Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

zu  erklären  oder  als  Führer  in  den  neuen  Problemen  der  Praxis
zu  dienen,  die  die  Entwicklung  der  Industrie  alle  Tage  dem  Staatsmanne ­
  stellt.  Aber  die  unmittelbaren  Schüler  Ricaedo’s  und  Say’s,
in  England  und  auf  dem  Kontinent,  Mac  Culloch,  Senioe,  Stoech,
Eau,  Gaeniee 1 ),  Rossi  fahren  fort,  sie  zu  wiederholen,  ohne  etwas
von  Bedeutung  hinzuzufügen.  So  ist  die  Ökonomie  unter  ihren  Händen
zu  einem  Gebilde  ziemlich  farbloser  Lehrsätze  ein  getrocknet,  deren
Verbindung  mit  den  konkreten  wirtschaftlichen  Leben  immer  weniger
klar  hervortritt,  je  weiter  man  sich  von  ihrem  Ursprungsland  entfernt. ­
  Allerdings  könnte  man  Stuaet  Mill  hiervon  ausnehmen.
Sein  Buch  datiert  aber  erst  von  1848  und  damals  war  die
historische  Schule  schon  geboren.  Seit  A.  Smith,  dessen  Werk  so
vielseitig  und  anregend  ist,  scheint  die  Nationalökonomie  nach  einem
Wort  Sohmollee’s  an  einer  Art  von  Bleichsucht  zu  leiden 2 ).
Dieser  Eindruck  wird  von  Aenold  Totnbbe  in  einem  Artikel
über  die  alte  Nationalökonomie  sehr  gut  wiedergegeben.  „Ein
künstliches  Gebilde  der  Logik“,  schreibt  er,  „wird  das  offizielle
Gesicht  der  wirklichen  Welt.  Nicht  daß  Ricaeuo  selbst,  der  ein
wohlwollender  und  guter  Mann  war,  gewünscht,  oder  wenn  er  sich
die  Frage  vorgelegt  hätte,  vermutet  hätte,  die  Welt  seiner  „Grundzüge“ ­
  sei  die  Welt  in  der  er  lebte;  aber  unwillkürlich  nahm  er  die
Gewohnheit  an,  die  Gesetze,  die  nur  für  die  von  ihm  in  seinem
Arbeitszimmer  im  Hinblick  auf  die  wissenschaftliche  Analyse  geschaffene
Gesellschaft  wahr  sind,  auf  die  komplizierte  Gesellschaft  anzuwenden,
die  um  ihn  lebte  und  webte.  Diese  Verwirrung  wird  von  einigen
seiner  Nachfolger  vermehrt,  und  in  den  schlecht  informierten,  volkstümlichen ­
  Darlegungen,  die  man  von  seiner  Lehre  gab,  noch  verstärkt“ ­
  s ).  Mit  anderen  Worten,  die  Kluft  zwischen  der  wirtschaftlichen ­
  Theorie  und  der  konkreten  Wirklichkeit  tritt  immer  deutlicher
zutage.  Diese  Spaltung  wächst  mit  der  Umwandlung  der  Industrie
mehr  und  mehr,  da  unvorhergesehene  Probleme  auftreten,  neue  soziale
Klassen  entstehen,  und  die  Industrie  auf  Länder  übergreift,  deren
wirtschaftliche  Verhältnisse  zuweilen  sehr  verschieden  von  denen
sind,  die  in  Frankreich  und  in  England  die  Gedankengänge  der
Gründer  hervorgerufen  hatten.
!)  Joseph  Garnier  (der  nicht  mit  Gbrmain  Garnier,  den  Übersetzer  A.  Smith’s,
verwechselt  werden  darf)  veröffentlichte  1845  die  erste  Ausgabe  seiner  Elements
d’Economie  politique.  Er  war  seit  1848  bis  zu  seinem  im  Jahre  1881  erfolgten
Tode  Chef-Redakteur  des  Journal  des  Economistes.  Nach  seinem  Tode  trat
Molinahi  an  seine  Stelle.
2 )  G.  Schmolleb,  Zur  Literaturgeschichte  der  Staats-  und  Sozialwissenschaften, ­
  Leipzig,  1888  (der  Ausdruck  findet  sich  in  der  Abhandlung
über  Roscher).
3 )  A.  Toynbee;  The  Industrial  Revolution,  S.  7.
            
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