenig  sich  Mill
auch  aus  ihm  macht 4 ),  ist  als  ein  zur  Aufrechterhaltung  der  Sicherheit ­
  und  Ordnung  notwendiges  Übel  anzusehen,  und  mit  ihm  das  ganze
Heer  der  Beamten,  Offiziere,  Soldaten  usw.  Wir  haben  schon  bei  der
Kritik  des  Adam  Smith  darauf  hingewiesen,  und  können  uns  hier
daher  kurz  dahin  fassen,  daß  auch  die  gesamte  geistige  und  künstlerische ­
  Arbeit  von  Mill  als  durchaus  wertbildend  angesehen  wird.  Nur
wenige  wirklich  unproduktive  Arbeiten  gibt  es,  alle  diejenigen,  die  mit

*)  Rodbertus,  Zur  Erkenntnis  unserer  staatswirtschaftlichen  Zustände  I,  Neubrandenburg ­
  1842,  S.  6.
Kozak,  Rodbertus-Jagetzows  sozialökonomische  Ansichten,  Jena  1882,  S.  32.
2 )  Smith,  a.  a.  0.,  II,  78.
s )  Wörtlich  lautet  die  Stelle  (I,  57):  „Produktive  Arbeit  bedeutet  Arbeitweiche ­
  Vermögen  hervorbringt“.  Der  Verfasser  glaubte  sie  mit  den  im  Text  an,
gegebenen  Worten  interpretieren  zu  können.

4 )  I,  58  „  was  allerdings  ein  Dienst  ist,  aber  weiter  tun  sie  (Armee
und  Flotte)  auch  nichts  im  Interesse  des  Landes.  Gleicher  Art  ist  auch  die  Arbeit
des  Gesetzgebers  und  aller  anderen  Angestellten  der  Regierung.“
        <pb n="28" />
        25

einem  unmittelbaren  Genuß  endigen 1 ).  Da  die  Arbeit  keinA  .Stoffe,
sondern  bloß  Nützlichkeiten  schaffen  und  ebenso  auch  bloß  solche
verbrauchen  kann,  so  ist  sie  demnach  unproduktiv,  wenn  sie  eine  Nützlichkeit ­
  irgendeines  Dinges  verbraucht,  ohne  eine  andere  an  deren
Stelle  zu  setzen.
Das  Gegenstück  zur  produktiven  und  unproduktiven  Arbeit,  oder
vielmehr  ihre  Vorbedingung  ist  die  produktive  oder  unproduktive
Konsumtion 2 ).  Es  ist  dies  ganz  selbstverständlich:  wenn  es  viele
Menschen  gibt,  die  Verlangen  nach  unproduktiven  Genüssen  haben,
so  wird  viele  Arbeit  darauf  verwendet  werden  müssen,  um  sie  zu  befriedigen ­
  und  wird  so  nutzbringenderen  Aufgaben  entzogen.  Wann
ist  aber  eine  Konsumtion  nutzbringend  und  damit  produktiv?  Dann
wenn  sie  geeignet  ist,  neue  Nützlichkeiten  hervorzubringen,  sei  es,  indem
direkt  aus  der  Verarbeitung  eines  Stoffes  ein  neuer  Gegenstand  mit
neuen  nützlichen  Eigenschaften  entsteht,  oder  indem  sie  dazu  dient,
produktive  Arbeiter  zu  unterhalten,  und  so  indirekt  zur  Produktion
beiträgt.  Diese  Umformung  geschieht  mit  Hilfe  von  Werkzeugen,
Maschinen  usw.,  eben  dem,  was  man  unter  dem  Namen  Kapital  zusammenfaßt. ­

Wir  können  uns  die  nähere  Ausführung  der  Millschen  Kapitalstheorie ­
  sparen,  da  sie  von  Adam  Smith  fast  unverändert  übernommen
ist.  Auch  er  unterscheidet  stehendes  und  umlaufendes  Kapital 8 )  im
Smithschen  Sinne  und  will  daher  die  verschieden  schnelle  Abnutzung,
die  Kicardo  als  das  wichtigste  Unterscheidungsmerkmal  hingestellt  hat 4 ),
nur  als  eine  weniger  bedeutsame  Nebenerscheinung  gelten  lassen.
Fernerhin  kennt  auch  er  eine  produktive  Verwendung  des  Kapitals 5 ),
wobei  er  entsprechend  seiner  weiteren  Umgrenzung  der  produktiven ­
  Arbeit  natürlich  auch  hier  weitherziger  ist  als  sein  großer
Vorgänger  Smith.  Doch  bringen  seine  das  Kapital  betreffenden  Ausführungen ­
  kaum  etwas  Neues.
Von  größter  Wichtigkeit  ist  dagegen  ein  anderer,  von  Mill  ganz
neu  eingeführter  Begriff:  »Die  sekundären  Ursachen,  welche  die
Produktivität  der  produktiven  Faktoren  bestimmen“  6 ),  oder  wie  wir

*)  Mill,  a.  a.  0.,  I,  61.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  64.
3 )  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  109.
4 )  Ricardo,  Grundsätze  der  Volkswirtschaft  und  Besteuerung.  Übers.  Thiele,
Jena  1905,  S.  31.
5 )  Mill,  a.  a.  0.,  I,  87.
®)  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  134.
        <pb n="29" />
        26

ihn  kurz  bezeichnen  wollen:  die  sekundären  Produktionsverfahren.  Auf
Natur,  Arbeit  und  Kapital  läßt  sich  alles  zurückführen*),  aber  es
wäre  falsch,  wollte  man  annehmen,  daß  unter  allen  Umständen  eine
gleiche  Menge  von  ihnen  auch  eine  gleiche  Menge  Produkte  hervorbringen ­
  müßte,  daß  also  das  Verhältnis  zwischen  auf  gewandten  Produktionsfaktoren ­
  und  erhaltenem  Produkt  ein  konstantes  sei.  Daß
dies  nicht  der  Fall  ist,  ist  augenscheinlich  und  auf  natürliche
Ursachen  zurückzuführen,  so  sehr  sich  auch  Rodbertus  und  Marx
bemüht  haben,  das  Gegenteil  zu  beweisen.  Mill  glaubt  die  Erklärung
in  den  von  uns  so  genannten  sekundären  Produktionsfaktoren  entdeckt
zu  haben.  Sie  sind  keine  ursprünglichen  Kräfte,  sondern  auf  die
drei  Grundfaktoren,  zum  Teil  auch  auf  Verbindungen  mit  ihnen  zurückzuführen. ­
  Ihr  Charakteristikum  ist,  daß  sie  allein  nicht  imstande  sind,
auch  nur  die  geringste  „Nützlichkeit  zu  schaffen“,  wie  Mill  sich  ausdrückt ­
  ;  worin  sich  ihr  Einfluß  auf  die  Produktion  zeigt,  ist  dies,  daß
sie  je  nachdem  eine  größere  oder  geringere  Produktivität  von  Naturkraft, ­
  Arbeit  und  Kapital  verursachen  können.  Wir  wollen  die
hauptsächlichsten  dieser  sekundären  Produktionsfaktoren  folgen  lassen:
das  Klima  z.  B.  ist  sicherlich  nicht  geeignet,  selbsttätig  irgendwie
einen  Wert  hervorzubringen,  wohl  aber  kann  es  die  Fruchtbarkeit
eines  Landes  im  günstigen  Sinne  beeinflussen  oder  sie  andererseits
abschwächen,  schließlich  sogar  in  den  hohen  Breiten  eine  an  sich
vorhandene  Fruchtbarkeit  vollständig  illusorisch  machen.  Die  geographische ­
  Lage  wird  ferner  auch  unter  diese  „natürlichen  Vorteile“,  wie
Mill  sie  nennt,  zu  zählen  sein;  der  Unterschied  der  Lage  am  Meer
z.  B.  gegenüber  der  Binnenlage  eines  Industrieortes  ist  zu  einleuchtend,
als  daß  er  näherer  Ausführung  bedarf.  Neben  den  der  Natur  nahestehenden ­
  sekundären  Produktionsfaktoren  wären  als  Verwandte  der
Arbeit  zu  erwähnen:  Geschicklichkeit,  Mäßigkeit,  Zuverlässigkeit,
Ehrlichkeit  im  Handelsverkehr  und  ähnliches  mehr.  Und  um  das
Bild  vollständig  zu  machen  sei  auch  noch  der  Staat  angeführt,  dem
eine  große  Reihe  solcher  sekundären  Produktionsfaktoren  zu  verdanken ­
  ist,  wie  Sicherheit,  Schutz,  Bestrafung  der  Verbrecher  und
anderes  mehr.
Sie  alle  sind  von  der  höchsten  Wichtigkeit  und  lassen  sich
andererseits  weder  selbst  in  ihrer  Entstehung  restlos  auf  die  ursprünglichen ­
  Produktionsfaktoren  zurückführen,  noch  kann  man  ihren  Einfluß
auf  den  Produktionsprozeß  als  einen  selbständigen  gelten  lassen.

‘)  Mill,  a.  a.  0.,  I,  120.
        <pb n="30" />
        27

Kritik.
Es  sind  also  der  produktiven  Ursachen  viele,  die  die  Erscheinungen
unseres  Wirtschaftslebens  bedingen,  unendlich  viele,  so  daß  die  Aufstellung ­
  der  Lehre  von  den  drei  Produktionsfaktoren  nur  ein  Schema
ist,  um  Ordnung  in  die  sonst  unentwirrbaren  Verkettungen  von
Ursache  und  Wirkung  zu  bringen.  Es  ist  ein  Irrtum  von  Rodbertus
und  Marx,  daß  sie  dies  völlig  außer  acht  lassen,  und  Natur,  Arbeit
und  Kapital  wie  genau  umgrenzte,  restlos  definierte  Größen  behandeln
und  mit  ihnen  geradezu  mathematische  Experimente  ausführen.
An  fühlbaren  Mängeln  können  wir  bei  Mill  nur  zwei  kurz  erwähnen:
erstens  hätte  er  der  Beschränktheit  der  meisten  Naturgaben  die  Beschränktheit ­
  der  menschlichen  Arbeit  gegenüberstellen  müssen,  da  er
gerade  in  dieser  Beschränktheit  bei  der  Natur  das  Wertbildende  hatte
sehen  wollen.  Man  kann  verschiedener  Meinung  darüber  sein,  ob  es
nötig  ist,  zur  Erklärung  des  Wertes  der  menschlichen  Arbeitskraft
die  Tatsache  anzuführen,  daß  sie  nur  in  begrenzter  Menge  zur  Verfügung ­
  steht,  doch  war  eine  solche  Gegenüberstellung  innerhalb  der
Mill’schen  Ausführungen,  in  denen  ein  so  unbedingt  lautender  Satz
wie:  „Solange  die  Menge  einer  Naturkraft  unbeschränkt  ist,  kann  sie
keinen  Marktwert  bedingen“  1 )  zu  finden  ist,  unbedingt  nötig.  Wie
wir  schon  erwähnten,  hat  Bodbertus  diese  schwache  Stelle  erkannt
und  seinerseits  die  Behauptung  von  der  Beschränktheit  der  menschlichen ­
  Arbeit  zum  Eundamentalsatz  seines  Systems  erhoben 2 ).
Zweitens  hat  sich  Mill,  gleich  wie  Adam  Smith,  damit  abgequält,
eine  genaue  Scheidung  zwischen  produktiver  und  unproduktiver  Arbeit
zu  treffen.  Es  ist  dies  unserer  Meinung  nach  ein  zweckloses  Bemühen.
Im  letzten  Grunde  ist  eine  jede  Arbeit,  die  mehr  Werte  neu  hervorbringt ­
  als  sie  zerstört,  produktiv;  denn  auch  die  Arbeit,  die  in  einem
unmittelbaren  Genüsse  endet,  verschafft  vielen  Arbeitern  einen  Verdienst, ­
  den  diese  ihrerseits  nutzbringend  verwenden  können.
Neben  den  erwähnten  kleinen  Mängeln  sind  die  Fortschritte
der  „Epigonen“  des  Adam  Smith,  deren  Gedanken  wir  bei  Mill
gesammelt  finden,  ihrem  großen  Vorgänger  gegenüber  unverkennbar: ­
  sie  haben  die  große  Bedeutung  der  Natur  nachgewiesen,  der
geistigen  Arbeit  und  der  Arbeit  zur  Aufrechterhaltung  der  öffentlichen ­
  Ordnung  zu  ihrem  Hechte  verholfen,  haben  die  Wichtigkeit

1 )  Mill,  a.  a.  0.,  I,  36.
2 )  Rodbertus,  Zur  Erkenntnis  uns.  staatswirtschaftl.  Zust.,  S.  6.
        <pb n="31" />
        28

des  Seltenheitsmomentes  für  die  Wertbildung  richtig  erkannt  und
haben  endlich  den  Begriff  der  sekundären  Produktionsfaktoren  aufgestellt. ­


