408
Drittes Buch. Der Liberalismus.
Bevölkerung ist das geringste in Europa“, und hält dieses Resultat
für außerordentlich ermutigend.
Um dieses schreckliche Gesetz zu bekämpfen, geht er sogar so
weit, das Prinzip, das er sonst überall verteidigt, das der Freiheit,,
zu opfern. Er verlangt nämlich, daß das Gesetz ausdrücklich die
Ehe zwischen Armen verbiete 1 ); wir wissen, daß Malthds sich ent
schieden hiergegen ausgesprochen hatte. Nicht in seinen „Prinzipien“,
sondern gerade in dem Buche, das den Titel die Freiheit trägt,,
verlangt Stuaet Mill diesen entsetzlichen Zwang!
Allerdings hat er dieses letztere Buch teilweise zusammen mit
seiner Frau geschrieben.
4.' Bas Gesetz des Angebotes und der Nachfrage. — Dieses
Gesetz bestimmt den Wert eines jeden Erzeugnisses und auch den
der produktiven Dienste: Arbeit, Kapital und Boden. Gewöhnlich
wird es in folgender Weise formuliert: der Preis schwankt im
gleichen Verhältnis zur Nachfrage und im umgekehrten Verhältnis
zum Angebot. Es ist einer der bedeutsamsten Beiträge Stuaet
Mill’s, nachgewiesen zn haben, daß diese Formel unter ihrer an
scheinend mathematischen Genauigkeit nur auf einen Circulus viciosus
hinausläuft. Wenn nämlich das Angebot und die Nachfrage den Preis
schwanken lassen, so läßt wieder umgekehrt der Preis Angebot und
Nachfrage schwanken. Mill berichtigt es daher, indem er sagt, daß-
der Preis sich auf ein solches Niveau einstellt, daß die angebotenen
und nachgefragten Mengen gleich werden, und die Preisschwankungen
haben gerade die Wirkung, diese Übereinstimmung herbeizuführen,
ebenso wie die Schwingungen des Balkens an der Wage nach der
Gleichgewichtslage streben 2 ). Hierdurch gibt Stuaet Mill dem Ge
setz des -Angebots und der Nachfrage nicht nur eine Wissenschaft-
0 „Die Gesetze, die in einer großen Anzahl Staaten des Kontinents die Ehe
verbieten, wenn die Parteien nicht nachweisen können, daß sie imstande sind, eine-
Familie zu ernähren, überschreiten nicht die berechtigte Macht des Staates . . .
Man kann ihnen nicht vorwerfen, die Freiheit zu beschränken (Libert)', S. 19B
der franz. Übers, von Dupont-White).
Dagegen betrachtet es aber Mill als eine Verletzung der Freiheit, wenn die-
Zahl der Kneipen durch ein Gesetz begrenzt wird, weil das hieße, die Arbeiter wie
Kinder zu behandeln! (Ebenda, S. 186.)
2 ) „Das Steigen und Fallen der Preise findet so lange statt, bis das Angebot
und die Nachfrage einander genau gleich sind, und der Wert einer Ware auf dem
Markte ist kein anderer als der, der auf diesem Markte eine genügende Nachfrage
bestimmt, um alle angebotenen Mengen aufzunehmen“ (Principles, Bd. I, II,
Kap. 2, § 1.)
Vor Stuart Mill hatte schon Cournot die Formel des Gesetzes vom Angebot
und Nachfrage in seinen liecherohes sur les principes mathematique»
de la theorie des richesses (1838) kritisiert; es ist aber nicht wahrscheinlich,
daß Stuaet Mill dieses Buch gekannt hat.