<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Schweiz</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Otto</forname>
            <surname>Flückiger</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>898818206</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        AUS  DER  BIBLIOTHEK  VON
JULIUS
LAN  DMAN  N

6.  VIII.  1877  —  8.  XI.  1931

PROFESSOR  DER
STAATSWISSENSCHAFTEN
BASEL  1910—1927

KIEL  1927—1  931
        <pb n="2" />
        SIEGFRIED  -  ATLAS

I

.■/spät

MvJHäcker.

‘nlluxl

Jioifd/h

nbortj

■Ob-Bün/en

Uni.  Uü/iien

s/w  7  e  s  e  n

JliUli  ■

LrUfUU..

siut.mil/ii

llülllrr

' : j(ranur :

We/lpithül

Massslab  U25000
0

L  Kllom.
        <pb n="3" />
        Die  Schweiz
Natur  und  Wirtschaft
Von
Dr.  phil.  O.  Stückiger.

Mit  vier  Martrnaurschnitten.
        <pb n="4" />
        Vorwort.

Die  vorliegende  Landeskunde  sucht,  wie  es  im
Untertitel  ausgesprochen  ist,  in  gleicher  Weise  die
natürlichen  und  wirtschaftlichen  Verhältnisse  der
Schweiz  darzulegen.
Dem  Abschnitt  über  die  Bevölkerung  liegen  die
vorläufigen  Ergebnisse  der  eidgenössischen  Volkszählung ­
  vom  1.  Dezember  1910  zugrunde.
Es  bleibt  mir  die  angenehme  Pflicht,  Herrn
Dr.  Hans  Wehrli,  Dozent  für  Geographie  an  der
Universität  Zürich,  herzlich  zu  danken  für  die  zahlreichen ­
  Anregungen,  die  bei  der  Anlage  des  Werkes ­
  mitbestimmend  waren.
Zürich,  im  März  1911.

O.  F
        <pb n="5" />
        Inhalt

Allgemeines  I
Aufbau  3
1.  Die  Alpen  5
2.  Das  Mittelland  18
3.  Der  Jura  22
Das  Klima  27
Gewässer  38
Nutzbare  Mineralien  5i
D  i  e  Landwirtschaft:
1.  Allgemeines  69
2.  Ackerbau  65
3.  Grasland  und  Viehzucht  72
Die  Industrie:
1.  Allgemeines  76
2.  Stickerei  79
3.  Baumwollindustrie  81
4.  Seidenindustrie  82
5.  Maschinenbau  84
6.  Uhrenindustrie  86
7.  Übrige  Industrien  90
8.  Fabrik-  und  Heimarbeit  94
9.  Industrie  und  Landwirtschaft  ....  96
DerHandel  99
Verkehrswege:
1.  Allgemeines  104
2.  Eisenbahnen  107
        <pb n="6" />
        II
Fremdenverkehr
Bevölkerung
Einzelbeschreibung  nach  Kantonen:
Wallis
Tessin
Graubünden
Uri
Unterwalden
Schwyz
Glarus
©t.  Gallen
Appenzell
Thurgau
Schaffhausen
Zürich
Zug
Luzern
Aargau
Basel
Solothurn
Bern
Neuenburg
Freiburg
Waadt
Genf
Die  Karten  der  Schweiz  .
Anhang:  Tabellen
Register
Kartenbeilsgen

116
121
131
142
148
159
162
164
167
170
177
179
182
184
191
192
196
202
204
207
222
227
231
238
241
247
260
        <pb n="7" />
        Allgemeines.

Die  Schweiz  ist  das  Kernland  Mittel-  und
Westeuropas.  Sie  liegt,  vom  Meer  abgeschlossen,
zwischen  den  vier  Großmächten  Deutschland,  Frankreich, ­
  Italien  und  Österreich-Ungarn.  Als  Binnenstaat ­
  ist  sie,  ungeachtet  der  natürlichen  Verkehrshindernisse, ­
  aus  enge  Beziehungen  zu  diesen  Nachbarländern ­
  angewiesen.  Die  Stellung  inmitten  der
vier  um  vieles  größeren  Staaten  macht  die  Schweiz
zu  einem  Durchgangsland.  Sie  greift  in  das  Stromgebiet ­
  nord-  und  südeuropäischer  Flüsse  hinein  und
vermittelt  zwischen  dem  nordischen  und  dem  mittelmeerischen
  Klima;  das  gibt  ihr  den  Charakter  eines
Übergangsgebietes.  Die  Schweiz  liegt  zwischen  45  0
49'  und  4?o  49'  nördlicher  Breite  und  zwischen
50  57'  und  100  30'  östlicher  Länge  von  Greenwich. ­
  Die  Alpen  sind  der  Rückgrat  des  Landes.  Die
Schweiz  umfaßt  den  mittleren  Teil  des  mächtigen
Gebirgsbogens.  Hier  lagen  die  Anfänge  des  Staates,-im
  Lauf  der  Jahrhunderte  breitete  er  sich  über  das
ganze  Alpenvorland  und  tief  in  den  Jura  hinein
aus.  Alpen  und  Jura  sind  zum  festen  Rahmen
der  schweizerischen  Landschaft  geworden.
Zusammen  mit  der  Rheinlinie  bilden  die  beiden
Gebirge  eine  natürliche  Grenze,  die  Alpen  gegen
Süden,  der  Rhein  mit  dem  Bodensee  gegen  Osten
und  Norden,  und  der  Jura  gegen  Nordwesten.  Im
einzelnen  weicht  die  politische  Grenze  davon  ab.
Der  Kanton  Tessin  und  die  südlichen  Bündner
Täler,  sowie  das  Talstück  von  Simpeln  an  der
Simplonstraße  reichen  nach  Süden  über  den  Hauptkamm ­
  der  Alpen  hinweg.  Die  badische  Stadt  Kon-Flückiger,
  Schweiz  1

Lage.

Grenzen.
        <pb n="8" />
        stanz  liegt  diesseits  des  Rheins;  dafür  geht  der
schweizerische  Besitz  in  den  Kantonen  Schaffhausen
und  Basel  über  die  Rheinlinie  hinaus.  Der  Bezirk
Pruntrut  schiebt  sich  in  das  flache  Land  am  jenseitigen ­
  Fuß  des  Jura  vor,  während  umgekehrt
bei  Genf  die  französische  Landschaft  von  Gex  und
am  Fuß  des  Salsve  innerhalb  des  natürlichen  Gebirgsrahmens
  liegt.  Die  Grenzlinie  der  Schweiz
ist  1884  km  lang.  Davon  ist  Vs  mit  Marksteinen
kenntlich  gemacht;  2 /s  liegen  als  natürliche  Grenze
unvermarkt  auf  Bergkämmen,  in  Flußläufen  und
Seen.  Aus  diesem  Verhältnis  ist  zu  erkennen,
daß  in  der  Natur  des  Landes  selbst  reichlich  für
Grenzschutz  gesorgt  ist.  Das  größte  Stück  der  Gesamtlänge ­
  fällt  mit  687  km  auf  die  Grenze  gegen
Italien.  Der  stärkste  Verkehr  der  Schweiz  ist  aber,
vorab  wegen  des  trennenden  Alpenwalles,  nicht  nach
Süden  gerichtet,  sondern  über  den  Rhein  hinweg
nach  Deutschland,  das  einen  Grenzanteil  von  445
km  aufweist.  Die  Grenze  gegen  Frankreich  ist  495
km,  gegen  Österreich  256  km  lang.
Die  Schweiz  bleibt  mit  einem  Flächeninhalt
von  41  324  km 2  weit  hinter  der  Größe  der  Nachbarstaaten ­
  zurück.  Frankreich  und  Deutschland  sind
jedes  13mal,  Österreich-Ungarn  16  mal  und  Italien ­
  7  mal  so  groß  wie  die  Schweiz.  Sie  übertrifft
ihrerseits  das  Großherzogtum  Baden  fast  um  das
Dreifache,  das  Königreich  Württemberg  um  das
Doppelte,  ist  aber  nur  etwas  mehr  als  halb  so  groß
wie  das  Königreich  Bayern.  Unter  den  europäischen ­
  Staaten  kommen  ihr  Serbien  mit  48300  km 2
und  Dänemark  mit  38  400  km 2  am  nächsten.  Die
Gesamtbevölkerung  der  Schweiz  beträgt  3  742  000
Seelen,  durchschnittlich  91  auf  den  km 2 .  Das
ist  in  Rücksicht  auf  das  starke  Vorwiegen  des  Gebirgslandes
  eine  große  Volksdichte.
        <pb n="9" />
        Aufbau

Von  einem  Aussichtspunkt  in  der  Mitte  des
Landes  aus  erkennt  man  leicht  die  natürliche  Einteilung ­
  der  Schweiz  in  Alpen,  Mittelland  und  Jura.
Nach  Süden  steigt  der  Blick  über  die  bewaldeten
Vorherge  zu  den  Felsenmauern  und  Schneefeldern
der  Alpenkette,  die  mit  zackiger  Kammlinie  in  die
Ferne  zieht.  Im  Norden  schließt  der  Jura  als
eintönig  verlaufender  Wall  von  geringerer  Höhe
das  Landschastsbild  ab.  Zwischen  den  beiden  Gebirgen ­
  liegt  wie  eine  breite  Mulde  das  Mittelland.
Seine  Hügel  steigen  am  Fuße  der  Alpen  am  höchsten
an;  nach  Nordwesten  werden  sie  niedriger  und  laufen ­
  am  Rande  des  Jura  zu  einer  breiten  Senke  aus.
Die  Gliederung  nach  drei  Landesteilen  läßt  sich
über  die  Ostgrenze  der  Schweiz  hinaus  verfolgen.
Das  Mittelland,  das  vom  untern  Genfersee  an
nordvstwärts  ständig  an  Breite  zunimmt,  gewinnt
jenseits  des  Bodensees  seine  größte  Ausdehnung
in  der  schwäbisch-bayrischen  Hochebene;  im  Norden ­
  wird  sie  durch  den  schwäbischen  und  fränkischen
Jura  abgeschlossen,  und  im  Süden  steigt  sie  zu  den
bayrischen  Alpen  an.
Die  Alpen  umfassen  mehr  als  die  Hälfte,  das
Mittelland  fast  Vs  und  der  Jura  Ve  der  Schweiz;
dieses  Verhältnis  hat  ihr  die  häufig  gebrauchte
Bezeichnung  als  Alpenland  eingetragen.  Obschon
das  Mittelland  an  Größe  hinter  dem  Gebirgsland
zurücksteht,  so  ist  es  doch  vermöge  der  Fruchtbarkeit
des  Bodens,  des  günstigen  Klimas  und  der  größeren ­
  Leichtigkeit  des  Verkehrs  zum  volksreichen
Kernstück  der  Schweiz  geworden.

Dreiteilung.

Größenverhältnis ­

Landesteile.
        <pb n="10" />
        4

Entstehung  Die  Alpen  und  der  Jura  sind  Faltengebirge;  sie
»n^desAu-a  verdanken  ihre  Entstehung  dem  Schrumpfen  der  Erdrinde. ­
  Das  glühendheiße  Erdinnere  verliert  durch
Ausstrahlung  allmählich  an  Wärme.  Infolge  der  Abkühlung ­
  zieht  es  sich  zusammen.  Die  starre  Erdkruste ­
  wird  im  Verhältnis  zum  schwindenden  Erdkern ­
  zu  groß;  sie  sinkt  ein  und  legt  sich,  gleich
einem  zu  groß  geschnittenen  Kleid,  in  parallel  lausende ­
  Falten.  Eine  solche  Runzelung  erstreckt  sich
über  weite  Flächen  und  schiebt  die  Gesteinsschichten
zu  Falten-  oder  Kettengebirgen  zusammen.  Die  Stärke
des  Zusammenschubs  ist  bei  den  einzelnen  Gebirgen
recht  ungleich.  Im  Jura  sind  die  ursprünglich  wagrechten ­
  Gesteinsbänke  nur  schwach  wellenförmig  verbogen; ­
  die  Falten  laufen  meist  mit  breiten  Zwischenräumen, ­
  ohne  einander  zu  stören,  dahin.  In  den
Alpen  war  der  Schub  viel  kräftiger;  die  Falten  erscheinen ­
  hier  eng  zusammengedrängt,  übereinandergeschoben,
  bisweilen  so  gepreßt,  ineinandergeknetet  oder
zerrissen,  daß  es  oft  schwer  hält,  dem  Verlauf  der
einzelnen  Gesteinsschichten  zu  folgen.  Eine  noch  größere
Schwierigkeit,  den  Aufbau  der  Alpen  kennen  zu
lernen,  liegt  darin,  daß  die  äußeren  Formen  des
Gebirges  heute  ganz  andere  sind,  als  die  Auffaltung
allein  sie  zustande  gebracht  hätte.  Als  das  Gebirge
sich  zu  heben  begann,  da  fing  die  Verwitterung  an,
die  gehobenen  Felsmassen  zu  zerstören;  das  fließende
Wasser  und  das  Eis  führten  fortwährend  die
Trümmer  weg  und  gruben  allmählich  tiefe  Täler  in
den  Gebirgskörper  ein.  In  Jahrmillionen  langer  Zerstörungsarbeit ­
  sind  die  Alpen  um  ein  Drittel  ihrer
Höhe  abgetragen  und  durch  reich  verzweigte  Talfurchen ­
  zerrissen  worden;  sie  sind  nur  noch  eine  Ruine
des  einstigen  Baues.  Im  weit  jüngern  Jura  hat  die
Verwitterung  die  ehemaligen  Formen  des  Gebirges
nicht  so  stark  zu  ändern  vermocht.  Die  Falten  treten
hier  deutlich  zu  Tage;  einzelne  unter  ihnen,  wie
        <pb n="11" />
        5

der  Chaumont  ob  Reuenburg,  sind  so  wohl  erhalten, ­
  als  ob  ihr  Gewölbe  erst  jüngst  entstanden  wäre.
So  gewaltig  und  eindrucksvoll  die  Gebirge  sich  auftürmen, ­
  so  bescheiden  ist  ihre  Höhe  im  Vergleich  zur
Größe  der  Erde.  Auf  einem  Erdglobus  von  3  m
Durchmesser  müßten  die  Alpen  als  eine  Erhöhung
von  nur  1  mm  erscheinen.

1.  Die  Alpen.
In  einem  großen,  nach  Süden  offenen  Bogen
zieht  das  Alpengebirge  vom  Mittelländischen  Meer
bis  zum  Durchbruch  der  Donau  bei  Wien.  Die
Schweiz  besitzt  davon  das  Mittelstück  vom  Mont
Dolent  in  der  Montblancgruppe  im  Westen  bis
an  die  Ortlergruppe  im  Osten,  und  zwar  die  Nordabdachung ­
  und  die  innern  Landschaften  des  Gebirges, ­
  sowie  am  Südhang  die  Partie  von  Simpeln
und  Gondo  an  der  Simplonstraße,  das  Tessin  und  die
bündnerischen  Täler  Bergell,  Puschlav  und  Münstertal; ­
  der  übrige  Teil  der  Südabdachung  gehört
zu  Italien.
Nach  der  Art  des  Gesteins  bauen  sich  die  Alpen
aus  drei  deutlich  unterschiedenen  Längszonen  aus.
Den  mittlern  und  am  höchsten  aufragenden  Teil
des  Gebirges  setzen  die  Urgesteine  zusammen:  Granit, ­
  Gneis,  Glimmerschiefer.  Längs  dieses  Kernstückes ­
  ziehen  zwei  Zonen  aus  Kalkstein,  untermischt ­
  mit  weichern  Mergeln  und  Mergelschiefern
(Flysch),  die  als  weich  geformte,  rundliche  Höhen
die  schroff  ansteigenden  Kalkstöckc  umschließen  und
auf  ihrer  fruchtbaren  Verwitterungserde  saftige
Weiden  tragen.  Auf  der  Südseite  der  Alpen  reicht
der  Kalkgürtel  von  Osten  her  nur  bis  an  den

Schweizer

Gesteins-
        <pb n="12" />
        6

Scmgenfee;  weiter  nach  Westen  fehlt  er.  Der  schweizerische ­
  Anteil  an  den  südlichen  Kalkalpen  umfaßt
die  Berge  in  der  Umgebung  des  Luganersees,  B.
Monte  Generoso.
Entstehung.  Vor  der  Entstehung  des  Gebirges  bildeten  die
Kalkmassen  eine  horizontal  liegende  Decke  iiber  den
älteren  Gesteinen  der  Tiefe.  Die  im  Kalkstein  eingeschlossenen ­
  Versteinerungen  von  Mecrestieren  bezeugen, ­
  daß  er  als  Ablagerung  oder  Sediment  aus
den  Meeren  entstanden  ist,  die  einst  während  sehr
langer  Zeiträume  über  dem  ganzen  Lande  und  weit
darüber  hinaus  lagen.  Während  der  Alpenfaltung
spannte  sich  die  Sedimentdecke  auf  dem  ältern  Gestein ­
  über  das  ganze  Gebirge  hinweg;  die  südlichen
und  nördlichen  Kalkalpen  standen  noch  niiteinander
in  Verbindung.  Da  die  Verwitterung  die  höchstgehobenen ­
  Partien  am  stärksten  benagte  und  zerstörte,
so  wurde  hier  im  Lauf  -der  Zeit  die  Decke  bis  auf
geringe  Reste  abgetragen;  das  Urgestein  trat  zu  Tage
und  bildet  heute  die  innere  Zone  mit  den  höchsten
Gipfeln:  Die  Walliser  Alpen,  der  östliche  Teil  der
Hauptkette  in  den  Berner  Alpen,  die  Gotthardgruppe,
die  Alpen  an  der  Maggia  und  am  Tessin  und  die
Bündner  Alpen.  Überreste  der  Sedimentdecke  sind  die
Kalkalpenzonen  beidseits  des  Gebirges.  Wahrscheinlich ­
  setzen  sich  die  Kalkmassen  der  nördlichen  Alpen
tief  unter  dem  Mittellande.fort;  im  Jura  kommen
sie  wieder  zum  Vorschein.
r°lbi,du»g.  Durch  Hebung  und  Zusammenschub  der  Gesteinsmassen ­
  wurden  die  Alpen  zu  einem  plumpen, ­
  blockartigen  Gebirgskörper  aufgetürmt.  Alsbald ­
  begannen  die  Verwitterung  und  die  Abtragung ­
  ihr  zerstörendes  Werk  und  modellierten  den
unendlichen  Reichtum  an  Formen  heraus,  der  das
Landschaftsbild  der  Alpen  so  abwechslungsvoll  gestaltet. ­
  Zahllose  Wasserläufe  haben  in  langer  Aus-
        <pb n="13" />
        7
nagcarbeit  den  Gebirgskörper  mit  reich  verästelten
Tälern  dermaßen  durchfurcht  und  zerstückelt,  daß
die  Alpen  dem  ersten  Blick  als  unübersehbares  Gewirr ­
  hochragender  und  verzweigter  Ketten  und
krausverlaufender  Täler  erscheinen.  Die  natürlichste
Einteilung  richtet  sich  nach  dem  Verlauf  der  bedeutendsten ­
  Tallinien;  sie  stimmt  zumeist  nicht  überein
mit  der  Lage  der  oben  erwähnten  Gesteinszonen.
Im  Bild  der  Schweizer  Alpen  ist  die  große  Einteilung.
Längstalfurche  der  Rhone  und  des  Vorderrheins
von  Martigny  bis  Chur  mit  dem  Verbindungsstück ­
  des  Urserentales  der  auffälligste  Zug.  Sie
zerlegt  das  Gebirge  in  die  zwei  großen  Gruppen
der  Nord-  und  Südalpen.  Rhone  und  Rhein  brechen
in  mächtigen  Quertälern  durch  die  nördliche  Hauptkette ­
  zum  Mittelland  hinaus,  die  Rhone  von  Martigny ­
  zum  Genfersee,  der  Rhein  von  Chur  zum
Bodensee:  sie  öffnen  dem  Verkehr  im  Osten  und
Westen  bequeme  Eingangspforten  zu  den  inneren
Talschaften  des  Gebirges.  Quer  verlaufende  Gewässer ­
  zerschneiden  den  Nordalpenzug,  zwischen  N°rd°lpen.
Rhone,  Rhein  und  Mittelland,  in  einzelne  Gruppen: ­
  Die  Berner  Alpen  zwischen  der  Rhone  unterhalb ­
  Martigny  und  der  Aare,  mit  dem  Finsteraarhorn ­
  (4275  in)  und  der  Jungfrau  (4167  in)  als
höchsten  Gipfeln:  die  Urner  Alpen  zwischen  Aare
und  Reuß  mit  dem  Dammastvck  (3633  in)  und
dem  Galenstock  (3597  in):  die  Glarner  Alpen,  die
ein  größeres  Gebiet  umfassen,  als  der  Name  besagt,
von  der  Reuß  bis  zum  Rhein  unterhalb  Chur,
mit  dem  Oberalpstock  (3330  in)  und  dem  Tödi
(3623)  m);  nördlich  des  Seez-Walenseetales  ist  die
Säntisgruppe  weit  ins  Mittelland  vorgeschoben.
Von  der  Hauptkette  der  Nordalpen  zweigen  eine
Reihe  von  Seitenkämmen  nach  Norden  ab  und
werden  gegen  das  Mittelland  hin  allmählich  niedriger: ­
  es  sind  die  Voralpen.  Nach  Süden  fällt  die
        <pb n="14" />
        Hauptkette  mauerartig  steil  zur  Rhone-Rheintalfurche
  ab.
Die  Südalpen  werden  durch  das  quer  verlaufende ­
  Tal  des  Tessins  in  die  zwei  großen  Gruppen
der  Walliser  und  Bündner  Alpen  geteilt.  In  den
Walliser  Alpen  erreicht  das  Gebirge  die  größte
Mächtigkeit  und  Höhe;  die  Monterosagruppe  weist
eine  Reihe  von  Gipfeln  mit  über  4000  in  Höhe
auf,  darunter  die  Dufourspitze  4638  m,  den  höchsten
Punkt  der  Schweiz.  In  vergrößertem  Maße  wiederholen ­
  die  Walliser  Alpen  das  Bild  der  Berner
Alpen.  Von  der  scharf  zulaufenden  Hauptkette  aus
ziehen  eine  Reihe  seitlicher  Ketten  nach  Norden;
sie  werden  gegen  das  Rhonetal  hin  niedriger  und
brechen  hier  schroff  ab.  Ihre  Gipfelhöhe  übertrifft
bei  weitem  die  der  Voralpen,  ja  selbst  der  Stammkette ­
  nördlich  der  Rhone:  Mischabelhörner  4564  rn,
Weißhorn  4512  m,  Dent  Blanche  4365  m.  Die
Seitenketten  auf  der  italienischen  Südabdachung  sind
kürzer  und  nehmen  rasch  an  Höhe  ab.  Die  Täler
senken  sich  steil  zur  Poebene  hinunter,  die  mit  nur
200  rn  Meereshöhe  einen  weit  niedrigeren  Gebirgsfuß
  bildet,  als  das  Rhonetal  auf  der  Nordseite,
mit  700  in  in  Brig.  Gegenüber  der  einfachen
Fiederform  der  Walliser  Alpen  erscheint  die  Bündner ­
  Gruppe  als  komplizierter  Bau  von  reich  verästelten ­
  Bergzügen  und  Tälern.  Jenseits  des  Tessins ­
  erhebt  sich  die  Adulagruppe  im  Rheinwaldhorn
zu  3406  rn.  In  der  SW—NO  Richtung  heben
sich  sodann  zwei  Ketten  aus  den  Bergmassen  heraus, ­
  wovon  die  nördliche  das  Engadin  vom  Flußgebiet ­
  des  Rheins  abgrenzt,  die  südliche  zwischen
dem  Engadin  und  dem  Veltlin  eine  Strecke  weit
die  Landesgrenze  bildet  und  in  der  stark  vergletscherten ­
  Berninagruppe  4052  in  den  einzigen  Gipfel ­
  der  östlichen  Schweizer  Alpen  trägt,  der  über
4000  in  hinausreicht.
        <pb n="15" />
        9

Das  große  Längstal  Rhone—Rhein  und  die
quer  verlaufende  Furche  des  Reuß-  und  Tessintales ­
  zerlegen  die  Schweizer  Alpen  in  vier  Flügel, ­
  die  gewöhnlich  als  Berner,  Glarner,  Walliser
und  Bündner  Alpen  auseinandergehalten  werden.
Die  Ketten  des  genannten  Gebirgssystems  treffen
in  der  Gotthardgruppe  als  ihrem  Knotenpunkt  zusammen. ­
  Von  dieser  Stelle  gehen  die  Flußtäler  der
Rhone,  des  Rheins,  der  Reuß  und  des  Tessins  aus;
sie  leiten  zwei  wichtige  Verkehrswege  zur  Straßenkreuzung ­
  von  Andermatt  im  Urserental  hinauf:
1.  Die  Straße  vom  Genfersee  her  durch  das  Rhonetal ­
  über  die  Furka  und  die  Oberalp  dem  Rhein
entlang  zum  Bodensee  hinaus.  2.  Die  Gotthardstraße, ­
  die  durch  das  Reuß-  und  Tessintal  eine  direkte ­
  Verbindung  zwischen  dem  Nord-  und  Südfuß
der  Alpen  herstellt.  Gegenüber  den  andern  Alpenpässen ­
  hat  der  Weg  über  den  Gotthard  einen  besondern ­
  Vorzug;  hier  können  die  Alpen  auf  geradem
Weg  in  einem  einzigen  Aufstieg  und  Abstieg  durchquert ­
  werden,  während  an  andern  Stellen  zum  mindesten ­
  zwei  Hauptketten  sich  einem  Alpenübergang
entgegenstellen.
Das  Landschaftsbild  der  Alpen  wirkt  vor  allem
durch  die  eindrucksvolle  Größe  und  den  Reichtuni
der  Formen.  Es  wird  überdies  in  hohem  Maße  belebt ­
  durch  die  reizvolle  Abstufung  des  Pflanzenkleides ­
  mit  zunehmender  Höhe.  Die  Wiesen  und  Felder ­
  der  Talsohle  weichen  dem  steilen  Bergwald,
der  an  den  untern  Halden  als  Laubholz  auftritt,
in  den  höheren  Regionen  dagegen  aus  Nadelbäumen
besteht;  oberhalb  der  Waldgrenze  betritt  man  das
Gebiet  der  Alpweiden;  ihre  letzten  Ausläufer  verlieren ­
  sich  nach  oben  in  den  Trümmerhalden  und  an
der  Grenze  des  ewigen  Schnees.  Im  Gegensatz  der
weißleuchtenden  Schneefelder  zu  den  hellgrünen  Alpweiden ­
  und  den  dunklen  Bergwäldern  beruht  zum

Hatlpttalltmen.


Aebirgsiiwten
  am
'Gotthard.

.Hauptstraßen. ­


Pflanzenkleid
der  Alpen.
        <pb n="16" />
        10

Hügelregion.

Laubwaldregion.


Nadelwaldregion. ­


Waldgrenze.

guten  Teil  das  Anziehende  der  Alpenlandschaft.
Nach  der  Pflanzendecke  unterscheidet  man  gewöhnlich
folgende  Höhenzonen:
1.  Die  Hügel-  oder  Kulturregion,
wo  die  Wärme  zum  Anbau  der  Weinrebe  und  der
Obstbäume  genügt;  die  obere  Grenze  des  Weinstockes ­
  schließt  die  Region  nach  der  Höhe  hin  ab,
in  den  nördlichen  Alpen  bei  600  in,  im  Tessin  und
Wallis  bei  700  und  800  in.
2.  Die  Region  des  Laubwaldes  oder
die  Bergregion;  sie  geht  bis  zur  obern  Grenze
der  Buche,  im  Tessin  bis  1500  in,  in  den  übrigen
Teilen  der  Alpen  bis  1200  oder  1300  in.
3.  Die  Region  des  Nadelwaldes,  der
bis  zur  Waldgrenze  hinauf  die  höhern  Abhänge  verkleidet. ­
  Die  Lage  der  Waldgrenze  ist  nicht  überall ­
  dieselbe.  Sie  rückt  hinauf,  wo  nicht  nur  vereinzelte ­
  Gipfel,  sondern  eine  ausgedehnte  Gebirgsmasse
  samt  ihren  Tälern  zu  bedeutender  Höhe  ansteigt. ­
  Solche  Massenerhebungen  wirken  als  große
Heizflächen,  die  an  die  Luft  mehr  Wärme  abzugeben
vermögen  als  einzelstehende  Gipfel  von  gleicher
Höhe.  Die  Bündner  und  Walliser  Alpen  sind  die
größten  Massenerhebungen.  Die  folgenden  Zahlen
zeigen,  wie  die  Höhe  der  Waldgrenze  von  der  Massenerhebung ­
  des  Gebirges  abhängt:  Säntis  1600
in;  Berner  Oberland  1800  —  1900  m;  Monte
Rosa-Gruppe  2300  m;  Engadin  2200  in.
Der  Wald  schneidet  nicht  längs  einer  in  der
Natur  scharf  ausgeprägten  Linie  ab.  Nahe  an  der
obern  Grenze  lockert  sich  sein  Bestand:  er  löst  sich
in  einzelne  Baumgruppen  aus:  höher  oben  stehen
noch  einige  wetterfeste,  knorrige  Bäume,  und  dann
folgt  die  Zone,  wo  nur  noch  das  niedrige  Krummholz ­
  ein  ärmliches  Dasein  fristet.  Die  geringe  Wärme,
die  kurze  Begetationszeit,  der  scharfe  Wind  und  der
        <pb n="17" />
        11

Schnecdruck  setzen  in  dieser  Höhe  dem  Wald  eine
Grenze.  Die  Bäume,  die  bis  zur  Waldgrenze  reichen,
find  meist  Fichten  und  Lärchen.  Im  obern  Wallis
und  im  Engadin  treten  Arvenwälder  an  ihre  Stelle.
Die  Arve  geht,  ein  Bild  ungebrochener  Kraft,  als
äußerster  Vorposten  in  einzelnen  prächtig  entwickelten ­
  Exemplaren  über  den  geschlossenen  Wald  hinaus.
4.  Die  Region  der  Alpweiden.  Über
dem  dunklen  Bcrgwald  liegen  die  Matten  als  hellgrüner ­
  Gürtet,  der  an  den  Felsen  und  Schneefeldern ­
  der  Gipfelregion  abbricht.  In  den  untern  Weiden ­
  find  die  Rasenflächen  noch  unterbrochen  vom
Krummholzdickicht  der  Legföhre,  vom  Gestrüpp  der
Alpcncrlc  und  vom  leuchtenden  Rot  der  blühenden
Alpenrosensträucher.  Einzeln  oder  in  Gruppen  beisammen ­
  stehen  an  windgeschützter  Stelle  die  Sennhütten, ­
  meist  Holzbauten  einfachster  Art,  das  flach
abfallende  Bretter-  oder  Schindeldach  mit  Steinen
beschwert.  Hier  findet  der  Hirte  für  die  kurze  Zeit
der  Sommermonate  Unterkunft,  wenn  er  das  Vieh
zur  Alpweide  hinaufführt;  im  Herbst  zieht  er  wieder
zu  Tal  und  läßt  die  Weidenregion  als  einen  im
Winter  unbewohnten  Höhengürtel  zurück.  Die  obersten ­
  Weiden  und  ihre  Sennhütten  liegen  in  den  einzelnen ­
  Teilen  der  Alpen  ungleich  hoch  aus  demselben
Grund,  der  für  die  Höhe  der  Waldgrenze  gilt.  In
den  Walliser  Alpen  stehen  die  letzten  Alphütten
durchschnittlich  600  m  über  denjenigen  der  Vvralpen.

Wo  im  Sommer  oberhalb  der  Weiden  und  kahlen ­
  Felshalden  der  Schnee  infolge  der  geringen
Wärme  nicht  mehr  vollständig  abschmilzt,  da  liegt  die
Schneegrenze.  Am  Säntis  steht  sie  bei  2500  m;
alpcncinwärts  steigt  sie  unter  dem  Einfluß  der  Massenerhebung ­
  an:  Gotthard  2800  io,  Bernina  3100
m  und  Monte  Rosa  nahezu  3300  m.

Region  der
N  ln  weiden

Schneegrenze. ­
        <pb n="18" />
        12

Lawinen.

Lawinenverbauung ­


Nur  aus  der  Ferne  gesehen  scheint  die  Schneegrenze ­
  als  ungefähr  horizontale  Linie  dem  Gebirge
entlang  zu  verlaufen.  In  der  Nähe  betrachtet  löst
sich  der  untere  Rand  der  Schneefelder  in  größere  und
kleinere  Schneeflecken  auf;  in  schattigen  Mulden  und
Gräben  gehen  sie  weiter  talwärts  als  an  sonnigen
Stellen.  Die  Schneegrenze  wird  so  zum  breiten  Streifen, ­
  in  dem  Schneeflächen  und  schneefreier  Boden
ineinandergreifen.  Am  sonnigen  Südhang  schmilzt  der
Schnee  weiter  hinauf  weg,  als  auf  der  Nordseite  der
Berggruppe;  die  oben  angeführten  Höhenzahlen  geben
den  Durchschnitt  an.
Der  Schnee  der  höheren  Lagen  zergeht  nur  zu
einem  Teil  unter  der  Wirkung  der  Wärme.  An  steilen ­
  Stellen,  besonders  häufig  in  Gehängefurchen,
rutscht  er  in  gewaltigen  Massen  ab;  es  sind  die  L  a  -
winen.  Bei  kaltem  Wetter  fährt  der  pulverige
Schnee,  durch  Windstöße  in  Bewegung  gesetzt,  zur
Tiefe.  Der  Luftdruck  vermag  weit  über  die  Lawinenbahn ­
  hinaus  den  Wald  und  die  Häuser  niederzuwerfen. ­
  Die  Lust  ist  dann  mit  feinem  Schneestaub ­
  erfüllt;  daher  die  Bezeichnung  Staublawine. ­
  Bei  Tauwetter,  vorab  im  Frühling,  gerät
der  schwere,  klebrige  Schnee  größerer  Gehängeflächen ­
  ins  Gleiten,  reißt  den  Boden  auf  und  stürzt
krachend  ins  Tal  hinunter,  alles  begrabend,  was  im
Wege  liegt;  das  ist  die  G  r  u  n  d  l  a  w  i  n  e.  Die  Lawinen ­
  treten  fast  immer  wieder  an  denselben  Stellen,
den  deutlich  in  die  Halden  eingegrabenen  Lawinenzügen ­
  auf.  Durch  das  Aufforsten  und  Verbauen  des
Abrißgebietes  gelingt  es,  den  Schnee  am  Rutschen
zu  verhindern.  Mauern  und  Flechtwerk  halten  den
Schnee  fest  (Siehe  Kartenbeilage  Nr.  II,  nördlich
und  südlich  von  Andermatt).  Es  werden  Pfähle  in
den  Boden  geschlagen,  wie  um  die  Schneedecke  festzunageln. ­
  Ist  es  nicht  möglich,  das  Abrutschen  des
        <pb n="19" />
        13

Schnees  zu  hindern,  so  müssen  Häuser  und  Verkehrswege ­
  durch  Schutzbauten  gegen  die  Lawinen  gesichert ­
  werden.  Gefährdete  Straßen  und  Bahnstrecken
führen  durch  Gallerien,  über  deren  Dach  die  Lawine
hinwegsaust.  Lawinengallerien  bestehen  z.  B.  an  den
Straßen  über  den  Gotthard,  den  Simplon,  die  Bernina ­
  und  an  der  Gotthard-  und  Albulabahn.
An  weniger  steilen  Gehängen  bleibt  der  Schnee
liegen;  durch  das  Tauen  und  Wiedergefrieren  wird
er  zum  körnigen  Firnschnee  und  unter  dem  Druck  der
darauf  lastenden  Massen  zu  Eis.  Aus  der  Firnmulde ­
  fließt  und  gleitet  in  langsamer  Bewegung  ein
Eisstrom,  der  Gletscher,  talauswärts.  Er  reicht
bis  tief  unter  die  Schneegrenze,  nicht  selten  bis  in
den  Waldgürtel  hinunter  und  endigt  da,  wo  die
Wärme  ebensoviel  Eis  abschmilzt,  als  nachrückt.  Der
Grindelwaldgletscher  geht  am  tiefsten;  seine  Zunge
liegt  bei  1150  m.  Die  Fläche  der  Firnfelder  und
Gletscher  der  Schweiz  wurde  auf  2038  km-  berechnet, ­
  das  ist  fast  V20  der  Gesamtfläche.  Wegen  des
schwankenden  Gletscherstandes  ändert  die  Zahl  von
Jahr  zu  Jahr.  Der  mächtigste  Eisstrom  der  Alpen,
der  25  km  lange  Aletschgletscher,  bedeckt  eine  Fläche
von  130  km^.
Der  von  den  Gehängen  abstürzende  Schutt  wird
vom  Gletscher  talauswärts  verfrachtet;  das  Eis  erscheint ­
  dadurch  besonders  am  Gletscherende  recht
schmutzig.  Am  Rande  des  Eisstromes  entstehen  Schuttwälle,
  Seitenmoränen.  Wenn  zwei  Gletscher
sich  vereinigen,  so  verschmelzen  die  beiden  innern  Seitenmoränen ­
  zu  einer  Mittelmoräne.  Die  meisten
Gletscher  sind  aus  mehreren  Armen  zusammengesetzt
und  tragen  eine  Reihe  parallel  verlaufender  Mittelmoränen. ­
  Was  von  den  Gesteinsbrocken  auf  den  felsigen ­
  Untergrund  gerät,  wird  hier  als  Grundmoräne
  mitgeschoben  und  unter  dem  Druck  der

Gletscher.

Moränen.
        <pb n="20" />
        14

Schwankungen. ­


Eiszeit.

Eiszeitliche
Talformcn.

Eismasse  gerundet  oder  zermalmt.  Der  Gletscher  lagert
dann  den  gesamten  Schutt  an  seinem  Ende  in  bogenförmigem ­
  Wall  als  Endmoräne  ab.
Die  Größe  der  Gletscher  hängt  von  der  Schneemenge ­
  und  der  Wärme  ab.  Bei  anhaltend  hoher
Temperatur  ist  das  Abschmelzen  stärker  als  der
Nachschub  an  Eis;  der  Gletscher  schwindet.  Eine
Zunahme  des  Niederschlags  in  fester  Form  läßt
ihn  anschwellen  und  wachsen.  Seit  der  Mitte  des  vorigen ­
  Jahrhunderts  sind  fast  alle  Gletscher  der  Alpen
im  Rückgang  begriffen.  Der  Rhonegletscher  ist  seit
1856  um  l 1 / 2  km  kürzer  geworden.
Die  heutigen  Schwankungen  der  Gletscher  erscheinen ­
  geringfügig  im  Vergleich  zum  gewaltigen
Rückgang,  der  nach  der  Eiszeit  eingetreten  ist.
Damals,  in  weit  entlegener  Zeit,  lag  die  Schneegrenze ­
  wenig  über  1000  m  Meereshöhe.  Große
Eismassen  erfüllten  die  Täler  und  breiteten  sich  am
Alpenausgang  fächerförmig  aus;  der  größte  Teil  des
Mittcllandes  lag  so  unter  einem  Eiskuchen  begraben.
Wie  weit  und  wie  hoch  das  Eis  reichte,  ist  an  den
Moränen  jener  Gletscher  und  den  aus  den  Alpen
herausgeschleppten  erratischen  Blöcken  oder
Findlingen  zu  erkennen.  Der  Rhonegletscher  z.  B.
erfüllte  den  südwestlichen  Winkel  des  Mittellandes; ­
  er  dehnte  sich,  vom  Wall  des  Jura  abgelenkt,
einerseits  bis  Lyon,  anderseits  bis  unterhalb  Solothurn ­
  aus;  beim  Austritt  aus  den  Alpen  bedeckte  das
Eis  die  Felssohle  in  einer  Mächtigkeit  von  über
1000  m.  Unter  dem  Druck  solcher  Eislast  nutzte
die  an  der  Sohle  mitgeschobene  Grundmoräne  den
Felsboden  ab;  das  Gletscherbett  wurde  ausgeschliffen ­
  und  vertieft.  Während  der  Fluß  allein  ein  Tal
mit  V  förmigem  Querschnitt  gräbt,  höhlte  der  Gletscher ­
  die  Flußrinne  zu  einem  II  förmigen  Tale  aus,
dessen  flacher  Boden  und  steile  Wände  an  einen
        <pb n="21" />
        15

Trog  erinnern.  Hoch  über  den  schroffen  Talwänden
liegen  sanft  ansteigende  Terrassen,  die  Überreste  eines
voreiszeitlichen  Talbodens.  Als  treffliches  Beispiel
eines  vom  Gletscher  geformten  Trogtales  kann  das
Lauterbrunnental  mit  den  Terrassen  von  Murren
und  Wengen  gelten.  Die  Seitentäler  führten  kleinere ­
  Eisströmc  und  wurden  nicht  so  stark  vertieft
wie  das  Haupttal.  Sie  münden  heute  hoch  über  dem
Haupttal  aus.  Der  Seitenbach  stürzt  als  Wasserfall ­
  über  die  Mündungsstufe  herunter  (z.  B.  der
Staubbach)  oder  hat  sie  im  Lauf  der  Zeit  in  einer
Schlucht  zersägt  (Trientschlucht  im  Wallis).  In
scharfem,  mühsamem  Anstieg  führt  der  Zickzackweg ­
  aus  dem  Haupttal  neben  der  gähnenden  Schlucht
hinauf  zu  dem  einige  hundert  Meter  höher  liegenden
Eingang  des  Seitentales.  Die  Gletscher  der  Eiszeit ­
  formten  im  Verlauf  des  Haupttales  selbst  solche
Stufen:  flache  Flußstrecken  wechseln  mit  steilen
Stellen,  wo  der  Fluß  mit  starkem  Gefälle  durch
eine  Schlucht  zur  nächsten  flachen  Talstrecke  hinunterstürzt. ­
  Die  querlaufenden,  vom  Fluß  zerschnittenen ­
  Felsriegel  zerlegen  das  Tal  in  eine
Reihe  langgestreckter  und  abgestufter  Becken  (Oberwallis, ­
  Haslital,  die  Täler  der  Reuß  und  des
Tessins).  Die  langen  Seen  am  Ausgang  der  Alpentäler ­
  sind  als  solche  Felsbecken  aufzufassen,  die  infolge ­
  der  ausschürfenden  Arbeit  der  eiszeitlichen
Gletscher  entstanden  und  sich  mit  dem  Wasser  der
Talflüsse  anfüllten.
Nach  einer  ältern  Ansicht  hätte  vor  allem  das
fließende  Wasser  die  heutigen  Formen  der  Alpentäler
geschaffen.  Sie  erklärt  das  Entstehen  der  Seen  am
Alpenrand  durch  ein  Rücksinken  des  hochgetürmten,
schon  tief  durchkälten  Gebirgskörpers;  dabei  wäre  ein
rückläufiges  Gefälle  der  Flüsse  entstanden  und  das
Wasser  zu  Seen  gestaut  worden.

Stufenmündung ­


Felsriegel

Entstehung
der  Seen.
        <pb n="22" />
        16

Wert  der
Talformen
für  den
Menschen.

Terrassen  -
dörser.

Kraftwerke.

Fremdenindnstrie.


Die  Steilwände  und  die  Gehängeterrassen  der
Täler,  die  Wasserfälle,  Schluchten  und  Seen  machen ­
  einen  Hauptreiz  der  Alpenlandschaft  aus;  sie
sind  aber  auch  für  die  Bewohner,  ganz  besonders
für  ihr  Erwerbsleben  bedeutungsvoll  geworden.  Die
Menschen  bevorzugen  für  die  Alpwirtschaft  den
schwach  geneigten  Boden  der  sonnigen  Terrassen;  hoch
über  der  stark  bevölkerten  Talsohle  sind  hier  eine
Reihe  von  Bergdörfern  und  vereinzelten  Sennhütten ­
  entstanden.  An  der  Stufenmündung  der  Seitentäler ­
  nützen  zahlreiche  Elektrizitätswerke  und  Fabriken ­
  die  Kraft  des  stürzenden  Wassers  aus  (die
Fabriken  von  Mels  und  Flums  im  Seeztal;  das
Löntschwerk  im  Kanton  Glarus;  die  Anlagen  im
Rhonetal).  Zum  gleichen  Zweck  baute  man  Kraftwerke ­
  an  dem  Laus  des  Talflusses,  da,  wo  er  über
eine  Stufe  zum  nächst  tiefer  gelegenen  flachen  Talstück ­
  hinuntereilt.  War  anfänglich  die  Industrie
auf  das  Mittelland  und  den  Jura  beschränkt,  so
dringt  sie  jetzt  immer  kräftiger  auch  in  die  Alpentäler ­
  ein,  die  ihr  so  reichlich  Wasserkraft  zur  Verfügung ­
  stellen.  Die  Zahl  der  Auswanderer  hat
seit  Jahrzehnten  stark  abgenommen;  der  sichere  Verdienst ­
  in  der  Industrie  hält  die  Talbewohner  in
der  Heiniat  zurück,  droht  aber  auch,  der  Alpwirtschaft ­
  die  nötigen  Arbeitskräfte  zu  entziehen.  Als
Quelle  des  Erwerbs  ist  neben  der  Industrie  der
Reisendenverkehr  von  weit  größerer  Bedeutung  geworden; ­
  darin  liegt  der  materielle  Wert  der  landschaftlichen ­
  Schönheiten  der  Alpen.  Die  Ufer  der
Gebirgsseen,  die  Wasserfälle  und  Schluchten  des
Gebirges  üben  auf  das  Heer  der  einheimischen  und
fremden  Besucher  eine  starke  Anziehungskraft  aus.
Wie  die  althergebrachte  Alpwirtschaft,  so  faßt  die
moderne  Hotelindustrie  auf  den  sonnigen,  aussichtsreichen ­
  Höhen  festen  Fuß.  Auf  der  Sohle  der  trog-
        <pb n="23" />
        17

förmigen  Täler  verwehren  nicht  selten  die  Steilwände ­
  den  Ausblick  zu  den  Gipfeln  und  Schneefeldern ­
  und  erwecken  das  beengende  Gefühl  der  Abgeschlossenheit ­
  (Meiringen,  Lauterbrunnen);  von
den  sonnigen  Terrassen  aber  schweift  der  Blick  ungehindert ­
  in  die  Gebirgswelt  und  durch  die  Täler
hinaus.  In  solch  bevorzugter  Lage,  hoch  über  dem
Dunst  und  den  Nebeln  der  Tiefe,  sind  in  der  Neuzeit ­
  eine  Reihe  von  Kurorten  aufgeblüht;  so  Glivn
über  dem  Genfersee,  Mürren  und  Wengen  über
km  Lauterbrunnental,  Beatenberg  ob  dem  Thunersee,
  Axalp  ob  dem  Brienzersee,  Seelisberg  und
Morschach  über  dem  Urnersee,  Braunwald  ob  dem
Glarner  Linthtal.
Die  reich  verzweigten  Täler  öffnen  dem  Verkehr
viele  und  verhältnismäßig  bequeme  Wege  ins  Innere ­
  der  Alpen  und  durch  die  Einsattelungen  über
die  Bergketten  hinweg.  Seitdem  die  Gotthardbahn
und  die  Simplonbahn  den  internationalen  Schnellverkehr ­
  und  Gütertransport  übernommen  haben,
dienen  die  Alpenstraßen  und  -Pässe  zumeist  dem
Touristen-  und  Lokalverkehr.  Im  einzelnen  finden
die  Wege  im  Stufenbau  der  Täler  manches  Hindernis. ­
  Zu  den  Seitentälern,  die  einige  hundert  Meter ­
  hoch  über  dem  Haupttal  ausmünden,  ist  der  Zugang ­
  stark  erschwert;  durch  kunstvoll  in  vielen  Windungen ­
  angelegte  Straßen  sucht  man  in  neuerer
Zeit  eine  bessere  Verbindung  zu  schaffen.  Dem
Längsverkehr  sind  die  Stufen  des  Haupttales  ebenfalls ­
  recht  hinderlich.  Die  Straße  seht  in  Kehren
über  die  Felsbarrieren  hinweg;  die  Eisenbahn  bewältigt ­
  sie  in  Kehrtunnels.  In  dem  Maß  wie
Straßen  und  Eisenbahnen  das  Gebirge  erschließen,
schwinden  die  altertümlichen  Gebräuche  und  Einrichtungen, ­
  die  sich  in  der  Abgeschlossenheit  der
entlegenen  Talschaften  herausbilden  und  bis  zur
Gegenwart  erhalten  konnten.
FlliMger,  Schweiz  2
        <pb n="24" />
        18

Nusdehmmg

Bodengestalt

2.  Das  Mittelland.
Das  schweizerische  Mittelland  ist  ein  Teil  des
Alpenvorlandes,  das  am  Genfersee  beginnt  und  sich
über  den  Bodensee  hinaus  in  die  schwäbisch-bayrische
Hochebene  fortsetzt.  In  der  Ostschweiz  hat  es  zwischen
dem  Säntis  und  dem  Randen  im  Kanton  Schaffhausen ­
  eine  Breite  von  70  km.  Nach  Südwesten
wird  es  immer  mehr  zwischen  Alpen  und  Jura
eingeengt  und  verschmälert  sich  im  Winkel  von
Genf  auf  etwa  20  km.  Die  dreieckförmige  Fläche
des  Mittellandes  schneidet  im  Nordwesten  scharf
ab  an  der  wie  eine  Mauer  steil  aufsteigenden  Kette
des  Jura.  Die  Grenze  verläuft  als  fast  gerade
Linie  vom  Rhonedurchbruch  unterhalb  Genf  bis
zum  östlichsten  Ausläufer  des  Kettenjura,  zur  Lägern, ­
  biegt  dann  nach  Norden  aus  und  folgt  dem
Rheintal  zum  Bodensee.  Zwischen  Alpen  und  Mittelland ­
  zieht  die  Grenze  in  einer  mehrfach  nach  Norden ­
  ausbiegcnden  Linie,  von  Vevey  am  Genfersee
über  Bulle,  Thun,  Vitznau,  Weesen  und  Altstädten
im  Rheintal.  Zwischen  je  zwei  Bogen  dringt  das
Mittelland  in  die  Alpen  ein;  an  diesen  Stellen
treten  die  Flüsse  aus  den  Alpen  heraus:  Rhone,
Saane,  Aare,  Reuß,  Linth  und  Rhein.
Die  breite  Mulde  zwischen  Alpen  und  Jura
ist  von  einem  wechselvollen  Hügelland  erfüllt.  Breit
gelagerte,  rundliche,  meist  waldbedeckte  Rücken  ziehen ­
  zwischen  flachen  Talböden  dahin.  Die  Flüsse
gehen  vom  Alpenrand  aus  meist  quer  durch  das
Mittelland  an  den  Jurafuß  zu  ihrer  gemeinschaftlichen ­
  Abflußrinne;  ihre  vorherrschende  Richtung
von  880  nach  NNW  ist  maßgebend  für  den
Verlaus  der  riemenförmigen  Hügclzüge  (z.  B.  der
Lindenberg).  Westlich  der  Aare  treten  an  Stelle
der  Rücken  schwächer  gewellte  Plateauflächen.  Die
Flüsse  unterbrechen  die  Hochfläche  mit  tiefen,  engen
        <pb n="25" />
        19

und  beständig  umbiegenden  Tälern,  wie  der  Laus
der  Saane  und  ihrer  Zuflüsse  zeigt.  Für  diesen
westschweizerischen  Teil  des  Mittellandes  dürfte  noch
am  ehesten  der  vielgebrauchte  Name  „Schweizerische
Hochebene"  gelten.  In  der  breiten  Senke  am  Fuße
des  Jura  überragen  die  Hügel  mit  einer  Meereshöhe ­
  von  500  bis  600  m  den  Talboden  nur  um
ein  geringes.  Gegen  Süden  hin  heben  sie  sich
immer  schärfer  aus  den  Flußtälern  heraus.  Am
Alpenrand  steigen  vereinzelte  Mittellandberge  zu
der  Höhe  der  Voralpen  an,  zu  denen  sie  auch  in  der
Schroffheit  der  Formen  einen  Übergang  bilden;
Napf  1407  rn,  Rigi  1800  m,  Speer  1956  in.
Was  sie  aber  von  den  Alpen  abgrenzt,  das  ist
die  verschiedene  Gesteinsart.  Die  Hügel  des  Mittellandes ­
  sind  aus  Nagclfluh,  Sandstein  und  einem  &amp;lt;s-steu,z°rt
Gemenge  von  Ton  und  Kalk,  dem  Mergel  aufgebaut ­
  und  zwar  so,  daß  eine  Zone  von  Nagclfluhbergen
  dem  Alpenfuße  entlang  zieht  (Jorat,  Napf,
Rigi,  Roßberg,  Speer,  das  Appenzeller  Hügelland),
Sandstein  und  Mergel  dagegen  in  größerem  Abstand ­
  von  den  Alpen  den  Boden  aufbauen.  Die
Gesteine  des  Mittellandes,  Nagelfluh,  Sandstein
und  Mergel,  tragen  den  gemeinschaftlichen  Namen
Molasse  (molasse=  leicht  zerreibliches  Gestein).
Von  Beginn  der  Alpenfaltung  an  zerstörte  die  EntstehE
Verwitterung  die  aufgetürmten  Felsmassen.  Zahlreiche  er  0  “  e
Flüsse  schleppten  den  Schutt  ins  Vorland  hinaus.
Mit  wachsender  Entfernung  von  den  Alpen  wurde
das  Gefälle  der  Flüsse  geringer.  Sie  lagerten  den
Schutt  nach  der  Größe  sortiert  ab.  Felsbrocken  und
kleinere  Gerölle  blieben  schon  am  Gebirgsfuß  liegen;
den  Sand  und  Schlamm  vermochte  das  fließende  Wasser ­
  noch  weiter  hinaus  zu  befördern.  Eine  genaue
Abgrenzung  der  Schuttzonen  trat  nicht  ein;  denn  ein
kräftiges  Hochwasser  schleppte  Gerölle  bis  zu  der  Stelle,
        <pb n="26" />
        20

wo  beim  nächste»  Niedrigwasser  nur  noch  Sand  oder
Schlamm  hingelangen  konnte.  Kies-,  Sand-  und
Schlammbänke  griffen  so  stellenweise  ineinander  über.
Aus  den  gewaltigen  Schuttmassen  der  Alpen  bauten
die  Flüsse  im  Vorland  allmählich  eine  nach  Norden
sich  senkende  Hochebene  auf.  Im  Laute  der  Zeit
verkittete  eingeschwemmter  Schlamm  wie  eine  Zementmasse
  die  Gerölle  zn  Nagelfluh,  die  Sandkörner  zu
Sandstein;  der  tonige  und  kalkige  Schlammabsatz  erhärtete ­
  zu  Mergel.  Zu  einer  spätern  Zeit  gruben  die
Flüsse  Rinnen  in  ihre  eigene  Aufschüttung;  sie  vertieften ­
  und  verbreiterten  die  Furchen  zn  geräumigen
Tälern  und  zerlegten  die  Molasse  in  rundliche  oder
plateauartige  Höhenzüge;  das  sind  die  Überreste  der
einstigen  Hochebene.  Verdanken  Alpen  und  Jura  ihre
Entstehung  dem  Zusammenschrumpfen  der  Erdkruste,
einer  vonl  Erdinnern  her  wirkenden  Kraft,  so  sind
die  Hügel  und  Berge  des  Mittcllandes  von  außen
her  durch  die  ausnagende  Arbeit  der  Flüsse  geformt
worden.  Im  Gegensatz  zu  Alpen  und  Jura  haben
hier  die  Gesteinsbänke  ihre  ursprüngliche,  wagrechte
Lage  beibehalten.  Eine  Ausnahme  macht  eine  breite
Zone  am  Alpenrand  vom  Genfersee  bis  znm  Bodensee.
Der  letzte  Teil  der  Alpenauffaltung  ergriff  auch  die
benachbarten  Molasseschichten  und  schob  sie  zu  einem
Gewölbe  zusammen.  Die  schräg  aufgerichteten  Nagelfluhbänke ­
  am  Rigi,  Roßberg  und  Speer  sind  verwitterte ­
  Überreste  dieser  Molassefalte.
Wiriungen  Die  Gletscher  der  Eiszeit  überfluteten  vom  Aus-"
  eie,ei ‘  gang  der  Alpentäler  her  einen  beträchtlichen  Teil  des
Mittellandes;  außer  dem  schon  genannten  Rhonegletscher ­
  waren  es  vor  allem  die  Eisströme  aus
dem  Aare-,  Reuß-,  Linth-  und  Rheintal.  Sie  verkleideten ­
  die  Rücken  und  Täler  mit  einer  mächtigen
Schuttdecke  und  fügten  zu  diesen  großen  Zügen
der  Landschaft  einen  unendlichen  Reichtum  von
        <pb n="27" />
        21

Moränenwällen.  Das  Gebiet  der  großen  Emme
(Napf)  und  der  Thur  war  zum  größten  Teil  eisfrei; ­
  hier  konnte  das  rinnende  Wasser  ungestört
ein  fein  verzweigtes  System  von  Tälern  und  Tütchen ­
  ausgraben,  das  in  so  auffälligem  Gegensatz
zu  den  einfach  und  steif  verlaufenden,  breiten  Gletschertälern ­
  steht.  In  den  Mulden,  die  das  Eis
im  Felsboden  ausschürfte,  oder  hinter  Moränenwällen ­
  staute  sich  das  Wasser  zu  Seen.  In  jeder
Größe,  bis  hinunter  zum  Teich,  beleben  sie  das
Bild  des  Mittellandes.  Die  Riedflächen  auf  feuchten ­
  Gründen  liefern  der  Viehzucht  das  Streuegras.
Die  lehmige  Erde  der  Grundmoräne,  die  weithiu
dem  Nagelfluh-  und  Sandsteingrund  aufliegt,  bietet
dem  Ackerbau  einen  fruchtbaren  und  tiefgründigen
Boden.  Die  Gletscherbäche  verschleppten  den  Kies
der  Moränen  zu  den  sogenannten  Schotterfelderu,
die  in  den  ausgedehnten  Flußniederungen  eine  große
Fläche  einnehmen.  Auf  diesen  trockenen,  sonnendurchwärmten ­
  Böden  findet  das  Getreide  die  ihm
gut  zusagenden  Bedingungen.  Auf  dem  ehedem
eisbedeckten  Gebiet  des  Mittellandes  liegen  überall
erratische  Blöcke  zerstreut.  An  vielen  Stellen  hat
ihre  Zahl  stark  abgenommen,  da  der  Stein  als  geschätztes ­
  Baumaterial  verwendet  wurde.  Einzelne
durch  Lage  oder  Größe  bemerkenswerte  Findlinge
bleiben  als  Naturdenkmäler  vor  Zerstörung  geschützt.
Das  Mittelland  verniag  ungeachtet  seiner  Anmut
gegenüber  dem  eindrucksvollen  Landschaftsbild  der
Alpen  nicht  zur  Geltung  zu  kommen.  Dafür  besitzt
es  eine  Reihe  anderer  und  wichtiger  Vorzüge.  *Han4*
Fruchtbarer  und  flachliegendcr  Boden,  ein  gegenüber ­
  Alpen  und  Jura  mildes  Klima  und  die  günstige ­
  Verkehrslage  haben  hier  eine  große  Volksdichte ­
  hervorgerufen.  In  den  Alpen  sind  die  stark
bevölkerten  Talstreifen  durch  die  ausgedehnte,  menschenleere ­
  Felsen-  und  Eiswildnis  der  Gipfel-
        <pb n="28" />
        22

Jur»
»«Ifluj

regionen  getrennt.  Das  Mittelland  bildet  dagegen
mit  den  reich  angebauten  Plateauflächen,  Hügeln
und  Tälern  eine  fast  ununterbrochene  Wohnfläche,
obfchon  auch  hier  die  Täler  als  Verkehrswege  und
Industriegebiete  die  Stellen  der  größten  Menschenansammlungen ­
  darstellen.  Ackerbau,  Handel  und
Industrie  sind  im  Mittelland  weitaus  am  stärksten ­
  entwickelt.  Volkszahl  und  Wohlstand  macheu
es  zum  wichtigsten  Landesteil  der  Schweiz.

3.  Der  Iura.

Südwestwärts  des  Genfersees  löst  sich  der  Jura
als  selbständiges  Gebirge  von  den  französischen
Westalpen  ab  und  umschließt  als  natürlicher  Grcnzwall
  in  einem  langen,  flachen  Bogen  den  Nordwesten ­
  und  Norden  der  Schweiz.  Er  besteht  aus
einer  Reihe  parallel  laufender  Kalksteinketten.  Tie
höchsten  stehen  am  Südostrand  des  Gebirges,  wo
sie  maucrartig  steil  und  ungegliedert  zum  Mittelland ­
  abfallen.  Nach  Nordwesten  hin  werden  die
Bergrücken  immer  niedriger  und  verflachen  sich
allmählich  zum  Tiefland  der  Saone,  des  Doubs
und  des  Rheins.  In  seinem  mittleren  Abschnitt
am  Neuenburger-  und  Bielcrsec  gewinnt  der  Jura
die  größte  Breite.  Über  20  Ketten  liegen  hier
bis  zum  Dvubs  vor  Besanyon  hintereinander.  Ihre
Zahl  nimmt  nach  8  W  und  N  0  ab,  und  damit
verringert  sich  auch  die  Breite  des  Gebirges;  an
beiden  Enden  läuft  der  Faltenjura  in  einer  einzigen ­
  Kette  aus.  Der  größere  Teil  des  BerglandeS
gehört  zu  Frankreich;  das  gilt  vor  allem  von  der
flachen  Nordwestabdachung.  Der  Schweizer  Jura
umfaßt  dagegen  die  höheren  Ketten  aus  der  innern
Seite  des  Gebirgsbvgens.  Über  dem  Waadtländer
Mittelland  erheben  sich  der  Mont  Tendre  zu  1680  m
        <pb n="29" />
        23

und  die  Dole  zu  1678  m  als  höchste  Punkte  im
Schweizer  Jura;  jenseits  der  französischen  Grenze,
gegenüber  der  Stadt  Genf,  liegt  die  höchste  Stelle
des  Juras  überhaupt,  Crßt  de  la  Neige  1723  kl
Der  Bergwall  fällt  hier  schroff  über  1000  in  tief
zum  Mittelland  ab.  Nach  Nordosten  wird  er  allmählich ­
  niedriger:  Der  Chasseral  noch  1610  m;  der
Weißenstein  bei  Solothurn  1294  m;  die  Wasserfluh
bei  Aarau  869  m;  die  letzte,  bis  in  den  Kanton
Zürich  hineinziehende  Jurakette,  die  Lägern,  ist
863  in  hoch  und  überragt  das  Mittelland  nur  noch
um  400  in.
Die  Juraketten  ziehen  als  wulstförmige  oder
durch  die  Verwitterung  gratartig  geschärfte  Erhebungen ­
  nebeneinander  her.  Die  Gipfel  heben  sich  nur  als
schwach  anschwellende  Kuppen  oder  Kämme  über
den  einförmigen  Wall  hinaus.  Zwischen  den  Ketten ­
  liegen  die  Längstäler,  meist  geräumige  Mulden,
die  bei  der  Auffaltung  des  Gebirges  mit  entstanden
sind.  Ausnahmsweise  rücken  die  Ketten  auf  kürzere
Strecken  soweit  auseinander,  daß  Raum  für  breite
Ebenen  geschaffen  wird,  wie  die  Talebenc  von  Delsberg
  und  die  Mulde  des  Val  de  Ruz.  Nicht  selten ­
  gabelt  sich  ein  Bergzug  in  zwei  Äste,  die  eine
Strecke  weit  parallel  gehen  und  sich  nachher  wieder
vereinigen;  das  eingeschlossene  Längstal  läuft
dann,  wie  der  Boden  eines  Bootes,  an  beiden
Enden  ansteigend  in  spitzen  Winkeln  aus;  so  das
Längsial  von  Mvuticr  im  Berner  Jura.  Die  Gewässer ­
  fließen  gegen  die  Mitte  des  Tales  zusammen
und  finden  durch  den  Querdurchbruch  einer  Klus
den  Ausgang.
Die  Klüsen  oder  Quertäler  durchbrechen  als
Schluchten  die  Bergrücken  und  stellen  eine  Verbindung ­
  zwischen  zwei  benachbarten  LängStälern
her.  Zu  den  bekanntesten  Klüsen  zählen  diejenigen
von  Court  und  Moutier,  diejenige  am  Ausgang  der

Längstäler

Klüsen
        <pb n="30" />
        24

Schuß  aus  dem  St.  Jmmertal  (Taubenloch  bei
Biel),  die  Balstalerklus  und  die  Schlucht  des  Seyon
quer  durch  den  Chaumont  bei  Neuenburg.  Sie
sind  von  den  Flüssen  geschaffen  worden.  Bei  der
langsamen  Auffaltung  des  Gebirges  vermochte  der
Fluß  im  gleichen  Maß  sein  Bett  quer  durch  die
Falte  einzugraben,  wie  sich  unter  ihm  der  Boden
hob;  zu  beiden  Seiten  wuchs  die  Faltung  immer
hoher,  während  der  Flußlauf  in  seiner  frühern  Lage
blieb.  Die  Klus  ist  von  dem  Längstal  stark  verschieden. ­
  Auf  ihrem  engen  Grund  bleibt  stellenweise ­
  neben  dem  Bach  kaum  mehr  genügend  Raum
für  die  Straße.  Schroff  ansteigende  und  kühn  geformte ­
  Felswände  schließen  das  Tal  ein;  wie  in
einem  Querschnitt  durch  das  Gebirge  liegen  hier
die  verbogene»  Felsbänke  zu  Tage  und  lassen  in
schönster  Weise  den  Faltenaufbau  erkennen.  Weil
die  Klüsen  und  Längstäler  meist  im  rechten  Winkel
aufeinandertreffen,  so  müssen  die  Flüsse  und
Straßen  im  Zickzack  den  Ausgang  aus  dem  Gebirge ­
  suchen,  wie  der  Lauf  der  Birs  cs  zeigt.
Nicht  überall  besteht  der  Jura  aus  parallelen
Ketten  und  Tälern.  Nördlich  des  St.  Jmmertales
  im  Berner  Jura  hat  die  Verwitterung  das
Plat«auj»ra  Gebirge  zu  einer  welligen  Hochfläche,  dem  Plateau
der  Freiberge,  umgestaltet.  Jin  nördlichen  Teil  der
Kantone  Basel  und  Aargau  und  im  Kanton  Schaffhausen ­
  sind  die  Jurahöhen  nicht  durch  Auffaltung
entstanden;  die  Kalkstcinbänkc  liegen  hier  fast  wagrecht;
  es  ist  der  Tafeljura.  Tief  eingegrabenc  Flußtäler ­
  mit  den  stark  verzweigten  Seitentälern  zerlegen ­
  das  ganze  Plateau  in  zahlreiche  Bergrücken;
so  das  Tal  der  Ergvlz,  das  Fricktal  und  die  Täler
des  Randen  im  Kanton  Schaffhauscn.
Aus  der  Ferne  gesehen  erscheint  der  Jura  als
Maid  j,( aiie g  Gebirge.  Das  rührt  von  dem  Tannenwaldc
her,  der  die  niedrigen  Kuppen  vollständig  umkleidet
        <pb n="31" />
        25

und  die  hohen  Ketten  beinahe  bis  zum  Kamm  hinauf ­
  verhüllt.  (Jura-Waldgebirge.)  In  den  tiefern
und  Würmern  Regionen  mischt  sich  das  Helle  Buchenlaub ­
  unter  das  dunkle  Nadelholz.
Die  Jurahöhen  leiden  trotz  der  reichen  Niederschläge ­
  an  Trockenheit;  das  Regenwasscr  sickert  in
den  klüftigen,  durchlässigen  Kalkboden  ein,  sammelt
sich  in  Höhlengängen  iin  Bcrginnern  und  koinmt
erst  im  Tale  als  Stromquelle  wieder  zum  Vorschein
(so  bei  Noiraiguc  im  Traverstal).  Die  Weiden
auf  den  Bergrücken  und  an  den  flachen  Stellen
der  Abhänge  bekommen  im  Sommer  häufig  durch  die
Dürre  eine  rostbraune  Farbe;  die  Weiden  in  den
Hochalpcn  dagegen,  auf  undurchlässigem  Boden  vom
Schmelzwasser  des  Schnees  berieselt,  prangen  zur
gleichen  Zeit  in  saftigem  Grün.  Die  ausgedehnten
Waldflächen  an  den  Steilhalden  und  auf  den  Plateauflächen ­
  des  Jura  erfüllen  die  überaus  wichtige
Aufgabe,  die  magere  Erdkrume  aus  den:  Felsboden
festzuhalten  und  darin  einen  Teil  der  Feuchtigkeit
aufzuspeichern.  Das  Mholzen  der  Wälder  hätte  zur
Folge,  daß  überall  der  nackte  rissige  Kalksels  zu
Tage  käme;  damit  würden  die  Jurahöhen  gleich
unbewohnbar,  wie  einzelne  entivaldete  Kalkgebirge
Südcuropas.
Auf  dem  wasserarmen,  wenig  fruchtbaren  Kalk-  So((mil)
bodcn  erlangt  der  Ackerbau  keine  große  Bedeutung,  srwrri.
Die  Grasflächen  auf  den  Bergrücken  dienen  nur  als
Viehweide.  Die  Sennen  bewohnen  hier  das  vereinzelt ­
  stehende,  charakteristische  Berghaus,  das  in
breitem,  niedrigern  Bau  wie  auf  den  Boden  geduckt
erscheint  und  Schutz  sucht  vor  der  strengen  Winterkälte
  und  den  rauhen  Winden.  Der  Regenablauf
des  Daches  wird  in  einen  ausgemauerten  Schacht,
die  Zisterne,  geleitet  als  Wasservorrat  für  die  trokkene
  Zeit.  Auf  den  Jurahöhen  ist  infolge  der  spärlichen ­
  Hilfsmittel  und  wegen  der  Lage  abseits  vom
Verkehr  die  Volksdichtc  gering.
        <pb n="32" />
        26

Volksreich  sind  dagegen  die  geräumigen,  sonnigen ­
  Längstäler.  Wiesen  und  Äcker  bedecken  den  breiten ­
  Boden  der  Mulde,  und  eine  Reihe  stattlicher
Dörfer  längs  der  Talstraße  zeugt  für  den  Wohlstand, ­
  der  vor  allem  durch  die  Uhrenindustrie  eingezogen ­
  ist.  Bis  in  das  hochgelegene  und  unwirtliche ­
  Jouxtal  und  das  Bergland  von  Chauxde-fonds
  vermochte  die  Industrie  eine  große  Volksdichte ­
  und  Wohlhabenheit  hervorzurufen.
Die  Klüsen  eignen  sich  meist  nickst  als  Wohnplatz
  für  den  Menschen.  Es  fehlt  hier  vor  allem
an  Raum,  stellenweise  auch  an  Licht  und  Sonne;
überdies  sind  sie  unangenehm  zugig.  Für  den  Verkehr ­
  besitzen  sie  aber  den  größten  Wert.  Sie  öffnen
quer  durch  den  Berg  einen  Weg  zwischen  den  dicht
bevölkerten  Längstälern  und  zu  den  tiefer  liegenden
Landschaften  am  Rande  des  Jura;  so  machen  sie
das  Innere  des  Gebirges  verhältnismäßig  gut  zugänglich. ­
  In  den  Klüsen  sind  in  neuerer  Zeit
eine  Reihe  industrieller  Anlagen  (z.  B.  Zemenrsabriken)
  entstanden,  für  deren  Betrieb  der  rasch
strömende  Fluß  die  Kraft  liefert.  Die  abgelegenen
Juratäler,  die  weder  die  Vorteile  der  Industrie
noch  des  durchgehenden  Verkehrs  genießen,  gehören ­
  zu  den  ärmsten  und  am  meisten  zurückstehenden
Gebieten  unseres  Landes.
        <pb n="33" />
        Das  Klima.

Unter  dem  Einfluß  der  Luftströmung  vom  Atlantischen ­
  Ozean  her  hat  der  Westen  Europas  milde  «u-&amp;gt;agcbi-t»
Winter  und  kühle  Sommer.  In  Osteuropa  ist  dagegen ­
  von  dem  Wärmeausgleich  durch  das  Meer
nur  wenig  zu  verspüren;  hier  herrschen  strenge
Winter  und  heiße  Sommer.  Die  Schweiz  hält  zwischen ­
  der  Atlantischen  Küste  und  den  ausgedehnten
Landflächen  Osteuropas  die  Mitte,  in  der  Lage  wie
besonders  auch  im  Klima  des  Landes.  Hier  und  im
übrigen  Mitteleuropa  fließen  das  Seeklima  der
Westküste  und  das  Landklima  des  Ostens  ineinander ­
  über.  Je  nach  der  Richtung  des  Windes  macht
sich  abwechselnd  mehr  das  eine  oder  das  andere  geltend. ­
  Die  Schweiz  ist  überdies  ein  Grenzgebiet
zwischen  dem  rauhen  Nordeurvpa  und  den  sonnigen,
warmen  Mittelmeerländern.  Nordeuropäischen  Charakter ­
  hat  das  Gebiet  nordwärts  der  Alpen;  die
südlichen  Alpentäler  zeigen  dagegen  viel  Ähnlichkeit ­
  mit  den  Landschaften  an  der  Mittelmeerküste.
Der  Alpenwall  liegt  als  breite  Grenzmauer  zwischen
den  beiden  Klimagebieten.
Wärme.  Die  vom  Ozean  aufs  Land  übertretende
  Luft  mildert  nicht  nur  die  Gegensätze  der
Jahreszeiten;  sie  bringt  im  Durchschnitt  unserem
Land  auch  eine  höhere  Wärme.  Steht  doch  in  Basel
wie  in  Lugano  die  mittlere  Jahrestemperatur  um
4°  höher,  als  im  Osten  in  der  gleichen  geographischen ­
  Breite  ohne  den  Einfluß  des  Meeres.  Im
        <pb n="34" />
        28

einzelnen  ist  auf  dem  verhältnismäßig  kleinen  Raum
der  Schweiz  die  Wärme  sehr  verschieden,  vor  allem
wegen  der  großen  Höhenunterschiede:  Je  höher,  desto
kälter.
Die  Lust  wird  nicht  direkt  durch  die  Sonnenstrahlen, ­
  sondern  vom  Boden  her  erwärmt.  In  der
Nähe  dieser  Heizfläche  ist  sie  am  wärmsten:  mit  zunehmender ­
  Höhe  wird  sie  kühler,  im  Verhältnis  von
ungefähr  0,5  0  auf  je  100  m.
Rauh  und  unwirtlich  sind  schon  die  Kämme
und  hochgelegenen  Täler  des  Jura.  La  Brövine
im  Neuenburger  Jura  und  die  Dörfer  des  Jouxtales
  zählen  zu  den  kältesten  im  Winter  bewohnten ­
  Orten  der  Schweiz.  In  den  Alpen  führt  ein
Aufstieg  der  Reihe  nach  durch  immer  kühlere  Höhcngürtel
  bis  zu  jener  Höhe,  wo  bei  der  geringen
Wärme  auch  im  Sommer  der  Schnee  nicht  mehr
weicht.  Vom  Alpenfuß  bis  zum  ewigen  Schnee
der  Hochgebirgsgipfel  beobachtet  man  eine  ähnliche
Abstufung  des  Klimas  und  des  Pflanzenkleides
wie  auf  einer  Wanderung  gegen  den  Pol.  Die
niedrig  gelegenen  Landesteile  haben  gegenüber  dem
Gebirge  den  Vorteil  höherer  Temperaturen,  die  erst
den  lohnenden  Anbau  der  Kulturpflanzen  ermöglichen ­
  und  im  Verein  mit  anderen  Vorzügen  dem
Tiefland  eine  ansehnliche  Volksdichte  sichern.  Solche
Gebiete  sind  das  südliche  Tessin,  das  Mittelland,
dessen  tiefste  Lagen  am  Genfersee  auch  die  wärmsten ­
  sind,  und  der  Nordfuß  des  Jura  bei  Basel.
Die  Uferlandschaft  des  obern  Genfersces  und  die
Tcssiner  Kurorte  Locarno  und  Lugano  verdanken
allerdings  ihr  ungewöhnlich  mildes  Klima  außer
der  geringen  Meereshöhe  ebenso  sehr  dem  Schutz
vor  den  Nordwinden  und  der  kräftigen  Sonnenstrahlung ­
  ans  die  südwärts  fallenden  Abhänge^).

