thumbs: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren. 
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eine bedeutend größere Anzahl von Gläubigen ausgeübt haben, als die 
eines Fourier, eines Saint-Simon oder eines Proudhon, und mit der 
Entwicklung von wirtschaftlichen Einrichtungen von großer Tragweite 
in Verbindung stehen, wie z. B. mit dem Versuch der Wiederaufrichtung 
der Zünfte in Österreich, den landwirtschaftlichen Darlehenskassen in 
Deutschland und in Frankreich, den kooperativen Gesellschaften in Eng 
land, den Vereinen gegen den Mißbrauch des Alkohols, dem Kampf um 
die Sonntagsruhe usw. 
Auch darf nicht vergessen werden, daß die Männer, die man als 
die Urheber der Arbeiterschutzgesetzgebung und Wohlfahrtseinrich 
tung des ersten Viertels des 19. Jahrhunderts ansehen kann, Lord 
Shaftesbüry in England, Pfarrer Oberlin (Elsässer, Anm. d. Übers.) 
und der Industrielle Daniel Legrand in Frankreich, schon Christlich- 
Soziale waren. 
§ 1. Die Schule Le Play’s. 
Unter den christlich-sozialen Schulen steht die Schule Le Play’s 1 ) 
dem klassischen Liberalismus am nächsten, und einige ihrer Vertreter 
gehören sogar beiden Lagern gleichzeitig an. Sie hat die gleiche Anti 
pathie gegen den Sozialismus und das gleiche Mißtrauen gegen die Ein 
mischung des Staates. 
Auf der anderen Seite aber trennt sie sich durchaus von der liberalen 
Schule, hauptsächlich in deren optimistischer französischer Form, und 
zwar durch die kategorische Leugnung des Prinzips, daß das Wohl des 
Individuums sich automatisch verwirklichen wird. Nein, der Mensch 
kennt das Gute nicht. „Der Irrtum“ ist in der sozialen Wissenschaft 
die Tatsache, die am zahlreichsten und klarsten zutage tritt. Jeder Neu 
geborene, der zur Welt kommt, bringt die Neigung zum Übel mit sich, 
und Le Play sagt eindrucksvoll: „Jede neue Generation gleicht einem- 
*) Frederic le Play (1806—1882), Schüler der „Öcole polytechnique \ Berg 
mgenieur, dann Professor an der „Lcole des mines“ und Staatsrat, veröffentlichte 
1855 eine Sammlung von Monographien über Arbeiterfamilien unter dem Titel: Les 
Ouvriers europöens, in einem In-folio Bande (die zweite Ausgabe erschien 1887 
«nd umfaßt 6 Bände in 8°). Im Jahre 1864 legt er seine Lehre in dem Buche La Rc- 
forme Sociale dar, ein Buch, das Montalembert als „das originellste, tapferste, 
nützlichste und in jeder Hinsicht gewaltigste dieses Jahrhunderts bezeichnete. Diese 
Epitheta müssen sich zwar viele Abstriche gefallen lassen, doch ist es sicheilich wahr, 
daß die pessimistischen Voraussagen dieses Buches über die Zukunft Frankreichs sich 
1,1 vielen Punkten bewahrheitet haben. . 
Le Play schuf 1856 La Sociötö d ! Economie Sociale, die seit 1881 eine Zeit 
schrift La Reforme Sociale herausgibt. Er war der Organisator der Weltausstellung 
V( m 1867 und der Begründer der ersten sozial-wirtschaftlichen Ausstellungen. Vgl. 
als Zusammenfassung seines Lebens und seines Werkes: Frederic Le Play d^apres 
ül-mgme, von Auburtin, Paris (1906).
	        
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