34 Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.
Bankiers beinahe zu einer ständigen Gewohnheit herausgebildet.
Und von unserer Bankwelt aus hat sich diese
Sitte mehr und mehr auch unseren führenden Handelskreisen
mitgeteilt. Dadurch sind diese Eheangelegenheiten
zu einem wichtigen Faktor deutscher Kultur oder — besser
gesagt — deutscher Unkultur geworden. Cs findet hier
eine Stärkung der Gegner aller freiheitlichen Wirtfchastsund
Kulturentwickelung statt. Mit Recht weist Werner
Sombart darauf hin, daß die Lebensweise der Seigneurs,
die gewohnt sind, wie der Staat, nach den von ihnen für
nötig befundenen Aufwendungen sich die Einnahmen zu
verschaffen, gestützt wird durch die Inferiorität unserer
Bourgeoisie. Es klingt hart, aber ist nur zu gerecht,
wenn der Breslauer Sozialökonom sagt: „Unserer Bourgeoisie
höchstes Ziel ist es geblieben — Junker zu werden,
d. h. sich adeln zu lassen und (soweit es geht!) seigneurale
Denkweise und ritterliche Allüren anzunehmen, dadurch
aber ist die feudale Klasse einem unausgesetzten Verjüngungsprozeß
unterworfen. Sie empfängt immer neuen
Zuzug aus bourgeoisen Kreisen, den sie rasch assimiliert.
Bei dem Kreuzungsvorgange zwischen Gentilhommerie
und Bourgeoisie erweist sich bei uns jene immer als das
stärkere Element. Ihre Töchter heiraten Klassenangehörige,
ihre Söhne führen der Klasse frisches Blut durch Verheiratung
mit reichen Erbinnen zu. Die reich gewordenen
Bourgeois aber suchen so bald wie möglich ihre Herkunft
zu vergessen und in dem Grundadel oder wenigstens dem
feudalen Grundbefitzertum auszugehen. Das kapitalistische
Unternehmen, das den Reichtum der Familie begründet
hatte, wird veräußert, die Söhne und Enkel kaufen
sich im Lande an, stiften ein Majorat, verschwägern sich
mit altadeligen Familien, lassen ihre Nachkommen bei
der Gardekavallerie dienen und bei den Saxoborussen
eintreten und denken nicht mehr daran, einen Sohn