Y.  Kapitel.
Sismondi.
Mit  J.  St.  Mill  hat  die  Smithsche  Produktionslehre  ihre  letzte
große  Weiterbildung  erfahren,  all  die  folgenden  Kapitel  unserer
Arbeit  werden  sich  mit  Angriffen  auf  sie  zu  beschäftigen  haben,  die
nicht  ihren  weiteren  Ausbau  zum  Ziele  haben,  sondern  ihre  völlige
Ablehnung  und  eine  Aufstellung  von  Systemen  auf  gänzlich  neuer
Grundlage;  es  ist  die  naturnotwendige  Reaktion  gegen  den  in  der
ersten  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts  fast  allgemein  herrschenden
Smithianismus.  Es  kann  nicht  unsere  Aufgabe  sein,  diese  Angriffe
mit  größerer  oder  geringerer  Vollständigkeit  aufzuzählen  und  einen
nach  dem  anderen  zu  widerlegen:  es  würde  dies  den  Leser  ermüden
und  überhaupt  zwecklos  sein,  da  eine  jede  Widerlegung  doch  schließlich ­
  auf  die  uns  nun  hinreichend  bekannte  Drei-Produktionsfaktoren-Lehre
  hinauslaufen  würde.  Wir  wollen  uns  also  damit  begnügen,
nur  der  wirklich  originellen  Angriffe  Erwähnung  zu  tun,  die  in  der
Geschichte  der  Nationalökonomie  einen  dauernden  Platz  sich  errungen
haben,  und,  wenn  sie  auch  die  Adam  Smithsche  Produktionslehre
nicht  verdrängen  konnten,  doch  durch  ihren  Ideengehalt  auf  unsere
Wissenschaft  befruchtend  gewirkt  haben.
Als  ersten  dieser  Gegner  wollen  wir  Sismondi  einer  näheren
Betrachtung  unterziehen,  der,  ursprünglich  ein  begeisterter  Anhänger
des  Adam  Smith,  sich  allmählich  von  ihm  abgewandt  und  ihn
schließlich  heftig,  nicht  zum  wenigsten  auf  unserem  Gebiete,  bekämpft ­
  hat.
Im  Mittelpunkt  steht  bei  ihm  der  „Reichtum“  (richesse) 1 ).  Zwar
entspricht  dies  deutsche  Wort  dem  französischen  nicht  ganz  genau,
da  Sismondi  mit  ihm  etwas  Konkretes  ausdrücken  will,  während  wir
„Reichtum“  als  ahstractum  auffassen;  doch  findet  sich  kein  genaueres,
‘)  Sismondi,  Nouveaux  principes  d’Economie  politique  ou  de  la  richesse.  Paris
1819,  I,  60.
        <pb n="32" />
        29

und  wir  denken,  es  wird  genügen,  wenn  wir  hier  am  Anfang  darauf
hinweisen,  daß  im  folgenden  unter  „Reichtum“  stets  eine  konkrete
Gütermenge  zu  verstehen  ist.  Als  nähere  Definition  finden  wir  angegeben: ­
  Reichtum  ist  die  Summe  aller  Güter,  die  von  menschlicher
Arbeit  erzeugt  sind  und  aufbewahrt  werden,  um  zur  Befriedigung  von
Bedürfnissen  zu  dienen.
Dreierlei  muß  also  Zusammenkommen,  wenn  ein  Gut  im  wirtschaftlichen ­
  Sinne  entstehen  soll:  erstens  menschliche  Aabeit  muß  es
geschaffen  haben,  also  nicht  bloß  Naturkräfte,  zweitens  es  muß  zur
Befriedigung  menschlicher  Bedürfnisse  geeignet  sein,  und  drittens:  es
muß  sich  auf  bewahren  lassen  können 1 ).  Wenn  diese  drei  die  Vorbedingungen ­
  für  das  Vorhandensein  von  „Gütern“,  um  uns  kurz  auszudrücken, ­
  sein  sollen,  so  müßten  sie  auch  neben  anderen  Wertfaktoren
mitbestimmend  für  die  Höhe  des  Wertes  sein:  d.  h.  ein  Ding,  das
viele  Arbeit  gekostet  hat,  zur  Befriedigung  menschlicher  Bedürfnisse
hervorragend  geeignet  ist,  und  sich  zugleich  sehr  leicht  aufbewahren
läßt,  und  muß  wert  sein,  als  ein  Gut,  daß  diese  drei  Eigenschaften
uur  in  geringerem  Grade  besitzt.  Dies  würde  sich  aus  den  von
Sismondi  aufgestellten  Vorbedingungen  ergeben  müssen.  Aber  was
lesen  wir  im  nächsten  Kapitel?:  wo  die  Anfänge  des  Tauschverkehrs
geschildert  werden  sollen  ?:  es  gibt  drei  Grundlagen  für  die  Bestimmung
des  Preises,  also  des  äußeren  Ausdruckes  für  den  Wert  der  Tauschgegenstände: ­
  erstens  die  Dringlichkeit  des  Bedürfnisses,  zweitens  die
Menge  Arbeit,  die  die  Herstellung  des  Gutes  erfordert  hat,  und
drittens  die  Zeit,  die  dazu  nötig  gewesen  ist *  2  3  4  5  *  * );  wobei  zu  beachten  ist,
daß  es  ausdrücklich  heißt:  der  Austausch  habe  die  Natur  der
»richesse“  nicht  im  geringsten  verändert 8 ).  Man  kann  also  nicht  mit
dem  Einwande  kommen,  für  die  Tauschverkehr  seien  die  Bedingungen
andere  als  für  den  isolierten  Menschen.  Reihen  wir  zu  diesen  beiden
sich  widersprechenden  Stellen  noch  eine  dritte  *) B ),  die  besagt,  daß
aller  Preis,  den  ein  Ding  erhalten  kann,  einzig  und  allein  in  der

*)  Sismondi,  a.  a.  0.,  I,  64.
*)  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  69:  „Ce  sont  les  bases  du  prix  “
3 )  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  69:  L’echange  n’avait  point  altere  la  nature  de
la  richesse  “
4 )  Ders.,  a.  a.  0.,  1,  60:  „Tont  ce  ä  quoi  l’homme  met  du  prix  est  cree  par
son  industrie  “
5 )  v.  Schullern-Schrattenhofen  (a.  a.  0„  S.  308)  nimmt  diese  letztere  Werttheorie ­
  als  die  einzige  Sismondische  an,  aus  welchem  Grunde  ist  nicht  recht  ersichtlich; ­
  er  scheint  die  oben  angeführten  Widersprüche  übersehen  zu  haben.
        <pb n="33" />
        30

menschlichen  Arbeit  seine  Quelle  habe,  so  ist  die  Verwirrung  allgemein. ­
  Es  müßte  also  danach  entweder  Dinge  geben,  die  einen  Preis
haben,  ohne  daß  sie  geeignet  sind,  menschlichen  Bedürfnissen  zu
dienen,  nur  weil  Arbeit  auf  sie  verwandt  ist,  was  widersinnig  wäre;
oder  aber  wenn  wir  es  nur  mit  einer  ungeschickten  Anordnung  von
Vordersatz  und  Nachsatz  zu  tun  haben,  dann  stehen  sich  die  beiden
Sätze:  „Arbeit  ist  die  einzige  Quelle  des  Preises“  und  „drei  Grundlagen ­
  sind  es,  die  den  Preis  der  auszutauschenden  Ware  bilden“
diametral  gegenüber,  da  ja  die  Natur  der  wirtschaftlichen  Güter  sich
mit  Einführung  des  Austausches  nicht  geändert  hat.  Etwas  stimmt
also  jedenfalls  nicht,  und  wir  sind  nicht  in  der  Lage,  zu  bestimmen,
welches  nun  die  eigentliche  Ansicht  Sismondis  ist.  Es  bleibt  uns
daher  nichts  anderes  übrig,  als  alle  drei  zu  behandeln  und  zu  widerlegen. ­
  Am  kürzesten  können  wir  die  dritte  Behauptung:  Arbeit  sei
die  einzige  Quelle  des  Preises,  abtun,  da  wir  sie  in  einem  wohl
durchdachten  und  geordneten  Systeme  bei  Rodbertus  wiederfinden
werden 5 ).  Eine  Widerlegung  wird  also  dort  eher  am  Platze  sein,
wo  wir  es  mit  einer  besseren  Ausführung  zu  tun  haben  werden.
Gehen  wir  also  gleich  zur  Kritik  der  zuerst  erwähnten,  für  das
Vorhandensein  von  Werten  notwendigen  drei  Grundlagen  über:
menschliche  Arbeit,  Brauchbarkeit  für  menschliche  Bedürfnisse  und
Aufbewahrungsmöglichkeit.  Hier  hat  Sismondi  Unnötiges  als  wichtig
hingestellt  und  Wichtiges  als  unnötig  oder  falsch  fortgelassen.  So
sehr  wir  uns  damit  einverstanden  erklären  können,  daß  die  Summe
der  Arbeit  und  der  Grad  der  Brauchbarkeit  angeführt  werden,  so
überflüssig,  um  nicht  zu  sagen  bedenklich  ist  es,  daß  auch  die  Aufbewahrungsmöglichkeit ­
  für  nötig  erklärt  wird;  bedenklich  vor  allem
deshalb,  weil  wir  daraus  sehen,  daß  Sismondi  nur  die  materiellen
Güter  als  solche  gelten  lassen  will  und  die  geistigen  vollkommen
ignoriert.  Es  ist  dies  derselbe  Fehler,  den  wir  schon  bei  Adam  Smith
feststellen  konnten,  den  erst  J.  St.  Mill  als  Anhänger  und  Fr.  List
als  Gegner  des  Adam  Smith  endgültig  beseitigt  haben.
Wichtiges  ist  dafür  teils  stillschweigend,  teils  ausdrücklich  als
unwesentlich  außer  Betracht  geblieben:  die  wertschaffende  Tätigkeit
des  Kapitals  wird  als  mittelbare  Arbeit 2 )  für  unproduktiv  erklärt;
daß  die  Natur  der  Ursprung  aller  Dinge  ist,  kann  natürlich  nicht
geleugnet  werden,  aber  Sismondi  möchte  ihr,  gleich  wie  später

*)  Rodbertus,  Zur  Erkenntnis  uns.  staatswirtschaftl.  Zust.,  S.  6,  7.
2 )  Sismondi,  a.  a.  0.,  I,  65:  „travaü  mediat.“
        <pb n="34" />
        31

Rodbertus  im  Gegensatz  zn  Smith  und  Mill  keinen  wertschaffenden
Einfluß  zugestehen.  Aber  während  Rodbertus  beachtenswerte  Gründe
für  seine  Behauptung  anführt,  begnügt  sich  Sismondi  mit  vier  kurzen
nichtssagenden  Zeilen 1 ),  in  denen  er  die  Bedeutung  der  Natur  notgedrungen ­
  anerkannt;  aber  unsere  Erwartung,  er  werde  nun  auch  beweisen, ­
  daß  all  das,  was  die  Natur  uns  gibt,  keine  Werte  im  wirtschaftlichen ­
  Sinne  seien,  wird  sehr  getäuscht.  Da  er  stichhaltige
Beweise  nicht  anführen  kann,  sucht  er  die  Bedenken,  die  einem  jeden
Leser  aufsteigen  müssen,  dadurch  zu  beseitigen,  daß  er  schnell  seine
Behauptungen  zum  zweiten  Male  in  noch  ausführlicherer  Weise  auseinandersetzt, ­
  ein  Verfahren,  das  uns  sehr  an  jenen  Oberlehrer  erinnert, ­
  der  sich  vergeblich  bemüht,  seinen  Schülern  einen  mathematischen ­
  Lehrsatz  zu  beweisen  und  seine  erfolglosen  Versuche
schließlich  mit  den  Worten  abbricht:  wer  das  nicht  versteht,  dem  ist
eben  nicht  zu  helfen.  Wir  wollen  es  uns  daher  schenken,  hier  näher
auf  Sismondi  einzugehen,  da  uns  späterhin  Rodbertus,  der  auch  die
Produktivität  von  Natur  und  Kapital  leugnet,  bessere  Gelegenheit
geben  wird,  unsere  Einwendungen  darzulegen.
Ebenfalls  nicht  haltbar  ist  dann  natürlich  die  dritte  Version *  2 ),
daß  beim  Tauschverkehr  ein  jeder  den  Preis  der  austauschenden
Güter  nach  ihrer  Nützlichkeit,  nach  der  Summe  der  aufgewandten
Arbeit  und  der  Menge  der  dazu  erforderlich  gewesenen  Zeit  einschätze.
Denn  sie  leidet  an  denselben  Mängeln  wie  die  eben  widerlegte,  wenn
auch  zu  ihrem  Vorteil  angeführt  werden  kann,  daß  auf  die  Aufbewahrungsmöglichkeit ­
  kein  Wert  gelegt  ist.
Kritik.
Wohl  haben  unsere  Ausführungen  gezeigt,  daß  Sismondis  Theorien,
als  System  genommen,  nicht  bestehen  können,  doch  dürfen  wir  darum
nicht  verkennen,  daß  er  auf  manches  Wichtige,  das  seinen  Vorgängern
entgangen  war,  hingewiesen  hat,  ganz  abgesehen  natürlich  davon,  daß
seine  Produktionslehre  ja  nur  ein  ganz  kleiner  Ausschnitt  aus  seinen
gesamten  Schriften  ist,  die  auf  die  Nationalökonomie  im  höchsten
Grade  anregend  eingewirkt  haben.  Für  uns  ist  neben  allem  Negativen
am  wichtigsten  der  positive  Fortschritt,  daß,  so  wie  Mill  als  erster  die
Seltenheit,  er  als  erster  die  Dringlichkeit  des  Bedürfnisses  als  hervor-*)

  Sismondi,  a.  a.  0.,  I,  64.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  I.,  69.
        <pb n="35" />
        32

ragend  beteiligten  Wertfaktor  hinstellt,  den  Adam  Smith  noch  vollständig ­
  ignoriert,  und  den  auch  nach  ihm  die  Sozialisten  wieder  viel  zu
wenig  betonen.  Dies  ist  auch  vor  allem  der  Grund,  aus  dem  wir
ihn  ausführlicher  behandelt  haben,  als  es  seine  Stellung  in  der  allgemeinen ­
  Geschichte  der  Nationalökonomie  vermuten  ließ.