*)  Bergt,  de»  Abschnitt  über  Fremdenverkehr  S.  116.
        <pb n="35" />
        Den  Einfluß  der  Höhenlage  auf  die  Wärme  zeigt
folgender  Vergleich  der  Temperaturen:

Meereshöhe

Januar

Juli

Jahr

Gotrhardpaß

2100  in

—  7,70

7  90

—  0,60

La  Brtzvine

1077

—  4

13,4

4.5

Zürich

470

-1,4

18,4

8,5

Genf

405

0,0

19.5

9,5

Basel

277

0,1

19,1

9,5

Locarno

239

2

21,9

11,8

Das  Klima

wechselt  überdies

von  Ort

zu  Ort  $

aus  Gründen,  die  nichts  mit  der  Höhenlage  zu  '"schiedschaffen
  haben.  Windgeschützte  Halden  find  milder
als  zugige  Stellen.  Lausanne  hat  im  Jahresmittel
8,90,  Bern  7,80;  das  Sanatorium  Wald  ist  fast
um  1  0  wärmer  als  der  Ütliberg  in  gleicher  Meercshöhe.
  In  allen  Tälern  bevorzugt  der  Mensch  die
Sonnhalde  und  die  sonnigen  Terrassen  für  den  Bodenbau ­
  und  für  feine  Wohnstätten.  Große  Seen
begünstigen  die  Umgebung,  weniger  wegen  der
Wärmeaufspeicherung  in  der  Wassermasse,  als  weil
die  auf  den  Seespiegel  fallenden  Sonnenstrahlen
reflektiert  werden  und  zum  Teil  dem  Ufer  zugute
kommen.  Orte  in  gleicher  Höhe  und  in  geringer
Entfernung  voneinander  können  wegen  all  dieser
Ursachen  ganz  verschieden  warm  sein.
Im  Winter  fließt  bei  ruhigem  Wetter  die  kalte,
schwere  Luft  den  Berghalden  entlang  zur  Tiefe
und  sammelt  sich  im  Tal  zu  einem  Kältesee;  dann
sind  die  sonnigen  Bergterrassen,  ja  selbst  die  Givfel
wärmer  als  der  Talgrund.  Die  Temperaturumkehr
fällt  besonders  auf,  wenn  das  Tiefland  mit  Nebel
bedeckt  ist.
Oft  liegt  im  Winter  tage-  und  wochenlang  ein  R-b-ime-r
Nebelmeer  über  dem  Mittelland.  Sonnig  und  wolkenlos ­
  blau  wölbt  sich  darüber  der  Himmel,  und
in  vollkommener  Klarheit  steigen  die  Alpen  und  die
Höhen  des  Jura  über  die  Nebeldecke  empor.  Aus

Tempera!  ur-Umkehr
        <pb n="36" />
        30

dem  weißen,  welligen  Meer  heben  sich  vereinzelte
Bergrücken  des  Mittellandes  gleich  langen,  nebclumflossenen
  Inseln.  Wer  aus  den  feuchtkalten,
grauen  Nebeln  der  Tiefe  zum  Licht  hinaufsteigt,  tritt
fast  plötzlich  in  eine  neue  Welt  voll  Sonnenschein
und  Wärme.  Der  Winter  ist  die  klarste  und  sonnigste ­
  Jahreszeit  im  Gebirge.  Zahlreiche  Winterkurorte
  in  den  Alpen  und  auf  den  Jurahöhen
verdanken  diesem  glücklichen  Umstand  den  starken
Besuch.
R-bel  und  Wenn  das  Mittelland  unter  den  Winternebeln
«cwdiinnn  ^graben  liegt,  erfreut  sich  die  Südschweiz  anhaltenden ­
  Sonnenscheins.  Das  südliche  Tessin  mit
den  Kurorten  Locarno  und  Lugano  hat  überhaupt
gegenüber  der  ganzen  übrigen  Schweiz  den  Vorzug ­
  der  geringsten  Bewölkung,  der  größten  Zahl
sonniger  Tage.  Ncbelarm  sind  auch  das  Wallis,
Graubünden  und  die  Föhntäler  der  Nordschweiz.
Wind-  Winde.  Die  Luftströmungen  sind  einem  starken ­
  Wechsel  unterworfen;  davon  rührt  der  launenhafte ­
  Charakter  der  Witterung  ab.  Bei  aller  Unbeständigkeit ­
  weht  doch,  wie  im  übrigen  Mittel-  und
Wind  aus  Westeuropa,  der  Wind  am  häufigsten  aus  Süd-SW
 'westen  und  Westen.  Er  trägt  die  Feuchtigkeit  vom
Ozean  her  tief  ins  Festland  hinein  und  führt  trübes,
regnerisches  Wetter  herbei.  In  einzelnen  Teilen  der
deutschen  Schweiz  kennt  man  ihn  als  „Wetterluft";
die  dem  Regen  am  meisten  ausgesetzte  Westfront
der  Häuser  heißt  die  „Wetterseite"  und  trägt  häufig
zum  besondern  Schutz  eine  Verkleidung  aus  Ziegeln
oder  Schindeln.  Der  Westwind  unterbricht  die  Sommerhitze ­
  durch  kühle  Regentage  und  verdrängt  im
Winter  zeitweilig  den  Frost  durch  das  milde  Tauwetter. ­
  Beinahe  ebenso  häufig  ist  der  Wind  aus  der
entgegengesetzten  Richtung,  aus  Osten,  Nordosten
Di,,  und  Nordens  die  Bise;  sie  führt  trockene  Luft  von
den  großen  Landflächen  Osteuropas  her;  sie  hellt
        <pb n="37" />
        :&amp;gt;1

den  Himmel  auf  und  bewirkt  im  Winter  eine  durchdringende ­
  Kälte.  Für  beide  Winde  öffnet  die  tum
Südwest  nach  Nordost  ziehende  Mulde  des  Mittellandes ­
  eine  natürliche  Gasse.  In  der  südwestlichen
Ecke  des  Mittellandes  weht  die  Bise  stärker  und
häufiger  als  im  Osten.  Wie  in  einer  Enge  des
Flußbettes  das  Wasser  rascher  fließt,  so  wächst
die  Stärke  des  Windes,  wenn  er  sich,  zwischen
Jura  und  Alpen  iminer  mehr  eingeengt,  in  den
Winkel  am  untern  Genfersee  hineindrängt.  Genf
leidet  mehr  als  jede  andere  Stadt  unter  der  Heftigkeit ­
  der  Bise.
Die  Alpen  sind  für  quer  gerichtete  Winde  ein
Hindernis;  ist  aber  der  Luftdruck  zu  beiden  Seiten
sehr  verschieden,  so  geht  eine  ausgleichende  Luftströmung ­
  über  den  Gebirgswall  hinweg.  Bei  geringem ­
  Luftdruck  im  nordwestlichen  Europa  steigt  Luft
am  Südhang  der  Alpen  empor  und  stürzt  mit
großer  Gewalt  durch  die  nördlichen  Alpentäler  hinaus. ­
  Das  ist  der  Föhn.  Er  erscheint  auf  der  Nordseite
  der  Alpen  als  warmer  und  trockener  Wind;
die  beiden  Eigenschaften  erlangt  er  durch  das  Überschreiten ­
  des  Gebirges.
Die  aufsteigende  Luft  steht  iu  der  Höhe  unter
geringerem  Druck;  sie  dehnt  sich  aus  und  verliert
dadurch  an  Wärme.  Beim  Aufstieg  am  Südabhang
der  Alpen  scheidet  die  abgekühlte  Luft  die  Feuchtigkeit ­
  in  heftigen  Regengüssen.  Als  kalter  Wind  streicht
der  Föhn  über  den  Bergkamm  und  stürzt  in  die  nördlichen ­
  Quertäler  hinab.  Im  Fallen  nimmt  seine  Wärme
wieder  zu,  um  annähernd  1  0  auf  100  m,  so  daß  er
mit  ungewöhnlich  hoher  Temperatur  die  tiefliegenden
Talausgänge  am  Nordfuß  des  Gebirges  erreicht.
Der  Föhn  tritt  meist  in  den  Qucrtälern  auf,und
da  ihr  Verlauf  mit  seiner  Richtung  übereinstimmt.  w  ssfn«
Hasli-,  Reuß-,  Linth-  und  Rheintal  sind  eigent-
        <pb n="38" />
        32

liche  Föhnkanäle,  durch  die  der  Südwind  brausend
ins  Vorland  hinunterstürzt.  In  ungestümen  Stößen
rüttelt  der  Föhn  am  Balkenwerk  der  Häuser;
er  wirbelt  die  Funken  vom  Herdfeuer  empor  und
trägt  den  Brand  weithin  über  die  ausgedörrten
Schindeldächer  des  Bergdorfes.  Viele  Ortschaften
in  den  Quertälern  der  Nordalpen  sind  bei  Föhnsturm
  ganz  oder  teilweise  verbrannt,  so  Meiringen,
Grindelwald,  St.  Stephan  im  Simmental,  Altdorf, ­
  Glarus;  von  den  Dörfern  des  St.  Galler
Rheintales  haben  fast  alle  wiederholt  unter  Föhnbränden ­
  gelitten.  Wenn  in  den  Tälern  der  Föhn
losbricht,  so  müssen  nach  Vorschrift  der  Föhnpolizei
alle  Feuer  sorgfältig  gelöscht  werden.
Unter  der  Sonnenwärme  allein  würden  die
Schneemassen  im  Gebirge  erst  spät  im  Sommer
zergehen;  der  Föhn  räumt  rasch  damit  auf.  Die
Bergbewohner  fassen  diese  wohltätige  Wirkung  in
die  Worte  zusammen:  „Ohne  Föhn  kein  Frühling!"
Seine  Trockenheit  schädigt  wohl  etwa  die  Baumblüte; ­
  aber  unter  seinem  warmen  Hauch  reift  im
Rheintal  zwischen  Chur  und  Bodensee  der  Wein.
Am  häufigsten  tritt  der  Föhn  in  der  kühlen  Jahreszeit ­
  auf.  Altdorf  zählt  im  Jahr  durchschnittlich
48  Föhntage,  Guttannen  im  Haslital  sogar  79.
In  Meiringen  wacht  die  Föhnpvlizei  an  40—50
Tagen.  Die  Föhntage  bringen  im  Winter  im  Mittel ­
  eine  Temperaturerhöhung  von  7«;  schon  am
frühen  Morgen  kann  dann  eine  geradezu  sommerliche
Wärme  herrschen.  Im  Mittelland  wird  der  Föhn
selten  als  Luftströmung  verspürt;  meist  meldet  er
sich  hier  durch  andere  Anzeichen.  Die  trockene  Luft
zehrt  den  leichten  weißlichen  Dunstschleier  auf,  der
für  gewöhnlich  die  Fernsicht  trübt.  In  scharfen
Umrissen  und  tiefen  Farben  stehen  dann  die  Berge
in  der  eigentümlich  klaren  Luft,  scheinbar  zum  Greifen ­
  nahe  gerückt.  Liegt  beim  Auftreten  des  Föhns
        <pb n="39" />
        33
eine  Nebeldecke  über  dem  Mittelland,  so  löst  er  sie,
vom  Alpcnrand  nordwärts  vorrückend,  in  kurzer
Zeit  auf.  Bisweilen  vermag  er  nicht  vollständig
durchzudringen;  dann  ist  es  bis  in  die  Mitte  des
Hügellandes  hell,  während  am  Jurafuß  noch  die
Nebel  stehen.  Bei  der  trockenen  Luft  befällt  den
Menschen  ein  Gefühl  der  Mattigkeit;  der  Föhn
„liegt  ihm  in  den  Gliedern".  In  gewissen  Alpentälern ­
  steigert  sich  die  körperliche  und  geistige  Abspannung ­
  zu  einem  krankhaften  Zustande,  zur
„Föhnsucht".
Lokalwinde.  Höhenrücken  drängen  häufig  die
untern  Luftströmungen  aus  der  ursprünglichen  Richtung ­
  und  zwingen  sie,  der  Talfurche  zu  folgen.
Die  großen  abgeschlossenen  Felsmulden  der  Alpen
sind  relativ  windstill;  von  den  Winden  des  Mittellandes
  werden  sie  kauni  berührt.  So  kann  es  vorkommen, ­
  daß  heftige  Südweststürme  am  Wallis  und
Engadin  spurlos  vorübergehen.
In  den  Alpentälern  entsteht  bei  ruhigem  Wetter
eine  regelmäßig  wechselnde  Luftströmung,  der
Berg-  und  T  a  l  w  i  n  d.  Tagsüber  erhitzen  sich  die
Felswände  in  der  Sonne  und  die  Luft  strömt  taleinwärts
  enipor.  Gewöhnlich  setzt  der  Talwind  in
der  Mitte  des  Vormittags  ein;  er  trägt  die  Feuchtigkeit ­
  der  Tiefe  zu  den  Berggipfeln  hinauf,  die  sich
allmählich  in  Wolkenballen  hüllen.  Nach  Sonnenuntergang ­
  sinkt  die  erkaltete  Luft  und  fließt  als
Bergwind  talauswärts;  dann  enthüllen  sich  die
Berge  und  sind  häufig  bei  Tagesanbruch  vollständig ­
  klar.  Der  Talwind  ist  weit  stärker  als  die
nächtliche  Gegenströmung;  vielerorts  hat  er  seine
Richtung  in  den  Baumkronen  abgebildet,  die  vom
Luftzug  angeblasen  und,  Windfahnen  gleich,  taleinwärts
  verzogen  erscheinen.  Auf  den  Seen  am  Alpenrand ­
  lassen  die  Schiffer  ihre  Segelbarken  durch  den
regelmäßig  wechselnden  Wind  treiben;  bleibt  er  aus,
Flüätger,  Schweiz  3

Lokativs,ide

Berg-  imfc
Talwind
        <pb n="40" />
        u

so  steht  nach  alter  Erfahrung  ein  Wetterumschlag
bevor.
Niederschlage  Niederschläge.  An  Befeuchtung  übertrifft
die  Schweiz  die  meisten  Nachbargebietc.  Sie  verdankt ­
  ihren  Wasserreichtum  der  Nähe  des  Meeres,
vor  allem  aber  ihrer  hohen  Lage;  denn  ganz  allgemein ­
  nimmt  die  Verdunstungsmenge  bis  zu  einer
gewissen  Meereshöhe  zu.  Die  tiefliegenden  Teile
des  Landes  sind  relativ  trockene  Stellen  inmitten
der  schnee-  und  regenreichen  Höhen  der  Alpen  und
des  Juras;  selbst  im  Mittelland  ist  der  Unterschied
der  Feuchtigkeit  zwischen  Tälern  und  Hügeln  zu
erkennen.  Wenn  der  feuchte  Westwind  an  einem  Gebirge ­
  aufsteigt,  so  sondert  er  den  Wasserdampf  aus;
Verteilung  es  fällt  Regen  oder  Schnee.  Niederschlagsreich  ist
Nied»sch,erscholl  der  Jura,  besonders  auf  seiner  Westseite,  wo
die  jährliche  Regenhöhe  200  cm  erreicht.  Umso  trokkener
  ist,  im  „Windschatten",  der  Südostfuß  des
Jura,  ein  breiter  Streifen  vom  Genfersee  bis  über
Schaffhausen  und  zum  Bodensee  hinaus.  Auf  diesem
tief  liegenden  Teil  des  Mittellandes  finden  die  Getreidefelder ­
  und  Weinberge  in  der  geringen  Regenmenge ­
  und  der  hohen  Sonncnwärine  gut  zusagende
Bedingungen.  Mit  dem  Ansteigen  des  Mittellandes
gegen  die  Voralpen  nimmt  auch  die  Regenmenge  zu.
In  der  Mitte  zwischen  Jura  und  Alpen  erreicht  sie
etwa  100  cm,  das  ist  mehr  als  die  Regenhöhe
im  größeren  Teil  Nvrddeutschlands  und  in  der  Poebene. ­
  Die  Alpen  heben  sich  als  Gebiet  großer  Niederschlüge ­
  von  der  Umgebung  deutlich  ab:  am  Süntis
  werden  250  cm  gemessen.  Die  Täler  der  Aare,
der  Reuß,  der  Linth  ilnd  des  Rheins  sind  dagegen
nicht  feuchter  als  das  Mittclland,  weil  ihnen  die
Berge  den  Regen  entziehen.  Am  regenärmsten  sind
die  Talkessel  des  Wallis  und  des  untern  Engadins ­
  (Sierre  im  mittlern  Wallis  mit  57  ein).  Dein
Südhana  der  Alpen  geben  die  starken  Föhnregen
einen  Überfluß  an  Wasser  (Seite  31t.
        <pb n="41" />
        35

Die  Zahlen  für  die  Niederschlagsmenge  sind  Mittelwerte ­
  jahrzehntelanger  Messungen.  Bon  einem  Jahr
zum  andern  erleidet  aber  der  Regen-  und  Schneesall
große  Schwankungen.  In  feuchte»  Jahren  steigt  der
Niederschlag  fast  auf  das  Dreifache  der  dürren  Jahre
an.  Im  mittleren  Wallis  ging  die  jährliche  Regenmenge ­
  schon  aus  30  cm  zurück,  das  ist  nur  5  cm
mehr  als  der  Durchschnitt  in  den  Oasen  Nordafrikas.
So  wird  es  verständlich,  daß  der  Walliser  gleich  dem
Oascnbewohner  für  künstliche  Bewässerung  seines  Bodens ­
  besorgt  sein  muß.
Regen  fällt  in  der  Schweiz,  wenn  auch  ungleich
verteilt,  zu  allen  Jahreszeiten.  Nordwärts  der  Alpen
ist  der  Frühsomnicr  die  feuchteste  Zeit;  das  Wetter
ist  daun  noch  unbeständig,  häufig  kühl  und  zum
Reisen  nicht  sonderlich  geeignet.  In  der  Südschweiz
wiegen  die  Herbstregcn  vor,  die  den  Übergang  zu  den
Wintcrregen  des  Mittelmeergebietes  darstellen.
Die  winterliche  Schneedecke  hält  in  den  tiefern
Landesteilen  selten  längere  Zeit  an.  Im  südlichen
Tessin  und  am  Genfersee  schnrilzt  sie  meist  schon  nach
wenigen  Tagen.  Im  rauheren  St.  Gallen  liegt  der
Schnee  im  Mittel  schon  über  70  Tage,  in  Davos  und
im  Oberengadin  volle  sechs  Monate.  In  den  höchsten
Partien  der  Alpen  fallen  die  Niederschläge  fast  ausschließlich ­
  als  Schnee.  Der  Winter  schüttet  auch  über
die  untern,  von  Menschen  bcwohicken  Bergregionen
und  über  die  Jurahöhen  mächtige  Schneemassen  aus,
die  die  Wege  fast  ungangbar  machen  und  mit  ihrer
Last  die  halb  verwehten  Hütten  zu  erdrücken  drohen.
In  der  Schneedecke  des  Gebirges  ist  eine  bedeutende
Wassermenge  für  die  warme  Jahreszeit  aufgespeichert. ­
  Auf  den  Feldern  des  Tieflandes  liegt  oft
den  ganzen  Winter  über  nur  ein  leichter  Anflug  von
Schnee;  gerade  hier  wäre  aber  eine  ordentliche
Schneedecke  besonders  willkommen  zum  Schutz  für

-Schwanfunden


Jahres.
zeitliche
Verteil  m  g

Schneedecke
        <pb n="42" />
        die  Wintersaat  und  als  Wasservorrat  für  das  erste
Wachstum  der  Pflanzen  im  Frühling.
Wetterlagen  der  Schweiz.
W&amp;lt;n,-rlageii  Die  Witterung  hängt  von  der  Richtung  des  Windes ­
  ab.  Der  Wind  selbst  richtet  sich  nach  der  Verteilung ­
  des  Luftdruckes,  dessen  Unterschiede  von  Ort
zu  Ort  sich  im  Barometerstand  zeigen.  Nach  einem
Gebiet  mit  geringem  Luftdruck  und  tiefem  Barometerstand ­
  (Minimum  oder  Depression)  strömt  die  Luft
so  lauge  hin,  bis  der  Druckunterschied  ausgeglichen
ist.  Solche  Gebiete  tiefen  Barometerstandes  können
an  Umfang  einein  großen  Teil  Europas  gleichkommen
und  verlegen  meist  in  kurzer  Zeit  ihren  Standort.
Am  häufigsten  wandert  das  Minimum  vom  Atlantischen ­
  Ozean  her  über  Nordsee  und  Ostsee  und  verschwindet ­
  im  Nordosten  Europas.  Je  nach  der  augenblicklichen ­
  Lage  des  Minimums  ändern  die  ihm  zuströmenden ­
  Winde  ihre  Richtung.
Föbuwetter  Niedriger  Luftdruck  im  nordivestlichen  Europa
bringt  der  Schweiz  das  Föhnwetter,  mit  starken  Regen
in  der  Südschweiz,  mit  Wärme  und  Hellem  Himmel
nordwärts  der  Alpen.  Das  schöne  Wetter  ist  meist
von  kurzer  Dauer.  Die  bei  Föhn  aufsallende  Farbe
und  Nahsichtigkeit  der  Berge  gelten  als  Vorboten
eines  Wetterumschlages,  der  meist  schon  am  zweiten
oder  dritten  Tag  eintritt.
Regentage  Mit  der  Wanderung  des  Minimums  nach  der
Nord-  und  Ostsee  dreht  nämlich  der  Wind;  er  kommt
jetzt  aus  8  W  oder  W  und  bewirkt  Trübung  und
Niederschläge.  Zutreffend  sagt  eine  alte  Bauernregel:
„Auf  Föhn  folgt  Regen".
«chöiiii,etter-  Bei  tiefem  Barometerstand  über  der  Westhälfte
'“ 5e  des  Mittelmeers  herrscht  in  der  Schweiz  die  Bise.
Da  erfahrungsgemäß  die  Depression  in  Südeuropa
meist  längere  Zeit  in  ihrer  Lage  verharrt,  so  hält
auch  die  Bise  tage-,  ja  wochenlang  an.  Eine  Bisen-
        <pb n="43" />
        Periode  im  Winter  bedeutet  eine  Zeit  strenger,  trokkener
  Kälte.  Im  Sommer  hemmt  der  scharfe  Wind
das  Wachstum  der  Pflanzen  und  trocknet  bisweilen
den  Boden  so  gründlich  aus,  daß  er  von  Rissen
klafft.  In  Südfrankreich  kennt  man  den  rauhen  Nordwind, ­
  der  durch  das  Rhonetal  htnunterfegt  und  die
Pflanzungen  schädigt,  unter  dem  Namen  Mistral.
Wenn  sich  über  dem  Alpengebiet  hoher  Luftdruck  Hochdrua-geinstellt
  (ein  Maximum),  so  beginnt  ein  langsames
Sinken  und  Abfließen  der  Luft.  Es  tritt  dann  bei
klarem  Himmel  relativ  windstilles  Wetter  ein.  Im
Winter  bildet  sich  bei  dieser  Wetterlage  das  Nebelmeer,
das  solange  über  dem  Mittelland  flutet,  als  der  hohe
Luftdruck  anhält.
Sobald  vom  Atlantischen  Ozean  her  eine  neue
Depression  anrückt,  so  erscheint  wieder  der  Föhn,  der
in  kürzester  Zeit  die  Nebeldecke  aufzehrt  und  dann  vom
feuchten  Südwestwind  abgelöst  wird.  Recht  häufig  folgen ­
  im  Winter  die  wandernden  Depressionen  rasch
nacheinander.  Bei  jeder  iviederholt  sich  das  Wechselspiel ­
  der  Winde  und  Wetterlagen:  das  verleiht  der
Witterung  der  Schweiz  vorab  für  den  Winter  den
Charakter  großer  Unbeständigkeit.
        <pb n="44" />
        Gewässer

Die  große  Schnee-  und  Regenmenge  der  Schweiz
speist  zahlreiche  Bäche  und  Flüsse,  die  das  ganze
Land  mit  einem  stark  verästelten  System  von  Tälern
durchfurchen.  Zum  größten  Teil  haben  sie  ihren  Ur-Urspiu»,
  sprung  im  Innern  der  Alpen.  Die  Gotthardgruppc
erscheint  als  Ausgangspunkt  der  Gewässer;  in  ihrer
Umgebung  entstehen  einige  der  bedeutendsten  Wasserläufe ­
  Mitteleuropas  und  streben,  nach  allen  Himmelsrichtungen ­
  auseinandergehend,  den  tief  liegenden
Gebieten  der  Nachbarländer  zu:  Der  Rhein  (und
unter  seinen  Zuflüssen  Aare  und  Reuß),  die  Rhone
und  der  Tessin,  während  die  Quelle  des  Inn  weiter
ostwärts  in  der  Nahe  der  Maloja  liegt.  Der  Tessin
ergießt  sich  in  den  Po,  der  Inn  in  die  Donau;  so  gehören ­
  die  schweizerischen  Gewässer  zu  den  vier
Sc“'  Stromgebieten  des  Rheins,  der  Rhone,  des  Po  und
' ce  der  Donau.  Das  Einzugsgebiet  des  Rheins  beansprucht ­
  fast  3 / i  der  gesamten  Bodenfläche  der
Schweiz.  Die  Rhone  entwässert  das  Wallis  und  den
südivestlichen  Teil  des  Mittellandes  am  Nordufer
des  Genfersees.  Die  Südschwciz  gehört  zum  Stromgebiet ­
  des  Po,  das  Engadin  zu  demjenigen  der  Donau. ­

S»wa„-  Jeder  Fluß  führt  bald  mehr,  bald  weniger  Wafje
  nach  der  Jahreszeit  und  den  augenblicklichen
Witterungsverhältnissen.  Die  Schwankungen  des
Wasscrstandes  sind  im  Oberlauf  viel  größer  als  in
der  Nähe  der  Mündung:  im  Quellgebiet  ist  im  all-
        <pb n="45" />
        ;&amp;gt;9
gemeinen  auch  das  Gefälle  und  die  Strömung  stärker ­
  als  im  Unterlauf.  Die  vorhin  genannten  vier
Hauptflüsse  gehören  nur  in  ihrem  Oberlauf  zur
Schweiz;  das  verleiht  den  Gewässern  unseres  Landes ­
  ihre  ausfälligsten  Eigenschaften:  Bedeutende
Schwankungen  in  der  Wassermenge  und  ein  fast
durchwegs  starkes  Gefälle.
Je  nachdem  das  Einzugsgebiet  der  Flüsse  vorwiegend ­
  in  den  Alpen,  im  Mittelland  oder  im  Jura
liegt,  fallen  die  hohen  und  niedrigen  Wasserstände
auf  verschiedene  Zeiten.
Die  Alpenflüsse  werden  vorwiegend  durch  das  Mpe-Msse
Schmelzwasser  der  Schneefelder  und  Gletscher  genährt. ­
  Im  Frühling  fangen  sie  an  zu  steigen  und
erreichen  iin  Juni  und  Juli  zur  Zeit  der  starken
Schneeschmelze  im  Gebirge  den  höchsten  Stand;  im
Winter  führen  sie  wenig  Wasser.  Kurze  und  starke
Hochfluten  treten  auch  im  Frühling  auf,  wenn  spätgefallener ­
  Schnee  auf  den  Voralpen  unter  der  Föhnwärme
  plötzlich  zergeht.  Im  Sommer  steigen  und
fallen  die  Gletscherwasser  sogar  mit  dem  Wechsel  der
Tageszeiten.  Bäche,  die  nach  der  Kälte  der  Nacht
wenig  Wasser  bringen  und  leicht  zu  überschreiten
sind,  schwellen  tagsüber  durch  das  starke  Abschmelzen ­
  des  Eises  so  an,  daß  sie  unpassierbar  werden.
Die  Flüsse  der  Südschweiz  (Tessin,  Maggia)
haben  einen  nur  geringen  Anteil  an  Schnee-  und
Eisfeldern;  ihr  Wasserstand  richtet  sich  nach  den  jeweiligen ­
  Niederschlagsverhältnissen.  Im  Sommer
sind  sie  wasserarm;  unter  den  heftigen  Föhnregen
im  Herbst  und  Winter  schwellen  sie  fast  plötzlich  zu
gefährlicher  Wildheit  an.  Die  Maggia  führt  dem
Langcnsee  bei  ihrem  tiefsten  Stand  wenige  mch  zur
Zeit  der  Hochflut  dagegen  bis  1000  m 3  Wasser  in
der  Sekunde  zu.  Tessin  und  Maggia  samt  ihren
Seitcnbächcn  zeigen  eine  auffallende  Ähnlichkeit  mit
vielen  Wasserläufen  der  Mittelmeerlandschaft,  die
        <pb n="46" />
        Mittellarid-1
Jurafiüffe

Mrku»g
Seen

G^fttLe

im  Sommer  fast  trocken  da  liegen  und  unter  den
Winterregen  sich  mit  Wasser  anfüllen.
Beim  Wasserhaushalt  der  Flüsse,  deren  Einzugsgebiet ­
  im  Mittelland  oder  im  Jura  liegt,  wirken
keine  Firnfelder  mit.  Hochwasser  tritt  hier  infolge
der  Schneeschmelze  im  Frühling  oder  bei  starken
und  anhaltenden  Regengüssen  ein.  Im  Winter  und
nach  langer  Trockenheit  im  Sommer  erreichen  die
Gewässer  den  tiefsten  Stand.
Flußabwärts  verringern  sich  allmählich  die
Schwankungen  in  der  Wasserhöhe,  besonders  dann,
wenn  Zuflüsse  ans  verschiedenartigen  Gebieten  des
Landes  einmünden  (Alpen,  Mittelland,  Jura).
Bringen  die  einen  viel  Wasser,  so  stehen  andere  zur
selben  Zeit  mittel  oder  niedrig;  so  gleichen  sich  die
-Unterschiede  etwas  aus.  Die  Seen  wirken  als  große
Regulatoren  im  gleichen  Sinne;  sie  lassen  die  Hochwasserflut ­
  nur  mit  Verspätung  und  erheblich  geschwächt ­
  abfließen.  Die  dämpfende  Wirkung  tritt  in
den  größten  Wasserbecken,  dem  Genfersee  und  dem
Bodensee,  besonders  klar  zutage.  Einzelne  Kraftwerke, ­
  am  Ausfluß  von  Seen  angelegt,  machen  sich
den  Vorteil  einer  natürlich  regulierten  Wasserführung ­
  zu  nutze  (Elektrizitätswerk  Genf).  Für  die
Uferschntz-  und  Brückcnbanten  und  für  die  Wasserkraft-Anlagen ­
  hängt  sehr  viel  vom  Wasserstand  und
seinen  Schwankungen  ab.  Er  entscheidet  ebenfalls
über  die  Dauer  der  Schiffahrt  auf  den  dazu
geeigneten  Flnßstrcckcn.
Im  Vergleich  zu  den  Gewässern  der  großen  europäischen ­
  Tiefländer  haben  die  schweizerischen  Flüsse
fast  durchwegs  ein  starkes  Gefälle,  vorab  in  den
Alpentätern  und  den  Querdurchbrüchen  des  Jura.
Zahlreiche  Schnellen  und  Wasserfälle  unterbrechen
die  längern  Flußstrecken  mit  ruhiger  Strömung;
das  Gefälle  ist  noch  unausgeglichen.  Darin  liegt
        <pb n="47" />
        41

eine  bet  Schwierigkeiten  für  die  zukünftige  Schiffbarmachung ­
  der  Gewässer.
Die  Schüß  fällt  in  der  Klus  von  Reuchenette
um  145  m  auf  einer  Strecke  von  4  km;  die  Rhone
in  der  Schlucht  unterhalb  Gletsch  380  m  auf  3  km,
unterhalb  Martigny  40  m  auf  13  km;  der  Rhein
oberhalb  der  Einmündung  der  Aare  11  m  auf  16  km;
dagegen  die  Rhone  vor  ihrer  Mündung  ins  Mittelländische ­
  Meer  160  m  auf  300  km;  die  Donau  vor
ihrer  Mündung  ins  Schwarze  Meer  40  m  auf  900kra!
Infolge  der  raschen  Strömung  vermögen  die  *****  der
Flüsse  gewaltige  Massen  von  Schutt  aus  dem  Ge-  «»"&amp;gt;*«».
birge  ins  Vorland  hinauszuschleppen.
Die  seitlichen  Halden  der  Alpentäler  sind  von
unzähligen  parallel  zur  Tiefe  laufenden  Wasserrinnen ­
  oder  Runsen  durchfurcht.  Meist  liegen  sie
trocken.  Wenn  aber  der  Schnee  schmilzt  oder  ein
starker  Regen  fällt,  so  füllen  sich  diese  Gräben  mit
tosend  zu  Tal  stürzendem  Wasser,  das  den  lockern
Gehängeschutt  mitreißt  und  auf  den  Boden  des  Tales
hinausschwemmt.  Das  Wasser  gräbt  die  Rinnen  stets
tiefer  in  die  Berghalde  und  bringt  den  Boden  der
Umgebung  ins  Rutschen.  Schlamm  und  zertrümmerte
Gesteinsbrocken  legen  sich  als  flacher  Schuttkegel
vor  den  Ausgang  der  Wasserrunse  ins  Tal.  Nicht
selten  erhöht  der  Schuttkegel  den  Talboden  in  seiner
ganzen  Breite  bis  zur  gegenüberliegenden  Halde.
Der  Talfluß  wird  dann  aus  seiner  Richtung  abgedrängt ­
  und  umfließt  das  Hindernis  in  einem  großen
Bogen.  Auf  einzelnen  Talstrecken  wachsen  beidseitig ­
  aus  Nebentälchen  und  Wildwasserrunsen  so
viele  Schuttkcgel  ins  Haupttal  hinaus,  daß  der
Fluß  zu  einem  schlangenartig  gewundenen  Lauf
gezwungen  wird  (Rhone  im  Wallis).
Die  verheerenden  Ausbrüche  der  Wildbäche  mach-  ä)et*«uum
ten  kostspielige  Verbauungsaröeiten  notwendig.^
        <pb n="48" />
        42

Wildbach-Iteppe


Schutttrantzport


Ueberjitztvem-«!Mg


Mauern  und  Dämme  längs  der  gefährdeten  Uferstellen ­
  sollen  der  Überflutung  wehren.  Ouermauern  ine
Bachbett  unterbrechen  den  Wasserlauf  durch  eine
Reihe  von  Stufen;  darüber  hinunter  stürzt  das
Wasser  in  senkrechtem  Fall  und  durchfließt  dann
bis  zur  nächstfolgenden  Stufe  eine  Strecke  mit  geringer ­
  Neigung.  Eine  solche  Verbauung,  Wi  l  db
  a  ch  t  r  e  p  p  e  genannt,  verhindert  ein  tieferes  Ausnagen
  des  Bettes  und  das  Nachrutschen  der  unterwühlten ­
  Ufcrhalden.  Als  ebenso  wirksam  hat  es  sich
erwiesen,  das  ganze  Einzugsgebiet  mit  Wald  oder
mit  Rasen  zu  bepflanzen.  Der  Waldboden  hält  bei
Regenfällen  einen  Teil  des  Wassers  zurück  und  verhindert ­
  ein  plötzliches  verheerendes  Anschwellen  der
Bäche;  überdies  verwehrt  die  Pflanzendecke  dem  rinnenden ­
  Wasser,  den  Boden  aufzureißen  und  die  lokkere
  Erde  zur  Tiefe  zu  schwemmen.
Was  die  Seitenbächc  an  Schutt  dem  Hauptfluß
zutragen  oder  was  er  selbst  durch  das  Unterwühlen
der  Ufer  abreißt,  das  schleppt  die  starke  Strömung
talauswärts.  In  flachen  Talstrecken  und  im  Vorland, ­
  wo  das  Gefälle  geringer  wird,  genügt  die
Stoßkraft  des  Wassers  nicht  mehr  zum  Weitertransport ­
  der  Geschiebemassen;  sic  bleiben  im  Flußbett
liegen  und  füllen  es  aus.  In  der  Hochwasserzeit
tritt  der  Fluß  aus  und  überführt  den  angrenzenden
flachen  Boden  mit  Schutt.  Dann  windet  er  sich,  in
einzelne  Arme  zerteilt,  durch  die  mit  Weiden-  und
Erlengestrüpp  und  mit  Schilf  bewachsene  Kieswildnis ­
  und  durch  die  Sumpfwiesen  der  Talebene.  Verkehrswege ­
  und  Dörfer  mieden  von  jeher  die  von
Überschwemmung  bedrohte  Talsohle  und  bevorzugten
eine  erhöhte,  sichere  Lage  am  Rand  des  Sumpflandes. ­
  Die  Bemühungen  der  Anwohner,  den  Fluß
einzudämmen  und  unschädlich  zu  machen,  hatten
keinen  dauernden  Erfolg.  Die  Kiesbänke  füllten  die
Wasserrinne  zwischen  den  Dämmen  immer  wieder
        <pb n="49" />
        43

aus  und  verursachten  neue  Ausbrüche;  zudem  fehlte
cs  bei  den  Uferschutzbauten  au  einem  einheitlichen
Plane.  Erst  die  großen  Mußkorrektionen  der  Neuzeit ­
  legten  die  Sumpfflächen  endgültig  trocken  und
sicherten  sic  vor  neuer  Schuttüberführung.  Gerad
linig  gebaute  Kanäle  schneiden  die  Flußschlingen
ab;  im  verkürzten  Lauf  schafft  das  rascher  strö
mcnde  Wasser  das  Geschiebe  weiter.  In  einzelnen
Fällen  wurde  der  Fluß  zur  Ablagerung  seiner  Sinkstoffe ­
  in  einen  naheliegenden  See  abgeleitet.
Während  langer  Zeit  waren  die  Flußverbauungen ­
  hauptsächlich  darauf  berechnet,  durch  eine  stark?
Strömung  das  Bett  stets  vorweg  vom  Schutt  zu
säubern  und  ihn  talauswärts  zu  transportieren.
Gegenwärtig  trachtet  man  eher,  dem  Übel  in  seinen
Anfängen  zu  steuern.  Durch  das  Ausforsten  des'
QuellgebictcS  werden  die  Rutschungen  verhindert;
das  rinnende  Wasser  vermag  dort  nicht  mehr,  mit  der
frühern  Gewalttätigkeit  den  Boden  aufzureißen..
Nach  dem  Bundesgesetz  von  1902  führt  der  Bund
die  Oberaufsicht  über  das  Forstwesen  der  ganzen
Schweiz,  insbesondere  über  jene  Bergwälder,  die
Schutz  vor  Wildbachverwüstung  und  vor  Lawinen
bieten  sollen.  Aufgabe  des  Staates  ist  es  auch,  die
Flußkorrektioncn  zu  unterstützen.  Der  Bund  und  die
Kantone  haben  gemeinschaftlich  in  zahlreichen  kostspieligen ­
  Wildwasserverbauungen  und  großen  Flußkorrektionen ­
  den  bedrohten  Talbewohnern  Hilfe  gebracht. ­
  Der  Bund  gab  von  1855  bis  Ende  1908
an  Beiträgen  für  Flußkorrektionen,  Wildbachverbauungen ­
  und  Entsumpfungen  85,3  Millionen  Fr.
aus.  Unter  den  wichtigsten  Entsumpfungsarbeiten
in  der  Schweiz  sind  zu  nennen:  Die  Ableitung  der
Lütschinc  in  den  Bricnzersee  zum  Schutze  des  Bödeli;
der  Kanderdurchstich  zum  Thunersee;  die  Juragewässerkorrektion ­
  (Tieferlegung  des  Vieler-,  Neuenbnrger-
  und  Murtensees  und  Durchstich  der  Aare

Jlußkorrek
tion-cn

Ausforsten  des
Q'-iellgebieteL

K»rr«ktioi»A*
Tfrerfe
        <pb n="50" />
        44

zum  Bielersee);  die  Entsumpfung  der  Linthebcne
zwischen  Walen-  und  Zürichsce  durch  die  Ableitung
der  Linth  zum  Walensee;  die  Rheinkorrektion  im
St.  Galler  Rheintal,  die  gegenwärtig  noch  nicht
vollendet  ist.
Große  Flächen  anbaufähigen  Bodens  sind  hier
den  Überschwemmungen  entrissen  worden;  die
Schweiz  hat  in  friedlicher  Arbeit  einen  ansehnlichen
Zuwachs  an  Kulturland  gewonnen.  Mit  der  Austrocknung
  des  Bodens  besserte  sich  auch  der  Gesundheitszustand ­
  der  Anwohner;  die  Malaria,  die
früher  die  Umgebung  der  Sümpfe  heimsuchte,  ist
heute  ganz  verschwunden.  Der  Lauf  der  Gewässer-Hat
  durch  die  Korrektionen  in  den  Gebirgstälern
und  im  Mittelland  auf  weite  Strecken  Veränderungen ­
  erfahren,  die  mehr  den  Zwecken  des  Menschen
dienen,  als  einem  natürlichen  Zustand  entsprechen.
In  neuester  Zeit  wird  das  natürliche  Bild  der  Bäche
und  Flüsse  immer  häufiger  gestört  durch  die
Anlagen  zur
Aurbcutuug  Ausbeutung  der  Wasserkräfte.  Das
"Wir  große  Gefälle  der  Flüsse  in  den  Alpen,  in
den  höher  gelegenen  Teilen  des  Mittcllandes  und
in  den  Klüsen  des  Jura  erlaubt  es,  in  zahlreichen
Werken  die  Strömung  des  Wassers  auszunutzen.
Entweder  reihen  sich  die  Fabriken  dem  Flußufer  entlang, ­
  um  die  Betriebskraft  direkt  dem  Wasserlauf
zu  entnehmen;  oder  es  wird  durch  die  modernen
Kraftwerke  der  elektrische  Strom  dahin  geleitet,  wo
inan  seiner  für  die  Industrie,  für  den  Eisenbahnverkehr ­
  oder  zu  Belcuchtungszwccken  bedarf.  Außerdem
stehen  noch  heute  wie  in  alter  Zeit  zahllose  Mühlen
und  Sägemühlen  am  Ufer  eines  Baches,  dessen
Kraft  ihren  Betrieb  unterhält.
Der  Kraftvorrat  unserer  Gewässer  ist  umso  höher
zu  bewerten,  als  die  Schweiz  fast  keine  eigenen
Kohlen  besitzt.  Die  Einfuhr  von  Kohle  aus  dem
Ausland  (vorab  aus  Deutschlands  macht  einen  Be-
        <pb n="51" />
        4;')
trag  von  annähernd  100  Millionen  Franken  ans.
Dieser  alljährliche  Tribut  war  ein  mächtiger  Ansporn ­
  zur  Ausnutzung  der  einheimischen  Wasserkräfte ­
  durch  Elektrizitätswerke;  von  den  Zentralen
strahlen  die  Leitungsdrähte  nach  allen  Richtungen
aus  und  verteilen  Kraft  und  Licht  bis  zu  den  entlegensten ­
  Orten.  Jedes  neue  Kraftwerk  rückt  das
Ziel  um  einen  Schritt  näher,  von  den  ausländischen
Kohlengruben  unabhängig  zu  werden,  die  bisher
dem  Auslande  entrichteten  Summen  dem  eigenen
Lande  zu  erhalten.  Ist  die  Schweiz  auch  reicher
mit  Wasserkräften  ausgestattet  als  manches  andere
Land,  so  wird  sie  darin  doch  noch  von  Skandinavien ­
  übertreffen;  selbst  Frankreich  ist  im  Verhältnis
zu  seiner  Volkszahl  günstiger  gestellt.  Von  dem
Kraftvorrat  unseres  Landes  sind  gegenwärtig  in  «wftwnot
Elektrizitätswerken  annähernd  eine  halbe  Million
Pferdestärken  verwertet.  Es  läßt  sich  voraussehen,
daß  bei  genauester  Ausnutzung  aller  Gefällsstrekken,
  durch  Stauwerke  und  durch  Aufspeichern  der
Energie  der  vierfache  Wert  dieser  Zahl  erreicht
werden  kann.  „Unbegrenzt"  sind  also  die  verfügbaren ­
  Wasserkräfte  nicht;  aber  sie  dürften  auch  in
der  Zukunft  für  den  Betrieb  der  Fabriken,  der
Eisenbahnen  und  für  die  Beleuchtung  ausreichen.
Von  den  zahlreichen  Elektrizitätswerken  der
Schweiz  seien  die  größten  mit  ihrer  Leistung  in  -chwci;
Pferdekräften  (P.  8.)  hier  genannt:  Stadt  Genf
18450;  Grande  Eau  11  750;  Vevey-Montreux ­
  3900;  Rhone  bei  St.  Maurice  6240;  Kraftwerk ­
  Lac  de  Joux-Orbe:  Vallorbe  8200  und  Orbe
8000;  Neuenburg  3100;  Saane  bei  Montbovon
5400,  bei  Tusy-Hauterive  7200;  Kander  bei
Spiez  16  750;  Hagneck  6800;  St.  Jmier  3650;
Wangen  9900;  Wynau  4750;  Stadt  Luzern  8600  ;
Olten-Aarburg  4400;  Rheinfelde  n  16800;
Kraftwerk  Beznau-Löntsch:  Beznau  14100
        <pb n="52" />
        und  Löntsch  (im  vollen  Ausbau)  36  000;  Kabelwerk ­
  bei  Herisau  8700;  A  l  b  u  l  a  w  e  r  k  der  Stadt
Zürich  24000;  Locarno  3000;  Lugano  3000;
Brufio  int  Puschlav  44  000,  das  größte  Kraftwerk ­
  der  Schweiz.  Das  Elektrizitätswerk  von  Laufenburg
  (gegenwärtig  im  Bau)  ist  auf  50000
?.  8.,  das  von  Augst  bei  Basel  (ebenfalls  im
Bau)  auf  35  000  ?.  8.  berechnet.  Das  Etzelprojekt ­
  (Stausee  der  Sihl  bei  Einsiedeln)  sieht
eine  Leistung  von  60000  ?.  8.  vor.
$iu6fw«a$rt  Flußschiffahrt.  Die  Flüsse  besitzen  als
Verkehrswege  einen  geringen  Wert;  die  durchschnittlich ­
  starke  Strömung,  das  unausgeglichene  Gefälle
(Stromschnellen'!  und  die  großen  Schwankungen  des
Wasserstandes  sind  der  Entwicklung  der  Schiffahn
nicht  günstig.  Für  den  Schiffsverkehr  sind  gegenwärtig ­
  nur  wenige  kurze  Flußstrecken  und  Kanäle
geeignet:  Dampfer  befahren  den  Rhein  vom  Bodensee ­
  bis  Schaffhausen,  den  Broyekanal  zwischen  dem
Murten-  und  Neuenburgersee  und  gelegentlich  auch
den  Zihlkanal  vom  Neuenburger-  zum  Bielersee;
durch  einen  Kanal  gelangen  die  Dampfschiffe  des
Thunersees  bis  zum  Bahuhof  von  Jnterlaken.  Die
NAhMroßschiffahrt  auf  dem  Rhein,  die  früher  in  Straßburg ­
  endete,  wird  seit  einigen  Jahren  mit  Erfolg
bis  nach  Basel  hinauf  fortgesetzt;  es  sind  bis  jetzt
meist  Kohlentranspvrte  flußaufwärts  geschafft  worden. ­
  Basel  ist  damit  Kopfstation  der  Rheinschiffahrt
geworden,  wenn  es  ihm  auch  vorläufig  an  den
nötigen  Hafenanlagen  fehlt  und  der  Schleppverkehr ­
  zwischen  Straßburg  und  Basel  durch  den  Niederwasserstand ­
  unterbrochen  wird.  Mit  Unterstützung ­
  durch  den  Bund  wird  von  privater  Seite
für  die  Schiffbarmachung  des  Rheins  von  Basel
bis  zum  Bodensee,  mit  Konstanz  als  Endstation,
vorgearbeitet.  Um  den  Schiffen  auch  zur  Zeit  des
niedrigen  Wasserstandes  ein  genügend  tiefes  Fahr-
        <pb n="53" />
        47

wasser  zu  sichern,  ist  die  Regulierung  des  Bodenseespiegels ­
  durch  Schleufenwcrke  am  Ausfluß  des
Rheins  notwendig;  dazu  bedarf  es  der  Zustimmung
aller  Bodensee-Uferstaaten.  Das  Schiffahrtsprojekt
bedeutet  eine  gewisse  Gefahr  für  den  Rheinfall,  dessen ­
  Schönheit  durch  den  Entzug  von  Wasser  für
den  Umgehungskanal  leiden  müßte.  Wenn  die  Wasserstraße ­
  von  Basel  zum  Bodensee  wohl  in  absehbarer ­
  Zeit  gebaut  wird,  so  stehen  dagegen  für
andere  Schiffahrtsprojekte  die  Aussichten  wegen  der
hohen  Baukosten  weniger  günstig;  das  gilt  für  die
Zuflüsse  des  Rheins  und  für  den  Aare-Rhonekanal,
der  als  internationaler  Wasserweg  dem  Verkehr
von  der  Nordsee  zum  Mittelmeer  durch  die  Schweiz
dienen  würde.
Seen.  Die  Schweiz  dankt  ihre  Schönheit  nicht
zum  wenigsten  dem  Reichtum  an  Seen,  die  das
Landschaftsbild  beleben  und  bereichern.  Sic  unterscheiden ­
  sich  stark  nach  Größe  und  landschaftlichem
Charakter,  vom  Genfersee,  der  582  km 3  mißt,  durch
die  Reihe  der  mittelgroßen  wiesen-  und  waldumschlosscnen
  Wasserbecken  des  Mittellandes  bis  zu
den  kleinsten,  hochgelegenen  Alpenseelein,  in  denen
sich  die  kahlen  Felshalden  und  die  Firnfelder  wiederspiegeln. ­
  Die  größten  sind  als  langgestreckte  Talseen ­
  in  den  Lauf  der  Flüsse  eingeschaltet,  wo  diese
am  Nord-  und  Südfuß  der  Alpen  ins  Vorland
hinaustreten:  die  alpinen  Randseen  (über  die  Entstehung ­
  Seite  15).  Neuenburger-,  Vieler-  und
Murtensee  bilden  die  Gruppe  der  jurassischen  Randseen; ­
  sic  kommen  den  ersten  an  Größe  ungefähr
gleich.  Der  Jura  selbst  ist  infolge  der  Wasserarmut
seines  Kalkbodens  arm  an  Seen  und  steht  damit
in  auffälligem  Gegensatz  zu  den  beiden  andern  Landesteilcn.
  Die  folgende  Übersicht  gibt  einige  Maße
der  größten  Seen  an:

Schissoyrt».
Projekt-«een



Wptiie
plandseen
        <pb n="54" />
        48

MeeresFläche ­



Wasser«

Größte

höhe  m

km*

menge  km 3  Tiefe  is

375

582

89,9

310

432

218

14,2

154

432

42

1,2

75

434

27

0,6

46

567

30

5,2

261

560

48

6,5

217

437

115

11,8

214

417

38

3,2

198

409

88

3,9

143

423

23

2,5

151

399

538

48,4

252

274

50

6,6

288

197

212

37,1

372

Übersicht  bei*
Seen
Genfersee
Neuenburgersee
Bielersee
Murtensee
Brienzersee
Thunersee
Vierwaldstättersee
Zugersee
Zürichsee
Walensee
Bodensee
Luganersee
Langensee
Die  Zahlen  für  den  Luganer-  und  Langensee
zeigen,  daß  der  Boden  dieser  Wasserniulden  tiefer
liegt  als  der  Meeresspiegel.
Auschüttung  Die  Flüsse  füllen  bei  der  Einmündung  mit  ihrem
Geschiebe  das  Seebecken  auf.  Die  Anschwemmungsebene,
  das  Delta,  verdrängt  vom  obern  Seeende  her
langsam  die  Wasserfläche,  und  nach  Jahrtausenden
werden  die  heute  noch  bestehenden  Seen  zugeschüttet
sein.  Der  Schutt-Transport  des  Rheins  dürfte  nach
20  —  30  000  Jahren  den  Bodcnsee  ganz  ausgefüllt
haben.  So  gehören  die  Seen  zu  den  vergänglichsten
Erscheinungen  im  Bild  unseres  Landes.  Die  alpinen
Randseen  reichten  einst,  nach  den  langgestreckten
Ebenen  an  ihrem  obern  Ende  zu  schließen,  viel  tiefer
ins  Gebirge  hinein  als  heute.  Der  Bodensee  zog  sich
durch  das  St.  Galler  Rheintal  hinauf  und  stand  an
der  Talgabel  von  Sargans  in  Verbindung  mit  dem
langen,  einheitlichen  Wasserbecken  der  Walen-  und
Zürichseefurche.  Der  Vierwaldstättersee  reichte  bis
Erstfeld.  Brienzer-  und  Thunersee  hingen  vor  der
Aufschüttung  der  Ebene  von  Jnterlaken,  des  Bödeli,
zusammen;  das  obere  Ende  lag  bei  Meiringen.  Der
        <pb n="55" />
        49

Genfersee  reichte  zum  mindesten  bis  St.  Maurice
hinauf,  der  Langensee  bis  Bellinzona.
Früher  wälzten  die  Flüsse  ihr  schlammiges  Was
ser  in  gewundenem,  trägem  Lauf  durch  die  Ebene
dem  See  zu,  bei  Hochwasser  die  Ufer  überflutend.
Jetzt  sind  sie  geradegelegt  und  eingedämmt.  Von  erhöhtem ­
  Standpunkt  aus  gesehen,  heben  sich  die  Kanäle ­
  als  steife,  wie  mit  dem  Lineal  gezogene,  glänzende ­
  Linien  von  der  dunklen  Farbe  des  einst  versumpften ­
  Bodens  ab.  Schnurgerade  in  die  Ferne
ziehende  Pappelreihen  verstärken  die  Eintönigkeit  des
Landschaftsbildcs.  Das  Neuland  am  Rand  des  Sees
trägt  noch  Weidengestrüpp  und  Schilfbeständc;  flußaufwärts ­
  wird  der  Boden  seit  der  Kanalisation  mehr
und  mehr  angebaut.
Seitlich  dem  See  zueilende  Bäche  bauen  je  eine
kleine  Halbinsel  („Horn")  in  die  Wasserfläche  hinaus, ­
  an  Steilufern  eine  bevorzugte  Stelle  zur  Anlage ­
  von  Ortschaften  (Mühlehorn  und  Murg  am
Walensee).
Zahllose  kleine  Wasserbecken  unseres  Landes  sind
bereits  zugeschüttet  oder  durch  die  überwuchernde
Ufervcgetation  verlandet.  Andere  sind  erst  im  Erlöschen ­
  begriffen;  Wassertümpel,  Sümpfe,  Riedflächen ­
  bezeichnen  ihre  Stelle.  Ebenso  sind  dem  intensiven ­
  Acker-  und  Wiesenbau  der  Neuzeit  eine
Reihe  kleiner  Seen  zum  Opfer  gefallen;  entweder
wurde  der  Seespiegel  gesenkt  oder  die  Mulde  ganz
entleert.  Die  Senkung  des  Lungernsees  und  die
Austrocknung  des  Giswilersecs,  beide  in  Obwalden,
können  als  Beispiele  dafür  dienen,  wie  der  Mensch
die  natürliche  Verteilung  von  Wasser  und  Land
umgestaltet,  um  neuen  Kulturboden  zu  gewinnen.
Viele  Seen  sind  durch  Schlcusenbauten  zu  großen
Staubecken  umgewandelt  worden,  deren  Wasserstand
und  Abfluß  nun  ebensosehr  vom  Gutdünken  der  Anwohner ­
  als  von  der  Wasserführung  des  Zuflusses
abhängt.
stückiger,  Schweiz  4

Deltalandschaft ­


Verlanden
kleiner  Seen

Eingriff  des
Menschen
        <pb n="56" />
        Als  Wasserstraßen  dienen  die  Seen  vorwiegend
dem  Verkehr  zwischen  den  Uferorten;  der  durchgehende ­
  Schnellverkehr  bevorzugt  die  Eisenbahnen.  Aus
16  der  größern  Seen  besteht  eine  regelmäßige
Dampfschiffahrt;  daneben  besorgen  Motorlastschiffc
und  Segelbarkcn  den  Transport  der  Massengüter.
Gewisse  Uferstrecken  schweizerischer  Seen  sind
dank  ihrer  Naturschönheit  und  milden  Lage  zu  Sammelplätzen ­
  der  Vergnügungsreisenden  und  Kurbedürftigen ­
  aller  Länder  geworden;  auch  die  landesansässige ­
  Bevölkerung  weiß  die  vielen  Vorzüge  der
Seeufer  zu  schätzen;  soweit  sich  diese  zum  Bewohnen
eignen,  sind  sie  schon  lange  zu  Zonen  großer
Volksdichte  geworden.  Eine  Reihe  stattlicher
Orte  umsäumt  die  Wasserfläche;  den  Ausfluß  des
Sees  und  die  zu  diesem  Punkt  zusammenlaufenden
Straßen  beherrscht  meist  eine  Stadt,  die  vermöge
der  günstigen  Lage  zum  Verkehrsmittelpunkt  des  gesamten ­
  Seebezirkes  geworden  ist.
        <pb n="57" />
        Nutzbare  Mineralien

Die  Schweiz  ist  arm  an  Kohle  und  Erzen;  das
ist  das  wichtigste  Ergebnis  einer  Übersicht  über  die
Bodenschätze  des  Landes.  Der  Mangel  an  diesen
wertvollen  Mineralien  ist  umso  empfindlicher,  als
die  Großindustrie  gerade  in  erster  Linie  Kohle  und
Erze  benötigt.
Eisen.  Eisenerz  kommt  in  Form  kleiner  Knollen ­
  (Bohnerz)  in  der  Talmulde  von  Delsberg  im
Berner  Jura  vor.  Es  findet  sich  meist,  in  Berwitterungslehm
  eingelagert,  in  Aushöhlungen  des
Kalksteins.  Der  Hochofen  von  Choindez,  der  eiuzige
  in  der  Schweiz,  verhüttet  neben  dem  einheimischen ­
  Rohmaterial  Eisenerz  aus  Spanien  und  erzeugt ­
  jährlich  ungefähr  10,000  t.  Eisen.  Eine  Anzahl ­
  von  Hochöfen,  die  früher  in  der  Gegend  von
Delsberg  im  Betrieb  waren,  sind  eingegangen.  Geringe ­
  Erzlager  sind  in  den  Alpen  weit  verbreitet.
Zahlreiche  Bergwerke  förderten  einst  Eisen,  Blei,
Kupfer,  Nickel  und  Gold  (Gondo  am  Simplon,
Calanda  bei  Chur);  jetzt  sind  sie  wegen  des  ungenügenden ­
  Ertrages  verlassen.
K  o  h  l  e.  Ungeachtet  der  vielen  Fundstellen  kommt
die  einheimische  Kohle  gegenüber  der  starken  Einfuhr ­
  kaum  in  Betracht.  Die  meisten  der  früher  benutzten ­
  Lager  sind  erschöpft  oder  infolge  geringer
Ausbeute  aufgegeben.
Das  Bergwerk  von  Käpfnach  am  linken
Ufer  des  Zürichsees  liefert  in  Mergel  eingelagerte ­
  Braunkohle,  wenn  auch  seit  langem  in  so

Eisen

Kohle
        <pb n="58" />
        52

geringer  Menge,  daß  der  Betrieb  nur  durch  die
gleichzeitige  Verarbeitung  des  Mergels  zu  Zement
aufrecht  erhalten  werden  konnte.  Uznach  oberhalb
des  Zürichsces  hat  ein  ansehnliches  Lager  von  Schicfcrkvhlen,
  zwischen  Ablagerungen  der  Eiszeit  eingeschlossen. ­
  Sie  sind  dadurch  entstanden,  daß  Wälder ­
  vom  Glctschcrschutt  zugedeckt  wurden  und  unter
Luftabschluß  verkohlten.  In  den  früher  benutzten
Schieferkohlengruben  von  Dürnten  und  Mörswil
ist  der  Betrieb  eingestellt  worden.  Im  Rhonctal
liefern  vier  Bergwerke  einen  bescheidenen  Ertrag
an  Anthrazit,  während  zahlreiche  andere  Minen
bereits  verlassen  sind.
T«rs  Torf.  Eine  beträchtliche  Zahl  von  Torfmooren
ist  über  alle  drei  Gebiete  des  Landes  zerstreut;
die  meisten  gehören  dem  Mittellande  an.  Die  Torferde
  bildet  infolge  des  Reichtums  an  halbverkohlten ­
  Pflanzenfasern  ein  brauchbares  Brennmaterials
das  zumeist  in  den  Dörfern  und  Städten  in  der
Nähe  der  Torflager  Absatz  findet.  Die  ausgedehntesten ­
  Torfmoore  liegen  im  Jurahochtal  von  La
Sagne  und  Les  Ponts  und  im  Tal  von  La  Brövine,
  im  bernischen  Seeland  und  bei  Einsiedeln-Rothcnthurm.

Caiz  Salz.  Fünf  Salinen  decken  mit  einer  jährlichen ­
  Produktion  von  über  600000  q.  nahezu
den  Gesamtbedarf  des  Landes  an  Kochsalz.  Es  sind
das  Bergwerk  von  Bex  im  waadtländischen  Rhonetal ­
  und  die  Salinen  am  Rhein:  Schweizerhalle
bei  Basel  und  Kaiseraugst,  Riburg  und  Rheinfelden
im  Kanton  Aargau.  In  Bex  wird  das  Salz,  mit
Gips  und  Tongestein  vermischt,  im  Berginnern  abgebaut. ­
  Die  Rheinsalinen  dagegen  gewinnen  es  durch
Bohrlöcher,  die  auf  das  Salzlager  hinunterreichen.
Wasser  wird  hineingeleitet,  als  Salzlauge  (Soole)
heraufgepumpt,  gereinigt  und  verdampft;  dabei
bleibt  das  Kochsalz  zurück.
        <pb n="59" />
        53

Granit,  Gneis.  Die  Schweiz  ist  reich  an^"E.sn-i,
Bausteinen  verschiedener  Art.  Das  zäheste  und  widerstandsfähigste ­
  Material  liefert  der  Granit  und
Gneis,  der  in  der  Urgesteinszone  der  Hochalpen
zu  Tage  liegt.  Der  Gneis  ist  nach  einer  Richtung
leicht  spaltbar  und  daher  leichter  zu  bearbeiten  als
der  Granit.  Beide  Gesteinsarteu  eignen  sich  infolge
ihrer  Härte  für  Grundmauern,  Treppenstufen,  Trottoirrandsteinen, ­
  der  Gneis  im  besondern  für  Balkonplatten. ­
  Zahlreiche  Brüche  längs  der  Gotthardbahn ­
  beuten  den  Gneis  des  Reuß-  und  Livinentales
aus;  die  Bahn  führt  ihn  zum  größten  Teil  den
Bauplätzen  der  Städte  im  Mittelland  zu.  Die  Gneisindustrie ­
  des  Berzasca-  und  Maggiatales  hat  eine
J eringere  Bedeutung.  Die  Brüche  Graubündens  areiten
  meist  nur  für  den  Bedarf  der  nächsten  Umgebung. ­
  In  neuester  Zeit  haben  die  Simplon-  und
die  Lötschbcrgbah»  mächtige  Granitlager  zugänglich
gemacht.
Schiefer.  Vereinzelte  Schieferbergwerke  in  den  Sch,«f-r
Kalkalpcn  liefern  das  Material  für  Tafeln,  Tischplatten ­
  und  Dachschiefer.  Die  bekanntesten  Gruben
liegen  bei  Elm  und  Engi  (Landesplattenbergwerk)
im  Kanton  Glarus  und  bei  Frutigen.
K  a  l  k  st  e  i  n.  Das  verbreitetste  und  am  meisten  n
verwendete  Baumaterial  ist  der  Kalkstein  der  Alpen
und  des  Jura.  Die  Brüche  der  Alpen  versorgen
meist  nur  die  Umgebung  mit  dem  dauerhaften,  grauschwarzen ­
  Stein.  Dazwischen  treten  vereinzelte
Marmorlager  auf,  so  bei  St.  Triphon  und  Saillon
im  Rhonetal.  Größere  Bedeutung  kommt  den  Brüchen ­
  im  Jura  zu,  wo  der  Kalkstein  das  einzige  Baumaterial ­
  ist  und  für  sämtliche  Orte  im  Innern
und  am  Rande  des  Gebirges  Verwendung  findet;
ebenso  wandern  große  Massen  von  Kalkstein  auf  die
Bauplätze  des  Mittellandes  hinaus.  Unter  den  verschiedenartigen ­
  weißen  bis  rostbraunen  Jurasteinen
        <pb n="60" />
        54

Gips

Zement

Kalktuff

ASphalt

Findlinge

Candstein

verdient  derjenige  von  Hauterive  bei  Neuenburg
als  „gelber  Neuenburgerstein"  eine  besondere  Erwähnung. ­

Gips  ist  an  vielen  Stellen  im  Jura  und  in
den  Alpen  vorhanden.  Die  größte  Ausbeute  gewähren ­
  die  Lager  von  Bcx,  Billeneuvc  und  diejenigen
des  Simmentales.  Ein  Teil  des  Materials  wird
für  Gipsornamentc  verwendet.  Der  jurassische  Gips
dient  meist  als  Düngmittel.
Z  e  m  e  n  t.  Aus  Kalk  und  Mergel  gewinnt  man
durch  das  Brennen  den  als  Baumaterial  unentbehrlichen ­
  hydraulischen  Kalk  und  die  Zemente.  Zementfabriken ­
  stehen  besonders  an  der  Eisenbahnlinie ­
  Biel-Basel,  wo  ihnen  in  den  Klüsen  neben
dem  Rohmaterial  auch  die  Wasserkraft  zur  Verfügung ­
  steht.
Kalktuff,  als  Absonderung  kalkhaltigen  Rieselwassers, ­
  kommt  überall  vor.  Als  trockener,  leichter ­
  Baustein  wird  er  häufig  gebraucht,  nicht  zum
wenigsten  wegen  seiner  Eigenschaft,  die  Wärme
schlecht  zu  leiten.
Asphalt.  Im  Traverstal  kommt  ein  mürber,
asphalthaltiger  Kalkstein  vor,  der  in  einigen  Minen
an  der  Areuse  abgebaut  wird.  Der  Jahresertrag
beläuft  sich  auf  25000  t.  Der  Asphalt  dient  zur
Straßenpflästerung.
Findlinge.  Die  im  Mittclland  weit  verbreiteten ­
  erratischen  Blöcke  oder  Findlinge,  vom
Volksmund  auch  „Geißberger"  genannt,  sind  wegen
ihrer  Härte  als  Bausteine  geschätzt.  Ungezählte
Stücke  sind  gesprengt  und  zum  Bauen  gebraucht
worden.  In  einzelnen  Gegenden,  wie  z.  B.  im  Gebiet ­
  des  eiszeitlichen  Reußglctschers,  bestehen  die
Häuser  vorwiegend  aus  diesem  erratischen  Material.
Sandstein.  Im  Molasseland  ist  der  Sandstein ­
  das  am  stärksten  verbreitete  Baumaterial.  Je
        <pb n="61" />
        nach  der  Art  des  Bindemittels,  das  die  Quarzkörner
  verkittet,  kommt  er  in  verschiedener  Färbung
und  Härte  vor.  Mit  einem  tvnigen  Bindemittel
ist  der  Sandstein  mürbe,  leicht  zu  bearbeiten,  aber
als  Baustein  wenig  tauglich,  da  er  rasch  verwittert.
Harte  Sandsteine  finden  Verwendung  zu  Bodenplatten, ­
  Treppenstufen  und  Fensterrahmen.  In  der
Bodenseegegend  gilt  ein  an  zertrümmerten  Muschelschalen ­
  reicher  Sandstein,  der  „Seelaffe",  als  besonders ­
  wetterhart.  In  den  städtischen  Bauten  des
Mittellandes  nimmt  der  Sandstein  einen  ersten  Platz
ein:  er  wird  aber  immer  häufiger  durch  billigen
Kunststein  ersetzt,  so  daß  viele  Brüche  infolge  dieser
Konkurrenz  bereits  eingegangen  sind.  Die  an  Sandsteinbrüchen
  reichsten  Gegenden  des  Mittellandes
liegen  im  Kanton  Bern  und  im  Kanton  St.  Gallen. ­
  Die  Ortschaften  am  Nordfuße  des  Jura  benutzen
zu  ihren  Bauwerken  häufig  den  sehr  dauerhaften
roten  Sandstein  aus  dem  Schwarzwald  und  den
Vogesen.

Kies  und  Sand  sind  als  Ablagerung  der
Gletscher,  Flüsse  und  Seen  vor  allem  im  Mittelland
stark  verbreitet  und  dienen  den  verschiedensten
Zwecken.  Durch  eine  Mischung  von  Sand  und
Zement  erhält  man  den  Mörtel,  der,  mit  Kies  gemengt, ­
  zu  den  Betonarbeiten  verwendet  wird.  Die
Kies-  und  Sandlager  versorgen  zahlreiche  Fabriken
mit  dem  Rohmaterial  für  die  Herstellung  von  Röhren ­
  und  künstlichen  Bausteinen.
Tie  Ton  lager  sind  meist  als  Grundnioräne  eiszeitlicher ­
  Gletscher  oder  durch  die  Verwitterung  von
Mcrgelschichten  entstanden.  Im  Mittelland  besitzt
nahezu  jedes  Dorf  eine  Lehmgrube  mit  Ziegelhütte. ­
  An  den  Eisenbahnen  sind  in  neuerer  Zeit
große  Fabriken  entstanden,  die  mit  Backsteinen,  Röhren ­
  und  Ziegeln  die  Bauplätze  des  Landes  versorgen.
Lager  von  Töpferton  begünstigten  stellenweise  das
        <pb n="62" />
        56

Mineralquellen ­


Eisen

Aufblühen  der  Töpferindustrie.  Bonfvl  bei  Pruntrut
  liefert  das  gewöhnliche,  feuerfeste  Pruntrutergeschirr,
  Heimberg  bei  Thun  feinere  Töpferwaren,
die  Fayence.  Nyon  und  Langenthal  sind  durch
ihre  Porzellanfabriken  bekannt.  Die  Tonwarenindustrie ­
  muß  durch  eine  beträchtliche  Zufuhr  aus  dem
Ausland  ergänzt  werden.  So  macht  die  Einfuhr
von  Porzellangeschirr  allein  infolge  der  hoch  entwickelten ­
  schweizerischen  Hotelindustrie  den  Betrag
von  3  Millionen  Franken  aus.
Mineralquellen.  Aus  dem  Boden  des  Landes ­
  sprudeln  viele  Hunderte  von  Mineralquellen,
deren  Wasser  zu  Bädern  oder  als  Getränk  benutzt
wird  und  bei  manchen  Leiden  Genesung  bringt.  Für
Tausende  von  Kranken  ist  die  Heilwirkung  des  Mineralwassers ­
  von  unschätzbarem  Wert.  Außerdem  tragen
die  Quellen  zum  Wohlstand  des  Landes  bei,  da
sie  als  Sainmelpunkte  der  Kurbedürftigen  aller  Länder ­
  den  für  die  Schweiz  so  wichtigen  Fremdenverkehr ­
  fördern.
Als  Mineralwasser  gilt  nur  dasjenige,  dessenGehalt
an  gelösten  Mineralien  0,5  gr.  auf  den  Liter  übersteigt. ­
  Am  häufigsten  sind  die  Heilquellen,  die  Gips,
Magnesium,  Natrium,  Kalium,  Schwefel  oder  Eisen
führen.  Die  warmen  Quellen  oder  Thermen,  die
mit  bedeutender  Wassermenge  aus  großer  Tiefe  oder
aus  dem  Innern  des  Gebirges  hervorbrechen,  enthalten ­
  meist  ebenfalls  gelöste  Mineralsubstanz.
Einige  der  schweizerischen  Mineralwässer  werden  als
Tischgetränkc  in  den  Handel  gebracht,  wie  das  Passugger-,
  Eglisauer,  Eptinger-  und  Birmenstorferwasser.
  Dazu  kommt  eine  große  Einfuhr  ausländischen ­
  Mineralwassers,  das  in  vielen  Fällen  gut
durch  das  einheimische  ersetzt  werden  könnte.
Nachfolgend  sind  einige  der  bekanntesten  Heilquellen ­
  genannt:
Eisenquellen:  Fidcris,  Passugg,  St.  Moritz ­
  und  Schuls  (alle  in  Graubünden).
        <pb n="63" />
        bi

Schwefel

Schwefe  lqucllen^  Tie  Therme  von  Lavcy
bei  St.  Maurice,  Gurnigel,  Schwefelberg,  Lenk,
Schinznach,  Stachelberg,  Alveneu.
Alkalische  Quellen  (Natrium,  Kalium):
Tarasp,  Passugg.
T  h  c  r  m  e  n:  Psäfers-Ragaz  S8°;  Baden  47°;
Schinznach  36°;  Leukerbad  43°;  Lavey  52°.
Die  Salzsoole  der  Salinen  vonBex,  Rheinfelden
und  Schwcizcrhall  wird  zu  Heilzwecken  für  Soolbcidcr
  verwendet.
Bauten  und  Boden.  Im  allgemeinen  lehnen ­
  sich  die  Bauwerke  in  der  Verwendung  des  Materials ­
  der  Gesteinsart  des  Bodens  an.  Die  Ortschaften ­
  im  Jura  und  seinem  Südfuß  entlang  am
Rande  des  Mittellandes  weisen  massive  Bauten  aus
dem  gelben  oder  weißen  Mauerwerk  des  Jurakalkes ­
  auf.  So  tritt  im  Stadtbild  von  Neuenburg  die
rotgelbe  Farbe  des  Bausteines  von  Hauterive  auffällig ­
  hervor.  Der  Kalk  muß  ebenfalls  als  Schottermaterial ­
  dienen,  während  im  Mittelland  zu  diesem ­
  Zweck  die  Kieslager  herangezogen  werden;  daher ­
  im  Sommer  die  ungleich  lästigere  Staubplagc
auf  den  Straßen  der  Juratäler.  Wo  der  Bauer  des
Mittellandes  die  Hofstatt  mit  einem  Lattenzaun
umgibt,  der  Hirte  auf  den  Nagelfluhhöhen  am  Al-Pcnfuß
  den  Weidebezirk  durch  ein  Flechtwcrk  aus
Holz  abgrenzt,  da  fügt  der  Jurassier  die  Kalkbrocken ­
  zur  lockern  Mauer,  die  weithin  sichtbar
seine  Viehweiden  umschließt.  Im  Städtebau  des
Mittellandes  herrscht  das  eintönige  Grau  des  Sandsteins; ­
  am  Fuße  der  Alpen  hat  auch  die  Nagelfluh ­
  für  Gebäude  und  Straßenmauern  Verwendung ­
  gefunden.  Den  Tcssinern  stellt  die  Gneislandschaft ­
  des  Livinentales,  des  Verzasca-  und
Maggiatales  einen  beneidenswerten  Reichtum  des
besten  Bausteines  zur  Verfügung.  Die  massiv  gebauten ­
  Häuser  tragen  häufig  ein  Dach  aus  dünnen

Natron

Thermen

Soolbäder

Abhängigkeit
der  Bauten
von  der  KcsteinSart
  des
Bodens
        <pb n="64" />
        58

Gneisplattenein  Doppelzaim  aus  Platten  begleitet ­
  die  Gotthardstraße  durch  das  Livinental  hinab  ^
Gneissäulen  sind  die  Träger  der  Wcinlauben  in  den
Wiesen  von  Biasca  und  in  den  talwärts  folgenden
Dörfern.  Die  Häuser  von  Aigle  im  Rhonetal  bestehen ­
  aus  dem  dunklen  Marmor  der  benachbarten
Brüche  von  St.  Triphon.  Die  grauen  Schieferdächer ­
  so  vieler  Häuser  im  Glarnerland  weisen  auf
die  Schiefcrbcrgwerke  im  Sernftal  hin.  Immer  häufiger ­
  jedoch  drängt  sich  der  Kunststein  neben  dem
natürlichen  Baustein  hervor.  Die  Verkehrserleichterung ­
  der  Neuzeit  bringt  fremdes  Material  zu  den
heimischen  Bauten.  So  geht  allmählich  die  Übereinstimmung ­
  der  Bauwerke  mit  der  Gesteinsart  des
Felsuntergrundes  verloren.
        <pb n="65" />
        Die  Landwirtschaft.

1.  Allgemeines.
Volle  zwei  Drittel  der  Schweiz  sind  Gebirgs
land;  Hügel-  und  Flachland  machen  nur  einen  m^r  Bodm
Drittel  der  Gesamtfläche  aus.  Das  ist  für  die
Landwirtschaft  ein  sehr  ungünstiges  Verhältnis.  Es
bedeutet  in  erster  Linie  eine  starke  Einschränkung  des
Kulturbodens.  Denn  von  den  41324  km-  des  Landes ­
  sind  10424  km 2  oder  rund  der  vierte  Teil  unproduktiv, ­
  d.  h.  für  den  Anbau  oder  die  Nutzung
der  Pflanzen  überhaupt  unbrauchbar.  Unproduktiv ­
  sind  die  Schneefelder,  Gletscher,  der  kahle  Felsboden,
  die  Schutthalden,  Wasserflächen  usw.  Im
Wallis  umfaßt  der  unproduktive  Boden  nahezu  die
Hälfte,  im  Kanton  Uri  mehr  als  die  Hälfte  des
Landes.  Überdies  ist  bei  der  Ungunst  des  Klimas
in  den  hoch  gelegenen  Gebieten  der  Ertrag  des  landwirtschaftlich ­
  benutzten  Bodens  gering.  Die  breite
Mulde  zwischen  Jura  und  Alpen  ist  vermöge  ihrer
geringern  Meereshöhe  wärmer  als  das  Gebirge.
Hier  zieht  sich  der  anbaufähige  und  gut  zugängliche ­
  Boden  als  nahezu  ununterbrochene  Decke  über
Hügel  und  Täler  hinweg.  So  wird  das  Mittel
land  zum  bevorzugten  Gebiet  der  schweizerischen
Landwirtschaft.
Nach  Art  und  Fruchtbarkeit  des  Bodens  Herr-  * ,otCTart
schen  von  Ort  zu  Ort  große  Unterschiede.  Der  lehmige ­
  Schult  der  eiszeitlichen  Gletscher  verhüllt  weit
        <pb n="66" />
        60

Düngung

hin  den  felsigen  Grund  des  Molasselandes  und  bietet ­
  für  den  Anbau  einen  fetten,  schweren  und  tiefgründigen ­
  Boden.  Dazwischen  breiten  sich,  aus  Kies,
Sand  und  Schlamm  aufgeschüttet,  die  Ebenen  einstiger ­
  oder  jetzt  fließender  Gewässer  aus.  Sie  tragen
auf  ihrem  trockenen,  wasserdurchlässigen  und  sonnenwarmen ­
  Boden  vor  allem  Kartoffel-  und  Roggenfelder, ­
  die  hier  die  günstigsten  Bedingungen  finden. ­
  Wo  dagegen  die  Ackererde  nur  aus  einer
dünnen  Verwitterungsschicht  des  Molassefelsens  besteht, ­
  da  liegen  magere,  steinige  und  sandige  Felder.
Sie  stehen  in  einem  auffälligen  Gegensatz  zu  dem
fruchtbaren  Moräncngrund  der  alten  Gletscherböden.
  Wärme  und  Feuchtigkeit  sind  nach  Höhe  und
Lage  des  Landes  sehr  ungleich  bemessen.  Das  alles
bedingt  eine  große  Mannigfaltigkeit  im  Bodenbau;
auf  verhältnismäßig  beschränktem  Raum  können
ganz  verschiedenartige  Kulturpflanzen  gezogen
werden.
Der  Moränenboden,  gebildet  aus  dem  Urgesteins- ­
  und  Kalkschutt  der  Alpen,  und  der  Nagelfluh-
  und  Sandsteinboden  sind  arm  an  der  als
Pflanzennährstoff  wichtigen  Phosphorsäure.  Durch
phosphathaltigc  Düngmittel  kann  der  Mangel  behoben ­
  werden.  Unter  den  künstlichen  Düngmittcln
nehmen  daher  die  Phosphate  eine  erste  Stelle  ein.
Die  aus  dem  Urgestein  verwitterte  Erde  ist  dagegen
reich  an  Kali.  Für  die  Bodenverbesserung  kommt
vor  allem  der  natürliche  Dünger  in  Betracht,  der
mit  der  Zunahme  des  Viehstandes  in  immer  größerer ­
  Menge  verwendet  wird.  Sein  Wert  wird  auf
150  Millionen  Franken  geschätzt;  dabei  ist  immerhin ­
  zu  sagen,  daß  stellenweise  der  Dünger  nur  mangelhaft ­
  genutzt  wird,  so  daß  dem  Kulturboden  bei
weitem  nicht  der  ganze  Wert  zugute  kommt.  Künstlichen ­
  Dünger  bezieht  die  Schweiz  aus  dem  Ausland ­
  für  jährlich  10  Millionen  Franken.  Dazu
        <pb n="67" />
        Ü1

gefeilt  sich  eine  kleinere  einheimische  Produktion.
Durch  Düngung  und  Bearbeitung  sind  weite  Flächen
ursprünglich  mageren  Bodens  zu  guten  Ernten  vorbereitet ­
  worden.  Vermöge  der  sorgfältigen  Bodenpflege ­
  ist  der  Ertrag  der  Landwirtschaft  im  Verlauf
des  letzten  Jahrhunderts  gewaltig  gestiegen.  So  wird
geschätzt,  daß  seit  50  Jahren  der  Körnerertrag  auf
der  gleichen  Fläche  sich  verdreifacht  hat.  Die  Verkehrserleichterung ­
  und  das  Anwachsen  der  industriellen
  Bevölkerung  in  Städten  und  Fabrikorten
verschaffte  den  landwirtschaftlichen  Produkten,  auch
entlegener  Gegenden,  einen  guten  Absatz.  Infolge
des  größeren  Ertrages  und  der  beständigen  Steigerung ­
  der  Lebensmittelpreise  hat  der  Boden  an  Wert
bedeutend  gewonnen.
Die  Volkszunahme  kommt  in  der  Schweiz  wie
in  anderen  Industrieländern  fast  ausschließlich  den
städtischen  Berufsarten  zugute.  Die  bäuerliche  Bevölkerung ­
  bleibt  sich  seit  langem  an  Zahl  ungefähr
gleich.  Im  Verhältnis  zu  den  andern  Ständen
geht  sie  beständig  zurück.  Sie  macht  heute  nur
noch  einen  Drittel  der  Gesamtbevölkerung  aus.  Die
Landwirtschaft  ist  immer  weniger  imstande,  das
Land  mit  Lebensmitteln  zu  versorgen,  so  daß  eine
beständig  anschwellende  Zufuhr  von  Lebensmitteln
aus  den  weniger  dicht  bevölkerten  Ackerbaustaaten
des  Ostens  nötig  wird.
Eine  begrenzte,  ungefähr  gleichbleibende  Kulturfläche ­
  setzt  dem  Anwachsen  der  landwirtschaftlich  tätigen ­
  Bevölkerung  Schranken,  die  für  Handel  und  Industrie ­
  nicht  vorhanden  sind.  In  der  Hügelregion  der
Ostschweiz  ging  der  Anteil  der  bäuerlichen  an  der
Gesamtbevölkerung  innert  30  Jahren  um  1/3,  i"  stark
industriellen  Gebieten  sogar  um  die  Hälfte  zurück.
Ähnlich  steht  es  in  den  übrigen  Industriestaaten  Westeuropas, ­
  die  sich  längst  nicht  mehr  selbst  mit  Nahrnngsmitteln
  versorgen  können.  So  ist  in  England  die

Erfolg  der
Bodenpflege

Bäuerliche
Bevölkerung
        <pb n="68" />
        Arbeiternot
n.  Maschinen

Fremde  Arbeiter ­


Dorf  und
Einzelhof

Anteil  der
Kulturen  am
Area!

&amp;amp;2
aus  der  Landwirtschaft  lebende  Bevölkerung  auf  1 / 7  der
Gesamtzahl  zusammengeschrumpft.
Der  Zug  des  Landvolkes  nach  den  Städten
nnd  Fabrikorten  hat  auf  dcni  Lande  eine  eigentliche
Arbeiternot  hervorgerufen.  Als  Ersatz  für  die
menschlichen  Arbeitskräfte  fanden  die  landwirtschaftlichen ­
  Maschinen  Eingang,  obschon  stellenweise
der  stark  geneigte  Boden  und  die  zerstückelte  Lage
des  Kleingrundbesitzes  dem  modernen  Betrieb
Schwierigkeiten  bereiten.  Zu  der  einheimischen  Fabrikation ­
  an  landwirtschaftlichen  Maschinen  kommt
i  ine  starke  Einfuhr,  größtenteils  ans  Deutschland,
Der  Arbeitermangel  auf  dem  Lande  machte  auch
schon  vorübergehend  den  Zuzug  fremder  Hilfskräfte
notwendig.  In  der  Ostschweiz  werden  zeitweilig
Deutsche  und  Italiener  beschäftigt:  im  bernischen
Seeland  ist  der  Zuckerrübenbau  im  Großbetrieb
Sache  polnischer  Saisonarbeiter.
Im  Emmeutal,  Toggenburg  und  Appenzell  wird
der  Boden  vielfach  von  Einzclhvfcn  aus  bewirtschaftet. ­
  Gegenüber  dem  Dorf  init  dem  zerstttkkelten
  und  weit  zerstreuten  Grundbesitz  hat  der  Einzelhof ­
  den  großen  Vorteil  eines  abgerundeten,  nahe
beisammen  gelegenen  Kulturbodens;  die  geringen
Entfernungen  bedeuten  eine  Ersparnis  an  Zeit  und
Arbeit.  Nur  in  vereinzelten  Fällen  hat  die  dörfliche ­
  Landwirtschaft  versucht,  durch  den  Austausch
und  das  Zusammenlegen  der  Landstückc  sich  den
gleichen  Vorteil  zu  sichern.
Die  Schweiz  übertrifft  an  Regenmenge  die  meisten ­
  Länder  Europas.  Das  feuchte  Klima  begünstigt
die  Wiesen  und  Weiden  und  die  damit  verbundene
Viehzucht.  Während  im  regenärmeren  Deutschland
und  in  den  Trockengebieten  Südosteurvpas  das  Gelb
der  reisenden  Getreidefelder  weithin  die  hochsommerlichen ­
  Fluren  beherrscht,  tritt  in  unserem  feuchten
Land  der  Getreideackcr  neben  den  ausgedehnten  Wie-
        <pb n="69" />
        63

senflächen  bescheiden  zurück.  Die  Schweiz  ist  ein  grünes ­
  Land.  Folgendes  ist  der  Anteil  einzelner  Kulturen ­
  am  produktiven  Boden:
Wiesen  8813  km 2
Weide  7950  „
Getreideland  1961  „
Übriges  Ackerland  2781  „
Rebland  263  „
Wald  8988  „
Das  Grasland  beansprucht  mehr  als  die  Hälfte
des  produktiven  Bodens,  das  Getreideland  dagegen
nur  etwa  6  o/g,  was  vom  bebauten  Boden  2 / 5  ausmacht. ­
  Erst  in  der  neuesten  Zeit  hat  der  Wiesenbau ­
  ein  solches  Übergewicht  erlangt.  Noch  zu  Anfang ­
  des  19.  Jahrhunderts  konnte  sich  die  Schweiz
größtenteils  mit  eigenem  Korn  behelfen;  einzelne
Kantone  erzielten  sogar  einen  Überschuß.  In  den
50er  Jahren  begann  die  Umwälzung,  die  einen  vollständigen ­
  Niedergang  des  Getreidebaues  herbeiführte.
  Damals  kamen  allgemein  die  Eisenbahnen  ''baue?
auf;  sie  erleichterten  und  beschleunigten  den  Verkehr. ­
  Gewaltige  Mengen  von  Getreide  gelangten
jetzt  aus  den  Kornkammern  Osteuropas  nach  dem
Westen,  und  bald  machte  sich  mit  der  Hebung  der
Schiffahrt  auch  die  Zufuhr  aus  den  überseeischen
Getreideländern  fühlbar.  Die  Kornpreise  sanken  allmählich ­
  um  die  Hälfte.  Der  Getreidebau  war  unrentabel ­
  geworden.  So  ging  die  Landwirtschaft  zum
Wiesenbau  und  zur  Viehzucht  über,  die  dem  feuchten ­
  Klima  des  Landes  am  besten  angepaßt  sind.
Dieser  bedeutsame  Wechsel  im  landwirtschaftlichen
Betrieb  wurde  erleichtert  und  befördert  durch  die
anhaltende  Preissteigerung  der  tierischen  Nahrungsmittel: ­
  Fleisch,  Milch  und  Milchprodukte.  Der  Arbeitermangel ­
  auf  dem  Lande  tat  ein  Übriges  zugunsten ­
  des  Wiesenbaues  und  der  Viehzucht,  da  sie
weniger  Arbeitskräfte  erfordern  als  der  Brotfruchtbau. ­
        <pb n="70" />
        64

Geschichtliches  Geschichtliches.  Bevor  der  Verkehr  der  Reu--zeit
  billiges  Getreide  aus  den  Markt  brachte,  waren
sogar  die  Gebirgsgegenden  aus  Selbstversorgung  angewiesen, ­
  so  kümmerlich  auch  bisweilen  die  Ernte  aussiel; ­
  denn  schlechte  Wege,  Teuerung  und  Marktsperren
machten  die  Zufuhr  aus  dem  Flachland  unsicher.  Urkunden ­
  und  Flurnamen  beweisen,  daß  der  Ackerbau
einst  Bedeutung  besaß,  wo  er  heute  nahezu  verschwunden ­
  ist,  wie  im  Appenzell,  in  den  innern  Kantonen
und  auf  den  Jurahöhen.  In  der  Sage  voll  Arnold
aus  dem  Melchtal  läßt  der  Streit  um  das  Gespann
Ochsen  erkennen,  daß  einst  der  Getreidebau  selbst  int
steilen  Melchtal  verbreitet  war;  heute  würde  man  dort
keinen  Pflug  mehr  finden.  Frühzeitig  versuchten  die
Bauern,  den  Getreidebau  zugunsten  der  Wiesen  und
der  Viehzucht  einzuschränken.  Die  Obrigkeit  einzelner
Orte  bemühte  sich  umsonst,  ihn  zu  unterstützen,  um
der  Brvtteuerung  vorzubeugen.  Der  Rat  von  Luzern
gebot  1438  den  Landvögten,  der  Umwandlung  des
Ackerlandes  in  Wies-  und  Weideland  entgegenzutreten.
Die  Regierung  von  Obwalden  erließ  im  gleichen
Sinne  Verordnungen  und  setzte  für  den  Ackerbau
Belohnungen  aus.  Zu  Waldmanns  Zeit  verbot  der
Rat  von  Zürich,  das  Ackerland  zu  Rebland  zu  machen.
L-mdwirt-  Die  Landwirtschaft  des  Mittellandes  setzt  sich,
schüft  in  Alpen  Wenn  auch  zum  Teil  in  anderen  Formen,  in  das
und  Jura  hinein  sort.  Äcker  und  Wiesen,  Obstgärten ­
  und  Reben  dringen  durch  die  Alpentäler
bis  zu  beträchtlicher  Höhe  vor.  Die  über  der  Waldgrenze ­
  liegenden  ausgedehnten  Grasflächen  dienen
dem  Talvieh  zur  Sommerweide;  sie  sind  die  Grundlage ­
  der  für  die  Viehzucht  so  wertvollen  Alpwirtschaft. ­
  Im  Jura  beschränkt  sich  der  Ackerbau  meist
auf  die  weiten  Talmulden;  die  Sohlen  der  Längstäler ­
  haben  außer  der  geschützten  Lage  auch  den
Vorzug  größerer  Fruchtbarkeit  gegenüber  dem  zer-
        <pb n="71" />
        {lüfteten  Felsbodcn  der  Berghaldcu.  Auf  den  trok-{enen
  Plateauflächen  mib  Bergrücken  ist  neben  dem
Wald  zumeist  das  Weideland  die  einzig  mögliche
Kultur  und  die  Viehzucht  der  Haupterwerb  der
bäuerlichen  Bevölkerung.
Die  Entsumpfungen  und  Bodenvcrbesserungen,  z«r»«w&amp;gt;g
von  Kanton  und  Bund  unterstützt,  bringen  derd»^dwu«-Landwirtschaft
  einen  erwünschten  Zuwachs  an  Kulturland. ­
  Eine  Reihe  von  Unterrichtsanstalten  dienen ­
  der  Berufsbildung,  so  die  landwirtschaftliche
Abteilung  des  eidgenössischen  Polytechnikums,  die
Schulen  für  Ackerbau,  Molkerei,  Obst-  und  Weinbau, ­
  die  landwirtschaftlichen  Winterschulen.  Zahlreiche ­
  Vereine  fördern  die  Interessen  ihres  Standes; ­
  die  meisten  haben  sich  zum  Schweizerischen
Bauernverband  zusammengeschlossen.  Ihren  Bestrebungen ­
  kommt  das  Bundesgesetz  betreffend  die  Förderung ­
  der  Landwirtschaft  vom  Jahre  1893  entgegen. ­
  All  das  trägt  mächtig  zur  Entwicklung
der  schweizerischen  Landwirtschaft  bei.
2.  Ackerbau.
Die  Erzeugnisse  des  Ackerbaues  dienen  nur  zum
kleineren  Teil  der  Volksernährung;  in  der  Hauptsache ­
  werden  sie  zur  Viehzucht  aufgebraucht.  Je
nach  Lage,  Bodenart  und  Nachfrage  treten  mehr  die
einen  oder  anderen  Kulturen  in  den  Vordergrund.
So  liefert  der  Ackerbau  in  der  Nähe  vvlksreicher
Städte  in  erhöhtem  Maß  solche  Produkte,  die  rascher
Verderbnis  ausgesetzt  sind  und  sich  für  einen
weiten  Transport  nicht  eignen.
Getreidebau.  Der  in  der  Schweiz  am  stärkfteu
  angebaute  Weizen  wächst,  wie  auch  das  Korn,
auf  den  guten  Böden  in  den  tiefern,  Würmern  Lagen
des  Mittellandes.  Der  Roggen  gedeiht  gut  auf
den  kiesigen  und  sandigen  Ebenen  des  Flachlandes,
AlÜökiger,  Schweiz  5
        <pb n="72" />
        W
steigt  aber  neben  Hafer  und  Gerste  auch  in  die
Bergregion  hinauf.  Um  vollständig  auszureifen,
bedürfen  die  Körnerfrüchte  der  Trockenheit  und
Wärme;  ihr  Hauptgebiet  liegt  im  Regenschatteu
des  Jura  und  in  der  Trockenlaudschaft  des  Wallis.
Vom  Gros  de  Vaud,  das  dem  Getreide  eine  verhältnismäßig ­
  bedeutende  Fläche  einräumt,  zieht  sich
ein  breiter  Streifen  des  Getreidebaues  dem  Jurafuß
  entlang  bis  in  den  Kanton  Schaffhausen  hinein.
Die  wichtige  Körnerfrucht  des  Südens,  der  Mais,
wächst  in  großer  Menge  im  Tessin,  in  bescheidenerem
  Umfang  auch  im  Wallis  und  in  den  Föhngassen ­
  des  Rhein-  und  Seeztales.  Die  höhere  Hügelregion
  am  Alpenrande  ist,  besonders  in  der  Ostschweiz,
  wegen  der  Feuchtigkeit  und  stärkern  Bewölkung ­
  für  das  Getreide  nicht  geeignet,  umsomehr, ­
  als  es  im  feuchten  Klima  unter  dem  Rost
und  unter  starker  Unkrautbildung  leidet.  So  tritt
cs  denn  hier  ganz  hinter  den  Wiesen  zurück.  Strichweise ­
  könnte  wohl  noch  mit  Erfolg  Getreide  gebaut
werden;  aber  die  Industrie  hat  die  Arbeitskräfte
an  sich  gezogen  und  so  dem  Wiesenbau  und  der  Viehzucht ­
  Vorschub  geleistet.
Der  jährliche  Körnerertrag  wird  auf  etiva  50
Millionen  Franken  geschätzt.  Der  Wert  des  Strohs
macht  30  Millionen  Franken  aus;  er  dient  vor
allem  zur  Einstreu;  ein  kleiner  Teil  findet  bei  der
Strohflechterei  Verwendung.  Die  Getreideproduktion ­
  verinöchte,  nach  Abzug  dessen,  was  als  Vieh
futter  und  Saatgut  abgeht,  die  Bevölkerung  des
Landes  kaum  mehr  auf  die  Dauer  von  80  Tagen
zu  ernähren.  Wäre  nicht  die  Rücksicht  auf  den
Fruchtwechsel  und  der  große  Bedarf  an  Stroh  als
bestes  Streuematerial,  so  hätte  unzweifelhaft  der
Getreidebau  noch  mehr  an  Boden  verloren.  Die  Einfuhr ­
  von  Getreide  und  Mehl  macht  (1.909)  181
Millionen  Franken  aus:  daran  ist  der  Weizen  allein
        <pb n="73" />
        67

Hirt  103  Millionen  Franken  beteiligt.  Der  Weizen
stammt  zum  weitaus  größten  Teil  aus  Südrußland,
Rumänien  und  Argentinien,  Hafer  und  Mehl  aus
Deutschland.  Die  Weizensendungen  gelangen  auf
dem  Seewege  nach  Genua  und  mit  der  Gotthardbahn
  in  die  Schweiz.  In  neuerer  Zeit  gehen  sic
infolge  ungenügender  Transporteinrichtungen  in
Genua  immer  häufiger  über  Marseille-Genf  oder
um  Westeuropa  herum  den  Rhein  aufwärts  bis
Mannheim,  und  von  hier  mit  der  Bahn  nach  Basel.
Der  Umstand,  daß  mehrere  Länder  sich  an  der
Getreidelieferung  beteiligen,  sichert  der  Schweiz  eine
große  Regelmäßigkeit  der  Zufuhr;  hat  das  eine
Land  eine  Mißernte,  so  treten  die  andern  in  die
Lücke.  Mit  der  Verkehrserleichternng  der  Neuzeit
ist  nicht  nur  das  Brot  billiger  geworden;  es  bewegen ­
  sich  auch  die  Preisschwankungen  in  recht
engen  Grenzen.
Kartoffelbau.  Der  Kartosfelbau  ist  in  der
ganzen  Schweiz,  vorwiegend  aber  im  westlichen  Mittelland, ­
  verbreitet.  Der  Erlrag  wird  zur  Volksernäh
rang,  zur  Herstellung  von  Branntwein,  zu  einem
großen  Teil  auch  zur  Schweinemast  verwendet.  Die
Kleinbrennereien  der  früheren  Zeit  förderten  den
L-chnapsverbrauch  in  solchem  Maße,  daß  er  geradezu
ein  Landcsunglück  bedeutete.  Das  Alkoholmonopol
räumt  jetzt  dem  Bunde  allein  das  Recht  zur  Fabrikation ­
  und  zum  Verkauf  des  Kartoffelbranntweins
und  des  Spiritus  ein.
Gemüsebau.  Einzig  in  der  Nähe  der  Städte
und  der  Konservenfabriken  beansprucht  der  Gemüser
  bau,  entsprechend  dem  stärkern  Bedarf,  größere  und
zusammenhängende  Flächen.  Dazu  kommt  eine  Eiuluhr ­
  im  Wert  von  10  Millionen  Franken;  daran
daben  die  frühen  Gemüse  aus  Südsrankreich  und
Rordafrika  einen  bedeutenden  Anteil.
Zuckerrübenbau.  Neben  den  Ländern  mit

Kartoffeln

Gemüse

Zuckerrüben
        <pb n="74" />
        68

Tabak

Öl-  und
Gespinnftpflirnzen


Wein

Großgrundbesitz,  wie  Osterreich-Nngarn,  Deutschland, ­
  Frankreich,  Rußland  hat  die  Schweiz  Mühe,
den  Zuckerrübenbau  und  die  Zuckerfabrikation  aufrecht ­
  zu  erhalten.  Nachdem  die  Fabrik  in  Monthey
im  Rhonetal  den  Betrieb  einstellen  mußte,  scheint
die  1899  gegründete  Fabrik  in  Aarberg  einem  bessern ­
  Gedeihen  entgegenzugehen.  Der  Rübenbau  gewinnt ­
  auf  der  Entsumpfungscbene  des  großen
Mooses  und  in  der  Westschweiz  überhaupt  ständig
an  Ausdehnung.  Immerhin  deckt  der  Aarberger
Zucker  nur  einen  bescheidenen  Teil  des  Jahresbedarfs. ­
  Aus  den  großen  Rübenländern  wie  Österreich, ­
  Deutschland  und  Frankreich  muß  Zucker  im
Betrag  von  32  Millionen  Franken  (1909)  eingeführt ­
  werden.  Der  Anbau  der  Zuckerrübe  ist  für
den  Boden  vorteilhaft,  weil  er  ihm  keine  Nährstoffe
entzieht;  die  Abfälle  der  Verarbeitung,  die  Schnitzel, ­
  werden  zum  Teil  dem  Boden  wieder  zurückgegeben. ­

Tabak  wird  auf  guten,  Boden  und  in  milden
Lagen  des  Broyetales  und  des  südlichen  Tessins
angebaut.  Die  Ernte  wandert  in  die  Tabak-  und
Zigarrenfabriken  (Seite  94),  stellt  aber  nur  einen
kleinen  Teil  des  insgesamt  verarbeiteten  Rohmaterials ­
  dar.
Ol-  und  G  e  s  p  i  n  n  st  p  f  l  a  n  z  e  n  sind  unter
der  Konkurrenz  der  Baumwolle,  der  fremden  Ole
und  des  Petrols  fast  ganz  verschwunden.  Die  bernische
  Leinwandindustrie  bezicht  den  Rohstoff  meist
aus  dem  Ausland.
Weinbau.  Dem  Weinstock,  einen,  Fremdling
aus  unserem  Boden,  werden  die  mildesten  Lagen
eingeräumt.  Während  die  Reben  in  Südfrankreich
und  Spanien  weite  Ebenen  bedecken,  sind  sie  hier
auf  sonnige,  windgeschützte  Halden  beschränkt;  das
kommt  schon  im  üblichen  Ausdruck  „Weinberg"  zur
Geltung.  Die  besten  Weinlagen  finden  sich  am
        <pb n="75" />
        69

Nordufer  des  Genfersces,  im  Wallis,  im  südlichen
Tessin,  dem  ganzen  regenarmen  und  geschützten  Süd
ostfuß  des  Jura  entlang  bis  zu  den  Rebbergen
von  Hallau  im  Kanton  Schaffhausen,  an  der  Lägern, ­
  im  nördlichen  Teil  des  Kantons  Zürich  und
im  St.  Gallcr  Rheintal.  Diesseits  der  Alpen  wird
der  Wcinstock  am  Rebstickcl  in  wohlgeordneten  Reihen ­
  gezogen;  im  Tessin  bildet  er  malerische  Weinlauben ­
  oder  klettert  mitten  zwischen  andern  Kul-  Rückg-n,  d-,
turen  an  Bäumen  empor.  Seit  Jahrzehnten  verliert
  der  Weinbau  beständig  au  Boden.  Rebenkrankheiten, ­
  eine  Reihe  schlechter  Ernten,  die  erdrückende ­
  Konkurrenz  der  Weine  aus  den  südeuropäischen ­
  Ländern,  die  gesteigerten  Bodenpreise  und
Arbeitslöhne  entmutigten  die  Weinbauern.  In  den
weniger  günstigen  Lagen  ist  der  Weinbau  allmählich ­
  verschwunden  oder  stark  zurückgegangen  und
durch  den  besser  lohnenden  Wiesenbau  ersetzt  worden. ­
  Neuerdings  pflanzt  man  sogar  in  besten  Weinlagen
  an  Stelle  der  Reben  Spalierobst  und  Erdbeeren. ­
  Seit  1898  ist  im  Kanton  Zürich  das  Rebland
  von  4769  du.  im  Wert  von  39,6  Will.  Fr.  auf
3236  du.  im  Wert  von  18,9  Mill.  Fr.  zurückgegangen. ­
  Die  Bemühungen,  den  vollständigen  Zusammenbruch ­
  des  Weinbaus  aufzuhalten,  werden
wohl  zu  dem  Ergebnis  führen,  daß  die  besten  Lagen
Rebland  bleiben,  während  der  Weinstock  das  Feld
räumt,  wo  Klima  und  Boden  ihin  nicht  ganz  zusagen. ­
  Im  Weinverbrauch,  auf  die  Kopfzahl  berechnet ­
  (80  I.),  übertrifft  die  Schweiz  die  meisten
andern  Länder.  Der  Ertrag  des  Reblandes  erleidet
von  Jahr  zu  Jahr  die  größten  Schwankungen;
im  Mittel  beläuft  er  sich  auf  über  1  Mill.  bl.  Das
entspricht  etwa  der  Hälfte  des  Bedarfs.  1909  betrug ­
  die  Einfuhr  l 1 /«  Mill.  hl.  im  Wert  von
38  Mill.  Fr.  Die  wichtigsten  Weinlieferanten  sind
Frankreich  für  bessere,  Italien  und  Spanien  für
        <pb n="76" />
        70

Obst

im  Durchschnitt  geringere  Sorten.  Der  Bund  unterstützt ­
  die  Winzer  durch  Beiträge  in  ihrem  tkanips
gegen  die  Reblaus  und  andere  Schädlinge  des  Weiiistocks.

