Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

76

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

winnes;  indem  sie  von  den  verderblichen  Folgen  des  Vorteils,  den
sie  selbst  ziehen,  schweigen,  klagen  sie  desto  lauter  über  die  Vorteile ­
  anderer  Leute 1 ).  Der  Unterschied  ist  bezeichnend,  vielleicht  ist
er  noch  stärker  in  dem  Satze,  den  man  eigentümlicherweise  nur
selten  von  den  Urhebern  der  Arbeitsgesetzgebung  angeführt  sieht:
„So  oft  die  Gesetzgebung  sich  dazu  herläßt,  die  Differenzen  zwischen  den
Meistern  und  ihren  Arbeitern  auszugleichen,  sind  immer  die  Meister
ihre  Eatgeber.  Fällt  die  Bestimmung  zugunsten  der  Arbeiter  aus,
so  ist  sie  immer  gerecht  und  billig;  wird  sie  aber  zugunsten  der
Meister  gegeben,  so  ist  sie  das  manchmal  nicht 2 ).
Dies  war  durchaus  nicht  der  Ton  der  Mehrzahl  der  Schriftsteller ­
  seiner  Zeit;*es  war  durchaus  nicht  der  Ton,  den  50  Jahre
später  die  patentierten  Verteidiger  des  Industriesystems,  die
MacCulloch,  Ube,  Bakbagb  anschlugen.  Man  fühlt  bei  ihm  eher
den  Hauch  jenes  warmherzigen  Mitleids,  das  später  einen  Lord
Shaftesbuey  oder  einen  Macaulay  beseelte,  die  die  Urheber  der
y*
Fabrikgesetzgebung  in  England  waren.
Smith  ist  daher  nicht  ein  Vorläufer  des  entstehenden  Industrialismus. ­
  Mit  allen  Fibern  seines  Wesens  hängt  er  im  Gegenteil ­
  an  der  Landwirtschaft  und  versäumt  keine  Gelegenheit  seine  Vorliebe ­
  zu  zeigen.  Die  Landwirtschaft  ist  eine  viel  schwierigere  Beschäftigung ­
  als  irgendein  industrielles  Unternehmen:  „und  doch  gibt
es  nächst  den  schönen  Künsten  und  freien  Berufsarten  vielleicht  kein
Gewerbe,  das  eine  solche  Mannigfaltigkeit  von  Kenntnissen  und  Erfahrungen ­
  voraussetzt“  3 )  —  sie  ist  nicht  nur  schwieriger  sondern  sie
ist  auch  nützlicher.  Er  zieht  zwischen  der  Landwirtschaft,  den
Manufakturunternehmungen  und  dem  Handel  einen  langen  Vergleich
(auf  den  wir  zurückkommen  werden),  und  aus  dem  sich  ergibt,
daß  für  die  Kapitalien  eines  Landes  die  Landwirtschaft  unter  allen
Verwendungsarten  die  vorteilhafteste  ist,  die  am  meisten  mit  den
allgemeinen  Interessen  übereinstimmt.
Der  „natürliche  Lauf  der  Dinge“  würde  für  die  aufwärtsstrebenden
Völker  darin  bestehen,  ihr  Kapital  erst  in  der  Landwirtschaft,  dann
in  der  Industrie  und  erst  zum  Schluß  im  Außenhandel  anzulegen.
Das  ganze  dritte  Buch  seines  Werkes  füllt  Smith  mit  Beweisen  an,
um  zu  zeigen,  wie  die  Politik  der  europäischen  Völker  seit  langen
Jahrhunderten  zu  ihrem  eigenen  Schaden  „diesen  natürlichen  Lauf“
durch  der  Landwirtschaft  feindliche  Maßnahmen  gehemmt  hat,  die
mehr  dem  Interesse  der  Händler  und  der  Handwerker  dienten.  So
*)  Völkerreichtum  I,  S.  66,  B.  I,  Kap.  IX  am  Ende.
2 )  Völkerreichtum  I,  S.  83,  B.  I,  Kap.  X,  Teil  2.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  74,  B.  I,  Kap.  X,  Teil  2.  Die  ganze  Stelle  ist  in
ihrem  Lob  der  Grundbesitzer  und  Pächter  merkwürdig.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.