Kapitel I. Die Physiokraten. 13
Diese berühmten Worte sind seit 150 Jahren so oft wiederholt
oder kritisiert worden, daß sie banal erscheinen; damals aber waren
sie es sicherlich nicht. Es ist leicht, heute diese Sozialpolitik als zu
einfach und kindlich zu verspotten und nachzuweisen, daß weder
dieses Übereinstimmen der Einzelinteressen unter sich und mit der
Allgemeinheit noch namentlich diese allgemeine Kenntnis des eigenen
Vorteils durch die Tatsachen bestätigt wird. Ganz gleichgültig; es
war vielleicht notwendig, daß dieser Optimismus an der Wiege der
neuen Wissenschaft stand. Man kann eine Wissenschaft nicht auf
bauen, wenn man nicht an eine gewisse vorbestimmte Ordnung
glaubt.
Dies „gehen lassen“ bedeutet übrigens nicht, daß nichts zu
tun wäre; es war weder eine Lehre der Untätigkeit noch des
Fatalismus. Im Gegenteil, das Einzelwesen hat alles zu tun, da es
sich ja gerade darum handelt, jedem das Feld frei zu lassen, —
„fair play“, wie man heute sagt —, ohne zu befürchten, daß die Einzel
interessen miteinander Zusammenstößen oder dem Allgemeininteresse
schaden. Die Eegierung wird allerdings weniger zu tun haben; doch
wird die Aufgabe, die ihr die Physiokraten übertragen, immerhin
keine Sinekure sein, da sie, wie wir sehen werden, die künstlich ge
schaffenen Hemmungen zu beseitigen, das Eigentum, die Freiheit zu
schützen, die, die hiergegen verstoßen, zu bestrafen und vor allem
die Gesetze der natürlichen Ordnung zu lehren hat.
§2. Der Reinertrag.
Die natürliche Ordnung der Physiokraten umfaßt alle sozialen
Tatsachen; wenn sie sich auf dieses Allgemeine beschränkt hätten,
würden sie eher den Titel der Begründer der Soziologie, als den der
Begründer der Ökonomik verdient haben. Aber in dieser natürlichen
Ordnung gab es ein rein wirtschaftliches Phänomen, das ihre Auf
merksamkeit ganz in Anspruch nahm und sie so sehr hypnotisierte,
daß es sie in eine falsche Richtung drängte: dies war die Rolle des
Bodens in der Gütererzeugung. Hier finden wir die falscheste, aber
auch die bezeichnendste, Auffassung der physiokratischen Lehre.
'Jede Handlung zum Zweck der Gütererzeugung bedingt not
wendigerweise gewisse Ausgaben, gewisse Kosten. Mit anderen
Worten: einen gewissen Güterverbrauch, der selbstverständlich von
den im Laufe der Gütererzeugung geschaffenen Gütern abzuziehen
worden ist, haben diese Forschungen wenig Interesse. Siehe auch über die Frage
dieses kleinen Problems das Buch Schellb’s, Vincent de Gournay (1897) und
besonders Onckbn, Die Maxime Laisser-faire et laissez-passer (Bern, 1886).