Obstbau.  Der  Obstbau  in  den  tiefern  und
mittlern  Lagen  des  Landes  gewinnt  ständig  an
Wert.  Unter  dem  Einfluß  der  Obstbaumschulen
(Wädenswil)  und  -kurse  macht  die  Pflege  der  Bäume
und  Früchte  und  die  Auswahl  der  Sorten  nach
Klima  und  Bodenart  Fortschritte.  Die  Obstbäume
stehen  zumeist  im  gut  gedüngten  Wiesland.  Ohne
nennenswerte  Schädigung  des  Graswuchses  breiten
sie  ihre  Kronen  als  zweite  Etage  des  Bodenertrages
darüber  hin.  Mit  dem  starken  Überwiegen  des  Wiesenbaus ­
  im  ostschweizerischen  Mittelland  nimmt
auch  die  Zahl  der  Obstbäumc  zu.  In  den  besten
Lagen  bilden  sie  einen  zusammenhängenden  Obstbaumwald,
  in  dessen  Grün  die  Dörfer  beinahe  versteckt ­
  sind.  Nicht  selten  haben  hier  die  Fruchtbäume ­
  auch  auf  dem  Ackerland  festen  Fuß  gefaßt.
Die  dichten  Obstgärten  gehören  zum  Bild  der  ostschweizerischen
  Kulturlandschaft.
Wein  und  Obst  erleiden  oft  schweren  Schaden
durch  die  Spätfröste.  Darum  ist  die  Obsternte
großen  Schwankungen  unterworfen.  Im  Durchschnitt
wird  sie  auf  55  Mill.  Fr.  gewertet.  Sie  bleibt
größtenteils  im  Lande.  Mostobst  wird  nach  Süddeutschland
  ausgeführt.  Äpfel-  und  Birnenmoft  ist
in  der  Ostschweiz  ein  allgemein  verbreitetes  Getränk:
mit  der  Annäherung  an  die  neuenburgischen  und
waadtländischen  Rcbgeländc  tritt  er  gegenüber  dem
Wein  zurück.  Basclland,  das  aargauische  Fricktal
und  die  Seebezirkc  von  Zug  und  Schwyz  schimmern,
im  Frühling  im  Weiß  der  Kirschbaumblütcn.  Die
Ernte  gelangt  nur  zum  Teil  auf  den  Markt;  große
Mengen  von  Kirschen  werden  zum  Brennen  von
Kirschwasser  verwendet.  In  den  Südtälerw  der
        <pb n="77" />
        71
Alpen  reifen  neben  bet  dichtbelaubten  Edelkastanie
die  Pfirsich-  und  Feigenbäume  ihre  Früchte.  Die
Edelkastanie  erscheint  in  einzelnen  Gruppen  auch
nördlich  der  Alpen  an  den  Halden  der  Föhntäler,
so  im  Rheintal,  am  Walensee  und  am  Vierwaldstättersee, ­
  fernerhin  im  Wallis  und  am  Genfersee.
Einzelne  Olivenhaine,  gleichsam  von  den  großen
Beständen  am  Mittelmeer  an  den  Alpenfuß  versprengt, ­
  heben  sich  am  Ufer  des  Luganersees  mit
dem  feinen,  silbergrauen  Laub  aus  ihrer  Umgebung ­
  heraus.
1909  betrug  die  Obstausfuhr  ö  Mill.  Fr.  Die
Einfuhr  (vorab  Dörrobst  aus  den  Balkanländern
und  Kalifornien)  steigt  auf  7  Mill.  Fr.;  ebenso  hoch
sind  die  Auslagen  für  Südfrüchte.  Obstverwertungsnnd
  Mostereigenossenschaften  sind  bestrebt,  den  Obstbau ­
  immer  einträglicher  zu  gestalten.
Wald.  Im  Verhältnis  zur  Bodenfläche  weist
manches  andere  Land  mehr  Wald  auf  als  die
Schweiz.  Unter  den  Nachbargebieten  ist  vor  allem
das  österreichische  Alpenland  reicher  an  Holz  und
vermag  deshalb  einen  starken  Zuschuß  an  den  Holzbedarf ­
  unseres  Landes  zu  leisten.  Auf  den  Plateauflächen ­
  und  an  den  Berghalden  des  Jura  treten  ausgedehnte ­
  zusammenhängende  Waldflächen  ans;  sie
erfüllen  hier  wie  in  den  Alpen  die  Aufgabe,  die
dünne  Humusdecke  zusammenzuhalten,  den  Wasserablauf ­
  zu  regulieren  und  Rutschungen  zu  verhüten  ;
im  Hochgebirge  gewähren  sie  überdies  Schutz  vor
den  Lawinenverheerungen.  Nach  dem  Bundesgesetz
von  1902  steht  dem  Bund  die  Oberaufsicht  zu  über
das  Forstwesen  der  ganzen  Schweiz  und  im  besondern ­
  über  die  Schutz-  und  Bannwaldungen  im  Ge
birge.  Gegenüber  Jura  und  Alpen  hat  das  Mittelland ­
  einen  durchschnittlich  geringern  und  stark  zerstückelten ­
  Waldbestand.  Nicht  ganz  ein  Drittel  des
Waldes  gehört  Privaten,  zwei  Drittel  den  Ge-Äald
        <pb n="78" />
        72

Orasbau

Mpwirtschast

meinden  und  Korporationen  und  der  kleine  Rest
dem  Staat.  Im  allgemeinen  ist  der  Staats--,  Gemeinde- ­
  und  Genossenschaftswald  besser  unterhalten
als  der  Privatbesitz.  Die  jährliche  Holzproduktion
im  Wert  von  etwa  40  Mill.  Fr.  wird  ergänzt  durch
die  Einfuhr  fremden  Holzes  für  30  Mill.  Fr.
3.  Grasland  und  Viehzucht.
Grasland.  Die  große  Feuchtigkeit  des  Landes ­
  sichert  dem  Wiesenbau  ein  entschiedenes  Übergewicht. ­
  Der  Anteil  des  Graslandes  an  der  Bodenfläche ­
  nimmt  mit  dem  Ansteigen  des  Mittellandes
gegen  den  Alpenrand  hin  zu.  Die  Hügelregion  der
Ostschweiz  ist  ein  fast  ununterbrochenes  grünes  Wiesenland;
  so  im  Appenzell,  wo  die  Sticker  und  Weber
neben  der  Hausindustrie  nicht  viel  Zeit  und  Arbeitskräfte ­
  für  die  Besorgung  ihres  Gütleins  erübrigen ­
  können;  so  auch  im  Thurgau,  wo  die  großen
Erträge  des  Obstbaues  dein  damit  verbundenen
Wiesenbau  Vorschub  leisten.  Die  Viehzucht  im  Mittelland ­
  bevorzugt  nieist  die  Stallfütterung;  nur
im  Herbst  werden  fast  überall  die  Tiere  zur  Weide
getrieben.  Die  Heuernte  leidet  viel  unter  der  feuchtkühlen ­
  Witterung;  mehr  und  mehr  findet  deshalb
der  süddeutsche  Brauch  Eingang,  das  Heu  im  Freien
an  Hvlzträgern  zu  Stöcken  aufzuschichten,  um  es
hier  gären  und  vollständig  austrocknen  zu  lassen.
Feuchte  Sommer  sichern  einen  großen  Emdcrtrag.
Das  Weideland  beansprucht  nahezu  die  Hälfte  der
gesamten  Grasflächc.  Es  ist  aus  dem  Mittelland
verschwunden  und  gehört  heute  ins  Gebirge;  hier
dient  es  einem  besondern  landwirtschaftlichen  Betrieb, ­
  der  Alpwirtschast.  Die  Alpweiden  sind  ein
Hilfsgebiet  für  die  Landwirtschaft  im  Tale.  Die
Bauern  benutzen  sic,  je  nach  der  Jahreszeit  auf  verschiedenen ­
  Staffeln,  zur  Sömmerung  des  Viehs.  Für
        <pb n="79" />
        73

bie  Aufzucht  von  Jungvieh  und  zur  Gewinnung
guter  Milch  und  Milchprodukte  sind  die  Alpweiden
unersetzlich.  Sic  haben  für  die  Bergbewohner  und
für  das  ganze  Land  den  größten  Wert.  Der  Weidebetrieb ­
  ist  außerdem  überall  da  am  Platz,  wo  ein
geringwertiger  Boden  eine  intensive  Ausnutzung
nicht  zuläßt,  wo  stark  geneigte  Halden  den  Gebrauch
der  Maschine  und  der  Sense  erschweren  und  da,
wo  die  Arbeitskräfte  fehlen.
Viele  Sümpfe  sind  trockengelegt  und  zu  Wies-g^„,^„
land  umgewandelt  worden.  Immerhin  werden  die
bräunlich-grünen,  eintönigen  Sumpfflächen  nicht
ganz  aus  dem  Landschaftsbilde  verschwinden,  da  sie
ein  geschätztes  Streuematerial  liefern.  Bei  dem  Rückgang ­
  der  Strohgewinnung  und  bei  der  wachsenden
Bedeutung  der  Viehzucht  machen  die  Streuewiesen
einen  unentbehrlichen  Bestandteil  der  landwirtschaftlich ­
  benutzten  Bodenfläche  ans.
Viehzucht  und  Milchproduktion.  Der  Bichzuqr
Futterbau  ernährt  einen  stattlichen  Viehstand,  mit
dem  die  Schweiz  unter  den  europäischen  Ländern
einen  hohen  Rang  einnimmt.  Die  Zunahme  des
Grasbaues  und  die  stärkere  Ausnützung  des  Bodens
machen  es  erklärlich,  daß  die  Zahl  der  Tiere  beständig ­
  anwächst.  Innert  20  Jahren  stieg  der  Wert
des  Viehstandcs  um  die  Hälfte.  Daran  ist  außer  der
Vermehrung  besonders  die  höhere  Qualität  beteiligt, ­
  die  durch  Prämierungen,  Viehmärkte  und  Ausstellungen ­
  ständig  gefördert  wird.  Bei  den  hohen
Milch-  und  Fleischpreisen  gewinnt  die  Rindvieh
zucht  für  den  Wohlstand  des  Landes  einen  Wert,
der  von  der  gesamten  übrigen  Tierhaltung  bei  weitem ­
  nicht  erreicht  wird.  Der  Wert  des  schweizerischen
Viehstandes  steht  bei  700  Mill.  Fr.  Davon  fallen
auf  das  Rindvieh  allein  mit  l 1 /»  Mill.  Stück  rund
drei  Viertel.  In  der  Ostschweiz  wird  Braunvieh  gehalten:
  der  Westen  des  Landes  züchtet  zwei  Arten
        <pb n="80" />
        74

von  Fleckvieh,  den  rotweißen  Simmentaler  Schlag
und  den  'schwarzweißen  Freiburger  Schlag.  Die
Rindviehzucht  der  Schweiz  zielt  in  erster  Linie
auf  einen  höchsten  Milchertrag  ab;  Mast,  Aufzucht
von  Rassetieren  und  Arbeitsleistung  nehmen  dem
Wert  nach  eine  untergeordnete  Stellung  ein.  Der
Michnnag  Ehrliche  Milchertrag  wird  auf  annähernd  850  Milt.
Franken  geschäht  und  verteilt  sich  wie  folgt:

Direkter  Verbrauch  48  o/o
Käsereien  32  c/ 0
Milchindustrien  5  o/o
Aufzucht  und  Mast  l5  » 0

w  War  früher  die  Käsebereitung  Sache  der
Älpler,  so  entstammt  heute  die  Hauplproduktion  dem
Mittelland,  sowohl  nach  dem  Wert  als  nach  der
Menge  berechnet.  Die  auch  im  Ausland  bekanntesten
Sorten  sind  der  Emmentaler-  und  der  Greyerzer-Käse.
  Die  Ausfuhr  geht  meist  nach  Deutschland,
Frankreich,  Italien  und  den  Vereinigten  Staaten
und  erreichte  1909  den  Betrag  von  58  Mill.
Franken;  sie  macht  rund  die  Hälfte  der  Produktion
!R " Wrl  aus.  Dagegen  muß  die  Butterbereitung  der  Schweiz
durch  eine  starke  Einfuhr  ergänzt  werden.
Unter  den  Milchindustrien  sind  besonders  die
Kondensation  und  die  Milchschokoladeb
  e  r  e  i  t  u  n  g  zu  nennen.  Die  Milcheindampfungs-Fabriken
  von  Cham,  Düdingen,  Payerne  und  Vevey ­
  ziehen  aus  weitem  Umkreis  ansehnliche  Mengen
von  Milch  heran  und  verarbeiten  sie  fast  ausschließlich ­
  für  die  Ausfuhr;  1909  betrug  sie  29
Mill.  Fr.  Die  Hauptabnehmer  sind  England  und
seine  Kolonien.
Die  Aufzucht  gut  entwickelter  Rassetiere  ist.
wohl  überall  verbreitet,  kann  aber  nur  vereinzelt
als  Hauptrichtung  der  Viehzucht  gelten;  so  z.  B.
im  Simmental,  dessen  edle  Rinder  einen  guten  Ab
sah  im  Ausland  finden.
        <pb n="81" />
        Nur  in  geringem  Maß  vermag  die  R  i  n  d  v  i  e  h-  satatstm«
mast  dem  heimischen  Fleischbcdarf  zu  genügen,  so
daß  eine  Einfuhr  von  Schlachtvieh  für  38  Mill.
Franken  nötig  wird.  Zum  Teil  tritt  hier  die
Schweinezucht  in  die  Lücke.  Sie  verwertet  neben  den  sch,°«i,,-.
Kartoffeln  besonders  die  Käsereiabfälle.  In  An-  mo *‘
lehnung  an  die  gesteigerte  Milchwirtschaft  hat  sich
der  Schweinebcstand  innert  30  Jahren  verdoppelt.
Mit  dem  Ackerland  hat  die  Pferdezucht  an  PUrd-Bedeutung
  eingebüßt.  Die  Freiberge  im  Jura  liefern ­
  der  Landwirtschaft  ausdauernde  Arbeitstiere.
Die  Armeepferde  müssen  dagegen  aus  dem  Auslande
bezogen  werden.
Seitdem  die  Schafzucht  Australiens,  Südafri-  &amp;gt;,»r
kas  und  Argentiniens  die  Wollpreisc  herunter-  3lt9 °'
drückt,  geht  der  Schafbestand  unseres  Landes
gleich  wie  im  übrigen  Nordwesteuropa  zurück.  Im
Mittclland  muß  der  Graswuchs  immer  ausschließlicher ­
  der  Milchgewinnung  dienen;  so  wird  das
Schaf  mehr  und  mehr  in  die  dem  Rind  unzugänglichen ­
  höchsten  Weidenregionen  zurückgedrängt.
Ebenso  sind  die  Ziegen  am  stärksten  in  den  alpwirtschaftlichen
  Gebieten  vertreten;  im  Saanenland
wird  der  Aufzucht  von  Rassetieren  große  Aufmerk
samkeit  zugewendet.
Die  Geflügelzucht  vermag  bei  weitem  «cfiiigu,»,»
nicht,  den  großen  Bedarf  an  Eiern  zu  decken.  Die  €Lr
Einfuhr  an  Eiern  macht  jährlich  bei  15  Mill.  Fr.
aus.  Die  körnerreichen  Länder  Südeuropas,  Ungarn ­
  und  die  Balkanstaaten,  sowie  Norditalien  sind
die  bedeutendsten  Lieferanten.
Endlich  sei  noch  die  Bienenzucht  erwähnt,  «lown
die  überall  verbreitet,  doch  besonders  in  einzelnen
Landesteilen,  wie  z.  B.  Graubünden,  große  Erträge
an  feinaromatischcm  Honig  abwirft.
        <pb n="82" />
        Industrie.

Allgemeines

Einfluß  der
Nimicnlage

1.  Allgemeines.
Neben  dem  Ackerbau  und  weit  über  dessen  Bedeutung ­
  hinaus  erwuchs  im  letzten  Jahrhundert  die
Großindustrie,  von  der  heute  nahezu  die  Hälfte  der
Bevölkerung  lebt.  Für  die  fabrikmäßige  Verarbeitung ­
  der  Rohstoffe  und  den  Export  liegen  die  Verhältnisse ­
  in  der  Schweiz  viel  ungünstiger,  als  in  den
meisten  andern  Ländern,  die  mit  ihr  auf  dem  Weltmarkt ­
  konkurrieren.  Die  einheimische  Industrie  muß
sich  fast  ausschließlich  mit  fremden  Rohstoffen  und
fremden  Kohlen  behelfen.  Die  Binnenlage  des  Landes ­
  verschärft  diesen  Ubelstand  in  hohem  Maße.
Wohl  trugen  seit  der  Mitte  des  letzten  Jahrhunderts
die  Eisenbahnen  durch  Erleichterung  und  Beschleunigung ­
  des  Verkehrs  mächtig  zum  Aufblühen  der
Industrie  bei;  sic  öffneten  den  Weg  ins  Ausland,
zum  Mittelmeer  und  zur  Nordsee.  Aber  die  Bahnfracht
  stellt  sich  viel  teurer  als  der  Transport  auf
dem  Wasserweg.  So  ist  die  Schweiz  gegenüber  den
Küstenländern  benachteiligt  und  dies  umsomehr,  als
ihr  vorläufig  auch,  kurze  Strecken  abgerechnet,  keine
schiffbaren  Flüsse  zur  Verfügung  stehen.  Der  weite
Hertransport  des  Getreides  und  anderer  Lebensmittel ­
  aus  dem  Ausland  verteuert  die  Lebenshaltung
und  bedingt  hohe  Arbeitslöhne;  der  Unternehmer
muß  sie  durch  erhöhten  Verkaufspreis  der  Fabrikate
wieder  einzubringen  suchen.  Ebenso  belastet  die
        <pb n="83" />
        ii

Bahnfracht  die  Einfuhr  der  Kohle  und  der  Rohstoffe
sowie  die  Ausfuhr  der  fertigen  Fabrikate.  Alle  diese
Nachteile  wirken  zusammen,  um  der  schweizerischen
Industrie  den  Wettbewerb  mit  den  begünstigten  Küstenstaaten, ­
  vorab  England,  zu  erschweren.  Sie
sieht  sich  vor  der  Aufgabe,  alle  Kräfte  an  solche
Gebiete  zu  setzen,  die  im  Konkurrenzkampf  mit  dem
Ausland  noch  Erfolg  versprechen.  Genaueste  Arbeit,
technisch  vollendete  Konstruktion  und  bestes  Material ­
  haben  dem  Maschinenbau  einen  Weltruf  verschafft ­
  und  trotz  der  hohen  Transportkosten  den  Absatz ­
  in  die  fernsten  Teile  der  Erde  gesichert.  Die
Seidenstoff-  und  Bandweberei,  die  Genfer  Bijouterie ­
  und  die  jurassische  Uhrenindustrie  verarbeiten
Rohstoffe,  die  auf  Keinem  Raum  und  bei  geringem
Gewicht  einen  großen  Wert  darstellen;  im  Verkaufspreis ­
  fallen  die  Transportkosten  kaum  in  Betracht. ­
  Noch  günstiger  verhält  es  sich  in  der  binnenländischen ­
  Industrie  mit  der  Stickerei.  Ihre
fertigen  Produkte  vereinigen  hohen  Wert  auf  kleinem ­
  Raum;  überdies  wird  vor  allem  die  feine,
künstlerische  Arbeit  bezahlt.  Am  Verkaufspreis  sind
Fracht  und  Rohstoff  nur  mit  einem  geringen  Betrag ­
  beteiligt;  beinahe  der  ganze  Erlös  verbleibt
dem  Lande  als  Arbeitslohn  oder  als  Gewinn  der
Stickereigeschäftc.
Infolge  der  Nachteile  des  Landtransportes
gegenüber  dem  Seeverkehr  kann  die  schweizerische
Industrie  ihren  Platz  auf  dem  Weltmarkt  nicht
durch  billige  Preise,  sondern  nur  durch
beste  Qualität  der  Produkte  behaupten.
Eine  Reihe  von  Staaten  bereiten  der  schweizerischen ­
  Industrie  eine  weitere  Schwierigkeit  durch
die  Schutzzölle.  In  der  Absicht,  die  eigene  Industrie ­
  zu  schützen  und  zu  fördern,  verdrängen  sie  durch
hohe  Einfuhrzölle  unsere  Produkte  von  ihrem  Gebiet. ­
  Wollten  die  Fabrikanten  nicht  auf  den  Ab-Schutzzölle
        <pb n="84" />
        78

Förderung
der  Jndustrl

Wasserkraft'.'

Industrie-»weilte


satz  in  diesen  Ländern  verzichten,  so  blieb  ihnen  nur
übrig,  einen  Teil  des  Betriebs  über  die  Grenze  zu
verlegen.  Die  Basler  Seidenbandweberei  arbeitet
für  den  deutschen  Bedarf  jenseits  der  Grenze  auf
badischem  Boden,  um  den  Zoll  zu  vermeiden.  Die
Maschinenfabriken  haben  Filialen  in  deutschen
Städten  errichtet.  Ein  beträchtlicher  Teil  der  Baumwollindustrie ­
  wurde  für  den  italienischen  Bedarf
nach  Italien  verlegt.
Am  Erfolg  unseres  Landes  im  Wettkampf  mit
'den  ersten,  von  der  Natur  begünstigten  Industrieländern ­
  haben  die  technische  und  kaufmännische
Tüchtigkeit  der  Unternehmer  und  die  Geschicklichkeit
der  Arbeiter  einen  großen  Anteil.  Die  allgemeine
Volksbildung  bildet  die  Grundlage  guter  Leistungen. ­
  Zahlreiche  Unterrichtsanstalten  vermitteln  spe
zielt  die  Berufsausbildung.  So  fördern  das  Polytechnikum ­
  und  die  technischen  Schulen  den  Maschinenbau; ­
  für  Uhrmacher,  Sticker,  Seidenweber  und
andere  Berufsleute  bestehen  besondere  Schulen.  Nicht
wenig  kommt  der  Industrie  zu  statten,  daß  viele
unternehmende  Schweizer  Kaufleute  in  fernen  Ländern ­
  als  Inhaber  von  Geschäftshäusern  oder  als
Agenten  den  Absatz  der  heimischen  Fabrikate  fördern ­
  und  für  den  vorteilhaften  Einkauf  der  fremden
Rohstoffe  besorgt  sind.
Die  hohen  Kohlenpreise  nötigen  die  schweizerische ­
  Industrie,  die  Wasserkräfte  des  Landes  in
immer  stärkerem  Maße  auszunützen.  War  bis  dahin
die  Großindustrie  hauptsächlich  auf  das  Mittelland
beschränkt,  so  geht  sie  jetzt  den  verfügbaren  Wasserkräften ­
  nach  und  dringt  tief  in  die  Täler  des  Gebirges ­
  hinein.  Sie  gewinnt  ständig  an  Boden  und
an  Zahl  der  Arbeiter;  die  Schweiz  ist  zum  Industriestaat ­
  geworden.
Die  größten  und  für  das  Erwerbsleben  maßgebenden ­
  Fabrikationszweige  sind  die  Stickerei  und
        <pb n="85" />
        79

die  Baumwollindustrie  der  Ostschweiz,  die  Seidenindustrie ­
  von  Zürich  und  Basel,  die  Uhrenmacherei
im  Jura  und  der  Maschinenbau  in  verschiedenen
Orten  des  Mittellandes.
2.  Stickerei.
Der  jährliche  Export  im  Wert  von  189  Mill.
Franken  (1909)  stellt  die  Stickerei  an  die  Spitze
aller  schweizerischen  Industrien*).  Da  als  Material
meist  Baumwolle  verwendet  wird,  so  gilt  die  Stikkerei
  nicht  selten  als  Zweig  der  Baumwollfabrikation.
  Die  kunstvolle  Arbeit  und  der  hohe  Produktionswert ­
  geben  ihr  aber  eine  selbständige  Stellung.
Die  Stickerei  umfaßt  ein  enger  begrenztes  Gebiet  «»a**»«»,
als  die  übrigen  Großindustrien  der  Schweiz.  Sie  ***
ist  in  den  Kantonen  St.  Gallen,  Appenzell  und
Thurgau  verbreitet;  jenseits  der  Grenze  beschäftigt
sie  auch  die  Bewohner  des  österreichischen  Vorarlbergs. ­
  Mittelpunkt  des  gesamten  Industriegebietes
ist  die  Stadt  St.  Gallen.  Von  hier  aus  gehen  die
Arbeitsaufträge  in  die  Landschaft  hinaus;  dahin
kehren  die  fertigen  Waren  zurück  und  werden  in  den
Ausrüstereien  der  Geschäftshäuser  für  den  Verkauf
im  Großen  zubereitet.  Demnach  ist  es  verständlich,
daß  man  stets  von  den  St.  Galler  Stickereien  redet,
gleichgültig,  in  welchem  Teil  des  Jndustriebezirkes
sie  angefertigt  wurden.  Die  Hauptabnehiner  der  St.
Galler  Stickereien  sind  die  Vereinigten  Staaten  und
England.
Die  feine  Handstickerei  ist  unter  der  Konkur-  gme,  »"»&amp;gt;
renz  der  Stickmaschine  seit  der  Mitte  des  19.  Jahr-  jmST
Hunderts  stark  zurückgegangen  und  beschäftigt  heute
fast  nur  noch  die  Frauen  und  Mädchen  Jnnerrhodens.
  Dafür  hat  vom  Bodensee  bis  zu  den  Höhen
am  Fuß  des  Säntis  die  Maschine  ihren  Einzug  gehalten, ­
  in  den  Dörfern  sowohl  wie  in  den  einsam
gelegenen  Häuschen  hoch  oben  an  steiler  Berghalde.

')  1910  stieg  die  Ausfuhr  rms  210  Mill.  Fr.
        <pb n="86" />
        80

Die  Maschine  ahmt  die  Handstickerei  nach,  ahne  jedoch ­
  den  gleichen  Grad  der  Feinheil  zu  erreichen.
Sie  erzeugt  in  Menge  den  Besatz  für  Weißzeug
(Entredeux),  Roben,  Taschentücher,  Schleier.  Ein
anderer  Zweig,  die  Kettenstich-  oder  Grobstickerei,
befaßt  sich  mit  der  Anfertigung  der  Stören  und  der
weißen,  großgemusterten  Vorhänge  (Rideaux).  Die
Stickmaschine  wird  von  Hand  betrieben.  Sie  findet ­
  sich  vorwiegend  in  den  Wohnhäusern,  in  geringer ­
  Zahl  in  Fabriken.  Die  mit  Wasser  oder
Dampf  betriebene  Schiffli-Stickmaschine  ist  dagegen
ausschließlich  für  den  Fabrikbetrieb  berechnet.
Arbeitsraum  der  Haussticker  ist  heute  selten  mehr
der  feuchte  Keller,  der  vor  dem  Ernzug  der  Stikkerei
  als  Webkeller  diente.  Häufig  steht  die  Maschine
in  einem  dem  Wohnhaus  angebauten  Raum,  dessen
große  und  zahlreiche  Fenster  schon  von  weitem  die
Bestimmung  erkennen  lassen.  Im  nahen  Umkreis
der  Stadt  St.  Gallen  und  im  untern  Toggenburg
widmen  sich  die  Hausarbeiter  fast  ausschließlich  ihrer
Lerdwdung  Industrie.  In  den  übrigen  Landschaften  verbinden
die  Maschinenstickerei  meist  mit  dem  Landbau.
Die  Landwirtschaft  beschränkt  sich  dann  auf  Wiesenkultur ­
  und  Viehzucht,  die  nicht  so  viel  Zeit  und
Arbeitskräfte  erfordern  wie  der  Fruchtbau,  der  übrigens ­
  im  obern  Toggenburg  und  im  Appenzell  wegen
der  hohen  Lage  kaum  lohnen  würde.  Landwirtschaft
und  Stickerei  lassen  sich  recht  wohl  vereinigen;  die
große  Nachfrage  nach  Stickereien  fällt  auf  den  Winter; ­
  wenn  die  Launen  der  Mode  oder  die  Überproduktion ­
  einen  schlechten  Geschäftsgang  hervorrufen, ­
  so  bewahrt  die  Landwirtschaft  den  Sticker
vor  vollständiger  Verdienstlosigkeit.  Anderseits  mindert ­
  die  bäuerliche  Hantierung  die  Fähigkeit,  die
feinsten  Stickereien  auszuführen.  Das  Maschinensticken ­
  erfordert  eine  gewisse  körperliche  Kraft  und
ist  deshalb  meist  Männerarbeit.  Den  Frauen  und
        <pb n="87" />
        81

Kindern  bleibt  dann  als  Hilfsarbeit  das  Einziehen
des  Garns  in  die  Nadel,  das  „Fädeln",  überlassen. ­
  Noch  heute  gilt  als  eine  der  bedenklichsten
Erscheinungen  in  der  ostschweizerischen  Hausstikkerei,
  daß  die  Kinder  dabei  überanstrengt  und  dauernd ­
  an  der  Gesundheit  geschädigt  werden.
3.  Baumwollindustrie.
Aus  dem  mittelalterlichen  Leinwandgewerbe  St.
Gallens  erwuchs  im  Anfang  des  18.  Jahrhunderts
die  Baumwollindustrie;  französische  Hugenotten
führten  sie  ein.  Bald  waren  in  weitem  Umkreis  um
die  Stadt  und  ostwärts  des  Rheins  viele  tausend
Hände  damit  beschäftigt,  neben  den  gewöhnlichen
Baumwolltüchern  die  feine  Musseline  anzufertigen
und  zu  besticken.  Zur  gleichen  Zeit  verschafften
Hugenotten  der  Musselinefabrikation  auch  in  Zürich
Eingang,  wo  man  schon  lange  Baumwolle  verarbeitet ­
  hatte.  Auch  die  Bewohner  des  Glarnerlandes
begannen  damals  für  die  Geschäftshäuser  von  St.
Gallen  und  Zürich  Baumwolle  zu  spinnen  und  zu
weben.  Anfänglich  war  das  Spinnen  und  Weben
der  Baumwolle  Handarbeit.  Zu  Beginn  des  19.
Jahrhunderts  begann  die  Konkurrenz  des  englischen
Maschinengarns  und  der  maschincngewobenen  Tücher. ­
  Sie  wurde  so  drückend,  daß  auch  in  der  Schweiz
die  Spinnmaschine  und  der  mechanische  Webstuhl
die  ursprüngliche  Arbeitsweise  ganz  verdrängten.
Mit  dem  mechanischen  Betrieb  vermochte  die  ostschweizerische
  Bauimvollindustrie  den  Rang  im
Wettbewerb  mit  dem  Ausland  zu  behaupten.  Um
die  Mitte  des  letzten  Jahrhunderts  kam  eine  Reihe
der  besten  Geschäftsjahre.  Später  trat  infolge  wachsender ­
  Konkurrenz  und  der  Zollerhöhungen  einzelner ­
  Absatzgebiete  ein  Rückschlag  ein,  obwohl  die
Fabrikanten  bemüht  waren,  durch  die  Aufnahme
Slii-Nger,  Tchweiz

Kinderarbeit

Entwicklung
der  Baummollindustrie ­


6
        <pb n="88" />
        besonderer,  vom  Ausland  vernachlässigter  Zweige
des  Baumwollfaches  den  Niedergang  aufzuhalten.
Industrie'  Heute  umfaßt  das  Gebiet  der  Spinnerei  und
,fltl  Weberei  die  Kantone  St.  Gallen,  Appenzell  A.-Rh.,
Thurgau  und  Glarus,  das  Zürcher  Oberland,  und
reicht  der  Aare  entlang  bis  in  den  bernischen  Oberaargau ­
  hinauf.  Die  Glarner  Fabrikanten  betrieben ­
  Jahrzehnte  hindurch  mit  bestem  Erfolg  das
Färben  und  Bedrucken  der  Baumwollstoffe.  Sie
lieferten  Tücher  in  leuchtenden  Farben  nach  den
südeurvpäischcn  Ländern,  Schleier  und  Kopftücher
(Türkenkappen)  nach  dem  Balkan,  Sarongs,  die
Kleidung  für  die  Eingebornen,  nach  Java  und
Sumatra.  Eine  Glarner  Spezialität  find  auch
die  „Mouchoii's“,  für  die  im  Lande  selbst
noch  vielfach  die  Bezeichnung  „Fazzencttli"  gebraucht ­
  wird  (nach  dem  italienischen  fazzoletto
Taschentuch).  In  den  letzten  Jahren  ist  für  dieBaumwolldruckcrei
  wegen  des  verminderten  Absatzes  eine
schlimine  Zeit  angebrochen.  Gegenwärtig  verlegen
sich  die  Glarner  wieder  mehr  auf  die  Herstellung
feiner  Gewebe,  vor  allein  Musseline  für  Ostasien.
»u»suyr  Der  Wert  der  ins  Ausland  verkauften  Baumwollfabrikate
  (Garne  und  Gewebe)  belief  sich  1909
auf  55  Mill.  Fr.  Die  Ausfuhr  macht  etwa  2 / s
der  Gesaintproduktion  aus:  der  Rest  findet  im  Lande
selbst  Absatz.  Die  Rohbaumwolle  kommt  zum
größern  Teil  aus  den  Südstaaten  der  Union;  daneben ­
  liefert  auch  Egypten  ein  durch  Qualität  ausgezeichnetes ­
  Rohmaterial.
4.  Seidenindustrie.
Ansänge  der  Für  die  Verarbeitung  der  Seide  kommen  als
Industrie  Mittelpunkte  die  Städte  Zürich  und  Basel  in  Betracht, ­
  das  erste  für  die  Seidenstoffweberei,  dieses
für  die  Bandweberei.  1555  führten  reformierte
        <pb n="89" />
        83

Glaubensverfolgte  aus  Locarno  in  Zürich  die  Sei-Zur-hrrSeiddenindustrie
  ein,  die  für  die  Stadt  und  einen  weiten
Umkreis  zur  Quelle  des  Reichtums  geworden  ist.
Die  Seidenstoffweberei  umfaßt  außer  Zürich  hauptsächlich ­
  die  beiden  Secufer  und  das  obere  Glatttal. ­
  Weiterhin  tritt  sie  mehr  vereinzelt  auf  im
Knonaueramt,  im  Aargau  und  in  der  Jnnerschweiz.
Die  letzten  Ausläufer  reichen  über  den  Brünig  ins
Haslital  und  im  Jura  bis  nach  Delsberg.  Im
Zürcher  Oberland  trifft  sie  mit  der  St.  Galler
Baumwollindustrie  und  Stickerei  zusammen,  und
im  Aargau  begegnet  sie  bereits  den  Bandwebstühlen, ­
  die  für  Basel  tätig  sind.  Die  althergebrachte
Hausweberei  mußte  immer  mehr  hinter  dem  Fabrikbetrieb ­
  zurücktreten;  sie  hat  sich  nur  abseits  der
größern  Verkehrswege  und  der  Fabriken  meist  als
Nebenverdienst  zur  Landwirtschaft  erhalten.
Italien  und  China  liefern  die  Rohseide.  Die
Seidenraupenzucht  in  der  Südschweiz  vermag  infolge ­
  der  ausländischen  Konkurrenz  und  einer  weit
verbreiteten  Krankheit  des  Maulbeerbaumes  eine
nur  geringe  Menge  von  Rohseide  beizusteuern,
die  zum  Teil  an  Ort  und  Stelle  gesponnen  wird.
Die  Hauptausfuhr  an  Zürcher  Seidenstoffen  geht  äu * fu * c
"ach  den  Vereinigten  Staaten  und  nach  England.
Was  an  diesen  Waren  in  der  Schweiz  bleibt,  beläuft ­
  sich  auf  jährlich  8  —  10  Mill.  Fr.  Immerhin
ist  der  Selbstverbrauch  nicht  so  hoch,  da  für  einen
ansehnlichen  Betrag  Seide  an  den  Fremdenorten
verkauft  wird.
Die  Seidenindustrie  Basels  geht  ebenfalls  auf  «Ers-iddie
  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  zurück,  da  Locarner
und  französische  Hugenotten  in  der  Stadt  Aufnahme
fanden.  Neben.  der  Spinnerei  und  der  Färberei
ist  das  Weben  von  Seidenbändcrn,  die  „Posanienterie",
  der  wichtigste  Zweig  der  Industrie  geworden. ­
  Die  Bandweberei  ist  außerdem  im  höher
        <pb n="90" />
        84

Ausfuhr

Beuteltuchweberei ­
  von
Lutzenberg

Anfänge

gelegenen  Teil  Basellands  und  in  den  angrenzenden ­
  Bezirken  der  Kantone  Aargan  und  Solothurn
verbreitet,  wo  sie  meist  als  Hausarbeit  einen  Nebenverdienst ­
  zur  Landwirtschaft  einbringt.  Es  bedeutet ­
  für  die  Posamenterie  einen  schweren  Nachteil, ­
  daß  der  Verkauf  von  Jahr  zu  Jahr  stark
schwankt,  je  nachdem  die  launenhafte  Mode  die
Seidenbänder  begünstigt  oder  übergeht.  Die  ins
Ausland  verkauften  Bänder  machen  alljährlich  den
Wert  von  30—  45  Will.  Fr.  ans  (1909  42  Mill.
Franken).  Mehr  als  die  Hälfte  davon  geht  nach
England.  Die  Florettspinnerei  Basels  erzielt  überdies ­
  einen  Absatz  von  nahezu  30  Mill.  Fr.
Inmitten  des  Stickerei-  und  Baumwollbczirkes
an  der  Ostgrenze  des  Landes  trifft  man  einen  besonderen, ­
  räumlich  beschränkten  Zweig  der  Seidenindustrie. ­
  Die  Leute  im  appenzellischen  Wvlfhalden
  und  Lutzenberg  weben  die  Seidengaze,  die  unter
dem  Namen  Bcutcltuch  in  der  Müllerei  gebraucht
wird.  Hauptabnehmer  sind  die  Vereinigten  Staaten
und  Deutschland.  Der  Jahresexport  hat  einen  Wert
von  5  Mill.  Fr.  (1909).  Die  Beuteltuchwcbcrei
muß  in  einem  feuchten  Raum  betrieben  werden,
wo  die  Seide  geschmeidig  bleibt  und  beim  Weben
nicht  so  leicht  reißt;  meist  ist  ein  Keller  der  Arbeitsraum.
  Die  feuchten,  ungeheizten  und  schlecht  gelüfteten ­
  Webkeller  haben  den  schädlichsten  Einfluß
auf  die  Gesundheit  der  Arbeiter.
Im  Jahre  1909  wurden  Seidenfabrikate  im
Wert  von  216  Mill.  Fr.  ausgeführt.  An  dieser
Zahl  sind  die  Seidenstoffe  des  Zürcher  Industriegebietes ­
  am  stärksten  beteiligt.  Zudem  gingen  im
gleichen  Jahr  Rohstoffe  im  Betrag  von  55  Mill.
Franken  ins  Ausland.
5,  Maschinenbau.
Als  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  die  ostschweizcrische
  Baumwollindustrie  unter  der  engli-
        <pb n="91" />
        85

schen  Konkurrenz  zum  Fabrikbetrieb  überging,  erstellten ­
  Etablissemente  in  Zürich,  Winterthur  und
Rüti  die  Spinnmaschinen  und  mechanischen  Webstühle; ­
  später  kamen  die  Stickmaschinen  hinzu.  Aus
diesen  Anfängen  im  Dienste  der  einheimischen  Textilindustrie ­
  entstand  der  schweizerische  Maschinenbau. ­
  Heute  liefert  er  Werke  aller  erdenklicher  Konstruktionen ­
  und  für  die  verschiedensten  Arbeitsgebiete. ­
  Mit  dem  Maschinenbau  befassen  sich  zahlreiche ­
  Orte  des  Mittellandes  von  Arbon  bis  Genf,
und  nordwärts  des  Jura,  Schaffhausen  und  Basel.
Durch  die  Ausnutzung  der  Wasserkräfte  wurde  diese
Industrie  mächtig  angeregt  und  gefördert.  Die  Zahl
der  Elektrizitätswerke  an  den  Flußläufen  wächst
von  Jahr  zu  Jahr  und  bringt  den  Fabriken  für
elektrische  Anlagen  überreiche  und  lohnende  Arbeit.
Dieser  Zweig  des  Maschinenbaus  wird  noch  mehr
an  Bedeutung  gewinnen,  da  die  Schweiz  bestrebt
sein  muß,  die  noch  brach  liegenden  Wasserkräfte
für  die  Industrie  und  für  den  Betrieb  der  Eisenbahnen ­
  heranzuziehen,  um  von  der  ausländischen
Kohle  unabhängig  zu  werden.  Die  durch  teure
Fracht  erhöhten  Kohlenpreise  bedeuteten  in  unseren!
Lande  einen  mächtigen  Antrieb  zuin  Bau  von  Dynamos; ­
  sie  geben  aber  anderseits  auch  der  Konstruktion ­
  von  Dampfmaschinen  eine  bestimmte  Richtung. ­
  Die  Ingenieure  wetteifern  darin,  Werke  zu
erstellen,  die  bei  gleicher  Leistung  den  geringsten
Kohlenverbrauch  aufweiseu.  Der  sparsame  Betrieb
ist  einer  der  großen  Vorzüge  der  schweizerischen
Dampfmaschinen  geworden.  In  ähnlicher  Weise
spornten  der  Arbeitermangel  und  die  hohen  Arbeitslöhne ­
  in  Nordamerika  die  Ingenieure  der  Union
an,  automatisch  arbeitende  Maschinen  zu  konstruieren. ­

Unter  den  verschiedenartigen  Produkten  der  Mafchinenindustrie
  seien  als  einige  der  wichtigsten  ge-.

Gebiet  und
Zweige  d«4
Maschinenbaues ­


Erzeugnisse
        <pb n="92" />
        86

nannt:  Die  Webstühle,  Spinn-  und  Stickmaschinen
aus  den  oben  genannten  Zürcher  Fabrikorten;  Sie
Lokomotiven  von  Winterthur;  die  Dampfmaschinen
für  Schiffe  von  Zürich,  Winterthur  und  Baden;
die  Dynamos  aus  den  Fabriken  von  Örlikon,  Baden
und  Mönchenstein  bei  Basel;  die  landwirtschaftlichen
Maschinen  aus  Winterthur.  Mehr  als  die  Hälfte
der  Gesamtproduktion  findet  im  eigenen  Lande  Absatz. ­
  Die  Ausfuhr  hat  einen  Wert  von  74  Mill.
Franken  (1909);  sie  geht  in  erster  Linie  nach  den
Ausfuhr  vier  Nachbarländern,  vorab  nach  Deutschland  und
Frankreich.  Dampfmaschinen  und  Dynamos  kragen ­
  den  Ruhm  der  schweizerischen  Technik  bis  in  die
fernsten  Teile  der  Erde.  Die  Schweiz  selbst  har
einen  ungewöhnlich  starken  Bedarf  an  Maschinen.
Zu  dem,  was  von  der  Eigenproduktion  im  Lande
bleibt,  gesellt  sich  eine  Einfuhr  im  Betrage  von
rund  50  Will.  Fr.,  zum  größten  Teil  aus  Deutsch-«insuhr
  land;  an  erster  Stelle  stehen  die  landwirtscbaftlichen
  Maschinen.
6.  Uhrenindustrir.
Entwicklung  Am  Ende  des  16.  Jahrhunderts  fand  die  Uhrenindustrie ­
  in  Genf  durch  französische  Hugenotten
Eingang.  Sie  wurde  vorerst  als  Zweig  der  Gold
schmiedearbeit  betrieben  und  galt  als  vornehme^
nicht  jedermann  zugängliche  Kunst;  noch  im  18.
Jahrhundert  war  sie  durch  strenge  Vorschriften  ge
regelt  und  eingeschränkt.  Da  fertigte  1681  Daniel
Jean  Richard  in  La  Sagne  die  erste  Uhr  in  den
Neuenburger  Bergen  an  und  wurde  der  Begründen
der  jurassischen  Uhrenindustrie.  Eine  Reihe  günstiger ­
  Umstände  kamen  ihr  hier  zu  statten.  Der
magere,  trockene  Kalkboden  der  rauhen  Jurahöhen
brachte  von  jeher  einen  nur  dürftigen  Ertrag.  Die
langen  und  strengen  Winter  verdammten  die  Be-
        <pb n="93" />
        87

wohner  zur  Untätigkeit;  Armut  oder  Auswanderung ­
  war  ihr  Los.  In  solcher  Not  bedeutete  die
Uhrenindustrie  die  Rettung  des  Landes.  Der  Juras
sier  brachte  für  die  kunstvolle  Arbeit  eine  glückliche ­
  Anlage  mit,  und  keine  Berufsvorschrifteu
hemmten  hier  den  allgemeinen  Wetteifer,  immer
Vollkommeneres  zu  leisten.  Anfangs  war  die  Uhren
macherci  winterlicher  Nebenverdienst  zur  Landwirtschaft ­
  ;  eine  Hand  fertigte  damals  noch  das  vollständige ­
  komplizierte  Werk  an.  Der  reichliche  Verdienst ­
  führte  dann  die  meisten  Arbeiter  ganz  zun,
neuen  Beruf  hinüber,  und  die  Teilung  der  Arbeit
inachte  es  einem  jeden  möglich,  auf  seinem  besonderen ­
  Gebiet  eine  große  Fertigkeit  zu  erwerben.
Neben  der  Hausarbeit  entstand  das  „atelier“,  in
dein  sich  eine  Anzahl  Arbeiter  unter  einem  Chef
zu  genieinschaftlicher  Herstellung  bestimmter  Uhrteile ­
  vereinigten.  Die  70er  Jahre  des  letzten  Jahrhunderts ­
  brachten  eine  bedeutende  Änderung.  In  den
Vereinigten  Staaten  stellte  man  die  Uhren  fabrikmäßig ­
  her.  Die  Konkurrenz  der  ainerikanischen  Fabrikate ­
  schädigte  die  schweizerische  Industrie  derart,
daß  sie  ebenfalls  den  mechanischen  Betrieb  einrichten ­
  mußte.  Überall  entstanden  jetzt  Uhrenfabriken,
die  mit  unvergleichlich  genau  und  rasch  arbeitenden ­
  Maschinen  die  Bestandteile  der  Uhr  herstellten.
Vollkommene  Maschinen  und  die  aufs  Äußerste  getriebene ­
  Arbeitsteilung  (es  gibt  etwa  150  verschiedene ­
  „Branchen"  der  Uhrenindustrie)  steigerten
Menge  und  Güte  der  Produktion  gewaltig.  War
die  Uhr  einst  ein  Luxusgegenstand,  so  kann  sie
jetzt  durch  die  Massenproduktion  so  billig  geliefert
werden,  daß  sie  zum  selbstverständlichen  und  unentbehrlichen ­
  Besitz  auch  des  Unbemittelten  gehört.
Die  Uhrenmacherei  ist  die  wichtigste  Industrie  der  Indup««.
Westschweiz.  Ihr  Gebiet  umfaßt  Genf,  die  Juralandschaften
  der  Kantone  Waadt,  Neuenburg,  Bern,
        <pb n="94" />
        88

Absatzgebiet!

Solothurn,  Baselland,  und  reicht  bis  zur  Stadt
Schaffhausen.  In  Genf  hat  sich  die  althergebrachte
Verbindung  der  Goldschmiedekunst  mit  der  Uhrenfabrikation ­
  bis  heute  erhalten.  Hier  entstehen  fast
ausschließlich  goldene  Uhren,  zum  Teil  reich  gravierte ­
  und  edelsteingeschmückte  Prunkstücke.  Die
Genfer  Uhren  genießen  infolge  der  sorgfältigen  Arbeit ­
  als  Präzisionswerke  einen  Weltruf.  Chaux-de-Fonds,
  der  Mittelpunkt  des  Neuenburger  Industriebezirkes,
  bringt  neben  den  goldenen  Uhren  und
den  auf  größte  Genauigkeit  gearbeiteten  Schiffs-Chronometern
  auch  billige  Ware  auf  den  Markt.
Die  Fabriken  der  Berner  Juratäler  endlich  fertigen
in  Massen  die  für  kleine  Ansprüche  berechnete  Uhr
in  einfacher  Metallschale  an.  Zahlreiche  Fabriken
an  verschiedenen  Orten  des  jurassischen  Industriegebietes ­
  befassen  sich  mit  der  Herstellung  der  für  die
Uhrenmacherei  notwendigen  Werkzeuge  und  Maschinen. ­

Die  Uhrenindustrie  ist  hauptsächlich  auf  den
Absatz  ins  Ausland  angewiesen.  In  allen  Weltteilen ­
  sind  Schweizer  Geschäftsleute  bemüht,  für
die  Uhren  neue  Absatzgebiete  zu  finden  und  die  alten
zu  sichern.  Was  von  den  Fabrikaten  in  der  Schweiz
bleibt,  wird  auf  rund  8  Will.  Fr.  veranschlagt;
in  dieser  Zahl  sind  die  Uhren  inbegriffen,  die  vom
fremden  Reisepublikum  während  des  Aufenthaltes
in  unserem  Lande  gekauft  werden.  Der  Export  belief
sich  im  Jahre  1909  auf  die  Summe  von  126
Mill.  Fr.l)  In  den  Jahren  1906  und  1907  stieg  er
ausnahmsweise  auf  150  Mill.  Fr.  La  Chaux^de-Fonds
  allein  ist  mit  3 /s  an  der  Gesamtsumme
beteiligt.  Die  bedeutendsten  Abnehmer  sind  Deutschland, ­
  England,  Österreich,  Rußland,  Italien  und
Ostasien.  Bereits  beginnt  aber  in  diesem  letzten
Gebiet  die  Konkurrenz  der  japanischen  Industrie
fühlbar  zu  werden.  Die  Vereinigten  Staaten,  die
')  1910:  147  Mill.  Fr.
        <pb n="95" />
        89

einst  in  der  Reihe  der  Käufer  zuvorderst  standen,
suchen  jetzt  durch  hohe  Zölle  (60  —  80  o/o)  die
Schweizer  Uhren  zum  Schutz  ihrer  eigenen  Fabrikation ­
  fernzuhalten.
Heute  hat  beinahe  jedes  Juradorf  seine  Uhrenfabrik ­
  die  „usine t; .  Daneben  bestehen  auch  die  Ateliers ­
  weiter,  als  Fabriken  im  Kleinen.  Beide  nehmen ­
  der  Hausindustrie  die  Arbeitskräfte  weg;  feit§ ouS,nlm f itte
Jahrzehnten  geht  sie  stark  zurück.  Die  Zahl  der
Hausarbeiter  ist  seit  1883  von  40,000  auf  10,000
gesunken,  während  doch  in  der  gleichen  Zeit  die  Zahl
der  Uhrenmacher  überhaupt  um  1 / i  anwuchs.  Immerhin ­
  wird  der  Fabrikbetrieb  die  Hausindustrie
nicht  ganz  zugrunde  richten,  weil  keine  Maschine
gewisse  Handarbeiten,  wie  das  Zusammensetzen,
Gravieren  und  Reglieren  ersetzen  kann.
Der  westschweizerische  Jura  verdankt  der  Uhren-  Wirkung-,
industrie  den  Wohlstand,  der  in  dem  Bild  der  statt-  "'"'  r "
lich  gebauten,  volksreichen  Dörfer  zutage  tritt.  Die
kunstreiche,  den  Erfindergeist  anregende  Arbeit  steigerte ­
  die  geistige  Beweglichkeit  und  die  Unternehmungslust ­
  auf  allen  Gebieten.  Der  große  Fortschritt
wird  besonders  auffällig  bei  einem  Vergleich  der
Jndustriegegend  mit  solchen  Juratälcrn,  wo  der
Bodenbau  den  einzigen  Erwerb  der  Bewohner  bildet.
Die  Uhrenindustrie  hat  ein  starkes  Wachstum  der
Volkszahl  im  Jura  bewirkt.  Sie  hat  in  der  Mcereshöhe
  von  1000  m  in  unwirtlicher  Lage  Städte
wie  Chaux-de-Fonds  mit  38000  und  Locle  mit
13000  Einwohnern  äufblühen  lassen.  Alle  die
jurassischen  Jndustrieorte  beziehen  einen  Teil  ihrer
Lebeirsmittel  aus  den  benachbarten  Gegenden  des
Mittellandes.  Auf  diesem  Weg  fließt  von  dem  im
Jura  erarbeiteten  Wohlstände  eine  beträchtliche
Summe  der  Landwirtschaft  im  Mittellande  zu.
Wenn  auch  der  Verkauf  der  Uhren  nicht  so  den
Launen  der  Mode  unterworfen  ist,  wie  die  Stik-
        <pb n="96" />
        90

Wollindustrie

Leinevinlrnfhic


kereien  St.  Gallens  oder  die  Seidcnbänder  Bafels,
so  wird  doch  auch  die  jurassische  Industrie  von
Krisen  heimgesucht;  sie  entstehen  meist  durch  die
Überproduktion  des  modernen  Fabrikbetriebes.
Solche  Zeiten  der  verminderten  Arbeitsgelegenheit
treffen  nicht  nur  die  Jndustriebevölkerung  mit  aller
Härte;  die  Folgen  werden  auch  im  benachbarten
Bauernland  verspürt.
7.  Übrige  Industrien.
Die  oben  besprochenen  Hauptindustrien  der
Schweiz  lassen  sich  in  die  beiden  großen  Gruppen
der  Textilindustrie  und  der  Metallverarbeitung  einreihen.
  Daneben  werden  aber  noch  eine  Reihe  weiterer ­
  Industrien  betrieben;  zum  Teil  schließen  sie
sich  einer  der  beiden  Haupigruppen  an;  andere
nehmen  eine  selbständige  Stellung  ein.
Die  Wollindustrie  ist  ohne  ausgesproä)«-ues
  Zentrum  an  zahlreichen  Orten  des  Mittellandes
  ansässig.  Wegen  des  starken  Niederganges
der  einheimischen  Schafzucht  ist  die  Schweiz  in  der
Lieferung  der  Rohwolle  fast  ganz  auf  das  Ausland,
vorab  Australien,  angewiesen.  Gegenüber  der  Konkurrenz ­
  des  Auslandes  hat  die  Wollindustrie  einen
schweren  Stand.  Für  den  Export  stellt  sie  Kammgarne ­
  und  Kammgarnstoffe  her.  Die  Militär-,  Postund
  Bahnverwaltungen  des  Inlandes  versorgt  sie
mit  ganzwollenen  Tuchen  zur  Anfertigung  der  Uniformen. ­
  Die  Fabrik-  und  Hausindustrie  des  bernischen
  Emnientals  und  Oberaargaus  liefert  den
braunen  Halblein,  der  vielfach  aus  einheimischer
Wolle  bereitet,  als  Kleidungssioff  der  bäurischen
Bevölkerung  noch  heute  weit  verbreitet  ist.
Auf  einem  Gang  durch  das  Emmental  oder  den
Oberaargau  sieht  man  häufig  inmitten  des  grünen
Wieslandes  schimmernd  weiße  Flächen,  die  aus  der
Ferne  einen  glänzenden  Wasserspiegel  vortäuschen.
        <pb n="97" />
        91

in  der  Nähe  betrachtet  sich  als  Leinwand  erweisen,
die  in  vielen  langen  Streifen  nebeneinander  zum
Bleichen  an  die  Sonne  gebreitet  wird.  Das  ist  das
Gebiet,  dessen  Bewohner  seit  alter  Zeit  zu  Hause
spinnen  und  weben.  Sie  stellen  für  den  eigenen
Bedarf  und  zum  Verlauf  die  bekannte  dauerhafte
Berner  Leinwand  her.  In  frühern  Jahrhunderten ­
  war  die  Leincnweberei  in  der  Ostschweiz
weit  verbreitet.  Sic  schulte  die  Arbeiter  und  Unternehmer ­
  für  den  technischen  und  kaufmännischen  Betrieb ­
  der  nachfolgenden  Banmwvllfabrikation  und
Stickerei.  Unter  dem  Übergewicht  der  beiden  Großindustrien ­
  ist  das  Leinengewebe  verschwunden.
Die  Strohflechterei  ist  hauptsächlich  im
aargauischen  Freiamt  zu  Hause;  sic  wird  auch  in
den  Kantonen  Freiburg  und  Luzern,  in  geringem
Maß  im  Tessin  betrieben.  Sie  verarbeitet  außer
dem  einheimischen  Weizen-  und  Roggenstroh  auch
Roßhaar  und  ostasiatisches  Flechtmaterial  und  erzeugt ­
  Strohbordüren,  Strrhstickereien  auf  Roßhaarunterlage ­
  und  Hüte.  Die  Ausfuhr  macht  einen
Betrag  von  14  Will.  Fr.  aus  (1909)  und  geht
zum  größten  Teil  nach  England.  Die  Strohflechterci
war  früher  nur  Hausindustrie;  seitdem  mit  Web'
stählen  komplizierte  Artikel  angefertigt  werden,  ist
sie  auch  in  die  Fabriken  übergegangen.  Als  Hausarbeit ­
  ist  sie  meist  Nebenverdienst  zur  Landwirtschaft ­
  und  wird  vorzugsweise  im  Winter  ausgeübt.
Im  Anschluß  an  den  Maschinenbau  müssen  die
Herstellung  des  Roheisens  im  einzigen  Hochofen
der  Schweiz,  Choindez,  und  die  Gießereien  der
v.  Roll'schen  Eisenwerke  erwähnt  werden.  Unter
den  Werkzeugfabriken  ist  die  von  Orlikon
am  bekanntesten  geworden.  In  Neuhausen  bei
Schaffhausen  sabriziert  die  älteste  Aluminiumfabrik
Aluminium  in  so  großer  Menge,^daß  sie  nur
von  der  Produktion  der  Vereinigten  Staaten  und

-strohflcchtrrei


Metall
Industrie
        <pb n="98" />
        Frankreichs  übertroffen  wird.  Berschiedene  Städte
des  Mittellandes  bringen  die  Erzeugnisse  der  Feinmechanik, ­
  die  Präzisionsinstrumente,  auf  den
Markt,  so  Zürich,  Aarau,  Bern,  Neuenburg  und
Genf;  iCjneu  schließen  sich  Basel  und  Schaffhausen
an.  In  der  Westschwciz  fließt  die  Präzisionsmechanik ­
  niit  der  Uhrenindustrie  zusammen,  und  ebenso
kann  die  Genfer  B  i  j  o  u  t  e  r  i  e  als  wichtiger  Zweig
der  Uhrenmacherei  gelten.  Inmitten  des  großen
jurassischen  Uhrenbezirkes  nimmt  Ste.  Croix  mit
seinen  Fabriken  für  Musikwerke  und  Phonographen ­
  eine  Sonderstellung  ein.
Die  Erzeugnisse  der  Brienzer  Holzschnitzindustne
  {£  r  e  [  teisS  direkt  ins  Ausland,  teils  werden
sie  an  den  schweizerischen  Fremdenorten  verkauft.  In
neuerer  Zeit  hat  sich  die  Schnitzlerei  über  die  altgewohnten ­
  Formen  hinaus  der  Innenausstattung
zugewendet  und  findet  in  der  Verzierung  von  Möbeln ­
  eine  lohnende  Arbeit.  Chalet-,  Parkette ­
  r  i  e  -  und  Möbelfabriken  vertreten  andere
Gebiete  der  Holzindustrie.  Die  Papierfabriken ­
  der  Schweiz,  die  von  Biberist  bei  Solothurn
an  der  Spitze,  vermögen  trotz  ihrer  starken  Produktion ­
  nicht,  die  beträchtliche  Einfuhr  von  Papierwaren
  entbehrlich  zu  machen.
Schuh,Lbn.  Die  Schuhfabrikation,  mit  Schönenwcrd
!tHM  bei  Olten  als  Hauptsitz,  hat  es  bereits  zu  einem
Export  von  9  Millionen  Franken  gebracht,  dem
allerdings  ein  ungefähr  gleich  hoher  Import  gegenübersteht. ­
  Die  schweizerischen  Fabriken  beziehen  das
Leder  größtenteils  aus  dem  Ausland;  dafür  vermag ­
  die  Schweiz  ihres  Viehreichtums  wegen  Häute
für  einen  um  wenig  geringeren  Betrag  auszuführen,
rh-misch^  Die  chemische  Industrie  mit  dem  Mittel-Jndustne
  j n  Pasel  hat  sich  in  rascher  Entwicklung
mit  einer  Ausfuhr  von  46  Mill.  Fr.  einen  hohen
Rang  unter  den  schweizerischen  Industrien  gesichert.
        <pb n="99" />
        93

Sic  verlegt  sich  vorzugsweise  aus  die  Herstellung
von  Anilinfarben,  Säuren  und  Heilmitteln.  Eine
Reihe  von  Wasserkraftanlagen  liefern  die  Erzeugnisse ­
  der  Elektrochemie,  wie  Kalziumkarbid
(für  die  Azetylenbeleuchtung)  und  chlorsaures  Kali.
Von  der  Nahrungs-undGenuß  mitte  l
industrie  ist  hier  noch  die  Herstellung  vvn  Scho-  'ZLllru  '
kolade,  Konserven,  Bier  und  Tabak  zu  erwähnen.
Uber  Käse  und  kondensierte  Milch  siehe  Milchproduktion
  Seite  74.
Die  Fabrikation  vvn  Schokolade  ist  aus  rch-k-iade
kleinen  Anfängen  der  80er  Jahre  zu  einer  Hauptindustrie
  init  der  Jahresausfuhr  von  32  Millionen ­
  Franken  (1909)  angewachsen  (1910  sogar  40
Millionen  Franken).  Sie  verdankt  ihr  Ansehen
in  erster  Linie  der  Güte  und  Mannigfaltigkeit  ihrer
Fabrikate;  besondere  Anerkennung  hat  die  Milchschokolade ­
  gefunden.  Annähernd  halb  so  viel  Schokolade, ­
  wie  ins  Ausland  geht,  wird  von  Einheimischen ­
  und  Fremden  im  Lande  selbst  verbraucht.
Der  Rohstoff,  Kakao,  muß  im  Wert  von  12  Mill.
Franken  größtenteils  aus  Mittel-  und  Südamerika
bezogen  werden.  Von  der  Gesamteinfuhr  an  Zukker
  mit  32  Mill.  Fr.  geht  ein  ansehnlicher  Teil
in  die  Schokvladefabriken.  Der  dem  Lande  verbleibende ­
  Gewinn  aus  der  Schokoladeindustric  darf
auf  die  Hälfte  des  Ausfuhrwertes  geschätzt  werden.
Eine  Reihe  von  Fabriken  im  Mittelland  und
im  Wallis  erzeugen  Obst-  und  Gemüsekon-  Konserve»
s  e  r  v  e  n,  meist  für  den  Bedarf  des  eigenen  Landes.
Andere  Fabriken  liefern  Suppen-  oder  F  l  e  i  s  cfp
konserven.  Daneben  wird  viel  Büchsenfleisch
eingeführt.
Die  Bierbrauereien  arbeiten  fast  aus-^'"^»»»»!
schließlich  für  den  einheimischen  Konsum.  Die  jährliche ­
  Produktion  wird  auf  2  Mill.  dl.  im  Wert
von  40  Mill.  Fr.  geschätzt.  Dazu  komnit  die  Einfuhr
vorab  von  Münchner-  und  Pilsnerbier  im  Wert
        <pb n="100" />
        94

von  3  Mill.  Fr.  Die  Schweiz  hat,  auf  die  Volkszahl
  berechnet,  einen  sehr  starken  Verbrauch  an
Bier  und  Wein.
sofwi-  Die  Tabak-  und  Zigarrenfabriken  verindustrtc
  zu  dem  im  Lande  gewachsenen  Rohtabak  die
sechsfache  Menge  (75  OOO  q  im  Wert  von  10  Milt.
Franken)  ausländischer  Blätter,  meist  wieder  für
den  sehr  bedeutenden  Verbrauch  im  Inland.  Die  bekanntesten ­
  Fabrikate  stammen  aus  Vevey,  Grandson,
  Reinach  im  aargauischen  Wynental  und  aus
Brissago.
6.  Fabrik  und  Heimarbeit.
b«  Ju  nahezu  allen  Gebieten  der  Industrie  hat  wäh-'"'‘tenb
  der  letzten  Jahrzehnte  die  Hausarbeit  ihre
frühere  Bedeutung  eingebüßt.  Die  Groß-  oder  Fabrikindustrie ­
  entzieht  ihr  mehr  und  mehr  die  Arbeitskräfte. ­
  In  einzelnen  Zweigen  ist  der  Ruin  der
Hausindustrie  bereits  eingetreten  oder  steht  nahe
bevor.  Nur  in  der  Stickerei  vermag  die  Fabrik
die  Hausarbeit  nicht  zu  verdrängen.  Hier  sind
im  Gegenteil  Fabriken  eingegangen,  und  die  sogenannten ­
  Plattstich-Stickmaschincn  fanden  den  Weg
in  die  Wohnung  des  Einzelstickers  zurück.  Da  die
Plattstich-Stickmaschinen  von  Hand  bewegt  werden
müssen,  so  konnte  der  fabrikmäßige  Betrieb  keinen
Vorsprung  gewinnen.  Er  war  wegen  der  vielen
bindenden  Vorschriften  der  Fabrikgesetzgebung  (siche
unten)  der  Hausstickerei  gegenüber  sogar  im  Nachteil.
Der  im  übrigen  allgemeine  Rückgang  der  Heimarbeit ­
  mag  beklagt  werden,  weil  der  Massenbetrieb
in  der  Fabrik  die  persönliche  Art  der  Arbeiters
verflacht,  sein  Selbstbestimmungsrccht  verkürzt  und
bisweilen  durch  einseitige  Beschäftigung  das  Interesse ­
  und  die  Freude  am  Beruf  abstumpft;  beim
Übergang  zur  Großindustrie  verliert  sich  auch  das
        <pb n="101" />
        95

Idyllische,  das  von  jeher  mit  der  Heimarbeit  verbunden ­
  schien.  Dem  gegenüber  ist  zu  beachten,
daß  nur  der  Schritt  von  der  idyllischen  Kleinarbeit
zur  raschen,  genauen  und  billigen  Fabrikproduktion ­
  die  Industrie  vor  dem  Untergang  rettete,  der
infolge  der  Konkurrenz  des  Auslandes  drohte.  Das
zeigt  die  Geschichte  der  Spinnerei  und  Weberei  und
der  Uhrenindustrie.  Die  Arbeit  ist  in  den  Fabrikräumen
  überdies  der  Gesundheit  zuträglicher,  als  in
den  meisten  Arbeitsräumen  der  Hausindustrie.  Das
ist  vor  allem  der  eidgenössischen  Fabrikgesetzgebung
seit  1876  zu  danken.  Sie  enthält  zum  Wohl  der
Arbeiter  Vorschriften  über  Größe,  Beleuchtung,
Lüftung  und  Schutzeinrichtungen  der  Arbeitsräume;
sie  gestattet  die  Nachtarbeit  und  die  Sonntagsarbeit
nur  in  Ausnahmefällen;  die  tägliche  Arbeitszeit
darf  in  den  Geschäften,  die  der  Fabrikgesetzgebung
unterstellt  sind,  11  Stunden,  an  Vorabenden  von
Sonn-  und  Feiertagen  10  Stunden  nicht  übersteigen; ­
  Kinder  unter  14  Jahren  dürfen  nicht  zur
Fabrikarbeit  verwendet  werden.  Für  die  Hausarbeit ­
  gelten  diese  Schutzbestimmungen  nicht.  Da
wird  häufig  in  zu  kleinen,  schlecht  gelüfteten  und
ungenügend  hellen  Räumen  gearbeitet,  ganz  zu
schweigen  von  den  feuchten  Stickerei-  und  Webkellern ­
  des  St.  Galler  Industriegebietes.  Anhaltende
Nachtarbeit,  bei  dringenden  Aufträgen  üblich,  erschöpft ­
  frühzeitig  die  Kräfte.  Wenn  die  Arbeitsstelle ­
  gleichzeitig  als  Wohnraum  dienen  muß,  so
leidet  darunter  die  Gesundheit  der  ganzen  Familie.
Die  Großindustrie  entzieht  den  Arbeiter  seiner
Familie  und  mindert  so  das  Gefühl  der  engen  Zusammengehörigkeit. ­
  Es  gilt  als  größter  Vorzug  der
Heimarbeit,  daß  der  Vater  im  Familienkreis  bleibt
und  bei  der  Erziehung  der  Kinder  mitwirken  kann.
Dem  steht  als  schwerer  Nachteil  gegenüber,  daß
gerade  in  der  Hausindustrie  bei  dem  Mangel  an
        <pb n="102" />
        96

m»d»nrb«&amp;gt;t  Gesetzesvorschriften  die  kindliche  Arbeitskraft  ausgebeutet ­
  wird;  die  Stickerei  ist  wegen  der  übermäßigen
Kinderarbeit  geradezu  berüchtigt.  Der  ständige
Aufenthalt  in  ungesunden  Räumen  und  die  Überarbeitung
  schädigen  die  körperliche  und  geistige  Entwicklung ­
  der  Kinder;  das  ist  zweifellos  die  schlimmste
Begleiterscheinung  der  Hausindustrie.
9.  Industrie  und  Lsndwirtlchakt.
Lottdsiucht  Je  mächtiger  die  Industrie  anwuchs,  desto  stärker ­
  war  ihre  Wirkung  auf  den  Landbau.  Mißmutig
sah  der  Bauer  die  Arbeiter  scharenweise  die  Scholle
verlassen  und  den  Städten  und  Jndustrieorten  zueilen, ­
  Ivo  sie  bei  gesetzlich  beschränkter  Arbeitszeit
und  höherem  Lohn  ihre  Lage  zu  bessern  vermeinten.
Infolge  der  Landflucht  trat  im  Bauernstand  Arbeitermangel ­
  ein,  der  die  Löhne  in  die  Höhe  trieb
und  die  landwirtschaftliche  Produktion  verteuerte.
Günstiger  war  die  Stimmung  des  Bauern  meist  gegenüber ­
  solchen  Unternehmen,  an  denen  er  als  Lieferant ­
  direkt  interessiert  war,  wie  Konservenfabriken, ­
  Milchsiedereien,  Zuckerfabrik  Aarberg.  Wie  der
Zug  nach  der  Stadt  den  Übergang  vom  Getreidebau
zu  Wiesenbau  und  Viehzucht  beschleunigte,  ist  im
Abschnitt  über  die  Landwirtschaft  gesagt  worden.
Jsrd-ru-g  Im  ganzen  genommen  hat  der  Aufschwung  der
wirgchaft  Industrie  auch  den  Landbau  mächtig  gefördert.  Mit
der  starken  Zunahme  der  industriellen  Bevölkerung
fanden  die  Lebensmittel  immer  besseren  Absatz  und
stiegen  im  Preise.  Die  verstärkte  Nachfrage  spornte
zu  einem  sorgfältigen,  auf  größten  Ertrag  gerichteten ­
  Bodenbau  an  und  steigerte  den  Wert  des
landwirtschaftlichen  Grundbesitzes.  Will  der  Landwirt ­
  seine  Erzeugnisse  vorteilhaft  verkaufen,  so  muß
die  Zufuhr  aus  dem  Ausland  zurückgedämmt  werden; ­
  ihm  ist  mit  hohen  Einfuhrzöllen  auf  die  Le-
        <pb n="103" />
        J

''Ofj&amp;amp;j.

,  Anck-mia

'ffffyjsfsP

ypjssen

ßnJUf‘/y

(rU/Wc/ui\\

M'dnnele/i.

I  A"_.  *“5  &amp;gt;
!■  Ms

liisilj-SIEGFRIED

  -  ATLAS

Massslab  1:50  000
0  I

2  Kiloni  .
        <pb n="104" />
        97

bensmittel  (z.  B.  Schlachtvieh,  Wein)  am  besten
gedient.  Die  Industrie  dagegen  hat  ein  Interesse
an  wohlfeilen  Nahrungsmitteln;  eine  teure  Lebenshaltung ­
  treibt  die  Arbeitslöhne  und  damit  auch  bett
Preis  der  Fabrikate  in  die  Höhe  und  erschwert
den  Wettbewerb  mit  der  ausländischen  Industrie.
Gleich  den  andern  Industrieländern  muß  auch  die
Schweiz  in  den  Zollverträgen  die  einander  widersprechenden ­
  Forderungen  der  Landwirtschaft  und  der
Industrie  berücksichtigen.
Die  Industrie  unseres  Landes  beschränkt  sich  T.;c„traiinicht
  auf  wenige,  große  Fabrikstädte.  Sie  hat  ihren
Weg  auch  auf  das  Land  und  in  die  entlegenen
Gebirgstäler  hinein  gefunden.  Hier  sind  die  Bodenpreise ­
  niedriger,  Lebenshaltung  und  Arbeitslöhne
meist  billiger  als  in  der  Stadt.  Nicht  selten  bestimmt ­
  auch  die  Wasserkraft  eines  Baches  den  Ort
einer  Fabrikanlage.  In  einzelnen  Jndustriegegenden
steht  beinahe  in  jedem  Dorf  eine  Fabrik,  so  im  Gebiet
  der  jurassischen  Uhrenindustrie.  Eine  solche  Dcrbmdu»«,
Dezentralisation  macht  es  vielen  Arbeitern  möglich,  “
nebenher  noch  Landwirtschaft  zu  treiben,  als  Nebenverdienst ­
  und  als  Gegengewicht  zur  einseitigen  Berufstätigkeit. ­
  Die  Verbindung  von  Landwirtschaft
und  Industrie  wird  zur  Regel  in  einzelnen  Hausindustrien, ­
  wie  Stickerei,  Band-  und  Seidenweberei.
In  den  beiden  letztgenannten  Zweigen  kehrt  sich
das  Verhältnis  geradezu  um:  Die  Landwirtschaft
ist  Hauptberuf,  die  Weberei  nur  Nebenverdienst
und  liegt  der  Frau  und  den  Töchtern  des  Hauses ­
  ob.  Der  Bauer  sieht  diese  Hausindustrie  nicht
ungern;  die  Töchter  bleiben  in  der  Familie  und  sind
der  Notwendigkeit  enthoben,  ihren  Unterhalt  in  der
Stadt  zu  suchen.  In  den  Zeiten  der  dringenden
Landarbeit  helfen  sie  als  billige  und  zuverlässige
Arbeitskräfte  aus  und  kehren  nachher  wieder  zum
Webstuhl  zurück.  Flauer  Geschäftsgang  macht  meist
Wickiger,  Schweiz

7
        <pb n="105" />
        98

zuerst  den  Hausindustriellen  arbeitslos.  Treibt  er
daneben  Landwirtschaft,  so  trifft  ihn  die  Not  nicht
so  hart,  wie  den  Arbeiter,  der  nur  auf  den  Fabriklohn ­
  angewiesen  ist.  Von  einem  Weberelend,  wie
es  im  schlesischen  Gebirge  in  der  Leinenweberei  vorkommt, ­
  ist  in  der  Schweiz  kaum  die  Rede.  Wenn
ein  Arbeiter  in  zwei  Berufsarten  tätig  ist,  so  liegt
allerdings  die  Gefahr  nahe,  daß  eine  oder  gar  beide
darunter  leiden.  Die  bäuerlichen  Sticker  im  St.
Galler  Rheintal  und  im  Appenzell  vertauschen  häufig ­
  den  feinen  Plattstich,  für  den  die  rauhen  Hände
nicht  recht  taugen,  mit  der  Kettenstich-  oder  Grobstickerei. ­
  In  der  Seiden-Hausweberei  ist  die  Klage
fast  allgemein,  daß  kein  Fortschritt  erzielt  wird;
die  Arbeiterinnen  betrachten  das  Weben  nur  als
Nebenverdienst  und  legen  keinen  großen  Lerneifer
an  den  Tag.
«fl  Die  Hausindustrie  ist  vorab  in  solchen  bäuerli-^dustn!'
  chen  Gegenden  heimisch,  wo  Wiesenbau  und  Viehzucht ­
  vorherrschen.  Dagegen  fehlt  sie  meist  in  Landstrichen ­
  mit  starkem  Ackerbau;  hier  sind  alle  Hände
und  mit  nur  geringer  Unterbrechung  in  der  Feldarbeit ­
  beschäftigt.  So  besteht  folgendes  Verhältnis
zwischen  Industrie  und  Landbau:  Die  Flucht  der
Arbeitskräfte  nach  den  Jndustrieorten  drängte  die
Landwirtschaft  zum  Futterban  und  zur  Viehzucht;
diese  bewahrten  wiederum  einzelne  Hausindustrien
vor  dem  Ruin.
        <pb n="106" />
        Handel.

