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A. Tatsachen
stoffe Jute, Leinöl und Kork auf billigstem Wege herangeführt werden.
Standortsverschiebungen durch Gründung neuer Industrien oder
neuer Unternehmungen haben zwischen 1907 und 1925, den Jahren
der vorletzten und letzten Betriebszählungen, stattgefunden in der
chemischen, der elektrischen, der Automobil⸗ und der Kunstseiden⸗
industrie ). Trotz dieser Veraͤnderungen sind die Standorte der
deutschen Wirtschaft in den zwei letzten Jahrzehnten jedoch im allge⸗
meinen dieselben geblieben. Der Grund hierfür liegt in teils zeitlichen,
teils aber unveraͤnderlichen Ursachen: in der infolge der Wohnungsnot
verminderten Freizügigkeit, der Subventions⸗ und Kreditpolitik von
Reich, Landern und Gemeinden, die es zahlreichen Unternehmungen
ermsglicht hat, an dem traditionellen Standort sich über Wasser zu
halten, aber auch in der starken Verwurzelung der Wirtschaft und ihrer
Traͤger in der Heimat. Allein selbst wenn diese Ursachen fortfallen
wůrden, stünde eine stärkere Verschiebung der Standorte der deutschen
Industrie wohl kaum bevor. Die günstigere Gestaltung der Verkehrs⸗
verbindungen mit Hilfe von Auto und Flugzeug erleichtert die Unab⸗
hängigkeit von den Bahnknotenpunkten, die Elektrifizierung hat die
Konzentration in der Nähe der Kohlenlager zu einem Teile über⸗
flüssig gemacht, der Kleinbetrieb sieht sich durch die verminderte Ver⸗
wendung motorischer Kraͤfte mehr als früher in der Lage, sich den
Großbetrieben gegenüber zu behaupten. Die mechanische Rationali⸗
sierung bedeutet sonach eine „rationale Staͤrkung des traditionalen
Standorts“xx).
Eine besondere Stellung innerhalb der industriellen Rationali⸗
sierung nimmt als Schlüsselgewerbe für eine große Anzahl weiterer
Gewerbe das Bauwesen ein. Wir erwaͤhnen es, obgleich die Pro⸗
duktionsvorgaͤnge im Baugewerbe zum größten Teil noch hand⸗
werklichen Charakter tragen, mit voller Absicht bereits in diesem
Zusammenhang, weil seine Finanzierung und seine Organisation,
x) Naͤhere Einzelheiten bei Salin, a. a. O., S. 97.
xx) Salin, a.a.O., S. 105.