fullscreen: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

1. Die Römische Reichspost. 
417 
zu reisen wünschte: dies sei das erstemal, wo er eine Verwendung der Post anders als in 
Regierungssachen veranlaßt habe. Natürlich konnten die Kaiser selbst so viel Diplome 
erteilen, als ihnen beliebte. Konstantin ruinierte die Post beinahe durch die von ihm 
angeordneten kirchlichen Synoden, da er alle dazu reisenden Geistlichen durch sie befördern ließ. 
Die Kosten der Verwaltung der Post lasteten ganz und gar auf den Provinzen 
und den Kommunen, und der Druck dieser Last war um so härter und schwerer, als 
gar keine Entschädigung stattfand. Einzelne Kaiser ließen zwar Erleichterungen ein 
treten, — obwohl man nicht recht weiß, von welcher Art diese waren — aber nicht 
auf die Dauer, noch von gründlicher Wirkung. Fast wie Ironie klingt es, wenn in einem 
kaiserlichen Erlaß die Provinzialen auf den Mist der Zugtiere als eine Entschädigung 
angewiesen werden. Die Verwaltung erforderte ein ganzes Leer von Postbeamten, 
die subalternen Stellen pflegten mit ausgedienten Soldaten besetzt zu werden. Mit 
der Zeit nisteten sich Mißbräuche aller Art ein, Bedrückungen und Erpressungen, 
Bestechungen und Llnterschleife, und um diese zu verhindern, wurden außerordentliche 
Postinspektoren ernannt. Sie sollten kontrollieren, daß niemand mehr Beförderungs 
mittel beanspruche, als er berechtigt sei, oder für längere Zeit, z. B. keinen Wagen 
erster Klasse, wenn er nur einen zweiter Klasse fordern dürfe re.; um sie der Gefahr 
der Bestechung zu entziehen, gab man ihnen eine eigene Besoldung; aber dieser Zweck 
wurde selten erreicht, ja die zur Abhilfe eingesetzten Beamten verbanden sich häufig 
mit den Statthaltern und deren Personal, um die Not der unglücklichen Provinzen 
noch zu steigern. Es wurde mit Postscheinen ein förmlicher Landet getrieben, Privat 
pferde widerrechtlich eingespannt, den Postillonen die Mäntel gewaltsam weggenommen 
und dergleichen mehr, so daß selbst in einem kaiserlichen Erlaß erklärt wird: „Die 
Provinzen leiden durch die Postverwaltung in hohem Grade, einzelne bereichern sich 
auf Kosten der Gesamtheit, verinögendc Leute werden ruiniert, und kaum ist cs noch 
möglich, der Labsucht der Beamten zu steuern". Liernach kann man sich nicht wundern, 
wenn in den letzten Jahrhunderten des Altertums die Post als eine unerträgliche 
Landplage verrufen war. Llnter Justinian existierte sie noch im oströmischen Reiche, 
im weströmischen Reiche war sie vermutlich damals schon eingegangen. 
Bei der ausschließlichen Bestimmung der Post zu Staatszwecken waren im 
Römischen Reiche alle Reisenden, außer den Beamten und wenigen Begünstigten, 
genötigt, selbst für ihre Beförderung zu sorgen. An frequenten Straßen muß das 
Geschäft der Vetturini sehr blühend gewesen sein, da zu allen Zeiten des römischen 
Altertums sehr viel gereist wurde, erwähnt aber wird es äußerst selten. Cäsar, der mit 
unglaublicher Schnelligkeit reiste, soll öfters mit einer Mietskutsche hundert römische, 
d. h. zwanzig deutsche Meilen an einem Tage zurückgelegt haben, was ohne öfteren 
Pfcrdewechsel undenkbar ist. Vornehme und reiche Leute reisten natürlich in der Regel 
mit eigenen Wagen und Pferden, und selten ohne ein großes Gefolge. Numidische 
Vorreiter eröffneten den Zug. Der herrschaftliche Wagen war oft ein Prachtstück, 
mit Verzierungen aus Metall überladen, mit seidenen Vorhängen vor der Sonne 
geschützt, von wohlgefütterten Maultieren oder kleinen französischen Ponies gezogen, 
die purpurne oder gesückte Decken auf den Rücken und vergoldetes Gebiß im Munde 
tnigen. Eine Reihe von Wagen führte die unentbehrliche Dienerschaft und das 
unentbehrliche Gepäck nach. In Städten und Flecken durften angesehene Personen 
überall auf bereitwillige Aufnahme bei den Lonoratioren des Ortes rechnen; über 
raschte sie aber die Nacht auf der Landstraße, so schlugen die Sklaven Zelte auf und 
richteten sie wohnlich ein. Die Gasthäuser wurden daher in der Regel nur von den 
mittleren und unteren Klassen benutzt; daher scheinen sie sich selten über den Zuschnitt 
der Lcrbergen erhoben zu haben, die den Bedürfnissen von herumziehenden Ländlern, 
Schiffern, Maultiertteibern und Landleutcn entsprachen, obwohl es auch (namentlich in der 
Nähe besuchter Landorte) keinesweges an eleganten und komfortablen Etablissements fehlte. 
M s 11 a t, Volkswirtschaftliches Lesebuch. 27
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.