Full text : Finanzwissenschaft

VI.  Abschnitt.  Die  Kriegsaniehen.

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VI.  Abschnitt.
Die  Kriegsaniehen.
Indem  wir  hier  speziell  den  Kriegsaniehen  eine  nähere  Untersuchung ­
  widmen,  und  ganz  besonders  die  diesbezüglichen  Erfahrungen ­
  des  Weltkrieges  ins  Auge  zu  fassen,  ist  vor  allem  darauf
hinzuweisen,  daß  sich  hier  dem  Forscher  ein  reiches  Studienfeld
eröffnet.  Die  Kriegskreditwirtschaft  hatte  einen  solchen  Umfang  erreicht, ­
  der  alles  bisher  Denkbare  und  Erfaßbare  überstieg.  Der
Weltkrieg  hat  beiläufig  einen  Kostenbetrag  von  1000  Milliarden
Mark  erreicht  und  der  größte  Teil  dieser  Kosten  ist  mittels  Kreditmitteln ­
  beschafft  wurden.  Die  Zweckmäßigkeit  dieses  Deckungsmodus ­
  haben  wir  nicht  weiter  zu  untersuchen,  da  wir  die  Frage
der  Deckung  der  Kriegskosten,  namentlich  die  Frage,  wieweit
hierfür  Steuern  und  Kredit  in  Anspruch  zu  nehmen  sind,  an  anderer
Stelle  erörtert  haben.
Die  außerordentlichen  Resultate  der  Kriegsaniehen  sind  natürlich ­
  nicht  bloß  dem  Patriotismus  der  Staatsbürger  zuzuschreiben.
„Die  Erfahrung  hat  unzählige  Male  bewiesen  —  sagt  Jeze  —  wie
sehr  diejenigen  im  Irrtum  sind,  die  behaupten,  daß  das  Unglück
des  Vaterlandes  den  mächtigsten  Sporn  bildet  und  daß  es  genügt,
an  das  patriotische  Gefühl  des  Kapitalisten  zu  appellieren,  um  von
demselben  für  den  Staat  zu  günstigen  Bedingungen  Darlehen  zu
erhalten.  Frankreich  hat  patriotische  Anlehen  versucht  im  Jahre
1789,  im  Jahre  1831  und  1848.  Diese  Versuche  scheiterten  kläglich. ­
  Nur  so  viel  läßt  sich  behaupten,  daß  in  manchen  Ländern
das  patriotische  Gefühl  beiträgt  zum  Gelingen  eines  Anlehens,  wo
die  dem  Publikum  gewährten  Vorteile  nicht  sehr  beträchtlich  sind.
Doch  ist  dies  durchaus  nicht  gewiß.“  1 )
Trotzdem  unterliegt  es  keinem  Zweifel,  daß  es  zum  Gelingen
der  Anlehen  sehr  viel  beiträgt,  wenn  die  öffentliche  Meinung  mit
der  Aktion  der  Regierung  sich  identifiziert. 2 )  Der  Finanzminister
des  tschechisch-slowakischen  Nationalstaates  wies  darauf  hin,  daß  in
Böhmen  bei  den  tschechischen  Sparkassen  nur  14  Prozent  der
Einlagen  für  Kriegsaniehen  in  Anspruch  genommen  wurden,  bei
den  deutsch-böhmischen  Sparkassen  40  Prozent.  Die  Tschechen
waren  auf  der  Seite  der  Feinde  der  Monarchie.
G
i)  Les  finances  de  guerre  de  la  France  (Paris  1915)  8.  240.
3 )  The  administration  of  a  self-governing  people  should  never  undertake
a  war  in  favor  of  which  there  is  no  strong  sentiment  (Adams,  Public  Debts
8.  111).
            
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