Full text: Lebenserinnerungen

Inzwischen wurden mir neue Qufgaben von Japan und Lhina 
gestellt. Zu Japan bestanden alte Beziehungen, indem der frühere 
großherzog von Weimar ein besonderes Interesse für die evange 
lischen gemeinden in Iapan zeigte. Qn unserer Universität haben 
die Iapaner sich als strebsam und tüchtig erwiesen, mehrere haben 
bei mir promoviert, so ein Buddhist, der über die Bedeutung der 
buddhistischen Lthik schrieb. Bald erwachte dort auch ein großes 
Interesse für die Übersetzung meiner Hauptschriften; die meisten 
von ihnen sind ins Iapanifche übersetzt. Daß man in Iapan an 
mich dachte, erfuhr ich zuerst in Ümerika durch Wünsterberg, doch 
nahm ich die Lache zunächst nicht ernstlich. Über schließlich kam 
eine sehr freundliche Linladung, ich möchte an den beiden Keichs- 
Universttäten Tokio und Kioto eine Keihe von Vorlesungen über 
die großen Lebensprobleme halten. Das hatte einen besonderen 
Keiz für mich, bot sich doch dadurch die gelegenheit, diese uns sonst 
fremde und ferne Welt aufs genaueste zu sehen, und, was mich 
besonders anzog, in einen unmittelbaren geistesaustaufch mit 
leitenden japanischen Kreisen, namentlich mit den buddhistischen, 
zu kommen. Nicht nur die gesinnung dieser akademischen Kreise 
war sehr entgegenkommend, auch alles Üußerliche war sehr um 
sichtig überlegt. Wir, d. h. meine Trau und ich, sollten zunächst 
über Kußland auf der sibirischen Bahn durch Korea fahren, wo 
uns ein japanischer llbgesandter empfangen würde, um dann die 
kurze Leereise nach Tokio anzutreten. Kaum hatten wir diese Lin- 
ladung angenommen, so empfing ich eine dringende Bitte, auch die 
Hauptstädte in Lhina zu besuchen. In ihnen sollte ich einige philo 
sophische Vorträge halten; ich sollte in deutscher Lprache reden, der 
Vortrag aber für die Hörer vorher ins (chinesische übersetzt werden. 
Die Kückreise sollte durch den indischen Ozean und über Ügppten 
erfolgen. Da hat der plötzliche Üusbruch des Krieges alle Pläne 
zerstört, und wir mußten dankbar sein, daß uns der Krieg nicht 
draußen, entfernt von unseren Kindern, antraf.
	        
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