Nach  Bodengestalt,  Bodenart  und  Klima  zeigen
die  Einzellandschaften  der  Schweiz  die  größten  Unterschiede; ­
  ebenso  ungleichartig  ist  ihre  Produktion.
Dieser  Umstand  nötigte  von  jeher  zu  einem  lebhaften ­
  Güteraustausch  zwischen  dem  Norden  und
Süden,  zwischen  Flachland  und  Gebirge,  zwischen
Land  und  Stadt.  In  günstiger  Verkehrslage  entwickelten ­
  sich  eine  Reihe  von  Orten  zu  Handelsmittelpunkten,
  vorab  an  solchen  Stellen,  wo  Straßen
mrs  verschiedener  Richtung  zusammenlaufen.  Solche
Ztraßenknoten  finden  sich  an  der  Eingangstüre  zu
reich  verzweigten  Talschaften  (Chur,  Thun),  an  althergebrachten ­
  Flußübergängen  (Brugg)  und  am  untern ­
  Ende  der  Seen  (Genf,  Neuenburg,  Biel,  Thun,
Luzern,  Zürich;  ebenso  gilt  es  für  Konstanz).
Ungleich  tvichtiger  als  der  Binnenhandel  ist  der
Güteraustausch  mit  dem  Ausland,  der  Spezialhandel, ­
  dem  einzelne  Grenzorte  ihr  Aufblühen  verdanken: ­
  so  leitet  Basel  den  Verkehr  aus  dem  Rheingebiet ­
  und  von  der  Nordsee  her,  Genf  den  Verkehr
vom  Mittelländischen  Meere  durch  das  Rhonetal
in  die  Schweiz  hinein.  Einst  war  die  Schweiz  als
abgeschlossenes  Bergland  zum  guten  Teil  darauf
angewiesen,  sich  selbst  mit  Lebensmitteln  und  andern
Bedürfnissen  zu  versorgen.  Das  Aufblühen  der
Industrie,  die  starke  Zunahme  der  industriellen  Bevölkerung ­
  und  der  gesteigerte  Verkehr  brachten  unserem ­
  Land  ganz  andere  Verhältnisse.  Heute  ist

Binnen-Handel


Special-Handel
        <pb n="107" />
        100

die  Schweiz  darauf  angewiesen,  die  Erzeugnisse  seiner ­
  hochentwickelten  Industrie  gegen  ausländische
Lebensmittel  und  Rohstoffe  auszutauschen.  In  der
gleichen  Lage  befinden  sich  die  meisten  Länder  Westeuropas. ­
  Dagegen  vermögen  die  verhältnismäßig
schwach  bevölkerten  Ackerbauländer  Osteuropas  dem
industriellen  Westen  ihren  Überfluß  an  Lebensmitteln ­
  abzugeben.
e&amp;gt;»fuhr  und  Die  Gesamteinfuhr  der  Schweiz  erreichte  1909
den  Wert  von  1602  Mill.  Fr.,  die  Ausfuhr  1098
Mill.  Fr.  Mit  dieser  gewaltigen  Handelsbewegung
steht  die  Schweiz,  nach  der  Kopfzahl  der  Bevölkerung ­
  berechnet,  weitaus  an  der  Spitze  aller  Länder. ­
  Die  Mehreinfuhr  hat  nicht  notwendigerweise
die  Verarmung  des  Landes  zur  Folge;  denn  durch
den  Fremdenverkehr  und  durch  Geschäftsunternehmungen ­
  kommen  bedeutende  Summen  über  die
Grenze  herein,  die  den  Unterschied  im  Güteraustausch ­
  mehr  als  aufwiegen.
Handel  Die  Binnenlage  nötigt  die  Schweiz  zu  einem
«&amp;gt;7n",«nder„starken  Warenaustausch  mit  den  Grenzländern.  Vor
allem  lehnt  sie  sich  an  Deutschland  an,  wie  aus  der
hohen  deutschen  Einfuhr  hervorgeht;  Deutschland
sieht  in  der  Schweiz  einen  trotz  der  geringen  Größe
des  Landes  wichtigen  Abnehmer  seiner  Produkte.
Unter  den  vier  Grenzstaaten  hat  Österreich-Ungarn
die  schwächsten  Handelsbeziehungen  zur  Schweiz.
Der  Grund  liegt  wohl  darin,  daß  sich  das  schwach
bevölkerte  und  an  Hilfsmitteln  arme  österreichische
Alpenland  als  breite  Schranke  zwischen  der  Schweiz
und  dem  Kernland  des  Donaustaates  aufrichtet.
Anteil  Die  folgenden  Zahlen  zeigen  den  Anteil  einzelner
Pro;ente»  an  der  Einfuhr  und  Ausfuhr  der  Schweiz
in  Prozenten.^)
Einfuhr  Ausfuhr
Deutschland  33  o/o  23  %

*)  Alle  Zahlen  gelten  für  1909.
        <pb n="108" />
        101

Österreich-Ungarn

Einfuhr
6  o/o

Ausfuhr
6  o/o

Die  vier  Grenzländer

70  o/o

48  o/o

Europa

87  o/o

75«/o

Die  wichtigsten  Bezugs-  und  Absatzgebiete  sind  «»fuhr  und
mit  den  folgenden  Summen  beteiligt  (in  Mill.  Fr.*"xN^

Total

Einfuhr
1602

Ausfuhr
1098

Deutschland

534

254

Österreich-Ungarn

102

70

Frankreich

306

120

Italien

185

83

Grenzländer

1127

527

Belgien

35

20

Großbritannien

91

182

Rußland

82

34

Spanien

12

18

Niederlande

17

8

Rumänien

20

6

Egypten

24

6

Britisch  Indien

8

15

China

10

2

Japan

12

8

Kanada

5

19

Vereinigte  Staaten

64

146

Brasilien

14

9

Argentinien

25

22

Australien

12

8

Bezugsländer.  Die  Schweiz  bezieht  die«e,uM-mdcc
Lebensmittel  zum  größten  Teil  aus  Rußland,  aug
den  vier  Nachbarländern,  Rumänien,  Spanien  und
        <pb n="109" />
        102

Amerika.  Rußland  und  Rumänien  liefern  den
Weizen,  Frankreich,  Italien  und  Spanien  Wein,
die  Nachbarländer,  mit  Frankreich  an  der  Spitze,
das  Schlachtvieh.  Den  Zuckerbedarf  deckt  Österreich ­
  mehr  als  zur  Hälfte.  Der  Kaffee  stammt
vorwiegend  aus  Brasilien  und  Zentralamerika,
Reis  aus  Italien  und  Britisch  Indien,  Speiseöl
aus  Südfrankreich.
Rohstoffe  Die  Rohstoffe  machen  mehr  als  Vs  der  Einfuhr ­
  aus.  Deutschland  liefert  uns  Kohle  und  Eisen,
China,  Japan,  Italien  und  Frankreich  die  Rohseide;
die  Baumwolle  stammt  zu  gleichen  Teilen  aus  Egypten ­
  und  den  Südstaaten  der  Union,  die  Wolle
aus  Australien.  Holz  wird  aus  Österreich,  Petrol
aus  der  Union  und  aus  Österreich  zugeführt.
Fabrikate  An  der  Einfuhr  fremder  Fabrikate  ist  Deutschland ­
  in  hohem  Maße  beteiligt.  Von  der  Gesamteinfuhr ­
  an  Industrie-Erzeugnissen  (1909)  im  Wert
von  543  Mill.  Fr.  macht  der  deutsche  Anteil  295
Mill.  Fr.  aus.  Darin  nehmen  Maschinen,  Eisenwaren
  und  Textilwaren  die  erste  Stelle  ein.  Ähnlich ­
  ist  das  Verhältnis  bei  der  Einfuhr  aus  Frankreich, ­
  deren  Betrag  allerdings  nur  1 / i  der  deutschen ­
  ausmacht.  Die  Einfuhr  an  Fabrikaten  aus
England  besteht  vorwiegend  aus  Woll-  und  Baumwollstoffen. ­

kidsasländer  A  b  s«  tz  l  ä  II  d  e  r.  In  den  Ausfuhrziffern  der
Schweiz  tritt  klar  die  hohe  Bedeutung  der  Industrie ­
  zutage,  machen  doch  die  Fabrikate  3 / 4  des
gesamten  Exportwertes  aus.  Als  beste  Abnehmer
der  schweizerischen  Fabrikate  nehmen  England  und
Deutschland  mit  je  153  Mill.  Fr.  zahlenmäßig
den  gleichen  Rang  ein;  die  Vereinigten  Staaten  folgen ­
  mit  131  Mill.  Fr.  Vom  Export  schweizerischer
Fabrikate  war  im  einzelnen  im  Abschnitt  iiber  dis
Industrie  die  Rede  (Seite  76).
        <pb n="110" />
        Verkehrswege.

1.  Allgemeines.
Einfluß  der  Alpen  und  Jura  umrahmen  die  Schweiz  als
rtlrst  mächtige  Grenzmauern.  An  ihnen  staut  sich  der
Verkehr.  Sie  scheinen  unserem  Land  eine  strenge
Abgeschlossenheit  von  den  Nachbarländern  im  Norden ­
  und  Süden  aufzulegen.  Dagegen  leitet  die
Mulde  zwischen  den  beiden  Gebirgen,  das  Mittelland, ­
  die  Verkehrswege  wie  in  einem  breiten  Kanal
in  west-östlicher  Richtung.  Das  Mittelland  wird
so  zum  natürlichen  Durchgang  zwischen  dem  französischen ­
  Rhonegebiet  und  den  Ländern  an  der  obern
Donau.
Zwischen  Nord-  und  Südeuropa  besteht  infolge
des  klimatischen  Gegensatzes  ein  viel  größerer  Unterschied ­
  in  den  Landeserzeugnissen  als  zwischen
Ländern,  die  westlich  und  östlich  der  Schweiz  liegen.
Das  führt  zu  einem  besonders  lebhaften  Güteraus-N«dsiid-
  tausch  in  der  Nordsüdrichtung,  quer  zu  den  Berg-”'
 fl "  ketten  des  Jura  und  der  Alpen,  die  somit  gerade
deni  Hauptverkehr  ein  Hindernis  in  den  Weg  legen.
Im  allgemeinen  passen  sich  die  Wege  den  Tallinien ­
  an,  die  ihnen  den  Vorteil  der  geringsten  Steigung ­
  gewähren.  Der  Kleinvcrkehr  stockt  an  einem
Hindernis  oder  sucht  es  zu  umgehen.  Der  durchgehende
große  Verkehr  dagegen  überwindet  niit  den  reichen
Mitteln  der  Technik'die  Gebirgsschranken  und  bahnt
sich  den  kürzesten  und  bequemsten  Weg.  Von  jeher
        <pb n="111" />
        105

führten  zahlreiche  Pässe  über  Alpen  und  Jura  hinweg; ­
  viele  davon  sind  im  letzten  Jahrhundert  zu
breiten  Straßen  umgebaut  worden;  vor  allem  aber
haben  die  Eisenbahnen,  dem  ungünstigen  Bau  des
Landes  zum  Trotz,  quer  durch  die  Gebirge  den  Weltverkehr ­
  mitten  durch  unser  Land  geleitet.^)
Am  Steilabfall  des  Jura  gegen  das  Mittelland
liegt  ein  natürliches  Verkehrshindernis;  nur  vereinzelte ­
  Lücken  öffnen  einen  Durchgang.  Häufig
folgen  die  Wege  den  Querdurchbrüchen  der  Flüsse.
Der  Rhonedurchbruch  unterhalb  Genf  ist  die  Eingangspforte ­
  zur  Schweiz  vom  südwestlichen  Frankreich ­
  her.  Die  großen  Verkehrswege  aus  dem  Norden ­
  Frankreichs  dringen  bei  Vallorbe,  durch  das
Traverstal  und  bei  Locle  durch  das  St.  Jmmertal
  in  das  Mittelland  ein.  Basel  sammelt  wie
ein  Brennpunkt  des  Verkehrs  die  Wege  aus  dem
nordöstlichen  Frankreich  und  dem  Rhcingebiet  und
leitet  sie  durch  drei  Flußtäler  quer  durch  den  Jura
in  die  innere  Schweiz:  Der  Airs  entlang  über
die  Pierre  Pertuis  (siehe  Karte  IV),  durch  das
Tal  der  Ergolz  zum  obern  und  untern  Hauenstein
und  durch  das  Fricktal  über  den  Bötzberg.  Der
Durchbruch  der  Aare  von  Brugg  zum  Rhein  hinaus ­
  wird  als  Verkehrsweg  durch  den  wenig  zugänglichen ­
  und  schwach  bevölkerten  Schwarzwald,  der
breit  vor  dem  Ausgang  liegt,  stark  beeinträchtigt.
Durch  die  Lücke  zwischen  dem  Schaffhauser  Randen ­
  und  dem  Bodensee  dringen  dagegen  die  Wege
ungehindert  über  den  Rhein  hinweg  nach  Süddeutschland ­
  ein.  Die  ausgedehnte  Wasserfläche  des
Bodensees  ist  ein  weiteres  Hemmnis,  das  vom
Schnellverkehr  umgangen  werden  muß.
Die  Alpen  sind  nicht  ihrer  Mächtigkeit  entsprechend ­
  unwegsam.  Tiefgefurchte  und  geräumige

Püsie  und
Straßen

Jura

Alpen

über  die  Flußschiffahrt  siehe  Seite  46.
        <pb n="112" />
        106

«Mrll-ind

Täler  leiten  die  Wege  zu  den  innern  Landschaften
des  Gebirges  und  über  zahlreiche  Einsattelungen
hinweg.  Von  der  einzigartigen  Stellung  des  Gotthards ­
  war  bereits  die  Rede  (Seite  9).  Als  zentraler ­
  Alpenübergang  vermittelt  er  vor  allem  den
Verkehr  zwischen  den  Rheinlanden  und  Norditalien.
Die  Pässe  der  Berner  und  Glarner  Alpen  stehen
an  Bedeutung  weit  hinter  dem  Gotthard  zurück.
Der  große  Verkehr  umgeht  die  beiden  Flügel  der
Nordalpen  und  dringt  durch  die  Pforten  des  Rhoneund
  Rheintales  zu  den  Bergübergängen  der  Südalpen ­
  vor;  neuerdings  öffnet  die  Lötschbergbahn
einen  direkten  Zugang  durch  die  Berner  Alpen
ins  Wallis  zum  Simplontunnel.  Die  reiche  Gliederung ­
  der  Bergketten  durch  Quertäler  und  Paßeinschnitte ­
  erleichtert  den  Güteraustausch  querüber
in  solchem  Maße,  daß  die  Alpen  von  jeher  als  eines
der  meistbegangenen  Gebirge  gelten  konnten.  Über
den  Großen  St.  Bernhard  im  Westen  und  über  den
Septimer  im  Osten  führten  vielbenutzte  römische
Pässe  ins  Mittelland  und  zur  Rheinumbiegung
bei  Basel  hinaus.
Die  Hügel  des  Mittellandes  sind  für  den  Verkehr ­
  ein  viel  geringeres  Hemmnis  als  die  Alpenund
  Juraketten;  immerhin  folgen  die  Wege  auch
hier  sorgfältig  den  tiefsten  Stellen  und  weichen
den  Höhen  nach  Möglichkeit  aus.  Ohne  Stufe  treten
die  Flußtäler  aus  den  Alpen  iits  Mittelland  ein
und  ziehen  zwischen  den  parallel  lausenden
Höhenrücken  zum  Jurafuh  hinüber.  Ungehindert
dringt  der  Verkehr  auf  bequemen  Wegen  aus  dem
Mittelland  in  die  Alpentäler  ein  und  knüpft  zwischen ­
  den  beiden  ungleich  gearteten  Landschaften
bisweilen  engere  Beziehungen,  als  sie  im  Mittelland
in  der  Westostrichtung  von  Abschnitt  zu  Abschnitt
bestehen.  Hier  drängen  die  quer  zum  Jura  hinüber
ziehenden  Hügel  und  Täler  den  Verkehr  aus  der
        <pb n="113" />
        107

geraden  Richtung  ab.  Sv  umgeht  die  kürzeste  Verbindung ­
  zwischen  Zürich  und  Bern  die  Hügelreihe,
indem  sie  dem  Limmattal  und  dann  der  breiten
Senke  des  Aaretales  folgt.
In  der  Neuzeit  ist  der  Gütertransport  und  der
Personenverkehr  auf  größere  Entfernung  fast  gänz-^  2tcm ' 1
lich  auf  die  Eisenbahn  übergegangen.  Die  Straßen
haben  im  stark  anschwellenden,  örtlichen  Kleinoerkehr ­
  und  als  Zufahrtslinen  zu  den  Bahnen  einen
Ersatz  gefunden.  Der  Bau  der  Alpenbahnen  nahm
den  Alpenstraßen  einen  großen  Teil  ihrer  frühern
Bedeutung;  insbesondere  gilt  dies  von  den  Überdüngen, ­
  die  von  Bahnlinien  untertunnelt  worden
lind,  Simplon,  Gotthard,  Albula.  Für  den  engen
Zusammenschluß  benachbarter  Talschaften,  für  den
Touristen-  und  Lokalverkehr  bleibt  der  Wert  der
Alpcnstraßen  ungeschmälert.
2.  Eisenbahnen.
Der  Bau  von  Eisenbahnen  verschaffte  der  Dickung  de-Schweiz
  den  höchst  notwendigen,  bcquenien  Zugangbadn«rkr»r»
zu  den  Nachbarländern  und  einen  Ausgang  an  die
Nordsee  und  an  das  Mittelländische  Meer.  Schien
die  Schweiz  vor  der  Mitte  des  letzten  Jahrhunderts
eher  für  die  Weltabgeschiedenhcit  eines  Berglandes
bestimmt,  so  rückten  die  durchgehenden  Eisenbahnlinien ­
  dieses  Bergland  mitten  in  den  Weltverkehr
hinein.  Die  Eisenbahnen  und  die  Industrie  fördcr
len  einander  gegenseitig.  Wie  infolge  des  erleichterten ­
  Verkehrs  die  schweizerische  Landwirtschaft  den
Getreidebau  aufgab  und  sich  dem  Wiesenbau  und  der
Viehzucht  zuwandte,  wurde  früher  besprochen.  Die
Eisenbahnen  erschlossen  die  Schweiz  den  Scharen
des  internationalen  Reisepublikums;  sie  setzten  überdies ­
  auch  das  einheimische  Volk  in  Bewegung,  ist
doch  die  zunehniende  Volksvermischung  nach  Her-
        <pb n="114" />
        108

Dichte  des
Brchmietzes

-Entrvicklung
des
Bahnnetzes

fünft,  Sprache  und  Glaubeirsbekenntnis  zum  guten
Teil  dem  gesteigerten  Verkehr  der  Neuzeit  zuzuschreiben. ­

Das  Berg-  und  Hügelland  der  Schweiz  schien
sich  anfänglich  zum  Bau  von  Eisenbahnen  nicht
zu  eignen;  nur  im  Flachland  glaubte  man,  den
natürlichen  Wegen  folgend,  den  Betrieb  durchführen ­
  zu  können.  Der  fortschreitenden  Technik  ist  es
gelungen,  die  Schranken  zu  überwinden  und  die
Eisenbahnen  mit  Hülfe  großartiger  Kunstbauten  querdurch ­
  das  Gebirge  hindurchzuführen.  Heute  besitzen
die  schweizerischen  Bahnstrecken  eine  Gesamtlänge
von  über  5000  km.  Weitaus  der  größte  Anteil
fällt  auf  das  dichtbevölkerte  Mittclland  und  auf  den
Jura;  hier  ist  das  Eisenbahnnetz  so  engmaschig
wie  im  industriellen  Nordfrankreich.  Die  Länge
des  Bahnnetzes,  auf  die  Gesamtfläche  berechnet,  ergibt
eine  Dichte  der  Eisenbahnlinien,  mit  der  sich  die
Schweiz  neben  Deutschland  stellt  und  nur  hinter
den  hochindustriellen  Ländern  Belgien  und  England ­
  zurückbleibt.
Als  erste  Bahn  auf  dem  Boden  unseres  Landes
entstand  1844  die  Linie  von  St.  Ludwig  nach  Basel;
sie  war  bestimmt,  die  Handelsstadt  am  Rhein  den
mitteleuropäischen  Linien  anzuschließen.  1847  wurde
die  erste  Strecke  des  Mittellandes,  Zürich-Baden,
dem  Betrieb  übergeben,  ein  Teilstück  des  nachmaligen
Hauptstranges  vom  Bodensee  zum  Genfersee.  1857
trat  das  mittelschweizerische  Eisenbahnnetz  durch  den
Hauenstein  über  Basel  mit  den  Linien  des  Rheingebietes ­
  in  Verbindung.  Endlich  wurde  1882  mit
Unterstützung  Deutschlands  und  Italiens  die  Gotthardbahn ­
  fertig  gestellt,  die  über  den  Alpenwall
hinweg  das  Bahnnctz  Mittel-  und  Nordeuropas
mit  demjenigen  der  Poebene  verknüpfte  und  gleichzeitig ­
  das  ennetbirgische  Land  enger  an  die  übrige
Schweiz  anschloß.  Sie  öffnete  als  neue  Hauptlinie
        <pb n="115" />
        109

neben  dem  Brenner  in  den  Ostalpen  und  dem  Mont
Cenis  in  den  Westalpen  dem  Personenverkehr  und
Güteraustausch  zwischen  Nord--  und  Südeuropa
einen  Weg  mitten  durch  die  Schweiz.  Mit  1884
brachte  die  Arlbergbahn  eine  Verbindung  der
Schweiz  mit  dem  Herzen  der  österreichischen  Monarchie ­
  durch  die  Täler  der  Ostalpen  hindurch.  190ö
erhielt  die  Schweiz  in  der  Simplonlinie  die  zweite
Zufahrt  nach  Italien.  Gemäß  der  großen  Volksabstimmung ­
  1898  sind  die  wichtigsten  Linien  des
schweizerischen  Eisenbahnnetzes  an  der  Jahrhundertwende ­
  aus  den  Händen  der  Pritvatgeiellschaften
an  den  Bund  übergegangen  und  tragen  nunmehr
den  Namen  „Schweizerische  Bundesbahnen".
Das  Eisenbahnkreuz  Genf-Bodensee  und  Baselsoder ­
  Schafshaufen)-Gotthard-Chiasso  bildet  die
Grundlage  des  schweizerischen  Netzes;  die  erste  Linie
entspricht  der  Längsrichtung  des  Landes;  die  Gotthardbahn ­
  ist  der  Hauptstrang  quer  hindurch.  Dazu
gesellen  sich  einige  andere  Strecken,  die  als  Teilstücke ­
  durchgehender  Linien  einen  starken  Verkehr
zu  bewältigen  haben.
1.  Genf-Boden  see.  Genf  sammelt  als  südwestliches ­
  Eingangstor  der  Schweiz  den  Verkehr
von  Spanien  und  dem  südlichen  Frankreich  her.
Die  Hauptlinie  des  Mittellandes  zieht  von  Genf
über  Lausanne,  Freiburg,  Bern,  Olten,  Aarau,
Brugg,  Zürich  und  Winterthur  nach  Rvmanshorn
oder  nach  St.  Gallen-Rorschach  und  leitet  nordostwärts
  zu  den  Donauländern  über.  Ein  zweiter
Hauptarm  geht  von  Lausanne  durch  die  Senke  am
Jurafuße  über  Neuenburg,  Biel  und  Solothurn
nach  Olten.  Diese  Strecke  liegt  tiefer  als  die  Linie
über  Bern  und  wird  besonders  für  den  Güterverkehr ­
  bevorzugt.  Die  parallel  laufende  Broyetalbahn
  übernimnit  in  neuerer  Zeit  einen  Teil  der
Güterzüge,  um  die  Hauptlinien  zu  entlasten.

G  run  dlsge
dcö  Etsenbahm
  ikches

Gcuf-Bodeir«
ft-
        <pb n="116" />
        110

Arlbc-rg

Genf-B  ns&amp;lt;l

-Gotthard

2.  A  r  l  b  e  r  g  l  i  n  i  e.  Die  von  Frankreich  her
durch  den  Jura  ins  Mittclland  mündenden  Bahnen
laufen  in  Zürich  zusammen;  zu  der  Genf-Bodenseebahn ­
  kommt  die  Linie,  die  von  Nordfrankreich
her  den  Verkehr  über  Basel  und  durch  den  Bötzbergtunnel ­
  leitet.  Eine  natürliche  Fortsetzung  geht
dem  Zürich-  und  Walensee  entlang  ins  Rheintal
hinüber  und  wendet  sich  von  Buchs  aus  dem  Arlbergtunnel ­
  zu.  Die  Arlbcrgbahn  übernimmt  einen
Teil  des  Verkehrs  der  Orientlinie  Paris-München-Wien-Konstantinopel.
  In  Wien  trifft  sie  wieder
mit  der  Hauptlinie  zusammen.
3.  Genf-Basel.  Das  französische  Rhonetal ­
  und  Südwestdeutschland  stehen  durch  die  Bahn
Genf-Basel  miteinander  in  Verbindung.  Dem  Jurafuß ­
  entlang  fällt  sie  mit  der  Längsbahn  des  Mittellandes ­
  zusammen.  Von  Biel  aus  steigt  sie  durch
die  Klus  von  Reuchenette  zur  Pierre  Pertuis  empor ­
  und  folgt  dann  durch  Längstäler  und  Klüsen
dem  gestaffelten  Lauf  der  Birs  nach  Basel.
4.  Gotthard.  Die  Nordsüdbahn  der  Schweiz
dient  dem  Verkehr  aus  dem  industriereichen  Westdeutschland ­
  (Rheingebiet)  und  Belgien  nach  Italien. ­
  Sie  geht  über  Basel,  Hauensteintunnel,  Olten,
Luzern,  Gotthard,  Bellinzona,  Lugano  und  Chiasso
nach  dem  Mittelpunkt  der  Poebene,  Mailand.  Eine
zweite  wichtige  Zufahrt  zum  Gotthard  betritt  von
Stuttgart  her  die  Schweiz.  Sie  führt  über  Zürich,
schneidet  den  frühern  Umweg  um  den  Albis  durch
den  Albistunnel  ab  und  erreicht  über  Zug  bei
Goldau  die  Luzerner  Linie.  Zürich  und  Mailand
dürfen  als  Endpunkte  der  Gotthardbahn  gelten.  Der
15  km  lange  Gotthardtunnel  liegt  in  der  Mitte  bei
1154  m  Meereshöhe;  dies  verleiht  der  Gotthardbahn ­
  eine  größere  Leistungsfähigkeit  gegenüber  den
beiden  außerschweizerischen  Alpenbahnen,  dem  Brenner ­
  im  Osten  mit  1367  m  und  dem  Mont  Cenis
        <pb n="117" />
        111

im  Westen  mit  1295  m  Scheitelhöhe.  Um  dem
Gotthard  den  Vorsprung  zu  sichern,  kommen  die
Bundesbahnen  dem  französischen  Projekt  eines  Mt.
Cenis-Basistunnels^)  zuvor  durch  den  Bau  eines
Hauenstein-Basistunnels,  der  die  gegenwärtige
Scheitelhöhe  um  110  m  tiefer  legen  und  die  Zufahrt ­
  zum  Gotthard  beschleunigen  soll.  Die  Gotthardbahn ­
  öffnet  der  Schweiz  den  Zugang  zum  Nächstliegenden ­
  Seehafen,  zu  Genua.  Auf  diesem  Weg
gelangt  der  Weizen  Südosteuropas  in  unser  Land.
5.  Simplon-Lötschberg.  Die  Simplonbahn
  führt  aus  dem  östlichen  und  nördlichen  Frankreich ­
  durch  die  Westschweiz  über  Vallorbe,  Lausanne
und  Simplontunnel  nach  Norditalien;  hier  mündet
sie  in  den  Städten  Mailand  und  Turin.  Nach
der  Eröffnung  der  Zufahrtslinie  Delle-Bern-Lötschberg,
  deren  Einzugsgebiet  das  industrielle  Nordostfrankreich, ­
  Belgien  und  England  umfaßt,  wird  sie
auch  einen  Teil  des  bisherigen  Gotthardverkehrs
an  sich  ziehen.  Es  wird  überdies  geplant,  durch  den
Juradurchstich  Frasne-Vallorbe  für  die  Simplonlinie,
  durch  die  Kürzung  Münster-Lengnau  für
den  Lötschberg  eine  bessere  Zufahrt  zu  schaffen.
Vorläufig  ist  der  Gütertransport  durch  den  Sim-Plon
  noch  gering  und  steht  in  keinem  Verhältnis
zu  den  hohen  Baukosten;  von  den  neuen  Zufahrten
erwartet  man  eine  starke  Steigerung  des  Verkehrs.
Gegenüber  allen  andern  Alpenbahnen  ist  der  Simplon
  mit  einer  Scheitelhöhe  von  nur  705  m  in
^em  20  km  langen  Basistunnel  in  beträchtlichem
Vorteil.  Dagegen  hat  die  Lötschbcrgbahn  ün  13  km
langen  Tunnel  die  Höhe  von  1249  m  zu  überwinden. ­

Bahnprojekte.  Die  zwei  durchgehenden  Alpen-*)
  D.  h.  der  Tunnel  geht  durch  den  Fuß  oder  die
Basis  des  Gebirges.

Stmplon-Lötschberg


Bauprojekte
        <pb n="118" />
        112

Splügen
Kreina

Faucille

bahnen  am  Gotthard  und  am  Simplon  leiten  den
Weltverkehr  hier  durch  die  Zentralschweiz  und  das
Tessin,  dort  durch  das  Waadtland  und  das  Wallis.
Neuerdings  verschafst  sich  auch  Bern  durch  die  Simplonzufahrt
  im  Lötschberg  und  im  Juradnrchbruch  Müm
ster-Lenguau  eine  günstige  Verkehrslage.  Die  übrigen
Landesteile  liegen  mehr  oder  weniger  abseits  der
Alpendurchbrüche;  immer  energischer  dringen  sie  aus
den  Bau  eigener,  durchgehender  Linien.  Der  alles
beherrschende  Nordsüdverkehr  und  die  Qnerteilung  des
Mittellandes  durch  die  Flußtäler  und  Hügelzüge  zerlegen ­
  die  ganze  Schweiz  von  Westen  nach  Osten  in  Verkehrsabschnitte; ­
  jeder  derselben  betreibt  mit  besonderem ­
  Interesse  den  Alpen-  und  Juradurchstich,  der  ihm
den  Verkehr  zuleiten  soll.  In  Graubünden  kämpfen
vorläufig  noch  das  Splügen-  und  das  Greinaprojekt
um  den  Vorzug  bei  der  künftigen  Anlage  der  Ostalpenbahn. ­
  Der  Splügen  gewährt  die  kürzeste  und  zugleich
selbständige  Zufahrt  Bündens  zur  Poebene  hinaus;
dagegen  gereicht  ihm  der  Umstand  zum  Schaden,  daß
der  Südausgang  des  Scheiteltunnels  wie  beim  Simplon
auf  italienisches  Gebiet  zu  liegen  käme,  ferner,  daß  die
übrigen  Projekte  eine  längere  Strecke  auf  Schweizerboden ­
  verlegen  und  so  der  Schweiz  einen  größern  Anteil ­
  ail  den  Betriebseinnahmen  bringen  würden.  Die
Greinabahn  wäre  ein  rein  schweizerisches  Unternehmen,
könnte  aber  nur  als  Zufahrts-  und  Hilfslinie  der  Gotthardbahn ­
  gelten.  Das  Splügenprojekt  sieht  eine  Scheitelhöhe ­
  von  1033  m,  die  Greinabahn  eine  solche  von
918  oa  vor.  Die  letztere  müßte  in  einem  Töditunnel
die  Fortsetzung  durch  das  Glarnerland,  über  Zürich
und  Schaffhausen  durch  den  Randen  hindurch  nach
Süddeutschland  finden.  Der  Splügen  würde  dagegen
den  Verkehr  vom  Comersee  her  über  Chur  zum  Bodensee
  hinaus  leiten.  Genf,  im  Winkel  zwischen  Jura  und
Alpen  eingeengt,  wünscht  durch  den  Faucille-Durchstich
  einen  direkten  Zugang  aus  Nordfrankreich  zu  er-
        <pb n="119" />
        113

halten.  Nach  einem  französischen  Projekt  würde  diese
Linie  durch  einen  Mont  Blane-Basistunnel  zur  Poebene ­
  weitergeführt  werden.  Für  alle  diese  Alpenbahnen ­
  sind  Tunnels  von  über  20  km  Länge  vorgesehen.
Verkehrsmittelpunkte.  Die  wichtigsten
Verkehrszentren  liegen  im  Mittelland  an  den
Schnittpunkten  der  Nordsüdlinien  mit  der  Linie
Genf-Bodensee;  es  sind  die  Städte  Zürich,  Olten ­
  und  Lausanne,  denen  sich  binnen  kurzem
auch  Bern  anreihen  wird.  Die  Gotthardzufahrt
und  der  Schienenstrang  vom  Genfcrsee  zum  Bodensee ­
  wird  in  Zürich  überdies  von  der  Linie  Paris-Basel-Arlberg
  geschnitten;  die  unvergleichlich  günstige ­
  Verkehrslage  gibt  Zürich  ein  Übergewicht  gegenüber ­
  den  andern  Eisenbahnknotenpunkten.  Unter
den  andern  wichtigen  Plätzen  im  Mittelland  sind
die  Eisenbahngabeln  Biel  und  Winterthur
zu  nennen.  An  der  Landesgrenze  liegen  die  bedeutendsten ­
  Verkehrsmittelpunkte  an  den  Eingangstoren, ­
  da  wo  das  schweizerische  Eisenbahnnetz  den
Anschluß  an  die  ausländischen  Bahnen  findet.  Der
stärkste  Verkehr  mit  dem  Ausland  geht  über  Basel
zum  rheinischen  Tiefland;  Genf  ist  die  Pforte
vom  Rhonetiefland  her.  Unter  den  übrigen  Grenzorten ­
  stehen  an  erster  Stelle  Pruntrut,  Verhöres, ­
  V  a  l  l  o  r  b  e  an  den  Juraeingängen,
B  r  i  g  am  Simplontunnel,  C  h  i  a  s  s  o  an  der  Gotthardbahn, ­
  Buchs  an  der  Arlberglinie,  St.  Margarethen ­
  und  Schaffhausen  am  Zugang
nach  Süddeutschland.
Transitverkehr.  Die  Stellung  der  Schweiz
als  Durchgangsland  erhellt,  abgesehen  von  der  Personenbeförderung, ­
  aus  der  starken  Durchfuhr  an
fremden  Gütern  (Transit).  Der  Gütertransit  betrug ­
  1909  insgesamt  7,690,470  q;  1881  erreichte
er  noch  nicht  2  Mill.  q.  Die  verschiedenartige  Produktion ­
  Deutschlands  und  Italiens  macht  zwischen
Jlückiger,  Schweiz  8

Verkehrsmittelpunkte ­


Transitverkehr ­
        <pb n="120" />
        114

Elektrischer
Bahnbetrieb

diesen  Ländern  den  stärksten  Austausch  notwendig;
vor  allem  gehen  deutsche  Kohlen-  und  Eisenscndungen
  nach  dem  Süden.  Der  Gotthard  bewältigt
nahezu  den  gesamten  Nordsüdtransit,  da  der  Brenner
weniger  leistungsfähig  ist.  Der  Lötschbcrg  wird  einen
Teil  der  bisherigen  Gotthardfrachten  demSimplon
zuführen,  der  von  dem  französisch-italienischen  Warenaustausch ­
  infolge  der  Konkurrenz  des  Mt.  Cenis
nur  einen  bescheidenen  Teil  übernehmen  konnte.
Auf  die  Westostrichtung  fällt  ein  geringer  Transit,
weil  die  Produktion  der  Austauschländer  nicht  so
verschiedenartig  ist,  wie  diejenige  Nord-  und  Südeuropas. ­
  Am  Arlberg  bilden  überdies  die  ungünstigen ­
  Bctriebsverhältnisse,  wie  z.  B.  eine  Scheitelhöhe ­
  des  Tunnels  von  1311  m,  ein  Hemmnis  für
den  Transport  der  Massengüter.  Die  Verteilung
der  schweizerischen  Güterdurchfuhr  1909  auf  die
Hauptlinien  zeigt  den  gewaltigen  Vorsprung  des
Gotthards.  Vom  Gesamttransit  fielen  auf  die  Linien

Gotthard  91,1  o/o
Genf-Bodensec  3,8  o/o
Simplon  2,7  o/o
Arlberg  2,4  o/o

Elektrischer  Bahnbetrieb.  Die  schweizerischen ­
  Bahnen  verbrauchen  alljährlich  ausländische ­
  Kohle  im  Wert  von  annähernd  25  Mill.  Fr.
Seit  Jahren  sind  die  Vorarbeiten  im  Gang,  um
die  fremde  Kohle  durch  die  einheimischen  Wasserkräfte ­
  zu  ersetzen;  für  das  gesamte  Bahnnetz  soll
der  elektrische  Betrieb  durchgeführt  werden.  An
schon  bestehenden  elektrischen  Bahnen  mit  Normalgeleise ­
  sind  zu  nennen  die  Linien  Burgdorf-Thun,
Freiburg-Murten-Jns  und  Orbe-Chavornay;  eben
so  werden  die  Züge  durch  den  Simplontunncl  zwischen ­
  Brig  und  Jselle  zur  Vermeidung  der  Rauchplage ­
  mit  elektrischen  Lokomotiven  befördert.
Schmalspur-  und  Bergbahnen  in  ansehnlicher  Zahl
        <pb n="121" />
        115

sind  für  elektrischen  Betrieb  eingerichtet,  und  jedes
Jahr  werden  neue  Strecken  elektrifiziert.  Die  Kraftanlagen ­
  und  der  Umbau  des  gesamten  Bahnnetzes
erfordern  einige  hundert  Millionen  Franken.  Die
geeigneten  Wasserkräfte  sind  ungleichmäßig  über  das.Wasserkräfte
Land  verteilt.  Das  westliche  Mittelland  und  die
Nordwest-Schweiz  verfügen  über  nur  ungenügende
Kräfte  und  machen  kostspielige  Zuleitungen  aus
den  von  der  Natur  begünstigten  Landesteilen  notwendig. ­
  Es  wird  geschätzt,  daß  sich  im  Anfang
die  Kosten  des  elektrischen  Betriebes  gegenüber  dem
Dampfbetrieb  nur  mäßig  vermindern  (höchstens  um
V 4 ).  Für  die  Zukunft  wird  die  Rechnung  um
vieles  günstiger,  schon  darum,  weil  die  Kohlenprcise
und  damit  auch  die  Betriebskosten  der  Dampfbahnen ­
  steigen.  Der  Übergang  zur  Elektrizität  soll
die  schweizerischen  Bahnen  aus  der  drückenden  Abhängigkeit ­
  von  den  ausländischen  Kohlengruben  lösen. ­
  Sind  die  Wasserkräfte  auch  nicht  umsonst  zu
haben,  so  bleiben  doch  die  aufgewendeten  Summen
dem  Lande  erbalten.  Sie  konimen  größtenteils  der
heimischen  elektrischen  Industrie  zugute,  die  durch
den  Umbau  auf  Jahre  hinaus  reiche  und  lohnende
Arbeit  erhält.  Für  den  elektrischen  Betrieb  der  Bundesbahnen ­
  sind  bereits  die  Wasserkräfte  am  Tessin,
der  obern  Rcuß  und  von  dem  projektierten
Stausee  der  Sihl  bei  Einsiedeln  (Etzelwerk)  ge-
        <pb n="122" />
        Fremdenverkehr.

Fremdenverkehr ­


Entwicklung

Fremdengebiete ­


Alljährlich  besuchen  Hundcrttausende  von  Fremden ­
  die  Schweiz,  um  die  Schönheit  des  Landes
zu  genießen,  um  sich  in  der  Ruhe  und  in  der  reinen
Luft  der  Bergeshöhen  von  der  Alltagsarbeit  zu  erholen, ­
  oder  um  an  den  Heilquellen  Genesung  zu
finden.  Für  die  vom  Besuch  bevorzugten  Gegenden ­
  ist  der  noch  beständig  anschwellende  Strom  der
Vergnügungsreisenden  und  Kurbedürftigen  längst
von  hoher  Bedeutung  geworden,  verdanken  sie  doch
dem  Fremdenverkehr  einen  großen  Teil  ihres  Wohlstandes. ­

Der  gewaltige  Fremdenverkehr  der  Gegenwart
geht  auf  bescheidene  Anfänge  zu  Beginn  des  vorigen ­
  Jahrhunderts  zurück.  Die  ersten  Besuche  galten
dem  Rheinfall,  dem  Rigi,  dem  Vierwaldstätter-,
Genfer-  und  Zürichsee.  Allmählich  kamen  auch  die
Landschaften  der  Nordalpen,  vor  allen  das  Berner
Oberland  an  die  Reihe.  Erst  seit  wenigen  Jahrzehnten ­
  sind  auch  die  inneren  Teile  der  Alpen,  Graubünden ­
  mit  dem  Engadin  und  das  Wallis  im  vollen
Maß  dem  Frenidenstrom  erschlossen  worden.
Heute  dürfen  als  die  von  Fremden  und  Einheimischen ­
  meist  besuchten  Gegenden  gelten:  1.  Der
Genfersee  mit  den  Kurorten  Vevey,  Clärens,
Montreux,  Territet-Glion  am  Ufersaum  des  Weingeländes ­
  von  Lavaux;  ebenso  weisen  Lausanne  und
Genf  einen  regen  Fremdenbesuch  auf,  das  letzte  auch
als  Ausgangspunkt  für  die  Reise  ins  Tal  von
        <pb n="123" />
        117

Chamonix  am  Fuße  des  Mont  Blanc.  2.  Das
Wallis,  wo  inmitten  des  Hochgebirges  Zermatt
den  Mittelpunkt  für  die  Touristen  bildet.  3.  Das
Berner  Oberland  mit  dem  Brienzer-  und
Thunersee  und  dem  Fremdenort  Jnterlaken.  Von
hier  aus  dringt  der  Verkehr  in  die  Täler  hinein  und
konzentriert  sich  in  Meiringen,  Grindelwald,  Lauterbrunnen, ­
  aus  der  Wengernalp  und  in  Lenk.  4.
Der  V  i  e  r  w  a  l  d  st  ä  t  t  e  r  s  e  e  mit  den  Aussichtspunkten ­
  Rigi,  Pilatus,  Bürgenstock  und  Stanserhorn
  und  dem  als  Fremdenstadt  altberühmten  Luzern. ­
  5.  Graubünden,  dessen  stärkst  besuchtes
Gebiet,  das  Engadin  mit  dem  Fremdenplatze
St.  Moritz,  Sommer  und  Winter  die  gleiche  Anziehungskraft ­
  bewährt.  6.  In  der  S  ü  d  s  ch  w  e  i  z
wetteifern  Lugano  und  Locarno  an  Bedeutung  als
Kurorte.  —  Mehr  und  mehr  wird  auch  das  wiesengrüne, ­
  aussichtsreiche  Hügelland  des  Appenzell  als
Sommerfrische  bevorzugt.  Dagegen  treten  die  Uferlandschaften ­
  des  Neuenburger-,  Vieler-  und  Murtensees ­
  trotz  ihrer  Anmut  im  Fremdenbesuch  stark  in
den  Hintergrund.  Der  Strom  der  Reisenden  wendet
sich  an  ihnen  vorüber  dem  Genfersee  oder  dem
Berner  Oberland  zu.
Dem  wachsenden  Verkehr  dienen  eine  Reihe  von
Touristenbahnen,  die  zum  Teil  die  wichtigen  Fremdcnbezirke
  miteinander  verbinden.  Eine  elektrische
Bahn  verknüpft  das  Chamonix  durch  das  Tal  des
Trient  mit  dem  inneren  Wallis  und  dem  Genfersee.
Ebenso  führt  eine  elektrische  Bahn  von  Montreux
nach  Zweisimmen  im  Berner  Oberland.  Die  Brünigbahn
  bringt  den  Reisenden  aus  dem  Berner  Oberland ­
  an  den  Vierwaldstättersee.  Die  Albulabahn
dient  in  besonderem  Maße  dem  Fremdenverkehr,
da  sie  erst  eigentlich  dem  Engadin  die  Hochflut
von  Reisenden  zugeführt  hat  und  nun  auch  die
wichtige  Aufgabe  erfüllt,  die  Verproviantierung  der

Douristenbabnen
        <pb n="124" />
        118

Heilquellen

Höhenklima

großen  Menschenzcchl  im  produktenarmen  Hochtale
sicher  zu  stellen.  Wie  die  Albulabahn  dem  Engadin,
so  hat  erst  die  Gotthardbahn  den  Seen  und  Kurorten
am  Südfuß  der  Alpen  den  Massenbesuch  zugeführt.
Infolge  des  Fremdenverkehrs  und  zu  dessen  Förderung ­
  sind  viele  der  schönsten  Aussichtspunkte  des
Landes  durch  Bergbahnen  bequem  zugänglich  gemacht
  worden.
Wo  heilkräftige  Quellen  zutage  treten,  da  sind,
von  Einheimischen  und  Fremden  stark  besucht,  stattliche ­
  Kurorte,  einzelne  Badehotels  oder  ganze  Hotelkolonien ­
  entstanden,  wie  z.  B.  Leuk  im  Wallis,
Lenk  im  Simmental,  Gurnigel,  Schinznach,  Baden,
Stachelberg  bei  Linthal,  Ragaz,  Tarasp  im  Unterengadin. ­

Hoch  über  den  Nebeln  des  Flachlandes  machen
sich  die  Lungenkurorte  Davos,  Arosa,  Leysin  u.  a.
die  Hauptvorzüge  des  Höhenklimas  zu  nutze:  Die
trockene,  reine  Bergluft  und  das  starke  Licht.
Auf  dem  langen  Weg  durch  die  Lufthülle  bis  zum
Boden  werden  die  Sonnenstrahlen  geschwächt:  dies
trifft  besonders  in  den  untern  Luftschichten  zu,  deren
Dunst  und  Staub  sich  gleich  einem  Sonnenschirm  über
die  Erde  breitet.  In  der  Höhe  ist  die  Licht-  und  Wärmewirkung ­
  der  Sonnenstrahlen  fühlbar  stärker.  Die  blendende ­
  Lichtfülle,  verstärkt  durch  die  Rückstrahlung  von
den  Schneefeldern,  schwärzt  den  Holzbau  der  Alphütten,
verleiht  aber  auch  den  Alpeublumen  die  leuchtenden
Farben.  Die  kräftige  Strahlung  wirkt  tief  auf  den
menschlichen  Körper  ein;  sie  bräunt  die  Haut  und  trägt
zur  Heilung  der  Lungenkranken  in  hohem  Maße  bei.
Direkt  von  den  Sonnenstrahlen  getroffene  Körper
werden  stark  erwärmt;  die  Temperatur  der  Lust  selbst
wird  von  den  Strahlen  kauin  beeinflußt.  Das  ist  der
Grund  für  die  allen  Besuchern  der  Höhenkurorte  bekannte ­
  Erscheinung,  daß  mitten  im  Winter  im  Sonnen-
        <pb n="125" />
        119

licht  eine  wohlige,  sommerliche  Wärme  herrscht,  während ­
  gleichzeitig  im  Schatten  das  Thermometer  bei
0°  stehen  kann.
Der  Winter  ist  die  hellste  Jahreszeit  im  Gebirge.
Wochenlang  wölbt  sich  ein  strahlender,  blauer  Himmel
über  der  Schneelandschast,  und  die  ununterbrochene
Reihe  sonniger  Tage  läßt  vergessen,  daß  in  der  Tiefe
die  kalten  grauen  Nebel  liegen.
Die  Vorzüge  des  Höhenklimas,  die  immer  mehr  Mnt«-anerkannte
  Schönheit  des  Gebirges  im  Winter  und
die  mannigfaltige  Gelegenheit  zur  Ausübung  des
Schnee-  und  Eissportes  führen  zur  Winterszeit
Scharen  von  einheimischen  und  fremden  Besuchern
in  die  Berge.  Außer  den  oben  genannten  Lungenkurorten ­
  haben  sich  noch  viele  andere  Höhenorte
zu  bekannten  Wintersportplätzen  entwickelt;  allen  Wintersport
voran  steht  St.  Moritz;  unter  den  übrigen  sind
zu  nennen:  Pvntresina,  Andermatt,  Engelberg,  Rigi,
Grindelwald,  Wengen,  Kandersteg,  Adelboden,
Zweisimmen,  Chaüteau  d'Oex,  Les  Avants,  Caux:
auf  den  sonnigen  Rücken  und  Hochflächen  des  Jura
u.  a.  Sie.  Croix,  Chaumont,  Sonnenberg  bei  St.
Inner  und  Weißenstein.  Alle  diese  Plätze  sind  für
Sommer-  und  Wintcrsaison  eingerichtet.
Es  wird  geschätzt,  daß  jedes  Jahr  annähernd  ä^ l b iec
500  000  Reisende  die  vom  Fremdenverkehr  bevor-  ’  ‘ an  c "
sugtcn  Gebiete  der  Schweiz  besuchen.  Die  Deutschen
sind  mit  30  o/o  am  stärksten  vertreten.  Dann  folgen
die  Schweizer  selbst  mit  20  o/o  aller  Reisenden,
die  Engländer  mit  14  o/o  und  die  Franzosen  mit
12  o/o.  Die  Engländer  gelten  als  besonders  seßhafte ­
  Gäste.  Bis  jetzt  gaben  sic  auch  den  Wintersportplätzen ­
  ihr  besonderes  Gepräge;  neuerdings
überwiegt  auch  hier  die  Zahl  der  deutschen  Besucher.
Die  Hochsaison  fällt  auf  Juli  und  August.
Der  Juni  wird  zur  Vorsaison  gerechnet;  seine  unbeständige
  Witterung  ist  für  das  Reisen  nicht  gün-
        <pb n="126" />
        stig.  Im  April  und  Mai  kommt  der  Strom  der
Ferienreisenden  nach  der  Südschweiz;  ebenso  werden
die  mildesten  Orte  am  Nordfuß  der  Alpen,  Gersau,
Vitznau,  Weggis  und  Montreux  für  den  Frühlingsaufenthalt ­
  bevorzugt.  Dagegen  tritt  für  Montreux ­
  mit  der  Hitze  des  Hochsommers  die  stille
Zeit  ein.
Einnahmen  In  der  schweizerischen  Hotelindustric  ist  eine
Summe  von  rund  800  Mill.  Fr.  angelegt.  Stetsfort ­
  werden  neue  Hotels  erstellt,  z.  T.  Prachtsbauten, ­
  mit  allem  erdenklichen  großstädtischen  Luxus
ausgestattet  (so  in  St.  Moritz,  Luzern,  Jnterlaken,
am  obern  Genfersee).  Der  Ertrag  des  Anlagekapitals
schwankt  ganz  bedeutend,  einerseits  nach  der  Witterung ­
  und  anderseits  nach  den  wirtschaftlichen  und
politischen  Verhältnissen  der  Länder,  die  uns  die
Hauptzahl  der  Besucher  senden.  Durchschnittlich  verzinst ­
  sich  das  Kapital  zu  4,7  o/o.  überdies  kommen
dem  Land  die  beträchtlichen  Summen  zugute,  die
von  den  Fremden  außerhalb  des  Gasthofes  ausgelegt
werden,  wie  z.  B.  für  Benutzung  der  Eisenbahnen,
der  Dampfschiffe,  der  Fuhrwerke,  der  Tragtiere;
ferner  für  Post  und  Telegraphen,  als  Entlöhnung
der  Führer  und  Träger,  sowie  für  Schmuck,  Kleidung, ­
  Reiseandenken  usw.  Kommen  auch  die  Einnahmen ­
  dem  ganzen  Lande  zu  gut,  so  ist  doch  vor
allem  das  Alpcnland  daran  interessiert.  Hier  ist  der
»^Fr-md-n  Fremdenverkehr  zu  einer  eigentlichen  Industrie  ge-»eriehr»
  morden,  die  an  Bedeutung  hinter  keinem  der  großen
Erwerbszweige  zurücksteht.  In  dem  an  Hülssmitteln ­
  armen  Bergland  ist  dank  des  Fremdenbesuchs
ein  gewisser  Wohlstand  eingezogen.  Er  begünstigt
überdies  die  landwirtschaftliche  Produktion  und  einzelne ­
  Industrien,  die  an  den  Fremdenplätzcn  einen
Teil  ihrer  Fabrikate  absetzen,  wie  Uhren,  Bijouterien, ­
  Seide,  Stickereien,  Holzschnitzereien,
Schokolade.-
        <pb n="127" />
        Bevölkerung.

Manche  vorgeschichtlichen  Funde  bezeugen,  daß  »«timst
unser  Land  seit  uralter  Zeit  von  Menschen  bewohnt
wird.  Ihre  ältesten  Spuren  finden  sich  in  der  Höhle
des  Wildkirchli  am  Säntis.  Zersplitterte  und  angebrannte ­
  Knochen,  untermischt  mit  rohzugeschlagenen ­
  Steinwerkzeugen  lassen  erkennen,  daß  der
Mensch  hier  neben  dem  Höhlenlöwen  und  Höhlenbären ­
  lebte,  wahrscheinlich  während  einer  wärmeren ­
  Zwischenperiode  in  der  Eiszeit,  als  die  Gletscher ­
  vorübergehend  aus  dem  Vorland  verschwunden
waren.  Am  Ende  der  Eiszeit  findet  sich  der  Mensch
zusammen  mit  dem  nordischen  Renntier  im  Keßlerloch ­
  bei  Thaingen  im  Schaffhauser  Randen;  seit
jener  Zeit  dürften  weit  über  20,000  Jahre  verstrichen ­
  sein.  In  einer  viel  späteren  Zeit  wohnten  die
Menschen  in  Pfahlbauten  an  den  Seeufern.  Sie  gebrauchten ­
  vorerst  rohe,  dann  bearbeitete  Steinwerkzeuge ­
  (ältere  und  jüngere  Steinzeit)  und  ersetzten
sie  endlich  mit  steigender  Kultur  durch  Bronze  und
Eisen.  Die  Römerherrschaft  und  die  Züge  der  Völkerwanderung ­
  verpflanzten  wohl  fremde  Volksbestandtcile
  auf  den  keltischen  Boden  Helvctiens,  ohne
ledoch  die  Einheitlichkeit  der  ansässigen  Bevölkerung
ganz  zu  verdecken  und  ohne  die  schroffen  Rassengegensätze ­
  anderer  Länder  hervorzurufen.  Die  Alemannen ­
  und  Burgunder  drangen  von  Norden  heran ­
  den  Alpenfuß  vor;  jene  brachten  in  der  Ostund
  Mittelschwciz  die  deutsche  Sprache  zur  Geltung; ­
  diese  ordneten  sich  in  der  Westschweiz  der
        <pb n="128" />
        122

gallisch-römischen  Kultur  ein,  und  die  burgundische
Schweiz  wurde  zum  französischen  Sprachgebiet.  In
den  Tälern  Bündens  blieb  das  rätoromanische  Volk
vor  der  Alemannenüberflutung  verschont  und  bewahrte ­
  seine  Sprache  bis  zur  Gegenwart.  Die  Bewohner ­
  der  Südschweiz  lehnen  sich  in  Abstammung
und  Sprache  eng  an  ihre  Nachbarn  in  Nord  -
italien  an.
Mischung  Die  Schweiz  liegt  als  Ubergangsgebict  zwischen
den  hellen  nordeuropäischen  und  den  dunklen  südeuropäischen
  Völkern.  Ungeachtet  der  Gebirgsschranke
  hat  herüber  und  hinüber  eine  starke  Durchdringung ­
  beider  Bestände  stattgefunden.  Es  wird
geschätzt,  daß  zwei  Dritteile  der  heutigen  Bewohner
des  Landes  eine  Mischung  der  Körpermerkmale  nordischer ­
  und  südlicher  Völker  aufweisen.
Bolködichte  V  o  l  k  s  d  i  ch  t  e.  Nach  den  vorläufigen  Ergebnissen ­
  der  Volkszählung  hatte  die  Schweiz  am  1.
Dezember  1910  3  741  971  Einwohner.  Die  Volksdichtc
  beträgt  demnach  91  auf  den  km-  der  Gesamtfläche ­
  ;  auf  die  Fläche  des  produktiven  Bodenberechnet
  steigt  der  Durchschnitt  auf  123  für  den
km 2 .  Infolge  der  starken  Gliederung  des  Landes
ist  die  Volksdichte  sehr  ungleich.  Auffällig  wirkt
besonders  der  Gegensatz  zwischen  Gebirge  und  Flachland. ­
  Eine  Linie  vom  obern  Genfersee  dem  Alpenfuß ­
  entlang  zum  obern  Ende  des  Bodcnsees  nennt
den  stärker  bevölkerten  Nordwesten  des  Landes  (Mittelland ­
  und  Jura)  vou  den  durchschnittlich  schwächer ­
  bewohnten  Alpen.  Dicht  bevölkerte  Gebiete  sind
die  Städte  mit  ihrer  Umgebung,  einzelne  Seeuserstrecken ­
  (am  obern  Genfersee  und  am  untern  Zürichfee), ­
  die  tiefgelegenen  Talschaften  des  Mittellandes
und  des  südlichen  Tessins,  dann  aber  auch  die
Jndustriebezirke  der  Juratüler  und  des  Appenzeller
Hügellandes.  Im  Mittelland  zieht  sich  das  von
Menschen  bewohnte  und  bebaute  Gebiet  als  fast
        <pb n="129" />
        123

ununterbrochene  Flüche  über  Täler  und  Höhen  hinweg. ­
  In  den  Alpen  ist  der  Talgrund  mit  den  seitlichen ­
  Halden  der  Schauplatz  des  menschlichen
Lebens.  Als  schmaler  Streifen  zieht  sich  das  von
Menschen  besiedelte  Gebiet  den  Talverästelungen
folgend  ins  Gebirge  hinein.  Die  kahlen  oder  vereisten ­
  Bergkämme  überragen  und  umschließen  als
lebens-  und  verkehrsfeindlicher  Saum  die  Wohnfläche ­
  des  Tales.  Durch  den  Gebirgsrahmen  von
den  benachbarten  Landschaften  getrennt  schließen  sich
die  Talbewohner  zu  gemeinschaftlicher  Arbeit,  zu
eigener  Art  und  Geschichte  zusammen;  als  bekannteste ­
  Beispiele  können  die  Täler  von  Glarus,  Uri
und  das  Wallis  gelten.
Wohl  erscheint  die  Volkszahl  des  Alpenlandes,
auf  die  ganze  Flüche  verteilt,  gering.  Berechnet
man  sie  aber,  wie  es  einzig  der  Wirklichkeit  entspricht, ­
  auf  die  schmalen  bewohnten  Zonen,  so
kommt  man  zu  einem  ganz  anderen  Ergebnis.  Die
Alpentäler  gehören  zu  den  dicht  bewohnten  Teilen
der  Schweiz.  In  Rücksicht  auf  die  geringen  Hilfsmittel, ­
  die  der  Boden  zu  bieten  vermag,  sind  einzelne ­
  unter  ihnen  geradezu  übervölkert.
V  o  l  k  s  z  u  w  a  ch  s.  Seit  dem  Jahre  1850  ist
die  Bevölkerung  der  Schweiz  von  2  393  000  auf  die
oben  genannte  Zahl  oder  um  56  o/o  angewachsen.
Seit  1888  beträgt  die  jährliche  Zunahme  über
1  °/o,  was  vorher  nicht  vorgekommen  war.  Das
rührt  vorwiegend  vom  Uberschuß  der  Geburten  über
die  Sterblichkeit,  zum  geringen  Teil  auch  vom  Überwiegen ­
  der  Einwanderung  gegenüber  der  Auswanderung ­
  her.  Der  Bevölkerungszuwachs  ist  in  den
Städten  und  den  industriellen  Bezirken  am  größten ­
  ;  in  den  landwirtschaftlichen  Bezirken  nimmt  die
Vvlkszahl  nur  langsam  zu,  besonders  in  Lagen
abseits  des  Verkehrs;  stellenweise  geht  sie  sogar
zurück.  So  ist  z.  B.  seit  1850  die  Bevölkerung

in  den  Alpen

Lotksiuwachs
        <pb n="130" />
        124

Stadt  und
L«nv

Innere
Wanderung

von  Schaffhausen  und  Neuhausen  von  8600  auf
23500  Seelen  angewachsen,  während  sich  diejenige
des  übrigen  Kantonsteiles  von  26  700  auf  22  400
Seelen  verminderte.  Im  Durchschnitt  beträgt  der
jährliche  Bevölkerungszuwachs  in  den  landwirtschaftlichen ­
  Bezirken  der  Schweiz  6  Promille,  in  den
industriellen  Gebieten  15  Promille,  in  den  Städten
von  über  10  000  Einwohnern  dagegen  20  Promille.
Trotz  der  stark  entwickelten  Industrie  lebt  heute
noch  der  weit  überwiegende  Teil  der  Bevölkerung
aus  dem  Lande.  Während  in  manchem  Industriestaat
die  industrielle  Bevölkerung  sich  auf  einige  große
Fabrikstädte  konzentriert,  sind  in  der  Schweiz  die  Fabriken ­
  und  die  Arbeiterschaft  viel  gleichmäßiger  über  die
verschiedenen  Gebiete  des  Landes  verteilt,  wie  aus  dem
Beispiel  der  Uhrenindustrie  erhellt.  So  ist  es  einem
ansehnlichen  Teil  der  Fabrikbevölkerung  möglich,  die
Vorzüge  des  Landlebens  mit  ihrem  städtischen  Beruf
zu  vereinigen.  Immerhin  fallen  bei  dem  ungleichmäßigen ­
  Volkszuwachs  die  Städte  und  großen  Orte  immer
mehr  ins  Gewicht.  Die  Orte  von  über  10  000  Einwohnern ­
  beherbergten  1900  22  o/ 0r  igio  aber  schon
24  o/o  der  Gesamtbevölkerung;  für  die  Orte  von  über
«000  Einwohner  stieg  der  Anteil  im  gleichen  Zeitraum
sogar  von  26  o/o  auf  36  o/ 0 .  Unser  Volk  ist  auf  dem
Weg,  immer  städtischer  zu  werden.
Viele  Städte  haben  in  den  letzten  Jahrzehnten
einen  ungewöhnlich  starken  Zuwachs  erfahren.  1850
zählte  Zürich  (mit  Außengemeinden)  35  000  Einwohner,
im  Jahre  1910  dagegen  190000,  also  mehr  als  das
Fünffache,-  Basel  stieg  in  der  gleichen  Zeit  von  28  000
auf  132  000,  Bern  von  28  000  auf  85  000  Einwohner.
Von  1900  —1910  vermehrte  sich  die  Bewohnerzahl
von  Lausanne  um  mehr  als  1 /~,  die  von  Bern  um
1 /. d ,  die  von  Zürich  um  1 / i .
Innere  Wanderung.  Nach  langen  Jahrhunderten ­
  der  Seßhaftigkeit  und  der  Anhänglichkeit
        <pb n="131" />
        125

an  das  ererbte  Stücklein  heimatlichen  Bodens  ist
unser  Volk  in  eine  immer  lebhaftere  Bewegung ­
  gekommen;  die  Industrie,  das  Wachstum  der
Volkszahl  und  Volksdichte  und  der  erleichterte  Verkehr ­
  der  Neuzeit  haben  an  dieser  Wandlung  mitgewirkt. ­
  Beständig  geht  der  Überschuß  der  ländlichen
Bevölkerung  nach  den  ohnehin  volksreichen  Städten ­
  und  Industriegebieten;  von  dieser  Aufsaugung
auf  Kosten  der  landwirtschaftlichen  Gegenden  war
schon  in  Abschnitt  über  Industrie  und  Landwirtschaft ­
  die  Rede.  Infolge  des  Manderns  innerhalb
der  Landesgrenzen  kommt  eine  immer  stärkere  Mischung ­
  des  Volkes  nach  Herkunft,  Sprache  und  religiösem ­
  Bekenntnis  zustande.  1850  lebten  von  1000
Personen  noch  638  an  ihrem  Bürgerort;  1910
waren  es  nur  noch  336.
Auswanderung.  Wie  innerhalb  der  Landesgrenzen ­
  die  Volksbestandteile  ineinanderfließen,
so  geht  auch  an  der  Grenze  selbst  eine  ansehnliche
Wanderung  herüber  und  hinüber.  Schon  längst  verlassen ­
  alljährlich  Tausende  die  Heimat,  um  in  der
Fremde  ein  besseres  Auskommen  zu  finden.  Von
jeher  stellten  die  armen,  übervölkerten  Gebirgstäler
eine  starke  Schar  von  Auswanderern,  sah  sich  doch
schon  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  der  Rat
von  Bern  wiederholt  veranlaßt,  durch  besondere
Maßregeln  den  Auswandercrstrom  zurückzudämmen
und  der  Entvölkerung  im  besondern  der  Alpentäler
zu  wehren.  Seitdem  der  Fremdenverkehr  und  die
Industrie  den  Alpenbewohnern  einen  sichern  Verdienst ­
  verschaffen,  ist  die  Auswanderung  gesunken.
Sie  hörte  z.  B.  im  St.  Galler  Oberland  fast  gänzlich ­
  auf  von  dem  Zeitpunkt  an,  da  die  großen
Spinnereien  im  Seeztal  den  Betrieb  eröffneten.
Die  Statistik  verzeichnet  nur  die  Auswanderer,
die  nach  überseeischen  Ländern  ziehen  und  sich  zu
diesem  Zweck  an  eine  Auswanderungsagentur  wenAus- ­
        <pb n="132" />
        126

Einwanderung ­


Nationalität

den;  die  gewiß  nicht  geringe  Zahl  aller  übrigen
kann  nicht  festgestellt  werden.  Im  Jahre  1910  wanderten ­
  5178  Personen  nach  überseeischen  Ländern
aus,  wovon  4 / 5 ,  meist  als  Farmer,  nach  den  Vereinigten ­
  Staaten;  die  andern  wandten  sich  nach  Argentinien ­
  (besonders  aus  der  Südschweiz),  Kanada,
Brasilien.  Vor  20  Jahren  wurden  noch  doppelt
so  viele  Auswanderer  gezählt  wie  heute.
Einwanderung.  Für  die  Ausgewanderten
findet  sich  ein  der  Zahl  nach  mehr  als  ausreichender ­
  Ersatz  in  den  zuwandernden  Ausländern.  Zum
weitaus  überwiegenden  Teil  führt  sie  der  Erwerb
über  die  Grenze  herein;  andere  studieren  an  den
Hochschulen  oder  suchen  als  politische  Flüchtlinge
in  der  Schweiz  ein  Asyl.  Im  Jahrzehnt  1901!
bis  1910  überstieg  die  Zahl  der  Zugewanderten
die  der  Auswanderer  um  71500.  Nahezu  die  Hälfte
der  Fremden  sind  Angehörige  des  deutschen  Reichs;
auch  darin  machen  sich,  wie  beim  Handel,  die  engen
Beziehungen  der  Schweiz  zum  nördlichen  Nachbarland ­
  geltend.  Dann  folgen  der  Zahl  nach  Italiener,
Franzosen  und  Österreicher.  Die  Engländer  und
Russen  treten  gegenüber  den  Bürgern  der  Nachbarstaaten ­
  zurück.
Den  Italienern  liegt  der  Eisenbahn-  und  Tunnelbau ­
  ob;  als  Erdarbeiter  und  Maurer  finden
sie  überall  Verdienst;  naturgemäß  suchen  sie  die
Orte  mit  reger  Bautätigkeit  auf.  Viele  Italiener
sind  Saisonarbeiter,  die  im  Winter  gleich  den  Tessiner
  Arbeitern  in  die  Heimat  zurückkehren.  Die
Deutschen  bewohnen  als  Kaufleute,  Dekorationsarbeiter, ­
  Schriftsetzer,  als  Arbeiter  in  der  Seidenund
  in  der  chemischen  Industrie  vorwiegend  die
Städte  der  Nordschweiz,  Basel  und  Zürich.  Die
Österreicher  bevorzugen  Zürich  und  St.  Gallen,
und  die  Franzosen  sind  in  den  westschweizerischen
Städten,  vor  allem  in  Genf,  stark  vertreten.  Dw
        <pb n="133" />
        127

«inheimischen  Arbeiter  verlassen  mehr  und  mehr  gewisse ­
  ihnen  nicht  zusagende  Gewerbe,  und  an  ihre
Stelle  treten  die  Zugewanderten.
Kein  anderes  Land  Europas  beherbergt  im  Verhältnis ­
  zur  einheimischen  Bevölkerung  so  viele  Ausländer ­
  wie  die  Schweiz;  erreichten  sie  doch  1910
die  Zahl  von  565  300.  1850  machten  sie  noch
3  o/o  der  Gesamtbevölkerung  aus,  gegenüber  15  o/g
nach  der  Zählung  von  1910.  Unter  den  Bewohnern
der  Städte  Basel  und  Zürich  ist  je  der  Dritte  ein
Ausländer;  ähnlich  liegen  die  Verhältnisse  in  Genf.
Diese  wachsende  Überflutung  erweckt  Bedenken,  da
die  Zugewanderten  meist  Bürger  des  Heimatstaates
bleiben.
Dem  Mißstand  kann  in  der  Zukunft  durch
die  Zwangseinbürgerung  gesteuert  werden;  die
Schweiz  würde  damit  nur  dem  Beispiel  anderer
Staaten  folgen,  die  nach  Gesetzesbestimmung  die
auf  ihrem  Gebiete  geborenen  Ausländer  als  Bürger
des  eigenen  Staatswesens  aufnehmen.  Zu  mehr  als
drei  Vierteln  sind  die  Ausländer  der  Schweiz  aus
den  Nachbarstaaten  eingewandert.  Sie  stehen  uns
nach  Abstammung  und  Sprache  so  nahe,  daß  sie  sich
ohne  große  Schwierigkeiten  in  unser  Volk  einfügen;
das  gilt  besonders  für  solche  Ausländer,  die  in  der
Schweiz  in  unserer  Sprache  und  Art  aufwachsen,
so  daß  man  sie  für  Einheimische  halten  könnte.
Sprache.  Auf  dem  Boden  der  Schweiz  stoßen
oie  großen  Gebiete  der  deutschen,  französischen  und
italienischen  Sprache  zusammen.  In  einzelnen  Tallchaften
  Graubündens  gesellt  sich  das  Rätoromanische ­
  als  vierte  Landessprache  hinzu.  Klima,  Gewässer, ­
  Verkehrswege,  Abstammung  der  Bewohner
und  nun  auch,  nicht  zum  mindesten,  die  Vielsprachig
keit  verleihen  der  Schweiz  den  Charakter  eines  Ubergangsgebietes. ­

Die  Grenze  zwischen  dem  deutschen  und  dem
französischen  Sprachgebiet  verläuft  von  Lützel  bei
        <pb n="134" />
        128

Stärke  der
Sprachen

Mundarten

Pruntrut  über  Schelten  (oder  La  Scheulte,  an  der
bernisch-solothurnischen  Grenze  im  Jura),  Twann,
Zihlkanal,  Broyekanal,  Berra,  Oldenhorn,  Weißhorn
  (in  den  Berner  Alpen),  quer  durch  das  Rhonetal ­
  östlich  Sierre  zur  Deut  d'Härens.  Zum  italienischen ­
  Sprachgebiet  gehören  außer  dem  Tessin  die
südlichen  Bündnertäler  Misox,  Bergell  und  Puschlav.
  Trotz  der  starken  innern  Wanderung  und
der  Sprachvermischung  bleiben  die  Sprachgrenzen
selbst  fast  unverändert.  Die  auf  ein  anderes  Sprachgebiet ­
  Übergewanderten  geben  gewöhnlich  recht  bald
ihre  Muttersprache  auf;  im  besondern  gilt  dies
von  den  Deutschschweizern,  die  sich  in  großer  Zahl
in  der  Westschweiz  niederlassen.  Das  Romanische
hat  gegenüber  der  deutschen  Sprache,  die  von  Norden ­
  her,  und  dem  Italienischen,  das  von  Süden
her  in  die  Täler  eindringt,  einen  schweren  Stand.
Doch  ist  man  neuerdings  mit  Erfolg  bemüht,  den
Rückgang  der  Sprache  auszuhalten.  Der  Simplontunnel
  hat  der  italienischen  Einwanderrung  ins  Wallis ­
  das  Tor  geöffnet  und  der  italienischen  Sprache
schon  in  den  wenigen  Jahren  seit  der  Eröffnung
der  Bahn  im  Wallis  eine  starke  Verbreitung
verschafft.
Nach  der  Volkszählung  von  1910  sind  die  Sprachen ­
  unseres  Landes  in  folgendem  Verhältnis  vertreten^) ­
  :
Deutsche  Sprache  =  2  599154  —  69  o/ 0
Französische  Sprache  -----  796  244  =  21,2  o/ 0
Italienische  Sprache  -----  301325  =  8  o/o
Romanische  Sprache  -----  39  834  =  1,1  o/ 0
Andere  Sprachen  —  28  445  —  0,7  o/o
Die  Welschschweizer  bedienen  sich  fast  durchwegs
der  Schriftsprache;  die  alte  Mundart,  das  pntois,
ist  im  Neuenburgischen  nahezu  vergessen;  dagegen
i)  Für  Einzelangaben  siehe  Sprachentabelle  im
Anhang.
        <pb n="135" />
        129

ist  es  im  Gros  de  Vaud  noch  verbreitet.  Die  Tessiner
  sprechen  italienische  Dialekte.  Ebenso  sind
in  der  deutschen  Schweiz  die  verschiedenen  alemannischen ­
  Mundarten  zu  Stadt  und  Land  die  Umgangssprache ­
  geblieben.  Infolge  der  Volksvermischung
und  der  wachsenden  Zahl  der  Ausländer  haben
die  heimischen  Mundarten,  besonders  in  den  Städten ­
  und  den  verkehrsreichen  Gegenden,  viel  von
ihrer  Kraft  und  Ursprünglichkeit  eingebüßt.  Durch
Vorträge  und  literarische  Werke  sucht  man  jetzt
überall  den  Sinn  für  die  reichen  Schätze  der  Mundart ­
  zu  wecken,  und  zu  retten,  was  davon  noch
vorhanden  ist.
Glaubensbekenntnis.  Ist  unserem  Lande
glücklicherweise  ein  Sprachenstreit  erspart  geblieben,
so  hat  es  Jahrhunderte  lang  umso  schwerer  unter  den
Glaubenskämpfen  gelitten.  Andere  Fragen  und  Aufgaben ­
  haben  in  der  neuesten  Zeit  den  religiösen
Zwist  in  den  Hintergrund  gedrängt  und  die  Gegensätze ­
  stark  gemildert;  immerhin  ist  die  Spannung
nicht  überall  ganz  gewichen.
Die  Volkszählung  von  1910  unterscheidet  nach
dem  Glaubensbekenntnis:
Protestanten  2108  590  —  56  o/o
Katholiken  1  590  792  =  42,2  o/ 0
Juden  19  023  -----  0,5  o/ 0
Rudere  oder  keine  Konfession  46  597  —  1,3  o/o
®ie  Alpenkantone  sind  überwiegend  katholisch,
das  Mittelland  und  der  Jura  zur  Mehrheit  protestantisch. ­
  Mit  der  lebhaften  Volksvermischung  sind
Glaubensbekenntnisse  ineinander  übergegossen. ­
  Heute  gibt  es  kaum  mehr  rein  protestantische ­
  oder  katholische  Gegenden;  zur  herrschenden
Konfession  gesellt  sich  immer  eine  mehr  oder  weniger
ansehnliche  Minderheit  von  Andersgläubigen*).  In

*)  Vergl.  die  Tabelle  der  Konfessionen  im  Anhang.
Flückiger,  Schwei)  9

Glaubensbekenntnis ­


Verhältnis
der
Konfessionen
        <pb n="136" />
        130

Zuwachs

Industrie-  und  verkehrsreichen  Gebieten  ist  die  Mischung ­
  besonders  weit  vorgeschritten.  Die  protestantische ­
  Stadt  Zürich  zählt  31  °/o  Katholiken;  ebenso
weist  Basel  eine  starke  katholische  Minderheit  aus
Im  Lande  Calvins,  im  Kanton  Genf,  haben  infolge ­
  der  Einwanderung  aus  Frankreich  die  Katholiken ­
  sogar  die  Mehrheit  erlangt.  Dagegen  wohnen
viele  Protestanten  in  den  katholischen  Städten  Luzern ­
  und  Solothurn.  Die  als  protestantisch  geltende ­
  Westschweiz  beherbergt  heute  neben  525000
Protestanten  460000  Katholiken.
Die  Juden  verlassen  mehr  und  mehr  die  ländlichen ­
  Bezirke  und  suchen  als  Handelsleute  die
Städte  auf.
Die  Katholiken  nehmen  an  Zahl  etwas  stärker
zu  als  die  Protestanten;  der  Grund  dieser  Erscheinung ­
  liegt  in  der  beträchtlichen  Einwanderung  aus
den  katholischen  Nachbarländern  Frankreich,  Italien,
Österreich  und  Süddeutschland.
        <pb n="137" />
        Einzelbrschreibung.

Wallis.
Vom  Gebirgsknoten  des  Gotthards  aus  umrahmen ­
  die  Berner  und  Walliser  Alpen  die  südwestliche ­
  Hälfte  der  großen  alpinen  Längstalfurche.
Zwischen  den  beiden  Stammketten  liegt,  als  einziges
großes  Talsystem,  das  Einzugsgebiet  der  Rhone,
das  Wallis  (vom  lat.  vallis  =  Tal);  es  umfaßt  allein
mit  über  5000  km-  rund  1 / 8  der  Gesamtfläche  der
Schweiz.  Bei  Martigny  biegt  das  Rhonetal  im  rechten ­
  Winkel  aus  der  Längsrichtung  ab  und  geht
in  einem  gewaltigen,  breiten  Querdurchbruch  durch
die  Nordalpenkette  zum  Gensersee  hinaus.  Das
Längstal  liegt  im  mittleren  und  untern  Teil  bis
zum  Rhoneknie  bei  Martigny  hart  am  Hauptkamm
der  Berner  Alpen,  die  hier  mit  schroffen  Kalkwänden ­
  zur  Rhone  abbrechen.  Der  Kamm  der
Walliser  Alpen  tritt  in  großem  Bogen  weit  nach
Süden  zurück.  Zahlreiche  gut  entwickelte  Querster ­
  senken  sich  zwischen  den  nordwärts  ziehenden
Sertenketten  zum  Haupttal  hinaus,  während  die
ris  üon  den  Berner  Alpen  her  aus  steilen,
schluchtartigen  Tälern  nur  kurze  und  unbedeutende
Zuflüsse  empfängt.  Von  den  16  bewohnten  Seitentälern ­
  des  Wallis  gehören  nur  2  der  Nordseite
an.  Im  obern  Wallis  treten  die  Bergketten  näher
zusammen,  und  zwischen  ihren  Urgesteinsmassen
hält  das  Rhonetal  ungefähr  die  Mitte  inne.

