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Gesellschaftslehre

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Bibliographic data

fullscreen: Gesellschaftslehre

Monograph

Identifikator:
178263682X
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-177433
Document type:
Monograph
Author:
Vierkandt, Alfred http://d-nb.info/gnd/118804472
Title:
Gesellschaftslehre
Edition:
2., völlig umgearb. Aufl
Place of publication:
Stuttgart
Publisher:
Enke
Year of publication:
1928
Scope:
XI, 484 Seiten
Digitisation:
2022
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
1. Kapitel. Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Gesellschaftslehre
  • Title page
  • Contents
  • 1. Kapitel. Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft
  • Zweites Kapitel. Die Abstufungen der Gesellschaft (Gemeinschaft und "Gesellschaft")
  • Drittes Kapitel. Die Gruppe
  • Viertes Kapitel. Die wichtigsten historischen Formen der Gruppe
  • Index

Full text

182 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
animalische Ich kommen verhältnismäßig selten vor. Für die meisten Fälle des 
angeblichen Egoismus gelten die schon einmal angeführten Worte Niegsches: „Die 
allermeisten, was sie auch von ihrem ‚Egoismus‘ denken und sagen mögen, tun troß- 
lem nichts für ihren Egoismus, sondern nur für das Phantom, welches sich in den 
Köpfen ihrer Umwelt über sie gebildet und sich ihnen mitgeteilt hat“ (Morgenröte 
Nr. 105). Hier kommt die innere Abhängigkeit auch des „egoistischen‘“ Menschen von 
ieiner Umgebung treffend zum Ausdruck. Kraft dieser Abhängigkeit hängt das Ge- 
leihen des Einzelnen überall von seinen Beziehungen zu seiner Umwelt ab — eine 
Tatsache, an der die populären Vorstellungen vom Egoismus zuschanden werden. An 
Stelle des Egoismus könnte man eher die Abhängigkeit des Einzelnen von seiner 
Umgebung für seine Grundeigenschaft erklären, die sein ganzes Verhalten bestimmt. 
In diesem Sinne hat man gesagt: Egoismus, in Schwäche geboren, ist die menschliche 
5rundeigenschaft (von Wieser, Macht und Recht S. 34), eine Formulierung, die 
freilich immer noch viel zu individualistisch ist. Unter Schwäche wäre dabei der 
Mangel jener atomistischen Grundverfassung des Menschen zu verstehen, wie sie die 
populäre Theorie des Egoismus annimmt. 
Umgekehrt sind Geselligkeitsdrang und Sittlichkeit im höheren Sinne wohl von- 
einander zu unterscheiden. Der Mensch geht unter Menschen und verlangt unter 
;:hnen zu leben, weil er nur auf diese Weise sein Wesen erfüllen kann genau in 
derselben Weise, wie er nach der falschen populären individualistischen Vorstellung 
sein Wesen dadurch erfüllt, daß er nur an sein isoliertes, nacktes Ich denkt. Er ahmt 
nach, verehrt und gehorcht aus demselben Drang seiner Natur, aus dem heraus er 
in anderen Zusammenhängen Verachtung und Schädigung spendet. Insbesondere 
ist auch jene impulsive Hilfswilligkeit und jenes triebhafte klettenmäßige Zusam- 
menhalten in den engen Gemeinschaftsverhältnissen nicht gleichbedeutend mit der aus 
bewußter Leitung des Willens geborenen sittlichen Hingabe der freien Persönlichkeit. 
Treffend sagt Baldwin von dem Kinde, das gegen den Schwächeren herrisch bis zur 
Grausamkit sein kann und dem Stärkeren gegenüber sich voll Willigkeit, Eifer und 
Liebe zeigt: „Das Kind ist nicht altruistisch in irgend einem höheren sozialen Sinne, 
aoch geht es mit Bewußtsein Anregungen nach, die eine Zurückdrängung seiner Selbst- 
sucht fordern. In Wirklichkeit lebt es sich einfach aus, und zwar auf ebenso natür- 
liche Weise wie bei Gelegenheit seiner scheinbaren Selbstsucht“ (Baldwin, Das so- 
ziale und sittliche Leben S: 17.) Als Gegenstück sei hier die Äußerung eines durch- 
aus naiven Beobachters angeführt. Sie bezieht sich auf die Wohnungsverhältnisse bei 
einem Papuastamm, bei dem Eltern oft mit ihren verheirateten Kindern, bisweilen 
auch zwei Familien unter einem Dache zusammenleben: „Dieses enge Zusammen- 
(eben stellt an die Verträglichkeit der Einzelnen große Ansprüche, und man muß sich 
wundern, daß der häusliche Friede verhältnismäßig gut gewahrt bleibt. Kommunis- 
mus, Bedürfnislosigkeit und das Abhängigkeitsgefühl des Geduldetseins mögen die 
Gründe hierfür hilden.“ (Neuhauss. Dentsch-Neugeuinea IL S. 208) 
3. Daß außerdem noch ein echter Instinkt der Gesellig- 
keit vorhanden ist, die erlebten Förderungen also diese nur weiter 
ausbilden und nicht etwa erst schaffen, haben wir bisher bereits still- 
schweigend vorausgeseßt. Zunächst läßt sich für die menschliche Gattung 
als Ganzes die Entstehung der Geselligkeit kaum anders erklären als 
durch die Annahme eines ursprünglichen Instinktes; denn die fördernde 
Wirkung mußte erst erlebt sein, ehe sie als Motiv zur Geltung kommen 
konnte. Aber auch für das gegenwärtige gesellschaftliche Leben kann
	        

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Gesellschaftslehre. Enke, 1928.
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