Bildende Kunst und Musik.
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hunderts, des Sturmes und Dranges, der jungen Nationalen
eigentlich nur auf zweierlei stützen: auf Akademien, die etwa
dennoch nicht oder nicht ganz der fürstlichen, der „akademischen“
Aunst zum Opfer gefallen waren, und auf die Produktion
stiller Winkel, in denen das ältere, bürgerliche Leben der
Kunst vielleicht noch nicht erloschen und neuen Aufflackerns
fähig war. Aber wie wenige solcher Winkel mochte es noch
geben! An der breiten Heerstraße der Entwicklung, in den
Großstädten des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahr—
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deren Kunst eingezogen: Leipzig hatte zur Zeit des jungen
Goethe seine Akademie mit dem echt akademischen Hser als
Direktor, und in der Geburtsstadt Goethes baten die Maler
den Rat im Jahre 1767 um die Errichtung einer Akademie,
deutlich von der Überzeugung getragen, daß das Wesentliche
der Kunst in Regeln gefaßt werden könne.
Im ganzen waren es daher nur die Grenzgegenden
deutschen Wesens, wo frisches Leben noch von alters her fort—
sprudelte: die Schweiz und hier und da ein österreichischer Ort
m Süden, im Norden vielleicht ein wenig das Danzig Chodo—
wieckis, sicherlich Hamburg, und jenseit der südgermanischen
Grenzen, aber damals deutscher Kultur voll, Kopenhagen, von
denen eine nationale Fortbildung der Kunst zu erhoffen war.
Und von hier aus regte sich denn auch leise, mit mancherlei Ab—
senkern ins innere Deutschland, nach Berlin und Dresden zumal,
eine neue Kunst, und zwar, wie sich versteht, eine bürgerliche.
Es war auf europäischem Gebiete nicht die erste neue
bürgerliche Kunst des 18. Jahrhunderts. Wie im allgemeinen
die bourgeoise Entwicklung der neueren Zeiten, so war von
England auch die bourgeoise Kunst vorweggenommen worden:
Hogarth, der leidenschaftliche Moralprediger, der Schöpfer der
Lebensläufe einer Dirne“ (1733) und eines „Wüstlings“, der
„Mariage à la modeé“ (1745), des Cyclus „Fleiß und Faul⸗
heit“, wurde dort schon zu ihrem ersten klassischen Vertreter.
Und auch in Frankreich war man zur Zeit der Tragédie
bourgeoiso und der Comédie larmoyanté in eine anscheinend