VI.  Kapitel.
Fr.  List.
Es  mag  vielleicht  verwunderlich  erscheinen,  daß  wir  in  dieser
rein  theoretischen  Arbeit  einige  Worte  auch  dem  Praktiker  Er.  List
widmen  wollen,  aber  es  findet  sich  in  seinem  „Nationalen  System  der
politischen  Ökonomie“  doch  eine  kleine  Stelle,  die  wir  nicht  übergehen ­
  möchten,  weil  sie  auch  für  unsere  Ausführungen  trotz  ihrer
Kürze  —  es  handelt  sich  nur  um  wenige  Sätze  —  von  Bedeutung  ist
Wir  finden  sie  am  Anfang  des  19.  Kapitels 1 ),  in  dem  List  uns  den
Einfluß  der  Manufakturkraft  auf  das  materielle  Kapital  der  Nation
darlegt.  Bekanntlich  legt  List  nicht  so  sehr  auf  die  Schaffung  von
Gütern  Wert,  als  auf  das  Hervorrufen  und  Verstärken  von  produktiver ­
  Kraft.  Die  Produktionsfaktoren  sind  also  für  ihn  nicht  wertschaffend, ­
  sondern  kräftebildend.  So  schwerwiegend  diese  Unterscheidung ­
  zu  sein  scheint,  bei  näherer  Betrachtung  sehen  wir  doch,
daß  List  etwas  Neues  mit  ihr  keineswegs  bringt;  wir  sehen  die  sogenannten ­
  Produktionsfaktoren  eben  als  wertbildende  Kräfte  an,  er
schiebt  zwischen  sie  und  die  Werte  noch  einen  dritten  Begriff  ein,
die  produktive  Kraft  des  einzelnen  und  der  Gesamtheit,  und  erreicht
dadurch  eine  Komplizierung,  für  die  ein  notwendiger  Grund  nicht
einzusehen  ist,  ohne  der  Adam  Smithschen  Produktionslehre  damit
den  vermeintlichen  Todesstoß  zu  versetzen.  Oder  ist  es  wirklich  ein
so  großer  Unterschied,  ob  wir  sagen:  „Die  Nation  schöpft  ihre  produktive ­
  Kraft  aus  den  und  den  Faktoren  und  diese  produktive  Kraft
schafft  dann  die  Werte“  oder  ob  es  heißt:  „Die  Produktionsfaktoren,
in  deren  Besitz  eine  Nation  ist,  schaffen  ihr  Werte?“  Wir  vermögen
hier  wenigstens  eine  prinzipielle  Verschiedenheit  nicht  zu  finden.
*)  List,  Das  nationale  System  der  politischen  Ökonomie.  Neudruck  von
Waentig,  Jena  1904,  S.  322.
        <pb n="36" />
        33

3

Wichtig  ist  für  uns  vielmehr  eine  andere  Frage,  welchen  Faktoren
er  die  Fähigkeit,  produktive  Kraft  zu  bilden,  beilegt,  und  da  finden
wir  zu  unserem  Erstaunen  die  drei  bekannten  Wertbildner  des  vielgeschmähten
  Adam  Smith  wieder,  Arbeit,  Natur  und  Kapital,  nur  in
etwas  anderen  Worten:  nämlich  anstatt  „Arbeit“  lesen  wir  „geistige
und  physische  Kräfte  der  Individuen“,  anstatt  „Natur“:  „Der  ihnen
zu  Gebote  stehende  Naturfonds“  und  das  Kapital  hat  List  mit  „die
in  ihrem  Besitz  befindlichen  Instrumente“  umschrieben.  Neu  ist  nur
der  vierte  uns  hier  entgegen  tretende  Faktor,  den  er:  „die  sozialen,
bürgerlichen  und  politischen  Zustände  und  Institutionen“  der  Individuen ­
  nennt.
Was  sind  nun  diese  sozialen,  bürgerlichen  und  politischen  Zustände ­
  und  Institutionen?  So  leicht  ist  dies  nicht  zu  sagen.  Schon
die  Abgrenzung  der  drei  Begriffe:  sozial,  bürgerlich  und  politisch
dürfte  Schwierigkeiten  verursachen,  ebenso  wissen  wir  nicht  recht,
was  wir  uns  etwa  unter  einer  „bürgerlichen  Institution“  vorstellen  sollen.
Indessen  glauben  wir  ungefähr  das  Richtige  zu  treffen,  wenn  wir
„politisch“  als  den  übergeordneten,  „sozial“  und  „bürgerlich“  als  die
beiden  untergeordneten  Begriffe  auffassen  und  demnach  „soziale,
bürgerliche  und  politische  Zustände  und  Institutionen“  mit  „soziale
und  bürgerliche  Verhältnisse“  indentifizieren,  die  ersteren  sind  der
Inbegriff  der  Beziehungen  des  einzelnen  zur  Gesamtheit,  die  letzteren
der  Beziehungen  der  einzelnen  untereinander;  ein  drittes  kann  es  also
naturgemäß  in  einer  politischen  Ökonomie  nicht  geben.  Diese  Beziehungen ­
  sind  aber  nichts  anderes  als  der  Niederschlag  der  Kulturgeschichte ­
  einer  Gesamtheit,  sie  bezeichnen  den  Grad  der  Kultur,
den  sie  eingenommen  hat.  Sie  sind  somit,  wie  wir  es  in  der  Einleitung
(S.  1,  2.)  und  bei  der  Besprechung  Mills  auseinandergesetzt  haben,  das
Resultat  des  Zusammenwirkens  der  drei  anderen  Produktionsfaktoren
innerhalb  einer  Gemeinschaft,  oder  ein  sekundärer  Produktionsfaktor
im  Sinne  Mills.
Auf  andere,  hiermit  verwandte  Ideen  Lists  näher  einzugehen,
müssen  wir  uns  versagen,  da  dies  den  Rahmen  der  vorliegenden  Arbeit
zu  sehr  überschreiten  würde.
        <pb n="37" />
        34

VII.  Kapitel.
Rodbertus.
Haben  wir  diese  beiden  einzelnen  Gegner  des  Adam  Smith  verhältnismäßig ­
  schnell  abtun  können,  so  müssen  wir  uns  mit  dem  letzten
wichtigsten  Angriff,  der  von  den  Sozialisten  ausgeht,  um  so  ausführlicher ­
  beschäftigen.  Nicht  darum,  weil  wir  es  hier  mit  einer
großen  Zahl  von  Gegnern  zu  tun  haben:  sie  huldigen  von  Einzelheiten
abgesehen,  im  großen  ganzen  gleichen  Anschauungen,  die  schon  längst
von  wissenschaftlichen  Autoritäten  vollkommen  widerlegt  sind,  so  daß
wir  uns  bloß  an  die  beiden  bedeutendsten  geistigen  Urheber,  Bodbertus
und  Marx,  und  auch  an  diese  nur  ganz  kurz,  halten  wollen.  Sondern
deshalb,  weil  die  sozialistische  Wirtschaftsauffassung  in  unaufhaltsamem
Siegeszug  sich  die  breiten  Massen  der  Arbeiterbevölkerung  in  ihrer
überwiegenden  Majorität  erobert  hat  und  es  selbst  den  glänzendsten
Argumenten  der  Gegner  nicht  gelungen  ist,  sie  in  ihrem  Eortschritt
aufzuhalten.  Sie  ist  in  einem  Maße  populär  geworden,  wie  es  selbst
von  den  Smithschen  Lehren  nicht  gesagt  werden  kann;  und  dies
trotzdem  sie  wissenschaftlich  längst  restlos  widerlegt  ist.  Ein  jeder,
der  diese  Arbeit  zur  Hand  nimmt,  wird  daher  mit  Becht  von  uns
Aufschluß  verlangen,  wie  diese  Verkündigungen  aussehen,  denen  es
gelungen  ist,  sich  das  Herz  der  arbeitenden  Bevölkerung  zu  erobern.
Es  sei  uns  gestattet  einleitend  eine  ganz  kurze  Bemerkung  über
die  Weltanschauung  des  Bodbertus  zu  geben,  da  diese  das  Verständnis
seiner  Wirtschaftslehre  und  namentlich  seiner  Lehre  von  den  Produktionsfaktoren ­
  wesentlich  erleichtert r ).  Bodbertus  faßt  den  Menschen
nicht  als  dualistisches  Wesen  auf,  aus  Geist  und  Körper  bestehend,
sondern  als  ein  dreieiniges  Wesen,  „eine  Vereinigung  von  Geist,  Willen
und  materieller  Kraft  oder  Erkenntnisvermögen,  Bestimmungsvermögen
und  Bewegungsvermögen“  auf.  Diese  Dreiteilung  durchzieht  alle
seine  Lehren  und  wir  werden  oft  Gelegenheit  haben,  ihr  wieder  zu
begegnen.
Um  nun  die  Erscheinungen  der  heutigen  komplizierten  menschlichen ­
  Gesellschaft  richtig  erkennen  zu  können,  geht  Bodbertus  wie

*)  Wir  folgen  in  dieser  kurzen  Einleitung:  Kosak:  Bodbertus-J.,  Sozialökonomische ­
  Ansichten,  Jena  1882,  S.  12  ff.
        <pb n="38" />
        35

auch  Smith  und  Mill  von  dem  aller  ursprünglichsten  Zustand  des
Menschen  aus,  in  dem  er  gänzlich  isoliert  den  Kampf  ums  Dasein
führen  mußte.  Hier,  wo  er  auf  sich  allein  angewiesen  ist,  treten  die
drei  Bestimmungsvermögen  des  Menschen  klar  zutage*).  Der  Mensch
fühlt  ein  Befiirfnis:  der  Geist  als  erstes  Vermögen  erkennt  alsbald
ein  Ding  als  geeignet  zur  Befriedigung,  der  Willen  faßt  den  Entschluß
sich  dieses  Ding  anzueignen,  die  materielle  Kraft  endlich  führt  den
Entschluß  aus.  Es  treten  sich  also  von  Uranfang  an  zwei  Faktoren
gegenüber:  die  Natur,  die  den  Menschen  die  Stoffe  zur  Befriedigung
ihrer  Bedürfnisse  liefert,  und  der  Mensch,  der  mit  seiner  Arbeit  diese
Stoffe  seinen  Zwecken  dienstbar  macht.  Sobald  diese  Besitzergreifung
stattgefunden  hat,  nennt  Rodbertus  das  so  okkupierte  Ding  ein  Gut.
Indem  nun  Rodbertus  diesen  einfachen  Vorgang  von  zwei  verschiedenen
Standpunkten  aus,  dem  naturhistorischen  und  dem  wirtschaftlichen,
betrachtet,  kommt  er  zu  zwei  gänzlich  verschiedenen  Resultaten *  2 ).
Vom  naturhistorischen  Standpunkt  aus  sieht  er  das  materielle  Gut
als  Produkt  aller  beteiligten  Elemente  an,  gibt  also  hier  zwei  Produktionsfaktoren, ­
  Natur  und  menschliche  Arbeit  zu.  Der  wirtschaftlichen ­
  Auffassung  gemäß  ist  das  Gut  jedoch  unmittelbares  Produkt
der  materiellen  Kraft  des  Menschen;  er  führt  dafür  folgenden
Beweis:
Die  Natur  sowohl  mit  ihren  Kräften  und  Stoffen,  wie  die  in  dreieiniger ­
  Verbindung  stehenden  Kräfte  des  Menschen  haben  Anteil  an
der  Hervorbringung  des  Gutes.  Vom  wirtschaftlichen  Standpunkte
aus  sieht  man  aber  einen  sehr  wesentlichen  Unterschied  zwischen  den
verschiedenen  Anteilen 3 ).  Der  Aufwand  der  beschränkten  bewegenden
Kraft  des  Menschen  bei  der  Besitzergreifung,  d.  h.  Erarbeitung  eines
Gutes,  ist  für  ein  anderes  Gut  nicht  mehr  zu  machen.  Durch  diese
Unwiderbringlichkeit  des  Aufwandes  wird  das  ihn  machende  Subjekt
getroffen.  Die  begreifende,  die  Idee  zum  Gute  leitende  Kraft  des
Menschen  dagegen  ist  ebensowenig  beschränkt  und  abnutzbar  wie  die
bestimmende,  die  Arbeit  leitende.  Der  Anteil  der  einen  wie  der
anderen  Kraft  an  der  Erzeugung  des  Gutes  ist  also  kein  Aufwand 4 ).
Wie  steht  es  nun  mit  dem  Anteil  der  Natur  an  der  Hervorbringung
eines  Gutes?  Allerdings  muß  er  als  ein  Aufwand  angesehen  werden,
*)  Kozak,  a.  a.  0.,  S.  31.
2 )  Rodbertus,  Zur  Erkenntnis  uns.  staatswirtschaftl.  Zust.,  S.  7,  8.
3 )  Ders.,  Zur  Beleuchtung  der  sozialen  Frage,  herausg.  von  Wirth,  Berlin
1890,  S.  69.
4 )  Ders.,  Zur  Erkenntnis  uns.  staatswirtschaftl.  Zust.,  S.  7  ff.

3*
        <pb n="39" />
        36

der  für  ein  zweites  Gut  nicht  mehr  zu  machen  ist;  daß  jedoch  der
Mensch  durch  die  Unwiederbringlichkeit  des  Aufwandes  getroffen  wird,
könne  man  nicht  sagen,  denn  das  Material,  das  sie  liefert,  ist  kein
Aufwand,  den  er  für  das  Gut  macht,  Kosten  des  Gutes  sind  für  uns
aber  nur  diejenigen,  die  er  hat.  In  dem  Begriffe  „Kosten“  sieht
Rodbertus  aber  das  als  das  wesentliche  an,  daß  ein  unwiederbringlicher ­
  Aufwand  gemacht  ist.  Diese  beiden  Auffassungen,  die  naturhistorische ­
  und  die  wirtschaftliche,  hält  er  aber  nicht  für  gleichwertig,
sondern  will,  da  es  sich  hier  um  eine  Darlegung  der  wirtschaftlichen
Verhältnisse  des  Menschen  handle,  dementsprechend  auch  nur  die  wirtschaftliche ­
  Auffassung  als  maßgebend  anerkennen  und  weist  die  naturhistorische ­
  als  nicht  hierher  gehörig  zurück 1 ).  Inwieweit  hiergegen
Bedenken  zu  erheben  sind,  werde  ich  in  der  Kritik  näher  ausführen.
Kur  auf  eine  Unstimmigkeit  möchte  ich  schon  hier  hinweisen.  In
seinem  Buche:  Zur  Erkenntnis  der  staatswirtschaftlichen  Zustände  S.  4
sagt  er:  „Wirtschaft  ist  die  Verwaltung  vorhandener  Güter“,  in
seiner  „Beleuchtung  der  sozialen  Frage“  S.  69  dagegen  wendet  er  diese
wirtschaftliche  Auffassung,  die  sich  doch  nur  auf  die  schon  vorhandenen ­
  Güter  beziehen  darf,  in  gleicher  Weise  auch  auf  die  Produktion
der  Güter  an.
Nachdem  Rodbertus  so  die  ursprünglichsten  Vorgänge  geschildert
hat,  wo  der  isolierte  Mensch  noch  ohne  Gütervorrat  ist,  geht  er  dazu
über,  den  isolierten  Menschen  mit  Gütervorrat  zu  untersuchen,  um
auch  dem  Kapital  in  seinem  Systeme  die  entsprechende  Stellung  zu
geben.  Vorzubemerken  ist  hier  nur,  daß  er  als  ein  wirtschaftliches
Gut  ein  Ding  bezeichnet,  das  der  Mensch  sich  zur  Erreichung  irgendeines ­
  beliebigen  Zweckes  angeeignet  hat.  Er  teilt  den  gesamten
Gütervorrat  des  Menschen  in  zwei  große  Abteilungen  ein 2 ):  unvollendete ­
  Güter,  die  er  Material  nennt,  und  vollendete  Güter,  die  er
wieder  in  zwei  Unterabteilungen  zerlegt:  Werkzeuge,  die  dazu  dienen
sollen,  dem  Material  seine  endgültige  Form  zu  geben,  und  Unterhaltsmittel. ­
  Alle  die  Werkzeuge  faßt  er  unter  dem  Kamen  Kapital  zusammen. ­
  Kachdem  er,  wie  wir  vorhin  ausführten,  nachgewiesen  hat,
daß  die  Okkupation  der  Dinge,  d.  h.  ihre  Umwandlung  aus  bloßen
Gegenständen  in  wirtschaftliche  Güter,  einzig  und  allein  auf  die  Arbeit
zurückzuführen  sei,  ist  es  ihm  natürlich  ein  Leichtes,  ebenso  zu  deduzieren, ­
  daß  Werkzeuge,  Material  und  Unterhaltsmittel  ebenfalls  als

