Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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Enquete  an,  die  den  gegenwärtigen  Zustand  der  Dinge  und  das
wahrscheinliche  Ergebnis  der  vorgeschlagenen  Änderung  untersucht.
Die  dabei  tätigen  Personen  haben  weitgehende  Vollmachten;  sie
können  z.  B.  jeden  Untertan  unter  Eid  vernehmen.  Von  diesen
Enqueten  erhoffte  Le  Play  sehr  viel,  und  die  ihnen  zugrunde  liegende
direkte  Beobachtung  ist  die  Grundlage  seiner  Methode;  letztere  ist
nur  eine  besondere  Art  der  „direkten  Beobachtung“.
Auf  sonstige  Hilfsmittel  hat  Le  Play  bei  seinen  Monographien
verzichtet.  Wenn  er  auch  in  seinen  systematischen  Schriften  eine
umfassende  Geschichtskenntnis  verrät,  so  treten  doch  in  seinem
Urmaterial,  den  Monographien,  die  geschichtlichen  Materialien
ganz  in  den  Hintergrund.  Er  war  der  Ansicht 1 ),  daß  die  Sozialwissenschaft ­
  auf  solidere  Grundlagen  gestellt  werden  könne  als  die
Geschichte  sie  bieten  kann.  Alle  Zeitalter  der  sozialen
Welt  leben  noch  in  der  gegenwärtigen  Zeit.
„Um  Meister  in  der  Sozialwissenschaft  zu  werden,  brauchen  wir  also
durchaus  nicht  Manuskripte  zu  entziffern  oder  auf  die  Historiker  zurückzugreifen. ­
  Wir  können  auf  unseren  Eeisen  die  zerstreuten  Materialien  unserer
Wissenschaft  sammeln,  um  sie  dann  mit  Hilfe  unserer  eigenen  Vernunft  zu
vereinigen.“
Bei  der  genaueren  Beschreibung  der  Methode  wird  gezeigt  werden,
inwieweit  diese  Grundsätze  von  ihm  streng  durchgeführt  wurden.
Notwendigkeit  des  Vergleichs.  Die  Beobachtung  allein  ist
zur  Beurteilung  einer  sozialen  Erscheinung  nicht  ausreichend.  Um
von  der  Beobachtung  zur  Beurteilung  zu  gelangen,  muß  man  M  a  ß  -
Stäbe  haben,  welche  die  Beurteilung  erleichtern.  Der  Wert  einer
auf  Analyse  der  Erfahrungen  beruhenden  Untersuchung  wird  wesentlich ­
  davon  abhängen.  ob  auch  die  Maßstäbe  der  Erfahrungswelt
entstammen,  oder  ob  ein  Ideal  als  Maßstab  dient,  das  nirgends
existiert  als  im  Kopfe  des  beobachtenden  Menschen.  Dieser  wird
dann  natürlich  nirgends  befriedigende  Zustände  finden,  sondern
höchstens  solche,  die  seinem  Ideal  mehr  oder  weniger  nahe  kommen.
Le  Play  war  von  der  Notwendigkeit  überzeugt,  daß  er  seine
Bewertungsmaßstäbe  der  Wirklichkeit  entnehmen  müsse.  Er  wollte
möglichst  viele  menschliche  Gesellschaften  und  ihre  Einrichtungen
kennen  lernen,  um  durch  den  Vergleich  festzustellen,  inwiefern
eine  Gesellschaftsordnung  vor  der  anderen  den  Vorzug  verdiene.  Da
sein  oberster  Zweck  darin  bestand,  sich  seinem  Vaterlande  nach

>)  0.  E.  I,  14.
            
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