Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 205 
das Beste gelesen wurde. Dennoch unterliegt es keinem Zweifel, 
daß das Ergebnis außerordentlich und schließlich gut war. Ein 
Strahl des gewaltigen Aufschwunges der Dichtung fiel auch 
in enge Herzen, das Ideal der Humanität, von dem die 
Dichtung schließlich durchtränkt war, blieb nicht ohne Frucht; 
und im Beginne des neuen Jahrhunderts hatte die energische 
Arbeit dieser Dichtung und dieser Weltanschauung es erreicht, 
daß auch Handelsangestellte von Fichte für gebildet genug er— 
achtet wurden, um der Darlegung der Grundlagen seiner ab— 
strakten Philosophie bei Auseinandersetzungen im lebendigen 
Vortrage mit Verständnis zu folgen. 
So waren denn die gebildeten Kreise jetzt an erster Stelle 
die literarischen und philosophischen; eben in diesem Sinne 
war Gelehrsamkeit und Dichtung zur Bildung geworden; noch 
fehlten die politischen Akzente; und auch eine ästhetische Bildung 
der bildenden Kuunst, ja teilweise auch der Musik stand nicht 
im Mittelpunkte der Entwicklung. 
Auf literarischem Gebiete aber hatte die jetzt mehr als 
ein Jahrhundert alte Bewegung geradezu zu den Anfängen 
einer neuen Standesbildung geführt. Schon gegen Schluß 
des 17. Jahrhunderts hatte man eingesehen, daß man mit 
den bisherigen Veröffentlichungsarten der Wissenschaft, mit ge— 
sehrten Folianten und den schwerfälligen Bänden etwa der 
cta Eruditorum ein Bildungspublikum nicht werde be— 
friedigen können. Und schon begann England, wo verwandte 
Bewegungen früher verliefen, ein Beispiel zu geben, wie man 
der Aufgabe besser gerecht werden könne: mit dem Beginne 
des 18. Jahrhunderts kamen hier die ersten großen Wochen⸗ 
schriften zur Popularisierung der Wissenschaft auf, der Tatler 
1709, der Spectator 1711 und 1718 der Guardian. Es war 
ein Vorbild, dem auf deutschem Boden bald eifrig nachgelebt 
wurde; hunderte von Zeitschriften für alle moͤglichen Leser⸗ 
kreise und Bildungszwecke sind hier schon bis zur Mitte des 
18. Jahrhunderts erschienen: und dessen erste Hälfte kann 
geradezu als eine der hildungshungrigsten unserer Geschichte 
hezeichnet werden. Daneben trat aber noch eine andere, minder
	        
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