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Gesellschaftslehre

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Bibliographic data

fullscreen: Gesellschaftslehre

Monograph

Identifikator:
178263682X
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-177433
Document type:
Monograph
Author:
Vierkandt, Alfred http://d-nb.info/gnd/118804472
Title:
Gesellschaftslehre
Edition:
2., völlig umgearb. Aufl
Place of publication:
Stuttgart
Publisher:
Enke
Year of publication:
1928
Scope:
XI, 484 Seiten
Digitisation:
2022
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
1. Kapitel. Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Gesellschaftslehre
  • Title page
  • Contents
  • 1. Kapitel. Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft
  • Zweites Kapitel. Die Abstufungen der Gesellschaft (Gemeinschaft und "Gesellschaft")
  • Drittes Kapitel. Die Gruppe
  • Viertes Kapitel. Die wichtigsten historischen Formen der Gruppe
  • Index

Full text

50 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
Die Furcht ist ein außergesellschaftlicher Instinkt, ist aber eng hineinverschlun- 
gen in das Getriebe des gesellschaftlichen Lebens. Dadurch ergeben sich vielfach be- 
sondere Verwicklungen: es wird das gesellschaftliche Leben mit einem fremdartigen 
Bestandteil belastet. Der Ausgangspunkt dazu liegt in der Tatsache, daß dem ur- 
sprünglichen Impuls zur Flucht nicht stattgegeben werden kann. Die an ihrer Stelle 
eintretende Anpassung zwingt vielfach zu einer Art Verleugnung des inneren Zu- 
standes, der mit dem Affekt der Furcht beschwert ist. Es kann in dieser Anpassung 
der Keim der Heuchelei stecken!). Ebenso besteht die Gefahr, daß im Drange der 
Anpassungsnötigung die Furcht nicht abreagiert, sondern verdrängt wird. 
Furcht und Anpassung können sich freilich mit dem Unterordnungs- 
trieb verbinden. Überall, wo, wie bei uns, Herrschaftsverhältnisse vor- 
handen sind, ist diese Verbindung sogar die Regel. Eben dadurch wird 
die Einsicht in die Natur des Unterordnungstriebes so sehr erschwert, 
daß er gebührend erst in der jüngsten Zeit von der Wissenschaft ge- 
würdigt ist. Von jedem, der im Besig äußerer Macht ist, gehen auch 
Antriebe zur Anpassung aus; in vielen Fällen wird ferner durch seinen 
sinnlichen Eindruck auch die Furcht vor ihm erweckt; etwa durch seine 
Mienen und Züge, den Waffenschmuck oder Symbole der Zwangsgewalt 
wie Peitsche und Stock. Ob und wieweit der legtere Einfluß stattfindet, 
hängt von beiden Persönlichkeiten ab, der des Herrschenden wie der des 
Abhängigen; alle Schwäche- und Unsicherheitsgefühle begünstigen natür- 
lich das Auftreten der Furcht. Bei der Tatsache der Anpassung muß man 
übrigens wohl unterscheiden, ob sie sich wirklich auf andere Güter und 
Schädigungen bezieht oder auf die Anerkennung und Mißbilligung von 
seiten der verehrten Persönlichkeit: in legterem Fall betätigt sich gerade 
der Unterordnungstrieb, wogegen Anpassung im ersteren Sinne natürlich 
überall möglich ist, wo die führende oder herrschende Persönlichkeit zu- 
gleich über äußere Machtmittel verfügt. Man muß dabei aber im Urteil 
vorsichtig sein. Man denke z. B. an die bekannte Tatsache, daß Schüler 
einem verehrten Lehrer Gefälligkeiten zu erweisen förmlich wetteifern. 
Wer einen solchen Vorgang gleichsam nur von außen betrachtet, der kann 
zweifeln, ob dabei äußere Rücksichten oder rein innere Antriebe maß- 
gebend sind; wer sich aber einfühlt oder an verwandte eigene Erlebnisse 
denkt, für den ist es klar, daß der Unterordnungstrieb schon allein zur 
Erklärung genügt. — Die klarste Einsicht in den Sachverhalt gewähren 
uns Zustände, die von äußeren Machtmitteln überhaupt frei sind. Man 
könnte dabei an die Atmosphäre von Ehrfurcht denken, von der große 
Persönlichkeiten auch da umgeben sind, wo ihnen keine äußeren Macht- 
mittel oder solche nicht mehr zur Verfügung stehen; vielleicht könnte 
man hier jedoch einwenden, daß mit der Möglichkeit eines Überstrahlens 
der Verhaltungsweise von solchen Fällen her zu rechnen ist, bei denen 
äußere Machtmittel mitsprachen. Ein gutes Beispiel bilden jedenfalls die 
1) Heinz Werner, Der Ursprung der Metapher, Leipzig 1919. S. 49
	        

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Gesellschaftslehre. Enke, 1928.
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