gestellte „jumane“ Handhabung der Verordnung so zu verstehen,
daß Räume, deren Größenverhältnisse den Anforderungen der
Verordnung nicht entsprechen, noch auf viele Jahre hinaus un—
verändert benutzt werden können, wenn ein Dispens für solche
Räume nachgesucht wird. In der „Humanität“ gegen die Grund—
besitzet und Bäckermeister ging man auf dem Schöneberger
Polizeipräsidium so weit, daß man ihnen ganz genau angaäb,
in welcher Form ein derartiger Dispens an die Gewerbeinspektion
eingereicht werden müßte.— Natürlich werden Bäckermeister
und Hausbesitzer diese „Humanität“ der Behörde nach besten
Kräften ausnutzen. Da der Dispens auf den Betrieb und nicht
auf den derzeitigen Inhaber erteilt wird, so hat es kein Haus—
wirt eilig mit der Anderung unzureichender Backräume. Auf
diese Weise werden unhaltbare Zustände im Interesse der Grund—
hesitzer und Bäckermeister trotz der Verordnung noch auf lange
Zeit erhalten bleiben.“
Da haben Sie nun die Antwort: Es ist die Furcht vor der Sozial—
demokratie! „Keine Humanität gegen den Mittelstand: sondern nur
gegen die Arbeiter“, so lautet die Parole.
Wenn nun aber auch schließlich die Haltung der sozialistischen Presse
begreiflich ist, so kann man das von der bürgerlichen Presse nicht be—
haupten. Ich appellierte schon in der großen Protestversammlung am
5. November von der schlecht unterrichteten an die nunmehr gut unter—
richtete Presse. Aber mit verschwindenden Ausnahmen ohne jeden Erfolg!
Was haben denn die großen Zeitungen von jener gewaltigen Ver—
sammlung gebracht? Winzige kleine Berichte, die denen, die nicht
dabei waren, gar kein richtiges Bild geben konnten. Und warum das
alles: Weil fast sämtliche Zeitungen den Begriff Kellerbäckerei und
schmutzig nicht auseinanderhalten können. Wenn diese Herren Redakteure
Gelegenheit hätten, wie zum Beispiel die Beauftragten der Bäcker—
innungen und die Kollegen von der Meisterprüfungskommission, fast
täglich andere Bäckereien zu sehen, sie würden staunen, wie oft eine
Kellerbäckerei, die nach der Verordnung zu tief liegt und auch nicht die
nötige Höhe von 2,80 Meter hat, die ja in der Provinz allerdings nur
2,50 Meter zu sein braucht, eine wahre Musterwerkstatt ist und anderer—
seits Parterrebäckereien, die der Verordnung vollständig genügen, in
hygienischer und reinlicher Beziehung so wenig genügen, daß die Beauf—
tragten gezwungen waren, solche Betriebe der Handwerkskammer anzu—
zeigen. Schmutziane gibt es eben überall, von dem Arbeiter bis in die
höchsten Kreise, vom Keller bis in die Bel-Etage, in sittlicher und
hygienischer Beziehung.
Aber daß verschiedene Redaktionen die Grausamkeit so weit treiben
können, daß sie ihre große Befriedigung darüber ausdrücken, wenn
unschuldigen Bürgern, die nichts verbrochen haben, als daß sie ein Grund—
stück mit Bäckerei, oder auch nur eine Bäckerei für schwer erspartes Geld
gekauft, die bis zum 30. September 1908 allen Ansprüchen genügte,
oder wo noch die Baupolizei bis in den letzten Sommer hinein die