Zweiundzwanzigstes Buch.
Normen und machte sie sich von seinem Zentrum aus unter⸗
tan: der Mensch ward zum Gesetzgeber der Natur. Und hier⸗
mit erschien dann die Menschheit auch im Tiefsten nicht mehr
als eine mechanische Summation persönlicher Mikrokosmen, die
ohne unmittelbare Verbindung miteinander dastehen, sondern
als eine Sammlung von Personen, deren Bewußtsein zwar
subjektiv, doch gleichartig gebildet ist und auf die gleiche und
darum gemeinsam tätige Auswirkung derselben Außenwelt
gegenüber angewiesen erscheint.
Allein die Lehre Kants griff noch weiter.
Die Verstandestätigkeit, insofern sie uns vermöge der
reinen Anschauungs- und Begriffsformen die Einheit der Er—
scheinungen subjektiv vermittelt, war ihm nicht die höchste
Funktion unseres Bewußtseins. Vielmehr empfindet der Mensch
nach ihm das Bedürfnis, über die bedingte, weil immer mit
einer endlichen und darum lückenhaften Erfahrung verknüpfte
Erkenntnis des Verstandes hinaus das Unbedingte zu finden.
Und dies Bedürfnis wurzelt in der Einsicht, daß das Be—
dingte niemals gänzlich verstanden erscheint, wenn nicht alle
seine Bedingungen bekannt sind. Die Summe aller Bedingungen
aber ist eben das Unbedingte.
Diesem Streben wird nun nach Kant eine letzte und
oberste Kraft unseres Bewußtseins gerecht, die Vernunft. Sie
ist es, die über die Gegebenheiten der Erfahrung hinaus aus
den Begriffen des Verstandes die letzten, in sich unbedingten
Grunde aller Erscheinungen zu ermitteln sucht, die Ideen,
Vernunftbegriffe, die als solche unbedingte Gründe keinen
ihnen kongruierenden Gegenstand in der Erfahrung haben,
und die mithin ebenso unbeweisbar als praktische Erforder—
nisse unseres höheren Selbstbewußtseins und Gegenstände
unseres Glaubens sind.
Als solche oberste Begriffe der Vernunft, als eines Ver⸗
mögens der Hervorbringung von Paralogismen und trans—
szendenten Begriffen, erscheinen Kant vor allem die Idee der
Seele als der absoluten Einheit des denkenden Subjekts, die
Idee der Welt als der absoluten Reihe der Bedingungen der