60 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus
tion bestimmt. Daraus folgt erstens: der Ausgangspunkt bei
der Analyse der Dynamik der Bedürfnisse muß die Dynamik der
Produktion sein. Zweitens: die gegebene Menge von Produkten,
die die Statik in der Produktion voraussetzt, setzt auch die Statik
in der Konsumtion, mit anderen Worten, die Statik im Gesamt-
komplex des ökonomischen, mithin auch des Lebens schlechthin
voraus®,
Gerade die „Entwicklung der Produktivkräfte‘“ stellte Marx
obenan: war doch das Ziel seiner ganzen riesenhaften theoreti-
schen Arbeit, nach seinen eigenen Worten, „das ökonomische
Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen®.“
Doch „das Bewegungsgesetz‘ da zu enthüllen, wo es überhaupt
keine Bewegung gibt, wo ein Quantum von Produkten „vom
Himmel“ fällt, ist ziemlich schwierig®. Deshalb kann von vorn-
herein angenommen werden, daß der Gesichtspunkt der Kon-
sumtion, der dem österreichischen System zugrunde liegt, in
all den Fragen, die die soziale Dynamik betreffen, d. h. die wich-
tigsten Probleme der politischen Oekonomie, sich als völlig un-
fruchtbar erweisen wird. „Wie sich die Technik in einer kapi-
talistischen Gesellschaft entwickelt, — sagt Charasoff, — woher
der kapitalistische Profit stammt — all diese grundlegenden
Fragen sind sie (d. h. die Vertreter der österreichischen Schule.
N. B.) nicht imstande, richtig zu stellen, geschweige denn zu
lösen“®.‘““ In dieser Beziehung sind die Geständnisse eines der
eifrigsten Vertreter der Grenznutzentheorie, Joseph Schumpeter,
interessant. Er hatte den Mut, offen zu erklären, daß in allen
%® Nach Marx ist die Produktion „der wirkliche Ausgangspunkt und darum
auch das übergreifende Moment“ („Einleitung‘“, S. XXVII). Hier ist der Zusam-
menhang der ökonomischen Theorie von Marx mit seiner soziologischen
Theorie klar ausgesprochen (dies zur Kenntnisnahme für diejenigen, die es
für möglich halten, sich mit der einen Seite der Marxschen Lehre „einver-
standen‘ zu erklären, die andere aber zu verwerfen).
% Karl Marx: „Kapital“, Bd. I, S. XIII.
%@ Herr Frank begreift nicht, warum die Arbeit aus den übrigen „Pro-
duktionsbedingungen‘“ hervorgehoben wird: Ist doch der Besitz an Grund und
Boden sowie eine bestimmte Verteilungsform der Produkte usw. eine „ewige
Notwendigkeit für den Menschen“. Warum gerade die Arbeit als konsti-
tuierendes Merkmal der ökonomischen Erscheinungen dienen sollte — dies
bleibt völlig unbewiesen. („Die Werttheorie von Marx und ihre Bedeutung“,
S. 147—148.) Die Verteilungsformen stellen eine Größe dar, die von der „Pro-
duktionsart‘“ abgeleitet wird; was nun aber den Grund und Boden anbetrifft,
so können aus dem rein statischen Moment „des Besitzes an Grund und
Boden“ keine Veränderungen, keine Dynamik erklärt werden. |
% G. Charasoff: „Das System des Marxismus“, Berlin 1910, S. 19. Die
bereits erwähnten „Tauschgleichungen‘ von Walras sind statisch. Aehnlich
auch Vilfrado Pareto, Cours d’Economie politique, tome 1 Lausanne, 1896,
P- 10.