B. IV. Abschnitt. Das Prinzip der Steuerprogression.
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schädlichen Wirkungen der aus den Gesetzen stammenden Ungleich
heiten zu entschädigen.
9. Gegen den progressiven Steuerfuß wird von manchen Seiten
angeführt, daß er in höherem Maße zur Verheimlichung des Ein
kommens verleitet. Das kann von psychologischem Standpunkte
auch nicht geleugnet werden. Praktisch kommen hier aber doch
verschiedene Momente in Betracht. So verweist auch Seligmann
auf die Tatsache, daß in Amerika bei proportionalem Steuerfuß
der Steuerbetrug viel häufiger ist, als in der Schweiz, bei pro
gressivem.
All dies vor Augen gehalten, unterliegt es keinem Zweifel, daß
der Steuerfuß — mag er degressiv oder progressiv sein — nicht
starr, unveränderlich, spoliativ sein darf, sondern elastisch, ver
änderlich, mäßig, damit die eine verschiedene Leistungsfähigkeit
repräsentierenden Steuerkräfte gleichmäßig in Anspruch genommen
werden.
. 10. Von manchen Seiten befürchtet man von dem progressiven
Steuerfuß die Auswanderung der Kapitalien, die Abnahme des
Triebes zur Vermögensbildung, die Ungerechtigkeiten der Partei
regierungen, was jedoch nur dann eintritt, wenn die Progression
eine exzessive wäre.
11. Als Argument für die progressive Besteuerung wird auch
darauf hingewiesen, daß der progressive Steuerfuß als Korollarium
der auf die Lebensrnittel erster Ordnung gelegten indirekten Steuern
betrachtet werden muß. Die antisoziale Wirkung dieser Ver
zehrungssteuern soll im progressiven Steuerfuß ihr Gegengewicht
finden.
12. Von finanziellem Standpunkte hat man gegen die pro
gressive Besteuerung eingewendet, daß der progressive Steuerfuß,
rationell angewendet, nur geringen finanziellen Erfolg hat und im
Grunde ist ja das finanzielle Resultat der Hauptzweck jeder Be
steuerung. „Die Erfahrung lehrt — sagt Leon Say — daß die
progressive Steuer mit den größten Nachteilen verbunden ist. Wenn
sie hoch ist, vernichtet sie das Kapital, wenn sie niedrig ist, trägt
sie nichts ein.“ Hierauf ist zu bemerken, daß dieses Steuersystem
oder Steuerprinzip nicht von finanziellem Standpunkte zu beurteilen
ist, sondern rein vom Standpunkte der Gerechtigkeit. Die Frage
ist bloß die, ob die progressive Besteuerung der höheren Einkommen
mit Hinsicht auf die in demselben repräsentierte Steuerkraft be
rechtigt ist und darauf kann nur mit Ja geantwortet werden.
Ja es wäre sogar möglich, daß die Steuer bei progressiver
Besteuerung einen geringeren Ertrag liefert, denn gegenüber der