')  Rodbertus,  Zur  Beleuchtung  der  sozialen  Frage,  S.  69.
2 )  Kozak,  a.  a.  0.,  S.  34.
        <pb n="40" />
        37

einzigen  Produktionsfaktor  die  Arbeit  haben.  Der  Mensch  hat  nun
also  einen  großen  Vorrat  von  unvollendeten  Gütern  vor  sich,  deren
einziger  wirtschaftlicher  Produktionsfaktor  die  Arbeit  ist.  Aus  diesem
wählt  er  einige  ihm  besonders  geeignet  erscheinende  Güter  aus  und
wandelt  sie  zu  komplizierteren  Werkzeugen  um.  Weiterhin  befinden
sich  in  seinem  Vorrat  eine  Anzahl  Güter,  die  er  zur  Nahrung  verwenden ­
  kann,  die  aber  noch  nicht  verzehrungsfertig  sind;  auch  ihre
Umarbeitung  kostet  ihm  bloß  Arbeit.  Und  was  wir  hier  bei  den
ursprünglichsten  Gütern  und  einfachsten  Vorgängen  als  richtig  ansehen
  müssen,  das  bleibt  auch  bei  den  höheren  und  verwickelteren
Arbeiten  und  den  kunstvoll  zusammengesetzten  Gütern  in  Geltung.
Nun  kommt  aber  Eodbertus  mit  einem  Einwande,  den  er  als  gewissenhafter ­
  Arbeiter  sich  nicht  schenken  zu  dürfen  glaubt:  es  ist  die
folgende  Betrachtung,  die  er  als  Beispiel  für  viele  andere  ähnliche
wiedergibt*):
Einer  von  den  primitiven  Menschen  hat  sich  vorgenommen,  ein
Stück  Holz  zu  glätten;  wenn  er  sein  ursprünglichstes  Hilfsmittel,  den
Fingernagel  dazu  benutzt,  so  gebraucht  er  mehr  Arbeit  dazu,  als  wenn
er  sich  erst  ein  Steinwerkzeug,  das  für  diese  Arbeit  geeignet  ist,  herstellt, ­
  und  dann  hobelt.  Die  beiden  Arbeiten:  das  Herstellen  des
Werkzeuges  und  die  Ausführung  mit  Hilfe  desselben,  nehmen  weniger
Zeit  in  Anspruch  als  die  Arbeit  ohne  Werkzeug.  Sich  nunmehr  in  bewußten ­
  Gegensatz  zu  Adam  Smith  stellend  führt  er  diese  Erscheinung
auf  größere  Produktivität  der  Arbeit  zurück,  indem  er  noch  dazu  als
Parallele  die  verschiedene  Produktivität  des  Landes  angibt  und  meint,
es  sei  dieselbe  Erscheinung  wie  die  oben  erwähnte,  wenn  auf  fruchtbarerem ­
  Boden  durch  dieselbe  Arbeit  mehr  hervorgebracht  werde  als
auf  weniger  fruchtbarem.  Daß  die  beiden  Tatsachen  auf  gänzüch
verschiedene  Ursachen  zurückzuführen  sind,  und  ihre  Zusammenstellung ­
  deshalb  nicht  wohl  angeht,  werden  wir  später  ausführen,  ebenso
wie  den  Beweis,  daß  die  Theorie  von  der  verschiedenen  Produktivität
der  Arbeit  sich  nicht  wird  halten  lassen.  Zu  bedauern  ist  nur,  daß
Eodbertus  diese  letztere  Behauptung  nicht  näher  beweist,  sondern  einfach ­
  als  einen  Erfahrungssatz  hinstellt.
Da  er  so  durch  die  Theorie  der  verschiedenen  Produktivität
der  Arbeit  das  Kapital  und  durch  die  Theorie  von  dem  Aufwande
und  den  Kosten  der  Natur  sowohl  wie  durch  die  Unterscheidung  des

*)  Eodbertus,  Zur  Beleuchtung  der  sozialen  Frage,  S.  71,  72.
        <pb n="41" />
        38

naturhistorischen  und  wirtschaftlichen  Standpunktes  die  Natur  als
Produktionsfaktor  abgelehnt  hat,  bleibt  ihm  als  einzigster  die
Arbeit  übrig.
Kritik.
Angreifbar  scheint  uns  zuerst  seine  Theorie  der  zwei  Anschauungen,
der  naturhistorischen  und  der  wirtschaftlichen,  zu  sein.  Pin  Bedenken
habe  ich  schon  oben  hervorgehoben:  daß  er  von  einer  wirtschaftlichen
Auffassung  spricht,  bevor  überhaupt  eine  Wirtschaft  besteht.  Doch
mag  dies  an  einer  ungenauen  Ausdrucksweise  liegen,  es  kommt  hierauf
nicht  soviel  an;  das  Hauptbedenken  liegt  ganz  allgemein  darin,  daß
er  zugibt,  man  könne  den  grundlegenden  Akt  der  Güterokkupation
beliebig  auffassen;  wenn  er  den  wirtschaftlichen  Standpunkt  für  den
allein  richtigen  hält,  so  kann  ein  anderer  ebensogut  das  entgegengesetzte ­
  Verfahren  einschlagen,  und  hierzu  haben  wir  um  so  eher
Veranlassung,  als  Rodbertus  den  Begriff  „wirtschaftlich“  verschieden
definiert:  in  seiner  „Erkenntnis  der  staatswirtschaftlichen  Zustände“
(S.  4)  heißt  es  „Wirtschaft  ist  die  Verwaltung  vorhandener  Güter“
und  es  ist  in  einem  ganzen  Abschnitt  näher  ausgeführt,  daß  der  Ton
auf  dem  Worte  „vorhanden“  hegt.  Das  von  dem  Substantivum
Wirtschaft  abgeleitete  Adjektivum  „wirtschaftlich“  müßte  demnach
soviel  heißen  wie  „das,  was  sich  auf  die  Verwaltung  von  vorhandenen
Gütern  bezieht“.  In  der  „Beleuchtung  der  sozialen  Frage“  steht  dagegen ­
  (S.  69)  „Nur  diejenigen  Güter  gehören  zu  den  wirtschaftlichen,
welche  Arbeit  gekostet  haben“.  Hier  ist  also  der  Hauptton  auf
die  Entstehungsweise  des  Gutes  gelegt.  Ein  Gut,  das  wir  zu  unserer
Bedürfnisbefriedigung  benutzen,  welches  keine  Arbeit  gekostet  hat,
z.  B.  Luft,  Sonnenlicht  usw.  ist  also  kein  wirtschaftliches.  Andererseits, ­
  nach  der  ersten  Definition,  ist  die  Luft  doch  sicher  ein  vorhandenes ­
  Gut,  es  sind  also  Widersprüche  zwischen  beiden  Definitionen ­
  möglich,  sie  können  demnach  nicht  als  zwei  verschiedene  Seiten
ein  und  desselben  Urteiles  aufgefaßt  werden,  was  man  vielleicht  zur
Entschuldigung  hätte  anführen  können.
Der  zweite  wichtigere  Punkt,  an  dem  unsere  Kritik  einzusetzen
hat,  ist  der  Kostenbegriff,  den  Rodbertus  einführt,  indem  er  behauptet ­
 1 ):  „es  gibt  nichts,  was  die  Güter  außer  der  Arbeit  noch
kosteten,  oder,  die  Arbeit  ist  das  einzige  Element  in  der  Entstehungsgeschichte ­
  der  Güter,  welches  unter  dem  Gesichtspunkte  ihrer  Kosten

*)  Rodbertus,  Zur  Erkenntnis  uns.  staatswirtschaftl.  Zust.,  S.  6,  7.
        <pb n="42" />
        39

aufgefaßt  werden  kann“.  Den  Einwand,  daß  auch  die  Natur  zur
Hervorbringung  eines  Gutes  Kosten  hat,  weist  er  zurück  mit  der  Behauptung, ­
  daß  die  Kraft  der  Natur  unzerstörbar  sei.  Dies  ist  in  der
eben  angeführten  allgemeinen  Form  zweifellos  richtig,  doch  fragt  es
sich  noch  sehr,  ob  die  Kraft  der  Natur  auch  in  jeder  Richtung,  die
von  Wichtigkeit  für  den  Menschen  sein  kann,  unzerstörbar  ist.  Und
dies  ist  sicher  zu  verneinen.  Um  nur  ein  Beispiel  anzuführen:  Es
ist  Tatsache,  daß  die  Zahl  der  Pelztiere  seit  den  letzten  Jahrzehnten
in  reißender  Abnahme  begriffen  ist,  und  daß  die  Zeit  nicht  mehr
allzu  fern  sein  kann,  wo  deren  gänzliches  Aussterben  befürchtet  werden
muß.  Und  ähnlich  steht  es  mit  vielen  Bodenschätzen,  wie  Kohle,
Erze  u.  ä.,  deren  Gewinnung  schließlich,  wenn  auch  nach  langer  Zeit,
doch  einmal  ihrem  Ende  entgegengehen  muß.  Die  Kraft  der  Natur
ist  in  dieser  bestimmten  Richtung  offensichtlich  nicht  unzerstörbar,
und  die  Menschheit  wird  es  sicher  bedauern,  daß  die  Natur  nicht
einen  Teil  ihrer  Kraft,  den  sie  zur  Bildung  der  unendlichen,  nie  aufzubrauchenden ­
  Menge  Gestein  verwandt  hat,  nicht  lieber  zur  Unterhaltung ­
  einer  größeren  Menge  Pelztiere  benutzt  hat.  Es  ist  also  doch
wohl  nicht  unberechtigt,  in  dieser  Hinsicht  von  Aufwand  und  Kosten
auch  bei  der  Natur  zu  sprechen.  Dasselbe  ist  es,  wenn  Rodbertus
einige  Zeilen  weiter  unten  sagt:  „das  Material  ist  kein  Aufwand,  den
der  Mensch  für  das  Gut  macht,  Kosten  des  Gutes  sind  aber  nur  diejenigen ­
  ,  welche  e  r  hat.“  Ich  glaube  mit  dem  oben  angeführten
Beispiel  gezeigt  zu  haben,  daß  auch  die  Kosten  der  Natur  bei  der
Produktion  eines  Gutes  von  höchster  Wichtigkeit  sind.  Es  ist  die  gänzliche ­
  Verkennung  des  Seltenheitsmomentes,  die  ihn  dann  auch  weiterhin
aus  seiner  Behauptung,  die  Natur  habe  keinen  Aufwand  und  keine
Kosten,  sofort  die  Folgerung  hat  ziehen  lassen,  daß  sie  in  diesem
Falle  auch  keine  Werte  schaffen  könne.  Wir  haben  bei  Mill  gesehen,
daß  es  gerade  die  Beschränktheit  der  Menge,  in  der  manche  Naturgaben ­
  vorhanden  sind,  ist,  die  wertschaffend  wirkt.
Nachdem  wir  so  der  Natur  zu  ihrem  Rechte  verholfen  haben,
können  wir  auch  dem  Kapital  die  ihm  gebührende  Stellung  wieder
durch  eine  kritische  Beleuchtung  der  Auffassung  von  der  größeren  und
geringeren  Produktivität  der  Arbeit  verschaffen.  Rodbertus  hatte  den
Anteil,  den  das  Kapital  an  der  Hervorbringung  der  Güter  hat,  damit
ab  tun  wollen,  daß  die  Arbeit  des  Menschen  je  nach  dem,  ob  sie  sich
Kapital  zu  Hilfe  nähme  oder  nicht,  mehr  oder  weniger  produktiv  sei.
Er  führt  als  Analogie  dazu  an,  daß  ganz  dieselbe  Arbeitsmenge  auf
fruchtbarerem  oder  weniger  gutem  Boden  eine  sehr  verschiedene
        <pb n="43" />
        40

Menge  Getreide  hervorbringe.  Dem  ist  gegenüber  zu  halten,  daß  im
letzteren  Falle  die  Natur  mehr  in  den  Produktionsprozeß  hineingesteckt ­
  hat  als  im  ersteren,  und  daher  sich  auch  eine  größere  Gütermenge ­
  als  Produkt  ergeben  muß.  Das  zweite  Beispiel,  das  er  anführt
ist  dies,  daß  die  Arbeit,  die  zur  Herstellung  eines  Hobels  verwandt
wird  -(-  der  Arbeit,  die  mit  dem  Hobel  nötig  ist,  um  ein  Holzstück
zu  glätten,  zusammengenommen  immer  noch  geringer  ist,  als  wenn  der
betreffende  Mensch  das  Holzstück  mit  seinem  Fingernagel  hätte  glätten
wollen.  Hieraus  ergibt  sich  unserer  Ansicht  nach  so  klar,  als  man  es
irgend  verlangen  kann,  die  Grundeigenschaft  des  Kapitals,  Arbeitskraft
zu  sparen,  und  es  ist  durchaus  nicht  einzusehen,  weshalb  dieselbe
quantitativ  und  qualitativ  gleichwertige  Arbeit  unter  gleichen  Umständen ­
  in  einem  Falle  mehr,  im  anderen  weniger  hervorbringen  sollte.

