Full text : Finanzwissenschaft

I.  Abschnitt.  Allgemeine  Lehren.

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Kriegsschuld  von  1000  Milliarden  Mark  verursacht.  Die  euro-  [
päischen  Staaten  haben  also  für  den  Zinsendienst  jährlich  50—60
Milliarden  Mark  aufzubringen,  was  wenigstens  das  Doppelte  des
bisherigen  jährlichen  Bedürfnisses  ist.  Die  Zentralmächte  haben
nur  eine  geringfügige  Schuld  im  Auslande  kontrahiert,  schulden
also  nur  den  eigenen  Staatsbürgern;  die  Ententestaaten  haben  große
Beträge  im  Auslande  ausgenommen,  dem  sie  also  jährlich  bedeutende ­
  Summen  zu  zahlen  haben  werden.  Der  größte  Teil  der
Schulden  der  Entente  an  das  Ausland  diente  zur  Deckung  der
dortigen  Einkäufe  an  Munition,  Lebensmittel,  Schiffe  usw.;  es  hat
also  keine  Übertragung  von  Geldmitteln  stattgefunden,  sondern  nur
eine  Transaktion,  indem  der  Schuldnerstaat  nicht  den  Produzenten,
sondern  den  Geldleihern  obligiert  ist.  Auch  sonst  haben  die
Anlehen  tief  ins  wirtschaftliche  Leben  eingegriffen,  wie  wir  dies
weiter  unten  eingehender  untersuchen  werden.  Nur  mit  Hinsicht
auf  die  fantastische  Ausdehnung  des  Staatskredits  liegt  der  Schluß
nahe,  daß  diese  faßt  wahnsinnige  Ausdehnung  des  Staatskredits  ein
gewichtiges  Veto  gegen  Staatsschulden  bildet,  ganz  abgesehen  davon, ­
  daß  diese  kolossale  Ausdehnung  nur  dem  Geist  der  Vernichtung
diente  und  kaum  andere  Resultate  hinter  sich  lassen  wird,  als  die
Verarmung  Europas.  Die  historisch  entwickelten  Formen  des
Staats-  und  Gesellschaftslebens  sind  in  der  Weise  untergraben,  daß
ein  Retablissement  kaum  denkbar  ist,  wenigstens  für  lange  Zeit
nicht.  Dies  hätte  jedenfalls  ein  Zustand,  der  dem  Staatskredit
engere  Grenzen  gesetzt  hätte,  verhindert  und  wir  stehen  nicht  an
zu  behaupten,  daß  wir  die  eventuell  sich  ergebenden  politischen
Folgen  als  weniger  gefährlich  betrachten,  als  jenes  Resultat,  wonach
ein  großer  Teil  der  männlichen  Bevölkerung  auf  dem  Schlachtfelde
modert,  ein  Teil  auf  dem  siechen  Bett  ruht,  der  übrige  verarmt,  weite
Landesgebiete  verwüstet  und  verödet,  wirtschaftliche,  kulturelle  und
ethische  Werte  vernichtet  sind,  zu  Nutz  und  Frommen  einiger
Politiker  und  Heereslieferanten.
5.  Die  Grenznutzestheorie  hat  es  versucht  auch  von  ihrem
Standpunkte  die  Erscheinungen  des  Staatskredits  zu  erklären  (Sax,
Ricca-Salerno  usw.).  Natürlich  ist  auch  der  Staatskredit  jenem
allgemeinen  Wertgesetz  unterworfen,  wonach  die  Wirtschaft  nach
der  höchstmöglichen  Steigerung  des  Wertes  trachtet.  Wie  in  der
Privatwirtschaft,  so  treten  auch  in  der  Staatswirtschaft  außerordentliche ­
  Bedürfnisse  auf,  welche  Befriedigung  heischen.  Diese
außerordentlichen  Bedürfnisse  erfordern  eventuell  solche  Opfer,
welche  nur  dann  gebracht  werden  können,  wenn  andere  Bedürfnisse
nicht  befriedigt  werden  und  wenn  das  neue  Bedürfnis  große  Opfer
            
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