Neue Dichtung.
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Text der homerischen Gedichte weit von der klassischen Fassung
abweiche, die von den alexandrinischen Gelehrten festgestellt
worden war. Dieses Ergebnis aber veranlaßte ihn dann,
Herders Ideengängen folgend, die Gedichte auf ihren inneren
Zusammenhang zu prüfen: und hier entwickelte er, in der Aus—
gabe der „Ilias“ und in den „Prolegomena“ der Jahre 1794
und 1795, jene Hypothesen über die Entstehung der homerischen
Gedichte als einer Volksschöpfung, deren fortwirkende Wellen⸗
kreise noch heute die Forschung bewegen.
Was war nun mit diesen Studien erreicht? Auf eines
der wichtigsten Literaturdenkmale der Griechen — auf das—
jenige, das der Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts viel⸗
leicht als das unbedingt wichtigste erschien — war eine
Betrachtungsweise angewendet, die es in den Fluß der Zeiten,
in den Verlauf der griechischen Geistesentwicklung stellte. Da
konnte denn zunächst die Anwendung der neuen Methode auf
andere Literaturdenkmäler nicht ausbleiben. Vor allem aber:
in die Philologie war damit die geschichtliche Auffassungsweise
überhaupt und grundsätzlich eingeführt: erlöst war sie aus den
engen Schranken einer bloßen Interpretationskunst, hin strebte
sie nach dem neuen Ideale, das Geistesleben der antiken Welt
von genetischem Standpunkte aus zu begreifen: und Wolf
selbst noch hat in seiner Darstellung der Altertumswissenschaft
vom Jahre 1807 dies neue Ideal eingehender umschrieben und
vertreten.
Indes lange bevor sich die Philologie dem höheren Stand—
punkte einer geschichtlichen Betrachtung der Alten näherte,
war diese Betrachtung schon in einer echt historischen Wissen⸗
schaft durchgeführt worden, in der Kunstgeschichte. Hier erwies
sich für Deutschland Winckelmanns „Geschichte der Kunst des
Altertums“, im Jahre 1764 erschienen, als schlechthin revolutio⸗
nierend; und Goethe konnte ihrem Verfasser den stolzen
Lebensepilog schreiben: „Winckelmann, ein zweiter Kolumbus,
hat die Entwicklung und das Schicksal der Kunst als an die
allgemeinen Gesetze aller Entwicklungen gebunden, in ihrem
Sinken und Steigen mit der Kultur und den Schicksalen des
Lamprecht. Deutsche Geschichte. VIII. 2. 32