VIII.  Kapitel.
Karl  Marx.
Aus  demselben  Grunde  wie  Rodbertus  geht  auch  Karl  Marx  von
dem  isolierten  Menschen  aus.  Aber  während  jener  von  vornherein
nur  zwei  Produktionsfaktoren  berücksichtigte,  Natur  und  menschliche
Arbeit,  geht  Karl  Marx  von  drei  Produktionsfaktoren,  oder,  wie  er
sie  nennt  „Momenten  des  Arbeitsprozesses“*)  aus,  die  er  allerdings
verschieden  bewertet,  um  schließlich,  nur  eben  auf  einem  ganz  anderen
Wege,  zu  einem  ähnlichen  Resultate  wie  Rodbertus  zu  gelangen.  „Die
einfachen  Momente  des  Arbeitsprozesses“,  so  lesen  wir  an  der  angeführten ­
  Stelle,  „sind  die  zweckmäßige  Tätigkeit  oder  die  Arbeit
selbst,  ihr  Gegenstand  und  ihr  Mittel.“  Die  beiden  letzteren  können
nun  in  den  verschiedensten  Formen  auftreten,  aber  stets  werden  sie  den
Menschen  im  letzten  Grunde  ohne  ihr  Zutun  von  der  Natur  geliefert.
Wir  sehen,  trotzdem  Rodbertus  von  zwei,  Marx  von  drei  Momenten
des  Produktionsprozesses  ausging,  hier  sind  sie  wieder  an  demselben
Ziele  angelangt:  Natur  und  menschliche  Arbeit,  auf  sie  muß  alles
zurückgeführt  werden.  Von  jetzt  an  aber  trennen  sich  ihre  Wege
endgültig.  Rodbertus  unterschied  den  wirtschaftlichen  und  den  natur-’)

  Marx,  Das  Kapital,  4.  Aull.,  herausg.  von  Engels,  Hamburg  1890,  I,  141.
        <pb n="44" />
        41

geschichtlichen  Standpunkt  und,  indem  er  den  ersteren  für  den  einzig
richtigen  hielt,  schied  er  die  Natur  als  Produktionsfaktor  aus.  Marx
fragt  sich  dagegen,  zu  welchem  Zwecke  der  ganze  Arbeitsprozeß  stattgefunden ­
  habe;  und  indem  er  als  sein  Resultat  das  Produkt  hinstellt,
ist  er  der  Ansicht,  müsse  man  auch  den  Arbeitsprozeß  vom  Standpunkte ­
  des  Produktes  aus  betrachten  x );  dann  ergäbe  sich,  daß  beide,
Arbeitsmittel  wie  Arbeitsgegenstand,  die  von  der  Natur  herstammen,
Produktionsmittel,  die  Arbeit  aber  produktive  Arbeit  sei.  Er  geht
also  nicht  so  weit  wie  Rodbertus,  der  mit  der  Einführung  des  Kostenbegriffes ­
  die  Natur  ganz  eliminiert,  sondern  er  weist  ihr  nur  einen
tieferen  Rang  im  Vergleich  zur  Arbeit  ein,  die  der  Hauptfaktor  ist.
Alle  die  Gegenstände,  die  dem  Menschen  von  der  Natur  geliefert
werden,  sind  doch,  wie  er  es  ausdrückt,  nur  tote  Gegenstände.  Erst
die  menschliche  Arbeit  ist  es,  die  ihnen  den  Gebrauchswert  gibt,  die
einzige  Form,  in  der  sie  für  den  Menschen  ursprünglich  von  Bedeutung
sein  können.  Überhaupt  sei  die  Unterscheidung  von  Gegenständen
und  Mitteln  des  Arbeitsprozesses  und  Produkten  nur  möglich  in  Hinsicht ­
  auf  die  zwecksetzende  Arbeit.  Denn  ein  Gegenstand  könne
ebensogut  Arbeitsgegenstand  wie  Arbeitsmittel,  wie  endlich  auch
Produkt  sein,  und  es  sei  einzig  und  allein  die  Arbeit,  die  ihm  den
bestimmten  Charakter  verleihe.  Um  ein  Beispiel  anzuführen *  2 ):  ein
und  dieselbe  Milchkuh  kann  sein:  erstens  Arbeitsgegenstand,  wenn
sie  gemästet  werden  soll,  zweitens  Arbeitsmittel,  wenn  sie  zu  Arbeiten ­
  auf  dem  Felde  benutzt  wird  und  drittens  Produkt,  wenn
man  sie  schlachtet  und  verzehrt.  Man  kann  es  der  Kuh  an  sich  nicht
ansehen,  welche  von  diesen  drei  Formen  sie  gerade  hat,  es  ist  erst  die
Arbeit,  die  ihr  den  bestimmten  Charakter  gibt,  die  Arbeit  ist  also
der  einzige  Produktionsfaktor.
In  der  oben  geschilderten  Art  und  Weise  stellt  sich  Marx  die
Grundlagen  des  Produktionsprozesses  vor.  Je  weiter  nun  die  Menschheit ­
  in  ihrer  wirtschaftlichen  Entwicklung  vorwärts  schritt,  um  so  mehr
bildete  sich  die  Arbeitsteilung  aus.  Da  jetzt  keiner  mehr  alle  seine
Bedürfnisse  selbst  befriedigte,  sondern  die  Anfertigung  dieses  oder
jenes  Gutes  einem  anderen  überließ,  der  gerade  hierfür  eine  besondere
Geschicklichkeit  besaß,  bildete  sich  ein  Tauschverkehr  aus.  Für  diesen
Austausch  von  Gütern  war  ein  bestimmter  Wertmaßstab  nötig,  ein

')  Marx,  a.  a.  0.,  I,  143.
2 )  Vom  Verfasser  gewähltes  Beispiel,  da  die  von  Marx  (Kapital,  I,  144—145)
angeführten  sich  nur  auf  jeweüs  zwei  Momente  des  Arbeitsprozesses  beziehen.
        <pb n="45" />
        42

Gemeinsames,  was  alle  Güter  haben;  da  gibt  es  nun  nach  Marx  nichts
anderes,  als  die  Menge  Arbeit,  die  auf  die  Herstellung  des  Gutes  verwandt ­
  worden  ist  oder  wie  Marx  sie  nennt,  die  quantitative  Arbeit,  und
zwar,  da  der  eine  schneller  arbeitet,  der  andere  langsamer,  die  durchschnittliche ­
  gesellschaftliche  Arbeit 1 ).  Von  dieser  Form  der  Arbeit,  die
den  Tauschwert  der  Güter  bestimmt,  unterscheidet  er  die  qualitative,
zweckbestimmende  Arbeit,  die  darauf  gerichtet  ist,  dem  Produkt  eine
ganz  bestimmte  Eigenschaft  zu  verleihen.  Es  sind  dies  aber  nicht
etwa  zwei  verschiedene  Arbeitsarten,  sondern  nur  zwei  Seiten  ein
und  derselben  Arbeit,  indem  diese  das  eine  Mal  nach  ihrem  Zwecke,
das  andere  Mal  nach  ihrer  Menge  beurteilt  wird,  oder  in  dem  einen
Falle  nach  ihrer  Qualität,  im  anderen  nach  ihrer  Quantität;  die
qualitative  Seite  der  Arbeit  gibt  dem  Produkte  den  Gebrauchswert,
die  quantitative  den  Tauschwert.  Selbstverständlich  ist  der  Gebrauchswert ­
  der  ursprünglichere  von  den  beiden,  und  es  kann  ein  Gut  nie
irgendwelchen  Tauschwert  haben,  der  nicht  von  einem  Gebrauchswert
getragen  wird 2 ).  Diese  Unterscheidung  ist  es,  auf  die  Marx  den
Charakter  unserer  heutigen  Wirtschaftsform,  der  kapitalistischen  Wirtschaft, ­
  zurückführt.  Wie  sie  entstanden  ist,  können  wir  hier,  da  es
uns  zuweit  führen  würde,  übergehen,  es  kommt  uns  bloß  auf  eine
systematische  Erklärung  an:
Der  Kapitalist  der  heutigen  Zeit,  der  die  Güter  nicht  mehr
selbst  herstellt,  sondern  sie  durch  andere  verfertigen  läßt,  muß  mit
seinem  Kapital  alles  zum  Arbeitsprozeß  Notwendige  sich  kaufen,  und
zwar  zweierlei,  erstens  die  Produktionsmittel,  das  sind  die  Arbeitsgegenstände ­
  und  die  Arbeitsmittel,  zweitens  die  Arbeitskraft.  Beide
vereinigen  sich  im  Arbeitsprozeß  und  bringen  dadurch  das  Produkt
hervor,  das  natürlich  dem  Kapitalisten  gehört,  der  sowohl  die  Produktionsmittel ­
  wie  die  Arbeitskraft  mit  seinem  Gelde  bezahlt  hat 8 ).
Da  es  ihm  nicht  auf  den  Gebrauchswert  der  Waren  ankommt,  diese
vielmehr  zum  Austausch  bestimmt  sind,  so  ist  ihr  Tauschwert  maßgebend, ­
  der  sich  aus  den  Kosten  der  Arbeitsgegenstände,  Arbeitsmittel ­
  und  der  Arbeit  zusammensetzt.  Der  Kapitalist  würde  also  am
Schlüsse  des  Produktionsprozesses  genau  soviel  Tauschwerte  wieder
herausbekommen  müssen,  wie  er  in  den  Anschaffungskosten  hineingesteckt ­
  hat.  Dies  kann  aber  nie  und  nimmer  die  Absicht  des

')  Marx,  ,a.  a.  0.,  I,  12.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  I,  7.
3 )  Ders,  a.  a.  0.,  I,  147  ff.
        <pb n="46" />
        43

Kapitalisten  sein,  sein  Geld  ohne  jeglichen  Gewinn  so  lange  aus  der
Hand  zu  gehen,  und  wenn  es  tatsächlich  der  Fall  wäre,  daß  bei  dem
Arbeitsprozeß  nichts  gewonnen  würde,  so  würde  wohl  keiner  die  Eolle
eines  Kapitalisten  spielen  wollen.  Die  Tatsachen  lehren  uns  aber,
daß  sehr  wohl  ein  Gewinn  herausspringt,  oft  sogar  wohl  ein  zu  großer,
und  es  sind  die  Ursachen  hierfür  zu  untersuchen.  Der  Gewinn
kann  natürlich,  je  nach  den  wirtschaftlichen  Verhältnissen,  größer
oder  kleiner  sein;  aber  er  existiert  immer,  muß  also  von  diesen  Verhältnissen ­
  unabhängig  sein  und  seinen  tieferen  Grund  haben.
Diesen  glaubt  Marx  in  dem  Doppelcharakter  der  Arbeit  als  zugleich ­
  qualitativer  und  quantitativer  Arbeit  gefunden  zu  haben.  Die
Arbeitskraft  des  Arbeiters,  die  sich  der  Kapitalist  kaufen  muß,  ist
für  ihn  genau  so  gut  ein  Kaufobjekt  wie  die  anderen  zu  seinem
Arbeitsprozeß  notwendigen  toten  Dinge.  Für  beides  gibt  er  gleichmäßig ­
  sein  Geld  aus,  und  zwar  hat  er  den  Tauschwert  zu  zahlen.
Für  die  toten  Güter  hat  er  das  Quantum  Arbeit  zu  bezahlen,  was
deren  bisherige  Bearbeitung  gekostet  hat,  für  die  Arbeitskraft  des
Arbeiters  hat  er  entsprechend  soviel  zu  geben,  als  ihre  Herstellung
Nahrungsmittel  gekostet  hat.  Und  nun  kommt  der  springende  Punkt
in  seiner  Ausführung.  Während  er  sich  bisher  streng  auf  dem  Boden
logisch  aufgebauter  Beweisführung  gehalten  hat,  kommt  er  jetzt  mit
einer  Behauptung,  die  wir  unbewiesen  hinnehmen  müssen.  Er  sagt:
der  Tauschwert  und  der  Gebrauchswert  der  Arbeitskraft  des  Arbeiters
sind  zwei  ganz  verschiedene  Größen  und  aus  dieser  Verschiedenheit
zieht  der  Kapitalist  seinen  Gewinn.  Der  Arbeiter  bekommt  nur  den
Tauschwert  seiner  Arbeitskraft  ersetzt,  während  er  den  Gebrauchswert
hingeben  muß.  Wenn  ihr  Tauschwert  pro  Tag  x  betrage,  sei  ihr
Gebrauchswert  während  derselben  Zeit  auf  ein  mehrfaches  von  x  anzuschlagen. ­
  Dies  sei  eben  die  grundlegende  Eigenschaft  der  Arbeit,
durch  die  sie  sich  von  allem  andern  unterscheide,  daß  sie  mehr  produzieren ­
  könne,  als  sie  zu  ihrer  Erhaltung  verbrauche.  Nehmen  wir
diese  Behauptung,  daß  der  Gebrauchswert  der  Arbeit  ihren  Tauschwert ­
  ühertrifft,  und  daß  der  Kapitalist  den  letzteren  zu  bezahlen  habe,
als  wahr  und  erwiesen  an,  so  ist  natürlich  der  Gewinn,  den  der
letztere  aus  der  Arbeit  des  Lohnarbeiters  zieht,  leicht  erklärt.  Je
nachdem  nun  die  Arbeitskraft  des  Arbeiters  einen  hohen  oder  geringen
Tauschwert  hat,  zieht  der  Kapitalist  einen  großen  oder  kleinen  Gewinn
aus  dem  Arbeitsprozeß.
        <pb n="47" />
        44

