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Gesellschaftslehre

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Bibliographic data

fullscreen: Gesellschaftslehre

Monograph

Identifikator:
178263682X
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-177433
Document type:
Monograph
Author:
Vierkandt, Alfred http://d-nb.info/gnd/118804472
Title:
Gesellschaftslehre
Edition:
2., völlig umgearb. Aufl
Place of publication:
Stuttgart
Publisher:
Enke
Year of publication:
1928
Scope:
XI, 484 Seiten
Digitisation:
2022
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
1. Kapitel. Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Gesellschaftslehre
  • Title page
  • Contents
  • 1. Kapitel. Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft
  • Zweites Kapitel. Die Abstufungen der Gesellschaft (Gemeinschaft und "Gesellschaft")
  • Drittes Kapitel. Die Gruppe
  • Viertes Kapitel. Die wichtigsten historischen Formen der Gruppe
  • Index

Full text

Der Geselligkeitstrieb. 
187 
heisammen zu sein und die man zu fördern wünscht. Unter dem ero- 
tischen Trieb ist also mehr zu verstehen als die Geschlechtsliebe, falls 
man mit diesem Wort den Begriff der Liebe in dem früher ($ 8,,) er- 
örterten Sinn einer bloßen Gesinnung, also ohne einen Einschlag von 
Willenshaltungen meint. Denn dann bedeutet die Geschlechtsliebe nur 
eine besondere Form derjenigen Gesinnung, die in einer spezifisch ideali- 
sierenden Weise den Wertgehalt einer Person voll erfaßt und in ihrer Auf- 
fassung zur vollen Entfaltung bringt. Zu dieser Gesinnung tritt hier jedoch 
hinzu der Geselligkeitstrieb und der Hilfs- oder Pflegetrieb. Beim legteren 
hat man wesentlich auch an die wirtschaftliche Seite des Lebens zu 
denken, wie denn auf tieferen Kulturstufen die Verlobung gern mit der 
Darreichung von Nahrungsmitteln verbunden ist („die Liebe geht durch 
den Magen‘). Als einen besonderen Fall des Gemeinschaftsdranges be- 
trachtet, können wir den erotischen Trieb als dessen stärkste Form auf- 
fassen, und zwar richtet er sich nicht wie sonst durchweg jener Trieb auf 
ein überpersönliches Ganzes, d. h. eine Gruppe, sondern auf eine Per- 
son als solche. Der Drang eins zu sein ist hier besonders stark. Er 
zeigt sich anschaulich als Drang zum leiblichen Einssein — eine Form, 
die, wie wir sahen, überhaupt in naiveren Lebensformen vielfach ver- 
breitet ist entsprechend der Tatsache, daß alle menschlichen Anlagen 
von Haus aus psychophysischer Natur sind, also Leib und Seele in eins 
beherrschen. Der Sexualakt bedeutet in dieser Beziehung nur die Kul- 
mination einer durchgängigen Tendenz zum Einssein, redet aber als 
solcher eine besonders eindringliche Sprache. Ein französischer Roman 
deutet einmal den psychophysischen Charakter des Vereinigungsdranges 
bei der Beschreibung einer Szene treffend mit den Worten an: „Il lui 
sembla, que Maurice tout entier se coulait en elle et se repandit dans 
son sang.“ In begrifflicher Sprache meint Scheler Ähnliches, wenn er 
von dem liebeerfüllten Geschlechtsakt sagt, daß „beide Partner in 
einen Lebensstrom, der keines der individuellen Iche mehr gesondert 
in sich enthält. . ... zurückzutauchen meinen“). —— 
Der bloße Sexualinstinkt, losgelöst von allem anderen, betätigt sich bei uns an- 
nähernd rein in der Prostitution und anderen Augenblickserlebnissen. Das „Ver- 
hältnis“ dagegen ist schon vom erotischen Trieb beherrscht; allerdings zeigt dieser 
dabei nicht den Grad der Verinnerlichung und Verfeinerung wie die moderne auf 
persönlichen Beziehungen aufgebaute Ehe. Besonders in deren Vorspiel zeigt sich 
eine bekannte charakteristische Verfeinerung: eine Aufstauung des Sexualtriebes in 
Gestalt eines zarten und verehrungsvollen Verhaltens, das vor dem legten Schritt 
vorläufig zurückschreckt. Damit verglichen steht das erotische Verhältnis dem ein- 
fachen Sexualtrieb um ein gutes Stück näher. Hans Blüher hat einmal unter diesem 
Gesichtspunkt aus der Odvssee die verführerischen Gestalten der Kalypso und Kirke 
ı) Max Scheler Wesen und Formen der Symmathie. S. 925.
	        

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Gesellschaftslehre. Enke, 1928.
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