Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

sogar  kaum  begriffen  sind.  Am  Tage  aber,  der  den  vollkommenen
Zustand  sieht,  werden  sie  die  Übel,  die  sie  vorübergehend  geschaffen
haben,  heilen 1 ).  Das  alte  Bild  von  der  Lanze  des  Achilles,  die
die  von  ihr  verursachten  Wunden  wieder  heilte,  ist  hier  nicht  zu
vermeiden.  Späterhin  treten  andere  Individualisten  auf,  die  mit
Herbert  Spencer  sagen  werden,  daß  dieser  Interessenkonfiikt  der
Individuen  nicht  nur  in  Übereinstimmung  mit  den  allgemeinen  Interessen ­
  der  Gesellschaft  ist,  sondern  daß  auf  ihm  aller  Fortschrittberuht, ­
  weil  er  die  Unfähigen  dazu  zwingt,  den  Fähigeren  den  Platz
zu  räumen.
2.  .Das  Gesetz  der  freien  Konkurrenz.  1  Wenn  man  zugibt,
daß  jede  Person  ihren  eigenen  Vorteil  am  besten  beurteilen  kann,
so  kann  man  selbstverständlich  nichts  besseres  tun,  als  es  jedem  zu
überlassen,  seinen  Weg  zu  finden.  Der  Individualismus  schließt  daher ­
  die  Freiheit  ein,  und  so  ist  die  individualistische  Schule  auch
ganz  richtig  mit  dem  Namen  liberale  Schule  bezeichnet  worden.
Diese  zweite  Benennung  ist  sogar  genauer  als  die  andere.  Sie  ist
die  einzige,  die  die  französische  Schule  anzunehmen  erklärt,  indem
sie  energisch  alle  anderen  zurückweist,  wie:  individualistisch,  orthodox
oder  sogar  klassisch 2 ).
0  Das  ist  es,  was  Stuart  Mill  verspricht:  „Es  ist  der  unvollkommene
Zustand  der  sozialen  Einrichtungen,  der  es  bedingt,  daß  das  beste  Mittel,
dem  Glück  anderer  zu  dienen,  darin  besteht,  sein  eigenes  zu  opfern.“  (Utilitarisme,
S.  30)  —  und  sollte  man  nicht  hinzufügen,  da  die  beiden  Sätze  sich  notwendigerweise
ergänzen,  daß  heute  das  beste  Mittel,  seinem  eigenen  Glück  zu  dienen,  darin  besteht,
das  der  anderen  zu  opfern?  Doch  Geduld!  „Die  fortschreitende  Entwicklung  der
menschlichen  Vernunft  wird  bei  allen  Einzelwesen  ein  Gefühl  der  Einheit  mit  allen
anderen  erzeugen,  ein  Gefühl,  das,  wenn  es  zu  seiner  Vollkommenheit  gelangt  ist,  dem
Individuum  nicht  mehr  gestatten  wird,  irgendeine  Verbesserung  seiner  Lage  anzu-Istreben,
  an  der  nicht  auch  alle  anderen  teilhaben.“  —  Der  so  aufgefaßte  Individualismus ­
  ist  eher  das,  was  wir  heute  unter  Solidarismus  verstehen  und  zwar  in  seinem
transzendentesten  Ausdruck.
2 )  Die  Darlegung  der  Unterschiede  zwischen  der  klassischen,  der  individualistischen, ­
  der  liberalen  und  der  optimistischen  Schule  zu  verlangen,
ist  eine  Bxamensfrage.  Obgleich  diese  Frage  uns  recht  schulmeisterhaft  erscheint,
kann  man  doch  folgendes  antworten:
a)  Die  individualistische  Schule,  im  schlechten  Sinne  des  Wortes,  ist
die,  deren  Lehre  den  Egoismus  zur  einzigen  Richtschnur  unserer  Handlungen  macht,
die  das  „ein  jeder  für  sich“  zum  absoluten  Prinzip  der  Lebensführung  erhebt.
SelbstversfaMHcIT  will  sich  aber  keine  Schule  in  dieser  Definition  wieder  erkennen;
in  Wirklichkeit  verhindert  auch  die  Existenz  der  wirtschaftlichen  Beziehungen,  wie
des  Tausches,  der  Arbeitsteilung  usw.,  die  Möglichkeit  eines  Zustandes,  in  dem  jeder
Mensch  nur  für  sich  lebt.
Die  individualistische  Schule,  im  weitesten  Sinne  dieses  Wortes,  lehrt,  daß
das  Wohl  des  Individuums  der  einzige  Zweck  aller  Tätigkeit  und
Wirtschaftspolitik  sein  muß.  Nun  will  das  nicht  viel  sagen,  denn  es  ist
klar,  daß  auch  die  Sozialisten  und  sogar  die  Kommunisten-  keinen  anderen  Zweck
            
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