Lage  des
Wallis
        <pb n="138" />
        132

Toiforme»  Von  der  Rhone  aus  sind  die  schneebedeckten
Gipfel  des  Hochgebirges  nicht  sichtbar,  zumeist  auch
nicht  durch  die  Lücken  der  Seitentäler.  Das  Rhonetal ­
  bildet  einen  gewaltigen  Trog,  dessen  steile  Wände
den  Ausblick  absperren.  Die  Seitentäler  münden ­
  meist  hoch  über  dem  Haupttal  aus;  die  Stufe
zur  Rhone  herunter  wird  von  dem  Seitenbach  in
einer  Schlucht  zersägt.  Einzelne  Felsstufen  zerlegen ­
  das  Rhonetal  selbst  in  eine  Reihe  langgestreckter, ­
  flacher  Becken.  In  engem,  felsigem  Bett
braust  der  Talfluß  durch  die  Stufe  zum  nächsttieferliegenden
  Becken  hinab.  Die  flachen  Talstrekken
  durchfließt  er  auf  den  eigenen  Aufschüttungen, ­
  Kies,  Sand  und  Schlamm;  er  wird  hier  durch
die  Schuttkegel  der  Seitenbäche  zu  gewundenem
Lauf  von  der  einen  Talseite  zur  anderen  gezwungen. ­
  Das  Bild  der  aufgeschütteten,  breiten  Talebenen ­
  im  untern  Wallis  erinnert  an  die  eintönigen ­
  Deltalandschaften  am  obern  Ende  der  Seen.
In  fast  endloser  Reihe  stehen,  vom  Talwind  zerzaust, ­
  die  Pappeln  am  Fluß;  ein  grüner  Streifen
von  Weiden-  und  Erlengestrüpp  und  Schilf  säumt
die  Ufer  ein;  auf  lange  Strecken  ist  die  Rhone
kanalisiert,  die  früher  versumpfte  Talebene  trocken
gelegt.
Einfluß  auf  Wo  die  Bäche  mit  starkem  Gefälle  aus  den  Sei-Beoölkerung
  tentälern  hervorbrechen,  hat  sich  die  Industrie  bereits
in  zahlreichen  Anlagen  der  Wasserkräfte  bemächtigt.
Die  Mündungsstufen  der  Seitentäler  und  die  Felsriegel
  des  Haupttales  waren  von  jeher  ein  stark
fühlbares  Verkehrshindernis;  sie  zerlegen  das  Wallis ­
  in  eine  Reihe  gut  abgetrennter  Talschaften,
deren  jede  ihre  Bewohner  zu  einem  besonderen
Völklein  von  gleichen  Sitten  und  ähnlichem  Erwerbsleben ­
  zusammenschließt.
.&amp;lt;!lima  Der  Gebirgskranz  der  Berner  und  Walliser  Alpen ­
  ist  entscheidend  für  das  Klima  des  Wallis.
        <pb n="139" />
        &amp;gt;  133
Die  feuchten  Südwestwinde  geben  Regen  und  Schnee
am  Außenrand  und  in  den  hochliegenden  Teilen
des  Gebirges  ab.  Der  Talkessel  der  Rhone  dagegen ­
  ist  trocken.  Die  Niederschlagsmenge  sinkt
im  mittleren  Wallis  bei  Siders  auf  57  cm,  bei
Grächen  im  Nikolaital,  dem  trockensten  Ort  der
Schweiz,  auf  53  cm.  Bei  der  geringen  Bewölkung ­
  und  der  Seltenheit  der  Nebel  ist  die  Sonnenstrahlung ­
  so  wirksam  wie  in  den  südlichen  Alpentälern. ­
  In  den  Hochsommertagen  strahlen  die  sonnendurchglühten
  Felswände  noch  lange  nach  Sonnenuntergang ­
  die  Wärme  zurück,  so  daß  oft  erst  um
Mitternacht  die  Kühle  eintritt.  Dem  landcsunkundigen
  Besucher  verrät  sich  die  Trockenheit  des  mittleren ­
  Wallis  schon  durch  die  mächtige  Staubschicht
der  Landstraßen  und  durch  die  Kahlheit  der  ausgedörrten ­
  Felshalden.  Unter  der  versengenden  Glut
der  Sonne  wachsen  auf  dem  trockenen  Felsgrund
kleinblättrige  Gestrüppe,  und  Pflanzen,  die
durch  ein  Haarkleid  die  Verdunstung  mindern  oder
in  fleischigen  Blättern  Feuchtigkeit  aufspeichern.  Die
Trockenheit  macht  künstliche  Bewässerung  nötig.
Lange  Leitungen,  die  Wasserfuhren  oder  „bisses“,
mit  staunenswerter  .Kühnheit  den  Schutthalden  und
senkrechten  Felswänden  entlang  und  über  Schluchten ­
  hinweg  angelegt,  führen  von  den  Gletschern
des  Talhintergrundes  oder  aus  Bergseelein  das  Wasser ­
  zu  den  Getreidefeldern  und  zu  den  Bergwiesen
chnaus.  Sogar  der  Weinstock,  der  in  der  übrigen
Schweiz  eher  unter  zu  großer  Feuchtigkeit  leidet,
muh  hier  bewässert  werden.  Der  gemeinschaftliche
Unterhalt  und  die  gemeinschaftliche  Nutzung  der
Wasserfuhren  nach  den  genau  befolgten  Satzungen
des  Wasserrechtes  stärken  in  hohem  Maße  den  Zusammenhalt ­
  der  Gemeindeglieder.
Bis  zur  Höhe  von  1000  m  über  Meer  sind
an  den  sonnigen  Halden  terrassenartig  ausgemauerte

Trockenheit

Bewässerung

Landes
Produkte
        <pb n="140" />
        134

Weinberge  angelegt.  Der  heiße  Sommer  kocht  hier
jene  süßen  Trauben,  die  in  Menge  in  die  übrige
Schweiz  versandt  oder  zu  dem  vorzüglichen,  schweren ­
  Walliserwein  gekeltert  werden.  Die  Obstgärten
des  untern  Wallis  versorgen  die  ganze  Schweiz
mit  einem  Reichtum  von  edlen  Früchten,  Aprikosen,
Pfirsichen,  Äpfeln  und  Birnen;  die  Gemüsefelder
auf  der  Schlammerde  der  Rhoncebene  liefern  die
bekannten  Walliser  Spargeln.  Inmitten  des  Überflusses ­
  an  Früchten  gewinnt  die  Konservenbereitung
einen  stets  wachsenden  Wert.  An  den  Halden  des
Rhonequertales  vom  Genfersee  bis  nach  Martigny
bildet  die  schattige  Edelkastanie  ganze  Bestände.  Im
innern  Wallis  dehnen  sich  auf  der  bebauten  Talsohle ­
  von  Martigny  bis  nach  Brig  hinauf  die
Maisfelder  aus.  Gegenüber  anderen  Landschaften
der  Alpen  hat  das  Wallis  einen  stark  verbreiteten
Getreidebau,  der  neben  dem  Weinbau  an  den  Felshalden ­
  und  auf  der  Sohle  des  untern  Rhonetales
vorherrscht,  aber  bis  zur  Meereshöhe  von  2000  m
vordringt.  Die  höchstgelegenen  Weizen-  und  Roggenfelder ­
  bringen  in  ärmlichem  Wuchs  nur  noch
kurze  Halme  und  magere  Ähren  hervor.  Oft  vermögen ­
  die  Körner  vor  dem  Einwintern  kaum  zu
reifen;  das  Getreide  wird  dann  geschnitten  und  aus
Holzgerüsten  zum  völligen  Ausdörren  ausgebreitet.
Der  Getreidebau  lohnt  hier  längst  nicht  mehr;  er
wird  hauptsächlich  noch  betrieben,  weil  die  Bevölkerung ­
  von  alters  her  bestrebt  ist,  sich  mit  allem
Nötigen  selbst  zu  versorgen.  Wie  für  den  Weinstock
und  das  Getreide,  so  steigen  im  Bereich  der  Mas-Höhcngrcnzcnsenerhebung
  der  Walliser  Alpen  die  Höhengrenzen
überhaupt  zu  ungewöhnlicher  Höhe  an,  wie  dies
früher  für  die  Wald-  und  Schneegrenze  und  für  die
Lage  der  obersten  Alphütten  gezeigt  wurde.  Die
oberste  Sennhütte  steht  bei  2665  m  auf  der  Alp
de  Lona  im  Val  d'Horens;  am  Abhang  des  Jll-
        <pb n="141" />
        135

Horns,  nahe  der  Waldgrenze,  stehen  bis  1936  m
die  sonnengeschwärzten  Holzhäuschen  von  Chandvlin,
dem  höchstgelegenen  Kirchdorf  im  Wallis.
Die  Dörfer  des  Rhonetales  wurden,  zum  Schutz
vor  den  Verwüstungen  der  Rhone,  meist  am  Rande
der  Talebene  in  etwas  erhöhter  Lage  angelegt.
Die  größten  stehen  auf  den  Schuttkegeln  der  Seitenbäche, ­
  wo  sie  zugleich  den  Verkehr  ins  Seitental
hinein  beherrschen.  Die  sonnige  Talseite  wird,  eine
im  Gebirge  bekannte  Erscheinung,  als  Wohnfläche
bevorzugt;  der  Wald  erscheint  hier  gegenüber  der
Schattseite  stark  zurückgedrängt.  Einzelne  Gemeinden ­
  besitzen  Kulturland  in  allen  Höhenlagen,  von
der  Sohle  des  Rhonetales  an  bis  zum  Gebirgskamm
  hinauf.  So  wird  der  Walliser  Winzer,  Getreidebauer ­
  und  Senne  in  einer  Person.  Die
Vereinigung  so  verschiedener  Zweige  des  Bodenbaues ­
  setzt  die  Bevölkerung  in  stand,  für  die  eigenen ­
  Bedürfnisse  selbst  aufzukommen,  wie  denn  auch
in  den  konservativen  Landschaften  des  Goms  und
der  Seitentäler  die  Anfertigung  der  Geräte,  der
Kleider,  ja  sogar  der  Bau  der  einfachen  Häuser
noch  vielfach  den  Familiengliedern  selbst  obliegt.
Die  Abgeschlossenheit  der  einzelnen  Talschaften  nötigte ­
  die  Bewohner  frühzeitig,  sich  auf  eigene  Füße
zu  stellen  und  jede  Abhängigkeit  von  der  Außenwelt ­
  zu  vermeiden.  Dieser  Zug  beherrscht  die
Geschichte  des  ganzen  Landes,  das,  auch  als  zugewandter ­
  Ort  der  Eidgenossenschaft,  stets  sorgfältig
oemüht  war,  seine  staatliche  Sonderstellung  zu  wahren. ­
  Bei  der  Abgeschlossenheit  des  Landes  und  dem
geringen  Verkehr  über  die  Bergpässe  hinweg  hielt
sich  die  Bevölkerung  des  Wallis  mehr  als  irgend
ein  anderes  Bergvolk  der  Schweiz  von  den  neuzeitlichen ­
  Kulturveränderungen  fern  und  bewahrte
sich  bis  zur  Gegenwart  in  der  Art  des  Erwerbs,
in  Sitte  und  Tracht  einen  reichen  Schatz  ursprüng-Torftr



Wirtschaft
        <pb n="142" />
        136

Sprache

Rhonetal
Martigny-Genfers-e


liehen  Volkslebens.  Seitdem  der  Fremdenverkehr
die  südlichen  Wallisertäler  aufsucht  und  die  Talbewohner ­
  selbst  zum  Hoteldienst  außer  Landes
gehen,  meist  in  Saisonstellen  nach  Genf  oder  an
die  Riviera,  tritt  eine  Änderung  in  den  patriarchalischen ­
  Verhältnissen  ein.  Dies  gilt  umsomehr,
als  das  Rhvnetal  durch  die  Eröffnung  des  Simplontunnels
  mitten  in  den  Weltverkehr  hineingerückt ­
  worden  ist  und  nun  durch  den  Lötschbergtunnel
  auch  noch  einen  direkten  Zugang  von  Norden ­
  her  erhält.
Alemannische  Einwanderer  haben  vom  9.  Jahrhundert ­
  an  das  Oberwallis  und  den  obersten  Teil
des  italienischen  Tosatales  besetzt.  Hier  herrscht
die  deutsche  Sprache.  Das  größere  und  volkreichere
Unterwallis  gehört,  von  Sierre  (Siders)  an  abwärts, ­
  zum  französischen  Sprachgebiet.  Die  Simplonbahn
  begünstigte  in  den  letzten  Jahren  eine
starke  italienische  Zuwanderung.  Der  sprachlichen
Teilung  steht  die  Einheit  des  Glaubensbekenntnisses ­
  gegenüber;  die  Walliser  sind  fast  ausschließlich
katholisch.
Vom  schweizerisch  -  savoyischen  Grenzort  St.
G  i  n  g  o  l  p  h  vom  Genfersee  her  zieht  "  sich  ein
Streifen  Walliser  Boden  links  der  Rhone  talaufwärts. ­
  Mont  Hey  liegt  am  Ausgang  des  weidenreichen ­
  Val  d'Jlliez,  das  sich  am  Nordfuß  der
Dents  du  Midi  hinzieht.  In  der  Gegend  von
Champsry,  im  Hintergrund  des  Val  d'Jlliez,
hat  sich  eine  sonderbare  Tracht  erhalten;  um  den
Herden  besser  in  die  schwer  zugänglichen  Teile  des
Gebirges  folgen  zu  können,  tragen  die  Frauen  Männerkleidung; ­
  sie  schmücken  sich  überdies  mit  einem
fremdartig  anmutenden,  grellroten  Kopftuch.  Bei  dem
alten  Städtchen  St.  Maurice  öffnet  sich  die
Türe  zum  eigentlichen  Wallis.  Die  Dents  du  Midi
und  die  Dent  de  Morcles  flankieren  hier  das  Rhone ­
        <pb n="143" />
        137

tal  und  bilden  mit  ihren  Felsausläufern  einen  jener
Talriegel,  durch  die  sich  der  Fluß  in  engem  Durchbruch ­
  einen  Weg  schafft.  Hier  laufen  die  Eisenbahnen
von  der  schweizerischen  und  der  französischen  Seite
des  Genfersees  zur  Simplonlinie  zusammen.  Über
St.  Maurice  sperrt  eine  moderne  Befestigung  das
Wallis  ab.  Straße  und  Bahn  laufen  auf  der  eintönigen ­
  Aufschüttungsebene  taleinwärts  und  biegen
bei  M  a  r  t  i  g  n  y  in  die  Längstalrichtung  des  '.nnern
Wallis  ab.  Am  Rhoneknie  mündet  die  Dranse,  die
das  Wasser  aus  den  drei  Dransetälern  vor  dem
Austritt  aus  dem  Gebirge  sammelt.  Das  westliche,
Val  de  Ferret,  liegt  am  Fuß  des  vereisten  Dreiländersteins, ­
  des  Mt.  Dolent.  Das  wilde,  wenig  begangene ­
  Val  de  Bagnes  reicht  zu  den  Gletschern  des
Grand  Combin  4317  in  und  des  Mont  Blanc  de
Seillon  3871  in  hinauf.  Durch  das  mittlere
Tal,  das  Val  d'Entremont,  führt  der  altberühmte
Weg  über  die  Paßhöhe  des  Großen  St.  Bernhard ­
  2472  in,  an  den  Taldörfern  Sembranch ­
  e  r,  Orsi6res  und  St.  Pierre  vorbei.  Alljährlich ­
  werden  im  Hospiz  auf  der  Paßhöhe  an
20,000  Reisende  verpflegt,  und  immer  noch  halten
die  Mönche  die  bekannten  Bernhardinerhunde,  die
den  in  Sturm  und  Nebel  irrenden  Wanderern  Hilfe
bringen.  Die  Römer  benutzten  den  Paß,  um  von  der
Poebene  über  Augusta  Practoria  (Aosta)  ins  Rhonetal ­
  und  ins  Mittelland  hinaus  zur  Hauptstadt
Hclvetiens,  Aventicum  (Avenches),  und  weiter  zum
Rbein  hinab  zu  gelangen.
Unterhalb  Martigny  setzt  das  Hochtal  des
Trient  die  Furche  des  Rhonelängstales  ins  Chamonix
  hinüber,  an  den  Fuß  der  Mont  Blanc-Gruppe,
  fort.  Von  Bernayaz  im  Rhonetal
klimmt  die  Straße  in  vielen  engen  Kehren  über  die
nahezu  500  in  hohe  Stufe  zum  Taleingang  von
S  a  l  v  a  n  hinauf,  das  wie  F  i  n  h  a  u  t  zum  Luft ­
        <pb n="144" />
        138

Das  mittlere
Wallis

kurort  geworden  ist.  Eine  elektrisch  betriebene  Touristenbahn ­
  verbindet  Martigny  durch  das  Trienttal ­
  unter  dem  Col  des  Montets  1445  in  hindurch
mit  Chamonix.  Die  Landesgrenze  liegt  nicht  auf
der  Paßhöhe,  sondern  herwärts  an  einer  in  frühern
Zeiten  leicht  zu  beherrschenden  felsigen  Talenge.
Der  Trient  durchsägt  die  Mündungsstufe  in  einer
großartigen  Schlucht,  während  etwas  weiter  rhonetalabwärts
  ein  kleines  Flüßchen,  die  Salanfe,  im
Wasserfall  Pissevache  über  die  gleiche  Talwand
hinunterstürzt.
Inmitten  der  Weinberge,  Obstgärten  und  Gemüsefelder ­
  am  Rande  der  Rhvneebcnc  liegt  S  a  x  o  n
mit  Konservenfabrik  und  weiter  talaufwärts  Riddes
  an  Kohlenlagern.  Die  malerische  Hauptstadt
des  Landes,  Sion  (Sitten)  mit  6500  Einwohnern,
gruppiert  sich  am  Fuße  von  zwei  burggekrönten
Felshügeln,  Tourbillon  und  Valeria.  Sie  beherrscht
den  gestuften  Eingang  zum  Val  d'Herens  (und  dem
Val  d'Hörsmcnce),  mit  dem  Hauptort  Evolena.
Die  Talhintergründe  ragen  in  die  Eisfelder  des
Mt.  Collon,  der  Deut  d'Herens  und  der  Deut
Blanche  4365  rn  hinein.  Die  Borgne  drängt  oberhalb ­
  Sitten  mit  ihrem  Schuttkegel  die  Rhone  in
weit  ausbiegendem  Lauf  an  die  nördliche  Talwand
hinüber.  Von  Sitten  aus  führt  der  Sanetschpaß
ins  Saanental  und  der  Rawilpaß  ins  Simmental
hinüber.  Die  sommerliche  Hitze  steigt  in  der  Hauptstadt ­
  so  hoch,  daß  die  Bewohner  mit  Vorliebe  einen
Aufenthalt  auf  hochgelegener  Bergterrasse,  von
S  a  v  i  6  s  e  bis  zürn  Luft-  und  Lichtkurort  Montana ­
  hinüber,  suchen.  Sierre  (Siders)  steht
in  weinreicher  Umgebung  inmitten  der  Trümmer
eines  vorgeschichtlichen  Bergsturzes,  der  von  der
Wand  der  Berner  Alpen  herniederbrach.  Uber  eine
400  m  hohe  Stufe  gewinnt  der  Weg  den  Eingang
ins  Val  d'Anniviers  (Eivischtal),  das  aus  der  ver-
        <pb n="145" />
        139

glctscherten  Weißhorngruppe  4512  m  sich  zum
Rhonetal  hinaus  senkt.  Wie  das  Val  d'Härens  beherbergt ­
  es  in  der  Gebirgsabgeschlossenheit  eine  in
Sitten  und  Erwerbsleben  eigenartige  Bevölkerung.
Das  Anwachsen  der  Volkszahl  nötigt  die  Bewohner, ­
  den  Boden  aller  Höhenlagen  als  Acker-  oder
Weidland  auszunutzen,  von  den  Weinbergen  bei  Siders
  in  550  in  Meereshöhe  bis  hinauf  zu  den  obersten ­
  Alpstaffeln  bei  2700  m  am  Rande  der  Gletscher.
Der  zerstückelte  und  stundenweit  auseinanderliegende
Besitz  zwingt  die  Anniviarden  zu  einem  komplizierten ­
  Wanderleben,  um  die  Kulturflächen  der  verschiedenen ­
  Höhenregionen  der  Reihe  nach  zu  bewirtschaften. ­
  Einzig  durch  dieses  bewundernswerte  System ­
  der  genauesten  Ausnützung  einer  großen  und
weitläufigen  Wirtschaftsfläche  vermag  der  Anniviarde,
  sich  einen  genügenden  Unterhalt  zu  verschaffen, ­
  um  nicht  auswandern  zu  müssen.
C  h  i  p  p  i  s  im  Rhonetal  benutzt  die  Kraft  der
durch  die  Stufe  des  Val  d'Anniviers  hervorbrechenden ­
  Navigenze  für  ein  Aluminiumwerk.  Bei
Leuk,  dem  ersten  größern  Ort  im  deutschen  Oberwallis, ­
  mündet  vom  Balmhorn  her  die  Data;  in
ihrem  Tal  werden  die  Thermen  von  Leukerbad ­
  zur  Kur  gebraucht;  über  die  steile  Nordwand
klettert  der  Gemmipaß  zum  Kandertal  hinüber.  Am
Alhorn  öffnet  sich  mit  schreckhaft  steilen  Wänden
ber  berüchtigte  Jllgraben;  die  Schuttmassen  aus
Anen  Wildbachrunsen  legen  sich  als  mächtiger
^chuttkegel  quer  über  das  Rhonetal,  verhüllt  durch
die  Föhrenwipfel  des  ausgedehnten  Pfinwaldes.
Hier  lag,  verschärft  durch  die  Dalaschlucht,  von
jeher  ein  Verkehrshindernis;  an  dieser  Stelle  geht
die  Sprachgrenze  quer  durch  das  Rhonetal.  Durch
das  bisher  verkehrsarme  Lötschental  erreicht  jetzt  die
Lötschbergbahn  das  Rhonetal  und  den  Simplvnzugang.
  Bei  Visp  öffnet  sich  der  breite  Eingang

Bal  d'
Anniviers

Rhonetal
Sierre-Brig
        <pb n="146" />
        140

Simplon

ins  Visp-Tal,  das  sich  bereits  bei  Stalden  in
Nikolaital  und  Saastal  gäbest;  das  sind  die  beiden
Pforten  zur  überwältigenden  Hochgebirgslandschaft
der  Monte  Rosa-Gruppe.  Zwischen  Mischabelhörnern ­
  4554  m  und  Weißhorngruppe  4512  zieht  sich
das  Nikolaital  zum  Bergkessel  von  Zermatt  1620
m  hinauf,  um  den  sich  rings  die  höchsten  Gipfel
der  Walliser  Alpen  gruppieren:  Monte  Rosa  4638
m,  Breithorn,  die  dreikantige,  kühne.Pyramide  des
Matterhorns  4505  rn,  Zinal  Rothorn  und  Weißhorn. ­
  Das  ganze  majestätische  Gipfel-  und  Gletscherpanorama ­
  erschließt  sich  dem  Blicke  auf  dem  Gornergrat,
  zu  dem  von  Zermatt  aus  eine  Bergbahn  hinaufführt. ­
  Z  e  r  m  a  t  t  ist  der  Sammelplatz  der  Bergsteiger ­
  und  einer  internationalen  Fremdenwelt  überhaupt; ­
  es  steht  durch  eine  Touristenbahn  mit  der
Hauptlinie  des  Rhonetales  in  Verbindung.  Das  geräumigere ­
  Saastal  liegt  zwischen  den  Mischabelhörnern ­
  und  Fletschhvrn  4000  in  —  Weißmies  4031
ra  eingebettet;  seine  Fremdenmittelpunkte  sind
Saas  Fee  und  Saas  Grund.
Von  B  r  i  g  an  unterfährt  die  Bahn  im  20  Km
langen  Simplontunnel  den  Monte  Leone  3561m;
der  Südausgang  liegt  bei  Jselle  auf  italienischem ­
  Boden.  In  starkem  Gefälle  erreicht  die  Simplonbahn
  Domodvssola  und  tritt  am  Südende
des  Langensees  vorbei  in  die  norditalienische  Tiefebene ­
  hinaus.  Auf  der  Tunnelstrecke  werden  die
Züge  durch  elektrische  Lokomotiven  befördert.  In
Brig  beginnt  die  kunstvoll  angelegte  Simplonstraße,
die  durch  das  Tal  der  Saltine  die  breite  Paßlücke
bei  2009  m  Höhe  gewinnt;  vor  dem  Bau  des  Tunnels ­
  vermittelte  sie  einen  lebhaften  Verkehr.  Sie
wurde  1800  —1806  auf  Befehl  Napoleons  I.  als
Militärstraße  gebaut.  Jenseits  der  Paßhöhe  liegen
noch  Simpeln  und  G  o  n  d  o  auf  schweizerischem
Geviet.
        <pb n="147" />
        141

Über  die  Talstufe  von  Grenz  io  ls  an  der
Mündung  der  Binn  aus  dem  Binnental  erreicht
die  Talstraße  F  i  e  s  ch,  den  Sammelplatz  der  Besucher ­
  des  obern  Wallis.  Das  leicht  zu  besteigende
Eggishorn  2934  m  bietet  eine  umfassende  Rundsicht
in  die  Walliser  und  Berner  Alpen.  Von  den  Firnmulden
  der  Jungfraugruppe  her  zieht  an  seinem
Fuß  der  gewaltige  Eisstrom  des  Aletschgletschers
zum  Rhonetal  hinaus  und  staut  an  seiner  Flanke
den  kleinen,  mit  Eistrümmern  erfüllten  Märjelensee.
  Vom  Finsteraarhorn  senkt  sich  der  Fieschergletscher
  gegen  das  Dorf  Fiesch  hinunter.
Über  eine  neue  Stufe  von  400  m  Höhe,  durchbrochen ­
  vom  tosenden  Talfluß,  hier  „Rotten"  genannt, ­
  erreichen  die  Straßenkehren  das  Goms,  den
obersten  größern  Talabschnitt.  Eng  gebaute  Dörfer
stehen  hier  an  der  sonnigen  Halde,  von  Wildbachverwüstungen ­
  und  Lawinenbrüchen  bedroht.  Auf  dem
grünen  Talgrund  umzieht  die  junge  Rhone  in  schäumenden ­
  Windungen  die  zahlreichen  Schuttkcgel.  Die
letzten  kleinen  Riemen  von  magerem  Getreideland
nutzen  am  steilen  Hang  das  Sonnenlicht  aus.  Dem
lichtgeschwärzten  Gebälk  der  Häuser  verleihen  die
weißgestrichenen  Fensterrahmen  ein  etwas  freundlicheres ­
  Aussehen.  Unter  den  zahlreichen  Dörfern
seien  nur  Münster  und  Ulrichen  genannt.
Von  O  b  e  r  w  a  l  d  aus  führt  die  Straße  in
imposanter  Schlucht  durch  die  letzte  Felsenstufe  von
400  m  zur  Rhonequelle,  dem  rauhen  Talkessel  von
Gletsch  1761  m  hinauf.  In  seinem  Hintergrund
bricht  der  Rhonegletscher,  vom  Firngebiet  des
Dammastockes  und  Galenstockes  her,  in  prachtvollem ­
  Eissturz  über  die  Felswand  zur  Talsohle  hernieder. ­
  Die  Grimselstraße  aus  dem  Haslital  und
die  Furkastraße  aus  dem  Urserental  bringen  im
Sommer  in  die  Felseneinöde  von  Gletsch  einen
lebhaften  Reisendenverkehr.

as  obere
WalliS

GonlS
        <pb n="148" />
        142

Trffln.
Lage  Zwischen  den  beiden  gewaltigen  Massenerhebungen ­
  der  Walliser  und  der  Bündner  Alpen  liegt,
wie  eine  breite  Mulde,  eine  Berggruppe  von  geringerer ­
  Kamm-  und  Gipfelhöhe  eingelagert.  Die  quer
zur  Hauptrichtung  der  Alpen  südwärts  laufenden
Täler  des  Tessins  und  seiner  Zuflüsse  haben  hier
eine  tiefe  Scharte  in  das  Gebirge  hineingerissen
und  den  wasserscheidenden  Hauptkamm  der  Südalpen
in  einen  nordwärts  ausgreifenden  Bogen  zurückgedrängt. ­
  Der  Kanton  Tessin  ist  das  einzige  größere
Gebiet  der  Schweiz  auf  der  Südabdachung  der  Alpen. ­
  Er  erstreckt  sich  von  den  Gipfeln  der  Gotthardgruppe ­
  bei  über  3000  in  Höhe  durch  die  verschiedensten ­
  Klima-  und  Pflanzenregionen  hinunter  bis
zum  Langensee  bei  rund  200  in  Meereshöhe,  der
tiefsten  Stelle  der  Schweiz,  und  geht  in  einem  schmälern ­
  Streifen  südwärts  über  den  Luganersee  hinaus ­
  zu  den  welligen  Hügeln  ain  Rande  der  Poebene.
  Der  Anteil  an  so  verschiedenen  Höhenstufen
verleiht  dem  Tessin  die  größte  Mannigfaltigkeit
des  Landschaftsbildes.
4bh-n  &amp;gt;md  Die  Täler  des  Tessins,  der  Verzasca  und  der
Maggia  und  ihre  reich  gegabelten  Seitentäler  senken
sich  in  starkem  Gefälle  zum  Alpenfuß  hinaus.  Sie
sind  in  dem  regenreichen  Klima  durch  das  reißende
Wasser  zu  schmalen  und  tiefen  Furchen  ausgenagt
worden.  Die  Bergketten  erinnern  mit  den  steilen
Wänden  und  scharfen  Gräten  trotz  der  verhältnismäßig ­
  geringen  Höhe  von  2000  —  3000  m  ganz
an  die  Formen  des  Hochgebirges.  Die  heftigen
Regengüsse  schwemmen  den  Verwitterungsschutt  der
Urgesteinsmasse  vorweg  zur  Tiefe;  so  erscheinen  die
obern  Berghalden  mit  ihren  magern  Wiesen  weithin ­
  kahl  und  eintönig.  Die  Bäche  und  Flüsse  schwellen ­
  unter  den  Föhnregen  zu  gefährlichen  Wild-
        <pb n="149" />
        wassern  an,  die  wegen  des  großen  Schuttiransportes ­
  kostspielige  Bauten  nötig  machen.  Anderseits
verschaffen  der  rasche  Lauf  und  zahlreiche  Gcfällsstufen
  dem  Land  einen  ungewöhnlichen  Reichtum
an  Wasserkräften,  der  bis  heute  nur  zum  kleinen
Teil  ausgenutzt  ist.
Kein  anderer  Teil  der  Schweiz  weist  so  verschiedenartige ­
  Klimagebiete  auf  wie  das  Tessin;  von  den
eisigen  Höhen  des  Alpenkammes  bis  hinunter  zum
mittelmeerischen  Klima  am  Langen-  und  Luganersee
sind  alle  Übergänge  vertreten.  Die  Südabdachung
sichert  dem  Lande,  besonders  in  den  tief  liegenden
Teilen,  eine  verhältnismäßig  hohe  Wärme.  Anderseits ­
  fängt  der  Südabfall  der  Alpen  die  starken
Föhnregen  auf,  die  hier  so  energisch  an  der  Talbildung ­
  arbeiten.  Die  jährliche  Regenhöhe  beträgt
150  —  200  cm,  also  weit  mehr  als  am  Nordfuß
der  Alpen.  Der  Regen  fällt  meist  in  kurzen,  heftigen
Güssen;  dann  hellt  der  Himmel  rasch  wieder  aus.
Eine  ansehnliche  Niederschlagsmenge  bei  einer  großen
Zahl  sonniger  Tage:  darin  besteht  der  Hauptvorzug
  des  Klimas,  der  mächtig  zur  Entwicklung
der  Kurorte  beigetragen  hat.  Die  Bewölkung  ist
ebenso  gering  wie  im  mittlern  Wallis,  der  Nebel
fast  ^  unbekannt.  In  den  südlichen,  tiefen  Tallandschaften ­
  ist  auch  der  Winter  ungewöhnlich  mild;
der  Schnee  schmilzt  meist  schon  nach  kurzer  Zeit.
Wer  von  Norden  her  das  Tal  des  Tessins
betritt,  darf  nicht  erwarten,  gleich  südwärts  des
Gotthards  eine  südländische  Vegetation  vorzufinden.
Die  höhern  Talschaften  bieten  im  Schmuck  der  dunklen ­
  Nadelholzwälder  ein  nordisches  Bild.  Erst  auf
tiefern  und  wärmern  Stufen  stellen  sich  die  Vertreter ­
  einer  südlichen  Pflanzenwelt  ein.  Die  Edelkastanie ­
  bildet  an  den  schuttreichen  Talhalden  ausgedehnte ­
  Wälder;  als  Fruchtbaum  ist  sie  für  die
Volksernährung  von  größtem  Wert  geworden.  Mit
        <pb n="150" />
        Ackerbau

Auswanderung ­


144

der  Kastanie  wechseln  in  bunter  Mischung  Reben
und  Pfirsichbäume,  zu  denen  sich  im  südlichen  Tessin
auch  die  Maulbeerbäume  gesellen.  Der  Weinstock
klettert  an  Mauern  und  Bäumen  empor  oder  kriecht
über  das  Sparrenwerk  von  Laubengängen  hinweg.
Im  Schatten  der  Rebe  wird  in  den  Weinbergen
Gemüse,  wohl  auch  Mais  gebaut.  In  den  Talsohlen
des  südlichen  Tessins  breiten  sich  die  Maisfeldcr
aus,  die  den  Landesbewohnern  die  Nationalspeise,
die  „polenta“,  liefern.  Ueberall  hat  der  Wald  stark
unter  Verwüstung  gelitten!  das  vermehrt  die  Wildbachgefahr. ­
  Im  südlichen  Tessin  sind  die  Gehänge
weithin  mit  Buschwald  verkleidet.  Auf  den  Höhen
wandert  man  stundenlang  durch  bunt  gemischtes
Niederholz  von  Kastanien,  Eichen  und  Haselbüschen,
das  erst  am  Fuß  des  Berges  von  hochstämmigen,
knorrigen  Kastanienbäumen  abgelöst  wird.  Der
Buschwald  überzieht  die  Berge  mit  einem  sammetartigen, ­
  grünen  Schimmer,  der  die  zahllosen  Wasserrinnen ­
  der  Gehänge  und  die  Bergumrisse  mit
aller  Schärfe  zeichnet,  während  der  Hochwald  als
dicker  Mantel  die  Formen  des  Untergrundes
verhüllt.
Beim  Vorwiegen  steiler  Halden  und  eines  stark
zerstückelten  Bodens  ist  der  Ackerbau  erschwert;  er
gehört  fast  ausschließlich  in  den  südlichen,  tiefer
liegenden  Kantonsteil.  Während  in  der  Ebene  der
Mais  in  ganzen  Feldern  reist,  können  am  terrassierten
  Steilhang  nur  schmale,  ausgemauerte  und
schwer  zugängliche  Riemen  bebaut  werden.  Vielfach
liegt  der  Ackerbau  den  Frauen  und  Kindern  ob,
da  die  Männer  scharenweise  als  Bauarbeiter  nach
den  Bauplätzen  der  Nordschweiz  wandern  und  nur
wenige  Wintermonate  bei  ihrer  Familie  zubringen.
Daneben  besteht  eine  eigentliche  Auswanderung;  die
Tessiner  ziehen  als  Südfrüchtehändler  über  die  Alpen, ­
  oder  sie  suchen  in  Argentinien  eine  neue  Heimat.
        <pb n="151" />
        145

Der  nördliche  und  größere  Kantonstcil  besteht  «"*&amp;gt;
aus  Granit-  und  Gneisgebirgen,  die  seit  dem  Bau  iSSi,
der  Gotthardbahn  in  zahlreichen  Steinbrüchen  einen
hochgeschätzten  Baustein  liefern.  Am  wichtigsten  sind
die  Brüche  an  der  Gotthardlinie  selbst.  Dem  Reichtum ­
  an  Baustein  entsprechen  die  massiv  gebauten
Häuser  mit  flachen,  gneisplattcnbedeckten  Dächern:
sie  drängen  sich  um  den  italienisch  anmutenden
Campanile  (Glockenturm)  und  schließen  an  den  «-,»&amp;gt;«,r
Berghalden  enge  und  holperige  Dorfgassen  ein.
Im  obersten  Laus  durchfließt  der  Tessin  das  j !8cbli $ K
Längstalstück  des  Bedretto,  das  den  Nufenenpaß  im  ^stn
Wallis  und  den  für  Gotthardbahn  und  -Festung
militärisch  wichtigen  San  Giacomopaß  ins  italienische ­
  Tosatal  nach  Domodossola  hinunter  sendet.
Bei  A  i  r  o  l  o  erreichen  die  Gotthardstraße  von
Andermatt  her  und  der  Bahntunnel  das  Tessintal,
beschützt  durch  eine  moderne  Festungsanlage  mit
Außenwerken.  Das  Livinental  (Leventina)  zeigt
einen  ähnlichen  Stufenbau  wie  das  Wallis;  es
wird  durch  die  Schluchten  des  Mte.  Piottino  und  der
Biaschina  in  langgestreckte  Talbecken  zerlegt.  Die
Gotthardbahn  überwindet  die  Stufen  in  je  einem
doppelten  Kehrtunnel.  Die  Wasserkraft  des  800  m
über  dem  Haupttal  liegenden  Ritomsees  im  Bal  Piora
  und  der  Schlucht  am  Mte.  Piottino  ist  bereits
für  den  elektrischen  Betrieb  der  Gotthardbahn  gesichert. ­
  Während  in  Q  u  i  n  t  o  noch  der  Tannenwald ­
  herrscht,  treten  im  Becken  von  Faido  bereits
die  Kastanien  als  Vorboten  des  Südens  auf.  Bei
Biasca  mündet  das  Bleniotal,  in  dessen  Hintergrund ­
  O  l  i  v  o  n  e  die  Lukmanierstraße  und  den
Greinapaß  zum  bündnerischen  Vorderrheintal  beherrscht. ­
  Biasca  liegt  mit  339  m  in  gleicher  Höhe
wie  der  tiefste  Ort  im  Mittelland  bei  Brugg.  Auf
seiner  grünen  Talsohle  bildet  die  Rebe  durch  Gneissäulen
  gestützte  Lauben.  An  der  steilen  Talhalde
Junger,  Schweiz

10
        <pb n="152" />
        146

Verzasca  -
unb  MagFia
gebiet

von  Osvgna  ist  einer  der  größten  Steinbrüche  in
Betrieb.  Bei  Arb  cd  o  nimmt  der  Tessin  die  Mossa
aus  dem  Misox  auf  und  wendet  sich  dann,  westwärts ­
  umbiegend,  auf  immer  breiter  werdender  Talsohle ­
  dem  Langensee  zu.  Von  Giornico  an  begleiten ­
  Waldstreifen  von  Pappeln,  Weiden  und  Erlen
den  Fluß  auf  dem  verwilderten  und  oft  überschwemlnten
  Talboden  stundenweit  bis  zur  Mün
düng  in  den  Sec.  Am  Ausgang  der  Talstreckc
der  Riviera  zum  langgestreckten  Telia  des  Tessins
liegt  die  kleine  Hauptstadt  Bellinzona  10406
E.,  überragt  von  drei  Hügeln,  ans  denen  die  Burgen
„Uri",  „Schwyz"  und  „Unterwalden",  nach  der
ehemaligen  Herrschaft  der  drei  Orte  benannt,  den
Zugang  znin  Gotthard  bewachen.  Die  vom  Tessin
früher  oft  verheerte,  gestrüppbewachsene  Ebene
unterhalb  Bellinzona  kann  jetzt  nach  den  Korrektionsarbeiten ­
  allmählich  zu  Kulturland  umgewandelt ­
  werden.  Aus  den  Tessincr  Alpen  treten  die
reich  verästelten,  steilen  Täler  der  Verzasca  und
Maggia  durch  Schluchten  zum  Langensee  hinaus.
Als  reißende  Wildwasser  schleppen  sie  bei  Sturzregen ­
  gewaltige  Schuttmassen  talanswärts;  die
Maggia  hat  ein  halbkreisförmiges,  strauchbedecktes
Kiesdelta  in  den  See  vorgeschoben  und  wird  einst  den
obersten  Teil  des  Sees  abtrennen,  wie  es  durch  die
Adda  aus  dem  Veltlin  am  obern  Comersee  bereits  geschehen ­
  ist.  Hanptorte  des  landschaftlich  reizvollen
Maggiatales  sind  Cevio  und  Bignasco.  In
einem  engen,  felsigen  Seitental  liegt  der  deutsche
Ort  B  o  s  c  o,  der  allmählich  der  Verwelschung  ent
gegengeht.  Durch  das  Tal  von  Centovalli  führt  die
Straße  nach  Domodossola  hinüber.  In  milder,  nebel
freier  Lage  und  durch  die  größte  Zahl  sonniger
Tage  ausgezeichnet,  lehnt  sich  das  alte  Städtchen
Locarno  an  das  Seeufer,  immer  mehr  als  Kurort ­
  für  den  Winter-  oder  Frühlingsaufenthalt  be
        <pb n="153" />
        vorzugt.  Inmitten  einer  üppigen,  südlichen  Vegefatitm
  liegen  weiter  seeabwürts  Ascona  und
Brissago,  dessen  Bewohner  im  Tabakbau  und
in  der  Zigarrenfabritation  den  Haupterwerb  finden.
Südlich  der  Mündnngsebenc  des  Tessins  trennt
der  niedrige  Zug  des  Monte  Ceneri  nach  Größe,
Bodengestalt,  Bolksdichte  und  Volksart  ungleiche
Gebiete  des  Kantons,  das  Sopra-  und  Sotto-S°pr»  und
ceneri  (ober-  und  unterhalb  des  Ceneri).  Im  s,,tKfnm
Sottocencri  erreichen  die  Berggipfel  eine  geringere
Höhe  und  machen  in  ihrem  Kleid  aus  Buschwald
einen  freundlicheren  Eindruck  als  das  Gebirgsland
am  Tessin;  immerhin  steigen  sie  mit  steilen  Halden
aus  den  breiten,  gut  bebauten  Tälern  empor.  Täler
und  Bergzüge  gruppieren  sich  unter  dem  blauen
Himmel  des  Südens  zu  einem  reizvollen  Landschaftsbild ­
  um  das  vielarmige  Becken  des  Luganer-  si-s-mers«
secs.  Die  eine  Bucht  zieht  sich  bis  zum  italienischen
Porlezza  hinüber,  das  durch  eine  Talmulde  mit
den  Ufern  des  Comersees  in  Verbindung  steht.  Ein
anderer  Zipfel  des  Sees  dringt  am  Fuß  des  aussichtsreichen ­
  Kalkgipfcls  des  Mte.  Gencroso  1704  m
nach  Süden  vor,  wo  Riva  und  Capolago  das
Ende  bezeichnen.  Ein  Arm  biegt  um  den  zypressengerröntcn
  Felsvorsprung  von  M  o  r  c  o  t  e  und  umschließt ­
  eine  halbinselförmige  Berggruppe,  aus  der
als  weitschauender  Punkt  der  San  Salvatore  aufl'hgt.
  Am  Bergfuß  liegt  in  prächtigem  Kranz  um
d:e  nördliche  Seebucht  der  größte  Ort  des  Tessins,
Lugano,  mit  13000  Einwohnern;  die  Stacht  ist
rings  von  prächtig  gelegenen  Villen  und  Hotellvlonicn
  umgeben,  die  inmitten  der  Reblauben  und
Kastanienbäume  das  Landschaftsbild  mit  hellen,  reichen ­
  Farben  beleben.  Lugano  ist  der  von  Fremden
meist  besuchte  Ort  der  Südschweiz;  granitene  Fahrbahn ­
  in  den  Straßen,  Bogengänge  im  Erdgeschoß  und
vftene  Werkstätten  erinnern  an  italienische  Bauart
        <pb n="154" />
        148

und  Lebensweise.  Vororte  am  See  sind  das  hotelreiche ­
  P  a  r  a  d  i  s  o  am  Fuße  des  San  Salvatore
und  Castagnola  in  geschützter  Bucht;  durch  Olivenbestände ­
  führt  ein  Felsensteig  zu  dem  an  steiler
Halde  am  Seeufer  klebenden,  italienisch  gebauten
Fischerort  G  a  n  d  r  i  a.  Von  Bellinzona  her  unterfährt ­
  die  Gotthardbahn  den  Straßenübergang  des
Monte  Ceneri  und  erreicht  durch  die  Fruchtfelder
des  Agnvtales  Lugano  auf  aussichtsreicher  Terrasse
über  der  Stadt.  Bei  Meli  de  gewinnt  sie  aus
einem  Damm  quer  durch  den  See  das  östliche  User
und  tritt  über  M  e  n  d  r  i  s  i  o  und  die  Grenz-  und
Zollstation  C  h  i  a  s  s  o  in  die  Poebene  hinaus.  Die
Me.ldiisotto  Umgebung  von  Mendrisio,  das  Mendrisotto,  ist  mit
ihrem  Reichtum  an  Wein,  Mais,  Tabak  und  Früchten ­
  der  Garten  des  Tessins  und  unterhält  mit  den
zahlreichen  Maulbeerbäumen  eine  ansehnliche  Seidenraupenzucht ­
  und  Seidenspinnerei.  Inmitten  der
zur  Poebene  auslaufendcn  Hügclwellen  des  Mendrisotto
  liegt  der  Badeort  S  t  a  b  i  o.
Die  Tresa  führt  das  Wasser  des  Luganersees
dem  78  m  tiefer  liegenden  Langensee  zu.  Uber  den
Grenzort  Ponte  Tresa  leitet  das  Flußtal  den
Verkehr  zu  den  Fremdenorten  des  Langensees  hinüber. ­


Graubündrn.
*,8°  »»d  Graubünden  liegt  im  Südvsten  der  Schweiz.
P^cutung  feg  umfaßt,  in  mancher  Beziehung  ein  Gegenstück
zum  Wallis,  den  östlichen  Flügel  des  großen  Südalpenzuges, ­
  die  Bündner  Alpen,  und  überdies  die
Südabdachung  der  Glarner  Alpen.  Graubünden  ist
mit  rund  7100  km*  Fläche  der  größte  Kanton  der
Schweiz.  Er  kommt  aber  als  Gebirgsland  mit
        <pb n="155" />
        149

geringer  Volksdichte  nicht  zu  einer  Geltung,  die  der
Größe  entspricht;  nahezu  die  Hälfte  des  Bodens
ist  unproduktiv,  der  Ertrag  infolge  der  hohen  Lage
gering;  die  Bündner  Berge  sind  ein  armes  Land.
Die  Längstalfurche  der  Rhone  findet  über  das
Mittelstück  des  Urserentales  hinweg  ihre  Fortsetzung ­
  im  bündnerifchen  Vorderrheintal.  Der  Rhein
fließt  von  der  Oberalp  aus  am  Fuß  der  schroff
abstürzenden  Nordalpenkette  entlang  bis  Chur  und
durchbricht  sie  dann,  nordwärts  umbiegend,  in  einer
breiten  Quertallücke,  ähnlich  der  Rhone  bei  .St.
Maurice.  Von  den  Bündner  Alpen  laufen  zahlreiche ­
  Quertäler  nordwärts  zum  Rhein  hinaus,  während ­
  von  der  Nordwand  nur  unbedeutende  Bäche
in  kurzen,  steilen  Tälern  und  Runsen  herunterstürzen. ­
  Die  Bündner  Alpen  zeigen  gegenüber  der
einfachen  Stammkette  der  Walliser  Alpen  einen  recht
verwickelten  Ban.  Vom  Gotthard  an  ostwärts  begegnen ­
  sich  an  einem  Kamm  die  Hintergründe
der  Rhein-  und  der  Tessintäler.  Dann  aber  heben
sich  weiterhin  aus  dem  Gewirr  von  Bergkämmen
Zwei  Haupizüge  heraus,  die  das  Engadin  einschließen; ­
  sie  ergeben  die  natürliche  Einteilung  des
Landes  in  das  Einzugsgebiet  des  Rheins,  das  Jnntal
  und  die  Täler  der  Südabdachnng:  Misox,
Bergell,  Puschlav  und  Münstertal.
Die  Bündner  Alpen  können  sich  an  Höhe  der
einzelnen  Gipfel  nicht  mit  den  Walliser  und  Berner ­
  Alpen  messen;  die  Bernina  erreicht  als  höchster
Punkt  4052  in.  Dagegen  sind  sie  durch  eine  ungewöhnliche ­
  hohe  Lage  der  Talsohlen  ausgezeichnet;
St.  Moritz  auf  dem  Talgrund  des  Oberengadins
hat  die  gleiche  Mcereshöhe  wie  Rigikulm  1800  in.
So  stellen  denn  die  Bündner  Alpen,  ungeachtet
der  geringeren  Gipfelhöhe,  eine  ähnliche  Massenerhebung ­
  dar  wie  die  Walliser  Alpen.  Denkt  man
sich  das  Mittelland  der  Schweiz  von  einem  Meer

Scst.lt

Einleitung

Bündner
Alpen
        <pb n="156" />
        150

Bündner
Schiefer

überflutet,  dessen  Spiegel  1000  m  über  betn  heuti
gen  liegt,  so  würden  Meeresarme  durch  die  nörd
liehen  Alpentäler  bis  an  den  Hauptlamm  der  Nordalpen ­
  eindringen,  bis  in  die  Talhintergründe  von
Elm,  Göschenen,  Guttannen,  Grindelwald,  Lenk  und
Sannen;  das  Prätigau,  Vorder-  und  Hinterrheiutal
  und  Albulatal  müßten  weit  taleir.wärts  unter
Wasser  stehen.  Dagegen  würden  die  Seitentäler
des  Vordcrrheins,  des  Rheinwald,  Avers,  das  Oberhalbstein,
  die  Talmulden  von  Davos  und  Bcrgün
und  das  ganze  Engadin  als  Gebiete  großer  Erhebung ­
  über  dem  Meeresspiegel  liegen.  Fehlt  cs  auch
den  Bündner  Alpen  nicht  an  kühn  geformten  Gipfelte
und  stark  vergletscherten  Gruppen,  so  überwiegen
doch  im  Landfchaftsbild  die  auf  breitem  Fuß  mit
geringerer  Böschung  ansteigenden  und  weit'hinauf
mit  Wald  und  Weiden  verkleideten  Gebirge;  sic
heben  sich  über  hvchliegcnde  Talmulden  hinaus  und
machen,  von  hier  aus  gesehen,  naturgemäß  nicht  den
Eindruck  schreckhafter  Steilheit  und  Größe,  ivie
die  Walliser  Alpen  von  ihren  Nvrdtälern  oder  gar
von  der  Poebene  in  200  m  MeereShöhe  aus.
Im  Einzugsgebiet  des  Rheins  setzt  sich  auf  weite
Flächen  der  Untergrund  aus  dunkeln,  mürben  Tonschiefern, ­
  dem  Bündner  Schiefer,  zusammen.
Auf  dein  zu  fruchtbarer  Erde  verwitterten  Schieferboden
  steigen  üppig  grüne  Weiden  bis  zu  den  gerundeten ­
  Bergkämmen  hinauf.  Die  Halden  sind  aber
auch  beständig  von  Rutschungen  und  von  der  Verwüstung ­
  durch  Wildbäche  bedroht,  die  bei  Regen
oder  Schneeschmclze  mit  schlammigen,  dunkeln  Flu
ten  aus  den  tief  in  den  Berg  gerissenen  Döbeln
hervorbrechen  und  den  offenen  Talboden  mit  Schutt
überführen;  hier  sind  überall  Verbauungen  nötig
geworden.  Für  Flußkorrektionen,  Wildbach  und
Lawinenverbauungen  hat  Granbündcn  wie  kein  anderer ­
  Alpenkanton  schon  gewaltige  Opfer  gebracht.
        <pb n="157" />
        151

Der  Verkehr  erreicht  von  Norden  her  den  Boden
Bündens  durch  die  Quertalpforte  unterhalb  Chur;
über  die  Kette  der  Glarner  Alpen  hinweg  setzen
nur  wenig  begangene,  mühsame  Pässe.  Durch  die
Täler  und  Paßlücken  der  Bündner  Alpen  öffnen
sich  zahlreiche,  zum  Teil  von  prächtigen  Kunststraßen
  benutzte  Übergänge  nach  Süden.  Vom  Gotthard ­
  bis  zum  Septimer  leiten  sie  direkt  in  die  Täler
der  Südabdachung  über:  hier  ist  der  Splügen  als
kürzeste  Verbindung  zwischen  Chur  und  dem  Coinersee
  zu  hoher  Bedeutung  gelangt.  Ostwärts  des  Septimer ­
  münden  die  Übergänge  ins  Hochtal  des  Engadin ­
  und  müssen  durch  einen  zweiten  Paß  die  Fortsetzung ­
  zu  den  außerschtveizerischen  Talschaften  an»
Südfuß  der  Bündner  Alpen  suchen.  Die  Täler  an
den  Südausgängen  des  Engadin  sind  von  großer
Steilheit;  so  senkt  sich  das  Puschlav  von  der  Bernina ­
  bis  zur  Landesgrenze  von  2300  auf  500  m.
Wie  in  der  Bodengestalt,  so  läßt  sich  Graubünden ­
  auch  kliinatisch  dem  Wallis  an  die  Seite  stellen.
Die  Gcbirgsumrahmung  entzieht  sowohl  der  tiefen
Mulde  des  Rhcingebietes  als  dein  Jnntal.die  Feuchtigkeit. ­
  Chur  hat  eine  Niederschlagshöhe  von  90  cm;
«n  der  Maloja  beträgt  sie  140  cm,  glimmt  aber
durch  das  ganze  Engadin  hinaus  beständig  ab  und
erreicht  im  kknterengadin  nur  noch  70  cm.  Tie
abgeschlossenen  Täler  haben  an  den  Windströmungen
des  Vorlandes  nur  geringen  Anteil;  so  ist  es  denn
nicht  selten,  daß  sie  auch  in  der  Witterung  eine
Ausnahme  bilden.  Es  kommt  vor,  daß  der  Zug
der  Albulalinie  aus  dem  sonnigen  Wetter  von  Bevers
  iin  Engadin  durch  den  Tunnel  in  den  Regen
des  Albulatales  hinaus  fährt.  Die  Massenerhebung
der  Bündner  Alpen  bewirkt  eine  hohe  Lage  de-Ald-,
  Weiden-  und  Schneegrenze;  im  Engadin
Münstertal  steht  der  oberste  Wald  bei  2200  m;  an
der  Bernina  steigt  die  Schneegrenze  auf  3100  in.

Straßen
und  Pässe

ATU««

Pflanzendecke
        <pb n="158" />
        152

Alpwinschasl

aößnbmuivj

Fremden
verkehr

Die  Gebirgstäler  Graubündens  erhalten  ihren  Land
schaftscharakter  durch  die  Nadelholzwaldungen,  die
stundenweit  als  dunkles  Kleid  die  Gehänge  verhüllen,
und  durch  die  prächtigen,  blumigen  Alpweiden.
Durch  die  Fvhngasfe  des  Rheinquertales  dringt
die  Rebe  bis  nach  Chur  hinauf  vor.  Getreide  wird
taleinwärts  bis  zu  großer  Höhe  angebaut;  so  steigen ­
  in  sonniger  Lage  im  Engadin  die  Getreideselder
  neben  den  Obstbäumen  bis  zu  1700  rn.  Immerhin ­
  wird  der  Boden  zumeist  alpwirtschaftlich
benutzt.  Die  Alpweiden  unterhalten  einen  Vieh
stand,  der  zum  wichtigsten  Besitz  des  Landes  gehört.
Aus  den  Hochtälern  stammt  das  luftgetrocknete
Fleisch,  da§  unter  dem  Namen  „Bündner  Fleisch"
meist  von  Chur  aus  versandt  wird.  Schon  längst
vermochte  die  Alpwirtschaft  nicht  mehr,  allein  die
wachsende  Bevölkerung  zu  ernähren;  daher  der  Trieb
so  vieler  Bündner,  im  besondern  der  Engadiner,
nach  den  großen  Städten  Norditaliens  und  des
übrigen  Europa  auszuwandern,  um  als  Zuckerbäcker,
Wirte,  Hotelangestellte  oder  Geschäftsleute  sich  einen
gewissen  Wohlstand  zu  verschaffen  und  in  späteren
Jahren  wieder  nach  der  Heimat  zurückzukehren.
Diese  Kräfte  werden  neuerdings  immer  mehr  ini
Lande  zurückgehalten  durch  den  sichern  Verdienst
im  Fremdenbcsuch,  der  Graubünden  wegen  seiner
landschaftlichen  Schönheit  und  der  Heilwirkungen
seines  Höhenklimas  und  der  zahlreichen  Mineral
quellen  bevorzugt.  Die  rätische  Bahn  und  die  Al
pcnstraßen  bewältigen  und  fördern  einen  großen
Touristenverkehr,  der  nun  auch  im  Winter  an  den
bekannten  Eissportplätzen  nicht  aussetzt.  Durch  den
Bau  einer  Ostalpenbahn  (Seite  112)  sucht  Grau
bänden  seine  mittelalterliche  Stellung  als  bevor
zugtes  Durchgangsland  zwischen  Nord-  und  Süd
europa  zurückzugewinnen.
Graubünden  hat  eine  sprachlich  und  konfessionell

Bol!
        <pb n="159" />
        158

gemischte  Bevölkerung  von  118000  Seelen,  die  sich
naturgemäß  sehr  ungleich  über  die  gesamte  Fläche
verteilt.  Stark  bevölkert  sind  die  Talsohlen,  die
vielfach,  wie  im  Engadin,  nur  einen  langen  und
schmalen  Streifen  bewohnten  Bodens  tragen.  Die
ansehnlichste  Volksdichte  findet  sich  im  untern  Rheintal ­
  bis  über  Chur  hinauf,  im  Prätigau,  in  den
Kurlandschaften  des  Engadin  und  des  Davos  und
an  den  Ausgängen  der  Südtäler.  Die  rätoromanische ­
  Sprache  wird  heute  noch  von  31  %  der
Gesamtbevölkerung  gesprochen  (gegenüber  40  %  im
Jahre  1880).  Ihr  Gebiet  umfaßt  mehr  als  die
Hälfte  des  Kantons;  es  gehören  dazu  das  Vorderrheingebiet ­
  bis  nach  Ems,  ausgenommen  das  Saficn-
  und  Valsertal,  das  Domleschg  ohne  die  Gegend ­
  von  Thusis,  Schams,  Oberhalbstein,  der
größere  Teil  des  Albulatales,  das  Engadin  ohne
Samnaun,  und  das  Münstertal.  Zwischen  den  beiden
Hauptgruppen  des  Oberländer  Romanisch  (im
Rheintal)  und  der  Engadiner  Mundart,  des  Ladini
  scheu,  bildet  der  Dialekt  des  Oberhalbsteins  einen
Übergang.  Die  deutsche  und  romanische  Sprache
wechseln  stellenweise  von  Ort  zu  Ort.  Gegenüber  der
von  Norden  her  vordringenden  deutschen  Sprache
hat  das  Romanische  beträchtlich  an  Gebiet  eingebüßt, ­
  gehörte  ihm  doch  einst  auch  das  Prätigau.
Italienisch  sind  die  Talschaftcn  des  Misox,  Bergest
und  Puschlav.  Katholiken  und  Protestanten  verteilen ­
  sich  aus  alle  drei  Sprachgebiete.
Es  ist  eine  in  allen  Alpentälern  bekannte,  m
Graubünden  besonders  häufige  Erscheinung,  daß  die  '
Ortschaften  abseits  vom  gefahrdrohenden  Talfluß
auf  Schuttkegeln  oder  auf  sonnigen  Terrassen  stehen.
Die  Bauart  der  Häuser  ist  nach  den  Talschaften
recht  verschieden;  im  allgemeinen  bevorzugt  der  Romane ­
  auch  für  einfache  Gebäude  den  massiven,  halb
städtisch  anmutenden  Steinbau.
        <pb n="160" />
        154

„Herrsch»st"  Der  natürliche  Zugang  von  Norden  her  führt
durch  den  Nebbezirk  der  „Herrschaft"  im  Quertal
des  Rheins.  Hier  lehnt  das  Städtchen  Mayenfeld
  an  einen  weit  ausladenden  Schuttkegel,  über
den  eine  früher  viel  begangene  Straße  zur  veralteten ­
  Befestigung  L  u  z  i  e  n  st  e  i  g  und  in  das  rechtsrheinische ­
  Ländchen  Liechtenstein  hinüberführt.  Bei
Mal  ans  bricht  aus  enger  Dlündungsklus  die
Landquart  aus  dem  breiten,  anmutigen  Tal  des
Prüi'.xau  Prätigau.  Es  zeigt  überall  die  weichen  Formen
des  Bündnerschiefers,  im  Norden  überragt  von  den
Steilwänden  der  Rätikonkette  mit  der  Scesaplana.
Uber  Schiers  steigt  die  Straße  und  die  rätische
Bahn  nach  K  l  o  st  e  r  s  hinauf,  das  neben  den  Bädern ­
  von  Fideris  und  Serneus  und  dem  Sr.
Antöniental  den  Fremdenbesuch  an  sich  zieht.  In
steilem  Anstieg  gewinnen  die  „Stütz"siraße  und  die
Bahn  das  Hochtal  des  Landwassers.  In  dieser
sonnigen  und  nebelfreien  Mulde  nützt  der  Kurort
Davos  (11300  Einwohner)  in  zahlreichen  Sanatorien ­
  für  Lungenkranke  die  Heilwirkung  des  Höhenlichtes ­
  aus.  Der  Ort  ist  überdies  zum  berühnnen
Winterspvrtplatz  geworden.  Bon  hier  aus  zieht  die
Flüelastraße  nach  dem  Unterengadin.  An  der  sonnigen ­
  Nordwand  geht  der  Strelapaß  am  Sanatorium
sch»»figg  Schatzalp  vorbei  ins  Schanfigg  zum  Kurort
A  r  o  s  a,  in  1900  in  Höhe.  Aus  dem  Schanfigg
mündet  die  Plessur  zum  Rhein  hinaus.  Hier  lehnt
die  Hauptstadt  des  Kantons,  Chur,  14  500  Ein-Bohner,
  an  die  Talwand.  Sie  galt  zu  allen  Zeiten
r ' nft  c  als  wichtiger  Sammelpunkt  der  bündnerischen  Alpcnübcrgänge.
  In  sicherer  Entfernung  von  der  Neustadt ­
  an  der  Talsohle  zieht  der  eingedämmte  Rhein
inmitten  kahler  Kies  und  Sandflächen  am  Fuß
der  Calanda  entlang.
Oberhalb  des  ersten  romanischen  Dorfes  Ems
liegt  beim  Schloß  Reichenau  die  Talgabe!  des  Bor
        <pb n="161" />
        155

der.  und  Hintcrrheins.  De»  Zugang  zum  Vorderrheintal ­
  versperrt  der  gewaltige  Bergsturz  von
Flims,  der  nach  der  Eiszeit  von  der  Nordwand
niederbrach.  Die  Trümmermasse  wird  auf  15km s
geschätzt.  Sie  bildet  heute  eine  wechsclvvlle,  waldige ­
  Hügellandschaft,  durchbrochen  vom  Tobel  des
Rheins  und  der  Rabiusa  aus  dem  Safiental.  Die
Straße  umgeht  sie  über  den  Kurort  F  l  i  m  s.  Das
Städtchen  Jlanz,  ein  Marktort,  sammelt  die  Wege
aus  den  weiden-  und  viehrcichen  Seitentälern.  Auf
Schuttkegeln  und  Terrassen  reihen  sich  talaufwärts
die  Dörfer.  Vom  obersten  Talstück,  dem  Tavetsch
mit  S  c  d  r  u  n,  führt  die  Straße  über  den  Oberalppaß, ­
  90  km  von  Chur  entfernt,  ins  Urserental.
Bei  dem  Klosterort  Disentis  zweigt  die  Lukmanierstraße ­
  durch  das  Tal  Medels  zum  Bleniotal
  ab,  das  überdies  von  Somvix  her  auch  den
Verkehr  über  den  Greinapaß  aufnimmt.  Von  der
Bcrggruppe  des  Rheinwaldhorns  3398  m  senken
sich  das  breite,  stark  verzweigte  Lugnez  ^md  ^  das
schmale  Safiental  zum  Rhein  hinaus.  L&amp;gt;ie  sind,
wie  das  Prätigau,  das  Schanfigg  und  das  benachbarte ­
  Domleschg,  in  den  Bündnerschicfer  eiugeschnitten,
  dessen  verwitterte  und  rutschende  Halden  üppige
Wiesen  und  Weiden  tragen.  Im  Lugnez  liegen  in
den  Hintergründen  des  Glenncrtales  die  Orte  V  a  l  s
und  V  r  i  n.
Der  unterste  Abschnitt  des  Hinterrhcintales  ist
das  Domleschg;  in  seinem  Hintergrund  ist  Thu
sls  ein  Verkehrsmittelpunkt.  Aus  dem  Schiefergc
stein  des  Heinzenberges  bricht  hier  ein  gefürchtetes
Wildwasser,  die  „schwarze"  Nolla,  hervor,  dessen
Verheerungen  mit  einer  kostspieligen  Verbauung
Einhalt  getan  werden  mußte.  Durch  die  großartige
Schlucht  der  Viamala,  hoch  über  dem  in  schwarzer
Diese  tosenden  Fluß,  erreicht  die  Straße  ein  höher
''egendes  Talbeckcn  des  Hinterrhcins,  das  IchamS
        <pb n="162" />
        156

Albulalal

Engadin

mit  Andeer,  und  in  erneutem  Anstieg  durch  die
Rofnaschlucht  das  Rheinwald,  den  obersten  Talabschnitt. ­
  Vom  Dorfe  Splügen  zieht  die  gleichnamige ­
  Straße  über  die  Paßhöhe  nach  dem  italienischen ­
  Chiavenna  hinunter,  und  von  Hinterr
  h  e  i  n  geht  die  Bernardino-Straße  ins  Misox  und
nach  Bellinzona.  Das  entwaldete,  weidenreiche
Aversertal  birgt  die  höchsten  Ortschaften  der
Schweiz,  C  r  e  st  a  und  I  u  f  2130  in,  der  Gichelhöhe
des  Pilatus  gleich.
Bei  Thusis  bricht  die  Albula  aus  der  gewaltigen
Schynschlucht  hervor.  Die  Albulabahn,  von  Chur
herkommend,  erzwingt  sich  an  den  Steilwänden  und
über  kühne  Brücken  hinweg  den  Zugang  zu  dem
Talkessel  und  Straßenkreuz  von  Tiefenkastel.
Von  Chur  her  leitet  ein  alter  Verkehrsweg  durch
das  Tal  von  Churwalden  ins  Oberhalbstein  hinauf
und  gabelt  sich  in  die  beiden  schon  zur  Römerzeit
benutzten  Übergänge  des  Septimer  zum  Bergell  und
der  Julierstraße  ins  obere  Engadin.  Von  Davos
führt  eine  Straße  den!  Landwasser  entlang  durch
die  Schlucht  der  „Züge"  über  den  Badeort  Alveneu,
  begleitet  von  der  Bahn,  die  in  Filisur
mit  der  Albulabahn  zusammentrifft.  Diese  überwindet ­
  in  Schleifen  und  Kehrtunnels  die  Stufen
des  Tales  von  Bergün  und  dringt  in  7  lein  langem ­
  Tunnel  unter  dem  Paßübergang  der  Albulastraßc
  durch  ins  Engadin  ein.
Eine  von  den  Straßenübergängen  des  Julicr,
der  Albula  uub  der  Flüela  durchquerte  Bergkette
trennt  das  bündnerische  Rheingebiet  von  dem  schmalen ­
  Einzugsgebiet  des  Inn.  Sie  trägt  die  Gipfel  des
Piz  d'Err,  Piz  Kesch,  Piz  Vadred,  Pi-  Linard
und  Piz  Buin,  alle  zwischen  3200  und  3500  m
hoch.
Das  Engadin  zählt  zu  den  höchsten  bewohnten
Alpentälern.  Die  breite  Talsohle  des  Oberengadin
        <pb n="163" />
        liegt  in  1800  m  Meereshöhe,  am  Fuße  der  eisumhüllten, ­
  schimmernden  Bernina,  von  der  die  prächtigen ­
  Tagletscher  Rosegg  und  Morteratsch  herunterfließen. ­
  Das  Jnntal  geht  ohne  Rückwand  an  der
Maloja  in  das  Bergell  über.  Der  junge  Inn
bildet  die  drei  kleinen,  durch  bewaldete  Felsrücken
getrennte  Seen  von  Sils,  Silvaplana  und
St.  Moritz.  Das  anmutige  und  großartige  Landschaftsbild ­
  und  die  Vorzüge  des  Höhenklimas  sichern
den  Orten  des  Oberengadins  einen  noch  stets  zunehmenden ­
  Fremdenbesuch,  dessen  Hauptanteil  auf  St.
Moritz  fällt.  Als  Kurort  und  Wintersportplatz  zählt
es  zu  den  ersten  Fremdenzentreu  der  Welt.  Seine
Heilquelle  wurde  schon  zur  Römerzeit  geschätzt.  Der
alte  Mittelpunkt  des  Oberengadins  ist  Samad  en.
Zwischen  der  Bernina  und  dem  berühmten  Aussichtspunkt ­
  des  Piz  Languard  gehen  die  Berninastraße ­
  und  neuerdings  die  elektrische  Bahn  an  P  untre ­
  s  i  n  a  vorüber  taleinwärts,  um  über  die  Paßhöhe ­
  2330  m  hinweg  das  Puschlav  und  das  Veltlin
  zu  erreichen.  Weiter  innabwärts  wird  das  Tal  nur
wenig  vom  großen  Fremdenstrom  berührt;  hier  liegen
die  Dörfer  Z  u  o  z  und  S  c  a  n  f  s.  Von  Z  e  r  n  e  tz
führt  die  Straße  des  Ofenpasses  zum  Münstertal
hinüber,  und  in  S  ü  s  endet  die  Flüelastraße.  Während ­
  im  obern  Engadin  der  Inn  auf  flacher  Talsohle ­
  dahinzieht,  fließt  er  im  Unterengadin,  bei
Zernetz  durch  den  Spölbach  verstärkt,  in  enggeschnittcnem,
  bewaldetem  Tal.  Die  Dörfer  stehen  an  der
Nordhalde  auf  sonniger  Terrasse.  Die  Heilquellen
und  die  reine  Luft  der  waldreichen  Gegend  begründeten ­
  den  Ruf  der  Kurorte  S  ch  u  l  s  und  T  a  r  a  s  p,
denen  es  zu  stärkerer  Entwicklung  vorläufig  noch
an  bequemer  und  rascher  Verkehrsverbindung  fehlt.
Unterhalb  Martinsbruck  tritt  der  Inn  ins
Tirol  hinüber.  Das  auf  österreichischen  Boden  ausmündende ­
  arme  Bergtal  des  Samnaun  erhält  jetzt
        <pb n="164" />
        mit  Bundeshilfe  durch  eine  kunstvolle  Straße  den
engern  Anschluß  an  das  schweizerische  Engadin.
Ratursch.'d  Der  Schweizerische  Bund  für  Naturschutz  hat  in
der  Gebirgswelt  des  Unterengabins  zwischen  den  Gemeinden ­
  Scanfs,  Zernetz  und  Schuls  ein  Schutzgebiet
(Reservation)  für  alle  Pflanzen  und  Tiere  angelegt,
hinfort  als  Schweizerischer  Nationalpark  gelten
Nationalpark  soll.  Das  Schutzgebiet  ist  dazu  bestimmt,  die  durch
den  Fremdenverkehr  und  durch  die  Industrie  bedrohte
Naturwelt  vor  Vernichtung  zu  bewahre»!  hier  sollen
sich  die  Pflanzen  und  Tiere  wieder  so  einleben  und  entwickeln ­
  können,  wie  vor  der  Zeit,  da  der  Mensch
in  rücksichtslosem  Eigennutz  anfing,  die  Natur  nach
seinen  Bedürfnissen  umzugestalten  und  zu  verwüsten.
Die  Gegend  des  Ofenpasses  eignet  sich  vortrefflich
als  Nationalpark.  Sie  ist  von  großer  landschaftlicher
Schönheit,  reich  bewaldet,  einsain  und  wenig  zugänglich! ­
  sie  beherbergt  eine  reiche  Pflanzen-  und  Tierwelt!
hier  hat  der  Bär  eine  letzte  Zufluchtsstätte  gefunden. ­
  Durch  ein  Verbot  der  Jagd,  des  Weidganges  und
des  Holzschlages  soll  die  sich  selbst  überlassene  Statur
von  jeder  Zerstörung  durch  Menschenhand  verschont
bleiben.  Bereits  ist  das  einsame  Val  Cluoza,  das
vom  Piz  Quatervals  nach  Zernetz  hinunterzieht  und
ein  Teil  des  Scarltales  als  Reservation  gesichert;  später
soll  sie  durch  ein  italienisches  Schutzgebiet  nach  Süden
hin  vergrößert  werden.
Der  Bund  für  Naturschutz  hat  sich  überdies  bereits
mit  Erfolg  bemüht,  die  erratischen  Blöcke  als  ehrwürdige ­
  Naturdenkmäler  vor  der  Zerstörung  zu  retten
und  die  Alpenpflanzen  vor  der  Ausrottung  durch  die
Scharen  der  einheimischen  und  fremden  Besucher  zu
bewahren.
Die  Täler  ain  Südabsall  der  Alpen  senken  sich
meist  stufenförmig  in  steilem  Absturz  von  den  Alpweiden ­
  der  Paßhöhe  zu  den  Kastanienwäldern,  Weinbergen ­
  und  Fruchtgärten  an  ihrem  Südausgang.  Im
        <pb n="165" />
        159

Misox  (Mesocco)  verknüpft  sich  der  überraschende  «,«x
Übergang  vom  alpinen  zum  südländischen  Landfchaftsbild
  mit  einer  Talstufe  unterhalb  Misox.
Die  Moßsa,  verstärkt  durch  den  Abfluß  des  wilden
Calancatales,  fließt  an  Rovercdo  vorüber  zum
Tessin  und  leitet  an  ihrem  Talgrund  den
Verkehr  vom  Bernardino  nach  Bellinzona.  Von
C  h  i  a  v  e  n  n  a  her  steigt  eine  vielbegangcne  Straße
durch  das  Bergell  (Bregaglia)  über  die  schweizer!-  »&amp;gt;ia?a
scheu  Orte  Castasegna  und  V  i  c  o  s  o  p  r  a  n  o
zur  Felskantc  von  Maloja  hinauf,  wo  sich  das
Hochtal  der  Engadiner  Seen  öffnet.  Das  Puschlav  Puichi«,
(Poschiavo)  tritt  an  seinem  Südausgang  mit  der
Talcnge  von  Ca  m  pocologno  bei  Brusio  hart
an  die  Sohle  des  Veltlins  heran.  Der  Hauptort
ist  Poschiavo;  talauswärts  liegt  der  gleich  -
namige  See,  an  dessen  Ufer  entlang  Straße  und
Touristenbahn  Tirana  im  Veltlin  zustreben.  Das
Münstertal  wird  vom  Rambach  zur  Etsch  entwässert.  R„»st«rt«i
An  der  Landesgrenze  liegt,  vor  dem  Tatausgang  an
der  Calven,  M  ü  n  st  e  r  1250  in  hoch.  Von  Santa
Maria  steigt  die  neue  Umbrailstraße  zum  italienischen ­
  Abschnitt  der  Stilfserjochstraße  hinüber,  die
hart  an  der  Schweizergrenze  in  2800  m  Höhe  die
wichtige  Verbindung  zwischen  dem  italienischen
Beltlin  und  dem  österreichischen  Etschgebiet  herstellt.

Uri.
Aus  den  Flanken  der  Gotthardgruppe  bricht  s«*«
die  Reuß  in  mächtigem  Quertal  durch  die  Bergmasseu
  des  Nordalpenzuges  zum  Vierwaldstätterste
  hinaus;  das  ist  der  Kanton  Uri.  In  seinen
Tälern  beherbergt  er  nur  22  000  Einwohner  und
vlk'.bt  damit  der  volksärmste  unter  allen  Kantonen.
        <pb n="166" />
        180

Gotthord--verichr


Urserental

Ein  imposanter  Gebirgsrahmen  und  die  Steilufer
des  Urnersees  scheinen  das  Land  zu  gänzlicher  Abgeschlossenheit ­
  zu  bestimmen;  aber  längst  schon  leitet
der  Gotthardübergang  den  Weltverkehr  durch  das
einst  so  entlegene  Reußtal.
In,  Altertum  und  im  Frühmittc  kalter  kannte  niau
den  am  zentralsten  gelegenen  Alpenpaß  nicht;  die
Reisenden  querten  das  Gebirge  im  Westen  am  Großen
St.  Bernhard  und  im  Osten  am  Septimer.  Anfangs
des  13.  Jahrhunderts  wurde  durch  den  Bau  der  „stiebenden ­
  Brücke"  in  der  Schöllenenschlucht  der  Gotthardweg ­
  geöffnet,  der  den  großen  Verkehr  heranzog
und  der  vorher  wenig  beachteten  Talschaft  eine  hohe
Bedeutung  verlieh.  Durch  das  Reich  von  der  Herrschaft ­
  der  Grasen  von  Habsburg  losgekauft  und  als
reichsfrei  erklärt,  wurde  der  kleine  Paßstaat  zum  Kern
der  Eidgenossenschaft.  Die  Neuzeit  ersetzte  den  alten
Saumweg  durch  die  Gotthardstraße  und  die  Gotthardbahn; ­
  jene  wurde  1830,  diese  kurz  nach  dem  Durchschlag ­
  des  15  km  langen  Tunnels  zwischen  Göschenen
und  Airolo  im  Jahre  1882  fertiggestellt.  Diese  Bauten ­
  erhöhten  die  Wichtigkeit  des  Gotthardes  für  das
Ländchen.  Noch  heute  ist  Uri  ein  Paßstaat;  die  Gotthardbahn ­
  ist  seine  Lebensader.
Die  Reuß  saminelt  in  dem  ringsum  geschlossenen ­
  Becken  des  Urserentales  die  Bäche  aus  dem
Gebirgskörper  des  Gotthards  (Pizzo  Rotondo
3197  m  und  Pizzo  Centrale  3008  m).  über  die
Paßlücken  treten  die  Furkastraße  vom  Rhonetal,
die  Oberalpstraße  vom  Rheintal  und  die  Gotthardstraße ­
  vom  Tessin  her  im  Verkehrsmittelpunkt  Aride ­
  rmatt  zusammen  (Kartenbeilage  III,  wo  einzelne ­
  Werke  der  Gotthardbefestigung  den  Durchgang
beherrschen.  H  o  s  p  e  n  t  a  l  und  R  e  a  l  p  liegen  da,
wo  die  Gotthard-  und  die  Furkastraße  die  Sohle
des  wiesengrünen,  entwaldeten  Urserentales  erreichen. ­
  Der  Talfluß  durchbricht  bei  Andermatt  die
        <pb n="167" />
        Nordwand  in  der  steilen,  wilden  Schöllenenschlucht,
in  der  die  Straße  sich  durch  den  Felsentunnel  des  ’  oiheH  s :
Urnerloches  und  über  die  kühngewölbte  Teufelsbrücke
nach  Göschenen,  am  Ausgang  des  Gotthardtunnels,
  hinunterwindet.  Hier  mündet  das
schenental,  dessen  Verzweigungen  sich  zu  den  Eis-  .
selbem  des  Dammastockes  3638  in  und  der  Sustenhörner
  3511  ni  hinauf  verlieren.  Unterhalb  Göschenen ­
  senkt  sich  das  tief  eingeschnittene  Reußtal
wiederum  in  mächtiger  Stufe,  die  von  der  Gotthardbahn ­
  bei  Waffen  in  einer  kunstvollen  Doppelschleife ­
  überwunden  wird.  An  dem  gestuften  Ausgang ­
  des  Meientales  bei  Massen  vereinigt  sich  der
Sustenpaß  vom  bernischen  Haslital  her  mit  der
Gotthardstraße.  Massen  und  Gurtnellen  sind  die
Hauptplätze  der  Granitindustrie  im  Reußtale.  Bei
Am  st  eg  tritt  die  Reuß  auf  den  flachen  Talboden
hinaus,  der  mit  dem  eintönigen  Delta  am  Südzipfel ­
  des  Vierwaldstättersees  bei  Flüelen  ab-  m
schließt.  Bei  Amsteg  öffnet  sich  das  Maderanertal,
dessen  Hintergründe  am  Oberalpstock  3330  m  und
am  Claridenstock  3264  in  liegen.  Die  prachtvoll  geformte ­
  Pyramide  des  Bristenstockes  scheint,  vom
See  her  gesehen,  das  Reußtal  abzusperren.  Talauswärts ­
  folgen  Silenen,  Erstfeld  und,  dem
Fuß  des  Urirotstocks  2932  m  gegenüber,  der  Hauptort ­
  A  l  t  d  o  r  f  mit  3800  Einw.  Durch  das  Schächental
  mit  Bürglen  gewinnt  die  Klausenstraße
dre  Paßhöhe  von  1952  in  und  über  den  Urners'oben
  das  Glarner  Linthtal.  Die  Umgebung  von
Ältdorf  steht  unter  der  Wirkung  des  Föhns,  der
weit  reußaufwärts  das  Obst  reifen  läßt,  aber  auch
auf  dem  Urnersee  gefährliche  Stürme  entfacht.  Die
stellen  Trogwände  des  Urnersees  sperrten  früher
den  Landweg  aus  dem  Reußtal  ab.  Heute  erzwingen
stch  am  Ostufer  die  berühmte  Axenstraße  in  den
Felsgallerien  und  die  Gotthardbahn  in  einer  lan-Fltukiger.
  Schweiz

11
        <pb n="168" />
        16-2

Viermal  dstüttersec


Gebiet

Produkriou

gen  Tunnelreihc  den  Durchgang.  Inmitten  der
Felsenwildnis  liegt  S  i  s  i  k  o  n  in  einer  grünen,
windgeschützten  Oase.  Über  den  Sec  hinweg  streift
der  Blick  die  stolzen  Hotelbauten  auf  der  Fels
kante  von  'Seelisberg  und  sucht  am  Fuß  des
Steilhangs  die  waldumsäumte,  stille  Wiese  des
Rütli.  Am  Seeufer  des  Axenbergs  erinnert  die
Tellskapellc  an  den  Helden  der  Nationalsage.
Der  Vierwaldstättersee  übertrifft  an  Großartigkeit ­
  und  reizvollem,  überraschendem  Wechsel  des
Landschaftsbildes  alle  andern  Seen  der  Schweiz.  Er
setzt  sich  aus  verschiedenen  Becken  zusammen,  die  den
merkwürdig  gekreuzten  Talzügen  folgen  und,  um
Bergvorsprünge  biegend,  durch  See-Engen  ineinander ­
  übergehen.  Der  Urnersee  öffnet  sich  zum  Becken
von  Gersau  und  Buochs,  das  zwischen  den  scharfen
Felsrippen  am  Bürgenstock  und  Rigi  einen  schmalen ­
  Ausgang  zum  Busen  von  Weggis  findet.  Am
untern  See  laufen  die  Becken  von  Küßnacht,  Stansstad ­
  mit  dem  Alpnachersee  und  Luzern  im  Kreuztrichter
  zusammen.  Die  Talschaften  des  innerschweizerischen ­
  Renßgebietes  senken  sich  von  allen
Seiten  her  zum  Vierwaldstättersee;  sie  fanden  von
jeher  an  seinem  Ende  in  der  Stadt  Luzern  ihren
gemeinschaftlichen  Marktort.

Unterwalden.
Die  zum  Vierwaldstättersee  ausmündenden  Tä
ler  der  Sarner-  und  der  Engelberger  Aa  bilden  das
Gebiet  des  Kantons  Unterwalden,  30  900  Einwoh
ner.  Es  sind  weidenreiche,  nur  an  vereinzelten
Stellen  zur  Schneeregion  aufragende  Landschaften.
An  den  Talsohlen  und  tief  in  die  Seitentäler  hinein ­
  lieferte  einst  der  Ackerbau  Überschüsse  an  Korn.
        <pb n="169" />
        163

Heute  ist  er  längst  zu  gunsten  des  Wiesenbaues  zurückgedrängt ­
  und  fast  völlig  verschwunden;  Unterwalden ­
  ist  der  grünste  Teil  der  Schweiz.  Die  prächtigen, ­
  ertragreichen  Wiesen  und  die  Alpweiden
machen  den  ganzen  Reichtum  des  Landes  aus.  Die
hoch  entwickelte  Viehzucht  vermag  aber  nicht,  der
gesamten  Bevölkerung  einen  ausreichenden  Erwerb
zu  verschaffen;  viele  Unterwaldner  wandern  aus
und  finden  auf  den  Gütern  Ostpreußens  als
„Schweizer"  Anstellung.
Unterwalden  ist  politisch  geteilt.  Der  Halbkanton
Obwalden  umfaßt  das  Sarnental  und  die  Landschaft ­
  Engelberg;  Nidwalden  beansprucht  den  untern
Teil  des  Engelbcrgtales  und  das  Südufer  des
Gersauer  Beckens.
Obwalden  steht  durch  Brünigbahn  und  -straßc
mit  dem  Berner  Oberland  in  Verbindung.  Vom
breiten,  bequemen  Paßübergang  an  senkt  sich  das
Sarnental  in  Stufen  zum  Spiegel  des  Alpnachersces.
  Im  obersten  Abschnitt  hat  sich  Lungern
am  gleichnamigen  Seelein  zu  einer  bekannten
Sommerfrische  entwickelt.  Um  der  Landnot  zu
steuern,  senkten  die  Anwohner  1836  den  Seespiegel
und  gewannen  damit  170  ha.  Kulturboden.  In  der
gleichen  Absicht  wurde  bis  1850  der  Giswilersec
entleert;  der  ehemalige  Seeboden  liefert  jetzt  deni
viehreichen  Land  Streuematerial.  Vom  schilfumsäumten,
  flachen  Ufer  des  Sarnersees  steigt  ein  Weg
ms  Melchtal  und  über  Melchsee-Frutt  zum  Jochpaß.
Vom  Hauptort  Sarnen,  4600  Einwohner,  läuft
der  breite  und  flache  Talboden  zum  Aadelta  aus.
äm  Rand  des  stellenweise  sumpfigen  Wiesengrundes
liegt  der  Terrassenort  Kerns  und  nahe  dem  See
l'l  l  p  n  a  ch  mit  dem  Schifflandeplatz  A  l  p  -
nachstad.
^  Der  Klosterort  Engelberg,  von  der  breiten
^chneekuppe  des  Titlis  3239  m  überragt,  wird  zu

Politische
Teilung

Obwalden

Cngelberg
        <pb n="170" />
        m

Nidwalden

Gebiet

164

Luft-  und  Molkenkurcn  stark  besucht.  Die  elektrische
Bahn  Stansstad-Engelberg  schafft  eine  bequeme  Zufahrt, ­
  und  über  die  Trübseealp  stellt  der  Jochpaß
die  Verbindung  mit  Meiringen  her.
Um  den  Alpnacherbusen  gruppieren  sich  die  aussichtsreichen ­
  Gipfel  des  Pilatus  2133  in,  Stanserhorn
  und  Bürgenstock;  alle  sind  durch  Bergbahnen
dem  Fremdenstrom  erschlossen.  Der  inselartig  über
die  Umgebung  aufsteigende  Bürgenstock  war  einst
am  Südfuß  vom  See  umgeben;  durch  das  Delta
der  Engelberger  Aa,  den  Stanserboden,  ist  er  jetzt
breit  mit  dem  einstigen  Seeufer  verwachsen.  Der
Hauptort  Nidwaldens,  Stans  2900  Einwohner,
steht  über  die  Seebrücke  von  St  ans  stad  mit
Hergiswil  am  Fuß  des  Pilatus  in  bequemem
Verkehr.  Auf  aussichtsreicher  Bergterrasse  über
Beckenried  liegt  Emmeten.  Der  Hafen  von
Buochs  an  der  gleichnamigen  Seebucht  verlandet
allmählich  durch  den  Schuttransport  der  Aa.

