200 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.
und Kanzler der bis vor kurzem reaktionären Hochschule. Hoch
geboren, gab er fich einer fast fanatischen Liebe zum Altertum
hin, ohne die Heimat zu verlieren; reich begütert, war er ein
Mäcen aller Gefinnungsverwandten, die sein Haus aufsuchten;
von prickelndem Witz und beißender Satire, kämpfte er den
Gegnern fast unnahbar mit den schneidigsten Waffen.
Der größte Angehörige dieser Richtung indes, an Idealen
und Interessen freilich mannigfach über sie emporragend und
schließlich eine Macht und ein Wille für sich, ist Ulrich von
Hutten.
Hutten, geboren im Jahre 1488, entfaltete das Besondere
seiner Begabung etwa fünfundzwanzigjährig, nach einer unglück—
lichen Jugend und wirren Wanderungen durch Deutschland
und Italien, die ihn zur Ausbildung eines bestimmten Berufes
nicht hatten kommen lassen. So von vornherein auf sich ge⸗
stellt, ließ er seinem Hang zur Invektive, zur zornigen Satire,
zur tapferen Hervorkehrung eines ausgebildeten Subjektivismus
den freiesten Lauf. Er war einer der hauptsächlichsten Ver—
fasser der Dunkelmännerbriefe. Er verfolgte den Herzog Alrich
»on Württemberg, den Schänder einer Verwandten, in fünf
Reden (151521519) mit wahren Keulenschlägen des Wortes.
Aber bald wuchsen seine Interessen über den Umfang der
persönlichen und litterarischen Ereignisse hinaus, deren Schranken
den Blick der Humanisten zu begrenzen pflegten: das soziale
und politische Gebiet zog ihn an. Zwar pries er noch im
Jahre 1518 in einem begeisterten Sendschreiben an Pirkheimer
die humanistischen Studien; aber seine Thätigkeit zeigte, daß
er sie nur als Grundlage betrachtete eines persönlichen, von
allem Konventionellen freien Verständnisses der Gesellschaft und
des Staates, und als Mittel zur packenden Aussprache des auf
diesem Gebiete Gedachten. Vor allem das Reich zog hier
seine Blicke auf sich. In scharfgespitzten Epigrammen ging er
auf die Venetianer los, die Feinde des Kaisers, die den Sieg
des deutschen Namens in Italien hinderten. In eindringlicher
Rede forderte er ein energisches Auftreten der Nation gegen
die Türken. In Briefen und Ermahnungen, in Dialogen und