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Erster Teil. Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle.
durch die eigene Kraft. Selbständige Naturen dieses Schlags, die sich den Weg durchs
Leben erst selber haben bahnen müssen, und die niemanden zu Dank und Dienst ver
pflichtet sind, werden immer so geartet sein.
In andern Ländern, wo ein öffentliches Leben seit lange entwickelt ist, hätte man
die Energie eines schöpferischen Geistes, der, um Rücksichten unbekümmert, immer fest
auf sein Ziel lossteuert, besser zu würdigen wissen; in Deutschland waren für das alles
erst die Wege zu ebnen. In Deutschland mußte man die altkluge Bemerkung hören,
daß das deutsche Eisenbahnnetz, die Entwicklung des Zollvereins u. s. w. auch ohne
List hätte kommen müssen: es war der alte Einwand, den schon Kolumbus durch sein
Kunststück mit dem Ei gewürdigt hat. In Deutschland war einmal der Tadel der,
daß sein System eine unbegründete Neuerung sei, ein andermal lautete der Vorwurf
dahin, es sei schon alles in frühern Büchern gedruckt zu lesen, — ein Vorwurf, der
sich bis zur Abgeschmacktheit gesteigert hat. Die Tadler vergaßen den Unterschied
zwischen einem Systematiker und einem praktischen Agitator; sie vergaßen, daß das
Ziel des letzteren nicht der Ausbau eines Systems, sondenr ein praktisches, politisches
Ziel sein mußte, und daß die vortrefflichsten Systeme der Welt von zweifelhaftem
Werte sind, wenn sie das ökonomische Interesse der Nation schlummern lassen und an
der politischen Erziehung des Volkes spurlos vorübergehen. Daß sich von den handels
politischen Grundsätzen Lifts vieles, vielleicht das meiste schon irgendwo gedruckt oder
gesagt fand, konnte doch wohl kein ernstlicher Vorwurf sein; es ist noch kein Reformator
in die Welt gekommen, der etwas Neues erfunden hätte, und schon Goethe hat zur
Abwehr gegen solche Anklage das wahre Wort gesprochen: „Alles Gescheidtc ist schon
gedacht worden; man muß nur versuchen, es noch einmal zu denken." So waren die
Ideen, die List brachte, nichts neu Erfundenes, aber die Verbindung, die Anwendung,
die praktische Richtung, die populäre Verbreitung, die er ihnen gab, war nur sein
Werk, und die unermeßlichen Kräfte, die er damit weckte, nur sein Verdienst. Wie
viel beschämender für die Vorgänger, wenn alles das treffliche Material bereits vor
handen war und erst ein List kommen mußte, um es dem verborgenen Schachte zu
entlocken und zum fruchtbaren Gemcingute der Nation zu machen?! Wie viel nieder
schlagender für sie, wenn sie die populären Wirkungen, die sie seit Menschenaltern geübt,
mit den großartigen Erfolgen verglichen, die List nur in den letzten sechs Jahren seiner
Wirksamkeit errungen hatte!
Der schroffe Ton, in welchem er seine Sache durchfocht, entsprang aus der Leb
haftigkeit und dem Ernst seiner Überzeugung, nicht aus seinem innersten Wesen. List
war eine weiche, gemütvolle Natur, voll argloser Eingebung an die Freunde, voll auf
opfernder Liebe für die Seinigen, aufrichtig, vertrauensvoll und herzlich, in seinen ge
sunden Tagen von unverwüstlicher Heiterkeit und reich an dem schalkhaften schwäbischen
Humor, der auch aus einzelnen seiner polemischen Schriften herausklingt. Von der
gutmüttgsten und wohlwollendsten Art, hatte er immer nur die Sachen, nie die Personen
im Auge; es konnte ihm ein Gegner, dem er hart mitgespielt, vor die Augen treten,
und er fand bei List eine joviale, herzliche Aufnahme. Erst die späteren Tage der
Verkennung und Anfeindung, der körperlichen und gemütlichen Leiden störten jene heitere
Stimmung; das früher so hingebende Vertrauen schlug dann nicht selten in Mißtrauen,
der leichte und muntere Sinn in trübe, melancholische Verbitterung um. Nur denen,
die ihm nahe standen, den Seinigen besonders, war er aber auch in den Tagen der
tiefsten Leiden der liebevolle Freund, Gatte und Vater und zwang sich, den innern
Schmerz unter dem Gewand einer erkünstelten Ruhe zu verhüllen.
Jene heitere Frische und Beweglichkeit des Geistes machte seinen persönlichen
Amgang und seine Anterhaltung überaus anziehend. Immer neu und eigentümlich,
übersprudelnd von schöpferischen Gedanken und Entwürfen, wirtte er auf Alle, die ihm
so näher kamen, erweckend, anspornend und befruchtend; er ließ, wie man von einem