Kritik.
Ziun  ersten  weist  auch  er  ganz  wie  Rodbertus  der  Natur  eine
der  menschlichen  Arbeit  nicht  gleichwertige  Stellung  an.  Wenn  er
glaubt,  das  Ende  des  Produktionsprozesses  als  das  Maßgebende  ansehen
und  von  ihm  aus  alles  bestimmen  zu  müssen,  so  kann  man  ebensogut
den  Anfang  als  den  letzten  Ursprung  aller  Dinge  für  das  wichtigste
halten  und  so  der  Natur  den  ersten  Platz  in  der  Reihe  der  Produktionsfaktoren ­
  zuweisen.  Weiter  sagt  er:  die  Arbeit  allein  ist  es,  die
jedem  Dinge  erst  den  Charakter  gibt,  es  entweder  zum  Arbeitsmittel,
Arbeitsgegenstand  oder  Produkt  stempelt.  Wenngleich  auch  hiergegen
Einwendungen  erhoben  werden  könnten,  wollen  wir  sie  übergehen,  da
sie  die  Grundlagen  seines  Systemes  nicht  berühren.
Viel  schwerwiegender  ist  die  falsche  Behauptung,  bei  dem  Austausch ­
  der  Güter  gäbe  es  nur  eine  allen  gemeinsame  Eigenschaft,  die
als  Maßstab  dienen  könne:  die  in  ihnen  enthaltene  quantitative  Arbeit.
Gewiß  kann  diese  als  Maßstab  angesehen  werden,  aber  es  gibt  noch
andere  Eigenschaften,  die  allen  wirtschaftlichen  Gütern  anhaften:  es
sind  dies  z.  B.  ihre  größere  oder  geringere  Notwendigkeit  zur  Erhaltung ­
  des  Lebens,  ihre  verschiedene  Häufigkeit,  ihre  Brauchbarkeit;
und  wenn  man  sich  den  ersten  Tauschverkehr  in  seiner  ganzen  Einfachheit ­
  vorstellt,  so  ist  durchaus  nicht  anzunehmen,  daß  die
Wilden  sich  gegenseitig  gefragt  haben,  wieviel  Arbeit  jeder  auf  die
Herstellung  eines  Tauschgegenstandes  verwandt  habe,  sondern  es  hat
sehr  viel  mehr  Wahrscheinlichkeit  für  sich,  daß  jeder  sein  Gut  nach
dem  Grade  der  Dringlichkeit  bewertete,  mit  dem  es  der  andere  nötig
hatte,  und  es  ist  bei  den  primitiven  Zuständen  sehr  wohl  anzunehmen,
daß  derjenige,  der  hierbei  im  Vorteil  war,  die  ungünstige  Lage  des
anderen  ordentlich  ausgenützt  haben  wird.  Es  ist  derselbe  Vorgang
hei  außergewöhnlichen  Verhältnissen  ja  auch  heute  noch  zu  beobachten,
und  er  hat  bloß  deshalb  allgemeinere  Bedeutung  verloren,  weil  der
Möglichkeiten  der  Befriedigung  unserer  Bedürfnisse  heutzutage  zu
viele  sind,  als  daß  einer  den  anderen  zu  allzu  ungünstigen  Bedingungen
zwingen  könnte.  Doch  zeigt  die  Trustbewegung,  daß  auch  bei  der
außerordentlichen  Entfaltung  unseres  Wirtschaftslebens  das  Moment
der  Dringlichkeit  der  Bedürfnisse  sehr  in  den  Vordergrund  treten
kann.  Trotzdem  bleibt  natürlich  die  Unterscheidung  von  qualitativer
und  quantitativer  Arbeit  noch  immer  hoch  wichtig,  wenn  auch
ihre  Bedeutung  nach  dem  oben  Ausgeführten  etwas  eingeschränkt
werden  muß.
        <pb n="48" />
        45

Noch  in  einer  anderen  Hinsicht  macht  es  sich  geltend,  daß  Marx  die
Frage  des  Bedürfnisses  an  der  entscheidenden  Stelle  gänzlich  außer  acht
gelassen  hat,  bei  der  Unterscheidung  von  Gebrauchswert  und  Tauschwert ­
  der  menschlichen  Arbeit  ’).  Ein  Mensch  kauft  sich  z.  B.  ein
Brot  doch  nicht  deshalb,  weil  soundsoviel  Arbeit  in  ihm  enthalten
ist,  sondern  weil  er  es  zur  Ernährung  notwendig  hat,  ein  Haus,  weil
er  darin  wohnen  will,  ein  Klavier,  weil  er  darauf  spielen  will  usw.,
bei  jedem  Kauf  und  Verkauf  kommt  es  darauf  an,  daß  sich  am  letzten
Ende  auch  ein  Käufer  findet,  der  die  betreffende  Sache  gebrauchen
kann' 2 ).  Man  kann  auf  die  Herstellung  eines  Gutes  so  viel  Arbeit
verwenden,  wie  man  will,  ist  es  zu  nichts  zu  gebrauchen,  so  ist  es  eben
vollständig  wertlos,  trotz  der  großen  Summe  Arbeit,  die  vielleicht
hineingesteckt  sein  mag.  Dies  gibt  Marx  auch  ohne  weiteres  zu s ).
Aber  die  notwendigen  Konsequenzen  daraus  zu  ziehen  unterläßt  er
öfter,  so  daß  sich  glatte  Widersprüche  ergeben.  Einmal  sagt  er  4 ):  als
Tauschwerte  enthalten  die  Waren  kein  Atom  Gebrauchswert,  und
kurz  darauf 5 ) 0 ):  kein  Ding  kann  Wert  sein  ohne  Gebrauchsgegenstand ­
  zu  sein.  Diese  beiden  Sätze  stehen  sich  so  schroff  gegenüber,
daß  sie  sich  nicht  vereinigen  lassen,  und  doch  zieht  Marx,  je  nachdem
er  es  braucht,  einmal  den  einen  und  ein  anderes  Mal  den  anderen
Leitsatz  zur  Beweisführung  heran,  zum  Beispiel  heißt  es  bei  der
Lehre  vom  sich  verzinsenden  Kapital 7 ):  „Was  wirklich  vom  Verkäufer ­
  veräußert  wird,  ist  der  Gebrauchswert  der  Ware,  die  Ware  als
Gebrauchswert“.  Und  bei  der  Lehre  von  der  menschlichen  Arbeitskraft ­
 8 )  sagt  er:  „Der  Verkäufer  der  Arbeitskraft,  wie  der  Verkäufer
jeder  anderen  Ware  realisiert  ihren  Tauschwert  und  veräußert  ihren
GebrauchswertEs  ist  also  eine  Analogie  vorhanden  zwischen  Kapital
und  menschlicher  Arbeit.  Beide  haben  dieselbe  Eigenschaft,  daß  ihr
Gebrauchswert  größer  ist  als  ihr  Tauschwert.  Es  müßten  sich  also,
da  in  beiden  Fällen  tatsächlich  der  Gebrauchswert  veräußert  wird,
auch  die  gleichen  Folgen  ergeben.  Aber  beim  Kapital  berücksichtigt
&amp;gt;)  Wagner,  Grundlegung  der  politischen  Ökonomie,  Leipzig  1892,  I,  323.
2 )  Ygl.  Wenckstem,  Marx,  Leipzig  1896,  S.  9.
s )  Marx,  Kapital,  I,  8.
*)  Ders.,  Kapital,  I,  4.
6 )  Ders.,  Kapital,  I,  7.
6 )  Vgl.  zu  beiden  Zitaten  Wenckstern  (a.  a.  0.,  S.  9)  der,  so  treffend  er  im
übrigen  die  Widersprüche,  die  sich  in  Marx’  Kapital  finden,  aufgedeckt  und  kritisiert
hat,  doch  die  Unvereinbarkeit  dieser  beiden  Sätze  übersehen  zu  haben  scheint.
7 )  Marx,  Kapital,  III,  336.
8 )  Ders.,  Kapital,  I,  156.
        <pb n="49" />
        46

Marx  den  Gebrauchswert  in  der  Form  des  Zinses,  den  der  Kapitalbesitzer ­
  für  das  Ausleihen  nimmt,  bei  der  menschlichen  Arbeit  läßt
er  ihn  außer  acht  und  erhält  so  die  Ausbeutungsrate  des  Arbeitsgebers, ­
  den  Mehrwert 1 ).  Wenn  wir  nun  auch  gern  zugeben  wollen,
daß  Marx  mit  seiner  Behauptung,  die  menschliche  Arbeit  produziere
mehr  Güter,  als  sie  zu  ihrer  Erhaltung  nötig  habe,  recht  hat,  so
können  wir  doch  den  oben  entwickelten  Widerspruch,  mit  dem  sein
ganzes  System  zusammenbrechen  muß,  nicht  ruhig  hinnehmen.  Dem
Kapitalisten,  der  die  Kraft  des  Arbeiters  kauft,  kommt  es  doch  nicht
darauf  an,  daß  soundsoviel  Arbeit  nötig  war,  um  ihn  in  den  Stand
zu  setzen,  einen  Tag  zu  arbeiten,  sondern  der  Gebrauchswert  ist  ihm
das  wesentliche.  Wenn  Marx  sagt,  der  Arbeiter  bringe  seine  Arbeitskraft ­
  genau  so  wie  jede  andere  Ware  auf  den  Markt,  so  ist  dies,  und
auch  nur  in  gewissem  Sinne,  bloß  für  den  Arbeiter  zutreffend.
Er  gibt  allerdings  seine  Kraft  für  einen  Tag  hin,  um  dafür  seinen
Lohn  einzutauschen,  der  Kapitalist  aber  will  die  gekaufte  Arbeitskraft
gar  nicht  mehr  gegen  etwas  anderes  vertauschen,  sondern  er  will  sie
ausnutzen,  will  sie  gebrauchen,  für  ihn  ist  sie  also  keine  Ware.  Wenn
der  Arbeiter  einen  Tag  gearbeitet  hat,  so  ist  seine  Kraft  verzehrt,  genau
so  wie  man  eine  Frucht  oder  ein  Stück  Brot  verzehrt.  Der  Kapitalist
wird  sie  also  nicht  nach  ihrem  Tauschwert,  sondern  nach  ihrem  Gebrauchswert ­
  einschätzen.
So  ist  die  Mehrwerttheorie  des  Karl  Marx,  die  die  Grundlage
seiner  Produktionstheorie  bildet,  theoretisch  und  praktisch  unhaltbar.

IX.  Kapitel.
Die  Gegenwart  (Brentano).
Die  Sozialisten  sind  die  letzten,  die  sich  auf  unserem  Gebiete  in
größerem  Umfange  schöpferisch  betätigt  haben.  Die  Theoretiker  der
Gegenwart  haben  sich  im  großen  ganzen  damit  begnügt,  die  in  unserer
Arbeit  näher  auseinandergesetzten  Systeme  einer  Kritik  zu  unterziehen
und  sich  dann  als  Anhänger  dieser  oder  jener  Anschauung  zu  bekennen. ­
  Durchaus  vorherrschend  ist  die  Drei-Produktionsfaktoren-*)

  Vgl.  hierzu  Wenckstem,  a.  a.  0.,  S.  10,  11.
        <pb n="50" />
        47

Lehre  des  Adam  Smith  geworden,  die  von  last  allen  Nationalökonomen ­
  unserer  Tage  rückhaltlos  (Conrad 1 ),  Koscher  1  2  3 ),  Schmoller  s ),
Wagner 4 ))  oder  mit  gewissen  Einschränkungen  (Marshall 5  6 ),  Philippovich
  *))  als  richtig  anerkannt  wird.  Diese  beziehen  sich  darauf,  daß
man  eine  technische  und  wirtschaftliche  Produktion  unterscheiden
müsse,  und  während  man  für  jene  nur  zwei  Produktionsfaktoren  annehmen ­
  dürfe,  Natur  und  menschliche  Arbeit,  könne  man  indessen
vom  wirtschaftlichen  Standpunkte  aus  nicht  anders,  als  auch  das
Kapital  als  produktiv  anzusehen.  Da  es  sich  für  uns  nur  um  die
wirtschaftliche  Seite  des  Problems  handelt,  können  wir  auch  über
diesen  Vorbehalt  ohne  längere  Auseinandersetzungen  hinweggehen.
Die  einzige  Ausnahme  von  der  sonst  herrschenden  Einigkeit  bildet,
wenn  wir  von  Sombart  absehen,  der  sich  zum  Teil  recht  eng  an  Karl
Marx  anschließt 7 ),  Brentano,  der  in  einem  kleinen  Vortrage,  der
unter  dem  Titel  „Der  Unternehmer“  in  den  „Volkswirtschaftlichen
Zeitfragen“  gedruckt  erschienen  ist 8 ),  eine  von  allem  bisherigen  völlig
abweichende  Theorie  aufstellt,  die  zu  eigenartig  und  interessant  ist,
als  daß  wir  nicht  näher  auf  sie  eingehen  sollten.
Die  erste  bedeutsame  Abweichung  zeigt  sich  bereits  bei  der
Definition  des  Begriffes  „produzieren“,  indem  er  es  ausdrücklich
zurückweist,  daß  er  mit  dem  Neuschaffen  von  Werten  identisch  sei  und
behauptet,  produzieren  sei  überhaupt  kein  wirtschaftlicher,  sondern  nur
ein  technischer  Vorgang  und  gleichbedeutend  mit  „Form  verändern“.  Wenn
Brentano  an  dieser  Definition,  die  er  hier  aufstellt,  festgehalten  hätte,
so  müßten  wir  zwar  bedauern,  daß  er  sich  zu  der  althergebrachten
Begriffsbestimmung  in  Gegensatz  gesetzt  und  damit  Verwirrung  angestiftet ­
  hätte,  könnten  ihm  aber  ein  Eecht  dazu  nicht  abstreiten,  obgleich ­
  der  doch  sicher  sehr  produktive  Handel  bei  dieser  Definition