Schwyz.
Der  Kanton  Schwyz  umfaßt  das  Bergland  zwischen ­
  dem  Vierwaldstättersee,  dem  obern  Zürichsee ­
  und  dem  Westabfall  des  Glärnisch.  Seine  Voralpenhöhen ­
  senken  sich  nach  Nordwesten  zu  den
waldgekrönten  und  gerundeten  Hügeln  des  Molasselandes. ­
  Das  Land  ist  reich  an  Wald  und  Weiden;
in  den  tiefen  und  milden  Lagen  der  Seeufer  bilden
die  Obstbäume  ausgedehnte  Fruchtgärten.  Der  Kanton ­
  Schwyz,  58300  Einwohner,  vereinigt  sich  mit
Uri,  Unterwalden,  Luzern,  Zug,  dem  aargauischen
Freiamt  und  dem  sanktgallischen  Gaster  zu  einem
abgerundeten  Machtbereich  der  katholischen  Konfession, ­
  der  sich  rückwärts  an  das  katholische  Wallis,
Tessin  und  Vorderrheintal  anlehnt.
        <pb n="171" />
        165

Der  Hauptort  Schwyz,  8000  Einwohner,  la-  s«nbf&amp;lt;s«ft
gert  an  grüner  Talhalde  am  Absturz  der  beiden""ji''™ 111 '
schroffen  Bergstöcke  des  Mythen;  die  weiße  Häusermasse ­
  ist  weithin  auf  dem  Vierwaldstättersee  sichtbar. ­
  Unfern  von  Schwyz  öffnet  sich  der  schmale
Ausgang  des  Muottatales,  dessen  oberste  Verzweigungen ­
  in  die  trostlos  öden,  verwitterten  Kalksteinflächen ­
  der  Silbernalp  und  Karrenalp  am  Westabhang ­
  der  Glärnischkette  eindringen.  Das  Dorf
M  u  o  t  t  a  t  a  l  liegt  am  Fuß  zweier  Pässe,  des
Kinzig  aus  dem  Schächental  und  des  Pragel  aus
dem  Glarner  Linthtal.  In  einem  Winkel  des
Muottadeltas  beherrscht  der  Fremdenplatz  Brunnen ­
  die  Axenstraße.  Darüber  erscheinen  auf  hoher
Felskante  die  Hotelbauten  von  Axenstein  und
A  x  e  n  f  e  l  s.  Weiter  zurück  lehnt  sich,  Seelisberg
gegenüber,  der  Terrassenort  M  o  r  s  ch  a  ch  an  den
Fuß  des  imposanten  Frohnalpstockes.  Die  Gotthardbahn ­
  quert  die  Talebene  von  Schwyz  und  teilt  sich
südlich  des  Zugersees  in  die  Linien  nach  Zürich
und  Luzern.  Die  reichen  Obstbaumwäldcr  begleiten
sie  weit  über  Zug  hinaus;  es  ist  die  Landschaft,
wo  die  ansehnliche  Kirschenernte  zur  Herstellung
des  berühmten  Kirschwassers  verwendet  wird.  Am
Wcstufer  des  kleinen  Lowcrzersees  dehnt  sich  das
gewaltige  Trümmerfeld  des  Goldauer  Bergsturzes
aus,  der  im  Jahr  1806  vom  Roßberg  her  vier
Ortschaften  mit  über  400  Menschen  verschüttete.
Inmitten  der  Nagelfluhblöcke  steht  der  neue  Ort
G  o  l  d  a  u  als  wichtiger  Eisenbahnknoten.
Aus  den  Wasserflächen  und  Talmulden  erhebt
sich  inselartig  der  Rigi  zu  1800  m  Meereshöhe.
Unter  der  gratartig  geschärften  Kalkmasse  der  Hochfluh ­
  ob  Gersau  tauäsen  die  Nagelfluhbänke  empor
und  steigen  zu  Rigikulm  an.  Wegen  der  ungleichen ­
  Härte  der  Schichten  wechseln  an  den  Rigiwänden ­
  schwach  geböschte  Weidebänder  mit  den  Wald-Ri»i
        <pb n="172" />
        166

streifen  der  schroff  abbrechenden  Gesteiusbanke;  die
Nordwand  fällt  steil  in  Stufen  zum  Seearm  von
Küßnacht  ab  („Riginen"  ^  Treppenstufen).  DerRigi
ist  mit  seinen  zahlreichen  Hotelbauten  ein  altbe
rühmter  Mittelpunkt  des  Fremdenverkehrs.  Als
letzter  hoher  Berg  am  Rande  des  Hügellandes  gi
währt  er  eine  umfassende  Aussicht.  An  seinem  Südfuß ­
  bergen  sich  in  geschützten  Buchten  das  föhnwarme ­
  G  e  r  s  a  u  und  auf  luzernischem  Boden
Weggis  und  Vitznau,  die  mit  Kasianienwäldchen
  und  Feigen  am  Seeufer  eine  südliche  Landschaft
vortäuschen.  Von  Vitznau  und  Goldau  führen  Bergbahnen ­
  nach  Rigikulm  hinauf.  An  die  Nordwand
des  Rigi  lehnt  sich  Küßnacht,  am  Ende  des
gleichnamigen  Busens;  unweit  davon  steht  die  Tellskapelle
  an  der  hohlen  Gasse.  In  der  Gabel  der
Gotthardbahn  am  Südende  des  Zugersees  liegt
Arth  inmitten  eines  Obstbaumwaldes,
von  Der  Paß  zwischen  Roßberg  und  Mythen  er-"
  c  e  n  schließt  über  Sattel  und  die  großen  Torfinovre
von  R  o  t  h  e  n  t  h  u  r  in  das  rauhe  Hochtal  der  obern
Sihl.  Mittelpunkt  ist  der  berühmte  Wallfahrtsort
E  i  n  s  i  e  d  e  l  n,  8400  Einwohner,  überragt  von  den
Türmen  der  Klosterkirche.  Die  Häusermasse  steht
auf  kahlem,  baumlosem  Wiesengrund,  am  Rande
der  Sumpffläche,  die  zum  Stausee  der  Tihl  für
das  kommende  große  Elektrizitätswerk  bestimmt  ist.
Die  Qucllbäche  der  Sihl  entströmen  den  Felsschluchten ­
  am  Drusberg  2281  m.  An  seinem  Absturz
vorüber  windet  sich  die  Straße  von  I  b  e  r  g  nach
Schwyz  hinab.  Der  Talfluß  verläßt  das  weite  Bekken
  von  Einsiedeln  in  einer  waldigen  Schlucht  durch
die  Lücke  zwischen  Etzel  1100  m  und  Hohe  Rone
1228  m.  In  dieser  Enge  vereinigt  die  Bahn  bei
Biberbrücke  die  Linien  von.Goldau-Roihenthurm
  und  von  Einsiedeln  her  und  zieht  mit  der
Straße  über  Schindellegi  zum  Zürichs«  hin
        <pb n="173" />
        107

unter.  Der  Etzel  beherrscht  als  Aussichtspunkt  das
reiche  Ufergelände  des  Sees,  das  mit  dem  Kranz
stattlicher  Dörfer  inmitten  der  Weinberge  und  eines
Waldes  von  Obstbäumen  einen  überraschenden  Gegensatz ­
  zur  Kahlheit  und  Armut  des  Schwyzcr  Hochlandes ­
  bietet.  Am  obern  Zürichsee  besitzt  Schwyz
die  fruchtbaren  Landschaften  der  „Höfe"  und  der
March;  dem  Kloster  Einsiedeln  iin  besondern  gehört
die  liebliche  Insel  Ufenau.  Die  Halbinsel  von  Hürden, ­
  eine  Endmoräne  des  eiszeitlichen  Linthgletschers,
  leitet  von  P  f  ä  f  f  i  k  o  n  her  Straße  und
Bahn  auf  einer  Dammbrücke  quer  über  den  See
nach  dem  Städtchen  Rapperswil.  Am  Südufer  des
Oberstes  liegt  Lachen  nahe  der  Mündung  der
Wäggitaler  Aa,  die  aus  dem  gleichnamigen,  weidenreichen
  Tal  hervorbricht.

Glarus.
Das  Glarnerland  ist,  gleich  Uri  und  Wallis,
ein  einziges  scharf  umgrenztes  Flußtal,  das  Einzugsgebiet ­
  der  Linth.  Den  mauerartig  aus  der  Talsohle ­
  aufsteigenden  Bergrahmen  überragen  der
Mürtschenstock  2442  in  im  Winkel  zwischen  Linth
und  Walensee,  der  Tödi  3623  m  im  Talhintergrund
mcd  der  Kalkklotz  der  Glärnischgruppe  2921  m.
Linth  sammelt  bei  Schwanden  zu  den  Gewässern ­
  aus  dem  Groß-  oder  Linthtal  den  Ablauf
des  Sernftales,  das  bogenförmig  die  Bergmasse
des  Kärpfstockes  2798  m  umfaßt.'  Hoch  über  dem
Lalgrund  auslausende  Seitentäler  schmücken  das
Land  mit  Wasserfällen  und  Schluchten;  an  ihren
Mündungsstufen  nutzt  die  Industrie  in  steigendem
Maß  die  Wasserkräfte  aus.  Als  Quertalfurche  von
Ziemlich  genau  südnördlichem  Verlauf  ist  der  Kan-March



Bodengestalt
        <pb n="174" />
        168

Volk  und
Erwerb

Ltnth
korrekt:  on

ton  Glarus  heftigen  Föhnstürmen  ausgesetzt,  die
das  ohnehin  durch  Wildbäche  und  Lawinen  bedrohte
Tal  bisweilen  noch  mit  den  gefürchteten  Föhnbränden ­
  heimsuchen.
Die  regsame  und  unternehmende  Bevölkerung
des  Berglandes  hat  es  verstanden,  durch  die  Baum
Wollindustrie  einen  Wohlstand  zu  erarbeiten,  den
ihr  die  Alpwirtschaft  der  frühern  Zeiten  nie  hätte
verschaffen  können.  Taleinwärts  erscheinen  überall
die  fensterreichen  Fronten  und  die  qualmenden
Schlote  der  Baumwollspinnereien  und  -Webereien,
die  der  abgeschlossenen,  idyllischen  Gegend  den  Charakter ­
  einer  hochentwickelten  Industrielandschaft  verleihen. ­
  Immerhin  hat  der  industrielle  Erwerb  die
Blütezeit  hinter  sich;  seit  1870  ist  die  Volkszahi
zurückgegangen.  Ein  altvererbter  Trieb  zum  Wan
dern  und  Handeln  führt  die  glarncrische  Jung
Mannschaft  in  die  Geschäftszentren  europäischer  und
überseeischer  Länder;  hier  suchen  die  Ausgcwander
ten  für  die  heimische  Industrie  neue  Absatzgebiete
und  tragen  auf  diesem  Wege  zur  Förderung  ihrer
engern  Heimat  bei.  Die  infolge  starker  Abwanderung
verwaisten  Arbeitsplätze  in  den  Glarner  Fabriken
werden  neuerdings  durch  ganze  Kolonien  italienischer
Arbeiterinnen  besetzt.  Die  Zahl  der  Arbeiter  beläuft
sich  auf  rund  8000  bei  einer  Gesamtbevölkerung
von  33  200  Seelen;  das  spricht  deutlich  für  die
hohe  Bedeutung  der  Industrie.  Die  Alpwirtschaft
und  Viehzucht  tritt  nur  in  einzelnen  Produkten
hervor;  so  kennt  man  überall  den  grünen  Glarner
Schabzieger,  der  im  Unterland  fabrikmäßig  herze
stellt  wird.
Der  natürliche  Eingang  des  Landes  öffnet  fick
an  der  Linthebene  am  untern  Ende  des  Walensees.
Die  Ebene  wurde  aus  den  Gcschiebemassen  des  wilden ­
  Bergflusses  aufgeschüttet;  das  Delta  trennte
den  einst  zusammenhängenden,  langen  Talsee  in  die
        <pb n="175" />
        169

beiden  Becken  des  Walen-  und  Zürichsees.  Hier
fand  vor  einem  Jahrhundert  eine  der  bedeutendsten ­
  Entsumpfungsarbeiten  statt.  Früher  wurde  die
Ebene  häufig  überschwemmt  und  mit  Kies  verschüttet; ­
  man  leitete  nun  die  Linth  zur  Geschiebeablagcrung
  in  den  Walensee  und  gab  dem  Abfluß
zum  Zürichsee  in  geradlinigem  Kanalbett  ein  stärkeres ­
  Gefälle.  Die  Korrektion,  angeregt  und  durchgeführt ­
  von  Hans  Konrad  Escher  von  der  Linth,
entriß  die  Ebene  dem  Elend  der  Versumpfung  und
gewann  dem  Land  eine  große  Fläche  kulturfähigen
Bodens.
Auf  dem  Kerenzerberg  am  Absturz  des  Mürtschcnstockcs
  schaut  von  hoher  Terrasse  O  b  st  a  l  d  e  n
aus  den  Walensee  hinaus.  Im  Talzuge  der  Linth
folgen  sich  an  den  Seitcnhalden  die  Dörfer  Nicderurnen,
  Näfels,  Mollis  und  Netstal.
Hier  mündet  in  einer  Schlucht  der  Löntsch  aus
dem  Klöntal:  die  Gefällsstufe  des  Baches  liefert
dem  Löntschwerk  die  Kraft.  An  der  terrassicrten
Nordwand  des  Glärnisch  ruht  der  Klöntalersee;
an  seinem  Ufer  entlang  geht  der  Pragelpaß  ins
Muottatal.  Inmitten  der  Trümmerhügel  vorgeschichtlicher ­
  Bergstürze  steht  am  Fuß  des  Vorderglärnisch
  der  Hauptort  Glarus  5100  Einwohner;
nach  dem  großen  Föhnbrand  von  1861  wurde  der
Flecken  städtisch  und  regelmäßig  wieder  aufgebaut.
Am  andern  Ilfer  der  Linth  ist  das  reiche  Dorf
Ennenda  der  bevorzugte  Wohnort  der  Fabrikanten ­
  und  Kaufleute.  Der  Fabrikort  Schwanden
  beherrscht  den  Eingang  zum  Sernftal,  wo  im
Landesplattenbergwerk  Engt  Dachschiefer,  in  E  l  m
weicher  Schiefer'für  Tafeln  und  Griffel  abgebaut
wird.  Im  Jahre  1881  brach  eine  durch  das  Schieserbergwerk
  unterhöhlte  Bergmasse  über  Elm  herein
und  verschüttete  über  100  Menschen.  Aus  dem
sernftal  klimmen  zwei  mühsame  Pässe,  der  Pani-
        <pb n="176" />
        170

xerpaß  am  Hausftock  3156  m  und  der  Segnespaß
am  Saurenstock  3056  m  vorbei  nach  dem  Borderrheintal ­
  hinüber.
Im  Haupttal  liegt  am  Ende  der  Eisenbahn,
in  einer  Sackgasse,  das  Jndustriedorf  Lin  that.
Die  Linth  tritt  aus  dem  Felsenkessel  am  Fuß  des
Tödi  in  einer  großartigen  Schlucht  ins  Tal  hinaus, ­
  überragt  vom  imposanten  Stock  des  Zelbsanft.
  Der  Scw.dalppaß  und  der  Kistenpaß  stellen
eine  beschwerliche  Verbindung  mit  dem  Rheintal
her.  Von  Linthal  aus  windet  sich  die  Klausenstraße
über  die  Mündungsstufe  des  Fätschbachfalles  zum
Urnerboden  hinauf  und  verschafft  über  die  Paßhöhe
weg  dem  Touristenverkehr  einen  Zugang  zum  Schächcntal
  und  zur  Gotthardlinie.  Hoch  über  Linthal
steht  auf  sonniger  Bergterrasse  der  Kurort  Braunwald, ­
  bei  Linthal  selbst  an  großen  Waldungen  da»
berühmte  Bad  S  t  a  ch  e  l  b  e  r  g.

Sk.  Gallen.
Landschaften  Gegenüber  der  Geschlossenheit  mancher  anderer
Kantone  umfaßt  St.  Gallen  eine  Reihe  von  Landschaften, ­
  die  nach  Bodengestalt,  geschichtlicher  Eniwicklung
  und  Volksart  stark  von  einander  abweichen. ­
  Es  reicht  südwärts  in  die  Täler  und  zur
Hauptkcttc  des  Nordalpenzuges  hinauf,  da  wo  dessen ­
  Ende  vom  Rheinknie  umschlossen  wird,  und  erstreckt ­
  sich  über  die  vielgestaltigen  und  schroffen
Bergformen  der  Voralpengruppen  hinweg  zu  den
Molasschügcln  am  Bodensee  hinaus;  der  Ostabfall
des  Gebietes  wird  auf  der  ganzen  Strecke  von
der  breiten  Talebene  des  Rheins  begleitet.  Der
Alpenanteil  des  Kantons  St.  Gallen  gliedert  sich
durch  gut  ausgeprägte  Tiefenlinien  in  drei  Grup-
        <pb n="177" />
        171

pen;  die  Talstrecke  Seez-Walenscc  trennt  die  Bergketten ­
  des  Saurenstockes  und  der  Grauen  Hörner
von  der  Churfirsten-Alvierkette,  an  deren  Nordsuß
der  Paßübergang  von  Wildhaus  und  das  oberste
Talstück  der  Thur  den  Säntis  als  isoliertes,  ins
Hügelland  vorgeschobenes  Gebirge  erscheinen  lassen.
Diese  Höhenzüge  halten  eine  Anzahl  natürlich  umgrenzter ­
  Landschaften  auseinander:  Das  Seez-Walenseetal
  mit  den  vom  Nordalpenkamm  herabsteigcnden
  Seitentälern  (Sarganserland);  den  Anteil
an  der  Linthebene  (Gaster)  und  den  Seebezirk  von
Rapperswil;  das  Tal  der  Thur  oder  Toggenbnrg:
das  Hügelland  des  nördlichen  Kantonsteils  in  der
Umgebung  der  Hauptstadt  (Fürstenland  oder  alte
Landschaft);  das  Rheintal.  Rings  von  St.  Galler
Boden  umschlossen  liegt  ini  Säntis  und  an  dessen
Nordfuß  der  Kanton  Appenzell.
Wie  nach  der  wechselvollen  Bodengestalt  zu  erwarten
  ist,  besiedeln  die  301100  Einwohner  die
Fläche  des  Landes  sehr  ungleich  dicht.  Stark  bewohnt ­
  sind  die  Industrielandschaften  im  Norden,
das  Toggenbnrg  und  die  Tiefenzvne  Seez-Rheintal,
gegenüber  den  höher  gelegenen  Teilen  des  St.  Galler ­
  Oberlandes  mit  einer  geringen  Volksdichte.  Die
Vielgestaltigkeit  des  Landes  spiegelt  sich  in  den
Politischen  und  religiösen  Verhältnissen.  In  buntem ­
  Wechsel  lösen  sich  die  Gebiete  der  beiden  Konfessionen ­
  ab;  das  Sarganserland,  Gasler  und  das
Fürstenland  sind  vorwiegend  katholisch,  das  Rheintal ­
  vorwiegend  protestantisch,  und  in  den  übrigen
Teilen  halten  sich  die  beiden  religiösen  Parteien
ungefähr  die  Wage.
Die  tiefe,  geräumige  Talfurche  der  Seez  und  s»»
des  Walensees  verbindet  in  ungefähr  ostwestlicher  "' J
Richtung  die  Täler  des  Rheins  und  der  Linth.
Sic  leitet  vom  Zürichsce  her  die  Verkehrswege  rhcinaufwärts
  nach  Graubünden,  rhcinabwärts  nach  Vor
        <pb n="178" />
        172

arlberg  hinein.  Am  Fuße  des  Gonzen,  der  als  gewaltiger ­
  Bergsporn  in  der  Talgabelung  steht,  liegt
ein  breiter  Flachboden  zwischen  Rhein  und  Seez,
das  seltene  Bild  einer  Talwasserscheide.  Hier  trat
in  der  Eiszeit  ein  Arm  des  Rheingletschcrs  in  das
benachbarte  Tal  über,  dessen  obere  Hälfte  jetzt  von
den  Aufschüttungen  der  Seez  und  dessen  westlicher
Teil  vom  Walensee  eingenommen  wird,  und  formte
es  zum  Trog  um,  über  dessen  Halden  weitschauende
Terrassen  liegen  und  die  Seitentäler  in  Stufenmündungen
  äuslaufen.  Nach  ihrem  Austritt  aus
dem  Weißtannental  wendet  sich  die  Seez  in  scharfer
Umbiegung  als  geradliniger  Kanal  westwärts  durch
den  ebenen  Talboden,  dessen  Sumpfflächen  und
Pappelreihen  an  eine  Deltalandschaft  gemahnen.  Ein
Seitenkanal  samnielt  das  Wasser  der  Wildbäche,
die  aus  den  Runsen  der  Nordwand  herabstürzen,
und  leitet  es  parallel  zum  Talfluß  in  den  Walensee ­
  hinaus.  Die  Randdörfer  sind  von  Obstgärten
und  Maisfeldern  umschlossen,  die  unter  dem  an  der
Talgabcl  abgezweigten  Föhnwind  reiche  Ernten
liefern.  Über  der  Tal-  und  Seelandschast  steigt  in
ungewöhnlicher  Schroffheit  die  Kalkmauer  der  Churfirstenkette ­
  empor.  Der  Kamm  ist  durch  die  ausnagende ­
  Arbeit  der  Bäche  tief  zerschartet  und  in  eine
Reihe  turmförmiger  Gipfel  aufgelöst,  wovon  der
höchste  zu  2303  m  ansteigt.  An  der  Talgabel  liegt
als  Straßen-  und  Eisenbahnknotenpunkt  das  Städtchen ­
  Sargans  mit  weithin  sichtbarem  Schloß
am  Steilabfall  des  Ganzen.  Am  Ausgang  des  Taminatales
  zum  Rhein  nutzt  der  prächtige  Kurort
Ragaz  die  Heilwirkung  der  Therme  aus,  die  in
der  wilden  Taminaschlucht  der  Felswand  entquillt
und  in  langer  Leitung  dem  Badeort  zugeführt  wird.
Südwärts  stellt  der  Kunkelspaß  die  Verbindung
mit  dem  Vorderrheintal  her.  An  den  gestuften  Talansgängen
  westlich  der  Tamina  haben  die  Industrie-
        <pb n="179" />
        173

orte  Mels  und  Flums  ihren  Platz  gefunden;
das  weidenreiche  Weißtannental  reicht  mit  seinen
Ausläufern  zum  Saurenstock  3056  in  und  in  die
Grauen  Hörner  2847  in  hinauf.  Von  Walenstad
  t  folgt  der  Verkehr  dem  Südufer  des  von
keinem  Dampfschiff  befahrenen  Walensees;  die  reizvolle ­
  Bahnstrecke  erinnert  mit  der  Tunnelreihe  und
ihren  Ausblicken  auf  See  und  Gebirge  an  die  Gotthardbahn ­
  am  Urnersee.  In  der  Mitte  des  linken
Seeufers  hat  die  Murg  aus  dem  steilen,  schön  gestuften ­
  Murgtal  ein  Delta  in  den  See  vorgebaut,
auf  dem  das  Dorf  Murg  steht.  An  den  Felsabstürzen ­
  des  rechten  Ufers  liegt,  nur  auf  mühsamen
Zugängen  erreichbar,  Quinten,  dessen  Name
neben  Terzen  und  Quarten  jenseits  des  Sees
auf  römische  Stationen  hindeutet.  Am  untern  Seeende ­
  steht  das  Städtchen  Wesen  am  Fuß  der  Gast-ri°nd
schräg  aufsteigenden  Nagelfluhbänke  des  Schänniserberges
  und  des  aussichtsreichen  Speer  1956  in,
gegenüber  dem  Talausgang  des  Glarnerlandes.  Eine
Bergstraße  führt  zum  Kurort  A  m  d  e  n  hinauf,  dessen ­
  Häuser  in  grüner,  sonniger  Mulde  hoch  über
dem  See  sich  ausbreiten.  An  den  inselförmig  aus
der  Linthebene  aufragenden  Sandsteinrippen  des
obern  und  untern  Buchberges  entlang  erreicht  man
über  Uz  nach  das  Seestädtchen  Rapperswil,  stetmM
das  von  grünumsponnenem  Schloß  auf  einem  Felslporn
  überragt  wird.  Die  wichtige  Rickenstraße  verbindet ­
  das  Gebiet  am  obern  Zürichsee  mit  dem  Toggenburg;
  stx  wird  vom  8,6  üm  langen  Rickentunnel
unterfahren,  der  den  Verkehr  vom  Bodensee  und
von  St.  Gallen  her,  unter  Vermeidung  des  frühern
Umweges  über  Zürich,  zum  Kanton  Glarus  und
dem  obern  Zürichsee  entlang  in  die  Jnnerschweiz
leitet.
Das  Toggenburg  ist  das  Flußtal  der  obern  T»g-,e»burg
Thur;  zwischen  den  wiesengrünen  Berghalden  der
        <pb n="180" />
        17-1

Churfirstenkette  und  des  Säntis  öffnet  sich  über
den  Paßübergang  von  Wildhaus  die  Verbindung
rotf.ic  zum  Rheintal.  Die  Thur  nimnit  nach  wechselvollem
Lauf  durch  Flußengen  und  breite  Mulden  im  untern
Toggenburg  von  rechts  aus  waldiger  Schlucht  den
Necker  auf.  Nach  der  Umbiegung  bei  Wil  zieht
sie  auf  breitem,  oft  überschweinmtem  Kicsboden
dahin.  Bei  Bischofszell  mündet  die  Sitter  (mit
Urnäsch),  deren  reizvolles  Schluchttal  von  prächtigen ­
  Brücken  überspannt  wird.  An  der  Sittermündung ­
  biegt  die  Thur  nach  NW  ab,  um  durch
den  Thurgau  den  Rhein  zu  erreichen.  In  der  hochindustriellen
  Thurlandschaft  sind  die  Wasserkräfte
in  zahlreichen  Anlagen  verwertet.
Im  Toggenburg  wie  im  Zürcher  Oberland  und
im  Appenzell  haben  die  Flüsse  mit  ihren  Seitenbächcn
  und  deren  letzten  Verästelungen  ein  start
gegliedertes  Hügelland  von  sonnigen  Rücken,  bewaldeten ­
  'Steilabstürzen  und  schattigen  Tälchen  geschaffen: ­
  in  den  Kleinbezirken  des  reich  zerschnittenen
^itucihäfo  Bodens  machten  sich  die  Bewohner  auf  Einzelhöfen
heimisch.  Sind  auch  an  der  Talsohle  unter  dem
Einfluß  des  Verkehrs  und  der  Industrie  Dörfer
aufgeblüht,  so  lebt  doch  die  Mehrzahl  der  Toggenburger
  'in  einzelstehenden  Häusern,  die  wie  von  einer
Riesenhand  über  die  grüne  Wiesenlandschaft  hingesäet
  erscheinen  und  noch  von  hoher  Berghalde  ins
Tal  Hinunterschauen.  Überall  gehen  hier  Wiesenbau
und  Industrie  nebeneinander  her.  Eine  lange  Reihe
von  Ortschaften  folgt  dem  Lauf  der  Thur;  außer
dem  schon  genannten  W  i  l  d  h  a  u  s  sind  es  Stein,
Neßlau,  Ebnat,  Kappel,  Wattwil  am
Fuß  des  Ricken  und  an  einer  Flußverengerung
das  Städtchen  L  i  ch  t  e  n  st  e  i  g,  ein  schon  früh  benutzter ­
  Brückenübergang.
Fürftcniand  Von  Zürich-Winterthur  herkommend,  steigt  die
Hauptverkehrslinie  am  alten  Abtstädtchen  W  i  l  vor-
        <pb n="181" />
        175

bei  und  durch  die  stattlichen  Jndustricorte  F  l  a  w  i  l
und  G  o  ß  a  u  über  das  Sittertobcl  zum  Hochtal
von  St.  Gallen  in  650  m  Meereshöhe  hinauf,  um
gleich  nachher  sich  in  steilem  Abfall  auf  400  ru
am  Kodenseeufer  zu  senlen.  Obwohl  Mittelpunkt  der
ostschweizerisch-vorarlbergischen  Baumwollindustrie
und  Stickerei,  zeigt  St.  Gallen  (38000  Einwohner, ­
  dazu  Tablat  21  700  Einwohner  und  Straubenzell
  15  300  Einwohner)  keineswegs  das  Bild
einer  an  Rauchschloten  reichen  Fabrikstadt.  Es  besorgt ­
  die  Fertigstellung  und  den  Versand  der  Jndustrieerzeugnisse
  und  ist  der  Sitz  einer  wohlhabenden ­
  Kaufmannschaft.  Die  Stadt  gruppiert  sich  um
das  mächtige,  altbcrühmte  Kloster  mit  der  Stiftskirche ­
  und  steigt  mit  den  Villenquartieren  an  die
Halden  des  Rosenbergcs  und  Freudenberges  hinauf. ­
  Am  Bodensee  liegt  der  gewerbereiche  Hafenort
Rorschach,  12  700  Einwohner.
Von  der  Talgabel  bei  Sargans  fließt  der  Rhein
aus  breiter  Aufschüttungsebene  zwischen  den  immer
weiter  auseinandertretenden  Tatwänden  nordwärts
dem  Bodensee  zu.  Das  St.  Gatter  Rheintal  durchfurcht ­
  als  mächtiger  Graben  in  schrägem  Schnitt
die  von  8  W  nach  N  0  verlaufenden  Höhenzügc
feer  Alpen  und  des  vorgelagerten  Molasselandes,
an  deren  Steilabfall  nur  wenige  Straßen  den  Uberbang ­
  zu  den  St.  Gatter  und  Appenzeller  Hochtälern
finden.  Das  Rheinbett  wird  weithin  von  Buschwaldstreifen ­
  und  Sumpfflächen  begleitet;  infolge
fess  geringen  Gefälles  überführte  der  Fluß  von  jeher
wc  weite  Talebenc  mit  Geschiebemassen.  Durch
^ammbauten  wurde  den  Überschwemmungen  nur
vorübergehend  gewehrt;  der  Rhein  erhöhte  allmähkich
  sein  Bett  und  zieht  nun  auf  mächtigem  Damm
durch  die  Ebene;  im  untern  Rheintal  liegt  der
Wasserspiegel  in  gleicher  Höhe  wie  die  Hausdächcr
der  benachbarten  Dörfer.  Infolge  der  Rheinkorrek

Rheirrtcrl
        <pb n="182" />
        ticm,  ausgeführt  durch  die  Schweiz  und  Lsterreich,
  ist  heute  die  'Gefahr  weiterer  Überschwemmungen ­
  nahezu  beseitigt.  Der  Fußachcr  Durchstich
leitet  in  verstärktem  Gefälle  den  Rhein  zur  Nächstliegenden ­
  Bucht  des  Bodensees  hinaus,  und  flußaufwärts ­
  arbeitet  man  bereits  am  Durchstich  von
Diepoldsau,  der  die  nach  Osten  ausbiegende  Schleife
des  Rheins  abschneiden  soll.  Die  günstigen  Folgen
des  Entsumpfungswerkes  zeigen  sich  im  wachsenden ­
  Wohlstand  der  Anwohner,  die  neben  der  Industrie ­
  jetzt  auch  die  fruchtbaren,  aus  angeschwemmtem ­
  Schieferschlamm  aufgebauten  Böden  der  ehemaligen ­
  Riedflächen  in  Kultur  nehmen.  An  der
föhnwarmen  Talsohle  reift  der  Mais,  das  Obst
und  der  Wein.  Die  von  8  W  her  schräg  ins  Rheintal ­
  vorspringenden  Bergsporne  bieten  an  ihren  Südosthalden ­
  dem  Weinstock  sonnige  und  windgeschützte
Lagen,  so  in  den  Talwinkeln  von  Altstätten  und
Berneck.  Die  Ortschaften  des  Rheintales  liegen
meist  als  Randsiedelungen  an  der  vor  Überschwemmung ­
  gesicherten  Berghalde.  Bei  Buchs,  dem
Hauptort  der  Landschaft  Werdenberg,  verknüpft  sich
die  Arlbergbahn  mit  dem  schweizerischen  Bahnnetz.
Talabwärts  steht  Gams  durch  die  Bergstraße  von
Wildhaus  in  Verbindung  mit  dem  obern  Toggenburg.
  Über  Sennwald  und  Oberried  am
Steilabfall  der  Säntisketten  gelangt  man  nach  dem
Markt-  und  Stickerort  Altstätten  an  der  Vereinigung ­
  der  beiden  aus  dem  Appenzell  herabsteigenden ­
  Bergstraßen.  D  i  e  p  o  l  d  s  a  u  ist  im  Begriff,
durch  die  Flußkorrektion  zu  einem  rechtsrheinischen
Orte  zu  werden.  Am  Nordostfuß  des  weingesegneten ­
  Bergvorsprungs  von  B  e  r  n  e  ck  biegt  das  alte
Rheinbett  ab  und  windet  sich  an  der  Grenzstation
St.  Margarethen  und  an  dem  Städtchen
Rheineck  vorüber  zum  See  hinaus.  In  obst-  uick&amp;gt;
weinreicher  Gegend  ist  Thal  der  Mittelpunkt  für
die  appenzellische  Beuteltuchweberei  geworden.
        <pb n="183" />
        177

Appenzell.
Rings  von  St.  Galler  Gebiet  umschlossen,  hat
im  Säntisgebirge  und  im  Hügelland  seines  Nordfußes ­
  das  Ländchen  Appenzell  seinen  Platz  gefunden. ­
  Der  nördliche  Kantvnsteil  gehört  zum  hoch-  HnMand
gelegenen,  dem  Alpenrand  benachbarten  Teil  des
ostschweizerischen  Mittellandes,  das  sich  in  scharfem
Abfall  zum  Rheintal  und  zum  Bodensee  senkt.  Die
in  der  Molassefalte  schief  gestellten  und  durch  die
Verwitterung  aufgeschnittenen  Nagelsluhbänke  streichen ­
  als  weiden-  und  waldbedeckte  Parallelkämme
nordostwärts,  von  den  Hauptflüsseu  in  malerischen
Waldschluchten  quer  durchbrochen.  Die  durch  Verzweigung ­
  zahlloser  Tälchen  in  kleine  Einzelhöhen
aufgelöste  Hügellaudschaft  erscheint  wie  übersäet  mit
weißleuchtenden  Punkten,  den  Einzelhöfeu,  die  in
den  schön  gebauten  Jndustriedörfern  der  Talmulden ­
  ihr  gemeinschaftliches  Zentrum  finden.
Uber  den  grünen  Weiden  und  den  dunklen  Tannenwäldern ­
  der  Nagelfluhkuppen  türmen  sich  im  Süden
die  schroffen  und  kahlen  Wände  des  Säntisgebirges
empor.  Der  Säntis  (oder  das  Alpsteingebirge)  besteht
  aus  parallel  laufenden  Kalksteinketten,  die  in
schönster  Weise  den  Bau  der  nordwärts  überschobenen
  Falten  zutage  treten  lassen.  Die  jäh  zu  den
engen  Talsohlen  abstürzenden  Felshänge  spiegeln  sich
in  stillen  Bengseelein;  der  Fählensee  und  der  Sämbtisersee
  entsenden  ihr  Wasser  durch  den  zerklüfteten ­
  Fels  in  unterirdischem  Abfluß,  während  der
Seealpsee  durch  den  Quellbach  der  Sitter  entwässert
wird.  Der  wegen  seiner  umfassenden  Fernsicht  viel
besuchte  Säntisgipfel  2504  m  trägt  die  höchste  Wetterwarte ­
  der  Schweiz.  In  den  Mulden  seiner  Nordhalde ­
  liegen  zwei  Schneeflecken,  die  eine  tiefste  Lage
der  Schneegrenze  in  den  Schweizer  Alpen  bezeichnen.
Der  Nachbargipfel  Altmann  geht  in  die  östliche
Fleckiger,  Schwei;

12
        <pb n="184" />
        178

Randkette  über,  die  hvch  über  der  Rheinebene  zum
Hohen  Kasten  und  Kamor  ansteigt.  Die  Molasscrücken
  des  Vorlandes  erheben  sich  im  Gäbris  zu
1250  m.
Am  Ende  des  Reformationsjahrhunderts  vollzog
sich  im  Appenzell  die  religiöse  und  politische  Teilung
  in  die  Halbkautone  Inner-  und  Außer-Rhoden,
  jenes  mit  katholischer,  dieses  mit  protestantischer
Bevölkerung  (14  600  und  57  700  Einwohner).  Das
Appenzeller  Hügelland  gehört  zu  den  stärkst  bewohnten ­
  Gebieten  der  Schweiz.  Der  selten  von  Äckern
unterbrochene  grüne  Wiesengrund  unterhält  einen
reichen  Viehstand,  dessen  Besorgung  allenthalben
neben  der  Jndustricarbeit  einhergeht.  Die  Maschinensticker ­
  Außer-Rhodens  und  die  Handstickerinnen
Inner-Rhodens  arbeiten  im  Dienste  St.  Gallens,
das  von  jeher  für  das  Appenzell  Marktort  und
wirtschaftlicher  Mittelpunkt  war.  Die  Appenzeller
sind  ein  geistig  regsames  Volk  von  starkem  Unabhängigkeitssmn,
  das  auch  in  den  Zeiten  industrieller
Krisen  seinen  fröhlichen  Lebensmut  und  den  sprichwörtlich ­
  geworden  Witz  nicht  einbüßt.
Inner-  Hauptort  und  einzige  größere  Siedlung  Jnner-Rh°d-n
  Mtzopxns  ist  Appenzell  (5100  Einwohner),  in
prächtig  grüner  Talmulde  an  der  Sitter,  der  Mittelpunkt ­
  zahlreicher  Kurorte,  wie  Gontenbad,  Jakobsbad ­
  und  Weißbad.  Hoch  über  dem  Seealpsee  steht  an
jäher  Felswand  das  Wildkirchli,  in  dessen  Höhlengewölbe ­
  die  ältesten  Spuren  der  Menschen  in  der
Schweiz  aufgedeckt  wurden;  durch  eine  Felskluft
im  Verzinnern  steigt  man  zur  aussichtsreichen  Ebenalp ­
  empor.
Kh\ a  Außer-Rhoden  ist  ungewöhnlich  reich  an  stattlichen ­
  Ortschaften.  Im  westlichen  Teil  des  Landes
liegt  der  Hauptort  H  e  r  i  s  a  u  (15  300  Einwohner),
an  der  Bahn,  die  über  U  r  n  ä  s  ch  im  Hintergrund
des  gleichnamigen  Tales  nach  Appenzell  hinauf-
        <pb n="185" />
        179

führt.  An  den  Abhang  der  Hundwiler  Höhe  lehnt
der  Ort  Hundwil.  Östlich  des  Sittertales  gruppieren ­
  sich  um  die  Höhenzüge  am  Gäbris  die  z.  T.
als  Luftkurorte  bekannten  Dörfer  G  a  i  s  und  T  r  o  -
g  e  n  an  den  Straßen  von  Altstätten  herauf,  Speicher ­
  und  Teufen.  In  aussichtsreicher  Lage  über
dem  Bodensee  und  durch  eine  Bahn  mit  feinem
Ufer  verbunden,  ist  auch  Heiden  ein  vielbesuchter ­
  Luftkurort.  Westlich  von  Walzen  hausen
liegt  das  kleine  Industriegebiet  der  Beuteltuchweber
vom  Lutzenberg.

Thurgau.
Der  Thurgau  umfaßt  das  flachwelligc,  frucht-B°d-nzcstM
bare  Hügelland  beidseits  der  untern  Thur  und  am
Ufer  des  Bodensecs.  Von  der  Sittermündung  an
durchfließt  die  Thur  das  Land  in  vorwiegend  westlicher ­
  Richtung  in  einer  breiten  Mittelfurche.  Das
Thurtal  ist  im  untern  Teil  mit  einer  steilen  Nordhalde ­
  ein  nicht  unbedeutendes  Hindernis  für  den
Querverkehr.  Um  die  früher  ständige  Überschwemmungsgefahr ­
  für  die  flache  Talsohle  zu  mindern,
wurde  der  gewundene  Flußlauf  vielerorts  zu  geradlinigen ­
  Kanalstrecken  eingedämmt.  Zwischen  der
Thur  und  dem  Bodensee  erhebt  sich  der  breite  Seerücken ­
  zu  Plateauflächen  und  schwach  geböschten
Kuppen.  Die  Waldungen  seiner  wasserfcheidenden
Höhen  bilden  einen  natürlichen  Grenzsaum  zwischen
den  Kulturflächen  und  volksreichen  Siedlungszoncn
  des  Seeufers  und  des  Thurtales.  Das  Molasseland ­
  südlich  der  Thur  wird  durch  trockene  oder
von  bescheidenen  Wasferrinnen  benutzte  Täler  eiszeitlicher ­
  Flüsse  nach  allen  Richtungen  durchzogen;
cs  erscheint  als  ein  Gewirr  von  gerundeten,  aus
        <pb n="186" />
        180

flacher  Talsohle  aufsteigenden  Inselbergen,  zwischen
denen  die  Verkehrswege  allenthalben  einen  bequemen ­
  Durchgang  finden.  In  einem  südwestlichen  Ausläufer ­
  lehnt  sich  der  Kanton  Thurgau  an  die  Bergflanken ­
  des  Hörnli.
Piodums»  Der  Thurgau  ist  das  obstreichste  Land  der
Schweiz;  seine  Fruchtbäume  bilden  in  den  besten
Lagen  ganze  Waldungen  über  die  Wiesenflächen
hin  und  stehen  in  einzelnen  Exemplaren  auch  aus
dem  Ackerland.  In  den  Jahren  reicher  Ernte  wird
eine  ansehnliche  Menge  Obst  nach  Süddeutschland
verkauft;  Äpfel-  und  Birnennwst  ist  das  allgemein
verbreitete  Getränk.  Neben  dem  Obstbau  werden
die  übrigen  Zweige  der  Landwirtschaft  nicht  vernachlässigt. ­
  Der  Thurgau  ist  ein  Bauernland,  so
starke  Verbreitung  auch  die  Industrie  im  Dienste
St.  Gallens,  Baumwollspinnerei  und  -Weberei,  solche ­
  die  Stickerei,  besonders  im  östlichen  Kantonsteil ­
  gefunden  hat.  Dein  Verkehr  dienen  vor  allem
zwei  Eisenbahilstrecken,  das  Ostende  der  Linie  Genf-Rvmanshorn
  und  die  Bodenseeuferlinie,  sowie  die
V°n  Schiffskurse  quer  über  den  Bodensee.  Der  Kanton
zählt  eine  konfessionell  gemischte  Bevölkerung  (zu
zwei  Dritteln  Protestanten)  von  134,000  Seelen.
Lhurtal  Im  obern  Thurgau  liegt  das  Städtchen  Bisch ­
  ofszell  an  der  Vereinigung  der  Sitter  mit
der  Thur.  W  e  i  n  f  e  l  d  e  n  im  Thurtal  lehnt  sich
an  die  weinreiche  Südhalde  des  schwach  geböschten
Ottenberges.  Das  Dorf  P  f  i  n  bezeichnet  die  Stelle,
wo  „an  der  Grenze"  (lat.  nck  lin68)  der  Provinz
Raetien  eine  römische  Befestigung  stand,  deren  Spuren ­
  noch  erhalten  sind.  Von  links  mündet  weiter
flußablvärts  die  Murg;  sie  durcheilt  ein  malerisches,
bewaldetes  Engtal  und  must  so  zahlreichen  Industrieanlagen ­
  ihre  Kraft  leihen,  daß  sie  geradezu
als  Fabrikkanal  gelten  könnte.  Bei  ihrem  Austritt
ins  Thnrtal  bespült  sie  den  Hauptort  Frauen-
        <pb n="187" />
        181

selb  8400  E.  Die  Thur  zieht  auf  kiesiger  Talsohle ­
  der  Steilhalde  des  Nordufers  entlang  an  dem
zürcherischen  Andelfingen  vorüber  zum  Rhein  hinaus. ­
  Im  Quellgebiet  der  Murg  liegt  Fisching
  e  n  am  Fuß  des  Hörnli.
Der  Höhenzug  nördlich  der  Thur  senkt  sich  im
Osten  mit  sanfter  Abdachung,  im  Westen  mit  steilem ­
  Abfall  zuin  Bodcnseeufer.  Der  Bodensee  bildet
auf  eine  lange  Strecke  die  natürliche  Grenze  des
Landes,  nnr  unterbrochen  durch  das  einspringende
Gebiet  der  badischen  Stadt  Konstanz  herwärts  des
Rheins,  da  wo  er  den  Untersee  an  die  große  Wasserfläche ­
  des  Bodensees  anschließt.  Der  See  erfüllt
den  tiefsten  Teil  einer  sehr  ausgedehnten  und  mit
Moränenhügeln  des  eiszeitlichen  Rheingletschers  besetzten ­
  Mulde,  aus  der  von  allen  Seiten  her  die
Bäche  der  zentralen  Wasserfläche  zustreben.  In  der
untern  Hälfte  spaltet  sich  der  Bodensec  in  die  beiden ­
  Becken  des  Ubcrlingersees  und  des  Untersees,
dessen  südlichster  Arm  sich  allmählich  zum  Rheinausfluß ­
  bei  Stein  verengert.  Fünf  Staaten  haben
sich  mehr  oder  weniger  bedeutende  Uferanteile  gesichert: ­
  Außer  der  Schweiz  sind  es  Baden  mit
Konstanz,  Württemberg  mit  Friedrichshafen,  ein
schmaler  Streifen  bayrischen  Bodens  längs  der  alten
Handelsstraße  von  Augsburg  her  mit  der  Kopfstation
  Lindau  und  endlich  das  österreichische  Vorarlberg ­
  mit  Bregenz.
»  Rn  der  grüßen  Wasserfläche  des  „schwäbischen  Meeres"
läßt  sich  bei  klarer  Fernsicht  die  Wölbung  des  Secspicgels
infolge  der  Kugelgestalt  der  Erde  beobachten.  Aus  der  40
fcm  langen  Strecke  zwischen  Lindau  und  Konstanz  wölbt  sich
der  Wasserspiegel  31,4  in  hoch  über  der  Geraden  (über  der
Bogensehne.)  Wer  vom  Ufer  von  Lindau  aus  mit  dem  Fernglas ­
  die  Seefläche  absucht,  dein  scheint  die  Häusermnsse  von
Konstanz  hinter  der  Waflerwölbung  versunken  zu  sein;
riicht  einmal  die  Türme  tauche»  in  den  Gesichtskreis  empor.

Bodensec
        <pb n="188" />
        182

Orte  am  L

-  Die  Ortschaften  am  Seeuser  sind  aus  ehenralige»
Fischersiedlungen  durch  günstige  Verkehrslage,  Industrie ­
  und  Landwirtschaft  zu  ihrer  gegenwärtigen
Größe  und  Bedeutung  herangewachsen;  manche  unter
ihnen  haben  in  den  hart  am  Wasser  liegenden  Vierteln ­
  den  Charakter  von  Fischerdörfern  gewahrt.  Der
Ertrag  der  Fischerei  wird  durch  den  Umstand  beeinträchtigt, ­
  daß  die  Nachbarn  am  rechten  Ufer  die
ganze  Seefläche  als  Gemeingut  der  fünf  Uferstaaten
  betrachten  und  mit  Vorliebe  auf  der  Schweizer
Seite  dem  Fang  nachgehen.
Das  einstige  Fischerstädtchen  Arbon  ist  durch
die  Stickerei  und  den  Maschinenbau  zum  volksreichsten ­
  Ort  des  Thurgaus  geworden,  10  300  E.
Rvmanshorn  ist  ein  bedeutender  Getreidcmarkt;
als  Endpunkt  des  Hauptcisenbahnstrangcs  Gcnf-Bodensee
  steht  es  in  lebhaftem  Schiffsverkehr  mit  den
gegenüberliegenden  Üferortcn  Friedrichshafen  und
Lindau.  In  der  Nähe  des  wichtigsten  Bodenseehafens,
  Konstanz,  eröffnet  das  Dorf  Gottlieben
die  Reihe  der  an  die  Weinhalden  des  Unterstes
lehnenden  Ortschaften.  Unfern  E  r  m  a  t  i  n  g  e  n  am
See  liegt  S  a  l  e  n  st  c  i  n  mit  dem  historisch  bedeutsamen ­
  Schloß  Ärenenberg.  Die  vielbesuchten  Inseln ­
  Reichenau  im  Unterste  und  Mainau  gehören
zum  Großherzogtum  Baden.  Westlich  von  Sieckb
  o  r  n  treten  die  Seeufer  allmählich  näher  zusammen ­
  und  entlassen  beim  schaffhausischen  Städtchen
Stein  den  Rhein  durch  das  reizvolle  Flußtal,  in
dem  vor  Schaffhausen  das  Städtchen  Dießenhofen ­
  einen  alten  Brückenübergaug  beherrscht.

Schaffhausen.
Der  Kanton  Schaffhausen  liegt  in  drei  ungleich
großen  Stücken  rechts  des  Rheins.  Das  Hauptge-
        <pb n="189" />
        183

biet  umfaßt  den  Randen  und  das  Klettgau.  Das
Plateau  des  Randen  ist  ein  Teil  des  Tafeljura;
es  fällt  im  Westen  schroff  zum  Tal  der  Wutach  ab,
in  dem  eine  Strecke  weit  die  Grenze  verläuft;  im
Süden  stößt  es  an  die  breite  Talsläche  des  Klettgaus
  und  im  Osten  an  das  Senkungsfeld  des  Hegaus, ­
  aus  dein  wie  Pfropfen  eine  Doppelreihe  verwitterter ­
  Vulkane  (Hohentwiel)  auftauchen.  Der
Randen  wird  durch  steilwandige  Flußtäler  und  ihre
Verzweigungen  in  zahlreiche  cbenflächige  Riemen
zerlegt.  Die  zerklüftete  Katksteinunterlage  läßt  das
Wasser  rasch  einsickern  und  bietet  dem  Bodenbau
eine  magere  Ackererde;  überdies  ist  das  Plateau,
in  rund  900  m  Meereshöhe,  windig  und  rauh.
So  bleibt  die  Hochfläche  besser  den  ausgedehnten
Waldungen  überlassen;  die  spärliche  Bevölkerung
hat  sich  hier  in  Einzelhöfen  und  kleinen  Dörfern
niedergelassen,  die  bei  der  allgemeinen  Trockenheit
des  Kalkbodens  zum  Teil  in  kostspieligen  Anlagen
das  Trinkwasser  zuleiten  müssen.  Das  alte  Flußtal ­
  des  Klettgaus  öffnet  sich  vom  Rhein  her  durch
eine  Enge  und  gewinnt  nach  Westen  zwischen  den
auseinandertretenden  Gehängen  an  Breite.  In  den
windgeschntzten,  sonnigen  Lagen  am  Fuß  des  Randen ­
  reift  ein  vortrefflicher  Wein.  Die  fruchtbaren
Niederungen  des  Klettgaus  und  des  Rheintals  werden ­
  von  dem  Hauptteil  der  Bevölkerung  bewohnt.
Der  Rhein  fließt  von  Osten  her  auf  den  Eingang  des
Klettgaus  und  den  Abfall  der  Juratafel  zu  und  biegt
hier  nach  Süden  ab.  Er  fand  nach  der  Eiszeit  nicht
überall  das  verschüttete  Bett  wieder  auf,  trat  unterhalb ­
  der  Umbiegungsstelle  aus  eine  Kalkbank  und
stürzt  nun  in  dem  imposanten,  24  m  hohen  Rheinfall
  zu  dem  ehemaligen  Flußlauf  hinunter.  Der
Rheinfall  gehörte  früher  mehr  als  heute  zu  den  berühmtesten ­
  und  meist  besuchten  Naturwundern  unseres ­
  Landes.  Flußabwärts  beschreibt  der  Rhein

Randen

Älettgau

Nheintal
        <pb n="190" />
        eine  mächtige  Schlinge  und  wendet  sich  hierauf
nach  Süden,  um  von  der  Tößmündung  an  wieder
die  ursprüngliche  Westrichtung  einzuschlagen.
Die  Täler  aus  dem  Randen  treten  gegen  den
Rhein  hin  bei  Schaffhausen  fächerartig  zusammen.
Schaffhausen,  18  000  Einwohner,  mit  seinen
erkergeschmückten  Häusern  und  dem  massigen  Bau
der  Hügelfestung  „Munot"  ein  mittelalterliches
Städtebild,  ist  der  Hauptort  des  46  000  meist  protestantische ­
  Bewohner  zählenden  Kantons.  Die  aufblühende ­
  Industrie  des  Landes  hat  ihren  Sitz  weniger ­
  in  der  Hauptstadt  selbst  (Spinnereien),  als  in
dem  rheinabwärts  gelegenen  Neuhauscn,  das
für  seine  Fabriken  (Aluminium,  Waffen,  Eisenbahnwagen) ­
  einen  Teil  der  Wasserkraft  am  Falle
ausnutzt.  Bon  Schaffhauscn  zum  Untersee  und  nach
Konstanz  besteht  eine  Dampfschiffverbindung.  Im
Klettgau  liegen  die  Städtchen  N  e  u  n  k  i  r  ch  unb
die  weinberühmten  Dörfer  Ober-  und  Untertz
  a  l  l  a  u.  An  den  Westabfall  der  Randenhöhen  lehnt
sich  Schleittzeim;  nahe  der  Ostgrenze  liegt  an
dem  Flüßchen  Biber  und  an  der  Bahnlinie  Schaff-Hausen-Singen-Konstanz
  das  durch  urgeschichtliche
Funde  bekannte  Thaingen.  Ein  kleines,  auf  drei
Seiten  von  deutschem  Boden  umschlossenes  Gebiet
des  Kantons  hat  das  altertümliche  Städtchen  Stein
am  Rhein  zum  Mittelpunkt;  dazu  gehört  auch  das
Dorf  Ramsen.  Das  dritte  und  kleinste  Stück
von  Schaffbausen  liegt,  mit  dem  Dorf  Buchberg,
in  dem  Rheinwinkel  an  der  Mündung  der  Töß.
        <pb n="191" />
        185

Rhein  bei  der  Stadt  Schaffhausen  und  von  der
das  Toggenburg  im  Westen  abschließenden  Hörnlikette
  bis  zum  Grat  der  Lägern.  Er  umfaßt  ein
mechselvolles  Hügelland,  das  im  Südosten  die  bedeutendsten ­
  Höhen  aufweist,  im  Nordwesten  gegen
die  Rheinlinie  dagegen  in  langgezogene  flache  Rillten ­
  ausläuft;  darin  sind  die  nordwestlich  oder  ivestlich
  verlaufenden  Täler  der  Sihl,  des  Zürichsees
und  der  Limmat,  der  Glatt,  Töß  und  Thur  eingelagert. ­
  Sind  die  höheren  und  rauhen  Lagen
meist  mit  Wald  verhüllt,  so  dient  das  Flachland
einer  intensiven  Landwirtschaft.  Der  Reichtum  an
Wiesen  unterhält  einen  ansehnlichen  Viehstand;
allenthalben  sind  die  Dörfer  in  Obstbaunnväldern
fast  versteckt;  an  sonnigen  Halden  bleibt  der  Boden
dem  Weinbau  überlassen.  In  weitem  Umkreis  begünstigt ­
  der  große  Bedarf  der  Stadt  Zürich  die
Gewinnung  von  Lebensmitteln.  Für  den  Volkswohlstand ­
  sind  aber  von  weit  größerer  Bedeutung  die
Industrien,  die  in  der  Hauptstadt  und  in  einzelnen
Landschaften  ihren  Sitz  aufgeschlagen  haben;  allen
voran  steht  die  Seidenspinnerei  und  -Weberei;  ein
zelne  Orte  blühen  durch  Maschinenbau,  und  im
Osten  greift  die  St.  Galler  Baunrwollindustrie  in
die  Zürcher  Seidenbezirke  über.  Dank  der  starken
industriellen  Tätigkeit  und  der  zahlreichen  Erwerbsgelegenheiten ­
  überhaupt  gehört  der  Kanton  Zürich
mit  500  700  Einwohnern  (vorwiegend  protestantischer ­
  Konfession)  zu  den  dichtest  bevölkerten  Teilen ­
  der  Schweiz.
Das  Kernstück  des  Landes  besteht  aus  der  Talmulde ­
  des  Zürichsees  und  der  Limmat.  Der  Zürichsec
  spiegelt  in  langgestreckter  und  verhältnismäßig ­
  schmaler  Wasserfläche  eine  anmutige  Uferlandschaft;
  das  oberste  Drittel,  der  Obersee,  wird
durch  einen  Moränenwall  des  eiszeitlichen  Linth
-gletschers  (Halbinsel  von  Hürden)  fast  ganz  vom

Erwerb

«olk

Zurichte
un»
        <pb n="192" />
        180

Zürich

Ceeuferorte

Hauptbecken  abgetrennt.  Die  Limmat  durchbricht  bei
ihrem  Ausfluß  aus  dem  See  eine  andere,  das  Seeende ­
  umrandende  Endmoräne,  die  den  ältesten  Anlagen ­
  der  Stadt  Zürich  eine  gefestigte  Stellung
verlieh,  und  ninrmt  noch  innerhalb  des  Stadtgebietes ­
  die  Sihl  aus  dem  Bergland  von  Einfiedeln
auf.  In  gewundenem  Lauf  durch  das  breite  Limmattal
  geht  sie  noch  durch  zwei  Endmoränenzüge,
bevor  sie  den  Juradurchbruch  bei  Baden  betritt.
Zürich  ist  seit  der  Angliederung  von  11
Außengemeinden  im  Jahre  1893  mit  189  100  Einwohnern ­
  die  größte  Stadt  der  Schweiz;  sie  umrahmt
  das  untere  Ende  des  Sees  mit  stattlichen
Quartieren  und  den  prachtvollen  Quaianlagen,  die
das  Uferbild  vollständig  umgestaltet  haben.  Die
aussichtsreichen  und  sonnigen  Halden  des  Zürichberges
  bedecken  sich  allmählich  bis  zur  tvaldigcn
Höhe  mit  gartenumschlvssenen  Villen,  und  anderseits ­
  wächst  die  Häusermasse  der  Stadt  immer  weiter ­
  in  die  Ebene  des  Limmattales  hinaus.  Der
mächtige  Bau  des  eidgenössischen  Polytechnikums
und  der  Universität  schaut  vom  Zürichberg  auf
den  verkehrsbelebtesten  Stadtteil,  in  dem  neben  deni
großen  Bahnhof  das  schweizerische  Landesniuseuni
steht.  Aus  dem  Häusergewirr  der  alten  Stadr  erhebt ­
  sich  das  doppeltürmige  Großmünster  aus  einer
Terrasse  über  der  Limmat.  Zürich  verdankt  seinen
Aufschwung  der  ungemein  günstigen  Verkehrslage
am  Schnittpunkt  der  drei  Hauptlinien  Genf-Bodensee,
  der  Gotthard-  und  der  Arlbergbahn;  die
Seidenindustrie  und  der  Maschinenbau  verschaffen
der  Stadt  einen  bedeutenden  Wohlstand.  Von  jeher
unterhielt  Zürich  lebhafte  Beziehungen  zu  Norditalien;
  unter  den  Ausländern  sind  neben  den  an
Zahl  überwiegenden  Deutschen  und  Österreichern
die  Italiener  stark  vertreten.  Die  Villenquarticre
am  Seeufer  gehen  seeaufwärts  in  die  lange  Reihe
        <pb n="193" />
        18T

der  blühenden  Dörfer  über,  die  zusammen  mit  der
Stadt  als  dicht  bewohnte,  reiche  Kulturlandschaft
nur  am  obern  Gcnfersee  ein  Gegenstück  finden.  Die
städtisch  gebauten,  von  Fabrikkaminen  überragteil
Ortschaften  am  linken  Sceuser  T  h  a  l  w  i  l,  H  o  r  -
gen,  Wädenswil  9000  Einwohner,  und  R  i  ch  -
terswil  stehen  mit  ihren  Seidenwebereien  im
Dienste  des  hauptstädtischen  Seidenhandels;  Wädenswil
  beherbergt  überdies  die  ostschweizerischc
Obst-  und  Weinbauschule.  Die  Orte  des  rechten
Seeufers  haben  an  der  Industrie  einen  geringern
Anteil;  die  Dörfer  K  ü  s  n  a  ch  t,  M  e  i  l  e  n,  M  ä  n  -
nedorf  und  Stäfa  nutzen  die  sonnige  Lage  im
althergebrachten  Weinbau  aus.  In  Uetikou  ist
eine  der  größten  Fabriken  für  chemische  Produkte
im  Betrieb.  Im  Limmattal  beschäftigt  die  Weberei
neben  der  Landwirtschaft  und  dem  Weinbau  zahlreiche ­
  Hände,  so  in  Höngg  und  in  Dietikon.
Hinter  den  mvränengekrönten  und  von  Obstbäumen ­
  verhüllten  Höhen  des  linken  Secufcrs  fließt
die  Sihl  dem  Fuß  der  Albiskette  entlang,  an  den
Dörfern  Langnau  und  A  d  l  i  s  w  i  l  vorüber;
große  Fabrikgebäude  (für  Seidenweberei^  verleihen
auch  dem  Sihltal  den  Charakter  einer  Industrielandschaft. ­

Sihl  und  Reppisch  laufen  in  engen  Tälern  au
den  beiden  Flanken  der  Albiskette;  sie  untergraben
die  steilen  Hänge  und  verursachen  häufige  Rutschungen. ­
  Mit  scharsein  Grat  und  zahlreichen  Abrißnischen ­
  unterscheidet  sich  der  Aldis  ausfällig  von
den  gerundeten  oder  flachen  Höhen  der  übrigen
Mittellandbcrge.  Vor  seinem  Abfall  zuui  Limmattal
trägt  er  den  Gipfel  des  Utlibergs  873  ra,  den  vielbesuchten ­
  Aussichtspunkt  der  Stadt  Zürich.
Jenseits  der  Albiskette  geht  das  Bauernland
des  Knonaueramtes  bis  an  die  Lorze  und  die  Reuß.
Neben  der  Landwirtschaft  hat  in  Fabrik-  und  Hausäimmattol



Aldis

Kiionaueramt
        <pb n="194" />
        188

Glaltal

Nirfzerfeld

Nördli'-K'Z
Glatial

SKtttkwä
4&amp;amp;krttat

inbuftrie  die  Seidenweberei  Eingang  gesunden.  Hier
liegen  die  Dörfer  Affoltern,  Knonau  und
Kappel.
Am  Nordufer  des  Zürichsees  steigt  die  Halde  zu
dem  breiten  Rücken  des  Zürichberges  und  Pfannenstiels ­
  an.  Die  Gehängeterrassen  sind  weithin  kenntlich ­
  gemacht  durch  die  Obstbaumwaldungen  auf  den
flachen  Böden  und  den  Rebbergen  an  den  steiler  geböschten ­
  Stufen.  Jenseits  der  beivaldeten  Höhen  liegt
das  Glattast  das  als  ungemein  breite,  flache  Mulde  in
nordwestlicher  Richtung  durch  die  Mitte  des  Landes ­
  zieht.  Es  wurde  in  der  Eiszeit  von  einem
Arm  des  Linthgletschers  über  die  niedrige  Bodenschwelle ­
  von  Rapperswil  hinweg  überflutet  und  mit
einer  fruchtbareti  Grnndmoräncndecke  und  einem
Reichtum  von  Schuttwällen  ausgestattet.  Einzelne
der  Endmoränen  trugen  durch  den  Aufstau  des  Wassers ­
  zur  Bildung  der  Seen  bei.  Der  von  Riedflächen
umschlossene  Pfäffikersee  entsendet  die  Aa  zum
größern  Greifensee,  dessen  Abfluß,  die  Glatt,  in
vielfach  korrigiertem  Lauf  durch  eine  sumpfige  Talsohle ­
  zieht;  erst  im  Unterlauf  erlangt  der  Fluß
in  engerem  Tal  ein  verstärktes  Gefälle.  Oberhalb
der  Glattmündung  überspannt  die  Eisenbahnlinie
Zürich-Schaffhausen  in  mächtiger  Brücke  die  Rebhalden
  des  alten  Rheinstädtchens  Eglisau.  Die
große  Ebene  am  Nordufer  des  Rheins,  das  Rafzerfetd
  mit  dem  Dorfe  Rafz  ist  reich  an  Korn-  und
Kartoffelfeldern;  die  Ernte  findet  auf  dem  Markt
vvn  Zürich  guten  Absatz.  Mittelpunkt  des  Bauernlandes ­
  an  der  untern  Glatt  ist  B  ü  l  a  ch.  Am  Nordfuß
  der  Lägernkette  zieht  sich  das  abgelegene  Wehntal ­
  hin,  an  dessen  Ostausgang  D  i  c  l  s  d  o  r  f  liegt.
Hier  findet  der  Faltenjura  sein  Ende  im  östlichen
Sporn  der  Lägern,  der  das  weitschauende  alte  Städtchen ­
  Rege  ns  b  erg  trägt.  In  einem  seitlichen
Arm  des  Glatiales  haben  die  Dörfer  Affoltern
        <pb n="195" />
        189

und  Regensdorf  in  der  Rahe  des  inoränengestauten
  Katzensees  noch  vorwiegend  bäuerlichen
Charakter  behalten,  ivährend  Seebach  und  Orlik
  o  n  bereits  als  industrielle  Vororte  von  Zürich
gelten  können.  Die  Straßen  und  die  Bahn  von
Zürich  her  dringen  an  einer  Einsattelung  des  Zürichberges ­
  bei  Orlikon  in  das  höhergelegene  Glattal
ein  und  streben  hier  nach  allen  Richtungen  auseinander ­
  ;  Hauptlinien  führen  nordwärts  nach
Schaffhausen  und  nordöstlich  über  Winterthur  zum
Bodensce.  Das  verkehrsreiche  Orlikvn  baut  in  berühmter ­
  Fabrik  Werkzeugmaschinen,  Mühleneinrichtungen ­
  und  elektrische  Motoren.  Während  in  der
Umgebung  von  Kloten  und  Dübendorf  die
Landwirtschaft  noch  durchaus  vorherrscht,  bietet  das
oberste  Glattal  und  die  Umgebung  des  Pfäsfikersees
mit  zahlreichen  blühenden  Orten  und  einem  außergewöhnlich ­
  dichten  Straßennetz  das  Bild  einer  reichen ­
  Kulturlandschaft,  in  der  sich  ein  mit  höchster
Sorgfalt  betriebener  Bodenbau  mit  den  Zürcher
Industrien  Seidenweberei  und  Maschinenbau  vereinigt. ­
  U  st  e  r,  8600  Einwohner,  ist  der  Kern  des
dichtbevölkerten  Gebietes.  Nahe  der  Bodenschwelle
von  Rapperswil  siegen  Grüningen  und  B  u  -
bikon,  am  Pfäffikersee  Pfäffikon.
An  den  Fuß  des  Zürcher  Oberlandes  lehnen
sich  die  Fabrikorte  R  ü  t  i  an  der  Jona,  das  Webstühle ­
  liefert,  H  i  n  w  i  l,  das  mit  der  Seidenweberei
die  Baumwollverarbeitung  verbindet,  und  Wetzik
  on  mit  Spinnerei,  Weberei  und  Stickerei.  Im  Zürcher ­
  Oberland  greifen  die  Zürcher  und  St.  Galler  Industrien ­
  ineinander  überhier  hat  neben  der  Baumwollindustrie
  im  besondern  die  Stickerei  Eingang
gefunden.  Ostlvärts  der  Glattalmulde  steigen  die
Wald-  und  weidenreichen  Nagetfluhhvhen  des  Bachtel ­
  1119  m,  des  Schnebelhorns  1295  m  und  des
Hörnli  1136  m  auf,  tief  durchfurcht  von  zahllosen

Oberes
Glattal

Oberland
        <pb n="196" />
        190

Ä6ftt«l

Meinland

Waldtälchen,  die  einen  überraschenden  Reichtum  von
Kleinformen  in  das  Landschaftsbild  hineintragen.
Am!  Fuß  des  Bachtel  liegt  Wald  mit  einem  Lungensanatorium. ­
  Zwischen  den  langgestreckten  Höhen
windet  sich  die  Töß  durch  ein  enges  Tal  an  den
Dörfern  F  i  s  ch  e  n  t  a  l,  B  a  n  m  a  und  T  u  r  b  e  n  -
t  a  l  vorüber.  Fischental  steht  über  die  Hulftegg
mit  dem  Toggenburg  in  Verbindung.  Das  Tößtal
verrät  seine  Nachbarschaft  zum  Toggenburg  durch
eine  Reihe  von  Baumwollspinnereien.  Seinen  Nordausgang ­
  beherrscht  die  zweite  Stadt  des  Kantons,
Winterthur  mit  25  100  Einwohnern.  Winterthur ­
  sammelt  als  belebter  Verkehrsmittelpunkt
Straßen  und  Bahnen  aus  allen  Himmelsrichtungen.
Zwei  Weltfirmen  begründen  seinen  Ruf  als  Industriestadt, ­
  die  schweizerische  Lokomotivfabrik  und  eine
Maschinenfabrik,  die  vorzugsweise  Dampfmaschinen,
Wcbstühle  und  Spinnmaschinen  baut.  Unter  den
Schulanstalten  ragt  das  Technikum  hervor.
Zwischen  Töß  und  Rhein  steigt  nur  noch  die
einförmige  Tafel  des  Jrchcl,  696  in,  über  das  flachwellige ­
  Hügelland  hinaus.  Diese  ganze  Gegend  wird
von  einer  Landwirtschaft  treibenden  Bevölkerung  bewohnt. ­
  Allenthalben  liefern  die  Weinberge  noch
gute  Ernten,  so  an  den  sonnigen  Halden  von  E  l  g  g,
Neftenbach  (Kartenbeilage  I),  Andelfingen
im  breiten  Thurtal,  Stammheim  im  nordöstlichsten, ­
  rings  vom  Thurgau  umschlossenen  Zipfel
des  Kantons  Zürich,  in  Marthalen  und  bei
Rheinau  in  der  großen  Flußschlinge  unterhcr
des  Rheinfalls.  Der  Reichtum  an  Weinbergen  hat
dieser  Landschaft  den  Namen  des  Zürcher  Weinlandes ­
  eingetragen.
        <pb n="197" />
        191

Zug.
Das  Bergland  zwischen  der  mittlern  Sihl  und
dem  Zugersee  und  die  Ebene  an  seinem  Nordufer
bilden  das  Gebiet  von  Zug,  des  kleinsten  Schweizer ­
  Kantons.  Der  Nordabhang  des  bewaldeten  Roßberges ­
  und  die  Molasschöhen  des  Zuger-  und  Gottschalkenberges
  halten  in  anmutiger  Mulde  den  Agerisee
  umschlossen.  Sein  Abfluß,  die  Lorze,  erreicht
nach  kurzem  Lauf  mit  einem  Gefälle  von  über
ZOO  in  durch  das  Lorzetobel  den  Zugersee;  unsern
der  Einmündung  verläßt  die  Lorze  den  See  wieder
und  wendet  sich  nach  Norden  der  Reuß  zu.  Auf  dem
stillen  Ägerisee  hat  sich  bis  zur  Gegenwart  das  primitive ­
  Fahrzeug  der  Pfahlbauzcit,  der  Einbaum,
erhalten.  Von  Ober-  und  Unterägeri  führt
die  Straße  dem  steilen  Ostufer  entlang,  an  der
Schlachtkapelle  von  Morgarten  vorüber,  nach  deni
schwyzerischen  Sattel.  Auf  dem  Plateau  zwischen
Lorze  und  Sihl  liegt  in  800  in  Höhe  der  aussichtsreiche ­
  Luftkurort  Menzingen.  Das  Bergland  von
Menzingen  trägt  auf  undurchlässiger  Molasseunterlage ­
  mächtige  Decken  und  Wälle  von  Gletschcrschutt,
der  das  Wasser  aufspeichert  und  cs  besonders  in
den  Einschnitten  der  Flüsse  in  starken  Quellen  zutage ­
  treten  läßt;  einige  dieser  Quellen  speisen  die
Trinkwasserversorgung  der  Stadt  Zürich.
Der  Zugersee  erstreckt  sich  mit  seinem  südlichen
Ende  in  die  Talmulde  zwischen  Rigi  und  Roßberg ­
  hinein;  im  mittlern  Teil  wird  er  von  S.-W.
her  durch  zwei  bewaldete  Felssporne,  Rippen  der
gefalteten  Molasse,  eingeengt;  das  nördliche  Becken
liegt  mit  flachen,  schilfuinkränzten  Ufern  in  der  breiten ­
  Ebene  des  Reuß-  und  Lorzelaufes.  Walchwil
am  Ostufer  des  Sees  verrät  durch  seine  Bestände'
an  Edelkastanien  ähnliche  klimatische  Vorzüge  wie
die  Frühlingskurorte  am  Vierwaldstättersee,  Gersau,

Zuger-Belgiens»


Zugersee
m»b
Umgebung
        <pb n="198" />
        192

Er  werk

«f&amp;amp;let

Vitznau  und  Weggis.  Es  wird  im  Nordosten  durch
die  Wand  des  Zugerberges  geschützt,  dessen  Hochsläche
  neuerdings  als  Sommerfrische  und  Wintersportplatz ­
  einen  lebhaften  Besuch  erhält.  Am  untern
Ende  des  Sees  erscheint  die  altertümliche  Hauptstadt ­
  Zug  8000  E.,  von  Rutschungen  des  Ufers
wiederholt,  das  letzte  Mal  im  Jahre  1887,  heimgesucht. ­
  Wo  die  Lorze  aus  der  Bergschlucht  ins
Flachland  hinaustritt,  liegt  der  große  Ort  Baar
am  mande  des  Baarer  Bodens,  den  ein  Wald  von
Obstbäumen  verhüllt.  In  der  Ebene  und  hoch  oben
an  den  Halden  des  Zugerberges  bringen  die  Kirschbäume ­
  reiche  Ernten;  das  Zuger  Kirschwasser
gehört  zu  den  geschätztesten  Landesprodukten.  Reich
an  Obst  ist.  auch  die  Reußebene,  zumeist  ein  fruchtbares ­
  Acker-  und  Wiesenland,  strichweise  dagegen
von  Streuewiesen  eingenommen.  Am  Ausfluß  der
Lorze  ans  dem  Zugersee  ist  Cham  durch  die
große  Milchsiederei  zu  einem  industriellen  Mittelpunkte ­
  geworden.
War  früher  der  Kanton  Zug  ein  ausgesprochenes ­
  Bauernland,  so  beschäftigt  heute  die  Industrie ­
  schon  nahezu  die  Hälfte  der  Arbeitskräfte;
im  besondern  sind  die  Spinnereien  des  Lorzetales,
in  Baar  und  Ägeri,  zu  erwähnen.  Mit  28000
Einwohnern  vorwiegend  katholischer  Konfession  steht
Zug  noch  über  der  Volkszahl  des  viereinhalbmäl
so  großen  Alpenkantons  Uri.

Luzern.
Neben  den  drei  Urkantonen  Uri,  Schwyz  und
Unterwalden  umfaßt  Luzern,  als  letzte  der  vier
„Waldstätte",  einen  Teil  des  gleichnamigen  Sees.
Der  Bereich  des  Kantons  geht  von  den  Voralpen-'
        <pb n="199" />
        193

gipfeln  des  Pilatus  und  des  Brienzergrates  nordwärts ­
  in  die  Täler  des  Mittellandes  hinaus,  stellenweise ­
  bis  nahe  an  die  breite  Bodenfurche  des
Aaretales,  und  erstreckt  sich  anderseits  vom  Lindenberg ­
  bis  auf  die  Höhen  des  Napf.
Zwischen  dem  untern  Ende  des  Vierwaldstättersees ­
  und  dem  Brienzersee  erhebt  sich  als  Randzone
der  Alpen  die  kühn  geformte  Berggruppe  des  Pilatus, ­
  des  Feuersteins,  der  Schrattenfluh  und  des
Brienzer  Rothorns,  auf  der  die  Grenze  gegen  Obwalden ­
  verläuft.  Vom  Rothorn  kommen  die  Quellbäche ­
  der  Kleinen  Emme,  die  zuerst  nordöstlich  dem
Fuß  des  Napf  entlang  und  dann  mit  scharfer  Umbiegung ­
  nach  Osten  das  stark  hügelige  Wiesenland
des  Entlebuch  durchfließt;  sie  mündet  in  die  Rcuß
nahe  an  deren  Ausfluß  aus  dem  Vierwaldstättersee ­
  und  überträgt  dem  größern  Gewässer  ihre  bisherige ­
  Richtung.  Das  Entlebuch  wird  als  gut  abgegrenzte ­
  Landschaft  von  einer  in  LebenÄveise  und
Sitte  eigenartigen  Bauernbevölkerung  bewohnt.  Alljährlich ­
  finden  noch  in  Flühli  zu  oberst  im  Tal
der  Kleinen  Emme  Schwing-  und  Älplerfeste  statt,  wo
sich  die  Entlebucher  mit  den  Schwingern  aus  Unterwalden, ­
  dem  Berner  Oberland  und  dem  Emmental ­
  messen.  Das  stattliche  Dorf  E  s  ch  o  l  z  m  a  t  t
liegt  in  850  in  Höhe  auf  der  Talwasserscheide  zwischen ­
  der  Kleinen  Emme  und  der  Jlfis,  die  der  Großen
Emme  zueilt.  Diese  Stelle  wird  von  der  Bahnlinie
Bern-Luzern  als  bequemer  Übergang  benutzt.  An
der  Talsohle  des  Entlebuches  folgen  sich  die  Dörfer
S  ch  ü  p  f  h  e  i  m,  Entlebuch  und  W  o  l  h  u  s  e  n,
wo  alle  Straßenzüge  vom  Aaretal  her  einmünden
und  über  Malters  und  Litt  au  nach  Luzern
weiterleiten.
Zwischen  der  Reuß,  die  von  der  Emmemündung
an  nordostwärts  der  breiten  Talfurche  des  Zugersees ­
  und  der  Lorze  zustrebt,  und  dem  Küßnachter  Arni
Alürtiger,  Schwei;  13

Entlebuch
        <pb n="200" />
        194
des  Vierwaldstättersees  wechseln  parallel  streichende,
maldgekrönte  Molasserippen  mit  den  dazwischen  eingebetteten ­
  Engtälchen;  durch  eine  dieser  Tallinien
läuft  am  stillen,  kleinen  Rotsee  vorüber  die  Eisenbahn ­
  von  Zug  nach  Luzern.
Eine  niedrige  Bodenschwelle  trennt  den  Talzug
Emme-Reuß  von  den  nordwärts  davon  liegenden
Mittelland  Landschaften  des  Luzerner  Mittellandes.  Eine  Reihe
kleiner  Flüsse  ziehen  hier  in  parallelen  Furchen  zwischen ­
  breiten,  schwach  geböschten  und  langgestrecklen
  Hügelrücken  zur  Aare  an  den  Jurafuß  hinüber.
In  der  Eiszeit  überflutete  der  Reußgletscher  die  geringe ­
  Bodenerhebung  im  Quellgebiet  dieser  Flüsse
und  drang  in  einzelnen  Armen  nordwärts  durch  die
Täler  hinaus.  Die  flachen  Talböden  und  die  Gehänge ­
  wurden  damals  mit  seinerdigem,  fruchtbarem
Gletscherschutt  verkleidet,  der  heute  die  Grundlage
des  Ackerbaues  bildet.  Aus  dem  luzernischen  Bauernland ­
  fließen,  von  West  nach  Ost  aufgezählt,  die
Wigger,  die  Suhr,  die  Wynen  und  die  Aa  der
Aare  zu;  der  untere  Teil  ihrer  Täler  wird  vom
Kanton  Aargail  beansprucht.
Wlggcrtat  Die  obersten  Verzweigungen  der  Wigger  reichen
an  den  Napf  hinauf,  der  hier  in  schroffen  Flühen
zu  den  Runsen  der  Quellbächc  abbricht.  In  dem
ausgedehnten  Flachboden,  der  sich  nördlich  davon
ausbreitet,  vereinigt  sich  das  Gewirr  von  Bachläusen ­
  zum  einheitlichen  Talfluß;  an  dieser  Stelle  öffnet ­
  sich  ein  geräumiger  Durchgang  zum  Nachbartal ­
  im  Osten,  den  die  Gotthardbahn  zur  kürzesten
Verbindung  zwischen  Hauenstein-Olten  und  Luzern
benutzt.  In  einem  engen  Tal  der  Napfgruppe  liegt
das  Dorf  Luther»  am  gleichnainigen  Zufluß  der
Wigger.  Das  gewerbreiche  Städtchen  W  i  l  l  i  s  a  u  ist
der  'Marktort  und  Mittelpunkt  des  umliegenden
Bauernlandes;  durch  die  Bahn  Langenthal-Wolhusen
  steht  cs  über  M  e  n  z  n  a  u  mit  dem  Entlebuch
        <pb n="201" />
        195

und  mit  der  Hauptstadt  in  Verbindung.  In  einer  der
zahlreichen  Parallelfurchen  des  obern  Wiggergebietes
reihen  sich  die  Dörfer  Ruswil,  B  u  t  t  i  s  h  o  l  z
und  Großwangen,  im  untern  Wiggertal  Dag  -
m  e  r  s  e  l!  e  n  und  Neiden.
Die  Suhr  entwässert  durch  eine  einfach  geformte,
flache  Talmulde  den  ihrem  obern  Teil  eingelagerten
anmutigen  Seinpacherfee;  an  feinern  Ufer  stehen
die  allen  Städtchen  Sur  fee,  der  Hauptort  des
Tales,  und  Sempach.  Talauswärts  halten  sich
die  Dörfer  Knurtwil,  Büron  und  Trieng
  e  n  an  den  Rand  der  breiten  Talsohle.  Die  Hauptstraße ­
  nach  Luzern  berührt  oberhalb  des  Scmpacherfees
  Neuenkirch.
Das  Wynental  gehört  fast  in  seiner  gesamten
Länge  zunr  Kanton  Aargau;  am  teilweise  sumpfigen
Oberlauf  liegt  der  luzernischc  Ort  Münster.
Am  Fuß  des  Lindenbergs,  eines  langgestreckten,
zu  909  in  ansteigenden  Molasserückens,  bildet  die  Aa
zwei  Talseen,  den  Baldegger-  und  Hallwilersee,  die
der  Landschaft  den  Namen  Seetal  eingetragen  haben.
Die  beiden  Mittelpunkte  des  Luzerner  Anteils  sind
H  o  ch  d  o  r  f  und  Hitzkir  ch.
Aus  all  diesen  Tälern,  sowie  vom  Entlebuch  und
vom  Reuß-Zugcrgediet  her  laufen  die  Eisenbahnen
und  Straßen  zu  einem  Bündel  von  Verkehrswegen
in  der  Hauptstadt  zusammen:  als  Marktort  des
Vierwaldstättersees  unterhält  sie  überdies  einen  lebhaften ­
  Verkehr  mit  den  Talschaften  der  Jnnerschweiz
  und  steht  als  Handelsplatz  dank  der  Gotthardbahn ­
  an  der  Pforte  Italiens.  Die  Stadt  Luzern, ­
  39  200  Einwohner,  umschließt  die  enge
Nordbucht  des  Sees  und  die  ihm  entströmende
Neuß;  Stadt,  See  und  Gebirge  vereinigen  sich  zu
einem  Landschaftsbild  von  überraschender  Anmut
und  Großartigkeit.  Hinter  der  stolzen  Hotelreihe
am  Quai  bleibt  dem  Älick  vom  See  her  die  Häuser-Tal

  der
Snhr

Wynental

Seetal

Luzern
        <pb n="202" />
        19G

inasse  der  Stadt  teilweise  verborgen.  Im  Hintergrund ­
  bilden  auf  steiler  Höhe  die  Museggtürme  der
mittelalterlichen  Stadtbefestigung  einen  reizvollen
Abschluß.  Nach  Süden  öffnet  sich  ins  Gebirge  die
breite  Lücke  des  Sees,  flankiert  von  den  Bergmassen
des  Rigi  und  des  Pilatus.  Der  gesamte  Fremdenverkehr ­
  des  Vierwaldstättersees  findet  in  Luzern
feinen  belebten  Mittelpunkt.
Rig&amp;gt;-Pilatus  Am  Südwestabfall  des  Rigi  liegen  auf  Luzcrner
Gebiet  die  schon  früher  genannten  Kurorte  Weggis
  und  Vitznau;  nahe  bei  Luzern  am  Fuß
des  Pilatus  hat  sich  Kriens  durch  Maschinenbau ­
  zu  eincni  volksreichen  Ort  entwickelt  (7100
Einwohner).
Volk  Der  Kanton  Luzern  zählt  166  800  überwiegend
katholische  Bewohner.  Die  Landwirtschaft  nimmt
die  meisten  Kräfte  in  Anspruch;  dazu  gesellt  sich,
außer  der  Metallindustrie,  die  Seidenspinnerei  in
der  Umgebung  von  Luzern,  im  Wigger-  und  Suhrtal.
  Vom  aargauischeit  Freiamt  greift  die  Strohflechterei, ­
  meist  als  winterliche  Hausarbeit  neben  der
Landwirtschaft  betrieben,  ins  Sectal  und  ins  Entlebuch
  herüber.

