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Gesellschaftslehre

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Bibliographic data

fullscreen: Gesellschaftslehre

Monograph

Identifikator:
178263682X
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-177433
Document type:
Monograph
Author:
Vierkandt, Alfred http://d-nb.info/gnd/118804472
Title:
Gesellschaftslehre
Edition:
2., völlig umgearb. Aufl
Place of publication:
Stuttgart
Publisher:
Enke
Year of publication:
1928
Scope:
XI, 484 Seiten
Digitisation:
2022
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
Drittes Kapitel. Die Gruppe
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Gesellschaftslehre
  • Title page
  • Contents
  • 1. Kapitel. Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft
  • Zweites Kapitel. Die Abstufungen der Gesellschaft (Gemeinschaft und "Gesellschaft")
  • Drittes Kapitel. Die Gruppe
  • Viertes Kapitel. Die wichtigsten historischen Formen der Gruppe
  • Index

Full text

Der Lebensdrang der Gruppe. 
365 
8. Die Möglichkeit von Störungen des sozialen Gleichgewichts hängt 
eng zusammen mit der Eigenschaft der menschlichen Kultur zu variieren. Wo wir 
irgend einen Dauerzustand des organischen Lebens vor uns haben, muß dieser, 
nachdem er einmal entstanden ist, mit Notwendigkeit die Eigenschaft des Gleich- 
gewichts in sich enthalten, weil er eben sonst überhaupt nicht bestehen könnte. Wer- 
den aber die bisher befolgten und bewährten Bahnen verlassen, so schließtjeder 
Wandeldas Risiko in sich, daß er nicht wieder eine neue Bahn des Gleich- 
gewichts findet. In dieser Beziehung sind die tieferen Stufen der menschlichen Kultur 
(genauer: fast alle bisherigen Formen) vor unserer modernen Kultur bevorzugt: sie 
stehen ebensosehr unter dem Zeichen des Beharrens und des Willens zum Beharren, 
unter der Herrschaft der sogenannten traditionalistischen Gesinnung wie die unsrige 
unter dem Zeichen des Gegenteils, des fortgesetsten Wandels und des Antitraditiona- 
lismus. z = 
Charakteristisch ist in dieser Beziehung das Schicksal, das den primitiven Kul- 
turen mit Vorliebe bei der Berührung mit unserer europäischen widerfährt: entweder 
ist ein Niedergang und Verfall oder geradezu und zwar im Zusammenhang mit dem 
Wandel der physische Untergang, d.h. das Aussterben des Stammes das Schicksal: 
diese Gesittungen erliegen dem Risiko des plöglich von allen Seiten über sie herein- 
brechenden Wandels. Das Eindringen der europäischen Kultur bringt eine allgemeine 
Entwurzelung und Zersegung mit sich: die europäischen Waren dringen ein und zer- 
stören den Antrieb zur eigenen gewerblichen Tätigkeit und damit den Stil im Gewerbe 
und überhaupt alle die Seiten des Lebens, die mit ihr zusammenhängen. Ähnlich 
wird die einheimische Religion und die einheimische Kunst teilweise durch europäische 
Neubildungen ersegt, teilweise entwertet und aufgelöst. Hinzukommt ein vielfacher 
Verfall der Sitten, zum Teil durch die Einführung europäischer Gesege, insbesondere 
das Verbot der Selbsthilfe und ähnliches; die feste Organisation der Sippe und der 
Familie löst sich auf; das Stammesbewußtsein verfällt dem gleichen Schicksal; die 
bisherigen Motive der Solidarität sind vielfach zerstört ohne entsprechenden Ersag; 
eine allgemeine Atomisierung tritt an ihre Stelle und der ganze Gehalt des Lebens 
ist zerstört. 
Die bekannte Beharrungstendenz aller primitiven Kulturen erscheint 
uns in diesem Zusammenhang in einer anderen Beleuchtung als der üblichen; die 
Abneigung gegen Veränderungen des Bestehenden, der Haß gegen alle Neuerungen 
und Neuerungsversuche, der vielleicht auf einem besonderen Instinkt beruht, erschei- 
nen uns teleologisch begreiflich. Allerdings ist in solchen Verhältnissen die Möglich- 
keit eines Fortschritts sehr gering; und manche Quellen weisen ausdrücklich darauf 
hin, wie schwer begabte Persönlichkeiten, die auf einen solchen Wandel hindrängen 
könnten, es haben, sich zur Geltung zu bringen: aber das ist der Preis, mit dem die 
Sicherheit der Dauer des Stammes, soweit keine äußeren Mächte in Frage kommen, 
erkauft wird. — Jede Variation irgend einer einzelnen Seite einer Kultur birgt un- 
berechenbare Möglichkeiten in sich wegen des allgemeinen Zusammenhanges, der zwi- 
schen allen Seiten einer Kultur besteht: jede Variation auf einem Gebiete kann daher 
unberechenbare Folgen auf allen möglichen anderen mit sich führen. Eben wegen 
dieses Zusammenhangs sind daher tatsächlich ohne Gefährdung des Ganzen Variationen 
immer nur in ganz bestimmten Richtungen möglich. ‚Allen Neuerungsabsichten und 
Reformplänen sind dadurch viel engere Grenzen gesetöt, als man in der Regel an- 
nimmt. Jeder irgendwie tiefer greifende Wandel bedeutet nach dem Gesagten eine 
kritische Phase für eine Kultur. Und eine Kultur von antitraditionalistischem 
Charakter wie die unsrige, die aus dem Wandel nicht herauskommt, befindet sich in 
einer ununterbrochenen Kette von Krisen. Daß diese in der Regel fortgesetrtt über-
	        

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Gesellschaftslehre. Enke, 1928.
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