Full text: Gesellschaftslehre

180 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
Für das erstere Wertbereich bedarf der Mensch der Gesellschaft, weil er 
eine Reihe von plastischen Anlagen besigt, die ihren Inhalt nur durch 
sine geschichtliche Entwickelung finden können, wie sie dem Einzelnen 
die Gruppe vermittelt. Jede Art des religiösen, ästhetischen oder in- 
tellektuellen Lebens ist nur möglich in einer der Formen, die eine Kultur- 
zemeinschaft geschaffen hat und dem einzelnen vermittelt. 
Einen weiteren Gehalt gewährt dann die Betätigung der 
sozialen Anlagen, und zwar teils an sich, teils indem sie neue 
Inhalte des geistigen Lebens vermittelt. Zunächst sei an die alles durch- 
Jringende Wirksamkeit des Selbstgefühles und des Bedürfnisses 
nach einer entsprechenden Befriedigung dieser Anlage erinnert. Selbst 
bei der geistigsten Art der Tätigkeit vermögen wir auf die Dauer die 
Resonanz wenigstens eines kleinen Kreises verständnisvoller Menschen 
nicht zu missen, die ihre Liebe und Anerkennung bekunden. Allgemein 
ist eine solche Teilnahme selbst da für uns wesentlich, wo wir uns schein- 
bar um rein sachliche Ziele mühen. So ist mit dem Besig durchweg ver- 
bunden eine Neigung, ihn durch Prunk und Bewirtung zur Schau zu 
stellen oder wenigstens jeden Schag einem kleinen Kreise von Kennern 
zu zeigen: erst durch die Spiegelung erlangen alle diese Güter ihren 
vollen Wert. Es ist ein Grundirrtum der populären Meinung, daß der 
Mensch vor allem nach dem Besig um seiner selbst willen trachte; daß 
er in erster Linie durch wirtschaftliche Eigeninteressen bewegt werde: 
in Wahrheit ist die stärkste Leidenschaft des Menschen der Ehrgeiz und 
der Machttrieb; und der Besig wird vor allem als ein Mittel zur Macht 
begehrt. — Neben dem Selbstgefühl ist das Miterleben und die da- 
mit verbundene Ausweitung des Ich zu nennen, ohne die der Mensch 
auf die Dauer ebenfalls vollständig verkümmert. Zunächst kommt hier 
die aktive Resonanz in Betracht in Gestalt der früher geschilderten Vor- 
gänge der Einfühlung, die dem Menschen zu einer wesentlichen Bereiche- 
rung seines Lebensinhaltes verhelfen. Ferner ist die passive Resonanz 
zu nennen, der Widerhall, den Stimmungen, Urteile und Erlebnisse des 
Einzelnen in seiner Umgebung finden. Zustimmung zu finden und Recht 
zu bekommen durch seine Mitmenschen erfreut den Einzelnen, weil es 
sein Selbstgefühl befriedigt, ihm ein Gefühl der Sicherheit und oft zu- 
gleich auch ein Gefühl erzeugt, das in der Richtung des Heimsinnes liegt. 
Ebenso bildet selbst für den sinnlichen Genuß die Geselligkeit eine fast 
unentbehrliche Würze: ohne eine Resonanz des eigenen Genusses und 
ohne seine Verstärkung durch Wechselwirkung und die Belebung des 
geselligen Gespräches büßt er seinen Hauptwert ein. — Endlich ist an 
die Erweiterung des Ich über die Grenzen der eigenen Person hinaus zu 
erinnern ($ 14), die zur Natur des Menschen gehört und natürlich nur 
im Zustande der Geselligkeit realisiert werden kann: an die Verbindung
	        
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