1 )  Conrad,  a.  a.  0.,  I,  26.
2 )  Eoscher,  Grundlagen  der  Nationalökonomie,  Stuttgart-Berlin  1906,  S.  64  ff.
3 )  Schmoller,  Grundriß  der  allgemeinen  Volkswirtschaftslehre,  Leipzig  1908,
I,  138—140.
*)  Wagner,  Theoretische  Sozialökonomik,  Leipzig  1907,  I,  145.
6 )  Handbuch  der  Volkswirtschaftslehre  von  Marshall,  übers,  von  Ephraim-Salz,
Berlin  1905,  I,  178:  „In  gewissem  Sinne  gibt  es  allerdings  nur  zwei  Produktionsfaktoren, ­
  die  Natur  und  den  Menschen.“
6 )  Philippovich,  Grundriß  der  politischen  Ökonomie,  Tübingen  1908,1,116,117.
Philippovich  unterscheidet  demnach  die  technischen  Produktionselemente,  Natur  und
Arbeit,  von  den  wirtschaftlichen  Produktionsfaktoren  Land,  Kapital,  Arbeit.
7 )  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus,  Leipzig  1902,  I,  22.
8 )  Volkswirtschaftliche  Zeitfragen,  Jahrgang  29,  I.  Heft,  1907.
        <pb n="51" />
        48

schwerlich  zu  seinem  Rechte  käme.  Dem  ist  aber  leider  nicht  so,
denn  er  führt  sie  nicht  konsequent  durch.  Nur  wenige  Seiten  später
können  wir  nämlich  lesen: 1 )  „Auch  arbeiten  ist  in  erster  Linie  nur
ein  technischer  Vorgang,  durch  welchen  Formveränderungen  hervorgerufen ­
  werden.“  Es  wäre  also  arbeiten  gleich  produzieren  und
Arbeit  gleich  Produktion;  kurz  darauf  geht  er  zu  den  Produktionselementen, ­
  wie  er  die  gewöhnlich  mit  „Produktionsfaktoren“  bezeichneten
Kräfte  nennt,  über,  und  wir  finden  zu  unserem  Erstaunen  unter  diesen
Produktionselementen  neben  Natur,  Kapital,  Staat  u.  a.  auch  die
Arbeit  wieder.  Es  wäre  also  Arbeit  erstens  die  Produktion  selbst  als
Ganzes  und  zweitens  ein  Produktionselement.  Mithin  ist  nicht  nur
keine  Klarheit  über  den  Begriff  des  Produzierens  geschaffen,  sondern
im  Gegenteil,  die  Verwirrung  ist  nur  noch  größer  geworden.  Es  dürfte
sich  also  auch  schon  aus  diesem  rein  äußerlichen  Grunde  empfehlen,
bei  den  alten  Bezeichnungen  zu  bleiben.
Doch  müssen  wir  auch  die  Gründe  untersuchen,  die  Brentano  zur
Ablehnung  der  alten  und  Aufstellung  seiner  neuen  Theorie  geführt
haben.  Er  sucht  nachzuweisen,  daß  nicht  alles,  was  wir  mit  Produktion
bezeichnen,  neue  Werte  schaffe,  sondern  daß  diese  bloß  Formveränderungen ­
  verursache,  und  es  erst  die  Verhältnisse,  die  Konjunkturen,
oder  wie  wir  es  sonst  nennen  wollen,  seien,  welche  diese  Formveränderungen ­
  je  nachdem  als  Wertverminderungen  oder  Wertvermehrungen ­
  erscheinen  ließen.  Er  führt  für  diese  Behauptung  mehrere
Beispiele  aus  dem  praktischen  Leben  als  Beweise  an:
1.  „Ein  Brand  in  einer  belagerten  Stadt  sei  eine  Formveränderung,
die  für  die  Angreifer  neue  Werte  schaffe,  für  die  Verteidiger  aber
solche  vernichte;  es  müßte  also  derselbe  Vorgang  produktiv  und  nicht
produktiv  sein,  was  widersinnig  sei“  2 ).  Abgesehen  davon,  daß  es  sich
hier  gar  nicht  um  wirtschaftliche  Verhältnisse  handelt,  auf  die  es  uns
doch  gerade  ankommt,  können  wir  dem  vor  allem  entgegenhalten,  daß
man  bei  der  Beurteilung  von  Vorgängen  nie  danach  gehen  darf,  ob
ein  einzelner  vielleicht  Vorteil  aus  ihnen  zieht,  sondern  daß  alles  danach ­
  beurteilt  werden  muß,  ob  die  Gesamtheit  durch  sie  einen  Wertzuwachs ­
  erhält  oder  nicht.  Sonst  könnte  man,  um  dieses  Beispiel
recht  drastisch  ad  absurdum  zu  führen,  auch  sagen:  der  Brand  einer
Fabrik  ist  unter  Umständen  produktiv  für  einen  Raucher,  der  an  den
glimmenden  Balken  sich  eine  Zigarre  anstecken  kann  und  dadurch

x )  Brentano,  a.  a.  0.  4.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  S.  9.
        <pb n="52" />
        49

Streichhölzer  spart.  Betrachten  wir  aber  das  von  Brentano  allgeführte
Beispiel  vom  Wöhle  der  Gesamtheit  aus,  so  kann  kein  Zweifel  darüber ­
  bestehen,  daß  der  Brand  einer  belagerten  Stadt  Werte  vernichtet,
also  nie  eine  Produktion  sein  kann.
2.  „Wieviel  Erfinder  haben  nicht  bittere  Not  leiden  müssen,  weil
ihre  Produkte  von  denen,  denen  sie  zunächst  geboten  wurden,  nicht
als  geeignet  für  die  Befriedigung  ihrer  Bedürfnisse  erachtet  wurden!“  r )
Hier  ist  der  Ton  auf  das  Wörtchen  „zunächst“  zu  legen;  nicht
darauf  kommt  es  an,  wann  die  Erfindung  Werte  schafft,  wenn  sie
es  nur  überhaupt  tut;  und  in  dem  Augenblick,  wo  sie  durch  den
ersten,  der  sie  auszunutzen  versteht,  der  Allgemeinheit  einen  Wertzuwachs ­
  gebracht  hat,  hat  sie  angefangen  produktiv  zu  sein.  Versinkt
sie,  ohne  jemals  einen  Wert  geschaffen  zu  haben,  in  das  Meer  der
Vergessenheit,  so  war  sie  zwar  eine  interessante  Geistesarbeit,  aber
nie  eine  Produktion.  Damit,  daß  es  nicht  vom  Produzenten  allein
abhängt,  ob  eine  Arbeit  produktiv  ist  oder  nicht,  hat  Brentano  unbedingt ­
  recht.  Wir  sehen  aber  dadurch  lediglich  den  Unterschied
zwischen  Arbeit  und  Produktion  bewiesen.
3.  Als  drittes  Beispiel  führt  Brentano  das  Schicksal  eines  Bildes
an *  2  3 ),  das  je  nach  dem  Geschmack  des  Publikums  höher  oder
geringer  bewertet  wurde.  Hierzu  ist  nur  dasselbe  zu  bemerken,  wie
zu  dem  vorigen  Abschnitte.
4.  Als  weiteres  Argument  gegen  die  Behauptung,  daß  Produzieren
identisch  sei  mit  Wertschaffen,  finden  wir  die  geringe  Bewertung  der
Heimarbeit  erwähnt 8 ),  die  in  gar  keinem  Verhältnis  zu  den  aufgewandten ­
  Fleiße  stehe.
Der  Verdacht,  der  sich  bei  der  Beantwortung  des  vorigen  Einwurfs ­
  leise  in  uns  geregt  hat,  bestätigt  sich  jetzt  voll  und  ganz:  Brentano ­
  hat,  ohne  daß  er  es  merkt,  die  Front  gewechselt  und  bekämpft
jetzt  die  Karl  Marxsche  Werttheorie,  die  in  der  auf  gewandten  Arbeit
den  alleinigen  Maßstab  des  Wertes  sieht.  Hier  erringt  er  einen  leichten
Sieg,  denn  die  letztere  Theorie  ist  tatsächlich  unhaltbar.  Was  er  mit
diesem  Beispiel  beweist,  ist  zweierlei:  erstens,  daß  die  Arbeit  von  verschiedener ­
  Produktivität  sein  kann,  was  wir  ihm  gern  zugestehen
wollen,  und  zweitens  beweist  er,  allerdings  wider  Wissen  und  Willen,
daß  wir  einen  Unterschied  zwischen  „Arbeiten“  und  „Produzieren“
machen  müssen.
')  Brentano,  a.  a.  0.,  S.  10.
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  S.  10.
3 )  Ders.,  a.  a.  0.,  S.  11.

4
        <pb n="53" />
        50

5.  Ebensowenig  gelingt  es  ihm,  uns  mit  einem  letzten,  seiner
Meinung  nach  besonders  deutlichen  Beispiel  zu  überzeugen.  Er  berichtet ­
  uns  das  Schicksal  der  kaiserlichen  Tabakmanufaktur*)  in  Straßburg, ­
  mit  deren  Zigarren  Bismarck,  als  er  das  Tabakmonopol  in
Deutschland  einführen  wollte,  die  Rentabilität  der  Konkurrenz  vermindern ­
  wollte,  um  später  geringere  Entschädigungssummen  zahlen  zu
müssen.  Die  darauf  eingeleitete  Gegenagitation  machte  aber  die
Straßburger  Zigarren  wertlos.  Brentano  sagt  nun:  Die  kaiserliche
Tabakmanufaktur  hat  zweifellos  Zigarren  produziert,  aber  ebenso
zweifellos  keine  Werte  hervorgebracht,  denn  kein  Mensch  kaufte  die
Straßburger  Zigarren,  und  sie  mußten  größtenteils  verbrannt  werden.
Damit  ist  aber  noch  nicht  das  geringste  bewiesen:  entweder,  wir
bezweifeln  die  Behauptung,  daß  die  kaiserliche  Manufaktur  keine
Werte  geschaffen  hat  und  sagen,  daß  sie  nur  geringere  oder  gar  keine
Preise  erzielt  habe,  dann  wäre  das  ganze  bloß  noch  eine  Preisfrage
und  keine  Wertfrage  mehr.  Oder  aber,  was  wohl  das  richtigere  ist,
wir  geben  zu,  daß  die  Manufaktur  keine  Werte  hervorgebracht  hat;
nun,  dann  befinden  wir  uns  in  vollem  Einklang  mit  unserer  bisherigen,
als  richtig  anerkannten  Theorie,  wenn  wir  sagen:  die  Tabakfabrik  in
Straßburg  hat  nur  Güter  geschaffen,  aber  keine  Werte,  also  hat  sie
nicht  produziert 2 ).  Daß  hier  der  Sprachgebrauch  des  alltäglichen
Lebens  von  dem  der  Wissenschaft  abweicht,  soll  gern  zugegeben
werden;  dies  ist  aber  leider  häufig  der  Fall,  ich  erinnere  nur  an
„Kapital“  und  „Rente“.
Nachdem  Brentano  so  nach  seiner  Ansicht  bewiesen  hat,  daß
produzieren  gleich  Formverändern  ist,  fährt  er  fort  ®):  Es  ist  natürlich
zu  erstreben,  daß  die  Produktion  auch  wirtschaftlich  produktiv  sei
(nebenbei  bemerkt  eine  Ausdrucksweise,  die  zu  vielen  Verwechslungen
Anlaß  geben  kann),  und  zwar  ist  es  die  Aufgabe  des  Produzierenden,
des  Unternehmers,  die  Verhältnisse,  die  maßgebend  für  die  Bewertung
der  Produkte  sind,  vorauszusehen.  Derjenige,  der  dies  voraussieht,
ist  der  menschliche  Geist,  er  ist  also  der  einzige  Produktionsfaktor,
während  Arbeit,  Natur,  Kapital,  Staat  usw.  bloß  Produktionselemente
sind.  Ob  wir  die  letzteren  produktiven  Kräfte  nun  Faktoren  oder

')  Brentano,  a.  a.  0.,  S.  11.
2 )  Vgl.  damit  Conrad,  Polit.  Ökon.,  I,  136—137:  „Der  Arbeiter  kann  seine
Aufgabe  vollkommen  erfüllt  und  seinen  Lohn  verdient  haben,  war  sie  vom  Unternehmer ­
  in  eine  falsche  Kichtung  geleitet,  so  blieb  sie  unproduktiv“.
s )  Brentano,  a.  a.  0.,  S.  14.
        <pb n="54" />
        51

Elemente  nennen,  ist  gleichgültig,  wir  können  unser  Hauptaugenmerk
also  gleich  auf  den  „voraussehenden  Geist“  richten.  Was  ist  dieser
menschliche  Geist?  Wie  kommt  er  dazu,  die  Verhältnisse  richtig
vorauszusehen?  Um  im  wirtschaftlichen  Lehen  einen  richtigen  Blick
zu  haben,  muß  man  es  eingehend  studiert  haben  und  tagtäglich  weiter
studieren,  ein  Teil  des  Brentanoschen  „Geistes“  besteht  also  in  geistiger
Arbeit.  Ferner  wenn  wir  uns  einen  Australneger  vornehmen,  er  kann
studieren  soviel  wie  irgend  möglich,  er  wird  nie  einen  voraussehenden
Geist  bekommen;  mit  anderen  Worten,  dieser  Geist  hat  eine  hohe
Kultur  zur  Voraussetzung.  Da  aber,  wie  Adam  Smith  treffend  auseinander ­
  gesetzt  hat,  eine  Kultur  nur  durch  Zusammenwirken  von
Natur,  Kapital  und  Arbeit  erworben  werden  kann,  so  ist  auch  der
Geist,  der  sich  aus  dieser  Kultur  entwickelt  hat,  nur  ein  Produkt  der
Produktionsfaktoren,  zwar  ein  höchst  produktives,  vielleicht,  und  in
diesem  Sinne  hat  Brentano  wohl  recht,  das  produktivste,  aber  doch  nur
ein  Produkt.  Er  ist  also,  falls  wir  es  nicht  überhaupt  vorziehen,  seine
Tätigkeit  ganz  als  Arbeit  anzusehen,  nur  ein  Teil  des  Kapitals,  das
in  unserem  Wirtschaftsleben  tätig  ist.  Ausschlaggebend  ist  für  uns
natürlich  nicht  die  Tatsache,  daß  er  ein  Produkt  ist;  das  ist  ja
auch  bei  dem  Produktionsfaktor  Kapital  der  Fall,  sondern  daß  er,
falls  man  seine  Tätigkeit  nicht  als  eine  besondere  Art  der  Arbeit  ansieht, ­
  restlos  in  dem  Begriff  „Kapital“  aufgeht.
So  wertvoll  also  Brentanos  Anregungen  sind,  und  so  sehr  wir
ihm  auch  für  die  neuen  Gesichtspunkte,  die  er  uns  in  ihnen  gebracht
hat,  dankbar  sein  müssen,  die  Grundlagen  unserer  Lehre  sind  durch
sie  nicht  berührt  worden.  Theoretisch  ist  die  überragende  Produktionsbedeutung ­
  des  Geistes  als  des  einzigen  Produktionsfaktors  nicht
haltbar,  so  wenig  wir  natürlich  seinen  praktischen  Einfluß  auf  unser
Wirtschaftsleben  irgendwie  verkennen  wollen.
Abgesehen  von  Brentano  und  Sombart  sind  sich  die  heutigen
Nationalökonomen  mithin  in  der  Theorie  der  Produktionsfaktoren  so
ziemlich  einig,  und  es  sind  nur  Fragen  zweiter  Ordnung,  die  hier  und
da  noch  eine  kleine  Diskussion  hervorrufen,  so  die  oben  erwähnte
Scheidung  in  technische  und  wirtschaftliche  Produktionsfaktoren,  oder
der  Zweifel,  ob  man  den  Staat  als  Kapital  auffassen  soll 1 )  oder  nicht
und  ähnliches  mehr.  Wir  wollen  daher  nur  diese  letztere,  wohl
wichtigste  Frage  einer  Erwägung  unterziehen,  und  uns  auch  hier  ganz
kurz  fassen,  da  das  Wesentliche  hierüber  schon  in  anderem  Zusammen-*)

  Wagner,  Theoretische  Sozialökonomik,  Leipzig  1907,  I,  138.

