Full text: Das Retablissement Ost- und Westpreußens unter der Mitwirkung und Leitung Theodors von Schön

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Landwirt „erstickte" in seinem Korn, um so mehr, als die Ausfuhr unter 
bunden war. Gerade die Provinz Preußen hatte darunter zu leiden, daß 
ihr auch nach dem Kriege der altgewohnte englische Markt verschlossen 
blieb, da die Kornbill von 1815 den Getreideimport verhinderte. Ihres 
wichtigsten Absatzgebietes beraubt, war siezudenO auf dem inneren 
Markt — anders als unter Friedrich Wilhelni I. und Friedrich dem Großen 
— vor der ausländischen Konkurrenz nicht gesichert, da russisches und 
polnisches Getreide und Vieh eingeführt werden konnte. Es ist damals 
im Interesse der preußischen Landwirtschaft mehrmals der Antrag 
gestellt worden, gegen Rußland ein Einfuhrverbot zu erlassen. Die Re 
gierung konnte sich aber zu einer so radikalen Änderung der allgemeinen 
Wirtschaftspolitik nicht entschließen'). Nur 1823—25 sind die Getreide- 
und Viehzölle erhöht worden, um Rußland gegenüber die Waffe der 
Retorsion zur Geltung zu bringen; denn Rußland seinerseits hatte sich nicht 
gescheut, dem bestehenden Vertrage zum Trotz eine Grenzsperre zu erlassen, 
die dem preußischen Handel schwere Wunden schlug. 
In einer so ganz auf Landwirtschaft und Getreideexport angewiesenen 
Provinz mußte die Agrarkrisis besonders verhängnisvoll wirken. Zu An 
fang der zwanziger Jahre häuften sich die Klagen und Hilferufe, die seit dem 
Kriege aus Ostpreußen nach Berlin drangen. Anlaß dazu gaben auch die 
neuen Steuergesetze, denen sich anzupassen der notleidenden Provinz be 
sonders schwer fiel; namentlich die Branntweinsteuer war den Guts 
besitzern ein Dorn im Auge, da die Brennerei zumeist noch die sicherste 
Einnahme abwarf. Ein ausländischer Beobachter meinte freilich Ursache 
Zu der Annahme zu haben, daß sie sogar Vorteile aus der Steuer zu ziehen 
verständen, indem sie die gesetzliche Abgabe von einem hochgesteigerten 
Stärkegrade bezahlten, aber den Branntwein an ihre Abnehmer in viel 
geringerem Grade geistiger Stärke auslieferten?). 
Der verzweifelten Lage suchte man durch verzweifelte Reformpläne 
ZU begegnen. 
Zu Beginn des Jahres 1823 tagte iü Königsberg der Ostpreußische 
Geuerallandtag, auf dem höchst abenteuerliche Vorschläge zur Ver 
handlung kamen. Charakteristisch sind namentlich zwei Anträge des bran- 
denburgischen Kreises. Auf die Initiative des Grafen Eulenburg hin schlug 
er vor, die rettungslosen Güter in der Klassenlotterie auszuspielen und es 
dadurch möglich zu machen, daß das Kreditsystem seine Forderungen voll 
‘) Vorschläge Wloemers v. 2. April 18 und Borgstedes v. 23. Juli 1823. Geh. 
, 89 0. XXI Preußen gen. 2 I. Abgelehnt in einer Sitzung des Staats- 
mmlsteriums v. 8. Okt.. Geh/St. A. 77. 215. 31. I. 
) William Jakobs erster ..Bericht an den Brittischen Geheimenrat". Aachen 
und Leipzig 1826, S. 65. 
Schriften des Instituts für ostdeutsche Wirtschaft. Heft t. 3
	        
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