Full text: Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde

ALLGEMEINE VERHÄLTNISSE. — Sterblichkeitslisten. 4gI 
in grösserem Maasstabe noch nirgends mit Genauigkeit vorgenommen worden 
und es ist ein noch ungelöstes Problem der Statistik, Mittel und Wege zu fin 
den, welche es möglich machen, mit Genauigkeit in ganzen Bevölkerungen 
nach einzelnen Altersjahren und für die erste Zeit der Geburt nach kürzeren 
Zeitabschnitten die Zahl der Lebenden festzustellen, unter welchen die in 
diesen Lebensabschnitten vorgekommenen Todesfälle eingetreten sind. 
Lange Zeit hindurch hat man geglaubt, das Sterblichkeitsgesetz lediglich 
nach den in einem Lande vorgekommenen Todesfällen bestimmen und daraus 
allein eine Sterblichkeitsliste herstellen zu können, welche jenes Gesetz für 
i edes Lebensalter erkennen lasse. Man hat dazu die während einer längeren 
*eriode vorgekommenen Todesfälle verzeichnet, dieselben nach den Altersjah 
ren, in denen sie eingetreten waren, zusammen^estellt und angenommen, alle 
Gestorbenen wären gleichzeitig geboren. Bei dieser Annahme ergibt die nach 
den Todesjahren vorgenommene Zusammenstellung der Gestorbenen ohne Wei 
teres die Sterblichkeitsliste. Sie zeigt an, in welcher Reihenfolge sämmtliche 
Todte von Zeit ihrer Geburt an successive abgestorben sind. Die Summe aller 
verzeichneten Todten ist die Zahl der Neugebornen ; indem man von derselben 
die im ersten Lebensjahre vorgekommenen Todesfälle abzieht, erhält man die 
Zahl derjenigen, welche von den Neugehornen das nächste Jahr erleben und 
80 fort durch Abziehung der in jedem Altersjahre Gestorbenen die Zahl derer, 
welche das nächste Jahr erreichen. Diese einfache Methode, eine Sterblich 
keitsliste lediglich nach den Todesfällen zu construire!), heisst die Halle)'sehe, 
weil Hai lev seine Sterblichkeitsliste auf die in der Stadt Breslau in den Jahren 
von 1()87 bis 1091 vorgekommenen Sterbfälle stützte, ohne nach den ein 
zelnen Altern die Zahl der Lebenden zu kennen, unter denen diese Sterbfalle 
vorgekommen waren. Dieselbe führt nur unter der Voraussetzung zu richtigen 
Resultaten, dass die betreffende Bevölkerung, welcher die Todesfälle entnom- 
nien sind, nicht nur während der Zeit, wo diese .Aufzeichnung stattfand, son 
dern schon längere Zeit vorher in einem völligen Beharrungszustande sich be 
fand, dass also die Zahl der Geburtsfälle der Zahl der Sterbfalle gleich war 
und auch durch Ein- und Auswanderungen der Bevölkerungsstand und die 
Alters Verhältnisse in demselben nicht verändert wurden. Diese Voraussetzung 
findet nirgends statt und hat niemals irgendwo stattgefunden. Desshalb sind 
die nach jener Methode construirte!) Sterblichkeitslisten, wie die bekannte und 
vielfach angewandte Süssmilch-Bau mann'sehe, die Northampton'sche, welche 
den Berech))ungen der meisten englischen Lebensversicherungsanstalten zu 
Grunde liegt, die von Duvillard für Frankreich, die älteren belgischen Listen 
u. s. w. unrichtig und unzuverlässig. Da nach dem allgemeinen Gesetze des 
Fortschritts, wie im ganzen Menschengeschlechte, so auch in den Bevölkerun 
gen einzelner l.änder, ein Ueberschuss der Gehörnen über die Gestorbenen 
Und daher, abgesehen von localen und periodischen Störungen, eine fortschrei 
tende Zunahme der Bevölkerung stattfindet,*, so zeigen die nach jener Methode 
t'onstruirten Sterhlichkeitslisten eine verhältnissmässig zu grosse Zahl von 
Sterbfällen in den jüngern Altern und somit ein zu rasches Absterben an. An 
demselben Fehler würde eine Sterblichkeitsliste leiden, welche man durch .Auf 
zeichnung aller gleichzeitig Lebenden nach den einzelnen .Altern gebildet hätte. 
Das Fehlerhafte jener Methode blieb nicht lange unerkannt, gleichwohl hat 
Ulan bei dem Mangel anderer Hülfsmittel bis in die neueste Zeit fortgefahren, 
Sterblichkeitslisten lediglich nach den Todesfällen zu construiren. Die zur 
Beseitigung der Fehler hie und da angehrachten Correctionen sind ungenü 
gend und desshalb fehlt uns noch eine zuverlässige Sterblichkeitsliste, 
Welche genau darstellt, wie auf einem grösseren Ländergebiete während einer 
längeren Zeit das Sterblichkeitsverhältniss in jedem Lebensalter wirklich war. 
Brst in neuerer Zeit ist durch Vervollkommnung der Volkszählungen etwas 
besseres Material zur Berechnung solcher Sterblichkeitslisten gewonnen wor 
den. Wir lassen hier zwei Listen folgen, welche, nach diesen neueren Erhe 
bungen berechnet, wenigstens mehr Vertrauen als die älteren verdienen. 
*) Wesentlich in dem Maase, in welchem der allgemeine Fortschritt der 
A/ultur die Mittel schafft, eine grössere Anzahl Menschen ernähren zu können. 
Kolb, Statiatik. 4. Aufl. 31
	        
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