Object: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

378 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [836 
Norwegen hat 1894 eine allgemeine Staatsanstalt mit Zwangsbeitritt für die gewerb⸗ 
che Unfallversicherung eingesührt; ebenso Finnland 1808. Frankreich hat die Unfall⸗ 
zwangsversicherung wenigstens für Seeleute bei einer Staatsanstalt angeordnet (1808), 
wie Belgien schon 1868 die für Bergleute. Im übrigen haben die meisten europäischen 
Staaten daran festgehalten, die Hastpflicht gewifser Unternehmerkreise für gewisse Be—⸗ 
triebsunfälle zu verschärfen und gewisse Garantien dafür zu schaffen, daß der verunglückte 
Arbeiter eine mäßige Entschädigung erhalte. 
England hat durch das Gesetz vom 7. September 1880 die gewerblichen Unter— 
nehmer für die Beschaffenheit der Maschinen und Nachlässigkeit der Auffeher haftbar 
gemacht, es hat damit die rechtliche Ungeheuerlichkeit, den Arbeiter schlechter als Dritte 
zu stellen (weil er das Risiko kenne und übernommen habe) nur etwas abgeschwächt; 
überdies schlossen viele große Unternehmer mit ihren Arbeitern Verträge, daß sie auf die 
Ansprüche aus dem Gesetz zu verzichten hätten (contracting out). Nach parlamentarischen 
Verhandlungen von 1893-1897 brachte Chamberlain den sogenannten Compensation Act 
zu stande, der 1900 auf die Landwirischafi ausgedehnt wurde: der Unternehmer haftet 
darnach für die Betriebsunfälle, die über zwei Wochen Lohnverlust bedeuten und nicht 
vorsätzlich oder durch grobes Mißverhalten herbeigeführt sind; im Todesfall zahlt er 
150-800 4, im Berletzungsfall die Hälfte des Lohns, höchstens 14 wöchentlich; 
vertragsmäßige Ausschließung dieser Bestimmungen durch Vertrag ist nur noch mit Zu— 
stimmung des ersten Registerbeamten erlaubt; er wird sie nur geben, wo gemeinsame Kassen 
mindestens dasselbe bieten. Von den Wohlthaten der deutschen Institution ist diese Ord⸗ 
nung noch weit entfernt; Chamberlain soll sie auch nur als Ubergang zu einer der 
deutschen gleichen betrachten. Auch in Frankreich hat die Majorität der Deputierten— 
kammer die Unfallzwangsversicherung gegen den anm bisherigen Zustand festhaltenden 
Senat nicht durchsetzen können. Aber das Gesetz vom 9. April 1898 macht die ge⸗ 
werblichen Unternehmer und die landwirtschaftlichen Motorenbetriebe (Gesetz von 1899), 
für den sogenannten risque professionel gegenüber ihren Arbeitern und Betriebsbeamten 
haftbar; die Forderungen der Beschäftigten sind sichergestellt durch im Konkurs ein— 
tretende Bevorzugung und durch eine subsidiäre Bürgschaft des Staates; den Zwang zur 
Verficherung bei den bestehenden Aktiengesellschaften spricht das Gesetz nicht aus, aber 
der Staat kontrolliert in scharfer Weise (durch Sicherheitsbestellung) alle Privatversiche— 
rung, alle Gegenseitigkeitsgesellschaften und Garantieverbände. In Italien hat man 
nach allerlei Experimenten von 1879—18898 endlich durch ein Gesetz vom 17. März 
1898 die gewerblichen Unternehmer gezwungen, ihre Arbeiter gegen Unfall zu versichern, 
läßt ihnen aber die Wahl, ob sie das bei einer ftaatlichen (seit 1888 bestehenden) oder 
bei anderen Verficherungsanstalten thun wollen. Ähnlich lautet das holländische Gesetz 
vom 2. Januar 1901. Das dänische Gesetz vom 7. Januar 1898 ist ein erweitertes 
Haftpflichtgefetz für gewerbliche Unfälle, ebenso das spanische vom 80. Januar 1900. 
Weitere Gesetzentwürfe schweben in Belgien, Rußland, Luxemburg und anderwaͤrts. 
In Bezug auf die Altexs- und Invalidenversicherung hat man bis jetzt 
Abschließendes außerhalb Deutschlands kaum erreicht. Dänemark ist 1891 zu einer durch 
Gemeinden und Staat zu tragenden allgemeinen Altersunterstützung gekommen, welche aber 
der Armenpflege sehr nahe steht. In England und Frankreich wird jedoch der Kampf 
für die Zwangsaltersverficherung energisch geführt: im englischen Parlamente wurde 
schon 1885 eine Prüfungskommission eingesetzt; Charles Booth, Chamberlain und andere 
haben ernsthafte Vorschläge gemacht. In Frankreich spielt die Frage bei den Wahlen 
neuerdings eine Hauptrolle, jede Regierung muß sich mit ihr beschäftigen; es fragt sich 
nur, wie lange der Widerstand der alten Schule und des Senats noch vorhält. Auch 
in Australien scheint die allgemeine Altersversicherung in mehreren Staaten nahe Aus— 
sicht auf Verwirklichung zu haben. 
Vielleicht noch lehrreicher als diese fummarischen Mitteilungen dürfte es zum 
Schluß sein, kurz die zwei großen A. B.⸗-Gesetzgebungswerke in der Schweiz und in Schweden 
im Umrisse kennen zu lernen.
	        
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