Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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aus  der  Sozialwissenschaft  eine  „Naturwissenschaft“  zu  machen,
trotzdem  gegen  eins  der  Hauptprinzipien  neuzeitlicher  Wissenschaft
handelte,  indem  er,  statt  sich  auf  die  Fortbildung  der  Theorie  zu
beschränken,  sie  alsbald  in  den  Dienst  praktischer,  politischer  Bestrebungen ­
  stellte,  indem  er  selbst  Sozialreformer  wurde.

II.  Le  Play’s  Leben  und  Werke.
Erziehung.  Le  Play  wurde  am  11.  Februar  1806  zu  La  Bi  viere
in  der  Nähe  des  kleinen  Hafenortes  Honfleur  an  der  unteren  Seine
geboren 1 ).  Sein  Vater  war  Zollkontrolleur  und  starb,  als  Le  Play
erst  einige  Jahre  zählte.  In  diesem  Dorfe  verbrachte  Le  Play  die
ersten  fünf  Jahre  seines  Lebens.  Seine  Mutter  war  eine  arbeitsame, ­
  tief  religiöse  Frau,  die  ihr  einziges  Kind  zu  einem  brauchbaren ­
  Menschen  erziehen  wollte.
„Den  Lehren  meiner  guten  Mutter“,  so  äußerte  er  später,  „und  der  fünf
Lehrer,  die  nach  uud  nach  meinen  Charakter  geformt  haben,  schulde  ich  die
Gefühle,  die  mich  inmitten  harter  Arbeit  aufrecht  erhalten  haben:  Gottesfurcht,
Einfachheit  der  Lebensweise,  Arbeitsliebe,  Hingebung  an  das  Gute.“
Seine  ersten  Eindrücke  entwickelten  sich  „unter  dem  heilsamen
Einfluß  der  Beligion,  der  nationalen  Katastrophen  und  der  Armut“.
Der  Krieg  mit  England  lastete  schwer  auf  der  Fischerbevölkerung
seines  Heimatdorfes;  denn  die  englische  Blockade  störte  den  Erwerb.
Mit  den  anderen  Knaben  zog  er  hinaus  in  den  Wald,  um  Holz  zu
holen.  Er  lauschte  begeistert  den  Erzählungen  der  alten  Fischer,
die  sich  durch  ihre  Kriegs-Erinnerungen  über  das  Elend  des  jetzigen
Lebens  hinwegzusetzen  suchten,  und  hier  erhielt  er  die  „ersten
Lektionen  der  Vaterlandsliebe“.  So  brachte  er  diese  Zeit  zu  „in
Sicherheit  vor  schädlichen  Einflüssen  inmitten  einer  christlichen,
patriotischen  Fischerbevölkerung“.
Alle  bedeutenden  Eigenschaften,  die  wir  an  dem  Manne  Le  Play
bewundern,  und  die  auch  zu  seiner  wissenschaftlichen  Größe  beitrugen, ­
  wurden  schon  früh  dem  Knaben  zur  Pflicht  gemacht.  Über
seine  Wahrheitsliebe  sagt  Le  Play  selbst:
„Ich  habe  die  zeitgenössische  Gesellschaft  mit  aufrichtiger  Wahrheitsliebe
beobachtet;  ich  schulde  dies  Gefühl  den  Einflüssen,  die  eine  Mutter  und
Lehrer,  die  Gott  und  dem  Vaterland  ergeben  waren,  auf  meine  Kindheit  ausgeübt ­
  haben.“
’)  0.  E.,  3.  Aufl.,  I,  ch.  1,  13—16.  Als  „0.  E.“  wird  stets  Le  Play’s  Erstlingswerk ­
  „Les  ouvriers  europeens“  zitiert.
            
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