Erstes Kapitel.
Enkstehung, Blüke und Verfkall des
Karlingischen Wellreichs.
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Nach fränkischer Überlieferung war das Haus der Mero—
winge menschlicher Verbindung mit einem Seeungeheuer ent—
sprossen. Im christlichen Zeitalter der Karlinge lassen sich
Götter und Unholde, selber in ihrem Dasein geleugnet, nicht
mehr auf sterbliche Geschlechter herab. An die Stelle über—
menschlicher Befruchtung, wie sie das germanische Heidentum
für die speerwaltende Königsfamilie annahm, schob der Kirchen—
glaube die Erfüllung mit christlichem Geiste von oben her!: schon
in der Legende des 9. Jahrhunderts erscheint das Haus der
Karlinge mit einer Menge heiliger Ahnen bald aus Aquitanien,
bald aus Brabant ausgestattet; die christlich-sittliche Kraft des
romanischen Südens wie des germanischen Nordens sollte in
ihm als in einem einzigen Träger verkörpert scheinen.
Die Geschichte berichtet anders. Vor dem 6. Jahrhundert,
vor dem Auftreten des ältesten Pippin und Arnulfs von Metz,
weiß sie nichts von dem neuen Geschlecht; Dunkel ruht noch
über den wichtigsten persönlichen Verhältnissen des mittleren
Pippin; ja über Geburt, Kindheit und Knabenjahre noch Karls
des Großen blieb selbst der vertraute Biograph des Kaisers,
Einhard, ohne ihm bemerkenswertere Kunde?. Die Karlinge sind
Bgl. z. B. Jonas von Orleans, De inst. regia ad Pippinum
regem (34: Hauck 2II, 509) c. 7 (Migne, Patr. lat. 106, 295 f.).
Vita e. 4; vgl. Bernheim in den Hist. Aufsätzen, dem Andenken
an G. Waitz gewidmet, S. 79. 1*