Nargau.
Tebict  Das  Kernstück  des  Landes  besteht,  wie  schon
der  Name  es  sagt,  aus  dem  Aaretal;  daran  schließen
sich  die  untern  Abschnitte  der  vom  luzernischen
Mittelland  her  zur  Aare  ausmündenden  Flußtäler,
von  der  Wigger  im  Westen  bis  zur  Limmat  im
Osten;  in  einem  dritten  Gebiet  greift  der  Kanton
über  den  östlichen  Jura  hinüber  und  bildet  dem
Rhein  entlang  bis  nahe  vor  Basel  auf  eine  lange
strecke  die  Landesgrenze.  Das  sind  nach  Boden-
        <pb n="203" />
        197

gestalt  und  geschichtlicher  Entwicklung  recht  ungleichartige ­
  Landschaften.  Wegen  des  Reichtums  an  Gewässern, ­
  die  sich  mit  der  Aare  vereinigen,  kann  der
Aargau  als  der  Trichter  der  Schtveiz  gelten;  insbesondere ­
  trifft  die  Bezeichnung  zu  für  den  Zusammenfluß ­
  der  Aare,  der  Neuß  und  der  Limmat
unterhalb  Brugg,  deren  Einzugsgebiet  2 /s  der
Schweiz  ausmacht.
Mit  der  Annäherung  an  das  Aaretal  werden  ®üi&amp;gt;«$e
die  Hügelrücken,  die  durch  das  Mittelland  quer-  afUnrtSie
über  zum  Jura  ziehen,  immer  niedriger.  An  ihren
Gehängen  und  quer  durch  die  Flußtäler  bauten
einzelne  Lappen  des  eiszeitlichen  Reußgletschers  ansehnliche ­
  Moränenwälle  auf.  Unterhalb  der  Endmoränen ­
  treten  die  Flüsse  in  breiter  Talöffnung
zur  Aare  hinaus;  ihr  Bett  ist  an  diesen  Stellen
in  ausgedehnte,  mit  Wiesen  und  Äckern  bestellte
Kiesebenen  cingeschnitteii,  die  ihre  Entstehung  dem
reichen  Geschiebetransport  der  eiszeitlichen  Flüsse
verdanken.
Zwischen  den  nördlichsten,  nur  wenig  über  die
Talsohle  aufragenden  Molassehöhen  und  dem  Steilabfall ­
  des  Jura  fließt  die  Aare  in  geräumiger
Mulde  dahin;  meist  hält  sie  sich  hart  an  die  Nordwand; ­
  stellenweise  durchbricht  sie  in  engem  Querschnitt ­
  niedrige  Kalkfalten,  die  als  Ausläufer  des
Jura  spornartig  ins  Mittelland  hineinragen.  In
einem  solchen  Durchbruch  verläuft  die  Aare  zwischen
Aarburg  und  Olten  und  wiederum  bei  Schinznach,
  wo  die  Schlösser  Wildegg  und  Habsburg  die
Jurahöhen  rechts  der  Aare  krönen.  Reuß  und  Limmat ­
  queren  denselben  Juraausläuser  oberhalb  ihrer
Vereinigung  mit  der  Aare.  Unterhalb  Brugg  biegt
die  Aare  nach  Norden  um  und  erreicht  durch  das
große  Juraquertal  den  Rhein  bei  Koblenz.
Der  Aargauer  Jura  wird  am  Südrand  durch  z«ra
eine  Zone  von  Ketten  gebildet,  deren  östlicher  Aus-
        <pb n="204" />
        läufer,  bic  Lägernkctte,  jenseits  bor  1'inmuxt  ins
Zürcher  Mittelland  vordringt.  Gegenüber  dem  Iura
der  Westschweiz  sind  hier  die  Falten  so  niedrig
(Wasserfluh  bei  Aarau  869  in),  baß  der  Verkehr
über  ihre  Einsattelungen  hinweg  keinen  großen
Schwierigkeiten  begegnet.  Nördlich  der  Ketten  setzt
sich  das  Gebirge  als  Tafeljura  gegen  den  Rhein
hin  fort,  vom  Fricktal  und  seinen  Verzweigungen
in  einzelne  Rücken  und  Plateauslächen  zerteilt.  Wie
der  Schaffhauser  Randen,  so  ist  auch  der  Aargauer
Jura  mit  großen  Waldflächen  bekleidet.
Neben  der  Landwirtschaft  und  dem  Obstbau,
der  in  den  tiefen  Lagen  der  Mittellandtäler  und
im  Fricktal  vorzügliche  Bedingungen  findet,  sind  im
Aargau  verschiedene  Industrien  verbreitet,  jo  die
Strohflechterei,  die  Zigarrenfabrikation,  die  Seidenweberei ­
  im  Dienste  von  Zürich  und  Basel,  vielfach ­
  als  Hausarbeit  betrieben,  und  durch  daS  ganze
Aaretal  hinauf  die  Baumwollindustrie;  das  alles
sichert  den  Bewohnern  mannigfaltige  Erwerbsgelegenheiten. ­
  Der  Kanton  Aargau  zählt  eine  zur
Mehrheit  protestantische  Bevölkerung  von  229  900
Seelen;  größere  katholische  Gebiete  sind  das  Freiamt ­
  (Täler  der  Reuß  und  der  Bünz)  und  das
Fricktal.
Im  Wiggertal  liegt  das  Städtchen  Z  o  f  i  n  g  e  n,
nahe  dem  Talausgang  zur  Aare  bei  A  a  r  b  u  r  g,
dessen  Altstadt  und  Schloß  auf  weitschaueudem,
untertunneltem  Felsen  ain  Eingang  des  Aarequertales ­
  durch  einen  abgeirrten  Jurasporn  steht.  Zum
Tal  der  untern  Suhr  gehören  die  Dörfer  Schöftland,
  Kölliken,  Entfelden  und  Suhr,
nahe  der  Einmündung  der  Wynen  in  das  gleichnamige ­
  Flüßchen.
Das  Wynental  ist  der  Sitz  der  aargauischen
Tabakindustrie.  Sie  ist  vielerorts  als  Hausindustrie
ein  Nebenverdienst  zur  Landwirtschaft  und  nimmt

Orte  an
Wigger  und
Sulßr

Wynental
        <pb n="205" />
        199

babci  nicht  selten  über  Gebühr  die  Kinderarbeit  in
Anspruch.  Neuerdings  findet  ein  ansehnlicher  Zuzug ­
  italienischer  Arbeiterinnen  nach  diesem  kleinen
Industriegebiet  statt.  Die  Hauptorte  für  Tabakund
  Zigarrenfabrikation  sind  R  e  i  n  a  ch  und
Kulm;  talauswärts  folgt  Gränichen.
Die  Landwirtschaft  des  untern  Aa-  oder  Seetalcs
  wurde  durch  die  beiden  Konservenfabriken  von
Lenzburg  und  Seon  zum  Gemüsebau  im
Großen  angeregt,  der  einzelne  Stellen  in  der  Umgebung ­
  der  beiden  Orte  als  ausgedehntes  Gartenland ­
  erscheinen  läßt.  Lenzburg,  an»  Fuß  eines
Felshügels,  der  das  alte  Schloß  der  Grasen  von
Lenzburg  trägt,  ist  zuin  Eisenbahnknoten  geworden.
Hier  zieht  die  Seetalbahn  südwärts  nach  Luzern:
am  Ufer  des  Hallwilersees  berührt  sie  B  e  i  n  w  i  l,
das  sich  an  der  Tabakindustrie  des  Wynentales
seinen  Anteil  gesichert  hat.
Jenseits  des  Lindenbergs  geht  das  Freiamt  der  smnmt
Bünz  und  der  Reuß  entlang  weit  nach  Süden
bis  nahe  an  den  Zugersee.  Die  Reuß  fließt  auf
flachem,  zun»  Teil  versumpftem,  gestrüpp-  und  schilfreichem ­
  Talboden  und  bildet  in  seinem  untern  Teil
eine  Reihe  von  Schlingen.  Im  Freiamt  beschäftigt
die  Strohflechterci  zahlreiche  Arbeitskräfte,  vorwiegend ­
  in  der  Hausindustrie;  ihr  Marktort  ist
das  große  Dorf  Wahlen;  an  der  obern  Bünz
liegt  Muri.  Die  Brückenstädtchen  an  der  Reuß,
Bremgarten  und  Mellingen,  haben  im
Zeitalter  der  Eisenbahnen  viel  von  ihrer  frühern
Bedeutung  verloren.
Im  Äaretal  ist  Aarau  mit  9500Einwohnern  »««tm
die  industriereiche  Hauptstadt;  ihre  Fabriken  liefern ­
  u.  a.  Präzisionsinstrumente.  Bei  Wild  egg
zweigt  die  Seetalbahn  nach  Lenzburg  ab.  Das
Schloß  Wildegg  beherrscht  den  Eingang  zur  Talverengerung, ­
  in  der  das  Bad  S  ch  i  n  z  n  a  ch  liegt,
        <pb n="206" />
        200

Limmatta!

SurStal

Fricktal

überragt  vom  Schloß  Habsburg.  Das  alte  Brückenstädtchen ­
  Brugg  ist  heute  eiu  Eisenbahnknotenpunkt; ­
  hier  treffen  die  Aaretallinie  und  die
Bahn  von  Bascl-Bözbergtunncl  zusammen  und  führen ­
  durch  das  Limmatta!  nach  Zürich  weiter  (.Kartenbeilage ­
  III).  Unterher  Brugg  sind  die  Mündungsstellen ­
  der  Reuß  und  der  Limmat,  da  wo  die
Aare  zum  Juradurchbruch  umbiegt.  Beim  Dörfchen ­
  Wind  i  sch  lag  auf  talbehcrrschcnder  Terrasse
der  römische  Waffenplatz  Vindonissa,  dessen  Amphitheater ­
  heute  freigelegt  ist.
Die  Limmat  durchbricht  die  Lägernkette  in  einem
Engtal  und  schneidet  dabei  eine  wasserführende  Kalkschicht ­
  an;  hier  treten  im  Flußbett  und  am  Ufer
die  Thermen  zutage,  denen  Baden  seit  der  Römerzeit ­
  den  Ruhm  als  Badeort  verdankt.  Die  Stadt
&amp;lt;8200  Einwohner)  beschäftigt  im  Maschinenbau
eine  zahlreiche  Arbeiterschaft,  die  teilweise  das  benachbarte ­
  Wett  in  gen  (6000  Einw.)  bewohnt.
Am  windgeschützten  Südhang  der  Lägern  nnd  im
Quertal  der  Limmat  finden  sich  vorzügliche  Weinlagen.

Vom  Nord  fuß  der  Lägern  eilt  das  kleine  Flüßchen ­
  Surb  der  Aare  zu,  in  die  es  bei  dem  Städtchen
Klingnau  mündet.  Die  Dörfer  Lengnau  und
Endingen  im  Surbtal  tvaren  früher  stark  von
Juden  bewohnt;  neuerdings  wenden  sich  die  Juden
als  Geschäftsleute  mehr  den  großen  Städten  zu.
Oberhalb  des  Zusammenflusses  von  Aare  und  Rhein
liegen  am  Rheinufer  Koblenz  gegenüber  der
Einmündung  der  badischen  Wutach,  der  einst  durch
seine  Messen  berühmte  Ort  Zurzach  und  das
Städtchen  Kaiser  st  uh  l.
Das  Fricktal  leitet  Bahnlinie  und  Straße  von
Basel  her  zum  bequemen  Übergang  des  Bözbergs
hinauf  und  ins  Aare-  und  Limmattal  hinüber.
In  der  Mitte  des  obstdannrreichen  Tales  ist  F  r  i  cf
        <pb n="207" />
        201

der  Hauptvrt,  durch  die  Bergstraße  der  Staffelegg
mit  Aarau  verbunden.  In  den  tiefen  Lagen  reift
das  Obst  etwas  früher  als  im  Mittclland;  so  findet
der  Hauptteil  der  ansehnlichen  Kirschenernte  auf
den  Märkten  des  Mittellandes  als  Frühobst  guten
Absatz;  eine  geringere  Menge  dient  zur  Herstellung
des  Kirschwassers.
Einst  bildeten  die  badischen  Städtchen  Sätkingen
  gegenüber  dem  Ausgang  des  Fricktales
und  Waldshut  gegenüber  der  Äaremündung  mit
den  beiden  linksrheinischen  Städtchen  Laufenb
  u  r  g  und  Rheinfelden  den  Bund  der  „vier
Waldstätte  am  Rhein".  Der  Rhein  zieht  von  der
Äaremündung  an  in  einem  breiten  Tal  als  Grenz--fluß
  westwärts,  bisweilen  durch  Felsbarrieren  eingeengt, ­
  die  das  Wasser  in  Strudeln  und  Stromschnellen
  durchbricht.  Der  „Laufen"  von  Laufenburg, ­
  die  schönste  dieser  Stromschnellen,  ist  jetzt
dem  modernen  Kraftwerk  dieses  Ortes  geopfert  wor  ­
den,  wie  denn  überhaupt  Rhein  und  Aare  in  diesem
Gebiet  eine  reiche  Ausbeutung  der  Wasserkräfte  in
Elektrizitätswerken  erfahren  haben.  An  den  Schnel
len  von  Laufenburg  und  Rheinfelden  waren  Haltepunkte ­
  und  Umladestellen  der  mittelalterlichen  Fluß
schiffahrt.  Von  jeher  lieferte  hier  die  Lachsfischcrei
ansehnliche  Erträge.  In  der  flußumzogenen  Ebene
bei  Rheinfelden  liegt  das  Dorf  Möhlin,  in  dessen
Nähe  die  Reihe  der  schweizerischen  Rheinsalincn
beginnt.  Riburg,  Rheinfelden  und  Kais
  c  r  a  u  g  st  liefern  jährlich  300  000  q  Salz.  Rhein
selben  nutzt  die  Salzsoole  zu  den  heilkräftigen  Sool
bädern  aus.  Die  Salinen  stehen  seit  der  Mitte
des  19.  Jahrhunderts  im  Betrieb.  Beidseits  der
Ergolz  nehmen  Kaiseraugst  und  Baselaugst  die  Stelle
der  Römerstadt  Augusta  Rauracorum  ein,  die  noch
in  ihren  Überresten  für  die  einstige  Größe  zeugt.

Rheintal
        <pb n="208" />
        202

Westlich  des  Aargauer  Fricktales  bilden  der  Taseljnra
  im  Flußgebiet  der  Ergolz  und  das  Flachland ­
  an  der  Einmündung  der  Birs  in  den  Rhein,
das  Gebiet  des  Kantons  Basel;  seit  1833  ist  er
politisch  getrennt  in  die  beiden  Halbkantone  Baselstadt
  und  Baseltand  (135  500  und  76  200  Einwohner ­
  überwiegend  protestantischer  Konfession).
Die  Stadt  Basel  halt  die  für  den  Verkehr  ungewöhnlich ­
  wichtige  Stelle  inne,  wo  der  Rhein  nach
Norden  umbiegend  die  große  und  volksreiche  oberrheinische ­
  Tiefebene  zwischen  Schwarzwald  und
Vogesen  betritt.  Von  Norden  her  führen  beidseits
des  Stromes  die  Verkehrswege  in  Basel  zusammen
und  vereinigen  sich  hier,  nahe  der  burgundischen
Pforte  zwischen  Jura  und  Vogesen,  mit  den  Linien
aus  dem  nordöstlichen  Frankreich;  die  drei  Jurafurchen
  des  Birs-,  Ergolz-  und  Fricktales  leiten
den  Verkehr  ins  Mittelland  weiter.  Neuerdings  ist
Basel  zur  Kopfstation  der  Oberrhcinschifsahrt  geworden, ­
  und  es  besteht  begründete  Aussicht,  daß
auch  die  Strecke  bis  zum  Bodensee  für  den  Schiffsverkehr ­
  geöffnet  werden  kann.  Die  Stadt  ist  der
Sitz  einer  altberühmten  Universität;  als  wichtiger
Industrie-  und  Handelsplatz  steht  sie  nach  der  Volkszahl ­
  mit  132000  Einwohnern  unter  den  Schweizerstädten ­
  an  zweiter  Stelle.  Der  Hauptteil  der
Stadt,  Großbasel,  liegt  am  linken  Rheinuser,  überragt ­
  vom  doppeltürmigen  Münster  auf  hoher  Terrasse, ­
  von  der  der  Blick  in  die  dunstige  Ferne
der  süddeutschen  Rheinebene  hinausreicht.  Das
Rheinknie  hält  anv  rechten  Ufer  das  industrielle
Klcinbasel  umschlossen,  dessen  Seidenbandwcbereien
und  chemische  Fabriken  (für  Farbstoffe  und  Arzneimittel) ­
  den  Ruhm  der  Basler  Industrie  begründen. ­
  Der  gemeinnützige  Sinn  der  Bevölkerung  be-
        <pb n="209" />
        203

tätigt  sich  in  zahlreichen  Werken  der  Wohltätigkeit: ­
  der  bekannte  Reichtum  der  Stadt  stellt  dazu
die  Mittel  in  weitgehendem  Maße  zur  Verfügung.
Als  Mittelpunkt  des  Verkehrs,  der  Geschäftsnnternehmungen
  und  der  Industrie  übt  die  Grenzstadt
aus  die  Ausländer,  im  besondern  auf  die  Reichsdeutschen, ­
  eine  starke  Anziehung  aus.
Zum  Gebiet  von  Basel-Stadt  gehören  noch  R  i  ehen
  und  Kleinhüningen  in  der  Nähe  des
Schwarzwaldflüßchens  Wiese,  das  unterhalb  Kleinbasel ­
  den  Rhein  erreicht.
Die  Ergolz  reicht  mit  zahlreichen  Quelltälcru
südwärts  in  den  Kettenjura  hinein  und  löst  den
Tafeljura  in  einzelne  flache  Bergrücken  aus.  In
den  rauhen  höhen:  Lagen  hat  neben  dem  Ackerbau
überall  die  Hausindustrie  Eingang  gefunden,  und
zwar  sowohl  die  Bandwebcrei  für  die  Basler  Geschäftshäuser, ­
  als  die  llhrenmacherci  vom  Ncuenburger
  und  Berner  Jura  her.  Im  nördlichen  Teil
der  Basler  Landschaft  werden  dagegen  die  verfügbaren ­
  Arbeitskräfte  nach  den  Fabriken  der  Stadt
gezogen.  Gleich  dein  Fricktal  versorgt  hier  der  Obstbau ­
  der  tiefen  und  warmen  Lagen  den  Markt  mit
frühen  Kirschen.
Die  zahlreichen  Talfurchen  schaffen  bequeme
Übergänge  nach  dem  Aaretal.  Über  Waldenburg
und  Langenbruck  gewinnt  der  obere  Hauenstein
an  Balstal  vorbei  und  durch  die  Klus  von  Onsingen
  den  Ausgang  zum  Mittelland.  Ein  anderes
Talstück  leitet  die  Bahnlinie  von  Basel  zum  untern
Hauenstein,  den  sie  von  Lä  u  fe  l  f  i  n  g  c  n  an  in  steil
abfallendem  Tunnel  unterfahrt.  Bereits  haben  die
Arbeiten  begonnen,  um  durch  den  Hauenstein-Basistunnel
  die  starke  Steigung  zwischen  Olten  und
dem  Ergolztal  zu  mindern.  An  der  Vereinigungsstelle ­
  der  beiden  Hauenstcinstraßen  liegt  die  gewerbliche ­
  und  aufblühende  Hauptstadt  von  Basel-Basel-Land-



der  Eryol;,
        <pb n="210" />
        204

BirStal

Birfigtnl

Landschaften

Land  Liestal  mit  6000  Einwohnern.  Talausivärts
  folgen  an  der  Ergolz  die  Dörfer  S  i  s  s  a  ch
und  Gelterkinden,  flußabwärts  Pratteln,
Basel-Augst  und  Muttenz.  Das  Soolbad
Schweizerhall  knüpft  sich  an  die  gleichnamige
größte  Saline  der  Schweiz  mit  einem  Jahresertrag
von  rund  250000  q  Salz.
Baselland  umfaßt  überdies  den  untersten  Talabschnitt ­
  der  Birs,  die  aus  den  Ketten  des  Berner
Jura  hervorbricht  und  oberhalb  Basel  in  den  Rhein
mündet'  die  größten  Orte  sind  hier  das  katholische ­
  Dorf  Arlesheim  und  das  durch  Maschinenbau ­
  ausblühende  M  ö  n  ch  e  n  st  c  i  n.
An  der  in  Basel  mündenden  Birsig  ist  B  i  n
n  i  n  g  e  n  hart  an  der  Stadtgrenze  zum  rasch  anwachsenden ­
  Borvrt  und  mit  seinen  6300  Einwohnern ­
  zur  volksrcichsten  Ortschaft  des  Halbkantons
Basel-Land  geworden.

Solothurn.
Im  weiten  Umkreis  um  den  Kern,  die  Hauptstadt ­
  Solothurn  an  der  Aare,  schließen  sich  rechr
verschieden  geartete  Landschaften  zum  Gebiet  des
Kantons  zusammen.  Er  umfaßt  ein  Stück  des  Flachlandes ­
  am  Jurafuß,  von  den  Dörfern  oberhalb
Solothurn  an  bis  nahe  an  die  Stadt  Aarau,  nur
kurz  unterbrochen  durch  den  Umkreis  des  bcrnischen
Städtchens  Wangen,  dazu  die  über  dem  Aaretal
aufsteigenden  Juraketten  mit  den  Höhepunkten  der
Hasenmatte  1449  in,  des  nach  der  weißen  Gefteinsfarbe
  benannten  Weißcnsteins  1294  in,  der
Röthifluh  1398  in  und  der  Schasmatte  963  m.
Außerdem  reicht  der  Kanton  mit  einein  breiten
Streifen  quer  über  den  Jura  hinweg  zum  untern
        <pb n="211" />
        205

Birstal  und  bringt  anderseits  mit  der  Landschaft
des  Bucheggberges  südwestlich  in  das  flachwellige
Hügelland  zwischen  Aare  und  Emme  vor.
Der  wcchselvollen  Bodengestalt  entsprechend  ist
die  Bevölkerung  von  116  700  Einwohnern,  vorwiegend ­
  katholischer  Konfession,  sehr  ungleich  über
das  Land  verteilt.  Die  größte  Volksdichtc  weist
das  Aarctal  auf,  in  dessen  westlichem  Abschnitt
die  Uhrenindustrie  neben  der  überall  verbreiteten
Landwirtschaft  viele  Hände  beschäftigt.  Geringer  ist
die  Volkszahl  der  bäuerlichen  Dörfer  auf  der  Plateaufläche ­
  des  Bucheggberges  und  noch  schwächer
sind  die  rauhen  Höhen  des  Jura  bewohnt,  wo
nur  vereinzelt  die  Seidenspinnerei  und  -Weberei
einen  Nebenverdienst  zum  bescheidenen  Ertrag  des
Ackerbaues  bringt.
Am  Fuß  des  Weißensteins,  dessen  umfassende
Aussicht  auf  das  Mittelland  und  die  Alpenkette
einen  starken  Besuch  veranlaßt,  liegt  die  altertümliche ­
  Aarestadt  Solothurn  mit  11  700  Einwohnern. ­
  Das  weite  Flachland  östlich  des  Bucheggberges ­
  im  Umkreis  der  Emmemündung  wird  durch
hochragende,  rauchende  Fabrikschlote  als  Industriegebiet ­
  gekennzeichnet.  Hier  hatB  ib  er  ist  die  bedeutendste ­
  Papierfabrikation  der  Schweiz  Derendingen ­
  treibt  Kammgarnspinnerei  und  G  e  r  l  a  f  i  n  -
gen  besitzt  ein  großes  Hammerwerk.  Solothurn
steht  durch  eine  Jurabahn  unter  dem  Wcißenstein
durch  in  Verbindung  mit  Münster  an  der  Linie
Biel-Bafel.  Bei  Oberdorf  tritt  die  Bahn  in
den  3,7  lein  langen  Weißensteintunnel  ein.  Die
Haupteisenbahnlinie  dem  Jurafuß  entlang  berührt
zwischen  Solothurn  und  Biel  Sclzach  und  das
dank  seiner  Uhrenindustrie  zum  blühendsten  und
volksreichsten  Dorf  angewachsene  Grenchen  mit
7000  Einwohnern.
Unterhalb  des  bernischen  Aarebezirkes  von  Wan-Nolk



Oberes
Aaretal

Unteres
Aaretal
        <pb n="212" />
        206

'Juragebiet

Schwarz-Hubenland


gen  liegen  am  Fuße  des  Jura  Önsingen,  K  e  -
stenholz,  Neuendorf  und  Buchsiten  im
Tal  der  Dünnern.  An  der  Mündung  dieses  Flusses ­
  in  die  Aare  hat  sichOlten  mit  9300  Einwohnern ­
  zu  einem  Mittelpunkt  des  Verkehrs  und  der
Industrie  entwickelt.  Hier  schneidet,  vomHauensteintunnel
  herkommend,  die  Gotthardlinie  den  Hauptschienensirang
  Bodensee-Genfersee,  der  weiterhin  in
zwei  Armen  über  Bern  und  über  Biel-Neuenburg
der  Westschweiz  zustrebt.  An  den  ausgedehnten
Bahnhosanlagen  liegt  die  Reparaturwerkstätte  der
Bundesbahnen.  Nahe  bei  Aarau  ist  Schönenwerd
  durch  die  bedeutendste  Schuhfabrik  Europas, ­
  mit  zahlreichen  Filialen  in  der  übrigen  Schweiz,
aus  einem  bescheidenen  Bauerndorf  zu  einem  wichtigen ­
  Jndustrieort  aufgeblüht,  dem  alltäglich  aus
den  Dörfern  im  Umkreis  ein  kleines  Heer  von  Arbeitern ­
  zuströmt.
Bei  Ön  singen  öffnet  die  Klus  der  Dünnern
durch  die  vorderste  Jurakette  einen  bequemen  Eingang ­
  nach  B  a  l  s  t  h  a  l,  das  mit  488  m  Meereshöhe ­
  nur  um  ein  geringes  über  die  Sohle  des  Mittellandes ­
  hinausgeht.  Hier  fand  schon  zur  Römerzeit
die  Straße  des  obern  Haucnsteins  den  niedrigsten
Juraübergang  (Langenbruck  an  der  Paßhöhe  713
m);  die  Bahn  durch  den  untern  Hauenstein  hat  dem
alten  Verkehrsweg  freilich  viel  von  seiner  frühern
Bedeutung  genommen.  Im  Längstal  der  Dünnern
hinter  der  Weißensteinkette,  abseits  vom  großen  Verkehr, ­
  liegt  Welschenrohr,  das  neuerdings  über
Gänsbrunnen  am  Nordausgang  des  Weißensteintunnels ­
  einen  kürzern  Zugang  zur  Hauptstadt
erlangt  hat.  Von  Balsthal  findet  eine  Straße  über
Mümliswil  den  Übergang  über  die  Paßwangkette
  1207  m  in  den  nördlichsten  Kantonstcil,  in  das
Schwarzbubenland.  Die  entlegenen  Taler  und  Höhen
dieser  Juralandschaft  haben  infolge  ihrer  ärmlichen
        <pb n="213" />
        207

Naturausstattung  und  ihres  geringen  Anteils  an
einer  verdienstbringenden  Industrie  nicht  vermocht,
im  Wohlstand  und  in  der  Kulturentwicklung  mit
den  übrigen  Gebieten  des  Landes  Schritt  zu  halten.
Im  Bergland  liegen  die  Dörfer  Büsserach  und
S  e  e  w  e  n,  im  offenen  Virstal  Dornach.
Jenseits  der  Birs  besitzt  Solothurn  an  der  clsäs-  W»-tr«&amp;gt;ntc
fischen  Grenze  zwei  kleine  abgetrennte  Bezirke  3c,itfc
mit  den  Dörfern  Klein-Lützel  an  dem  Flüßchen ­
  Lützel  und  Hofstetten  an  der  Nordseite
der  Blauenkette  771  in.

Bern.
Vermöge  seiner  Ausdehnung  über  die  drei  Haupt-  nms-&amp;gt;,g
gebiete  des  Landes  ist  der  Kanton  Bern  ein  Bild  der
Schweiz  im  Kleinen.  Er  reicht  vom  Hauptkamm
der  Nordalpenkctte  über  Voralpen,  Mittelland  und
Jura  hinweg  und  dringt  mit  seinen  nördlichsten  Gebietsteilen ­
  einerseits  bis  ins  untere  Birstal  in  die
Nähe  von  Basel,  anderseits  mit  der  Landschaft  von
Pruntrut  in  das  Flachland  der  burgundischen  Pforte
zwischen  Jura  und  Vogesen  vor.  Der  weitaus
größte  Teil  des  Landes,  von  den  Hochalpen  bis
zu  den  südlichen  Juratälern,  wird  durch  die  Aare
entwässert.  Die  Täler  des  nördlichen  Juragebietes
gehören  dagegen  überwiegend  zum  Flußgebiet  der
Birs,  die  oberhalb  Basel  in  den  Rhein  mündet.
Mit  642  700  Bewohnern  steht  Bern  un-  V«a
ter  den  Schweizer  Kantonen  in  der  Volkszahl ­
  an  erster  Stelle.  Dicht  bevölkert  sind
das  Landwirtschaft  treibende  Mittelland,  die
höhern  rauhen  Lagen  ausgenommen,  und  die
durch  Uhrenindustrie  blühenden  Juratäler.  Das
Alpengebiet  dagegen,  das  Berner  Oberland,  durch
        <pb n="214" />
        20S

den  starken  Anteil  des  unproduktiven  Bodens  gleich
ungünstig  gestellt  wie  das  benachbarte  Wallis"  und
Uri,  hat  eine  durchschnittlich  geringe  Einwohnerzahl; ­
  eine  ansehnliche  Volksverdichtung  besteht  nur
in  den  vom  Fremdenverkehr  bevorzugten  Talschaf--ten
  am  Brienzer-  und  Thunersee  und  in  den  westlichen, ­
  alpwirtschaftlich  bedeutenden  Tälern.
Von  einer  gewissen  Übereinstimmung  der  Berner ­
  Alpen  mit  den  Walliser  Alpen  war  schon  einmal ­
  die  Rede  (Seite  8).  Die  Hauptgipsel  der
stark  vergletscherten  Stammkette  entsenden  seitliche
Ketten,  die  Voralpen,  nordwärts  zum  Brienzerund
  Thunersee  in  der  Aaretalfurchc;  zwischen  den
Bergzügen  dringen  die  Seitentäler  der  Aare  an  den
Hauptkamm  des  Gebirges  heran.  Die  Gipfel  fallen
mit  gewaltiger  Steilwand  zu  den  Talhintergründen ­
  und  zu  den  Voralpen  ab,  die  meist  mit  einer
Einsattelung  an  die  Hauptkette  anschließen  uub  nirgends ­
  in  die  Schnceregion  hinausragen.  Die  Schneegrenze ­
  liegt  in  den  Berner  Alpen  bei  2900  ni.
Der  Nadelwald  verkleidet  die  Berghalden,  erreicht
aber  durchschnitilich  bei  1800  —1900  ni  seine
obere  Grenze;  die  Kämme  der  Voralpen  liegen  in  der
Weidenregion.
Haölital  Der  Oberlauf  der  Aare  liegt  im  östlichsten  der
zahlreichen  Qnertäler  des  Berner  Oberlandes,  im
Haslital.  Nahe  der  Grimselftraße,  die  über  eine
bequeme  Einsattelung  der  Hauptkette  hinweg  den
Zugang  zur  Rhonequelle  gewinnt,  entspringt  die
Aare  an  den  mvränenbedeckten  Eiszungen  des  obern
und  des  untern  Aaregletschers,  die  vom  höchsten
Gipfel  der  Berner  Alpen,  dem  Finsteraarhorn  4275
in,  herabsteigen.  Die  Umgebung  des  Grimselhospizes
  zeigt  in  den  geschrammten  und  zu  Rundbuckeln
niedergeschliffenen  Felspartien  in  schönster  Weise
die  Tätigkeit  der  eiszeitlichen  Gletscher.  Der  obere
Teil  des  in  seinem  ganzen  Verlauf  stufenförmig
        <pb n="215" />
        209

fallenden  Haslitals  ist  eine  öde  Felsenwildnis,  eingebettet ­
  zwischen  den  vereisten  Bergmassen  des  Lauteraarhorns ­
  4043  in,  der  Schreckhörner  4080  m
und  der  Wetterhörner  3703  m  im  Westen  und  der
vielgestaltigen  Gruppe  des  Dammastockes  unb  der
Tierberge  3446  in  im  Osten.  Das  starke  Gefälle
des  Talflusses  wird  künftig  einem  großen  Kraftwerk
dienstbar  gemacht,  das  die  wilde  Schönheit  der  Landschaft, ­
  im  besondern  den  Handeckfall,  zu  beeinträchtigen ­
  droht.  Das  oberste  Dorf  ist  Guttannen.
In  der  Talweitung  von  Jnnertkirchen  mündet ­
  der  Gadmenbach,  dessen  Quellen  an  den  Eisfeldern ­
  des  Titlis,  der  Sustcnhörner  und  des  Triftgebietes ­
  an  den  Tierbergen  liegen.  An  G  a  d  m  e  n
vorüber  zieht  der  Sustenpaß  ins  Meiental,  am  Fuß
des  Titlis  vorbei  der  Jochpaß  nach  Engelberg.  Unterhalb ­
  Jnnertkirchen  sperrt  der  Kalksteinricgel  des
„Kirchet"  das  Tal  ab;  die  Aare  durchbricht  ihn  in  der
großartigen  Aareschlucht  und  betritt  in  geradlinigem ­
  Kanalbett  die  Ebene,  die  sich  als  Deltalandschaft ­
  bis  zum  Brienzersee  erstreckt.  Am  Ausgang
der  Aareschlucht  steht  das  nach  dem  Föhnbrand
1891  in  massivem  Steinbau  wiedererstandene
Meiringen,  der  Hauptort  des  Haslitales,  überhöht ­
  von  weitschauenden  Bergterrassen,  von  welchen ­
  der  Alpbachfall  und  der  Reichenbachfall  über
die  Trogwände  herunterstürzen.  Meiringen  liegt  am
Fuß  der  Brünigstraße  und  -bahn  und  des  Weges
über  die  Große  Scheidegg,  der  am  Rosenlauigletscher
  und  an  der  Wand  der  Wetterhörner  vorbei
nach  Grindelwald  führt.  Die  grüne  Wasserfläche
des  Brienzersees  ist  zwischen  der  Faulhorngruppe  Ba-nzerj-«
2683  in  und  dem  Brienzergrat  in  ein  Längstal
eingelagert,  das  sich  zum  obern  Teil  des  Thunersees
fortsetzt.  Brienz  ist  neben  Meiringen  der  Hauptplatz ­
  der  Holzschnitzlerei.  Eine  kühne  Bergbahn  erklimmt ­
  den  aussichtsreichen  Gipfel  des  Brienzer
FlüSIgcr,  2ch&amp;gt;rel;  14
        <pb n="216" />
        210

Bödeli

Lütschinentäler


Rothorns  2351  m,  Brienz  gegenüber  stürzt  der
Gießbach  von  der  Axalp  in  sieben  weißschänmenden
Fällen  durch  den  dunklen  Tannenwald  in  den  Sec.
Brienzer-  und  Thunersee  bildeten  einst  ein  einziges ­
  8-förmig  gebogenes  Wasserbecken,  in  dessen
Mitte  in  der  Folge  der  Lombach  aus  dem  Habkerntal ­
  und  die  Lütschine  das  Bödeli  aufschütteten.  Mitten ­
  im  Bödeli  erscheinen  die  stolzen  Hotelreihen
des  weltbekannten  Fremdenplatzes  Jnterlakeu
(lateinisch  Inter  lneus  —  zwischen  den  Seen).  Bon
der  durch  eine  Bergbahn  erschlossenen  Schinigen
Platte  2064  in  umfaßt  der  Blick  das  wunderbare
Panorama  der  Berner  Alpcnkctte,  aus  der  in  überwältigender ­
  Schönheit  die  Jungfraugruppe  (Jungfrau, ­
  Mönch  und  Eiger)  emporsteigt.  Von  Jnterlaken
  aus  ist  durch  die  Lücke  des  Lütschinentales
nur  die  Jungfrau  sichtbar.
Das  Lütschinental  gabelt  sich  bei  Zweilüts
  ch  i  n  e  n  in  die  beiden  Aste  des  Lauterbrunnen-  und
des  Grindelwaldtales.  Im  Winkel  zwischen  der  weißen ­
  und  schwarzen  Lütschine  bietet  der  Männlichen
den  schönsten  Blick  auf  die  Jungfraugruppe.  Das
Lauterbrunnental  steigt  als  gewaltiger  Trog  zwischen ­
  schroffen,  stellenweise  überhängenden  Felswänden ­
  zu  den  Eisfeldern  des  Breithorns  3779  in
hinauf;  auf  hohen  Seitentcrrassen  machen  sich  die
Kurorte  Mürren  und  Wengen  die  sonnige,
weitschauende  Lage  zu  nutze.  Über  die  Felskante
stürzen  die  Seitenbäche  in  schmalen  Silberbändern
zur  Tiefe;  darunter  ist  der  Staubbach  bei  Laute ­
  r  b  r  u  n  n  e  n  mit  4M  m  Sturzhöhe  der  bekannteste. ­
  Grindelwald  liegt  inmitten  einer  wiesengrünen, ­
  häuserbesäeten  Talmulde,  im  Süden  umschlossen
  von  den  schreckhaft  steilen  Wänden  der
Hochgebirgsgipfel  der  Wetterhörner,  Schreckhörner,
Fiescherhörner  4040  m  und  des  Eigers  3975  m.
Aus  ihren  Firnfeldern  senken  sich  die  schnttbedeck-
        <pb n="217" />
        211

ten  Eisströme  des  obern  und  untern  Grindelwaldgletschers ­
  bis  in  die  Obstbaumregion  des  Talgrundes
hinab.  Grindelwald  ist  berühmter  Sommer-  und
Winterkurort.  Dicht  an  den  Felsabstürzen  und  Gletschern ­
  der  imposanten  Jungfraugruppe  verbindet
der  Weg  über  die  Kleine  Scheidegg  und  die  Wengernalp ­
  Grindelwald  mit  Lfluterbrunnen.  Mit
furchtbarer  Steilheit  überragt  die  Eigerwand  den
Aufstieg  zur  Kleinen  Scheidegg;  auf  2  lew  Horizontalentfernung ­
  beträgt  der  Höhenunterschied  2,3
km.  Der  Weg  über  die  Wengernalp  ist  wie  kein  ©engnnaii»
anderer  Alpenpaß  mit  seinem  überaus  starken  Fremdeubesuch
  zu  einer  eigentlichen  Völkerstraße  geworden. ­
  Die  Wengernalpbahn  erleichtert  den  Verkehr.
Von  der  Kleinen  Scheidegg  2070  m  dringt  die
Jungfraubahn  durch  das  Berginnere  des  Eigers
zum  Felsenfenster  der  Eigerwand  und  weiterhin
zur  Station  Eismeer  3161  in  aus  der  Südseite
des  Eigers,  der  höchsten  Bahnstation  der  Schweiz.
Binnen  wenigen  Jahren  soll  der  Bahntunnel  durch
die  Felsmassen  des  Mönchs  4105  m  bis  dicht  unter
den  Gipfel  der  Jungfrau  4166  m  fertig  gebaut  sein.
Am  sonnigen  Norduser  des  Thunersees,  der  „Ri-  Th»»e&amp;gt;ieviera
  des  Oberlandes",  sind  im  Schutze  des  Sigriswilergrates
  2053  m  und  der  Blume  1395  m  Tigris ­
  w  i  l,  Oberh  ofen  und  H  ilterfingen,
von  reichen  Kirschbaumwäldern  umgeben,  beliebte
Kurorte.  Über  dem  obern  See-Ende  hat  St.
Beatenberg  eine  hohe,  aussichtsreiche  Terrasse ­
  inne.  Die  Thunerseebahn  folgt  dem  Südufer
über  L  e  i  s  s  i  g  e  n  und  dem  am  Ausgang  zweier
Täler  rasch  aufblühenden  Bahnknoien  Spiez.
Das  Kandertal  wurzelt  mit  seinen  Talhinter-  ««nbtttat
gründen  in  den  vereisten  Hochalpeugipfeln  Blümlisalp
  3670  m,  Doldenhorn  3647  m,  Balmhorn  3698
m,  Aitels  3634  m  und  Wildstrubel  3266  m.  Zwischen ­
  der  prächtigen  Pyramide  des  Niesen  2366  m
        <pb n="218" />
        )j|l  J;

Kanderinündung


Simmental

und  dem  Ausläufer  des  Morgenberghorns  2251  in
im  Plateau  von  Äschi  öffnet  sich  der  Taleingang.
Bei  R  e  i  ch  e  n  b  a  ch  mündet  das&amp;gt;  reizvolle  Kiental.
Frutigen,  der  Hauptort  des  Tales,  beherrscht
an  der  Talgabel  den  Zugang  zu  den  Fremdenortcn
Adelboden  und  Kandersteg.  Die  Bahn,  deren
Kopfstation  bisher  Frutigen  war,  findet  nun  ihre
wichtige  Fortsetzung  durch  den  Lötschberg  als  Zufahrtslinie ­
  zum  Simplon.  In  einem  von  Blümlisalp
  und  Doldenhvrn  umrahmten  Felskessel  liegt  hoch
über  Kandersteg  der  kleine  Oschinensee  eingebettet.
Das  Kandertal  steht  seit  alter  Zeit  durch  den  Gemmipaß
  in  Verbindung  mit  dem  Wallis;  von  der  Paßhöhe
  am  Daubxnsee  klettert  der  Pfad  an  schwindlig
jäher  Wand  zum  Leukerbad  hinab.
Unterhalb  W  i  m  m  i  s  am  Fuß  des  Niesen  nimmt
die  Kander  von  links  her  die  Simme  aus  dem
Simmental  auf  und  durchbricht  mit  starkem  Gefälle
den  moränengekrönten  Uferrücken  zum  See;  hier  hat
sie  innert  zwei  Jahrhunderten  ein  großes,  gestrüppbewachsenes ­
  Kiesdelta,  das  Kandergrien,  angelegt.
Bis  1714  umfloß  die  Kander,  bei  Hochwasser  mit
starken  Verheerungen,  den  Uferhügel  (gleich  wie  die
Sihl  bei  Zürich)  und  mündete  unterhalb  Thun  in  die
Aare;  dann  wurde  sie  durch  ein  künstliches,  nunmehr
durch  die  Flußarbeit  erweitertes  und  vertieftes  Felsbett
  zum  See  geleitet.  Die  Gefällsstufe  liefert  dem
Kanderwerk  bei  Spiez  die  Wasserkraft.
Bei  Wimmis  läuft  an  der  Bergfluh,  einer  natürlichen ­
  Talsperre,  das  Simmental  aus;  es  ist  zwischen ­
  den  Ketten  des  Niesen  und  des  Stockhorns
2192  m  eingelagert.  Die  prächtigen  Wiesen  und
Weiden  unterhalten  einen  großen  Viehstand;  besondere ­
  Sorgfalt  wird  auf  die  Aufzucht  von  edelrassigen ­
  Tieren,  dem  Simnientaler  Fleckvieh,  verwendet; ­
  die  Verwertung  der  Milch  in  Käsereien  tritt
gegenüber  anderen  Alpenlandschasten  zurück.  Ober ­
        <pb n="219" />
        213

halb  der  Mündung  des  Diemtigentales  mit  Diemtigen
  ist  E  r  l  e  n  b  a  ch  der  Viehmarkt  des  Landes.
Talaufwärts  folgen  Därstetten,  Oberwil,
Voltigen.  Zweisimmen  im  obern  Simmental, ­
  ein  Sommer-  und  Winterkurvrt,  entsendet  eine
Straße  über  die  Saanenmööser  nach  der  Talschaft
von  Saanen.  Hier  endigt  die  elektrische  Montreux-Berneroberlandbahn
  und  findet  ihre  Fortsetzung  in
einer  Bahn  zum  Thunersee.  Zu  oberst  im  Simmental ­
  liegt  der  Badekurort  Lenk  am  Fuß  des  Rawilpasses,
  der  durch  die  Einsattelung  zwischen  Wildstrubel ­
  und  Wildhorn  3264  m  das  Rhonetal  mit
Sitten  erreicht.
Der  Oberlauf  der  Saanc  vor  der  Umbiegung
zum  waadtländischen  Pays  d'cn  Haut  bildet  das
bernische  Saancnland,  das  durchwegs  über  1000  in
hoch  liegt;  hier  werden  die  als  Rasseticre  geschätzten
Saanenziegen  gehalten.  Saanen  an  der  Montreux-Bcrneroberlandbahn
  ist  der  Hauptort  der  Talschaft, ­
  die  einst  zu  den  entlegensten  Gebieten  des
Kantons  gehörte,  neuerdings  aber  von  Kurbedürftigen ­
  und  Vergnügungsreisenden  immer  stärker  besucht ­
  wird.  Kurort  ist  nun  auch  das  idyllische
L  a  u  e  n  e  n.  Von  G  st  e  i  g  zweigt  die  Pillonstraße
zu  den  Ormonttälern  und  der  Sanetschpaß  zwischen ­
  Wildhorn  und  Oldenhorn  3134  m  hindurch
zum  Rhonetal  ab.
Thun,  7400  Einwohner,  am  untern  Ende  des
Thunersees,  ist  die  Eingangspforte  zum  Berner
Oberland  und  der  natürliche  Vereinigungspunkt  und
Marktort  seiner  Täler.  Zwischen  der  Aare  und
der  einstigen  Kandermündung  breitet  sich  die  Thuner
Allmend  aus,  die  dem  Artilleriewaffenplatz  als
ilbungsfeld  dient.
Das  Aaretal  unterhalb  des  Thunersees  bildet
dm  östlichen  Teil  einer  ausgedehnten,  steif  verlaufenden ­
  Bodensurche,  die  in  die  hohen  Molassehügel

Saanenland

Thun

Aaretal
        <pb n="220" />
        214

Sense-Bergland


am  Alpen  fuß  eingeschnitten  ist.  Der  linksseitigen
Halde  folgt  durch  teilweise  versumpften  Boden  vom
Ganterist  her  die  Gürbe.  Sie  vereinigt  sich  mit
der  Aare  unterster  des  Belpberges,  der  als  langgestreckter ­
  Tafelberg,  ein  Überrest  der  ehemaligen
höhern  Landoberfläche,  die  beiden  Flußtälcr  trennt.
Diese  Gegend  ist,  wie  das  gesamte  Land  zwischen
Alpen  und  Jura  überhaupt,  ein  bevorzugtes  Gebiet
des  Ackerbaus  und  der  Viehhaltung.
In  der  Umgebung  von  Thun  liegen  die  Dörfer
Thierachern,  Uetendors,  Steffisburg
und  das  durch  die  Töpferei  bekannte  Heimberg.
Kirchdorf  und  G  c  r  z  e  n  s  e  c  halten  eine  niedrige ­
  Stelle  des  Plateaus  zwischen  Aare  und  Gürbe
besetzt.  In  Münsingen  steht  die  kantonale  Irrenanstalt. ­
  Die  obere  Gürbe  mit  Blumen  stein
und  Wattenwil  bildet  den  Westrand  einer  prächtigen ­
  Moränenlandschaft,  bereit  wellige  Kuppen
kleine  Seelein  einschließen.  Belp  liegt  an  der
Vereinigungsstelle  der  beiden  Täler  am  Nordsuß
des  Belpberges.
An  den  Nordabsall  der  Stockhornkette  lehnt  ein
rauhes,  wenig  zugängliches  Molasse-Bergland.  Am
schroffen  Ostabfall  führen  nur  wenige  Straßen  herauf. ­
  Im  Westen  henunt  die  Senseschlucht,  auf  lange
Strecke  die  bernisch-freibnrgische  Grenze,  mit  stellenweise ­
  senkrecht  abstürzenden  Wänden  den  Verkehr.
Das  Schwarzwasser  und  seine  Scitenbäche  zerlegen
durch  Waldschluchten  das  Bergland  in  zahlreiche
Einzelhöhen,  wie  die  ganz  bewaldete  Giebelegg  1131
in  und  die  Bütschelegg.  Nach  Norden  nehmen  die
Hügel  an  Höhe  ab,  bis  zum  Gurten,  dein  Aussichtsberg ­
  von  Bern,  mit  861  in  Mecreshöhe.  Der  Mittelpunkt ­
  der  Landschaft,  Schwarz  en  bu  rg,  ist
durch  eine  Bahn  von  der  Hauptstadt  aus  erschlossen;
unfern  davon  liegt  das  volksreichc  Wählern.  Die
andern  Dörfer  Guggisberg,  Rüschegg  und
        <pb n="221" />
        215

Rüeggisberg  stehen  dagegen  abseits  vom
größern  Verkehr.
An  der  Ostflankc  des  Aaretales  öffnen  einige
Tallücken  bequeme  Zugänge  zum  Tal  der  Emme,
über  Schwarzenegg,  über  Linden  und  Röthenbach ­
  und  durch  die  Mulde  zwischen  dem  Kürzenberg
  und  der  Hundschüpfen  an  Zäziwil  und
S  i  g  n  a  u  vorüber.  Die  Große  Emme  bricht  zwischen ­
  den  Kalkwänden  der  Schrattenfluh  2098  m
und  des  Hohgant  2202  in  in  das  wiesengrüne  Tal
von  Schängnan  und  E  g  g  i  w  i  l  hervor.  Unterhalb ­
  S  i  g  n  a  u  Nimmt  sie  die  Jlfis  auf  und  durchfließt ­
  in  einer  Mittelfurche  das  nach  ihr  benannte
Emmental.  An  der  Talcnge  von  Burgdorf  betritt
sie  ein  breites  Flachland,  das  sic  bis  zur  Einmündung ­
  in  die  Aare  bei  Solothurn  ditrchzieht.  Zwischen
dem  Flußgebiet  der  Emme  und  der  Wigger  erheben
sich  die  Nagelfluhhöhen  des  Napf  1411  m  auf  einer
nahezu  kreisrunden  Fläche.  Vom  höchsten  Punkt
strahlen  nach  allen  Seiten  die  engen,  stellemoeise
schluchtartigen  Flußtäler  aus,  die  mit  zahlreichen
ebenso  engen  Seitentälchen,  „Gräben"  genannt,  die
Bergmasse  in  ein  Gewirr  von  reich  verzweigten
Gräten  auflösen.  Diese  schmalen,  sonnigen  Rükken,
  von  bewaldeten  Gräben  umzogen,  heißen  „Egg".
Trotz  ihrer  hohen  Lage  sind  sie  auffällig  reich
an  Getreidefeldern,  die  im  Sommer  zusammen  mit
den  Wiesen  und  den  zerstückelten  Waldflächen  der
Napflandschaft  ein  buntscheckiges  Aussehen  verleihen. ­
  Die  Emmentaler  Bauern  haben  es  verstanden, ­
  durch  sorgfältige  Pflege  ihren  Boden  zu  einem
der  reichsten  Gebiete  des  Acker-  und  Wiesenbaues
in  der  Schweiz  zu  machen.  Berühmt  ist  der  Einnicntaler
  Käse,  der  hauptsächlich  von  den  großen  Geschäften ­
  in  Langnau  und  Burgdorf  exportiert  wird.
Neben  den  Dörfern  auf  der  Talsohle  erscheint  das
Emmental  wie  übersäet  von  Einzelhöfen,  die  je  die

Emme

Napf

Erwerb  und
Orte  im
Cmmental
        <pb n="222" />
        216

Vrrlchr

Obern  argcni

Mitte  eines  abgerundeten  Grundbesitzes  einnehmen
und  die  natürlichste  Anpassung  an  die  zahllosen
Kleinformen  der  Landschaft  darstellen.  In  Dörfern
und  Einzelhöfen  wird  seit  alters  die  Leinwandindustrie ­
  betrieben.  Zum  Einzugsgebiet  der  Jlfis
gehören  Trub  in  einem  Tal  des  Napf  und  der
stattliche  Marktort  Langnau  mit  8500  Einwohnern. ­
  In  der  Mitte  des  Emmentales  sind  Lützelflüh
  und  Hasle-Rüegsau  Straßenvereinigungspunkte;
  in  einem  Seitental  liegen  Sumiswald
  und  Trachselwald.  Das  Schloßstädtchen ­
  Burgdorf,  9300  Einwohner,  beherrscht  den
Zugang  von  Norden  her  und  ist  der  natürliche
Marktort  der  Landschaft  an  der  untern  Ennne.
Die  Nähe  des  industriellen  Oberburg  (Maschinenbau) ­
  begünstigt  Burgdorfs  bekannteste
Schule,  das  Technikum.  Den  westlichen  Teil  des
reich  gegliederten  Emmentaler  Hügellandes  halten
die  durch  Industrie  und  Käsehandel  bedeutenden
Dörfer  Worb,  Großhöchstettcn  unb  Biglen
  besetzt.
Dem  Lauf  der  Emme  folgt  eine  Eisenbahnlinie
von  Solothurn  über  Burgdorf  nach  Langnau,  wo
sie  den  Anschluß  an  die  Linie  Bern-Luzern  findet.
Die  Bergmasse  des  Napf  bildet  für  den  Verkehr
ein  durch  seine  Ausdehnung  beträchtliches  Hindernis, ­
  das  im  Kreis  von  Straßen  und  Bahnen  umgangen ­
  wird.
Die  Hauptlinie  des  Mittellandes  durchzieht  zwischen ­
  Burgdorf  und  Olten  die  Landschaft  des  bernischen
  Oberaargaus,  dessen  Bevölkerung  ihr  Auskommen ­
  im  Ackerbau  und  in  der  Leinen-  und  Baumwollindustrie ­
  findet.  Unter  den  zahlreichen  Ortschaften ­
  ragen  durch  Größe  und  Wohlstand  H  c  r  z  o  -
genbuchsee  und  Langenthal  hervor.  Langenthal ­
  steht  durch  das  Tal  der  Langetcn  über
Madiswil,  Huttwil  und  am  luzernischcn
        <pb n="223" />
        217

Willisau  vorüber  in  Bahnverbindung  mit  dem
Entlebuch  und  Luzern.  Im  Winkel  zwischen  Längsten ­
  und  Rothbach  an  der  Aargauer  Grenze  liegt
Roggwil.  Wangen  und  Aarwangen  an
der  Aare  beherrschen  Flußübergänge  zum  Bipperamt
  mit  Bipp,  das  von  Solothurner  Gebiet  umschlossen ­
  an  den  Fuß  der  vordersten  Jurakette  lehnt.
Den  untern  Teil  des  Emmegebietes  halten  die
teilweise  durch  den  wilden  Bergfluß  gefährdeten
Bauerndörfer  Bätterkinden,  Utzenstorf
und  Kirchberg  besetzt;  weiter  vom  Fluß  entfernt ­
  liegen  Koppigen,  Fraubrunnen  und
Jcgenstorf.
Auf  einer  von  dem  tiefen  Aaretal  umschlungenen
Sandsteinhalbinsel  steht  Bern,  85  270  Einwohner, ­
  die  Hauptstadt  des  Kantons  und  Bundesstadt
der  Schweiz:  ihre  Lage  verknüpft  sich  mit  den  Endmoränen ­
  des  eiszeitlichen  Aaregletschers.  Aus  den
an  parallel  laufenden  Laubengassen  eng  gedrängten ­
  Häusern  der  Altstadt  steigt  der  mächtige  Bau
des  Münsters  empor;  von  der  Münsterterrasse  hoch
über  der  Aare  schweift  der  Blick  über  die  bewaldeten ­
  Hügel  zu  der  Alpenkette.  In  gleicher  Flucht
schaut  der  Kuppelbau  des  Bundeshauses  mit  breiter ­
  Front  über  das  Aaretal  hinweg  nach  Süden.
Auf  stadtbeherrschender  Anhöhe  erhebt  sich  das  Universitätsgebäude. ­
  Hohe  Brücken  stellen  die  Verbindung ­
  der  Altstadt  mit  den  volksreichen  Außen  -
quartieren  her.  Als  Bundcsstadt  weist  Bern  zahlreiche ­
  Verwaltungsgebäude  und  eine  starke  Beamtenschaft ­
  aus;  neuerdings  sind  auch  einzelne  Industrien ­
  im  Aufblühen  begriffen.  Mehr  als  in  den
übrigen  deutschschweizerischen  Städten  macht  sich
in  Bern  der  Einfluß  des  nahen  französischen  Sprachgebietes ­
  bemerkbar.  In  der  Nähe  von  Bern  liegen
die  Dörfer  Münchenbuchsee  und  Schüpfen
an  der  Linie  nach  Biel,  Völligen  am  Fuße  des

Untere
Sums

Seen
        <pb n="224" />
        218

Seeland

J"ragervässer-



Bielcrsee

Bantiger,  mit  6100  Einwohnern,  Köniz  am  Gurten ­
  mit  7700  Einwohnern,  Bümpliz  an  der
Linie  Bern-Freiburg  und  Wohlen  an  der  Aare.
Westlich  des  großen  „Forst"  stehen  das  Schloßstädtchen ­
  Lausten  und  das  Dorf  Neuenegg
an  Senseübergängen.
Von  Bern  windet  sich  die  Aare  in  vielen  Schlingen ­
  westwärts  durch  ein  enges,  bewaldetes  Sandsteintal ­
  zur  Saanemündung  bei  W  i  l  e  r  o  l  t  i  -
gett,  um  dann  mit  einer  Umbiegung  nach  Norden ­
  in  die  Ebene  des  Seelandes  hinauszutreten.
Früher  floß  sie  mit  geringem  Gefälle  in  nordöstlicher ­
  Richtung  nach  Büren  und  verheerte  bei
Hochwasser  ihre  Umgebung;  gleichzeitig  überfluteten ­
  die  orei  Juraseen  die  niedrig  gelegene  Ebene
des  Großen  Mooses,  das  jeweils  nach  dem  Rückgang
des  Hochwassers  als  malariaverseuchter  Sumpf
zUrückblieb.  Die  Juragewässerkorrektion  (1878)
senkte  die  drei  Seen  durch  einen  vertieften  Abfluß ­
  um  etwas  über  zwei  Meter  und  leitete  durch
den  Aarberg-Hagneckkanal  die  Aare  dem  Bielersec
zu.  Die  Überflutungen  hörten  damit  auf,  und  für
den  Anbau  war  ein  Neuland  von  4500  Hektaren
gewonnen.  Der  Moosboden  liefert  nun  Zuckerrüben ­
  für  die  Zuckerfabrik  im  nahen  Brückensiädt-,chen
  Aarberg  am  Austritt  der  Aare  aus  den
Molassehügeln  und  am  Beginn  des  Kanals  zum
See.  Über  die  Höhe  des  Frienisbergs  hinweg  zieht
die  alte  Bernstraße  an  S  e  e  d  o  r  f  und  M  e  i  k  i  r  ch
vorbei.  Lyß  ist  Verkehrsmittelpunkt  und  Jndustriedorf
  an  der  Einmündung  der  Broyetalbahn
in  die  Bern-Biel-Linie;  im  Hügelland  östlich  davon
liegen  die  Bauerndörfer  Großaffoltern  und
Rappers  wil.
Der  grünliche  Wasserspiegel  des  Bielersees  scheidet ­
  zwei  ganz  verschiedengeartete  Landschaften  (Kartenbeilage
  IV).  Zum  Nordufer  senken  sich  die  sonn-
        <pb n="225" />
        219

durchglühten  Kalkwände  und  Weinberge  der  vordersten ­
  Jurakette  mit  den  eng  gedrängten  Steinbauten ­
  der  Weinbauorte  Twann,  Ligcrz  und
Neuen  st  ad  t.  Am  Südufer  liegen  breit  aus
schwach  gewellten  Molassehöhen  obslbaumumkränzte
Bauerndörfer,  wie  Täuffelen  und  W  a  l  p  e  r  s  -
wil.  'Eine  ehemalige  Untiefe  verbindet  seit  der
Korrektion  als  schilfbewachsener  Landstreifen  das
obere  Seende  mit  der  St.  Petersinsel,  deren  prächtig ­
  bewaldete  Kuppe  nun  als  das  Ende  dieser  flachen ­
  Landzunge  erscheint.  Der  aussichtsreiche,  mit
Feldbefestigungen  verstärkte  Jolimont  sperrt  den
Durchgang  zwischen  dem  Neuenburger-  und  Bielersee:
  an  seinem  Ostfuß  steht  das  Weinbauernund
  Uhrenmacherstädtchen  Erlach.  Das  große  Dorf
Ins  am  Rande  des  Mooses  ist  Kopsstation  der
elektrischen  Bahn  Freiburg-Murten-Jns  an  der
Direkten  Bern-Ncuenburg.  N  i  d  a  u  am  untern
Seende,  ein  gewerbreiches  Städtchen,  verwächst  allmählich ­
  mit  dem  nahen  Biel,  mit  23  600  Einivohnern
  der  zweiten  Stadt  des  Kantons;  das  durch
die  Uhrenindustrie  aufblühende,  zweisprachige  Biel
umfaßt  mit  volksreichen,  nüchtern  anmutenden
Quartieren  in  der  Ebene  die  höher  gebaute,  durch
steile  und  enge  Gassen  malerische  Altstadt;  hier
steht  das  stark  besuchte  westschweizerische  Technikum.
Nach  ihrer  Lage  gehört  die  Stadt  zum  Seeland;  politisch ­
  zählt  sie  zum  Jura,  zu  dein  der  Qucrdurchbruch
  der  Schuß  (Klus  von  Reuchenette  und  Taubenlochschlucht, ­
  s.  Kartenbeilage  IV)  beim  nahen  B  özingen
  auf  lange  Strecke  den  einzigen  Zugang
öffnet.  Biel  ist  für  zahlreiche  Uhrenmachcrdörfer
der  Unrgebung  der  industrielle  Mittelpunkt,  so  für
Bözingen,  Mett  und  L  e  n  g  n  a  u  an  der  Linie
nach  Solothurn.  Das  altertümliche  Städtchen  B  ü  -
r  e  n  steht  am  Rande  der  weiten  Aareebene  unterher
der  Vereinigung  des  Nidau-Bürenkanals  mit  dein
alten  Aarelauf.
        <pb n="226" />
        220

Berner-Jura  Der  Berner  Jura  liegt  ganz  im  Gebiet  der
von  8  W  nach  N  0  streichenden  Falten,  die  nach
Morden  allmählich  niedriger  werden.  Die  Talsohlen
sind  zumeist  mit  langen  Reihen  blühender  Uhrmacherdörfer ­
  besetzt;  der  mühsame  Ackerbau  in  den
rauhen  und  trockenen  Höhen  bleibt  immer  mehr
den  einwandernden  Deutschbernern  überlassen,  über
dem  Ufergelände  des  Bielersees  breitet  sich  zwischen
dem  Chasseral  1610  in  und  einer  vorgelagerten
Seekette  die  versumpfte  Talmulde  des  Tessenbergs
mit  den  Randdörfern  Dieße,  Nods  und  dem
tteuenburgischen  Ligniöres  aus.  Der  wegen  seiner
umfassenden  Rundsicht  viel  besuchte  Chasseral  steigt
mit  weidenbedecktem  Grat  über  den  Waldgürtel  der
Tiefe  hinaus;  im  Westen  gabelt  er  sich  in  die
beiden  das  Val  de  Ruz  umfassenden  Ketten  des
Chaumont  und  der  Tote  de  Ran.  Hinter  dem  Chasseral ­
  bildet  das  von  der  Schüß  durchflossene  St.
St.JmmeriuiJmniertalmit  den  Orten  Courtelary,St.  Jm-.mer
  (St.  Iinier)  mit  7400  Einwohnern  und
Sonvilier  einen  bequem  ansteigenden  Zugang
zur  Hochfläche  von  La  Chaux-de-Fonds.  Über  der
nördlichen  Talwand  von  St.  Immer  entwickelt  sich
der  S  o  n  n  e  n  b  e  r  g  zu  einem  bekannten  Winterund
  Sommerkurort.  Er  liegt  am  Rand  der  rund
1000  m  hohen,  Industrie,  Ackerbau  und  Pferdegvetbcw
  zucht  treibenden  Plateaufläche  der  Freiberge  (Franches
  Montagnes);  ihre  Dörfer  stehen  in  engen
Beziehungen  zum  neuenburgischen  Uhrenmarkt  von
La  Chaux-de-Fonds;  die  bedeutendsten  sind
Saignelsgier  und  Noirmont  Das  Plateau ­
  fällt  im  Nordwesten  schroff  zum  Grenzfluß
Doubs  ab,  der  mit  schluchtartigem,  tiefem  Tal  eine
lange  Schleife  in  den  Berner  Jura  hineinzieht  und
auf  seiner  ganzen  Länge  ein  schwer  zu  überwindendes ­
  Hindernis  bildet.
Von  der  Klus  von  R  e  u  ch  e  n  e  t  t  e  herkommend,
        <pb n="227" />
        221

gewinnen  Straße  und  Bahn  bei  S  o  n  c  e  b  o  z  über
die  schon  von  den  Römern  benutzte  Einsattelung
der  Pierre  Pertuis  in  der  Montozkette  das  obere
(Birstal.  Die  Birs  leitet  in  zickzacksörmigem  Lauf
durch  Längstalstrecken  und  zahlreiche  Klüsen  die
Verkehrswege  von  Biel  quer  durch  den  Jura  nach
Basel.  Sie  betritt  mit  einem  Zufluß  von  Tramelan ­
  her  die  lange  Talmulde  von  Tavannes
und  bricht  bei  Court  in  der  gleichnamigen  Klus
durch  den  Mt.  Graitery  zum  Längstal  von  Münster ­
  (Montier)  hinaus.  Das  stattliche  Industriedorf
  verknüpft  die  Weißensteinbahn  mit  der  Linie
Biel-Basel.  Die  Birs  quert  die  Talmulde  und
zwängt  sich  durch  die  prächtige  Klusenreihe  im  Mt.
Raimeux  zwischen  Münster  und  Courrendlin.
Kurz  vor  dem  Ausgang  der  Schlucht  steht  bei
Choindez  der  einzige  Hochofen  der  Schweiz  mit
großer  Gießerei.  Das  verarbeitete  Bohnerz  stammt
aus  der  5  km  breiten  Talebene  von  Delsberg
(Deltzinont).  Der  gewerbreiche  Hauptort,  6100
Einwohner,  vereinigt  die  Bahnlinie  aus  dem  oberen
Birstal  mit  der  Linie  von  Paris  her,  die  über  Pruntrut ­
  nach  Basel  zieht.  Verstärkt  durch  die  Sorne
windet  sich  die  Birs  unterhalb  Delsberg  schräg
durch  die  nördlichsten,  niedrigen  Juraketten  am
deutschen  Städtchen  Lausen  und  an  Grellin  -
g  e  n  vorüber  zum  Rhein  hinaus.  Zahlreiche  Fabriken ­
  der  Zementindustrie  verleihen  auf  dieser  Strecke
dem  Fluß  den  Charakter  eines  Fabrikkanals.  Die
Straßen  aus  der  Delsbergermulde  treten  an  dem
wichtigen  Übergang  Les  Rangiers  zusammen,  der
die  Verbindung  mit  Pruntrut  und  dem  Flachland
der  burgundischen  Pforte  herstellt.  Die  Bahn  berührt ­
  im  Sornetal  Boncourt  und  Glovel
  i  e  r,  durchtunnelt  bei  S  t.  U  r  s  a  n  n  e  die  Mont
Terri-Kette  und  gelangt  durch  das  Tal  der  Allaine
zur  französischen  Grenzstadt  Delle.  Pruntrut

Birstal

Pruntrut
        <pb n="228" />
        222

(Porrentruy),  6600  Einwohner,  liegt  in  der
Mitte  der  Landschaft  Ajoie.  Der  Töpferort  Bonfol
  nahe  der  Grenze  liefert  das  feuerfeste  Pruntrutergeschirr.


Neuenb  urg.
Landschaften  Die  Ketten  und  Plateauflächen  des  Berner  Jura
finden  nach  Südwesten  ihre  natürliche  Fortsetzung
im  Kanton  Neuenburg.  Es  ist  das  Gebiet  zwischen
dem  Neuenburgersee  und  dem  Grenzfluß  Dvubs,
das  im  wesentlichen  vier  gut  gesonderte  Landschaften ­
  umfaßt:  Das  Hochland  von  La  Chaux-de-FoNdss
  das  Traverstal;  das  Aal  de  Ruz;  das
Ufergelände  über  dem  See  am  Südostabfall  des
Iura,  nach  seinen  Weinbergen  „Le  Vignoble"  genannt. ­

Charakter  Das  Neuenburger  Hochland  zeigt,  ähnlich  dem
H-chim&amp;gt;de,  Plateau  der  bcrni  scheu  Freiberge,  einen  Wechsel
von  schwachwelligen  Hohen  und  breiten  Mulden,  die
zum  Teil  von  Torfmooren  erfüllt  sind.  Die  trockenen
Juramatten  sind  vielfach  unterbrochen  durch  einzelne
Exemplare  oder  durch  parkartige  Gruppen  prächtiger ­
  Wettertannen,  zwischen  denen  die  Herdentiere
der  Weide  nachgehen.  Infolge  der  Meereshöhe  von
durchschnittlich  über  1000  in  hat  das  Bergland  ein
rauhes  Klima,  gekennzeichnet  durch  lang  dauernde,
schneereiche  und  kalte  Winter.  Da  überdies  der  Kalkboden ­
  den  Ackerbau  wenig  begünstigt,  so  vermöchte
er  nur  eine  wenig  zahlreiche  und  ärmliche  Hirtenbevölkerung ­
  zu  erhalten,  wenn  nicht  die  Uhrenindustrie ­
  dem  Lande  eine  ansehnliche  Volksdichte  und
einen  blühenden  Wohlstand  gesichert  hätte.  Das
breite,  niedrige  Jprahaus  der  Sennberge  tritt  ngn
ganz  m  den  Hintergrund  gegenüber  dem  stattlichen
        <pb n="229" />
        22:;
Wohnhaus  der  Jndustricorte,  das  als  hoher  Bau
durch  große  und  zahlreiche  Fensterflächen  für  die
feine  und  kunstvolle  Arbeit  der  Uhrenmacherei  das
Tageslicht  auszunützen  sucht.  La  Chaux-de-  Ort-Fonds,
  37  600  Einwohner,  ist  der  Mittelpunkt
des  neuenburgischen  Industriegebietes  und  zugleich
der  größte  Uhrenmarkt  der  Welt;  fein  Nhrcnexport
beläuft  sich  auf  rund  80  Mill.  Fr.,  d.  h.  mehr
als  die  Hälfte  der  schweizerischen  Gesamtausfuhr.
Die  Stadt  erinnert  mit  den  parallel  verlaufenden,
eintönigen  Straßenzügen  und  der  schachbrettartigen
Anlage  der  Häusermassen  an  nordamerikanische
Städtebildcr.  In  der  gleichen  Mulde,  aber  tiefer
eingelagert,  ist  Le  L  ocle  mit  12  700  Einwohnern
ein  zweites  Industriezentrum,  zugleich  wichtiges
Eingangstor  an  einer  Bahn  von  Frankreich  her.
An  der  Grenze  erweitert  sich  der  Doubs  zum  schmalen, ­
  felsumschlossenen  Lac  des  Brenets;  der  Abfluß
speist  den  29  m  hohen  imposanten  Saut  du  Doubs
und  bildet  dann  in  nordöstlichem  Lauf  vorerst  in
einer  halbkreisförmigen  Schlucht  und  weiterhin  in
einem  tiefen,  waldigen  Tal  die  Landesgrenze.  Über
dem  gleichnamigen  See  steht  das  Dorf  Les  Brenets. ­
  Am  Nordfuß  der  mit  einer  wcidenbedeckten
Kuppe  aus  den  Fichtenwaldungen  aufsteigenden
Töte  de  Ran  1425  m  zieht  sich  die  kahle  Talmulde
von  La  Sagne  und  Les  Ponts  hin,  auf  weite
Flächen  ein  eintöniges  Torfmoor,  das  die  Städte
des  Berglandes  mit  Brennmaterial  versorgt.  Das
Talflüßchen  verliert  sich  durch  die  zerklüftete  Kalkunterlage ­
  des  Suinpfbodens.  Im  entlegenen  südwestlichen ­
  Teil  der  Neuenburger  „Montagnes"  darf
La  Brsvine  mit  seiner  eisigen  Winterkälte  als
das  neuenburgische  Sibirien  gelten.
Das  Travcrstal  liegt  hinter  der  breiten,  stellenweise
  plateauflächigen  Kette  des  Creux  du  Bau
1465  in  und  dem  schroffer  geformten  Chasseron
        <pb n="230" />
        224

1611  m.  Gegenüber  den  geräumigen  Mulden  anderer ­
  Längstäler,  wie  z.  B.  des  St.  Jmmertales,
erscheint  es  eng;  stellenweise  wird  es  von  kühn
aufragenden  Kalkwänden  eingerahmt.  Am  untern
Ende  durchbricht  der-Talfluß,  die  Areuse,  in  schrägem
Schnitt  die  vorgelagerte  Kette  und  erreicht  mit  starkem ­
  Fall  den  Neuenburgersee.  Die  prächtige  Klus  ist
bekannt  als  die  Gorges  de  l'Areuse.  Durch  diesen
malerischen  Zugang  gewinnt  die  Bahn  von  Neuenburg ­
  die  hochgelegene  Sohle  des  Traverstales  und
leitet  durch  das  Trockental  von  Verriäres  aus
französischen  Boden  über.  Den  mittlern  Teil  des
Val  de  Travers  halten  eine  Reihe  von  Uhrenmacherdvrfern
  besetzt,  deren  blühendstes,  F  l  e  u  r  i  e  r,
in  einer  Talgabel  am  Fuße  der  Bergstraße  von  Ste.
Croix  liegt.  Talauswärts  folgen  M  o  t  i  e  r  s,  C  o  uvet
  und  Travers,  wo  neben  der  Uhrenindustrie ­
  die  Herstellung  von  Uhrmacherwerkzeug  Verdienst ­
  bringt.  N  o  i  r  a  i  g  u  e  (—  schwarzes  Wasser)
■am  Beginn  der  Gorges  de  l'Areuse  trägt  seinen
Namen  von  dem  Wasser,  das  unterirdisch'aus  dem
Moorboden  des  Hochtales  von  Les  Ponts  abfließt
und  mit  schwärzlicher  Schlammbeimischung  als
'mächtige  Stromquelle  aus  der  Seitenwand  des  Val
de  Travers  hervorbricht.
B»i  de  R»r  Zwischen  dem  Bergland  von  La  Chaux-de-Fonds
und  dem  See  treten  die  Ketten  des  Täte  de  Ran-Mt.
d'Amin  und  des  Chaumont  auseinander  und  umrahmen ­
  die  längliche  Mulde  des  Val  de  Ruz.  Hier
trägt  der  Kalkuntergrund  einen  Sandsteinmantel,
überlagert  von  mächtiger  Grundmoränendccke,  die
von  einem  über  die  tiefste  Einsattelung  des  Chaumont ­
  eingedrungenen  Arm  des  Rhonegletschers  herrührt. ­
  Dank  dieser  natürlichen  Ausstattung  ist  das
&amp;gt;•  Val  de  Ruz,  ein  seltenes  Bild,  zur  inselartigen
Fläche  einträglichen  Ackerbaues  mit  reichen  Kornfeldern ­
  inmitten  der  weiden-  und  waldbedeckten  Kalk-
        <pb n="231" />
        225

landschaft  des  Jura  geworden.  Der  Talfluß  bahnt
sich  in  den  nach  ihm  benannten  Gorges  du  Schon  in
starkem  Fall  durch  das  wohlerhaltenc  flache  Gewölbe
des  Chaumont  den  Ausgang  zum  See;  ein  zweites,
unterirdisches  Flüßchen  entströmt  den  Kalkwänden
bei  Serritzres  und  erreicht  den  See  durch  einen  tiefen ­
  Einschnitt.  Am  obern  Ende  der  Klus  des  Schon
beherrscht  das  Städtchen  V  a  l  e  n  g  i  n  mit  dem  geschichtlich ­
  berühmten  Schloß  den  Zugang  zum  dörfer-
  und  volksreichen  Tal.  F  o  n  t  a  i  n  c  s  nimmt  die
Mitte  des  Flachbodens  ein.  Der  sonnigen  Halde  folgen ­
  eine  Reihe  durch  Uhrenindustrie  und  Landwirtschaft ­
  blühende  Ortschaften,  darunter  C  e  r  n  i  e  r,
der  Hauptort  der  Talschast,  und  Dombresson.
Das  Val  de  Ruz  leitet  die  Straße  von  Neuenburg
über  die  Einsattelung  der  „Vne  des  Alpes",  die
Eisenbahn  durch  den  Tunnel  von  Les  Loges  nach
Chaux-de-fonds  hinauf.
Im  sonnendurchglühten  Rebgelände  am  Seeufer
ist  die  Hauptstadt  N  e  u  e  n  b  u  r  g,  23  500  Einwohner, ­
  terrassenartig  an  die  Halden  des  bewaldeten
Chaumont  hinaufgebaut.  Enge,  alte  Quartiere  umlagern ­
  einen  weitschauenden,  schloß-  und  kirchengekrönten ­
  Felsrücken,  von  dem  der  Blick  die  prächtigen ­
  Bauten  am  Quai  und  den  Kranz  von  Villen
in  den  Rebbergen  ob  der  Stadt  umfaßt.  Wenn
Neuenburg  auch  vom  großen  Strom  der  Vergnügungsreisenden ­
  wenig  berührt  wird,  so  nützt  es  dafür
in  einer  besondern  Art  der  Fremdenindustrie  die
französische  Sprache  aus.  Jahr  für  Jahr  werden
seine  Schulen  und  „Welschland"-Jnstitute  von  Scharen ­
  junger  Leute  aus  dem  deutschen  Sprachgebiet,
vorab  aus  der  deutschen  Schweiz,  besucht;  die  Akademie ­
  ist  neuerdings  zur  Universität  erweitert  worden. ­
  Die  Welschlandgängerei  der  deutschschweizerischen ­
  Jugend  kommt  ebenfalls  den  Weinbaudörfern
am  See,  in  geringerem  Maße  den  höheren  Landschaf-Flockiger,
  Schweiz

Vlgnoble

15
        <pb n="232" />
        Zihlebene

Bevölkerung

226'
ten  zugute.  Seeauswärts  benützt  das  industrielle
Serritzres,  mit  bekannter  Schokoladefabrik,  die
Stromquelle  des  unterirdischen  Abflusses  aus  dem
Val  de  Ruz.  Den  Schluchtausgang  des  Traverstales
umgeben  C  o  l  o  m  b  i  e  r,  das  weinberühmte  C  o  r  -
taillod,Bevaix  und  das  Städtchen  B  o  u  d  r  y;
an  den  Uferhalden  des  Creux  du  Van  und  des  Mt.
Ändert  liegt  St.  Aubin.  Am  untern  Seende
sammelt  St.  Blaise  die  Verkehrswege,  die  vom
Bielersee  her  und  durch  die  Landenge  zwischen  Bieter- ­
  und  Neueuburgersee  am  Jolimont  vorüber  nach
Neuenburg  ziehen.  Nahe  bei  St.  Blaise  beutet  Haute ­
  r  i  v  e  den  gelben  Kalkstein  aus,  den  die  öffentlichen ­
  Gebäude  der  Hauptstgdt  zur  Schau  tragen.
Nahe  dem  Bielersee  steht  in  der  eintönigen  Ebene
des  Zihlkanals  das  altertümliche,  katholische  Städtchen ­
  L  a  n  d  e  r  o  n,  dessen  Kern  mit  einer  Doppelreihe ­
  von  Häusern  zwischen  zwei  Toren  eine  kurze
Gasse  umschließt.  Die  Weinbaudörfer  Cornaux
und  C  r  e  s  s  i  e  r  halten  den  Rand  der  Zihlebene
besetzt.  Hoch  über  dem  obern  Ende  des  Bielersees
liegt  Ligniöres  am  Rande  der  schon  früher
erwähnten  Hochtalmulde  am  Südabhang  des
Chasseral.
Der  Kanton  Neuenburg  zählt  132,200  Einwohner, ­
  weit  überwiegend  protestantischer  Konfession. ­
  Während  die  einheimische,  französisch  sprechende ­
  Bevölkerung  mit  Vorliebe  die  stattlichen  Jndustrieorte
  und  die  Weinbaudörfer  am  See  bewohnt,
leben  die  zugewanderten  Deutschberner,  wie  im  Berner ­
  Jura,  in  Dörfern  und  vereinzelten  Höfen  des
Berglandes  der  Weidewirtschaft  und  Viehzucht  und
dem  wenig  einträglichen  Ackerbau.
        <pb n="233" />
        227

Freiburg.
Das  Gebiet  des  Kantons  Freiburg  umfaßt  eine  Lage
breite  Zone  von  den  zu  äußerst  im  Südwesten  gelegenen ­
  Voralpenketten  über  das  westschweizerische
Mittelland  zum  Murten-  und  Neuenburgcrsee.  Drei
abgesonderte  Gebietsteile  sind  vom  Waadtland  umschlossen, ­
  der  größte  als  ausgedehntes  Ufergelände
am  Neuenburgersee  mit  Estavaycr  als  Mittelpunkt.
Die  Saane  (französisch  Sarine)  hat  als  Landes-  Land"sfü,ß
fluß  für  Freiburg  eine  ähnliche  Bedeutung,  wie
die  Aare  für  Bern  und  den  Aargau,  die  Rhone
für  das  Wallis  usw.  Ihr  Tal  durchfurcht  als
scharf  ausgeprägte  Mittellinie  das  Land  in  seiner
südnördlich  gerichteten  Längsausdehnung.  Vom
waadtländischen  Pays  d'en  Haut  her  biegt  der  Fluß
im  rechten  Winkel  zur  freiburgischen  Talschaft  von
Greyerz  ab,  in  deren  unterem  Teil  ihm  von  rechts
der  Jannbach  zufließt.  Unterhalb  des  Beckens  von
Bulle  durchzieht  die  Saane  das  Mittclland  in,  zahlreichen ­
  Schlingen  und  mündet  auf  bernischem  Gebiet ­
  bei  Wileroltigen,  zur  Regenzeit  ein  trübes,
reißendes  Hochwasser,  in  die  Aare.  Oberhalb  Frciburg
  nimmt  sie  von  links  die  Glane,  talabwärts
die  Sense  auf,  die  auf  lange  Strecke  die  Grenze
bildet.  Das  Gefälle  der  Saane  wird  an  verschiedenen ­
  Stellen  durch  Kraftwerke  ausgebeutet,  deren
bedeutendste  bei  Montbovon  und  bei  Tusy-Hauterivc
  liegen  (Seite  45).
Die  Talschaft  von  Gruytzres  oder  Greyerz  liegt
als  prächtig  grünes  Wiesen-  und  Weideland  zwischen ­
  den  Voralpengipfeln  des  Molvson  2005  m,
der  Dent  de  Lys  2015  rn,  des  Vanil  Noir
2386  ra  und  der  Dent  de  Brenleire  2356  m
eingebettet;  die  wald-  und  weidenbedeckten
Höhen  des  Molöson  werden  der  weiten  Rundsicht
  wegen  häufig  besucht.  Die  üppigen  Mat-
        <pb n="234" />
        228

ten  ernähren  ansehnliche  Herden  des  schwarz-weiß
gescheckten,  in  der  Westschweiz  stark  verbreiteten  Freiburger ­
  Rindviehs.
Erwcrb  und  Der  Milchreichtum  der  Talschast  findet  Absatz
  in  den  zahlreichen  Käsereien,  die  den  berühmten ­
  Greyerzer  Käse  herstellen,  sowie  neuerdings  auch
in  der  großen  Milchschokoladefabrik  in  Broc.  Die
altertümlichen  Städtchen  Greyerz,  auf  einem
Felssporn  im  Talgrund  gebaut,  und  Bulle,  der
Sammelpunkt  von  Straßen  aus  allen  Richtungen,
sind  die  Biehmärkte  des  Landes.  Als  Nebenverdienst
zur  Viehzucht  ist  im  Greyerz  und  in  den  andern
Tälern  des  südlichen  Kantonsteils  die  Strohflechterei ­
  verbreitet,  der  die  Landwirtschaft  des  Alpenvorlandes ­
  durch  den  Anbau  von  Roggen  das  Flechtmaterial ­
  verschafft.
Bei  Broc  öffnet  sich  von  rechts  das  Jauntal,
von  einer  Hirtenbevölkerung  bewohnt,  die  eine  einfache ­
  Lebensweise  und  die  altvererbten  Sitten  und
Bräuche  treu  bis  auf  die  Gegenwart  bewahrt  hat.
Im  Talhintergrund  steht  I  a  u  n  durch  eine  Bergstraße ­
  in  Verbindung  mit  dem  Simmental;  Char  -
m  e  y  ist  ein  besuchter  Luftkurort.
In  Bulle  vereinigen  sich  die  Bahnlinien  von
Vevey  und  von  Romont  her  und  finden  über  Greyerz
talaufwärts  in  Montbovon  Anschluß  an  die
Montreux-Bernervberlandbahn.
Wrstschwei-  Der  mittlere  und  nördliche  Teil  des  Kantons
Mimend  Freiburg  gehört  zum  schweizerischen  Mittelland  zwischen ­
  Genfersee  und  Aare.  Seine  flachwelligen  Hügel ­
  überragen  meist  nur  unbedeutend  eine  weite
Hochebene.  Die  parallel  nach  Nordosten  ziehenden
Rücken  treten  am  Alpenrand  in  der  gefalteten  Molasse ­
  stärker  hervor;  gegen  die  Juraseen  hin  verflacht ­
  sich  die  Landschaft.  Überdies  besteht,  durch
den  Lauf  der  Gewässer  gekennzeichnet,  eine  Neigung
des  Bodens  nach  Nordosten.  Die  ausgedehnte  Hoch-
        <pb n="235" />
        229

fläche,  mit  dem  einheimischen  Namen  als  „  plateau
8ui8S6"bezeichnet,  liegt  durchweg  einige  hundert  Meter ­
  höher  als  die  Talsohlen  des  ostschweizerischen,  von
steiler  geböschten  Höhenzügen  gegurrten  Mittellandes. ­
  Die  Saane  durchfließt  das  Molasseland  mit
zahlreichen  Schlingen  in  tief  eingeschnittenem,
schluchtartigem  Waldtal,  an  dem  die  Plateaufläche
mit  Sandsteinwänden  jäh  abbricht.  Ein  ganz  ähnliches ­
  Bild,  wenn  auch  ohne  die  weit  ausholenden
Schlingen,  zeigt  der  Lauf  der  Sense,  und  selbst
die  kleinern  Seitenbäche  der  Saane  und  Sense  streben
in  schwer  zugänglichen  Waldschluchten  dem  Hauptfluß ­
  zu.  Die  von  hohen  Steilwänden  umschlossenen
Talrinnen  hemmen  den  Verkehr,  vorab  in  der  Wcstostrichtung;
  hier  stockte  die  hin  und  her  flutende  G«,,»&amp;gt;&amp;gt;»-Bewegung
  der  Landesbewohner  zu  beiden  Seiten  b f e6 f^ e ‘
der  Saanelinie.  In  dieser  verkehrsfeindlichen  Grenzzone ­
  verläuft  denn  heute  auch  die  Sprachgrenze^
Dem  neuzeitlichen  Verkehr  genügen  die  tief  unten
liegenden  Übergänge  mit  den  mühsam  die  Höhe  erklimmenden ­
  Wegen  nicht  mehr;  er  zieht  auf  einigen
kühn  gebauten  Hochbrücken  über  das  Hindernis
hinweg.
Auf  dem  Sandsteinkopf  einer  Saaneschlinge  er-  s«id»cg
hebt  sich,  in  ähnlicher  Lage  wie  Bern,  die  Hauptstadt ­
  Freiburg,  20300  Einwohner.  Die  altersgrauen ­
  Häusermassen,  aus  welchen  mittelalterliche
Festungsmauern  und  -türine  sich  abheben,  steigen
vom  Saaneufer  neben  schroff  abbrechenden  Felswänden ­
  an  steilen  und  engen  Gassen  zu  den  Stadtteilen ­
  des  Plateaus  hinauf,  über  die  der  stumpfe
Turm  des  Münsters  hinausragt.  Uber  die  Saaneschlucht
  gespannte  Drahtseile  tragen  die  berühmten ­
  Hängebrücken;  die  Bahnlinie  Bern-Lausanne
quert  das  Tal  auf  der  mächtigen  Grandfey-Brücke
im  Norden  der  Stadt.  Freiburg  besitzt  eine  katholische
Universität.
        <pb n="236" />
        230

Südwestlich»  An  der  Hauptcisenbahnlinie,  die  den  Kanton  in
jtantonsicii  südwestlicher  Richtung  durchzieht,  liegt  das  Städtchen
R  o  m  o  n  t;  sein  altertümliches  Schloß  überschaut
von  hohem  Felsrückcn  weithin  das  flache  Glanetal.
Am  Mittellauf  der  Broye  ist  Surpierre  mit
Umgebung  als  losgetrennter  Gebietsteil  rings  vom
Waadtland  umschlossen.  Hoch  über  dem  Tal  der
oberen  Broye  steht  das  kleine  Schloßstädtchen  R  u  e.
Der  südwestliche  Teil  Frciburgs  wird  bereits  durch
die  Vevcyse  zum  Genfersee  entwässert;  Mittelpunkt
ist  hier  Ehatel  St.  Denis,  das  den  Verkehr
vom  Genfersee  und  vom  obern  Broyctal  über  S  e  m  -
salcs  ins  Greyerzerland  hinaufleitct.
S»°»cd-jir&amp;gt;  Im  weiten  Umkreis  um  die  Saanetalfurche
ist  das  Land  reich  an  Waldungen,  die  zumeist  die
flachwelligen  Höhen  verkleiden.  Die  mit  Gletscherschutt
  bedeckten  fruchtbaren  Mulden  dienen  vorwiegend ­
  als  Wiesland  der  Viehzucht  und  Milchproduktion. ­
  Im  Bauernland  des  Saanebezirkes  lehnt  sich
das  Dorf  F  a  r  v  a  g  n  y  an  die  Nordhalde  des  Mt.
Gibloux,  dessen  dunkle,  waldverhüllte  Molassehöhe
mit  1212  m  weit  über  die  niedrigen  Bodenwellen
des  Vorlandes  aufsteigt.  An  der  Bahnlinie  westlich
der  Hauptstadt  liegt  M  a  t  r  a  n,  östlich  von  der
Saane  Marly  und  La  Roche  am  Fuß  des  äußersten ­
  Voralpengipfels  La  Berra  1723  m.  In
entlegener  Berglandschaft  über  der  Sense  gelangt
man  vom  Dorf  P  l  a  f  f  e  i  e  n  zum  Schwarz-See
hinauf.  Düdingen  an  der  Linie  Bern-Freiburg
inacht  sich  den  Milchreichtum  des  Landes  in  einer
bedeutenden  Milchsiederei  zu  nutze;  südlich  von  Düdingen ­
  liegt  Täfers.  Freiburg  entsendet  quer
zur  Hauptrichtung  eine  Eisenbahnlinie  über  Belsa ­
  u  x  und  das  waadtländische  Payerne  zum  prächtig ­
  am  Ncuenburgersee  gelagerten  Städtchen  E  st  a  -
vayer  und  zur  Hauptlinie  am  Jurafuß  bei
Averdon.
        <pb n="237" />
        231

In  der  Umgebung  des  Murtensees  und  weit  Seebezirk
in  das  Broyetal  hinauf  wird  in  den  mildesten  Lagen
und  auf  gutem  Baden  Tabak  angebaut;  die  Blätter
hangen  im  Herbst  dicht  gereiht  unter  dem  vorspringenden ­
  Dach  der  Bauernhäuser  zum  Ausdörren.
Die  Sonnhalde  des  Mt.  Bully  (Wistenlach)  zwischen ­
  Neuenbilrger-  und  Murtensee  ist  ein  durch
gute  Erträge  ausgezeichnetes  Rebgelände;  im  weiten
Umkreis  um  den  steil  zum  Broyekanal  und  zum  Großen ­
  Moos  abbrechenden,  plateauartigcn  Molasserückcn
  breiten  sich  die  Gemüsefelder  aus,  deren  Erzeugnisse ­
  in  den  volksreichen  Städten  der  Westschweiz
  Absatz  finden.  Am  Südufer  des  Murtensees ­
  ist  das  mit  Laubengängen  und  guterhaltenen
Ringmauern  gezierte  Städtchen  Murten  der  Mittelpunkt ­
  des  Seebezirkes  und  Kreuzungsstelle  der
Broyctalbahn  und  der  elektrisch  betriebenen  Linie
Freiburg-Murten-Jns.  Weiterhin  berührt  die
Broyetalbahn  das  Bauerndorf  K  c  r  z  e  r  s  am  Rande
des  Großen  Mooses.
Die  139  200  Einwohner  des  Kantons  Freiburg  «°n
sprechen  zu  mehr  als  zwei  Dritteln  französisch  und
bekennen  sich,  mit  Ausnahme  des  protestantischeil
Murtenbietes,  zur  katholischen  Kirche.

