Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
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auch noch den stärksten Wall, der ihrer Strömung entgegen— 
stand, zu durchbrechen oder wenigstens zu überfluten gesucht: 
den naturwissenschaftlichen Sinn. Der naturalistische Im— 
pressionismus physiologischen wie psychologischen Charakters 
hatte zwar den Historismus beiseite geschoben, dagegen war er 
den Naturwissenschaften noch befreundet geblieben, ja in den 
Lehren Zolas wie noch mehr in denen der deutschen Nach— 
treter des Franzosen war sogar die Grundmeinung die ge— 
wesen, daß in diesem Naturalismus eben eine Vereinigung von 
Kunst und Wissenschaft vorliege wenn nicht gar die Kunst in 
Wissenschaft übergeführt sei, und man hatte die impressionistischen 
Beobachtungen im einzelnen vermeintlich nach der Methode der 
Naturwissenschaften gemacht. Über diese Auffassung ging nun 
der idealistische Impressionismus der neunziger Jahre stracks 
hinweg. Gewiß bewahrte er die mit gewaltigen Mühen er— 
rungene höhere Genauigkeit der impressionistischen Beobachtung, 
aber er unterwarf sich ihr nicht einfach, sondern nutzte sie aus 
als ein Werkzeug zu feinster Wiedergabe subjektiv-persönlicher 
Stimmung. Und schon zeigen sich jetzt hierüber hinaus die An— 
fänge eines objektiven Idealismus sittlicher und metaphysischer 
Weltanschauungen, die sich erst recht nicht ausschließlich Ge— 
setzen bisheriger naturwissenschaftlicher Beobachtung unterordnen 
werden. Und war denn selbst schon im naturalistischen Im— 
pressionismus nichts anderes von Bedeutung gewesen als nur 
die den Naturwissenschaften nachgebildete Methode? Keines— 
wegs. Die Wissenschaften gehen auf Verallgemeinerung der 
Erfahrungen und bringen die Einzelthatsachen unter Begriffe; 
die Kunst ergreift das Einzelne mit schöpferischer Gewalt: die 
Ziele der Kunst und der Wissenschaft sind verschieden. Auch 
eine Kunst, die mit wissenschaftlicher Genauigkeit beobachtet, 
wird doch nach dieser Beobachtung ihre eigenen Wege gehen 
und eben darin ihre Selbständigkeit gegenüber der Wissenschaft 
bald um so stärker offenbaren. In den neunziger Jahren 
wurde in der Kunst auch der letzte Rest noch einer Herrschasft 
der Naturwissenschaften gebrochen: frei flutete die Kultur 
einer neuen Phantasiethätigkeit in eigenem Bette, erfüllte 
Lamprecht,. Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 25
	        
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