Object: Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde

Sechste Abtlieiluiig. 
Allgemein menschliche Verhältnisse. 
Wir haben bisher zunächst von rein staatlichen oder wirth- 
schaftlichen Zuständen gesprochen; es sei uns vergönnt, in einer 
letzten Abtheilung, gleichsam einem Anhänge, auch Einiges über all 
gemeine, rein menschliche Verhältnisse beizufügen. 
Es ist unverkennbar, dass die Materialien für Lösung der grossen 
» socialen Frage « noch lange nicht genügend gesammelt, noch weniger 
in allen ihren Beziehungen gesichtet und geordnet sind. Insbesondere 
hat die politische Arithmetik erst begonnen, ihre Aufgabe in dieser Rich 
tung nur zu erkennen. Kaum ist ein Anfang gemacht, die Lösung der 
selben in einzelnen Theilen zu versuchen. Obwol aber die erlangten 
Resultate verhältnissmässig erst wenige Punkte der wichtigen Frage 
umfassen, und selbst in dieser Beziehung nur auf annähernde, nicht auf 
absolute Richtigkeit Anspruch machen können, so erweisen sich doch 
schon diese Ergebnisse vielfach als überraschend, und dermassen 
praktisch wichtig, dass sie die Aufmerksamkeit jedes denkenden Men 
schen in Anspruch nehmen müssen.*) 
Sterblichkeitsherechnungen im Allgemeinen. Als im 17. Jahrhun 
derte, zunächst durch die Hazardspiele, — die Wahrscheinlichkeits 
rechnungen etwas entwickelt wurden, brachte ein Blick auf die Geburts- 
und Sterblisten der Stadt Breslau den genialen Halley, den Berechner 
der Wiederkehr des nach ihm benannten Kometen, im Jahre KiiKl auf 
den Gedanken, die Methode dieser Rechnung auch auf die Dauer des 
menschlichen Lebens anzuwenden, — freilich, wie man nach dem Titel 
der ersten Abhandlung Halley’s über diesen Gegenstand annehmen muss, 
zunächst nur, um ein neues Feld für die Glücksspiele zu eröffnen ! Ihm, 
wie später Déparcieux, kam es hauptsächlich auf die genauere Berech 
nung von Renten und Tontinen an. Der Deutsche Süssmilch ist es, 
*) Es ist eine treffende Bemerkung des viel verdienten Dr. Engel : »Das 
durch die Individuen des Volks repräsentirte Capital ist bei weitem das be 
trächtlichste im Staate ; und das in der lebenden Generation ruhende Erzie- 
hungscapital übersteigt weit die Summe aller übrigen Capitalien. Jede Ver 
kümmerung der physischen Beschaffenheit der Bevölkerung, der hätte ent- 
gegengewiÄt werden können, ist eine Verschwendung des edelsten Capitals, 
der Intelligenz und der physischen Kraft der Bevölkerung, und kommt einer 
absoluten Capitals Vergeudung gleich.« 
Sehr wahr bemerkt auch Wappäus (»Allgem. Bevölkerungsstatistik«): 
»Wie viel Hoffnungen, wie viel Glück werden begraben mit einem frühzeitigen 
Tode? Eine allmählige Annäherung an das Ideal (der grössten iiatürl. Lebens 
dauer) liegt nicht ausserhalb des Bereichs des menschl. Strebens. Jeder wahre 
Fortschritt einer Nation in Sittlichkeit, Wissenschaft und Kunst bringt sie 
ihm näher, denn eine grosse Zahl der nicht natürlichen Todesursachen sind 
Wirkungen negativer Culturzustände.«
	        
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