Waadt.

Ähnlich  dein  Kanton  Bern  wiederholt  das  Waadt-  Landschaften
land  im  kleinern  Maßstab  den  Aufbau  der  Schweiz.
Von  den  Diablerets  in  der  Hauptkette  der  Nordalpen
  reicht  es  über  die  Vvralpen  zum  Mittelland
hinaus,  das  in  langgestrecktem  Ufersaum  im  Süden
zum  Becken  des  Genfersees  abfällt,  und  umfaßt
weiterhin  die  höchsten  Ketten  im  südwestlichen  Abschnitt ­
  des  Schweizer  Jura.
        <pb n="238" />
        232

W«adtl«»der-  über  dem  weithin  bewaldeten  Südostabfall  des
Waadtländer  Jura  erheben  sich  als  schwach  anschwellende ­
  Kuppen  die  Dole  1678  m,  die  wegen  ihrer
unvergleichlichen  Nnndsicht  viel  bestiegen  wird,  der
Noirmont  1560  m  und  der  Mt.  Tendre,  mit
1680  m  der  höchste  Punkt  des  Schweizer  Jura.
Hinter  dieser  vordersten  Kette  liegt  in  rund  1000  m
Meereshöhe  das  Längstal  der  Orbe,  die  Valloe  de
Joux,  nach  Nordwestcn  abgeschlossen  durch  die  mit
prachtvollen  Waldungen  besetzte  Grcnzkette  des  Mt.
.Risoux  1423  m.  Das  Hochtal  birgt  in  seinem
untern  Ende  den  Jouxsee,  dessen  Wasser  durch  Abzugstrichter
  im  zerklüfteten  Kalkstein  verschwindet
und  jenseits  des  unten  abgeriegelten  Tales  hinter
Vallorbe  als  mächtige  Stromquelle  wieder  zutage
tritt.  Das  rauhe,  durch  lange  und  strenge  Winter
C (£otrt' b  ausgezeichnete  Jonxtal  ist  mit  stattlichen,  volksreichen
  Dörfern  ein  Hauptgebiet  der  Uhrenindustrie;
hier  entstehen  jene  komplizierten,  mit  äußerster  Genauigkeit ­
  gearbeiteten  Chronometer,  die  entweder
füx  Genfer  Firmen  hergestellt  werden  oder  direkt
den  Weg  ins  Ausland  finden;  den  See  umschließen
die  Orte  Le  Pont,  Le  Lieu  und  Le  Sentier.
Jenseits  der  Deut  de  Vaulion  nützt  Vallorbe,
das  in  der  Fabrikation  von  Feilen  einen  besonderen
Zweig  der  Metallindustrie  pflegt,  die  Wasserkraft
der  Örbe  aus.  Es  beherrscht  einen  Querdurchbruch
des  Jura,  durch  den  eine  Hauptlinie  von  Paris
nach  Lausanne  und  zuni  Simplon  zieht.  Bei  der
hohen  Lage  des  Überganges  kommen  im  Winter
durch  die  bedeutenden  Schneemassen  recht  häufige
Verkehrsstockungen  vor.  In  einer  Hochtalmulde  am
Chasseron  über  dem  obern  Ende  des  Neuenburgersecs
  ist  S  t  e.  C  r  v  i  x  der  Mittelpunkt  einer  Gruppe
von  Dörfern,  die  sich  außer  der  Uhrcnmacherei
hauptsächlich  mit  der  Fabrikation  von  Müsikdosen
und  neuerdings  der  Phonographen  befassen.
        <pb n="239" />
        233

Das  waadtländische  Mittelland  umfaßt  das  flachwellige,
  meist  von  engen  Waldtälern  durchzogene
Plateau  der  Westschweiz  im  Winkel  zwischen  Jura
und  Genfersee.  Von  den  Jurarandseen  steigt  es
südwestwärts  allmählich  zu  den  wasserscheidenden
Höhen  an,  die  sich  mit  einem  Steilabfall  von  einigen
hundert  Metern  zum  Spiegel  des  Genfersees  in  nur
375  m  Mecreshöhe  senken.  Hier  erhebt  sich  hart
über  dem  See  der  an  ausgedehnten  Forsten  reiche
Jorat  (-Waldgebirge)  zu  928  in.  Seine  Ausläufer
erstrecken  sich  dem  Südufer  des  Neucnburgersees
entlang  zum  Tafelberg  des  Vully  und  trennen  die
nordostwärts  ziehende  Hauptfurche  Orbe-Thitzlc
(Zihl)-Neuenburgersee  vom  Broyetal.  Zum  Genfersee ­
  steigen  zahlreiche  Bäche  in  kurzen,  steilen  Tälern ­
  hinab.  Das  waadtländische  Mittelland  ist  ein
Gebiet  hochentwickelten  Ackerbaues,  der  im  Erwerb
der  Bevölkerung  an  erster  Stelle  steht.  Im  besondern ­
  bringt  der  westliche  Teil,  das  „Gros  de  Vaud",
als  Trockengebiet  im  Regenschatten  des  Jura  gegenüber ­
  dem  alles  beherrschenden  Wiesenbau  der  höher»
und  feuchtern  Lagen  des  Mittellandes  noch  heutq
reiche  Ernten  an  Getreide  hervor.  Am  Neuenburgerfee ­
  und  im  Orbetal,  sowie  an  geschützten  Stellen
überall  im  Hügelland  zerstreut  wird  Wein  gebaut;
vor  altem  aber  ist  das  Nordufer  des  Genfersees
ein  einziger  riesiger  Weinbezirk.  Die  Tabakfelder
des  Broyetales  liefern  den  Zigarren-  und  Tabakfabriken ­
  von  Grandson,  Iverdon,  Payerne  nnd
Vevey  einen  Teil  des  Rohmaterials.
Die  Broye  wurzelt  mit  malerischen  Waldtälchen
  in  der  Nordflanke  des  Jorat.  Die  Quellbächc
treten  bei  M  o  u  d  o  n  zusammen;  in  immer  breiter
und  flacher  werdendem,  gefällsarmem  Tal  strebt
der  Fluß  dem  Murtensee  zu;  er  berührt  weiterhin
L  u  c  e  n  s  und  Payerne,  das  als  Eisenbahnknoten
  und  durch  die  Tabakindustrie  den  gewerb-Mitteilsmd



Erwerb

Prs*etal
        <pb n="240" />
        234

sameu  Mittelpunkt  des  Broyetales  bildet;  seine
Milcheindampfungsfabrik  bezieht  die  Milch  aus  der
ganzen  Talschaft  und  aus  weiterem  Umkreis.  Unfern ­
  des  Murtensees  steht  Avenches  auf  den
Trümmern  der  römisch-helvetischen  Stadt  Aventicum;
  sie  lag  an  der  noch  heute  streckenweise  erhaltenen ­
  und  benutzten  Militärstraße,  die  vorn  Großen
St.  Bernhard  her  über  Vevey,  das  Broyetal,  Solothurn ­
  und  den  obern  Hauenstein  zur  Rheinebene
hinunterführte.  Gegenüber  der  Stadt  Neuenburg
besitzt  die  Waadt  den  Userort  C  u  d  r  e  f  i  n.  Die
Broyetalbahn  und  die  Linie  Freiburg-Lausanne  treffen ­
  bei  Palozieux  zusaminen;  in  ihrem  Winkel
liegt  Oron-la-Ville.  An  der  bewaldeten  Nagclfluhkuppe
  des  Mont  Pelerin  entlang  zieht  die  Bahn
zum  Tunnel  von  Chexbres,  an  dessen  Südausgang
  sich  dem  überraschten  Blick  das  wunderbare,
reiche  Bild  des  ganzen  Genferseebeckcns  erschließt.
Die  Jurafußlinie  erreicht  Lausanne  über  die  alten
v&amp;gt;°s  d-  Städtchen  G  r  a  n  d  s  v  n  und  I  v  e  r  d  o  n  am  Neuen-*
 &amp;lt;lu6  burgersee.  In  reizloser  Lage  am  Ende  des  versumpften ­
  Tales  der  Orbe-Thiöle  ist  Kverdvn  mit
8600  Einwohnern  an  der  Vereinigungsstelle  wichtiger ­
  Verkehrswege  als  Industrie-  und  Badeort  der
Mittelpunkt  des  nördlichen  Kantonsteils:  durch  eine
Bergbahn  steht  es  mit  Ste.  Croix  in  Verbindung.
Die  Orbe  tritt  bei  dem  Städtchen  O  r  b  e  aus  dem
Jura  in  die  sumpfige  Ebene  hinaus;  hier  nimmt
sie  von  rechts  den  Talent  auf;  dieser  entsendet
den  zur  Schiffahrt  allerdings  untauglichen  Verbindungskanal ­
  von  Entreroches  über  die  Rhein-Rhone-'.Wasserscheide
  zur  Venoge,  die  südwärts  dem  Genfcrsee
  zufließt.  Die  Wasserscheide  wird  bei  La
Sarraz  durch  einen  vom  Jura  abgeirrten  Kalksporn ­
  gebildet,  den  die  Linie  Uverdon-Lausaune  in
einem  Tunnel  unterfährt.  Weiterhin  liegen  hoch
äiber  der  Venoge  und  der  Bahn  die  Städtchen  Cos-
        <pb n="241" />
        235

sonay  und  Vufflens.  Das  vom  Jorat  zum
Nenenburgersee  hinunterziehende  Tal  der  Mentoue
wird  von  Lausanne  über  Echallcns  durch  eine
Nebenbahn  erschlossen.
Die  Platcauflächen  des  in  runder  Zahl  700  m
hohen  westschweizerischen  Mittellandes  senken  sich
in  langem,  durch  die  Tälchen  der  Seitenbäche  nur
wenig  gegliedertem  Steilabfall  zum  Genfersee.  Die
80  Km  lange  Wasserfläche  dringt  mit  ihrem  obern
Ende  in  die  schroff  abbrechenden  Voralpen  hinein
und  zieht  in  sichelförmiger  Umbiegung  mit  dem
schmalen  Südwestende  in  die  zwischen  Jura  und
Alpen  eingeengte  Landschaft  von  Genf.  Am  Südufer ­
  des  obern  Sees  entsteigen  die  bewaldeten  und
schwach  bewohnten  Steilhaldcn  der  Savoyer  Alpen
den  tiefblauen  Fluten.  Im  denkbar  auffälligsten
Gegensatz  dazu  steht  die  reiche  Kulturlandschaft  der
Schweizer  Seite.  Das  windgeschützte,  sonnige  Ufergelände, ­
  einem  riesigen  Spalier  vergleichbar,  prangt
bis  zu  den  dunstverschleierten  Fernen  in  dem  sammetartigen ­
  Grün  der  terrassierten  Weinberge.  Ein
schimmernder  Kranz  von  Uferorien  spiegelt  sich  im
See,  dessen  Fläche  von  zahlreichen  Dampfern  belebt ­
  ist.  Lastbarken  mit  der  charakteristischen  „voite
Intine"  zwei  hohen,  gekreuzten  Dreiecksegeln,  verfrachten ­
  den  Kalkstein  aus  den  Brüchen  des  savoyischen
  Uferortes  Meillerie  nach  den  Bauplätzen  des
Nordufers.
Lausanne,  63  900  Einwohner,  die  Haupt
stabt  des  315  400  Seelen  zählenden  protestantischen
Kantons,  breitet  in  herrlicher  Lage  über  dem  See
am  Abhang  des  Jorat  seine  Villenquartiere  um
die  eng  gebaute,  vom  Münster  beherrschte  Altstadt
aus.  Der  hügelige  Boden  erforderte  zur  bequemen
Verbindung  der  höher  gelegenen  Stadtteile  den  Bau
von  Brücken  über  die  Talmulden  hinweg.'  Auf  der
Hügelterrasse  des  Montbenon  steht  der  Palast  des

Genferses

Sstufamie
        <pb n="242" />
        2SÖ

schweizerischen  Bundesgerichtes.  Durch  die  Universität, ­
  die  übrigen  Schulanstalten  und  die  wie  nirgends ­
  sonst  so  zahlreichen  Welschlandinstitute  übt
Lausanne  eine  starke  Anziehung  aus.  Dank  seiner
reizvollen  Umgebung  ist  es  ein  Hauptplatz  des  Fremdenverkehrs. ­
  Hier  laufen  wie  in  einem  Brennpunkt
die  wichtigen  Linien  aus  Frankreich  und  aus  dem
schweizerischen  Mittelland  zusammen,  um  durch  das
Rhonetal  den  Simplon  zu  erreichen.  Seewärts  ist
die  Stadt  nahezu  verwachsen  mit  dem  Uferort
O  il  ch  y,  der  quer  über  den  See  zum  savoyischen
Badeort  Evian  eine  Dainpfschiffverbindung  unterhält. ­
  Seeabwärts  werden  die  hinter  dem  Uferstreifen
aufsteigenden  Höhen  allmählich  flacher;  hier  zieht
sich  in  geschützter  Lage  das  durch  vorzügliche  Weine
L«  mt  berühmte  Rebgelände  von  La  Cote  hin.  Über  den
Weinbergen  erscheint  hier  unfern  des  Städtchens
Ä  ubonne  das  „Signal  de  Bougy",  von  dem
aus  der  Blick  die  gesamte  Fläche  des  Sees  umfaßt.
Am  nahen  Jurafuß  stehen  G  i  m  e  l  und  der  Artillericwaffenplatz
  Biere  durch  die  Bergstraße  von
Marcheiruz  in  Berbindung  mit  dem  Jouxtal.  Am
Seeufer  folgen  sich  die  altertümlichen  Städtchen
Morges,  Rolle,  Nyon  und  Coppet.  Bon
Nyon  aus  steigt  in  vielen  Kehren  eine  Straße  zuni
aufblühenden  Kurort  St.  Cergues  hinauf  und
führt  durch  die  Einsattelung  zwischen  der  Dole
und  dem  Noirmont  nach  Frankreich.
L»  B-ux  In  der  Uferlandschaft  La  Vaux  oberhalb  Lausanne ­
  unterbrechen  kleine,  auf  dem  kostbaren  Boden
eng  gedrängte  Weinbaustädtchen  und  -dörfer  die
von  weiß  leuchtenden  Stützmauern  durchzogenen
Weingärten.  In  dieser  Reihe  seien  L  u  t  r  y  und
&amp;gt;C  u  l  l  y  genannt.  Im  Schutz  der  Voralpenhöhen
ist  am  obern  Genfersee  in  mildester  Lage  Montreux ­
  der  belebte  Mittelpunkt  der  waadtländischen
Riviera;  mit  den  benachbarten  Orten  Territet
        <pb n="243" />
        und  Clärens  bildet  es  eine  einzige  glänzende
Folge  prunkvoller  Hotelbauten.  Die  Fremden-  und
Industriestadt  Vevey  (V  i  v  i  s),  13  600  Einwohner, ­
  auf  dem  Deltavorsprung  der  Veveyse,  bildet
den  westlichen  Abschluß  dieser  Hotelkolonie.  Vevey
ist  der  Schauplatz  der  in  unregelmäßigen  Zeitabständen ­
  gefeierten  Winzerfeste.  Montreux  veranstaltet ­
  alljährlich  im  Frühling  das  Narzissenfest,  wenn
die  Berghalden  weithin  im  Blütenschnee  schimmern.
Über  Territet  breitet  sich  die  aussichtsreiche  Bergterrasse ­
  von  G  l  i  o  n  aus,  die  selbst  wieder  von
den  weithin  sichtbaren  Hotelpalästen  von  C  a  u  r
überragt  wird.  Hinter  Caux  steigt  die  Wand  der
Rochers  de  Naye  zu  2044  m  an,  wegen  ihrer  umfassenden ­
  Rundsicht  als  Rigi  des  Waadtlandes  bekannt. ­
  Am  steilen  Felsufer  entsteigt  dem  See  das
Schloß  Chillon.
Bei  V  i  l  l  e  n  e  u  v  e  weitet  sich  die  Uferebeue
zu  dem  gewaltigen  Rhonedelta,  das  sich  talaufwärts ­
  zu  der  Felsenpforte  von  St.  Maurice  verengt.
Mit  den  endlosen  Pappelreihen  und  dem  Gestrüppwald ­
  am  Seeufer  sticht  die  eintönige  Aüfschüttungsebene
  von  dem  reizvollen  und  formenreichen
Gebirgsrahmen  seltsam  ab.  Das  kalte  Rhonewasser
dringt  als  trüber  Strom  eine  kurze  Strecke  weit
in  die  blauen  Fluten  des  Sees  vor  und  sinkt  dann
als  mächtiger  Fall  durch  das  wärmere  und  deshalb
leichtere  Seewasser  auf  den  Grund.  Längs  der
scharf  gezeichneten  Grenze,  wo  die  Rhone  untertaucht, ­
  entstehen  als  „bataillere“  bezeichnet^  gefährliche ­
  Wirbel.  Die  gleiche  Erscheinung  ist  an
der  NWndung  des  Rheins  in  den  Bodensee  unter
dem  Namen  „Brech"  bekannt.  Die  bedeutenden
Orte  des  Rhonetales  lehnen  sich  am  Rand  der  Ebene
an  die  weingesegnete  Berghalde,  am  Fuß  weitschauender, ­
  hoher  Bergterrassen.  D  v  o  r  n  e  hat  die
berühmtesten  Weinlagen.  Aigle  an  der  Grande

Rhoneebene
        <pb n="244" />
        238

Oberland

Landschaft

Kau  ist  zum  großen  Teil  aus  dem  dunklen  Marmor ­
  der  benachbarten  Brüche  von  St.  Triphon
erbaut.  Nahe  der  Talenge  von  St.  Maurice  liegt
am  Avanqon  der  Kurort  B  e  x  mit  der  ältesten  Saline ­
  der  Schweiz  (Jahresertrag  45  000  q)  und
besuchten  Soolbädern.
Aus  den  weidenreicheu  Tälern  des  Waadtländer
Oberlandes  brechen  die  Alpenflüßchen  in  cnggeschnittener
  Stufe  zum  Rhouetal  hinaus.  Das  einst
vcrkehrsentlegenc  Hirtenland  blüht  neuerdings  mit
zahlreichen  Fremdenorten  als  Kurlandschaft  auf.
Eine  elektrische  Bahn  von  Bex  nach  den  Sommerund ­
  Winterkurorten  Villars  und  C  h  e  s  i  tz  r  e  s
erschließt  das  Tal  des  Avanyon,  dessen  Quellflüsse
vom  Grand  Moeveran  3061  m  herabsteigen.  Der.
Mittelpunkt  des  Tales  ist  Gryon.  Hoch  über  der
Grande  Eau  liegt  der  sonnige  und  nebelsreie  Lungenkurort ­
  Leysin;  das  Tal  von  Ormont  dess
  u  s  wurzelt  in  der  von  inächtigen  Plateauglctschern
bedeckten  Bergmasse  der  Diablerets  3246  in  und
steht  durch  die  Pillonstraße  mit  dem  bernischen
Saanenland  in  Verbindung.  Aus  dem  untern  Ormonttal ­
  leitet  die  Straße  von  Les  Mosses  zum
eigentlichen  Pays  d'en  Haut,  dem  waadtländischen
Saanetal,  dessen  Mittelpunkt  Chateau  d'  O  e  x
an  der  Montrcux-Berneroberlandbcihn  als  Kürort
aufblüht.

Genf.
Das  zwischen  sanft  geböschten  Ufergeländen  eingeengte ­
  Südwestende  des  Genfersees,  der  Petit  Lac,
dringt  tief  in  die  Landschaft  von  Genf  ein,  dessen
schwach  gewellter  Boden  von  rechtwinklig  aufeinanderstoßenden ­
  Bergzügen  umschlossen  wird.  Dem
Seeufer  parallel  verläuft  im  Hintergrund  die  be-
        <pb n="245" />
        239

waldetc,  einförmige  Jurakette,  die  als  schwache  Anschwellung ­
  den  CrZt  de  la  Neige  1723  in  trägt;
am  Grand  Credo  1624  m  fällt  sie  jäh  zum  Rhonedurchbruch ­
  von  Fort  de  l'Ecluse  ab.  Jenseits  der
Rhone  grenzt  der  querüber  ziehende  Mont  Vuache
1111  m  die  Landschaft  nach  Südwesten  ab.  Parallel ­
  zu  See  und  Jura  streicht  im  Südosten  mit
Hellen  Gesteinsbändcrn  die  schroff  aufragende  Kalkmauer ­
  des  Mont  Saltzve  1379  in  dahin;  durch
eine  Einsattelung  gewinnt  die  Zahnradbahn  die
Plateauhöhe.  Der  Mt.  Saltzve  ist  der  vielbesuchte
Aussichtsberg  der  Genfer.  Wie  ein  Schmuckkästchen ­
  liegt  zu  seinen  Füßen  die  reiche,  dicht  bewohnte
Mulde,  aus  der  einzelne  Flußstrecken  der  großen
Rhoneschlingen  Heraufschimmern.  Die  politischen
Grenzen  des  Kantons  sind  enger  gezogen  als  der
natürliche  Bergrahmen  der  Genfer  Landschaft.  Allseitig ­
  reicht  französisches  Gebiet  über  die  Wasserscheide ­
  herüber.  Zusammen  mit  dem  Arvetal,  das
vom  Mont  Blanc  heruntersteigt  und  in  Genf  ausmündet, ­
  bilden  diese  französischen  Gebietsteile  an  der
Innenseite  der  Bergzüge  eine  zollfreie  Zone;
ihr  natürlicher  Marktvrt  imb  ihre  wirtschaftliche
Hauptstadt  ist  Genf.
Die  Stadt  Genf  hält  mit  prächtigen  Quai-  stabt  «M
anlagen  und  einer  stolzen  Reihe  von  Hotelbauten
das  Seende  und  den  reißenden  Ausfluß  der  Rhone
umschlossen.  Auf  beherrschender  Höhe  thront  die
Altstadt;  ihre  um  steile  Gassen  gedrängten  hohen
Häuser  umschließen  die  Hauptkirche  St.  Pierre.
Am  Fuße  des  Hügels  liegen  die  neueren  Quartiere; ­
  in  ihren  stark  belebten  Straßen  bewundert
!man  die  glänzenden  Auslagen  der  Geschäfte,  die
den  Ruhm  der  Genfer  Uhrenindustrie,  Goldschmiedekunst ­
  und  Feinmechanik  über  die  ganze  Erde  verbreiten. ­
  Die  an  zwei  großen  Elektrizitätswerken  in
der  Stadt  und  unterhalb  der  Arvemündung  gestaute ­
  Rhone  liefert  der  Industrie  die  Kraft.  Genf
        <pb n="246" />
        240

liegt  als  bedeutender  Handelsplatz  am  Südwesteingang ­
  der  Schweiz;  es  unterhält  lebhafte  /Beziehungen ­
  zu  Südfrankreich  und  Spanien.  Schon  vor
Jahrhunderten  bot  die  Rhonestadt  religiösen  und
politischen  Flüchtlingen  ein  Asyl;  die  Zugewanderten ­
  förderten  ihrerseits  Handel  und  Industrie  und
bereicherten  in  fühlbarer  Weise  das  geistige  Leben.
Die  122600  Einwohner  der  Stadt  sind  zum  überwiegenden ­
  Teil  aus  der  deutschen  Schweiz  und  aus
Frankreich  zugewandert.  Für  den  ganzen  Kanton
Genf  machen  die  Kantonsangehörigen  31  °o,  die
Bürger  fremder  Staaten  dagegen  41  °/o  der  154  200
Seelen  zählenden  Gesamtbevölkerung  aus.  Genf  besitzt ­
  eine  Universität.  Die  Schönheit  der  Stadt,
ihr  reges  geistiges  Leben  und  die  reizvolle  Umgebung ­
  mit  dem  schlössergeschmückten  Ufergelände
machen  Genf  zum  weltbekannten  Sammelpunkt  des
Fremdenverkehrs.
Jura  und  Alpen  treten  in  der  Landschaft  von  Genf
zu  einem  Trichter  zusammen,  in  dem  sich  der  Nordost-®
 lff  wind,  die  Bise,  häufig  zu  sturmartiger  Heftigkeit  steigert.
Während  in  der  übrigen  Schweiz  die  Bise  den  Himmel
aufhellt,  liegt  manchmal  gleichzeitig  über  Genf  in  halber ­
  Höhe  des  Mt.  Salsve  eine  dunkle  Wolkendecke;  an
dem  geschlossenen  Bergrahmen  muß  die  Luftströmung
aufsteigen,  und  dabei  verdichtet  sich  der  Wasserdampf;
das  bezeichnet  der  Genfer  als  „la  bise  noire“.
«mscfmng  Unterhcr  der  großen  Flußschlingen  der  Arve
liegt  die  Stadt  C  a  r  o  u  g  e,  7900  Einwohner.  Uber
der  Rhone  erhebt  sich  auf  beherrschendem  Plateau
das  große  Dorf  Bernex,  und  östlich  der  Hauptstadt ­
  leitet  Chöne  eine  Eisenbahnlinie  von  Gens
ins  Arvetal.  Von  der  Jurahöhe  her  dringt  die
französische  Landschaft  Gex  bis  nahe  an  den  Genfersee
  heran;  eine  Bergstraße  erklimmt  in  langen  Kehren ­
  von  Gex  aus  den  wichtigen  Col  de  la  Faueille.
        <pb n="247" />
        ’C/uil€JC

'  Of/f.-j/

W  v  if-  ‘  /u&amp;gt;t7«r/Pf4&amp;amp;,

if/y/t

D/x,M

htffne4}ft%Gj&amp;amp;A&amp;amp;

Prä

77,ü-f.-W/ß/.-fr


«ts*.

-/

C^—Cp-ts/"  g'/'  • /

UltlVj* 4 !!  / "  " : /'

Massstab  1:250000

GENERAL  -  KARTE

10  Kiloiiv.
        <pb n="248" />
        Flürkiger,  Schweiz»

16

Die  Karten  der  Schwei;

Die  vier  Kartenbeilagen  des  Buches  sind  Ausschnitte ­
  aus  offiziellen  Karten  der  Schweiz.  I  und
II  geben  je  eine  Probe  des  Topographischen  Atlas
der  Schweiz  oder  des  Siegfried-Atlas  in  den  Maßstäben ­
  1  :25  000  und  1  :50  000.  III  ist  der  Dufour-Karte
  1  :100  000  und  IV  der  Generalkarte
der  Schweiz  1:250000  entnommen.  Das  Eidgenössische ­
  topographische  Bureau  (jetzt  Schweizerische ­
  Landestopographie)  hat  ferner  die  Übersichtskarte ­
  der  Schweiz  mit  ihren  Grenzgebieten
1  :1  000  000  und  die  Schulwandkarte  der  Schweiz
1  :200  000  herausgegeben.
1.  Der  Topographische  Atlas  der  Schweiz  wird
kurzweg  Siegfried-Atlas  benannt,  nach  Oberst
Siegfried,  einem  frühern  Leiter  des  eidgenössischen
topographischen  Bureaus,  der  die  Veröffentlichung
der  Karte  anregte.  Der  Jura,  das  Mittelland  und
das  südliche  Tessin  sind  im  Maßstab  1  :25  000
dargestellt,  d.  h.  1  cm  auf  der  Karte  bedeutet  eine
Strecke  von  250  m  im  Gelände.  Für  das  Hochgebirge, ­
  das  schwächer  bewohnt  und  weniger  zugänglich ­
  ist,  so  daß  bei  seiner  Darstellung  eine
geringere  Zahl  von  Einzelheiten  berücksichtigt  werden ­
  müssen,  beträgt  der  Maßstab  1  :50  000;  1  cm
der  Karte  entspricht  500  m  in  der  Natur.  Die
Blätter  der  Grenzgebiete  zwischen  Alpen  und  Alpenvorland ­
  sind  in  beiden  Maßstäben  bearbeitet  rvvr-Offizielle


Karten

Tiopographischer
  Atlas
oder  Siegfried-Atlas ­
        <pb n="249" />
        HoriZontal-242


den.  Die  Größe  eines  Blattes  beträgt  35  om  auf
24  cm,  was  im  Maßstab  1  :25  000  einer  Länge
von  8750  m  und  einer  Breite  von  6000  m,  bei
1:50000  den  Strecken  von  17  500  m  und
12000  m  entspricht.  Die  Horizontalabständc  können ­
  mit  Hülfe  des  Maßstabes  ohne  weiteres  auf  ;der
Karte  abgelesen  werden.  Um  auch  die  dritte  Dimension, ­
  die  Höhe,  darzustellen,  und  ein  getreues  Bild
der  Oberflächcnfvrmen  des  Landes  zu  geben,  verwendet ­
  der  Siegfried-Atlas  die  Horizontalkurven. ­

Denkt  man  sich  das  Relief  durch  gleichweit  voneinander ­
  abstehende  Horizontalebencn  durchschnitten,
so  bilden  die  Schnitte  der  Ebenen  mit  der  Oberfläche
der  Geländeformen  mannigfaltig  ein-  und  ausbiegende ­
  und  in  sich  selbst  zurücklaufende  Linien,  die
Horizontalkurven;  sie  werden  senkrecht  auf  die
gleiche  Ebene,  die  Kartenfläche,  projiziert.  Alle
Punkte  aus  der  selben  Kurve  liegen  gleich  hoch
(daher  auch  die  Bezeichnung  Isohypse  =  Linie
gleicher  Höhe).  Der  senkrechte  Abstand  der  Horizontalebenen, ­
  die  Aquidistanz,  beträgt  10  m  für  die
Karte  1  :25  000  und  30  m  für  die  Karte
1  :50  000.  Je  die  zehnte  Kurve  ist  als  gestrichelte
Linie  kenntlich  gemacht  und  mit  der  Höhenzahl
in  gleicher  Farbe  versehen;  in  Kurse  I  betrifft  es  die
Höhenlinien  von  100  zu  100  m,  in  Karte  II  von  300
zu  300  m.  Unbewachsene,  felsige  Partien  erscheinen
in  schwarzen,  bewachsener  Boden  in  braunen,  und
Gletscher,  Schneefelder  und  Gewässer  in  blauen  Kurven ­
  (II).  Um  kleine  Bodenformen  darzustellen,  die
zwischen  den  Normalkurven  liegen,  werden  bisweilen ­
  punktierte  Zwischenkurven  in  halber  Aquidistanz
angebracht  (I  östlich  Punkt  512  auf  Taggenberg
am  rechten  Kartenrand;  II  bei  Punkt  1445,1  an
der  Reuß  unterhalb  Hospental).  Kleine  Böschungen,
z.  B.  an  Bahndämmen  und  -Einschnitten,  für  die
        <pb n="250" />
        243

die  Kurven  nicht  ausreichen,  sind  durch  braune
Schraffen  kenntlich  gemacht  (I  Bahnlinie;  Ziegelhütte
  südwestlich  Neftenbach  und  andere  Stellen).
An  sehr  steilen  und  zerrissenen  Felshängen  werden
die  Smöeit  der  Anschaulichkeit  halber  durch  eine
schwarze  Felszeichnung  ergänzt  oder  ersetzt  lll).
Außer  den  Zahlen  für  jede  zehnte  Kurve  bietet  die
Karte  eine  Menge  von  Höhenangaben  für  bemerkenswerte ­
  einzelne  Punkte,  wie  Gipfel,  Straßengabeln, ­
  Brücken.  Will  nian  für  irgend  einen  Punkt
nach  der  Kurvenkarte  die  Höhe  bestimmen,  so  sucht
man  die  Nächstliegende  Höhenzahl  und  berechnet  nach
der  Zahl  der  Kurven  und  der  bekannten  Äquidistanz
den  Höhenunterschied.  Je  höher  eure  Erhebung  ist,
desto  mehr  Kurven  sind  zu  ihrer  Darstellung  notwendig. ­
  Bei  flachen  Böschungen  liegen  sie  weit
auseinander;  je  steiler  der  Hang,  desto  näher  treten
sie  zusammen.  Liegen  die  Kurven  in  gleichen  Abständen ­
  nebeneinander,  so  zeigen  sic  eine  gleichmäßige ­
  Böschung  an.
Denkt  man  sich  für  den  Geländeabschnitt  der  Karte  I
ein  Steigen  des  Meeresspiegels  um  500  rn,  so  schneidet
die  Horizontalebene  des  Wasserspiegels  den  Beerenberg
in  der  gestrichelten  500  in  Linie,  die  durch  die  Weinberge ­
  des  Sndabhangs  verlaust;  was  innerhalb  der
Kurve  liegt,  ragt  als  Insel  zu  94  in  Höhe  über  den
Meeresspiegel  hinauf.  Steigt  das  Wasser  nacheinander
je  um  weitere  10  rn,  so  bezeichnet  stets  die  nächstiiinere
Horizontalkurve  die  neue  Uferlinic  der  Insel.  In
590  rn  Höhe  umschließt  der  Wasserspiegel  mit  der  innersten ­
  und  kleinsten  Kurve  den  Punkt  594.  Am  Taggen
berg  und  an  der  Hohe  Wald  bei  Punkt  504  liegen
ebenfalls  kleine  Gebiete  innerhalb  und  über  der  500  m
Kurve.  Beim  Anstieg  des  Wassers  auf  510  nr  würde
die  zweite  der  beiden  Kuppen,  bei  einem  nochmaligen
Steigen  nni  10  in  auch  die  erste  überflutet.  Gin  Wasserspiegel ­
  von  490  rn  Höhe  würde  den  Taggenberg  längs
        <pb n="251" />
        244

der  Horizontalkurve  begrenzen,  die  durch  die  Häirsergruppc
  von  Taggenberg  geht,  und  bei  einein  weitern
Sinken  um  10  m  müßten,  wie  der  Verlauf  der  nächsten ­
  Kurve  zeigt,  die  beiden  Höhen  über  die  Einsattelung ­
  Punkt  484  hinweg  miteinander  in  Verbindung ­
  treten.
Borte»  und  Die  Kurvenkarte  gibt  eine  genaue,  geometrische
A°chtei&amp;gt;  j) 0r j-t e (( un g  hxs  Reliefs,  die  erlaubt,  die  absolute
und  relative  Höhe  aller  Punkte  rasch  und  sicher
zu  bestimmen;  dagegen  fehlt  es  dem  Kartenbild  an
der  Plastik,  und  es  bedarf  einer  gewissen  Überlegung, ­
  um  die  Bodenformen  klar  zu  erkennen.  Um
die  plastische  Wirkung  mit  der  mathematischen  Genauigkeit ­
  zu  verbinden,  versieht  man  bisweilen  die
Kurvenkarte  mit  einem  Reliefton.
Dufour-Kurte  2.  Die  D  u  f  o  u  r  -  K  a  r  t  e  ist  nach  ihrem
Schöpfer,  General  Dufour,  benannt,  der  die  Landesaufnahme ­
  der  Schweiz  durchführte.  Der  Maßstab
ist  1  :100  000;  1  cm  der  Karte  bedeutet  1  irrn  im
Gelände.  Die  Karte  besteht  aus  25  Blättern  von
70/48  cm;  ihre  Gesamtgröße  beträgt  3,50  m  auf
2,40  m.  Sie  bildet  die  Bodenformen  durch  Schraffen
  ab.
Schr-ffen  Die  Darstellung  der  Bodenformen  durch  Horizontalkurven ­
  bildet  die  Grundlage  für  die  Schraffenkarte.
  Zwischen  je  zwei  Kurven  werden  nebeneinander ­
  Striche  oder  Schraffen  gezogen;  sie  folgen  der
Richtung  des  stärksten  Gefälles,  oder,  was  gleichviel ­
  besagt,  der  Richtung  des  rinnenden  Wassers
und  treffen  die  Horizontallinien  stets  in  rechtem
Winkel.  Wenn  alle  Höhenschichten  mit  solchen
Schrafsenreihen  ausgefüllt  sind,  so  werden  die  Kurven, ­
  die  in  diesem  Fall  nur  Hülsslinien  waren,
entfernt.  Da  jede  Schraffenschicht  den  Raum  zwischen ­
  zwei  Kurven  einnimmt,  so  kann  man  nach  der
Zahl  der  Schichten  die  Höhe  der  Erhebungen  beurteilen. ­
  Je  nachdem  die  Kurven  mit  größeren
        <pb n="252" />
        245

oder  geringeren  Zwischenräumen  verlaufen  müssen
die  Schraffen  länger  oder  kürzer  werden.  Lange
Striche  bedeuten  eine  schwache,  kurze  dagegen  eine
starke  Neigung.  Je  kürzer  die  Schraffen,  desto  dicker
werden  sie  ausgezogen,  und  desto  schmaler  werden
die  weißen  Zwischenräume  zwischen  den  einzelnen
Strichen  belassen;  je  dunkler  der  Ton,  desto  steiler
die  Böschung.
Die  Schraffenkarte  bietet  ein  plastisches  und
übersichtliches  Bild  der  Bodenformen,  gestattet  aber
nicht,  mit  gleicher  Genauigkeit  und  Sicherheit  die
Neigungsverhältnisse  abzulesen,  wie  das  Kurvensystem.

Die  Schraffenkarten  der  Nachbarländer  nehmen
für  die  Verteilung  von  Licht  und  Schatten  eine
senkrechte  Beleuchtung  an.  Die  Dufour-Karte  verwendet ­
  die  schiefe  Beleuchtung,  bei  der  man  sich
die  Sonnenstrahlen  unter  einem  Winkel  von  45  0
von  Nordwesten  her  einfallend  zu  denken  hat.  Für
unser  Gebirgsland,  dessen  Hauptzüge  von  8  W  nach
N  0  quer  zu  der  Richtung  der  Strahlen  laufen,  schafft
die  Schraffenmanier  mit  schiefer  Beleuchtung  von
Nordwesten  her  ein  prachtvoll  plastisches  Bild.  Dem
Vorzug  der  starken  Reliefwirkung  stehen  zwei  Nachteile ­
  gegenüber;  die  sonnigen  Südostabhänge  erscheinen ­
  dunkel  und  unfreundlich,  die  schattigen  Nordwesthalden
  sind  beleuchtet;  infolge  der  Verteilung  von
Licht  und  Schatten  rufen  die  Böschungen  der  Südostseite ­
  den  Eindruck  größerer  Steilheit  hervor  als
die  der  Nordwestseite.
Die  Dufour-Karte  wurde  nach  den  Originalaufnahmen ­
  des  Topographischen  Atlas  hergestellt,
der  ursprünglich  nur  dazu  bestimmt  war,  mit  seinen
Horizontalkurven  als  Grundlage  für  die  Schraffenzeichnung
  zu  dienen,  und  erst  später  als  selbständiges
Werk  erschien.
3.  Die  Generalkarte  der  Schweiz  G-n-rali-u-
        <pb n="253" />
        246

Übersichtskarte ­


Schulwandkarte ­


1  :250  000  (1  cm  der  Karte  —  2,5  &amp;gt;&amp;lt;m  im  Gelände) ­
  besteht  aus  vier  Blättern;  die  Gesamtgröße
beträgt  140/96  cm.  Sie  ist  eine  Reduktion  der
Dufour-Karte,  mit  der  sie  durch  die  Schraffenmanier
und  die  schiefe  Beleuchtung  die  starke  Reliefwirkung ­
  gemein  hat  (IV  Juraketten).
4.  Die  Übersichtskarte  der  Schweiz
mit  ihren  G  r  e  n  z  g  e  b  i  e  t  e  n  1  :1000  000
kl  cm  der  Karte  —  10  km  der  Natur)  ist  ebenfalls ­
  in  Schraffen  ausgeführt.  Als  strategische  Karte
hebt  sie  besonders  die  Straßenzüge  und  Eisenbahnlinien ­
  der  Schweiz  und  ihrer  Grenzgebiete  hervor.
5.  Die  Schulwandkarte  der  Schweiz
int  Maßstab  1  :200  000  (1  cm  der  Karte  gleich
2  km  im  Gelände)  und  in  der  Größe  von  190
auf  120  cm  wurde  infolge  des  Beschlusses  der  eidgenössischen ­
  Räte  vom  Jahre  1894  erstellt  und
vom  Bund  kostenlos  an  die  schweizerischen  Schulen
abgegeben.  Ein  System  von  Horizontalkurven  mit
der  Äquidistanz  100  m  bildet  die  Grundlage  der
Karte.  Die  wundervolle  Reliefwirkung  beruht  auf
der  Kartenmalerei,  die  unter  der  Annahme  schiefer
Beleuchtung  die  Bergkämme  mit  rötlichen  Farben
aus  den  bläulich-grünen  Tönen  der  Tiefe  hervortreten
  läßt.  Die  Schulwandkarte  ist  ein  unübertroffenes ­
  Meisterstück  der  Terrainmalerei.
        <pb n="254" />
        Anhang

Größe  und  Wohnbevölkerung  der  Kantone.

Kantone

Größe
in  km*

Wohnbevölkerung ­

1910"?  »■

Hauptorte

Wohnbevölkerung ­
  !
1910

1.  Zürich

1724,76

500  679

Zürich

189  088

2.  Bern

6844,50

642  744

Bern

85  264  !

,  3.  SlUeVlI

1500,80

166  782

Luzern

39152

4.  litt

1076,00

22  055

Altdorf

3  837  !

'  6.  Schwyz

908,26

58  347

L-chwyz

7  993

6.  Obwalden

474,80

17  118

Sarnen

4  640

7.  Nidwalden

290  50

13  796

Stans

2  936  [

8.  Glarus

691,20

33  211

Glarus

5  089  !

8-  Zug

239,20

28  013

Zug

8  038  1

10.  Freiburg

1674,60

139  200

Freiburg

20  297  j

11.  Solothurn

791,51

116  728

Solothurn

11659  !

12.  Baselstadt

35,76

135  646

Basel

131914

13.  Baselland

427,47

76  241

Liestal

5  932

14.  Schaffhausen

294,22

45  948

Schaffhausen

18  010

■15  Appenzell  A.-Rh.

242,49

57  723

Herisau

15  273  |

j  16.  AppenzellJ.-RH

172,88

14  631

Appenzell

5126  i

!37.  St.  Gallen

2019,00

301  141

St.  Gallen

37  657

18.  Grnubündcn

7132,80

118262

Chur

14  489  i

19.  Aargau

1404,10

229  850

Aarau

9  536

20.  Thurgau

1011,60

134  055

Frauenfeld

8.377

21.  Tessin

2800,90

158  556

Bellinzona

10  416

!  22.  Waadt

3252,00

315  428

Lausanne

63,926

!  23.  Wallis

5224,49

129  579

Sitten

6  519

124  Neuenburg

807,80

132184

Neuen  bürg

23  605  1

[36.  Genf

282,35

164  159

-Genf

122  583

Schweiz

41,324

.3741  971
        <pb n="255" />
        Die  orksanivesrnde  Bevölkerung  der  Schlvei;
nach  der  Sprache.
(Vorläufige  Ergebnisse  der  Volkszählung  1910.)

Kantone

Deutsch

Französisch ­


Italienisch

Romanisch ­


Andere  |
Sprachen ­
  i

1.  Zürich

172  990

5  714

19  696

634

4  601

2.  Bern

528  554

104  412

12  247

172

2  198

3.  Luzern

161  083

1  316

4  808

126

3651

4.  Uri

20  937

80

1053

56

15!

5.  Schwyz

56  311

258

1612

64

60

6.  Obwalden

16  738

66

330

28

23

I  7.  Nidwalden

13  329

31

319

5

61

8.  Glarus

31  733

66

1306

69

120  j

9-  Zug

26  406

217

1454

26

71

10.  Freiburg

42  634

94  378

1  911

42

586

11.  Solothurn

111373

2  818

2  570

21

179

112.  Baselstadt

127  491

3  601

4  021

138

1062

13.  Baselland

72  809

1124

2  548

27

114  1

14.  Schasfhausen

43  795

379

1  712

18

193

16.  Appenzell  A.-Rh,

56  505

134

1  285

27

68

16.  Appenzell  I-Rh

14  469

32

97

4

6

17.  St.  Gallen

282  722

1099

17  584

456

967  i

[18.  Graubünden

58  465

838

20  963

37  147

2  4411

19.  Aargau

222  571

1532

6197

72

389!

20,  Thurgau

125  876

593

8  328

89

291

21.  Tessin

5  829

1008

147  790

131

457

22.  Waadt

34  422

264  222

16  694

220

8194

28.  Wallis

37  351

80  316

10  412

16

165

24.  Neuenburq

17  305

111597

3  747

50

816

25.  Genf

17  456

120  413

12  641

196

5  058

Schweiz

2  599  154

796  244

301  325

39  834

28  445

in  °/o

69  7»

21,2  °/o

8  7»

1,1  7°

°' ! 1
        <pb n="256" />
        249

Die  ortsanwesendr  Bevölkerung  der  Schwei;
nach  dem  religiösen  Bekenntnis.
(Vorläufige  Ergebnisse  der  Volkszählung  1910).

Kantone

Protestantisch

Katholisch

Jsraelitisch


Anderes
oder  kein
Bekenntnis

1  1.  Zürich

379  920

108  667

5  526

9  522  :

!  2,  Bern

547  612

92  278

2  088

5  605

i  3.  Luzern

17  354

148  806

491

1047

4.  Uri

1243

20  822

9

67  ;

i  5.  Schwyz

2  347

56  869

13

76  |

6.  Obwalden

635

16  631

1

18  1

7,  Nidwalden

233

13  448

1

8  [

8,  Glarus

23  951

9  272

14

67

1  9-  8ug

2  590

25  490

13

81  I

!  10,  Freiburg

19  206

119  929

196

220  :

11.  Solothurn

39  004

77  202

200

555

12.  Bnselstadt

86  016

46  564

2  396

2  338

13.  Baselland

57  115

18  850

232

425

14.  Schaffhausen

36  616

10054

45

382

16.  Appenzell  A.--RH.

50  768

6  958

41

257

16.  AppenzellJ.-Rh.

985

13  615

2

6

17.  St.  Gallen

116  080

183  612

1010

2126

18.  Graubünden

61087

57  552

390

825

j  19.  Aarqau

128  065

100  362

902

1432

20.  Thurgau

85  383

48  453

159

1182  j

21.  Tessin

4109

145  270

109

5  727

22.  Waadt

263  720

52  979

1883

5170

!  23.  Wallis

3  093

124  212

77

878

24.  Neuenburg

112  185

18  605

1043

1682

i  25.  Genf

70  379

76  292

2182

6  911

Schweiz

2  108  590

1  590  792

19  023

46  597

in  "/o

56  %

42,2  7°

0.5  o/o

1,3  7«
        <pb n="257" />
        Register

Aarau

199

Aarberg

68,  218

Aar  bürg

45,  198

Aare

38,  208

Aareschlucht

209

Aargau

83.  196

Aarwangen

217

Absatzgebiete

101

Ackerbau

65

Adelbvden

119,  212

Adliswil

187

Adulngruppe

8

Afioltern  a.  Albis

188

Affvltern  b,  Zürich

188

Aegeri

191

Aigle

58,  287

Ajoie

222

Albis

187

Al  bula

156

Albulawerk

46

Alemannen

120

Aletschgletscher

13,  141

Alkvhvlnwnopvl

67

Bllaine

221

Alpbachfall

209

Alpen

3,  5

„  Entstehung

4

„  Einteilung

7

„  Verkehr

105

Alpenflüsse

39

Llpenstraßen

107

Alpenrandscen

15

Alphütten

11

Alpnach

163

Alpnnchstad

168

Alpweiden

72

Alp  wirtschaft

16,  72

Altdorf

32,  161

Aitels

211

Altmann

177

Altstätten

176

Aluminium

91

Albeneu

67,  15«

Amben

173

Amsteg

161

Andrer

155

Andelfingen

190

An  der  matt

119,  160

Anthrazit

52

Appenzell

177,  178

Arbedu

145

Arbeitsteilung

87

Arbon

182

Arenenberg

182

Areuse

224

Arlbergbahn

109,  110

Arlesheim

204

Äroia

118,  154

Arth

166

Ascona

146

Asphalt

54

Nubunne

236

Augst

46

Ausfuhr

IGO

Ausländer

126

Anßer-Rhoden

82,  178

Auswanderung

125

Avanpon

288

Avants,  Les

119

Avenches

137,  234
        <pb n="258" />
        Avers
Axalp
Axenfels
Axenstein
Brenstraße
Vaar
Buchte!
Baden
Bahnnetz
Bahnprojekte
Balmhorn
Balsthal
Bandweberei
Basel
Baselland
Baselstadt
Basel-Angst
Bättcrkinden
Bnuma
Baumwollindustrie
Beatcnberg
Bcckenried
Beinwil
Belfaux
Bellinzona
Belp
Bcrgell
Bergün
Berg  wind
Bern  (Kt.)
Bern  (Ort)
Bernardino
Bcrncck
Bernex
Bernina
Berra
Beuteltuchweberei
Bevaix
Bevölkerung
Bewölkung
Bex
Beznau
Bezugsgebiete
Biasca
Biber
Biber  brücke

156
17,  210
1  (55
165
161

57,  116,

139,
24,
82.
2,  29,  83,

29,

8,  149,
127,

52,  64,  57,

58,

192
189
200
108
111
211
206
89
202
20.9
203
204
217
190
81
17
164
199
230
146
214
160
166
33
207
217
156
176
240
157
230
84
226
121
30
238
45
101
145
184
166

Biberist
Biel
Bielersee
Bienenzucht
Bierbrauerei
Bisre
Biglen
Biguasco
Bijouterie
Binu
Binnenhandel
Binnenlagc
Binningen)
Bipp
Birmenstorf
Bus
Birsig
Blfchofzell
Bise
Blauenkette
Blenivtal
Blume
Blumenstein
Blünilisalp
Bödeli
Bodenart
Bodeusee
Bodenverbesserung
Bahnerz
Bulligen
Bulligen
Boncourt
Bonfol
Bützberg
Bnudry
Bözingen
Braunkohle
Braunvieh
Braunwald
Breithorn
Bremgarten
Brenets,  Les
Brövine,  La  28,  29
Brienz
Brienzer  Rothorn
Brienzersee
Brig
        <pb n="259" />
        252

Brissagu

146

Charmcy

228

Bristenstvck

161

Chafseral

23,  220

Broc

228

Chafjeron

223

Bronzezeit

120

Chateau  d'Oex

119,  238

Broyekanal

46,

127

Chatel  St,  Denis

230

Brvyetal

109,

233

Chaumont  15,  118,  224,  225

Brugg

105,  200

Chaux-de-fonds,  La

88,  89.  223

Brünig

83,

163

Chemische  Industrie

92

Brunnen

165

Chöne

240

Brusio

46,

159

Chesiörs

238

Bubikvn

189

Chexbres

234

Buchberg

173,

184

Chiasso

147

Bucheggberg

205

Chillon

237

Buchs

176

Chippis

139

Buchsiten

206

Choindez

51,  221

Bülach

188

Chur

154

Bulle

228

Churfirsten

172

Bümpliz

218

Churwalden

156

Bundesbahnen

109

Clärens

237

Bündner  Fleisch

151

Cl  ariden

161

Bündner  Schiefer

149

Cvlombier

226

Buochs

164

Cnppet

236

Büren

219

Cornaux

226

Burgdorf

216

Cortaillod

226

Bürgcnstvck

164

Cvssonay

234

Bürglen

161

Cöte,  La

236

Burgunder

120

Courrendlin

221

Büron

196

Court

23,  221

Buschwald

144

Tourtelary

220

Büsserach

207

Couvet

224

Butter

74

Cresfier

226

Butlisholz

195

Cresta

166

Erst  de  la  Neige

23,  239

Calaucatal

159

Ereux  du  Ban

223

Calanda

51,

154

Cudrefin

234

Campocologno

159

Cully

236

Capolago

146

Castagnvla

147

Dagmersellen

195

Castasegna

159

Data

139

Carouge

240

Dammastock

7,  161,  209

Caux

119,

237

Dampfmaschinen

86

Centovalli

146

Dampfschiffahrt

50

Cernier

225

Därstetten

213

Ccvio

146

Davos

35,  118,  154

Cham

74,

192

Delsmont  1  oQ

51,  83,  221

Champvry

136

Delsberg  /

Chandolin

134

Deut  Blanche

8.  138
        <pb n="260" />
        Dent  de  Brenleire

227

Eismeer

211

Deut  de  Lys

227

Eiszeit

14

Deut  de  Morcles

136

Eiszeitliche  Talformen

14

Dent  d'Hörens

128

Eivischtal

138

Dent  du  Midi

13«

Elektrischer  Bahnbetrieb

114

Dent  de  Baulion

232

Elektrizitätswerke

45.

85

Depression

36

Elektrochemie

92

Derendingen

206

Elgg

190

Diablerets

238

Elm

53.

169

Dielsdorf

188

Emme,  Große

215

Dicmtigen

213

Emme,  Kleine

193

Diepoldsau

17«

Emmental

74,

215

Diessc

220

Emmeten

164

Dießenhvfen

182

Enis

154

Dictikon

187

Endingen

200

Disentis

156

Endmoränen

14

Doldenhvrn

211

Engadin

156

Dole

23,  232

Engelberg

US,

163

Dombresson

225

Engi

53,

169

Dvmleschg

155

Ennenda

169

Donau

38,  41

Entfelden

198

Dörnach

207

Entlebuch

193

Doubs

220

Entsumpfungen

43,

65

Dranse

137

Eptingen

56

Drusberg

16«

Erendingen

182

Dübendorf

180

Ergolz

105,

201,

203

Düdingen

74,  23o

Erlach

219

Dufourkarte

244

Erlenbach

213

Dusourspitze

8

Erratische  Blöcke

14

21,

54

Dünnern

20«

Erstfeld

48,

161

Dürnten

52

Escholzmatt

193

Estavayer

230

Ebenalp

178

Etzel

166

Ebnat

174

Etzclwerk

46

Echallens

235

Eggishorn

141

Fabrikate

102,

103

Eggiswil

215

Fabrikgesetz

95

Eglisau

56,  188

Fabrikindustrie

89,

94

Eiger

210

Fählensee

177

Einfuhr

100

Faido

145

Einsiedeln

46,  52,  166

Faltengebirge

4

Einwanderung

126

Farvagny

230

Einzelböfe

62,  174,  215

Fätschbach

170

Eisen

öl

Fauctlle

112,

240

Eisenbahnen

107

Faulhorn

209

Eisenquellen

56

Fayence

56

Eisenzeit

120

Feinmechanik

92
        <pb n="261" />
        254

Fclsriegel

15

Galen  stock

7

Feuerstein

194

Gams

176

Fideris

56.  154

Gandria

147

F-esch

141

Gänsbrunnen

206

Fiescherhörner

216

Gaster

17.4

Filisur

156

Geflügelzucht

74

Findlinge

14,  21,  54

Aelterkinden

204

Finhaut

137

Gemüsebau

67

Finstcraarhorn

7,  208

Gemmipaß

139,

212

Firn

13

Gencralkarte

245

Fischental

190

Genf  (Kt.)

238

Fischingen

181

Genf  (Ort)  29,

45,

239

Flawil

175

Äenferfee  47,  48,

49,

236

Fleckvieh

7,4

Äcnußmittel

92

Fletschhorn

140

Äcrlafingen

205

Fleurier

224

Gersau

120,

166

Flims

155

Gcrzcnsee

214

Flüela

154

Gcspinnftpslanzen

68

Flüelcn

161

Getreidebau

65

Flühli

193

Gewässer

38

Kl  ums

16,  173

Gex

2,

240

Flußkorrektionen

43

Gibclegg

214

Flußschiffahrt

46

Gibloux

230

Flysch

5

Gießbach

210

Föhn

31,  36

Gießerei

91

Fontaines

225

Gimel

236

Forstwesen

43,  71

Gips

54

Forstgesetz

71

Giswilersee

49,

163

Fraubrunnen

217

Glärnisch

167

Frauenfeld

180

Glarus  (Kt.)

167

Freiamt

199

Glarus  (Ort)  32,

82,

169

Frei  berge

24,  75,  220

Glatt

8.4,

188

Freiburg  (Kt.)

227

Glaubensbekenntnis

129

Freiburg  (Ort)

229

Älenner

155

Freiburgerraffe

73

Gletsch

41.

141

Fremdenverkehr

16,  116

Gletscher

13

Fricktal

105,  200

Glctscherbäche

39

Frohnalpstvck

165

Glimmerschiefer

5

Frutigen

212

Glion

17,  237

Fruit

16.4

Glovclier

221

Furka

9,  141

Gneis

5.

53

Fürstenland

174

Goldau

165

Fußach

176

Goldschmiedearbeit

86

Go  ms

141

Gäbris

178

Gondo  5,

51.

140

Gadmen

209

Gontenbad

178

Gais

179

Gonzen

172
        <pb n="262" />
        255

Goßou

17b

Handel

98

Gotthard  9,  29,  38,

110,

160

Handstickerei

80

Gottlieben

182

Hasenmatte

204

Gottschalkenberg

191

Hasle

216

Gvrnergrat

140

Haslital

83,

208

Göschenen

160

Hauenstein,  Oberer

203,  206

Grächen

133

Hauenstein,  Unterer

203

Graitery

221

Hausindustrie

89.  94,

98

Grand  Combin

137

Hausstock

170

Grand  Credo

239

Hauterive  (Freib.)

45

Grand  Moeveran

238

Hauterive  (Neuenb.)

54,

226

Grandson

234

Heiden

179

GrSnichcn

199

Heilmittel

92

Granit

5.

53

Heilquellen

118

Graubünden

148

Heimarbeit

89,  94,

98

Graue  Hörner

173

Heimbcrg

56,

214

Greifenfec

188

Hsrbstregen

35

Greina

14b.

15b

Hergiswil

164

Grellingen

221

Herisau

178

Grenchen

20b

Herzogenbuchsee

216

Grengiols

141

Hiltersingen

211

Greyerz  74,

227,

228

Hinterrheintal

154,

156

Grimsel

141,

208

Hinwil

189

Griudelwald  32,

119,

210

Hitzkirch

195

Grindelwaldgletscher

13

Hochdorf

195

GroS  de  Vaud

66,

233

Hochebene

19

Großaffoltern

218

Höfe

167

Großes  Moos

68

Hofstetten

207

Großhöchstetten

216

Höhengrenzen

134

Großwangen

19b

Hohenkasten

178

Grundlawinen

12

Höhenklima

118

Grundmoränen

13

Hohe  Rone

166

Grüningen

189

Hohgant

216

Gryon

238

Höhlenbewohner

120

Gsteig

213

Holz

71,

102

Guggisberg

214

Holzindustrie

92

Gürbe

214

Höngg

187

Gurnigel

118

Horgen

187

Gurten

214

Hörnli

189

Gurtncllen

161

Hospenthal

160

Güteraustausch

104

Hotelindustrie

16

Gütertransit

113

Hugenotten

81,

86

Guttannen

32,  209

Hulftegg

190

Hundwil

179

Habsburg

200

Hürden

167

Hagneck

45

Huttwil

216

Hailau

69.

184
        <pb n="263" />
        Jakobsbad

178

Kerns

163

Jaun  ■

228

Kerzers

231

Jberg

166

Keßlerloch

120

Jlanz

155

Kcstenholz

206

Jlfis

193,  216

Kies

55

Jllgraben

139

Kinderarbeit

81.  95,  96,

199

Jllhorn

134,  139

Kinzigpaß

165

Industrie

76,  96

Kirchberg

217

Inn

38,  157

Kirchdorf

214

Inner-Rhoden

178

Kirchet

209

Jnnertkirchen

209

Kirschwasser

70,

192

Ins

219

Klstenpaß

170

Interlaken

210

Klaujenstraße

161,

170

Jvchpaß

163

Kleinhüningen

203

Jvlimvnt

219

Klein  lützcl

207

Jona

189

Klettgau

183

Jorat

233

Klima

27

Jvuxtal

232

Klingnau

200

Jrchel

190

Klöntal

169

Juden

129,  130

Klosters

154

Inf

166

K  loten

189

Julier

166

Klüsen

23

Jungfrau

7,  210,  211

Knvnau

188

Jura

3,  22

Knuttwil

195

„  ,  Entstehung

4

Koblenz

200

.  Flüsse

40

Kochsalz

52

Jura-Gewässerkorrektwn  43,  218

Kohlen

44,

51

„  ,  Längstäler

23

Kölliken

198

„  ,  Quertäler

23

Kondensierte  Milch

74

„  ,  Verkehr

105

Konfession

129

Köniz

218

Kaiseraugst

201

Konserven

67,

93

Kaiser  stuhl

200

Konstanz

1,  46.

99

Kalkstein

5,  53

Koppigen

217

Kamor

178

Korrektionen

43

Kanäle

49

Kraftwerke

16,  45,  85,

93

Kandcr

43,  212

Krastvorrat

44

Kandersteg

119,  212

Kriens

196

Käpfnach

51

Kabelwerk

46

Kappel  (St.  G.)

174

Kulm

199

Kappel  (Zch.)

188

Kunkelspaß

172

Kärpsstock

167

Kurorte

17

Karrcnalp

165

Küsnacht

187

Kartoffelbnu

67

Küßnacht

166

Käse

74

Katholiken

129

Lachen

167

Katzensee

189

Ladinisch

152
        <pb n="264" />
        2Ü7

Lägern

23,  63,

188

Lorze

191

Landern»

226

Lötscbberg

111

Landquart

154

Lötschental

139

Landwirtschaft

59,

96

Lowerzersee

165

Langenbruck

203

Lucens

233

Langensee  48,

49,  142,

145

Lugancrsee  48,

146

Langenthal

56,

216

Lugano  28,  46,

147

Langnau  (Zch,)

187

Lugnez

155

Langnau  (Bern)

216

Lukmnnier  145,

155

Lauenen

213

Lungern

163

Läufclfingcn

203

Lungernsee

49

Laufen

221

Luther»

194

Lanfenburg

46,

201

Lutry

236

Landen

218

Lütschinc

210

Lausanne

29,

236

Lützel

207

Lauterbrunnen

15,  17,

210

Lützelflüh

216

Laoey

57

Lutzenberg  84,

179

Lawinen

12,

13

Luzern  (Kt,)

192

Lebensmittel

101,

103

Luzern  (Ort)  45,

195

Lehm

55

Luzienstcig

154

Leiucnindustrie

90

Lyß

218

Leißigen

211

Lengnau  (Aarg.)

200

Maderanertal

161

Lengnau  (Bern)

219

Madiswil

216

Lenk

57,  118,

213

Maggia  39,  142,

145

Lenzburg

199

Mal  ans

154

Leuk

139

Maloja

157

Lcukcrbad

57,  118,

139

Malters

193

Leysin

118,

238

Männedvrf

187

Lichtcnsteig

174

March

167

Lichtwirkung

118

Marcheiruz

236

Liestal

204

Marmor

53

Lien.  Le

232

Marthalen

190

Ligerz

219

Martigny  41,

137

LIguiörcs

226

Martinsbrnck

157

Limmat

186

Maschinenbau  77,  78,  84,

85

Linden

215

Mascbinenstickerei

80

Lindenbcrg

195

Matterhorn

140

Linth

167

Matran

230

Linthal

170

Maximum

37

Linthwcrk

44,

168

Mayenfeld

154

Litt  au

193

MiedelS

155

Locarno  28

46,  83,

146

Meiental

161

Lvcle,  Le

89,  105,

223

Meikirch

218

Lokalwinde

33

Meilen

187

Lüntsch

169

Meiringen  17,  32,  48,

209

Löntschwerk

16,

45

Melchtal  64,

163
        <pb n="265" />
        258

Melide

147

Mürswil

52

Mellingen

199

Marter  atsch

157

Meis

16,

173

Moticrs

224

Mendrisio

147

Moudon

233

Mentoue

235

Moutier

23.

221

Menzingen

191

Mühlehvrn

49

Menznau

194

Mümliswil

206

Mergel

5,  19,

52

Mundarten

128

Metallindustrie

90,

91

Münsingen

214

Mett

219

Münster  (Wallis)

141

Milchprvduktion

74

„  (Graub.)

158

Mineralien

51

„  (Luzern)

195

Mineralquellen

56

„  (Bern)

221

Minimum

36

Münstertal

5.

158

Miichabelhörner

8,

140

Muvtatal

165

Misox

156

Murg

49,  173,  180

Mittelland

3,  18,

106

Muri

199

MittelmorSnen

13

Mürren

15,  17,

210

Mvssa

145,

159

Murten

231

Möhlin

201

Murtensce

46

Molasse

19

Mürtschenstock

167

Mvlsson

227

Musikwerke

92

MvlliS

169

Musseline

81,

82

Mönch

211

Muttenz

204

Münchenstein

204

Mythen

165

Montana

138

Mt.  Blanc  de  Seillon

137

Näfels

169

Mvntbovon

45,

228

Nagelfluh

19

Mt«.  Ceneri

146

Napf

19.

215

Mt.  Cenis

109,

110

Nationalpark

158

Mt.  Cvllon

138

Natronquellen

57

Mt.  Dolent

5.

137

Naturschutz

158

Mte.  Generoso

6,

146

Navigenze

139

Monthey

68,

136

Nebel

30

Mite.  Leone

148

Nebclmeer

29

Montvz

221

Necker

174

Montreux

120,

236

Nestenoach

190

Mt.  Risoux

232

Neßlau

174

Mte.  Rosa

8.  10,

140

Netstal

169

Mt.  Salsve

239

Neuenburg  (Kt.)

222

Mt.  Tendre

22,

232

„  (Ort)

45.

225

Mt.  Buache

289

„  ,  See

48

Nioränen

13,

21

Neuendorf

206

Morcote

146

Neuenegg

218

Morgarten

191

Neuenkirch

&amp;gt;95

Morges

236

Ncucnstadt

219

Morschach

17,

165

Neuhausen

184
        <pb n="266" />
        959

Neunkirch

184

Nidau

219

Nidwalden

163,  164

Niederschläge

34

Nicderurnen

169

Niesen

211

Nikolaital

140

Nvds

220

Noiraigue

25,  224

Nvirmont  (Bern)

220

„  (Waadt)

232

Nvlla

155

Nyvn

56,  236

Dberaargau

216

Oberalp

9,  165

Oücralpstock

7,  161

Oberburg

216

Oberdorf

205

Oberhalbstcin

156

Obcrried

176

Oberwald

141

Obstalden

169

Obstbau

70

Obwalden

163

Ofcnstraße

157

Oldenhorn

127

Olivone

145

Olten

45,  206

Önsingcn

206

Orbs

45,  232,  234

Helikon

189

Ormont

238

Oron

234

Orstbrcs

137

Osogna

145

Oslnlpenbahn

152

Ottenberg

180

Ouchy

236

Palezieux

234

Panixcrpaß

169

Papierfabriken

92

Pnradiso

147

Püffe

105

Passugg

56

Payerne

74,  233

Pfäfers

57

Pfäffikon
Pfahlbauten
Pfannenstiel
Pferdezucht
Psin
Psinwald
Pierre  Pertuis
Pilatus
Pissevache
Piz  Buin
„  d'Err
„  Languard
„  Linard
„  Kesch
„  Quatervals
„  Badred
Pizzo  Centrale
„  Rotondo
Plaffeien
Plateaujura
Blefsur
Po
Polytechnikum
Pont,  Le
Ponte  Tresa
Pontresina
Pouts,  Les
Porzellan
Poschiavo
Prngclpaß
Prätigau
Pratteln
Präzisionsinstrumente  02
Produktiver  Boden  59
Protestanten
Pruntrut
Puschlav
Quarten
Quinten
Quinta
Rabiusa
Rafz
Ragaz
Raimeux
Rambach
Ramsen

167
120
188
75
130
139
105,  221
164,  193
138
156
156
157
156
156
158
156
160
160
230
24
153
38'
65
232
147
119,  157
52,  223
56
159
165
154
204

221
5,  159
173
173
145
155
188
57,  118,  172
221
159
184
        <pb n="267" />
        260

Randen

188

Rvmanshorn

182

Randseen

15.

47

Romont

230

Rangiers,  Les

221

Rvrschach

175

Rapperswil  (Ich.)

173

Rosegg

157

„  (Bern)

218

Roßberg

165

Rätikon

154

Röthenbach

215

Rätoromanen

122

Rvthcnthurm

52,

166

Rätoromanisch

152

Röthifluh

204

Rawilpaß

138,

218

Nothorn,  Brienzer

193

Realp

160

Rotsee

194

Reben

63.  68.

69

Roveredo

159

Regenmenge

34

Rue

230

Regensberg

188

Rüeggisbcrg

215

Regcnsdorf

189

Rüfchegg

214

Rcgenverteilung

35

Ruswil

195

Reichenau

154

Rnti

85,

189

Reichenbach

212

Rütli

162

Reichcnbachfall

209

Reiben

196

Saane

227

Reinach

199

Saanen

75,

213

Reuchenette

41,

220

Saas  Fee

140

Reuh

38,

159

Saas  Grund

140

Rhein

38,

148

Saastal

140

Rheinau

190

Safiental

155

Rheineck

176

Sagne.  La

52,  86,

223

Rheinfall

47,

183

Saignelögier

220

Rheinfelden  45,

52,  67,

201

Saillon

53

Rhcinkorrektion

44

St,  Aubin

226

Rheintal,  St,  Galler

175

St,  Blaise

226

Rheinwald

155

St,  Cergues

236

Rheinwaldhorn

8,

155

Sie.  Croix

119,

232

Rhone

38.

41

St,  Gingolph

136

Rhonegletscher

14

St.  Inner

45,

220

Riburg

52,

201

St,  Maurice

45,

136

Richtcrswil

187

St,  Pierre

137

Ricken

173

St,  Triphon

53

Riddes

138

St.  Ursanne

221

Riehen

203

Salanfc

138

Rigi  19,  119.

165

Salenstcin

182

Rindviehzucht

73

Salsvc

2.

239

Riva

146

Salinen

52

Rochers  de  Nahe

237

Salvan

137

Rohstoffe

102,

103

Salz

52

Rofna

155

Samaden

157

Roqgwil

217

Sämbtisersee

177

Rolle

236

Samnaun

157

Romanisch

162

Sand

55
        <pb n="268" />
        Snndnlppaß

170

Schnebelhvrn

189

Sandstein

19.

54

Schneedecke

35

Sanctschpaß

138,

213

Schneegrenze

11

St.  Beatenberg

211

Schöftland

198

St.  Bernhard

137

Schokolade

93

St.  Gallen  (Kt.)

170

Schöllenen

160

(Ort)  35,  79,  82.

175

Schöncnwerd

206

St.  Immer

4b.

220

Schvtterfelder

21

St.  Jmmertal

105

Schrnttenfluh

193,

215

St.  Margarethen

176

Schreckhörner

209

St.  Moritz

56,  119,

157

Schuhfabriken

92

St.  Petersinsel

219

Schuls

56,

157

St.  Stephan

32

Schulwandkarte

246

San  Snlvatvre

146

Schupfen

217

Santa  Maria

159

Schüpfhcim

193

Säntis  7,  10.  34.

177

Schüß

41,

220

Sargans

48,

172

Schuttranspvrt

42

Sarnen

163

Schutzzölle

89

Sarnental

163

Schwanden

169

Sarraz,  La

234

Schwarzbubenland

206

Sattel

166

Schwarzenburg

214

Sanrenstock

173

Schwarzenegg

215

Eaolsse

138

Schwarzwasser

214

Saxon

138

Schwefelberg

57

Searltal

158

Schwefelquellen

57

Sccsaplana

154

Schweinezucht

75

Schächental

161

Schweizerhalle

52,  57.

204

Schaffhausen  (Kt.)

182

Schwyz  (Kt.)

164

(Ort)

2,

184

(Ort)

165

Schasmatte

204

Schynschlucht

156

Schafzucht

74.

90

Sedrun

155

Schanis

155

Seealpsee

177

Schanfigg

154

Sccbach

189

Schangnau

215

Seedorf

218

Schänniserberg

173

Seel  affe

54

Schatzalp

154

Seeland

52,

218

Schcidcgg,  Große

209

Seclisbcrg

17.

162

„  .  Kleine

211

Seen

40,

47

Schelten

127

„  ,  Entstehung

15

Schiefer

53

Seerücken

179

Schieferkohle

52

Seetal

195,

199

Schiers

164

Scez

172

Schindcllegi

166

Scgnespaß

170

Schinige  Platte

210

Seidenindustrie

77,

82

Schinznach

57,  118,

199

Seidenraupenzucht

83

Schlachtvieh

74,

102

Scitenmoräneu

13

Schleitheim

184

Sclbsanft

170
        <pb n="269" />
        262

Selzach

206

Spiez

46,  211

Scnlbrancher

137

Spinnerei

82

Sempach

195

Splügen

112,  156

Semsalcs

230

Spölbach

157

Sennhütten

11

Sprache

127

Sennwald

176

Stachclberg

57.  118,  170

Sense

214

Stüfa

187

Sentier,  Le

232

Staffelegg

201

Seon

199

Stalden

140

Septimer

156

Stammhcim

190

Scrneus

154

Stans

164

Sernftal
Serriöres

167

Stanserhorn

164

226

Stansstad

164

Schon

226

Staubbach

15,  210

Eiders  /
Sierre  \

34,  128,  138

Staublawinen
Stcckbvrn

12
182

Siegfriedkarte

241

Steffisbucg

214

Signau

215

Stein  (St.  G.)

174

Si'ariswil

211

Stein  (a.  Rh.)

184

Sihl

166

Steinzeit

120

Sihltal

187

Stickerei

77,  78,  79

Siibernalp

165

Strahlung

118

Silencn

161

Straßen

105

SilS

157

Straubenzell

175

Silbaplana

157

Strelapaß

154

Simme

212

Streuewiesen

73

Simmental

212

Stroh

66

Simpeln

1.  5,  140

Strvhflcchterei

91

Simplon  1,

109,  111,  140

Stromgebiete

38

Sisikan

162

Stromquellen

25

Sisfach

204

Stroinschncllcn

46

Sitten  (Sion)

138

Stufenmündung

15

Sitter

174

Stützstraße

154

Solothurn  (Kt.)

204

Südalpen

8

„  (Ort)

205

Südfrüchte

71

Svmmerregen

36

Suhr  (Fluß)

195

Somvix

156

„  (Ort)

198

Sonccboz

221

Sumiswald

216

Sonnenbcrg

119,  220

Surbtal

200

Sonvilier

220

Surpierre

230

Sopraceneri

146

Sursee

196

Sorne

221

Süs

157

Sottoceneri

146

Sustenhörner

161

Spütfrüste

70

Sustenpaß

161

Speer

19,  173

Speicher

179

Taüakiiidustrie

94

Spezialhandel

99

Tnb'at

175
        <pb n="270" />
        263

Tafeljura

24

Trogen

179

Täfers

230

Trub

216

Talbildung

6

Turbental

190

Talstufen

15

Tusy

45

Talwind

83

Twann

127,

219

Tamina

172

Tarasp

57,  118,

157

übcrlingersce

181

Taubenloch

24,

219

Übersichtskarte

246

Täuffelen

219

Überschwemmungen

42

Tavanncs

221

lletendurf

214

Tavetsch

155

Uetikon

187

Tellsknpelle

162,

166

Ufenau

167

Temperaturen

27

Uhrenindustrie  77,  86,

87

Terrassen

15

Ulrichen

141

Tcrritet

236

Umbrailstraße

159

Terzen

173

Unproduktiver  Boden

59

Tessin

1,  88,  39

142

Unterricht

65

TAe  de  Ran

223

Unterste

181

Tcusclsbrücke

160

Unterwalden

162

Teufen

179

Urgestein

5

Textilindustrie

90

Uri

159

Tbainqen

120,

184

Urirotstock

161

Thal  '

176

Urnäsch  (Alußl

174

Thalwi!

187

„  (Ort)

178

Thermen

56

Urnerbodcn

170

Tbiölc

233

Urnerloch

160

Thierachern

214

Urnersee

161

Thun

213

Urserental

169

Thunerstc

48,

211

Uster

180

Thur

174.

179

Uetliberg

187

Thurgau

82,

179

Utzenstorf

217

Thusis

155

Uznach

52,

173

Ticfcnkastel

156

Titlis

16  t

Val  Cluoza

158

Tödi

7,  112.

167

Val  d'Anniviers

138

Tvggenburg

173

Bai  de  Bagnes

137

Töpferei

56

Bal  d'Entremvnt

137

Torf

52

Bal  de  Ferret

137

Töß

190

Val  d'Hsrsmence

138

Trachselwald

216

Val  d'Hsrens

138

Tramelan

221

Ba!  d'Jlliez

136

Transitverkehr

113

Bal  de  Ruz

23,

224

Travers

224

Valengin

225

Traverstal

105,

223

Ballve  de  Joux

232

Tresa

147

Ballvrbe  45,

105,  232

Triengen

195

Vals

155

Trient

15,

137

Vanil  Nvir

227
        <pb n="271" />
        264

Vanx,  La

236

Venvge

284

Verkehrsabschnitte

112

„  Mittelpunkte

113

„  Wege

104

Vcrnuyaz

137

Verriöres

224

Verwitterung

4.  6

Berzasca

142,  145

Vevey  45,  74.  237

Biamala

155

Bicosoprano

15g

Viehzucht

73

Vierwaldstättersee

48,  162

Vignoble

225

Villars

238

Villencuve

54,  237

Bisp

13g

Bitznau  120,

166,  196

ViviZ

237

Volksdichte

2,  122

Bolkszuwachs

123

Boralpen

7

Vordcrrheintal

154

Vrin

155

Vufflens

235

Vully

231

Waadt

281

Wädenswil

70,  187

Wäggital

167

Wählern

214

Walchwil

191

Wald

63.  71

Wald  (Ort)

29,  190

Waldenburg

203

Waldgrenze

10

Walensee

48,  173

Walenstadt

173

Wallis

131

Walperswil

219

Walzenhausei!

179

Wangen

45,  217

Wärme

27

Waffen

161

Wasserfluh

23,  198

Wasserfuhren

133

Wasserkräfte

44,  78,  115

Wasserstand

88

Wattenwil

214

Wattwil

174

Weberei

82

Weggis

120,  166,  196

Weide

63,  72

Weinbau

68

Weinfelden

IM

Weißbad

178

Weißenstein

23.  119,  104

Weißhorn

8,  239

(Bern)

127

Weißmies

140

Weißtannental

173

Weizen

66,  102

Welschenrohr

206

Wengen  15,

17,  119,  210

Wengernalp

211

Werdenberg

176

Werkzeugfabriken

91

Wesen

173

Wcttcrhvrner

209

Wetterlagen

36

Wettingen

200

Wetzikon

189

Wiese  (Fluß)

203

Wiesen

63

Wigger

194,  198

Wil

174

Wildbäche

41

Wildbachoerbauung

43

Wildcgg

199

Wildhaus

174

Wildhorn

213

Wildkirchli

120,  178

Wildstrubel

211

Willisau

194

Wimmis

212

Winde

30

Windisch

200

Winterkurorte

119

Wintcrrcgen

35

Winterthur

85,  190

Wistcnlach

230

Wahlen  (Aarg.)

199

„  (Bern)

218
        <pb n="272" />
        Wohnfläche
Wolshalden
Wolhusen
Wolle
Wollindustrie
Worb
Wutach
Wynau
Wynen  165,
Dverdon
Avorne
Zäziwil
Zement  52,
Zermatt
Zernetz
Ziegenzucht
Zigarrensnbriken
Lihl

Zihlkana!

46,  12?

Zinal  Rothorn

4M

Zisternen

25

Zofingen

198

Zollfreie  Zone

239

Zollverträge

97

Zucker

68,  102

Zuckerrübenbau

62,  67

Zug  (ftl.)

191

„  (Ort)

192

Zugerberg

192

Zugersee

48,  191

Zuoz

157

Zürich  (Kt.)

184

„  (Ort)  29.

82,  83.  85,  186

Zürichberg

188

Zürichsee

48,  185

Zurzach

200

Zweilütschincn

210

Zwcisimmcn

119,  218

123
84
193
102
90
216
184
45
198
234
237
215
54
140
157
75
94
226
        <pb n="273" />
        W

Image  Engineering  Scan  Reference  Chart  TE263  Serial  No.,

P

03

245

ringeren  Zwischenräumen  verlaufen  müssen
szhraffen  länger  oder  kürzer  werden.  Lange
bedeuten  eine  schwache,  kurze  dagegen  eine
Neigung.  Je  kürzer  die  Schraffen,  desto  dicker
sie  ausgezogen,  und  desto  schmaler  werden
ißen  Zwischenräume  zwischen  den  einzelnen
n  belassen;  je  dunkler  der  Ton,  desto  steiler
schung.
Schraffenkarte  bietet  ein  plastisches  und
Etliches  Bild  der  Bodenformen,  gestattet  aber
nit  gleicher  Genauigkeit  und  Sicherheit  die
5  gsverhältnisse  abzulesen,  wie  das  Kurven  -
Schraffenkarten  der  Nachbarländer  nehmen
!  Verteilung  von  Licht  und  Schatten  eine
Ze  Beleuchtung  an.  Die  Dufour-Karte  verdie
  schiefe  Beleuchtung,  bei  der  man  sich,ZM^
nncnstrahten  unter  einem  Winkel  von  45  o
)rdwesten  her  einfallend  zu  denken  hat.  Für
yebirgsland,  dessen  Hauptzüge  von  8  W  nach
er  zu  der  Richtung  der  Strahlen  laufen,  schafft
jraffenmanier  mit  schiefer  Beleuchtung  von
-.:sten  her  ein  prachtvoll  plastisches  Bild.  Dem
der  starken  Reliefwirkung  stehen  zwei  Nachzenüber;
  die  sonnigen  Südostabhänge  erscheinkel
  und  unfreundlich,  die  schattigen  Nordden
  sind  beleuchtet;  infolge  der  Verteilung  von
nd  Schatten  rufen  die  Böschungen  der  Südden
  Eindruck  größerer  Steilheit  hervor  als
-  Nordwestseite.
Dufour-Karte  wurde  nach  den  Originalnen
  des  Topographischen  Atlas  hergestellt,
prünglich  nur  dazu  bestimmt  war,  mit  seinen
italkurven  als  Grundlage  für  die  Schraffenig
  zu  dienen,  und  erst  später  als  selbständiges
rschien.

Die  Generalkarte  der  Schweiz  G-»-raii»rt-
        <pb n="274" />
        ﻿
        <pb n="275" />
        ﻿
        <pb n="276" />
        ﻿
        <pb n="277" />
        ﻿
        <pb n="278" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
