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Zweiundzwanzigstes Buch.
Kreises seiner Erfahrung zugeführt oder durch den Kreis dieser
Erfahrung nahegelegt werden.
Diese Gestalten aber mit ihrem besonderen Wesen werden
nun in Handlung versetzt nur dadurch, daß sie sich innerhalb
einer besonderen geistigen und sittlichen Atmosphäre bewegen.
Diese Umwelt und die ihr zugrunde liegende Idee (ovder,
falls die Reduktion der Umwelt auf eine einzige Idee nicht
gelingt, die ihr zugrunde liegenden Ideen) sind ihr Schick—
sal. Indem sie in diese Umwelt eintreten, indem sie unter
diesem Schicksale handeln, entsteht die Fabel. Die Fabel ist
also im modernen Drama das Vrodukt von Schicksal und
Gestaltenkreis.
Dabei ergibt sich schon aus dem Wesen des Schicksals,
daß auch dieses keineswegs zu allen Zeiten gleichartig vor—
gestellt wird. Eine Summation der jeweils bestehenden sozialen
und geistigen, der seelischen Zustände also überhaupt in eine
Zentralidee, ist es vielmehr abhängig von der ständigen Ande⸗
rungen unterworfenen Kulturhöhe. Also auch durch den zweiten
Faktor, von dem das Drama regiert ist, wird es unmittelbar
in eine bestimmte Zeit hinein gestellt.
Welcher von den beiden Faktoren ist nun für den all—⸗
gemeinen Charakter der dramatischen Produktion entscheidender
— das Schicksal oder die Gestalten? Die Antwort wird für
das Schicksal entscheiden: denn dieses allein ist von einer so
allgemeinen Natur, daß durch deren Durchbrechung sich eben
das Geschick der besonderen Gestalten des Dramas vollendet.
Und so wird denn das Drama einer bestimmten Zeit im all⸗
gemeinsten durch eine Darlegung der besonderen Art oder der
besonderen Arten der Schicksalsvorstellungen charakterisiert, die
zu dieser Zeit herrschen. Schicksalsvorstellung aber im all—
gemeinsten Sinne heißt Weltanschauung. Und so darf man
sagen: die jeweils herrschende Weltanschauung ist die all—
gemeinste Idee, das umfassendste Schicksal des bestehenden
Dramas.
Nun hatte die westeuropäische Kultur des 16. bis 18. Jahr—
hunderts im ganzen und großen noch fest an der christlichen