4*
        <pb n="55" />
        52

hange  gesagt  worden  ist.  Es  ist  selbstverständlich,  daß  auch  wir  den
Begriff  des  Kapitals  nicht  engherzig  auffassen  wollen,  aber  wir  werden
uns  auch  sicher  nicht  einer  Kleinlichkeit  schuldig  machen,  wenn  wir
uns  einmal  genauer  fragen,  was  denn  der  Staat  ist.  Wir  werden  uns
dann  der  Überzeugung  nicht  verschließen  können,  daß  der  Staat  überhaupt ­
  nichts  Konkretes  ist,  also  keinesfalls  ein  besonders  geartetes
Kapital  sein  kann,  das  als  Produkt  der  anderen  Produktionsfaktoren
stets  eine  greifbare  Eorm  haben  muß.  Andererseits  können  wir  den
Staat  auch  nicht  als  selbständig  produzierend  auffassen.  Er  ist  nur
geeignet,  die  vorhandenen  produktiven  Kräfte  eines  Landes  zu  vollerer
Entfaltung  zu  bringen  und  dadurch  indirekt  zur  Produktion  beizutragen. ­
  Wir  können  also  auf  das  schon  oben  über  die  indirekte
Produktion  Gesagte  (S.  18)  kinweisen  und  wollen  hier  nur  kurz  unsere
Ansicht  dahin  aussprechen,  daß  wir  den  Staat  demnach  als  einen
sekundären  Produktionsfaktor  im  Sinne  J.  St.  Mills  ansehen  möchten.
Auch  die  Versuche,  den  wissenschaftlichen  Sprachgebrauch  dem
in  der  Praxis  herrschenden  anzupassen,  dürften  hierher  zu  zählen  sein.
Den  bedeutsamsten  vielleicht  hat  van  der  Borght  mit  dem  Vorschläge ­
  unternommen  1 j,  den  Begriff  Kapital,  der  die  Hauptverwirrung
mit  sich  gebracht  hat,  gänzlich  auszuschalten,  das  bisher  sogenannte
umlaufende  Kapital  dem  Produktionsfaktor  Natur  zuzuschlagen,  das
„stehende  Kapital“  aber  als  selbständigen  dritten  Produktionsfaktor
unter  dem  Namen  „Produktionsanlagen  und  Produktions  Werkzeuge“
beizubehalten.  Ob  hiermit  die  Verwirrung  beseitigt  ist,  will  uns  fraglich ­
  erscheinen,  da  ja  jedes  Ding  je  nach  seiner  Verwendung  stehendes
und  umlaufendes  Kapital  sein  kann,  es  nach  van  der  Borght  also
je  nachdem  bald  der  Natur,  bald  jenem  anderen  dritten  Produktionsfaktor ­
  zuzuschlagen  wäre,  was  sicher  noch  größere  Unzuträglichkeiten
im  Gefolge  hat,  als  die  an  und  für  sich  allerdings  recht  beklagenswerte ­
  Verschiedenheit  im  Sprachgebrauch  von  Wissenschaft  und
Praxis.
Und  so  ließen  sich  noch  mancherlei  kleine  Abänderungsversuche
der  Theorie  der  Produktionsfaktoren  hei  den  modernen  Schriftstellern
finden.  Aber  all  diese  unbedeutenden  Verschiedenheiten,  die  nur
Einzelheiten,  nicht  aber  die  Grundlage  der  Theorie  berühren,  sind
nicht  mehr  ausreichend,  um  einen  lebhafteren  Meinungsaustausch
zwischen  ihren  Autoren  hervorzurufen,  und  so  können  wir  mit  einem

l )  Conrads  Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und  Statistik,  III.  F.,  26.  Bd.,
S.  604  ff.
        <pb n="56" />
        53

gewissen  Rechte,  ohne  uns  allerdings  auf  das  unsichere  Gebiet  der
Prophezeihungen  begeben  zu  wollen,  die  Behauptung  aussprechen,  daß
die  Lehre  von  den  wertschaffenden  Kräften  unseres  Wirtschaftslebens
mit  der  Gegenwart  ihren  Abschluß  gefunden  zu  haben  scheint.  Sie
nahm  ihren  Anfang  bei  den  Physiokraten,  die  nur  die  Natur  und  die
menschliche  Arbeit  als  produktiv  ansahen.  Adam  Smith  fügte  dann
diesen  beiden  das  Kapital  als  dritten  Produktionsfaktor  hinzu  und
diese  hiermit  in  ihren  Grundzügen  festgelegte  Drei-Produktionsfaktorenlehre ­
  erhielt  von  den  Epigonen  des  Adam  Smith,  von  Ricardo  bis
J.  St.  Mill,  ihre  Abrundung  und  namentlich  in  den  sogenannten  sekundären ­
  Produktionsfaktoren  Mills  ihre  notwendige  Ergänzung.  Die
nun  folgende  Zeit  bis  zur  Gegenwart  wurde  durch  Angriffe  auf  dies
System  ausgefüllt,  die  zuerst  von  einzelnen  bedeutenden  nationalökonomischen ­
  Denkern  ausgingen,  unter  denen  wir  Sismondis  und
Fr.  Lists  als  der  originellsten  Erwähnung  taten,  während  im  letzten
Drittel  des  vorigen  Jahrhunderts  eine  ganze  Schule,  die  sozialistische,
sich  ihre  Bekämpfung  zum  Ziele  setzte,  aber  ebensowenig  wie  jene
den  Sieg  erringen  konnte.  Wir  gedachten  dann  noch  Brentanos,  des
bedeutendsten  und  geistvollsten  Gegners  der  Smithschen  Produktionstheorie ­
  in  der  Gegenwart,  um  zu  dem  Ergebnis  zu  kommen,  daß  diese
auch  für  unsere  so  veränderten  wirtschaftlichen  Verhältnisse  Geltung
behalten  müsse,  und  konnten  feststellen,  daß  wir  uns  mit  diesem  Urteil ­
  in  Übereinstimmung  mit  der  jetzt  vorwiegend  herrschenden  Meinung ­
  befinden.  Und  wenn  es  auch  heute,  wie  leicht  erklärlich,  fast
ausschließlich  praktische  Probleme  sind,  die  unsere  Nationalökonomen
beschäftigen,  so  ist  es  vielleicht  gerade  darum  nicht  ohne  Interesse
gewesen,  auf  ein  uns  in  einer  abgeschlossenen  Entwicklung  vorliegendes
theoretisches  Problem  einen  kurzen,  umfassenden  Rückblick  geworfen
zu  haben.
        <pb n="57" />
        Lebenslauf.

Ich,  Johannes  Müller,  evangelischen  Bekenntnisses,  wurde  am
22.  November  1889  zu  Königsberg  i.  Pr.  als  Sohn  des  verstorbenen
Universitätsprofessors  August  Müller  geboren.  Nachdem  ich  von  1895
bis  1898  die  Gymnasialvorschule,  1898  —  1902  das  Stadtgymnasium  zu
Halle  a.  S.,  1902—1908  die  Königliche  Landesschule  Pforta  besucht
hatte,  erwarb  ich  daselbst  Ostern  1908  das  Zeugnis  der  Keife.  Sodann ­
  studierte  ich  in  Halle  a.  S.,  und  zwar  im  ersten  Semester
Mathematik,  Naturwissenschaften  und  Volkswirtschaft,  wandte  mich
dann  aber  endgültig  den  Staatswissenschaften  in  Verbindung  mit
Geographie  und  Jurisprudenz  zu.
Meine  akademischen  Lehrer  waren  die  Herren  Professoren  und
Dozenten:
von  Blume,  Brodnitz,  Conrad,  -J*  Ebbinghaus,  Finger,  Gehrig,
Goldschmidt,  Hasenclever,  Krahmer,  Krueger,  Lästig,  Loening,  Menzer,
■f  Noll,  Philippson,  Raape,  Rehme,  Schwartz,  Sommerlad,  Stammler,
Steinbrück,  Uphues,  Wange  rin,  Wohltmann,  Wolff.
An  Seminarsitzungen  und  Übungen  nahm  ich  teil  bei  den  Herren
Professoren  und  Dozenten:
von  Blume,  Brodnitz,  Conrad,  Gehrig,  Philippson,  Stammler,  Wolff.
Ihnen  allen,  insbesondere  Herrn  Dr.  Gehrig  und  Dr.  Wolff  bin
ich  großen  Dank  schuldig.  Zu  besonderem  Danke  fühle  ich  mich
Herrn  Prof.  Philippson,  dessen  Exkursionen  eine  sehr  wertvolle
praktische  Ergänzung  meiner  theoretischen  Studien  waren,  und  vor
allem  Herrn  Geheimrat  Prof.  Dr.  Conrad  verpflichtet,  dem  ich  reiche
Förderung  meines  Studiums  und  auch  die  Anregung  zu  dieser  Arbeit
verdanke.
        <pb n="58" />
        47

-  ^  H■
2  X
e  I  mm.
I  5^
l  i  —"
I  ■
g
;  M i
!  ’jj  .
f

I  ä
K*
l
f
k*  &amp;amp;
c s

pp

o
"nI

DD
■^1

&amp;gt;

o

DD
00

&amp;gt;
00

O
CD

CD
CD

Adam  Smith  geworden,  die  von  fast  allen  Nationalbserer
  Tage  rückhaltlos  (Conrad 1 ),  Roscher 2 ),  Schmoller  8 ),
"der  mit  gewissen  Einschränkungen  (Marshall 5 ),  Philipgf
  richtig  anerkannt  wird.  Diese  beziehen  sich  darauf,  daß
£  ichnische  und  wirtschaftliche  Produktion  unterscheiden
während  man  für  jene  nur  zwei  Produktionsfaktoren  an-|
  ’e,  Natur  und  menschliche  Arbeit,  könne  man  indessen
if  fliehen  Standpunkte  aus  nicht  anders,  als  auch  das
produktiv  anzusehen.  Da  es  sich  für  uns  nur  um  die
e  Seite  des  Problems  handelt,  können  wir  auch  über
^  jhalt  ohne  längere  Auseinandersetzungen  hinweggehen.
Ausnahme  von  der  sonst  herrschenden  Einigkeit  bildet,
i  Sombart  absehen,  der  sich  zum  Teil  recht  eng  an  Karl
eßt 7 ),  Brentano,  der  in  einem  kleinen  Vorträge,  der
Htel  „Der  Unternehmer“  in  den  „Volkswirtschaftlichen
;edruckt  erschienen  ist 8 ),  eine  von  allem  bisherigen  völlig
Theorie  aufstellt,  die  zu  eigenartig  und  interessant  ist,
ucht  näher  auf  sie  eingehen  sollten,
e  bedeutsame  Abweichung  zeigt  sich  bereits  bei  der
•s  Begriffes  „produzieren“,  indem  er  es  ausdrücklich
laß  er  mit  dem  Neuschaffen  von  Werten  identisch  sei  und
)duzieren  sei  überhaupt  kein  wirtschaftücher,  sondern  nur
•  Vorgang  und  gleichbedeutend  mit  „Formverändern“.  Wenn
dieser  Definition,  die  er  hier  aufstellt,  festgehalten  hätte,
r  zwar  bedauern,  daß  er  sich  zu  der  althergebrachten
•mung  in  Gegensatz  gesetzt  und  damit  Verwirrung  an-,
  könnten  ihm  aber  ein  Recht  dazu  nicht  abstreiten,  ob-’li
  sicher  sehr  produktive  Handel  bei  dieser  Definition
a.  a.  0.,  I,  26.
Grundlagen  der  Nationalökonomie,  Stuttgart-Berlin  1906,  S.  64  ff.
,r,  Grundriß  der  allgemeinen  Volkswirtschaftslehre,  Leipzig  1908,
Theoretische  Sozialökonomik,  Leipzig  1907,  I,  145.
t  h  der  Volkswirtschaftslehre  von  Marshall,  übers,  von  Ephraim-Salz,
1  78:  „Tn  gewissem  Sinne  gibt  es  allerdings  nur  zwei  Produktionsiur
  und  den  Menschen.“
ich,  Grundriß  der  politischen  Ökonomie,  Tübingen  1908,1,116,  117.
srscheidet  demnach  die  technischen  Produktionselemente,  Natur  und
wirtschaftlichen  Produktionsfaktoren  Land,  Kapital,  Arbeit.
Der  moderne  Kapitaüsmus,  Leipzig  1902,  I,  22.
ischaftliche  Zeitfragen,  Jahrgang  29,  I.  Heft,  1907,
        <pb n="59" />
        ﻿
        <pb n="60" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
