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Drittes Buch. Der Liberalismus.
französischen Gedanken zuzuschreiben ist 1 ). Man könnte ein ganzes
, und recht interessantes Buch schreiben, um diesen Nachweis zu führen.
Ohne von dem Einfluß der Philosophie A. Comte’s zu sprechen, auf
den er bei jeder Gelegenheit hinweist, und um nur auf national-
ökonomischen Boden zu bleiben, hat er selbst anerkannt, daß er den
Saint-Simonisten einen großen Teil seiner Lehre über das Erbrecht
und das arbeitslose Einkommen verdankt, Sismondi seine Sympathie
für den kleinbäuerlichen Besitz, und den Assozialisten von 1848
seinen Glauben an die Kooperativ-Genossenschaften als Ersatz des
Lohnsystems.
Dies soll durchaus nicht heißen, daß Stuart Mill sich zum
Sozialismus bekehrt habe. Freilich weiß er ihn gegen unverdiente
Anschuldigungen zu verteidigen. Denen, die ihm vorwerfen, jede
persönliche Initiative und alle Freiheit vernichten zu wollen, ant
wortete er verächtlich, daß „der Lohnempfänger der Fabrik heute
weniger persönliches Interesse an seiner Arbeit habe, als irgendein
Mitglied einer kommunistischen Genossenschaft“, und daß „aller
Zwang des Kommunismus als eine Erlösung gegenüber der heutigen
Lage der Mehrheit des Menschengeschlechtes wirken würde“ 2 ). Wenn
er zugibt, daß „schon heute der Kommunismus von einer Elite von
Menschen verwirklicht werden könne, und daß dies später von allen
getan werden kann“ 3 ), und wenn er der Hoffnung Ausdruck gibt,
daß eines Tages „die Erziehung, die Sitte und die Kultur der Ge
fühle den Menschen dazu bringen werden, für sein Vaterland eben
sogut den Boden umzugraben oder Leinewand zu weben, wie er
heute für sein Vaterland kämpft“ — so scheidet er sich doch nichts
destoweniger vom Sozialismus, da er die Notwendigkeit der freien
Konkurrenz aufrecht erhält und mit Energie jeden Zwang der
Mehrheit hinsichtlich der wesentlichen Rechte des Individuums-
zurückweist.
Der erste Schlag, den er gegen die klassische Doktrin führt,
besteht darin, daß er ihre Grundlage, den Glauben an allgemeine und
ewige, natürliche Gesetze untergräbt. Er geht nicht soweit, zu be
haupten, wie es später die historische Schule und der Marxismus tun,
daß diese angeblichen natürlichen Gesetze nichts weiter sind, als
Ausdrücke von Beziehungen, die einem gewissen Zustande der wirt
schaftlichen Geschichte eigentümlich sind und mit ihm sich ändern
Wir erinnern daran, daß Stuakt Mill sich verschiedentlich längere Zeit in
'Frankreich aufgehalten hat und dort sogar sein Leben beschloß. Er hat einen Auf
satz geschrieben, um die Revolution von 1848 zu verteidigen, der von Sadi Caknot-
ins Französische übersetzt worden ist und als Buch veröffentlicht wurde.
2 ) Principles, B. II, Kap. 1.
3 ) Gouvernement representatif, S. 21.